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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2025-11-13 09:29:33 -0800 |
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'Entwicklung/Entwickelung') wurden + beibehalten, sofern die Varianten mehrfach im Text vorkommen. + + Die Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Briefes versetzt. + + Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere + Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + fett: _Unterstriche_ + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + Briefe + + über + + Göthe’s Faust + + von + + C.G. Carus. + + + Erstes Heft. + + Ein Vorwort und drei Briefe enthaltend. + + + Leipzig, 1835. + + Verlag von Gerhard Fleischer. + + + In Commission bei Adolf Frohberger. + + + + + Sr. Wohlgeboren + + =Herrn Johann Gottlob Regis= + + in Breslau. + + Dresden den 1. August 1835. + +Wenn ich Ihnen, einem lieben und getreuen Freunde, mit welchem ich seit +länger als zwanzig Jahren über mannichfaltige Erscheinungen in Kunst, +Literatur und Leben, dann und wann mündlich, meistens aber brieflich +mich vertraulich auszusprechen gewohnt war, diese Briefe über den +Faust nun auch im Druck zusende und aneigne, nachdem sie Ihnen längst +schon im Manuscript bekannt geworden waren, so darf ich sicher eine +aufrichtige Theilnahme und wohlwollende, das Unvollkommne des Ausdrucks +ergänzende Aufnahme voraussetzen. -- Möchte ein ähnliches Verstehen +und Empfangen denselben auch sonst in der Welt zu Theil werden! -- + +Ich gestehe nun aber gern, daß ich den Kreis, innerhalb welches ++dieser+ Wunsch in Erfüllung gehen dürfte, für einen sehr eng +beschränkten halte; denn das Treiben der Welt ist vielleicht der +stillen Beschaulichkeit und dem Gefühle innerlicher Pietät, aus +welchem allein Äußerungen, wie die dieser Briefe, verständlich werden +können, kaum ungünstiger gewesen, als eben jetzt. Lassen Sie jedoch +uns damit diese zweifelhafte Stimmung beschwichtigen, daß, so wie uns +zuweilen im eignen wirklichen Leben aus Regionen, von welchen wir +besondre Theilnahme kaum je erwarten konnten, einzelne seelenverwandte +Individualitäten auftauchen, welche durch treulichstes Anschließen +und unversiegbares Wohlwollen unserm Leben stets neuen Reiz und die +Frische lebendiger Wirksamkeit erhalten, daß eben so auch unter der +„unbekannten Menge“ sich gewiß noch viele jener feiner gestimmten +Seelen finden, welche nicht blos Augen haben, zu sehen, was in +gewöhnlichem klarem Tageslichte um sie her sich begiebt -- sondern auch +achtsam mitempfinden das, + + „was, von Menschen nicht gewußt + Oder nicht bedacht, + Durch das Labyrinth der Brust + Wandelt in der Nacht.“ -- -- + +Und so wüßte ich denn kaum, was ich weiter diesen Briefen voranstellen +oder mitgeben sollte! -- Ich füge nur so viel bei, daß, so wie Ihnen +bekannt ist, diese ersten drei seien ganz unabsichtlich und nach und +nach, durch innere Geistesnothwendigkeit bedingt und in so fern meinen +Landschaftsbriefen ähnlich, entstanden, ich auch für die Folge die +Vermuthung nicht unterdrücken darf, es werde die nächstkommende Zeit, +noch manche andre mir bis jetzt nur dunkel vorschwebende Gedankenzüge +über den Faust in dieser Form festzuhalten und Ihnen ebenfalls zu +übergeben, die Gelegenheit gar wohl darbieten. -- Indem ich daher auch +einem etwa späterhin erscheinenden zweiten Heft gleiche liebevolle +Theilnahme erbitte, verharre ich aufrichtigst + + Ihr + +treu ergebener+ + =Carus.= + + + + +I. + + + Zweiter Weihnachtsfeiertag 1834 Abend. + +Es ist heute Abend eine wunderbare Stille um mich her! ich finde mich +fast einsam in meinem geräumigen, bequemen Hause; eine ruhige, dunkle +Nacht liegt über dem Garten vor meinem Fenster ausgebreitet, und +kaum ein schwacher Schimmer des hochstehenden Jupiter dringt durch +das Nebelgewölk, welches den Himmel umzieht! -- im Zimmer rührt sich +nichts, als der leise Schlag der Uhr und einzelnes Knistern des eine +anmuthig gleiche Erwärmung verbreitenden Feuers, und wie denn nun in +solchen Momenten uns gern mannichfaltige Gedankenzüge über Erlebtes und +Durchdachtes vorüberzugehen pflegen, so ging es auch mir: -- in immer +tieferes, stilleres Sinnen über das Geheimniß meines eigenen Lebens +schien ich mich zu verlieren, und nur damit ein solcher Zug nicht ins +Unbegränzte sich ausdehnte, fühlte ich mich endlich getrieben, ihm +ein bestimmtes Ziel, einen festern Halt anzuweisen. -- Da kam es mir +denn zu guter Stunde ins Gedächtniß, wie ich Ihnen versprochen hatte, +mitzutheilen und gleichsam der Freund dem Freunde Rechenschaft zu geben +von den Gedanken, die in mir rege geworden sind, seit ich den Faust von +Göthe vollendet gelesen, wiedergelesen, ja in mich eingelebt hatte! -- +Lassen Sie mich denn auch zu diesen Gedanken sagen: + + „Versuch ich wohl, euch dießmal fest zu halten -- -- + Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt? -- + Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert + Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert!“ + +und so denn ohne alle weitere Vorworte zur Sache! -- + +Zuerst aber führe ich Ihnen einen Gedankenzug heran, den eine +gelegentliche Äußerung Göthe’s über Dante, in seinen Briefen an Zelter, +veranlaßt hat. + +Göthe nämlich, der, wie wir manchmal besprochen haben, wunderbarer +Weise eigentlich nie dem Dante recht nahe gekommen zu sein scheint, +macht doch dazumal, als eine moderne Übersetzung seinen Blick dorthin +richtete, folgende hübsche Bemerkung: „Bei Anerkennung der großen +Geistes- und Gemüths-Eigenschaften Dante’s werden wir in Würdigung +seiner Werke sehr gefördert, wenn wir im Auge behalten, daß gerade +zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in ihrer +natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich bedeutend +wirkende Genius beherrschte auch ihn.“ -- Und so ist es ganz gewiß! +-- Wie nichts isolirt steht in der Welt, so am wenigsten irgend ein +bedeutender, mächtig auf seine Zeit wirkender Geist -- er konnte ++so+ nur +erstehen+ in gerade seiner Zeit, und wir können ihn nur ++verstehen+, indem wir uns das, was seiner Zeit eigenthümlich ist, +möglichst klar und deutlich zu machen suchen. -- Sie fühlen nun schon, +wo ich hin will, wenn ich dieses in Beziehung auf Göthe anführe, und +ersparen mir zu sagen, in wie vieler Hinsicht Göthe die Blüthe und +Spitze +seiner+ Zeit genannt werden muß; -- denn die Überzeugung +hiervon ist in Ihnen längst so lebendig, wie in mir. -- Aber +eins+ +wollte ich doch hier herausheben und zu bedenken geben, weil es +mir+ +gerade bei meinen naturwissenschaftlichen Bestrebungen vielleicht +deutlicher geworden ist, als manchem Andern. -- Offenbar nämlich +regt sich in unsrer Zeit eine Tendenz, alles, was der Erfahrung, +der Betrachtung und Erforschung vorliegen kann, seiner Entstehung, +seiner Geschichte, seiner Entwickelung nach zu untersuchen und zu +begreifen; das Überlieferte, das zu einem Bestehenden schon Gewordene, +die Autorität mit einem Worte geradehin als solche gelten zu lassen +und anzuerkennen, hat Niemand mehr besondre Lust; man sucht nach +der Art und Weise, +wie+ irgend etwas sich herangebildet und nach +und nach erschlossen hat, und will es, nach seinen verschiedenen +Perioden zusammengefaßt, erst als ein Ganzes erkennen und dem Urtheil +unterwerfen. Wer irgend mit Aufmerksamkeit um sich blickt, wird hierzu +die mannichfaltigsten Belege erkennen können! Haben wir nicht im +politischen Leben aus solchen Bestrebungen die gewaltigsten Bewegungen +hervorgehen sehen? ist nicht im gewöhnlichen Leben hieraus nach +und nach eine andre Stellung der Glieder bürgerlicher Gesellschaft +entstanden? -- und welchen Umschwung endlich haben die Wissenschaften +von dieser Seite her erhalten! ist nicht die genetische Methode, das +Streben, jede Betrachtungsreihe mit dem Ur-Phänomen zu beginnen, der +Trieb, durch das Schauen des Werdens das Gewordene zu begreifen, +von dem außerordentlichsten Einflusse, namentlich auf alles, was +Naturwissenschaft heißt, gewesen? -- Dieser Genius der Zeit ist +es denn, der auch an Göthe, und an ihn besonders, sein Evangelium +richtete! Zeugniß davon geben seine eigenthümlichen wissenschaftlichen +Arbeiten, Zeugniß gibt sein Blick auf die Pflanzennatur in ihrer +allmähligen Entwicklung und Verwandlung, Zeugniß gibt seine +prophetische Deutung der Theile des Skeleton und seine Erkenntniß der +Wirbelbildungen in dem Knochengebäude des Schädels, Zeugniß endlich +geben seine schönen Anschauungen der Entstehung und Bedeutung der +Farben. -- Daß aber das Auge des Dichters für diese Geheimnisse +erschlossen wurde, konnte das ohne Wirkung bleiben auf seine +Dichterwerke? -- Mußte ein Dichter, dem die Bedeutung jener alten Worte +sich offenbart hatte: „Siehe, er geht vor mir über, ehe ich’s gewahr +werde, und verwandelt sich, ehe ich’s merke,“ ein Dichter, dem die +Welterscheinung nicht als ein fest eingerahmtes unbewegliches Bild, +sondern in ihrer rastlos dahinziehenden, ewig fort und fort wechselnden +Bewegung erschien -- mußte er nicht anders dichten, als jeder Andere? +-- Wahrlich! der hat Göthe’s Dichtungen nie in voller Innigkeit +und Liebe begriffen, der da glauben kann, Göthe hätte ohne diesen +Natur-Sinn und dessen wissenschaftliche Bethätigung dichten können, +wie er gedichtet hat! -- Haben wir nicht oft zusammen empfunden, wie +gerade dies Gefühl ununterbrochener innerer Fortschreitung, ewigen +Fortklingens in dem stätig erzitternden Tonmeere des Universums, der +wunderbare Hauch ist, welcher jedes seiner ächten Werke belebt und +durchdringt? liegt es nicht eben hierin, wenn wir in jedem seiner in +Dichtungen ausgehauchten Gemüthszustände immer deutlich fühlen, was +diesem Zustande alles vorherging, um ihn zu begründen, und hinwiederum +ahnen, was diesem Zustande späterhin folgen mußte? -- und ist es +nicht gerade dies Gefühl des Schwebens in dreigestaltiger Zeit, in +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, was uns zur Ahnung der +Ewigkeit steigert und uns eben zu +Dem+ leitet, der vor uns übergeht, +ehe wir’s gewahr werden, und der sich verwandelt, ehe wir’s merken. + +Und so ist denn dies Hinschauen auf den ewigen Thaumatrop der Welt und +unsres Innern das, was Göthe zu immer neuen und immer bedeutungsvollen +Productionen begeisterte, was ihn nöthigte, von seiner eignen +innern Entwicklung mit allen Schmerzen und aller Lust aller ihrer +Verwandlungen ein Bild zu hinterlassen, wie wir es noch von keinem +Menschen erhalten haben, und was ihn antrieb, dann, wann ihm eine +Vision wurde, wann eine Idee zu ihm trat, und seine Phantasie nun diese +Idee in dichterischer Wirklichkeit ausbildete, überall eine genetische, +eine geschichtliche, eine rastlos fortschreitende Darstellung vor allen +andern zu wählen. -- Wem aber ein solcher Begriff aufgegangen war von +dem Wesen organischer Entwicklung überhaupt, der hatte auch unfehlbar +die deutliche Erkenntniß von der unendlichen Vielgestaltigkeit aller +Entwicklung, der erkannte, auf wie viel verschiedenen Wegen und Umwegen +die innere geistige +menschliche+ Entwicklung vollendet wird, und er +fühlte, wie so wunderbarer Weise der Mensch, als ächter Mikrokosmos, +alle die unendlich mannichfaltigen Verwandlungen der ihn umgebenden +Natur, in ihrem bald langsamen, bald raschen, bald gewaltsamen, +bald ruhigen, bald vielfach retardirten, bald ununterbrochen +fortschreitenden Gange, in geistiger Maaße in sich zu wiederholen +die Freiheit hat. Dieses aber erkannt, so mußte ihm zugleich auch +davon die Überzeugung aufgehen, wie die Menschheit überhaupt nur als +in einem uns alle mit sich fortziehenden rastlosen Entwicklungsgange +begriffen, verstanden werden kann, und wie in all’ diesem Vorschreiten +durch Blut und Tod wie durch Lust und Leben stets +eine+ große fort +und forttönende Melodie höhern Ursprungs wohl zu verfolgen ist, welche +allerdings nicht in einzelnen Noten begriffen wird, wohl aber dem +feiner erschlossenen, tiefer fühlenden Sinne im Ganzen zur Ahnung +kommen kann. + +Ist es mir nun gelungen, Ihnen über diese meine Grundansicht vom +Wesen Göthe’scher Dichtung meine Gedanken deutlich auszusprechen, +so +kann+ ich mir ersparen, durch Nachweisung in Göthe’s Werken +hierüber noch eine Menge Beispiele vorzuführen; ich brauche nicht zu +sagen, wie eine der frühesten Aufgaben, welche er sich stellte, die +Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters war, wie im Werther eine zum +Tode führende geistige Entwicklungskrankheit mit gewaltiger Wahrheit +geschildert ist, wie das tief schmerzliche und doch reizende Bild aus +dem Leben des Tasso nur ein Schritt erscheint aus dem langen Gange +durch das Gluthmeer innerer poetischer Leidenschaftlichkeit (wie Dante +sagt: „~e vidi spirti per la fiamma andando~“), wie die Entwicklung +eines heitern heldenmäßigen Charakters im Egmont prächtig dargestellt +ist, und so durch viele andre Tonarten der Musik menschlicher Seelen +hindurch. -- Daß nun aber das titanenhafteste Werk dieser Art der +Faust sei, wer kann das läugnen? -- Der Faust, dieses wunderbare +Bild, in welchem sich das geistig mächtigste Streben der Menschheit +concentrirt, er war es, der allein dem Dichter zur Aufgabe für ein +ganzes Leben werden konnte! -- Und haben Sie nicht ebenfalls schon +manchmal im Geiste die Parallele gezogen zwischen dem großen Werke +des Dante und diesem Werke Göthe’s? -- Nur daß im erstern an dem +ruhig Schauenden alle die schmerzlichsten und alle die seligsten +Zustände der Seele +vorübergehen+ (darum eben Schauspiel, ~Divina +Comedia~!) während im Letztern der stätig Bewegte durch alle Qual und +Lust des Lebens selbst rastlos +hindurchgehen+ muß. -- Beides aber +sind Werke, deren Idee nachhaltig genug war, um für ein ganzes Leben +als Aufgabe zu erscheinen; der Geist beider Dichter war von ihr auf +unverlöschliche Weise entzündet, und wenn es bei Ihnen hierüber noch +weiterer Worte bedürfte, so möchte ich dabei wohl an das eigenthümliche +Lebensprincip einer jeden Idee abermals erinnern; denn ist es nicht +sonderbar, daß selbst unter jenen Ideen, welche nicht selbstständig +sich zu eigenem Wesen gestalten, sondern andre sich schon als Seelen +darlebende Ideen berühren, eine solche unendliche Mannichfaltigkeit +und so verschiedene Verwandtschaft zu unserer eignen Monas herrscht, +daß, während einige nur leicht an uns vorüberstreifen, andre die +mächtigste Einwirkung auf unser Leben gewinnen, ja, andere für unser +ganzes Dasein von der mächtigsten und unauslöschlichsten Bedeutung +werden! -- Zu wie viel sonstigen Vergleichungen giebt aber Dante und +Göthe in dieser Beziehung noch Anlaß! -- Jener Erstere, von außen +in die heftigsten Partheienkämpfe verflochten, umgetrieben in der +Welt und aus seiner Heimath verbannt, mußte, vermöge des alle Wesen +beherrschenden Gegensatzes und zu Erhaltung des Gleichgewichts der +Seele, tiefsinnig ruhig schauend in sein Innerstes sich zurückziehen; +-- -- der Andere, von außen durch ein nie fehlendes Glück getragen +und begünstigt, von Ehre, Zuneigung und vielfältigen Gaben des +Geschicks erfreut, durchlebte dafür in dem stätigen Entwicklungszuge +seines Innern, in dem qualvollen Drängen und Treiben seines Geistes, +weniger den Menschen wahrnehmbare, aber um desto schmerzlichere +Zustände -- und Beide haben von den somit erweckten Anschauungen ihres +Seelenlebens die merkwürdigsten und mannichfaltig weiter wirkende +Zeugnisse hinterlassen. -- Der Erstere concentrirte in einem kürzern, +von der Heftigkeit äußerer Ereignisse verzehrten Leben die ganze Macht +seiner Divinationsgabe auf ein einziges, immer mehr in reingeistige +Regionen gesteigertes Werk, ein Werk, dessen Anfang seinem Volke +immer zugänglicher gewesen ist, als dessen Ende. -- Der Andere, durch +äußere Verhältnisse im höchsten Grade gefördert, spann den Faden +jenes wunderbaren Gespinnstes durch ein langes Leben hindurch; auch +er führte es, wie er selbst in einen andern Luftkreis hinaufwuchs, +in eine immer feinere, schärfere, von den Erdgebornen schwerer zu +athmende Luft, in eine Luft, welche vielleicht weniger nahrhaft für +die materiellen Bedürfnisse der Menschheit, aber belebender für das +geistige Princip unseres Daseins erscheint, so daß mich diese Metapher +fast an das erinnert, was Humboldt über Athens Lüfte nach jenem alten +Griechen anführt, welcher sagt: „Diese Art der Bildsamkeit ist aber +dem Lande der Griechen eigen, weil dort die reinsten und dünnsten +Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr; denn eine solche +Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des Bodens, ist aber heilsam +den Seelen der Athener.“ -- Aus diesem Grunde ist natürlich auch vom +Faust das Ende bei weitem weniger zugänglich, als der Anfang, und +doch gehört es so durchaus und ganz zu ihm, wie der felsige Gipfel +des Montblanc innerlich eins ist mit seinen bewaldeten Abhängen +um Chamouny! -- Nichts desto weniger wirkt doch die letzte Hälfte +des Faust schon hie und da mächtig genug! -- Kommt es Ihnen nicht +auch sonderbar vor, wie so etwas erst so einzeln, bald einmal hier, +bald einmal dort zündet und anregt? -- Da kommt Einer und fertigt +als Scholiast einen, wenn auch noch nicht ausreichenden, doch sehr +dankenswerthen Commentar darüber[1]; da kommt ein Andrer und schreibt +Briefe darüber, um seinem gepreßten und molestirten Gewissen Luft zu +machen[2]; da kommt ein Dritter und versucht Sinn und Deutung dem +geneigten Leser darzulegen[3], und da sehen Sie selbst Ihren Freund, +dessen Evangelium eigentlich in andern Richtungen verkündigt werden +soll, seine Briefe mit Gedanken dieser Art durchweben! -- ja manchmal +begegnet man plötzlich irgend einer geistigen Explosion über den +Faust, welche zu den nachdenklichsten Betrachtungen Anlaß giebt! So +ging es mir neulich mit dem Schlusse eines Aufsatzes über Faust[4], +der bei manchem Unzulänglichen im Einzelnen, doch in andrer Hinsicht +wirklich den Nagel so auf den Kopf trifft, daß ich ihm mindestens eine +weniger vergängliche Stelle wünschte; denn gewiß! der Sinn hat sich +diesem jungen Manne tiefer erschlossen, als jenen Scholiasten und +Commentatoren, die überhaupt von jeher mit dem „Brod der Engel“, wie +Dante sagt, wenig Glück gehabt haben. + +Sehe ich aber so, wie eine neu aufgegangene Idee bald hie bald da +zündet und Leben weckt, so gemahnt es mich immer an die auf Erden wie +am Monde so schön zu beobachtende Erscheinung des Lichtes, welches bei +aufgehender Sonne zuerst nur auf einzelne Bergeshöhen und Gipfel wirkt, +während die Thäler noch im Dunkel liegen, bis endlich die Strahlen, +über die gesammte Gegend sich ausgießend, Alles, mit Ausnahme ewig +finsterer Schluchten und Höhlen, erleuchten. Übrigens dauert es beim +neuen Faust doch lange genug, bis davon nur ein Theil, geschweige denn +das Ganze bei uns Eingang findet! -- Es geht Ihnen gewiß, wie mir! Wenn +ich so in meinem Kreise Umfrage halte, so höre ich kaum hie und da eine +Stimme, welche dem Faust Anerkennung zu geben versucht; dagegen welche +Thorheiten darüber, ja welche Absurditäten! -- Bei weitem aber den +Meisten liegt der Faust noch so, wie ihn Göthe wirklich hinterlassen +hat, nämlich als +ein Buch mit sieben Siegeln+. + +Übrigens muß ich Ihnen hier noch eine Bemerkung mittheilen, welche mir +ebenfalls zu mannichfaltigen Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu +haben scheint! -- Es geht nämlich den Schöpfungen der Dichter zuweilen +wohl eben so, wie der göttlichen Schöpfung allgemeiner Natur, nämlich +man personificirt oft daran mehr, als billig; man will diese und jene +bekannte menschliche Individualität darunter erblicken und betrachtet +oft gern die poetischen Gestalten wie Figuren eines Maskenballs, wo +der Verstand sich nur in soweit anstrengt, um ausfindig zu machen, +wer eben hinter dieser oder jener Maske verborgen sei. Findet man +endlich bei der Gestalt des Dichters keine Ähnlichkeit mit andern +bekannten Personen, so muß seine eigene Persönlichkeit mit allen ihren +Zufälligkeiten in dieser Gestalt sich verkörpert haben. -- Nun weiß ich +zwar wohl, daß in jegliche Schöpfung der Geist des Schöpfers zum Theil +eingehen muß -- denn nur durch diesen Geist entsteht und besteht sie +--; aber man muß nur diese Vorstellung nicht zu weit ausdehnen, man muß +nicht übersehen, daß der freie Geist auch das Heterogene für eine Zeit +in sich aufnehmen, in sich verarbeiten und zu neuen selbstständigen +Produktionen verwenden kann! -- Nun scheint Ihnen gewiß auch, daß man +alles dieses in vollem Maaße auf Göthe anwenden kann, ja anwenden muß. +Göthe ist nicht Tasso und hat doch den Tasso in sich geboren; er ist +nicht Wilhelm und hat doch seine Lehrjahre durchgearbeitet; er ist +nicht Clavigo und hat doch den schmerzlichen Wechsel leidenschaftlicher +Zustände erfahren, und endlich, obwohl Tausendfältiges in ihm +angeklungen hat, was im Faust mit reicher, vielgestaltiger Lebendigkeit +sich bewegt, so wäre es doch weit gefehlt, wenn man Faust und Göthe +deßhalb identificiren, Beide, wie z.B. Herr Deycks thut, eigentlich +für eine und dieselbe Person halten wollte. -- Ich habe wirklich etwas +lächeln müssen, wenn dieser Commentator ordentlich bei sich selbst +inquirirt: ob nicht Gretchen im Faust wirklich das Gretchen sei, +welches Göthe in seinem Leben erwähnt, und dabei noch merken läßt, +man könne doch nicht so eigentlich wissen, wie weit es auch mit der +Letztern gekommen sei. -- So etwas nenne ich eine materielle, eine +stoffartige Auslegung, und sie paßt immer am wenigsten auf den +ächten+ +Dichter, welcher zu den ihn umschwebenden Ideen ein ganz anderes, +als ein solches stoffartiges Verhältniß haben muß. Göthe hat uns ja +selbst in diese seine geistigen Mysterien manchen Blick thun lassen; +zumal dann, wenn er seine Werke geradezu Confessionen nennt und, weit +entfernt, damit zu meinen, daß er in ihnen seine ganze Individualität +niedergelegt habe, vielmehr andeutet, wie er gewöhnlich durch dieselben +irgend einer seinem eigensten Wesen fremdartigen Richtung Luft gemacht, +ein dieses selbst störendes Bestreben dadurch ausgesprochen, aus sich +heraus gegeben und abgeschüttelt habe. So setzt er dieß namentlich +beim Werther trefflich auseinander! -- Und war nicht allerdings etwas +Wertherhaftes in dem noch jungen Göthe? -- Freilich war es das; aber +dieses Wertherhafte war so wenig der ächte, eigentliche Göthe, daß +vielmehr dieser erst recht gesundete, als der Werther geschrieben war. + +Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich es +wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem Leben +zu Händen gekommen ist! -- Glauben Sie, es hat in mir Zeiten gegeben, +wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt, daß ich mir +durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche trübe Wolke über +meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr im Bilde ein freies +Hervortreten hatte geben können, und wer sich die schwermüthige +Stimmung meiner Bilder nicht mit der frischen Thätigkeit meines +Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald an, wie wenig +er von meinem innern Leben entziffert hatte! -- Gerade in diesem +Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach Außen +liegt ja ganz besonders das Geheimniß der +Entwicklung+ der Seele +während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein Werk nach dem +andern, eine That nach der andern äußert und von sich thut, und wie +sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch das feinere +Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer reinerer, +höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen der sich +metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und weiter +sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich +läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die +zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb +der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das +höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu +Stande kommt. -- Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen +darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet +lassen, als wenn man über den +Faust+ nachdenkt, über den Faust, der +auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und +Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn, +wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste +menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit +zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es +doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der +Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem +die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d. h. mit +stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten +Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie +für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene, +welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den +wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so +deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche +erst in rohern, und dann in immer feinern Bildungen, gleichsam stets +ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster +Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert. + + +Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die +Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur +eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint +mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser +symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum, +weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie +sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter +den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern +gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher +das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und +das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde +ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden +soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit des Volks +an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei +roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung +menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, -- und eine solche +Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher +Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon +jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer +erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur +die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser +Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe +seinen+ Faust mußte +in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage gekannt +hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt wissen +wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben kann, +daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so wenig +ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag, daß +die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust +lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben +bis ins hohe Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch +dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen +geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische +Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die +lebendigste Anerkennung haben? + + +Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen! +es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige +denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so +wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine +Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses +Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß +des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und +hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir +besonders am Herzen. + + +Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin +unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind +wie Regenbogen, und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen +Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne +Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben. + + Getreulich, wie immer, + + +Ihr+ C. + + +[1] ~Dr.~ +C. Löwe+, Commentar zum zweiten Theile des Göthe’schen + Faust. Berlin 1834. + +[2] ~M.~ +Enk+, Briefe über Göthe’s Faust. Wien 1833. + +[3] ~Dr.~ +F. Deycks+ Göthe’s Faust. Andeutung über Sinn und + Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834. + +[4] Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von + +Feuchtersleben+ in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst. + 1834. Nº 148. + + + + +II. + + + Vierter Februar 1835. Abend. + +Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen +könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an +Sie Raum zu geben! -- Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den +ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum +Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes +Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den +im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner +Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben, +mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden +Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum +verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele +durchlebte Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in +die Gedanken, wo es heißt: + + „Seltsam ist Prophetenlied, + Doppelt seltsam, was geschieht!“ -- + +Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den +Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht +durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so +beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich +durch und durch erfüllt und eine =~Calma~= in mir verbreitet, welche +mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand so recht +in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll. Wende ich +mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke unsers +großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich früher +über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen, nunmehr +die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas ausführlicher zu +betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie Ihre Billigung +meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen und die +Bedeutung des in diesem Gange hervortretenden Sündhaften ausdrücklich +erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen mögen. + +Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns +liegt, betrachte ich aber: +ist es menschlicher und poetischer Wahrheit +gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit zuzureifen +noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis in +höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter +manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche +auf sich geladen+? -- Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe +des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich +erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben! +-- Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen +Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt; +ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust +festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet, +und nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin +sich anzunehmen sich unterfangen möchte. -- Dieses denn nun alles +auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten, +welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich +darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich +gestimmt fühlte. + +Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus +eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die +mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten +Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen +wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese +ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das +Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende +Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen, +um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das +Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee +innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und +Raum sich dar. -- Es ist gleichsam, als habe die bedeutendere Monas +dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert, +auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben +und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer +eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung, +-- mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. -- Indem +ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf +der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch +die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher +Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre, +eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und +jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des +sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von +Ewigkeit her angewiesen sei. -- Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf +ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher +Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch +hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen +ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige, +gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche, +von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt +sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von +irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele +Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt, +erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer +Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen +leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden, +während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt? +darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die +gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz +beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben +so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der +Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten +gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum +nun gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt und +Jenem die Seinige verzögert und erschwert sei? -- dann werden wir nie +eine passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst +eine so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben +war; ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun, +welches er will, und verstocket, welchen er will.“ -- So sagest du zu +mir: Was schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? -- +Ja, lieber Mensch, wer bist +Du+ denn, daß Du mit Gott rechten willst? +Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“ +-- Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten, +durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller, +nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die +freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte +Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten. +-- Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die +eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee +nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es +würde Ihnen, wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: -- Unter +den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome +der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie +ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden +Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige +Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer +besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit +und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald +in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. -- Es ist +nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit +und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und +mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien +unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn: + + „Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, + Und zu der Erde zieht mich die Begierde. -- + -- -- Ich kann mich nicht, + Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer, + An meinem Willen wärmen und Gedanken, -- + Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt, + Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht. + Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“ + +In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen, +über die Erde hinschreitenden Geist, -- und wie die Individualität +solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge +gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern +göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken +Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale +frei. -- Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die +Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen +Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit +unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst +verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch +den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten +Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei +Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir +haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie +in verschiedenen Formen sich der Zug jener Schwermuth, jener innern, +aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald +schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten +Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns +tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die +nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind. +Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft +wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und +frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich +des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie +bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen +Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war, +es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. -- Lassen +Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig, +etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen +zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls +gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um manche an sich +schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung +zu bringen. -- Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte +offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu +seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer +Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben +knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von +dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte, +bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von +Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das +von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte +Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf +liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels, +während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus +blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! -- Zu +den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die +reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer +fünfseitigen, ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler +lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber +Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine +seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen +Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und +wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein +mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen +Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete +Wage gewahr werden. + +Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine +abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt, +während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner +Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in +seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der +Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und +traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen +Anlaß, -- und um nun den sonderbaren Kreis dieser Vorstellungen zu +vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz +gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch +die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten +Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer +Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor +den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber +schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches +Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten +Flughaut das Wort =~Melencholia s. I.~= -- + +Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses +sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des +alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben +sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich +hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in +sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform +gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses +Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, ja jenem innersten +Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie +selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern +kann? -- Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele +des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm +durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft +machen mußte? -- Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust +gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir +scheint, diese Wahrnehmung! -- + +Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer +Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser +oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten +Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser +Beseligung verlustig gehen? -- Hierauf kann ich nun in Folge aller +vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: +Die Seele wird +durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen +hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft, +Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von +nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen, +daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre +höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes +entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und +Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt +ist.+ -- + +Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer +innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes +Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber +in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen +der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden +Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt +wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im +Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen +möglich wäre, und es wird uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft +und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig +bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit +sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch +tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um +zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. +Dante+ vergleicht in +seinem =~Convito~= die Seele des durch das Irrsal des Lebens ihrer +Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden +seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem +Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath +hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt, +zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. -- Gewiß dieses Bild +eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen +Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen, +daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen +das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame +Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes denken +möchte. -- Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen +Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen +Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie +zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch +ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet, +so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig +entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; -- +auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das +Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual, +und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform, +ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um +die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. -- Das eben ist es +ja, wenn der Herr sagt: + + „Wenn er mir jetzt auch nur +verworren+ dient, + So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“ + +Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre +ein gemeines, nie zu so hoher Bedeutung und vielfacher Betrachtung +gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken +enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie mit +bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale hindurch +ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder entgegen +gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung zu bringen, +eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich weit davon +entfernt bin, +alles+, was im und an dem Werke Erscheinung seiner Form +genannt werden kann, unbedingt zu billigen und zu bewundern; es ist +Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk, welches, so lang Sinn +für Poesie im Menschengeschlecht leben wird, nicht untergehen kann; +aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer Vorfahren, Bauwerke, mit +denen der Faust bis auf ihre phantastische Verzierung mit Naturwerken +so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre vollkommne Beendigung und +räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch der Faust mehr +beendet+ +als +vollendet+; aber vor allem fordere ich, daß Jemand, der den Faust +überhaupt anerkennen will, +seine Grundidee anerkenne+, daß er das +darin ausgesprochene genetische Princip alles ächten Seelenlebens +achte, und daß er deutlich empfinde, wie das Begeistigende, ewig +Anregende, ich möchte sagen, +Frühlingsmäßige+ dieses Faust auf der +lebenvollen Grundanschauung von dem zwar tief zu beugenden, aber an +sich schlechthin unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch +und durch gegründet sei. -- Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers +vielgetreuen Alb. Dürer =~Melencholia~= dem Faust von einer Seite, +nämlich hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen +Gedanken umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch +ein andres Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von +welchem ich weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und +Teufel“ auch Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust +vergleichen, in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk +unaufgehaltenen Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt +werden könnte, von welcher der Herr sagt: + + „ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange + +ist sich des rechten Weges wohl bewußt+!