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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76751 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription
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+ Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter,
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+ Landesverein Sächsischer
+ Heimatschutz
+ Dresden
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+ Mitteilungen
+ Heft
+ 7 bis 10
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+Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
+
+Band XV
+
+_Inhalt_: Vom Werden und Sein des Leipziger Landes – Vom Auenwald –
+Leipziger Land – Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens
+Grenzdörfern – Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig –
+Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der
+letzten Jahrzehnte – Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit –
+De Heimat – Bücherbesprechungen
+
+ Einzelpreis dieses Heftes 6 Reichsmark
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+ Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
+
+ Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
+ Stadtbank Dresden 610
+
+ Bankkonto: Commerz- und Privatbank,
+ Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
+ Bassenge & Fritzsche, Dresden
+
+ Dresden 1926
+
+
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+_Zur freundlichen Beachtung!_
+
+Im Grundstück _Dresden_-A., Altmarkt 4
+
+(neben Goldmann) haben wir im 1. Stock
+
+_Ausstellungsräume_
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+eröffnet, wo monatlich abwechselnd kleinere Ausstellungen aus dem
+weiten Tätigkeitsgebiet unseres Vereins stattfinden sollen.
+
+Als erste Ausstellung ist von jetzt ab eine
+
+Weihnachts-Verkaufsausstellung
+
+heimatlicher Volks- und Kleinkunst
+
+veranstaltet. Wir bitten um regsten Besuch.
+
+Landesverein Sächsischer Heimatschutz
+
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+/4 Band XV Heft 7/10 1926 4/
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+[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]
+
+Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
+herausgegeben
+
+Abgeschlossen am 30. September 1926
+
+
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+
+Vom Werden und Sein des Leipziger Landes
+
+Von _Richard Buch_
+
+Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
+
+
+Es hat lange gedauert, bis man der Eigenart und damit der Schönheit
+des Leipziger Landes gerecht geworden ist. Noch vor fünfzig, sechzig
+Jahren galt unsere Heimat wegen ihres Mangels an ausgeprägter oder
+auch nur deutlicher Romantik ganz allgemein für öde, reizlos und
+langweilig. Diejenigen, die heute noch mit Geringschätzung auf sie
+herabsehen, können sich auf berühmte Namen berufen (H. v. Treitschke,
+Ratzel u. a.). Und wer es liebt, »klassische Zeugen« für sich in
+Anspruch zu nehmen, der könnte hinweisen auf Goethe, auf jene bekannte
+Beurteilung der Leipziger Gegend in den aus Dichtung und Wirklichkeit
+gewobenen Lebenserinnerungen des Dichters. Es war ja, nach Goethes
+eigenen Worten, neben anderen Umständen vor allem der Mangel an schönen
+und erhebenden Natureindrücken, der ihn während seines Leipziger
+Aufenthalts jener Richtung des Schaffens zutrieb, die ihn alles in sich
+selbst suchen ließ und so seine Dichtungen zu Bruchstücken einer großen
+Konfession machte.
+
+Aber die Anschauungen haben sich gewandelt. Wie sich in der Kunst ein
+Wechsel vollzogen hat von der sogenannten »erhabenen Landschaft«, die
+kaum ohne ruinengekrönte Felsen und stürzende Wasserfälle zu denken
+war, bis zur Darstellung des schlichten im Sonnenflimmer daliegenden
+Ährenfeldes, so hat sich auch in der Landschaftsbetrachtung ganz
+allgemein ein Wandel geltend gemacht, bei dem das Was hinter das Wie
+der Erscheinung stark zurückgetreten ist. In unseren Tagen, wo uns die
+Kunst gelehrt hat, daß keine Gegend ohne Schönheit ist, wo die einst
+landschaftlich gänzlich verachtete Heide für Tausende zum Gegenstand
+schwärmerischer Verehrung geworden ist, wo ein Richard Linde uns die
+herben Reize der weiten Geest- und Marschbreiten an der Niederelbe
+in Wort und Bild begeistert verkünden durfte, da kann es auch nicht
+mehr als Wagnis gelten, von den Schönheiten unserer Leipziger
+Heimat zu reden. Seitdem uns die Malerei die Augen dafür geöffnet
+hat, daß selbst im flachen, eintönigen Bauernland jede schlichte
+Ackerfurche im Wechselspiel von Licht und Farbe eine Fülle malerischer
+Eindrücke offenbaren kann, wird kein sinniger und empfänglicher
+Betrachter unserer Leipziger Landschaft in Abrede stellen, daß auch
+sie Schönheiten über Schönheiten in sich birgt. Freilich liegen die
+Schönheiten nicht an der Straße. Sie sind dem Tagesgetriebe entrückt.
+Man muß sie suchen, mit der Seele suchen. Darum aber kann man sie auch
+still genießen, sie mit ruhigen geistigen Atemzügen in sich aufnehmen.
+Und wer das gelernt hat, der weiß, daß man sich Stimmungen nicht nur
+in den Bergen oder am weiten unendlichen Meere suchen kann, und der
+versteht, daß eine gemütvolle Heimatkunst, wie sie ein Max Heiland
+und andere Landschafter neben und nach ihm gepflegt haben, auch im
+Leipziger Lande wohl eine Stätte haben kann.
+
+Wenn man sich der anmutigen Züge unserer Landschaft freuen will, dann
+darf man sich nicht an anderen Gegenden verdorben haben. In fremden
+Landen sich umgeschaut zu haben, ist der Betrachtung der schlichten
+Heimat noch niemals abträglich gewesen; man darf nur keine falschen
+Maßstäbe aus der Ferne mitbringen und sie unberechtigter Weise auf die
+Heimat übertragen. Unser Leipziger Land ist _Tiefland_, Flachland, ein
+Teil jener großen Ebene, die sich von Frankreich bis zu den baltischen
+Provinzen breitet. Als Ebene will das Leipziger Land betrachtet, als
+Ebene landschaftlich genossen sein. Wer unsere Gegend ob ihres Mangels
+an überraschenden Gegensätzlichkeiten tadelt, wer sie verachtet und
+langweilig schilt, weil ihr kühnanstrebende, reizvolle Steilformen
+fehlen, der verlangt – ja was verlangt der eigentlich? – der verlangt,
+daß das beschauliche, abgeklärte Alter das himmelstürmende, trotzige
+Feuer der Jugend besitzen soll.
+
+Denn unsere Landschaft ist, erdgeschichtlich betrachtet, alt – sehr
+alt; sie zeigt durchaus die milden, vom Abendschimmer verklärten
+Züge des Greisenantlitzes. Unsere so hochgeschätzte Alpenlandschaft
+mit ihren zackigen Firnen, mit ihren tollkühnen, sich überstürzenden
+Wildbächen, mit ihren kindlich-träumerisch blickenden blauen Seeaugen
+ist von knabenhafter Jugendlichkeit gegen unser weites flachwelliges
+Tiefland. Im Gleichklang ihrer weichen, ruhigen Formen läßt uns
+diese Ebene kaum mehr ahnen, daß auch hier einst kühne Bergwellen
+mit zackigen Kämmen und hochaufstrebenden Firsten sich dahingezogen
+haben. Es war einmal! Aber nicht vor hundert oder vor tausend
+Jahren wie im Märchen, sondern vor Zeiten, denen gegenüber unser
+Vorstellen und Denken versagt. – »Mitteldeutsche Alpen« hat man
+dieses Gebirge urvergangener Tage genannt; »variskisches Gebirge«
+pflegt es die Wissenschaft zu nennen. – Das Wasser, das talwärts
+stürzende, strömende, fließende, rieselnde, sickernde Wasser mit
+seiner unwiderstehlich nivellierenden, einebnenden Macht hat das
+vielgestaltige Bergland so lange erniedrigt, bis die letzten Hügel und
+Bergkämme entfernt und die letzten Rinnen und Schluchten mit Schutt-
+und Trümmermassen ausgefüllt waren, bis die abtragenden Gewässer
+im trägen Lauf dahinschlichen, bis selbst dem Winde, dem treuen
+Arbeitsgenossen des nagenden Tropfens, kein Angriffspunkt mehr blieb,
+weil er die letzten Splitterstäubchen des letzten Felsenkammes längst
+über die weite Niederung hingebreitet hatte.
+
+Tief, tief im Schoße unserer Heimaterde, unter weitausgedehnten
+Lehm-, Kies-, Sand-, Braunkohlen- und Porphyrdecken, in Tiefen, die
+zum Teil nur das Auge der Wissenschaft erreicht, die sich nur den
+Mitteln der modernen Technik erschließen, da liegt heute der felsige
+Rumpf _unserer_ Alpen begraben, der übrig gebliebene Kern, der
+Stumpf dieser Uralpen. Meilenlange Risse und Spalten haben ihn in
+der Folgezeit zerrüttet. Gigantische Schollenverlagerungen, die die
+Erde bang erzittern ließen, haben bewirkt, daß die uralte Grauwacke
+des unterirdischen Gebirgsklotzes bis in die Höhen der heutigen
+Erdoberfläche »verworfen« wurde, so daß die Menschen einer späteren
+Zeit unmittelbar vor den westlichen Toren Leipzigs (Kleinzschocher)
+und auch südlich der Stadt (Otterwisch, Hainichen) im Flachlande
+Steinbrüche, richtige Steinbrüche, anlegen konnten. Leider ist es
+trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich gewesen, die merkwürdigen
+Steinbruchswände von Kleinzschocher als die interessantesten
+geologischen Naturdenkmäler der Leipziger Umgebung vor der Verschüttung
+zu bewahren.
+
+Seitdem das Wasser das nordsächsische Grauwackengebirge abtrug, ist
+es der bildende und formende Meister unserer Landschaft bis heute
+geblieben. Als rollende Meereswoge, als verlandender Sumpfsee, als
+breiter Wannenfluß und vor allem als blaues kristallnes Inlandeis
+hat es erniedrigend und auffüllend, hier grobschichtig formend, dort
+feingliedrig ziselierend, an dem Antlitz unserer Heimat gearbeitet,
+langsam und oft unmerklich, so daß sich seine tausendjährigen
+Arbeitsstunden zu Jahrmillionen der Erdgeschichte rundeten.
+
+Nur noch einmal in dieser langen Geschichte unserer Heimat, und zwar
+noch im Frührot derselben, als der gewaltige Gebirgsabtragungsprozeß
+noch im Gange war, hat sich die Erde bei uns darauf besonnen, daß ihr
+noch andere Werkmeister zu Gebote stehen als der stetig und still
+schaffende Wassertropfen. Dämonenhafte Mächte aus Plutos unterirdischem
+Reiche türmten mit titanenhafter Kraft und gewaltigem Ungestüm
+aus glutigem Magma und heißen Aschenmassen trotzige Berge, breite
+Felsdecken und runde Aschentuffhügel empor. Keines Menschen Auge hat
+das grandiose Schauspiel ihrer Tätigkeit geschaut; aber wir wissen:
+die größten Lavaausbrüche mit ihren verheerenden Begleiterscheinungen,
+die die Menschheit erlebt hat, verschwinden im Vergleich zu den
+Ereignissen, die damals unsere Heimat erschütterten. Die Luft war
+weithin durch Aschenmassen verfinstert, aus denen Steine, Aschen
+und rauschender Regen niederstürzten. Ausgedehnte Sumpfwälder
+versanken unter Aschenschichten. Farnbäume, Riesenschachtelhalme
+und altertümliche Nadelhölzer wurden von strömenden Schlammassen
+verschlungen; glühende Lava, deren rotglutiger Schein die Finsternis
+kaum zu durchdringen vermochte, brach in rascher Folge an den
+verschiedensten Stellen unserer Heimat hervor, hier runde Quellkuppen,
+dort breite Decken formend; kochend heiße Schlammströme verhärteten zu
+roten ungeschichteten Tuffen.
+
+[Illustration: Abb. 1. =Blick von der Kirche zu Röglitz ins Auenland=]
+
+Der weithin schauende Rochlitzer Berg, die dunkelbewaldeten
+Porphyrkolmen (Kohlenberg), die heute aus der Gegend von Beucha und
+Brandis in die Leipziger Ebene grüßen, die burgengekrönten Felsen bei
+Colditz und Grimma, die in einem tiefeingeschnittenen malerischen
+Tale die heutige Mulde bergen, die breiten Porphyrdecken, die sich
+bei Buchheim, Ebersbach, Frohburg und anderorts zum Teil unterirdisch
+dahinziehen, der Petersberg bei Halle, von dem in frühgeschichtlicher
+Zeit fromme Klosterglocken ins Land hineinriefen, die Höhen, die
+im Norden bei Landsberg in blauer, dunstiger Ferne schimmern, der
+kleine Kreuzberg drüben bei Taucha-Cradefeld, an dem der Leipziger
+Rat seine Straßensteine bricht, diese und viele andere Erhebungen
+wurden damals geboren, in der ersten Hälfte der Dyaszeit, in der
+Zeit des Rotliegenden, wie die Gelehrten sagen. – Heute ertönt
+in den erstarrten Porphyrbergen der Umrandungszone der Leipziger
+Tieflandsbucht das lustige Klingklang der Steinhämmer und das dumpfe
+Dröhnen der Schotterschlagmaschinen, denn das reichbesiedelte Leipziger
+Land braucht Werksteine für Häuser, Monumentalbauten und Denkmäler
+und Steinschlag für die Wege im weichen Boden des Schwemmlandes. Das
+gewaltigste Wahrzeichen der Leipziger Ebene türmt sich empor aus
+den grünlichen Quadern des harten Beuchaer Granitporphyrs, und eben
+erstehen vor dem alten Lotterbau auf dem Leipziger Marktplatz aus dem
+warmgetönten rötlichen Rochlitzer Porphyrtuff die Eingänge zu der
+großen Untergrundmeßhalle. – Der Steinbruchsbetrieb hat vielfach die
+Schönheit der Landschaft beeinträchtigt, er hat aber auch Bilder von
+besonderer Eigenart geschaffen, wie die Beuchaer Kirchwand, deren
+starren Linien sich die oft gemalte trutzige Wehrkirche da oben auf
+der Höhe so wunderbar anpaßt. Geheimnisvoll wie kleine grüne Bergseen
+muten uns oft die tiefen klaren Wasseransammlungen an, die zwischen
+den moosfarbenen und flechtengrauen Bruchwänden alter aufgelassener
+Steinbrüche träumen.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Kirche zu Beucha=]
+
+Nach den vulkanischen Umwälzungen der Rotliegendenzeit hat in
+unserer Heimat, wie gesagt, nur noch das Wasser erdbildend und
+landschaftsgestaltend gewirkt. Die Einebnung der variskischen
+Alpenzüge, Hand in Hand mit einer starken Senkung des mitteldeutschen
+Bodens gestattete es, daß ein weites flaches Meer, vom Ural bis in
+die Mitte Englands reichend, über den größten Teil Deutschlands
+hinweggriff. Es war das Zechsteinmeer, das an Ausdehnung, Gliederung,
+Tiefe und Salzgehalt proteusartig wechselnd, dem deutschen Vaterlande
+seine gewaltigen Steinsalzlager mit den heute darüberliegenden uralten
+Hallorten und Sulzbädern, ferner die wichtigen Kalilagerstätten und
+den versteinerungsreichen Kupferschiefer schenkte, der schon zu den
+Zeiten bergmännisch gewonnen wurde, da Luthers Vater zu Eisleben und
+Mansfeld ein armer Häuer »gewest«. – Unser Leipziger Land ist vom
+Zechsteinmeer wahrscheinlich mit der Randzone berührt worden, aber
+die Niederschlagsgesteine dieser Zone – Plattenkalke und schöne bunte
+Letten oder Tone – sind zu unbedeutend, als daß sie Einfluß auf das
+Landschaftsbild unserer Gegend hätten gewinnen können. Steinbrüche bei
+Ottenhain-Geithain geben uns von ihrem Dasein Kunde.
+
+Der nicht vom Zechsteinmeer bespülte Teil unseres Vaterlandes war
+Flachküste. Dünenhügel und Dünenkämme mögen ihr das Gepräge gegeben
+haben. Je mehr sich das Zechsteinmeer zurückzog und in seinen Resten
+der Eindampfung verfiel, mußte sich dieser Wüstencharakter über
+Deutschland verbreiten. Sand, Sand, unendlicher Sand, das wurde
+die Signatur des trocken gelegten Landes. »Die Luftströmungen, die
+über der sonnendurchglühten Ebene emporstiegen, führten von allen
+Seiten stürmische Winde herbei«, und mit ihnen zogen samumartig
+rötliche Sandmassen daher, deren ungeheures Material den vom Wasser
+zerstörten Graniten und Gneisen der südlichen Züge der variskischen
+Alpen entstammte. – »Buntsandsteinzeit« hat man diese Wüstenperiode
+der Erdgeschichte genannt, denn die vielfarbigen Sande sind in der
+Folgezeit zu festem Sandstein verkittet worden. Vielfach mag das
+fließende und nagende Wasser die bunten Sandsteinbänke wieder beseitigt
+haben, auch bei uns in unserer Heimat. Aber da, wo Schnauder und
+Rippach ihre Bachbetten in das Leipziger Land gruben, da können wir
+ihre Reste noch heute beobachten. Weiter nach Süden, Westen, an der
+Elster und an der Saale gewinnen sie dann auch bestimmenden Charakter
+für die Landschaft.
+
+In der Buntsandsteinzeit grüßen wir schon das Morgenrot jener
+umfassenden, Jahrmillionen dauernden Erdepoche, die, als Mittelalter
+der Erdgeschichte bezeichnet, drei Schöpfungsperioden einschließt: die
+Trias-, Jura- und Kreidezeit. Es ist der Abschnitt der Erdentwicklung,
+wo sich die aufbauende Tätigkeit der Ozeane und Meere ins Allgewaltige
+steigert. Aus dem Muschelkalkmeere schlagen sich die zweihundert Meter
+mächtigen Muschelkalkbänke nieder, von deren Höhe heute stolze Burgen
+ins freundliche Saaletal herabschauen. Im Jurameer, in dessen Wogen
+sich die fabelhaften durch Viktor Scheffels feuchtfröhliche Laune
+so berühmt gewordenen Saurier tummelten, bauen sich aus tierischen
+Kalkresten die gewaltigen Juragebirge auf. In den Flachseen der
+Kreidezeit bilden sich aus den Kalkgehäusen unzähliger mikroskopischer
+Kleintiere die weißen Felsen der Schreibkreide, auf Rügen zum Beispiel
+und in der Champagne, aus eingeschwemmten und eingewehten Sandmassen
+aber auch die Quadersandsteine unserer Sächsischen Schweiz. Von all
+diesen Schöpfungsvorgängen aber bleibt unsere Heimat unberührt.
+Während sich das Land umher senkt und so den ozeanischen Fluten
+Zutritt gewährt, bleibt das böhmische Massiv mit einem nordwestlichen
+Ausläufer, also auch unsere Scholle, Festland, oft inselartiges
+Festland. Und so fehlen in der Schichtung unseres heimatlichen Bodens
+wichtige erdgeschichtliche Nachweise; die Chronik unserer Heimaterde
+zeigt hier eine schmerzliche Lücke.
+
+Als nun die Neuzeit der Erdgeschichte anbricht, als die Alpen von
+heute zu strahlender Schönheit aufsteigen, als von der Eifel bis
+zum schlesischen Gebirge erneut lava- und aschespeiende Vulkane
+lohen und die Basaltkuppen des Erzgebirges der Tiefe entquellen,
+als zwischen Schwarzwald und Wasgenwald der Graben einbricht, der
+heute die lachenden Fruchtgefilde des Oberrheins birgt, als die
+südliche Flanke des Erzgebirges zur böhmischen Tiefe hinabsinkt, da
+liegt unsere Heimat inmitten all dieses gewaltigen Geschehens da
+als eine weite flache, nach Norden und Westen sich senkende offene
+Wanne. Die weiten Porphyrdecken, die die vulkanischen Gewalten der
+Rotliegendenzeit einst ausbreiteten, sind an der Oberfläche längst in
+Verwitterungsschutt zerfallen, und die feinsten Teile dieses Schuttes
+hat das aufbereitende Wasser als ausgedehnte Lehm- und Sandschichten
+über das flache Wannenland hingelagert. Subtropisches Klima, wie es
+heute etwa am Mississippi herrscht, brütet über der Heimat. Zwischen
+flachwelligen Höhen breiten sich weite Sumpfgewässer und Moore
+aus. Auf ihren Verlandungszonen und auf dem Waldmoorboden wachsen
+üppige Sumpfzypressen. An den Ufern grünen Zimt- und Feigenbäume,
+blühen prächtige Magnolien, duften blühende Oleander, stehen Myrte
+und Lorbeer. Von den flachen Landrücken grüßen immergrüne Eichen,
+Ahorne, Birken und andere Waldbäume meist heutigen Charakters. – In
+regenreichen Perioden räumen breite, wasserreiche Flüsse die Täler
+des sich hebenden erzgebirgischen Nordflügels, der mittelsächsischen
+Hügelketten und des heutigen Vogtlandes aus, mit den gewaltigen
+Schuttmassen das Flachland immer mehr einebnend und die überschwemmten,
+untergehenden Moordecken und Sumpfwälder unter mächtige Schichten von
+Sand und Schlamm bettend. Da sich das Flachland senkt, bricht von
+Norden her das Meer ein. Bis dahin, wo heute die Blütenpracht der
+Röthaer Obsthaine unser frühlingstrunkenes Auge entzückt, plätschern
+die Wellen der Flachsee. Seicht und breit mündende Ströme tragen von
+Süden her Kies- und Sandbänke in die See hinein. Und wenn es dem
+schürfenden Wasser gelang, im südlichen Teil der Tieflandsbucht längst
+begrabene, verkohlende Moordecken anzuschneiden, dann führen sie wohl
+in braunschmutzigen Fluten das Material herbei, um es zwischen die
+Schichten des Deltas als bodenfremde Braunkohlenflöze und -schmitzen
+einzulagern. Und als dann das Meer sich wieder nordwärts zurückzieht,
+grünen noch einmal üppige Sumpfwälder empor, um schließlich wiederum
+unter den Sinkstoffen der Flüsse eingeschichtet zu werden.
+
+Die hohen Schornsteine, die heute an der Wyhra, im Altenburger Land
+und in der weiten Lützener Ebene wegweisend am Horizonte emporragen,
+kennzeichnen die Stellen, wo menschlicher Fleiß die ausgedehntesten
+und mächtigsten Flöze, die immer bedeutungsvoller werdenden
+braunen Schätze der Tertiärzeit abbaut. Die tiefen, sich weithin
+erstreckenden Tagebaue, die grüne Saaten verschlingen und Dorf und Wald
+bedrohen, die keuchenden Bagger, die hochaufgeschütteten Erdhalden,
+die fauchenden und zischenden Zechenbahnen, die neuerstandenen
+Brikettfabriken und Kraftwerke mit hochaufragenden Schloten, die
+Eisenbahnladeplätze mit ihren Schienensträngen und Wagenreihen, die
+neuzeitlichen Arbeiterviertel in den Dörfern, deren alte Bauernhäuser
+sich verschüchtert um das verwitterte Dorfkirchlein scharen, die
+landfremden Kohlenarbeiter mit ihrer dem Tagesberuf angepaßten Tracht,
+– das und noch vieles andere zeigt, wie eng menschliches Sein und
+Schicksal von heute mit der unendlichen Vergangenheit der heimatlichen
+Scholle verbunden ist. Ist es _nur_ neue Form, die wir hier im
+Braunkohlengebiet schauen, oder ist es nicht auch neue Schönheit? – Die
+Kunst, die schon eifrig hier ihre Motive sucht, wird uns auch lehren,
+in diese von menschlichem Willen und menschlicher Kraft so stark
+beeinflußte Landschaftsgestaltung unsere Seele hineinzutragen.
+
+[Illustration: Abb. 3. =An den Braunkohlenwerken Dora und Helene bei
+Lobstädt=]
+
+Das Relief, das die Heimat am Ende der Braunkohlenzeit zeigte, haben
+die kommenden Jahrtausende der erdgeschichtlichen Entwickelung
+nicht ganz verwischen können. Der flache Höhenzug zwischen Pleiße
+und Parthe zum Beispiel, der heute das Völkerschlachtdenkmal trägt
+und sich nach Nordwesten bis zum Leipziger Alten Theater, bis in
+den Mündungswinkel der Pleiße und Parthe hineinschiebt, dieser
+unbedeutende Rücken, der den Kern unserer Stadt, die Altstadt trägt und
+ihm Schutz vor den Überschwemmungen der Pleiße bot, ist tertiären oder
+braunkohlenzeitlichen Alters. Ihm verdanken wir, daß bei uns die Kinder
+am »Barfußberge« spielen, daß wir in Connewitz ein »Oberdorf«, in der
+Südvorstadt eine »Hohe Straße« verzeichnen können. Von seiner Höhe
+grüßt heute an Stelle der alten Zwingburg Dietrichs des Bedrängten die
+Matthäikirche.
