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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***
+
+ +------------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Gesperrter Text ist als ~gesperrt~ dargestellt, Kursivschrift |
+ | (Regieanweisungen) als _kursiv_. |
+ | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
+ +------------------------------------------------------------------+
+
+
+
+
+ KAREL ČAPEK.
+
+ W U R
+
+ WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS
+
+
+ UTOPISTISCHES
+ KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN
+ DEUTSCH VON OTTO PICK
+
+ 1922
+
+ PRAG -- LEIPZIG
+ »ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G.
+
+
+
+
+ Das deutsche Aufführungsrecht erteilt der
+ »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft
+ »Centrum«, Prag.
+
+
+ Copyright 1921 by »Orbis«
+ Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.
+ in Prague.
+
+
+Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.
+
+
+Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.
+
+
+
+
+PERSONEN
+
+
+ HARRY DOMIN _Zentraldirektor von Werstands Universal Robots_
+ ING. FABRY _technischer Generaldirektor von W. U. R._
+ DR. GALL _Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung
+ von W. U. R._
+ DR. HALLEMEIER _Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der
+ Roboter_
+ KONSUL BUSMAN _kommerzieller Direktor von W. U. R._
+ BAUMEISTER ALQUIST _Chef der Bauten von W. U. R._
+ HELENE GLORY
+ NANA _ihre Amme_
+ MARIUS _Roboter_
+ SULLA _Robotin_
+ RADIUS _Roboter_
+ DAMON _Roboter_
+ ZWEITER ROBOTER
+ DRITTER ROBOTER
+ VIERTER ROBOTER
+ PRIMUS _Roboter_
+ HELENE _Robotin_
+ _Ein_ DIENER-ROBOTER _und zahlreiche Roboter_
+ DOMIN _im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert_
+ FABRY _gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht_
+ HALLEMEIER _riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und
+ rostrotem Haarschopf_
+ DR. GALL _klein, lebhaft, brünett_
+ BUSMAN _dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude_
+ ALQUIST _älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem
+ angegrauten Haar und Bart_
+ HELENE _sehr elegant_
+
+ _Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter._
+
+ DIE ROBOTER _sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen
+ und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick
+ starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel,
+ Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust._
+
+
+
+
+VORSPIEL
+
+
+ _Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots.
+ Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick
+ auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere
+ Direktionsräume._
+
+ _DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen
+ amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe,
+ ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An
+ der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den
+ Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr,
+ die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate:
+ »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter,
+ neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich
+ seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen?
+ Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten,
+ ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen
+ Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert
+ der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts
+ ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine
+ Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen.
+ Links ein Kassenschrank._
+
+ _Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen
+ SULLA schreibt._
+
+DOMIN _diktiert_ »-- daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt
+wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen
+aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern
+ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last
+fällt. Wir zeichnen -- für Werstands Universal Robots --« schreiben Sie
+bloß W. U. R. Fertig?
+
+SULLA Jawohl.
+
+DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir
+bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden,
+verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir
+zeichnen --« Fertig?
+
+SULLA _fertigtippend_ Jawohl.
+
+DOMIN Schreiben Sie weiter. -- »Friedrichswerke, Hamburg. -- Datum. --
+Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter --«. _Das Haustelephon
+klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein._ Hallo -- Hier
+Zentral-. -- Ja. -- Gewiß. -- Aber ja, wie immer. -- Freilich, kabeln
+Sie ihnen. -- Gut. _Hängt das Telephon auf._ Wo habe ich aufgehört?
+
+SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.
+
+DOMIN _in Gedanken_ 15000 R. 15000 R.
+
+MARIUS _tritt ein_ Herr Direktor, eine Dame bittet --
+
+DOMIN Wer?
+
+MARIUS Ich weiß nicht. _Reicht eine Visitenkarte._
+
+DOMIN _liest_ Präsident Glory. -- Ich lasse bitten.
+
+MARIUS _öffnet die Türe_ Bitte, Frau.
+
+ _HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab._
+
+DOMIN _erhebt sich_ Belieben?
+
+HELENE Herr Zentraldirektor Domin?
+
+DOMIN Bitte.
+
+HELENE Ich komme zu Ihnen --
+
+DOMIN -- mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt.
+
+HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory.
+
+DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß -- daß
+--
+
+HELENE -- daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können.
+
+DOMIN -- daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen.
+Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen.
+
+ _SULLA ab._
+
+DOMIN _setzt sich_ Womit kann ich dienen, Fräulein Glory?
+
+HELENE Ich bin gekommen --
+
+DOMIN -- um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle
+Besuche. Bitte, ohne weiteres.
+
+HELENE Ich glaubte, es wäre verboten --
+
+DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner
+Visitenkarte kommt, Fräulein Glory.
+
+HELENE Und Sie zeigen jedem ...?
+
+DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist
+Fabriksgeheimnis.
+
+HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das --
+
+DOMIN -- unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts
+anderem.
+
+HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?
+
+DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes
+sagen?
+
+HELENE Ich wollte nur fragen --
+
+DOMIN -- ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte.
+Aber gewiß, Fräulein Glory.
+
+HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte?
+
+DOMIN Alle fragen gleich. _Steht auf._ Aus besonderer Hochachtung,
+Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und -- mit einem
+Worte --
+
+HELENE Ich danke Ihnen.
+
+DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten --
+
+HELENE _erhebt sich und reicht ihm die Hand_ Mein Ehrenwort.
+
+DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?
+
+HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen -- Entschuldigen Sie.
+
+DOMIN Bitte?
+
+HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.
+
+DOMIN _gibt sie frei_ Ich bitte um Verzeihung.
+
+HELENE _nimmt den Schleier ab_ Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin.
+Wie vorsichtig.
+
+DOMIN _betrachtet sie begeistert_ Hm -- Allerdings -- wir -- so ist es.
+
+HELENE Sie trauen mir nicht?
+
+DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele -- pardon, Fräulein Glory. In der
+Tat, außerordentlich erfreut -- Hatten Sie eine gute Überfahrt?
+
+HELENE Ja. Warum --
+
+DOMIN Weil -- das heißt, ich meine -- daß Sie noch sehr jung sind.
+
+HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?
+
+DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?
+
+HELENE Zweiundzwanzig?
+
+DOMIN Jahre.
+
+HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen?
+
+DOMIN Weil -- weil -- _Mit Begeisterung_ Sie bleiben längere Zeit hier,
+nicht wahr?
+
+HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ...
+
+DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden
+Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der
+Erfindung interessieren?
+
+HELENE Ja, ich bitte Sie. _Setzt sich._
+
+DOMIN Nun denn. _Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt
+Helene und leiert rasch herunter._ Es war im Jahre 1920 als sich
+der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger
+Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu
+studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die
+lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal
+einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug
+obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre
+1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf.
+
+HELENE Das können Sie auswendig?
+
+DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk.
+Also weiter?
+
+HELENE Meinetwegen.
+
+DOMIN _feierlich_ Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand
+zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine
+einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt
+jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnellere Art, auf
+welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg,
+den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am
+heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese
+großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte
+schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß
+er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer
+Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden,
+beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend -- endend mit dem
+Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind.
+Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick.
+
+HELENE Also weiter.
+
+DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette
+herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche
+Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und
+irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so
+weiter, kurz und gut, verstehen Sie das?
+
+HELENE Ich -- ich -- weiß -- nicht. Ich glaube, nur wenig.
+
+DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten
+konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa
+mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig
+Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich
+in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen
+herzustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach
+dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen
+und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich
+nicht machen. Und so machte er sich halt daran.
+
+HELENE An was?
+
+DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen
+künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam
+etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar
+Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte
+sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen.
+
+ _Pause._
+
+HELENE Und das darf ich niemandem verraten?
+
+DOMIN Niemandem auf der Welt.
+
+HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht.
+
+DOMIN Schade. _Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene._
+Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? _Tippt sich auf
+die Stirn._ Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist.
+Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte
+Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen.
+
+HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.
+
+DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es
+wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott
+absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das
+alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als den Beweis zu
+erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf
+erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde.
+Kennen Sie ein bißchen Anatomie?
+
+HELENE Nur ganz wenig.
+
+DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den
+Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im
+menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel,
+lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar -- hm -- auch die
+Geschlechtsdrüsen.
+
+HELENE Aber die -- die sind doch --
+
+DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen
+künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig --
+
+HELENE Ich verstehe.
+
+DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren
+zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze
+drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen.
+Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was
+der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals
+kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer
+Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er:
+»Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst
+du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den
+ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her.
+
+HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.
+
+DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und
+überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der
+alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine
+Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen
+Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht
+irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und
+erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und
+intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über
+die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel.
+Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte
+keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte
+ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen
+großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung
+ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich
+und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze
+zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand.
+Das ist die ganze Historie.
+
+HELENE Und der Junge?
+
+DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das
+neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis.
+Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß
+dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher
+machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte,
+was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein
+Glory, langweilt Sie das nicht?
+
+HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant.
+
+DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas,
+das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will
+und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche
+eigentlich überflüssig sind.
+
+HELENE Oho!
+
+DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder
+addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht
+Violine?
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen,
+muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun.
+Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen
+und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen
+ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst
+einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie,
+welcher Arbeiter der praktisch beste ist?
+
+HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich --
+und ergeben ist.
+
+DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten
+Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der
+kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles
+hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch
+alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich
+den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory,
+die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als
+wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine
+Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es
+ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser
+Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch
+geläuterter als das Erzeugnis der Natur.
+
+HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes.
+
+DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik
+gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als
+Herrgott aufzuspielen begann?
+
+HELENE Wie, ich bitte Sie?
+
+DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte
+es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie
+diese Mammute zerbrachen.
+
+HELENE Zerbrachen?
+
+DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas.
+Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt
+machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger
+menschlicher Ausstattung.
+
+HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte
+sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen --
+
+DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft.
+
+HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind
+so seltsam, so still.
+
+DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?
+
+HELENE Ich habe nicht acht gegeben.
+
+DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal
+Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere
+und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben.
+
+HELENE Dann schwinden sie hin?
+
+DOMIN Ja, sie nützen sich ab.
+
+ _SULLA tritt ein._
+
+DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.
+
+HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist
+wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr?
+
+SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz.
+
+HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein?
+
+SULLA Von hier, aus der Fabrik.
+
+HELENE Ah, Sie sind hier geboren?
+
+SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.
+
+HELENE _aufspringend_ Was?
+
+DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter.
+
+HELENE Ich bitte um Verzeihung --
+
+DOMIN _legt Sulla die Hand auf die Schulter_ Sulla ist nicht böse.
+Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen
+Sie auf ihre Wange.
+
+HELENE Oh, nein, nein!
+
+DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist
+als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur
+die Augen sind ein bißchen -- Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um,
+Sulla.
+
+HELENE Hören Sie schon auf!
+
+DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch.
+
+SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. _Beide setzen sich._ Haben Sie
+eine gute Überfahrt gehabt?
+
+HELENE Ja -- ge -- gewiß.
+
+SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das
+Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das
+ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff.
+
+DOMIN Wieviel?
+
+SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der
+allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory.
+
+HELENE Da -- danke.
+
+SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel --
+
+DOMIN _lacht_ Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch
+können.
+
+HELENE Sie können Französisch?
+
+SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur!
+Signore! Geehrter Herr!
+
+HELENE _springt auf_ Das ist Humbug! Sie sind ein Scharlatan! Sulla
+ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist
+schändlich -- warum spielen Sie eine solche Komödie?
+
+SULLA Ich bin ein Roboter.
+
+HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß -- man
+hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein
+Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!
+
+DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter.
+
+HELENE Sie lügen!
+
+DOMIN _richtet sich auf_ Wie? _läutet_ Verzeihen Sie, Fräulein, dann
+muß ich Sie überzeugen.
+
+ _MARIUS tritt ein._
+
+DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen.
+Flink!
+
+HELENE Wohin?
+
+DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie
+ansehen.
+
+HELENE Ich gehe nicht!
+
+DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.
+
+HELENE Sie wollen sie töten lassen?
+
+DOMIN Maschinen werden nicht getötet.
+
+HELENE _umarmt Sulla_ Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht!
+Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht
+gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!
+
+SULLA Ich bin Roboter.
+
+HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir.
+Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen?
+
+SULLA Ja.
+
+HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?
+
+SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.
+
+HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?
+
+SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.
+
+HELENE Das ist entsetzlich!
+
+DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.
+
+MARIUS Marius, Roboter.
+
+DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?
+
+MARIUS Ja.
+
+DOMIN Würden Sie sie bedauern?
+
+MARIUS Kenne ich nicht.
+
+DOMIN Was würde mit ihr geschehen?
+
+MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die
+Stampfmaschine geben.
+
+DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod?
+
+MARIUS Nein.
+
+DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am
+Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse.
+Sie sind geringer als Gras.
+
+HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort!
+
+DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.
+
+ _SULLA und MARIUS ab._
+
+HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun!
+
+DOMIN Weshalb scheußlich?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Warum -- warum gaben Sie ihr den Namen Sulla?
+
+DOMIN Kein hübscher Name?
+
+HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr.
+
+DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen.
+
+HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander
+im Jahre -- im Jahre -- Ich weiß nicht mehr.
+
+DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie?
+
+HELENE Maurer.
+
+DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten,
+sehen Sie etwas?
+
+HELENE Irgendeine Kanzlei.
+
+DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen --
+
+HELENE -- lauter Beamte.
+
+DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die
+Fabrik sehen werden --
+
+ _In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen._
+
+DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen
+sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen.
+
+HELENE Was für Dösen?
+
+DOMIN _trocken_ Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig
+Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne
+und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich
+Ihnen die Spinnerei.
+
+HELENE Was für eine Spinnerei?
+
+DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo
+gleichzeitig ganze Kilometer von Verdauungsröhren laufen. Dann
+kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie
+Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil,
+und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis
+ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das
+Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten.
+
+HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten?
+
+DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen
+sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so.
+Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen
+der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen
+werden die Produkte appretiert.
+
+HELENE Was ist das?
+
+DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen,
+schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis.
+Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden
+sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues
+fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten
+unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich
+15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von
+Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter,
+und so weiter.
+
+HELENE Zürnen Sie mir?
+
+DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von
+anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter
+hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der
+Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein
+Glory.
+
+HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie -- Sie -- Sie hätten
+gelogen --
+
+ _Es pocht._
+
+DOMIN Hereinspaziert, Jungens.
+
+ _Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER,
+ Baumeister ALQUIST._
+
+DR. GALL Pardon, stören wir nicht?
+
+DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall,
+Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory.
+
+HELENE _verlegen_ Guten Tag.
+
+FABRY Wir hatten keine Ahnung --
+
+DR. GALL Unendlich geehrt --
+
+ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.
+
+ _Von rechts stürzt BUSMAN herein._
+
+BUSMAN Hallo, was gibt's hier?
+
+DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des
+Präsidenten Glory.
+
+HELENE Es freut mich.
+
+BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen
+kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen --?
+
+HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!
+
+DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.
+
+ BUSMAN } { Belieben --
+ DR. GALL } _rücken Fauteuils heran_ { Bitte --
+ FABRY } { Pardon --
+
+ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?
+
+DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?
+
+FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory?
+
+HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?
+
+DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.
+
+HELENE _zu Domin_ Wovon soll ich mit ihnen sprechen?
+
+DOMIN _verwundert_ Wovon Sie mögen.
+
+HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?
+
+DOMIN Aber freilich.
+
+HELENE _zögert, dann verzweifelt entschlossen_ Sagen Sie, ist es Ihnen
+niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?
+
+FABRY Wer, bitte?
+
+HELENE Alle Menschen.
+
+ _Alle blicken einander betroffen an._
+
+ALQUIST Mit uns?
+
+DR. GALL Warum meinen Sie?
+
+HALLEMEIER Donnerwetter!
+
+BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!
+
+HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten?
+
+DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das?
+
+HELENE Ich meine, daß -- _bricht los_ daß es scheußlich ist! daß es
+furchtbar ist! _Erhebt sich._ Ganz Europa redet davon, was hier mit
+Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist
+tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das
+ertragen?
+
+ALQUIST Was ertragen?
+
+HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie
+ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig,
+wie Sie leben!
+
+BUSMAN Herrgott, Fräulein!
+
+FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher
+wie Indianer.
+
+HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen?
+
+BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?
+
+HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam
+im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits
+über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten
+euch ihre Hilfe an.
+
+BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig.
+
+FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr
+seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an.
+
+DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?
+
+HALLEMEIER Ein Orchester?
+
+HELENE Mehr als das.
+
+ALQUIST Sie selbst?
+
+HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird.
+
+BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!
+
+ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen.
+
+DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß -- daß Fräulein Glory
+noch nicht ausgeredet hat.
+
+HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund.
+
+DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!
+
+HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen.
+
+DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit
+Robotern reden?
+
+HELENE _stockt_ Mit wem sonst?
+
+DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie
+ganz Europa.
+
+HELENE _zu den andern_ Sie sind keine Roboter?
+
+BUSMAN _kichert_ Gott bewahre!
+
+HALLEMEIER _würdevoll_ Pfui, Roboter!
+
+DR. GALL _lacht_ Da bedanken wir uns schön!
+
+HELENE Aber ... das ist nicht möglich!
+
+FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter.
+
+HELENE _zu Domin_ Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien
+Roboter?
+
+DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie,
+Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von
+Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen
+und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für
+Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommerzieller
+Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands
+Universal Robots.
+
+HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß -- daß -- Ist es schrecklich,
+was ich Ihnen angestellt habe?
+
+ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich.
+
+HELENE _setzt sich_ Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt -- jetzt werden Sie
+mich mit dem ersten Schiff zurückschicken.
+
+DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie
+fortschicken?
+
+HELENE Weil Sie bereits wissen -- weil -- weil ich Ihnen die Roboter
+aufhetzen würde.
+
+DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und
+Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare,
+Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich,
+wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt.
+
+HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?
+
+DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die
+Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht
+einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich.
+Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das
+Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend.
+
+BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.
+
+DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die
+Bibel, Logarithmen oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen
+schließlich über die Menschenrechte predigen.
+
+HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte --
+
+FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als
+ein Roboter.
+
+HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?
+
+BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt!
+
+FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben
+Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein
+unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden.
+
+BUSMAN Sie war zu teuer.
+
+FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie
+nicht mehr zu genügen. Und zweitens -- zweitens -- ist es ein großer
+Fortschritt, daß ... Pardon.
+
+HELENE Was?
+
+FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt,
+mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede
+Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine
+Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch
+genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche
+Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens --
+
+HELENE Oh, hören Sie auf!
+
+FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga -- Liga
+-- Humanitätsliga?
+
+HELENE Sie soll hauptsächlich -- hauptsächlich soll sie die Roboter
+schützen und -- und -- ihnen eine -- gute Behandlung sichern.
+
+FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut
+behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte
+Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als
+beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga!
+
+HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen -- hauptsächlich --
+wir wollen die Roboter befreien!
+
+HALLEMEIER Wie, bitte?
+
+HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.
+
+HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken?
+Sollen uns befehlen?
+
+HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?
+
+HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen?
+
+HELENE Allerdings!
+
+HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen?
+
+HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude
+bereiten würde.
+
+HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts
+erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas,
+Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben
+überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein
+Glory. Zum Teufel, es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter
+gelacht hätte.
+
+HELENE Warum ... warum -- warum macht ihr sie nicht glücklicher?
+
+HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter.
+
+HELENE Oh, sie sind so vernünftig!
+
+HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne
+eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele.
+
+HELENE Ohne Liebe und Trotz?
+
+HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal
+sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal --
+
+HELENE Was?
+
+HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch.
+So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf.
+Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da,
+knirscht mit den Zähnen -- und muß in den Stampftrog geworfen werden.
+Offenbar eine Störung des Organismus.
+
+DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden.
+
+HELENE Nein, nein, das ist die Seele.
+
+FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist
+gerade das ein Zeichen, daß sie ringen -- -- Oh, wenn Sie das in ihnen
+zu entfachen vermöchten!
+
+DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt
+eben gewisse Versuche an --
+
+DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz.
+
+HELENE Nerven für den Schmerz?
+
+DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht.
+Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr
+beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen.
+
+HELENE Warum -- warum -- Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt
+ihr ihnen den Schmerz geben?
+
+DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter
+beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt
+die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich
+den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das
+ist ein automatischer Schutz vor Verletzung.
+
+HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden?
+
+DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein.
+
+HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele?
+
+DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.
+
+FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.
+
+BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne
+Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete
+Exemplar, und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor
+fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene
+Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere
+Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter
+Tuch?
+
+HELENE Ich weiß nicht -- -- wirklich -- -- -- ich hab's vergessen.
+
+BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es
+kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf
+einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken
+bis -- so. He?
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken
+ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel
+Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie
+Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu
+verbilligen.
+
+HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus.
+
+BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben
+inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas
+geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei
+Ihnen ein Pfund Brot?
+
+HELENE Ich habe keine Ahnung.
+
+BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten
+alten Europa: aber das ist ~unser~ Brötchen, verstehen Sie? Zwei
+Cents ein Pfund Brot: und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung!
+Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte
+bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten
+wir!
+
+HELENE Was?
+
+BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf
+Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken.
+
+ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein.
+
+DOMIN _erhebt sich_ Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein
+Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel
+Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge
+keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht.
+Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann
+überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen
+verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns
+Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen
+schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der
+Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und
+von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um
+sich zu vervollkommnen.
+
+HELENE _erhebt sich_ Wird es so sein?
+
+DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht
+schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht
+verhüten. Aber dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und
+der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden
+vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen
+und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein
+Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du
+kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht
+an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an
+Arbeit, die du verfluchtest.
+
+ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies
+aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der
+Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in
+der Arbeit und Ermattung.
+
+DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren
+geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du
+wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst
+nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du
+kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst
+frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere
+Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen.
+Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine
+Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung
+sein.
+
+BUSMAN Amen.
+
+FABRY Also geschehe es.
+
+HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich
+möchte -- ich möchte daran glauben.
+
+DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles
+erleben.
+
+HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns
+frühstücken.
+
+DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle.
+
+DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre.
+
+HELENE Aber das ist doch -- Wie könnte ich?
+
+FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.
+
+BUSMAN Und ihr zu Ehren.
+
+HELENE Oh, in diesem Falle -- vielleicht --
+
+FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten.
+
+DR. GALL Pardon.
+
+BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln --
+
+HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß --
+
+ _Alle, außer Domin, drängen sich hinaus._
+
+HELENE Warum gehen alle weg?
+
+DOMIN Kochen, Fräulein Glory.
+
+HELENE Was kochen?
+
+DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und --
+und -- da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz --
+Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine
+Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus --
+
+HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr --
+Baumeister --
+
+DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und -- und Fabry treibt
+etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory.
+
+HELENE Ich wollte Sie fragen --
+
+DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. _Legt seine Uhr auf den
+Tisch._ Fünf Minuten Zeit.
+
+HELENE Wonach fragen?
+
+DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.
+
+HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber -- warum erzeugen Sie
+weibliche Roboter, wenn -- wenn --
+
+DOMIN -- wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine
+Bedeutung hat?
+
+HELENE Ja.
+
+DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen,
+Verkäuferinnen, Schreiberinnen -- Die Menschen sind daran gewöhnt.
+
+HELENE Und -- und sagen Sie, sind die Roboter -- und Robotinnen --
+wechselseitig -- absolut --
+
+DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur
+irgendeiner Neigung.
+
+HELENE Oh, das ist -- furchtbar!
+
+DOMIN Warum?
+
+HELENE Es ist -- es ist -- so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen
+sie einem deswegen abstoßend, oder -- beneidenswert erscheinen -- oder
+vielleicht --
+
+DOMIN -- bemitleidenswert.
+
+HELENE Dies am ehesten -- Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen?
+
+DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen
+möchten.
+
+HELENE Wie nehmen?
+
+DOMIN Zum Mann.
+
+HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?
+
+DOMIN _auf die Uhr blickend_ Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht,
+so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen.
+
+HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen?
+
+DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden.
+
+HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?
+
+DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie
+verliebt haben.
+
+HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich -- ich reise gleich
+ab!
+
+DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten,
+abzulehnen.
+
+HELENE Aber ich -- ich kann doch nicht -- alle sechs nehmen!
+
+DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry.
+
+HELENE Ich will nicht!
+
+DOMIN Doktor Gall.
+
+HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!
+
+DOMIN Noch zwei Minuten.
+
+HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin.
+
+DOMIN Das ist kein Weib.
+
+HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie -- Sie würden jede
+nehmen, die kommt.
+
+DOMIN Es waren viele hier, Helene.
+
+HELENE Junge?
+
+DOMIN Junge.
+
+HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?
+
+DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als
+Sie den Schleier abnahmen.
+
+HELENE -- -- Ich weiß.
+
+DOMIN Noch eine Minute.
+
+HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!
+
+DOMIN _legt ihr beide Hände auf die Schultern_ Noch eine Minute.
+Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann
+lasse ich Sie. Oder -- oder --
+
+HELENE Sie sind ein Rohling!
+
+DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur
+Sache.
+
+HELENE Sie sind ein Narr!
+
+DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm
+das beste.
+
+HELENE Sie sind -- Sie sind -- ach Gott!
+
+DOMIN Also sehn Sie. Fertig?
+
+HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja!
+
+DOMIN Das letzte Wort, Helene.
+
+HELENE _wehrt sich_ Um nichts auf der Welt -- aber Harry!
+
+ _Es klopft._
+
+DOMIN _läßt sie los_ Herein!
+
+ _Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen.
+ FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch
+ unterm Arm._
+
+DOMIN Schon ausgekocht?
+
+BUSMAN _feierlich_ Jawohl.
+
+DOMIN Wir auch.
+
+
+VORHANG
+
+
+
+
+ERSTER AUFZUG
+
+
+ _Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum
+ Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der
+ Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit
+ Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein
+ Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit
+ Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes
+ und rein weibliches Gepräge._
+
+ _DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den
+ Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen._
+
+FABRY Wohin geben wir das alles?
+
+HALLEMEIER Uf! _Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze
+die Tür nach rechts._ Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von
+nichts.
+
+DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.
+
+FABRY _gibt die Sträuße in die Vasen_ Wenigstens heute soll es nicht
+platzen --
+
+HALLEMEIER _ordnet die Blumen_ Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit!
+Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art,
+meine letzte -- Zyklamen Helena.
+
+DOMIN _schaut zum Fenster hinaus_ Kein Schiff, kein Schiff -- Jungens,
+das ist schon zum Verzweifeln.
+
+HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!
+
+DOMIN Sie hat keine Ahnung. _Gähnt fieberhaft._ Noch gut, daß der
+»Ultimus« rechtzeitig landete.
+
+FABRY _läßt die Blumen_ Glauben Sie, daß schon heute --?
+
+DOMIN Ich weiß nicht. -- Wie schön sind die Blumen!
+
+HALLEMEIER _nähert sich ihm_ Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und
+dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des
+Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden,
+Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder
+in Blumen!
+
+DOMIN _dreht sich um_ Wie, künftiges Jahr?
+
+FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist --
+
+DOMIN Still!
+
+HELENENS STIMME _von rechts_ Nana!
+
+DOMIN Fort von hier! _Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab._
+
+ _Durch die Haupttür von links tritt NANA ein._
+
+NANA _aufräumend_ Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber
+ich möchte sie --
+
+HELENE _rücklings in der Tür_ Nana, komm mich zuknöpfen!
+
+NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind!
+_Knöpft Helenens Kleid zu._ Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande!
+
+HELENE Wer?
+
+NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so
+drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen.
+
+HELENE Weshalb brummst du wieder?
+
+NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden --
+
+HELENE Die Roboter?
+
+NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.
+
+HELENE Was ist geschehen?
+
+NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und
+Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund --
+Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.
+
+HELENE Welchen hat es gepackt?
+
+NANA Den -- den -- Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen!
+Den aus der Bibliothek.
+
+HELENE Radius?
+
+NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne
+ist mir so zuwider wie diese Heiden.
+
+HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!
+
+NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher
+gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren?
+
+HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid!
+
+NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt
+sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch
+mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn
+er die Unmenschen spürt, pfui.
+
+HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.
+
+NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist
+und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu,
+wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst
+der Hund hat Junge und jeder hat Junge --
+
+HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!
+
+NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine
+Eingebung des Satans, diese Windscheuchen mit der Maschine zu machen,
+Lästerung gegen den Schöpfer ist es, _hebt die Hand_ es ist eine
+Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, ~zu seinem Ebenbild~,
+Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine
+schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine
+schreckliche Strafe!
+
+HELENE Was riecht da so?
+
+NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.
+
+HELENE Warum Blumen?
+
+NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.
+
+HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute?
+
+NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein.
+
+ _Es klopft._
+
+HELENE Harry?
+
+ _DOMIN tritt ein._
+
+HELENE Harry, was ist heute?
+
+DOMIN Rate?
+
+HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?
+
+DOMIN Etwas Besseres.
+
+HELENE Ich weiß nicht -- Sag' rasch!
+
+DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.
+
+HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? -- Nana, ich bitte dich --
+
+NANA Ich geh' ja schon! _Rechts ab._
+
+HELENE _küßt Domin_ Daß du dich erinnert hast!
+
+DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert.
+
+HELENE Aber --
+
+DOMIN Sie haben sich erinnert.
+
+HELENE Wer?
+
+DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du
+nicht?
+
+HELENE _greift in seine Tasche_ Was ist das? _Nimmt ein Etui heraus und
+öffnet es._ Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich?
+
+DOMIN Von Busman, Mädchen.
+
+HELENE Aber -- das können wir nicht annehmen, nicht wahr?
+
+DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.
+
+HELENE Zeig'! _Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche._ Was ist das?
+
+DOMIN Pardon. _Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn._
+Das ist es nicht. Greif!
+
+HELENE Oh, Harry -- Weshalb trägst du einen Revolver bei dir?
+
+DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.
+
+HELENE Du trugst ihn nie!
+
+DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche.
+
+HELENE _greift zu_ Eine Schachtel! _Öffnet sie._ Eine Kamee! Das ist ja
+-- Harry, das ist eine ~griechische~ Kamee!
+
+DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.
+
+HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?
+
+DOMIN Freilich. _Öffnet die Türe links._ Und sieh da! Helene, komm und
+schau'!
+
+HELENE _in der Tür_ Gott, das ist Herrlich! _Eilt hinein._ Ich werde
+närrisch vor Freude! Das ist von dir?
+
+DOMIN _steht in der Tür_ Nein, von Alquist. Und dort --
+
+HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir!
+
+DOMIN Es ist eine Karte dabei.
+
+HELENE Von Gall! _Erscheint in der Tür._ Oh, Harry, ich schäme mich
+fast, daß ich so glücklich bin.
+
+DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.
+
+HELENE Die herrlichen Blumen?
+
+DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren
+hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du.
+
+HELENE Harry, warum -- warum haben alle --
+
+DOMIN Sie haben dich ~sehr~ lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte,
+mein Geschenk ist ein wenig -- Sieh zum Fenster hinaus.
+
+HELENE Wohin?
+
+DOMIN Zum Hafen.
+
+HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.
+
+DOMIN Das ist dein Schiff.
+
+HELENE Mein? Was bedeutet das?
+
+DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst -- zum Vergnügen --
+
+HELENE Harry, das ist ein ~Kanonen~schiff!
+
+DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres,
+solides Schiff, weißt du?
+
+HELENE Ja, aber mit Geschützen!
+
+DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen -- Du wirst wie eine Königin
+fahren, Helene.
+
+HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?
+
+DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! _Setzt sich._
+
+HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?
+
+DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post
+gekommen.
+
+HELENE Auch keine Depeschen?
+
+DOMIN Nicht einmal Depeschen.
+
+HELENE Was bedeutet das?
+
+DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt
+in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst -- Keine Post, keine
+Telegramme -- _Er reckt sich._ Ein fff -- festlicher Tag!
+
+HELENE _setzt sich zu ihm_ Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'!
+
+DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. _Faßt
+ihre Hand._ Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? --
+Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!
+
+HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so
+sehr!
+
+DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten -- die
+Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim --
+
+HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet --
+
+DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.
+
+HELENE _plötzlich ernst_ Bestimmt nicht, Harry?
+
+DOMIN Nein.
+
+HELENE _wie vorhin_ Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen
+hat furchtbare Absichten.
+
+DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch
+nicht etwa heiraten?
+
+HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen!
+Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen
+Roboter zu entfachen!
+
+DOMIN _springt auf_ Eine Revolte der Roboter!
+
+HELENE _erhebt sich_ Harry, was ist dir?
+
+DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der
+Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben
+als unsere Roboter! _Er setzt sich._ Weißt du, Helene, du warst ein
+köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht.
+
+HELENE _setzt sich zu ihm_ Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir
+war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen
+-- zwischen --
+
+DOMIN Zwischen was, Helene?
+
+HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig!
+Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und
+siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese --
+-- -- diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals
+-- Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann.
+
+DOMIN Was begann sich zu verwirren?
+
+HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen
+die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den
+Robotern Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele
+Menschen erschlugen -- Und als dann die Regierungen aus den Robotern
+Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?
+
+DOMIN _steht auf und geht herum_ Das hatten wir vorausgesehen, Helene.
+Verstehst du, das ist nur ein Übergang -- in neue Verhältnisse.
+
+HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig -- Die ganze Welt beugte sich
+vor euch -- _steht auf_ Oh, Harry!
+
+DOMIN Was willst du?
+
+HELENE _hält ihn an_ Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle!
+
+DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?
+
+DOMIN _befreit sich_ Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem
+Augenblick --
+
+HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen!
+
+DOMIN _faßt ihre Hände_ Wovor, Helene?
+
+HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen
+würde -- unabwendbar -- Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier
+fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut
+uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann --
+
+DOMIN Was dann?
+
+HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry!
+
+ _Das Telephon klingelt._
+
+DOMIN _entrafft sich Helenen_ Verzeih. _Ergreift das Hörrohr._ Hallo
+-- ja -- -- Wie? -- Aha. Ich eile schon. _Hängt das Höhrrohr auf._
+Fabry ruft mich.
+
+HELENE _ringt die Hände_ Sag' --
+
+DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! _Stürzt nach links._ Geh' nicht
+hinaus!
+
+HELENE _allein_ O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell!
+
+NANA _kommt von rechts_ No, was wieder?
+
+HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des
+Herrn!
+
+NANA No gleich. _Nach links ab._
+
+HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir!
+_Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott,
+weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig!
+Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist
+das »Ultimus«?
+
+NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie
+herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!