“ + +Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen +Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach +seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben +werde? -- Am besten wohl -- +nichts+! + +Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine +Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen +Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei +verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich +stritten! -- Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen +Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie +es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe +in sich+ trägt; +wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros der +Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem +Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern, +jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen +durch und durch beruhen -- Gleichnissen, welche um so materieller und +schwerfälliger aufgefaßt wurden, je unbeholfener oder befangener die +menschliche Vorstellungsweise war --; wem endlich die Bedeutung der +zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen +Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt +sich nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn +getrost +seiner+ eignen Weiterbildung! -- Hübsch ist es übrigens, wie +Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen +Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu +Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig +versuchenden Faust verweist, sagen läßt: + + „Da dank ich euch! +denn mit den Todten+ + Hab ich mich niemals gern befangen.“ + +Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch +ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr +Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für +das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind +so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen, +daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, Jemanden, der im Leben bequem +ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich +tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete +Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; -- sie ahnen nicht, daß hier +oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der +brennenden Wunde der Seele werden kann, -- sie haben nun einmal keinen +Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust +entfährt: + + „So sind am härtsten wir gequält: + Im Reichthum fühlend, +was uns fehlt+.“ + +Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um +Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der +Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich: +die Zerknirschung, die Reue und Buße -- das müsse doch wenigstens +vorhergehen! -- und wie +sie+ es bei ihrem Archonten gewohnt sind, +so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher die +hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! -- O +Himmel und Erde! -- welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen, +unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! -- jenem Wesen, von dem +es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem +Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches +gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen, +vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so +sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung +schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist +sagt: + +„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! -- +Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie +einen Teppich!“ -- + +Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von +jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer +Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen +großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen +im Stande sind! -- Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß +mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte +Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch +nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener +Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in +Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des +Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende +Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse! +-- Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin +und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um +ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um +eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise +fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher +gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen +Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des +Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts +treibt. + +Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich, +auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen +gerechtfertigt erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen +Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute +diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, -- der Spruch: + + „Gerettet ist das edle Glied + Der Geisterwelt vom Bösen. + Wer immer strebend sich bemüht, + Den können wir erlösen. + Und hat an ihm die Liebe gar + Von oben Theil genommen, + Begegnet ihm die sel’ge Schaar + Mit herzlichem Willkommen.“ + + + + +III. + + + Den 5. April 1835. Abends. + +Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen +innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten, +meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute +leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen +über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende, +-- und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen +angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen +möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele +bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar +und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen. + +Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine der Grundfragen des +ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema +des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern +Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern +weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht +nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat. + +Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte: + + „Alles Vergängliche + Ist nur ein Gleichniß; + Das Unzulängliche, + Hier wird’s Ereigniß; + Das Unbeschreibliche, + Hier ist’s gethan; + Das Ewig-Weibliche + Zieht uns hinan.“ + +regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu +allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und +männlicher Seeleneigenthümlichkeit. -- Erlauben sie denn, daß ich auch +Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr +ab- als zugewendet erkannt habe, doch veranlasse, diesem Gedankenzuge +einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl +möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich +jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast +sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber +heilsam den Seelen der Athener. + +Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände, +so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken, +welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch ein +hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert worden +ist, -- Dante. -- Wie merkwürdig sind nicht jene Worte über das erste +Erkennen der Beatrice im Anfange seiner =~Vita nuova~=, welche ich nach +Oynhausens Übersetzung hier beifüge: „Und sie erschien mir bekleidet +mit der herrlichsten Farbe, demüthig und ehrbar, purpurroth umgürtet +und geschmückt nach der Weise, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam. +In demselbigen Augenblicke, sage ich wahrhaftig, daß der Geist meines +Lebens, welcher in der geheimsten Kammer des Herzens wohnt, anfing +so heftig zu zittern, daß es zum Erschrecken sichtbar wurde in den +allerkleinsten Pulsen, und zitternd sagte er diese Worte: =~ecce deus ++fortior me+, veniens dominabitur mihi~= (siehe da ein Gott, +mächtiger +denn ich+, welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben +Augenblicke auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer +wohnt, in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen; +er begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den +Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: =~apparuit jam +beatitudo nostra~= (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ -- Und wie +deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen +Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge, +welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er +sagt: + + „In unsres Busens Reine wohnt ein Streben, + Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten + Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, + Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten; + Wir heißen’s Frommsein.“ -- + +Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und Ruhe und +dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die +Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz +eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? -- Ich möchte sagen, +die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie +der Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene +ewigen Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen +bewegen und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich +es uns vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des +Wahnsinnes, des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so +einfach ist es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die +höchsten Ideen der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und +jeglicher Tugend in weibliche Form zu kleiden. -- Wollen Sie nun aber +bedenken, aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit +hervorgeht, wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual +der Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens +und an die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben +deßhalb nie befriedigten Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die +Beruhigung, die stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie +ein im höchsten Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen, +erst ihrem ganzen Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist +damit zugleich ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich +zukomme, theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem +Princip in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts +gedrängten Leben des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt, +welche das Bedürfniß eines solchen Haltes um so mehr und um so +unfehlbarer empfinden wird, je unruhiger, aufgereizter und stürmischer +der Zustand ihres Lebens gerade in irgend einer Periode genannt +werden mußte. -- Ich gestehe Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu +ganz eignen Betrachtungen geführt, von denen ich einige hier nicht +abweisen kann, auf die Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen +Betrachtungen des Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich +aber zuerst in den wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das +Reis der Barbarenstämme, auf den absterbenden Stamm überfeinerter, +griechisch-römischer Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen +ausschlug und zu einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine +Regeneration des gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit +einem Male in dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der +Frauen und deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter +denen eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut, +den Geist einer Frau +ein stärkeres Wesen+, welches ihn beherrschen +werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser +stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich +bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien, +gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die +aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen +Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden +Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer +Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung +weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen +der Poesie und des Lebens aufsprießen konnte? -- Sodann! welche +andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele +Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau, +in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die +wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie +in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden +Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen, +ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost +für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf +verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht +so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern +ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit +darstellt? -- Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem +Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und +zwar die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu +dem Wunder der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine +Gefühl der Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes unter das +Höhere, d. i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe, +deren höchstes Sinnbild Maria genannt wird; -- denn wie solle sich +für die reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung +finden, als eben die des +Ewig-Weiblichen+? Ist es denn nicht aber auch +hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten +Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen +heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener +Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? -- Sehen wir nicht den +kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen +noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der +dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele, +bewahren? -- Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes +gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der +Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden +eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig +ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege +werde gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth +eines thatkräftigen Mannes! -- Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben +jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren, +großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen, +mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf +Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen +eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken +pflegten. -- Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus +dem Epimenides eingefallen: + + „Die gelinde Macht ist groß.“ + +Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter +glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung, +manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen +Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind, +daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche +mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears, +so die Frauen göthischer Dichtung ein einer nähern Schilderung +zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen +mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der +Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem +einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die +Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig +männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von +der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig +eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese +Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist, +genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben +zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen. + +Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen, +was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken +vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und +zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die +tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand, +wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns +vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich +die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen, +daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die +tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine. -- +Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen, so muß +ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die mir schon +in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen sind, die Worte: +„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte +der +Liebe+ nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. +Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnissse, und alle +Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, +und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine +Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der +Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die Liebe ist langmüthig +und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibet nicht +Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebehrdig, +sie suchet nicht das Ihre, +sie lässet sich nicht erbittern+.“ -- Und +diese Liebe, dieser höchste Quell innern Friedens und innern Glücks, +diese -- bei unendlich Vielem, was er besitzet -- sie +fehlt+ dem +Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt sein Elend! -- Faust, wie man +sich ihn, seinem frühern Leben nach, denken muß, ausgerüstet mit +feurigem, in mancher Hinsicht productivem Geist, ist aufgewachsen unter +Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter lebenden, ihn liebenden +Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja Abstrusen der Schule auf +den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der Wirkung des Concreten und +Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf das Herz; -- eine ungeheure +Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und Gestalten hat sein Geist +um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren ihm keine freudige +Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung, und die Gestalten +sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst ist noch, wie der +Apostel sagt, +erbittert+; -- da bricht er aus: + + „Und fragst du noch, warum dein Herz + Sich bang in deinem Busen klemmt? + Warum ein unerklärter Schmerz + Dir alle Lebensregung hemmt? + Statt der lebendigen Natur, + Da Gott die Menschen schuf hinein, + Umgiebt in Rauch und Moder nur + Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“ + +Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle +tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach +einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft +seiner eignen höhern Natur! -- Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen +gefallen, es kann ihm +wohl+ darin sein, +ohne+ alles Streben nach +einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der +Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen +Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung, +aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu +dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese +Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn +bewegt: + + „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne + Und von der Erde jede höchste Lust, + Und alle Näh’ und alle Ferne + Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ + +Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen +der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd +Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das +Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? -- +Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht +läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle +Zeiten höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des +menschlichen Gemüthes, wie sie in Dante’s =~Vita nuova~= vorliegen, +bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe +der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen +schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das +schwerste Hinderniß; -- er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit +heraus! -- er soll gewissermaßen +außer+ sich gesetzt werden, damit er +sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem Bande, +welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen ihm +verschließt! --Aber dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung! +wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß, +damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! -- Die mächtige +Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden +Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott +mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist +hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun +die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von +sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener +Individualität unendlich verschieden sein. -- Die Entwicklung der Idee +der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie +wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten +eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre +ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen +Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren +Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in +die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte Wurzel und in die +massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter +Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; -- +immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde +herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben +Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die +geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt, +gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der +Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol +der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden +Idee. -- Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die +mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt, +und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel +und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel +und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den +tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist. + +Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig im Faust +aufgefaßt! -- Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben +zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst +das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in +Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein +des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des ++unendlichen Glückes der Beschränkung+. Dorthin gehört die Stelle in +Gretchens Zimmer: + + „Willkommen, süßer Dämmerschein, + Der du dies Heiligthum durchwebst! + Ergreif mein Herz, du süße Liebespein, + Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst! + Wie athmet rings Gefühl der Stille, + Der Ordnung, der Zufriedenheit! + In dieser Armuth welche Fülle! + In diesem Kerker welche Seligkeit!