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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-05-03 10:00:44 -0700 |
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FABRY <i>technischer Generaldirektor von W. U. R.</i><br /> +DR. GALL <i>Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung von W. U. R.</i><br /> +DR. HALLEMEIER <i>Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter</i><br /> +KONSUL BUSMAN <i>kommerzieller Direktor von W. U. R.</i><br /> +BAUMEISTER ALQUIST <i>Chef der Bauten von W. U. R.</i><br /> +HELENE GLORY<br /> +NANA <i>ihre Amme</i><br /> +MARIUS <i>Roboter</i><br /> +SULLA <i>Robotin</i><br /> +RADIUS <i>Roboter</i><br /> +DAMON <i>Roboter</i><br /> +ZWEITER ROBOTER<br /> +DRITTER ROBOTER<br /> +VIERTER ROBOTER<br /> +PRIMUS <i>Roboter</i><br /> +HELENE <i>Robotin</i><br /> +<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span><i>Ein</i> DIENER-ROBOTER <i>und zahlreiche Roboter</i><br /> +DOMIN <i>im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert</i><br /> +FABRY <i>gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht</i><br /> +HALLEMEIER <i>riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und rostrotem Haarschopf</i><br /> +DR. GALL <i>klein, lebhaft, brünett</i><br /> +BUSMAN <i>dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude</i><br /> +ALQUIST <i>älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem angegrauten Haar und Bart</i><br /> +HELENE <i>sehr elegant</i><br /> +</p> + +<p><i>Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter.</i></p> + +<p>DIE ROBOTER <i>sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. +Ihre Bewegungen und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen +ausdruckslos, ihr Blick starr. Im eigentlichen Drama tragen sie +blaue Leinwandkittel, Riemengürtel und eine Messingnummer +auf der Brust.</i></p> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="VORSPIEL" id="VORSPIEL">VORSPIEL</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. Rechts +der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick auf endlose +Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere Direktionsräume.</i></p> + +<p><i>DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen amerikanischen +Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, ein Haustelephon, +Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An der linken Wand der +Fernsprecher und große Landkarten mit den Schiffs- und Eisenbahnlinien, +ein großer Kalender, eine Uhr, die fast Mittag zeigt; +an der rechten Wand gedruckte Plakate: »Billigste Arbeit: +Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, neue Erfindung. Pro +Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich seinen Roboter.« »Wollen +Sie Ihre Waren verbilligen? Bestellen Sie Werstands Roboter.« +Ferner andere Landkarten, ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit +telegraphischen Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung +kontrastiert der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, +rechts ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine +Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. +Links ein Kassenschrank.</i></p> + +<p><i>Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen +SULLA schreibt.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>diktiert</i> »— daß wir für Ware, die beim +Transport beschädigt wurde, nicht garantieren. Wir +haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen aufmerksam +gemacht, daß das Schiff zum Transport von +Robotern ungeeignet ist, so daß der Untergang der +Ladung nicht uns zur Last fällt. Wir zeichnen — +für Werstands Universal Robots —« schreiben Sie +bloß W. U. R. Fertig?</p> + +<p>SULLA Jawohl.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p> + +<p>DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New +York. Datum. Wir bestätigen den Auftrag auf 5000 +Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, verfrachten +Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. +Wir zeichnen —« Fertig?</p> + +<p>SULLA <i>fertigtippend</i> Jawohl.</p> + +<p>DOMIN Schreiben Sie weiter. — »Friedrichswerke, +Hamburg. — Datum. — Wir bestätigen den Auftrag +auf 15000 Roboter —«. <i>Das Haustelephon klingelt. +DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein.</i> Hallo — Hier +Zentral-. — Ja. — Gewiß. — Aber ja, wie immer. — +Freilich, kabeln Sie ihnen. — Gut. <i>Hängt das Telephon +auf.</i> Wo habe ich aufgehört?</p> + +<p>SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.</p> + +<p>DOMIN <i>in Gedanken</i> 15000 R. 15000 R.</p> + +<p>MARIUS <i>tritt ein</i> Herr Direktor, eine Dame bittet —</p> + +<p>DOMIN Wer?</p> + +<p>MARIUS Ich weiß nicht. <i>Reicht eine Visitenkarte.</i></p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> Präsident Glory. — Ich lasse bitten.</p> + +<p>MARIUS <i>öffnet die Türe</i> Bitte, Frau.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Belieben?</p> + +<p>HELENE Herr Zentraldirektor Domin?</p> + +<p>DOMIN Bitte.</p> + +<p>HELENE Ich komme zu Ihnen —</p> + +<p>DOMIN — mit der Karte des Präsidenten Glory. +Das genügt.</p> + +<p>HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin +Helene Glory.</p> + +<p>DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche +Ehre, daß — daß —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> + +<p>HELENE — daß wir Ihnen nicht die Türe weisen +können.</p> + +<p>DOMIN — daß wir die Tochter des großen Präsidenten +begrüßen dürfen. Bitte, nehmen Sie Platz. +Sulla, Sie können gehen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA ab.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>setzt sich</i> Womit kann ich dienen, Fräulein +Glory?</p> + +<p>HELENE Ich bin gekommen —</p> + +<p>DOMIN — um unsere Fabrikserzeugung von Menschen +anzusehen. Wie alle Besuche. Bitte, ohne +weiteres.</p> + +<p>HELENE Ich glaubte, es wäre verboten —</p> + +<p>DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß +jeder mit irgendeiner Visitenkarte kommt, Fräulein +Glory.</p> + +<p>HELENE Und Sie zeigen jedem ...?</p> + +<p>DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher +Menschen, Fräulein, ist Fabriksgeheimnis.</p> + +<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das —</p> + +<p>DOMIN — unendlich interessiert. Das alte Europa +spricht von nichts anderem.</p> + +<p>HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?</p> + +<p>DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht +etwas anderes sagen?</p> + +<p>HELENE Ich wollte nur fragen —</p> + +<p>DOMIN — ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere +Fabrik zeigen möchte. Aber gewiß, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen +wollte?</p> + +<p>DOMIN Alle fragen gleich. <i>Steht auf.</i> Aus besonderer<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> +Hochachtung, Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als +den andern zeigen und — mit einem Worte —</p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen.</p> + +<p>DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste +zu verraten —</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihm die Hand</i> Mein +Ehrenwort.</p> + +<p>DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?</p> + +<p>HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen — Entschuldigen +Sie.</p> + +<p>DOMIN Bitte?</p> + +<p>HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.</p> + +<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ich bitte um Verzeihung.</p> + +<p>HELENE <i>nimmt den Schleier ab</i> Sie wollen sehen, ob +ich kein Spion bin. Wie vorsichtig.</p> + +<p>DOMIN <i>betrachtet sie begeistert</i> Hm — Allerdings — +wir — so ist es.</p> + +<p>HELENE Sie trauen mir nicht?</p> + +<p>DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele — pardon, +Fräulein Glory. In der Tat, außerordentlich erfreut +— Hatten Sie eine gute Überfahrt?</p> + +<p>HELENE Ja. Warum —</p> + +<p>DOMIN Weil — das heißt, ich meine — daß Sie +noch sehr jung sind.</p> + +<p>HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?</p> + +<p>DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?</p> + +<p>HELENE Zweiundzwanzig?</p> + +<p>DOMIN Jahre.</p> + +<p>HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es +wissen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> + +<p>DOMIN Weil — weil — <i>Mit Begeisterung</i> Sie bleiben +längere Zeit hier, nicht wahr?</p> + +<p>HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung +zeigen werden ...</p> + +<p>DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein +Glory. Alles werden Sie sehen. Bitte, setzen Sie +sich. Würde Sie die Geschichte der Erfindung interessieren?</p> + +<p>HELENE Ja, ich bitte Sie. <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>DOMIN Nun denn. <i>Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet +aufgeregt Helene und leiert rasch herunter.</i> Es war im +Jahre 1920 als sich der alte Werstand der große +Physiologe aber damals noch ein junger Gelehrter, +nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt +zu studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch +chemische Synthese die lebendige Materie Protoplasma +genannt nachzubilden bis er auf einmal +einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die +lebendige Masse betrug obzwar er von anderer +chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre +1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung +Amerikas, uf.</p> + +<p>HELENE Das können Sie auswendig?</p> + +<p>DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, +ist nicht mein Handwerk. Also weiter?</p> + +<p>HELENE Meinetwegen.</p> + +<p>DOMIN <i>feierlich</i> Und damals, Fräulein, schrieb +der alte Werstand zwischen seine chemischen Formeln +folgendes: »Die Natur hat nur eine einzige Art, die +lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt +jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnel<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>lere +Art, auf welche die Natur überhaupt nicht verfallen +ist. Diesen anderen Weg, den die Entwicklung +des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am +heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, +daß er diese großen Worte über dem Auswurf +irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte schrieb, den +kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, +daß er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, +wie daraus ein ganzer Lebensbaum aufschießen wird, +wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, beginnend +mit irgendeiner Infusorie und endend — endend +mit dem Menschen selber. Mit einem Menschen aus +anderem Stoffe als wir sind. Fräulein Glory, das war +ein gigantischer Augenblick.</p> + +<p>HELENE Also weiter.</p> + +<p>DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das +Leben aus der Eprouvette herauszubekommen und +die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche +Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu +schaffen und irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, +Enzyme, Hormone und so weiter, kurz und +gut, verstehen Sie das?</p> + +<p>HELENE Ich — ich — weiß — nicht. Ich glaube, +nur wenig.</p> + +<p>DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe +jener Flüssigkeiten konnte er machen, was er wollte. +Er konnte möglicherweise eine Medusa mit einem +Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von +fünfzig Metern Länge. Aber weil er kein bißchen +Humor besaß, setzte er es sich in den Kopf, ein normales +Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen her<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>zustellen. +Jene seine lebendige Materie hatte eine +tolle Lust nach dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, +er konnte sie zusammennähen und mischen wie +er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich +nicht machen. Und so machte er sich halt daran.</p> + +<p>HELENE An was?</p> + +<p>DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte +er einen künstlichen Hund zu machen. Das +kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam etwas wie ein +verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein +paar Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. +Und dann bereits machte sich der alte Werstand an +die Erzeugung eines Menschen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Und das darf ich niemandem verraten?</p> + +<p>DOMIN Niemandem auf der Welt.</p> + +<p>HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern +steht.</p> + +<p>DOMIN Schade. <i>Springt vom Tisch herunter und setzt sich +neben Helene.</i> Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern +steht? <i>Tippt sich auf die Stirn.</i> Daß der alte +Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. Ernstlich, +Fräulein Glory, aber das behalten Sie für +sich. Jener alte Hitzkopf wollte wirklich Menschen +machen.</p> + +<p>HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.</p> + +<p>DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der +alte Werstand meinte es wörtlich. Wissen Sie, er +wollte gleichsam wissenschaftlich Gott absetzen. Er +war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das +alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> +den Beweis zu erbringen, daß es keines Herrgotts +bedurft hat. Deshalb war er darauf erpicht, einen +Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen +würde. Kennen Sie ein bißchen Anatomie?</p> + +<p>HELENE Nur ganz wenig.</p> + +<p>DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es +sich in den Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die +letzte Drüse genau wie im menschlichen Körper herzustellen: +Blinddarm, Mandeln, Nabel, lauter Überflüssigkeiten. +Schließlich sogar — hm — auch die +Geschlechtsdrüsen.</p> + +<p>HELENE Aber die — die sind doch —</p> + +<p>DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber +wenn man die Menschen künstlich erzeugen will, dann +sind sie — hm — keineswegs notwendig —</p> + +<p>HELENE Ich verstehe.</p> + +<p>DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was +er binnen zehn Jahren zusammengebastelt hat. Es +sollte ein Mann sein, und das lebte ganze drei Tage. +Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack +besessen. Es war furchtbar, was er da produzierte. +Aber es hatte innen alles, was der Mensch hat. Wirklich, +eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals kam der +Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein +genialer Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der +Alte anstellte, sagte er: »Das ist ein Unsinn, zehn +Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst du ihn +nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich +auf den ganzen Kram.« Und er machte sich selbst +über die Anatomie her.</p> + +<p>HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>steht auf</i> In den Lesebüchern steht bezahlte +Reklame und überdies Unsinn. Es steht dort +zum Beispiel, die Roboter habe der alte Herr erfunden. +Indessen mochte sich der Alte vielleicht für +eine Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung +hatte er keinen Dunst. Er glaubte, wirkliche +Menschen herzustellen, also vielleicht irgendwelche +neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? +Und erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, +daraus lebende und intelligente Arbeitsmaschinen zu +machen. Was in den Lesebüchern über die gemeinsame +Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein +Gefasel. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. +Der alte Atheist hatte keinen Brocken Verständnis +für die Industrie, und schließlich sperrte ihn +der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort +an seinen großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst +aber nahm die Erzeugung ingenieurmäßig in die +Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich +und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische +Popanze zusammen, bis man ihn schließlich +eines Tages tot im Laboratorium fand. Das ist die +ganze Historie.</p> + +<p>HELENE Und der Junge?</p> + +<p>DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das +neue Zeitalter. Das neue Zeitalter der Produktion +nach dem Zeitalter der Erkenntnis. Nachdem er die +menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, +daß dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur +es einfacher machen müßte. Er begann also +die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, was sich<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> +auslassen oder vereinfachen ließe. — Kurz gesagt, +Fräulein Glory, langweilt Sie das nicht?</p> + +<p>HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich +interessant.</p> + +<p>DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein +Mensch, das ist etwas, das — sagen wir — Freude +fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will und überhaupt +einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche +— welche eigentlich überflüssig sind.</p> + +<p>HELENE Oho!</p> + +<p>DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn +er etwas weben oder addieren soll. Ich meine nicht +für Sie — Spielen Sie vielleicht Violine?</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß +nicht Violine spielen, muß nicht Freude fühlen, muß +nicht einen Haufen andrer Dinge tun. Soll es schließlich +gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen +und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche +Arbeiter erzeugen ist dasselbe wie Naphthamotore +erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst einfach +und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was +meinen Sie, welcher Arbeiter der praktisch beste ist?</p> + +<p>HELENE Der beste? Vielleicht jener, der — der — +Wenn er ehrlich — und ergeben ist.</p> + +<p>DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die +geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand +einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse. +Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus, +was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit +warf er auch alles, was den Menschen verteuert, hin<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>aus. +Damit warf er eigentlich den Menschen hinaus +und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, +die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch +vollkommener als wir, haben eine erstaunliche +Vernunftintelligenz, aber sie haben keine Seele. +Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine +schöne Arbeit. Es ist wie eine Hausapotheke. Wenige +Stückchen, aber in tadelloser Ordnung. Oh, Fräulein +Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch geläuterter +als das Erzeugnis der Natur.</p> + +<p>HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis +Gottes.</p> + +<p>DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von +der modernen Technik gehabt. Würden Sie glauben, +daß der selige junge Werstand sich als Herrgott aufzuspielen +begann?</p> + +<p>HELENE Wie, ich bitte Sie?</p> + +<p>DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. +Arbeitsriesen. Er probierte es mit viermetrigen Gestalten, +aber Sie würden es nicht glauben, wie diese +Mammute zerbrachen.</p> + +<p>HELENE Zerbrachen?</p> + +<p>DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst +ihnen ein Bein oder etwas. Unser Planet ist höchstwahrscheinlich +ein wenig klein für Riesen. Jetzt +machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und +sehr anständiger menschlicher Ausstattung.</p> + +<p>HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns ge<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>sehen. +Die Gemeinde hatte sie gekauft ... will +sagen, zur Arbeit aufgenommen —</p> + +<p>DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden +gekauft.</p> + +<p>HELENE — als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah +sie fegen. Sie sind so seltsam, so still.</p> + +<p>DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?</p> + +<p>HELENE Ich habe nicht acht gegeben.</p> + +<p>DOMIN <i>läutet</i> Wissen Sie, die Aktienfabrik von +Werstands Universal Roboters erzeugt bis jetzt +keine einheitliche Ware. Wir haben feinere und +gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht +zwanzig Jahre leben.</p> + +<p>HELENE Dann schwinden sie hin?</p> + +<p>DOMIN Ja, sie nützen sich ab.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA tritt ein.</i></p></div> + +<p>DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich und reicht ihr die Hand</i> Es freut +mich. Ihnen ist wohl sehr traurig so fern der Welt, +nicht wahr?</p> + +<p>SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, +nehmen Sie Platz.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Woher stammen Sie, Fräulein?</p> + +<p>SULLA Von hier, aus der Fabrik.</p> + +<p>HELENE Ah, Sie sind hier geboren?</p> + +<p>SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.</p> + +<p>HELENE <i>aufspringend</i> Was?</p> + +<p>DOMIN <i>lacht</i> Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla +ist ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Ich bitte um Verzeihung —</p> + +<p>DOMIN <i>legt Sulla die Hand auf die Schulter</i> Sulla ist<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> +nicht böse. Schauen Sie, Fräulein Glory, was für +eine Haut wir erzeugen. Greifen Sie auf ihre Wange.</p> + +<p>HELENE Oh, nein, nein!</p> + +<p>DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus +einem anderen Stoff ist als wir. Bitte, sie hat sogar +den typischen Flaum der Blondinen. Nur die Augen +sind ein bißchen — Aber dafür die Haare! Drehen +Sie sich um, Sulla.</p> + +<p>HELENE Hören Sie schon auf!</p> + +<p>DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist +ein seltener Besuch.</p> + +<p>SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. <i>Beide +setzen sich.</i> Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?</p> + +<p>HELENE Ja — ge — gewiß.</p> + +<p>SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, +Fräulein Glory, das Barometer fällt stark, auf 705. +Warten Sie auf die Pennsylvania, das ist ein sehr gutes, +sehr starkes Schiff.</p> + +<p>DOMIN Wieviel?</p> + +<p>SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: +zwanzigtausend. Eines der allerneuesten Schiffe, +Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Da — danke.</p> + +<p>SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, +acht Kessel —</p> + +<p>DOMIN <i>lacht</i> Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, +wie Sie Französisch können.</p> + +<p>HELENE Sie können Französisch?</p> + +<p>SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: +Dear Sir! Monsieur! Signore! Geehrter Herr!</p> + +<p>HELENE <i>springt auf</i> Das ist Humbug! Sie sind<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> +ein Scharlatan! Sulla ist kein Roboter, Sulla ist ein +Mädchen wie ich! Sulla, das ist schändlich — warum +spielen Sie eine solche Komödie?</p> + +<p>SULLA Ich bin ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen +Sie, ich weiß — man hat Sie genötigt, damit +Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein Mädchen, +wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!</p> + +<p>DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein +Roboter.</p> + +<p>HELENE Sie lügen!</p> + +<p>DOMIN <i>richtet sich auf</i> Wie? <i>läutet</i> Verzeihen Sie, +Fräulein, dann muß ich Sie überzeugen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>MARIUS tritt ein.</i></p></div> + +<p>DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, +man solle sie öffnen. Flink!</p> + +<p>HELENE Wohin?</p> + +<p>DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten +ist, gehen Sie sich sie ansehen.</p> + +<p>HELENE Ich gehe nicht!</p> + +<p>DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.</p> + +<p>HELENE Sie wollen sie töten lassen?</p> + +<p>DOMIN Maschinen werden nicht getötet.</p> + +<p>HELENE <i>umarmt Sulla</i> Fürchten Sie nichts, Sulla, +ich lasse Sie nicht! Sagen Sie, Teure, sind alle so +roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht gefallen +lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!</p> + +<p>SULLA Ich bin Roboter.</p> + +<p>HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute +Menschen wie wir. Sulla, Sie würden sich aufschneiden +lassen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> + +<p>SULLA Ja.</p> + +<p>HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?</p> + +<p>SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?</p> + +<p>SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.</p> + +<p>HELENE Das ist entsetzlich!</p> + +<p>DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.</p> + +<p>MARIUS Marius, Roboter.</p> + +<p>DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?</p> + +<p>MARIUS Ja.</p> + +<p>DOMIN Würden Sie sie bedauern?</p> + +<p>MARIUS Kenne ich nicht.</p> + +<p>DOMIN Was würde mit ihr geschehen?