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diff --git a/76751-0.txt b/76751-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f58a600 --- /dev/null +++ b/76751-0.txt @@ -0,0 +1,3102 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76751 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + + Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter, + kursiver oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. + Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im + Original fetter Text ist =so dargestellt=. + + Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des + Buches. + + + + + Landesverein Sächsischer + Heimatschutz + Dresden + + Mitteilungen + Heft + 7 bis 10 + +Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege + +Band XV + +_Inhalt_: Vom Werden und Sein des Leipziger Landes – Vom Auenwald – +Leipziger Land – Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens +Grenzdörfern – Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig – +Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der +letzten Jahrzehnte – Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit – +De Heimat – Bücherbesprechungen + + Einzelpreis dieses Heftes 6 Reichsmark + + Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 + + Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 + Stadtbank Dresden 610 + + Bankkonto: Commerz- und Privatbank, + Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden + Bassenge & Fritzsche, Dresden + + Dresden 1926 + + + + +_Zur freundlichen Beachtung!_ + +Im Grundstück _Dresden_-A., Altmarkt 4 + +(neben Goldmann) haben wir im 1. Stock + +_Ausstellungsräume_ + +eröffnet, wo monatlich abwechselnd kleinere Ausstellungen aus dem +weiten Tätigkeitsgebiet unseres Vereins stattfinden sollen. + +Als erste Ausstellung ist von jetzt ab eine + +Weihnachts-Verkaufsausstellung + +heimatlicher Volks- und Kleinkunst + +veranstaltet. Wir bitten um regsten Besuch. + +Landesverein Sächsischer Heimatschutz + + + + +/4 Band XV Heft 7/10 1926 4/ + +[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden] + +Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern +herausgegeben + +Abgeschlossen am 30. September 1926 + + + + +Vom Werden und Sein des Leipziger Landes + +Von _Richard Buch_ + +Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz + + +Es hat lange gedauert, bis man der Eigenart und damit der Schönheit +des Leipziger Landes gerecht geworden ist. Noch vor fünfzig, sechzig +Jahren galt unsere Heimat wegen ihres Mangels an ausgeprägter oder +auch nur deutlicher Romantik ganz allgemein für öde, reizlos und +langweilig. Diejenigen, die heute noch mit Geringschätzung auf sie +herabsehen, können sich auf berühmte Namen berufen (H. v. Treitschke, +Ratzel u. a.). Und wer es liebt, »klassische Zeugen« für sich in +Anspruch zu nehmen, der könnte hinweisen auf Goethe, auf jene bekannte +Beurteilung der Leipziger Gegend in den aus Dichtung und Wirklichkeit +gewobenen Lebenserinnerungen des Dichters. Es war ja, nach Goethes +eigenen Worten, neben anderen Umständen vor allem der Mangel an schönen +und erhebenden Natureindrücken, der ihn während seines Leipziger +Aufenthalts jener Richtung des Schaffens zutrieb, die ihn alles in sich +selbst suchen ließ und so seine Dichtungen zu Bruchstücken einer großen +Konfession machte. + +Aber die Anschauungen haben sich gewandelt. Wie sich in der Kunst ein +Wechsel vollzogen hat von der sogenannten »erhabenen Landschaft«, die +kaum ohne ruinengekrönte Felsen und stürzende Wasserfälle zu denken +war, bis zur Darstellung des schlichten im Sonnenflimmer daliegenden +Ährenfeldes, so hat sich auch in der Landschaftsbetrachtung ganz +allgemein ein Wandel geltend gemacht, bei dem das Was hinter das Wie +der Erscheinung stark zurückgetreten ist. In unseren Tagen, wo uns die +Kunst gelehrt hat, daß keine Gegend ohne Schönheit ist, wo die einst +landschaftlich gänzlich verachtete Heide für Tausende zum Gegenstand +schwärmerischer Verehrung geworden ist, wo ein Richard Linde uns die +herben Reize der weiten Geest- und Marschbreiten an der Niederelbe +in Wort und Bild begeistert verkünden durfte, da kann es auch nicht +mehr als Wagnis gelten, von den Schönheiten unserer Leipziger +Heimat zu reden. Seitdem uns die Malerei die Augen dafür geöffnet +hat, daß selbst im flachen, eintönigen Bauernland jede schlichte +Ackerfurche im Wechselspiel von Licht und Farbe eine Fülle malerischer +Eindrücke offenbaren kann, wird kein sinniger und empfänglicher +Betrachter unserer Leipziger Landschaft in Abrede stellen, daß auch +sie Schönheiten über Schönheiten in sich birgt. Freilich liegen die +Schönheiten nicht an der Straße. Sie sind dem Tagesgetriebe entrückt. +Man muß sie suchen, mit der Seele suchen. Darum aber kann man sie auch +still genießen, sie mit ruhigen geistigen Atemzügen in sich aufnehmen. +Und wer das gelernt hat, der weiß, daß man sich Stimmungen nicht nur +in den Bergen oder am weiten unendlichen Meere suchen kann, und der +versteht, daß eine gemütvolle Heimatkunst, wie sie ein Max Heiland +und andere Landschafter neben und nach ihm gepflegt haben, auch im +Leipziger Lande wohl eine Stätte haben kann. + +Wenn man sich der anmutigen Züge unserer Landschaft freuen will, dann +darf man sich nicht an anderen Gegenden verdorben haben. In fremden +Landen sich umgeschaut zu haben, ist der Betrachtung der schlichten +Heimat noch niemals abträglich gewesen; man darf nur keine falschen +Maßstäbe aus der Ferne mitbringen und sie unberechtigter Weise auf die +Heimat übertragen. Unser Leipziger Land ist _Tiefland_, Flachland, ein +Teil jener großen Ebene, die sich von Frankreich bis zu den baltischen +Provinzen breitet. Als Ebene will das Leipziger Land betrachtet, als +Ebene landschaftlich genossen sein. Wer unsere Gegend ob ihres Mangels +an überraschenden Gegensätzlichkeiten tadelt, wer sie verachtet und +langweilig schilt, weil ihr kühnanstrebende, reizvolle Steilformen +fehlen, der verlangt – ja was verlangt der eigentlich? – der verlangt, +daß das beschauliche, abgeklärte Alter das himmelstürmende, trotzige +Feuer der Jugend besitzen soll. + +Denn unsere Landschaft ist, erdgeschichtlich betrachtet, alt – sehr +alt; sie zeigt durchaus die milden, vom Abendschimmer verklärten +Züge des Greisenantlitzes. Unsere so hochgeschätzte Alpenlandschaft +mit ihren zackigen Firnen, mit ihren tollkühnen, sich überstürzenden +Wildbächen, mit ihren kindlich-träumerisch blickenden blauen Seeaugen +ist von knabenhafter Jugendlichkeit gegen unser weites flachwelliges +Tiefland. Im Gleichklang ihrer weichen, ruhigen Formen läßt uns +diese Ebene kaum mehr ahnen, daß auch hier einst kühne Bergwellen +mit zackigen Kämmen und hochaufstrebenden Firsten sich dahingezogen +haben. Es war einmal! Aber nicht vor hundert oder vor tausend +Jahren wie im Märchen, sondern vor Zeiten, denen gegenüber unser +Vorstellen und Denken versagt. – »Mitteldeutsche Alpen« hat man +dieses Gebirge urvergangener Tage genannt; »variskisches Gebirge« +pflegt es die Wissenschaft zu nennen. – Das Wasser, das talwärts +stürzende, strömende, fließende, rieselnde, sickernde Wasser mit +seiner unwiderstehlich nivellierenden, einebnenden Macht hat das +vielgestaltige Bergland so lange erniedrigt, bis die letzten Hügel und +Bergkämme entfernt und die letzten Rinnen und Schluchten mit Schutt- +und Trümmermassen ausgefüllt waren, bis die abtragenden Gewässer +im trägen Lauf dahinschlichen, bis selbst dem Winde, dem treuen +Arbeitsgenossen des nagenden Tropfens, kein Angriffspunkt mehr blieb, +weil er die letzten Splitterstäubchen des letzten Felsenkammes längst +über die weite Niederung hingebreitet hatte. + +Tief, tief im Schoße unserer Heimaterde, unter weitausgedehnten +Lehm-, Kies-, Sand-, Braunkohlen- und Porphyrdecken, in Tiefen, die +zum Teil nur das Auge der Wissenschaft erreicht, die sich nur den +Mitteln der modernen Technik erschließen, da liegt heute der felsige +Rumpf _unserer_ Alpen begraben, der übrig gebliebene Kern, der +Stumpf dieser Uralpen. Meilenlange Risse und Spalten haben ihn in +der Folgezeit zerrüttet. Gigantische Schollenverlagerungen, die die +Erde bang erzittern ließen, haben bewirkt, daß die uralte Grauwacke +des unterirdischen Gebirgsklotzes bis in die Höhen der heutigen +Erdoberfläche »verworfen« wurde, so daß die Menschen einer späteren +Zeit unmittelbar vor den westlichen Toren Leipzigs (Kleinzschocher) +und auch südlich der Stadt (Otterwisch, Hainichen) im Flachlande +Steinbrüche, richtige Steinbrüche, anlegen konnten. Leider ist es +trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich gewesen, die merkwürdigen +Steinbruchswände von Kleinzschocher als die interessantesten +geologischen Naturdenkmäler der Leipziger Umgebung vor der Verschüttung +zu bewahren. + +Seitdem das Wasser das nordsächsische Grauwackengebirge abtrug, ist +es der bildende und formende Meister unserer Landschaft bis heute +geblieben. Als rollende Meereswoge, als verlandender Sumpfsee, als +breiter Wannenfluß und vor allem als blaues kristallnes Inlandeis +hat es erniedrigend und auffüllend, hier grobschichtig formend, dort +feingliedrig ziselierend, an dem Antlitz unserer Heimat gearbeitet, +langsam und oft unmerklich, so daß sich seine tausendjährigen +Arbeitsstunden zu Jahrmillionen der Erdgeschichte rundeten. + +Nur noch einmal in dieser langen Geschichte unserer Heimat, und zwar +noch im Frührot derselben, als der gewaltige Gebirgsabtragungsprozeß +noch im Gange war, hat sich die Erde bei uns darauf besonnen, daß ihr +noch andere Werkmeister zu Gebote stehen als der stetig und still +schaffende Wassertropfen. Dämonenhafte Mächte aus Plutos unterirdischem +Reiche türmten mit titanenhafter Kraft und gewaltigem Ungestüm +aus glutigem Magma und heißen Aschenmassen trotzige Berge, breite +Felsdecken und runde Aschentuffhügel empor. Keines Menschen Auge hat +das grandiose Schauspiel ihrer Tätigkeit geschaut; aber wir wissen: +die größten Lavaausbrüche mit ihren verheerenden Begleiterscheinungen, +die die Menschheit erlebt hat, verschwinden im Vergleich zu den +Ereignissen, die damals unsere Heimat erschütterten. Die Luft war +weithin durch Aschenmassen verfinstert, aus denen Steine, Aschen +und rauschender Regen niederstürzten. Ausgedehnte Sumpfwälder +versanken unter Aschenschichten. Farnbäume, Riesenschachtelhalme +und altertümliche Nadelhölzer wurden von strömenden Schlammassen +verschlungen; glühende Lava, deren rotglutiger Schein die Finsternis +kaum zu durchdringen vermochte, brach in rascher Folge an den +verschiedensten Stellen unserer Heimat hervor, hier runde Quellkuppen, +dort breite Decken formend; kochend heiße Schlammströme verhärteten zu +roten ungeschichteten Tuffen. + +[Illustration: Abb. 1. =Blick von der Kirche zu Röglitz ins Auenland=] + +Der weithin schauende Rochlitzer Berg, die dunkelbewaldeten +Porphyrkolmen (Kohlenberg), die heute aus der Gegend von Beucha und +Brandis in die Leipziger Ebene grüßen, die burgengekrönten Felsen bei +Colditz und Grimma, die in einem tiefeingeschnittenen malerischen +Tale die heutige Mulde bergen, die breiten Porphyrdecken, die sich +bei Buchheim, Ebersbach, Frohburg und anderorts zum Teil unterirdisch +dahinziehen, der Petersberg bei Halle, von dem in frühgeschichtlicher +Zeit fromme Klosterglocken ins Land hineinriefen, die Höhen, die +im Norden bei Landsberg in blauer, dunstiger Ferne schimmern, der +kleine Kreuzberg drüben bei Taucha-Cradefeld, an dem der Leipziger +Rat seine Straßensteine bricht, diese und viele andere Erhebungen +wurden damals geboren, in der ersten Hälfte der Dyaszeit, in der +Zeit des Rotliegenden, wie die Gelehrten sagen. – Heute ertönt +in den erstarrten Porphyrbergen der Umrandungszone der Leipziger +Tieflandsbucht das lustige Klingklang der Steinhämmer und das dumpfe +Dröhnen der Schotterschlagmaschinen, denn das reichbesiedelte Leipziger +Land braucht Werksteine für Häuser, Monumentalbauten und Denkmäler +und Steinschlag für die Wege im weichen Boden des Schwemmlandes. Das +gewaltigste Wahrzeichen der Leipziger Ebene türmt sich empor aus +den grünlichen Quadern des harten Beuchaer Granitporphyrs, und eben +erstehen vor dem alten Lotterbau auf dem Leipziger Marktplatz aus dem +warmgetönten rötlichen Rochlitzer Porphyrtuff die Eingänge zu der +großen Untergrundmeßhalle. – Der Steinbruchsbetrieb hat vielfach die +Schönheit der Landschaft beeinträchtigt, er hat aber auch Bilder von +besonderer Eigenart geschaffen, wie die Beuchaer Kirchwand, deren +starren Linien sich die oft gemalte trutzige Wehrkirche da oben auf +der Höhe so wunderbar anpaßt. Geheimnisvoll wie kleine grüne Bergseen +muten uns oft die tiefen klaren Wasseransammlungen an, die zwischen +den moosfarbenen und flechtengrauen Bruchwänden alter aufgelassener +Steinbrüche träumen. + +[Illustration: Abb. 2. =Kirche zu Beucha=] + +Nach den vulkanischen Umwälzungen der Rotliegendenzeit hat in +unserer Heimat, wie gesagt, nur noch das Wasser erdbildend und +landschaftsgestaltend gewirkt. Die Einebnung der variskischen +Alpenzüge, Hand in Hand mit einer starken Senkung des mitteldeutschen +Bodens gestattete es, daß ein weites flaches Meer, vom Ural bis in +die Mitte Englands reichend, über den größten Teil Deutschlands +hinweggriff. Es war das Zechsteinmeer, das an Ausdehnung, Gliederung, +Tiefe und Salzgehalt proteusartig wechselnd, dem deutschen Vaterlande +seine gewaltigen Steinsalzlager mit den heute darüberliegenden uralten +Hallorten und Sulzbädern, ferner die wichtigen Kalilagerstätten und +den versteinerungsreichen Kupferschiefer schenkte, der schon zu den +Zeiten bergmännisch gewonnen wurde, da Luthers Vater zu Eisleben und +Mansfeld ein armer Häuer »gewest«. – Unser Leipziger Land ist vom +Zechsteinmeer wahrscheinlich mit der Randzone berührt worden, aber +die Niederschlagsgesteine dieser Zone – Plattenkalke und schöne bunte +Letten oder Tone – sind zu unbedeutend, als daß sie Einfluß auf das +Landschaftsbild unserer Gegend hätten gewinnen können. Steinbrüche bei +Ottenhain-Geithain geben uns von ihrem Dasein Kunde. + +Der nicht vom Zechsteinmeer bespülte Teil unseres Vaterlandes war +Flachküste. Dünenhügel und Dünenkämme mögen ihr das Gepräge gegeben +haben. Je mehr sich das Zechsteinmeer zurückzog und in seinen Resten +der Eindampfung verfiel, mußte sich dieser Wüstencharakter über +Deutschland verbreiten. Sand, Sand, unendlicher Sand, das wurde +die Signatur des trocken gelegten Landes. »Die Luftströmungen, die +über der sonnendurchglühten Ebene emporstiegen, führten von allen +Seiten stürmische Winde herbei«, und mit ihnen zogen samumartig +rötliche Sandmassen daher, deren ungeheures Material den vom Wasser +zerstörten Graniten und Gneisen der südlichen Züge der variskischen +Alpen entstammte. – »Buntsandsteinzeit« hat man diese Wüstenperiode +der Erdgeschichte genannt, denn die vielfarbigen Sande sind in der +Folgezeit zu festem Sandstein verkittet worden. Vielfach mag das +fließende und nagende Wasser die bunten Sandsteinbänke wieder beseitigt +haben, auch bei uns in unserer Heimat. Aber da, wo Schnauder und +Rippach ihre Bachbetten in das Leipziger Land gruben, da können wir +ihre Reste noch heute beobachten. Weiter nach Süden, Westen, an der +Elster und an der Saale gewinnen sie dann auch bestimmenden Charakter +für die Landschaft. + +In der Buntsandsteinzeit grüßen wir schon das Morgenrot jener +umfassenden, Jahrmillionen dauernden Erdepoche, die, als Mittelalter +der Erdgeschichte bezeichnet, drei Schöpfungsperioden einschließt: die +Trias-, Jura- und Kreidezeit. Es ist der Abschnitt der Erdentwicklung, +wo sich die aufbauende Tätigkeit der Ozeane und Meere ins Allgewaltige +steigert. Aus dem Muschelkalkmeere schlagen sich die zweihundert Meter +mächtigen Muschelkalkbänke nieder, von deren Höhe heute stolze Burgen +ins freundliche Saaletal herabschauen. Im Jurameer, in dessen Wogen +sich die fabelhaften durch Viktor Scheffels feuchtfröhliche Laune +so berühmt gewordenen Saurier tummelten, bauen sich aus tierischen +Kalkresten die gewaltigen Juragebirge auf. In den Flachseen der +Kreidezeit bilden sich aus den Kalkgehäusen unzähliger mikroskopischer +Kleintiere die weißen Felsen der Schreibkreide, auf Rügen zum Beispiel +und in der Champagne, aus eingeschwemmten und eingewehten Sandmassen +aber auch die Quadersandsteine unserer Sächsischen Schweiz. Von all +diesen Schöpfungsvorgängen aber bleibt unsere Heimat unberührt. +Während sich das Land umher senkt und so den ozeanischen Fluten +Zutritt gewährt, bleibt das böhmische Massiv mit einem nordwestlichen +Ausläufer, also auch unsere Scholle, Festland, oft inselartiges +Festland. Und so fehlen in der Schichtung unseres heimatlichen Bodens +wichtige erdgeschichtliche Nachweise; die Chronik unserer Heimaterde +zeigt hier eine schmerzliche Lücke. + +Als nun die Neuzeit der Erdgeschichte anbricht, als die Alpen von +heute zu strahlender Schönheit aufsteigen, als von der Eifel bis +zum schlesischen Gebirge erneut lava- und aschespeiende Vulkane +lohen und die Basaltkuppen des Erzgebirges der Tiefe entquellen, +als zwischen Schwarzwald und Wasgenwald der Graben einbricht, der +heute die lachenden Fruchtgefilde des Oberrheins birgt, als die +südliche Flanke des Erzgebirges zur böhmischen Tiefe hinabsinkt, da +liegt unsere Heimat inmitten all dieses gewaltigen Geschehens da +als eine weite flache, nach Norden und Westen sich senkende offene +Wanne. Die weiten Porphyrdecken, die die vulkanischen Gewalten der +Rotliegendenzeit einst ausbreiteten, sind an der Oberfläche längst in +Verwitterungsschutt zerfallen, und die feinsten Teile dieses Schuttes +hat das aufbereitende Wasser als ausgedehnte Lehm- und Sandschichten +über das flache Wannenland hingelagert. Subtropisches Klima, wie es +heute etwa am Mississippi herrscht, brütet über der Heimat. Zwischen +flachwelligen Höhen breiten sich weite Sumpfgewässer und Moore +aus. Auf ihren Verlandungszonen und auf dem Waldmoorboden wachsen +üppige Sumpfzypressen. An den Ufern grünen Zimt- und Feigenbäume, +blühen prächtige Magnolien, duften blühende Oleander, stehen Myrte +und Lorbeer. Von den flachen Landrücken grüßen immergrüne Eichen, +Ahorne, Birken und andere Waldbäume meist heutigen Charakters. – In +regenreichen Perioden räumen breite, wasserreiche Flüsse die Täler +des sich hebenden erzgebirgischen Nordflügels, der mittelsächsischen +Hügelketten und des heutigen Vogtlandes aus, mit den gewaltigen +Schuttmassen das Flachland immer mehr einebnend und die überschwemmten, +untergehenden Moordecken und Sumpfwälder unter mächtige Schichten von +Sand und Schlamm bettend. Da sich das Flachland senkt, bricht von +Norden her das Meer ein. Bis dahin, wo heute die Blütenpracht der +Röthaer Obsthaine unser frühlingstrunkenes Auge entzückt, plätschern +die Wellen der Flachsee. Seicht und breit mündende Ströme tragen von +Süden her Kies- und Sandbänke in die See hinein. Und wenn es dem +schürfenden Wasser gelang, im südlichen Teil der Tieflandsbucht längst +begrabene, verkohlende Moordecken anzuschneiden, dann führen sie wohl +in braunschmutzigen Fluten das Material herbei, um es zwischen die +Schichten des Deltas als bodenfremde Braunkohlenflöze und -schmitzen +einzulagern. Und als dann das Meer sich wieder nordwärts zurückzieht, +grünen noch einmal üppige Sumpfwälder empor, um schließlich wiederum +unter den Sinkstoffen der Flüsse eingeschichtet zu werden. + +Die hohen Schornsteine, die heute an der Wyhra, im Altenburger Land +und in der weiten Lützener Ebene wegweisend am Horizonte emporragen, +kennzeichnen die Stellen, wo menschlicher Fleiß die ausgedehntesten +und mächtigsten Flöze, die immer bedeutungsvoller werdenden +braunen Schätze der Tertiärzeit abbaut. Die tiefen, sich weithin +erstreckenden Tagebaue, die grüne Saaten verschlingen und Dorf und Wald +bedrohen, die keuchenden Bagger, die hochaufgeschütteten Erdhalden, +die fauchenden und zischenden Zechenbahnen, die neuerstandenen +Brikettfabriken und Kraftwerke mit hochaufragenden Schloten, die +Eisenbahnladeplätze mit ihren Schienensträngen und Wagenreihen, die +neuzeitlichen Arbeiterviertel in den Dörfern, deren alte Bauernhäuser +sich verschüchtert um das verwitterte Dorfkirchlein scharen, die +landfremden Kohlenarbeiter mit ihrer dem Tagesberuf angepaßten Tracht, +– das und noch vieles andere zeigt, wie eng menschliches Sein und +Schicksal von heute mit der unendlichen Vergangenheit der heimatlichen +Scholle verbunden ist. Ist es _nur_ neue