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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-03-08 08:25:51 -0700 |
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diff --git a/78140-0.txt b/78140-0.txt new file mode 100644 index 0000000..97b03f3 --- /dev/null +++ b/78140-0.txt @@ -0,0 +1,3877 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78140 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. + Verschiedene Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht, sofern die + jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen. + + Die Fußnoten wurden am Ende des Texts zusammengefasst. + + Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Kapitälchen: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + ARISTOTELES’ POETIK + + ÜBERSETZT UND EINGELEITET + + VON + + THEODOR GOMPERZ. + + MIT EINER ABHANDLUNG: + + WAHRHEIT UND IRRTUM IN DER KATHARSIS-THEORIE + DES ARISTOTELES + + VON + + ALFRED FREIHERRN VON BERGER. + + [Illustration] + + LEIPZIG, + +VERLAG VON VEIT & COMP.+ + 1897. + + Druck von Metzger & Wittig in Leipzig. + + + + +_Vorwort._ + + +Eine Übersetzung gleicht einem Fensterglas. Ist ein solches +staubbedeckt oder rauchgeschwärzt, so zieht es die Aufmerksamkeit auf +sich; erfüllt es hingegen seine Aufgabe in annähernd vollkommener +Weise, so gleitet der Blick hindurch ohne seiner zu achten. Kein +anderes Los erstrebt diese Übertragung der Poetik. Möge man sie so +wenig als möglich gewahren, aber gar oft durch sie hindurchblicken auf +das Original, das häufiger und eindringender Betrachtung in hohem Maße +wert ist als das reife Erzeugnis eines der feinsten und umfassendsten, +wenn auch vielleicht nicht der tiefsten Geister aller Zeiten. + +Als Aristoteles nahe am Ende seiner Laufbahn (nach der Abfassung +seiner „Politik“ und vor jener der „Rhetorik“) seine Lehrvorträge +über die Dichtkunst endgültig in einem Werke zusammenstellte, dessen +zweite Hälfte uns unwiederbringlich verloren scheint, hatte er +vornehmlich einen aus Künstlern, Kunstkritikern und Kunstfreunden +gebildeten Leserkreis vor Augen. Es galt den in Fragen der Poesie und +der Beurteilung ihrer Schöpfungen hin- und herwogenden Meinungsstreit +in engere Grenzen zu bannen und dem Urteil über Wert und Unwert der +einzelnen Dichtwerke eine feste Grundlage zu bereiten. Wie muß das +Heldengedicht, wie vor allem das Trauerspiel beschaffen sein, um den +mit Fug an sie zu stellenden Forderungen zu genügen? Dies ist das +Problem, mit welchem der uns erhaltene Teil der Poetik sich vornehmlich +beschäftigt. Das zweite Buch war, so viel wir wissen, ausschließlich +oder nahezu ausschließlich der von denselben Gesichtspunkten +ausgehenden Betrachtung des Lustspieles gewidmet. Und wo -- so fragt +wohl nicht ohne Erstaunen gar mancher unserer Leser -- wo ward von +anderem als von Epik und Dramatik, wo ward insbesondere von der Lyrik +gehandelt? Nirgendwo, so können wir mit Zuversicht antworten, und +zwar auf Grund einer Reihe von Thatsachen, die für die Denkweise des +Aristoteles bezeichnend genug sind, um ein längeres Verweilen zu +rechtfertigen. Die Lyrik wird bei der Aufzählung der musischen Künste +übergangen (Cap. 1), während die halb-lyrische und halb-dramatische +Dithyrambik (s. Register) in diesem Zusammenhange genannt und überdies +noch zweimal innerhalb des einleitenden Abschnittes erwähnt wird. +Dazu kommt, daß so oft in diesen Eingangscapiteln rein lyrischer +Dichtungsarten gedacht wird, dies nur in historischer Rücksicht und in +der Weise geschieht, dass sie als bloße Vorstufen und Ansätze zu höher +stehenden Gattungen erscheinen. Nur in diesem Sinne ist von „Hymnen und +Lobliedern“ nicht minder als von „Rügeliedern“ die Rede. Auch dort, wo +die sprachlichen Ziermittel unter die verschiedenen Zweige der Poesie +hohen Stiles verteilt werden, umfassen diese neben Tragödie und Epos +wieder nur den Dithyrambos (Cap. 22 Ende). Auch findet sich unter den +zahlreichen Beispielen, die Aristoteles zum Behufe der Erläuterung +seiner Regeln den unterschiedlichen Gebieten der ernsten Poesie +entlehnt, nur ein einziges, das man mit einiger Wahrscheinlichkeit +auf das Werk eines Lyrikers, des ~Pindar~, bezogen hat. Ist hier noch +ein Zweifel möglich, so wird ein solcher durch die Art und Weise +ausgeschlossen, in welcher der Verfasser der Poetik sofort in den +allerersten Zeilen die Lyrik bei Seite schiebt, indem er die Lehre vom +„Aufbau der Fabel“ nahezu an die Spitze seines Unternehmens stellt. +Konnte aber bei einem Liebesliede der Sappho oder bei einem Trinkliede +des Anakreon wohl von einer Fabel oder selbst (um gleich einem neueren +Erklärer die Worte mit weitreichendster Freiheit wiederzugeben) von +einem „componirten Sujet“ gesprochen werden? Ich glaube daher nicht +zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß Aristoteles für die lyrische +Poesie einfach kein Auge besitzt und von allem Anfang an den Blick mit +einseitiger Ausschließlichkeit auf Epos und Drama nebst ihren Abarten +und Mischgattungen geheftet hat. + +Diese Einseitigkeit ist keineswegs ein vereinzeltes Phänomen. Sie +findet ihre Erklärung zum geringeren Teil in der allgemein-hellenischen +Sinnesart, zum größeren in der geistigen Eigenart des Aristoteles. +Die Überschätzung des Verstandesmäßigen, die Unterschätzung alles +Triebartigen und Spontanen war ein Erbstück der Aufklärungsepoche und +ihres vornehmsten Vertreters ~Sokrates~, dem ~Platons~ künstlerisch +reich veranlagte Natur in gewissem Maß ein Gegengewicht bot, das +bei Aristoteles fehlte. Nicht mit Unrecht hat ~Schiller~ in einem +an ~Goethe~ gerichteten Briefe (Nr. 311) den Autor der Poetik einen +„Verstandesmenschen“ genannt. Als solcher bewährt er sich vornehmlich +an zwei Punkten. Einmal dort, wo er es unternimmt, das Wesen aller +Kunstfreude zu erklären, und wo er diese auf die Lernfreude und auf die +Lust am Combinieren, somit auf etwas rein Intellectuelles zurückführt +(Cap. 4). Und wieder dort, wo er die Wertabstufung oder Rangfolge der +verschiedenen Bestandteile der Tragödie zu ermitteln unternimmt. Hier +wird der „Fabel“ oder der Composition des Dramas, also eben jenem +Elemente die Palme gereicht, welches ganz und gar eine Leistung des +Kunstverstandes ist. Von demjenigen, worin wir Neueren den Kern und +Quellpunkt aller Poesie erblicken, von der Tiefe des Empfindens und +von dem Reichtum der Einbildungkraft, von +Phantasie und Gemüt+ ist +in der Poetik überhaupt nicht die Rede. Und es würde wenig frommen, +wollte man diese Lücke durch die Behauptung zu verdecken suchen, es +gelte dem Aristoteles, Normen und Regeln der Dichtkunst aufzustellen, +während das Gemüt und die Phantasie des Joches aller Normen spotten. +Das hellste Licht über die Eigenart der aristotelischen Kunstauffassung +verbreitet jene Stelle unseres Buches, in der von der zwiefachen Art +dichterischer Veranlagung gesprochen wird. Diese findet sich, so +ungefähr heißt es an jenem Orte (Cap. 17), einerseits bei Naturen, +die sich vermöge ihrer bildsamen Geschmeidigkeit leicht in fremde +Geistes- und Gemütszustände zu versetzen wissen, andererseits bei +solchen, denen ihr zum Affect neigendes Temperament dieselbe Fähigkeit +verliehen hat. Bei den ersteren, so mag man den Gedanken weiter führen, +besitzt das Vermögen, sich in psychische Zustände Anderer zu finden, +eine große, bei den letzteren der Widerstand gegen die ansteckende +Kraft des Affectes eine geringe Stärke. Allein in beiden Fällen -- dies +lehrt der Zusammenhang unwidersprechlich -- ist von der Darstellung +fremder Gemütszustände und von dem hierfür erforderlichen Eingehen auf +dieselben, ganz und gar nicht von der +Selbstdarstellung+ des eigenen +Gefühlslebens die Rede. Wie kann es uns da Wunder nehmen, wenn die +aristotelische Kunstlehre dem Ausströmen der gesteigerten Empfindung im +Liede nicht das kleinste Plätzchen einräumt? Wenn wir es gewohnt sind, +die Quellen auch dramatischer Schöpfungen in inneren +Erlebnissen+ des +Dichters zu suchen (man denke an den Faust oder Tasso oder auch an die +Selbstbekenntnisse, die man in ~Shakespeare~’s Dramen gefunden hat), so +ist dieser Gesichtspunkt dem Aristoteles völlig fremd, ja er wäre ihm +kaum verständlich gewesen. Wird doch damit das Dramatische auf etwas +Lyrisches, die +pragmatische oder objective Dichtungsart+ auf eine +subjective zurückgeführt. + ++Die gelungene Wiedergabe von etwas Gegenständlichem+ -- dies ist für +Aristoteles, der hier und anderwärts keineswegs (nach ~Wilhelm von +Humboldt~’s viel mißbrauchtem Wort) als „Halb-Grieche“, sondern weit +eher, wenn man so sagen darf, als Über-Grieche erscheint, Alpha und +Omega aller Kunstübung. Die Anfertigung von Bildwerken, die Plastik, +ist ihr Typus, aber auch die von der Plastik am weitesten entfernten +Kunstzweige, die Poesie und Musik, haben nach seiner und zum Teil +auch nach ~Platons~ Auffassung die Aufgabe, Objectives nachbildend +darzustellen, „Gesinnungen, Affecte und Handlungen“ Anderer zu +lebensvoller Anschauung zu bringen. Vor allem „Handlungen“, und damit +stoßen wir an die zweite Schranke der aristotelischen Kunstansicht. +Ganz nah am Beginne der Poetik geht er mit einem kühnen Satze von dem +Begriffe der nachahmenden Darstellung überhaupt ohne jede Vermittlung +zur Darstellung +handelnder Wesen+ über (Cap. 2 Anfang). Dieser Sprung +setzt über ganze weite Kunstgebiete hinweg. Das Landschaftsbild und +das Stillleben in Malerei und Sculptur, das Tierepos und die eigentlich +mythologische Dichtung, gleichwie das gesamte freie Spiel, das die +Phantasie mit imaginären Geschöpfen jeder Art treibt, wird hierbei +ignoriert oder mit Absicht aus dem Bereiche der Kunst hinausgewiesen. +Man wende nicht ein, daß ja auch Götter, Nymphen, Kentauren oder Tiere +„Handelnde“ seien. Daß Aristoteles hier lediglich an Menschen denkt, +das zeigt die sofort nachfolgende Erörterung, die jene handelnden +Wesen nach rein menschlichen Kategorien unterscheidet und nur auf +solche Abstufungen ihrer Sinnesart Bedacht nimmt, die innerhalb der +Menschennatur thatsächliche Verwirklichung gefunden haben. Tragödie, +Epos und Komödie stehen eben derart nahezu ausschließlich im +Vordergrunde seines Interesses, daß er das daneben Befindliche kaum +gewahr wird. Und ganz ebenso ist sein Augenmerk wieder so überwiegend +auf das (durch seine concentrierte Kraft und leibhafte Lebendigkeit ihn +vor allem anziehende) Drama gerichtet, daß er den Vorzügen des Epos +schwerlich gerecht wird und jedenfalls jene Quellen des Interesses, +die dem Epos, nicht aber dem Drama zu Gebote stehen, ganz und gar +übersieht-- ein Mangel, auf den bereits im Altertum die Ästhetik der +Epikureer hingewiesen hat. + +Wir sind unvermerkt mit einigen Schwächen des aristotelischen +Buches bekannt geworden. Da ziemt es sich, auch seiner leuchtenden +Vorzüge nicht zu vergessen. Diese sind vornehmlich dort zu suchen, +wo die Stärke dieses großen Kopfes überhaupt zu finden ist: in der +Meisterschaft des Beobachtens und Einteilens, in der Freiheit, Schärfe +und Treffsicherheit des Blickes. +Das Gleichartige zu verbinden, +das Ungleichartige zu scheiden+, auch dort, wo der äußere Anschein, +wo Herkommen und Gewöhnung jene Verbindung und diese Scheidung aufs +äußerste erschweren -- das versteht Aristoteles wie kaum ein Anderer +und darin erreicht der im übrigen vor allem durch die reichste +Wissensfülle und durch die gelenkigste Biegsamkeit des Denkens +hervorragende Geist die Höhe des echten Genies. Nur einem solchen war +es vorbehalten, den Begriff der Poesie von dem äußerlichen Merkmale +der Versform zu befreien und künstlerisch gestaltete Gespräche, wie es +die platonischen sind, ihr nicht weniger einzureihen, als die in Prosa +abgefaßten Genrebildchen eines ~Sophron~ und ~Xenarchos~ (s. Register). +Nur ein solcher vermochte es, ein Höchstes menschlichen Geisteslebens, +den Kunsttrieb und die Kunstfreude, auf ein Animalisches, dem +Menschen mit den höheren Tieren Gemeinsames, den Nachahmungstrieb, +zurückzuführen und in dem Vorzuge des Menschen hierbei nur einen +Unterschied des Grades anzuerkennen (Cap. 4) -- ein Versuch, der uns +Bewunderung abnötigt, wenngleich seine Durchführung in einer Weise +erfolgt, in der wir, wie vorhin bemerkt, die Überschätzung +eines+ +psychischen Elementes zu erblicken nicht umhin können. Kein anderer +Irrtum war im Altertum weiter verbreitet und ward zäher festgehalten +als die Verwechslung oder doch Vermengung der Poesie einerseits mit +Moral, andererseits mit Wissenschaft. Kaum irgend etwas gereicht +dem Autor der Poetik zu höherer Ehre als die sichere, durch keine +Verlockung, auch nicht durch die Autorität seines Meisters ~Platon~ +beirrte Festigkeit, mit welcher er jeder derartigen Grenzverwirrung +entgegentritt, den specifischen Wert einer Dichtung unverrückt im Auge +behält und von der moralischen ebenso sehr wie von jeder lehrhaften +Abzweckung der Poesie abzusehen gelernt hat. „Das Wesentliche in +der Kunst ist das Können“, dieses Wort ~Schopenhauers~ könnte man +einigen Abschnitten der Poetik als Motto voranstellen. Der Blick für +das Wesentliche zeigt sich ferner ebenso sehr in der Strenge, mit +der aus der Sache selbst geschöpfte Normen eingeschärft, wie in der +Läßlichkeit, mit welcher eine Regel preisgegeben wird, sobald ihre +Verletzung der Dichtung höheren Gewinn bringt als ihre unnachgiebige +Wahrung. Von der so schwer zu vermeidenden Neigung, das zur Zeit +Geltende und Vorhandene für das allein Mögliche zu halten, zeigt sich +Aristoteles hier in erstaunlichem Maße frei. Eine Äußerung, deren +knappe Fassung nicht wenig zu bedauern ist, deutet seinen Glauben an +eine weitere Entwickelungsfähigkeit der Tragödie vernehmlich genug +an (Cap. 4), wobei angesichts dessen, was über die Entbehrlichkeit +traditioneller Stoffe und bekannter Namen der Bühnenfiguren gesagt +wird, „die ja doch nicht Allen bekannt sind, während sie Allen Genuß +gewähren“ (Cap. 9), sich kaum an etwas anderes denken läßt, als an das +zur Zeit noch gar nicht oder doch nur in ganz vereinzelten Ansätzen +vorhandene +bürgerliche Trauerspiel+. Und daß diese Annahme keine +allzu gewagte ist, das erhellt auch aus der Art, in der Aristoteles +heroische und halb-mythische Dichtungsstoffe auf ihren wesentlichen, +allgemein menschlichen Kern zurückzuführen weiß. Man vergleiche in +diesem Betracht die Inhaltsangaben der Iphigenienfabel: „ein Mädchen +ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden entrückt“ u. s. w. und +der Odysseussage: „ein Mann weilt viele Jahre hindurch einsam in der +Fremde, während in der Heimat die Dinge so stehen, daß sein Besitz +aufgezehrt und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird“ u. s. w. + +Die Weite und Größe des Umblickes thut jedoch der liebevollen +Vertiefung in das Einzelne nicht den mindesten Eintrag. Die Poetik ist +voll von dem, was man Atelier-Weisheit nennen möchte, von vielsagenden, +einer bewunderungswürdigen Breite der Erfahrung entstammenden +technischen Winken und Beobachtungen. Sollte ihr Verfasser sich hierbei +nicht der fördernden Mithilfe eines fachmännischen Beraters erfreut +haben? Man darf die Frage, wie ich meine, bejahen. Der reichbegabte, +als Rhetor wie als Tragödiendichter gleich hervorragende ~Theodektes~ +aus Phaselis war ein Schüler des Aristoteles und mit dem wenig älteren +Meister auf’s innigste befreundet. Den frühverstorbenen Jünger hat der +Lehrer ebensowohl durch die Herausgabe seines Nachlasses (einer Schrift +rhetorisch-grammatischen Inhaltes), wie dadurch geehrt, daß er seiner +Aussprüche und vor allem seiner Dichtungen wo es nur immer anging +gedachte, in der Poetik einmal neben dem Ödipus des ~Sophokles~ (Cap. +10), und auch in solchen Fällen, in denen das Werk jedes beliebigen +anderen Dichters als Beispiel denselben Dienst leisten konnte (Cap. +17). Wir irren schwerlich, wenn wir hierin auch die antiker Sitte +gemäß erfolgende Abstattung einer Dankesschuld erblicken. Daß der +Schauspieldichter den nach jeder Art von Belehrung eifrig ausspähenden +Universalgelehrten, dem er persönlich so nahe stand wie ~Alkibiades~ +dem ~Sokrates~, in manches Geheimnis seiner Kunst eingeweiht hat, wie +sollte diese Annahme nicht hohe Wahrscheinlichkeit besitzen? + +Die Anordnung des Buches bereitet dem Verständnis an einigen Stellen +nicht geringe Schwierigkeiten. Diesen zu begegnen, dürfte eine kurze, +den Leser vorweg orientierende Inhaltsangabe wohl geeignet sein. Der +Eingang des Werkes dient in naturgemäßer Weise der Aussonderung der +Poesie aus dem Gesamtbereiche der ihr nahe verwandten Künste. Daran +schließt sich nicht minder naturgemäß die Gliederung der Dichtkunst +in ihre Unterarten an. Die nächste Stelle nimmt die Untersuchung +des Ursprungs und der Entwickelung der von Aristoteles anerkannten +dichterischen Hauptgattungen ein. Durch diese bahnt er sich +unmerklich den Weg zur Feststellung der Rangfolge und der durch sie +bestimmten Folgeordnung in der Betrachtung jener drei Hauptgattungen: +Tragödie, Epos und Komödie. Die Behandlung der Tragödie führt ihn +zur Unterscheidung ihrer (inneren) Bestandteile oder Elemente und +im Anschlusse hieran zur Ermittelung der Rangordnung derselben. In +eben dieser Reihenfolge werden sie nunmehr besprochen. Zuvörderst +und der ihr vom Stagiriten zuerkannten überragenden Bedeutung gemäß +mit größter Ausführlichkeit der Bau der „Fabel“. Hieran reiht sich +die Erörterung des zweiten Hauptbestandteiles, der „Charaktere“. Bis +hierher (Cap. 15 Schluß) bietet der Verlauf der Darstellung keinerlei +Anstoß. Hier ereignet sich jedoch etwas Wundersames. Der „Erkennung“, +die im antiken Drama eine so bedeutsame Rolle spielt und die, wie sie +selbstverständlich einen Teil der Fabel bildet, so auch ausdrücklich +als ein solcher bezeichnet wird, ist das Capitel 16 gewidmet, obgleich +der Autor im Beginne des Capitels 15 die Behandlung der Fabel bereits +abgeschlossen und die Erörterung der Charaktere (wie bemerkt) in +Angriff genommen hatte. Der Widersinn dieser Anordnung spottet jeder +Rechtfertigung. Hier kann unmöglich absichtsvolle Überlegung gewaltet +haben. Die naheliegende Mutmaßung einiger Kritiker, daß die Capitel +15 und 16 ihre Stelle zu tauschen haben, leidet jedoch an manchen +Schwierigkeiten. Sie ist vor allem darum unglaubhaft, weil zufällige +Irrungen, Blattvertauschungen u. dgl. nicht den Platzwechsel ganzer, +in sich wohl abgeschlossener Abschnitte zu erzeugen pflegen. Wir +haben anderwärts die Vermutung zu begründen versucht, daß uns hier +eine nachträgliche Zuthat des Verfassers vor Augen liegt, die mit der +Umgebung nicht mehr in angemessener Weise verwoben worden ist. Solch +ein Nachtrag, die genauere Ausführung eines vorher nur angedeuteten +Themas konnte sehr wohl durch die Wiederholung desselben Vortragscurses +veranlaßt werden. Dazu stimmt auch der Umstand, daß die auf die +Iphigeniendichtung des ~Polyeidos~ bezügliche Bemerkung in Capitel 17 +in einer Weise erfolgt, als wäre die denselben Gegenstand betreffende +Äußerung des Capitels 16 zur Zeit nicht vorhanden gewesen. + +Die beiden folgenden Capitel sind von einer Reihe einzelner, wenig +systematisch angeordneter Winke und Bemerkungen eingenommen, die sich +zum Teil auf den Schaffensproceß des tragischen Dichters beziehen (Cap. +17), zum Teil die Absicht verraten, mit der Behandlung der Tragödie +aufzuräumen und von ihren sechs Bestandteilen nur mehr zwei (die +„Reflexion“ und die „Diction“) weiterer Besprechung vorzubehalten. Die +Verwirklichung dieser Absicht bieten die Capitel 19-22, und zwar in der +Art, daß die „Reflexion“ fast nur erwähnt wird, um aus dem Bereiche der +Poetik hinaus- und jenem der Rhetorik zugewiesen zu werden, während +die „Diction“ eine nicht nur durch ihre übergroße Weitläufigkeit das +Befremden des Lesers erregende Erörterung erfahren hat. Denn auch +darüber mag sich derselbe zunächst verwundern, daß der Autor diesen +und nur diesen Bestandteil dort behandelt, wo die nachtragsweise +Hinzufügung jener oberwähnten langen Reihe zerstreuter Bemerkungen +bereits seine Absicht bekundet hat, die Lehre von der Tragödie zum +Abschlusse zu bringen. Beides hängt auf’s engste zusammen. Und der +Zusammenhang ist dieser. Die Sprachlehre war in jenem Zeitalter kaum +über ihre ersten Anfänge hinaus gediehen. Sie bot nicht Stoff genug dar +zu einer selbständigen Behandlung. Was Wunder, daß der allumfassende +Encyklopädist den ersten ihm begegnenden Anlaß benützte, um einiges +von dem vorzubringen, was er über diesen Gegenstand zu sagen hatte. +Solch einen Anlaß gewährte ihm die Notwendigkeit, sich über die +Erfordernisse der dichterischen Sprache zu äußern (Cap. 22). Diese +bestanden für Aristoteles in der richtigen Verwendung der Metapher und +der sonstigen Mittel des poetischen Ausdrucks. So mußten denn vorerst +diese und ihre Abarten dem Leser vorgeführt werden (Cap. 21). Allein +dem systematischen Geiste des Stagiriten widerstrebte es, die Mittel +des poetischen Ausdrucks abzuhandeln, ohne vorher jene des sprachlichen +Ausdrucks überhaupt durchmustert zu haben. Da galt es denn zunächst, +die verschiedenen Redeteile oder Wortarten von einander zu sondern. Vom +Wort aber führt der Weg einerseits nach abwärts durch die Silbe bis zum +Sprachlaut, andererseits nach aufwärts zur Rede oder zum Wortgefüge, +mochte dieses nun eine bloße Wortgruppe, ein Satz im eigentlichen +Sinne, oder auch ein so vielteiliges Sprachgebilde sein, wie die Ilias +eines ist (Cap. 20). Daher der große Umfang dieser Sprachcapitel, +daher auch die auf den ersten Blick so verwunderliche Stelle, die sie +einnehmen. In Wahrheit ist diese mit bestem Bedacht gewählt worden. An +jedem früheren Orte hätte die übergroße Ausdehnung dieser Abschnitte +das Ebenmaß der Darstellung empfindlich geschädigt. Noch schwerer aber +wog ein anderer Bestimmungsgrund. Die „Diction“ mag immerhin, wie +Aristoteles sie nennt, ein „Bestandtheil“ der Tragödie heißen; aber sie +kann mit demselben Recht als ein Bestandteil des Epos und jeder anderen +dichterischen Gattung gelten. Da war es denn ein überaus glücklicher +Griff, dieses Stück an den Schluß der von der Tragödie handelnden +Partie des Buches und damit zugleich unmittelbar vor den Anfang der die +übrigen Dichtungsarten, zunächst der das Epos betreffenden Abschnitte +zu setzen. + +Nicht minder wohlerwogen ist die Anordnung der nunmehr folgenden +letzten vier Capitel. Das 23. und 24. handeln vom Epos; das 25. +erörtert das Thema der „Probleme und Lösungen“, deren Stoff in +überwiegendem Maße dem Epos entnommen ist. Sind es doch die Muster-Epen +~Homers~, an denen der Scharfsinn der Kritiker und Ausleger von früh +auf sich zu üben gewohnt war. Dabei verschlägt es nichts, daß der Autor +hier und da Erzeugnisse der anderen echten Dichtungsarten herbeizieht, +deren Behandlung ja in unserem Büchlein niemals eine streng +gesonderte ist. Gelegentlich werden in diesem seltsamen Leitfaden +der Disputierkunst über poetische Gegenstände auch grundsätzliche +Ergebnisse gewonnen und auf die Tragödie nicht minder als auf das Epos +angewendet. Den Schluß bildet die Vergleichung der zwei im ersten +Buch allein besprochenen Dichtungsarten (Cap. 26), welche die schon +vorher sattsam angedeutete Bevorzugung der Tragödie vor dem Epos +mittelst einer der Spitzfindigkeit nicht entbehrenden Beweisführung zu +rechtfertigen bestimmt ist. + + * * * * * + +Anmerkungen wurden nur dort hinzugefügt, wo dieselben ganz und gar +nicht zu entbehren waren. Im übrigen soll das +Register+, überwiegend +im Anschluss an Eigennamen, dem Aufklärungsbedürfnisse des Lesers +Genüge leisten. Außerdem hat der Übersetzer sich erlaubt, solche +Ergänzungen des knappen aristotelischen Ausdrucks, deren der moderne +Leser bedürfen mag, dem Texte selbst in cursivem Druck einzuverleiben, +nicht minder Zuthaten, die einen Ersatz für unübersetzbare Beispiele +bilden sollen. Die uns und manchen anderen Kritikern als unecht +geltenden Stücke, nämlich das ganze Capitel 12 und der Schluß des +Capitels 21, wurden in kleinerer Schrift gesetzt. Die Annahme einer +Texteslücke wird durch ein Sternchen bezeichnet. Über die der +Übertragung zu Grunde gelegte Textesgestaltung giebt ein +Anhang+ kurze +Rechenschaft. Eigene Beiträge zur Kritik und Erklärung des Textes der +Poetik hat der Übersetzer in vier Abhandlungen geliefert, von denen +drei in den Sitzungsberichten der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften +(„Zu Aristoteles Poetik“ I, II und III. Wien 1888 und 1896), die vierte +in dem Sammelbande „Eranos Vindobonensis“ (Wien 1893) veröffentlicht +wurden. + + Th. G. + + + + +Inhalt. + + + Seite + + Aristoteles’ Poetik 1 + + Wahrheit und Irrtum in der Katharsistheorie des Aristoteles + von ~Alfred Freiherrn v. Berger~ 69 + + Kritischer Anhang 99 + + Register 109 + + Nachtrag 128 + + + + +=1.= Über die Dichtkunst, diese selbst sowohl als ihre Arten und +das Wesen einer jeden derselben, über den Bau der Fabeln, der für +das Gelingen der Dichtung erforderlich ist, über die Zahl und +Beschaffenheit ihrer Teile, desgleichen über alles andere, was in den +Bereich derselben Untersuchung fällt, wollen wir handeln, und zwar +beginnen wir naturgemäß mit dem ersten zuerst. Das Heldengedicht und +das Trauerspiel, ferner das Lustspiel und die Dithyrambendichtung, +nicht minder der größte Teil des Guitarre- und Flötenspieles sind +insgesamt nachahmende Darstellungen, unterscheiden sich aber in drei +Punkten: in den Darstellungsmitteln, den Darstellungsobjecten und der +Darstellungsweise. Denn gleichwie man vielerlei Gegenstände durch +Farben und Formen, teils kunstgerecht, teils routinegemäß, manche +auch durch die Stimme nachbildet, so steht es hierin mit den gesamten +Künsten also. Sie alle stellen durch Rhythmus, Rede und Tonsatz dar, +zum Teil durch einzelne dieser Kunstmittel, zum Teil durch ihre +Vereinigung. Tonsatz und Rhythmus allein verwendet das Guitarre- +und Flötenspiel und wenn es noch irgend welche andere Künste von +der Art giebt, wie das Spiel der Hirtenpfeife eine ist, _Zweige der +Musik nämlich, deren Betrieb Sache des ungeschulten Volkes ist_. +Durch bloßen Rhythmus ohne Tonsatz stellen die feineren unter den +Tänzern etwas dar; denn auch sie bilden durch den Geberden-Rhythmus +Stimmungen, Affecte und Handlungen nach. Der bloßen prosaischen oder +versificierten Rede, und im letzteren Falle +einer+ Gattung oder eines +Gemenges von Versmaßen, bedient sich eine Darstellungsart, die bisher +einer ihr eigentümlichen Bezeichnung ermangelt. Denn es fehlt uns an +einer gemeinsamen Benennung für die Mimen des ~Sophron~ und ~Xenarchos~ +und für die sokratischen Gespräche, gleichwie für nachahmende +Darstellungen, welche jemand in das Gewand jambischer Trimeter, des +elegischen oder irgend eines anderen Versmaßes kleiden wollte. Nur +pflegen die Menschen an das Versmaß das Wort „dichten“ zu heften und +die Einen Elegiendichter, die Anderen hexametrische Dichter zu nennen, +indem man ihnen nicht den Dichternamen auf Grund der nachahmenden +Darstellung zuerkennt, sondern je nach dem Versmaß eine gemeinsame +Bezeichnung erteilt. Denn auch wenn sie ein Thema der Heil- oder +Naturkunde in Versen zum Ausdruck bringen, pflegt man sie so zu nennen; +in Wahrheit hat aber ~Homer~ mit ~Empedokles~ nichts als das Versmaß +gemein, weshalb man jenen einen Dichter, diesen aber nicht sowohl +einen solchen als einen Naturforscher nennen sollte. Ebenso stünde es +(_d. h. ebenso ließe uns der herrschende Sprachgebrauch im Stich_), +wenn jemand alle Versmaße durcheinander mengen und in dieser Gestalt +eine nachahmende Darstellung hervorbringen wollte, etwa wie ~Chäremon~ +seinen „Kentauren“ gedichtet hat; und doch müßte man ihn einen Dichter +nennen. So viel nun hierüber. Endlich aber giebt es Künste, die sich +all der genannten Mittel, nämlich des Rhythmus, des Liedes und des +Verses bedienen, so einerseits die Dithyramben- und Nomendichtung,[1] +andererseits das Lust- und Trauerspiel, nur mit dem Unterschied, +daß jene alle diese Elemente vereinigt, diese sie in partienweiser +Abwechslung verwenden. + + +=2.