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@@ -0,0 +1,2442 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***
+####################################################################
+
+Anmerkungen
+
+ Das Original ist in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftarten
+ sind wie folgt gekennzeichnet:
+ gesperrt: |gesperrt|
+ fett: #fett#
+ kursiv: $kursiv$
+ Futura: _Futura–Schrift_
+ unterstrichen: +unterstrichen+
+ Kapitälchen: =KAPITÄLCHEN=
+
+ Einige offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend
+ korrigiert. Die Schreibweise der Kapitelnummern wurde mit
+ einem abschließenden Punkt vereinheitlicht.
+
+ Fußnoten stehen am Ende des jeweiligen Absatzes.
+
+ Die Missionswerbung des vorderen inneren Umschlagdeckels wurde an
+ das Ende des Textes hinter die Verlagswerbung geschoben.
+
+####################################################################
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+
+
+
+Ermesinde
+
+Historische Erzählung
+aus dem 12. und 13. Jahrhundert
+
+
+von P. N. G. _=S. C. J.=_
+
+nach dem Französischen
+
+von #Th. |Zenner|#
+
+
+[Illustration]
+
+
+1928
+
+Arlon — Buchdruckerei A. Willems.
+
+
+
+
+_Cùm permissù Sùperiorùm_
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+1. Kapitel.
+
+Die Fahrt zur Jagd
+
+
+Frühjahr eintausend einhundert siebenundachtzig.
+
+Unabsehbar blaut der Himmel. Lautlos stieg sein klares Bild, ungemessen
+tief ins dunkle, träge Wasser, das die Alzette in kurzgeschweiftem
+Bogen majestätisch ernst um die schroffen Felsen schlingt, die zu
+Luxemburg das Schloß der Grafen tragen.
+
+Doch was ist das für ein Singen und Klingen heute, droben in der sonst
+so vornehm stillen Burg? Es grüßen die Fahnen, im schwachen Winde
+knattern die Wimpel und Oriflammen; und von den Zinnen, gegen Osten und
+Westen, gegen Süden und Norden, schallen von Zeit zu Zeit weithin
+getragen die frohen Klänge der Hörner und Trompeten. Bis zum
+Grünenwald, bis zum Baumbusch hinüber dringt ihr fester Schall und
+weckt in deren tiefen, waldigen Gründen ein hundertfältiges,
+begeistertes Echo.
+
+Tauftag ist.
+
+Ein kleines, blondes Mägdlein hat seinen Einzug ins gräfliche Schloß
+gehalten. Hat freudigen Empfang gefunden bei groß und klein, aber ganz
+besonders im Herzen seiner fürstlichen Eltern, des großmächtigen Herrn
+Heinrich, Grafen von Luxemburg und Namür und dessen edler Gattin, der
+Dame Agnes, Tochter des Grafen von Geldern und Zütphen.
+
+
+[Illustration: Die ehemalige Burg der Grafen von Luxemburg.]
+
+
+Und heute zieht vom Benediktiner–Münster herauf der vieledle,
+hochwürdige Priester und Abt, Everwinus. Der soll dem fürstlichen
+Menschenkind den Stempel eines Gotteskindes aufdrücken und ihm im
+Sakrament der heiligen Taufe einen Namen geben, den fortab das
+Luxemburger Land als einen seiner schönsten und größten Namen kennen
+und nennen wird: |Ermesinde|.
+
+In Freuden verfließt der Rest des Tages.
+
+Schon funkeln die nächtlichen Sterne. Aus dem Düster der Alzette
+glitzert ihr zitterndes Bild. Da rüsten sich die letzten der Gäste, die
+Herren von Körich und Ritter von Ansemburg, zur späten Heimkehr.
+Gehobenen Herzens drücken sie dem Grafen Heinrich die Hand. „Ein
+verheißungsvoller Anfang!“ rühmen sie, „möge dem hochedlen Kinde, Euerm
+Töchterlein, ein langes, glückliches Leben leuchten! Gute Nacht, Herr
+Graf! Auf baldiges Wiedersehen und frohes Weiterfeiern!“
+
+Unter diesem Weiterfeiern verstanden sie den alten, landläufigen
+Gebrauch, demzufolge ein freudiges Familienereignis mit einer großen,
+aufwandreichen Jagd zu beschließen war, an der die befreundeten
+Adelsgeschlechter der ganzen Gegend teilnehmen durften.
+
+Graf Heinrich griff die Andeutung auf. Am anderen Tage ergingen die
+Einladungen. Als Tag der Veranstaltung sollte der Pfingstdienstag
+gelten, als Ort das wald– und wildreiche Gelände der Bardenburg.
+
+Sie lag ungefähr vier Wegestunden von Luxemburg entfernt und bildete
+die Krone eines anmutigen Hügels, der auf dem linken Ufer der Eisch den
+Eingangs eines lauschigen Tälchens schützt[1].
+
+[1] Ungefähr 20 Minuten südwestlich vom heutigen Dorfe Eischen.
+
+Schon seit Jahrhunderten war dieses Tälchen berühmt. Geisterhaft
+murmelte in ihm ein frisches, klares Wasser, von dem die Legende
+berichtet, daß es seinerzeit den heidnischen Bewohnern der Gegend als
+Gottheit gegolten hätte. Heidnische Priester und Sänger, „Barden“
+genannt, nahmen an der rauschenden Quelle Aufenthalt und dauernden
+Wohnsitz. So konnten sie aus nächster Nähe die Feierlichkeiten zu Ehren
+der vermeintlichen Gottheit leiten. Sie erbauten auch das Schloß, das
+von ihnen seinen Namen herleitete.
+
+In christlicher Zeit erschienen die Boten des Evangeliums. Die
+Finsternis des Heidentums verschwand. Mit ihr die Barden.
+
+An der klaren Quelle baute ein schlichter Eremit sein bescheidenes
+Hüttlein. Das Wasser weihte man der allerseligsten Jungfrau, und ein
+einfaches, ebendaselbst errichtetes Kirchlein wurde Wallfahrtsort und
+Heiligtum der Muttergottes.
+
+Ins verlassene Bardenschloß zogen die römischen Legionen. Jahrhunderte
+lang diente es ihnen als Festung.
+
+Dann kam der Verfall. Wie mancher schwere Stein bröckelte aus den
+verwitternden Mauern und rollte dröhnend zu Tal! Wie mancher fand sein
+nasses Grab drunten in den rauschenden Wassern der Eisch!
+
+Erst später lebte die Herrlichkeit wieder auf. Unter der Herrschaft der
+Grafen von Luxemburg wurde die Feste wieder aufgebaut, vergrößert und
+verschönert. In jahrelanger, mühsamer und kostspieliger Arbeit erstand
+die zweite, wunderbar herrliche Residenz, nach der Graf Heinrich auf
+den Dienstag nach Pfingsten seine Getreuen beschieden hatte.
+
+Hell und heiter ging der Tag auf. Als ob die Sonne ihr Bestes,
+ungetrübten Glanz, spenden wolle, um den Tag des fürstlichen Kindes,
+das nun 6 Wochen alt geworden war, geziemend auszuzeichnen.
+
+Im Osten des Landes wimmelte es auf Wegen und Stegen von frommen
+Pilgern, die singend und betend gegen Echternach zogen, zur
+kreuzgeformten, nunmehr 40jährigen Basilika, unter deren schützenden
+Gewölben der Apostel der Friesen, St. Willibrod, tot von den Mühen
+seines bischöflichen Amtes ausruhte. Gegen Westen aber ging die
+Jagdfahrt des Grafen Heinrich.
+
+Alte Heeresstraße Luxemburg–Arlon! Sollst du je zwischen deinen Bäumen
+einen herrlicheren Zug gesehen haben?
+
+An der Spitze schreiten die Waffenknechte. Ha! wie die spiegelblanken
+Helme und scharfen Hellebarden strahlenschießend in der Sonne blitzen!
+Wie die blonden, rotwangigen Pagen in ihren malerischen, bunten Röcken,
+kecken Auges daherprunken! Und erst die Wappenträger! Hoch zu Roß,
+purpurfarben, goldbetreßt! — Graf Heinrich inmitten seiner Ritter! —
+Was ziehen denn die zwei weißen, mit rotem Lederzeug behangenen Kühe?
+
+Im wohlverschlossenen Kinderwagen, in molligen Kissen, fährt langsam
+und sicher, das 6 Wochen alte Kind, Ermesinde. Was Wunder, daß seine
+entzückte Mutter, stolzerhobenen Hauptes an seiner Seite reitet und von
+ihrem hohen Schimmel aus zufriedene Blicke nach allen Seiten sendet.
