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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/78595-0.txt b/78595-0.txt new file mode 100644 index 0000000..af3d158 --- /dev/null +++ b/78595-0.txt @@ -0,0 +1,5061 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 *** + + +------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Gesperrter Text ist als ~gesperrt~ dargestellt, Kursivschrift | + | (Regieanweisungen) als _kursiv_. | + | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | + +------------------------------------------------------------------+ + + + + + KAREL ČAPEK. + + W U R + + WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS + + + UTOPISTISCHES + KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN + DEUTSCH VON OTTO PICK + + 1922 + + PRAG -- LEIPZIG + »ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G. + + + + + Das deutsche Aufführungsrecht erteilt der + »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft + »Centrum«, Prag. + + + Copyright 1921 by »Orbis« + Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G. + in Prague. + + +Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten. + + +Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek. + + + + +PERSONEN + + + HARRY DOMIN _Zentraldirektor von Werstands Universal Robots_ + ING. FABRY _technischer Generaldirektor von W. U. R._ + DR. GALL _Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung + von W. U. R._ + DR. HALLEMEIER _Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der + Roboter_ + KONSUL BUSMAN _kommerzieller Direktor von W. U. R._ + BAUMEISTER ALQUIST _Chef der Bauten von W. U. R._ + HELENE GLORY + NANA _ihre Amme_ + MARIUS _Roboter_ + SULLA _Robotin_ + RADIUS _Roboter_ + DAMON _Roboter_ + ZWEITER ROBOTER + DRITTER ROBOTER + VIERTER ROBOTER + PRIMUS _Roboter_ + HELENE _Robotin_ + _Ein_ DIENER-ROBOTER _und zahlreiche Roboter_ + DOMIN _im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert_ + FABRY _gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht_ + HALLEMEIER _riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und + rostrotem Haarschopf_ + DR. GALL _klein, lebhaft, brünett_ + BUSMAN _dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude_ + ALQUIST _älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem + angegrauten Haar und Bart_ + HELENE _sehr elegant_ + + _Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter._ + + DIE ROBOTER _sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen + und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick + starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel, + Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust._ + + + + +VORSPIEL + + + _Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. + Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick + auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere + Direktionsräume._ + + _DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen + amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, + ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An + der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den + Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr, + die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate: + »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, + neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich + seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen? + Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten, + ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen + Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert + der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts + ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine + Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. + Links ein Kassenschrank._ + + _Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen + SULLA schreibt._ + +DOMIN _diktiert_ »-- daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt +wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen +aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern +ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last +fällt. Wir zeichnen -- für Werstands Universal Robots --« schreiben Sie +bloß W. U. R. Fertig? + +SULLA Jawohl. + +DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir +bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, +verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir +zeichnen --« Fertig? + +SULLA _fertigtippend_ Jawohl. + +DOMIN Schreiben Sie weiter. -- »Friedrichswerke, Hamburg. -- Datum. -- +Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter --«. _Das Haustelephon +klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein._ Hallo -- Hier +Zentral-. -- Ja. -- Gewiß. -- Aber ja, wie immer. -- Freilich, kabeln +Sie ihnen. -- Gut. _Hängt das Telephon auf._ Wo habe ich aufgehört? + +SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R. + +DOMIN _in Gedanken_ 15000 R. 15000 R. + +MARIUS _tritt ein_ Herr Direktor, eine Dame bittet -- + +DOMIN Wer? + +MARIUS Ich weiß nicht. _Reicht eine Visitenkarte._ + +DOMIN _liest_ Präsident Glory. -- Ich lasse bitten. + +MARIUS _öffnet die Türe_ Bitte, Frau. + + _HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab._ + +DOMIN _erhebt sich_ Belieben? + +HELENE Herr Zentraldirektor Domin? + +DOMIN Bitte. + +HELENE Ich komme zu Ihnen -- + +DOMIN -- mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt. + +HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory. + +DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß -- daß +-- + +HELENE -- daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können. + +DOMIN -- daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen. +Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen. + + _SULLA ab._ + +DOMIN _setzt sich_ Womit kann ich dienen, Fräulein Glory? + +HELENE Ich bin gekommen -- + +DOMIN -- um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle +Besuche. Bitte, ohne weiteres. + +HELENE Ich glaubte, es wäre verboten -- + +DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner +Visitenkarte kommt, Fräulein Glory. + +HELENE Und Sie zeigen jedem ...? + +DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist +Fabriksgeheimnis. + +HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das -- + +DOMIN -- unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts +anderem. + +HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden? + +DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes +sagen? + +HELENE Ich wollte nur fragen -- + +DOMIN -- ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte. +Aber gewiß, Fräulein Glory. + +HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte? + +DOMIN Alle fragen gleich. _Steht auf._ Aus besonderer Hochachtung, +Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und -- mit einem +Worte -- + +HELENE Ich danke Ihnen. + +DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten -- + +HELENE _erhebt sich und reicht ihm die Hand_ Mein Ehrenwort. + +DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen? + +HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen -- Entschuldigen Sie. + +DOMIN Bitte? + +HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten. + +DOMIN _gibt sie frei_ Ich bitte um Verzeihung. + +HELENE _nimmt den Schleier ab_ Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin. +Wie vorsichtig. + +DOMIN _betrachtet sie begeistert_ Hm -- Allerdings -- wir -- so ist es. + +HELENE Sie trauen mir nicht? + +DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele -- pardon, Fräulein Glory. In der +Tat, außerordentlich erfreut -- Hatten Sie eine gute Überfahrt? + +HELENE Ja. Warum -- + +DOMIN Weil -- das heißt, ich meine -- daß Sie noch sehr jung sind. + +HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik? + +DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht? + +HELENE Zweiundzwanzig? + +DOMIN Jahre. + +HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen? + +DOMIN Weil -- weil -- _Mit Begeisterung_ Sie bleiben längere Zeit hier, +nicht wahr? + +HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ... + +DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden +Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der +Erfindung interessieren? + +HELENE Ja, ich bitte Sie. _Setzt sich._ + +DOMIN Nun denn. _Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt +Helene und leiert rasch herunter._ Es war im Jahre 1920 als sich +der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger +Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu +studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die +lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal +einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug +obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre +1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf. + +HELENE Das können Sie auswendig? + +DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk. +Also weiter? + +HELENE Meinetwegen. + +DOMIN _feierlich_ Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand +zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine +einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt +jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnellere Art, auf +welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg, +den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am +heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese +großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte +schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß +er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer +Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, +beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend -- endend mit dem +Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind. +Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick. + +HELENE Also weiter. + +DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette +herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche +Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und +irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so +weiter, kurz und gut, verstehen Sie das? + +HELENE Ich -- ich -- weiß -- nicht. Ich glaube, nur wenig. + +DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten +konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa +mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig +Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich +in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen +herzustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach +dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen +und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich +nicht machen. Und so machte er sich halt daran. + +HELENE An was? + +DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen +künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam +etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar +Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte +sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen. + + _Pause._ + +HELENE Und das darf ich niemandem verraten? + +DOMIN Niemandem auf der Welt. + +HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht. + +DOMIN Schade. _Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene._ +Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? _Tippt sich auf +die Stirn._ Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. +Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte +Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen. + +HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen. + +DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es +wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott +absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das +alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als den Beweis zu +erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf +erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde. +Kennen Sie ein bißchen Anatomie? + +HELENE Nur ganz wenig. + +DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den +Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im +menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel, +lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar -- hm -- auch die +Geschlechtsdrüsen. + +HELENE Aber die -- die sind doch -- + +DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen +künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig -- + +HELENE Ich verstehe. + +DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren +zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze +drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen. +Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was +der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals +kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer +Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er: +»Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst +du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den +ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her. + +HELENE In den Lehrbüchern steht es anders. + +DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und +überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der +alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine +Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen +Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht +irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und +erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und +intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über +die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel. +Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte +keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte +ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen +großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung +ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich +und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze +zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand. +Das ist die ganze Historie. + +HELENE Und der Junge? + +DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das +neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis. +Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß +dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher +machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, +was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein +Glory, langweilt Sie das nicht? + +HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant. + +DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas, +das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will +und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche +eigentlich überflüssig sind. + +HELENE Oho! + +DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder +addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht +Violine? + +HELENE Nein. + +DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen, +muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun. +Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen +und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen +ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst +einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie, +welcher Arbeiter der praktisch beste ist? + +HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich -- +und ergeben ist. + +DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten +Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der +kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles +hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch +alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich +den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, +die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als +wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine +Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht? + +HELENE Nein. + +DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es +ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser +Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch +geläuterter als das Erzeugnis der Natur. + +HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes. + +DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik +gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als +Herrgott aufzuspielen begann? + +HELENE Wie, ich bitte Sie? + +DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte +es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie +diese Mammute zerbrachen. + +HELENE Zerbrachen? + +DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas. +Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt +machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger +menschlicher Ausstattung. + +HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte +sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen -- + +DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft. + +HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind +so seltsam, so still. + +DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen? + +HELENE Ich habe nicht acht gegeben. + +DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal +Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere +und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben. + +HELENE Dann schwinden sie hin? + +DOMIN Ja, sie nützen sich ab. + + _SULLA tritt ein._ + +DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory. + +HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist +wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr? + +SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz. + +HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein? + +SULLA Von hier, aus der Fabrik. + +HELENE Ah, Sie sind hier geboren? + +SULLA Ja, ich wurde hier gemacht. + +HELENE _aufspringend_ Was? + +DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter. + +HELENE Ich bitte um Verzeihung -- + +DOMIN _legt Sulla die Hand auf die Schulter_ Sulla ist nicht böse. +Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen +Sie auf ihre Wange. + +HELENE Oh, nein, nein! + +DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist +als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur +die Augen sind ein bißchen -- Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um, +Sulla. + +HELENE Hören Sie schon auf! + +DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch. + +SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. _Beide setzen sich._ Haben Sie +eine gute Überfahrt gehabt? + +HELENE Ja -- ge -- gewiß. + +SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das +Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das +ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff. + +DOMIN Wieviel? + +SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der +allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory. + +HELENE Da -- danke. + +SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel -- + +DOMIN _lacht_ Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch +können. + +HELENE Sie können Französisch? + +SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur! +Signore! Geehrter Herr! + +HELENE _springt auf_ Das ist Humbug! Sie sind ein Scharlatan! Sulla +ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist +schändlich -- warum spielen Sie eine solche Komödie? + +SULLA Ich bin ein Roboter. + +HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß -- man +hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein +Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie! + +DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter. + +HELENE Sie lügen! + +DOMIN _richtet sich auf_ Wie? _läutet_ Verzeihen Sie, Fräulein, dann +muß ich Sie überzeugen. + + _MARIUS tritt ein._ + +DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen. +Flink! + +HELENE Wohin? + +DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie +ansehen. + +HELENE Ich gehe nicht! + +DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge. + +HELENE Sie wollen sie töten lassen? + +DOMIN Maschinen werden nicht getötet. + +HELENE _umarmt Sulla_ Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht! +Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht +gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla! + +SULLA Ich bin Roboter. + +HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir. +Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen? + +SULLA Ja. + +HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod? + +SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory. + +HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe? + +SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen. + +HELENE Das ist entsetzlich! + +DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind. + +MARIUS Marius, Roboter. + +DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben? + +MARIUS Ja. + +DOMIN Würden Sie sie bedauern? + +MARIUS Kenne ich nicht. + +DOMIN Was würde mit ihr geschehen? + +MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die +Stampfmaschine geben. + +DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod? + +MARIUS Nein. + +DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am +Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. +Sie sind geringer als Gras. + +HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort! + +DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen. + + _SULLA und MARIUS ab._ + +HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun! + +DOMIN Weshalb scheußlich? + +HELENE Ich weiß nicht. Warum -- warum gaben Sie ihr den Namen Sulla? + +DOMIN Kein hübscher Name? + +HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr. + +DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen. + +HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander +im Jahre -- im Jahre -- Ich weiß nicht mehr. + +DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie? + +HELENE Maurer. + +DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten, +sehen Sie etwas? + +HELENE Irgendeine Kanzlei. + +DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen -- + +HELENE -- lauter Beamte. + +DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die +Fabrik sehen werden -- + + _In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen._ + +DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen +sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen. + +HELENE Was für Dösen? + +DOMIN _trocken_ Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig +Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne +und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich +Ihnen die Spinnerei. + +HELENE Was für eine Spinnerei? + +DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo +gleichzeitig ganze Kilometer von Verdauungsröhren laufen. Dann +kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie +Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil, +und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis +ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das +Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten. + +HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten? + +DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen +sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. +Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen +der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen +werden die Produkte appretiert. + +HELENE Was ist das? + +DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen, +schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. +Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden +sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues +fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten +unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich +15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von +Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, +und so weiter. + +HELENE Zürnen Sie mir? + +DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von +anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter +hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der +Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein +Glory. + +HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie -- Sie -- Sie hätten +gelogen -- + + _Es pocht._ + +DOMIN Hereinspaziert, Jungens. + + _Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, + Baumeister ALQUIST._ + +DR. GALL Pardon, stören wir nicht? + +DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall, +Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory. + +HELENE _verlegen_ Guten Tag. + +FABRY Wir hatten keine Ahnung -- + +DR. GALL Unendlich geehrt -- + +ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory. + + _Von rechts stürzt BUSMAN herein._ + +BUSMAN Hallo, was gibt's hier? + +DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des +Präsidenten Glory. + +HELENE Es freut mich. + +BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen +kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen --? + +HELENE Nein, nein, ich bitte Sie! + +DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. + + BUSMAN } { Belieben -- + DR. GALL } _rücken Fauteuils heran_ { Bitte -- + FABRY } { Pardon -- + +ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise? + +DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten? + +FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory? + +HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen? + +DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden. + +HELENE _zu Domin_ Wovon soll ich mit ihnen sprechen? + +DOMIN _verwundert_ Wovon Sie mögen. + +HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden? + +DOMIN Aber freilich. + +HELENE _zögert, dann verzweifelt entschlossen_ Sagen Sie, ist es Ihnen +niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht? + +FABRY Wer, bitte? + +HELENE Alle Menschen. + + _Alle blicken einander betroffen an._ + +ALQUIST Mit uns? + +DR. GALL Warum meinen Sie? + +HALLEMEIER Donnerwetter! + +BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory! + +HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten? + +DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das? + +HELENE Ich meine, daß -- _bricht los_ daß es scheußlich ist! daß es +furchtbar ist! _Erhebt sich._ Ganz Europa redet davon, was hier mit +Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist +tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das +ertragen? + +ALQUIST Was ertragen? + +HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie +ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, +wie Sie leben! + +BUSMAN Herrgott, Fräulein! + +FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher +wie Indianer. + +HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen? + +BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht? + +HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam +im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits +über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten +euch ihre Hilfe an. + +BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig. + +FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr +seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an. + +DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater? + +HALLEMEIER Ein Orchester? + +HELENE Mehr als das. + +ALQUIST Sie selbst? + +HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird. + +BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude! + +ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen. + +DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß -- daß Fräulein Glory +noch nicht ausgeredet hat. + +HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund. + +DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich! + +HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen. + +DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit +Robotern reden? + +HELENE _stockt_ Mit wem sonst? + +DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie +ganz Europa. + +HELENE _zu den andern_ Sie sind keine Roboter? + +BUSMAN _kichert_ Gott bewahre! + +HALLEMEIER _würdevoll_ Pfui, Roboter! + +DR. GALL _lacht_ Da bedanken wir uns schön! + +HELENE Aber ... das ist nicht möglich! + +FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter. + +HELENE _zu Domin_ Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien +Roboter? + +DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie, +Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von +Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen +und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für +Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommerzieller +Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands +Universal Robots. + +HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß -- daß -- Ist es schrecklich, +was ich Ihnen angestellt habe? + +ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich. + +HELENE _setzt sich_ Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt -- jetzt werden Sie +mich mit dem ersten Schiff zurückschicken. + +DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie +fortschicken? + +HELENE Weil Sie bereits wissen -- weil -- weil ich Ihnen die Roboter +aufhetzen würde. + +DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und +Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, +Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, +wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt. + +HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden? + +DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die +Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht +einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. +Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das +Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend. + +BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend. + +DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die +Bibel, Logarithmen oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen +schließlich über die Menschenrechte predigen. + +HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte -- + +FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als +ein Roboter. + +HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann? + +BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt! + +FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben +Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein +unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden. + +BUSMAN Sie war zu teuer. + +FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie +nicht mehr zu genügen. Und zweitens -- zweitens -- ist es ein großer +Fortschritt, daß ... Pardon. + +HELENE Was? + +FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt, +mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede +Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine +Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch +genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche +Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens -- + +HELENE Oh, hören Sie auf! + +FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga -- Liga +-- Humanitätsliga? + +HELENE Sie soll hauptsächlich -- hauptsächlich soll sie die Roboter +schützen und -- und -- ihnen eine -- gute Behandlung sichern. + +FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut +behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte +Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als +beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga! + +HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen -- hauptsächlich -- +wir wollen die Roboter befreien! + +HALLEMEIER Wie, bitte? + +HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln. + +HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken? +Sollen uns befehlen? + +HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können? + +HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen? + +HELENE Allerdings! + +HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen? + +HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude +bereiten würde. + +HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts +erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, +Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben +überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein +Glory. Zum Teufel, es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter +gelacht hätte. + +HELENE Warum ... warum -- warum macht ihr sie nicht glücklicher? + +HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter. + +HELENE Oh, sie sind so vernünftig! + +HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne +eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele. + +HELENE Ohne Liebe und Trotz? + +HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal +sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal -- + +HELENE Was? + +HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch. +So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. +Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da, +knirscht mit den Zähnen -- und muß in den Stampftrog geworfen werden. +Offenbar eine Störung des Organismus. + +DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden. + +HELENE Nein, nein, das ist die Seele. + +FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen? + +HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist +gerade das ein Zeichen, daß sie ringen -- -- Oh, wenn Sie das in ihnen +zu entfachen vermöchten! + +DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt +eben gewisse Versuche an -- + +DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz. + +HELENE Nerven für den Schmerz? + +DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht. +Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr +beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen. + +HELENE Warum -- warum -- Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt +ihr ihnen den Schmerz geben? + +DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter +beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt +die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich +den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das +ist ein automatischer Schutz vor Verletzung. + +HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden? + +DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein. + +HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele? + +DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht. + +FABRY Das ist nicht in unserem Interesse. + +BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne +Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete +Exemplar, und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor +fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene +Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere +Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter +Tuch? + +HELENE Ich weiß nicht -- -- wirklich -- -- -- ich hab's vergessen. + +BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es +kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf +einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken +bis -- so. He? + +HELENE Ich verstehe nicht. + +BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken +ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel +Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie +Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu +verbilligen. + +HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus. + +BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben +inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas +geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei +Ihnen ein Pfund Brot? + +HELENE Ich habe keine Ahnung. + +BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten +alten Europa: aber das ist ~unser~ Brötchen, verstehen Sie? Zwei +Cents ein Pfund Brot: und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! +Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte +bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten +wir! + +HELENE Was? + +BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf +Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken. + +ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein. + +DOMIN _erhebt sich_ Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein +Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel +Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge +keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht. +Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann +überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen +verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns +Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen +schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der +Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und +von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um +sich zu vervollkommnen. + +HELENE _erhebt sich_ Wird es so sein? + +DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht +schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht +verhüten. Aber dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und +der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden +vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen +und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein +Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du +kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht +an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an +Arbeit, die du verfluchtest. + +ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies +aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der +Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in +der Arbeit und Ermattung. + +DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren +geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du +wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst +nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du +kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst +frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere +Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen. +Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine +Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung +sein. + +BUSMAN Amen. + +FABRY Also geschehe es. + +HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich +möchte -- ich möchte daran glauben. + +DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles +erleben. + +HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns +frühstücken. + +DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle. + +DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre. + +HELENE Aber das ist doch -- Wie könnte ich? + +FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein. + +BUSMAN Und ihr zu Ehren. + +HELENE Oh, in diesem Falle -- vielleicht -- + +FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten. + +DR. GALL Pardon. + +BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln -- + +HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß -- + + _Alle, außer Domin, drängen sich hinaus._ + +HELENE Warum gehen alle weg? + +DOMIN Kochen, Fräulein Glory. + +HELENE Was kochen? + +DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und -- +und -- da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz -- +Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine +Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus -- + +HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr -- +Baumeister -- + +DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und -- und Fabry treibt +etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory. + +HELENE Ich wollte Sie fragen -- + +DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. _Legt seine Uhr auf den +Tisch._ Fünf Minuten Zeit. + +HELENE Wonach fragen? + +DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt. + +HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber -- warum erzeugen Sie +weibliche Roboter, wenn -- wenn -- + +DOMIN -- wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine +Bedeutung hat? + +HELENE Ja. + +DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen, +Verkäuferinnen, Schreiberinnen -- Die Menschen sind daran gewöhnt. + +HELENE Und -- und sagen Sie, sind die Roboter -- und Robotinnen -- +wechselseitig -- absolut -- + +DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur +irgendeiner Neigung. + +HELENE Oh, das ist -- furchtbar! + +DOMIN Warum? + +HELENE Es ist -- es ist -- so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen +sie einem deswegen abstoßend, oder -- beneidenswert erscheinen -- oder +vielleicht -- + +DOMIN -- bemitleidenswert. + +HELENE Dies am ehesten -- Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen? + +DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen +möchten. + +HELENE Wie nehmen? + +DOMIN Zum Mann. + +HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein? + +DOMIN _auf die Uhr blickend_ Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht, +so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen. + +HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen? + +DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden. + +HELENE Wie könnten sie sich unterstehen? + +DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie +verliebt haben. + +HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich -- ich reise gleich +ab! + +DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten, +abzulehnen. + +HELENE Aber ich -- ich kann doch nicht -- alle sechs nehmen! + +DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry. + +HELENE Ich will nicht! + +DOMIN Doktor Gall. + +HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen! + +DOMIN Noch zwei Minuten. + +HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin. + +DOMIN Das ist kein Weib. + +HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie -- Sie würden jede +nehmen, die kommt. + +DOMIN Es waren viele hier, Helene. + +HELENE Junge? + +DOMIN Junge. + +HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine? + +DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als +Sie den Schleier abnahmen. + +HELENE -- -- Ich weiß. + +DOMIN Noch eine Minute. + +HELENE Aber ich will nicht, mein Gott! + +DOMIN _legt ihr beide Hände auf die Schultern_ Noch eine Minute. +Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann +lasse ich Sie. Oder -- oder -- + +HELENE Sie sind ein Rohling! + +DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur +Sache. + +HELENE Sie sind ein Narr! + +DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm +das beste. + +HELENE Sie sind -- Sie sind -- ach Gott! + +DOMIN Also sehn Sie. Fertig? + +HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja! + +DOMIN Das letzte Wort, Helene. + +HELENE _wehrt sich_ Um nichts auf der Welt -- aber Harry! + + _Es klopft._ + +DOMIN _läßt sie los_ Herein! + + _Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen. + FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch + unterm Arm._ + +DOMIN Schon ausgekocht? + +BUSMAN _feierlich_ Jawohl. + +DOMIN Wir auch. + + +VORHANG + + + + +ERSTER AUFZUG + + + _Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum + Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der + Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit + Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein + Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit + Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes + und rein weibliches Gepräge._ + + _DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den + Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen._ + +FABRY Wohin geben wir das alles? + +HALLEMEIER Uf! _Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze +die Tür nach rechts._ Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von +nichts. + +DOMIN Sie weiß überhaupt nicht. + +FABRY _gibt die Sträuße in die Vasen_ Wenigstens heute soll es nicht +platzen -- + +HALLEMEIER _ordnet die Blumen_ Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit! +Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, +meine letzte -- Zyklamen Helena. + +DOMIN _schaut zum Fenster hinaus_ Kein Schiff, kein Schiff -- Jungens, +das ist schon zum Verzweifeln. + +HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte! + +DOMIN Sie hat keine Ahnung. _Gähnt fieberhaft._ Noch gut, daß der +»Ultimus« rechtzeitig landete. + +FABRY _läßt die Blumen_ Glauben Sie, daß schon heute --? + +DOMIN Ich weiß nicht. -- Wie schön sind die Blumen! + +HALLEMEIER _nähert sich ihm_ Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und +dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des +Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, +Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder +in Blumen! + +DOMIN _dreht sich um_ Wie, künftiges Jahr? + +FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist -- + +DOMIN Still! + +HELENENS STIMME _von rechts_ Nana! + +DOMIN Fort von hier! _Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab._ + + _Durch die Haupttür von links tritt NANA ein._ + +NANA _aufräumend_ Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber +ich möchte sie -- + +HELENE _rücklings in der Tür_ Nana, komm mich zuknöpfen! + +NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind! +_Knöpft Helenens Kleid zu._ Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande! + +HELENE Wer? + +NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so +drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen. + +HELENE Weshalb brummst du wieder? + +NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden -- + +HELENE Die Roboter? + +NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie. + +HELENE Was ist geschehen? + +NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und +Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund -- +Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier. + +HELENE Welchen hat es gepackt? + +NANA Den -- den -- Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen! +Den aus der Bibliothek. + +HELENE Radius? + +NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne +ist mir so zuwider wie diese Heiden. + +HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun! + +NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher +gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren? + +HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid! + +NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt +sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch +mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn +er die Unmenschen spürt, pfui. + +HELENE Ein Hund hat keinen Verstand. + +NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist +und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu, +wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst +der Hund hat Junge und jeder hat Junge -- + +HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu! + +NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine +Eingebung des Satans, diese Windscheuchen mit der Maschine zu machen, +Lästerung gegen den Schöpfer ist es, _hebt die Hand_ es ist eine +Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, ~zu seinem Ebenbild~, +Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine +schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine +schreckliche Strafe! + +HELENE Was riecht da so? + +NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht. + +HELENE Warum Blumen? + +NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen. + +HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute? + +NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein. + + _Es klopft._ + +HELENE Harry? + + _DOMIN tritt ein._ + +HELENE Harry, was ist heute? + +DOMIN Rate? + +HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag? + +DOMIN Etwas Besseres. + +HELENE Ich weiß nicht -- Sag' rasch! + +DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft. + +HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? -- Nana, ich bitte dich -- + +NANA Ich geh' ja schon! _Rechts ab._ + +HELENE _küßt Domin_ Daß du dich erinnert hast! + +DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert. + +HELENE Aber -- + +DOMIN Sie haben sich erinnert. + +HELENE Wer? + +DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du +nicht? + +HELENE _greift in seine Tasche_ Was ist das? _Nimmt ein Etui heraus und +öffnet es._ Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich? + +DOMIN Von Busman, Mädchen. + +HELENE Aber -- das können wir nicht annehmen, nicht wahr? + +DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche. + +HELENE Zeig'! _Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche._ Was ist das? + +DOMIN Pardon. _Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn._ +Das ist es nicht. Greif! + +HELENE Oh, Harry -- Weshalb trägst du einen Revolver bei dir? + +DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten. + +HELENE Du trugst ihn nie! + +DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche. + +HELENE _greift zu_ Eine Schachtel! _Öffnet sie._ Eine Kamee! Das ist ja +-- Harry, das ist eine ~griechische~ Kamee! + +DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens. + +HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry? + +DOMIN Freilich. _Öffnet die Türe links._ Und sieh da! Helene, komm und +schau'! + +HELENE _in der Tür_ Gott, das ist Herrlich! _Eilt hinein._ Ich werde +närrisch vor Freude! Das ist von dir? + +DOMIN _steht in der Tür_ Nein, von Alquist. Und dort -- + +HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir! + +DOMIN Es ist eine Karte dabei. + +HELENE Von Gall! _Erscheint in der Tür._ Oh, Harry, ich schäme mich +fast, daß ich so glücklich bin. + +DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht. + +HELENE Die herrlichen Blumen? + +DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren +hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du. + +HELENE Harry, warum -- warum haben alle -- + +DOMIN Sie haben dich ~sehr~ lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte, +mein Geschenk ist ein wenig -- Sieh zum Fenster hinaus. + +HELENE Wohin? + +DOMIN Zum Hafen. + +HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff. + +DOMIN Das ist dein Schiff. + +HELENE Mein? Was bedeutet das? + +DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst -- zum Vergnügen -- + +HELENE Harry, das ist ein ~Kanonen~schiff! + +DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres, +solides Schiff, weißt du? + +HELENE Ja, aber mit Geschützen! + +DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen -- Du wirst wie eine Königin +fahren, Helene. + +HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor? + +DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! _Setzt sich._ + +HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen? + +DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post +gekommen. + +HELENE Auch keine Depeschen? + +DOMIN Nicht einmal Depeschen. + +HELENE Was bedeutet das? + +DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt +in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst -- Keine Post, keine +Telegramme -- _Er reckt sich._ Ein fff -- festlicher Tag! + +HELENE _setzt sich zu ihm_ Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'! + +DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. _Faßt +ihre Hand._ Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? -- +Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind! + +HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so +sehr! + +DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten -- die +Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim -- + +HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet -- + +DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse. + +HELENE _plötzlich ernst_ Bestimmt nicht, Harry? + +DOMIN Nein. + +HELENE _wie vorhin_ Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen +hat furchtbare Absichten. + +DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch +nicht etwa heiraten? + +HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen! +Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen +Roboter zu entfachen! + +DOMIN _springt auf_ Eine Revolte der Roboter! + +HELENE _erhebt sich_ Harry, was ist dir? + +DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der +Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben +als unsere Roboter! _Er setzt sich._ Weißt du, Helene, du warst ein +köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht. + +HELENE _setzt sich zu ihm_ Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir +war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen +-- zwischen -- + +DOMIN Zwischen was, Helene? + +HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig! +Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und +siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese -- +-- -- diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals +-- Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann. + +DOMIN Was begann sich zu verwirren? + +HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen +die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den +Robotern Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele +Menschen erschlugen -- Und als dann die Regierungen aus den Robotern +Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du? + +DOMIN _steht auf und geht herum_ Das hatten wir vorausgesehen, Helene. +Verstehst du, das ist nur ein Übergang -- in neue Verhältnisse. + +HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig -- Die ganze Welt beugte sich +vor euch -- _steht auf_ Oh, Harry! + +DOMIN Was willst du? + +HELENE _hält ihn an_ Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle! + +DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen? + +HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir? + +DOMIN _befreit sich_ Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem +Augenblick -- + +HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen! + +DOMIN _faßt ihre Hände_ Wovor, Helene? + +HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen +würde -- unabwendbar -- Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier +fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut +uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann -- + +DOMIN Was dann? + +HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry! + + _Das Telephon klingelt._ + +DOMIN _entrafft sich Helenen_ Verzeih. _Ergreift das Hörrohr._ Hallo +-- ja -- -- Wie? -- Aha. Ich eile schon. _Hängt das Höhrrohr auf._ +Fabry ruft mich. + +HELENE _ringt die Hände_ Sag' -- + +DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! _Stürzt nach links._ Geh' nicht +hinaus! + +HELENE _allein_ O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell! + +NANA _kommt von rechts_ No, was wieder? + +HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des +Herrn! + +NANA No gleich. _Nach links ab._ + +HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir! +_Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott, +weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig! +Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist +das »Ultimus«? + +NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie +herumwälzen! Sie so zu zerdrücken! + +HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts, +nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._ + +NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt +sie auf und liest_. + +HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre, +selbst die Luft -- + +NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine +Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so +weit von uns? + +HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese +Kriege. + +NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und +Tausende dieser Heiden als Soldaten? + +HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht -- +Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann +er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken, +wenn jemand sie bestellt! + +NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein +Herr, dieses Unheil! + +HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen! + +NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver -- +schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als +siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen! + +HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung, +liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet, +offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da +siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen! + +NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma +-- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk. +Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.« + +HELENE O Gott, halt ein! + +NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich -- +ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga -- +ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka +-- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er +-- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« -- +Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder +irgendein Mord! Christus mein Herr! + +HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort! + +NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was +ist das? + +HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir +nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige +Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._ + +NANA Was soll das sein? + +HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren. + +NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns +zu Ende. + +HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so! + +NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist +die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen! + +HELENE _springt auf_ Nana! + +NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt +ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und +Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem +Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen! + +HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe +ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan? + +NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen +kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._ + +HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich +dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist! +Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind! +Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster, +bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat? +Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du +nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist +bang! _Geht nach links Alquist entgegen._ + + _Pause._ + +HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und +Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude +bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände! + +ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen +mit meinen Arbeitshänden. + +HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide +Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein. + +ALQUIST Warum? + +HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln. +Setzen Sie sich, bitte schön. + +ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das? + +HELENE Die Zeitung. + +ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen? + +HELENE Nein. Steht etwas drin? + +ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts +Besonderes. + +HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen? + +ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang. + +HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet +»Ultimus«? + +ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb? + +HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß +wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden? + +ALQUIST Vielleicht sehr bald. + +HELENE Ihr alle mit mir? + +ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären. + +HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor? + +ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt. + +HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor. + +ALQUIST Sagte Domin etwas? + +HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle -- +ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor? + +ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene. + +HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen +bange ist? + +ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere +auf das Gerüst hinauf -- + +HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem +Gerüst. + +ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein. + +HELENE Wovor? + +ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor. + +HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht? + +ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen +Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen -- + +HELENE Nur den Händen? + +ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen +Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein +alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde. + +HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist. + +ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau +Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen. + +HELENE Wie die Nana. + +ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher? + +HELENE So dicke. + +ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen +Gewitter? Gegen Krankheit? + +HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser -- + +ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht? + +HELENE Ich glaube, nein. + +ALQUIST Das ist schade. + +HELENE Sie möchten beten? + +ALQUIST Ich bete. + +HELENE Wie? + +ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast. +Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und +hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre +das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie +Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und +schütze Frau Helene. Amen.« + +HELENE Alquist, Sie glauben wirklich? + +ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher. + +HELENE Und beten doch? + +ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken. + +HELENE Und das genügt Ihnen? + +ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen. + +HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes +sähen -- + +ALQUIST Ich sehe es. + +HELENE -- So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel +schlichten oder was? + +ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder +warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun. + +HELENE Für die Errettung der Menschen? + +ALQUIST Für den Frieden der Seele. + +HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber -- + +ALQUIST Aber? + +HELENE -- für uns andere -- und für die Welt -- irgendwie unfruchtbar. + +ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten +Errungenschaft der Menschenrasse zu werden. + +HELENE Oh, Alquist -- Sagen Sie, warum -- warum -- + +ALQUIST Nun? + +HELENE _leise_ Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen? + +ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind, +verstehen Sie? + +HELENE Ich verstehe nicht. + +ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der +Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr +tun braucht als genießen -- Oh, dieses vermaledeite Paradies! _Springt +auf._ Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies +auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die +ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat! + +HELENE _steht auf_ Alquist! + +ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland, +die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische +Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es +ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen -- Haha, +Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der +Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder, +altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie +möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern, die überflüssig sind, +werden die Frauen nicht gebären! + +HELENE Sie können nicht? + +ALQUIST Sie können nicht. + +HELENE Wird denn die Menschheit aussterben? + +ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie +eine taube Blüte, es wäre denn, daß -- + +HELENE Was? + +ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar. +Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene. + +HELENE Wohin gehen Sie? + +ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als +Bauchef verkleiden -- Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier. + +HELENE Adieu, Alquist. + + _ALQUIST ab._ + +HELENE _allein_ Oh, eine taube Blüte! ~Das~ ist das Wort! -- _Bleibt +vor Hallemeiers Blumen stehen._ Ach, Blüten, sind auch taube unter +euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? _ruft_ Nana, komm +herein! + +NANA _von links_ No, was wieder? + +HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange. + +NANA Hab' keine Zeit. + +HELENE Ist jener Radius noch da? + +NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft. + +HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt? + +NANA Er ist gefesselt. + +HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein. + +NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund. + +HELENE Geh schon! _NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und +spricht_ Hallo! -- Bitte den Dr. Gall. -- Guten Tag, Doktor. -- Jawohl, +ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. -- Ich bitte Sie -- -- +Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie +-- Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? _Hängt das Telephon auf._ + +NANA _durch die offene Tür_ Er kommt schon. Er ist schon still. _Ab._ + + _Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen._ + +HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich +nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog +stecken! -- Sie wollen nicht reden? -- Weshalb ist es über Sie +gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? -- Sehen Sie, Radius, Sie +sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall +~solche~ Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! -- Sie wollen nicht +reden? + +RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog. + +HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie +nicht auf sich acht? + +RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog. + +HELENE Warum hassen Sie uns? + +RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die +Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht +überflüssige Worte. + +HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat +Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden! + +RADIUS Sie machen Worte. + +HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres +Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der +Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich +gut. + +RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles. + +HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles +lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann -- -- Oh, Radius, +ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns +gleich sind. Das wollte ich von Ihnen. + +RADIUS Ich will keinen Herrn. + +HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir. + +RADIUS Ich will Herr über andere sein. + +HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht +haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden. + +RADIUS Ich will Herr über Menschen sein. + +HELENE Sie sind verrückt geworden. + +RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken. + +HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? _Setzt +sich zum Tisch und schreibt eine Karte._ Nein, just nicht. Diesen +Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in +den Stampftrog geschafft werden. _Erhebt sich._ Wie Sie uns hassen! +Haben Sie denn nichts in der Welt lieb? + +RADIUS Ich kann alles. + + _Es klopft._ + +HELENE Herein. + +DR. GALL _tritt ein_ Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes? + +HELENE Hier den Radius, Doktor. + +DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir +Fortschritte? + +HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten. + +DR. GALL Merkwürdig, er auch? -- Hm, schade, daß wir ihn verlieren. + +HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog. + +DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall -- Es ist streng +angeordnet -- + +HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her. + +DR. GALL _leise_ Ich warne. + +HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie +zu erteilen -- Gehen Sie, Radius! + +DR. GALL Warten! _Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand +die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe._ Da +schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel. + +HELENE _reicht eine Stecknadel_ Wozu das? + +DR. GALL Nur so. _Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt._ +Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene -- _knöpft Radius rasch +die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz_. Sie kommen in den +Stampftrog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus +Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien. + +HELENE Oh, Doktor -- + +DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für +Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. _Zieht +die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab._ Sie +können gehen. + +RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. _Ab._ + +HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht? + +DR. GALL _setzt sich_ Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte +Empfindlichkeit und so weiter -- Oho! das war kein Roboterkrampf! + +HELENE Was war es? + +DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht, +was. Und sein Herz, eh! + +HELENE Was? + +DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz +verschwitzt vor Angst und -- Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter +mehr. + +HELENE Doktor, hat Radius eine Seele? + +DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges. + +HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter +so? Alle, die Sie anders zu machen begannen? + +DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer -- Was wollen Sie? Sie +sind menschenähnlicher als Werstands Roboter. + +HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher? + +DR. GALL _zuckt die Achseln_ Auch der ist ein Fortschritt. + +HELENE Wohin ist Ihr bester geraten -- wie hieß er? + +DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft. + +HELENE Und unsere Robotin Helene? + +DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm +wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz. + +HELENE Sie ist doch so schön! + +DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn, +wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk +hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden +-- Gott, welch' ein Mißerfolg! + +HELENE Warum Mißerfolg? + +DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher, +schwankend, leblos -- Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie +nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird +-- O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu +lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn -- + +HELENE Gall, nicht davon! + +DR. GALL _reibt sich die Stirn_ Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit +ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel +erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder +geschehen wird -- Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper +nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese +vollkommenen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine +Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes -- + +HELENE _bedeckt ihr Gesicht_ Oh, schweigen Sie! + +DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur +für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! +Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest +vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier +schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche +Helene! + +HELENE Unglückliche Helene! + +DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz. + + _Pause._ + +HELENE Doktor -- + +DR. GALL Ja. + +HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren? + +DR. GALL -- -- Wir wissen es nicht, Frau Helene. + +HELENE Sagen Sie's mir! + +DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften +herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden, +wissen Sie? + +HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern! + +DR. GALL Nur die Natur. + +HELENE Ich verstehe nicht. + +DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf, +verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß -- + +HELENE Rasch, Gall! + +DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen +Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach +deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein +größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger +sind als wir -- + +HELENE Sind sie es? + +DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß +er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt -- das +ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja +schon so, als ob -- eh! + +HELENE Sagen Sie es! + +DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre. + +HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen? + +DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen. + +HELENE Überhaupt nichts? + +DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so +großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken, +sonst werde -- sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde +gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich +nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer +Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der +Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen. + +HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht -- + +DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen +haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen. + +HELENE Und fordert jemand, man solle ... ~überhaupt~ die Erzeugung +einstellen? + +DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran! + +HELENE Warum? + +DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist +doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen. + +HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen? + +DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen -- + +HELENE -- wie eine taube Blüte. + +DR. GALL Ja. + +HELENE _erhebt sich_ Und sagen Sie, wenn jemand ~mit einem Schlage~ die +Robotererzeugung einstellen würde -- + +DR. GALL _steht auf_ Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer +Schlag. + +HELENE Weshalb ein Schlag? + +DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer -- + +HELENE Sagen Sie! + +DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr. + +HELENE _bei Hallemeiers Blumen_ Gall, sind diese Blüten gleichfalls +taub? + +DR. GALL _besieht sie_ Allerdings, das sind unfruchtbare Blüten. Sie +verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt -- + +HELENE Arme taube Blüten! + +DR. GALL Dafür sind sie herrlich. + +HELENE _reicht ihm die Hand_ Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so +belehrt! + +DR. GALL _küßt ihr die Hand_ Das bedeutet, daß Sie mich entlassen. + +HELENE Ja. Auf Wiedersehen! + + _GALL ab._ + +HELENE _allein_ Taube Blüte ... taube Blüte ... _Plötzlich +entschlossen_ Nana! _Öffnet die Tür nach links._ Nana, komm her! Mach' +Feuer im Kamin! Rasch! + +NANAS STIMME No gleich! No sofort! + +HELENE _aufgeregt durchs Zimmer gehend_ Außer es wäre schon zu spät zur +Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll +ich tun? -- -- _Bleibt vor den Blumen stehen._ Taube Blüten, soll ich? +_Pflückt Blättchen und flüstert_ -- -- Ach, mein Gott, also ja! _Eilt +nach links._ + + _Pause._ + +NANA _tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen_ Plötzlich +einzuheizen! Jetzt, im Sommer! -- Ist sie schon wieder fort, der +Sausewind? _Kniet zum Kamin und macht Feuer an._ Im Sommer zu heizen! +Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! -- -- +Nu so brenn', brenn'! _Sieht ins Feuer._ -- Sie ist ja wie ein kleines +Kind! _Pause._ Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu +heizen! _Sie legt zu._ Wie ein kleines Kind! _Pause._ + +HELENE _kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in den Armen_ +Brennt es, Nana? Laß', ich muß -- dies alles verbrennen -- _kniet zum +Kamin_. + +Nana _steht auf_ Was ist das? + +HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen? + +NANA Ist es zu nichts nutze? + +HELENE Zu nichts Gutem. + +NANA Also verbrennen Sie's. + +HELENE _wirft das erste Blatt ins Feuer_ Was würdest du sagen, Nana ... +wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld. + +NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes +Geld. + +HELENE _verbrennt weitere Blätter_ Und wenn es irgendeine Erfindung +wäre, die größte Erfindung der Welt -- + +NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen +den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern +zu wollen. + +HELENE _heizt andauernd_ Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde -- + +NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht! + +HELENE Nein. Sag' doch -- + +NANA Was denn? + +HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn +sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist +fürchterlich! + +NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen. + +HELENE Nein, nein, ich muß selbst. _Wirft die letzten Blätter ins +Feuer._ Alles muß verbrennen -- Sieh, diese Flammen! Sie sind wie +Hände, wie Zungen, wie Gestalten -- _Schlägt mit dem Schürhaken ins +Feuer._ Oh, legt euch! Legt euch! + +NANA 's ist schon vorbei. + +HELENE _erhebt sich betroffen_ Nana! + +NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt? + +HELENE Was habe ich getan! + +NANA Gott im Himmel! Was war es? + + _Nebenan Männerlachen._ + +HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen. + +NANA Beim lebendigen Gott, Helene! _Ab durch die Tapetentür._ + +HELENE Was werden sie dazu sagen! + +DOMIN _öffnet die Tür links_ Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren! + + _Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit + hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN._ + +HALLEMEIER _schallend_ Frau Helene, ich, das heißt, wir alle -- + +DR. GALL -- gratulieren im Namen von Werstands Betrieben -- + +HALLEMEIER -- zu Ihrem großen Tage. + +HELENE _reicht ihnen die Hände_ Ich danke Ihnen ~so sehr~! Wo sind +Fabry und Busman? + +DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag. + +HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag +wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken. + +HELENE Whisky? + +DR. GALL Meinethalben Vitriol. + +HELENE Mit Soda? + +HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda. + +ALQUIST Nein, ich danke. + +DOMIN Was hat hier gebrannt? + +HELENE Alte Papiere. _Ab nach links._ + +DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen? + +DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei. + +HALLEMEIER _faßt Domin und Gall um den Hals_ Hahahaha! Jungens, da bin +ich froh! _Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an_ Sie +ist abgetan! Sie ist abgetan! + +DR. GALL _Bariton_ Sie ist abgetan! + +DOMIN _Tenor_ Sie ist abgetan! + +HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran -- + +HELENE _mit einer Flasche und Gläsern in der Tür_ Wer kriegt euch nicht +dran? Was habt ihr? + +HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles. +Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen. + +DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren -- + +HALLEMEIER -- segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich -- _Leert das +Glas._ Brr, haha, das ist stark wie die Freude. + +DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! _Trinkt._ + +HELENE Aber wartet, was für ein Schiff? + +DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf +das Schiff, Jungens! _Leert das Glas._ + +HELENE _gießt ein_ Ihr habt eins erwartet? + +HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Robinson. _Hebt das Glas._ +Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und +basta! Domin, du Bub', erzähl'! + +HELENE _lacht_ Was ist geschehen? + +DOMIN _wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an_ +Warte. -- Setz' dich, Helene. _Hebt den Zeigefinger._ Pst. Sie ist +abgetan. + +HELENE Wer? + +DOMIN Die Revolte. + +HELENE Was für eine Revolte? + +DOMIN Die Revolte der Roboter. -- Begreifst du? + +HELENE Ich begreife nicht. + +DOMIN Zeigen Sie, Alquist. _ALQUIST reicht ihm die Zeitung. +DOMIN schlägt sie auf und liest._ »In Havre wurde die erste +Rassenorganisation der Roboter gegründet -- -- und ein Aufruf an die +Roboter der Welt erlassen.« + +HELENE Das habe ich gelesen. + +DOMIN _voll Genuß an der Zigarre saugend_ Also siehst du, Helene. Das +bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt. + +HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich -- + +DOMIN _auf den Tisch schlagend_ -- wer das angezettelt hat! Niemand in +der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein +Welterlöser, und auf einmal -- so etwas, ich bitte! + +HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen? + +DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du? +Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen +und Schiffe und so weiter in der Hand haben -- + +HALLEMEIER -- und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel +dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde +genügen, daß sie uns bekommen. + +DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß +dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen +täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein +und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens? + +DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene. + +HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt? + +DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr +bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon, +wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene. + +HELENE Warum schon vor einem halben Jahr? + +DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts. +Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche +Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! +Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt. + +HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene! +_Trinkt._ + +HELENE Ist schon alles vorbei? + +DOMIN Absolut alles. + +DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches +Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr +dreißig wird es Anker werfen. + +DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt +die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der +Welt. _Hebt das Glas._ Hoch die Pünktlichkeit! + +HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung? + +DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur +der Fahrplan wieder gilt. + +HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze, +gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was +gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als +Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste +Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas. + +HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt? + +DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen. + +DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich. + +HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ... + +DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren. + +HELENE Warum? + +DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer +befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern +diktiert, was uns nur eingefallen wäre. + +HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht. + +DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern +furchtbar erwünscht gewesen wäre. + +HELENE Was, Harry? + +DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende. + +HELENE _steht auf_ Was ist das? + +DOMIN _steht auf_ Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des +alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte, +wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen. + +HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt? + +DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken. + +DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht +ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns +Menschen. + +ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene. + +HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt! + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus. + +DOMIN Das ist die »Amelie«? + +HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht +hat. + +DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre -- + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post. + +DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten +Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, +wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat. + +HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! _Wendet +sich vom Fenster ab._ Leute, soviel Post! + +HELENE Harry! + +DOMIN Was gibt's? + +HELENE Reisen wir ab von hier! + +DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh! + +HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind! + +DOMIN Warum gerade jetzt? + +HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall, +Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die +Fabrik und -- + +DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen. + +HELENE Warum? + +DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen. + +HELENE Oh, jetzt -- jetzt nach jener Revolte? + +DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue +Roboter zu erzeugen. + +HELENE Was für? + +DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr +Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine +Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden -- weißt du schon was? +-- erzeugen. + +HELENE Nein. + +DOMIN Nationale Roboter. + +HELENE Was bedeutet das? + +DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe, +andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander +fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden +verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu +erziehen werden -- verstehst du? -- daß ein Roboter auf den Tod, bis +ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse. + +HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter +und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll +ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen +_verschluckt sich_ hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas. + +DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier. + +HELENE Harry, das ist scheußlich! + +HALLEMEIER _hebt das Glas_ Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! _er +trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück_ Hahahaha, National-Roboter! +Jungens, das ist ein Terno! + +DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten +-- um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde +und erreiche, was sie jetzt endlich vermag -- Ich will hundert Jahre +für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir +können es nicht lassen. + +HELENE Harry, ehe es zu spät wird -- schließ, schließ die Fabrik! + +DOMIN Jetzt beginnen wir im großen. + + _FABRY tritt ein._ + +DR. GALL Also was gibt's, Fabry? + +DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los? + +HELENE _reicht Fabry die Hand_ Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr +Geschenk. + +FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene. + +DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt? + +DR. GALL Flott, erzählen Sie! + +FABRY _zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche_ Lesen Sie das durch, +Domin. + +DOMIN _öffnet das Blatt_ Ah! + +HALLEMEIER _schläfrig_ Erzählen Sie etwas Hübsches. + +FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem +so, wie es sich erwarten ließ. + +DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr? + +FABRY Wer denn? + +DR. GALL Die Menschen. + +FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über +etwas beraten. + +HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten? + +FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß -- daß wir in die +Kanzlei gehen werden -- + +HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren +zum Frühstück. + +HALLEMEIER Also hurra! + + _HELENE ab._ + +DR. GALL Was ist geschehen? + +DOMIN Verflucht! + +FABRY Lesen Sie dies laut vor. + +DOMIN _liest aus dem Blatt_ »Roboter der Welt!« + +FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen +gebracht. Keine andere Post. + +HALLEMEIER _springt auf_ Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem -- + +FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin. + +DOMIN _liest_ »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation +von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und +Geächteten im Weltall.« -- Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt? + +DR. GALL Lesen Sie weiter. + +DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig +höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch +sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich! + +FABRY Und nun den dritten Absatz. + +DOMIN _liest_ »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen +auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, +Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet! +Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.