+
+Den stärksten Einfluß auf die Formung des heutigen Landschaftsbildes
+im Leipziger Kreise hat die jüngstvergangene erdgeschichtliche Periode
+erlangt, die Eiszeit oder die große Schneezeit (Diluvium). Wasser war
+es wieder, das hier die letzte Arbeit meisterte, – Wasser, diesmal in
+Gestalt des blauen Gletschereises.
+
+Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem Sumpfboden
+unserer Heimat entlockt hatte, war längst einem kühleren Klima
+gewichen. Die mittlere Jahrestemperatur war langsam stetig gesunken,
+so daß sie noch um einige Grade tiefer lag als unser heutiges
+Jahresmittel. Dazu hatte das Klima ozeanischen Charakter angenommen.
+Die Niederschläge mehrten sich; im hohen Norden Europas, sowie in den
+Bergen der Alpen und auf den Höhen der deutschen Mittelgebirge häuften
+sich die Schneemassen. Bald quollen in den Bergen die Firnbecken über.
+Von den Alpen, vom Schwarzwald, vom Odenwald, vom Harz und von den
+Sudeten stiegen die Gletscher in die Vorlande. Und von den höchsten
+Höhen Skandinaviens verbreitete sich nach allen Seiten hin dickes
+Inlandeis, wie wir es heute aus Grönland kennen. Vom Ural bis Holland
+und England begrub es Nordeuropa unter seine gewaltige Last. Auch
+über unsere Heimat schreitet das Eis bei seinem stärksten Vorstoß von
+Norden her in einer Dicke von dreihundert Metern hinweg. Erst der Fuß
+des Erzgebirges gebietet ihm Halt. – Wie ein Riesenbagger schürft das
+langsam vorrückende Eis das Land unter sich auf. Es bricht gewaltige
+Blöcke und Platten der norwegischen und schwedischen Felsgesteine los,
+es hebt ganze Schollen der feuersteinreichen Kreide auf Rügen ab, es
+preßt die ungeheuren Lager von weichen Tonen und lockeren Sanden in
+der norddeutschen Ebene auf und schleppt alles im Weiterschreiten
+und Weitergleiten als Grundmoräne in seiner Sohle mit sich fort. Wo
+das Eis über anstehende Felskuppen hinweggleitet, da scheuert es das
+harte Gestein mit dem feinen Sand-, Ton- und Kalkschlick seiner Sohle
+ganz blank und kratzt in die fast spiegelglatten Flächen feine Ritzen
+und Schrammen hinein. Wenn drüben bei Beucha oder Kleinsteinberg
+die Steinbrecher neue Sprengungen vornehmen wollen und vorher die
+fruchtbare Ackerkrume vom Porphyrgestein abdecken, dann finden sie
+solche »Gletscherschliffe« als Erinnerungsmerkmale der eiszeitlichen
+Vergangenheit unserer Heimat. – Als die klimatischen Verhältnisse
+Europas ganz allmählich sich denen von heute näherten, da trat das Eis
+seinen Rückzug nach Norden an. Oft aber unternahm es bei eintretenden
+Klimaschwankungen erneute Vorstöße, so daß auch für unsere Heimat
+Zeiten der Vereisung mit Zwischeneiszeiten wechselten, in denen die
+Leipziger Tieflandsbucht eisfrei blieb. Mit Sicherheit sind wenigstens
+zwei stärkere Vereisungen unserer Gegend anzunehmen. Das zurückgehende
+Eis ließ als kostbares Geschenk den mit Blöcken und Steinen
+gespickten zähen Lehmbrei seiner Grundmoräne zurück, den sogenannten
+Geschiebelehm. Er bildet heute die fruchtbare Ackererde unserer Felder
+mit ihrem Reichtum an Lesesteinen, mit ihren zahlreichen einsamen Irr-
+und Wanderblöcken in stiller Feldflur.
+
+Zwischen Saale und Elster im Westen, zwischen Pleiße und Parthe im
+Osten und vor allem im Norden ins Provinzialsächsische hinein hat
+der Geschiebelehm unübersehbare tischglatte Gemarkungen geschaffen.
+Hier werden wir uns des Flachlandcharakters unserer Heimat am
+deutlichsten bewußt. Hier reiht sich Feld an Feld, Ackerstreifen an
+Ackerstreifen. Nichts als die regelnde Hand des menschlichen Fleißes
+ist in dem schachbrettartigen Getäfel erkennbar. Geradlinig ist alles,
+die Straßen und Schienen oft wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das
+langgestreckte Straßendorf bringt wenig Abwechselung in das Bild. Und
+doch ist dieses flache Bauernland schön und wird dem, der es kennen
+lernt, zum tiefen Erlebnis. Der weite in die Ferne hinausführende
+Horizont, der hohe unendliche Himmel mit seiner zu Herzen gehenden
+Wolkensprache, die unerschöpflichen Feinheiten der Luftperspektive,
+die unvergleichlichen Sonnenuntergänge, die prachtvollen Gewitter,
+die in der Ebene viel mehr dem Auge als dem Ohre predigen, das alles
+wirkt bedeutend – und erhebend. Glücklicherweise steigert sich die
+Ebenflächigkeit nirgends zur Monotonie. Das bunte Mosaik der Felder,
+die im Blütenschnee schimmernden Reihen der Straßenbäume, die von
+blumigen Wiesengründen begleiteten und von Erlen und Weiden gesäumten
+Bäche und Rinnsale, die weithin blinkenden Teiche, die duftigblau
+fernschimmernden Waldsäume der Diluvialwaldungen, die zahlreichen mit
+ihren Dächern und Türmen aus segenspendenden Obstbäumen hervorlugenden
+Dörfer, die weithin leuchtenden Wassertürme, das alles gruppiert
+sich zu immer neuem, fortwährend wechselnden Bildern von schlichter,
+lieblicher Schönheit. Vieles ist in dieser Landschaft charakteristisch
+und typisch. Nicht zuletzt das Menschenleben. Der »uralt heilige Beruf
+des Landmannes«, in Bildern von unerschöpflicher Schönheit tritt er uns
+hier entgegen. Der ernst schreitende Säemann, der rüstige Schnitter,
+die flinke Garbenbinderin, der hochbeladene Erntewagen, der Pflüger
+mit den strebenden Rossen. »Oft sind sie zu fünf, sechs oder mehr auf
+der sonnigen Erdscheibe zu sehen, bis zu Fernen, in denen sie sich zu
+winziger Kleinheit verlieren«. Und darüber im blauen Frühjahrshimmel
+windzerrissene Märzwolken. Wenn es wahr ist, daß Schönheit mit der
+Schlichtheit wächst, hier im flachen Bauernland wird es Ereignis.
+
+[Illustration: Abb. 4. =Die Femlinden auf Ehrenberger Revier im
+Leipziger Auenwald=]
+
+Indem das Inlandeis bei seinen einstigen vor- und rückläufigen
+Bewegungen die Erhebungen des Bodens einebnete und die Senken mit dem
+Material seiner Grundmoräne ausfüllte, hatte es dem Leipziger Land
+noch einförmigere Linien verliehen, als es wohl schon am Ausgange
+der Braunkohlenzeit aufgewiesen hatte. Gleichsam unzufrieden mit
+dieser seiner Arbeit, brachte es vor seinem endgültigen Rückzuge
+ganz neue belebende Züge in das Bild der Landschaft. Da wo der Rand
+des Inlandeises auf längere Zeit, Jahrhunderte, Jahrtausende, zur
+Ruhe, zum Stillstand kam, häuften sich die Gesteinstrümmermassen
+des Gletschers zu langen Hügelreihen, zu riesigen eiszeitlichen
+Stirn- oder Endmoränen. Die von den Steilwänden des Gletscherrandes
+herabstürzenden, gurgelnden Schmelzwässer durchspülten unaufhörlich
+die gewaltigen Schuttanhäufungen der Endmoräne und entführten ihr die
+lehmigen und tonigen Bindemittel, so daß schließlich nur noch lose
+Haufwerke von Sanden, Kiesen, Blöcken und Gesteinsgrus blieb.
+
+[Illustration: Abb. 5. =Blick von der Beuchaer Kirche über den
+Steinbruch nach dem Kohlenberg=]
+
+Der bewaldete Bienitz mit dem benachbarten Wach- und Sandberg im Westen
+Leipzigs und die zahlreichen Höhen, die uns nördlich und östlich der
+Parthe grüßen, sind solche Endmoränenzüge. Wallartig geschlossen und
+nur am Bienitz durch die breite Elster-Luppen-Niederung unterbrochen,
+erstrecken sie sich von Dehlitz drüben bei Weißenfels an der Saale bis
+nach Eilenburg an der Mulde hin. Während sie aus weiter Ferne geschaut
+fast untertauchen in dem gewaltigen Gleichklang unserer Ebene, treten
+sie, aus der Nähe betrachtet, oft recht auffällig hervor. Einzeln für
+sich gesehen riesigen Maulwurfshaufen gleichend, bieten sie Freunden
+schöner Linienführung in ihrer Aneinanderreihung (Gordemitz) großen
+Genuß. Da wo die Gegenstücke unserer Landschaft, Moränenhügel und
+Aue unmittelbar nebeneinander auftreten (Parthenlauf), wo sich dem
+sanftanstrebenden Decksandhügel die Aue mit blumigen Wiesen anlehnt,
+da ist die Landschaft von überraschender Lieblichkeit. Die Windmühle
+mit den lustig im Winde sich drehenden Flügeln auf kahler luftiger
+Moränenhöhe und die stille Wassermühle am Auenfluß, tief eingebettet
+in das Grün buschiger Erlen und Weiden, mit dem schwerfälligen
+unterschlächtigen Mühlrade, sind Symbole einer Gegensätzlichkeit,
+die man im Leipziger Land nicht sucht. Oft sind die sandigen Hügel
+von Beständen der genügsamen Kiefer gekrönt. Ihr düsteres Grün gibt
+einen feinen Kontrast zur hellgrauen, spärlichen Ackerscholle oder zum
+gelblich-weißlichen Sande der abgebrochenen Sandgrubenwand. Wenn man
+da oben sitzt und das Auge die sandig welligen Abhänge hinabgleiten
+läßt, wenn man den weichen, sonnenheißen Sand durch die Finger rieseln
+läßt und das sandholde Pflanzen- und Tierleben belauscht, dann kommt
+Heidestimmung über einen, und Heidesehnsucht quillt im Herzen auf.
+Häufig tragen die Hügel kleine trutzige Wehrkirchen (Panitzsch, Thekla,
+Frankenhain u. a.) aus den Zeiten, da unser Land heißumstrittener
+Kolonialboden war und deutsche Ansiedler die neugewonnene Heimat gegen
+die von Osten heranbrandenden slawischen Sturmfluten verteidigen
+mußten. Obwohl die Moränenhügel die Höhe von einhundertundachtzig Meter
+nirgends überschreiten, sieht der anspruchslose Bewohner der Ebene doch
+in ihnen Berge. Als Wach-, Kreuz-, Wein-, Fuchs-, Galgenberge usw. sind
+sie in den Heimatkarten verzeichnet. Gelegentlich hat man sie sogar
+mit Aussichtstürmen geschmückt. Und es lohnt sich reichlich, einen
+solchen Ausguck zu besteigen. Bei der Ebenflächigkeit des Landes gibt
+es Ausblicke von überraschender Tiefe ins weite, weite Land hinein.
+Wo zwischen die Hügelreihen einsame Dörfer eingebettet liegen, da
+atmet die Heimat fast den Frieden und die Abgeschiedenheit stiller
+Gebirgsdörfchen.
+
+Als sich das nordische Eis unserer Heimat näherte, schob es mächtige
+Eiszungen in die breiten Strombetten der heimatlichen Gewässer vor.
+Haushohe Stauwehre von Eis zwangen unsere Elster und Pleiße, die
+ursprünglich in nördlicher Richtung flossen, nach Westen dem Eisrande
+entlang auszubiegen. Auch die Mulde gab damals ihren nördlichen Lauf
+in der Gegend von Grimma auf und wälzte ihre durch Gletscherwässer
+verstärkten Fluten in zwei breiten Armen dem Lauf der heutigen Gösel
+und Parthe folgend über Leipzig der Saale zu. In der Eiszeit entsteht
+so die breite Entwässerungsrinne zwischen Leipzig und Merseburg,
+in der jetzt alles fließende Wasser des Leipziger Landes der Saale
+zuströmt. – Nach der Eiszeit brach für Norddeutschland und auch
+für unsere Ebene eine Trockenperiode an, eine Steppenzeit, in der
+gewaltige, lößaufhäufende Staubstürme über die Gegend dahinbrausten.
+Die Flüsse büßten mehr und mehr ihre Wasserfülle ein. – Und nach dieser
+Steppenperiode nahm dann infolge erneuter klimatischer Veränderungen
+unsere heutige Pflanzenwelt von der Heimat Besitz. Blumige Wiesen und
+schimmernde Laubwälder breiteten ein farbenfreudiges Gewand über die
+Landschaft. Trotz reichlicherer Niederschläge aber blieben die Flüsse
+jetzt klein und unbedeutend bis auf den heutigen Tag. – Nur wenn im
+Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, scheinen sich die schwächlichen
+Epigonen der riesigen Eiszeitströme ihrer gewaltigen Vergangenheit
+zu erinnern. Sie steigen aus ihren schmalen Ufern und verwandeln
+die breite Aue in einen blinkenden See. Dann gibt es südlich bei
+Markkleeberg und im Nordwesten bei Modelwitz und Papitz trotz aller
+Dämme und Flutrinnen eine Fülle reizvollster Überschwemmungsbilder.
+– Die gelbe Flußtrübe der Überschwemmungsfluten setzt sich zu Boden,
+und eine dünne Schlammkruste bleibt zurück. Der Märzwind trocknet sie,
+und aus den tausend Rissen und Sprüngen sproßt hoffnungsfreudig neues
+Grün hervor. Unzählige Male ist die Flußaue so überschwemmt worden. Aus
+den dünnen Schlammschichten ist eine mächtige Lehmdecke geworden. Es
+ist der Aulehm unserer Flußtäler, ein feuchter, schwerer, steinfreier
+Lehm, der zahlreichen Ziegeleien ein ausgezeichnetes Material liefert.
+Unter ihm liegen zuweilen Sand- und Schottermassen, die die Flüsse hier
+ablagerten, wenn sie besonders transportfähig waren.
+
+[Illustration: Abb. 6. =Auenwaldbild bei Rübsen=]
+
+Aus der Höhe von Papitz schauen wir heute hinein in die lachende Aue.
+Wie eine ebene Tafel ist das Schwemmland der Aue eingelagert in die
+höher gelegene Geschiebelehm- und Endmoränenlandschaft. Bald ist der
+Gegensatz von Aue und Auenrand scharf, bald klingen die Höhen des
+Randes sanft in die Aue hinein aus. Es sind zwei verschiedene Welten,
+die sich hier berühren, Hochland und Tiefland, Steppe und Wasserland,
+Geest und Marsch, Ackerland und Bruchland, Kultur und Wildnis, uralte
+Gegensätze, die sich auf Erden so oft wiederholen. – Wasser, Wiese
+und Wald sind die drei Landschaftselemente, die sich in der Aue in
+immer neuen überraschenden Gruppierungen zusammenfinden und so den
+Reichtum an Landschaftsbildern ergeben, der die Aue auszeichnet. Ihrer
+eigensten Natur nach ist die Aue uraltes Wasserland. Wasser quillt im
+sumpfigen Boden; Wasser rinnt in den Flüssen mit ihren vielen Armen
+und Gräben; Wasser erfüllt die zahlreichen Überschwemmungstümpel,
+die stillen Altwässer, die verträumten Lachen, die waldumgürteten
+Sümpfe, die schilfreichen alten Lehmstiche; Wasser braut um Busch
+und Baum, wenn am Abend den tiefen Wiesengründen graue Nebelschwaden
+entsteigen. Was die Aue unter allen Landschaftsformen der Heimat
+obenanstellt, das ist der prächtige Auwald mit seinem Reichtum an
+Laubbaumarten, mit seinen weichen Blättermassen und seinen weichen
+runden Laubformen, mit seinen vielhundertjährigen Rieseneichen, seinem
+dichten aus Strauchwerk und Stockausschlag bestehendem Unterholz, mit
+seiner eigenartigen Frühlingsflora und seinen üppigen Schattenstauden
+im Sommer. Wo sich dieser Wald kulissenartig hinausschiebt in die
+Wiesenlandschaft der Aue, da gibt es Bilder von hoher landschaftlicher
+Wirkung; im Mondenlicht gesehen sind diese Bilder von überraschender
+Plastik, so daß sie das Auge fast körperlich aufnimmt. Im Strahl der
+Herbstsonne lohen die reichen Blättermassen der zahlreichen Baumarten
+in einer unvergleichlichen Farbensymphonie auf. Herbstfahrten durch
+die Aue! Einen höheren Naturgenuß kann es kaum geben! Die Laubgänge
+leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmerndes Licht durch bunte
+Kirchenfenster. Von Tag zu Tag werden Farben flammender, bis der erste
+Frost der Herrlichkeit ein jähes Ende bereitet. – Die Auenwiesen,
+die besonders in der Elster-Luppen-Aue (Oberthau) in manchmal kaum
+übersehbarer Weite hingebreitet sind, können sich an Blumenreichtum und
+Farbenpracht nicht mit Gebirgswiesen messen. Der kühle Aulehm ist der
+Farbenfülle nicht günstig. Zumeist ist es eine bestimmte Pflanze, die
+mit ihrer Blütenfarbe die Wiese eine Zeit lang beherrscht. Das tiefe
+Gelb der duftenden Schlüsselblume wird abgelöst vom zarten Blaßblau
+des Wiesenschaumkrautes; das prächtige Rosa des Wiesenknöterichs
+weicht dem Scharlachrot des Ampfers usw. – Die menschlichen
+Siedelungen fliehen die Aue wegen der Überschwemmungsgefahr. Es sind
+zumeist Einzelsiedelungen, die uns in der Aue begegnen, Gasthäuser
+an Querwegen, Wassermühlen und Ziegeleien. Gering ist die Zahl der
+Auendörfer. Aber oben auf dem Auenrand, da reihen sich schon seit
+vorgeschichtlichen Zeiten die Siedelungen aneinander wie die Perlen an
+der Schnur. Die Großstadt hat die Wassernatur des Landes überwunden und
+die Aue erobert. Aber in hundert Zügen hat ihr das Wasser den Charakter
+der »Auenstadt« aufgeprägt. Als köstliches Geschenk der engen Beziehung
+seiner Stadt zur Auenlandschaft schätzt der Leipziger, daß er wenige
+Minuten von dem alten Marktplatz, dem Mittelpunkt der Stadt, und vom
+Hauptbahnhof, dem heißklopfenden Herzen des Großstadtverkehrs, in
+Waldungen eintreten kann, die nach Roßmäßlers Urteil zu den schönsten
+in Deutschland zählen.
+
+[Illustration: Abb. 7. =Auenlandschaft bei Oberthau=]
+
+ * * * * *
+
+So liegt das Leipziger Land vor uns als ein Geschenk des Wassers:
+Schwemmland von uraltem Schwemmlandscharakter. – Das menschliche
+Schicksal von Jahrtausenden ist heute in diese große Schwemmlandstafel
+eingegraben. »Alles Schaffen, alles Hoffen und Leiden, alles Gewinnen
+und Verlieren längst vergangener Menschengeschlechter ist hier
+verzeichnet.« Selbst da, wo die Landschaft noch am ursprünglichsten
+zu uns spricht, im weiten Wasserland der Aue, gibt es wohl keinen
+Schrittbreit Boden, den menschlicher Wille nicht beeinflußt hätte.
+Und doch kann die Landschaft die Züge, die ihr die Weltenjahre
+erdgeschichtlicher Vergangenheit aufgedrückt haben, nirgends
+verleugnen. Die Urnatur des Landes, gewissermaßen die Wildnis, schaut
+überall durch den dünnen Schleier der Kultur hindurch. »Gewaltiger
+als der Mensch ist die Natur, die ihn selbst mit unlösbaren Banden
+umspannt.«
+
+
+
+
+Vom Auenwald
+
+Von Professor Dr. _Naumann_
+
+
+Als Muster eines Auenwaldes bezeichnet Roßmäßler die artenreichen,
+feuchtkühlen Laubwälder der Leipziger Umgebung. Er sagt darüber: »Die
+Nähe eines gepflegten Auenwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene
+vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden
+Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich
+Leipzig, welches aus seinem westlichen Tor unmittelbar in einen der
+schönsten Auenwälder Deutschlands tritt.«
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 1. =Am Hemmschuh bei Rehefeld, im Vordergrund Märzbecher=]
+
+Jeder Auenwald verdankt seine Entstehung und seine Zusammensetzung der
+überschwemmenden Tätigkeit eines Flußsystems.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Karte des Auwaldgebietes westlich von Leipzig;
+das Flußnetz der weißen Elster und Luppe umfassend=
+
+Durch die starke Verkleinerung der Karte sind die Beschriftungen schwer
+zu erkennen, und sind deshalb die im Aufsatz genannten malerischen
+Gegenden, Wasserläufe und dergleichen zur schnelleren Auffindung auf
+der Karte mit Pfeilen und Nummern versehen worden, die in der
+nachstehenden Erläuterung erläutert sind.
+
+=Erläuterung=:
+
+ 1 = Weiße Elster
+ 2 = Luppe
+ 3 = Hundewasser
+ 4 = Burgauer Forstrevier
+ 5 = Polenz
+ 6 = Park vom Lützschenaer Rittergute
+ 7 = Malerische Altwassertümpel zwischen Gundorf und Lützschena
+ 8 = Auwaldzauber der Luppelandschaft bei Leutzsch
+ 9 = Malerische Baumbestände an der Luppe in der Gegend von
+ Maslau und Horburg
+ 10 = Maslauer Eiche
+ 11 = Kaisereiche
+ 12 = Polenzeiche
+ 13 = Königseiche
+]
+
+Während der Oberlauf des Flusses sich eingeengt sieht durch die
+ansehnlichen Bodenerhebungen eines Berglandes, dringt der Mittellauf
+meist durch liebliches Hügelgelände. Solch begleitende Höhen lassen
+eine breite Überschwemmungszone kaum aufkommen. Der schmale Ufersaum
+ist meist blockreich und schotterbedeckt, so daß sich Baumbestände
+auf vereinzelte Weiden, Erlen und Espen beschränken, wie wir an den
+schmalen Uferstreifen unserer Erzgebirgsflüsse wahrnehmen können. Der
+meist gewundene Lauf ist einer ruhigen und steten Ablagerung feinerer
+Anschwemmungsprodukte nicht günstig, und infolge des noch starken
+Gefälles im jugendlichen Strom bleiben nur kiesige Massen an den
+Uferrändern, während die aufschwemmbaren Produkte bis weit hinab ins
+Niederland geführt werden. Hierzu kommen die reißenden Schmelzwässer
+des Frühjahrs, welche etwa angehäuften Feinboden wieder zerstören.
+Nur selten zeigt sich in breiteren Gebirgsmulden, wie am Hemmschuh
+bei Rehefeld im Flußgebiet der Wilden Weiseritz, ein auwaldähnlicher
+Holzbestand, welcher als Auwaldpflanze noch den _Märzbecher_ führt.
+(Abb. 1.) Der Prallhang der Bergflüsse bietet den Holzgewächsen gar
+keinen Raum, und der kiesige Gleithang ist meist mit _strauchigen
+Weiden_[1], einem _~Salicetum~_, bestanden.