+Soweit die Augen reichen, Herrlichkeit, Freude und Glanz.
+
+Dann und wann ziehen am Wege Landleute und heimkehrende Arbeiter
+vorüber. Wie geblendet bleiben sie stehen und grüßen mit scheuer
+Verbeugung. Und die Lanzknechte schlagen ihre Waffen aneinander, als
+wollten sie mit ihrem stolzen Klirren einen unausfüllbaren Abstand
+andeuten zwischen sich und dem an die Scholle gebundenen Manne. Die
+Pagen erwidern die Ehrbezeugung mit einem überlegenen Lächeln, während
+der Graf mit wohlwollender Verneigung des Hauptes darauf antwortet. In
+den Blicken der Gräfin aber lag es kalt, kalt und wie stumme
+Verachtung. Als ob sie zu einer anderen Rasse gehörte, und unendlich
+hoch und erhaben über jenen throne.
+
+
+[Illustration: Die noch heute sichtbaren Umwallungen und Gräben der
+|Bardenburg|.]
+
+
+Während die Gräfin sich selbstgefällig in diesen eiteln Gedanken
+wiegte, näherte sich vom Feldrain her eine ärmlich gekleidete junge
+Frau, Sie ging gebückt, denn auf ihrem schmächtigen Rücken lastete eine
+schwere, mit Grünfutter gefüllte, große Hotte: in ihren kreuzweise
+verschlungenen Armen ruhte ein unmündiges, schlummerndes Kind, während
+ein anderes, das kaum der Wiege entwachsen war, an der mütterlichen
+Schürze mehr fortgezogen als fortgeführt werden mußte.
+
+Das Gesicht der armen Frau war welk und furchig. Auf ihrer Stirne
+perlte der Schweiß, und die ihr vom Winde verzausten Haare flatterten
+wirr um ihre eingefallenen Schläfen.
+
+Ein kaum unterdrücktes „Ach!“ stieg auf die Lippen der Fürstin. „Armes,
+elendes Volk!“ flüsterte sie, „wäre es nicht besser, du tätest
+überhaupt nicht ... leben?“ Dabei griff sie in die Satteltasche und warf
+der am Wege stehenden Gruppe ein blinkendes Geldstück zu, das klirrend
+zu den Füßen des erschrockenen Kindes niederrollte.
+
+Die arme Frau hatte das Wort gehört. Unerschrocken sah sie auf und ließ
+ihren Blick furchtlos in den Augen der Gräfin haften. Dann sprach sie
+fest und entschieden: „Sie dürften sich irren, gnädige Frau! Allerdings
+sind wir nicht reich; Tag für Tag müssen wir schwer arbeiten, aber
+unglücklich sind wir nicht!“
+
+Ein ungläubiges Lächeln huschte um die Lippen der Fürstin. „Nicht
+unglücklich?“ forschte sie, „nicht unglücklich! Das wäre doch
+sonderbar, wo ich, inmitten der irdischen Güter und all ihrer
+Annehmlichkeiten, Mühe habe, ein wenig Glück herauszuschlagen! Der
+Allerhöchste verteilt es ja so spärlich an die Söhne der Menschen!“
+
+„Das wüßte ich nicht, gnädige Frau!“ lautete die Antwort. „Freilich,
+wenn man nur |das| „Glück“ nennt, was die irdischen Dinge, die
+zeitlichen Güter uns spenden können, dann ist es spärlich gesät. Und
+hat gar wenig Bestand. Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, wie ein
+Vogel daherzieht und keine Spur zurückläßt, geht es vorüber. Wie
+gewonnen, so zerronnen! — Wer aber das „Glück“ recht auffaßt, der
+findet es überall und reichlich!“
+
+„Überall und reichlich? Wieso?“
+
+Mit einem kaum merklichen Anflug von Röte fuhr die arme Frau fort: „Es
+steht mir schlecht zu, Euch, fürstliche Dame, belehren zu wollen. Aber
+ich meine, „glücklich“ sein, heißt Gottes Willen erfüllen und sich in
+seine Fügungen schicken. Wer das tut, dem geht es wohl, der ist
+zufrieden und froh, als Knecht nicht minder denn als Graf und König!“
+
+Dabei bückte sie sich nieder, hob das Geldstück auf und reichte es mit
+bescheidener Verbeugung zurück. „Wollen gnädige Frau es einem anderen
+schenken,“ bat sie, „andere brauchen es vielleicht nötiger als wir.
+Mein Mann und ich sind gesund. Wir können arbeiten und sind nicht
+unglücklich!“
+
+Die Gräfin schüttelte das Haupt. Solches war ihr niemals vorgekommen.
+
+„Ja, ja,“ gab sie verlegen wieder, „Ihr werdet es wohl mit den Mönchen
+und Einsiedlern halten. Die haben sich auch eingeredet, daß zum
+menschlichen Glück das Irdische nicht notwendig ist, und daß dazu
+nichts anderes gehört, als der sogenannte „Friede der Seele.“
+
+Die arme Frau lächelte. „Ganz recht, gnädige Frau!“ nickte sie, „meiner
+Meinung nach habt Ihr das Richtige getroffen; der Friede des Herzens
+ist das Fundament und ein großer Bestandteil jeglichen Glückes.“
+
+Die Gräfin schürzte die Lippen. Mit verächtlicher Kopfbewegung sah sie
+nach den Dienerinnen, die an ihrer Seite geblieben waren, um, und indem
+sie auf den an einer Wegkrümmung verschwindenden Jagdzug hinwies,
+mahnte sie: „Sputen wir uns! Wir müssen die Unserigen einholen! Sie
+sind schon weit voraus!“
+
+Ohne sich weiter nach der armen Frau umzusehen, gab sie dem Pferde die
+Sporen, und eiligst ging es auf der staubigen Straße weiter.
+
+Aber wirf einen Stein ins Wasser! Liegt er schon am Grunde, so wallt
+noch die Oberfläche, die er in Bewegung gesetzt hat, fort, und die
+Wellen tragen ihre Kreise weiter und weiter. So blieb auch die
+Erinnerung an das soeben Erlebte im Geiste der Gräfin Agnes haften und
+weckte Gedanken auf Gedanken.
+
+„Friede! Friede!“ lachte sie. „Armes Volk, weiter kannst du nichts
+ersehnen! Aber wir, wir die Reichen und Mächtigen haben andere Gesetze!
+Wir brauchen nur Leben und Gesundheit. Für den Rest können wir selber
+sorgen!“
+
+— Doch, was hatte das arme Weib von der Vergänglichkeit gesprochen,
+vom schnellen Verrinnen aller irdischen Größe und Macht? — Wie
+gewonnen, so zerronnen! Heute rot, und morgen tot ...! —
+
+Daß aber auch gerade jetzt solch trübe Gedanken ihre Ruhe stören
+mußten!
+
+Vor ihre Seele traten Bilder aus längstvergangenen Tagen, Erlebnisse
+und Erinnerungen, die sie vergessen glaubte, schwarze Tage der Trauer
+und der Trübsal.
+
+— War denn damals ihr Haus nicht mächtig gewesen? Und reich? Und doch!
+—
+
+Ein leises Zittern umflog sie. Wie von einem drohenden Unheil
+erschreckt, blickte sie nach ihrem Gatten. — Gott sei Dank! Dort ritt
+er froh inmitten seiner Gäste.
+
+Hastig öffnete sie die Vorhänge des Kinderwagens und schaute nach der
+kleinen Ermesinde.
+
+Auch das Kind war munter. Lieblich schlummernd lag es in den weißen
+Kissen, und ein glückliches Lächeln umspielte seinen rosigen Mund.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+2. Kapitel.
+
+Ein verhängnisvoller Schuß
+
+
+Schon dröhnten die ersten Pferdehufe in eiligem Viertakt auf der aus
+Balken und breiten Brettern gebildeten Eischbrücke. Erschrocken
+huschten die flinken Forellen im Wasser hin und her und verschwanden
+als dunkle Streifen unter überhängendem Ufergras oder knorrigen, am
+Rand des Baches verkrümmten Erlenwurzeln.
+
+Doch wem galt der dutzendfache frohe Hörner– und Trompetenschall, der
+eben von den Zinnen der Bardenburg herniederwallte? — Dem fürstlichen
+Kinde, das eben zum erstenmal die Höhe dieser väterlichen Burg
+ersteigen sollte? — Seinen hochedlen Eltern? — Ihren Begleitern? —
+Sie galten der ganzen Gesellschaft, der sie ein ‚herzliches Willkomm‘
+und ein ‚gut Heil auf ersprießliche Jagd‘, entgegenschmetterten.
