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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1835 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Verschiedene Schreibweisen (z.B. 'Entwicklung/Entwickelung') wurden
+ beibehalten, sofern die Varianten mehrfach im Text vorkommen.
+
+ Die Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Briefes versetzt.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ fett: _Unterstriche_
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Briefe
+
+ über
+
+ Göthe’s Faust
+
+ von
+
+ C.G. Carus.
+
+
+ Erstes Heft.
+
+ Ein Vorwort und drei Briefe enthaltend.
+
+
+ Leipzig, 1835.
+
+ Verlag von Gerhard Fleischer.
+
+
+ In Commission bei Adolf Frohberger.
+
+
+
+
+ Sr. Wohlgeboren
+
+ =Herrn Johann Gottlob Regis=
+
+ in Breslau.
+
+ Dresden den 1. August 1835.
+
+Wenn ich Ihnen, einem lieben und getreuen Freunde, mit welchem ich seit
+länger als zwanzig Jahren über mannichfaltige Erscheinungen in Kunst,
+Literatur und Leben, dann und wann mündlich, meistens aber brieflich
+mich vertraulich auszusprechen gewohnt war, diese Briefe über den
+Faust nun auch im Druck zusende und aneigne, nachdem sie Ihnen längst
+schon im Manuscript bekannt geworden waren, so darf ich sicher eine
+aufrichtige Theilnahme und wohlwollende, das Unvollkommne des Ausdrucks
+ergänzende Aufnahme voraussetzen. -- Möchte ein ähnliches Verstehen
+und Empfangen denselben auch sonst in der Welt zu Theil werden! --
+
+Ich gestehe nun aber gern, daß ich den Kreis, innerhalb welches
++dieser+ Wunsch in Erfüllung gehen dürfte, für einen sehr eng
+beschränkten halte; denn das Treiben der Welt ist vielleicht der
+stillen Beschaulichkeit und dem Gefühle innerlicher Pietät, aus
+welchem allein Äußerungen, wie die dieser Briefe, verständlich werden
+können, kaum ungünstiger gewesen, als eben jetzt. Lassen Sie jedoch
+uns damit diese zweifelhafte Stimmung beschwichtigen, daß, so wie uns
+zuweilen im eignen wirklichen Leben aus Regionen, von welchen wir
+besondre Theilnahme kaum je erwarten konnten, einzelne seelenverwandte
+Individualitäten auftauchen, welche durch treulichstes Anschließen
+und unversiegbares Wohlwollen unserm Leben stets neuen Reiz und die
+Frische lebendiger Wirksamkeit erhalten, daß eben so auch unter der
+„unbekannten Menge“ sich gewiß noch viele jener feiner gestimmten
+Seelen finden, welche nicht blos Augen haben, zu sehen, was in
+gewöhnlichem klarem Tageslichte um sie her sich begiebt -- sondern auch
+achtsam mitempfinden das,
+
+ „was, von Menschen nicht gewußt
+ Oder nicht bedacht,
+ Durch das Labyrinth der Brust
+ Wandelt in der Nacht.“ -- --
+
+Und so wüßte ich denn kaum, was ich weiter diesen Briefen voranstellen
+oder mitgeben sollte! -- Ich füge nur so viel bei, daß, so wie Ihnen
+bekannt ist, diese ersten drei seien ganz unabsichtlich und nach und
+nach, durch innere Geistesnothwendigkeit bedingt und in so fern meinen
+Landschaftsbriefen ähnlich, entstanden, ich auch für die Folge die
+Vermuthung nicht unterdrücken darf, es werde die nächstkommende Zeit,
+noch manche andre mir bis jetzt nur dunkel vorschwebende Gedankenzüge
+über den Faust in dieser Form festzuhalten und Ihnen ebenfalls zu
+übergeben, die Gelegenheit gar wohl darbieten. -- Indem ich daher auch
+einem etwa späterhin erscheinenden zweiten Heft gleiche liebevolle
+Theilnahme erbitte, verharre ich aufrichtigst
+
+ Ihr
+ +treu ergebener+
+ =Carus.=
+
+
+
+
+I.
+
+
+ Zweiter Weihnachtsfeiertag 1834 Abend.
+
+Es ist heute Abend eine wunderbare Stille um mich her! ich finde mich
+fast einsam in meinem geräumigen, bequemen Hause; eine ruhige, dunkle
+Nacht liegt über dem Garten vor meinem Fenster ausgebreitet, und
+kaum ein schwacher Schimmer des hochstehenden Jupiter dringt durch
+das Nebelgewölk, welches den Himmel umzieht! -- im Zimmer rührt sich
+nichts, als der leise Schlag der Uhr und einzelnes Knistern des eine
+anmuthig gleiche Erwärmung verbreitenden Feuers, und wie denn nun in
+solchen Momenten uns gern mannichfaltige Gedankenzüge über Erlebtes und
+Durchdachtes vorüberzugehen pflegen, so ging es auch mir: -- in immer
+tieferes, stilleres Sinnen über das Geheimniß meines eigenen Lebens
+schien ich mich zu verlieren, und nur damit ein solcher Zug nicht ins
+Unbegränzte sich ausdehnte, fühlte ich mich endlich getrieben, ihm
+ein bestimmtes Ziel, einen festern Halt anzuweisen. -- Da kam es mir
+denn zu guter Stunde ins Gedächtniß, wie ich Ihnen versprochen hatte,
+mitzutheilen und gleichsam der Freund dem Freunde Rechenschaft zu geben
+von den Gedanken, die in mir rege geworden sind, seit ich den Faust von
+Göthe vollendet gelesen, wiedergelesen, ja in mich eingelebt hatte! --
+Lassen Sie mich denn auch zu diesen Gedanken sagen:
+
+ „Versuch ich wohl, euch dießmal fest zu halten -- --
+ Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt? --
+ Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
+ Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert!“
+
+und so denn ohne alle weitere Vorworte zur Sache! --
+
+Zuerst aber führe ich Ihnen einen Gedankenzug heran, den eine
+gelegentliche Äußerung Göthe’s über Dante, in seinen Briefen an Zelter,
+veranlaßt hat.
+
+Göthe nämlich, der, wie wir manchmal besprochen haben, wunderbarer
+Weise eigentlich nie dem Dante recht nahe gekommen zu sein scheint,
+macht doch dazumal, als eine moderne Übersetzung seinen Blick dorthin
+richtete, folgende hübsche Bemerkung: „Bei Anerkennung der großen
+Geistes- und Gemüths-Eigenschaften Dante’s werden wir in Würdigung
+seiner Werke sehr gefördert, wenn wir im Auge behalten, daß gerade
+zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in ihrer
+natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich bedeutend
+wirkende Genius beherrschte auch ihn.“ -- Und so ist es ganz gewiß!
+-- Wie nichts isolirt steht in der Welt, so am wenigsten irgend ein
+bedeutender, mächtig auf seine Zeit wirkender Geist -- er konnte
++so+ nur +erstehen+ in gerade seiner Zeit, und wir können ihn nur
++verstehen+, indem wir uns das, was seiner Zeit eigenthümlich ist,
+möglichst klar und deutlich zu machen suchen. -- Sie fühlen nun schon,
+wo ich hin will, wenn ich dieses in Beziehung auf Göthe anführe, und
+ersparen mir zu sagen, in wie vieler Hinsicht Göthe die Blüthe und
+Spitze +seiner+ Zeit genannt werden muß; -- denn die Überzeugung
+hiervon ist in Ihnen längst so lebendig, wie in mir. -- Aber +eins+
+wollte ich doch hier herausheben und zu bedenken geben, weil es +mir+
+gerade bei meinen naturwissenschaftlichen Bestrebungen vielleicht
+deutlicher geworden ist, als manchem Andern. -- Offenbar nämlich
+regt sich in unsrer Zeit eine Tendenz, alles, was der Erfahrung,
+der Betrachtung und Erforschung vorliegen kann, seiner Entstehung,
+seiner Geschichte, seiner Entwickelung nach zu untersuchen und zu
+begreifen; das Überlieferte, das zu einem Bestehenden schon Gewordene,
+die Autorität mit einem Worte geradehin als solche gelten zu lassen
+und anzuerkennen, hat Niemand mehr besondre Lust; man sucht nach
+der Art und Weise, +wie+ irgend etwas sich herangebildet und nach
+und nach erschlossen hat, und will es, nach seinen verschiedenen
+Perioden zusammengefaßt, erst als ein Ganzes erkennen und dem Urtheil
+unterwerfen. Wer irgend mit Aufmerksamkeit um sich blickt, wird hierzu
+die mannichfaltigsten Belege erkennen können! Haben wir nicht im
+politischen Leben aus solchen Bestrebungen die gewaltigsten Bewegungen
+hervorgehen sehen? ist nicht im gewöhnlichen Leben hieraus nach
+und nach eine andre Stellung der Glieder bürgerlicher Gesellschaft
+entstanden? -- und welchen Umschwung endlich haben die Wissenschaften
+von dieser Seite her erhalten! ist nicht die genetische Methode, das
+Streben, jede Betrachtungsreihe mit dem Ur-Phänomen zu beginnen, der
+Trieb, durch das Schauen des Werdens das Gewordene zu begreifen,
+von dem außerordentlichsten Einflusse, namentlich auf alles, was
+Naturwissenschaft heißt, gewesen? -- Dieser Genius der Zeit ist
+es denn, der auch an Göthe, und an ihn besonders, sein Evangelium
+richtete! Zeugniß davon geben seine eigenthümlichen wissenschaftlichen
+Arbeiten, Zeugniß gibt sein Blick auf die Pflanzennatur in ihrer
+allmähligen Entwicklung und Verwandlung, Zeugniß gibt seine
+prophetische Deutung der Theile des Skeleton und seine Erkenntniß der
+Wirbelbildungen in dem Knochengebäude des Schädels, Zeugniß endlich
+geben seine schönen Anschauungen der Entstehung und Bedeutung der
+Farben. -- Daß aber das Auge des Dichters für diese Geheimnisse
+erschlossen wurde, konnte das ohne Wirkung bleiben auf seine
+Dichterwerke? -- Mußte ein Dichter, dem die Bedeutung jener alten Worte
+sich offenbart hatte: „Siehe, er geht vor mir über, ehe ich’s gewahr
+werde, und verwandelt sich, ehe ich’s merke,“ ein Dichter, dem die
+Welterscheinung nicht als ein fest eingerahmtes unbewegliches Bild,
+sondern in ihrer rastlos dahinziehenden, ewig fort und fort wechselnden
+Bewegung erschien -- mußte er nicht anders dichten, als jeder Andere?
+-- Wahrlich! der hat Göthe’s Dichtungen nie in voller Innigkeit
+und Liebe begriffen, der da glauben kann, Göthe hätte ohne diesen
+Natur-Sinn und dessen wissenschaftliche Bethätigung dichten können,
+wie er gedichtet hat! -- Haben wir nicht oft zusammen empfunden, wie
+gerade dies Gefühl ununterbrochener innerer Fortschreitung, ewigen
+Fortklingens in dem stätig erzitternden Tonmeere des Universums, der
+wunderbare Hauch ist, welcher jedes seiner ächten Werke belebt und
+durchdringt? liegt es nicht eben hierin, wenn wir in jedem seiner in
+Dichtungen ausgehauchten Gemüthszustände immer deutlich fühlen, was
+diesem Zustande alles vorherging, um ihn zu begründen, und hinwiederum
+ahnen, was diesem Zustande späterhin folgen mußte? -- und ist es
+nicht gerade dies Gefühl des Schwebens in dreigestaltiger Zeit, in
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, was uns zur Ahnung der
+Ewigkeit steigert und uns eben zu +Dem+ leitet, der vor uns übergeht,
+ehe wir’s gewahr werden, und der sich verwandelt, ehe wir’s merken.
+
+Und so ist denn dies Hinschauen auf den ewigen Thaumatrop der Welt und
+unsres Innern das, was Göthe zu immer neuen und immer bedeutungsvollen
+Productionen begeisterte, was ihn nöthigte, von seiner eignen
+innern Entwicklung mit allen Schmerzen und aller Lust aller ihrer
+Verwandlungen ein Bild zu hinterlassen, wie wir es noch von keinem
+Menschen erhalten haben, und was ihn antrieb, dann, wann ihm eine
+Vision wurde, wann eine Idee zu ihm trat, und seine Phantasie nun diese
+Idee in dichterischer Wirklichkeit ausbildete, überall eine genetische,
+eine geschichtliche, eine rastlos fortschreitende Darstellung vor allen
+andern zu wählen. -- Wem aber ein solcher Begriff aufgegangen war von
+dem Wesen organischer Entwicklung überhaupt, der hatte auch unfehlbar
+die deutliche Erkenntniß von der unendlichen Vielgestaltigkeit aller
+Entwicklung, der erkannte, auf wie viel verschiedenen Wegen und Umwegen
+die innere geistige +menschliche+ Entwicklung vollendet wird, und er
+fühlte, wie so wunderbarer Weise der Mensch, als ächter Mikrokosmos,
+alle die unendlich mannichfaltigen Verwandlungen der ihn umgebenden
+Natur, in ihrem bald langsamen, bald raschen, bald gewaltsamen,
+bald ruhigen, bald vielfach retardirten, bald ununterbrochen
+fortschreitenden Gange, in geistiger Maaße in sich zu wiederholen
+die Freiheit hat. Dieses aber erkannt, so mußte ihm zugleich auch
+davon die Überzeugung aufgehen, wie die Menschheit überhaupt nur als
+in einem uns alle mit sich fortziehenden rastlosen Entwicklungsgange
+begriffen, verstanden werden kann, und wie in all’ diesem Vorschreiten
+durch Blut und Tod wie durch Lust und Leben stets +eine+ große fort
+und forttönende Melodie höhern Ursprungs wohl zu verfolgen ist, welche
+allerdings nicht in einzelnen Noten begriffen wird, wohl aber dem
+feiner erschlossenen, tiefer fühlenden Sinne im Ganzen zur Ahnung
+kommen kann.