Form, die wir hier im +Braunkohlengebiet schauen, oder ist es nicht auch neue Schönheit? – Die +Kunst, die schon eifrig hier ihre Motive sucht, wird uns auch lehren, +in diese von menschlichem Willen und menschlicher Kraft so stark +beeinflußte Landschaftsgestaltung unsere Seele hineinzutragen. + +[Illustration: Abb. 3. =An den Braunkohlenwerken Dora und Helene bei +Lobstädt=] + +Das Relief, das die Heimat am Ende der Braunkohlenzeit zeigte, haben +die kommenden Jahrtausende der erdgeschichtlichen Entwickelung +nicht ganz verwischen können. Der flache Höhenzug zwischen Pleiße +und Parthe zum Beispiel, der heute das Völkerschlachtdenkmal trägt +und sich nach Nordwesten bis zum Leipziger Alten Theater, bis in +den Mündungswinkel der Pleiße und Parthe hineinschiebt, dieser +unbedeutende Rücken, der den Kern unserer Stadt, die Altstadt trägt und +ihm Schutz vor den Überschwemmungen der Pleiße bot, ist tertiären oder +braunkohlenzeitlichen Alters. Ihm verdanken wir, daß bei uns die Kinder +am »Barfußberge« spielen, daß wir in Connewitz ein »Oberdorf«, in der +Südvorstadt eine »Hohe Straße« verzeichnen können. Von seiner Höhe +grüßt heute an Stelle der alten Zwingburg Dietrichs des Bedrängten die +Matthäikirche. + +Den stärksten Einfluß auf die Formung des heutigen Landschaftsbildes +im Leipziger Kreise hat die jüngstvergangene erdgeschichtliche Periode +erlangt, die Eiszeit oder die große Schneezeit (Diluvium). Wasser war +es wieder, das hier die letzte Arbeit meisterte, – Wasser, diesmal in +Gestalt des blauen Gletschereises. + +Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem Sumpfboden +unserer Heimat entlockt hatte, war längst einem kühleren Klima +gewichen. Die mittlere Jahrestemperatur war langsam stetig gesunken, +so daß sie noch um einige Grade tiefer lag als unser heutiges +Jahresmittel. Dazu hatte das Klima ozeanischen Charakter angenommen. +Die Niederschläge mehrten sich; im hohen Norden Europas, sowie in den +Bergen der Alpen und auf den Höhen der deutschen Mittelgebirge häuften +sich die Schneemassen. Bald quollen in den Bergen die Firnbecken über. +Von den Alpen, vom Schwarzwald, vom Odenwald, vom Harz und von den +Sudeten stiegen die Gletscher in die Vorlande. Und von den höchsten +Höhen Skandinaviens verbreitete sich nach allen Seiten hin dickes +Inlandeis, wie wir es heute aus Grönland kennen. Vom Ural bis Holland +und England begrub es Nordeuropa unter seine gewaltige Last. Auch +über unsere Heimat schreitet das Eis bei seinem stärksten Vorstoß von +Norden her in einer Dicke von dreihundert Metern hinweg. Erst der Fuß +des Erzgebirges gebietet ihm Halt. – Wie ein Riesenbagger schürft das +langsam vorrückende Eis das Land unter sich auf. Es bricht gewaltige +Blöcke und Platten der norwegischen und schwedischen Felsgesteine los, +es hebt ganze Schollen der feuersteinreichen Kreide auf Rügen ab, es +preßt die ungeheuren Lager von weichen Tonen und lockeren Sanden in +der norddeutschen Ebene auf und schleppt alles im Weiterschreiten +und Weitergleiten als Grundmoräne in seiner Sohle mit sich fort. Wo +das Eis über anstehende Felskuppen hinweggleitet, da scheuert es das +harte Gestein mit dem feinen Sand-, Ton- und Kalkschlick seiner Sohle +ganz blank und kratzt in die fast spiegelglatten Flächen feine Ritzen +und Schrammen hinein. Wenn drüben bei Beucha oder Kleinsteinberg +die Steinbrecher neue Sprengungen vornehmen wollen und vorher die +fruchtbare Ackerkrume vom Porphyrgestein abdecken, dann finden sie +solche »Gletscherschliffe« als Erinnerungsmerkmale der eiszeitlichen +Vergangenheit unserer Heimat. – Als die klimatischen Verhältnisse +Europas ganz allmählich sich denen von heute näherten, da trat das Eis +seinen Rückzug nach Norden an. Oft aber unternahm es bei eintretenden +Klimaschwankungen erneute Vorstöße, so daß auch für unsere Heimat +Zeiten der Vereisung mit Zwischeneiszeiten wechselten, in denen die +Leipziger Tieflandsbucht eisfrei blieb. Mit Sicherheit sind wenigstens +zwei stärkere Vereisungen unserer Gegend anzunehmen. Das zurückgehende +Eis ließ als kostbares Geschenk den mit Blöcken und Steinen +gespickten zähen Lehmbrei seiner Grundmoräne zurück, den sogenannten +Geschiebelehm. Er bildet heute die fruchtbare Ackererde unserer Felder +mit ihrem Reichtum an Lesesteinen, mit ihren zahlreichen einsamen Irr- +und Wanderblöcken in stiller Feldflur. + +Zwischen Saale und Elster im Westen, zwischen Pleiße und Parthe im +Osten und vor allem im Norden ins Provinzialsächsische hinein hat +der Geschiebelehm unübersehbare tischglatte Gemarkungen geschaffen. +Hier werden wir uns des Flachlandcharakters unserer Heimat am +deutlichsten bewußt. Hier reiht sich Feld an Feld, Ackerstreifen an +Ackerstreifen. Nichts als die regelnde Hand des menschlichen Fleißes +ist in dem schachbrettartigen Getäfel erkennbar. Geradlinig ist alles, +die Straßen und Schienen oft wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das +langgestreckte Straßendorf bringt wenig Abwechselung in das Bild. Und +doch ist dieses flache Bauernland schön und wird dem, der es kennen +lernt, zum tiefen Erlebnis. Der weite in die Ferne hinausführende +Horizont, der hohe unendliche Himmel mit seiner zu Herzen gehenden +Wolkensprache, die unerschöpflichen Feinheiten der Luftperspektive, +die unvergleichlichen Sonnenuntergänge, die prachtvollen Gewitter, +die in der Ebene viel mehr dem Auge als dem Ohre predigen, das alles +wirkt bedeutend – und erhebend. Glücklicherweise steigert sich die +Ebenflächigkeit nirgends zur Monotonie. Das bunte Mosaik der Felder, +die im Blütenschnee schimmernden Reihen der Straßenbäume, die von +blumigen Wiesengründen begleiteten und von Erlen und Weiden gesäumten +Bäche und Rinnsale, die weithin blinkenden Teiche, die duftigblau +fernschimmernden Waldsäume der Diluvialwaldungen, die zahlreichen mit +ihren Dächern und Türmen aus segenspendenden Obstbäumen hervorlugenden +Dörfer, die weithin leuchtenden Wassertürme, das alles gruppiert +sich zu immer neuem, fortwährend wechselnden Bildern von schlichter, +lieblicher Schönheit. Vieles ist in dieser Landschaft charakteristisch +und typisch. Nicht zuletzt das Menschenleben. Der »uralt heilige Beruf +des Landmannes«, in Bildern von unerschöpflicher Schönheit tritt er uns +hier entgegen. Der ernst schreitende Säemann, der rüstige Schnitter, +die flinke Garbenbinderin, der hochbeladene Erntewagen, der Pflüger +mit den strebenden Rossen. »Oft sind sie zu fünf, sechs oder mehr auf +der sonnigen Erdscheibe zu sehen, bis zu Fernen, in denen sie sich zu +winziger Kleinheit verlieren«. Und darüber im blauen Frühjahrshimmel +windzerrissene Märzwolken. Wenn es wahr ist, daß Schönheit mit der +Schlichtheit wächst, hier im flachen Bauernland wird es Ereignis. + +[Illustration: Abb. 4. =Die Femlinden auf Ehrenberger Revier im +Leipziger Auenwald=] + +Indem das Inlandeis bei seinen einstigen vor- und rückläufigen +Bewegungen die Erhebungen des Bodens einebnete und die Senken mit dem +Material seiner Grundmoräne ausfüllte, hatte es dem Leipziger Land +noch einförmigere Linien verliehen, als es wohl schon am Ausgange +der Braunkohlenzeit aufgewiesen hatte. Gleichsam unzufrieden mit +dieser seiner Arbeit, brachte es vor seinem endgültigen Rückzuge +ganz neue belebende Züge in das Bild der Landschaft. Da wo der Rand +des Inlandeises auf längere Zeit, Jahrhunderte, Jahrtausende, zur +Ruhe, zum Stillstand kam, häuften sich die Gesteinstrümmermassen +des Gletschers zu langen Hügelreihen, zu riesigen eiszeitlichen +Stirn- oder Endmoränen. Die von den Steilwänden des Gletscherrandes +herabstürzenden, gurgelnden Schmelzwässer durchspülten unaufhörlich +die gewaltigen Schuttanhäufungen der Endmoräne und entführten ihr die +lehmigen und tonigen Bindemittel, so daß schließlich nur noch lose +Haufwerke von Sanden, Kiesen, Blöcken und Gesteinsgrus blieb. + +[Illustration: Abb. 5. =Blick von der Beuchaer Kirche über den +Steinbruch nach dem Kohlenberg=] + +Der bewaldete Bienitz mit dem benachbarten Wach- und Sandberg im Westen +Leipzigs und die zahlreichen Höhen, die uns nördlich und östlich der +Parthe grüßen, sind solche Endmoränenzüge. Wallartig geschlossen und +nur am Bienitz durch die breite Elster-Luppen-Niederung unterbrochen, +erstrecken sie sich von Dehlitz drüben bei Weißenfels an der Saale bis +nach Eilenburg an der Mulde hin. Während sie aus weiter Ferne geschaut +fast untertauchen in dem gewaltigen Gleichklang unserer Ebene, treten +sie, aus der Nähe betrachtet, oft recht auffällig hervor. Einzeln für +sich gesehen riesigen Maulwurfshaufen gleichend, bieten sie Freunden +schöner Linienführung in ihrer Aneinanderreihung (Gordemitz) großen +Genuß. Da wo die Gegenstücke unserer Landschaft, Moränenhügel und +Aue unmittelbar nebeneinander auftreten (Parthenlauf), wo sich dem +sanftanstrebenden Decksandhügel die Aue mit blumigen Wiesen anlehnt, +da ist die Landschaft von überraschender Lieblichkeit. Die Windmühle +mit den lustig im Winde sich drehenden Flügeln auf kahler luftiger +Moränenhöhe und die stille Wassermühle am Auenfluß, tief eingebettet +in das Grün buschiger Erlen und Weiden, mit dem schwerfälligen +unterschlächtigen Mühlrade, sind Symbole einer Gegensätzlichkeit, +die man im Leipziger Land nicht sucht. Oft sind die sandigen Hügel +von Beständen der genügsamen Kiefer gekrönt. Ihr düsteres Grün gibt +einen feinen Kontrast zur hellgrauen, spärlichen Ackerscholle oder zum +gelblich-weißlichen Sande der abgebrochenen Sandgrubenwand. Wenn man +da oben sitzt und das Auge die sandig welligen Abhänge hinabgleiten +läßt, wenn man den weichen, sonnenheißen Sand durch die Finger rieseln +läßt und das sandholde Pflanzen- und Tierleben belauscht, dann kommt +Heidestimmung über einen, und Heidesehnsucht quillt im Herzen auf. +Häufig tragen die Hügel kleine trutzige Wehrkirchen (Panitzsch, Thekla, +Frankenhain u. a.) aus den Zeiten, da unser Land heißumstrittener +Kolonialboden war und deutsche Ansiedler die neugewonnene Heimat gegen +die von Osten heranbrandenden slawischen Sturmfluten verteidigen +mußten. Obwohl die Moränenhügel die Höhe von einhundertundachtzig Meter +nirgends überschreiten, sieht der anspruchslose Bewohner der Ebene doch +in ihnen Berge. Als Wach-, Kreuz-, Wein-, Fuchs-, Galgenberge usw. sind +sie in den Heimatkarten verzeichnet. Gelegentlich hat man sie sogar +mit Aussichtstürmen geschmückt. Und es lohnt sich reichlich, einen +solchen Ausguck zu besteigen. Bei der Ebenflächigkeit des Landes gibt +es Ausblicke von überraschender Tiefe ins weite, weite Land hinein. +Wo zwischen die Hügelreihen einsame Dörfer eingebettet liegen, da +atmet die Heimat fast den Frieden und die Abgeschiedenheit stiller +Gebirgsdörfchen. + +Als sich das nordische Eis unserer Heimat näherte, schob es mächtige +Eiszungen in die breiten Strombetten der heimatlichen Gewässer vor. +Haushohe Stauwehre von Eis zwangen unsere Elster und Pleiße, die +ursprünglich in nördlicher Richtung flossen, nach Westen dem Eisrande +entlang auszubiegen. Auch die Mulde gab damals ihren nördlichen Lauf +in der Gegend von Grimma auf und wälzte ihre durch Gletscherwässer +verstärkten Fluten in zwei breiten Armen dem Lauf der heutigen Gösel +und Parthe folgend über Leipzig der Saale zu. In der Eiszeit entsteht +so die breite Entwässerungsrinne zwischen Leipzig und Merseburg, +in der jetzt alles fließende Wasser des Leipziger Landes der Saale +zuströmt. – Nach der Eiszeit brach für Norddeutschland und auch +für unsere Ebene eine Trockenperiode an, eine Steppenzeit, in der +gewaltige, lößaufhäufende Staubstürme über die Gegend dahinbrausten. +Die Flüsse büßten mehr und mehr ihre Wasserfülle ein. – Und nach dieser +Steppenperiode nahm dann infolge erneuter klimatischer Veränderungen +unsere heutige Pflanzenwelt von der Heimat Besitz. Blumige Wiesen und +schimmernde Laubwälder breiteten ein farbenfreudiges Gewand über die +Landschaft. Trotz reichlicherer Niederschläge aber blieben die Flüsse +jetzt klein und unbedeutend bis auf den heutigen Tag. – Nur wenn im +Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, scheinen sich die schwächlichen +Epigonen der riesigen Eiszeitströme ihrer gewaltigen Vergangenheit +zu erinnern. Sie steigen aus ihren schmalen Ufern und verwandeln +die breite Aue in einen blinkenden See. Dann gibt es südlich bei +Markkleeberg und im Nordwesten bei Modelwitz und Papitz trotz aller +Dämme und Flutrinnen eine Fülle reizvollster Überschwemmungsbilder. +– Die gelbe Flußtrübe der Überschwemmungsfluten setzt sich zu Boden, +und eine dünne Schlammkruste bleibt zurück. Der Märzwind trocknet sie, +und aus den tausend Rissen und Sprüngen sproßt hoffnungsfreudig neues +Grün hervor. Unzählige Male ist die Flußaue so überschwemmt worden. Aus +den dünnen Schlammschichten ist eine mächtige Lehmdecke geworden. Es +ist der Aulehm unserer Flußtäler, ein feuchter, schwerer, steinfreier +Lehm, der zahlreichen Ziegeleien ein ausgezeichnetes Material liefert. +Unter ihm liegen zuweilen Sand- und Schottermassen, die die Flüsse hier +ablagerten, wenn sie besonders transportfähig waren. + +[Illustration: Abb. 6. =Auenwaldbild bei Rübsen=] + +Aus der Höhe von Papitz schauen wir heute hinein in die lachende Aue. +Wie eine ebene Tafel ist das Schwemmland der Aue eingelagert in die +höher gelegene Geschiebelehm- und Endmoränenlandschaft. Bald ist der +Gegensatz von Aue und Auenrand scharf, bald klingen die Höhen des +Randes sanft in die Aue hinein aus. Es sind zwei verschiedene Welten, +die sich hier berühren, Hochland und Tiefland, Steppe und Wasserland, +Geest und Marsch, Ackerland und Bruchland, Kultur und Wildnis, uralte +Gegensätze, die sich auf Erden so oft wiederholen. – Wasser, Wiese +und Wald sind die drei Landschaftselemente, die sich in der Aue in +immer neuen überraschenden Gruppierungen zusammenfinden und so den +Reichtum an Landschaftsbildern ergeben, der die Aue auszeichnet. Ihrer +eigensten Natur nach ist die Aue uraltes Wasserland. Wasser quillt im +sumpfigen Boden; Wasser rinnt in den Flüssen mit ihren vielen Armen +und Gräben; Wasser erfüllt die zahlreichen Überschwemmungstümpel, +die stillen Altwässer, die verträumten Lachen, die waldumgürteten +Sümpfe, die schilfreichen alten Lehmstiche; Wasser braut um Busch +und Baum, wenn am Abend den tiefen Wiesengründen graue Nebelschwaden +entsteigen. Was die Aue unter allen Landschaftsformen der Heimat +obenanstellt, das ist der prächtige Auwald mit seinem Reichtum an +Laubbaumarten, mit seinen weichen Blättermassen und seinen weichen +runden Laubformen, mit seinen vielhundertjährigen Rieseneichen, seinem +dichten aus Strauchwerk und Stockausschlag bestehendem Unterholz, mit +seiner eigenartigen Frühlingsflora und seinen üppigen Schattenstauden +im Sommer. Wo sich dieser Wald kulissenartig hinausschiebt in die +Wiesenlandschaft der Aue, da gibt es Bilder von hoher landschaftlicher +Wirkung; im Mondenlicht gesehen sind diese Bilder von überraschender +Plastik, so daß sie das Auge fast körperlich aufnimmt. Im Strahl der +Herbstsonne lohen die reichen Blättermassen der zahlreichen Baumarten +in einer unvergleichlichen Farbensymphonie auf. Herbstfahrten durch +die Aue! Einen höheren Naturgenuß kann es kaum geben! Die Laubgänge +leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmerndes Licht durch bunte +Kirchenfenster. Von Tag zu Tag werden Farben flammender, bis der erste +Frost der Herrlichkeit ein jähes Ende bereitet. – Die Auenwiesen, +die besonders in der Elster-Luppen-Aue (Oberthau) in manchmal kaum +übersehbarer Weite hingebreitet sind, können sich an Blumenreichtum und +Farbenpracht nicht mit Gebirgswiesen messen. Der kühle Aulehm ist der +Farbenfülle nicht günstig. Zumeist ist es eine bestimmte Pflanze, die +mit ihrer Blütenfarbe die Wiese eine Zeit lang beherrscht. Das tiefe +Gelb der duftenden Schlüsselblume wird abgelöst vom zarten Blaßblau +des Wiesenschaumkrautes; das prächtige Rosa des Wiesenknöterichs +weicht dem Scharlachrot des Ampfers usw. – Die menschlichen +Siedelungen fliehen die Aue wegen der Überschwemmungsgefahr. Es sind +zumeist Einzelsiedelungen, die uns in der Aue begegnen, Gasthäuser +an Querwegen, Wassermühlen und Ziegeleien. Gering ist die Zahl der +Auendörfer. Aber oben auf dem Auenrand, da reihen sich schon seit +vorgeschichtlichen Zeiten die Siedelungen aneinander wie die Perlen an +der Schnur. Die Großstadt hat die Wassernatur des Landes überwunden und +die Aue erobert. Aber in hundert Zügen hat ihr das Wasser den Charakter +der »Auenstadt« aufgeprägt. Als köstliches Geschenk der engen Beziehung +seiner Stadt zur Auenlandschaft schätzt der Leipziger, daß er wenige +Minuten von dem alten Marktplatz, dem Mittelpunkt der Stadt, und vom +Hauptbahnhof, dem heißklopfenden Herzen des Großstadtverkehrs, in +Waldungen eintreten kann, die nach Roßmäßlers Urteil zu den schönsten +in Deutschland zählen. + +[Illustration: Abb. 7. =Auenlandschaft bei Oberthau=] + + * * * * * + +So liegt das Leipziger Land vor uns als ein Geschenk des Wassers: +Schwemmland von uraltem Schwemmlandscharakter. – Das menschliche +Schicksal von Jahrtausenden ist heute in diese große Schwemmlandstafel +eingegraben. »Alles Schaffen, alles Hoffen und Leiden, alles Gewinnen +und Verlieren längst vergangener Menschengeschlechter ist hier +verzeichnet.« Selbst da, wo die Landschaft noch am ursprünglichsten +zu uns spricht, im weiten Wasserland der Aue, gibt es wohl keinen +Schrittbreit Boden, den menschlicher Wille nicht beeinflußt hätte. +Und doch kann die Landschaft die Züge, die ihr die Weltenjahre +erdgeschichtlicher Vergangenheit aufgedrückt haben, nirgends +verleugnen. Die Urnatur des Landes, gewissermaßen die Wildnis, schaut +überall durch den dünnen Schleier der Kultur hindurch. »Gewaltiger +als der Mensch ist die Natur, die ihn selbst mit unlösbaren Banden +umspannt.« + + + + +Vom Auenwald + +Von Professor Dr. _Naumann_ + + +Als Muster eines Auenwaldes bezeichnet Roßmäßler die artenreichen, +feuchtkühlen Laubwälder der Leipziger Umgebung. Er sagt darüber: »Die +Nähe eines gepflegten Auenwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene +vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden +Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich +Leipzig, welches aus seinem westlichen Tor unmittelbar in einen der +schönsten Auenwälder Deutschlands tritt.