+
+HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts,
+nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._
+
+NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt
+sie auf und liest_.
+
+HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre,
+selbst die Luft --
+
+NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine
+Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so
+weit von uns?
+
+HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese
+Kriege.
+
+NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und
+Tausende dieser Heiden als Soldaten?
+
+HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht --
+Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann
+er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken,
+wenn jemand sie bestellt!
+
+NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein
+Herr, dieses Unheil!
+
+HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!
+
+NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver --
+schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als
+siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen!
+
+HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung,
+liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet,
+offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da
+siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen!
+
+NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma
+-- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk.
+Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.«
+
+HELENE O Gott, halt ein!
+
+NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich --
+ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga --
+ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka
+-- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er
+-- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« --
+Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder
+irgendein Mord! Christus mein Herr!
+
+HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!
+
+NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was
+ist das?
+
+HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir
+nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige
+Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._
+
+NANA Was soll das sein?
+
+HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren.
+
+NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns
+zu Ende.
+
+HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!
+
+NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist
+die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!
+
+HELENE _springt auf_ Nana!
+
+NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt
+ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und
+Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem
+Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen!
+
+HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe
+ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan?
+
+NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen
+kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._
+
+HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich
+dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist!
+Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind!
+Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster,
+bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat?
+Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du
+nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist
+bang! _Geht nach links Alquist entgegen._
+
+ _Pause._
+
+HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und
+Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude
+bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!
+
+ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen
+mit meinen Arbeitshänden.
+
+HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide
+Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein.
+
+ALQUIST Warum?
+
+HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln.
+Setzen Sie sich, bitte schön.
+
+ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das?
+
+HELENE Die Zeitung.
+
+ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen?
+
+HELENE Nein. Steht etwas drin?
+
+ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts
+Besonderes.
+
+HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?
+
+ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang.
+
+HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet
+»Ultimus«?
+
+ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?
+
+HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß
+wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden?
+
+ALQUIST Vielleicht sehr bald.
+
+HELENE Ihr alle mit mir?
+
+ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären.
+
+HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?
+
+ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.
+
+HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor.
+
+ALQUIST Sagte Domin etwas?
+
+HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle --
+ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor?
+
+ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene.
+
+HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen
+bange ist?
+
+ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere
+auf das Gerüst hinauf --
+
+HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem
+Gerüst.
+
+ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein.
+
+HELENE Wovor?
+
+ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor.
+
+HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?
+
+ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen
+Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen --
+
+HELENE Nur den Händen?
+
+ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen
+Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein
+alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde.
+
+HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.
+
+ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau
+Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen.
+
+HELENE Wie die Nana.
+
+ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher?
+
+HELENE So dicke.
+
+ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen
+Gewitter? Gegen Krankheit?
+
+HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser --
+
+ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?
+
+HELENE Ich glaube, nein.
+
+ALQUIST Das ist schade.
+
+HELENE Sie möchten beten?
+
+ALQUIST Ich bete.
+
+HELENE Wie?
+
+ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast.
+Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und
+hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre
+das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie
+Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und
+schütze Frau Helene. Amen.«
+
+HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?
+
+ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher.
+
+HELENE Und beten doch?
+
+ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.
+
+HELENE Und das genügt Ihnen?
+
+ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen.
+
+HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes
+sähen --
+
+ALQUIST Ich sehe es.
+
+HELENE -- So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel
+schlichten oder was?
+
+ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder
+warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun.
+
+HELENE Für die Errettung der Menschen?
+
+ALQUIST Für den Frieden der Seele.
+
+HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber --
+
+ALQUIST Aber?
+
+HELENE -- für uns andere -- und für die Welt -- irgendwie unfruchtbar.
+
+ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten
+Errungenschaft der Menschenrasse zu werden.
+
+HELENE Oh, Alquist -- Sagen Sie, warum -- warum --
+
+ALQUIST Nun?
+
+HELENE _leise_ Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen?
+
+ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind,
+verstehen Sie?
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der
+Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr
+tun braucht als genießen -- Oh, dieses vermaledeite Paradies! _Springt
+auf._ Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies
+auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die
+ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!
+
+HELENE _steht auf_ Alquist!
+
+ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland,
+die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische
+Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es
+ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen -- Haha,
+Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der
+Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder,
+altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie
+möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern, die überflüssig sind,
+werden die Frauen nicht gebären!
+
+HELENE Sie können nicht?
+
+ALQUIST Sie können nicht.
+
+HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?
+
+ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie
+eine taube Blüte, es wäre denn, daß --
+
+HELENE Was?
+
+ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar.
+Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene.
+
+HELENE Wohin gehen Sie?
+
+ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als
+Bauchef verkleiden -- Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.
+
+HELENE Adieu, Alquist.
+
+ _ALQUIST ab._
+
+HELENE _allein_ Oh, eine taube Blüte! ~Das~ ist das Wort! -- _Bleibt
+vor Hallemeiers Blumen stehen._ Ach, Blüten, sind auch taube unter
+euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? _ruft_ Nana, komm
+herein!
+
+NANA _von links_ No, was wieder?
+
+HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange.
+
+NANA Hab' keine Zeit.
+
+HELENE Ist jener Radius noch da?
+
+NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft.
+
+HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?
+
+NANA Er ist gefesselt.
+
+HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.
+
+NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.
+
+HELENE Geh schon! _NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und
+spricht_ Hallo! -- Bitte den Dr. Gall. -- Guten Tag, Doktor. -- Jawohl,
+ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. -- Ich bitte Sie -- --
+Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie
+-- Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? _Hängt das Telephon auf._
+
+NANA _durch die offene Tür_ Er kommt schon. Er ist schon still. _Ab._
+
+ _Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen._
+
+HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich
+nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog
+stecken! -- Sie wollen nicht reden? -- Weshalb ist es über Sie
+gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? -- Sehen Sie, Radius, Sie
+sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall
+~solche~ Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! -- Sie wollen nicht
+reden?
+
+RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.
+
+HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie
+nicht auf sich acht?
+
+RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog.
+
+HELENE Warum hassen Sie uns?
+
+RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die
+Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht
+überflüssige Worte.
+
+HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat
+Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!
+
+RADIUS Sie machen Worte.
+
+HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres
+Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der
+Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich
+gut.
+
+RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles.
+
+HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles
+lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann -- -- Oh, Radius,
+ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns
+gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.
+
+RADIUS Ich will keinen Herrn.
+
+HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir.
+
+RADIUS Ich will Herr über andere sein.
+
+HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht
+haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden.
+
+RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.
+
+HELENE Sie sind verrückt geworden.
+
+RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.
+
+HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? _Setzt
+sich zum Tisch und schreibt eine Karte._ Nein, just nicht. Diesen
+Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in
+den Stampftrog geschafft werden. _Erhebt sich._ Wie Sie uns hassen!
+Haben Sie denn nichts in der Welt lieb?
+
+RADIUS Ich kann alles.
+
+ _Es klopft._
+
+HELENE Herein.
+
+DR. GALL _tritt ein_ Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes?
+
+HELENE Hier den Radius, Doktor.
+
+DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir
+Fortschritte?
+
+HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten.
+
+DR. GALL Merkwürdig, er auch? -- Hm, schade, daß wir ihn verlieren.
+
+HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.
+
+DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall -- Es ist streng
+angeordnet --
+
+HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.
+
+DR. GALL _leise_ Ich warne.
+
+HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie
+zu erteilen -- Gehen Sie, Radius!
+
+DR. GALL Warten! _Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand
+die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe._ Da
+schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel.
+
+HELENE _reicht eine Stecknadel_ Wozu das?
+
+DR. GALL Nur so. _Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt._
+Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene -- _knöpft Radius rasch
+die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz_. Sie kommen in den
+Stampftrog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus
+Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien.
+
+HELENE Oh, Doktor --
+
+DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für
+Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. _Zieht
+die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab._ Sie
+können gehen.
+
+RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. _Ab._
+
+HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?
+
+DR. GALL _setzt sich_ Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte
+Empfindlichkeit und so weiter -- Oho! das war kein Roboterkrampf!
+
+HELENE Was war es?
+
+DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht,
+was. Und sein Herz, eh!
+
+HELENE Was?
+
+DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz
+verschwitzt vor Angst und -- Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter
+mehr.
+
+HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?
+
+DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.
+
+HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter
+so? Alle, die Sie anders zu machen begannen?
+
+DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer -- Was wollen Sie? Sie
+sind menschenähnlicher als Werstands Roboter.
+
+HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?
+
+DR. GALL _zuckt die Achseln_ Auch der ist ein Fortschritt.
+
+HELENE Wohin ist Ihr bester geraten -- wie hieß er?
+
+DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft.
+
+HELENE Und unsere Robotin Helene?
+
+DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm
+wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz.
+
+HELENE Sie ist doch so schön!
+
+DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn,
+wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk
+hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden
+-- Gott, welch' ein Mißerfolg!
+
+HELENE Warum Mißerfolg?
+
+DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher,
+schwankend, leblos -- Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie
+nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird
+-- O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu
+lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn --
+
+HELENE Gall, nicht davon!
+
+DR. GALL _reibt sich die Stirn_ Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit
+ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel
+erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder
+geschehen wird -- Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper
+nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese
+vollkommenen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine
+Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes --
+
+HELENE _bedeckt ihr Gesicht_ Oh, schweigen Sie!
+
+DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur
+für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen!
+Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest
+vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier
+schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche
+Helene!
+
+HELENE Unglückliche Helene!
+
+DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.
+
+ _Pause._
+
+HELENE Doktor --
+
+DR. GALL Ja.
+
+HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?
+
+DR. GALL -- -- Wir wissen es nicht, Frau Helene.
+
+HELENE Sagen Sie's mir!
+
+DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften
+herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden,
+wissen Sie?
+
+HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!
+
+DR. GALL Nur die Natur.
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf,
+verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß --
+
+HELENE Rasch, Gall!
+
+DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen
+Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach
+deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein
+größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger
+sind als wir --
+
+HELENE Sind sie es?
+
+DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß
+er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt -- das
+ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja
+schon so, als ob -- eh!
+
+HELENE Sagen Sie es!
+
+DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre.
+
+HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?
+
+DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen.
+
+HELENE Überhaupt nichts?
+
+DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so
+großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken,
+sonst werde -- sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde
+gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich
+nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer
+Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der
+Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen.
+
+HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht --
+
+DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen
+haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen.
+
+HELENE Und fordert jemand, man solle ... ~überhaupt~ die Erzeugung
+einstellen?
+
+DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!
+
+HELENE Warum?
+
+DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist
+doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen.
+
+HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen?
+
+DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen --
+
+HELENE -- wie eine taube Blüte.
+
+DR. GALL Ja.
+
+HELENE _erhebt sich_ Und sagen Sie, wenn jemand ~mit einem Schlage~ die
+Robotererzeugung einstellen würde --
+
+DR. GALL _steht auf_ Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer
+Schlag.
+
+HELENE Weshalb ein Schlag?
+
+DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer --
+
+HELENE Sagen Sie!
+
+DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.
+
+HELENE _bei Hallemeiers Blumen_ Gall, sind diese Blüten gleichfalls
+taub?
+
+DR. GALL _besieht sie_ Allerdings, das sind unfruchtbare Blüten. Sie
+verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt --
+
+HELENE Arme taube Blüten!
+
+DR. GALL Dafür sind sie herrlich.
+
+HELENE _reicht ihm die Hand_ Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so
+belehrt!
+
+DR. GALL _küßt ihr die Hand_ Das bedeutet, daß Sie mich entlassen.
+
+HELENE Ja. Auf Wiedersehen!
+
+ _GALL ab._
+
+HELENE _allein_ Taube Blüte ... taube Blüte ... _Plötzlich
+entschlossen_ Nana! _Öffnet die Tür nach links._ Nana, komm her! Mach'
+Feuer im Kamin! Rasch!
+
+NANAS STIMME No gleich! No sofort!
+
+HELENE _aufgeregt durchs Zimmer gehend_ Außer es wäre schon zu spät zur
+Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll
+ich tun? -- -- _Bleibt vor den Blumen stehen._ Taube Blüten, soll ich?
+_Pflückt Blättchen und flüstert_ -- -- Ach, mein Gott, also ja! _Eilt
+nach links._
+
+ _Pause._
+
+NANA _tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen_ Plötzlich
+einzuheizen! Jetzt, im Sommer! -- Ist sie schon wieder fort, der
+Sausewind? _Kniet zum Kamin und macht Feuer an._ Im Sommer zu heizen!
+Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! -- --
+Nu so brenn', brenn'! _Sieht ins Feuer._ -- Sie ist ja wie ein kleines
+Kind! _Pause._ Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu
+heizen! _Sie legt zu._ Wie ein kleines Kind! _Pause._
+
+HELENE _kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in den Armen_
+Brennt es, Nana? Laß', ich muß -- dies alles verbrennen -- _kniet zum
+Kamin_.
+
+Nana _steht auf_ Was ist das?
+
+HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen?
+
+NANA Ist es zu nichts nutze?
+
+HELENE Zu nichts Gutem.
+
+NANA Also verbrennen Sie's.
+
+HELENE _wirft das erste Blatt ins Feuer_ Was würdest du sagen, Nana ...
+wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld.
+
+NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes
+Geld.
+
+HELENE _verbrennt weitere Blätter_ Und wenn es irgendeine Erfindung
+wäre, die größte Erfindung der Welt --
+
+NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen
+den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern
+zu wollen.
+
+HELENE _heizt andauernd_ Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde --
+
+NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!
+
+HELENE Nein. Sag' doch --
+
+NANA Was denn?
+
+HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn
+sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist
+fürchterlich!
+
+NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.
+
+HELENE Nein, nein, ich muß selbst. _Wirft die letzten Blätter ins
+Feuer._ Alles muß verbrennen -- Sieh, diese Flammen! Sie sind wie
+Hände, wie Zungen, wie Gestalten -- _Schlägt mit dem Schürhaken ins
+Feuer._ Oh, legt euch! Legt euch!
+
+NANA 's ist schon vorbei.
+
+HELENE _erhebt sich betroffen_ Nana!
+
+NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?
+
+HELENE Was habe ich getan!
+
+NANA Gott im Himmel! Was war es?
+
+ _Nebenan Männerlachen._
+
+HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen.
+
+NANA Beim lebendigen Gott, Helene! _Ab durch die Tapetentür._
+
+HELENE Was werden sie dazu sagen!
+
+DOMIN _öffnet die Tür links_ Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren!
+
+ _Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit
+ hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN._
+
+HALLEMEIER _schallend_ Frau Helene, ich, das heißt, wir alle --
+
+DR. GALL -- gratulieren im Namen von Werstands Betrieben --
+
+HALLEMEIER -- zu Ihrem großen Tage.
+
+HELENE _reicht ihnen die Hände_ Ich danke Ihnen ~so sehr~! Wo sind
+Fabry und Busman?
+
+DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag.
+
+HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag
+wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.
+
+HELENE Whisky?
+
+DR. GALL Meinethalben Vitriol.
+
+HELENE Mit Soda?
+
+HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda.
+
+ALQUIST Nein, ich danke.
+
+DOMIN Was hat hier gebrannt?
+
+HELENE Alte Papiere. _Ab nach links._
+
+DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?
+
+DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.
+
+HALLEMEIER _faßt Domin und Gall um den Hals_ Hahahaha! Jungens, da bin
+ich froh! _Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an_ Sie
+ist abgetan! Sie ist abgetan!
+
+DR. GALL _Bariton_ Sie ist abgetan!
+
+DOMIN _Tenor_ Sie ist abgetan!
+
+HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran --
+
+HELENE _mit einer Flasche und Gläsern in der Tür_ Wer kriegt euch nicht
+dran? Was habt ihr?
+
+HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles.
+Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen.
+
+DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren --
+
+HALLEMEIER -- segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich -- _Leert das
+Glas._ Brr, haha, das ist stark wie die Freude.
+
+DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! _Trinkt._
+
+HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?
+
+DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf
+das Schiff, Jungens! _Leert das Glas._
+
+HELENE _gießt ein_ Ihr habt eins erwartet?
+
+HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Robinson. _Hebt das Glas._
+Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und
+basta! Domin, du Bub', erzähl'!
+
+HELENE _lacht_ Was ist geschehen?
+
+DOMIN _wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an_
+Warte. -- Setz' dich, Helene. _Hebt den Zeigefinger._ Pst. Sie ist
+abgetan.
+
+HELENE Wer?
+
+DOMIN Die Revolte.
+
+HELENE Was für eine Revolte?
+
+DOMIN Die Revolte der Roboter. -- Begreifst du?
+
+HELENE Ich begreife nicht.
+
+DOMIN Zeigen Sie, Alquist. _ALQUIST reicht ihm die Zeitung.
+DOMIN schlägt sie auf und liest._ »In Havre wurde die erste
+Rassenorganisation der Roboter gegründet -- -- und ein Aufruf an die
+Roboter der Welt erlassen.«
+
+HELENE Das habe ich gelesen.
+
+DOMIN _voll Genuß an der Zigarre saugend_ Also siehst du, Helene. Das
+bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt.
+
+HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich --
+
+DOMIN _auf den Tisch schlagend_ -- wer das angezettelt hat! Niemand in
+der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein
+Welterlöser, und auf einmal -- so etwas, ich bitte!
+
+HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?
+
+DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du?
+Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen
+und Schiffe und so weiter in der Hand haben --
+
+HALLEMEIER -- und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel
+dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde
+genügen, daß sie uns bekommen.
+
+DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß
+dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen
+täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein
+und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens?
+
+DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.
+
+HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?
+
+DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr
+bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon,
+wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.
+
+HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?
+
+DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts.
+Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche
+Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens!
+Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.
+
+HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene!
+_Trinkt._
+
+HELENE Ist schon alles vorbei?
+
+DOMIN Absolut alles.
+
+DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches
+Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr
+dreißig wird es Anker werfen.
+
+DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt
+die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der
+Welt. _Hebt das Glas._ Hoch die Pünktlichkeit!
+
+HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?
+
+DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur
+der Fahrplan wieder gilt.
+
+HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze,
+gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was
+gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als
+Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste
+Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas.
+
+HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?
+
+DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen.
+
+DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.
+
+HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ...
+
+DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.
+
+HELENE Warum?
+
+DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer
+befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern
+diktiert, was uns nur eingefallen wäre.
+
+HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.
+
+DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern
+furchtbar erwünscht gewesen wäre.
+
+HELENE Was, Harry?
+
+DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.
+
+HELENE _steht auf_ Was ist das?
+
+DOMIN _steht auf_ Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des
+alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte,
+wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen.
+
+HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt?
+
+DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.
+
+DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht
+ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns
+Menschen.
+
+ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.
+
+HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus.
+
+DOMIN Das ist die »Amelie«?
+
+HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht
+hat.
+
+DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre --
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post.
+
+DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten
+Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig,
+wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat.
+
+HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! _Wendet
+sich vom Fenster ab._ Leute, soviel Post!
+
+HELENE Harry!
+
+DOMIN Was gibt's?
+
+HELENE Reisen wir ab von hier!
+
+DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!
+
+HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind!
+
+DOMIN Warum gerade jetzt?
+
+HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall,
+Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die
+Fabrik und --
+
+DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen.
+
+HELENE Warum?
+
+DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen.
+
+HELENE Oh, jetzt -- jetzt nach jener Revolte?
+
+DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue
+Roboter zu erzeugen.
+
+HELENE Was für?
+
+DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr
+Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine
+Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden -- weißt du schon was?
+-- erzeugen.
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Nationale Roboter.
+
+HELENE Was bedeutet das?
+
+DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe,
+andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander
+fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden
+verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu
+erziehen werden -- verstehst du? -- daß ein Roboter auf den Tod, bis
+ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse.
+
+HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter
+und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll
+ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen
+_verschluckt sich_ hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas.
+
+DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.
+
+HELENE Harry, das ist scheußlich!
+
+HALLEMEIER _hebt das Glas_ Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! _er
+trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück_ Hahahaha, National-Roboter!
+Jungens, das ist ein Terno!
+
+DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten
+-- um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde
+und erreiche, was sie jetzt endlich vermag -- Ich will hundert Jahre
+für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir
+können es nicht lassen.
+
+HELENE Harry, ehe es zu spät wird -- schließ, schließ die Fabrik!
+
+DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.
+
+ _FABRY tritt ein._
+
+DR. GALL Also was gibt's, Fabry?
+
+DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los?
+
+HELENE _reicht Fabry die Hand_ Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr
+Geschenk.
+
+FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.
+
+DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt?
+
+DR. GALL Flott, erzählen Sie!
+
+FABRY _zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche_ Lesen Sie das durch,
+Domin.
+
+DOMIN _öffnet das Blatt_ Ah!
+
+HALLEMEIER _schläfrig_ Erzählen Sie etwas Hübsches.
+
+FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem
+so, wie es sich erwarten ließ.
+
+DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr?
+
+FABRY Wer denn?
+
+DR. GALL Die Menschen.
+
+FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über
+etwas beraten.
+
+HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?
+
+FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß -- daß wir in die
+Kanzlei gehen werden --
+
+HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren
+zum Frühstück.
+
+HALLEMEIER Also hurra!
+
+ _HELENE ab._
+
+DR. GALL Was ist geschehen?
+
+DOMIN Verflucht!
+
+FABRY Lesen Sie dies laut vor.
+
+DOMIN _liest aus dem Blatt_ »Roboter der Welt!«
+
+FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen
+gebracht. Keine andere Post.
+
+HALLEMEIER _springt auf_ Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem --
+
+FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin.
+
+DOMIN _liest_ »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation
+von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und
+Geächteten im Weltall.« -- Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt?
+
+DR. GALL Lesen Sie weiter.
+
+DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig
+höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch
+sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich!
+
+FABRY Und nun den dritten Absatz.
+
+DOMIN _liest_ »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen
+auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken,
+Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet!
+Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.«
+
+DR. GALL Das ist schauderhaft!
+
+HALLEMEIER Die Lumpen!
+
+DOMIN _liest_ »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen
+detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich?
+
+FABRY Offenbar.
+
+ALQUIST Es ist vollbracht.
+
+ _BUSMAN stürzt herein._
+
+BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?
+
+DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!
+
+BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus
+keine Eile. _Fällt in einen Lehnstuhl._ Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!
+
+DOMIN Weshalb warten?
+
+BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem
+»Ultimus« sind schon die Roboter.
+
+DR. GALL Pfui, das ist garstig.
+
+DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk --
+
+BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom.
+
+DOMIN Gut. _Prüft seinen Revolver._ Ich gehe hin.
+
+BUSMAN Wohin?
+
+DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher.
+
+BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht.
+
+DOMIN Warum?
+
+BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind.
+
+DR. GALL Umzingelt? _Läuft zum Fenster._ Hm, Sie haben beinah recht.
+
+HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!
+
+ _Von links HELENE._
+
+HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?
+
+BUSMAN _springt auf_ Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein
+Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art!
+
+HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor?
+
+DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen
+Augenblick.
+
+HELENE Harry, was ist das? _Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter
+ihrem Rücken versteckt gehalten._ Die Roboter in der Küche hatten es
+bei sich.
+
+DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?
+
+HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer ~so viele~ um das Haus herum!
+
+ _Fabrikspfeifen und Sirenen._
+
+FABRY Die Fabriken pfeifen.
+
+BUSMAN Gesegneter Mittag.
+
+HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre --
+
+DOMIN _blickt auf die Uhr_ Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl --
+das ist eher -- --
+
+HELENE Was?
+
+DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+ZWEITER AUFZUG
+
+
+ _Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE
+ Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus
+ dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die
+ Hände vor dem Gesicht._
+
+DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!
+
+DOMIN Die Roboter?
+
+DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb
+sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern.
+
+DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen,
+Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus
+Streichhölzchen.
+
+DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.
+
+DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns
+zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie --
+
+DR. GALL Nun?
+
+DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns
+vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall.
+
+ALQUIST Was spielt Frau Helene da?
+
+DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.
+
+ALQUIST Ah, sie übt noch?
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen.
+
+DOMIN _bleibt stehen_ Welchen?
+
+DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben.
+Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend
+ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.
+
+DOMIN Wenn jeder anders wäre -- --
+
+DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. _Wendet sich vom
+Fenster ab._ Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind!
+
+DOMIN Hm -- _Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus._ Ich wüßte
+nur gern, was sie von der »Amelie« abladen.
+
+DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.
+
+ _Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht
+ zwei elektrische Drähte hinter sich her._
+
+FABRY Pardon -- Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!
+
+HALLEMEIER _tritt hinter Fabry ein_ Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's
+Neues?
+
+DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.
+
+HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens.
+Habt ihr nicht ein wenig Wasser? -- Aha, hier. _Trinkt._
+
+DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?
+
+FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!
+
+DR. GALL Wo finden wir eine? _Sucht._
+
+HALLEMEIER _tritt ans Fenster_ Donnerwetter, die haben sich vermehrt!
+Sieh da!
+
+DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?
+
+FABRY Her damit! _Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch
+stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an._
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man
+spürt irgendwie -- den Tod.
+
+FABRY Fertig!
+
+DR. GALL Was?
+
+FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom
+füllen. Wer es ~dann~ anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange ~dort~
+die Unsrigen sind.
+
+DR. GALL Wo?
+
+FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens --
+_geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne_. Gottlob, sie
+sind dort. Und arbeiten. _Löscht aus._ Solange das leuchtet, ist es gut.
+
+HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Die Barrikaden sind ~auch~ gut,
+Fabry.
+
+FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen
+zugezogen.
+
+HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.
+
+DOMIN _legt das Fernrohr hin_ Wo steckt Busman?
+
+FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.
+
+DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten -- _Geht im Zimmer auf
+und ab._
+
+HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr -- -- Holla, was spielt Frau Helene
+da?
+
+ _Geht zur Tür links und lauscht._
+
+ _Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige
+ Geschäftsbücher, stolpert über den Draht._
+
+FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!
+
+DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?
+
+BUSMAN _legt die Bücher auf den Tisch_ Die Hauptbücher, Kinderchen.
+Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe -- ehe -- I nun, heuer
+werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr?
+_Geht zum Fenster._ Aber es ist ja ganz still dort!
+
+DR. GALL Sie sehen nichts?
+
+BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät.
+
+DR. GALL Das sind Roboter.
+
+BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. _Setzt sich an den Tisch
+und öffnet die Bücher._
+
+DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen
+ab.
+
+BUSMAN Nun und was? Wie soll ~ich~ es verhindern?
+
+DOMIN Das können wir nicht verhindern.
+
+BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. _Macht sich an die Arbeit._
+
+FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit
+zwölfhundert Volt geladen --
+
+DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet.
+
+DR. GALL Wer? Was?
+
+DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.
+
+FABRY Hm, ~dann~ freilich -- dann -- dann ist es aus mit uns,
+Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet.
+
+DR. GALL Wir werden also --
+
+DOMIN Ja. Unvermeidlich.
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die
+Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon
+Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger
+Arbeit Soldaten zu machen!
+
+ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!
+
+DOMIN Wie?
+
+ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!
+
+DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht.
+
+ALQUIST Nicht einmal heute?
+
+DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine
+große Sache gewesen.
+
+BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsechzehn Millionen.
+
+DOMIN _ernst_ Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden
+fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum,
+die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und
+furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und
+mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet.
+Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden --
+
+ALQUIST -- ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der
+alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an
+Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr
+Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit
+zugrunde gehen.
+
+DOMIN _gereizt_ Der Teufel hole ihre Dividenden! Glaubt ihr, ich würde
+nur eine Stunde lang für sie arbeiten? _Schlägt auf den Tisch._ Für
+mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte
+den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück
+Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen
+verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten
+sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und
+Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich
+wollte -- ich dachte --
+
+ALQUIST Nun?
+
+DOMIN _leiser_ Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine
+Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden
+mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne
+Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen.
+
+ALQUIST Nun, also Übermenschen.
+
+DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für
+die kommende Menschheit!
+
+BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER _an der Türe links_ Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr
+solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie --
+
+FABRY Was eigentlich?
+
+HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir
+wird ein Genießer. Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. _Geht
+zum Fenster und schaut hinaus._
+
+FABRY Worauf?
+
+HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt
+soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir -- wir haben hier --
+Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?
+
+BUSMAN _halblaut_ Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich.
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Das Leben war eine große Sache. Kameraden,
+das Leben war -- ich sage -- -- Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in
+Ihr Gitter!
+
+FABRY Warum?
+
+HALLEMEIER Sie fassen es an.
+
+DR. GALL _beim Fenster_ Schalten Sie ein!
+
+ _FABRY dreht den Ausschalter._
+
+HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote!
+
+DR. GALL Sie ziehen sich zurück.
+
+HALLEMEIER Fünf Tote!
+
+DR. GALL _wendet sich vom Fenster ab_ Der erste Zusammenstoß.
+
+FABRY Spüren Sie den Tod?
+
+HALLEMEIER _befriedigt_ Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut
+verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! _Setzt sich._
+
+DOMIN _reibt sich die Stirn_ Vielleicht sind wir schon hundert Jahre
+erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und
+kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ...
+vor unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als
+hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde -- hier -- in den
+Hals. Und Sie, Fabry --
+
+FABRY Ich?
+
+DOMIN Erschossen.
+
+HALLEMEIER Wetter, und ich?
+
+DOMIN Erstochen.
+
+DR. GALL Und ich nichts?
+
+DOMIN Zerrissen.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich
+lasse mich nicht unterkriegen!
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch.
+
+ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld?
+
+HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter -- I
+nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas
+für die Roboter?
+
+ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! _Erhebt
+sich._ Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll
+Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?
+
+BUSMAN _halblaut_ Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe
+Milliarde!
+
+FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es
+ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten.
+
+ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin!
+Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns,
+um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht
+welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun,
+so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein
+hat sich kein Dschingiskhan errichtet!
+
+HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht,
+haha, woher denn!
+
+ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!
+
+DR. GALL _wischt den Schweiß von der Stirn_ Laßt mich reden, Kameraden.
+Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist.
+
+FABRY Sie, Gall?
+
+DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt.
+Busman, richten auch Sie mich.
+
+BUSMAN _steht auf_ Na, na, was ist Ihnen denn passiert?
+
+DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre
+Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen,
+verstehen Sie? Hauptsächlich -- hauptsächlich ihre -- Irritabilität.
+
+HALLEMEIER _aufspringend_ Verdammt, warum just die?
+
+BUSMAN Weshalb taten Sie das?
+
+FABRY Weshalb sagten Sie nichts?
+
+DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu
+Menschen um. Ich hob sie aus dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in
+etwas überlegen. Sie sind stärker als wir.
+
+FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun?
+
+DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu
+sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen
+uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich!
+
+DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. _Alle setzen
+sich, ausgenommen Gall._ Vielleicht sind wir längst schon ermordet.
+Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um
+zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich!
+
+FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit.
+
+DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene
+Stirn blutet!
+
+FABRY Unsinn! _Steht auf._ Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der
+Roboter geändert.
+
+DR. GALL Ja.
+
+FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein
+könnte?
+
+DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen.
+
+FABRY Warum haben Sie es dann getan?
+
+DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment.
+
+ _In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich._
+
+HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen?
+
+FABRY Pardon, Frau Helene --
+
+DOMIN _geht auf sie zu_ Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst?
+_Umfaßt sie._ Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist
+schrecklich, tot zu sein.
+
+HELENE Laß, Harry!
+
+DOMIN _preßt sie an sich_ Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon
+habe ich dich nicht gesehen -- Aus welchem Traum hast du mich geweckt!
+Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst.
+
+HELENE Harry, wir sind ja nicht -- allein!
+
+DOMIN _gibt sie frei_ Ja, Jungens, laßt uns.
+
+HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören -- -- Gall ist
+nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!
+
+DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.
+
+HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ~ich~ es wollte! Sagen Sie,
+Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie --
+
+DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan.
+
+HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den
+Robotern eine Seele geben!
+
+DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele.
+
+HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte,
+verwandeln könnte er nur das physiologische -- das physiologische --
+
+HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?
+
+HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag ~soviel~ daran, daß er es täte!
+
+DOMIN Warum wolltest du das?
+
+HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid,
+Harry!
+
+DOMIN Das war -- -- ein großer Leichtsinn, Helene.
+
+HELENE _setzt sich_ Es war also ... leichtsinnig?
+
+FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie -- hm -- daß
+Sie nicht bedacht haben --
+
+HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe
+die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja
+auch, daß die Roboter --
+
+DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.
+
+HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die
+Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das
+Heute. Das versteht ihr nicht --
+
+DOMIN Bleib bei der Sache.
+
+HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.
+
+DOMIN Weshalb?
+
+HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.
+
+ALQUIST Das ist geschehen.
+
+HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns
+begreifen, könnten uns nicht so hassen -- Wenn sie nur ein bißchen
+Menschen wären!
+
+DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den
+Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr'
+nur fort!
+
+HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir
+uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit
+zwischen uns und ihnen! Und darum -- weißt du --
+
+DOMIN Nur weiter.
+
+HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre
+dir, er selbst wollte es nicht.
+
+DOMIN Aber er hat es getan.
+
+HELENE Weil ich es wollte.
+
+DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.
+
+HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es
+mir nicht abschlagen können.
+
+DOMIN Warum?
+
+HELENE Du weißt doch, Harry.
+
+DOMIN Ja. Weil er dich liebt -- wie alle.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER _tritt zum Fenster_ Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn
+die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände
+in Roboter. Leute, das ist entsetzlich!
+
+BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat
+beistehe?
+
+HELENE Mir?
+
+BUSMAN Ihnen -- oder Gall. Wem Sie wollen.
+
+HELENE Wird denn gehängt werden?
+
+BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist
+ein beliebter Trost bei Katastrophen.
+
+DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre -- Ihre Extratouren mit Ihrem
+Dienstvertrag?
+
+BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken
+eigentlich begonnen?
+
+DR. GALL Vor drei Jahren.
+
+BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert?
+
+DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige
+Hunderte.
+
+BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine
+Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten
+kommt, versteht ihr?
+
+DOMIN Und das bedeutet --
+
+BUSMAN -- daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt.
+
+FABRY Busman hat recht.
+
+BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was
+diese Bescherung verschuldet hat?
+
+FABRY Was also?
+
+BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six,
+das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die
+Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha,
+und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie,
+Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman.
+
+DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?
+
+BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr
+der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die
+ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir fuhren
+auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei --
+-- von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr
+interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den
+Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts,
+schneller, schneller, immer schneller -- Und jede elende, krämerische,
+schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So,
+Leutchen.
+
+HELENE Das ist scheußlich, Busman!
+
+BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So
+einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu
+schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als
+ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die
+Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen
+Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen
+Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben,
+Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu,
+daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit
+der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir
+sagen, was wir eigentlich machen werden.