+
+Ist es mir nun gelungen, Ihnen über diese meine Grundansicht vom
+Wesen Göthe’scher Dichtung meine Gedanken deutlich auszusprechen,
+so +kann+ ich mir ersparen, durch Nachweisung in Göthe’s Werken
+hierüber noch eine Menge Beispiele vorzuführen; ich brauche nicht zu
+sagen, wie eine der frühesten Aufgaben, welche er sich stellte, die
+Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters war, wie im Werther eine zum
+Tode führende geistige Entwicklungskrankheit mit gewaltiger Wahrheit
+geschildert ist, wie das tief schmerzliche und doch reizende Bild aus
+dem Leben des Tasso nur ein Schritt erscheint aus dem langen Gange
+durch das Gluthmeer innerer poetischer Leidenschaftlichkeit (wie Dante
+sagt: „~e vidi spirti per la fiamma andando~“), wie die Entwicklung
+eines heitern heldenmäßigen Charakters im Egmont prächtig dargestellt
+ist, und so durch viele andre Tonarten der Musik menschlicher Seelen
+hindurch. -- Daß nun aber das titanenhafteste Werk dieser Art der
+Faust sei, wer kann das läugnen? -- Der Faust, dieses wunderbare
+Bild, in welchem sich das geistig mächtigste Streben der Menschheit
+concentrirt, er war es, der allein dem Dichter zur Aufgabe für ein
+ganzes Leben werden konnte! -- Und haben Sie nicht ebenfalls schon
+manchmal im Geiste die Parallele gezogen zwischen dem großen Werke
+des Dante und diesem Werke Göthe’s? -- Nur daß im erstern an dem
+ruhig Schauenden alle die schmerzlichsten und alle die seligsten
+Zustände der Seele +vorübergehen+ (darum eben Schauspiel, ~Divina
+Comedia~!) während im Letztern der stätig Bewegte durch alle Qual und
+Lust des Lebens selbst rastlos +hindurchgehen+ muß. -- Beides aber
+sind Werke, deren Idee nachhaltig genug war, um für ein ganzes Leben
+als Aufgabe zu erscheinen; der Geist beider Dichter war von ihr auf
+unverlöschliche Weise entzündet, und wenn es bei Ihnen hierüber noch
+weiterer Worte bedürfte, so möchte ich dabei wohl an das eigenthümliche
+Lebensprincip einer jeden Idee abermals erinnern; denn ist es nicht
+sonderbar, daß selbst unter jenen Ideen, welche nicht selbstständig
+sich zu eigenem Wesen gestalten, sondern andre sich schon als Seelen
+darlebende Ideen berühren, eine solche unendliche Mannichfaltigkeit
+und so verschiedene Verwandtschaft zu unserer eignen Monas herrscht,
+daß, während einige nur leicht an uns vorüberstreifen, andre die
+mächtigste Einwirkung auf unser Leben gewinnen, ja, andere für unser
+ganzes Dasein von der mächtigsten und unauslöschlichsten Bedeutung
+werden! -- Zu wie viel sonstigen Vergleichungen giebt aber Dante und
+Göthe in dieser Beziehung noch Anlaß! -- Jener Erstere, von außen
+in die heftigsten Partheienkämpfe verflochten, umgetrieben in der
+Welt und aus seiner Heimath verbannt, mußte, vermöge des alle Wesen
+beherrschenden Gegensatzes und zu Erhaltung des Gleichgewichts der
+Seele, tiefsinnig ruhig schauend in sein Innerstes sich zurückziehen;
+-- -- der Andere, von außen durch ein nie fehlendes Glück getragen
+und begünstigt, von Ehre, Zuneigung und vielfältigen Gaben des
+Geschicks erfreut, durchlebte dafür in dem stätigen Entwicklungszuge
+seines Innern, in dem qualvollen Drängen und Treiben seines Geistes,
+weniger den Menschen wahrnehmbare, aber um desto schmerzlichere
+Zustände -- und Beide haben von den somit erweckten Anschauungen ihres
+Seelenlebens die merkwürdigsten und mannichfaltig weiter wirkende
+Zeugnisse hinterlassen. -- Der Erstere concentrirte in einem kürzern,
+von der Heftigkeit äußerer Ereignisse verzehrten Leben die ganze Macht
+seiner Divinationsgabe auf ein einziges, immer mehr in reingeistige
+Regionen gesteigertes Werk, ein Werk, dessen Anfang seinem Volke
+immer zugänglicher gewesen ist, als dessen Ende. -- Der Andere, durch
+äußere Verhältnisse im höchsten Grade gefördert, spann den Faden
+jenes wunderbaren Gespinnstes durch ein langes Leben hindurch; auch
+er führte es, wie er selbst in einen andern Luftkreis hinaufwuchs,
+in eine immer feinere, schärfere, von den Erdgebornen schwerer zu
+athmende Luft, in eine Luft, welche vielleicht weniger nahrhaft für
+die materiellen Bedürfnisse der Menschheit, aber belebender für das
+geistige Princip unseres Daseins erscheint, so daß mich diese Metapher
+fast an das erinnert, was Humboldt über Athens Lüfte nach jenem alten
+Griechen anführt, welcher sagt: „Diese Art der Bildsamkeit ist aber
+dem Lande der Griechen eigen, weil dort die reinsten und dünnsten
+Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr; denn eine solche
+Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des Bodens, ist aber heilsam
+den Seelen der Athener.“ -- Aus diesem Grunde ist natürlich auch vom
+Faust das Ende bei weitem weniger zugänglich, als der Anfang, und
+doch gehört es so durchaus und ganz zu ihm, wie der felsige Gipfel
+des Montblanc innerlich eins ist mit seinen bewaldeten Abhängen
+um Chamouny! -- Nichts desto weniger wirkt doch die letzte Hälfte
+des Faust schon hie und da mächtig genug! -- Kommt es Ihnen nicht
+auch sonderbar vor, wie so etwas erst so einzeln, bald einmal hier,
+bald einmal dort zündet und anregt? -- Da kommt Einer und fertigt
+als Scholiast einen, wenn auch noch nicht ausreichenden, doch sehr
+dankenswerthen Commentar darüber[1]; da kommt ein Andrer und schreibt
+Briefe darüber, um seinem gepreßten und molestirten Gewissen Luft zu
+machen[2]; da kommt ein Dritter und versucht Sinn und Deutung dem
+geneigten Leser darzulegen[3], und da sehen Sie selbst Ihren Freund,
+dessen Evangelium eigentlich in andern Richtungen verkündigt werden
+soll, seine Briefe mit Gedanken dieser Art durchweben! -- ja manchmal
+begegnet man plötzlich irgend einer geistigen Explosion über den
+Faust, welche zu den nachdenklichsten Betrachtungen Anlaß giebt! So
+ging es mir neulich mit dem Schlusse eines Aufsatzes über Faust[4],
+der bei manchem Unzulänglichen im Einzelnen, doch in andrer Hinsicht
+wirklich den Nagel so auf den Kopf trifft, daß ich ihm mindestens eine
+weniger vergängliche Stelle wünschte; denn gewiß! der Sinn hat sich
+diesem jungen Manne tiefer erschlossen, als jenen Scholiasten und
+Commentatoren, die überhaupt von jeher mit dem „Brod der Engel“, wie
+Dante sagt, wenig Glück gehabt haben.
+
+Sehe ich aber so, wie eine neu aufgegangene Idee bald hie bald da
+zündet und Leben weckt, so gemahnt es mich immer an die auf Erden wie
+am Monde so schön zu beobachtende Erscheinung des Lichtes, welches bei
+aufgehender Sonne zuerst nur auf einzelne Bergeshöhen und Gipfel wirkt,
+während die Thäler noch im Dunkel liegen, bis endlich die Strahlen,
+über die gesammte Gegend sich ausgießend, Alles, mit Ausnahme ewig
+finsterer Schluchten und Höhlen, erleuchten. Übrigens dauert es beim
+neuen Faust doch lange genug, bis davon nur ein Theil, geschweige denn
+das Ganze bei uns Eingang findet! -- Es geht Ihnen gewiß, wie mir! Wenn
+ich so in meinem Kreise Umfrage halte, so höre ich kaum hie und da eine
+Stimme, welche dem Faust Anerkennung zu geben versucht; dagegen welche
+Thorheiten darüber, ja welche Absurditäten! -- Bei weitem aber den
+Meisten liegt der Faust noch so, wie ihn Göthe wirklich hinterlassen
+hat, nämlich als +ein Buch mit sieben Siegeln+.
+
+Übrigens muß ich Ihnen hier noch eine Bemerkung mittheilen, welche mir
+ebenfalls zu mannichfaltigen Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu
+haben scheint! -- Es geht nämlich den Schöpfungen der Dichter zuweilen
+wohl eben so, wie der göttlichen Schöpfung allgemeiner Natur, nämlich
+man personificirt oft daran mehr, als billig; man will diese und jene
+bekannte menschliche Individualität darunter erblicken und betrachtet
+oft gern die poetischen Gestalten wie Figuren eines Maskenballs, wo
+der Verstand sich nur in soweit anstrengt, um ausfindig zu machen,
+wer eben hinter dieser oder jener Maske verborgen sei. Findet man
+endlich bei der Gestalt des Dichters keine Ähnlichkeit mit andern
+bekannten Personen, so muß seine eigene Persönlichkeit mit allen ihren
+Zufälligkeiten in dieser Gestalt sich verkörpert haben. -- Nun weiß ich
+zwar wohl, daß in jegliche Schöpfung der Geist des Schöpfers zum Theil
+eingehen muß -- denn nur durch diesen Geist entsteht und besteht sie
+--; aber man muß nur diese Vorstellung nicht zu weit ausdehnen, man muß
+nicht übersehen, daß der freie Geist auch das Heterogene für eine Zeit
+in sich aufnehmen, in sich verarbeiten und zu neuen selbstständigen
+Produktionen verwenden kann! -- Nun scheint Ihnen gewiß auch, daß man
+alles dieses in vollem Maaße auf Göthe anwenden kann, ja anwenden muß.
+Göthe ist nicht Tasso und hat doch den Tasso in sich geboren; er ist
+nicht Wilhelm und hat doch seine Lehrjahre durchgearbeitet; er ist
+nicht Clavigo und hat doch den schmerzlichen Wechsel leidenschaftlicher
+Zustände erfahren, und endlich, obwohl Tausendfältiges in ihm
+angeklungen hat, was im Faust mit reicher, vielgestaltiger Lebendigkeit
+sich bewegt, so wäre es doch weit gefehlt, wenn man Faust und Göthe
+deßhalb identificiren, Beide, wie z.B. Herr Deycks thut, eigentlich
+für eine und dieselbe Person halten wollte. -- Ich habe wirklich etwas
+lächeln müssen, wenn dieser Commentator ordentlich bei sich selbst
+inquirirt: ob nicht Gretchen im Faust wirklich das Gretchen sei,
+welches Göthe in seinem Leben erwähnt, und dabei noch merken läßt,
+man könne doch nicht so eigentlich wissen, wie weit es auch mit der
+Letztern gekommen sei. -- So etwas nenne ich eine materielle, eine
+stoffartige Auslegung, und sie paßt immer am wenigsten auf den +ächten+
+Dichter, welcher zu den ihn umschwebenden Ideen ein ganz anderes,
+als ein solches stoffartiges Verhältniß haben muß. Göthe hat uns ja
+selbst in diese seine geistigen Mysterien manchen Blick thun lassen;
+zumal dann, wenn er seine Werke geradezu Confessionen nennt und, weit
+entfernt, damit zu meinen, daß er in ihnen seine ganze Individualität
+niedergelegt habe, vielmehr andeutet, wie er gewöhnlich durch dieselben
+irgend einer seinem eigensten Wesen fremdartigen Richtung Luft gemacht,
+ein dieses selbst störendes Bestreben dadurch ausgesprochen, aus sich
+heraus gegeben und abgeschüttelt habe. So setzt er dieß namentlich
+beim Werther trefflich auseinander! -- Und war nicht allerdings etwas
+Wertherhaftes in dem noch jungen Göthe? -- Freilich war es das; aber
+dieses Wertherhafte war so wenig der ächte, eigentliche Göthe, daß
+vielmehr dieser erst recht gesundete, als der Werther geschrieben war.
+
+Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich es
+wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem Leben
+zu Händen gekommen ist! -- Glauben Sie, es hat in mir Zeiten gegeben,
+wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt, daß ich mir
+durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche trübe Wolke über
+meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr im Bilde ein freies
+Hervortreten hatte geben können, und wer sich die schwermüthige
+Stimmung meiner Bilder nicht mit der frischen Thätigkeit meines
+Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald an, wie wenig
+er von meinem innern Leben entziffert hatte! -- Gerade in diesem
+Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach Außen
+liegt ja ganz besonders das Geheimniß der +Entwicklung+ der Seele
+während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein Werk nach dem
+andern, eine That nach der andern äußert und von sich thut, und wie
+sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch das feinere
+Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer reinerer,
+höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen der sich
+metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und weiter
+sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich
+läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die
+zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb
+der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das
+höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu
+Stande kommt. -- Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen
+darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet
+lassen, als wenn man über den +Faust+ nachdenkt, über den Faust, der
+auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und
+Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn,
+wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste
+menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit
+zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es
+doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der
+Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem
+die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d. h. mit
+stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten
+Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie
+für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene,
+welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den
+wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so
+deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche
+erst in rohern, und dann in immer feinern Bildungen, gleichsam stets
+ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster
+Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert.
+
+
+Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die
+Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur
+eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint
+mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser
+symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum,
+weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie
+sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter
+den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern
+gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher
+das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und
+das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde
+ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden
+soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit des Volks
+an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei
+roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung
+menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, -- und eine solche
+Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher
+Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon
+jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer
+erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur
+die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser
+Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe +seinen+ Faust mußte
+in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage gekannt
+hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt wissen
+wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben kann,
+daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so wenig
+ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag, daß
+die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust
+lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben
+bis ins hohe Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch
+dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen
+geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische
+Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die
+lebendigste Anerkennung haben?
+
+
+Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen!
+es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige
+denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so
+wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine
+Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses
+Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß
+des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und
+hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir
+besonders am Herzen.
+
+
+Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin
+unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind
+wie Regenbogen, und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen
+Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne
+Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben.
+
+ Getreulich, wie immer,
+
+ +Ihr+ C.
+
+
+[1] ~Dr.~ +C. Löwe+, Commentar zum zweiten Theile des Göthe’schen
+ Faust. Berlin 1834.
+
+[2] ~M.~ +Enk+, Briefe über Göthe’s Faust. Wien 1833.
+
+[3] ~Dr.~ +F. Deycks+ Göthe’s Faust. Andeutung über Sinn und
+ Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834.
+
+[4] Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von
+ +Feuchtersleben+ in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst.
+ 1834. Nº 148.
+
+
+
+
+II.
+
+
+ Vierter Februar 1835. Abend.
+
+Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen
+könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an
+Sie Raum zu geben! -- Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den
+ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum
+Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes
+Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den
+im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner
+Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben,
+mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden
+Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum
+verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele
+durchlebte Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in
+die Gedanken, wo es heißt:
+
+ „Seltsam ist Prophetenlied,
+ Doppelt seltsam, was geschieht!“ --
+
+Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den
+Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht
+durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so
+beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich
+durch und durch erfüllt und eine =~Calma~= in mir verbreitet, welche
+mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand so recht
+in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll. Wende ich
+mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke unsers
+großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich früher
+über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen, nunmehr
+die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas ausführlicher zu
+betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie Ihre Billigung
+meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen und die
+Bedeutung des in diesem Gange hervortretenden Sündhaften ausdrücklich
+erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen mögen.
+
+Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns
+liegt, betrachte ich aber: +ist es menschlicher und poetischer Wahrheit
+gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit zuzureifen
+noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis in
+höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter
+manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche
+auf sich geladen+? -- Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe
+des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich
+erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben!
