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diff --git a/77488-0.txt b/77488-0.txt new file mode 100644 index 0000000..87df8d3 --- /dev/null +++ b/77488-0.txt @@ -0,0 +1,2442 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 *** +#################################################################### + +Anmerkungen + + Das Original ist in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftarten + sind wie folgt gekennzeichnet: + gesperrt: |gesperrt| + fett: #fett# + kursiv: $kursiv$ + Futura: _Futura–Schrift_ + unterstrichen: +unterstrichen+ + Kapitälchen: =KAPITÄLCHEN= + + Einige offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend + korrigiert. Die Schreibweise der Kapitelnummern wurde mit + einem abschließenden Punkt vereinheitlicht. + + Fußnoten stehen am Ende des jeweiligen Absatzes. + + Die Missionswerbung des vorderen inneren Umschlagdeckels wurde an + das Ende des Textes hinter die Verlagswerbung geschoben. + +#################################################################### + + + + +Ermesinde + +Historische Erzählung +aus dem 12. und 13. Jahrhundert + + +von P. N. G. _=S. C. J.=_ + +nach dem Französischen + +von #Th. |Zenner|# + + +[Illustration] + + +1928 + +Arlon — Buchdruckerei A. Willems. + + + + +_Cùm permissù Sùperiorùm_ + + +[Illustration] + + + + +1. Kapitel. + +Die Fahrt zur Jagd + + +Frühjahr eintausend einhundert siebenundachtzig. + +Unabsehbar blaut der Himmel. Lautlos stieg sein klares Bild, ungemessen +tief ins dunkle, träge Wasser, das die Alzette in kurzgeschweiftem +Bogen majestätisch ernst um die schroffen Felsen schlingt, die zu +Luxemburg das Schloß der Grafen tragen. + +Doch was ist das für ein Singen und Klingen heute, droben in der sonst +so vornehm stillen Burg? Es grüßen die Fahnen, im schwachen Winde +knattern die Wimpel und Oriflammen; und von den Zinnen, gegen Osten und +Westen, gegen Süden und Norden, schallen von Zeit zu Zeit weithin +getragen die frohen Klänge der Hörner und Trompeten. Bis zum +Grünenwald, bis zum Baumbusch hinüber dringt ihr fester Schall und +weckt in deren tiefen, waldigen Gründen ein hundertfältiges, +begeistertes Echo. + +Tauftag ist. + +Ein kleines, blondes Mägdlein hat seinen Einzug ins gräfliche Schloß +gehalten. Hat freudigen Empfang gefunden bei groß und klein, aber ganz +besonders im Herzen seiner fürstlichen Eltern, des großmächtigen Herrn +Heinrich, Grafen von Luxemburg und Namür und dessen edler Gattin, der +Dame Agnes, Tochter des Grafen von Geldern und Zütphen. + + +[Illustration: Die ehemalige Burg der Grafen von Luxemburg.] + + +Und heute zieht vom Benediktiner–Münster herauf der vieledle, +hochwürdige Priester und Abt, Everwinus. Der soll dem fürstlichen +Menschenkind den Stempel eines Gotteskindes aufdrücken und ihm im +Sakrament der heiligen Taufe einen Namen geben, den fortab das +Luxemburger Land als einen seiner schönsten und größten Namen kennen +und nennen wird: |Ermesinde|. + +In Freuden verfließt der Rest des Tages. + +Schon funkeln die nächtlichen Sterne. Aus dem Düster der Alzette +glitzert ihr zitterndes Bild. Da rüsten sich die letzten der Gäste, die +Herren von Körich und Ritter von Ansemburg, zur späten Heimkehr. +Gehobenen Herzens drücken sie dem Grafen Heinrich die Hand. „Ein +verheißungsvoller Anfang!“ rühmen sie, „möge dem hochedlen Kinde, Euerm +Töchterlein, ein langes, glückliches Leben leuchten! Gute Nacht, Herr +Graf! Auf baldiges Wiedersehen und frohes Weiterfeiern!“ + +Unter diesem Weiterfeiern verstanden sie den alten, landläufigen +Gebrauch, demzufolge ein freudiges Familienereignis mit einer großen, +aufwandreichen Jagd zu beschließen war, an der die befreundeten +Adelsgeschlechter der ganzen Gegend teilnehmen durften. + +Graf Heinrich griff die Andeutung auf. Am anderen Tage ergingen die +Einladungen. Als Tag der Veranstaltung sollte der Pfingstdienstag +gelten, als Ort das wald– und wildreiche Gelände der Bardenburg. + +Sie lag ungefähr vier Wegestunden von Luxemburg entfernt und bildete +die Krone eines anmutigen Hügels, der auf dem linken Ufer der Eisch den +Eingangs eines lauschigen Tälchens schützt[1]. + +[1] Ungefähr 20 Minuten südwestlich vom heutigen Dorfe Eischen. + +Schon seit Jahrhunderten war dieses Tälchen berühmt. Geisterhaft +murmelte in ihm ein frisches, klares Wasser, von dem die Legende +berichtet, daß es seinerzeit den heidnischen Bewohnern der Gegend als +Gottheit gegolten hätte. Heidnische Priester und Sänger, „Barden“ +genannt, nahmen an der rauschenden Quelle Aufenthalt und dauernden +Wohnsitz. So konnten sie aus nächster Nähe die Feierlichkeiten zu Ehren +der vermeintlichen Gottheit leiten. Sie erbauten auch das Schloß, das +von ihnen seinen Namen herleitete. + +In christlicher Zeit erschienen die Boten des Evangeliums. Die +Finsternis des Heidentums verschwand. Mit ihr die Barden. + +An der klaren Quelle baute ein schlichter Eremit sein bescheidenes +Hüttlein. Das Wasser weihte man der allerseligsten Jungfrau, und ein +einfaches, ebendaselbst errichtetes Kirchlein wurde Wallfahrtsort und +Heiligtum der Muttergottes. + +Ins verlassene Bardenschloß zogen die römischen Legionen. Jahrhunderte +lang diente es ihnen als Festung. + +Dann kam der Verfall. Wie mancher schwere Stein bröckelte aus den +verwitternden Mauern und rollte dröhnend zu Tal! Wie mancher fand sein +nasses Grab drunten in den rauschenden Wassern der Eisch! + +Erst später lebte die Herrlichkeit wieder auf. Unter der Herrschaft der +Grafen von Luxemburg wurde die Feste wieder aufgebaut, vergrößert und +verschönert. In jahrelanger, mühsamer und kostspieliger Arbeit erstand +die zweite, wunderbar herrliche Residenz, nach der Graf Heinrich auf +den Dienstag nach Pfingsten seine Getreuen beschieden hatte. + +Hell und heiter ging der Tag auf. Als ob die Sonne ihr Bestes, +ungetrübten Glanz, spenden wolle, um den Tag des fürstlichen Kindes, +das nun 6 Wochen alt geworden war, geziemend auszuzeichnen. + +Im Osten des Landes wimmelte es auf Wegen und Stegen von frommen +Pilgern, die singend und betend gegen Echternach zogen, zur +kreuzgeformten, nunmehr 40jährigen Basilika, unter deren schützenden +Gewölben der Apostel der Friesen, St. Willibrod, tot von den Mühen +seines bischöflichen Amtes ausruhte. Gegen Westen aber ging die +Jagdfahrt des Grafen Heinrich. + +Alte Heeresstraße Luxemburg–Arlon! Sollst du je zwischen deinen Bäumen +einen herrlicheren Zug gesehen haben? + +An der Spitze schreiten die Waffenknechte. Ha! wie die spiegelblanken +Helme und scharfen Hellebarden strahlenschießend in der Sonne blitzen! +Wie die blonden, rotwangigen Pagen in ihren malerischen, bunten Röcken, +kecken Auges daherprunken! Und erst die Wappenträger! Hoch zu Roß, +purpurfarben, goldbetreßt! — Graf Heinrich inmitten seiner Ritter! — +Was ziehen denn die zwei weißen, mit rotem Lederzeug behangenen Kühe? + +Im wohlverschlossenen Kinderwagen, in molligen Kissen, fährt langsam +und sicher, das 6 Wochen alte Kind, Ermesinde. Was Wunder, daß seine +entzückte Mutter, stolzerhobenen Hauptes an seiner Seite reitet und von +ihrem hohen Schimmel aus zufriedene Blicke nach allen Seiten sendet. +Soweit die Augen reichen, Herrlichkeit, Freude und Glanz. + +Dann und wann ziehen am Wege Landleute und heimkehrende Arbeiter +vorüber. Wie geblendet bleiben sie stehen und grüßen mit scheuer +Verbeugung. Und die Lanzknechte schlagen ihre Waffen aneinander, als +wollten sie mit ihrem stolzen Klirren einen unausfüllbaren Abstand +andeuten zwischen sich und dem an die Scholle gebundenen Manne. Die +Pagen erwidern die Ehrbezeugung mit einem überlegenen Lächeln, während +der Graf mit wohlwollender Verneigung des Hauptes darauf antwortet. In +den Blicken der Gräfin aber lag es kalt, kalt und wie stumme +Verachtung. Als ob sie zu einer anderen Rasse gehörte, und unendlich +hoch und erhaben über jenen throne. + + +[Illustration: Die noch heute sichtbaren Umwallungen und Gräben der +|Bardenburg|.] + + +Während die Gräfin sich selbstgefällig in diesen eiteln Gedanken +wiegte, näherte sich vom Feldrain her eine ärmlich gekleidete junge +Frau, Sie ging gebückt, denn auf ihrem schmächtigen Rücken lastete eine +schwere, mit Grünfutter gefüllte, große Hotte: in ihren kreuzweise +verschlungenen Armen ruhte ein unmündiges, schlummerndes Kind, während +ein anderes, das kaum der Wiege entwachsen war, an der mütterlichen +Schürze mehr fortgezogen als fortgeführt werden mußte. + +Das Gesicht der armen Frau war welk und furchig. Auf ihrer Stirne +perlte der Schweiß, und die ihr vom Winde verzausten Haare flatterten +wirr um ihre eingefallenen Schläfen. + +Ein kaum unterdrücktes „Ach!“ stieg auf die Lippen der Fürstin. „Armes, +elendes Volk!“ flüsterte sie, „wäre es nicht besser, du tätest +überhaupt nicht ... leben?“ Dabei griff sie in die Satteltasche und warf +der am Wege stehenden Gruppe ein blinkendes Geldstück zu, das klirrend +zu den Füßen des erschrockenen Kindes niederrollte. + +Die arme Frau hatte das Wort gehört. Unerschrocken sah sie auf und ließ +ihren Blick furchtlos in den Augen der Gräfin haften. Dann sprach sie +fest und entschieden: „Sie dürften sich irren, gnädige Frau! Allerdings +sind wir nicht reich; Tag für Tag müssen wir schwer arbeiten, aber +unglücklich sind wir nicht!“ + +Ein ungläubiges Lächeln huschte um die Lippen der Fürstin. „Nicht +unglücklich?“ forschte sie, „nicht unglücklich! Das wäre doch +sonderbar, wo ich, inmitten der irdischen Güter und all ihrer +Annehmlichkeiten, Mühe habe, ein wenig Glück herauszuschlagen! Der +Allerhöchste verteilt es ja so spärlich an die Söhne der Menschen!“ + +„Das wüßte ich nicht, gnädige Frau!“ lautete die Antwort. „Freilich, +wenn man nur |das| „Glück“ nennt, was die irdischen Dinge, die +zeitlichen Güter uns spenden können, dann ist es spärlich gesät. Und +hat gar wenig Bestand. Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, wie ein +Vogel daherzieht und keine Spur zurückläßt, geht es vorüber. Wie +gewonnen, so zerronnen! — Wer aber das „Glück“ recht auffaßt, der +findet es überall und reichlich!“ + +„Überall und reichlich? Wieso?“ + +Mit einem kaum merklichen Anflug von Röte fuhr die arme Frau fort: „Es +steht mir schlecht zu, Euch, fürstliche Dame, belehren zu wollen. Aber +ich meine, „glücklich“ sein, heißt Gottes Willen erfüllen und sich in +seine Fügungen schicken. Wer das tut, dem geht es wohl, der ist +zufrieden und froh, als Knecht nicht minder denn als Graf und König!“ + +Dabei bückte sie sich nieder, hob das Geldstück auf und reichte es mit +bescheidener Verbeugung zurück. „Wollen gnädige Frau es einem anderen +schenken,“ bat sie, „andere brauchen es vielleicht nötiger als wir. +Mein Mann und ich sind gesund. Wir können arbeiten und sind nicht +unglücklich!“ + +Die Gräfin schüttelte das Haupt. Solches war ihr niemals vorgekommen. + +„Ja, ja,“ gab sie verlegen wieder, „Ihr werdet es wohl mit den Mönchen +und Einsiedlern halten. Die haben sich auch eingeredet, daß zum +menschlichen Glück das Irdische nicht notwendig ist, und daß dazu +nichts anderes gehört, als der sogenannte „Friede der Seele.“ + +Die arme Frau lächelte. „Ganz recht, gnädige Frau!“ nickte sie, „meiner +Meinung nach habt Ihr das Richtige getroffen; der Friede des Herzens +ist das Fundament und ein großer Bestandteil jeglichen Glückes.“ + +Die Gräfin schürzte die Lippen. Mit verächtlicher Kopfbewegung sah sie +nach den Dienerinnen, die an ihrer Seite geblieben waren, um, und indem +sie auf den an einer Wegkrümmung verschwindenden Jagdzug hinwies, +mahnte sie: „Sputen wir uns! Wir müssen die Unserigen einholen! Sie +sind schon weit voraus!