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diff --git a/76567-0.txt b/76567-0.txt new file mode 100644 index 0000000..fc179d5 --- /dev/null +++ b/76567-0.txt @@ -0,0 +1,10396 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 *** + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + +Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend +übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. +Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; Textpassagen, die im +Original in Antiqua gedruckt sind, wurden hier _so_ markiert. Gesperrt +gedruckter Text ist =so= markiert. Die Überschriften und Buchtitel +in den Verlagsanzeigen, die in der Vorlage in vergrößerter Schrift +dargestellt sind, sind +so+ markiert. + +Am Ende des Textes befindet sich eine Liste korrigierter Druckfehler. + + + + +[Illustration: Signet des S. Fischer Verlags] + + + + + Die Masken Erwin Reiners + + Roman + von + Jakob Wassermann + + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1910 + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + + +Virginia + + +Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. Der Arzt, von dessen +Spruch Manfred Dalcroze alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei +Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte Lunge wieder +herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; dennoch war ihm zumute, +wie einen Sommer vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens +die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen sah. + +Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den Professor Ernst +Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an sein Versprechen, daß er +sich, falls die Dinge den gefürchteten Verlauf nehmen würden, an den +Professor Uchatius wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen +Tiefseeexpedition betraut war. + +»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den Hafen von +Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst mich dem Professor +Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen und ihm sagen, daß ich trotz +meiner dreiundzwanzig Jahre schon manches Ersprießliche im Fach +der Mikrobiologie geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter +aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im Kreis einer +zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich zwei Jahre lang auf +Vergnügungsdampfern und unter gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; +das würde mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der ›Phönix‹ +bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre weg, was ja ungefähr mit +der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen würde, die ich befolgen muß.« + +Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm seines Bruders: +»Uchatius stimmt zu. Sei am fünften November in Berlin.« + +Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber nichts von Eile +war in seinem Wesen, als er sich gleich danach auf den Weg in die +Josefstadt begab. Sich zu hasten, lag nicht in seiner Konstitution. +Langaufgeschossene Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum +Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte Zartheit. +Wären einige seiner Bewegungen nicht so schüchtern gewesen, so hätte +man sagen können, er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute +besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit, +wie sie in den Augen dieses hübschen jungen Mannes wohnte, dessen +Erscheinung Neugier und Teilnahme hervorrief. + +Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. Der Herbst ist +für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. Manfred war voll von +Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen des Lebens hatte schon etwas +Gespensterhaftes für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem +Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche +Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg zu Virginia war ihm die +Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, die er brachte, seinen Schritt +beschwerte. + +In einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; dunkler Flur, +menschenleerer Hof und ein zweiter Bogen wie ein Schattenspiel; dann +kletterte die weiße Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen +aus, seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der Menschen +betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem Opernglas auf die Bühne +blickt. + +Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn ein Gefühl der +Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und Schmerz einten sich in seinem +Innern, und es war ihm deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er +für dieses Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in sich +aufgenommen hatte. + +Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen Satz war das +Betrübende gestanden. + +Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. Virginia legte die +Hände auf seine Schultern und sah ihn schweigend an. Sein ernster Blick +ließ sie trauriger werden. Sie setzte sich an den Tisch und stützte den +Kopf in die Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein Abglanz +von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es kupfrig erschimmern. + +Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, das Zimmer +mit den Tüllgardinen, dem riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, +dem Sofa aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen +Alabastersäulchen! + +Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das kennen zu +lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er las ihr vor. Diese +Aufzeichnungen formten das sympathische Bild eines um Klarheit und +Sachlichkeit redlich bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der +Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, gewannen +kraft einer natürlichen Bescheidenheit keinen Raum. Das eingestandene +Gefühl, unzulänglich zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und +zu verworren; die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft +verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, jeder sich einsam weiß, +wo alles ruhelos, bestürzt und blind von Saal zu Saal aneinander +vorübereilt und niemand den Namen des Gastgebers kennt. + +Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen Mannes vom Anfang des +Jahrhunderts. Er glaubt sich in umfriedetem Bund und ist verloren wie +in der Wüste; ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und er +findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch keiner spricht; +wer ruht, hat schon verzichtet, und der Tanzende scheint im nächsten +Augenblick zu sterben. + +Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund zu besitzen. Als +der Name Erwin Reiners zum erstenmal in dem Tagebuch auftauchte, +verwandelte sich der Ton der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin +hat mich vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, »er hat +mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke ich den Glauben an die +Schönheit des Lebens, denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich +täglich wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem Tag.« + +Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia geschildert +war, schüttelte das Mädchen lachend den Kopf und sagte, das möge sie +nicht hören. »Wenn wir mal alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das +vorlesen.« + +So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während es zu dämmern +begann, irrten Manfreds Augen zerstreut über die engbeschriebenen +Seiten, auf welchen jene natürlichen Erlebnisse wie Mirakel behandelt +wurden. + +»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, und ich beachte +nicht die Menschen, die mir begegnen. Aber gestern hab ich ein Mädchen +gesehen ... eine Sekunde lang standen wir voreinander, unsere Blicke +trafen sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die +Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte um und folgte +ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas edel Schleichendes, so daß ich +mich ganz einfältig fragte, ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich +sah beständig den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen +Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben sich die fernen +bläulichen Hügel, die den Prospekt der Straßenzeile bildeten. Ich +versuchte auf dieselben Pflastersteine zu treten, die ihr Fuß berührt +hatte, mir war, als ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und +rechts in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, ich fühlte +mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, wo ich sie aus dem Auge +verlieren mußte, und als sie endlich draußen in einem Vorstadthaus +verschwand, blieb ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am Tor +dieses Hauses stehen.« + +Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in seinen Empfindungen +Stetigkeit und Mark. Halbe Tage hindurch promenierte er vor dem +Hause in der Piaristengasse mit einem geregelten Eifer, der die +Aufmerksamkeit der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte. +Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus dem Tor; wie +einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen anschickt, schritt er +vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte seinen Namen, entschuldigte +seine Kühnheit mit allen Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von +Eindruck, von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales und +nichtswürdiges Zeug. + +Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte beklommen, daß +dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand zugehörende Mädchen etwas +vom Adel einer Fürstin an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, +ihre Haltung, die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, Stolz +oder Verwunderung auszudrücken, eine nicht gewöhnliche Charakterstärke. + +Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde leicht den Ton +verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch ohne dieses Fehlgreifen, das +Manfred mißfiel, weil er wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die +beiden schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden. +Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings mit einem Enthusiasmus, +der Virginia nervös machte. Die alte Dame war über seine anständigen +Absichten sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen ein, +erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte Gelehrtenfamilie waren, und +hätte über Virginias Zukunft keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um +zehn Jahre älter gewesen wäre. + +Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen gewonnen hatte, +war ihr Herz zu lieben bereit. Aber ein vorsichtigeres Herz als das +ihre ließ sich nicht denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks +ein Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen +Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft dieser Stadt, in der sie +aufgewachsen war, der Luft der Sinnlichkeit und des unbedenklichen +Genießens, vor deren Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht +immer froh empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus den +strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen über Sitte und +Tugend, die mit erlesener Schönheit zuweilen im Bunde sind, als ob es +in den Absichten der Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk +nicht ohne Wehr und Waffe auszuliefern. + +Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer deutbare Lächeln +geschwunden war, durch welches sie ihrer tiefen Zurückhaltung den Glanz +von Liebenswürdigkeit gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, +der Blick zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage und +Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu offenbaren, erst dann +hatte Manfred gesiegt. Im Mai, während eines Spaziergangs im Walde, +entriß er ihr ein Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor +der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie ähnlichen +Gefühlen nicht mehr preiszugeben. + +Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen zu halten. Sie +einmal so völlig außer sich gesehen zu haben, so im Sturm, in der +kurzen Raserei, die aus ihr hervorgebrochen war wie ein Element, unter +der sie litt wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war +wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war Stoff für dauernde +Träume und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit. Und dieses wieder +dankte ihm Virginia in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, +nichts Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; nichts +von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder apart verwendet, +zum Kriegs- und Eroberungsarsenal der Mädchen gegen ihre Anbeter +gehören. An ihr war alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von +sanfter Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut +des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich selbst und +überlegte Rücksicht gegen den Geliebten. + +Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte den Charakter +von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie spottete gern und besaß ein +Talent zur Nachahmung, das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre +Mutter hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden zu +lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe Meinung vom Beruf einer +Komödiantin. Frau Geßner bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein +mit den Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von einem +Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur ein kärgliches Auskommen +sicherte, hart an der Grenze der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals +an eine Versorgung durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene +Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen, +bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden zu nehmen; aber es +war ein ziemlich hilfloses Treiben, und es machte ihr Kummer, daß +sie ein ersprießliches Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem +hohen Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl sie +ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren Stolz, als sie +ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen Menschen insgeheim ein +orientalisches Frauenideal von Trägheit und Sichtragenlassen hegte. + +Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, der sie in einer +häßlich aufgeregten Welt als ruhend träumte. Es war eine Schönheit, +deren Vollendung dem flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der +Tat konnte Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder +ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. Ihre Schönheit +bedurfte gleich den echten Dichtungen des Studiums und der Vertiefung, +um gewürdigt zu werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers +triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien +entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung; ihre Haltung erinnerte an +die selbstverständliche Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit +einer großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig und +kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches Papier, leuchtend, aber +nicht feucht; ihre Lippen hatten die Frische und Narbenlosigkeit wie +bei dreijährigen Kindern; die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll +gebogen, seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war ein +wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm köstlich ruhevoll +auf der perlmutterschimmernden Wölbung, und dieses Schauspiel des +Lebens unter einer Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu +schlummern schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende +Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine bezaubernde Wahrheit +und Gegenwärtigkeit. + +Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es kam ihr wie +ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien Anschluß, Freundschaft, +Entgegenwirkung. Doch Manfred errichtete Altäre, und der Überschwang +des Glücks lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht +vertrauensvoll zu seinem Genius. + +So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene und gütige, +dem Weltlärm entrückte Gestalten, von denen zu beklagen ist, daß sie +der Schicksalswind auseinanderreißen und in verwunschene Bezirke des +Lebens wirbeln wird. + + + + +Eine Vision + + +Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten +Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste +Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener +Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren, +nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine +reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und +verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte +Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer +Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich +für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine +eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem +vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie +geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren. + +Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren, +um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee +schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia +folgenden Brief: + +»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen +müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit +ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, +als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre +dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein, +fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich +nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst. +Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, +jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines +Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob +du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du +es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was +mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem +Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle +Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und +die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick +muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß +es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich +von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, +Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist +schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir +zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des +Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen +heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil +sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann +geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei +Stunden ein Tod. + +Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe +geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf +will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein +wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt +und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen +war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, +hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, +bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über +meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht +wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift +alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um +dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch +einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der +Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen, +die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen, +nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher +Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, +einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken. + +Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese +egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor +Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung +deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der +Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus +Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen, +wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit +dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und +äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst +den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem +Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines +Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt, +den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu +haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis +getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann +nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei +dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von +schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia, +laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege +nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust. + +Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir +war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte, +viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es +mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er +zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das +unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht. + +Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über +dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines +Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, +Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten, +als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche +Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf +sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel +gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, +daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel +zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle, +die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der +Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und +Erwin Freundschaft entsteht. + +Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun +gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den +winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene +Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen +halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist +erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!« + + * * * * * + +Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein +versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem +Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, +fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand +er Virginia nicht zu Hause. + +Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte +sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so +ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen +Gesellschaft.« + +Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen +vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er +hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas +Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie +den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie +in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen +Unmittelbarkeit beraubt. + +»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer +Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange +Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie +zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich +nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast +schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!« + +Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte +ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte +sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte +erklingen würden. + +»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau +Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe +steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird +noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung +haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab’ einen festen Verlaß +auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die +Sache ist nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen +die Wahrheit erfahren.« + +Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte +ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau. + +»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer +Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente +ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die +Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann +gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war +ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt +und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre +alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus +in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag +sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht +leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam +und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher +sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du +dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war +ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen +aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine +bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin +von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte. +Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, +derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht, +und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern +verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal +war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben +leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab’ +ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen. + +Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im +zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge, +lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und +eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist +verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ ich, +›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was, +Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab’ zwei Karten, und +den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert +für dergleichen‹, sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht +mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir +schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber +schließlich, weil’s nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau +›von‹ war, gibt er seinen Segen. + +Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und +Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine +Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir +immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und +war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch war oder +elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb +war, und das eben war’s, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt +miteinander, und dann wollt’ er mein Gesicht sehen, und dann hat er +mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren +wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem +hab’ ich ihn nie wieder gesehen.« + +Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde +aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des +Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt. + +»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß +nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen, +und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles +wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.« + +In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff +Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute +ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens +großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie, +nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?« + +Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man +würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände, +die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen, +doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.« + +»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und +Ihnen.« + +»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie +sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred. + +»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe. +Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war, +bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich +dann bald hernach begraben.« + +Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher +Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten +verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen +wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war +selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden +Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall +eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den +Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende +Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der +Moral. + +In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte +das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den +Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre +Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches +Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren, +daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm +zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich +wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen +schien, was sie einander verschwiegen. + +Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds +Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt +werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich +beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? +Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?« + +Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich +wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr +so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als +sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber +Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß +sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der +Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein, +»wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten +Erwin Reiner.« + +»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht, +wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte +er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, +berühmt zu werden.« + +»Um so schlimmer.« + +»Wieso?« + +»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über +die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt +schlecht in unsere vier Wände.« + +Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde +es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse +litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die +Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht +und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr; +ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu +sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik. + +Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa +Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn +hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag +besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn +Uhr hier sein.