+-- Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen
+Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt;
+ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust
+festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet,
+und nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin
+sich anzunehmen sich unterfangen möchte. -- Dieses denn nun alles
+auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten,
+welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich
+darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich
+gestimmt fühlte.
+
+Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus
+eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die
+mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten
+Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen
+wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese
+ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das
+Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende
+Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen,
+um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das
+Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee
+innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und
+Raum sich dar. -- Es ist gleichsam, als habe die bedeutendere Monas
+dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert,
+auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben
+und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer
+eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung,
+-- mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. -- Indem
+ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf
+der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch
+die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher
+Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre,
+eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und
+jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des
+sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von
+Ewigkeit her angewiesen sei. -- Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf
+ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher
+Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch
+hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen
+ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige,
+gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche,
+von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt
+sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von
+irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele
+Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt,
+erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer
+Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen
+leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden,
+während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt?
+darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die
+gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz
+beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben
+so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der
+Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten
+gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum
+nun gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt und
+Jenem die Seinige verzögert und erschwert sei? -- dann werden wir nie
+eine passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst
+eine so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben
+war; ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun,
+welches er will, und verstocket, welchen er will.“ -- So sagest du zu
+mir: Was schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? --
+Ja, lieber Mensch, wer bist +Du+ denn, daß Du mit Gott rechten willst?
+Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“
+-- Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten,
+durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller,
+nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die
+freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte
+Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten.
+-- Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die
+eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee
+nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es
+würde Ihnen, wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: -- Unter
+den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome
+der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie
+ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden
+Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige
+Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer
+besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit
+und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald
+in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. -- Es ist
+nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit
+und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und
+mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien
+unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn:
+
+ „Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,
+ Und zu der Erde zieht mich die Begierde. --
+ -- -- Ich kann mich nicht,
+ Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer,
+ An meinem Willen wärmen und Gedanken, --
+ Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,
+ Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht.
+ Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“
+
+In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen,
+über die Erde hinschreitenden Geist, -- und wie die Individualität
+solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge
+gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern
+göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken
+Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale
+frei. -- Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die
+Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen
+Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit
+unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst
+verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch
+den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten
+Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei
+Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir
+haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie
+in verschiedenen Formen sich der Zug jener Schwermuth, jener innern,
+aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald
+schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten
+Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns
+tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die
+nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind.
+Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft
+wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und
+frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich
+des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie
+bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen
+Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war,
+es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. -- Lassen
+Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig,
+etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen
+zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls
+gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um manche an sich
+schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung
+zu bringen. -- Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte
+offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu
+seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer
+Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben
+knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von
+dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte,
+bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von
+Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das
+von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte
+Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf
+liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels,
+während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus
+blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! -- Zu
+den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die
+reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer
+fünfseitigen, ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler
+lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber
+Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine
+seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen
+Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und
+wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein
+mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen
+Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete
+Wage gewahr werden.
+
+Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine
+abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt,
+während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner
+Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in
+seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der
+Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und
+traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen
+Anlaß, -- und um nun den sonderbaren Kreis dieser Vorstellungen zu
+vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz
+gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch
+die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten
+Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer
+Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor
+den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber
+schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches
+Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten
+Flughaut das Wort =~Melencholia s. I.~= --
+
+Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses
+sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des
+alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben
+sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich
+hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in
+sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform
+gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses
+Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, ja jenem innersten
+Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie
+selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern
+kann? -- Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele
+des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm
+durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft
+machen mußte? -- Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust
+gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir
+scheint, diese Wahrnehmung! --
+
+Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer
+Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser
+oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten
+Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser
+Beseligung verlustig gehen? -- Hierauf kann ich nun in Folge aller
+vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: +Die Seele wird
+durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen
+hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft,
+Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von
+nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen,
+daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre
+höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes
+entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und
+Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt
+ist.+ --
+
+Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer
+innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes
+Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber
+in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen
+der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden
+Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt
+wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im
+Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen
+möglich wäre, und es wird uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft
+und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig
+bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit
+sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch
+tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um
+zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. +Dante+ vergleicht in
+seinem =~Convito~= die Seele des durch das Irrsal des Lebens ihrer
+Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden
+seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem
+Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath
+hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt,
+zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. -- Gewiß dieses Bild
+eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen
+Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen,
+daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen
+das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame
+Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes denken
+möchte. -- Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen
+Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen
+Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie
+zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch
+ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet,
+so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig
+entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; --
+auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das
+Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual,
+und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform,
+ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um
+die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. -- Das eben ist es
+ja, wenn der Herr sagt:
+
+ „Wenn er mir jetzt auch nur +verworren+ dient,
+ So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“
+
+Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre
+ein gemeines, nie zu so hoher Bedeutung und vielfacher Betrachtung
+gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken
+enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie mit
+bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale hindurch
+ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder entgegen
+gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung zu bringen,
+eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich weit davon
+entfernt bin, +alles+, was im und an dem Werke Erscheinung seiner Form
+genannt werden kann, unbedingt zu billigen und zu bewundern; es ist
+Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk, welches, so lang Sinn
+für Poesie im Menschengeschlecht leben wird, nicht untergehen kann;
+aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer Vorfahren, Bauwerke, mit
+denen der Faust bis auf ihre phantastische Verzierung mit Naturwerken
+so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre vollkommne Beendigung und
+räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch der Faust mehr +beendet+
+als +vollendet+; aber vor allem fordere ich, daß Jemand, der den Faust
+überhaupt anerkennen will, +seine Grundidee anerkenne+, daß er das
+darin ausgesprochene genetische Princip alles ächten Seelenlebens
+achte, und daß er deutlich empfinde, wie das Begeistigende, ewig
+Anregende, ich möchte sagen, +Frühlingsmäßige+ dieses Faust auf der
+lebenvollen Grundanschauung von dem zwar tief zu beugenden, aber an
+sich schlechthin unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch
+und durch gegründet sei. -- Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers
+vielgetreuen Alb. Dürer =~Melencholia~= dem Faust von einer Seite,
+nämlich hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen
+Gedanken umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch
+ein andres Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von
+welchem ich weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und
+Teufel“ auch Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust
+vergleichen, in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk
+unaufgehaltenen Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt
+werden könnte, von welcher der Herr sagt:
+
+ „ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange
+ +ist sich des rechten Weges wohl bewußt+!“
+
+Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen
+Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach
+seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben
+werde? -- Am besten wohl -- +nichts+!
+
+Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine
+Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen
+Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei
+verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich
+stritten! -- Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen
+Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie
+es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe +in sich+ trägt;
+wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros der
+Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem
+Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern,
+jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen
+durch und durch beruhen -- Gleichnissen, welche um so materieller und
+schwerfälliger aufgefaßt wurden, je unbeholfener oder befangener die
+menschliche Vorstellungsweise war --; wem endlich die Bedeutung der
+zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen
+Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt
+sich nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn
+getrost +seiner+ eignen Weiterbildung! -- Hübsch ist es übrigens, wie
+Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen
+Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu
+Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig
+versuchenden Faust verweist, sagen läßt:
+
+ „Da dank ich euch! +denn mit den Todten+
+ Hab ich mich niemals gern befangen.“
+
+Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch
+ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr
+Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für
+das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind
+so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen,
+daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, Jemanden, der im Leben bequem
+ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich
+tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete
+Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; -- sie ahnen nicht, daß hier
+oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der
+brennenden Wunde der Seele werden kann, -- sie haben nun einmal keinen
+Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust
+entfährt:
+
+ „So sind am härtsten wir gequält:
+ Im Reichthum fühlend, +was uns fehlt+.“
+
+Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um
+Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der
+Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich:
+die Zerknirschung, die Reue und Buße -- das müsse doch wenigstens
+vorhergehen! -- und wie +sie+ es bei ihrem Archonten gewohnt sind,
+so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher die
+hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! -- O
+Himmel und Erde! -- welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen,
+unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! -- jenem Wesen, von dem
+es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem
+Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches
+gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen,
+vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so
+sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung
+schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist
+sagt:
+
+„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! --
+Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie
+einen Teppich!“ --
+
+Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von
+jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer
+Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen
+großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen
+im Stande sind! -- Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß
+mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte
+Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch
+nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener
+Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in
+Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des
+Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende
+Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse!
+-- Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin
+und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um
+ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um
+eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise
+fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher
+gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen
+Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des
+Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts
+treibt.
+
+Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich,
+auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen
+gerechtfertigt erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen
+Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute
+diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, -- der Spruch:
+
+ „Gerettet ist das edle Glied
+ Der Geisterwelt vom Bösen.
+ Wer immer strebend sich bemüht,
+ Den können wir erlösen.
+ Und hat an ihm die Liebe gar
+ Von oben Theil genommen,
+ Begegnet ihm die sel’ge Schaar
+ Mit herzlichem Willkommen.“
+
+
+
+
+III.
+
+
+ Den 5. April 1835. Abends.
+
+Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen
+innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten,
+meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute
+leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen
+über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende,
+-- und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen
+angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen
+möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele
+bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar
+und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen.
+
+Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine der Grundfragen des
+ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema
+des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern
+Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern
+weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht
+nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat.
+
+Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte:
+
+ „Alles Vergängliche
+ Ist nur ein Gleichniß;
+ Das Unzulängliche,
+ Hier wird’s Ereigniß;
+ Das Unbeschreibliche,
+ Hier ist’s gethan;
+ Das Ewig-Weibliche
+ Zieht uns hinan.“
+
+regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu
+allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und
+männlicher Seeleneigenthümlichkeit. -- Erlauben sie denn, daß ich auch
+Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr
+ab- als zugewendet erkannt habe, doch veranlasse, diesem Gedankenzuge
+einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl
+möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich
+jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast
+sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber
+heilsam den Seelen der Athener.
+
+Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände,
+so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken,
+welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch ein
+hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert worden
+ist, -- Dante. -- Wie merkwürdig sind nicht jene Worte über das erste
+Erkennen der Beatrice im Anfange seiner =~Vita nuova~=, welche ich nach
+Oynhausens Übersetzung hier beifüge: „Und sie erschien mir bekleidet
+mit der herrlichsten Farbe, demüthig und ehrbar, purpurroth umgürtet
+und geschmückt nach der Weise, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam.
+In demselbigen Augenblicke, sage ich wahrhaftig, daß der Geist meines
+Lebens, welcher in der geheimsten Kammer des Herzens wohnt, anfing
+so heftig zu zittern, daß es zum Erschrecken sichtbar wurde in den
+allerkleinsten Pulsen, und zitternd sagte er diese Worte: =~ecce deus
++fortior me+, veniens dominabitur mihi~= (siehe da ein Gott, +mächtiger
+denn ich+, welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben
+Augenblicke auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer
+wohnt, in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen;
+er begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den
+Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: =~apparuit jam
+beatitudo nostra~= (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ -- Und wie
+deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen
+Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge,
+welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er
+sagt:
+
+ „In unsres Busens Reine wohnt ein Streben,
+ Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
+ Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
+ Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten;
+ Wir heißen’s Frommsein.“ --
+
+Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und Ruhe und
+dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die
+Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz
+eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? -- Ich möchte sagen,
+die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie
+der Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene
+ewigen Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen
+bewegen und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich
+es uns vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des
+Wahnsinnes, des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so
+einfach ist es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die
+höchsten Ideen der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und
+jeglicher Tugend in weibliche Form zu kleiden. -- Wollen Sie nun aber
+bedenken, aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit
+hervorgeht, wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual
+der Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens
+und an die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben
+deßhalb nie befriedigten Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die
+Beruhigung, die stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie
+ein im höchsten Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen,
+erst ihrem ganzen Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist
+damit zugleich ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich
+zukomme, theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem
+Princip in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts
+gedrängten Leben des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt,
+welche das Bedürfniß eines solchen Haltes um so mehr und um so
+unfehlbarer empfinden wird, je unruhiger, aufgereizter und stürmischer
+der Zustand ihres Lebens gerade in irgend einer Periode genannt
+werden mußte. -- Ich gestehe Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu
+ganz eignen Betrachtungen geführt, von denen ich einige hier nicht
+abweisen kann, auf die Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen
+Betrachtungen des Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich
+aber zuerst in den wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das
+Reis der Barbarenstämme, auf den absterbenden Stamm überfeinerter,
+griechisch-römischer Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen
+ausschlug und zu einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine
+Regeneration des gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit
+einem Male in dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der
+Frauen und deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter
+denen eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut,
+den Geist einer Frau +ein stärkeres Wesen+, welches ihn beherrschen
+werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser
+stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich
+bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien,
+gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die
+aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen
+Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden
+Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer
+Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung
+weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen
+der Poesie und des Lebens aufsprießen konnte? -- Sodann! welche
+andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele
+Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau,
+in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die
+wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie
+in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden
+Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen,
+ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost
+für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf
+verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht
+so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern
+ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit
+darstellt? -- Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem
+Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und
+zwar die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu
+dem Wunder der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine
+Gefühl der Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes unter das
+Höhere, d. i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe,
+deren höchstes Sinnbild Maria genannt wird; -- denn wie solle sich
+für die reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung
+finden, als eben die des +Ewig-Weiblichen+? Ist es denn nicht aber auch
+hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten
+Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen
+heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener
+Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? -- Sehen wir nicht den
+kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen
+noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der
+dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele,
+bewahren? -- Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes
+gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der
+Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden
+eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig
+ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege
+werde gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth
+eines thatkräftigen Mannes! -- Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben
+jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren,
+großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen,
+mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf
+Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen
+eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken
+pflegten. -- Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus
+dem Epimenides eingefallen:
+
+ „Die gelinde Macht ist groß.“
+
+Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter
+glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung,
+manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen
+Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind,
+daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche
+mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears,
+so die Frauen göthischer Dichtung ein einer nähern Schilderung
+zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen
+mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der
+Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem
+einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die
+Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig
+männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von
+der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig
+eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese
+Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist,
+genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben
+zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen.
+
+Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen,
+was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken
+vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und
+zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die
+tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand,
+wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns
+vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich
+die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen,
+daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die
+tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine. --
+Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen, so muß
+ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die mir schon
+in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen sind, die Worte:
+„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte +der
+Liebe+ nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle.
+Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnissse, und alle
+Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte,
+und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine
+Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der
+Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die Liebe ist langmüthig
+und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibet nicht
+Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebehrdig,
+sie suchet nicht das Ihre, +sie lässet sich nicht erbittern+.“ -- Und
+diese Liebe, dieser höchste Quell innern Friedens und innern Glücks,
+diese -- bei unendlich Vielem, was er besitzet -- sie +fehlt+ dem
+Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt sein Elend! -- Faust, wie man
+sich ihn, seinem frühern Leben nach, denken muß, ausgerüstet mit
+feurigem, in mancher Hinsicht productivem Geist, ist aufgewachsen unter
+Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter lebenden, ihn liebenden
+Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja Abstrusen der Schule auf
+den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der Wirkung des Concreten und
+Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf das Herz; -- eine ungeheure
+Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und Gestalten hat sein Geist
+um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren ihm keine freudige
+Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung, und die Gestalten
+sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst ist noch, wie der
+Apostel sagt, +erbittert+; -- da bricht er aus:
+
+ „Und fragst du noch, warum dein Herz
+ Sich bang in deinem Busen klemmt?