“ + +Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen +Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt; +die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen, +und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu +Wege. So auch Faust! die Einwirkung eines so stillen kindlichen +Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich +unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so +weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug +erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf +eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber +er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer +hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer +in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk +wieder verdeckt. -- Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten +Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer +innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen +Unheil erfaßt und mindestens +zeitlich+ zertrümmert; er fühlt, es kann +nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus: + + „Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen, + Und sie mit mir zu Grunde gehn.“ + +Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf +seine+ Art zu retten, +wo nichts mehr zu retten ist; der Schlag fällt; von dem ungeheuren +Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten Seelenschmerz, +und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge des organischen +Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so wirft ihn +betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus welchem der +Mensch nicht aus +eigner+ Kraft sich aufzuraffen vermag, wenn nicht +eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet. + +Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich +hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an +mit den Worten: + + „Besänftiget des Herzens grimmen Strauß; + Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile; + Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ -- + +Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun +dieser+ +Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen +Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in +alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen +Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er +will!“ -- Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung +eines fleckenlosen Gemüthes, als +eine Gnade+, welche dieser Seele zu +Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch glückliche +innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das Einzige, ewig +Wahre sich hinauf bilden zu können? -- + +So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig +wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch +für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe +zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die +Beschwörung der Helena zu verlangen. -- Da hebt eine neue Metamorphose +an! -- Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern +Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht, +daß er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, -- in das Reich der +Urbilder alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie +deßhalb „die Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst +so+ geahneten +und bezeichneten +Ideen+ einzudringen habe, und daß er +die Idee +des Schönen+ in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit +einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, geschweige denn +hervorrufen wolle. -- Und also wird es vollendet. -- Aber wie Plato +sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie +das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt, +so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in +ihm anhebt, -- allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders; +denn wir hören ihn: + + „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil. + Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure, + +Ergriffen+, fühlt er tief das Ungeheure.“ + +So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in +umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische +Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens, +wo die +Idee der Schönheit+ sich eben so zu verkörpern liebte, als +durch die christliche Zeit +die Idee höchster Güte+ zur lebenvollen +Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht am Rande +einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die +Idee der Wahrheit+ +in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll. + +Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den Reiz, sondern die +Gewalt, +die Herrschaft+ der Schönheit; diese für ihn zum erstenmale +so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich auf ihn, +und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem Liebeszuge, +nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht, sondern gegen +Etwas, das er entschieden +über+ sich fühlt; -- die Empfindung, ein +Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine Empfindung, welche die +höchste Entwicklung im Menschen anzuregen geeignet ist, erfaßt ihn +mit vollkommner Gewalt, und eine neue Lebensepoche schließt sich auf. +Zuerst niedergedonnert durch den unseligen Versuch, das Höchste in den +Kreis des alltäglichen Lebens herabziehen zu wollen, kommt er, auf +griechischem Boden angelangt und vom höchsten Zuge der Leidenschaft +bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur eingetaucht in ein eigenthümliches +poetisches Dasein der Mensch es vermöge, die reine Erscheinung der +Idee der Schönheit vollkommen sich anzueignen. Und so beginnt die +geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde mit der Schönheit, welcher jedesmal +auf dichterische, künstlerische Productivität deutet, entspringt ein +Dichtergeist, den nur das Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses +Erbtheil des Vaters, nicht zu wahrhafter Reife sich entwickeln läßt, +und, so wie der Geist des Faust im vollen Aneignen der Schönheit zu +tieferer Befriedigung gelangt ist, erwarten ihn neue Metamorphosen, und +wir hören die Helena, bevor sie entschwindet: + + „Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir: + Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint. + Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band; + Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“ + +Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung +zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner +Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung +entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles +wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir +als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen +folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit. +Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit +anwiderte, jetzt ausrufen: + + -- „Dieser Erdenkreis + Gewährt noch Raum zu großen Thaten. + Erstaunenswürdiges soll gerathen, + Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß. + Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum! + Die +That+ ist alles! +nichts+ der Ruhm.“ + +Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner +selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte +der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! -- Da bricht endlich, +wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden +Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne +erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten +göttlichen Reichs -- die Ahnung der +Idee der Güte+ -- hervor; die +Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch für das +Gute; -- das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der Menschheit +heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein -- die Seligkeit des +Gefühls ächter Menschenliebe -- durchdringt ihn mit ahnungsvollem +Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte: + + „Das Letzte wär’ das Höchsterrungne. + Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, + Nicht +sicher+ zwar, doch +thätig-frei+ zu wohnen. + Grün das Gefilde, fruchtbar; -- Mensch und Heerde + Sogleich behaglich auf der neusten Erde, + Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, + Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft. + + — — — — — — — + + Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben, + Das ist der Weisheit letzter Schluß: + Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, + Der täglich sie erobern muß. + Und so verbringt, umrungen von Gefahr, + Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. + Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, + Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. + Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: + Verweile doch, du bist so schön! + Es kann die Spur von meinen Erdentagen + Nicht in Äonen untergehn. -- + Im Vorgefühl von solchem hohen Glück + Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“ + +Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins! er +ist der Augenblick des Todes! -- Fragen wir jedoch, warum nun konnte +diese Organisation sich nicht höher, als bis zur +Ahnung+ der Seligkeit +solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe entwickeln? +warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben außerhalb +der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so manches +zu schreiben, was jedoch nicht in das Thema +dieses+ ohnehin nur zu +langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch schließlich einige +flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die letzte und höchste +Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen des Dichters +gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose vorahnen sollen; +denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in welchem die +Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich fehlen konnte. + +Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und +höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen, +daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für +Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten +angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem +Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen +Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und +Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. -- +Wem nicht die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft +noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor +das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne +Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich +werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe +Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode +entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln +kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach +abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen, +dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit +Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen +ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu +keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können. -- + +Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen +versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch +nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns +hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz +eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint +es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das +Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende +Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben: + + „Freudig empfangen wir + Diesen im Puppenstand + Also erlangen wir, + Himmlisches Unterpfand. + Löset die Flocken los, + Die ihn umgeben, + Schon ist er schön und groß + Von heiligem Leben.“ + +Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip, +welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn +bestimmen und anregen könnte -- da beginnt eine neue Vision: + + „Dort ziehen Frau’n vorbei, + Schwebend nach oben; + Die Herrliche mittenin + Im Sternenkranze, + Die Himmelskönigin + Ich seh’s am Glanze.“ + +Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete +Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth +dem Faust zuerst die Ahnung +innerer+ Seligkeit erweckte -- das Wesen, +das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl durch Liebe +selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster Treue ausglich. +-- Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade dieses Wesen -- +sonst Gretchen genannt -- das Wesen, das eigentlich schon im irdischen +Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß, als Faust mit aller +wirrer Gelehrsamkeit -- daß dieses am meisten im Stande sei, die, +sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust -- nun auch zur +Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen Ideen: Schönheit, +Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster, göttlicher Wahrheit, +gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln und zu leiten, deßhalb +ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich eigentlich wohl das +letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus) -- weil sie selbst +als ein +rein Weibliches+ durch und durch das +Symbol der Liebe+ ist, +und weil wir zu jeglichem Großen und Bedeutenden in Kunst, Leben und +Wissenschaft, und zur Erfassung jeder eigentlich göttlichen Idee, nur +durch ächte Sehnsucht nach derselben, durch thätige Liebe gelangen +können. + +Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria, +ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt: + + „Vom edeln Geisterchor umgeben, + Wird sich der Neue kaum gewahr, + Er ahnet kaum das frische Leben, + So gleicht er schon der heiligen Schaar. + Sieh, wie er jedem Erdenbande + Der alten Hülle sich entrafft, + Und aus ätherischem Gewande + Hervortritt erste Jugendkraft! + Vergönne mir ihn zu belehren, + Noch blendet ihn der neue Tag.“ + +Und wenn ihr dann die =~Mater gloriosa~= erwiedert: + + „Komm! hebe dich zu höhern Sphären, + Wenn er +dich ahnet+, folgt er +nach+!“ + +Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser mannichfaltigen +Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer +Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über +die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der +Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes +aufgegangen und deutlich geworden war. + +Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir +beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere +Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal +„als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches +den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter, +vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige +Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger +Erfassung der beseligenden Ideen der +Schönheit+, +Güte+ und +Wahrheit+ +zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß erst alsdann, wenn wir +die Welt, als ihrer innersten, göttlichen Anlage nach, in solcher +Fortbildung und in einem +solchen+ Entwicklungsgange erfassen, sie +jenes heilige Schauspiel, jene =~Divina Comedia~=, wirklich darbietet, +von welcher „der Herr“ im Eingange sagt: + + „Doch ihr, die ächten Göttersöhne, + Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! + Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, + Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken, + Und was in schwankender Erscheinung schwebt, + Befestiget mit dauernden Gedanken.“ + +Und so für alle Zeit + + treulichst + + Ihr C. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 *** diff --git a/77226-h/77226-h.htm b/77226-h/77226-h.htm new file mode 100644 index 0000000..55034d8 --- /dev/null +++ b/77226-h/77226-h.htm @@ -0,0 +1,1978 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <title> + Briefe über Göthe’s Faust | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> + +<p class="p0">Verschiedene Schreibweisen (z.B. +‚Entwicklung/Entwickelung‘) wurden beibehalten, sofern die Varianten +mehrfach im Text vorkommen.</p> + +<p class="p0">Die Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Briefes +versetzt.</p> + +<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen +in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv +dargestellt. <span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen +Lesegerät installierten Schriftart können die im Original +<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in +serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt +erscheinen.</span></p> + +</div> + +<div class="eng"> + +<h1 class="break-before"> + Briefe<br> + <span class="s7">über</span><br> + Göthe’s Faust +</h1> + +<p class="s4 center mtop2 mbot2">von</p> + +<p class="s2 center">C.G. Carus.</p> + +<hr class="r20"> + +<p class="s3 center padtop3">Erstes Heft.</p> + +<p class="s4 center">Ein Vorwort und drei Briefe enthaltend.</p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s3 center">Leipzig, 1835.</p> + +<p class="s3 center">Verlag von Gerhard Fleischer.</p> + +<hr class="r10"> + +<p class="center">In Commission bei Adolf Frohberger.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 id="Vorwort" title="Vorwort"><span class="s7"> </span></h2> + +<div class="s3"> + +<p class="center mright3">Sr. Wohlgeboren</p> + +<p class="s4 center"><b>Herrn Johann Gottlob Regis</b></p> + +<p class="center mleft6">in Breslau.</p> + +</div> + +</div> + +<p class="right mright2">Dresden den 1. August 1835.</p> + +<p class="p0 s4"><span class="initial">W</span>enn ich Ihnen, einem lieben und getreuen Freunde, mit welchem ich seit +länger als zwanzig Jahren über mannichfaltige Erscheinungen in Kunst, +Literatur und Leben, dann und wann mündlich, meistens aber brieflich +mich vertraulich auszusprechen gewohnt war, diese Briefe über den +Faust nun auch im Druck zusende und aneigne, nachdem sie Ihnen längst +schon im Manuscript bekannt geworden waren, so darf ich sicher eine +aufrichtige Theilnahme und wohlwollende, das Unvollkommne des Ausdrucks +ergänzende <span class="pagenum" id="Seite_iv"><span class="s5">[S. iv]</span></span>Aufnahme voraussetzen. — Möchte ein ähnliches Verstehen +und Empfangen denselben auch sonst in der Welt zu Theil werden! —</p> + +<p class="s4">Ich gestehe nun aber gern, daß ich den Kreis, innerhalb welches +<em class="gesperrt">dieser</em> Wunsch in Erfüllung gehen dürfte, für einen sehr eng +beschränkten halte; denn das Treiben der Welt ist vielleicht der +stillen Beschaulichkeit und dem Gefühle innerlicher Pietät, aus +welchem allein Äußerungen, wie die dieser Briefe, verständlich werden +können, kaum ungünstiger gewesen, als eben jetzt. Lassen Sie jedoch +uns damit diese zweifelhafte Stimmung beschwichtigen, daß, so wie uns +zuweilen im eignen wirklichen Leben aus Regionen, von welchen wir +besondre Theilnahme kaum je erwarten konnten, einzelne seelenverwandte +Individualitäten auftauchen, welche durch treulichstes Anschließen +und unversiegbares <span class="pagenum" id="Seite_5"><span class="s5">[S. v]</span></span>Wohlwollen unserm Leben stets neuen Reiz und die +Frische lebendiger Wirksamkeit erhalten, daß eben so auch unter der +„unbekannten Menge“ sich gewiß noch viele jener feiner gestimmten +Seelen finden, welche nicht blos Augen haben, zu sehen, was in +gewöhnlichem klarem Tageslichte um sie her sich begiebt — sondern auch +achtsam mitempfinden das,</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„was, von Menschen nicht gewußt</div> + <div class="verse indent0">Oder nicht bedacht,</div> + <div class="verse indent0">Durch das Labyrinth der Brust</div> + <div class="verse indent0">Wandelt in der Nacht.“ — —</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="s4">Und so wüßte ich denn kaum, was ich weiter diesen Briefen voranstellen +oder mitgeben sollte! — Ich füge nur so viel bei, daß, so wie Ihnen +bekannt ist, diese ersten drei seien ganz unabsichtlich und nach und +nach, durch innere Geistesnothwendigkeit bedingt und in so fern meinen +Landschaftsbriefen ähnlich, entstanden, ich auch für die Folge die +Vermuthung nicht <span class="pagenum" id="Seite_vi"><span class="s5">[S. vi]</span></span>unterdrücken darf, es werde die nächstkommende Zeit, +noch manche andre mir bis jetzt nur dunkel vorschwebende Gedankenzüge +über den Faust in dieser Form festzuhalten und Ihnen ebenfalls zu +übergeben, die Gelegenheit gar wohl darbieten. — Indem ich daher auch +einem etwa späterhin erscheinenden zweiten Heft gleiche liebevolle +Theilnahme erbitte, verharre ich aufrichtigst</p> + +<p class="right mright2"><span class="s4 mright3">Ihr</span><br> +<em class="gesperrt">treu ergebener</em><br> +<span class="s4 mright2"><b>Carus.</b></span></p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2> + +</div> + + +<p class="s5 right mright2">Zweiter Weihnachtsfeiertag 1834 Abend.