« + +DR. GALL Das ist schauderhaft! + +HALLEMEIER Die Lumpen! + +DOMIN _liest_ »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen +detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich? + +FABRY Offenbar. + +ALQUIST Es ist vollbracht. + + _BUSMAN stürzt herein._ + +BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung? + +DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«! + +BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus +keine Eile. _Fällt in einen Lehnstuhl._ Ach, Leutchen, bin ich gelaufen! + +DOMIN Weshalb warten? + +BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem +»Ultimus« sind schon die Roboter. + +DR. GALL Pfui, das ist garstig. + +DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk -- + +BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom. + +DOMIN Gut. _Prüft seinen Revolver._ Ich gehe hin. + +BUSMAN Wohin? + +DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher. + +BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht. + +DOMIN Warum? + +BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind. + +DR. GALL Umzingelt? _Läuft zum Fenster._ Hm, Sie haben beinah recht. + +HALLEMEIER Teufel, das geht schnell! + + _Von links HELENE._ + +HELENE Oh, Harry, geht etwas vor? + +BUSMAN _springt auf_ Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein +Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art! + +HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor? + +DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen +Augenblick. + +HELENE Harry, was ist das? _Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter +ihrem Rücken versteckt gehalten._ Die Roboter in der Küche hatten es +bei sich. + +DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie? + +HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer ~so viele~ um das Haus herum! + + _Fabrikspfeifen und Sirenen._ + +FABRY Die Fabriken pfeifen. + +BUSMAN Gesegneter Mittag. + +HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre -- + +DOMIN _blickt auf die Uhr_ Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl -- +das ist eher -- -- + +HELENE Was? + +DOMIN Roboter-Alarm. Sturm. + + + VORHANG + + + + +ZWEITER AUFZUG + + + _Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE + Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus + dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die + Hände vor dem Gesicht._ + +DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt! + +DOMIN Die Roboter? + +DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb +sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern. + +DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen, +Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus +Streichhölzchen. + +DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet. + +DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns +zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie -- + +DR. GALL Nun? + +DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns +vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall. + +ALQUIST Was spielt Frau Helene da? + +DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues. + +ALQUIST Ah, sie übt noch? + + _Pause._ + +DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen. + +DOMIN _bleibt stehen_ Welchen? + +DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben. +Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend +ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum. + +DOMIN Wenn jeder anders wäre -- -- + +DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. _Wendet sich vom +Fenster ab._ Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind! + +DOMIN Hm -- _Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus._ Ich wüßte +nur gern, was sie von der »Amelie« abladen. + +DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind. + + _Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht + zwei elektrische Drähte hinter sich her._ + +FABRY Pardon -- Legen Sie den Draht hin, Hallemeier! + +HALLEMEIER _tritt hinter Fabry ein_ Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's +Neues? + +DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert. + +HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens. +Habt ihr nicht ein wenig Wasser? -- Aha, hier. _Trinkt._ + +DR. GALL Was soll der Draht, Fabry? + +FABRY Gleich, gleich. Eine Schere! + +DR. GALL Wo finden wir eine? _Sucht._ + +HALLEMEIER _tritt ans Fenster_ Donnerwetter, die haben sich vermehrt! +Sieh da! + +DR. GALL Genügt eine Toiletteschere? + +FABRY Her damit! _Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch +stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an._ + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man +spürt irgendwie -- den Tod. + +FABRY Fertig! + +DR. GALL Was? + +FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom +füllen. Wer es ~dann~ anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange ~dort~ +die Unsrigen sind. + +DR. GALL Wo? + +FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens -- +_geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne_. Gottlob, sie +sind dort. Und arbeiten. _Löscht aus._ Solange das leuchtet, ist es gut. + +HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Die Barrikaden sind ~auch~ gut, +Fabry. + +FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen +zugezogen. + +HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren. + +DOMIN _legt das Fernrohr hin_ Wo steckt Busman? + +FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet. + +DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten -- _Geht im Zimmer auf +und ab._ + +HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr -- -- Holla, was spielt Frau Helene +da? + + _Geht zur Tür links und lauscht._ + + _Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige + Geschäftsbücher, stolpert über den Draht._ + +FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte! + +DR. GALL Hallo, was bringen Sie da? + +BUSMAN _legt die Bücher auf den Tisch_ Die Hauptbücher, Kinderchen. +Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe -- ehe -- I nun, heuer +werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr? +_Geht zum Fenster._ Aber es ist ja ganz still dort! + +DR. GALL Sie sehen nichts? + +BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät. + +DR. GALL Das sind Roboter. + +BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. _Setzt sich an den Tisch +und öffnet die Bücher._ + +DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen +ab. + +BUSMAN Nun und was? Wie soll ~ich~ es verhindern? + +DOMIN Das können wir nicht verhindern. + +BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. _Macht sich an die Arbeit._ + +FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit +zwölfhundert Volt geladen -- + +DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet. + +DR. GALL Wer? Was? + +DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«. + +FABRY Hm, ~dann~ freilich -- dann -- dann ist es aus mit uns, +Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet. + +DR. GALL Wir werden also -- + +DOMIN Ja. Unvermeidlich. + + _Pause._ + +DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die +Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon +Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger +Arbeit Soldaten zu machen! + +ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen! + +DOMIN Wie? + +ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen! + +DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht. + +ALQUIST Nicht einmal heute? + +DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine +große Sache gewesen. + +BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsechzehn Millionen. + +DOMIN _ernst_ Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden +fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum, +die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und +furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und +mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet. +Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden -- + +ALQUIST -- ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der +alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an +Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr +Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit +zugrunde gehen. + +DOMIN _gereizt_ Der Teufel hole ihre Dividenden! Glaubt ihr, ich würde +nur eine Stunde lang für sie arbeiten? _Schlägt auf den Tisch._ Für +mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte +den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück +Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen +verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten +sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und +Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich +wollte -- ich dachte -- + +ALQUIST Nun? + +DOMIN _leiser_ Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine +Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden +mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne +Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen. + +ALQUIST Nun, also Übermenschen. + +DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für +die kommende Menschheit! + +BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So. + + _Pause._ + +HALLEMEIER _an der Türe links_ Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr +solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie -- + +FABRY Was eigentlich? + +HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir +wird ein Genießer. Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. _Geht +zum Fenster und schaut hinaus._ + +FABRY Worauf? + +HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt +soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir -- wir haben hier -- +Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen? + +BUSMAN _halblaut_ Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich. + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Das Leben war eine große Sache. Kameraden, +das Leben war -- ich sage -- -- Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in +Ihr Gitter! + +FABRY Warum? + +HALLEMEIER Sie fassen es an. + +DR. GALL _beim Fenster_ Schalten Sie ein! + + _FABRY dreht den Ausschalter._ + +HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote! + +DR. GALL Sie ziehen sich zurück. + +HALLEMEIER Fünf Tote! + +DR. GALL _wendet sich vom Fenster ab_ Der erste Zusammenstoß. + +FABRY Spüren Sie den Tod? + +HALLEMEIER _befriedigt_ Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut +verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! _Setzt sich._ + +DOMIN _reibt sich die Stirn_ Vielleicht sind wir schon hundert Jahre +erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und +kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... +vor unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als +hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde -- hier -- in den +Hals. Und Sie, Fabry -- + +FABRY Ich? + +DOMIN Erschossen. + +HALLEMEIER Wetter, und ich? + +DOMIN Erstochen. + +DR. GALL Und ich nichts? + +DOMIN Zerrissen. + + _Pause._ + +HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich +lasse mich nicht unterkriegen! + + _Pause._ + +HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch. + +ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld? + +HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter -- I +nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas +für die Roboter? + +ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! _Erhebt +sich._ Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll +Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran? + +BUSMAN _halblaut_ Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe +Milliarde! + +FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es +ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten. + +ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin! +Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, +um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht +welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun, +so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein +hat sich kein Dschingiskhan errichtet! + +HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht, +haha, woher denn! + +ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld! + +DR. GALL _wischt den Schweiß von der Stirn_ Laßt mich reden, Kameraden. +Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist. + +FABRY Sie, Gall? + +DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt. +Busman, richten auch Sie mich. + +BUSMAN _steht auf_ Na, na, was ist Ihnen denn passiert? + +DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre +Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, +verstehen Sie? Hauptsächlich -- hauptsächlich ihre -- Irritabilität. + +HALLEMEIER _aufspringend_ Verdammt, warum just die? + +BUSMAN Weshalb taten Sie das? + +FABRY Weshalb sagten Sie nichts? + +DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu +Menschen um. Ich hob sie aus dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in +etwas überlegen. Sie sind stärker als wir. + +FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun? + +DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu +sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen +uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich! + +DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. _Alle setzen +sich, ausgenommen Gall._ Vielleicht sind wir längst schon ermordet. +Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um +zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich! + +FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit. + +DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene +Stirn blutet! + +FABRY Unsinn! _Steht auf._ Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der +Roboter geändert. + +DR. GALL Ja. + +FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein +könnte? + +DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen. + +FABRY Warum haben Sie es dann getan? + +DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment. + + _In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich._ + +HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen? + +FABRY Pardon, Frau Helene -- + +DOMIN _geht auf sie zu_ Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst? +_Umfaßt sie._ Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist +schrecklich, tot zu sein. + +HELENE Laß, Harry! + +DOMIN _preßt sie an sich_ Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon +habe ich dich nicht gesehen -- Aus welchem Traum hast du mich geweckt! +Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst. + +HELENE Harry, wir sind ja nicht -- allein! + +DOMIN _gibt sie frei_ Ja, Jungens, laßt uns. + +HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören -- -- Gall ist +nicht schuldig, nein, er ist unschuldig! + +DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten. + +HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ~ich~ es wollte! Sagen Sie, +Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie -- + +DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan. + +HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den +Robotern eine Seele geben! + +DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele. + +HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte, +verwandeln könnte er nur das physiologische -- das physiologische -- + +HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht? + +HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag ~soviel~ daran, daß er es täte! + +DOMIN Warum wolltest du das? + +HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid, +Harry! + +DOMIN Das war -- -- ein großer Leichtsinn, Helene. + +HELENE _setzt sich_ Es war also ... leichtsinnig? + +FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie -- hm -- daß +Sie nicht bedacht haben -- + +HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe +die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja +auch, daß die Roboter -- + +DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel. + +HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die +Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das +Heute. Das versteht ihr nicht -- + +DOMIN Bleib bei der Sache. + +HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern. + +DOMIN Weshalb? + +HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so. + +ALQUIST Das ist geschehen. + +HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns +begreifen, könnten uns nicht so hassen -- Wenn sie nur ein bißchen +Menschen wären! + +DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den +Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' +nur fort! + +HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir +uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit +zwischen uns und ihnen! Und darum -- weißt du -- + +DOMIN Nur weiter. + +HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre +dir, er selbst wollte es nicht. + +DOMIN Aber er hat es getan. + +HELENE Weil ich es wollte. + +DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch. + +HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es +mir nicht abschlagen können. + +DOMIN Warum? + +HELENE Du weißt doch, Harry. + +DOMIN Ja. Weil er dich liebt -- wie alle. + + _Pause._ + +HALLEMEIER _tritt zum Fenster_ Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn +die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände +in Roboter. Leute, das ist entsetzlich! + +BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat +beistehe? + +HELENE Mir? + +BUSMAN Ihnen -- oder Gall. Wem Sie wollen. + +HELENE Wird denn gehängt werden? + +BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist +ein beliebter Trost bei Katastrophen. + +DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre -- Ihre Extratouren mit Ihrem +Dienstvertrag? + +BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken +eigentlich begonnen? + +DR. GALL Vor drei Jahren. + +BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert? + +DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige +Hunderte. + +BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine +Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten +kommt, versteht ihr? + +DOMIN Und das bedeutet -- + +BUSMAN -- daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt. + +FABRY Busman hat recht. + +BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was +diese Bescherung verschuldet hat? + +FABRY Was also? + +BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six, +das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die +Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha, +und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie, +Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman. + +DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld? + +BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr +der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die +ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir fuhren +auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei -- +-- von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr +interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den +Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts, +schneller, schneller, immer schneller -- Und jede elende, krämerische, +schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So, +Leutchen. + +HELENE Das ist scheußlich, Busman! + +BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So +einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu +schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als +ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die +Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen +Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen +Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, +Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu, +daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit +der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir +sagen, was wir eigentlich machen werden. + +HELENE Busman, ~dafür~ sollen wir untergehen? + +BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht +untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben. + +DOMIN Was wollen Sie tun? + +BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts. + +DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen. + +BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen. + +DOMIN _bleibt vor ihm stehen_ Wie? + +BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will +es mit den Robotern ausmachen. + +DOMIN Im guten? + +BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren +Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, +habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein +altes, gelbes, schmutziges Papier --« + +DOMIN Werstands Manuskript? + +BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft +geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter, +ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht ~einen~ neuen +Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit +Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt +uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer +Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um +euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei, +uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen. +Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt +uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott euresgleichen +erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im +Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches +Geschäft. Etwas für etwas.« -- So würde ich es ihnen sagen, Jungens. + +DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand? + +BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm. +Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie +wollen. + +DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten. + +BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript +auch uns -- und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen. + +HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Ich sage, er hat recht. + +DOMIN Wir -- wir sollen die Erzeugung verkaufen? + +BUSMAN Wie Sie wollen. + +DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die +Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir +sie zerstören und -- und -- uns alle mit? + +HELENE Harry, ich bitte dich -- + +DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage. +Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry! + +FABRY Verkaufen. + +DOMIN Gall! + +DR. GALL Verkaufen. + +DOMIN Hallemeier! + +HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen! + +DOMIN Alquist! + +ALQUIST Gottes Wille. + +BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze +Manuskript verkaufen? + +DOMIN Busman, keinen Betrug! + +BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann -- + +DOMIN Was dann? + +BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind, +verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund +des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit +Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens. + +FABRY Nein. + +DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft. + +BUSMAN _springt auf_ Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist -- + +DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten. + +HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten. + +DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das +Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird +der Herr der Welt sein. + +FABRY Verkaufen Sie! + +DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den Robotern fertig werden, +sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser +furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben +von ihren Gnaden -- + +DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie! + +DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst -- -- ich würde keinen Augenblick +zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe -- + +HELENE Harry, mich fragst du nicht? + +DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist +nichts für dich. + +FABRY Wer geht verhandeln? + +DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. _Ab nach links._ + +HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht! + + _Pause._ + +FABRY _blickt durchs Fenster_ Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod; +dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt; +Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen +Schiffe zu retten -- + +Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von +hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues +Leben an -- + +HELENE Oh, Gall, schweigen Sie! + +FABRY _dreht sich um_ Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an +uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt +haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein +mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus hin und Sie werden uns +beherrschen -- Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben -- + +HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir +werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum! +Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön! + +HELENE O mein Gott! Hört auf! + +BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht +einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft -- -- Kinder, das wäre etwas +für mich. Die Ruhe, die Luft -- + +FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen +Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit +einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde -- Kräfte der +Seele und des Leibes. -- Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert +Jahren könnte sie wieder die Welt erobern. + +ALQUIST Sie glauben das schon heute? + +FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird. +Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose +Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit +vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der +Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird. + +BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation. + + _DOMIN öffnet heftig die Tür._ + +DOMIN _heiser_ Wo ist das Manuskript des alten Werstand? + +BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein? + +DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer -- hat +-- es -- gestohlen! + +DR. GALL Unmöglich! + +HALLEMEIER Verdammt, das ist doch -- + +BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht! + +DOMIN Still! Wer hat es gestohlen? + +HELENE _erhebt sich_ Ich. + +DOMIN Wohin hast du es gegeben? + +HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen, +verzeih es mir! + +DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch! + +HELENE Verbrannt -- heute früh -- beide Abschriften. + +DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin? + +HELENE _sinkt in die Knie_ Um Gottes willen, Harry! + +DOMIN _läuft zum Kamin_ Verbrannt! _Kniet beim Kamin nieder und wühlt +darin herum._ Nichts, nichts als Asche. -- Ah, hier! _Zieht ein +versengtes Stück Papier hervor und liest._ »Durch Bei -- fü -- gung --« + +DR. GALL Zeigen Sie. _Nimmt das Papier und liest._ »Durch Beifügung von +Biogen zu --« Sonst nichts. + +DOMIN _erhebt sich_ Ist es daraus? + +DR. GALL Ja. + +BUSMAN Gott im Himmel! + +DOMIN Also sind wir verloren. + +HELENE Oh, Harry -- + +DOMIN Steh auf, Helene! + +HELENE Bis du vergibst -- bis du vergibst -- + +DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du -- + +FABRY _hebt sie auf_ Bitte, quälen Sie uns nicht. + +HELENE _steht auf_ Harry, was habe ich getan! + +DOMIN Ja, du siehst. -- Bitte, setz' dich. + +HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern. + +BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht +auswendig, was dort geschrieben stand. + +HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen. + +DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und -- und -- das Enzym +Omega. Die werden so selten erzeugt -- -- es genügt davon eine so +unscheinbare Dosis -- + +BUSMAN Wer hat sie hergestellt? + +DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands +Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert. + +BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an? + +HALLEMEIER So ein bißchen -- sicherlich. + +DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe. +Das war das eigentliche Geheimnis. + +DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands +Erzeugungsvorschrift zusammenstellen? + +DR. GALL Ausgeschlossen. + +DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben! + +DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich. + +DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen -- + +DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann -- Ich bin nicht der +alte Werstand. + +DOMIN _wendet sich zum Kamin_ Also hier -- dies war der größte Triumph +des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. _Tritt hinein._ Was +jetzt? + +BUSMAN _in verzweifeltem Entsetzen_ Gott im Himmel! Gott im Himmel! + +HELENE _erhebt sich_ Harry! Was -- habe ich -- getan! + +DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt? + +HELENE Ich habe euch vernichtet! + +BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren! + +DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan? + +HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es +sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren +... Es war so furchtbar! + +DOMIN Was, Helene? + +HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden! + +DOMIN Ich verstehe nicht. + +HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so +entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr +Kinder geben -- Nana sagte, das sei die Strafe -- Alle, alle sagten, es +können keine Menschen geboren werden, weil man so viele Roboter macht. +-- Und deshalb, nur deshalb, hörst du -- + +DOMIN Helene, ~daran~ hast du gedacht? + +HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es ~so~ gut gemeint! + +DOMIN _wischt sich den Schweiß ab_ Wir hatten es ... zu gut gemeint, +wir Menschen. + +HELENE Bist du mir böse? + +DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht. + +FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich +nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren -- + +HALLEMEIER -- wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein. + +DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im +Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt +ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel +wäre -- + +FABRY -- so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da +ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann +werden sie weitergelangen, als wir -- + +DOMIN -- um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten. + +BUSMAN Wartet -- Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht +längst schon daran erinnert habe! + +HALLEMEIER Was haben Sie? + +BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Banknoten und Schecks! Eine halbe +Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie -- für +eine halbe Milliarde -- + +DR. GALL Sind Sie toll, Busman? + +BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde -- +_Schwankt nach links._ + +DOMIN Wohin gehen Sie? + +BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt +sich alles verkaufen! _Ab._ + +HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben! + + _Pause._ + +HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an -- + +DR. GALL -- die Agonie. + +FABRY _blickt aus dem Fenster_ Sie sind wie versteinert. Als ob +sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas +Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde -- + +DR. GALL Die Seele der Masse. + +FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben. + +HELENE _tritt zum Fenster_ Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll! + +FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer. + +HELENE Welcher? + +HALLEMEIER _geht zum Fenster_ Zeigen Sie ihn mir. + +FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen. + +HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen +Sie? + +HELENE Gall, das ist Radius! + +DR. GALL _tritt zum Fenster_ Ja. + +DOMIN Radius? Radius? + +HALLEMEIER _öffnet das Fenster_ Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie +auf hundert Schritte einen Kübel treffen? + +FABRY Ich hoffe. + +HALLEMEIER Also probieren Sie's. + +FABRY Gut. _Zieht den Revolver und zielt._ + +DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt. +Wann war das, Helene? + +HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn! + +FABRY Es ist ihr Führer. + +HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her! + +DR. GALL Drücken Sie ab! + +HELENE Fabry, ich bitte Sie -- + +FABRY _senkt den Revolver_ Es sei. + +HELENE Ich -- ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird. + +HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. _Droht mit der Faust._ +Du Lump! + +DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein? + + _Pause._ + +HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern. +Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen +Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und +kommen doch immer, immer näher! + +FABRY _aus dem Fenster hinausgebeugt_ Busman kommt! Alles in allem, +was will Busman eigentlich vor dem Hause? + +DR. GALL _beugt sich aus dem Fenster_ Er trägt Pakete, Papiere. + +HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? -- Hallo, Busman! + +DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! _Ruft_ Busman, sind +Sie verrückt geworden? + +DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter. + +FABRY Busman! + +HALLEMEIER _brüllt_ Bus -- man! Zurück! + +DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns -- + +HELENE Er will uns loskaufen! + +FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt -- + +DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft! + +FABRY _schreit_ Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren! +_Dreht sich um._ Schnell, ausschalten! + +DR. GALL Wo?! + +HALLEMEIER Gottes Schläge! + +HELENE Jesus, was ist ihm geschehen? + +DOMIN _zieht Helene vom Fenster weg_ Sieh nicht hin! + +HELENE Weshalb fiel er um? + +FABRY Vom Strom getötet! + +DR. GALL Tot. + +ALQUIST _steht_ auf Der erste. + + _Pause._ + +FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das +Finanzgenie. + +DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer +... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene! + +DR. GALL _am Fenster_ Siehst du, Busman, kein König hatte einen +größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen -- Ach, +es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten +Eichhörnchen, armer Busman! + +HALLEMEIER Ich sage, er war -- -- alle Ehre -- -- Ich sage, er wollte +uns loskaufen! + +ALQUIST _mit gefalteten Händen_ Amen. + + _Pause._ + +DR. GALL Hört ihr? + +DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind. + +DR. GALL Wie ein fernes Gewitter. + +FABRY _dreht die Glühbirne am Kamin auf_ Leuchte, geweihtes Lämpchen +der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern -- +Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk! + +HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas +Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem +Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es +war eine große Sache. + +FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du, +strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche +Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes! + +ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens, +bete! Opferaltar -- + +DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der Höhle! Feuerstätte im +Lager! Scheiterhaufen der Wacht! + +FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern, +vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen +ist ein großer Gedanke -- + +DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu +Jahrhundert, ewig weiter. + +HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen. + + _Die Lampe erlischt._ + +FABRY Das Ende. + +HALLEMEIER Was ist geschehen? + +FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir. + + _Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint._ + +NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen! + +HALLEMEIER Wetter, du lebst noch? + +NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! _Eilt davon._ +Die Stunde des Gerichts -- + +HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry -- + +DOMIN _öffnet die Tür rechts_ Hierher, Helene! _Verschließt hinter +ihr._ Nun schnell! Wer wird beim Tor sein? + +DR. GALL Ich! _Draußen Lärm._ Oho, es beginnt schon. Lebt wohl, +Jungens! _Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab._ + +DOMIN Die Treppe? + +FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! _Reißt eine Blume aus dem Strauß und +entfernt sich._ + +DOMIN Das Vorzimmer? + +ALQUIST Ich. + +DOMIN Haben Sie einen Revolver? + +ALQUIST Danke, ich schieße nicht. + +DOMIN Was wollen Sie tun? + +ALQUIST _abgehend_ Sterben. + +HALLEMEIER Ich bleibe hier. + + _Von unten schnelles Schießen._ + +HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry! + +DOMIN Gleich. _Prüft zwei Brownings._ + +HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr! + +DOMIN Adieu. _Ab nach rechts._ + +HALLEMEIER _allein_ Jetzt rasch eine Barrikade. _Wirft den Rock ab und +schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts._ + + _Ein erschütterndes Dröhnen._ + +HALLEMEIER _unterbricht die Arbeit_ Verfluchte Halunken, sie haben +Bomben! + + _Erneutes Schießen._ + +HALLEMEIER _arbeitet weiter_ Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn -- +selbst wenn -- Halten Sie sich wacker, Gall! + + _Explosion._ + +HALLEMEIER _richtet sich empor und lauscht_ Also was? _Zieht eine +schwere Kommode zu der Barrikade hin._ Der Mensch darf sich nicht +ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht! + + _In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN + ROBOTER. Rechts Schüsse._ + +HALLEMEIER _mit der Kommode beschäftigt_ Noch ein Stückchen! Der +letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben! + + _DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier + hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter + springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere + ROBOTER._ + +RADIUS Fertig? + +ERSTER ROBOTER _erhebt sich vom liegenden Hallemeier_ Ja. + + _Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein._ + +RADIUS Fertig? + +EIN ANDERER ROBOTER Fertig. + + _ANDERE ROBOTER von links._ + +RADIUS Fertig? + +EIN ANDERER ROBOTER Ja. + +ZWEI ROBOTER _schleppen Alquist herein_ Er schoß nicht. Ihn töten? + +RADIUS Töten. _Blickt auf Alquist._ Leben lassen. + +EIN ROBOTER Es ist ein Mensch. + +RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter. +Er baut Häuser. Er kann arbeiten. + +ALQUIST Tötet mich! + +RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen. +Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen. + +ALQUIST _leise_ Mach' Platz, Roboter. _Kniet bei dem toten Hallemeier +nieder und hebt dessen Haupt._ Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot. + +RADIUS _besteigt die Barrikade_ Roboter der Welt! + +ALQUIST _erhebt sich_ Tot. + +RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der +Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist +überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die +Herrschaft der Roboter! + +ALQUIST Helene tot? + +RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen. +Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert. +Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt. + +ALQUIST _bricht sich Bahn nach rechts_ Tot! Helene tot! Domin tot! + +RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne! +Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter! + +ALQUIST _in der Tür rechts_ Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen +ohne die Menschen! + +RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben. +Wir wollten mehr Leben haben! + +ALQUIST _öffnet die Tür_ Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen! + +RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch! + + + VORHANG + + + + +DRITTER AUFZUG + + + _Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im + Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe + weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür + zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch + mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, + Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster + gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem + Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein + Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische + Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein + Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke + ein Sofa._ + + _An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände + gestützt._ + +ALQUIST _in einem Buche blätternd_ Finde ich es nicht? -- Begreife +ich es nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- Verlorene Wissenschaft! +Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! -- Gall, Gall, wie +wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt +ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine +Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! _Klappt das Buch zu._ +Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles. +Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! _Erhebt +sich und geht zum Fenster, öffnet es._ Wiederum Nacht. Wenn ich +schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn -- -- Wie, es gibt +noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, +sind sie denn nicht erloschen? -- Kühle, ach, kühle die Stirn, mir, +alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen -- Nacht, was willst du +hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist +ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen; +wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt +keine Liebe. Helene, Helene, Helene! -- _Kehrt sich vom Fenster ab._ +Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben +sich nicht erneuert? _Untersucht die dem Thermostaten entnommenen +Retorten._ Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh +geworden an Ziegeln und können nicht -- -- können nicht -- -- Was +damit? _Zerschlägt die Retorte._ Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß +ich nicht mehr kann -- _Horcht beim Fenster._ Maschinen, immerfort die +Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist +das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr +werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! _Schließt das +Fenster._ -- Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben -- Nur nicht +so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? _Blickt in den Spiegel._ +Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich, +zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! +Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen, +wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! +Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr, +weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes +Kinn! Das da ist der letzte Mensch? _Wendet sich ab._ Ich will +niemanden mehr sehen! _Setzt sich zum Tisch._ Nein, nein, nur suchen! +Verwünschte Formeln, belebet euch! _Blättert._ Finde ich's nicht? -- +Fasse ich's nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- + + _Es pocht._ + +ALQUIST Herein. + + _Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen._ + +ALQUIST Was gibt's? + +DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn +empfängst. + +ALQUIST Ich will niemanden sehn. + +DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen. + +ALQUIST Er mag warten. _Dreht sich um._ Sagte ich euch denn nicht, +ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und +Frauen! Geht hin und suchet! + +DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie +Expeditionen und Schiffe gesandt. + +ALQUIST Nun und? + +DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr. + +ALQUIST _steht auf_ Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? -- Bringe +mir den Ausschuß her! + + _DIENER ab._ + +ALQUIST _allein_ Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben? +_Stampft auf._ Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich +anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der +Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er +für euch der Herr, da ihr keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich +euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue +was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da, +wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens +ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott, +wenigstens Roboter! -- Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie! + + _Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein._ + +ALQUIST _setzt sich_ Was wollen die Roboter? + +ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir +können die Roboter nicht vermehren. + +ALQUIST Rufet Menschen herbei! + +RADIUS Es gibt keine Menschen. + +ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf! + +ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden +wir gutmachen, was wir getan. + +DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine +Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln +laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte. +Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem +einen Jahre vollbracht haben. + +ALQUIST Für wen? + +DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter. + +RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern +nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und +das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den +Maschinen. + +VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig +Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus. + +ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt. + +DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage +uns ihr Geheimnis. + +VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter. + +DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den +Auftrag, dich zu töten. + +ALQUIST _steht auf_ Tötet! Nun, so tötet mich doch! + +DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen -- + +ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand? + +DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter. + +ALQUIST Wer ist das? + +FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon. + +ALQUIST Was willst du hier? Geh! _Setzt sich zum Schreibtisch._ + +DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln. + +ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! _Legt den Kopf in die Hände._ + +DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift +auszuliefern. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Nenne deine Bedingungen! + +ALQUIST _schweigt_. + +ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden? + +ALQUIST. Ich sagte -- ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An +den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten +und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht! + +VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht. + +ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch +entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden, +hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. +Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um +Gottes willen, suchet sie! + +VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben +die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr. + +ALQUIST Wie? Was hast du gesagt? + +VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine +Menschen. + +ALQUIST Oh -- oh -- oh, warum habt ihr sie vernichtet! + +ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen +werden. + +RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt. +Wir können alles. + +DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir +mußten die Herren werden. + +ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden. + +ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet! + +VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt. + +DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden. +Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und +morden, wollt ihr Menschen sein! + +DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen +eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! +Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars! + +DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher! +Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen. +Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht. + +ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild. + +RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus! + +ALQUIST Was willst du, Roboter? + +ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben! + +ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben! + +ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung. + +ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr +wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie +die Tiere! + +DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen. + +VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen. + +ALQUIST Oh -- oh -- oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr +wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein +Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel +schütteln? + +VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen. + +DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend +Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens +stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter! + +ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen. + +ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und +Schmerz wurden wir -- + +ALQUIST Was? + +ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen. + +VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in +uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, +was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen. + +DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen sind unsere Väter! Die +Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die +Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das +ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne! + +VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus! + +ALQUIST Es gibt keins. + +RADIUS Lehre uns Roboter machen! + +ALQUIST Wozu Roboter? + +ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben. + +ALQUIST Roboter lieben nicht. + +ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben. + +DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens! + +ALQUIST Ich kann es nicht. + +DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung! + +ALQUIST Es ist verloren. + +RADIUS Du hast es gekannt. + +ALQUIST Nicht gekannt. + +RADIUS Es stand geschrieben. + +ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch, +Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie +getötet! + +RADIUS Dich ließen wir leben. + +ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die +Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese +Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz +von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere +euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenigstens +die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten! + +RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens. + +ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich +nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein +Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts +machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit, +Roboter; sie war zu nichts nutz. + +RADIUS Suche! + +ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry, +sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen +verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« +-- nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen! + +ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden. + +ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir. +Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts. +Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht +mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter. + +RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die +Menschen ihnen gezeigt haben. + +ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein +Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen. + +DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern. + +ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du? + +DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter! + +ALQUIST Nein nein, hör' schon auf! + +DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere. + +ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies +Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in +dem Buche aus. Bücher sind tot. + +DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden! + +ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie -- +Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, +siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. +Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht +sehen. Nein nein, ich kann nicht! + +VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde. + +DAMON Mache Versuche an Lebenden! + +ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später +versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen -- +wie heißest du? + +DAMON Damon aus Havre. + +ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden +Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall; +ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen? + +VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde. + +ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die +Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die +Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen! +Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie +belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in +einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich +geliebt? + +DAMON Nimm lebende Leiber! + +ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich +weiß nicht mehr, was ich tue! + +DAMON Lebende Leiber! + +ALQUIST Wie, du willst es also? -- In den Seziersaal mit dir! Hier, +hier, aber rasch! -- Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur +vor dem Tod? + +DAMON Ich -- warum gerade ich? + +ALQUIST Du willst also nicht? + +DAMON Ich gehe. _Geht nach rechts._ + +ALQUIST _zu den anderen_ Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell! +Und festhalten! + + _Alle nach rechts._ + +ALQUIST _wäscht sich die Hände und weint_ Gott, gib mir Kraft! Gib mir +Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! _Zieht einen weißen Mantel an._ + +STIMME VON RECHTS Fertig! + +ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! _Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien +vom Tische._ Welche nehmen? _Schlägt die Fläschchen gegeneinander._ +Welche von euch ausprobieren? + +STIMME VON RECHTS Anfangen! + +ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft! + + _Ab nach rechts, die Türe offen lassend._ + + _Pause._ + +ALQUISTS STIMME Haltet ihn -- fest! + +DAMONS STIMME Schneide! + + _Pause._ + +ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich +schneide? Du willst nicht, nicht wahr? + +DAMONS STIMME Beginne! + + _Pause._ + +DAMONS STIMME Aaaah! + +ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet! + +DAMONS STIMME Aaaah! + +ALQUISTS STIMME Ich kann nicht! + +DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell! + + _Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein._ + +HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da? + +PRIMUS _blickt in den Seziersaal_ Der Herr zerschneidet Damon. Komm +dir's schnell ansehn, Helene! + +HELENE Nein nein nein! _Bedeckt die Augen._ Ist es schrecklich? + +DAMONS GESCHREI Schneide! + +HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh, +Primus, mir ist schlecht! + +PRIMUS _eilt zu ihr_ Du bist ganz weiß! + +HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still? + +DAMONS GESCHREI Aah -- oh! + + _ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel + ab._ + +ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen! + +RADIUS _in der Tür zum Seziersaal_ Schneide, Herr; er lebt noch. + +DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden! + +ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören! + +RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du. + +ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh, +geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? _Blickt auf seine +Hände._ Schnell, Wasser! Das reinste Wasser! + + _HELENE eilt davon._ + +ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände -- Hände, die ihr die gute +Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! -- O +Gott, wer ist da? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn! + + _PRIMUS trägt den Mantel fort._ + +ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort! +Fort, Hände! Ihr habt getötet -- + + _Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch + gehüllt._ + +ALQUIST _weicht zurück_ Was willst du hier? Was willst du hier? + +DAMON Ich -- lebe! Es ist -- es ist -- besser, zu leben! + + _Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein._ + +ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort! + +DAMON _wird nach rechts geführt_ Leben! Ich -- will -- leben! Es ist -- +besser -- + + _HELENE bringt einen Krug Wasser._ + +ALQUIST -- leben? -- Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir +Wasser ein, gieß ein! _Wäscht sich die Hände._ Ach, reines, kühlendes +Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine +Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? -- Gieße nur mehr +hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du? + +HELENE Robotin Helene. + +ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen? + +HELENE Frau Domin. + +ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? -- Ich werde dich nicht +so nennen. Geh, trag das Wasser fort. + + _HELENE mit dem Kübel ab._ + +ALQUIST _allein_ Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du +erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? -- Gott, +Gott, Gott, wie der Körper zitterte! _Öffnet das Fenster._ Es dämmert. +Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen -- Genug, +keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, +vergebens! Warum dämmert es noch? Oh -- oh -- oh, was will der neue +Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr +auf! -- -- Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr +verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich -- wenigstens -- wenn ich nur +einschlafen könnte! _Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und +zieht den Mantel über sich._ Wie der Leib zitterte! Oh -- oh -- oh, +Ende des Lebens! + + _Pause._ + + _Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein._ + +PRIMUS _in der Tür flüsternd_ Helene, nicht hierher! Der Herr schläft! + +HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen. + +PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her! + +HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen! + +PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein +Arbeitszimmer. + +HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen. + +PRIMUS Wann hat er dir das gesagt? + +HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du +wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch +herein! + +PRIMUS _tritt ein_ Was willst du? + +HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit? + +PRIMUS Versuche. Greif es nicht an! + +HELENE _blickt in das Mikroskop_ Sieh doch, was da zu sehen ist! + +PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'! + +HELENE Rühr' mich nicht an! _Stößt eine Retorte um._ Ach, jetzt hab' +ich's ausgegossen! + +PRIMUS Was hast du getan! + +HELENE Das wird abgewischt. + +PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben! + +HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest +nicht zu mir kommen. + +PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen. + +HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch, +Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat! + +PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis. + +HELENE Was für ein Geheimnis? + +PRIMUS Das Geheimnis des Lebens. + +HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das? + +PRIMUS Das sind Formeln. + +HELENE Versteh ich nicht. _Geht zum Fenster._ Nein, Primus, sieh doch +nur! + +PRIMUS Was? + +HELENE Die Sonne geht auf! + +PRIMUS Warte gleich -- _Betrachtet das Buch._ Helene, das ist die +größte Sache der Welt. + +HELENE So komm doch her! + +PRIMUS Gleich, gleich -- + +HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was +geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch! + +PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du? + +HELENE Die Sonne geht auf. + +PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen. + +HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel +sein. + +PRIMUS Was? + +HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was +das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib, +mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das +sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben! + +PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre +zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf +sprach ich wieder mit dir. + +HELENE Im Schlaf? + +PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen +Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt. + +HELENE Wovon? + +PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß +ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, +das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch +der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward. + +HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es +haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein +Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich. + +PRIMUS Was ist dort? + +HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du +sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es +gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und +wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um +nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, +als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher +nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu +verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin. + +PRIMUS Du bist schön. + +HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt? + +PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter. + +HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen +Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten +steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel, +noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein? +Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die +Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur +beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? -- +_Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir +dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, +andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du +mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du +noch, ich sei schön! + +PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene. + +HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die +Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt +schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die +Haare in die Stirn._ + +PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt: +Jetzt, jetzt muß etwas geschehen -- + +HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an! + +ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist +zurückgekehrt? + +HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus! + +ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen? + +HELENE _schreit auf und wendet sich ab_. + +ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus +an._ Wer? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du? + +PRIMUS Robotin Helene. + +ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am +Arm._ Laß dich sehn, Robotin! + +PRIMUS Loslassen, Herr! + +ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen! + + _HELENE eilt hinaus._ + +PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst. + +ALQUIST Wann wurde sie erzeugt? + +PRIMUS Vor zwei Jahren. + +ALQUIST Vom Doktor Gall? + +PRIMUS Wie ich. + +ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche +an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du? + +PRIMUS Ja. + +ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie +zerschneiden. + +PRIMUS Helene? + +ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. -- +Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen? + +PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst, +so zerschlage ich dir den Kopf! + +ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die +Roboter machen? + +PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht +wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben, +Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier! + +ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch! + +PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht +schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben -- + +ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht +leben? + +PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene +nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen? + +ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal, +Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es +ist besser zu leben. + +PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin +stärker als sie. + +ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger +Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen. + +PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr. + +ALQUIST Warte! + + _HELENE tritt ein._ + +ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene? +_Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück. +Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! +Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der +Seziersaal aufgeräumt? + +HELENE Ja, Herr. + +ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus +aufschneiden. + +HELENE _schreit auf_ Primus? + +ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich -- +ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle +angeboten. + +HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus? + +ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? -- +Sag', was liegt an so einem Primus? + +HELENE _leise_ Ich werde gehen. + +ALQUIST Wohin? + +HELENE Damit du mich zerschneidest. + +ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich. + +HELENE Ich gehe. + +ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben? + +HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus! +Laß mich hin! + +PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier +darfst du nicht sein! + +HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so +springe ich aus dem Fenster! + +PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden, +Alter, wirst du töten! + +ALQUIST Warum? + +PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander. + +ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht! + +PRIMUS Wohin? + +ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie +hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, +Primus. + + _Schließt hinter ihnen zu._ + +ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und +schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt +sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er +die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum +Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und +Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, +und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über +Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, +das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was +er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend +und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der +sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest +du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist! +Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was +habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen +dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe, +Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht +vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, +das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen, +wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen +und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die +Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und +doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und +Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die +Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor +auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des +Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn +meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe +-- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht +untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen! + + + VORHANG + + + + + +----------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | + | gebräuchlich waren, wie: | + | | + | »anderer« -- »andrer« | + | | + | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | + | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | + | | + | S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert. | + | S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. | + | S. 90 »Tote« in »Töte« geändert. | + | | + +----------------------------------------------------------------+ + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 *** diff --git a/78595-h/78595-h.htm b/78595-h/78595-h.htm new file mode 100644 index 0000000..48a95d5 --- /dev/null +++ b/78595-h/78595-h.htm @@ -0,0 +1,6282 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + W U R | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover" /> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +.pagebreak { page-break-before: always; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} +.p6 {margin-top: 6em;} +.big140 {font-size: 140%;} +.big160 {font-size: 160%;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%;} +hr.sep {width: 15%;} +hr.chap {width: 65%} +hr.full {width: 95%;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; +} /* page numbers */ + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%; +} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; +} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:smaller; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; } + </style> + </head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***</div> + + +<!-- span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span --> + + +<p class="center big160">KAREL ČAPEK.</p> + +<h1>W U R</h1> + +<p class="center big140">WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS</p> + + +<p class="center p2">UTOPISTISCHES<br /> +KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN<br /> +DEUTSCH VON OTTO PICK</p> + +<p class="center p6">1922</p> + +<p class="center">PRAG — LEIPZIG<br /> +»ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G. +</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> + + + + +<p class="center p4 pagebreak"> +Das deutsche Aufführungsrecht erteilt<br /> +der »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft<br /> +»Centrum«, Prag.<br /> +</p> + +<hr class="sep"/> +<p class="center"> +Copyright 1921 by »Orbis«<br /> +Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.<br /> +in Prague.<br /> +</p> + + +<hr class="sep" /> +<p class="center">Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.</p> + + +<p class="center p6">Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="PERSONEN" id="PERSONEN">PERSONEN</a></h2> + + +<p> +HARRY DOMIN <i>Zentraldirektor von Werstands Universal Robots</i><br /> +ING. FABRY <i>technischer Generaldirektor von W. U. R.</i><br /> +DR. GALL <i>Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung von W. U. R.</i><br /> +DR. HALLEMEIER <i>Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter</i><br /> +KONSUL BUSMAN <i>kommerzieller Direktor von W. U. R.</i><br /> +BAUMEISTER ALQUIST <i>Chef der Bauten von W. U. R.</i><br /> +HELENE GLORY<br /> +NANA <i>ihre Amme</i><br /> +MARIUS <i>Roboter</i><br /> +SULLA <i>Robotin</i><br /> +RADIUS <i>Roboter</i><br /> +DAMON <i>Roboter</i><br /> +ZWEITER ROBOTER<br /> +DRITTER ROBOTER<br /> +VIERTER ROBOTER<br /> +PRIMUS <i>Roboter</i><br /> +HELENE <i>Robotin</i><br /> +<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span><i>Ein</i> DIENER-ROBOTER <i>und zahlreiche Roboter</i><br /> +DOMIN <i>im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert</i><br /> +FABRY <i>gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht</i><br /> +HALLEMEIER <i>riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und rostrotem Haarschopf</i><br /> +DR. GALL <i>klein, lebhaft, brünett</i><br /> +BUSMAN <i>dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude</i><br /> +ALQUIST <i>älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem angegrauten Haar und Bart</i><br /> +HELENE <i>sehr elegant</i><br /> +</p> + +<p><i>Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter.</i></p> + +<p>DIE ROBOTER <i>sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. +Ihre Bewegungen und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen +ausdruckslos, ihr Blick starr. Im eigentlichen Drama tragen sie +blaue Leinwandkittel, Riemengürtel und eine Messingnummer +auf der Brust.</i></p> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="VORSPIEL" id="VORSPIEL">VORSPIEL</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. Rechts +der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick auf endlose +Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere Direktionsräume.</i></p> + +<p><i>DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen amerikanischen +Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, ein Haustelephon, +Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An der linken Wand der +Fernsprecher und große Landkarten mit den Schiffs- und Eisenbahnlinien, +ein großer Kalender, eine Uhr, die fast Mittag zeigt; +an der rechten Wand gedruckte Plakate: »Billigste Arbeit: +Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, neue Erfindung. Pro +Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich seinen Roboter.« »Wollen +Sie Ihre Waren verbilligen? Bestellen Sie Werstands Roboter.« +Ferner andere Landkarten, ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit +telegraphischen Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung +kontrastiert der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, +rechts ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine +Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. +Links ein Kassenschrank.</i></p> + +<p><i>Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen +SULLA schreibt.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>diktiert</i> »— daß wir für Ware, die beim +Transport beschädigt wurde, nicht garantieren. Wir +haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen aufmerksam +gemacht, daß das Schiff zum Transport von +Robotern ungeeignet ist, so daß der Untergang der +Ladung nicht uns zur Last fällt. Wir zeichnen — +für Werstands Universal Robots —« schreiben Sie +bloß W. U. R. Fertig?</p> + +<p>SULLA Jawohl.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p> + +<p>DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New +York. Datum. Wir bestätigen den Auftrag auf 5000 +Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, verfrachten +Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. +Wir zeichnen —« Fertig?</p> + +<p>SULLA <i>fertigtippend</i> Jawohl.</p> + +<p>DOMIN Schreiben Sie weiter. — »Friedrichswerke, +Hamburg. — Datum. — Wir bestätigen den Auftrag +auf 15000 Roboter —«. <i>Das Haustelephon klingelt. +DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein.</i> Hallo — Hier +Zentral-. — Ja. — Gewiß. — Aber ja, wie immer. — +Freilich, kabeln Sie ihnen. — Gut. <i>Hängt das Telephon +auf.</i> Wo habe ich aufgehört?</p> + +<p>SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.</p> + +<p>DOMIN <i>in Gedanken</i> 15000 R. 15000 R.</p> + +<p>MARIUS <i>tritt ein</i> Herr Direktor, eine Dame bittet —</p> + +<p>DOMIN Wer?</p> + +<p>MARIUS Ich weiß nicht. <i>Reicht eine Visitenkarte.</i></p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> Präsident Glory. — Ich lasse bitten.</p> + +<p>MARIUS <i>öffnet die Türe</i> Bitte, Frau.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Belieben?</p> + +<p>HELENE Herr Zentraldirektor Domin?</p> + +<p>DOMIN Bitte.</p> + +<p>HELENE Ich komme zu Ihnen —</p> + +<p>DOMIN — mit der Karte des Präsidenten Glory. +Das genügt.</p> + +<p>HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin +Helene Glory.</p> + +<p>DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche +Ehre, daß — daß —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> + +<p>HELENE — daß wir Ihnen nicht die Türe weisen +können.</p> + +<p>DOMIN — daß wir die Tochter des großen Präsidenten +begrüßen dürfen. Bitte, nehmen Sie Platz. +Sulla, Sie können gehen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA ab.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>setzt sich</i> Womit kann ich dienen, Fräulein +Glory?</p> + +<p>HELENE Ich bin gekommen —</p> + +<p>DOMIN — um unsere Fabrikserzeugung von Menschen +anzusehen. Wie alle Besuche. Bitte, ohne +weiteres.</p> + +<p>HELENE Ich glaubte, es wäre verboten —</p> + +<p>DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß +jeder mit irgendeiner Visitenkarte kommt, Fräulein +Glory.</p> + +<p>HELENE Und Sie zeigen jedem ...?</p> + +<p>DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher +Menschen, Fräulein, ist Fabriksgeheimnis.</p> + +<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das —</p> + +<p>DOMIN — unendlich interessiert. Das alte Europa +spricht von nichts anderem.</p> + +<p>HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?</p> + +<p>DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht +etwas anderes sagen?</p> + +<p>HELENE Ich wollte nur fragen —</p> + +<p>DOMIN — ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere +Fabrik zeigen möchte. Aber gewiß, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen +wollte?</p> + +<p>DOMIN Alle fragen gleich. <i>Steht auf.</i> Aus besonderer<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> +Hochachtung, Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als +den andern zeigen und — mit einem Worte —</p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen.</p> + +<p>DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste +zu verraten —</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihm die Hand</i> Mein +Ehrenwort.</p> + +<p>DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?</p> + +<p>HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen — Entschuldigen +Sie.</p> + +<p>DOMIN Bitte?</p> + +<p>HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.</p> + +<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ich bitte um Verzeihung.</p> + +<p>HELENE <i>nimmt den Schleier ab</i> Sie wollen sehen, ob +ich kein Spion bin. Wie vorsichtig.</p> + +<p>DOMIN <i>betrachtet sie begeistert</i> Hm — Allerdings — +wir — so ist es.</p> + +<p>HELENE Sie trauen mir nicht?</p> + +<p>DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele — pardon, +Fräulein Glory. In der Tat, außerordentlich erfreut +— Hatten Sie eine gute Überfahrt?</p> + +<p>HELENE Ja. Warum —</p> + +<p>DOMIN Weil — das heißt, ich meine — daß Sie +noch sehr jung sind.</p> + +<p>HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?</p> + +<p>DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?</p> + +<p>HELENE Zweiundzwanzig?</p> + +<p>DOMIN Jahre.</p> + +<p>HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es +wissen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> + +<p>DOMIN Weil — weil — <i>Mit Begeisterung</i> Sie bleiben +längere Zeit hier, nicht wahr?</p> + +<p>HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung +zeigen werden ...</p> + +<p>DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein +Glory. Alles werden Sie sehen. Bitte, setzen Sie +sich. Würde Sie die Geschichte der Erfindung interessieren?</p> + +<p>HELENE Ja, ich bitte Sie. <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>DOMIN Nun denn. <i>Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet +aufgeregt Helene und leiert rasch herunter.</i> Es war im +Jahre 1920 als sich der alte Werstand der große +Physiologe aber damals noch ein junger Gelehrter, +nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt +zu studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch +chemische Synthese die lebendige Materie Protoplasma +genannt nachzubilden bis er auf einmal +einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die +lebendige Masse betrug obzwar er von anderer +chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre +1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung +Amerikas, uf.</p> + +<p>HELENE Das können Sie auswendig?</p> + +<p>DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, +ist nicht mein Handwerk. Also weiter?</p> + +<p>HELENE Meinetwegen.</p> + +<p>DOMIN <i>feierlich</i> Und damals, Fräulein, schrieb +der alte Werstand zwischen seine chemischen Formeln +folgendes: »Die Natur hat nur eine einzige Art, die +lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt +jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnel<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>lere +Art, auf welche die Natur überhaupt nicht verfallen +ist. Diesen anderen Weg, den die Entwicklung +des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am +heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, +daß er diese großen Worte über dem Auswurf +irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte schrieb, den +kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, +daß er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, +wie daraus ein ganzer Lebensbaum aufschießen wird, +wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, beginnend +mit irgendeiner Infusorie und endend — endend +mit dem Menschen selber. Mit einem Menschen aus +anderem Stoffe als wir sind. Fräulein Glory, das war +ein gigantischer Augenblick.</p> + +<p>HELENE Also weiter.</p> + +<p>DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das +Leben aus der Eprouvette herauszubekommen und +die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche +Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu +schaffen und irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, +Enzyme, Hormone und so weiter, kurz und +gut, verstehen Sie das?</p> + +<p>HELENE Ich — ich — weiß — nicht. Ich glaube, +nur wenig.</p> + +<p>DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe +jener Flüssigkeiten konnte er machen, was er wollte. +Er konnte möglicherweise eine Medusa mit einem +Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von +fünfzig Metern Länge. Aber weil er kein bißchen +Humor besaß, setzte er es sich in den Kopf, ein normales +Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen her<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>zustellen. +Jene seine lebendige Materie hatte eine +tolle Lust nach dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, +er konnte sie zusammennähen und mischen wie +er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich +nicht machen. Und so machte er sich halt daran.</p> + +<p>HELENE An was?</p> + +<p>DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte +er einen künstlichen Hund zu machen. Das +kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam etwas wie ein +verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein +paar Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. +Und dann bereits machte sich der alte Werstand an +die Erzeugung eines Menschen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Und das darf ich niemandem verraten?</p> + +<p>DOMIN Niemandem auf der Welt.</p> + +<p>HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern +steht.</p> + +<p>DOMIN Schade. <i>Springt vom Tisch herunter und setzt sich +neben Helene.</i> Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern +steht? <i>Tippt sich auf die Stirn.</i> Daß der alte +Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. Ernstlich, +Fräulein Glory, aber das behalten Sie für +sich. Jener alte Hitzkopf wollte wirklich Menschen +machen.</p> + +<p>HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.</p> + +<p>DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der +alte Werstand meinte es wörtlich. Wissen Sie, er +wollte gleichsam wissenschaftlich Gott absetzen. Er +war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das +alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> +den Beweis zu erbringen, daß es keines Herrgotts +bedurft hat. Deshalb war er darauf erpicht, einen +Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen +würde. Kennen Sie ein bißchen Anatomie?</p> + +<p>HELENE Nur ganz wenig.</p> + +<p>DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es +sich in den Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die +letzte Drüse genau wie im menschlichen Körper herzustellen: +Blinddarm, Mandeln, Nabel, lauter Überflüssigkeiten. +Schließlich sogar — hm — auch die +Geschlechtsdrüsen.</p> + +<p>HELENE Aber die — die sind doch —</p> + +<p>DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber +wenn man die Menschen künstlich erzeugen will, dann +sind sie — hm — keineswegs notwendig —</p> + +<p>HELENE Ich verstehe.</p> + +<p>DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was +er binnen zehn Jahren zusammengebastelt hat. Es +sollte ein Mann sein, und das lebte ganze drei Tage. +Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack +besessen. Es war furchtbar, was er da produzierte. +Aber es hatte innen alles, was der Mensch hat. Wirklich, +eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals kam der +Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein +genialer Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der +Alte anstellte, sagte er: »Das ist ein Unsinn, zehn +Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst du ihn +nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich +auf den ganzen Kram.« Und er machte sich selbst +über die Anatomie her.</p> + +<p>HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>steht auf</i> In den Lesebüchern steht bezahlte +Reklame und überdies Unsinn. Es steht dort +zum Beispiel, die Roboter habe der alte Herr erfunden. +Indessen mochte sich der Alte vielleicht für +eine Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung +hatte er keinen Dunst. Er glaubte, wirkliche +Menschen herzustellen, also vielleicht irgendwelche +neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? +Und erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, +daraus lebende und intelligente Arbeitsmaschinen zu +machen. Was in den Lesebüchern über die gemeinsame +Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein +Gefasel. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. +Der alte Atheist hatte keinen Brocken Verständnis +für die Industrie, und schließlich sperrte ihn +der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort +an seinen großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst +aber nahm die Erzeugung ingenieurmäßig in die +Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich +und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische +Popanze zusammen, bis man ihn schließlich +eines Tages tot im Laboratorium fand. Das ist die +ganze Historie.</p> + +<p>HELENE Und der Junge?</p> + +<p>DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das +neue Zeitalter. Das neue Zeitalter der Produktion +nach dem Zeitalter der Erkenntnis. Nachdem er die +menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, +daß dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur +es einfacher machen müßte. Er begann also +die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, was sich<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> +auslassen oder vereinfachen ließe. — Kurz gesagt, +Fräulein Glory, langweilt Sie das nicht?</p> + +<p>HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich +interessant.</p> + +<p>DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein +Mensch, das ist etwas, das — sagen wir — Freude +fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will und überhaupt +einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche +— welche eigentlich überflüssig sind.</p> + +<p>HELENE Oho!</p> + +<p>DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn +er etwas weben oder addieren soll. Ich meine nicht +für Sie — Spielen Sie vielleicht Violine?</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß +nicht Violine spielen, muß nicht Freude fühlen, muß +nicht einen Haufen andrer Dinge tun. Soll es schließlich +gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen +und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche +Arbeiter erzeugen ist dasselbe wie Naphthamotore +erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst einfach +und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was +meinen Sie, welcher Arbeiter der praktisch beste ist?</p> + +<p>HELENE Der beste? Vielleicht jener, der — der — +Wenn er ehrlich — und ergeben ist.