« + +Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche +Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte +sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte +ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich +hatte er ein seltsames Gesicht. + +Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern, +wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre +Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den +Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen +gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das +er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren +mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des +Hauptes angepreßt. + +So kauerte sie. + +Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte +Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich +auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred +schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine +gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht +im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu +wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit +dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um +desto zweifelloser geworden. + + + + +Abschied + + +Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend +Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf +dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit +Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem +solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation +im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger +genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als +etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung, +Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und +befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und +stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die +seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder +ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten +Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen +Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen +Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der +Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht +nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und +Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben. +Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend +Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen +Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie. + +Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch +Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch +niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen +Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, +hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables +Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im +Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend +von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden +Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den +Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das +Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte +ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an +allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte, +und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt. + +Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe +des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung +des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein +Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten +unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er +mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch +seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen +durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer +mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben +alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle. +Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene +zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden +zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine +Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen, +die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten +waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er +sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur +klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller +und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die +mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine +Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er; +er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, +und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur +wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen +erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine +außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit. + +Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische +und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte +er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische +in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der +Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er +verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den +Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war +ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen +möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von +Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation +den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren +seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen +zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt +ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten +Programme war. + +Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie +ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von +hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten +den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab +wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte +genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, +Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein +Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes, +gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische +Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für +den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische +Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer +tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer +profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred +unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen +Umgangsformen des Freundes. + +Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner +junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo +unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit +die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater +die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch +unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man +dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen, +es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob +das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist +umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor +den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen +bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen +auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller, +verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und +schaue! + +Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm +eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß +ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir +vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine +flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle +Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist +sein abgemessener Wille. + +Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten +Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde +Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als +Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie +jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie +um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo +warst du?« fragte er. + +»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend +nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische +Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten. +Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander +den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein, +wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich +fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen, +zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden +Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises +klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte +wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit +mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, +das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den +Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen +muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der +eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch +bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man +sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee +kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute +sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte, +das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir +aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen, +das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.« + +Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der +Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese +flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem +festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und +sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig +blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen +und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem +Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze +Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes. + +»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her. +Wichtel! Einen Teller und Besteck!« + +Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort: +»Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur +mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber +verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich +bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein +Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich, +ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie +Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer +können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja +auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben, +was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen +Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft +erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt, +wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen, +gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine +Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser +wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich +wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus +der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das +ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist +offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei +Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen +und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei. +Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und +dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war +enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.« + +»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz. + +Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er. + +»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd. +»Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte, +um dich zu verstricken.« + +»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das +Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber +lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine +Leichenrede. Wann reisest du?« + +»Übermorgen.« + +»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?« + +»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred +unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu +Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.« + +Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich +so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«, +sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen +Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.« + +»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst. +»Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu +sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie +zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt +kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt +zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit, +nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und +ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, +wenn ich dich nicht wüßte.« + +»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte +Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von +dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir +mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer +Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh. +»Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein +Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.« + +»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich brauche ja nur die +Sicherheit, daß du im Notfall für sie da bist. Du schreibst mir +gelegentlich über ihre Gesundheit, ihre Stimmung, darüber, wie sie +aussieht, was sie spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir +Geschicklichkeit genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene +störrisch zu machen.« + +Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr Manfred fort, +indem er einen handgroßen Karton aus der Brusttasche zog und ihn +Erwin reichte, »sie hat endlich meinen Wunsch erfüllt und sich +photographieren lassen.« + +Erwin nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann nahm er es abermals, +hielt es in Armlänge vor die Augen, und seine Brauen rundeten sich. + +»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit naiver Eitelkeit. + +»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, ganz prächtig. Ich +dachte immer, du übertreibst, und habe insgeheim deine Schilderungen +belächelt. Aber das scheint ja eine vollendete Schönheit zu sein.« + +»Und noch mehr.« + +»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin selten. Darin ist +alles beschlossen.« + +»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich sagen: eine vollendete +Tugend. Aber heutzutage macht sich das schlecht.« + +»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein odioser Begriff.« + +»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld leugnest.« + +»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, von jemand zu +sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin stolz. Manfred senkte die +Stirn. »Wozu einen Titel? Besitze, Freund, genieße und laß den +Kommentar. Worte zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie +Polykrates, denn du bist beneidenswert.« + +Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name Ottokar Graf Palester +stand. Erwin lächelte. »Der gute Graf ist immer Mitternachtsgast. +Bringen Sie kalten Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener, +»der Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.« + +Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann von +vornehmer Haltung und schweigsamem Gehaben. Er hatte ein blasses +Gesicht, einen rötlichen Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und +traurige Augen, die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner +schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel gebogen, als ob +sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet die Sauberkeit und Sorgfalt +eines Menschen, dem alles daran liegt, seine Armut vor der Welt zu +verbergen. Er war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte +dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen und lebte mit +einem weiblichen Wesen geheimnisvoll zurückgezogen in der Vorstadt. Er +besuchte seine wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich +so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis. + +Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen gelernt. Er hatte +schon damals erfahren, daß der Graf im Besitz der sogenannten +Froweinschen Miniaturen war, die nach einem Sammler oder Mäzen des +achtzehnten Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei +Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen +Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord Pembroke in Schottland, +das dritte war zur Zeit der österreichischen Herrschaft in Toskana +durch einen Vorfahr des Grafen, die Palester waren italienischen +Ursprungs, aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht +immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen Malereien, die nach +Erwins Meinung einen außerordentlichen Wert hatten, als abergläubisch +behütetes Erbstück von Generation zu Generation. Man wähnte, daß der +Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm einst noch ein +neuer Glanz beschieden sein werde, solange dieser Schatz Familiengut +blieb. Graf Ottokar war nicht mehr in der Lage, das Archiv eines +Ahnenschlosses damit zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als +Fabel hinnahm, so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht +mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der durch eine +philosophische Lebensführung gehärtet wurde. Vor Wochen hatte er das +Buch mitgebracht, um es Erwin zu zeigen, und schon eine flüchtige +Prüfung hatte diesen belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die +drei in Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes gewesen, +aber Erwin, der das römische kannte, stellte entzückt das Palestersche +höher, und seine Begierde nach dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie +der Widerstand, den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch +mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar voll Nachsicht und +versprach mit reizender Ironie, er werde ihm den Frowein hinterlassen, +wenn er ohne Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir zu +lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich will erobern.« + +Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und während der Graf +sich an den Tisch setzte und aß, wie man im Wirtshaus eine bestellte +Mahlzeit zu sich nimmt, schlich Erwin vorsichtig und lüstern um das +Thema. + +»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred. + +»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach und primitiv +gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz ohne gleichen ist.« + +»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem begreif’ ich dein +heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist voll von schönen Werken der +Kunst, bekannten und unbekannten; warum soll tyrannische Habsucht den +Geist in Fesseln binden und den Genuß beschränken?« + +Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg jedoch, um Erwin +nicht in seiner Entgegnung zu stören. Erwin legte die Hände flach +zusammen und sagte mit einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die +Welt ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die Wahllosen und +klein für die Wählenden, groß für die Augen und klein für die Hand. +Ich bin kein Augenmensch. Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den +Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, zu zerstören.« + +»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das Chaos anfängt«, +bemerkte Graf Ottokar trocken. + +Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der Graf erhob, um +sich zu verabschieden. Manfred, der müde war, folgte seinem Beispiel, +nachdem er mit Erwin die Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen +abholen wollte. + +Als er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, schneite es. »Ich +gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl von Erwin weg,« gestand Manfred, +»er hat die Gabe, mich ehrgeizig zu machen.« + +»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter Mensch«, erwiderte +Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er allein +ist, ganz allein. Er gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht +vorstellen kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen Stadt, in +einem großen Haus und darin in einem großen Zimmer ... mir ist, als ob +er ein anderer wäre.« + +Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die Züge des Grafen +hatten einen ernsten, beinahe düsteren Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich +nämlich, im Gegensatz zu Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu +viel, und was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre hat +mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des Ozeans geruht; nun ist +mir alles vermauert, Leben und Menschen. Ich komme mir vor wie ein +Zwangsarbeiter in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?« + +»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, Polynesien.« + +»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der Graf sinnend. »Und das +alles ist vorhanden. Jetzt, indem wir sprechen, rauschen dort die +Palmen. Nichts ist aufwühlender als das Gefühl der Gleichzeitigkeit. +Sie werden nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und die +Maschine wird pochen wie ein Herz.« + +»Ich würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es Manfred. + +»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um so mehr wird Sie +die Reise verwandeln. Wir verwandeln uns nicht, wenn die Erlebnisse +mit unseren Wünschen übereinstimmen. Schreiben Sie mir einmal von dort +drüben, vom andern Ende der Welt.« + +»Mit Vergnügen.« + +»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich werde bei Nacht +schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, und so ist es auch gemeint. +Leben Sie wohl, Sie müssen einsteigen, ich gehe zu Fuß.« + +»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt. + +»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage nicht den Lärm +dieser Vehikel. Leben Sie wohl.« + +Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger Teilnahme nach. + +Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin in dessen +Elektromobil zu Virginia. + +Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein paar Sekunden lang +steif wie eine Latte. Manfred konnte durchaus nicht erraten, was in ihm +vorging. Er selbst gab sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch, +Erwin und Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn +verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke von beiden. + +Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz verwandt, auch +der Unruhe des Künstlers über die Wirkung seines Werkes; er suchte aus +Erwins Miene zu lesen, ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt, +unbefriedigt geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits +blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend ins Gesicht. Nie +zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; das Phlegma, das die +Schönheit verleiht und das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll +wird, gab ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald an +Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa wie man zwei +seltene Leckerbissen zusammen in den Mund schiebt. + +Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins Betragen zufrieden +sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel ihr, die Knappheit seiner +Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken Spielraum, seine Zurückhaltung war +bedeutsamer als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit an, daß +ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen waren. Sie hatte +seine Kritik ein wenig gefürchtet, seine unbedingte Billigung, die sie +spürte, hob ihre Sicherheit. Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges, +auch nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach +bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, Manfred anerkennend +zuzunicken, als sie sich von Erwin unbeobachtet wußte. + +Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen hingegangen +war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen +die Rolle, die mir Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein +Kopfzerbrechen verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel +schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. Betrachten Sie mich als +einen, der zur Verfügung steht. Vergessen Sie die Person und denken Sie +nur an das Amt.« + +Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. »Ich kann nicht +kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden mich auch viel zu eigensinnig +finden, wenn Sie kommandieren müßten. Es wird hoffentlich nichts +dergleichen nötig sein.« + +Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. Auf der letzten +Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem er Manfred durchdringend +anschaute: »Hör’ mal, es ist doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen, +diese ... Dame, diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe +stammt, wie du sie mir geschildert hast –?« + +Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor Freude lächelnd, +erwiderte unbedacht: »Wie scharf und wahr du siehst!« Sogleich +merkte er, daß er zuviel gesagt; er wollte seine Worte zurücknehmen, +verstrickte sich noch mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene +ärgerte, glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, wenn +er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in Kürze berichtete. + +»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, »solche Früchte +reifen nicht auf dem dürren Baum des bürgerlichen Behagens. Amüsant +wäre es, von diesem Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen +Männer zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle +tausendjähriger Heuchelei.« + +»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred hastig. + +Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das Grab«, antwortete +er, als könne eine solche Aufforderung nur scherzhaft genommen werden. +Sie drückten einander die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück. + +Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia langsam ihre +Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der eigene Schmerz. Ihm war, +als ob er sterben müsse, um erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder +von neuem beginnen zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der +Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett begeben. Ihr +Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, auf welchem eine Teekanne, +drei Tassen und eine mit Äpfeln gefüllte Schale standen. + +Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte Worte; wenn sie +schwiegen, empfanden sie die Schauer als gefährlich, die über ihre +Haut rannen. Manfreds Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen +wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in die Winkel; +spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an den Kleidern trug er eine +Last wie ein Badender, dem eine Fessel nicht zu schwimmen erlaubt. +Virginia schien gefaßt, ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie +gegen die bedrohliche Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und +wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie stolz sie +ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar und wie +schön! + +Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. Und er ging, +bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt. + +Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte er ihr einen +Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es war das erste Geschenk, das +sie annahm. Er war fertig, alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon +auf dem Bahnhof, und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner +herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin. + +Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war bald verstrichen. +Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie Porzellan, und als sie an +seiner Brust lag, schluchzte sie wie ein Kind. Manfred preßte sie an +sich, bog mit der Linken ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und +dann empor. Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch. + +Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. Rücksichtsvoll hatte +er die letzte Minute gewählt. Als er Virginia so hingeschmiegt +erblickte, war in der Linie ihres Körpers ein Etwas, das ihn stutzig +machte. Er sah zu Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen. +Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. Sein edles +Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, lächelnd und sich +verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der Halle. + + + + +Vorspiele + + +Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia: »Darf ich Ihnen +zur Heimfahrt meinen Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?« + +Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet; +gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg sie ein, nur in dem +Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu sammeln. Erwin erriet ihren +Zustand; er war bereit, sich zu entfernen. Da wurde sie sich ihrer +Unüberlegtheit bewußt, die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht, +so, wie ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in der +Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen zu sollen, war ihr +höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken, das konnte sie nicht +über sich bringen, es erschien ihr unfreundlich und undankbar, und +sie bestand darauf, daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn +ich nichts rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam +eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar sein +kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke. + +Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen fast mit Genuß, +daß ihr das Schweigen peinlich war. Er liebte es, von der Seite her +die Augen einer Frau zu betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das +Hinausstrahlende des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks +liebte er vielleicht. + +Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr helfend die Hand. +Er hatte eine ritterliche Art zu warten, sich zu verbeugen, zu grüßen. +»Auf Wiedersehen«, sagte Virginia hastig. + +Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor, und ihr war, als +käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie fiel der Mutter um den Hals +und weinte sich satt. + +Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr. Man saß da und wartete +auf den Briefträger. Der Briefträger war nicht so faul, er brachte +an jedem Morgen eine Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung +schrieb er ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches +Adieu, kam schon vom Bord des »Phönix«. + +Auch Erwin hatte einen Brief erhalten. Er hatte die Absicht, es +Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit? Sie +war überflüssig. Es lockte ihn nichts dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein +Tag war angefüllt wie ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er +war zu Fuß gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts +rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch wieder zurück. +Vor der weißen Wendelstiege zögerte er abermals. Da erinnerte er sich +der hingeschmiegten Bewegung ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust +gelegen, jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies +entschied. + +Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald vom Gespräch +zurückziehen. Erwin durchschaute die Absicht und suchte etwas, um sie +zu fesseln. Er brachte die Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre +Skizzen zu sehen. Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen +herbei. Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen, in denen +er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige Aufmerksamkeit. + +Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik, die von +gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die Oberflächlichkeit und +mangelnde Kraft des Schauens. »Ja, das weiß ich,« stimmte Virginia bei, +»deswegen bin ich auch so lustlos.« + +Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei. +Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es fehlt Ihnen das +systematische Studium der Natur und die Kenntnis der großen modernen +Meister«, sagte er. »Wer gibt Ihnen Unterricht?« + +»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia, »der Mann ist ein +Anstreicher, weiter nichts.« + +Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte; er rühmte einen +der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei eine staatliche Anstalt, +die Kosten wären infolgedessen gering, und er machte sich erbötig, ihre +Aufnahme durchzusetzen. + +Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit andern zusammen +zu arbeiten«, wandte sie ein. + +»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit nicht gestört +werden.« + +Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht. »Um Gotteswillen spotten Sie +nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod nicht leiden. Das macht +mich ganz krank.« + +Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als Mangel an Ernst +deuten, und willigte ein. Sehr bald fand sie sich belohnt. Der neue +Lehrer nahm es genau und nahm es tief. Er verlieh den Gegenständen +Seele, indem er den Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach, +was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn man sie von +innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten mußte. Sie bekam einen +gewaltigen Begriff von dem vorher so unbestimmten Wesen und sah auch +ein bescheidenes Ziel für sich selbst. + +Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art. Es war etwas Genaues +an ihr, kein nebelhaftes Wort kam von ihren Lippen. Sie lernte +Verhältnisse kennen, Charaktere abschätzen, Gesichter beurteilen und +hatte minder häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu +denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene Wirkung auf die +Menschen. + +Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern der +Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal, in den +Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden, und seine Gesellschaft +war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch war belebend, die eigenartige +Eleganz seiner Kleidung und seines Auftretens empfand sie als etwas +Auszeichnendes und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien +ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er, »Technik haben heißt +weiter nichts als Mut haben.« Er wollte mit ihr in eine Galerie gehen +und schlug ihr das Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und +eines Vormittags holte er sie ab. + +Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit dem jungen Mann +stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft. Erwin spürte es und bemerkte, +die kleinbürgerlichen Beengungen harmonierten schlecht zu ihrem Wesen, +sie möge sie doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen. + +Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte er Dinge zu sagen, +die Virginia niemals gehört hatte. Er schuf ihr das Bild; er gab der +Gestalt Leben, der Idee Bedeutung. Zugleich war es, als enthülle er +sein Herz, das in einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo +man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden heilt, die eine +grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte zwangen sie zur Ehrfurcht, +und sie mußte sich sagen, daß sie um so tiefer unter ihm stand, wenn +sie sich nicht neigte vor solcher Größe des Gefühls. + +Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie sich durch die +Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf- und Abgehen, in den Laden +kramen, Vorsichhinreden und Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst +gewesen, heute klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner +setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage später erschien +Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia wollte gerade zur Schule. Sie +war verspätet und deshalb in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit +ihm zur Eröffnung einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde +interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den interessanten +Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. – »Das ist schade«, erwiderte +Erwin tadelnd. – »Schon deswegen, weil ich keine Toilette für sie +habe«, fügte Virginia lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird +genügen, alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin +trocken. + +»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«, mischte sich Frau +Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie sich an das zögernde Mädchen, +»dein blaues Sammetkleid ist ja sehr hübsch.« + +»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia und ging in ihre +Kammer. + +Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor, und einige Frauen +und Kinder sahen mit neidischen Augen den beiden zu, als sie einstiegen. + +Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier, ja merkbare +Bewunderung, als sie an Erwins Seite durch die Räume schritt. Erwin +ergriff die Gelegenheit, das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu +machen, vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen Frau +von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie zog Virginia sogleich +in ihren Kreis, und alsbald schwirrte es um sie von neuen Namen und +ungewohnten Schmeicheleien. Eine nicht mehr ganz junge Person fiel +ihr auf, die ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer +Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel, und nach kurzem +Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich ohne Wunsch noch Lust, das +Versprechen, sie zu besuchen; als die Baronin Resowsky ein gleiches von +ihr forderte, war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung +auszuweichen. + +Um Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge Männer und +erkundigten sich, wer die Novize sei. Es amüsierte ihn, geheimnisvoll +zu bleiben, und er beobachtete ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren +Unruhe sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen +Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren Gewänder +der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens, das Erwin Reiner genoß, um +dessen Wort und Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen +vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur wie eine Gnade +walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren eigenen Augen und Gedanken, +und was galt es viel, sich stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich +gewiß weit über ihr stehend dünkten? + +Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen über ihre +Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden Nachmittag kam. Aber er +bemühte sich, den Nimbus zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben +hatte. + +»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom Gezwitscher auf den +Geist?« fragte er. + +Sie verstand nicht ganz. + +»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«, fuhr er mit +gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz, aus Eitelkeit, aus +Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder aus Verzweiflung. Und wollen Sie +wissen, womit man sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der +Seele. Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind, um den +Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr Opfer in Stücken, sie +plündern seine Brust und entleeren sein Gehirn.« + +Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als durch die Worte. +»Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt sie ihm mit aufblitzenden +Augen entgegen. + +Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der blakenden Lampe +herabzuschrauben. Frau Geßner befand sich in der Küche, er war mit +Virginia allein im Zimmer. + +Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt, aber +fremd und entsagend. Das etwa war in seinen Mienen zu lesen. »Meine +Gärten sind verdorrt,« murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener +Stimme fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen, das +ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch Sehnsucht gläubig +war. Jede dieser jungen Frauen war mir eine Göttin; von jeder habe ich +Wunder und Offenbarung erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich +habe mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben. Ich habe oben +und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten Gruft gewühlt, die +man die Gesellschaft nennt, ich kenne sie alle, die Aristokratin, die +Bürgerin, die Abenteuerin, die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was +war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die Schalen von einer +Zwiebel.« + +Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia vorüber, ziellos, +doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch ganz Europa und durch den +halben Orient gezogen,« begann er wieder, gleichsam unwillig und +von der Erinnerung verstört, »ich war in allen Salons von Paris, +Petersburg, London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach einem +Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren geführt, aber ich +bin im Norden so kalt geblieben wie im Süden. Hätte mich irgendwo und +wann eine göttliche Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre +als Preis bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie, ich +hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später dann, wenn der +Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das Glück fordert eine Seele ganz. +Es flieht, wo sie sich in kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,« +– Virginia zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung +ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche Elend, das ich +Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer Generation. Wir jungen +Männer allesamt gleichen dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen, +sein eigenes Kind verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres +eigenen Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer Freiheit. +Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn es ist eine Welt, wo +der Beste sein Herz und der Schlechte das des andern zerfetzt, wo der +Starke zu den Schwachen Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo +die Gesetze Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.« + +Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises, und seine +funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den blassen Lidern. Virginia +nagte sinnend an ihrer Lippe. Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht +gedacht, daß Sie Ihr Leben so beurteilen.« + +»Und warum?« + +»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so viele Freunde +haben.« + +»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was meinen Sie damit?« + +»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.« + +»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden sprechen. Manfred ist +mein Freund.« + +Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die Unterscheidung nicht. + +»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer, Mitspieler, +Spielverderber«, sagte er fast ungestüm. »Freunde und ein Freund, das +ist wie: Götter und Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich +etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein schönstes +Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige Tüchtigkeit strömte. +Er hat die Flamme auf mich übertragen, die ich in ihm angefacht, und so +sind wir Brüder geworden, zwei Söhne einer Flamme.« + +Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als es in ihr die +Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit Erwins und Manfreds +befestigte. Sie hatte es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr, +als ob Manfred dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie +blickte Erwin dankbar an. + +»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll ich’s nicht +gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht gern auf den +ungeteilten Besitz eines Menschen, der das Lebensgefühl erhöht und dem +man in starken und schwachen Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert +hat. Oft hab’ ich seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich +konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten wurde, war +mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant. + +Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand Virginia auf. Sie +antwortete nichts. + +Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie geistesabwesend +auf ihren nackten Hals, auf die zuckende Ader unter der Kehle und +die bebende Sehne, die sich vom Ohr herab gegen die Schulter stemmte +wie eine Säule aus Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie +abermals darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem fast +naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum dritten Male rot, +nahm ein schwarzes Seidentuch vom Haken und warf es um den Hals, mit +einer Bewegung als friere sie. + +Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause kam, sagte sie: »Es +riecht ja nach Zigarettenrauch hier. Hast du Besuch gehabt, Mutter?« + +»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau Geßner ein bißchen +verlegen. + +»Bei dir? was hat er denn gewollt?« + +»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist denn das sonderbar?« + +»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«, scherzte +Virginia. + +»Ja, mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich, und um ihre +außerordentlich feine kleine Nase legte sich ein schnippischer Zug, +was Virginia lächelnd bemerkte. Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner +das Bedürfnis haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine +Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte vor, +ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund. Wenn sie eine +solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß sie die Unterhaltung, die +sie ihrerseits ihm gewährte, höher einschätzte als die der Mutter. +Sie fürchtete eitel zu erscheinen, und im weiteren Verlauf dieser +Überlegungen kam sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche +beschränken möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen zu geben, +ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne ihn gröblich zu beleidigen, +durfte er doch erwarten, daß er ihr mit seinem reichen und belebenden +Gespräch Freude bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer +vieler Stunden. + +Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend, daß er einige +Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten Abendspaziergang rüstete, +mit ihr zusammen aufbrach, um nicht mit Virginia allein in der Wohnung +zu bleiben. Wenn er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und +erinnerte sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er erzählt, +an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine wunderbare Kunst +darin, Begebenheiten und Menschen plastisch darzustellen, ohne sich im +geringsten gegen die Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und +Seefahrten und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern und die +kleinen Intrigen der großen Welt und die großen Ränke kleiner Herren, +da lebte alles vom Unbedeutenden bis zum feierlich Historischen, und +alles hatte sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen. + +Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte, riet ihm Virginia, +er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft, er kenne die Frauen zu gut. +Man gibt den Reichtum der Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung +so gründlich sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst +in den Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl +schleuderte. + +Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das seinem Liebsten +keine Gunst verweigert, das in einer leicht zu täuschenden, gesang- und +tanzfrohen Welt wohnt, in einer von den zahllosen Stuben gepferchter +Häuser, wo man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines Pianinos +bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust und Überschwang ergibt. +Ein Idyll, das den Nachteil der Langeweile hatte. + +Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens, deren +Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und deren Verfeinerung +von der Erschöpfung kommt. In ihr ist eine großartige Kraft zur Lüge, +und sie versteht es, durch Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute +wie der Fuchs ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber +der Abgrund lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt, den +schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen Sturz +erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher. Er will nicht mehr Huhn +sein, sondern Fuchs. Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als +die Gebärde eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß. Wenn’s +nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s knallt. + +Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art von verliebten +Beziehungen pflegen, welche man in den oberen Ständen Flirt nennt. +Eine Sache, dazu erfunden, um die Seele zu beschmutzen, während sie +den Körper bewahrt. Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen +den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß Hunger nach +Zerstreuungen erregen, und können niemals den Anschluß an ein tätiges +Glück finden. Der Rattenfänger braucht nicht einmal zu pfeifen, die +Tierchen kommen von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es +gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue. + +Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr nahe. Sie hatte +keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen Bezug haben könne. In +seinem edlen Zorn sah sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für +Menschen und Zustände. + +Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von Rosanna Schörk, der +Schauspielerin. »Frauen von Genie sind streberhaft bis zur Raserei,« +sagte er, »und ihr glorioser Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann +für ihren Ehrgeiz wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da +verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe zu. Aber ist +die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke dran. Man hat nicht +den Mut, die Drähte zu zerschneiden. Warum, man weiß ja nicht, wer +kommen kann.« + +Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und blieb dann vor +Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber auch Gesichter von Frauen +zeigen, Virginia, ich möchte sie emportauchen lassen wie ein Spiritist +die Geister, Frauen, die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel +unverschuldeter Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch sind, +indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit Füßen treten +lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt sind, daß sie erlöst +scheinen, wenn sie zusammenbrechen; Frauen, durch deren Seele hindurch +man wie durch ein Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens +gewahrt. Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben, weil ich +Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie nur belasten. +Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg; die Unsicherheit darüber +reizt mich, denn Sie sind mir fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie +sonst kein Mensch.« + +Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer Arm erreichte mit +dem Handgelenk gerade noch den Tisch, wo er sich unbeweglich gestützt +hielt, der andere lag im Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig +die untere; die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus. Das +Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn, und das im +Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen schien bisweilen den +Goldschimmer des Fleisches verwandelnd zu beleuchten. + +Sie sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte Mitleid mit +ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten, die Betten, in denen +sie schliefen, und die Kleider, mit denen sie sich schmückten. +Wunderlicherweise war all das reich, reizvoll und begehrenswert. Da +verschwand ihr Mitleid wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre +Miene wurde zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte. + +Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem prüfenden +Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend machte, so genau, klar +und unbarmherzig gegen sein eigenes Leben. + +Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten ins Zimmer. Es +war stets, wie wenn man ihn zuvor nie gesehen hätte. Einen Moment lang +schien er zerstreut, ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von +jener gewinnenden Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung +war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter sagte er Mama und +tätschelte gnädig die Wange der alten Dame. Er verstand es gemütlich zu +sein und schätzte die Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie +so recht gemütlich. + +Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler Menschen Wort und +Atem haftete an ihm. Seine Hände suchten immer etwas zu greifen; er +saß selten friedlich auf einem Fleck, meist ging er ruhelos umher. +In seinen Augen war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das +Zuhören von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war in seinen +Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und etwas Zurückschiebendes +hatte, als wolle er sagen: bitte nicht zu nahe. Es war wie bei einem, +der eine zerbrechliche Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu +werden fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu +kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann, hatte trotz +äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als müsse er erst überlegen, +was er von den Vorgängen in jener Region zu verschweigen habe. Es +wirkte eigentümlich lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart, +seine Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern mußte, daß man +gesammelt sein mußte, während er sich erst sammelte. Man vergaß ihn +beinahe, wenn er fortgegangen war, aber man war angenehm bewegt und +geweckt, sobald er kam. + +Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt die Mutter +fast täglich besuchte, und das gerade in den Stunden, wo sie in der +Malschule war. »Was sprecht ihr denn miteinander?« erkundigte sie +sich mit verwundertem Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll. +Es zeigte sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten +auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide sich +zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem redete sie darüber, +sondern als ob ein Wandel möglich, als ob er zu gewärtigen sei, als +ob sie Pläne und Aussichten habe. Virginia wußte nicht, was sie davon +denken sollte. + +Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage des kleinen +Haushalts Einblick zu verschaffen. »Wie kann man so leben!« rief er +ehrlich erschrocken, als ihm Frau Geßner die geringfügige Summe +nannte, mit der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum +bekümmert?« fragte er. + +Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und diese Gebärde +entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes sie dem Fremderen ihre +Dürftigkeit zu offenbaren vermochte. Manfreds Zartgefühl hatte den +Stolz gefordert, Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen. + +»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre oder länger in +so erbärmlichen Umständen vegetieren zu lassen«, sagte Erwin. »Eine +solche Edelnatur braucht Licht, Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über +den guten Manfred. Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie +Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung +stillschweigend übernommen und mußte darauf dringen, daß –; aber +freilich, wie wäre Virginia zu bewegen? Manfred war einfach nicht +schlau genug. Seien wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert, +seinen Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und schiebt +ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.« + +Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach sie das Thema +ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete, glaubte sie ihn beleidigt, und +als er ein paar Tage später wiederkam, fragte sie, was er mit dem +Strohsack und dem Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,« +antwortete Erwin, »aber können Sie auch schweigen?« + +»Ja, ich kann’s.« + +»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es möglich, fünf- +bis sechstausend Kronen davon flüssig zu machen?« + +»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das Geld wird von +einem gerichtlichen Vormund verwaltet.« + +»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten, +eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich dabei um eine +Spekulation, für deren Gelingen ich mich verbürgt hätte. Sehr schade.« +Bedauernd blickte er Frau Geßner an, die unwillkürlich die Hände +faltete. Plötzlich sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr +er fort. »Es ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die +Summe geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit ich sie +fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese fünftausend +Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten machen, nur daß ich keine +Zinsen beanspruche; haben wir dann das Geschäft glücklich zustande +gebracht, so ziehe ich meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen +Gewinn. Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?« + +Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen das die Agenten so?« +fragte sie. + +»Genau so.« + +»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich täuschen?« + +»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.« + +»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?« murmelte Frau Geßner. +»Warum tun es denn nicht alle Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da +läge ja der Reichtum auf der Gasse –« + +»Ein Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin lächelnd und +ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer, sehen Sie, die ziehen +die kleinen hinter sich nach. Ihre paar Kreuzer, Mama, die werden von +den Millionen geschleppt und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen +Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer Fisch in +Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million den kleinen Fisch oder +wird mit ihm gefangen, aber lassen wir uns das nicht anfechten, ich +bürge Ihnen.« + +Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich, doch am Ende +konnte sie der Verlockung nicht widerstehen. Nachdem sie eingewilligt +hatte, beharrte sie darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm, +für welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang +schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität mit geschäftlichem +Ernst über sich ergehen. Während eines Gedankens Dauer erbitterte ihn +die Gewöhnlichkeit der Person, die ihn für einen Börsengänger halten +konnte, doch in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse +alle Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie Virginia +gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine ständige Mahnung; +das Mädchen hatte scharfe Augen und betrachtete die Mutter oft mit +grübelndem Erstaunen. + +Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau Geßner ein dickes Kuvert, +in welchem sich so viele Banknoten befanden, daß die Empfängerin +erschrocken aufschrie. »Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin +gelassen, zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die +Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung wirkte +unerquicklich auf Erwin. + +»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese paar Scheine +nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen. Die Absicht war, Virginias +Los zu verbessern. Eine Schönheit wie die ihre macht uns in jeder +Weise zu Schuldnern, Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest +verdauliche Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung +und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche Zartheit ihrer Haut +nach und nach verderben. Wenn sie ein Kleid trägt, in dem sie gering +erscheint, wird das Glück verringert, das sie hervorbringen soll. +Denn Virginias Aufgabe ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche +Andacht, eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie nicht, +Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung von allen Dingen geben, +die Sie kaufen müssen. Und seien Sie unbesorgt, der Baum, den wir da +geschüttelt haben, ist noch beladen mit Früchten.« + +»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau Geßner beklommen. + +»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.« + +»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?« + +»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.« + +Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und Frau Geßner zeigte +sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden durch ungewöhnliche +Ausgaben, die Mutter zur Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische +Widersprüche verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin +erschienen wäre. + +Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung über +Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage und die +geschäftliche Ausnützung gewisser Strömungen. Was er getan habe, sei +nicht nur verzeihlich, es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei +klug und gut, so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der +von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet. + +»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden Acker«, wandte +Virginia lebhaft ein. + +»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht zu rühren +versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht so krämerhaft, Virginia.« + +»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug denken«, erklärte +sie eigensinnig. + +»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich seinem Blick aus. + +»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner bündig in das +Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.