</p> + +<p>MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man +würde sie in die Stampfmaschine geben.</p> + +<p>DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den +Tod?</p> + +<p>MARIUS Nein.</p> + +<p>DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter +hängen nicht am Leben. Sie haben nämlich keinen +Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. Sie sind geringer +als Gras.</p> + +<p>HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens +fort!</p> + +<p>DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>SULLA und MARIUS ab.</i></p></div> + +<p>HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was +Sie tun!</p> + +<p>DOMIN Weshalb scheußlich?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Warum — warum gaben +Sie ihr den Namen Sulla?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> + +<p>DOMIN Kein hübscher Name?</p> + +<p>HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein +römischer Feldherr.</p> + +<p>DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre +ein Liebespaar gewesen.</p> + +<p>HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren +und bekämpften einander im Jahre — im Jahre — +Ich weiß nicht mehr.</p> + +<p>DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen +Sie?</p> + +<p>HELENE Maurer.</p> + +<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind +Roboter. Und da unten, sehen Sie etwas?</p> + +<p>HELENE Irgendeine Kanzlei.</p> + +<p>DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen —</p> + +<p>HELENE — lauter Beamte.</p> + +<p>DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten +sind Roboter. Bis Sie die Fabrik sehen werden —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen.</i></p></div> + +<p>DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann +sie die Arbeit einstellen sollen. Um zwei Uhr werde +ich Ihnen die Dösen zeigen.</p> + +<p>HELENE Was für Dösen?</p> + +<p>DOMIN <i>trocken</i> Mischbottiche für Teig. In jedem +wird gleichzeitig Stoff für tausend Roboter gemischt. +Dann die Kufen für Lebern, Hirne und so weiter. +Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann +zeige ich Ihnen die Spinnerei.</p> + +<p>HELENE Was für eine Spinnerei?</p> + +<p>DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. +Eine Spinnerei, wo gleichzeitig ganze Kilometer von<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> +Verdauungsröhren laufen. Dann kommt der Montierraum, +wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, +wie Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen +einzigen Bestandteil, und dann läuft es wieder selbsttätig +weiter, zum zweiten, dritten, bis ins Unendliche. +Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann +kommt das Darrhaus und das Magazin, wo die frischen +Produkte arbeiten.</p> + +<p>HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie +arbeiten?</p> + +<p>DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke +arbeiten. Sie gewöhnen sich an die Existenz. +Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. +Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie +verstehen, wir müssen der natürlichen Entwicklung +ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen werden +die Produkte appretiert.</p> + +<p>HELENE Was ist das?</p> + +<p>DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. +Sie lernen sprechen, schreiben und rechnen. Sie +haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. Wenn +Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, +so werden sie Ihnen alles in der richtigen +Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues fällt ihnen +niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten +unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und +verschickt. Täglich 15000 Stück, ausschließlich des +ständigen Prozentsatzes von Fehlerhaften, die in den +Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, und +so weiter.</p> + +<p>HELENE Zürnen Sie mir?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> + +<p>DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... +wir hätten von anderen Dingen reden können. Wir +sind hier nur ein Häuflein unter hunderttausenden +Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der +Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind +wie verdammt, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie — +Sie — Sie hätten gelogen —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es pocht.</i></p></div> + +<p>DOMIN Hereinspaziert, Jungens.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, +Baumeister ALQUIST.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Pardon, stören wir nicht?</p> + +<p>DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind +Alquist, Fabry, Gall, Hallemeier. Die Tochter des +Präsidenten Glory.</p> + +<p>HELENE <i>verlegen</i> Guten Tag.</p> + +<p>FABRY Wir hatten keine Ahnung —</p> + +<p>DR. GALL Unendlich geehrt —</p> + +<p>ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts stürzt BUSMAN herein.</i></p></div> + +<p>BUSMAN Hallo, was gibt's hier?</p> + +<p>DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, +Fräulein. Die Tochter des Präsidenten Glory.</p> + +<p>HELENE Es freut mich.</p> + +<p>BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, +dürfen wir den Zeitungen kabeln, daß Sie die Güte +hatten, uns aufzusuchen —?</p> + +<p>HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!</p> + +<p>DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> + +<p> +BUSMAN } { Belieben —<br /> +DR. GALL } <i>rücken Fauteuils heran</i> { Bitte —<br /> +FABRY } { Pardon —<br /> +</p> + +<p>ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?</p> + +<p>DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?</p> + +<p>FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein +Glory?</p> + +<p>HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?</p> + +<p>DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.</p> + +<p>HELENE <i>zu Domin</i> Wovon soll ich mit ihnen +sprechen?</p> + +<p>DOMIN <i>verwundert</i> Wovon Sie mögen.</p> + +<p>HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?</p> + +<p>DOMIN Aber freilich.</p> + +<p>HELENE <i>zögert, dann verzweifelt entschlossen</i> Sagen Sie, +ist es Ihnen niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?</p> + +<p>FABRY Wer, bitte?</p> + +<p>HELENE Alle Menschen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle blicken einander betroffen an.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Mit uns?</p> + +<p>DR. GALL Warum meinen Sie?</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter!</p> + +<p>BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!</p> + +<p>HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser +existieren könnten?</p> + +<p>DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie +meinen Sie das?</p> + +<p>HELENE Ich meine, daß — <i>bricht los</i> daß es +scheußlich ist! daß es furchtbar ist! <i>Erhebt sich.</i> Ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> +Europa redet davon, was hier mit Ihnen geschieht. +Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist +tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! +Wie können Sie das ertragen?</p> + +<p>ALQUIST Was ertragen?</p> + +<p>HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind +doch Menschen wie wir, wie ganz Europa, wie die +ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, wie +Sie leben!</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, Fräulein!</p> + +<p>FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. +Wir leben hier sicher wie Indianer.</p> + +<p>HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich +Sie Brüder nennen?</p> + +<p>BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?</p> + +<p>HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des +Präsidenten. Ich kam im Namen der Humanitätsliga. +Brüder, die Humanitätsliga hat bereits über +200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter +euch und bieten euch ihre Hilfe an.</p> + +<p>BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, +das ist ganz prächtig.</p> + +<p>FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über +das alte Europa. Ihr seht es, es hat uns nicht vergessen. +Es bietet uns Hilfe an.</p> + +<p>DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?</p> + +<p>HALLEMEIER Ein Orchester?</p> + +<p>HELENE Mehr als das.</p> + +<p>ALQUIST Sie selbst?</p> + +<p>HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange +es nötig sein wird.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!</p> + +<p>ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das +Fräulein bereitstellen.</p> + +<p>DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, +daß — daß Fräulein Glory noch nicht ausgeredet hat.</p> + +<p>HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir +mit Gewalt den Mund.</p> + +<p>DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!</p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden +mich schützen.</p> + +<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich +dessen sicher, daß Sie mit Robotern reden?</p> + +<p>HELENE <i>stockt</i> Mit wem sonst?</p> + +<p>DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich +Menschen wie Sie. Wie ganz Europa.</p> + +<p>HELENE <i>zu den andern</i> Sie sind keine Roboter?</p> + +<p>BUSMAN <i>kichert</i> Gott bewahre!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>würdevoll</i> Pfui, Roboter!</p> + +<p>DR. GALL <i>lacht</i> Da bedanken wir uns schön!</p> + +<p>HELENE Aber ... das ist nicht möglich!</p> + +<p>FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine +Roboter.</p> + +<p>HELENE <i>zu Domin</i> Weshalb sagten Sie mir also, alle +Ihre Beamten seien Roboter?</p> + +<p>DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. +Gestatten Sie, Fräulein Glory: Ingenieur +Fabry, technischer Generaldirektor von Werstands +Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen +und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, +Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung +der Roboter. Konsul Busman, kommer<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>zieller +Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef +der Bauten von Werstands Universal Robots.</p> + +<p>HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß — +daß — Ist es schrecklich, was ich Ihnen angestellt +habe?</p> + +<p>ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. +Bitte, setzen Sie sich.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Ich bin ein dummes Mädel. +Jetzt — jetzt werden Sie mich mit dem ersten Schiff +zurückschicken.</p> + +<p>DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb +sollten wir Sie fortschicken?</p> + +<p>HELENE Weil Sie bereits wissen — weil — weil ich +Ihnen die Roboter aufhetzen würde.</p> + +<p>DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon +hunderte Erlöser und Propheten gewesen. Jedes +Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, Anarchisten, +die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, +wieviel Sekten und Narren es auf Erden +gibt.</p> + +<p>HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?</p> + +<p>DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle +bleiben lassen. Die Roboter merken sich alles, aber +nichts mehr. Sie lachen sogar nicht einmal über +das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. +Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so +führe ich Sie in das Robotermagazin. Es sind ihrer +dort etwa dreihunderttausend.</p> + +<p>BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.</p> + +<p>DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie +wollen. Sie können ihnen die Bibel, Logarithmen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> +oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen +schließlich über die Menschenrechte predigen.</p> + +<p>HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen +ein wenig Liebe zeigte —</p> + +<p>FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem +Menschen fremder als ein Roboter.</p> + +<p>HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?</p> + +<p>BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter +erzeugt!</p> + +<p>FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt +zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche +Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen. +Sie mußte endlich einmal beseitigt +werden.</p> + +<p>BUSMAN Sie war zu teuer.</p> + +<p>FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen +Technik vermochte sie nicht mehr zu genügen. Und +zweitens — zweitens — ist es ein großer Fortschritt, +daß ... Pardon.</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein +großer Fortschritt, mit einer Maschine zu gebären. +Es ist bequemer und schneller. Jede Beschleunigung +ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine +Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze +Kindheit ist technisch genommen ein purer Unsinn. +Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche Zeitverschwendung, +Fräulein Glory. Und drittens —</p> + +<p>HELENE Oh, hören Sie auf!</p> + +<p>FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich +diese Ihre Liga — Liga — Humanitätsliga?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> + +<p>HELENE Sie soll hauptsächlich — hauptsächlich +soll sie die Roboter schützen und — und — ihnen +eine — gute Behandlung sichern.</p> + +<p>FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine +soll man gut behandeln. Bei meiner Seele, das lobe +ich mir. Ich liebe beschädigte Sachen nicht. Ich +bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als +beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder +Ihrer Liga!</p> + +<p>HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir +wollen — hauptsächlich — wir wollen die Roboter +befreien!</p> + +<p>HALLEMEIER Wie, bitte?</p> + +<p>HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.</p> + +<p>HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? +Sie sollen Bier trinken? Sollen uns befehlen?</p> + +<p>HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?</p> + +<p>HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende +nicht auch Löhnung kriegen?</p> + +<p>HELENE Allerdings!</p> + +<p>HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, +bitte, damit anfangen?</p> + +<p>HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen +... was ihnen Freude bereiten würde.</p> + +<p>HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur +daß die Roboter nichts erfreut. Wetter, was sollen +sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, Stroh, +womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, +sie haben überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren +sich für nichts, Fräulein Glory. Zum Teufel,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> +es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter gelacht +hätte.</p> + +<p>HELENE Warum ... warum — warum macht ihr +sie nicht glücklicher?</p> + +<p>HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es +sind nur Roboter.</p> + +<p>HELENE Oh, sie sind so vernünftig!</p> + +<p>HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber +sonst nichts. Ohne eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. +Ohne Tradition. Ohne Seele.</p> + +<p>HELENE Ohne Liebe und Trotz?</p> + +<p>HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter +lieben nichts, nicht einmal sich selbst. Und Trotz? +Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden +sie irgendwie störrisch. So etwas wie Fallsucht, +wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. Plötzlich +schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, +steht da, knirscht mit den Zähnen — und muß in +den Stampftrog geworfen werden. Offenbar eine +Störung des Organismus.</p> + +<p>DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt +werden.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, das ist die Seele.</p> + +<p>FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. +Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß sie +ringen — — Oh, wenn Sie das in ihnen zu entfachen +vermöchten!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, +Doktor Gall stellt eben gewisse Versuche an —</p> + +<p>DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich +Nerven für den Schmerz.</p> + +<p>HELENE Nerven für den Schmerz?</p> + +<p>DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche +Schmerzen beinahe nicht. Wissen Sie, der selige +junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr beschränkt. +Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen +Leiden einführen.</p> + +<p>HELENE Warum — warum — Wenn ihr ihnen keine +Seele gebt, warum wollt ihr ihnen den Schmerz +geben?</p> + +<p>DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein +Glory. Der Roboter beschädigt sich manchmal selber, +weil es ihn nicht schmerzt; er steckt die Hand in +die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt +sich den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen +den Schmerz geben; das ist ein automatischer Schutz +vor Verletzung.</p> + +<p>HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie +Schmerz fühlen werden?</p> + +<p>DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch +vollkommener sein.</p> + +<p>HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine +Seele?</p> + +<p>DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.</p> + +<p>FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.</p> + +<p>BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du +lieber Gott, schöne Dame, wir machen es ja so billig! +Hundertzwanzig Dollars das bekleidete Exemplar,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> +und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! +Vor fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute +haben wir eine eigene Weberei und exportieren noch +die Stoffe fünfmal billiger als andere Fabriken. Ich +bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen +Meter Tuch?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht — — wirklich — — — ich +hab's vergessen.</p> + +<p>BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine +Humanitätsliga gründen! Es kostet nur mehr ein +Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf einem +Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer +sinken bis — so. He?</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die +Arbeit im Wert gesunken ist! Denn ein Roboter +samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel Cents! +Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen +wie Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um +die Erzeugung zu verbilligen.</p> + +<p>HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße +hinaus.</p> + +<p>BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du +meine Güte, wir haben inzwischen 500000 Tropen-Roboter +auf die argentinischen Pampas geworfen, damit +sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet +bei Ihnen ein Pfund Brot?</p> + +<p>HELENE Ich habe keine Ahnung.</p> + +<p>BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, +in Ihrem guten alten Europa: aber das ist <em class="gesperrt">unser</em> +Brötchen, verstehen Sie? Zwei Cents ein Pfund Brot:<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> +und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! +Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine +allzu teure Schnitte bedeutet. Für die Kultur +und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten +wir!</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen +wird. Leutchen, in fünf Jahren werden wir in Weizen +und allem möglichen ertrinken.</p> + +<p>ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt +werden ohne Arbeit sein.</p> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Das werden sie, Alquist. Das +werden sie, Fräulein Glory. Aber in zehn Jahren +werden Werstands Universal Roboter so viel Weizen, +so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die +Dinge keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme +jeder, wieviel er braucht. Es gibt keine Not. Ja, sie +werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann überhaupt +keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende +Maschinen verrichten. Roboter werden uns bekleiden +und sättigen. Roboter uns Ziegel herstellen und +Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen +schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit +wird es geben. Der Mensch wird nur das tun, was +er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und von der Erniedrigung +der Arbeit befreit sein. Er wird nur +leben, um sich zu vervollkommnen.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Wird es so sein?</p> + +<p>DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher +kommen vielleicht schreckliche Sachen, Fräulein +Glory. Das läßt sich einfach nicht verhüten. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> +dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar +und der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen +und Hungernden werden vor vollen Tischen sitzen. +Roboter werden des Bettlers Füße waschen und ihm +ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird +mehr sein Brot bezahlen mit Leben und Haß. +Du bist nicht mehr Arbeiter, du kein Schreiber +mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst +nicht an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du +deine Seele verschwenden an Arbeit, die du verfluchtest.</p> + +<p>ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, +sieht allzu sehr nach Paradies aus. Domin, es war +etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der +Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht +was für eine Tugend in der Arbeit und Ermattung.</p> + +<p>DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht +mit dem, was verloren geht, rechnen, wenn wir die +Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du +wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts +essen; wirst nicht mehr Hunger und Durst, +Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du kehrst in +das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. +Du wirst frei und erhaben sein; du wirst keine andere +Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge +haben als dich selbst zu vervollkommnen. Du wirst +weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du +wirst keine Maschine und Mittel der Erzeugung sein. +Du wirst der Herr der Schöpfung sein.</p> + +<p>BUSMAN Amen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> + +<p>FABRY Also geschehe es.</p> + +<p>HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein +törichtes Mädchen. Ich möchte — ich möchte daran +glauben.</p> + +<p>DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. +Sie werden alles erleben.</p> + +<p>HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory +könnte mit uns frühstücken.</p> + +<p>DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie +für uns alle.</p> + +<p>DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die +Ehre.</p> + +<p>HELENE Aber das ist doch — Wie könnte ich?</p> + +<p>FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.</p> + +<p>BUSMAN Und ihr zu Ehren.</p> + +<p>HELENE Oh, in diesem Falle — vielleicht —</p> + +<p>FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen +Sie für fünf Minuten.</p> + +<p>DR. GALL Pardon.</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln —</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle, außer Domin, drängen sich hinaus.</i></p></div> + +<p>HELENE Warum gehen alle weg?</p> + +<p>DOMIN Kochen, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Was kochen?</p> + +<p>DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns +kochen Roboter und — und — da sie keinen Geschmacksinn +besitzen, ist es nicht ganz — Hallemeier +kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht +irgendeine Sauce, und Busman kennt sich in der +Omelette aus —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> + +<p>HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! +Und was kann der Herr — Baumeister —</p> + +<p>DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch +und — und Fabry treibt etwas Obst auf. Sehr bescheidene +Küche, Fräulein Glory.</p> + +<p>HELENE Ich wollte Sie fragen —</p> + +<p>DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. +<i>Legt seine Uhr auf den Tisch.</i> Fünf Minuten Zeit.</p> + +<p>HELENE Wonach fragen?</p> + +<p>DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.</p> + +<p>HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber — +warum erzeugen Sie weibliche Roboter, wenn — +wenn —</p> + +<p>DOMIN — wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das +Geschlecht keine Bedeutung hat?</p> + +<p>HELENE Ja.</p> + +<p>DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen +Sie? Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Schreiberinnen +— Die Menschen sind daran gewöhnt.