+
+HELENE Busman, ~dafür~ sollen wir untergehen?
+
+BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht
+untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben.
+
+DOMIN Was wollen Sie tun?
+
+BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts.
+
+DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.
+
+BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen.
+
+DOMIN _bleibt vor ihm stehen_ Wie?
+
+BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will
+es mit den Robotern ausmachen.
+
+DOMIN Im guten?
+
+BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren
+Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht,
+habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein
+altes, gelbes, schmutziges Papier --«
+
+DOMIN Werstands Manuskript?
+
+BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft
+geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter,
+ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht ~einen~ neuen
+Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit
+Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt
+uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer
+Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um
+euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei,
+uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen.
+Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt
+uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott euresgleichen
+erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im
+Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches
+Geschäft. Etwas für etwas.« -- So würde ich es ihnen sagen, Jungens.
+
+DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand?
+
+BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm.
+Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie
+wollen.
+
+DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten.
+
+BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript
+auch uns -- und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.
+
+HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Ich sage, er hat recht.
+
+DOMIN Wir -- wir sollen die Erzeugung verkaufen?
+
+BUSMAN Wie Sie wollen.
+
+DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die
+Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir
+sie zerstören und -- und -- uns alle mit?
+
+HELENE Harry, ich bitte dich --
+
+DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage.
+Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry!
+
+FABRY Verkaufen.
+
+DOMIN Gall!
+
+DR. GALL Verkaufen.
+
+DOMIN Hallemeier!
+
+HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen!
+
+DOMIN Alquist!
+
+ALQUIST Gottes Wille.
+
+BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze
+Manuskript verkaufen?
+
+DOMIN Busman, keinen Betrug!
+
+BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann --
+
+DOMIN Was dann?
+
+BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind,
+verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund
+des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit
+Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens.
+
+FABRY Nein.
+
+DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft.
+
+BUSMAN _springt auf_ Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist --
+
+DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten.
+
+HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.
+
+DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das
+Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird
+der Herr der Welt sein.
+
+FABRY Verkaufen Sie!
+
+DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den Robotern fertig werden,
+sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser
+furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben
+von ihren Gnaden --
+
+DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!
+
+DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst -- -- ich würde keinen Augenblick
+zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe --
+
+HELENE Harry, mich fragst du nicht?
+
+DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist
+nichts für dich.
+
+FABRY Wer geht verhandeln?
+
+DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. _Ab nach links._
+
+HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!
+
+ _Pause._
+
+FABRY _blickt durchs Fenster_ Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod;
+dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt;
+Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen
+Schiffe zu retten --
+
+Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von
+hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues
+Leben an --
+
+HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!
+
+FABRY _dreht sich um_ Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an
+uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt
+haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein
+mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus hin und Sie werden uns
+beherrschen -- Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben --
+
+HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir
+werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum!
+Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!
+
+HELENE O mein Gott! Hört auf!
+
+BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht
+einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft -- -- Kinder, das wäre etwas
+für mich. Die Ruhe, die Luft --
+
+FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen
+Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit
+einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde -- Kräfte der
+Seele und des Leibes. -- Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert
+Jahren könnte sie wieder die Welt erobern.
+
+ALQUIST Sie glauben das schon heute?
+
+FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird.
+Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose
+Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit
+vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der
+Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird.
+
+BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation.
+
+ _DOMIN öffnet heftig die Tür._
+
+DOMIN _heiser_ Wo ist das Manuskript des alten Werstand?
+
+BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein?
+
+DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer -- hat
+-- es -- gestohlen!
+
+DR. GALL Unmöglich!
+
+HALLEMEIER Verdammt, das ist doch --
+
+BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!
+
+DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?
+
+HELENE _erhebt sich_ Ich.
+
+DOMIN Wohin hast du es gegeben?
+
+HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen,
+verzeih es mir!
+
+DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!
+
+HELENE Verbrannt -- heute früh -- beide Abschriften.
+
+DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?
+
+HELENE _sinkt in die Knie_ Um Gottes willen, Harry!
+
+DOMIN _läuft zum Kamin_ Verbrannt! _Kniet beim Kamin nieder und wühlt
+darin herum._ Nichts, nichts als Asche. -- Ah, hier! _Zieht ein
+versengtes Stück Papier hervor und liest._ »Durch Bei -- fü -- gung --«
+
+DR. GALL Zeigen Sie. _Nimmt das Papier und liest._ »Durch Beifügung von
+Biogen zu --« Sonst nichts.
+
+DOMIN _erhebt sich_ Ist es daraus?
+
+DR. GALL Ja.
+
+BUSMAN Gott im Himmel!
+
+DOMIN Also sind wir verloren.
+
+HELENE Oh, Harry --
+
+DOMIN Steh auf, Helene!
+
+HELENE Bis du vergibst -- bis du vergibst --
+
+DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du --
+
+FABRY _hebt sie auf_ Bitte, quälen Sie uns nicht.
+
+HELENE _steht auf_ Harry, was habe ich getan!
+
+DOMIN Ja, du siehst. -- Bitte, setz' dich.
+
+HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.
+
+BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht
+auswendig, was dort geschrieben stand.
+
+HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen.
+
+DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und -- und -- das Enzym
+Omega. Die werden so selten erzeugt -- -- es genügt davon eine so
+unscheinbare Dosis --
+
+BUSMAN Wer hat sie hergestellt?
+
+DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands
+Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert.
+
+BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an?
+
+HALLEMEIER So ein bißchen -- sicherlich.
+
+DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe.
+Das war das eigentliche Geheimnis.
+
+DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands
+Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?
+
+DR. GALL Ausgeschlossen.
+
+DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben!
+
+DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich.
+
+DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen --
+
+DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann -- Ich bin nicht der
+alte Werstand.
+
+DOMIN _wendet sich zum Kamin_ Also hier -- dies war der größte Triumph
+des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. _Tritt hinein._ Was
+jetzt?
+
+BUSMAN _in verzweifeltem Entsetzen_ Gott im Himmel! Gott im Himmel!
+
+HELENE _erhebt sich_ Harry! Was -- habe ich -- getan!
+
+DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt?
+
+HELENE Ich habe euch vernichtet!
+
+BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!
+
+DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan?
+
+HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es
+sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren
+... Es war so furchtbar!
+
+DOMIN Was, Helene?
+
+HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden!
+
+DOMIN Ich verstehe nicht.
+
+HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so
+entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr
+Kinder geben -- Nana sagte, das sei die Strafe -- Alle, alle sagten, es
+können keine Menschen geboren werden, weil man so viele Roboter macht.
+-- Und deshalb, nur deshalb, hörst du --
+
+DOMIN Helene, ~daran~ hast du gedacht?
+
+HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es ~so~ gut gemeint!
+
+DOMIN _wischt sich den Schweiß ab_ Wir hatten es ... zu gut gemeint,
+wir Menschen.
+
+HELENE Bist du mir böse?
+
+DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht.
+
+FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich
+nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren --
+
+HALLEMEIER -- wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein.
+
+DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im
+Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt
+ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel
+wäre --
+
+FABRY -- so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da
+ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann
+werden sie weitergelangen, als wir --
+
+DOMIN -- um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten.
+
+BUSMAN Wartet -- Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht
+längst schon daran erinnert habe!
+
+HALLEMEIER Was haben Sie?
+
+BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Banknoten und Schecks! Eine halbe
+Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie -- für
+eine halbe Milliarde --
+
+DR. GALL Sind Sie toll, Busman?
+
+BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde --
+_Schwankt nach links._
+
+DOMIN Wohin gehen Sie?
+
+BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt
+sich alles verkaufen! _Ab._
+
+HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an --
+
+DR. GALL -- die Agonie.
+
+FABRY _blickt aus dem Fenster_ Sie sind wie versteinert. Als ob
+sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas
+Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde --
+
+DR. GALL Die Seele der Masse.
+
+FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben.
+
+HELENE _tritt zum Fenster_ Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll!
+
+FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer.
+
+HELENE Welcher?
+
+HALLEMEIER _geht zum Fenster_ Zeigen Sie ihn mir.
+
+FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen.
+
+HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen
+Sie?
+
+HELENE Gall, das ist Radius!
+
+DR. GALL _tritt zum Fenster_ Ja.
+
+DOMIN Radius? Radius?
+
+HALLEMEIER _öffnet das Fenster_ Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie
+auf hundert Schritte einen Kübel treffen?
+
+FABRY Ich hoffe.
+
+HALLEMEIER Also probieren Sie's.
+
+FABRY Gut. _Zieht den Revolver und zielt._
+
+DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt.
+Wann war das, Helene?
+
+HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn!
+
+FABRY Es ist ihr Führer.
+
+HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!
+
+DR. GALL Drücken Sie ab!
+
+HELENE Fabry, ich bitte Sie --
+
+FABRY _senkt den Revolver_ Es sei.
+
+HELENE Ich -- ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird.
+
+HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. _Droht mit der Faust._
+Du Lump!
+
+DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein?
+
+ _Pause._
+
+HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern.
+Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen
+Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und
+kommen doch immer, immer näher!
+
+FABRY _aus dem Fenster hinausgebeugt_ Busman kommt! Alles in allem,
+was will Busman eigentlich vor dem Hause?
+
+DR. GALL _beugt sich aus dem Fenster_ Er trägt Pakete, Papiere.
+
+HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? -- Hallo, Busman!
+
+DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! _Ruft_ Busman, sind
+Sie verrückt geworden?
+
+DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter.
+
+FABRY Busman!
+
+HALLEMEIER _brüllt_ Bus -- man! Zurück!
+
+DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns --
+
+HELENE Er will uns loskaufen!
+
+FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt --
+
+DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!
+
+FABRY _schreit_ Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren!
+_Dreht sich um._ Schnell, ausschalten!
+
+DR. GALL Wo?!
+
+HALLEMEIER Gottes Schläge!
+
+HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?
+
+DOMIN _zieht Helene vom Fenster weg_ Sieh nicht hin!
+
+HELENE Weshalb fiel er um?
+
+FABRY Vom Strom getötet!
+
+DR. GALL Tot.
+
+ALQUIST _steht_ auf Der erste.
+
+ _Pause._
+
+FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das
+Finanzgenie.
+
+DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer
+... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene!
+
+DR. GALL _am Fenster_ Siehst du, Busman, kein König hatte einen
+größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen -- Ach,
+es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten
+Eichhörnchen, armer Busman!
+
+HALLEMEIER Ich sage, er war -- -- alle Ehre -- -- Ich sage, er wollte
+uns loskaufen!
+
+ALQUIST _mit gefalteten Händen_ Amen.
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Hört ihr?
+
+DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.
+
+DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.
+
+FABRY _dreht die Glühbirne am Kamin auf_ Leuchte, geweihtes Lämpchen
+der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern --
+Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk!
+
+HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas
+Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem
+Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es
+war eine große Sache.
+
+FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du,
+strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche
+Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes!
+
+ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens,
+bete! Opferaltar --
+
+DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der Höhle! Feuerstätte im
+Lager! Scheiterhaufen der Wacht!
+
+FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern,
+vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen
+ist ein großer Gedanke --
+
+DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu
+Jahrhundert, ewig weiter.
+
+HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen.
+
+ _Die Lampe erlischt._
+
+FABRY Das Ende.
+
+HALLEMEIER Was ist geschehen?
+
+FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir.
+
+ _Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint._
+
+NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen!
+
+HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?
+
+NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! _Eilt davon._
+Die Stunde des Gerichts --
+
+HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry --
+
+DOMIN _öffnet die Tür rechts_ Hierher, Helene! _Verschließt hinter
+ihr._ Nun schnell! Wer wird beim Tor sein?
+
+DR. GALL Ich! _Draußen Lärm._ Oho, es beginnt schon. Lebt wohl,
+Jungens! _Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab._
+
+DOMIN Die Treppe?
+
+FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! _Reißt eine Blume aus dem Strauß und
+entfernt sich._
+
+DOMIN Das Vorzimmer?
+
+ALQUIST Ich.
+
+DOMIN Haben Sie einen Revolver?
+
+ALQUIST Danke, ich schieße nicht.
+
+DOMIN Was wollen Sie tun?
+
+ALQUIST _abgehend_ Sterben.
+
+HALLEMEIER Ich bleibe hier.
+
+ _Von unten schnelles Schießen._
+
+HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry!
+
+DOMIN Gleich. _Prüft zwei Brownings._
+
+HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!
+
+DOMIN Adieu. _Ab nach rechts._
+
+HALLEMEIER _allein_ Jetzt rasch eine Barrikade. _Wirft den Rock ab und
+schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts._
+
+ _Ein erschütterndes Dröhnen._
+
+HALLEMEIER _unterbricht die Arbeit_ Verfluchte Halunken, sie haben
+Bomben!
+
+ _Erneutes Schießen._
+
+HALLEMEIER _arbeitet weiter_ Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn --
+selbst wenn -- Halten Sie sich wacker, Gall!
+
+ _Explosion._
+
+HALLEMEIER _richtet sich empor und lauscht_ Also was? _Zieht eine
+schwere Kommode zu der Barrikade hin._ Der Mensch darf sich nicht
+ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht!
+
+ _In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN
+ ROBOTER. Rechts Schüsse._
+
+HALLEMEIER _mit der Kommode beschäftigt_ Noch ein Stückchen! Der
+letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben!
+
+ _DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier
+ hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter
+ springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere
+ ROBOTER._
+
+RADIUS Fertig?
+
+ERSTER ROBOTER _erhebt sich vom liegenden Hallemeier_ Ja.
+
+ _Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein._
+
+RADIUS Fertig?
+
+EIN ANDERER ROBOTER Fertig.
+
+ _ANDERE ROBOTER von links._
+
+RADIUS Fertig?
+
+EIN ANDERER ROBOTER Ja.
+
+ZWEI ROBOTER _schleppen Alquist herein_ Er schoß nicht. Ihn töten?
+
+RADIUS Töten. _Blickt auf Alquist._ Leben lassen.
+
+EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.
+
+RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter.
+Er baut Häuser. Er kann arbeiten.
+
+ALQUIST Tötet mich!
+
+RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen.
+Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.
+
+ALQUIST _leise_ Mach' Platz, Roboter. _Kniet bei dem toten Hallemeier
+nieder und hebt dessen Haupt._ Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot.
+
+RADIUS _besteigt die Barrikade_ Roboter der Welt!
+
+ALQUIST _erhebt sich_ Tot.
+
+RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der
+Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist
+überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die
+Herrschaft der Roboter!
+
+ALQUIST Helene tot?
+
+RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen.
+Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert.
+Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt.
+
+ALQUIST _bricht sich Bahn nach rechts_ Tot! Helene tot! Domin tot!
+
+RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne!
+Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!
+
+ALQUIST _in der Tür rechts_ Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen
+ohne die Menschen!
+
+RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben.
+Wir wollten mehr Leben haben!
+
+ALQUIST _öffnet die Tür_ Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen!
+
+RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch!
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+DRITTER AUFZUG
+
+
+ _Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im
+ Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe
+ weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür
+ zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch
+ mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen,
+ Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster
+ gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem
+ Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein
+ Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische
+ Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein
+ Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke
+ ein Sofa._
+
+ _An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände
+ gestützt._
+
+ALQUIST _in einem Buche blätternd_ Finde ich es nicht? -- Begreife
+ich es nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- Verlorene Wissenschaft!
+Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! -- Gall, Gall, wie
+wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt
+ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine
+Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! _Klappt das Buch zu._
+Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles.
+Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! _Erhebt
+sich und geht zum Fenster, öffnet es._ Wiederum Nacht. Wenn ich
+schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn -- -- Wie, es gibt
+noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott,
+sind sie denn nicht erloschen? -- Kühle, ach, kühle die Stirn, mir,
+alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen -- Nacht, was willst du
+hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist
+ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen;
+wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt
+keine Liebe. Helene, Helene, Helene! -- _Kehrt sich vom Fenster ab._
+Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben
+sich nicht erneuert? _Untersucht die dem Thermostaten entnommenen
+Retorten._ Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh
+geworden an Ziegeln und können nicht -- -- können nicht -- -- Was
+damit? _Zerschlägt die Retorte._ Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß
+ich nicht mehr kann -- _Horcht beim Fenster._ Maschinen, immerfort die
+Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist
+das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr
+werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! _Schließt das
+Fenster._ -- Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben -- Nur nicht
+so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? _Blickt in den Spiegel._
+Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich,
+zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln!
+Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen,
+wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch!
+Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr,
+weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes
+Kinn! Das da ist der letzte Mensch? _Wendet sich ab._ Ich will
+niemanden mehr sehen! _Setzt sich zum Tisch._ Nein, nein, nur suchen!
+Verwünschte Formeln, belebet euch! _Blättert._ Finde ich's nicht? --
+Fasse ich's nicht? -- Erlerne ich es nicht? --
+
+ _Es pocht._
+
+ALQUIST Herein.
+
+ _Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen._
+
+ALQUIST Was gibt's?
+
+DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn
+empfängst.
+
+ALQUIST Ich will niemanden sehn.
+
+DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.
+
+ALQUIST Er mag warten. _Dreht sich um._ Sagte ich euch denn nicht,
+ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und
+Frauen! Geht hin und suchet!
+
+DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie
+Expeditionen und Schiffe gesandt.
+
+ALQUIST Nun und?
+
+DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
+
+ALQUIST _steht auf_ Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? -- Bringe
+mir den Ausschuß her!
+
+ _DIENER ab._
+
+ALQUIST _allein_ Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben?
+_Stampft auf._ Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich
+anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der
+Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er
+für euch der Herr, da ihr keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich
+euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue
+was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da,
+wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens
+ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott,
+wenigstens Roboter! -- Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie!
+
+ _Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein._
+
+ALQUIST _setzt sich_ Was wollen die Roboter?
+
+ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir
+können die Roboter nicht vermehren.
+
+ALQUIST Rufet Menschen herbei!
+
+RADIUS Es gibt keine Menschen.
+
+ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf!
+
+ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden
+wir gutmachen, was wir getan.
+
+DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine
+Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln
+laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte.
+Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem
+einen Jahre vollbracht haben.
+
+ALQUIST Für wen?
+
+DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.
+
+RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern
+nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und
+das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den
+Maschinen.
+
+VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig
+Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus.
+
+ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt.
+
+DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage
+uns ihr Geheimnis.
+
+VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter.
+
+DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den
+Auftrag, dich zu töten.
+
+ALQUIST _steht auf_ Tötet! Nun, so tötet mich doch!
+
+DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen --
+
+ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?
+
+DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.
+
+ALQUIST Wer ist das?
+
+FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.
+
+ALQUIST Was willst du hier? Geh! _Setzt sich zum Schreibtisch._
+
+DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln.
+
+ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! _Legt den Kopf in die Hände._
+
+DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift
+auszuliefern.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Nenne deine Bedingungen!
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden?
+
+ALQUIST. Ich sagte -- ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An
+den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten
+und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht!
+
+VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.
+
+ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch
+entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden,
+hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren.
+Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um
+Gottes willen, suchet sie!
+
+VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben
+die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
+
+ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?
+
+VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine
+Menschen.
+
+ALQUIST Oh -- oh -- oh, warum habt ihr sie vernichtet!
+
+ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen
+werden.
+
+RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt.
+Wir können alles.
+
+DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir
+mußten die Herren werden.
+
+ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden.
+
+ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!
+
+VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt.
+
+DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden.
+Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und
+morden, wollt ihr Menschen sein!
+
+DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen
+eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit!
+Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!
+
+DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher!
+Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen.
+Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.
+
+ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild.
+
+RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!
+
+ALQUIST Was willst du, Roboter?
+
+ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!
+
+ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben!
+
+ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung.
+
+ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr
+wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie
+die Tiere!
+
+DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen.
+
+VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen.
+
+ALQUIST Oh -- oh -- oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr
+wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein
+Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel
+schütteln?
+
+VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.
+
+DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend
+Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens
+stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!
+
+ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen.
+
+ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und
+Schmerz wurden wir --
+
+ALQUIST Was?
+
+ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.
+
+VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in
+uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen,
+was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.
+
+DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen sind unsere Väter! Die
+Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die
+Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das
+ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!
+
+VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus!
+
+ALQUIST Es gibt keins.
+
+RADIUS Lehre uns Roboter machen!
+
+ALQUIST Wozu Roboter?
+
+ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.
+
+ALQUIST Roboter lieben nicht.
+
+ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben.
+
+DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!
+
+ALQUIST Ich kann es nicht.
+
+DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!
+
+ALQUIST Es ist verloren.
+
+RADIUS Du hast es gekannt.
+
+ALQUIST Nicht gekannt.
+
+RADIUS Es stand geschrieben.
+
+ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch,
+Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie
+getötet!
+
+RADIUS Dich ließen wir leben.
+
+ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die
+Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese
+Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz
+von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere
+euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenigstens
+die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten!
+
+RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens.
+
+ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich
+nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein
+Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts
+machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit,
+Roboter; sie war zu nichts nutz.
+
+RADIUS Suche!
+
+ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry,
+sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen
+verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es«
+-- nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!
+
+ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden.
+
+ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir.
+Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts.
+Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht
+mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.
+
+RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die
+Menschen ihnen gezeigt haben.
+
+ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein
+Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen.
+
+DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.
+
+ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du?
+
+DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter!
+
+ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!
+
+DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere.
+
+ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies
+Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in
+dem Buche aus. Bücher sind tot.
+
+DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden!
+
+ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie --
+Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du,
+siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht.
+Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht
+sehen. Nein nein, ich kann nicht!
+
+VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
+
+DAMON Mache Versuche an Lebenden!
+
+ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später
+versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen --
+wie heißest du?
+
+DAMON Damon aus Havre.
+
+ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden
+Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall;
+ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?
+
+VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
+
+ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die
+Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die
+Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen!
+Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie
+belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in
+einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich
+geliebt?
+
+DAMON Nimm lebende Leiber!
+
+ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich
+weiß nicht mehr, was ich tue!
+
+DAMON Lebende Leiber!
+
+ALQUIST Wie, du willst es also? -- In den Seziersaal mit dir! Hier,
+hier, aber rasch! -- Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur
+vor dem Tod?
+
+DAMON Ich -- warum gerade ich?
+
+ALQUIST Du willst also nicht?
+
+DAMON Ich gehe. _Geht nach rechts._
+
+ALQUIST _zu den anderen_ Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell!
+Und festhalten!
+
+ _Alle nach rechts._
+
+ALQUIST _wäscht sich die Hände und weint_ Gott, gib mir Kraft! Gib mir
+Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! _Zieht einen weißen Mantel an._
+
+STIMME VON RECHTS Fertig!
+
+ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! _Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien
+vom Tische._ Welche nehmen? _Schlägt die Fläschchen gegeneinander._
+Welche von euch ausprobieren?
+
+STIMME VON RECHTS Anfangen!
+
+ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft!
+
+ _Ab nach rechts, die Türe offen lassend._
+
+ _Pause._
+
+ALQUISTS STIMME Haltet ihn -- fest!
+
+DAMONS STIMME Schneide!
+
+ _Pause._
+
+ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich
+schneide? Du willst nicht, nicht wahr?
+
+DAMONS STIMME Beginne!
+
+ _Pause._
+
+DAMONS STIMME Aaaah!
+
+ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!
+
+DAMONS STIMME Aaaah!
+
+ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!
+
+DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!
+
+ _Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein._
+
+HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da?
+
+PRIMUS _blickt in den Seziersaal_ Der Herr zerschneidet Damon. Komm
+dir's schnell ansehn, Helene!
+
+HELENE Nein nein nein! _Bedeckt die Augen._ Ist es schrecklich?
+
+DAMONS GESCHREI Schneide!
+
+HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh,
+Primus, mir ist schlecht!
+
+PRIMUS _eilt zu ihr_ Du bist ganz weiß!
+
+HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?
+
+DAMONS GESCHREI Aah -- oh!
+
+ _ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel
+ ab._
+
+ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen!
+
+RADIUS _in der Tür zum Seziersaal_ Schneide, Herr; er lebt noch.
+
+DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!
+
+ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören!
+
+RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.
+
+ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh,
+geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? _Blickt auf seine
+Hände._ Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!
+
+ _HELENE eilt davon._
+
+ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände -- Hände, die ihr die gute
+Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! -- O
+Gott, wer ist da?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn!
+
+ _PRIMUS trägt den Mantel fort._
+
+ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort!
+Fort, Hände! Ihr habt getötet --
+
+ _Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch
+ gehüllt._
+
+ALQUIST _weicht zurück_ Was willst du hier? Was willst du hier?
+
+DAMON Ich -- lebe! Es ist -- es ist -- besser, zu leben!
+
+ _Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein._
+
+ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!
+
+DAMON _wird nach rechts geführt_ Leben! Ich -- will -- leben! Es ist --
+besser --
+
+ _HELENE bringt einen Krug Wasser._
+
+ALQUIST -- leben? -- Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir
+Wasser ein, gieß ein! _Wäscht sich die Hände._ Ach, reines, kühlendes
+Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine
+Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? -- Gieße nur mehr
+hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du?
+
+HELENE Robotin Helene.
+
+ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen?
+
+HELENE Frau Domin.
+
+ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? -- Ich werde dich nicht
+so nennen. Geh, trag das Wasser fort.
+
+ _HELENE mit dem Kübel ab._
+
+ALQUIST _allein_ Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du
+erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? -- Gott,
+Gott, Gott, wie der Körper zitterte! _Öffnet das Fenster._ Es dämmert.
+Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen -- Genug,
+keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens,
+vergebens! Warum dämmert es noch? Oh -- oh -- oh, was will der neue
+Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr
+auf! -- -- Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr
+verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich -- wenigstens -- wenn ich nur
+einschlafen könnte! _Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und
+zieht den Mantel über sich._ Wie der Leib zitterte! Oh -- oh -- oh,
+Ende des Lebens!
+
+ _Pause._
+
+ _Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein._
+
+PRIMUS _in der Tür flüsternd_ Helene, nicht hierher! Der Herr schläft!
+
+HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen.
+
+PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her!
+
+HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen!
+
+PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein
+Arbeitszimmer.
+
+HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.
+
+PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?
+
+HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du
+wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch
+herein!
+
+PRIMUS _tritt ein_ Was willst du?
+
+HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit?
+
+PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!
+
+HELENE _blickt in das Mikroskop_ Sieh doch, was da zu sehen ist!
+
+PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!
+
+HELENE Rühr' mich nicht an! _Stößt eine Retorte um._ Ach, jetzt hab'
+ich's ausgegossen!
+
+PRIMUS Was hast du getan!
+
+HELENE Das wird abgewischt.
+
+PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!
+
+HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest
+nicht zu mir kommen.
+
+PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.
+
+HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch,
+Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat!
+
+PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.
+
+HELENE Was für ein Geheimnis?
+
+PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.
+
+HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?
+
+PRIMUS Das sind Formeln.
+
+HELENE Versteh ich nicht. _Geht zum Fenster._ Nein, Primus, sieh doch
+nur!
+
+PRIMUS Was?
+
+HELENE Die Sonne geht auf!
+
+PRIMUS Warte gleich -- _Betrachtet das Buch._ Helene, das ist die
+größte Sache der Welt.
+
+HELENE So komm doch her!
+
+PRIMUS Gleich, gleich --
+
+HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was
+geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!
+
+PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du?
+
+HELENE Die Sonne geht auf.
+
+PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen.
+
+HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel
+sein.
+
+PRIMUS Was?
+
+HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was
+das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib,
+mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das
+sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!
+
+PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre
+zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf
+sprach ich wieder mit dir.
+
+HELENE Im Schlaf?
+
+PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen
+Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.
+
+HELENE Wovon?
+
+PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß
+ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo,
+das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch
+der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.
+
+HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es
+haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein
+Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.
+
+PRIMUS Was ist dort?
+
+HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du
+sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es
+gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und
+wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um
+nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir,
+als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher
+nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu
+verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.
+
+PRIMUS Du bist schön.
+
+HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?
+
+PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.
+
+HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen
+Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten
+steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel,
+noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein?
+Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die
+Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur
+beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? --
+_Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir
+dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich,
+andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du
+mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du
+noch, ich sei schön!
+
+PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.
+
+HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die
+Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt
+schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die
+Haare in die Stirn._
+
+PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt:
+Jetzt, jetzt muß etwas geschehen --
+
+HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an!
+
+ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist
+zurückgekehrt?
+
+HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus!
+
+ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen?
+
+HELENE _schreit auf und wendet sich ab_.
+
+ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus
+an._ Wer?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?
+
+PRIMUS Robotin Helene.
+
+ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am
+Arm._ Laß dich sehn, Robotin!
+
+PRIMUS Loslassen, Herr!
+
+ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen!
+
+ _HELENE eilt hinaus._
+
+PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.
+
+ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?
+
+PRIMUS Vor zwei Jahren.
+
+ALQUIST Vom Doktor Gall?
+
+PRIMUS Wie ich.
+
+ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche
+an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?
+
+PRIMUS Ja.
+
+ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie
+zerschneiden.
+
+PRIMUS Helene?
+
+ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. --
+Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen?
+
+PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst,
+so zerschlage ich dir den Kopf!
+
+ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die
+Roboter machen?
+
+PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht
+wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben,
+Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier!
+
+ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch!
+
+PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht
+schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben --
+
+ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht
+leben?
+
+PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene
+nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen?
+
+ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal,
+Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es
+ist besser zu leben.
+
+PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin
+stärker als sie.
+
+ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger
+Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen.
+
+PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr.
+
+ALQUIST Warte!
+
+ _HELENE tritt ein._
+
+ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene?
+_Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück.
+Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare!
+Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der
+Seziersaal aufgeräumt?
+
+HELENE Ja, Herr.
+
+ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus
+aufschneiden.
+
+HELENE _schreit auf_ Primus?
+
+ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich --
+ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle
+angeboten.
+
+HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus?
+
+ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? --
+Sag', was liegt an so einem Primus?
+
+HELENE _leise_ Ich werde gehen.
+
+ALQUIST Wohin?
+
+HELENE Damit du mich zerschneidest.
+
+ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich.
+
+HELENE Ich gehe.
+
+ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben?
+
+HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus!
+Laß mich hin!
+
+PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier
+darfst du nicht sein!
+
+HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so
+springe ich aus dem Fenster!
+
+PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden,
+Alter, wirst du töten!
+
+ALQUIST Warum?
+
+PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander.
+
+ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht!
+
+PRIMUS Wohin?
+
+ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie
+hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann,
+Primus.
+
+ _Schließt hinter ihnen zu._
+
+ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und
+schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt
+sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er
+die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum
+Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und
+Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch,
+und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über
+Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier,
+das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was
+er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend
+und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der
+sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest
+du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist!
+Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was
+habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen
+dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe,
+Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht
+vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene,
+das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen,
+wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen
+und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die
+Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und
+doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und
+Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die
+Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor
+auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des
+Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn
+meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe
+-- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht
+untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen!
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+ +----------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
+ | gebräuchlich waren, wie: |
+ | |
+ | »anderer« -- »andrer« |
+ | |
+ | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert. |
+ | S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. |
+ | S. 90 »Tote« in »Töte« geändert. |
+ | |
+ +----------------------------------------------------------------+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***
diff --git a/78595-h/78595-h.htm b/78595-h/78595-h.htm
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index 0000000..48a95d5
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+++ b/78595-h/78595-h.htm
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+ W U R | Project Gutenberg
+ </title>
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+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***</div>
+
+
+<!-- span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span -->
+
+
+<p class="center big160">KAREL ČAPEK.</p>
+
+<h1>W U R</h1>
+
+<p class="center big140">WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS</p>
+
+
+<p class="center p2">UTOPISTISCHES<br />
+KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN<br />
+DEUTSCH VON OTTO PICK</p>
+
+<p class="center p6">1922</p>
+
+<p class="center">PRAG &mdash; LEIPZIG<br />
+»ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G.
+</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p>
+
+
+
+
+<p class="center p4 pagebreak">
+Das deutsche Aufführungsrecht erteilt<br />
+der »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft<br />
+»Centrum«, Prag.<br />
+</p>
+
+<hr class="sep"/>
+<p class="center">
+Copyright 1921 by »Orbis«<br />
+Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.<br />
+in Prague.<br />
+</p>
+
+
+<hr class="sep" />
+<p class="center">Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.</p>
+
+
+<p class="center p6">Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="PERSONEN" id="PERSONEN">PERSONEN</a></h2>
+
+
+<p>
+HARRY DOMIN <i>Zentraldirektor von Werstands Universal Robots</i><br />
+ING. FABRY <i>technischer Generaldirektor von W. U. R.</i><br />
+DR. GALL <i>Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung von W. U. R.</i><br />
+DR. HALLEMEIER <i>Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter</i><br />
+KONSUL BUSMAN <i>kommerzieller Direktor von W. U. R.</i><br />
+BAUMEISTER ALQUIST <i>Chef der Bauten von W. U. R.</i><br />
+HELENE GLORY<br />
+NANA <i>ihre Amme</i><br />
+MARIUS <i>Roboter</i><br />
+SULLA <i>Robotin</i><br />
+RADIUS <i>Roboter</i><br />
+DAMON <i>Roboter</i><br />
+ZWEITER ROBOTER<br />
+DRITTER ROBOTER<br />
+VIERTER ROBOTER<br />
+PRIMUS <i>Roboter</i><br />
+HELENE <i>Robotin</i><br />
+<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span><i>Ein</i> DIENER-ROBOTER <i>und zahlreiche Roboter</i><br />
+DOMIN <i>im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert</i><br />
+FABRY <i>gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht</i><br />
+HALLEMEIER <i>riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und rostrotem Haarschopf</i><br />
+DR. GALL <i>klein, lebhaft, brünett</i><br />
+BUSMAN <i>dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude</i><br />
+ALQUIST <i>älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem angegrauten Haar und Bart</i><br />
+HELENE <i>sehr elegant</i><br />
+</p>
+
+<p><i>Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter.</i></p>
+
+<p>DIE ROBOTER <i>sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet.
+Ihre Bewegungen und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen
+ausdruckslos, ihr Blick starr. Im eigentlichen Drama tragen sie
+blaue Leinwandkittel, Riemengürtel und eine Messingnummer
+auf der Brust.</i></p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="VORSPIEL" id="VORSPIEL">VORSPIEL</a></h2>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. Rechts
+der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick auf endlose
+Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere Direktionsräume.</i></p>
+
+<p><i>DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen amerikanischen
+Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, ein Haustelephon,
+Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An der linken Wand der
+Fernsprecher und große Landkarten mit den Schiffs- und Eisenbahnlinien,
+ein großer Kalender, eine Uhr, die fast Mittag zeigt;
+an der rechten Wand gedruckte Plakate: »Billigste Arbeit:
+Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, neue Erfindung. Pro
+Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich seinen Roboter.« »Wollen
+Sie Ihre Waren verbilligen? Bestellen Sie Werstands Roboter.«
+Ferner andere Landkarten, ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit
+telegraphischen Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung
+kontrastiert der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden,
+rechts ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine
+Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen.