= So unterscheiden sich nun die Künste in Ansehung ihrer +Darstellungsmittel. Da jedoch die Darstellenden Handelnde darstellen, +diese aber notwendig edel oder gemein sein müssen -- sind doch dies +die Grundformen, auf welche so ziemlich sämtliche Charakternüancen +zurückgehen, da sich Alle durch Schlechtigkeit und Güte des Charakters +von einander unterscheiden --, so werden jedesmal Personen dargestellt, +die entweder über das Durchschnittsmaß hervorragen oder unter dieses +herabsinken oder auch ihm entsprechen. Verfahren doch auch die Maler +nicht anders, wie denn Polygnot Idealgestalten, Pauson ihr Gegenteil, +Dionysios aber Conterfeis geschaffen hat. Es leuchtet ein, daß auch +jede der genannten darstellenden Künste diese Unterschiede aufweisen +und eine andere sein wird, je nachdem sie in diesem Sinn anders +Geartete darstellt. Denn auch _wo man es zunächst nicht erwarten +sollte_, in der Tanzkunst gleichwie im Guitarre- und Flötenspiel +ist für diese Unterscheidungen Raum vorhanden; desgleichen bei der +prosaischen und der versificierten Darstellung, wie denn ~Homer~ +bessere als Durchschnittsmenschen, ~Kleophon~ eben solche, ~Hegemon~ +der Thasier aber, da er das Genre der Parodien schuf, und ~Nikochares~, +der Verfasser der „Deliade“, schlechtere dargestellt haben. Nicht +anders steht es mit Dithyramben und Nomen, wie denn ~Timotheos~ _einen +Nomos_ „die Perser“, er und ~Philoxenos~ _je einen Dithyrambos_ „Der +Kyklope“ gedichtet haben. Eben dies aber ist der Punkt, an dem sich +das Trauerspiel vom Lustspiel scheidet; denn dieses will schlechtere +Charaktere darstellen, jenes aber bessere, als in der Gegenwart +heimisch sind. + + +=3.= Der dritte dieser Unterschiede hat auf die Art und Weise der +nachahmenden Darstellung Bezug. Denn diese kann auch bei gleichen +Darstellungs-Mitteln und -Objecten eine verschiedene sein. Einmal +nämlich bedient sich der Dichter der erzählenden Form (und zwar +entweder, wie ~Homer~ dies thut, in der Gestalt eines Anderen oder in +eigener Person und als ein und derselbe), ein andermal führt er die +Dargestellten insgesamt als thätig und handelnd vor. Diese drei Punkte +sind es somit, nach welchen, wie bereits bemerkt, die Darstellung sich +unterscheidet, nämlich nach ihren Mitteln, ihren Gegenständen und +ihrer Form. So kommt denn ~Sophokles~ in einem Betracht neben ~Homer~ +zu stehen, da Beide würdige Charaktere darstellen, in einem anderen +neben ~Aristophanes~, denn Beide stellen Handelnde und Wirkende dar. +Eben darum, weil die Bühnenwerke Handelnde darstellen, heißen sie, wie +manche behaupten, „Dramen“. Und damit hängt es zusammen, daß die Dorer +den Anspruch erheben, die Urheber des Trauerspieles und Lustspieles zu +sein. Das Lustspiel wollen nämlich die Megarer geschaffen haben, sowohl +die im Mutterlande -- und zwar zur Zeit, da bei ihnen das demokratische +Regiment bestand -- als die sicilischen, deren Mitbürger ~Epicharm~ +war, lange vor _den ältesten attischen Lustspieldichtern_ ~Chionides~ +und ~Magnes~. Das Trauerspiel aber wollen einige der peloponnesischen +Dorer ins Leben gerufen haben, wobei sie sich insgesamt auf das +Zeugnis der Sprache berufen.[2] Sie selbst nämlich nennen, wie sie +sagen, die ländlichen Ortschaften „Kōmen“, während die Athener sie als +„Dēmen“, bezeichnen, die „Komöden“ aber seien nicht von „kōmázein“ +(umherschwärmen) so benannt, sondern davon, daß sie, denen Mißachtung +die Stadt verschloß, in den Dörfern (Kōmen) umhergezogen seien; +endlich heiße das Tun bei ihnen „drān“ (_woher Drama stammt_), bei den +Athenern aber „prāttein“. + + +=4.= In Betreff der Unterschiede der nachahmenden Darstellung, ihrer +Anzahl und Artung, mag das Gesagte genügen. Was aber die Entstehung +der Poesie überhaupt anlangt, so haben dabei wohl zwei Ursachen und +zwar solche von natürlicher Art zusammengewirkt. Denn das Nachahmen ist +dem Menschen angeboren und von Jugend auf vertraut; ragt er doch in +Ansehung dieser Begabung und dadurch, daß er seine ersten Kenntnisse +auf diesem Weg erwirbt, vor den anderen Lebewesen hervor: und nicht +minder allgemein ist die Freude an Nachahmungen. Einen Beweis für das +letztere giebt der Eindruck ab, den wir von Kunstwerken empfangen. Denn +Dinge, deren Anblick uns in der Natur peinlich berührt, betrachten +wir in ihren allergetreuesten Nachbildungen mit Vergnügen, so die +widerwärtigsten Tiere oder auch Leichname. Auch dafür läßt sich ein +Grund angeben, und zwar der folgende. Das Lernen ist nicht nur für +die Jünger der Wissenschaft, sondern desgleichen für alle Übrigen +ungemein ergötzlich, wenngleich ihr Anteil daran nicht eben tief geht. +Denn darum betrachtet man Nachbildungen mit Wohlgefallen, weil sich +daraus ein Lernen ergiebt und ein combinierendes Erschließen dessen, +was jegliches bedeutet (z. B. beim Porträt, daß Dieser da eben Jener +ist); denn kennt jemand den Gegenstand nicht schon von früher her, +so wird ihm das Abbild nicht als solches Vergnügen bereiten, sondern +durch seine Technik oder durch das Colorit oder aus einem anderen +derartigen Grunde. Da uns nun der Trieb zu nachahmender Darstellung von +Natur aus eigen ist und nicht minder der Sinn für Musik und Rhythmus +(und daß die Versmaße Teile der Rhythmen sind, ist ja klar), so haben +die Menschen, durch die eigene Veranlagung dazu gedrängt und zumeist +auf dem Wege stufenweiser Vervollkommnung, aus den _bekannten rohen_ +Stegreifversuchen die Poesie erzeugt. + +Diese spaltete sich aber nach der ihren Pflegern eigenen Sinnesweise, +indem die mehr zum Erhabenen Neigenden die edlen Handlungen und die +Handlungen edler Personen darstellten, die trivialer Angelegten aber +solche von Gemeinen, wobei diese zuerst Rügelieder dichteten, gleichwie +Andere Loblieder und Hymnen schufen. Von Vorgängern ~Homers~ nun kennen +wir kein derartiges Dichtwerk; es wird aber wohl viele solche Dichter +gegeben haben. Gehen wir aber von ~Homer~ aus, so können wir manches +nennen, wie seinen „Margites“ und derartiges mehr. In diesem Gebiete +kam auch das ihm gemäße Versmaß auf, weshalb es jetzt das „jambische“ +heißt, weil nämlich die Leute einander in diesem Maße mit Spottversen +(„Jamben“) verfolgten. Und so wurden die Alten zum teil heroische, zum +teil Jambendichter. Gleichwie aber ~Homer~ im ernsten Genre am meisten +Dichter war -- hat doch er allein nicht nur vorzüglich gedichtet, +sondern überdies auch dramatische Nachbildungen geliefert --, so hat +er auch die Formen des Lustspiels zuerst vorgezeichnet, indem er +nicht das Rügelied pflegte, sondern das Lächerliche in dramatischer +Weise gestaltete. Denn der „Margites“ nimmt den Lustspielen gegenüber +dieselbe Stellung ein wie Ilias und Odyssee im Verhältnis zu den +Trauerspielen. Nachdem aber diese Gattungen der Poesie ans Licht +getreten waren, da dichteten die Einen und die Anderen je nach der +Richtung ihrer Sinnesart Lustspiele statt der Spottgedichte und +Trauerspiele anstatt der Heldengedichte, weil diesen Kunstformen eben +mehr Grösse und Ansehen innewohnte als jenen. Die Frage freilich zu +entscheiden, ob das Trauerspiel in der Ausbildung seiner Zweige nichts +mehr zu wünschen übrig lässt, und zwar sowohl an sich als mit Rücksicht +auf die mannigfaltige Artung des Theaterpublicums, ist nicht dieses +Ortes. Hervorgegangen aber ist es jedenfalls aus Stegreifversuchen +nicht minder als das Lustspiel, jenes nämlich aus den Vorträgen der +Vorsänger im Dithyrambos, dieses aus jenen in den Phallosliedern, die +noch jetzt in vielen Städten im Schwange sind. So ist das Trauerspiel +schrittweise herangewachsen, indem man jeden hervortretenden Keim zur +Entfaltung brachte, und nachdem es mannigfaltige Umwandlungen erfahren +hatte, blieb es stehen, sobald es seine naturgemäße Gestaltung gewonnen +hatte. So hat, _um einige dieser Wandlungen namhaft zu machen_, +~Äschylos~ die Zahl der Schauspieler von einem auf zwei erhöht, den +Anteil des Chors verringert und dem Dialog die erste Rolle zugewiesen; +drei Schauspieler und die Kunst der Decoration hat aber ~Sophokles~ +eingeführt. Was das Wachstum ihrer Großartigkeit anlangt, so hat +sich das Trauerspiel im Gegensatze zur ursprünglichen Kleinheit der +Fabeln und der zum Possenhaften neigenden Artung der Diction ihres +satyrspielartigen Ursprungs wegen erst spät zu höherer Würde erhoben. +Auch das Versmaß hat sich umgewandelt, indem der Jambus an die Stelle +des Trochäus getreten ist. Ursprünglich hatte man sich nämlich, da +die Dichtung satyrhaft und mehr balletartig war, des trochäischen +Tetrameters bedient. Als jedoch die Wechselrede aufkam, ließ die Natur +der Sache selbst das angemessene Versmaß ergreifen. Passt doch der +Jambus am besten zum Sprechen, wie dies aus der Tatsache erhellt, +dass wir in der Conversation am meisten jambische Verse gebrauchen, +hexametrische aber selten und nur dann, wenn sich die Rede zu nahezu +recitativartigem Schwung erhebt. Die Vermehrung der Zahl der Acte +endlich und alles weitere, wie nämlich ein jegliches im Laufe der Zeit +soll vervollkommnet worden sein, gelte uns als gesagt; denn alles im +einzelnen durchzugehen, würde wohl allzuweit führen. + + +=5.= Das Lustspiel aber ist wie gesagt eine Darstellung von +Niedrigerem, nicht jedoch im ganzen Umfange des Schlechten, sondern +ein Ausschnitt aus dem Bereiche des Hässlichen ist das Lächerliche. +Besteht dies doch in einer weder Schmerz noch Schaden erzeugenden +Verfehlung und Entstellung, wie denn sogleich die lächerliche +(_komische_) Maske etwas hässliches und verzerrtes ist, was keinen +Schmerz bereitet. Die Wandlungen nun, welche das Trauerspiel erfahren +hat, gleichwie ihre Urheber sind nicht verborgen geblieben; wohl aber +ist es dem Lustspiel so ergangen, weil sein Betrieb nicht von Anfang an +ernst genommen wurde; hat ihm doch auch die Behörde nur spät einen Chor +bewilligt, dessen Stelle vordem Freiwillige einnahmen. Erst aus einer +Zeit, in der das Lustspiel bereits gewisse feste Formen gewonnen hatte, +werden die vorhin angeführten Dichter genannt. Wer aber die Masken +oder die Prologe eingeführt oder die Zahl der Schauspieler erhöht hat +und derartiges mehr, ist nicht bekannt. Die Composition der Fabel nun +stammt aus Sicilien; von den zu Athen heimischen Lustspieldichtern +aber war es ~Krates~, der unter Verzicht auf die jambische +(_pasquillartige_) Richtung zuerst Reden und Fabeln von allgemeinem +Charakter zu dichten begonnen hat. + +Das Heldengedicht hält nun mit dem Trauerspiel in so weit gleichen +Schritt, dass es eine versificierte umfangreiche Darstellung von +Würdigem ist, unterscheidet sich aber von ihm durch die mangelnde +Mannigfaltigkeit des Versmasses und durch die erzählende Form. Ferner +bildet auch die Länge _der Handlung_ einen Unterschied, indem das +Trauerspiel wenn irgend möglich mit einem Sonnenumlauf auszukommen +oder diese Grenze doch nur wenig zu überschreiten trachtet, während die +Zeitdauer des Heldengedichtes eine unbestimmte ist. Freilich hielt man +es mit dem Trauerspiel in diesem Betracht anfänglich nicht anders als +mit den Heldengedichten. Die Bestandteile _der Dichtwerke_ sind zum +Teil beiden Gattungen gemein, zum Teil dem Trauerspiel allein eigen. +Wer daher über die Vorzüge und Mängel eines Trauerspiels zu urteilen +versteht, der weiss ebenso in Betreff der Heldengedichte Bescheid. Denn +was das Heldengedicht besitzt, das gehört auch dem Trauerspiel an, +nicht aber umgekehrt. + + +=6.= Über die nachahmende Darstellung nun, welche sich des +hexametrischen Versmasses bedient (_über das Heldengedicht nämlich_) +und über das Lustspiel werden wir später handeln; vom Trauerspiel +aber wollen wir zunächst sprechen, nachdem wir vorerst die aus dem +Gesagten sich ergebende Bestimmung seines Wesens dargelegt haben. +Das Trauerspiel ist nämlich die Darstellung einer würdigen und in +sich abgeschlossenen, eine gewisse Größe besitzenden Handlung in +verschönter Rede, unter partienweise gesonderter Verwendung der +Verschönerungsarten, nicht in erzählender Form sondern durch handelnde +Personen -- eine Darstellung, welche durch Erregung von Mitleid und +Furcht die Entladung dieser Affecte herbeiführt. Unter verschönter Rede +verstehe ich jene, welche Rhythmus, Tonsatz und Gesang besitzt; unter +partienweise gesonderter Verwendung der Verschönerungsarten aber, daß +einige Teile bloß in Versform, andere wieder in Gesangsform verlaufen. + +Da nun die Darstellung durch handelnde Personen erfolgt, so ergiebt +sich zuvörderst als ein Bestandteil des Trauerspiels der für das Auge +berechnete _scenische_ Schmuck, desgleichen die Gesangscomposition +und die Diction, da dies die Mittel der Darstellung sind. Unter +Diction verstehe ich die bloße Composition der versificierten Rede; +was die Gesangscomposition ist, das leuchtet jedem ein _und bedarf +daher keiner näheren Erklärung_. Da nun das Trauerspiel weiters die +Darstellung einer Handlung ist, eine solche aber durch irgendwelche +handelnde Personen erfolgt, die notwendiger Weise nach Charakter und +Intellect qualitativ bestimmt sein müssen, so ergeben sich naturgemäß +zwei Ursachen der Handlungen, eben der Intellect und der Charakter. +Denn je nach der Beschaffenheit derselben legen wir auch den Handlungen +bestimmte Eigenschaften bei und aus dieser Artung der Handlungen +ergiebt sich der Erfolg und Mißerfolg aller handelnden Personen. Die +Darstellung der Handlung nun ist gleichbedeutend mit der Fabel; ich +verstehe hier nämlich unter Fabel die Composition der Begebenheiten. +Die Charaktere aber sind das, wonach wir den Handelnden eine bestimmte +Beschaffenheit zusprechen. Die Gedankenschöpfung (oder Reflexion) +endlich -- _das Widerspiel des Intellects im Drama_ -- umfaßt all +das, wodurch die Personen in ihren Reden etwas beweisen oder auch +eine Ansicht äußern. So ergeben sich denn mit Notwendigkeit sechs +Bestandteile jedes Trauerspiels, auf Grund deren es diese oder jene +Beschaffenheit besitzt, _d. h. Lob oder Tadel verdient_. Es sind dies: +die Fabel, die Charaktere, die Diction, die Reflexion, der scenische +Apparat und die Gesangscomposition. Zwei Bestandteile nämlich gehören +den Darstellungsmitteln an, einer der Darstellungsweise, drei den +Darstellungsobjecten; und außer diesen giebt es keinen. Dieser bedienen +sich nun nicht etwa wenige Dichter, sondern man darf wohl sagen alle in +allen Arten des Trauerspiels. Denn jedes solche Dichtwerk besitzt einen +scenischen Apparat, Charaktere und Fabel, nicht minder Diction, Gesang +und Reflexion. + +Der wichtigste dieser Bestandteile ist der Aufbau der Begebenheiten; +denn das Trauerspiel ist eine nachahmende Darstellung nicht von +Menschen, sondern von Handlung und Leben. Und auch das Leben besteht +im Handeln und das Lebensziel (_die Glückseligkeit nämlich_) ist +ein Thun, nicht eine Beschaffenheit. Es sind aber die Menschen je +nach ihren Charakteren so oder so beschaffen, nach ihren Handlungen +jedoch glückselig oder das Gegenteil davon. So agieren sie denn (_die +Bühnenfiguren nämlich_) nicht um Charaktere darzustellen, sondern +sie nehmen die Charaktere um der Handlungen willen in den Kauf. Die +Begebenheiten und die Fabel sind somit der Zweck des Trauerspiels; der +Zweck aber ist das wichtigste von allen. Ferner könnte ein Trauerspiel +nicht ohne Handlung zu Stande kommen, wohl aber ohne Charaktere. Sind +doch die Werke der meisten Neueren charakterlos, und überhaupt gilt +von vielen Dichtern das was unter den Malern von Zeuxis gilt, wenn +man ihn mit Polygnot vergleicht. Denn Polygnot ist ein trefflicher +Charaktermaler, den Gemälden des Zeuxis aber fehlt aller Charakter. +Ferner wenn jemand meisterliche Charakter-Reden, Glanzstücke der +Diction und der Reflexion an einander reihen wollte, so würde er nicht +das leisten, was sich uns als die Aufgabe des Trauerspiels gezeigt hat. +Weit eher wird dies eine Dichtung thun, welche in diesen Rücksichten +mit geringeren Mitteln arbeitet, aber einer Fabel und eines Aufbaus +der Begebenheiten nicht entbehrt. Nicht anders steht es ja auch um die +Malerei. Wenn nämlich jemand die schönsten Farben planlos auftrüge, +so würde er uns nicht den gleichen Genuss gewähren als durch die +wenngleich nur grau in grau ausgeführte Zeichnung eines Gegenstandes. +Dazu kommt noch, dass die bedeutendsten Stücke, durch die uns das +Trauerspiel fesselt, Bestandteile der Fabel sind, die Peripetien +(_Schicksalswendungen_) nämlich und die Wiedererkennungen. Endlich +ist auch das ein Beweis _für die Richtigkeit unserer Behauptung_, +dass die angehenden Dichter früher dazu gelangen in der Diction und +Charakteristik etwas erkleckliches zu leisten als im Bau der Fabel; +und das gleiche gilt auch fast ausnahmslos von den Dichtern der +Frühzeit. Grundelement also und gleichsam Seele des Trauerspiels +ist die Fabel. Zunächst aber kommen die Charaktere; gilt es doch die +Darstellung einer Handlung und vermöge dieser in erster Reihe der +handelnden Personen. Das dritte aber ist das Reflexionselement. Dieses +besteht in dem Vermögen, erschöpfend und angemessen zu sprechen, was +für den Redner die Sache politischer und rhetorischer Schulung ist; +lassen doch auch die alten Tragiker ihre Personen wie Staatsmänner, +die jetzigen wie Redekünstler sprechen. (_Um aber von dem Unterschied +zwischen der Charakteristik und dem Reflexionselement zu handeln:_) +Die Charakteristik ist das, was die (_Gesinnung oder_) Willensrichtung +offenbart, wie nämlich das beschaffen ist, was jemand wählt oder +meidet. Darum ermangeln dieses Elementes jene Reden, bei welchen +es nicht klar wird oder die überhaupt nichts enthalten, was der +Sprechende wählt oder meidet. Das Reflexionselement aber umfasst jene +Äußerungen, in welchen die Sprechenden das Dasein oder das Nichtdasein +von etwas erweisen oder allgemeine Gedanken kund thun. Der vierte +der genannten Bestandteile aber ist die Diction. Darunter verstehe +ich, wie schon bemerkt, den sprachlichen Ausdruck, dessen Wesen in +gebundener und in ungebundener Rede dasselbe ist. Unter den übrigen +Bestandteilen folgt dann (als fünfter) die Gesangscomposition, welche +die wirksamste der Würzen ist. Die scenische Ausstattung entbehrt zwar +nicht bestrickenden Reizes, doch ist sie das geistesärmste Element und +hat mit der Dichtkunst am wenigsten zu schaffen; thut doch überhaupt +das Trauerspiel auch ohne schauspielerische Aufführung seine Wirkung, +und zudem ist bei der Anfertigung der Bühnenrequisite die Kunst des +Theatermeisters maßgebender als jene des Dichters. + + +=7.= Nachdem wir nunmehr soweit im Klaren sind, wollen wir davon +handeln, wie der Aufbau der Begebenheiten -- das Erste und das +Wichtigste im Trauerspiel -- beschaffen sein soll. Als ausgemacht gilt +es uns, daß das Trauerspiel Darstellung einer in sich abgeschlossenen +und ganzen Handlung ist, die eine gewisse Ausdehnung besitzt; denn es +giebt auch ein Ganzes, welches keine _nennenswerte_ Ausdehnung besitzt. +Ein Ganzes nun ist dasjenige, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein +Anfang aber ist das, was nicht selbst mit Notwendigkeit einem anderen +nachfolgt, nach welchem jedoch naturgemäß ein anderes vorhanden ist +oder entsteht; ein Ende ist im Gegenteil das, was selbst entweder +notwendig oder in der Regel einem anderen nachfolgt, während ihm nichts +anderes nachfolgt; eine Mitte endlich, was selbst auf ein anderes und +auf das wieder ein anderes folgt. So dürfen denn die Fabeln, wenn ihr +Bau ein befriedigender sein soll, weder an einem beliebigen Punkt +anfangen, noch an einem solchen aufhören; sie sollen vielmehr den +soeben angegebenen Bestimmungen entsprechen. Ferner bedarf das Schöne, +sei es nun ein lebendes Wesen oder sonst ein zusammengesetztes Ding, +nicht nur einer Ordnung seiner Teile, sondern auch einer gewissen, +nicht eben beliebigen Größe. Beruht doch alle Schönheit auf Größe +und Ordnung. Darum kann weder ein winzig kleines Geschöpf schön sein +-- denn die Anschauung wird verworren, sobald sie sich der Grenze +des Wahrnehmbaren nähert --, noch auch ein ungeheuer großes; denn +bei diesem hört die Anschauung auf eine gleichzeitige zu sein, dem +Betrachtenden geht vielmehr ihre Einheit und Ganzheit verloren. Es +wäre dies z. B., _um einen extremen Fall zu nennen_, bei einem Tiere +der Fall, dessen Länge zehntausend Stadien (_nahe an zweitausend +Kilometer_) betrüge. Aus dem Gesagten ergiebt sich folgendes. Wie bei +Körpern und belebten Wesen, _wenn sie schön heissen sollen_, eine zwar +ansehnliche, aber nicht eine der Übersicht abträgliche Grösse vorhanden +sein soll, so müssen auch die Fabeln eine stattliche, aber nicht eine +der Erinnerung abträgliche Länge besitzen. Was nun das Maß dieser +Länge betrifft, so ist eine Bestimmung derselben mit Rücksicht auf die +actuelle Bühnenaufführung nicht Sache der Poetik; denn wenn hundert +Trauerspiele in einer Concurrenz-Aufführung vereinigt sein sollten, +so müßte man die Aufführung nach der Uhr bemessen. Die aus der Natur +der Sache fließende Maßbestimmung aber ist diese: je größer innerhalb +der Grenzen der Übersichtlichkeit die Ausdehnung einer Fabel ist, um +so größer ist auch in soweit ihre Schönheit. In groben Umrissen läßt +sich aber die Sache also darlegen: ein Umfang, innerhalb dessen sich +durch einen nach den Normen der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit +erfolgenden Ablauf von Vorgängen ein Umschlag von Glück in Unglück +oder von Unglück in Glück ergiebt, -- dies darf als eine zulängliche +Maßbestimmung gelten. + + +=8.= Die Fabel aber ist eine einheitliche nicht, wie Manche meinen, +dadurch, daß sie +eine+ Person zu ihrem Mittelpunkte hat. Denn +gleichwie +Einem+ viele, ja unzählige Eigenschaften innewohnen, von +denen manche sich zu keiner Einheit zusammenschließen, so giebt es +auch unter den Handlungen +einer+ Person viele, die sich nicht zu +einer einheitlichen Handlung verbinden. Darum begingen alle jene +augenscheinlich einen Mißgriff, die eine Herakleis, eine Theseis und +dergleichen mehr geschaffen haben. Denn sie meinen, daß, weil Herakles ++eine+ Person war, darum auch der Fabel Einheit zukomme. ~Homer~ aber +hat, gleichwie er in jedem anderen Betracht hervorragt, offenbar auch +hier, sei es durch Kunstverstand, sei es durch Genie, das Richtige +gesehen. Indem er nämlich eine Odysseusdichtung schuf, machte er zum +Object seiner Darstellung nicht all das, was dem Odysseus begegnet ist, +wie seine Verwundung auf dem Parnaß oder seinen erheuchelten Wahnsinn +beim Heeresaufgebot[3] -- Begebnisse, von denen das eine sich ereignen +konnte, ohne daß das andere darum mit Notwendigkeit erfolgen mußte. Er +hat vielmehr die Odyssee und nicht minder die Iliade um eine in unserem +Sinn einheitliche Handlung gruppiert. So soll denn, gleichwie in den +anderen darstellenden Künsten je eine Darstellung ein Object besitzt, +auch die Fabel, da sie Handlung darstellt, +eine+ und zwar eine +ganze Handlung nachbilden. Und desgleichen sollen ihre Teile derart +zusammenhängen, daß durch Wegnahme oder Verrückung irgend eines Teiles +das Ganze verschoben wird und aus den Fugen gerät; denn dasjenige, +dessen An- oder Abwesenheit sich durch nichts bemerklich macht, ist +_streng genommen_ gar kein Bestandteil eines Ganzen. + + +=9.= Aus dem Gesagten erhellt aber auch, daß nicht das die Aufgabe +des Dichters ist, das Geschehene zu berichten, sondern solcherlei, +was _gegebenen Falls_ nach _innerer_ Wahrscheinlichkeit oder +Notwendigkeit geschehen würde. Denn der Geschichtschreiber und der +Dichter unterscheiden sich nicht durch den Gebrauch der ungebundenen +und der gebundenen Rede. Ließe sich doch auch das Werk ~Herodot~’s in +Verse bringen; es wäre aber in Versform nicht weniger Geschichte als +in Prosa. Der Unterschied ist vielmehr dieser: der Eine berichtet das +Geschehene, der Andere solcherlei, was _gegebenen Falls_ geschehen +würde. Darum ist auch die Poesie eine philosophischere und eine +ernstere Sache als die Geschichte. Denn jene befaßt sich mehr mit +dem Allgemeinen, diese mit dem Einzelnen. Ein Allgemeines ist es, daß +dem so oder so Gearteten solches oder anderes zu thun oder zu sagen +notwendig oder naturgemäß ist; und das ist es, worauf die Poesie +abzielt, wenn sie gleich ihren Personen _individualisierende_ Namen +beilegt. Das Einzelne aber ist, was ein Alkibiades gethan oder erlitten +hat. Im Bereiche des Lustspiels nun ist dieser Sachverhalt bereits +deutlich geworden. Seine Dichter bauen nämlich die Fabel auf Grund +der Wahrscheinlichkeitsnormen auf und schieben dann _ihren Figuren_ +beliebige Namen unter; nicht aber machen sie wie _vordem_ die Jambiker +Individuen zum Object ihrer Dichtung. Im Gebiete des Trauerspiels +aber hält man an den gegebenen Namen fest. Der Grund liegt darin, daß +uns das Mögliche glaubhaft dünkt. Nun sind wir von der Möglichkeit +dessen, was sich nicht ereignet hat, noch nicht überzeugt. Was sich +aber ereignet hat, das ist augenscheinlich möglich; denn wäre es +unmöglich, so hätte es sich eben nicht ereignet. Allein auch in den +Trauerspielen _findet sich manches Derartige_; in manchen gehören +nur ein oder zwei Namen zu den bekannten, während die übrigen frei +erfunden sind; und in manchen kommt gar kein solcher Name vor, wie +in der „Blume“ des ~Agathon~. Sind doch in diesem Drama Namen und +Begebenheiten gleichmäßig frei erfunden. Sie bereiten uns darum aber +keinen geringeren Genuß. So darf man denn nicht um jeden Preis an +den überkommenen Tragödien-Stoffen festhalten wollen. Ja, dieses +Streben ist ein lächerliches, da doch auch das Bekannte nur Wenigen +bekannt ist, nichts desto weniger aber Allen Genuß gewährt. Klar ist +es nach alle dem, daß der Dichter mehr ein Schöpfer von Fabeln als +von Versgebilden sein soll; ist er doch vermöge der nachahmenden +Darstellung ein Dichter, und was er darstellt sind Handlungen. Wenn +es sich also auch trifft, daß Wirkliches den Inhalt seiner Dichtung +bildet, so ist er darum nicht weniger ein Dichter. Denn nichts hindert, +daß Einiges von dem Wirklichen so geschehen sei, wie man es nach den +Normen _innerer_ Wahrscheinlichkeit erwarten kann; und insofern verhält +er sich zu seinem Stoff als ein Dichter. + +Im allgemeinen sind unter Fabeln und Handlungen die episodenhaften +die schlechtesten. Episodenhaft nenne ich eine Fabel, deren einzelne +Abschnitte aufeinander folgen, ohne einem Gebote der _inneren_ +Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu entsprechen. Geschaffen aber +werden derartige Fabeln von den schlechten Dichtern vermöge ihrer +Talentlosigkeit, von den guten aber vermöge ihrer Rücksichtnahme auf +die Preisrichter. Denn da es Concurrenzstücke sind, die sie dichten, +so gelangen sie leicht dazu, die Fabel über Vermögen zu strecken, und +werden dadurch oft gezwungen, die Folge der Begebenheiten zu verrenken. +Das Object der Darstellung ist ferner ja nicht bloß eine in sich +abgeschlossene Handlung, sondern auch Furcht und Mitleid erregende +Vorgänge. Von dieser Art sind aber Ereignisse zu allermeist dann, +wenn sie überraschend wirken. Auch dies ist ein Grund, warum das nach +einander Erfolgende durch einander erfolgen soll; denn dann werden +die Vorgänge den Charakter des Wunderbaren (_oder Überraschenden_) +in höherem Maße besitzen, als wenn sie von selbst und durch Zufall +eintreten. Erscheinen doch auch unter zufälligen Begebenheiten jene als +die wunderbarsten, die den Eindruck des Absichtlichen hervorbringen. +So die Tötung des Mörders des Mitys durch dessen in Argos befindliche +Bildsäule, die auf ihn niederstürzte, als er sie betrachtete. +Derartiges macht eben den Eindruck, als ob es nicht durch Zufall +geschehen wäre. Somit werden Fabeln dieser Art notwendig die schöneren +sein. + + +=10.