« + +»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«, sagte Virginia +naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte sie beschämt lächelnd die +Achseln. + +Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der Umstände. +Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht; dies Geld war ihr +unheimlich, und Wünsche, deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie +Vergehen vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und ihre +Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr Erwin, er selbst +habe an Manfred geschrieben, und sie wollte nun abwarten, ob Manfred +solchen Reichtum billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts +entstanden war, wie die Würmer im Mehl«. + +Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die Mutter gefahren? +Virginia wußte kaum, wie es zuging, plötzlich sah sie sich im Besitz +kostbarer Wäsche; hatte jene reizenden Kleinigkeiten der Toilette, +die sonst nur verwöhnten Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von +meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als wirklich +schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief Virginia ein übers +andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«, sagte Frau Geßner streng, »und +widersprich mir nicht. Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir +gewonnen haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich möchte +ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun endlich ein bißchen +besser hast.« + +Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr Leben zu +stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren Sinnen in gleicher Weise +schmeichelten. »Ich verstehe nur nicht, wo du plötzlich so viel +Geschmack hernimmst«, sagte sie zur Mutter. + +»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten Firmen und kauft das +beste. Ist das eine Kunst?« + +»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?« + +»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus dem Effeff. Siehst du +dabei was Ungehöriges?« + +Virginia wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade die Schneiderin, +eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme Person, schlug Modenbilder +auf und nahm Maß zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte +Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes Gewissen dabei +hat. Trotzdem wünschte sie sich noch leichteren Sinn, wenn ihre Finger +liebkosend in Spitzen wühlten und bedächtig über Seide und Battist +raschelten. + +Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie sprach ihr Auge mit +den delikaten Farben edler Mode! Der Spiegel wurde ein liebevoller +Berater, und sie, sie wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand +abgeschlossener da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt zu einer Welt +stolzerer Formen strebte. + +Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die Pforten dieser +Welt zu öffnen. + + + + +Ein Duell + + +Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke gezogen, Frau +Geßner öffnete und trat mit Marianne von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen +mir nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, auf +Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer Stimme von +geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich ermutigt, Sie aufzusuchen. +Erwin und ich, wir sind alte Freunde, mehr als Freunde, fast wie +Geschwister. Er hat mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie +kennen gelernt, hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich +keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.« + +»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich steif. + +Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu rücken, Deckchen +zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin zu tragen, wo sie ohnehin +schon gestanden waren, schleppte einen Sessel herbei und bat das +Fräulein, »sich nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende +Dame hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel für +die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen über den Fenstern, +einige Möbelstücke waren neu beschafft worden, und ein bescheidener +Blumentisch stand an sonnigem Platz. Virginia ärgerte sich über das +demütige Wesen der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, bis +die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden Widerstand ein +Ziel setzte. + +Es war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an Marianne von Flügel. +Sie gab sich wie jemand, der das Leben groß sieht und die Menschen +klein. Sie war um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre +Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken Zähnen. Wie +sie saß und ein Bein über das andre schlug, wie sie ein goldenes +Zigarettendöschen aus der Tasche nahm, ein winziges Zigarettchen +zwischen die Lippen schob und beim Plaudern den Rauch verfließen +ließ, das hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte +in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es waren kleine, +schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein Wenden der Hand und alles +war vorüber: irgendeiner war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte. +Um so gewichtiger mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, die +sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, daß wir +Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und Virginia konnte nicht umhin, +sich darein zu ergeben. Als Marianne ging, bat sie Virginia, einen +Abend, der sogleich bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur +einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach es. + +Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau Geßner unwohl und legte +sich fiebernd zu Bett. Virginia telephonierte vom nahen Postamt dem +Doktor Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk sässigen Arzt, +der schon den Vater Virginias behandelt hatte und, so selten er kam, +ein obsorgendes Verhältnis zu den beiden Frauen unverbrüchlich +pflegte. Es war ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm +und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten Taubheit zu +selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er glich den Fehler aus durch +Klugheit, Erfahrung und ein expressives Temperament. + +Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, wenn man ihn +zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen gehörte zur Soldateska des +Todes so gut wie ein Magengeschwür. Er erklärte den Fall für harmlos +und verfaßte ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der +Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners Erlebnisse +waren nicht so weitschichtig, daß sie den Namen Erwin Reiners bei +solchem Anlaß unerwähnt gelassen hätte. Das Gesicht des alten Doktors +veränderte sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen +wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael Reiner?« fragte +er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? Der ... Kunstgelehrte oder ... +Naturforscher, was weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend +nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem Daumen über die +Schulter nach Virginia weisend – »das Fräulein Tochter nicht?« + +»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der intimste Freund von +Ginas Bräutigam.« + +Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und Schnitzmesser am Tisch +gesessen; jetzt erhob sie sich und trat leise durch die offene Tür. + +»Na, da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und schüttelte den Kopf. + +»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie sich gegen die +Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; »was haben Sie denn gegen +Erwin Reiner einzuwenden?« + +Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und blickte das Mädchen +mit seinen braunen, lebhaften Augen an. »Ich?« antwortete er mit der +geräuschvollen Stimme der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das +will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich Zimmermann mit +Namen, der einzige Verwandte, den ich besitze, überhaupt der einzige +Mensch, der mir dem Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh +auf bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide Eltern +nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung gesorgt, ich habe +ihn aufs Gymnasium und auf die Universität geschickt, kurz, ich habe +meine Hoffnung auf ihn gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal +meine Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen. Wir führen ja +einen guten Namen, schon mein Vater war Arzt dahier und mein Großvater +gleichfalls. Eines Tages kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich +will nicht mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde +denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der Medizin‹, sagt +er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag ich. ›Ich will Dichter werden‹, +gibt er mir zur Antwort. Ich schau ihn mir von oben bis unten an und +sage: ›gut, mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir das +von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst du keinen +Heller.‹ Er geht weg, und von der Stunde an hab ich ihn nicht mehr +gesehen. Das ist jetzt drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er +die Nächte durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen. Ist +ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter geworden, ein +Kerl, der nichts arbeitet und in der Welt herumschmarotzt. Und wer, +glauben Sie nun, hat das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir +meinen ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen +und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin Reiner war das. Ganz +genau derselbe. Von dem Tag an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat, +war er verhext. Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not zur +Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund hat ihn unterstützt, +hat seine Einbildungen genährt, sein angebliches Talent aufgebauscht, +hat ihn, mit einem Wort, unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich +nach Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben sein.« + +Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann fuhr er fort: +»Das wäre meine private Erfahrung. Von andrem möcht ich nur ungern +reden, um Ihnen den Gusto nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl +die Spatzen es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen +gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft des Skandals. Ein +Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der echte moderne Selbstgott. Da +war vor ein oder zwei Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre +natürlich, wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller Mensch, +Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein Leben lassen müssen. +Die Sache ist vertuscht worden, kam nicht einmal in die Zeitungen, +aber Ihr Erwin Reiner kann das junge Blut nimmer von seinen Händen +abwaschen. Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben, und die +Frau, um deretwillen das Unheil geschah, hat den Schleier genommen.« + +Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg. + +»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner mit bekümmerter +Miene. + +»Wie?« + +»Ob Sie ihn persönlich kennen?« + +»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu kennen. Ich kenne +seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr. Wir sehen uns bisweilen bei Frau +Malwine Engelhardt. Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt, +etwas wie ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß die +beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner sucht das natürlich +zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance in seinen Augen.« Der Doktor +lachte heiser und erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es +tat ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen. Da Erwin +die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen konnte, Aug in Auge, +wie es hätte sein sollen, nahm sie im Innern seine Partei. + +Desungeachtet war sie verstimmt und hatte, auch weil die Mutter +bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend außer Haus zu verbringen. +Erwin hatte versprochen, sie abzuholen, und gegen acht Uhr kam er. +Virginias Weigerung erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ +er nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners Lager und +fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber ihre Verlegenheit fiel +Erwin auf. Er roch Unrat, und alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann +dagewesen sei. + +»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die ihm gefolgt war, +forschend an und trommelte mit den Fingern auf den Bettpfosten. »Und da +hat er wohl von seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem +Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte. + +»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen verhält?« begann +Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann im Hörsaal der Anatomie +kennen. Er interessierte mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen +möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen trifft. Wir +traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit, mich seiner +anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend ging er künstlerischen Neigungen +nach, sah aber keine Möglichkeit, sich vom verhaßten Brotberuf zu +befreien. Sein Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis +ein Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen Geiz +besessen.« + +»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein. »Seit zehn Jahren +spricht er von einer Reise nach Italien, was seine größte Sehnsucht +ist, aber er hat nicht das Herz dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter +nicht die Einnahmen, die ihm dann entgehen würden.« + +»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr langsam und durch +mühselige Arbeit zu Geld gekommen sind, sich ebenso schwer davon +trennen, wie sie es erworben haben«, erwiderte Erwin verteidigend. +»Nun, dieser Geiz allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig +gemacht. Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz auf +weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt, um von dem +Alten nicht Geld fordern zu müssen, aber dieser Umstand erlöste sein +Gemüt auch allmählich von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es, +das wilde Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich habe den +unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu sein, wie ein lebendiger, +wollender Geist zu seiner Bestimmung heranwächst. Daran ändert kein +Onkel auf Erden etwas.« + +Das klang nun ein wenig anders. + +»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes Salon sehen«, +fügte Erwin, gegen Virginia gewandt, hinzu. + +»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in Amerika +zugrunde gegangen?« + +Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«, sagte er. »Ich +kann Ihnen ja verraten, daß ich selbst es war, der ihm die Mittel +verschafft hat, nach Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten +Zweck; davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke +schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu, »daß man +mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte. Glauben Sie, es +überrascht mich? Es ist mir nichts Neues. Ich greife zu, wo die andern +schwatzen, mich lockt das Leben überall, das schöne, große, bunte, +dunkle Leben, aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine +Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der Neinsager und +der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich etwas gerade gebogen habe, da +kommen alle, die sonst ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu +konstatieren, daß das Krumme besser war. Ich schäme mich meiner Taten +nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige sie nicht. Ich +schäme mich meiner selbst nicht. Ich flüchte nicht vor mir. Ich habe +geliebt, ich wurde geliebt, ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich +resigniere nicht, niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als +selbst die edelste Resignation.« + +Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den ganzen Arm mit +der ausgestreckten Faust. Virginia, die sich um eine Last erleichtert +fühlte, blickte ihn mit ehrlicher Freude an und sagte: »Ich gehe mit +Ihnen, Erwin. Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.« + +Und sie verschwand in ihrem Kabinett. + + * * * * * + +Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die Virginia erfuhr, +beeinträchtigten keineswegs die bescheidene Meinung, die sie von sich +hatte. Erwin tadelte ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen +Hochmut ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie +konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran verhinderte. +Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden, wollte finden und wünschte +es von Erwin bestätigt zu hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von +Botticelli ähnlich sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt, +während für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch +ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd hin. +»Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund eines Soupers treiben«, sagte +Erwin kalt. + +Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden nicht. Marianne +von Flügel schien die Aufgabe übernommen zu haben, Virginia in die +Gesellschaft einzuführen. Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes +Energie entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee bei der +Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte sie sich alsbald durch +eine lebhafte Sympathie verbunden. Marianne bemerkte es ungern und säte +Mißtrauen. + +Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten Professors und +Klinikers von Flügel, der sich eines Tages, verfolgt von Erpressern, +zerrütteten Geistes, eine Kugel in den Kopf geschossen hatte. +Beschmutzende Gerüchte hafteten an dem Ereignis. Mariannes Mutter +war vor zehn Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem Tod +ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf. Sie war wunderlich +geworden, und man versteckte sie vor den Leuten. Drei Brüder lebten +wie große Herren, auch nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten. +Marianne führte ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder +erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile gespielt. Verblaßter +Glanz war in den Räumen, welche aussahen, als ob die Sonne sich von +ihnen abgewendet hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und +fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie man kurzsichtige +Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters schien ihr die Pflicht der Haltung +aufzuerlegen. Die Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses Namens +frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn längst mit Füßen getreten. +Es läßt sich schwer ein Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit +dem das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das Getriebe einer +Welt blickte, die sich in immer konzentrischen Kreisen ermüdend um sie +bewegte. Die einzige Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie +fest. Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie heiraten +mußte. + +Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie wußte sich zu +tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges, die auf Übung, Urteil +und Geschmack beruht. Sie hatte Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte +gefällig. Ihr Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit +gewaschener Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es gab Bilder von +ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend war. Im Leben war es +tot. + +Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt. Auch jetzt +noch liebte er die Schauder, von denen er sie durchzittert fühlte, +wenn er neben ihr ging oder saß. Das war es eben, was ihn lockte, was +ihn unersättlich machte. Die Schauder waren es, die ein liebendes +Geschöpf vor ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der +Anblick stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur weiteren +Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren, die Seelen, von denen +nährte er sich, ihre Sehnsucht war seine Erfüllung. Da war er dann +brüderlich rücksichtsvoll, und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie +die eines entflammten Knaben. + +Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes Ziel. Marianne +ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig, das Sprungbrett zu +halten, von welchem er in die Brandung stürzte, und sie hoffte, sie +erwartete es, sie rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen +zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine sonst ihm nahte. +Sie dachte niemals ohne Haß an ihn, und nie ohne Furcht, und nie ohne +die Neugier eines Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer +begibt, an der er täglich vorübergeht. + +Es war an einem Abend im Januar. Marianne von Flügel feierte ihren +Geburtstag, deshalb war Virginia zu ihr gegangen. Sie traf Ulrich +Zimmermann dort, den sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne +bemutterte ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt, +sie behandelte ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu jenen +Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus um sich +tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen Anwandlungen +zur Beute werden, die eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind. +Virginia fand sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr +hingen. Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester +mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er Virginia vorgestellt +wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit, sein Lächeln ohne Zwang. Seine +vornehme Art gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung +über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie sie es noch bei +keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig zugetan war. + +Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und kapriziös, daß +Mitrede und Widerpart allen Vergnügen bereiteten, und schließlich +hatte sie den Einfall, man solle doch an einem der nächsten Tage eine +Schlittenpartie ins Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man +setzte den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins +auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten telegraphisch bestellen. +Er fragte Virginia um Einzelheiten, als ob sie Sachverständige in +Schlittenpartien sei; sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte +sich aber dem allgemeinen Drängen. + +Während der nachflatternden Erörterungen ergriff Marianne plötzlich +Virginia bei der Hand und führte sie in ein Gemach nebenan. Ein +Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, wo die +andern waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise, »Sie +müssen auf Ihrer Hut sein.« + +Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur Frage. »Haben +Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr Marianne fort, »vielleicht bei +der Resowsky? Oder gestern bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.« + +»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken, »was ist denn +geschehen?« + +»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, Virginia: Erwin +hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.« + +»Was heißt das?« + +»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung über Sie +geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.« + +»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias Augen funkelten, aber +aus ihren Wangen wich vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung +des Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild rührender +Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens. »Seien Sie vernünftig,« mahnte +sie, »beherrschen Sie sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben. +Die meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen Abwesender.« + +»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß ich nicht.« – »Wer war +es?« – »Das – brauchen Sie gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« – +»Erwin? Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß. Ich habe +Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.« – »Er wird sich +schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne nickte. + +Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte sich ihrer +eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann +ich von hier aus gleich in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht +allein gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« – +»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.« Marianne +schob den Teppich zur Seite und rief Ulrich Zimmermann. Er übernahm den +Auftrag mit befangener Freude. + +Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein Geßner läßt +Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt und wollte nicht weiter +stören«, sagte sie zu Palester und Erwin. Dieser zuckte auf und sah +Marianne drohend an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar. +»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als jener gegangen +war, und sein Blick wurde noch drohender. + +Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete eine der winzigen +Zigaretten an und fragte gleichmütig: »Wie stehst du denn eigentlich +mit ihr?« + +Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos, Marianne, diese +Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er. + +»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte Marianne, +und über Erwins verständnislose Miene etwas gezwungen lachend, fuhr +sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich gemacht. Ich habe dich in +ein Duell verwickelt. Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie +gesprochen, – das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –, +du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen ergeben sich +von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, wozu die Wirklichkeit zu +stümperhaft war.« + +Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, daß ich das aufrecht +erhalten werde?« fragte er. + +»Du mußt. Was ficht’s dich an?« + +»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits habe einen Ruf +zu verlieren.« + +»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.« + +»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?« + +»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal etwas Originelles. +Du führst die ganze Gesellschaft an der Nase herum, denn alle müssen +es natürlich wissen, sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine +marmorne Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen sein +wie es will, wird immer davon bestimmt, wie die Welt über einen Mann +urteilt. Für die Verbreitung werde ich schon sorgen. Was riskierst du? +Nichts. Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie gelebt. +Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht finden. Wir beide, wir +schweigen.« + +Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte die Lehne mit +beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, lachte er lautlos mit offenem +Mund, in dem die starken weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe +leuchtete. »Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe +Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene das Vergnügen +über den Einfall mit einer gewissen Verachtung gegen die Person +kämpfte. »Das hat Geist, ja, das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen. +Aber du nimmst mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald +wie möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein bißchen +peinlich.« + +»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen könntest. Du würdest das +Mädchen für immer erkälten. Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie +umsonst für dich in Sorge war.« + +»In Sorge?« + +»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, wenn sie Gemüt im +Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, und du bist der Rächer. Zerstörst +du diese Einbildung, so erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder +nicht. Das ist Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also +besser als eine Narrenkappe.« + +»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen so würdevoll +tragen wie Kronen.« Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf das +Holz der Lehne. + +»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?« + +»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –« + +Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, Erwin. Ich kenne +dich. Es wäre ja philisterhaft, den Faschingsscherz ins Tragische zu +wenden. Der Kavalierstandpunkt gilt doch nicht unter uns.« + +»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, du?« + +»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter dir liegt, es +beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete Marianne etwas frostig. + +Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in seinem Lächeln. Indem +er an Virginia dachte, sah er sie wie eine Lilie, deren weißer Glanz +allein Schutz genug ist gegen häßliche Berührung, und indem er das +Bild Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz verzehrt +wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. Ihn ekelte ein wenig vor +der billigen Heldenrolle, die ihm Marianne aufdrängte, doch sah er +ein, daß er damit viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende +Geringschätzung gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn stets reizte, +die Fesseln der Konvention für nichts zu nehmen, so pedantisch er sie +auch zu achten schien, überredete er sich leicht, in diesem Wagnis ein +heiteres Spiel zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden +konnte. + +Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu lassen, erhob er sich +und sagte kühl: »Auf übermorgen also. Ich hole dich und Virginia ab.« + +»Gibst du mir nicht die Hand?« + +Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten den Hut reicht. + +»Und die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne mit gesenkten +Lidern. + +»Welche andre?« + +»Die Schwester von Fritz Kynast ...« + +»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. Gute Nacht, +Marianne.« + +Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne an der Tür stehen, +um seinem verklingenden Schritt nachzulauschen und dann zu grübeln. Der +freundliche, gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt, +von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, die +ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser Gedanken erregt. Sie fühlte sich +schon an der Wende der Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht +und ohne Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer Vergnügungen +war abgesponnen, und die öden Tage folgten einander scheinbar belebt, +wie auf einer Bühne ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig +zerstreut, ewig wiederholt wird. + +Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, zu den +Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, und das war ein Glück +für sie. Denn es verursachte immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der +Haltung, ließ Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die +amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen Klang der Stimmen +und das puppenhafte Knarren der Gebärden, und so führte man die Rolle +zähneknirschend durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr +widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal vom Herzen +zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen zu enthüllen. + +Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle des Zuschauers +verdammt zu werden. + + * * * * * + +Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. Hundertmal +überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, für Worte gesagt, was man +ihr geantwortet, sie ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen, +die undurchdringlichen. Um drei Uhr machte sie wieder Licht, nahm ihren +Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu +oft gelächelt zu haben. + +Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. Sie konnte nichts +arbeiten, und ihre Befürchtungen schlugen folgsam die Richtung ein, +die Mariannes Worte ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der +Mutter zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie +viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen Ausflug +schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit war ein Zustand, +den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter Zustand, der ihre Sinne +trübte. + +Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen sechs Uhr zu Marianne. +Marianne war nicht zu Hause. Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren +zu dürfen, und ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war +gleichfalls nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm sie aus +einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. Plötzlich stürzte +ein großer, totenbleicher Mensch im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber +und durch die offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still. +Virginia ging erschrocken weg. + +Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. Sie trug einen +kostbaren Chinchillamantel und einen großen Hut mit schwarzen +Straußfedern. Die Winterkälte hatte ihr Gesicht gerötet, und +Schneeflocken hingen in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu +treten, da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles +glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang ihre Arme um +Virginias Hals und küßte sie schnell auf die Wange. + +»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, der es zumute war, +als löse sich eine klammernde Hand von ihrem Nacken. »Und der andere?« + +»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter nichts. Gute Nacht, +Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie sich bereit für morgen. Wir werden +sehr, sehr lustig sein.« + +Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde ihr ums Herz. +Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie mit Marianne und Erwin zum +Bahnhof, wo Ulrich Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee +setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu er noch gestern +gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt. Virginia, die ein feines +Gefühl für äußere Formen besaß, hatte bislang an seinen Manieren Anstoß +genommen, nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte eine +geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend gemildert wurde. Er +erzählte von Amerika wie jemand, der des Anblicks einer erhabenen und +schrecklichen Vision teilhaftig geworden ist. + +Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins +Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte +kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln, +grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und +fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen +Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde. + +Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem +Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte +ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies +vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand. +Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf +seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger +Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob +die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als +ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen +nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut +gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht +und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern +gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen +am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres +Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die +Schwelle. + +Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen +inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann +erbleichend aus dem Kreis. + +Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie +tanzte nicht mehr. + +Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer +ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu +spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden, +nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte +Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt +wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu +wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder +Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich +müd’, ohne zu gehen.« + +Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen +fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie +mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht +einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung +tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß +darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten! +Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht. + +Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit +mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache +Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem +der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt. +Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem +ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht +gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser +strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf +dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten +mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos +in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. +Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die +geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät; +als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot. + +Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie +versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war +ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern +der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr; +sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende +Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter +rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu +schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale +Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt +sind. + + + + +Das Tanagra-Figürchen + + +Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch +einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt +wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele +unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal, +welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung +die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt +eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die +Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion +zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, +sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde. +Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die +aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu +bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem +Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte +um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau, +deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch +immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen +Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen +aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach +Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr +eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post +befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften +und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen, +aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen +haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie +dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken +mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd +geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich +bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark +genug dazu wäre.« + +Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe +auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd +sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche +Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns +selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der +Welt.« + +Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater +ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die +Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott +sei Dank.« + +Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe +vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit +ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand, +der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens +hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche +Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag +gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was +er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er +nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe. +Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen +schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse, +doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat. + +Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit +eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld +von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des +Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß +an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer +und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu +Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte +andächtig schweigend verfolgte. + +»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du +gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was +wie das dankbare Knurren eines Hundes klang. + +»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort, +»das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen, +Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine +größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag +einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit +für mich ist.« + +»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte +Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich +zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum +Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche +trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und +nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen +einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur +den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht +vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den +Emporkömmlingen versagt ist. + +Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren +verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden +Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen +Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an +den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu +heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin +wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste, +das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich +darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust +den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer +Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat +er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand +versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht +nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs +Leben.« + +Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd +und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über +deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir +bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber +ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen +Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein! +Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer +die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst +heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich +habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird +niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines +Kornhändlers für mich bleiben.« + +Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter +ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern +sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem +Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren +heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin +nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen +plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung +ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für +die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s +vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat +eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe +versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den +Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt +sie, Christie Martens, zu dir schicke?« + +Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher +Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er +finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu +kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang +Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum, +aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau +auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die +Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an. + +Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich +Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt +fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles +gesehen haben. + +Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber, +rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten +Sie?« fragte Erwin. + +»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete +Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?« + +»Nein.« + +»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.« + +»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?« + +»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also +hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde +gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment +der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen +Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf +der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in +grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze +Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione +fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen, +daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet, +und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen +und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht +wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß +er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, +Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den +Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch +ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat +erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig +und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn +er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen +Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er +kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein +Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit +emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling +niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser. +Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf +eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt, +kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so +schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.« + +»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt +er denn das an, – ganz allein?« + +»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt +seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen +des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle +Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der +Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser, +keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in +der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift +Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und +schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant +stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich +die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch +schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und +auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die +Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist +die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die +Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm +den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine +dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie. +Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der +Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf +der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem +Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des +Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist +die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die +Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an +die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn +jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der +bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den +Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der +volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete +Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind +aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin +nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der +Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ +Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und +Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah, +ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke +schwankte und das Geländer abfiel.« + +Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher. + +»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich +verstehe den Impuls ...« + +»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte +Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den +Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt +sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen +bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine +Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe +seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein +Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil +er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen +will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit, +Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne. +Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die +innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit, +Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die +Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer +und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er +lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht, +trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er +liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn +die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch +kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er +will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.« + +Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die +Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er. + +Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An +jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in +jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und +bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.« + +»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin +kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger +Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not, +unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling, +wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt +sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie +nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit +Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie +Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen, +vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr +unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!« + +Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf +den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht +zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen +seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er +und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart, +weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in +Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung +dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig +und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner +Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren. + +Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte, +schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie +es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem +Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus +Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild +seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu +einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum +Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit +schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und +verstimmt zurück. + +Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem: +leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war, +begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß +überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in +die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen +Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum +Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit +vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als +ob es groß was gälte. + +Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin +trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem +Diwan und schlief. + +Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf +das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie +auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, +dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, +und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig? + +Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er +wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr. +Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und +ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte +freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich, +»ich war ein wenig müde.« + +»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?« + +»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.« + +Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten +außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt. + +»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal +Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme. + +Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er +abweisend. + +»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig. + +Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins +von Ihren okkultistischen Kunststücken?« + +»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er +sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen, +Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts. + +»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann +wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat, +entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau, +wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was +ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie +nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den +ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene +Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind +machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.« + +»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das +bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin +sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte +Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die +Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da +er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er +allein bleiben. Was ist da zu verwundern?« + +»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem +Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester. + +»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte +Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein +Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und +Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht +willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff +nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur +zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der +Begriffe Raub und Krieg.« + +Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur +Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell +leuchtete. + +»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und +vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein +Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein +Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet +plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis +schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt. +Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein +Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich +gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein +Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem +Unerforschlichen.« + +Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen +Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf +abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus. + +»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend +wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und +standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das +gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu +wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger +Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste +Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen +herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese +tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt, +um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: +von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit, +von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun +hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den +Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!« + +»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar. + +»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!« + +»Und Manfred?« + +Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die +Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des +Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, +um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf +abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer +wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen. +So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht +gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus +Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge, +Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller +Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende +Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, +und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit +ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr +träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich +nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch +liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn +die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im +Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken +zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um +Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge +eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut +und Haar.« + +Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und +sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie +nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, +das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie +besitzen nichts; niemand und nichts.« + +Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument. +Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen +Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.« + +»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist +unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes +Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes +Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein +Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht +hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, +und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder +Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das +Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft +kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage +der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen +oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.« + +Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine +Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit +ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. +»Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor. +Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine +possierliche Sache.« + +Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum +Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er +übermütig. + +»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen. + +»Auch die Froweinschen Miniaturen?« + +Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann +achselzuckend. + +Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen +Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich, +zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie +verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen +kann, daß mein Versuch gelungen ist?« + +»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester +erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und +mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.« + +»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte +den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein +Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses +Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal +besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf +Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher +anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.