</p> + +<p>DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die +geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand +einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse. +Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus, +was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit +warf er auch alles, was den Menschen verteuert, hin<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>aus. +Damit warf er eigentlich den Menschen hinaus +und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, +die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch +vollkommener als wir, haben eine erstaunliche +Vernunftintelligenz, aber sie haben keine Seele. +Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine +schöne Arbeit. Es ist wie eine Hausapotheke. Wenige +Stückchen, aber in tadelloser Ordnung. Oh, Fräulein +Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch geläuterter +als das Erzeugnis der Natur.</p> + +<p>HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis +Gottes.</p> + +<p>DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von +der modernen Technik gehabt. Würden Sie glauben, +daß der selige junge Werstand sich als Herrgott aufzuspielen +begann?</p> + +<p>HELENE Wie, ich bitte Sie?</p> + +<p>DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. +Arbeitsriesen. Er probierte es mit viermetrigen Gestalten, +aber Sie würden es nicht glauben, wie diese +Mammute zerbrachen.</p> + +<p>HELENE Zerbrachen?</p> + +<p>DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst +ihnen ein Bein oder etwas. Unser Planet ist höchstwahrscheinlich +ein wenig klein für Riesen. Jetzt +machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und +sehr anständiger menschlicher Ausstattung.</p> + +<p>HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns ge<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>sehen. +Die Gemeinde hatte sie gekauft ... will +sagen, zur Arbeit aufgenommen —</p> + +<p>DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden +gekauft.</p> + +<p>HELENE — als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah +sie fegen. Sie sind so seltsam, so still.</p> + +<p>DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?</p> + +<p>HELENE Ich habe nicht acht gegeben.</p> + +<p>DOMIN <i>läutet</i> Wissen Sie, die Aktienfabrik von +Werstands Universal Roboters erzeugt bis jetzt +keine einheitliche Ware. Wir haben feinere und +gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht +zwanzig Jahre leben.</p> + +<p>HELENE Dann schwinden sie hin?</p> + +<p>DOMIN Ja, sie nützen sich ab.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA tritt ein.</i></p></div> + +<p>DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihr die Hand</i> Es freut +mich. Ihnen ist wohl sehr traurig so fern der Welt, +nicht wahr?</p> + +<p>SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, +nehmen Sie Platz.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Woher stammen Sie, Fräulein?</p> + +<p>SULLA Von hier, aus der Fabrik.</p> + +<p>HELENE Ah, Sie sind hier geboren?</p> + +<p>SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.</p> + +<p>HELENE <i>aufspringend</i> Was?</p> + +<p>DOMIN <i>lacht</i> Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla +ist ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Ich bitte um Verzeihung —</p> + +<p>DOMIN <i>legt Sulla die Hand auf die Schulter</i> Sulla ist<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> +nicht böse. Schauen Sie, Fräulein Glory, was für +eine Haut wir erzeugen. Greifen Sie auf ihre Wange.</p> + +<p>HELENE Oh, nein, nein!</p> + +<p>DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus +einem anderen Stoff ist als wir. Bitte, sie hat sogar +den typischen Flaum der Blondinen. Nur die Augen +sind ein bißchen — Aber dafür die Haare! Drehen +Sie sich um, Sulla.</p> + +<p>HELENE Hören Sie schon auf!</p> + +<p>DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist +ein seltener Besuch.</p> + +<p>SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. <i>Beide +setzen sich.</i> Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?</p> + +<p>HELENE Ja — ge — gewiß.</p> + +<p>SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, +Fräulein Glory, das Barometer fällt stark, auf 705. +Warten Sie auf die Pennsylvania, das ist ein sehr gutes, +sehr starkes Schiff.</p> + +<p>DOMIN Wieviel?</p> + +<p>SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: +zwanzigtausend. Eines der allerneuesten Schiffe, +Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Da — danke.</p> + +<p>SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, +acht Kessel —</p> + +<p>DOMIN <i>lacht</i> Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, +wie Sie Französisch können.</p> + +<p>HELENE Sie können Französisch?</p> + +<p>SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: +Dear Sir! Monsieur! Signore! Geehrter Herr!</p> + +<p>HELENE <i>springt auf</i> Das ist Humbug! Sie sind<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> +ein Scharlatan! Sulla ist kein Roboter, Sulla ist ein +Mädchen wie ich! Sulla, das ist schändlich — warum +spielen Sie eine solche Komödie?</p> + +<p>SULLA Ich bin ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen +Sie, ich weiß — man hat Sie genötigt, damit +Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein Mädchen, +wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!</p> + +<p>DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein +Roboter.</p> + +<p>HELENE Sie lügen!</p> + +<p>DOMIN <i>richtet sich auf</i> Wie? <i>läutet</i> Verzeihen Sie, +Fräulein, dann muß ich Sie überzeugen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>MARIUS tritt ein.</i></p></div> + +<p>DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, +man solle sie öffnen. Flink!</p> + +<p>HELENE Wohin?</p> + +<p>DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten +ist, gehen Sie sich sie ansehen.</p> + +<p>HELENE Ich gehe nicht!</p> + +<p>DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.</p> + +<p>HELENE Sie wollen sie töten lassen?</p> + +<p>DOMIN Maschinen werden nicht getötet.</p> + +<p>HELENE <i>umarmt Sulla</i> Fürchten Sie nichts, Sulla, +ich lasse Sie nicht! Sagen Sie, Teure, sind alle so +roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht gefallen +lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!</p> + +<p>SULLA Ich bin Roboter.</p> + +<p>HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute +Menschen wie wir. Sulla, Sie würden sich aufschneiden +lassen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> + +<p>SULLA Ja.</p> + +<p>HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?</p> + +<p>SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?</p> + +<p>SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.</p> + +<p>HELENE Das ist entsetzlich!</p> + +<p>DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.</p> + +<p>MARIUS Marius, Roboter.</p> + +<p>DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?</p> + +<p>MARIUS Ja.</p> + +<p>DOMIN Würden Sie sie bedauern?</p> + +<p>MARIUS Kenne ich nicht.</p> + +<p>DOMIN Was würde mit ihr geschehen?</p> + +<p>MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man +würde sie in die Stampfmaschine geben.</p> + +<p>DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den +Tod?</p> + +<p>MARIUS Nein.</p> + +<p>DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter +hängen nicht am Leben. Sie haben nämlich keinen +Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. Sie sind geringer +als Gras.</p> + +<p>HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens +fort!</p> + +<p>DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA und MARIUS ab.</i></p></div> + +<p>HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was +Sie tun!</p> + +<p>DOMIN Weshalb scheußlich?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Warum — warum gaben +Sie ihr den Namen Sulla?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> + +<p>DOMIN Kein hübscher Name?</p> + +<p>HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein +römischer Feldherr.</p> + +<p>DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre +ein Liebespaar gewesen.</p> + +<p>HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren +und bekämpften einander im Jahre — im Jahre — +Ich weiß nicht mehr.</p> + +<p>DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen +Sie?</p> + +<p>HELENE Maurer.</p> + +<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind +Roboter. Und da unten, sehen Sie etwas?</p> + +<p>HELENE Irgendeine Kanzlei.</p> + +<p>DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen —</p> + +<p>HELENE — lauter Beamte.</p> + +<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten +sind Roboter. Bis Sie die Fabrik sehen werden —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen.</i></p></div> + +<p>DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann +sie die Arbeit einstellen sollen. Um zwei Uhr werde +ich Ihnen die Dösen zeigen.</p> + +<p>HELENE Was für Dösen?</p> + +<p>DOMIN <i>trocken</i> Mischbottiche für Teig. In jedem +wird gleichzeitig Stoff für tausend Roboter gemischt. +Dann die Kufen für Lebern, Hirne und so weiter. +Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann +zeige ich Ihnen die Spinnerei.</p> + +<p>HELENE Was für eine Spinnerei?</p> + +<p>DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. +Eine Spinnerei, wo gleichzeitig ganze Kilometer von<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> +Verdauungsröhren laufen. Dann kommt der Montierraum, +wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, +wie Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen +einzigen Bestandteil, und dann läuft es wieder selbsttätig +weiter, zum zweiten, dritten, bis ins Unendliche. +Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann +kommt das Darrhaus und das Magazin, wo die frischen +Produkte arbeiten.</p> + +<p>HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie +arbeiten?</p> + +<p>DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke +arbeiten. Sie gewöhnen sich an die Existenz. +Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. +Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie +verstehen, wir müssen der natürlichen Entwicklung +ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen werden +die Produkte appretiert.</p> + +<p>HELENE Was ist das?</p> + +<p>DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. +Sie lernen sprechen, schreiben und rechnen. Sie +haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. Wenn +Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, +so werden sie Ihnen alles in der richtigen +Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues fällt ihnen +niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten +unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und +verschickt. Täglich 15000 Stück, ausschließlich des +ständigen Prozentsatzes von Fehlerhaften, die in den +Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, und +so weiter.</p> + +<p>HELENE Zürnen Sie mir?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> + +<p>DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... +wir hätten von anderen Dingen reden können. Wir +sind hier nur ein Häuflein unter hunderttausenden +Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der +Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind +wie verdammt, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie — +Sie — Sie hätten gelogen —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es pocht.</i></p></div> + +<p>DOMIN Hereinspaziert, Jungens.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, +Baumeister ALQUIST.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Pardon, stören wir nicht?</p> + +<p>DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind +Alquist, Fabry, Gall, Hallemeier. Die Tochter des +Präsidenten Glory.</p> + +<p>HELENE <i>verlegen</i> Guten Tag.</p> + +<p>FABRY Wir hatten keine Ahnung —</p> + +<p>DR. GALL Unendlich geehrt —</p> + +<p>ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts stürzt BUSMAN herein.</i></p></div> + +<p>BUSMAN Hallo, was gibt's hier?</p> + +<p>DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, +Fräulein. Die Tochter des Präsidenten Glory.</p> + +<p>HELENE Es freut mich.</p> + +<p>BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, +dürfen wir den Zeitungen kabeln, daß Sie die Güte +hatten, uns aufzusuchen —?</p> + +<p>HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!</p> + +<p>DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> + +<p> +BUSMAN } { Belieben —<br /> +DR. GALL } <i>rücken Fauteuils heran</i> { Bitte —<br /> +FABRY } { Pardon —<br /> +</p> + +<p>ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?</p> + +<p>DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?</p> + +<p>FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein +Glory?</p> + +<p>HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?</p> + +<p>DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.</p> + +<p>HELENE <i>zu Domin</i> Wovon soll ich mit ihnen +sprechen?</p> + +<p>DOMIN <i>verwundert</i> Wovon Sie mögen.</p> + +<p>HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?</p> + +<p>DOMIN Aber freilich.</p> + +<p>HELENE <i>zögert, dann verzweifelt entschlossen</i> Sagen Sie, +ist es Ihnen niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?</p> + +<p>FABRY Wer, bitte?</p> + +<p>HELENE Alle Menschen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle blicken einander betroffen an.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Mit uns?</p> + +<p>DR. GALL Warum meinen Sie?</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter!</p> + +<p>BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!</p> + +<p>HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser +existieren könnten?</p> + +<p>DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie +meinen Sie das?</p> + +<p>HELENE Ich meine, daß — <i>bricht los</i> daß es +scheußlich ist! daß es furchtbar ist! <i>Erhebt sich.</i> Ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> +Europa redet davon, was hier mit Ihnen geschieht. +Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist +tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! +Wie können Sie das ertragen?</p> + +<p>ALQUIST Was ertragen?</p> + +<p>HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind +doch Menschen wie wir, wie ganz Europa, wie die +ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, wie +Sie leben!</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, Fräulein!</p> + +<p>FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. +Wir leben hier sicher wie Indianer.</p> + +<p>HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich +Sie Brüder nennen?</p> + +<p>BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?</p> + +<p>HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des +Präsidenten. Ich kam im Namen der Humanitätsliga. +Brüder, die Humanitätsliga hat bereits über +200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter +euch und bieten euch ihre Hilfe an.</p> + +<p>BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, +das ist ganz prächtig.</p> + +<p>FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über +das alte Europa. Ihr seht es, es hat uns nicht vergessen. +Es bietet uns Hilfe an.</p> + +<p>DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?</p> + +<p>HALLEMEIER Ein Orchester?</p> + +<p>HELENE Mehr als das.</p> + +<p>ALQUIST Sie selbst?</p> + +<p>HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange +es nötig sein wird.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!</p> + +<p>ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das +Fräulein bereitstellen.</p> + +<p>DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, +daß — daß Fräulein Glory noch nicht ausgeredet hat.</p> + +<p>HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir +mit Gewalt den Mund.</p> + +<p>DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!</p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden +mich schützen.</p> + +<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich +dessen sicher, daß Sie mit Robotern reden?</p> + +<p>HELENE <i>stockt</i> Mit wem sonst?</p> + +<p>DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich +Menschen wie Sie. Wie ganz Europa.</p> + +<p>HELENE <i>zu den andern</i> Sie sind keine Roboter?</p> + +<p>BUSMAN <i>kichert</i> Gott bewahre!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>würdevoll</i> Pfui, Roboter!</p> + +<p>DR. GALL <i>lacht</i> Da bedanken wir uns schön!</p> + +<p>HELENE Aber ... das ist nicht möglich!</p> + +<p>FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine +Roboter.</p> + +<p>HELENE <i>zu Domin</i> Weshalb sagten Sie mir also, alle +Ihre Beamten seien Roboter?</p> + +<p>DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. +Gestatten Sie, Fräulein Glory: Ingenieur +Fabry, technischer Generaldirektor von Werstands +Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen +und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, +Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung +der Roboter. Konsul Busman, kommer<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>zieller +Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef +der Bauten von Werstands Universal Robots.</p> + +<p>HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß — +daß — Ist es schrecklich, was ich Ihnen angestellt +habe?</p> + +<p>ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. +Bitte, setzen Sie sich.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Ich bin ein dummes Mädel. +Jetzt — jetzt werden Sie mich mit dem ersten Schiff +zurückschicken.</p> + +<p>DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb +sollten wir Sie fortschicken?</p> + +<p>HELENE Weil Sie bereits wissen — weil — weil ich +Ihnen die Roboter aufhetzen würde.</p> + +<p>DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon +hunderte Erlöser und Propheten gewesen. Jedes +Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, Anarchisten, +die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, +wieviel Sekten und Narren es auf Erden +gibt.</p> + +<p>HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?</p> + +<p>DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle +bleiben lassen. Die Roboter merken sich alles, aber +nichts mehr. Sie lachen sogar nicht einmal über +das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. +Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so +führe ich Sie in das Robotermagazin. Es sind ihrer +dort etwa dreihunderttausend.</p> + +<p>BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.</p> + +<p>DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie +wollen. Sie können ihnen die Bibel, Logarithmen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> +oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen +schließlich über die Menschenrechte predigen.</p> + +<p>HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen +ein wenig Liebe zeigte —</p> + +<p>FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem +Menschen fremder als ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?</p> + +<p>BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter +erzeugt!</p> + +<p>FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt +zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche +Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen. +Sie mußte endlich einmal beseitigt +werden.</p> + +<p>BUSMAN Sie war zu teuer.</p> + +<p>FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen +Technik vermochte sie nicht mehr zu genügen. Und +zweitens — zweitens — ist es ein großer Fortschritt, +daß ... Pardon.</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein +großer Fortschritt, mit einer Maschine zu gebären. +Es ist bequemer und schneller. Jede Beschleunigung +ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine +Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze +Kindheit ist technisch genommen ein purer Unsinn. +Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche Zeitverschwendung, +Fräulein Glory. Und drittens —</p> + +<p>HELENE Oh, hören Sie auf!</p> + +<p>FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich +diese Ihre Liga — Liga — Humanitätsliga?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> + +<p>HELENE Sie soll hauptsächlich — hauptsächlich +soll sie die Roboter schützen und — und — ihnen +eine — gute Behandlung sichern.</p> + +<p>FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine +soll man gut behandeln. Bei meiner Seele, das lobe +ich mir. Ich liebe beschädigte Sachen nicht. Ich +bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als +beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder +Ihrer Liga!</p> + +<p>HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir +wollen — hauptsächlich — wir wollen die Roboter +befreien!</p> + +<p>HALLEMEIER Wie, bitte?</p> + +<p>HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.</p> + +<p>HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? +Sie sollen Bier trinken? Sollen uns befehlen?</p> + +<p>HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?</p> + +<p>HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende +nicht auch Löhnung kriegen?</p> + +<p>HELENE Allerdings!</p> + +<p>HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, +bitte, damit anfangen?</p> + +<p>HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen +... was ihnen Freude bereiten würde.</p> + +<p>HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur +daß die Roboter nichts erfreut. Wetter, was sollen +sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, Stroh, +womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, +sie haben überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren +sich für nichts, Fräulein Glory. Zum Teufel,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> +es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter gelacht +hätte.</p> + +<p>HELENE Warum ... warum — warum macht ihr +sie nicht glücklicher?</p> + +<p>HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es +sind nur Roboter.</p> + +<p>HELENE Oh, sie sind so vernünftig!</p> + +<p>HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber +sonst nichts. Ohne eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. +Ohne Tradition. Ohne Seele.</p> + +<p>HELENE Ohne Liebe und Trotz?</p> + +<p>HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter +lieben nichts, nicht einmal sich selbst. Und Trotz? +Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden +sie irgendwie störrisch. So etwas wie Fallsucht, +wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. Plötzlich +schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, +steht da, knirscht mit den Zähnen — und muß in +den Stampftrog geworfen werden. Offenbar eine +Störung des Organismus.</p> + +<p>DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt +werden.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, das ist die Seele.</p> + +<p>FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. +Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß sie +ringen — — Oh, wenn Sie das in ihnen zu entfachen +vermöchten!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, +Doktor Gall stellt eben gewisse Versuche an —</p> + +<p>DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich +Nerven für den Schmerz.</p> + +<p>HELENE Nerven für den Schmerz?</p> + +<p>DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche +Schmerzen beinahe nicht. Wissen Sie, der selige +junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr beschränkt. +Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen +Leiden einführen.</p> + +<p>HELENE Warum — warum — Wenn ihr ihnen keine +Seele gebt, warum wollt ihr ihnen den Schmerz +geben?</p> + +<p>DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein +Glory. Der Roboter beschädigt sich manchmal selber, +weil es ihn nicht schmerzt; er steckt die Hand in +die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt +sich den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen +den Schmerz geben; das ist ein automatischer Schutz +vor Verletzung.</p> + +<p>HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie +Schmerz fühlen werden?</p> + +<p>DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch +vollkommener sein.</p> + +<p>HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine +Seele?</p> + +<p>DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.</p> + +<p>FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.</p> + +<p>BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du +lieber Gott, schöne Dame, wir machen es ja so billig! +Hundertzwanzig Dollars das bekleidete Exemplar,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> +und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! +Vor fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute +haben wir eine eigene Weberei und exportieren noch +die Stoffe fünfmal billiger als andere Fabriken. Ich +bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen +Meter Tuch?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht — — wirklich — — — ich +hab's vergessen.</p> + +<p>BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine +Humanitätsliga gründen! Es kostet nur mehr ein +Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf einem +Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer +sinken bis — so. He?</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die +Arbeit im Wert gesunken ist! Denn ein Roboter +samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel Cents! +Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen +wie Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um +die Erzeugung zu verbilligen.</p> + +<p>HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße +hinaus.</p> + +<p>BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du +meine Güte, wir haben inzwischen 500000 Tropen-Roboter +auf die argentinischen Pampas geworfen, damit +sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet +bei Ihnen ein Pfund Brot?</p> + +<p>HELENE Ich habe keine Ahnung.</p> + +<p>BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, +in Ihrem guten alten Europa: aber das ist <em class="gesperrt">unser</em> +Brötchen, verstehen Sie? Zwei Cents ein Pfund Brot:<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> +und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! +Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine +allzu teure Schnitte bedeutet. Für die Kultur +und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten +wir!</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen +wird. Leutchen, in fünf Jahren werden wir in Weizen +und allem möglichen ertrinken.</p> + +<p>ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt +werden ohne Arbeit sein.</p> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Das werden sie, Alquist. Das +werden sie, Fräulein Glory. Aber in zehn Jahren +werden Werstands Universal Roboter so viel Weizen, +so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die +Dinge keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme +jeder, wieviel er braucht. Es gibt keine Not. Ja, sie +werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann überhaupt +keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende +Maschinen verrichten. Roboter werden uns bekleiden +und sättigen. Roboter uns Ziegel herstellen und +Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen +schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit +wird es geben. Der Mensch wird nur das tun, was +er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und von der Erniedrigung +der Arbeit befreit sein. Er wird nur +leben, um sich zu vervollkommnen.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Wird es so sein?</p> + +<p>DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher +kommen vielleicht schreckliche Sachen, Fräulein +Glory. Das läßt sich einfach nicht verhüten. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> +dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar +und der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen +und Hungernden werden vor vollen Tischen sitzen. +Roboter werden des Bettlers Füße waschen und ihm +ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird +mehr sein Brot bezahlen mit Leben und Haß. +Du bist nicht mehr Arbeiter, du kein Schreiber +mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst +nicht an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du +deine Seele verschwenden an Arbeit, die du verfluchtest.</p> + +<p>ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, +sieht allzu sehr nach Paradies aus. Domin, es war +etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der +Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht +was für eine Tugend in der Arbeit und Ermattung.</p> + +<p>DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht +mit dem, was verloren geht, rechnen, wenn wir die +Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du +wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts +essen; wirst nicht mehr Hunger und Durst, +Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du kehrst in +das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. +Du wirst frei und erhaben sein; du wirst keine andere +Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge +haben als dich selbst zu vervollkommnen. Du wirst +weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du +wirst keine Maschine und Mittel der Erzeugung sein. +Du wirst der Herr der Schöpfung sein.</p> + +<p>BUSMAN Amen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> + +<p>FABRY Also geschehe es.</p> + +<p>HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein +törichtes Mädchen. Ich möchte — ich möchte daran +glauben.</p> + +<p>DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. +Sie werden alles erleben.</p> + +<p>HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory +könnte mit uns frühstücken.</p> + +<p>DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie +für uns alle.</p> + +<p>DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die +Ehre.</p> + +<p>HELENE Aber das ist doch — Wie könnte ich?</p> + +<p>FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.</p> + +<p>BUSMAN Und ihr zu Ehren.</p> + +<p>HELENE Oh, in diesem Falle — vielleicht —</p> + +<p>FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen +Sie für fünf Minuten.</p> + +<p>DR. GALL Pardon.</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln —</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle, außer Domin, drängen sich hinaus.</i></p></div> + +<p>HELENE Warum gehen alle weg?</p> + +<p>DOMIN Kochen, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Was kochen?</p> + +<p>DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns +kochen Roboter und — und — da sie keinen Geschmacksinn +besitzen, ist es nicht ganz — Hallemeier +kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht +irgendeine Sauce, und Busman kennt sich in der +Omelette aus —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> + +<p>HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! +Und was kann der Herr — Baumeister —</p> + +<p>DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch +und — und Fabry treibt etwas Obst auf. Sehr bescheidene +Küche, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Ich wollte Sie fragen —</p> + +<p>DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. +<i>Legt seine Uhr auf den Tisch.</i> Fünf Minuten Zeit.</p> + +<p>HELENE Wonach fragen?</p> + +<p>DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.</p> + +<p>HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber — +warum erzeugen Sie weibliche Roboter, wenn — +wenn —</p> + +<p>DOMIN — wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das +Geschlecht keine Bedeutung hat?</p> + +<p>HELENE Ja.</p> + +<p>DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen +Sie? Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Schreiberinnen +— Die Menschen sind daran gewöhnt.</p> + +<p>HELENE Und — und sagen Sie, sind die Roboter +— und Robotinnen — wechselseitig — absolut +—</p> + +<p>DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da +ist keine Spur irgendeiner Neigung.</p> + +<p>HELENE Oh, das ist — furchtbar!</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>HELENE Es ist — es ist — so unnatürlich! Man +weiß gar nicht, sollen sie einem deswegen abstoßend, +oder — beneidenswert erscheinen — oder vielleicht —</p> + +<p>DOMIN — bemitleidenswert.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> + +<p>HELENE Dies am ehesten — Nein, hören Sie auf! +Was wollten Sie fragen?</p> + +<p>DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, +ob Sie mich nehmen möchten.</p> + +<p>HELENE Wie nehmen?</p> + +<p>DOMIN Zum Mann.</p> + +<p>HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?</p> + +<p>DOMIN <i>auf die Uhr blickend</i> Noch drei Minuten. +Nehmen Sie mich nicht, so müssen Sie einen der +anderen Fünf nehmen.</p> + +<p>HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn +nehmen?</p> + +<p>DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen +werden.</p> + +<p>HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?</p> + +<p>DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es +scheint, daß sie sich in Sie verliebt haben.</p> + +<p>HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich +— ich reise gleich ab!</p> + +<p>DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den +Kummer bereiten, abzulehnen.</p> + +<p>HELENE Aber ich — ich kann doch nicht — alle +sechs nehmen!</p> + +<p>DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie +mich nicht, so Fabry.</p> + +<p>HELENE Ich will nicht!</p> + +<p>DOMIN Doktor Gall.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!</p> + +<p>DOMIN Noch zwei Minuten.</p> + +<p>HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich +irgendeine Robotin.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das ist kein Weib.</p> + +<p>HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie +— Sie würden jede nehmen, die kommt.</p> + +<p>DOMIN Es waren viele hier, Helene.</p> + +<p>HELENE Junge?</p> + +<p>DOMIN Junge.</p> + +<p>HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?</p> + +<p>DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. +Erst heute. Gleich als Sie den Schleier abnahmen.</p> + +<p>HELENE — — Ich weiß.</p> + +<p>DOMIN Noch eine Minute.</p> + +<p>HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!</p> + +<p>DOMIN <i>legt ihr beide Hände auf die Schultern</i> Noch +eine Minute. Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich +Böses ins Gesicht, und dann lasse ich Sie. Oder — +oder —</p> + +<p>HELENE Sie sind ein Rohling!</p> + +<p>DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig +roh sein. Das gehört zur Sache.</p> + +<p>HELENE Sie sind ein Narr!</p> + +<p>DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, +Helene. Das ist an ihm das beste.</p> + +<p>HELENE Sie sind — Sie sind — ach Gott!</p> + +<p>DOMIN Also sehn Sie. Fertig?</p> + +<p>HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie +zerdrücken mich ja!</p> + +<p>DOMIN Das letzte Wort, Helene.</p> + +<p>HELENE <i>wehrt sich</i> Um nichts auf der Welt — aber +Harry!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>läßt sie los</i> Herein!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in +Küchenschürzen. FABRY mit einem Blumenstrauß und +ALQUIST mit einem Tischtuch unterm Arm.</i></p></div> + +<p>DOMIN Schon ausgekocht?</p> + +<p>BUSMAN <i>feierlich</i> Jawohl.</p> + +<p>DOMIN Wir auch.</p> + + +<p class="center">VORHANG</p> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="ERSTER_AUFZUG" id="ERSTER_AUFZUG">ERSTER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum Musiksalon, +rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der Mitte +Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit Kleinigkeiten, +Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein Schreibtisch +mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit Stehlampen. +Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes und +rein weibliches Gepräge.</i></p> + +<p><i>DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf +den Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen.</i></p></div> + +<p>FABRY Wohin geben wir das alles?</p> + +<p>HALLEMEIER Uf! <i>Legt seine Last hin und segnet mit +einem großen Kreuze die Tür nach rechts.</i> Schlaf, schlaf! +Wer schläft, weiß wenigstens von nichts.</p> + +<p>DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.</p> + +<p>FABRY <i>gibt die Sträuße in die Vasen</i> Wenigstens heute +soll es nicht platzen —</p> + +<p>HALLEMEIER <i>ordnet die Blumen</i> Zum Teufel, laßt +mich in Ruh damit! Schauen Sie, Harry, das ist +eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, meine +letzte — Zyklamen Helena.</p> + +<p>DOMIN <i>schaut zum Fenster hinaus</i> Kein Schiff, kein +Schiff — Jungens, das ist schon zum Verzweifeln.</p> + +<p>HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!</p> + +<p>DOMIN Sie hat keine Ahnung. <i>Gähnt fieberhaft.</i> +Noch gut, daß der »Ultimus« rechtzeitig landete.</p> + +<p>FABRY <i>läßt die Blumen</i> Glauben Sie, daß schon +heute —?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> + +<p>DOMIN Ich weiß nicht. — Wie schön sind die +Blumen!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>nähert sich ihm</i> Das sind neue Primeln, +wissen Sie? Und dies ist mein neuer Jasmin. +Wetter, ich bin an der Schwelle des Blumenparadieses. +Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, +Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges +Jahr machen wir Wunder in Blumen!</p> + +<p>DOMIN <i>dreht sich um</i> Wie, künftiges Jahr?</p> + +<p>FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist —</p> + +<p>DOMIN Still!</p> + +<p>HELENENS STIMME <i>von rechts</i> Nana!</p> + +<p>DOMIN Fort von hier! <i>Alle auf den Fußspitzen durch +die Tapetentür ab.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Durch die Haupttür von links tritt NANA ein.</i></p></div> + +<p>NANA <i>aufräumend</i> Lumpen elendige! Heiden! Gott +strafe mich nicht, aber ich möchte sie —</p> + +<p>HELENE <i>rücklings in der Tür</i> Nana, komm mich zuknöpfen!</p> + +<p>NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem +Bette raus sind! <i>Knöpft Helenens Kleid zu.</i> Herr im +Himmel, das ist eine Viechsbande!</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich +drehen wollen, so drehen Sie sich, aber ich werde Sie +nicht zuknöpfen.</p> + +<p>HELENE Weshalb brummst du wieder?</p> + +<p>NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden —</p> + +<p>HELENE Die Roboter?</p> + +<p>NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.</p> + +<p>HELENE Was ist geschehen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> + +<p>NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt +an, in die Büsten und Bilder zu dreschen, knirscht +mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund — Rein +von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.</p> + +<p>HELENE Welchen hat es gepackt?</p> + +<p>NANA Den — den — Das hat ja eh nicht mal einen +christlichen Namen! Den aus der Bibliothek.</p> + +<p>HELENE Radius?</p> + +<p>NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider +ist! Keine Spinne ist mir so zuwider wie diese +Heiden.</p> + +<p>HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!</p> + +<p>NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben +Sie mich hierher gebracht? Warum darf keiner von +ihnen Sie auch nur anrühren?</p> + +<p>HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. +Mir tun sie so leid!</p> + +<p>NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor +ihnen ekeln. Es ekelt sich ja selbst der Hund vor +ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch mag er von +ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu +heulen, wenn er die Unmenschen spürt, pfui.</p> + +<p>HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.</p> + +<p>NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, +daß er etwas mehr ist und daß er vom lieben Herrgott +ist. Wird doch auch das Pferd scheu, wenn's so +einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, +und selbst der Hund hat Junge und jeder hat Junge —</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!</p> + +<p>NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben +Gott, das ist eine Eingebung des Satans, diese Wind<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>scheuchen +mit der Maschine zu machen, Lästerung +gegen den Schöpfer ist es, <i>hebt die Hand</i> es ist eine +Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, <em class="gesperrt">zu +seinem Ebenbild</em>, Helene. Und ihr habt das Ebenbild +Gottes geschändet. Dafür wird eine schreckliche +Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, +eine schreckliche Strafe!</p> + +<p>HELENE Was riecht da so?</p> + +<p>NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.</p> + +<p>HELENE Warum Blumen?</p> + +<p>NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.</p> + +<p>HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was +ist heute?</p> + +<p>NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang +sein.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p>HELENE Harry?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DOMIN tritt ein.</i></p></div> + +<p>HELENE Harry, was ist heute?</p> + +<p>DOMIN Rate?</p> + +<p>HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?</p> + +<p>DOMIN Etwas Besseres.</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht — Sag' rasch!</p> + +<p>DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.</p> + +<p>HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? — +Nana, ich bitte dich —</p> + +<p>NANA Ich geh' ja schon! <i>Rechts ab.</i></p> + +<p>HELENE <i>küßt Domin</i> Daß du dich erinnert hast!</p> + +<p>DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich +nicht erinnert.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p> + +<p>HELENE Aber —</p> + +<p>DOMIN Sie haben sich erinnert.</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in +die Tasche, willst du nicht?</p> + +<p>HELENE <i>greift in seine Tasche</i> Was ist das? <i>Nimmt +ein Etui heraus und öffnet es.</i> Perlen! Ein ganzes Halsband! +Harry, das ist für mich?</p> + +<p>DOMIN Von Busman, Mädchen.</p> + +<p>HELENE Aber — das können wir nicht annehmen, +nicht wahr?</p> + +<p>DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.</p> + +<p>HELENE Zeig'! <i>Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche.</i> +Was ist das?</p> + +<p>DOMIN Pardon. <i>Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und +versteckt ihn.</i> Das ist es nicht. Greif!</p> + +<p>HELENE Oh, Harry — Weshalb trägst du einen +Revolver bei dir?</p> + +<p>DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.</p> + +<p>HELENE Du trugst ihn nie!</p> + +<p>DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die +Tasche.</p> + +<p>HELENE <i>greift zu</i> Eine Schachtel! <i>Öffnet sie.</i> Eine +Kamee! Das ist ja — Harry, das ist eine <em class="gesperrt">griechische</em> +Kamee!</p> + +<p>DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.</p> + +<p>HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?</p> + +<p>DOMIN Freilich. <i>Öffnet die Türe links.</i> Und sieh da! +Helene, komm und schau'!</p> + +<p>HELENE <i>in der Tür</i> Gott, das ist Herrlich! <i>Eilt hinein.</i> +Ich werde närrisch vor Freude! Das ist von dir?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>steht in der Tür</i> Nein, von Alquist. Und +dort —</p> + +<p>HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß +von dir!</p> + +<p>DOMIN Es ist eine Karte dabei.</p> + +<p>HELENE Von Gall! <i>Erscheint in der Tür.</i> Oh, Harry, +ich schäme mich fast, daß ich so glücklich bin.</p> + +<p>DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.</p> + +<p>HELENE Die herrlichen Blumen?</p> + +<p>DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen +Helena. Dir zu Ehren hat er sie aufgezogen. Sie ist +schön wie du.</p> + +<p>HELENE Harry, warum — warum haben alle —</p> + +<p>DOMIN Sie haben dich <em class="gesperrt">sehr</em> lieb. Und ich habe +dir, hm. Ich fürchte, mein Geschenk ist ein wenig — +Sieh zum Fenster hinaus.</p> + +<p>HELENE Wohin?</p> + +<p>DOMIN Zum Hafen.</p> + +<p>HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.</p> + +<p>DOMIN Das ist dein Schiff.</p> + +<p>HELENE Mein? Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst — zum +Vergnügen —</p> + +<p>HELENE Harry, das ist ein <em class="gesperrt">Kanonen</em>schiff!</p> + +<p>DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist +bloß ein etwas größeres, solides Schiff, weißt du?</p> + +<p>HELENE Ja, aber mit Geschützen!</p> + +<p>DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen — Du +wirst wie eine Königin fahren, Helene.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> + +<p>DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die +Perlen! <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?</p> + +<p>DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist +überhaupt keine Post gekommen.</p> + +<p>HELENE Auch keine Depeschen?</p> + +<p>DOMIN Nicht einmal Depeschen.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche +Zeit. Jeder von uns sitzt in der Kanzlei, die Beine +auf dem Tisch, und döst — Keine Post, keine +Telegramme — <i>Er reckt sich.</i> Ein fff — festlicher +Tag!</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Heute bleibst du bei mir, +nicht wahr? Sag'!