= Unter den Fabeln aber sind die einen einfach, die anderen +verflochten. Weisen doch auch die Handlungen, deren Nachbildungen +die Fabeln sind, an und für sich diesen Unterschied auf. Unter einer +einfachen Handlung verstehe ich eine solche, bei welcher, während sie +den obigen Bestimmungen gemäß innerlich zusammenhängend und einheitlich +ist, die Entwickelung ohne Peripetie oder Erkennung vor sich geht; eine +verflochtene aber ist jene, bei der die Entwickelung mit Erkennung oder +Peripetie oder mit beiden erfolgt. Dies alles muß sich aber aus dem Bau +der Fabel selbst ergeben, so daß die späteren aus den vorhergehenden +Ereignissen mit Notwendigkeit oder doch _innerer_ Wahrscheinlichkeit +gemäß hervorgehen. Denn einen gewaltigen Unterschied macht es, ob +dieses +durch+ jenes, oder ob es nur +nach+ jenem erfolgt. + + +=11.= Die Peripetie aber ist der Umschlag der Unternehmungen in +ihr Gegenteil, und zwar, wie wir soeben bemerkten, nach _innerer_ +Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit. Man denke z. B. an den „Ödipus“. +Hier tritt eine Person auf, die den in Rücksicht der Mutter _und der +auf seine Verbindung mit ihr zielenden Weissagung_ von banger Sorge +Erfüllten von dieser befreien will, durch die Enthüllung seiner +Herkunft aber das gerade Gegenteil bewirkt.[4] Oder an den „Lynkeus“, +der zum Richtplatze geführt wird, während Danaos als sein Henker hinter +ihm herschreitet, wo aber die Handlung schließlich zu dem Ende führt, +daß der letztere getötet, der erstere gerettet wird. + +Eine Erkennung aber ist, wie dies auch das Wort selbst besagt, eine +Verwandlung von Unkenntnis in Kenntnis, _und zwar_ mit dem Erfolge, daß +daraus Freundschaft oder Feindschaft oder sonst ein dem Bereiche des +Glücks oder Unglücks zugehöriges Verhältnis erwächst. Den schönsten +Fall bilden jene Erkennungen, die von Peripetie begleitet sind, wie +dies im Ödipus geschieht. Es giebt nun freilich auch andere Arten +der Erkennung. Denn das Gesagte (_die Umwandlung von Unkenntnis in +Kenntnis_) tritt mitunter auch in Bezug auf Unbeseeltes und alles +Mögliche ein; ja, auch das kann Gegenstand der Erkennung sein, ob +jemand eine That vollbracht hat oder nicht. Allein die für die Fabel +und die für die Handlung bedeutsamste Art der Erkennung ist die oben +angegebene. Denn sie wird von Mitleid oder von Furcht begleitet sein, +und so geartete Handlungen sind es ja, als deren Nachbildung uns das +Trauerspiel gilt; und desgleichen wird Unglück und Glück sich an +derartige Erkennungen heften. Da somit die Erkennung _der Hauptsache +nach_ eine Erkennung von Personen ist, so wird es ferner Fälle geben, +in denen nur die eine Person der anderen bekannt wird (wenn nämlich +diese schon bekannt ist), und wieder andere, wo es die Erkennung +beider herbeizuführen gilt. So wird Iphigenie von Orestes infolge des +Briefauftrages erkannt, für diesen bedurfte es aber der Iphigenie +gegenüber wieder einer anderen Erkennung. + +Mit dem Gesagten nun haben zwei Bestandteile der Fabel zu thun, die +Peripetie und die Erkennung. Einen dritten aber bildet das Leidelement +(Pathos). Dieses besteht in einer Wehe oder Verderben bringenden +That, wie es die Tötungen auf offener Bühne sind, ferner in maßlosen +Körperschmerzen, Verwundungen und was dergleichen mehr ist. + + + =12.= Die Teile des Trauerspiels, deren man sich als Arten bedienen + muß (!), haben wir früher angegeben; in quantitativer Rücksicht + aber und als gesonderte Bestandteile sind die folgenden zu nennen: + der Prolog, der Act, der Nachact, das Chorlied, das wieder in das + Einzugs- und Standlied zerfällt. Diese Teile sind allen Trauerspielen + gemein. Nur manchen Trauerspielen eigen sind hingegen die auf der + Bühne gesungenen und die sogenannten Kommoi. Der Prolog nun ist der + Gesamtteil des Trauerspieles, der dem Einzug des Chores vorangeht; + Act ein Gesamtteil des Trauerspiels, der zwischen ganzen Chorliedern + verläuft; Nachact der Gesamtteil des Trauerspieles, dem kein Chorlied + nachfolgt. Das Chorlied aber zerfällt in das Einzugslied oder die + erste Rede des ganzen Chores, in das Standlied, das ein Chorlied ohne + Anapäst und Trochäus ist, und in den Kommos, der ein vom Chore und + von der Bühne aus gemeinsam gesungenes Klaglied ist. Die Teile des + Trauerspiels nun, deren man sich als Arten bedienen muß, haben wir + vorher angegeben, in quantitativer Rücksicht aber und als gesonderte + Bestandteile waren die jetzt angeführten zu nennen. + + +=13.= Wonach man beim Aufbau der Fabeln zu streben und wovor man +sich zu hüten hat, und ferner, woraus die _specifische_ Wirkung des +Trauerspiels hervorgehen wird, darüber wäre nun im Anschluss an das +Voranstehende zu handeln. Da der Bau des schönsten Trauerspiels +nicht ein einfacher, sondern ein verflochtener sein und furcht- +und mitleiderregende Vorgänge nachbilden soll -- was ja eben das +Eigentümliche einer derartigen Darstellung ist --, so erhellt +zuvörderst folgendes. Es dürfen weder die wackeren Männer einen +Umschlag von Glück zu Unglück, noch auch die schlechten von Unglück +zu Glück erfahren. Denn jenes ist weder furcht- noch mitleiderregend, +sondern entsetzlich, dieses das alleruntragischste. Weist doch +dieser Fall nichts von alle dem auf, was Not thut; denn er ist weder +menschenfreundlich, noch auch furcht- oder mitleiderregend. Endlich +darf auch nicht der von Grund aus Böse aus Glück in Unglück geraten. +Denn dieser Art des Aufbaues würde es zwar an Menschenfreundlichkeit +nicht fehlen, wohl aber an Mitleid und Furcht -- zwei Affecte, von +denen der erste dem schuldlos Leidenden, der zweite dem Gleichartigen +gilt, so daß hier für keinen von beiden Raum vorhanden ist. So bleibt +denn der in der Mitte stehende Charakter übrig. Ein solcher ist aber +jener, der weder durch Trefflichkeit und Gerechtigkeit hervorragt, +noch auch auf Grund seines Unwertes und seiner Schlechtigkeit ins +Unglück gerät; und zwar soll er zu den in großem Ansehen und in +glücklicher Lebenslage Stehenden gehören, gleich einem Ödipus und +Thyestes und anderen hochstehenden Mitgliedern derartiger Geschlechter. +Die wohlgebaute Fabel muß also notwendig eine einfache und nicht, wie +Manche behaupten, eine doppelseitige sein; und der Umschlag darf nicht +aus Unglück in Glück, sondern umgekehrt erfolgen, und zwar nicht durch +Schlechtigkeit, sondern durch eine gewaltige Verfehlung eines Mannes +von der angegebenen Art oder eines solchen, der allenfalls höher, +keineswegs aber tiefer stehen darf. Einen Beweis _für die Richtigkeit +dieser Lehre_ liefert der thatsächliche Gang der Entwickelung. Während +nämlich die Dichter vordem alle beliebigen Sujets durchgekostet haben, +bietet jetzt ein kleiner Kreis von Geschlechtern den Stoff für die +schönsten Trauerspiele dar: ein Alkmeon, ein Ödipus, ein Orestes, ein +Meleager, ein Thyestes, ein Telephos und wem es sonst beschieden war, +etwas Schreckliches zu erleiden oder zu vollbringen. So gehört denn das +kunstgerechte und schönste Trauerspiel dieser Compositionsweise an. +Den gleichen Irrtum begehen daher diejenigen, die es dem ~Euripides~ +zum Vorwurf machen, daß er dies in seinen Trauerspielen thut, und +daß die große Mehrzahl derselben einen unglücklichen Ausgang hat. +Denn dies ist, wie gesagt, das Richtige. Den stärksten Beweis hierfür +liefert das folgende. Auf der Bühne üben derartige Werke, wenn anders +die Aufführung nicht mißrät, die stärkste tragische Wirkung; und was +~Euripides~ betrifft, so bestellt er zwar im übrigen nicht alles aufs +Beste, aber er erweist sich doch als der tragischeste der Dichter. +Nur die zweite Stelle gebührt aber der von manchen zum ersten Rang +erhobenen Compositionsweise, welche, wie dies bei der Odyssee der Fall +ist, eine Doppelcomposition und einen entgegengesetzten Ausgang für +die Guten und für die Schlechten in sich schließt. Ihre Bevorzugung +verdankt sie der Gefühlsschwäche des Theaterpublicums; denn die Dichter +bequemen sich hierin den Zuschauern an, und trachten ihnen alles +Peinliche zu ersparen. Auf diesem Weg entsteht aber nicht die von der +Tragödie zu heischende, sondern weit eher die der Komödie eigene Lust. +Denn die Figuren des Lustspiels gehen, selbst wenn sie dem Sujet nach +die schlimmsten Feinde sind, wie Orest und Ägisth, am Schluss als gute +Freunde aus einander und keiner thut keinem etwas zuleide. + + +=14.= Die Erregung von Furcht und Mitleid kann nun aus dem Anblicke, +sie kann aber auch aus dem bloßen Aufbau der Begebenheiten hervorgehen, +was das Höhere und die Sache des besseren Dichters ist. Es soll +nämlich, ganz abgesehen von der Anschauung, die Fabel so gebaut sein, +daß denjenigen, welcher von dem Verlaufe der Begebenheiten _auch nur_ +vernimmt, Schauder sowohl als Mitleid auf Grund der Ereignisse selbst +anwandelt, wie dies bei der Erzählung der Ödipusfabel der Fall ist. +Diese Wirkung durch den Anblick hervorzurufen, ist aber geistloser +und mehr von äußerlicher Ausstattung bedingt. Was aber jene Dichter +betrifft, die durch die Vermittlung des Auges nicht den Eindruck des +Furchtbaren, sondern bloß jenen des Miraculösen hervorbringen, so haben +sie mit dem Trauerspiel überhaupt nichts gemein. Denn nicht jede Lust, +sondern nur die diesem eigentümliche darf man von ihm heischen. + +Da nun dem Dichter die Aufgabe zufällt, die aus Mitleid und Furcht +mittelst einer nachbildenden Darstellung entspringende Lust zu +erzeugen, so leuchtet ein, daß es den Grund dieser Wirkung in die +Begebenheiten selbst zu legen gilt. So wollen wir denn zusehen, welche +Begebnisse furchtbar oder rührend sind. Die hierhergehörigen Thaten +müssen notwendig von Freunden, von Feinden oder von Solchen, die +keines von beiden sind, gegen einander verübt werden. Wenn nun der +Feind den Feind mißhandelt, so liegt weder in dem vollführten, noch in +dem bevorstehenden Thun -- von der scenischen Wirkung der Unheilsthat +abgesehen -- etwas mitleiderregendes; ebenso wenig, wenn die beiden +weder Freunde noch Feinde sind. Wenn aber die Unglücksthat im Kreise +der Freundschaft erfolgt, wie wenn der Bruder den Bruder, der Sohn den +Vater, die Mutter den Sohn, der Sohn die Mutter tötet oder zu töten +oder sonst zu verderben im Begriffe steht -- das sind die Stoffe, +die man zu suchen hat. An den überlieferten Fabeln nun läßt sich +freilich nicht wohl rütteln. Ich meine z. B. Fälle von der Art, wie +daß Klytämestra von Orestens und Eriphyle durch Alkmeons Hand stirbt. +Der Dichter selbst aber soll in dem, was er hinzu erfindet und in +der Art, wie er die Überlieferung verwendet, sein Geschick bewähren. +Was wir darunter verstehen, wollen wir sogleich genauer darlegen. Es +kann nämlich die That so vor sich gehen, wie die Alten sie vor sich +gehen ließen, nämlich mit Bewußtsein und mit Kenntnis der Personen, +in der Weise, wie auch ~Euripides~ _noch_ die Medea ihre Kinder +töten läßt. Eine andere Möglichkeit ist die, daß die betreffenden +Personen das Schreckliche zwar vollbringen, es jedoch ohne Bewußtsein +vollbringen und erst nachträglich das Freundschaftsverhältnis inne +werden, etwa wie der „Ödipus“ des ~Sophokles~, wo jedoch freilich +die That außerhalb des Dramas liegt. Ein Beispiel innerhalb des +Dramas liefert der „Alkmeon“ des ~Astydamas~ und der Telegonos im +„Verwundeten Odysseus“. Eine dritte Möglichkeit ferner ist die, daß +ein Wissender die That vollführen will, aber nicht vollführt. Eine +vierte endlich begreift den Fall, daß jemand im Begriffe steht, eine +Unheilsthat infolge seiner Unkenntnis zu vollbringen, durch die +Erkennung aber davon zurückgehalten wird. Und außer diesen _vier +Fällen_ giebt es keinen mehr. Denn notwendig muß die That entweder +unterbleiben oder geschehen, und zwar entweder von Wissenden oder von +Nichtwissenden. Der verwerflichste dieser Fälle ist nun der, daß ein +Wissender die That beabsichtigt, aber nicht ausführt; denn hier ist +das Gräßliche vorhanden, das Tragische aber fehlt, weil den Affecten +nicht ausreichende Nahrung geboten wird. Darum dichtet auch niemand +in dieser Weise, mit seltenen Ausnahmen, etwa wie Hämons Verhalten +gegen Kreon in der Antigone eine ist. Daß es unter gleichen Umständen +zur That kommt, ist das nächstbessere. Höher aber steht der Fall, +daß einer die That unwissentlich vollbringt und ihr die Erkenntnis +nachfolgt. Denn hier fehlt das Gräßliche und die Erkennung wirkt +ergreifend. Der vorzüglichste Fall ist aber der letzte, wie wenn Merope +im „Kresphontes“ im Begriffe steht, den eigenen Sohn zu töten, ihn aber +nicht tötet, sondern vorher erkennt, oder in der „Iphigenie“ dasselbe +mit der Schwester dem Bruder gegenüber geschieht, und in der „Helle“ +(?) der Sohn die Mutter erkennt, die er eben ausliefern wollte. Und +eben dies ist der Grund, weshalb, wie wir schon vorhin bemerkten, nur +wenige Geschlechter den Stoff von Trauerspielen abgeben. Denn auf der +Suche nach Stoffen sind die Dichter mehr freilich durch blindes Tasten +als durch wählende Einsicht dazu gelangt, die erforderlichen Wirkungen +vermittelst der Fabeln selbst zu erzeugen. Und so treffen sie denn +notwendig bei den Geschlechtern zusammen, denen derartige Schicksale zu +teil wurden. + + +=15.= Über die Composition der Begebenheiten und über die +wünschenswerte Beschaffenheit der Fabeln wäre nun genügend gehandelt. +In Betreff der +Charaktere+ aber giebt es viererlei, wonach man zu +streben hat. Eine, und zwar die erste Forderung, geht dahin, daß +dieselben gut seien. Charakter wird, wie bereits bemerkt, eine Figur +des Dramas besitzen, wenn sie durch Wort oder That den Besitz einer +wie immer gearteten Willensrichtung kundgiebt, einen guten aber, wenn +diese eine gute ist. Güte des Charakters ist aber keinem Lebenskreise +versagt. Denn auch einer Frau kann diese eignen und nicht minder einem +Sklaven; und doch darf der weibliche Typus wohl ein minderwertiger, +jener des Sklaven aber ein völlig wertloser heißen. Die zweite +Forderung zielt auf Angemessenheit der Charaktere. Ist doch z. B. der +Charakter eines Tapferen zwar ein guter, aber nicht paßt es für ein +Weib, männlich tapfer oder schrecklich zu sein. Den Inhalt der dritten +Forderung bildet die Ähnlichkeit (_oder Treue_). Denn diese ist, wie +schon früher bemerkt, etwas anderes als die zu erstrebende Güte oder +die Angemessenheit. Das vierte aber ist die Consequenz. Denn selbst +wenn das Urbild der Darstellung inconsequent ist und einen Typus +dieser Art darbietet, so soll er doch consequent in der Inconsequenz +sein. Ein Beispiel nun von Charakterschlechtigkeit bietet die Figur +des Menelaos im „Orestes“ dar, vom Unziemlichen und Unangemessenen der +Klaggesang des Odysseus in der „Skylla“ oder auch die große Tirade der +Melanippe; von _unstatthafter_ Inconsequenz endlich die Iphigenie in +Aulis; denn dort, wo sie um ihr Leben fleht, ist sie eine ganz andere +als im späteren Verlaufe des Stückes. Auch in der Charakteristik muß +man aber nicht minder als in der Composition der Begebenheiten nach +Notwendigkeit oder nach _innerer_ Wahrscheinlichkeit streben, so daß +es notwendig oder wahrscheinlich wird, daß ein so oder so Gearteter so +oder so Geartetes spreche oder thue, gerade so, wie es notwendig oder +_innerlich_ wahrscheinlich sein soll, daß dieses nach jenem geschehe. + +Klar ist es nun, daß auch die Lösungen aus der Fabel selbst hervorgehen +und nicht, wie in der „Medea“, durch den Maschinengott erfolgen oder in +der Art, wie die auf die Abfahrt _der Griechen von Troia_ bezüglichen +Vorgänge[5] in der Iliade verlaufen sollen. Der Theatermaschine +muß man sich vielmehr für das bedienen, was außerhalb des Dramas +gelegen ist, seien dies nun frühere Ereignisse, die ein Mensch nicht +kennen kann, oder Begebnisse der Zukunft, die der Vorhersagung und +Verkündigung bedürfen; denn den Göttern räumen wir Allwissenheit ein. +Etwas Ungereimtes sollen die Begebenheiten nicht enthalten, oder es +soll doch mindestens außerhalb des Dramas gelegen sein, wie dies im +sophokleischen „Ödipus“ der Fall ist. + +Da das Trauerspiel ferner eine nachahmende Darstellung von besseren +als Durchschnittsmenschen ist, so muß man es den guten Porträtmalern +gleich thun. Geben doch auch diese die individuellen Züge wieder und +machen so das Bild ähnlich, während sie es zugleich verschönern. Ebenso +soll der Dichter, wenn er Zornmütige, Unbesonnene und andere mit +Charaktermängeln Behaftete darstellt, sie als solche und zugleich als +edel schildern. So ist die Darstellung des Achilleus bei ~Homer~ und +~Agathon~ ein Beispiel von der Art, wie man den Starrsinn behandeln +soll. Dies alles muß man im Auge behalten und desgleichen dasjenige, +was sich aus der notwendigen Verknüpfung der Poesie mit dem Bereiche +des Sinnfälligen ergiebt. Denn auch hier giebt es Fehlerquellen in +Fülle. Doch darüber haben wir in den veröffentlichten Schriften[6] +bereits sattsam gehandelt. + + +=16.= Was aber die Erkennung sei, ist bereits früher gesagt worden. In +Ansehung ihrer Arten ist zuerst die geistloseste zu nennen, deren man +sich als eines bequemen Notbehelfes am häufigsten bedient, nämlich die +Erkennung durch Zeichen. Von diesen sind wieder die einen angeboren, +wie „die Lanze, so die Erdgebornen tragen“ oder die Sterne, welche +~Karkinos~ im „Thyestes“ verwendet; die übrigen sind erworbene Zeichen, +und von diesen haften einige am Körper, wie z. B. Narben, die anderen +sind äußere Gegenstände, wie die Halsbänder oder die Mulde in der +„Tyro“. Auch von diesen läßt sich ein besserer oder schlechterer +Gebrauch machen, wie denn Odysseus an der Narbe anders von der Amme +und anders von den Sauhirten erkannt wird. Denn die der Beglaubigung +dienenden Erkennungen sind die schlechtesten; einigermaßen geistlos +ist freilich die ganze Gattung; wenn aber die Erkennung durch eine +Schicksalswendung vermittelt wird, wie jene in der Badescene _der +Odyssee_, so ist ihre Verwendung eine bessere. Die zweite Art bilden +die vom Dichter veranstalteten und eben darum ziemlich geistesarmen +Erkennungen. Dahin gehört es, wenn Iphigenie _im gleichnamigen Drama_ +den Orestes erkennt; sie freilich ward durch den Brief erkannt; er +aber sagt selbst, nicht was die Fabel heischt, sondern was der Dichter +will. Darum steht dieser Fall den oben besprochenen fehlerhaften nahe; +hätte doch Orestes eben so wohl auch einiges _der Erkennung Dienliche_ +am Leibe tragen können. Und nicht anders steht es mit der „Stimme des +Gewebes“ im „Tereus“ des ~Sophokles~. Die dritte Erkennungsweise ist +die durch das Gedächtnis vermittelte, indem ein Anblick schmerzliche +Empfindungen wachruft. Man denke an die „Kyprier“ des ~Dikäogenes~, +wo er (_Teukros_) beim Anblicke des Gemäldes aufschluchzt, oder an +den „Apolog des Alkinoos“, wo er (_Odysseus_) in Thränen ausbricht, +als er den Gesang des Spielmannes vernimmt und sich der Vergangenheit +erinnert;[7] und auf diesem Wege werden beide erkannt. Der vierte Fall +beruht auf Schlußfolgerung; so in den „Choëphoren“, wo es heißt: „ein +mir Ähnlicher ist angekommen; ähnlich ist mir kein anderer als Orest; +also ist Orestes angekommen“. Und eben dahin gehört auch das, was +~Polyeidos~ der Sophist zum Behufe der Erkennung in der Iphigenienfabel +ersonnen hat. Denn gar nicht uneben ist die Reflexion des Orestes: +seine Schwester habe den Opfertod erlitten, und nun erwarte auch +ihn das gleiche Schicksal! Von ähnlicher Art ist jene Reflexion im +„Tydeus“ des ~Theodektes~: er sei gekommen, einen Sohn zu finden, +und müsse nun selbst das Leben lassen! Desgleichen die Erkennung in +den „Phineussöhnen“, wo die Frauen beim Anblicke der Örtlichkeit +ihr Schicksal erschließen: es sei ihnen bestimmt, hier zu sterben, +denn hier seien sie auch ausgesetzt gewesen. Es giebt endlich eine +Erkennungsweise, bei der der falsche Schluß einer zweiten Person eine +Rolle spielt. So im „Trugboten Odysseus“. Behauptete dieser doch, er +werde den Bogen erkennen, den er in Wahrheit niemals gesehen hatte; +in der Befürchtung nun, mittelst des Bogens selbst erkannt zu werden, +zündet der Andere diesen an -- ein Vorgehen, dessen Grundlage somit ein +falscher Schluß ist. Die vorzüglichste aller Erkennungsweisen ist aber +diejenige, die sich aus dem Verlaufe der Begebenheiten selbst ergiebt, +indem die Überraschung durch _innerlich_ wahrscheinliche Vorgänge +erfolgt, wie im „Ödipus“ des ~Sophokles~ und in der „Iphigenie“. +Denn nichts kann natürlicher sein als ihr Wunsch, einen Brief _in +die Heimat_ abzusenden. Der zweite Rang aber gebührt den durch eine +Schlußfolgerung vermittelten Erkennungen. + + +=17.= Man soll aber während der Composition der Fabel und der +gleichzeitigen sprachlichen Ausarbeitung des Trauerspieles sich +die Vorgänge so lebendig als möglich vergegenwärtigen. Denn wenn +der Dichter ihnen dergestalt wie ein Augenzeuge beiwohnt und sie +leibhaftig vor sich sieht, wird er das Angemessene treffen und was +dagegen verstößt am ehesten vermeiden. Einen Beleg hierfür bietet der +Tadel, der den ~Karkinos~ getroffen hat. Amphiaraos hatte nämlich +das Heiligtum bereits verlassen (_zu einer Zeit nämlich, da die +Bühnenvorgänge sein Verweilen im Heiligtum erheischten_). Dies war dem +Dichter, so lange er das Stück nicht spielen sah, entgangen, auf der +Bühne aber erlitt er ein Fiasco, da das Publicum den Verstoß übel +vermerkte. So weit als möglich soll ferner der Dichter zu gleicher +Zeit auch das Geberdenspiel feststellen. Denn am allerüberzeugendsten +wirkt die Naturkraft der Leidenschaft selbst und nichts gleicht der +Wahrheit, mit welcher der Zornerfüllte schilt, der wild Erregte rast. +Darum ist auch das Dichten Sache teils ungemein geist-, teils überaus +temperamentvoller Naturen. Denn diese geraten leicht außer sich, jene +finden sich leicht in alles. + +Von den Fabeln ferner -- den componierten nicht weniger als jenen, +deren Composition ihn eben beschäftigt -- soll der Dichter sich den +Wesenskern klar machen, dann erst (_im letzteren Falle_) die Zuthaten +beifügen und den Umfang erweitern. Das Wesentliche, das es zu erfassen +gilt, verstehe ich z. B. bei der Iphigenienfabel also: ein Mädchen +ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden aber in ein anderes Land +entrückt, wo der Brauch bestand, fremde Ankömmlinge der Landesgöttin +zu opfern. Sie ward deren Priesterin, und nach geraumer Zeit traf +es sich, daß ihr Bruder dahin kam (daß, aus welcher Ursache und zu +welchem Zweck ein Orakel ihn dahin gehen hieß, gehört nicht zur Sache). +Dort angelangt ward er ergriffen und sollte geopfert werden, als die +Erkennung stattfand, sei es nun wie ~Euripides~, sei es wie ~Polyeidos~ +sie vor sich gehen läßt. Der letztere läßt nämlich den Orestes +natürlich genug ausrufen, so sei denn nicht nur der Schwester, sondern +auch ihm der Opfertod bestimmt gewesen; und hieraus ergiebt sich die +Rettung. Nachträglich soll man den Figuren die _individualisierenden_ +Namen beilegen und die Episoden hinzufügen, wobei man darauf zu achten +hat, daß diese dem Stoff innerlich verwandt seien, wie es beim Orestes +der Wahnsinnsanfall ist, der seine Ergreifung, und die Sühnceremonie, +die seine Rettung herbeiführt.[8] In den Dramen nehmen nun die Episoden +einen _vergleichsweise_ geringen Raum ein, dem Epos hingegen verleihen +sie seinen beträchtlichen Umfang. Denn auch die Fabel der Odyssee ist +nicht eben eine große: ein Mann weilt lange Jahre hindurch einsam in +der Fremde; daheim aber stehen die Dinge so, daß sein Besitz aufgezehrt +und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird; da kehrt er endlich, +vom Sturm umhergetrieben, heim, wird von Einigen erkannt und wagt so +den Angriff, der ihm zum Heile, den Feinden zum Verderben ausschlägt. +Dies allein ist der Kern, der Rest ist Zuthat. + + +=18.