“ + +Ohne sich weiter nach der armen Frau umzusehen, gab sie dem Pferde die +Sporen, und eiligst ging es auf der staubigen Straße weiter. + +Aber wirf einen Stein ins Wasser! Liegt er schon am Grunde, so wallt +noch die Oberfläche, die er in Bewegung gesetzt hat, fort, und die +Wellen tragen ihre Kreise weiter und weiter. So blieb auch die +Erinnerung an das soeben Erlebte im Geiste der Gräfin Agnes haften und +weckte Gedanken auf Gedanken. + +„Friede! Friede!“ lachte sie. „Armes Volk, weiter kannst du nichts +ersehnen! Aber wir, wir die Reichen und Mächtigen haben andere Gesetze! +Wir brauchen nur Leben und Gesundheit. Für den Rest können wir selber +sorgen!“ + +— Doch, was hatte das arme Weib von der Vergänglichkeit gesprochen, +vom schnellen Verrinnen aller irdischen Größe und Macht? — Wie +gewonnen, so zerronnen! Heute rot, und morgen tot ...! — + +Daß aber auch gerade jetzt solch trübe Gedanken ihre Ruhe stören +mußten! + +Vor ihre Seele traten Bilder aus längstvergangenen Tagen, Erlebnisse +und Erinnerungen, die sie vergessen glaubte, schwarze Tage der Trauer +und der Trübsal. + +— War denn damals ihr Haus nicht mächtig gewesen? Und reich? Und doch! +— + +Ein leises Zittern umflog sie. Wie von einem drohenden Unheil +erschreckt, blickte sie nach ihrem Gatten. — Gott sei Dank! Dort ritt +er froh inmitten seiner Gäste. + +Hastig öffnete sie die Vorhänge des Kinderwagens und schaute nach der +kleinen Ermesinde. + +Auch das Kind war munter. Lieblich schlummernd lag es in den weißen +Kissen, und ein glückliches Lächeln umspielte seinen rosigen Mund. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +2. Kapitel. + +Ein verhängnisvoller Schuß + + +Schon dröhnten die ersten Pferdehufe in eiligem Viertakt auf der aus +Balken und breiten Brettern gebildeten Eischbrücke. Erschrocken +huschten die flinken Forellen im Wasser hin und her und verschwanden +als dunkle Streifen unter überhängendem Ufergras oder knorrigen, am +Rand des Baches verkrümmten Erlenwurzeln. + +Doch wem galt der dutzendfache frohe Hörner– und Trompetenschall, der +eben von den Zinnen der Bardenburg herniederwallte? — Dem fürstlichen +Kinde, das eben zum erstenmal die Höhe dieser väterlichen Burg +ersteigen sollte? — Seinen hochedlen Eltern? — Ihren Begleitern? — +Sie galten der ganzen Gesellschaft, der sie ein ‚herzliches Willkomm‘ +und ein ‚gut Heil auf ersprießliche Jagd‘, entgegenschmetterten. + +Durch die hellen Klänge wurden die Pferde, die schon anfingen, müde zu +werden, aufgemuntert. Kräftiger holten sie aus. Die Hunde zerrten +fester an den Koppeln, und voll Sehnsucht schielten und schnupperten +sie nach den Wäldern. + + +[Illustration: Die Jagdgesellschaft verläßt die Bardenburg.] + + +Seit dem frühen Morgen hatte man sich in der weiten, starkverwölbten +Küche auf die Ankunft der hohen Herrschaft vorbereitet. Denn, wenn auch +die Hauptmahlzeit erst am Abend, nach glücklich verlaufener Jagd, +stattfinden sollte, so mußte auch jetzt durch reichen Imbiß die müde +Gesellschaft für die Anstrengungen der Reise entschädigt und für die +Strapazen des Nachmittags gekräftigt werden. Und Koch und Unterköche +hatten ihr Bestes getan, nicht nur des Lobes wegen, das voraussichtlich +ihrer Kunst gespendet würde, sondern auch in Berechnung des +Trinkgeldes, das bei solchen Gelegenheiten besonders reichlich +auszufallen pflegte, denn Ritter und Barone waren Leute, die sich nicht +lumpen lassen durften. + +Frohes, lustiges Essen. Währenddessen ergötzten sich die Pferde an den +vollgefüllten Krippen, und die Hunde taten sich gütlich an Schüsseln, +in denen die Fleischbrocken zahlreicher waren, als an gewöhnlichen +Tagen. + +Am Himmel lachte die Sonne, und kein Wölkchen bleichte die tiefe, +einheitliche Bläue des waldumsäumten Horizontes. + +Gegen 2 Uhr stand alles bereit. Hei! wie da die Hunde kläfften! Wie die +Pferde scharrten und ungeduldig durch die aufgeblähten Nüstern bliesen! +Selbst die Mannen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo der Burgwart +vom hohen Bergfried aus in einem dreifachen, nach allen Seiten +wiederholten Hallihalloh das Zeichen zum Auszug und zum Beginn des +Jagens geben würde. + +Als Erste zogen der Graf und die Gräfin auf weißen Schimmeln zum +Burgtor, das während des Essens mit den Trophäen früherer Jagden, +Hirschgeweihen und ausgestopften Wolfs– und Bärenköpfen reich geziert +worden war. + +„Heiliger Hubertus, bitte für uns!“ + +„Hallihalloh! Gute Jagd und frohe Heimkehr!“ + +Unmittelbar vor dem Eingang der Burg gabelte sich der Weg. In scharfem +Zickzack führte sein linker Arm stark abfallend zu Tal und setzte sich +dort längs der Eisch und dem Saume des Waldes fort; der andere schlug +einen kurzgeknickten Bogen, wand sich nordwärts um die altersgrauen +Mauern und führte, von Gras und Moos bedeckt, sanft ansteigend in den +Wald. Auf letzterem wandten der Graf und die Gräfin, die Ritter und +Edelknechte ihre Pferde rechtsum. Pagen und Treiber stiegen mit den +Hunden bergab. + +Dem sonst üblichen Gebrauch entgegen hatte Ludolph, Burgvogt von Arlon, +diese neue Jagdordnung vorgeschlagen. „So könnte man in halber +Bergeshöhe das im Tale aufgescheuchte Wild erwarten und ihm mit +frischen Pferden wirkungsvoller zu Leibe rücken!“ + +Auf ein Zeichen des gräflichen Hifthornes wurden drunten die Hunde +losgelassen. Schnuppernd führten sie die Nase an den Boden, und freudig +wedelnd liefen sie hastig hin und her. + +Schon ertönte aus dem Dickicht hier und dort vereinzeltes Kläffen. +Wurde häufiger und stärker. — Horch! da raschelte das Laub. Bergauf +wurde es lebendig. + +Hasen und Füchse huschten daher. + +Die Reiter verhielten sich still. Einstweilen sollte auf Kleinwild +nicht geachtet werden. + +Erst ein braunes Reh, ein „Sechser“, brachte die Jäger in Bewegung. Wie +auf Kommando tanzten zwei Pferde auf den Hinterfüßen kurz herum und +setzten sich in langgestrecktem Lauf auf die Spuren des Flüchtlings. + +Noch trippelte der Schimmel des Grafen ungeduldig an seinem ersten +Standort hin und her und scharrte die Erde. Noch war bis dahin auf dem +gräflichen Posten außer einem Hasen und einem Iltis keinerlei Beute +sichtbar geworden. Und auch die folgenden Minuten schafften darin +keinen Wandel. + +Endlich wieder Tritte. Dicht nebenan schoß ein Silberfuchs vorüber. + +— Sollte man ihm folgen? — + +„In der Not frißt der Teufel Fliegen,“ dachte der Graf. „Also los!“ + +Es ist sonderbar, mit welch klugem Instinkt jagdgewohnte Pferde die +Verfolgung des Wildes aufnehmen. Nur auf eines brauchte Heinrich zu +achten: dem Tiere die Zügel schießen zu lassen und sich rechtzeitig vor +tiefhängenden Baumästen auf den Sattel niederzubeugen. Alles andere +besorgte der Schimmel selbst. + +Der Fuchs war äußerst vorsichtig. Jeden Baum und Strauch als Deckung +benutzend, wand er sich schlangenartig durch dick und dünn mit einer +solchen Schnelligkeit, daß seine leichten Füße kaum den Boden zu +berühren schienen, weiter und immer weiter, über die tannenbestandenen +Hänge hinweg, westwärts gegen das Tal der „klaren Quelle“. Dort fanden +sich zahlreiche, von Sträuchern umstandene und von Felsen eingesäumte +Steingruben, aus denen man vor Jahren das Material zum Bau der +Bardenburg herausgefördert hatte. + +In ihnen sollte Meister Reinecke plötzlich verschwinden. + +„Auch gut!“ murmelte der Graf. „Auch in deiner Höhle werde ich dich +aufstöbern, verflixtes Tier; solch leichten Kaufes sollst du mir nicht +entrinnen!“ + +Er ließ den schnaufenden Schimmel halten, sprang aus dem Sattel und +eilte mit Bogen und Köcher in die zweite der Gruben hinein. + +— Richtig, da lugte der Eingang einer großen Höhle. — + +Hastig trat er an dieselbe heran. + +Doch, wie er auf den weichen, gelben Sand am Boden niederblickte, blieb +er verdutzt stehen. „Das sind doch keine Fuchsspuren!“ knurrte er, „das +sind Abdrücke großer, starkbekrallter Bärentatzen! — Und davon haben +meine Förster nichts gemeldet!“ + +Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. „Bären können höchst +unliebsame Gegner werden,“ flüsterte er, „zumal, wenn ihnen ein +Einzelner entgegentritt!“ + +— Aber die Ehre einer solch unerwarteten, königlichen Beute! — + +Eiligst legte er Bogen und Pfeile weg. Was konnten die gegen die harte, +fingerdicke Schädeldecke eines Brauntieres? Da mußten schon andere +Waffen herhalten, Lanze und der mit scharfem Eisen beschlagene spitze +Pfahl, die noch am Sattelzeug des Schimmels festhingen. + +Hurtig, keine Zeit verloren! + +Zwei Minuten später war der Graf aufs neue am Eingang der Höhle. + +Im Innern derselben hörte man ein lautes, zorniges Brummen. Der +Hausherr war in seiner Wohnung und bekundete, daß er sich über den +unerwarteten Besuch seine eigenen Gedanken machte. + +Zu Boden gekauert, äugte der Graf aufmerksam in die Höhle hinein. Zu +seiner Rechten lag der Pfahl, griffbereit. In beiden Händen hielt er +die zum Angriff erhobene Lanze. + +Das Brummen wurde stärker. Petz rüstete zur Abwehr. „Frecher +Ruhestörer!“ schien er zu knurren, „warte, ich will dich lehren!“ + +Hochaufgerichtet, funkelnden Auges und mit weitgeöffnetem Rachen +stürzte er heran. + +Eben wollte er sich mit aller Wucht auf den zu Boden geduckten Grafen +niederwerfen, da traf ihn der mit aller Kraft geführte sichere +Lanzenstoß so hart, daß das schwere Eisen tief zwischen die krachenden +Rippen eindrang und der Schaft der Waffe gegen die Mitte hin splitternd +abfuhr. + +Aus der Wunde schoß ein breiter Strahl rotschwarzen Blutes, und Meister +Petz, tödlich verwundet, purzelte mit heiserem Geheul, schwer und +unbeholfen zu Seiten des Grafen nieder, überschlug sich und sank tobend +am Fuß des Felsens nieder, wo ihm ein wohlgezielter Stich des Pfahles +das Lebenslicht ausblies. + +Begeistert atmete Heinrich auf. Die Ehre des Tages war ihm gesichert. +— Mochten andere Rehe und Hirsche heimbringen, einen Bären hatte gewiß +niemand aufzuweisen! — + +Doch nun, fort zum Jagdsgesinde! Daß die eigenartige Tat bekannt und +das erlegte Tier nach Hause gebracht werde! + +Flinken Fußes wollte er zum Schimmel zurück. Da war dieser +verschwunden. Er hatte die günstige Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt +fortzustehlen und an der „klaren Quelle“ seinen Durst zu stillen. + +Der pferdelose Reiter blickte mißmutig nach allen Seiten. + +— Horch! Tönte da nicht ein eiliges Getrampel in einer daneben +liegenden, ähnlichen Grube? — Richtig ja! Das konnte nur der Schimmel +sein. + +Um Zeit zu gewinnen, wollte Heinrich, ohne Umweg, durch Ginster und +Gesträuch quer zu dieser Grube hinübersteigen. + +Da traf ihn das Verhängnis. + +Eben hatte er die Anhöhe erstiegen. Schon wollte er drüben +hinuntersteigen ... — Da! als habe ihn ein schweres Holz quer über die +Augen geschlagen, taumelte er zurück. Ein stechender Schmerz fuhr ihm +durch den ganzen Kopf. Mit lautem Schrei fiel er rücklings zu Boden. + +Gräfin Agnes hatte kurz zuvor auf dem Bardenberge einen herrlichen, +übergroßen Hirsch gesichtet; mit verhängten Zügeln hatte sie ihm +nachgesetzt; in der Grube, in die Heinrich eben niedersteigen wollte, +hatte sie das zitternde, müde Tier gestellt, mit starker Hand den Pfeil +nach ihm geschleudert ... Der Schuß war fehlgegangen, und der am Felsen +abgeprallte Pfeil hatte sich in die Stirne des ahnungslos nahenden +Grafen eingebohrt. + +Wer möchte die Angst und das Entsetzen malen, das der unerwartete +menschliche Schrei im Herzen der Gräfin auslöste? + +— Sollte sie ... ach Gott, nein, es kann, es darf nicht sein! — Wie +außer sich, sprang sie vom Pferde herab und eilte ins Gesträuch hinauf. + +— Also doch! Den Kopf zurückgebogen, Augen und Gesicht voll Blut, lag +dort eine jämmerliche Gestalt, der Graf. Zwischen den Augen klaffte ihm +eine entsetzliche Wunde, aus der noch immer frische, dicke +Blutstropfen, einander jagend, niederrannen. + +Müde und mit unsicheren Händen tastete er hilfesuchend um sich. An +ihrem Schluchzen erkannte er die Gräfin. „Du, Agnes?“ zitterte er, „du +...?, was ist geschehen?