</p> + +<p class="p0"><span class="initial">E</span>s ist heute Abend eine wunderbare Stille um mich her! ich finde mich +fast einsam in meinem geräumigen, bequemen Hause; eine ruhige, dunkle +Nacht liegt über dem Garten vor meinem Fenster ausgebreitet, und +kaum ein schwacher Schimmer des hochstehenden Jupiter dringt durch +das Nebelgewölk, welches den Himmel umzieht! — im Zimmer rührt sich +nichts, als der leise Schlag der Uhr und einzelnes Knistern des eine +anmuthig gleiche Erwärmung verbreitenden Feuers, und wie denn nun in +solchen Momenten uns gern mannichfaltige Gedankenzüge über Erlebtes und +Durchdachtes vorüberzugehen pflegen, so ging es auch mir: — in immer +tieferes, stilleres Sinnen über das Geheimniß meines eigenen Lebens +schien ich mich zu verlieren, <span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>und nur damit ein solcher Zug nicht ins +Unbegränzte sich ausdehnte, fühlte ich mich endlich getrieben, ihm +ein bestimmtes Ziel, einen festern Halt anzuweisen. — Da kam es mir +denn zu guter Stunde ins Gedächtniß, wie ich Ihnen versprochen hatte, +mitzutheilen und gleichsam der Freund dem Freunde Rechenschaft zu geben +von den Gedanken, die in mir rege geworden sind, seit ich den Faust von +Göthe vollendet gelesen, wiedergelesen, ja in mich eingelebt hatte! — +Lassen Sie mich denn auch zu diesen Gedanken sagen:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Versuch ich wohl, euch dießmal fest zu halten — —</div> + <div class="verse indent0">Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt? —</div> + <div class="verse indent0">Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert</div> + <div class="verse indent0">Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">und so denn ohne alle weitere Vorworte zur Sache! —</p> + +<p>Zuerst aber führe ich Ihnen einen Gedankenzug heran, den eine +gelegentliche Äußerung Göthe’s über Dante, in seinen Briefen an Zelter, +veranlaßt hat.</p> + +<p>Göthe nämlich, der, wie wir manchmal besprochen haben, wunderbarer +Weise eigentlich nie dem Dante recht nahe gekommen zu sein scheint, +macht <span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>doch dazumal, als eine moderne Übersetzung seinen Blick +dorthin richtete, folgende hübsche Bemerkung: „Bei Anerkennung der +großen Geistes- und Gemüths-Eigenschaften Dante’s werden wir in +Würdigung seiner Werke sehr gefördert, wenn wir im Auge behalten, daß +gerade zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in +ihrer natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich +bedeutend wirkende Genius beherrschte auch ihn.“ — Und so ist es +ganz gewiß! — Wie nichts isolirt steht in der Welt, so am wenigsten +irgend ein bedeutender, mächtig auf seine Zeit wirkender Geist — er +konnte <em class="gesperrt">so</em> nur <em class="gesperrt">erstehen</em> in gerade seiner Zeit, und wir +können ihn nur <em class="gesperrt">verstehen</em>, indem wir uns das, was seiner Zeit +eigenthümlich ist, möglichst klar und deutlich zu machen suchen. — Sie +fühlen nun schon, wo ich hin will, wenn ich dieses in Beziehung auf +Göthe anführe, und ersparen mir zu sagen, in wie vieler Hinsicht Göthe +die Blüthe und Spitze <em class="gesperrt">seiner</em> Zeit genannt werden muß; — denn +die Überzeugung hiervon ist in Ihnen längst so lebendig, wie in <span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>mir. +— Aber <em class="gesperrt">eins</em> wollte ich doch hier herausheben und zu bedenken +geben, weil es <em class="gesperrt">mir</em> gerade bei meinen naturwissenschaftlichen +Bestrebungen vielleicht deutlicher geworden ist, als manchem Andern. +— Offenbar nämlich regt sich in unsrer Zeit eine Tendenz, alles, +was der Erfahrung, der Betrachtung und Erforschung vorliegen kann, +seiner Entstehung, seiner Geschichte, seiner Entwickelung nach +zu untersuchen und zu begreifen; das Überlieferte, das zu einem +Bestehenden schon Gewordene, die Autorität mit einem Worte geradehin +als solche gelten zu lassen und anzuerkennen, hat Niemand mehr +besondre Lust; man sucht nach der Art und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> irgend +etwas sich herangebildet und nach und nach erschlossen hat, und +will es, nach seinen verschiedenen Perioden zusammengefaßt, erst +als ein Ganzes erkennen und dem Urtheil unterwerfen. Wer irgend mit +Aufmerksamkeit um sich blickt, wird hierzu die mannichfaltigsten Belege +erkennen können! Haben wir nicht im politischen Leben aus solchen +Bestrebungen die gewaltigsten Bewegungen hervorgehen sehen? ist nicht +im gewöhnlichen Leben hieraus <span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>nach und nach eine andre Stellung der +Glieder bürgerlicher Gesellschaft entstanden? — und welchen Umschwung +endlich haben die Wissenschaften von dieser Seite her erhalten! ist +nicht die genetische Methode, das Streben, jede Betrachtungsreihe mit +dem Ur-Phänomen zu beginnen, der Trieb, durch das Schauen des Werdens +das Gewordene zu begreifen, von dem außerordentlichsten Einflusse, +namentlich auf alles, was Naturwissenschaft heißt, gewesen? — Dieser +Genius der Zeit ist es denn, der auch an Göthe, und an ihn besonders, +sein Evangelium richtete! Zeugniß davon geben seine eigenthümlichen +wissenschaftlichen Arbeiten, Zeugniß gibt sein Blick auf die +Pflanzennatur in ihrer allmähligen Entwicklung und Verwandlung, Zeugniß +gibt seine prophetische Deutung der Theile des Skeleton und seine +Erkenntniß der Wirbelbildungen in dem Knochengebäude des Schädels, +Zeugniß endlich geben seine schönen Anschauungen der Entstehung und +Bedeutung der Farben. — Daß aber das Auge des Dichters für diese +Geheimnisse erschlossen wurde, konnte das ohne Wirkung bleiben <span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>auf +seine Dichterwerke? — Mußte ein Dichter, dem die Bedeutung jener alten +Worte sich offenbart hatte: „Siehe, er geht vor mir über, ehe ich’s +gewahr werde, und verwandelt sich, ehe ich’s merke,“ ein Dichter, dem +die Welterscheinung nicht als ein fest eingerahmtes unbewegliches Bild, +sondern in ihrer rastlos dahinziehenden, ewig fort und fort wechselnden +Bewegung erschien — mußte er nicht anders dichten, als jeder Andere? +— Wahrlich! der hat Göthe’s Dichtungen nie in voller Innigkeit +und Liebe begriffen, der da glauben kann, Göthe hätte ohne diesen +Natur-Sinn und dessen wissenschaftliche Bethätigung dichten können, +wie er gedichtet hat! — Haben wir nicht oft zusammen empfunden, wie +gerade dies Gefühl ununterbrochener innerer Fortschreitung, ewigen +Fortklingens in dem stätig erzitternden Tonmeere des Universums, der +wunderbare Hauch ist, welcher jedes seiner ächten Werke belebt und +durchdringt? liegt es nicht eben hierin, wenn wir in jedem seiner in +Dichtungen ausgehauchten Gemüthszustände immer deutlich fühlen, was +diesem Zustande alles vorherging, um ihn <span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>zu begründen, und hinwiederum +ahnen, was diesem Zustande späterhin folgen mußte? — und ist es +nicht gerade dies Gefühl des Schwebens in dreigestaltiger Zeit, in +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, was uns zur Ahnung +der Ewigkeit steigert und uns eben zu <em class="gesperrt">Dem</em> leitet, der vor uns +übergeht, ehe wir’s gewahr werden, und der sich verwandelt, ehe wir’s +merken.</p> + +<p>Und so ist denn dies Hinschauen auf den ewigen Thaumatrop der Welt und +unsres Innern das, was Göthe zu immer neuen und immer bedeutungsvollen +Productionen begeisterte, was ihn nöthigte, von seiner eignen +innern Entwicklung mit allen Schmerzen und aller Lust aller ihrer +Verwandlungen ein Bild zu hinterlassen, wie wir es noch von keinem +Menschen erhalten haben, und was ihn antrieb, dann, wann ihm eine +Vision wurde, wann eine Idee zu ihm trat, und seine Phantasie nun diese +Idee in dichterischer Wirklichkeit ausbildete, überall eine genetische, +eine geschichtliche, eine rastlos fortschreitende Darstellung vor allen +andern zu wählen. — Wem aber ein solcher Begriff aufgegangen <span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>war von +dem Wesen organischer Entwicklung überhaupt, der hatte auch unfehlbar +die deutliche Erkenntniß von der unendlichen Vielgestaltigkeit aller +Entwicklung, der erkannte, auf wie viel verschiedenen Wegen und Umwegen +die innere geistige <em class="gesperrt">menschliche</em> Entwicklung vollendet wird, und +er fühlte, wie so wunderbarer Weise der Mensch, als ächter Mikrokosmos, +alle die unendlich mannichfaltigen Verwandlungen der ihn umgebenden +Natur, in ihrem bald langsamen, bald raschen, bald gewaltsamen, +bald ruhigen, bald vielfach retardirten, bald ununterbrochen +fortschreitenden Gange, in geistiger Maaße in sich zu wiederholen +die Freiheit hat. Dieses aber erkannt, so mußte ihm zugleich auch +davon die Überzeugung aufgehen, wie die Menschheit überhaupt nur als +in einem uns alle mit sich fortziehenden rastlosen Entwicklungsgange +begriffen, verstanden werden kann, und wie in all’ diesem Vorschreiten +durch Blut und Tod wie durch Lust und Leben stets <em class="gesperrt">eine</em> große +fort und forttönende Melodie höhern Ursprungs wohl zu verfolgen ist, +welche allerdings nicht in einzelnen Noten <span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>begriffen wird, wohl aber +dem feiner erschlossenen, tiefer fühlenden Sinne im Ganzen zur Ahnung +kommen kann.</p> + +<p>Ist es mir nun gelungen, Ihnen über diese meine Grundansicht vom +Wesen Göthe’scher Dichtung meine Gedanken deutlich auszusprechen, so +<em class="gesperrt">kann</em> ich mir ersparen, durch Nachweisung in Göthe’s Werken +hierüber noch eine Menge Beispiele vorzuführen; ich brauche nicht zu +sagen, wie eine der frühesten Aufgaben, welche er sich stellte, die +Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters war, wie im Werther eine zum +Tode führende geistige Entwicklungskrankheit mit gewaltiger Wahrheit +geschildert ist, wie das tief schmerzliche und doch reizende Bild +aus dem Leben des Tasso nur ein Schritt erscheint aus dem langen +Gange durch das Gluthmeer innerer poetischer Leidenschaftlichkeit +(wie Dante sagt: „<span class="antiqua" lang="it">e vidi spirti per la fiamma andando</span>“), wie +die Entwicklung eines heitern heldenmäßigen Charakters im Egmont +prächtig dargestellt ist, und so durch viele andre Tonarten der Musik +menschlicher Seelen hindurch. — Daß nun aber <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>das titanenhafteste Werk +dieser Art der Faust sei, wer kann das läugnen? — Der Faust, dieses +wunderbare Bild, in welchem sich das geistig mächtigste Streben der +Menschheit concentrirt, er war es, der allein dem Dichter zur Aufgabe +für ein ganzes Leben werden konnte! — Und haben Sie nicht ebenfalls +schon manchmal im Geiste die Parallele gezogen zwischen dem großen +Werke des Dante und diesem Werke Göthe’s? — Nur daß im erstern an +dem ruhig Schauenden alle die schmerzlichsten und alle die seligsten +Zustände der Seele <em class="gesperrt">vorübergehen</em> (darum eben Schauspiel, +<span class="antiqua" lang="it">Divina Comedia</span>!) während im Letztern der stätig Bewegte durch +alle Qual und Lust des Lebens selbst rastlos <em class="gesperrt">hindurchgehen</em> +muß. — Beides aber sind Werke, deren Idee nachhaltig genug war, um +für ein ganzes Leben als Aufgabe zu erscheinen; der Geist beider +Dichter war von ihr auf unverlöschliche Weise entzündet, und wenn es +bei Ihnen hierüber noch weiterer Worte bedürfte, so möchte ich dabei +wohl an das eigenthümliche Lebensprincip einer jeden Idee abermals +erinnern; denn ist es nicht <span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>sonderbar, daß selbst unter jenen Ideen, +welche nicht selbstständig sich zu eigenem Wesen gestalten, sondern +andre sich schon als Seelen darlebende Ideen berühren, eine solche +unendliche Mannichfaltigkeit und so verschiedene Verwandtschaft zu +unserer eignen Monas herrscht, daß, während einige nur leicht an uns +vorüberstreifen, andre die mächtigste Einwirkung auf unser Leben +gewinnen, ja, andere für unser ganzes Dasein von der mächtigsten +und unauslöschlichsten Bedeutung werden! — Zu wie viel sonstigen +Vergleichungen giebt aber Dante und Göthe in dieser Beziehung noch +Anlaß! — Jener Erstere, von außen in die heftigsten Partheienkämpfe +verflochten, umgetrieben in der Welt und aus seiner Heimath verbannt, +mußte, vermöge des alle Wesen beherrschenden Gegensatzes und zu +Erhaltung des Gleichgewichts der Seele, tiefsinnig ruhig schauend in +sein Innerstes sich zurückziehen; — — der Andere, von außen durch +ein nie fehlendes Glück getragen und begünstigt, von Ehre, Zuneigung +und vielfältigen Gaben des Geschicks erfreut, durchlebte dafür in dem +stätigen Entwicklungszuge seines Innern, in dem qualvollen Drängen +und Treiben seines Geistes, weniger <span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>den Menschen wahrnehmbare, aber +um desto schmerzlichere Zustände — und Beide haben von den somit +erweckten Anschauungen ihres Seelenlebens die merkwürdigsten und +mannichfaltig weiter wirkende Zeugnisse hinterlassen. — Der Erstere +concentrirte in einem kürzern, von der Heftigkeit äußerer Ereignisse +verzehrten Leben die ganze Macht seiner Divinationsgabe auf ein +einziges, immer mehr in reingeistige Regionen gesteigertes Werk, ein +Werk, dessen Anfang seinem Volke immer zugänglicher gewesen ist, als +dessen Ende. — Der Andere, durch äußere Verhältnisse im höchsten +Grade gefördert, spann den Faden jenes wunderbaren Gespinnstes durch +ein langes Leben hindurch; auch er führte es, wie er selbst in einen +andern Luftkreis hinaufwuchs, in eine immer feinere, schärfere, von den +Erdgebornen schwerer zu athmende Luft, in eine Luft, welche vielleicht +weniger nahrhaft für die materiellen Bedürfnisse der Menschheit, aber +belebender für das geistige Princip unseres Daseins erscheint, so daß +mich diese Metapher fast an das erinnert, was Humboldt über Athens +Lüfte nach jenem alten Griechen anführt, welcher sagt: „Diese Art der +Bildsamkeit ist aber dem <span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>Lande der Griechen eigen, weil dort die +reinsten und dünnsten Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr; +denn eine solche Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des Bodens, +ist aber heilsam den Seelen der Athener.“ — Aus diesem Grunde ist +natürlich auch vom Faust das Ende bei weitem weniger zugänglich, als +der Anfang, und doch gehört es so durchaus und ganz zu ihm, wie der +felsige Gipfel des Montblanc innerlich eins ist mit seinen bewaldeten +Abhängen um Chamouny! — Nichts desto weniger wirkt doch die letzte +Hälfte des Faust schon hie und da mächtig genug! — Kommt es Ihnen +nicht auch sonderbar vor, wie so etwas erst so einzeln, bald einmal +hier, bald einmal dort zündet und anregt? — Da kommt Einer und fertigt +als Scholiast einen, wenn auch noch nicht ausreichenden, doch sehr +dankenswerthen Commentar darüber⁠<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>; da kommt ein Andrer und schreibt +Briefe darüber, um seinem gepreßten und molestirten Gewissen Luft zu +machen⁠<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>; da kommt ein Dritter und versucht Sinn <span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>und Deutung dem +geneigten Leser darzulegen⁠<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, und da sehen Sie selbst Ihren Freund, +dessen Evangelium eigentlich in andern Richtungen verkündigt werden +soll, seine Briefe mit Gedanken dieser Art durchweben! — ja manchmal +begegnet man plötzlich irgend einer geistigen Explosion über den +Faust, welche zu den nachdenklichsten Betrachtungen Anlaß giebt! So +ging es mir neulich mit dem Schlusse eines Aufsatzes über Faust⁠<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>, +der bei manchem Unzulänglichen im Einzelnen, doch in andrer Hinsicht +wirklich den Nagel so auf den Kopf trifft, daß ich ihm mindestens eine +weniger vergängliche Stelle wünschte; denn gewiß! der Sinn hat sich +diesem jungen Manne tiefer erschlossen, als jenen Scholiasten und +Commentatoren, die überhaupt von jeher mit dem „Brod der Engel“, wie +Dante sagt, wenig Glück gehabt haben.</p> + +<p>Sehe ich aber so, wie eine neu aufgegangene Idee bald hie bald da +zündet und Leben weckt, so gemahnt <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>es mich immer an die auf Erden wie +am Monde so schön zu beobachtende Erscheinung des Lichtes, welches bei +aufgehender Sonne zuerst nur auf einzelne Bergeshöhen und Gipfel wirkt, +während die Thäler noch im Dunkel liegen, bis endlich die Strahlen, +über die gesammte Gegend sich ausgießend, Alles, mit Ausnahme ewig +finsterer Schluchten und Höhlen, erleuchten. Übrigens dauert es beim +neuen Faust doch lange genug, bis davon nur ein Theil, geschweige denn +das Ganze bei uns Eingang findet! — Es geht Ihnen gewiß, wie mir! Wenn +ich so in meinem Kreise Umfrage halte, so höre ich kaum hie und da eine +Stimme, welche dem Faust Anerkennung zu geben versucht; dagegen welche +Thorheiten darüber, ja welche Absurditäten! — Bei weitem aber den +Meisten liegt der Faust noch so, wie ihn Göthe wirklich hinterlassen +hat, nämlich als <em class="gesperrt">ein Buch mit sieben Siegeln</em>.</p> + +<p>Übrigens muß ich Ihnen hier noch eine Bemerkung mittheilen, welche mir +ebenfalls zu mannichfaltigen Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu +haben scheint! — Es geht nämlich den Schöpfungen der Dichter zuweilen +wohl eben so, wie der göttlichen <span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>Schöpfung allgemeiner Natur, nämlich +man personificirt oft daran mehr, als billig; man will diese und jene +bekannte menschliche Individualität darunter erblicken und betrachtet +oft gern die poetischen Gestalten wie Figuren eines Maskenballs, wo +der Verstand sich nur in soweit anstrengt, um ausfindig zu machen, +wer eben hinter dieser oder jener Maske verborgen sei. Findet man +endlich bei der Gestalt des Dichters keine Ähnlichkeit mit andern +bekannten Personen, so muß seine eigene Persönlichkeit mit allen ihren +Zufälligkeiten in dieser Gestalt sich verkörpert haben. — Nun weiß ich +zwar wohl, daß in jegliche Schöpfung der Geist des Schöpfers zum Theil +eingehen muß — denn nur durch diesen Geist entsteht und besteht sie +—; aber man muß nur diese Vorstellung nicht zu weit ausdehnen, man muß +nicht übersehen, daß der freie Geist auch das Heterogene für eine Zeit +in sich aufnehmen, in sich verarbeiten und zu neuen selbstständigen +Produktionen verwenden kann! — Nun scheint Ihnen gewiß auch, daß man +alles dieses in vollem Maaße auf Göthe anwenden kann, ja anwenden muß. +Göthe ist nicht Tasso und hat doch den Tasso in sich geboren; <span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>er ist +nicht Wilhelm und hat doch seine Lehrjahre durchgearbeitet; er ist +nicht Clavigo und hat doch den schmerzlichen Wechsel leidenschaftlicher +Zustände erfahren, und endlich, obwohl Tausendfältiges in ihm +angeklungen hat, was im Faust mit reicher, vielgestaltiger Lebendigkeit +sich bewegt, so wäre es doch weit gefehlt, wenn man Faust und Göthe +deßhalb identificiren, Beide, wie z.B. Herr Deycks thut, eigentlich +für eine und dieselbe Person halten wollte. — Ich habe wirklich +etwas lächeln müssen, wenn dieser Commentator ordentlich bei sich +selbst inquirirt: ob nicht Gretchen im Faust wirklich das Gretchen +sei, welches Göthe in seinem Leben erwähnt, und dabei noch merken +läßt, man könne doch nicht so eigentlich wissen, wie weit es auch mit +der Letztern gekommen sei. — So etwas nenne ich eine materielle, +eine stoffartige Auslegung, und sie paßt immer am wenigsten auf den +<em class="gesperrt">ächten</em> Dichter, welcher zu den ihn umschwebenden Ideen ein ganz +anderes, als ein solches stoffartiges Verhältniß haben muß. Göthe hat +uns ja selbst in diese seine geistigen Mysterien manchen Blick thun +lassen; zumal dann, wenn er seine Werke geradezu Confessionen nennt +und, <span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>weit entfernt, damit zu meinen, daß er in ihnen seine ganze +Individualität niedergelegt habe, vielmehr andeutet, wie er gewöhnlich +durch dieselben irgend einer seinem eigensten Wesen fremdartigen +Richtung Luft gemacht, ein dieses selbst störendes Bestreben dadurch +ausgesprochen, aus sich heraus gegeben und abgeschüttelt habe. So +setzt er dieß namentlich beim Werther trefflich auseinander! — Und +war nicht allerdings etwas Wertherhaftes in dem noch jungen Göthe? — +Freilich war es das; aber dieses Wertherhafte war so wenig der ächte, +eigentliche Göthe, daß vielmehr dieser erst recht gesundete, als der +Werther geschrieben war.</p> + +<p>Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich +es wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem +Leben zu Händen gekommen ist! — Glauben Sie, es hat in mir Zeiten +gegeben, wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt, +daß ich mir durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche +trübe Wolke über meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr +im Bilde ein freies Hervortreten hatte geben können, und wer sich +die schwermüthige Stimmung meiner Bilder <span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>nicht mit der frischen +Thätigkeit meines Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald +an, wie wenig er von meinem innern Leben entziffert hatte! — Gerade +in diesem Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach +Außen liegt ja ganz besonders das Geheimniß der <em class="gesperrt">Entwicklung</em> +der Seele während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein +Werk nach dem andern, eine That nach der andern äußert und von sich +thut, und wie sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch +das feinere Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer +reinerer, höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen +der sich metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und +weiter sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich +läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die +zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb +der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das +höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu +Stande kommt. — Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen +<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet +lassen, als wenn man über den <em class="gesperrt">Faust</em> nachdenkt, über den Faust, +der auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und +Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn, +wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste +menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit +zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es +doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der +Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem +die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d. h. mit +stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten +Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie +für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene, +welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den +wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so +deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche +erst in rohern, und dann in immer <span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>feinern Bildungen, gleichsam stets +ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster +Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert.</p> + +<p class="mtop2">Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die +Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur +eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint +mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser +symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum, +weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie +sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter +den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern +gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher +das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und +das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde +ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden +soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit <span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>des Volks +an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei +roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung +menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, — und eine solche +Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher +Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon +jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer +erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur +die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser +Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe <em class="gesperrt">seinen</em> Faust +mußte in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage +gekannt hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt +wissen wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben +kann, daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so +wenig ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag, +daß die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust +lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben +bis ins hohe <span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch +dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen +geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische +Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die +lebendigste Anerkennung haben?</p> + +<p class="mtop2">Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen! +es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige +denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so +wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine +Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses +Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß +des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und +hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir +besonders am Herzen.</p> + +<p class="mtop2">Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin +unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind +wie Regenbogen, <span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen +Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne +Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben.</p> + +<p class="right mright2">Getreulich, wie immer,<br> +<span class="mright3"><em class="gesperrt">Ihr</em> C.</span></p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">C. Löwe</em>, Commentar zum zweiten Theile +des Göthe’schen Faust. Berlin 1834.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> <span class="antiqua">M.</span> <em class="gesperrt">Enk</em>, Briefe über Göthe’s Faust. Wien +1833.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">F. Deycks</em> Göthe’s Faust. Andeutung über +Sinn und Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von +<em class="gesperrt">Feuchtersleben</em> in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst. +1834. Nº 148.</p></div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2> + +</div> + +<p class="s5 right mright2">Vierter Februar 1835. Abend.</p> + +<p>Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen +könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an +Sie Raum zu geben! — Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den +ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum +Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes +Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den +im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner +Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben, +mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden +Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum +verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele +durchlebte <span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in +die Gedanken, wo es heißt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Seltsam ist Prophetenlied,</div> + <div class="verse indent0">Doppelt seltsam, was geschieht!“ —</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den +Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht +durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so +beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich +durch und durch erfüllt und eine <b><span class="antiqua" lang="it">Calma</span></b> in mir verbreitet, +welche mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand +so recht in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll. +Wende ich mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke +unsers großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich +früher über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen, +nunmehr die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas +ausführlicher zu betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie +Ihre Billigung meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen +und die Bedeutung des <span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>in diesem Gange hervortretenden Sündhaften +ausdrücklich erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen +mögen.</p> + +<p>Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns +liegt, betrachte ich aber: <em class="gesperrt">ist es menschlicher und poetischer +Wahrheit gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit +zuzureifen noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis +in höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter +manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche auf +sich geladen</em>? — Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe +des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich +erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben! +— Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen +Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt; +ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust +festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet, +und <span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin +sich anzunehmen sich unterfangen möchte. — Dieses denn nun alles +auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten, +welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich +darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich +gestimmt fühlte.</p> + +<p>Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus +eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die +mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten +Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen +wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese +ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das +Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende +Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen, +um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das +Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee +innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und +Raum sich dar. — Es ist gleichsam, <span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>als habe die bedeutendere Monas +dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert, +auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben +und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer +eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung, +— mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. — Indem +ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf +der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch +die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher +Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre, +eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und +jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des +sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von +Ewigkeit her angewiesen sei. — Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf +ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher +Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch +hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen +<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige, +gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche, +von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt +sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von +irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele +Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt, +erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer +Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen +leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden, +während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt? +darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die +gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz +beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben +so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der +Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten +gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum nun +gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt <span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>und Jenem +die Seinige verzögert und erschwert sei? — dann werden wir nie eine +passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst eine +so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben war; +ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun, welches +er will, und verstocket, welchen er will.“ — So sagest du zu mir: Was +schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? — Ja, +lieber Mensch, wer bist <em class="gesperrt">Du</em> denn, daß Du mit Gott rechten willst? +Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“ +— Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten, +durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller, +nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die +freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte +Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten. +— Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die +eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee +nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es +würde Ihnen, <span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: — Unter +den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome +der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie +ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden +Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige +Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer +besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit +und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald +in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. — Es ist +nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit +und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und +mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien +unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,</div> + <div class="verse indent0">Und zu der Erde zieht mich die Begierde. —</div> + <div class="verse indent0">—   — Ich kann mich nicht,</div> + <div class="verse indent0">Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer,</div> + <div class="verse indent0">An meinem Willen wärmen und Gedanken, —</div> + <div class="verse indent0">Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,</div> +<span class="pagenum" id="Seite_39"><span class="s3a">[S. 39]</span></span> + <div class="verse indent0">Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht.</div> + <div class="verse indent0">Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen, +über die Erde hinschreitenden Geist, — und wie die Individualität +solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge +gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern +göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken +Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale +frei. — Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die +Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen +Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit +unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst +verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch +den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten +Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei +Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir +haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie +in verschiedenen Formen sich <span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>der Zug jener Schwermuth, jener innern, +aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald +schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten +Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns +tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die +nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind. +Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft +wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und +frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich +des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie +bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen +Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war, +es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. — Lassen +Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig, +etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen +zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls +gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um <span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>manche an sich +schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung +zu bringen. — Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte +offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu +seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer +Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben +knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von +dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte, +bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von +Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das +von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte +Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf +liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels, +während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus +blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! — Zu +den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die +reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer +fünfseitigen, <span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler +lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber +Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine +seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen +Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und +wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein +mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen +Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete +Wage gewahr werden.</p> + +<p>Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine +abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt, +während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner +Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in +seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der +Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und +traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen +Anlaß, — und um nun den sonderbaren Kreis dieser <span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>Vorstellungen zu +vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz +gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch +die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten +Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer +Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor +den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber +schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches +Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten +Flughaut das Wort <b><span class="antiqua">Melencholia s. I.</span></b> —</p> + +<p>Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses +sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des +alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben +sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich +hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in +sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform +gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses +Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, <span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>ja jenem innersten +Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie +selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern +kann? — Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele +des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm +durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft +machen mußte? — Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust +gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir +scheint, diese Wahrnehmung! —</p> + +<p>Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer +Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser +oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten +Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser +Beseligung verlustig gehen? — Hierauf kann ich nun in Folge aller +vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: <em class="gesperrt">Die Seele +wird durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen +hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft, +<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von +nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen, +daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre +höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes +entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und +Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt +ist.</em> —</p> + +<p>Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer +innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes +Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber +in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen +der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden +Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt +wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im +Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen +möglich wäre, und es wird <span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft +und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig +bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit +sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch +tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um +zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. <em class="gesperrt">Dante</em> vergleicht in +seinem <b><span class="antiqua" lang="it">Convito</span></b> die Seele des durch das Irrsal des Lebens +ihrer Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden +seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem +Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath +hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt, +zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. — Gewiß dieses Bild +eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen +Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen, +daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen +das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame +Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes <span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>denken +möchte. — Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen +Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen +Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie +zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch +ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet, +so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig +entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; — +auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das +Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual, +und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform, +ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um +die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. — Das eben ist es +ja, wenn der Herr sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Wenn er mir jetzt auch nur <em class="gesperrt">verworren</em> dient,</div> + <div class="verse indent0">So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre +ein gemeines, nie zu so hoher <span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>Bedeutung und vielfacher Betrachtung +gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken +enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie +mit bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale +hindurch ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder +entgegen gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung +zu bringen, eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich +weit davon entfernt bin, <em class="gesperrt">alles</em>, was im und an dem Werke +Erscheinung seiner Form genannt werden kann, unbedingt zu billigen und +zu bewundern; es ist Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk, +welches, so lang Sinn für Poesie im Menschengeschlecht leben wird, +nicht untergehen kann; aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer +Vorfahren, Bauwerke, mit denen der Faust bis auf ihre phantastische +Verzierung mit Naturwerken so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre +vollkommne Beendigung und räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch +der Faust mehr <em class="gesperrt">beendet</em> als <em class="gesperrt">vollendet</em>; aber vor allem +fordere ich, daß Jemand, der den Faust überhaupt anerkennen will, +<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span><em class="gesperrt">seine Grundidee anerkenne</em>, daß er das darin ausgesprochene +genetische Princip alles ächten Seelenlebens achte, und daß er deutlich +empfinde, wie das Begeistigende, ewig Anregende, ich möchte sagen, +<em class="gesperrt">Frühlingsmäßige</em> dieses Faust auf der lebenvollen Grundanschauung +von dem zwar tief zu beugenden, aber an sich schlechthin +unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch und durch gegründet +sei. — Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers vielgetreuen Alb. +Dürer <b><span class="antiqua">Melencholia</span></b> dem Faust von einer Seite, nämlich +hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen Gedanken +umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch ein andres +Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von welchem ich +weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und Teufel“ auch +Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust vergleichen, +in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk unaufgehaltenen +Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt werden könnte, +von welcher der Herr sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange</div> + <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">ist sich des rechten Weges wohl bewußt</em>!