+
+Durch die hellen Klänge wurden die Pferde, die schon anfingen, müde zu
+werden, aufgemuntert. Kräftiger holten sie aus. Die Hunde zerrten
+fester an den Koppeln, und voll Sehnsucht schielten und schnupperten
+sie nach den Wäldern.
+
+
+[Illustration: Die Jagdgesellschaft verläßt die Bardenburg.]
+
+
+Seit dem frühen Morgen hatte man sich in der weiten, starkverwölbten
+Küche auf die Ankunft der hohen Herrschaft vorbereitet. Denn, wenn auch
+die Hauptmahlzeit erst am Abend, nach glücklich verlaufener Jagd,
+stattfinden sollte, so mußte auch jetzt durch reichen Imbiß die müde
+Gesellschaft für die Anstrengungen der Reise entschädigt und für die
+Strapazen des Nachmittags gekräftigt werden. Und Koch und Unterköche
+hatten ihr Bestes getan, nicht nur des Lobes wegen, das voraussichtlich
+ihrer Kunst gespendet würde, sondern auch in Berechnung des
+Trinkgeldes, das bei solchen Gelegenheiten besonders reichlich
+auszufallen pflegte, denn Ritter und Barone waren Leute, die sich nicht
+lumpen lassen durften.
+
+Frohes, lustiges Essen. Währenddessen ergötzten sich die Pferde an den
+vollgefüllten Krippen, und die Hunde taten sich gütlich an Schüsseln,
+in denen die Fleischbrocken zahlreicher waren, als an gewöhnlichen
+Tagen.
+
+Am Himmel lachte die Sonne, und kein Wölkchen bleichte die tiefe,
+einheitliche Bläue des waldumsäumten Horizontes.
+
+Gegen 2 Uhr stand alles bereit. Hei! wie da die Hunde kläfften! Wie die
+Pferde scharrten und ungeduldig durch die aufgeblähten Nüstern bliesen!
+Selbst die Mannen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo der Burgwart
+vom hohen Bergfried aus in einem dreifachen, nach allen Seiten
+wiederholten Hallihalloh das Zeichen zum Auszug und zum Beginn des
+Jagens geben würde.
+
+Als Erste zogen der Graf und die Gräfin auf weißen Schimmeln zum
+Burgtor, das während des Essens mit den Trophäen früherer Jagden,
+Hirschgeweihen und ausgestopften Wolfs– und Bärenköpfen reich geziert
+worden war.
+
+„Heiliger Hubertus, bitte für uns!“
+
+„Hallihalloh! Gute Jagd und frohe Heimkehr!“
+
+Unmittelbar vor dem Eingang der Burg gabelte sich der Weg. In scharfem
+Zickzack führte sein linker Arm stark abfallend zu Tal und setzte sich
+dort längs der Eisch und dem Saume des Waldes fort; der andere schlug
+einen kurzgeknickten Bogen, wand sich nordwärts um die altersgrauen
+Mauern und führte, von Gras und Moos bedeckt, sanft ansteigend in den
+Wald. Auf letzterem wandten der Graf und die Gräfin, die Ritter und
+Edelknechte ihre Pferde rechtsum. Pagen und Treiber stiegen mit den
+Hunden bergab.
+
+Dem sonst üblichen Gebrauch entgegen hatte Ludolph, Burgvogt von Arlon,
+diese neue Jagdordnung vorgeschlagen. „So könnte man in halber
+Bergeshöhe das im Tale aufgescheuchte Wild erwarten und ihm mit
+frischen Pferden wirkungsvoller zu Leibe rücken!“
+
+Auf ein Zeichen des gräflichen Hifthornes wurden drunten die Hunde
+losgelassen. Schnuppernd führten sie die Nase an den Boden, und freudig
+wedelnd liefen sie hastig hin und her.
+
+Schon ertönte aus dem Dickicht hier und dort vereinzeltes Kläffen.
+Wurde häufiger und stärker. — Horch! da raschelte das Laub. Bergauf
+wurde es lebendig.
+
+Hasen und Füchse huschten daher.
+
+Die Reiter verhielten sich still. Einstweilen sollte auf Kleinwild
+nicht geachtet werden.
+
+Erst ein braunes Reh, ein „Sechser“, brachte die Jäger in Bewegung. Wie
+auf Kommando tanzten zwei Pferde auf den Hinterfüßen kurz herum und
+setzten sich in langgestrecktem Lauf auf die Spuren des Flüchtlings.
+
+Noch trippelte der Schimmel des Grafen ungeduldig an seinem ersten
+Standort hin und her und scharrte die Erde. Noch war bis dahin auf dem
+gräflichen Posten außer einem Hasen und einem Iltis keinerlei Beute
+sichtbar geworden. Und auch die folgenden Minuten schafften darin
+keinen Wandel.
+
+Endlich wieder Tritte. Dicht nebenan schoß ein Silberfuchs vorüber.
+
+— Sollte man ihm folgen? —
+
+„In der Not frißt der Teufel Fliegen,“ dachte der Graf. „Also los!“
+
+Es ist sonderbar, mit welch klugem Instinkt jagdgewohnte Pferde die
+Verfolgung des Wildes aufnehmen. Nur auf eines brauchte Heinrich zu
+achten: dem Tiere die Zügel schießen zu lassen und sich rechtzeitig vor
+tiefhängenden Baumästen auf den Sattel niederzubeugen. Alles andere
+besorgte der Schimmel selbst.
+
+Der Fuchs war äußerst vorsichtig. Jeden Baum und Strauch als Deckung
+benutzend, wand er sich schlangenartig durch dick und dünn mit einer
+solchen Schnelligkeit, daß seine leichten Füße kaum den Boden zu
+berühren schienen, weiter und immer weiter, über die tannenbestandenen
+Hänge hinweg, westwärts gegen das Tal der „klaren Quelle“. Dort fanden
+sich zahlreiche, von Sträuchern umstandene und von Felsen eingesäumte
+Steingruben, aus denen man vor Jahren das Material zum Bau der
+Bardenburg herausgefördert hatte.
+
+In ihnen sollte Meister Reinecke plötzlich verschwinden.
+
+„Auch gut!“ murmelte der Graf. „Auch in deiner Höhle werde ich dich
+aufstöbern, verflixtes Tier; solch leichten Kaufes sollst du mir nicht
+entrinnen!“
+
+Er ließ den schnaufenden Schimmel halten, sprang aus dem Sattel und
+eilte mit Bogen und Köcher in die zweite der Gruben hinein.
+
+— Richtig, da lugte der Eingang einer großen Höhle. —
+
+Hastig trat er an dieselbe heran.
+
+Doch, wie er auf den weichen, gelben Sand am Boden niederblickte, blieb
+er verdutzt stehen. „Das sind doch keine Fuchsspuren!“ knurrte er, „das
+sind Abdrücke großer, starkbekrallter Bärentatzen! — Und davon haben
+meine Förster nichts gemeldet!“
+
+Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. „Bären können höchst
+unliebsame Gegner werden,“ flüsterte er, „zumal, wenn ihnen ein
+Einzelner entgegentritt!“
+
+— Aber die Ehre einer solch unerwarteten, königlichen Beute! —
+
+Eiligst legte er Bogen und Pfeile weg. Was konnten die gegen die harte,
+fingerdicke Schädeldecke eines Brauntieres? Da mußten schon andere
+Waffen herhalten, Lanze und der mit scharfem Eisen beschlagene spitze
+Pfahl, die noch am Sattelzeug des Schimmels festhingen.
+
+Hurtig, keine Zeit verloren!
+
+Zwei Minuten später war der Graf aufs neue am Eingang der Höhle.
+
+Im Innern derselben hörte man ein lautes, zorniges Brummen. Der
+Hausherr war in seiner Wohnung und bekundete, daß er sich über den
+unerwarteten Besuch seine eigenen Gedanken machte.
+
+Zu Boden gekauert, äugte der Graf aufmerksam in die Höhle hinein. Zu
+seiner Rechten lag der Pfahl, griffbereit. In beiden Händen hielt er
+die zum Angriff erhobene Lanze.
+
+Das Brummen wurde stärker. Petz rüstete zur Abwehr. „Frecher
+Ruhestörer!“ schien er zu knurren, „warte, ich will dich lehren!“
+
+Hochaufgerichtet, funkelnden Auges und mit weitgeöffnetem Rachen
+stürzte er heran.
+
+Eben wollte er sich mit aller Wucht auf den zu Boden geduckten Grafen
+niederwerfen, da traf ihn der mit aller Kraft geführte sichere
+Lanzenstoß so hart, daß das schwere Eisen tief zwischen die krachenden
+Rippen eindrang und der Schaft der Waffe gegen die Mitte hin splitternd
+abfuhr.