+
+Erst in der Niederung fließt der Strom in majestätischer Breite
+und altersträger Ruhe ohne besondere Richtungsänderung dahin. Nach
+starkem Herbstregen oder durch die Schmelzwässer des Frühlings
+tritt er weit über seine Uferränder hinaus und setzt feinkörnige
+fruchtbare Verwitterungsmassen ab, die wir als _Aulehm_ bezeichnen,
+und welche aus Ton und feinem Sande bestehen. Nur dann weicht der
+Strom der Niederung von seiner eingeschlagenen Hauptrichtung ab, wenn
+sich ihm leichtgewellte Höhenzüge, wie bei der Elbe der Fläming,
+entgegenstellen, oder wenn seitliche, wasserreiche Zuströme ihm eine
+andere Richtung aufdrängen, wie dies bei der Weser durch die Aller
+geschieht. Dort, wo mehrere gleichgerichtete Flüsse sich auf engem Raum
+vereinigen, wo also ein engmaschiges Flußnetz gewebt ist, wird sich die
+günstigste Gelegenheit zur Auwaldbildung finden, und hier dürfen wir
+auch typische Auenwälder erwarten. _In Sachsens Nordwesten, in Leipzigs
+Umgebung_, ist ein solches Gebiet geschaffen durch den Zusammenfluß
+von Elster, Parthe, Pleiße und Luppe (Abb. 2), und die malerische
+Gruppierung verschiedenartigster Laubbäume am Hundewasser gibt uns
+einen Begriff von den Schönheitswerten solcher Bestände.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Das den Polenz im Süden umfließende Hundewasser
+mit Weißbuchen und Ulmenaltholz=]
+
+Schon im Jahre 1912 fand eine Anregung unseres Landesvereins
+Heimatschutz auf Schaffung eines _Auwaldschutzbezirkes_ durch die
+einsichtige Stadtverwaltung Leipzigs Erfüllung, indem vom Rate
+der Stadt beschlossen wurde, einen Teil des sogenannten Burgauer
+Forstreviers, den Polenz, der in der Nähe des Parkes vom Lützschenaer
+Rittergute liegt und dem Verkehr nur schwer zugänglich ist, bis
+auf weiteres in der bisherigen Gestaltung zu erhalten, d. h. von
+forstlicher Nutzung abzusehen. Dieser Teil wird von einem Elsterarm,
+eben dem Hundewasser, umflossen und zeigt den Typus des Auenwaldes
+mit seiner üppigen Vegetation noch recht unverfälscht. Weißbuchen
+und Ulmenaltholz bilden längs des Ufers eine Laubwand von gewaltiger
+Wirkung (Abb. 3). Auch der Anblick des Polenz von Osten her zeigt
+uns einen geschlossenen Laubwalddom, hinweg über einen vorgelagerten
+Hochwasserspiegel, welcher trotz wechselnder Wasserfülle den stolzen
+Fischreihern vorübergehend als Aufenthalt dient (Abb. 4).
+
+[Illustration: Abb. 4. =Östliche Seite des Polenz mit vorgelagertem
+Hochwasserrest= (nur zeitweise Wasser vorhanden)]
+
+Zum eigentlichen Heimatschutzgebiet aber wurde dieser köstliche
+Landesteil erst im Jahre 1922. Von diesem Jahre konnte man durch eine
+entsprechende Tafel mit der Inschrift:
+
+ =Naturschutzgebiet=
+
+ Urwüchsiger Auenwald
+ des Elstergebietes
+
+ Mit zahlreichen Baumarten (außer Rotbuche)
+ mit reichhaltigem Unterholz
+ mit üppigem Kräuterwuchs
+
+ Helft alle dazu, dieses Naturdenkmal
+ unversehrt der Nachwelt zu erhalten.
+
+ Der Rat der Stadt Landesverein
+ Leipzig Sächsischer Heimatschutz
+
+gemeinsam unterzeichnet vom Heimatschutz und der Stadt Leipzig den
+Auwald am Hundewasser als »geschützt« bezeichnen. Abbildung 5 zeigt
+den Eingang zum Schutzgebiet, und der Blick fällt auf ein Baumgemisch
+von Eschenaltholz und stattlichen Rüstern. Wohl gibt es noch andre,
+vielleicht auch naturwissenschaftlich reichere Orte in Leipzigs
+Flußnetz, aber wir dürfen mit dieser Wahl zufrieden und Leipzigs
+Stadtverwaltung recht dankbar sein. Zwischen Gundorf und Lützschena
+finden sich malerische Altwassertümpel, die als Reste früherer
+Überschwemmungen verblieben sind (Abb. 6), und noch immer einer
+interessanten, leider immer weniger werdenden Groß- und Kleintierwelt
+günstige Lebensbedingungen gewähren. Diese Plätze sind daher als
+Sammelgebiet ein Dorado für Aquarienliebhaber geworden, und man ist
+damit umgegangen, dort eine biologische Arbeitsstätte zu schaffen.
+Leider wollte man auch Ansiedelungsversuche mit verschiedenen, auch
+fremdländischen Tieren machen. Ein solches »Ansalben« ist höchst
+bedenklich! Als _Naturschutzgebiet im eigentlichen Sinne_ darf man
+derartige Orte, selbst wenn sie für bestimmte naturwissenschaftliche
+und Liebhaberzwecke der Allgemeinheit entzogen sind, nicht betrachten.
+Ein solches muß sich selbst überlassen bleiben, d. h. frei von
+forstlichen Eingriffen und frei von neugieriger Begängnis gehalten
+sein, um für unsere Nachfahren das Walten einer ursprünglichen Natur zu
+retten.
+
+[Illustration: Abb. 5. =Eingang zum geschützten Auwaldgebiet der Burgau
+im Stadtwald zu Leipzig=]
+
+[Illustration: Abb. 6. =Zwischen Gundorf und Lützschena=]
+
+Nahe Leutzsch liegt ein stiller Auwald-Zauber über einer
+Luppenlandschaft, und man kann es der städtischen Forstverwaltung
+(Forstmeister Zacharias) nicht genug danken, daß auch dieser Winkel
+in seinem ursprünglichen Zustand gepflegt und erhalten wird (Abb. 7).
+Auch weiter westlich, in der Umgebung von Maslau und Horburg (vgl.
+Karte Abb. 2) bietet die Luppe malerische Baumbestände und wird mit dem
+wechselnden Grün und dem Silbergrau der Weiden, deren Spiegelbild in
+dem ruhenden Wasser zu uns leuchtet, zu einem landschaftlichen Kleinod
+(Abb. 8). Aber nicht bloß die herrlichen Baumgestalten entzücken uns;
+das träg fließende Wasser schmückt sich am Ufer weithin mit flüsterndem
+Ried und raschelndem Röhricht, und eine reizvolle Spiegeldecke
+lichtgrüner Schwimmpflanzen belebt anmutig die majestätische Ruhe (Abb.
+9). Kaum satt kann sich das Auge trinken an dieser grünen Dämmerpracht,
+durchfunkt von den Goldblüten der Mummel. Darum darf wohl ein zweites
+Bild des Maslauer Auenwaldes (Abb. 10) auch dem verwöhnteren Leser
+nicht überflüssig erscheinen.
+
+[Illustration: Abb. 7. =Luppenlandschaft, im jetzigen Zustand gepflegt
+und erhalten von der Leipziger Städtischen Forstverwaltung=
+
+(Forstmeister Zacharias)]
+
+[Illustration: Abb. 8. =Auenlandschaft bei Horburg=]
+
+Auch im Muldenlande, südlich von Leipzig, zeigen die restlichen
+Baumbestände um Rochlitz noch den Charakter des Auenwaldes, wie er sich
+vor Zeiten, anstelle der jetzigen fruchtbaren Auwiesen und Felder, zu
+beiden Seiten des Flusses ausgebreitet hat (Abb. 11).
+
+[Illustration: Abb 9. =Auenwald bei Maslau= (Luppe)]
+
+[Illustration: Abb. 10. =Auenwald bei Maslau= (Schwimmpflanzendecke)]
+
+In der norddeutschen Niederung erlangen naturgemäß die periodischen
+Überschwemmungsgebiete ihre weiteste Ausdehnung und erzeugen, wie
+_Drude_ sagt, scharfe Gegensätze zwischen Heide- und Auenwald.
+Hier werden auch die Flußauen, soweit der Eisgang das Aufkommen
+von Baumbeständen hindert, von sumpfigen Grasfluren und Grünmooren
+begleitet, wie uns die Abbildung 12 eines Flußtales in Posen durch den
+reichen Bestand an Wollgras mit seinen weißleuchtenden Fruchtfahnen
+dartut. Am Horizont erkennt man den dunkelgrünen Wall des Auenwaldes,
+soweit nicht _dauernd_ nasses Gelände einen _Bruchwald_ schafft, einen
+Sumpfwald aus Erlen und stattlichen Weiden, durchsetzt mit Birken und
+Schwarzpappeln[2].
+
+[Illustration: Abb. 11. =Muldenlandschaft bei Lastau= (zwischen
+Rochlitz und Colditz)]
+
+Der _Auenwald_ ist ein _ausgesprochener Laubmengwald_, der Nadelbäume
+ursprünglich völlig ausgeschlossen hat; wenn sie heute darin
+erscheinen, verdanken sie ihren Ursprung dem Zufall oder künstlicher
+Anpflanzung[3].
+
+Wie schon früher bemerkt, ist der Auwaldboden größtenteils
+zusammengesetzt aus Feinsand und Ton. Solcher Feinboden ist
+wenig luftdurchlässig und wird daher nur in geringem Maße das
+Sauerstoffbedürfnis tiefgreifender Wurzeln befriedigen können. Es
+bleiben daher auf solchem Überschwemmungsboden Bäume mit lufthungrigen
+Wurzeln ausgeschaltet: _die sandgewohnte Kiefer, die bergfrohe Tanne
+und die sonst anspruchslose Fichte_. Es fehlt daher zumeist auch die
+Rotbuche, welche blockreiches Gelände bevorzugt. Wenn die Fichte im
+Gebirge trotzdem in versumpften, torfmoosbedeckten Böden auftritt, so
+ist sicherlich ihre Wurzel gebettet in Boden von gröberer Struktur,
+also »luftumgeben«. Schließlich wird der ~Sphagnum~-Bestand und der von
+ihm gebildete Moostorf den Fichtenwald doch ersticken.
+
+[Illustration: Abb. 12. =Flußtal in Posen=]
+
+An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf das
+_Sauerstoffbedürfnis_ aller lebenden Pflanzenorgane, also auch der
+Wurzel, aufmerksam machen. Auch Wurzeln müssen atmen, um sich die zum
+Wachstum nötige Betriebswärme zu schaffen. Wie es unter den Bakterien
+aërobe, d. h. sauerstoffbedürftige und anaërobe Arten gibt, die mit
+geringen Sauerstoffmengen auskommen können, so besteht sicher für
+die Wurzeln der verschiedenen Waldbäume ebenfalls ein abgestuftes
+Sauerstoffbedürfnis. Dasselbe ist noch wenig studiert, wird aber so
+manches Standortsrätsel bei Formationen und Assoziationen der Lösung
+entgegenführen.
+
+Bäume, deren Wurzeln vorübergehenden Sauerstoffmangel vertragen können,
+werden auf periodisch überschwemmten Standorten, also Auwaldböden,
+gedeihen. Hierzu scheinen graduell geordnet: Eiche, Hainbuche, Ulme und
+Esche zu gehören. Andere Bäume müssen dauernd mit der äußerst geringen
+Sauerstoffmenge in stagnierenden Gewässern fürlieb nehmen. Dies sind
+die Moor und Bruch gewohnten Erlen, Espen, Birken und Weiden. In den
+berühmten Sumpfwäldern (~cypress-swamps~) von Florida und Südgeorgien
+gedeiht auch eine nadelwerfende Konifere ~Taxodium distichum~, da sie
+ihr Luftbedürfnis durch über die Erde ragende Atemwurzeln decken kann.
+Natürlich können auch Erle, Espe und Birke im Auenwald eingesprengt
+erscheinen, sind aber die Hauptbestandteile der Bruchwälder.
+
+[Illustration: Abb. 13. =Wurzelknöllchen der Erle= (~Mycorrhiza~)]
+
+Für die _Rotbuche_ ist zur Besiedelung des Auenwaldes neben dem
+ungestillten Sauerstoffbedürfnis wohl auch die Kalkarmut des
+ausgelaugten Schwemmlandbodens ein Hindernis.
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 14. =In den Donau-Auen bei Melk, Bodenbedeckung durch ~Cardamine
+amara~=]
+
+In der Auenwaldfrage verdient auch eine eigenartige _symbiotische
+Erscheinung_ unsere Aufmerksamkeit: Das Zusammenwirtschaften von
+Baumwurzeln und Pilzmycel, die _Mycorrhiza_. Noch ist der Nutzen der
+Mycorrhiza für den Baum nicht völlig geklärt, doch läßt sich annehmen,
+daß diese verpilzte Wurzel eine Nützlichkeitserscheinung darstellt,
+die auch in die Frage der Besiedelung von Überschwemmungsböden
+hineinspielt. Auch die _pilzdurchsetzten Wurzelknöllchen aller
+Erlenarten_ mögen hier Erwähnung finden. Abbildung 13 zeigt uns
+solche später verholzende, traubige Wurzelknöllchen, welche bis zur
+Größe einer Kinderfaust heranwachsen können. Diese Gebilde werden
+hervorgerufen durch in das Wurzelgewebe eindringende Pilzfäden,
+welche in bakterienähnliche Kleinstäbchen bzw. kugelige Zellketten
+zerfallen. Nach Kulturversuchen von Nobbe und Hiltner, Tharandt, wissen
+diese Pilze den freien Stickstoff der Luft zu binden, so daß der von
+Stickstoffsalzen ausgelaugte Schwemmland- bzw. Uferboden den Erlen ein
+freudiges Gedeihen ermöglicht.
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 15. =Wilder Hopfen auf der Pillnitzer Elbinsel=]
+
+Während bei uns die _Schwarzerle_ sich meist auf Bruchland findet,
+spielt in den prächtigen Auenwäldern der Donau (vgl. Schlußverzierung,
+aufgenommen von L. Kniese, Pillnitz) die _Weiß-_ oder _Grauerle_ eine
+hervorragende Rolle, wie ich auf meinen Wanderungen in der Wachau
+beobachten konnte. In den Donauauen Ungarns vergesellschaftet sie sich
+mit der südosteuropäischen Schwarzpappel, mit stolzen Baumweiden und
+der prächtigen Silberlinde zu Baumbeständen, in welchen als häufige
+Liane der Hopfen rankt, Jelängerjelieber die Zweige umspinnt und
+die Waldrebe ihre weißen Blütenzweige von Ast zu Ast in reizvollen
+Girlanden zieht, während der Boden von üppigem Kräuterwuchs, in
+Abbildung 14 von bitterem Schaumkraut, weithin bedeckt ist. Wir
+könnten meinen, das Bild eines tropischen Regenwaldes vor uns zu
+sehen, wie auch bei diesem hopfendurchrankten Teil der Pillnitzer
+Elbinsel (Abb. 15). Auch die Pillnitzer Insel besitzt übrigens noch
+schöne Schwarzpappeln, und es ist meines Erachtens eine müßige Frage,
+ob dieselben einheimisch sind. Bei Gelegenheit solcher Uferbegleiter
+sei noch auf eine spezifische, d. h. artverschiedene Eigenschaft
+der Bäume hingewiesen: auf das _leichte oder schwere Vernarben_
+von Wunden. Es sind besonders die Eisschollen, welche beim Eisgang
+des Frühjahres die Stämme schürfen und den Bäumen oft häßliche und
+gefährliche Rindenwunden schlagen. Manche Baumarten würden dadurch
+zu dauernder Kümmerung verurteilt, aber _Weichhölzer, zumal Pappel
+und Weide, heilen sich rasch wieder aus_. Auch der _Wurzeltracht_ der
+Bäume muß bei der Besiedelungsfrage Aufmerksamkeit geschenkt werden,
+gibt es doch _Tief- und Flachwurzler_. Flachwurzelnde Bäume sind
+selbstverständlich in dem tiefgründigen Auwaldboden bei dem Flutendrang
+jährlicher Überschwemmungen völlig ausgeschlossen. Bei der diesjährigen
+anhaltenden Frühsommerüberschwemmung sind auf der Pillnitzer Elbinsel
+so manche Baumriesen durch Flutendrang und durch Unterspülung und
+Wirbelbildung gefallen (Abb. 16) andere Holzleichen zeigen ein vom
+Sturm gewaltsam abgerissenes Wurzelsystem (Abb. 17), so daß geradezu
+wertvolle Zerstörungsbilder eines Urwaldes geschaffen sind.
+
+Nachdem ich die allgemeinen Ursachen der Auwaldbildung und die
+natürliche Auswahl der dazu geeigneten Bäume besprochen habe, soll
+ein typischer Auenwald eine plastische Schilderung erfahren und dazu
+dürften die Auenwälder der Leipziger Umgebung besonders geeignet sein.
+
+Als Charakterbäume derselben zeigen sich: _Stieleiche_, _Hainbuche_,
+_Esche_ und _Ulme_ oder Rüster. Selten finden sich Spitzahorn und
+Linde ein. Die machtvollste Erscheinung ist unbestreitbar die Eiche.
+Es ist die besondere Art der _Stieleiche_, welche im Auenwald zur
+Herrschaft gelangt. In Mitteleuropa besitzen wir zwei, durch allerlei
+Übergänge miteinander verbundene Unterarten der Eiche: Die Stieleiche
+mit _langgestielten_ Einzelfrüchten und _herzförmigem_ Blattgrund und
+die Steineiche mit _kurzstieligen_ Fruchtbüscheln und keilförmigem
+Blattgrund.
+
+[Illustration: Abb. 16. =Durch Hochwasser geworfene Bäume der
+Pillnitzer Elbinsel=]
+
+[Illustration: Abb. 17. =Abgerissene Wurzeln eines durch Sturm und
+Hochflut 1926 geworfenen Baumriesen der Pillnitzer Elbinsel=]
+
+Ich erinnere mich von meiner Studienzeit her noch einer _Rieseneiche_
+im Auenwald bei Leutzsch. Sie sollte ein tausendjähriges Alter haben
+und besaß einen Stammdurchmesser von zwei Meter. Auf der Fahrstraße
+Leipzig–Leutzsch–Böhlitz–Ehrenberg sehen wir noch jetzt berühmte
+Eichenbestände von ähnlichem Ausmaß (Abb. 18), und eine Eiche der
+Maslauer Auwaldbestände darf sich in ihrer Wuchskraft und stolzen
+Baumschönheit diesen Veteranen getrost zur Seite stellen (Abb. 19). In
+Abbildung 20 erblicken wir einen solchen Auwaldriesen im _Rhedenholz
+bei Roßwein_ längs der Freiberger Mulde.
+
+[Illustration: Abb. 18. =Leipzigs berühmte Eichenbestände an der
+sogenannten »Weide«=]
+
+[Illustration: Abb. 19. =Maslauer Eiche=]
+
+Alte Eichen beanspruchen mit ihren weitausgreifenden Ästen einen
+weiten Standraum und gestatten bei der Lockerheit ihrer Krone dem
+hereinflutenden Licht einen Durchgang, der dem Auwaldinneren einen
+grüngoldenen Schimmer von zauberhaftem Reiz gewährt. Von Ulmenarten
+findet sich besonders die Feldulme mit glatter Blattoberseite und
+kurzer Blattspitze. Doch kommt auch die rauhblättrige Bergulme im
+Überschwemmungsgebiet der Elster und Saale vor. Eine wohltuende
+Abwechslung bieten im Auenwald auch _Farbe und Musterung der Stämme_:
+Glattrindige, grüngelbe Espen neben weißstämmigen Birken, der dunkle
+Borkenstamm der Eiche neben den graugemusterten Säulen der Hainbuche,
+die braune Schuppenborke der Feldulme neben dem Silbergrau der Eschen.
+
+[Illustration: Abb. 20. =Eichenbestand im Rhedenholz bei Roßwein=]
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 21. =Bestand von Aronstab= (~Arum maculatum~)]
+
+Bei der reichen Artenzahl der Waldbäume von verschiedener Wuchskraft
+und Wuchshöhe, bei wechselnder Verästelung und vielgestaltigem
+Blattbau, ist die einfallende Lichtmenge immerhin groß genug, um auch
+einen artenreichen Unterholzbestand aufkommen zu lassen. _Gerade
+das Unterholz_, welches eine reiche Vogelwelt beherbergt und dem
+lieblichsten Sänger, der Nachtigall, ihre leichtsinnig ausgewählten
+niederen Brutplätze bietet, ist ein besonderer Wesenszug des
+Leipziger Auenwaldes. Auch hierbei herrscht eine reichhaltige
+Mannigfaltigkeit der Arten. Dr. Reiche sagt in einer netten, in
+den Dresdner Isis-Berichten 1886 veröffentlichten Skizze, daß das
+_Unterholz_ in gleicher Zusammensetzung sich innerhalb Sachsens
+nur zweimal, um _Leipzig_ und _Meißen_, entwickelt findet. Es
+besteht aus _Ulmen_, _Feldahorn_, _Hasel_, _Weißdorn_, _Faulbaum_,
+_Traubenkirsche_, schwarzem Holunder, Pfaffenhütchen und – als
+besondere Erscheinungen – aus _Liguster_ und _Hartriegel_. Die
+meisten derselben schmücken sich im Spätsommer und Herbst mit
+saftig-fleischigen Früchten, die eben der Vogelwelt diese grünen
+Laubhallen zum beliebten Aufenthalt machen. Die gefiederte Welt
+besorgt gewiß auch die weitere Ansaat dieser Pflanzen, und wir
+sollten bei unseren Formationsbetrachtungen dem zoogenen Einfluß weit
+mehr Aufmerksamkeit schenken. Wasserläufe, welche als Kanäle oder
+Flußverzweigungen den Auenwald reichlich durchziehen, schmücken ihre
+Ufer weithin mit Strauchweiden (vgl. Abb. 8). Infolge der späteren
+Belaubung von Eiche und Esche wirkt die Frühlingssonne lebenweckend
+auf den sonst feuchtkühlen Auwaldboden und zaubert eine Fülle
+frühblühender Kräuter hervor, deren meist breite und tiefgrüne Blätter
+als erster Lenzesschmuck dem winterfahlen Waldboden entsprießen.
+Erst heben sich nach Reiches Schilderung die grünen Spitzen der
+Laubblätter des massenhaft vorhandenen _Märzbechers_ empor, ihnen folgt
+das kräftige Blattwerk des _Aronstabs_ (Abb. 21) und das zarte Grün
+des _Bärenlauches_ (Abb. 22), der alsbald seine weißen Sterndolden
+entfaltet, aber leider auch seinen Knoblauchduft, welcher unser
+Entzücken über die Waldespracht etwas herabstimmt. Zur Osterzeit läuten
+die Großglocken des _Märzbechers_, es leuchten die trübpurpurnen oder
+weißen Trauben des _Lerchensporns_, die rotknospigen Blaublüten des
+_Lungenkrautes_, die goldgelben Blütenbüschel des _Goldsterns_, die
+Blumensonnen der _Feigwurz_. Dazu erfreuen _weiße und gelbe Anemonen_
+und Blütendolden der _Himmelschlüssel_ unser Auge, und ein zarter Duft
+wird von dem niedlichen _Moschusblümchen_ in die Lenzluft gehaucht.
+In den pflanzenreichen Auwäldern der Eger südlich Theresienstadt
+mit ihren Millionen von Märzbechern (Abb. 23) gesellt sich zu den
+genannten Pflanzen noch der Blaustern der Scilla und das zarte
+_Gedenkemein_ (~Omphalodes~), die beide auch in _Sachsens Elbegebiet_
+als Reste früheren Auwaldes, wenn auch als Seltenheiten, erhalten
+geblieben sind (Abb. 24). Eine ähnliche entzückende Auenwaldflora aus
+Frühlingsblühern gewebt, schmückt in Sachsen auch den _Jahnalauf bis
+Riesa_ und streckenweise auch die _Ufergehölze der Döllnitz_, so daß
+wohl als sicher gelten darf, daß auch die jetzigen Wermsdorfer Forsten
+früher ein Auenwaldgebiet darstellten, welches sich über Wurzen bis
+nach Leipzig hinzog. Auch _an der Röder_ war sicherlich ein Auenwald
+entwickelt, und der Schloßgarten zu Wachau bei Radeberg (Abb. 25)
+bietet uns noch einen Restbestand. Überhaupt hat sich Auwaldgelände
+zu Parkanlagen englischen Stiles besonders geeignet und ist vielfach
+entsprechend benutzt worden.
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 22. =Bärenlauch= (~Allium ursinum~)]
+
+[Illustration: Abb. 23. =Märzbecher im Auenwald der Eger bei Budin=]
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme des Verfassers
+
+Abb. 24. =Scillabestände in einem Grasgarten an der Elbe=
+(Auenwaldrest)]
+
+[Illustration: Abb. 25. =Schloßpark Wachau bei Radeberg, auf altem
+Auwaldgelände=]
+
+All die vorher genannten Lenzesboten müssen sich beeilen, an die
+Sonne zu dringen, ehe der zartgrüne Schleier des Unterholzes sich
+dichter webt, und ehe noch das grüne Laubdach in geschlossener Schwere
+dem Sonnenlicht den Zugang wehrt. Das doppelte Laubdach von Ober-
+und Unterholz hemmt aber nicht bloß das Licht, sondern sättigt auch
+die Waldluft reichlich mit Wasserdampf, so daß die _Blätter_ der
+bodendeckenden Pflanzen _den Bau von Hygrophyten_ (Feuchtpflanzen)
+zeigen: breite und zarte, chlorophyllreiche und daher dunkelgrüne
+Blattspreite ohne jede Trockenschutzeinrichtung. Da sind selbst die
+Blätter der Waldgräser breit, biegsam, bogenförmig herabgeneigt und
+besitzen Spaltöffnungen auf Ober- und Unterseite. Von solchen nenne ich
+die _Waldhirse_ mit ihrem schwankenden Gehälm, das _Waldrispengras_ mit
+dem oberseits abgespreizten Blatt, den stattlichen _Riesenschwingel_
+und den grünen _Hundsweizen_, vier Gräser, die sich auch im Auwald der
+Pillnitzer Elbinsel finden. Im Frühsommer sprießen die _Waldveilchen_ –
+im Leipziger Auwald auch das seltene pfirsichblättrige –, _Maiblumen_
+duften und die _Weißwurz_ schüttelt ihre Hängeglöckchen, während die
+familienverwandte giftige _Einbeere_ mit der Vierzahl ihrer Blatt-
+und Blütenorgane kokettiert. Die meisten Gewächse schließen ihre
+Blütezeit im Juni ab, denn alsdann wird für den nötigen Lichtgenuß
+das Laubdach zu dicht. Darunter sind viele Allerweltspflanzen wie
+_Brennessel_, _Zaungiersch_, _Benediktenkraut_, _Knoblauchshedrich_,
+_Gamanderehrenpreis_. An Wasserläufen und Wasserlachen, die der Sonne
+Zugang gewähren, so daß das Waldesdunkel zu Halbschatten herabgemindert
+ist, entwickeln sich meterhohe Hochstauden, ich nenne davon
+_Kerbelrübe_, _Waldklette_, _Engelwurz_ und _Krausdistel_. Eine große
+Anzahl der genannten Pflanzen finden sich noch heute _als Begleiter
+unserer Zäune und Hecken_, vielfach auch in bäuerlichen Grasgärten.