= Eine Partie jedes Trauerspieles bildet die Schürzung, eine +andere die Lösung des Knotens. Zur ersteren gehört häufig was der +Handlung vorausliegt, und ferner ein Teil der Handlung selbst; den +Rest macht die Lösung aus. Ich verstehe also unter Schürzung alles vom +Beginn an bis zu dem Teile, der dem Umschlage zum Unglück oder Glück +unmittelbar vorangeht; unter Lösung hingegen alles vom Anfange des +Umschlages an bis zum Ende. So bilden in dem „Lynkeus“ des ~Theodektes~ +die Vorbegebenheiten, die Ergreifung des Kindes und dann wieder die +Aufhellung des Sachverhaltes die Schürzung; die Lösung aber reicht von +der Anschuldigung des Danaos bis zum Ende. + +Von Arten des Trauerspieles giebt es vier; haben wir doch eben +so viele Arten der Fabel kennen gelernt. Wir unterscheiden das +verflochtene Trauerspiel, das ganz in Peripetie und Erkennung besteht +und das einfache, das pathetische von der Art der „Aias-“ und der +„Ixion-“Dramen und das ethische, wohin die „Phthiotinnen“ und der +„Peleus“ gehören. Die miraculöse Gattung aber wie die „Phorkystöchter“, +der „Prometheus“ und die Hades-(Unterwelts-)Dramen. * + +In erster Reihe muß man nun darnach streben, alle Vorzüge zu +vereinigen, oder doch jedenfalls die meisten und bedeutendsten, zumal +jetzt, da man die Dichter gar sehr zu chicanieren liebt. Denn da es +bereits in jeder Richtung ausgezeichnete Dichter gegeben hat, so +verlangt man von dem einzelnen, er solle jeden in seinen besonderen +Vorzügen übertreffen. + +Man kann ein Trauerspiel mit Fug von einem anderen verschieden und doch +wieder mit ihm identisch nennen; jenes in sofern die beiden einander +stofflich fremd sind, dies aber in sofern sie dieselbe Verflechtung +und Lösung besitzen. _Nebenbei bemerkt_: Vielen gelingt die Schürzung +wohl, während ihnen die Lösung mißrät; es gilt aber stets, beider +Aufgaben Herr zu werden. + +Ferner soll man unserer wiederholten Mahnung eingedenk sein und aus +dem Trauerspiele nicht einen eposartigen Bau machen. Unter „eposartig“ +verstehe ich aber hier den allzu großen Stoffreichtum, wie wenn ein +Dramendichter den ganzen Stoff der Iliade _zu einem Trauerspiele_ +verarbeiten wollte. Denn dort gewinnen die Teile infolge der Länge +des Gedichtes einen angemessenen Umfang, in den Dramen aber wird eine +_derartige_ Erwartung arg getäuscht. Einen Beleg dafür liefert das +folgende: alle Dramatiker, welche den Stoff von „Ilions Zerstörung“ als +ein Ganzes und nicht partienweise, wie ~Euripides~, oder welche die +Niobe (?) als ein Ganzes und nicht wie ~Äschylos~, behandelt haben, +fallen durch oder ziehen doch den kürzeren; hat doch auch ~Agathon~ +darin allein einen Mißerfolg erlitten. * In den Peripetien aber und +in den einfachen Handlungen erreichen sie in wunderbarer Weise ihr +Ziel. * Denn das ist tragisch und menschenfreundlich zugleich. Der +Fall nämlich, wenn der Kluge aber Böse getäuscht wird wie Sisyphos und +wenn der Tapfere aber Ungerechte unterliegt. Es ist dies aber auch +nicht unwahrscheinlich, wie denn ~Agathon~ es wahrscheinlich nennt, daß +vieles sich auch wider die Wahrscheinlichkeit ereigne. + +Den Chor soll man endlich wie einen der Schauspieler betrachten; +er soll ein Teil des Ganzen sein und mitspielen, nicht wie bei +~Euripides~, sondern wie bei ~Sophokles~. Bei den Meisten aber stehen +die Gesangstücke der jedesmaligen Fabel um nichts näher als irgend +einem anderen Trauerspiele. Man läßt daher auch geradezu Einlagen +singen, womit ~Agathon~ den Anfang gemacht hat. Wo bleibt aber der +Unterschied, ob nun Einlagen gesungen werden oder ob man eine ganze +Rede oder gar einen ganzen Act aus einem Stück in das andere übertragen +wollte? + + +=19.= Über alles andere wäre nun gehandelt; noch erübrigt es aber, über +die Diction und über die Reflexion zu sprechen. Das auf die letztere +Bezügliche mag jedoch in den Büchern über die Redekunst seinen Platz +finden; denn dies ist die Disciplin, der es genauer angehört. Zum +Gebiete der Reflexion rechnen wir das, was mittelst der Rede bewirkt +werden soll. Dazu zählt das Beweisen und Widerlegen, das Erregen +von Mitleid, Furcht, Zorn und was dergleichen mehr ist, endlich das +Darstellen einer Sache als gering oder gewichtig. Augenscheinlich hat +man auch im Bereiche der Begebenheiten von denselben Gesichtspunkten +auszugehen, wenn es Vorgänge als rührend oder furchtbar, als gewichtig +oder wahrscheinlich darzustellen gilt. Der Unterschied besteht nur +darin, daß die Eindrücke hier ohne sprachliche Äußerung erzeugt werden +müssen, während sie in der Rede durch diese und vom Redenden bewirkt +werden sollen. Denn was bliebe dem letzteren zu thun übrig, wenn +die Wirkung schon durch den Anblick und nicht erst durch die Rede +hervorgebracht würde? + +Im Bereiche der Diction aber bilden die Modalitäten des Ausdrucks einen +Gegenstand der Untersuchung. Davon Kenntnis zu nehmen ist jedoch die +Sache der Vortragskunst und desjenigen, der die obersten Principien +derselben inne hat. Dahin gehört die Unterscheidung von Gebot, Wunsch, +Erzählung, Drohung, Frage und Antwort und was es etwa dergleichen +mehr giebt. Erwächst doch aus der etwaigen Unkenntnis dieser Dinge +dem Dichter und seinem Werke kein irgend nennenswerter Vorwurf. Oder +wer möchte wohl einen Fehler in dem erblicken, was ~Protagoras~ an +~Homer~ getadelt hat, daß dieser nämlich mit den Worten: „Göttin, +singe den Zorn“ einen Wunsch zu äußern meine, während er doch einen +Befehl ausspricht; denn wenn man jemand etwas thun oder lassen heiße, +so sei dies eben ein Befehl. Darum wollen wir diesen Gegenstand als +einer anderen Disciplin und nicht der Poetik angehörig auf sich beruhen +lassen. + + +=20.= Die gesamte Diction zerfällt in folgende Bestandteile: das +Sprachelement, die Silbe, das Bindewort, das Gliedwort, das Nennwort, +das Aussagewort, die Flexion, das Wortgefüge. Das Sprachelement ist ein +unzerlegbarer Laut, jedoch nicht jeder solche, sondern jener, der in +einen Lautcomplex eingehen kann; haben doch auch die Tiere unzerlegbare +Laute, von welchen ich jedoch keinen ein Sprachelement nenne. +Dieses besteht aus Selbstlautern, Halblautern und Stummlautern. Ein +Selbstlauter ist jenes Sprachelement, welches ohne Anlegen _der Zunge_ +einen hörbaren Ton besitzt; der Halblauter jenes, das mit Anlegen der +Zunge einen hörbaren Ton besitzt, wie das S und das R; ein Stummlauter +endlich jenes, das mit Anlegen der Zunge für sich zwar keinen Ton +besitzt, wohl aber hörbar wird, wenn es mit solchen, die einen Ton +besitzen, verbunden wird, wie das G und das D. Die Unterschiede beruhen +hier auf Stellungen und Orten des Mundes, auf Stärke und Schwäche +des Hauches, auf Länge und Kürze, endlich auf Höhe, Tiefe und der +Mittellage des Tones; die Detailbehandlung dieser Dinge gehört jedoch +der Metrik an. Eine Silbe ist ein unbedeutsames Lautgebilde, das aus +einem Stummlauter und einem lautbesitzenden Elemente zusammengesetzt +ist; denn auch das GR ohne das A ist eine Silbe nicht minder als mit +dem A, als GRA. Aber die Erörterung auch dieser Unterschiede fällt der +Metrik anheim. + +Ein Bindewort ist ein unbedeutsames Lautgebilde, welches die +Verschmelzung mehrerer Lautgebilde zu einem bedeutsamen weder hindert +noch bewirkt und ebensowohl an den Grenzpunkten als in der Mitte +zu stehen geeignet ist, -- ferner ein solches, das aus mehreren +bedeutsamen Lautgebilden ein gleichfalls bedeutsames zu machen +geeignet und das nicht an der Spitze der Rede zu stehen fähig ist, wie +(_es folgen unübersetzbare Beispiele von Partikeln_). Ein Gliedwort +aber ist ein unbedeutsames Lautgebilde, welches Anfang, Ende oder eine +Sonderung der Rede bezeichnet * wie das _um_, _über_ u. dgl. m.[9] + +Ein Nennwort (Nomen) ist ein zusammengesetztes bedeutsames, keine +Zeitbestimmung enthaltendes Lautgebilde, das keinen für sich +bedeutsamen Teil enthält; denn bei den Doppelworten bedienen wir uns +der Teile nicht als für sich selbst bedeutender, wie z. B. im Namen +_Gottlieb_ das _lieb_ nichts bedeutet. Ein Aussagewort (Verbum) ist +ein zusammengesetztes bedeutsames, eine Zeitbestimmung enthaltendes +Lautgebilde, welches gleich den Nennworten keinen etwas für sich +bedeutenden Teil besitzt. Denn das Wort „Mensch“ oder „Weißes“ bedeutet +nicht das Wann, die Worte „geht“ oder „ging“ bezeichnen nebst anderem +auch das eine die gegenwärtige, das andere die vergangene Zeit. Eine +Flexion eines Nenn- oder Aussagewortes ist teils eine das „dessen“ oder +„dem“ und was dergleichen mehr ist, bedeutende, teils eine das „eine“ +oder „viele“ besagende wie „Mensch“ oder „Menschen“, endlich eine +die verschiedenen Vortragsweisen wie Frage und Befehl bezeichnende, +wonach z. B. „ging (er)?“ oder „geh!“ Flexionsformen des Verbums nach +diesen Gesichtspunkten sind. Ein Redegefüge ist ein zusammengesetztes +bedeutsames Lautgebilde, das _mindestens_ einige durch sich selbst +bedeutsame Teile besitzt. Denn nicht jedes Redegefüge besteht _ganz +und gar_ aus Nenn- und Aussageworten, wie etwa die Definition des +Menschen[10] (kann ein solches doch sogar der Aussageworte entrathen); +irgend ein selbstbedeutsamer Bestandteil wird aber immer vorhanden +sein, wie z. B. in den Sätzen: „in dem Gehen“, „Kleon der Kleonide“. +Einheitlich endlich ist ein Wortgefüge in zwiefachem Sinne: entweder +nämlich, weil es ein Einheitliches bedeutet, oder weil mehreres in ihm +enthalten, aber zu einer Einheit verbunden ist. Im letzteren Sinne ist +die Iliade, im ersteren die Definition des Menschen ein einheitliches +Wortgefüge. + + +=21.= Die Arten des Nennwortes sind die folgenden: das einfache, +worunter ich dasjenige verstehe, das aus unbedeutsamen Elementen +besteht wie das Wort „_Erde_“; dann das Doppelwort, das wieder in +zwei Unterarten zerfällt, je nachdem es aus einem bedeutsamen (nur +freilich nicht mehr in der Zusammensetzung bedeutsamen) und einem +unbedeutsamen Elemente, oder hingegen nur aus bedeutsamen Elementen +zusammengesetzt ist. Es kann auch ein drei- oder vierfach, ja ein +vielfach zusammengesetztes Nennwort geben, wie jene massaliotischen +Namen, z. B. _in dem Verse_: „Hermokaïkoxanthos zu Zeus die Hände +erhebend“. Jedes Nennwort ist entweder ein Alltags- oder ein Fremdwort +oder eine Metapher oder ein Schmuckwort oder eine Neubildung oder ein +solches, das eine Erweiterung, Verkürzung oder Umänderung erfahren hat. +Ich verstehe unter dem Alltagswort ein solches, dessen sich jedermann +_im betreffenden Lande_ bedient; unter dem Fremdwort eines, dessen sich +Andere bedienen; so daß augenscheinlich dasselbe Wort ein Fremd- und +ein Alltagswort sein kann, nur freilich nicht für dieselben Personen. +So ist z. B. (_„Port“ für die Franzosen ein Alltags-, für uns ein +dichterisches Fremdwort_). + +Die Metapher ist die Übertragung eines Ausdrucks auf ein ihm fremdes +Gebiet, und zwar entweder von der Gattung auf eine Art oder von +der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder +endlich auf Grund einer Proportion. Ein Beispiel des ersten ist _der +Versteil_: „dort ruhet das Schiff mir“;[11] denn das Vor-Anker-Liegen +ist eine Art des Ruhens. Eine Übertragung der zweiten Art ist jenes: +„Tausendfaches bereits hat er und Gutes vollendet“;[12] denn tausend +ist eine Vielheit, deren sich der Dichter hier statt des Vielen +schlechtweg bedient. Eine Übertragung von einer Art auf eine andere +enthält das folgende: „weg schöpft mit dem Erz er das Leben“ und +wieder: „ab schnitt er das Naß mit dauerndem Erze“;[13] denn hier +wird einmal das Schneiden ein Schöpfen, das andere mal das Schöpfen +ein Schneiden genannt; ist doch beides eine Art des Wegnehmens. Die +Proportion aber verstehe ich derart, daß das zweite sich zum ersten +verhält wie das vierte zum dritten. Dann kann man statt des zweiten das +vierte, oder statt des vierten das zweite setzen; und bisweilen fügt +man der Metapher noch das hinzu, zu dem das durch sie Ersetzte in einem +Verhältnisse steht. Ein Beispiel: die Trinkschale steht zu Dionysos +in einem ähnlichen Verhältnisse wie der Schild zu Ares. Da wird denn +der Dichter die Trinkschale den Schild des Dionysos und den Schild die +Trinkschale des Ares nennen. Ein anderes Beispiel: was das Alter in +Betreff des Lebens, das ist der Abend in Betreff des Tages; da wird man +denn den Abend das Alter des Tages nennen (oder mit etwas verändertem +Ausdrucke, wie dies ~Empedokles~ gethan hat) und desgleichen das +Alter den Abend oder den Niedergang des Lebens. Mitunter entbehrt ein +Proportionsglied einer Sonderbezeichnung; nichts desto weniger kann man +auch dann in ähnlicher Weise verfahren. So heißt z. B. das Entsenden +(_oder Ausstreuen_) des Samens „säen“, jenes des Strahles durch die +Sonne aber entbehrt einer Benennung; dennoch verhält sich dies zur +Sonne wie das Säen zum Ausstreuer des Samens, daher man denn gesagt +hat: „er sät den gottgeschaffnen Strahl“. Diese Abart der Metapher +gestattet noch eine andere Verwendungsweise. Man kann nämlich, indem +man das Andersartige durch den metaphorischen Ausdruck bezeichnet, +diesem einen Teil seiner Eigenart aberkennen. So wenn jemand den Schild +eine Trinkschale nennen wollte, aber statt zu sagen: „die Trinkschale +des Ares“ die Wendung vorzöge: „eine des Weines bare Trinkschale“. * +Eine Neubildung ist ein Ausdruck, der von Anderen überhaupt nicht +gebraucht, sondern vom Dichter geschaffen wird; es scheint nämlich in +Wahrheit einiges derartige zu geben, (_wie etwa „Gesprühe“, „Gespröße“ +und dergleichen_). Erweitert ist ein Wort, wenn ein Vocal in ihm +verlängert oder eine Silbe eingeschoben, verkürzt, wenn ihm etwas +weggenommen wird. Ein Beispiel der ersteren Art ist der „Peleiade“ +statt der „Pelide“. (_Beispiele der letzteren Art sind weß’, deß’, dein +statt wessen, dessen, deiner._) Umgeändert ist das Wort, wenn ein Teil +desselben beibehalten, ein anderer neu gebildet wird, wie jenes: „an +der rechteren Brust“ statt „an der rechten“.[14] + + Von den Nennworten sind die einen männlich, die anderen weiblich, + wieder andere keines von beiden. Die männlichen gehen auf N, R und + S aus und auf die mit diesen zusammengesetzten Buchstaben (_die + zwei Schriftzeichen für ps und ks_). Weiblich sind jene, die von + den langen Vokalen auf ē und ō (_die im griechischen besondere + Zeichen besitzen_), und von den mitunter gedehnten auf _A_ ausgehen. + So ergeben sich denn gleiche Zahlen für die männlichen und die + weiblichen Ausgänge, da ps und ks mit S identisch sind. Auf einen + Stummlauter aber geht kein Nennwort aus und eben so wenig auf einen + _immer_ kurzen Vokal; auf I aber nur drei, nämlich méli (Honig), + kómmi (Gummi) und péperi (Pfeffer); auf Y aber fünf. Die Neutra aber + gehen auf diese Buchstaben und außerdem auf N und auf S aus. + + +=22.= Die Güte der Diction besteht in ihrer Klarheit und ihrem Adel. +Am klarsten wird sie nun durch Verwendung der Alltagsworte, zugleich +aber unedel. Ein Beispiel bilden die Dichtungen des ~Kleophon~ und +des ~Sthenelos~. Vornehm und der Alltäglichkeit entrückt wird sie +durch den Gebrauch ungewöhnlicher Ausdrücke. Darunter verstehe ich das +Fremdwort, die Metapher, das erweiterte Wort und überhaupt alles, was +sich vom Gemeinüblichen entfernt. Gesetzt aber, es dichtete jemand in +lauter solchen Ausdrücken, so würde daraus entweder ein Rätselgewebe +oder ein Kauderwelsch entstehen; ersteres, wenn er lediglich +Metaphern, letzteres, wenn er lediglich Fremdworte verwendete. Denn +die Eigenart des Rätsels besteht darin, daß man durch die Verknüpfung +von Unmöglichem etwas Reales ausdrückt. Durch die Verbindung anderer +Worte nun läßt sich derartiges nicht bewirken, wohl aber mittelst der +Metapher. Man denke an jenes: „Siehe, da lötet ein Mann dem andern mit +Feuer Metall an“[15] und was dergleichen mehr ist. * Es soll also die +Rede mit derartigem gewürzt sein. Denn die Entfernung vom Trivialen und +Unedeln wird das Fremd- und Schmuckwort, die Metapher und die übrigen +genannten Kunstmittel bewirken, die Deutlichkeit aber wird der Gebrauch +der gemeinüblichen Ausdrücke erzielen. Nicht wenig zur Verbindung von +Klarheit und Adel des Ausdruckes tragen die Erweiterungen, Verkürzungen +und Umänderungen der Worte bei. Denn da all dies vom Üblichen abweicht, +so hebt das Ungewohnte darin über den Bereich des Trivialen hinaus, +während der enge Zusammenhang mit dem Gewohnten die Klarheit bewirkt. +Darum ist der Tadel nicht wohl begründet, den Manche gegen eine +derartige Redeweise erheben, indem sie ~Homer~ durchhecheln, wie dies +der alte ~Eukleides~ gethan hat, indem er meinte, es sei ein Leichtes +zu dichten, wenn man Kürzungen und, wie er eben dies selbst in einem +Spottvers ausdrückt, „Dēhnŭngĕn nāch Hĕrzĕnslūst zū vĕrănstāltĕn +ĕrlaūbt“. (_Es folgen noch zwei Beispiele von der Art jenes: „Īn +Jĕnă ŭnd We͞ɩmār mācht mān Hĕxămētĕr wĭe dēn dā.“_) Die auffällige +Verwendung dieses Genres ist nun freilich lächerlich. Allein das +Maßhalten ist ja ein diesem ganzen Gebiete gemeinsames Erfordernis; +üben doch auch Metaphern, Fremdworte und die anderen Kunstmittel bei +unziemlicher und geflissentlicher Verwendung eben jene Wirkung. Wie +ganz anders aber der angemessene Gebrauch _dieser Freiheiten_ wirkt, +dies mag man sich an den Epen veranschaulichen, indem man jene Formen +im Verse durch die gewöhnlichen ersetzt. Und nicht minder kann man sich +beim Fremdworte, bei der Metapher und den anderen Kunstformen von der +Richtigkeit unserer Ansicht überzeugen, wenn man die Alltagsworte an +ihre Stelle setzt. So hat z. B. ~Euripides~ dem ~Äschylos~ einen Vers +entlehnt und darin nur anstatt eines gemeinüblichen ein fremdartiges +Wort angebracht; und nun erscheint uns dieser Vers schön, jener aber +trivial. Während nämlich ~Äschylos~ seinen Philoktet sagen ließ: +„die Krankheit ißt von meines Fußes Fleisch“, schreibt ~Euripides~: +„die Krankheit schwelgt in meines Fußes Fleisch“. Und nicht anders +stünde es, wenn jemand den Vers: „Solch ein zwerghafter Wicht, ein +nichtsvermögender Unmann“ durch Einsetzung von Alltagsworten also +umgestaltete: „Solch ein winziger Knirps, ein gar nichts könnendes +Bürschchen“; oder wenn er anstatt des Verses: „Stellte den schmächtigen +Tisch ihm hin und den Stuhl, den geringen“ vielmehr schriebe: „Stellt’ +ihm das kleine Tischchen hin und den elenden Sessel“ oder anstatt: „es +heult das Geklipp“: „es schreit das Geklipp“.[16] Ähnlich _und nicht +minder grundlos_ hat auch ~Ariphrades~ die Tragiker verspottet, weil +sie Wendungen gebrauchten, deren sich niemand in der Umgangssprache +bedienen würde, (_wie z. B. „der Heimat fern“ oder „beut“ oder +„erküren“_). Denn alles derartige benimmt durch seine Ungewöhnlichkeit +der Rede den Charakter des Trivialen, was eben jener Tadler verkannte. +Nichts geringes ist es jedoch, jede dieser Schmuckformen in +angemessener Weise zu verwenden, auch die zusammengesetzten und die +Fremdworte, weitaus das Größte aber ist es, ein Meister im Gebrauche +der Metapher zu sein. Denn dies allein kann man nicht erlernen; es ist +vielmehr ein Kennzeichen genialer Begabung. Heißt doch gute Metaphern +bilden können nichts anderes, als einen sicheren Blick für Ähnlichkeit +besitzen. Was nun die einzelnen Dichtungsarten anlangt, so eignen +sich die zusammengesetzten Worte am meisten für den Dithyrambos, die +Fremdworte für das Epos, die Metaphern für die Sprache des Dramas. Im +Epos freilich sind alle genannten Kunstmittel wohl verwendbar, in das +jambische _dem Trauerspiel eigentümliche_ Versmaß aber passen, weil es +sich am meisten dem Conversationstone nähert, nur jene Wortarten, deren +man sich auch in der Prosa bedienen kann; es sind dies das Alltagswort, +das Schmuckwort und die Metapher. + + +=23.= Über das Trauerspiel nun und über die Nachahmung mittelst +handelnder Personen mag das Gesagte genügen. Was aber die +versificierte erzählende Darstellung anlangt, so leuchtet ein, daß +man die Fabeln, nicht anders als in den Trauerspielen, dramatisch +bauen und um eine ganze und in sich abgeschlossene, Anfang Mitte +und Ende besitzende Handlung gruppieren soll, damit sie gleich +einem einheitlichen und ganzen Organismus die ihr eigentümliche +Lust erzeuge. Nicht hingegen soll der Aufbau der Begebenheiten den +Geschichtserzählungen gleichen, in welchen nicht eine einheitliche +Handlung, sondern ein einheitlicher Zeitabschnitt das Object der +Darstellung bilden muß, und zwar all das was innerhalb desselben sich +mit einer oder mehreren Personen begeben hat -- welche immer die +Beziehung sein mag, in der diese Vorgänge zu einander stehen. Denn +gleichwie der Seesieg bei Salamis und der Landsieg über die Karthager +in Sicilien gleichzeitig stattfanden, ohne daß die zwei Ereignisse +auf denselben Zweck abzielten, so schließt sich mitunter auch im +Nacheinander eine Begebenheit der anderen an, ohne zu einem gemeinsamen +Ziele zusammenzuwirken. Die Mehrzahl der Dichter aber verfährt in +dieser Weise. Darum überragt ~Homer~, wie wir schon einmal bemerkten, +auch darin die Anderen gewaltig, daß er nicht einmal den _trojanischen_ +Krieg, obgleich dieser doch Anfang und Ende besitzt, in seinem ganzen +Umfange darzustellen unternahm; denn die Darstellung wäre allzu groß +und nicht mehr übersichtlich ausgefallen oder bei mäßiger Ausdehnung +verwirrend durch die Buntheit des Inhalts. So hat er denn einen Teil +_des ganzen Kriegsverlaufs_ herausgehoben und von den anderen Teilen +viele zu Episoden verwendet; man denke an den Schiffskatalog[17] und +an andere Zuthaten, die dem Dichtwerke reiche Abwechslung verleihen. +Die anderen _epischen_ Dichter aber machen eine Person und eine Zeit +und, wenn eine Handlung, so eine vielteilige zum Gegenstand der +Darstellung, wie _letzteres_ der Dichter der „Kyprien“ und jener der +„Kleinen Ilias“ gethan hat. In Wahrheit giebt die Ilias und die Odyssee +den Stoff zu je einem Trauerspiel oder doch nur zu zweien ab; aus den +„Kyprien“ aber hat man gar viele und aus der „Kleinen Ilias“ deren +mehr als acht gemacht, nämlich das „Waffengericht“, den „Aias“, den +„Philoktet“, den „Neoptolemos“, den „Eurypylos“, die „Bettlersendung“, +die „Lakonerinnen“, die „Zerstörung Trojas“; ferner auch die „Abfahrt“, +den „Sinon“ und die „Troerinnen“. + + +=24.= Ferner soll das Heldengedicht dieselben Arten wie das Trauerspiel +besitzen -- muß es doch einfach oder verwickelt, ethisch oder +pathetisch sein -- und desgleichen sind die Teile mit Ausnahme der +Gesangscomposition und der scenischen Ausstattung dieselben. Denn auch +hier sind Peripetien, Erkennungen und Wehethaten unerläßlich, und nicht +minder, daß die Reflexion und die Diction unser Wohlgefallen errege. +Alle diese Elemente hat ~Homer~ zuerst und in ausreichender Weise +verwendet. Zunächst in Ansehung des Baues der beiden Gedichte. Die +Ilias nämlich ist eine einfache und pathetische Dichtung, die Odyssee +ethisch und, da sie ganz und gar auf Erkennung beruht, verwickelt. +Zudem hat er auch in der Diction und Reflexion die Werke aller Anderen +übertroffen. Weitere Unterschiede der beiden Dichtungsweisen aber +bilden der Umfang und das Versmaß des Heldengedichtes. Als Maß des +Umfanges genügt die oben gegebene Bestimmung, daß man nämlich Anfang +und Ende zugleich müsse überschauen können. Dies wäre wohl dann +erreicht, wenn die Compositionen kürzer als die alten und etwa so lang +wären als die zu je einer Aufführung verbundenen _drei_ Trauerspiele. +Für die Erweiterung seines Umfanges kommt dem Heldengedicht ein +Umstand in reichem Maße zu statten. Im Trauerspiele nämlich können +nicht mehrere gleichzeitige Geschehnisse zur Darstellung gelangen, +sondern nur eben das, was jedesmal auf der Bühne durch die Schauspieler +erfolgt. Im Heldengedicht aber ermöglicht es die erzählende Form, daß +man mehrere Teile der Handlung zugleich verlaufen läßt, wodurch, ihre +innere Verwandtschaft vorausgesetzt, die Wucht des Dichtwerkes erhöht +wird. Hierin besitzt das Heldengedicht einen Vorzug, der ihm größere +Pracht verleiht, den Zuhörer durch Abwechslung erfrischt und durch die +Einführung von Episoden die Eintönigkeit hintanhält. Ist es doch diese, +die rasch übersättigt und so das Fiasco manch eines Trauerspieles +verschuldet. Was aber das Versmaß anlangt, so hat sich das heroische +durch die Erfahrung als das _allein_ angemessene erwiesen. Denn +wollte es jemand versuchen, eine erzählende Darstellung in irgend ein +anderes Versmaß oder in eine Verbindung von solchen zu kleiden, so +wäre der Eindruck kein erquicklicher. Gleichwie nämlich die erzählende +Darstellung selbst alle anderen an Hoheit überragt, so ist auch das +heroische das stetigste und wuchtigste aller Versmaße, weshalb es auch +den Gebrauch fremdartiger Ausdrücke im reichsten Maße gestattet. Der +jambische Trimeter aber und der trochäische Tetrameter sind bewegter, +da dieser den Tanz, jener die Bühnenhandlung naturgemäß begleitet. Noch +wunderlicher wäre es, wenn es jemand mit einem Quodlibet von Versmaßen +nach dem Vorbilde ~Chäremon~’s versuchen wollte. Darum hat denn auch +noch niemand eine umfängliche _epische_ Composition in einem anderen +als dem heroischen Versmaße gedichtet; es lehrt eben, wie wir schon +einmal bemerkten, die Natur selbst das Passende ergreifen. + +Wie aus vielen anderen Gründen, so verdient ~Homer~ auch darum hohes +Lob, weil er allein nicht verkennt, was der Dichter in eigener Person +zu thun hat. In eigener Person soll nämlich der Dichter so wenig als +möglich reden, da er ja insoweit kein nachahmender Darsteller ist. +Die anderen stehen nun durchweg gleichsam auf der Bühne und stellen +nur einzelnes und in vereinzelten Fällen nachahmend dar; ~Homer~ +aber läßt nach kurzer Einleitung sofort einen Mann, eine Frau oder +sonst ein Wesen auftreten, und zwar jedes von ausgeprägter Eigenart, +keines ohne diese. Ferner muß man freilich auch im Trauerspiele das +Wunderbare anbringen, im Heldengedicht aber ist für das Ungereimte, +die Hauptquelle des Wunderbaren, darum mehr Raum vorhanden, weil der +Handelnde nicht vor unseren Augen steht. Würde doch auf der Bühne z. B. +die Verfolgung Hektors -- hier müßige Zuschauer, die an der Verfolgung +keinen Anteil nehmen, dort einer, der ihnen abwinkt -- einen komischen +Eindruck hervorbringen. Im Epos aber sieht man darüber hinweg. Wie +reizvoll aber das Wunderbare ist, dies lehrt der Umstand, daß _im +wirklichen Leben_ alle Berichterstatter etwas hinzuzuthun lieben und +dadurch das Wohlgefallen des Hörers zu erregen glauben. Am meisten hat +aber ~Homer~ die Übrigen die Unwahrheit in der rechten Weise sprechen +gelehrt. Es beruht dieses Verfahren auf einem Fehlschlusse. Wenn +nämlich, falls _A_ vorhanden ist oder geschieht, auch _B_ vorhanden +ist oder geschieht, so meinen die Leute, daß, wenn _B_ vorhanden ist, +nun auch _A_ vorhanden sei oder geschehe. Dies ist aber falsch. Ist +daher ein erstes irreal, müßte aber, falls es vorhanden wäre, auch ein +zweites vorhanden sein oder geschehen, so soll man dieses hinzufügen; +denn kennen wir die Realität des zweiten, so folgert unsere Seele dann +irrtümlich die Realität auch des ersten. Ein Beispiel liefert die +Badescene _der Odyssee_. Desgleichen muß man glaubhaftes Unmögliches +dem unglaubhaften Möglichen vorziehen. Des weiteren sollen die Fabeln +nicht aus lauter Ungereimtheiten bestehen; am besten ist es vielmehr, +wenn sie derlei überhaupt nicht enthalten, andernfalls aber soll +dasselbe außerhalb der Handlung liegen, wie die Unkenntnis des Ödipus +über des Laios Todesart, nicht aber im Drama selbst vorkommen, wie die +Meldung über die pythischen Spiele in der „Elektra“ _des Sophokles_ +oder in den „Mysern“ _des Äschylos der Held_, der, ohne den Mund zu +öffnen, von Tegea bis nach Mysien wandert. Lächerlich ist daher die +Ausrede, es wäre sonst um die Fabel geschehen gewesen; man darf diese +eben von Haus aus nicht also anlegen. Hat der Dichter aber solches +angebracht und es in ein annähernd vernunftgemäßes Licht gestellt, +so kann man auch ein Ungereimtes gelten lassen. Möchte doch auch +das Widersinnige, dem man in der Odyssee begegnet -- die Aussetzung +_des Odysseus in Ithaka_ nämlich[18] -- unerträglich werden, sobald +ein schlechter Dichter es behandelte, wie solch ein Versuch klärlich +darthun würde. ~Homer~ aber hat durch die übrigen Vorzüge seiner +Darstellung das Ungereimte verdeckt und versüßt. Der Diction endlich +hat man in den unergiebigen und weder durch Gefühls-, noch durch +Gedankengehalt hervorragenden Partien am meisten Sorgfalt zuzuwenden. +Kann doch anderseits auch dieser Gehalt wieder durch übergroßen Glanz +der Darstellung verdunkelt werden. + + +=25.