+
+Aus der Wunde schoß ein breiter Strahl rotschwarzen Blutes, und Meister
+Petz, tödlich verwundet, purzelte mit heiserem Geheul, schwer und
+unbeholfen zu Seiten des Grafen nieder, überschlug sich und sank tobend
+am Fuß des Felsens nieder, wo ihm ein wohlgezielter Stich des Pfahles
+das Lebenslicht ausblies.
+
+Begeistert atmete Heinrich auf. Die Ehre des Tages war ihm gesichert.
+— Mochten andere Rehe und Hirsche heimbringen, einen Bären hatte gewiß
+niemand aufzuweisen! —
+
+Doch nun, fort zum Jagdsgesinde! Daß die eigenartige Tat bekannt und
+das erlegte Tier nach Hause gebracht werde!
+
+Flinken Fußes wollte er zum Schimmel zurück. Da war dieser
+verschwunden. Er hatte die günstige Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt
+fortzustehlen und an der „klaren Quelle“ seinen Durst zu stillen.
+
+Der pferdelose Reiter blickte mißmutig nach allen Seiten.
+
+— Horch! Tönte da nicht ein eiliges Getrampel in einer daneben
+liegenden, ähnlichen Grube? — Richtig ja! Das konnte nur der Schimmel
+sein.
+
+Um Zeit zu gewinnen, wollte Heinrich, ohne Umweg, durch Ginster und
+Gesträuch quer zu dieser Grube hinübersteigen.
+
+Da traf ihn das Verhängnis.
+
+Eben hatte er die Anhöhe erstiegen. Schon wollte er drüben
+hinuntersteigen ... — Da! als habe ihn ein schweres Holz quer über die
+Augen geschlagen, taumelte er zurück. Ein stechender Schmerz fuhr ihm
+durch den ganzen Kopf. Mit lautem Schrei fiel er rücklings zu Boden.
+
+Gräfin Agnes hatte kurz zuvor auf dem Bardenberge einen herrlichen,
+übergroßen Hirsch gesichtet; mit verhängten Zügeln hatte sie ihm
+nachgesetzt; in der Grube, in die Heinrich eben niedersteigen wollte,
+hatte sie das zitternde, müde Tier gestellt, mit starker Hand den Pfeil
+nach ihm geschleudert ... Der Schuß war fehlgegangen, und der am Felsen
+abgeprallte Pfeil hatte sich in die Stirne des ahnungslos nahenden
+Grafen eingebohrt.
+
+Wer möchte die Angst und das Entsetzen malen, das der unerwartete
+menschliche Schrei im Herzen der Gräfin auslöste?
+
+— Sollte sie ... ach Gott, nein, es kann, es darf nicht sein! — Wie
+außer sich, sprang sie vom Pferde herab und eilte ins Gesträuch hinauf.
+
+— Also doch! Den Kopf zurückgebogen, Augen und Gesicht voll Blut, lag
+dort eine jämmerliche Gestalt, der Graf. Zwischen den Augen klaffte ihm
+eine entsetzliche Wunde, aus der noch immer frische, dicke
+Blutstropfen, einander jagend, niederrannen.
+
+Müde und mit unsicheren Händen tastete er hilfesuchend um sich. An
+ihrem Schluchzen erkannte er die Gräfin. „Du, Agnes?“ zitterte er, „du
+...?, was ist geschehen?“
+
+Sie konnte nicht antworten. Einer Ohnmacht nahe, griff sie mit letzter
+Kraft nach dem an ihrem Gürtel hängenden, silbernen Horn.
+
+Und bließ hinein, so entsetzt, so flehend, so um Hilfe weinend, daß der
+klagende Ton weithin getragen in die Wälder schallte und die
+erschrockenen Ritter und Knechte eiligst nach der Unglücksstelle
+heranstürmten.
+
+Auf einer Tragbahre brachte man den Schwerverwundeten auf sein Schloß
+zurück. Ihm folgte seine weinende, der Verzweiflung nahe Gattin.
+
+Jubelnd war man am Mittag ausgezogen. Wer hätte ahnen können, daß ein
+so freudig begonnenes Fest ein so übermäßig trauriges Ende nehmen
+würde?
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+3. Kapitel.
+
+Trübe Zeiten
+
+
+Statt der festlichen Tafel, die an jenem Abend in der Bardenburg die
+günstig verlaufene Jagd beschließen sollte, herrschte nun in deren
+matterleuchteten Hallen eine drückende Stille. Nur im Flüstertone ging
+die spärliche Unterhaltung zwischen den nächsten Tischnachbarn
+vorsichtig hin und her, und nach rasch beendeter Mahlzeit zogen sich
+alle zu meist schlafloser Ruhe auf ihr Zimmer zurück. In der Frühe des
+folgenden Tages, ehe noch das Morgenrot über Hobscheid hinaus in den
+Himmel stieg, befand sich die Mehrzahl der Gäste auf betrübter
+Heimfahrt.
+
+Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern.
+
+Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie
+die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen.
+
+Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu
+verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten.
+
+Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach
+Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen
+durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer,
+undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster
+Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge
+unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die
+Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde sich allmählich bessern;
+aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf
+ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige
+Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen
+„Heinrich, der Blinde“ eintrug.
+
+Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes
+tragen?
+
+Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos
+nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der
+den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und
+obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das
+schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb
+auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem
+Sinne schwinden.
+
+Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach
+Sonne dürstende Kind Ermesinde.
+
+Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten
+Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie
+auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das
+molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen,
+saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen
+Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse.
+An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die
+kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren
+mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in
+buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute!
+
+Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe
+Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines
+leiderfüllten Herzens! Agnes hatte sich noch immer nicht in ihre neue
+Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich
+und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie
+verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der
+Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte.
+„Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu
+sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin!
+Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig
+verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin
+ich geraten!“
+
+Der Graf suchte sie zu trösten. „Mannigfache Trübsal zeichnet das Leben
+eines jeden Menschen. Haben wir einst das Gute von der Hand Gottes
+angenommen, warum sollen wir uns nicht auch in das Böse willig fügen!“
+
+Aber der Schlag war zu plötzlich gewesen. Erst nach und nach konnte
+sich das Herz der Gräfin ins Unabänderliche fügen lernen.
+
+Ihr Ende rückte näher und näher.
+
+Sie fühlte es. Und raffte sich schließlich zur Seelenruhe und zum
+christlichen Gleichmut auf. Die Härten des Lebens hatten es ihr endlich
+zum Bewußtsein gebracht, daß das Glück nicht allein in vergänglichen,
+irdischen Dingen wohnt.
+
+Mit mütterlicher Liebe rief sie ihr Kind an ihr Krankenlager und sprach
+zu ihm in ruhigen, abgeklärten Worten, die Ermesinde allerdings erst
+viel später in ihrer ganzen Tragweite verstehen sollte: „Mein Kind,
+wenn ich eines Tages nicht mehr an deiner Seite weilen werde, dann
+bedenke und vergiß es nicht: Das Fundament allen Glückes ist der Friede
+des Herzens. Den mußt du suchen! Den mußt du bewahren! Du bist jung; du
+trägst einen ehrenvollen Namen; ein schönes Land wirst du eines Tages
+dein eigen nennen. Man wird dir schmeicheln. In irdischem Besitz
+könntest du deine Freude zu finden wähnen. Nein, Kind! Wie ein Pfeil
+die Luft durchschwirrt, schwindet das Vergängliche rasch dahin.“
+
+Wenige Tage darauf trauerten an ihrer Bahre ein blinder Greis und ein
+unmündiges Kind, Ermesinde.
+
+Liebevoll und ergeben suchte ihr der Vater den allzufrühen Tod der
+Mutter verschmerzen zu lassen. Wie manche Stunde saß das Kind an seiner
+Seite, droben auf den Zinnen der alten Burg und lauschte auf seine
+Ermahnungen und seine Schilderungen aus längst vergangenen Tagen! Vom
+alten Römerweg drüben erzählte er, der hinter Klausen meterhoch über
+das Gelände nach dem fernen Grünenwald führte, und auf dem die fremden
+Eroberer Unterwerfung und Knechtschaft gebracht hatten; auf demselben
+Wege waren aber auch die Boten des Evangeliums, Frieden kündend,
+herangekommen und hatten dem Lande eine neue Freiheit und Gottes Segen
+vermittelt. Er sah den großen Bischof und Wundertäter Martinus. Auf ihm
+war St. Bernard vorübergezogen und Papst Eugen III. Von Verdun herüber,
+durch Arlon, Straßen und Luxemburg waren sie gekommen, um nach Trier
+weiterzuziehen, zur Einsegnung der St. Mathiaskirche, im Jahre 1148.