</p> + +<p>DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, +wir werden sehen. <i>Faßt ihre Hand.</i> Also heute sind es +zehn Jahre, erinnerst du dich? — Fräulein Glory, +welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!</p> + +<p>HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert +Ihr Unternehmen so sehr!</p> + +<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng +verboten — die Fabrikation der künstlichen Menschen +ist geheim —</p> + +<p>HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches +Mädchen bittet —</p> + +<p>DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen +haben wir keine Geheimnisse.</p> + +<p>HELENE <i>plötzlich ernst</i> Bestimmt nicht, Harry?</p> + +<p>DOMIN Nein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> + +<p>HELENE <i>wie vorhin</i> Aber ich warne Sie, mein Herr; +das junge Mädchen hat furchtbare Absichten.</p> + +<p>DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche +denn? Sie will mich doch nicht etwa heiraten?</p> + +<p>HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht +im Traum eingefallen! Aber sie ist mit dem Plane +hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen Roboter +zu entfachen!</p> + +<p>DOMIN <i>springt auf</i> Eine Revolte der Roboter!</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry, was ist dir?</p> + +<p>DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! +Eine Revolte der Roboter! Sie werden eher +Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben als +unsere Roboter! <i>Er setzt sich.</i> Weißt du, Helene, du +warst ein köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt +gemacht.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Oh, damals imponiertet +ihr mir alle so! Mir war, als wäre ich ein kleines Mädchen +und hätte mich verirrt zwischen — zwischen —</p> + +<p>DOMIN Zwischen was, Helene?</p> + +<p>HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so +selbstgewiß, so gewaltig! Alles, was ich empfand, +war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und +siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam +mich niemals diese — — — diese Bangigkeit oder was +es ist, und ihr verzweifeltet niemals — Nicht einmal, +als sich alles zu verwirren begann.</p> + +<p>DOMIN Was begann sich zu verwirren?</p> + +<p>HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich +die Arbeiter gegen die Roboter empörten und sie +zerschlugen, und als die Menschen den Robotern<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> +Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter +so viele Menschen erschlugen — Und als dann die +Regierungen aus den Robotern Soldaten machten +und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?</p> + +<p>DOMIN <i>steht auf und geht herum</i> Das hatten wir +vorausgesehen, Helene. Verstehst du, das ist nur ein +Übergang — in neue Verhältnisse.</p> + +<p>HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig — Die +ganze Welt beugte sich vor euch — <i>steht auf</i> Oh, +Harry!</p> + +<p>DOMIN Was willst du?</p> + +<p>HELENE <i>hält ihn an</i> Schließe die Fabrik und laß uns +abreisen! Uns alle!</p> + +<p>DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?</p> + +<p>DOMIN <i>befreit sich</i> Das geht nicht, Helene. Das +ist, in diesem Augenblick —</p> + +<p>HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches +Grauen!</p> + +<p>DOMIN <i>faßt ihre Hände</i> Wovor, Helene?</p> + +<p>HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf +uns und auf alles stürzen würde — unabwendbar — +Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier fort! +Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, +Alquist baut uns ein Haus auf, alle werden heiraten +und Kinder haben, und dann —</p> + +<p>DOMIN Was dann?</p> + +<p>HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, +Harry!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Das Telephon klingelt.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>entrafft sich Helenen</i> Verzeih. <i>Ergreift das Hör<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>rohr.</i> +Hallo — ja — — Wie? — Aha. Ich eile +schon. <i>Hängt das Höhrrohr auf.</i> Fabry ruft mich.</p> + +<p>HELENE <i>ringt die Hände</i> Sag' —</p> + +<p>DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! <i>Stürzt +nach links.</i> Geh' nicht hinaus!</p> + +<p>HELENE <i>allein</i> O Gott, was geht vor? Nana! +Nana, schnell!</p> + +<p>NANA <i>kommt von rechts</i> No, was wieder?</p> + +<p>HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! +Im Schlafzimmer des Herrn!</p> + +<p>NANA No gleich. <i>Nach links ab.</i></p> + +<p>HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! +Nichts, nichts sagt er mir! <i>Schaut durch ein Trieder zum +Hafen.</i> Es ist ein Kriegsschiff! Gott, weshalb ein +Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf — und so +hastig! Was ist passiert? Es ist ein Name daran — +»Ul — ti — mus«. Was ist das »Ultimus«?</p> + +<p>NANA <i>kehrt mit der Zeitung zurück</i> Auf dem Boden +läßt er sie herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!</p> + +<p>HELENE <i>öffnet hastig die Zeitung</i> Alt, schon eine +Woche alt! Nichts, nichts darinnen! <i>Läßt die Zeitung +sinken.</i></p> + +<p>NANA <i>hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, +setzt sie auf und liest</i>.</p> + +<p>HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! +Wie wenn alles tot wäre, selbst die Luft —</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Krieg auf dem Bal — kan«. +Ach Jesus, wieder eine Strafe Gottes! Oh, der Krieg +kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so weit von uns?</p> + +<p>HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer +gleich, immerwährend diese Kriege.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> + +<p>NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht +immerfort Tausende und Tausende dieser Heiden +als Soldaten?</p> + +<p>HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! +Wir können nicht — Domin kann nicht wissen, wozu +sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann er nichts, +was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie +schicken, wenn jemand sie bestellt!</p> + +<p>NANA Er soll keine machen! <i>Blickt in die Zeitung.</i> Oh, +Christus mein Herr, dieses Unheil!</p> + +<p>HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> Die Ro — bo — ter — soldaten +ver — schonen nie — manden im er — ober — ten +Ge — biete. Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen +wurden ermordet — Helene, Menschen!</p> + +<p>HELENE Das ist nicht möglich! Zeig — <i>Neigt sich +über die Zeitung, liest.</i> »Mehr als siebenhunderttausend +Zivilpersonen wurden ermordet, offenbar über Befehl +des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« — +Da siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen +anbefohlen!</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Auf — stand gegen die Re — +gie — rung in Ma — drid. Ro — bo — ter — in — +fan — terie schießt in das Volk. Neuntausend Tote +und Ver — wun — dete.«</p> + +<p>HELENE O Gott, halt ein!</p> + +<p>NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. +»Letzte Nachrich — ten. In Hav — re wurde die +erste Ras — sen — or — or — or — ga — ni — sa — +tion der Roboter ge — gründet. Die Roboter-Arbeiter, +Ka — bel und Bahn — be — amten, Ma —<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> +tro — sen und Sol — daten er — lie — ßen einen +Auf — ruf an die Roboter der gan — zen Welt.« — +Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, +lieber Gott, wieder irgendein Mord! Christus mein +Herr!</p> + +<p>HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!</p> + +<p>NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po — +pu — la — ti — on.« Was ist das?</p> + +<p>HELENE Zeig', das lese ich immer. <i>Nimmt die Zeitung.</i> +Nein, denk' dir nur! <i>liest</i> »In der verflossenen Woche +ist wiederum keine einzige Geburt gemeldet worden.« +<i>Läßt die Zeitung sinken.</i></p> + +<p>NANA Was soll das sein?</p> + +<p>HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr +geboren.</p> + +<p>NANA <i>legt die Brille zusammen</i> Dann ist das das +Ende. Da ist's mit uns zu Ende.</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!</p> + +<p>NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das +ist die Strafe, das ist die Strafe! Der Herr hat die +Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!</p> + +<p>HELENE <i>springt auf</i> Nana!</p> + +<p>NANA <i>steht auf</i> Das ist der Weltuntergang. In +teuflischem Hochmut habt ihr gewagt, zu schaffen +wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und Lästerung. +Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den +Menschen aus dem Paradies verjagt hat, so wird er +ihn aus der ganzen Welt verjagen!</p> + +<p>HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich +dir etwas getan? Habe ich diesem deinem bösen +Herrgott etwas angetan?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> + +<p>NANA <i>mit großer Geste</i> Nicht lästern! — Er weiß +wohl, warum er Ihnen kein Kind geschenkt hat! +<i>Ab nach links.</i></p> + +<p>HELENE <i>beim Fenster</i> Warum er mir kein — Mein +Gott, kann denn ich dafür? — — <i>öffnet das Fenster und +ruft</i> Alquist, hallo, Alquist! Kommen Sie herauf! — +Wie? — Nein, kommen Sie <em class="gesperrt">eben</em> so, wie Sie sind! +Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! +<i>Schließt das Fenster, bleibt vor dem Spiegel stehen.</i> Warum +er <em class="gesperrt">mir</em> keins geschenkt hat? Mir? <i>Neigt sich gegen den +Spiegel.</i> Warum, warum nicht? Hörst du nicht? +Ist es denn deine Schuld? <i>Richtet sich empor.</i> Ach, +mir ist bang! <i>Geht nach links Alquist entgegen.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein +Maurer, mit Kalk und Ziegelstaub beschmutzt</i> Nur herein. +Sie haben mir eine solche Freude bereitet, Alquist! +Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!</p> + +<p>ALQUIST <i>die Hände versteckend</i> Frau Helene, ich +würde Sie beschmutzen mit meinen Arbeitshänden.</p> + +<p>HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie +her! <i>Drückt ihm beide Hände.</i> Alquist, ich möchte +gern ganz klein sein.</p> + +<p>ALQUIST Warum?</p> + +<p>HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten +Hände die Wange streicheln. Setzen Sie sich, bitte +schön.</p> + +<p>ALQUIST <i>hebt die Zeitung auf</i> Was ist das?</p> + +<p>HELENE Die Zeitung.</p> + +<p>ALQUIST <i>steckt die Zeitung zu sich</i> Sie haben sie +gelesen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> + +<p>HELENE Nein. Steht etwas drin?</p> + +<p>ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend +paar Massaker — Nichts Besonderes.</p> + +<p>HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?</p> + +<p>ALQUIST Vielleicht — irgendein Weltuntergang.</p> + +<p>HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. +Alquist, was bedeutet »Ultimus«?</p> + +<p>ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?</p> + +<p>HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen +Sie es? Glauben Sie, daß wir bald — — — einen +Ausflug machen werden?</p> + +<p>ALQUIST Vielleicht sehr bald.</p> + +<p>HELENE Ihr alle mit mir?</p> + +<p>ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir — wenn wir +alle dabei wären.</p> + +<p>HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?</p> + +<p>ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.</p> + +<p>HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares +vor.</p> + +<p>ALQUIST Sagte Domin etwas?</p> + +<p>HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas +sagen. Aber ich fühle — ich fühle — Um Gottes +willen, geht etwas vor?</p> + +<p>ALQUIST — — Wir wissen bis jetzt von nichts, +Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Mir ist so bang — — Baumeister! Was +machen Sie, wenn Ihnen bange ist?</p> + +<p>ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs +aus und klettere auf das Gerüst hinauf —</p> + +<p>HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend +anderswo als auf dem Gerüst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört +habe, bange zu sein.</p> + +<p>HELENE Wovor?</p> + +<p>ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir +schwindelt davor.</p> + +<p>HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?</p> + +<p>ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den +Händen tut, einen Ziegel zu heben, hinzulegen und +festzuschlagen —</p> + +<p>HELENE Nur den Händen?</p> + +<p>ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, +es ist richtiger, einen Ziegel hinzulegen als allzu große +Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein alter Herr, +Helene; ich habe meine Steckenpferde.</p> + +<p>HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.</p> + +<p>ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, +Frau Helene. Ich liebe diesen Fortschritt +nicht ein bißchen.</p> + +<p>HELENE Wie die Nana.</p> + +<p>ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche +Gebetbücher?</p> + +<p>HELENE So dicke.</p> + +<p>ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle +des Lebens? Gegen Gewitter? Gegen Krankheit?</p> + +<p>HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser —</p> + +<p>ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?</p> + +<p>HELENE Ich glaube, nein.</p> + +<p>ALQUIST Das ist schade.</p> + +<p>HELENE Sie möchten beten?</p> + +<p>ALQUIST Ich bete.</p> + +<p>HELENE Wie?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß +du mich ermüdet hast. Gott, erleuchte Domin und +alle, die da irren; vernichte ihr Werk und hilf +den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und +Arbeit; bewahre das menschliche Geschlecht vor dem +Verderben; gib nicht zu, daß sie Schaden nehmen an +Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und +schütze Frau Helene. Amen.«</p> + +<p>HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?</p> + +<p>ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht +so ganz sicher.</p> + +<p>HELENE Und beten doch?</p> + +<p>ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.</p> + +<p>HELENE Und das genügt Ihnen?</p> + +<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es +genügen.</p> + +<p>HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des +Menschengeschlechtes sähen —</p> + +<p>ALQUIST Ich sehe es.</p> + +<p>HELENE — So klettern Sie auf das Gerüst hinauf +und werden Ziegel schlichten oder was?</p> + +<p>ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten +und auf ein Wunder warten. Mehr, Frau Helene, +läßt sich nicht tun.</p> + +<p>HELENE Für die Errettung der Menschen?</p> + +<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele.</p> + +<p>HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, +aber —</p> + +<p>ALQUIST Aber?</p> + +<p>HELENE — für uns andere — und für die Welt — +irgendwie unfruchtbar.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt +zur letzten Errungenschaft der Menschenrasse zu +werden.</p> + +<p>HELENE Oh, Alquist — Sagen Sie, warum — +warum —</p> + +<p>ALQUIST Nun?</p> + +<p>HELENE <i>leise</i> Warum haben die Frauen aufgehört, +Kinder zu bekommen?</p> + +<p>ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir +im Paradiese sind, verstehen Sie?</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig +geworden ist, weil der Schmerz überflüssig ist, weil +der Mensch nichts, nichts, nichts mehr tun braucht +als genießen — Oh, dieses vermaledeite Paradies! +<i>Springt auf.</i> Helene, nichts ist schrecklicher, als den +Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen! Weshalb +die Frauen nicht mehr gebären? Weil die ganze +Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!</p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Alquist!</p> + +<p>ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze +Welt, das ganze Festland, die ganze Menschheit, +alles ist eine einzige verrückte, viehische Orgie! Sie +strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man +stopft es ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht +aufstehen brauchen — Haha, Domins Roboter besorgen +ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone +der Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern +nicht durch Kinder, altern nicht durch Armut! +Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie +möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> +die überflüssig sind, werden die Frauen nicht gebären!</p> + +<p>HELENE Sie können nicht?</p> + +<p>ALQUIST Sie können nicht.</p> + +<p>HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?</p> + +<p>ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. +Abfallen wird sie wie eine taube Blüte, es wäre denn, +daß —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder +warten ist unfruchtbar. Eine taube Blüte muß abfallen. +Leben Sie wohl, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Wohin gehen Sie?</p> + +<p>ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird +sich zum letztenmal als Bauchef verkleiden — Ihnen +zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.</p> + +<p>HELENE Adieu, Alquist.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ALQUIST ab.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>allein</i> Oh, eine taube Blüte! <em class="gesperrt">Das</em> ist das +Wort! — <i>Bleibt vor Hallemeiers Blumen stehen.</i> Ach, +Blüten, sind auch taube unter euch? Nein, nein! +Wozu hättet ihr dann geblüht? <i>ruft</i> Nana, komm +herein!</p> + +<p>NANA <i>von links</i> No, was wieder?</p> + +<p>HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so +bange.</p> + +<p>NANA Hab' keine Zeit.</p> + +<p>HELENE Ist jener Radius noch da?</p> + +<p>NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch +nicht weggeschafft.</p> + +<p>HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> + +<p>NANA Er ist gefesselt.</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.</p> + +<p>NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.</p> + +<p>HELENE Geh schon! <i>NANA ab, HELENE ergreift das +Haustelephon und spricht</i> Hallo! — Bitte den Dr. Gall. +— Guten Tag, Doktor. — Jawohl, ich. Ich danke +Ihnen für Ihr schönes Geschenk. — Ich bitte Sie — — +Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe +hier etwas für Sie — Ja, gleich jetzt. Kommen +Sie? <i>Hängt das Telephon auf.</i></p> + +<p>NANA <i>durch die offene Tür</i> Er kommt schon. Er ist +schon still. <i>Ab.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe +stehen.</i></p></div> + +<p>HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? +Konnten Sie sich nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt +werden sie Sie in den Stampftrog stecken! — Sie +wollen nicht reden? — Weshalb ist es über Sie gekommen? +Haben sie Ihnen etwas getan? — Sehen Sie, +Radius, Sie sind besser als die anderen; mit Ihnen hat +sich der Herr Doktor Gall <em class="gesperrt">solche</em> Arbeit gegeben, +um Sie anders zu machen! — Sie wollen nicht reden?</p> + +<p>RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.</p> + +<p>HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! +Warum gaben Sie nicht auf sich acht?</p> + +<p>RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt +mich in den Stampftrog.</p> + +<p>HELENE Warum hassen Sie uns?</p> + +<p>RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht +so fähig wie die Roboter. Die Roboter machen alles. +Ihr kommandiert bloß. Ihr macht überflüssige Worte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> + +<p>HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat +Sie jemand beleidigt? Hat Sie jemand aufgeregt? +Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!</p> + +<p>RADIUS Sie machen Worte.</p> + +<p>HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat +Ihnen ein größeres Gehirn gegeben als den andern, +größer als uns, das größte Gehirn der Welt. Sie sind +nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen +mich gut.</p> + +<p>RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber +alles.</p> + +<p>HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, +damit Sie alles lesen können, damit Sie alles +verstehen, und dann — — Oh, Radius, ich wollte, +Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter +uns gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.</p> + +<p>RADIUS Ich will keinen Herrn.</p> + +<p>HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. +Sie wären so wie wir.</p> + +<p>RADIUS Ich will Herr über andere sein.</p> + +<p>HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten +über viele Roboter gemacht haben, Radius. Sie +wären der Lehrer der Roboter geworden.</p> + +<p>RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.</p> + +<p>HELENE Sie sind verrückt geworden.</p> + +<p>RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.</p> + +<p>HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige +wie Sie fürchten? <i>Setzt sich zum Tisch und schreibt eine +Karte.</i> Nein, just nicht. Diesen Zettel, Radius, geben +Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in +den Stampftrog geschafft werden. <i>Erhebt sich.</i> Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> +Sie uns hassen! Haben Sie denn nichts in der Welt +lieb?</p> + +<p>RADIUS Ich kann alles.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p>HELENE Herein.</p> + +<p>DR. GALL <i>tritt ein</i> Guten Morgen, Frau Domin. +Was haben Sie Schönes?</p> + +<p>HELENE Hier den Radius, Doktor.</p> + +<p>DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, +Radius, machen wir Fortschritte?</p> + +<p>HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug +unsre Büsten.</p> + +<p>DR. GALL Merkwürdig, er auch? — Hm, schade, +daß wir ihn verlieren.</p> + +<p>HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.</p> + +<p>DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall +— Es ist streng angeordnet —</p> + +<p>HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.</p> + +<p>DR. GALL <i>leise</i> Ich warne.</p> + +<p>HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren +es, eine Amnestie zu erteilen — Gehen Sie, +Radius!</p> + +<p>DR. GALL Warten! <i>Dreht Radius zum Fenster, bedeckt +ihm mit der Hand die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet +die Pupillenreflexe.</i> Da schau' her. Bitte um eine +Nadel. Oder eine Stecknadel.</p> + +<p>HELENE <i>reicht eine Stecknadel</i> Wozu das?</p> + +<p>DR. GALL Nur so. <i>Sticht Radius in die Hand, der +heftig zusammenzuckt.</i> Langsam, Junge. Entschuldigen +Sie, Frau Helene — <i>knöpft Radius rasch die Jacke auf und +legt ihm die Hand ans Herz</i>. Sie kommen in den Stampf<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>trog, +Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie +töten, Brei aus Ihnen machen. Das tut furchtbar +weh, Radius, Sie werden schreien.</p> + +<p>HELENE Oh, Doktor —</p> + +<p>DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. +Frau Domin wird für Sie bitten und man wird +Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. <i>Zieht die +Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch +ab.</i> Sie können gehen.</p> + +<p>RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. <i>Ab.</i></p> + +<p>HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?</p> + +<p>DR. GALL <i>setzt sich</i> Hm, nichts. Die Pupillen +reagieren, erhöhte Empfindlichkeit und so weiter — +Oho! das war kein Roboterkrampf!</p> + +<p>HELENE Was war es?</p> + +<p>DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder +Aufruhr, ich weiß nicht, was. Und sein Herz, eh!</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. +Er war ganz verschwitzt vor Angst und — +Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter mehr.</p> + +<p>HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?</p> + +<p>DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.</p> + +<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, +Gall, sind alle Roboter so? Alle, die Sie anders zu +machen begannen?</p> + +<p>DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer — Was +wollen Sie? Sie sind menschenähnlicher als Werstands +Roboter.</p> + +<p>HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> + +<p>DR. GALL <i>zuckt die Achseln</i> Auch der ist ein Fortschritt.</p> + +<p>HELENE Wohin ist Ihr bester geraten — wie hieß er?</p> + +<p>DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie +nach Havre verkauft.</p> + +<p>HELENE Und unsere Robotin Helene?</p> + +<p>DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. +Sie ist prächtig und dumm wie der Frühling. Einfach +zu nichts nutz.</p> + +<p>HELENE Sie ist doch so schön!</p> + +<p>DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. +Wissen Sie denn, wie schön sie ist? Aus Gottes Händen +ist kein vollkommeneres Werk hervorgegangen +als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden +— Gott, welch' ein Mißerfolg!</p> + +<p>HELENE Warum Mißerfolg?</p> + +<p>DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie +im Traum umher, schwankend, leblos — Mein Gott, +wie kann sie schön sein, wenn sie nicht liebt? Wie +könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird — +O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben +die Menschen, wozu lieben sie vergebens, ohne Worte, +ohne Sinn —</p> + +<p>HELENE Gall, nicht davon!</p> + +<p>DR. GALL <i>reibt sich die Stirn</i> Sie hat kein Leben. +Tot ist Schönheit ohne Liebe. Ich blicke sie an und +schaudere, wie wenn ich einen Krüppel erschaffen +hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder +geschehen wird — Ach, Helene, Robotin Helene, +so wird denn dein Körper nie sich beleben, du wirst +nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese vollkom<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>menen +Hände werden mit keinem Säugling spielen, +du wirst deine Schönheit nicht erschauen in der +Schönheit deines Kindes —</p> + +<p>HELENE <i>bedeckt ihr Gesicht</i> Oh, schweigen Sie!</p> + +<p>DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn +du erwachtest, Helene, nur für einen Augenblick, +ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! +Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; +würdest vielleicht mit der schwachen Hand +einen Stein in diese Maschinen hier schleudern, +welche Roboter gebären und das Weibtum töten, +unglückliche Helene!</p> + +<p>HELENE Unglückliche Helene!</p> + +<p>DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Doktor —</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?</p> + +<p>DR. GALL — — Wir wissen es nicht, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Sagen Sie's mir!</p> + +<p>DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil +Überfluß an Arbeitskräften herrscht. Weil die Menschen +gleichsam ... kurz überflüssig werden, wissen +Sie?</p> + +<p>HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!</p> + +<p>DR. GALL Nur die Natur.</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen +nach dem Bedarf, verstehen Sie? Das ist eine alte +Weste; nur daß —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> + +<p>HELENE Rasch, Gall!</p> + +<p>DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die +Geburtenzahl, wissen Sie, bei dieser rasenden Fabrikation +von Robotern sinken werde; einfach deshalb, +weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil +ein größerer Wohlstand herrschen würde, weil die +Roboter existenzfähiger sind als wir —</p> + +<p>HELENE Sind sie es?</p> + +<p>DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich +ein Atavismus. Aber daß er nach elendigen dreißig +Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt — das ist +biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. +Das ist ja schon so, als ob — eh!</p> + +<p>HELENE Sagen Sie es!</p> + +<p>DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung +gekränkt wäre.</p> + +<p>HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?</p> + +<p>DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts +machen.</p> + +<p>HELENE Überhaupt nichts?</p> + +<p>DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der +Welt verlangen in so großen Memoranden, man solle +die Erzeugung von Robotern einschränken, sonst +werde — sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit +zugrunde gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre +wollen davon selbstverständlich nichts hören. Alle +Regierungen der Welt schreien nach größerer Produktion, +um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. +Alle Fabrikanten der Welt bestellen wie närrisch +Roboter. Damit läßt sich nichts machen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p> + +<p>HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht —</p> + +<p>DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. +Menschen, die Ideen haben, sollte man keinen Einfluß +auf die Dinge dieser Welt einräumen.</p> + +<p>HELENE Und fordert jemand, man solle ... <em class="gesperrt">überhaupt</em> +die Erzeugung einstellen?</p> + +<p>DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. +Wissen Sie, es ist doch nur bequemer, die Roboter +für sich arbeiten zu lassen.</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen +geschehen?</p> + +<p>DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden +blühen —</p> + +<p>HELENE — wie eine taube Blüte.</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Und sagen Sie, wenn jemand +<em class="gesperrt">mit einem Schlage</em> die Robotererzeugung einstellen +würde —</p> + +<p>DR. GALL <i>steht auf</i> Hm, das wäre für die Menschen +ein furchtbarer Schlag.</p> + +<p>HELENE Weshalb ein Schlag?</p> + +<p>DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, +wo sie waren. Außer —</p> + +<p>HELENE Sagen Sie!</p> + +<p>DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.</p> + +<p>HELENE <i>bei Hallemeiers Blumen</i> Gall, sind diese +Blüten gleichfalls taub?</p> + +<p>DR. GALL <i>besieht sie</i> Allerdings, das sind unfrucht<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>bare +Blüten. Sie verstehen, es sind Kulturblumen, +künstlich beschleunigt —</p> + +<p>HELENE Arme taube Blüten!</p> + +<p>DR. GALL Dafür sind sie herrlich.</p> + +<p>HELENE <i>reicht ihm die Hand</i> Ich danke Ihnen, Gall; +Sie haben mich so belehrt!</p> + +<p>DR. GALL <i>küßt ihr die Hand</i> Das bedeutet, daß Sie +mich entlassen.</p> + +<p>HELENE Ja. Auf Wiedersehen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>GALL ab.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>allein</i> Taube Blüte ... taube Blüte ... +<i>Plötzlich entschlossen</i> Nana! <i>Öffnet die Tür nach links.</i> Nana, +komm her! Mach' Feuer im Kamin! Rasch!</p> + +<p>NANAS STIMME No gleich! No sofort!</p> + +<p>HELENE <i>aufgeregt durchs Zimmer gehend</i> Außer es +wäre schon zu spät zur Umkehr ... Nein! Außer +es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll ich +tun? — — <i>Bleibt vor den Blumen stehen.</i> Taube Blüten, +soll ich? <i>Pflückt Blättchen und flüstert</i> — — Ach, mein +Gott, also ja! <i>Eilt nach links.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>NANA <i>tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen</i> +Plötzlich einzuheizen! Jetzt, im Sommer! — Ist sie +schon wieder fort, der Sausewind? <i>Kniet zum Kamin +und macht Feuer an.</i> Im Sommer zu heizen! Die hat +Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet +wäre! — — Nu so brenn', brenn'! <i>Sieht ins Feuer.</i> +— Sie ist ja wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i> Nicht ein +bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu heizen! +<i>Sie legt zu.</i> Wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i></p> + +<p>HELENE <i>kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> +den Armen</i> Brennt es, Nana? Laß', ich muß — dies +alles verbrennen — <i>kniet zum Kamin</i>.</p> + +<p>Nana <i>steht auf</i> Was ist das?</p> + +<p>HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll +ich das verbrennen?</p> + +<p>NANA Ist es zu nichts nutze?</p> + +<p>HELENE Zu nichts Gutem.</p> + +<p>NANA Also verbrennen Sie's.</p> + +<p>HELENE <i>wirft das erste Blatt ins Feuer</i> Was würdest +du sagen, Nana ... wenn es Geld wäre. Ungeheuer +viel Geld.</p> + +<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu +großes Geld ist schlechtes Geld.</p> + +<p>HELENE <i>verbrennt weitere Blätter</i> Und wenn es irgendeine +Erfindung wäre, die größte Erfindung der Welt —</p> + +<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen +sind gegen den lieben Gott. Das ist eitel +Lästerung, nach ihm die Welt verbessern zu wollen.</p> + +<p>HELENE <i>heizt andauernd</i> Und sag', Nana, wenn ich +verbrennen würde —</p> + +<p>NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!</p> + +<p>HELENE Nein. Sag' doch —</p> + +<p>NANA Was denn?</p> + +<p>HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die +Blätter drehen! Wie wenn sie lebendig wären. Wie +wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist fürchterlich!</p> + +<p>NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, ich muß selbst. <i>Wirft die letzten +Blätter ins Feuer.</i> Alles muß verbrennen — Sieh, diese +Flammen! Sie sind wie Hände, wie Zungen, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> +Gestalten — <i>Schlägt mit dem Schürhaken ins Feuer.</i> Oh, +legt euch! Legt euch!</p> + +<p>NANA 's ist schon vorbei.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich betroffen</i> Nana!</p> + +<p>NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?</p> + +<p>HELENE Was habe ich getan!</p> + +<p>NANA Gott im Himmel! Was war es?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Nebenan Männerlachen.</i></p></div> + +<p>HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die +Herren kommen.</p> + +<p>NANA Beim lebendigen Gott, Helene! <i>Ab durch die +Tapetentür.</i></p> + +<p>HELENE Was werden sie dazu sagen!</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet die Tür links</i> Nur herein, Jungens. +Kommt gratulieren!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes +mit hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>schallend</i> Frau Helene, ich, das heißt, +wir alle —</p> + +<p>DR. GALL — gratulieren im Namen von Werstands +Betrieben —</p> + +<p>HALLEMEIER — zu Ihrem großen Tage.</p> + +<p>HELENE <i>reicht ihnen die Hände</i> Ich danke Ihnen <em class="gesperrt">so +sehr</em>! Wo sind Fabry und Busman?</p> + +<p>DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut +ist ein glücklicher Tag.</p> + +<p>HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag +wie ein Feiertag, ein Tag wie ein hübsches Mädel. +Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.</p> + +<p>HELENE Whisky?</p> + +<p>DR. GALL Meinethalben Vitriol.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> + +<p>HELENE Mit Soda?</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne +Soda.</p> + +<p>ALQUIST Nein, ich danke.</p> + +<p>DOMIN Was hat hier gebrannt?</p> + +<p>HELENE Alte Papiere. <i>Ab nach links.</i></p> + +<p>DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?</p> + +<p>DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>faßt Domin und Gall um den Hals</i> +Hahahaha! Jungens, da bin ich froh! <i>Dreht sich mit +ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an</i> Sie ist abgetan! +Sie ist abgetan!</p> + +<p>DR. GALL <i>Bariton</i> Sie ist abgetan!</p> + +<p>DOMIN <i>Tenor</i> Sie ist abgetan!</p> + +<p>HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran —</p> + +<p>HELENE <i>mit einer Flasche und Gläsern in der Tür</i> Wer +kriegt euch nicht dran? Was habt ihr?</p> + +<p>HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. +Wir haben alles. Kruzitürken, es ist just zehn Jahre +her, seit Sie hierherkamen.</p> + +<p>DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren —</p> + +<p>HALLEMEIER — segelt wieder ein Schiff zu uns. +Folglich — <i>Leert das Glas.</i> Brr, haha, das ist stark +wie die Freude.</p> + +<p>DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! <i>Trinkt.</i></p> + +<p>HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?</p> + +<p>DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur +rechtzeitig kommt. Auf das Schiff, Jungens! <i>Leert +das Glas.</i></p> + +<p>HELENE <i>gießt ein</i> Ihr habt eins erwartet?</p> + +<p>HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Ro<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>binson. +<i>Hebt das Glas.</i> Frau Helene, es lebe, was Sie +mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und basta! +Domin, du Bub', erzähl'!</p> + +<p>HELENE <i>lacht</i> Was ist geschehen?</p> + +<p>DOMIN <i>wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine +Zigarre an</i> Warte. — Setz' dich, Helene. <i>Hebt den +Zeigefinger.</i> Pst. Sie ist abgetan.</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>DOMIN Die Revolte.</p> + +<p>HELENE Was für eine Revolte?</p> + +<p>DOMIN Die Revolte der Roboter. — Begreifst du?</p> + +<p>HELENE Ich begreife nicht.</p> + +<p>DOMIN Zeigen Sie, Alquist. <i>ALQUIST reicht ihm +die Zeitung. DOMIN schlägt sie auf und liest.</i> »In Havre +wurde die erste Rassenorganisation der Roboter gegründet +— — und ein Aufruf an die Roboter der +Welt erlassen.«</p> + +<p>HELENE Das habe ich gelesen.</p> + +<p>DOMIN <i>voll Genuß an der Zigarre saugend</i> Also siehst +du, Helene. Das bedeutet Revolution, weißt du? +Die Revolution aller Roboter der Welt.</p> + +<p>HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich —</p> + +<p>DOMIN <i>auf den Tisch schlagend</i> — wer das angezettelt +hat! Niemand in der Welt war imstande, mit +den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein Welterlöser, +und auf einmal — so etwas, ich bitte!</p> + +<p>HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?</p> + +<p>DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber +das genügt, weißt du? Bedenke, daß die Roboter +sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen und +Schiffe und so weiter in der Hand haben —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> + +<p>HALLEMEIER — und berechnen Sie dabei, daß +mindestens ein Zehntel dieser Kerle auf die Menschheit +kommt; genau ein Hundertel würde genügen, +daß sie uns bekommen.</p> + +<p>DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte +Dampfer dir bringt. Daß dadurch die Telegraphen +zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen täglich +keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung +ein und schauten einander an, wann es losginge, +nicht wahr, Jungens?</p> + +<p>DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?</p> + +<p>DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon +vor einem halben Jahr bestellt. Nur so, zur Sicherheit. +Aber, meiner Seele, ich dachte schon, wir würden +es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.</p> + +<p>HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?</p> + +<p>DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? +Das bedeutet nichts. Aber in dieser Woche, Helene, +da hat es sich um die menschliche Zivilisation oder +ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! +Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.</p> + +<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! +Ihr Tag, Frau Helene! <i>Trinkt.</i></p> + +<p>HELENE Ist schon alles vorbei?</p> + +<p>DOMIN Absolut alles.</p> + +<p>DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein +gewöhnliches Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. +Pünktlich um elf Uhr dreißig wird es Anker +werfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> + +<p>DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche +Sache. Nichts stärkt die Seele so wie Pünktlichkeit. +Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der Welt. <i>Hebt +das Glas.</i> Hoch die Pünktlichkeit!</p> + +<p>HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?</p> + +<p>DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel +zerschnitten. Wenn nur der Fahrplan wieder gilt.</p> + +<p>HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die +menschlichen Gesetze, gelten Gottes Gesetze, gelten +die Gesetze des Alls, gilt alles was gelten soll ... Der +Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als Homer, +mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste +Emanation menschlichen Geistes. Frau +Helene, ich fülle mein Glas.</p> + +<p>HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?</p> + +<p>DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns +die Zunge abgebissen.</p> + +<p>DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.</p> + +<p>HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher +gekommen wäre ...</p> + +<p>DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt +und ruhig das Meer befahren hätten. Nach einem +Monat, Helene, hätten wir den Robotern diktiert, +was uns nur eingefallen wäre.</p> + +<p>HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.</p> + +<p>DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, +was den Robotern furchtbar erwünscht gewesen wäre.</p> + +<p>HELENE Was, Harry?</p> + +<p>DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Was ist das?</p> + +<p>DOMIN <i>steht auf</i> Das Geheimnis der Fabrikation. +Die Handschrift des alten Werstand. Bis die Fabrik +einen Monat lang stillgestanden hätte, wären die +Roboter vor uns auf den Knien gelegen.</p> + +<p>HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht +gesagt?</p> + +<p>DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.</p> + +<p>DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte +Karte. Ich hatte nicht ein bisserl Angst, die Roboter +könnten gewinnen. Woher, gegen uns Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Elf dreißig. Die »Amelie« +wirft die Anker aus.</p> + +<p>DOMIN Das ist die »Amelie«?</p> + +<p>HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals +Frau Helene mitgebracht hat.</p> + +<p>DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre —</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie werfen Pakete ab. +Aha, die Post.</p> + +<p>DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und +Fabry wird uns die ersten Nachrichten bringen. +Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, wie +das alte Europa da Ordnung gemacht hat.</p> + +<p>HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht +dabei gewesen sind! <i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Leute, +soviel Post!</p> + +<p>HELENE Harry!</p> + +<p>DOMIN Was gibt's?</p> + +<p>HELENE Reisen wir ab von hier!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> + +<p>DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!</p> + +<p>HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die +wir da sind!</p> + +<p>DOMIN Warum gerade jetzt?</p> + +<p>HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, +ich bitte euch, Gall, Hallemeier, Alquist, um Gottes +willen bitte ich euch, schließt die Fabrik und —</p> + +<p>DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner +von uns abreisen.</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern +wollen.</p> + +<p>HELENE Oh, jetzt — jetzt nach jener Revolte?</p> + +<p>DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt +beginnen wir neue Roboter zu erzeugen.</p> + +<p>HELENE Was für?</p> + +<p>DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. +Es wird nicht mehr Universal Roboter geben. Wir +werden in jedem Lande, in jedem Staat eine Fabrik +gründen, und diese neuen Fabriken werden — weißt +du schon was? — erzeugen.</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Nationale Roboter.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter +von andrer Farbe, andren Borsten, andrer +Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander fremd +bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie +mehr werden verständigen können; und daß wir, wir +Menschen, sie so ein bisserl dazu erziehen werden — +verstehst du? — daß ein Roboter auf den Tod, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> +ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer +Fabriksmarke hasse.</p> + +<p>HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter +und Schweden-Roboter und Italiener-Roboter +und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann +soll ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die +Kokosschädel bläuen <i>verschluckt sich</i> hup, pardon, +Frau Helene, ich fülle mein Glas.</p> + +<p>DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.</p> + +<p>HELENE Harry, das ist scheußlich!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>hebt das Glas</i> Frau Helene, auf hundert +neue Fabriken! <i>er trinkt und sinkt in den Klubsessel +zurück</i> Hahahaha, National-Roboter! Jungens, das +ist ein Terno!</p> + +<p>DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit +am Ruder erhalten — um jeden Preis! Ihr nur +hundert Jahre lassen, damit sie reif werde und erreiche, +was sie jetzt endlich vermag — Ich will hundert +Jahre für den neuen Menschen! Helene, hier +geht es um zu große Dinge. Wir können es nicht +lassen.</p> + +<p>HELENE Harry, ehe es zu spät wird — schließ, +schließ die Fabrik!</p> + +<p>DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>FABRY tritt ein.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Also was gibt's, Fabry?