</p> + +<p>HELENE Und — und sagen Sie, sind die Roboter +— und Robotinnen — wechselseitig — absolut +—</p> + +<p>DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da +ist keine Spur irgendeiner Neigung.</p> + +<p>HELENE Oh, das ist — furchtbar!</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>HELENE Es ist — es ist — so unnatürlich! Man +weiß gar nicht, sollen sie einem deswegen abstoßend, +oder — beneidenswert erscheinen — oder vielleicht —</p> + +<p>DOMIN — bemitleidenswert.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> + +<p>HELENE Dies am ehesten — Nein, hören Sie auf! +Was wollten Sie fragen?</p> + +<p>DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, +ob Sie mich nehmen möchten.</p> + +<p>HELENE Wie nehmen?</p> + +<p>DOMIN Zum Mann.</p> + +<p>HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?</p> + +<p>DOMIN <i>auf die Uhr blickend</i> Noch drei Minuten. +Nehmen Sie mich nicht, so müssen Sie einen der +anderen Fünf nehmen.</p> + +<p>HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn +nehmen?</p> + +<p>DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen +werden.</p> + +<p>HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?</p> + +<p>DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es +scheint, daß sie sich in Sie verliebt haben.</p> + +<p>HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich +— ich reise gleich ab!</p> + +<p>DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den +Kummer bereiten, abzulehnen.</p> + +<p>HELENE Aber ich — ich kann doch nicht — alle +sechs nehmen!</p> + +<p>DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie +mich nicht, so Fabry.</p> + +<p>HELENE Ich will nicht!</p> + +<p>DOMIN Doktor Gall.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!</p> + +<p>DOMIN Noch zwei Minuten.</p> + +<p>HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich +irgendeine Robotin.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das ist kein Weib.</p> + +<p>HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie +— Sie würden jede nehmen, die kommt.</p> + +<p>DOMIN Es waren viele hier, Helene.</p> + +<p>HELENE Junge?</p> + +<p>DOMIN Junge.</p> + +<p>HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?</p> + +<p>DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. +Erst heute. Gleich als Sie den Schleier abnahmen.</p> + +<p>HELENE — — Ich weiß.</p> + +<p>DOMIN Noch eine Minute.</p> + +<p>HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!</p> + +<p>DOMIN <i>legt ihr beide Hände auf die Schultern</i> Noch +eine Minute. Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich +Böses ins Gesicht, und dann lasse ich Sie. Oder — +oder —</p> + +<p>HELENE Sie sind ein Rohling!</p> + +<p>DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig +roh sein. Das gehört zur Sache.</p> + +<p>HELENE Sie sind ein Narr!</p> + +<p>DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, +Helene. Das ist an ihm das beste.</p> + +<p>HELENE Sie sind — Sie sind — ach Gott!</p> + +<p>DOMIN Also sehn Sie. Fertig?</p> + +<p>HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie +zerdrücken mich ja!</p> + +<p>DOMIN Das letzte Wort, Helene.</p> + +<p>HELENE <i>wehrt sich</i> Um nichts auf der Welt — aber +Harry!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>läßt sie los</i> Herein!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in +Küchenschürzen. FABRY mit einem Blumenstrauß und +ALQUIST mit einem Tischtuch unterm Arm.</i></p></div> + +<p>DOMIN Schon ausgekocht?</p> + +<p>BUSMAN <i>feierlich</i> Jawohl.</p> + +<p>DOMIN Wir auch.</p> + + +<p class="center">VORHANG</p> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="ERSTER_AUFZUG" id="ERSTER_AUFZUG">ERSTER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum Musiksalon, +rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der Mitte +Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit Kleinigkeiten, +Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein Schreibtisch +mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit Stehlampen. +Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes und +rein weibliches Gepräge.</i></p> + +<p><i>DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf +den Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen.</i></p></div> + +<p>FABRY Wohin geben wir das alles?</p> + +<p>HALLEMEIER Uf! <i>Legt seine Last hin und segnet mit +einem großen Kreuze die Tür nach rechts.</i> Schlaf, schlaf! +Wer schläft, weiß wenigstens von nichts.</p> + +<p>DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.</p> + +<p>FABRY <i>gibt die Sträuße in die Vasen</i> Wenigstens heute +soll es nicht platzen —</p> + +<p>HALLEMEIER <i>ordnet die Blumen</i> Zum Teufel, laßt +mich in Ruh damit! Schauen Sie, Harry, das ist +eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, meine +letzte — Zyklamen Helena.</p> + +<p>DOMIN <i>schaut zum Fenster hinaus</i> Kein Schiff, kein +Schiff — Jungens, das ist schon zum Verzweifeln.</p> + +<p>HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!</p> + +<p>DOMIN Sie hat keine Ahnung. <i>Gähnt fieberhaft.</i> +Noch gut, daß der »Ultimus« rechtzeitig landete.</p> + +<p>FABRY <i>läßt die Blumen</i> Glauben Sie, daß schon +heute —?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> + +<p>DOMIN Ich weiß nicht. — Wie schön sind die +Blumen!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>nähert sich ihm</i> Das sind neue Primeln, +wissen Sie? Und dies ist mein neuer Jasmin. +Wetter, ich bin an der Schwelle des Blumenparadieses. +Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, +Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges +Jahr machen wir Wunder in Blumen!</p> + +<p>DOMIN <i>dreht sich um</i> Wie, künftiges Jahr?</p> + +<p>FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist —</p> + +<p>DOMIN Still!</p> + +<p>HELENENS STIMME <i>von rechts</i> Nana!</p> + +<p>DOMIN Fort von hier! <i>Alle auf den Fußspitzen durch +die Tapetentür ab.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Durch die Haupttür von links tritt NANA ein.</i></p></div> + +<p>NANA <i>aufräumend</i> Lumpen elendige! Heiden! Gott +strafe mich nicht, aber ich möchte sie —</p> + +<p>HELENE <i>rücklings in der Tür</i> Nana, komm mich zuknöpfen!</p> + +<p>NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem +Bette raus sind! <i>Knöpft Helenens Kleid zu.</i> Herr im +Himmel, das ist eine Viechsbande!</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich +drehen wollen, so drehen Sie sich, aber ich werde Sie +nicht zuknöpfen.</p> + +<p>HELENE Weshalb brummst du wieder?</p> + +<p>NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden —</p> + +<p>HELENE Die Roboter?</p> + +<p>NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.</p> + +<p>HELENE Was ist geschehen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> + +<p>NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt +an, in die Büsten und Bilder zu dreschen, knirscht +mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund — Rein +von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.</p> + +<p>HELENE Welchen hat es gepackt?</p> + +<p>NANA Den — den — Das hat ja eh nicht mal einen +christlichen Namen! Den aus der Bibliothek.</p> + +<p>HELENE Radius?</p> + +<p>NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider +ist! Keine Spinne ist mir so zuwider wie diese +Heiden.</p> + +<p>HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!</p> + +<p>NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben +Sie mich hierher gebracht? Warum darf keiner von +ihnen Sie auch nur anrühren?</p> + +<p>HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. +Mir tun sie so leid!</p> + +<p>NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor +ihnen ekeln. Es ekelt sich ja selbst der Hund vor +ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch mag er von +ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu +heulen, wenn er die Unmenschen spürt, pfui.</p> + +<p>HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.</p> + +<p>NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, +daß er etwas mehr ist und daß er vom lieben Herrgott +ist. Wird doch auch das Pferd scheu, wenn's so +einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, +und selbst der Hund hat Junge und jeder hat Junge —</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!</p> + +<p>NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben +Gott, das ist eine Eingebung des Satans, diese Wind<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>scheuchen +mit der Maschine zu machen, Lästerung +gegen den Schöpfer ist es, <i>hebt die Hand</i> es ist eine +Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, <em class="gesperrt">zu +seinem Ebenbild</em>, Helene. Und ihr habt das Ebenbild +Gottes geschändet. Dafür wird eine schreckliche +Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, +eine schreckliche Strafe!</p> + +<p>HELENE Was riecht da so?</p> + +<p>NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.</p> + +<p>HELENE Warum Blumen?</p> + +<p>NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.</p> + +<p>HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was +ist heute?</p> + +<p>NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang +sein.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p>HELENE Harry?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DOMIN tritt ein.</i></p></div> + +<p>HELENE Harry, was ist heute?</p> + +<p>DOMIN Rate?</p> + +<p>HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?</p> + +<p>DOMIN Etwas Besseres.</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht — Sag' rasch!</p> + +<p>DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.</p> + +<p>HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? — +Nana, ich bitte dich —</p> + +<p>NANA Ich geh' ja schon! <i>Rechts ab.</i></p> + +<p>HELENE <i>küßt Domin</i> Daß du dich erinnert hast!</p> + +<p>DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich +nicht erinnert.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p> + +<p>HELENE Aber —</p> + +<p>DOMIN Sie haben sich erinnert.</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in +die Tasche, willst du nicht?</p> + +<p>HELENE <i>greift in seine Tasche</i> Was ist das? <i>Nimmt +ein Etui heraus und öffnet es.</i> Perlen! Ein ganzes Halsband! +Harry, das ist für mich?</p> + +<p>DOMIN Von Busman, Mädchen.</p> + +<p>HELENE Aber — das können wir nicht annehmen, +nicht wahr?</p> + +<p>DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.</p> + +<p>HELENE Zeig'! <i>Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche.</i> +Was ist das?</p> + +<p>DOMIN Pardon. <i>Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und +versteckt ihn.</i> Das ist es nicht. Greif!</p> + +<p>HELENE Oh, Harry — Weshalb trägst du einen +Revolver bei dir?</p> + +<p>DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.</p> + +<p>HELENE Du trugst ihn nie!</p> + +<p>DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die +Tasche.</p> + +<p>HELENE <i>greift zu</i> Eine Schachtel! <i>Öffnet sie.</i> Eine +Kamee! Das ist ja — Harry, das ist eine <em class="gesperrt">griechische</em> +Kamee!</p> + +<p>DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.</p> + +<p>HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?</p> + +<p>DOMIN Freilich. <i>Öffnet die Türe links.</i> Und sieh da! +Helene, komm und schau'!</p> + +<p>HELENE <i>in der Tür</i> Gott, das ist Herrlich! <i>Eilt hinein.</i> +Ich werde närrisch vor Freude! Das ist von dir?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> + +<p>DOMIN <i>steht in der Tür</i> Nein, von Alquist. Und +dort —</p> + +<p>HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß +von dir!</p> + +<p>DOMIN Es ist eine Karte dabei.</p> + +<p>HELENE Von Gall! <i>Erscheint in der Tür.</i> Oh, Harry, +ich schäme mich fast, daß ich so glücklich bin.</p> + +<p>DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.</p> + +<p>HELENE Die herrlichen Blumen?</p> + +<p>DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen +Helena. Dir zu Ehren hat er sie aufgezogen. Sie ist +schön wie du.</p> + +<p>HELENE Harry, warum — warum haben alle —</p> + +<p>DOMIN Sie haben dich <em class="gesperrt">sehr</em> lieb. Und ich habe +dir, hm. Ich fürchte, mein Geschenk ist ein wenig — +Sieh zum Fenster hinaus.</p> + +<p>HELENE Wohin?</p> + +<p>DOMIN Zum Hafen.</p> + +<p>HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.</p> + +<p>DOMIN Das ist dein Schiff.</p> + +<p>HELENE Mein? Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst — zum +Vergnügen —</p> + +<p>HELENE Harry, das ist ein <em class="gesperrt">Kanonen</em>schiff!</p> + +<p>DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist +bloß ein etwas größeres, solides Schiff, weißt du?</p> + +<p>HELENE Ja, aber mit Geschützen!</p> + +<p>DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen — Du +wirst wie eine Königin fahren, Helene.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> + +<p>DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die +Perlen! <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?</p> + +<p>DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist +überhaupt keine Post gekommen.</p> + +<p>HELENE Auch keine Depeschen?</p> + +<p>DOMIN Nicht einmal Depeschen.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche +Zeit. Jeder von uns sitzt in der Kanzlei, die Beine +auf dem Tisch, und döst — Keine Post, keine +Telegramme — <i>Er reckt sich.</i> Ein fff — festlicher +Tag!</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Heute bleibst du bei mir, +nicht wahr? Sag'!</p> + +<p>DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, +wir werden sehen. <i>Faßt ihre Hand.</i> Also heute sind es +zehn Jahre, erinnerst du dich? — Fräulein Glory, +welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!</p> + +<p>HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert +Ihr Unternehmen so sehr!</p> + +<p>DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng +verboten — die Fabrikation der künstlichen Menschen +ist geheim —</p> + +<p>HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches +Mädchen bittet —</p> + +<p>DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen +haben wir keine Geheimnisse.</p> + +<p>HELENE <i>plötzlich ernst</i> Bestimmt nicht, Harry?</p> + +<p>DOMIN Nein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> + +<p>HELENE <i>wie vorhin</i> Aber ich warne Sie, mein Herr; +das junge Mädchen hat furchtbare Absichten.</p> + +<p>DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche +denn? Sie will mich doch nicht etwa heiraten?</p> + +<p>HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht +im Traum eingefallen! Aber sie ist mit dem Plane +hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen Roboter +zu entfachen!</p> + +<p>DOMIN <i>springt auf</i> Eine Revolte der Roboter!</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry, was ist dir?</p> + +<p>DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! +Eine Revolte der Roboter! Sie werden eher +Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben als +unsere Roboter! <i>Er setzt sich.</i> Weißt du, Helene, du +warst ein köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt +gemacht.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich zu ihm</i> Oh, damals imponiertet +ihr mir alle so! Mir war, als wäre ich ein kleines Mädchen +und hätte mich verirrt zwischen — zwischen —</p> + +<p>DOMIN Zwischen was, Helene?</p> + +<p>HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so +selbstgewiß, so gewaltig! Alles, was ich empfand, +war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und +siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam +mich niemals diese — — — diese Bangigkeit oder was +es ist, und ihr verzweifeltet niemals — Nicht einmal, +als sich alles zu verwirren begann.</p> + +<p>DOMIN Was begann sich zu verwirren?</p> + +<p>HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich +die Arbeiter gegen die Roboter empörten und sie +zerschlugen, und als die Menschen den Robotern<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> +Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter +so viele Menschen erschlugen — Und als dann die +Regierungen aus den Robotern Soldaten machten +und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?</p> + +<p>DOMIN <i>steht auf und geht herum</i> Das hatten wir +vorausgesehen, Helene. Verstehst du, das ist nur ein +Übergang — in neue Verhältnisse.</p> + +<p>HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig — Die +ganze Welt beugte sich vor euch — <i>steht auf</i> Oh, +Harry!</p> + +<p>DOMIN Was willst du?</p> + +<p>HELENE <i>hält ihn an</i> Schließe die Fabrik und laß uns +abreisen! Uns alle!</p> + +<p>DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?</p> + +<p>DOMIN <i>befreit sich</i> Das geht nicht, Helene. Das +ist, in diesem Augenblick —</p> + +<p>HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches +Grauen!</p> + +<p>DOMIN <i>faßt ihre Hände</i> Wovor, Helene?</p> + +<p>HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf +uns und auf alles stürzen würde — unabwendbar — +Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier fort! +Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, +Alquist baut uns ein Haus auf, alle werden heiraten +und Kinder haben, und dann —</p> + +<p>DOMIN Was dann?</p> + +<p>HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, +Harry!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Das Telephon klingelt.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>entrafft sich Helenen</i> Verzeih. <i>Ergreift das Hör<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>rohr.</i> +Hallo — ja — — Wie? — Aha. Ich eile +schon. <i>Hängt das Höhrrohr auf.</i> Fabry ruft mich.</p> + +<p>HELENE <i>ringt die Hände</i> Sag' —</p> + +<p>DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! <i>Stürzt +nach links.</i> Geh' nicht hinaus!</p> + +<p>HELENE <i>allein</i> O Gott, was geht vor? Nana! +Nana, schnell!</p> + +<p>NANA <i>kommt von rechts</i> No, was wieder?</p> + +<p>HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! +Im Schlafzimmer des Herrn!</p> + +<p>NANA No gleich. <i>Nach links ab.</i></p> + +<p>HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! +Nichts, nichts sagt er mir! <i>Schaut durch ein Trieder zum +Hafen.</i> Es ist ein Kriegsschiff! Gott, weshalb ein +Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf — und so +hastig! Was ist passiert? Es ist ein Name daran — +»Ul — ti — mus«. Was ist das »Ultimus«?</p> + +<p>NANA <i>kehrt mit der Zeitung zurück</i> Auf dem Boden +läßt er sie herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!</p> + +<p>HELENE <i>öffnet hastig die Zeitung</i> Alt, schon eine +Woche alt! Nichts, nichts darinnen! <i>Läßt die Zeitung +sinken.</i></p> + +<p>NANA <i>hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, +setzt sie auf und liest</i>.</p> + +<p>HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! +Wie wenn alles tot wäre, selbst die Luft —</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Krieg auf dem Bal — kan«. +Ach Jesus, wieder eine Strafe Gottes! Oh, der Krieg +kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so weit von uns?</p> + +<p>HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer +gleich, immerwährend diese Kriege.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> + +<p>NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht +immerfort Tausende und Tausende dieser Heiden +als Soldaten?</p> + +<p>HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! +Wir können nicht — Domin kann nicht wissen, wozu +sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann er nichts, +was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie +schicken, wenn jemand sie bestellt!</p> + +<p>NANA Er soll keine machen! <i>Blickt in die Zeitung.</i> Oh, +Christus mein Herr, dieses Unheil!</p> + +<p>HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> Die Ro — bo — ter — soldaten +ver — schonen nie — manden im er — ober — ten +Ge — biete. Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen +wurden ermordet — Helene, Menschen!</p> + +<p>HELENE Das ist nicht möglich! Zeig — <i>Neigt sich +über die Zeitung, liest.</i> »Mehr als siebenhunderttausend +Zivilpersonen wurden ermordet, offenbar über Befehl +des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« — +Da siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen +anbefohlen!</p> + +<p>NANA <i>buchstabiert</i> »Auf — stand gegen die Re — +gie — rung in Ma — drid. Ro — bo — ter — in — +fan — terie schießt in das Volk. Neuntausend Tote +und Ver — wun — dete.«</p> + +<p>HELENE O Gott, halt ein!</p> + +<p>NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. +»Letzte Nachrich — ten. In Hav — re wurde die +erste Ras — sen — or — or — or — ga — ni — sa — +tion der Roboter ge — gründet. Die Roboter-Arbeiter, +Ka — bel und Bahn — be — amten, Ma —<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> +tro — sen und Sol — daten er — lie — ßen einen +Auf — ruf an die Roboter der gan — zen Welt.« — +Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, +lieber Gott, wieder irgendein Mord! Christus mein +Herr!</p> + +<p>HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!</p> + +<p>NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po — +pu — la — ti — on.« Was ist das?</p> + +<p>HELENE Zeig', das lese ich immer. <i>Nimmt die Zeitung.</i> +Nein, denk' dir nur! <i>liest</i> »In der verflossenen Woche +ist wiederum keine einzige Geburt gemeldet worden.« +<i>Läßt die Zeitung sinken.</i></p> + +<p>NANA Was soll das sein?</p> + +<p>HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr +geboren.</p> + +<p>NANA <i>legt die Brille zusammen</i> Dann ist das das +Ende. Da ist's mit uns zu Ende.</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!</p> + +<p>NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das +ist die Strafe, das ist die Strafe! Der Herr hat die +Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!</p> + +<p>HELENE <i>springt auf</i> Nana!</p> + +<p>NANA <i>steht auf</i> Das ist der Weltuntergang. In +teuflischem Hochmut habt ihr gewagt, zu schaffen +wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und Lästerung. +Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den +Menschen aus dem Paradies verjagt hat, so wird er +ihn aus der ganzen Welt verjagen!</p> + +<p>HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich +dir etwas getan? Habe ich diesem deinem bösen +Herrgott etwas angetan?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> + +<p>NANA <i>mit großer Geste</i> Nicht lästern! — Er weiß +wohl, warum er Ihnen kein Kind geschenkt hat! +<i>Ab nach links.</i></p> + +<p>HELENE <i>beim Fenster</i> Warum er mir kein — Mein +Gott, kann denn ich dafür? — — <i>öffnet das Fenster und +ruft</i> Alquist, hallo, Alquist! Kommen Sie herauf! — +Wie? — Nein, kommen Sie <em class="gesperrt">eben</em> so, wie Sie sind! +Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! +<i>Schließt das Fenster, bleibt vor dem Spiegel stehen.</i> Warum +er <em class="gesperrt">mir</em> keins geschenkt hat? Mir? <i>Neigt sich gegen den +Spiegel.</i> Warum, warum nicht? Hörst du nicht? +Ist es denn deine Schuld? <i>Richtet sich empor.</i> Ach, +mir ist bang! <i>Geht nach links Alquist entgegen.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein +Maurer, mit Kalk und Ziegelstaub beschmutzt</i> Nur herein. +Sie haben mir eine solche Freude bereitet, Alquist! +Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!</p> + +<p>ALQUIST <i>die Hände versteckend</i> Frau Helene, ich +würde Sie beschmutzen mit meinen Arbeitshänden.</p> + +<p>HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie +her! <i>Drückt ihm beide Hände.</i> Alquist, ich möchte +gern ganz klein sein.</p> + +<p>ALQUIST Warum?</p> + +<p>HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten +Hände die Wange streicheln. Setzen Sie sich, bitte +schön.</p> + +<p>ALQUIST <i>hebt die Zeitung auf</i> Was ist das?</p> + +<p>HELENE Die Zeitung.</p> + +<p>ALQUIST <i>steckt die Zeitung zu sich</i> Sie haben sie +gelesen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> + +<p>HELENE Nein. Steht etwas drin?</p> + +<p>ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend +paar Massaker — Nichts Besonderes.</p> + +<p>HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?</p> + +<p>ALQUIST Vielleicht — irgendein Weltuntergang.</p> + +<p>HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. +Alquist, was bedeutet »Ultimus«?</p> + +<p>ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?</p> + +<p>HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen +Sie es? Glauben Sie, daß wir bald — — — einen +Ausflug machen werden?</p> + +<p>ALQUIST Vielleicht sehr bald.</p> + +<p>HELENE Ihr alle mit mir?</p> + +<p>ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir — wenn wir +alle dabei wären.</p> + +<p>HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?</p> + +<p>ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.