+Der Bardenburg war damals die Ehre geworden, die hohen Gäste bewirten
+zu dürfen. Auch vom Süden des Landes sprach er, von den saftigen Wiesen
+des Rösertales und den fruchtbaren Gefilden, die sich um Johannisberg
+und Zolverhöhe dehnten, von denen bei klarem Wetter die Dächer und
+Zinnen herrlicher Burgen herübergrüßten. Dann freute sich das Kind und
+vergaß auf eine Weile den Zug der Trauer, der jahraus, jahrein die
+Lützelburg jener Tage füllte.
+
+Dann meldete sich ein neues Unheil. Heinrich, der bis dahin als
+tapferer Streiter auf den Schlachtfeldern der Gegend bekannt und
+gefürchtet war, konnte nicht mehr die Waffen führen. Zur Untätigkeit
+verurteilt, hockte er verlassen in seiner Burg und war auf die Rechts–
+und Friedensliebe seiner Vasallen und Nachbarn angewiesen.
+
+Doch, wo die Kraft zur Abwehr fehlt, erweist sich diese Hoffnung
+oftmals trügerisch. Ritter und Barone griffen seine Besitzungen an und
+entrissen ihm dieses und jenes. Und er konnte bloß machtlos zürnen und
+mußte sich auf Verhandlungen einlassen, die meistens zu seinem Schaden
+aussschlugen.
+
+Wohl oder übel mußte er sich eines Besseren besinnen. Er mußte sich
+nach einem Bundesgenossen umsehen, der an seiner Stelle in den Kampf
+ziehen und den Ruhestörern das widerrechtlich Geraubte entreißen
+könnte.
+
+Seine Wahl fiel auf Heinrich, Grafen der Champagne in Frankreich. Als
+Lohn für seine Hilfe sollte ihm später mit der Hand Ermesindens das
+Anrecht auf die von ihm geschützten Länder zufallen. Aber es dauerte
+nicht lange, so trat er von dem Vertrag zurück. Allzuhäufig waren die
+Streitigkeiten, in die er dieses Erbes wegen, verwickelt wurde.
+
+So litt der blinde Graf gegen Ende seines Lebens mehr und mehr, und
+wäre nicht sein Kind gewesen, er hätte wirklich den Tod als milden
+Retter und Freund herzlich gegrüßt.
+
+Von Bedrängnissen umringt, starb er 1196 im Kloster zu Echternach und
+fand seine Ruhestätte an der Seite seiner Gattin, in der stillen Gruft
+des Klosters #Floreffe#, in der Nähe von Namür.
+
+Einsam und verlassen stand das neunjährige Kind Ermesinde, als
+Doppelwaise in den weiten, altersgrauen Hallen ihres väterlichen
+Schlosses.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+4. Kapitel.
+
+Tage der Sonne
+
+
+Kindertränen trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt
+schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden
+den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am
+wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte.
+
+Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler,
+Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen
+Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und
+herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf
+gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings
+hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im
+Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am
+Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen!
+
+Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten
+vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn
+sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung
+zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens
+Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.
+
+So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft
+Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem
+Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos
+verschwunden; es mußte in ihr die Überzeugung Platz greifen, über ihrem
+Schloß und Lande herrsche der reinste, ungetrübteste Friede. Und doch
+bestanden diese Schwierigkeiten in ihren verschiedensten Arten
+unvermindert fort, und mehr als einmal konnten sie nur zum dauernden
+Schaden der gräflichen Besitzungen geschlichtet werden.
+
+Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes
+Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des
+heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen
+schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien
+ihr die Zukunft im rosigsten Lichte.
+
+Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen
+Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die
+blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem
+nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem
+Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des
+gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“
+
+Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der
+scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden
+und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der
+Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken
+blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich
+verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du
+zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden.
+Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir
+leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“
+
+Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des Jahres 1204, an dem
+die Fürstin mit vollendetem 18. Lebensjahr die Regierung der Grafschaft
+übernehmen sollte, gefeiert werden.
+
+
+[Illustration: Ermesinde, Gräfin von Luxemburg
+
+ Das einzige uns erhaltene Bildnis Ermesindens.
+ Die Umschrift des Siegels lautet:
+
+ _Sigillum Hermessendis comitisse de Lucemburg et de Rupe._]
+
+
+Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und
+Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten
+in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit
+wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie
+wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin
+gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die
+Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu
+legen.
+
+Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein
+patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes
+Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit
+ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit
+entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich
+von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein
+väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder
+frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der
+Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden.
+
+Auf wen sollte die Wahl fallen?
+
+Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien
+Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem
+künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine
+Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine
+Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung
+zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft
+Luxemburg merklich steigern mußte.
+
+Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter
+des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden
+Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in
+glänzenden Turnieren, das gewöhnliche Volk bei froher Tafel und
+geselligem Spiel.
+
+So schien denn der letzte Stein in den hochragenden
+Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich
+vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und
+mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend.
+Überall leuchteten Freuden und Sonne.
+
+Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge,
+hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich
+aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes,
+wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+5. Kapitel.
+
+Zerstörte Glücksträume
+
+
+Wie mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe
+sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in
+furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende!
+
+Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und
+zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus
+tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten
+Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht.
+
+Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen
+Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen
+Zeit werden.
+
+Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen,
+kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf.
+Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze
+seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken
+rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte.
+
+Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen
+umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den
+anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige
+schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder,
+auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot.
+
+Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz
+der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die
+Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses
+gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen,
+die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn
+ausgesprochen.
+
+So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes
+und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen
+Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben.
+
+In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht
+eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister
+lastete.
+
+Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie
+bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen,
+daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende.
+
+Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich
+nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und
+damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen.
+
+Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen
+seiner grauen Burg.
+
+War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die
+Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten;
+endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um
+Nachlassung des Bannes.
+
+Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend,
+sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr
+verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die
+Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung
+gefunden hatte.
+
+Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite
+Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem
+Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige
+Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen.
+
+
+[Illustration: Theobald nimmt Abschied von Ermesinde.]
+
+
+Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach
+Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine
+Wallfahrt zum Grabe der heiligen Genoveva nach Paris zu unternehmen,
+und diesem Versprechen wollte sie möglichst bald nachkommen. Sie zog
+durch Lothringen und die Champagne und kehrte im Herbst, als die Vögel
+südwärts zogen, nach Luxemburg zurück.
+
+Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom
+Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur
+einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß
+wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden
+Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein
+kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen.
+
+„Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles
+gut werden!“
+
+Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher.
+
+„Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit
+entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen
+gangbaren Wege liegen tief verschneit.“
+
+Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus.
+
+Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich
+sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen
+Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her
+immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag.
+
+Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit
+ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses
+und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger
+zeigte sich auf der bestaubten Straße.
+
+Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach,
+Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle ich es, ein schweres Joch liegt auf
+den Kindern Adams, den reichen nicht minder, wie den armen!“
+
+Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte,
+antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing
+mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe
+herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger
+Zug!
+
+Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung.
+
+„Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst!
+Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat
+Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“
+
+Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes
+Willkomm in die Ferne.
+
+— Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal
+entgegenzuziehen? —
+
+Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich
+nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich
+vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre.
+
+„Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht
+unterscheiden?“
+
+„Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die
+Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“
+
+„Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht
+handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde
+abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“
+
+„Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet
+keine frohe Heimkehr!“
+
+“Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch,
+Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“
+
+Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges,
+noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ...
+
+„Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und
+dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen
+Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“
+
+Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die
+Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend,
+sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame.
+
+Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim,
+um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten.
+
+Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des
+Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da
+erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die
+volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+6. Kapitel.
+
+Untergang?
+
+
+Mit dem Tage, an dem die blutbefleckte Leiche ihres Gatten in die
+feuchte Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe niederstieg, schien für
+Ermesinde die Sonne jeglichen Erdenglückes für immer erloschen zu sein.
+
+Wie geistesabwesend stand sie am Beerdigungstage in den weiten,
+schaurigen Gewölben, in deren kaltem Düster sich die schmucklosen, aus
+Stein gehauenen Sarkophage in langen, grauen Reihen dehnten.
+
+Tagelang fand sie keine Tränen.
+
+Dann aber rang sich ihr Schmerz mit solcher elementaren, ungezähmten
+Wucht durch, daß ihre Umgebung ernstlich für ihre Gesundheit fürchten
+mußte, und die Besorgnis groß wurde, es möchte in Bälde ein weiterer
+Sarg Schloß und Land Luxemburg in neue, noch tiefere Trauer senken.