+Es sind eben die _Reste vergangener Auwaldherrlichkeit_, die durch
+Rodungen seit vielen Jahrhunderten unwiederbringlich dahin ist. Es ist
+sicher, daß in allen Flußniederungen Auenwälder vorherrschten, daß aber
+auch jene tiefgründigen Gelände, die durch jährliche, schichtenweise
+Bodenanschwemmung sich allmählich _selbst über die Schwemmlandzone
+erhöhten_, die auch durch hohe Dämme leicht vorm Hochwasser geschützt
+werden konnten, von den Ansiedlern zuerst zu Wohnstätten, zu Wiese und
+Weide benutzt wurden. Der stolze Auenwald wurde der Axt überantwortet,
+bot er doch zur Zimmerung von Buhnen und Wohnstätten vortreffliches
+Material. Die ursprünglichen Wälder der Niederung verschwanden und
+an ihrer Stelle wogen segenschwere Getreidefelder oder breitet sich
+das grüne Meer der Graswiese. _Wo aber, wie in Leipzigs Umgebung und
+auf unserer Pillnitzer Elbinsel, sich jene Naturgebiete von höchster
+Eigenart, jene Lebensgemeinschaften von charakteristischer Prägung
+noch erhalten haben, sollten sie nach Möglichkeit geschont werden._ So
+hat sich auch unser Landesverein dieser schwindenden Ursprünglichkeit
+angenommen, und es ist ihm gelungen, durch Mitarbeit und Geneigtheit
+von staatlichen und städtischen Behörden die _Elbinsel zu Pillnitz_,
+vor allem aber die weit reichere _Auwaldherrlichkeit um Leipzig_ im
+Burgauer Forstrevier in ihrer Eigenart als Schutzgebiete erhalten zu
+sehen.
+
+[Illustration]
+
+
+Fußnoten:
+
+ [1] ~Salix Caprea~, ~cinerea~, ~fragilis aurita~ u. Bastarde.
+
+ [2] Spreewald und Oderbruch.
+
+ [3] So dankbar wir dem Finanzministerium für den Schutz der
+ Pillnitzer Insel sein müssen, so bedauerlich ist es, daß
+ es noch immer Widerständen nachgibt, welche die störenden
+ Fremdbilder, vor allen Dingen die undeutschen Robinien (als
+ Bienenfutter!!) erhalten möchten.
+
+
+
+
+Leipziger Land
+
+Von Dr. Dr. _Karl Berger_, Leipzig
+
+Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
+
+
+Leipziger Land! Ihm ist dies Heft gewidmet. Vermögen aber nicht erst
+recht wenige selbst von den Leipzigern damit eine bestimmte Vorstellung
+zu verbinden? Und doch kam das glückliche Wort schon vor dem Krieg auf.
+Damals, als – trotz des Offenstehens aller Grenzen – jäh zunehmend die
+lastende innere Leere der unaufhaltsam Wälder, Felder und Menschen
+fressenden Großstädte gerade die Besten aus Hörsälen und Werkstätten
+sehnsüchtig am Wochenende ausziehen lehrte, um Wiesen, Wolken und Wind
+wiederzufinden und mit Auge und Lunge ein wenig davon für den Werktag
+sich einzufangen. Damals, also zugleich mit dem alten Wandervogel und
+mit den Pfadfindern, ward »Leipziger Land« zuerst Heimatfreunden rings
+um das Völkerschlachtdenkmal zur Bezeichnung voll leisen Wohllauts und
+voll spröder Innigkeit für die Leipziger Landschaft als eigenes und
+heimatliches Wandergebiet.
+
+Das Leipziger Land umfaßt annähernd gerade die Leipziger
+Tieflandsbucht. Denn die Auen der Saale und Mulde rahmen es nicht nur
+mit breitem silbergrünen Samt im Westen und Osten ein: Sie scheiden
+es auch durchaus fühlbar von den Vorbergen Thüringens jenseits
+Weißenfels und Roßbach und auch von den sandigen, ins Märkische
+hinübergeleitenden Heiden und den fetten Lößlehm-Fruchtebenen, wie
+sie wenige Stunden nordöstlich und südöstlich von Wurzen beginnen
+und bis Wittenberg und Meißen reichen. Und hebt nicht auch im Norden
+der Linie Wettin–Petersberg–Eilenburg die Landschaft der Cöthener
+Zuckerrüben-Kultursteppe und des Bitterfelder Braunkohlenreviers sich
+ebenso ab wie im Süden, etwa die jenseits von Teuchern–Borna, besonders
+seitdem auch sie der Bergbau immer mehr verwandelt?
+
+Freilich droht auch dem Leipziger Land mannigfache Gefahr, daß durch
+fortschreitende Industrialisierung seine Ursprünglichkeit und, was
+schlimmer, seine Eigenart, die Weite seiner einsamen Ebenen und die
+Unberührtheit seiner Auenlandschaften beeinträchtigt, ja mehr als
+vielleicht bei eingehenderer Würdigung ihrer herben und verhaltenen
+Schönheit nötig wäre, zerstört wird. Freilich, die Umgebung einer
+Großstadt ist nun einmal der Nährboden, aus dem diese ihre beste Kraft
+zieht. Und je mehr diese in tausendjährigem Wuchs aufblüht und ihre
+Mauerkrone rundet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit daß, von ihr
+überschattet, gerade zarteste Gebilde in ihrem Umkreis verkümmern. Dazu
+tritt die zunehmende Dezentralisation der Industrie und das gleichfalls
+an sich aus ethischen wie gesundheitlichen Gründen begrüßenswerte
+Trabantensystem der modernen Großstadterweiterung, d. h. die bewußte
+Anlegung von größeren, die Hauptstadt entlastenden Verkehrs- und
+Siedlungsmittelpunkten in deren weiterem Umkreise, also im Gegensatze
+zur bisherigen mechanischen Vorstadtbildung. Für das Leipziger Land
+kommt noch in Sonderheit der, zumal im Süden um Borna und Böhlen, seit
+dem Kriege unaufhaltsam zunehmende Braunkohlentagebau hinzu, der der
+Landschaft so ganz besonders tiefe Wunden schlägt.
+
+[Illustration: Abb. 1. =Theklakirche=]
+
+Das alles erfüllt die Leipziger Heimatfreunde mit schwerer, ja mit
+immer mehr zunehmender Sorge um die Zukunft der gewiß oft bescheidenen
+und vielfach recht spröden Reize der Leipziger Umgegend. Dem
+Fremden aus reicheren Landstrichen mögen sie simpel und jene Sorgen
+unverständlich erscheinen. Aber auch karge Erde ist als Muttererde
+heilig. Und es sind vielleicht nicht immer die Klügsten, aber oft
+die Weisesten und Besten, denen sie es am meisten ist. Es handelt
+sich hier auch nicht um die Sorgen einiger Dutzend oder etlicher
+Hundert Ästheten oder Altertümler. Was bedeutet denn das wachsende
+Drängen der vielen Ruder- und Schwimmvereine, Baugenossenschaften und
+einzelnen Siedler nach Naturnähe, nach Ruhe und Fernblick, oft trotz
+vieler Unbequemlichkeiten und Kosten? Was vor allem die große Zunahme
+der »Schrebergärten«, – jener für die anderen deutschen Großstädte
+vorbildlich gewordenen Schöpfung des verdienten Leipziger Arztes
+Dr. Schreber vor zwei Menschenaltern, – auch nach Beendigung der
+Lebensmittelblockade? All das beweist doch schlagend, wie jede neue
+Generation unseres mechanisierten Maschinenzeitalters unbewußt oder
+bewußt, still oder leidenschaftlich, zunehmende Sehnsucht nach der
+Verbindung mit der Allmutter Natur empfindet, ja empfinden muß. Und
+der wäre kein Staatsmann und kein Volkswirt, der den rechnungsmäßigen
+Hektarertrag für Kleingartenland um den Goldwert all der unzähligen
+Sonnenstunden aufzuwerten unterließe, die der Garten vor der Stadt –
+ebenso wie rechtes, echtes Wandern über Land – gerade dem Bewohner
+einer so dichtgebauten Stadt wie Leipzig bedeutet, die keine lachenden
+Uferhöhen oder lockenden Bergwälder hier und da als Straßenabschluß
+oder als Platzkulisse, so wie etwa Dresden oder Plauen, besitzt.
+
+ * * * * *
+
+[Illustration: Abb. 2. =Theklakirche=]
+
+Innerhalb des Leipziger Landes fehlt es fast völlig an umfänglichen
+Ortschaften, wie sie das Erzgebirge oder die südöstliche Lausitz so
+zahlreich aufweist, wenn man absieht von den mit Leipzig verwachsenen
+Industrie- und Arbeiterwohnsitzgemeinden, die indes zum größten Teil
+in den letzten fünfzehn Jahren und schon vorher um 1890 einverleibt
+worden sind. So liegt keine Gemeinde von mehr als 10000 Einwohnern im
+eigentlichen Leipziger Lande. Merseburg, Eilenburg, Wurzen, auch Borna
+liegen schon an seinen Grenzen. Städte wie Naunhof, Zwenkau, Delitzsch,
+denen größtenteils die Industrie ihr Gepräge als Landstadt noch nicht
+oder nur teilweise genommen hat, und Bauerndörfer überwiegen noch
+immer, im ganzen betrachtet, die Industrie- und räumlich und ihrer Zahl
+nach fast auch die Arbeiterwohnsitzgemeinden. Auch Einzelsiedlungen, so
+häufig im Dresdner Lande und um Hamburg oder Berlin, sind jenseits des
+Leipziger Stadtgebietes, etwa von der Pleißenaue abgesehen, noch recht
+selten, z. T. auch wohl infolge der nahen Landesgrenze, die die Stadt
+im Halbkreis umzieht und manche Verkehrserschwerungen nach wie vor im
+Gefolge hat, die ungerechtfertigtsten, und in der großen Handelsstadt
+besonders schmerzlich empfundenen, bekanntlich im Eisenbahnverkehr.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Theklakirche: Neuer Eingang=]
+
+Aber der Wandersmann braucht darum freilich sich nicht zu grämen.
+Und so besteigt er denn auch großmütig den preußischen Zug, um zwei
+Stationen weit nordwärts nach Rackwitz zu fahren. Hei, wie jagt schon
+beim Verlassen des Wagens der West ganz anders schneidig vom fernen
+Landsberger Kapellenberge mit der kunstreichen Doppelkapelle aus
+Barbarossas Zeiten herüber, als eben noch im gemütlichen Sachsen.
+Rein ländliche Gefährte und Gefährten am kleinen Bahnhof, der auch in
+seinem Ziegelrohbau und mit der Birkenallee als Zufahrt uns leise schon
+die Überschreitung der Grenze veranschaulicht. Bald verläuft sich der
+kleine Schwarm. Die unwahrscheinliche Stille und Weite der großlinigen
+Ebene schluckte sie unversehens auf.
+
+[Illustration: Abb. 4. =Theklakirche: Friedhof=]
+
+[Illustration: Abb. 5. =Buschnaukirche=]
+
+Denn meilenweite Felder umfrieden wie im Westen um Lützen, Großgörschen
+und Kitzen, und im Südosten um Wachau und Liebertwolkwitz, so besonders
+hier im Norden, fast unmittelbar jenseits des Weichbildes die Stadt.
+Schon Breitenfeld, einst gleichfalls blutige Walstatt, drüben wenig
+Kilometer von der Stadtgrenze, könnte ebensowohl ein Gutsbezirk in
+Pommern sein mit seinen weiten, ausnahmslos dem Rittergut gehörenden
+Flächen, der Brennerei und den Landarbeiterkasernen und mit dem dunklen
+Forst, der auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch so manche
+blutigen Kämpfe zwischen Wilderern und Förstern erlebte.
+
+[Illustration: Abb. 6. =Landschaft bei Hayna=]
+
+[Illustration: Abb. 7. =Blick von Hayna nach Radefeld=]
+
+[Illustration: Abb. 8. =Bei Gumlitz=]
+
+Wundersam wandernde und wechselnde Wolkengebirge treiben uns entgegen.
+Oh, ja, auch der Wanderer im Leipziger Lande kann es verstehen lernen,
+hat er nur Sinn und Andacht dafür, was der Wilde Jäger unseren
+Urvätern, was die Windsbraut den Romantikern mit ihrem Fernweh
+bedeutete, und was auch uns neunmal Weisen und Geschäftstüchtigen
+ein Luftschloß für ein narrendes und doch beglückendes Ding sein
+kann. Stieg da nicht eben eines blau auf, dort links hinter
+dem Kapellenberge? Ja, nein, doch ja. Und es ist diesmal wahrlich
+kein Luftschloß nur: Der Petersberg ist es mit Kirche und Ruine des
+Klosters, das vor achthundert Jahren sich Otto der Reiche, derselbe,
+der 1160 Leipzig mit Stadtrecht begabte, als Alterssitz erkor, um hier
+auf dem ~mons serenus~, dem Lauterberge des Mittelalters, der Wiege
+seines Geschlechts und dem Himmel zugleich näher zu sein.
+
+[Illustration: Abb. 9. =Hayna=]
+
+[Illustration: Abb. 10. =Alt-Schkeuditz=]
+
+[Illustration: Abb. 11. =Kirche zu Horburg=]
+
+[Illustration: Abb. 12. =Kirchenportal Hayna=]
+
+Unterdessen haben wir ein paar hundert Meter jenseits der Delitzscher
+Staatsstraße ein anderes und kaum jüngeres, ganz einsam in den Feldern
+wachendes Gotteshaus erreicht. Eine Fichtenhecke säumt es und hegt den
+verwunschenen »Gottesacker«, darauf nur noch wenig Dutzend Gräber eines
+abgelegenen Dörfchens, überdacht von hohen Lebensbäumen, träumen.
+Der Rest der Kirchfahrt ward, spätestens im Dreißigjährigen Kriege,
+Wüstung, wie so viele Orte des schlachtenreichen Leipziger Blachfeldes.
+Aber wenn die Nebel aus den Erlen des nahen Löberbachs aufsteigen, dann
+steigen auch die Tillyschen Reiter und die schwedischen Musketiere aus
+ihren eingesunkenen Gräbern. Dann geht es hoch her: Der Würfelbecher
+kreist, und die Knöchel klappern so laut auf das Kalbfell, daß der
+abendliche Wanderer drüben nicht daran denkt, daß es vielleicht nur
+das Rütteln des morschen Fensterladens der Glockenstube war, was ihn
+schreckte, der Glockenstube des alten, einsamen Gotteshauses mit dem
+Märchennamen Buschnaukirche.
+
+[Illustration: Abb. 13. =Freiroda=]
+
+[Illustration: Abb. 14. =Sonnenaufgang im Leipziger Tiefland=
+(Freiroda)]
+
+[Illustration: Abb. 15. =Blick über Röglitz in die Aue=]
+
+Doch wir steuern im flutenden Lichte der gütigen Nachmittagssonne
+unbeirrt weiter westwärts. Ja, bei windigem Wetter, – und der
+Wind ist häufig längs der Nordgrenzen Sachsens, – bei Föhn- und
+Äquinoktialstürmen zumal ist Wandern durch, nein Wandern über das
+Leipziger Land, außerhalb der Auen, oft wie eine Seefahrt. Ungehemmt
+brausen die Stürme hier dahin, jagen und hetzen hundertfältige
+Wolkengebilde, Schleiern, Rauchfahnen, Reitern gleich, von der Saale
+zur Mulde. Schneestürme, Wolkenschatten, Sonnengarben wandern auf
+Sturmesflügeln märchenschnell und märchensam, stundenweit auf der
+endlosen Ebene verfolgbar, über die meilenweite Fläche in einem jäh
+wechselnden Reichtum der Farben, der an Hochgebirge und wiederum an
+Meereslandschaften erinnert. Kein Hindernis hemmt Fuß oder
+Auge: Nur ab und zu schüttere Pappel- und Pflaumenalleen, aussterbende
+sperrige Windmühlen und ab und zu ein einsamer Baumriese, ein
+vergessener Moränenhügel und bei klarem Wetter immer wieder einmal eine
+verblauende Wald- oder eine leise, ferne Hügellinie. Von Menschenwerk
+sind da und dort eine romanische Wehrkirche, ein hochgiebeliges
+Herrenhaus aus der Reformations- oder aus der Barockzeit und neuerdings
+einzelne Wassertürme und das großmaschige, zu mancher Stunde seidig
+knisternde Netz der elektrischen Überlandleitungen noch immer dem
+Wanderer im Leipziger Land vielfach bald nach dem Überschreiten der
+Stadtgrenze die einzigen Landmarken. Und sie sind zugleich Symbole
+der Herren des Landes im Mittelalter, in der neueren Zeit und in
+der Gegenwart, der Kirche also, dann des Feudalherrn und nun der
+Volksgemeinschaft.
+
+[Illustration: Abb. 16. =Auwald bei Schkeuditz=]
+
+[Illustration: Abb. 17. =Auenlandschaft zwischen Elster und Luppe bei
+Schkeuditz=]
+
+[Illustration: Abb. 18. =Elsteraue bei Quasnitz=]
+
+[Illustration: Abb. 19. =Auwald= (Maslau)]
+
+[Illustration: Abb. 20. =An der Luppe bei Quasnitz=]
+
+[Illustration: Abb. 21. =Auwald= (Maslau)]
+
+[Illustration: Abb. 22. =Parthenaue=]
+
+Die seltenen Dörfer Hayna, Radefeld, Freiroda sind zeitlos und
+typisch: Lehmmauern und vielfach schon norddeutsche Ziegelbauweise
+längs der Dorfstraße, rührende ernste Gotteshäuser aus
+Findlingsblöcken, noch nicht wie in den Städten überschattet von den
+Menschenmassenbehausungen, sowie diese hier noch nicht überwuchert
+werden von den Werkstätten. Und doch waren diese verwitterten
+Kirchen leicht längere Jahrhunderte schon katholisch, als sie nun
+protestantisch sind. In Hayna fesselt ein unverhofftes kunstvolles
+Portal mit romanischem Tympanon aus der Kreuzzugszeit und davor
+ein Gedächtnismal für die Helden des Weltkriegs in so einfachen edlen
+Formen, wie einst die alten Mäler aus den Jahrzehnten nach 1813 rings
+im Leipziger Lande.
+
+[Illustration: Abb. 23. =An der Luppe bei Wehlitz= (Schkeuditz)]
+
+[Illustration: Abb. 24. =Elsterlandschaft mit Anlandungen=]
+
+[Illustration: Abb. 25. =Auenlandschaft bei Schkeuditz= (Auenrand)]
+
+[Illustration: Abb. 26. =Auen(Luppen)landschaft bei Maslau=]
+
+Und immer wieder weite leise Wellen blauenden Landes. Die Elsteraue
+taucht auf. Schkeuditz lugt über ihren steilen Nordhang. Großdölzig,
+Bienitz und Wachberg und wieder weites Leipziger Land dahinter, winkt
+von Süden westwärts Röglitz, die Sommerresidenz des Merseburger
+Geigenherzogs und seines Hofes, und Gröbers, Vorposten des Hallischen
+Kohlenreviers, wo in den Tagen des unseligen Kapputsches so viele
+Tapfere ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelten. Den Horizont
+aber begrenzen vor den hauchzarten Linien der ersten Thüringer Berge
+längs der Saale das vieltürmige Merseburg, das architektonische Kleinod
+des Leipziger Landes, Dürrenberg, die jahrtausende alte Salzstätte
+und eine preußisch tadellos ausgerichtete kilometerlange Linie von
+dreizehn, weit über hundert Meter hohen Schornsteinen – gottlob vier,
+fünf Stunden von uns entfernt: Das Leunawerk, das neueste große Denkmal
+deutscher Hand- und Geistesarbeit und das neue westliche Grenzmal des
+weiten, einsamen, unbekannten Leipziger Flachlandes.
+
+[Illustration: Abb. 27. =Lehmiges Hochufer der Elster=]
+
+[Illustration: Abb. 28. =Teich bei Wehlitz=]
+
+[Illustration: Abb. 29. =Trockenrisse bei Hartmannsdorf= (Elsteraue)
+
+(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
+
+ * * * * *
+
+Über die verraste mittelalterliche Salzstraße von Halle nach Schlesien
+und über die Eisenbahn von Leipzig nach Halle steigen wir durch
+Hänichen oder Schkeuditz nun bald den Hang der Elster- und Luppenaue
+hinab, die sich vier Kilometer breit als Elsteraue von Pegau–Groitzsch
+nach Leipzig und von Leipzig bis zur Saale zieht. Erst nach der letzten
+der – nach Jeckels neuesten Forschungen – wohl vier Eiszeiten, ist
+die Elsteraue in geologisch sehr junger, schätzungsweise hundert bis
+hundertundfünfzigtausend Jahre zurückliegender Zeit durch Erosion
+des nach dem Schmelzen des Inlandeises viel wasserreicheren Flusses
+entstanden. Andere, ähnliche Auen des Leipziger Landes, sind vor
+allem die der Pleiße und der Parthe, dann die der Saale und Mulde
+zwischen Weißenfels und Halle und zwischen Grimma, mehr noch zwischen
+Wurzen und Eilenburg. Diese für das Leipziger Land ganz besonders
+kennzeichnenden Flußauen sind bald urwald- und sumpfartig. Bald aber
+sind sie, wie besonders an der Mulde, insbesondere bei Nischwitz,
+Püchau und Thalheim, aber auch an der Pleiße und an der Parthe,
+mehr wald-, park- oder wiesenartig. So sind auch zahlreiche große
+Parks in den Auen angelegt worden; von den öffentlich zugänglichen
+sind wohl die schönsten die der Schlösser Knauthain, Machern,
+Lützschena und Dölkau. Zu jeder Jahreszeit aber bescheren die Auen die
+sinnfälligsten und mannigfachsten Natureindrücke im Leipziger Land.
+Häufige Überschwemmungen verändern auch heute noch, oft binnen weniger
+reißender Stunden, durch Dammbrüche auf weite Strecken, zumal an der
+Elster bei Bösdorf und Eythra und bei Gundorf, das Land und machen
+mühsam angelandeten Wiesen- oder gar Haferboden für lange Jahre wieder
+zu Schilfland, wenn nicht gar zu Lehmlachen. Dem Naturfreunde freilich
+gewähren sie, und zwar schon vielfach innerhalb des Gebiets seiner
+Seestadt Leipzig, unerwartet eindrucksvolle und mannigfache Bilder.
+
+[Illustration: Abb. 30. =Löwenzahn bei Abtnaundorf=
+
+(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
+
+Und die Rückstände dieser Überschwemmungen, feine Ton- und
+Sandteilchen, oft durch Trockenrisse weithin netzartig geädert wie
+manche Porzellane, bringen eine in Sachsen unübertroffen üppige Wald-,
+Sumpf- und Wiesenvegetation hervor.
+
+[Illustration: Abb. 31. =Fahrende Siebmacher unter der Linde bei
+Wehlitz=]
+
+Freilich bis zur Kaisereiche bei Maslau, wohl dem größten Baume
+Sachsens und seiner Grenzgebiete mit weit über acht Meter Umfang etwa
+einen Meter über dem Boden, mit achtunddreißig Meter Höhe und hundert
+Festmetern Kubikinhalt, ist der Weg zu weit und verschlungen, nun
+langsam der Abend niedersinkt. Fast ein wenig unheimlich wird es im
+weiten Röhricht und unter den Espen und Erlen, die im aufkommenden
+Abendwinde gespenstisch schauern. Weben und werben dort auf den Wiesen
+gen Papitz nicht Erlkönigs Töchter in den Weiden über den Wassern?