= Was nun Probleme und Lösungen anlangt, so kann vielleicht die +nachfolgende Betrachtung lehren, aus welchen und aus wie vielen +Gesichtspunkten sie sich aufstellen lassen. Da nämlich der Dichter ein +nachahmender Darsteller ist, nicht viel anders als ein Maler oder ein +anderer Bildner, so muß er notwendig von drei Stücken eines nachbilden. +Entweder Dinge, wie sie waren oder sind, oder wie sie angeblich sind +und erscheinen, oder wie sie sein sollen. Zum Ausdrucksmittel dient +aber entweder die alltägliche oder die mit Fremdworten, Metaphern +und den sonstigen Abarten der Diction versetzte Sprache; denn diese +_Freiheiten_ räumen wir den Dichtern ein. Dazu kömmt ferner, daß der +Begriff des Richtigen für die Dichtkunst nicht derselbe ist, wie für +die Staatskunst oder irgend eine andere Kunst. Endlich sind auch die +Verstöße gegen die Dichtkunst selbst von zwiefacher Art; die einen +betreffen sie als solche, die anderen betreffen sie accidentell. Wenn +nämlich das Vorhaben richtig nachzubilden bestand, aber am Unvermögen +scheiterte, so betrifft der Fehler sie selbst; war hingegen das +Vorhaben ein verfehltes, ging es z. B. dahin, das Pferd mit beiden +rechten Beinen ausschreiten zu lassen, so betrifft der Fehler die +jedesmalige Einzelwissenschaft, z. B. die Arzeneiwissenschaft oder eine +andere Disciplin, nicht die Dichtkunst als solche. Dies also sind die +Gesichtspunkte, von welchen aus es die in den Problemen enthaltenen +Angriffe zu prüfen und zu entkräften gilt. + +Sprechen wir zuvörderst von Verstößen gegen die Dichtkunst selbst. +Unmögliches ward geschaffen; da ist gefehlt worden; aber man that +Recht daran, wenn die Dichtkunst also ihr (von uns namhaft gemachtes) +Ziel erreicht, wenn man auf diesem Wege die betreffende oder eine +andere Partie wirkungsvoller gestaltet hat. Ein Beispiel bietet die +Verfolgung Hektors. Ließ sich freilich das Ziel mehr oder weniger +erreichen ohne gegen die einschlägige Kunst zu verstoßen, so that +man nicht Recht daran zu fehlen; denn man soll, wenn es thunlich +ist, überhaupt keinen Fehler begehen. Ferner fragt es sich, wogegen +verstoßen ward, ob gegen die Kunst als solche, oder gegen etwas +anderes, bloß Accidentelles. Denn weniger bedeutet es, wenn der Dichter +(_Pindar_)[19] nicht wußte, daß die Hindin kein Geweih hat, als wenn +er sie unkenntlich darstellte. Besagt der Tadel des weiteren, die +Sache sei nicht naturwahr dargestellt, so mag man antworten: „aber +vielleicht so, wie sie sein soll“; wie denn ~Sophokles~ erklärte, +er stelle die Menschen so dar, wie sie sein sollen, ~Euripides~ so, +wie sie sind. Dies ist eine Art der Entkräftung. Trifft aber dies so +wenig als jenes zu, so ist vielleicht die Berufung auf die gangbare +Meinung am Platze. So in Betreff der Götterwelt. Denn vielleicht ist +es weder besser, sie in der üblichen Weise darzustellen, noch auch +entspricht es der Wahrheit, sondern ~Xenophanes~ mag hier Recht haben; +aber es ist eben die gangbare Meinung. Ein andermal gilt vielleicht +nicht die Antwort: „es ist so besser“, aber: „es verhielt sich ehemals +so“, wie dort, wo es von den Waffen heißt: „es ragten die Lanzen Grad +auf des Speerschafts Spitze“; denn dies war damaliger Brauch, wie +er noch heute bei den Illyrern besteht. Gilt es die Frage, ob eine +Rede oder Handlung löblich oder das Gegenteil ist, so darf man nicht +nur diese selbst in Betracht ziehen und prüfen, ob sie edel oder +gemein seien, man muß vielmehr auch den Handelnden oder Sprechenden +ins Auge fassen, mit Rücksicht auf seinen Widerpart, auf das Wann, +das Wem zu Liebe oder das Weswegen, ob es etwa ein größeres Gut zu +erreichen oder ein größeres Übel abzuwenden galt. Andere Bedenken +muß man im Hinblick auf die Sprachform heben, so durch die Annahme +eines Fremdwortes an der Stelle: „Mäuler zuerst nun“; denn vielleicht +meint der Dichter nicht die Maulthiere, sondern die Wächter. Und +ebenso wollte er wohl den Dolon, „der zwar übel von Anseh’n war“ nicht +mißgestaltet nennen, sondern häßlich von Angesicht; verstehen doch +die Kreter unter „schön von Ansehen“ das schöne Gesicht. Desgleichen +mag in den Worten: „kräftiger mische den Trunk“ das „kräftiger“ nicht +die geringe Verdünnung, wie für Trunkenbolde, sondern soviel als +„hurtiger“ bedeuten. Anderes ist metaphorisch ausgedrückt, wie jenes: +„Alle die andern nun, so Götter als reisige Männer, Schliefen die Nacht +hindurch“; sagt doch der Dichter zugleich auch: „Siehe, so oft er den +Blick auf das Feld das troische wendet“, da vernimmt er „Pfeifen- +und Flötengetön“. Es ist nämlich „alle“ metaphorisch für „viele“ +gebraucht, denn „alles“ ist ja eine Art der Vielheit. Gleichfalls +metaphorisch ist jenes: „die allein nicht hinabtaucht“ zu verstehen; +das Bekannteste heißt ihm eben das einzige. In anderen Fällen hilft +die Betonung, wie ~Hippias~ von Thasos die Anstöße in den Worten „ihm +aber gewähren“ und in jenem „deß Teil vom Regen verfaulet“ durch +Veränderung der Lesezeichen erledigt hat, oder auch die Interpunction, +wie in jenen Versen des ~Empedokles~: „In die Sterblichkeit sank was +erst unsterblich gewesen, Lauteres wurde Gemengtes“. Anderswo hilft +die Auskunft der Zweideutigkeit, wie in jenem: „das meiste der Nacht +ist vorüber“; denn „das meiste“ ist zweideutig. Wieder ein andermal +hilft die Rücksicht auf den Sprachgebrauch; so auf den Umstand, daß +man auch ein anderes Mischgetränk „Wein“ nennt und „Erzschmiede“ auch +die Bearbeiter des Eisens. Daher denn Ganymed des Zeus „Weinschenk“ +genannt wird, während die Götter doch keinen Wein trinken. Doch läßt +sich die Benennung auch als metaphorisch betrachten. Auch muß man, +wenn ein Ausdruck einen Widerspruch zu enthalten scheint, prüfen, wie +vielerlei er an jenem Orte bedeuten kann. So beachte man bei jenem: „wo +die eherne Lanze nun feststand“, daß sich das „dort gehemmt werden“ in +zwiefachem Sinne verstehen läßt. Auch frage man sich, wie wohl jemand +das Wort am ersten auffassen würde, im geraden Gegensatze zu dem von +~Glaukon~ geschilderten Verfahren. Es gehen nämlich die Leute manchmal +von einer unverständigen Auffassung aus und nachdem sie diese gleichsam +decretiert haben, ziehen sie ihre Schlüsse daraus; wenn sich nun ein +Widerspruch mit ihrer Willkürmeinung ergiebt, dann tadeln sie den +Dichter, als ob er eben das, was ihnen gut dünkt, wirklich gesagt habe. +So ist es auch der Stelle über Ikarios ergangen. Man hält ihn nämlich +für einen Lakonen; da ist es denn befremdlich, daß Telemach ihn bei +seinem Aufenthalt in Lakedämon nicht aufsucht. Es mag aber damit so +stehen, wie die Kephallenier behaupten, daß nämlich Odysseus sich seine +Gattin bei ihnen geholt habe und daß Penelopens Vater Ikadios, nicht +Ikarios hieß. So wird das Problem wohl einem Schreibfehler sein Dasein +verdanken. + +Alles in allem können wir sagen: man soll das Unmögliche auf die +Forderungen der Kunst oder auf das Bessere oder auf die Meinung +zurückführen. Vom Standpunkte der Dichtkunst nämlich verdient das +glaubhafte Unmögliche den Vorzug vor dem unglaubhaften Möglichen. +Ferner: mag es vielleicht unmöglich sein, daß es Menschen von der Art +gebe, wie Zeuxis sie gemalt hat, so kann man doch antworten: „aber +es ist das Bessere“, denn das Ideal soll die Wirklichkeit überragen. +Auf die gangbare Meinung endlich führe man das Ungereimte zurück, +und nebenbei auch darauf, daß ein solches unter Umständen nicht +ungereimt ist; denn wahrscheinlich ist es, daß manches auch gegen die +Wahrscheinlichkeit erfolge. Was den Eindruck des inneren Widerspruchs +hervorbringt hat man so zu prüfen, wie es die Normen des dialektischen +Widerlegungsverfahrens erfordern, ob nämlich von demselben, ob +von ihm in Bezug auf dasselbe, und ob von ihm in demselben Sinne +die Rede ist. So soll auch die Rechtfertigung im Hinblick auf die +ausdrückliche Aussage des Dichters oder auf die Voraussetzung eines +verständigen Lesers erfolgen. Mit Recht kehrt sich der Tadel gegen das +Ungereimte und gegen das Böse, wenn der Dichter es ohne Not zuläßt, wie +~Euripides~ jenes in Betreff des Ägeus, dieses in Ansehung des Menelaos +in seinem „Orestes“ gethan hat. Die Ausstellungen gehen daher von fünf +Gesichtspunkten aus und zielen auf das Unmögliche, das Ungereimte, +das Schädliche, das Widerspruchsvolle oder auf Verstöße gegen das +Kunstgerechte. Die Rettungen sind nach den angegebenen Rubriken zu +erstreben; dieser giebt es aber zwölf. + + +=26.= Ob die epische oder die tragische Darstellung höher stehe, dies +verlohnt sich wohl zu erörtern. Ist es richtig, _so kann man zuvörderst +meinen_, daß die feinere Darstellung höher steht, sie aber in dem Maße +feiner ist, als sie sich an ein höher stehendes Publicum wendet, so +ist _zunächst_ diejenige, die alles versinnlicht, augenscheinlich gar +sehr unfein. Denn als ob dem Publicum alles dunkel bliebe, wenn es der +Darsteller nicht selbst hinzuthut, ergehen sich diese in unaufhörlichen +Bewegungen, wie die schlechten Flötenspieler, die sich förmlich +wälzen, wenn es den Diskoswurf nachzuahmen gilt, und den Chorführer am +Kleide zerren wenn sie die Skylla blasen. Dem Trauerspiele, _so sagt +man nun_, ist dasselbe eigen, was den älteren Schauspielern an dem +Spiele der jüngeren auffiel; einen Affen nämlich nannte Mynniskos den +Kallippides, weil er allzu stark auftrug, und dasselbe Urteil traf auch +den Pindaros. Wie diese _Schauspieler verschiedener Generationen_ sich +zu einander verhalten, so verhalte sich die ganze tragische Kunst zur +Epopöe. Diese, _so meint man_, wendet sich an ein gebildetes Publicum, +das des Geberdens nicht bedarf, die Tragödie aber an ein gemeines. Ist +sie nun in der That unfeiner, so steht sie offenbar tiefer. + +Zunächst nun, _so kann man erwidern_, gilt diese Anklage nicht der +Dichtkunst, sondern der Schauspiel- und der Vortragskunst _überhaupt_; +denn in der Pointierung ein übriges leisten, das kann auch der +Rhapsode, wie Sosistratos, und der Concertsänger, wie Mnasitheos der +Opuntier es that. Ferner ist auch nicht jede Bewegung verwerflich, +sonst müßte es ja auch der Tanz sein, sondern nur jene gemeiner +Personen; war doch dies der Tadel, den man gegen Kallippides erhob +und jetzt gegen Andere erhebt, denen man vorwirft, sie stellen +_in ihren Frauenrollen_ keine freien Frauen dar. Endlich thut das +Trauerspiel auch ohne jede Bewegung seine Wirkung, nicht anders als +das Heldengedicht; giebt sich doch der Wert jedes seiner Werke auch +bei der bloßen Lectüre kund. Verdient es nun aus anderen Gründen +den Vorzug, so darf man dieses Element, da es ihm nicht als ein +notwendiges anhaftet, nicht mit in Rechnung stellen. Es verdient ihn +aber, weil es all das besitzt, was dem Heldengedicht eigen ist (steht +ihm doch sogar auch dessen Versmaß zu Gebote) und überdies ein nicht +gering anzuschlagendes Kunstmittel, die Musik, welche dem Genusse die +höchste Lebendigkeit verleiht, und die Scenerie. Ferner eignet ihm das +Packende des Eindrucks, und zwar sowohl bei der Lectüre als bei der +Bühnenaufführung, nicht minder der Vorzug, daß die Darstellung sich in +einem engeren Rahmen abspielt. Ist doch das einigermaßen Concentrierte +genußreicher als das stark Verdünnte. Ich denke hierbei an Fälle der +Art, wie wenn jemand den Ödipus des ~Sophokles~ in so viele Verse +brächte, als die Iliade enthält. Schließlich ist die Darstellung der +Ependichter eine minder einheitliche, was daraus erhellt, daß jedes +ihrer Werke den Stoff zu mehreren Trauerspielen abgiebt. So geschieht +es denn, daß, sobald sie einen einheitlichen Stoff behandeln, die +Bearbeitung bei knapper Ausführung wie abgehackt erscheint, wenn sie +aber die dem Versmaß entsprechende volle Entfaltung gewinnt, den +Eindruck des Verwässerten hervorbringt. Im anderen Fall aber erhält sie +ein buntscheckiges Ansehen. Ich meine dann, wenn das Heldengedicht aus +mehreren Handlungen besteht, wie ja auch die Iliade viele derartige +Partien enthält und desgleichen die Odyssee --, Partien, die auch +für sich genommen, eine gewisse, _zur Selbständigkeit ausreichende_, +Ausdehnung besitzen; und doch ist der Bau dieser Dichtwerke der denkbar +beste und sie sind so weit als möglich Darstellungen einheitlicher +Handlungen. Wenn somit das Trauerspiel in all diesen Punkten und +außerdem noch in der specifischen Kunstleistung einen Vorzug besitzt +-- denn die Dichtungen sollen nicht jede beliebige Lust, sondern +die hier schon oft genannte gewähren --, so ist es klar, daß es das +_gemeinsame_ Ziel vollständiger erreicht und mithin höher steht als das +Heldengedicht. + +Über das Trauerspiel und Heldengedicht nun, über sie selbst, ihre Arten +und Teile, deren Zahl und Beschaffenheit und über die Ursachen des +Gelingens und Mißlingens, desgleichen über Ausstellungen und Rettungen +mag das Gesagte genügen. + + + + +WAHRHEIT UND IRRTUM + +IN DER + +KATHARSISTHEORIE DES ARISTOTELES + +VON + +ALFRED FREIHERRN VON BERGER. + + +Die Auslegung der Definition der Tragödie, welche die Poetik (Cap. 6) +enthält, im streng aristotelischen Sinne wird am stärksten gehemmt +durch die Neigung, die Frage nach dem richtigen aristotelischen Sinne +derselben zu vermengen mit der Frage nach ihrer sachlichen Richtigkeit. +Das führte dahin, daß jeder diejenige Auffassung der Tragödie, die ihm +die wahre und würdige dünkte, in Aristoteles’ Definition hineinzudeuten +suchte. Auch die nachscholastische Philosophie stand eben noch lange +unter der Denknötigung, eine Frage für entschieden zu halten durch +einen autoritativen Ausspruch des Aristoteles; selbst ~Lessing~ war +nicht frei von dieser Neigung. Als die der Tragödie eigentümliche +Wirkung hat Aristoteles in der Poetik die durch Mitleid und Furcht +erfolgende „Katharsis“ dieser beiden Affecte bezeichnet. An dieses +Endglied der aristotelischen Definition der Tragödie knüpft sich die +berühmte Streitfrage über die Bedeutung des Ausdruckes „Katharsis der +Affecte Mitleid und Furcht“. Indem die vorliegende Verdeutschung der +Poetik das griechische Wort „Katharsis“ mit „Entladung“ wiedergiebt, +hat sie in dieser Streitfrage Stellung genommen und sich für die von +~Jakob Bernays~ gegen andere Ansichten zur Geltung gebrachte Auffassung +entschieden, die in dieser „Katharsis“ eine Reinigung nicht +der +Affecte+, sondern +von Affecten+ erblickt. Mit Benützung einer Stelle +im achten Buche der Politik des Aristoteles, so wie einiger Äußerungen +späterer, neuplatonischer griechischer Schriftsteller hat ~Jakob +Bernays~ unwiderleglich bewiesen, was übrigens schon vor ihm andere +Forscher mehr oder minder deutlich erkannt hatten, daß der Ausdruck +Katharsis der Medicin entnommen ist, in welcher er die Austreibung +eines Krankheitsstoffes aus dem Körper bedeutet. In der erwähnten +Stelle der Politik vergleicht Aristoteles mit dieser körperlichen Cur +die Heilung jener Nervenkrankheit, die er „Enthusiasmus“ nennt, durch +Musik. Indem diese Musik, die „Olymposweisen“, dem Kranken zu einem +heftigen Anfall und Ausbruche seines Übels verhilft, verschafft sie +ihm für einige Zeit Beruhigung, „gleichsam als hätte er ärztliche Cur +und Katharsis erfahren“ (VIII, 7). Ganz ebenso wird nun mittelst der +Tragödie den zu Mitleid und Furcht Geneigten durch Erregung dieser +Affecte erleichternde, lustvolle Entladung gewährt. + +Diese Auslegung beseitigt alle älteren Auffassungen, welche unter +Katharsis irgend welche innere Umwandlung oder Läuterung der durch die +Tragödie erregten Affecte Mitleid und Furcht verstanden, sei es, daß +diese Läuterung im ethischen oder im hedonischen Sinne gedacht war. +Es ist völlig gewiß, daß nach Aristoteles nicht die Affecte durch +die Tragödie gereinigt, sondern der Mensch von ihnen für einige Zeit +befreit werden sollte. + +In den nachfolgenden Betrachtungen, in welchen eine Prüfung der +aristotelischen Katharsistheorie auf ihre sachliche Wahrheit und +Zulänglichkeit versucht wird, ist die ~Jakob Bernays~’sche Auffassung +derselben in der Hauptsache zugrunde gelegt. + +Daß diese als die Ansicht des Aristoteles, insbesondere von +Ästhetikern, nicht unbedingt anerkannt wird, ist die Folge davon, daß +die von ~Bernays~ als aristotelisch nachgewiesene Katharsistheorie den +Ästhetiker sachlich nicht voll zu befriedigen vermag. + +Diese Unbefriedigung, unter dem Einflusse des scholastischen +Vorurteiles, erweckt den Wunsch, daß die Theorie nicht die des +Aristoteles sein möge, und dieser Wunsch ist der Vater all der +Gedanken, mit welchen die zahlreichen Streitschriften angefüllt sind, +die noch immer wider den Stachel der medicinischen Auffassung löcken. + +Einem so gestimmten Forscher wird es nun nicht schwer werden, in der +Poetik allerlei Spuren anderer Auffassungsweisen der Tragödie, als +die medicinische, zu entdecken. Aristoteles war kein doctrinärer +Principienreiter, der seine Augen geflissentlich vor anderen Seiten +eines Problems verschloß, als jene, von welcher aus er es mit seiner +Speculation anging. In der Poetik fehlt es nicht an Stellen und +Wendungen, die sich nicht mit strenger Folgerichtigkeit aus ihren +Grundgedanken ableiten lassen, sondern vielmehr den unbewußten Einfluß +von Ideen verraten, die Aristoteles, weil er sich dieselben nicht zu +klarem Bewußtsein gebracht hatte, nicht unter seine Grundprincipien +aufnahm, die ihn aber trotzdem bestimmten, seine Folgerungen im +Einklange mit Erfahrung und aufrichtigem Gefühle zu ergänzen, zu +berichtigen und abzuschwächen. Man mag diesen Einfluß noch nicht +deutlich erfaßter, unentdeckter Gedanken den astronomischen Störungen +vergleichen, durch welche ein noch unbekanntes Gestirn sein Dasein +verrät. Wer nun seine Aufmerksamkeit auf solche Stellen der Poetik +sammelt, vermag unter dem Vorgeben, den tiefsten Gehalt der Poetik +aufzudecken, diejenige Ästhetik, die ihm zusagt, in sie hineinzudeuten, +wofür überdies die Lücken des Textes und vieldeutige Ausdrücke, wie +z. B. gerade Katharsis, genügenden Spielraum lassen. Doch wird durch +übertreibendes Betonen von Ideen, an welche der Geist des Aristoteles +vielleicht gelegentlich heranstreift, ohne daß er sie in sein System +aufnähme, nur die eigenartige Physiognomie seines Werkes verzerrt und +verwischt. Richtiger und wertvoller als der unfruchtbare Versuch, +die ästhetische Weisheit späterer Tage in und zwischen die Zeilen +der Poetik hineinzuinterpretiren, wie dies so viele thaten, welche +die Poetik auszulegen meinten, scheint es mir, ihre psychologischen +und ästhetischen Grundannahmen frisch an den Thatsachen zu prüfen. +Wir wollen einmal als endgiltig bewiesen und jedem weiteren Streit +entrückt annehmen, daß Aristoteles die erleichternde Entladung von +Mitleid und Furcht als Wirkung der Tragödie betrachtete, und dafür die +Frage aufwerfen, ob dergleichen in der tragischen Wirkung überhaupt +stattfindet. + + +I + +Vor allem gilt es eine Unklarheit, einen verworrenen Doppelsinn +auflösen, der ein deutliches Verständnis des seelischen Vorganges +„Katharsis“ unmöglich macht. Man kann das Kathartische sehen in der +Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses nach Affecten. Die +Ursache eines solchen Affecthungers wäre keine seelische, sondern rein +leiblich. Das ruhende Gehirn erzeugt einen Überschuß an seelischer +Energie, der abströmen muß. Dieses Abströmen kann in verschiedenen +Formen erfolgen, durch körperliche Anstrengung und Bewegung, durch +geistige Arbeit, durch Leidenschaften und Affecte. In diesem Zustand +befindet sich sehr oft der gesunde, junge Mensch. Er erklettert Berge, +er stürzt sich in Leidenschaften, fühlt sich durch sie himmelhoch +jauchzend, zum Tode betrübt, zerarbeitet sein Gehirn an philosophischen +Problemen. Was ihn dazu treibt, ist der Überschuß an nervöser, +seelischer und geistiger Energie, der ihm keine Ruhe läßt. Solche junge +Menschen haben einen wahren Lebenshunger, selbst Schmerzen sind ihnen +willkommen, weil sie in ihnen ihre Überfülle fühlen und auslassen +können, daher in den Schmerzen sorgenfreier, begabter Jünglinge so +viel Unwahres und Gespieltes ist. Gewollter Schmerz ist unwahrer +Schmerz, ist Gefühlsschwelgerei. Für diesen Kraftüberschuß liegt die +Katharsis in heftigen Gemütsbewegungen. Der Heißhunger nach starken +Lebensgefühlen ist so wenig wählerisch als ein anderer Heißhunger. +Er findet in jeder Erregung seine Befriedigung, auch wenn diese +Erregung ein Begehren ist, das selbst wieder Stillung fordert. Jungen +Menschen liegt mehr an der Begierde, als am Genuß, die Leidenschaft +ist das Element, in dem ihnen wohl ist, und Gegenstand und Ziel der +Leidenschaft kann daneben beinahe gleichgiltig werden. „Wenn’s dir in +Kopf und Busen schwirrt, was willst du Bess’res haben?“, sang ~Goethe~. +In diesem Sinne genießt denn die Jugend auch die Dichtung. Vor allem +muß sie ihr starke Emotionen geben. Im modernen deutschen Naturalismus, +wie einst in der Sturm- und Drangbewegung, ist dieses Jugendmerkmal +unverkennbar. Um jeden Preis Emotionen, je heftiger, desto lieber, „je +weher, desto bester“, wie ~Mörike~’s Mägdlein sagt, dem der Geliebte +beim Küssen die Lippe beißt. + +Das ist +eine+ Art Katharsis. Sie wird in ihrem inneren Wesen am +klarsten durch den Hinweis auf Affecte, welche an ein bestimmtes +körperliches Organ geknüpft sind. Der kraftstrotzende Sexualapparat +fordert und erzeugt die Gefühle, durch welche er in Function tritt. Nun +hat zwar der Mensch keine sichtbaren, am oder im Körper als Einheit +nachweisbaren, Organe für all die Freuden, Schmerzen, Leidenschaften, +aus welchen wesentlich das Leben besteht, aber er tritt doch gerüstet +für das Leben in die Welt, für Furcht, Haß, Stolz, Ehrgeiz, Liebe, +Rachsucht u. s. w. mit Gehirndispositionen ausgestattet, welche, wenn +ein gewisser Reifegrad erreicht ist, gerade so ihre eigentümlichen +Bethätigungen fordern, wie der sexuale Apparat die Sexualgefühle. + +Daher lechzt der jugendliche Mensch nach allen möglichen Affecten, +giebt sich ihnen hin, sobald sich ihm nur ein Vorwand bietet, sie zu +empfinden; Studentenmensuren, Liebesschwärmerei, Jugendtragödien, +Vereinswesen, Alpensport u. s. w. sind die Erscheinungsform davon, +überhaupt das ganze Spiel des Lebens, welches dem Ernst und der +Realität desselben vorherläuft. Es läßt sich denken, daß im antiken +Athen unter den Vornehmen dieser Zustand sehr verbreitet war und sich +tiefer ins Leben hinein erhielt, als bei uns, weil die Sklaverei für +die herrschende Minderheit eine große Freiheit ermöglichte, in der +unermeßliche Kräfte müßig waren und nicht, wie bei uns, im Schleppen +der Lebenslasten, in der Arbeit, sich aufbrauchten. Die ganze +Geschichte Athens, die leidenschaftliche Zerrissenheit der Demokratie, +die dialektische Aufgeregtheit des debattirenden Volkes, die jähe +Selbstzerstörung durch abenteuerndes Überspannen der Kräfte über die +materielle Macht hinaus, bezeugt, daß in dem athenischen Gemeinwesen +ein gewaltiger Überschuß an geistiger Kraft unablässig und fieberhaft +sich mannigfaltig zu äußern suchte. ~Thukydides~ sah tief in diese +athenische Tragödie der Überkraft hinein. Ein guter Beobachter mußte +diesen Entladungsdrang in jeder großen Erscheinung des athenischen +Volkslebens sehen, auch in der leidenschaftlichen Lust an tragischen +Spielen. So war dem Aristoteles die Katharsistheorie, in diesem Sinne +verstanden, nahe gelegt. + +Aber es giebt außer dieser „Katharsis“ des allgemeinen seelischen +Kraftüberschusses an Affecten, diesem Lebenshunger, der sich wenigstens +durch Mitempfinden abzufinden sucht, noch eine andere Art von +Katharsis. Bei dieser ist nicht der Affect selbst die Entladung der +Kraftfülle, sondern sie besteht in der Entladung des Affectes durch +die ihm entsprechenden Äußerungen, durch Wort, That, Thränen, Geberde +u. s. w. + +Der typische Träger dieses kathartischen Vorganges ist nicht der +lebensdurstige, affecthungrige Jüngling, sondern der Mann, der alternde +Mensch, der nicht nach Affecten, sondern ernstlich nach realer +Befriedigung der verschiedenen Begierden strebt, die das Leben in ihm +entwickelt hat, der namentlich schmerzliche Gemütsbewegungen abzuwehren +trachtet und doch nicht verhindern kann, daß sie ihn heimsuchen, +teils wirklich motivirt, teils der Phantasie entstammend, welche den +Erfahrenen durch die Gespenster allerlei trauriger Möglichkeiten +beunruhigt. + +Jeder ältere Mensch trägt eine Masse von fix gewordenen Affecten +in sich, die das Leben in ihm geprägt hat, in dieser Münze besitzt +er den Schatz von seelischer Energie, der noch vag, ins Unbestimmte +gerichtet im Jüngling gährt. Diese verlangen periodisch die ihnen +gemässe Entladung. Namentlich die Sorgen, die Befürchtungen vor +Lebensübeln. Ferner die nie verwundenen Schmerzen, die gewisse +Erlebnisse in der Seele so fixirt haben, wie Erfahrung und Nachdenken +gewisse Begriffe im Geist. So schleppt jeder typische Lebensschmerzen +mit sich herum, stumm, wie einen Teil seiner selbst. Wenn ein solcher +Mensch einer Tragödie zusieht, deren Held ihm ähnlich ist, deren Fabel +den Schicksalen verwandt ist, welche seinem Herzen jene empfindlichen +Stellen eingedrückt haben, so erlebt er eine Entladung jener alten +ungelösten Affectspannungen, die in ihm habituell und unbewußt geworden +sind. Da er nicht an die concreten eigenen schmerzlichen Schicksale +denkt, so hält er die Rührung, die ihn ergreift, die Teilnahme, mit +welchen er die Klagereden des Helden als ihm aus der Seele gesprochen +leise mitredet, die Thränen, die ihm kommen, für Äußerungen seines ++Mit+leids mit dem Helden, während es ihm in Wahrheit, ohne daß er es +ahnt, so ergeht, wie jenen Mägden des Achilleus, welche, anscheinend +den toten Patroklos beweinend, ihr eigenes Unglück beklagen. Die +Lust im tragischen Mitleid halte ich für dadurch bedingt, daß eine +persönliche concrete Affectspannung sich entladet ohne Erinnerung an +ihre reale Ursache und im Wahn, die Entladung sei nicht Entladung +eines Leides, sondern eines Mitleidens. + +Wie sich