+
+Ermesinde hätte sich auf diese Lösung herzlich gefreut. Auch der
+schmerzlichste Tod wäre ihr in jenen Tagen als milder Retter und lieber
+Freund erschienen.
+
+In nie gesehener Schärfe traten ihr wieder und wieder all die schweren
+Schicksalsschläge vor Augen, die ihr wie ein dunkeler Schatten seit
+Kindheittagen gefolgt waren und ihr rastlos ihre jungen Jahre vergällt
+hatten. Mutlos ließ sie die Arme sinken. In bitterem Weh wiederholte
+sie wieder und wieder das klagende Wort: „Ein schweres Joch liegt auf
+den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zu der glücklichen Stunde,
+wo sie das Zeitliche segnen und alles Leides enthoben, aus dem
+Tränental der Erde scheiden dürfen.“
+
+Immer mehr verlor sich ihr Sinnen in dumpfes Hinbrüten. Merklich zehrte
+es an ihren Kräften, bis sie schließlich, wie mit gebrochenen Flügeln
+hilflos in die Nacht der Verzweiflung zu stürzen drohte. „Hätte ich nie
+einen Thron gesehen! Hätte mich das Schicksal in ärmliche Verhältnisse
+hineingestellt, ich hätte vielleicht noch glücklich werden können! Aber
+so! Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel!“
+
+Ein zweites Mal zog sie von Luxemburg fort. Ein zweites Mal nahm sie
+den Weg zur Bardenburg. Wie sich das verwundete Wild schutzsuchend in
+das tiefste Dickicht des Waldes zurückzieht, trug sie ihren Schmerz
+fort aus den Augen der Menschen und aus dem lauten Lärm der Straßen. Ob
+vielleicht in stiller Waldeseinsamkeit ein zartes Blümlein sprösse, an
+dessen Duft ihre kranke Seele Labung und neuen Höhenflug finden könnte
+...!
+
+— War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die
+Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige
+Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War
+sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die
+Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige
+Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr
+in sich zurückgezogen.
+
+Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in
+glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter
+zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt.
+
+Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und
+Würden waren eingeführt worden, und die edelsten Männer des Landes
+stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen.
+
+
+[Illustration: Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg.]
+
+
+Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit,
+Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine
+herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich
+unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und
+Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes
+Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes
+entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein
+weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben
+geblendet und enttäuscht zu werden? —
+
+Sie konnte nicht mehr beten.
+
+Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte
+sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze
+Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern.
+
+Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute
+sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie
+blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu
+Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter
+schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in
+die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen
+an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den
+Scheiben niederrollten.
+
+— Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und
+neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von
+Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in
+längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen.
+
+Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht
+auf das einlullende Murmeln der Quellen.
+
+Alles, alles war umsonst.
+
+Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue
+Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am
+stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem
+weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges,
+regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich
+knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre
+Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich.
+
+Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine
+frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern,
+unaufhörlichen Tränen.
+
+Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht
+die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit
+dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer
+tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um
+so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so
+manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters:
+
+ „Durch Druck und Schläge mannigfalt
+ Wird rein geglättet jeder Stein,
+ Bevor des weisen Vaters Hand
+ In hohen Bau ihn füget ein.“
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+7. Kapitel.
+
+Schwindende Nacht
+
+
+Septuagesima 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die
+Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg
+zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige
+Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille
+war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo
+ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren.
+
+Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur
+Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her
+die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie
+daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren
+niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer
+Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare,
+verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich
+lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie
+mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen.
+
+Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre
+Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich
+schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider
+ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte.
+
+Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“
+lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du ihm nachtrauern! Nicht lange
+mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“
+
+Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich
+getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie
+banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften.
+
+Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes.
+
+Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des
+Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich;
+die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für
+sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto
+nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das
+trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer
+und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum
+Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In
+großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner
+augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen
+seiner Gedanken entspricht.
+
+Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden.
+
+Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden
+Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten,
+der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe
+findet.
+
+Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und
+Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten
+Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten
+sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den
+Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“
+
+
+ * * * * *
+
+
+Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und
+wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen.
+Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten,
+blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel.
+
+An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß
+von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des
+murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal.
+
+Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob
+es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte.
+
+Alles atmete Frieden.
+
+Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die
+Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade
+weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche,
+unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“
+hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute
+friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem
+Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt.
+
+Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder
+die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern.
+
+Aber etwas hielt sie zurück.
+
+Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ
+sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder.
+
+Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den
+goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem
+Tälchen daherzogen.
+
+Ihre Augen waren halb geschlossen.
+
+Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der
+Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von
+Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte.
+
+Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich
+ineinander; auf ihre Lippen stieg das |Ave|, der Gruß an die Königin
+der Königinnen.
+
+Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. —
+
+Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich
+die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches
+Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand
+vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht
+und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend
+weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um
+ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne,
+wie kleine Sonnen, glänzten.
+
+In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst
+zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien.
+
+So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des
+Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den
+Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen
+freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte.
+
+Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal
+breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen,
+leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie
+Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in
+langen, durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen
+der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie
+ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht
+minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es
+herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und
+überglücklich.
+
+
+[Illustration: Die Erscheinung an der klaren Quelle.]
+
+
+Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das
+denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein
+schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern
+auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier
+hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem
+Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses
+inmitten der Wolle von selber wuchs.
+
+Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche
+Bild.
+
+Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine
+Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige
+von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne
+glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und
+unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen,
+labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich
+meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen
+die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du
+suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“
+
+Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten
+Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? —
+
+Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du
+kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen?
+Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“
+
+Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog
+sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und
+verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch
+schwebte dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und
+verging.
+
+Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge
+suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur
+das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume.
+
+Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer
+Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr
+gewandelt.
+
+In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am
+Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden
+Sternen, ein Bild dessen, was sie an der |klaren Quelle| geschaut
+hatte.
+
+Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie
+schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das
+sie einige Verslein einfügte:
+
+ „Ich will schlummern; wache du,
+ Herr und Hirte deiner Schafe,
+ Schließ die müden Augen mir,
+ Schütze mich in meinem Schlafe!
+ Gib mir deiner Engel Wacht,
+ Liebster Jesu, gute Nacht!
+ Wenn ich träume, sei’s von dir
+ Und den lieben Englein allen,
+ Die wie Schäflein, voller Zier,
+ Durch den Himmel mit dir wallen!
+ Grüße, die mir sind bekannt,
+ Dort, zu deiner rechten Hand!
+ Gute Nacht, Herr Jesu Christ!
+ Hirte, der du gütig bist,
+
+ Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet,
+ Was ich klagend hab’ gefehlet,
+ im Trübsinn, sonder Maß,
+ Ich auf deine Huld vergaß!
+ Hilf mir fortan besser sein,
+ Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“
+
+In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen.
+
+Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer
+längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel
+hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum
+Himmel zu senden:
+
+ „Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln;
+ Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen,
+ Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich,
+ Labt meine müde Seele;
+ Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit,
+ Um seines Namens willen.
+ Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten,
+ Ich würde keinen Unfall fürchten,
+ Denn du bist bei mir.“
+ ($Ps. 22$)
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+8. Kapitel.
+
+Beim Klausner
+
+
+Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer
+Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost
+ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen
+freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten
+Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen,
+schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen
+Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch
+sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —
+
+Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den
+grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und
+suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.
+
+In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend
+durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war.
+Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins
+murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von
+der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb
+umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der
+gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und
+die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das
+junge Grün.
+
+Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich
+getragene Klang des Klausnerglöckchens. Wie ein feines, helles
+Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume;
+verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder
+anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle
+Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen:
+
+ „Grüße die Mutter,
+ Die himmlische Frau!
+ Ihr deine Leiden
+ Sorglos vertrau!“
+
+Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die
+Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:
+
+ „Gruß dir, o Mutter,
+ Du himmlische Frau!
+ All meine Sorgen
+ Dir ich vertrau!“
+
+Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken
+waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins
+hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben
+konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange
+vergessen konnte ...! —
+
+Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn
+umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.
+
+Die ganze Gegend kannte ihn.
+
+Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie
+und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus
+fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete
+Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe
+Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen,
+klugen Rat erteilen konnte.
+
+
+[Illustration: Der Klausner in Betrachtung.]
+
+
+Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur
+beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu
+verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle
+und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine
+langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort
+sammelte er Kräuter und Heilblumen, die er sorgsam trocknete und für
+die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er
+seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch
+ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen.
+
+An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals
+müßig fände.