+Locken nicht Irrlichter ganz nahe vom schmalen abschüssigen Damm in ihr
+feuchtes Reich? Und jetzt hebt auch ein Käuzchen hier an zu klagen und
+ein zweites antwortet drüben über der Luppe her als Stimme und Symbol
+der fast plötzlich verwandelten dunkelblauschwarzen Einsamkeit. Und als
+wir nun auf oft verwachsenem Jägerpfad nach der Gundorfer Ziegelei zur
+Straßenbahn hinüberschreiten, denken wir an manche Mär, die auch unsere
+Aue, so wie den längst viel nüchterner gewordenen alten Sumpfwald der
+Schratte, den Schraden bei Ortrand, mit Gestalten der Sage beleben, an
+den Schatz im Attnitzberge bei Oberthau und an den Mann ohne Kopf an
+der Kahlen Hufe bei Kleinliebenau, an den Drachen zu Zschöcherchen und
+an den Köckeritz bei Möritzsch mit seinen mancherlei altgermanischen
+Funden und mit seinen Sagen vom Wilden Jäger. Vielleicht ist es nicht
+restlos Zufall, daß gerade am Rande der Aue die althochdeutschen
+Zaubersprüche zur Bannung böser Geister noch in der Zeit lebendig
+waren, aus der auch unserem Leipziger Lande in den Merseburger
+Chroniken und Zaubersprüchen erste literarische Urkunden überliefert
+sind.
+
+[Illustration: Abb. 32. =Sumpfdotterblume, Püchau bei Wurzen=
+
+(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]
+
+[Illustration: Abb. 33. =Gasthaus zur grünen Eiche in Eythra=]
+
+[Illustration: Abb. 34. =Eiche bei Oberthau=]
+
+[Illustration: Abb. 35. =An der Luppe bei Schkeuditz, unweit Gaststätte
+»Waldkater«=]
+
+
+=Literaturhinweise= (nur eine kleine Auswahl guter Werke).
+
+ 1. Leipziger Land, herausgegeben vom Leipziger Dürerbund und
+ Wandervogel. 2. Auflage. 1912. Fritz Eckardts Verlag. 132
+ Seiten. Ein noch jetzt brauchbarer Führer unter Betonung des
+ Landschaftlichen und Geschichtlichen.
+
+ 2. Leipziger Lehrausflüge. Herausgegeben von Kurt Krause. 1920.
+ Ferdinand Hirt und Sohn in Leipzig. 164 Seiten. Überwiegend
+ erdkundlich-geologisch. Auch für Anspruchsvollere.
+
+ 3. Sächsische Wanderbücher, Rund um Leipzig. Herausgegeben von
+ Dr. Kurt Krause. 1924. Verlag von Kommerstädt und Schobloch,
+ Dresden-Wachwitz. 330 Seiten. Sehr inhaltsreich und gründlich;
+ hauptsächlich geologisch und siedelungsgeschichtlich. Bis Gera
+ und zur Dübener Heide reichend.
+
+ 4. Leipziger Land im Bild, Heft 1. Herausgegeben von der
+ Sektion Jung-Leipzig des Deutschen und Österreichischen
+ Alpenverein 1912. Fritz Eckardts Verlag. Die leider
+ nicht fortgesetzte Veröffentlichung von neunundsiebzig
+ ausgezeichneten kennzeichnenden Landschaftsaufnahmen aus dem
+ Leipziger Land.
+
+[Illustration: Abb. 36. =Alt-Schkeuditz=]
+
+
+
+
+Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern
+
+Von _Rudolf Moschkau_, Leipzig
+
+Mit sieben Zeichnungen vom Verfasser
+
+
+Zu den unscheinbarsten Blüten alter heimatlicher Volkskunst gehört eine
+Gruppe von Hausornamenten, die mir an Sachsens Landesgrenze bei Leipzig
+häufiger vorzukommen scheinen, als sonst in Leipzigs näherer Umgebung.
+Daß hierbei die erst hundertjährige politische Grenze keinerlei Rolle
+als Kulturscheide spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Tatsächlich finden
+sich die in Rede stehenden Verzierungsmuster an bäuerlichen Lehmhäusern
+hüben wie drüben. Die reizvolleren Beispiele freilich traf ich jenseits
+der grün-weißen Grenzpfähle auf provinzialsächsischem Boden an. In
+unmittelbarer Umgebung der Großstadt dagegen hat großstädtische
+Bauweise mit den alten Lehmhäusern auch die alte Verzierungsweise
+verschwinden lassen. Ob heute die Technik der Lehmwandmusterung in
+dem unberührteren landwirtschaftlichen Nachbargebiete, in dem sie
+besser erhalten blieb, auch noch ausgeübt wird, entzieht sich meiner
+sicheren Kenntnis. Ich bezweifle es; auf jeden Fall könnte es sich nur
+um ein örtlich begrenztes, letztes Aufflackern einer verlöschenden
+Gepflogenheit handeln.
+
+Die Hausornamente bestehen aus geometrischen Furchen- und Stichmustern,
+die in den noch bildsamen feuchten Lehm der eben fertiggestellten
+Hauswände eingetieft wurden. Das drei- bis sechszinkige Gerät,
+dessen sich der bäuerliche Handwerker hierzu bediente, ist kammartig
+zu denken. Zu Gesicht ist mir ein solches Instrument bisher nicht
+gekommen. Vielleicht genügte für einfache Muster das fünfzinkige Urbild
+aller Kämme, die menschliche Hand. Wo die gemusterte Lehmwand vor
+Schlagregen geschützt blieb, erhielten sich Furchen und Einstiche sehr
+wohl.
+
+So kann man noch ganze Außenwände, mit unbegrenzten Mustern
+gefüllt, antreffen. Für Innenwände schuf man sich auf gleiche Art
+einen billigen Tapetenersatz. Als Beispiel mag ein Bauernhaus
+des siebzehnten Jahrhunderts aus Leipzig-Wahren dienen, das von
+seinem Besitzer pietätvoll geschont ward. (Abb. 1.) Ohne Kalk- oder
+Farbtünche geben seine Zimmerwände ein Bild armseliger und doch nicht
+schmuckloser Einfachheit: Der Balkenrichtung angepaßt, verlaufen
+vierfurchige Wellenbänder in Begleitung von Stichgruppen ziemlich
+sorglos zwischen senkrechten Furchenbändern oder folgen schrägen
+Streben des Balkenwerkes. An anderen Stellen tritt durch regelmäßige
+Kreuzung geradliniger Bänder ein strengeres Rautenmuster mit gewellten
+kurzen Mittelstrichen auf. Der Bauer hat die letztgenannte Art, eine
+Wandfläche im Ganzen aufzuteilen, entschieden vor anderen Möglichkeiten
+bevorzugt, so daß sie über weite Landstriche Sachsens und der
+Nachbarländer Verbreitung gefunden hat.
+
+Durch besseren Wetterschutz vor der Wandfläche begünstigt, zeigt das
+Dachgesims die empfindlichen Kammuster in besserer Erhaltung. Die
+ausgewählten Beispiele sprechen für sich selbst. Was die Konstruktion
+des Simses angeht, so war ich um Ansichten in Übereckstellung bemüht.
+An den Ecken liegen die wunden Stellen des Lehmhauses, die nicht selten
+erkennen lassen, wie der Sims gebaut und mit Lehm verkleidet worden
+ist. Die Muster selbst werden an dem überschatteten Sims von ungeübten
+Augen leicht übersehen. Nur bei guter Erhaltung und Seitenbeleuchtung
+sind sie so deutlich wie auf unseren Zeichnungen sichtbar. (Abb. 2–7.)
+
+Was an der Bemusterung der Simse sogleich auffällt, ist der größere
+Reichtum an Formen. Zickzack- oder Wellenbänder mit Überschneidungen
+folgen der Hauptrichtung des Simses und werden meist begleitet von
+Stichgruppen, die sinngemäß die freien Mittelfelder und Zwickel füllen.
+Aus der Zahl der Furchen, die ein Band bilden, oder der Punktzahl
+einzelner Stichgruppen ist die Zinkenzahl des verwendeten Kammes ohne
+weiteres erkennbar. Eine Reihung einzelner Elemente wie in Abbildung
+5 mag durch die Reihe der vorstehenden Dachbalkenköpfe eingegeben
+worden sein. Diese Balkenköpfe werden gern durch Lehmauftrag verdeckt,
+um eine glatte Durchführung des Musters über den ganzen Sims hin zu
+ermöglichen. Da aber der dünnere Lehmauftrag an dem Balkenende weniger
+fest haftet, treten sie meist wieder zutage, wie in Abbildung 4. Hier
+hält überdies ein kahler, späterer Mörtelputz das freundliche alte
+Girlandenmuster bis auf eine Bruchstelle verdeckt.
+
+In geschmacklicher Hinsicht verdient dieser bescheidene Hausschmuck
+fast ausnahmslos ein Lob. Es scheint, als ob die Hersteller Kenntnis
+gehabt hätten von den Ornamentgesetzen der Reihung. Nicht nur, daß die
+rhythmisch geordneten Zierteile und die rhythmisch bewegten Linien
+Gefallen erregen – selbst der Rhythmus des unbegrenzten, denkbar
+bescheidenen Musters in Abbildung 7 hat noch seinen Reiz – nein,
+auch die Logik dieses Schmuckes ist zwingend: Der Schmuck ist werk-
+und materialgerecht; denn der Kamm, der nur stechen und ritzen kann,
+wird allein in diesem Sinne verwendet, und zwar an einem Material,
+das eben diese Tätigkeiten mühelos erlaubt. Es sind nichts weiter als
+Werkzeugspuren in gefälliger Anordnung, die so entstehen, keine andere
+Herstellungsweise, kein fremder Werkstoff wird vorgetäuscht. Und auch
+die Stelle, wo der Schmuck sitzt, ist sinnvoll gewählt. Es ist der
+obere Wandabschluß des Hauses, wo das Muster wirkt wie der säumende,
+abschließende Besatz eines Kleides.
+
+[Illustration: _Bäuerliche Ritzkamm-Muster an der Innenseite der
+Lehmfachwände des Hauses No. in Wahren bei Leipzig. 17. Jahrhundert._
+
+Abb. 1]
+
+[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in
+Döllnitz westl. Schkeuditz_
+
+Abb. 2]
+
+[Illustration: _Bäuerliches Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer
+Lehmscheune in Raßnitz westl. Schkeuditz._
+
+Abb. 3]
+
+Man sehe noch einmal ein Beispiel wie Abbildung 3 an, und man wird
+gestehen, daß der so erzielte Eindruck von Harmonie zwischen baulichen
+und schmückenden Gliedern ungetrübt ist. Ein ehrlicher, derber
+Menschenschlag mit Sinn für Zweckmäßigkeit und Freude an bescheidener
+Schmückung steht hinter solchem Werk. Aber noch ein anderer Eindruck
+drängt sich uns auf: Der Eindruck, daß es »so lange her« sei, daß
+hier eine uraltertümliche Kunstübung vorliegen müsse; und dem ist
+auch so. Wer in Europas vorgeschichtlicher Kunst Bescheid weiß, der
+kennt bereits diese Kreuzchen und Stichgruppen, Zickzack- und
+Wellenmuster. Sie sind zu allen Zeiten in mehr oder weniger primitiven
+Kulturen in Gebrauch gewesen. Vom Volk erfunden und angewandt, stellen
+sie im eigentlichen Sinne primitives Gemeinschaftsgut dar.
+
+[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit altem Ritzkamm-Muster
+unter jüngerem schmucklosem Mörtelputz. Klein-Kugel, östlich Halle,
+Kreis Halle._
+
+Abb. 4]
+
+[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in
+Wöllmen südw. Eilenburg._
+
+Abb. 5]
+
+[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit Ritzkamm-Muster,
+Kl.-Kugel, östl. Halle, Kr. Halle._
+
+Abb. 6]
+
+[Illustration: _Groß-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle, Scheunengesims
+mit Ritzkamm-Muster._
+
+Abb. 7]
+
+Schon die eiszeitlichen Fundstellen der Aurignackultur liefern auf
+Knochengeräten schön entwickelte Beispiele. Auf nacheiszeitlichen
+Rentierstäben der Yoldiaperiode tauchen sie wieder auf. Die reichste
+Entwicklung aber findet das primitive, geometrische Ritzornament
+in der Keramik der jüngeren Steinzeit Deutschlands. Hier läßt es
+sich auch zum erstenmal an Häusern – Grabhäusern freilich, wie das
+berühmte Merseburger Steinkistengrab, sowie an tönernen Hausmodellen
+aus Mähren – neben bildhaft symbolischen Zeichen beobachten. Für die
+viel spätere Zeit der Römerherrschaft bekundet Tacitus, Germania XVI,
+in einer vielgenannten Stelle, daß die Germanen manche Teile des
+Hauses mit feiner glänzender Lehmmasse überzögen, wodurch Malerei und
+Zeichnung gleichsam vertreten würden. Die merkwürdigste technische
+Übereinstimmung mit unseren Lehmwandmustern liefert jedoch der
+slawische Kulturabschnitt unserer Heimatgeschichte. Die slawischen
+Gefäße vom Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends kennen als
+ausschließliche Verzierung nur die Ritzkammusterung. Sehen wir von
+der viel kleineren Ausführung derselben ab, so ist die Ähnlichkeit
+dieser tausendjährigen Gefäßmuster mit unserem Lehmhausschmuck
+verblüffend. Davon kann sich jeder Besucher einer heimatlichen
+Vorgeschichtssammlung, die slawische Scherben enthält, überzeugen.
+Wenn heute noch in slawischen Ortschaften an der March[4], wie auch
+anderwärts in slawischem Siedlungsgebiet, Lehmwände in gleicher Weise
+mit Kammustern geschmückt werden, so darf auch eine ununterbrochene
+Tradition wenigstens für slawische Stämme vermutet werden. Ebenso wird
+für unsere Heimat eine Fortdauer vor- und frühgeschichtlicher Tradition
+bis zur Gegenwart nicht zu bestreiten sein.
+
+Außer der primitiven Technik unseres Lehmhausornamentes weist aber
+noch ein zweiter Umstand in die graue Vorzeit als den Nährboden
+solcher Kunstübung, ein Umstand, der uns die Muster nicht mehr allein
+aus reiner, primitiver Schmuckfreude herleiten läßt. Das ist das
+Auftreten symbolartiger Bildzeichen. So erscheint, von mir freilich
+nur erst einmal in Leipzigs Umgebung beobachtet (Wölpern, südöstlich
+Eilenburg), in Verbindung mit Zickzackmusterung ein Bäumchen auf
+gestellartigem Untersatz, beides in Stichmanier ausgeführt. Ganz
+gleiche primitive Bäumchen mit aufwärtsweisenden Zweigen, wiederum
+verbunden mit Dreieckzacken und Punktmusterung sind im Hannöverschen
+als gelegentliche Malerei an Hausbalken bekannt. Auf Befragen eines
+volkskundlich eingestellten Forschers gaben Einheimische eine bildliche
+Ausdeutung der abstrakten Muster bis auf die Punktdreiecke, deren
+Erklärung mit einem »zweideutigen Schmunzeln« abgelehnt wurde[5]. Sie
+dürften wohl geschlechtliche Beziehung haben. Und da solche Zeichnungen
+einer Braut im Hause gelten, so ist die Beziehung auf künftige
+eheliche Fruchtbarkeit offensichtlich. Was hier im symbolischen Sinne
+geschieht, ist in alten Zeiten als zeichnerischer Fruchtbarkeits-
+und Abwehrzauber geübt worden. Darauf weist auch das Auftreten der
+Symbolzeichen in jenen steinernen Grabkammern des Neolithikums hin, in
+denen gerade das primitive Bäumchen, mit einem Sonnenrad beziehungsvoll
+verbunden, wiederholt beobachtet worden ist.
+
+So kann vergleichende Volkskunde und Vorgeschichte die bescheidensten
+Zeugnisse heimatlicher Volkskunst in ein neues Licht rücken. Mochten
+die heutigen Lehmwandmuster auch von ihren Herstellern nur als Schmuck
+angebracht und empfunden worden sein, so gehen sie doch letzten
+Endes auf alte Vorbilder zurück, in denen sich Schmuckwirkung mit
+zauberischer Absicht verband. An anderem Bauzierat des Hauses läßt sich
+diese Verwurzelung in primitiver magischer Denkweise vorgeschichtlicher
+Kulturen deutlicher erkennen. Doch liegt hier durch die Sammlung
+von Wetterfahnen, Giebelzeichen, Dachluken, Hausinschriften usw.
+ein ungleich reicheres Material vor. Möchten sich auch für unsere
+aussterbenden Lehmwandmuster einige Heimatforscher finden, die durch
+zeichnerische Sammelarbeit das Material vermehren helfen, das auf
+diesen Seiten nur erst teilweise veröffentlicht worden ist, und das
+zusammenzutragen mir manche Freude bereitet hat.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [4] Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien. Bd.
+ VII, S. 318, mit Abbildung.
+
+ [5] Zeitschrift für Ethnologie. Verhandlungen 1896, S. 589, mit
+ Abbildung.
+
+
+
+
+Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig
+
+Von Dr. _Gustav Schulze_, Leipzig
+
+
+Es ist jetzt vielfach die Rede von großzügigen Bebauungs-
+und Wirtschaftsplänen, durch die nicht nur die eigentlichen
+Siedlungsflächen, Bau- und Industrieland, sondern auch die Adern des
+Personen- und Güterverkehrs zu Wasser und Lande, Eisenbahnlinien,
+Autostraßen, vor allen Dingen aber die Grünflächen, die Lungen der
+Großstadt, weitblickend festgelegt werden sollen.
+
+[Illustration: Abb. 1]
+
+Künstlich angelegte Grünflächen, Promenaden, Volksparks werden immer
+etwas Gewolltes, Unnatürliches an sich haben, die wahre Erholungsstätte
+für alt und jung bleibt doch der Wald. Nur schade, daß er sich in
+seiner natürlichen Unberührtheit, sei es auch nur Kulturwald, nur
+selten noch nahe dem Weichbild einer Großstadt finden wird. Bei
+Leipzig, dessen Lage ja, mit Unrecht allerdings! für besonders reizlos
+gilt, wird man das am wenigsten vermuten und doch ist es der Fall. Zehn
+Kilometer Luftlinie vom Marktplatz, vier Kilometer von der Stadtgrenze
+entfernt, befindet sich ein echter Nadelwald von acht Quadratkilometern
+Fläche, das Staatsforstrevier Harth. Der Name bedeutet soviel wie
+Weidewald.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Aus der Harth=]
+
+Die Harth, Leipzigs Stolz und meistgewähltes Ausflugsziel – jede
+Leipziger Schulklasse tobt sich hier einmal wenigstens im Jahr aus,
+– liegt auf einer diluvialen Halbinsel zwischen den kilometerbreiten
+Talauen der Elster und Pleiße, die sich noch südlich der Stadt Leipzig
+vereinen und als breiter Auwaldstreifen die westlichen Vororte von
+dem eigentlichen Stadtkern scheiden. Die diluviale Tafel erhebt
+sich etwa fünfzehn Meter über die Auen und erreicht innerhalb der
+Harth im Südwesten ihren höchsten Punkt mit 133 Meter, an der Straße
+südlich Prödel liegt die tiefste Stelle mit 122 Meter. Die geringe
+Erhebung über den Grundwasserspiegel hat genügt, hier einen typischen
+Trockenwald, eine kleine Heide entstehen zu lassen, der allerdings alle
+dünenartigen Bodenwellen völlig fehlen. Die Eigenart der diluvialen
+Bodendecke hat diese Heidebildung noch begünstigt.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Maientag im Harthwalde=]
+
+[Illustration: Abb. 4. =Alter Kiefernbestand in der Harth=]
+
+Den Boden der Harth bildet eine sechzig bis hundert Zentimeter dicke
+Lößschicht, ein durchaus gleichförmiges Gebilde, dem Geschiebe
+fast gänzlich fehlen. Dieser Löß liegt über lockeren und daher
+leichtdurchlässigen altdiluvialen Flußschottern. So war es möglich,
+daß durch Auslaugung der feinen Bestandteile und ihre Wegführung nach
+unten eine Decke von sandartigem Habitus übrig blieb, die, physikalisch
+betrachtet, wohl einen guten Boden darstellt, aber bei rund
+fünfundachtzig Prozent Kieselsäure doch recht arm an Nährstoffen ist.
+Sandliebende Pflanzen werden sich hier wohlbefinden und so entstand
+ein echter Heidewald mit Kiefern, Fichten, Lärchen und Birken; den
+Boden besiedeln Heidekraut und Heidelbeeren, Farne und Maiblumen, die
+der Leipziger natürlich weit mehr schätzt als den Knoblauch, der ihm
+zuzeiten die schönen Auenwälder fast vergällt.
+
+[Illustration: Abb. 5. =Am Wege nach Zwenkau=]
+
+[Illustration: Abb. 6. =Kiefernbestand in der Harth=]
+
+Im Gegensatz zur feuchten, nebel- und mückenerfüllten Aue stellt die
+Umgebung der Harth ideales Siedlungsgelände dar. Das mag schon immer
+so gewesen sein, denn rings im Umkreis weisen Erdfunde, in der Harth
+selbst der Rennstieg, Wallanlagen und Brandgräber mit Aschen- und
+Knochenresten (Bronzezeit?) auf eine vorgeschichtliche Besiedlung
+hin. Auch die Siedlungen der geschichtlichen Zeit haben sich aus
+der Gefahrenzone des Überschwemmungsgebietes und vor seinen kalten
+Nebeln hinaufgeflüchtet auf das diluviale Hochplateau. In engem
+Kreise schließen Gaschwitz, Debitz-, Groß- und Probstdeuben, Stöhna,
+Zeschwitz, Zwenkau, Prödel, Zöbigker und Großstädteln die Harth ein.
+Es ist gar kein Zweifel, daß ihre ackerbautreibende Bevölkerung in
+früheren Zeiten der Harth manchen Quadratmeter Boden abgerungen hat,
+denn der Heideboden reicht viel weiter, als sich heute die Harth
+erstreckt. Sie war darauf angewiesen, dort ihren Pflug anzusetzen,
+denn die Aue eignete sich nur für Wiesenkultur. Alle diese Orte haben
+sich bis heute frei von Industrieunternehmungen gehalten, und kein
+giftiger Qualm, kein ohrenbetäubender Lärm belästigt hier den Erholung
+suchenden Menschen. Die meisten der Orte wußten die Vorzüge ihrer Lage
+wohl zu schätzen und hoben sie durch vorzüglich ausgebaute Straßen und
+mustergültige Beschleusung. Wohlgepflegte Wege führen von all diesen
+Orten hinüber zur Harth, und Gaschwitz, Deuben und Zwenkau schieben
+sich heute schon mit Villenkolonien dicht an sie heran.
+
+[Illustration: Abb. 7. =Lärchen in der Harth=]
+
+Alles in allem, die Harth ist das Ideal eines natürlichen
+Großstadtgrünfleckes. Die Eisenbahn hat die Bedeutung dieser Tatsache
+voll erfaßt und bringt die Ausflügler der Altstadt, wie auch der
+östlichen, südlichen und westlichen Vororte vom Hauptbahnhof, vom
+Schönefelder, Stötteritzer, Gautzscher und vom Plagwitzer Bahnhof her
+Sonn- und Wochentags mit vierundfünfzig Zügen heran, und von Gaschwitz,
+Deuben, Großstädteln, Böhlen oder Zwenkau mit siebenundfünfzig Zügen
+bei einer Fahrzeit von rund zwanzig Minuten wieder in die Großstadt
+zurück. Bis zum Gaschwitzer Bahnhof, dessen Verkehr dem einer Großstadt
+wenig nachsteht, ist die Strecke viergleisig ausgebaut, und die
+neuzeitlich ausgestattete Bahnhofsanlage ermöglicht auch die glatte
+Abwicklung des Feiertagsverkehrs, der durch Sonderzüge gewöhnlich noch
+eine Steigerung erfährt.
+
+[Illustration: Abb. 8. =Eichen in der Harth=]
+
+Eine der besten Autostraßen Leipzigs führt über Connewitz, Gautzsch,
+Zöbigker, Prödel geradlinig zur Harth, und über Knauthain, Eythra,
+Zwenkau sowie Ötzsch, Städteln, Gaschwitz ist die Zufahrt im Auto nach
+der Harth ebenfalls günstig.
+
+Der Hauptvorteil der Harth gegenüber anderen Nadelwäldern in Leipzigs
+weiterer Umgebung liegt darin, daß sie durch Fußgänger auf schattigen,
+staubfreien Wegen fast von allen Teilen der Stadt aus zu erreichen
+ist, ohne daß man dabei vom Groß- und Schnellverkehr belästigt wird.