diese Katharsis von der ersten unterscheidet, ist +einleuchtend. Sie ist pathologischer Natur, ist Entladung einer alten +Affectspannung im Gemüte. + +Daß Aristoteles auch diese Katharsis im Sinne gehabt hat, ist +zweifellos. Zählt er doch in der Rhetorik (II, 8) die dem Mitleid +ausgesetzten Menschen auf, also offenbar jene, welche der kathartischen +Cur durch Tragödie bedürftig sind, und unter diesen sind die Menschen +besonders erwähnt, welche die Spuren erlittenen Unglücks im Gemüte mit +sich herumtragen. + +Er nennt die Schwachen und Feigherzigen, diejenigen, die selbst +schon Unglück erlitten haben, jene, die Eltern, Gattinnen und Kinder +besitzen, welche dem Unglück unterworfen sind, die sich in keiner den +Mut erhöhenden Gemütsstimmung befinden, diejenigen, welche andere +Menschen für gut und daher deren Unglück für unverdient halten, als +die zum Mitleid Geneigten. Diese Schaar von seelisch Bedrückten, +Bekümmerten und Beladenen wird es denn auch sein, für welche der +heisse Gesundbrunnen der Tragödie sprudelt. Das sind die eleḗmones +und phobētikoí, von welchen das achte Buch der Politik redet. Die +Mitleidsdisposition liegt zum großen Teil, wie man sieht, in einem +Bangen vor möglichem Übel. + +Dem gegenüber wird es deutlich, wie Aristoteles sich die Katharsis +dachte. Durch die Tragödie wird all dieser schleichenden +Sorghaftigkeit, mit denen sich die Menschen herumtragen und die ihnen +das Lebensgefühl verleidet, ein Anlaß zum Ausbruch gegeben. Es kommt +einerseits zum kräftigen Empfinden und anderseits zum lebhaften +affectvollen sich vom Herzen Sprechen der Empfindungen. Namentlich im +Letzteren liegt das Kathartische. Der Dichter, der seinen Helden in +machtvoller Weise sagen läßt, was er leide, spricht damit auch dem +Hörer befreiend aus der Seele. Man braucht sich nicht selbst Luft zu +machen, wenn man sich heftig aufgeregt fühlt; wenn es ein Anderer für +uns tüchtig thut, giebt das auch Erleichterung. + + +II + +Die kathartische Behandlung der Hysterie, welche die Ärzte Dr. ~Josef +Breuer~ und Dr. ~Sigmund Freud~ beschrieben haben[20], ist sehr +geeignet, die kathartische Wirkung der Tragödie verständlich zu machen. + +Diese Cur beruht auf dem Gedanken, dass ein Affect, der „unterdrückt,“ +d. h. nicht durch Wort, That, Thränenerguss u. dergl. abreagirt wurde, +sich in jene nervösen Symptome umwandle, welche das Krankheitsbild des +Hysteriefalles ausmachen. Diese hysterischen Symptome sind als anomaler +Ausdruck einer Gemütsbewegung zu betrachten, welcher die normale +Entladung versagt blieb. Gelingt es dem Arzt, den affecterregenden +Anlass zu entdecken, welcher das hysterische Symptom zuerst verursacht +hat, und den Patienten zu lebhafter nachträglicher Reaction auf +das Trauma zu bringen, welches die Psyche damals erlitten hat, so +verschwindet das entsprechende hysterische Symptom spurlos. + +In diesen pathologischen Fällen erhält sich das Quantum seelischer +Energie, welches ursprünglich im Affect vorhanden war und nicht +abströmen durfte, in der auffälligen und krankhaften Form eines +hysterischen Symptoms, dessen Zusammenhang mit dem seelischen Anlass +dem Selbstbewusstsein des Kranken keineswegs durchsichtig ist und nur +durch die Heilung nachgewiesen wird. Diese pathologischen Fälle lehren +uns Vorgänge im gesunden Menschen begreifen. + +Krankhaft ist daran die Umwandlung des nicht abreagirten Affectes in +ein hysterisches Symptom, nicht das Unterbleiben des Abreagirens. +Abreagirt werden im allgemeinen nur ausnahmsweise heftigere Affecte, +welche die habituelle Selbstbeherrschung, durch welche die Menschen +sich im Zaum halten, durchbrechen. In dieser Hinsicht bestehen +Unterschiede des individuellen Temperaments. Viele reagiren leicht, +lebhaft und häufig, andere verbeißen alles, ja manchen (ein Teil der +„Bildung“ besteht hierin) wird es zur zweiten Natur, die Affecterregung +gar nicht mehr in die peripheren Nervenbahnen abströmen zu lassen. Die +nicht abreagirten Affecte, auch wenn sie sich nicht in pathologische +Symptome verwandeln, verbleiben irgendwie als eine Art ungelöster +Spannung in der Seele, und ihr Dasein verrät sich in der Färbung des +Lebensgefühles, welches der vorherrschenden Stimmung zu Grunde liegt, +in der Geneigtheit zu Ausbrüchen von Affecten von jener Art, welcher +die ungelöst in der Seele verharrenden angehören. Wir nennen das +Reizbarkeit. Poeten, Schauspieler verwenden diese aufgesparten Affecte +für ihre Leistungen, die ihnen nur durch dieselben ermöglicht werden. +Für andere wird die Summe ungelöster Spannungen, die sie mit sich +herumtragen, zur Beschwerde, die sie beklommen macht. Erleichterung, +Katharsis, finden sie, wenn sie sich gelegentlich eines neuen +Affectanlasses Luft machen und sich die alten Affectspannungen in Einem +vom Herzen reden und rasen. + +Je nach Empfänglichkeit und Lebenslage werden sich in dem einzelnen +Menschen mehr Affecte von einerlei Art unentladen aufstauen. Dies +bestimmt die Richtung der ihm eigenthümlichen Reizbarkeit. + +Man wird beobachten, daß Frauen, die viel wirkliche oder vermeintliche +Kränkungen von ihren Männern niederschlucken mussten, wenn sie von +einem ähnlichen Frauenschicksal hören, zu lebhafter Teilnahme, zu +Thränen des Mitgefühles mit grösster Leichtigkeit bewogen werden. So +sind Mütter, infolge der langen Serie gleichförmiger Sorgenaffecte +um ihre Kinder, für ähnliche Eindrücke abnorm empfänglich. Andere, +Männer z. B., sind überfüllt mit Erwerbssorgen, Reminiscenzen von +Kränkungen ihres Selbst- und Rechtsgefühles u. s. w., und daher zu den +entsprechenden Affecten disponirt. + +Im Ganzen ist das Muster, nach welchem der Weltlauf gewebt ist, so +gleichförmig, daß in jedem Menschengemüt so ziemlich alle wesentlichen +Affectspannungen vollzählig beisammen sind, wenn auch verschieden +accentuirt. Die Katharsis ist nun eine Erleichterung dieses Zustandes. + +Der Tragiker stellt eine Begebenheit vor die Phantasie der Zuschauer, +welche im Ganzen und Einzelnen solcher Art ist, dass die Zuschauer, +indem sie den Schicksalen der Bühnenpersonen Teilnahme schenken, eine +grosse Masse der in ihnen aufgehäuften Affectspannungen mitentladen, +wie jene Mägde des Achilleus beim Tode des Patroklos. + +Was sich entladet, ist persönliches Leid, wirklich erlittenes oder von +der Phantasie selbstquälerisch vorgespiegeltes. + +Hier liegt der grosse Irrtum des Aristoteles. Er meinte: was sich +entladet, ist Mitleid und Furcht. + +Bezüglich der Furcht bleibe die Sache in Schwebe. Unrecht aber hat +er mit dem Mitleid. Der Mensch hat ein Bedürfnis, die leidvollen +Affectspannungen, die in ihm selbst vorhanden sind, zu entladen, und +dies erfolgt auf Anlass der durch einen gespielten Vorgang angeregten +Vibration von Mitleid. +Aber er hat kein Bedürfnis, zu bemitleiden.+ +Für oberflächliche Analyse aber hat es den Anschein, als ob die +Gefühlswirkung der Tragödie durch und durch Mitleid wäre, während +sich Leid in der +Form+ von Mitleid, +gelegentlich+ einer minimalen +Mitleidsanwandlung entladet. Katharsis findet also nur statt bezüglich +des +Leidens+, nicht des Mitleidens. Das Mitleid ist der zündende +Funke, nicht die Mine, die losgeht. + +Dass aber Leid in der Form von Mitleid sich entlade, ist der tragischen +Wirkung wesentlich. + +In der Rhetorik (II, 8) sagt Aristoteles mit großer Feinheit, daß wir +nur uns ferner Stehende bemitleiden. Nächste Freunde und Angehörige +erregen durch ihr Unglück in uns nicht Mitleid, sondern ein dem +Leiden, das sie trifft, congruentes Gefühl. Dieses aber schließt +durch seine Schmerzlichkeit die Lust aus, die zur Katharsis gehört. +Feine Beobachter werden wissen, daß, wenn ein Unglück uns trifft, die +Tröstung damit beginnt, daß sich dem Schmerz ein Element wehmütig süßen +Selbstbedauerns beimengt. Darum können sich wehevolle Affectspannungen +nur in der Form von Mitleid lustvoll entladen, und wenn eine Tragödie +uns an concrete schmerzliche Ereignisse erinnert, weckt sie Leid in uns +auf und löscht die Freude aus. + +Diese Betrachtungen erledigen jenen Einwand, daß doch auch andere +Affecte als Mitleid und Furcht durch die Tragödie Katharsis finden. + +Das Mitleid ist die Gemütsbewegung, durch welche die Seele mit den +mannigfaltigsten Leidenschaften, die Schmerzen bringen, in Fühlung +tritt. Mit dem Ehrgeiz, mit der Muttersorge, mit dem verletzten +Rechts- und Ehrgefühl. All diese Schmerzen, deren Reminiscenzen wir in +uns tragen, finden durch Vermittlung des Mitleidens ihre Entladung. +Diese Einsicht hat Aristoteles dadurch verdeckt, daß er für das sich +Entladende das Mitleid hielt, während dieses nur Anreiz und Form der +Katharsis mannigfaltiger Affecte ist. + + +III + +Zur kathartischen Wirkung eines Gedichtes ist erforderlich, daß +es das Seelenleben schwelle und steigere, das Gehirn in rege +Associationsarbeit stürze. Nur eine plötzliche Springflut des Geistes +vermag all die eingealterte Trübsal zum Ausbrechen zu treiben, mit +der wir uns herumschleppen. Einen je größeren Teil des Gehirns die +Poesie gleichzeitig in lebhafte Thätigkeit versetzt, je mehr Hirnzellen +sozusagen, die sonst nichts von einander wußten, sie durch kühne, +nie zuvor erlebte Gedankenblitze der Ideenassociation in Verbindung +setzt, je mehr sie den Menschen nötigt, einmal mit dem gesamten Gehirn +seelisch zu functioniren, desto kathartischer ist sie. Die allgemeine +Erregung ist Bedingung der besonderen Entladung. Der Dichter muß +den Menschen zwingen, mit seinem Denken einmal aus den gewohnten +Geleisen herauszugehen, er muß das Bewußtsein ausweiten und es mit +einer Masse sich drängender Vorstellungen füllen, jede einzelne zu +einer Intensität und Lebendigkeit bringen, deren der Mensch für sich +allein unfähig wäre. Dadurch wird dieser für kurze Zeit jener Energie +der Gehirnthätigkeit teilhaftig, mit welcher der Dichter begnadet +ist, und alles wird zum Schmelzen und Abströmen gebracht, was in ihm +der mangelnden Gehirnenergie halber stockte und ihm das Lebensgefühl +ankränkelte. Die Erscheinungsform dieser kathartischen Kraft der Poesie +ist der Schwung des Gedankens, die sinnliche Energie der Sprache, die +Bilderpracht der Metaphern, die nicht nur den Gedanken selbst, sondern +um ihn her auch die geschlossenen und halb geöffneten Knospen von +Gedanken im Bewußtsein aufdämmern machen, das stürmische Pathos. Davon +hat Aristoteles keine Ahnung, er bringt das Kathartische der Tragödie +in keine Beziehung zu ihren poetischen Qualitäten. + +Die kathartische, d. h. die pathologische Wirkung der Tragödie, +durch welche die angeschoppten Affecte aus der Seele fortgespült +werden, verschwindet in ihrer Gesamtwirkung, welche sich als eine +Steigerung, Concentrierung des seelischen Lebens darstellt und als +solche unmittelbar als Seligkeit genossen wird. +Die kathartische +Wirkung ist nur eine Nebenerscheinung der Gesamtwirkung.+ Wie überhaupt +die Kunst immer an die praktischen Einrichtungen und Gegenstände der +menschlichen Societät anknüpft, z. B. an Gegenstände und Gebräuche des +religiösen Cultus, so wurden auch die kathartischen Feste des Volkes, +welche die Gemüter purgirten, von den Dichtern benützt, um darauf ihre +Schöpfungen zu pfropfen. Wegen des kathartischen Elementes blieben die +dichterischen Spiele dem Volke Bedürfnis, doch irrig ist es, in der +kathartischen Wirkung das Wesen derselben zu sehen. Man entschließe +sich endlich, die moderne pathologische Auffassungs- und Genußweise +der Kunst auf ihr Gebiet einzuschränken: mittelst des Pathologischen +hat die Kunst noch Beziehung zur unkünstlerischen Masse, nicht zu den +höheren Menschen. Wenn ich eine prächtige Eiche betrachte und den +Anblick dieses herrlichen Stückes Leben genieße, so ist darin nichts +Pathologisches; die Eiche ist schön, ihr Anblick ist Freude, nichts +weiter, von einer kathartischen Lust keine Spur. Ganz so fühle ich +gegenüber dem rasenden Lear. Dieser entzückt mich wie das Gewitter, das +seinen Flüchen secundirt; ein gänzlich unpathologisches Wohlgefallen +ist die in mir vorherrschende Empfindung. Diese ästhetische +Freude liegt jenseits des pathologischen Genußes; vielleicht sind +pathologische Erfahrungen die Vorbedingung, um Lear zu begreifen, aber +die Freude am Lear hat nichts mit Pathologie zu schaffen. + +Steigerung und Erweiterung des Bewußtseins ist an sich Seligkeit +und nur nebenbei gesund, um unverarbeitete Rückstände aus der Seele +abzutreiben. Das Glück der Genialität liegt darin, welches durch +Vermittlung der Kunst auch Menschen zugeführt wird, die es ohne fremde +Hilfe nicht aus sich hervorbringen können. Was liegt dem Dichter in +den Stunden seiner Genialität an seinen sogenannten Schicksalen? Das +wahre Leben führt er in seinem Schaffen, die Wirklichkeit ist ihm nur +der Wald, aus dem er das Reisig holt, um sein Geistesfeuer zu schüren. + + +IV + +Die ästhetische Schwäche der Katharsistheorie liegt darin, daß sie +die Gemütsbewegung, welche in Mitleid und Furcht besteht, nur als +Mittel ansieht, durch welche der Hang zu solcher Aufregung für einige +Zeit beschwichtigt, oder der belästigende Überschuß an seelischer +Energie zum Abströmen gebracht wird. Der Gedanke, daß in einer +leidenschaftlichen Erhöhung des Bewußtseins an und für sich eine +Seligkeit liegen könne, welche es völlig überflüssig macht, erst noch +nach einem Zwecke zu suchen, der die Herbeiführung dieses erhöhten +Zustandes rechtfertigen soll, ist bei Aristoteles nirgends zu finden, +wenn man nicht in der gelegentlichen Betonung des hedonischen Elementes +in der tragischen Wirkung seinen Keim erblicken will. Im Gegentheile, +es liegt mehr im Sinne der Poetik, die Affecterregung als ein Mittel +zur zeitweiligen Beseitigung der Affecte aufzufassen, so daß das Ziel +der Tragödie eher ein Zustand der Unempfänglichkeit für ihre Wirkung +wäre, der aber bei der Schwäche der menschlichen Natur eben nur +um den Preis zeitweiliger Erregung tragischer Wirkung verwirklicht +werden kann. An sich wünschenswert ist nach dieser Auffassung nur +die Seelenruhe, die nicht leicht gestört werden kann. +Der Zweck der +Begeisterung ist die Nüchternheit+, der Zweck der Poesie die Prosa, +so könnte man das Princip dieser Gesinnung formulieren. Der Gedanke, +der jedem Künstler vorschwebt, in einer gewaltigen Steigerung des +Bewußtseins, die sich leider nur für kurze Zeit festhalten läßt, die +Krone des Lebens zu sehen, die keinem weiteren Ziele dient, tritt in +der Poetik niemals klar hervor. + +Hierin liegt das Unkünstlerische der Katharsislehre. Diese bringt die +Wirkung der Tragödie unter die Kategorie eines Mittels zu einem Zwecke, +der Beschwichtigung nämlich eben jener Affecte, welche die Tragödie +aufregt. Der Künstler aber und künstlerisch Fühlende meint auch im +tragischen Kunstgenusse eine Seligkeit zu erleben, deren Wert in ihr +selbst vollinhaltlich beschlossen liegt und nicht in der Beziehung +dieser Seligkeit zu einem ruhigen Gemütszustande, den sie herbeiführt, +enthalten ist. + +Ganz fremd ist Aristoteles dieser Gedanke insofern nicht, als +ihm der lustvolle, der freudige Charakter der tragischen Wirkung +selbstverständlich ist und diese daher unter die Bestimmungen fällt, +durch welche Aristoteles in der Ethik die Lust und ihren Wert +charakterisirt. + +Aber unter allen Umständen muß ihm diese Lust im erleichternden +Sich-Entladen von Mitleid und Furcht als pathologisch verursacht +gelten, so daß der innerlich vollendete Mensch derselben unbedürftig +und unfähig wäre. Die reine, tiefe Freude an der Schönheit einer +grandiosen Tragödie unter diesen Gesichtspunkt zu bringen, widerstrebt +uns, und hier =nimmt= ein gewisser dumpfer Widerstand gegen die +Triftigkeit der Katharsistheorie seinen Ursprung. + +Diese Unzulänglichkeit, aus dem Zwecke, Mitleid und Furcht zu erregen, +alle ästhetischen Postulate abzuleiten, die wir der Tragödie gegenüber +erheben, kommt in der Poetik des Aristoteles von selbst zum Vorschein. +Er mag sein Princip für ein durchgreifendes gehalten haben, in Wahrheit +aber folgerte er aus demselben nur die Qualitäten, durch welche eine +dramatische Dichtung zur Tragödie wird, keineswegs alle jene, welche +ihren sonstigen geistigen Werth bedingen und bestimmen, ihr Vermögen, +dem Menschen höhere, reichere und feinere Freuden zu gewähren, als +den pathologischen oder pathogenen karthartischen Genuß. Die berühmte +Stelle über ~Euripides~, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nur +auf das Verfahren des ~Euripides~ beziehen läßt, seiner Fabel einen +einfachen und zwar einen unglücklichen Ausgang zu geben, was oft +nicht genug beachtet wird, beweist, daß ihm die Vereinbarkeit starker +tragischer Wirksamkeit mit dem Mangel höheren Werthes als möglich galt. +Auch fordert Aristoteles vieles von einer guten Tragödie, was sich +nur höchst gezwungen und oft nur scheinbar aus ihrem Katharsiszwecke +ableiten läßt. Der Vorrang z. B., welchen er der Poesie vor der +Geschichte zuerkennt, welche, weil sie das Allgemeine, das Typische +vorführt, nicht das zufällig wirklich Geschehene, philosophischer +ist, als die Geschichte, muß doch als eine geistige Freude im Genuß +des poetischen Kunstwerkes zum Vorschein kommen. Nun läßt sich zwar +behaupten, daß die kathartische Wirkung die Qualität des Typischen +insofern erheische, als Held und Fabel einer Tragödie typisch sein +müssen, damit sämtliche Zuschauer dadurch zu der Furcht angeregt +werden, daß derlei auch ihnen zustoßen könne. Aber die geistreiche +philosophische Freude am Typischen, auf welche Aristoteles anspielt, +ist ein selbständiger geistiger Genuß, nicht nur die an sich +gleichgiltige Vorbedingung der Furcht, deren Wert nur im Anregen der +Furcht liegt. Diese philosophische Erkenntnisfreude, die gar nichts +Pathologisches an sich hat, fällt, wenn man die Katharsistheorie zu +Grunde legt, nur als zufälliger Nebengewinn für den höheren Zuschauer +ab. Weil aber eine gewisse rohe Allgemeingiltigkeit der tragischen +Fabel durch den kathartischen Zweck gefordert wird, wähnte Aristoteles +den feineren, philosophischen Reiz des Typischen durch jenen Zweck +erschöpfend motivirt. Wenn eine Tragödie nichts ist, als in hohem Grade +kathartisch, kann sie, wie Aristoteles wohl weiß, ein geringwertiges +poetisches Machwerk sein. Denn dem kathartischen Zweck genügen die +Rudimente jener geistigen Qualitäten, die ein hoher Dichtergeist zu +feineren Reizen entwickeln kann, deren Wirkung mit der Katharsis nichts +mehr zu thun hat. Ohne Zweifel führt die übertreibende Betonung des +Kathartischen zur Begünstigung der Rühr- und Schauertragödie. + +In der Politik unterscheidet Aristoteles die kathartische Musik von +der charakterbildenden und Erholung gewährenden. Er verlangt sogar, +daß kathartische Musik auch für die entarteten Seelen des unfreien +und ungebildeten Volkes gemacht werde. Ich neige zu der Meinung, daß +Aristoteles der Tragödie, welche sich an Menschen wendet, die an den +unvornehmen Affecten „Mitleid“ und „Furcht“ leiden, diesen niedrigen +Rang, welcher dem der kathartischen Musik entspricht, anzuweisen +gestimmt war. Die Stelle der Politik legt ja die Annahme nahe, daß +hauptsächlich der gemeine Teil des Publikums kathartischer Musik +bedürftig sei. + +Warum, so fragt man sich, unterschied nun Aristoteles neben dem +kathartischen Drama, der Tragödie, nicht auch ein nicht kathartisches +ethisches und praktisch anregendes Drama für gebildete Zuschauer? Wohl +deshalb, weil der „tragische“, d. i. kathartische Charakter auf der +attischen Bühne unerläßlich war und sich daher das Drama, in welchem +die kathartischen Qualitäten neben den höheren, rein ästhetischen, +verschwanden, nicht zur gesonderten dramatischen Gattung entwickeln, +sondern nur im Rahmen des dem Dionysos geheiligten kathartischen Dramas +solche Qualitäten desselben sich ausbilden konnten, die nicht mehr +direct und brutal auf Mitleid- und Furchterweckung abzielen. Cap. 18 +und 24 der Poetik beweisen, daß Aristoteles neben der pathetischen die +„ethische“ Tragödie als Unterart anerkannte, ohne daß dies jedoch im +Verlauf der Abhandlung jemals bedeutungsvoll würde. + + +V + +Aristoteles hat als Wirkung der Tragödie nicht bezeichnet die Erregung +von Mitleid und Furcht, sondern die Katharsis dieser Affecte. + +Die Frage ist, ob Katharsis nur eine wohlthätige Nachwirkung davon +ist, daß die genannten Affecte einmal kräftig empfunden wurden, oder +ob Katharsis eine unter der unmittelbaren Einwirkung der Tragödie, im +Theater, vom Zuschauer erlebte Empfindung ist, ein zu jenen Affecten +Hinzutretendes und sie Abschließendes. + +Sehr viele Ästhetiker fassen die Sache so auf, daß die Katharsis eine +innere Umwandlung, eine „Läuterung“ der Affecte selbst wäre, durch +welche diese ihren beängstigenden, schmerzlichen Charakter einbüßen +und zu erhebenden, begeisterten Gefühlen werden, welche im Gemüte +uns der Dichter entläßt. Es ist bei der Kürze und Dunkelheit der +Stelle in Aristoteles nicht zu verwundern, wenn jeder in ihr die +Formulirung der ästhetischen, deutlicheren oder dunkleren Anforderungen +an die Tragödie zu erkennen glaubte, welche er selbst an die Tragödie +stellte. Dies tritt in ~Goethe~’s Definition der Katharsis hervor, wo +es von der Handlung der Tragödie heißt, daß sie „nach einem Verlauf +von Mitleid und Furcht mit Ausgleichung solcher Leidenschaften ihr +Geschäft abschließt“. ~Goethe~ suchte den kathartischen Proceß aus +der Seele des Zuschauers möglichst in die dramatische Handlung zu +drängen, wiewohl nicht so sehr, als ~Bernays~ ihm dies vorwirft. Ihm +schwebte der Gedanke vor, daß für eine Tragödie die tumultuarische +Aufregung des Mitleid- und Furchtaffectes ebensowenig genüge, als +eine regellose verworrene Folge von Accorden Musik sei. Der Tragiker +soll nicht nur Affecte aufregen und dann den Aufgeregten sich selbst +überlassen, sondern er muß auf dem Gemüte des Zuschauers so spielen, +daß die kunstreich auf- und abwogende, sich steigernde, gipfelnde +und überschlagende Affectfolge schließlich nicht einfach unmotivirt +abbreche, weil zufällig die Handlung des Dramas zu Ende ist, sondern +einen natürlichen, sich dem Zuschauer mit Notwendigkeit aufdrängenden +Abschluß finde, analog einem Musikstück. Daß es sich hier um ein +ästhetisch Notwendiges handelt, wird uns sofort klar, wenn ein Tragiker +gegen dieses Gebot gröblich verstößt, wenn er uns mit einer ungelösten +Gefühlsdissonanz im Gemüte, oder überhaupt mit einem Gefühl, das nicht +den mit Notwendigkeit abschließenden Schlußpunctcharakter hat, aus dem +Theater schickt. Wir sagen in solchen Fällen, das Stück habe keinen +rechten, habe einen unbefriedigenden Schluß. Diese Unbefriedigung +wird nicht behoben durch die Erwägung, daß die Handlung äußerlich +abgeschlossen ist, also nichts mehr kommen kann. Häufig ist die +Handlung, +rein pragmatisch genommen+, völlig beendigt, ohne daß ein +befreiendes Gefühl, daß es aus ist, sich einstellt, weil eben die durch +die Handlung aufgeregte Gefühlsfolge nicht in der nach dem Contrapunct +des Herzens notwendigen Weise abgeschlossen ist. Diesen Fehler haben +z. ~B. Hebbel~’s „Agnes Bernauer“, ~Kleist~’s „Schroffensteiner“; auch +~Ibsen~’s „Nora“ giebt kein volles Schlußgefühl. Hierin liegt die +ungeheuere Schwierigkeit des Schließens begründet, die jeder Dramatiker +kennt. ~Goethe~’s Auslegung der Katharsisformel bezieht sich auf diese +Forderung nach richtigem Abschluß der Gefühlsreihe. + +Aristoteles selbst hat wohl an derlei nicht gedacht. Ihm war die +kräftige Erregung der beiden tragischen Affecte die Hauptsache, und +die Katharsis wurde dem Zuschauer einfach dadurch zu teil, daß er +die Affecte kräftig empfand. Vergebens wird man in der ganzen Poetik +nach einem ästhetischen Postulat suchen, welches er auf die Katharsis +gegründet hätte. Nirgends sagte er: wenn die Handlung oder der Held +einer Tragödie so oder so beschaffen ist, so wird die Tragödie zwar +Mitleid und Furcht erregen, aber nicht Katharsis von diesen Affecten +bewirken. Beweis genug, daß er in der Katharsis nicht eine Wirkung der +Tragödie sah, aus welcher geschlossen werden kann, wie sie beschaffen +sein müsse, um dieselbe erzielen zu können, sondern nur eine politische +Rechtfertigung ihrer Duldung durch den Staat. Das Einzige, was aus +der Katharsis für ihn folgt, ist der hedonische Charakter, den er für +die tragischen Affecte forderte. In der Politik bezeichnet er die +Katharsis als eine mit Lust erfolgende Erleichterung. Dem entsprechend +dringt Aristoteles in der Poetik darauf, daß vermieden werde, Mitleid +und Furcht zu peinvollen Gefühlen ausarten zu lassen, welche die Lust +ausschließen würden. Sonst, von der Lust abgesehen, ist ihm Katharsis +nichts als eine wohlthätige Nachwirkung der Affecte, nach deren +Empfinden der Mensch ein Bedürfnis hat. + +Ohne Zweifel ist die dichterische Praxis der griechischen Tragiker, +namentlich des ~Sophokles~, in dieser Hinsicht weit feinfühliger, +als die Theorie des Aristoteles. Welches gute Gehör des Herzens, +welch’ erlesenen, zarten Tact bethätigt ~Sophokles~ in der Kunst, +die im Zuschauer aufgerührte Reihe mächtiger Gemütsbewegungen zu +einem Abschlußgefühl zu führen, in welchem die völlige Erledigung, +die Stillung des Gemütsprocesses, welchem der Dichter sein Publicum +unterwarf, mit Befriedigung aufathmend empfunden wird. In dieser +Leistung des Abschließens, darin hat ~Goethe~ sicherlich recht, +liegt der Vorzug der künstlerisch planmäßigen Affecterregung vor +jener durch die rohe Wirklichkeit, welche den Affect in uns nur +aufreizt, ohne uns denselben zu Ende empfinden zu lassen. Die sich +von ungefähr einstellenden Anfälle von Verzückung, an welchen die +Enthusiasmuskranken leiden, von denen die Politik spricht, schaffen +diesen keine Erleichterung, im Gegentheil, sie machen sie noch +geneigter zu solchen Anfällen. Doch die durch die Olymposweisen +verursachte Verzückung bringt das seelische Etwas, das im natürlichen +Anfall vergebens nach Durchbruch ringt, zu völliger Entladung und +befreit daher den Kranken für einige Zeit von seinen Anfällen. + +Um den Abschluß für das Gemüt zu erzielen, scheute ~Sophokles~ selbst, +wie im Aias, ein Nachspiel nicht, das gar keinen Zweck hat, als das +erschütterte Gemüt des Zuschauers wieder ins Gleichgewicht zu bringen. + +Von diesen Feinheiten weiß die Theorie des Aristoteles nichts, +wenigstens nichts in den Theilen der Poetik, die auf uns gekommen sind. +Seine Theorie scheint am meisten der tragischen Poesie des ~Euripides~ +zu entsprechen, der es mehr auf heftige Erregung, als auf kunstreiche +Lösung der Affecte abgesehen hat. + + + + +Kritischer Anhang. + + +Verzeichnis der Abweichungen + + von dem Texte der dritten ~Vahlen~’schen Ausgabe (Leipzig, S. Hirzel, + 1885), welche in der voranstehenden Übertragung befolgt sind. (Die + Seiten- und Zeilenzahlen sind jene der Berliner Akademie-Ausgabe, + wobei jedoch statt 1447 u.s.w. stets nur 47 u.s.w. gesetzt ist.) + Veränderungen der Interpunction sind nicht besonders vermerkt + worden. Wo kein Urheber conjecturaler Änderungen genannt ist, rühren + dieselben vom Übersetzer her. Ap. bedeutet Apographa; Ar.: die + arabische Übersetzung; P.: Codex Parisinus; V.: ~Johannes Vahlen~. + 〈 〉 sind Einschub-, [ ] Ausschlußklammern; * Zeichen der Lücke. + + +=Cap. 1.