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen +Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach +seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben +werde? — Am besten wohl — <em class="gesperrt">nichts</em>!</p> + +<p>Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine +Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen +Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei +verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich +stritten! — Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen +Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie +es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe <em class="gesperrt">in sich</em> +trägt; wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros +der Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem +Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern, +jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen +durch und durch beruhen — Gleichnissen, welche um so materieller und +schwerfälliger aufgefaßt wurden, <span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>je unbeholfener oder befangener die +menschliche Vorstellungsweise war —; wem endlich die Bedeutung der +zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen +Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt sich +nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn getrost +<em class="gesperrt">seiner</em> eignen Weiterbildung! — Hübsch ist es übrigens, wie +Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen +Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu +Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig +versuchenden Faust verweist, sagen läßt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0 nowrap">„Da dank ich euch! <em class="gesperrt">denn mit den Todten</em></div> + <div class="verse indent0">Hab ich mich niemals gern befangen.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch +ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr +Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für +das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind +so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen, +daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, <span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>Jemanden, der im Leben bequem +ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich +tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete +Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; — sie ahnen nicht, daß hier +oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der +brennenden Wunde der Seele werden kann, — sie haben nun einmal keinen +Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust +entfährt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„So sind am härtsten wir gequält:</div> + <div class="verse indent0">Im Reichthum fühlend, <em class="gesperrt">was uns fehlt</em>.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um +Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der +Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich: +die Zerknirschung, die Reue und Buße — das müsse doch wenigstens +vorhergehen! — und wie <em class="gesperrt">sie</em> es bei ihrem Archonten gewohnt +sind, so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher +die hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! — O +Himmel und Erde! — welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen, +<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! — jenem Wesen, von dem +es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem +Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches +gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen, +vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so +sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung +schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist +sagt:</p> + +<p>„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! — +Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie +einen Teppich!“ —</p> + +<p>Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von +jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer +Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen +großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen +im Stande sind! — Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß +mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte +<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch +nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener +Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in +Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des +Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende +Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse! +— Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin +und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um +ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um +eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise +fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher +gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen +Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des +Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts +treibt.</p> + +<p>Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich, +auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen +gerechtfertigt <span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen +Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute +diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, — der Spruch:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Gerettet ist das edle Glied</div> + <div class="verse indent0">Der Geisterwelt vom Bösen.</div> + <div class="verse indent0">Wer immer strebend sich bemüht,</div> + <div class="verse indent0">Den können wir erlösen.</div> + <div class="verse indent0">Und hat an ihm die Liebe gar</div> + <div class="verse indent0">Von oben Theil genommen,</div> + <div class="verse indent0">Begegnet ihm die sel’ge Schaar</div> + <div class="verse indent0">Mit herzlichem Willkommen.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2> + +</div> + +<p class="s5 right mright2">Den 5. April 1835. Abends.</p> + +<p>Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen +innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten, +meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute +leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen +über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende, +— und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen +angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen +möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele +bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar +und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen.</p> + +<p>Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine <span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>der Grundfragen des +ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema +des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern +Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern +weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht +nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat.</p> + +<p>Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Alles Vergängliche</div> + <div class="verse indent0">Ist nur ein Gleichniß;</div> + <div class="verse indent0">Das Unzulängliche,</div> + <div class="verse indent0">Hier wird’s Ereigniß;</div> + <div class="verse indent0">Das Unbeschreibliche,</div> + <div class="verse indent0">Hier ist’s gethan;</div> + <div class="verse indent0">Das Ewig-Weibliche</div> + <div class="verse indent0">Zieht uns hinan.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu +allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und +männlicher Seeleneigenthümlichkeit. — Erlauben sie denn, daß ich auch +Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr +ab- als zugewendet erkannt habe, doch <span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>veranlasse, diesem Gedankenzuge +einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl +möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich +jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast +sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber +heilsam den Seelen der Athener.</p> + +<p>Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände, +so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken, +welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch +ein hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert +worden ist, — Dante. — Wie merkwürdig sind nicht jene Worte +über das erste Erkennen der Beatrice im Anfange seiner <b><span class="antiqua" lang="it">Vita +nuova</span></b>, welche ich nach Oynhausens Übersetzung hier beifüge: +„Und sie erschien mir bekleidet mit der herrlichsten Farbe, demüthig +und ehrbar, purpurroth umgürtet und geschmückt nach der Weise, wie es +ihrem jugendlichen Alter zukam. In demselbigen Augenblicke, sage ich +wahrhaftig, daß der Geist meines Lebens, welcher in der geheimsten +Kammer des Herzens wohnt, anfing <span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>so heftig zu zittern, daß es zum +Erschrecken sichtbar wurde in den allerkleinsten Pulsen, und zitternd +sagte er diese Worte: <b><span class="antiqua" lang="la">ecce deus <em class="gesperrt"><i>fortior me</i></em>, veniens +dominabitur mihi</span></b> (siehe da ein Gott, <em class="gesperrt">mächtiger denn ich</em>, +welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben Augenblicke +auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer wohnt, +in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen; er +begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den +Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: <b><span class="antiqua" lang="la">apparuit jam +beatitudo nostra</span></b> (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ — Und +wie deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen +Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge, +welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er +sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„In unsres Busens Reine wohnt ein Streben,</div> + <div class="verse indent0">Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten</div> + <div class="verse indent0">Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,</div> + <div class="verse indent0">Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten;</div> + <div class="verse indent0">Wir heißen’s Frommsein.“ —</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und <span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>Ruhe und +dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die +Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz +eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? — Ich möchte sagen, +die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie der +Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene ewigen +Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen bewegen +und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich es uns +vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des Wahnsinnes, +des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so einfach ist +es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die höchsten Ideen +der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und jeglicher +Tugend in weibliche Form zu kleiden. — Wollen Sie nun aber bedenken, +aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit hervorgeht, +wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual der +Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens und an +die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben deßhalb +nie befriedigten <span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die Beruhigung, die +stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie ein im höchsten +Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen, erst ihrem ganzen +Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist damit zugleich +ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich zukomme, +theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem Princip +in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts gedrängten Leben +des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt, welche das Bedürfniß +eines solchen Haltes um so mehr und um so unfehlbarer empfinden wird, +je unruhiger, aufgereizter und stürmischer der Zustand ihres Lebens +gerade in irgend einer Periode genannt werden mußte. — Ich gestehe +Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu ganz eignen Betrachtungen +geführt, von denen ich einige hier nicht abweisen kann, auf die +Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen Betrachtungen des +Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich aber zuerst in den +wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das Reis der Barbarenstämme, +auf den absterbenden Stamm <span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>überfeinerter, griechisch-römischer +Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen ausschlug und zu +einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine Regeneration des +gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit einem Male in +dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der Frauen und +deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter denen +eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut, den +Geist einer Frau <em class="gesperrt">ein stärkeres Wesen</em>, welches ihn beherrschen +werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser +stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich +bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien, +gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die +aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen +Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden +Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer +Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung +weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen +der Poesie und des Lebens <span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>aufsprießen konnte? — Sodann! welche +andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele +Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau, +in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die +wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie +in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden +Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen, +ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost +für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf +verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht +so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern +ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit +darstellt? — Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem +Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und zwar +die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu dem Wunder +der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine Gefühl der +Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes <span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>unter das Höhere, +d. i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe, deren +höchstes Sinnbild Maria genannt wird; — denn wie solle sich für die +reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung finden, +als eben die des <em class="gesperrt">Ewig-Weiblichen</em>? Ist es denn nicht aber auch +hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten +Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen +heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener +Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? — Sehen wir nicht den +kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen +noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der +dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele, +bewahren? — Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes +gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der +Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden +eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig +ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege +werde <span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth +eines thatkräftigen Mannes! — Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben +jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren, +großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen, +mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf +Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen +eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken +pflegten. — Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus +dem Epimenides eingefallen:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Die gelinde Macht ist groß.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter +glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung, +manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen +Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind, +daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche +mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears, +so die Frauen göthischer Dichtung ein einer <span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>nähern Schilderung +zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen +mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der +Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem +einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die +Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig +männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von +der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig +eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese +Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist, +genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben +zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen.</p> + +<p>Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen, +was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken +vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und +zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die +tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand, +<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns +vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich +die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen, +daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die +tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine. +— Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen, +so muß ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die +mir schon in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen +sind, die Worte: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, +und hätte <em class="gesperrt">der Liebe</em> nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder +eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle +Geheimnissse, und alle Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß +ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. +Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib +brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die +Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die +Liebe treibet nicht <span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt +sich nicht ungebehrdig, sie suchet nicht das Ihre, <em class="gesperrt">sie lässet sich +nicht erbittern</em>.“ — Und diese Liebe, dieser höchste Quell innern +Friedens und innern Glücks, diese — bei unendlich Vielem, was er +besitzet — sie <em class="gesperrt">fehlt</em> dem Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt +sein Elend! — Faust, wie man sich ihn, seinem frühern Leben nach, +denken muß, ausgerüstet mit feurigem, in mancher Hinsicht productivem +Geist, ist aufgewachsen unter Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter +lebenden, ihn liebenden Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja +Abstrusen der Schule auf den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der +Wirkung des Concreten und Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf +das Herz; — eine ungeheure Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und +Gestalten hat sein Geist um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren +ihm keine freudige Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung, +und die Gestalten sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst +ist noch, wie der Apostel sagt, <em class="gesperrt">erbittert</em>; — da bricht er aus:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Und fragst du noch, warum dein Herz</div> + <div class="verse indent0">Sich bang in deinem Busen klemmt?</div> + <div class="verse indent0">Warum ein unerklärter Schmerz</div> + <div class="verse indent0">Dir alle Lebensregung hemmt?