+ Warum ein unerklärter Schmerz
+ Dir alle Lebensregung hemmt?
+ Statt der lebendigen Natur,
+ Da Gott die Menschen schuf hinein,
+ Umgiebt in Rauch und Moder nur
+ Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“
+
+Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle
+tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach
+einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft
+seiner eignen höhern Natur! -- Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen
+gefallen, es kann ihm +wohl+ darin sein, +ohne+ alles Streben nach
+einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der
+Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen
+Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung,
+aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu
+dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese
+Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn
+bewegt:
+
+ „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
+ Und von der Erde jede höchste Lust,
+ Und alle Näh’ und alle Ferne
+ Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“
+
+Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen
+der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd
+Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das
+Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? --
+Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht
+läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle
+Zeiten höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des
+menschlichen Gemüthes, wie sie in Dante’s =~Vita nuova~= vorliegen,
+bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe
+der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen
+schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das
+schwerste Hinderniß; -- er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit
+heraus! -- er soll gewissermaßen +außer+ sich gesetzt werden, damit er
+sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem Bande,
+welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen ihm
+verschließt! --Aber dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung!
+wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß,
+damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! -- Die mächtige
+Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden
+Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott
+mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist
+hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun
+die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von
+sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener
+Individualität unendlich verschieden sein. -- Die Entwicklung der Idee
+der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie
+wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten
+eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre
+ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen
+Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren
+Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in
+die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte Wurzel und in die
+massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter
+Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; --
+immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde
+herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben
+Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die
+geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt,
+gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der
+Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol
+der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden
+Idee. -- Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die
+mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt,
+und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel
+und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel
+und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den
+tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist.
+
+Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig im Faust
+aufgefaßt! -- Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben
+zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst
+das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in
+Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein
+des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des
++unendlichen Glückes der Beschränkung+. Dorthin gehört die Stelle in
+Gretchens Zimmer:
+
+ „Willkommen, süßer Dämmerschein,
+ Der du dies Heiligthum durchwebst!
+ Ergreif mein Herz, du süße Liebespein,
+ Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst!
+ Wie athmet rings Gefühl der Stille,
+ Der Ordnung, der Zufriedenheit!
+ In dieser Armuth welche Fülle!
+ In diesem Kerker welche Seligkeit!“
+
+Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen
+Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt;
+die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen,
+und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu
+Wege. So auch Faust! die Einwirkung eines so stillen kindlichen
+Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich
+unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so
+weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug
+erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf
+eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber
+er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer
+hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer
+in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk
+wieder verdeckt. -- Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten
+Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer
+innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen
+Unheil erfaßt und mindestens +zeitlich+ zertrümmert; er fühlt, es kann
+nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus:
+
+ „Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen,
+ Und sie mit mir zu Grunde gehn.“
+
+Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf +seine+ Art zu retten,
+wo nichts mehr zu retten ist; der Schlag fällt; von dem ungeheuren
+Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten Seelenschmerz,
+und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge des organischen
+Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so wirft ihn
+betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus welchem der
+Mensch nicht aus +eigner+ Kraft sich aufzuraffen vermag, wenn nicht
+eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet.
+
+Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich
+hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an
+mit den Worten:
+
+ „Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;
+ Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile;
+ Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ --
+
+Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun +dieser+
+Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen
+Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in
+alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen
+Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er
+will!“ -- Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung
+eines fleckenlosen Gemüthes, als +eine Gnade+, welche dieser Seele zu
+Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch glückliche
+innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das Einzige, ewig
+Wahre sich hinauf bilden zu können? --
+
+So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig
+wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch
+für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe
+zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die
+Beschwörung der Helena zu verlangen. -- Da hebt eine neue Metamorphose
+an! -- Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern
+Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht,
+daß er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, -- in das Reich der
+Urbilder alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie
+deßhalb „die Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst +so+ geahneten
+und bezeichneten +Ideen+ einzudringen habe, und daß er +die Idee
+des Schönen+ in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit
+einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, geschweige denn
+hervorrufen wolle. -- Und also wird es vollendet. -- Aber wie Plato
+sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie
+das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt,
+so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in
+ihm anhebt, -- allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders;
+denn wir hören ihn:
+
+ „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil.
+ Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure,
+ +Ergriffen+, fühlt er tief das Ungeheure.“
+
+So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in
+umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische
+Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens,
+wo die +Idee der Schönheit+ sich eben so zu verkörpern liebte, als
+durch die christliche Zeit +die Idee höchster Güte+ zur lebenvollen
+Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht am Rande
+einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die +Idee der Wahrheit+
+in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll.
+
+Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den Reiz, sondern die
+Gewalt, +die Herrschaft+ der Schönheit; diese für ihn zum erstenmale
+so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich auf ihn,
+und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem Liebeszuge,
+nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht, sondern gegen
+Etwas, das er entschieden +über+ sich fühlt; -- die Empfindung, ein
+Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine Empfindung, welche die
+höchste Entwicklung im Menschen anzuregen geeignet ist, erfaßt ihn
+mit vollkommner Gewalt, und eine neue Lebensepoche schließt sich auf.
+Zuerst niedergedonnert durch den unseligen Versuch, das Höchste in den
+Kreis des alltäglichen Lebens herabziehen zu wollen, kommt er, auf
+griechischem Boden angelangt und vom höchsten Zuge der Leidenschaft
+bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur eingetaucht in ein eigenthümliches
+poetisches Dasein der Mensch es vermöge, die reine Erscheinung der
+Idee der Schönheit vollkommen sich anzueignen. Und so beginnt die
+geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde mit der Schönheit, welcher jedesmal
+auf dichterische, künstlerische Productivität deutet, entspringt ein
+Dichtergeist, den nur das Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses
+Erbtheil des Vaters, nicht zu wahrhafter Reife sich entwickeln läßt,
+und, so wie der Geist des Faust im vollen Aneignen der Schönheit zu
+tieferer Befriedigung gelangt ist, erwarten ihn neue Metamorphosen, und
+wir hören die Helena, bevor sie entschwindet:
+
+ „Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:
+ Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.
+ Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;
+ Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“
+
+Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung
+zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner
+Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung
+entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles
+wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir
+als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen
+folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit.
+Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit
+anwiderte, jetzt ausrufen:
+
+ -- „Dieser Erdenkreis
+ Gewährt noch Raum zu großen Thaten.
+ Erstaunenswürdiges soll gerathen,
+ Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.
+ Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum!
+ Die +That+ ist alles! +nichts+ der Ruhm.“
+
+Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner
+selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte
+der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! -- Da bricht endlich,
+wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden
+Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne
+erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten
+göttlichen Reichs -- die Ahnung der +Idee der Güte+ -- hervor; die
+Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch für das
+Gute; -- das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der Menschheit
+heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein -- die Seligkeit des
+Gefühls ächter Menschenliebe -- durchdringt ihn mit ahnungsvollem
+Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte:
+
+ „Das Letzte wär’ das Höchsterrungne.
+ Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,
+ Nicht +sicher+ zwar, doch +thätig-frei+ zu wohnen.
+ Grün das Gefilde, fruchtbar; -- Mensch und Heerde
+ Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
+ Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
+ Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
+
+ — — — — — — —
+
+ Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
+ Das ist der Weisheit letzter Schluß:
+ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
+ Der täglich sie erobern muß.
+ Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
+ Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
+ Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
+ Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
+ Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
+ Verweile doch, du bist so schön!
+ Es kann die Spur von meinen Erdentagen
+ Nicht in Äonen untergehn. --
+ Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
+ Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“
+
+Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins! er
+ist der Augenblick des Todes! -- Fragen wir jedoch, warum nun konnte
+diese Organisation sich nicht höher, als bis zur +Ahnung+ der Seligkeit
+solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe entwickeln?
+warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben außerhalb
+der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so manches
+zu schreiben, was jedoch nicht in das Thema +dieses+ ohnehin nur zu
+langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch schließlich einige
+flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die letzte und höchste
+Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen des Dichters
+gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose vorahnen sollen;
+denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in welchem die
+Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich fehlen konnte.
+
+Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und
+höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen,
+daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für
+Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten
+angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem
+Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen
+Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und
+Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. --
+Wem nicht die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft
+noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor
+das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne
+Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich
+werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe
+Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode
+entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln
+kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach
+abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen,
+dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit
+Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen
+ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu
+keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können. --
+
+Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen
+versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch
+nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns
+hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz
+eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint
+es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das
+Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende
+Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben:
+
+ „Freudig empfangen wir
+ Diesen im Puppenstand
+ Also erlangen wir,
+ Himmlisches Unterpfand.
+ Löset die Flocken los,
+ Die ihn umgeben,
+ Schon ist er schön und groß
+ Von heiligem Leben.“
+
+Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip,
+welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn
+bestimmen und anregen könnte -- da beginnt eine neue Vision:
+
+ „Dort ziehen Frau’n vorbei,
+ Schwebend nach oben;
+ Die Herrliche mittenin
+ Im Sternenkranze,
+ Die Himmelskönigin
+ Ich seh’s am Glanze.“
+
+Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete
+Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth
+dem Faust zuerst die Ahnung +innerer+ Seligkeit erweckte -- das Wesen,
+das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl durch Liebe
+selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster Treue ausglich.
+-- Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade dieses Wesen --
+sonst Gretchen genannt -- das Wesen, das eigentlich schon im irdischen
+Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß, als Faust mit aller
+wirrer Gelehrsamkeit -- daß dieses am meisten im Stande sei, die,
+sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust -- nun auch zur
+Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen Ideen: Schönheit,
+Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster, göttlicher Wahrheit,
+gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln und zu leiten, deßhalb
+ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich eigentlich wohl das
+letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus) -- weil sie selbst
+als ein +rein Weibliches+ durch und durch das +Symbol der Liebe+ ist,
+und weil wir zu jeglichem Großen und Bedeutenden in Kunst, Leben und
+Wissenschaft, und zur Erfassung jeder eigentlich göttlichen Idee, nur
+durch ächte Sehnsucht nach derselben, durch thätige Liebe gelangen
+können.
+
+Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria,
+ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt:
+
+ „Vom edeln Geisterchor umgeben,
+ Wird sich der Neue kaum gewahr,
+ Er ahnet kaum das frische Leben,
+ So gleicht er schon der heiligen Schaar.
+ Sieh, wie er jedem Erdenbande
+ Der alten Hülle sich entrafft,
+ Und aus ätherischem Gewande
+ Hervortritt erste Jugendkraft!
+ Vergönne mir ihn zu belehren,
+ Noch blendet ihn der neue Tag.“
+
+Und wenn ihr dann die =~Mater gloriosa~= erwiedert:
+
+ „Komm! hebe dich zu höhern Sphären,
+ Wenn er +dich ahnet+, folgt er +nach+!“
+
+Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser mannichfaltigen
+Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer
+Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über
+die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der
+Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes
+aufgegangen und deutlich geworden war.
+
+Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir
+beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere
+Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal
+„als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches
+den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter,
+vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige
+Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger
+Erfassung der beseligenden Ideen der +Schönheit+, +Güte+ und +Wahrheit+
+zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß erst alsdann, wenn wir
+die Welt, als ihrer innersten, göttlichen Anlage nach, in solcher
+Fortbildung und in einem +solchen+ Entwicklungsgange erfassen, sie
+jenes heilige Schauspiel, jene =~Divina Comedia~=, wirklich darbietet,
+von welcher „der Herr“ im Eingange sagt:
+
+ „Doch ihr, die ächten Göttersöhne,
+ Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
+ Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
+ Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,
+ Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
+ Befestiget mit dauernden Gedanken.“
+
+Und so für alle Zeit
+
+ treulichst
+
+ Ihr C.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 ***
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+ Briefe über Göthe’s Faust | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1835 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
+
+<p class="p0">Verschiedene Schreibweisen (z.B.