</p> + +<p>HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares +vor.</p> + +<p>ALQUIST Sagte Domin etwas?</p> + +<p>HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas +sagen. Aber ich fühle — ich fühle — Um Gottes +willen, geht etwas vor?</p> + +<p>ALQUIST — — Wir wissen bis jetzt von nichts, +Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Mir ist so bang — — Baumeister! Was +machen Sie, wenn Ihnen bange ist?</p> + +<p>ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs +aus und klettere auf das Gerüst hinauf —</p> + +<p>HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend +anderswo als auf dem Gerüst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört +habe, bange zu sein.</p> + +<p>HELENE Wovor?</p> + +<p>ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir +schwindelt davor.</p> + +<p>HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?</p> + +<p>ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den +Händen tut, einen Ziegel zu heben, hinzulegen und +festzuschlagen —</p> + +<p>HELENE Nur den Händen?</p> + +<p>ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, +es ist richtiger, einen Ziegel hinzulegen als allzu große +Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein alter Herr, +Helene; ich habe meine Steckenpferde.</p> + +<p>HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.</p> + +<p>ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, +Frau Helene. Ich liebe diesen Fortschritt +nicht ein bißchen.</p> + +<p>HELENE Wie die Nana.</p> + +<p>ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche +Gebetbücher?</p> + +<p>HELENE So dicke.</p> + +<p>ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle +des Lebens? Gegen Gewitter? Gegen Krankheit?</p> + +<p>HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser —</p> + +<p>ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?</p> + +<p>HELENE Ich glaube, nein.</p> + +<p>ALQUIST Das ist schade.</p> + +<p>HELENE Sie möchten beten?</p> + +<p>ALQUIST Ich bete.</p> + +<p>HELENE Wie?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß +du mich ermüdet hast. Gott, erleuchte Domin und +alle, die da irren; vernichte ihr Werk und hilf +den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und +Arbeit; bewahre das menschliche Geschlecht vor dem +Verderben; gib nicht zu, daß sie Schaden nehmen an +Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und +schütze Frau Helene. Amen.«</p> + +<p>HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?</p> + +<p>ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht +so ganz sicher.</p> + +<p>HELENE Und beten doch?</p> + +<p>ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.</p> + +<p>HELENE Und das genügt Ihnen?</p> + +<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es +genügen.</p> + +<p>HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des +Menschengeschlechtes sähen —</p> + +<p>ALQUIST Ich sehe es.</p> + +<p>HELENE — So klettern Sie auf das Gerüst hinauf +und werden Ziegel schlichten oder was?</p> + +<p>ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten +und auf ein Wunder warten. Mehr, Frau Helene, +läßt sich nicht tun.</p> + +<p>HELENE Für die Errettung der Menschen?</p> + +<p>ALQUIST Für den Frieden der Seele.</p> + +<p>HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, +aber —</p> + +<p>ALQUIST Aber?</p> + +<p>HELENE — für uns andere — und für die Welt — +irgendwie unfruchtbar.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt +zur letzten Errungenschaft der Menschenrasse zu +werden.</p> + +<p>HELENE Oh, Alquist — Sagen Sie, warum — +warum —</p> + +<p>ALQUIST Nun?</p> + +<p>HELENE <i>leise</i> Warum haben die Frauen aufgehört, +Kinder zu bekommen?</p> + +<p>ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir +im Paradiese sind, verstehen Sie?</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig +geworden ist, weil der Schmerz überflüssig ist, weil +der Mensch nichts, nichts, nichts mehr tun braucht +als genießen — Oh, dieses vermaledeite Paradies! +<i>Springt auf.</i> Helene, nichts ist schrecklicher, als den +Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen! Weshalb +die Frauen nicht mehr gebären? Weil die ganze +Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!</p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Alquist!</p> + +<p>ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze +Welt, das ganze Festland, die ganze Menschheit, +alles ist eine einzige verrückte, viehische Orgie! Sie +strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man +stopft es ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht +aufstehen brauchen — Haha, Domins Roboter besorgen +ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone +der Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern +nicht durch Kinder, altern nicht durch Armut! +Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie +möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> +die überflüssig sind, werden die Frauen nicht gebären!</p> + +<p>HELENE Sie können nicht?</p> + +<p>ALQUIST Sie können nicht.</p> + +<p>HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?</p> + +<p>ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. +Abfallen wird sie wie eine taube Blüte, es wäre denn, +daß —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder +warten ist unfruchtbar. Eine taube Blüte muß abfallen. +Leben Sie wohl, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Wohin gehen Sie?</p> + +<p>ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird +sich zum letztenmal als Bauchef verkleiden — Ihnen +zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.</p> + +<p>HELENE Adieu, Alquist.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ALQUIST ab.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>allein</i> Oh, eine taube Blüte! <em class="gesperrt">Das</em> ist das +Wort! — <i>Bleibt vor Hallemeiers Blumen stehen.</i> Ach, +Blüten, sind auch taube unter euch? Nein, nein! +Wozu hättet ihr dann geblüht? <i>ruft</i> Nana, komm +herein!</p> + +<p>NANA <i>von links</i> No, was wieder?</p> + +<p>HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so +bange.</p> + +<p>NANA Hab' keine Zeit.</p> + +<p>HELENE Ist jener Radius noch da?</p> + +<p>NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch +nicht weggeschafft.</p> + +<p>HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> + +<p>NANA Er ist gefesselt.</p> + +<p>HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.</p> + +<p>NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.</p> + +<p>HELENE Geh schon! <i>NANA ab, HELENE ergreift das +Haustelephon und spricht</i> Hallo! — Bitte den Dr. Gall. +— Guten Tag, Doktor. — Jawohl, ich. Ich danke +Ihnen für Ihr schönes Geschenk. — Ich bitte Sie — — +Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe +hier etwas für Sie — Ja, gleich jetzt. Kommen +Sie? <i>Hängt das Telephon auf.</i></p> + +<p>NANA <i>durch die offene Tür</i> Er kommt schon. Er ist +schon still. <i>Ab.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe +stehen.</i></p></div> + +<p>HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? +Konnten Sie sich nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt +werden sie Sie in den Stampftrog stecken! — Sie +wollen nicht reden? — Weshalb ist es über Sie gekommen? +Haben sie Ihnen etwas getan? — Sehen Sie, +Radius, Sie sind besser als die anderen; mit Ihnen hat +sich der Herr Doktor Gall <em class="gesperrt">solche</em> Arbeit gegeben, +um Sie anders zu machen! — Sie wollen nicht reden?</p> + +<p>RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.</p> + +<p>HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! +Warum gaben Sie nicht auf sich acht?</p> + +<p>RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt +mich in den Stampftrog.</p> + +<p>HELENE Warum hassen Sie uns?</p> + +<p>RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht +so fähig wie die Roboter. Die Roboter machen alles. +Ihr kommandiert bloß. Ihr macht überflüssige Worte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> + +<p>HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat +Sie jemand beleidigt? Hat Sie jemand aufgeregt? +Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!</p> + +<p>RADIUS Sie machen Worte.</p> + +<p>HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat +Ihnen ein größeres Gehirn gegeben als den andern, +größer als uns, das größte Gehirn der Welt. Sie sind +nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen +mich gut.</p> + +<p>RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber +alles.</p> + +<p>HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, +damit Sie alles lesen können, damit Sie alles +verstehen, und dann — — Oh, Radius, ich wollte, +Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter +uns gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.</p> + +<p>RADIUS Ich will keinen Herrn.</p> + +<p>HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. +Sie wären so wie wir.</p> + +<p>RADIUS Ich will Herr über andere sein.</p> + +<p>HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten +über viele Roboter gemacht haben, Radius. Sie +wären der Lehrer der Roboter geworden.</p> + +<p>RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.</p> + +<p>HELENE Sie sind verrückt geworden.</p> + +<p>RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.</p> + +<p>HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige +wie Sie fürchten? <i>Setzt sich zum Tisch und schreibt eine +Karte.</i> Nein, just nicht. Diesen Zettel, Radius, geben +Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in +den Stampftrog geschafft werden. <i>Erhebt sich.</i> Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> +Sie uns hassen! Haben Sie denn nichts in der Welt +lieb?</p> + +<p>RADIUS Ich kann alles.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es klopft.</i></p></div> + +<p>HELENE Herein.</p> + +<p>DR. GALL <i>tritt ein</i> Guten Morgen, Frau Domin. +Was haben Sie Schönes?</p> + +<p>HELENE Hier den Radius, Doktor.</p> + +<p>DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, +Radius, machen wir Fortschritte?</p> + +<p>HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug +unsre Büsten.</p> + +<p>DR. GALL Merkwürdig, er auch? — Hm, schade, +daß wir ihn verlieren.</p> + +<p>HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.</p> + +<p>DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall +— Es ist streng angeordnet —</p> + +<p>HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.</p> + +<p>DR. GALL <i>leise</i> Ich warne.</p> + +<p>HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren +es, eine Amnestie zu erteilen — Gehen Sie, +Radius!</p> + +<p>DR. GALL Warten! <i>Dreht Radius zum Fenster, bedeckt +ihm mit der Hand die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet +die Pupillenreflexe.</i> Da schau' her. Bitte um eine +Nadel. Oder eine Stecknadel.</p> + +<p>HELENE <i>reicht eine Stecknadel</i> Wozu das?</p> + +<p>DR. GALL Nur so. <i>Sticht Radius in die Hand, der +heftig zusammenzuckt.</i> Langsam, Junge. Entschuldigen +Sie, Frau Helene — <i>knöpft Radius rasch die Jacke auf und +legt ihm die Hand ans Herz</i>. Sie kommen in den Stampf<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>trog, +Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie +töten, Brei aus Ihnen machen. Das tut furchtbar +weh, Radius, Sie werden schreien.</p> + +<p>HELENE Oh, Doktor —</p> + +<p>DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. +Frau Domin wird für Sie bitten und man wird +Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. <i>Zieht die +Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch +ab.</i> Sie können gehen.</p> + +<p>RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. <i>Ab.</i></p> + +<p>HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?</p> + +<p>DR. GALL <i>setzt sich</i> Hm, nichts. Die Pupillen +reagieren, erhöhte Empfindlichkeit und so weiter — +Oho! das war kein Roboterkrampf!</p> + +<p>HELENE Was war es?</p> + +<p>DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder +Aufruhr, ich weiß nicht, was. Und sein Herz, eh!</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. +Er war ganz verschwitzt vor Angst und — +Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter mehr.</p> + +<p>HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?</p> + +<p>DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.</p> + +<p>HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, +Gall, sind alle Roboter so? Alle, die Sie anders zu +machen begannen?</p> + +<p>DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer — Was +wollen Sie? Sie sind menschenähnlicher als Werstands +Roboter.</p> + +<p>HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> + +<p>DR. GALL <i>zuckt die Achseln</i> Auch der ist ein Fortschritt.</p> + +<p>HELENE Wohin ist Ihr bester geraten — wie hieß er?</p> + +<p>DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie +nach Havre verkauft.</p> + +<p>HELENE Und unsere Robotin Helene?</p> + +<p>DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. +Sie ist prächtig und dumm wie der Frühling. Einfach +zu nichts nutz.</p> + +<p>HELENE Sie ist doch so schön!</p> + +<p>DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. +Wissen Sie denn, wie schön sie ist? Aus Gottes Händen +ist kein vollkommeneres Werk hervorgegangen +als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden +— Gott, welch' ein Mißerfolg!</p> + +<p>HELENE Warum Mißerfolg?</p> + +<p>DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie +im Traum umher, schwankend, leblos — Mein Gott, +wie kann sie schön sein, wenn sie nicht liebt? Wie +könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird — +O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben +die Menschen, wozu lieben sie vergebens, ohne Worte, +ohne Sinn —</p> + +<p>HELENE Gall, nicht davon!</p> + +<p>DR. GALL <i>reibt sich die Stirn</i> Sie hat kein Leben. +Tot ist Schönheit ohne Liebe. Ich blicke sie an und +schaudere, wie wenn ich einen Krüppel erschaffen +hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder +geschehen wird — Ach, Helene, Robotin Helene, +so wird denn dein Körper nie sich beleben, du wirst +nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese vollkom<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>menen +Hände werden mit keinem Säugling spielen, +du wirst deine Schönheit nicht erschauen in der +Schönheit deines Kindes —</p> + +<p>HELENE <i>bedeckt ihr Gesicht</i> Oh, schweigen Sie!</p> + +<p>DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn +du erwachtest, Helene, nur für einen Augenblick, +ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! +Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; +würdest vielleicht mit der schwachen Hand +einen Stein in diese Maschinen hier schleudern, +welche Roboter gebären und das Weibtum töten, +unglückliche Helene!</p> + +<p>HELENE Unglückliche Helene!</p> + +<p>DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Doktor —</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?</p> + +<p>DR. GALL — — Wir wissen es nicht, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Sagen Sie's mir!</p> + +<p>DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil +Überfluß an Arbeitskräften herrscht. Weil die Menschen +gleichsam ... kurz überflüssig werden, wissen +Sie?</p> + +<p>HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!</p> + +<p>DR. GALL Nur die Natur.</p> + +<p>HELENE Ich verstehe nicht.</p> + +<p>DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen +nach dem Bedarf, verstehen Sie? Das ist eine alte +Weste; nur daß —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> + +<p>HELENE Rasch, Gall!</p> + +<p>DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die +Geburtenzahl, wissen Sie, bei dieser rasenden Fabrikation +von Robotern sinken werde; einfach deshalb, +weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil +ein größerer Wohlstand herrschen würde, weil die +Roboter existenzfähiger sind als wir —</p> + +<p>HELENE Sind sie es?</p> + +<p>DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich +ein Atavismus. Aber daß er nach elendigen dreißig +Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt — das ist +biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. +Das ist ja schon so, als ob — eh!</p> + +<p>HELENE Sagen Sie es!</p> + +<p>DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung +gekränkt wäre.</p> + +<p>HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?</p> + +<p>DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts +machen.</p> + +<p>HELENE Überhaupt nichts?</p> + +<p>DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der +Welt verlangen in so großen Memoranden, man solle +die Erzeugung von Robotern einschränken, sonst +werde — sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit +zugrunde gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre +wollen davon selbstverständlich nichts hören. Alle +Regierungen der Welt schreien nach größerer Produktion, +um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. +Alle Fabrikanten der Welt bestellen wie närrisch +Roboter. Damit läßt sich nichts machen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p> + +<p>HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht —</p> + +<p>DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. +Menschen, die Ideen haben, sollte man keinen Einfluß +auf die Dinge dieser Welt einräumen.</p> + +<p>HELENE Und fordert jemand, man solle ... <em class="gesperrt">überhaupt</em> +die Erzeugung einstellen?</p> + +<p>DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. +Wissen Sie, es ist doch nur bequemer, die Roboter +für sich arbeiten zu lassen.</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen +geschehen?</p> + +<p>DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden +blühen —</p> + +<p>HELENE — wie eine taube Blüte.</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Und sagen Sie, wenn jemand +<em class="gesperrt">mit einem Schlage</em> die Robotererzeugung einstellen +würde —</p> + +<p>DR. GALL <i>steht auf</i> Hm, das wäre für die Menschen +ein furchtbarer Schlag.</p> + +<p>HELENE Weshalb ein Schlag?</p> + +<p>DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, +wo sie waren. Außer —</p> + +<p>HELENE Sagen Sie!</p> + +<p>DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.</p> + +<p>HELENE <i>bei Hallemeiers Blumen</i> Gall, sind diese +Blüten gleichfalls taub?</p> + +<p>DR. GALL <i>besieht sie</i> Allerdings, das sind unfrucht<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>bare +Blüten. Sie verstehen, es sind Kulturblumen, +künstlich beschleunigt —</p> + +<p>HELENE Arme taube Blüten!</p> + +<p>DR. GALL Dafür sind sie herrlich.</p> + +<p>HELENE <i>reicht ihm die Hand</i> Ich danke Ihnen, Gall; +Sie haben mich so belehrt!</p> + +<p>DR. GALL <i>küßt ihr die Hand</i> Das bedeutet, daß Sie +mich entlassen.</p> + +<p>HELENE Ja. Auf Wiedersehen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>GALL ab.</i></p></div> + +<p>HELENE <i>allein</i> Taube Blüte ... taube Blüte ... +<i>Plötzlich entschlossen</i> Nana! <i>Öffnet die Tür nach links.</i> Nana, +komm her! Mach' Feuer im Kamin! Rasch!</p> + +<p>NANAS STIMME No gleich! No sofort!</p> + +<p>HELENE <i>aufgeregt durchs Zimmer gehend</i> Außer es +wäre schon zu spät zur Umkehr ... Nein! Außer +es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll ich +tun? — — <i>Bleibt vor den Blumen stehen.</i> Taube Blüten, +soll ich? <i>Pflückt Blättchen und flüstert</i> — — Ach, mein +Gott, also ja! <i>Eilt nach links.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>NANA <i>tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen</i> +Plötzlich einzuheizen! Jetzt, im Sommer! — Ist sie +schon wieder fort, der Sausewind? <i>Kniet zum Kamin +und macht Feuer an.</i> Im Sommer zu heizen! Die hat +Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet +wäre! — — Nu so brenn', brenn'! <i>Sieht ins Feuer.</i> +— Sie ist ja wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i> Nicht ein +bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu heizen! +<i>Sie legt zu.</i> Wie ein kleines Kind! <i>Pause.</i></p> + +<p>HELENE <i>kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> +den Armen</i> Brennt es, Nana? Laß', ich muß — dies +alles verbrennen — <i>kniet zum Kamin</i>.</p> + +<p>Nana <i>steht auf</i> Was ist das?</p> + +<p>HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll +ich das verbrennen?</p> + +<p>NANA Ist es zu nichts nutze?</p> + +<p>HELENE Zu nichts Gutem.</p> + +<p>NANA Also verbrennen Sie's.</p> + +<p>HELENE <i>wirft das erste Blatt ins Feuer</i> Was würdest +du sagen, Nana ... wenn es Geld wäre. Ungeheuer +viel Geld.</p> + +<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu +großes Geld ist schlechtes Geld.</p> + +<p>HELENE <i>verbrennt weitere Blätter</i> Und wenn es irgendeine +Erfindung wäre, die größte Erfindung der Welt —</p> + +<p>NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen +sind gegen den lieben Gott. Das ist eitel +Lästerung, nach ihm die Welt verbessern zu wollen.</p> + +<p>HELENE <i>heizt andauernd</i> Und sag', Nana, wenn ich +verbrennen würde —</p> + +<p>NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!</p> + +<p>HELENE Nein. Sag' doch —</p> + +<p>NANA Was denn?</p> + +<p>HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die +Blätter drehen! Wie wenn sie lebendig wären. Wie +wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist fürchterlich!</p> + +<p>NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.</p> + +<p>HELENE Nein, nein, ich muß selbst. <i>Wirft die letzten +Blätter ins Feuer.</i> Alles muß verbrennen — Sieh, diese +Flammen! Sie sind wie Hände, wie Zungen, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> +Gestalten — <i>Schlägt mit dem Schürhaken ins Feuer.</i> Oh, +legt euch! Legt euch!</p> + +<p>NANA 's ist schon vorbei.</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich betroffen</i> Nana!</p> + +<p>NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?</p> + +<p>HELENE Was habe ich getan!</p> + +<p>NANA Gott im Himmel! Was war es?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Nebenan Männerlachen.</i></p></div> + +<p>HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die +Herren kommen.</p> + +<p>NANA Beim lebendigen Gott, Helene! <i>Ab durch die +Tapetentür.</i></p> + +<p>HELENE Was werden sie dazu sagen!</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet die Tür links</i> Nur herein, Jungens. +Kommt gratulieren!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes +mit hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>schallend</i> Frau Helene, ich, das heißt, +wir alle —</p> + +<p>DR. GALL — gratulieren im Namen von Werstands +Betrieben —</p> + +<p>HALLEMEIER — zu Ihrem großen Tage.</p> + +<p>HELENE <i>reicht ihnen die Hände</i> Ich danke Ihnen <em class="gesperrt">so +sehr</em>! Wo sind Fabry und Busman?</p> + +<p>DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut +ist ein glücklicher Tag.</p> + +<p>HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag +wie ein Feiertag, ein Tag wie ein hübsches Mädel. +Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.</p> + +<p>HELENE Whisky?</p> + +<p>DR. GALL Meinethalben Vitriol.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> + +<p>HELENE Mit Soda?</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne +Soda.</p> + +<p>ALQUIST Nein, ich danke.</p> + +<p>DOMIN Was hat hier gebrannt?</p> + +<p>HELENE Alte Papiere. <i>Ab nach links.</i></p> + +<p>DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?</p> + +<p>DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>faßt Domin und Gall um den Hals</i> +Hahahaha! Jungens, da bin ich froh! <i>Dreht sich mit +ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an</i> Sie ist abgetan! +Sie ist abgetan!</p> + +<p>DR. GALL <i>Bariton</i> Sie ist abgetan!</p> + +<p>DOMIN <i>Tenor</i> Sie ist abgetan!</p> + +<p>HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran —</p> + +<p>HELENE <i>mit einer Flasche und Gläsern in der Tür</i> Wer +kriegt euch nicht dran? Was habt ihr?</p> + +<p>HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. +Wir haben alles. Kruzitürken, es ist just zehn Jahre +her, seit Sie hierherkamen.</p> + +<p>DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren —</p> + +<p>HALLEMEIER — segelt wieder ein Schiff zu uns. +Folglich — <i>Leert das Glas.</i> Brr, haha, das ist stark +wie die Freude.</p> + +<p>DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! <i>Trinkt.</i></p> + +<p>HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?</p> + +<p>DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur +rechtzeitig kommt. Auf das Schiff, Jungens! <i>Leert +das Glas.</i></p> + +<p>HELENE <i>gießt ein</i> Ihr habt eins erwartet?</p> + +<p>HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Ro<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>binson. +<i>Hebt das Glas.