« + +[Illustration: + + Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz + +Abb. 1. =Am Hemmschuh bei Rehefeld, im Vordergrund Märzbecher=] + +Jeder Auenwald verdankt seine Entstehung und seine Zusammensetzung der +überschwemmenden Tätigkeit eines Flußsystems. + +[Illustration: Abb. 2. =Karte des Auwaldgebietes westlich von Leipzig; +das Flußnetz der weißen Elster und Luppe umfassend= + +Durch die starke Verkleinerung der Karte sind die Beschriftungen schwer +zu erkennen, und sind deshalb die im Aufsatz genannten malerischen +Gegenden, Wasserläufe und dergleichen zur schnelleren Auffindung auf +der Karte mit Pfeilen und Nummern versehen worden, die in der +nachstehenden Erläuterung erläutert sind. + +=Erläuterung=: + + 1 = Weiße Elster + 2 = Luppe + 3 = Hundewasser + 4 = Burgauer Forstrevier + 5 = Polenz + 6 = Park vom Lützschenaer Rittergute + 7 = Malerische Altwassertümpel zwischen Gundorf und Lützschena + 8 = Auwaldzauber der Luppelandschaft bei Leutzsch + 9 = Malerische Baumbestände an der Luppe in der Gegend von + Maslau und Horburg + 10 = Maslauer Eiche + 11 = Kaisereiche + 12 = Polenzeiche + 13 = Königseiche +] + +Während der Oberlauf des Flusses sich eingeengt sieht durch die +ansehnlichen Bodenerhebungen eines Berglandes, dringt der Mittellauf +meist durch liebliches Hügelgelände. Solch begleitende Höhen lassen +eine breite Überschwemmungszone kaum aufkommen. Der schmale Ufersaum +ist meist blockreich und schotterbedeckt, so daß sich Baumbestände +auf vereinzelte Weiden, Erlen und Espen beschränken, wie wir an den +schmalen Uferstreifen unserer Erzgebirgsflüsse wahrnehmen können. Der +meist gewundene Lauf ist einer ruhigen und steten Ablagerung feinerer +Anschwemmungsprodukte nicht günstig, und infolge des noch starken +Gefälles im jugendlichen Strom bleiben nur kiesige Massen an den +Uferrändern, während die aufschwemmbaren Produkte bis weit hinab ins +Niederland geführt werden. Hierzu kommen die reißenden Schmelzwässer +des Frühjahrs, welche etwa angehäuften Feinboden wieder zerstören. +Nur selten zeigt sich in breiteren Gebirgsmulden, wie am Hemmschuh +bei Rehefeld im Flußgebiet der Wilden Weiseritz, ein auwaldähnlicher +Holzbestand, welcher als Auwaldpflanze noch den _Märzbecher_ führt. +(Abb. 1.) Der Prallhang der Bergflüsse bietet den Holzgewächsen gar +keinen Raum, und der kiesige Gleithang ist meist mit _strauchigen +Weiden_[1], einem _~Salicetum~_, bestanden. + +Erst in der Niederung fließt der Strom in majestätischer Breite +und altersträger Ruhe ohne besondere Richtungsänderung dahin. Nach +starkem Herbstregen oder durch die Schmelzwässer des Frühlings +tritt er weit über seine Uferränder hinaus und setzt feinkörnige +fruchtbare Verwitterungsmassen ab, die wir als _Aulehm_ bezeichnen, +und welche aus Ton und feinem Sande bestehen. Nur dann weicht der +Strom der Niederung von seiner eingeschlagenen Hauptrichtung ab, wenn +sich ihm leichtgewellte Höhenzüge, wie bei der Elbe der Fläming, +entgegenstellen, oder wenn seitliche, wasserreiche Zuströme ihm eine +andere Richtung aufdrängen, wie dies bei der Weser durch die Aller +geschieht. Dort, wo mehrere gleichgerichtete Flüsse sich auf engem Raum +vereinigen, wo also ein engmaschiges Flußnetz gewebt ist, wird sich die +günstigste Gelegenheit zur Auwaldbildung finden, und hier dürfen wir +auch typische Auenwälder erwarten. _In Sachsens Nordwesten, in Leipzigs +Umgebung_, ist ein solches Gebiet geschaffen durch den Zusammenfluß +von Elster, Parthe, Pleiße und Luppe (Abb. 2), und die malerische +Gruppierung verschiedenartigster Laubbäume am Hundewasser gibt uns +einen Begriff von den Schönheitswerten solcher Bestände. + +[Illustration: Abb. 3. =Das den Polenz im Süden umfließende Hundewasser +mit Weißbuchen und Ulmenaltholz=] + +Schon im Jahre 1912 fand eine Anregung unseres Landesvereins +Heimatschutz auf Schaffung eines _Auwaldschutzbezirkes_ durch die +einsichtige Stadtverwaltung Leipzigs Erfüllung, indem vom Rate +der Stadt beschlossen wurde, einen Teil des sogenannten Burgauer +Forstreviers, den Polenz, der in der Nähe des Parkes vom Lützschenaer +Rittergute liegt und dem Verkehr nur schwer zugänglich ist, bis +auf weiteres in der bisherigen Gestaltung zu erhalten, d. h. von +forstlicher Nutzung abzusehen. Dieser Teil wird von einem Elsterarm, +eben dem Hundewasser, umflossen und zeigt den Typus des Auenwaldes +mit seiner üppigen Vegetation noch recht unverfälscht. Weißbuchen +und Ulmenaltholz bilden längs des Ufers eine Laubwand von gewaltiger +Wirkung (Abb. 3). Auch der Anblick des Polenz von Osten her zeigt +uns einen geschlossenen Laubwalddom, hinweg über einen vorgelagerten +Hochwasserspiegel, welcher trotz wechselnder Wasserfülle den stolzen +Fischreihern vorübergehend als Aufenthalt dient (Abb. 4). + +[Illustration: Abb. 4. =Östliche Seite des Polenz mit vorgelagertem +Hochwasserrest= (nur zeitweise Wasser vorhanden)] + +Zum eigentlichen Heimatschutzgebiet aber wurde dieser köstliche +Landesteil erst im Jahre 1922. Von diesem Jahre konnte man durch eine +entsprechende Tafel mit der Inschrift: + + =Naturschutzgebiet= + + Urwüchsiger Auenwald + des Elstergebietes + + Mit zahlreichen Baumarten (außer Rotbuche) + mit reichhaltigem Unterholz + mit üppigem Kräuterwuchs + + Helft alle dazu, dieses Naturdenkmal + unversehrt der Nachwelt zu erhalten. + + Der Rat der Stadt Landesverein + Leipzig Sächsischer Heimatschutz + +gemeinsam unterzeichnet vom Heimatschutz und der Stadt Leipzig den +Auwald am Hundewasser als »geschützt« bezeichnen. Abbildung 5 zeigt +den Eingang zum Schutzgebiet, und der Blick fällt auf ein Baumgemisch +von Eschenaltholz und stattlichen Rüstern. Wohl gibt es noch andre, +vielleicht auch naturwissenschaftlich reichere Orte in Leipzigs +Flußnetz, aber wir dürfen mit dieser Wahl zufrieden und Leipzigs +Stadtverwaltung recht dankbar sein. Zwischen Gundorf und Lützschena +finden sich malerische Altwassertümpel, die als Reste früherer +Überschwemmungen verblieben sind (Abb. 6), und noch immer einer +interessanten, leider immer weniger werdenden Groß- und Kleintierwelt +günstige Lebensbedingungen gewähren. Diese Plätze sind daher als +Sammelgebiet ein Dorado für Aquarienliebhaber geworden, und man ist +damit umgegangen, dort eine biologische Arbeitsstätte zu schaffen. +Leider wollte man auch Ansiedelungsversuche mit verschiedenen, auch +fremdländischen Tieren machen. Ein solches »Ansalben« ist höchst +bedenklich! Als _Naturschutzgebiet im eigentlichen Sinne_ darf man +derartige Orte, selbst wenn sie für bestimmte naturwissenschaftliche +und Liebhaberzwecke der Allgemeinheit entzogen sind, nicht betrachten. +Ein solches muß sich selbst überlassen bleiben, d. h. frei von +forstlichen Eingriffen und frei von neugieriger Begängnis gehalten +sein, um für unsere Nachfahren das Walten einer ursprünglichen Natur zu +retten. + +[Illustration: Abb. 5. =Eingang zum geschützten Auwaldgebiet der Burgau +im Stadtwald zu Leipzig=] + +[Illustration: Abb. 6. =Zwischen Gundorf und Lützschena=] + +Nahe Leutzsch liegt ein stiller Auwald-Zauber über einer +Luppenlandschaft, und man kann es der städtischen Forstverwaltung +(Forstmeister Zacharias) nicht genug danken, daß auch dieser Winkel +in seinem ursprünglichen Zustand gepflegt und erhalten wird (Abb. 7). +Auch weiter westlich, in der Umgebung von Maslau und Horburg (vgl. +Karte Abb. 2) bietet die Luppe malerische Baumbestände und wird mit dem +wechselnden Grün und dem Silbergrau der Weiden, deren Spiegelbild in +dem ruhenden Wasser zu uns leuchtet, zu einem landschaftlichen Kleinod +(Abb. 8). Aber nicht bloß die herrlichen Baumgestalten entzücken uns; +das träg fließende Wasser schmückt sich am Ufer weithin mit flüsterndem +Ried und raschelndem Röhricht, und eine reizvolle Spiegeldecke +lichtgrüner Schwimmpflanzen belebt anmutig die majestätische Ruhe (Abb. +9). Kaum satt kann sich das Auge trinken an dieser grünen Dämmerpracht, +durchfunkt von den Goldblüten der Mummel. Darum darf wohl ein zweites +Bild des Maslauer Auenwaldes (Abb. 10) auch dem verwöhnteren Leser +nicht überflüssig erscheinen. + +[Illustration: Abb. 7. =Luppenlandschaft, im jetzigen Zustand gepflegt +und erhalten von der Leipziger Städtischen Forstverwaltung= + +(Forstmeister Zacharias)] + +[Illustration: Abb. 8. =Auenlandschaft bei Horburg=] + +Auch im Muldenlande, südlich von Leipzig, zeigen die restlichen +Baumbestände um Rochlitz noch den Charakter des Auenwaldes, wie er sich +vor Zeiten, anstelle der jetzigen fruchtbaren Auwiesen und Felder, zu +beiden Seiten des Flusses ausgebreitet hat (Abb. 11). + +[Illustration: Abb 9. =Auenwald bei Maslau= (Luppe)] + +[Illustration: Abb. 10. =Auenwald bei Maslau= (Schwimmpflanzendecke)] + +In der norddeutschen Niederung erlangen naturgemäß die periodischen +Überschwemmungsgebiete ihre weiteste Ausdehnung und erzeugen, wie +_Drude_ sagt, scharfe Gegensätze zwischen Heide- und Auenwald. +Hier werden auch die Flußauen, soweit der Eisgang das Aufkommen +von Baumbeständen hindert, von sumpfigen Grasfluren und Grünmooren +begleitet, wie uns die Abbildung 12 eines Flußtales in Posen durch den +reichen Bestand an Wollgras mit seinen weißleuchtenden Fruchtfahnen +dartut. Am Horizont erkennt man den dunkelgrünen Wall des Auenwaldes, +soweit nicht _dauernd_ nasses Gelände einen _Bruchwald_ schafft, einen +Sumpfwald aus Erlen und stattlichen Weiden, durchsetzt mit Birken und +Schwarzpappeln[2]. + +[Illustration: Abb. 11. =Muldenlandschaft bei Lastau= (zwischen +Rochlitz und Colditz)] + +Der _Auenwald_ ist ein _ausgesprochener Laubmengwald_, der Nadelbäume +ursprünglich völlig ausgeschlossen hat; wenn sie heute darin +erscheinen, verdanken sie ihren Ursprung dem Zufall oder künstlicher +Anpflanzung[3]. + +Wie schon früher bemerkt, ist der Auwaldboden größtenteils +zusammengesetzt aus Feinsand und Ton. Solcher Feinboden ist +wenig luftdurchlässig und wird daher nur in geringem Maße das +Sauerstoffbedürfnis tiefgreifender Wurzeln befriedigen können. Es +bleiben daher auf solchem Überschwemmungsboden Bäume mit lufthungrigen +Wurzeln ausgeschaltet: _die sandgewohnte Kiefer, die bergfrohe Tanne +und die sonst anspruchslose Fichte_. Es fehlt daher zumeist auch die +Rotbuche, welche blockreiches Gelände bevorzugt. Wenn die Fichte im +Gebirge trotzdem in versumpften, torfmoosbedeckten Böden auftritt, so +ist sicherlich ihre Wurzel gebettet in Boden von gröberer Struktur, +also »luftumgeben«. Schließlich wird der ~Sphagnum~-Bestand und der von +ihm gebildete Moostorf den Fichtenwald doch ersticken. + +[Illustration: Abb. 12. =Flußtal in Posen=] + +An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf das +_Sauerstoffbedürfnis_ aller lebenden Pflanzenorgane, also auch der +Wurzel, aufmerksam machen. Auch Wurzeln müssen atmen, um sich die zum +Wachstum nötige Betriebswärme zu schaffen. Wie es unter den Bakterien +aërobe, d. h. sauerstoffbedürftige und anaërobe Arten gibt, die mit +geringen Sauerstoffmengen auskommen können, so besteht sicher für +die Wurzeln der verschiedenen Waldbäume ebenfalls ein abgestuftes +Sauerstoffbedürfnis. Dasselbe ist noch wenig studiert, wird aber so +manches Standortsrätsel bei Formationen und Assoziationen der Lösung +entgegenführen. + +Bäume, deren Wurzeln vorübergehenden Sauerstoffmangel vertragen können, +werden auf periodisch überschwemmten Standorten, also Auwaldböden, +gedeihen. Hierzu scheinen graduell geordnet: Eiche, Hainbuche, Ulme und +Esche zu gehören. Andere Bäume müssen dauernd mit der äußerst geringen +Sauerstoffmenge in stagnierenden Gewässern fürlieb nehmen. Dies sind +die Moor und Bruch gewohnten Erlen, Espen, Birken und Weiden. In den +berühmten Sumpfwäldern (~cypress-swamps~) von Florida und Südgeorgien +gedeiht auch eine nadelwerfende Konifere ~Taxodium distichum~, da sie +ihr Luftbedürfnis durch über die Erde ragende Atemwurzeln decken kann. +Natürlich können auch Erle, Espe und Birke im Auenwald eingesprengt +erscheinen, sind aber die Hauptbestandteile der Bruchwälder. + +[Illustration: Abb. 13. =Wurzelknöllchen der Erle= (~Mycorrhiza~)] + +Für die _Rotbuche_ ist zur Besiedelung des Auenwaldes neben dem +ungestillten Sauerstoffbedürfnis wohl auch die Kalkarmut des +ausgelaugten Schwemmlandbodens ein Hindernis. + +[Illustration: + + Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz + +Abb. 14. =In den Donau-Auen bei Melk, Bodenbedeckung durch ~Cardamine +amara~=] + +In der Auenwaldfrage verdient auch eine eigenartige _symbiotische +Erscheinung_ unsere Aufmerksamkeit: Das Zusammenwirtschaften von +Baumwurzeln und Pilzmycel, die _Mycorrhiza_. Noch ist der Nutzen der +Mycorrhiza für den Baum nicht völlig geklärt, doch läßt sich annehmen, +daß diese verpilzte Wurzel eine Nützlichkeitserscheinung darstellt, +die auch in die Frage der Besiedelung von Überschwemmungsböden +hineinspielt. Auch die _pilzdurchsetzten Wurzelknöllchen aller +Erlenarten_ mögen hier Erwähnung finden. Abbildung 13 zeigt uns +solche später verholzende, traubige Wurzelknöllchen, welche bis zur +Größe einer Kinderfaust heranwachsen können. Diese Gebilde werden +hervorgerufen durch in das Wurzelgewebe eindringende Pilzfäden, +welche in bakterienähnliche Kleinstäbchen bzw. kugelige Zellketten +zerfallen. Nach Kulturversuchen von Nobbe und Hiltner, Tharandt, wissen +diese Pilze den freien Stickstoff der Luft zu binden, so daß der von +Stickstoffsalzen ausgelaugte Schwemmland- bzw. Uferboden den Erlen ein +freudiges Gedeihen ermöglicht. + +[Illustration: + + Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz + +Abb. 15. =Wilder Hopfen auf der Pillnitzer Elbinsel=] + +Während bei uns die _Schwarzerle_ sich meist auf Bruchland findet, +spielt in den prächtigen Auenwäldern der Donau (vgl. Schlußverzierung, +aufgenommen von L. Kniese, Pillnitz) die _Weiß-_ oder _Grauerle_ eine +hervorragende Rolle, wie ich auf meinen Wanderungen in der Wachau +beobachten konnte. In den Donauauen Ungarns vergesellschaftet sie sich +mit der südosteuropäischen Schwarzpappel, mit stolzen Baumweiden und +der prächtigen Silberlinde zu Baumbeständen, in welchen als häufige +Liane der Hopfen rankt, Jelängerjelieber die Zweige umspinnt und +die Waldrebe ihre weißen Blütenzweige von Ast zu Ast in reizvollen +Girlanden zieht, während der Boden von üppigem Kräuterwuchs, in +Abbildung 14 von bitterem Schaumkraut, weithin bedeckt ist. Wir +könnten meinen, das Bild eines tropischen Regenwaldes vor uns zu +sehen, wie auch bei diesem hopfendurchrankten Teil der Pillnitzer +Elbinsel (Abb. 15). Auch die Pillnitzer Insel besitzt übrigens noch +schöne Schwarzpappeln, und es ist meines Erachtens eine müßige Frage, +ob dieselben einheimisch sind. Bei Gelegenheit solcher Uferbegleiter +sei noch auf eine spezifische, d. h. artverschiedene Eigenschaft +der Bäume hingewiesen: auf das _leichte oder schwere Vernarben_ +von Wunden. Es sind besonders die Eisschollen, welche beim Eisgang +des Frühjahres die Stämme schürfen und den Bäumen oft häßliche und +gefährliche Rindenwunden schlagen. Manche Baumarten würden dadurch +zu dauernder Kümmerung verurteilt, aber _Weichhölzer, zumal Pappel +und Weide, heilen sich rasch wieder aus_. Auch der _Wurzeltracht_ der +Bäume muß bei der Besiedelungsfrage Aufmerksamkeit geschenkt werden, +gibt es doch _Tief- und Flachwurzler_. Flachwurzelnde Bäume sind +selbstverständlich in dem tiefgründigen Auwaldboden bei dem Flutendrang +jährlicher Überschwemmungen völlig ausgeschlossen. Bei der diesjährigen +anhaltenden Frühsommerüberschwemmung sind auf der Pillnitzer Elbinsel +so manche Baumriesen durch Flutendrang und durch Unterspülung und +Wirbelbildung gefallen (Abb. 16) andere Holzleichen zeigen ein vom +Sturm gewaltsam abgerissenes Wurzelsystem (Abb. 17), so daß geradezu +wertvolle Zerstörungsbilder eines Urwaldes geschaffen sind. + +Nachdem ich die allgemeinen Ursachen der Auwaldbildung und die +natürliche Auswahl der dazu geeigneten Bäume besprochen habe, soll +ein typischer Auenwald eine plastische Schilderung erfahren und dazu +dürften die Auenwälder der Leipziger Umgebung besonders geeignet sein. + +Als Charakterbäume derselben zeigen sich: _Stieleiche_, _Hainbuche_, +_Esche_ und _Ulme_ oder Rüster. Selten finden sich Spitzahorn und +Linde ein. Die machtvollste Erscheinung ist unbestreitbar die Eiche. +Es ist die besondere Art der _Stieleiche_, welche im Auenwald zur +Herrschaft gelangt. In Mitteleuropa besitzen wir zwei, durch allerlei +Übergänge miteinander verbundene Unterarten der Eiche: Die Stieleiche +mit _langgestielten_ Einzelfrüchten und _herzförmigem_ Blattgrund und +die Steineiche mit _kurzstieligen_ Fruchtbüscheln und keilförmigem +Blattgrund. + +[Illustration: Abb. 16. =Durch Hochwasser geworfene Bäume der +Pillnitzer Elbinsel=] + +[Illustration: Abb. 17. =Abgerissene Wurzeln eines durch Sturm und +Hochflut 1926 geworfenen Baumriesen der Pillnitzer Elbinsel=] + +Ich erinnere mich von meiner Studienzeit her noch einer _Rieseneiche_ +im Auenwald bei Leutzsch. Sie sollte ein tausendjähriges Alter haben +und besaß einen Stammdurchmesser von zwei Meter. Auf der Fahrstraße +Leipzig–Leutzsch–Böhlitz–Ehrenberg sehen wir noch jetzt berühmte +Eichenbestände von ähnlichem Ausmaß (Abb. 18), und eine Eiche der +Maslauer Auwaldbestände darf sich in ihrer Wuchskraft und stolzen +Baumschönheit diesen Veteranen getrost zur Seite stellen (Abb. 19). In +Abbildung 20 erblicken wir einen solchen Auwaldriesen im _Rhedenholz +bei Roßwein_ längs der Freiberger Mulde. + +[Illustration: Abb. 18. =Leipzigs berühmte Eichenbestände an der +sogenannten »Weide«=] + +[Illustration: Abb. 19. =Maslauer Eiche=] + +Alte Eichen beanspruchen mit ihren weitausgreifenden Ästen einen +weiten Standraum und gestatten bei der Lockerheit ihrer Krone dem +hereinflutenden Licht einen Durchgang, der dem Auwaldinneren einen +grüngoldenen Schimmer von zauberhaftem Reiz gewährt. Von Ulmenarten +findet sich besonders die Feldulme mit glatter Blattoberseite und +kurzer Blattspitze. Doch kommt auch die rauhblättrige Bergulme im +Überschwemmungsgebiet der Elster und Saale vor. Eine wohltuende +Abwechslung bieten im Auenwald auch _Farbe und Musterung der Stämme_: +Glattrindige, grüngelbe Espen neben weißstämmigen Birken, der dunkle +Borkenstamm der Eiche neben den graugemusterten Säulen der Hainbuche, +die braune Schuppenborke der Feldulme neben dem Silbergrau der Eschen. + +[Illustration: Abb. 20. =Eichenbestand im Rhedenholz bei Roßwein=] + +[Illustration: + + Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz + +Abb. 21. =Bestand von Aronstab= (~Arum maculatum~)] + +Bei der reichen Artenzahl der Waldbäume von verschiedener Wuchskraft +und Wuchshöhe, bei wechselnder Verästelung und vielgestaltigem +Blattbau, ist die einfallende Lichtmenge immerhin groß genug, um auch +einen artenreichen Unterholzbestand aufkommen zu lassen. _Gerade +das Unterholz_, welches eine reiche Vogelwelt beherbergt und dem +lieblichsten Sänger, der Nachtigall, ihre leichtsinnig ausgewählten +niederen Brutplätze bietet, ist ein besonderer Wesenszug des +Leipziger Auenwaldes. Auch hierbei herrscht eine reichhaltige +Mannigfaltigkeit der Arten. Dr. Reiche sagt in einer netten, in +den Dresdner Isis-Berichten 1886 veröffentlichten Skizze, daß das +_Unterholz_ in gleicher Zusammensetzung sich innerhalb Sachsens +nur zweimal, um _Leipzig_ und _Meißen_, entwickelt findet. Es +besteht aus _Ulmen_, _Feldahorn_, _Hasel_, _Weißdorn_, _Faulbaum_, +_Traubenkirsche_, schwarzem Holunder, Pfaffenhütchen und – als +besondere Erscheinungen – aus _Liguster_ und _Hartriegel_. Die +meisten derselben schmücken sich im Spätsommer und Herbst mit +saftig-fleischigen Früchten, die eben der Vogelwelt diese grünen +Laubhallen zum beliebten Aufenthalt machen. Die gefiederte Welt +besorgt gewiß auch die weitere Ansaat dieser Pflanzen, und wir +sollten bei unseren Formationsbetrachtungen dem zoogenen Einfluß weit +mehr Aufmerksamkeit schenken. Wasserläufe, welche als Kanäle oder +Flußverzweigungen den Auenwald reichlich durchziehen, schmücken ihre +Ufer weithin mit Strauchweiden (vgl. Abb. 8). Infolge der späteren +Belaubung von Eiche und Esche wirkt die Frühlingssonne lebenweckend +auf den sonst feuchtkühlen Auwaldboden und zaubert eine Fülle +frühblühender Kräuter hervor, deren meist breite und tiefgrüne Blätter +als erster Lenzesschmuck dem winterfahlen Waldboden entsprießen. +Erst heben sich nach Reiches Schilderung die grünen Spitzen der +Laubblätter des massenhaft vorhandenen _Märzbechers_ empor, ihnen folgt +das kräftige Blattwerk des _Aronstabs_ (Abb. 21) und das zarte Grün +des _Bärenlauches_ (Abb. 22), der alsbald seine weißen Sterndolden +entfaltet, aber leider auch seinen Knoblauchduft, welcher unser +Entzücken über die Waldespracht etwas herabstimmt. Zur Osterzeit läuten +die Großglocken des _Märzbechers_, es leuchten die trübpurpurnen oder +weißen Trauben des _Lerchensporns_, die rotknospigen Blaublüten des +_Lungenkrautes_, die goldgelben Blütenbüschel des _Goldsterns_, die +Blumensonnen der _Feigwurz_. Dazu erfreuen _weiße und gelbe Anemonen_ +und Blütendolden der _Himmelschlüssel_ unser Auge, und ein zarter Duft +wird von dem niedlichen _Moschusblümchen_ in die Lenzluft gehaucht. +In den pflanzenreichen Auwäldern der Eger südlich Theresienstadt +mit ihren Millionen von Märzbechern (Abb. 23) gesellt sich zu den +genannten Pflanzen noch der Blaustern der Scilla und das zarte +_Gedenkemein_ (~Omphalodes~), die beide auch in _Sachsens Elbegebiet_ +als Reste früheren Auwaldes, wenn auch als Seltenheiten, erhalten +geblieben sind (Abb. 24). Eine ähnliche entzückende Auenwaldflora aus +Frühlingsblühern gewebt, schmückt in Sachsen auch den _Jahnalauf bis +Riesa_ und streckenweise auch die _Ufergehölze der Döllnitz_, so daß +wohl als sicher gelten darf, daß auch die jetzigen Wermsdorfer Forsten +früher ein Auenwaldgebiet darstellten, welches sich über Wurzen bis +nach Leipzig hinzog. Auch _an der Röder_ war sicherlich ein Auenwald +entwickelt, und der Schloßgarten zu Wachau bei Radeberg (Abb. 25) +bietet uns noch einen Restbestand. Überhaupt hat sich Auwaldgelände +zu Parkanlagen englischen Stiles besonders geeignet und ist vielfach +entsprechend benutzt worden. + +[Illustration: + + Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz + +Abb. 22. =Bärenlauch= (~Allium ursinum~)] + +[Illustration: Abb. 23. =Märzbecher im Auenwald der Eger bei Budin=] + +[Illustration: + + Aufnahme des Verfassers + +Abb. 24. =Scillabestände in einem Grasgarten an der Elbe= +(Auenwaldrest)] + +[Illustration: Abb. 25. =Schloßpark Wachau bei Radeberg, auf altem +Auwaldgelände=] + +All die vorher genannten Lenzesboten müssen sich beeilen, an die +Sonne zu dringen, ehe der zartgrüne Schleier des Unterholzes sich +dichter webt, und ehe noch das grüne Laubdach in geschlossener Schwere +dem Sonnenlicht den Zugang wehrt. Das doppelte Laubdach von Ober- +und Unterholz hemmt aber nicht bloß das Licht, sondern sättigt auch +die Waldluft reichlich mit Wasserdampf, so daß die _Blätter_ der +bodendeckenden Pflanzen _den Bau von Hygrophyten_ (Feuchtpflanzen) +zeigen: breite und zarte, chlorophyllreiche und daher dunkelgrüne +Blattspreite ohne jede Trockenschutzeinrichtung. Da sind selbst die +Blätter der Waldgräser breit, biegsam, bogenförmig herabgeneigt und +besitzen Spaltöffnungen auf Ober- und Unterseite. Von solchen nenne ich +die _Waldhirse_ mit ihrem schwankenden Gehälm, das _Waldrispengras_ mit +dem oberseits abgespreizten Blatt, den stattlichen _Riesenschwingel_ +und den grünen _Hundsweizen_, vier Gräser, die sich auch im Auwald der +Pillnitzer Elbinsel finden. Im Frühsommer sprießen die _Waldveilchen_ – +im Leipziger Auwald auch das seltene pfirsichblättrige –, _Maiblumen_ +duften und die _Weißwurz_ schüttelt ihre Hängeglöckchen, während die +familienverwandte giftige _Einbeere_ mit der Vierzahl ihrer Blatt- +und Blütenorgane kokettiert. Die meisten Gewächse schließen ihre +Blütezeit im Juni ab, denn alsdann wird für den nötigen Lichtgenuß +das Laubdach zu dicht. Darunter sind viele Allerweltspflanzen wie +_Brennessel_, _Zaungiersch_, _Benediktenkraut_, _Knoblauchshedrich_, +_Gamanderehrenpreis_. An Wasserläufen und Wasserlachen, die der Sonne +Zugang gewähren, so daß das Waldesdunkel zu Halbschatten herabgemindert +ist, entwickeln sich meterhohe Hochstauden, ich nenne davon +_Kerbelrübe_, _Waldklette_, _Engelwurz_ und _Krausdistel_. Eine große +Anzahl der genannten Pflanzen finden sich noch heute _als Begleiter +unserer Zäune und Hecken_, vielfach auch in bäuerlichen Grasgärten. +Es sind eben die _Reste vergangener Auwaldherrlichkeit_, die durch +Rodungen seit vielen Jahrhunderten unwiederbringlich dahin ist. Es ist +sicher, daß in allen Flußniederungen Auenwälder vorherrschten, daß aber +auch jene tiefgründigen Gelände, die durch jährliche, schichtenweise +Bodenanschwemmung sich allmählich _selbst über die Schwemmlandzone +erhöhten_, die auch durch hohe Dämme leicht vorm Hochwasser geschützt +werden konnten, von den Ansiedlern zuerst zu Wohnstätten, zu Wiese und +Weide benutzt wurden. Der stolze Auenwald wurde der Axt überantwortet, +bot er doch zur Zimmerung von Buhnen und Wohnstätten vortreffliches +Material. Die ursprünglichen Wälder der Niederung verschwanden und +an ihrer Stelle wogen segenschwere Getreidefelder oder breitet sich +das grüne Meer der Graswiese. _Wo aber, wie in Leipzigs Umgebung und +auf unserer Pillnitzer Elbinsel, sich jene Naturgebiete von höchster +Eigenart, jene Lebensgemeinschaften von charakteristischer Prägung +noch erhalten haben, sollten sie nach Möglichkeit geschont werden._ So +hat sich auch unser Landesverein dieser schwindenden Ursprünglichkeit +angenommen, und es ist ihm gelungen, durch Mitarbeit und Geneigtheit +von staatlichen und städtischen Behörden die _Elbinsel zu Pillnitz_, +vor allem aber die weit reichere _Auwaldherrlichkeit um Leipzig_ im +Burgauer Forstrevier in ihrer Eigenart als Schutzgebiete erhalten zu +sehen. + +[Illustration] + + +Fußnoten: + + [1] ~Salix Caprea~, ~cinerea~, ~fragilis aurita~ u. Bastarde. + + [2] Spreewald und Oderbruch. + + [3] So dankbar wir dem Finanzministerium für den Schutz der + Pillnitzer Insel sein müssen, so bedauerlich ist es, daß + es noch immer Widerständen nachgibt, welche die störenden + Fremdbilder, vor allen Dingen die undeutschen Robinien (als + Bienenfutter!!) erhalten möchten. + + + + +Leipziger Land + +Von Dr. Dr. _Karl Berger_, Leipzig + +Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz + + +Leipziger Land! Ihm ist dies Heft gewidmet. Vermögen aber nicht erst +recht wenige selbst von den Leipzigern damit eine bestimmte Vorstellung +zu verbinden? Und doch kam das glückliche Wort schon vor dem Krieg auf. +Damals, als – trotz des Offenstehens aller Grenzen – jäh zunehmend die +lastende innere Leere der unaufhaltsam Wälder, Felder und Menschen +fressenden Großstädte gerade die Besten aus Hörsälen und Werkstätten +sehnsüchtig am Wochenende ausziehen lehrte, um Wiesen, Wolken und Wind +wiederzufinden und mit Auge und Lunge ein wenig davon für den Werktag +sich einzufangen. Damals, also zugleich mit dem alten Wandervogel und +mit den Pfadfindern, ward »Leipziger Land« zuerst Heimatfreunden rings +um das Völkerschlachtdenkmal zur Bezeichnung voll leisen Wohllauts und +voll spröder Innigkeit für die Leipziger Landschaft als eigenes und +heimatliches Wandergebiet. + +Das Leipziger Land umfaßt annähernd gerade die Leipziger +Tieflandsbucht. Denn die Auen der Saale und Mulde rahmen es nicht nur +mit breitem silbergrünen Samt im Westen und Osten ein: Sie scheiden +es auch durchaus fühlbar von den Vorbergen Thüringens jenseits +Weißenfels und Roßbach und auch von den sandigen, ins Märkische +hinübergeleitenden Heiden und den fetten Lößlehm-Fruchtebenen, wie +sie wenige Stunden nordöstlich und südöstlich von Wurzen beginnen +und bis Wittenberg und Meißen reichen. Und hebt nicht auch im Norden +der Linie Wettin–Petersberg–Eilenburg die Landschaft der Cöthener +Zuckerrüben-Kultursteppe und des Bitterfelder Braunkohlenreviers sich +ebenso ab wie im Süden, etwa die jenseits von Teuchern–Borna, besonders +seitdem auch sie der Bergbau immer mehr verwandelt? + +Freilich droht auch dem Leipziger Land mannigfache Gefahr, daß durch +fortschreitende Industrialisierung seine Ursprünglichkeit und, was +schlimmer, seine Eigenart, die Weite seiner einsamen Ebenen und die +Unberührtheit seiner Auenlandschaften beeinträchtigt, ja mehr als +vielleicht bei eingehenderer Würdigung ihrer herben und verhaltenen +Schönheit nötig wäre, zerstört wird. Freilich, die Umgebung einer +Großstadt ist nun einmal der Nährboden, aus dem diese ihre beste Kraft +zieht. Und je mehr diese in tausendjährigem Wuchs aufblüht und ihre +Mauerkrone rundet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit daß, von ihr +überschattet, gerade zarteste Gebilde in ihrem Umkreis verkümmern. Dazu +tritt die zunehmende Dezentralisation der Industrie und das gleichfalls +an sich aus ethischen wie gesundheitlichen Gründen begrüßenswerte +Trabantensystem der modernen Großstadterweiterung, d. h. die bewußte +Anlegung von größeren, die Hauptstadt entlastenden Verkehrs- und +Siedlungsmittelpunkten in deren weiterem Umkreise, also im Gegensatze +zur bisherigen mechanischen Vorstadtbildung. Für das Leipziger Land +kommt noch in Sonderheit der, zumal im Süden um Borna und Böhlen, seit +dem Kriege unaufhaltsam zunehmende Braunkohlentagebau hinzu, der der +Landschaft so ganz besonders tiefe Wunden schlägt. + +[Illustration: Abb. 1. =Theklakirche=] + +Das alles erfüllt die Leipziger Heimatfreunde mit schwerer, ja mit +immer mehr zunehmender Sorge um die Zukunft der gewiß oft bescheidenen +und vielfach recht spröden Reize der Leipziger Umgegend. Dem +Fremden aus reicheren Landstrichen mögen sie simpel und jene Sorgen +unverständlich erscheinen. Aber auch karge Erde ist als Muttererde +heilig. Und es sind vielleicht nicht immer die Klügsten, aber oft +die Weisesten und Besten, denen sie es am meisten ist. Es handelt +sich hier auch nicht um die Sorgen einiger Dutzend oder etlicher +Hundert Ästheten oder Altertümler. Was bedeutet denn das wachsende +Drängen der vielen Ruder- und Schwimmvereine, Baugenossenschaften und +einzelnen Siedler nach Naturnähe, nach Ruhe und Fernblick, oft trotz +vieler Unbequemlichkeiten und Kosten? Was vor allem die große Zunahme +der »Schrebergärten«, – jener für die anderen deutschen Großstädte +vorbildlich gewordenen Schöpfung des verdienten Leipziger Arztes +Dr. Schreber vor zwei Menschenaltern, – auch nach Beendigung der +Lebensmittelblockade? All das beweist doch schlagend, wie jede neue +Generation unseres mechanisierten Maschinenzeitalters unbewußt oder +bewußt, still oder leidenschaftlich, zunehmende Sehnsucht nach der +Verbindung mit der Allmutter Natur empfindet, ja empfinden muß. Und +der wäre kein Staatsmann und kein Volkswirt, der den rechnungsmäßigen +Hektarertrag für Kleingartenland um den Goldwert all der unzähligen +Sonnenstunden aufzuwerten unterließe, die der Garten vor der Stadt – +ebenso wie rechtes, echtes Wandern über Land – gerade dem Bewohner +einer so dichtgebauten Stadt wie Leipzig bedeutet, die keine lachenden +Uferhöhen oder lockenden Bergwälder hier und da als Straßenabschluß +oder als Platzkulisse, so wie etwa Dresden oder Plauen, besitzt. + + * * * * * + +[Illustration: Abb. 2. =Theklakirche=] + +Innerhalb des Leipziger Landes fehlt es fast völlig an umfänglichen +Ortschaften, wie sie das Erzgebirge oder die südöstliche Lausitz so +zahlreich aufweist, wenn man absieht von den mit Leipzig verwachsenen +Industrie- und Arbeiterwohnsitzgemeinden, die indes zum größten Teil +in den letzten fünfzehn Jahren und schon vorher um 1890 einverleibt +worden sind. So liegt keine Gemeinde von mehr als 10000 Einwohnern im +eigentlichen Leipziger Lande. Merseburg, Eilenburg, Wurzen, auch Borna +liegen schon an seinen Grenzen. Städte wie Naunhof, Zwenkau, Delitzsch, +denen größtenteils die Industrie ihr Gepräge als Landstadt noch nicht +oder nur teilweise genommen hat, und Bauerndörfer überwiegen noch +immer, im ganzen betrachtet, die Industrie- und räumlich und ihrer Zahl +nach fast auch die Arbeiterwohnsitzgemeinden. Auch Einzelsiedlungen, so +häufig im Dresdner Lande und um Hamburg oder Berlin, sind jenseits des +Leipziger Stadtgebietes, etwa von der Pleißenaue abgesehen, noch recht +selten, z. T. auch wohl infolge der nahen Landesgrenze, die die Stadt +im Halbkreis umzieht und manche Verkehrserschwerungen nach wie vor im +Gefolge hat, die ungerechtfertigtsten, und in der großen Handelsstadt +besonders schmerzlich empfundenen, bekanntlich im Eisenbahnverkehr. + +[Illustration: Abb. 3. =Theklakirche: Neuer Eingang=] + +Aber der Wandersmann braucht darum freilich sich nicht zu grämen. +Und so besteigt er denn auch großmütig den preußischen Zug, um zwei +Stationen weit nordwärts nach Rackwitz zu fahren. Hei, wie jagt schon +beim Verlassen des Wagens der West ganz anders schneidig vom fernen +Landsberger Kapellenberge mit der kunstreichen Doppelkapelle aus +Barbarossas Zeiten herüber, als eben noch im gemütlichen Sachsen. +Rein ländliche Gefährte und Gefährten am kleinen Bahnhof, der auch in +seinem Ziegelrohbau und mit der Birkenallee als Zufahrt uns leise schon +die Überschreitung der Grenze veranschaulicht. Bald verläuft sich der +kleine Schwarm. Die unwahrscheinliche Stille und Weite der großlinigen +Ebene schluckte sie unversehens auf. + +[Illustration: Abb. 4. =Theklakirche: Friedhof=] + +[Illustration: Abb. 5. =Buschnaukirche=] + +Denn meilenweite Felder umfrieden wie im Westen um Lützen, Großgörschen +und Kitzen, und im Südosten um Wachau und Liebertwolkwitz, so besonders +hier im Norden, fast unmittelbar jenseits des Weichbildes die Stadt. +Schon Breitenfeld, einst gleichfalls blutige Walstatt, drüben wenig +Kilometer von der Stadtgrenze, könnte ebensowohl ein Gutsbezirk in +Pommern sein mit seinen weiten, ausnahmslos dem Rittergut gehörenden +Flächen, der Brennerei und den Landarbeiterkasernen und mit dem dunklen +Forst, der auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch so manche +blutigen Kämpfe zwischen Wilderern und Förstern erlebte. + +[Illustration: Abb. 6. =Landschaft bei Hayna=] + +[Illustration: Abb. 7. =Blick von Hayna nach Radefeld=] + +[Illustration: Abb. 8. =Bei Gumlitz=] + +Wundersam wandernde und wechselnde Wolkengebirge treiben uns entgegen. +Oh, ja, auch der Wanderer im Leipziger Lande kann es verstehen lernen, +hat er nur Sinn und Andacht dafür, was der Wilde Jäger unseren +Urvätern, was die Windsbraut den Romantikern mit ihrem Fernweh +bedeutete, und was auch uns neunmal Weisen und Geschäftstüchtigen +ein Luftschloß für ein narrendes und doch beglückendes Ding sein +kann. Stieg da nicht eben eines blau auf, dort links hinter +dem Kapellenberge? Ja, nein, doch ja. Und es ist diesmal wahrlich +kein Luftschloß nur: Der Petersberg ist es mit Kirche und Ruine des +Klosters, das vor achthundert Jahren sich Otto der Reiche, derselbe, +der 1160 Leipzig mit Stadtrecht begabte, als Alterssitz erkor, um hier +auf dem ~mons serenus~, dem Lauterberge des Mittelalters, der Wiege +seines Geschlechts und dem Himmel zugleich näher zu sein. + +[Illustration: Abb. 9. =Hayna=] + +[Illustration: Abb. 10. =Alt-Schkeuditz=] + +[Illustration: Abb. 11. =Kirche zu Horburg=] + +[Illustration: Abb. 12. =Kirchenportal Hayna=] + +Unterdessen haben wir ein paar hundert Meter jenseits der Delitzscher +Staatsstraße ein anderes und kaum jüngeres, ganz einsam in den Feldern +wachendes Gotteshaus erreicht. Eine Fichtenhecke säumt es und hegt den +verwunschenen »Gottesacker«, darauf nur noch wenig Dutzend Gräber eines +abgelegenen Dörfchens, überdacht von hohen Lebensbäumen, träumen. +Der Rest der Kirchfahrt ward, spätestens im Dreißigjährigen Kriege, +Wüstung, wie so viele Orte des schlachtenreichen Leipziger Blachfeldes. +Aber wenn die Nebel aus den Erlen des nahen Löberbachs aufsteigen, dann +steigen auch die Tillyschen Reiter und die schwedischen Musketiere aus +ihren eingesunkenen Gräbern. Dann geht es hoch her: Der Würfelbecher +kreist, und die Knöchel klappern so laut auf das Kalbfell, daß der +abendliche Wanderer drüben nicht daran denkt, daß es vielleicht nur +das Rütteln des morschen Fensterladens der Glockenstube war, was ihn +schreckte, der Glockenstube des alten, einsamen Gotteshauses mit dem +Märchennamen Buschnaukirche. + +[Illustration: Abb. 13. =Freiroda=] + +[Illustration: Abb. 14. =Sonnenaufgang im Leipziger Tiefland= +(Freiroda)] + +[Illustration: Abb. 15. =Blick über Röglitz in die Aue=] + +Doch wir steuern im flutenden Lichte der gütigen Nachmittagssonne +unbeirrt weiter westwärts. Ja, bei windigem Wetter, – und der +Wind ist häufig längs der Nordgrenzen Sachsens, – bei Föhn- und +Äquinoktialstürmen zumal ist Wandern durch, nein Wandern über das +Leipziger Land, außerhalb der Auen, oft wie eine Seefahrt. Ungehemmt +brausen die Stürme hier dahin, jagen und hetzen hundertfältige +Wolkengebilde, Schleiern, Rauchfahnen, Reitern gleich, von der Saale +zur Mulde. Schneestürme, Wolkenschatten, Sonnengarben wandern auf +Sturmesflügeln märchenschnell und märchensam, stundenweit auf der +endlosen Ebene verfolgbar, über die meilenweite Fläche in einem jäh +wechselnden Reichtum der Farben, der an Hochgebirge und wiederum an +Meereslandschaften erinnert. Kein Hindernis hemmt Fuß oder +Auge: Nur ab und zu schüttere Pappel- und Pflaumenalleen, aussterbende +sperrige Windmühlen und ab und zu ein einsamer Baumriese, ein +vergessener Moränenhügel und bei klarem Wetter immer wieder einmal eine +verblauende Wald- oder eine leise, ferne Hügellinie. Von Menschenwerk +sind da und dort eine romanische Wehrkirche, ein hochgiebeliges +Herrenhaus aus der Reformations- oder aus der Barockzeit und neuerdings +einzelne Wassertürme und das großmaschige, zu mancher Stunde seidig +knisternde Netz der elektrischen Überlandleitungen noch immer dem +Wanderer im Leipziger Land vielfach bald nach dem Überschreiten der +Stadtgrenze die einzigen Landmarken. Und sie sind zugleich Symbole +der Herren des Landes im Mittelalter, in der neueren Zeit und in +der Gegenwart, der Kirche also, dann des Feudalherrn und nun der +Volksgemeinschaft. + +[Illustration: Abb. 16. =Auwald bei Schkeuditz=] + +[Illustration: Abb. 17. =Auenlandschaft zwischen Elster und Luppe bei +Schkeuditz=] + +[Illustration: Abb. 18. =Elsteraue bei Quasnitz=] + +[Illustration: Abb. 19. =Auwald= (Maslau)] + +[Illustration: Abb. 20. =An der Luppe bei Quasnitz=] + +[Illustration: Abb. 21. =Auwald= (Maslau)] + +[Illustration: Abb. 22. =Parthenaue=] + +Die seltenen Dörfer Hayna, Radefeld, Freiroda sind zeitlos und +typisch: Lehmmauern und vielfach schon norddeutsche Ziegelbauweise +längs der Dorfstraße, rührende ernste Gotteshäuser aus +Findlingsblöcken, noch nicht wie in den Städten überschattet von den +Menschenmassenbehausungen, sowie diese hier noch nicht überwuchert +werden von den Werkstätten. Und doch waren diese verwitterten +Kirchen leicht längere Jahrhunderte schon katholisch, als sie nun +protestantisch sind. In Hayna fesselt ein unverhofftes kunstvolles +Portal mit romanischem Tympanon aus der Kreuzzugszeit und davor +ein Gedächtnismal für die Helden des Weltkriegs in so einfachen edlen +Formen, wie einst die alten Mäler aus den Jahrzehnten nach 1813 rings +im Leipziger Lande. + +[Illustration: Abb. 23. =An der Luppe bei Wehlitz= (Schkeuditz)] + +[Illustration: Abb. 24. =Elsterlandschaft mit Anlandungen=] + +[Illustration: Abb. 25. =Auenlandschaft bei Schkeuditz= (Auenrand)] + +[Illustration: Abb. 26. =Auen(Luppen)landschaft bei Maslau=] + +Und immer wieder weite leise Wellen blauenden Landes. Die Elsteraue +taucht auf. Schkeuditz lugt über ihren steilen Nordhang. Großdölzig, +Bienitz und Wachberg und wieder weites Leipziger Land dahinter, winkt +von Süden westwärts Röglitz, die Sommerresidenz des Merseburger +Geigenherzogs und seines Hofes, und Gröbers, Vorposten des Hallischen +Kohlenreviers, wo in den Tagen des unseligen Kapputsches so viele +Tapfere ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelten. Den Horizont +aber begrenzen vor den hauchzarten Linien der ersten Thüringer Berge +längs der Saale das vieltürmige Merseburg, das architektonische Kleinod +des Leipziger Landes, Dürrenberg, die jahrtausende alte Salzstätte +und eine preußisch tadellos ausgerichtete kilometerlange Linie von +dreizehn, weit über hundert Meter hohen Schornsteinen – gottlob vier, +fünf Stunden von uns entfernt: Das Leunawerk, das neueste große Denkmal +deutscher Hand- und Geistesarbeit und das neue westliche Grenzmal des +weiten, einsamen, unbekannten Leipziger Flachlandes. + +[Illustration: Abb. 27. =Lehmiges Hochufer der Elster=] + +[Illustration: Abb. 28. =Teich bei Wehlitz=] + +[Illustration: Abb. 29. =Trockenrisse bei Hartmannsdorf= (Elsteraue) + +(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)] + + * * * * * + +Über die verraste mittelalterliche Salzstraße von Halle nach Schlesien +und über die Eisenbahn von Leipzig nach Halle steigen wir durch +Hänichen oder Schkeuditz nun bald den Hang der Elster- und Luppenaue +hinab, die sich vier Kilometer breit als Elsteraue von Pegau–Groitzsch +nach Leipzig und von Leipzig bis zur Saale zieht. Erst nach der letzten +der – nach Jeckels neuesten Forschungen – wohl vier Eiszeiten, ist +die Elsteraue in geologisch sehr junger, schätzungsweise hundert bis +hundertundfünfzigtausend Jahre zurückliegender Zeit durch Erosion +des nach dem Schmelzen des Inlandeises viel wasserreicheren Flusses +entstanden. Andere, ähnliche Auen des Leipziger Landes, sind vor +allem die der Pleiße und der Parthe, dann die der Saale und Mulde +zwischen Weißenfels und Halle und zwischen Grimma, mehr noch zwischen +Wurzen und Eilenburg. Diese für das Leipziger Land ganz besonders +kennzeichnenden Flußauen sind bald urwald- und sumpfartig. Bald aber +sind sie, wie besonders an der Mulde, insbesondere bei Nischwitz, +Püchau und Thalheim, aber auch an der Pleiße und an der Parthe, +mehr wald-, park- oder wiesenartig. So sind auch zahlreiche große +Parks in den Auen angelegt worden; von den öffentlich zugänglichen +sind wohl die schönsten die der Schlösser Knauthain, Machern, +Lützschena und Dölkau. Zu jeder Jahreszeit aber bescheren die Auen die +sinnfälligsten und mannigfachsten Natureindrücke im Leipziger Land. +Häufige Überschwemmungen verändern auch heute noch, oft binnen weniger +reißender Stunden, durch Dammbrüche auf weite Strecken, zumal an der +Elster bei Bösdorf und Eythra und bei Gundorf, das Land und machen +mühsam angelandeten Wiesen- oder gar Haferboden für lange Jahre wieder +zu Schilfland, wenn nicht gar zu Lehmlachen. Dem Naturfreunde freilich +gewähren sie, und zwar schon vielfach innerhalb des Gebiets seiner +Seestadt Leipzig, unerwartet eindrucksvolle und mannigfache Bilder. + +[Illustration: Abb. 30. =Löwenzahn bei Abtnaundorf= + +(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)] + +Und die Rückstände dieser Überschwemmungen, feine Ton- und +Sandteilchen, oft durch Trockenrisse weithin netzartig geädert wie +manche Porzellane, bringen eine in Sachsen unübertroffen üppige Wald-, +Sumpf- und Wiesenvegetation hervor. + +[Illustration: Abb. 31. =Fahrende Siebmacher unter der Linde bei +Wehlitz=] + +Freilich bis zur Kaisereiche bei Maslau, wohl dem größten Baume +Sachsens und seiner Grenzgebiete mit weit über acht Meter Umfang etwa +einen Meter über dem Boden, mit achtunddreißig Meter Höhe und hundert +Festmetern Kubikinhalt, ist der Weg zu weit und verschlungen, nun +langsam der Abend niedersinkt. Fast ein wenig unheimlich wird es im +weiten Röhricht und unter den Espen und Erlen, die im aufkommenden +Abendwinde gespenstisch schauern. Weben und werben dort auf den Wiesen +gen Papitz nicht Erlkönigs Töchter in den Weiden über den Wassern? +Locken nicht Irrlichter ganz nahe vom schmalen abschüssigen Damm in ihr +feuchtes Reich? Und jetzt hebt auch ein Käuzchen hier an zu klagen und +ein zweites antwortet drüben über der Luppe her als Stimme und Symbol +der fast plötzlich verwandelten dunkelblauschwarzen Einsamkeit. Und als +wir nun auf oft verwachsenem Jägerpfad nach der Gundorfer Ziegelei zur +Straßenbahn hinüberschreiten, denken wir an manche Mär, die auch unsere +Aue, so wie den längst viel nüchterner gewordenen alten Sumpfwald der +Schratte, den Schraden bei Ortrand, mit Gestalten der Sage beleben, an +den Schatz im Attnitzberge bei Oberthau und an den Mann ohne Kopf an +der Kahlen Hufe bei Kleinliebenau, an den Drachen zu Zschöcherchen und +an den Köckeritz bei Möritzsch mit seinen mancherlei altgermanischen +Funden und mit seinen Sagen vom Wilden Jäger. Vielleicht ist es nicht +restlos Zufall, daß gerade am Rande der Aue die althochdeutschen +Zaubersprüche zur Bannung böser Geister noch in der Zeit lebendig +waren, aus der auch unserem Leipziger Lande in den Merseburger +Chroniken und Zaubersprüchen erste literarische Urkunden überliefert +sind. + +[Illustration: Abb. 32. =Sumpfdotterblume, Püchau bei Wurzen= + +(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)] + +[Illustration: Abb. 33. =Gasthaus zur grünen Eiche in Eythra=] + +[Illustration: Abb. 34. =Eiche bei Oberthau=] + +[Illustration: Abb. 35. =An der Luppe bei Schkeuditz, unweit Gaststätte +»Waldkater«=] + + +=Literaturhinweise= (nur eine kleine Auswahl guter Werke). + + 1. Leipziger Land, herausgegeben vom Leipziger Dürerbund und + Wandervogel. 