= + +47ᵃ 17 τῷ γένει ἑτέροις P. + +47ᵃ 25 οὖσαι τὴν δύναμιν P. + +47ᵃ 27 οἱ 〈χαριέστεροι〉 τῶν ὀρχηστῶν. + +47ᵃ 29 [ἐποποιία] nach Ar. und V.’s einstigem Vorschlag. + +47ᵇ 8 〈ἀνῶνυμος〉 τυγχάνουσα ~Bernays~, Ar. + +47ᵇ 16 ἢ +φυσικόν+ τι ~Heinsius~, Ar. + +47ᵇ 22f. [μικτὴν ῥαψῳδίαν ἐξ ἁπάντων τῶν μέτρων] die ersten zwei Worte +von ~Tyrwhitt~, die übrigen vom Übers. ausgeschaltet. -- καί〈τοι〉 +ποιητὴν προσαγορευτέον der Übers., gleichzeitig ~Rassow~ im Rhein. Mus. +43, 585. + + +=Cap. 2.= + +48ᵃ 12f. Ἡγήμων δὲ ὁ Θάσιος τὰς παρῳδίας ποιήσας P. + +48ᵃ 15 ὡς +Πέρσας+ 〈καὶ〉 Κύκλωπας ~Francesco Medici~. + +48ᵃ 16 [μιμήσαιτο ἄν τις] nach V.’s und ~Ussing~’s Vorschlag. -- ἐν +αὐτῇ δὲ τῇ〈δε τῇ〉 διαφορᾷ nach einem gleichartigen Vorschlag des +~Casaubonus~. + + +=Cap. 4.= + +48ᵇ 12f. αἴτιον δὲ καὶ +τούτου+ Ap. + +48ᵇ 18 οὑχ ᾗ μίμημα ~G. Hermann~. + +48ᵇ 22 ἐξ ἀρχῆς πεφυκότες 〈εἰς〉 αὐτὰ καὶ --. Ähnlich ~Imm. Bekker~. + +48ᵇ 30f. ἐν οἷς καὶ τὸ ἁρμόττον [ἰαμβεῖον] ἦλθε μέτρον teils mit der +Aldina, teils mit ~Stahr~ und ~Ussing~. + +48ᵇ 35 ἀλλ〈ὰ〉 [ὅτι] καὶ μιμήσεις ~Bonitz~. + +49ᵃ 8 καθ’ αὑτὸ κρῖ[ΝΕΤΑΙΗ]ναι nach ~Forchhammer~’s und V.’s Vorschlag. + +49ᵃ 9 γενομένη (Ap.) δ’ οὖν ἀπ’ ἀρχῆς ~I. Bekker~. + +49ᵃ 27f. ἐκβαίνοντες 〈εἰς〉 τὴν λεκτικὴν ἁρμονίαν ~Wecklein~ im Rhein. +Mus. 35, 152. + + +=Cap. 5.= + +49ᵇ 6 [Επίχαρμος καὶ Φόρμις] ~Susemihl~. + +49ᵇ 9f. μέχρι μὲν τοῦ μέτρῳ μεγάλη μίμησις εἶναι teils nach ~Tyrwhitt~, +teils in Übereinstimmung mit ~Lasson~ (bei ~Überweg~). + +49ᵇ 12 ἔτι δὲ τῷ μήκει, 〈ἐπεὶ〉 ἡ μὲν κτἑ. dem Sinne nach mit Ap. + + +=Cap. 6.= + +49ᵇ 35f. φανερὰν ἔχει +πᾶσιν+ ~Maggi~. + +49ᵇ 38ff. πέφυκεν αἴτια δύο τῶν πράξεων εἶναι, διάνοια καὶ ἦθος· διὰ +γὰρ τούτων καὶ τὰς πράξεις εἶναί φαµεν ποιάς τινας καὶ κατὰ ταύτας +κτἑ. (Umstellung von je 45 Buchstaben, d. h. von je 3 Zeilen des von +~Ussing~ reconstruierten Archetypus). + +50ᵃ 12f. οὐκ ὀλίγοι αὐτῶν, 〈ἀλλ’ ἐν πᾶσι πάντες〉 ὡς εἰπεῖν nach +verwandten Vorschlägen Anderer. + +50ᵃ 17f. καὶ [εὐδαιμονίας καὶ ἡ κακοδαιμονία] 〈ὁ βίος δ’〉 ἐν πράξει +κτἑ. im wesentlichen mit ~Margoliouth~ und ~Diels~ nach Ar. + +50ᵃ 29f. λέξεις καὶ διανοίας P. + +50ᵃ 33f. Hierher stelle ich nach ~Castelvetro~’s Vorschlag die Worte +παραπλήσιον -- εἰκόνα (50ᵃ 39ff.), d. h. 5 Zeilen zu 16 und 3 zu 15 +Buchstaben. + +50ᵇ 3 ἔστιν +γὰρ+ μίμησις ~G. Hermann~. + +50ᵇ 9ff. ὁποῖά τις αἱρεῖται ἢ φεύγει· διόπερ οὐκ ἔχουσιν ἦθος τῶν +λόγων ἐν οἷς οὐκ ἔστι δῆλον ἢ ἐν οἷς μηδ’ ὅλως ἔστιν ὅ τι αἱρεῖται ἢ +φεύγει ὁ λέγων nach verwandten Vorschlägen Anderer. + +50ᵇ 12 τέταρτον δὲ τῶν +λεγομένων+ ἡ λέξις. + +50ᵇ 18 〈ὅλ〉ως γὰρ τῆς τραγῳδίας δύναμις. + + +=Cap. 7.= + +50ᵇ 39 [χρόνου] ~Bonitz~. + +51ᵃ 6 ὅρος πρὸς μὲν ~Aldina~. + +51ᵃ 8 κλεψύδραν Ap. + +51ᵃ 9. Die unverständlichen Worte ὥσπερ ποτὲ καὶ ἄλλοτέ φασιν hier +entfernt; nicht unwahrscheinlich ist es, daß sie mit ~G. Hermann~ nach +ἄπειρα τῷ ἑνί συμβαίνει (51ᵃ 17) zu versetzen sind, wo sie etwa also +lauten müßten: ὅθενπερ „ποτὲ“ καὶ „ἄλλοτ’“ ἀεί φασιν. + + +=Cap. 8.= + +51ᵃ 28f. οἵαν λέγομεν Ap. + +51ᵃ 32 καὶ ταύτης P. + + +=Cap. 9.= + +51ᵃ 38 [καὶ τὰ δυνατὰ] ~Maggi~ und Andere. + +51ᵇ 19 〈ἐν〉 ἐνίαις Ap. + +51ᵇ 31f. [καὶ δυνατὰ γενέσθαι] ~Vorländer~. + +51ᵇ 33 ἁπλῶς δὲ τῶν μύθων ~Castelvetro~. + +51ᵇ 37 κριτὰς Ap. + +51ᵇ 38 [καὶ] ~M. Schmidt~. + +52ᵃ 3f. ταῦτα δὲ γίνεται καὶ μάλιστα [καὶ μᾶλλον] ὅταν γένηται παρὰ τὴν +δόξαν, δι’ ἄλληλα 〈καὶ κατὰ τοῦτο δῆλον ὡς δεῖ γίνεσθαι τὰ μετ’ ἄλληλα〉. + + +=Cap. 10.= + +52ᵃ 20 γίνεσθαι τὰ ὕ〈σ〉τ〈ερ〉α. + +52ᵃ 31f. ἢ εὶς ἔχθραν 〈ἢ ἄλλο τι〉 τῆν κτἑ. + +52ᵃ 32f. καλλίστη δὲ ἀναγνώρισις, ὅταν ἅμα περιπετείᾳ (περιπετεῖαι P.) +γίνωνται. + +52ᵃ 35 ἔστιν ὅθ’ ὅπερ εἴρηται συμβαίνει zum Teil mit ~Spengel~ und ~M. +Schmidt~. + + +=Cap. 11.= + +52ᵇ 10 [τούτων -- εἴρηται] mit Ar. und ~Susemihl~. + + +=Cap. 12= gilt mir wie vielen Anderen als unecht, und habe ich nur +mit ~Susemihl~ nach Ap. im Schlußsatz 〈ὡς εἴδεσι〉 auf Grund des +Anfangssatzes hergestellt. + + +=Cap. 13.= + +53ᵃ 25 καὶ 〈αἱ〉 πολλαὶ ~Knebel~. + + +=Cap. 14.= + +53ᵇ 34 ἔτι δὲ τρίτον [παρὰ ταῦτα]* mit ~Ussing~ und ~M. Schmidt~ nach +V.’s ehemaligem Vorschlag. + + +=Cap. 15.= + +54ᵃ 18f. προαίρεσίν τινα 〈ἔχοντα, ὁποία τις ἄν〉 ᾖ zum kleineren Teil +mit V. + +54ᵃ 22 +τὸ+ ἁρμόττοντα wie ehemals V. wollte. + +54ᵃ 22ff. χρηστὸν γὰρ ἀνδρείου μὲν τὸ ἦθος, ἀλλ’ οὐχ ἁρμόττον γυναικὶ +τὸ ἀνδρείαν ἢ δεινὴν εἶναι nach verwandten Vorschlägen V.’s, ~Usener~’s +und Ap. + +54ᵃ 29 [μὴ ἀνανκαῖον]. + +54ᵇ 8f. βελτιόνων 〈ἢ καθ’〉 ἡμᾶς ~Stahr~. + +54ᵇ 15 ταῦτα +δεῖ+ διατηρεῖν καὶ πρὸς τούτοις τὰ παρὰ τὰς κτἑ. Ap. und +~Bekker~. + + +=Cap. 16.= + +54ᵇ 28f. εἰσὶ γὰρ αἱ μὲν πίστεως ἕνεκα 〈χείρους〉· ἀτεχνότεραι 〈γὰρ〉 καὶ +αἱ τοιαῦται πᾶσαι zum Teil mit ~Spengel~. + +54ᵇ 31 οἷον [Ὀρέστης] ἐν τῇ Ἰφιγενείᾳ ~Diels~ nach Ar. + +54ᵇ 37 τῷ +ἄχθεσθαί+ τι ἰδόντα. + +55ᵃ 13 θατέρου ~G. Hermann~. + +55ᵃ 15 διὰ τοῦτο (ein Ap.) ὑποπρῆσαι (d. Übers.), παραλογισμός (V.’s +Vorschlag). + +55ᵃ 19f. [αἱ γὰρ τοιαῦται μόναι ἄνευ τῶν πεποιημένων σημείων καὶ +δεραίων]. Es bleibt ungewiß, wie viel davon oder was anstatt der +eingeklammerten, in ihrer Gesamtheit unmöglichen Worte einst hier +gestanden hat. + + +=Cap. 17.= + +55ᵃ 24 ἐναργέστατα [ὁ] ὁρῶν Ap. + +55ᵃ 27f. ὃ μὴ ὁρῶντ’ α〈ὐ〉τὸν [θεατὴν] ἐλάνθανεν. + +55ᵃ 30f. ἀπ’ αὐτῆς τῆς φύσεως (die Umstellung mit ~Tyrwhitt~ und +Anderen). + +55ᵃ 34 ἐκστατικοί εἰσιν ~Tyrwhitt~ und ein Ap. -- τούς τε λόγους mit +einigen Ap. + +55ᵇ 2 παρατείνειν ~Vettori~. + +55ᵇ 6 ἐλθεῖν 〈ἐκεῖ〉 ~I. Bekker~. + +55ᵇ 7f. [ἔξω τοῦ καθόλου ἐλθεῖν ἐκεῖ] nach ~M. Schmidt~’s allerdings +weitergehendem Vorschlag. + +55ᵇ 17 〈οὐ〉 μακρὸς ὁ λόγος mit Ar. + +55ᵇ 18 [καὶ παραφυλαττομένου ὑπὸ τοῦ Ποσειδῶνος] nach ~Castelvetro~ und +~Tyrwhitt~’s wenn gleich zweifelndem Vorschlage. + +55ᵇ 20 [ὑπὸ μνηστήρων] ~Torstrik~. + +55ᵇ 21f. δὴ nach einstigem Vorschlage V.’s. -- οὕτως (~M. Schmidt~) +ἐπιθέμενος κτἑ. + + +=Cap. 18.= + +55ᵇ 25 πολλάκις statt nach ἔσωθεν nach ἔξωθεν ~Überweg~ und ~M. +Schmidt~. + +55ᵇ 27f. ἐξ οὗ μεταβαίνειν 〈εἰς δυστυχίαν συμβαίνει ἢ〉 εἰς εὐτυχίαν, +λύσιν δὲ κτἑ. Modification älterer Vorschläge. + +55ᵇ 31 καὶ πάλιν ἡ αὐτῶν δή〈λωσις; λύσις δ’ ἡ〉 ἀπὸ κτἑ. in der +Hauptsache nach ~Christ~ und übereinstimmend mit Ar. -- τοῦ Δαναοῦ mit +V. und ~Spengel~. + +55ᵇ 32f. τοσαῦτα γὰρ καὶ τὰ +τοῦ μύθου+ ἐλέχθη in der Hauptsache mit +~Tyrwhitt~ und ~Überweg~. + +56ᵃ 3 καὶ ὅσα ἐν Ἅιδου* mit ~Überweg~. + +56ᵃ 8 οὐδὲν ἴσως 〈κοινωνούσας〉 τῷ μύθῳ. + +56ᵃ 17 Νιόβην? mit manchen Kritikern. + +56ᵃ 19 ἐν τούτῳ μόνῳ*. + +56ᵃ 19f. καὶ ἁπλῶς ἐν τοῖς πράγμασι. + +56ᵃ 20 ὧν βούλονται θαυμαστῶς*. + +56ᵃ 22 ὁ σοφὸς [μὲν] μετὰ πονηρίας Ar. + +56ᵃ 23f. ἔστιν δὲ τοῦτο 〈καὶ〉 εἰκός nach ~Susemihl~ und Ar. + +56ᵃ 27f. τοῖς δὲ +πολλοῖς+ Ar. + + +=Cap. 19.= + +56ᵃ 38 καὶ τὸ [πάθη] παρασκευάζειν ~Bernays~. + +56ᵇ 7f. εἰ φανοῖτο ἤδη (~Castelvetro~) τῇ θέᾳ (auf ~Spengel~’s Anregung +hin) καὶ μὴ κτἑ. + + +=Cap. 20.= + +56ᵇ 23 συνθετὴ Ap. und Ar. + +57ᵃ 1f. ἐκ πλειόνων φωνῶν πεφυκυῖα[ν συν]τίθεσθαι καὶ. Auf Grund der +Fassung der irrtümlich wiederholten Worte 57ᵃ 9 mit ~Winstanley~ und +anderen. + +57ᵃ 3. Den Satz ἣν μὴ ἁρμόττει -- ἤτοι δέ (besser: ἤ τοί δέ) versetzt +nach μίαν σημαντικὴν φωνήν 5f. + +57ᵃ 22 τὸ γὰρ ἐβάδισεν; ἢ P. + +57ᵃ 26 ἐνδέχεται 〈καὶ〉 ἄνευ --. + +57ᵃ 27f. οἷον „ἐν τῷ βαδίζειν“ (P.), „Κλέων ὁ Κλέων〈ος〉 (Ar.) ~M. +Schmidt~. + + +=Cap. 21.= + +57ᵃ 33 [καὶ ἀσήμου] ~Ussing~ und Ar. + +57ᵃ 35 τὰ πολλὰ τῶν Μασσαλιωτῶν· Ἑρμοκαικόξανθος ἐπευξάμενος Διὶ πατρί +~Diels~ auf Grund von Ar. + +57ᵇ 29 πρὸς τὸν 〈ἀφιέντα τὸν〉 καρπόν ~Castelvetro~. + +57ᵇ 33 * nach ἄοινον ~Maggi~. + +58ᵃ 8-16 mit ~Ritter~ und Anderen als Zusatz eines Peripatetikers +ausgeschieden. + +58ᵃ 11 [ἐκ] ~Überweg~. + + +=Cap. 22.= + +58ᵃ 28 τῶν 〈ἄλλων〉 ὀνομάτων Ar. + +58ᵃ 30f. Lücke vor oder nach ἐκ -- βαρβαρισμός V. + +58ᵇ 8 εἴ τις 〈συστέλλειν〉 δώσει 〈ἢ〉 ἐκτείνειν auf Grund von Ar. + +58ᵇ 9 Ἐπιχάρην (?) ἰδὼν (ἰδον P.). + +58ᵇ 10 οὐκ ἂν πριάμενος τὸν κείνου (~Bekker~) ἐλλέβορον. + +58ᵇ 14 [ἐπὶ τὰ γελοῖα]. + +58ᵇ 16 τὼν 〈κυρίων〉 ὀνομάτων V. + +58ᵇ 20 Αἰσχύλῳ Εὐριπίδου ~Essen~ und ~Nauck~. + +58ᵇ 21 [εἰωθότος] ~Spengel~. + +58ᵇ 23 φαγέδαιν’ ἀεί μου ~Nauck~. + +58ᵇ 25 καὶ ἀεικής mit ~Castelvetro~ u. Ar., auch auf Grund der Scholien +zur Odyssee IX 515. + +59ᵃ 13 ὅσοις κἂν ἐν +τοῖς+ λόγοις. + + +=Cap. 23.= + +59ᵃ 17 καὶ ἐμμέτρου μιμητικῆς. + +59ᵃ 21f. καὶ μὴ ὁμοίας ἱστορίαις τὰς συνθέσεις εἶναι ~Dacier~. + +59ᵇ 5 ὅπλων κρίσις 〈Αἴας〉 Φιλοκτήτης. + + +=Cap. 24.= + +59ᵇ 35 γλώττας [καὶ μεταφορὰς] δέχεται ~M. Schmidt~. + +60ᵃ 1 κινητικά, 〈ε〉ἰ τὸ μὲν --. + +60ᵃ 4f. τὸ ἁρμόττον [αὐτῇ] αἱρεῖσθαι. + +60ᵃ 10f. ἄνδρα ἢ γυναῖκα ἢ ἄλλο τι [ἦθος] ~Reitz~. + +60ᵃ 11 δεῖ μὲν οὖν κἀν (statt ἐν) ταῖς κτἑ. Nicht unähnlich ~Christ~. + +60ᵃ 22ff. διὸ δεῖ (statt δὴ ~Bonitz~), ἂν τὸ πρῶτον ψεῦδος, ἄλλο δὲ +(statt ἄλλου δὲ ~Bonitz~ mit einem Ap.) τούτου ὄντος κτἑ. + +60ᵃ 25f. παράδειγμα δὲ τούτου mit einem Ap. ~Robortelli~. + + +=Cap. 25.= + +60ᵇ 11 λέξει ἢ 〈κυρία ἢ〉 καὶ γλώτταις κτἑ. Ähnlich V. + +60ᵇ 12 καὶ +ὅσ’ ἄλλα+ πάθη nach einem Vorschlag V.’s. + +60ᵇ 16ff. εἰ μὲν γὰρ προείλετο μιμήσασθα 〈ὀρθῶς, ἀπέτυχε δὲ δι’〉 +ἀδυναμίαν, αὐτῆς ἡ ἁμαρτία· εἰ δὲ τὸ προελέσθαι μὴ ὁρθῶς ἀλλὰ τὸν +ἵππον ἄμφω τὰ δεξιὰ προβεβληκότα [ἢ], καθ’ ἑκάστην τέχνην τὸ ἀμάρτημα, +οἷον [τὸ] κατ’ ἰατρικὴν κτἑ. + +60ᵇ 23 τέχνην· ἀδύνατα πεποίηται P. + +60ᵇ 33 ἀλλ’ ἴσως 〈ὡς〉 δεῖ nach V.’s Vorschlag. + +60ᵇ 34 Εὐριπίδης δὲ P. + +61ᵃ 5 εἰ εἴρηταί τινι ~Spengel~. + +61ᵃ 16f. πάντες (V.) μέν ῥα θεοί τε καὶ ἀνέρες 〈ἱπποκορυσταί〉 Ar. + +61ᵃ 25 Ζωρά τε 〈ἃ〉 πρὶν κέκρητο (ähnlich früher ~Th. Bergk~). + +61ᵃ 27 etwa 〈οἷον (Ald.) ὅτι καὶ ἄλλο τι〉 τῶν κεκραμένων κτἑ. + +61ᵃ 28f. ὅθεν -- κασσιτέροιο als interpolirt (~M. Schmidt~) oder +unheilbar verstümmelt ausgeschlossen. + +61ᵃ 33f. οἷον τὸ 〈ἐν τῷ〉· -- τὸ ταύτῃ κωλυθῆναι [ποσαχῶς] ἐνδέχεται +διπλῶς, ἢ πῶς μάλιστ’ ἄν τις κτἑ. ~M. Schmidt~. + +61ᵇ 8 δι’ ἁμάρτημα δὴ τὸ πρόβλημα εἰκός ἐστι 〈γενέσθαι〉, zum Teil nach +einem verwandten Vorschlage ~P. Vettori~’s und ~G. Hermann~’s. + +61ᵇ 12 〈καὶ ἴσως ἀδύνατον〉 τοιούτους εἶναι auf Grund von Ar.; ähnlich +schon V. + +61ᵇ 15f. τὰ δ’ ὡς ὑπεναντία εἰρημένα ~Heinsius~ und ~Spengel~. + +61ᵇ 17f. ὥστε καὶ λυτέον ~M. Schmidt~. + +61ᵇ 19f. ὅταν μὴ ἀνάγκης οὔσης [μηθὲν] χρήσηται κτἑ., vielleicht aber +〈πρὸς〉 μηθὲν zu lesen. + + +=Cap. 26.= + +62ᵃ 1 πρὸς αὑτούς --. + +62ᵃ 13-14 αὐτῇ ὑπάρχει. ἔστι δ’ ἐπεὶ τὰ πάντ’ ἔχει +(zum Teil nicht unähnlich ~Usener~). + +62ᵃ 16-17 καὶ τὰς ὄψεις nach ἐναργέστατα gestellt. + +62ᵃ 18 ἔτι τὸ (mit ~Susemihl~). + +62ᵇ 2 u. 5 [τῷ χρόνῳ] und [μιμήσεως]. + +62ᵇ 6 μείουρον (mit ~Tyrwhitt~). + +62ᵇ 7 ὑδαρῆ· 〈ἄλλως δὲ ποικίλον〉. λέγω δὲ κτἑ. + +62ᵇ 10 καίτοι ταῦτα τὰ ποιήματα (mit fast allen Herausgebern). + + + + +Register. + + Dieses Register ist ein Erklärungs-Behelf, der sich vorzugsweise an + Namen von Personen und Schriften anlehnt. Auf die sonstigen Artikel + wird in Anmerkungen unter dem Texte der Übersetzung verwiesen. + + + =Abfahrt= (der Griechen von Troia). a) S. 32. Ilias 2, 155ff. + verhindert es nur Athenas Erscheinen und ihre Einwirkung auf + Odysseus, daß das von Agamemnon in Versuchung geführte Griechenheer + diese Probe schlecht besteht und an der Eroberung Troias verzweifelnd + die Heimfahrt antritt. + + b) (S. 54). Gemeint ist die angebliche Heimfahrt des + Griechenheeres, das sich in Wahrheit nach Tenedos begab, um im + gelegenen Augenblicke wieder nach Troia zurückzukehren und den in + Sorglosigkeit gewiegten Feind zu überrumpeln. Wer ein solches Drama + gedichtet hat, ist uns unbekannt. + + =Ägeus= S. 64 s. Medea. + + =Ägisthos= (S. 28). In welchem Lustspiele Klytämestra’s Buhle statt + von Orestes getötet zu werden, schließlich dessen guter Freund ward, + ist unbekannt, vielleicht in des Alexis, eines Dichters der mittleren + Komödie, „Orestes“. + + =Agathon= 448/7 geboren, geistvoller athenischer Tragödiendichter; + auch Gesprächsperson des platonischen „Gastmahls“. Kaum 30 Verse von + ihm sind uns erhalten. Der S. 40 und S. 64 angedeutete Ausspruch des + Ag. lautet wie folgt: „Daß viel des Unwahrscheinlichen geschieht, + Das eben möchte man wahrscheinlich nennen.“ Die nur hier erwähnte + „Blume“ des Agathon kann kaum etwas anderes gewesen sein, als ein + bürgerliches Trauerspiel (S. 20). Von einem Drama Agathon’s, in + dem Achill’s Charakter geschildert war (S. 33), ist uns anderweitig + nichts bekannt. + + =Aias-=Tragödien (S. 39). Außer in dem erhaltenen sophokleischen + Drama dieses Namens ward das Schicksal des Helden, der ob der im + Streit um Achill’s Waffen erlittenen Kränkung dem Schwermut und + schließlich dem Tode verfallen ist, noch mehrfach behandelt, so + von Äschylos (in einer Trilogie), von dem jüngeren Astydamas, von + Karkinos und Theodektes. + + =Alkmeon= (S. 27 u. 30) lieferte den Stoff zahlreicher Tragödien. + Er ward zum Muttermörder, indem er den Tod seines Vaters Amphiaraos + rächen wollte, den die durch ein kostbares Geschmeide (das Halsband + der Harmonia) bestochene Eriphyle zur Teilnahme am thebanischen + Kriegszuge bewogen hatte, in welchem er sein Ende fand. + + =Amphiaraos= (S. 36) Drama des Karkinos (s. d.). Wenn Amphiaraos (der + im Kampfe gegen Theben von einem Erdspalte verschlungene und dann + als Orakeldämon verehrte Held) in dem uns sonst unbekannten Drama + das Heiligtum verlassen hatte, während die Bühnenvorgänge noch seine + Anwesenheit darin voraussetzten, so kann dies nur dann dem Dichter + entgangen und von den Zuschauern bemerkt worden sein, wenn der ihn + darstellende Schauspieler mittlerweile in einer anderen Rolle die + Bühne wieder betreten hatte. + + =Antigone=, das bekannte Trauerspiel des Sophokles. Gemeint sind + S. 30 hier V. 1231ff., wo ein Wächter berichtet, wie der über die + Verurteilung seiner Braut ergrimmte Haemon gegen seinen Vater, den + Fürsten Kreon, das Schwert gezückt hat, dem dieser jedoch auswich. + + =Ariphrades= wird nur hier S. 51 genannt. + + =Astydamas= (S. 30), der ältere der zwei Dichter dieses Namens, + ein Urgroßneffe des Äschylos, von dessen „Alkmeon“ wir nur einen Vers + besitzen. Der Bau des Dramas ist völlig unbekannt. + + =Badescene= (der Odyssee) S. 34. Die alte Amme erkennt Odysseus, + dem sie das Bad bereitet (Od. 19, 386ff.) an der Narbe jener Wunde, + die ihm einst auf dem Parnaß (vgl. S. 18) der Zahn eines Ebers + beigebracht hatte. Den Hirten zeigt Odysseus selbst jene Narbe, um + sie von seiner Identität mit ihrem Herren zu überzeugen. + + S. 58. In derselben Partie des Epos (Od. 19, 164ff.) stellt sich + Odysseus der Penelope als ein kretischer Gastfreund ihres Gemahles + vor und schildert dessen Gestalt und Tracht so getreu, daß der + Bericht bei ihr vollen Glauben findet. Das ist nun, wie Aristoteles + andeutet, ein Fall jenes fehlerhaften oder vielmehr übereilten + Schließens aus der Wirkung auf die Ursache. Wäre der Fremdling -- + so etwa schließt Penelope -- dem Odysseus, wie er vorgiebt, auf + dessen Fahrt begegnet, so wüßte er ihn getreu zu schildern. Darum + nimmt sie die Erzählung von jener Begegnung gläubig auf. + + =Bettlergang= (S. 54). Gemeint ist ohne Zweifel das Abenteuer des + Odysseus, der mit verunstaltetem Gesicht und in Lumpen gehüllt als + Kundschafter Troia besuchte, wo Helena ihn erkannt hat. Wer dieses + Thema dramatisch behandelte, ist unbekannt. + + =Chaeremon= (S. 3 u. 56), tragischer Dichter, von dessen zum Teil nur + zur Lectüre bestimmten Dramen, zu denen auch der „Kentauros“ gehörte, + wir eine Anzahl Bruchstücke besitzen. + + =Chionides= (S. 5), der älteste uns bekannte attische + Lustspieldichter, soll nicht lange nach 500 seine Tätigkeit begonnen + haben. Von ihm und seinem Nachfolger Magnes sind uns kaum ein Dutzend + Verse erhalten. + + =Choëphoren= (S. 35). In dieser äschyleischen Tragödie, dem + Mittelstücke der „Orestie“ genannten Trilogie, erfolgt die Erkennung + des Orestes dadurch, daß Elektra die Farbe der Haarlocke, die Jener + am Grabe des Vaters niedergelegt hatte, mit der eigenen Haarfarbe und + die Größe seiner Fußtapfen gleichfalls mit den eigenen vergleicht + (168ff.), worüber schon Euripides in seiner Elektra (V. 530ff.) + spottet. + + =Danaos= s. Lynkeus. + + =Definition= (die) =des Menschen= (S. 45): „Der Mensch ist ein + vernunftbegabtes zweifüßiges Lebewesen“ -- auch anderwärts von + Aristoteles als Typus eines einfachen Aussagesatzes verwendet. + + =Dikäogenes= (S. 35), ein Dithyramben- und Tragödiendichter, dessen + Stärke weniger im eigentlich Dramatischen als im lyrischen Beiwerke + des Trauerspieles bestand. Vgl. Kyprier (die). + + =Dionysios= aus Kolophon (S. 4), Zeitgenosse Polygnot’s, von dem + er sich durch den Mangel an Idealität unterschied, was ihm den + bezeichnenden Beinamen „der Menschenmaler“ eintrug. + + =Dithyrambos= (S. 3 usw.), ein Lied, das von einem Chor unter + Flötenbegleitung gesungen ward und ursprünglich die Schicksale + des Dionysos, später auch jene anderer mythischer Gestalten zu + ihrem Inhalte hatte. Aus ihm hat sich die Tragödie, gleichwie, da + der den Weingott Dionysos umgebende Chor aus Satyren bestand, das + Satyrspiel entwickelt. Doch erfuhr der Dithyrambos auch nachher noch + selbständige Pflege (s. Kyklope, Philoxenos, Skylla, Timotheos). + + =Elektra= (S. 58). Gemeint ist die in des Sophokles so benanntem + Drama erfolgende fictive Meldung von dem Ende des Orestes durch einen + Unfall, den er bei den pythischen Spielen erlitten habe. „Damals + gab es noch keine pythischen Spiele“ (eingeführt Olymp. 48,3 = 586 + v. Chr. Geb.), bemerkt schon ein antiker Ausleger des Dramas. + + =Empedokles= aus Akragas in Sicilien (S. 2 usw.), Philosoph, geb. + kurz vor 480 v. Chr. Geb. Von seinen Lehrdichtungen besitzen wir + mehrere hundert Verse, teils aus den 3 Büchern „Über die Natur“, + teils aus dem „Sühnungen“ genannten Gedichte. + + =Epicharm= (S. 5) auf der Insel Kos geboren, in früher Jugend nach + dem sicilischen (hybläischen) Megara gekommen, 486 in Syrakus. + Fruchtbarer und gedankenreicher Komödiendichter, von dem wir eine + große Zahl von Bruchstücken besitzen. + + =Erdgebornen= (die) (S. 34). Woher dieser Vers (oder richtiger + Versteil) stammt, ist unbekannt. Die böotischen „Sparten“, das aus + der (von Kadmos ausgestreuten) Saat von Drachenzähnen entsprossene + Geschlecht, sollen durch ein lanzenförmiges Muttermal ausgezeichnet + gewesen sein. + + =Eriphyle= s. Alkmeon. + + =Eukleides= der alte (S. 50), eine nur aus dieser Stelle bekannte + Persönlichkeit. Daß die Worte, in denen Eukleides die Licenz der + poetischen Dehnungen und Kürzungen verspottet, diese dichterische + Freiheit selbst parodieren, sagt zwar Aristoteles deutlich genug, ist + aber bisher seltsamer Weise nicht bemerkt worden. + + =Eurypylos= (S. 54), ein Bundesgenosse der Troer, den Neoptolemos im + Kampfe tötet. Wer ihn zum Helden einer tragischen Dichtung gemacht + hat, ist unbekannt. + + =Glaukon= (S. 63). Ein auch aus Platon’s Gespräch Ion bekannter + Homer-Erklärer, vielleicht identisch mit dem Verfasser eines Buches + über Vortragskunst. + + =Hadesdramen= (S. 39). Dergleichen waren der „Steinewälzer Sisyphos“ + von Äschylos, der „Peirithus“ des Sophokles und andere mehr. + + =Haemon= s. Antigone. + + =Hegemon von Thasos= (S. 4). Von seinen parodistischen Dichtungen + sind uns 21 Hexameter erhalten. + + =Hektor.= Die Art seiner Verfolgung (S. 57 u. 60) durch Achill, + der ihn dreimal um die trojanische Ringmauer jagt, während sein + abwehrendes Kopfnicken genügen soll, um all die Tausende der Griechen + von der Teilnahme an der Verfolgung zurückzuhalten (Il. 22, 205), + ward von anderen antiken Homer-Erklärern als naturwidrige „Erfindung“ + bezeichnet. + + =Helle= (S. 31). Die überwiegende Sagentradition läßt Helle in + jugendlichem Alter sterben. Daß sie dem Poseidon einen Sohn geboren + hat, wird nur vereinzelt gemeldet. Von dem, was unser Text enthält, + fehlt in der sonstigen Sagenüberlieferung jede Andeutung. + + =Herakleis= (S. 18). Herakles-Dichtungen waren von Kinäthon (Mitte + d. 8. Jahrh.), Peisandros (Mitte d. 7. Jahrh.), Panyassis (dem + Oheim Herodot’s) und anderen bekannt. Von des Panyassis 14 Bücher + umfassender Dichtung sind nicht ganz unerhebliche Überreste erhalten. + + =Hermokaikoxanthos= (S. 46), ein aus drei Flußnamen: Hermos, Kaikos + und Xanthos zusammengesetzter Personenname. Woher der neuerlich aus + der arabischen Übersetzung mit Wahrscheinlichkeit wiedergewonnene + Vers entnommen ist, wissen wir nicht. + + =Herodot= (S. 19) aus Halikarnaß, dessen uns erhaltenes großes + Geschichtswerk von Aristoteles, wie auch sein neuentdecktes Buch + „Vom Staatswesen der Athener“ lehrt, trotz mancher dagegen erhobenen + Ausstellungen in hohem Maße geschätzt ward und darum hier typische + Verwendung finden konnte. + + =Hippias von Thasos= (S. 62). Ein nur aus dieser Stelle und einem + darauf Bezug nehmenden antiken Commentar bekannter Ausleger der + homerischen Gedichte. + + =Ilias= (die =kleine=) S. 54. Umfangreiche epische Dichtung des + Lesches (7. Jahrh.), von der uns fast nichts erhalten ist. Von „mehr + als acht“ Dramen spricht Aristoteles wahrscheinlich darum, weil der + Stoff der letzten drei -- mit „und“ angefügten -- in diesem Epos nur + mehr summarisch behandelt war, während erst die Iliupersis (das im + sogen. epischen Cyklus zunächst folgende Heldengedicht) ihn breiter + ausgeführt hat. So will er sagen, daß die Kl. Ilias streng genommen + den Stoff zu acht, wolle man aber minder genau rechnen, zu mehr, + nämlich eilf Dramen enthält. + + =Ilion=’s Zerstörung S. 40 (Iliupersis), ein dem Milesier Arktinos + zugeschriebenes Epos in zwei Büchern, das den Schluß des trojanischen + Krieges schilderte. Uns ist eine Inhaltsangabe und wenige Verse + davon erhalten. Ein also betiteltes Drama hat Iophon, der Sohn des + Sophokles, gedichtet; es ist nichts davon erhalten. Die partienweise + Behandlung der „Zerstörung Troias“ durch +Euripides+ bezieht sich + auf dessen verlorenes Drama Epeios und unter den erhaltenen auf die + Hekabe und die Troerinnen. + + =Iphigenie= (in Aulis) S. 32. Vgl. V. 1213ff. mit 1368ff. des + euripideischen Dramas. + + -- -- (in Tauri) S. 24 und 36. Die von Aristoteles gebilligte + Erkennung der Iphigenie erfolgt in dieser Weise. Sie beschließt, + den einen der beiden Ankömmlinge mit einem Brief an die Ihrigen in + die Heimat zu entlassen und wiederholt für den Fall, daß der Brief + unterwegs verloren ginge, seinen Inhalt mündlich (760ff.). Orestes + hingegen beruft sich, um seine Identität zu erhärten, auf allerlei + Gegenstände und Vorfälle im Elternhause (898ff.). + + =Ixion-=Dramen (S. 39). Das Schicksal des gewaltigen Frevlers, der + sogar nach der Himmelskönigin Hera die Hand auszustrecken wagte und + ob dieser und anderer Missethaten schweren Unterweltstrafen verfiel, + haben die drei großen Tragiker und überdies noch einige geringere + Dramatiker behandelt. Von alle dem sind uns kaum 10 Verse erhalten. + + =Kallippides= (S. 65), berühmter Schauspieler einer jüngeren + Generation als Mynniskos, da er im xenophonteischen Gastmahl als + Zeitgenosse des Sokrates erscheint. + + =Karkinos= (S. 34), der jüngere dieses Namens, Tragödiendichter des + 4. Jahrh. S. Thyestes. + + =Kentauros= s. Chaeremon. + + =Kleophon= (S. 4 u. 49) dem Zusammenhange nach, in dem er an erster + Stelle erscheint, Verfasser epischer Dichtungen. Unklar, ob er mit + dem Tragiker gleichen Namens identisch ist. + + =Krates= (S. 10), attischer Lustspieldichter; sein erster Sieg 449. + Obgleich der Zeit nach der sogenannten alten Komödie angehörig, + erscheint er (von dem wir noch ein halbes Hundert meist kleinerer + Bruchstücke besitzen) wie ein Vorläufer der mittleren und neueren + Komödie. + + =Kreon= s. Antigone. + + =Kresphontes= (S. 30). Die ergreifende Scene des gleichnamigen + euripideischen Trauerspieles, von dem uns ungefähr 30 Verse erhalten + sind, hat noch zu Plutarch’s Zeit die stärkste Bühnenwirkung + geübt. Polyphontes hatte den Gemahl der Merope getötet, den Thron + und die Hand der verwitweten Königin gewonnen. Der im kindlichen + Alter stehende Sohn Kresphontes wird von der Mutter heimlich ins + Ausland geschickt. Herangewachsen kehrt er heim und giebt vor, den + Kresphontes, auf dessen Kopf der Usurpator einen Preis gesetzt hatte, + getötet zu haben. Es ward eine Scene herbeigeführt, in der die Mutter + dem vermeintlichen Mörder ihres Sohnes gegenüber stand und schon das + Schwert gezückt hatte, als der greise Begleiter des Jünglings ihr in + den Arm fällt und die Erkennung vermittelt. Der Sturz des Polyphontes + bildete den Schluß des Dramas. + + =Kyklope= (der) S. 4. Solch ein Unhold hat im Gegensatze zu den + übermenschlichen Göttern als ein gleichsam untermenschliches Sujet + gelten können. + + =Kyprien= (die) S. 54. Eine epische Dichtung des Stasinos (7. oder 8. + Jahrh.), welche die Vorgeschichte des trojanischen Krieges behandelt + hat. Ihren Inhalt kennen wir aus einigen umfangreicheren Bruchstücken + und vielfachen Notizen der Alten. Darin fand sich auch jene Scene, + auf die der Verfasser der Poetik S. 18 anspielt, daß nämlich + Odysseus Wahnsinn heuchelte, um sich dem Heeresaufgebote gegen Troia + zu entziehen, -- eine Verstellung, der die auf des Palamedes Rat + erfolgte Ergreifung und Bedrohung seines Söhnchens Telemach ein + rasches Ende bereitete. + + =Kyprier= (die) S. 35. Eine uns anderweitig völlig unbekannte + Tragödie des Dikäogenes (s. das.). Wahrscheinlich war Teukros der + Held des Stückes. Diesen hatte sein Vater Telamon verstoßen, weil + er ohne seinen Bruder Aias von Troia zurückgekehrt war. In Kypros + fand er eine neue Heimat und ist nach Telamon’s Tod nach Salamis + zurückgekehrt. Beim Anblicke des Bildes seines Vaters mag er in + Thränen ausgebrochen und also erkannt worden sein. + + =Laios= s. Oedipus. + + =Lakonerinnen= (die) S. 54. Diese bildeten den Chor eines + sophokleischen Dramas, aus dem uns 5 Verse erhalten sind. Die Frauen + scheinen zur Umgebung der Helena gehört zu haben. Den Gegenstand des + Dramas bildete wahrscheinlich der Raub des heiligen Schutzbildes (des + Palladions) von Troia durch Odysseus und Diomedes. + + =Lynkeus= (S. 23 u. 39), eine verlorene Tragödie des Theodektes (s. + das.), als deren Inhalt das folgende mit Wahrscheinlichkeit ermittelt + worden ist. Hypermestra, eine der Töchter des Danaos, denen der + Vater befohlen hatte, ihre Männer in der Hochzeitsnacht zu töten, + hat