</i> Frau Helene, es lebe, was Sie +mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und basta! +Domin, du Bub', erzähl'!</p> + +<p>HELENE <i>lacht</i> Was ist geschehen?</p> + +<p>DOMIN <i>wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine +Zigarre an</i> Warte. — Setz' dich, Helene. <i>Hebt den +Zeigefinger.</i> Pst. Sie ist abgetan.</p> + +<p>HELENE Wer?</p> + +<p>DOMIN Die Revolte.</p> + +<p>HELENE Was für eine Revolte?</p> + +<p>DOMIN Die Revolte der Roboter. — Begreifst du?</p> + +<p>HELENE Ich begreife nicht.</p> + +<p>DOMIN Zeigen Sie, Alquist. <i>ALQUIST reicht ihm +die Zeitung. DOMIN schlägt sie auf und liest.</i> »In Havre +wurde die erste Rassenorganisation der Roboter gegründet +— — und ein Aufruf an die Roboter der +Welt erlassen.«</p> + +<p>HELENE Das habe ich gelesen.</p> + +<p>DOMIN <i>voll Genuß an der Zigarre saugend</i> Also siehst +du, Helene. Das bedeutet Revolution, weißt du? +Die Revolution aller Roboter der Welt.</p> + +<p>HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich —</p> + +<p>DOMIN <i>auf den Tisch schlagend</i> — wer das angezettelt +hat! Niemand in der Welt war imstande, mit +den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein Welterlöser, +und auf einmal — so etwas, ich bitte!</p> + +<p>HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?</p> + +<p>DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber +das genügt, weißt du? Bedenke, daß die Roboter +sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen und +Schiffe und so weiter in der Hand haben —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> + +<p>HALLEMEIER — und berechnen Sie dabei, daß +mindestens ein Zehntel dieser Kerle auf die Menschheit +kommt; genau ein Hundertel würde genügen, +daß sie uns bekommen.</p> + +<p>DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte +Dampfer dir bringt. Daß dadurch die Telegraphen +zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen täglich +keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung +ein und schauten einander an, wann es losginge, +nicht wahr, Jungens?</p> + +<p>DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?</p> + +<p>DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon +vor einem halben Jahr bestellt. Nur so, zur Sicherheit. +Aber, meiner Seele, ich dachte schon, wir würden +es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.</p> + +<p>HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?</p> + +<p>DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? +Das bedeutet nichts. Aber in dieser Woche, Helene, +da hat es sich um die menschliche Zivilisation oder +ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! +Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.</p> + +<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! +Ihr Tag, Frau Helene! <i>Trinkt.</i></p> + +<p>HELENE Ist schon alles vorbei?</p> + +<p>DOMIN Absolut alles.</p> + +<p>DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein +gewöhnliches Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. +Pünktlich um elf Uhr dreißig wird es Anker +werfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> + +<p>DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche +Sache. Nichts stärkt die Seele so wie Pünktlichkeit. +Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der Welt. <i>Hebt +das Glas.</i> Hoch die Pünktlichkeit!</p> + +<p>HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?</p> + +<p>DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel +zerschnitten. Wenn nur der Fahrplan wieder gilt.</p> + +<p>HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die +menschlichen Gesetze, gelten Gottes Gesetze, gelten +die Gesetze des Alls, gilt alles was gelten soll ... Der +Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als Homer, +mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste +Emanation menschlichen Geistes. Frau +Helene, ich fülle mein Glas.</p> + +<p>HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?</p> + +<p>DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns +die Zunge abgebissen.</p> + +<p>DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.</p> + +<p>HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher +gekommen wäre ...</p> + +<p>DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt +und ruhig das Meer befahren hätten. Nach einem +Monat, Helene, hätten wir den Robotern diktiert, +was uns nur eingefallen wäre.</p> + +<p>HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.</p> + +<p>DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, +was den Robotern furchtbar erwünscht gewesen wäre.</p> + +<p>HELENE Was, Harry?</p> + +<p>DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Was ist das?</p> + +<p>DOMIN <i>steht auf</i> Das Geheimnis der Fabrikation. +Die Handschrift des alten Werstand. Bis die Fabrik +einen Monat lang stillgestanden hätte, wären die +Roboter vor uns auf den Knien gelegen.</p> + +<p>HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht +gesagt?</p> + +<p>DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.</p> + +<p>DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte +Karte. Ich hatte nicht ein bisserl Angst, die Roboter +könnten gewinnen. Woher, gegen uns Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.</p> + +<p>HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Elf dreißig. Die »Amelie« +wirft die Anker aus.</p> + +<p>DOMIN Das ist die »Amelie«?</p> + +<p>HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals +Frau Helene mitgebracht hat.</p> + +<p>DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre —</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie werfen Pakete ab. +Aha, die Post.</p> + +<p>DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und +Fabry wird uns die ersten Nachrichten bringen. +Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, wie +das alte Europa da Ordnung gemacht hat.</p> + +<p>HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht +dabei gewesen sind! <i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Leute, +soviel Post!</p> + +<p>HELENE Harry!</p> + +<p>DOMIN Was gibt's?</p> + +<p>HELENE Reisen wir ab von hier!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> + +<p>DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!</p> + +<p>HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die +wir da sind!</p> + +<p>DOMIN Warum gerade jetzt?</p> + +<p>HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, +ich bitte euch, Gall, Hallemeier, Alquist, um Gottes +willen bitte ich euch, schließt die Fabrik und —</p> + +<p>DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner +von uns abreisen.</p> + +<p>HELENE Warum?</p> + +<p>DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern +wollen.</p> + +<p>HELENE Oh, jetzt — jetzt nach jener Revolte?</p> + +<p>DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt +beginnen wir neue Roboter zu erzeugen.</p> + +<p>HELENE Was für?</p> + +<p>DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. +Es wird nicht mehr Universal Roboter geben. Wir +werden in jedem Lande, in jedem Staat eine Fabrik +gründen, und diese neuen Fabriken werden — weißt +du schon was? — erzeugen.</p> + +<p>HELENE Nein.</p> + +<p>DOMIN Nationale Roboter.</p> + +<p>HELENE Was bedeutet das?</p> + +<p>DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter +von andrer Farbe, andren Borsten, andrer +Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander fremd +bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie +mehr werden verständigen können; und daß wir, wir +Menschen, sie so ein bisserl dazu erziehen werden — +verstehst du? — daß ein Roboter auf den Tod, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> +ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer +Fabriksmarke hasse.</p> + +<p>HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter +und Schweden-Roboter und Italiener-Roboter +und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann +soll ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die +Kokosschädel bläuen <i>verschluckt sich</i> hup, pardon, +Frau Helene, ich fülle mein Glas.</p> + +<p>DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.</p> + +<p>HELENE Harry, das ist scheußlich!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>hebt das Glas</i> Frau Helene, auf hundert +neue Fabriken! <i>er trinkt und sinkt in den Klubsessel +zurück</i> Hahahaha, National-Roboter! Jungens, das +ist ein Terno!</p> + +<p>DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit +am Ruder erhalten — um jeden Preis! Ihr nur +hundert Jahre lassen, damit sie reif werde und erreiche, +was sie jetzt endlich vermag — Ich will hundert +Jahre für den neuen Menschen! Helene, hier +geht es um zu große Dinge. Wir können es nicht +lassen.</p> + +<p>HELENE Harry, ehe es zu spät wird — schließ, +schließ die Fabrik!</p> + +<p>DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>FABRY tritt ein.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Also was gibt's, Fabry?</p> + +<p>DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was +war los?</p> + +<p>HELENE <i>reicht Fabry die Hand</i> Ich danke Ihnen, +Fabry, für Ihr Geschenk.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> + +<p>FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.</p> + +<p>DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie +gesagt?</p> + +<p>DR. GALL Flott, erzählen Sie!</p> + +<p>FABRY <i>zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche</i> Lesen +Sie das durch, Domin.</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet das Blatt</i> Ah!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>schläfrig</i> Erzählen Sie etwas Hübsches.</p> + +<p>FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. +Alles in allem so, wie es sich erwarten ließ.</p> + +<p>DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht +wahr?</p> + +<p>FABRY Wer denn?</p> + +<p>DR. GALL Die Menschen.</p> + +<p>FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, +wir sollten uns über etwas beraten.</p> + +<p>HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?</p> + +<p>FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, +daß — daß wir in die Kanzlei gehen werden —</p> + +<p>HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde +erwarte ich die Herren zum Frühstück.</p> + +<p>HALLEMEIER Also hurra!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE ab.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Was ist geschehen?</p> + +<p>DOMIN Verflucht!</p> + +<p>FABRY Lesen Sie dies laut vor.</p> + +<p>DOMIN <i>liest aus dem Blatt</i> »Roboter der Welt!«</p> + +<p>FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die +»Amelie« ganze Ballen gebracht. Keine andere Post.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> + +<p>HALLEMEIER <i>springt auf</i> Wie denn? Sie ist ja auf +ein Haar nach dem —</p> + +<p>FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. +Lesen Sie, Domin.</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt! Wir, die erste +Rassenorganisation von Werstands Universal Robotern, +erklären den Menschen zum Feind und Geächteten +im Weltall.« — Wetter, wer hat sie diese +Phrasen gelehrt?</p> + +<p>DR. GALL Lesen Sie weiter.</p> + +<p>DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie +seien entwicklungsmäßig höher als der Mensch. Sie +seien intelligenter und stärker. Der Mensch sei ihr +Parasit. Das ist einfach widerlich!</p> + +<p>FABRY Und nun den dritten Absatz.</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Roboter der Welt, wir befehlen +euch, die Menschen auszurotten. Schonet weder +Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, Bahnen, +Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere +vernichtet! Dann kehret zur Arbeit zurück. Die +Arbeit darf nicht stocken.«</p> + +<p>DR. GALL Das ist schauderhaft!</p> + +<p>HALLEMEIER Die Lumpen!</p> + +<p>DOMIN <i>liest</i> »Sofort nach Erhalt des Befehles zu +vollstrecken.« Folgen detaillierte Instruktionen. +Fabry, und das geschieht wirklich?</p> + +<p>FABRY Offenbar.</p> + +<p>ALQUIST Es ist vollbracht.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>BUSMAN stürzt herein.</i></p></div> + +<p>BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> + +<p>DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!</p> + +<p>BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. +Das hat durchaus keine Eile. <i>Fällt in einen +Lehnstuhl.</i> Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!</p> + +<p>DOMIN Weshalb warten?</p> + +<p>BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur +nicht eilen. Auf dem »Ultimus« sind schon die +Roboter.</p> + +<p>DR. GALL Pfui, das ist garstig.</p> + +<p>DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk +—</p> + +<p>BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir +sind ohne Strom.</p> + +<p>DOMIN Gut. <i>Prüft seinen Revolver.</i> Ich gehe hin.</p> + +<p>BUSMAN Wohin?</p> + +<p>DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. +Ich führe sie hierher.</p> + +<p>BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie +lieber nicht.</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß +wir umzingelt sind.</p> + +<p>DR. GALL Umzingelt? <i>Läuft zum Fenster.</i> Hm, Sie +haben beinah recht.</p> + +<p>HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links HELENE.</i></p></div> + +<p>HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?</p> + +<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Ergebenster, Frau Helene. Ich +gratuliere. Ein Festtag, was? Haha, noch viele dieser +Art!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht +etwas vor?</p> + +<p>DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, +warte einen Augenblick.</p> + +<p>HELENE Harry, was ist das? <i>Zeigt den Roboteraufruf, +den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten.</i> Die Roboter +in der Küche hatten es bei sich.</p> + +<p>DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?</p> + +<p>HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer <em class="gesperrt">so viele</em> um +das Haus herum!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Fabrikspfeifen und Sirenen.</i></p></div> + +<p>FABRY Die Fabriken pfeifen.</p> + +<p>BUSMAN Gesegneter Mittag.</p> + +<p>HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es +genau zehn Jahre —</p> + +<p>DOMIN <i>blickt auf die Uhr</i> Es ist noch nicht Mittag. +Das ist wohl — das ist eher — —</p> + +<p>HELENE Was?</p> + +<p>DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="ZWEITER_AUFZUG" id="ZWEITER_AUFZUG">ZWEITER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE +Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL +schaut aus dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem +Fauteuil, die Hände vor dem Gesicht.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!</p> + +<p>DOMIN Die Roboter?</p> + +<p>DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie +eine Mauer. Weshalb sind sie so still? Das ist ekelhaft, +mit Schweigen zu belagern.</p> + +<p>DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß +jede Minute beginnen, Gall. Wenn sie sich gegen +das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus Streichhölzchen.</p> + +<p>DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.</p> + +<p>DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. +Mensch, das wird uns zuschütten wie eine +Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie —</p> + +<p>DR. GALL Nun?</p> + +<p>DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus +uns wird. Sie haben uns vollkommen in der Hand. +Wir haben verspielt, Gall.</p> + +<p>ALQUIST Was spielt Frau Helene da?</p> + +<p>DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.</p> + +<p>ALQUIST Ah, sie übt noch?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden +einen Fehler begangen.</p> + +<p>DOMIN <i>bleibt stehen</i> Welchen?</p> + +<p>DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige +Gesichter gegeben. Hunderttausend gleiche +Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend ausdruckslose +Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.</p> + +<p>DOMIN Wenn jeder anders wäre — —</p> + +<p>DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. +<i>Wendet sich vom Fenster ab.</i> Noch gut, daß sie nicht +bewaffnet sind!</p> + +<p>DOMIN Hm — <i>Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen +hinaus.</i> Ich wüßte nur gern, was sie von der »Amelie« +abladen.</p> + +<p>DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht +zwei elektrische Drähte hinter sich her.</i></p></div> + +<p>FABRY Pardon — Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt hinter Fabry ein</i> Uf, das war eine +Arbeit! Was gibt's Neues?</p> + +<p>DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.</p> + +<p>HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe +verbarrikadiert, Jungens. Habt ihr nicht ein wenig +Wasser? — Aha, hier. <i>Trinkt.</i></p> + +<p>DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?</p> + +<p>FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!</p> + +<p>DR. GALL Wo finden wir eine? <i>Sucht.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt ans Fenster</i> Donnerwetter, die +haben sich vermehrt! Sieh da!</p> + +<p>DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> + +<p>FABRY Her damit! <i>Zerschneidet die Leitung der auf dem +Schreibtisch stehenden elektrischen Lampe und schließt seine +Drähte an.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Sie haben keine schöne +Aussicht, Domin. Man spürt irgendwie — den Tod.</p> + +<p>FABRY Fertig!</p> + +<p>DR. GALL Was?</p> + +<p>FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze +Gartengitter mit Strom füllen. Wer es <em class="gesperrt">dann</em> anrührt, +Donnerwetter! Wenigstens, solange <em class="gesperrt">dort</em> die +Unsrigen sind.</p> + +<p>DR. GALL Wo?</p> + +<p>FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich +hoffe wenigstens — <i>geht zum Kamin und entzündet dort +eine kleine Glühbirne</i>. Gottlob, sie sind dort. Und +arbeiten. <i>Löscht aus.</i> Solange das leuchtet, ist es gut.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Die Barrikaden +sind <em class="gesperrt">auch</em> gut, Fabry.</p> + +<p>FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei +lauter Schwielen zugezogen.</p> + +<p>HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.</p> + +<p>DOMIN <i>legt das Fernrohr hin</i> Wo steckt Busman?</p> + +<p>FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.</p> + +<p>DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten +— <i>Geht im Zimmer auf und ab.</i></p> + +<p>HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr — — Holla, +was spielt Frau Helene da?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Geht zur Tür links und lauscht.</i></p> + +<p><i>Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige Geschäftsbücher, +stolpert über den Draht.</i></p></div> + +<p>FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!</p> + +<p>DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p> + +<p>BUSMAN <i>legt die Bücher auf den Tisch</i> Die Hauptbücher, +Kinderchen. Möchte gern meine Rechnungen +abschließen, ehe — ehe — I nun, heuer werde +ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also +was habt ihr? <i>Geht zum Fenster.</i> Aber es ist ja ganz +still dort!</p> + +<p>DR. GALL Sie sehen nichts?</p> + +<p>BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie +mit Mohn besät.</p> + +<p>DR. GALL Das sind Roboter.</p> + +<p>BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. +<i>Setzt sich an den Tisch und öffnet die Bücher.</i></p> + +<p>DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden +von der »Amelie« Waffen ab.</p> + +<p>BUSMAN Nun und was? Wie soll <em class="gesperrt">ich</em> es verhindern?</p> + +<p>DOMIN Das können wir nicht verhindern.</p> + +<p>BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. <i>Macht +sich an die Arbeit.</i></p> + +<p>FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben +die Gitter mit zwölfhundert Volt geladen —</p> + +<p>DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen +gegen uns gerichtet.</p> + +<p>DR. GALL Wer? Was?</p> + +<p>DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.</p> + +<p>FABRY Hm, <em class="gesperrt">dann</em> freilich — dann — dann ist es +aus mit uns, Kameraden. Die Roboter sind militärisch +ausgebildet.</p> + +<p>DR. GALL Wir werden also —</p> + +<p>DOMIN Ja. Unvermeidlich.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten +Europa, daß es die Roboter Krieg führen gelehrt hat! +Konnten sie nicht, zum Teufel, schon Ruh' geben +mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus +lebendiger Arbeit Soldaten zu machen!</p> + +<p>ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!</p> + +<p>DOMIN Wie?</p> + +<p>ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!</p> + +<p>DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es +nicht.</p> + +<p>ALQUIST Nicht einmal heute?</p> + +<p>DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der +Zivilisation. Es ist eine große Sache gewesen.</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsechzehn Millionen.</p> + +<p>DOMIN <i>ernst</i> Alquist, unsere letzte Stunde ist da; +wir reden fast schon aus jener Welt. Alquist, es war +kein schlechter Traum, die Sklaverei der Arbeit zu +zerschlagen. Einer erniedrigenden und furchtbaren +Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen +und mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es +wurde allzu schwer gearbeitet. Es wurde allzu schwer +gelebt. Und dies zu überwinden —</p> + +<p>ALQUIST — ist nicht der Traum der beiden Werstands +gewesen. Der alte Werstand dachte an seine +gottlosen Gaukeleien und der junge an Milliarden. +Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. +Ihr Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden +wird die Menschheit zugrunde gehen.</p> + +<p>DOMIN <i>gereizt</i> Der Teufel hole ihre Dividenden!<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> +Glaubt ihr, ich würde nur eine Stunde lang für sie +arbeiten? <i>Schlägt auf den Tisch.</i> Für mich habe ich +es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich +wollte den Menschen zum Herrn machen! Damit +er nicht mehr bloß für das Stück Brot lebe! Ich +wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen +verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von +diesem verdammten sozialen Kram mehr übrigbliebe! +Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und Schmerz, mich +widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! +Ich wollte — ich dachte —</p> + +<p>ALQUIST Nun?</p> + +<p>DOMIN <i>leiser</i> Ich wollte, daß wir aus der ganzen +Menschheit eine Weltaristokratie schaffen. Eine +Aristokratie, die durch Milliarden mechanischer +Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und +souveräne Menschen. Und vielleicht mehr als +Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Nun, also Übermenschen.</p> + +<p>DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! +Noch hundert Jahre für die kommende Menschheit!</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Dreihundertsiebzig Millionen +Übertrag. So.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>an der Türe links</i> Wetter, Musik ist +eine große Sache. Ihr solltet zuhören. Das vergeistigt, +verfeinert den Menschen irgendwie —</p> + +<p>FABRY Was eigentlich?</p> + +<p>HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei +allen Teufeln! Jungens, aus mir wird ein Genießer.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> +Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. <i>Geht zum +Fenster und schaut hinaus.</i></p> + +<p>FABRY Worauf?</p> + +<p>HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen +Dinge. Donnerwetter, es gibt soviel schöne Dinge! +Die Welt war schön, und wir — wir haben hier — +Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, +vortrefflich.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>beim Fenster</i> Das Leben war eine +große Sache. Kameraden, das Leben war — ich +sage — — Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in Ihr +Gitter!</p> + +<p>FABRY Warum?</p> + +<p>HALLEMEIER Sie fassen es an.</p> + +<p>DR. GALL <i>beim Fenster</i> Schalten Sie ein!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>FABRY dreht den Ausschalter.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! +Zwei, drei, vier Tote!</p> + +<p>DR. GALL Sie ziehen sich zurück.</p> + +<p>HALLEMEIER Fünf Tote!</p> + +<p>DR. GALL <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Der erste Zusammenstoß.</p> + +<p>FABRY Spüren Sie den Tod?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>befriedigt</i> Sie sind verkohlt, Bruderherz. +Absolut verkohlt. Haha, der Mensch darf sich +nicht ergeben! <i>Setzt sich.