summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2025-12-17 08:38:51 -0800
committerwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2025-12-17 08:38:51 -0800
commit5f5c8859e41a6273fce6095f13ba57c49c900d21 (patch)
tree1c3299e7a1f0ae94af1638b4c05ff83f656e3ce1
Initial commit of ebook 77488 filesHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--77488-0.txt2442
-rw-r--r--77488-h/77488-h.htm4122
-rw-r--r--77488-h/images/cover.jpgbin0 -> 575625 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/coverb.pngbin0 -> 191473 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_01.pngbin0 -> 135206 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_03-1.pngbin0 -> 99101 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_03-2.pngbin0 -> 3451 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_04.pngbin0 -> 208623 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_08-1.pngbin0 -> 2044 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_08-2.pngbin0 -> 224224 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_08-3.pngbin0 -> 4440 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_12-1.pngbin0 -> 98719 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_12-2.pngbin0 -> 5424 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_13-1.pngbin0 -> 8405 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_13-2.pngbin0 -> 57795 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_13-3.pngbin0 -> 8405 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_20-1.pngbin0 -> 12227 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_25-1.pngbin0 -> 30474 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_25-2.pngbin0 -> 24464 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_27.pngbin0 -> 187005 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_30-1.pngbin0 -> 36656 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_30-2.pngbin0 -> 6938 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_32.pngbin0 -> 75364 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_36-1.pngbin0 -> 35197 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_36-2.pngbin0 -> 2229 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_38.pngbin0 -> 136240 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_41-1.pngbin0 -> 35656 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_45.pngbin0 -> 242551 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_49-1.pngbin0 -> 34285 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_49-2.pngbin0 -> 5026 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_51.pngbin0 -> 189867 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_56.pngbin0 -> 81323 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_58.pngbin0 -> 213707 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_60-1.pngbin0 -> 36170 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_63-1.pngbin0 -> 35984 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_67.pngbin0 -> 144776 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_69-1.pngbin0 -> 35422 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_72.pngbin0 -> 114078 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_73-2.pngbin0 -> 224682 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_74.pngbin0 -> 36940 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_79.pngbin0 -> 103036 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_80.pngbin0 -> 20204 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_81.pngbin0 -> 10988 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_82.pngbin0 -> 835 bytes
-rw-r--r--77488-h/images/i_83.pngbin0 -> 37446 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
48 files changed, 6580 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/77488-0.txt b/77488-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..87df8d3
--- /dev/null
+++ b/77488-0.txt
@@ -0,0 +1,2442 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***
+####################################################################
+
+Anmerkungen
+
+ Das Original ist in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftarten
+ sind wie folgt gekennzeichnet:
+ gesperrt: |gesperrt|
+ fett: #fett#
+ kursiv: $kursiv$
+ Futura: _Futura–Schrift_
+ unterstrichen: +unterstrichen+
+ Kapitälchen: =KAPITÄLCHEN=
+
+ Einige offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend
+ korrigiert. Die Schreibweise der Kapitelnummern wurde mit
+ einem abschließenden Punkt vereinheitlicht.
+
+ Fußnoten stehen am Ende des jeweiligen Absatzes.
+
+ Die Missionswerbung des vorderen inneren Umschlagdeckels wurde an
+ das Ende des Textes hinter die Verlagswerbung geschoben.
+
+####################################################################
+
+
+
+
+Ermesinde
+
+Historische Erzählung
+aus dem 12. und 13. Jahrhundert
+
+
+von P. N. G. _=S. C. J.=_
+
+nach dem Französischen
+
+von #Th. |Zenner|#
+
+
+[Illustration]
+
+
+1928
+
+Arlon — Buchdruckerei A. Willems.
+
+
+
+
+_Cùm permissù Sùperiorùm_
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+1. Kapitel.
+
+Die Fahrt zur Jagd
+
+
+Frühjahr eintausend einhundert siebenundachtzig.
+
+Unabsehbar blaut der Himmel. Lautlos stieg sein klares Bild, ungemessen
+tief ins dunkle, träge Wasser, das die Alzette in kurzgeschweiftem
+Bogen majestätisch ernst um die schroffen Felsen schlingt, die zu
+Luxemburg das Schloß der Grafen tragen.
+
+Doch was ist das für ein Singen und Klingen heute, droben in der sonst
+so vornehm stillen Burg? Es grüßen die Fahnen, im schwachen Winde
+knattern die Wimpel und Oriflammen; und von den Zinnen, gegen Osten und
+Westen, gegen Süden und Norden, schallen von Zeit zu Zeit weithin
+getragen die frohen Klänge der Hörner und Trompeten. Bis zum
+Grünenwald, bis zum Baumbusch hinüber dringt ihr fester Schall und
+weckt in deren tiefen, waldigen Gründen ein hundertfältiges,
+begeistertes Echo.
+
+Tauftag ist.
+
+Ein kleines, blondes Mägdlein hat seinen Einzug ins gräfliche Schloß
+gehalten. Hat freudigen Empfang gefunden bei groß und klein, aber ganz
+besonders im Herzen seiner fürstlichen Eltern, des großmächtigen Herrn
+Heinrich, Grafen von Luxemburg und Namür und dessen edler Gattin, der
+Dame Agnes, Tochter des Grafen von Geldern und Zütphen.
+
+
+[Illustration: Die ehemalige Burg der Grafen von Luxemburg.]
+
+
+Und heute zieht vom Benediktiner–Münster herauf der vieledle,
+hochwürdige Priester und Abt, Everwinus. Der soll dem fürstlichen
+Menschenkind den Stempel eines Gotteskindes aufdrücken und ihm im
+Sakrament der heiligen Taufe einen Namen geben, den fortab das
+Luxemburger Land als einen seiner schönsten und größten Namen kennen
+und nennen wird: |Ermesinde|.
+
+In Freuden verfließt der Rest des Tages.
+
+Schon funkeln die nächtlichen Sterne. Aus dem Düster der Alzette
+glitzert ihr zitterndes Bild. Da rüsten sich die letzten der Gäste, die
+Herren von Körich und Ritter von Ansemburg, zur späten Heimkehr.
+Gehobenen Herzens drücken sie dem Grafen Heinrich die Hand. „Ein
+verheißungsvoller Anfang!“ rühmen sie, „möge dem hochedlen Kinde, Euerm
+Töchterlein, ein langes, glückliches Leben leuchten! Gute Nacht, Herr
+Graf! Auf baldiges Wiedersehen und frohes Weiterfeiern!“
+
+Unter diesem Weiterfeiern verstanden sie den alten, landläufigen
+Gebrauch, demzufolge ein freudiges Familienereignis mit einer großen,
+aufwandreichen Jagd zu beschließen war, an der die befreundeten
+Adelsgeschlechter der ganzen Gegend teilnehmen durften.
+
+Graf Heinrich griff die Andeutung auf. Am anderen Tage ergingen die
+Einladungen. Als Tag der Veranstaltung sollte der Pfingstdienstag
+gelten, als Ort das wald– und wildreiche Gelände der Bardenburg.
+
+Sie lag ungefähr vier Wegestunden von Luxemburg entfernt und bildete
+die Krone eines anmutigen Hügels, der auf dem linken Ufer der Eisch den
+Eingangs eines lauschigen Tälchens schützt[1].
+
+[1] Ungefähr 20 Minuten südwestlich vom heutigen Dorfe Eischen.
+
+Schon seit Jahrhunderten war dieses Tälchen berühmt. Geisterhaft
+murmelte in ihm ein frisches, klares Wasser, von dem die Legende
+berichtet, daß es seinerzeit den heidnischen Bewohnern der Gegend als
+Gottheit gegolten hätte. Heidnische Priester und Sänger, „Barden“
+genannt, nahmen an der rauschenden Quelle Aufenthalt und dauernden
+Wohnsitz. So konnten sie aus nächster Nähe die Feierlichkeiten zu Ehren
+der vermeintlichen Gottheit leiten. Sie erbauten auch das Schloß, das
+von ihnen seinen Namen herleitete.
+
+In christlicher Zeit erschienen die Boten des Evangeliums. Die
+Finsternis des Heidentums verschwand. Mit ihr die Barden.
+
+An der klaren Quelle baute ein schlichter Eremit sein bescheidenes
+Hüttlein. Das Wasser weihte man der allerseligsten Jungfrau, und ein
+einfaches, ebendaselbst errichtetes Kirchlein wurde Wallfahrtsort und
+Heiligtum der Muttergottes.
+
+Ins verlassene Bardenschloß zogen die römischen Legionen. Jahrhunderte
+lang diente es ihnen als Festung.
+
+Dann kam der Verfall. Wie mancher schwere Stein bröckelte aus den
+verwitternden Mauern und rollte dröhnend zu Tal! Wie mancher fand sein
+nasses Grab drunten in den rauschenden Wassern der Eisch!
+
+Erst später lebte die Herrlichkeit wieder auf. Unter der Herrschaft der
+Grafen von Luxemburg wurde die Feste wieder aufgebaut, vergrößert und
+verschönert. In jahrelanger, mühsamer und kostspieliger Arbeit erstand
+die zweite, wunderbar herrliche Residenz, nach der Graf Heinrich auf
+den Dienstag nach Pfingsten seine Getreuen beschieden hatte.
+
+Hell und heiter ging der Tag auf. Als ob die Sonne ihr Bestes,
+ungetrübten Glanz, spenden wolle, um den Tag des fürstlichen Kindes,
+das nun 6 Wochen alt geworden war, geziemend auszuzeichnen.
+
+Im Osten des Landes wimmelte es auf Wegen und Stegen von frommen
+Pilgern, die singend und betend gegen Echternach zogen, zur
+kreuzgeformten, nunmehr 40jährigen Basilika, unter deren schützenden
+Gewölben der Apostel der Friesen, St. Willibrod, tot von den Mühen
+seines bischöflichen Amtes ausruhte. Gegen Westen aber ging die
+Jagdfahrt des Grafen Heinrich.
+
+Alte Heeresstraße Luxemburg–Arlon! Sollst du je zwischen deinen Bäumen
+einen herrlicheren Zug gesehen haben?
+
+An der Spitze schreiten die Waffenknechte. Ha! wie die spiegelblanken
+Helme und scharfen Hellebarden strahlenschießend in der Sonne blitzen!
+Wie die blonden, rotwangigen Pagen in ihren malerischen, bunten Röcken,
+kecken Auges daherprunken! Und erst die Wappenträger! Hoch zu Roß,
+purpurfarben, goldbetreßt! — Graf Heinrich inmitten seiner Ritter! —
+Was ziehen denn die zwei weißen, mit rotem Lederzeug behangenen Kühe?
+
+Im wohlverschlossenen Kinderwagen, in molligen Kissen, fährt langsam
+und sicher, das 6 Wochen alte Kind, Ermesinde. Was Wunder, daß seine
+entzückte Mutter, stolzerhobenen Hauptes an seiner Seite reitet und von
+ihrem hohen Schimmel aus zufriedene Blicke nach allen Seiten sendet.
+Soweit die Augen reichen, Herrlichkeit, Freude und Glanz.
+
+Dann und wann ziehen am Wege Landleute und heimkehrende Arbeiter
+vorüber. Wie geblendet bleiben sie stehen und grüßen mit scheuer
+Verbeugung. Und die Lanzknechte schlagen ihre Waffen aneinander, als
+wollten sie mit ihrem stolzen Klirren einen unausfüllbaren Abstand
+andeuten zwischen sich und dem an die Scholle gebundenen Manne. Die
+Pagen erwidern die Ehrbezeugung mit einem überlegenen Lächeln, während
+der Graf mit wohlwollender Verneigung des Hauptes darauf antwortet. In
+den Blicken der Gräfin aber lag es kalt, kalt und wie stumme
+Verachtung. Als ob sie zu einer anderen Rasse gehörte, und unendlich
+hoch und erhaben über jenen throne.
+
+
+[Illustration: Die noch heute sichtbaren Umwallungen und Gräben der
+|Bardenburg|.]
+
+
+Während die Gräfin sich selbstgefällig in diesen eiteln Gedanken
+wiegte, näherte sich vom Feldrain her eine ärmlich gekleidete junge
+Frau, Sie ging gebückt, denn auf ihrem schmächtigen Rücken lastete eine
+schwere, mit Grünfutter gefüllte, große Hotte: in ihren kreuzweise
+verschlungenen Armen ruhte ein unmündiges, schlummerndes Kind, während
+ein anderes, das kaum der Wiege entwachsen war, an der mütterlichen
+Schürze mehr fortgezogen als fortgeführt werden mußte.
+
+Das Gesicht der armen Frau war welk und furchig. Auf ihrer Stirne
+perlte der Schweiß, und die ihr vom Winde verzausten Haare flatterten
+wirr um ihre eingefallenen Schläfen.
+
+Ein kaum unterdrücktes „Ach!“ stieg auf die Lippen der Fürstin. „Armes,
+elendes Volk!“ flüsterte sie, „wäre es nicht besser, du tätest
+überhaupt nicht ... leben?“ Dabei griff sie in die Satteltasche und warf
+der am Wege stehenden Gruppe ein blinkendes Geldstück zu, das klirrend
+zu den Füßen des erschrockenen Kindes niederrollte.
+
+Die arme Frau hatte das Wort gehört. Unerschrocken sah sie auf und ließ
+ihren Blick furchtlos in den Augen der Gräfin haften. Dann sprach sie
+fest und entschieden: „Sie dürften sich irren, gnädige Frau! Allerdings
+sind wir nicht reich; Tag für Tag müssen wir schwer arbeiten, aber
+unglücklich sind wir nicht!“
+
+Ein ungläubiges Lächeln huschte um die Lippen der Fürstin. „Nicht
+unglücklich?“ forschte sie, „nicht unglücklich! Das wäre doch
+sonderbar, wo ich, inmitten der irdischen Güter und all ihrer
+Annehmlichkeiten, Mühe habe, ein wenig Glück herauszuschlagen! Der
+Allerhöchste verteilt es ja so spärlich an die Söhne der Menschen!“
+
+„Das wüßte ich nicht, gnädige Frau!“ lautete die Antwort. „Freilich,
+wenn man nur |das| „Glück“ nennt, was die irdischen Dinge, die
+zeitlichen Güter uns spenden können, dann ist es spärlich gesät. Und
+hat gar wenig Bestand. Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, wie ein
+Vogel daherzieht und keine Spur zurückläßt, geht es vorüber. Wie
+gewonnen, so zerronnen! — Wer aber das „Glück“ recht auffaßt, der
+findet es überall und reichlich!“
+
+„Überall und reichlich? Wieso?“
+
+Mit einem kaum merklichen Anflug von Röte fuhr die arme Frau fort: „Es
+steht mir schlecht zu, Euch, fürstliche Dame, belehren zu wollen. Aber
+ich meine, „glücklich“ sein, heißt Gottes Willen erfüllen und sich in
+seine Fügungen schicken. Wer das tut, dem geht es wohl, der ist
+zufrieden und froh, als Knecht nicht minder denn als Graf und König!“
+
+Dabei bückte sie sich nieder, hob das Geldstück auf und reichte es mit
+bescheidener Verbeugung zurück. „Wollen gnädige Frau es einem anderen
+schenken,“ bat sie, „andere brauchen es vielleicht nötiger als wir.
+Mein Mann und ich sind gesund. Wir können arbeiten und sind nicht
+unglücklich!“
+
+Die Gräfin schüttelte das Haupt. Solches war ihr niemals vorgekommen.
+
+„Ja, ja,“ gab sie verlegen wieder, „Ihr werdet es wohl mit den Mönchen
+und Einsiedlern halten. Die haben sich auch eingeredet, daß zum
+menschlichen Glück das Irdische nicht notwendig ist, und daß dazu
+nichts anderes gehört, als der sogenannte „Friede der Seele.“
+
+Die arme Frau lächelte. „Ganz recht, gnädige Frau!“ nickte sie, „meiner
+Meinung nach habt Ihr das Richtige getroffen; der Friede des Herzens
+ist das Fundament und ein großer Bestandteil jeglichen Glückes.“
+
+Die Gräfin schürzte die Lippen. Mit verächtlicher Kopfbewegung sah sie
+nach den Dienerinnen, die an ihrer Seite geblieben waren, um, und indem
+sie auf den an einer Wegkrümmung verschwindenden Jagdzug hinwies,
+mahnte sie: „Sputen wir uns! Wir müssen die Unserigen einholen! Sie
+sind schon weit voraus!“
+
+Ohne sich weiter nach der armen Frau umzusehen, gab sie dem Pferde die
+Sporen, und eiligst ging es auf der staubigen Straße weiter.
+
+Aber wirf einen Stein ins Wasser! Liegt er schon am Grunde, so wallt
+noch die Oberfläche, die er in Bewegung gesetzt hat, fort, und die
+Wellen tragen ihre Kreise weiter und weiter. So blieb auch die
+Erinnerung an das soeben Erlebte im Geiste der Gräfin Agnes haften und
+weckte Gedanken auf Gedanken.
+
+„Friede! Friede!“ lachte sie. „Armes Volk, weiter kannst du nichts
+ersehnen! Aber wir, wir die Reichen und Mächtigen haben andere Gesetze!
+Wir brauchen nur Leben und Gesundheit. Für den Rest können wir selber
+sorgen!“
+
+— Doch, was hatte das arme Weib von der Vergänglichkeit gesprochen,
+vom schnellen Verrinnen aller irdischen Größe und Macht? — Wie
+gewonnen, so zerronnen! Heute rot, und morgen tot ...! —
+
+Daß aber auch gerade jetzt solch trübe Gedanken ihre Ruhe stören
+mußten!
+
+Vor ihre Seele traten Bilder aus längstvergangenen Tagen, Erlebnisse
+und Erinnerungen, die sie vergessen glaubte, schwarze Tage der Trauer
+und der Trübsal.
+
+— War denn damals ihr Haus nicht mächtig gewesen? Und reich? Und doch!
+—
+
+Ein leises Zittern umflog sie. Wie von einem drohenden Unheil
+erschreckt, blickte sie nach ihrem Gatten. — Gott sei Dank! Dort ritt
+er froh inmitten seiner Gäste.
+
+Hastig öffnete sie die Vorhänge des Kinderwagens und schaute nach der
+kleinen Ermesinde.
+
+Auch das Kind war munter. Lieblich schlummernd lag es in den weißen
+Kissen, und ein glückliches Lächeln umspielte seinen rosigen Mund.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+2. Kapitel.
+
+Ein verhängnisvoller Schuß
+
+
+Schon dröhnten die ersten Pferdehufe in eiligem Viertakt auf der aus
+Balken und breiten Brettern gebildeten Eischbrücke. Erschrocken
+huschten die flinken Forellen im Wasser hin und her und verschwanden
+als dunkle Streifen unter überhängendem Ufergras oder knorrigen, am
+Rand des Baches verkrümmten Erlenwurzeln.
+
+Doch wem galt der dutzendfache frohe Hörner– und Trompetenschall, der
+eben von den Zinnen der Bardenburg herniederwallte? — Dem fürstlichen
+Kinde, das eben zum erstenmal die Höhe dieser väterlichen Burg
+ersteigen sollte? — Seinen hochedlen Eltern? — Ihren Begleitern? —
+Sie galten der ganzen Gesellschaft, der sie ein ‚herzliches Willkomm‘
+und ein ‚gut Heil auf ersprießliche Jagd‘, entgegenschmetterten.
+
+Durch die hellen Klänge wurden die Pferde, die schon anfingen, müde zu
+werden, aufgemuntert. Kräftiger holten sie aus. Die Hunde zerrten
+fester an den Koppeln, und voll Sehnsucht schielten und schnupperten
+sie nach den Wäldern.
+
+
+[Illustration: Die Jagdgesellschaft verläßt die Bardenburg.]
+
+
+Seit dem frühen Morgen hatte man sich in der weiten, starkverwölbten
+Küche auf die Ankunft der hohen Herrschaft vorbereitet. Denn, wenn auch
+die Hauptmahlzeit erst am Abend, nach glücklich verlaufener Jagd,
+stattfinden sollte, so mußte auch jetzt durch reichen Imbiß die müde
+Gesellschaft für die Anstrengungen der Reise entschädigt und für die
+Strapazen des Nachmittags gekräftigt werden. Und Koch und Unterköche
+hatten ihr Bestes getan, nicht nur des Lobes wegen, das voraussichtlich
+ihrer Kunst gespendet würde, sondern auch in Berechnung des
+Trinkgeldes, das bei solchen Gelegenheiten besonders reichlich
+auszufallen pflegte, denn Ritter und Barone waren Leute, die sich nicht
+lumpen lassen durften.
+
+Frohes, lustiges Essen. Währenddessen ergötzten sich die Pferde an den
+vollgefüllten Krippen, und die Hunde taten sich gütlich an Schüsseln,
+in denen die Fleischbrocken zahlreicher waren, als an gewöhnlichen
+Tagen.