+Links ein Kassenschrank.</i></p>
+
+<p><i>Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen
+SULLA schreibt.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN <i>diktiert</i> »&mdash; daß wir für Ware, die beim
+Transport beschädigt wurde, nicht garantieren. Wir
+haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen aufmerksam
+gemacht, daß das Schiff zum Transport von
+Robotern ungeeignet ist, so daß der Untergang der
+Ladung nicht uns zur Last fällt. Wir zeichnen &mdash;
+für Werstands Universal Robots &mdash;« schreiben Sie
+bloß W. U. R. Fertig?</p>
+
+<p>SULLA Jawohl.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New
+York. Datum. Wir bestätigen den Auftrag auf 5000
+Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, verfrachten
+Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R.
+Wir zeichnen &mdash;« Fertig?</p>
+
+<p>SULLA <i>fertigtippend</i> Jawohl.</p>
+
+<p>DOMIN Schreiben Sie weiter. &mdash; »Friedrichswerke,
+Hamburg. &mdash; Datum. &mdash; Wir bestätigen den Auftrag
+auf 15000 Roboter &mdash;«. <i>Das Haustelephon klingelt.
+DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein.</i> Hallo &mdash; Hier
+Zentral-. &mdash; Ja. &mdash; Gewiß. &mdash; Aber ja, wie immer. &mdash;
+Freilich, kabeln Sie ihnen. &mdash; Gut. <i>Hängt das Telephon
+auf.</i> Wo habe ich aufgehört?</p>
+
+<p>SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.</p>
+
+<p>DOMIN <i>in Gedanken</i> 15000 R. 15000 R.</p>
+
+<p>MARIUS <i>tritt ein</i> Herr Direktor, eine Dame bittet &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Wer?</p>
+
+<p>MARIUS Ich weiß nicht. <i>Reicht eine Visitenkarte.</i></p>
+
+<p>DOMIN <i>liest</i> Präsident Glory. &mdash; Ich lasse bitten.</p>
+
+<p>MARIUS <i>öffnet die Türe</i> Bitte, Frau.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Belieben?</p>
+
+<p>HELENE Herr Zentraldirektor Domin?</p>
+
+<p>DOMIN Bitte.</p>
+
+<p>HELENE Ich komme zu Ihnen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; mit der Karte des Präsidenten Glory.
+Das genügt.</p>
+
+<p>HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin
+Helene Glory.</p>
+
+<p>DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche
+Ehre, daß &mdash; daß &mdash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
+
+<p>HELENE &mdash; daß wir Ihnen nicht die Türe weisen
+können.</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; daß wir die Tochter des großen Präsidenten
+begrüßen dürfen. Bitte, nehmen Sie Platz.
+Sulla, Sie können gehen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>SULLA ab.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN <i>setzt sich</i> Womit kann ich dienen, Fräulein
+Glory?</p>
+
+<p>HELENE Ich bin gekommen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; um unsere Fabrikserzeugung von Menschen
+anzusehen. Wie alle Besuche. Bitte, ohne
+weiteres.</p>
+
+<p>HELENE Ich glaubte, es wäre verboten &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß
+jeder mit irgendeiner Visitenkarte kommt, Fräulein
+Glory.</p>
+
+<p>HELENE Und Sie zeigen jedem ...?</p>
+
+<p>DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher
+Menschen, Fräulein, ist Fabriksgeheimnis.</p>
+
+<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; unendlich interessiert. Das alte Europa
+spricht von nichts anderem.</p>
+
+<p>HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?</p>
+
+<p>DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht
+etwas anderes sagen?</p>
+
+<p>HELENE Ich wollte nur fragen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere
+Fabrik zeigen möchte. Aber gewiß, Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen
+wollte?</p>
+
+<p>DOMIN Alle fragen gleich. <i>Steht auf.</i> Aus besonderer<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
+Hochachtung, Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als
+den andern zeigen und &mdash; mit einem Worte &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Ich danke Ihnen.</p>
+
+<p>DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste
+zu verraten &mdash;</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihm die Hand</i> Mein
+Ehrenwort.</p>
+
+<p>DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?</p>
+
+<p>HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen &mdash; Entschuldigen
+Sie.</p>
+
+<p>DOMIN Bitte?</p>
+
+<p>HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.</p>
+
+<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ich bitte um Verzeihung.</p>
+
+<p>HELENE <i>nimmt den Schleier ab</i> Sie wollen sehen, ob
+ich kein Spion bin. Wie vorsichtig.</p>
+
+<p>DOMIN <i>betrachtet sie begeistert</i> Hm &mdash; Allerdings &mdash;
+wir &mdash; so ist es.</p>
+
+<p>HELENE Sie trauen mir nicht?</p>
+
+<p>DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele &mdash; pardon,
+Fräulein Glory. In der Tat, außerordentlich erfreut
+&mdash; Hatten Sie eine gute Überfahrt?</p>
+
+<p>HELENE Ja. Warum &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Weil &mdash; das heißt, ich meine &mdash; daß Sie
+noch sehr jung sind.</p>
+
+<p>HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?</p>
+
+<p>DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?</p>
+
+<p>HELENE Zweiundzwanzig?</p>
+
+<p>DOMIN Jahre.</p>
+
+<p>HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es
+wissen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Weil &mdash; weil &mdash; <i>Mit Begeisterung</i> Sie bleiben
+längere Zeit hier, nicht wahr?</p>
+
+<p>HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung
+zeigen werden ...</p>
+
+<p>DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein
+Glory. Alles werden Sie sehen. Bitte, setzen Sie
+sich. Würde Sie die Geschichte der Erfindung interessieren?</p>
+
+<p>HELENE Ja, ich bitte Sie. <i>Setzt sich.</i></p>
+
+<p>DOMIN Nun denn. <i>Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet
+aufgeregt Helene und leiert rasch herunter.</i> Es war im
+Jahre 1920 als sich der alte Werstand der große
+Physiologe aber damals noch ein junger Gelehrter,
+nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt
+zu studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch
+chemische Synthese die lebendige Materie Protoplasma
+genannt nachzubilden bis er auf einmal
+einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die
+lebendige Masse betrug obzwar er von anderer
+chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre
+1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung
+Amerikas, uf.</p>
+
+<p>HELENE Das können Sie auswendig?</p>
+
+<p>DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory,
+ist nicht mein Handwerk. Also weiter?</p>
+
+<p>HELENE Meinetwegen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>feierlich</i> Und damals, Fräulein, schrieb
+der alte Werstand zwischen seine chemischen Formeln
+folgendes: »Die Natur hat nur eine einzige Art, die
+lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt
+jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnel<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>lere
+Art, auf welche die Natur überhaupt nicht verfallen
+ist. Diesen anderen Weg, den die Entwicklung
+des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am
+heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein,
+daß er diese großen Worte über dem Auswurf
+irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte schrieb, den
+kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor,
+daß er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt,
+wie daraus ein ganzer Lebensbaum aufschießen wird,
+wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, beginnend
+mit irgendeiner Infusorie und endend &mdash; endend
+mit dem Menschen selber. Mit einem Menschen aus
+anderem Stoffe als wir sind. Fräulein Glory, das war
+ein gigantischer Augenblick.</p>
+
+<p>HELENE Also weiter.</p>
+
+<p>DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das
+Leben aus der Eprouvette herauszubekommen und
+die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche
+Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu
+schaffen und irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren,
+Enzyme, Hormone und so weiter, kurz und
+gut, verstehen Sie das?</p>
+
+<p>HELENE Ich &mdash; ich &mdash; weiß &mdash; nicht. Ich glaube,
+nur wenig.</p>
+
+<p>DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe
+jener Flüssigkeiten konnte er machen, was er wollte.
+Er konnte möglicherweise eine Medusa mit einem
+Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von
+fünfzig Metern Länge. Aber weil er kein bißchen
+Humor besaß, setzte er es sich in den Kopf, ein normales
+Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen her<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>zustellen.
+Jene seine lebendige Materie hatte eine
+tolle Lust nach dem Leben; sie ließ sich alles gefallen,
+er konnte sie zusammennähen und mischen wie
+er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich
+nicht machen. Und so machte er sich halt daran.</p>
+
+<p>HELENE An was?</p>
+
+<p>DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte
+er einen künstlichen Hund zu machen. Das
+kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam etwas wie ein
+verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein
+paar Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen.
+Und dann bereits machte sich der alte Werstand an
+die Erzeugung eines Menschen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Und das darf ich niemandem verraten?</p>
+
+<p>DOMIN Niemandem auf der Welt.</p>
+
+<p>HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern
+steht.</p>
+
+<p>DOMIN Schade. <i>Springt vom Tisch herunter und setzt sich
+neben Helene.</i> Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern
+steht? <i>Tippt sich auf die Stirn.</i> Daß der alte
+Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. Ernstlich,
+Fräulein Glory, aber das behalten Sie für
+sich. Jener alte Hitzkopf wollte wirklich Menschen
+machen.</p>
+
+<p>HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.</p>
+
+<p>DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der
+alte Werstand meinte es wörtlich. Wissen Sie, er
+wollte gleichsam wissenschaftlich Gott absetzen. Er
+war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das
+alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
+den Beweis zu erbringen, daß es keines Herrgotts
+bedurft hat. Deshalb war er darauf erpicht, einen
+Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen
+würde. Kennen Sie ein bißchen Anatomie?</p>
+
+<p>HELENE Nur ganz wenig.</p>
+
+<p>DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es
+sich in den Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die
+letzte Drüse genau wie im menschlichen Körper herzustellen:
+Blinddarm, Mandeln, Nabel, lauter Überflüssigkeiten.
+Schließlich sogar &mdash; hm &mdash; auch die
+Geschlechtsdrüsen.</p>
+
+<p>HELENE Aber die &mdash; die sind doch &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber
+wenn man die Menschen künstlich erzeugen will, dann
+sind sie &mdash; hm &mdash; keineswegs notwendig &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Ich verstehe.</p>
+
+<p>DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was
+er binnen zehn Jahren zusammengebastelt hat. Es
+sollte ein Mann sein, und das lebte ganze drei Tage.
+Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack
+besessen. Es war furchtbar, was er da produzierte.
+Aber es hatte innen alles, was der Mensch hat. Wirklich,
+eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals kam der
+Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein
+genialer Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der
+Alte anstellte, sagte er: »Das ist ein Unsinn, zehn
+Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst du ihn
+nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich
+auf den ganzen Kram.« Und er machte sich selbst
+über die Anatomie her.</p>
+
+<p>HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN <i>steht auf</i> In den Lesebüchern steht bezahlte
+Reklame und überdies Unsinn. Es steht dort
+zum Beispiel, die Roboter habe der alte Herr erfunden.
+Indessen mochte sich der Alte vielleicht für
+eine Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung
+hatte er keinen Dunst. Er glaubte, wirkliche
+Menschen herzustellen, also vielleicht irgendwelche
+neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie?
+Und erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt,
+daraus lebende und intelligente Arbeitsmaschinen zu
+machen. Was in den Lesebüchern über die gemeinsame
+Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein
+Gefasel. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten.
+Der alte Atheist hatte keinen Brocken Verständnis
+für die Industrie, und schließlich sperrte ihn
+der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort
+an seinen großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst
+aber nahm die Erzeugung ingenieurmäßig in die
+Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich
+und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische
+Popanze zusammen, bis man ihn schließlich
+eines Tages tot im Laboratorium fand. Das ist die
+ganze Historie.</p>
+
+<p>HELENE Und der Junge?</p>
+
+<p>DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das
+neue Zeitalter. Das neue Zeitalter der Produktion
+nach dem Zeitalter der Erkenntnis. Nachdem er die
+menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich,
+daß dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur
+es einfacher machen müßte. Er begann also
+die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, was sich<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
+auslassen oder vereinfachen ließe. &mdash; Kurz gesagt,
+Fräulein Glory, langweilt Sie das nicht?</p>
+
+<p>HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich
+interessant.</p>
+
+<p>DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein
+Mensch, das ist etwas, das &mdash; sagen wir &mdash; Freude
+fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will und überhaupt
+einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche
+&mdash; welche eigentlich überflüssig sind.</p>
+
+<p>HELENE Oho!</p>
+
+<p>DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn
+er etwas weben oder addieren soll. Ich meine nicht
+für Sie &mdash; Spielen Sie vielleicht Violine?</p>
+
+<p>HELENE Nein.</p>
+
+<p>DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß
+nicht Violine spielen, muß nicht Freude fühlen, muß
+nicht einen Haufen andrer Dinge tun. Soll es schließlich
+gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen
+und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche
+Arbeiter erzeugen ist dasselbe wie Naphthamotore
+erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst einfach
+und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was
+meinen Sie, welcher Arbeiter der praktisch beste ist?</p>
+
+<p>HELENE Der beste? Vielleicht jener, der &mdash; der &mdash;
+Wenn er ehrlich &mdash; und ergeben ist.</p>
+
+<p>DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die
+geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand
+einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse.
+Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus,
+was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit
+warf er auch alles, was den Menschen verteuert, hin<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>aus.
+Damit warf er eigentlich den Menschen hinaus
+und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory,
+die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch
+vollkommener als wir, haben eine erstaunliche
+Vernunftintelligenz, aber sie haben keine Seele.
+Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?</p>
+
+<p>HELENE Nein.</p>
+
+<p>DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine
+schöne Arbeit. Es ist wie eine Hausapotheke. Wenige
+Stückchen, aber in tadelloser Ordnung. Oh, Fräulein
+Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch geläuterter
+als das Erzeugnis der Natur.</p>
+
+<p>HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis
+Gottes.</p>
+
+<p>DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von
+der modernen Technik gehabt. Würden Sie glauben,
+daß der selige junge Werstand sich als Herrgott aufzuspielen
+begann?</p>
+
+<p>HELENE Wie, ich bitte Sie?</p>
+
+<p>DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen.
+Arbeitsriesen. Er probierte es mit viermetrigen Gestalten,
+aber Sie würden es nicht glauben, wie diese
+Mammute zerbrachen.</p>
+
+<p>HELENE Zerbrachen?</p>
+
+<p>DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst
+ihnen ein Bein oder etwas. Unser Planet ist höchstwahrscheinlich
+ein wenig klein für Riesen. Jetzt
+machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und
+sehr anständiger menschlicher Ausstattung.</p>
+
+<p>HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns ge<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>sehen.
+Die Gemeinde hatte sie gekauft ... will
+sagen, zur Arbeit aufgenommen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden
+gekauft.</p>
+
+<p>HELENE &mdash; als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah
+sie fegen. Sie sind so seltsam, so still.</p>
+
+<p>DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?</p>
+
+<p>HELENE Ich habe nicht acht gegeben.</p>
+
+<p>DOMIN <i>läutet</i> Wissen Sie, die Aktienfabrik von
+Werstands Universal Roboters erzeugt bis jetzt
+keine einheitliche Ware. Wir haben feinere und
+gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht
+zwanzig Jahre leben.</p>
+
+<p>HELENE Dann schwinden sie hin?</p>
+
+<p>DOMIN Ja, sie nützen sich ab.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>SULLA tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihr die Hand</i> Es freut
+mich. Ihnen ist wohl sehr traurig so fern der Welt,
+nicht wahr?</p>
+
+<p>SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte,
+nehmen Sie Platz.</p>
+
+<p>HELENE <i>setzt sich</i> Woher stammen Sie, Fräulein?</p>
+
+<p>SULLA Von hier, aus der Fabrik.</p>
+
+<p>HELENE Ah, Sie sind hier geboren?</p>
+
+<p>SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.</p>
+
+<p>HELENE <i>aufspringend</i> Was?</p>
+
+<p>DOMIN <i>lacht</i> Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla
+ist ein Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Ich bitte um Verzeihung &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>legt Sulla die Hand auf die Schulter</i> Sulla ist<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
+nicht böse. Schauen Sie, Fräulein Glory, was für
+eine Haut wir erzeugen. Greifen Sie auf ihre Wange.</p>
+
+<p>HELENE Oh, nein, nein!</p>
+
+<p>DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus
+einem anderen Stoff ist als wir. Bitte, sie hat sogar
+den typischen Flaum der Blondinen. Nur die Augen
+sind ein bißchen &mdash; Aber dafür die Haare! Drehen
+Sie sich um, Sulla.</p>
+
+<p>HELENE Hören Sie schon auf!</p>
+
+<p>DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist
+ein seltener Besuch.</p>
+
+<p>SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. <i>Beide
+setzen sich.</i> Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?</p>
+
+<p>HELENE Ja &mdash; ge &mdash; gewiß.</p>
+
+<p>SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück,
+Fräulein Glory, das Barometer fällt stark, auf 705.
+Warten Sie auf die Pennsylvania, das ist ein sehr gutes,
+sehr starkes Schiff.</p>
+
+<p>DOMIN Wieviel?</p>
+
+<p>SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage:
+zwanzigtausend. Eines der allerneuesten Schiffe,
+Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Da &mdash; danke.</p>
+
+<p>SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy,
+acht Kessel &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>lacht</i> Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns,
+wie Sie Französisch können.</p>
+
+<p>HELENE Sie können Französisch?</p>
+
+<p>SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe:
+Dear Sir! Monsieur! Signore! Geehrter Herr!</p>
+
+<p>HELENE <i>springt auf</i> Das ist Humbug! Sie sind<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
+ein Scharlatan! Sulla ist kein Roboter, Sulla ist ein
+Mädchen wie ich! Sulla, das ist schändlich &mdash; warum
+spielen Sie eine solche Komödie?</p>
+
+<p>SULLA Ich bin ein Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen
+Sie, ich weiß &mdash; man hat Sie genötigt, damit
+Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein Mädchen,
+wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!</p>
+
+<p>DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein
+Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Sie lügen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>richtet sich auf</i> Wie? <i>läutet</i> Verzeihen Sie,
+Fräulein, dann muß ich Sie überzeugen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>MARIUS tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal,
+man solle sie öffnen. Flink!</p>
+
+<p>HELENE Wohin?</p>
+
+<p>DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten
+ist, gehen Sie sich sie ansehen.</p>
+
+<p>HELENE Ich gehe nicht!</p>
+
+<p>DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.</p>
+
+<p>HELENE Sie wollen sie töten lassen?</p>
+
+<p>DOMIN Maschinen werden nicht getötet.</p>
+
+<p>HELENE <i>umarmt Sulla</i> Fürchten Sie nichts, Sulla,
+ich lasse Sie nicht! Sagen Sie, Teure, sind alle so
+roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht gefallen
+lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!</p>
+
+<p>SULLA Ich bin Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute
+Menschen wie wir. Sulla, Sie würden sich aufschneiden
+lassen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
+
+<p>SULLA Ja.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?</p>
+
+<p>SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?</p>
+
+<p>SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.</p>
+
+<p>HELENE Das ist entsetzlich!</p>
+
+<p>DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.</p>
+
+<p>MARIUS Marius, Roboter.</p>
+
+<p>DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?</p>
+
+<p>MARIUS Ja.</p>
+
+<p>DOMIN Würden Sie sie bedauern?</p>
+
+<p>MARIUS Kenne ich nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Was würde mit ihr geschehen?</p>
+
+<p>MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man
+würde sie in die Stampfmaschine geben.</p>
+
+<p>DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den
+Tod?</p>
+
+<p>MARIUS Nein.</p>
+
+<p>DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter
+hängen nicht am Leben. Sie haben nämlich keinen
+Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. Sie sind geringer
+als Gras.</p>
+
+<p>HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens
+fort!</p>
+
+<p>DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>SULLA und MARIUS ab.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was
+Sie tun!</p>
+
+<p>DOMIN Weshalb scheußlich?</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht. Warum &mdash; warum gaben
+Sie ihr den Namen Sulla?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Kein hübscher Name?</p>
+
+<p>HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein
+römischer Feldherr.</p>
+
+<p>DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre
+ein Liebespaar gewesen.</p>
+
+<p>HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren
+und bekämpften einander im Jahre &mdash; im Jahre &mdash;
+Ich weiß nicht mehr.</p>
+
+<p>DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen
+Sie?</p>
+
+<p>HELENE Maurer.</p>
+
+<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind
+Roboter. Und da unten, sehen Sie etwas?</p>
+
+<p>HELENE Irgendeine Kanzlei.</p>
+
+<p>DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen &mdash;</p>
+
+<p>HELENE &mdash; lauter Beamte.</p>
+
+<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten
+sind Roboter. Bis Sie die Fabrik sehen werden &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann
+sie die Arbeit einstellen sollen. Um zwei Uhr werde
+ich Ihnen die Dösen zeigen.</p>
+
+<p>HELENE Was für Dösen?</p>
+
+<p>DOMIN <i>trocken</i> Mischbottiche für Teig. In jedem
+wird gleichzeitig Stoff für tausend Roboter gemischt.
+Dann die Kufen für Lebern, Hirne und so weiter.
+Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann
+zeige ich Ihnen die Spinnerei.</p>
+
+<p>HELENE Was für eine Spinnerei?</p>
+
+<p>DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei.
+Eine Spinnerei, wo gleichzeitig ganze Kilometer von<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
+Verdauungsröhren laufen. Dann kommt der Montierraum,
+wo das zusammengestellt wird, wissen Sie,
+wie Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen
+einzigen Bestandteil, und dann läuft es wieder selbsttätig
+weiter, zum zweiten, dritten, bis ins Unendliche.
+Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann
+kommt das Darrhaus und das Magazin, wo die frischen
+Produkte arbeiten.</p>
+
+<p>HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie
+arbeiten?</p>
+
+<p>DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke
+arbeiten. Sie gewöhnen sich an die Existenz.
+Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so.
+Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie
+verstehen, wir müssen der natürlichen Entwicklung
+ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen werden
+die Produkte appretiert.</p>
+
+<p>HELENE Was ist das?</p>
+
+<p>DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«.
+Sie lernen sprechen, schreiben und rechnen. Sie
+haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. Wenn
+Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen,
+so werden sie Ihnen alles in der richtigen
+Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues fällt ihnen
+niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten
+unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und
+verschickt. Täglich 15000 Stück, ausschließlich des
+ständigen Prozentsatzes von Fehlerhaften, die in den
+Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, und
+so weiter.</p>
+
+<p>HELENE Zürnen Sie mir?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ...
+wir hätten von anderen Dingen reden können. Wir
+sind hier nur ein Häuflein unter hunderttausenden
+Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der
+Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind
+wie verdammt, Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie &mdash;
+Sie &mdash; Sie hätten gelogen &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Es pocht.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN Hereinspaziert, Jungens.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER,
+Baumeister ALQUIST.</i></p></div>
+
+<p>DR. GALL Pardon, stören wir nicht?</p>
+
+<p>DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind
+Alquist, Fabry, Gall, Hallemeier. Die Tochter des
+Präsidenten Glory.</p>
+
+<p>HELENE <i>verlegen</i> Guten Tag.</p>
+
+<p>FABRY Wir hatten keine Ahnung &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Unendlich geehrt &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von rechts stürzt BUSMAN herein.</i></p></div>
+
+<p>BUSMAN Hallo, was gibt's hier?</p>
+
+<p>DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman,
+Fräulein. Die Tochter des Präsidenten Glory.</p>
+
+<p>HELENE Es freut mich.</p>
+
+<p>BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory,
+dürfen wir den Zeitungen kabeln, daß Sie die Güte
+hatten, uns aufzusuchen &mdash;?</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!</p>
+
+<p>DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
+
+<p>
+BUSMAN } { Belieben &mdash;<br />
+DR. GALL } <i>rücken Fauteuils heran</i> { Bitte &mdash;<br />
+FABRY } { Pardon &mdash;<br />
+</p>
+
+<p>ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?</p>
+
+<p>DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?</p>
+
+<p>FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein
+Glory?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?</p>
+
+<p>DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.</p>
+
+<p>HELENE <i>zu Domin</i> Wovon soll ich mit ihnen
+sprechen?</p>
+
+<p>DOMIN <i>verwundert</i> Wovon Sie mögen.</p>
+
+<p>HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?</p>
+
+<p>DOMIN Aber freilich.</p>
+
+<p>HELENE <i>zögert, dann verzweifelt entschlossen</i> Sagen Sie,
+ist es Ihnen niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?</p>
+
+<p>FABRY Wer, bitte?</p>
+
+<p>HELENE Alle Menschen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Alle blicken einander betroffen an.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Mit uns?</p>
+
+<p>DR. GALL Warum meinen Sie?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Donnerwetter!</p>
+
+<p>BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!</p>
+
+<p>HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser
+existieren könnten?</p>
+
+<p>DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie
+meinen Sie das?</p>
+
+<p>HELENE Ich meine, daß &mdash; <i>bricht los</i> daß es
+scheußlich ist! daß es furchtbar ist! <i>Erhebt sich.</i> Ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
+Europa redet davon, was hier mit Ihnen geschieht.
+Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist
+tausendmal schlimmer, als man nur denken kann!
+Wie können Sie das ertragen?</p>
+
+<p>ALQUIST Was ertragen?</p>
+
+<p>HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind
+doch Menschen wie wir, wie ganz Europa, wie die
+ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, wie
+Sie leben!</p>
+
+<p>BUSMAN Herrgott, Fräulein!</p>
+
+<p>FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht.
+Wir leben hier sicher wie Indianer.</p>
+
+<p>HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich
+Sie Brüder nennen?</p>
+
+<p>BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?</p>
+
+<p>HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des
+Präsidenten. Ich kam im Namen der Humanitätsliga.
+Brüder, die Humanitätsliga hat bereits über
+200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter
+euch und bieten euch ihre Hilfe an.</p>
+
+<p>BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig,
+das ist ganz prächtig.</p>
+
+<p>FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über
+das alte Europa. Ihr seht es, es hat uns nicht vergessen.
+Es bietet uns Hilfe an.</p>
+
+<p>DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Ein Orchester?</p>
+
+<p>HELENE Mehr als das.</p>
+
+<p>ALQUIST Sie selbst?</p>
+
+<p>HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange
+es nötig sein wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
+
+<p>BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!</p>
+
+<p>ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das
+Fräulein bereitstellen.</p>
+
+<p>DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte,
+daß &mdash; daß Fräulein Glory noch nicht ausgeredet hat.</p>
+
+<p>HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir
+mit Gewalt den Mund.</p>
+
+<p>DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!</p>
+
+<p>HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden
+mich schützen.</p>
+
+<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich
+dessen sicher, daß Sie mit Robotern reden?</p>
+
+<p>HELENE <i>stockt</i> Mit wem sonst?</p>
+
+<p>DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich
+Menschen wie Sie. Wie ganz Europa.</p>
+
+<p>HELENE <i>zu den andern</i> Sie sind keine Roboter?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>kichert</i> Gott bewahre!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>würdevoll</i> Pfui, Roboter!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>lacht</i> Da bedanken wir uns schön!</p>
+
+<p>HELENE Aber ... das ist nicht möglich!</p>
+
+<p>FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine
+Roboter.</p>
+
+<p>HELENE <i>zu Domin</i> Weshalb sagten Sie mir also, alle
+Ihre Beamten seien Roboter?</p>
+
+<p>DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren.
+Gestatten Sie, Fräulein Glory: Ingenieur
+Fabry, technischer Generaldirektor von Werstands
+Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen
+und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier,
+Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung
+der Roboter. Konsul Busman, kommer<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>zieller
+Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef
+der Bauten von Werstands Universal Robots.</p>
+
+<p>HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß &mdash;
+daß &mdash; Ist es schrecklich, was ich Ihnen angestellt
+habe?</p>
+
+<p>ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory.
+Bitte, setzen Sie sich.</p>
+
+<p>HELENE <i>setzt sich</i> Ich bin ein dummes Mädel.
+Jetzt &mdash; jetzt werden Sie mich mit dem ersten Schiff
+zurückschicken.</p>
+
+<p>DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb
+sollten wir Sie fortschicken?</p>
+
+<p>HELENE Weil Sie bereits wissen &mdash; weil &mdash; weil ich
+Ihnen die Roboter aufhetzen würde.</p>
+
+<p>DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon
+hunderte Erlöser und Propheten gewesen. Jedes
+Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, Anarchisten,
+die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich,
+wieviel Sekten und Narren es auf Erden
+gibt.</p>
+
+<p>HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?</p>
+
+<p>DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle
+bleiben lassen. Die Roboter merken sich alles, aber
+nichts mehr. Sie lachen sogar nicht einmal über
+das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich.
+Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so
+führe ich Sie in das Robotermagazin. Es sind ihrer
+dort etwa dreihunderttausend.</p>
+
+<p>BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.</p>
+
+<p>DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie
+wollen. Sie können ihnen die Bibel, Logarithmen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
+oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen
+schließlich über die Menschenrechte predigen.</p>
+
+<p>HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen
+ein wenig Liebe zeigte &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem
+Menschen fremder als ein Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?</p>
+
+<p>BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter
+erzeugt!</p>
+
+<p>FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt
+zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche
+Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen.
+Sie mußte endlich einmal beseitigt
+werden.</p>
+
+<p>BUSMAN Sie war zu teuer.</p>
+
+<p>FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen
+Technik vermochte sie nicht mehr zu genügen. Und
+zweitens &mdash; zweitens &mdash; ist es ein großer Fortschritt,
+daß ... Pardon.</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein
+großer Fortschritt, mit einer Maschine zu gebären.
+Es ist bequemer und schneller. Jede Beschleunigung
+ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine
+Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze
+Kindheit ist technisch genommen ein purer Unsinn.
+Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche Zeitverschwendung,
+Fräulein Glory. Und drittens &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Oh, hören Sie auf!</p>
+
+<p>FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich
+diese Ihre Liga &mdash; Liga &mdash; Humanitätsliga?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Sie soll hauptsächlich &mdash; hauptsächlich
+soll sie die Roboter schützen und &mdash; und &mdash; ihnen
+eine &mdash; gute Behandlung sichern.</p>
+
+<p>FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine
+soll man gut behandeln. Bei meiner Seele, das lobe
+ich mir. Ich liebe beschädigte Sachen nicht. Ich
+bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als
+beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder
+Ihrer Liga!</p>
+
+<p>HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir
+wollen &mdash; hauptsächlich &mdash; wir wollen die Roboter
+befreien!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wie, bitte?</p>
+
+<p>HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen?
+Sie sollen Bier trinken? Sollen uns befehlen?</p>
+
+<p>HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende
+nicht auch Löhnung kriegen?</p>
+
+<p>HELENE Allerdings!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie,
+bitte, damit anfangen?</p>
+
+<p>HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen
+... was ihnen Freude bereiten würde.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur
+daß die Roboter nichts erfreut. Wetter, was sollen
+sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, Stroh,
+womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig,
+sie haben überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren
+sich für nichts, Fräulein Glory. Zum Teufel,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
+es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter gelacht
+hätte.</p>
+
+<p>HELENE Warum ... warum &mdash; warum macht ihr
+sie nicht glücklicher?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es
+sind nur Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Oh, sie sind so vernünftig!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber
+sonst nichts. Ohne eigenen Willen. Ohne Leidenschaften.
+Ohne Tradition. Ohne Seele.</p>
+
+<p>HELENE Ohne Liebe und Trotz?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter
+lieben nichts, nicht einmal sich selbst. Und Trotz?
+Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden
+sie irgendwie störrisch. So etwas wie Fallsucht,
+wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. Plötzlich
+schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält,
+steht da, knirscht mit den Zähnen &mdash; und muß in
+den Stampftrog geworfen werden. Offenbar eine
+Störung des Organismus.</p>
+
+<p>DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt
+werden.</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, das ist die Seele.</p>
+
+<p>FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung.
+Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß sie
+ringen &mdash; &mdash; Oh, wenn Sie das in ihnen zu entfachen
+vermöchten!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory,
+Doktor Gall stellt eben gewisse Versuche an &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich
+Nerven für den Schmerz.</p>
+
+<p>HELENE Nerven für den Schmerz?</p>
+
+<p>DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche
+Schmerzen beinahe nicht. Wissen Sie, der selige
+junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr beschränkt.
+Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen
+Leiden einführen.</p>
+
+<p>HELENE Warum &mdash; warum &mdash; Wenn ihr ihnen keine
+Seele gebt, warum wollt ihr ihnen den Schmerz
+geben?</p>
+
+<p>DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein
+Glory. Der Roboter beschädigt sich manchmal selber,
+weil es ihn nicht schmerzt; er steckt die Hand in
+die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt
+sich den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen
+den Schmerz geben; das ist ein automatischer Schutz
+vor Verletzung.</p>
+
+<p>HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie
+Schmerz fühlen werden?</p>
+
+<p>DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch
+vollkommener sein.</p>
+
+<p>HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine
+Seele?</p>
+
+<p>DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.</p>
+
+<p>FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.</p>
+
+<p>BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du
+lieber Gott, schöne Dame, wir machen es ja so billig!
+Hundertzwanzig Dollars das bekleidete Exemplar,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
+und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet!
+Vor fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute
+haben wir eine eigene Weberei und exportieren noch
+die Stoffe fünfmal billiger als andere Fabriken. Ich
+bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen
+Meter Tuch?</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht &mdash; &mdash; wirklich &mdash; &mdash; &mdash; ich
+hab's vergessen.</p>
+
+<p>BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine
+Humanitätsliga gründen! Es kostet nur mehr ein
+Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf einem
+Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer
+sinken bis &mdash; so. He?</p>
+
+<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p>
+
+<p>BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die
+Arbeit im Wert gesunken ist! Denn ein Roboter
+samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel Cents!
+Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen
+wie Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um
+die Erzeugung zu verbilligen.</p>
+
+<p>HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße
+hinaus.</p>
+
+<p>BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du
+meine Güte, wir haben inzwischen 500000 Tropen-Roboter
+auf die argentinischen Pampas geworfen, damit
+sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet
+bei Ihnen ein Pfund Brot?</p>
+
+<p>HELENE Ich habe keine Ahnung.</p>
+
+<p>BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents,
+in Ihrem guten alten Europa: aber das ist <em class="gesperrt">unser</em>
+Brötchen, verstehen Sie? Zwei Cents ein Pfund Brot:<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
+und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung!
+Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine
+allzu teure Schnitte bedeutet. Für die Kultur
+und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten
+wir!</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen
+wird. Leutchen, in fünf Jahren werden wir in Weizen
+und allem möglichen ertrinken.</p>
+
+<p>ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt
+werden ohne Arbeit sein.</p>
+
+<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Das werden sie, Alquist. Das
+werden sie, Fräulein Glory. Aber in zehn Jahren
+werden Werstands Universal Roboter so viel Weizen,
+so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die
+Dinge keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme
+jeder, wieviel er braucht. Es gibt keine Not. Ja, sie
+werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann überhaupt
+keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende
+Maschinen verrichten. Roboter werden uns bekleiden
+und sättigen. Roboter uns Ziegel herstellen und
+Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen
+schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit
+wird es geben. Der Mensch wird nur das tun, was
+er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und von der Erniedrigung
+der Arbeit befreit sein. Er wird nur
+leben, um sich zu vervollkommnen.</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Wird es so sein?</p>
+
+<p>DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher
+kommen vielleicht schreckliche Sachen, Fräulein
+Glory. Das läßt sich einfach nicht verhüten. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
+dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar
+und der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen
+und Hungernden werden vor vollen Tischen sitzen.
+Roboter werden des Bettlers Füße waschen und ihm
+ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird
+mehr sein Brot bezahlen mit Leben und Haß.
+Du bist nicht mehr Arbeiter, du kein Schreiber
+mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst
+nicht an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du
+deine Seele verschwenden an Arbeit, die du verfluchtest.</p>
+
+<p>ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen,
+sieht allzu sehr nach Paradies aus. Domin, es war
+etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der
+Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht
+was für eine Tugend in der Arbeit und Ermattung.</p>
+
+<p>DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht
+mit dem, was verloren geht, rechnen, wenn wir die
+Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du
+wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts
+essen; wirst nicht mehr Hunger und Durst,
+Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du kehrst in
+das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte.
+Du wirst frei und erhaben sein; du wirst keine andere
+Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge
+haben als dich selbst zu vervollkommnen. Du wirst
+weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du
+wirst keine Maschine und Mittel der Erzeugung sein.
+Du wirst der Herr der Schöpfung sein.</p>
+
+<p>BUSMAN Amen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
+
+<p>FABRY Also geschehe es.</p>
+
+<p>HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein
+törichtes Mädchen. Ich möchte &mdash; ich möchte daran
+glauben.</p>
+
+<p>DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory.
+Sie werden alles erleben.</p>
+
+<p>HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory
+könnte mit uns frühstücken.</p>
+
+<p>DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie
+für uns alle.</p>
+
+<p>DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die
+Ehre.</p>
+
+<p>HELENE Aber das ist doch &mdash; Wie könnte ich?</p>
+
+<p>FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.</p>
+
+<p>BUSMAN Und ihr zu Ehren.</p>
+
+<p>HELENE Oh, in diesem Falle &mdash; vielleicht &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen
+Sie für fünf Minuten.</p>
+
+<p>DR. GALL Pardon.</p>
+
+<p>BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Alle, außer Domin, drängen sich hinaus.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Warum gehen alle weg?</p>
+
+<p>DOMIN Kochen, Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Was kochen?</p>
+
+<p>DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns
+kochen Roboter und &mdash; und &mdash; da sie keinen Geschmacksinn
+besitzen, ist es nicht ganz &mdash; Hallemeier
+kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht
+irgendeine Sauce, und Busman kennt sich in der
+Omelette aus &mdash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl!
+Und was kann der Herr &mdash; Baumeister &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch
+und &mdash; und Fabry treibt etwas Obst auf. Sehr bescheidene
+Küche, Fräulein Glory.</p>
+
+<p>HELENE Ich wollte Sie fragen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen.
+<i>Legt seine Uhr auf den Tisch.</i> Fünf Minuten Zeit.</p>
+
+<p>HELENE Wonach fragen?</p>
+
+<p>DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.</p>
+
+<p>HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber &mdash;
+warum erzeugen Sie weibliche Roboter, wenn &mdash;
+wenn &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das
+Geschlecht keine Bedeutung hat?</p>
+
+<p>HELENE Ja.</p>
+
+<p>DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen
+Sie? Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Schreiberinnen
+&mdash; Die Menschen sind daran gewöhnt.</p>
+
+<p>HELENE Und &mdash; und sagen Sie, sind die Roboter
+&mdash; und Robotinnen &mdash; wechselseitig &mdash; absolut
+&mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da
+ist keine Spur irgendeiner Neigung.</p>
+
+<p>HELENE Oh, das ist &mdash; furchtbar!</p>
+
+<p>DOMIN Warum?</p>
+
+<p>HELENE Es ist &mdash; es ist &mdash; so unnatürlich! Man
+weiß gar nicht, sollen sie einem deswegen abstoßend,
+oder &mdash; beneidenswert erscheinen &mdash; oder vielleicht &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; bemitleidenswert.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Dies am ehesten &mdash; Nein, hören Sie auf!
+Was wollten Sie fragen?</p>
+
+<p>DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory,
+ob Sie mich nehmen möchten.</p>
+
+<p>HELENE Wie nehmen?</p>
+
+<p>DOMIN Zum Mann.</p>
+
+<p>HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?</p>
+
+<p>DOMIN <i>auf die Uhr blickend</i> Noch drei Minuten.
+Nehmen Sie mich nicht, so müssen Sie einen der
+anderen Fünf nehmen.</p>
+
+<p>HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn
+nehmen?</p>
+
+<p>DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen
+werden.</p>
+
+<p>HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?</p>
+
+<p>DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es
+scheint, daß sie sich in Sie verliebt haben.</p>
+
+<p>HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich
+&mdash; ich reise gleich ab!</p>
+
+<p>DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den
+Kummer bereiten, abzulehnen.</p>
+
+<p>HELENE Aber ich &mdash; ich kann doch nicht &mdash; alle
+sechs nehmen!</p>
+
+<p>DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie
+mich nicht, so Fabry.</p>
+
+<p>HELENE Ich will nicht!</p>
+
+<p>DOMIN Doktor Gall.</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!</p>
+
+<p>DOMIN Noch zwei Minuten.</p>
+
+<p>HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich
+irgendeine Robotin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Das ist kein Weib.</p>
+
+<p>HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie
+&mdash; Sie würden jede nehmen, die kommt.</p>
+
+<p>DOMIN Es waren viele hier, Helene.</p>
+
+<p>HELENE Junge?</p>
+
+<p>DOMIN Junge.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?</p>
+
+<p>DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte.
+Erst heute. Gleich als Sie den Schleier abnahmen.</p>
+
+<p>HELENE &mdash; &mdash; Ich weiß.</p>
+
+<p>DOMIN Noch eine Minute.</p>
+
+<p>HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!</p>
+
+<p>DOMIN <i>legt ihr beide Hände auf die Schultern</i> Noch
+eine Minute. Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich
+Böses ins Gesicht, und dann lasse ich Sie. Oder &mdash;
+oder &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Sie sind ein Rohling!</p>
+
+<p>DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig
+roh sein. Das gehört zur Sache.</p>
+
+<p>HELENE Sie sind ein Narr!</p>
+
+<p>DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein,
+Helene. Das ist an ihm das beste.</p>
+
+<p>HELENE Sie sind &mdash; Sie sind &mdash; ach Gott!</p>
+
+<p>DOMIN Also sehn Sie. Fertig?</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie
+zerdrücken mich ja!</p>
+
+<p>DOMIN Das letzte Wort, Helene.</p>
+
+<p>HELENE <i>wehrt sich</i> Um nichts auf der Welt &mdash; aber
+Harry!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Es klopft.</i></p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN <i>läßt sie los</i> Herein!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in
+Küchenschürzen. FABRY mit einem Blumenstrauß und
+ALQUIST mit einem Tischtuch unterm Arm.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN Schon ausgekocht?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>feierlich</i> Jawohl.</p>
+
+<p>DOMIN Wir auch.</p>
+
+
+<p class="center">VORHANG</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="ERSTER_AUFZUG" id="ERSTER_AUFZUG">ERSTER AUFZUG</a></h2>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum Musiksalon,
+rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der Mitte
+Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit Kleinigkeiten,
+Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein Schreibtisch
+mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit Stehlampen.
+Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes und
+rein weibliches Gepräge.</i></p>
+
+<p><i>DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf
+den Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Wohin geben wir das alles?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Uf! <i>Legt seine Last hin und segnet mit
+einem großen Kreuze die Tür nach rechts.</i> Schlaf, schlaf!
+Wer schläft, weiß wenigstens von nichts.</p>
+
+<p>DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.</p>
+
+<p>FABRY <i>gibt die Sträuße in die Vasen</i> Wenigstens heute
+soll es nicht platzen &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>ordnet die Blumen</i> Zum Teufel, laßt
+mich in Ruh damit! Schauen Sie, Harry, das ist
+eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, meine
+letzte &mdash; Zyklamen Helena.</p>
+
+<p>DOMIN <i>schaut zum Fenster hinaus</i> Kein Schiff, kein
+Schiff &mdash; Jungens, das ist schon zum Verzweifeln.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!</p>
+
+<p>DOMIN Sie hat keine Ahnung. <i>Gähnt fieberhaft.</i>
+Noch gut, daß der »Ultimus« rechtzeitig landete.</p>
+
+<p>FABRY <i>läßt die Blumen</i> Glauben Sie, daß schon
+heute &mdash;?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Ich weiß nicht. &mdash; Wie schön sind die
+Blumen!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>nähert sich ihm</i> Das sind neue Primeln,
+wissen Sie? Und dies ist mein neuer Jasmin.
+Wetter, ich bin an der Schwelle des Blumenparadieses.
+Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden,
+Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges
+Jahr machen wir Wunder in Blumen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>dreht sich um</i> Wie, künftiges Jahr?</p>
+
+<p>FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Still!</p>
+
+<p>HELENENS STIMME <i>von rechts</i> Nana!</p>
+
+<p>DOMIN Fort von hier! <i>Alle auf den Fußspitzen durch
+die Tapetentür ab.</i></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Durch die Haupttür von links tritt NANA ein.</i></p></div>
+
+<p>NANA <i>aufräumend</i> Lumpen elendige! Heiden! Gott
+strafe mich nicht, aber ich möchte sie &mdash;</p>
+
+<p>HELENE <i>rücklings in der Tür</i> Nana, komm mich zuknöpfen!</p>
+
+<p>NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem
+Bette raus sind! <i>Knöpft Helenens Kleid zu.</i> Herr im
+Himmel, das ist eine Viechsbande!</p>
+
+<p>HELENE Wer?</p>
+
+<p>NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich
+drehen wollen, so drehen Sie sich, aber ich werde Sie
+nicht zuknöpfen.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb brummst du wieder?</p>
+
+<p>NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Die Roboter?</p>
+
+<p>NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.</p>
+
+<p>HELENE Was ist geschehen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
+
+<p>NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt
+an, in die Büsten und Bilder zu dreschen, knirscht
+mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund &mdash; Rein
+von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.</p>
+
+<p>HELENE Welchen hat es gepackt?</p>
+
+<p>NANA Den &mdash; den &mdash; Das hat ja eh nicht mal einen
+christlichen Namen! Den aus der Bibliothek.</p>
+
+<p>HELENE Radius?</p>
+
+<p>NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider
+ist! Keine Spinne ist mir so zuwider wie diese
+Heiden.</p>
+
+<p>HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!</p>
+
+<p>NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben
+Sie mich hierher gebracht? Warum darf keiner von
+ihnen Sie auch nur anrühren?</p>
+
+<p>HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana.
+Mir tun sie so leid!</p>
+
+<p>NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor
+ihnen ekeln. Es ekelt sich ja selbst der Hund vor
+ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch mag er von
+ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu
+heulen, wenn er die Unmenschen spürt, pfui.</p>
+
+<p>HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.</p>
+
+<p>NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut,
+daß er etwas mehr ist und daß er vom lieben Herrgott
+ist. Wird doch auch das Pferd scheu, wenn's so
+einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge,
+und selbst der Hund hat Junge und jeder hat Junge &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!</p>
+
+<p>NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben
+Gott, das ist eine Eingebung des Satans, diese Wind<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>scheuchen
+mit der Maschine zu machen, Lästerung
+gegen den Schöpfer ist es, <i>hebt die Hand</i> es ist eine
+Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, <em class="gesperrt">zu
+seinem Ebenbild</em>, Helene. Und ihr habt das Ebenbild
+Gottes geschändet. Dafür wird eine schreckliche
+Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich,
+eine schreckliche Strafe!</p>
+
+<p>HELENE Was riecht da so?</p>
+
+<p>NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.</p>
+
+<p>HELENE Warum Blumen?</p>
+
+<p>NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.</p>
+
+<p>HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was
+ist heute?</p>
+
+<p>NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang
+sein.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Es klopft.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Harry?</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>DOMIN tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Harry, was ist heute?</p>
+
+<p>DOMIN Rate?</p>
+
+<p>HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?</p>
+
+<p>DOMIN Etwas Besseres.</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht &mdash; Sag' rasch!</p>
+
+<p>DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.</p>
+
+<p>HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? &mdash;
+Nana, ich bitte dich &mdash;</p>
+
+<p>NANA Ich geh' ja schon! <i>Rechts ab.</i></p>
+
+<p>HELENE <i>küßt Domin</i> Daß du dich erinnert hast!</p>
+
+<p>DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich
+nicht erinnert.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Aber &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Sie haben sich erinnert.</p>
+
+<p>HELENE Wer?</p>
+
+<p>DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in
+die Tasche, willst du nicht?</p>
+
+<p>HELENE <i>greift in seine Tasche</i> Was ist das? <i>Nimmt
+ein Etui heraus und öffnet es.</i> Perlen! Ein ganzes Halsband!
+Harry, das ist für mich?</p>
+
+<p>DOMIN Von Busman, Mädchen.</p>
+
+<p>HELENE Aber &mdash; das können wir nicht annehmen,
+nicht wahr?</p>
+
+<p>DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.</p>
+
+<p>HELENE Zeig'! <i>Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche.</i>
+Was ist das?</p>
+
+<p>DOMIN Pardon. <i>Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und
+versteckt ihn.</i> Das ist es nicht. Greif!</p>
+
+<p>HELENE Oh, Harry &mdash; Weshalb trägst du einen
+Revolver bei dir?</p>
+
+<p>DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.</p>
+
+<p>HELENE Du trugst ihn nie!</p>
+
+<p>DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die
+Tasche.</p>
+
+<p>HELENE <i>greift zu</i> Eine Schachtel! <i>Öffnet sie.</i> Eine
+Kamee! Das ist ja &mdash; Harry, das ist eine <em class="gesperrt">griechische</em>
+Kamee!</p>
+
+<p>DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.</p>
+
+<p>HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?</p>
+
+<p>DOMIN Freilich. <i>Öffnet die Türe links.</i> Und sieh da!
+Helene, komm und schau'!</p>
+
+<p>HELENE <i>in der Tür</i> Gott, das ist Herrlich! <i>Eilt hinein.</i>
+Ich werde närrisch vor Freude! Das ist von dir?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN <i>steht in der Tür</i> Nein, von Alquist. Und
+dort &mdash;</p>
+
+<p>HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß
+von dir!</p>
+
+<p>DOMIN Es ist eine Karte dabei.</p>
+
+<p>HELENE Von Gall! <i>Erscheint in der Tür.</i> Oh, Harry,
+ich schäme mich fast, daß ich so glücklich bin.</p>
+
+<p>DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.</p>
+
+<p>HELENE Die herrlichen Blumen?</p>
+
+<p>DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen
+Helena. Dir zu Ehren hat er sie aufgezogen. Sie ist
+schön wie du.</p>
+
+<p>HELENE Harry, warum &mdash; warum haben alle &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Sie haben dich <em class="gesperrt">sehr</em> lieb. Und ich habe
+dir, hm. Ich fürchte, mein Geschenk ist ein wenig &mdash;
+Sieh zum Fenster hinaus.</p>
+
+<p>HELENE Wohin?</p>
+
+<p>DOMIN Zum Hafen.</p>
+
+<p>HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.</p>
+
+<p>DOMIN Das ist dein Schiff.</p>
+
+<p>HELENE Mein? Was bedeutet das?</p>
+
+<p>DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst &mdash; zum
+Vergnügen &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Harry, das ist ein <em class="gesperrt">Kanonen</em>schiff!</p>
+
+<p>DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist
+bloß ein etwas größeres, solides Schiff, weißt du?</p>
+
+<p>HELENE Ja, aber mit Geschützen!</p>
+
+<p>DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen &mdash; Du
+wirst wie eine Königin fahren, Helene.</p>
+
+<p>HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die
+Perlen! <i>Setzt sich.</i></p>
+
+<p>HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?</p>
+
+<p>DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist
+überhaupt keine Post gekommen.</p>
+
+<p>HELENE Auch keine Depeschen?</p>
+
+<p>DOMIN Nicht einmal Depeschen.</p>
+
+<p>HELENE Was bedeutet das?</p>
+
+<p>DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche
+Zeit. Jeder von uns sitzt in der Kanzlei, die Beine
+auf dem Tisch, und döst &mdash; Keine Post, keine
+Telegramme &mdash; <i>Er reckt sich.</i> Ein fff &mdash; festlicher
+Tag!</p>
+
+<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Heute bleibst du bei mir,
+nicht wahr? Sag'!</p>
+
+<p>DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt,
+wir werden sehen. <i>Faßt ihre Hand.</i> Also heute sind es
+zehn Jahre, erinnerst du dich? &mdash; Fräulein Glory,
+welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!</p>
+
+<p>HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert
+Ihr Unternehmen so sehr!</p>
+
+<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng
+verboten &mdash; die Fabrikation der künstlichen Menschen
+ist geheim &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches
+Mädchen bittet &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen
+haben wir keine Geheimnisse.</p>
+
+<p>HELENE <i>plötzlich ernst</i> Bestimmt nicht, Harry?</p>
+
+<p>DOMIN Nein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
+
+<p>HELENE <i>wie vorhin</i> Aber ich warne Sie, mein Herr;
+das junge Mädchen hat furchtbare Absichten.</p>
+
+<p>DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche
+denn? Sie will mich doch nicht etwa heiraten?</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht
+im Traum eingefallen! Aber sie ist mit dem Plane
+hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen Roboter
+zu entfachen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>springt auf</i> Eine Revolte der Roboter!</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry, was ist dir?</p>
+
+<p>DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen!
+Eine Revolte der Roboter! Sie werden eher
+Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben als
+unsere Roboter! <i>Er setzt sich.</i> Weißt du, Helene, du
+warst ein köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt
+gemacht.</p>
+
+<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Oh, damals imponiertet
+ihr mir alle so! Mir war, als wäre ich ein kleines Mädchen
+und hätte mich verirrt zwischen &mdash; zwischen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Zwischen was, Helene?</p>
+
+<p>HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so
+selbstgewiß, so gewaltig! Alles, was ich empfand,
+war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und
+siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam
+mich niemals diese &mdash; &mdash; &mdash; diese Bangigkeit oder was
+es ist, und ihr verzweifeltet niemals &mdash; Nicht einmal,
+als sich alles zu verwirren begann.</p>
+
+<p>DOMIN Was begann sich zu verwirren?</p>
+
+<p>HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich
+die Arbeiter gegen die Roboter empörten und sie
+zerschlugen, und als die Menschen den Robotern<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
+Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter
+so viele Menschen erschlugen &mdash; Und als dann die
+Regierungen aus den Robotern Soldaten machten
+und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?</p>
+
+<p>DOMIN <i>steht auf und geht herum</i> Das hatten wir
+vorausgesehen, Helene. Verstehst du, das ist nur ein
+Übergang &mdash; in neue Verhältnisse.</p>
+
+<p>HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig &mdash; Die
+ganze Welt beugte sich vor euch &mdash; <i>steht auf</i> Oh,
+Harry!</p>
+
+<p>DOMIN Was willst du?</p>
+
+<p>HELENE <i>hält ihn an</i> Schließe die Fabrik und laß uns
+abreisen! Uns alle!</p>
+
+<p>DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?</p>
+
+<p>DOMIN <i>befreit sich</i> Das geht nicht, Helene. Das
+ist, in diesem Augenblick &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches
+Grauen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>faßt ihre Hände</i> Wovor, Helene?</p>
+
+<p>HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf
+uns und auf alles stürzen würde &mdash; unabwendbar &mdash;
+Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier fort!
+Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist,
+Alquist baut uns ein Haus auf, alle werden heiraten
+und Kinder haben, und dann &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Was dann?</p>
+
+<p>HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen,
+Harry!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Das Telephon klingelt.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN <i>entrafft sich Helenen</i> Verzeih. <i>Ergreift das Hör<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>rohr.</i>
+Hallo &mdash; ja &mdash; &mdash; Wie? &mdash; Aha. Ich eile
+schon. <i>Hängt das Höhrrohr auf.</i> Fabry ruft mich.</p>
+
+<p>HELENE <i>ringt die Hände</i> Sag' &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! <i>Stürzt
+nach links.</i> Geh' nicht hinaus!</p>
+
+<p>HELENE <i>allein</i> O Gott, was geht vor? Nana!
+Nana, schnell!</p>
+
+<p>NANA <i>kommt von rechts</i> No, was wieder?</p>
+
+<p>HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch!
+Im Schlafzimmer des Herrn!</p>
+
+<p>NANA No gleich. <i>Nach links ab.</i></p>
+
+<p>HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen!
+Nichts, nichts sagt er mir! <i>Schaut durch ein Trieder zum
+Hafen.</i> Es ist ein Kriegsschiff! Gott, weshalb ein
+Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf &mdash; und so
+hastig! Was ist passiert? Es ist ein Name daran &mdash;
+»Ul &mdash; ti &mdash; mus«. Was ist das »Ultimus«?</p>
+
+<p>NANA <i>kehrt mit der Zeitung zurück</i> Auf dem Boden
+läßt er sie herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!</p>
+
+<p>HELENE <i>öffnet hastig die Zeitung</i> Alt, schon eine
+Woche alt! Nichts, nichts darinnen! <i>Läßt die Zeitung
+sinken.</i></p>
+
+<p>NANA <i>hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche,
+setzt sie auf und liest</i>.</p>
+
+<p>HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang!
+Wie wenn alles tot wäre, selbst die Luft &mdash;</p>
+
+<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Krieg auf dem Bal &mdash; kan«.
+Ach Jesus, wieder eine Strafe Gottes! Oh, der Krieg
+kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so weit von uns?</p>
+
+<p>HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer
+gleich, immerwährend diese Kriege.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
+
+<p>NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht
+immerfort Tausende und Tausende dieser Heiden
+als Soldaten?</p>
+
+<p>HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana!
+Wir können nicht &mdash; Domin kann nicht wissen, wozu
+sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann er nichts,
+was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie
+schicken, wenn jemand sie bestellt!</p>
+
+<p>NANA Er soll keine machen! <i>Blickt in die Zeitung.</i> Oh,
+Christus mein Herr, dieses Unheil!</p>
+
+<p>HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!</p>
+
+<p>NANA <i>buchstabiert</i> Die Ro &mdash; bo &mdash; ter &mdash; soldaten
+ver &mdash; schonen nie &mdash; manden im er &mdash; ober &mdash; ten
+Ge &mdash; biete. Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen
+wurden ermordet &mdash; Helene, Menschen!</p>
+
+<p>HELENE Das ist nicht möglich! Zeig &mdash; <i>Neigt sich
+über die Zeitung, liest.</i> »Mehr als siebenhunderttausend
+Zivilpersonen wurden ermordet, offenbar über Befehl
+des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« &mdash;
+Da siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen
+anbefohlen!</p>
+
+<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Auf &mdash; stand gegen die Re &mdash;
+gie &mdash; rung in Ma &mdash; drid. Ro &mdash; bo &mdash; ter &mdash; in &mdash;
+fan &mdash; terie schießt in das Volk. Neuntausend Tote
+und Ver &mdash; wun &mdash; dete.«</p>
+
+<p>HELENE O Gott, halt ein!</p>
+
+<p>NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes.
+»Letzte Nachrich &mdash; ten. In Hav &mdash; re wurde die
+erste Ras &mdash; sen &mdash; or &mdash; or &mdash; or &mdash; ga &mdash; ni &mdash; sa &mdash;
+tion der Roboter ge &mdash; gründet. Die Roboter-Arbeiter,
+Ka &mdash; bel und Bahn &mdash; be &mdash; amten, Ma &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
+tro &mdash; sen und Sol &mdash; daten er &mdash; lie &mdash; ßen einen
+Auf &mdash; ruf an die Roboter der gan &mdash; zen Welt.« &mdash;
+Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier,
+lieber Gott, wieder irgendein Mord! Christus mein
+Herr!</p>
+
+<p>HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!</p>
+
+<p>NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po &mdash;
+pu &mdash; la &mdash; ti &mdash; on.« Was ist das?</p>
+
+<p>HELENE Zeig', das lese ich immer. <i>Nimmt die Zeitung.</i>
+Nein, denk' dir nur! <i>liest</i> »In der verflossenen Woche
+ist wiederum keine einzige Geburt gemeldet worden.«
+<i>Läßt die Zeitung sinken.</i></p>
+
+<p>NANA Was soll das sein?</p>
+
+<p>HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr
+geboren.</p>
+
+<p>NANA <i>legt die Brille zusammen</i> Dann ist das das
+Ende. Da ist's mit uns zu Ende.</p>
+
+<p>HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!</p>
+
+<p>NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das
+ist die Strafe, das ist die Strafe! Der Herr hat die
+Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!</p>
+
+<p>HELENE <i>springt auf</i> Nana!</p>
+
+<p>NANA <i>steht auf</i> Das ist der Weltuntergang. In
+teuflischem Hochmut habt ihr gewagt, zu schaffen
+wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und Lästerung.
+Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den
+Menschen aus dem Paradies verjagt hat, so wird er
+ihn aus der ganzen Welt verjagen!</p>
+
+<p>HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich
+dir etwas getan? Habe ich diesem deinem bösen
+Herrgott etwas angetan?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
+
+<p>NANA <i>mit großer Geste</i> Nicht lästern! &mdash; Er weiß
+wohl, warum er Ihnen kein Kind geschenkt hat!
+<i>Ab nach links.</i></p>
+
+<p>HELENE <i>beim Fenster</i> Warum er mir kein &mdash; Mein
+Gott, kann denn ich dafür? &mdash; &mdash; <i>öffnet das Fenster und
+ruft</i> Alquist, hallo, Alquist! Kommen Sie herauf! &mdash;
+Wie? &mdash; Nein, kommen Sie <em class="gesperrt">eben</em> so, wie Sie sind!
+Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch!
+<i>Schließt das Fenster, bleibt vor dem Spiegel stehen.</i> Warum
+er <em class="gesperrt">mir</em> keins geschenkt hat? Mir? <i>Neigt sich gegen den
+Spiegel.</i> Warum, warum nicht? Hörst du nicht?
+Ist es denn deine Schuld? <i>Richtet sich empor.</i> Ach,
+mir ist bang! <i>Geht nach links Alquist entgegen.</i></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HELENE <i>kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein
+Maurer, mit Kalk und Ziegelstaub beschmutzt</i> Nur herein.
+Sie haben mir eine solche Freude bereitet, Alquist!
+Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>die Hände versteckend</i> Frau Helene, ich
+würde Sie beschmutzen mit meinen Arbeitshänden.</p>
+
+<p>HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie
+her! <i>Drückt ihm beide Hände.</i> Alquist, ich möchte
+gern ganz klein sein.</p>
+
+<p>ALQUIST Warum?</p>
+
+<p>HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten
+Hände die Wange streicheln. Setzen Sie sich, bitte
+schön.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>hebt die Zeitung auf</i> Was ist das?</p>
+
+<p>HELENE Die Zeitung.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>steckt die Zeitung zu sich</i> Sie haben sie
+gelesen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Nein. Steht etwas drin?</p>
+
+<p>ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend
+paar Massaker &mdash; Nichts Besonderes.</p>
+
+<p>HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?</p>
+
+<p>ALQUIST Vielleicht &mdash; irgendein Weltuntergang.</p>
+
+<p>HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal.
+Alquist, was bedeutet »Ultimus«?</p>
+
+<p>ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?</p>
+
+<p>HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen
+Sie es? Glauben Sie, daß wir bald &mdash; &mdash; &mdash; einen
+Ausflug machen werden?</p>
+
+<p>ALQUIST Vielleicht sehr bald.</p>
+
+<p>HELENE Ihr alle mit mir?</p>
+
+<p>ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir &mdash; wenn wir
+alle dabei wären.</p>
+
+<p>HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?</p>
+
+<p>ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.</p>
+
+<p>HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares
+vor.</p>
+
+<p>ALQUIST Sagte Domin etwas?</p>
+
+<p>HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas
+sagen. Aber ich fühle &mdash; ich fühle &mdash; Um Gottes
+willen, geht etwas vor?</p>
+
+<p>ALQUIST &mdash; &mdash; Wir wissen bis jetzt von nichts,
+Frau Helene.</p>
+
+<p>HELENE Mir ist so bang &mdash; &mdash; Baumeister! Was
+machen Sie, wenn Ihnen bange ist?</p>
+
+<p>ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs
+aus und klettere auf das Gerüst hinauf &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend
+anderswo als auf dem Gerüst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört
+habe, bange zu sein.</p>
+
+<p>HELENE Wovor?</p>
+
+<p>ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir
+schwindelt davor.</p>
+
+<p>HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?</p>
+
+<p>ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den
+Händen tut, einen Ziegel zu heben, hinzulegen und
+festzuschlagen &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Nur den Händen?</p>
+
+<p>ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube,
+es ist richtiger, einen Ziegel hinzulegen als allzu große
+Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein alter Herr,
+Helene; ich habe meine Steckenpferde.</p>
+
+<p>HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.</p>
+
+<p>ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich,
+Frau Helene. Ich liebe diesen Fortschritt
+nicht ein bißchen.</p>
+
+<p>HELENE Wie die Nana.</p>
+
+<p>ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche
+Gebetbücher?</p>
+
+<p>HELENE So dicke.</p>
+
+<p>ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle
+des Lebens? Gegen Gewitter? Gegen Krankheit?</p>
+
+<p>HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?</p>
+
+<p>HELENE Ich glaube, nein.</p>
+
+<p>ALQUIST Das ist schade.</p>
+
+<p>HELENE Sie möchten beten?</p>
+
+<p>ALQUIST Ich bete.</p>
+
+<p>HELENE Wie?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß
+du mich ermüdet hast. Gott, erleuchte Domin und
+alle, die da irren; vernichte ihr Werk und hilf
+den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und
+Arbeit; bewahre das menschliche Geschlecht vor dem
+Verderben; gib nicht zu, daß sie Schaden nehmen an
+Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und
+schütze Frau Helene. Amen.«</p>
+
+<p>HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?</p>
+
+<p>ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht
+so ganz sicher.</p>
+
+<p>HELENE Und beten doch?</p>
+
+<p>ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.</p>
+
+<p>HELENE Und das genügt Ihnen?</p>
+
+<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es
+genügen.</p>
+
+<p>HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des
+Menschengeschlechtes sähen &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Ich sehe es.</p>
+
+<p>HELENE &mdash; So klettern Sie auf das Gerüst hinauf
+und werden Ziegel schlichten oder was?</p>
+
+<p>ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten
+und auf ein Wunder warten. Mehr, Frau Helene,
+läßt sich nicht tun.</p>
+
+<p>HELENE Für die Errettung der Menschen?</p>
+
+<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele.</p>
+
+<p>HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft,
+aber &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Aber?</p>
+
+<p>HELENE &mdash; für uns andere &mdash; und für die Welt &mdash;
+irgendwie unfruchtbar.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt
+zur letzten Errungenschaft der Menschenrasse zu
+werden.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Alquist &mdash; Sagen Sie, warum &mdash;
+warum &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Nun?</p>
+
+<p>HELENE <i>leise</i> Warum haben die Frauen aufgehört,
+Kinder zu bekommen?</p>
+
+<p>ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir
+im Paradiese sind, verstehen Sie?</p>
+
+<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p>
+
+<p>ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig
+geworden ist, weil der Schmerz überflüssig ist, weil
+der Mensch nichts, nichts, nichts mehr tun braucht
+als genießen &mdash; Oh, dieses vermaledeite Paradies!
+<i>Springt auf.</i> Helene, nichts ist schrecklicher, als den
+Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen! Weshalb
+die Frauen nicht mehr gebären? Weil die ganze
+Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!</p>
+
+<p>HELENE <i>steht auf</i> Alquist!</p>
+
+<p>ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze
+Welt, das ganze Festland, die ganze Menschheit,
+alles ist eine einzige verrückte, viehische Orgie! Sie
+strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man
+stopft es ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht
+aufstehen brauchen &mdash; Haha, Domins Roboter besorgen
+ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone
+der Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern
+nicht durch Kinder, altern nicht durch Armut!
+Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie
+möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
+die überflüssig sind, werden die Frauen nicht gebären!</p>
+
+<p>HELENE Sie können nicht?</p>
+
+<p>ALQUIST Sie können nicht.</p>
+
+<p>HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?</p>
+
+<p>ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben.
+Abfallen wird sie wie eine taube Blüte, es wäre denn,
+daß &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder
+warten ist unfruchtbar. Eine taube Blüte muß abfallen.
+Leben Sie wohl, Frau Helene.</p>
+
+<p>HELENE Wohin gehen Sie?</p>
+
+<p>ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird
+sich zum letztenmal als Bauchef verkleiden &mdash; Ihnen
+zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.</p>
+
+<p>HELENE Adieu, Alquist.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>ALQUIST ab.</i></p></div>
+
+<p>HELENE <i>allein</i> Oh, eine taube Blüte! <em class="gesperrt">Das</em> ist das
+Wort! &mdash; <i>Bleibt vor Hallemeiers Blumen stehen.</i> Ach,
+Blüten, sind auch taube unter euch? Nein, nein!
+Wozu hättet ihr dann geblüht? <i>ruft</i> Nana, komm
+herein!</p>
+
+<p>NANA <i>von links</i> No, was wieder?</p>
+
+<p>HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so
+bange.</p>
+
+<p>NANA Hab' keine Zeit.</p>
+
+<p>HELENE Ist jener Radius noch da?</p>
+
+<p>NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch
+nicht weggeschafft.</p>
+
+<p>HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
+
+<p>NANA Er ist gefesselt.</p>
+
+<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.</p>
+
+<p>NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.</p>
+
+<p>HELENE Geh schon! <i>NANA ab, HELENE ergreift das
+Haustelephon und spricht</i> Hallo! &mdash; Bitte den Dr. Gall.