“ + +Sie konnte nicht antworten. Einer Ohnmacht nahe, griff sie mit letzter +Kraft nach dem an ihrem Gürtel hängenden, silbernen Horn. + +Und bließ hinein, so entsetzt, so flehend, so um Hilfe weinend, daß der +klagende Ton weithin getragen in die Wälder schallte und die +erschrockenen Ritter und Knechte eiligst nach der Unglücksstelle +heranstürmten. + +Auf einer Tragbahre brachte man den Schwerverwundeten auf sein Schloß +zurück. Ihm folgte seine weinende, der Verzweiflung nahe Gattin. + +Jubelnd war man am Mittag ausgezogen. Wer hätte ahnen können, daß ein +so freudig begonnenes Fest ein so übermäßig trauriges Ende nehmen +würde? + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +3. Kapitel. + +Trübe Zeiten + + +Statt der festlichen Tafel, die an jenem Abend in der Bardenburg die +günstig verlaufene Jagd beschließen sollte, herrschte nun in deren +matterleuchteten Hallen eine drückende Stille. Nur im Flüstertone ging +die spärliche Unterhaltung zwischen den nächsten Tischnachbarn +vorsichtig hin und her, und nach rasch beendeter Mahlzeit zogen sich +alle zu meist schlafloser Ruhe auf ihr Zimmer zurück. In der Frühe des +folgenden Tages, ehe noch das Morgenrot über Hobscheid hinaus in den +Himmel stieg, befand sich die Mehrzahl der Gäste auf betrübter +Heimfahrt. + +Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern. + +Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie +die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen. + +Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu +verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten. + +Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach +Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen +durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer, +undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster +Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge +unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die +Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde sich allmählich bessern; +aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf +ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige +Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen +„Heinrich, der Blinde“ eintrug. + +Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes +tragen? + +Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos +nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der +den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und +obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das +schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb +auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem +Sinne schwinden. + +Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach +Sonne dürstende Kind Ermesinde. + +Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten +Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie +auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das +molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen, +saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen +Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse. +An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die +kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren +mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in +buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute! + +Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe +Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines +leiderfüllten Herzens! Agnes hatte sich noch immer nicht in ihre neue +Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich +und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie +verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der +Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte. +„Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu +sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin! +Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig +verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin +ich geraten!“ + +Der Graf suchte sie zu trösten. „Mannigfache Trübsal zeichnet das Leben +eines jeden Menschen. Haben wir einst das Gute von der Hand Gottes +angenommen, warum sollen wir uns nicht auch in das Böse willig fügen!“ + +Aber der Schlag war zu plötzlich gewesen. Erst nach und nach konnte +sich das Herz der Gräfin ins Unabänderliche fügen lernen. + +Ihr Ende rückte näher und näher. + +Sie fühlte es. Und raffte sich schließlich zur Seelenruhe und zum +christlichen Gleichmut auf. Die Härten des Lebens hatten es ihr endlich +zum Bewußtsein gebracht, daß das Glück nicht allein in vergänglichen, +irdischen Dingen wohnt. + +Mit mütterlicher Liebe rief sie ihr Kind an ihr Krankenlager und sprach +zu ihm in ruhigen, abgeklärten Worten, die Ermesinde allerdings erst +viel später in ihrer ganzen Tragweite verstehen sollte: „Mein Kind, +wenn ich eines Tages nicht mehr an deiner Seite weilen werde, dann +bedenke und vergiß es nicht: Das Fundament allen Glückes ist der Friede +des Herzens. Den mußt du suchen! Den mußt du bewahren! Du bist jung; du +trägst einen ehrenvollen Namen; ein schönes Land wirst du eines Tages +dein eigen nennen. Man wird dir schmeicheln. In irdischem Besitz +könntest du deine Freude zu finden wähnen. Nein, Kind! Wie ein Pfeil +die Luft durchschwirrt, schwindet das Vergängliche rasch dahin.“ + +Wenige Tage darauf trauerten an ihrer Bahre ein blinder Greis und ein +unmündiges Kind, Ermesinde. + +Liebevoll und ergeben suchte ihr der Vater den allzufrühen Tod der +Mutter verschmerzen zu lassen. Wie manche Stunde saß das Kind an seiner +Seite, droben auf den Zinnen der alten Burg und lauschte auf seine +Ermahnungen und seine Schilderungen aus längst vergangenen Tagen! Vom +alten Römerweg drüben erzählte er, der hinter Klausen meterhoch über +das Gelände nach dem fernen Grünenwald führte, und auf dem die fremden +Eroberer Unterwerfung und Knechtschaft gebracht hatten; auf demselben +Wege waren aber auch die Boten des Evangeliums, Frieden kündend, +herangekommen und hatten dem Lande eine neue Freiheit und Gottes Segen +vermittelt. Er sah den großen Bischof und Wundertäter Martinus. Auf ihm +war St. Bernard vorübergezogen und Papst Eugen III. Von Verdun herüber, +durch Arlon, Straßen und Luxemburg waren sie gekommen, um nach Trier +weiterzuziehen, zur Einsegnung der St. Mathiaskirche, im Jahre 1148. +Der Bardenburg war damals die Ehre geworden, die hohen Gäste bewirten +zu dürfen. Auch vom Süden des Landes sprach er, von den saftigen Wiesen +des Rösertales und den fruchtbaren Gefilden, die sich um Johannisberg +und Zolverhöhe dehnten, von denen bei klarem Wetter die Dächer und +Zinnen herrlicher Burgen herübergrüßten. Dann freute sich das Kind und +vergaß auf eine Weile den Zug der Trauer, der jahraus, jahrein die +Lützelburg jener Tage füllte. + +Dann meldete sich ein neues Unheil. Heinrich, der bis dahin als +tapferer Streiter auf den Schlachtfeldern der Gegend bekannt und +gefürchtet war, konnte nicht mehr die Waffen führen. Zur Untätigkeit +verurteilt, hockte er verlassen in seiner Burg und war auf die Rechts– +und Friedensliebe seiner Vasallen und Nachbarn angewiesen. + +Doch, wo die Kraft zur Abwehr fehlt, erweist sich diese Hoffnung +oftmals trügerisch. Ritter und Barone griffen seine Besitzungen an und +entrissen ihm dieses und jenes. Und er konnte bloß machtlos zürnen und +mußte sich auf Verhandlungen einlassen, die meistens zu seinem Schaden +aussschlugen. + +Wohl oder übel mußte er sich eines Besseren besinnen. Er mußte sich +nach einem Bundesgenossen umsehen, der an seiner Stelle in den Kampf +ziehen und den Ruhestörern das widerrechtlich Geraubte entreißen +könnte. + +Seine Wahl fiel auf Heinrich, Grafen der Champagne in Frankreich. Als +Lohn für seine Hilfe sollte ihm später mit der Hand Ermesindens das +Anrecht auf die von ihm geschützten Länder zufallen. Aber es dauerte +nicht lange, so trat er von dem Vertrag zurück. Allzuhäufig waren die +Streitigkeiten, in die er dieses Erbes wegen, verwickelt wurde. + +So litt der blinde Graf gegen Ende seines Lebens mehr und mehr, und +wäre nicht sein Kind gewesen, er hätte wirklich den Tod als milden +Retter und Freund herzlich gegrüßt. + +Von Bedrängnissen umringt, starb er 1196 im Kloster zu Echternach und +fand seine Ruhestätte an der Seite seiner Gattin, in der stillen Gruft +des Klosters #Floreffe#, in der Nähe von Namür. + +Einsam und verlassen stand das neunjährige Kind Ermesinde, als +Doppelwaise in den weiten, altersgrauen Hallen ihres väterlichen +Schlosses. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +4. Kapitel. + +Tage der Sonne + + +Kindertränen trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt +schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden +den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am +wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte. + +Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler, +Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen +Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und +herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf +gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings +hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im +Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am +Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen! + +Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten +vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn +sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung +zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens +Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. + +So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft +Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem +Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos +verschwunden; es mußte in ihr die Überzeugung Platz greifen, über ihrem +Schloß und Lande herrsche der reinste, ungetrübteste Friede. Und doch +bestanden diese Schwierigkeiten in ihren verschiedensten Arten +unvermindert fort, und mehr als einmal konnten sie nur zum dauernden +Schaden der gräflichen Besitzungen geschlichtet werden. + +Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes +Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des +heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen +schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien +ihr die Zukunft im rosigsten Lichte. + +Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen +Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die +blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem +nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem +Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des +gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“ + +Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der +scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden +und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der +Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken +blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich +verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du +zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden. +Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir +leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“ + +Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des Jahres 1204, an dem +die Fürstin mit vollendetem 18. Lebensjahr die Regierung der Grafschaft +übernehmen sollte, gefeiert werden. + + +[Illustration: Ermesinde, Gräfin von Luxemburg + + Das einzige uns erhaltene Bildnis Ermesindens. + Die Umschrift des Siegels lautet: + + _Sigillum Hermessendis comitisse de Lucemburg et de Rupe._] + + +Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und +Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten +in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit +wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie +wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin +gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die +Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu +legen. + +Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein +patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes +Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit +ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit +entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich +von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein +väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder +frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der +Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden. + +Auf wen sollte die Wahl fallen? + +Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien +Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem +künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine +Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine +Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung +zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft +Luxemburg merklich steigern mußte. + +Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter +des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden +Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in +glänzenden Turnieren, das gewöhnliche Volk bei froher Tafel und +geselligem Spiel. + +So schien denn der letzte Stein in den hochragenden +Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich +vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und +mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend. +Überall leuchteten Freuden und Sonne. + +Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge, +hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich +aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes, +wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +5. Kapitel. + +Zerstörte Glücksträume + + +Wie mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe +sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in +furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende! + +Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und +zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus +tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten +Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht. + +Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen +Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen +Zeit werden. + +Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen, +kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf. +Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze +seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken +rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte. + +Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen +umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den +anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige +schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder, +auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot. + +Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz +der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die +Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses +gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen, +die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn +ausgesprochen. + +So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes +und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen +Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben. + +In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht +eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister +lastete. + +Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie +bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen, +daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende. + +Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich +nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und +damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen. + +Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen +seiner grauen Burg. + +War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die +Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten; +endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um +Nachlassung des Bannes. + +Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend, +sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr +verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die +Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung +gefunden hatte. + +Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite +Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem +Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige +Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen. + + +[Illustration: Theobald nimmt Abschied von Ermesinde.] + + +Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach +Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine +Wallfahrt zum Grabe der heiligen Genoveva nach Paris zu unternehmen, +und diesem Versprechen wollte sie möglichst bald nachkommen. Sie zog +durch Lothringen und die Champagne und kehrte im Herbst, als die Vögel +südwärts zogen, nach Luxemburg zurück. + +Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom +Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur +einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß +wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden +Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein +kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen. + +„Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles +gut werden!“ + +Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher. + +„Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit +entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen +gangbaren Wege liegen tief verschneit.“ + +Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus. + +Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich +sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen +Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her +immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag. + +Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit +ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses +und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger +zeigte sich auf der bestaubten Straße. + +Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach, +Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle ich es, ein schweres Joch liegt auf +den Kindern Adams, den reichen nicht minder, wie den armen!“ + +Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte, +antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing +mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe +herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger +Zug! + +Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung. + +„Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst! +Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat +Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“ + +Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes +Willkomm in die Ferne. + +— Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal +entgegenzuziehen? — + +Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich +nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich +vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre. + +„Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht +unterscheiden?“ + +„Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die +Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“ + +„Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht +handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde +abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“ + +„Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet +keine frohe Heimkehr!“ + +“Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch, +Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“ + +Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges, +noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ... + +„Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und +dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen +Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“ + +Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die +Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend, +sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame. + +Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim, +um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten. + +Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des +Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da +erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die +volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +6. Kapitel. + +Untergang? + + +Mit dem Tage, an dem die blutbefleckte Leiche ihres Gatten in die +feuchte Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe niederstieg, schien für +Ermesinde die Sonne jeglichen Erdenglückes für immer erloschen zu sein. + +Wie geistesabwesend stand sie am Beerdigungstage in den weiten, +schaurigen Gewölben, in deren kaltem Düster sich die schmucklosen, aus +Stein gehauenen Sarkophage in langen, grauen Reihen dehnten. + +Tagelang fand sie keine Tränen. + +Dann aber rang sich ihr Schmerz mit solcher elementaren, ungezähmten +Wucht durch, daß ihre Umgebung ernstlich für ihre Gesundheit fürchten +mußte, und die Besorgnis groß wurde, es möchte in Bälde ein weiterer +Sarg Schloß und Land Luxemburg in neue, noch tiefere Trauer senken. + +Ermesinde hätte sich auf diese Lösung herzlich gefreut. Auch der +schmerzlichste Tod wäre ihr in jenen Tagen als milder Retter und lieber +Freund erschienen. + +In nie gesehener Schärfe traten ihr wieder und wieder all die schweren +Schicksalsschläge vor Augen, die ihr wie ein dunkeler Schatten seit +Kindheittagen gefolgt waren und ihr rastlos ihre jungen Jahre vergällt +hatten. Mutlos ließ sie die Arme sinken. In bitterem Weh wiederholte +sie wieder und wieder das klagende Wort: „Ein schweres Joch liegt auf +den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zu der glücklichen Stunde, +wo sie das Zeitliche segnen und alles Leides enthoben, aus dem +Tränental der Erde scheiden dürfen.“ + +Immer mehr verlor sich ihr Sinnen in dumpfes Hinbrüten. Merklich zehrte +es an ihren Kräften, bis sie schließlich, wie mit gebrochenen Flügeln +hilflos in die Nacht der Verzweiflung zu stürzen drohte. „Hätte ich nie +einen Thron gesehen! Hätte mich das Schicksal in ärmliche Verhältnisse +hineingestellt, ich hätte vielleicht noch glücklich werden können! Aber +so! Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel!“ + +Ein zweites Mal zog sie von Luxemburg fort. Ein zweites Mal nahm sie +den Weg zur Bardenburg. Wie sich das verwundete Wild schutzsuchend in +das tiefste Dickicht des Waldes zurückzieht, trug sie ihren Schmerz +fort aus den Augen der Menschen und aus dem lauten Lärm der Straßen. Ob +vielleicht in stiller Waldeseinsamkeit ein zartes Blümlein sprösse, an +dessen Duft ihre kranke Seele Labung und neuen Höhenflug finden könnte +...! + +— War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die +Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige +Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War +sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die +Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige +Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr +in sich zurückgezogen. + +Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in +glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter +zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt. + +Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und +Würden waren eingeführt worden, und die edelsten Männer des Landes +stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen. + + +[Illustration: Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg.] + + +Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit, +Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine +herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich +unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und +Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes +Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes +entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein +weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben +geblendet und enttäuscht zu werden? — + +Sie konnte nicht mehr beten. + +Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte +sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze +Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern. + +Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute +sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie +blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu +Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter +schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in +die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen +an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den +Scheiben niederrollten. + +— Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und +neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von +Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in +längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen. + +Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht +auf das einlullende Murmeln der Quellen. + +Alles, alles war umsonst. + +Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue +Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am +stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem +weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges, +regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich +knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre +Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich. + +Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine +frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern, +unaufhörlichen Tränen. + +Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht +die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit +dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer +tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um +so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so +manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters: + + „Durch Druck und Schläge mannigfalt + Wird rein geglättet jeder Stein, + Bevor des weisen Vaters Hand + In hohen Bau ihn füget ein.“ + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +7. Kapitel. + +Schwindende Nacht + + +Septuagesima 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die +Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg +zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige +Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille +war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo +ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren. + +Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur +Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her +die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie +daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren +niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer +Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare, +verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich +lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie +mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen. + +Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre +Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich +schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider +ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte. + +Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“ +lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du ihm nachtrauern! Nicht lange +mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“ + +Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich +getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie +banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften. + +Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes. + +Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des +Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich; +die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für +sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto +nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das +trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer +und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum +Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In +großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner +augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen +seiner Gedanken entspricht. + +Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden. + +Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden +Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten, +der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe +findet. + +Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und +Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten +Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten +sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den +Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“ + + + * * * * * + + +Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und +wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen. +Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten, +blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel. + +An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß +von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des +murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal. + +Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob +es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte. + +Alles atmete Frieden. + +Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die +Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade +weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche, +unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“ +hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute +friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem +Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt. + +Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder +die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern. + +Aber etwas hielt sie zurück. + +Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ +sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder. + +Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den +goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem +Tälchen daherzogen. + +Ihre Augen waren halb geschlossen. + +Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der +Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von +Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte. + +Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich +ineinander; auf ihre Lippen stieg das |Ave|, der Gruß an die Königin +der Königinnen. + +Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. — + +Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich +die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches +Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand +vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht +und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend +weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um +ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne, +wie kleine Sonnen, glänzten. + +In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst +zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien. + +So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des +Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den +Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen +freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte. + +Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal +breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen, +leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie +Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in +langen, durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen +der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie +ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht +minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es +herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und +überglücklich. + + +[Illustration: Die Erscheinung an der klaren Quelle.] + + +Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das +denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein +schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern +auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier +hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem +Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses +inmitten der Wolle von selber wuchs. + +Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche +Bild. + +Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine +Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige +von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne +glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und +unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen, +labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich +meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen +die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du +suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“ + +Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten +Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? — + +Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du +kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen? +Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“ + +Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog +sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und +verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch +schwebte dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und +verging. + +Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge +suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur +das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume. + +Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer +Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr +gewandelt. + +In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am +Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden +Sternen, ein Bild dessen, was sie an der |klaren Quelle| geschaut +hatte. + +Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie +schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das +sie einige Verslein einfügte: + + „Ich will schlummern; wache du, + Herr und Hirte deiner Schafe, + Schließ die müden Augen mir, + Schütze mich in meinem Schlafe! + Gib mir deiner Engel Wacht, + Liebster Jesu, gute Nacht! + Wenn ich träume, sei’s von dir + Und den lieben Englein allen, + Die wie Schäflein, voller Zier, + Durch den Himmel mit dir wallen! + Grüße, die mir sind bekannt, + Dort, zu deiner rechten Hand! + Gute Nacht, Herr Jesu Christ! + Hirte, der du gütig bist, + + Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet, + Was ich klagend hab’ gefehlet, + im Trübsinn, sonder Maß, + Ich auf deine Huld vergaß! + Hilf mir fortan besser sein, + Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“ + +In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen. + +Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer +längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel +hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum +Himmel zu senden: + + „Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln; + Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen, + Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich, + Labt meine müde Seele; + Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit, + Um seines Namens willen. + Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten, + Ich würde keinen Unfall fürchten, + Denn du bist bei mir.