+
+Am Himmel lachte die Sonne, und kein Wölkchen bleichte die tiefe,
+einheitliche Bläue des waldumsäumten Horizontes.
+
+Gegen 2 Uhr stand alles bereit. Hei! wie da die Hunde kläfften! Wie die
+Pferde scharrten und ungeduldig durch die aufgeblähten Nüstern bliesen!
+Selbst die Mannen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo der Burgwart
+vom hohen Bergfried aus in einem dreifachen, nach allen Seiten
+wiederholten Hallihalloh das Zeichen zum Auszug und zum Beginn des
+Jagens geben würde.
+
+Als Erste zogen der Graf und die Gräfin auf weißen Schimmeln zum
+Burgtor, das während des Essens mit den Trophäen früherer Jagden,
+Hirschgeweihen und ausgestopften Wolfs– und Bärenköpfen reich geziert
+worden war.
+
+„Heiliger Hubertus, bitte für uns!“
+
+„Hallihalloh! Gute Jagd und frohe Heimkehr!“
+
+Unmittelbar vor dem Eingang der Burg gabelte sich der Weg. In scharfem
+Zickzack führte sein linker Arm stark abfallend zu Tal und setzte sich
+dort längs der Eisch und dem Saume des Waldes fort; der andere schlug
+einen kurzgeknickten Bogen, wand sich nordwärts um die altersgrauen
+Mauern und führte, von Gras und Moos bedeckt, sanft ansteigend in den
+Wald. Auf letzterem wandten der Graf und die Gräfin, die Ritter und
+Edelknechte ihre Pferde rechtsum. Pagen und Treiber stiegen mit den
+Hunden bergab.
+
+Dem sonst üblichen Gebrauch entgegen hatte Ludolph, Burgvogt von Arlon,
+diese neue Jagdordnung vorgeschlagen. „So könnte man in halber
+Bergeshöhe das im Tale aufgescheuchte Wild erwarten und ihm mit
+frischen Pferden wirkungsvoller zu Leibe rücken!“
+
+Auf ein Zeichen des gräflichen Hifthornes wurden drunten die Hunde
+losgelassen. Schnuppernd führten sie die Nase an den Boden, und freudig
+wedelnd liefen sie hastig hin und her.
+
+Schon ertönte aus dem Dickicht hier und dort vereinzeltes Kläffen.
+Wurde häufiger und stärker. — Horch! da raschelte das Laub. Bergauf
+wurde es lebendig.
+
+Hasen und Füchse huschten daher.
+
+Die Reiter verhielten sich still. Einstweilen sollte auf Kleinwild
+nicht geachtet werden.
+
+Erst ein braunes Reh, ein „Sechser“, brachte die Jäger in Bewegung. Wie
+auf Kommando tanzten zwei Pferde auf den Hinterfüßen kurz herum und
+setzten sich in langgestrecktem Lauf auf die Spuren des Flüchtlings.
+
+Noch trippelte der Schimmel des Grafen ungeduldig an seinem ersten
+Standort hin und her und scharrte die Erde. Noch war bis dahin auf dem
+gräflichen Posten außer einem Hasen und einem Iltis keinerlei Beute
+sichtbar geworden. Und auch die folgenden Minuten schafften darin
+keinen Wandel.
+
+Endlich wieder Tritte. Dicht nebenan schoß ein Silberfuchs vorüber.
+
+— Sollte man ihm folgen? —
+
+„In der Not frißt der Teufel Fliegen,“ dachte der Graf. „Also los!“
+
+Es ist sonderbar, mit welch klugem Instinkt jagdgewohnte Pferde die
+Verfolgung des Wildes aufnehmen. Nur auf eines brauchte Heinrich zu
+achten: dem Tiere die Zügel schießen zu lassen und sich rechtzeitig vor
+tiefhängenden Baumästen auf den Sattel niederzubeugen. Alles andere
+besorgte der Schimmel selbst.
+
+Der Fuchs war äußerst vorsichtig. Jeden Baum und Strauch als Deckung
+benutzend, wand er sich schlangenartig durch dick und dünn mit einer
+solchen Schnelligkeit, daß seine leichten Füße kaum den Boden zu
+berühren schienen, weiter und immer weiter, über die tannenbestandenen
+Hänge hinweg, westwärts gegen das Tal der „klaren Quelle“. Dort fanden
+sich zahlreiche, von Sträuchern umstandene und von Felsen eingesäumte
+Steingruben, aus denen man vor Jahren das Material zum Bau der
+Bardenburg herausgefördert hatte.
+
+In ihnen sollte Meister Reinecke plötzlich verschwinden.
+
+„Auch gut!“ murmelte der Graf. „Auch in deiner Höhle werde ich dich
+aufstöbern, verflixtes Tier; solch leichten Kaufes sollst du mir nicht
+entrinnen!“
+
+Er ließ den schnaufenden Schimmel halten, sprang aus dem Sattel und
+eilte mit Bogen und Köcher in die zweite der Gruben hinein.
+
+— Richtig, da lugte der Eingang einer großen Höhle. —
+
+Hastig trat er an dieselbe heran.
+
+Doch, wie er auf den weichen, gelben Sand am Boden niederblickte, blieb
+er verdutzt stehen. „Das sind doch keine Fuchsspuren!“ knurrte er, „das
+sind Abdrücke großer, starkbekrallter Bärentatzen! — Und davon haben
+meine Förster nichts gemeldet!“
+
+Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. „Bären können höchst
+unliebsame Gegner werden,“ flüsterte er, „zumal, wenn ihnen ein
+Einzelner entgegentritt!“
+
+— Aber die Ehre einer solch unerwarteten, königlichen Beute! —
+
+Eiligst legte er Bogen und Pfeile weg. Was konnten die gegen die harte,
+fingerdicke Schädeldecke eines Brauntieres? Da mußten schon andere
+Waffen herhalten, Lanze und der mit scharfem Eisen beschlagene spitze
+Pfahl, die noch am Sattelzeug des Schimmels festhingen.
+
+Hurtig, keine Zeit verloren!
+
+Zwei Minuten später war der Graf aufs neue am Eingang der Höhle.
+
+Im Innern derselben hörte man ein lautes, zorniges Brummen. Der
+Hausherr war in seiner Wohnung und bekundete, daß er sich über den
+unerwarteten Besuch seine eigenen Gedanken machte.
+
+Zu Boden gekauert, äugte der Graf aufmerksam in die Höhle hinein. Zu
+seiner Rechten lag der Pfahl, griffbereit. In beiden Händen hielt er
+die zum Angriff erhobene Lanze.
+
+Das Brummen wurde stärker. Petz rüstete zur Abwehr. „Frecher
+Ruhestörer!“ schien er zu knurren, „warte, ich will dich lehren!“
+
+Hochaufgerichtet, funkelnden Auges und mit weitgeöffnetem Rachen
+stürzte er heran.
+
+Eben wollte er sich mit aller Wucht auf den zu Boden geduckten Grafen
+niederwerfen, da traf ihn der mit aller Kraft geführte sichere
+Lanzenstoß so hart, daß das schwere Eisen tief zwischen die krachenden
+Rippen eindrang und der Schaft der Waffe gegen die Mitte hin splitternd
+abfuhr.
+
+Aus der Wunde schoß ein breiter Strahl rotschwarzen Blutes, und Meister
+Petz, tödlich verwundet, purzelte mit heiserem Geheul, schwer und
+unbeholfen zu Seiten des Grafen nieder, überschlug sich und sank tobend
+am Fuß des Felsens nieder, wo ihm ein wohlgezielter Stich des Pfahles
+das Lebenslicht ausblies.
+
+Begeistert atmete Heinrich auf. Die Ehre des Tages war ihm gesichert.
+— Mochten andere Rehe und Hirsche heimbringen, einen Bären hatte gewiß
+niemand aufzuweisen! —
+
+Doch nun, fort zum Jagdsgesinde! Daß die eigenartige Tat bekannt und
+das erlegte Tier nach Hause gebracht werde!
+
+Flinken Fußes wollte er zum Schimmel zurück. Da war dieser
+verschwunden. Er hatte die günstige Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt
+fortzustehlen und an der „klaren Quelle“ seinen Durst zu stillen.
+
+Der pferdelose Reiter blickte mißmutig nach allen Seiten.
+
+— Horch! Tönte da nicht ein eiliges Getrampel in einer daneben
+liegenden, ähnlichen Grube? — Richtig ja! Das konnte nur der Schimmel
+sein.
+
+Um Zeit zu gewinnen, wollte Heinrich, ohne Umweg, durch Ginster und
+Gesträuch quer zu dieser Grube hinübersteigen.
+
+Da traf ihn das Verhängnis.
+
+Eben hatte er die Anhöhe erstiegen. Schon wollte er drüben
+hinuntersteigen ... — Da! als habe ihn ein schweres Holz quer über die
+Augen geschlagen, taumelte er zurück. Ein stechender Schmerz fuhr ihm
+durch den ganzen Kopf. Mit lautem Schrei fiel er rücklings zu Boden.
+
+Gräfin Agnes hatte kurz zuvor auf dem Bardenberge einen herrlichen,
+übergroßen Hirsch gesichtet; mit verhängten Zügeln hatte sie ihm
+nachgesetzt; in der Grube, in die Heinrich eben niedersteigen wollte,
+hatte sie das zitternde, müde Tier gestellt, mit starker Hand den Pfeil
+nach ihm geschleudert ... Der Schuß war fehlgegangen, und der am Felsen
+abgeprallte Pfeil hatte sich in die Stirne des ahnungslos nahenden
+Grafen eingebohrt.
+
+Wer möchte die Angst und das Entsetzen malen, das der unerwartete
+menschliche Schrei im Herzen der Gräfin auslöste?
+
+— Sollte sie ... ach Gott, nein, es kann, es darf nicht sein! — Wie
+außer sich, sprang sie vom Pferde herab und eilte ins Gesträuch hinauf.
+
+— Also doch! Den Kopf zurückgebogen, Augen und Gesicht voll Blut, lag
+dort eine jämmerliche Gestalt, der Graf. Zwischen den Augen klaffte ihm
+eine entsetzliche Wunde, aus der noch immer frische, dicke
+Blutstropfen, einander jagend, niederrannen.
+
+Müde und mit unsicheren Händen tastete er hilfesuchend um sich. An
+ihrem Schluchzen erkannte er die Gräfin. „Du, Agnes?“ zitterte er, „du
+...?, was ist geschehen?“
+
+Sie konnte nicht antworten. Einer Ohnmacht nahe, griff sie mit letzter
+Kraft nach dem an ihrem Gürtel hängenden, silbernen Horn.
+
+Und bließ hinein, so entsetzt, so flehend, so um Hilfe weinend, daß der
+klagende Ton weithin getragen in die Wälder schallte und die
+erschrockenen Ritter und Knechte eiligst nach der Unglücksstelle
+heranstürmten.
+
+Auf einer Tragbahre brachte man den Schwerverwundeten auf sein Schloß
+zurück. Ihm folgte seine weinende, der Verzweiflung nahe Gattin.
+
+Jubelnd war man am Mittag ausgezogen. Wer hätte ahnen können, daß ein
+so freudig begonnenes Fest ein so übermäßig trauriges Ende nehmen
+würde?
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+3. Kapitel.
+
+Trübe Zeiten
+
+
+Statt der festlichen Tafel, die an jenem Abend in der Bardenburg die
+günstig verlaufene Jagd beschließen sollte, herrschte nun in deren
+matterleuchteten Hallen eine drückende Stille. Nur im Flüstertone ging
+die spärliche Unterhaltung zwischen den nächsten Tischnachbarn
+vorsichtig hin und her, und nach rasch beendeter Mahlzeit zogen sich
+alle zu meist schlafloser Ruhe auf ihr Zimmer zurück. In der Frühe des
+folgenden Tages, ehe noch das Morgenrot über Hobscheid hinaus in den
+Himmel stieg, befand sich die Mehrzahl der Gäste auf betrübter
+Heimfahrt.
+
+Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern.
+
+Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie
+die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen.
+
+Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu
+verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten.
+
+Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach
+Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen
+durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer,
+undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster
+Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge
+unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die
+Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde sich allmählich bessern;
+aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf
+ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige
+Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen
+„Heinrich, der Blinde“ eintrug.
+
+Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes
+tragen?
+
+Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos
+nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der
+den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und
+obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das
+schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb
+auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem
+Sinne schwinden.
+
+Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach
+Sonne dürstende Kind Ermesinde.
+
+Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten
+Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie
+auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das
+molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen,
+saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen
+Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse.
+An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die
+kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren
+mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in
+buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute!
+
+Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe
+Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines
+leiderfüllten Herzens! Agnes hatte sich noch immer nicht in ihre neue
+Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich
+und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie
+verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der
+Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte.
+„Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu
+sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin!
+Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig
+verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin
+ich geraten!“
+
+Der Graf suchte sie zu trösten. „Mannigfache Trübsal zeichnet das Leben
+eines jeden Menschen. Haben wir einst das Gute von der Hand Gottes
+angenommen, warum sollen wir uns nicht auch in das Böse willig fügen!“
+
+Aber der Schlag war zu plötzlich gewesen. Erst nach und nach konnte
+sich das Herz der Gräfin ins Unabänderliche fügen lernen.
+
+Ihr Ende rückte näher und näher.
+
+Sie fühlte es. Und raffte sich schließlich zur Seelenruhe und zum
+christlichen Gleichmut auf. Die Härten des Lebens hatten es ihr endlich
+zum Bewußtsein gebracht, daß das Glück nicht allein in vergänglichen,
+irdischen Dingen wohnt.
+
+Mit mütterlicher Liebe rief sie ihr Kind an ihr Krankenlager und sprach
+zu ihm in ruhigen, abgeklärten Worten, die Ermesinde allerdings erst
+viel später in ihrer ganzen Tragweite verstehen sollte: „Mein Kind,
+wenn ich eines Tages nicht mehr an deiner Seite weilen werde, dann
+bedenke und vergiß es nicht: Das Fundament allen Glückes ist der Friede
+des Herzens. Den mußt du suchen! Den mußt du bewahren! Du bist jung; du
+trägst einen ehrenvollen Namen; ein schönes Land wirst du eines Tages
+dein eigen nennen. Man wird dir schmeicheln. In irdischem Besitz
+könntest du deine Freude zu finden wähnen. Nein, Kind! Wie ein Pfeil
+die Luft durchschwirrt, schwindet das Vergängliche rasch dahin.“
+
+Wenige Tage darauf trauerten an ihrer Bahre ein blinder Greis und ein
+unmündiges Kind, Ermesinde.
+
+Liebevoll und ergeben suchte ihr der Vater den allzufrühen Tod der
+Mutter verschmerzen zu lassen. Wie manche Stunde saß das Kind an seiner
+Seite, droben auf den Zinnen der alten Burg und lauschte auf seine
+Ermahnungen und seine Schilderungen aus längst vergangenen Tagen! Vom
+alten Römerweg drüben erzählte er, der hinter Klausen meterhoch über
+das Gelände nach dem fernen Grünenwald führte, und auf dem die fremden
+Eroberer Unterwerfung und Knechtschaft gebracht hatten; auf demselben
+Wege waren aber auch die Boten des Evangeliums, Frieden kündend,
+herangekommen und hatten dem Lande eine neue Freiheit und Gottes Segen
+vermittelt. Er sah den großen Bischof und Wundertäter Martinus. Auf ihm
+war St. Bernard vorübergezogen und Papst Eugen III. Von Verdun herüber,
+durch Arlon, Straßen und Luxemburg waren sie gekommen, um nach Trier
+weiterzuziehen, zur Einsegnung der St. Mathiaskirche, im Jahre 1148.
+Der Bardenburg war damals die Ehre geworden, die hohen Gäste bewirten
+zu dürfen. Auch vom Süden des Landes sprach er, von den saftigen Wiesen
+des Rösertales und den fruchtbaren Gefilden, die sich um Johannisberg
+und Zolverhöhe dehnten, von denen bei klarem Wetter die Dächer und
+Zinnen herrlicher Burgen herübergrüßten. Dann freute sich das Kind und
+vergaß auf eine Weile den Zug der Trauer, der jahraus, jahrein die
+Lützelburg jener Tage füllte.
+
+Dann meldete sich ein neues Unheil. Heinrich, der bis dahin als
+tapferer Streiter auf den Schlachtfeldern der Gegend bekannt und
+gefürchtet war, konnte nicht mehr die Waffen führen. Zur Untätigkeit
+verurteilt, hockte er verlassen in seiner Burg und war auf die Rechts–
+und Friedensliebe seiner Vasallen und Nachbarn angewiesen.
+
+Doch, wo die Kraft zur Abwehr fehlt, erweist sich diese Hoffnung
+oftmals trügerisch. Ritter und Barone griffen seine Besitzungen an und
+entrissen ihm dieses und jenes. Und er konnte bloß machtlos zürnen und
+mußte sich auf Verhandlungen einlassen, die meistens zu seinem Schaden
+aussschlugen.
+
+Wohl oder übel mußte er sich eines Besseren besinnen. Er mußte sich
+nach einem Bundesgenossen umsehen, der an seiner Stelle in den Kampf
+ziehen und den Ruhestörern das widerrechtlich Geraubte entreißen
+könnte.
+
+Seine Wahl fiel auf Heinrich, Grafen der Champagne in Frankreich. Als
+Lohn für seine Hilfe sollte ihm später mit der Hand Ermesindens das
+Anrecht auf die von ihm geschützten Länder zufallen. Aber es dauerte
+nicht lange, so trat er von dem Vertrag zurück. Allzuhäufig waren die
+Streitigkeiten, in die er dieses Erbes wegen, verwickelt wurde.
+
+So litt der blinde Graf gegen Ende seines Lebens mehr und mehr, und
+wäre nicht sein Kind gewesen, er hätte wirklich den Tod als milden
+Retter und Freund herzlich gegrüßt.
+
+Von Bedrängnissen umringt, starb er 1196 im Kloster zu Echternach und
+fand seine Ruhestätte an der Seite seiner Gattin, in der stillen Gruft
+des Klosters #Floreffe#, in der Nähe von Namür.
+
+Einsam und verlassen stand das neunjährige Kind Ermesinde, als
+Doppelwaise in den weiten, altersgrauen Hallen ihres väterlichen
+Schlosses.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+4. Kapitel.
+
+Tage der Sonne
+
+
+Kindertränen trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt
+schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden
+den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am
+wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte.
+
+Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler,
+Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen
+Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und
+herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf
+gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings
+hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im
+Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am
+Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen!
+
+Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten
+vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn
+sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung
+zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens
+Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.
+
+So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft
+Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem
+Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos
+verschwunden; es mußte in ihr die Überzeugung Platz greifen, über ihrem
+Schloß und Lande herrsche der reinste, ungetrübteste Friede. Und doch
+bestanden diese Schwierigkeiten in ihren verschiedensten Arten
+unvermindert fort, und mehr als einmal konnten sie nur zum dauernden
+Schaden der gräflichen Besitzungen geschlichtet werden.
+
+Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes
+Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des
+heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen
+schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien
+ihr die Zukunft im rosigsten Lichte.
+
+Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen
+Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die
+blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem
+nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem
+Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des
+gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“
+
+Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der
+scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden
+und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der
+Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken
+blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich
+verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du
+zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden.
+Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir
+leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“
+
+Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des Jahres 1204, an dem
+die Fürstin mit vollendetem 18. Lebensjahr die Regierung der Grafschaft
+übernehmen sollte, gefeiert werden.
+
+
+[Illustration: Ermesinde, Gräfin von Luxemburg
+
+ Das einzige uns erhaltene Bildnis Ermesindens.
+ Die Umschrift des Siegels lautet:
+
+ _Sigillum Hermessendis comitisse de Lucemburg et de Rupe._]
+
+
+Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und
+Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten
+in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit
+wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie
+wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin
+gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die
+Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu
+legen.
+
+Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein
+patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes
+Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit
+ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit
+entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich
+von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein
+väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder
+frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der
+Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden.
+
+Auf wen sollte die Wahl fallen?
+
+Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien
+Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem
+künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine
+Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine
+Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung
+zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft
+Luxemburg merklich steigern mußte.
+
+Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter
+des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden
+Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in
+glänzenden Turnieren, das gewöhnliche Volk bei froher Tafel und
+geselligem Spiel.
+
+So schien denn der letzte Stein in den hochragenden
+Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich
+vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und
+mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend.
+Überall leuchteten Freuden und Sonne.
+
+Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge,
+hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich
+aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes,
+wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+5. Kapitel.
+
+Zerstörte Glücksträume
+
+
+Wie mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe
+sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in
+furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende!
+
+Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und
+zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus
+tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten
+Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht.