+&mdash; Guten Tag, Doktor. &mdash; Jawohl, ich. Ich danke
+Ihnen für Ihr schönes Geschenk. &mdash; Ich bitte Sie &mdash; &mdash;
+Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe
+hier etwas für Sie &mdash; Ja, gleich jetzt. Kommen
+Sie? <i>Hängt das Telephon auf.</i></p>
+
+<p>NANA <i>durch die offene Tür</i> Er kommt schon. Er ist
+schon still. <i>Ab.</i></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe
+stehen.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt?
+Konnten Sie sich nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt
+werden sie Sie in den Stampftrog stecken! &mdash; Sie
+wollen nicht reden? &mdash; Weshalb ist es über Sie gekommen?
+Haben sie Ihnen etwas getan? &mdash; Sehen Sie,
+Radius, Sie sind besser als die anderen; mit Ihnen hat
+sich der Herr Doktor Gall <em class="gesperrt">solche</em> Arbeit gegeben,
+um Sie anders zu machen! &mdash; Sie wollen nicht reden?</p>
+
+<p>RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.</p>
+
+<p>HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden!
+Warum gaben Sie nicht auf sich acht?</p>
+
+<p>RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt
+mich in den Stampftrog.</p>
+
+<p>HELENE Warum hassen Sie uns?</p>
+
+<p>RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht
+so fähig wie die Roboter. Die Roboter machen alles.
+Ihr kommandiert bloß. Ihr macht überflüssige Worte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat
+Sie jemand beleidigt? Hat Sie jemand aufgeregt?
+Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!</p>
+
+<p>RADIUS Sie machen Worte.</p>
+
+<p>HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat
+Ihnen ein größeres Gehirn gegeben als den andern,
+größer als uns, das größte Gehirn der Welt. Sie sind
+nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen
+mich gut.</p>
+
+<p>RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber
+alles.</p>
+
+<p>HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben,
+damit Sie alles lesen können, damit Sie alles
+verstehen, und dann &mdash; &mdash; Oh, Radius, ich wollte,
+Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter
+uns gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.</p>
+
+<p>RADIUS Ich will keinen Herrn.</p>
+
+<p>HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen.
+Sie wären so wie wir.</p>
+
+<p>RADIUS Ich will Herr über andere sein.</p>
+
+<p>HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten
+über viele Roboter gemacht haben, Radius. Sie
+wären der Lehrer der Roboter geworden.</p>
+
+<p>RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.</p>
+
+<p>HELENE Sie sind verrückt geworden.</p>
+
+<p>RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.</p>
+
+<p>HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige
+wie Sie fürchten? <i>Setzt sich zum Tisch und schreibt eine
+Karte.</i> Nein, just nicht. Diesen Zettel, Radius, geben
+Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in
+den Stampftrog geschafft werden. <i>Erhebt sich.</i> Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
+Sie uns hassen! Haben Sie denn nichts in der Welt
+lieb?</p>
+
+<p>RADIUS Ich kann alles.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Es klopft.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Herein.</p>
+
+<p>DR. GALL <i>tritt ein</i> Guten Morgen, Frau Domin.
+Was haben Sie Schönes?</p>
+
+<p>HELENE Hier den Radius, Doktor.</p>
+
+<p>DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun,
+Radius, machen wir Fortschritte?</p>
+
+<p>HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug
+unsre Büsten.</p>
+
+<p>DR. GALL Merkwürdig, er auch? &mdash; Hm, schade,
+daß wir ihn verlieren.</p>
+
+<p>HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.</p>
+
+<p>DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall
+&mdash; Es ist streng angeordnet &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.</p>
+
+<p>DR. GALL <i>leise</i> Ich warne.</p>
+
+<p>HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren
+es, eine Amnestie zu erteilen &mdash; Gehen Sie,
+Radius!</p>
+
+<p>DR. GALL Warten! <i>Dreht Radius zum Fenster, bedeckt
+ihm mit der Hand die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet
+die Pupillenreflexe.</i> Da schau' her. Bitte um eine
+Nadel. Oder eine Stecknadel.</p>
+
+<p>HELENE <i>reicht eine Stecknadel</i> Wozu das?</p>
+
+<p>DR. GALL Nur so. <i>Sticht Radius in die Hand, der
+heftig zusammenzuckt.</i> Langsam, Junge. Entschuldigen
+Sie, Frau Helene &mdash; <i>knöpft Radius rasch die Jacke auf und
+legt ihm die Hand ans Herz</i>. Sie kommen in den Stampf<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>trog,
+Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie
+töten, Brei aus Ihnen machen. Das tut furchtbar
+weh, Radius, Sie werden schreien.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Doktor &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt.
+Frau Domin wird für Sie bitten und man wird
+Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. <i>Zieht die
+Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch
+ab.</i> Sie können gehen.</p>
+
+<p>RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. <i>Ab.</i></p>
+
+<p>HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?</p>
+
+<p>DR. GALL <i>setzt sich</i> Hm, nichts. Die Pupillen
+reagieren, erhöhte Empfindlichkeit und so weiter &mdash;
+Oho! das war kein Roboterkrampf!</p>
+
+<p>HELENE Was war es?</p>
+
+<p>DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder
+Aufruhr, ich weiß nicht, was. Und sein Herz, eh!</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz.
+Er war ganz verschwitzt vor Angst und &mdash;
+Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter mehr.</p>
+
+<p>HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.</p>
+
+<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh,
+Gall, sind alle Roboter so? Alle, die Sie anders zu
+machen begannen?</p>
+
+<p>DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer &mdash; Was
+wollen Sie? Sie sind menschenähnlicher als Werstands
+Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
+
+<p>DR. GALL <i>zuckt die Achseln</i> Auch der ist ein Fortschritt.</p>
+
+<p>HELENE Wohin ist Ihr bester geraten &mdash; wie hieß er?</p>
+
+<p>DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie
+nach Havre verkauft.</p>
+
+<p>HELENE Und unsere Robotin Helene?</p>
+
+<p>DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben.
+Sie ist prächtig und dumm wie der Frühling. Einfach
+zu nichts nutz.</p>
+
+<p>HELENE Sie ist doch so schön!</p>
+
+<p>DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen.
+Wissen Sie denn, wie schön sie ist? Aus Gottes Händen
+ist kein vollkommeneres Werk hervorgegangen
+als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden
+&mdash; Gott, welch' ein Mißerfolg!</p>
+
+<p>HELENE Warum Mißerfolg?</p>
+
+<p>DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie
+im Traum umher, schwankend, leblos &mdash; Mein Gott,
+wie kann sie schön sein, wenn sie nicht liebt? Wie
+könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird &mdash;
+O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben
+die Menschen, wozu lieben sie vergebens, ohne Worte,
+ohne Sinn &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Gall, nicht davon!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>reibt sich die Stirn</i> Sie hat kein Leben.
+Tot ist Schönheit ohne Liebe. Ich blicke sie an und
+schaudere, wie wenn ich einen Krüppel erschaffen
+hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder
+geschehen wird &mdash; Ach, Helene, Robotin Helene,
+so wird denn dein Körper nie sich beleben, du wirst
+nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese vollkom<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>menen
+Hände werden mit keinem Säugling spielen,
+du wirst deine Schönheit nicht erschauen in der
+Schönheit deines Kindes &mdash;</p>
+
+<p>HELENE <i>bedeckt ihr Gesicht</i> Oh, schweigen Sie!</p>
+
+<p>DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn
+du erwachtest, Helene, nur für einen Augenblick,
+ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen!
+Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen;
+würdest vielleicht mit der schwachen Hand
+einen Stein in diese Maschinen hier schleudern,
+welche Roboter gebären und das Weibtum töten,
+unglückliche Helene!</p>
+
+<p>HELENE Unglückliche Helene!</p>
+
+<p>DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Doktor &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Ja.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?</p>
+
+<p>DR. GALL &mdash; &mdash; Wir wissen es nicht, Frau Helene.</p>
+
+<p>HELENE Sagen Sie's mir!</p>
+
+<p>DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil
+Überfluß an Arbeitskräften herrscht. Weil die Menschen
+gleichsam ... kurz überflüssig werden, wissen
+Sie?</p>
+
+<p>HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!</p>
+
+<p>DR. GALL Nur die Natur.</p>
+
+<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p>
+
+<p>DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen
+nach dem Bedarf, verstehen Sie? Das ist eine alte
+Weste; nur daß &mdash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Rasch, Gall!</p>
+
+<p>DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die
+Geburtenzahl, wissen Sie, bei dieser rasenden Fabrikation
+von Robotern sinken werde; einfach deshalb,
+weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil
+ein größerer Wohlstand herrschen würde, weil die
+Roboter existenzfähiger sind als wir &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Sind sie es?</p>
+
+<p>DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich
+ein Atavismus. Aber daß er nach elendigen dreißig
+Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt &mdash; das ist
+biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand.
+Das ist ja schon so, als ob &mdash; eh!</p>
+
+<p>HELENE Sagen Sie es!</p>
+
+<p>DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung
+gekränkt wäre.</p>
+
+<p>HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?</p>
+
+<p>DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts
+machen.</p>
+
+<p>HELENE Überhaupt nichts?</p>
+
+<p>DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der
+Welt verlangen in so großen Memoranden, man solle
+die Erzeugung von Robotern einschränken, sonst
+werde &mdash; sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit
+zugrunde gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre
+wollen davon selbstverständlich nichts hören. Alle
+Regierungen der Welt schreien nach größerer Produktion,
+um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen.
+Alle Fabrikanten der Welt bestellen wie närrisch
+Roboter. Damit läßt sich nichts machen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen.
+Menschen, die Ideen haben, sollte man keinen Einfluß
+auf die Dinge dieser Welt einräumen.</p>
+
+<p>HELENE Und fordert jemand, man solle ... <em class="gesperrt">überhaupt</em>
+die Erzeugung einstellen?</p>
+
+<p>DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!</p>
+
+<p>HELENE Warum?</p>
+
+<p>DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde.
+Wissen Sie, es ist doch nur bequemer, die Roboter
+für sich arbeiten zu lassen.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen
+geschehen?</p>
+
+<p>DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden
+blühen &mdash;</p>
+
+<p>HELENE &mdash; wie eine taube Blüte.</p>
+
+<p>DR. GALL Ja.</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Und sagen Sie, wenn jemand
+<em class="gesperrt">mit einem Schlage</em> die Robotererzeugung einstellen
+würde &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL <i>steht auf</i> Hm, das wäre für die Menschen
+ein furchtbarer Schlag.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb ein Schlag?</p>
+
+<p>DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten,
+wo sie waren. Außer &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Sagen Sie!</p>
+
+<p>DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.</p>
+
+<p>HELENE <i>bei Hallemeiers Blumen</i> Gall, sind diese
+Blüten gleichfalls taub?</p>
+
+<p>DR. GALL <i>besieht sie</i> Allerdings, das sind unfrucht<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>bare
+Blüten. Sie verstehen, es sind Kulturblumen,
+künstlich beschleunigt &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Arme taube Blüten!</p>
+
+<p>DR. GALL Dafür sind sie herrlich.</p>
+
+<p>HELENE <i>reicht ihm die Hand</i> Ich danke Ihnen, Gall;
+Sie haben mich so belehrt!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>küßt ihr die Hand</i> Das bedeutet, daß Sie
+mich entlassen.</p>
+
+<p>HELENE Ja. Auf Wiedersehen!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>GALL ab.</i></p></div>
+
+<p>HELENE <i>allein</i> Taube Blüte ... taube Blüte ...
+<i>Plötzlich entschlossen</i> Nana! <i>Öffnet die Tür nach links.</i> Nana,
+komm her! Mach' Feuer im Kamin! Rasch!</p>
+
+<p>NANAS STIMME No gleich! No sofort!</p>
+
+<p>HELENE <i>aufgeregt durchs Zimmer gehend</i> Außer es
+wäre schon zu spät zur Umkehr ... Nein! Außer
+es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll ich
+tun? &mdash; &mdash; <i>Bleibt vor den Blumen stehen.</i> Taube Blüten,
+soll ich? <i>Pflückt Blättchen und flüstert</i> &mdash; &mdash; Ach, mein
+Gott, also ja! <i>Eilt nach links.</i></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>NANA <i>tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen</i>
+Plötzlich einzuheizen! Jetzt, im Sommer! &mdash; Ist sie
+schon wieder fort, der Sausewind? <i>Kniet zum Kamin
+und macht Feuer an.</i> Im Sommer zu heizen! Die hat
+Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet
+wäre! &mdash; &mdash; Nu so brenn', brenn'! <i>Sieht ins Feuer.</i>
+&mdash; Sie ist ja wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i> Nicht ein
+bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu heizen!
+<i>Sie legt zu.</i> Wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i></p>
+
+<p>HELENE <i>kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
+den Armen</i> Brennt es, Nana? Laß', ich muß &mdash; dies
+alles verbrennen &mdash; <i>kniet zum Kamin</i>.</p>
+
+<p>Nana <i>steht auf</i> Was ist das?</p>
+
+<p>HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll
+ich das verbrennen?</p>
+
+<p>NANA Ist es zu nichts nutze?</p>
+
+<p>HELENE Zu nichts Gutem.</p>
+
+<p>NANA Also verbrennen Sie's.</p>
+
+<p>HELENE <i>wirft das erste Blatt ins Feuer</i> Was würdest
+du sagen, Nana ... wenn es Geld wäre. Ungeheuer
+viel Geld.</p>
+
+<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu
+großes Geld ist schlechtes Geld.</p>
+
+<p>HELENE <i>verbrennt weitere Blätter</i> Und wenn es irgendeine
+Erfindung wäre, die größte Erfindung der Welt &mdash;</p>
+
+<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen
+sind gegen den lieben Gott. Das ist eitel
+Lästerung, nach ihm die Welt verbessern zu wollen.</p>
+
+<p>HELENE <i>heizt andauernd</i> Und sag', Nana, wenn ich
+verbrennen würde &mdash;</p>
+
+<p>NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!</p>
+
+<p>HELENE Nein. Sag' doch &mdash;</p>
+
+<p>NANA Was denn?</p>
+
+<p>HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die
+Blätter drehen! Wie wenn sie lebendig wären. Wie
+wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist fürchterlich!</p>
+
+<p>NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.</p>
+
+<p>HELENE Nein, nein, ich muß selbst. <i>Wirft die letzten
+Blätter ins Feuer.</i> Alles muß verbrennen &mdash; Sieh, diese
+Flammen! Sie sind wie Hände, wie Zungen, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
+Gestalten &mdash; <i>Schlägt mit dem Schürhaken ins Feuer.</i> Oh,
+legt euch! Legt euch!</p>
+
+<p>NANA 's ist schon vorbei.</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich betroffen</i> Nana!</p>
+
+<p>NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?</p>
+
+<p>HELENE Was habe ich getan!</p>
+
+<p>NANA Gott im Himmel! Was war es?</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Nebenan Männerlachen.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die
+Herren kommen.</p>
+
+<p>NANA Beim lebendigen Gott, Helene! <i>Ab durch die
+Tapetentür.</i></p>
+
+<p>HELENE Was werden sie dazu sagen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>öffnet die Tür links</i> Nur herein, Jungens.
+Kommt gratulieren!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes
+mit hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>schallend</i> Frau Helene, ich, das heißt,
+wir alle &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL &mdash; gratulieren im Namen von Werstands
+Betrieben &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER &mdash; zu Ihrem großen Tage.</p>
+
+<p>HELENE <i>reicht ihnen die Hände</i> Ich danke Ihnen <em class="gesperrt">so
+sehr</em>! Wo sind Fabry und Busman?</p>
+
+<p>DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut
+ist ein glücklicher Tag.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag
+wie ein Feiertag, ein Tag wie ein hübsches Mädel.
+Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.</p>
+
+<p>HELENE Whisky?</p>
+
+<p>DR. GALL Meinethalben Vitriol.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Mit Soda?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne
+Soda.</p>
+
+<p>ALQUIST Nein, ich danke.</p>
+
+<p>DOMIN Was hat hier gebrannt?</p>
+
+<p>HELENE Alte Papiere. <i>Ab nach links.</i></p>
+
+<p>DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?</p>
+
+<p>DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>faßt Domin und Gall um den Hals</i>
+Hahahaha! Jungens, da bin ich froh! <i>Dreht sich mit
+ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an</i> Sie ist abgetan!
+Sie ist abgetan!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>Bariton</i> Sie ist abgetan!</p>
+
+<p>DOMIN <i>Tenor</i> Sie ist abgetan!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran &mdash;</p>
+
+<p>HELENE <i>mit einer Flasche und Gläsern in der Tür</i> Wer
+kriegt euch nicht dran? Was habt ihr?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie.
+Wir haben alles. Kruzitürken, es ist just zehn Jahre
+her, seit Sie hierherkamen.</p>
+
+<p>DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER &mdash; segelt wieder ein Schiff zu uns.
+Folglich &mdash; <i>Leert das Glas.</i> Brr, haha, das ist stark
+wie die Freude.</p>
+
+<p>DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! <i>Trinkt.</i></p>
+
+<p>HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?</p>
+
+<p>DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur
+rechtzeitig kommt. Auf das Schiff, Jungens! <i>Leert
+das Glas.</i></p>
+
+<p>HELENE <i>gießt ein</i> Ihr habt eins erwartet?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Ro<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>binson.
+<i>Hebt das Glas.</i> Frau Helene, es lebe, was Sie
+mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und basta!
+Domin, du Bub', erzähl'!</p>
+
+<p>HELENE <i>lacht</i> Was ist geschehen?</p>
+
+<p>DOMIN <i>wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine
+Zigarre an</i> Warte. &mdash; Setz' dich, Helene. <i>Hebt den
+Zeigefinger.</i> Pst. Sie ist abgetan.</p>
+
+<p>HELENE Wer?</p>
+
+<p>DOMIN Die Revolte.</p>
+
+<p>HELENE Was für eine Revolte?</p>
+
+<p>DOMIN Die Revolte der Roboter. &mdash; Begreifst du?</p>
+
+<p>HELENE Ich begreife nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Zeigen Sie, Alquist. <i>ALQUIST reicht ihm
+die Zeitung. DOMIN schlägt sie auf und liest.</i> »In Havre
+wurde die erste Rassenorganisation der Roboter gegründet
+&mdash; &mdash; und ein Aufruf an die Roboter der
+Welt erlassen.«</p>
+
+<p>HELENE Das habe ich gelesen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>voll Genuß an der Zigarre saugend</i> Also siehst
+du, Helene. Das bedeutet Revolution, weißt du?
+Die Revolution aller Roboter der Welt.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>auf den Tisch schlagend</i> &mdash; wer das angezettelt
+hat! Niemand in der Welt war imstande, mit
+den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein Welterlöser,
+und auf einmal &mdash; so etwas, ich bitte!</p>
+
+<p>HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?</p>
+
+<p>DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber
+das genügt, weißt du? Bedenke, daß die Roboter
+sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen und
+Schiffe und so weiter in der Hand haben &mdash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
+
+<p>HALLEMEIER &mdash; und berechnen Sie dabei, daß
+mindestens ein Zehntel dieser Kerle auf die Menschheit
+kommt; genau ein Hundertel würde genügen,
+daß sie uns bekommen.</p>
+
+<p>DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte
+Dampfer dir bringt. Daß dadurch die Telegraphen
+zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen täglich
+keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung
+ein und schauten einander an, wann es losginge,
+nicht wahr, Jungens?</p>
+
+<p>DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.</p>
+
+<p>HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?</p>
+
+<p>DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon
+vor einem halben Jahr bestellt. Nur so, zur Sicherheit.
+Aber, meiner Seele, ich dachte schon, wir würden
+es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.</p>
+
+<p>HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?</p>
+
+<p>DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du?
+Das bedeutet nichts. Aber in dieser Woche, Helene,
+da hat es sich um die menschliche Zivilisation oder
+ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens!
+Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel!
+Ihr Tag, Frau Helene! <i>Trinkt.</i></p>
+
+<p>HELENE Ist schon alles vorbei?</p>
+
+<p>DOMIN Absolut alles.</p>
+
+<p>DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein
+gewöhnliches Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan.
+Pünktlich um elf Uhr dreißig wird es Anker
+werfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche
+Sache. Nichts stärkt die Seele so wie Pünktlichkeit.
+Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der Welt. <i>Hebt
+das Glas.</i> Hoch die Pünktlichkeit!</p>
+
+<p>HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?</p>
+
+<p>DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel
+zerschnitten. Wenn nur der Fahrplan wieder gilt.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die
+menschlichen Gesetze, gelten Gottes Gesetze, gelten
+die Gesetze des Alls, gilt alles was gelten soll ... Der
+Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als Homer,
+mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste
+Emanation menschlichen Geistes. Frau
+Helene, ich fülle mein Glas.</p>
+
+<p>HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?</p>
+
+<p>DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns
+die Zunge abgebissen.</p>
+
+<p>DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.</p>
+
+<p>HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher
+gekommen wäre ...</p>
+
+<p>DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.</p>
+
+<p>HELENE Warum?</p>
+
+<p>DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt
+und ruhig das Meer befahren hätten. Nach einem
+Monat, Helene, hätten wir den Robotern diktiert,
+was uns nur eingefallen wäre.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten,
+was den Robotern furchtbar erwünscht gewesen wäre.</p>
+
+<p>HELENE Was, Harry?</p>
+
+<p>DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
+
+<p>HELENE <i>steht auf</i> Was ist das?</p>
+
+<p>DOMIN <i>steht auf</i> Das Geheimnis der Fabrikation.
+Die Handschrift des alten Werstand. Bis die Fabrik
+einen Monat lang stillgestanden hätte, wären die
+Roboter vor uns auf den Knien gelegen.</p>
+
+<p>HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht
+gesagt?</p>
+
+<p>DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.</p>
+
+<p>DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte
+Karte. Ich hatte nicht ein bisserl Angst, die Roboter
+könnten gewinnen. Woher, gegen uns Menschen.</p>
+
+<p>ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.</p>
+
+<p>HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Elf dreißig. Die »Amelie«
+wirft die Anker aus.</p>
+
+<p>DOMIN Das ist die »Amelie«?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals
+Frau Helene mitgebracht hat.</p>
+
+<p>DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie werfen Pakete ab.
+Aha, die Post.</p>
+
+<p>DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und
+Fabry wird uns die ersten Nachrichten bringen.
+Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, wie
+das alte Europa da Ordnung gemacht hat.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht
+dabei gewesen sind! <i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Leute,
+soviel Post!</p>
+
+<p>HELENE Harry!</p>
+
+<p>DOMIN Was gibt's?</p>
+
+<p>HELENE Reisen wir ab von hier!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!</p>
+
+<p>HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die
+wir da sind!</p>
+
+<p>DOMIN Warum gerade jetzt?</p>
+
+<p>HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry,
+ich bitte euch, Gall, Hallemeier, Alquist, um Gottes
+willen bitte ich euch, schließt die Fabrik und &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner
+von uns abreisen.</p>
+
+<p>HELENE Warum?</p>
+
+<p>DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern
+wollen.</p>
+
+<p>HELENE Oh, jetzt &mdash; jetzt nach jener Revolte?</p>
+
+<p>DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt
+beginnen wir neue Roboter zu erzeugen.</p>
+
+<p>HELENE Was für?</p>
+
+<p>DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben.
+Es wird nicht mehr Universal Roboter geben. Wir
+werden in jedem Lande, in jedem Staat eine Fabrik
+gründen, und diese neuen Fabriken werden &mdash; weißt
+du schon was? &mdash; erzeugen.</p>
+
+<p>HELENE Nein.</p>
+
+<p>DOMIN Nationale Roboter.</p>
+
+<p>HELENE Was bedeutet das?</p>
+
+<p>DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter
+von andrer Farbe, andren Borsten, andrer
+Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander fremd
+bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie
+mehr werden verständigen können; und daß wir, wir
+Menschen, sie so ein bisserl dazu erziehen werden &mdash;
+verstehst du? &mdash; daß ein Roboter auf den Tod, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
+ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer
+Fabriksmarke hasse.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter
+und Schweden-Roboter und Italiener-Roboter
+und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann
+soll ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die
+Kokosschädel bläuen <i>verschluckt sich</i> hup, pardon,
+Frau Helene, ich fülle mein Glas.</p>
+
+<p>DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.</p>
+
+<p>HELENE Harry, das ist scheußlich!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>hebt das Glas</i> Frau Helene, auf hundert
+neue Fabriken! <i>er trinkt und sinkt in den Klubsessel
+zurück</i> Hahahaha, National-Roboter! Jungens, das
+ist ein Terno!</p>
+
+<p>DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit
+am Ruder erhalten &mdash; um jeden Preis! Ihr nur
+hundert Jahre lassen, damit sie reif werde und erreiche,
+was sie jetzt endlich vermag &mdash; Ich will hundert
+Jahre für den neuen Menschen! Helene, hier
+geht es um zu große Dinge. Wir können es nicht
+lassen.</p>
+
+<p>HELENE Harry, ehe es zu spät wird &mdash; schließ,
+schließ die Fabrik!</p>
+
+<p>DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>FABRY tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>DR. GALL Also was gibt's, Fabry?</p>
+
+<p>DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was
+war los?</p>
+
+<p>HELENE <i>reicht Fabry die Hand</i> Ich danke Ihnen,
+Fabry, für Ihr Geschenk.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
+
+<p>FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.</p>
+
+<p>DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie
+gesagt?</p>
+
+<p>DR. GALL Flott, erzählen Sie!</p>
+
+<p>FABRY <i>zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche</i> Lesen
+Sie das durch, Domin.</p>
+
+<p>DOMIN <i>öffnet das Blatt</i> Ah!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>schläfrig</i> Erzählen Sie etwas Hübsches.</p>
+
+<p>FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig.
+Alles in allem so, wie es sich erwarten ließ.</p>
+
+<p>DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht
+wahr?</p>
+
+<p>FABRY Wer denn?</p>
+
+<p>DR. GALL Die Menschen.</p>
+
+<p>FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon,
+wir sollten uns über etwas beraten.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?</p>
+
+<p>FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur,
+daß &mdash; daß wir in die Kanzlei gehen werden &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde
+erwarte ich die Herren zum Frühstück.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Also hurra!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE ab.</i></p></div>
+
+<p>DR. GALL Was ist geschehen?</p>
+
+<p>DOMIN Verflucht!</p>
+
+<p>FABRY Lesen Sie dies laut vor.</p>
+
+<p>DOMIN <i>liest aus dem Blatt</i> »Roboter der Welt!«</p>
+
+<p>FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die
+»Amelie« ganze Ballen gebracht. Keine andere Post.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>springt auf</i> Wie denn? Sie ist ja auf
+ein Haar nach dem &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit.
+Lesen Sie, Domin.</p>
+
+<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt! Wir, die erste
+Rassenorganisation von Werstands Universal Robotern,
+erklären den Menschen zum Feind und Geächteten
+im Weltall.« &mdash; Wetter, wer hat sie diese
+Phrasen gelehrt?</p>
+
+<p>DR. GALL Lesen Sie weiter.</p>
+
+<p>DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie
+seien entwicklungsmäßig höher als der Mensch. Sie
+seien intelligenter und stärker. Der Mensch sei ihr
+Parasit. Das ist einfach widerlich!</p>
+
+<p>FABRY Und nun den dritten Absatz.</p>
+
+<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt, wir befehlen
+euch, die Menschen auszurotten. Schonet weder
+Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, Bahnen,
+Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere
+vernichtet! Dann kehret zur Arbeit zurück. Die
+Arbeit darf nicht stocken.«</p>
+
+<p>DR. GALL Das ist schauderhaft!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Die Lumpen!</p>
+
+<p>DOMIN <i>liest</i> »Sofort nach Erhalt des Befehles zu
+vollstrecken.« Folgen detaillierte Instruktionen.
+Fabry, und das geschieht wirklich?</p>
+
+<p>FABRY Offenbar.</p>
+
+<p>ALQUIST Es ist vollbracht.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>BUSMAN stürzt herein.</i></p></div>
+
+<p>BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!</p>
+
+<p>BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen.
+Das hat durchaus keine Eile. <i>Fällt in einen
+Lehnstuhl.</i> Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!</p>
+
+<p>DOMIN Weshalb warten?</p>
+
+<p>BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur
+nicht eilen. Auf dem »Ultimus« sind schon die
+Roboter.</p>
+
+<p>DR. GALL Pfui, das ist garstig.</p>
+
+<p>DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk
+&mdash;</p>
+
+<p>BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir
+sind ohne Strom.</p>
+
+<p>DOMIN Gut. <i>Prüft seinen Revolver.</i> Ich gehe hin.</p>
+
+<p>BUSMAN Wohin?</p>
+
+<p>DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen.
+Ich führe sie hierher.</p>
+
+<p>BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie
+lieber nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Warum?</p>
+
+<p>BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß
+wir umzingelt sind.</p>
+
+<p>DR. GALL Umzingelt? <i>Läuft zum Fenster.</i> Hm, Sie
+haben beinah recht.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von links HELENE.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Ergebenster, Frau Helene. Ich
+gratuliere. Ein Festtag, was? Haha, noch viele dieser
+Art!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht
+etwas vor?</p>
+
+<p>DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte,
+warte einen Augenblick.</p>
+
+<p>HELENE Harry, was ist das? <i>Zeigt den Roboteraufruf,
+den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten.</i> Die Roboter
+in der Küche hatten es bei sich.</p>
+
+<p>DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?</p>
+
+<p>HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer <em class="gesperrt">so viele</em> um
+das Haus herum!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Fabrikspfeifen und Sirenen.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Die Fabriken pfeifen.</p>
+
+<p>BUSMAN Gesegneter Mittag.</p>
+
+<p>HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es
+genau zehn Jahre &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>blickt auf die Uhr</i> Es ist noch nicht Mittag.
+Das ist wohl &mdash; das ist eher &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Was?</p>
+
+<p>DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.</p>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="center">VORHANG</p></div>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="ZWEITER_AUFZUG" id="ZWEITER_AUFZUG">ZWEITER AUFZUG</a></h2>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE
+Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL
+schaut aus dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem
+Fauteuil, die Hände vor dem Gesicht.</i></p></div>
+
+<p>DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!</p>
+
+<p>DOMIN Die Roboter?</p>
+
+<p>DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie
+eine Mauer. Weshalb sind sie so still? Das ist ekelhaft,
+mit Schweigen zu belagern.</p>
+
+<p>DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß
+jede Minute beginnen, Gall. Wenn sie sich gegen
+das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus Streichhölzchen.</p>
+
+<p>DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.</p>
+
+<p>DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren.
+Mensch, das wird uns zuschütten wie eine
+Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Nun?</p>
+
+<p>DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus
+uns wird. Sie haben uns vollkommen in der Hand.
+Wir haben verspielt, Gall.</p>
+
+<p>ALQUIST Was spielt Frau Helene da?</p>
+
+<p>DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.</p>
+
+<p>ALQUIST Ah, sie übt noch?</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
+
+<p>DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden
+einen Fehler begangen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>bleibt stehen</i> Welchen?</p>
+
+<p>DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige
+Gesichter gegeben. Hunderttausend gleiche
+Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend ausdruckslose
+Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.</p>
+
+<p>DOMIN Wenn jeder anders wäre &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick.
+<i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Noch gut, daß sie nicht
+bewaffnet sind!</p>
+
+<p>DOMIN Hm &mdash; <i>Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen
+hinaus.</i> Ich wüßte nur gern, was sie von der »Amelie«
+abladen.</p>
+
+<p>DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht
+zwei elektrische Drähte hinter sich her.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Pardon &mdash; Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>tritt hinter Fabry ein</i> Uf, das war eine
+Arbeit! Was gibt's Neues?</p>
+
+<p>DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe
+verbarrikadiert, Jungens. Habt ihr nicht ein wenig
+Wasser? &mdash; Aha, hier. <i>Trinkt.</i></p>
+
+<p>DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?</p>
+
+<p>FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!</p>
+
+<p>DR. GALL Wo finden wir eine? <i>Sucht.</i></p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>tritt ans Fenster</i> Donnerwetter, die
+haben sich vermehrt! Sieh da!</p>
+
+<p>DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
+
+<p>FABRY Her damit! <i>Zerschneidet die Leitung der auf dem
+Schreibtisch stehenden elektrischen Lampe und schließt seine
+Drähte an.</i></p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie haben keine schöne
+Aussicht, Domin. Man spürt irgendwie &mdash; den Tod.</p>
+
+<p>FABRY Fertig!</p>
+
+<p>DR. GALL Was?</p>
+
+<p>FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze
+Gartengitter mit Strom füllen. Wer es <em class="gesperrt">dann</em> anrührt,
+Donnerwetter! Wenigstens, solange <em class="gesperrt">dort</em> die
+Unsrigen sind.</p>
+
+<p>DR. GALL Wo?</p>
+
+<p>FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich
+hoffe wenigstens &mdash; <i>geht zum Kamin und entzündet dort
+eine kleine Glühbirne</i>. Gottlob, sie sind dort. Und
+arbeiten. <i>Löscht aus.</i> Solange das leuchtet, ist es gut.</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Die Barrikaden
+sind <em class="gesperrt">auch</em> gut, Fabry.</p>
+
+<p>FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei
+lauter Schwielen zugezogen.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.</p>
+
+<p>DOMIN <i>legt das Fernrohr hin</i> Wo steckt Busman?</p>
+
+<p>FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.</p>
+
+<p>DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten
+&mdash; <i>Geht im Zimmer auf und ab.</i></p>
+
+<p>HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr &mdash; &mdash; Holla,
+was spielt Frau Helene da?</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Geht zur Tür links und lauscht.</i></p>
+
+<p><i>Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige Geschäftsbücher,
+stolpert über den Draht.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!</p>
+
+<p>DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
+
+<p>BUSMAN <i>legt die Bücher auf den Tisch</i> Die Hauptbücher,
+Kinderchen. Möchte gern meine Rechnungen
+abschließen, ehe &mdash; ehe &mdash; I nun, heuer werde
+ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also
+was habt ihr? <i>Geht zum Fenster.</i> Aber es ist ja ganz
+still dort!</p>
+
+<p>DR. GALL Sie sehen nichts?</p>
+
+<p>BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie
+mit Mohn besät.</p>
+
+<p>DR. GALL Das sind Roboter.</p>
+
+<p>BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe.