2. Auflage. 1912. Fritz Eckardts Verlag. 132 + Seiten. Ein noch jetzt brauchbarer Führer unter Betonung des + Landschaftlichen und Geschichtlichen. + + 2. Leipziger Lehrausflüge. Herausgegeben von Kurt Krause. 1920. + Ferdinand Hirt und Sohn in Leipzig. 164 Seiten. Überwiegend + erdkundlich-geologisch. Auch für Anspruchsvollere. + + 3. Sächsische Wanderbücher, Rund um Leipzig. Herausgegeben von + Dr. Kurt Krause. 1924. Verlag von Kommerstädt und Schobloch, + Dresden-Wachwitz. 330 Seiten. Sehr inhaltsreich und gründlich; + hauptsächlich geologisch und siedelungsgeschichtlich. Bis Gera + und zur Dübener Heide reichend. + + 4. Leipziger Land im Bild, Heft 1. Herausgegeben von der + Sektion Jung-Leipzig des Deutschen und Österreichischen + Alpenverein 1912. Fritz Eckardts Verlag. Die leider + nicht fortgesetzte Veröffentlichung von neunundsiebzig + ausgezeichneten kennzeichnenden Landschaftsaufnahmen aus dem + Leipziger Land. + +[Illustration: Abb. 36. =Alt-Schkeuditz=] + + + + +Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern + +Von _Rudolf Moschkau_, Leipzig + +Mit sieben Zeichnungen vom Verfasser + + +Zu den unscheinbarsten Blüten alter heimatlicher Volkskunst gehört eine +Gruppe von Hausornamenten, die mir an Sachsens Landesgrenze bei Leipzig +häufiger vorzukommen scheinen, als sonst in Leipzigs näherer Umgebung. +Daß hierbei die erst hundertjährige politische Grenze keinerlei Rolle +als Kulturscheide spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Tatsächlich finden +sich die in Rede stehenden Verzierungsmuster an bäuerlichen Lehmhäusern +hüben wie drüben. Die reizvolleren Beispiele freilich traf ich jenseits +der grün-weißen Grenzpfähle auf provinzialsächsischem Boden an. In +unmittelbarer Umgebung der Großstadt dagegen hat großstädtische +Bauweise mit den alten Lehmhäusern auch die alte Verzierungsweise +verschwinden lassen. Ob heute die Technik der Lehmwandmusterung in +dem unberührteren landwirtschaftlichen Nachbargebiete, in dem sie +besser erhalten blieb, auch noch ausgeübt wird, entzieht sich meiner +sicheren Kenntnis. Ich bezweifle es; auf jeden Fall könnte es sich nur +um ein örtlich begrenztes, letztes Aufflackern einer verlöschenden +Gepflogenheit handeln. + +Die Hausornamente bestehen aus geometrischen Furchen- und Stichmustern, +die in den noch bildsamen feuchten Lehm der eben fertiggestellten +Hauswände eingetieft wurden. Das drei- bis sechszinkige Gerät, +dessen sich der bäuerliche Handwerker hierzu bediente, ist kammartig +zu denken. Zu Gesicht ist mir ein solches Instrument bisher nicht +gekommen. Vielleicht genügte für einfache Muster das fünfzinkige Urbild +aller Kämme, die menschliche Hand. Wo die gemusterte Lehmwand vor +Schlagregen geschützt blieb, erhielten sich Furchen und Einstiche sehr +wohl. + +So kann man noch ganze Außenwände, mit unbegrenzten Mustern +gefüllt, antreffen. Für Innenwände schuf man sich auf gleiche Art +einen billigen Tapetenersatz. Als Beispiel mag ein Bauernhaus +des siebzehnten Jahrhunderts aus Leipzig-Wahren dienen, das von +seinem Besitzer pietätvoll geschont ward. (Abb. 1.) Ohne Kalk- oder +Farbtünche geben seine Zimmerwände ein Bild armseliger und doch nicht +schmuckloser Einfachheit: Der Balkenrichtung angepaßt, verlaufen +vierfurchige Wellenbänder in Begleitung von Stichgruppen ziemlich +sorglos zwischen senkrechten Furchenbändern oder folgen schrägen +Streben des Balkenwerkes. An anderen Stellen tritt durch regelmäßige +Kreuzung geradliniger Bänder ein strengeres Rautenmuster mit gewellten +kurzen Mittelstrichen auf. Der Bauer hat die letztgenannte Art, eine +Wandfläche im Ganzen aufzuteilen, entschieden vor anderen Möglichkeiten +bevorzugt, so daß sie über weite Landstriche Sachsens und der +Nachbarländer Verbreitung gefunden hat. + +Durch besseren Wetterschutz vor der Wandfläche begünstigt, zeigt das +Dachgesims die empfindlichen Kammuster in besserer Erhaltung. Die +ausgewählten Beispiele sprechen für sich selbst. Was die Konstruktion +des Simses angeht, so war ich um Ansichten in Übereckstellung bemüht. +An den Ecken liegen die wunden Stellen des Lehmhauses, die nicht selten +erkennen lassen, wie der Sims gebaut und mit Lehm verkleidet worden +ist. Die Muster selbst werden an dem überschatteten Sims von ungeübten +Augen leicht übersehen. Nur bei guter Erhaltung und Seitenbeleuchtung +sind sie so deutlich wie auf unseren Zeichnungen sichtbar. (Abb. 2–7.) + +Was an der Bemusterung der Simse sogleich auffällt, ist der größere +Reichtum an Formen. Zickzack- oder Wellenbänder mit Überschneidungen +folgen der Hauptrichtung des Simses und werden meist begleitet von +Stichgruppen, die sinngemäß die freien Mittelfelder und Zwickel füllen. +Aus der Zahl der Furchen, die ein Band bilden, oder der Punktzahl +einzelner Stichgruppen ist die Zinkenzahl des verwendeten Kammes ohne +weiteres erkennbar. Eine Reihung einzelner Elemente wie in Abbildung +5 mag durch die Reihe der vorstehenden Dachbalkenköpfe eingegeben +worden sein. Diese Balkenköpfe werden gern durch Lehmauftrag verdeckt, +um eine glatte Durchführung des Musters über den ganzen Sims hin zu +ermöglichen. Da aber der dünnere Lehmauftrag an dem Balkenende weniger +fest haftet, treten sie meist wieder zutage, wie in Abbildung 4. Hier +hält überdies ein kahler, späterer Mörtelputz das freundliche alte +Girlandenmuster bis auf eine Bruchstelle verdeckt. + +In geschmacklicher Hinsicht verdient dieser bescheidene Hausschmuck +fast ausnahmslos ein Lob. Es scheint, als ob die Hersteller Kenntnis +gehabt hätten von den Ornamentgesetzen der Reihung. Nicht nur, daß die +rhythmisch geordneten Zierteile und die rhythmisch bewegten Linien +Gefallen erregen – selbst der Rhythmus des unbegrenzten, denkbar +bescheidenen Musters in Abbildung 7 hat noch seinen Reiz – nein, +auch die Logik dieses Schmuckes ist zwingend: Der Schmuck ist werk- +und materialgerecht; denn der Kamm, der nur stechen und ritzen kann, +wird allein in diesem Sinne verwendet, und zwar an einem Material, +das eben diese Tätigkeiten mühelos erlaubt. Es sind nichts weiter als +Werkzeugspuren in gefälliger Anordnung, die so entstehen, keine andere +Herstellungsweise, kein fremder Werkstoff wird vorgetäuscht. Und auch +die Stelle, wo der Schmuck sitzt, ist sinnvoll gewählt. Es ist der +obere Wandabschluß des Hauses, wo das Muster wirkt wie der säumende, +abschließende Besatz eines Kleides. + +[Illustration: _Bäuerliche Ritzkamm-Muster an der Innenseite der +Lehmfachwände des Hauses No. in Wahren bei Leipzig. 17. Jahrhundert._ + +Abb. 1] + +[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in +Döllnitz westl. Schkeuditz_ + +Abb. 2] + +[Illustration: _Bäuerliches Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer +Lehmscheune in Raßnitz westl. Schkeuditz._ + +Abb. 3] + +Man sehe noch einmal ein Beispiel wie Abbildung 3 an, und man wird +gestehen, daß der so erzielte Eindruck von Harmonie zwischen baulichen +und schmückenden Gliedern ungetrübt ist. Ein ehrlicher, derber +Menschenschlag mit Sinn für Zweckmäßigkeit und Freude an bescheidener +Schmückung steht hinter solchem Werk. Aber noch ein anderer Eindruck +drängt sich uns auf: Der Eindruck, daß es »so lange her« sei, daß +hier eine uraltertümliche Kunstübung vorliegen müsse; und dem ist +auch so. Wer in Europas vorgeschichtlicher Kunst Bescheid weiß, der +kennt bereits diese Kreuzchen und Stichgruppen, Zickzack- und +Wellenmuster. Sie sind zu allen Zeiten in mehr oder weniger primitiven +Kulturen in Gebrauch gewesen. Vom Volk erfunden und angewandt, stellen +sie im eigentlichen Sinne primitives Gemeinschaftsgut dar. + +[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit altem Ritzkamm-Muster +unter jüngerem schmucklosem Mörtelputz. Klein-Kugel, östlich Halle, +Kreis Halle._ + +Abb. 4] + +[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in +Wöllmen südw. Eilenburg._ + +Abb. 5] + +[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit Ritzkamm-Muster, +Kl.-Kugel, östl. Halle, Kr. Halle._ + +Abb. 6] + +[Illustration: _Groß-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle, Scheunengesims +mit Ritzkamm-Muster._ + +Abb. 7] + +Schon die eiszeitlichen Fundstellen der Aurignackultur liefern auf +Knochengeräten schön entwickelte Beispiele. Auf nacheiszeitlichen +Rentierstäben der Yoldiaperiode tauchen sie wieder auf. Die reichste +Entwicklung aber findet das primitive, geometrische Ritzornament +in der Keramik der jüngeren Steinzeit Deutschlands. Hier läßt es +sich auch zum erstenmal an Häusern – Grabhäusern freilich, wie das +berühmte Merseburger Steinkistengrab, sowie an tönernen Hausmodellen +aus Mähren – neben bildhaft symbolischen Zeichen beobachten. Für die +viel spätere Zeit der Römerherrschaft bekundet Tacitus, Germania XVI, +in einer vielgenannten Stelle, daß die Germanen manche Teile des +Hauses mit feiner glänzender Lehmmasse überzögen, wodurch Malerei und +Zeichnung gleichsam vertreten würden. Die merkwürdigste technische +Übereinstimmung mit unseren Lehmwandmustern liefert jedoch der +slawische Kulturabschnitt unserer Heimatgeschichte. Die slawischen +Gefäße vom Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends kennen als +ausschließliche Verzierung nur die Ritzkammusterung. Sehen wir von +der viel kleineren Ausführung derselben ab, so ist die Ähnlichkeit +dieser tausendjährigen Gefäßmuster mit unserem Lehmhausschmuck +verblüffend. Davon kann sich jeder Besucher einer heimatlichen +Vorgeschichtssammlung, die slawische Scherben enthält, überzeugen. +Wenn heute noch in slawischen Ortschaften an der March[4], wie auch +anderwärts in slawischem Siedlungsgebiet, Lehmwände in gleicher Weise +mit Kammustern geschmückt werden, so darf auch eine ununterbrochene +Tradition wenigstens für slawische Stämme vermutet werden. Ebenso wird +für unsere Heimat eine Fortdauer vor- und frühgeschichtlicher Tradition +bis zur Gegenwart nicht zu bestreiten sein. + +Außer der primitiven Technik unseres Lehmhausornamentes weist aber +noch ein zweiter Umstand in die graue Vorzeit als den Nährboden +solcher Kunstübung, ein Umstand, der uns die Muster nicht mehr allein +aus reiner, primitiver Schmuckfreude herleiten läßt. Das ist das +Auftreten symbolartiger Bildzeichen. So erscheint, von mir freilich +nur erst einmal in Leipzigs Umgebung beobachtet (Wölpern, südöstlich +Eilenburg), in Verbindung mit Zickzackmusterung ein Bäumchen auf +gestellartigem Untersatz, beides in Stichmanier ausgeführt. Ganz +gleiche primitive Bäumchen mit aufwärtsweisenden Zweigen, wiederum +verbunden mit Dreieckzacken und Punktmusterung sind im Hannöverschen +als gelegentliche Malerei an Hausbalken bekannt. Auf Befragen eines +volkskundlich eingestellten Forschers gaben Einheimische eine bildliche +Ausdeutung der abstrakten Muster bis auf die Punktdreiecke, deren +Erklärung mit einem »zweideutigen Schmunzeln« abgelehnt wurde[5]. Sie +dürften wohl geschlechtliche Beziehung haben. Und da solche Zeichnungen +einer Braut im Hause gelten, so ist die Beziehung auf künftige +eheliche Fruchtbarkeit offensichtlich. Was hier im symbolischen Sinne +geschieht, ist in alten Zeiten als zeichnerischer Fruchtbarkeits- +und Abwehrzauber geübt worden. Darauf weist auch das Auftreten der +Symbolzeichen in jenen steinernen Grabkammern des Neolithikums hin, in +denen gerade das primitive Bäumchen, mit einem Sonnenrad beziehungsvoll +verbunden, wiederholt beobachtet worden ist. + +So kann vergleichende Volkskunde und Vorgeschichte die bescheidensten +Zeugnisse heimatlicher Volkskunst in ein neues Licht rücken. Mochten +die heutigen Lehmwandmuster auch von ihren Herstellern nur als Schmuck +angebracht und empfunden worden sein, so gehen sie doch letzten +Endes auf alte Vorbilder zurück, in denen sich Schmuckwirkung mit +zauberischer Absicht verband. An anderem Bauzierat des Hauses läßt sich +diese Verwurzelung in primitiver magischer Denkweise vorgeschichtlicher +Kulturen deutlicher erkennen. Doch liegt hier durch die Sammlung +von Wetterfahnen, Giebelzeichen, Dachluken, Hausinschriften usw. +ein ungleich reicheres Material vor. Möchten sich auch für unsere +aussterbenden Lehmwandmuster einige Heimatforscher finden, die durch +zeichnerische Sammelarbeit das Material vermehren helfen, das auf +diesen Seiten nur erst teilweise veröffentlicht worden ist, und das +zusammenzutragen mir manche Freude bereitet hat. + + +Fußnoten: + + [4] Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien. Bd. + VII, S. 318, mit Abbildung. + + [5] Zeitschrift für Ethnologie. Verhandlungen 1896, S. 589, mit + Abbildung. + + + + +Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig + +Von Dr. _Gustav Schulze_, Leipzig + + +Es ist jetzt vielfach die Rede von großzügigen Bebauungs- +und Wirtschaftsplänen, durch die nicht nur die eigentlichen +Siedlungsflächen, Bau- und Industrieland, sondern auch die Adern des +Personen- und Güterverkehrs zu Wasser und Lande, Eisenbahnlinien, +Autostraßen, vor allen Dingen aber die Grünflächen, die Lungen der +Großstadt, weitblickend festgelegt werden sollen. + +[Illustration: Abb. 1] + +Künstlich angelegte Grünflächen, Promenaden, Volksparks werden immer +etwas Gewolltes, Unnatürliches an sich haben, die wahre Erholungsstätte +für alt und jung bleibt doch der Wald. Nur schade, daß er sich in +seiner natürlichen Unberührtheit, sei es auch nur Kulturwald, nur +selten noch nahe dem Weichbild einer Großstadt finden wird. Bei +Leipzig, dessen Lage ja, mit Unrecht allerdings! für besonders reizlos +gilt, wird man das am wenigsten vermuten und doch ist es der Fall. Zehn +Kilometer Luftlinie vom Marktplatz, vier Kilometer von der Stadtgrenze +entfernt, befindet sich ein echter Nadelwald von acht Quadratkilometern +Fläche, das Staatsforstrevier Harth. Der Name bedeutet soviel wie +Weidewald. + +[Illustration: Abb. 2. =Aus der Harth=] + +Die Harth, Leipzigs Stolz und meistgewähltes Ausflugsziel – jede +Leipziger Schulklasse tobt sich hier einmal wenigstens im Jahr aus, +– liegt auf einer diluvialen Halbinsel zwischen den kilometerbreiten +Talauen der Elster und Pleiße, die sich noch südlich der Stadt Leipzig +vereinen und als breiter Auwaldstreifen die westlichen Vororte von +dem eigentlichen Stadtkern scheiden. Die diluviale Tafel erhebt +sich etwa fünfzehn Meter über die Auen und erreicht innerhalb der +Harth im Südwesten ihren höchsten Punkt mit 133 Meter, an der Straße +südlich Prödel liegt die tiefste Stelle mit 122 Meter. Die geringe +Erhebung über den Grundwasserspiegel hat genügt, hier einen typischen +Trockenwald, eine kleine Heide entstehen zu lassen, der allerdings alle +dünenartigen Bodenwellen völlig fehlen. Die Eigenart der diluvialen +Bodendecke hat diese Heidebildung noch begünstigt. + +[Illustration: Abb. 3. =Maientag im Harthwalde=] + +[Illustration: Abb. 4. =Alter Kiefernbestand in der Harth=] + +Den Boden der Harth bildet eine sechzig bis hundert Zentimeter dicke +Lößschicht, ein durchaus gleichförmiges Gebilde, dem Geschiebe +fast gänzlich fehlen. Dieser Löß liegt über lockeren und daher +leichtdurchlässigen altdiluvialen Flußschottern. So war es möglich, +daß durch Auslaugung der feinen Bestandteile und ihre Wegführung nach +unten eine Decke von sandartigem Habitus übrig blieb, die, physikalisch +betrachtet, wohl einen guten Boden darstellt, aber bei rund +fünfundachtzig Prozent Kieselsäure doch recht arm an Nährstoffen ist. +Sandliebende Pflanzen werden sich hier wohlbefinden und so entstand +ein echter Heidewald mit Kiefern, Fichten, Lärchen und Birken; den +Boden besiedeln Heidekraut und Heidelbeeren, Farne und Maiblumen, die +der Leipziger natürlich weit mehr schätzt als den Knoblauch, der ihm +zuzeiten die schönen Auenwälder fast vergällt. + +[Illustration: Abb. 5. =Am Wege nach Zwenkau=] + +[Illustration: Abb. 6. =Kiefernbestand in der Harth=] + +Im Gegensatz zur feuchten, nebel- und mückenerfüllten Aue stellt die +Umgebung der Harth ideales Siedlungsgelände dar. Das mag schon immer +so gewesen sein, denn rings im Umkreis weisen Erdfunde, in der Harth +selbst der Rennstieg, Wallanlagen und Brandgräber mit Aschen- und +Knochenresten (Bronzezeit?) auf eine vorgeschichtliche Besiedlung +hin. Auch die Siedlungen der geschichtlichen Zeit haben sich aus +der Gefahrenzone des Überschwemmungsgebietes und vor seinen kalten +Nebeln hinaufgeflüchtet auf das diluviale Hochplateau. In engem +Kreise schließen Gaschwitz, Debitz-, Groß- und Probstdeuben, Stöhna, +Zeschwitz, Zwenkau, Prödel, Zöbigker und Großstädteln die Harth ein. +Es ist gar kein Zweifel, daß ihre ackerbautreibende Bevölkerung in +früheren Zeiten der Harth manchen Quadratmeter Boden abgerungen hat, +denn der Heideboden reicht viel weiter, als sich heute die Harth +erstreckt. Sie war darauf angewiesen, dort ihren Pflug anzusetzen, +denn die Aue eignete sich nur für Wiesenkultur. Alle diese Orte haben +sich bis heute frei von Industrieunternehmungen gehalten, und kein +giftiger Qualm, kein ohrenbetäubender Lärm belästigt hier den Erholung +suchenden Menschen. Die meisten der Orte wußten die Vorzüge ihrer Lage +wohl zu schätzen und hoben sie durch vorzüglich ausgebaute Straßen und +mustergültige Beschleusung. Wohlgepflegte Wege führen von all diesen +Orten hinüber zur Harth, und Gaschwitz, Deuben und Zwenkau schieben +sich heute schon mit Villenkolonien dicht an sie heran. + +[Illustration: Abb. 7. =Lärchen in der Harth=] + +Alles in allem, die Harth ist das Ideal eines natürlichen +Großstadtgrünfleckes. Die Eisenbahn hat die Bedeutung dieser Tatsache +voll erfaßt und bringt die Ausflügler der Altstadt, wie auch der +östlichen, südlichen und westlichen Vororte vom Hauptbahnhof, vom +Schönefelder, Stötteritzer, Gautzscher und vom Plagwitzer Bahnhof her +Sonn- und Wochentags mit vierundfünfzig Zügen heran, und von Gaschwitz, +Deuben, Großstädteln, Böhlen oder Zwenkau mit siebenundfünfzig Zügen +bei einer Fahrzeit von rund zwanzig Minuten wieder in die Großstadt +zurück. Bis zum Gaschwitzer Bahnhof, dessen Verkehr dem einer Großstadt +wenig nachsteht, ist die Strecke viergleisig ausgebaut, und die +neuzeitlich ausgestattete Bahnhofsanlage ermöglicht auch die glatte +Abwicklung des Feiertagsverkehrs, der