+
+Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen
+Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen
+Zeit werden.
+
+Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen,
+kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf.
+Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze
+seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken
+rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte.
+
+Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen
+umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den
+anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige
+schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder,
+auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot.
+
+Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz
+der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die
+Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses
+gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen,
+die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn
+ausgesprochen.
+
+So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes
+und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen
+Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben.
+
+In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht
+eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister
+lastete.
+
+Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie
+bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen,
+daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende.
+
+Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich
+nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und
+damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen.
+
+Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen
+seiner grauen Burg.
+
+War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die
+Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten;
+endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um
+Nachlassung des Bannes.
+
+Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend,
+sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr
+verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die
+Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung
+gefunden hatte.
+
+Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite
+Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem
+Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige
+Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen.
+
+
+[Illustration: Theobald nimmt Abschied von Ermesinde.]
+
+
+Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach
+Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine
+Wallfahrt zum Grabe der heiligen Genoveva nach Paris zu unternehmen,
+und diesem Versprechen wollte sie möglichst bald nachkommen. Sie zog
+durch Lothringen und die Champagne und kehrte im Herbst, als die Vögel
+südwärts zogen, nach Luxemburg zurück.
+
+Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom
+Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur
+einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß
+wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden
+Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein
+kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen.
+
+„Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles
+gut werden!“
+
+Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher.
+
+„Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit
+entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen
+gangbaren Wege liegen tief verschneit.“
+
+Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus.
+
+Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich
+sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen
+Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her
+immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag.
+
+Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit
+ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses
+und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger
+zeigte sich auf der bestaubten Straße.
+
+Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach,
+Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle ich es, ein schweres Joch liegt auf
+den Kindern Adams, den reichen nicht minder, wie den armen!“
+
+Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte,
+antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing
+mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe
+herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger
+Zug!
+
+Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung.
+
+„Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst!
+Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat
+Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“
+
+Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes
+Willkomm in die Ferne.
+
+— Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal
+entgegenzuziehen? —
+
+Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich
+nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich
+vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre.
+
+„Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht
+unterscheiden?“
+
+„Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die
+Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“
+
+„Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht
+handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde
+abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“
+
+„Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet
+keine frohe Heimkehr!“
+
+“Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch,
+Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“
+
+Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges,
+noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ...
+
+„Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und
+dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen
+Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“
+
+Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die
+Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend,
+sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame.
+
+Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim,
+um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten.
+
+Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des
+Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da
+erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die
+volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+6. Kapitel.
+
+Untergang?
+
+
+Mit dem Tage, an dem die blutbefleckte Leiche ihres Gatten in die
+feuchte Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe niederstieg, schien für
+Ermesinde die Sonne jeglichen Erdenglückes für immer erloschen zu sein.
+
+Wie geistesabwesend stand sie am Beerdigungstage in den weiten,
+schaurigen Gewölben, in deren kaltem Düster sich die schmucklosen, aus
+Stein gehauenen Sarkophage in langen, grauen Reihen dehnten.
+
+Tagelang fand sie keine Tränen.
+
+Dann aber rang sich ihr Schmerz mit solcher elementaren, ungezähmten
+Wucht durch, daß ihre Umgebung ernstlich für ihre Gesundheit fürchten
+mußte, und die Besorgnis groß wurde, es möchte in Bälde ein weiterer
+Sarg Schloß und Land Luxemburg in neue, noch tiefere Trauer senken.
+
+Ermesinde hätte sich auf diese Lösung herzlich gefreut. Auch der
+schmerzlichste Tod wäre ihr in jenen Tagen als milder Retter und lieber
+Freund erschienen.
+
+In nie gesehener Schärfe traten ihr wieder und wieder all die schweren
+Schicksalsschläge vor Augen, die ihr wie ein dunkeler Schatten seit
+Kindheittagen gefolgt waren und ihr rastlos ihre jungen Jahre vergällt
+hatten. Mutlos ließ sie die Arme sinken. In bitterem Weh wiederholte
+sie wieder und wieder das klagende Wort: „Ein schweres Joch liegt auf
+den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zu der glücklichen Stunde,
+wo sie das Zeitliche segnen und alles Leides enthoben, aus dem
+Tränental der Erde scheiden dürfen.“
+
+Immer mehr verlor sich ihr Sinnen in dumpfes Hinbrüten. Merklich zehrte
+es an ihren Kräften, bis sie schließlich, wie mit gebrochenen Flügeln
+hilflos in die Nacht der Verzweiflung zu stürzen drohte. „Hätte ich nie
+einen Thron gesehen! Hätte mich das Schicksal in ärmliche Verhältnisse
+hineingestellt, ich hätte vielleicht noch glücklich werden können! Aber
+so! Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel!“
+
+Ein zweites Mal zog sie von Luxemburg fort. Ein zweites Mal nahm sie
+den Weg zur Bardenburg. Wie sich das verwundete Wild schutzsuchend in
+das tiefste Dickicht des Waldes zurückzieht, trug sie ihren Schmerz
+fort aus den Augen der Menschen und aus dem lauten Lärm der Straßen. Ob
+vielleicht in stiller Waldeseinsamkeit ein zartes Blümlein sprösse, an
+dessen Duft ihre kranke Seele Labung und neuen Höhenflug finden könnte
+...!
+
+— War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die
+Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige
+Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War
+sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die
+Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige
+Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr
+in sich zurückgezogen.
+
+Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in
+glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter
+zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt.
+
+Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und
+Würden waren eingeführt worden, und die edelsten Männer des Landes
+stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen.
+
+
+[Illustration: Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg.]
+
+
+Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit,
+Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine
+herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich
+unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und
+Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes
+Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes
+entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein
+weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben
+geblendet und enttäuscht zu werden? —
+
+Sie konnte nicht mehr beten.
+
+Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte
+sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze
+Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern.
+
+Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute
+sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie
+blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu
+Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter
+schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in
+die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen
+an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den
+Scheiben niederrollten.
+
+— Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und
+neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von
+Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in
+längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen.
+
+Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht
+auf das einlullende Murmeln der Quellen.
+
+Alles, alles war umsonst.
+
+Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue
+Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am
+stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem
+weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges,
+regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich
+knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre
+Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich.
+
+Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine
+frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern,
+unaufhörlichen Tränen.
+
+Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht
+die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit
+dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer
+tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um
+so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so
+manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters:
+
+ „Durch Druck und Schläge mannigfalt
+ Wird rein geglättet jeder Stein,
+ Bevor des weisen Vaters Hand
+ In hohen Bau ihn füget ein.“
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+7. Kapitel.
+
+Schwindende Nacht
+
+
+Septuagesima 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die
+Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg
+zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige
+Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille
+war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo
+ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren.
+
+Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur
+Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her
+die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie
+daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren
+niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer
+Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare,
+verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich
+lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie
+mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen.
+
+Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre
+Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich
+schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider
+ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte.
+
+Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“
+lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du ihm nachtrauern! Nicht lange
+mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“
+
+Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich
+getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie
+banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften.
+
+Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes.
+
+Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des
+Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich;
+die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für
+sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto
+nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das
+trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer
+und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum
+Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In
+großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner
+augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen
+seiner Gedanken entspricht.
+
+Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden.
+
+Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden
+Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten,
+der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe
+findet.
+
+Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und
+Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten
+Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten
+sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den
+Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“
+
+
+ * * * * *
+
+
+Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und
+wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen.
+Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten,
+blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel.
+
+An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß
+von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des
+murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal.
+
+Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob
+es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte.
+
+Alles atmete Frieden.
+
+Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die
+Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade
+weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche,
+unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“
+hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute
+friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem
+Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt.
+
+Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder
+die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern.
+
+Aber etwas hielt sie zurück.
+
+Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ
+sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder.
+
+Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den
+goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem
+Tälchen daherzogen.
+
+Ihre Augen waren halb geschlossen.
+
+Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der
+Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von
+Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte.
+
+Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich
+ineinander; auf ihre Lippen stieg das |Ave|, der Gruß an die Königin
+der Königinnen.
+
+Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. —
+
+Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich
+die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches
+Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand
+vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht
+und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend
+weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um
+ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne,
+wie kleine Sonnen, glänzten.
+
+In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst
+zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien.
+
+So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des
+Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den
+Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen
+freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte.
+
+Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal
+breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen,
+leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie
+Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in
+langen, durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen
+der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie
+ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht
+minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es
+herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und
+überglücklich.
+
+
+[Illustration: Die Erscheinung an der klaren Quelle.]
+
+
+Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das
+denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein
+schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern
+auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier
+hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem
+Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses
+inmitten der Wolle von selber wuchs.
+
+Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche
+Bild.
+
+Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine
+Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige
+von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne
+glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und
+unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen,
+labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich
+meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen
+die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du
+suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“
+
+Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten
+Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? —
+
+Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du
+kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen?
+Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“
+
+Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog
+sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und
+verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch
+schwebte dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und
+verging.
+
+Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge
+suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur
+das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume.
+
+Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer
+Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr
+gewandelt.
+
+In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am
+Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden
+Sternen, ein Bild dessen, was sie an der |klaren Quelle| geschaut
+hatte.
+
+Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie
+schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das
+sie einige Verslein einfügte:
+
+ „Ich will schlummern; wache du,
+ Herr und Hirte deiner Schafe,
+ Schließ die müden Augen mir,
+ Schütze mich in meinem Schlafe!
+ Gib mir deiner Engel Wacht,
+ Liebster Jesu, gute Nacht!
+ Wenn ich träume, sei’s von dir
+ Und den lieben Englein allen,
+ Die wie Schäflein, voller Zier,
+ Durch den Himmel mit dir wallen!
+ Grüße, die mir sind bekannt,
+ Dort, zu deiner rechten Hand!
+ Gute Nacht, Herr Jesu Christ!
+ Hirte, der du gütig bist,
+
+ Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet,
+ Was ich klagend hab’ gefehlet,
+ im Trübsinn, sonder Maß,
+ Ich auf deine Huld vergaß!
+ Hilf mir fortan besser sein,
+ Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“
+
+In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen.
+
+Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer
+längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel
+hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum
+Himmel zu senden:
+
+ „Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln;
+ Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen,
+ Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich,
+ Labt meine müde Seele;
+ Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit,
+ Um seines Namens willen.
+ Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten,
+ Ich würde keinen Unfall fürchten,
+ Denn du bist bei mir.“
+ ($Ps. 22$)
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+8. Kapitel.
+
+Beim Klausner
+
+
+Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer
+Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost
+ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen
+freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten
+Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen,
+schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen
+Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch
+sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —
+
+Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den
+grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und
+suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.
+
+In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend
+durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war.
+Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins
+murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von
+der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb
+umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der
+gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und
+die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das
+junge Grün.
+
+Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich
+getragene Klang des Klausnerglöckchens. Wie ein feines, helles
+Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume;
+verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder
+anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle
+Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen:
+
+ „Grüße die Mutter,
+ Die himmlische Frau!
+ Ihr deine Leiden
+ Sorglos vertrau!“
+
+Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die
+Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:
+
+ „Gruß dir, o Mutter,
+ Du himmlische Frau!
+ All meine Sorgen
+ Dir ich vertrau!“
+
+Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken
+waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins
+hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben
+konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange
+vergessen konnte ...! —
+
+Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn
+umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.
+
+Die ganze Gegend kannte ihn.
+
+Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie
+und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus
+fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete
+Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe
+Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen,
+klugen Rat erteilen konnte.
+
+
+[Illustration: Der Klausner in Betrachtung.]
+
+
+Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur
+beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu
+verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle
+und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine
+langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort
+sammelte er Kräuter und Heilblumen, die er sorgsam trocknete und für
+die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er
+seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch
+ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen.
+
+An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals
+müßig fände.
+
+In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu
+Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell
+verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er
+ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „_Memento mori!_
+Gedenke deines Sterbens!“
+
+Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte
+nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der
+Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da
+trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.
+
+„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure
+tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“
+
+Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig
+folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.
+
+Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der
+Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem
+Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.
+
+„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“
+
+„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit
+größter Freude helfen. Redet!“
+
+Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all
+das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig verfolgt, die Nacht
+der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie
+schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach
+sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder
+einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich
+aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte.
+
+Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt
+prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin
+geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits
+hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu
+Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen
+muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will
+ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um
+Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in
+seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige
+Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein
+schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“
+
+Ermesinde versprach es.
+
+In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als
+sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter
+Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende,
+friedliche Herde.
+
+Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der
+Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.
+
+Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes
+Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.
+
+„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war
+kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das
+Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war
+himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet
+das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der
+Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet,
+findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“
+
+„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder
+Rhabanus!“
+
+„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste
+Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“
+
+„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“
+
+„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der
+Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie
+verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen,
+Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen
+sollen von früh bis spät.“
+
+„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem
+Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr
+denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle
+wünscht?“
+
+„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist
+ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr
+Skapulier ist schwarz.“
+
+Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die
+klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein
+schmuckes Kirchlein mit niedrigem Turm, und durch die stillen Bäume
+hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in
+die fernsten Zeiten.
+
+„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die
+Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch
+dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die
+allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen
+von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St.
+Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner
+Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“
+
+Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser
+Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der
+flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun
+aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere
+Einzelheiten darüber wisse.
+
+Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und
+verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben
+kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie
+der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau
+selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser
+Klause, darüber schreibt!“
+
+Die Gräfin las:
+
+„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser
+heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich
+gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen.
+Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und
+die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die
+Weihe der St. Matthiaskirche vornehmen sollten. Der Papst nahm an.
+Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen
+Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich
+auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die
+Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und
+überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen
+Segen und sein Gebet.
+
+
+[Illustration: Chorschwester in Haustracht.]
+
+
+[Illustration: Dieselbe in Chortracht.]
+
+
+ Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen)
+ von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).
+
+Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in
+Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der
+Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen
+Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft
+eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom
+heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg.
+
+Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt
+an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen
+vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das
+unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem
+Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer
+göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen
+Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das
+Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt.
+
+Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr
+Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden.
+
+Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der
+Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine
+besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft,
+die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig
+erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für
+die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen.
+
+So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der
+zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte,
+durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die
+gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“
+
+Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu
+offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände
+des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun
+ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war,
+der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade erflehte, mit der die
+Gottesmutter mich vorgestern beglückt hat. Deshalb will ich mich auch
+dankbar erweisen. Nicht bloß werde ich hier eine Abtei bauen lassen,
+auch die Quelle soll von heute ab Gegenstand höchster Ehre werden. An
+ihren Ufern soll ein Heiligtum der Muttergottes erwachsen. Klar und
+friedlich soll sie immerdar fließen inmitten der Stille, die ich hier
+für die Seelen gründen werde, die dem Lärm und Hasten der Welt
+entfliehen und hier unter dem Schutzmantel Mariens den Frieden finden
+wollen ...“
+
+
+[Illustration: Der hl. Bernhard
+
+
+ nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse von Fontaine bei
+ Dijon.]
+
+In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim.
+
+Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der
+Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und
+tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der
+Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins
+stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere
+Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden
+tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+9. Kapitel.
+
+Sich weitender Weg
+
+
+Das Gewitter verzieht. In seine letzten sich lichtenden Regenfäden
+fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem
+in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens.
+Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und
+schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des
+Friedens über der vom Regen neu belebten Erde.
+
+So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln
+Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer
+früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische
+Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden
+Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen.
+
+Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes
+Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts
+weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie
+selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in
+stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen?
+
+In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er
+sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes
+künden.
+
+Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung:
+
+„Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem
+Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen
+Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und
+des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist
+das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“
+
+Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein,
+und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze
+Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben
+gefundene Frieden plötzlich wieder fort.
+
+„Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter
+unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so
+sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der
+Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“
+
+„Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu
+pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die
+allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht
+im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am
+dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre
+aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern
+ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch
+genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner
+Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der
+bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster
+Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf
+dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle
+Eures Volkes!“
+
+Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender
+Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und
+brachte es zur Ruhe.
+
+„Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt
+Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will
+ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen
+suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“
+
+Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter
+umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet,
+kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig
+hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den
+Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen.
+
+Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der
+Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten
+spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen.
+
+ Willst du glücklich sein im Leben,
+ Trage bei zu anderer Glück,
+ Denn die Freude, die wir geben,
+ Kehrt ins eigene Herz zurück.“
+
+So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen
+einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet,
+offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+10. Kapitel.
+
+Nach hohen Zielen
+
+
+Schäumend brausen die Meereswogen an das felsige Land. Von der Höhe
+grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei
+eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit
+hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie
+dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und
+erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach
+matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht
+er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel;
+seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe
+vollen freien Lauf.
+
+So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden
+Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben.
+
+Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der
+klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein
+solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo
+die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald
+gerodet.
+
+Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht
+müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine
+und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in
+langen, niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim
+Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die
+stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und
+Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“
+
+„Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“
+flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo
+müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“
+Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben
+Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal.
+
+Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus
+konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des
+Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses
+Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte
+nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem
+ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das
+Wohl Eures Volkes!“
+
+Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen.
+
+Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch
+gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen
+des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg
+seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von
+keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen
+nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen
+waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen
+zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu stetem, brüderlichem
+Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! —
+
+‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden
+Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen
+Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in
+der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“
+
+Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke
+eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war
+man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die
+Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen
+des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten
+die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in
+Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in
+Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen.
+
+Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen
+worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten
+Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten
+Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre
+bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich
+unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden
+Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten.
+
+Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer
+die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die
+zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von
+Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine
+glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte.
+
+Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm,
+Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen,
+Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und
+viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor
+Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der
+gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von
+Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von
+Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines
+gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und
+Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit
+rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen.
+
+Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und
+niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen
+Tagen, ein einig Volk von Brüdern.
+
+Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen
+weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten
+Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei
+vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in
+Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten
+bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den
+Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu
+suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten.
+
+So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das
+Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen
+Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden
+Beterinnen ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am
+Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens.
+
+
+[Illustration: Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche
+von Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.]
+
+
+Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der
+Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute
+Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel
+sandte!
+
+Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums
+Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die
+Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen
+Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende
+Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den
+Gerichtshof des Adels.
+
+Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von
+Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften
+erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht
+zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und
+das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den
+Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den
+Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den
+Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und
+im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie
+selbstständig und unabhängig.
+
+An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht.
+
+Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit
+und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der
+ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen
+einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte
+von dessen mannigfachem Segen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+11. Kapitel.
+
+Heim, zum ewigen Frieden
+
+
+Fünfundzwanzig Jahre hatte die Fürstin mit milder Hand das Zepter des
+Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet.
+Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde,
+war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der
+Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen.
+
+Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer
+erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr
+Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron
+verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? —
+„Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“
+lautete ihre Antwort.
+
+Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den
+versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas.
+
+Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen
+Tag gefreut.
+
+Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit
+jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus
+Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“
+
+Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich
+fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung entgegen. Mit dem
+folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und
+das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die
+Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag
+in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem
+Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie
+dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames,
+verdienstreiches Leben teilen.
+
+Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung
+finden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag
+alles begraben unter Schnee und Eis.
+
+Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe „_Invocabit_“
+gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste
+gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der
+tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren
+Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten.
+
+Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen
+Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war
+das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten
+Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie
+nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat.
+
+Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte.
+Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers:
+„Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend
+starkem Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und
+bedeutungsvolle Pause gemacht.
+
+Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem
+Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen.
+
+Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer
+von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in
+ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung.
+
+Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem
+Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie
+sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue
+mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des
+Herrn!“
+
+— „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die
+Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei
+deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ —
+
+Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor.
+Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die
+scheidende Seele.
+
+Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht
+man zur Leiche.
+
+Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe
+getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens
+gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte.
+
+Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er
+trug die Inschrift:
+
+„Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder
+Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist
+gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man ‚_Invocabit_‘ singt.“
+
+
+[Illustration: Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.]
+
+
+So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim
+Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir
+an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl!
+
+Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst
+du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest
+du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden!
+
+
+[Illustration: Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von
+Clairefontaine.]
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+_CLAIREFONTAINE_
+
+
+ 1.
+
+ Daß sie kühle Ruhe finde,
+ Stieg im Mittagssonnenschein
+ Von der Bardenburg allein
+ Gräfin Ermesinde
+ In das tiefe Tal hinein.
+
+
+ 2.
+
+ In des Grundes duft’gem Schweigen
+ O, wie liegt der Tag so weit
+ Mit dem schwülen Sonnenleid!
+ Goldig von den Zweigen
+ Träuft der Bann der Einsamkeit.
+
+
+ 3.
+
+ Nur ein Quell singt träum’risch leise,
+ Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt
+ Dann und wann ein Käfer schwirrt,
+ Und im müden Kreise
+ Ein lichttrunkner Falter irrt.
+
+
+ 4.
+
+ Langsam folgt die hohe Fraue
+ Dem gewohnten Buchenpfad,
+ Bis sie sich der Lichtung naht,
+ Wo auf sonn’ger Aue
+ Leuchtend steht die Blumensaat.