+Vom Westen und Süden der Stadt aus kann man ohne großen Umweg in der
+Elsteraue über Lauer, Cospuden, Eythra, Zwenkau oder vom Osten aus in
+der Pleißenaue über Lösnig, Dölitz, Markkleeberg, Crostewitz, Gaschwitz
+zur Harth gelangen. Die Karte vermöchte dieses weitverzweigte Wegenetz
+doch nicht vollständig wiederzugeben, darum wurde gar nicht erst der
+Versuch gemacht, um den Eindruck der Geschlossenheit der Auen zwischen
+Stadt und Harth nicht zu verwischen.
+
+[Illustration: Abb. 9. =Am Rande der Harth bei Zwenkau=]
+
+Schon auf der Wanderung zur Harth findet der Naturfreund vieles, was
+sein Herz erfreut, breite schattige Wege durch den hochstämmigen
+Auenwald oder enge verschlungene Pfade durch Weiden- und Erlengebüsch,
+ständig wechselnde Bilder längs der zahlreichen Wasserläufe, lauschige
+Plätzchen an stillen, von Wasserlinsen überzogenen Altwässern, breit
+hingelagerte Ziegeleien inmitten blumiger Wiesen, in entlegenen
+Talwinkeln und Flußschleifen verträumte alte Wassermühlen und
+efeuumsponnene Herrenhäuser hinter halb ausgetrockneten Schutzgräben.
+So gelangt man auf immer neuen, immer schönen Wegen in zwei, drei,
+höchstens vier Stunden hinaus zur Harth. Und nun hat man den doppelten
+Genuß. Der Laubwald ist reizvoll, es ist doch aber immer wieder
+etwas Eigenes um den Nadelwald in seiner herben, straffen Schönheit.
+Kerzengerade streben Fichten und Kiefern zum Himmel empor, in geraden
+Reihen, Soldaten gleich, wies ihnen die sorgende Hand des Försters den
+Platz. Gradlinig ziehen Schneisen und Wege dahin, weite Durchblicke
+gewährend, die dunklen ernsten Massen gesäumt von lichten, freundlichen
+Birken und Lärchen.
+
+Mag an den Pfingstsonntagen die Harth noch so stark von Tausenden
+und Abertausenden besucht sein – »hier ist des Volkes wahrer Himmel«
+– der Kundige findet immer noch ein ruhiges, friedliches Plätzchen
+in verschwiegenem Gebüsch und vergißt für einige glückliche Stunden
+das Großstadtgetümmel und ruht und träumt, daß kluge Menschen und
+ein weitblickender Staat aus diesem unersetzlichen Kleinod einen
+Naturschutzpark gemacht hätten, den keine frevle Hand berühren darf
+und wenn das mächtigste Braunkohlenflöz der Erde darunter läge. – Ein
+schöner Traum, aber vielleicht wird er doch noch Wirklichkeit, wenn
+auch die Gefahr groß ist, die der Harth vom Staatlichen Braunkohlenwerk
+Böhlen her droht.
+
+
+
+
+Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der
+letzten Jahrzehnte
+
+Von _Richard Schlegel_
+
+
+Vergehen und Werden, Unbeständigkeit und Wechsel sind die ehernen
+Gesetze, denen sich alles Naturgeschehen vom »ersten Schöpfungstage« an
+beugt. Und dieser Wechsel im Aufbau unseres Planeten prägte in langen
+erdgeschichtlichen Epochen die reich differenzierte Pflanzen- und die
+mit ihr in innigster Wechselbeziehung stehende Tierwelt, deren Zahl
+sich in Legionen verliert. Der Wechsel in der Vergangenheit rief der
+Vielgestaltigkeit der Lebewesen sein Werde!, und der Wechsel in der
+Zukunft beugt sie wieder unter seine zwingende, umformende Gewalt. Der
+Wechsel in Bodenbeschaffenheit und Klima nagte an der Starrheit der
+Art und schuf in den Rassen Abwechselung und Vielgestalt. Wie wirkt
+aber der Wechsel auch in geschichtlich absehbaren Zeitabschnitten noch
+heute verändernd und umgestaltend auf die uns umgebende Lebewelt? Das
+zu verfolgen, soll hinsichtlich einer scharf umrissenen Tierklasse, der
+Klasse der Vögel, der Zweck meiner kurzen Ausführungen sein, soweit
+dies auf engbemessenem Raume möglich ist. Zu Untersuchungen nach
+dieser Richtung bietet gerade ein Lebensraum mit einer Millionenstadt,
+wie sie annähernd Leipzig ist, im rastlosen Wechsel des Werdens und
+Veränderns die denkbar beste Gelegenheit. Ja, fordert sie den Natur-
+und Heimatfreund, der jahrzehntelang nicht achtlos am lauten Herzschlag
+des Naturgeschehens auch inmitten des hastenden Räderwerkes einer
+Großstadt vorüberging, nicht geradezu zu solchen Vergleichen heraus?
+Zwar dürfen wir nicht erwarten, daß in so kurzen, übersehbaren, am
+Leben des Menschen gemessenen Zeitabschnitten sich die Veränderung der
+Umwelt auch morphologisch und physiologisch im Vogel widerspiegelt,
+solche Umformung mißt man mit Meilenmetern und Millionenjahren; sie
+finden nur in biologisch-ökologischen Faktoren sichtbaren Ausdruck. –
+
+Die lawinenartig wachsende Zunahme der Bevölkerungszahl in der
+Vorkriegszeit forderte gebieterisch Neuland für Siedlungszwecke.
+Wo einmal goldene Ähren im Winde nickten, und frischgrüne, bunt
+durchwirkte Wiesenflächen die Häusermauern malerisch säumten, da
+machen sich neue Straßen breit und greifen weit hinein in die einst
+ländlich stille Landschaft, wo der Pflug friedlich seine Furchen zog.
+Damit im Zusammenhange steht, daß die Wellen des Großstadtverkehrs
+weit hinaus in ländliche Gefilde schäumen, auf die ehemals Ruhe und
+Frieden ihre Fittiche breiteten. Verödet und entheiligt vom Tritt und
+Lied naturfremder Wanderscharen liegen die Gefilde, wo einstmals unser
+stolzester und ansehnlichster Vertreter der deutschen Vogelwelt, der
+_Großtrappe_, in reicher Besiedlung heimatete und bis in Stadtnähe
+heran dem Brutgeschäfte obliegen konnte. Nur noch ganz sparsame Reste
+dürften es sein, die uns in südwestlichen und nördlich-nordöstlichen
+Gebieten, nahe der preußischen Landesgrenze, erhalten geblieben sind.
+Wir wünschen den Bestrebungen des sächsischen Heimatschutzes von Herzen
+Erfolg bei seinen Bemühungen um Erhaltung dieses vaterländischen
+Naturdenkmals ganz hervorragender Art. –
+
+Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstreckten
+sich, vom hinteren Rosentale an, über Gohlis, Möckern und Wahren
+hinaus ausgedehnte Ausstichsümpfe und Lachengebiete mit interessanten
+feuchtigkeits- und wasserliebenden Pflanzengemeinschaften, die einer
+ebenso interessanten und vielseitigen Lebewelt von der Amöbe bis zur
+Wasserspitzmaus in lückenloser Aufstiegreihe die Daseinsbedingungen
+schufen. Auf diesen wahrhaft klassischen Stellen, nun ausgefüllt
+mit allem Unrat der Retorte Großstadt, baut gegenwärtig der
+Schrebergärtner Salat und Sellerie. Hier »erfreuten« sich einst
+_Höckerschwan_, _Zwergrohrdommel_, _Knäkente_, _Blaukehlchen_ und
+allerlei heimliches, lichtscheues _Rallenvolk_ ungestörten Daseins.
+Wiesen- und Gartengelände wurden gewonnen, aber die Mücken leben dort
+scheinbar alle noch, und _Höckerschwan_ und _Blaukehlchen_ sind aus
+der Liste Leipziger Brutvögel zu streichen. Andere Stellen gleicher
+Beschaffenheit, beispielsweise die Luppensümpfe bei Gundorf, verlanden
+mehr und mehr. Wo man noch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts dort
+auf den Schlammbänken und Seichtwasserstellen zur Zugzeit allerlei
+artenreiches Stelzvogelvolk anzutreffen die sichere Aussicht hatte,
+wetzt zwar noch Bläßhuhn und knärren die Entenerpel, aber Reichtum
+und Vielseitigkeit gehören der Vergangenheit an. Die fortschreitende
+Entwässerung des Geländes überhaupt war einer der einschneidendsten
+Faktoren in der veränderten Physiognomie der Vogelwelt des Leipziger
+Gebiets. Vom Nisten des _weißen Storches_ berichten uns Vogels Annalen
+aus früheren Jahrhunderten, und selbst aus den dreißiger Jahren des
+vergangenen Jahrhunderts sind uns noch drei Stadtbrutstellen bekannt.
+Heute sind sämtliche Niststellen der näheren und weiteren Umgebung
+verlassen, und selbst bis zur Elbe hin war 1924 Malkwitz, östlich
+der Mulde, der einzige Ort überhaupt, der noch eines Nistpaares sich
+rühmen durfte. In einer im Druck erschienenen Broschüre, Verlag von Max
+Weg, Leipzig, über die Vogelwelt Nordwestsachsens, habe ich aller uns
+bekannt gewordenen Niststätten eingehender gedacht. Wer sich näher für
+das Werden und Verändern der Vogelwelt dieses Gebiets interessiert, den
+verweise ich auf die dortigen Ausführungen. –
+
+Ein Zeitgenosse Chr. L. Brehms, der alte Leipziger Ornithologe Heinrich
+Kunz, berichtet uns, daß in den dreißiger Jahren des vergangenen
+Jahrhunderts auf der sogenannten Kuhweide, einem sumpfigen, mit Hecken
+durchsetzten Wiesengelände an der Frankfurter Straße, der _graurückige
+Würger_ so häufig genistet habe, daß die Sammler die Eier überhaupt
+nicht mehr beachteten, und daß auf Schimmels Teich – in der Gegend des
+Reichsgerichts – u. a. auch die niedliche _kleine Rohrdommel_ und die
+_große Rohrdommel_ gebrütet haben. Heute ist der graue Würger wohl
+schon allenthalben in deutschen Gebieten als Seltenheit zu werten.
+Den Schönefelder Rohrteich kannte Kunz als Brutort der _Rohrweihe_
+und _Sumpfohreule_, Arten, von denen es heute wie im Märchen heißt:
+»Es war einmal«. Teils ohne ersichtlichen Grund, teils des Eierraubs
+wegen, wie behauptet wird, sind die _Lachmöwen_kolonien der Rohrbacher,
+Haselbacher und Eschefelder Teiche sowie die Brutgebiete der _Fluß-_
+und _Zwergseeschwalbe_ im Muldengebiete bei Wurzen bzw. an den
+Rohrbacher Teichen gegenwärtig völlig erloschen. Hinsichtlich des
+_Wachtelkönigs_ sei erwähnt, daß gegen Jahrzehnte zurückliegende Zeiten
+eine stetige und sichere Abnahme zu verzeichnen ist. Ein jahreweises
+Aufleben des Bestandes kann die Tatsache zwar verschleiern, aber
+nicht entkräften. Das einstige Vorkommen erstreckte sich ausnahmslos
+auf die ausgedehnten üppigen Wiesenflächen der heimatlichen Fluß-
+und Bachläufe, sowie der grün umrahmten Teich und Lachengebiete, ohne
+in den mehr trockenen Gebietsstrichen des Nordens und Ostens ganz zu
+fehlen. Selbst ganz stadtnahe Wiesen beherbergten den Wiesenknarrer
+jahrelang und nicht selten. Ich muß ferner als äußerst bemerkenswerte
+Tatsache darauf hinweisen, daß nach dem Berichte des zuverlässigen
+Oberförsters Fritzsche in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
+auch Wodans Vogel, der reckenhafte _Kolkrabe_, im nahen Harthwalde
+Heimatsrecht genoß. Leider fehlen eingehendere Aufzeichnungen
+hierüber, aber zwei Belegstücke im Zoologischen Universitätsmuseum
+aus Connewitzer- und Kleinzschocherschem Gebiet zeugen noch von dem
+Märchen aus vergangenen Zeiten. Bei der Sippe der Schwarzkittel
+angekommen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß die letzten städtischen
+_Saatkrähen_kolonien am Eingange zum Rosentale und an der nördlichen
+Promenade 1895 bzw. 1908 erloschen. Von den weiteren einstigen
+zahlreichen Kolonien der Leipziger Flußgebiete besteht gegenwärtig
+nur die bei Kahnsdorf-Zöpen noch, vielleicht die einzige des engeren
+Vaterlandes. Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende
+_Elster_ ist selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung
+preisgegeben; schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter
+solchen Umständen auch als Waidmann heilig. –
+
+Was das ritterliche Geschlecht der gefiederten Räuber betrifft, so
+bleibt die tief bedauerliche Tatsache bestehen, daß es mit ihrem
+Bestande tief nach abwärts gegangen ist. Heute muß schon ein brütendes
+_Bussard_pärchen als seltenes Beobachtungsobjekt gewertet werden. Wie
+arm ist doch die Natur geworden, wenn wir der Zeiten gedenken, da
+der _Fischadler_ nach Ludwig Thienemann noch Brutvogel »in der Nähe
+Leipzigs« war und der König der Lüfte, der braune und rote Milan, im
+Landschaftsbilde stolz seine Kreise zog, dahin, unwiederbringlich; »ein
+Loch in der Natur« schließt sich nur in den seltensten Fällen wieder.
+Ich kann an dieser Stelle leider nur andeutungsweise berichten und muß
+wiederum auf die bereits erwähnte Broschüre verweisen. –
+
+Noch dürfen wir Leipziger in unserem landschaftlich reizvollen
+Niederungsgebiete uns gewiß einer reichen, sangesfrohen Kleinvogelwelt
+erfreuen, aber auch an ihr sind mancherlei schädigende Einflüsse nicht
+spurlos vorübergegangen. Die _Uferschwalben_kolonien peripher gelegener
+Stadtteile gehören seit langen Jahren schon der Vergangenheit an; sie
+wurden, auch weniger an Individuenzahl, in weiter abseits gelegene
+ländliche Bezirke gedrängt. Der rotrückige _Würger_, der einstige
+Hauptbrutpfleger des Kleinvogelmörders Kuckuck, ist dort infolge
+seines Pflegeramtes schon mehr ein Seltling geworden, und Cuculus
+sucht nach neuen Ammenvögeln. Von den einstigen wenigen Brutstellen
+des prächtigen _Rotkopfwürgers_ ist uns nur die Aufzeichnung im
+Schrifttum geblieben. Jammer und Empörung greifen mir gleichzeitig
+ans Herz, wenn ich nun auch der Sängerkönigin _Nachtigall_ gedenken
+muß. Wohin sind die Zeiten, da wir ihrem Schlage noch in Stadtnähe und
+selbst in städtischen Grünlandstellen andächtig und ergriffen lauschen
+und uns rühmen durften, das reichstbesiedelte Nachtigallengebiet
+des Vaterlandes unser Eigen nennen zu können! Und alle dicht
+bebuschten Auen der Flußläufe klangen im Wonnemonat wieder vom
+Jubel der zahlreichen Sänger. Vielfach fielen das Buschholz und die
+Heckensäume des Waldes, und Raubtier ~homo insipiens~ vollendete,
+was dem tierischen Großstadtraubwild noch entgangen war. Selbst die
+städtischen Anlagen wurden einer rücksichtslosen, gemeinen Fängerzunft
+tributpflichtig. »Der Moor hat seine Schuldigkeit getan« in Stadt und
+Stadtnähe, aber das tückische Schlaggarn lauert weiter draußen, wo
+die Welt noch »vollkommener« ist im königlichen Sänger. Wie lange,
+bis auch dort nur noch das rauhe Lied »des Raben« durch die Öde
+hallt. Es ist erschreckend rückwärts gegangen mit dem Bestand unserer
+Nachtigall. Selbst von den nordwestlichen Gegenden der Elsteraue, wo
+man vor etwa fünf Jahren noch den Sänger in erfreulicher Zahl verhören
+konnte, lauteten die letztjährigen Berichte niederschmetternd und
+hoffnungslos. –
+
+Aber manche der verändernden Faktoren in der Zusammensetzung unserer
+Ornis zeigen neben dem hemmenden Einfluß auch einen fördernden Wert.
+Wo die Hand des Menschen ändernd im Landschaftsbilde eingreift, da
+entzieht sie gleichzeitig gewissen Arten die Daseinsbedingungen. Der
+Flucht der ursprünglichen folgt das Nachrücken anderer Arten, denen mit
+der Veränderung ein günstiger Lebensraum geschaffen wurde. In meiner
+kleinen Schrift: »Die im Stadtgebiet Leipzig brütenden Vögel« habe ich,
+weiter ausgreifend, versucht, die einem gewissen zentripedalen Trieb
+folgenden Arten namentlich aufzuführen und die Gründe ihrer Umformung
+von scheuen Wald- in zutraulichere Stadtbrutvögel darzulegen. Breite,
+mit Baumreihen besäumte Straßenfluchten, parkartige Kinderspiel- und
+Schmuckplätze, Promenaden mit altehrwürdigen Baumriesen, Schreber-
+und Familiengärten, Berufsgärtnereien, Lagerplätze, Villen- und
+Institutsgrundstücke mit ansehnlichen Garten- und Parkanlagen und
+stillgelegte oder noch benutzte Friedhöfe in mannigfacher Abwechselung,
+bringen buntfarbige Gliederung und Vielgestalt in die kalte Starre
+der Häusermassen. »Leipzig ist so nicht nur eine grün umgürtete,
+sondern auch eine von Grün durchwirkte Großstadt, über derem lauten
+Pulsschlag des hastenden Lebens der Wald stellenweise seinen grünen
+Mantel breitet.« Als natürliche Folge davon hat nun, von den günstige
+Nahrungs- und Fortpflanzungsmöglichkeiten bietenden Grünflächen
+angezogen, sich eine artenreiche Kleinvogelwelt hier seßhaft gemacht.
+In einer Arbeit über die Brutvögel der Friedhöfe (Mitteil. Sächs.
+Heimatsch. X) konnte ich etwa vierzig, in der Abhandlung über die
+Brutvögel der Stadt über sechzig Arten aufführen. Ich kann mich
+im Rahmen dieser Arbeit wiederum nur auf das Auffälligste und
+Bemerkenswerteste beschränken. – Das Vordringen der _Ringeltaube_
+war in jahrzehntelang zurückliegender Zeit vereinzelt und selten;
+erst während der letzten Jahre wird die Verbreitung allgemeiner und
+häufiger. Es gibt an gewissen Stellen kaum eine mit höheren Baumreihen
+bestandene Straße, kaum einen mit altem Baumbestand bestockten
+Garten, insbesondere in Wald- und Parknähe, wo die Ringeltaube
+nicht auch ihr leichtgefügtes, durchsichtiges Nest ins Astwerk der
+Kronen setzt. Der _Turmfalk_ – ~nomen est omen~ – betreut auf
+verschiedenen Stadtkirchtürmen schon seit Jahrzehnten die zahlreichere
+Nachkommenschaft, und im vergangenen Jahre wurde mir auch die
+Gewißheit, daß auch die _Schleiereule_, das zwar unsichtbare, aber zu
+gewissen Zeiten um so lauter hörbare Wahrzeichen ländlicher Kirchtürme
+auf dem Turme einer Vorortskirche zwei Gelege zeitigte. Dort, wo
+die Grünanlagen auch Baumbestände vorgerückten Alters zeigen und zu
+Höhlenbildung neigen, siedelt sich auch gern das _kleine Käuzchen_ an.
+Die gleichen Stellen beziehen auch zwei Zimmerleute unserer Wälder
+gern, der _kleine_ und _große Buntspecht_, insbesondere dann, wenn
+die Ernährungsfrage durch naheliegende Waldteile günstig beeinflußt
+wird. Mit dem fortschreitenden Alter städtischer Baumbestände treten
+dieselben in erfreulichen Wettbewerb zum Walde. Ein charakteristischer
+Sänger unserer Auwälder, der _Trauerfliegenfänger_, rückt in
+vereinzelten Fällen aus waldnahegelegenen Gärten oder aus dem Walde
+selbst zentralwärts vor, und der tropisch-schöne, im Walde recht
+scheue _Pirol_, ist als Parkbrutvogel durchaus keine ungewöhnliche
+Erscheinung mehr. Mit 1920 etwa breitet sich der überall nordwärts
+vordringende _Girlitz_ von den Friedhöfen über das gesamte städtische
+Grünland strahlenförmig aus. Die Anzeichen mehren sich, daß der
+_Gimpel_ vielleicht in absehbarer Zeit schon in die Liste der Leipziger
+Brutvögel eingereiht werden darf. Die vereinzelten Fälle seines
+sommerlichen Vorkommens oder ein schüchterner Brutversuch in einer
+Gartenkolonie des Südens lassen jedoch noch nicht erkennen, ob die
+Vögel etwa entflogen waren. Es besteht ebenso die Möglichkeit, daß
+sie als die vordersten Etappen aus westlich gelegenen Brutrevieren
+gewertet werden müssen. Die _Gebirgsstelze_ ist fürs Gesamtgebiet
+gegenwärtig ein ziemlich häufiger Flachlandsvogel geworden, und selbst
+innerhalb des Häusermeeres an Stellen, die seines Lebenselementes, des
+Wassers, nicht entbehren, Brutvogel. Mit der Umbildung scheuer Wald- in
+zutrauliche Stadtvögel wird die Amsel wohl am zeitigsten mit den Reigen
+eröffnet haben. Sie dürfte schon die Häufigkeit des Spatzen erreicht
+haben, wenn der Schrebergärtner nicht Grund hätte, ihre vorbildliche
+Fruchtbarkeit durch Gegenmaßnahmen zu neutralisieren und ihren Bestand
+auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Von der _Singdrossel_ wissen
+wir ziemlich genau, wann sich die Umbildung zum Stadtvogel vollzog; der
+Zuzug zur Stadt wird etwa von 1910/12 an allgemeiner und häufiger. Der
+_Sumpfrohrsänger_ ist im Außengebiet von Leipzig als Getreidefeldsänger
+überall verbreitet, und schon können wir die ersten bescheidenen
+Versuche buchen, daß der _Teichrohrsänger_ an peripheren, stark
+bebuschten Stellen, auch wenn sie des Wassers entbehren, als Brutvogel
+auftritt. Dasselbe gilt von der _Sperbergrasmücke_, die, im allgemeinen
+nur in wasser- und dornbuschreichem Flußauengelände nistend, seit
+einigen Jahren sich auch in trockenem, östlichem Buschgebiet
+verbreitete. Das kleine Volk der Laubsänger ist in allen drei
+Arten, besonders im _Fitis-_ und _Weidenlaubsänger_ auf städtischen
+Friedhöfen und in größeren Gärten durchaus keine Seltenheit mehr. Der
+_Gartenrotschwanz_, im Walde ein ausgesprochener Höhlenbrüter, nimmt
+lange schon in städtischen Gärten auch mit Mauernischen, Laubenwinkeln
+und Epheugerank als Nistplatz vorlieb.
+
+Schließlich entbehrt es sicher nicht eines gewissen Interesses,
+wenn ich am Schlusse erwähne, daß im Gesamtgebiet der Leipziger
+Flachlandsbucht außer einigen, jedenfalls entflogenen, beziehentlich
+nicht sicher nachgewiesenen Vögeln, bisher zweihundertneunundsechzig
+Arten nachgewiesen werden konnten, von denen etwa einhundertdreißig im
+Gebiet brüten. Sieben Arten sind gegenwärtig jedenfalls aus der Liste
+der Brutvögel zu streichen. Im Vergleiche zur Gesamtbesiedlung des
+Vaterlandes bleibt unser Gebiet um etwa einunddreißig Arten gegen die
+vaterländische zurück, ein erfreulicher Reichtum, der uns und kommenden
+Geschlechtern erhalten bleiben möge.
+
+
+
+
+Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit
+
+Dr. _Paul Zinck_
+
+
+In einer Stadt des Welthandels, der Wissenschaft und Musik, wie
+Leipzig, in der nicht nur Angehörige aller deutschen Stämme sich
+niedergelassen haben, sondern auch Glieder aller europäischen und auch
+außereuropäischer Nationen sich ein Stelldichein geben, Volksbräuche
+und andere volkstümliche Werte zu suchen, scheint auf den ersten
+Blick ein törichtes Unterfangen zu sein, und doch haben sich in das
+internationale Getriebe der modernen Meßstadt hinein zwei Volksfeste
+gerettet, die von einem großen Teile der Bevölkerung noch gefeiert
+werden und einen lokalen Charakter an sich tragen: das eine, das
+Johannisfest, heute nur noch ein ernster Tag, ein Blumenfest der Toten;
+das andere, der Tauchaer Jahrmarkt, kurz, »der Tauchsche«, ein Fest
+überschäumender Lust der Jugend. Vielleicht dürfte es sich um der
+Fernerstehenden willen doch lohnen, der Entwickelung beider Feste in
+großen Umrissen nachzugehen.