+
+In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu
+Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell
+verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er
+ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „_Memento mori!_
+Gedenke deines Sterbens!“
+
+Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte
+nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der
+Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da
+trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.
+
+„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure
+tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“
+
+Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig
+folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.
+
+Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der
+Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem
+Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.
+
+„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“
+
+„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit
+größter Freude helfen. Redet!“
+
+Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all
+das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig verfolgt, die Nacht
+der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie
+schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach
+sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder
+einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich
+aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte.
+
+Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt
+prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin
+geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits
+hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu
+Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen
+muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will
+ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um
+Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in
+seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige
+Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein
+schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“
+
+Ermesinde versprach es.
+
+In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als
+sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter
+Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende,
+friedliche Herde.
+
+Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der
+Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.
+
+Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes
+Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.
+
+„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war
+kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das
+Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war
+himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet
+das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der
+Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet,
+findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“
+
+„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder
+Rhabanus!“
+
+„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste
+Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“
+
+„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“
+
+„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der
+Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie
+verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen,
+Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen
+sollen von früh bis spät.“
+
+„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem
+Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr
+denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle
+wünscht?“
+
+„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist
+ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr
+Skapulier ist schwarz.“
+
+Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die
+klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein
+schmuckes Kirchlein mit niedrigem Turm, und durch die stillen Bäume
+hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in
+die fernsten Zeiten.
+
+„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die
+Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch
+dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die
+allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen
+von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St.
+Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner
+Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“
+
+Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser
+Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der
+flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun
+aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere
+Einzelheiten darüber wisse.
+
+Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und
+verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben
+kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie
+der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau
+selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser
+Klause, darüber schreibt!“
+
+Die Gräfin las:
+
+„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser
+heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich
+gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen.
+Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und
+die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die
+Weihe der St. Matthiaskirche vornehmen sollten. Der Papst nahm an.
+Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen
+Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich
+auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die
+Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und
+überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen
+Segen und sein Gebet.
+
+
+[Illustration: Chorschwester in Haustracht.]
+
+
+[Illustration: Dieselbe in Chortracht.]
+
+
+ Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen)
+ von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).
+
+Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in
+Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der
+Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen
+Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft
+eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom
+heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg.
+
+Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt
+an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen
+vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das
+unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem
+Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer
+göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen
+Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das
+Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt.
+
+Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr
+Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden.
+
+Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der
+Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine
+besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft,
+die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig
+erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für
+die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen.
+
+So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der
+zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte,
+durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die
+gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“
+
+Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu
+offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände
+des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun
+ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war,
+der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade erflehte, mit der die
+Gottesmutter mich vorgestern beglückt hat. Deshalb will ich mich auch
+dankbar erweisen. Nicht bloß werde ich hier eine Abtei bauen lassen,
+auch die Quelle soll von heute ab Gegenstand höchster Ehre werden. An
+ihren Ufern soll ein Heiligtum der Muttergottes erwachsen. Klar und
+friedlich soll sie immerdar fließen inmitten der Stille, die ich hier
+für die Seelen gründen werde, die dem Lärm und Hasten der Welt
+entfliehen und hier unter dem Schutzmantel Mariens den Frieden finden
+wollen ...“
+
+
+[Illustration: Der hl. Bernhard
+
+
+ nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse von Fontaine bei
+ Dijon.]
+
+In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim.
+
+Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der
+Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und
+tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der
+Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins
+stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere
+Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden
+tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+9. Kapitel.
+
+Sich weitender Weg
+
+
+Das Gewitter verzieht. In seine letzten sich lichtenden Regenfäden
+fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem
+in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens.
+Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und
+schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des
+Friedens über der vom Regen neu belebten Erde.
+
+So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln
+Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer
+früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische
+Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden
+Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen.
+
+Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes
+Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts
+weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie
+selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in
+stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen?
+
+In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er
+sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes
+künden.
+
+Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung:
+
+„Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem
+Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen
+Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und
+des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist
+das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“
+
+Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein,
+und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze
+Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben
+gefundene Frieden plötzlich wieder fort.
+
+„Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter
+unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so
+sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der
+Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“
+
+„Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu
+pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die
+allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht
+im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am
+dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre
+aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern
+ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch
+genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner
+Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der
+bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster
+Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf
+dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle
+Eures Volkes!“
+
+Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender
+Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und
+brachte es zur Ruhe.
+
+„Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt
+Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will
+ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen
+suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“
+
+Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter
+umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet,
+kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig
+hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den
+Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen.
+
+Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der
+Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten
+spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen.
+
+ Willst du glücklich sein im Leben,
+ Trage bei zu anderer Glück,
+ Denn die Freude, die wir geben,
+ Kehrt ins eigene Herz zurück.“
+
+So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen
+einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet,
+offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+10. Kapitel.
+
+Nach hohen Zielen
+
+
+Schäumend brausen die Meereswogen an das felsige Land. Von der Höhe
+grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei
+eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit
+hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie
+dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und
+erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach
+matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht
+er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel;
+seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe
+vollen freien Lauf.
+
+So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden
+Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben.
+
+Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der
+klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein
+solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo
+die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald
+gerodet.
+
+Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht
+müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine
+und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in
+langen, niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim
+Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die
+stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und
+Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“
+
+„Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“
+flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo
+müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“
+Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben
+Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal.
+
+Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus
+konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des
+Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses
+Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte
+nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem
+ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das
+Wohl Eures Volkes!“
+
+Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen.
+
+Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch
+gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen
+des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg
+seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von
+keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen
+nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen
+waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen
+zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu stetem, brüderlichem
+Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! —
+
+‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden
+Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen
+Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in
+der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“
+
+Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke
+eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war
+man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die
+Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen
+des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten
+die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in
+Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in
+Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen.
+
+Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen
+worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten
+Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten
+Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre
+bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich
+unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden
+Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten.
+
+Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer
+die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die
+zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von
+Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine
+glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte.
+
+Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm,
+Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen,
+Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und
+viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor
+Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der
+gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von
+Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von
+Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines
+gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und
+Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit
+rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen.
+
+Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und
+niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen
+Tagen, ein einig Volk von Brüdern.
+
+Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen
+weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten
+Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei
+vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in
+Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten
+bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den
+Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu
+suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten.
+
+So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das
+Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen
+Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden
+Beterinnen ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am
+Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens.
+
+
+[Illustration: Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche
+von Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.]
+
+
+Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der
+Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute
+Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel
+sandte!
+
+Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums
+Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die
+Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen
+Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende
+Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den
+Gerichtshof des Adels.
+
+Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von
+Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften
+erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht
+zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und
+das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den
+Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den
+Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den
+Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und
+im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie
+selbstständig und unabhängig.
+
+An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht.
+
+Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit
+und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der
+ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen
+einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte
+von dessen mannigfachem Segen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+11. Kapitel.
+
+Heim, zum ewigen Frieden
+
+
+Fünfundzwanzig Jahre hatte die Fürstin mit milder Hand das Zepter des
+Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet.
+Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde,
+war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der
+Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen.
+
+Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer
+erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr
+Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron
+verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? —
+„Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“
+lautete ihre Antwort.
+
+Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den
+versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas.
+
+Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen
+Tag gefreut.
+
+Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit
+jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus
+Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“
+
+Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich
+fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung entgegen. Mit dem
+folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und
+das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die
+Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag
+in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem
+Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie
+dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames,
+verdienstreiches Leben teilen.
+
+Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung
+finden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag
+alles begraben unter Schnee und Eis.
+
+Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe „_Invocabit_“
+gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste
+gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der
+tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren
+Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten.
+
+Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen
+Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war
+das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten
+Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie
+nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat.
+
+Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte.
+Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers:
+„Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend
+starkem Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und
+bedeutungsvolle Pause gemacht.
+
+Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem
+Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen.
+
+Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer
+von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in
+ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung.
+
+Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem
+Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie
+sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue
+mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des
+Herrn!“
+
+— „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die
+Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei
+deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ —
+
+Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor.
+Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die
+scheidende Seele.
+
+Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht
+man zur Leiche.
+
+Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe
+getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens
+gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte.
+
+Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er
+trug die Inschrift:
+
+„Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder
+Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist
+gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man ‚_Invocabit_‘ singt.“
+
+
+[Illustration: Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.]
+
+
+So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim
+Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir
+an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl!
+
+Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst
+du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest
+du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden!
+
+
+[Illustration: Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von
+Clairefontaine.]
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+_CLAIREFONTAINE_
+
+
+ 1.
+
+ Daß sie kühle Ruhe finde,
+ Stieg im Mittagssonnenschein
+ Von der Bardenburg allein
+ Gräfin Ermesinde
+ In das tiefe Tal hinein.
+
+
+ 2.