+
+
+ 5.
+
+ Doch auch hier im bunten Kreise
+ Alles still und feierlich,
+ Blum’ und Blümlein neigen sich,
+ Nur der Quell singt leise:
+ „Niemand wacht umher als ich.“
+
+
+ 6.
+
+ Und auch ihr sinkt Kraft und Wille,
+ Müde blickt sie in die Pracht,
+ Auch an ihr übt sachte, sacht
+ In der Mittagsstille
+ Sonnenzauber seine Macht.
+
+
+ 7.
+
+ An dem Quell läßt sie sich nieder,
+ Wunschbefreit, gedankenlos,
+ Legt die Hände in den Schoß
+ Und die weichen Glieder
+ Lehnt sie auf das weiche Moos.
+
+
+ 8.
+
+ Neben ihr mit hellem Rieseln
+ Rinnt die Quelle silberrein,
+ Singt und springt ins Tal hinein
+ Unter Schilf und Kieseln —
+ Ei, das liebe Wässerlein!
+
+
+ 9.
+
+ „Clere fountaine! Clere fountaine!“
+ Haucht die Gräfin vor sich hin,
+ Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. —
+ Clere fountaine! Clere fountaine!
+ Ei, die liebe Schläferin! —
+
+
+ 10.
+
+ Doch auf einmal, linde, linde
+ Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. —
+ An der Quelle kühlem Saum
+ Träumt Frau Ermesinde
+ Einen wunderbaren Traum. —
+
+
+ 11.
+
+ Durch die Nacht der Bäume schreitend,
+ Naht ein hohes Frauenbild,
+ Wie ein Mutterlächeln mild,
+ Sanften Glanz verbreitend
+ Wie die Lilien im Gefild.
+
+
+ 12.
+
+ Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte,
+ Wie sie durch das Waldgras schwebt,
+ Doch manch Blümlein neubelebt
+ Unter ihrem Schritte
+ Sein glutwelkes Krönchen hebt.
+
+
+ 13.
+
+ Vor der Gräfin hielt sie inne,
+ Setzt sich an der Quelle Rand,
+ Klatscht in ihre weiße Hand
+ Und mit heiterm Sinne
+ Blickt sie aufwärts unverwandt.
+
+
+ 14.
+
+ Sieh, da nahte auf das Zeichen
+ Eine märchenhafte Schar:
+ Vorn ein Knab’ im Lockenhaar,
+ Lieblich ohnegleichen,
+ Still und sittig wunderbar.
+
+
+ 15.
+
+ Hinter ihm auf weichen Füßen
+ Wallten, traulich dicht geschart,
+ Viele Schäfchen süß und zart;
+ Solche zarten, süßen
+ Nimmer sind sie ird’scher Art.
+
+
+ 16.
+
+ Freudig folgten sie dem Kleinen,
+ Und an seinem Lilienstab
+ Führte sie der Himmelsknab’
+ Zu dem hohen, reinen,
+ Milden Frauenbild hinab.
+
+
+ 17.
+
+ Lächelnd saß die hohe Holde,
+ Hieß sie trinken aus dem Quell,
+ Und o Wunder! sonnenhell,
+ Wie vom pursten Golde,
+ Strahlte da ihr Silberfell.
+
+
+ 18.
+
+ Und den Wald durchfloß ein Klingen,
+ Und entzückend scholl das Lied,
+ Das, wie Sehermund verriet,
+ Der allein darf singen,
+ Der des Lammes Straße zieht. —
+
+
+ 19.
+
+ Dann verschwinden Kind und Schafe,
+ Eingehüllt in ros’ges Licht,
+ Und die hohe Holde spricht,
+ Während froh im Schlafe
+ Glüht der Gräfin Angesicht:
+
+
+ 20.
+
+ „Ermesinde,“ spricht sie milde,
+ „Liebe, traute Schäferin,
+ Deute dir mit frommem Sinn,
+ Was du sahst im Bilde,
+ Dir und andern zum Gewinn.
+
+
+ 21.
+
+ Viele müde Schäfchen schreiten,
+ Die bedrängt des Lebens Zorn;
+ O durch Dürre, Sand und Dorn,
+ Gute Gräfin, leiten
+ Kannst du sie zum Wonneborn.
+
+
+ 22.
+
+ Himmelsschäfchen, Gottesbräute,
+ Reich an Tugend, groß an Zahl!
+ Richte ihnen hier den Saal!
+ Ermesinde, heute
+ Zog der Herr durch dieses Tal.“ —
+
+
+ 23.
+
+ Durch die Nacht der Bäume schreitend,
+ Sacht entschwebt das hohe Bild,
+ Wie ein Mütterlächeln mild,
+ Sanften Glanz verbreitend
+ Wie die Lilien im Gefild. —
+
+
+ 22.
+
+ Rings im bunten, duft’gen Kreise
+ Alles still und feierlich. —
+ Doch da regt die Gräfin sich
+ Und sie murmelt leise:
+ „Gott, wie selig träumte ich!“
+
+
+ 25.
+
+ Neben ihr mit hellem Rieseln
+ Rinnt die Quelle silberrein,
+ Singt und springt ins Tal hinein
+ Unter Schilf und Kieseln —
+ Heil dir, klares Wässerlein!
+
+
+ 26.
+
+ „Clere fountaine! Clere fountaine!“
+ Spricht die Fraue vor sich hin,
+ „Ja, ich faß des Traumes Sinn.“
+ Clairefontaine! Clairefontaine!
+ Heil dir, edle Gründerin!
+
+ _Dr. Nikolaus Welter._
+
+
+[Illustration: Die auf den Ruinen der Clairefontainer Abtei
+errichtete Muttergotteskapelle mit Ermesindens Grabmal.]
+
+
+
+
+Inhalt:
+
+
+ 1. Kapitel. Die Fahrt zur Jagd Seite 3
+
+ 2. — Ein verhängnisvoller Schuß 12
+
+ 3. — Trübe Zeiten 20
+
+ 4. — Tage der Sonne 25
+
+ 5. — Zerstörte Glücksträume 30
+
+ 6. — Untergang? 36
+
+ 7. — Schwindende Nacht 41
+
+ 8. — Beim Klausner 49
+
+ 9. — Sich weitender Weg 60
+
+ 10. — Nach hohen Zielen 63
+
+ 11. — Heim, zum ewigen Frieden 68
+
+ Clairefontaine 72
+
+
+[Illustration]
+
+
+ * * * * *
+
+
+Empfehlenswerte Jugendlektüre:
+
+
+ Der arme Rudi
+ Im Walde verirrt
+ Häsleins Tod
+ Was der schwarze Hans erlebte
+ Zum Altare Gottes
+ Primizkrone/Sterbekranz
+ Unter fremden Menschen
+ Der Ungeschworene
+ Im Höllenschornstein
+ Der Liebling des Patriarchen
+ Marie Adelheid
+ Das Gespenst und andere Geschichten
+ Kalender für kleine Leute 1929
+ Der Sämann, Jahrbuch für die Jugend.
+
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verfasser
+Pfarrer Th. |Zenner|, Folscheid (Luxemburg).
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ $Eine recht wirksame Unterstützung$
+
+ $der Missionen$
+
+ $ist ein Abonnement auf eine Missionszeitschrift. Die illustrierte
+ Monatsschrift der Missionsschule Clairefontaine$
+
+ $+HEIMAT & MISSIONEN+$
+
+ $bietet +Missionsartikel, Lokalgeschichtliches, Abhandlungen über
+ Herz–Jesu–Andacht und sonstige religiöse Gebiete sowie
+ Unterhaltendes+$.
+
+ $Ein Jahresabonnement kostet #10# Fr.$
+
+ $Man bezieht sie unter folgender Adresse:$
+
+ $#Missionsschule von Clairefontaine b. Eischen#$
+ ($Grossh. – Luxbg$).
+
+ $Postscheckkonto, Luxemburg 3052.$
+
+ [Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***
diff --git a/77488-h/77488-h.htm b/77488-h/77488-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..dac4413
--- /dev/null
+++ b/77488-h/77488-h.htm
@@ -0,0 +1,4122 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>Ermesinde | Project Gutenberg</title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+
+<style>
+
+body { margin-left: 5%; margin-right: 5%; }
+
+a {text-decoration: none}
+
+div.chapter { text-align: center;
+ display: block;
+ margin-top: 2em;
+ page-break-before: always;
+ }
+
+hr {
+ width: 14%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2.5em;
+ margin-left: 43%;
+ margin-right: 43%;
+ clear: both;
+ }
+
+hr.tit {width: 5%;
+
+ margin: auto; }
+
+.zentriert { text-align: center;
+ display: block;
+ }
+
+.gesperrt { letter-spacing: 0.35em; margin-right: -0.35em; font-style: normal;}
+ .x-ebookmaker .gesperrt { letter-spacing: normal; font-style: italic; margin-right: initial;}
+
+.fut {font-family: Arial, Helvetica, sans-serif}
+
+p.latein {font-size: 0.8em;
+ font-family: sans-serif;}
+
+h1 {font-weight: 500;
+ font-size: 2.9em;
+ letter-spacing: 0.15em;
+ }
+
+h2 {text-align: center;
+ font-weight: bold;
+ font-size: 1.2em;
+ }
+
+h2.kap {font-size: 1em;
+ font-weight: normal}
+
+.kap {font-size: 0.9em;
+ font-weight: normal;
+ line-height: 3.5em;
+ }
+
+.pseutit {font-size: 0.8em;
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-left: 0.4em}
+
+.auttit {font-size: 1.2em;
+ letter-spacing: 0.15em;
+ margin-left: 0.3em}
+
+p.permissu {border-style: solid hidden solid hidden;
+ border-width: thin;
+ width: 40%;
+ margin: auto;
+ font-size: smaller}
+
+.ein {text-indent: 1em;
+ text-align: justify;
+ display: block;
+ margin-top: -0.6em;
+ }
+
+.ein2 {text-indent: 1em;
+ text-align: justify;
+ display: block;
+ margin-top: -0.6em;
+ width: 95%;
+ margin: auto;
+ }
+
+.block {text-align: justify;
+ display: block;
+ }
+
+.gerueckt10 { margin-left: 10%;
+ }
+
+.ger3-5 { margin-left: 3.5em
+ }
+
+.ger1-1 { padding-left: 1.1em;}
+
+.autor {margin-right: 20%;
+ text-align: right;
+ }
+
+.pseudonym {font-size: 1.1em;
+ margin-left: 0.4em
+ }
+
+.abst-2-3 {margin-top: -2.3em;}
+.abst-1-5 {margin-top: -1.5em;}
+.abst-0-8 {margin-top: -0.8em;}
+.abst-0-5 {margin-top: -0.5em;}
+.abst0-8 {margin-top: 0.8em;}
+.abst1-3 {margin-top: 1.3em;}
+.abst1-5 {margin-top: 1.5em;}
+.abst1-7 {margin-top: 1.7em;}
+.abst1-8 {margin-top: 1.8em;}
+.abst2 {margin-top: 2em;}
+.abst2-3 {margin-top: 2.3em;}
+.abst3 {margin-top: 3em;}
+.abst4 {margin-top: 4em;}
+.abst5 {margin-top: 5em;}
+ .x-ebookmaker .abst5 {margin-top: 3em;}
+.abst10 {margin-top: 10em;}
+ .x-ebookmaker .abst10 {margin-top: 4em;}
+
+
+.unten-0-5 {margin-bottom: -0.5em;}
+.unten0-5 {margin-bottom: 0.5em;}
+.unten1-1 {margin-bottom: 1.1em;}
+.unten1-5 {margin-bottom: 1.5em;}
+.unten2 {margin-bottom: 2em;}
+.unten15 {margin-bottom: 15em;}
+.x-ebookmaker unten15 {margin-bottom: 5em;}
+
+.hoeh0-9 {font-size: 0.9em;}
+.hoeh1-1 {font-size: 1.1em;}
+.hoeh1-3 {font-size: 1.3em;}
+
+.durchsch {line-height: 1.6em}
+.durchsch2 {line-height: 1.3em}
+
+.fett {font-weight: bold;}
+.halbfett {font-weight: bolder}
+
+.kursiv {font-style: italic}
+
+p.blockini { text-align: justify;
+ }
+
+.cover2 { display: block;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ max-width: 20em;
+ }
+ .x-ebookmaker .cover2 {display: none;}
+
+img.initiale-d {
+ float: left;
+ margin-left: -0.9em;
+ margin-right: 0.4em;
+ margin-bottom: 0.2em;
+ margin-top: -0.1em;
+ height: 3.7em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-d {display: none;}
+.d-initiale {margin-left: -1em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .d-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+img.initiale-f {
+ float: left;
+ margin-left: -0.3em;
+ margin-right: -1.3em;
+ margin-bottom: 0.2em;
+ margin-top: -0.9em;
+ height: 3.7em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-f {display: none;}
+.f-initiale {margin-left: -0.8em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .f-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+img.initiale-k {
+ float: left;
+ margin-left: -0.3em;
+ margin-right: 0.1em;
+ margin-bottom: 0.3em;
+ margin-top: -0.3em;
+ height: 4em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-k {display: none;}
+.k-initiale {margin-left: -1.1em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .k-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+img.initiale-m {
+ float: left;
+ margin-left: -0.3em;
+ margin-right: 0.3em;
+ margin-bottom: 0.3em;
+ margin-top: -0.4em;
+ height: 3.7em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-m {display: none;}
+.m-initiale {margin-left: -1.5em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .m-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+img.initiale-s {
+ float: left;
+ margin-left: -0.3em;
+ margin-right: 0.5em;
+ margin-top: -0.2em;
+ height: 3.7em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-s {display: none;}
+.s-initiale {margin-left: -0.8em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .s-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+img.initiale-w {
+ float: left;
+ margin-left: -0.3em;
+ margin-right: -0.6em;
+ margin-top: -0.5em;
+ padding-top: 1em;
+ height: 3.7em;
+ }
+ .x-ebookmaker img.initiale-w {display: none;}
+.w-initiale {margin-left: -1.4em;
+ visibility: hidden;
+ }
+ .x-ebookmaker .w-initiale {font-size: 1.5em;
+ font-weight: bold;
+ visibility: visible;
+ margin-left: initial;
+ }
+
+.center1 {
+ display: block;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ max-width: 30em;
+ }
+
+.flexcontainer {display: flex;
+ justify-content: center;
+ margin: auto;
+ }
+
+.bildtext {font-size: 0.9em;
+ text-align: center;
+ margin-bottom: 2.5em;
+ page-break-before: avoid;
+ }
+
+div.bitxtli {max-width: 30%;
+ margin-left: 14%;}
+
+div.bitxtre {max-width: 20%;
+ margin-right: 10%;
+ margin-left: 57%;
+ margin-top: -2.5em;}
+
+p.bitxtli {text-align: center;
+ display: block;
+ font-size: 0.8em;
+ }
+
+p.bitxtre {text-align: center;
+ display: block;
+ font-size: 0.8em;
+ }
+
+table.inverz {width: 100%;
+ max-width: 24em;
+ margin: auto;}
+
+table td.rechts {text-align: right;
+ padding-right: 2em;
+ padding: 0.3em;
+ }
+
+table td.leer { border-bottom: 0;
+ padding: 0.3em}
+
+th { text-align: right;
+ font-weight: normal;
+ }
+
+td.rechts {text-align: right;
+ }
+
+td.leer {visibility: hidden;}
+
+.poem {text-align: left;
+ margin-top: 0.1em;
+ margin-bottom: 0.5em;
+ width: 19em;
+ margin-left: 6em;
+ font-size: 0.9em;
+ page-break-before: avoid;
+ }
+
+.poem2 {text-align: left;
+ margin-top: 0.1em;
+ margin-bottom: 0.5em;
+ width: 19em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ padding-left: 4em;
+ page-break-before: avoid;
+ }
+
+.poem3 {display:block;
+ }
+
+.poem4 {display:block;
+ page-break-before: avoid;
+ }
+
+ .poemnr {padding-left: 6.5em;}
+
+.poem-container {text-align: left;
+ display: inline-block;}
+
+.x-ebookmaker .poem-container {text-align: left;
+ display: block;}
+
+.gedichtzeile {text-align: left;
+ text-indent: -5em;
+ margin-left: 6em;
+ margin-top: -1em;
+ }
+
+.advklein { font-size: 90%}
+
+.advgross { font-size: 120%;}
+
+.adveng {margin-left: 10%; margin-right: 10%}
+
+.advline {border-bottom: solid 0.1em;}
+ .x-ebookmaker .advline {font-style: normal;}
+
+.advdopline {border-bottom: double 0.3em;}
+
+.anmerkung {font-size: 0.8em;
+ vertical-align: super}
+
+.fnote {font-size: 0.9em;
+ }
+
+.breakvor { page-break-before: always; }
+
+.nobreak {page-break-before: avoid;
+ page-break-after: avoid;}
+
+.nobreakvor {page-break-before: avoid;}
+
+.trnote {
+ font-family: sans-serif;
+ font-size: x-small;
+ background-color: #ccc;
+ color: #000;
+ border: black 1px dotted;
+ margin: 2em;
+ padding: 2em;
+ text-align: justify;
+ }
+
+</style>
+
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***</div>
+
+
+ <div class = "trnote">
+ <p class = "fett">
+ Anmerkungen
+ </p>
+
+ <p>
+ Das Original ist in Frakturschrift gesetzt.
+ </p>
+
+ <p>
+ Einige offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend
+ korrigiert. Die Schreibweise der Kapitelnummern wurde mit
+ einem abschließenden Punkt vereinheitlicht.
+ </p>
+
+ <p>
+ Fußnoten stehen am Ende des jeweiligen Absatzes.
+ </p>
+
+ <p>
+ Die Seitenzählung des Originals ist im html-Code als
+ Kommentar eingefügt.
+ </p>
+
+ <p>
+ Die Missionswerbung des vorderen inneren Umschlagdeckels wurde an
+ das Ende des Textes hinter die Verlagswerbung geschoben.
+ </p>
+ </div>
+
+ <div class = "abst4 unten1-5 breakvor cover2">
+ <img src = "images/coverb.png"
+ alt = "Titelbild Ermesinde mit einer Abbildung der Klaren Quelle,
+ die als Brunnen gefasst ist" style = "width: 20em">
+ </div>
+
+ <div class = "zentriert chapter">
+
+ <h1 class = "abst3">Ermesinde</h1>
+
+ <div>
+ <p class = "hoeh1-1 durchsch halbfett">
+ Historische Erzählung<br>
+ aus dem 12. und 13. Jahrhundert
+ </p>
+
+ <p>
+ von
+ <span class = "pseudonym">P.</span>
+ <span class = "pseudonym">N.</span>
+ <span class = "pseudonym">G.</span>
+ <span class = "pseutit">S.C.J.</span>
+ </p>
+
+ <p class = "abst1-8">
+ nach dem Französischen
+ </p>
+ <div>
+ von
+ <span class = "auttit">Th. Zenner</span>
+ </div>
+
+ <div class = "abst3">
+ <img src = "images/i_01.png"
+ alt = "Königswappen des Grossherzogtums" style = "width: 3.5em">
+ </div>
+
+ <p class = "zentriert abst5">
+ 1928
+ </p>
+ <hr class = "tit">
+ <p>
+ Arlon — Buchdruckerei A. Willems.
+ </p>
+ </div>
+ </div>
+
+
+ <div class = "zentriert breakvor abst10 unten15">
+ <p class = "permissu">
+ Cùm permissù Sùperiorùm
+ </p>
+ </div>
+
+
+ <div class = "chapter">
+
+<!-- Seite 3 -->
+
+ <div>
+ <img src = "images/i_03-1.png"
+ alt = "Zeichnung der Landschaft im
+ Norden Luxemburgs mit einem aufgeschlagenen Buch"
+ style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-1"></a><span class = "kap">1. Kapitel.</span><br>
+ Die Fahrt zur Jagd
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img class = "initiale-f" src = "images/i_03-2.png" alt = "">
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "f-initiale">F</span>rühjahr eintausend einhundert
+ siebenundachtzig. Unabsehbar blaut der Himmel.
+ Lautlos stieg sein klares Bild, ungemessen
+ tief ins dunkle, träge Wasser, das die Alzette in kurzgeschweiftem
+ Bogen majestätisch ernst um die schroffen Felsen schlingt, die zu
+ Luxemburg das Schloß der Grafen tragen.
+ </p>
+ </div>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch was ist das für ein Singen und Klingen heute, droben in der sonst
+ so vornehm stillen Burg? Es grüßen die Fahnen, im schwachen Winde
+ knattern die Wimpel und Oriflammen; und von den Zinnen, gegen Osten und
+ Westen, gegen Süden und Norden, schallen von Zeit zu Zeit weithin
+ getragen die frohen Klänge der Hörner und Trompeten. Bis zum
+ Grünenwald, bis zum Baumbusch hinüber dringt ihr fester Schall und
+ weckt in deren tiefen, waldigen Gründen ein hundertfältiges,
+ begeistertes Echo.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Tauftag ist.