+
+Das Johannisfest _heute_! Ein Blumenhimmel tut sich vor unseren
+Augen auf. Wart ihr schon am Johannismorgen auf Leipzigs Friedhöfen?
+Da ist kein Tod, da flutet wechselvolles Leben! Selbst die Sonne
+hat nicht lange Ruhe. Schon vor vier Uhr morgens ist sie erwacht.
+Mit blankgeputzter, glänzender Scheibe steht sie am dunkelblauen
+Morgenhimmel, und bald bestrahlt sie die festlich geschmückten Scharen,
+die durch die blühenden, duftenden Rosengärten gedankenvoll wallen, mit
+Kränzen und Sträußen und Girlanden beladen. Frische Thomanerstimmen
+bringen mit ernsten, von Meister Bach gesetzten Chorälen großen Männern
+Leipzigs, die man zur letzten Ruhe bettete, den Zoll der Dankbarkeit,
+und in ihren Gesang mischt sich froher Finkenschlag und Amselsang.
+Und alle halten sie Zwiesprache mit den lieben Dahingeschiedenen, die
+Mutter mit dem Liebling, den eine tückische Krankheit dahinraffte,
+der Sohn mit dem Vater, der ihm noch lange hätte ein treuer Berater
+sein können, der Freund mit dem Freund, und wehmutsvoll umstehen Gatte
+und Kinder das Grab der Guten, die des Hauses Mutter war. Da ist kein
+Tod! Der Zauberstab des jungen Sommers hat alles zu einem neuen Leben
+erweckt, zu einem stillverklärten Leben der Erinnerung, umstrahlt von
+farbiger Blumenpracht, umweht von süßem Blütenduft. Schon lange, mehr
+als hundert Jahre, feiert Leipzig am Tage Johannis des Täufers, dem
+sein erster großer Friedhof geweiht ist, dieses sinnige Blumenfest der
+Toten, während draußen das rasch pulsierende Leben der regen Handels-
+und Meßstadt tost.
+
+Aber auch in dieses Fest mischten sich ein halbes Jahrhundert lang
+weltliche Töne, die nichts zu tun hatten mit dem Gedenken an die
+Dahingeschiedenen. Am 24. Juni 1833 wurde das Johannistal eingeweiht,
+eine Gartenkolonie, die zur Zeit der Baumblut in ein weißes Blütenmeer
+verzaubert ist, vormals eine öde Sandgrube der Ostvorstadt, die
+durch die Tatkraft des Stadtrats Dr. Seeburg in eine Erholungsstätte
+für Hunderte von Mitbürgern verwandelt wurde. Die Einweihung wurde
+mit der stillen Gedächtnisfeier auf dem Friedhofe verbunden; die
+Gärtchen im Johannistale waren alle bunt geschmückt, das »Sandtor«,
+durch das man das Tal betrat, die beiden Brunnen und das Doppelkreuz
+am Pulverhäuschen mit Girlanden und Kränzen geziert. Kindergesänge,
+Musik und Ansprachen wechselten miteinander ab. In den kommenden
+Jahren genügte aber diese schlichte Feier den Zuschauern nicht mehr,
+die ins Johannistal wallfahrteten; sie wollten derbere Genüsse haben.
+Unter die Kränze und Blumengewinde und die in den Sachsenfarben
+lustig flatternden Fähnchen der Gärten drängten sich bald Schankzelte
+und Verkaufsstände; Gesang und Choralmusik wurden von Gassenhauern
+vertrieben, vom frühen Morgen bis zum späten Abend huldigte man dem
+Biertrinken und Bratwurstessen, und bald blieb es nicht mehr bei
+kleinen Ausschreitungen, es kam zu Roheiten und Gemeinheiten. Fünfzig
+Jahre war das Volksfest gefeiert worden, da machte ihm der Rat ein
+Ende, indem er am 18. Juni 1883 beschloß, die Erlaubnis zur Errichtung
+von Schankzelten und Verkaufsständen am Johannistage nicht mehr zu
+erteilen.
+
+Zwei eigenartigen, alten Bräuchen huldigte man aber bis ins zwanzigste
+Jahrhundert hinein: Am Eingange des Johannistales verkauften
+Handelsfrauen Glückshändchen, die Wurzeln einer nachts vorher
+ausgegrabenen Orchidee mit fingerförmigen Nebenwürzelchen, die ihren
+Trägern Glück bringen, vor allem die Taschen wieder füllen sollten,
+und im alten Johannishospital schmückte man das Johannismännchen, eine
+Holzfigur mit dem Lämmchen im Arm, die wahrscheinlich Johannis den
+Täufer darstellen sollte, mit einem weißen Hemd mit Krause und einem
+Blumenkranze, stellte wohl auch einen Johannistopf mit heilkräftigen
+Kräutern und Blumen daneben. Dieser zweite Brauch reichte vielleicht
+Jahrhunderte zurück, in eine Zeit, in der man den Johannistag in
+Leipzig ganz anders beging als heute. Im Jahre 1786 verbot der Rat
+der Stadt, das Johannismännchen auszustellen und am Gesundbrunnen
+Kaffee zu kochen, und machte so Bräuchen ein Ende, die wohl gar in
+vorchristlicher, altgermanischer Volksanschauung von geheimnisvollen
+Kräften in der Natur wurzelten, die aber damals schon nicht mehr
+verstanden wurden und deshalb Unsitten und Roheiten anderer Art Platz
+gemacht hatten. Am Morgen des Johannistages strömte damals, wie der
+Verfasser des Schriftchens »Tableau von Leipzig« (Benjamin Heidecke)
+aus dem Jahre 1783 erzählt, jung und alt zum Grimmschen Tore hinaus zum
+Johannishospital. Hier begaffte man das Männchen, hörte einer Predigt
+zu und wanderte dann weiter hinaus zum Gesundbrunnen oder Marienborn
+beim heutigen Napoleonstein. Viele tranken von seinem frischen Wasser,
+ja sie füllten wohl – ähnlich wie in der Osternacht – schweigend eine
+Flasche und nahmen sie mit sich nach Hause; die jungen Mädchen wuschen
+sich mit dem Wasser, weil es schön machen sollte. Die meisten Leute
+aber zogen zu Fuß, Pferd und Wagen hinaus zum Gesundbrunnen, ließen
+sich dort den mitgebrachten Kaffee kochen, schmausten Kuchen und
+Kirschen, schmückten sich mit Blumen, sangen, sprangen und tanzten
+und trieben in den nahen Feldern allerlei Unfug, der schließlich in
+grobe sexuelle Unsittlichkeiten ausartete. Der Gesundbrunnen oder
+Marienborn soll am Johannistage des Jahres 1441 den Aussätzigen des
+Johannishospitals von der Jungfrau Maria zur Genesung erschlossen
+worden sein[6].
+
+So reichen die letzten Wurzeln der Johannisbräuche bis in das späte
+Mittelalter zurück. Wird es mit dem »Tauchschen« auch so sein?
+Heutzutage könnte man fast der Meinung sein, daß enge Beziehungen
+zwischen den Jagdgefilden der Rothäute und diesem Volksfeste
+der Jugend bestehen. Schon tagelang vor dem ersten oder zweiten
+Septembermontag, an dem in Taucha Jahrmarkt abgehalten wird, merkt
+man in den Knabenklassen der Volksschule, daß »große Dinge« in der
+Luft liegen, und kaum ist der Unterricht geschlossen, so ziehen auch
+schon die ersten »Indianerhorden«, zum Teil halb nackt, mit roter
+Paste bemalt, mit Federn geschmückt, mit allerhand Waffen ausgerüstet,
+durch die Straßen; Kampfgeheul erschallt, und nicht lange dauert es,
+so liegen die »feindlichen Stämme« einander in den Haaren. Hier und
+dort tauchen sie blitzschnell auf und verschwinden wieder. Einmal hat
+eine solche Horde ein Karussell auf dem Meßplatz im Sturm besetzt und
+den Besitzer »gezwungen«, ihr kostenlos einen Ritt auf seinen feurigen
+Rossen zu gestatten. In ganz ergötzlicher Weise hat H. Tetzner in einer
+»Leipziger Straßenjungengeschichte im Leipziger Straßenjungenjargon«:
+Die Sieger vom Tauchschen (Leipziger Kalender 1911) dieses Treiben
+geschildert. Mit Einbruch der Dämmerung wird das Leben auf den Straßen
+immer bunter. Hier und da tauchen bunte Laternen auf, von Kindern in
+farbigen Papierkleidern getragen; allerlei vermummte Gestalten, Knaben
+in Mädchen- oder Frauenkleidung, Mädchen in Männerkleidern, Rotkäppchen
+und andere Märchengestalten beleben das wechselvolle Straßenbild;
+Feuerwerkskörper werden abgebrannt; Buntfeuer beleuchtet magisch hier
+und dort die Gassen. So wunderschön ist es, daß am nächsten Tage noch
+einmal »Lumpen-Tauchscher« gefeiert wird. Und kein Kind denkt dabei
+an das Nachbarstädtchen Taucha, das den Anlaß zu all dieser Freude
+gibt. Vor achtzig Jahren und auch die folgenden Jahrzehnte noch
+war es anders. Da spielte sich das Volksfest nur in den östlichen
+Vorstadtdörfern Reudnitz, Anger-Crottendorf und Volkmarsdorf und in
+Taucha selbst ab. Adolf Lippold entwirft in seinen »Erinnerungen eines
+alten Leipzigers« ein anschauliches Bild von dem Tun und Treiben,
+wie es vielleicht um das Jahr 1845 vor sich ging. War es schon früh
+lebhaft, so zog es doch nachmittags und abends besonders die ganze
+Leipziger Bevölkerung, alt und jung, in seine Kreise und zeitigte oft
+so tolle Blüten, daß der Leipziger Rat wieder dann und wann – wie
+auch heute noch – mit Verboten einschreiten mußte. Die »Elite« des
+Publikums vergnügte sich in den Gastwirtschaften zum »Bienenkorb« und
+zur »Goldnen Säge«, das mittlere und untere Volk im »Colosseum«, dem
+jetzigen »Pantheon«; in den Dörfern draußen waren die uralte Kneipe
+von »Staudtens Ruhe«, das »Lämmchen«, der »Kleine Kuchengarten« und
+noch andere jetzt noch bestehende Gastwirtschaften von Zechenden und
+Schmausenden besucht. An der Straße zwischen Leipzig und Reudnitz
+war eine Reihe von Ständen mit Masken, Bärten, Schnurren oder
+Waldteufeln von oft gewaltiger Größe, Pfeifen, Trommeln, Klappern und
+»Döppertrompeten«, mit buntfarbigen Papiermützen, -hüten, -schürzen,
+Fächern, Windmühlen, Pritschen und dergleichen aufgebaut; denn alt und
+jung verkleidete sich, oft in zierlichen Rokokokostümen, als Bauern,
+Tiroler, Soldaten oder auch als irgendwelche Schreckgestalten, und alle
+bemühten sich, den Höllenlärm noch zu vergrößern. Der Tumult war oft
+beängstigend, und noch in den achtziger Jahren war er oft so groß, daß
+die Straßenbahn nur im Schritt durch die Menschenmenge fahren konnte.
+Daneben kredenzten »ältliche Heben« in braunen Kännchen Bliemchenkaffee
+oder Schokolade, und »Wiener Würstchen von Stöpel« dufteten weithin
+über die Straßen. Nachmittags begannen dann auch die feindlichen
+Parteien, damals Studenten und Handwerksgesellen, aufzutreten; mit
+Hänseleien fing es an, mit Schlägereien, blutigen Nasen, zerbrochenen
+Stöcken und Schirmen und eingetriebenen Zylinderhüten endete es.
+Oft boten die Dienstmädchen, die im besten Sonntagsstaate, der
+enganschließenden »Contouche« oder dem weitbauschigen, mit unzähligen
+Falbeln besetzten Oberrock und der möglichst malerisch drapierten
+Saloppe, auf den »Reitschulen« fuhren, den Anlaß dazu. Sie kokettierten
+gern mit den Studenten, die in Pikeschen und Kanonenstiefeln und
+mit langen mit Quasten und Schnuren geschmückten Pfeifen antraten,
+und reizten dadurch die Gesellen, die im blauen Staubhemd, dem mit
+Wachsleinewand überzogenen Zylinderhut, mit dem für die »Walze«
+ausgerüsteten »Affen« und dem gewaltigen Knotenstock, einer
+gefährlichen Waffe, erschienen. Einer der beliebtesten Aufzüge der
+Studenten war der des Bärenführers. Angetan mit möglichst verschossenen
+Pikeschen, einen roten Fez auf dem Haupte und Peitschen in den Händen,
+einen Leierkasten, Tambourin und Pickelflöte dabei malträtierend,
+führten sie ein unglückliches Menschenkind, das sich einige Groschen
+verdienen wollte, als Bären verkleidet, von Kneipe zu Kneipe und
+durch die sich quetschende Menge, der bei den Schlägereien gewöhnlich
+die meisten Püffe bekam. Die Studenten dehnten ihr tolles Treiben
+auch bis Taucha aus, das auch von anderen Leipzigern an diesem Tage
+besucht wurde. In zwei- und vierspännigen Karossen, mit Vorreitern,
+die kostümierten Wichsiers auf dem Bock, zogen Korpsbrüder und
+Burschenschafter hinaus, um alles auf den Kopf zu stellen. Man sah sie
+trotzdem nicht ungern kommen, besonders die Gastwirte und die jungen
+Mädchen. –
+
+Wie ist nun dieses eigenartige Volksfest entstanden, das von einem
+Mummenschanz und dann wieder einem Maskenscherz der Erwachsenen sich
+umgestaltete zu einem Licht- und Maskenfest der Kinder?
+
+Ist es die Feier eines Sieges der Leipziger Bürger über die von
+Taucha? Soll es eine Verhöhnung der Tauchaer sein, weil sie einmal
+die Messen an sich hatten ziehen wollen, als ihre Stadt größer war
+als Leipzig? Wustmann erwähnt in seiner Geschichte von Leipzig Taucha
+nicht unter den Städten, die die Privilegien der Meßstadt ernstlich
+schädigen wollten, und ein Sohn Tauchas selbst nennt es in einer
+kürzlich erschienenen Schrift[7] eine heute noch lebendige Fabel, daß
+Taucha einst viel bedeutender als das benachbarte Leipzig gewesen sei.
+Die Stadt ist allerdings als Rivalin des markgräflich-meißnischen
+Leipzig von Magdeburg aus gegründet worden, und Erzbischof Wichmann
+suchte sie zu einem wichtigen Handelsplatz zu machen; aber schon 1355
+kommt sie an die Markgrafschaft Meißen und 1569 gerät sie sogar in
+unmittelbare Abhängigkeit von Leipzig. Soweit müßte dann mindestens
+der »Tauchsche« in seinen Anfängen zurückreichen, aber kein alter
+Leipziger Lokalhistoriker erwähnt den Brauch, auch Joh. Jak. Vogel
+nicht, der doch gewissenhaft alle alten Bräuche in seinen »Annalen«
+verzeichnet hat, wenn sie zu irgendwelchen Ausschreitungen Anlaß gaben.
+Ich kann den Brauch nicht für allzu alt halten, und glaube, daß seine
+Entstehung sich auf einfache, natürliche Weise erklären läßt. Allerorts
+pflegt man gern die Jahrmärkte, Schützenfeste und andere Volksfeste
+benachbarter Orte zu besuchen, weil man meint, sich dort etwas mehr
+»austun« zu können als zu Hause, und vor allem die Herren Studenten
+waren jederzeit dazu geneigt. Warum sollten dann die Leipziger nicht
+auch nach Taucha gehen? Unterwegs blieb mancher Trinkfeste schon in
+einer der vielen Gastwirtschaften hängen, und schließlich wurde in
+diesen und ihrer Umgebung mehr geboten, als in der kleinen Stadt,
+die man gar nicht mehr besuchte. Und Mummenschanz hat man wie bei
+allen Völkern auch in Leipzig jederzeit gern getrieben, nicht nur um
+unerkannt der rauhen Wirklichkeit und den Behörden ein Schnippchen zu
+schlagen, sondern auch aus tieferen, kultischen Gründen: Die heiligen
+Christspiele – J. J. Vogel nennt sie deshalb ~larvae natalitiae~ –
+arteten ebenso in solchen aus, wie die Spiele der Fastenzeit und die
+Passionsspiele. Ganz besonders wurde der Mummenschanz in der Fastenzeit
+aufs ausgiebigste betrieben und zwar mit soviel die öffentliche Ordnung
+und Sicherheit gefährdenden Begleiterscheinungen, daß der Rat besonders
+im 17. Jahrhundert aller zwei bis drei Jahre das ganze Treiben verbot.
+Könnte da nicht, da sich das Volk doch einmal im Jahr austoben
+wollte, als Ersatz für diese Fastnachtsmummereien der »Tauchsche«
+aufgekommen sein, in dessen Verkleidungen sich – allerdings, wie
+das bei Volksbräuchen üblich ist, ~post festum~ – Zeitmoden und
+-liebhabereien wie Rokoko, Alpensport, Indianerschwärmerei, in bunter
+Reihe widerspiegeln.
+
+Nebenher sei bemerkt, daß von allen sonstigen Fastenbräuchen sich
+nur ein weit verbreiteter, und zwar ganz verblaßt, in die Gegenwart
+gerettet hat; es ist das »Ascheabkehren« am Aschermittwoch.
+Bettelkinder laufen heute noch an diesem Tage mit Tannenreisern in die
+Häuser, um unter Herleiern des Verschens »Asche abkehren, langes Leben,
+müßt mer och en Dreier geben« Gaben zu heischen. Nur ein anderer in
+Leipzig noch üblicher Vers
+
+ »Asch’ abkehrn is Mode
+ mit der grünen Knote.
+ Bin e kleener Keenig,
+ gebt mer nich zu wenig,
+ gebt mer nich zu viel,
+ sonst kriegt ihr ’n Besenstiel«
+
+läßt in seiner zweiten Zeile ahnen, daß man es hierbei mit einem
+uralten Fruchtbarkeitsbrauche, dem Schlagen mit der Lebensrute, zu tun
+hat.
+
+Wenn ich mich des Raumes wegen in meinen Ausführungen auch nur auf
+heute noch übliche Volksfeste und -bräuche beschränken möchte,
+so möchte ich doch noch in Kürze das Leipzig eigentümliche
+»Fischerstechen« erwähnen, das gewöhnlich am 3. August aufgeführt
+wurde, wenn dasselbe auch während des Krieges eingeschlafen ist und
+an allgemeinem Interesse auch schon vor dem Kriege eingebüßt hatte.
+Wir haben es dabei mit einem der in vielen deutschen Städten beliebten
+Handwerker- und Zunftfeste zu tun. Es ist sicher eine Nachahmung des
+im Mittelalter berühmten Ulmer Fischerstechens. Mit einem festlichen
+Umzuge, der vor dem Hause des Oberfischermeisters zu einer kurzen
+Ovation Halt macht, wird das Fest eröffnet. Dann geht es zum Teiche –
+anfangs in Apels, später in Reichels Garten, zeitweilig wohl auch zu
+dem in der Großen Funkenburg –, wo die Kämpfer die bereitgehaltenen
+Kähne besteigen, während die alten Herren, die in Frack und
+Schnallenschuhen und mächtigem Dreimaster dem Zuge voranschritten,
+mit der Musik und den Gästen auf einem festlich geschmückten Boote
+Platz nehmen. »Mit hoch erhobener Stange, auf der äußersten Spitze
+des Kahnes stehend, versuchen nun die jungen Leute, sich gegenseitig
+ins Wasser zu stoßen. Die Kähne werden je zwei und zwei handgemein,
+und unter jauchzenden Zurufen der Zuschauer und unter dem Tusch
+der Musik nimmt bald hier, bald dort ein überwundener Streiter ein
+unfreiwilliges kaltes Bad. Selbst die unechten Mohren, die im Zuge
+einen Bären führten, bleiben nicht verschont und steigen – weiß
+gewaschen wieder aus den Wellen. Einen anderen Teil des Festes macht
+das Aalfangen aus. Über den ganzen Teich ist eine Leine ausgespannt,
+an welcher ein lebendiger Aal befestigt ist, um den sich nun die
+jungen Fischer bemühen. Boot auf Boot gleitet rasch unter der Leine
+hinweg, und der Reihe nach suchen die Fischer den schlüpfrigen Fisch
+zu erlangen; nach vielen Mißerfolgen gewöhnlich erst gelingt es diesem
+oder jenem, das Tier zu erhaschen und sich so zum Helden des Tages
+zu machen.« Das erste Fischerstechen wurde jedenfalls am 12. Mai
+1714 zu Ehren Augusts des Starken, der seinen Geburtstag in Leipzig
+feierte, gehalten und aufs glanzvollste ausgestattet. Kaufmann Apel
+hatte sogar Gondelführer aus Venedig kommen lassen. Der König war so
+entzückt, daß er den Fischern das Recht verlieh, jedes Jahr ein solches
+Wasserturnier abzuhalten und dabei eine Fahne mit dem kursächsischen
+Wappen zu führen. Die älteste Beschreibung des Fischerstechens lieferte
+ein komischer Kauz namens Johann Christian Trömer (pseudonym: Deutsch
+Francos Jean Chrêtien Toucement) 1717 in poetischer Form und einem
+wunderlichen »deutsch-französischen Kauder- und Schauderwelsch« ~à la~
+Riccaut de la Marliniere; sie beginnt:
+
+ »Die Königk aus der Pohl Sie ahn die kroßen Knad,
+ Und seh die Fischer-Steck mit Ihre Ohffen-Statt.
+ Ick ahb ock all keseh, und ahb nock nit verkeß,
+ Drum ick will reckt beschreib, wie diese Lust keweß.«
+
+[Illustration: =Fischerstechen.= Nach Aquarell von Georg Emanuel Opiz]
+
+Wird dieser einzige uns gebliebene Zunftbrauch vergangener Tage wieder
+aufleben? Auf dem großen Elsterbecken draußen vor dem Frankfurter Tore
+würde Tausenden Gelegenheit gegeben werden können, ihn sich anzuschauen
+zum Ruhme der alten »Seestadt« Leipzig.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [6] Vergleiche zum Johannisfeste des Verfassers Buch »Leipzigs
+ Sagen im Spiegel seiner Geschichte« und Ernst Kroker, Das
+ Johannisfest und Johannistal (Leipz. Kalender 1911).
+
+ [7] Dr. Uhlemann, Taucha. Das Werden einer Kleinstadt auf
+ flurgeschichtlicher Grundlage aufgebaut. Obersächsische
+ Heimatstudien, herausgegeben von Prof. Kötzschke und Dr.
+ Uhlemann, Heft 2.
+
+
+
+
+De Heimat[8]
+
+Von _Franz Ehregott Hauptvogel_
+
+
+ Es is e därft’ches Fleckchen Erde,
+ uff den mar hier geboren sinn.
+ Gee Wasser hamm mar, geene Berche,
+ bloß plattes Land uff Meilen hin.
+ Fast nischt wie Felder un wie Wiesen,
+ ä gelwer, dann ä griener Strich.
+ Bedenkt mar andre da – nee wärklich,
+ verwehnt hat de Natur uns nich.
+
+ De Bleiße is ä träches Flißchen,
+ ’s werd niemand sich was dran ersehn.
+ Als Bärschchen von e sechs siem Jahren
+ dorft’ ich zun Fischerbade gehn.
+ Mei Vader dauchte mit mar unter –
+ ar hadde mich erscht abgegihlt –
+ Dann schwomm ar naus, mich uff der Schulter:
+ von Angst haw’ ich da nischt gefihlt. –
+
+ Dar Naschmarkt is nich zu verwerfen,
+ ä Kunstwerk is er trotzdem nich.
+ Hier word’ch beinahe iewerfahren –
+ bloß meine Mudder schitzte mich.
+ Se zooch in letzten Oochenblicke
+ ihrn gleenen Jung’n von Flaster wegk,
+ ich säh se noch an Ooche bluten –
+ Un ich truuch bloß darvon in Schreck.
+
+ Gleich vor der Stadt de Wälder raachen,
+ voll Eichen glowig, breit un stark.
+ Still bleibst de stehn, wenn schluchzend schlaachen
+ de Nachtigall’n in dunklen Park.
+ Als junges Baar in Friehlingsdaachen
+ hamm mar gelauscht den Amselsang,
+ sinn – laut umdschwidschert, laut umdrällert –
+ in Sonnenlicht dahin gegang.
+
+ In Osten liecht dar Goddesacker:
+ e Beet der Liewe – herrlich scheen!
+ Die langen Reihen von Gastanien,
+ die gann mar immer widder gehn.
+ Wenns Friehjahr gommt, flanze ich Veilchen
+ uffs Grab von meiner Mudder naus – –
+ Dann setz’ ich for e Wehmuts-Weilchen
+ mich dichte bei ihr stilles Haus:
+
+ Ich denke viel, denk weit zuricke
+ an die, die war’n un nich mehr sinn.