ihren Gemahl L. verschont und ihrer heimlichen Ehe ist ein Knabe + (Abas) entsprossen. Die Ergreifung dieses Kindes führt zur Entdeckung + des Geheimnisses. Nun soll Lynkeus hingerichtet werden; allein im + letzten Augenblicke findet (vielleicht infolge einer Volksempörung) + ein Umschwung statt, der die Rettung des Lynkeus und die Tötung des + Danaos herbeiführt. + + =Magnes= s. Chionides. + + =Margites= (S. 7f.). Ein altes parodistisches Gedicht, von dessen + burleskem Inhalte wenige Verse und einige Nachrichten dürftige Kunde + geben. Der Held war ein täppischer Gesell, der in jeder Lebenslage + das mindest angemessene that. Als Verfasser dieses und mehrerer + anderer Scherzpoeme hat dem Altertume Homer gegolten. + + =Medea= S. 32. Der hier gegen die Lösung der also betitelten + euripideischen Tragödie erhobene Tadel gilt dem Umstande, daß Medea, + nachdem sie ihre Kinder und Kreusa, Jasons Braut, getötet hat, auf + einem von ihrem Ahnen, dem Sonnengott gesandten Schlangenwagen + entflieht. Unter dem Ungereimten S. 64 versteht Aristoteles das + unvermittelte Erscheinen des Ägeus, der auf dem Wege von Delphi + nach Trozen Korinth in dem Augenblicke betritt, wo Medea seines + Schutzes bedarf. Die Episode, in der die beiden sich begrüßen und + mit einander so vertraut verkehren, als ob sie sich nicht zum ersten + Male erblickten, ward vom Dichter im Hinblick auf die Sage von ihrer + späteren Vermählung eingeschaltet. + + =Megarische Komödie= (S. 5). Authentische Überreste fehlen. Neuerlich + ist die Vermutung aufgetaucht, daß die Gewohnheit attischer + Lustspieldichter, plumpe und tölpelhafte Späße megarische zu nennen, + den Glauben an die Pflege des Lustspieles daselbst erzeugt habe. + Dem widerspricht jedoch eben die Art, in der hier Aristoteles von + dem Anspruche handelt, den die Megarer selbst auf die Urheberschaft + dieser Kunstgattung erhoben haben. + + =Melanippe= (S. 32). Gemeint ist des Euripides Tragödie „Die weise + Melanippe“, von der uns nur wenige Verse erhalten sind, darunter der + Anfang der hier erwähnten langen Rede. Die Heldin des Stückes hat + unvermählt dem Poseidon Zwillinge geboren, die sie im Rinderstall + versteckt und von einer Kuh säugen läßt. Der Vater hält die Kleinen + für eine Wundergeburt der Kuh und will sie um dieses ihres monströsen + Ursprunges willen verbrennen. Da hält Melanippe, um ihre Sprößlinge + zu retten, jene große Rede, die darthun sollte, daß kein in der Natur + möglicher Vorgang als widernatürlich zu gelten habe. + + =Meleager= (S. 27). Ein gleich Achill, an den er lebhaft erinnert, zu + frühem Tode bestimmter, von gewaltiger Leidenschaft erfüllter Heros. + Der Geliebte der kühnen Jägerin Atalante, der Sohn des Oeneus und + der Althaea, der im Zornmute die Brüder seiner Mutter erschlägt und + darob von ihrem Fluche getroffen wird, war der Held von Tragödien + des Phrynichos („die Pleuronierinnen“), des Sophokles, Euripides und + Anderer. + + =Menelaos= s. Orestes. + + =Merope= s. Kresphontes. + + =Mitys= (S. 22), war nicht gar lange nach 400 zu Argos im + Parteikampfe gefallen. Daß der Urheber seines Todes auf dem + Marktplatze von Argos während einer +Festfeier+ von der Statue + seines Opfers erschlagen ward, lehrt Plutarch, Vom späten göttlichen + Strafgericht, Cap. 8. + + =Mnasitheos= (S. 65), anderweitig unbekannt. + + =Mynniskos= (S. 65), berühmter Schauspieler, der in der Darstellung + äschyleischer Rollen glänzte. Komiker haben ihn als Gourmand + verspottet. + + =Myser= (die) S. 58. Gemeint ist des Äschylos so betiteltes Drama, + dessen Held Telephos zu Tegea in Arkadien seine Oheime erschlagen + hatte und (wahrscheinlich vom Orakel dazu veranlaßt) nach Mysien + wanderte, um sich dort von der Blutschuld reinigen zu lassen. In der + Zwischenzeit mußte der Totschläger strenges Stillschweigen bewahren. + + =Neoptolemos= (S. 54), Achill’s Sohn. Welches Tragikers Werk + Aristoteles im Auge hat, ist uns völlig unbekannt. + + =Nikochares= (S. 4) und seine „Deliade“ sind anderweitig unbekannt. + + =Niobe= (S. 40). Da das bekannte Schicksal der Niobe keineswegs durch + seinen Stoffreichtum der Behandlung in +einer+ Tragödie widerstrebt, + auch von einer epischen Darstellung des Themas nichts bekannt ist, + so hat dieses Beispiel mit Recht Befremden erregt und den Verdacht + einer Textverderbnis wachgerufen. Von Äschylos gab es übrigens + eine Tragödie dieses Namens; daß zwei andere seiner Dramen diese + Darstellung vervollständigt haben, ist ohne triftigen Grund vermutet + worden. + + =Nomos= (S. 3 usw.). Eine dem Dithyrambos verwandte Dichtungsart, in + deren musikalischer Begleitung die Kithara allmälig das Übergewicht + über die Flöte gewann. + + =Odysseus=, der verwundete s. Telegonos. + + -- -- in der Skylla s. Timotheos. + + -- --, der Trugbote (S. 36). Der Autor und Inhalt des Dramas gleich + unbekannt. Mit Wahrscheinlichkeit läßt sich vermuten, daß in den im + Texte geschilderten Vorgängen der schlaue Odysseus die Rolle des + Täuschenden gespielt hat, während der Inhaber des Bogens ein Troer + gewesen ist. + + =Ödipus= S. 33 u. 58. Die außerhalb des Dramas liegende Ungereimtheit + ist des Ödipus Unkenntnis der Art und Weise, wie sein Vorgänger + Laios geendet hat. Nur diese an sich unglaubhafte Unkenntnis hat die + Verwicklung herbeigeführt, die den Inhalt des Trauerspieles bildet. + + =Orestes.= Die S. 32 und 64 erwähnte euripideische Tragödie hat + folgenden Inhalt: Der als Muttermörder vor ein Volksgericht gestellte + Held wird, da sein Oheim Menelaos ihn aus Feigheit verraten hat, + verurteilt, will sich jedoch vor seinem Ende noch an des Menelaos + Gemahlin Helena, als der Urheberin alles Übels, rächen; da diese von + den Göttern entführt ward, wählt er ihre Tochter Hermione zu seinem + Opfer. Da erscheint Apoll, um die Versöhnung der Streitenden und die + Vermählung des Orestes mit keiner anderen als Hermione zu bewirken. + + =Pauson= (S. 4), jüngerer Zeitgenosse Polygnot’s, überaus fruchtbarer + Genremaler, von Aristophanes verspottet, von Aristoteles auch + anderwärts getadelt. + + =Peleus= (S. 39). Es ist wahrscheinlich das so betitelte Drama des + Sophokles gemeint, dessen Inhalt wir kennen, wenn uns auch nur 10 + wenig bedeutende Bruchstücke bekannt sind. Peleus, Achill’s Vater, + war während der Abwesenheit des gewaltigen Sohnes aus seinem Reiche + vertrieben worden, hatte seinem Enkel Neoptolemos zu begegnen gesucht + und ist auf der Insel Kos, wohin er durch Sturm verschlagen war, + gestorben. Ähnlichen Inhalt hatte des Euripides gleichnamiges Drama. + Es waren Rührstücke, in denen die Gebrechen und die Hilflosigkeit des + Greisenalters Stoff zu reicher Klage boten. + + =Peloponnesische Tragödie= (S. 5). Jedenfalls waren Dithyrambos und + tragische Chöre, ersterer um und bald nach 600 in Korinth, letzterer + in Sekyon zu Hause. Auch Pratinas, ein Zeitgenosse des Äschylos, war + zu Phlius im Peloponnes heimisch. + + =Perser= (S. 4). Die einzige uns bekannte dithyrambenartige Dichtung + (Nomos) mit historischem Sujet. Nur 3 Verse daraus erhalten. Ihr + Verfasser Timotheos, s. das. + + =Philoktet= (S. 51 u. 54). Das Schicksal Philoktet’s ist unseren + Lesern aus der erhaltenen Tragödie des Sophokles bekannt. Seine + Mitwirkung an der Einnahme Troias hat Sophokles in einem verlorenen + Drama dargestellt. Außerdem haben Äschylos, Euripides (von dessen + Drama eine größere Zahl von Bruchstücken erhalten ist), Achäos, + Theodektes und einige Geringere das dankbare Sujet behandelt. + + =Philoxenos= (S. 4), geb. auf der Insel Kythera (435-380), berühmter + Dithyrambendichter; sein „Kyklope“, von dem wir einige Verse + besitzen, war eine von dem Dichter schwer gebüßte Persiflage des + älteren Dionysios. + + =Phineussöhne= (die) S. 35. Der Sagenstoff ist bekannt, der Verfasser + des Dramas unbekannt, ebenso die Personen, von deren Aussetzung und + Wiedererkennung der Örtlichkeit im Texte die Rede ist. + + =Phorkystöchter= (S. 39). Dies der Titel eines äschyleischen + Satyrspieles, dessen Held Perseus im Kampfe mit Gräen und Gorgonen + war. Dasselbe wurde, wie wir kürzlich erfuhren, noch im Frühjahre 339 + zu Athen aufgeführt. + + =Phthiotinnen= (die) S. 39, eine uns nur durch vier den Inhalt nicht + im mindesten aufhellende Verse bekannte Tragödie des Sophokles. Daß + dem Drama, wie so häufig, die den Chor bildenden Personen seinen + Namen gaben und daß Achill’s Geschlecht den Mittelpunkt bildete, kann + als ausgemacht gelten. Alles übrige ist vage Vermutung. + + =Pindaros= (S. 65), ein uns sonst unbekannter Schauspieler. + + =Polyeidos= (S. 35 u. 37) der Sophist, anderweitig unbekannt. + + =Polygnot= (S. 4) aus Thasos, berühmter Maler des 5. Jahrhunderts, + der die „bunte Halle“ in Athen, desgleichen die Lesche in Delphi mit + großen historischen Compositionen ausgeschmückt hat. + + =Probleme= S. 61 ff. „es ragten die Lanzen --“ (Il. 10, 152). Diese + Aufstellungsweise der Speere befremdete darum, weil das Niederfallen + eines einzigen Speeres den Sturz einer großen Zahl zur Folge haben + und so der nächtlichen Ruhe des Lagers arge Störungen bereiten konnte. + + „Mäuler zuerst nun“ (Il. 1, 50). Da die Seuche von Apoll als + Strafgericht über das Griechenheer verhängt wird, so nahm man + daran Anstoß, daß auch schuldlose Tiere, und zwar diese zuerst von + der Krankheit ergriffen wurden. Darum deutelte man an dem Worte, + das Maultiere bezeichnet, und wollte ihm die Bedeutung „Wächter“ + aufdrängen. + + Daß Dolon zugleich „übel von Ansehn“ und „schnellfüßig“ heißt (Il. + 10, 316) schien schwer verständlich, da ein verkrüppelter Körperbau + die Eignung zum Schnellaufen ausschließt. Da half eben die im Text + erwähnte Deutung der Worte. + + Das „kräftiger mische den Trunk“ (Il. 9, 202), das Achill dem + Protoklos zuruft, schien einem überfeinerten Geschmacke dort nicht + am Platz, wo es die ersten Heerführer der Griechen zu bewirten + galt. Darum die gewaltsame Auskunft, das Beiwort gelte nicht der + Lauterkeit des Trunkes, sondern der Eile in der Bereitung desselben. + + „Alle die anderen nun, so Götter als reisige Männer --“. Unser + Homertext ist von dem Widerspruche, den hier eine so kühne + Auslegung hinwegschaffen hilft, völlig frei. Derselbe ist durch die + Ersetzung des Verses Il. 10, 1 durch den Vers Il. 2, 1 und überdies + durch die Vertauschung des Wortes „andere“, das unser Text an + beiden Stellen bietet, mit „alle“ entstanden. Schwerlich sind + diese Abweichungen einem bloßen Gedächtnisfehler unseres Autors + zuzuschreiben. + + „Die allein nicht hinabtaucht“ (Il. 18, 489). Man fragte sich + verwundert, warum das Bärengestirn das einzige nicht untergehende + heiße. Die Antwort auf diese Frage, es werde eben nur das + bedeutendste oder bekannteste unter den dem Pol benachbarten + Sternbildern genannt, darf wohl als zutreffend gelten. + + „Ihm aber gewähren (den Sieg wir) --“. Es sind dies Worte, die man + jetzt Il. 21, 297 liest, die man aber einst Il. 2, 15 gelesen haben + muß, wo Zeus dem Agamemnon, den er zu erfolglosem Kampf anspornen + will, ein ihn irreleitendes Traumbild zuschickt. Man wollte + die des obersten Gottes, wie man dachte, unwürdige lügenhafte + Siegesverheißung durch Veränderung der Betonung (übrigens im + Widerspruch mit dem ganzen Zusammenhang) in eine indirecte, das + Ansehen der Gottheit weniger beeinträchtigende Redeform verwandeln. + Auch hier zeigt sich, wie bei jener Mißdeutung des „kräftiger + mische den Trunk“, ein Mangel an Verständnis für homerische + Naivetät. + + „Deß Teil vom Regen verfaulet“ (Il. 23, 328). Dasselbe griechische + Wörtchen bedeutet je nach der Betonung (und der Verschiedenheit + des Hauches) „dessen“ und „nicht“. Dem Zusammenhang der Stelle + entspricht einzig und allein das letztere, das unser Homertext + ausschließlich kennt. + + In dem zweiten empedokleischen (Halb-) Vers gestatten die + griechischen Worte ebenso wohl die Auffassung: „gemengt ward, was + früher lauter war“, als jene: „lauter ward, was früher gemengt + war“. Es ist insbesondere der von Aristoteles nicht mitgetheilte + Schluß der zwei Verse (183f. Stein), der zu Gunsten der letzteren + entscheidet. + + „Das meiste der Nacht ist vorüber --“ (Il. 10, 252f.). Der + sonnenklare Sinn der Stelle ist dieser: „Der größere Teil der Nacht + ist vorüber, zwei Drittel nämlich; der dritte Teil ist noch übrig.“ + Vermöge eines kaum begreiflichen Mißverständnisses haben antike und + auch die meisten modernen Erklärer die Worte falsch verbunden und + dadurch den Anfang der Stelle besagen lassen: „+Mehr+ als zwei + Drittel der Nacht sind vorüber“ --, womit sich denn das folgende: + „der dritte Teil ist noch übrig“ nicht wohl zusammenreimen ließ! + Doch hat selbst Aristoteles in seinen „Homerischen Fragen“ diesen + Unsinn verständlich zu machen nicht verschmäht. + + „Weinschenk“ des Zeus heißt Ganymed (Il. 20, 234), obgleich + die Götter bekanntlich Nektar und, wie Il. 5, 341 ausdrücklich + versichert wird, keinen Wein trinken. Wie wenig buchstäblich der + Wein an jener Stelle zu nehmen ist, zeigt am deutlichsten Il. 4, + 3, wo Hebe geradezu „Weinschenkin des Nektar“ genannt wird. Eine + ähnliche Abschwächung der ursprünglichen Bedeutung hat es bewirkt, + daß „Erzschmiede“ bei Homer auch die Bearbeiter des härteren, + schwerer zu schmiedenden und darum später in Gebrauch genommenen + Eisens heißen. + + „Wo die eherne Lanze nun fest stand“ (Il. 20, 272). So heißt es von + dem Speer, den Aeneas erfolglos gegen Achills Schild geschleudert + hat. Dieser bestand aus fünf Metall-Lagen, darunter einer goldenen. + Da schien es denn rätselhaft, daß einerseits das Gold als Hemmnis + des weiteren Vordringens des Speers bezeichnet und andererseits + gesagt wird, dieser habe zwei jener fünf Metall-Lagen durchbohrt. + Sollte die Gold-Lage (so fragte man sich mit berechtigter + Verwunderung) im Inneren des Schildes verborgen gewesen und nicht + vielmehr seinen leuchtenden Schmuck gebildet haben? Die Lösung + dieser Schwierigkeit, die Aristoteles andeutet, scheint dahin + zu gehen, daß die auf der Außenseite des Schildes angebrachte + Gold-Lage die Gewalt des Stoßes zwar abgeschwächt, aber den Speer + nicht zu sofortigem Stillstand gebracht hat. + + Ikarios. So heißt in der Odyssee der Vater der Penelope. Es war + dies ein in Sparta heimischer Heros, der Bruder des Tyndareos. + Da befremdete es die Leser des Odyssee, daß Telemach auf seiner + peloponnesischen Erkundigungsreise, die ihn auch nach Sparta führt, + den Großvater dort nicht aufsucht. Die Änderung eines Buchstabens + sollte das Problem lösen helfen. + + =Prometheus= (S. 39). Fast sicherlich das uns erhaltene äschyleische + Drama „Der gefesselte Prometheus“ gemeint, da der uns zum größten + Teil bekannte Inhalt der verlorenen Stücke jener Tetralogie dem + Zusammenhange weniger zu entsprechen scheint. + + =Protagoras= (S. 42), der berühmte abderitische Jugendlehrer und + Philosoph (sogenannter Sophist) des perikleischen Zeitalters, hatte + die Unterscheidungen der Grammatik wohl als der erste zum Gegenstande + des Studiums gemacht. Wie das Geschlecht der Hauptwörter, so + unterschied er zuerst theoretisch die Tempora und Modi des Verbums. + Er exemplificierte mit Vorliebe an homerischen Versen, insbesondere + an den ersten Versen der Iliade. Obgleich dem großen Aufklärer ein + Anflug schulmeisterlicher Pedanterie nicht gefehlt zu haben scheint, + so darf man es doch bezweifeln, daß er mit der Bemerkung, Homer + gebrauche den Imperativ dort, wo der Optativ (die Redeform des + Wunsches) am Platze wäre (Il. 1, 1), einen ernst gemeinten Tadel + aussprechen wollte. + + =Sinon= (S. 54). So heißt in der Sage der Grieche, der sich als ein + angeblich von seinen Landsleuten Mißhandelter und Bedrohter nach + Troia begab, die Troer durch schlaue Vorspiegelungen zur Aufnahme des + hölzernen Rosses bewog und den Griechen das Feuerzeichen gab, das sie + zur Rückkehr von Tenedos bestimmte (s. Abfahrt von Troia). Von dem + also betitelten Drama des Sophokles sind uns nur drei Worte erhalten. + + =Sisyphos= (S. 40). Der verschlagene, Götter verachtende und von + den Göttern bestrafte Sohn des Äolos war der Held mehrerer Dramen. + Mitunter ward der Schlaukopf selbst überlistet. So von Tyro, der + Gattin seines Bruders Salmoneus, die er zu seiner Gemahlin machte, + um sich an dem ihm feindlich gesinnten Bruder zu rächen. Einem + Orakelspruche gemäß sollten nämlich die aus der Ehe mit Tyro + entsprossenen Söhne diese Rache vollstrecken. Die Mutter vereitelte + jedoch den Plan, indem sie ihre und des Sisyphos Söhne sofort nach + der Geburt tötete. + + =Skylla= (S. 32 u. 65). Gemeint ist der also betitelte Dithyrambos + des Timotheos (s. d.), von dessen Dasein uns erst kürzlich ein + Papyrus der Erzherzog Rainer’schen Sammlung Kenntnis gegeben hat. Der + weibische Charakter des Klaggesanges, den hier der von der Skylla + bedrohte Odysseus anstimmte, wird auch in der neu erschlossenen + Urkunde tadelnd vermerkt. Zum Verständnisse der zweiten Stelle diene + folgendes. Das dramatische Element kam im jüngeren Dithyrambos in + der Weise zur Geltung, daß der Flötenspieler und der Führer des aus + 50 Sängern bestehenden Chores in Tracht, Haltung und Geberden die + zwei Hauptpersonen darstellten. Hier zerrt der Flötenspieler den + Chorführer am Gewande, um das Bemühen der Skylla zu versinnlichen, + die den Odysseus an sich und ins Verderben zu ziehen bestrebt ist. + + =Sokratische Gespräche= (S. 2). Darunter versteht Aristoteles + ausschließlich die Dialoge Platon’s, in denen Sokrates die + Hauptgesprächsfigur war, nicht die Dialoge anderer Sokrates-Jünger + wie Antisthenes, Phädon usw. + + =Sophron= (S. 2), Syrakusaner, 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts, + dichtete in Prosa zum Recitieren bestimmte dramatische Schilderungen + des Volkslebens, Mimen genannt, z. B. der „Thunfischer“, die + „Frühstücksschwestern“, die „Näherinnen“ u. dgl. m. Über die Eigenart + dieser von ihm selbst und seinem Sohne Xenarchos gepflegten Gattung + belehren uns besser als die kümmerlichen Überreste die Nachbildungen + Theokrits und die jüngst wiederentdeckten Mimiamben des Herondas. + + =Sosistratos= (S. 65), anderweitig unbekannt. + + =Sthenelos= (S. 49), ein mittelmäßiger Tragiker des 5. Jahrhunderts. + Eine Lustspielfigur des Aristophanes fragt im Hinblick auf Sthenelos: + „Doch wie genieß’ ich dieses Dichters Vers?“, worauf ihm die Antwort + wird: „Mit Essigtunke oder salzbestreut“. + + =Telegonos= (S. 30) der „fern geborene“ Sohn des Odysseus und der + Kirke, der, ohne den Vater zu kennen, in Ithaka erscheint und ihn + im Kampfe tötet. Gemeint ist hier fast sicherlich das sophokleische + Drama „Der vom Stachel getroffene Odysseus“, da es ein Rochenstachel + war, mittelst dessen ihm den Vater zu töten bestimmt war. + + =Telephos= S. 27. Der Gegenstand von Tragödien des Äschylos, + Euripides, Agathon und Anderer. Der Kern der Fabel war dieser. Der + Held wächst, von einer Hirschkuh ernährt, fern von seiner Mutter Auge + auf, die ihn von Herakles empfangen hatte. Als Lohn für den Beistand, + den er dem König von Mysien Teuthras geleistet hat, schenkt ihm + dieser die Hand seiner Tochter, die keine andere als eben Auge ist. + Diese widerstrebt der Heirat und will Telephos töten, der, als ihre + Absicht vereitelt ward, an ihr Rache zu nehmen im Begriff ist. Da + erscheint Herakles und offenbart ihnen die lange verborgene Wahrheit. + S. auch Myser. + + =Theodektes= (S. 35 u. 39). Geboren zu Phaselis in Lykien, ein + Jünger und vertrauter Freund des Aristoteles (vgl. Vorwort). Der mit + leiblicher Schönheit nicht minder als mit glänzenden Geistesgaben + Begnadete hat ein halbes Hundert Dramen verfaßt, dreizehnmal den + tragischen Wettstreit bestanden und darunter achtmal den ersten Preis + errungen, wie seine stolze Grabschrift verkündete. Uns sind kaum 70 + Verse und von seinen Prosaschriften (unter denen sich eine „Apologie + des Sokrates“ befand) ein Dutzend Zeilen erhalten. S. Lynkeus und + Tydeus. + + =Tereus= (S. 35). Eine Tragödie des Sophokles, von der uns wenige, + aber herrliche Bruchstücke erhalten sind. Der thrakische König Tereus + hatte von Pandion, dem Fürsten von Athen, als Lohn für kriegerischen + Beistand die Hand seiner Tochter Prokne erhalten, die ihm den Itys + gebar. Tereus that der Schwester seiner Gemahlin, Philomele, Gewalt + an und schnitt ihr, um ihren Anklagen vorzubeugen, die Zunge aus. + Philomele aber giebt durch ein kunstvolles Werk ihrer Hände -- die + „Stimme des Gewebes“ -- der Schwester Nachricht, worauf sie an Tereus + durch Hinschlachtung seines Sohnes Rache zu nehmen beschließen. Den + Schluß des Dramas bildete die Verwandlung der Hauptpersonen in Vögel. + + =Theseis= (S. 18). Solche Theseusdichtungen waren von Zopyros + (wahrscheinlich aus dem 6. Jahrh.), Diphilos (aus dem 5. Jahrh.) und + Anderen verfaßt worden. + + =Thyestes= (S. 27). Der durch den verhängnisvollen Bruderzwist + bekannte Sohn des Pelops war der Held zahlreicher Tragödien. Das S. + 34 genannte Drama des Karkinos (s. d.) scheint mit dem von anderen + „Aërope“ betitelten identisch zu sein. Die hier erwähnten „Sterne“ + waren ein auf der Schulter befindliches, weiß glänzendes Merkzeichen, + das die Pelopiden auszeichnete, wie solche vererbte Muttermale auch + heute noch in süd-arabischen Fürstenhäusern begegnen. + + =Timotheos= (S. 4), aus Milet (446-357), berühmter + Dithyrambendichter. Er dichtete unter anderem die „Perser“ (s. das.), + desgleichen einen Dithyrambenkranz, der die Abenteuer des Odysseus + umfaßte und dem auch die „Skylla“ angehörte (s. d.), nicht minder der + „Kyklope“, ein „Laertes“ und „Elpenor“. + + =Troerinnen= (S. 54). Ein erhaltenes Drama des Euripides (so + benannt nach den den Chor bildenden Kriegsgefangenen), das mit + Schreckensscenen angefüllt ist, die der Einnahme von Troia folgten. + + =Tydeus= (S. 35). Über das nur an dieser Stelle erwähnte Drama des + Theodektes (s. d.) fehlt jede Kunde, und welche Bewandtnis es mit der + hier angedeuteten Erkennung hatte, darüber fehlt es sogar an jeder + irgend scheinbaren Vermutung. + + =Tyro= (S. 34). Diese Heroine -- die Heldin zweier Dramen des + Sophokles -- hatte ein Zwillingspaar (Neleus und Pelias) dem Poseidon + heimlich geboren und nach der Geburt in einer Mulde ausgesetzt, die + sie wahrscheinlich der Flut eines Stromes anvertraute und so der + Fürsorge des göttlichen Vaters empfahl. Von einem Roßhirten gepflegt, + wuchsen die Söhne heran, trafen, wie uns alte Denkmäler zeigen, mit + der Mutter an einem Brunnen zusammen, wurden an der Mulde, die der + eine von ihnen mit sich trug, erkannt, und rächten sie dann an der + bösen Stiefmutter Sidero. + + =Umänderung= (S. 48). Der Verfasser hat hier (Il. 5, 393) eine der + zur Bezeichnung von „rechts“ und „links“ auch sonst im Griechischen + und anderwärts ganz üblichen (auch im Deutschen nicht unerhörten) + Comparativbildungen seltsamer Weise verkannt. Selbst den Superlativ + (gleichsam „rechtest“) kennt das Lateinische. + + =Veröffentlichte Schriften= (S. 33). Darunter versteht Aristoteles + hier und anderwärts im Gegensatze zu den uns allein erhaltenen Schul- + und Vorlesungsschriften die für ein weiteres Publicum bestimmten, in + ungleich gefeilterer Sprache und zumeist in Gesprächsform abgefaßten + populären Schriften. Hier ist der bis auf geringe Bruchstücke + verlorene Dialog „über die Dichter“ gemeint, der unter anderem + auch Fragen der scenischen Ausstattung und selbst der Costümkunde + behandelt hat. + + =Waffengericht= (das) (S. 54), ein verlorenes äschyleisches Drama, + in welchem Aias und Odysseus um den Besitz der Waffen Achill’s + gestritten haben. + + =Xenarchos= s. Sophron. + + =Xenophanes= (S. 61). Der philosophierende Spielmann (geb. um 570 + zu Kolophon in Kleinasien, nahe an 100 Jahre alt gest. zu Elea in + Calabrien), von dem wir nicht ganz unerhebliche in poetische Form + gekleidete Überreste besitzen. Gemeint ist hier ohne Zweifel sein + energischer Kampf gegen die +menschenartige+ Auffassung der Götter. + + =Zeuxis= (S. 14), aus Herakleia, Maler des 5. Jahrhunderts, + unter dessen Werken Gruppenbilder, wie die Kentauren, die + Götterversammlung, und Einzelfiguren, wie Pan, Alkmene, Eros u.s.w., + die Hauptrolle spielen. + + + + +Nachtrag. + + +In letzter Stunde ist der Übersetzer mit dem ersten -- annoch +unveröffentlichten -- Versuche bekannt geworden, die arabische +Übersetzung des Abu-Bischr für die Textesverbesserung der Poetik in +systematischer Weise nutzbar zu machen. Aus den Ergebnissen dieser sehr +beachtenswerten Untersuchung sei vorerst mit Erlaubnis ihres Urhebers +(Hrn. ~Jaroslav Tkač~) hervorgehoben, daß die unserer Übersetzung +von 48ᵇ 12, 51ᵇ 31, 54ᵇ 8, 55ᵃ 34 und 59ᵃ 21 zu Grunde gelegten +Schreibungen durch die neu erschlossene Quelle bestätigt werden. +Außerdem mag die 57ᵃ 33 betreffende Angabe dahin berichtigt werden, +daß die zwei eingeklammerten Worte in Ar. bei ihrem ersten, nicht bei +ihrem zweiten Vorkommen fehlen. Ernster ist es, daß die Grundlage der +Herstellung von 50ᵃ 17 sich als hinfällig erweist, und einem älteren +Vorschlage des Übersetzers der Vorzug zu gebühren scheint. Darnach +hätte die Stelle (S. 13, Z. 11 v. u.) etwa also zu lauten: „Auch die +Glückseligkeit und ihr Gegenteil besteht im Handeln, und _somit_ ist +das Lebensziel ein Thun, nicht eine Beschaffenheit.“ + + +Fußnoten: + +[1] Vgl. das Register unter „Dithyrambos“ und „Nomos“. + +[2] Vgl. im Register „Megarische Komödie“ und „Peloponnesische +Tragödie“. + +[3] Vgl. das Register unter „Badescene“ und „Kyprien“. + +[4] Sophokles, König Ödipus V. 1002ff. + +[5] Vgl. das Register unter „Abfahrt von Troia“. + +[6] Vgl. das Register unter „Veröffentlichte Schriften“. + +[7] Od. 8, 521ff. + +[8] Euripid. Iphigenie auf Tauri V. 274ff. und 1152ff. + +[9] Die Herstellung des lückenhaften Textes und die Klärung des +Verhältnisses von Glied- und Bindewort (die zusammen augenscheinlich +alle Conjunctionen, Präpositionen und viele Adverbien umfassen sollten) +scheint nicht gelingen zu wollen. + +[10] Vgl. das Register unter „Definition des Menschen“. + +[11] Odyss. 1, 185; 24, 308. + +[12] Iliad. 2, 272. + +[13] Empedokl. V. 443 (Stein). + +[14] Vgl. Register unter „Umänderung“. + +[15] Auflösung: der Schröpfkopf. + +[16] Die drei Anführungen aus Odyss. 9, 515; 20, 259; Il. 17, 265. + +[17] Il. 2, 494ff. + +[18] Od. 13, 116ff., wo ihn die Fährleute des Phäaken-Schiffes +schlafend ans Land setzen und also verlassen. + +[19] Olymp. Ode 3, 52: „die Hindin mit goldnem Geweih.“ -- Zum +Folgenden (bis S. 62) vgl. das Register unter „Probleme“. + +[20] „Studien über Hysterie“ von Dr. ~Jos. Breuer~ und Dr. ~Sigm. +Freud~ in Wien. Wien 1895. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78140 *** |