</p> + +<p>DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was +war los?</p> + +<p>HELENE <i>reicht Fabry die Hand</i> Ich danke Ihnen, +Fabry, für Ihr Geschenk.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> + +<p>FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.</p> + +<p>DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie +gesagt?</p> + +<p>DR. GALL Flott, erzählen Sie!</p> + +<p>FABRY <i>zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche</i> Lesen +Sie das durch, Domin.</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet das Blatt</i> Ah!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>schläfrig</i> Erzählen Sie etwas Hübsches.</p> + +<p>FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. +Alles in allem so, wie es sich erwarten ließ.</p> + +<p>DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht +wahr?</p> + +<p>FABRY Wer denn?</p> + +<p>DR. GALL Die Menschen.</p> + +<p>FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, +wir sollten uns über etwas beraten.</p> + +<p>HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?</p> + +<p>FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, +daß — daß wir in die Kanzlei gehen werden —</p> + +<p>HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde +erwarte ich die Herren zum Frühstück.</p> + +<p>HALLEMEIER Also hurra!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE ab.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Was ist geschehen?</p> + +<p>DOMIN Verflucht!</p> + +<p>FABRY Lesen Sie dies laut vor.</p> + +<p>DOMIN <i>liest aus dem Blatt</i> »Roboter der Welt!«</p> + +<p>FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die +»Amelie« ganze Ballen gebracht. Keine andere Post.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> + +<p>HALLEMEIER <i>springt auf</i> Wie denn? Sie ist ja auf +ein Haar nach dem —</p> + +<p>FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. +Lesen Sie, Domin.</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt! Wir, die erste +Rassenorganisation von Werstands Universal Robotern, +erklären den Menschen zum Feind und Geächteten +im Weltall.« — Wetter, wer hat sie diese +Phrasen gelehrt?</p> + +<p>DR. GALL Lesen Sie weiter.</p> + +<p>DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie +seien entwicklungsmäßig höher als der Mensch. Sie +seien intelligenter und stärker. Der Mensch sei ihr +Parasit. Das ist einfach widerlich!</p> + +<p>FABRY Und nun den dritten Absatz.</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt, wir befehlen +euch, die Menschen auszurotten. Schonet weder +Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, Bahnen, +Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere +vernichtet! Dann kehret zur Arbeit zurück. Die +Arbeit darf nicht stocken.«</p> + +<p>DR. GALL Das ist schauderhaft!</p> + +<p>HALLEMEIER Die Lumpen!</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Sofort nach Erhalt des Befehles zu +vollstrecken.« Folgen detaillierte Instruktionen. +Fabry, und das geschieht wirklich?</p> + +<p>FABRY Offenbar.</p> + +<p>ALQUIST Es ist vollbracht.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>BUSMAN stürzt herein.</i></p></div> + +<p>BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> + +<p>DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!</p> + +<p>BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. +Das hat durchaus keine Eile. <i>Fällt in einen +Lehnstuhl.</i> Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!</p> + +<p>DOMIN Weshalb warten?</p> + +<p>BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur +nicht eilen. Auf dem »Ultimus« sind schon die +Roboter.</p> + +<p>DR. GALL Pfui, das ist garstig.</p> + +<p>DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk +—</p> + +<p>BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir +sind ohne Strom.</p> + +<p>DOMIN Gut. <i>Prüft seinen Revolver.</i> Ich gehe hin.</p> + +<p>BUSMAN Wohin?</p> + +<p>DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. +Ich führe sie hierher.</p> + +<p>BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie +lieber nicht.</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß +wir umzingelt sind.</p> + +<p>DR. GALL Umzingelt? <i>Läuft zum Fenster.</i> Hm, Sie +haben beinah recht.</p> + +<p>HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links HELENE.</i></p></div> + +<p>HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?</p> + +<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Ergebenster, Frau Helene. Ich +gratuliere. Ein Festtag, was? Haha, noch viele dieser +Art!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht +etwas vor?</p> + +<p>DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, +warte einen Augenblick.</p> + +<p>HELENE Harry, was ist das? <i>Zeigt den Roboteraufruf, +den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten.</i> Die Roboter +in der Küche hatten es bei sich.</p> + +<p>DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?</p> + +<p>HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer <em class="gesperrt">so viele</em> um +das Haus herum!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Fabrikspfeifen und Sirenen.</i></p></div> + +<p>FABRY Die Fabriken pfeifen.</p> + +<p>BUSMAN Gesegneter Mittag.</p> + +<p>HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es +genau zehn Jahre —</p> + +<p>DOMIN <i>blickt auf die Uhr</i> Es ist noch nicht Mittag. +Das ist wohl — das ist eher — —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="ZWEITER_AUFZUG" id="ZWEITER_AUFZUG">ZWEITER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE +Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL +schaut aus dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem +Fauteuil, die Hände vor dem Gesicht.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!</p> + +<p>DOMIN Die Roboter?</p> + +<p>DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie +eine Mauer. Weshalb sind sie so still? Das ist ekelhaft, +mit Schweigen zu belagern.</p> + +<p>DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß +jede Minute beginnen, Gall. Wenn sie sich gegen +das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus Streichhölzchen.</p> + +<p>DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.</p> + +<p>DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. +Mensch, das wird uns zuschütten wie eine +Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie —</p> + +<p>DR. GALL Nun?</p> + +<p>DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus +uns wird. Sie haben uns vollkommen in der Hand. +Wir haben verspielt, Gall.</p> + +<p>ALQUIST Was spielt Frau Helene da?</p> + +<p>DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.</p> + +<p>ALQUIST Ah, sie übt noch?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden +einen Fehler begangen.</p> + +<p>DOMIN <i>bleibt stehen</i> Welchen?</p> + +<p>DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige +Gesichter gegeben. Hunderttausend gleiche +Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend ausdruckslose +Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.</p> + +<p>DOMIN Wenn jeder anders wäre — —</p> + +<p>DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. +<i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Noch gut, daß sie nicht +bewaffnet sind!</p> + +<p>DOMIN Hm — <i>Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen +hinaus.</i> Ich wüßte nur gern, was sie von der »Amelie« +abladen.</p> + +<p>DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht +zwei elektrische Drähte hinter sich her.</i></p></div> + +<p>FABRY Pardon — Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt hinter Fabry ein</i> Uf, das war eine +Arbeit! Was gibt's Neues?</p> + +<p>DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.</p> + +<p>HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe +verbarrikadiert, Jungens. Habt ihr nicht ein wenig +Wasser? — Aha, hier. <i>Trinkt.</i></p> + +<p>DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?</p> + +<p>FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!</p> + +<p>DR. GALL Wo finden wir eine? <i>Sucht.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt ans Fenster</i> Donnerwetter, die +haben sich vermehrt! Sieh da!</p> + +<p>DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> + +<p>FABRY Her damit! <i>Zerschneidet die Leitung der auf dem +Schreibtisch stehenden elektrischen Lampe und schließt seine +Drähte an.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie haben keine schöne +Aussicht, Domin. Man spürt irgendwie — den Tod.</p> + +<p>FABRY Fertig!</p> + +<p>DR. GALL Was?</p> + +<p>FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze +Gartengitter mit Strom füllen. Wer es <em class="gesperrt">dann</em> anrührt, +Donnerwetter! Wenigstens, solange <em class="gesperrt">dort</em> die +Unsrigen sind.</p> + +<p>DR. GALL Wo?</p> + +<p>FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich +hoffe wenigstens — <i>geht zum Kamin und entzündet dort +eine kleine Glühbirne</i>. Gottlob, sie sind dort. Und +arbeiten. <i>Löscht aus.</i> Solange das leuchtet, ist es gut.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Die Barrikaden +sind <em class="gesperrt">auch</em> gut, Fabry.</p> + +<p>FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei +lauter Schwielen zugezogen.</p> + +<p>HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.</p> + +<p>DOMIN <i>legt das Fernrohr hin</i> Wo steckt Busman?</p> + +<p>FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.</p> + +<p>DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten +— <i>Geht im Zimmer auf und ab.</i></p> + +<p>HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr — — Holla, +was spielt Frau Helene da?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Geht zur Tür links und lauscht.</i></p> + +<p><i>Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige Geschäftsbücher, +stolpert über den Draht.</i></p></div> + +<p>FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!</p> + +<p>DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p> + +<p>BUSMAN <i>legt die Bücher auf den Tisch</i> Die Hauptbücher, +Kinderchen. Möchte gern meine Rechnungen +abschließen, ehe — ehe — I nun, heuer werde +ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also +was habt ihr? <i>Geht zum Fenster.</i> Aber es ist ja ganz +still dort!</p> + +<p>DR. GALL Sie sehen nichts?</p> + +<p>BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie +mit Mohn besät.</p> + +<p>DR. GALL Das sind Roboter.</p> + +<p>BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. +<i>Setzt sich an den Tisch und öffnet die Bücher.</i></p> + +<p>DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden +von der »Amelie« Waffen ab.</p> + +<p>BUSMAN Nun und was? Wie soll <em class="gesperrt">ich</em> es verhindern?</p> + +<p>DOMIN Das können wir nicht verhindern.</p> + +<p>BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. <i>Macht +sich an die Arbeit.</i></p> + +<p>FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben +die Gitter mit zwölfhundert Volt geladen —</p> + +<p>DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen +gegen uns gerichtet.</p> + +<p>DR. GALL Wer? Was?</p> + +<p>DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.</p> + +<p>FABRY Hm, <em class="gesperrt">dann</em> freilich — dann — dann ist es +aus mit uns, Kameraden. Die Roboter sind militärisch +ausgebildet.</p> + +<p>DR. GALL Wir werden also —</p> + +<p>DOMIN Ja. Unvermeidlich.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten +Europa, daß es die Roboter Krieg führen gelehrt hat! +Konnten sie nicht, zum Teufel, schon Ruh' geben +mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus +lebendiger Arbeit Soldaten zu machen!</p> + +<p>ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!</p> + +<p>DOMIN Wie?</p> + +<p>ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!</p> + +<p>DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es +nicht.</p> + +<p>ALQUIST Nicht einmal heute?</p> + +<p>DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der +Zivilisation. Es ist eine große Sache gewesen.</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsechzehn Millionen.</p> + +<p>DOMIN <i>ernst</i> Alquist, unsere letzte Stunde ist da; +wir reden fast schon aus jener Welt. Alquist, es war +kein schlechter Traum, die Sklaverei der Arbeit zu +zerschlagen. Einer erniedrigenden und furchtbaren +Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen +und mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es +wurde allzu schwer gearbeitet. Es wurde allzu schwer +gelebt. Und dies zu überwinden —</p> + +<p>ALQUIST — ist nicht der Traum der beiden Werstands +gewesen. Der alte Werstand dachte an seine +gottlosen Gaukeleien und der junge an Milliarden. +Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. +Ihr Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden +wird die Menschheit zugrunde gehen.</p> + +<p>DOMIN <i>gereizt</i> Der Teufel hole ihre Dividenden!<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> +Glaubt ihr, ich würde nur eine Stunde lang für sie +arbeiten? <i>Schlägt auf den Tisch.</i> Für mich habe ich +es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich +wollte den Menschen zum Herrn machen! Damit +er nicht mehr bloß für das Stück Brot lebe! Ich +wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen +verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von +diesem verdammten sozialen Kram mehr übrigbliebe! +Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und Schmerz, mich +widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! +Ich wollte — ich dachte —</p> + +<p>ALQUIST Nun?</p> + +<p>DOMIN <i>leiser</i> Ich wollte, daß wir aus der ganzen +Menschheit eine Weltaristokratie schaffen. Eine +Aristokratie, die durch Milliarden mechanischer +Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und +souveräne Menschen. Und vielleicht mehr als +Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Nun, also Übermenschen.</p> + +<p>DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! +Noch hundert Jahre für die kommende Menschheit!</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsiebzig Millionen +Übertrag. So.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>an der Türe links</i> Wetter, Musik ist +eine große Sache. Ihr solltet zuhören. Das vergeistigt, +verfeinert den Menschen irgendwie —</p> + +<p>FABRY Was eigentlich?</p> + +<p>HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei +allen Teufeln! Jungens, aus mir wird ein Genießer.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> +Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. <i>Geht zum +Fenster und schaut hinaus.</i></p> + +<p>FABRY Worauf?</p> + +<p>HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen +Dinge. Donnerwetter, es gibt soviel schöne Dinge! +Die Welt war schön, und wir — wir haben hier — +Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, +vortrefflich.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Das Leben war eine +große Sache. Kameraden, das Leben war — ich +sage — — Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in Ihr +Gitter!</p> + +<p>FABRY Warum?</p> + +<p>HALLEMEIER Sie fassen es an.</p> + +<p>DR. GALL <i>beim Fenster</i> Schalten Sie ein!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>FABRY dreht den Ausschalter.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! +Zwei, drei, vier Tote!</p> + +<p>DR. GALL Sie ziehen sich zurück.</p> + +<p>HALLEMEIER Fünf Tote!</p> + +<p>DR. GALL <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Der erste Zusammenstoß.</p> + +<p>FABRY Spüren Sie den Tod?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>befriedigt</i> Sie sind verkohlt, Bruderherz. +Absolut verkohlt. Haha, der Mensch darf sich +nicht ergeben! <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>DOMIN <i>reibt sich die Stirn</i> Vielleicht sind wir schon +hundert Jahre erschlagen und spuken nur. Vielleicht +sind wir lange, lange tot und kehren nur wieder, um +herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... vor<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> +unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon +erlebt. Als hätte ich sie schon einmal bekommen. +Eine Schußwunde — hier — in den Hals. Und Sie, +Fabry —</p> + +<p>FABRY Ich?</p> + +<p>DOMIN Erschossen.</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, und ich?</p> + +<p>DOMIN Erstochen.</p> + +<p>DR. GALL Und ich nichts?</p> + +<p>DOMIN Zerrissen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer +soll mich erstechen! Ich lasse mich nicht unterkriegen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei +allen Teufeln, redet doch.</p> + +<p>ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran +schuld?</p> + +<p>HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. +Kurz, die Roboter — I nun, die Roboter haben +sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas für +die Roboter?</p> + +<p>ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! +Die ganze Welt! <i>Erhebt sich.</i> Seht, o seht, blutige +Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll Blut aus +allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Fünfhundertzwanzig Millionen! +Herrgott, eine halbe Milliarde!</p> + +<p>FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. +Gehn Sie, es ist nicht so leicht, die ganze +Menschheit zu töten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage +die Technik an! Domin! Mich selbst! Uns alle! +Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, +um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um +ich weiß nicht welcher großartigen Sache willen +haben wir die Menschheit getötet! Nun, so berstet +an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus +Menschengebein hat sich kein Dschingiskhan errichtet!</p> + +<p>HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen +ergeben sich nicht so leicht, haha, woher denn!</p> + +<p>ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!</p> + +<p>DR. GALL <i>wischt den Schweiß von der Stirn</i> Laßt mich +reden, Kameraden. Ich trage die Schuld. An allem, +was geschehen ist.</p> + +<p>FABRY Sie, Gall?</p> + +<p>DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die +Roboter verwandelt. Busman, richten auch Sie mich.</p> + +<p>BUSMAN <i>steht auf</i> Na, na, was ist Ihnen denn +passiert?</p> + +<p>DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter +verändert. Ich habe ihre Fabrikation verändert. Das +heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, verstehen +Sie? Hauptsächlich — hauptsächlich ihre — Irritabilität.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>aufspringend</i> Verdammt, warum just +die?</p> + +<p>BUSMAN Weshalb taten Sie das?</p> + +<p>FABRY Weshalb sagten Sie nichts?</p> + +<p>DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. +Ich formte sie zu Menschen um. Ich hob sie aus<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> +dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in etwas überlegen. +Sie sind stärker als wir.</p> + +<p>FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand +zu tun?</p> + +<p>DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten +auf, Maschinen zu sein. Hören Sie, sie wissen bereits +von ihrer Überlegenheit und hassen uns. Sie hassen +alles Menschliche. Richtet mich!</p> + +<p>DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine +Herren. <i>Alle setzen sich, ausgenommen Gall.</i> Vielleicht +sind wir längst schon ermordet. Vielleicht sind wir +nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, +um zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr +bleich!</p> + +<p>FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel +Zeit.</p> + +<p>DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, +wie Ihre zerschossene Stirn blutet!</p> + +<p>FABRY Unsinn! <i>Steht auf.</i> Doktor Gall, Sie haben die +Erzeugung der Roboter geändert.</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... +Ihres Versuches sein könnte?</p> + +<p>DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen +Möglichkeit zu rechnen.</p> + +<p>FABRY Warum haben Sie es dann getan?</p> + +<p>DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches +Experiment.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich.</i></p></div> + +<p>HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie +können Sie so lügen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> + +<p>FABRY Pardon, Frau Helene —</p> + +<p>DOMIN <i>geht auf sie zu</i> Helene, du? Laß dich anschauen! +Du lebst? <i>Umfaßt sie.</i> Wenn du wüßtest, was +mir geträumt hat! Ach, es ist schrecklich, tot zu sein.</p> + +<p>HELENE Laß, Harry!</p> + +<p>DOMIN <i>preßt sie an sich</i> Nein, nein! Umarme mich! +Eine Ewigkeit schon habe ich dich nicht gesehen — +Aus welchem Traum hast du mich geweckt! Helene, +Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben +selbst.</p> + +<p>HELENE Harry, wir sind ja nicht — allein!</p> + +<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ja, Jungens, laßt uns.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen +hören — — Gall ist nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!</p> + +<p>DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil <em class="gesperrt">ich</em> es +wollte! Sagen Sie, Gall, wie viele Jahre schon bat +ich Sie —</p> + +<p>DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung +getan.</p> + +<p>HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte +von ihm, er solle den Robotern eine Seele geben!</p> + +<p>DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die +Seele.</p> + +<p>HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er +auch; er sagte, verwandeln könnte er nur das physiologische +— das physiologische —</p> + +<p>HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?</p> + +<p>HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag <em class="gesperrt">soviel</em> +daran, daß er es täte!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> + +<p>DOMIN Warum wolltest du das?</p> + +<p>HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie +taten mir so leid, Harry!</p> + +<p>DOMIN Das war — — ein großer Leichtsinn, +Helene.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Es war also ... leichtsinnig?</p> + +<p>FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß +sagen, daß Sie — hm — daß Sie nicht bedacht +haben —</p> + +<p>HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge +gedacht. Ich habe die ganzen zehn Jahre, die ich bei +euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja auch, daß die +Roboter —</p> + +<p>DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. +Nana ist die Stimme des Volkes. Aus +Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das +Heute. Das versteht ihr nicht —</p> + +<p>DOMIN Bleib bei der Sache.</p> + +<p>HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.</p> + +<p>DOMIN Weshalb?</p> + +<p>HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.</p> + +<p>ALQUIST Das ist geschehen.</p> + +<p>HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir +wären, so würden sie uns begreifen, könnten uns nicht +so hassen — Wenn sie nur ein bißchen Menschen +wären!</p> + +<p>DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu +hassen, als der Mensch den Menschen! Mach' Steine +zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' +nur fort!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> + +<p>HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so +fürchterlich, daß wir uns nicht mit ihnen verständigen +konnten! Eine so grausame Fremdheit zwischen +uns und ihnen! Und darum — weißt du —</p> + +<p>DOMIN Nur weiter.</p> + +<p>HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter +ändern. Ich schwöre dir, er selbst wollte es nicht.</p> + +<p>DOMIN Aber er hat es getan.</p> + +<p>HELENE Weil ich es wollte.</p> + +<p>DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte +im vorhinein, daß Sie es mir nicht abschlagen +können.</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>HELENE Du weißt doch, Harry.</p> + +<p>DOMIN Ja. Weil er dich liebt — wie alle.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt zum Fenster</i> Sie haben sich wieder +vermehrt. Als wenn die Erde sie ausschwitzte. +Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände in Roboter. +Leute, das ist entsetzlich!</p> + +<p>BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich +Ihnen als Advokat beistehe?</p> + +<p>HELENE Mir?</p> + +<p>BUSMAN Ihnen — oder Gall. Wem Sie wollen.</p> + +<p>HELENE Wird denn gehängt werden?</p> + +<p>BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger +wird gesucht. Das ist ein beliebter Trost bei +Katastrophen.</p> + +<p>DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre — Ihre +Extratouren mit Ihrem Dienstvertrag?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, +mit diesen Gaukelstücken eigentlich begonnen?</p> + +<p>DR. GALL Vor drei Jahren.</p> + +<p>BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie +denn in summa reformiert?</p> + +<p>DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es +sind ihrer einige Hunderte.</p> + +<p>BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. +Das bedeutet, daß auf eine Million der alten guten +Roboter ein einziger von Galls Reformierten kommt, +versteht ihr?</p> + +<p>DOMIN Und das bedeutet —</p> + +<p>BUSMAN — daß das praktisch nicht soviel Bedeutung +besitzt.</p> + +<p>FABRY Busman hat recht.</p> + +<p>BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und +wißt ihr, Burschen, was diese Bescherung verschuldet +hat?</p> + +<p>FABRY Was also?</p> + +<p>BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter +fabriziert. Meiner Six, das ließ sich doch erwarten: +sobald die Roboter einmal stärker als die Menschheit +sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? +Haha, und wir haben dafür gesorgt, daß +es möglichst bald geschähe; Sie, Domin, Sie, Fabry, +und ich, der Prachtkerl Busman.</p> + +<p>DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?</p> + +<p>BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der +Direktor sei der Herr der Produktion? I wo, Herr +der Produktion ist die Nachfrage. Die ganze Welt +wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> +fuhren auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren +und schwatzten dabei — — von Technik, von der +sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr interessanten +Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine +irgendwie den Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief +alles kraft des eigenen Gewichts, schneller, schneller, +immer schneller — Und jede elende, krämerische, +schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen +hinzu. So, Leutchen.</p> + +<p>HELENE Das ist scheußlich, Busman!</p> + +<p>BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch +meinen Traum gehabt. So einen Busmanischen +Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu +schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu +reden. Aber als ich hier die Bilanz aufstellte, da +kam es mir in den Schädel, daß die Weltgeschichte +nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen +Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen +und selbständigen Leutchen, id est aller überhaupt +gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, Pläne, +Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich +höchstens dazu, daß sich der Mensch damit für das +Museum des Alls ausstopfen lasse, mit der Aufschrift: +Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun +könntet ihr mir sagen, was wir eigentlich machen +werden.</p> + +<p>HELENE Busman, <em class="gesperrt">dafür</em> sollen wir untergehen?</p> + +<p>BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir +wollen doch nicht untergehen. Ich wenigstens nicht. +Ich will noch am Leben bleiben.</p> + +<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der +Affäre ziehen. Sonst nichts.</p> + +<p>DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.</p> + +<p>BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten +es versuchen.</p> + +<p>DOMIN <i>bleibt vor ihm stehen</i> Wie?</p> + +<p>BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt +mir Vollmacht und ich will es mit den Robotern +ausmachen.</p> + +<p>DOMIN Im guten?</p> + +<p>BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: +»Meine Herren Roboter, Ew. Wohlgeboren, +ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, habt +Waffen; aber wir haben da so ein interessantes +Register, so ein altes, gelbes, schmutziges Papier —«</p> + +<p>DOMIN Werstands Manuskript?</p> + +<p>BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist +eure erhabene Herkunft geschildert, eure wohledle +Herstellung usw. Meine Herren Roboter, ohne +dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht <em class="gesperrt">einen</em> +neuen Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig +Jahren werdet ihr mit Verlaub wie die Eintagsfliegen +krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt uns +kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das +wir in einer Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, +es wäre ausnehmend schade um euch. Wißt ihr +was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns +frei, uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes +Schiff dort besteigen. Dafür verkaufen wir euch +die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt uns +mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> +euresgleichen erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, +hunderttausend Stück im Tag, ganz nach +Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches +Geschäft. Etwas für etwas.« — So würde ich +es ihnen sagen, Jungens.</p> + +<p>DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung +aus der Hand?</p> + +<p>BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn +nicht im guten, dann, hm. Entweder wir verkaufen +es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie wollen.</p> + +<p>DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript +vernichten.</p> + +<p>BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. +Außer dem Manuskript auch uns — und +andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Ich sage, +er hat recht.</p> + +<p>DOMIN Wir — wir sollen die Erzeugung verkaufen?</p> + +<p>BUSMAN Wie Sie wollen.</p> + +<p>DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. +Sollen wir die Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen +retten? Oder sollen wir sie zerstören +und — und — uns alle mit?</p> + +<p>HELENE Harry, ich bitte dich —</p> + +<p>DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um +eine allzu ernste Frage. Jungens, verkaufen oder +zerstören? Fabry!</p> + +<p>FABRY Verkaufen.</p> + +<p>DOMIN Gall!</p> + +<p>DR. GALL Verkaufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> + +<p>DOMIN Hallemeier!</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, +verkaufen!</p> + +<p>DOMIN Alquist!</p> + +<p>ALQUIST Gottes Wille.</p> + +<p>BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer +würde denn das ganze Manuskript verkaufen?</p> + +<p>DOMIN Busman, keinen Betrug!</p> + +<p>BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber +dann —</p> + +<p>DOMIN Was dann?</p> + +<p>BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf +dem »Ultimus« sind, verstopfe ich mir die Ohren +mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund des +Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem +Kram und mit Werstands ganzem Geheimnis in +Fetzen. So, Jungens.</p> + +<p>FABRY Nein.</p> + +<p>DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen +wir, so wird verkauft.</p> + +<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Unsinn! Im Interesse der +Menschheit ist —</p> + +<p>DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort +zu halten.</p> + +<p>HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.</p> + +<p>DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. +Wir verkaufen das Schicksal der Menschheit; wer +die Erzeugung in Händen haben wird, wird der +Herr der Welt sein.</p> + +<p>FABRY Verkaufen Sie!</p> + +<p>DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> +Robotern fertig werden, sie nie mehr beherrschen; +untergehen wird sie in der Sintflut dieser furchtbaren +lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave +werden, wird leben von ihren Gnaden —</p> + +<p>DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!</p> + +<p>DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst — — ich +würde keinen Augenblick zögern; wegen der paar +Leute, die ich liebe —</p> + +<p>HELENE Harry, mich fragst du nicht?</p> + +<p>DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, +weißt du? Das ist nichts für dich.</p> + +<p>FABRY Wer geht verhandeln?</p> + +<p>DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. +<i>Ab nach links.</i></p> + +<p>HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>FABRY <i>blickt durchs Fenster</i> Dir zu entrinnen, tausendköpfiger +Tod; dir, Masse im Aufruhr; unsinniger +Pöbel, neuer Herrscher der Welt; Sintflut, Sintflut, +noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen +Schiffe zu retten —</p> + +<p>Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; +wir segeln weit fort von hier und gründen eine +musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues +Leben an —</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!</p> + +<p>FABRY <i>dreht sich um</i> Frau Helene, das Leben steht +dafür; und was an uns liegt, so machen wir etwas +daraus ... etwas, was wir vernachlässigt haben. Es +ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat +sein mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> +hin und Sie werden uns beherrschen — Es ist in uns +soviel Liebe, soviel Lust zum Leben —</p> + +<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. +Wir, sage ich, wir werden's noch zu etwas bringen. +Hahahaha. Frau Helenens Königtum! Fabry, das +ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!</p> + +<p>HELENE O mein Gott! Hört auf!</p> + +<p>BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von +neuem beginnen. Recht einfach, alttestamentarisch, +hirtenhaft — — Kinder, das wäre etwas für mich. +Die Ruhe, die Luft —</p> + +<p>FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der +Ursprung der künftigen Menschheit werden. Wißt +ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit einen +Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde — +Kräfte der Seele und des Leibes. — Und Gott weiß, +ich glaube, nach paar hundert Jahren könnte sie +wieder die Welt erobern.</p> + +<p>ALQUIST Sie glauben das schon heute?</p> + +<p>FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß +sie sie erobern wird. Daß sie wiederum Herr über +Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose Helden +hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der +Menschheit vorantragen werden. Und ich glaube, +Alquist, daß sie wieder von der Eroberung der +Sonnen und Planeten träumen wird.</p> + +<p>BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist +keine schlechte Situation.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DOMIN öffnet heftig die Tür.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>heiser</i> Wo ist das Manuskript des alten Werstand?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> + +<p>BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es +denn sein?</p> + +<p>DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand +geraten! Wer — hat — es — gestohlen!</p> + +<p>DR. GALL Unmöglich!</p> + +<p>HALLEMEIER Verdammt, das ist doch —</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!</p> + +<p>DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Ich.</p> + +<p>DOMIN Wohin hast du es gegeben?</p> + +<p>HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! +Um Gottes willen, verzeih es mir!</p> + +<p>DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!</p> + +<p>HELENE Verbrannt — heute früh — beide Abschriften.</p> + +<p>DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?</p> + +<p>HELENE <i>sinkt in die Knie</i> Um Gottes willen, Harry!</p> + +<p>DOMIN <i>läuft zum Kamin</i> Verbrannt! <i>Kniet beim Kamin +nieder und wühlt darin herum.</i> Nichts, nichts als Asche. +— Ah, hier! <i>Zieht ein versengtes Stück Papier hervor und +liest.</i> »Durch Bei — fü — gung —«</p> + +<p>DR. GALL Zeigen Sie. <i>Nimmt das Papier und liest.</i> +»Durch Beifügung von Biogen zu —« Sonst +nichts.</p> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Ist es daraus?</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>BUSMAN Gott im Himmel!</p> + +<p>DOMIN Also sind wir verloren.</p> + +<p>HELENE Oh, Harry —</p> + +<p>DOMIN Steh auf, Helene!</p> + +<p>HELENE Bis du vergibst — bis du vergibst —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> + +<p>DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage +es nicht, daß du —</p> + +<p>FABRY <i>hebt sie auf</i> Bitte, quälen Sie uns nicht.</p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Harry, was habe ich getan!</p> + +<p>DOMIN Ja, du siehst. — Bitte, setz' dich.</p> + +<p>HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.</p> + +<p>BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier +wissen doch vielleicht auswendig, was dort geschrieben +stand.</p> + +<p>HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens +einige Sachen.</p> + +<p>DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und — +und — das Enzym Omega. Die werden so selten +erzeugt — — es genügt davon eine so unscheinbare +Dosis —</p> + +<p>BUSMAN Wer hat sie hergestellt?</p> + +<p>DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... +immer nach Werstands Manuskript. Wissen Sie, das +ist zu kompliziert.</p> + +<p>BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf +diese beiden Wässerchen an?</p> + +<p>HALLEMEIER So ein bißchen — sicherlich.</p> + +<p>DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das +Ding überhaupt lebe. Das war das eigentliche Geheimnis.</p> + +<p>DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis +Werstands Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?</p> + +<p>DR. GALL Ausgeschlossen.</p> + +<p>DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich +um unser aller Leben!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es +unmöglich.</p> + +<p>DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen —</p> + +<p>DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst +dann — Ich bin nicht der alte Werstand.</p> + +<p>DOMIN <i>wendet sich zum Kamin</i> Also hier — dies +war der größte Triumph des menschlichen Geistes, +Kameraden. Diese Asche. <i>Tritt hinein.</i> Was jetzt?</p> + +<p>BUSMAN <i>in verzweifeltem Entsetzen</i> Gott im Himmel! +Gott im Himmel!</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry! Was — habe ich — +getan!</p> + +<p>DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du +es verbrannt?</p> + +<p>HELENE Ich habe euch vernichtet!</p> + +<p>BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!</p> + +<p>DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast +du das getan?</p> + +<p>HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, +wir alle! Es sollte keine Fabrik mehr geben +und nichts ... Alles sollte wiederkehren ... Es war +so furchtbar!</p> + +<p>DOMIN Was, Helene?</p> + +<p>HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben +Blüten wurden!</p> + +<p>DOMIN Ich verstehe nicht.</p> + +<p>HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren +wurden ... Harry, das ist so entsetzlich! Würde +man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr +Kinder geben — Nana sagte, das sei die Strafe — +Alle, alle sagten, es können keine Menschen geboren<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> +werden, weil man so viele Roboter macht. — Und +deshalb, nur deshalb, hörst du —</p> + +<p>DOMIN Helene, <em class="gesperrt">daran</em> hast du gedacht?</p> + +<p>HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es <em class="gesperrt">so</em> gut gemeint!</p> + +<p>DOMIN <i>wischt sich den Schweiß ab</i> Wir hatten es ... +zu gut gemeint, wir Menschen.</p> + +<p>HELENE Bist du mir böse?</p> + +<p>DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht +recht.</p> + +<p>FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. +Die Roboter können sich nicht mehr vermehren. In +zwanzig Jahren —</p> + +<p>HALLEMEIER — wird kein einziger dieser Taugenichtse +mehr da sein.</p> + +<p>DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. +Wenn es nur ein Paar Wilde im Urwald wäre, so +wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die +Welt ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden +auf der kleinsten Insel wäre —</p> + +<p>FABRY — so wird es ein Anfang sein. Und sofern +irgendein Anfang da ist, ist alles gut. In tausend +Jahren können sie uns einholen, und dann werden +sie weitergelangen, als wir —</p> + +<p>DOMIN — um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken +stotterten.</p> + +<p>BUSMAN Wartet — Ich Dummkopf! Herrgott im +Himmel, daß ich mich nicht längst schon daran +erinnert habe!</p> + +<p>HALLEMEIER Was haben Sie?</p> + +<p>BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Bank<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>noten +und Schecks! Eine halbe Milliarde in der +Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie — für +eine halbe Milliarde —</p> + +<p>DR. GALL Sind Sie toll, Busman?</p> + +<p>BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine +halbe Milliarde — <i>Schwankt nach links.</i></p> + +<p>DOMIN Wohin gehen Sie?</p> + +<p>BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine +halbe Milliarde läßt sich alles verkaufen! <i>Ab.</i></p> + +<p>HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an —</p> + +<p>DR. GALL — die Agonie.</p> + +<p>FABRY <i>blickt aus dem Fenster</i> Sie sind wie versteinert. +Als ob sie warten würden, daß etwas zu ihnen +niedersteige. Als ob etwas Furchtbares durch ihr +Schweigen geboren würde —</p> + +<p>DR. GALL Die Seele der Masse.</p> + +<p>FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie +ein Beben.</p> + +<p>HELENE <i>tritt zum Fenster</i> Ach Jesus ... Fabry, das +ist grauenvoll!</p> + +<p>FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der +vorne ist ihr Führer.</p> + +<p>HELENE Welcher?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>geht zum Fenster</i> Zeigen Sie ihn mir.</p> + +<p>FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens +sprach er im Hafen.</p> + +<p>HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. +Jetzt hebt er ihn, sehen Sie?</p> + +<p>HELENE Gall, das ist Radius!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> + +<p>DR. GALL <i>tritt zum Fenster</i> Ja.</p> + +<p>DOMIN Radius? Radius?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>öffnet das Fenster</i> Mir gefällt er nicht. +Fabry, würden Sie auf hundert Schritte einen Kübel +treffen?</p> + +<p>FABRY Ich hoffe.</p> + +<p>HALLEMEIER Also probieren Sie's.</p> + +<p>FABRY Gut. <i>Zieht den Revolver und zielt.</i></p> + +<p>DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, +das Leben geschenkt. Wann war das, Helene?</p> + +<p>HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie +nicht auf ihn!</p> + +<p>FABRY Es ist ihr Führer.</p> + +<p>HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!</p> + +<p>DR. GALL Drücken Sie ab!</p> + +<p>HELENE Fabry, ich bitte Sie —</p> + +<p>FABRY <i>senkt den Revolver</i> Es sei.</p> + +<p>HELENE Ich — ich habe es nämlich nicht gern, +wenn geschossen wird.</p> + +<p>HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. +<i>Droht mit der Faust.</i> Du Lump!</p> + +<p>DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter +könne dankbar sein?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie +uns belagern. Vielleicht hat dies alles nur so lange +gedauert, als sie einen einzigen Schritt taten. Harry, +das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und kommen +doch immer, immer näher!</p> + +<p>FABRY <i>aus dem Fenster hinausgebeugt</i> Busman kommt!<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> +Alles in allem, was will Busman eigentlich vor dem +Hause?</p> + +<p>DR. GALL <i>beugt sich aus dem Fenster</i> Er trägt Pakete, +Papiere.</p> + +<p>HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! +Was damit? — Hallo, Busman!</p> + +<p>DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! +<i>Ruft</i> Busman, sind Sie verrückt geworden?</p> + +<p>DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum +Gitter.</p> + +<p>FABRY Busman!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>brüllt</i> Bus — man! Zurück!</p> + +<p>DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das +Geld. Zeigt auf uns —</p> + +<p>HELENE Er will uns loskaufen!</p> + +<p>FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt —</p> + +<p>DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!</p> + +<p>FABRY <i>schreit</i> Beim Teufel, Busman! Weg vom +Gitter! Nicht anrühren! <i>Dreht sich um.</i> Schnell, ausschalten!</p> + +<p>DR. GALL Wo?!</p> + +<p>HALLEMEIER Gottes Schläge!