+ </p>
+
+<!-- Seite 4 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Ein kleines, blondes Mägdlein hat seinen Einzug ins gräfliche Schloß
+ gehalten. Hat freudigen Empfang gefunden bei groß und klein, aber ganz
+ besonders im Herzen seiner fürstlichen Eltern, des großmächtigen Herrn
+ Heinrich, Grafen von Luxemburg und Namür und dessen edler Gattin, der
+ Dame Agnes, Tochter des Grafen von Geldern und Zütphen.
+ </p>
+
+ <div>
+ <img src = "images/i_04.png" alt = "Burg der Grafen von Luxemburg"
+ style = "width: 100%">
+ <br>
+ </div>
+
+ <div class = "bildtext">
+ Die ehemalige Burg der Grafen von Luxemburg.
+ </div>
+
+ <p class = "ein">
+ Und heute zieht vom Benediktiner–Münster herauf der vieledle,
+ hochwürdige Priester und Abt, Everwinus. Der soll dem fürstlichen
+ Menschenkind den Stempel eines Gotteskindes aufdrücken und ihm im
+ Sakrament der heiligen Taufe einen Namen geben, den fortab das
+ Luxemburger Land als einen seiner schönsten und größten Namen kennen
+ und nennen wird: <span class = "gesperrt">Ermesinde</span>.
+ </p>
+
+<!-- Seite 5 -->
+
+ <p class = "ein">
+ In Freuden verfließt der Rest des Tages.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schon funkeln die nächtlichen Sterne. Aus dem Düster der Alzette
+ glitzert ihr zitterndes Bild. Da rüsten sich die letzten der Gäste, die
+ Herren von Körich und Ritter von Ansemburg, zur späten Heimkehr.
+ Gehobenen Herzens drücken sie dem Grafen Heinrich die Hand. „Ein
+ verheißungsvoller Anfang!“ rühmen sie, „möge dem hochedlen Kinde, Euerm
+ Töchterlein, ein langes, glückliches Leben leuchten! Gute Nacht, Herr
+ Graf! Auf baldiges Wiedersehen und frohes Weiterfeiern!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Unter diesem Weiterfeiern verstanden sie den alten, landläufigen
+ Gebrauch, demzufolge ein freudiges Familienereignis mit einer großen,
+ aufwandreichen Jagd zu beschließen war, an der die befreundeten
+ Adelsgeschlechter der ganzen Gegend teilnehmen durften.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Graf Heinrich griff die Andeutung auf. Am anderen Tage ergingen die
+ Einladungen. Als Tag der Veranstaltung sollte der Pfingstdienstag
+ gelten, als Ort das wald– und wildreiche Gelände der Bardenburg.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie lag ungefähr vier Wegestunden von Luxemburg entfernt und bildete
+ die Krone eines anmutigen Hügels, der auf dem linken Ufer der Eisch den
+ Eingangs eines lauschigen Tälchens schützt
+ <span class = "anmerkung">[1]</span>.
+ </p>
+
+ <p class = "unten1-5">
+ <span class = "fnote">[1]</span>
+ Ungefähr 20 Minuten südwestlich vom heutigen Dorfe Eischen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schon seit Jahrhunderten war dieses Tälchen berühmt. Geisterhaft
+ murmelte in ihm ein frisches, klares Wasser, von dem die Legende
+ berichtet, daß es seinerzeit den heidnischen Bewohnern der Gegend als
+ Gottheit gegolten hätte. Heidnische Priester und Sänger, „Barden“
+ genannt, nahmen an der rauschenden Quelle Aufenthalt und dauernden
+ Wohnsitz. So konnten sie aus nächster Nähe die Feierlichkeiten zu
+
+<!-- Seite 6 -->
+ Ehren der vermeintlichen Gottheit leiten. Sie erbauten auch das
+ Schloß, das von ihnen seinen Namen herleitete.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In christlicher Zeit erschienen die Boten des Evangeliums. Die
+ Finsternis des Heidentums verschwand. Mit ihr die Barden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ An der klaren Quelle baute ein schlichter Eremit sein bescheidenes
+ Hüttlein. Das Wasser weihte man der allerseligsten Jungfrau, und ein
+ einfaches, ebendaselbst errichtetes Kirchlein wurde Wallfahrtsort und
+ Heiligtum der Muttergottes.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ins verlassene Bardenschloß zogen die römischen Legionen. Jahrhunderte
+ lang diente es ihnen als Festung.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dann kam der Verfall. Wie mancher schwere Stein bröckelte aus den
+ verwitternden Mauern und rollte dröhnend zu Tal! Wie mancher fand sein
+ nasses Grab drunten in den rauschenden Wassern der Eisch!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Erst später lebte die Herrlichkeit wieder auf. Unter der Herrschaft der
+ Grafen von Luxemburg wurde die Feste wieder aufgebaut, vergrößert und
+ verschönert. In jahrelanger, mühsamer und kostspieliger Arbeit erstand
+ die zweite, wunderbar herrliche Residenz, nach der Graf Heinrich auf
+ den Dienstag nach Pfingsten seine Getreuen beschieden hatte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hell und heiter ging der Tag auf. Als ob die Sonne ihr Bestes,
+ ungetrübten Glanz, spenden wolle, um den Tag des fürstlichen Kindes,
+ das nun 6 Wochen alt geworden war, geziemend auszuzeichnen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Im Osten des Landes wimmelte es auf Wegen und Stegen von frommen
+ Pilgern, die singend und betend gegen Echternach zogen, zur
+ kreuzgeformten, nunmehr 40jährigen Basilika, unter deren schützenden
+ Gewölben der Apostel der Friesen, St. Willibrod, tot von den Mühen
+ seines bischöflichen Amtes ausruhte. Gegen Westen aber ging die
+ Jagdfahrt des Grafen Heinrich.
+
+<!-- Seite 7 -->
+
+ Alte Heeresstraße Luxemburg–Arlon! Sollst du je zwischen deinen Bäumen
+ einen herrlicheren Zug gesehen haben?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ An der Spitze schreiten die Waffenknechte. Ha! wie die spiegelblanken
+ Helme und scharfen Hellebarden strahlenschießend in der Sonne blitzen!
+ Wie die blonden, rotwangigen Pagen in ihren malerischen, bunten Röcken,
+ kecken Auges daherprunken! Und erst die Wappenträger! Hoch zu Roß,
+ purpurfarben, goldbetreßt! — Graf Heinrich inmitten seiner Ritter! —
+ Was ziehen denn die zwei weißen, mit rotem Lederzeug behangenen Kühe?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Im wohlverschlossenen Kinderwagen, in molligen Kissen, fährt langsam
+ und sicher, das 6 Wochen alte Kind, Ermesinde. Was Wunder, daß seine
+ entzückte Mutter, stolzerhobenen Hauptes an seiner Seite reitet und von
+ ihrem hohen Schimmel aus zufriedene Blicke nach allen Seiten sendet.
+ Soweit die Augen reichen, Herrlichkeit, Freude und Glanz.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dann und wann ziehen am Wege Landleute und heimkehrende Arbeiter
+ vorüber. Wie geblendet bleiben sie stehen und grüßen mit scheuer
+ Verbeugung. Und die Lanzknechte schlagen ihre Waffen aneinander, als
+ wollten sie mit ihrem stolzen Klirren einen unausfüllbaren Abstand
+ andeuten zwischen sich und dem an die Scholle gebundenen Manne. Die
+ Pagen erwidern die Ehrbezeugung mit einem überlegenen Lächeln, während
+ der Graf mit wohlwollender Verneigung des Hauptes darauf antwortet. In
+ den Blicken der Gräfin aber lag es kalt, kalt und wie stumme
+ Verachtung. Als ob sie zu einer anderen Rasse gehörte, und unendlich
+ hoch und erhaben über jenen throne.
+ </p>
+
+ <div class = "center1">
+ <div class = "unten0-5">
+ <img src = "images/i_08-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img src = "images/i_08-2.png" alt = "Zeichnung der Bardenburg"
+ style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <p class = "bildtext abst0-8">
+ Die noch heute sichtbaren Umwallungen und Gräben der
+ <span class = "gesperrt">Bardenburg</span>.
+ </p>
+
+ <div class = "abst-1-5 nobreakvor">
+ <img src = "images/i_08-3.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+ </div>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ Während die Gräfin sich selbstgefällig in diesen eiteln Gedanken
+ wiegte, näherte sich vom Feldrain her eine ärmlich gekleidete junge
+ Frau, Sie ging gebückt, denn auf ihrem
+
+<!-- Seite 9 -->
+
+ schmächtigen Rücken lastete eine
+ schwere, mit Grünfutter gefüllte, große Hotte: in ihren kreuzweise
+ verschlungenen Armen ruhte ein unmündiges, schlummerndes Kind, während
+ ein anderes, das kaum der Wiege entwachsen war, an der mütterlichen
+ Schürze mehr fortgezogen als fortgeführt werden mußte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Das Gesicht der armen Frau war welk und furchig. Auf ihrer Stirne
+ perlte der Schweiß, und die ihr vom Winde verzausten Haare flatterten
+ wirr um ihre eingefallenen Schläfen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ein kaum unterdrücktes „Ach!“ stieg auf die Lippen der Fürstin. „Armes,
+ elendes Volk!“ flüsterte sie, „wäre es nicht besser, du tätest
+ überhaupt nicht ... leben?“ Dabei griff sie in die Satteltasche und warf
+ der am Wege stehenden Gruppe ein blinkendes Geldstück zu, das klirrend
+ zu den Füßen des erschrockenen Kindes niederrollte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die arme Frau hatte das Wort gehört. Unerschrocken sah sie auf und ließ
+ ihren Blick furchtlos in den Augen der Gräfin haften. Dann sprach sie
+ fest und entschieden: „Sie dürften sich irren, gnädige Frau! Allerdings
+ sind wir nicht reich; Tag für Tag müssen wir schwer arbeiten, aber
+ unglücklich sind wir nicht!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ein ungläubiges Lächeln huschte um die Lippen der Fürstin. „Nicht
+ unglücklich?“ forschte sie, „nicht unglücklich! Das wäre doch
+ sonderbar, wo ich, inmitten der irdischen Güter und all ihrer
+ Annehmlichkeiten, Mühe habe, ein wenig Glück herauszuschlagen! Der
+ Allerhöchste verteilt es ja so spärlich an die Söhne der Menschen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Das wüßte ich nicht, gnädige Frau!“ lautete die Antwort. „Freilich,
+ wenn man nur <span class = "gesperrt">das</span> „Glück“ nennt, was
+ die irdischen Dinge, die
+ zeitlichen Güter uns spenden können, dann ist es spärlich gesät. Und
+ hat gar wenig Bestand. Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, wie ein
+
+<!-- Seite 10 -->
+
+ Vogel daherzieht und keine Spur zurückläßt, geht es vorüber. Wie
+ gewonnen, so zerronnen! — Wer aber das „Glück“ recht auffaßt, der
+ findet es überall und reichlich!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Überall und reichlich? Wieso?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit einem kaum merklichen Anflug von Röte fuhr die arme Frau fort: „Es
+ steht mir schlecht zu, Euch, fürstliche Dame, belehren zu wollen. Aber
+ ich meine, „glücklich“ sein, heißt Gottes Willen erfüllen und sich in
+ seine Fügungen schicken. Wer das tut, dem geht es wohl, der ist
+ zufrieden und froh, als Knecht nicht minder denn als Graf und König!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dabei bückte sie sich nieder, hob das Geldstück auf und reichte es mit
+ bescheidener Verbeugung zurück. „Wollen gnädige Frau es einem anderen
+ schenken,“ bat sie, „andere brauchen es vielleicht nötiger als wir.
+ Mein Mann und ich sind gesund. Wir können arbeiten und sind nicht
+ unglücklich!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin schüttelte das Haupt. Solches war ihr niemals vorgekommen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Ja, ja,“ gab sie verlegen wieder, „Ihr werdet es wohl mit den Mönchen
+ und Einsiedlern halten. Die haben sich auch eingeredet, daß zum
+ menschlichen Glück das Irdische nicht notwendig ist, und daß dazu
+ nichts anderes gehört, als der sogenannte „Friede der Seele.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die arme Frau lächelte. „Ganz recht, gnädige Frau!“ nickte sie, „meiner
+ Meinung nach habt Ihr das Richtige getroffen; der Friede des Herzens
+ ist das Fundament und ein großer Bestandteil jeglichen Glückes.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin schürzte die Lippen. Mit verächtlicher Kopfbewegung sah sie
+ nach den Dienerinnen, die an ihrer Seite geblieben waren, um, und indem
+ sie auf den an einer Wegkrümmung verschwindenden Jagdzug hinwies,
+ mahnte sie: „Sputen wir uns! Wir müssen die Unserigen einholen! Sie
+ sind schon weit voraus!“
+
+<!-- Seite 11 -->
+
+ Ohne sich weiter nach der armen Frau umzusehen, gab sie dem Pferde die
+ Sporen, und eiligst ging es auf der staubigen Straße weiter.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber wirf einen Stein ins Wasser! Liegt er schon am Grunde, so wallt
+ noch die Oberfläche, die er in Bewegung gesetzt hat, fort, und die
+ Wellen tragen ihre Kreise weiter und weiter. So blieb auch die
+ Erinnerung an das soeben Erlebte im Geiste der Gräfin Agnes haften und
+ weckte Gedanken auf Gedanken.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Friede! Friede!“ lachte sie. „Armes Volk, weiter kannst du nichts
+ ersehnen! Aber wir, wir die Reichen und Mächtigen haben andere Gesetze!
+ Wir brauchen nur Leben und Gesundheit. Für den Rest können wir selber
+ sorgen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Doch, was hatte das arme Weib von der Vergänglichkeit gesprochen,
+ vom schnellen Verrinnen aller irdischen Größe und Macht? — Wie
+ gewonnen, so zerronnen! Heute rot, und morgen tot ...! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Daß aber auch gerade jetzt solch trübe Gedanken ihre Ruhe stören
+ mußten!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Vor ihre Seele traten Bilder aus längstvergangenen Tagen, Erlebnisse
+ und Erinnerungen, die sie vergessen glaubte, schwarze Tage der Trauer
+ und der Trübsal.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — War denn damals ihr Haus nicht mächtig gewesen? Und reich? Und doch! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ein leises Zittern umflog sie. Wie von einem drohenden Unheil
+ erschreckt, blickte sie nach ihrem Gatten. — Gott sei Dank! Dort ritt
+ er froh inmitten seiner Gäste.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hastig öffnete sie die Vorhänge des Kinderwagens und schaute nach der
+ kleinen Ermesinde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auch das Kind war munter. Lieblich schlummernd lag es in den weißen
+ Kissen, und ein glückliches Lächeln umspielte seinen rosigen Mund.
+ </p>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 12 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_12-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-2"></a><span class = "kap">2. Kapitel.</span><br>
+ Ein verhängnisvoller Schuß
+ </h2>
+ </div>
+
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img class = "initiale-s" src = "images/i_12-2.png" alt = "">
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "s-initiale">S</span>chon dröhnten die ersten
+ Pferdehufe in eiligem Viertakt auf der aus
+ Balken und breiten Brettern gebildeten Eischbrücke. Erschrocken
+ huschten die flinken Forellen im Wasser hin und her und verschwanden
+ als dunkle Streifen unter überhängendem Ufergras oder knorrigen, am
+ Rand des Baches verkrümmten Erlenwurzeln.
+ </p>
+ </div>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch wem galt der dutzendfache frohe Hörner– und Trompetenschall, der
+ eben von den Zinnen der Bardenburg herniederwallte? — Dem fürstlichen
+ Kinde, das eben zum erstenmal die Höhe dieser väterlichen Burg
+ ersteigen sollte? — Seinen hochedlen Eltern? — Ihren Begleitern? —
+ Sie galten der ganzen Gesellschaft, der sie ein ‚herzliches Willkomm‘
+ und ein ‚gut Heil auf ersprießliche Jagd‘, entgegenschmetterten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Durch die hellen Klänge wurden die Pferde, die schon anfingen, müde zu
+ werden, aufgemuntert. Kräftiger holten sie aus. Die Hunde zerrten
+ fester an den Koppeln, und voll Sehnsucht schielten und schnupperten
+ sie nach den Wäldern.
+ </p>
+
+<!-- Seite 13 -->
+
+ <div class = "center1">
+ <div>
+ <img src = "images/i_13-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img src = "images/i_13-2.png" alt = "Zeichnung einer mittelalterlichen
+ Jagdgesellschaft mit Pferden und Hunden" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <div class = "bildtext nobreakvor">
+ Die Jagdgesellschaft verläßt die Bardenburg.
+ </div>
+
+ <div class = "abst-1-5 nobreakvor">
+ <img src = "images/i_13-3.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+ </div>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ Seit dem frühen Morgen hatte man sich in der weiten, starkverwölbten
+ Küche auf die Ankunft der hohen Herrschaft vorbereitet. Denn, wenn auch
+ die Hauptmahlzeit erst am Abend, nach glücklich verlaufener Jagd,
+ stattfinden sollte, so mußte auch jetzt durch reichen Imbiß die müde
+ Gesellschaft für die Anstrengungen der Reise entschädigt
+
+<!-- Seite 14 -->
+
+ und für die Strapazen des Nachmittags gekräftigt werden. Und Koch und
+ Unterköche hatten ihr Bestes getan, nicht nur des Lobes wegen, das
+ voraussichtlich ihrer Kunst gespendet würde, sondern auch in Berechnung des
+ Trinkgeldes, das bei solchen Gelegenheiten besonders reichlich
+ auszufallen pflegte, denn Ritter und Barone waren Leute, die sich nicht
+ lumpen lassen durften.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Frohes, lustiges Essen. Währenddessen ergötzten sich die Pferde an den
+ vollgefüllten Krippen, und die Hunde taten sich gütlich an Schüsseln,
+ in denen die Fleischbrocken zahlreicher waren, als an gewöhnlichen
+ Tagen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Am Himmel lachte die Sonne, und kein Wölkchen bleichte die tiefe,
+ einheitliche Bläue des waldumsäumten Horizontes.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Gegen 2 Uhr stand alles bereit. Hei! wie da die Hunde kläfften! Wie die
+ Pferde scharrten und ungeduldig durch die aufgeblähten Nüstern bliesen!
+ Selbst die Mannen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo der Burgwart
+ vom hohen Bergfried aus in einem dreifachen, nach allen Seiten
+ wiederholten Hallihalloh das Zeichen zum Auszug und zum Beginn des
+ Jagens geben würde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Als Erste zogen der Graf und die Gräfin auf weißen Schimmeln zum
+ Burgtor, das während des Essens mit den Trophäen früherer Jagden,
+ Hirschgeweihen und ausgestopften Wolfs– und Bärenköpfen reich geziert
+ worden war.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Heiliger Hubertus, bitte für uns!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Hallihalloh! Gute Jagd und frohe Heimkehr!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Unmittelbar vor dem Eingang der Burg gabelte sich der Weg. In scharfem
+ Zickzack führte sein linker Arm stark abfallend zu Tal und setzte sich
+ dort längs der Eisch und dem Saume des Waldes fort; der andere schlug
+ einen kurzgeknickten Bogen, wand sich nordwärts um die
+
+<!-- Seite 15 -->
+
+ altersgrauen Mauern und führte, von Gras und Moos bedeckt, sanft
+ ansteigend in den Wald. Auf letzterem wandten der Graf und die Gräfin,
+ die Ritter und Edelknechte ihre Pferde rechtsum. Pagen und Treiber
+ stiegen mit den Hunden bergab.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dem sonst üblichen Gebrauch entgegen hatte Ludolph, Burgvogt von Arlon,
+ diese neue Jagdordnung vorgeschlagen. „So könnte man in halber
+ Bergeshöhe das im Tale aufgescheuchte Wild erwarten und ihm mit
+ frischen Pferden wirkungsvoller zu Leibe rücken!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auf ein Zeichen des gräflichen Hifthornes wurden drunten die Hunde
+ losgelassen. Schnuppernd führten sie die Nase an den Boden, und freudig
+ wedelnd liefen sie hastig hin und her.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schon ertönte aus dem Dickicht hier und dort vereinzeltes Kläffen.