durch Sonderzüge gewöhnlich noch +eine Steigerung erfährt. + +[Illustration: Abb. 8. =Eichen in der Harth=] + +Eine der besten Autostraßen Leipzigs führt über Connewitz, Gautzsch, +Zöbigker, Prödel geradlinig zur Harth, und über Knauthain, Eythra, +Zwenkau sowie Ötzsch, Städteln, Gaschwitz ist die Zufahrt im Auto nach +der Harth ebenfalls günstig. + +Der Hauptvorteil der Harth gegenüber anderen Nadelwäldern in Leipzigs +weiterer Umgebung liegt darin, daß sie durch Fußgänger auf schattigen, +staubfreien Wegen fast von allen Teilen der Stadt aus zu erreichen +ist, ohne daß man dabei vom Groß- und Schnellverkehr belästigt wird. +Vom Westen und Süden der Stadt aus kann man ohne großen Umweg in der +Elsteraue über Lauer, Cospuden, Eythra, Zwenkau oder vom Osten aus in +der Pleißenaue über Lösnig, Dölitz, Markkleeberg, Crostewitz, Gaschwitz +zur Harth gelangen. Die Karte vermöchte dieses weitverzweigte Wegenetz +doch nicht vollständig wiederzugeben, darum wurde gar nicht erst der +Versuch gemacht, um den Eindruck der Geschlossenheit der Auen zwischen +Stadt und Harth nicht zu verwischen. + +[Illustration: Abb. 9. =Am Rande der Harth bei Zwenkau=] + +Schon auf der Wanderung zur Harth findet der Naturfreund vieles, was +sein Herz erfreut, breite schattige Wege durch den hochstämmigen +Auenwald oder enge verschlungene Pfade durch Weiden- und Erlengebüsch, +ständig wechselnde Bilder längs der zahlreichen Wasserläufe, lauschige +Plätzchen an stillen, von Wasserlinsen überzogenen Altwässern, breit +hingelagerte Ziegeleien inmitten blumiger Wiesen, in entlegenen +Talwinkeln und Flußschleifen verträumte alte Wassermühlen und +efeuumsponnene Herrenhäuser hinter halb ausgetrockneten Schutzgräben. +So gelangt man auf immer neuen, immer schönen Wegen in zwei, drei, +höchstens vier Stunden hinaus zur Harth. Und nun hat man den doppelten +Genuß. Der Laubwald ist reizvoll, es ist doch aber immer wieder +etwas Eigenes um den Nadelwald in seiner herben, straffen Schönheit. +Kerzengerade streben Fichten und Kiefern zum Himmel empor, in geraden +Reihen, Soldaten gleich, wies ihnen die sorgende Hand des Försters den +Platz. Gradlinig ziehen Schneisen und Wege dahin, weite Durchblicke +gewährend, die dunklen ernsten Massen gesäumt von lichten, freundlichen +Birken und Lärchen. + +Mag an den Pfingstsonntagen die Harth noch so stark von Tausenden +und Abertausenden besucht sein – »hier ist des Volkes wahrer Himmel« +– der Kundige findet immer noch ein ruhiges, friedliches Plätzchen +in verschwiegenem Gebüsch und vergißt für einige glückliche Stunden +das Großstadtgetümmel und ruht und träumt, daß kluge Menschen und +ein weitblickender Staat aus diesem unersetzlichen Kleinod einen +Naturschutzpark gemacht hätten, den keine frevle Hand berühren darf +und wenn das mächtigste Braunkohlenflöz der Erde darunter läge. – Ein +schöner Traum, aber vielleicht wird er doch noch Wirklichkeit, wenn +auch die Gefahr groß ist, die der Harth vom Staatlichen Braunkohlenwerk +Böhlen her droht. + + + + +Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der +letzten Jahrzehnte + +Von _Richard Schlegel_ + + +Vergehen und Werden, Unbeständigkeit und Wechsel sind die ehernen +Gesetze, denen sich alles Naturgeschehen vom »ersten Schöpfungstage« an +beugt. Und dieser Wechsel im Aufbau unseres Planeten prägte in langen +erdgeschichtlichen Epochen die reich differenzierte Pflanzen- und die +mit ihr in innigster Wechselbeziehung stehende Tierwelt, deren Zahl +sich in Legionen verliert. Der Wechsel in der Vergangenheit rief der +Vielgestaltigkeit der Lebewesen sein Werde!, und der Wechsel in der +Zukunft beugt sie wieder unter seine zwingende, umformende Gewalt. Der +Wechsel in Bodenbeschaffenheit und Klima nagte an der Starrheit der +Art und schuf in den Rassen Abwechselung und Vielgestalt. Wie wirkt +aber der Wechsel auch in geschichtlich absehbaren Zeitabschnitten noch +heute verändernd und umgestaltend auf die uns umgebende Lebewelt? Das +zu verfolgen, soll hinsichtlich einer scharf umrissenen Tierklasse, der +Klasse der Vögel, der Zweck meiner kurzen Ausführungen sein, soweit +dies auf engbemessenem Raume möglich ist. Zu Untersuchungen nach +dieser Richtung bietet gerade ein Lebensraum mit einer Millionenstadt, +wie sie annähernd Leipzig ist, im rastlosen Wechsel des Werdens und +Veränderns die denkbar beste Gelegenheit. Ja, fordert sie den Natur- +und Heimatfreund, der jahrzehntelang nicht achtlos am lauten Herzschlag +des Naturgeschehens auch inmitten des hastenden Räderwerkes einer +Großstadt vorüberging, nicht geradezu zu solchen Vergleichen heraus? +Zwar dürfen wir nicht erwarten, daß in so kurzen, übersehbaren, am +Leben des Menschen gemessenen Zeitabschnitten sich die Veränderung der +Umwelt auch morphologisch und physiologisch im Vogel widerspiegelt, +solche Umformung mißt man mit Meilenmetern und Millionenjahren; sie +finden nur in biologisch-ökologischen Faktoren sichtbaren Ausdruck. – + +Die lawinenartig wachsende Zunahme der Bevölkerungszahl in der +Vorkriegszeit forderte gebieterisch Neuland für Siedlungszwecke. +Wo einmal goldene Ähren im Winde nickten, und frischgrüne, bunt +durchwirkte Wiesenflächen die Häusermauern malerisch säumten, da +machen sich neue Straßen breit und greifen weit hinein in die einst +ländlich stille Landschaft, wo der Pflug friedlich seine Furchen zog. +Damit im Zusammenhange steht, daß die Wellen des Großstadtverkehrs +weit hinaus in ländliche Gefilde schäumen, auf die ehemals Ruhe und +Frieden ihre Fittiche breiteten. Verödet und entheiligt vom Tritt und +Lied naturfremder Wanderscharen liegen die Gefilde, wo einstmals unser +stolzester und ansehnlichster Vertreter der deutschen Vogelwelt, der +_Großtrappe_, in reicher Besiedlung heimatete und bis in Stadtnähe +heran dem Brutgeschäfte obliegen konnte. Nur noch ganz sparsame Reste +dürften es sein, die uns in südwestlichen und nördlich-nordöstlichen +Gebieten, nahe der preußischen Landesgrenze, erhalten geblieben sind. +Wir wünschen den Bestrebungen des sächsischen Heimatschutzes von Herzen +Erfolg bei seinen Bemühungen um Erhaltung dieses vaterländischen +Naturdenkmals ganz hervorragender Art. – + +Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstreckten +sich, vom hinteren Rosentale an, über Gohlis, Möckern und Wahren +hinaus ausgedehnte Ausstichsümpfe und Lachengebiete mit interessanten +feuchtigkeits- und wasserliebenden Pflanzengemeinschaften, die einer +ebenso interessanten und vielseitigen Lebewelt von der Amöbe bis zur +Wasserspitzmaus in lückenloser Aufstiegreihe die Daseinsbedingungen +schufen. Auf diesen wahrhaft klassischen Stellen, nun ausgefüllt +mit allem Unrat der Retorte Großstadt, baut gegenwärtig der +Schrebergärtner Salat und Sellerie. Hier »erfreuten« sich einst +_Höckerschwan_, _Zwergrohrdommel_, _Knäkente_, _Blaukehlchen_ und +allerlei heimliches, lichtscheues _Rallenvolk_ ungestörten Daseins. +Wiesen- und Gartengelände wurden gewonnen, aber die Mücken leben dort +scheinbar alle noch, und _Höckerschwan_ und _Blaukehlchen_ sind aus +der Liste Leipziger Brutvögel zu streichen. Andere Stellen gleicher +Beschaffenheit, beispielsweise die Luppensümpfe bei Gundorf, verlanden +mehr und mehr. Wo man noch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts dort +auf den Schlammbänken und Seichtwasserstellen zur Zugzeit allerlei +artenreiches Stelzvogelvolk anzutreffen die sichere Aussicht hatte, +wetzt zwar noch Bläßhuhn und knärren die Entenerpel, aber Reichtum +und Vielseitigkeit gehören der Vergangenheit an. Die fortschreitende +Entwässerung des Geländes überhaupt war einer der einschneidendsten +Faktoren in der veränderten Physiognomie der Vogelwelt des Leipziger +Gebiets. Vom Nisten des _weißen Storches_ berichten uns Vogels Annalen +aus früheren Jahrhunderten, und selbst aus den dreißiger Jahren des +vergangenen Jahrhunderts sind uns noch drei Stadtbrutstellen bekannt. +Heute sind sämtliche Niststellen der näheren und weiteren Umgebung +verlassen, und selbst bis zur Elbe hin war 1924 Malkwitz, östlich +der Mulde, der einzige Ort überhaupt, der noch eines Nistpaares sich +rühmen durfte. In einer im Druck erschienenen Broschüre, Verlag von Max +Weg, Leipzig, über die Vogelwelt Nordwestsachsens, habe ich aller uns +bekannt gewordenen Niststätten eingehender gedacht. Wer sich näher für +das Werden und Verändern der Vogelwelt dieses Gebiets interessiert, den +verweise ich auf die dortigen Ausführungen. – + +Ein Zeitgenosse Chr. L. Brehms, der alte Leipziger Ornithologe Heinrich +Kunz, berichtet uns, daß in den dreißiger Jahren des vergangenen +Jahrhunderts auf der sogenannten Kuhweide, einem sumpfigen, mit Hecken +durchsetzten Wiesengelände an der Frankfurter Straße, der _graurückige +Würger_ so häufig genistet habe, daß die Sammler die Eier überhaupt +nicht mehr beachteten, und daß auf Schimmels Teich – in der Gegend des +Reichsgerichts – u. a. auch die niedliche _kleine Rohrdommel_ und die +_große Rohrdommel_ gebrütet haben. Heute ist der graue Würger wohl +schon allenthalben in deutschen Gebieten als Seltenheit zu werten. +Den Schönefelder Rohrteich kannte Kunz als Brutort der _Rohrweihe_ +und _Sumpfohreule_, Arten, von denen es heute wie im Märchen heißt: +»Es war einmal«. Teils ohne ersichtlichen Grund, teils des Eierraubs +wegen, wie behauptet wird, sind die _Lachmöwen_kolonien der Rohrbacher, +Haselbacher und Eschefelder Teiche sowie die Brutgebiete der _Fluß-_ +und _Zwergseeschwalbe_ im Muldengebiete bei Wurzen bzw. an den +Rohrbacher Teichen gegenwärtig völlig erloschen. Hinsichtlich des +_Wachtelkönigs_ sei erwähnt, daß gegen Jahrzehnte zurückliegende Zeiten +eine stetige und sichere Abnahme zu verzeichnen ist. Ein jahreweises +Aufleben des Bestandes kann die Tatsache zwar verschleiern, aber +nicht entkräften. Das einstige Vorkommen erstreckte sich ausnahmslos +auf die ausgedehnten üppigen Wiesenflächen der heimatlichen Fluß- +und Bachläufe, sowie der grün umrahmten Teich und Lachengebiete, ohne +in den mehr trockenen Gebietsstrichen des Nordens und Ostens ganz zu +fehlen. Selbst ganz stadtnahe Wiesen beherbergten den Wiesenknarrer +jahrelang und nicht selten. Ich muß ferner als äußerst bemerkenswerte +Tatsache darauf hinweisen, daß nach dem Berichte des zuverlässigen +Oberförsters Fritzsche in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts +auch Wodans Vogel, der reckenhafte _Kolkrabe_, im nahen Harthwalde +Heimatsrecht genoß. Leider fehlen eingehendere Aufzeichnungen +hierüber, aber zwei Belegstücke im Zoologischen Universitätsmuseum +aus Connewitzer- und Kleinzschocherschem Gebiet zeugen noch von dem +Märchen aus vergangenen Zeiten. Bei der Sippe der Schwarzkittel +angekommen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß die letzten städtischen +_Saatkrähen_kolonien am Eingange zum Rosentale und an der nördlichen +Promenade 1895 bzw. 1908 erloschen. Von den weiteren einstigen +zahlreichen Kolonien der Leipziger Flußgebiete besteht gegenwärtig +nur die bei Kahnsdorf-Zöpen noch, vielleicht die einzige des engeren +Vaterlandes. Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende +_Elster_ ist selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung +preisgegeben; schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter +solchen Umständen auch als Waidmann heilig. – + +Was das ritterliche Geschlecht der gefiederten Räuber betrifft, so +bleibt die tief bedauerliche Tatsache bestehen, daß es mit ihrem +Bestande tief nach abwärts gegangen ist. Heute muß schon ein brütendes +_Bussard_pärchen als seltenes Beobachtungsobjekt gewertet werden. Wie +arm ist doch die Natur geworden, wenn wir der Zeiten gedenken, da +der _Fischadler_ nach Ludwig Thienemann noch Brutvogel »in der Nähe +Leipzigs« war und der König der Lüfte, der braune und rote Milan, im +Landschaftsbilde stolz seine Kreise zog, dahin, unwiederbringlich; »ein +Loch in der Natur« schließt sich nur in den seltensten Fällen wieder. +Ich kann an dieser Stelle leider nur andeutungsweise berichten und muß +wiederum auf die bereits erwähnte Broschüre verweisen. – + +Noch dürfen wir Leipziger in unserem landschaftlich reizvollen +Niederungsgebiete uns gewiß einer reichen, sangesfrohen Kleinvogelwelt +erfreuen, aber auch an ihr sind mancherlei schädigende Einflüsse nicht +spurlos vorübergegangen. Die _Uferschwalben_kolonien peripher gelegener +Stadtteile gehören seit langen Jahren schon der Vergangenheit an; sie +wurden, auch weniger an Individuenzahl, in weiter abseits gelegene +ländliche Bezirke gedrängt. Der rotrückige _Würger_, der einstige +Hauptbrutpfleger des Kleinvogelmörders Kuckuck, ist dort infolge +seines Pflegeramtes schon mehr ein Seltling geworden, und Cuculus +sucht nach neuen Ammenvögeln. Von den einstigen wenigen Brutstellen +des prächtigen _Rotkopfwürgers_ ist uns nur die Aufzeichnung im +Schrifttum geblieben. Jammer und Empörung greifen mir gleichzeitig +ans Herz, wenn ich nun auch der Sängerkönigin _Nachtigall_ gedenken +muß. Wohin sind die Zeiten, da wir ihrem Schlage noch in Stadtnähe und +selbst in städtischen Grünlandstellen andächtig und ergriffen lauschen +und uns rühmen durften, das reichstbesiedelte Nachtigallengebiet +des Vaterlandes unser Eigen nennen zu können! Und alle dicht +bebuschten Auen der Flußläufe klangen im Wonnemonat wieder vom +Jubel der zahlreichen Sänger. Vielfach fielen das Buschholz und die +Heckensäume des Waldes, und Raubtier ~homo insipiens~ vollendete, +was dem tierischen Großstadtraubwild noch entgangen war. Selbst die +städtischen Anlagen wurden einer rücksichtslosen, gemeinen Fängerzunft +tributpflichtig. »Der Moor hat seine Schuldigkeit getan« in Stadt und +Stadtnähe, aber das tückische Schlaggarn lauert weiter draußen, wo +die Welt noch »vollkommener« ist im königlichen Sänger. Wie lange, +bis auch dort nur noch das rauhe Lied »des Raben« durch die Öde +hallt. Es ist erschreckend rückwärts gegangen mit dem Bestand unserer +Nachtigall. Selbst von den nordwestlichen Gegenden der Elsteraue, wo +man vor etwa fünf Jahren noch den Sänger in erfreulicher Zahl verhören +konnte, lauteten die letztjährigen Berichte niederschmetternd und +hoffnungslos. – + +Aber manche der verändernden Faktoren in der Zusammensetzung unserer +Ornis zeigen neben dem hemmenden Einfluß auch einen fördernden Wert. +Wo die Hand des Menschen ändernd im Landschaftsbilde eingreift, da +entzieht sie gleichzeitig gewissen Arten die Daseinsbedingungen. Der +Flucht der ursprünglichen folgt das Nachrücken anderer Arten, denen mit +der Veränderung ein günstiger Lebensraum geschaffen wurde. In meiner +kleinen Schrift: »Die im Stadtgebiet Leipzig brütenden Vögel« habe ich, +weiter ausgreifend, versucht, die einem gewissen zentripedalen Trieb +folgenden Arten namentlich aufzuführen und die Gründe ihrer Umformung +von scheuen Wald- in zutraulichere Stadtbrutvögel darzulegen. Breite, +mit Baumreihen besäumte Straßenfluchten, parkartige Kinderspiel- und +Schmuckplätze, Promenaden mit altehrwürdigen Baumriesen, Schreber- +und Familiengärten, Berufsgärtnereien, Lagerplätze, Villen- und +Institutsgrundstücke mit ansehnlichen Garten- und Parkanlagen und +stillgelegte oder noch benutzte Friedhöfe in mannigfacher Abwechselung, +bringen buntfarbige Gliederung und Vielgestalt in die kalte Starre +der Häusermassen. »Leipzig ist so nicht nur eine grün umgürtete, +sondern auch eine von Grün durchwirkte Großstadt, über derem lauten +Pulsschlag des hastenden Lebens der Wald stellenweise seinen grünen +Mantel breitet.« Als natürliche Folge davon hat nun, von den günstige +Nahrungs- und Fortpflanzungsmöglichkeiten bietenden Grünflächen +angezogen, sich eine artenreiche Kleinvogelwelt hier seßhaft gemacht. +In einer Arbeit über die Brutvögel der Friedhöfe (Mitteil. Sächs. +Heimatsch. X) konnte ich etwa vierzig, in der Abhandlung über die +Brutvögel der Stadt über sechzig Arten aufführen. Ich kann mich +im Rahmen dieser Arbeit wiederum nur auf das Auffälligste und +Bemerkenswerteste beschränken. – Das Vordringen der _Ringeltaube_ +war in jahrzehntelang zurückliegender Zeit vereinzelt und selten; +erst während der letzten Jahre wird die Verbreitung allgemeiner und +häufiger. Es gibt an gewissen Stellen kaum eine mit höheren Baumreihen +bestandene Straße, kaum einen mit altem Baumbestand bestockten +Garten, insbesondere in Wald- und Parknähe, wo die Ringeltaube +nicht auch ihr leichtgefügtes, durchsichtiges Nest ins Astwerk der +Kronen setzt. Der _Turmfalk_ – ~nomen est omen~ – betreut auf +verschiedenen Stadtkirchtürmen schon seit Jahrzehnten die zahlreichere +Nachkommenschaft, und im vergangenen Jahre wurde mir auch die +Gewißheit, daß auch die _Schleiereule_, das zwar unsichtbare, aber zu +gewissen Zeiten um so lauter hörbare Wahrzeichen ländlicher Kirchtürme +auf dem Turme einer Vorortskirche zwei Gelege zeitigte. Dort, wo +die Grünanlagen auch Baumbestände vorgerückten Alters zeigen und zu +Höhlenbildung neigen, siedelt sich auch gern das _kleine Käuzchen_ an. +Die gleichen Stellen beziehen auch zwei Zimmerleute unserer Wälder +gern, der _kleine_ und _große Buntspecht_, insbesondere dann, wenn +die Ernährungsfrage durch naheliegende Waldteile günstig beeinflußt +wird. Mit dem fortschreitenden Alter städtischer Baumbestände treten +dieselben in erfreulichen Wettbewerb zum Walde. Ein charakteristischer +Sänger unserer Auwälder, der _Trauerfliegenfänger_, rückt in +vereinzelten Fällen aus waldnahegelegenen Gärten oder aus dem Walde +selbst zentralwärts vor, und der tropisch-schöne, im Walde recht +scheue _Pirol_, ist als Parkbrutvogel durchaus keine ungewöhnliche +Erscheinung mehr. Mit 1920 etwa breitet sich der überall nordwärts +vordringende _Girlitz_ von den Friedhöfen über das gesamte städtische +Grünland strahlenförmig aus. Die Anzeichen mehren sich, daß der +_Gimpel_ vielleicht in absehbarer Zeit schon in die Liste der Leipziger +Brutvögel eingereiht werden darf. Die vereinzelten Fälle seines +sommerlichen Vorkommens oder ein schüchterner Brutversuch in einer +Gartenkolonie des Südens lassen jedoch noch nicht erkennen, ob die +Vögel etwa entflogen waren. Es besteht ebenso die Möglichkeit, daß +sie als die vordersten Etappen aus westlich gelegenen Brutrevieren +gewertet werden müssen. Die _Gebirgsstelze_ ist fürs Gesamtgebiet +gegenwärtig ein ziemlich häufiger Flachlandsvogel geworden, und selbst +innerhalb des Häusermeeres an Stellen, die seines Lebenselementes, des +Wassers, nicht entbehren, Brutvogel. Mit der Umbildung scheuer Wald- in +zutrauliche Stadtvögel wird die Amsel wohl am zeitigsten mit den Reigen +eröffnet haben. Sie dürfte schon die Häufigkeit des Spatzen erreicht +haben, wenn der Schrebergärtner nicht Grund hätte, ihre vorbildliche +Fruchtbarkeit durch Gegenmaßnahmen zu neutralisieren und ihren Bestand +auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Von der _Singdrossel_ wissen +wir ziemlich genau, wann sich die Umbildung zum Stadtvogel vollzog; der +Zuzug zur Stadt wird etwa von 1910/12 an allgemeiner und häufiger. Der +_Sumpfrohrsänger_ ist im Außengebiet von Leipzig als Getreidefeldsänger +überall verbreitet, und schon können wir die ersten bescheidenen +Versuche buchen, daß der _Teichrohrsänger_ an peripheren, stark +bebuschten Stellen, auch wenn sie des Wassers entbehren, als Brutvogel +auftritt. Dasselbe gilt von der _Sperbergrasmücke_, die, im allgemeinen +nur in wasser- und dornbuschreichem Flußauengelände nistend, seit +einigen Jahren sich auch in trockenem, östlichem Buschgebiet +verbreitete. Das kleine Volk der Laubsänger ist in allen drei +Arten, besonders im _Fitis-_ und _Weidenlaubsänger_ auf städtischen +Friedhöfen und in größeren Gärten durchaus keine Seltenheit mehr. Der +_Gartenrotschwanz_, im Walde ein ausgesprochener Höhlenbrüter, nimmt +lange schon in städtischen Gärten auch mit Mauernischen, Laubenwinkeln +und Epheugerank als Nistplatz vorlieb. + +Schließlich entbehrt es sicher nicht eines gewissen Interesses, +wenn ich am Schlusse erwähne, daß im Gesamtgebiet der Leipziger +Flachlandsbucht außer einigen, jedenfalls entflogenen, beziehentlich +nicht sicher nachgewiesenen Vögeln, bisher zweihundertneunundsechzig +Arten nachgewiesen werden konnten, von denen etwa einhundertdreißig im +Gebiet brüten. Sieben Arten sind gegenwärtig jedenfalls aus der Liste +der Brutvögel zu streichen. Im Vergleiche zur Gesamtbesiedlung des +Vaterlandes bleibt unser Gebiet um etwa einunddreißig Arten gegen die +vaterländische zurück, ein erfreulicher Reichtum, der uns und kommenden +Geschlechtern erhalten bleiben möge. + + + + +Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit + +Dr. _Paul Zinck_ + + +In einer Stadt des Welthandels, der Wissenschaft und Musik, wie +Leipzig, in der nicht nur Angehörige aller deutschen Stämme sich +niedergelassen haben, sondern auch Glieder aller europäischen und auch +außereuropäischer Nationen sich ein Stelldichein geben, Volksbräuche +und andere volkstümliche Werte zu suchen, scheint auf den ersten +Blick ein törichtes Unterfangen zu sein, und doch haben sich in das +internationale Getriebe der modernen Meßstadt hinein zwei Volksfeste +gerettet, die von einem großen Teile der Bevölkerung noch gefeiert +werden und einen lokalen Charakter an sich tragen: das eine, das +Johannisfest, heute nur noch ein ernster Tag, ein Blumenfest der Toten; +das andere, der Tauchaer Jahrmarkt, kurz, »der Tauchsche«, ein Fest +überschäumender Lust der Jugend. Vielleicht dürfte es sich um der +Fernerstehenden willen doch lohnen, der Entwickelung beider Feste in +großen Umrissen nachzugehen. + +Das Johannisfest _heute_! Ein Blumenhimmel tut sich vor unseren +Augen auf. Wart ihr schon am Johannismorgen auf Leipzigs Friedhöfen? +Da ist kein Tod, da flutet wechselvolles Leben! Selbst die Sonne +hat nicht lange Ruhe. Schon vor vier Uhr morgens ist sie erwacht. +Mit blankgeputzter, glänzender Scheibe steht sie am dunkelblauen +Morgenhimmel, und bald bestrahlt sie die festlich geschmückten Scharen, +die durch die blühenden, duftenden Rosengärten gedankenvoll wallen, mit +Kränzen und Sträußen und Girlanden beladen. Frische Thomanerstimmen +bringen mit ernsten, von Meister Bach gesetzten Chorälen großen Männern +Leipzigs, die man zur letzten Ruhe bettete, den Zoll der Dankbarkeit, +und in ihren Gesang mischt sich froher Finkenschlag und Amselsang. +Und alle halten sie Zwiesprache mit den lieben Dahingeschiedenen, die +Mutter mit dem Liebling, den eine tückische Krankheit dahinraffte, +der Sohn mit dem Vater, der ihm noch lange hätte ein treuer Berater +sein können, der Freund mit dem Freund, und wehmutsvoll umstehen Gatte +und Kinder das Grab der Guten, die des Hauses Mutter war. Da ist kein +Tod! Der Zauberstab des jungen Sommers hat alles zu einem neuen Leben +erweckt, zu einem stillverklärten Leben der Erinnerung, umstrahlt von +farbiger Blumenpracht, umweht von süßem Blütenduft. Schon lange, mehr +als hundert Jahre, feiert Leipzig am Tage Johannis des Täufers, dem +sein erster großer Friedhof geweiht ist, dieses sinnige Blumenfest der +Toten, während draußen das rasch pulsierende Leben der regen Handels- +und Meßstadt tost. + +Aber auch in dieses Fest mischten sich ein halbes Jahrhundert lang +weltliche Töne, die nichts zu tun hatten mit dem Gedenken an die +Dahingeschiedenen. Am 24. Juni 1833 wurde das Johannistal eingeweiht, +eine Gartenkolonie, die zur Zeit der Baumblut in ein weißes Blütenmeer +verzaubert ist, vormals eine öde Sandgrube der Ostvorstadt, die +durch die Tatkraft des Stadtrats Dr. Seeburg in eine Erholungsstätte +für Hunderte von Mitbürgern verwandelt wurde. Die Einweihung wurde +mit der stillen Gedächtnisfeier auf dem Friedhofe verbunden; die +Gärtchen im Johannistale waren alle bunt geschmückt, das »Sandtor«, +durch das man das Tal betrat, die beiden Brunnen und das Doppelkreuz +am Pulverhäuschen mit Girlanden und Kränzen geziert. Kindergesänge, +Musik und Ansprachen wechselten miteinander ab. In den kommenden +Jahren genügte aber diese schlichte Feier den Zuschauern nicht mehr, +die ins Johannistal wallfahrteten; sie wollten derbere Genüsse haben. +Unter die Kränze und Blumengewinde und die in den Sachsenfarben +lustig flatternden Fähnchen der Gärten drängten sich bald Schankzelte +und Verkaufsstände; Gesang und Choralmusik wurden von Gassenhauern +vertrieben, vom frühen Morgen bis zum späten Abend huldigte man dem +Biertrinken und Bratwurstessen, und bald blieb es nicht mehr bei +kleinen Ausschreitungen, es kam zu Roheiten und Gemeinheiten. Fünfzig +Jahre war das Volksfest gefeiert worden, da machte ihm der Rat ein +Ende, indem er am 18. Juni 1883 beschloß, die Erlaubnis zur Errichtung +von Schankzelten und Verkaufsständen am Johannistage nicht mehr zu +erteilen. + +Zwei eigenartigen, alten Bräuchen huldigte man aber bis ins zwanzigste +Jahrhundert hinein: Am Eingange des Johannistales verkauften +Handelsfrauen Glückshändchen, die Wurzeln einer nachts vorher +ausgegrabenen Orchidee mit fingerförmigen Nebenwürzelchen, die ihren +Trägern Glück bringen, vor allem die Taschen wieder füllen sollten, +und im alten Johannishospital schmückte man das Johannismännchen, eine +Holzfigur mit dem Lämmchen im Arm, die wahrscheinlich Johannis den +Täufer darstellen sollte, mit einem weißen Hemd mit Krause und einem +Blumenkranze, stellte wohl auch einen Johannistopf mit heilkräftigen +Kräutern und Blumen daneben. Dieser zweite Brauch reichte vielleicht +Jahrhunderte zurück, in eine Zeit, in der man den Johannistag in +Leipzig ganz anders beging als heute. Im Jahre 1786 verbot der Rat +der Stadt, das Johannismännchen auszustellen und am Gesundbrunnen +Kaffee zu kochen, und machte so Bräuchen ein Ende, die wohl gar in +vorchristlicher, altgermanischer Volksanschauung von geheimnisvollen +Kräften in der Natur wurzelten, die aber damals schon nicht mehr +verstanden wurden und deshalb Unsitten und Roheiten anderer Art Platz +gemacht hatten. Am Morgen des Johannistages strömte damals, wie der +Verfasser des Schriftchens »Tableau von Leipzig« (Benjamin Heidecke) +aus dem Jahre 1783 erzählt, jung und alt zum Grimmschen Tore hinaus zum +Johannishospital. Hier begaffte man das Männchen, hörte einer Predigt +zu und wanderte dann weiter hinaus zum Gesundbrunnen oder Marienborn +beim heutigen Napoleonstein. Viele tranken von seinem frischen Wasser, +ja sie füllten wohl – ähnlich wie in der Osternacht – schweigend eine +Flasche und nahmen sie mit sich nach Hause; die jungen Mädchen wuschen +sich mit dem Wasser, weil es schön machen sollte. Die meisten Leute +aber zogen zu Fuß, Pferd und Wagen hinaus zum Gesundbrunnen, ließen +sich dort den mitgebrachten Kaffee kochen, schmausten Kuchen und +Kirschen, schmückten sich mit Blumen, sangen, sprangen und tanzten +und trieben in den nahen Feldern allerlei Unfug, der schließlich in +grobe sexuelle Unsittlichkeiten ausartete. Der Gesundbrunnen oder +Marienborn soll am Johannistage des Jahres 1441 den Aussätzigen des +Johannishospitals von der Jungfrau Maria zur Genesung erschlossen +worden sein[6]. + +So reichen die letzten Wurzeln der Johannisbräuche bis in das späte +Mittelalter zurück. Wird es mit dem »Tauchschen« auch so sein? +Heutzutage könnte man fast der Meinung sein, daß enge Beziehungen +zwischen den Jagdgefilden der Rothäute und diesem Volksfeste +der Jugend bestehen. Schon tagelang vor dem ersten oder zweiten +Septembermontag, an dem in Taucha Jahrmarkt abgehalten wird, merkt +man in den Knabenklassen der Volksschule, daß »große Dinge« in der +Luft liegen, und kaum ist der Unterricht geschlossen, so ziehen auch +schon die ersten »Indianerhorden«, zum Teil halb nackt, mit roter +Paste bemalt, mit Federn geschmückt, mit allerhand Waffen ausgerüstet, +durch die Straßen; Kampfgeheul erschallt, und nicht lange dauert es, +so liegen die »feindlichen Stämme« einander in den Haaren. Hier und +dort tauchen sie blitzschnell auf und verschwinden wieder. Einmal hat +eine solche Horde ein Karussell auf dem Meßplatz im Sturm besetzt und +den Besitzer »gezwungen«, ihr kostenlos einen Ritt auf seinen feurigen +Rossen zu gestatten. In ganz ergötzlicher Weise hat H. Tetzner in einer +»Leipziger Straßenjungengeschichte im Leipziger Straßenjungenjargon«: +Die Sieger vom Tauchschen (Leipziger Kalender 1911) dieses Treiben +geschildert. Mit Einbruch der Dämmerung wird das Leben auf den Straßen +immer bunter. Hier und da tauchen bunte Laternen auf, von Kindern in +farbigen Papierkleidern getragen; allerlei vermummte Gestalten, Knaben +in Mädchen- oder Frauenkleidung, Mädchen in Männerkleidern, Rotkäppchen +und andere Märchengestalten beleben das wechselvolle Straßenbild; +Feuerwerkskörper werden abgebrannt; Buntfeuer beleuchtet magisch hier +und dort die Gassen. So wunderschön ist es, daß am nächsten Tage noch +einmal »Lumpen-Tauchscher« gefeiert wird. Und kein Kind denkt dabei +an das Nachbarstädtchen Taucha, das den Anlaß zu all dieser Freude +gibt. Vor achtzig Jahren und auch die folgenden Jahrzehnte noch +war es anders. Da spielte sich das Volksfest nur in den östlichen +Vorstadtdörfern Reudnitz, Anger-Crottendorf und Volkmarsdorf und in +Taucha selbst ab. Adolf Lippold entwirft in seinen »Erinnerungen eines +alten Leipzigers« ein anschauliches Bild von dem Tun und Treiben, +wie es vielleicht um das Jahr 1845 vor sich ging. War es schon früh +lebhaft, so zog es doch nachmittags und abends besonders die ganze +Leipziger Bevölkerung, alt und jung, in seine Kreise und zeitigte oft +so tolle Blüten, daß der Leipziger Rat wieder dann und wann – wie +auch heute noch – mit Verboten einschreiten mußte. Die »Elite« des +Publikums vergnügte sich in den Gastwirtschaften zum »Bienenkorb« und +zur »Goldnen Säge«, das mittlere und untere Volk im »Colosseum«, dem +jetzigen »Pantheon«; in den Dörfern draußen waren die uralte Kneipe +von »Staudtens Ruhe«, das »Lämmchen«, der »Kleine Kuchengarten« und +noch andere jetzt noch bestehende Gastwirtschaften von Zechenden und +Schmausenden besucht. An der Straße zwischen Leipzig und Reudnitz +war eine Reihe von Ständen mit Masken, Bärten, Schnurren oder +Waldteufeln von oft gewaltiger Größe, Pfeifen, Trommeln, Klappern und +»Döppertrompeten«, mit buntfarbigen Papiermützen, -hüten, -schürzen, +Fächern, Windmühlen, Pritschen und dergleichen aufgebaut; denn alt und +jung verkleidete sich, oft in zierlichen Rokokokostümen, als Bauern, +Tiroler, Soldaten oder auch als irgendwelche Schreckgestalten, und alle +bemühten sich, den Höllenlärm noch zu vergrößern. Der Tumult war oft +beängstigend, und noch in den achtziger Jahren war er oft so groß, daß +die Straßenbahn nur im Schritt durch die Menschenmenge fahren konnte. +Daneben kredenzten »ältliche Heben« in braunen Kännchen Bliemchenkaffee +oder Schokolade, und »Wiener Würstchen von Stöpel« dufteten weithin +über die Straßen. Nachmittags begannen dann auch die feindlichen +Parteien, damals Studenten und Handwerksgesellen, aufzutreten; mit +Hänseleien fing es an, mit Schlägereien, blutigen Nasen, zerbrochenen +Stöcken und Schirmen und eingetriebenen Zylinderhüten endete es. +Oft boten die Dienstmädchen, die im besten Sonntagsstaate, der +enganschließenden »Contouche« oder dem weitbauschigen, mit unzähligen +Falbeln besetzten Oberrock und der möglichst malerisch drapierten +Saloppe, auf den »Reitschulen« fuhren, den Anlaß dazu. Sie kokettierten +gern mit den Studenten, die in Pikeschen und Kanonenstiefeln und +mit langen mit Quasten und Schnuren geschmückten Pfeifen antraten, +und reizten dadurch die Gesellen, die im blauen Staubhemd, dem mit +Wachsleinewand überzogenen Zylinderhut, mit dem für die »Walze« +ausgerüsteten »Affen« und dem gewaltigen Knotenstock, einer +gefährlichen Waffe, erschienen. Einer der beliebtesten Aufzüge der +Studenten war der des Bärenführers. Angetan mit möglichst verschossenen +Pikeschen, einen roten Fez auf dem Haupte und Peitschen in den Händen, +einen Leierkasten, Tambourin und Pickelflöte dabei malträtierend, +führten sie ein unglückliches Menschenkind, das sich einige Groschen +verdienen wollte, als Bären verkleidet, von Kneipe zu Kneipe und +durch die sich quetschende Menge, der bei den Schlägereien gewöhnlich +die meisten Püffe bekam. Die Studenten dehnten ihr tolles Treiben +auch bis Taucha aus, das auch von anderen Leipzigern an diesem Tage +besucht wurde. In zwei- und vierspännigen Karossen, mit Vorreitern, +die kostümierten Wichsiers auf dem Bock, zogen Korpsbrüder und +Burschenschafter hinaus, um alles auf den Kopf zu stellen. Man sah sie +trotzdem nicht ungern kommen, besonders die Gastwirte und die jungen +Mädchen. – + +Wie ist nun dieses eigenartige Volksfest entstanden, das von einem +Mummenschanz und dann wieder einem Maskenscherz der Erwachsenen sich +umgestaltete zu einem Licht- und Maskenfest der Kinder? + +Ist es die Feier eines Sieges der Leipziger Bürger über die von +Taucha? Soll es eine Verhöhnung der Tauchaer sein, weil sie einmal +die Messen an sich hatten ziehen wollen, als ihre Stadt größer war +als Leipzig? Wustmann erwähnt in seiner Geschichte von Leipzig Taucha +nicht unter den Städten, die die Privilegien der Meßstadt ernstlich +schädigen wollten, und ein Sohn Tauchas selbst nennt es in einer +kürzlich erschienenen Schrift[7] eine heute noch lebendige Fabel, daß +Taucha einst viel bedeutender als das benachbarte Leipzig gewesen sei. +Die Stadt ist allerdings als Rivalin des markgräflich-meißnischen +Leipzig von Magdeburg aus gegründet worden, und Erzbischof Wichmann +suchte sie zu einem wichtigen Handelsplatz zu machen; aber schon 1355 +kommt sie an die Markgrafschaft Meißen und 1569 gerät sie sogar in +unmittelbare Abhängigkeit von Leipzig. Soweit müßte dann mindestens +der »Tauchsche« in seinen Anfängen zurückreichen, aber kein alter +Leipziger Lokalhistoriker erwähnt den Brauch, auch Joh. Jak. Vogel +nicht, der doch gewissenhaft alle alten Bräuche in seinen »Annalen« +verzeichnet hat, wenn sie zu irgendwelchen Ausschreitungen Anlaß gaben. +Ich kann den Brauch nicht für allzu alt halten, und glaube, daß seine +Entstehung sich auf einfache, natürliche Weise erklären läßt. Allerorts +pflegt man gern die Jahrmärkte, Schützenfeste und andere Volksfeste +benachbarter Orte zu besuchen, weil man meint, sich dort etwas mehr +»austun« zu können als zu Hause, und vor allem die Herren Studenten +waren jederzeit dazu geneigt. Warum sollten dann die Leipziger nicht +auch nach Taucha gehen? Unterwegs blieb mancher Trinkfeste schon in +einer der vielen Gastwirtschaften hängen, und schließlich wurde in +diesen und ihrer Umgebung mehr geboten, als in der kleinen Stadt, +die man gar nicht mehr besuchte. Und Mummenschanz hat man wie bei +allen Völkern auch in Leipzig jederzeit gern getrieben, nicht nur um +unerkannt der rauhen Wirklichkeit und den Behörden ein Schnippchen zu +schlagen, sondern auch aus tieferen, kultischen Gründen: Die heiligen +Christspiele – J. J. Vogel nennt sie deshalb ~larvae natalitiae~ – +arteten ebenso in solchen aus, wie die Spiele der Fastenzeit und die +Passionsspiele. Ganz besonders wurde der Mummenschanz in der Fastenzeit +aufs ausgiebigste betrieben und zwar mit soviel die öffentliche Ordnung +und Sicherheit gefährdenden Begleiterscheinungen, daß der Rat besonders +im 17. Jahrhundert aller zwei bis drei Jahre das ganze Treiben verbot. +Könnte da nicht, da sich das Volk doch einmal im Jahr austoben +wollte, als Ersatz für diese Fastnachtsmummereien der »Tauchsche« +aufgekommen sein, in dessen Verkleidungen sich – allerdings, wie +das bei Volksbräuchen üblich ist, ~post festum~ – Zeitmoden und +-liebhabereien wie Rokoko, Alpensport, Indianerschwärmerei, in bunter +Reihe widerspiegeln. + +Nebenher sei bemerkt, daß von allen sonstigen Fastenbräuchen sich +nur ein weit verbreiteter, und zwar ganz verblaßt, in die Gegenwart +gerettet hat; es ist das »Ascheabkehren« am Aschermittwoch. +Bettelkinder laufen heute noch an diesem Tage mit Tannenreisern in die +Häuser, um unter Herleiern des Verschens »Asche abkehren, langes Leben, +müßt mer och en Dreier geben« Gaben zu heischen. Nur ein anderer in +Leipzig noch üblicher Vers + + »Asch’ abkehrn is Mode + mit der grünen Knote. + Bin e kleener Keenig, + gebt mer nich zu wenig, + gebt mer nich zu viel, + sonst kriegt ihr ’n Besenstiel« + +läßt in seiner zweiten Zeile ahnen, daß man es hierbei mit einem +uralten Fruchtbarkeitsbrauche, dem Schlagen mit der Lebensrute, zu tun +hat. + +Wenn ich mich des Raumes wegen in meinen Ausführungen auch nur auf +heute noch übliche Volksfeste und -bräuche beschränken möchte, +so möchte ich doch noch in Kürze das Leipzig eigentümliche +»Fischerstechen« erwähnen, das gewöhnlich am 3. August aufgeführt +wurde, wenn dasselbe auch während des Krieges eingeschlafen ist und +an allgemeinem Interesse auch schon vor dem Kriege eingebüßt hatte. +Wir haben es dabei mit einem der in vielen deutschen Städten beliebten +Handwerker- und Zunftfeste zu tun. Es ist sicher eine Nachahmung des +im Mittelalter berühmten Ulmer Fischerstechens. Mit einem festlichen +Umzuge, der vor dem Hause des Oberfischermeisters zu einer kurzen +Ovation Halt macht, wird das Fest eröffnet. Dann geht es zum Teiche – +anfangs in Apels, später in Reichels Garten, zeitweilig wohl auch zu +dem in der Großen Funkenburg –, wo die Kämpfer die bereitgehaltenen +Kähne besteigen, während die alten Herren, die in Frack und +Schnallenschuhen und mächtigem Dreimaster dem Zuge voranschritten, +mit der Musik und den Gästen auf einem festlich geschmückten Boote +Platz nehmen. »Mit hoch erhobener Stange, auf der äußersten Spitze +des Kahnes stehend, versuchen nun die jungen Leute, sich gegenseitig +ins Wasser zu stoßen. Die Kähne werden je zwei und zwei handgemein, +und unter jauchzenden Zurufen der Zuschauer und unter dem Tusch +der Musik nimmt bald hier, bald dort ein überwundener Streiter ein +unfreiwilliges kaltes Bad. Selbst die unechten Mohren, die im Zuge +einen Bären führten, bleiben nicht verschont und steigen – weiß +gewaschen wieder aus den Wellen. Einen anderen Teil des Festes macht +das Aalfangen aus. Über den ganzen Teich ist eine Leine ausgespannt, +an welcher ein lebendiger Aal befestigt ist, um den sich nun die +jungen Fischer bemühen. Boot auf Boot gleitet rasch unter der Leine +hinweg, und der Reihe nach suchen die Fischer den schlüpfrigen Fisch +zu erlangen; nach vielen Mißerfolgen gewöhnlich erst gelingt es diesem +oder jenem, das Tier zu erhaschen und sich so zum Helden des Tages +zu machen.« Das erste Fischerstechen wurde jedenfalls am 12. Mai +1714 zu Ehren Augusts des Starken, der seinen Geburtstag in Leipzig +feierte, gehalten und aufs glanzvollste ausgestattet. Kaufmann Apel +hatte sogar Gondelführer aus Venedig kommen lassen. Der König war so +entzückt, daß er den Fischern das Recht verlieh, jedes Jahr ein solches +Wasserturnier abzuhalten und dabei eine Fahne mit dem kursächsischen +Wappen zu führen. Die älteste Beschreibung des Fischerstechens lieferte +ein komischer Kauz namens Johann Christian Trömer (pseudonym: Deutsch +Francos Jean Chrêtien Toucement) 1717 in poetischer Form und einem +wunderlichen »deutsch-französischen Kauder- und Schauderwelsch« ~à la~ +Riccaut de la Marliniere; sie beginnt: + + »Die Königk aus der Pohl Sie ahn die kroßen Knad, + Und seh die Fischer-Steck mit Ihre Ohffen-Statt. + Ick ahb ock all keseh, und ahb nock nit verkeß, + Drum ick will reckt beschreib, wie diese Lust keweß.« + +[Illustration: =Fischerstechen.