+‚Entwicklung/Entwickelung‘) wurden beibehalten, sofern die Varianten
+mehrfach im Text vorkommen.</p>
+
+<p class="p0">Die Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Briefes
+versetzt.</p>
+
+<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
+in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv
+dargestellt. <span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen
+Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
+<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
+serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
+erscheinen.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="eng">
+
+<h1 class="break-before">
+ Briefe<br>
+ <span class="s7">über</span><br>
+ Göthe’s Faust
+</h1>
+
+<p class="s4 center mtop2 mbot2">von</p>
+
+<p class="s2 center">C.G. Carus.</p>
+
+<hr class="r20">
+
+<p class="s3 center padtop3">Erstes Heft.</p>
+
+<p class="s4 center">Ein Vorwort und drei Briefe enthaltend.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s3 center">Leipzig, 1835.</p>
+
+<p class="s3 center">Verlag von Gerhard Fleischer.</p>
+
+<hr class="r10">
+
+<p class="center">In Commission bei Adolf Frohberger.</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 id="Vorwort" title="Vorwort"><span class="s7">&#160;</span></h2>
+
+<div class="s3">
+
+<p class="center mright3">Sr. Wohlgeboren</p>
+
+<p class="s4 center"><b>Herrn Johann Gottlob Regis</b></p>
+
+<p class="center mleft6">in Breslau.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<p class="right mright2">Dresden den 1. August 1835.</p>
+
+<p class="p0 s4"><span class="initial">W</span>enn ich Ihnen, einem lieben und getreuen Freunde, mit welchem ich seit
+länger als zwanzig Jahren über mannichfaltige Erscheinungen in Kunst,
+Literatur und Leben, dann und wann mündlich, meistens aber brieflich
+mich vertraulich auszusprechen gewohnt war, diese Briefe über den
+Faust nun auch im Druck zusende und aneigne, nachdem sie Ihnen längst
+schon im Manuscript bekannt geworden waren, so darf ich sicher eine
+aufrichtige Theilnahme und wohlwollende, das Unvollkommne des Ausdrucks
+ergänzende <span class="pagenum" id="Seite_iv"><span class="s5">[S. iv]</span></span>Aufnahme voraussetzen. — Möchte ein ähnliches Verstehen
+und Empfangen denselben auch sonst in der Welt zu Theil werden!&#8239;—</p>
+
+<p class="s4">Ich gestehe nun aber gern, daß ich den Kreis, innerhalb welches
+<em class="gesperrt">dieser</em> Wunsch in Erfüllung gehen dürfte, für einen sehr eng
+beschränkten halte; denn das Treiben der Welt ist vielleicht der
+stillen Beschaulichkeit und dem Gefühle innerlicher Pietät, aus
+welchem allein Äußerungen, wie die dieser Briefe, verständlich werden
+können, kaum ungünstiger gewesen, als eben jetzt. Lassen Sie jedoch
+uns damit diese zweifelhafte Stimmung beschwichtigen, daß, so wie uns
+zuweilen im eignen wirklichen Leben aus Regionen, von welchen wir
+besondre Theilnahme kaum je erwarten konnten, einzelne seelenverwandte
+Individualitäten auftauchen, welche durch treulichstes Anschließen
+und unversiegbares <span class="pagenum" id="Seite_5"><span class="s5">[S. v]</span></span>Wohlwollen unserm Leben stets neuen Reiz und die
+Frische lebendiger Wirksamkeit erhalten, daß eben so auch unter der
+„unbekannten Menge“ sich gewiß noch viele jener feiner gestimmten
+Seelen finden, welche nicht blos Augen haben, zu sehen, was in
+gewöhnlichem klarem Tageslichte um sie her sich begiebt — sondern auch
+achtsam mitempfinden das,</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„was, von Menschen nicht gewußt</div>
+ <div class="verse indent0">Oder nicht bedacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch das Labyrinth der Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Wandelt in der Nacht.“ — —</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="s4">Und so wüßte ich denn kaum, was ich weiter diesen Briefen voranstellen
+oder mitgeben sollte! — Ich füge nur so viel bei, daß, so wie Ihnen
+bekannt ist, diese ersten drei seien ganz unabsichtlich und nach und
+nach, durch innere Geistesnothwendigkeit bedingt und in so fern meinen
+Landschaftsbriefen ähnlich, entstanden, ich auch für die Folge die
+Vermuthung nicht <span class="pagenum" id="Seite_vi"><span class="s5">[S. vi]</span></span>unterdrücken darf, es werde die nächstkommende Zeit,
+noch manche andre mir bis jetzt nur dunkel vorschwebende Gedankenzüge
+über den Faust in dieser Form festzuhalten und Ihnen ebenfalls zu
+übergeben, die Gelegenheit gar wohl darbieten. — Indem ich daher auch
+einem etwa späterhin erscheinenden zweiten Heft gleiche liebevolle
+Theilnahme erbitte, verharre ich aufrichtigst</p>
+
+<p class="right mright2"><span class="s4 mright3">Ihr</span><br>
+<em class="gesperrt">treu ergebener</em><br>
+<span class="s4 mright2"><b>Carus.</b></span></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2>
+
+</div>
+
+
+<p class="s5 right mright2">Zweiter Weihnachtsfeiertag 1834 Abend.</p>
+
+<p class="p0"><span class="initial">E</span>s ist heute Abend eine wunderbare Stille um mich her! ich finde mich
+fast einsam in meinem geräumigen, bequemen Hause; eine ruhige, dunkle
+Nacht liegt über dem Garten vor meinem Fenster ausgebreitet, und
+kaum ein schwacher Schimmer des hochstehenden Jupiter dringt durch
+das Nebelgewölk, welches den Himmel umzieht! — im Zimmer rührt sich
+nichts, als der leise Schlag der Uhr und einzelnes Knistern des eine
+anmuthig gleiche Erwärmung verbreitenden Feuers, und wie denn nun in
+solchen Momenten uns gern mannichfaltige Gedankenzüge über Erlebtes und
+Durchdachtes vorüberzugehen pflegen, so ging es auch mir: — in immer
+tieferes, stilleres Sinnen über das Geheimniß meines eigenen Lebens
+schien ich mich zu verlieren, <span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>und nur damit ein solcher Zug nicht ins
+Unbegränzte sich ausdehnte, fühlte ich mich endlich getrieben, ihm
+ein bestimmtes Ziel, einen festern Halt anzuweisen. — Da kam es mir
+denn zu guter Stunde ins Gedächtniß, wie ich Ihnen versprochen hatte,
+mitzutheilen und gleichsam der Freund dem Freunde Rechenschaft zu geben
+von den Gedanken, die in mir rege geworden sind, seit ich den Faust von
+Göthe vollendet gelesen, wiedergelesen, ja in mich eingelebt hatte! —
+Lassen Sie mich denn auch zu diesen Gedanken sagen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Versuch ich wohl, euch dießmal fest zu halten — —</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt? —</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">und so denn ohne alle weitere Vorworte zur Sache!&#8239;—</p>
+
+<p>Zuerst aber führe ich Ihnen einen Gedankenzug heran, den eine
+gelegentliche Äußerung Göthe’s über Dante, in seinen Briefen an Zelter,
+veranlaßt hat.</p>
+
+<p>Göthe nämlich, der, wie wir manchmal besprochen haben, wunderbarer
+Weise eigentlich nie dem Dante recht nahe gekommen zu sein scheint,
+macht <span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>doch dazumal, als eine moderne Übersetzung seinen Blick
+dorthin richtete, folgende hübsche Bemerkung: „Bei Anerkennung der
+großen Geistes- und Gemüths-Eigenschaften Dante’s werden wir in
+Würdigung seiner Werke sehr gefördert, wenn wir im Auge behalten, daß
+gerade zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in
+ihrer natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich
+bedeutend wirkende Genius beherrschte auch ihn.“ — Und so ist es
+ganz gewiß! — Wie nichts isolirt steht in der Welt, so am wenigsten
+irgend ein bedeutender, mächtig auf seine Zeit wirkender Geist — er
+konnte <em class="gesperrt">so</em> nur <em class="gesperrt">erstehen</em> in gerade seiner Zeit, und wir
+können ihn nur <em class="gesperrt">verstehen</em>, indem wir uns das, was seiner Zeit
+eigenthümlich ist, möglichst klar und deutlich zu machen suchen. — Sie
+fühlen nun schon, wo ich hin will, wenn ich dieses in Beziehung auf
+Göthe anführe, und ersparen mir zu sagen, in wie vieler Hinsicht Göthe
+die Blüthe und Spitze <em class="gesperrt">seiner</em> Zeit genannt werden muß; — denn
+die Überzeugung hiervon ist in Ihnen längst so lebendig, wie in <span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>mir.
+— Aber <em class="gesperrt">eins</em> wollte ich doch hier herausheben und zu bedenken
+geben, weil es <em class="gesperrt">mir</em> gerade bei meinen naturwissenschaftlichen
+Bestrebungen vielleicht deutlicher geworden ist, als manchem Andern.
+— Offenbar nämlich regt sich in unsrer Zeit eine Tendenz, alles,
+was der Erfahrung, der Betrachtung und Erforschung vorliegen kann,
+seiner Entstehung, seiner Geschichte, seiner Entwickelung nach
+zu untersuchen und zu begreifen; das Überlieferte, das zu einem
+Bestehenden schon Gewordene, die Autorität mit einem Worte geradehin
+als solche gelten zu lassen und anzuerkennen, hat Niemand mehr
+besondre Lust; man sucht nach der Art und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> irgend
+etwas sich herangebildet und nach und nach erschlossen hat, und
+will es, nach seinen verschiedenen Perioden zusammengefaßt, erst
+als ein Ganzes erkennen und dem Urtheil unterwerfen. Wer irgend mit
+Aufmerksamkeit um sich blickt, wird hierzu die mannichfaltigsten Belege
+erkennen können! Haben wir nicht im politischen Leben aus solchen
+Bestrebungen die gewaltigsten Bewegungen hervorgehen sehen? ist nicht
+im gewöhnlichen Leben hieraus <span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>nach und nach eine andre Stellung der
+Glieder bürgerlicher Gesellschaft entstanden? — und welchen Umschwung
+endlich haben die Wissenschaften von dieser Seite her erhalten! ist
+nicht die genetische Methode, das Streben, jede Betrachtungsreihe mit
+dem Ur-Phänomen zu beginnen, der Trieb, durch das Schauen des Werdens
+das Gewordene zu begreifen, von dem außerordentlichsten Einflusse,
+namentlich auf alles, was Naturwissenschaft heißt, gewesen? — Dieser
+Genius der Zeit ist es denn, der auch an Göthe, und an ihn besonders,
+sein Evangelium richtete! Zeugniß davon geben seine eigenthümlichen
+wissenschaftlichen Arbeiten, Zeugniß gibt sein Blick auf die
+Pflanzennatur in ihrer allmähligen Entwicklung und Verwandlung, Zeugniß
+gibt seine prophetische Deutung der Theile des Skeleton und seine
+Erkenntniß der Wirbelbildungen in dem Knochengebäude des Schädels,
+Zeugniß endlich geben seine schönen Anschauungen der Entstehung und
+Bedeutung der Farben. — Daß aber das Auge des Dichters für diese
+Geheimnisse erschlossen wurde, konnte das ohne Wirkung bleiben <span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>auf
+seine Dichterwerke? — Mußte ein Dichter, dem die Bedeutung jener alten
+Worte sich offenbart hatte: „Siehe, er geht vor mir über, ehe ich’s
+gewahr werde, und verwandelt sich, ehe ich’s merke,“ ein Dichter, dem
+die Welterscheinung nicht als ein fest eingerahmtes unbewegliches Bild,
+sondern in ihrer rastlos dahinziehenden, ewig fort und fort wechselnden
+Bewegung erschien — mußte er nicht anders dichten, als jeder Andere?
+— Wahrlich! der hat Göthe’s Dichtungen nie in voller Innigkeit
+und Liebe begriffen, der da glauben kann, Göthe hätte ohne diesen
+Natur-Sinn und dessen wissenschaftliche Bethätigung dichten können,
+wie er gedichtet hat! — Haben wir nicht oft zusammen empfunden, wie
+gerade dies Gefühl ununterbrochener innerer Fortschreitung, ewigen
+Fortklingens in dem stätig erzitternden Tonmeere des Universums, der
+wunderbare Hauch ist, welcher jedes seiner ächten Werke belebt und
+durchdringt? liegt es nicht eben hierin, wenn wir in jedem seiner in
+Dichtungen ausgehauchten Gemüthszustände immer deutlich fühlen, was
+diesem Zustande alles vorherging, um ihn <span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>zu begründen, und hinwiederum
+ahnen, was diesem Zustande späterhin folgen mußte? — und ist es
+nicht gerade dies Gefühl des Schwebens in dreigestaltiger Zeit, in
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, was uns zur Ahnung
+der Ewigkeit steigert und uns eben zu <em class="gesperrt">Dem</em> leitet, der vor uns
+übergeht, ehe wir’s gewahr werden, und der sich verwandelt, ehe wir’s
+merken.</p>
+
+<p>Und so ist denn dies Hinschauen auf den ewigen Thaumatrop der Welt und
+unsres Innern das, was Göthe zu immer neuen und immer bedeutungsvollen
+Productionen begeisterte, was ihn nöthigte, von seiner eignen
+innern Entwicklung mit allen Schmerzen und aller Lust aller ihrer
+Verwandlungen ein Bild zu hinterlassen, wie wir es noch von keinem
+Menschen erhalten haben, und was ihn antrieb, dann, wann ihm eine
+Vision wurde, wann eine Idee zu ihm trat, und seine Phantasie nun diese
+Idee in dichterischer Wirklichkeit ausbildete, überall eine genetische,
+eine geschichtliche, eine rastlos fortschreitende Darstellung vor allen
+andern zu wählen. — Wem aber ein solcher Begriff aufgegangen <span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>war von
+dem Wesen organischer Entwicklung überhaupt, der hatte auch unfehlbar
+die deutliche Erkenntniß von der unendlichen Vielgestaltigkeit aller
+Entwicklung, der erkannte, auf wie viel verschiedenen Wegen und Umwegen
+die innere geistige <em class="gesperrt">menschliche</em> Entwicklung vollendet wird, und
+er fühlte, wie so wunderbarer Weise der Mensch, als ächter Mikrokosmos,
+alle die unendlich mannichfaltigen Verwandlungen der ihn umgebenden
+Natur, in ihrem bald langsamen, bald raschen, bald gewaltsamen,
+bald ruhigen, bald vielfach retardirten, bald ununterbrochen
+fortschreitenden Gange, in geistiger Maaße in sich zu wiederholen
+die Freiheit hat. Dieses aber erkannt, so mußte ihm zugleich auch
+davon die Überzeugung aufgehen, wie die Menschheit überhaupt nur als
+in einem uns alle mit sich fortziehenden rastlosen Entwicklungsgange
+begriffen, verstanden werden kann, und wie in all’ diesem Vorschreiten
+durch Blut und Tod wie durch Lust und Leben stets <em class="gesperrt">eine</em> große
+fort und forttönende Melodie höhern Ursprungs wohl zu verfolgen ist,
+welche allerdings nicht in einzelnen Noten <span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>begriffen wird, wohl aber
+dem feiner erschlossenen, tiefer fühlenden Sinne im Ganzen zur Ahnung
+kommen kann.</p>
+
+<p>Ist es mir nun gelungen, Ihnen über diese meine Grundansicht vom
+Wesen Göthe’scher Dichtung meine Gedanken deutlich auszusprechen, so
+<em class="gesperrt">kann</em> ich mir ersparen, durch Nachweisung in Göthe’s Werken
+hierüber noch eine Menge Beispiele vorzuführen; ich brauche nicht zu
+sagen, wie eine der frühesten Aufgaben, welche er sich stellte, die
+Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters war, wie im Werther eine zum
+Tode führende geistige Entwicklungskrankheit mit gewaltiger Wahrheit
+geschildert ist, wie das tief schmerzliche und doch reizende Bild
+aus dem Leben des Tasso nur ein Schritt erscheint aus dem langen
+Gange durch das Gluthmeer innerer poetischer Leidenschaftlichkeit
+(wie Dante sagt: „<span class="antiqua" lang="it">e vidi spirti per la fiamma andando</span>“), wie
+die Entwicklung eines heitern heldenmäßigen Charakters im Egmont
+prächtig dargestellt ist, und so durch viele andre Tonarten der Musik
+menschlicher Seelen hindurch. — Daß nun aber <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>das titanenhafteste Werk
+dieser Art der Faust sei, wer kann das läugnen? — Der Faust, dieses
+wunderbare Bild, in welchem sich das geistig mächtigste Streben der
+Menschheit concentrirt, er war es, der allein dem Dichter zur Aufgabe
+für ein ganzes Leben werden konnte! — Und haben Sie nicht ebenfalls
+schon manchmal im Geiste die Parallele gezogen zwischen dem großen
+Werke des Dante und diesem Werke Göthe’s? — Nur daß im erstern an
+dem ruhig Schauenden alle die schmerzlichsten und alle die seligsten
+Zustände der Seele <em class="gesperrt">vorübergehen</em> (darum eben Schauspiel,
+<span class="antiqua" lang="it">Divina Comedia</span>!) während im Letztern der stätig Bewegte durch
+alle Qual und Lust des Lebens selbst rastlos <em class="gesperrt">hindurchgehen</em>
+muß. — Beides aber sind Werke, deren Idee nachhaltig genug war, um
+für ein ganzes Leben als Aufgabe zu erscheinen; der Geist beider
+Dichter war von ihr auf unverlöschliche Weise entzündet, und wenn es
+bei Ihnen hierüber noch weiterer Worte bedürfte, so möchte ich dabei
+wohl an das eigenthümliche Lebensprincip einer jeden Idee abermals
+erinnern; denn ist es nicht <span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>sonderbar, daß selbst unter jenen Ideen,
+welche nicht selbstständig sich zu eigenem Wesen gestalten, sondern
+andre sich schon als Seelen darlebende Ideen berühren, eine solche
+unendliche Mannichfaltigkeit und so verschiedene Verwandtschaft zu
+unserer eignen Monas herrscht, daß, während einige nur leicht an uns
+vorüberstreifen, andre die mächtigste Einwirkung auf unser Leben
+gewinnen, ja, andere für unser ganzes Dasein von der mächtigsten
+und unauslöschlichsten Bedeutung werden! — Zu wie viel sonstigen
+Vergleichungen giebt aber Dante und Göthe in dieser Beziehung noch
+Anlaß! — Jener Erstere, von außen in die heftigsten Partheienkämpfe
+verflochten, umgetrieben in der Welt und aus seiner Heimath verbannt,
+mußte, vermöge des alle Wesen beherrschenden Gegensatzes und zu
+Erhaltung des Gleichgewichts der Seele, tiefsinnig ruhig schauend in
+sein Innerstes sich zurückziehen; — — der Andere, von außen durch
+ein nie fehlendes Glück getragen und begünstigt, von Ehre, Zuneigung
+und vielfältigen Gaben des Geschicks erfreut, durchlebte dafür in dem
+stätigen Entwicklungszuge seines Innern, in dem qualvollen Drängen
+und Treiben seines Geistes, weniger <span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>den Menschen wahrnehmbare, aber
+um desto schmerzlichere Zustände — und Beide haben von den somit
+erweckten Anschauungen ihres Seelenlebens die merkwürdigsten und
+mannichfaltig weiter wirkende Zeugnisse hinterlassen. — Der Erstere
+concentrirte in einem kürzern, von der Heftigkeit äußerer Ereignisse
+verzehrten Leben die ganze Macht seiner Divinationsgabe auf ein
+einziges, immer mehr in reingeistige Regionen gesteigertes Werk, ein
+Werk, dessen Anfang seinem Volke immer zugänglicher gewesen ist, als
+dessen Ende. — Der Andere, durch äußere Verhältnisse im höchsten
+Grade gefördert, spann den Faden jenes wunderbaren Gespinnstes durch
+ein langes Leben hindurch; auch er führte es, wie er selbst in einen
+andern Luftkreis hinaufwuchs, in eine immer feinere, schärfere, von den
+Erdgebornen schwerer zu athmende Luft, in eine Luft, welche vielleicht
+weniger nahrhaft für die materiellen Bedürfnisse der Menschheit, aber
+belebender für das geistige Princip unseres Daseins erscheint, so daß
+mich diese Metapher fast an das erinnert, was Humboldt über Athens
+Lüfte nach jenem alten Griechen anführt, welcher sagt: „Diese Art der
+Bildsamkeit ist aber dem <span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>Lande der Griechen eigen, weil dort die
+reinsten und dünnsten Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr;
+denn eine solche Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des Bodens,
+ist aber heilsam den Seelen der Athener.“ — Aus diesem Grunde ist
+natürlich auch vom Faust das Ende bei weitem weniger zugänglich, als
+der Anfang, und doch gehört es so durchaus und ganz zu ihm, wie der
+felsige Gipfel des Montblanc innerlich eins ist mit seinen bewaldeten