+ Wurde häufiger und stärker. — Horch! da raschelte das Laub. Bergauf
+ wurde es lebendig.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hasen und Füchse huschten daher.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Reiter verhielten sich still. Einstweilen sollte auf Kleinwild
+ nicht geachtet werden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Erst ein braunes Reh, ein „Sechser“, brachte die Jäger in Bewegung. Wie
+ auf Kommando tanzten zwei Pferde auf den Hinterfüßen kurz herum und
+ setzten sich in langgestrecktem Lauf auf die Spuren des Flüchtlings.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Noch trippelte der Schimmel des Grafen ungeduldig an seinem ersten
+ Standort hin und her und scharrte die Erde. Noch war bis dahin auf dem
+ gräflichen Posten außer einem Hasen und einem Iltis keinerlei Beute
+ sichtbar geworden. Und auch die folgenden Minuten schafften darin
+ keinen Wandel.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Endlich wieder Tritte. Dicht nebenan schoß ein Silberfuchs vorüber.
+ </p>
+
+<!-- Seite 16 -->
+
+ <p class = "ein">
+ — Sollte man ihm folgen? —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „In der Not frißt der Teufel Fliegen,“ dachte der Graf. „Also los!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Es ist sonderbar, mit welch klugem Instinkt jagdgewohnte Pferde die
+ Verfolgung des Wildes aufnehmen. Nur auf eines brauchte Heinrich zu
+ achten: dem Tiere die Zügel schießen zu lassen und sich rechtzeitig vor
+ tiefhängenden Baumästen auf den Sattel niederzubeugen. Alles andere
+ besorgte der Schimmel selbst.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Der Fuchs war äußerst vorsichtig. Jeden Baum und Strauch als Deckung
+ benutzend, wand er sich schlangenartig durch dick und dünn mit einer
+ solchen Schnelligkeit, daß seine leichten Füße kaum den Boden zu
+ berühren schienen, weiter und immer weiter, über die tannenbestandenen
+ Hänge hinweg, westwärts gegen das Tal der „klaren Quelle“. Dort fanden
+ sich zahlreiche, von Sträuchern umstandene und von Felsen eingesäumte
+ Steingruben, aus denen man vor Jahren das Material zum Bau der
+ Bardenburg herausgefördert hatte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In ihnen sollte Meister Reinecke plötzlich verschwinden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Auch gut!“ murmelte der Graf. „Auch in deiner Höhle werde ich dich
+ aufstöbern, verflixtes Tier; solch leichten Kaufes sollst du mir nicht
+ entrinnen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Er ließ den schnaufenden Schimmel halten, sprang aus dem Sattel und
+ eilte mit Bogen und Köcher in die zweite der Gruben hinein.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Richtig, da lugte der Eingang einer großen Höhle. —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hastig trat er an dieselbe heran.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch, wie er auf den weichen, gelben Sand am Boden niederblickte, blieb
+ er verdutzt stehen. „Das sind doch keine Fuchsspuren!“ knurrte er, „das
+ sind Abdrücke großer, starkbekrallter Bärentatzen! — Und davon haben
+ meine Förster nichts gemeldet!“
+
+<!-- Seite 17 -->
+
+ Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. „Bären können höchst
+ unliebsame Gegner werden,“ flüsterte er, „zumal, wenn ihnen ein
+ Einzelner entgegentritt!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Aber die Ehre einer solch unerwarteten, königlichen Beute! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Eiligst legte er Bogen und Pfeile weg. Was konnten die gegen die harte,
+ fingerdicke Schädeldecke eines Brauntieres? Da mußten schon andere
+ Waffen herhalten, Lanze und der mit scharfem Eisen beschlagene spitze
+ Pfahl, die noch am Sattelzeug des Schimmels festhingen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hurtig, keine Zeit verloren!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Zwei Minuten später war der Graf aufs neue am Eingang der Höhle.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Im Innern derselben hörte man ein lautes, zorniges Brummen. Der
+ Hausherr war in seiner Wohnung und bekundete, daß er sich über den
+ unerwarteten Besuch seine eigenen Gedanken machte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Zu Boden gekauert, äugte der Graf aufmerksam in die Höhle hinein. Zu
+ seiner Rechten lag der Pfahl, griffbereit. In beiden Händen hielt er
+ die zum Angriff erhobene Lanze.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Das Brummen wurde stärker. Petz rüstete zur Abwehr. „Frecher
+ Ruhestörer!“ schien er zu knurren, „warte, ich will dich lehren!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Hochaufgerichtet, funkelnden Auges und mit weitgeöffnetem Rachen
+ stürzte er heran.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Eben wollte er sich mit aller Wucht auf den zu Boden geduckten Grafen
+ niederwerfen, da traf ihn der mit aller Kraft geführte sichere
+ Lanzenstoß so hart, daß das schwere Eisen tief zwischen die krachenden
+ Rippen eindrang und der Schaft der Waffe gegen die Mitte hin splitternd
+ abfuhr.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aus der Wunde schoß ein breiter Strahl rotschwarzen Blutes, und Meister
+ Petz, tödlich verwundet, purzelte mit
+
+<!-- Seite 18 -->
+
+ heiserem Geheul, schwer und unbeholfen zu Seiten des Grafen nieder,
+ überschlug sich und sank tobend am Fuß des Felsens nieder, wo ihm
+ ein wohlgezielter Stich des Pfahles das Lebenslicht ausblies.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Begeistert atmete Heinrich auf. Die Ehre des Tages war ihm gesichert.
+ — Mochten andere Rehe und Hirsche heimbringen, einen Bären hatte gewiß
+ niemand aufzuweisen! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch nun, fort zum Jagdsgesinde! Daß die eigenartige Tat bekannt und
+ das erlegte Tier nach Hause gebracht werde!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Flinken Fußes wollte er zum Schimmel zurück. Da war dieser
+ verschwunden. Er hatte die günstige Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt
+ fortzustehlen und an der „klaren Quelle“ seinen Durst zu stillen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Der pferdelose Reiter blickte mißmutig nach allen Seiten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Horch! Tönte da nicht ein eiliges Getrampel in einer daneben
+ liegenden, ähnlichen Grube? — Richtig ja! Das konnte nur der Schimmel
+ sein.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Um Zeit zu gewinnen, wollte Heinrich, ohne Umweg, durch Ginster und
+ Gesträuch quer zu dieser Grube hinübersteigen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Da traf ihn das Verhängnis.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Eben hatte er die Anhöhe erstiegen. Schon wollte er drüben
+ hinuntersteigen ... — Da! als habe ihn ein schweres Holz quer über die
+ Augen geschlagen, taumelte er zurück. Ein stechender Schmerz fuhr ihm
+ durch den ganzen Kopf. Mit lautem Schrei fiel er rücklings zu Boden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Gräfin Agnes hatte kurz zuvor auf dem Bardenberge einen herrlichen,
+ übergroßen Hirsch gesichtet; mit verhängten Zügeln hatte sie ihm
+ nachgesetzt; in der Grube, in die Heinrich eben niedersteigen wollte,
+ hatte sie das zitternde, müde Tier gestellt, mit starker Hand den Pfeil
+ nach ihm geschleudert ... Der Schuß war fehlgegangen, und der am
+
+<!-- Seite 19 -->
+
+ Felsen abgeprallte Pfeil hatte sich in die Stirne des ahnungslos
+ nahenden Grafen eingebohrt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wer möchte die Angst und das Entsetzen malen, das der unerwartete
+ menschliche Schrei im Herzen der Gräfin auslöste?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Sollte sie ... ach Gott, nein, es kann, es darf nicht sein! — Wie
+ außer sich, sprang sie vom Pferde herab und eilte ins Gesträuch hinauf.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Also doch! Den Kopf zurückgebogen, Augen und Gesicht voll Blut, lag
+ dort eine jämmerliche Gestalt, der Graf. Zwischen den Augen klaffte ihm
+ eine entsetzliche Wunde, aus der noch immer frische, dicke
+ Blutstropfen, einander jagend, niederrannen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Müde und mit unsicheren Händen tastete er hilfesuchend um sich. An
+ ihrem Schluchzen erkannte er die Gräfin. „Du, Agnes?“ zitterte er,
+ „du ...?, was ist geschehen?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie konnte nicht antworten. Einer Ohnmacht nahe, griff sie mit letzter
+ Kraft nach dem an ihrem Gürtel hängenden, silbernen Horn.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und bließ hinein, so entsetzt, so flehend, so um Hilfe weinend, daß der
+ klagende Ton weithin getragen in die Wälder schallte und die
+ erschrockenen Ritter und Knechte eiligst nach der Unglücksstelle
+ heranstürmten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auf einer Tragbahre brachte man den Schwerverwundeten auf sein Schloß
+ zurück. Ihm folgte seine weinende, der Verzweiflung nahe Gattin.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Jubelnd war man am Mittag ausgezogen. Wer hätte ahnen können, daß ein
+ so freudig begonnenes Fest ein so übermäßig trauriges Ende nehmen
+ würde?
+ </p>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 20 -->
+
+ <div class = "chapter">
+
+ <div>
+ <img src = "images/i_20-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-3"></a><span class = "kap">3. Kapitel.</span><br>
+ Trübe Zeiten</h2>
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img class = "initiale-s" src = "images/i_12-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "s-initiale">S</span>tatt der festlichen Tafel,
+ die an jenem Abend in der Bardenburg die
+ günstig verlaufene Jagd beschließen sollte, herrschte nun in deren
+ matterleuchteten Hallen eine drückende Stille. Nur im Flüstertone ging
+ die spärliche Unterhaltung zwischen den nächsten Tischnachbarn
+ vorsichtig hin und her, und nach rasch beendeter Mahlzeit zogen sich
+ alle zu meist schlafloser Ruhe auf ihr Zimmer zurück. In der Frühe des
+ folgenden Tages, ehe noch das Morgenrot über Hobscheid hinaus in den
+ Himmel stieg, befand sich die Mehrzahl der Gäste auf betrübter
+ Heimfahrt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie
+ die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu
+ verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach
+ Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen
+ durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer,
+ undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster
+ Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge
+ unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die
+ Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde
+
+<!-- Seite 21 -->
+
+ sich allmählich bessern;
+ aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf
+ ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige
+ Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen
+ „Heinrich, der Blinde“ eintrug.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes
+ tragen?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos
+ nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der
+ den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und
+ obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das
+ schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb
+ auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem
+ Sinne schwinden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach
+ Sonne dürstende Kind Ermesinde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten
+ Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie
+ auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das
+ molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen,
+ saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen
+ Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse.
+ An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die
+ kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren
+ mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in
+ buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe
+ Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines
+ leiderfüllten Herzens! Agnes
+
+<!-- Seite 22 -->
+
+ hatte sich noch immer nicht in ihre neue
+ Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich
+ und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie
+ verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der
+ Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte.
+ „Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu
+ sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin!
+ Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig
+ verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin
+ ich geraten!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Der Graf suchte sie zu trösten. „Mannigfache Trübsal zeichnet das Leben
+ eines jeden Menschen. Haben wir einst das Gute von der Hand Gottes
+ angenommen, warum sollen wir uns nicht auch in das Böse willig fügen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber der Schlag war zu plötzlich gewesen. Erst nach und nach konnte
+ sich das Herz der Gräfin ins Unabänderliche fügen lernen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ihr Ende rückte näher und näher.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie fühlte es. Und raffte sich schließlich zur Seelenruhe und zum
+ christlichen Gleichmut auf. Die Härten des Lebens hatten es ihr endlich
+ zum Bewußtsein gebracht, daß das Glück nicht allein in vergänglichen,
+ irdischen Dingen wohnt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit mütterlicher Liebe rief sie ihr Kind an ihr Krankenlager und sprach
+ zu ihm in ruhigen, abgeklärten Worten, die Ermesinde allerdings erst
+ viel später in ihrer ganzen Tragweite verstehen sollte: „Mein Kind,
+ wenn ich eines Tages nicht mehr an deiner Seite weilen werde, dann
+ bedenke und vergiß es nicht: Das Fundament allen Glückes ist der Friede
+ des Herzens. Den mußt du suchen! Den mußt du bewahren! Du bist jung; du
+ trägst einen ehrenvollen Namen; ein schönes Land wirst du eines Tages
+
+<!-- Seite 23 -->
+
+ dein eigen nennen. Man wird dir schmeicheln. In irdischem Besitz
+ könntest du deine Freude zu finden wähnen. Nein, Kind! Wie ein Pfeil
+ die Luft durchschwirrt, schwindet das Vergängliche rasch dahin.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wenige Tage darauf trauerten an ihrer Bahre ein blinder Greis und ein
+ unmündiges Kind, Ermesinde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Liebevoll und ergeben suchte ihr der Vater den allzufrühen Tod der
+ Mutter verschmerzen zu lassen. Wie manche Stunde saß das Kind an seiner
+ Seite, droben auf den Zinnen der alten Burg und lauschte auf seine
+ Ermahnungen und seine Schilderungen aus längst vergangenen Tagen! Vom
+ alten Römerweg drüben erzählte er, der hinter Klausen meterhoch über
+ das Gelände nach dem fernen Grünenwald führte, und auf dem die fremden
+ Eroberer Unterwerfung und Knechtschaft gebracht hatten; auf demselben
+ Wege waren aber auch die Boten des Evangeliums, Frieden kündend,
+ herangekommen und hatten dem Lande eine neue Freiheit und Gottes Segen
+ vermittelt. Er sah den großen Bischof und Wundertäter Martinus. Auf ihm
+ war St. Bernard vorübergezogen und Papst Eugen III. Von Verdun herüber,
+ durch Arlon, Straßen und Luxemburg waren sie gekommen, um nach Trier
+ weiterzuziehen, zur Einsegnung der St. Mathiaskirche, im Jahre 1148.
+ Der Bardenburg war damals die Ehre geworden, die hohen Gäste bewirten
+ zu dürfen. Auch vom Süden des Landes sprach er, von den saftigen Wiesen
+ des Rösertales und den fruchtbaren Gefilden, die sich um Johannisberg
+ und Zolverhöhe dehnten, von denen bei klarem Wetter die Dächer und
+ Zinnen herrlicher Burgen herübergrüßten. Dann freute sich das Kind und
+ vergaß auf eine Weile den Zug der Trauer, der jahraus, jahrein die
+ Lützelburg jener Tage füllte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dann meldete sich ein neues Unheil. Heinrich, der
+
+<!-- Seite 24 -->
+
+ bis dahin als
+ tapferer Streiter auf den Schlachtfeldern der Gegend bekannt und
+ gefürchtet war, konnte nicht mehr die Waffen führen. Zur Untätigkeit
+ verurteilt, hockte er verlassen in seiner Burg und war auf die Rechts–
+ und Friedensliebe seiner Vasallen und Nachbarn angewiesen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch, wo die Kraft zur Abwehr fehlt, erweist sich diese Hoffnung
+ oftmals trügerisch. Ritter und Barone griffen seine Besitzungen an und
+ entrissen ihm dieses und jenes. Und er konnte bloß machtlos zürnen und
+ mußte sich auf Verhandlungen einlassen, die meistens zu seinem Schaden
+ aussschlugen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wohl oder übel mußte er sich eines Besseren besinnen. Er mußte sich
+ nach einem Bundesgenossen umsehen, der an seiner Stelle in den Kampf
+ ziehen und den Ruhestörern das widerrechtlich Geraubte entreißen
+ könnte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Seine Wahl fiel auf Heinrich, Grafen der Champagne in Frankreich. Als
+ Lohn für seine Hilfe sollte ihm später mit der Hand Ermesindens das
+ Anrecht auf die von ihm geschützten Länder zufallen. Aber es dauerte
+ nicht lange, so trat er von dem Vertrag zurück. Allzuhäufig waren die
+ Streitigkeiten, in die er dieses Erbes wegen, verwickelt wurde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So litt der blinde Graf gegen Ende seines Lebens mehr und mehr, und
+ wäre nicht sein Kind gewesen, er hätte wirklich den Tod als milden
+ Retter und Freund herzlich gegrüßt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von Bedrängnissen umringt, starb er 1196 im Kloster zu Echternach und
+ fand seine Ruhestätte an der Seite seiner Gattin, in der stillen Gruft
+ des Klosters <span class = "fett">Floreffe</span>, in der Nähe von Namür.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Einsam und verlassen stand das neunjährige Kind Ermesinde, als
+ Doppelwaise in den weiten, altersgrauen Hallen ihres väterlichen
+ Schlosses.
+ </p>
+
+ <hr>
+ </div>
+
+<!-- Seite 25 -->
+
+ <div class = "chapter">
+
+ <div>
+ <img src = "images/i_25-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-4"></a><span class = "kap">4. Kapitel.</span><br>
+ Tage der Sonne
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-7 nobreakvor">
+ <img class = "initiale-k" src = "images/i_25-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst2 nobreakvor">
+ <span class = "k-initiale">K</span>indertränen
+ trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt
+ schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden
+ den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am
+ wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler,
+ Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen
+ Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und
+ herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf
+ gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings
+ hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im
+ Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am
+ Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten
+ vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn
+ sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung
+ zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens
+ Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft
+ Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem
+ Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos
+ verschwunden; es mußte
+
+<!-- Seite 26 -->
+
+ in ihr die Überzeugung Platz greifen, über ihrem
+ Schloß und Lande herrsche der reinste, ungetrübteste Friede. Und doch
+ bestanden diese Schwierigkeiten in ihren verschiedensten Arten
+ unvermindert fort, und mehr als einmal konnten sie nur zum dauernden
+ Schaden der gräflichen Besitzungen geschlichtet werden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes
+ Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des
+ heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen
+ schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien
+ ihr die Zukunft im rosigsten Lichte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen
+ Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die
+ blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem
+ nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem
+ Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des
+ gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der
+ scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden
+ und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der
+ Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken
+ blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich
+ verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du
+ zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden.
+ Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir
+ leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des
+
+<!-- Seite 27 -->
+
+ Jahres 1204, an dem
+ die Fürstin mit vollendetem 18. Lebensjahr die Regierung der Grafschaft
+ übernehmen sollte, gefeiert werden.
+ </p>
+
+
+
+ <div class = "center1">
+ <img src = "images/i_27.png" alt = "Ermesinde, Gräfin von Luxemburg"
+ style = "width: 85%">
+
+ <p class = "bildtext abst1-3 fett">
+ Ermesinde, Gräfin von Luxemburg
+ </p>
+ <p class = "bildtext abst-1-5 nobreakvor">
+ Das einzige uns erhaltene Bildnis Ermesindens.
+ Die Umschrift des Siegels lautet:
+ </p>
+ <p class = "latein nobreakvor unten2 abst-2-3">
+ Sigillum Hermessendis comitisse de Lucemburg et de Rupe.
+ </p>
+ </div>
+
+
+
+<!-- Seite 28 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und
+ Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten
+ in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit
+ wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie
+ wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin
+ gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die
+ Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu
+ legen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein
+ patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes
+ Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit
+ ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit
+ entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich
+ von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein
+ väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder
+ frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der
+ Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auf wen sollte die Wahl fallen?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien
+ Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem
+ künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine
+ Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine
+ Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung
+ zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft
+ Luxemburg merklich steigern mußte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter
+ des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden
+ Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in
+ glänzenden Turnieren,
+
+<!-- Seite 29 -->
+
+ das gewöhnliche Volk bei froher Tafel und
+ geselligem Spiel.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So schien denn der letzte Stein in den hochragenden
+ Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich
+ vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und
+ mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend.
+ Überall leuchteten Freuden und Sonne.
+ </p>
+
+ <p class = "ein unten2">
+ Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge,
+ hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich
+ aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes,
+ wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen.
+ </p>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 30 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_30-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-5"></a><span class = "kap">5. Kapitel.</span><br>
+ Zerstörte Glücksträume</h2>
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img class = "initiale-w" src = "images/i_30-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst2-3 nobreakvor">
+ <span class = "w-initiale">W</span>ie
+ mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe
+ sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in
+ furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und
+ zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus
+ tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten
+ Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen
+ Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen
+ Zeit werden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen,
+ kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf.
+ Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze
+ seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken
+ rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen
+ umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den
+ anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige
+ schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder,
+ auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot.
+ </p>
+
+<!-- Seite 31 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz
+ der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die
+ Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses
+ gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen,
+ die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn
+ ausgesprochen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes
+ und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen
+ Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht
+ eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister
+ lastete.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie
+ bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen,
+ daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich
+ nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und
+ damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen
+ seiner grauen Burg.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die
+ Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten;
+ endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um
+ Nachlassung des Bannes.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend,
+ sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr
+ verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die
+ Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung
+ gefunden hatte.
+ </p>
+
+<!-- Seite 32 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite
+ Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem
+ Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige
+ Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen.