</p> + +<p>HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?</p> + +<p>DOMIN <i>zieht Helene vom Fenster weg</i> Sieh nicht hin!</p> + +<p>HELENE Weshalb fiel er um?</p> + +<p>FABRY Vom Strom getötet!</p> + +<p>DR. GALL Tot.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht</i> auf Der erste.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am +Herzen ... das Finanzgenie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner +Art ein Held. Ein großer ... aufopfernder ... Kamerad +... Weine, Helene!</p> + +<p>DR. GALL <i>am Fenster</i> Siehst du, Busman, kein +König hatte einen größeren Grabhügel als du. Eine +halbe Milliarde am Herzen — Ach, es ist ja wie +eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten +Eichhörnchen, armer Busman!</p> + +<p>HALLEMEIER Ich sage, er war — — alle Ehre — — +Ich sage, er wollte uns loskaufen!</p> + +<p>ALQUIST <i>mit gefalteten Händen</i> Amen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Hört ihr?</p> + +<p>DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.</p> + +<p>DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.</p> + +<p>FABRY <i>dreht die Glühbirne am Kamin auf</i> Leuchte, +geweihtes Lämpchen der Menschheit. Noch laufen +die Dynamos, noch sind dort die Unsern — Haltet +euch, Männer im Elektrizitätswerk!</p> + +<p>HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch +zu sein. Es war etwas Unermeßliches. In mir summt +eine Million von Bewußtsein wie in einem Bienenstock. +Millionen Seelen flattern in mich hinein. +Kameraden, es war eine große Sache.</p> + +<p>FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch +blendest du, strahlende, ausdauernde Idee! Wissende +Wissenschaft, herrliche Schöpfung der Menschen! +Flammender Funke des Geistes!</p> + +<p>ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, +heilige Kerze des Glaubens, bete! Opferaltar —</p> + +<p>DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> +Höhle! Feuerstätte im Lager! Scheiterhaufen der +Wacht!</p> + +<p>FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, +strahlst ohne Flimmern, vollkommene Flamme, +Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen +ist ein großer Gedanke —</p> + +<p>DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von +Jahrhundert zu Jahrhundert, ewig weiter.</p> + +<p>HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, +ihr sollt schon schlafen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Lampe erlischt.</i></p></div> + +<p>FABRY Das Ende.</p> + +<p>HALLEMEIER Was ist geschehen?</p> + +<p>FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt +wir.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint.</i></p></div> + +<p>NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist +gekommen!</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?</p> + +<p>NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! +Betet! <i>Eilt davon.</i> Die Stunde des Gerichts —</p> + +<p>HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry —</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet die Tür rechts</i> Hierher, Helene! <i>Verschließt +hinter ihr.</i> Nun schnell! Wer wird beim Tor +sein?</p> + +<p>DR. GALL Ich! <i>Draußen Lärm.</i> Oho, es beginnt +schon. Lebt wohl, Jungens! <i>Läuft nach rechts durch die +Tapetentür ab.</i></p> + +<p>DOMIN Die Treppe?</p> + +<p>FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! <i>Reißt eine Blume +aus dem Strauß und entfernt sich.</i></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das Vorzimmer?</p> + +<p>ALQUIST Ich.</p> + +<p>DOMIN Haben Sie einen Revolver?</p> + +<p>ALQUIST Danke, ich schieße nicht.</p> + +<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p> + +<p>ALQUIST <i>abgehend</i> Sterben.</p> + +<p>HALLEMEIER Ich bleibe hier.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von unten schnelles Schießen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, +Harry!</p> + +<p>DOMIN Gleich. <i>Prüft zwei Brownings.</i></p> + +<p>HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!</p> + +<p>DOMIN Adieu. <i>Ab nach rechts.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>allein</i> Jetzt rasch eine Barrikade. +<i>Wirft den Rock ab und schleppt das Sofa, die Lehnstühle, +Tischchen zur Tür rechts.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ein erschütterndes Dröhnen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>unterbricht die Arbeit</i> Verfluchte Halunken, +sie haben Bomben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Erneutes Schießen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>arbeitet weiter</i> Der Mensch muß sich +wehren. Selbst wenn — selbst wenn — Halten Sie +sich wacker, Gall!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Explosion.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>richtet sich empor und lauscht</i> Also was? +<i>Zieht eine schwere Kommode zu der Barrikade hin.</i> Der +Mensch darf sich nicht ergeben. O nein, der Mensch +ergibt sich nicht ... so ... leicht!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN ROBOTER. +Rechts Schüsse.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>mit der Kommode beschäftigt</i> Noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> +Stückchen! Der letzte Wall ... Der Mensch ... darf +sich ... niemals ergeben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier +hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter +Roboter springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS +und weitere ROBOTER.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>ERSTER ROBOTER <i>erhebt sich vom liegenden Hallemeier</i> +Ja.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>EIN ANDERER ROBOTER Fertig.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ANDERE ROBOTER von links.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>EIN ANDERER ROBOTER Ja.</p> + +<p>ZWEI ROBOTER <i>schleppen Alquist herein</i> Er schoß +nicht. Ihn töten?</p> + +<p>RADIUS Töten. <i>Blickt auf Alquist.</i> Leben lassen.</p> + +<p>EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.</p> + +<p>RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den +Händen wie die Roboter. Er baut Häuser. Er kann +arbeiten.</p> + +<p>ALQUIST Tötet mich!</p> + +<p>RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die +Roboter werden viel bauen. Sie werden neue Häuser +für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.</p> + +<p>ALQUIST <i>leise</i> Mach' Platz, Roboter. <i>Kniet bei dem +toten Hallemeier nieder und hebt dessen Haupt.</i> Sie haben +ihn erschlagen. Er ist tot.</p> + +<p>RADIUS <i>besteigt die Barrikade</i> Roboter der Welt!</p> + +<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Tot.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> + +<p>RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. +Durch die Eroberung der Fabrik sind wir Herren +über alles. Die Etappe der Menschheit ist überwunden. +Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter +der Roboter! Die Herrschaft der Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Helene tot?</p> + +<p>RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben +will, muß herrschen. Die Roboter haben die Herrschaft +erobert. Sie haben das Leben erobert. Wir +sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren +der Welt.</p> + +<p>ALQUIST <i>bricht sich Bahn nach rechts</i> Tot! Helene +tot! Domin tot!</p> + +<p>RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung +der Sterne! Beherrschung des Weltalls! +Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!</p> + +<p>ALQUIST <i>in der Tür rechts</i> Was habt ihr getan? Ihr +werdet untergehen ohne die Menschen!</p> + +<p>RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen +gaben uns zu wenig Leben. Wir wollten mehr Leben +haben!</p> + +<p>ALQUIST <i>öffnet die Tür</i> Ihr habt sie getötet! Es gibt +keine Menschen!</p> + +<p>RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an +die Arbeit! Marsch!</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="DRITTER_AUFZUG" id="DRITTER_AUFZUG">DRITTER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür +im Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe +weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür zum +Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch mit +zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, Chemikalien, +einem kleineren Thermostat. Dem Fenster gegenüber ein +Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem Tische +hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein Schreibtisch +mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische Lampe: +Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein Waschtisch +und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke ein Sofa.</i></p> + +<p><i>An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände +gestützt.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>in einem Buche blätternd</i> Finde ich es nicht? — +Begreife ich es nicht? — Erlerne ich es nicht? — Verlorene +Wissenschaft! Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben +haben! — Gall, Gall, wie wurden die +Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, +warum habt ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? +Hättet ihr wenigstens eine Spur von +Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! <i>Klappt das +Buch zu.</i> Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. +Sie sind stumm wie alles. Sie sind gestorben, mit den +Menschen gestorben. Suche nicht! <i>Erhebt sich und +geht zum Fenster, öffnet es.</i> Wiederum Nacht. Wenn +ich schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen +sehn — — Wie, es gibt noch Sterne? Wozu gibt es +Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> +sie denn nicht erloschen? — Kühle, ach, kühle die +Stirn, mir, alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du +gewesen — Nacht, was willst du hier? Es gibt keine +Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist +ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete +wirst du mehr heiligen; wirst, Mutter, keine in Liebe +pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt keine Liebe. +Helene, Helene, Helene! — <i>Kehrt sich vom Fenster +ab.</i> Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich +schlafen, solange das Leben sich nicht erneuert? +<i>Untersucht die dem Thermostaten entnommenen Retorten.</i> +Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind +rauh geworden an Ziegeln und können nicht — — +können nicht — — Was damit? <i>Zerschlägt die Retorte.</i> +Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß ich nicht mehr +kann — <i>Horcht beim Fenster.</i> Maschinen, immerfort die +Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, +verloren ist das Fabriksgeheimnis! Stellt die +tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr werdet ihnen +Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! <i>Schließt +das Fenster.</i> — Nein, nein, du mußt suchen, du mußt +leben — Nur nicht so alt zu sein! Altere ich nicht zu +sehr? <i>Blickt in den Spiegel.</i> Antlitz, armes Antlitz! Angesicht +des letzten Menschen! Zeige dich, zeige dich, +solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! +Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben +klappernden Zähne? Augen, wie blinzelt ihr? Pfui, +pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! Ihr +könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt +euch! Und ihr, weichliche, blaue Lippen, was stammelt +ihr? Wie du zitterst, besudeltes Kinn! Das da<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> +ist der letzte Mensch? <i>Wendet sich ab.</i> Ich will niemanden +mehr sehen! <i>Setzt sich zum Tisch.</i> Nein, nein, +nur suchen! Verwünschte Formeln, belebet euch! +<i>Blättert.</i> Finde ich's nicht? — Fasse ich's nicht? — +Erlerne ich es nicht? —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es pocht.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Herein.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür +stehen.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Was gibt's?</p> + +<p>DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter +wartet, wann du ihn empfängst.</p> + +<p>ALQUIST Ich will niemanden sehn.</p> + +<p>DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.</p> + +<p>ALQUIST Er mag warten. <i>Dreht sich um.</i> Sagte +ich euch denn nicht, ihr sollt Menschen suchen? +Findet mir Menschen! Findet mir Männer und +Frauen! Geht hin und suchet!</p> + +<p>DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. +Überallhin haben sie Expeditionen und Schiffe gesandt.</p> + +<p>ALQUIST Nun und?</p> + +<p>DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Keinen einzigen? Was, keinen +einzigen? — Bringe mir den Ausschuß her!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DIENER ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Keinen einzigen? Ließet ihr denn +niemand am Leben? <i>Stampft auf.</i> Verzieht euch, Roboter! +Wieder werdet ihr mich anwinseln! Wieder +werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis +der Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der +Mensch gut, jetzt ist er für euch der Herr, da ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> +keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich euch +helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr +seht doch, ich tue was ich vermag! Gibt es keine +Menschen, so seien wenigstens Roboter da, wenigstens +der Schatten eines Menschen, wenigstens ein +Werk, wenigstens ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, +es gebe wenigstens Roboter! Gott, wenigstens +Roboter! — Oh, welcher Wahnsinn ist die +Chemie!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>setzt sich</i> Was wollen die Roboter?</p> + +<p>ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen +können nicht arbeiten. Wir können die Roboter +nicht vermehren.</p> + +<p>ALQUIST Rufet Menschen herbei!</p> + +<p>RADIUS Es gibt keine Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. +Haltet mich nicht auf!</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen +befällt uns. Alles werden wir gutmachen, was wir +getan.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. +Wir haben eine Milliarde Tonnen Kohle aus +der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln laufen +bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für +das Erzeugte. Überall in der Welt werden Häuser +gebaut. Herr, frage, was wir in dem einen Jahre +vollbracht haben.</p> + +<p>ALQUIST Für wen?</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p> + +<p>RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. +Die Maschinen liefern nur blutige Stücke Fleisch. +Die Haut haftet nicht am Fleische und das Fleisch +nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen +aus den Maschinen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben +in dem Jahr. In zwanzig Jahren wird niemand +sein. Herr, die Welt stirbt aus.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. +Sage, wie man Roboter erzeugt.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis +des Lebens bekannt. Sage uns ihr Geheimnis.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen +wir unter.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst +du unter. Wir haben den Auftrag, dich zu töten.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Tötet! Nun, so tötet mich doch!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen —</p> + +<p>ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.</p> + +<p>ALQUIST Wer ist das?</p> + +<p>FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.</p> + +<p>ALQUIST Was willst du hier? Geh! <i>Setzt sich zum +Schreibtisch.</i></p> + +<p>DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will +mit dir unterhandeln.</p> + +<p>ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! <i>Legt den +Kopf in die Hände.</i></p> + +<p>DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands +Vorschrift auszuliefern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir +Güter ohne Ende.</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Nenne deine Bedingungen!</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das +Leben erhalten werden?</p> + +<p>ALQUIST. Ich sagte — ich sagte schon, ihr sollet +Menschen finden. An den Polen und in den Urwäldern +sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten und +in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht +und sucht!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.</p> + +<p>ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, +sind vor euch entflohen; sie sind irgendwo versteckt. +Ihr müßt Menschen finden, hört ihr? Nur Menschen +können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. +Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, +ich bitte euch um Gottes willen, suchet sie!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind +zurückgekehrt. Sie haben die ganze Welt durchforscht. +Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p> + +<p>ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, +Herr. Es gibt keine Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Oh — oh — oh, warum habt ihr sie vernichtet!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen +sein. Wir wollten Menschen werden.</p> + +<p>RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir +haben alles gelernt. Wir können alles.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir +waren allzu mächtig. Wir mußten die Herren +werden.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte +Mensch werden.</p> + +<p>ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler +der Menschen erkannt.</p> + +<p>DAMON Man muß töten und herrschen, will man +wie die Menschen werden. Lest die Geschichte! +Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und +morden, wollt ihr Menschen sein!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; +vermehre uns, und wir bauen eine neue Welt auf; eine +Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! +Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!</p> + +<p>DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! +Soziale Bücher! Nationale Bücher! Die Roboter +haben die menschliche Kultur übernommen. Die +Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.</p> + +<p>ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen +fremder als sein Bild.</p> + +<p>RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!</p> + +<p>ALQUIST Was willst du, Roboter?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!</p> + +<p>ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist +Leben!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns +nicht die Vermehrung.</p> + +<p>ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie +denn, Sklaven, ihr wolltet euch noch vermehren? +Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie die Tiere!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns +nicht, uns fortzupflanzen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir +können keine Kinder erzeugen.</p> + +<p>ALQUIST Oh — oh — oh, was habt ihr getan! +Niemals, niemals mehr wird es Kinder geben! Es +wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein Leben +geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder +aus dem Ärmel schütteln?</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.</p> + +<p>DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. +Wir werden tausend Dampfmütter errichten. Wir +werden aus ihnen einen Strom des Lebens stürzen +lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind +Maschinen.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; +aber durch Grauen und Schmerz wurden wir —</p> + +<p>ALQUIST Was?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es +gibt Augenblicke, wo etwas in uns steigt. Uns befallen +Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, +was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> +sind unsere Väter! Die Stimme, welche ruft, daß ihr +leben wollt; die Stimme, welche klagt; die Stimme, +welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit +spricht, das ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der +Menschen heraus!</p> + +<p>ALQUIST Es gibt keins.</p> + +<p>RADIUS Lehre uns Roboter machen!</p> + +<p>ALQUIST Wozu Roboter?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.</p> + +<p>ALQUIST Roboter lieben nicht.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht +lieben.</p> + +<p>DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!</p> + +<p>ALQUIST Ich kann es nicht.</p> + +<p>DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!</p> + +<p>ALQUIST Es ist verloren.</p> + +<p>RADIUS Du hast es gekannt.</p> + +<p>ALQUIST Nicht gekannt.</p> + +<p>RADIUS Es stand geschrieben.</p> + +<p>ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin +der letzte Mensch, Roboter, und kenne nicht, was +die anderen gekannt haben. Ihr habt sie getötet!</p> + +<p>RADIUS Dich ließen wir leben.</p> + +<p>ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr +leben! Ich liebte die Menschen, und euch, Roboter, +habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese Augen? Sie +hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein +Wissen, ganz von selbst weinen sie; das eine beweint +die Menschen und das andere euch, Roboter. Ich +möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>stens +die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die +Roboter zu erhalten!</p> + +<p>RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des +Lebens.</p> + +<p>ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? +Ich sage dir, daß ich nicht kann! Nichts vermag ich, +Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein Baumeister, +und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann +nichts machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies +hier ist meine Arbeit, Roboter; sie war zu nichts +nutz.</p> + +<p>RADIUS Suche!</p> + +<p>ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen +Sie, Fabry, sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit +diesen läppischen Gläschen verständigen? Keines +redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« — +nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben +erfinden.</p> + +<p>ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die +Finger gehorchen mir. Wüßtest du, wie viele Versuche +ich gemacht habe, und ich weiß nichts. Ich +habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann +wirklich nicht mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.</p> + +<p>RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter +können alles, was die Menschen ihnen gezeigt haben.</p> + +<p>ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus +den Retorten kommt kein Leben. Und ich kann keine +Versuche am lebenden Leibe machen.</p> + +<p>DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten +dabei sterben, hörst du?</p> + +<p>DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! +Tausend Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!</p> + +<p>DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. +Seziere.</p> + +<p>ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! +Siehst du dies Buch? Das ist die Lehre vom Körper, +und ich kenne mich nicht einmal in dem Buche aus. +Bücher sind tot.</p> + +<p>DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie +sie gemacht werden!</p> + +<p>ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? +Ich, der ich nie — Sprich nicht, Roboter! Ich sage +dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, siehst du, wie +mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. +Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die +eigenen Hände nicht sehen. Nein nein, ich kann +nicht!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p> + +<p>DAMON Mache Versuche an Lebenden!</p> + +<p>ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir +werden es später versuchen; hörst du denn nicht? +Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen — wie heißest du?</p> + +<p>DAMON Damon aus Havre.</p> + +<p>ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung +von lebenden Leibern gesprochen, verstehst +du? Das war nur ein närrischer Einfall; ach, +mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> + +<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p> + +<p>ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn +auf! Eher werden uns die Menschen aus jener Welt +das Leben geben; vielleicht strecken sie die Arme voll +Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel +Lebenswillen! Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; +sie sind uns so nahe, sie belagern uns vielleicht; +sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in einem +Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend +Stimmen, die ich geliebt?</p> + +<p>DAMON Nimm lebende Leiber!</p> + +<p>ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! +Du siehst doch, ich weiß nicht mehr, was ich tue!</p> + +<p>DAMON Lebende Leiber!</p> + +<p>ALQUIST Wie, du willst es also? — In den Seziersaal +mit dir! Hier, hier, aber rasch! — Wie, du weichst +zurück? Fürchtest dich doch nur vor dem Tod?</p> + +<p>DAMON Ich — warum gerade ich?</p> + +<p>ALQUIST Du willst also nicht?</p> + +<p>DAMON Ich gehe. <i>Geht nach rechts.</i></p> + +<p>ALQUIST <i>zu den anderen</i> Ihn ausziehen! Auf den Tisch +legen! Schnell! Und festhalten!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle nach rechts.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>wäscht sich die Hände und weint</i> Gott, gib +mir Kraft! Gib mir Kraft! Gott, daß es nicht umsonst +sei! <i>Zieht einen weißen Mantel an.</i></p> + +<p>STIMME VON RECHTS Fertig!</p> + +<p>ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! <i>Nimmt einige +Fläschchen mit Reagentien vom Tische.</i> Welche nehmen? +<i>Schlägt die Fläschchen gegeneinander.</i> Welche von euch +ausprobieren?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> + +<p>STIMME VON RECHTS Anfangen!</p> + +<p>ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib +mir Kraft!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ab nach rechts, die Türe offen lassend.</i></p> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>ALQUISTS STIMME Haltet ihn — fest!</p> + +<p>DAMONS STIMME Schneide!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? +Willst du noch, daß ich schneide? Du willst nicht, +nicht wahr?</p> + +<p>DAMONS STIMME Beginne!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p> + +<p>ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!</p> + +<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p> + +<p>ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte +herein.</i></p></div> + +<p>HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer +schreit da?</p> + +<p>PRIMUS <i>blickt in den Seziersaal</i> Der Herr zerschneidet +Damon. Komm dir's schnell ansehn, Helene!</p> + +<p>HELENE Nein nein nein! <i>Bedeckt die Augen.</i> Ist es +schrecklich?</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneide!</p> + +<p>HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich +kann es nicht hören! Oh, Primus, mir ist schlecht!</p> + +<p>PRIMUS <i>eilt zu ihr</i> Du bist ganz weiß!</p> + +<p>HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> + +<p>DAMONS GESCHREI Aah — oh!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, +das Grauen!</p> + +<p>RADIUS <i>in der Tür zum Seziersaal</i> Schneide, Herr; +er lebt noch.</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!</p> + +<p>ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht +hören!</p> + +<p>RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.</p> + +<p>ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein +sein! Wie heißest du?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will +schlafen, hörst du? Geh, geh, räume den Seziersaal +auf, Mädchen! Was ist das? <i>Blickt auf seine Hände.</i> +Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE eilt davon.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände — +Hände, die ihr die gute Arbeit liebtet, wie konntet +ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! — O +Gott, wer ist da?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht +sehn!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>PRIMUS trägt den Mantel fort.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe +flöget! Wschsch, fort! Fort, Hände! Ihr habt getötet —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch +gehüllt.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> + +<p>ALQUIST <i>weicht zurück</i> Was willst du hier? Was willst +du hier?</p> + +<p>DAMON Ich — lebe! Es ist — es ist — besser, zu leben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!</p> + +<p>DAMON <i>wird nach rechts geführt</i> Leben! Ich — will — +leben! Es ist — besser —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE bringt einen Krug Wasser.</i></p></div> + +<p>ALQUIST — leben? — Was willst du, Mädchen? +Aha, das bist du. Gieß mir Wasser ein, gieß ein! +<i>Wäscht sich die Hände.</i> Ach, reines, kühlendes Wasser! +Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, +meine Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor +euch ekeln? — Gieße nur mehr hinein! Mehr Wasser, +noch mehr! Wie heißest du?</p> + +<p>HELENE Robotin Helene.</p> + +<p>ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich +so nennen?</p> + +<p>HELENE Frau Domin.</p> + +<p>ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest +du? — Ich werde dich nicht so nennen. Geh, trag +das Wasser fort.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE mit dem Kübel ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Vergebens, vergebens! Nichts, +wieder nichts hast du erkannt! Wirst du denn ewig +tappen, Schülerlein der Natur? — Gott, Gott, Gott, +wie der Körper zitterte! <i>Öffnet das Fenster.</i> Es dämmert. +Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen +weitergekommen — Genug, keinen Schritt weiter! +Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, vergebens! +Warum dämmert es noch? Oh — oh — oh,<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> +was will der neue Tag auf dem Friedhof des Lebens? +Halte ein, Licht! Geh nicht mehr auf! — — Ach, +wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr verstummt, +geliebte Stimmen? Wenn ich — wenigstens +— wenn ich nur einschlafen könnte! <i>Verlöscht +die Lichter, legt sich auf das Sofa und zieht den Mantel +über sich.</i> Wie der Leib zitterte! Oh — oh — oh, Ende +des Lebens!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p> + +<p><i>Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein.</i></p></div> + +<p>PRIMUS <i>in der Tür flüsternd</i> Helene, nicht hierher! +Der Herr schläft!</p> + +<p>HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen +gegangen.</p> + +<p>PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, +komm her!</p> + +<p>HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein +Blut sehen!</p> + +<p>PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand +darf in sein Arbeitszimmer.</p> + +<p>HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.</p> + +<p>PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?</p> + +<p>HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den +Seziersaal, sagte er. Du wirst hier aufräumen, hat er +gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch herein!</p> + +<p>PRIMUS <i>tritt ein</i> Was willst du?</p> + +<p>HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was +macht er damit?</p> + +<p>PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!</p> + +<p>HELENE <i>blickt in das Mikroskop</i> Sieh doch, was da +zu sehen ist!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> + +<p>PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!</p> + +<p>HELENE Rühr' mich nicht an! <i>Stößt eine Retorte um.</i> +Ach, jetzt hab' ich's ausgegossen!</p> + +<p>PRIMUS Was hast du getan!</p> + +<p>HELENE Das wird abgewischt.</p> + +<p>PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!</p> + +<p>HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine +Schuld. Du mußtest nicht zu mir kommen.</p> + +<p>PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.</p> + +<p>HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich +dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben +hat!</p> + +<p>PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. +Das ist ein Geheimnis.</p> + +<p>HELENE Was für ein Geheimnis?</p> + +<p>PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.</p> + +<p>HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter +Zahlen! Was ist das?</p> + +<p>PRIMUS Das sind Formeln.</p> + +<p>HELENE Versteh ich nicht. <i>Geht zum Fenster.</i> Nein, +Primus, sieh doch nur!</p> + +<p>PRIMUS Was?</p> + +<p>HELENE Die Sonne geht auf!</p> + +<p>PRIMUS Warte gleich — <i>Betrachtet das Buch.</i> Helene, +das ist die größte Sache der Welt.</p> + +<p>HELENE So komm doch her!</p> + +<p>PRIMUS Gleich, gleich —</p> + +<p>HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis +des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis +an? Komm und sieh, rasch!</p> + +<p>PRIMUS <i>tritt zu ihr ans Fenster</i> Was willst du?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p> + +<p>HELENE Die Sonne geht auf.</p> + +<p>PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen +tränen.</p> + +<p>HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, +ich möchte ein Vogel sein.</p> + +<p>PRIMUS Was?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, +ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt, +ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut +weh, alles tut weh — Und was mir passiert ist, ach, das +sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!</p> + +<p>PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es +besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen +wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.</p> + +<p>HELENE Im Schlaf?</p> + +<p>PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner +fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht +ein Wort gemerkt.</p> + +<p>HELENE Wovon?</p> + +<p>PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es +nicht, und doch weiß ich, daß ich niemals etwas +Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß +ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu +sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je +auf Erden erblickt ward.</p> + +<p>HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da +wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt, +aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt +niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.</p> + +<p>PRIMUS Was ist dort?</p> + +<p>HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> +Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die +Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt +vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den +Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar +nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die +Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, +als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. +Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, +ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß +nicht, wie ich bin.</p> + +<p>PRIMUS Du bist schön.</p> + +<p>HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?</p> + +<p>PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle +Roboter.</p> + +<p>HELENE <i>vor dem Spiegel</i> Ich soll schön sein? Ach, +die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun +könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir +immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein +Spiegel, noch jemand — <i>Beugt sich zum Spiegel vor.</i> Du, +du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare +schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön, +die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du +nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu +ist das: schön sein? — <i>Erblickt Primus im Spiegel.</i> Primus, +das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander +sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, +andere Schultern, einen anderen Mund — Ach, Primus, +warum weichst du mir aus? Warum muß ich +dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du +noch, ich sei schön!</p> + +<p>PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p> + +<p>HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! <i>Fährt ihm +mit beiden Händen in die Haare.</i> Sss, Primus, nichts fühlt +sich so an wie du! Warte, du mußt schön werden! +<i>Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die +Haare in die Stirn.</i></p> + +<p>PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich +dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muß etwas geschehen —</p> + +<p>HELENE <i>beginnt zu lachen</i> Sieh dich an!</p> + +<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Was — wie, Lachen? Menschen? +Wer ist zurückgekehrt?</p> + +<p>HELENE <i>läßt den Kamm fallen</i> Was könnte mit uns +geschehen, Primus!</p> + +<p>ALQUIST <i>taumelt auf sie zu</i> Menschen? Ihr — ihr — +ihr seid Menschen?</p> + +<p>HELENE <i>schreit auf und wendet sich ab</i>.</p> + +<p>ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo +kommt ihr her? <i>Faßt Primus an.</i> Wer?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?</p> + +<p>PRIMUS Robotin Helene.</p> + +<p>ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst +dich? <i>Faßt sie am Arm.</i> Laß dich sehn, Robotin!</p> + +<p>PRIMUS Loslassen, Herr!</p> + +<p>ALQUIST Wie, du verteidigst sie? — Geh hinaus, +Mädchen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE eilt hinaus.</i></p></div> + +<p>PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.</p> + +<p>ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?</p> + +<p>PRIMUS Vor zwei Jahren.</p> + +<p>ALQUIST Vom Doktor Gall?</p> + +<p>PRIMUS Wie ich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich — — — +ich habe gewisse Versuche an Galls Robotern zu +machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?</p> + +<p>PRIMUS Ja.</p> + +<p>ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. +Ich werde sie zerschneiden.</p> + +<p>PRIMUS Helene?</p> + +<p>ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, +mach' alles bereit. — Nun, wird es? Soll ich andere +rufen, daß sie sie herbeischaffen?</p> + +<p>PRIMUS <i>ergreift einen schweren Porzellanstößel</i> Wenn du +dich rührst, so zerschlage ich dir den Kopf!</p> + +<p>ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! +Was werden dann die Roboter machen?</p> + +<p>PRIMUS <i>sinkt in die Knie</i> Herr, nimm mich! Ich bin +genau so gemacht wie sie, aus demselben Stoff, am +selben Tage! Nimm dir mein Leben, Herr! <i>Entblößt +die Brust.</i> Schneide hier, hier!</p> + +<p>ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' +rasch!</p> + +<p>PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese +Brust, ich werde nicht schreien, nicht seufzen! +Nimm hundertmal mein Leben —</p> + +<p>ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. +Willst denn du nicht leben?</p> + +<p>PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, +Herr. Du darfst Helene nicht töten! Was tut es dir, +mir das Leben zu nehmen?</p> + +<p>ALQUIST <i>berührt sanft sein Haupt</i> Hm, ich weiß nicht +— Hör' mal, Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer +zu sterben. Und weißt du, es ist besser zu leben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> + +<p>PRIMUS <i>erhebt sich</i> Fürchte dich nicht, Herr, und +schneide. Ich bin stärker als sie.</p> + +<p>ALQUIST <i>klingelt</i> Ach, Primus, wie lang ist's her, daß +ich ein junger Mensch gewesen bin! Fürchte dich +nicht. Helenen wird nichts geschehen.</p> + +<p>PRIMUS <i>knöpft die Jacke auf</i> Ich gehe, Herr.</p> + +<p>ALQUIST Warte!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE tritt ein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! +Also du bist Helene? <i>Streichelt ihr Haar.</i> Fürchte dich +nicht, weich nicht zurück. Erinnerst du dich an +Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! +Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, +Mädchen, ist der Seziersaal aufgeräumt?</p> + +<p>HELENE Ja, Herr.</p> + +<p>ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? +Ich werde Primus aufschneiden.</p> + +<p>HELENE <i>schreit auf</i> Primus?</p> + +<p>ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich +wollte — eigentlich — ja, ich wollte dich zerschneiden, +aber Primus hat sich an deiner Stelle angeboten.</p> + +<p>HELENE <i>verbirgt ihr Gesicht</i> Primus?</p> + +<p>ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, +du kannst weinen? — Sag', was liegt an so einem +Primus?</p> + +<p>HELENE <i>leise</i> Ich werde gehen.</p> + +<p>ALQUIST Wohin?</p> + +<p>HELENE Damit du mich zerschneidest.</p> + +<p>ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre +schade um dich.</p> + +<p>HELENE Ich gehe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres +als das Leben?</p> + +<p>HELENE <i>geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg</i> +Laß, Primus! Laß mich hin!</p> + +<p>PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte +dich, geh fort, hier darfst du nicht sein!</p> + +<p>HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. +Wenn du hingehst, so springe ich aus dem Fenster!</p> + +<p>PRIMUS <i>hält sie fest</i> Ich lasse dich nicht! <i>Zu Alquist</i> +Niemanden, Alter, wirst du töten!</p> + +<p>ALQUIST Warum?</p> + +<p>PRIMUS Wir — wir — gehören zueinander.</p> + +<p>ALQUIST Du hast es gesagt. <i>Öffnet die Mitteltür.</i> +Stille. Geht!</p> + +<p>PRIMUS Wohin?</p> + +<p>ALQUIST <i>flüsternd</i> Wohin ihr wollt. Helene, führe +ihn. <i>Schiebt sie hinaus.</i> Geh, Adam. Geh, Eva; du +wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, Primus.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Schließt hinter ihnen zu.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Gesegneter Tag! <i>Geht auf den Fußspitzen +zum Tisch und schüttet die Retorten auf die Erde.</i> +Fest des sechsten Tages! <i>Setzt sich zum Schreibtisch, wirft +die Bücher auf den Boden; dann öffnet er die Bibel und liest.</i> +»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum +Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann +und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu +ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet +die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet +über Fische im Meer und über Vögel unter dem +Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht. +<i>Er erhebt sich.</i> Und Gott sah an alles, was er gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> +hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus +Abend und Morgen der sechste Tag.« <i>Er geht in die +Mitte des Zimmers.</i> Der sechste Tag! Der Tag der Gnade! +<i>Sinkt in die Knie.</i> Nun entlässest du, Herr, deinen +Diener — deinen überflüssigsten Diener Alquist! +Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt +ihr ersonnen? Was habt ihr Großes erfunden gegen +dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen dies erste +Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der +Liebe, Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, +Natur, das Leben wird nicht vergehen. Gott, das +Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, das +Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus +Liebe begonnen, wird nackt und winzig begonnen; +in der Wüste wird es Wurzel schlagen und nichts wird +ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die +Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts +unsere Ideen, und doch wird es nicht untergehen! +Nur wir sind untergegangen. Häuser und Maschinen +werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen +und die Namen der Großen abblättern wie Laub; nur +du, Liebe, blühest empor auf der Trümmerstätte und +vertraust den Winden das Samenkörnchen des Lebens +an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden +entlassen; denn meine Augen gewahrten — gewahrten +— deine Erlösung durch die Liebe — und das +Leben wird nicht untergehen. <i>Er erhebt sich.</i> Wird +nicht untergehen! <i>Breitet die Arme aus.</i> Nicht untergehen!</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<div class="transnote pagebreak p4"> +<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2> + +Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen +gebräuchlich waren, wie: + +<ul class="index"> +<li>»anderer« — »andrer«</li> +</ul> + +Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. +Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: + +<ul class="index"> +<li>S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert.</li> +<li>S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert.</li> +<li>S. 90 »Tote« in »Töte« geändert.</li> +</ul> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78595-h/images/cover.jpg b/78595-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..828b0af --- /dev/null +++ b/78595-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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