+Abhängen um Chamouny! — Nichts desto weniger wirkt doch die letzte
+Hälfte des Faust schon hie und da mächtig genug! — Kommt es Ihnen
+nicht auch sonderbar vor, wie so etwas erst so einzeln, bald einmal
+hier, bald einmal dort zündet und anregt? — Da kommt Einer und fertigt
+als Scholiast einen, wenn auch noch nicht ausreichenden, doch sehr
+dankenswerthen Commentar darüber&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>; da kommt ein Andrer und schreibt
+Briefe darüber, um seinem gepreßten und molestirten Gewissen Luft zu
+machen&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>; da kommt ein Dritter und versucht Sinn <span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>und Deutung dem
+geneigten Leser darzulegen&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, und da sehen Sie selbst Ihren Freund,
+dessen Evangelium eigentlich in andern Richtungen verkündigt werden
+soll, seine Briefe mit Gedanken dieser Art durchweben! — ja manchmal
+begegnet man plötzlich irgend einer geistigen Explosion über den
+Faust, welche zu den nachdenklichsten Betrachtungen Anlaß giebt! So
+ging es mir neulich mit dem Schlusse eines Aufsatzes über Faust&#x2060;<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>,
+der bei manchem Unzulänglichen im Einzelnen, doch in andrer Hinsicht
+wirklich den Nagel so auf den Kopf trifft, daß ich ihm mindestens eine
+weniger vergängliche Stelle wünschte; denn gewiß! der Sinn hat sich
+diesem jungen Manne tiefer erschlossen, als jenen Scholiasten und
+Commentatoren, die überhaupt von jeher mit dem „Brod der Engel“, wie
+Dante sagt, wenig Glück gehabt haben.</p>
+
+<p>Sehe ich aber so, wie eine neu aufgegangene Idee bald hie bald da
+zündet und Leben weckt, so gemahnt <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>es mich immer an die auf Erden wie
+am Monde so schön zu beobachtende Erscheinung des Lichtes, welches bei
+aufgehender Sonne zuerst nur auf einzelne Bergeshöhen und Gipfel wirkt,
+während die Thäler noch im Dunkel liegen, bis endlich die Strahlen,
+über die gesammte Gegend sich ausgießend, Alles, mit Ausnahme ewig
+finsterer Schluchten und Höhlen, erleuchten. Übrigens dauert es beim
+neuen Faust doch lange genug, bis davon nur ein Theil, geschweige denn
+das Ganze bei uns Eingang findet! — Es geht Ihnen gewiß, wie mir! Wenn
+ich so in meinem Kreise Umfrage halte, so höre ich kaum hie und da eine
+Stimme, welche dem Faust Anerkennung zu geben versucht; dagegen welche
+Thorheiten darüber, ja welche Absurditäten! — Bei weitem aber den
+Meisten liegt der Faust noch so, wie ihn Göthe wirklich hinterlassen
+hat, nämlich als <em class="gesperrt">ein Buch mit sieben Siegeln</em>.</p>
+
+<p>Übrigens muß ich Ihnen hier noch eine Bemerkung mittheilen, welche mir
+ebenfalls zu mannichfaltigen Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu
+haben scheint! — Es geht nämlich den Schöpfungen der Dichter zuweilen
+wohl eben so, wie der göttlichen <span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>Schöpfung allgemeiner Natur, nämlich
+man personificirt oft daran mehr, als billig; man will diese und jene
+bekannte menschliche Individualität darunter erblicken und betrachtet
+oft gern die poetischen Gestalten wie Figuren eines Maskenballs, wo
+der Verstand sich nur in soweit anstrengt, um ausfindig zu machen,
+wer eben hinter dieser oder jener Maske verborgen sei. Findet man
+endlich bei der Gestalt des Dichters keine Ähnlichkeit mit andern
+bekannten Personen, so muß seine eigene Persönlichkeit mit allen ihren
+Zufälligkeiten in dieser Gestalt sich verkörpert haben. — Nun weiß ich
+zwar wohl, daß in jegliche Schöpfung der Geist des Schöpfers zum Theil
+eingehen muß — denn nur durch diesen Geist entsteht und besteht sie
+—; aber man muß nur diese Vorstellung nicht zu weit ausdehnen, man muß
+nicht übersehen, daß der freie Geist auch das Heterogene für eine Zeit
+in sich aufnehmen, in sich verarbeiten und zu neuen selbstständigen
+Produktionen verwenden kann! — Nun scheint Ihnen gewiß auch, daß man
+alles dieses in vollem Maaße auf Göthe anwenden kann, ja anwenden muß.
+Göthe ist nicht Tasso und hat doch den Tasso in sich geboren; <span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>er ist
+nicht Wilhelm und hat doch seine Lehrjahre durchgearbeitet; er ist
+nicht Clavigo und hat doch den schmerzlichen Wechsel leidenschaftlicher
+Zustände erfahren, und endlich, obwohl Tausendfältiges in ihm
+angeklungen hat, was im Faust mit reicher, vielgestaltiger Lebendigkeit
+sich bewegt, so wäre es doch weit gefehlt, wenn man Faust und Göthe
+deßhalb identificiren, Beide, wie z.B. Herr Deycks thut, eigentlich
+für eine und dieselbe Person halten wollte. — Ich habe wirklich
+etwas lächeln müssen, wenn dieser Commentator ordentlich bei sich
+selbst inquirirt: ob nicht Gretchen im Faust wirklich das Gretchen
+sei, welches Göthe in seinem Leben erwähnt, und dabei noch merken
+läßt, man könne doch nicht so eigentlich wissen, wie weit es auch mit
+der Letztern gekommen sei. — So etwas nenne ich eine materielle,
+eine stoffartige Auslegung, und sie paßt immer am wenigsten auf den
+<em class="gesperrt">ächten</em> Dichter, welcher zu den ihn umschwebenden Ideen ein ganz
+anderes, als ein solches stoffartiges Verhältniß haben muß. Göthe hat
+uns ja selbst in diese seine geistigen Mysterien manchen Blick thun
+lassen; zumal dann, wenn er seine Werke geradezu Confessionen nennt
+und, <span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>weit entfernt, damit zu meinen, daß er in ihnen seine ganze
+Individualität niedergelegt habe, vielmehr andeutet, wie er gewöhnlich
+durch dieselben irgend einer seinem eigensten Wesen fremdartigen
+Richtung Luft gemacht, ein dieses selbst störendes Bestreben dadurch
+ausgesprochen, aus sich heraus gegeben und abgeschüttelt habe. So
+setzt er dieß namentlich beim Werther trefflich auseinander! — Und
+war nicht allerdings etwas Wertherhaftes in dem noch jungen Göthe? —
+Freilich war es das; aber dieses Wertherhafte war so wenig der ächte,
+eigentliche Göthe, daß vielmehr dieser erst recht gesundete, als der
+Werther geschrieben war.</p>
+
+<p>Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich
+es wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem
+Leben zu Händen gekommen ist! — Glauben Sie, es hat in mir Zeiten
+gegeben, wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt,
+daß ich mir durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche
+trübe Wolke über meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr
+im Bilde ein freies Hervortreten hatte geben können, und wer sich
+die schwermüthige Stimmung meiner Bilder <span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>nicht mit der frischen
+Thätigkeit meines Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald
+an, wie wenig er von meinem innern Leben entziffert hatte! — Gerade
+in diesem Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach
+Außen liegt ja ganz besonders das Geheimniß der <em class="gesperrt">Entwicklung</em>
+der Seele während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein
+Werk nach dem andern, eine That nach der andern äußert und von sich
+thut, und wie sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch
+das feinere Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer
+reinerer, höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen
+der sich metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und
+weiter sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich
+läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die
+zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb
+der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das
+höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu
+Stande kommt. — Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen
+<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet
+lassen, als wenn man über den <em class="gesperrt">Faust</em> nachdenkt, über den Faust,
+der auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und
+Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn,
+wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste
+menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit
+zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es
+doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der
+Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem
+die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d.&#8239;h. mit
+stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten
+Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie
+für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene,
+welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den
+wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so
+deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche
+erst in rohern, und dann in immer <span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>feinern Bildungen, gleichsam stets
+ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster
+Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert.</p>
+
+<p class="mtop2">Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die
+Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur
+eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint
+mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser
+symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum,
+weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie
+sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter
+den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern
+gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher
+das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und
+das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde
+ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden
+soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit <span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>des Volks
+an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei
+roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung
+menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, — und eine solche
+Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher
+Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon
+jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer
+erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur
+die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser
+Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe <em class="gesperrt">seinen</em> Faust
+mußte in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage
+gekannt hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt
+wissen wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben
+kann, daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so
+wenig ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag,
+daß die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust
+lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben
+bis ins hohe <span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch
+dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen
+geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische
+Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die
+lebendigste Anerkennung haben?</p>
+
+<p class="mtop2">Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen!
+es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige
+denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so
+wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine
+Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses
+Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß
+des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und
+hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir
+besonders am Herzen.</p>
+
+<p class="mtop2">Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin
+unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind
+wie Regenbogen, <span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen
+Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne
+Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben.</p>
+
+<p class="right mright2">Getreulich, wie immer,<br>
+<span class="mright3"><em class="gesperrt">Ihr</em> C.</span></p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">C. Löwe</em>, Commentar zum zweiten Theile
+des Göthe’schen Faust. Berlin 1834.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> <span class="antiqua">M.</span> <em class="gesperrt">Enk</em>, Briefe über Göthe’s Faust. Wien
+1833.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">F. Deycks</em> Göthe’s Faust. Andeutung über
+Sinn und Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von
+<em class="gesperrt">Feuchtersleben</em> in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst.
+1834. Nº 148.</p></div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 right mright2">Vierter Februar 1835. Abend.</p>
+
+<p>Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen
+könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an
+Sie Raum zu geben! — Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den
+ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum
+Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes
+Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den
+im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner
+Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben,
+mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden
+Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum
+verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele
+durchlebte <span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in
+die Gedanken, wo es heißt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Seltsam ist Prophetenlied,</div>
+ <div class="verse indent0">Doppelt seltsam, was geschieht!“ —</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den
+Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht
+durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so
+beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich
+durch und durch erfüllt und eine <b><span class="antiqua" lang="it">Calma</span></b> in mir verbreitet,
+welche mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand
+so recht in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll.
+Wende ich mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke
+unsers großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich
+früher über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen,
+nunmehr die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas
+ausführlicher zu betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie
+Ihre Billigung meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen
+und die Bedeutung des <span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>in diesem Gange hervortretenden Sündhaften
+ausdrücklich erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen
+mögen.</p>
+
+<p>Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns
+liegt, betrachte ich aber: <em class="gesperrt">ist es menschlicher und poetischer
+Wahrheit gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit
+zuzureifen noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis
+in höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter
+manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche auf
+sich geladen</em>? — Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe
+des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich
+erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben!
+— Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen
+Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt;
+ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust
+festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet,
+und <span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin
+sich anzunehmen sich unterfangen möchte. — Dieses denn nun alles
+auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten,
+welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich
+darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich
+gestimmt fühlte.</p>
+
+<p>Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus
+eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die
+mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten
+Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen
+wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese
+ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das
+Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende
+Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen,
+um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das
+Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee
+innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und
+Raum sich dar. — Es ist gleichsam, <span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>als habe die bedeutendere Monas
+dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert,
+auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben
+und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer
+eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung,
+— mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. — Indem
+ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf
+der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch
+die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher
+Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre,
+eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und
+jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des
+sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von
+Ewigkeit her angewiesen sei. — Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf
+ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher
+Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch
+hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen
+<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige,
+gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche,
+von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt
+sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von
+irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele
+Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt,
+erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer
+Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen
+leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden,
+während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt?
+darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die
+gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz
+beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben
+so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der
+Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten
+gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum nun
+gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt <span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>und Jenem
+die Seinige verzögert und erschwert sei? — dann werden wir nie eine
+passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst eine
+so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben war;
+ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun, welches
+er will, und verstocket, welchen er will.“ — So sagest du zu mir: Was
+schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? — Ja,
+lieber Mensch, wer bist <em class="gesperrt">Du</em> denn, daß Du mit Gott rechten willst?
+Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“
+— Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten,
+durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller,
+nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die
+freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte
+Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten.
+— Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die
+eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee
+nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es
+würde Ihnen, <span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: — Unter
+den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome
+der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie
+ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden
+Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige
+Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer
+besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit
+und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald
+in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. — Es ist
+nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit
+und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und
+mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien
+unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,</div>
+ <div class="verse indent0">Und zu der Erde zieht mich die Begierde. —</div>
+ <div class="verse indent0">— &#8195; — Ich kann mich nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer,</div>
+ <div class="verse indent0">An meinem Willen wärmen und Gedanken, —</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,</div>
+<span class="pagenum" id="Seite_39"><span class="s3a">[S. 39]</span></span>
+ <div class="verse indent0">Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen,
+über die Erde hinschreitenden Geist, — und wie die Individualität
+solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge
+gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern
+göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken
+Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale
+frei. — Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die
+Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen
+Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit
+unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst
+verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch
+den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten
+Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei
+Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir
+haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie
+in verschiedenen Formen sich <span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>der Zug jener Schwermuth, jener innern,
+aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald
+schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten
+Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns
+tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die
+nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind.
+Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft
+wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und
+frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich
+des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie
+bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen
+Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war,
+es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. — Lassen
+Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig,
+etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen
+zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls
+gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um <span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>manche an sich
+schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung
+zu bringen. — Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte
+offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu
+seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer
+Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben
+knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von
+dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte,
+bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von
+Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das
+von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte
+Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf
+liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels,
+während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus
+blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! — Zu
+den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die
+reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer
+fünfseitigen, <span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler
+lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber
+Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine
+seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen
+Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und
+wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein
+mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen
+Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete
+Wage gewahr werden.</p>
+
+<p>Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine
+abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt,
+während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner
+Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in
+seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der
+Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und
+traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen
+Anlaß, — und um nun den sonderbaren Kreis dieser <span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>Vorstellungen zu
+vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz
+gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch
+die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten
+Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer
+Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor
+den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber
+schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches
+Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten
+Flughaut das Wort <b><span class="antiqua">Melencholia s. I.</span></b>&#8239;—</p>
+
+<p>Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses
+sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des
+alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben
+sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich
+hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in
+sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform
+gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses
+Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, <span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>ja jenem innersten
+Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie
+selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern
+kann? — Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele
+des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm
+durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft
+machen mußte? — Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust
+gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir
+scheint, diese Wahrnehmung!&#8239;—</p>
+
+<p>Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer
+Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser
+oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten
+Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser
+Beseligung verlustig gehen? — Hierauf kann ich nun in Folge aller
+vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: <em class="gesperrt">Die Seele
+wird durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen
+hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft,
+<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von
+nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen,
+daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre
+höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes
+entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und
+Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt
+ist.</em>&#8239;—</p>
+
+<p>Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer
+innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes
+Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber
+in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen
+der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden
+Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt
+wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im
+Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen
+möglich wäre, und es wird <span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft
+und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig
+bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit
+sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch
+tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um
+zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. <em class="gesperrt">Dante</em> vergleicht in
+seinem <b><span class="antiqua" lang="it">Convito</span></b> die Seele des durch das Irrsal des Lebens
+ihrer Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden
+seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem
+Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath
+hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt,
+zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. — Gewiß dieses Bild
+eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen
+Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen,
+daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen
+das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame
+Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes <span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>denken
+möchte. — Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen
+Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen
+Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie
+zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch
+ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet,
+so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig
+entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; —
+auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das
+Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual,
+und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform,
+ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um
+die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. — Das eben ist es
+ja, wenn der Herr sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Wenn er mir jetzt auch nur <em class="gesperrt">verworren</em> dient,</div>
+ <div class="verse indent0">So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre
+ein gemeines, nie zu so hoher <span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>Bedeutung und vielfacher Betrachtung
+gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken
+enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie
+mit bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale
+hindurch ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder
+entgegen gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung
+zu bringen, eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich
+weit davon entfernt bin, <em class="gesperrt">alles</em>, was im und an dem Werke
+Erscheinung seiner Form genannt werden kann, unbedingt zu billigen und
+zu bewundern; es ist Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk,
+welches, so lang Sinn für Poesie im Menschengeschlecht leben wird,
+nicht untergehen kann; aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer
+Vorfahren, Bauwerke, mit denen der Faust bis auf ihre phantastische
+Verzierung mit Naturwerken so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre
+vollkommne Beendigung und räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch
+der Faust mehr <em class="gesperrt">beendet</em> als <em class="gesperrt">vollendet</em>; aber vor allem
+fordere ich, daß Jemand, der den Faust überhaupt anerkennen will,
+<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span><em class="gesperrt">seine Grundidee anerkenne</em>, daß er das darin ausgesprochene
+genetische Princip alles ächten Seelenlebens achte, und daß er deutlich
+empfinde, wie das Begeistigende, ewig Anregende, ich möchte sagen,
+<em class="gesperrt">Frühlingsmäßige</em> dieses Faust auf der lebenvollen Grundanschauung
+von dem zwar tief zu beugenden, aber an sich schlechthin
+unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch und durch gegründet
+sei. — Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers vielgetreuen Alb.
+Dürer <b><span class="antiqua">Melencholia</span></b> dem Faust von einer Seite, nämlich
+hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen Gedanken
+umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch ein andres
+Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von welchem ich
+weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und Teufel“ auch
+Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust vergleichen,
+in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk unaufgehaltenen
+Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt werden könnte,
+von welcher der Herr sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">ist sich des rechten Weges wohl bewußt</em>!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen
+Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach
+seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben
+werde? — Am besten wohl — <em class="gesperrt">nichts</em>!</p>
+
+<p>Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine
+Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen
+Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei
+verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich
+stritten! — Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen
+Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie
+es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe <em class="gesperrt">in sich</em>
+trägt; wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros
+der Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem
+Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern,
+jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen
+durch und durch beruhen — Gleichnissen, welche um so materieller und
+schwerfälliger aufgefaßt wurden, <span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>je unbeholfener oder befangener die
+menschliche Vorstellungsweise war —; wem endlich die Bedeutung der
+zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen
+Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt sich
+nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn getrost
+<em class="gesperrt">seiner</em> eignen Weiterbildung! — Hübsch ist es übrigens, wie
+Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen
+Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu
+Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig
+versuchenden Faust verweist, sagen läßt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0 nowrap">„Da dank ich euch! <em class="gesperrt">denn mit den Todten</em></div>
+ <div class="verse indent0">Hab ich mich niemals gern befangen.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch
+ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr
+Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für
+das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind
+so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen,
+daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, <span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>Jemanden, der im Leben bequem
+ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich
+tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete
+Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; — sie ahnen nicht, daß hier
+oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der
+brennenden Wunde der Seele werden kann, — sie haben nun einmal keinen
+Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust
+entfährt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„So sind am härtsten wir gequält:</div>
+ <div class="verse indent0">Im Reichthum fühlend, <em class="gesperrt">was uns fehlt</em>.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um
+Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der
+Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich:
+die Zerknirschung, die Reue und Buße — das müsse doch wenigstens
+vorhergehen! — und wie <em class="gesperrt">sie</em> es bei ihrem Archonten gewohnt
+sind, so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher
+die hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! — O
+Himmel und Erde! — welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen,
+<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! — jenem Wesen, von dem
+es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem
+Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches
+gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen,
+vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so
+sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung
+schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist
+sagt:</p>
+
+<p>„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! —
+Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie
+einen Teppich!“&#8239;—</p>
+
+<p>Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von
+jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer
+Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen
+großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen
+im Stande sind! — Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß
+mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte
+<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch
+nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener
+Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in
+Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des
+Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende
+Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse!
+— Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin
+und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um
+ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um
+eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise
+fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher
+gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen
+Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des
+Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts
+treibt.</p>
+
+<p>Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich,
+auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen
+gerechtfertigt <span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen
+Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute
+diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, — der Spruch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Gerettet ist das edle Glied</div>
+ <div class="verse indent0">Der Geisterwelt vom Bösen.</div>
+ <div class="verse indent0">Wer immer strebend sich bemüht,</div>
+ <div class="verse indent0">Den können wir erlösen.</div>
+ <div class="verse indent0">Und hat an ihm die Liebe gar</div>
+ <div class="verse indent0">Von oben Theil genommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Begegnet ihm die sel’ge Schaar</div>
+ <div class="verse indent0">Mit herzlichem Willkommen.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 right mright2">Den 5. April 1835. Abends.</p>
+
+<p>Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen
+innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten,
+meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute
+leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen
+über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende,
+— und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen
+angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen
+möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele
+bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar
+und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen.</p>
+
+<p>Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine <span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>der Grundfragen des
+ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema
+des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern
+Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern
+weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht
+nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat.</p>
+
+<p>Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Alles Vergängliche</div>
+ <div class="verse indent0">Ist nur ein Gleichniß;</div>
+ <div class="verse indent0">Das Unzulängliche,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier wird’s Ereigniß;</div>
+ <div class="verse indent0">Das Unbeschreibliche,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier ist’s gethan;</div>
+ <div class="verse indent0">Das Ewig-Weibliche</div>
+ <div class="verse indent0">Zieht uns hinan.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu
+allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und
+männlicher Seeleneigenthümlichkeit. — Erlauben sie denn, daß ich auch
+Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr
+ab- als zugewendet erkannt habe, doch <span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>veranlasse, diesem Gedankenzuge
+einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl
+möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich
+jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast
+sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber
+heilsam den Seelen der Athener.</p>
+
+<p>Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände,
+so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken,
+welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch
+ein hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert
+worden ist, — Dante. — Wie merkwürdig sind nicht jene Worte
+über das erste Erkennen der Beatrice im Anfange seiner <b><span class="antiqua" lang="it">Vita
+nuova</span></b>, welche ich nach Oynhausens Übersetzung hier beifüge:
+„Und sie erschien mir bekleidet mit der herrlichsten Farbe, demüthig
+und ehrbar, purpurroth umgürtet und geschmückt nach der Weise, wie es
+ihrem jugendlichen Alter zukam. In demselbigen Augenblicke, sage ich
+wahrhaftig, daß der Geist meines Lebens, welcher in der geheimsten
+Kammer des Herzens wohnt, anfing <span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>so heftig zu zittern, daß es zum
+Erschrecken sichtbar wurde in den allerkleinsten Pulsen, und zitternd
+sagte er diese Worte: <b><span class="antiqua" lang="la">ecce deus <em class="gesperrt"><i>fortior me</i></em>, veniens
+dominabitur mihi</span></b> (siehe da ein Gott, <em class="gesperrt">mächtiger denn ich</em>,
+welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben Augenblicke
+auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer wohnt,
+in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen; er
+begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den
+Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: <b><span class="antiqua" lang="la">apparuit jam
+beatitudo nostra</span></b> (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ — Und
+wie deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen
+Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge,
+welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er
+sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„In unsres Busens Reine wohnt ein Streben,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten;</div>
+ <div class="verse indent0">Wir heißen’s Frommsein.“ —</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und <span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>Ruhe und
+dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die
+Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz
+eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? — Ich möchte sagen,
+die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie der
+Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene ewigen
+Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen bewegen
+und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich es uns
+vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des Wahnsinnes,
+des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so einfach ist
+es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die höchsten Ideen
+der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und jeglicher
+Tugend in weibliche Form zu kleiden. — Wollen Sie nun aber bedenken,
+aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit hervorgeht,
+wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual der
+Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens und an
+die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben deßhalb
+nie befriedigten <span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die Beruhigung, die
+stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie ein im höchsten
+Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen, erst ihrem ganzen
+Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist damit zugleich
+ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich zukomme,
+theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem Princip
+in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts gedrängten Leben
+des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt, welche das Bedürfniß
+eines solchen Haltes um so mehr und um so unfehlbarer empfinden wird,
+je unruhiger, aufgereizter und stürmischer der Zustand ihres Lebens
+gerade in irgend einer Periode genannt werden mußte. — Ich gestehe
+Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu ganz eignen Betrachtungen
+geführt, von denen ich einige hier nicht abweisen kann, auf die
+Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen Betrachtungen des
+Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich aber zuerst in den
+wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das Reis der Barbarenstämme,
+auf den absterbenden Stamm <span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>überfeinerter, griechisch-römischer
+Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen ausschlug und zu
+einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine Regeneration des
+gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit einem Male in
+dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der Frauen und
+deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter denen
+eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut, den
+Geist einer Frau <em class="gesperrt">ein stärkeres Wesen</em>, welches ihn beherrschen
+werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser
+stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich
+bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien,
+gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die
+aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen
+Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden
+Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer
+Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung
+weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen
+der Poesie und des Lebens <span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>aufsprießen konnte? — Sodann! welche
+andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele
+Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau,
+in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die
+wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie
+in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden
+Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen,
+ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost
+für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf
+verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht
+so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern
+ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit
+darstellt? — Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem
+Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und zwar
+die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu dem Wunder
+der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine Gefühl der
+Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes <span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>unter das Höhere,
+d.&#8239;i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe, deren
+höchstes Sinnbild Maria genannt wird; — denn wie solle sich für die
+reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung finden,
+als eben die des <em class="gesperrt">Ewig-Weiblichen</em>? Ist es denn nicht aber auch
+hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten
+Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen
+heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener
+Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? — Sehen wir nicht den
+kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen
+noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der
+dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele,
+bewahren? — Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes
+gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der
+Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden
+eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig
+ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege
+werde <span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth
+eines thatkräftigen Mannes! — Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben
+jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren,
+großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen,
+mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf
+Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen
+eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken
+pflegten. — Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus
+dem Epimenides eingefallen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Die gelinde Macht ist groß.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter
+glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung,
+manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen
+Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind,
+daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche
+mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears,
+so die Frauen göthischer Dichtung ein einer <span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>nähern Schilderung
+zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen
+mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der
+Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem
+einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die
+Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig
+männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von
+der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig
+eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese
+Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist,
+genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben
+zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen.</p>
+
+<p>Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen,
+was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken
+vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und
+zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die
+tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand,
+<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns
+vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich
+die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen,
+daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die
+tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine.
+— Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen,
+so muß ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die
+mir schon in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen
+sind, die Worte: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete,
+und hätte <em class="gesperrt">der Liebe</em> nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder
+eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle
+Geheimnissse, und alle Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß
+ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
+Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib
+brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die
+Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die
+Liebe treibet nicht <span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt
+sich nicht ungebehrdig, sie suchet nicht das Ihre, <em class="gesperrt">sie lässet sich
+nicht erbittern</em>.“ — Und diese Liebe, dieser höchste Quell innern
+Friedens und innern Glücks, diese — bei unendlich Vielem, was er
+besitzet — sie <em class="gesperrt">fehlt</em> dem Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt
+sein Elend! — Faust, wie man sich ihn, seinem frühern Leben nach,
+denken muß, ausgerüstet mit feurigem, in mancher Hinsicht productivem
+Geist, ist aufgewachsen unter Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter
+lebenden, ihn liebenden Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja
+Abstrusen der Schule auf den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der
+Wirkung des Concreten und Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf
+das Herz; — eine ungeheure Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und
+Gestalten hat sein Geist um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren
+ihm keine freudige Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung,
+und die Gestalten sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst
+ist noch, wie der Apostel sagt, <em class="gesperrt">erbittert</em>; — da bricht er aus:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Und fragst du noch, warum dein Herz</div>
+ <div class="verse indent0">Sich bang in deinem Busen klemmt?</div>
+ <div class="verse indent0">Warum ein unerklärter Schmerz</div>
+ <div class="verse indent0">Dir alle Lebensregung hemmt?</div>
+ <div class="verse indent0">Statt der lebendigen Natur,</div>
+ <div class="verse indent0">Da Gott die Menschen schuf hinein,</div>
+ <div class="verse indent0">Umgiebt in Rauch und Moder nur</div>
+ <div class="verse indent0">Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle
+tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach
+einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft
+seiner eignen höhern Natur! — Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen
+gefallen, es kann ihm <em class="gesperrt">wohl</em> darin sein, <em class="gesperrt">ohne</em> alles Streben
+nach einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der
+Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen
+Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung,
+aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu
+dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese
+Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn
+bewegt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne</div>
+ <div class="verse indent0">Und von der Erde jede höchste Lust,</div>
+<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> <div class="verse indent0">Und alle Näh’ und alle Ferne</div>
+ <div class="verse indent0">Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen
+der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd
+Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das
+Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? —
+Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht
+läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle Zeiten
+höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des menschlichen
+Gemüthes, wie sie in Dante’s <b><span class="antiqua" lang="it">Vita nuova</span></b> vorliegen,
+bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe
+der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen
+schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das
+schwerste Hinderniß; — er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit
+heraus! — er soll gewissermaßen <em class="gesperrt">außer</em> sich gesetzt werden,
+damit er sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem
+Bande, welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen
+ihm verschließt! —Aber <span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung!
+wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß,
+damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! — Die mächtige
+Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden
+Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott
+mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist
+hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun
+die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von
+sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener
+Individualität unendlich verschieden sein. — Die Entwicklung der Idee
+der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie
+wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten
+eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre
+ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen
+Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren
+Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in
+die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte <span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>Wurzel und in die
+massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter
+Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; —
+immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde
+herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben
+Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die
+geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt,
+gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der
+Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol
+der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden
+Idee. — Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die
+mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt,
+und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel
+und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel
+und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den
+tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist.</p>
+
+<p>Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig <span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>im Faust
+aufgefaßt! — Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben
+zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst
+das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in
+Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein
+des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des
+<em class="gesperrt">unendlichen Glückes der Beschränkung</em>. Dorthin gehört die Stelle
+in Gretchens Zimmer:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Willkommen, süßer Dämmerschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Der du dies Heiligthum durchwebst!</div>
+ <div class="verse indent0">Ergreif mein Herz, du süße Liebespein,</div>
+ <div class="verse indent0">Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie athmet rings Gefühl der Stille,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ordnung, der Zufriedenheit!</div>
+ <div class="verse indent0">In dieser Armuth welche Fülle!</div>
+ <div class="verse indent0">In diesem Kerker welche Seligkeit!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen
+Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt;
+die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen,
+und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu
+Wege. So auch Faust! die <span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>Einwirkung eines so stillen kindlichen
+Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich
+unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so
+weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug
+erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf
+eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber
+er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer
+hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer
+in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk
+wieder verdeckt. — Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten
+Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer
+innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen
+Unheil erfaßt und mindestens <em class="gesperrt">zeitlich</em> zertrümmert; er fühlt, es
+kann nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie mit mir zu Grunde gehn.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf <em class="gesperrt">seine</em> Art
+zu retten, wo nichts mehr zu retten ist; der <span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>Schlag fällt; von dem
+ungeheuren Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten
+Seelenschmerz, und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge
+des organischen Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so
+wirft ihn betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus
+welchem der Mensch nicht aus <em class="gesperrt">eigner</em> Kraft sich aufzuraffen
+vermag, wenn nicht eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet.</p>
+
+<p>Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich
+hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an
+mit den Worten:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;</div>
+ <div class="verse indent0">Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile;</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ —</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun <em class="gesperrt">dieser</em>
+Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen
+Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in
+alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen
+Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er
+will!“ — Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung
+eines <span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>fleckenlosen Gemüthes, als <em class="gesperrt">eine Gnade</em>, welche dieser
+Seele zu Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch
+glückliche innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das
+Einzige, ewig Wahre sich hinauf bilden zu können?&#8239;—</p>
+
+<p>So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig
+wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch
+für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe
+zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die
+Beschwörung der Helena zu verlangen. — Da hebt eine neue Metamorphose
+an! — Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern
+Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht, daß
+er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, — in das Reich der Urbilder
+alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie deßhalb „die
+Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst <em class="gesperrt">so</em> geahneten und
+bezeichneten <em class="gesperrt">Ideen</em> einzudringen habe, und daß er <em class="gesperrt">die Idee
+des Schönen</em> in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit
+einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, <span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>geschweige denn
+hervorrufen wolle. — Und also wird es vollendet. — Aber wie Plato
+sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie
+das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt,
+so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in
+ihm anhebt, — allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders;
+denn wir hören ihn:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil.</div>
+ <div class="verse indent0">Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure,</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Ergriffen</em>, fühlt er tief das Ungeheure.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in
+umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische
+Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens,
+wo die <em class="gesperrt">Idee der Schönheit</em> sich eben so zu verkörpern liebte,
+als durch die christliche Zeit <em class="gesperrt">die Idee höchster Güte</em> zur
+lebenvollen Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht
+am Rande einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die <em class="gesperrt">Idee der
+Wahrheit</em> in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll.</p>
+
+<p>Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den <span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>Reiz, sondern
+die Gewalt, <em class="gesperrt">die Herrschaft</em> der Schönheit; diese für ihn zum
+erstenmale so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich
+auf ihn, und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem
+Liebeszuge, nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht,
+sondern gegen Etwas, das er entschieden <em class="gesperrt">über</em> sich fühlt; —
+die Empfindung, ein Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine
+Empfindung, welche die höchste Entwicklung im Menschen anzuregen
+geeignet ist, erfaßt ihn mit vollkommner Gewalt, und eine neue
+Lebensepoche schließt sich auf. Zuerst niedergedonnert durch den
+unseligen Versuch, das Höchste in den Kreis des alltäglichen Lebens
+herabziehen zu wollen, kommt er, auf griechischem Boden angelangt und
+vom höchsten Zuge der Leidenschaft bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur
+eingetaucht in ein eigenthümliches poetisches Dasein der Mensch es
+vermöge, die reine Erscheinung der Idee der Schönheit vollkommen sich
+anzueignen. Und so beginnt die geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde
+mit der Schönheit, welcher jedesmal auf dichterische, künstlerische
+Productivität deutet, entspringt <span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>ein Dichtergeist, den nur das
+Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses Erbtheil des Vaters, nicht zu
+wahrhafter Reife sich entwickeln läßt, und, so wie der Geist des Faust
+im vollen Aneignen der Schönheit zu tieferer Befriedigung gelangt ist,
+erwarten ihn neue Metamorphosen, und wir hören die Helena, bevor sie
+entschwindet:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.</div>
+ <div class="verse indent0">Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;</div>
+ <div class="verse indent0">Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung
+zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner
+Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung
+entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles
+wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir
+als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen
+folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit.
+Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit
+anwiderte, jetzt ausrufen:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">— „Dieser Erdenkreis</div>
+ <div class="verse indent0">Gewährt noch Raum zu großen Thaten.</div>
+ <div class="verse indent0">Erstaunenswürdiges soll gerathen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.</div>
+ <div class="verse indent0">Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum!</div>
+ <div class="verse indent0">Die <em class="gesperrt">That</em> ist alles! <em class="gesperrt">nichts</em> der Ruhm.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="p0">Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner
+selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte
+der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! — Da bricht endlich,
+wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden
+Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne
+erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten
+göttlichen Reichs — die Ahnung der <em class="gesperrt">Idee der Güte</em> — hervor;
+die Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch
+für das Gute; — das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der
+Menschheit heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein — die Seligkeit
+des Gefühls ächter Menschenliebe — durchdringt ihn mit ahnungsvollem
+Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Das Letzte wär’ das Höchsterrungne.</div>
+ <div class="verse indent0">Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht <em class="gesperrt">sicher</em> zwar, doch <em class="gesperrt">thätig-frei</em> zu wohnen.</div>
+<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> <div class="verse indent0">Grün das Gefilde, fruchtbar; — Mensch und Heerde</div>
+ <div class="verse indent0">Sogleich behaglich auf der neusten Erde,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,</div>
+ <div class="verse indent0">Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.</div>
+ <div class="verse indent0">— &#8195; — &#8195; — &#8195; — &#8195; — &#8195; —</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist der Weisheit letzter Schluß:</div>
+ <div class="verse indent0">Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Der täglich sie erobern muß.</div>
+ <div class="verse indent0">Und so verbringt, umrungen von Gefahr,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.</div>
+ <div class="verse indent0">Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:</div>
+ <div class="verse indent0">Verweile doch, du bist so schön!</div>
+ <div class="verse indent0">Es kann die Spur von meinen Erdentagen</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht in Äonen untergehn. —</div>
+ <div class="verse indent0">Im Vorgefühl von solchem hohen Glück</div>
+ <div class="verse indent0">Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins!
+er ist der Augenblick des Todes! — Fragen wir jedoch, warum nun
+konnte diese Organisation sich nicht höher, als bis zur <em class="gesperrt">Ahnung</em>
+der Seligkeit solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe
+entwickeln? warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben
+außerhalb der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so
+manches zu schreiben, <span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>was jedoch nicht in das Thema <em class="gesperrt">dieses</em>
+ohnehin nur zu langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch
+schließlich einige flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die
+letzte und höchste Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen
+des Dichters gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose
+vorahnen sollen; denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in
+welchem die Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich
+fehlen konnte.</p>
+
+<p>Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und
+höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen,
+daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für
+Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten
+angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem
+Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen
+Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und
+Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. —
+Wem nicht <span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft
+noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor
+das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne
+Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich
+werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe
+Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode
+entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln
+kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach
+abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen,
+dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit
+Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen
+ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu
+keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können.&#8239;—</p>
+
+<p>Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen
+versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch
+nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns
+<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz
+eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint
+es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das
+Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende
+Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Freudig empfangen wir</div>
+ <div class="verse indent0">Diesen im Puppenstand</div>
+ <div class="verse indent0">Also erlangen wir,</div>
+ <div class="verse indent0">Himmlisches Unterpfand.</div>
+ <div class="verse indent0">Löset die Flocken los,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ihn umgeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Schon ist er schön und groß</div>
+ <div class="verse indent0">Von heiligem Leben.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip,
+welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn
+bestimmen und anregen könnte — da beginnt eine neue Vision:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Dort ziehen Frau’n vorbei,</div>
+ <div class="verse indent0">Schwebend nach oben;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Herrliche mittenin</div>
+ <div class="verse indent0">Im Sternenkranze,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Himmelskönigin</div>
+ <div class="verse indent0">Ich seh’s am Glanze.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete
+Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth
+dem Faust zuerst die Ahnung <em class="gesperrt">innerer</em> Seligkeit erweckte — das
+Wesen, das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl
+durch Liebe selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster
+Treue ausglich. — Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade
+dieses Wesen — sonst Gretchen genannt — das Wesen, das eigentlich
+schon im irdischen Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß,
+als Faust mit aller wirrer Gelehrsamkeit — daß dieses am meisten im
+Stande sei, die, sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust
+— nun auch zur Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen
+Ideen: Schönheit, Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster,
+göttlicher Wahrheit, gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln
+und zu leiten, deßhalb ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich
+eigentlich wohl das letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus)
+— weil sie selbst als <span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>ein <em class="gesperrt">rein Weibliches</em> durch und durch
+das <em class="gesperrt">Symbol der Liebe</em> ist, und weil wir zu jeglichem Großen und
+Bedeutenden in Kunst, Leben und Wissenschaft, und zur Erfassung jeder
+eigentlich göttlichen Idee, nur durch ächte Sehnsucht nach derselben,
+durch thätige Liebe gelangen können.</p>
+
+<p>Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria,
+ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Vom edeln Geisterchor umgeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird sich der Neue kaum gewahr,</div>
+ <div class="verse indent0">Er ahnet kaum das frische Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">So gleicht er schon der heiligen Schaar.</div>
+ <div class="verse indent0">Sieh, wie er jedem Erdenbande</div>
+ <div class="verse indent0">Der alten Hülle sich entrafft,</div>
+ <div class="verse indent0">Und aus ätherischem Gewande</div>
+ <div class="verse indent0">Hervortritt erste Jugendkraft!</div>
+ <div class="verse indent0">Vergönne mir ihn zu belehren,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch blendet ihn der neue Tag.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Und wenn ihr dann die <b><span class="antiqua" lang="la">Mater gloriosa</span></b> erwiedert:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Komm! hebe dich zu höhern Sphären,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn er <em class="gesperrt">dich ahnet</em>, folgt er <em class="gesperrt">nach</em>!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser <span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>mannichfaltigen
+Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer
+Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über
+die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der
+Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes
+aufgegangen und deutlich geworden war.</p>
+
+<p>Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir
+beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere
+Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal
+„als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches
+den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter,
+vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige
+Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger
+Erfassung der beseligenden Ideen der <em class="gesperrt">Schönheit</em>, <em class="gesperrt">Güte</em>
+und <em class="gesperrt">Wahrheit</em> zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß
+erst alsdann, wenn wir die Welt, als ihrer innersten, göttlichen
+<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>Anlage nach, in solcher Fortbildung und in einem <em class="gesperrt">solchen</em>
+Entwicklungsgange erfassen, sie jenes heilige Schauspiel, jene
+<b><span class="antiqua" lang="it">Divina Comedia</span></b>, wirklich darbietet, von welcher „der
+Herr“ im Eingange sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Doch ihr, die ächten Göttersöhne,</div>
+ <div class="verse indent0">Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!</div>
+ <div class="verse indent0">Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und was in schwankender Erscheinung schwebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Befestiget mit dauernden Gedanken.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Und so für alle Zeit</p>
+
+<p class="right mright2 mtop2"><span class="mright3">treulichst</span></p>
+
+<p class="right mright2 mtop2">Ihr C.</p>
+
+<hr class="r65 x-ebookmaker-drop">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 ***</div>
+</body>
+</html>
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