+ </p>
+
+ <div class = "center1">
+ <div>
+ <img src = "images/i_32.png" alt = "Theobald nimmt Abschied von Ermesinde"
+ style = "width: 80%">
+
+ <p class = "bildtext nobreakvor">Theobald nimmt Abschied von Ermesinde.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p class = "ein">
+ Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach
+ Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine
+ Wallfahrt zum Grabe
+
+<!-- Seite 33 -->
+
+ der heiligen Genoveva nach Paris zu unternehmen,
+ und diesem Versprechen wollte sie möglichst bald nachkommen. Sie zog
+ durch Lothringen und die Champagne und kehrte im Herbst, als die Vögel
+ südwärts zogen, nach Luxemburg zurück.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom
+ Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur
+ einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß
+ wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden
+ Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein
+ kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles
+ gut werden!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit
+ entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen
+ gangbaren Wege liegen tief verschneit.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich
+ sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen
+ Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her
+ immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit
+ ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses
+ und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger
+ zeigte sich auf der bestaubten Straße.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach,
+ Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle
+
+<!-- Seite 34 -->
+
+ ich es, ein schweres Joch liegt auf
+ den Kindern Adams, den reichen nicht minder, wie den armen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte,
+ antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing
+ mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe
+ herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger
+ Zug!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst!
+ Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat
+ Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes
+ Willkomm in die Ferne.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal
+ entgegenzuziehen? —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich
+ nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich
+ vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht
+ unterscheiden?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die
+ Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht
+ handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde
+ abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet
+ keine frohe Heimkehr!“
+ </p>
+
+<!-- Seite 35 -->
+
+ <p class = "ein">
+ “Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch,
+ Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges,
+ noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ...
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und
+ dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen
+ Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die
+ Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend,
+ sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim,
+ um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des
+ Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da
+ erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die
+ volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte.
+ </p>
+
+ <hr>
+
+<!-- Seite 36 -->
+
+ </div>
+
+ <div class = "chapter">
+
+ <div>
+ <img src = "images/i_36-1.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-6"></a><span class = "kap">6. Kapitel.</span><br>
+ Untergang?
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-5">
+ <img class = "initiale-m" src = "images/i_36-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "m-initiale">M</span>it
+ dem Tage, an dem die blutbefleckte Leiche ihres Gatten in die
+ feuchte Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe niederstieg, schien für
+ Ermesinde die Sonne jeglichen Erdenglückes für immer erloschen zu sein.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie geistesabwesend stand sie am Beerdigungstage in den weiten,
+ schaurigen Gewölben, in deren kaltem Düster sich die schmucklosen, aus
+ Stein gehauenen Sarkophage in langen, grauen Reihen dehnten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Tagelang fand sie keine Tränen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Dann aber rang sich ihr Schmerz mit solcher elementaren, ungezähmten
+ Wucht durch, daß ihre Umgebung ernstlich für ihre Gesundheit fürchten
+ mußte, und die Besorgnis groß wurde, es möchte in Bälde ein weiterer
+ Sarg Schloß und Land Luxemburg in neue, noch tiefere Trauer senken.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ermesinde hätte sich auf diese Lösung herzlich gefreut. Auch der
+ schmerzlichste Tod wäre ihr in jenen Tagen als milder Retter und lieber
+ Freund erschienen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In nie gesehener Schärfe traten ihr wieder und wieder all die schweren
+ Schicksalsschläge vor Augen, die ihr wie ein dunkeler Schatten seit
+ Kindheittagen gefolgt waren und ihr rastlos ihre jungen Jahre vergällt
+ hatten. Mutlos ließ sie die Arme sinken. In bitterem Weh wiederholte
+ sie wieder und wieder das klagende Wort: „Ein schweres Joch liegt auf
+ den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zu
+
+<!-- Seite 37 -->
+
+ der glücklichen Stunde,
+ wo sie das Zeitliche segnen und alles Leides enthoben, aus dem
+ Tränental der Erde scheiden dürfen.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Immer mehr verlor sich ihr Sinnen in dumpfes Hinbrüten. Merklich zehrte
+ es an ihren Kräften, bis sie schließlich, wie mit gebrochenen Flügeln
+ hilflos in die Nacht der Verzweiflung zu stürzen drohte. „Hätte ich nie
+ einen Thron gesehen! Hätte mich das Schicksal in ärmliche Verhältnisse
+ hineingestellt, ich hätte vielleicht noch glücklich werden können! Aber
+ so! Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ein zweites Mal zog sie von Luxemburg fort. Ein zweites Mal nahm sie
+ den Weg zur Bardenburg. Wie sich das verwundete Wild schutzsuchend in
+ das tiefste Dickicht des Waldes zurückzieht, trug sie ihren Schmerz
+ fort aus den Augen der Menschen und aus dem lauten Lärm der Straßen. Ob
+ vielleicht in stiller Waldeseinsamkeit ein zartes Blümlein sprösse, an
+ dessen Duft ihre kranke Seele Labung und neuen Höhenflug finden
+ könnte ...!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die
+ Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige
+ Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War
+ sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die
+ Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige
+ Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr
+ in sich zurückgezogen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in
+ glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter
+ zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und
+ Würden waren eingeführt worden,
+
+<!-- Seite 38 -->
+
+ und die edelsten Männer des Landes
+ stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen.
+ </p>
+
+ <div class = "center1">
+ <div>
+ <img src = "images/i_38.png" alt = "Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg"
+ style = "width: 100%">
+ </div>
+ <p class = "bildtext nobreakvor">
+ Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg.
+ </p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 39 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit,
+ Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine
+ herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich
+ unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und
+ Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes
+ Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes
+ entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein
+ weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben
+ geblendet und enttäuscht zu werden? —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie konnte nicht mehr beten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte
+ sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze
+ Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute
+ sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie
+ blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu
+ Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter
+ schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in
+ die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen
+ an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den
+ Scheiben niederrollten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und
+ neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von
+ Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in
+ längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht
+ auf das einlullende Murmeln der Quellen.
+ </p>
+
+<!-- Seite 40 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Alles, alles war umsonst.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue
+ Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am
+ stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem
+ weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges,
+ regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich
+ knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre
+ Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine
+ frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern,
+ unaufhörlichen Tränen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht
+ die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit
+ dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer
+ tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um
+ so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so
+ manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters:
+ </p>
+
+
+ <div class = "poem-container abst1-3">
+ <div class = "poem3">
+ <p class = "gedichtzeile">„Durch Druck und Schläge mannigfalt</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wird rein geglättet jeder Stein,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Bevor des weisen Vaters Hand</p>
+ <p class = "gedichtzeile">In hohen Bau ihn füget ein.“</p>
+ </div>
+ </div>
+
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 41 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_41-1.png" alt="" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-7"></a><span class = "kap">7. Kapitel.</span><br>
+ Schwindende Nacht
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-5 nobreakvor">
+ <img class = "initiale-s" src = "images/i_12-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "s-initiale">S</span>eptuagesima
+ 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die
+ Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg
+ zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige
+ Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille
+ war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo
+ ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur
+ Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her
+ die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie
+ daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren
+ niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer
+ Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare,
+ verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich
+ lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie
+ mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre
+ Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich
+ schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider
+ ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“
+ lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du
+
+<!-- Seite 42 -->
+
+ ihm nachtrauern! Nicht lange
+ mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich
+ getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie
+ banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des
+ Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich;
+ die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für
+ sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto
+ nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das
+ trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer
+ und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum
+ Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In
+ großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner
+ augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen
+ seiner Gedanken entspricht.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden
+ Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten,
+ der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe
+ findet.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und
+ Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten
+ Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten
+ sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den
+ Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“
+ </p>
+
+ <p class = "zentriert unten1-5">
+ *<br>
+ *<span class = "ger3-5">*</span><br>
+ </p>
+
+<!-- Seite 43 -->
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und
+ wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen.
+ Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten,
+ blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß
+ von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des
+ murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob
+ es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Alles atmete Frieden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die
+ Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade
+ weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche,
+ unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“
+ hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute
+ friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem
+ Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder
+ die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber etwas hielt sie zurück.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ
+ sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den
+ goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem
+ Tälchen daherzogen.
+ </p>
+
+<!-- Seite 44 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Ihre Augen waren halb geschlossen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der
+ Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von
+ Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich
+ ineinander; auf ihre Lippen stieg das <span class = "gesperrt">Ave</span>,
+ der Gruß an die Königin
+ der Königinnen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich
+ die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches
+ Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand
+ vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht
+ und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend
+ weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um
+ ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne,
+ wie kleine Sonnen, glänzten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst
+ zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des
+ Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den
+ Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen
+ freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal
+ breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen,
+ leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie
+ Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in
+ langen,
+
+<!-- Seite 45 -->
+
+ durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen
+ der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie
+ ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht
+ minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es
+ herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und
+ überglücklich.
+ </p>
+
+ <img src = "images/i_45.png" alt="Ermesinde an der Quelle mit ihrer Erscheinung"
+ style = "width: 90%">
+
+ <p class = "bildtext">
+ Die Erscheinung an der klaren Quelle.
+ </p>
+
+<!-- Seite 46 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das
+ denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein
+ schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern
+ auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier
+ hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem
+ Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses
+ inmitten der Wolle von selber wuchs.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche
+ Bild.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine
+ Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige
+ von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne
+ glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und
+ unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen,
+ labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich
+ meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen
+ die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du
+ suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten
+ Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du
+ kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen?
+ Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog
+ sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und
+ verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch
+ schwebte
+
+<!-- Seite 47 -->
+
+ dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und
+ verging.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge
+ suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur
+ das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer
+ Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr
+ gewandelt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am
+ Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden
+ Sternen, ein Bild dessen, was sie an der
+ <span class = "gesperrt">klaren Quelle</span> geschaut
+ hatte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie
+ schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das
+ sie einige Verslein einfügte:
+ </p>
+
+ <div class = "poem-container abst1-3">
+ <div class = "poem3">
+ <p class = "gedichtzeile">„Ich will schlummern; wache du,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Herr und Hirte deiner Schafe,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Schließ die müden Augen mir,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Schütze mich in meinem Schlafe!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Gib mir deiner Engel Wacht,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Liebster Jesu, gute Nacht!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wenn ich träume, sei’s von dir</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und den lieben Englein allen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Die wie Schäflein, voller Zier,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Durch den Himmel mit dir wallen!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Grüße, die mir sind bekannt,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Dort, zu deiner rechten Hand!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Gute Nacht, Herr Jesu Christ!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Hirte, der du gütig bist,</p>
+
+<!-- Seite 48 -->
+
+ <p class = "gedichtzeile">Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Was ich klagend hab’ gefehlet,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">im Trübsinn, sonder Maß,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ich auf deine Huld vergaß!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Hilf mir fortan besser sein,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“</p>
+ </div>
+ </div>
+
+
+ <p class = "ein abst1-5">
+ In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer
+ längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel
+ hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum
+ Himmel zu senden:
+ </p>
+
+ <div class = "poem-container abst1-3">
+ <div class = "poem3">
+ <p class = "gedichtzeile">„Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln;</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Labt meine müde Seele;</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Um seines Namens willen.</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ich würde keinen Unfall fürchten,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Denn du bist bei mir.“ <span class = "kursiv gerueckt10">(Ps. 22)</span></p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 49 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_49-1.png" alt="" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-8"></a><span class = "kap">8. Kapitel.</span><br>
+ Beim Klausner
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-5 nobreakvor">
+ <img class = "initiale-d" src = "images/i_49-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "d-initiale">D</span>och wer mochte die holde Dame sein,
+ die Ermesinde mit ihrer
+ Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost
+ ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen
+ freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten
+ Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen,
+ schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen
+ Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch
+ sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den
+ grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und
+ suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend
+ durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war.
+ Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins
+ murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von
+ der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb
+ umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der
+ gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und
+ die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das
+ junge Grün.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich
+ getragene Klang des Klausnerglöckchens.
+
+<!-- Seite 50 -->
+
+ Wie ein feines, helles
+ Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume;
+ verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder
+ anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle
+ Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen:
+ </p>
+
+ <div class = "center1">
+ <p class = "poem2">
+ „Grüße die Mutter,<br>
+ Die himmlische Frau!<br>
+ Ihr deine Leiden<br>
+ Sorglos vertrau!“<br>
+ </p>
+ </div>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die
+ Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:
+ </p>
+
+ <div class = center1>
+ <p class = "poem2">
+ „Gruß dir, o Mutter,<br>
+ Du himmlische Frau!<br>
+ All meine Sorgen<br>
+ Dir ich vertrau!“<br>
+ </p>
+ </div>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken
+ waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins
+ hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben
+ konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange
+ vergessen konnte ...! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn
+ umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die ganze Gegend kannte ihn.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie
+ und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus
+ fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete
+ Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe
+
+<!-- Seite 51 -->
+
+ Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen,
+ klugen Rat erteilen konnte.
+ </p>
+
+ <img src = "images/i_51.png"
+ alt="Der Klausner verharrt auf einer Bank zwischen
+ Felsen und einem alten Baum"
+ style = "width: 85%">
+
+ <p class = "bildtext">
+ Der Klausner in Betrachtung.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur
+ beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu
+ verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle
+ und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine
+ langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort
+ sammelte er Kräuter und Heilblumen,
+
+<!-- Seite 52 -->
+
+ die er sorgsam trocknete und für
+ die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er
+ seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch
+ ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals
+ müßig fände.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu
+ Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell
+ verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er
+ ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten:
+ „<span class = "fut">Memento mori!</span>
+ Gedenke deines Sterbens!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte
+ nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der
+ Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da
+ trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure
+ tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig
+ folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der
+ Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem
+ Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit
+ größter Freude helfen. Redet!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all
+ das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig
+
+<!-- Seite 53 -->
+
+ verfolgt, die Nacht
+ der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie
+ schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach
+ sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder
+ einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich
+ aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt
+ prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin
+ geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits
+ hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu
+ Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen
+ muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will
+ ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um
+ Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in
+ seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige
+ Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein
+ schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ermesinde versprach es.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als
+ sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter
+ Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende,
+ friedliche Herde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der
+ Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes
+ Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.
+ </p>
+
+<!-- Seite 53 -->
+
+ <p class = "ein">
+ „Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war
+ kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das
+ Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war
+ himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet
+ das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der
+ Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet,
+ findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder
+ Rhabanus!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste
+ Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der
+ Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie
+ verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen,
+ Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen
+ sollen von früh bis spät.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem
+ Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr
+ denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle
+ wünscht?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist
+ ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr
+ Skapulier ist schwarz.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die
+ klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein
+ schmuckes Kirchlein mit niedrigem
+
+<!-- Seite 54 -->
+
+ Turm, und durch die stillen Bäume
+ hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in
+ die fernsten Zeiten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die
+ Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch
+ dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die
+ allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen
+ von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St.
+ Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner
+ Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser
+ Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der
+ flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun
+ aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere
+ Einzelheiten darüber wisse.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und
+ verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben
+ kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie
+ der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau
+ selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser
+ Klause, darüber schreibt!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Die Gräfin las:
+ </p>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ „Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser
+ heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich
+ gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen.
+ Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und
+ die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die
+ Weihe der St. Matthiaskirche
+
+<!-- Seite 56 -->
+
+ vornehmen sollten. Der Papst nahm an.
+ Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen
+ Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich
+ auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die
+ Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und
+ überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen
+ Segen und sein Gebet.
+ </p>
+
+
+ <div class = "center1">
+ <div>
+ <img src = "images/i_56.png"
+ alt="Chorschwester in Haustracht mit abgesetzten schwarzen
+ Streifen und Flächen sowie Chorschwester in Chortracht
+ mit einheitlich hellem Gewand"
+ style = "width: 80%">
+ </div>
+
+ <div>
+
+ <div class = "bitxtli">
+ <p class = "bitxtli">
+ Chorschwester in Haustracht
+ </p>
+
+ </div>
+
+ <div class = "bitxtre">
+ <p class = "bitxtre">
+ Dieselbe in Chortracht
+ </p>
+
+ </div>
+
+ </div>
+
+ </div>
+
+ <p class = "bildtext abst0-8">
+ Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen)
+ von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in
+ Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der
+ Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen
+ Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft
+ eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom
+ heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg.
+ </p>
+
+<!-- Seite 57 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt
+ an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen
+ vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das
+ unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem
+ Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer
+ göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen
+ Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das
+ Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr
+ Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der
+ Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine
+ besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft,
+ die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig
+ erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für
+ die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der
+ zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte,
+ durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die
+ gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“
+ </p>
+
+ <p class = "ein unten1-5">
+ Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu
+ offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände
+ des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun
+ ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war,
+ der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade
+
+<!-- Seite 58 -->
+
+ erflehte, mit der die
+ Gottesmutter mich vorgestern beglückt hat. Deshalb will ich mich auch
+ dankbar erweisen. Nicht bloß werde ich hier eine Abtei bauen lassen,
+ auch die Quelle soll von heute ab Gegenstand höchster Ehre werden. An
+ ihren Ufern soll ein Heiligtum der Muttergottes erwachsen. Klar und
+ friedlich soll sie immerdar fließen inmitten der Stille, die ich hier
+ für die Seelen gründen werde, die dem Lärm und Hasten der Welt
+ entfliehen und hier unter dem Schutzmantel Mariens den Frieden finden
+ wollen ...“
+ </p>
+
+<!-- Seite 59 -->
+
+ <div class = "flexcontainer breakvor">
+ <img src = "images/i_58.png"
+ alt="Portrait des heiligen Bernhard"
+ style = "width: 70%">
+ </div>
+
+ <p class = "bildtext">
+ <span class = "fett">Der hl. Bernhard</span><br>
+ nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse
+ von Fontaine bei Dijon.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der
+ Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und
+ tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der
+ Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins
+ stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere
+ Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden
+ tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“
+ </p>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 60 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_60-1.png" alt="" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-9"></a><span class = "kap">9. Kapitel.</span><br>
+ Sich weitender Weg
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-5 nobreakvor">
+ <img class = "initiale-d" src = "images/i_49-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "d-initiale">D</span>as Gewitter verzieht.
+ In seine letzten sich lichtenden Regenfäden
+ fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem
+ in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens.
+ Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und
+ schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des
+ Friedens über der vom Regen neu belebten Erde.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln
+ Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer
+ früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische
+ Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden
+ Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes
+ Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts
+ weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie
+ selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in
+ stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen?
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er
+ sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes
+ künden.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung:
+ </p>
+
+<!-- Seite 61 -->
+
+ <p class = "ein">
+ „Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem
+ Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen
+ Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und
+ des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist
+ das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein,
+ und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze
+ Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben
+ gefundene Frieden plötzlich wieder fort.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter
+ unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so
+ sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der
+ Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu
+ pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die
+ allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht
+ im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am
+ dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre
+ aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern
+ ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch
+ genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner
+ Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der
+ bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster
+ Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf
+ dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle
+ Eures Volkes!“
+ </p>
+
+<!-- Seite 63 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender
+ Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und
+ brachte es zur Ruhe.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt
+ Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will
+ ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen
+ suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter
+ umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet,
+ kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig
+ hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den
+ Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der
+ Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten
+ spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen.
+ </p>
+
+ <div class = "poem-container abst1-3">
+ <div class = "poem3">
+ <p class = "gedichtzeile">Willst du glücklich sein im Leben,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Trage bei zu anderer Glück,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Denn die Freude, die wir geben,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Kehrt ins eigene Herz zurück.“</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p class = "ein abst0-8">
+ So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen
+ einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet,
+ offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte.
+ </p>
+
+ <hr>
+
+ </div>
+
+<!-- Seite 64 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_63-1.png" alt="" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-10"></a><span class = "kap">10. Kapitel.</span><br>
+ Nach hohen Zielen
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "abst1-5 nobreakvor">
+ <img class = "initiale-s" src = "images/i_12-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini abst1-5 nobreakvor">
+ <span class = "s-initiale">S</span>chäumend brausen die Meereswogen
+ an das felsige Land. Von der Höhe
+ grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei
+ eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit
+ hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie
+ dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und
+ erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach
+ matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht
+ er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel;
+ seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe
+ vollen freien Lauf.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden
+ Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der
+ klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein
+ solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo
+ die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald
+ gerodet.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht
+ müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine
+ und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in
+ langen,
+
+<!-- Seite 64 -->
+
+ niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim
+ Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die
+ stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und
+ Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ „Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“
+ flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo
+ müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“
+ Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben
+ Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus
+ konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des
+ Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses
+ Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte
+ nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem
+ ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das
+ Wohl Eures Volkes!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch
+ gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen
+ des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg
+ seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von
+ keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen
+ nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen
+ waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen
+ zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu
+
+<!-- Seite 65 -->
+
+ stetem, brüderlichem
+ Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ ‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden
+ Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen
+ Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in
+ der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke
+ eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war
+ man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die
+ Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen
+ des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten
+ die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in
+ Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in
+ Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen
+ worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten
+ Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten
+ Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre
+ bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich
+ unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden
+ Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer
+ die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die
+ zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von
+ Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine
+ glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte.
+ </p>
+
+<!-- Seite 66 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm,
+ Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen,
+ Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und
+ viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor
+ Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der
+ gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von
+ Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von
+ Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines
+ gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und
+ Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit
+ rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und
+ niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen
+ Tagen, ein einig Volk von Brüdern.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen
+ weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten
+ Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei
+ vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in
+ Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten
+ bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den
+ Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu
+ suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das
+ Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen
+ Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden
+ Beterinnen
+
+<!-- Seite 67 -->
+
+ ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am
+ Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens.