+
+ In des Grundes duft’gem Schweigen
+ O, wie liegt der Tag so weit
+ Mit dem schwülen Sonnenleid!
+ Goldig von den Zweigen
+ Träuft der Bann der Einsamkeit.
+
+
+ 3.
+
+ Nur ein Quell singt träum’risch leise,
+ Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt
+ Dann und wann ein Käfer schwirrt,
+ Und im müden Kreise
+ Ein lichttrunkner Falter irrt.
+
+
+ 4.
+
+ Langsam folgt die hohe Fraue
+ Dem gewohnten Buchenpfad,
+ Bis sie sich der Lichtung naht,
+ Wo auf sonn’ger Aue
+ Leuchtend steht die Blumensaat.
+
+
+ 5.
+
+ Doch auch hier im bunten Kreise
+ Alles still und feierlich,
+ Blum’ und Blümlein neigen sich,
+ Nur der Quell singt leise:
+ „Niemand wacht umher als ich.“
+
+
+ 6.
+
+ Und auch ihr sinkt Kraft und Wille,
+ Müde blickt sie in die Pracht,
+ Auch an ihr übt sachte, sacht
+ In der Mittagsstille
+ Sonnenzauber seine Macht.
+
+
+ 7.
+
+ An dem Quell läßt sie sich nieder,
+ Wunschbefreit, gedankenlos,
+ Legt die Hände in den Schoß
+ Und die weichen Glieder
+ Lehnt sie auf das weiche Moos.
+
+
+ 8.
+
+ Neben ihr mit hellem Rieseln
+ Rinnt die Quelle silberrein,
+ Singt und springt ins Tal hinein
+ Unter Schilf und Kieseln —
+ Ei, das liebe Wässerlein!
+
+
+ 9.
+
+ „Clere fountaine! Clere fountaine!“
+ Haucht die Gräfin vor sich hin,
+ Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. —
+ Clere fountaine! Clere fountaine!
+ Ei, die liebe Schläferin! —
+
+
+ 10.
+
+ Doch auf einmal, linde, linde
+ Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. —
+ An der Quelle kühlem Saum
+ Träumt Frau Ermesinde
+ Einen wunderbaren Traum. —
+
+
+ 11.
+
+ Durch die Nacht der Bäume schreitend,
+ Naht ein hohes Frauenbild,
+ Wie ein Mutterlächeln mild,
+ Sanften Glanz verbreitend
+ Wie die Lilien im Gefild.
+
+
+ 12.
+
+ Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte,
+ Wie sie durch das Waldgras schwebt,
+ Doch manch Blümlein neubelebt
+ Unter ihrem Schritte
+ Sein glutwelkes Krönchen hebt.
+
+
+ 13.
+
+ Vor der Gräfin hielt sie inne,
+ Setzt sich an der Quelle Rand,
+ Klatscht in ihre weiße Hand
+ Und mit heiterm Sinne
+ Blickt sie aufwärts unverwandt.
+
+
+ 14.
+
+ Sieh, da nahte auf das Zeichen
+ Eine märchenhafte Schar:
+ Vorn ein Knab’ im Lockenhaar,
+ Lieblich ohnegleichen,
+ Still und sittig wunderbar.
+
+
+ 15.
+
+ Hinter ihm auf weichen Füßen
+ Wallten, traulich dicht geschart,
+ Viele Schäfchen süß und zart;
+ Solche zarten, süßen
+ Nimmer sind sie ird’scher Art.
+
+
+ 16.
+
+ Freudig folgten sie dem Kleinen,
+ Und an seinem Lilienstab
+ Führte sie der Himmelsknab’
+ Zu dem hohen, reinen,
+ Milden Frauenbild hinab.
+
+
+ 17.
+
+ Lächelnd saß die hohe Holde,
+ Hieß sie trinken aus dem Quell,
+ Und o Wunder! sonnenhell,
+ Wie vom pursten Golde,
+ Strahlte da ihr Silberfell.
+
+
+ 18.
+
+ Und den Wald durchfloß ein Klingen,
+ Und entzückend scholl das Lied,
+ Das, wie Sehermund verriet,
+ Der allein darf singen,
+ Der des Lammes Straße zieht. —
+
+
+ 19.
+
+ Dann verschwinden Kind und Schafe,
+ Eingehüllt in ros’ges Licht,
+ Und die hohe Holde spricht,
+ Während froh im Schlafe
+ Glüht der Gräfin Angesicht:
+
+
+ 20.
+
+ „Ermesinde,“ spricht sie milde,
+ „Liebe, traute Schäferin,
+ Deute dir mit frommem Sinn,
+ Was du sahst im Bilde,
+ Dir und andern zum Gewinn.
+
+
+ 21.
+
+ Viele müde Schäfchen schreiten,
+ Die bedrängt des Lebens Zorn;
+ O durch Dürre, Sand und Dorn,
+ Gute Gräfin, leiten
+ Kannst du sie zum Wonneborn.
+
+
+ 22.
+
+ Himmelsschäfchen, Gottesbräute,
+ Reich an Tugend, groß an Zahl!
+ Richte ihnen hier den Saal!
+ Ermesinde, heute
+ Zog der Herr durch dieses Tal.“ —
+
+
+ 23.
+
+ Durch die Nacht der Bäume schreitend,
+ Sacht entschwebt das hohe Bild,
+ Wie ein Mütterlächeln mild,
+ Sanften Glanz verbreitend
+ Wie die Lilien im Gefild. —
+
+
+ 22.
+
+ Rings im bunten, duft’gen Kreise
+ Alles still und feierlich. —
+ Doch da regt die Gräfin sich
+ Und sie murmelt leise:
+ „Gott, wie selig träumte ich!“
+
+
+ 25.
+
+ Neben ihr mit hellem Rieseln
+ Rinnt die Quelle silberrein,
+ Singt und springt ins Tal hinein
+ Unter Schilf und Kieseln —
+ Heil dir, klares Wässerlein!
+
+
+ 26.
+
+ „Clere fountaine! Clere fountaine!“
+ Spricht die Fraue vor sich hin,
+ „Ja, ich faß des Traumes Sinn.“
+ Clairefontaine! Clairefontaine!
+ Heil dir, edle Gründerin!
+
+ _Dr. Nikolaus Welter._
+
+
+[Illustration: Die auf den Ruinen der Clairefontainer Abtei
+errichtete Muttergotteskapelle mit Ermesindens Grabmal.]
+
+
+
+
+Inhalt:
+
+
+ 1. Kapitel. Die Fahrt zur Jagd Seite 3
+
+ 2. — Ein verhängnisvoller Schuß 12
+
+ 3. — Trübe Zeiten 20
+
+ 4. — Tage der Sonne 25
+
+ 5. — Zerstörte Glücksträume 30
+
+ 6. — Untergang? 36
+
+ 7. — Schwindende Nacht 41
+
+ 8. — Beim Klausner 49
+
+ 9. — Sich weitender Weg 60
+
+ 10. — Nach hohen Zielen 63
+
+ 11. — Heim, zum ewigen Frieden 68
+
+ Clairefontaine 72
+
+
+[Illustration]
+
+
+ * * * * *
+
+
+Empfehlenswerte Jugendlektüre:
+
+
+ Der arme Rudi
+ Im Walde verirrt
+ Häsleins Tod
+ Was der schwarze Hans erlebte
+ Zum Altare Gottes
+ Primizkrone/Sterbekranz
+ Unter fremden Menschen
+ Der Ungeschworene
+ Im Höllenschornstein
+ Der Liebling des Patriarchen
+ Marie Adelheid
+ Das Gespenst und andere Geschichten
+ Kalender für kleine Leute 1929
+ Der Sämann, Jahrbuch für die Jugend.
+
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verfasser
+Pfarrer Th. |Zenner|, Folscheid (Luxemburg).
+
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ $Eine recht wirksame Unterstützung$
+
+ $der Missionen$
+
+ $ist ein Abonnement auf eine Missionszeitschrift. Die illustrierte
+ Monatsschrift der Missionsschule Clairefontaine$
+
+ $+HEIMAT & MISSIONEN+$
+
+ $bietet +Missionsartikel, Lokalgeschichtliches, Abhandlungen über
+ Herz–Jesu–Andacht und sonstige religiöse Gebiete sowie
+ Unterhaltendes+$.
+
+ $Ein Jahresabonnement kostet #10# Fr.$
+
+ $Man bezieht sie unter folgender Adresse:$
+
+ $#Missionsschule von Clairefontaine b. Eischen#$
+ ($Grossh. – Luxbg$).
+
+ $Postscheckkonto, Luxemburg 3052.$
+
+ [Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 ***