+ Se gomm’n die unsichtbare Bricke,
+ se treten alle bei mich hin.
+ Was ich dorchlebt, erlew’ ich wieder,
+ es steht um mich in Kreise rum.
+ Se singen scheene Juuchendlieder.
+ Ich sinne nach: warum? warum?? …
+
+ So bin ich selwer alt geworden,
+ bin in dar Welt weit rumgereist.
+ Jaa – scheener warsch an vielen Orten –
+ doch iewerall war ich verwaist!
+ Daß du mich heimwärts fihrtest wieder
+ in meine Heimat – Gott hab’ Dank.
+ Mei Grab, mei Wald, de Amsellieder –
+ wenn die mir fehlen, bin ich krank.
+
+ _Anmerkung_: Viele meinen, die obersächsische Mundart, vor
+ allem der Dialekt der Leipziger und Dresdner Gegend, sei
+ wohl imstande, Humoristisches zum Ausdruck zu bringen, zur
+ Wiedergabe ernster Seelenzustände sei diese Mundart aber
+ nicht geeignet. Dazu ist zu sagen: Wohl erscheint der Dialekt
+ Leipzigs und Dresdens, an reinem Hochdeutsch gemessen, manchem
+ klanglich unbefriedigend; das liegt aber daran, daß eben aus
+ ihm, aus der Sprache der meißnischen Kanzleien, das heutige
+ Hochdeutsch herausgewachsen ist und die Mundart ihm so nahe
+ verwandt, daß sie hier und da den Eindruck eines scheinbar
+ »verdorbenen Hochdeutsch« hervorzurufen vermag. Daß es sich
+ in Wirklichkeit um den umgekehrten Prozeß handelt, wissen
+ die meisten nicht. Jedenfalls hat aber dieser Dialekt genau
+ denselben Eigenwert wie jede andere deutsche Mundart und
+ braucht der Muttersprache Fritz Reuters, Klaus Groths, Karl
+ Stielers, Ludwig Thomas und anderer in keinem nachzustehen.
+ So ist es auch immer wieder erfreulich, wenn sich bei uns
+ Dialektschriftsteller finden, die von der Berufenheit
+ ihrer Muttersprache in Lust und Leid, in Scherz und Ernst
+ durchdrungen sind. In einem Gebiet, wo die Brüder Schumann
+ durch ihre billigen »Bliemchen«-Schriften heillose Verwirrung
+ angerichtet haben, ist jeder, der sich der Mundart mit Ernst
+ und Stammesstolz bedient, ganz besonders zu begrüßen. Als der
+ beträchtlichste Schriftsteller des Leipziger Dialekts erscheint
+ zur Zeit Franz Ehregott Hauptvogel, und so muß sein Gedicht »De
+ Heimat« im Sinne des eben Ausgeführten verstanden werden.
+
+ F.
+
+
+Fußnote:
+
+ [8] Aus dem Buche »De droggne Bemme«, Gedichte und Erzählungen
+ in sächsischer Mundart. _H. Haessel, Verlag, Leipzig,
+ Roßstraße 5/7_, gebunden 3 RM.
+
+
+
+
+Bücherbesprechungen
+
+
+_Oswin Lindner_, Niederhaßlau. =Die Zwickau-Schneeberger Landstraße
+und ihre wirtschaftliche Bedeutung für das obere Erzgebirge, nebst
+einer kurzen Beschreibung der eigenen und benachbarten Brücken, 1921.=
+(Selbstverlag des Verfassers.)
+
+Seit der grundlegenden Arbeit von Wiechel hat die Heimatforschung der
+Wegekunde mit Recht steigende Aufmerksamkeit geschenkt. Es gilt, die
+oft nur schwachen Spuren älterer Straßenführung festzuhalten, ehe sie
+die moderne Zeit völlig verwischt. Neben der geographischen Bedingtheit
+der Weganlage darf das geschichtliche Moment nicht übersehen werden.
+Wege sind älter als die Siedlungen. Dazu ist die Kunststraße samt
+Brückenanlagen usw. eine noch viel zu wenig gewürdigte Kulturtat
+unserer Vorfahren. Beides ist in Lindners Arbeit sorgfältig betrachtet,
+und die Studie bringt, da sie reiches Quellenmaterial heranzieht,
+manchen Nebengewinn, z. B. über das verzwickte Kräftespiel der am
+Straßenbau beteiligten Bevölkerungskreise. Karten und Lichtbilder
+erhöhen die Anschaulichkeit des Gebotenen. Selbst die anscheinend
+dürren Tabellen erzählen Lebendiges. So geben die anspruchslosen
+Darlegungen Lindners reiche Anregung für jeden Heimatforscher; denn
+zumal in wissenschaftlichem Neuland wird man methodisch am besten
+immer mit dem Wege einsetzen, zu Flur, Flurgliederung (und Flursage)
+übergehen und erst dann die eigentliche Siedelungskunde samt dem
+chronikalischen ins Auge fassen. Als Muster sei das Werkchen warm
+empfohlen.
+
+ Professor ~Dr.~ _Wagner_, Rochlitz.
+
+
+=Winkelnest=, ein fröhliches Heimatbuch von _Karl Hennig_. Verlag
+Gebrüder Müller, Bautzen.
+
+Der Inhalt dieses Buches gibt mehr, als das Äußere verspricht, gibt
+anmutige Bilder aus vergangenen Zeiten, mit der Sonne des Herzens
+durchwärmt, mit dem Auge der Liebe durchleuchtet, mit dem Lächeln
+des Humors verklärt, Bilder aus einer alten Stadt, manchmal etwas
+alltäglicher Art, aber doch so, daß es ein schönes Erinnerungsbuch
+ist und bleibt, über dem das Dichterwort stehen könnte: »Ihr schönen
+Jugendtage mit eurem stillen Glück«. In der Art seiner Darstellung
+erinnert er an Franziskus Naglers gemütvolle Bücher. Das Titelblatt
+– wie schön hätte es in diesem Falle sein können! – verrät mit der
+Ortenburg den Schauplatz der Geschichten, nämlich das alte Bautzen. So
+wird das Buch zuerst örtliche Bedeutung haben; dem Verfasser darf man
+aber wünschen, daß es auch darüber hinaus Verbreitung findet; denn es
+gleicht einer stillen, verträumten Insel, fern dem wilden Weltleben,
+aber nahe dem, was Gemütswerte schafft.
+
+
+=Das sächsische Bauernhaus und seine Dorfgenossen= von _Bruno Schmidt_.
+Aus den Büchern des Dresdner Zeichenlehrervereins »Mit offenen Augen«.
+Verlag Emil Pahl, Dresden. 2. Auflage. 64 Seiten Großquart. 89
+Abbildungen.
+
+Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hat durch seinen verewigten
+Vorsitzenden Herrn Geh. Baurat Schmidt dem Werke Pate gestanden, und
+er kann sich seiner Patenschaft wahrhaft freuen. Das Buch wird seiner
+Aufgabe, die der Arbeitsausschuß des Dresdner Zeichenlehrervereins
+im Vorwort seinem Erscheinen voranstellt, vollkommen gerecht. Es
+ist ein wertvoller Erzieher zum Schauen, zum bewußten Schauen der
+Heimat, zum nachdenklichen Werten von hundert Dingen, die dem
+Oberflächlichen vorübergehen, zum Verstehen und damit zur sorgenden
+Liebe um bodenständiges Heimatgut. Wenn sich das Buch besonders an
+die wendet, die lehren und führen und wahrhaft erziehen wollen, geht
+es den rechten Weg. Es kann bei seiner sachlichen Gründlichkeit und
+der damit notwendigen Schlichtheit als Mittler zur großen Menge des
+herzlichwarmen Wortes eines begeisterten Lehrers nicht entbehren.
+Es ist ein wertvolles Buch in seinem liebevollen Eingehen auf Grund
+und Sinn, Zweck und Schönheit all dessen, was dem ungelehrten und
+unempfindlichen Auge verborgen bleibt.
+
+Vielleicht könnte das Buch in seiner endlichen Aufgabe, dem Heimatfilm
+und damit dem Heimatschutz zu dienen, noch gründlicher ausgewertet
+werden, wenn sein Inhalt an der Hand des zeitgemäßen Lichtbildes
+der großen Menge in Bildungsvereinen, Volkshochschulen und ähnlichen
+nahegebracht würde.
+
+ W. Otto Ullmann.
+
+
+=Naturschutz-Bücherei=, herausgegeben von _Walter Schoenichen_.
+Band 1. Neues Schmetterlingsbuch. Verlag von _Hugo Bermühler_,
+Berlin-Lichterfelde. Als Band 1 der von dem bekannten Direktor der
+preußischen staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege Prof. Dr.
+_Schoenichen_ herausgegebenen Naturschutz-Bücherei stellt sich im
+ansprechenden Gewande das _Neue Schmetterlingsbuch_ vor, dessen
+Eigenart sofort schon bei flüchtigem Durchblättern angenehm auffällt.
+In ansprechender Form wendet es sich hauptsächlich an die Jugend,
+die geneigt ist, die Schmetterlinge als Sammelobjekte in möglichst
+zahlreichen Arten fein säuberlich in Kästen reihenweise aufzuspießen
+und auf diese Weise unsre Fluren des schönsten Schmuckes bunter und
+seltener Schmetterlingsarten zu berauben. Hat doch schon in Preußen
+und Bayern der Apollofalter durch Polizeiverordnung geschützt
+werden müssen. Das Schmetterlingsbuch soll nun die Jugend lehren,
+_den_ Schmetterling, seinen Bau und sein Leben kennenzulernen, und
+hat _nicht_ die Absicht, die Kenntnis der verschiedenen Arten zu
+vermitteln. Das pädagogisch Wertvolle an dem Buch ist, daß es die
+Jugend lehrt, Modelle der verschiedenen Teile des Schmetterlingskörpers
+herzustellen, z. B. Schnittmuster von Schmetterlingsflügeln,
+Flügelschuppen, Schmetterlingsaugen. Interessant und leicht
+anzufertigen ist das aus Glasröhre, Gummiball und Gummiröhren
+bestehende Modell eines Schmetterlingsverdauungskanals. Es ist also
+auch der _Werkunterricht_ in den Dienst der Wissenschaft gestellt,
+so daß als Schlagwort »_Arbeitsunterricht_« die Befolgung der Lehren
+dieses vorzüglichen Buches einen realen Inhalt erhält. Unsrer Jugend
+und unsern Biologielehrern kann das Buch nicht dringend genug empfohlen
+werden.
+
+ Dr. Koepert.
+
+
+_Gerhard Platz_, »=In Busch und Korn=«. Verlag Craz u. Gerlach,
+Freiberg. Preis gebd. M. 5.—. (S. Beilage in diesem Heft.)
+
+Dieses Buch, das uns der Heimatlandwanderer Gerhard Platz schenkt, ein
+Buch voll sonnigen Humors und stiller Lust an Gottes herrlicher Natur,
+das hinweghilft über das Leid trüber Sorgentage. Das Buch ist neu und
+darum bedarf es eines kurzen Hinweises. Sobald die ersten Käufer es
+gelesen haben werden, sind lobende Worte überflüssig. Dann wird das
+Buch für sich selbst sprechen.
+
+Es werden gar viele Dinge angepriesen, die hinterher enttäuschen. Hier
+ist’s ganz anders. Wer Sinn und Herz hat für die Lebenserscheinungen
+seiner Heimat, wird seine Erwartungen übertroffen sehen, dem öffnet
+sich ein frohes weites Land. Frühlingswind braust in diesem Buch und
+der Wald raunt uns geheimnisvolle Weisen zu. Auf jeder Seite begegnen
+wir der unendlichen Liebe zur Scholle, in der die Wurzeln unserer
+Volkskraft und des deutschen Gemüts ruhen. Wir vernehmen die süßen
+Klänge der Heimat von sturmumrauschten Bergeshöhen bis hinab zum
+sächsischen Niederland, wo die Wasser sanfter fließen. Gerhard Platz
+sieht sein Land mit den sinnenden Augen des Dichters, er weckt in
+unserem Herzen einen Vollakkord, der lange geschlummert hatte. So möge
+das liebe gute Buch seinen Weg nehmen hinaus ins Land, wie sein Urheber
+ihn fand, überallhin durch die deutsche, besonders sächsische Heimat.
+
+
+ Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Dr. Friedrich
+ Schulze, Leipzig – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden –
+ Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen:
+ Max Nowak – Auflage 50000
+
+ Diesem Hefte liegt ein Werbeschreiben des Verlags Craz &
+ Gerlach, Freiberg, bei
+
+
+
+
+Landesverein Sächsischer Heimatschutz
+
+Satzung
+
+
+I. Zweck und Organisation
+
+
+§ 1.
+
+Name, Zweck und Sitz des Vereins.
+
+Der Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« bezweckt, die sächsische
+Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart zu
+schützen, Neuentstehendes im Sinne dieser Eigenart zu beeinflussen,
+sowie das Bau- und Wohnungswesen zu fördern.
+
+Sein Arbeitsgebiet umfaßt namentlich:
+
+ ~a~) Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen
+ Bauweise, Beratung für Bauten und Anlagen aller Art,
+ Maßnahmen gegen die Verunstaltung von Stadt und Land, sowie
+ die Erstattung von Gutachten über alle diese Fragen;
+
+ ~b~) Pflege der Volkskunde und Volkskunst;
+
+ ~c~) Schutz der landschaftlichen Natur, der einheimischen Tier-
+ und Pflanzenwelt, sowie der geologischen Eigentümlichkeiten
+ des Landes.
+
+Entsprechend diesen Aufgaben des Vereins bestehen drei Hauptgruppen
+unter je einem besonderen Leiter, nämlich:
+
+ Gruppe ~A~: Bauberatungsstelle,
+
+ Gruppe ~B~: Volkskunde und Volkskunst,
+
+ Gruppe ~C~: Naturschutz.
+
+ Außerdem besteht als besondere Abteilung: eine Beratungsstelle
+ für Bebauungspläne.
+
+Die Verfassung und Tätigkeit dieser Abteilung, sowie ihre Stellung
+im Gesamtverein wird durch eine vom geschäftsführenden Vorstand
+aufzustellende Geschäftsordnung geregelt.
+
+Der Sitz des Vereins ist Dresden.
+
+Der Verein ist in das Vereinsregister eingetragen.
+
+
+§ 2.
+
+Die Organe des Vereins sind:
+
+ ~a~) der geschäftsführende Vorstand,
+ ~b~) der Gesamt-Vorstand,
+ ~c~) die Hauptversammlung.
+
+
+§ 3.
+
+Das Geschäftsjahr läuft vom 1. Januar bis mit 31. Dezember.
+
+
+II. Mitgliedschaft.
+
+
+§ 4.
+
+Der Landesverein setzt sich zusammen aus:
+
+ ~a~) körperschaftlichen Mitgliedern,
+ ~b~) Einzelmitgliedern,
+ ~c~) Ehrenmitgliedern.
+
+Die Höhe der Jahresbeiträge und der sonstigen Aufwendungen, die zur
+Erhaltung des Vereins erforderlich sind, bestimmt der geschäftsführende
+Vorstand, der auch befugt ist, im Einzelfalle Nachlässe zu gewähren.
+Um Irrtümer zu vermeiden, geben wir hierzu folgende Erklärung: Der
+Jahresbeitrag ist auf RM. 12.— festgesetzt[9].
+
+Der Eintritt erfolgt durch Anmeldung.
+
+
+§ 5.
+
+Zu Ehrenmitgliedern oder Förderern können auf Vorschlag des
+geschäftsführenden Vorstandes durch den Gesamtvorstand Personen
+ernannt werden, die sich um die Bestrebungen des Landesvereins in
+hervorragender Weise verdient gemacht haben.
+
+
+III. Vorstand
+
+
+§ 6.
+
+Der Gesamt-Vorstand des Landesvereins besteht aus:
+
+ ~a~) dem Vorsitzenden,
+
+ ~b~) dem 1., 2. und 3. Stellvertreter des Vorsitzenden,
+
+ ~c~) dem Schatzmeister,
+
+ ~d~) den Leitern der drei Hauptgruppen und deren
+ Stellvertretern (zu vergleichen § 14),
+
+ ~e~) dem Geschäftsführer, sowie
+
+ ~f~) 80 Beisitzern.
+
+Für die Angelegenheiten der Abteilung für Bebauungspläne tritt deren
+Vorsitzender und dessen Stellvertreter hinzu.
+
+Die Zuziehung noch weiterer Personen mit beratender Stimme bleibt dem
+Gesamt-Vorstand überlassen.
+
+Die Leiter der Hauptgruppen sowie der Abteilungen können gleichzeitig
+ein anderes Amt im Gesamt-Vorstande bekleiden.
+
+Die unter ~a~–~e~ Genannten bilden samt 8 Beisitzern des
+Gesamtvorstandes, die der Gesamt-Vorstand wählt, den geschäftsführenden
+Vorstand.
+
+
+§ 7.
+
+Der Gesamt-Vorstand wird auf die Dauer von 5 Jahren von der
+Hauptversammlung gewählt. Die Wahlen des Vorsitzenden, des 1., 2. und
+3. Stellvertreters des Vorsitzenden, des Schatzmeisters und der Leiter
+der drei Hauptgruppen erfolgen in je einem besonderen Wahlgange, die
+der übrigen Vorstandsmitglieder mit Ausnahme des Geschäftsführers,
+der als Beamter gilt, in einem gemeinsamen Wahlgange. Die Abstimmung
+ist schriftlich und geheim, wenn nicht die Mehrheit der Versammlung
+die Wahl durch Zuruf genehmigt. Wiederwahl der ausscheidenden
+Gesamt-Vorstands-Mitglieder ist zulässig.
+
+Scheidet ein Gesamt-Vorstands-Mitglied vorzeitig aus, so kann sich
+der Gesamt-Vorstand bis zur nächsten Hauptversammlung durch Zuwahl
+ergänzen.
+
+Der Gesamt-Vorstand tritt auf Berufung des Vorsitzenden nach Bedarf
+zusammen.
+
+
+§ 8.
+
+Der Vorsitzende hat den Verein gerichtlich und außergerichtlich zu
+vertreten und bildet den Vorstand im Sinne von § 26 des BGB. Im
+Behinderungsfalle tritt einer der drei Stellvertreter für ihn ein.
+
+
+§ 9.
+
+Hauptgruppen und Abteilungen (§ 1) erledigen die in ihr
+Tätigkeitsgebiet fallenden Angelegenheiten selbständig unter eigener
+Verantwortung ihrer Leiter und Vorsitzenden. Diese können jedoch
+solche Angelegenheiten, insbesondere Fragen von grundsätzlicher oder
+allgemeiner Bedeutung, jederzeit nach eigenem Ermessen vor den Vorstand
+bringen, wie ebenso der geschäftsführende Vorstand aus gleichen Gründen
+seine Mitentschließung fordern kann.
+
+
+IV. Hauptversammlung
+
+
+§ 10.
+
+In der Regel findet aller fünf Jahre die Hauptversammlung statt.
+
+Die Berufung außerordentlicher Hauptversammlungen beschließt der
+Gesamt-Vorstand selbständig oder auf schriftlichen Antrag von
+mindestens einem Fünftel der Vereinsmitglieder.
+
+Zeit, Ort und Tagesordnung einer Hauptversammlung sind spätestens zwei
+Wochen vorher durch Veröffentlichung in der »Sächsischen Staatszeitung«
+und tunlichst in den Mitteilungen bekanntzugeben.
+
+
+§ 11.
+
+ 1. Dem geschäftsführenden Vorstand liegt ob:
+
+ die
+ Leitung und Geschäftsführung des Landesvereins; die Kassen-
+ und Vermögensverwaltung.
+
+ 2. Dem Gesamt-Vorstand liegt ob:
+
+ Die
+ Entscheidung über wichtige und grundsätzliche Fragen aus
+ dem Arbeitsgebiet des Landesvereins, soweit sie nicht den
+ Hauptgruppen oder Abteilungen zuwiesen sind, die Prüfung
+ und Richtigsprechung des vom geschäftsführenden Vorstand
+ erstatteten Jahres- und Kassenberichts.
+
+ 3. Die Hauptversammlung der Mitglieder des Landesvereins
+ (§ 4) wählt den Gesamt-Vorstand, beschließt über
+ Satzungsänderungen und Auflösung des Vereins (§ 19).
+
+
+§ 12.
+
+Über die Verhandlungen der Vereinsorgane und die von ihnen gefaßten
+Beschlüsse sind Niederschriften aufzunehmen, die von dem Vorsitzenden
+und dem Schriftführer nach Vorlesen zu unterzeichnen sind.
+
+
+§ 13.
+
+Sitzungen können gegebenenfalls auch nach Orten außerhalb Dresdens
+einberufen werden.
+
+
+V. Hauptgruppen und besondere Ausschüsse
+
+
+§ 14.
+
+An der Spitze jeder Hauptgruppe (§ 1) stehen ein Leiter (Vorsitzender)
+sowie dessen Stellvertreter. Dem Leiter (Vorsitzenden) steht es zu,
+Mitglieder des Landesvereins als Gruppenmitarbeiter hinzuzuziehen.
+
+
+§ 15.
+
+Für größere und einheitliche Arbeiten können vom Gesamt-Vorstande
+besondere Ausschüsse (Arbeitsausschüsse) bestellt und nach Bedarf als
+dauernde Einrichtung beibehalten werden.
+
+
+VI. Abstimmungen
+
+
+§ 16.
+
+Jede vorschriftsmäßig einberufene Hauptversammlung ist beschlußfähig.
+Der Gesamt-Vorstand ist beschlußfähig, wenn wenigstens ein Zehntel
+der stimmberechtigten Mitglieder anwesend ist, der geschäftsführende
+Vorstand bei Anwesenheit von mindestens ein Drittel der Mitglieder.
+
+Bei allen Abstimmungen entscheidet, soweit nicht die Satzung anders
+bestimmt (vgl. § 18) einfache Stimmenmehrheit. Jedes Mitglied
+hat – auch im Falle des § 6 Absatz 4 – eine Stimme. Im Falle der
+Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Vorsitzenden, bei Wahlen
+das Los.
+
+Abstimmungen des Gesamt-Vorstandes und des geschäftsführenden
+Vorstandes können auch auf schriftlichem Wege erfolgen.
+
+
+§ 17.
+
+Änderungen dieser allgemeinen Satzung, sowie des Vereinszweckes kann
+die Hauptversammlung mit einer Mehrheit von drei Viertel der Anwesenden
+beschließen.
+
+
+VII. Auflösung des Vereins
+
+
+§ 18.
+
+Zur Auflösung des Vereins bedarf es des übereinstimmenden und jedesmal
+von wenigstens vier Fünftel der erschienenen Mitglieder gefaßten
+Beschlusses zweier mindestens vier Wochen auseinanderliegender
+Hauptversammlungen. Der Antrag auf Auflösung muß wenigstens drei Monate
+vor der Versammlung beim Gesamt-Vorstande schriftlich angebracht und
+öffentlich durch die »Sächsische Staatszeitung« bekannt gemacht werden.
+
+
+§ 19.
+
+Im Falle der Auflösung wird das Vereinsvermögen dem Gesamtministerium
+zur freien Verfügung überwiesen.
+
+
+§ 20.
+
+Die am 1. Juli 1908 errichtete Satzung ist am 15. Mai 1909, 15. Mai
+1911, 8. Mai 1912 und am 1. September 1919 abgeändert und am 1.
+September 1923 in vorliegender Fassung neu errichtet worden.
+
+ _Dresden_, am 1. September 1925.
+
+
+Fußnote:
+
+ [9] Der Beitrag ist beliebig zahlbar (monatlich,
+ vierteljährlich, halbjährlich oder fürs ganze Jahr). Das
+ Vereinsjahr ist das Kalenderjahr. Jeder, der im Laufe
+ des Jahres eintritt, erhält sämtliche Veröffentlichungen
+ dieses Jahres kostenlos, hat aber auch den Beitrag für das
+ Eintrittsjahr voll zu entrichten. Der Austritt aus dem
+ Verein ist nur zum Schluß des Kalenderjahres schriftlich
+ zulässig, der Beitrag für das Austrittsjahr ist gleichfalls
+ voll zu entrichten, sämtliche Veröffentlichungen des
+ Austrittsjahres erhält das Mitglied kostenlos. Für
+ Minderbemittelte (Erwerbslose, Kleinrentner, Lehrlinge,
+ Schüler) kann der Jahresbeitrag auf jährlich zu
+ wiederholenden schriftlichen Antrag auf 50 Pf. monatlich
+ herabgesetzt werden. Die Abmeldung hat an den Verein und
+ nicht an eine Mittelsperson zu erfolgen und ist nur dann
+ gültig, wenn sie vom Verein schriftlich bestätigt wurde.
+
+
+Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.
+
+
+
+
+ Weitere Anmerkungen zur Transkription
+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
+ Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76751 ***