+ </p>
+
+ <img src = "images/i_67.png"
+ alt="Verfallene Mauern und eingebrochene Gewölbe, im
+ Hintergrund ein steinernes Kruzifix und davor ein
+ kniender Mensch"
+ style = "width: 75%">
+
+ <p class = "bildtext">
+ Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche von
+ Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der
+ Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute
+ Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel
+ sandte!
+ </p>
+
+<!-- Seite 68 -->
+
+ <p class = "ein">
+ Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums
+ Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die
+ Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen
+ Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende
+ Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den
+ Gerichtshof des Adels.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von
+ Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften
+ erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht
+ zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und
+ das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den
+ Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den
+ Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den
+ Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und
+ im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie
+ selbstständig und unabhängig.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit
+ und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der
+ ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen
+ einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte
+ von dessen mannigfachem Segen.
+ </p>
+
+ <hr>
+ </div>
+
+<!-- Seite 69 -->
+
+ <div class = "chapter">
+ <div>
+ <img src = "images/i_69-1.png" alt="" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-11"></a><span class = "kap">11. Kapitel.</span><br>
+ Heim, zum ewigen Frieden
+ </h2>
+ </div>
+
+ <div class = "nobreakvor">
+ <img class = "initiale-f" src = "images/i_03-2.png" alt = "">
+ </div>
+
+ <p class = "blockini nobreakvor">
+ <span class = "f-initiale">F</span>ünfundzwanzig Jahre hatte
+ die Fürstin mit milder Hand das Zepter des
+ Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet.
+ Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde,
+ war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der
+ Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer
+ erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr
+ Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron
+ verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? —
+ „Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“
+ lautete ihre Antwort.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den
+ versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen
+ Tag gefreut.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit
+ jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus
+ Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich
+ fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung
+
+<!-- Seite 70 -->
+
+ entgegen. Mit dem
+ folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und
+ das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die
+ Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag
+ in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem
+ Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie
+ dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames,
+ verdienstreiches Leben teilen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung
+ finden.
+ </p>
+
+ <p class = "zentriert">
+ *<br>
+ *<span class = "ger3-5">*</span>
+ </p>
+
+ <p class = "ein abst1-3">
+ Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag
+ alles begraben unter Schnee und Eis.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe
+ „<span class = "fut">Invocabit</span>“
+ gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste
+ gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der
+ tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren
+ Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen
+ Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war
+ das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten
+ Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie
+ nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte.
+ Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers:
+ „Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend
+ starkem
+
+<!-- Seite 71 -->
+
+ Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und
+ bedeutungsvolle Pause gemacht.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem
+ Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer
+ von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in
+ ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem
+ Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie
+ sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue
+ mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des
+ Herrn!“
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ — „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die
+ Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei
+ deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ —
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor.
+ Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die
+ scheidende Seele.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben.
+ </p>
+
+ <p class = "zentriert">
+ *<br>
+ *<span class = "ger3-5">*</span>
+ </p>
+
+ <p class = "ein abst1-3">
+ Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht
+ man zur Leiche.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe
+ getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens
+ gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er
+ trug die Inschrift:
+ </p>
+
+<!-- Seite 72 -->
+
+ <p class = "ein">
+ „Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder
+ Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist
+ gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man
+ ‚<span class = "fut">Invocabit</span>‘ singt.“
+ </p>
+
+ <div class = "flexcontainer breakvor">
+ <img src = "images/i_72.png"
+ alt="Steinerner Sarkophag mit liegender, ins Gebet
+ vertiefter Statue"
+ style = "width: 80%">
+ </div>
+
+ <p class = "bildtext">
+ Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim
+ Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir
+ an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl!
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst
+ du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest
+ du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden!
+ </p>
+
+<!-- Seite 73 -->
+
+
+ <div class = "center1">
+ <div>
+ <img src = "images/i_73-2.png"
+ alt="Klosteranlage, eingebettet im Tal zwischen bewaldeten Höhen"
+ style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <p class = "bildtext nobreakvor">
+ Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von
+ Clairefontaine.
+ </p>
+ </div>
+
+
+ </div>
+
+
+
+<!-- Seite 74 -->
+
+
+ <div class = "chapter">
+ <img src = "images/i_74.png" alt = "" style = "width: 100%">
+
+ <h2 class = "fut zentriert abst2 nobreakvor">
+ <a id = "anker-12"></a>CLAIREFONTAINE
+ </h2>
+
+ <hr class = "abst-0-5 nobreakvor">
+
+
+ <div class = "hoeh0-9 nobreakvor poem-container ger3-5">
+ <p class = "poemnr">1.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Daß sie kühle Ruhe finde,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Stieg im Mittagssonnenschein</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Von der Bardenburg allein</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Gräfin Ermesinde</p>
+ <p class = "gedichtzeile">In das tiefe Tal hinein.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">2.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">In des Grundes duft’gem Schweigen</p>
+ <p class = "gedichtzeile">O, wie liegt der Tag so weit</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Mit dem schwülen Sonnenleid!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Goldig von den Zweigen</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Träuft der Bann der Einsamkeit.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">3.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Nur ein Quell singt träum’risch leise,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Dann und wann ein Käfer schwirrt,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und im müden Kreise</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ein lichttrunkner Falter irrt.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">4.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Langsam folgt die hohe Fraue</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Dem gewohnten Buchenpfad,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Bis sie sich der Lichtung naht,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wo auf sonn’ger Aue</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Leuchtend steht die Blumensaat.</p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 75 -->
+
+ <p class = "poemnr">5.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Doch auch hier im bunten Kreise</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Alles still und feierlich,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Blum’ und Blümlein neigen sich,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Nur der Quell singt leise:</p>
+ <p class = "gedichtzeile">„Niemand wacht umher als ich.“</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">6.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Und auch ihr sinkt Kraft und Wille,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Müde blickt sie in die Pracht,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Auch an ihr übt sachte, sacht</p>
+ <p class = "gedichtzeile">In der Mittagsstille</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Sonnenzauber seine Macht.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">7.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">An dem Quell läßt sie sich nieder,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wunschbefreit, gedankenlos,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Legt die Hände in den Schoß</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und die weichen Glieder</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Lehnt sie auf das weiche Moos.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">8.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Neben ihr mit hellem Rieseln</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Rinnt die Quelle silberrein,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Singt und springt ins Tal hinein</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Unter Schilf und Kieseln —</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ei, das liebe Wässerlein!</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">9.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">„Clere fountaine! Clere fountaine!“</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Haucht die Gräfin vor sich hin,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. —</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Clere fountaine! Clere fountaine!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ei, die liebe Schläferin! —</p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 76 -->
+
+ <p class = "poemnr">10.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Doch auf einmal, linde, linde</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. —</p>
+ <p class = "gedichtzeile">An der Quelle kühlem Saum</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Träumt Frau Ermesinde</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Einen wunderbaren Traum. —</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">11.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Durch die Nacht der Bäume schreitend,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Naht ein hohes Frauenbild,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie ein Mutterlächeln mild,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Sanften Glanz verbreitend</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie die Lilien im Gefild.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">12.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie sie durch das Waldgras schwebt,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Doch manch Blümlein neubelebt</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Unter ihrem Schritte</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Sein glutwelkes Krönchen hebt.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">13.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Vor der Gräfin hielt sie inne,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Setzt sich an der Quelle Rand,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Klatscht in ihre weiße Hand</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und mit heiterm Sinne</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Blickt sie aufwärts unverwandt.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">14.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Sieh, da nahte auf das Zeichen</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Eine märchenhafte Schar:</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Vorn ein Knab’ im Lockenhaar,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Lieblich ohnegleichen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Still und sittig wunderbar.</p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 77 -->
+
+ <p class = "poemnr">15.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Hinter ihm auf weichen Füßen</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wallten, traulich dicht geschart,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Viele Schäfchen süß und zart;</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Solche zarten, süßen</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Nimmer sind sie ird’scher Art.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">16.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Freudig folgten sie dem Kleinen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und an seinem Lilienstab</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Führte sie der Himmelsknab’</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Zu dem hohen, reinen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Milden Frauenbild hinab.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">17.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Lächelnd saß die hohe Holde,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Hieß sie trinken aus dem Quell,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und o Wunder! sonnenhell,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie vom pursten Golde,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Strahlte da ihr Silberfell.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">18.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Und den Wald durchfloß ein Klingen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und entzückend scholl das Lied,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Das, wie Sehermund verriet,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Der allein darf singen,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Der des Lammes Straße zieht. —</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">19.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Dann verschwinden Kind und Schafe,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Eingehüllt in ros’ges Licht,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und die hohe Holde spricht,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Während froh im Schlafe</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Glüht der Gräfin Angesicht:</p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 78 -->
+
+ <p class = "poemnr">20.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">„Ermesinde,“ spricht sie milde,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">„Liebe, traute Schäferin,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Deute dir mit frommem Sinn,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Was du sahst im Bilde,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Dir und andern zum Gewinn.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">21.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Viele müde Schäfchen schreiten,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Die bedrängt des Lebens Zorn;</p>
+ <p class = "gedichtzeile">O durch Dürre, Sand und Dorn,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Gute Gräfin, leiten</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Kannst du sie zum Wonneborn.</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">22.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Himmelsschäfchen, Gottesbräute,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Reich an Tugend, groß an Zahl!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Richte ihnen hier den Saal!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Ermesinde, heute</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Zog der Herr durch dieses Tal.“ —</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">23.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Durch die Nacht der Bäume schreitend,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Sacht entschwebt das hohe Bild,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie ein Mütterlächeln mild,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Sanften Glanz verbreitend</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Wie die Lilien im Gefild. —</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">24.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Rings im bunten, duft’gen Kreise</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Alles still und feierlich. —</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Doch da regt die Gräfin sich</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Und sie murmelt leise:</p>
+ <p class = "gedichtzeile">„Gott, wie selig träumte ich!“</p>
+ </div>
+
+<!-- Seite 79 -->
+
+ <p class = "poemnr">25.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">Neben ihr mit hellem Rieseln</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Rinnt die Quelle silberrein,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Singt und springt ins Tal hinein</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Unter Schilf und Kieseln —</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Heil dir, klares Wässerlein!</p>
+ </div>
+
+ <p class = "poemnr">26.</p>
+ <div class = "poem4">
+ <p class = "gedichtzeile">„Clere fountaine! Clere fountaine!“</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Spricht die Fraue vor sich hin,</p>
+ <p class = "gedichtzeile">„Ja, ich faß des Traumes Sinn.“</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Clairefontaine! Clairefontaine!</p>
+ <p class = "gedichtzeile">Heil dir, edle Gründerin!</p>
+ </div>
+
+
+
+
+ <p class = "autor abst-0-5">
+ Dr. Nikolaus Welter.
+ </p>
+
+ </div>
+
+ </div>
+
+ <div class = "center1">
+ <div class = "abst2">
+ <img src = "images/i_79.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <div class = "bildtext nobreakvor">
+ Die auf den Ruinen der Clairefontainer Abtei
+ errichtete Muttergotteskapelle mit Ermesindens Grabmal.
+ </div>
+
+
+ <div class = "abst2 breakvor">
+ <div class = "fett zentriert hoeh1-3 unten1-1">
+ Inhalt:
+ </div>
+
+ <table class = "inverz">
+ <tr>
+ <td class = "rechts">1.</td>
+ <td>Kapitel.</td>
+ <td>Die Fahrt zur Jagd</td>
+ <td class = "rechts">Seite</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-1">3</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">2.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Ein verhängnisvoller Schuß</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-2">12</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">3.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Trübe Zeiten</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-3">20</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">4.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Tage der Sonne</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-4">25</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">5.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Zerstörte Glücksträume</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-5">30</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">6.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Untergang?</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-6">36</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">7.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Schwindende Nacht</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-7">41</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">8.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Beim Klausner</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-8">49</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">9.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Sich weitender Weg</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-9">60</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">10.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Nach hohen Zielen</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-10">63</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "rechts">11.</td>
+ <td class = "ger1-1">—</td>
+ <td colspan = "2">Heim, zum ewigen Frieden</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-11">68</a></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class = "leer">leer</td>
+ <td class = "leer">leer</td>
+ <td colspan = "2">Clairefontaine</td>
+ <td class = "rechts"><a href = "#anker-12">72</a></td>
+ </tr>
+
+ </table>
+
+
+ <div class = "zentriert abst2 nobreakvor">
+ <img src = "images/i_80.png" alt = "Schmuckbild Blume" style = "width: 20%">
+ </div>
+
+ </div>
+
+
+ <div>
+
+ <div class = "abst4 unten-0-5 breakvor">
+ <img src = "images/i_82.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+
+ <p class = "zentriert gesperrt nobreakvor">
+ Empfehlenswerte Jugendlektüre:
+ </p>
+
+
+ <p class = "ger3-5">
+ Der arme Rudi<br>
+ Im Walde verirrt<br>
+ Häsleins Tod<br>
+ Was der schwarze Hans erlebte<br>
+ Zum Altare Gottes<br>
+ Primizkrone/Sterbekranz<br>
+ Unter fremden Menschen<br>
+ Der Ungeschworene<br>
+ Im Höllenschornstein<br>
+ Der Liebling des Patriarchen<br>
+ Marie Adelheid<br>
+ Das Gespenst und andere Geschichten<br>
+ Kalender für kleine Leute 1929<br>
+ Der Sämann, Jahrbuch für die Jugend.<br>
+ </p>
+
+ <p class = "ein2">
+ Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verfasser
+ Pfarrer Th. <span class = "gesperrt">Zenner</span>, Folscheid (Luxemburg).
+ </p>
+
+ <div class = "nobreakvor abst0-8">
+ <img src = "images/i_82.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ </div>
+
+
+ <div>
+
+ <div class = "abst4 breakvor">
+ <img src = "images/i_81.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+
+ <div class = "kursiv adveng">
+
+ <p class = "ein abst0-8 nobreak">
+ Eine recht wirksame Unterstützung<br>
+ </p>
+
+ <p class = "zentriert fett advgross abst-0-5">der Missionen<br>
+ </p>
+
+ <p class = "block abst-0-8 unten-0-5">
+ ist ein Abonnement auf eine Missionszeitschrift. Die illustrierte
+ Monatsschrift der Missionsschule Clairefontaine
+ </p>
+
+ <div class = "flexcontainer">
+ <p>
+ <span class = "fett advdopline advgross">
+ HEIMAT & MISSIONEN</span><br>
+ </p>
+ </div>
+
+ <p class = "block abst-0-5">
+ bietet <span class = "advline durchsch2">Missionsartikel, Lokalgeschichtliches,
+ Abhandlungen über
+ Herz–Jesu–Andacht und sonstige religiöse Gebiete sowie
+ Unterhaltendes.</span>
+ </p>
+
+ <p class = "zentriert abst-0-5">
+ Ein Jahresabonnement kostet <span class = "fett">10</span> Fr.
+ </p>
+
+ <p class = "ein">
+ Man bezieht sie unter folgender Adresse:
+ <span class = "fett">Missionsschule von Clairefontaine b. Eischen</span>
+ (Grossh. – Luxbg).<br>
+ </p>
+
+ <p class = "advklein zentriert abst-0-8">Postscheckkonto, Luxemburg 3052.
+ </p>
+
+ </div>
+
+ <div class = "nobreak">
+ <img src = "images/i_81.png" alt = "" style = "width: 100%">
+ </div>
+ </div>
+
+ <div class = "breakvor zentriert abst4">
+ <img src = "images/i_83.png" alt = "Siegelähnliche ovale Abbildung einer Kirche
+ mit rundem Turm"
+ style = "width: 50%">
+ </div>
+
+
+ </div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***</div>
+</body>
+</html> \ No newline at end of file
diff --git a/77488-h/images/cover.jpg b/77488-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..0ac11e3
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/coverb.png b/77488-h/images/coverb.png
new file mode 100644
index 0000000..ce97ac4
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/coverb.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_01.png b/77488-h/images/i_01.png
new file mode 100644
index 0000000..c3e5974
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_01.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_03-1.png b/77488-h/images/i_03-1.png
new file mode 100644
index 0000000..5f05c89
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_03-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_03-2.png b/77488-h/images/i_03-2.png
new file mode 100644
index 0000000..bd43deb
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_03-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_04.png b/77488-h/images/i_04.png
new file mode 100644
index 0000000..5ff5521
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_04.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_08-1.png b/77488-h/images/i_08-1.png
new file mode 100644
index 0000000..28ed4c9
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_08-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_08-2.png b/77488-h/images/i_08-2.png
new file mode 100644
index 0000000..21860b5
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_08-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_08-3.png b/77488-h/images/i_08-3.png
new file mode 100644
index 0000000..7f9938f
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_08-3.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_12-1.png b/77488-h/images/i_12-1.png
new file mode 100644
index 0000000..fc45865
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_12-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_12-2.png b/77488-h/images/i_12-2.png
new file mode 100644
index 0000000..fc85e8e
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_12-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_13-1.png b/77488-h/images/i_13-1.png
new file mode 100644
index 0000000..1334f06
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_13-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_13-2.png b/77488-h/images/i_13-2.png
new file mode 100644
index 0000000..5f98081
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_13-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_13-3.png b/77488-h/images/i_13-3.png
new file mode 100644
index 0000000..1334f06
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_13-3.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_20-1.png b/77488-h/images/i_20-1.png
new file mode 100644
index 0000000..cca8609
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_20-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_25-1.png b/77488-h/images/i_25-1.png
new file mode 100644
index 0000000..87521a3
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_25-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_25-2.png b/77488-h/images/i_25-2.png
new file mode 100644
index 0000000..68ac315
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_25-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_27.png b/77488-h/images/i_27.png
new file mode 100644
index 0000000..ae658cf
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_27.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_30-1.png b/77488-h/images/i_30-1.png
new file mode 100644
index 0000000..9a94841
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_30-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_30-2.png b/77488-h/images/i_30-2.png
new file mode 100644
index 0000000..2bcde8f
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_30-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_32.png b/77488-h/images/i_32.png
new file mode 100644
index 0000000..c414ebf
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_32.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_36-1.png b/77488-h/images/i_36-1.png
new file mode 100644
index 0000000..ab48390
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_36-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_36-2.png b/77488-h/images/i_36-2.png
new file mode 100644
index 0000000..f2db6a8
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_36-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_38.png b/77488-h/images/i_38.png
new file mode 100644
index 0000000..6785edf
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_38.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_41-1.png b/77488-h/images/i_41-1.png
new file mode 100644
index 0000000..7ac958b
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_41-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_45.png b/77488-h/images/i_45.png
new file mode 100644
index 0000000..dc9b80c
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_45.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_49-1.png b/77488-h/images/i_49-1.png
new file mode 100644
index 0000000..fe18d9d
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_49-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_49-2.png b/77488-h/images/i_49-2.png
new file mode 100644
index 0000000..efa11d5
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_49-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_51.png b/77488-h/images/i_51.png
new file mode 100644
index 0000000..f0ee1f1
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_51.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_56.png b/77488-h/images/i_56.png
new file mode 100644
index 0000000..e71e4aa
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_56.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_58.png b/77488-h/images/i_58.png
new file mode 100644
index 0000000..aea5dae
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_58.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_60-1.png b/77488-h/images/i_60-1.png
new file mode 100644
index 0000000..acedac2
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_60-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_63-1.png b/77488-h/images/i_63-1.png
new file mode 100644
index 0000000..102cf76
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_63-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_67.png b/77488-h/images/i_67.png
new file mode 100644
index 0000000..62e1897
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_67.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_69-1.png b/77488-h/images/i_69-1.png
new file mode 100644
index 0000000..3615ee7
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_69-1.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_72.png b/77488-h/images/i_72.png
new file mode 100644
index 0000000..fef77dc
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_72.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_73-2.png b/77488-h/images/i_73-2.png
new file mode 100644
index 0000000..64bfe83
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_73-2.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_74.png b/77488-h/images/i_74.png
new file mode 100644
index 0000000..34149f7
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_74.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_79.png b/77488-h/images/i_79.png
new file mode 100644
index 0000000..66f8595
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_79.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_80.png b/77488-h/images/i_80.png
new file mode 100644
index 0000000..c643d3c
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_80.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_81.png b/77488-h/images/i_81.png
new file mode 100644
index 0000000..3b643f9
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_81.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_82.png b/77488-h/images/i_82.png
new file mode 100644
index 0000000..c769dff
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_82.png
Binary files differ
diff --git a/77488-h/images/i_83.png b/77488-h/images/i_83.png
new file mode 100644
index 0000000..a73472a
--- /dev/null
+++ b/77488-h/images/i_83.png
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6c72794
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..097be86
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #77488
+(https://www.gutenberg.org/ebooks/77488)