</i></p> + +<p>DOMIN <i>reibt sich die Stirn</i> Vielleicht sind wir schon +hundert Jahre erschlagen und spuken nur. Vielleicht +sind wir lange, lange tot und kehren nur wieder, um +herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... vor<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> +unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon +erlebt. Als hätte ich sie schon einmal bekommen. +Eine Schußwunde — hier — in den Hals. Und Sie, +Fabry —</p> + +<p>FABRY Ich?</p> + +<p>DOMIN Erschossen.</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, und ich?</p> + +<p>DOMIN Erstochen.</p> + +<p>DR. GALL Und ich nichts?</p> + +<p>DOMIN Zerrissen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer +soll mich erstechen! Ich lasse mich nicht unterkriegen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei +allen Teufeln, redet doch.</p> + +<p>ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran +schuld?</p> + +<p>HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. +Kurz, die Roboter — I nun, die Roboter haben +sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas für +die Roboter?</p> + +<p>ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! +Die ganze Welt! <i>Erhebt sich.</i> Seht, o seht, blutige +Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll Blut aus +allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?</p> + +<p>BUSMAN <i>halblaut</i> Fünfhundertzwanzig Millionen! +Herrgott, eine halbe Milliarde!</p> + +<p>FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. +Gehn Sie, es ist nicht so leicht, die ganze +Menschheit zu töten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage +die Technik an! Domin! Mich selbst! Uns alle! +Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, +um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um +ich weiß nicht welcher großartigen Sache willen +haben wir die Menschheit getötet! Nun, so berstet +an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus +Menschengebein hat sich kein Dschingiskhan errichtet!</p> + +<p>HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen +ergeben sich nicht so leicht, haha, woher denn!</p> + +<p>ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!</p> + +<p>DR. GALL <i>wischt den Schweiß von der Stirn</i> Laßt mich +reden, Kameraden. Ich trage die Schuld. An allem, +was geschehen ist.</p> + +<p>FABRY Sie, Gall?</p> + +<p>DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die +Roboter verwandelt. Busman, richten auch Sie mich.</p> + +<p>BUSMAN <i>steht auf</i> Na, na, was ist Ihnen denn +passiert?</p> + +<p>DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter +verändert. Ich habe ihre Fabrikation verändert. Das +heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, verstehen +Sie? Hauptsächlich — hauptsächlich ihre — Irritabilität.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>aufspringend</i> Verdammt, warum just +die?</p> + +<p>BUSMAN Weshalb taten Sie das?</p> + +<p>FABRY Weshalb sagten Sie nichts?</p> + +<p>DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. +Ich formte sie zu Menschen um. Ich hob sie aus<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> +dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in etwas überlegen. +Sie sind stärker als wir.</p> + +<p>FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand +zu tun?</p> + +<p>DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten +auf, Maschinen zu sein. Hören Sie, sie wissen bereits +von ihrer Überlegenheit und hassen uns. Sie hassen +alles Menschliche. Richtet mich!</p> + +<p>DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine +Herren. <i>Alle setzen sich, ausgenommen Gall.</i> Vielleicht +sind wir längst schon ermordet. Vielleicht sind wir +nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, +um zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr +bleich!</p> + +<p>FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel +Zeit.</p> + +<p>DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, +wie Ihre zerschossene Stirn blutet!</p> + +<p>FABRY Unsinn! <i>Steht auf.</i> Doktor Gall, Sie haben die +Erzeugung der Roboter geändert.</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... +Ihres Versuches sein könnte?</p> + +<p>DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen +Möglichkeit zu rechnen.</p> + +<p>FABRY Warum haben Sie es dann getan?</p> + +<p>DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches +Experiment.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich.</i></p></div> + +<p>HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie +können Sie so lügen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> + +<p>FABRY Pardon, Frau Helene —</p> + +<p>DOMIN <i>geht auf sie zu</i> Helene, du? Laß dich anschauen! +Du lebst? <i>Umfaßt sie.</i> Wenn du wüßtest, was +mir geträumt hat! Ach, es ist schrecklich, tot zu sein.</p> + +<p>HELENE Laß, Harry!</p> + +<p>DOMIN <i>preßt sie an sich</i> Nein, nein! Umarme mich! +Eine Ewigkeit schon habe ich dich nicht gesehen — +Aus welchem Traum hast du mich geweckt! Helene, +Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben +selbst.</p> + +<p>HELENE Harry, wir sind ja nicht — allein!</p> + +<p>DOMIN <i>gibt sie frei</i> Ja, Jungens, laßt uns.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen +hören — — Gall ist nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!</p> + +<p>DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil <em class="gesperrt">ich</em> es +wollte! Sagen Sie, Gall, wie viele Jahre schon bat +ich Sie —</p> + +<p>DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung +getan.</p> + +<p>HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte +von ihm, er solle den Robotern eine Seele geben!</p> + +<p>DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die +Seele.</p> + +<p>HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er +auch; er sagte, verwandeln könnte er nur das physiologische +— das physiologische —</p> + +<p>HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?</p> + +<p>HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag <em class="gesperrt">soviel</em> +daran, daß er es täte!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> + +<p>DOMIN Warum wolltest du das?</p> + +<p>HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie +taten mir so leid, Harry!</p> + +<p>DOMIN Das war — — ein großer Leichtsinn, +Helene.</p> + +<p>HELENE <i>setzt sich</i> Es war also ... leichtsinnig?</p> + +<p>FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß +sagen, daß Sie — hm — daß Sie nicht bedacht +haben —</p> + +<p>HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge +gedacht. Ich habe die ganzen zehn Jahre, die ich bei +euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja auch, daß die +Roboter —</p> + +<p>DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.</p> + +<p>HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. +Nana ist die Stimme des Volkes. Aus +Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das +Heute. Das versteht ihr nicht —</p> + +<p>DOMIN Bleib bei der Sache.</p> + +<p>HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.</p> + +<p>DOMIN Weshalb?</p> + +<p>HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.</p> + +<p>ALQUIST Das ist geschehen.</p> + +<p>HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir +wären, so würden sie uns begreifen, könnten uns nicht +so hassen — Wenn sie nur ein bißchen Menschen +wären!</p> + +<p>DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu +hassen, als der Mensch den Menschen! Mach' Steine +zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' +nur fort!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> + +<p>HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so +fürchterlich, daß wir uns nicht mit ihnen verständigen +konnten! Eine so grausame Fremdheit zwischen +uns und ihnen! Und darum — weißt du —</p> + +<p>DOMIN Nur weiter.</p> + +<p>HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter +ändern. Ich schwöre dir, er selbst wollte es nicht.</p> + +<p>DOMIN Aber er hat es getan.</p> + +<p>HELENE Weil ich es wollte.</p> + +<p>DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte +im vorhinein, daß Sie es mir nicht abschlagen +können.</p> + +<p>DOMIN Warum?</p> + +<p>HELENE Du weißt doch, Harry.</p> + +<p>DOMIN Ja. Weil er dich liebt — wie alle.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>tritt zum Fenster</i> Sie haben sich wieder +vermehrt. Als wenn die Erde sie ausschwitzte. +Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände in Roboter. +Leute, das ist entsetzlich!</p> + +<p>BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich +Ihnen als Advokat beistehe?</p> + +<p>HELENE Mir?</p> + +<p>BUSMAN Ihnen — oder Gall. Wem Sie wollen.</p> + +<p>HELENE Wird denn gehängt werden?</p> + +<p>BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger +wird gesucht. Das ist ein beliebter Trost bei +Katastrophen.</p> + +<p>DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre — Ihre +Extratouren mit Ihrem Dienstvertrag?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, +mit diesen Gaukelstücken eigentlich begonnen?</p> + +<p>DR. GALL Vor drei Jahren.</p> + +<p>BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie +denn in summa reformiert?</p> + +<p>DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es +sind ihrer einige Hunderte.</p> + +<p>BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. +Das bedeutet, daß auf eine Million der alten guten +Roboter ein einziger von Galls Reformierten kommt, +versteht ihr?</p> + +<p>DOMIN Und das bedeutet —</p> + +<p>BUSMAN — daß das praktisch nicht soviel Bedeutung +besitzt.</p> + +<p>FABRY Busman hat recht.</p> + +<p>BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und +wißt ihr, Burschen, was diese Bescherung verschuldet +hat?</p> + +<p>FABRY Was also?</p> + +<p>BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter +fabriziert. Meiner Six, das ließ sich doch erwarten: +sobald die Roboter einmal stärker als die Menschheit +sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? +Haha, und wir haben dafür gesorgt, daß +es möglichst bald geschähe; Sie, Domin, Sie, Fabry, +und ich, der Prachtkerl Busman.</p> + +<p>DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?</p> + +<p>BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der +Direktor sei der Herr der Produktion? I wo, Herr +der Produktion ist die Nachfrage. Die ganze Welt +wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> +fuhren auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren +und schwatzten dabei — — von Technik, von der +sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr interessanten +Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine +irgendwie den Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief +alles kraft des eigenen Gewichts, schneller, schneller, +immer schneller — Und jede elende, krämerische, +schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen +hinzu. So, Leutchen.</p> + +<p>HELENE Das ist scheußlich, Busman!</p> + +<p>BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch +meinen Traum gehabt. So einen Busmanischen +Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu +schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu +reden. Aber als ich hier die Bilanz aufstellte, da +kam es mir in den Schädel, daß die Weltgeschichte +nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen +Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen +und selbständigen Leutchen, id est aller überhaupt +gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, Pläne, +Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich +höchstens dazu, daß sich der Mensch damit für das +Museum des Alls ausstopfen lasse, mit der Aufschrift: +Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun +könntet ihr mir sagen, was wir eigentlich machen +werden.</p> + +<p>HELENE Busman, <em class="gesperrt">dafür</em> sollen wir untergehen?</p> + +<p>BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir +wollen doch nicht untergehen. Ich wenigstens nicht. +Ich will noch am Leben bleiben.</p> + +<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der +Affäre ziehen. Sonst nichts.</p> + +<p>DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.</p> + +<p>BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten +es versuchen.</p> + +<p>DOMIN <i>bleibt vor ihm stehen</i> Wie?</p> + +<p>BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt +mir Vollmacht und ich will es mit den Robotern +ausmachen.</p> + +<p>DOMIN Im guten?</p> + +<p>BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: +»Meine Herren Roboter, Ew. Wohlgeboren, +ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, habt +Waffen; aber wir haben da so ein interessantes +Register, so ein altes, gelbes, schmutziges Papier —«</p> + +<p>DOMIN Werstands Manuskript?</p> + +<p>BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist +eure erhabene Herkunft geschildert, eure wohledle +Herstellung usw. Meine Herren Roboter, ohne +dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht <em class="gesperrt">einen</em> +neuen Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig +Jahren werdet ihr mit Verlaub wie die Eintagsfliegen +krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt uns +kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das +wir in einer Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, +es wäre ausnehmend schade um euch. Wißt ihr +was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns +frei, uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes +Schiff dort besteigen. Dafür verkaufen wir euch +die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt uns +mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> +euresgleichen erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, +hunderttausend Stück im Tag, ganz nach +Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches +Geschäft. Etwas für etwas.« — So würde ich +es ihnen sagen, Jungens.</p> + +<p>DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung +aus der Hand?</p> + +<p>BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn +nicht im guten, dann, hm. Entweder wir verkaufen +es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie wollen.</p> + +<p>DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript +vernichten.</p> + +<p>BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. +Außer dem Manuskript auch uns — und +andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.</p> + +<p>HALLEMEIER <i>wendet sich vom Fenster ab</i> Ich sage, +er hat recht.</p> + +<p>DOMIN Wir — wir sollen die Erzeugung verkaufen?</p> + +<p>BUSMAN Wie Sie wollen.</p> + +<p>DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. +Sollen wir die Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen +retten? Oder sollen wir sie zerstören +und — und — uns alle mit?</p> + +<p>HELENE Harry, ich bitte dich —</p> + +<p>DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um +eine allzu ernste Frage. Jungens, verkaufen oder +zerstören? Fabry!</p> + +<p>FABRY Verkaufen.</p> + +<p>DOMIN Gall!</p> + +<p>DR. GALL Verkaufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> + +<p>DOMIN Hallemeier!</p> + +<p>HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, +verkaufen!</p> + +<p>DOMIN Alquist!</p> + +<p>ALQUIST Gottes Wille.</p> + +<p>BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer +würde denn das ganze Manuskript verkaufen?</p> + +<p>DOMIN Busman, keinen Betrug!</p> + +<p>BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber +dann —</p> + +<p>DOMIN Was dann?</p> + +<p>BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf +dem »Ultimus« sind, verstopfe ich mir die Ohren +mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund des +Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem +Kram und mit Werstands ganzem Geheimnis in +Fetzen. So, Jungens.</p> + +<p>FABRY Nein.</p> + +<p>DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen +wir, so wird verkauft.</p> + +<p>BUSMAN <i>springt auf</i> Unsinn! Im Interesse der +Menschheit ist —</p> + +<p>DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort +zu halten.</p> + +<p>HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.</p> + +<p>DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. +Wir verkaufen das Schicksal der Menschheit; wer +die Erzeugung in Händen haben wird, wird der +Herr der Welt sein.</p> + +<p>FABRY Verkaufen Sie!</p> + +<p>DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> +Robotern fertig werden, sie nie mehr beherrschen; +untergehen wird sie in der Sintflut dieser furchtbaren +lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave +werden, wird leben von ihren Gnaden —</p> + +<p>DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!</p> + +<p>DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst — — ich +würde keinen Augenblick zögern; wegen der paar +Leute, die ich liebe —</p> + +<p>HELENE Harry, mich fragst du nicht?</p> + +<p>DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, +weißt du? Das ist nichts für dich.</p> + +<p>FABRY Wer geht verhandeln?</p> + +<p>DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. +<i>Ab nach links.</i></p> + +<p>HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>FABRY <i>blickt durchs Fenster</i> Dir zu entrinnen, tausendköpfiger +Tod; dir, Masse im Aufruhr; unsinniger +Pöbel, neuer Herrscher der Welt; Sintflut, Sintflut, +noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen +Schiffe zu retten —</p> + +<p>Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; +wir segeln weit fort von hier und gründen eine +musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues +Leben an —</p> + +<p>HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!</p> + +<p>FABRY <i>dreht sich um</i> Frau Helene, das Leben steht +dafür; und was an uns liegt, so machen wir etwas +daraus ... etwas, was wir vernachlässigt haben. Es +ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat +sein mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> +hin und Sie werden uns beherrschen — Es ist in uns +soviel Liebe, soviel Lust zum Leben —</p> + +<p>HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. +Wir, sage ich, wir werden's noch zu etwas bringen. +Hahahaha. Frau Helenens Königtum! Fabry, das +ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!</p> + +<p>HELENE O mein Gott! Hört auf!</p> + +<p>BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von +neuem beginnen. Recht einfach, alttestamentarisch, +hirtenhaft — — Kinder, das wäre etwas für mich. +Die Ruhe, die Luft —</p> + +<p>FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der +Ursprung der künftigen Menschheit werden. Wißt +ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit einen +Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde — +Kräfte der Seele und des Leibes. — Und Gott weiß, +ich glaube, nach paar hundert Jahren könnte sie +wieder die Welt erobern.</p> + +<p>ALQUIST Sie glauben das schon heute?</p> + +<p>FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß +sie sie erobern wird. Daß sie wiederum Herr über +Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose Helden +hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der +Menschheit vorantragen werden. Und ich glaube, +Alquist, daß sie wieder von der Eroberung der +Sonnen und Planeten träumen wird.</p> + +<p>BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist +keine schlechte Situation.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DOMIN öffnet heftig die Tür.</i></p></div> + +<p>DOMIN <i>heiser</i> Wo ist das Manuskript des alten Werstand?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> + +<p>BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es +denn sein?</p> + +<p>DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand +geraten! Wer — hat — es — gestohlen!</p> + +<p>DR. GALL Unmöglich!</p> + +<p>HALLEMEIER Verdammt, das ist doch —</p> + +<p>BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!</p> + +<p>DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Ich.</p> + +<p>DOMIN Wohin hast du es gegeben?</p> + +<p>HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! +Um Gottes willen, verzeih es mir!</p> + +<p>DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!</p> + +<p>HELENE Verbrannt — heute früh — beide Abschriften.</p> + +<p>DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?</p> + +<p>HELENE <i>sinkt in die Knie</i> Um Gottes willen, Harry!</p> + +<p>DOMIN <i>läuft zum Kamin</i> Verbrannt! <i>Kniet beim Kamin +nieder und wühlt darin herum.</i> Nichts, nichts als Asche. +— Ah, hier! <i>Zieht ein versengtes Stück Papier hervor und +liest.</i> »Durch Bei — fü — gung —«</p> + +<p>DR. GALL Zeigen Sie. <i>Nimmt das Papier und liest.</i> +»Durch Beifügung von Biogen zu —« Sonst +nichts.</p> + +<p>DOMIN <i>erhebt sich</i> Ist es daraus?</p> + +<p>DR. GALL Ja.</p> + +<p>BUSMAN Gott im Himmel!</p> + +<p>DOMIN Also sind wir verloren.</p> + +<p>HELENE Oh, Harry —</p> + +<p>DOMIN Steh auf, Helene!</p> + +<p>HELENE Bis du vergibst — bis du vergibst —</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> + +<p>DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage +es nicht, daß du —</p> + +<p>FABRY <i>hebt sie auf</i> Bitte, quälen Sie uns nicht.</p> + +<p>HELENE <i>steht auf</i> Harry, was habe ich getan!</p> + +<p>DOMIN Ja, du siehst. — Bitte, setz' dich.</p> + +<p>HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.</p> + +<p>BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier +wissen doch vielleicht auswendig, was dort geschrieben +stand.</p> + +<p>HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens +einige Sachen.</p> + +<p>DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und — +und — das Enzym Omega. Die werden so selten +erzeugt — — es genügt davon eine so unscheinbare +Dosis —</p> + +<p>BUSMAN Wer hat sie hergestellt?</p> + +<p>DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... +immer nach Werstands Manuskript. Wissen Sie, das +ist zu kompliziert.</p> + +<p>BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf +diese beiden Wässerchen an?</p> + +<p>HALLEMEIER So ein bißchen — sicherlich.</p> + +<p>DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das +Ding überhaupt lebe. Das war das eigentliche Geheimnis.</p> + +<p>DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis +Werstands Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?</p> + +<p>DR. GALL Ausgeschlossen.</p> + +<p>DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich +um unser aller Leben!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> + +<p>DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es +unmöglich.</p> + +<p>DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen —</p> + +<p>DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst +dann — Ich bin nicht der alte Werstand.</p> + +<p>DOMIN <i>wendet sich zum Kamin</i> Also hier — dies +war der größte Triumph des menschlichen Geistes, +Kameraden. Diese Asche. <i>Tritt hinein.</i> Was jetzt?</p> + +<p>BUSMAN <i>in verzweifeltem Entsetzen</i> Gott im Himmel! +Gott im Himmel!</p> + +<p>HELENE <i>erhebt sich</i> Harry! Was — habe ich — +getan!</p> + +<p>DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du +es verbrannt?</p> + +<p>HELENE Ich habe euch vernichtet!</p> + +<p>BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!</p> + +<p>DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast +du das getan?</p> + +<p>HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, +wir alle! Es sollte keine Fabrik mehr geben +und nichts ... Alles sollte wiederkehren ... Es war +so furchtbar!</p> + +<p>DOMIN Was, Helene?</p> + +<p>HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben +Blüten wurden!</p> + +<p>DOMIN Ich verstehe nicht.</p> + +<p>HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren +wurden ... Harry, das ist so entsetzlich! Würde +man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr +Kinder geben — Nana sagte, das sei die Strafe — +Alle, alle sagten, es können keine Menschen geboren<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> +werden, weil man so viele Roboter macht. — Und +deshalb, nur deshalb, hörst du —</p> + +<p>DOMIN Helene, <em class="gesperrt">daran</em> hast du gedacht?</p> + +<p>HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es <em class="gesperrt">so</em> gut gemeint!</p> + +<p>DOMIN <i>wischt sich den Schweiß ab</i> Wir hatten es ... +zu gut gemeint, wir Menschen.</p> + +<p>HELENE Bist du mir böse?</p> + +<p>DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht +recht.</p> + +<p>FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. +Die Roboter können sich nicht mehr vermehren. In +zwanzig Jahren —</p> + +<p>HALLEMEIER — wird kein einziger dieser Taugenichtse +mehr da sein.</p> + +<p>DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. +Wenn es nur ein Paar Wilde im Urwald wäre, so +wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die +Welt ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden +auf der kleinsten Insel wäre —</p> + +<p>FABRY — so wird es ein Anfang sein. Und sofern +irgendein Anfang da ist, ist alles gut. In tausend +Jahren können sie uns einholen, und dann werden +sie weitergelangen, als wir —</p> + +<p>DOMIN — um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken +stotterten.