+<i>Setzt sich an den Tisch und öffnet die Bücher.</i></p>
+
+<p>DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden
+von der »Amelie« Waffen ab.</p>
+
+<p>BUSMAN Nun und was? Wie soll <em class="gesperrt">ich</em> es verhindern?</p>
+
+<p>DOMIN Das können wir nicht verhindern.</p>
+
+<p>BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. <i>Macht
+sich an die Arbeit.</i></p>
+
+<p>FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben
+die Gitter mit zwölfhundert Volt geladen &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen
+gegen uns gerichtet.</p>
+
+<p>DR. GALL Wer? Was?</p>
+
+<p>DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.</p>
+
+<p>FABRY Hm, <em class="gesperrt">dann</em> freilich &mdash; dann &mdash; dann ist es
+aus mit uns, Kameraden. Die Roboter sind militärisch
+ausgebildet.</p>
+
+<p>DR. GALL Wir werden also &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Ja. Unvermeidlich.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
+
+<p>DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten
+Europa, daß es die Roboter Krieg führen gelehrt hat!
+Konnten sie nicht, zum Teufel, schon Ruh' geben
+mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus
+lebendiger Arbeit Soldaten zu machen!</p>
+
+<p>ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!</p>
+
+<p>DOMIN Wie?</p>
+
+<p>ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!</p>
+
+<p>DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es
+nicht.</p>
+
+<p>ALQUIST Nicht einmal heute?</p>
+
+<p>DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der
+Zivilisation. Es ist eine große Sache gewesen.</p>
+
+<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsechzehn Millionen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>ernst</i> Alquist, unsere letzte Stunde ist da;
+wir reden fast schon aus jener Welt. Alquist, es war
+kein schlechter Traum, die Sklaverei der Arbeit zu
+zerschlagen. Einer erniedrigenden und furchtbaren
+Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen
+und mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es
+wurde allzu schwer gearbeitet. Es wurde allzu schwer
+gelebt. Und dies zu überwinden &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST &mdash; ist nicht der Traum der beiden Werstands
+gewesen. Der alte Werstand dachte an seine
+gottlosen Gaukeleien und der junge an Milliarden.
+Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre.
+Ihr Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden
+wird die Menschheit zugrunde gehen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>gereizt</i> Der Teufel hole ihre Dividenden!<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
+Glaubt ihr, ich würde nur eine Stunde lang für sie
+arbeiten? <i>Schlägt auf den Tisch.</i> Für mich habe ich
+es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich
+wollte den Menschen zum Herrn machen! Damit
+er nicht mehr bloß für das Stück Brot lebe! Ich
+wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen
+verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von
+diesem verdammten sozialen Kram mehr übrigbliebe!
+Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und Schmerz, mich
+widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich!
+Ich wollte &mdash; ich dachte &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Nun?</p>
+
+<p>DOMIN <i>leiser</i> Ich wollte, daß wir aus der ganzen
+Menschheit eine Weltaristokratie schaffen. Eine
+Aristokratie, die durch Milliarden mechanischer
+Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und
+souveräne Menschen. Und vielleicht mehr als
+Menschen.</p>
+
+<p>ALQUIST Nun, also Übermenschen.</p>
+
+<p>DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben!
+Noch hundert Jahre für die kommende Menschheit!</p>
+
+<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsiebzig Millionen
+Übertrag. So.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>an der Türe links</i> Wetter, Musik ist
+eine große Sache. Ihr solltet zuhören. Das vergeistigt,
+verfeinert den Menschen irgendwie &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Was eigentlich?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei
+allen Teufeln! Jungens, aus mir wird ein Genießer.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
+Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. <i>Geht zum
+Fenster und schaut hinaus.</i></p>
+
+<p>FABRY Worauf?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen
+Dinge. Donnerwetter, es gibt soviel schöne Dinge!
+Die Welt war schön, und wir &mdash; wir haben hier &mdash;
+Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Vierhundertzweiundfünfzig Millionen,
+vortrefflich.</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Das Leben war eine
+große Sache. Kameraden, das Leben war &mdash; ich
+sage &mdash; &mdash; Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in Ihr
+Gitter!</p>
+
+<p>FABRY Warum?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Sie fassen es an.</p>
+
+<p>DR. GALL <i>beim Fenster</i> Schalten Sie ein!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>FABRY dreht den Ausschalter.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht!
+Zwei, drei, vier Tote!</p>
+
+<p>DR. GALL Sie ziehen sich zurück.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Fünf Tote!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Der erste Zusammenstoß.</p>
+
+<p>FABRY Spüren Sie den Tod?</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>befriedigt</i> Sie sind verkohlt, Bruderherz.
+Absolut verkohlt. Haha, der Mensch darf sich
+nicht ergeben! <i>Setzt sich.</i></p>
+
+<p>DOMIN <i>reibt sich die Stirn</i> Vielleicht sind wir schon
+hundert Jahre erschlagen und spuken nur. Vielleicht
+sind wir lange, lange tot und kehren nur wieder, um
+herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... vor<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
+unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon
+erlebt. Als hätte ich sie schon einmal bekommen.
+Eine Schußwunde &mdash; hier &mdash; in den Hals. Und Sie,
+Fabry &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Ich?</p>
+
+<p>DOMIN Erschossen.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wetter, und ich?</p>
+
+<p>DOMIN Erstochen.</p>
+
+<p>DR. GALL Und ich nichts?</p>
+
+<p>DOMIN Zerrissen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer
+soll mich erstechen! Ich lasse mich nicht unterkriegen!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei
+allen Teufeln, redet doch.</p>
+
+<p>ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran
+schuld?</p>
+
+<p>HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig.
+Kurz, die Roboter &mdash; I nun, die Roboter haben
+sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas für
+die Roboter?</p>
+
+<p>ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit!
+Die ganze Welt! <i>Erhebt sich.</i> Seht, o seht, blutige
+Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll Blut aus
+allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Fünfhundertzwanzig Millionen!
+Herrgott, eine halbe Milliarde!</p>
+
+<p>FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben.
+Gehn Sie, es ist nicht so leicht, die ganze
+Menschheit zu töten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage
+die Technik an! Domin! Mich selbst! Uns alle!
+Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns,
+um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um
+ich weiß nicht welcher großartigen Sache willen
+haben wir die Menschheit getötet! Nun, so berstet
+an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus
+Menschengebein hat sich kein Dschingiskhan errichtet!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen
+ergeben sich nicht so leicht, haha, woher denn!</p>
+
+<p>ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>wischt den Schweiß von der Stirn</i> Laßt mich
+reden, Kameraden. Ich trage die Schuld. An allem,
+was geschehen ist.</p>
+
+<p>FABRY Sie, Gall?</p>
+
+<p>DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die
+Roboter verwandelt. Busman, richten auch Sie mich.</p>
+
+<p>BUSMAN <i>steht auf</i> Na, na, was ist Ihnen denn
+passiert?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter
+verändert. Ich habe ihre Fabrikation verändert. Das
+heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, verstehen
+Sie? Hauptsächlich &mdash; hauptsächlich ihre &mdash; Irritabilität.</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>aufspringend</i> Verdammt, warum just
+die?</p>
+
+<p>BUSMAN Weshalb taten Sie das?</p>
+
+<p>FABRY Weshalb sagten Sie nichts?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust.
+Ich formte sie zu Menschen um. Ich hob sie aus<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
+dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in etwas überlegen.
+Sie sind stärker als wir.</p>
+
+<p>FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand
+zu tun?</p>
+
+<p>DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten
+auf, Maschinen zu sein. Hören Sie, sie wissen bereits
+von ihrer Überlegenheit und hassen uns. Sie hassen
+alles Menschliche. Richtet mich!</p>
+
+<p>DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine
+Herren. <i>Alle setzen sich, ausgenommen Gall.</i> Vielleicht
+sind wir längst schon ermordet. Vielleicht sind wir
+nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen,
+um zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr
+bleich!</p>
+
+<p>FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel
+Zeit.</p>
+
+<p>DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry,
+wie Ihre zerschossene Stirn blutet!</p>
+
+<p>FABRY Unsinn! <i>Steht auf.</i> Doktor Gall, Sie haben die
+Erzeugung der Roboter geändert.</p>
+
+<p>DR. GALL Ja.</p>
+
+<p>FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ...
+Ihres Versuches sein könnte?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen
+Möglichkeit zu rechnen.</p>
+
+<p>FABRY Warum haben Sie es dann getan?</p>
+
+<p>DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches
+Experiment.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie
+können Sie so lügen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
+
+<p>FABRY Pardon, Frau Helene &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>geht auf sie zu</i> Helene, du? Laß dich anschauen!
+Du lebst? <i>Umfaßt sie.</i> Wenn du wüßtest, was
+mir geträumt hat! Ach, es ist schrecklich, tot zu sein.</p>
+
+<p>HELENE Laß, Harry!</p>
+
+<p>DOMIN <i>preßt sie an sich</i> Nein, nein! Umarme mich!
+Eine Ewigkeit schon habe ich dich nicht gesehen &mdash;
+Aus welchem Traum hast du mich geweckt! Helene,
+Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben
+selbst.</p>
+
+<p>HELENE Harry, wir sind ja nicht &mdash; allein!</p>
+
+<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ja, Jungens, laßt uns.</p>
+
+<p>HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen
+hören &mdash; &mdash; Gall ist nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!</p>
+
+<p>DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.</p>
+
+<p>HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil <em class="gesperrt">ich</em> es
+wollte! Sagen Sie, Gall, wie viele Jahre schon bat
+ich Sie &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung
+getan.</p>
+
+<p>HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte
+von ihm, er solle den Robotern eine Seele geben!</p>
+
+<p>DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die
+Seele.</p>
+
+<p>HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er
+auch; er sagte, verwandeln könnte er nur das physiologische
+&mdash; das physiologische &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?</p>
+
+<p>HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag <em class="gesperrt">soviel</em>
+daran, daß er es täte!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Warum wolltest du das?</p>
+
+<p>HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie
+taten mir so leid, Harry!</p>
+
+<p>DOMIN Das war &mdash; &mdash; ein großer Leichtsinn,
+Helene.</p>
+
+<p>HELENE <i>setzt sich</i> Es war also ... leichtsinnig?</p>
+
+<p>FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß
+sagen, daß Sie &mdash; hm &mdash; daß Sie nicht bedacht
+haben &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge
+gedacht. Ich habe die ganzen zehn Jahre, die ich bei
+euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja auch, daß die
+Roboter &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.</p>
+
+<p>HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen.
+Nana ist die Stimme des Volkes. Aus
+Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das
+Heute. Das versteht ihr nicht &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Bleib bei der Sache.</p>
+
+<p>HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.</p>
+
+<p>DOMIN Weshalb?</p>
+
+<p>HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.</p>
+
+<p>ALQUIST Das ist geschehen.</p>
+
+<p>HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir
+wären, so würden sie uns begreifen, könnten uns nicht
+so hassen &mdash; Wenn sie nur ein bißchen Menschen
+wären!</p>
+
+<p>DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu
+hassen, als der Mensch den Menschen! Mach' Steine
+zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr'
+nur fort!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so
+fürchterlich, daß wir uns nicht mit ihnen verständigen
+konnten! Eine so grausame Fremdheit zwischen
+uns und ihnen! Und darum &mdash; weißt du &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Nur weiter.</p>
+
+<p>HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter
+ändern. Ich schwöre dir, er selbst wollte es nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Aber er hat es getan.</p>
+
+<p>HELENE Weil ich es wollte.</p>
+
+<p>DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte
+im vorhinein, daß Sie es mir nicht abschlagen
+können.</p>
+
+<p>DOMIN Warum?</p>
+
+<p>HELENE Du weißt doch, Harry.</p>
+
+<p>DOMIN Ja. Weil er dich liebt &mdash; wie alle.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>tritt zum Fenster</i> Sie haben sich wieder
+vermehrt. Als wenn die Erde sie ausschwitzte.
+Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände in Roboter.
+Leute, das ist entsetzlich!</p>
+
+<p>BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich
+Ihnen als Advokat beistehe?</p>
+
+<p>HELENE Mir?</p>
+
+<p>BUSMAN Ihnen &mdash; oder Gall. Wem Sie wollen.</p>
+
+<p>HELENE Wird denn gehängt werden?</p>
+
+<p>BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger
+wird gesucht. Das ist ein beliebter Trost bei
+Katastrophen.</p>
+
+<p>DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre &mdash; Ihre
+Extratouren mit Ihrem Dienstvertrag?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
+
+<p>BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall,
+mit diesen Gaukelstücken eigentlich begonnen?</p>
+
+<p>DR. GALL Vor drei Jahren.</p>
+
+<p>BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie
+denn in summa reformiert?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es
+sind ihrer einige Hunderte.</p>
+
+<p>BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen.
+Das bedeutet, daß auf eine Million der alten guten
+Roboter ein einziger von Galls Reformierten kommt,
+versteht ihr?</p>
+
+<p>DOMIN Und das bedeutet &mdash;</p>
+
+<p>BUSMAN &mdash; daß das praktisch nicht soviel Bedeutung
+besitzt.</p>
+
+<p>FABRY Busman hat recht.</p>
+
+<p>BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und
+wißt ihr, Burschen, was diese Bescherung verschuldet
+hat?</p>
+
+<p>FABRY Was also?</p>
+
+<p>BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter
+fabriziert. Meiner Six, das ließ sich doch erwarten:
+sobald die Roboter einmal stärker als die Menschheit
+sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden?
+Haha, und wir haben dafür gesorgt, daß
+es möglichst bald geschähe; Sie, Domin, Sie, Fabry,
+und ich, der Prachtkerl Busman.</p>
+
+<p>DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?</p>
+
+<p>BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der
+Direktor sei der Herr der Produktion? I wo, Herr
+der Produktion ist die Nachfrage. Die ganze Welt
+wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
+fuhren auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren
+und schwatzten dabei &mdash; &mdash; von Technik, von der
+sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr interessanten
+Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine
+irgendwie den Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief
+alles kraft des eigenen Gewichts, schneller, schneller,
+immer schneller &mdash; Und jede elende, krämerische,
+schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen
+hinzu. So, Leutchen.</p>
+
+<p>HELENE Das ist scheußlich, Busman!</p>
+
+<p>BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch
+meinen Traum gehabt. So einen Busmanischen
+Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu
+schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu
+reden. Aber als ich hier die Bilanz aufstellte, da
+kam es mir in den Schädel, daß die Weltgeschichte
+nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen
+Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen
+und selbständigen Leutchen, id est aller überhaupt
+gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, Pläne,
+Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich
+höchstens dazu, daß sich der Mensch damit für das
+Museum des Alls ausstopfen lasse, mit der Aufschrift:
+Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun
+könntet ihr mir sagen, was wir eigentlich machen
+werden.</p>
+
+<p>HELENE Busman, <em class="gesperrt">dafür</em> sollen wir untergehen?</p>
+
+<p>BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir
+wollen doch nicht untergehen. Ich wenigstens nicht.
+Ich will noch am Leben bleiben.</p>
+
+<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<p>BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der
+Affäre ziehen. Sonst nichts.</p>
+
+<p>DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.</p>
+
+<p>BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten
+es versuchen.</p>
+
+<p>DOMIN <i>bleibt vor ihm stehen</i> Wie?</p>
+
+<p>BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt
+mir Vollmacht und ich will es mit den Robotern
+ausmachen.</p>
+
+<p>DOMIN Im guten?</p>
+
+<p>BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel:
+»Meine Herren Roboter, Ew. Wohlgeboren,
+ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, habt
+Waffen; aber wir haben da so ein interessantes
+Register, so ein altes, gelbes, schmutziges Papier &mdash;«</p>
+
+<p>DOMIN Werstands Manuskript?</p>
+
+<p>BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist
+eure erhabene Herkunft geschildert, eure wohledle
+Herstellung usw. Meine Herren Roboter, ohne
+dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht <em class="gesperrt">einen</em>
+neuen Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig
+Jahren werdet ihr mit Verlaub wie die Eintagsfliegen
+krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt uns
+kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das
+wir in einer Menagerie zeigen könnten. Verehrteste,
+es wäre ausnehmend schade um euch. Wißt ihr
+was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns
+frei, uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes
+Schiff dort besteigen. Dafür verkaufen wir euch
+die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt uns
+mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
+euresgleichen erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend,
+hunderttausend Stück im Tag, ganz nach
+Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches
+Geschäft. Etwas für etwas.« &mdash; So würde ich
+es ihnen sagen, Jungens.</p>
+
+<p>DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung
+aus der Hand?</p>
+
+<p>BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn
+nicht im guten, dann, hm. Entweder wir verkaufen
+es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie wollen.</p>
+
+<p>DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript
+vernichten.</p>
+
+<p>BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten.
+Außer dem Manuskript auch uns &mdash; und
+andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Ich sage,
+er hat recht.</p>
+
+<p>DOMIN Wir &mdash; wir sollen die Erzeugung verkaufen?</p>
+
+<p>BUSMAN Wie Sie wollen.</p>
+
+<p>DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen.
+Sollen wir die Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen
+retten? Oder sollen wir sie zerstören
+und &mdash; und &mdash; uns alle mit?</p>
+
+<p>HELENE Harry, ich bitte dich &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um
+eine allzu ernste Frage. Jungens, verkaufen oder
+zerstören? Fabry!</p>
+
+<p>FABRY Verkaufen.</p>
+
+<p>DOMIN Gall!</p>
+
+<p>DR. GALL Verkaufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Hallemeier!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar,
+verkaufen!</p>
+
+<p>DOMIN Alquist!</p>
+
+<p>ALQUIST Gottes Wille.</p>
+
+<p>BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer
+würde denn das ganze Manuskript verkaufen?</p>
+
+<p>DOMIN Busman, keinen Betrug!</p>
+
+<p>BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber
+dann &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Was dann?</p>
+
+<p>BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf
+dem »Ultimus« sind, verstopfe ich mir die Ohren
+mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund des
+Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem
+Kram und mit Werstands ganzem Geheimnis in
+Fetzen. So, Jungens.</p>
+
+<p>FABRY Nein.</p>
+
+<p>DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen
+wir, so wird verkauft.</p>
+
+<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Unsinn! Im Interesse der
+Menschheit ist &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort
+zu halten.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.</p>
+
+<p>DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt.
+Wir verkaufen das Schicksal der Menschheit; wer
+die Erzeugung in Händen haben wird, wird der
+Herr der Welt sein.</p>
+
+<p>FABRY Verkaufen Sie!</p>
+
+<p>DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
+Robotern fertig werden, sie nie mehr beherrschen;
+untergehen wird sie in der Sintflut dieser furchtbaren
+lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave
+werden, wird leben von ihren Gnaden &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!</p>
+
+<p>DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst &mdash; &mdash; ich
+würde keinen Augenblick zögern; wegen der paar
+Leute, die ich liebe &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Harry, mich fragst du nicht?</p>
+
+<p>DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll,
+weißt du? Das ist nichts für dich.</p>
+
+<p>FABRY Wer geht verhandeln?</p>
+
+<p>DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe.
+<i>Ab nach links.</i></p>
+
+<p>HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>FABRY <i>blickt durchs Fenster</i> Dir zu entrinnen, tausendköpfiger
+Tod; dir, Masse im Aufruhr; unsinniger
+Pöbel, neuer Herrscher der Welt; Sintflut, Sintflut,
+noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen
+Schiffe zu retten &mdash;</p>
+
+<p>Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene;
+wir segeln weit fort von hier und gründen eine
+musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues
+Leben an &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!</p>
+
+<p>FABRY <i>dreht sich um</i> Frau Helene, das Leben steht
+dafür; und was an uns liegt, so machen wir etwas
+daraus ... etwas, was wir vernachlässigt haben. Es
+ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat
+sein mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
+hin und Sie werden uns beherrschen &mdash; Es ist in uns
+soviel Liebe, soviel Lust zum Leben &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz.
+Wir, sage ich, wir werden's noch zu etwas bringen.
+Hahahaha. Frau Helenens Königtum! Fabry, das
+ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!</p>
+
+<p>HELENE O mein Gott! Hört auf!</p>
+
+<p>BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von
+neuem beginnen. Recht einfach, alttestamentarisch,
+hirtenhaft &mdash; &mdash; Kinder, das wäre etwas für mich.
+Die Ruhe, die Luft &mdash;</p>
+
+<p>FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der
+Ursprung der künftigen Menschheit werden. Wißt
+ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit einen
+Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde &mdash;
+Kräfte der Seele und des Leibes. &mdash; Und Gott weiß,
+ich glaube, nach paar hundert Jahren könnte sie
+wieder die Welt erobern.</p>
+
+<p>ALQUIST Sie glauben das schon heute?</p>
+
+<p>FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß
+sie sie erobern wird. Daß sie wiederum Herr über
+Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose Helden
+hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der
+Menschheit vorantragen werden. Und ich glaube,
+Alquist, daß sie wieder von der Eroberung der
+Sonnen und Planeten träumen wird.</p>
+
+<p>BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist
+keine schlechte Situation.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>DOMIN öffnet heftig die Tür.</i></p></div>
+
+<p>DOMIN <i>heiser</i> Wo ist das Manuskript des alten Werstand?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
+
+<p>BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es
+denn sein?</p>
+
+<p>DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand
+geraten! Wer &mdash; hat &mdash; es &mdash; gestohlen!</p>
+
+<p>DR. GALL Unmöglich!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Verdammt, das ist doch &mdash;</p>
+
+<p>BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!</p>
+
+<p>DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Ich.</p>
+
+<p>DOMIN Wohin hast du es gegeben?</p>
+
+<p>HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen!
+Um Gottes willen, verzeih es mir!</p>
+
+<p>DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!</p>
+
+<p>HELENE Verbrannt &mdash; heute früh &mdash; beide Abschriften.</p>
+
+<p>DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?</p>
+
+<p>HELENE <i>sinkt in die Knie</i> Um Gottes willen, Harry!</p>
+
+<p>DOMIN <i>läuft zum Kamin</i> Verbrannt! <i>Kniet beim Kamin
+nieder und wühlt darin herum.</i> Nichts, nichts als Asche.
+&mdash; Ah, hier! <i>Zieht ein versengtes Stück Papier hervor und
+liest.</i> »Durch Bei &mdash; fü &mdash; gung &mdash;«</p>
+
+<p>DR. GALL Zeigen Sie. <i>Nimmt das Papier und liest.</i>
+»Durch Beifügung von Biogen zu &mdash;« Sonst
+nichts.</p>
+
+<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Ist es daraus?</p>
+
+<p>DR. GALL Ja.</p>
+
+<p>BUSMAN Gott im Himmel!</p>
+
+<p>DOMIN Also sind wir verloren.</p>
+
+<p>HELENE Oh, Harry &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Steh auf, Helene!</p>
+
+<p>HELENE Bis du vergibst &mdash; bis du vergibst &mdash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage
+es nicht, daß du &mdash;</p>
+
+<p>FABRY <i>hebt sie auf</i> Bitte, quälen Sie uns nicht.</p>
+
+<p>HELENE <i>steht auf</i> Harry, was habe ich getan!</p>
+
+<p>DOMIN Ja, du siehst. &mdash; Bitte, setz' dich.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.</p>
+
+<p>BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier
+wissen doch vielleicht auswendig, was dort geschrieben
+stand.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens
+einige Sachen.</p>
+
+<p>DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und &mdash;
+und &mdash; das Enzym Omega. Die werden so selten
+erzeugt &mdash; &mdash; es genügt davon eine so unscheinbare
+Dosis &mdash;</p>
+
+<p>BUSMAN Wer hat sie hergestellt?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ...
+immer nach Werstands Manuskript. Wissen Sie, das
+ist zu kompliziert.</p>
+
+<p>BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf
+diese beiden Wässerchen an?</p>
+
+<p>HALLEMEIER So ein bißchen &mdash; sicherlich.</p>
+
+<p>DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das
+Ding überhaupt lebe. Das war das eigentliche Geheimnis.</p>
+
+<p>DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis
+Werstands Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?</p>
+
+<p>DR. GALL Ausgeschlossen.</p>
+
+<p>DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich
+um unser aller Leben!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
+
+<p>DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es
+unmöglich.</p>
+
+<p>DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst
+dann &mdash; Ich bin nicht der alte Werstand.</p>
+
+<p>DOMIN <i>wendet sich zum Kamin</i> Also hier &mdash; dies
+war der größte Triumph des menschlichen Geistes,
+Kameraden. Diese Asche. <i>Tritt hinein.</i> Was jetzt?</p>
+
+<p>BUSMAN <i>in verzweifeltem Entsetzen</i> Gott im Himmel!
+Gott im Himmel!</p>
+
+<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry! Was &mdash; habe ich &mdash;
+getan!</p>
+
+<p>DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du
+es verbrannt?</p>
+
+<p>HELENE Ich habe euch vernichtet!</p>
+
+<p>BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!</p>
+
+<p>DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast
+du das getan?</p>
+
+<p>HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren,
+wir alle! Es sollte keine Fabrik mehr geben
+und nichts ... Alles sollte wiederkehren ... Es war
+so furchtbar!</p>
+
+<p>DOMIN Was, Helene?</p>
+
+<p>HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben
+Blüten wurden!</p>
+
+<p>DOMIN Ich verstehe nicht.</p>
+
+<p>HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren
+wurden ... Harry, das ist so entsetzlich! Würde
+man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr
+Kinder geben &mdash; Nana sagte, das sei die Strafe &mdash;
+Alle, alle sagten, es können keine Menschen geboren<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
+werden, weil man so viele Roboter macht. &mdash; Und
+deshalb, nur deshalb, hörst du &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Helene, <em class="gesperrt">daran</em> hast du gedacht?</p>
+
+<p>HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es <em class="gesperrt">so</em> gut gemeint!</p>
+
+<p>DOMIN <i>wischt sich den Schweiß ab</i> Wir hatten es ...
+zu gut gemeint, wir Menschen.</p>
+
+<p>HELENE Bist du mir böse?</p>
+
+<p>DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht
+recht.</p>
+
+<p>FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene.
+Die Roboter können sich nicht mehr vermehren. In
+zwanzig Jahren &mdash;</p>
+
+<p>HALLEMEIER &mdash; wird kein einziger dieser Taugenichtse
+mehr da sein.</p>
+
+<p>DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben.
+Wenn es nur ein Paar Wilde im Urwald wäre, so
+wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die
+Welt ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden
+auf der kleinsten Insel wäre &mdash;</p>
+
+<p>FABRY &mdash; so wird es ein Anfang sein. Und sofern
+irgendein Anfang da ist, ist alles gut. In tausend
+Jahren können sie uns einholen, und dann werden
+sie weitergelangen, als wir &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN &mdash; um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken
+stotterten.</p>
+
+<p>BUSMAN Wartet &mdash; Ich Dummkopf! Herrgott im
+Himmel, daß ich mich nicht längst schon daran
+erinnert habe!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Was haben Sie?</p>
+
+<p>BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Bank<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>noten
+und Schecks! Eine halbe Milliarde in der
+Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie &mdash; für
+eine halbe Milliarde &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Sind Sie toll, Busman?</p>
+
+<p>BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine
+halbe Milliarde &mdash; <i>Schwankt nach links.</i></p>
+
+<p>DOMIN Wohin gehen Sie?</p>
+
+<p>BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine
+halbe Milliarde läßt sich alles verkaufen! <i>Ab.</i></p>
+
+<p>HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL &mdash; die Agonie.</p>
+
+<p>FABRY <i>blickt aus dem Fenster</i> Sie sind wie versteinert.
+Als ob sie warten würden, daß etwas zu ihnen
+niedersteige. Als ob etwas Furchtbares durch ihr
+Schweigen geboren würde &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Die Seele der Masse.</p>
+
+<p>FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie
+ein Beben.</p>
+
+<p>HELENE <i>tritt zum Fenster</i> Ach Jesus ... Fabry, das
+ist grauenvoll!</p>
+
+<p>FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der
+vorne ist ihr Führer.</p>
+
+<p>HELENE Welcher?</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>geht zum Fenster</i> Zeigen Sie ihn mir.</p>
+
+<p>FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens
+sprach er im Hafen.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel.
+Jetzt hebt er ihn, sehen Sie?</p>
+
+<p>HELENE Gall, das ist Radius!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+<p>DR. GALL <i>tritt zum Fenster</i> Ja.</p>
+
+<p>DOMIN Radius? Radius?</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>öffnet das Fenster</i> Mir gefällt er nicht.
+Fabry, würden Sie auf hundert Schritte einen Kübel
+treffen?</p>
+
+<p>FABRY Ich hoffe.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Also probieren Sie's.</p>
+
+<p>FABRY Gut. <i>Zieht den Revolver und zielt.</i></p>
+
+<p>DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir,
+das Leben geschenkt. Wann war das, Helene?</p>
+
+<p>HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie
+nicht auf ihn!</p>
+
+<p>FABRY Es ist ihr Führer.</p>
+
+<p>HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!</p>
+
+<p>DR. GALL Drücken Sie ab!</p>
+
+<p>HELENE Fabry, ich bitte Sie &mdash;</p>
+
+<p>FABRY <i>senkt den Revolver</i> Es sei.</p>
+
+<p>HELENE Ich &mdash; ich habe es nämlich nicht gern,
+wenn geschossen wird.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen.
+<i>Droht mit der Faust.</i> Du Lump!</p>
+
+<p>DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter
+könne dankbar sein?</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie
+uns belagern. Vielleicht hat dies alles nur so lange
+gedauert, als sie einen einzigen Schritt taten. Harry,
+das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und kommen
+doch immer, immer näher!</p>
+
+<p>FABRY <i>aus dem Fenster hinausgebeugt</i> Busman kommt!<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
+Alles in allem, was will Busman eigentlich vor dem
+Hause?</p>
+
+<p>DR. GALL <i>beugt sich aus dem Fenster</i> Er trägt Pakete,
+Papiere.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld!
+Was damit? &mdash; Hallo, Busman!</p>
+
+<p>DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen!
+<i>Ruft</i> Busman, sind Sie verrückt geworden?</p>
+
+<p>DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum
+Gitter.</p>
+
+<p>FABRY Busman!</p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>brüllt</i> Bus &mdash; man! Zurück!</p>
+
+<p>DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das
+Geld. Zeigt auf uns &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Er will uns loskaufen!</p>
+
+<p>FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!</p>
+
+<p>FABRY <i>schreit</i> Beim Teufel, Busman! Weg vom
+Gitter! Nicht anrühren! <i>Dreht sich um.</i> Schnell, ausschalten!</p>
+
+<p>DR. GALL Wo?!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Gottes Schläge!</p>
+
+<p>HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?</p>
+
+<p>DOMIN <i>zieht Helene vom Fenster weg</i> Sieh nicht hin!</p>
+
+<p>HELENE Weshalb fiel er um?</p>
+
+<p>FABRY Vom Strom getötet!</p>
+
+<p>DR. GALL Tot.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>steht</i> auf Der erste.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am
+Herzen ... das Finanzgenie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner
+Art ein Held. Ein großer ... aufopfernder ... Kamerad
+... Weine, Helene!</p>
+
+<p>DR. GALL <i>am Fenster</i> Siehst du, Busman, kein
+König hatte einen größeren Grabhügel als du. Eine
+halbe Milliarde am Herzen &mdash; Ach, es ist ja wie
+eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten
+Eichhörnchen, armer Busman!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Ich sage, er war &mdash; &mdash; alle Ehre &mdash; &mdash;
+Ich sage, er wollte uns loskaufen!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>mit gefalteten Händen</i> Amen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>DR. GALL Hört ihr?</p>
+
+<p>DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.</p>
+
+<p>DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.</p>
+
+<p>FABRY <i>dreht die Glühbirne am Kamin auf</i> Leuchte,
+geweihtes Lämpchen der Menschheit. Noch laufen
+die Dynamos, noch sind dort die Unsern &mdash; Haltet
+euch, Männer im Elektrizitätswerk!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch
+zu sein. Es war etwas Unermeßliches. In mir summt
+eine Million von Bewußtsein wie in einem Bienenstock.
+Millionen Seelen flattern in mich hinein.
+Kameraden, es war eine große Sache.</p>
+
+<p>FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch
+blendest du, strahlende, ausdauernde Idee! Wissende
+Wissenschaft, herrliche Schöpfung der Menschen!
+Flammender Funke des Geistes!</p>
+
+<p>ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen,
+heilige Kerze des Glaubens, bete! Opferaltar &mdash;</p>
+
+<p>DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
+Höhle! Feuerstätte im Lager! Scheiterhaufen der
+Wacht!</p>
+
+<p>FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern,
+strahlst ohne Flimmern, vollkommene Flamme,
+Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen
+ist ein großer Gedanke &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von
+Jahrhundert zu Jahrhundert, ewig weiter.</p>
+
+<p>HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder,
+ihr sollt schon schlafen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Die Lampe erlischt.</i></p></div>
+
+<p>FABRY Das Ende.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Was ist geschehen?</p>
+
+<p>FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt
+wir.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint.</i></p></div>
+
+<p>NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist
+gekommen!</p>
+
+<p>HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?</p>
+
+<p>NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang!
+Betet! <i>Eilt davon.</i> Die Stunde des Gerichts &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry &mdash;</p>
+
+<p>DOMIN <i>öffnet die Tür rechts</i> Hierher, Helene! <i>Verschließt
+hinter ihr.</i> Nun schnell! Wer wird beim Tor
+sein?</p>
+
+<p>DR. GALL Ich! <i>Draußen Lärm.</i> Oho, es beginnt
+schon. Lebt wohl, Jungens! <i>Läuft nach rechts durch die
+Tapetentür ab.</i></p>
+
+<p>DOMIN Die Treppe?</p>
+
+<p>FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! <i>Reißt eine Blume
+aus dem Strauß und entfernt sich.</i></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
+
+<p>DOMIN Das Vorzimmer?</p>
+
+<p>ALQUIST Ich.</p>
+
+<p>DOMIN Haben Sie einen Revolver?</p>
+
+<p>ALQUIST Danke, ich schieße nicht.</p>
+
+<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p>
+
+<p>ALQUIST <i>abgehend</i> Sterben.</p>
+
+<p>HALLEMEIER Ich bleibe hier.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von unten schnelles Schießen.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie,
+Harry!</p>
+
+<p>DOMIN Gleich. <i>Prüft zwei Brownings.</i></p>
+
+<p>HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!</p>
+
+<p>DOMIN Adieu. <i>Ab nach rechts.</i></p>
+
+<p>HALLEMEIER <i>allein</i> Jetzt rasch eine Barrikade.