= Nach Aquarell von Georg Emanuel Opiz] + +Wird dieser einzige uns gebliebene Zunftbrauch vergangener Tage wieder +aufleben? Auf dem großen Elsterbecken draußen vor dem Frankfurter Tore +würde Tausenden Gelegenheit gegeben werden können, ihn sich anzuschauen +zum Ruhme der alten »Seestadt« Leipzig. + + +Fußnoten: + + [6] Vergleiche zum Johannisfeste des Verfassers Buch »Leipzigs + Sagen im Spiegel seiner Geschichte« und Ernst Kroker, Das + Johannisfest und Johannistal (Leipz. Kalender 1911). + + [7] Dr. Uhlemann, Taucha. Das Werden einer Kleinstadt auf + flurgeschichtlicher Grundlage aufgebaut. Obersächsische + Heimatstudien, herausgegeben von Prof. Kötzschke und Dr. + Uhlemann, Heft 2. + + + + +De Heimat[8] + +Von _Franz Ehregott Hauptvogel_ + + + Es is e därft’ches Fleckchen Erde, + uff den mar hier geboren sinn. + Gee Wasser hamm mar, geene Berche, + bloß plattes Land uff Meilen hin. + Fast nischt wie Felder un wie Wiesen, + ä gelwer, dann ä griener Strich. + Bedenkt mar andre da – nee wärklich, + verwehnt hat de Natur uns nich. + + De Bleiße is ä träches Flißchen, + ’s werd niemand sich was dran ersehn. + Als Bärschchen von e sechs siem Jahren + dorft’ ich zun Fischerbade gehn. + Mei Vader dauchte mit mar unter – + ar hadde mich erscht abgegihlt – + Dann schwomm ar naus, mich uff der Schulter: + von Angst haw’ ich da nischt gefihlt. – + + Dar Naschmarkt is nich zu verwerfen, + ä Kunstwerk is er trotzdem nich. + Hier word’ch beinahe iewerfahren – + bloß meine Mudder schitzte mich. + Se zooch in letzten Oochenblicke + ihrn gleenen Jung’n von Flaster wegk, + ich säh se noch an Ooche bluten – + Un ich truuch bloß darvon in Schreck. + + Gleich vor der Stadt de Wälder raachen, + voll Eichen glowig, breit un stark. + Still bleibst de stehn, wenn schluchzend schlaachen + de Nachtigall’n in dunklen Park. + Als junges Baar in Friehlingsdaachen + hamm mar gelauscht den Amselsang, + sinn – laut umdschwidschert, laut umdrällert – + in Sonnenlicht dahin gegang. + + In Osten liecht dar Goddesacker: + e Beet der Liewe – herrlich scheen! + Die langen Reihen von Gastanien, + die gann mar immer widder gehn. + Wenns Friehjahr gommt, flanze ich Veilchen + uffs Grab von meiner Mudder naus – – + Dann setz’ ich for e Wehmuts-Weilchen + mich dichte bei ihr stilles Haus: + + Ich denke viel, denk weit zuricke + an die, die war’n un nich mehr sinn. + Se gomm’n die unsichtbare Bricke, + se treten alle bei mich hin. + Was ich dorchlebt, erlew’ ich wieder, + es steht um mich in Kreise rum. + Se singen scheene Juuchendlieder. + Ich sinne nach: warum? warum?? … + + So bin ich selwer alt geworden, + bin in dar Welt weit rumgereist. + Jaa – scheener warsch an vielen Orten – + doch iewerall war ich verwaist! + Daß du mich heimwärts fihrtest wieder + in meine Heimat – Gott hab’ Dank. + Mei Grab, mei Wald, de Amsellieder – + wenn die mir fehlen, bin ich krank. + + _Anmerkung_: Viele meinen, die obersächsische Mundart, vor + allem der Dialekt der Leipziger und Dresdner Gegend, sei + wohl imstande, Humoristisches zum Ausdruck zu bringen, zur + Wiedergabe ernster Seelenzustände sei diese Mundart aber + nicht geeignet. Dazu ist zu sagen: Wohl erscheint der Dialekt + Leipzigs und Dresdens, an reinem Hochdeutsch gemessen, manchem + klanglich unbefriedigend; das liegt aber daran, daß eben aus + ihm, aus der Sprache der meißnischen Kanzleien, das heutige + Hochdeutsch herausgewachsen ist und die Mundart ihm so nahe + verwandt, daß sie hier und da den Eindruck eines scheinbar + »verdorbenen Hochdeutsch« hervorzurufen vermag. Daß es sich + in Wirklichkeit um den umgekehrten Prozeß handelt, wissen + die meisten nicht. Jedenfalls hat aber dieser Dialekt genau + denselben Eigenwert wie jede andere deutsche Mundart und + braucht der Muttersprache Fritz Reuters, Klaus Groths, Karl + Stielers, Ludwig Thomas und anderer in keinem nachzustehen. + So ist es auch immer wieder erfreulich, wenn sich bei uns + Dialektschriftsteller finden, die von der Berufenheit + ihrer Muttersprache in Lust und Leid, in Scherz und Ernst + durchdrungen sind. In einem Gebiet, wo die Brüder Schumann + durch ihre billigen »Bliemchen«-Schriften heillose Verwirrung + angerichtet haben, ist jeder, der sich der Mundart mit Ernst + und Stammesstolz bedient, ganz besonders zu begrüßen. Als der + beträchtlichste Schriftsteller des Leipziger Dialekts erscheint + zur Zeit Franz Ehregott Hauptvogel, und so muß sein Gedicht »De + Heimat« im Sinne des eben Ausgeführten verstanden werden. + + F. + + +Fußnote: + + [8] Aus dem Buche »De droggne Bemme«, Gedichte und Erzählungen + in sächsischer Mundart. _H. Haessel, Verlag, Leipzig, + Roßstraße 5/7_, gebunden 3 RM. + + + + +Bücherbesprechungen + + +_Oswin Lindner_, Niederhaßlau. =Die Zwickau-Schneeberger Landstraße +und ihre wirtschaftliche Bedeutung für das obere Erzgebirge, nebst +einer kurzen Beschreibung der eigenen und benachbarten Brücken, 1921.= +(Selbstverlag des Verfassers.) + +Seit der grundlegenden Arbeit von Wiechel hat die Heimatforschung der +Wegekunde mit Recht steigende Aufmerksamkeit geschenkt. Es gilt, die +oft nur schwachen Spuren älterer Straßenführung festzuhalten, ehe sie +die moderne Zeit völlig verwischt. Neben der geographischen Bedingtheit +der Weganlage darf das geschichtliche Moment nicht übersehen werden. +Wege sind älter als die Siedlungen. Dazu ist die Kunststraße samt +Brückenanlagen usw. eine noch viel zu wenig gewürdigte Kulturtat +unserer Vorfahren. Beides ist in Lindners Arbeit sorgfältig betrachtet, +und die Studie bringt, da sie reiches Quellenmaterial heranzieht, +manchen Nebengewinn, z. B. über das verzwickte Kräftespiel der am +Straßenbau beteiligten Bevölkerungskreise. Karten und Lichtbilder +erhöhen die Anschaulichkeit des Gebotenen. Selbst die anscheinend +dürren Tabellen erzählen Lebendiges. So geben die anspruchslosen +Darlegungen Lindners reiche Anregung für jeden Heimatforscher; denn +zumal in wissenschaftlichem Neuland wird man methodisch am besten +immer mit dem Wege einsetzen, zu Flur, Flurgliederung (und Flursage) +übergehen und erst dann die eigentliche Siedelungskunde samt dem +chronikalischen ins Auge fassen. Als Muster sei das Werkchen warm +empfohlen. + + Professor ~Dr.~ _Wagner_, Rochlitz. + + +=Winkelnest=, ein fröhliches Heimatbuch von _Karl Hennig_. Verlag +Gebrüder Müller, Bautzen. + +Der Inhalt dieses Buches gibt mehr, als das Äußere verspricht, gibt +anmutige Bilder aus vergangenen Zeiten, mit der Sonne des Herzens +durchwärmt, mit dem Auge der Liebe durchleuchtet, mit dem Lächeln +des Humors verklärt, Bilder aus einer alten Stadt, manchmal etwas +alltäglicher Art, aber doch so, daß es ein schönes Erinnerungsbuch +ist und bleibt, über dem das Dichterwort stehen könnte: »Ihr schönen +Jugendtage mit eurem stillen Glück«. In der Art seiner Darstellung +erinnert er an Franziskus Naglers gemütvolle Bücher. Das Titelblatt +– wie schön hätte es in diesem Falle sein können! – verrät mit der +Ortenburg den Schauplatz der Geschichten, nämlich das alte Bautzen. So +wird das Buch zuerst örtliche Bedeutung haben; dem Verfasser darf man +aber wünschen, daß es auch darüber hinaus Verbreitung findet; denn es +gleicht einer stillen, verträumten Insel, fern dem wilden Weltleben, +aber nahe dem, was Gemütswerte schafft. + + +=Das sächsische Bauernhaus und seine Dorfgenossen= von _Bruno Schmidt_. +Aus den Büchern des Dresdner Zeichenlehrervereins »Mit offenen Augen«. +Verlag Emil Pahl, Dresden. 2. Auflage. 64 Seiten Großquart. 89 +Abbildungen. + +Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hat durch seinen verewigten +Vorsitzenden Herrn Geh. Baurat Schmidt dem Werke Pate gestanden, und +er kann sich seiner Patenschaft wahrhaft freuen. Das Buch wird seiner +Aufgabe, die der Arbeitsausschuß des Dresdner Zeichenlehrervereins +im Vorwort seinem Erscheinen voranstellt, vollkommen gerecht. Es +ist ein wertvoller Erzieher zum Schauen, zum bewußten Schauen der +Heimat, zum nachdenklichen Werten von hundert Dingen, die dem +Oberflächlichen vorübergehen, zum Verstehen und damit zur sorgenden +Liebe um bodenständiges Heimatgut. Wenn sich das Buch besonders an +die wendet, die lehren und führen und wahrhaft erziehen wollen, geht +es den rechten Weg. Es kann bei seiner sachlichen Gründlichkeit und +der damit notwendigen Schlichtheit als Mittler zur großen Menge des +herzlichwarmen Wortes eines begeisterten Lehrers nicht entbehren. +Es ist ein wertvolles Buch in seinem liebevollen Eingehen auf Grund +und Sinn, Zweck und Schönheit all dessen, was dem ungelehrten und +unempfindlichen Auge verborgen bleibt. + +Vielleicht könnte das Buch in seiner endlichen Aufgabe, dem Heimatfilm +und damit dem Heimatschutz zu dienen, noch gründlicher ausgewertet +werden, wenn sein Inhalt an der Hand des zeitgemäßen Lichtbildes +der großen Menge in Bildungsvereinen, Volkshochschulen und ähnlichen +nahegebracht würde. + + W. Otto Ullmann. + + +=Naturschutz-Bücherei=, herausgegeben von _Walter Schoenichen_. +Band 1. Neues Schmetterlingsbuch. Verlag von _Hugo Bermühler_, +Berlin-Lichterfelde. Als Band 1 der von dem bekannten Direktor der +preußischen staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege Prof. Dr. +_Schoenichen_ herausgegebenen Naturschutz-Bücherei stellt sich im +ansprechenden Gewande das _Neue Schmetterlingsbuch_ vor, dessen +Eigenart sofort schon bei flüchtigem Durchblättern angenehm auffällt. +In ansprechender Form wendet es sich hauptsächlich an die Jugend, +die geneigt ist, die Schmetterlinge als Sammelobjekte in möglichst +zahlreichen Arten fein säuberlich in Kästen reihenweise aufzuspießen +und auf diese Weise unsre Fluren des schönsten Schmuckes bunter und +seltener Schmetterlingsarten zu berauben. Hat doch schon in Preußen +und Bayern der Apollofalter durch Polizeiverordnung geschützt +werden müssen. Das Schmetterlingsbuch soll nun die Jugend lehren, +_den_ Schmetterling, seinen Bau und sein Leben kennenzulernen, und +hat _nicht_ die Absicht, die Kenntnis der verschiedenen Arten zu +vermitteln. Das pädagogisch Wertvolle an dem Buch ist, daß es die +Jugend lehrt, Modelle der verschiedenen Teile des Schmetterlingskörpers +herzustellen, z. B. Schnittmuster von Schmetterlingsflügeln, +Flügelschuppen, Schmetterlingsaugen. Interessant und leicht +anzufertigen ist das aus Glasröhre, Gummiball und Gummiröhren +bestehende Modell eines Schmetterlingsverdauungskanals. Es ist also +auch der _Werkunterricht_ in den Dienst der Wissenschaft gestellt, +so daß als Schlagwort »_Arbeitsunterricht_« die Befolgung der Lehren +dieses vorzüglichen Buches einen realen Inhalt erhält. Unsrer Jugend +und unsern Biologielehrern kann das Buch nicht dringend genug empfohlen +werden. + + Dr. Koepert. + + +_Gerhard Platz_, »=In Busch und Korn=«. Verlag Craz u. Gerlach, +Freiberg. Preis gebd. M. 5.—. (S. Beilage in diesem Heft.) + +Dieses Buch, das uns der Heimatlandwanderer Gerhard Platz schenkt, ein +Buch voll sonnigen Humors und stiller Lust an Gottes herrlicher Natur, +das hinweghilft über das Leid trüber Sorgentage. Das Buch ist neu und +darum bedarf es eines kurzen Hinweises. Sobald die ersten Käufer es +gelesen haben werden, sind lobende Worte überflüssig. Dann wird das +Buch für sich selbst sprechen. + +Es werden gar viele Dinge angepriesen, die hinterher enttäuschen. Hier +ist’s ganz anders. Wer Sinn und Herz hat für die Lebenserscheinungen +seiner Heimat, wird seine Erwartungen übertroffen sehen, dem öffnet +sich ein frohes weites Land. Frühlingswind braust in diesem Buch und +der Wald raunt uns geheimnisvolle Weisen zu. Auf jeder Seite begegnen +wir der unendlichen Liebe zur Scholle, in der die Wurzeln unserer +Volkskraft und des deutschen Gemüts ruhen. Wir vernehmen die süßen +Klänge der Heimat von sturmumrauschten Bergeshöhen bis hinab zum +sächsischen Niederland, wo die Wasser sanfter fließen. Gerhard Platz +sieht sein Land mit den sinnenden Augen des Dichters, er weckt in +unserem Herzen einen Vollakkord, der lange geschlummert hatte. So möge +das liebe gute Buch seinen Weg nehmen hinaus ins Land, wie sein Urheber +ihn fand, überallhin durch die deutsche, besonders sächsische Heimat. + + + Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Dr. Friedrich + Schulze, Leipzig – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden – + Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: + Max Nowak – Auflage 50000 + + Diesem Hefte liegt ein Werbeschreiben des Verlags Craz & + Gerlach, Freiberg, bei + + + + +Landesverein Sächsischer Heimatschutz + +Satzung + + +I. Zweck und Organisation + + +§ 1. + +Name, Zweck und Sitz des Vereins. + +Der Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« bezweckt, die sächsische +Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart zu +schützen, Neuentstehendes im Sinne dieser Eigenart zu beeinflussen, +sowie das Bau- und Wohnungswesen zu fördern. + +Sein Arbeitsgebiet umfaßt namentlich: + + ~a~) Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen + Bauweise, Beratung für Bauten und Anlagen aller Art, + Maßnahmen gegen die Verunstaltung von Stadt und Land, sowie + die Erstattung von Gutachten über alle diese Fragen; + + ~b~) Pflege der Volkskunde und Volkskunst; + + ~c~) Schutz der landschaftlichen Natur, der einheimischen Tier- + und Pflanzenwelt, sowie der geologischen Eigentümlichkeiten + des Landes. + +Entsprechend diesen Aufgaben des Vereins bestehen drei Hauptgruppen +unter je einem besonderen Leiter, nämlich: + + Gruppe ~A~: Bauberatungsstelle, + + Gruppe ~B~: Volkskunde und Volkskunst, + + Gruppe ~C~: Naturschutz. + + Außerdem besteht als besondere Abteilung: eine Beratungsstelle + für Bebauungspläne. + +Die Verfassung und Tätigkeit dieser Abteilung, sowie ihre Stellung +im Gesamtverein wird durch eine vom geschäftsführenden Vorstand +aufzustellende Geschäftsordnung geregelt. + +Der Sitz des Vereins ist Dresden. + +Der Verein ist in das Vereinsregister eingetragen. + + +§ 2. + +Die Organe des Vereins sind: + + ~a~) der geschäftsführende Vorstand, + ~b~) der Gesamt-Vorstand, + ~c~) die Hauptversammlung. + + +§ 3. + +Das Geschäftsjahr läuft vom 1. Januar bis mit 31. Dezember. + + +II. Mitgliedschaft. + + +§ 4. + +Der Landesverein setzt sich zusammen aus: + + ~a~) körperschaftlichen Mitgliedern, + ~b~) Einzelmitgliedern, + ~c~) Ehrenmitgliedern. + +Die Höhe der Jahresbeiträge und der sonstigen Aufwendungen, die zur +Erhaltung des Vereins erforderlich sind, bestimmt der geschäftsführende +Vorstand, der auch befugt ist, im Einzelfalle Nachlässe zu gewähren. +Um Irrtümer zu vermeiden, geben wir hierzu folgende Erklärung: Der +Jahresbeitrag ist auf RM. 12.— festgesetzt[9]. + +Der Eintritt erfolgt durch Anmeldung. + + +§ 5. + +Zu Ehrenmitgliedern oder Förderern können auf Vorschlag des +geschäftsführenden Vorstandes durch den Gesamtvorstand Personen +ernannt werden, die sich um die Bestrebungen des Landesvereins in +hervorragender Weise verdient gemacht haben. + + +III. Vorstand + + +§ 6. + +Der Gesamt-Vorstand des Landesvereins besteht aus: + + ~a~) dem Vorsitzenden, + + ~b~) dem 1., 2. und 3. Stellvertreter des Vorsitzenden, + + ~c~) dem Schatzmeister, + + ~d~) den Leitern der drei Hauptgruppen und deren + Stellvertretern (zu vergleichen § 14), + + ~e~) dem Geschäftsführer, sowie + + ~f~) 80 Beisitzern. + +Für die Angelegenheiten der Abteilung für Bebauungspläne tritt deren +Vorsitzender und dessen Stellvertreter hinzu. + +Die Zuziehung noch weiterer Personen mit beratender Stimme bleibt dem +Gesamt-Vorstand überlassen. + +Die Leiter der Hauptgruppen sowie der Abteilungen können gleichzeitig +ein anderes Amt im Gesamt-Vorstande bekleiden. + +Die unter ~a~–~e~ Genannten bilden samt 8 Beisitzern des +Gesamtvorstandes, die der Gesamt-Vorstand wählt, den geschäftsführenden +Vorstand. + + +§ 7. + +Der Gesamt-Vorstand wird auf die Dauer von 5 Jahren von der +Hauptversammlung gewählt. Die Wahlen des Vorsitzenden, des 1., 2. und +3. Stellvertreters des Vorsitzenden, des Schatzmeisters und der Leiter +der drei Hauptgruppen erfolgen in je einem besonderen Wahlgange, die +der übrigen Vorstandsmitglieder mit Ausnahme des Geschäftsführers, +der als Beamter gilt, in einem gemeinsamen Wahlgange. Die Abstimmung +ist schriftlich und geheim, wenn nicht die Mehrheit der Versammlung +die Wahl durch Zuruf genehmigt. Wiederwahl der ausscheidenden +Gesamt-Vorstands-Mitglieder ist zulässig. + +Scheidet ein Gesamt-Vorstands-Mitglied vorzeitig aus, so kann sich +der Gesamt-Vorstand bis zur nächsten Hauptversammlung durch Zuwahl +ergänzen. + +Der Gesamt-Vorstand tritt auf Berufung des Vorsitzenden nach Bedarf +zusammen. + + +§ 8. + +Der Vorsitzende hat den Verein gerichtlich und außergerichtlich zu +vertreten und bildet den Vorstand im Sinne von § 26 des BGB. Im +Behinderungsfalle tritt einer der drei Stellvertreter für ihn ein. + + +§ 9. + +Hauptgruppen und Abteilungen (§ 1) erledigen die in ihr +Tätigkeitsgebiet fallenden Angelegenheiten selbständig unter eigener +Verantwortung ihrer Leiter und Vorsitzenden. Diese können jedoch +solche Angelegenheiten, insbesondere Fragen von grundsätzlicher oder +allgemeiner Bedeutung, jederzeit nach eigenem Ermessen vor den Vorstand +bringen, wie ebenso der geschäftsführende Vorstand aus gleichen Gründen +seine Mitentschließung fordern kann. + + +IV. Hauptversammlung + + +§ 10. + +In der Regel findet aller fünf Jahre die Hauptversammlung statt. + +Die Berufung außerordentlicher Hauptversammlungen beschließt der +Gesamt-Vorstand selbständig oder auf schriftlichen Antrag von +mindestens einem Fünftel der Vereinsmitglieder. + +Zeit, Ort und Tagesordnung einer Hauptversammlung sind spätestens zwei +Wochen vorher durch Veröffentlichung in der »Sächsischen Staatszeitung« +und tunlichst in den Mitteilungen bekanntzugeben. + + +§ 11. + + 1. Dem geschäftsführenden Vorstand liegt ob: + + die + Leitung und Geschäftsführung des Landesvereins; die Kassen- + und Vermögensverwaltung. + + 2. Dem Gesamt-Vorstand liegt ob: + + Die + Entscheidung über wichtige und grundsätzliche Fragen aus + dem Arbeitsgebiet des Landesvereins, soweit sie nicht den + Hauptgruppen oder Abteilungen zuwiesen sind, die Prüfung + und Richtigsprechung des vom geschäftsführenden Vorstand + erstatteten Jahres- und Kassenberichts. + + 3. Die Hauptversammlung der Mitglieder des Landesvereins + (§ 4) wählt den Gesamt-Vorstand, beschließt über + Satzungsänderungen und Auflösung des Vereins (§ 19). + + +§ 12. + +Über die Verhandlungen der Vereinsorgane und die von ihnen gefaßten +Beschlüsse sind Niederschriften aufzunehmen, die von dem Vorsitzenden +und dem Schriftführer nach Vorlesen zu unterzeichnen sind. + + +§ 13. + +Sitzungen können gegebenenfalls auch nach Orten außerhalb Dresdens +einberufen werden. + + +V. Hauptgruppen und besondere Ausschüsse + + +§ 14. + +An der Spitze jeder Hauptgruppe (§ 1) stehen ein Leiter (Vorsitzender) +sowie dessen Stellvertreter. Dem Leiter (Vorsitzenden) steht es zu, +Mitglieder des Landesvereins als Gruppenmitarbeiter hinzuzuziehen. + + +§ 15. + +Für größere und einheitliche Arbeiten können vom Gesamt-Vorstande +besondere Ausschüsse (Arbeitsausschüsse) bestellt und nach Bedarf als +dauernde Einrichtung beibehalten werden. + + +VI. Abstimmungen + + +§ 16. + +Jede vorschriftsmäßig einberufene Hauptversammlung ist beschlußfähig. +Der Gesamt-Vorstand ist beschlußfähig, wenn wenigstens ein Zehntel +der stimmberechtigten Mitglieder anwesend ist, der geschäftsführende +Vorstand bei Anwesenheit von mindestens ein Drittel der Mitglieder. + +Bei allen Abstimmungen entscheidet, soweit nicht die Satzung anders +bestimmt (vgl. § 18) einfache Stimmenmehrheit. Jedes Mitglied +hat – auch im Falle des § 6 Absatz 4 – eine Stimme. Im Falle der +Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Vorsitzenden, bei Wahlen +das Los. + +Abstimmungen des Gesamt-Vorstandes und des geschäftsführenden +Vorstandes können auch auf schriftlichem Wege erfolgen. + + +§ 17. + +Änderungen dieser allgemeinen Satzung, sowie des Vereinszweckes kann +die Hauptversammlung mit einer Mehrheit von drei Viertel der Anwesenden +beschließen. + + +VII. Auflösung des Vereins + + +§ 18. + +Zur Auflösung des Vereins bedarf es des übereinstimmenden und jedesmal +von wenigstens vier Fünftel der erschienenen Mitglieder gefaßten +Beschlusses zweier mindestens vier Wochen auseinanderliegender +Hauptversammlungen. Der Antrag auf Auflösung muß wenigstens drei Monate +vor der Versammlung beim Gesamt-Vorstande schriftlich angebracht und +öffentlich durch die »Sächsische Staatszeitung« bekannt gemacht werden. + + +§ 19. + +Im Falle der Auflösung wird das Vereinsvermögen dem Gesamtministerium +zur freien Verfügung überwiesen. + + +§ 20. + +Die am 1. Juli 1908 errichtete Satzung ist am 15. Mai 1909, 15. Mai +1911, 8. Mai 1912 und am 1. September 1919 abgeändert und am 1. +September 1923 in vorliegender Fassung neu errichtet worden. + + _Dresden_, am 1. September 1925. + + +Fußnote: + + [9] Der Beitrag ist beliebig zahlbar (monatlich, + vierteljährlich, halbjährlich oder fürs ganze Jahr). Das + Vereinsjahr ist das Kalenderjahr. Jeder, der im Laufe + des Jahres eintritt, erhält sämtliche Veröffentlichungen + dieses Jahres kostenlos, hat aber auch den Beitrag für das + Eintrittsjahr voll zu entrichten. Der Austritt aus dem + Verein ist nur zum Schluß des Kalenderjahres schriftlich + zulässig, der Beitrag für das Austrittsjahr ist gleichfalls + voll zu entrichten, sämtliche Veröffentlichungen des + Austrittsjahres erhält das Mitglied kostenlos. Für + Minderbemittelte (Erwerbslose, Kleinrentner, Lehrlinge, + Schüler) kann der Jahresbeitrag auf jährlich zu + wiederholenden schriftlichen Antrag auf 50 Pf. monatlich + herabgesetzt werden. Die Abmeldung hat an den Verein und + nicht an eine Mittelsperson zu erfolgen und ist nur dann + gültig, wenn sie vom Verein schriftlich bestätigt wurde. + + +Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N. + + + + + Weitere Anmerkungen zur Transkription + + + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die + Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76751 *** |