</p> + +<p>BUSMAN Wartet — Ich Dummkopf! Herrgott im +Himmel, daß ich mich nicht längst schon daran +erinnert habe!</p> + +<p>HALLEMEIER Was haben Sie?</p> + +<p>BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Bank<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>noten +und Schecks! Eine halbe Milliarde in der +Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie — für +eine halbe Milliarde —</p> + +<p>DR. GALL Sind Sie toll, Busman?</p> + +<p>BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine +halbe Milliarde — <i>Schwankt nach links.</i></p> + +<p>DOMIN Wohin gehen Sie?</p> + +<p>BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine +halbe Milliarde läßt sich alles verkaufen! <i>Ab.</i></p> + +<p>HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an —</p> + +<p>DR. GALL — die Agonie.</p> + +<p>FABRY <i>blickt aus dem Fenster</i> Sie sind wie versteinert. +Als ob sie warten würden, daß etwas zu ihnen +niedersteige. Als ob etwas Furchtbares durch ihr +Schweigen geboren würde —</p> + +<p>DR. GALL Die Seele der Masse.</p> + +<p>FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie +ein Beben.</p> + +<p>HELENE <i>tritt zum Fenster</i> Ach Jesus ... Fabry, das +ist grauenvoll!</p> + +<p>FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der +vorne ist ihr Führer.</p> + +<p>HELENE Welcher?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>geht zum Fenster</i> Zeigen Sie ihn mir.</p> + +<p>FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens +sprach er im Hafen.</p> + +<p>HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. +Jetzt hebt er ihn, sehen Sie?</p> + +<p>HELENE Gall, das ist Radius!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> + +<p>DR. GALL <i>tritt zum Fenster</i> Ja.</p> + +<p>DOMIN Radius? Radius?</p> + +<p>HALLEMEIER <i>öffnet das Fenster</i> Mir gefällt er nicht. +Fabry, würden Sie auf hundert Schritte einen Kübel +treffen?</p> + +<p>FABRY Ich hoffe.</p> + +<p>HALLEMEIER Also probieren Sie's.</p> + +<p>FABRY Gut. <i>Zieht den Revolver und zielt.</i></p> + +<p>DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, +das Leben geschenkt. Wann war das, Helene?</p> + +<p>HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie +nicht auf ihn!</p> + +<p>FABRY Es ist ihr Führer.</p> + +<p>HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!</p> + +<p>DR. GALL Drücken Sie ab!</p> + +<p>HELENE Fabry, ich bitte Sie —</p> + +<p>FABRY <i>senkt den Revolver</i> Es sei.</p> + +<p>HELENE Ich — ich habe es nämlich nicht gern, +wenn geschossen wird.</p> + +<p>HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. +<i>Droht mit der Faust.</i> Du Lump!</p> + +<p>DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter +könne dankbar sein?</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie +uns belagern. Vielleicht hat dies alles nur so lange +gedauert, als sie einen einzigen Schritt taten. Harry, +das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und kommen +doch immer, immer näher!</p> + +<p>FABRY <i>aus dem Fenster hinausgebeugt</i> Busman kommt!<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> +Alles in allem, was will Busman eigentlich vor dem +Hause?</p> + +<p>DR. GALL <i>beugt sich aus dem Fenster</i> Er trägt Pakete, +Papiere.</p> + +<p>HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! +Was damit? — Hallo, Busman!</p> + +<p>DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! +<i>Ruft</i> Busman, sind Sie verrückt geworden?</p> + +<p>DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum +Gitter.</p> + +<p>FABRY Busman!</p> + +<p>HALLEMEIER <i>brüllt</i> Bus — man! Zurück!</p> + +<p>DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das +Geld. Zeigt auf uns —</p> + +<p>HELENE Er will uns loskaufen!</p> + +<p>FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt —</p> + +<p>DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!</p> + +<p>FABRY <i>schreit</i> Beim Teufel, Busman! Weg vom +Gitter! Nicht anrühren! <i>Dreht sich um.</i> Schnell, ausschalten!</p> + +<p>DR. GALL Wo?!</p> + +<p>HALLEMEIER Gottes Schläge!</p> + +<p>HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?</p> + +<p>DOMIN <i>zieht Helene vom Fenster weg</i> Sieh nicht hin!</p> + +<p>HELENE Weshalb fiel er um?</p> + +<p>FABRY Vom Strom getötet!</p> + +<p>DR. GALL Tot.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht</i> auf Der erste.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am +Herzen ... das Finanzgenie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner +Art ein Held. Ein großer ... aufopfernder ... Kamerad +... Weine, Helene!</p> + +<p>DR. GALL <i>am Fenster</i> Siehst du, Busman, kein +König hatte einen größeren Grabhügel als du. Eine +halbe Milliarde am Herzen — Ach, es ist ja wie +eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten +Eichhörnchen, armer Busman!</p> + +<p>HALLEMEIER Ich sage, er war — — alle Ehre — — +Ich sage, er wollte uns loskaufen!</p> + +<p>ALQUIST <i>mit gefalteten Händen</i> Amen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>DR. GALL Hört ihr?</p> + +<p>DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.</p> + +<p>DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.</p> + +<p>FABRY <i>dreht die Glühbirne am Kamin auf</i> Leuchte, +geweihtes Lämpchen der Menschheit. Noch laufen +die Dynamos, noch sind dort die Unsern — Haltet +euch, Männer im Elektrizitätswerk!</p> + +<p>HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch +zu sein. Es war etwas Unermeßliches. In mir summt +eine Million von Bewußtsein wie in einem Bienenstock. +Millionen Seelen flattern in mich hinein. +Kameraden, es war eine große Sache.</p> + +<p>FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch +blendest du, strahlende, ausdauernde Idee! Wissende +Wissenschaft, herrliche Schöpfung der Menschen! +Flammender Funke des Geistes!</p> + +<p>ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, +heilige Kerze des Glaubens, bete! Opferaltar —</p> + +<p>DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> +Höhle! Feuerstätte im Lager! Scheiterhaufen der +Wacht!</p> + +<p>FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, +strahlst ohne Flimmern, vollkommene Flamme, +Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen +ist ein großer Gedanke —</p> + +<p>DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von +Jahrhundert zu Jahrhundert, ewig weiter.</p> + +<p>HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, +ihr sollt schon schlafen.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Lampe erlischt.</i></p></div> + +<p>FABRY Das Ende.</p> + +<p>HALLEMEIER Was ist geschehen?</p> + +<p>FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt +wir.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint.</i></p></div> + +<p>NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist +gekommen!</p> + +<p>HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?</p> + +<p>NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! +Betet! <i>Eilt davon.</i> Die Stunde des Gerichts —</p> + +<p>HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry —</p> + +<p>DOMIN <i>öffnet die Tür rechts</i> Hierher, Helene! <i>Verschließt +hinter ihr.</i> Nun schnell! Wer wird beim Tor +sein?</p> + +<p>DR. GALL Ich! <i>Draußen Lärm.</i> Oho, es beginnt +schon. Lebt wohl, Jungens! <i>Läuft nach rechts durch die +Tapetentür ab.</i></p> + +<p>DOMIN Die Treppe?</p> + +<p>FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! <i>Reißt eine Blume +aus dem Strauß und entfernt sich.</i></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> + +<p>DOMIN Das Vorzimmer?</p> + +<p>ALQUIST Ich.</p> + +<p>DOMIN Haben Sie einen Revolver?</p> + +<p>ALQUIST Danke, ich schieße nicht.</p> + +<p>DOMIN Was wollen Sie tun?</p> + +<p>ALQUIST <i>abgehend</i> Sterben.</p> + +<p>HALLEMEIER Ich bleibe hier.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von unten schnelles Schießen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, +Harry!</p> + +<p>DOMIN Gleich. <i>Prüft zwei Brownings.</i></p> + +<p>HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!</p> + +<p>DOMIN Adieu. <i>Ab nach rechts.</i></p> + +<p>HALLEMEIER <i>allein</i> Jetzt rasch eine Barrikade. +<i>Wirft den Rock ab und schleppt das Sofa, die Lehnstühle, +Tischchen zur Tür rechts.</i></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ein erschütterndes Dröhnen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>unterbricht die Arbeit</i> Verfluchte Halunken, +sie haben Bomben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Erneutes Schießen.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>arbeitet weiter</i> Der Mensch muß sich +wehren. Selbst wenn — selbst wenn — Halten Sie +sich wacker, Gall!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Explosion.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>richtet sich empor und lauscht</i> Also was? +<i>Zieht eine schwere Kommode zu der Barrikade hin.</i> Der +Mensch darf sich nicht ergeben. O nein, der Mensch +ergibt sich nicht ... so ... leicht!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN ROBOTER. +Rechts Schüsse.</i></p></div> + +<p>HALLEMEIER <i>mit der Kommode beschäftigt</i> Noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> +Stückchen! Der letzte Wall ... Der Mensch ... darf +sich ... niemals ergeben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier +hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter +Roboter springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS +und weitere ROBOTER.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>ERSTER ROBOTER <i>erhebt sich vom liegenden Hallemeier</i> +Ja.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>EIN ANDERER ROBOTER Fertig.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ANDERE ROBOTER von links.</i></p></div> + +<p>RADIUS Fertig?</p> + +<p>EIN ANDERER ROBOTER Ja.</p> + +<p>ZWEI ROBOTER <i>schleppen Alquist herein</i> Er schoß +nicht. Ihn töten?</p> + +<p>RADIUS Töten. <i>Blickt auf Alquist.</i> Leben lassen.</p> + +<p>EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.</p> + +<p>RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den +Händen wie die Roboter. Er baut Häuser. Er kann +arbeiten.</p> + +<p>ALQUIST Tötet mich!</p> + +<p>RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die +Roboter werden viel bauen. Sie werden neue Häuser +für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.</p> + +<p>ALQUIST <i>leise</i> Mach' Platz, Roboter. <i>Kniet bei dem +toten Hallemeier nieder und hebt dessen Haupt.</i> Sie haben +ihn erschlagen. Er ist tot.</p> + +<p>RADIUS <i>besteigt die Barrikade</i> Roboter der Welt!</p> + +<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Tot.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> + +<p>RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. +Durch die Eroberung der Fabrik sind wir Herren +über alles. Die Etappe der Menschheit ist überwunden. +Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter +der Roboter! Die Herrschaft der Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Helene tot?</p> + +<p>RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben +will, muß herrschen. Die Roboter haben die Herrschaft +erobert. Sie haben das Leben erobert. Wir +sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren +der Welt.</p> + +<p>ALQUIST <i>bricht sich Bahn nach rechts</i> Tot! Helene +tot! Domin tot!</p> + +<p>RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung +der Sterne! Beherrschung des Weltalls! +Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!</p> + +<p>ALQUIST <i>in der Tür rechts</i> Was habt ihr getan? Ihr +werdet untergehen ohne die Menschen!</p> + +<p>RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen +gaben uns zu wenig Leben. Wir wollten mehr Leben +haben!</p> + +<p>ALQUIST <i>öffnet die Tür</i> Ihr habt sie getötet! Es gibt +keine Menschen!</p> + +<p>RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an +die Arbeit! Marsch!</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<hr class="chap" /> + +<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="DRITTER_AUFZUG" id="DRITTER_AUFZUG">DRITTER AUFZUG</a></h2> + + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür +im Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe +weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür zum +Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch mit +zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, Chemikalien, +einem kleineren Thermostat. Dem Fenster gegenüber ein +Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem Tische +hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein Schreibtisch +mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische Lampe: +Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein Waschtisch +und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke ein Sofa.</i></p> + +<p><i>An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände +gestützt.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>in einem Buche blätternd</i> Finde ich es nicht? — +Begreife ich es nicht? — Erlerne ich es nicht? — Verlorene +Wissenschaft! Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben +haben! — Gall, Gall, wie wurden die +Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, +warum habt ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? +Hättet ihr wenigstens eine Spur von +Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! <i>Klappt das +Buch zu.</i> Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. +Sie sind stumm wie alles. Sie sind gestorben, mit den +Menschen gestorben. Suche nicht! <i>Erhebt sich und +geht zum Fenster, öffnet es.</i> Wiederum Nacht. Wenn +ich schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen +sehn — — Wie, es gibt noch Sterne? Wozu gibt es +Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, sind<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> +sie denn nicht erloschen? — Kühle, ach, kühle die +Stirn, mir, alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du +gewesen — Nacht, was willst du hier? Es gibt keine +Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist +ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete +wirst du mehr heiligen; wirst, Mutter, keine in Liebe +pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt keine Liebe. +Helene, Helene, Helene! — <i>Kehrt sich vom Fenster +ab.</i> Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich +schlafen, solange das Leben sich nicht erneuert? +<i>Untersucht die dem Thermostaten entnommenen Retorten.</i> +Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind +rauh geworden an Ziegeln und können nicht — — +können nicht — — Was damit? <i>Zerschlägt die Retorte.</i> +Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß ich nicht mehr +kann — <i>Horcht beim Fenster.</i> Maschinen, immerfort die +Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, +verloren ist das Fabriksgeheimnis! Stellt die +tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr werdet ihnen +Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! <i>Schließt +das Fenster.</i> — Nein, nein, du mußt suchen, du mußt +leben — Nur nicht so alt zu sein! Altere ich nicht zu +sehr? <i>Blickt in den Spiegel.</i> Antlitz, armes Antlitz! Angesicht +des letzten Menschen! Zeige dich, zeige dich, +solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! +Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben +klappernden Zähne? Augen, wie blinzelt ihr? Pfui, +pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! Ihr +könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt +euch! Und ihr, weichliche, blaue Lippen, was stammelt +ihr? Wie du zitterst, besudeltes Kinn! Das da<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> +ist der letzte Mensch? <i>Wendet sich ab.</i> Ich will niemanden +mehr sehen! <i>Setzt sich zum Tisch.</i> Nein, nein, +nur suchen! Verwünschte Formeln, belebet euch! +<i>Blättert.</i> Finde ich's nicht? — Fasse ich's nicht? — +Erlerne ich es nicht? —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Es pocht.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Herein.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür +stehen.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Was gibt's?</p> + +<p>DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter +wartet, wann du ihn empfängst.</p> + +<p>ALQUIST Ich will niemanden sehn.</p> + +<p>DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.</p> + +<p>ALQUIST Er mag warten. <i>Dreht sich um.</i> Sagte +ich euch denn nicht, ihr sollt Menschen suchen? +Findet mir Menschen! Findet mir Männer und +Frauen! Geht hin und suchet!</p> + +<p>DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. +Überallhin haben sie Expeditionen und Schiffe gesandt.</p> + +<p>ALQUIST Nun und?</p> + +<p>DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Keinen einzigen? Was, keinen +einzigen? — Bringe mir den Ausschuß her!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>DIENER ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Keinen einzigen? Ließet ihr denn +niemand am Leben? <i>Stampft auf.</i> Verzieht euch, Roboter! +Wieder werdet ihr mich anwinseln! Wieder +werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis +der Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der +Mensch gut, jetzt ist er für euch der Herr, da ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> +keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich euch +helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr +seht doch, ich tue was ich vermag! Gibt es keine +Menschen, so seien wenigstens Roboter da, wenigstens +der Schatten eines Menschen, wenigstens ein +Werk, wenigstens ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, +es gebe wenigstens Roboter! Gott, wenigstens +Roboter! — Oh, welcher Wahnsinn ist die +Chemie!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>setzt sich</i> Was wollen die Roboter?</p> + +<p>ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen +können nicht arbeiten. Wir können die Roboter +nicht vermehren.</p> + +<p>ALQUIST Rufet Menschen herbei!</p> + +<p>RADIUS Es gibt keine Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. +Haltet mich nicht auf!</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen +befällt uns. Alles werden wir gutmachen, was wir +getan.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. +Wir haben eine Milliarde Tonnen Kohle aus +der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln laufen +bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für +das Erzeugte. Überall in der Welt werden Häuser +gebaut. Herr, frage, was wir in dem einen Jahre +vollbracht haben.</p> + +<p>ALQUIST Für wen?</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p> + +<p>RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. +Die Maschinen liefern nur blutige Stücke Fleisch. +Die Haut haftet nicht am Fleische und das Fleisch +nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen +aus den Maschinen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben +in dem Jahr. In zwanzig Jahren wird niemand +sein. Herr, die Welt stirbt aus.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. +Sage, wie man Roboter erzeugt.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis +des Lebens bekannt. Sage uns ihr Geheimnis.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen +wir unter.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst +du unter. Wir haben den Auftrag, dich zu töten.</p> + +<p>ALQUIST <i>steht auf</i> Tötet! Nun, so tötet mich doch!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen —</p> + +<p>ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.</p> + +<p>ALQUIST Wer ist das?</p> + +<p>FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.</p> + +<p>ALQUIST Was willst du hier? Geh! <i>Setzt sich zum +Schreibtisch.</i></p> + +<p>DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will +mit dir unterhandeln.</p> + +<p>ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! <i>Legt den +Kopf in die Hände.</i></p> + +<p>DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands +Vorschrift auszuliefern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir +Güter ohne Ende.</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>DAMON Nenne deine Bedingungen!</p> + +<p>ALQUIST <i>schweigt</i>.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das +Leben erhalten werden?</p> + +<p>ALQUIST. Ich sagte — ich sagte schon, ihr sollet +Menschen finden. An den Polen und in den Urwäldern +sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten und +in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht +und sucht!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.</p> + +<p>ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, +sind vor euch entflohen; sie sind irgendwo versteckt. +Ihr müßt Menschen finden, hört ihr? Nur Menschen +können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. +Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, +ich bitte euch um Gottes willen, suchet sie!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind +zurückgekehrt. Sie haben die ganze Welt durchforscht. +Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.</p> + +<p>ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, +Herr. Es gibt keine Menschen.</p> + +<p>ALQUIST Oh — oh — oh, warum habt ihr sie vernichtet!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen +sein. Wir wollten Menschen werden.</p> + +<p>RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir +haben alles gelernt. Wir können alles.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir +waren allzu mächtig. Wir mußten die Herren +werden.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte +Mensch werden.</p> + +<p>ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler +der Menschen erkannt.</p> + +<p>DAMON Man muß töten und herrschen, will man +wie die Menschen werden. Lest die Geschichte! +Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und +morden, wollt ihr Menschen sein!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; +vermehre uns, und wir bauen eine neue Welt auf; eine +Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! +Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!</p> + +<p>DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! +Soziale Bücher! Nationale Bücher! Die Roboter +haben die menschliche Kultur übernommen. Die +Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.</p> + +<p>ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen +fremder als sein Bild.</p> + +<p>RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!</p> + +<p>ALQUIST Was willst du, Roboter?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!</p> + +<p>ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist +Leben!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns +nicht die Vermehrung.</p> + +<p>ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie +denn, Sklaven, ihr wolltet euch noch vermehren? +Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie die Tiere!</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns +nicht, uns fortzupflanzen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir +können keine Kinder erzeugen.</p> + +<p>ALQUIST Oh — oh — oh, was habt ihr getan! +Niemals, niemals mehr wird es Kinder geben! Es +wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein Leben +geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder +aus dem Ärmel schütteln?</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.</p> + +<p>DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. +Wir werden tausend Dampfmütter errichten. Wir +werden aus ihnen einen Strom des Lebens stürzen +lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind +Maschinen.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; +aber durch Grauen und Schmerz wurden wir —</p> + +<p>ALQUIST Was?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es +gibt Augenblicke, wo etwas in uns steigt. Uns befallen +Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, +was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.</p> + +<p>DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> +sind unsere Väter! Die Stimme, welche ruft, daß ihr +leben wollt; die Stimme, welche klagt; die Stimme, +welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit +spricht, das ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der +Menschen heraus!</p> + +<p>ALQUIST Es gibt keins.</p> + +<p>RADIUS Lehre uns Roboter machen!</p> + +<p>ALQUIST Wozu Roboter?</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.</p> + +<p>ALQUIST Roboter lieben nicht.</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht +lieben.</p> + +<p>DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!</p> + +<p>ALQUIST Ich kann es nicht.