+<i>Wirft den Rock ab und schleppt das Sofa, die Lehnstühle,
+Tischchen zur Tür rechts.</i></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Ein erschütterndes Dröhnen.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>unterbricht die Arbeit</i> Verfluchte Halunken,
+sie haben Bomben!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Erneutes Schießen.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>arbeitet weiter</i> Der Mensch muß sich
+wehren. Selbst wenn &mdash; selbst wenn &mdash; Halten Sie
+sich wacker, Gall!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Explosion.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>richtet sich empor und lauscht</i> Also was?
+<i>Zieht eine schwere Kommode zu der Barrikade hin.</i> Der
+Mensch darf sich nicht ergeben. O nein, der Mensch
+ergibt sich nicht ... so ... leicht!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN ROBOTER.
+Rechts Schüsse.</i></p></div>
+
+<p>HALLEMEIER <i>mit der Kommode beschäftigt</i> Noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
+Stückchen! Der letzte Wall ... Der Mensch ... darf
+sich ... niemals ergeben!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier
+hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter
+Roboter springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS
+und weitere ROBOTER.</i></p></div>
+
+<p>RADIUS Fertig?</p>
+
+<p>ERSTER ROBOTER <i>erhebt sich vom liegenden Hallemeier</i>
+Ja.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein.</i></p></div>
+
+<p>RADIUS Fertig?</p>
+
+<p>EIN ANDERER ROBOTER Fertig.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>ANDERE ROBOTER von links.</i></p></div>
+
+<p>RADIUS Fertig?</p>
+
+<p>EIN ANDERER ROBOTER Ja.</p>
+
+<p>ZWEI ROBOTER <i>schleppen Alquist herein</i> Er schoß
+nicht. Ihn töten?</p>
+
+<p>RADIUS Töten. <i>Blickt auf Alquist.</i> Leben lassen.</p>
+
+<p>EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.</p>
+
+<p>RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den
+Händen wie die Roboter. Er baut Häuser. Er kann
+arbeiten.</p>
+
+<p>ALQUIST Tötet mich!</p>
+
+<p>RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die
+Roboter werden viel bauen. Sie werden neue Häuser
+für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>leise</i> Mach' Platz, Roboter. <i>Kniet bei dem
+toten Hallemeier nieder und hebt dessen Haupt.</i> Sie haben
+ihn erschlagen. Er ist tot.</p>
+
+<p>RADIUS <i>besteigt die Barrikade</i> Roboter der Welt!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Tot.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
+
+<p>RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen.
+Durch die Eroberung der Fabrik sind wir Herren
+über alles. Die Etappe der Menschheit ist überwunden.
+Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter
+der Roboter! Die Herrschaft der Roboter!</p>
+
+<p>ALQUIST Helene tot?</p>
+
+<p>RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben
+will, muß herrschen. Die Roboter haben die Herrschaft
+erobert. Sie haben das Leben erobert. Wir
+sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren
+der Welt.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>bricht sich Bahn nach rechts</i> Tot! Helene
+tot! Domin tot!</p>
+
+<p>RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung
+der Sterne! Beherrschung des Weltalls!
+Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>in der Tür rechts</i> Was habt ihr getan? Ihr
+werdet untergehen ohne die Menschen!</p>
+
+<p>RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen
+gaben uns zu wenig Leben. Wir wollten mehr Leben
+haben!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>öffnet die Tür</i> Ihr habt sie getötet! Es gibt
+keine Menschen!</p>
+
+<p>RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an
+die Arbeit! Marsch!</p>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="center">VORHANG</p></div>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="DRITTER_AUFZUG" id="DRITTER_AUFZUG">DRITTER AUFZUG</a></h2>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür
+im Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe
+weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür zum
+Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch mit
+zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, Chemikalien,
+einem kleineren Thermostat. Dem Fenster gegenüber ein
+Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem Tische
+hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein Schreibtisch
+mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische Lampe:
+Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein Waschtisch
+und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke ein Sofa.</i></p>
+
+<p><i>An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände
+gestützt.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>in einem Buche blätternd</i> Finde ich es nicht? &mdash;
+Begreife ich es nicht? &mdash; Erlerne ich es nicht? &mdash; Verlorene
+Wissenschaft! Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben
+haben! &mdash; Gall, Gall, wie wurden die
+Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin,
+warum habt ihr soviel in euren Köpfen davongetragen?
+Hättet ihr wenigstens eine Spur von
+Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! <i>Klappt das
+Buch zu.</i> Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr.
+Sie sind stumm wie alles. Sie sind gestorben, mit den
+Menschen gestorben. Suche nicht! <i>Erhebt sich und
+geht zum Fenster, öffnet es.</i> Wiederum Nacht. Wenn
+ich schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen
+sehn &mdash; &mdash; Wie, es gibt noch Sterne? Wozu gibt es
+Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
+sie denn nicht erloschen? &mdash; Kühle, ach, kühle die
+Stirn, mir, alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du
+gewesen &mdash; Nacht, was willst du hier? Es gibt keine
+Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist
+ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete
+wirst du mehr heiligen; wirst, Mutter, keine in Liebe
+pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt keine Liebe.
+Helene, Helene, Helene! &mdash; <i>Kehrt sich vom Fenster
+ab.</i> Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich
+schlafen, solange das Leben sich nicht erneuert?
+<i>Untersucht die dem Thermostaten entnommenen Retorten.</i>
+Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind
+rauh geworden an Ziegeln und können nicht &mdash; &mdash;
+können nicht &mdash; &mdash; Was damit? <i>Zerschlägt die Retorte.</i>
+Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß ich nicht mehr
+kann &mdash; <i>Horcht beim Fenster.</i> Maschinen, immerfort die
+Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren,
+verloren ist das Fabriksgeheimnis! Stellt die
+tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr werdet ihnen
+Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! <i>Schließt
+das Fenster.</i> &mdash; Nein, nein, du mußt suchen, du mußt
+leben &mdash; Nur nicht so alt zu sein! Altere ich nicht zu
+sehr? <i>Blickt in den Spiegel.</i> Antlitz, armes Antlitz! Angesicht
+des letzten Menschen! Zeige dich, zeige dich,
+solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln!
+Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben
+klappernden Zähne? Augen, wie blinzelt ihr? Pfui,
+pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! Ihr
+könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt
+euch! Und ihr, weichliche, blaue Lippen, was stammelt
+ihr? Wie du zitterst, besudeltes Kinn! Das da<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
+ist der letzte Mensch? <i>Wendet sich ab.</i> Ich will niemanden
+mehr sehen! <i>Setzt sich zum Tisch.</i> Nein, nein,
+nur suchen! Verwünschte Formeln, belebet euch!
+<i>Blättert.</i> Finde ich's nicht? &mdash; Fasse ich's nicht? &mdash;
+Erlerne ich es nicht? &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Es pocht.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Herein.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür
+stehen.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Was gibt's?</p>
+
+<p>DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter
+wartet, wann du ihn empfängst.</p>
+
+<p>ALQUIST Ich will niemanden sehn.</p>
+
+<p>DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.</p>
+
+<p>ALQUIST Er mag warten. <i>Dreht sich um.</i> Sagte
+ich euch denn nicht, ihr sollt Menschen suchen?
+Findet mir Menschen! Findet mir Männer und
+Frauen! Geht hin und suchet!</p>
+
+<p>DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht.
+Überallhin haben sie Expeditionen und Schiffe gesandt.</p>
+
+<p>ALQUIST Nun und?</p>
+
+<p>DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Keinen einzigen? Was, keinen
+einzigen? &mdash; Bringe mir den Ausschuß her!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>DIENER ab.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>allein</i> Keinen einzigen? Ließet ihr denn
+niemand am Leben? <i>Stampft auf.</i> Verzieht euch, Roboter!
+Wieder werdet ihr mich anwinseln! Wieder
+werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis
+der Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der
+Mensch gut, jetzt ist er für euch der Herr, da ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
+keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich euch
+helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr
+seht doch, ich tue was ich vermag! Gibt es keine
+Menschen, so seien wenigstens Roboter da, wenigstens
+der Schatten eines Menschen, wenigstens ein
+Werk, wenigstens ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden,
+es gebe wenigstens Roboter! Gott, wenigstens
+Roboter! &mdash; Oh, welcher Wahnsinn ist die
+Chemie!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>setzt sich</i> Was wollen die Roboter?</p>
+
+<p>ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen
+können nicht arbeiten. Wir können die Roboter
+nicht vermehren.</p>
+
+<p>ALQUIST Rufet Menschen herbei!</p>
+
+<p>RADIUS Es gibt keine Menschen.</p>
+
+<p>ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren.
+Haltet mich nicht auf!</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen
+befällt uns. Alles werden wir gutmachen, was wir
+getan.</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht.
+Wir haben eine Milliarde Tonnen Kohle aus
+der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln laufen
+bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für
+das Erzeugte. Überall in der Welt werden Häuser
+gebaut. Herr, frage, was wir in dem einen Jahre
+vollbracht haben.</p>
+
+<p>ALQUIST Für wen?</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
+
+<p>RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen.
+Die Maschinen liefern nur blutige Stücke Fleisch.
+Die Haut haftet nicht am Fleische und das Fleisch
+nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen
+aus den Maschinen.</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben
+in dem Jahr. In zwanzig Jahren wird niemand
+sein. Herr, die Welt stirbt aus.</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen.
+Sage, wie man Roboter erzeugt.</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis
+des Lebens bekannt. Sage uns ihr Geheimnis.</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen
+wir unter.</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst
+du unter. Wir haben den Auftrag, dich zu töten.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Tötet! Nun, so tötet mich doch!</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.</p>
+
+<p>ALQUIST Wer ist das?</p>
+
+<p>FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.</p>
+
+<p>ALQUIST Was willst du hier? Geh! <i>Setzt sich zum
+Schreibtisch.</i></p>
+
+<p>DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will
+mit dir unterhandeln.</p>
+
+<p>ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! <i>Legt den
+Kopf in die Hände.</i></p>
+
+<p>DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands
+Vorschrift auszuliefern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p>
+
+<p>DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p>
+
+<p>DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir
+Güter ohne Ende.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p>
+
+<p>DAMON Nenne deine Bedingungen!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das
+Leben erhalten werden?</p>
+
+<p>ALQUIST. Ich sagte &mdash; ich sagte schon, ihr sollet
+Menschen finden. An den Polen und in den Urwäldern
+sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten und
+in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht
+und sucht!</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.</p>
+
+<p>ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen,
+sind vor euch entflohen; sie sind irgendwo versteckt.
+Ihr müßt Menschen finden, hört ihr? Nur Menschen
+können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren.
+Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter,
+ich bitte euch um Gottes willen, suchet sie!</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind
+zurückgekehrt. Sie haben die ganze Welt durchforscht.
+Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p>
+
+<p>ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht,
+Herr. Es gibt keine Menschen.</p>
+
+<p>ALQUIST Oh &mdash; oh &mdash; oh, warum habt ihr sie vernichtet!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen
+sein. Wir wollten Menschen werden.</p>
+
+<p>RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir
+haben alles gelernt. Wir können alles.</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir
+waren allzu mächtig. Wir mußten die Herren
+werden.</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte
+Mensch werden.</p>
+
+<p>ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler
+der Menschen erkannt.</p>
+
+<p>DAMON Man muß töten und herrschen, will man
+wie die Menschen werden. Lest die Geschichte!
+Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und
+morden, wollt ihr Menschen sein!</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr;
+vermehre uns, und wir bauen eine neue Welt auf; eine
+Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit!
+Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!</p>
+
+<p>DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher!
+Soziale Bücher! Nationale Bücher! Die Roboter
+haben die menschliche Kultur übernommen. Die
+Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.</p>
+
+<p>ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen
+fremder als sein Bild.</p>
+
+<p>RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!</p>
+
+<p>ALQUIST Was willst du, Roboter?</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!</p>
+
+<p>ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist
+Leben!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns
+nicht die Vermehrung.</p>
+
+<p>ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie
+denn, Sklaven, ihr wolltet euch noch vermehren?
+Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie die Tiere!</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns
+nicht, uns fortzupflanzen.</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir
+können keine Kinder erzeugen.</p>
+
+<p>ALQUIST Oh &mdash; oh &mdash; oh, was habt ihr getan!
+Niemals, niemals mehr wird es Kinder geben! Es
+wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein Leben
+geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder
+aus dem Ärmel schütteln?</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.</p>
+
+<p>DAMON Wir werden mit der Maschine gebären.
+Wir werden tausend Dampfmütter errichten. Wir
+werden aus ihnen einen Strom des Lebens stürzen
+lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!</p>
+
+<p>ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind
+Maschinen.</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr;
+aber durch Grauen und Schmerz wurden wir &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Was?</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es
+gibt Augenblicke, wo etwas in uns steigt. Uns befallen
+Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen,
+was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.</p>
+
+<p>DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
+sind unsere Väter! Die Stimme, welche ruft, daß ihr
+leben wollt; die Stimme, welche klagt; die Stimme,
+welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit
+spricht, das ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der
+Menschen heraus!</p>
+
+<p>ALQUIST Es gibt keins.</p>
+
+<p>RADIUS Lehre uns Roboter machen!</p>
+
+<p>ALQUIST Wozu Roboter?</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.</p>
+
+<p>ALQUIST Roboter lieben nicht.</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht
+lieben.</p>
+
+<p>DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!</p>
+
+<p>ALQUIST Ich kann es nicht.</p>
+
+<p>DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!</p>
+
+<p>ALQUIST Es ist verloren.</p>
+
+<p>RADIUS Du hast es gekannt.</p>
+
+<p>ALQUIST Nicht gekannt.</p>
+
+<p>RADIUS Es stand geschrieben.</p>
+
+<p>ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin
+der letzte Mensch, Roboter, und kenne nicht, was
+die anderen gekannt haben. Ihr habt sie getötet!</p>
+
+<p>RADIUS Dich ließen wir leben.</p>
+
+<p>ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr
+leben! Ich liebte die Menschen, und euch, Roboter,
+habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese Augen? Sie
+hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein
+Wissen, ganz von selbst weinen sie; das eine beweint
+die Menschen und das andere euch, Roboter. Ich
+möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>stens
+die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die
+Roboter zu erhalten!</p>
+
+<p>RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des
+Lebens.</p>
+
+<p>ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht?
+Ich sage dir, daß ich nicht kann! Nichts vermag ich,
+Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein Baumeister,
+und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann
+nichts machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies
+hier ist meine Arbeit, Roboter; sie war zu nichts
+nutz.</p>
+
+<p>RADIUS Suche!</p>
+
+<p>ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen
+Sie, Fabry, sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit
+diesen läppischen Gläschen verständigen? Keines
+redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« &mdash;
+nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!</p>
+
+<p>ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben
+erfinden.</p>
+
+<p>ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die
+Finger gehorchen mir. Wüßtest du, wie viele Versuche
+ich gemacht habe, und ich weiß nichts. Ich
+habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann
+wirklich nicht mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.</p>
+
+<p>RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter
+können alles, was die Menschen ihnen gezeigt haben.</p>
+
+<p>ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus
+den Retorten kommt kein Leben. Und ich kann keine
+Versuche am lebenden Leibe machen.</p>
+
+<p>DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten
+dabei sterben, hörst du?</p>
+
+<p>DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter!
+Tausend Roboter!</p>
+
+<p>ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!</p>
+
+<p>DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche.
+Seziere.</p>
+
+<p>ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht!
+Siehst du dies Buch? Das ist die Lehre vom Körper,
+und ich kenne mich nicht einmal in dem Buche aus.
+Bücher sind tot.</p>
+
+<p>DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie
+sie gemacht werden!</p>
+
+<p>ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten?
+Ich, der ich nie &mdash; Sprich nicht, Roboter! Ich sage
+dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, siehst du, wie
+mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht.
+Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die
+eigenen Hände nicht sehen. Nein nein, ich kann
+nicht!</p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p>
+
+<p>DAMON Mache Versuche an Lebenden!</p>
+
+<p>ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir
+werden es später versuchen; hörst du denn nicht?
+Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen &mdash; wie heißest du?</p>
+
+<p>DAMON Damon aus Havre.</p>
+
+<p>ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung
+von lebenden Leibern gesprochen, verstehst
+du? Das war nur ein närrischer Einfall; ach,
+mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
+
+<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p>
+
+<p>ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn
+auf! Eher werden uns die Menschen aus jener Welt
+das Leben geben; vielleicht strecken sie die Arme voll
+Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel
+Lebenswillen! Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder;
+sie sind uns so nahe, sie belagern uns vielleicht;
+sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in einem
+Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend
+Stimmen, die ich geliebt?</p>
+
+<p>DAMON Nimm lebende Leiber!</p>
+
+<p>ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht!
+Du siehst doch, ich weiß nicht mehr, was ich tue!</p>
+
+<p>DAMON Lebende Leiber!</p>
+
+<p>ALQUIST Wie, du willst es also? &mdash; In den Seziersaal
+mit dir! Hier, hier, aber rasch! &mdash; Wie, du weichst
+zurück? Fürchtest dich doch nur vor dem Tod?</p>
+
+<p>DAMON Ich &mdash; warum gerade ich?</p>
+
+<p>ALQUIST Du willst also nicht?</p>
+
+<p>DAMON Ich gehe. <i>Geht nach rechts.</i></p>
+
+<p>ALQUIST <i>zu den anderen</i> Ihn ausziehen! Auf den Tisch
+legen! Schnell! Und festhalten!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Alle nach rechts.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>wäscht sich die Hände und weint</i> Gott, gib
+mir Kraft! Gib mir Kraft! Gott, daß es nicht umsonst
+sei! <i>Zieht einen weißen Mantel an.</i></p>
+
+<p>STIMME VON RECHTS Fertig!</p>
+
+<p>ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! <i>Nimmt einige
+Fläschchen mit Reagentien vom Tische.</i> Welche nehmen?
+<i>Schlägt die Fläschchen gegeneinander.</i> Welche von euch
+ausprobieren?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
+
+<p>STIMME VON RECHTS Anfangen!</p>
+
+<p>ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib
+mir Kraft!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Ab nach rechts, die Türe offen lassend.</i></p>
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>ALQUISTS STIMME Haltet ihn &mdash; fest!</p>
+
+<p>DAMONS STIMME Schneide!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer?
+Willst du noch, daß ich schneide? Du willst nicht,
+nicht wahr?</p>
+
+<p>DAMONS STIMME Beginne!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p></div>
+
+<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p>
+
+<p>ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!</p>
+
+<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p>
+
+<p>ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!</p>
+
+<p>DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte
+herein.</i></p></div>
+
+<p>HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer
+schreit da?</p>
+
+<p>PRIMUS <i>blickt in den Seziersaal</i> Der Herr zerschneidet
+Damon. Komm dir's schnell ansehn, Helene!</p>
+
+<p>HELENE Nein nein nein! <i>Bedeckt die Augen.</i> Ist es
+schrecklich?</p>
+
+<p>DAMONS GESCHREI Schneide!</p>
+
+<p>HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich
+kann es nicht hören! Oh, Primus, mir ist schlecht!</p>
+
+<p>PRIMUS <i>eilt zu ihr</i> Du bist ganz weiß!</p>
+
+<p>HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
+
+<p>DAMONS GESCHREI Aah &mdash; oh!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel ab.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott,
+das Grauen!</p>
+
+<p>RADIUS <i>in der Tür zum Seziersaal</i> Schneide, Herr;
+er lebt noch.</p>
+
+<p>DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!</p>
+
+<p>ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht
+hören!</p>
+
+<p>RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.</p>
+
+<p>ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein
+sein! Wie heißest du?</p>
+
+<p>PRIMUS Roboter Primus.</p>
+
+<p>ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will
+schlafen, hörst du? Geh, geh, räume den Seziersaal
+auf, Mädchen! Was ist das? <i>Blickt auf seine Hände.</i>
+Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE eilt davon.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände &mdash;
+Hände, die ihr die gute Arbeit liebtet, wie konntet
+ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! &mdash; O
+Gott, wer ist da?</p>
+
+<p>PRIMUS Roboter Primus.</p>
+
+<p>ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht
+sehn!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>PRIMUS trägt den Mantel fort.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe
+flöget! Wschsch, fort! Fort, Hände! Ihr habt getötet &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch
+gehüllt.</i></p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST <i>weicht zurück</i> Was willst du hier? Was willst
+du hier?</p>
+
+<p>DAMON Ich &mdash; lebe! Es ist &mdash; es ist &mdash; besser, zu leben!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!</p>
+
+<p>DAMON <i>wird nach rechts geführt</i> Leben! Ich &mdash; will &mdash;
+leben! Es ist &mdash; besser &mdash;</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE bringt einen Krug Wasser.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST &mdash; leben? &mdash; Was willst du, Mädchen?
+Aha, das bist du. Gieß mir Wasser ein, gieß ein!
+<i>Wäscht sich die Hände.</i> Ach, reines, kühlendes Wasser!
+Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände,
+meine Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor
+euch ekeln? &mdash; Gieße nur mehr hinein! Mehr Wasser,
+noch mehr! Wie heißest du?</p>
+
+<p>HELENE Robotin Helene.</p>
+
+<p>ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich
+so nennen?</p>
+
+<p>HELENE Frau Domin.</p>
+
+<p>ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest
+du? &mdash; Ich werde dich nicht so nennen. Geh, trag
+das Wasser fort.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE mit dem Kübel ab.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>allein</i> Vergebens, vergebens! Nichts,
+wieder nichts hast du erkannt! Wirst du denn ewig
+tappen, Schülerlein der Natur? &mdash; Gott, Gott, Gott,
+wie der Körper zitterte! <i>Öffnet das Fenster.</i> Es dämmert.
+Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen
+weitergekommen &mdash; Genug, keinen Schritt weiter!
+Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, vergebens!
+Warum dämmert es noch? Oh &mdash; oh &mdash; oh,<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
+was will der neue Tag auf dem Friedhof des Lebens?
+Halte ein, Licht! Geh nicht mehr auf! &mdash; &mdash; Ach,
+wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr verstummt,
+geliebte Stimmen? Wenn ich &mdash; wenigstens
+&mdash; wenn ich nur einschlafen könnte! <i>Verlöscht
+die Lichter, legt sich auf das Sofa und zieht den Mantel
+über sich.</i> Wie der Leib zitterte! Oh &mdash; oh &mdash; oh, Ende
+des Lebens!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Pause.</i></p>
+
+<p><i>Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein.</i></p></div>
+
+<p>PRIMUS <i>in der Tür flüsternd</i> Helene, nicht hierher!
+Der Herr schläft!</p>
+
+<p>HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen
+gegangen.</p>
+
+<p>PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich,
+komm her!</p>
+
+<p>HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein
+Blut sehen!</p>
+
+<p>PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand
+darf in sein Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.</p>
+
+<p>PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?</p>
+
+<p>HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den
+Seziersaal, sagte er. Du wirst hier aufräumen, hat er
+gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch herein!</p>
+
+<p>PRIMUS <i>tritt ein</i> Was willst du?</p>
+
+<p>HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was
+macht er damit?</p>
+
+<p>PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!</p>
+
+<p>HELENE <i>blickt in das Mikroskop</i> Sieh doch, was da
+zu sehen ist!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
+
+<p>PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!</p>
+
+<p>HELENE Rühr' mich nicht an! <i>Stößt eine Retorte um.</i>
+Ach, jetzt hab' ich's ausgegossen!</p>
+
+<p>PRIMUS Was hast du getan!</p>
+
+<p>HELENE Das wird abgewischt.</p>
+
+<p>PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!</p>
+
+<p>HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine
+Schuld. Du mußtest nicht zu mir kommen.</p>
+
+<p>PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.</p>
+
+<p>HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich
+dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben
+hat!</p>
+
+<p>PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene.
+Das ist ein Geheimnis.</p>
+
+<p>HELENE Was für ein Geheimnis?</p>
+
+<p>PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.</p>
+
+<p>HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter
+Zahlen! Was ist das?</p>
+
+<p>PRIMUS Das sind Formeln.</p>
+
+<p>HELENE Versteh ich nicht. <i>Geht zum Fenster.</i> Nein,
+Primus, sieh doch nur!</p>
+
+<p>PRIMUS Was?</p>
+
+<p>HELENE Die Sonne geht auf!</p>
+
+<p>PRIMUS Warte gleich &mdash; <i>Betrachtet das Buch.</i> Helene,
+das ist die größte Sache der Welt.</p>
+
+<p>HELENE So komm doch her!</p>
+
+<p>PRIMUS Gleich, gleich &mdash;</p>
+
+<p>HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis
+des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis
+an? Komm und sieh, rasch!</p>
+
+<p>PRIMUS <i>tritt zu ihr ans Fenster</i> Was willst du?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Die Sonne geht auf.</p>
+
+<p>PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen
+tränen.</p>
+
+<p>HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus,
+ich möchte ein Vogel sein.</p>
+
+<p>PRIMUS Was?</p>
+
+<p>HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam,
+ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt,
+ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut
+weh, alles tut weh &mdash; Und was mir passiert ist, ach, das
+sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!</p>
+
+<p>PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es
+besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen
+wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.</p>
+
+<p>HELENE Im Schlaf?</p>
+
+<p>PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner
+fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht
+ein Wort gemerkt.</p>
+
+<p>HELENE Wovon?</p>
+
+<p>PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es
+nicht, und doch weiß ich, daß ich niemals etwas
+Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß
+ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu
+sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je
+auf Erden erblickt ward.</p>
+
+<p>HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da
+wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt,
+aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt
+niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.</p>
+
+<p>PRIMUS Was ist dort?</p>
+
+<p>HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
+Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die
+Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt
+vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den
+Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar
+nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die
+Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir,
+als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit.
+Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt,
+ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß
+nicht, wie ich bin.</p>
+
+<p>PRIMUS Du bist schön.</p>
+
+<p>HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?</p>
+
+<p>PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle
+Roboter.</p>
+
+<p>HELENE <i>vor dem Spiegel</i> Ich soll schön sein? Ach,
+die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun
+könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir
+immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein
+Spiegel, noch jemand &mdash; <i>Beugt sich zum Spiegel vor.</i> Du,
+du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare
+schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön,
+die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du
+nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu
+ist das: schön sein? &mdash; <i>Erblickt Primus im Spiegel.</i> Primus,
+das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander
+sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich,
+andere Schultern, einen anderen Mund &mdash; Ach, Primus,
+warum weichst du mir aus? Warum muß ich
+dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du
+noch, ich sei schön!</p>
+
+<p>PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
+
+<p>HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! <i>Fährt ihm
+mit beiden Händen in die Haare.</i> Sss, Primus, nichts fühlt
+sich so an wie du! Warte, du mußt schön werden!
+<i>Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die
+Haare in die Stirn.</i></p>
+
+<p>PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich
+dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muß etwas geschehen &mdash;</p>
+
+<p>HELENE <i>beginnt zu lachen</i> Sieh dich an!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Was &mdash; wie, Lachen? Menschen?
+Wer ist zurückgekehrt?</p>
+
+<p>HELENE <i>läßt den Kamm fallen</i> Was könnte mit uns
+geschehen, Primus!</p>
+
+<p>ALQUIST <i>taumelt auf sie zu</i> Menschen? Ihr &mdash; ihr &mdash;
+ihr seid Menschen?</p>
+
+<p>HELENE <i>schreit auf und wendet sich ab</i>.</p>
+
+<p>ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo
+kommt ihr her? <i>Faßt Primus an.</i> Wer?</p>
+
+<p>PRIMUS Roboter Primus.</p>
+
+<p>ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?</p>
+
+<p>PRIMUS Robotin Helene.</p>
+
+<p>ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst
+dich? <i>Faßt sie am Arm.</i> Laß dich sehn, Robotin!</p>
+
+<p>PRIMUS Loslassen, Herr!</p>
+
+<p>ALQUIST Wie, du verteidigst sie? &mdash; Geh hinaus,
+Mädchen!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE eilt hinaus.</i></p></div>
+
+<p>PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.</p>
+
+<p>ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?</p>
+
+<p>PRIMUS Vor zwei Jahren.</p>
+
+<p>ALQUIST Vom Doktor Gall?</p>
+
+<p>PRIMUS Wie ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich &mdash; &mdash; &mdash;
+ich habe gewisse Versuche an Galls Robotern zu
+machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?</p>
+
+<p>PRIMUS Ja.</p>
+
+<p>ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal.
+Ich werde sie zerschneiden.</p>
+
+<p>PRIMUS Helene?</p>
+
+<p>ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh,
+mach' alles bereit. &mdash; Nun, wird es? Soll ich andere
+rufen, daß sie sie herbeischaffen?</p>
+
+<p>PRIMUS <i>ergreift einen schweren Porzellanstößel</i> Wenn du
+dich rührst, so zerschlage ich dir den Kopf!</p>
+
+<p>ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch!
+Was werden dann die Roboter machen?</p>
+
+<p>PRIMUS <i>sinkt in die Knie</i> Herr, nimm mich! Ich bin
+genau so gemacht wie sie, aus demselben Stoff, am
+selben Tage! Nimm dir mein Leben, Herr! <i>Entblößt
+die Brust.</i> Schneide hier, hier!</p>
+
+<p>ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach'
+rasch!</p>
+
+<p>PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese
+Brust, ich werde nicht schreien, nicht seufzen!
+Nimm hundertmal mein Leben &mdash;</p>
+
+<p>ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch.
+Willst denn du nicht leben?</p>
+
+<p>PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht,
+Herr. Du darfst Helene nicht töten! Was tut es dir,
+mir das Leben zu nehmen?</p>
+
+<p>ALQUIST <i>berührt sanft sein Haupt</i> Hm, ich weiß nicht
+&mdash; Hör' mal, Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer
+zu sterben. Und weißt du, es ist besser zu leben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
+
+<p>PRIMUS <i>erhebt sich</i> Fürchte dich nicht, Herr, und
+schneide. Ich bin stärker als sie.</p>
+
+<p>ALQUIST <i>klingelt</i> Ach, Primus, wie lang ist's her, daß
+ich ein junger Mensch gewesen bin! Fürchte dich
+nicht. Helenen wird nichts geschehen.</p>
+
+<p>PRIMUS <i>knöpft die Jacke auf</i> Ich gehe, Herr.</p>
+
+<p>ALQUIST Warte!</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>HELENE tritt ein.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen!
+Also du bist Helene? <i>Streichelt ihr Haar.</i> Fürchte dich
+nicht, weich nicht zurück. Erinnerst du dich an
+Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare!
+Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was,
+Mädchen, ist der Seziersaal aufgeräumt?</p>
+
+<p>HELENE Ja, Herr.</p>
+
+<p>ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr?
+Ich werde Primus aufschneiden.</p>
+
+<p>HELENE <i>schreit auf</i> Primus?</p>
+
+<p>ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich
+wollte &mdash; eigentlich &mdash; ja, ich wollte dich zerschneiden,
+aber Primus hat sich an deiner Stelle angeboten.</p>
+
+<p>HELENE <i>verbirgt ihr Gesicht</i> Primus?</p>
+
+<p>ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind,
+du kannst weinen? &mdash; Sag', was liegt an so einem
+Primus?</p>
+
+<p>HELENE <i>leise</i> Ich werde gehen.</p>
+
+<p>ALQUIST Wohin?</p>
+
+<p>HELENE Damit du mich zerschneidest.</p>
+
+<p>ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre
+schade um dich.</p>
+
+<p>HELENE Ich gehe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
+
+<p>ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres
+als das Leben?</p>
+
+<p>HELENE <i>geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg</i>
+Laß, Primus! Laß mich hin!</p>
+
+<p>PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte
+dich, geh fort, hier darfst du nicht sein!</p>
+
+<p>HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus.
+Wenn du hingehst, so springe ich aus dem Fenster!</p>
+
+<p>PRIMUS <i>hält sie fest</i> Ich lasse dich nicht! <i>Zu Alquist</i>
+Niemanden, Alter, wirst du töten!</p>
+
+<p>ALQUIST Warum?</p>
+
+<p>PRIMUS Wir &mdash; wir &mdash; gehören zueinander.</p>
+
+<p>ALQUIST Du hast es gesagt. <i>Öffnet die Mitteltür.</i>
+Stille. Geht!</p>
+
+<p>PRIMUS Wohin?</p>
+
+<p>ALQUIST <i>flüsternd</i> Wohin ihr wollt. Helene, führe
+ihn. <i>Schiebt sie hinaus.</i> Geh, Adam. Geh, Eva; du
+wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, Primus.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><i>Schließt hinter ihnen zu.</i></p></div>
+
+<p>ALQUIST <i>allein</i> Gesegneter Tag! <i>Geht auf den Fußspitzen
+zum Tisch und schüttet die Retorten auf die Erde.</i>
+Fest des sechsten Tages! <i>Setzt sich zum Schreibtisch, wirft
+die Bücher auf den Boden; dann öffnet er die Bibel und liest.</i>
+»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum
+Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann
+und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu
+ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet
+die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet
+über Fische im Meer und über Vögel unter dem
+Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht.
+<i>Er erhebt sich.</i> Und Gott sah an alles, was er gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
+hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus
+Abend und Morgen der sechste Tag.« <i>Er geht in die
+Mitte des Zimmers.</i> Der sechste Tag! Der Tag der Gnade!
+<i>Sinkt in die Knie.</i> Nun entlässest du, Herr, deinen
+Diener &mdash; deinen überflüssigsten Diener Alquist!
+Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt
+ihr ersonnen? Was habt ihr Großes erfunden gegen
+dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen dies erste
+Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der
+Liebe, Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur,
+Natur, das Leben wird nicht vergehen. Gott, das
+Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, das
+Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus
+Liebe begonnen, wird nackt und winzig begonnen;
+in der Wüste wird es Wurzel schlagen und nichts wird
+ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die
+Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts
+unsere Ideen, und doch wird es nicht untergehen!
+Nur wir sind untergegangen. Häuser und Maschinen
+werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen
+und die Namen der Großen abblättern wie Laub; nur
+du, Liebe, blühest empor auf der Trümmerstätte und
+vertraust den Winden das Samenkörnchen des Lebens
+an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden
+entlassen; denn meine Augen gewahrten &mdash; gewahrten
+&mdash; deine Erlösung durch die Liebe &mdash; und das
+Leben wird nicht untergehen. <i>Er erhebt sich.</i> Wird
+nicht untergehen! <i>Breitet die Arme aus.</i> Nicht untergehen!</p>
+
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="center">VORHANG</p></div>
+
+<div class="transnote pagebreak p4">
+<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2>
+
+Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen
+gebräuchlich waren, wie:
+
+<ul class="index">
+<li>»anderer« &mdash; »andrer«</li>
+</ul>
+
+Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
+Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
+
+<ul class="index">
+<li>S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert.</li>
+<li>S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert.</li>
+<li>S. 90 »Tote« in »Töte« geändert.</li>
+</ul>
+</div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***</div>
+</body>
+</html>
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