</div> + <div class="verse indent0">Statt der lebendigen Natur,</div> + <div class="verse indent0">Da Gott die Menschen schuf hinein,</div> + <div class="verse indent0">Umgiebt in Rauch und Moder nur</div> + <div class="verse indent0">Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle +tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach +einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft +seiner eignen höhern Natur! — Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen +gefallen, es kann ihm <em class="gesperrt">wohl</em> darin sein, <em class="gesperrt">ohne</em> alles Streben +nach einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der +Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen +Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung, +aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu +dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese +Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn +bewegt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne</div> + <div class="verse indent0">Und von der Erde jede höchste Lust,</div> +<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> <div class="verse indent0">Und alle Näh’ und alle Ferne</div> + <div class="verse indent0">Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen +der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd +Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das +Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? — +Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht +läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle Zeiten +höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des menschlichen +Gemüthes, wie sie in Dante’s <b><span class="antiqua" lang="it">Vita nuova</span></b> vorliegen, +bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe +der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen +schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das +schwerste Hinderniß; — er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit +heraus! — er soll gewissermaßen <em class="gesperrt">außer</em> sich gesetzt werden, +damit er sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem +Bande, welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen +ihm verschließt! —Aber <span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung! +wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß, +damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! — Die mächtige +Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden +Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott +mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist +hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun +die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von +sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener +Individualität unendlich verschieden sein. — Die Entwicklung der Idee +der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie +wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten +eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre +ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen +Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren +Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in +die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte <span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>Wurzel und in die +massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter +Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; — +immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde +herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben +Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die +geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt, +gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der +Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol +der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden +Idee. — Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die +mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt, +und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel +und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel +und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den +tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist.</p> + +<p>Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig <span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>im Faust +aufgefaßt! — Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben +zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst +das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in +Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein +des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des +<em class="gesperrt">unendlichen Glückes der Beschränkung</em>. Dorthin gehört die Stelle +in Gretchens Zimmer:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Willkommen, süßer Dämmerschein,</div> + <div class="verse indent0">Der du dies Heiligthum durchwebst!</div> + <div class="verse indent0">Ergreif mein Herz, du süße Liebespein,</div> + <div class="verse indent0">Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst!</div> + <div class="verse indent0">Wie athmet rings Gefühl der Stille,</div> + <div class="verse indent0">Der Ordnung, der Zufriedenheit!</div> + <div class="verse indent0">In dieser Armuth welche Fülle!</div> + <div class="verse indent0">In diesem Kerker welche Seligkeit!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen +Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt; +die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen, +und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu +Wege. So auch Faust! die <span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>Einwirkung eines so stillen kindlichen +Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich +unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so +weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug +erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf +eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber +er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer +hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer +in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk +wieder verdeckt. — Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten +Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer +innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen +Unheil erfaßt und mindestens <em class="gesperrt">zeitlich</em> zertrümmert; er fühlt, es +kann nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen,</div> + <div class="verse indent0">Und sie mit mir zu Grunde gehn.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf <em class="gesperrt">seine</em> Art +zu retten, wo nichts mehr zu retten ist; der <span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>Schlag fällt; von dem +ungeheuren Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten +Seelenschmerz, und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge +des organischen Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so +wirft ihn betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus +welchem der Mensch nicht aus <em class="gesperrt">eigner</em> Kraft sich aufzuraffen +vermag, wenn nicht eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet.</p> + +<p>Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich +hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an +mit den Worten:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;</div> + <div class="verse indent0">Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile;</div> + <div class="verse indent0">Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ —</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun <em class="gesperrt">dieser</em> +Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen +Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in +alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen +Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er +will!“ — Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung +eines <span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>fleckenlosen Gemüthes, als <em class="gesperrt">eine Gnade</em>, welche dieser +Seele zu Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch +glückliche innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das +Einzige, ewig Wahre sich hinauf bilden zu können? —</p> + +<p>So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig +wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch +für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe +zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die +Beschwörung der Helena zu verlangen. — Da hebt eine neue Metamorphose +an! — Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern +Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht, daß +er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, — in das Reich der Urbilder +alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie deßhalb „die +Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst <em class="gesperrt">so</em> geahneten und +bezeichneten <em class="gesperrt">Ideen</em> einzudringen habe, und daß er <em class="gesperrt">die Idee +des Schönen</em> in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit +einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, <span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>geschweige denn +hervorrufen wolle. — Und also wird es vollendet. — Aber wie Plato +sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie +das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt, +so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in +ihm anhebt, — allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders; +denn wir hören ihn:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil.</div> + <div class="verse indent0">Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure,</div> + <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Ergriffen</em>, fühlt er tief das Ungeheure.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in +umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische +Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens, +wo die <em class="gesperrt">Idee der Schönheit</em> sich eben so zu verkörpern liebte, +als durch die christliche Zeit <em class="gesperrt">die Idee höchster Güte</em> zur +lebenvollen Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht +am Rande einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die <em class="gesperrt">Idee der +Wahrheit</em> in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll.</p> + +<p>Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den <span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>Reiz, sondern +die Gewalt, <em class="gesperrt">die Herrschaft</em> der Schönheit; diese für ihn zum +erstenmale so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich +auf ihn, und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem +Liebeszuge, nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht, +sondern gegen Etwas, das er entschieden <em class="gesperrt">über</em> sich fühlt; — +die Empfindung, ein Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine +Empfindung, welche die höchste Entwicklung im Menschen anzuregen +geeignet ist, erfaßt ihn mit vollkommner Gewalt, und eine neue +Lebensepoche schließt sich auf. Zuerst niedergedonnert durch den +unseligen Versuch, das Höchste in den Kreis des alltäglichen Lebens +herabziehen zu wollen, kommt er, auf griechischem Boden angelangt und +vom höchsten Zuge der Leidenschaft bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur +eingetaucht in ein eigenthümliches poetisches Dasein der Mensch es +vermöge, die reine Erscheinung der Idee der Schönheit vollkommen sich +anzueignen. Und so beginnt die geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde +mit der Schönheit, welcher jedesmal auf dichterische, künstlerische +Productivität deutet, entspringt <span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>ein Dichtergeist, den nur das +Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses Erbtheil des Vaters, nicht zu +wahrhafter Reife sich entwickeln läßt, und, so wie der Geist des Faust +im vollen Aneignen der Schönheit zu tieferer Befriedigung gelangt ist, +erwarten ihn neue Metamorphosen, und wir hören die Helena, bevor sie +entschwindet:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:</div> + <div class="verse indent0">Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.</div> + <div class="verse indent0">Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;</div> + <div class="verse indent0">Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung +zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner +Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung +entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles +wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir +als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen +folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit. +Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit +anwiderte, jetzt ausrufen:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">— „Dieser Erdenkreis</div> + <div class="verse indent0">Gewährt noch Raum zu großen Thaten.</div> + <div class="verse indent0">Erstaunenswürdiges soll gerathen,</div> + <div class="verse indent0">Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.</div> + <div class="verse indent0">Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum!</div> + <div class="verse indent0">Die <em class="gesperrt">That</em> ist alles! <em class="gesperrt">nichts</em> der Ruhm.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner +selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte +der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! — Da bricht endlich, +wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden +Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne +erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten +göttlichen Reichs — die Ahnung der <em class="gesperrt">Idee der Güte</em> — hervor; +die Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch +für das Gute; — das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der +Menschheit heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein — die Seligkeit +des Gefühls ächter Menschenliebe — durchdringt ihn mit ahnungsvollem +Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Das Letzte wär’ das Höchsterrungne.</div> + <div class="verse indent0">Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,</div> + <div class="verse indent0">Nicht <em class="gesperrt">sicher</em> zwar, doch <em class="gesperrt">thätig-frei</em> zu wohnen.</div> +<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> <div class="verse indent0">Grün das Gefilde, fruchtbar; — Mensch und Heerde</div> + <div class="verse indent0">Sogleich behaglich auf der neusten Erde,</div> + <div class="verse indent0">Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,</div> + <div class="verse indent0">Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.</div> + <div class="verse indent0">—   —   —   —   —   —</div> + <div class="verse indent0">Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,</div> + <div class="verse indent0">Das ist der Weisheit letzter Schluß:</div> + <div class="verse indent0">Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,</div> + <div class="verse indent0">Der täglich sie erobern muß.</div> + <div class="verse indent0">Und so verbringt, umrungen von Gefahr,</div> + <div class="verse indent0">Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.</div> + <div class="verse indent0">Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,</div> + <div class="verse indent0">Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.</div> + <div class="verse indent0">Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:</div> + <div class="verse indent0">Verweile doch, du bist so schön!</div> + <div class="verse indent0">Es kann die Spur von meinen Erdentagen</div> + <div class="verse indent0">Nicht in Äonen untergehn. —</div> + <div class="verse indent0">Im Vorgefühl von solchem hohen Glück</div> + <div class="verse indent0">Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins! +er ist der Augenblick des Todes! — Fragen wir jedoch, warum nun +konnte diese Organisation sich nicht höher, als bis zur <em class="gesperrt">Ahnung</em> +der Seligkeit solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe +entwickeln? warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben +außerhalb der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so +manches zu schreiben, <span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>was jedoch nicht in das Thema <em class="gesperrt">dieses</em> +ohnehin nur zu langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch +schließlich einige flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die +letzte und höchste Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen +des Dichters gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose +vorahnen sollen; denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in +welchem die Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich +fehlen konnte.</p> + +<p>Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und +höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen, +daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für +Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten +angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem +Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen +Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und +Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. — +Wem nicht <span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft +noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor +das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne +Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich +werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe +Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode +entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln +kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach +abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen, +dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit +Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen +ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu +keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können. —</p> + +<p>Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen +versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch +nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns +<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz +eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint +es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das +Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende +Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Freudig empfangen wir</div> + <div class="verse indent0">Diesen im Puppenstand</div> + <div class="verse indent0">Also erlangen wir,</div> + <div class="verse indent0">Himmlisches Unterpfand.</div> + <div class="verse indent0">Löset die Flocken los,</div> + <div class="verse indent0">Die ihn umgeben,</div> + <div class="verse indent0">Schon ist er schön und groß</div> + <div class="verse indent0">Von heiligem Leben.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip, +welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn +bestimmen und anregen könnte — da beginnt eine neue Vision:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Dort ziehen Frau’n vorbei,</div> + <div class="verse indent0">Schwebend nach oben;</div> + <div class="verse indent0">Die Herrliche mittenin</div> + <div class="verse indent0">Im Sternenkranze,</div> + <div class="verse indent0">Die Himmelskönigin</div> + <div class="verse indent0">Ich seh’s am Glanze.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete +Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth +dem Faust zuerst die Ahnung <em class="gesperrt">innerer</em> Seligkeit erweckte — das +Wesen, das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl +durch Liebe selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster +Treue ausglich. — Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade +dieses Wesen — sonst Gretchen genannt — das Wesen, das eigentlich +schon im irdischen Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß, +als Faust mit aller wirrer Gelehrsamkeit — daß dieses am meisten im +Stande sei, die, sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust +— nun auch zur Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen +Ideen: Schönheit, Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster, +göttlicher Wahrheit, gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln +und zu leiten, deßhalb ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich +eigentlich wohl das letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus) +— weil sie selbst als <span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>ein <em class="gesperrt">rein Weibliches</em> durch und durch +das <em class="gesperrt">Symbol der Liebe</em> ist, und weil wir zu jeglichem Großen und +Bedeutenden in Kunst, Leben und Wissenschaft, und zur Erfassung jeder +eigentlich göttlichen Idee, nur durch ächte Sehnsucht nach derselben, +durch thätige Liebe gelangen können.</p> + +<p>Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria, +ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Vom edeln Geisterchor umgeben,</div> + <div class="verse indent0">Wird sich der Neue kaum gewahr,</div> + <div class="verse indent0">Er ahnet kaum das frische Leben,</div> + <div class="verse indent0">So gleicht er schon der heiligen Schaar.</div> + <div class="verse indent0">Sieh, wie er jedem Erdenbande</div> + <div class="verse indent0">Der alten Hülle sich entrafft,</div> + <div class="verse indent0">Und aus ätherischem Gewande</div> + <div class="verse indent0">Hervortritt erste Jugendkraft!</div> + <div class="verse indent0">Vergönne mir ihn zu belehren,</div> + <div class="verse indent0">Noch blendet ihn der neue Tag.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Und wenn ihr dann die <b><span class="antiqua" lang="la">Mater gloriosa</span></b> erwiedert:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Komm! hebe dich zu höhern Sphären,</div> + <div class="verse indent0">Wenn er <em class="gesperrt">dich ahnet</em>, folgt er <em class="gesperrt">nach</em>!“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser <span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>mannichfaltigen +Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer +Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über +die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der +Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes +aufgegangen und deutlich geworden war.</p> + +<p>Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir +beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere +Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal +„als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches +den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter, +vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige +Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger +Erfassung der beseligenden Ideen der <em class="gesperrt">Schönheit</em>, <em class="gesperrt">Güte</em> +und <em class="gesperrt">Wahrheit</em> zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß +erst alsdann, wenn wir die Welt, als ihrer innersten, göttlichen +<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>Anlage nach, in solcher Fortbildung und in einem <em class="gesperrt">solchen</em> +Entwicklungsgange erfassen, sie jenes heilige Schauspiel, jene +<b><span class="antiqua" lang="it">Divina Comedia</span></b>, wirklich darbietet, von welcher „der +Herr“ im Eingange sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Doch ihr, die ächten Göttersöhne,</div> + <div class="verse indent0">Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!</div> + <div class="verse indent0">Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,</div> + <div class="verse indent0">Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,</div> + <div class="verse indent0">Und was in schwankender Erscheinung schwebt,</div> + <div class="verse indent0">Befestiget mit dauernden Gedanken.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Und so für alle Zeit</p> + +<p class="right mright2 mtop2"><span class="mright3">treulichst</span></p> + +<p class="right mright2 mtop2">Ihr C.</p> + +<hr class="r65 x-ebookmaker-drop"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77226 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77226-h/images/cover.jpg b/77226-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..535895b --- /dev/null +++ b/77226-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are 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