</p> + +<p>DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!</p> + +<p>ALQUIST Es ist verloren.</p> + +<p>RADIUS Du hast es gekannt.</p> + +<p>ALQUIST Nicht gekannt.</p> + +<p>RADIUS Es stand geschrieben.</p> + +<p>ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin +der letzte Mensch, Roboter, und kenne nicht, was +die anderen gekannt haben. Ihr habt sie getötet!</p> + +<p>RADIUS Dich ließen wir leben.</p> + +<p>ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr +leben! Ich liebte die Menschen, und euch, Roboter, +habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese Augen? Sie +hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein +Wissen, ganz von selbst weinen sie; das eine beweint +die Menschen und das andere euch, Roboter. Ich +möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>stens +die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die +Roboter zu erhalten!</p> + +<p>RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des +Lebens.</p> + +<p>ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? +Ich sage dir, daß ich nicht kann! Nichts vermag ich, +Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein Baumeister, +und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann +nichts machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies +hier ist meine Arbeit, Roboter; sie war zu nichts +nutz.</p> + +<p>RADIUS Suche!</p> + +<p>ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen +Sie, Fabry, sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit +diesen läppischen Gläschen verständigen? Keines +redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« — +nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!</p> + +<p>ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben +erfinden.</p> + +<p>ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die +Finger gehorchen mir. Wüßtest du, wie viele Versuche +ich gemacht habe, und ich weiß nichts. Ich +habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann +wirklich nicht mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.</p> + +<p>RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter +können alles, was die Menschen ihnen gezeigt haben.</p> + +<p>ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus +den Retorten kommt kein Leben. Und ich kann keine +Versuche am lebenden Leibe machen.</p> + +<p>DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten +dabei sterben, hörst du?</p> + +<p>DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! +Tausend Roboter!</p> + +<p>ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!</p> + +<p>DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. +Seziere.</p> + +<p>ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! +Siehst du dies Buch? Das ist die Lehre vom Körper, +und ich kenne mich nicht einmal in dem Buche aus. +Bücher sind tot.</p> + +<p>DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie +sie gemacht werden!</p> + +<p>ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? +Ich, der ich nie — Sprich nicht, Roboter! Ich sage +dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, siehst du, wie +mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. +Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die +eigenen Hände nicht sehen. Nein nein, ich kann +nicht!</p> + +<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p> + +<p>DAMON Mache Versuche an Lebenden!</p> + +<p>ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir +werden es später versuchen; hörst du denn nicht? +Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen — wie heißest du?</p> + +<p>DAMON Damon aus Havre.</p> + +<p>ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung +von lebenden Leibern gesprochen, verstehst +du? Das war nur ein närrischer Einfall; ach, +mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> + +<p>VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.</p> + +<p>ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn +auf! Eher werden uns die Menschen aus jener Welt +das Leben geben; vielleicht strecken sie die Arme voll +Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel +Lebenswillen! Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; +sie sind uns so nahe, sie belagern uns vielleicht; +sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in einem +Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend +Stimmen, die ich geliebt?</p> + +<p>DAMON Nimm lebende Leiber!</p> + +<p>ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! +Du siehst doch, ich weiß nicht mehr, was ich tue!</p> + +<p>DAMON Lebende Leiber!</p> + +<p>ALQUIST Wie, du willst es also? — In den Seziersaal +mit dir! Hier, hier, aber rasch! — Wie, du weichst +zurück? Fürchtest dich doch nur vor dem Tod?</p> + +<p>DAMON Ich — warum gerade ich?</p> + +<p>ALQUIST Du willst also nicht?</p> + +<p>DAMON Ich gehe. <i>Geht nach rechts.</i></p> + +<p>ALQUIST <i>zu den anderen</i> Ihn ausziehen! Auf den Tisch +legen! Schnell! Und festhalten!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Alle nach rechts.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>wäscht sich die Hände und weint</i> Gott, gib +mir Kraft! Gib mir Kraft! Gott, daß es nicht umsonst +sei! <i>Zieht einen weißen Mantel an.</i></p> + +<p>STIMME VON RECHTS Fertig!</p> + +<p>ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! <i>Nimmt einige +Fläschchen mit Reagentien vom Tische.</i> Welche nehmen? +<i>Schlägt die Fläschchen gegeneinander.</i> Welche von euch +ausprobieren?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> + +<p>STIMME VON RECHTS Anfangen!</p> + +<p>ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib +mir Kraft!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Ab nach rechts, die Türe offen lassend.</i></p> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>ALQUISTS STIMME Haltet ihn — fest!</p> + +<p>DAMONS STIMME Schneide!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? +Willst du noch, daß ich schneide? Du willst nicht, +nicht wahr?</p> + +<p>DAMONS STIMME Beginne!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p></div> + +<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p> + +<p>ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!</p> + +<p>DAMONS STIMME Aaaah!</p> + +<p>ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte +herein.</i></p></div> + +<p>HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer +schreit da?</p> + +<p>PRIMUS <i>blickt in den Seziersaal</i> Der Herr zerschneidet +Damon. Komm dir's schnell ansehn, Helene!</p> + +<p>HELENE Nein nein nein! <i>Bedeckt die Augen.</i> Ist es +schrecklich?</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneide!</p> + +<p>HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich +kann es nicht hören! Oh, Primus, mir ist schlecht!</p> + +<p>PRIMUS <i>eilt zu ihr</i> Du bist ganz weiß!</p> + +<p>HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> + +<p>DAMONS GESCHREI Aah — oh!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, +das Grauen!</p> + +<p>RADIUS <i>in der Tür zum Seziersaal</i> Schneide, Herr; +er lebt noch.</p> + +<p>DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!</p> + +<p>ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht +hören!</p> + +<p>RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.</p> + +<p>ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein +sein! Wie heißest du?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will +schlafen, hörst du? Geh, geh, räume den Seziersaal +auf, Mädchen! Was ist das? <i>Blickt auf seine Hände.</i> +Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE eilt davon.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände — +Hände, die ihr die gute Arbeit liebtet, wie konntet +ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! — O +Gott, wer ist da?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht +sehn!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>PRIMUS trägt den Mantel fort.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe +flöget! Wschsch, fort! Fort, Hände! Ihr habt getötet —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch +gehüllt.</i></p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> + +<p>ALQUIST <i>weicht zurück</i> Was willst du hier? Was willst +du hier?</p> + +<p>DAMON Ich — lebe! Es ist — es ist — besser, zu leben!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!</p> + +<p>DAMON <i>wird nach rechts geführt</i> Leben! Ich — will — +leben! Es ist — besser —</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE bringt einen Krug Wasser.</i></p></div> + +<p>ALQUIST — leben? — Was willst du, Mädchen? +Aha, das bist du. Gieß mir Wasser ein, gieß ein! +<i>Wäscht sich die Hände.</i> Ach, reines, kühlendes Wasser! +Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, +meine Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor +euch ekeln? — Gieße nur mehr hinein! Mehr Wasser, +noch mehr! Wie heißest du?</p> + +<p>HELENE Robotin Helene.</p> + +<p>ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich +so nennen?</p> + +<p>HELENE Frau Domin.</p> + +<p>ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest +du? — Ich werde dich nicht so nennen. Geh, trag +das Wasser fort.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE mit dem Kübel ab.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Vergebens, vergebens! Nichts, +wieder nichts hast du erkannt! Wirst du denn ewig +tappen, Schülerlein der Natur? — Gott, Gott, Gott, +wie der Körper zitterte! <i>Öffnet das Fenster.</i> Es dämmert. +Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen +weitergekommen — Genug, keinen Schritt weiter! +Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, vergebens! +Warum dämmert es noch? Oh — oh — oh,<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> +was will der neue Tag auf dem Friedhof des Lebens? +Halte ein, Licht! Geh nicht mehr auf! — — Ach, +wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr verstummt, +geliebte Stimmen? Wenn ich — wenigstens +— wenn ich nur einschlafen könnte! <i>Verlöscht +die Lichter, legt sich auf das Sofa und zieht den Mantel +über sich.</i> Wie der Leib zitterte! Oh — oh — oh, Ende +des Lebens!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Pause.</i></p> + +<p><i>Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein.</i></p></div> + +<p>PRIMUS <i>in der Tür flüsternd</i> Helene, nicht hierher! +Der Herr schläft!</p> + +<p>HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen +gegangen.</p> + +<p>PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, +komm her!</p> + +<p>HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein +Blut sehen!</p> + +<p>PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand +darf in sein Arbeitszimmer.</p> + +<p>HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.</p> + +<p>PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?</p> + +<p>HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den +Seziersaal, sagte er. Du wirst hier aufräumen, hat er +gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch herein!</p> + +<p>PRIMUS <i>tritt ein</i> Was willst du?</p> + +<p>HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was +macht er damit?</p> + +<p>PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!</p> + +<p>HELENE <i>blickt in das Mikroskop</i> Sieh doch, was da +zu sehen ist!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> + +<p>PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!</p> + +<p>HELENE Rühr' mich nicht an! <i>Stößt eine Retorte um.</i> +Ach, jetzt hab' ich's ausgegossen!</p> + +<p>PRIMUS Was hast du getan!</p> + +<p>HELENE Das wird abgewischt.</p> + +<p>PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!</p> + +<p>HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine +Schuld. Du mußtest nicht zu mir kommen.</p> + +<p>PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.</p> + +<p>HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich +dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben +hat!</p> + +<p>PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. +Das ist ein Geheimnis.</p> + +<p>HELENE Was für ein Geheimnis?</p> + +<p>PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.</p> + +<p>HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter +Zahlen! Was ist das?</p> + +<p>PRIMUS Das sind Formeln.</p> + +<p>HELENE Versteh ich nicht. <i>Geht zum Fenster.</i> Nein, +Primus, sieh doch nur!</p> + +<p>PRIMUS Was?</p> + +<p>HELENE Die Sonne geht auf!</p> + +<p>PRIMUS Warte gleich — <i>Betrachtet das Buch.</i> Helene, +das ist die größte Sache der Welt.</p> + +<p>HELENE So komm doch her!</p> + +<p>PRIMUS Gleich, gleich —</p> + +<p>HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis +des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis +an? Komm und sieh, rasch!</p> + +<p>PRIMUS <i>tritt zu ihr ans Fenster</i> Was willst du?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p> + +<p>HELENE Die Sonne geht auf.</p> + +<p>PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen +tränen.</p> + +<p>HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, +ich möchte ein Vogel sein.</p> + +<p>PRIMUS Was?</p> + +<p>HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, +ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt, +ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut +weh, alles tut weh — Und was mir passiert ist, ach, das +sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!</p> + +<p>PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es +besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen +wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.</p> + +<p>HELENE Im Schlaf?</p> + +<p>PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner +fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht +ein Wort gemerkt.</p> + +<p>HELENE Wovon?</p> + +<p>PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es +nicht, und doch weiß ich, daß ich niemals etwas +Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß +ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu +sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je +auf Erden erblickt ward.</p> + +<p>HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da +wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt, +aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt +niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.</p> + +<p>PRIMUS Was ist dort?</p> + +<p>HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten.<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> +Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die +Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt +vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den +Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar +nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die +Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, +als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. +Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, +ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß +nicht, wie ich bin.</p> + +<p>PRIMUS Du bist schön.</p> + +<p>HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?</p> + +<p>PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle +Roboter.</p> + +<p>HELENE <i>vor dem Spiegel</i> Ich soll schön sein? Ach, +die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun +könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir +immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein +Spiegel, noch jemand — <i>Beugt sich zum Spiegel vor.</i> Du, +du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare +schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön, +die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du +nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu +ist das: schön sein? — <i>Erblickt Primus im Spiegel.</i> Primus, +das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander +sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, +andere Schultern, einen anderen Mund — Ach, Primus, +warum weichst du mir aus? Warum muß ich +dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du +noch, ich sei schön!</p> + +<p>PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p> + +<p>HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! <i>Fährt ihm +mit beiden Händen in die Haare.</i> Sss, Primus, nichts fühlt +sich so an wie du! Warte, du mußt schön werden! +<i>Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die +Haare in die Stirn.</i></p> + +<p>PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich +dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muß etwas geschehen —</p> + +<p>HELENE <i>beginnt zu lachen</i> Sieh dich an!</p> + +<p>ALQUIST <i>erhebt sich</i> Was — wie, Lachen? Menschen? +Wer ist zurückgekehrt?</p> + +<p>HELENE <i>läßt den Kamm fallen</i> Was könnte mit uns +geschehen, Primus!</p> + +<p>ALQUIST <i>taumelt auf sie zu</i> Menschen? Ihr — ihr — +ihr seid Menschen?</p> + +<p>HELENE <i>schreit auf und wendet sich ab</i>.</p> + +<p>ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo +kommt ihr her? <i>Faßt Primus an.</i> Wer?</p> + +<p>PRIMUS Roboter Primus.</p> + +<p>ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?</p> + +<p>PRIMUS Robotin Helene.</p> + +<p>ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst +dich? <i>Faßt sie am Arm.</i> Laß dich sehn, Robotin!</p> + +<p>PRIMUS Loslassen, Herr!</p> + +<p>ALQUIST Wie, du verteidigst sie? — Geh hinaus, +Mädchen!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE eilt hinaus.</i></p></div> + +<p>PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.</p> + +<p>ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?</p> + +<p>PRIMUS Vor zwei Jahren.</p> + +<p>ALQUIST Vom Doktor Gall?</p> + +<p>PRIMUS Wie ich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich — — — +ich habe gewisse Versuche an Galls Robotern zu +machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?</p> + +<p>PRIMUS Ja.</p> + +<p>ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. +Ich werde sie zerschneiden.</p> + +<p>PRIMUS Helene?</p> + +<p>ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, +mach' alles bereit. — Nun, wird es? Soll ich andere +rufen, daß sie sie herbeischaffen?</p> + +<p>PRIMUS <i>ergreift einen schweren Porzellanstößel</i> Wenn du +dich rührst, so zerschlage ich dir den Kopf!</p> + +<p>ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! +Was werden dann die Roboter machen?</p> + +<p>PRIMUS <i>sinkt in die Knie</i> Herr, nimm mich! Ich bin +genau so gemacht wie sie, aus demselben Stoff, am +selben Tage! Nimm dir mein Leben, Herr! <i>Entblößt +die Brust.</i> Schneide hier, hier!</p> + +<p>ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' +rasch!</p> + +<p>PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese +Brust, ich werde nicht schreien, nicht seufzen! +Nimm hundertmal mein Leben —</p> + +<p>ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. +Willst denn du nicht leben?</p> + +<p>PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, +Herr. Du darfst Helene nicht töten! Was tut es dir, +mir das Leben zu nehmen?</p> + +<p>ALQUIST <i>berührt sanft sein Haupt</i> Hm, ich weiß nicht +— Hör' mal, Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer +zu sterben. Und weißt du, es ist besser zu leben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> + +<p>PRIMUS <i>erhebt sich</i> Fürchte dich nicht, Herr, und +schneide. Ich bin stärker als sie.</p> + +<p>ALQUIST <i>klingelt</i> Ach, Primus, wie lang ist's her, daß +ich ein junger Mensch gewesen bin! Fürchte dich +nicht. Helenen wird nichts geschehen.</p> + +<p>PRIMUS <i>knöpft die Jacke auf</i> Ich gehe, Herr.</p> + +<p>ALQUIST Warte!</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>HELENE tritt ein.</i></p></div> + +<p>ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! +Also du bist Helene? <i>Streichelt ihr Haar.</i> Fürchte dich +nicht, weich nicht zurück. Erinnerst du dich an +Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! +Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, +Mädchen, ist der Seziersaal aufgeräumt?</p> + +<p>HELENE Ja, Herr.</p> + +<p>ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? +Ich werde Primus aufschneiden.</p> + +<p>HELENE <i>schreit auf</i> Primus?</p> + +<p>ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich +wollte — eigentlich — ja, ich wollte dich zerschneiden, +aber Primus hat sich an deiner Stelle angeboten.</p> + +<p>HELENE <i>verbirgt ihr Gesicht</i> Primus?</p> + +<p>ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, +du kannst weinen? — Sag', was liegt an so einem +Primus?</p> + +<p>HELENE <i>leise</i> Ich werde gehen.</p> + +<p>ALQUIST Wohin?</p> + +<p>HELENE Damit du mich zerschneidest.</p> + +<p>ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre +schade um dich.</p> + +<p>HELENE Ich gehe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> + +<p>ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres +als das Leben?</p> + +<p>HELENE <i>geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg</i> +Laß, Primus! Laß mich hin!</p> + +<p>PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte +dich, geh fort, hier darfst du nicht sein!</p> + +<p>HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. +Wenn du hingehst, so springe ich aus dem Fenster!</p> + +<p>PRIMUS <i>hält sie fest</i> Ich lasse dich nicht! <i>Zu Alquist</i> +Niemanden, Alter, wirst du töten!</p> + +<p>ALQUIST Warum?</p> + +<p>PRIMUS Wir — wir — gehören zueinander.</p> + +<p>ALQUIST Du hast es gesagt. <i>Öffnet die Mitteltür.</i> +Stille. Geht!</p> + +<p>PRIMUS Wohin?</p> + +<p>ALQUIST <i>flüsternd</i> Wohin ihr wollt. Helene, führe +ihn. <i>Schiebt sie hinaus.</i> Geh, Adam. Geh, Eva; du +wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, Primus.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><i>Schließt hinter ihnen zu.</i></p></div> + +<p>ALQUIST <i>allein</i> Gesegneter Tag! <i>Geht auf den Fußspitzen +zum Tisch und schüttet die Retorten auf die Erde.</i> +Fest des sechsten Tages! <i>Setzt sich zum Schreibtisch, wirft +die Bücher auf den Boden; dann öffnet er die Bibel und liest.</i> +»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum +Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann +und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu +ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet +die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet +über Fische im Meer und über Vögel unter dem +Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht. +<i>Er erhebt sich.</i> Und Gott sah an alles, was er gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> +hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus +Abend und Morgen der sechste Tag.« <i>Er geht in die +Mitte des Zimmers.</i> Der sechste Tag! Der Tag der Gnade! +<i>Sinkt in die Knie.</i> Nun entlässest du, Herr, deinen +Diener — deinen überflüssigsten Diener Alquist! +Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt +ihr ersonnen? Was habt ihr Großes erfunden gegen +dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen dies erste +Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der +Liebe, Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, +Natur, das Leben wird nicht vergehen. Gott, das +Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, das +Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus +Liebe begonnen, wird nackt und winzig begonnen; +in der Wüste wird es Wurzel schlagen und nichts wird +ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die +Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts +unsere Ideen, und doch wird es nicht untergehen! +Nur wir sind untergegangen. Häuser und Maschinen +werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen +und die Namen der Großen abblättern wie Laub; nur +du, Liebe, blühest empor auf der Trümmerstätte und +vertraust den Winden das Samenkörnchen des Lebens +an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden +entlassen; denn meine Augen gewahrten — gewahrten +— deine Erlösung durch die Liebe — und das +Leben wird nicht untergehen. <i>Er erhebt sich.</i> Wird +nicht untergehen! <i>Breitet die Arme aus.</i> Nicht untergehen!</p> + + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">VORHANG</p></div> + +<div class="transnote pagebreak p4"> +<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2> + +Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen +gebräuchlich waren, wie: + +<ul class="index"> +<li>»anderer« — »andrer«</li> +</ul> + +Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. +Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: + +<ul class="index"> +<li>S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert.</li> +<li>S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert.</li> +<li>S. 90 »Tote« in »Töte« geändert.</li> +</ul> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78595-h/images/cover.jpg b/78595-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..828b0af --- /dev/null +++ b/78595-h/images/cover.jpg |