“ + ($Ps. 22$) + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +8. Kapitel. + +Beim Klausner + + +Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer +Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost +ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen +freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten +Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen, +schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen +Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch +sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! — + +Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den +grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und +suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden. + +In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend +durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war. +Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins +murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von +der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb +umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der +gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und +die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das +junge Grün. + +Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich +getragene Klang des Klausnerglöckchens. Wie ein feines, helles +Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume; +verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder +anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle +Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen: + + „Grüße die Mutter, + Die himmlische Frau! + Ihr deine Leiden + Sorglos vertrau!“ + +Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die +Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte: + + „Gruß dir, o Mutter, + Du himmlische Frau! + All meine Sorgen + Dir ich vertrau!“ + +Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken +waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins +hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben +konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange +vergessen konnte ...! — + +Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn +umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens. + +Die ganze Gegend kannte ihn. + +Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie +und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus +fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete +Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe +Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen, +klugen Rat erteilen konnte. + + +[Illustration: Der Klausner in Betrachtung.] + + +Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur +beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu +verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle +und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine +langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort +sammelte er Kräuter und Heilblumen, die er sorgsam trocknete und für +die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er +seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch +ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen. + +An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals +müßig fände. + +In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu +Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell +verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er +ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „_Memento mori!_ +Gedenke deines Sterbens!“ + +Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte +nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der +Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da +trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran. + +„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure +tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“ + +Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig +folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens. + +Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der +Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem +Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers. + +„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“ + +„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit +größter Freude helfen. Redet!“ + +Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all +das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig verfolgt, die Nacht +der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie +schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach +sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder +einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich +aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte. + +Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt +prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin +geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits +hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu +Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen +muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will +ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um +Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in +seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige +Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein +schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“ + +Ermesinde versprach es. + +In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als +sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter +Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende, +friedliche Herde. + +Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der +Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet. + +Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes +Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz. + +„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war +kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das +Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war +himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet +das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der +Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet, +findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“ + +„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder +Rhabanus!“ + +„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste +Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“ + +„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“ + +„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der +Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie +verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen, +Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen +sollen von früh bis spät.“ + +„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem +Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr +denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle +wünscht?“ + +„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist +ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr +Skapulier ist schwarz.“ + +Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die +klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein +schmuckes Kirchlein mit niedrigem Turm, und durch die stillen Bäume +hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in +die fernsten Zeiten. + +„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die +Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch +dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die +allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen +von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St. +Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner +Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“ + +Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser +Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der +flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun +aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere +Einzelheiten darüber wisse. + +Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und +verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben +kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie +der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau +selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser +Klause, darüber schreibt!“ + +Die Gräfin las: + +„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser +heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich +gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen. +Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und +die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die +Weihe der St. Matthiaskirche vornehmen sollten. Der Papst nahm an. +Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen +Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich +auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die +Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und +überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen +Segen und sein Gebet. + + +[Illustration: Chorschwester in Haustracht.] + + +[Illustration: Dieselbe in Chortracht.] + + + Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen) + von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt). + +Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in +Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der +Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen +Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft +eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom +heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg. + +Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt +an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen +vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das +unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem +Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer +göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen +Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das +Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt. + +Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr +Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden. + +Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der +Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine +besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft, +die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig +erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für +die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen. + +So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der +zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte, +durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die +gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“ + +Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu +offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände +des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun +ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war, +der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade erflehte, mit der die +Gottesmutter mich vorgestern beglückt hat. Deshalb will ich mich auch +dankbar erweisen. Nicht bloß werde ich hier eine Abtei bauen lassen, +auch die Quelle soll von heute ab Gegenstand höchster Ehre werden. An +ihren Ufern soll ein Heiligtum der Muttergottes erwachsen. Klar und +friedlich soll sie immerdar fließen inmitten der Stille, die ich hier +für die Seelen gründen werde, die dem Lärm und Hasten der Welt +entfliehen und hier unter dem Schutzmantel Mariens den Frieden finden +wollen ...“ + + +[Illustration: Der hl. Bernhard + + + nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse von Fontaine bei + Dijon.] + +In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim. + +Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der +Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und +tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der +Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins +stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere +Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden +tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“ + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +9. Kapitel. + +Sich weitender Weg + + +Das Gewitter verzieht. In seine letzten sich lichtenden Regenfäden +fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem +in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens. +Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und +schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des +Friedens über der vom Regen neu belebten Erde. + +So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln +Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer +früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische +Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden +Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen. + +Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes +Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts +weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie +selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in +stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen? + +In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er +sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes +künden. + +Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung: + +„Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem +Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen +Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und +des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist +das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“ + +Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein, +und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze +Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben +gefundene Frieden plötzlich wieder fort. + +„Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter +unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so +sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der +Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“ + +„Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu +pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die +allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht +im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am +dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre +aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern +ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch +genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner +Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der +bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster +Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf +dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle +Eures Volkes!“ + +Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender +Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und +brachte es zur Ruhe. + +„Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt +Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will +ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen +suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“ + +Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter +umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet, +kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig +hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den +Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen. + +Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der +Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten +spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen. + + Willst du glücklich sein im Leben, + Trage bei zu anderer Glück, + Denn die Freude, die wir geben, + Kehrt ins eigene Herz zurück.“ + +So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen +einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet, +offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +10. Kapitel. + +Nach hohen Zielen + + +Schäumend brausen die Meereswogen an das felsige Land. Von der Höhe +grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei +eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit +hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie +dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und +erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach +matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht +er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel; +seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe +vollen freien Lauf. + +So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden +Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben. + +Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der +klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein +solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo +die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald +gerodet. + +Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht +müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine +und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in +langen, niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim +Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die +stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und +Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“ + +„Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“ +flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo +müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“ +Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben +Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal. + +Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus +konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des +Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses +Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte +nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem +ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das +Wohl Eures Volkes!“ + +Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen. + +Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch +gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen +des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg +seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von +keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen +nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen +waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen +zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu stetem, brüderlichem +Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! — + +‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden +Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen +Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in +der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“ + +Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke +eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war +man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die +Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen +des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten +die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in +Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in +Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen. + +Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen +worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten +Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten +Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre +bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich +unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden +Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten. + +Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer +die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die +zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von +Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine +glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte. + +Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm, +Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen, +Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und +viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor +Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der +gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von +Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von +Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines +gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und +Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit +rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen. + +Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und +niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen +Tagen, ein einig Volk von Brüdern. + +Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen +weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten +Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei +vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in +Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten +bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den +Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu +suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten. + +So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das +Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen +Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden +Beterinnen ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am +Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens. + + +[Illustration: Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche +von Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.] + + +Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der +Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute +Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel +sandte! + +Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums +Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die +Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen +Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende +Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den +Gerichtshof des Adels. + +Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von +Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften +erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht +zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und +das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den +Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den +Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den +Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und +im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie +selbstständig und unabhängig. + +An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht. + +Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit +und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der +ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen +einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte +von dessen mannigfachem Segen. + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +11. Kapitel. + +Heim, zum ewigen Frieden + + +Fünfundzwanzig Jahre hatte die Fürstin mit milder Hand das Zepter des +Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet. +Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde, +war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der +Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen. + +Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer +erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr +Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron +verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? — +„Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“ +lautete ihre Antwort. + +Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den +versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas. + +Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen +Tag gefreut. + +Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit +jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus +Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“ + +Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich +fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung entgegen. Mit dem +folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und +das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die +Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag +in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem +Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie +dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames, +verdienstreiches Leben teilen. + +Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung +finden. + + + * * * * * + + +Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag +alles begraben unter Schnee und Eis. + +Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe „_Invocabit_“ +gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste +gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der +tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren +Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten. + +Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen +Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war +das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten +Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie +nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat. + +Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte. +Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers: +„Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend +starkem Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und +bedeutungsvolle Pause gemacht. + +Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem +Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen. + +Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer +von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in +ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung. + +Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem +Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie +sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue +mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des +Herrn!“ + +— „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die +Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei +deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ — + +Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor. +Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die +scheidende Seele. + +Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben. + + + * * * * * + + +Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht +man zur Leiche. + +Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe +getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens +gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte. + +Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er +trug die Inschrift: + +„Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder +Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist +gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man ‚_Invocabit_‘ singt.“ + + +[Illustration: Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.] + + +So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim +Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir +an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl! + +Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst +du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest +du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden! + + +[Illustration: Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von +Clairefontaine.] + + +[Illustration] + + + + +_CLAIREFONTAINE_ + + + 1. + + Daß sie kühle Ruhe finde, + Stieg im Mittagssonnenschein + Von der Bardenburg allein + Gräfin Ermesinde + In das tiefe Tal hinein. + + + 2. + + In des Grundes duft’gem Schweigen + O, wie liegt der Tag so weit + Mit dem schwülen Sonnenleid! + Goldig von den Zweigen + Träuft der Bann der Einsamkeit. + + + 3. + + Nur ein Quell singt träum’risch leise, + Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt + Dann und wann ein Käfer schwirrt, + Und im müden Kreise + Ein lichttrunkner Falter irrt. + + + 4. + + Langsam folgt die hohe Fraue + Dem gewohnten Buchenpfad, + Bis sie sich der Lichtung naht, + Wo auf sonn’ger Aue + Leuchtend steht die Blumensaat. + + + 5. + + Doch auch hier im bunten Kreise + Alles still und feierlich, + Blum’ und Blümlein neigen sich, + Nur der Quell singt leise: + „Niemand wacht umher als ich.“ + + + 6. + + Und auch ihr sinkt Kraft und Wille, + Müde blickt sie in die Pracht, + Auch an ihr übt sachte, sacht + In der Mittagsstille + Sonnenzauber seine Macht. + + + 7. + + An dem Quell läßt sie sich nieder, + Wunschbefreit, gedankenlos, + Legt die Hände in den Schoß + Und die weichen Glieder + Lehnt sie auf das weiche Moos. + + + 8. + + Neben ihr mit hellem Rieseln + Rinnt die Quelle silberrein, + Singt und springt ins Tal hinein + Unter Schilf und Kieseln — + Ei, das liebe Wässerlein! + + + 9. + + „Clere fountaine! Clere fountaine!“ + Haucht die Gräfin vor sich hin, + Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. — + Clere fountaine! Clere fountaine! + Ei, die liebe Schläferin! — + + + 10. + + Doch auf einmal, linde, linde + Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. — + An der Quelle kühlem Saum + Träumt Frau Ermesinde + Einen wunderbaren Traum. — + + + 11. + + Durch die Nacht der Bäume schreitend, + Naht ein hohes Frauenbild, + Wie ein Mutterlächeln mild, + Sanften Glanz verbreitend + Wie die Lilien im Gefild. + + + 12. + + Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte, + Wie sie durch das Waldgras schwebt, + Doch manch Blümlein neubelebt + Unter ihrem Schritte + Sein glutwelkes Krönchen hebt. + + + 13. + + Vor der Gräfin hielt sie inne, + Setzt sich an der Quelle Rand, + Klatscht in ihre weiße Hand + Und mit heiterm Sinne + Blickt sie aufwärts unverwandt. + + + 14. + + Sieh, da nahte auf das Zeichen + Eine märchenhafte Schar: + Vorn ein Knab’ im Lockenhaar, + Lieblich ohnegleichen, + Still und sittig wunderbar. + + + 15. + + Hinter ihm auf weichen Füßen + Wallten, traulich dicht geschart, + Viele Schäfchen süß und zart; + Solche zarten, süßen + Nimmer sind sie ird’scher Art. + + + 16. + + Freudig folgten sie dem Kleinen, + Und an seinem Lilienstab + Führte sie der Himmelsknab’ + Zu dem hohen, reinen, + Milden Frauenbild hinab. + + + 17. + + Lächelnd saß die hohe Holde, + Hieß sie trinken aus dem Quell, + Und o Wunder! sonnenhell, + Wie vom pursten Golde, + Strahlte da ihr Silberfell. + + + 18. + + Und den Wald durchfloß ein Klingen, + Und entzückend scholl das Lied, + Das, wie Sehermund verriet, + Der allein darf singen, + Der des Lammes Straße zieht. — + + + 19. + + Dann verschwinden Kind und Schafe, + Eingehüllt in ros’ges Licht, + Und die hohe Holde spricht, + Während froh im Schlafe + Glüht der Gräfin Angesicht: + + + 20. + + „Ermesinde,“ spricht sie milde, + „Liebe, traute Schäferin, + Deute dir mit frommem Sinn, + Was du sahst im Bilde, + Dir und andern zum Gewinn. + + + 21. + + Viele müde Schäfchen schreiten, + Die bedrängt des Lebens Zorn; + O durch Dürre, Sand und Dorn, + Gute Gräfin, leiten + Kannst du sie zum Wonneborn. + + + 22. + + Himmelsschäfchen, Gottesbräute, + Reich an Tugend, groß an Zahl! + Richte ihnen hier den Saal! + Ermesinde, heute + Zog der Herr durch dieses Tal.“ — + + + 23. + + Durch die Nacht der Bäume schreitend, + Sacht entschwebt das hohe Bild, + Wie ein Mütterlächeln mild, + Sanften Glanz verbreitend + Wie die Lilien im Gefild. — + + + 22. + + Rings im bunten, duft’gen Kreise + Alles still und feierlich. — + Doch da regt die Gräfin sich + Und sie murmelt leise: + „Gott, wie selig träumte ich!“ + + + 25. + + Neben ihr mit hellem Rieseln + Rinnt die Quelle silberrein, + Singt und springt ins Tal hinein + Unter Schilf und Kieseln — + Heil dir, klares Wässerlein! + + + 26. + + „Clere fountaine! Clere fountaine!“ + Spricht die Fraue vor sich hin, + „Ja, ich faß des Traumes Sinn.“ + Clairefontaine! Clairefontaine! + Heil dir, edle Gründerin! + + _Dr. Nikolaus Welter._ + + +[Illustration: Die auf den Ruinen der Clairefontainer Abtei +errichtete Muttergotteskapelle mit Ermesindens Grabmal.] + + + + +Inhalt: + + + 1. Kapitel. Die Fahrt zur Jagd Seite 3 + + 2. — Ein verhängnisvoller Schuß 12 + + 3. — Trübe Zeiten 20 + + 4. — Tage der Sonne 25 + + 5. — Zerstörte Glücksträume 30 + + 6. — Untergang? 36 + + 7. — Schwindende Nacht 41 + + 8. — Beim Klausner 49 + + 9. — Sich weitender Weg 60 + + 10. — Nach hohen Zielen 63 + + 11. — Heim, zum ewigen Frieden 68 + + Clairefontaine 72 + + +[Illustration] + + + * * * * * + + +Empfehlenswerte Jugendlektüre: + + + Der arme Rudi + Im Walde verirrt + Häsleins Tod + Was der schwarze Hans erlebte + Zum Altare Gottes + Primizkrone/Sterbekranz + Unter fremden Menschen + Der Ungeschworene + Im Höllenschornstein + Der Liebling des Patriarchen + Marie Adelheid + Das Gespenst und andere Geschichten + Kalender für kleine Leute 1929 + Der Sämann, Jahrbuch für die Jugend. + + +Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verfasser +Pfarrer Th. |Zenner|, Folscheid (Luxemburg). + + + * * * * * + + +[Illustration] + + + + +[Illustration] + + + $Eine recht wirksame Unterstützung$ + + $der Missionen$ + + $ist ein Abonnement auf eine Missionszeitschrift. Die illustrierte + Monatsschrift der Missionsschule Clairefontaine$ + + $+HEIMAT & MISSIONEN+$ + + $bietet +Missionsartikel, Lokalgeschichtliches, Abhandlungen über + Herz–Jesu–Andacht und sonstige religiöse Gebiete sowie + Unterhaltendes+$. + + $Ein Jahresabonnement kostet #10# Fr.$ + + $Man bezieht sie unter folgender Adresse:$ + + $#Missionsschule von Clairefontaine b. Eischen#$ + ($Grossh. – Luxbg$). + + $Postscheckkonto, Luxemburg 3052.$ + + [Illustration] + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77488 *** |