« + +Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer +auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige +Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse +Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die +der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch +mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. +Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten +zusammen. + +Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch +stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken +läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm +die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes, +unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines +Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das +Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den +magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung +länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen +nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein +Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und +seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit +drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer +noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das +Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens +entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht +bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da. + +Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer +Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der +Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt? + +Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf +einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden +Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, +ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und +schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts +geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um +Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber +plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern +daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt +winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille +steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer +Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn +sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie +eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige +Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter +dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der +Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel +finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. +Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein +Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen, +während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um +Hilfe. Rufend erwachte sie. + +Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch +Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich +beschäftigte. + + + + +Das Perlenhalsband + + +Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse +hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte +sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren. +Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach +ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia +versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der +Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das +Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei. + +Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche +Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach +schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine +ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in +einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht +anschauen?« + +Virginia erwiderte, das möchte sie gerne. + +»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich +mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob. + +Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie +ein wenig erstaunt. + +»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter, +»warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit +der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame +nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, +und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut. + +»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses +Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters +einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?« + +»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem +Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig. +Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. +Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib +vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre +Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn +sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man +kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich +sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich +selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und +für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib +deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.« + +Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei +Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit +hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch +Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden +und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum +und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben +konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, +daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an +ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt +zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die +Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr +ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, +und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines +gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.« + +»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche +Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute. +Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich, +man besucht mich, wie man in ein Museum geht.« + +Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln: +»Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia +tat, sah neugierig zu. + +Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas +Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier +herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten. +Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch +Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb +einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte +sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes +Betrachten. + +Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel. + +Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem +mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren +Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme +Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte +sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner +Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle +führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine +breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des +oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci +erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine +große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den +Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das +Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die +Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die +Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock. + +»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die +Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren +Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene +Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem +Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen +Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus. + +Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten +neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen +Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, +er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er +sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß +gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf +einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend: +»Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne +Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.« + +Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die +Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und +Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die +Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die +Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen +und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine +erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren +Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und +liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das +Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den +Zauber, den sie auf ihn ausübten. + +Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue, +nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte +er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der +Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der +rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom +alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt +werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein +aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als +Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline, +der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin. + +Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll +von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen +Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen +ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war, +daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als +ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die +Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre +Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede +anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames +Kind. + +Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu +vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine +Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern +und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere +Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie +Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem +Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und +menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner +unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred +ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte +die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß; +ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.« +Virginia legte das Bild hastig beiseite. + +Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer +Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand, +mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn +sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele +traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie +hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein, +da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren? +Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte, +Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der +Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den +ausgestopften Vögeln gesprochen. + +Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres +Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und +Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist +deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte, +spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal +redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das +Gedächtnis den Geschmack. + +Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer +beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des +Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie +sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte +mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte +Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor +der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig +kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren +indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem +Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich +gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es +gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder +durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche +Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er +darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst +ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an +Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße +Erstarrung. + +Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne +Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte +Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie +schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu +besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es +förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er +sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu +ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: +»Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht +gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die +Herrin.« + +Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend +fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber +ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur +launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz +als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe, +seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das +Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein +Schleier vor einem Spiegel. + +Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt, +als sie nach Hause kam. + +Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was +man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so +ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte +auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung +gehofft hatte. + +»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir +so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von +der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man +einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man +den Geschmack nicht mehr los.« + +Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf. + +»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So +jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest +eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?« + +»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in +diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich +bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!« + +Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte +Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je +länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war +hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel. +Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie +können lange trauern, doch sie vergessen schnell. + +Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines +durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte +sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie +den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann +kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist, +an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen +können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er +gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren +Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte. + +Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich +eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert +hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine +andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre, +freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und +Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um +die Zukunft der Menschen. + +Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation in etwas größerem +Maßstab zu wiederholen, falls es ohne Wagnis geschehen könne, stimmte +sie ihm gläubig zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen, +und nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der sie der +Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich vor, an der Hand +dieses Hexenmeisters zum Wohlstand zu gelangen, und da doch alles für +Virginia war, an der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie +abgöttisch bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und umworben zu +sehen wünschte, hätte sie Argwohn als frevelhaft empfunden. + +Nichtsdestoweniger wurden die angeblichen Börsengeschäfte vor Virginia +vertuscht. Virginia sah nur, daß ziemlich viel Geld ins Haus kam, +und daß die Mutter, die ja von Erwin systematischen Unterricht darin +erhielt, sich zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für +die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete sie auf, als +es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer ins Gericht zu gehen und +wieder und wieder mit der Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen +dürfe, dies oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, und +wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, um dem schwer +durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, konnte Frau Geßner äußerst +ungehalten werden. »Du bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann +erregt, »in dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden +jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen hätte. Endlich +einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns meint und der Bescheid weiß um +die Brunnen, wo gar viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir +kommt’s zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein können.« + +Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen und +wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Solche +Worte hätten sie beschwichtigen können, hingegen bei den Liebkosungen +und versprechenden Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die +alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte etwas von schwülem +Wind und Gewitternähe. + +Inzwischen war es Frühjahr geworden, und wie nun die ersten lauen +Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu gemeinsamen Spaziergängen mit +Marianne von Flügel bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer +mehr als sonst bedrückt. + +Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; zumeist +wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, betrachteten von einer +Brücke aus den Sonnenuntergang, verfolgten das Blätterwachsen und +Knospenkeimen von Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen +vom Sommer. + +Marianne gab sich als Freundin der Natur und als Flüchtlingin aus der +ungesunden Luft ihrer Welt. Mit vieler Kunst gab sie sich so, denn sie +erwarb Virginias Zuneigung damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an +Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da man sich +seines Charakters doch nicht entledigen kann wie eines Kleides, und +da sie auch keineswegs gewillt war, eine Nonne vorzustellen, brach +durch diese Verhaltenheit ein immer kühner werdendes Predigen von +Lebensgenuß. Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen, +genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen lassen, alles ins +Körbchen stopfen, am Ende kommt der Tod, und ein zweites Leben gibt es +nicht. + +Virginia machte bei solchen Verkündigungen große Augen und wußte nicht, +was sie sagen sollte. Genießen, was war damit viel bedeutet? Genoß sie +denn nicht auch? Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war, +das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes Reden dünkten sie +irgendwie unbescheiden, und sie konnte sich nicht anders helfen, als +daß sie durch eine lustige Bemerkung, was sie davon begriff und was +sie ahnend abwehrte, ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne zum +Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein wenig besser +in acht. + +Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen Frühlingsgängen +und wünschte teilzunehmen. Nun wurde es ein ander Ding; man flog +im Automobil hinaus ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße +stehen und streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war +unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, im Erzählen, +in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung. + +Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich Zimmermann hinzu. +Wenn er stumm und gedankenvoll kam, so taute er doch inmitten des +Lachens und Plauderns auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm +um sein Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften +Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in Erwins unbesorgten Worten +sie zum Erröten brachte, schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit +hastigerem Schritt voraus. + +An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich und Marianne kurz +nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren bis zum Stiftswald und wanderten +zwischen Hameau und Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und +Fichten und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. Virginia +pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, und Erwin erzählte +von seinem Buch über das Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem +Markt erscheinen sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die +unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, erweckten in +Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein eifersüchtiges Staunen, und +seine etwas knifflichen und groben Fragen drückten mehr Argwohn als +Erkenntnislust aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit zu +all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, »die +ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, der Sie leben wie kaum einer, +und von dem man nicht sagen könnte, wann er am Schreibtisch sitzt, +falls man gefragt würde!« + +»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. »Mein Fach ist +die Natur, die Menschheit, die Kunst, ist alles was mich will und alles +was sich mir widersetzt. Für den, der zur Leistung entschlossen ist, +hat ein Tag ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter +freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; ihr dürft es +tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit werden; =meine= Wirklichkeit +darf mir nie zum Traum entschwinden, sonst bin ich verloren.« + +Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten Schreitenden +hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch einen Blick zu einem +Zeichen des Beifalls aufzumuntern. Wie stumpfsinnig diese Person ist, +dachte sie, als Virginia davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins +Antwort nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb +anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und ihre Geschäfte +so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. Ulrich Zimmermann +marschierte eine Weile unzufrieden für sich allein, bis ihn Virginia +mit lächelnder Ermahnung aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch +ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute müßte man Gedichte +lesen.« + +»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie denn welche mit? +Lesen Sie doch.« + +»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann gnädig. + +Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das Gespräch belauscht: +»Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll Spott. »Das Attentat war doch +schon beschlossen, als Sie Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?« + +Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen sah, +zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht gehörte, nur heute, nur +jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft, +um ihn harmloser zu machen. + +Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, Marianne und +Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf frischgefällten Stämmen saßen, +jeder in seiner Stille webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend, +den seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend, +unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine Felonie von vorhin +wieder aus, indem er Ulrich beim Wort nahm. Dieser holte ein paar +beschriebene Blättchen aus der Brusttasche und las mit wenig geübter +Stimme zaghaft vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den +Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; es +ist schade drum. Geben Sie her.« + +Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und seelenvoller Betonung. + +Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber er konnte Erwin +nicht danken, denn aus der versonnenen Miene, mit der Virginia diesen +betrachtete, schloß er, daß sie ihn, den Dichter, völlig vergessen +habe. Und eine solche Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt. + +Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige Stelle; während +Marianne den Rock bis zu den Knien hob und verwegen hindurchging, zog +Virginia den Umweg am steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die +Haut am Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; Erwin wusch +die Wunde rein und verband sie mit Virginias Taschentuch. Sie lachte +über den doktormäßigen Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung +behandelte, auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden +galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias Hand in der +seinen und bastelte an dem weißen Tuch. Endlich entriß sie ihm die Hand +und versteckte sie instinktiv in einer Kleidfalte. Ulrich stand an +einen Baum gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen Himmel. + +»Seit meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß ich einmal in +einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, als sie sich wieder auf +den Weg gemacht hatten, zur Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie +erwartete, daß Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich. + +»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, antwortete er mit +verstehendem Blick. »Man ahnt gar nicht, wie solche Schreckbilder die +ganze Lebensstimmung beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch +die mächtigsten.« + +»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend fidel, »vor dem Sumpf +müssen Sie sich hüten. Gerade wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht +man den Schlammtümpel vor den Füßen.« + +»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin hart; »das Unken trifft +die Schwalbe nicht.« + +Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia fing ihn auf +und erschrak vor dem Haß und der beredsamen Wildheit dieses Blicks. +»Auch ich bin einst geflogen«, erwiderte Marianne düster, »aber man hat +mir die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da und piepst +vor sich hin, und das nennen die Leute unken.« + +Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar bewegt und schob ihren +Arm fast zärtlich in den Mariannes, sie, die so selten ein werbendes +Gefühl zu unmittelbarem Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte +kurz und brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an +Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen sprachen sie +miteinander und entfernten sich immer weiter von Ulrich und Virginia, +die wortkarg und bedrückt den schmalen Pfad bis zur Landstraße +verfolgten, wo das Automobil wartete. + +Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem Vorgeben, er +wolle noch den Abend außerhalb der Stadt verbringen. Stumm saßen die +drei während der Fahrt, die so schnell war, daß es Virginia schwindlig +wurde. Die sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia +hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt gesehen. Manchmal +heftete er den Blick prüfend auf sie, und sie glaubte den Blick +ertragen zu müssen, damit er wieder versöhnt werde. Sie hatte von +Minute zu Minute stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von +ihr ein Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen +könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als zürne er ihr, +als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal von Empfindungen der +Abhängigkeit und der Schuld. + +Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete sie Erwin durch +die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In der Torbogendämmerung sagten +sie sich kühl gute Nacht. Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch +einmal um und nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle stand +und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie den Fuß zurück, +auf den sein Auge sich zu heften schien. Das matte Flurlampenlicht +beleuchtete seine Züge, und sie sah, daß er lächelte, so bestrickend, +heiter und kameradschaftlich, wie nur er zu lächeln vermochte. + +Gott sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut. + +In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer mit sechzehn +Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit beschäftigt, die Türen zu +schließen aus Furcht vor einem übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal, +wenn sie eine Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein +Kalb, vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, doch war +in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, als wolle er sie erst +vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf sie stürzte. + +Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, daß Erwin am +zweitnächsten Tag Marianne und Virginia den Wagen schicken und daß +diese ihn dann abholen sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann +es zu regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte Marianne. +– »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia. – »Und wenn +auch nicht«, versetzte Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu +bleiben? Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.« + +Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. Sie machte +plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen der +Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die großen Pflichten, weil +die möglichen Widerstände zu belanglos sind. + +Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, »ich hatte +leider vergessen, daß ich um sieben Uhr bei der Fürstin Liebenberg sein +muß. Wenn Sie wünschen, überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber +es wäre hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten würden.« + +Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig ausgesprochenen +Namen einer Fürstin ihren Respekt zu unterdrücken. Ein naiver kleiner +Ausruf veranlaßte Marianne und Erwin, zu lächeln. + +»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich Erwin an Marianne, +»Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, die Sie rufen sollen.« + +Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie Erwin hastig, er möge +ihr für eine halbe Stunde das Auto geben, sie müsse zu einer dringenden +Besprechung in die Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein +unbestimmter Argwohn wallte in ihr auf. + +»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne hinzu und +verließ mit ihren starken und entschiedenen Schritten das Zimmer. + +Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, sagte er. + +Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das Schweigen der +Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, in dem sich bedeutungsvolle +Worte vorbereiten. Virginia spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei. +Erwin, der im Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah, +wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an die Fenster. Im +Kamin schnurrte der Wind. + +Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel leib- und +seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort ist; man sollte junge +Mädchen nicht miteinander verkehren lassen, das Geschlecht hebt sich +gegenseitig auf, ihr Magnetismus wird halbiert, indem sie sich unbewußt +verbünden. + +»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, Virginia«, begann +er endlich, und seine Stimme klang nicht metallisch wie sonst, sondern +sordiniert. »Jedesmal wenn ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in +mir. Was hast du geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles +Bedürfnis, mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen. +Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, schickten +diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur Ehrfurcht bezwungen, +Abgesandte mit Gold und Edelsteinen und erklärten sich aus freien +Stücken für tributpflichtig. Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen +haben, wüßt ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte. +Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen schlecht, +auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem höheren Grad des +Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose soll Muster sein. Warum +zum Teufel bekreuzen Sie sich andächtig, wenn von einer Fürstin die +Rede ist? Sie stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester, +ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch zwingendere +Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein Licht aufstecken, die sich für +vollkommen halten und es nicht sind, die weder stehen, noch gehen, noch +sitzen können und sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für +meine Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner wird +auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen Aufblick, ein +hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares und Unbedingtes. Deshalb +rede ich mit Ihnen darüber, aus keinem andern Grund. Wer als Fackel +geboren ist, muß leuchten.« + +Virginia wechselte während seiner Rede beständig die Farbe, doch in so +feinen Übergängen, daß es bisweilen kaum zu merken war. »Was wollen Sie +von mir, Erwin?« rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie +doch nicht so, bitte!« + +Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin betroffen. Diese +Stimme, der Ausdruck, der Blick, die Gebärde des Mädchens, all das +traf ihn unversehens und rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst, +wie ein Feind. Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während +er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, den Ton +brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. »Als ich Ihnen damals meine +geringen Schätze vorwies,« sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das +Gefühl eines Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig +ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu ruhen +brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob mein Besitztitel erst +durch Sie anerkannt werden müßte.« + +Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: »Weil wir eben von +Schätzen sprechen, Virginia, von Gütern, die keinen Besitzer haben, +obgleich sie einem gehören, muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.« + +Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer Weile mit einer +mäßig großen Schachtel in der Hand zurück, aus welcher er eine +herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie gefällt Ihnen das?« fragte er mit +einer Stimme wie einem Kind gegenüber. + +Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« rief sie mit +auflodernden Augen. + +»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, damit man +ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, die erhalten königliche +Weihe dadurch.« + +Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber wie ein Jagdhund +rebellisch wird, wenn das Horn schallt und die Rosse schnuppern, so +kann ein echtes Weib mit gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend +bleiben oder sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes +aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie die Zähne im Mund +eines Kindes, violett und rosig strahlend wie ein kleiner Regenbogen, +durchsichtig fast wie Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte +Haut. Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente. + +Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung nahm Erwin in +aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm +die Antwort unter Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte, +welcher Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe, +erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für eine Frau +gekauft, der er niemals nah gestanden und die er nur ganz aus der Ferne +angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« sagte er gedankenverloren, +»denn sie war die Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat +die Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein Blick aus +ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, und ich, ich habe mich +begnügt, sie damit geschmückt zu träumen, ich habe sie im Traum damit +verschönt. Sie war die einzige, die mich hätte verwandeln können, so +wie große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine Dämonen +kennt, sondern nur Genien und die die Seele fromm macht und den Geist +gelehrig; aber sie schwebte am Horizont meines Lebens vorüber wie ein +fremder Stern, ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist, +als hätte sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.« + +Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie hatte Erwin nicht +solcher Trauer, solcher Wärme, solcher Beständigkeit des Gefühls für +fähig gehalten. Die intensive feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und +von jedem Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres +Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen Tag konnte +ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge den Hals einer andern Frau +schmücken könnte«, fuhr er fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie +doch spielt! Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir +mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die und keine +andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie mir doch den Gefallen«, +bat er dringend und mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, als er +wahrnahm, daß Virginia ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die +Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es sehe!« + +»Wirklich? Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit wunderlich +scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm sein Verlangen hätte +abschlagen sollen; und außerdem hatte sie selbst nicht wenig Lust zu +wissen, wie es wäre, gleichsam nur naschend zu erfahren, wie es wäre, +wenn man eine Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß +er ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie ein +halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen nötig. Erwin trat +hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen der Kette behilflich zu sein. + +Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen als der jähe +Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. Alles bog sich in den Zügen; +die Stirnknochen schoben sich stärker über die Augen; die Nüstern +wölbten sich auswärts; die Lippen kräuselten sich, die Finger +krümmten sich, ehe sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden, +habsüchtigen und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, der +gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert von Scheinwert +genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren schimmernden Nacken herab, +dessen weiße Glätte ihm etwas wie Furcht einflößte. + +Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und ließ Virginia +hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung nicht bemeistern. +Sie blickte in den Spiegel, als erkenne sie sich selbst nicht, und in +ihren Augen war ein beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit +leisem Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd. + +»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte Erwin, indem +er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; »wie glücklich würde +ich sein, wenn Sie eine solche Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne +Ziererei und Künstelei empfangen wollten!« + +Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. Sie hob in einer +energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« rief sie erschrocken, »was +fällt Ihnen denn ein? Ich glaube, Sie halten mich zum besten.« + +Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen ließ, +veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und Gehaltenen. »Es ist +mein Ernst,« sagte er; »es ist mein Wille. Es ist mein heftigster +Wunsch. Für Sie allein sind diese Perlen auf die Schnur gereiht worden. +Jene andere war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals +gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie aufbewahren, +wenn man das leblose Kapital in lebendiges verwandeln kann? sehe ich +Sie damit geziert, so genießen meine Augen die Zinsen. Könnten Sie +doch ein Vorurteil verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich +ekelt, davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich bin +und sich selbst kostbarer und beschwingter.« + +»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit ungewöhnlicher +Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden Hände sacht auf seinen +Arm, eine Berührung, die ihm einen traumhaften Genuß verschaffte, »das +ist ja alles Unsinn. Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das +nicht annehmen könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht +gelten, die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche +zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie wollen mich +nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie käm’ ich auch dazu! Schnell, +schnell, herunter mit dem Ding, Sie machen einem ja ganz heiß, räumen +Sie’s weg, daß ich’s nicht mehr sehe.« + +Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, liebliche +Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das Kollier abnahm und ihm +überreichte, wie wahr, wie einfach die Angst, wie ungeheuchelt das +Begehren! »Ich werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie +ein Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in aller +Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband verehren zu dürfen, +– als ein Bundeszeichen von ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin +überzeugt, daß er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von seinem +Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten muß. Würden Sie sich +dann noch sträuben?« + +»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; »Manfred kann doch nicht +Richter über uns beide sein.« + +»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt +ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht +schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem +famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir +Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund +mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er +mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages +werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen +und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen +Augen.« + +Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem +steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre +heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte +ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen. + +»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein +Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit +fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie +auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen. +»Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was +ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich +nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von +uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine +Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine +Entäußerung.« + +»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener +Nachdenklichkeit. + +Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen +Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an, +Virginia«, bat oder vielmehr befahl er. + +Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses +zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige +Lächeln. + +»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß +Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich +der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die +zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein +Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher +Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des +Vertrauens, Virginia.« + +Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst +den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja +wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht +so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt: +»Marianne bleibt lang.« + +Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat +auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie +uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber +eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.« + +»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit +eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und +ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken. + +In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer +Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich +große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke +wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr +brachen die jungen Damen auf. + + + + +Ein Abend in der Villa Sansara + + +Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf +erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die +Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie +den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht. +Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen +war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof. +Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme. + +In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von +Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern +der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. +Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen +Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette +um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll. + +Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell +die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es +wagen können? + +Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache, +um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie +sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft? +Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme. +Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und +unbescheiden. + +Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich +schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder +der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, +und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die +leere Luft. + +Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen +Brief von Manfred brachte. + +Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb, +war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet. +Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin +der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch +einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere +hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener +Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, +hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung +war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der +Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff +als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der +Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber +dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte +die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in +Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen. +Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen +haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen +Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig +war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des +Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in +Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie +kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt. + +Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred +alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in +Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer +Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die +er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte. +Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch +in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu +spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er +strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden +Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und +Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus +dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des +Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion, +Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe +Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht +warum. + +»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, an den ich +Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme gefunden, da der ›Phönix‹ +im Hafen von Colombo drei Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle +im Paradies, zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins +Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, Bambusen +und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, die Pfeffererbse. In +reizenden Festons und Kränzen hängen Schmarotzerblüten von allen +Ästen, und unten bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien, +Cassaven, die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches +Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, strebt dreißig +Meter hoch empor; unsere kümmerliche Alpenrose wird zum gigantischen +Rhododendron mit mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien +und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche und Anmutige +zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten dieses Übermaßes werden +auch meine Gedanken zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln: +Zweifel wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches Fieber, +das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die Faust beiße und mich +am Strand hinwerfe, um das Gesicht ins Wasser zu tauchen. Aber dann +kommt wieder der überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die +Frösche rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse +schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures Seidenkleid +über ungeheure Marmorplatten schleift. In dieser Stunde seh’ ich dich +am deutlichsten, meine geliebte Virginia! Da glänzt dein Haar, ja, +es glänzt wie der Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten +im Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit einem +Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, mein Atem, mein +Gedanke, meine Welt. Und dann sag ich mir: ich bin deiner nicht würdig, +meine Liebe ist zu klein, zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer +verzehrt sich im Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet +mich, anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche mich +mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte Menschen sind: +nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend aber tüchtig. Man kann +mit ihnen sympathisieren, ohne lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich +mich von ihnen absondere, werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend +bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin Reiners geben, +ich habe meine Ansprüche überspannt, und das ist bedenklich. Doch ich +kann nicht mit ihnen reden. Sie sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu +lustig, oder zu simpel, oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten +im Meer und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn das +ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, Schönheit für +Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. Speicher sind noch keine +Mühlen, und Mühlen schaffen erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit. +Darf ich dir’s gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß +nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß noch nicht +wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; ich will anders +werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, ja danach verlangt mich, aber +nicht nach jener Tüchtigkeit, die an den Vorteil gespannt ist wie ein +Ochs an den Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den +Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und frischen Wind; und +an dich, die mir Flügel gibt, Mut, Selbstvertrauen und den Willen zur +Verantwortlichkeit. Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr +von Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, daß ich +andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu einem Einzelnen, ja +zu einem Wunder vielleicht in seiner Art gemacht hat, und daß ich mich +nicht werbend und nacheifernd an ihn verlieren darf.« + +Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei aller Bereitschaft +zum Mitempfinden, um den geliebten Mann bange werden. Die drangvolle +Leidenschaftlichkeit im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine +Formel dafür. Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund +und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in ihrem innigen +Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, das ergriff sie mit Freude +und entzückte sich daran. Immer wieder nahm sie den Brief zur Hand, +dessen Problematisches ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz +verstehen, wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – Dinge, die +sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so ausdrucksvoll damit +verknüpfte, daß sie sich verpflichtet hielt, ihm beizustehen. Ein wenig +von der holden Kinderzuversicht ging freilich auf solche Art verloren. + +Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, daß sie im Flügelschen +Hause einen der Brüder Mariannes kennen lernte, eine Begegnung, die +Marianne sehr unerwünscht war, denn sie sah die Folgen voraus, und +Virginia, die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen +die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, fühlte sich +durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des jungen Mannes aufs +entschiedenste abgestoßen. Es war derselbe, der damals augenlos an ihr +vorübergeeilt war, als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen +ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie hatte nicht +vergessen, daß ihr die verstörten und entformten Züge gleichwohl den +Eindruck der Roheit und Verwilderung gemacht hatten. + +In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus der modernen, +jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten Sinn, ein elegantes +und tückisches Raubtier, einer von jenen Eingefleischten der großen +Metropolen, denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen +Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, keinen Beruf zu +haben. Er war ein Meister der Mode, und ihn beobachten hieß, die Mode +selber, das wetterwendische, lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan +aufführen sehen. + +Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte ab, doch ließ +er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte ihn zurückzuhalten, +es fruchtete nicht. Virginias edle Unnahbarkeit hinderte ihn nicht, +zudringlich zu sein. Unter der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie +sah er in einer Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden +Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen. Taschendiebe sind +die Kleinkrämer des Verbrechens, und diese »Herzensräuber« vom Schlage +Sixtus von Flügels betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu +leicht durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut zu +werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit sind +sie hartnäckig wie die Hornissen. + +Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und daheim war, +aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, gegen Abend aus dem Hause +tretend, ihn auf sich zukommen sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß +und wollte vorbeigehen; er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben +gemütlich, sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend glänzte, +aber daraus machte sich der junge Herr nicht das mindeste, denn er +war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. Sie gab ihm zu +verstehen, daß ihr seine Gesellschaft unerwünscht sei; umsonst; sie +antwortete nicht auf seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt +Schritt mit ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen, +sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia verstummte +ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete in einen Laden, er +wartete draußen mit frecher Geduld. Wie gehetzt kam sie nach Haus, +immer an seiner Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne +Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, als ob er dort +genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade heraus, er möge sie ungeschoren +lassen, er zuckte die Achseln und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn. +Er schien einen Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie +das Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter ihr, +dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit hatte etwas +Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte in einem Atem, er war +beleidigend, dumm und glatt. Einmal am Abend folgte er ihr über die +Treppe hinauf und machte sich lustig über ihre Entrüstung. + +Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen Besudelung +war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche Erlebnis erfüllte sie +mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen und endlich mit Gewissensunruhe. +Etwas von dem kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu, +mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts von sich hören, +sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht entschließen, weil sie nicht +in das Haus des Unholds gehen wollte. Sie überwand sich und teilte sich +der Mutter mit, der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die +sich aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. Sie war +nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen Gebrechens trug +manches zu dem Eindruck von Vornehmheit bei, den sie machte. + +»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt dich an Erwin +wenden.« + +Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte genug von jener +Duellgeschichte, über die das Gerede noch immer nicht verstummt war. +Sie wies den Vorschlag ab. »Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner, +»den Menschen wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein +Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter zu +stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, sagte sie zur Mutter. + +»Nein. Er macht sich jetzt selten.« + +»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia +nachdenklich. »Übrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim Grafen +Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.« + +Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß sie im Wandelgang +der Akademie Ulrich Zimmermann traf, der mit einem bekannten Maler +im Gespräch auf und ab ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen, +diese fand die Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände +vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle +Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen Befürchtungen. »Was wollen Sie +tun?« fragte sie. »Lassen Sie mich nur machen,« antwortete er feurig, +»ich werde Sie von diesem Desperado befreien.« + +Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu Erwin hinaus, der +am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte ihm die Schmach, die Virginia +erlitt, fragte, was dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus +von Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. »Sie sind ein +Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich werde den jungen Mann ein +bißchen einschüchtern, verlassen Sie sich darauf. Heut über drei Tage +befindet sich Herr von Flügel nicht mehr in Wien.« + +Ulrich Zimmermann staunte. + +Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin nicht nur tief +verschuldet war, sondern daß er auch vor einiger Zeit auf den Namen +des Freundes seiner Schwester eine bedeutende Fälschung begangen hatte. +Somit war Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es +Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen zwölf und ein Uhr +fand sich Erwin im Flügelschen Hause ein. Marianne hatte ihn erwartet, +Sixtus war wie vor ein Gericht bestellt worden. Die Unterredung +dauerte nicht lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger +Ruhe seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und Schande +hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, einen demütigen +Abbittebrief, den ihm Erwin in die Feder diktierte, an Virginia zu +richten; ferner mußte er einen Schein unterschreiben, worin er das +ehrenwörtliche Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach Paris +oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls aber Wien zu meiden. +Dagegen verpflichtete sich Erwin, seine dringlichsten Schulden zu +zahlen und ihm überdies eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während +der nächsten Monate auszusetzen. + +Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen Mann in ein +Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, die etwas wie eine seelische +Gewalt über ihn ausübte, er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte, +Unheil angerichtet. So fügte er sich knirschend. + +Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia unauslöschlichen +Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der Zeit, ein solches Gefühl +zu offenbaren. Sie verschloß es in ihrem Busen, um es reifen zu +lassen. Der Haß hat seine Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend +wurde, begab sie sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den +Entschuldigungsbrief erhalten und war verwundert über die zauberhafte +Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann sein Gelöbnis erfüllt hatte. + +»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, »hätten Sie doch +noch ein wenig Geduld gehabt, ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein +Bruder ist ein unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens +ist er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von dem er in +Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus entstehen kann. Das war +nicht freundschaftlich gehandelt.« + +Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« flüsterte +sie endlich. + +»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen können?« + +»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne meinen Willen geschehen +ist«, versicherte Virginia hastig. Gerade Erwins Dazwischentreten habe +sie vermeiden wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet. + +»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß gehängt +hätten«, antwortete Marianne trocken. »Man sollte wirklich denken, daß +Sixtus ein Menschenfresser ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte +jedoch rasch ein, als sie wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und +funkelnd auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein +Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte +ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr ins Ausland. Sie +können also wieder in Frieden Ihre Straße ziehen, der Wegelagerer ist +nicht mehr zu fürchten. Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und +keine Feinheit.« Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel +verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu rauchen. + +Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen Unwillen nach, +als sie sich durch diesen Verlauf in eine immer unzerreißbarere +Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben sah. Ihr war, als regiere ein +herrischer Arm über ihrem Leben, behüte sie, das wohl, heische aber +auch Gehorsam und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein, +lag im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu heikel und +erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh gehemmt fühlte. Dazu +kam die Unsicherheit, wie er all dies aufgenommen: ob er es nicht im +stillen tadelte und unehrlich fand, daß sie sich an einen Dritten +gewandt, da er doch der Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein +Verlegenheitsspiel gewesen. + +An einem der nächsten Vormittage ging sie über den Graben, und schon +von weitem erblickte sie Erwin in einer Gesellschaft von zwei Herren +und zwei Damen, höchst elegant gekleideten Leuten. Alle fünf Personen +waren in einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia +erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen eine Sekunde +lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso verwegenen wie +raffinierten Komödie. Er redete nämlich mit den beiden Damen weiter, +die, überrascht von Virginias Erscheinung, sie mit schiefen Blicken +verfolgten, Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und eine +Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier und Verrat sind. Er +redete ruhig weiter, während er seine Augen an Virginias Augen vorbei +auf ihre Wange heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen. + +Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte schon die Lippen +zu freundlichem Lächeln gehoben, und als das Unerwartete eingetreten +war, wußte sie nicht, wie ihr geschah, glaubte sie in die Erde +versinken zu müssen. Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines +Hauses gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß +weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in einen Abgrund stürzt. +Mit Mühe schleppte sie sich zu einem Einspänner, fuhr nach Hause, und +dort wurde ihr so übel, daß sie sich aufs Sofa legte. + + * * * * * + +Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht ohne Plan +gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen gehörte, daß +nicht nur der Wille zum Ziel führt, sondern daß auch das Ziel den +Willen bindet und an sich reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme +entraten zu können, wenn die Erzeugung und Entladung großer Spannungen +gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen Fortschritte boten. +Er arbeitete, hörte Kollegien, hielt selbst Vorträge in der Aula, zu +denen sich ein erlesenes Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte +Tennis und Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine +zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber in dieser +wechselreichen Bewegung blieb Virginia der Augenpunkt wie ein ferner +Leuchtturm für ein nachtfahrendes Fischerboot. + +Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit Helene Zurmühlen +seine Reife erlangte und einen Charakter annahm, der das Schicksal der +jungen Frau besiegelte. + +Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus; die Kynasts waren eine +alte, hochangesehene Patrizierfamilie. Helene hatte mit achtzehn Jahren +geheiratet. Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der +Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen, den sie in +sich verliebt zu machen gewußt, behandelte sie auch in der Ehe wie ein +höheres Wesen. Das Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und +das eine Mischung von strategischen und rechnerischen Fähigkeiten ist, +ersetzte er durch den zähen Fleiß eines Mannes, der jeden Daseinsgenuß +zu opfern vermag, um reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach +Reichtum. Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich +zu sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er stand +völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur Eleganz, zu einem +weltmännischen Gehaben zu erziehen und wollte ihm Geschmack an moderner +Literatur beibringen. Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft, +das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen Fehler. Er +hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und Helene sah sich gezwungen, +einen großen Teil ihrer Zeit diesen fremden und gleichgültigen Menschen +zu widmen. Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war +aufregungsbedürftig und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft, +ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war menschensüchtig und +stellte sich weltmüde. Keineswegs nur aus Lust an der Gebärde; der +Zwiespalt lag wie eine angeborene Krankheit tief in ihrer Natur. + +Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen Welt +zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich von Freiwilligkeit +regiert werden, was ungefähr dasselbe heißen will, wie wenn man eine +Feuersbrunst auf Brandstiftung zurückführt. Vom ersten Augenblick an, +wo sie Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen lernte, +war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann gewinnen müsse. Er +zeigte sich ihr als der wahrgewordene unter den kühnsten ihrer Träume. +Sie fühlte ihre vollkommene Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet +und erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen +Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom Boden aufheben würde, +aber sie kniete schon, erschöpft vom Horchen, vom Zuschauen, vom +Warten, angewidert von Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und +Rücksichten, sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach und +einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du aufs Spiel? fragte +Erwin, der die Eroberung zu leicht fand. Mich! antwortete Helene. +Dieses Temperament des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den +Kitzel der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste, keiner +Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht, die er kennen mußte, +da er einer ihrer Emissäre und Agenten war, so umfassend vorgearbeitet, +daß ihm eigentlich nichts mehr zu tun übrig blieb. + +Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich zierlich. +Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare Vase gefallen hätte. Er verglich +sie mit einem Nokturno von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte +Poesie; sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm, +das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen Küche zu +füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig sein und befeuert +sein, er konnte schwermütig sein und rebellisch sein, er konnte lächeln +wie ein Faun oder wie Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert; +sie bewunderte seine meisterhafte Haltung. + +Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich Erwin; indem man +sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist leichter und einfacher. Wie +verführt man eine Braut? Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist +schwer und mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man nur +nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man die Vesprechungen +erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die Größe in Erwins Lebensführung, +die Freiheit seines Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl +zunächst, was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur +Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine Zärtlichkeit. Er +verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte sie in eine Sklavin +durch Zärtlichkeit, er wußte sie aufzuschüren, freudig, glühend, ja +bacchantisch zu stimmen durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen +für möglich gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie; +alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die Beunruhigungen +des Gewissens erschienen ihr in seiner Nähe, durch die Kraft seiner +Zärtlichkeit, so banal wie das Lampenfieber. Sie war nicht mehr die +anständig gewesene Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder +über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie war in seinen +Armen über solch niedriges Los hinausgerückt, und so lange seine Arme +sie hielten, konnte sie nicht fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit +hatte Erwin erkannt, daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch +sinnliche Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde; +demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders, so fremd, +so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft den Anschein hatte, +als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl und Verlockung erzeugen, +und die Wirkung, die er ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit +und Flüchtigkeit der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem +sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er forschte +nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept der Rezepte; es war für +ihn gleichsam ein Versuch am Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der +lebenden Figur. + +Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es eine +Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte, Virginia +vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos geschah es nicht. +Er zerbrach für eine Stunde die Kette, die er dann um so fester +schmieden konnte. + +Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung. + +»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht vorhin in der Stadt +begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie ein Traum.« + +Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf. »Was war denn +das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem Unwillen. + +»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin; »es war eine +Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste Umkehr von Halluzination. +Sie sind zu jeder Zeit in meiner Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir +wie einem Kind ergangen ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter +gefreut hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich +benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches ist mir +nie passiert. Verzeihen Sie mir.« + +Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, und +sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie froh, an den häßlichen +Zwischenfall nicht mehr denken zu müssen. »Ich habe noch eine Bitte«, +begann Erwin wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden und +vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet bin, +einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie wollen. Frau von Resowsky wird +die Liebenswürdigkeit haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und +Ihre Mutter dazu einladen?« + +»Die Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte Virginia rasch und +im Gefühl, daß die Anwesenheit der Mutter gar nicht gewünscht werde; +»davor hat sie Angst wie vor einem Eisenbahnunglück.« + +»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart berauben«, +versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so würde ich allen Leuten noch in +letzter Stunde absagen«, fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei +Virginia bemerkte. »Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig, +daß Sie da sind, und Sie werden da sein.« + +Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? Sie versuchte +zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. Es kam plötzlich +etwas Schweres, schwer zu Tragendes über sie, und sie wußte nicht, +woher es kam. + +»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, fuhr Erwin +hartnäckig fort. + +»Sind Sie denn abergläubisch?« + +»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber haben, um +daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort und Ihre Hand.« + +Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der Küche draußen +ließ Frau Geßner die Wasserleitung plätschern. Virginia trat langsam +zum Fenster. Erwins Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang +bis in die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, mein, +mein, mein, jubelte es in ihm. + +Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam wohl, wie ein +Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern tritt. Es war etwas so +Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen Traurigsein, etwas, was gleichsam +mit dem Mond zusammenhing und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies +liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und Auftasten zu +den Sphären. + +Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie scheuer geworden +war, seit er sie vor den Nachstellungen des jungen Flügel gerettet. +Ulrich Zimmermann hatte ihm da einen vortrefflichen Dienst erwiesen. +Doch Ulrich selbst war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt +worden, wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde ihm +nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, und als er +eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser sagte, Virginia rechne +ihm sein Benehmen als Feigheit, ja fast als Verrat an, war er wie aus +den Wolken gefallen. Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem +Stuhl und wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu ihr.« – +»Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin stirnrunzelnd. »Eine +Dummheit erklären wollen, heißt sie verdoppeln. Sie sind mir ein wenig +Haltung schuldig, mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier. +Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit Sixtus Flügel +eine alte Rechnung ausgeglichen und zu meinen Gunsten bilanziert habe. +Ich selbst habe mit ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und +ich wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das kann sie, +wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen gehabt habe.« + +»Diese Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich Zimmermann +mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. Er war gekommen, weil +er Geld brauchte. Stumm saß er hinter Erwins Sessel, der an seinem +Schreibtisch arbeitete. Es vergingen anderthalb Stunden, deren +Schweigen nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren +Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich stand Erwin +hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« wandte er sich freundlich an +Ulrich Zimmermann, dessen Anwesenheit er vergessen zu haben schien. + +Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer Geld braucht?« fragte +er mit wehmütigem Humor. »Ach, könnten Sie ahnen, was es heißt, um +Geld zu bitten!« fuhr er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das +Leben, und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, und ist +er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos erniedrigen. Und das +Furchtbarste: stets genießt der Gebende, was der Empfangende so schwer +verwindet.« + +»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, stimmte Erwin bei, +den die Großherzigkeit und Beschwingtheit in Ulrichs Worten sympathisch +berührte. + +Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb er auf der +Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. Sein Blick fiel auf das +Giebeldreieck, auf welchem in den Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu +lesen war. Das war der Name von Erwins Haus. + +»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, »Sansara!« Das hat +Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund. Plakatierte Metaphysik. Der +Übermut des Besitzes erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht. +Die asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg +europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht einen platonischen +Purzelbaum zum Nabel des Buddha und verewigt sein Kunststück durch eine +steinerne Fanfare. + +Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? fragte sich +der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart des Gottlosen gegen +den Despotismus einer unbeseelten Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig +beschnittenen Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes +Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende doch selber +aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum zu stürzen? Ich +könnte meinem Buch den Titel geben: Mirowitsch oder die wesenlose +Opposition. + + * * * * * + +Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug ein Kleid +aus veilchenblauem Battistlinon, verziert mit irischen Spitzen. Der +Brustausschnitt war bescheiden. Das Haar war zu einem griechischen +Knoten geknüpft. »Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner +immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern. + +Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch stünd ich hier, +fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, wie ich bin, wenn +er mich sehen könnte? Sie heftete den Blick in den Spiegel, – fast +mißbilligend. Man rief nach ihr, so schien es, und ungern folgte sie, +obgleich erglüht. + +Sie hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor dem Eingang zur +Villa stand eine lange Reihe von Fiakern und Automobilen. Man konnte +einen Teil des Parkes wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen. + +Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein Theater, einen +Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, besorgte, trunkene und +phantastische Lächeln, als ob sie sagen wolle: jetzt kommt das große +Unerwartete. Virginia beobachtete dies, während sie sich in der Halle +ihres Mantels entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum daß +er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. Erwin +kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen sprechen«, raunte er ihr zu. Sie +folgte ihm betroffen in ein kleines, von dem orangeroten Licht einer +Ampel beleuchtetes Gemach. Er schloß die Tür. + +»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich. + +Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade auf und hielt +ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten Händen entgegen. + +Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt zurück. »Sie +haben mir versprochen –« stammelte sie. + +»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem Lächeln. + +Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte mit der Kette. +»Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, sagte er leise und mit einem +Lachen in der Stimme. »Fragen Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred +hat geschrieben. Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich kenne +sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches Mißtrauen nicht.« Und +als sie eine abweisende Gebärde machte, einen hilflosen, verwirrten, +bittenden Blick auf ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur +diese eine Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!« + +Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und klatschte nun +begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! Unvergleichlich!« + +Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen den Mann, der sie +schmückte, erwachte in Virginia; aber dahinter wirbelte eine ungestüme +Freude. Gut, dachte sie, einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem +Innern glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein +Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred eingewilligt, +zumal die verflossene Frist ein wenig knapp schien. Bei alledem ist +wesentlich, daß sie von dem Wert des Schmuckes weder einen Begriff +hatte noch sich Gedanken darüber machte. Ganz von fern stieg in +Sekunden eine Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines +Unrechts, der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne wähnte +sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu beleidigen. + +»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, Ermunterung, +Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit strahlten an ihm. + +»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, reichte ihm aber +doch die Hand, die kalt war vor Freude sowohl wie vor Bestürzung. An +einem Spiegel vorüberschreitend, erblickte sie die Perlen. Dieser +Moment erfüllte sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie in +ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare gewähren +lassen. + +»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig an Erwin. +»Marianne zum Beispiel könnte doch fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein, +Erwin, nein,« flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.« + +»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein Unwillen, der +ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie mich +im Verdacht, daß ich mich brüsten werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß +ich am Ende Ihre Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter +nicht ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen +kann?« + +Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür zur Linken das +Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. Erwin kam draußen auf sie +zu; jetzt verstand sie den Umweg und erschrak aufs neue. Sie war nur +wenige Minuten mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten +waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau von Resowsky, die +sich liebevoll ihrer annahm und sie von Gruppe zu Gruppe geleitete. + +Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige ihrem Gedächtnis +eingeprägt. Der Glanz des Lichtes betäubte sie. Sie sah nur Umrisse +von Gesichtern, blonde, schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark +dufteten, viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der Damen +als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer Büsten verletzend wahr +und nahe. + +Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie den Eindruck, +daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie war durchaus nicht beengt, +sie gewann im Gegenteil mehr und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung, +daß es zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges +Band gab. + +Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr zur Unzeit fing +er an, die Erklärungen zu stottern, die er sich vorgenommen hatte, +sprach sogar, genau mit Erwins Worten, von einer Rechnung, die jener +»zu seinen Gunsten bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert +den Kopf und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich +mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte Virginia arm +geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu lesen. »Sie tragen ja ein +Vermögen an Ihrem Hals«, sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner +Taktlosigkeit zu gelangen. + +Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber lächelte sie +an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal in ihr, wie sonst nur, +wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann senkte die Stirn vor ihrer +Schönheit. + +Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer Haut einen metallischen +Glanz. Manche Herren wollten sich erinnern, sie schon gesehen zu haben, +und drückten es in schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß, +ernst, kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an +sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung Erwins +gefolgt. + +Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, ein paar junge +Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. Sodann machte Erwin sie +mit Helene Zurmühlen und deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr +wie ein Spielzeug, und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von +einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war der edelste +Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall Steine. Alles schien +zerbrechlich an ihr, der rührend weiße Hals, die apathischen Arme, die +mageren, gelben Hände, die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen +Kindern, wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte, +von leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, in dem ein +lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von den Schatten einer +süßen Melancholie überdunkelt war. Aber diese Melancholie hatte etwas +Grelles, und die Natur selbst strafte sie Lügen durch den starken, +brennenden Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet. + +Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen Tafel zu vermeiden, +war im Speisesaal freies Büffet errichtet, und fünf Diener versorgten +die immer wechselnden Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht +in einem kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich +Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des letzteren, ein +Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei rauchten. Auf dem Tische +vor ihnen stand eine Flasche Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit +zu Zeit in die Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer +junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames Zuhören am +Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er aus einer Familie +von Selbstmördern stammte. Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo +er Studien über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte. + +»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, sagte Ulrich +Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt Verständnis für die +Epoche darin. Wahre Prachtliebe neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze +Farbenskala, die uns blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese +Heliotrop und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen und +kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist leise wie im Zimmer eines +Sterbenden. Ich finde das stilvoll.« + +»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre Meinung ändern?« +versetzte der Graf. + +»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« fuhr Ulrich +Zimmermann hartnäckig fort, »und in New York versicherte mir eine junge +Milliardärin, Perlenketten seien vornehmer als Diamanten, weil bei +diesen die Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.« + +Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden Blick zu. + +»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte Ulrich +schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles bäumt sich auf, +Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich denke die schlechten und +selbstsüchtigen Gedanken einer ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen +und reden, alle sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber +niemand glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne gekommen ist, +werde ich aus einem Apostel zu einem Lakaien.« + +»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«, +antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; »die Gesellschaft +verwandelt den Apostel auf stummem Weg in den Lakaien.« + +»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden Augen. »Ich +werde in Sold genommen und festgeschmiedet. Meine Seele wird zum +Wallfahrtsziel aller andern Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der +Ehebrecherin und die Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld +für einen neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen des +präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen des Börsianers. +Ich weiß, daß dieser junge Mann mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo +im Mundwinkel an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen +Frau den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem Gespenst +einer unerwünschten Schwangerschaft gequält wird; ich kenne die +verzweiflungsvolle Frechheit des Überlings, der da spricht: für mich +gibt es keine Moral, sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den +verbrecherischen Gelüsten des jungen Mädchens, das ins Leben tritt wie +eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu melken sich anschickt. Hinter +dem geistreichen Geflunker gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter +den sozialen Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten +Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter dem diplomatischen +Getue werden Völker in ungerechte Kriege verstrickt. Sie sind mir zu +nackt, allesamt, sie vergiften mir das Gewissen, und erst das schlechte +Gewissen verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch größer sein +als meine Demütigung, sonst kann ich aus der Sklaverei, in der ich mich +befinde, kein Kapital schlagen.« + +Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob sich, grüßte höflich +und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit beleidigt oft den +feinfühligen Zuhörer. + +»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer Wanderung im +Gebirge, würden mir Ihre Worte einen stärkeren Eindruck machen«, sagte +Palester seltsam. + +Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine +kleine Verschwörung?« fragte er. + +Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben Sie sich nicht über +das Perlenkollier gewundert?« begann er mit verräterischer Hast. Erwin +blieb stehen und wandte ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender +Blick war kalt, durchbohrend und mitleidig. + +Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich ab und ging +allein weiter. + +Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile zwischen den Menschen +umher, dann begab er sich in die Garderobe, warf den Überzieher um die +Schultern und, den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein +Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch die ganze Stadt +und in den Prater und bis zur Donau. Auf dem Rückweg sang er laut, +um nicht denken zu müssen. In der Hauptallee setzte er sich auf eine +laternenbeschienene Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit +mit der Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb Verse: + + Die Seele, die berührst du nicht, + die ist im Leib vergraben; + sie weiß nicht, was die Lippe spricht, + will’s auch nicht Kunde haben. + + Im stillen träumt und blüht sie hin, + läßt Leid und Glück verfluten + und ziehet ewigen Gewinn + vom Bösen und vom Guten. + +Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und Zuhältern besetztes +Kaffeehaus. Sein Frack erregte hämisches Aufsehen. Der beginnende +Marktlärm verscheuchte mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich +verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien. + + * * * * * + +Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in +den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte +und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und +einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren +massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe +mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den +politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und +die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen +des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren +sein!« rief er scherzend. + +Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel +in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine +Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie +hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern +über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den +Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung +und Lebenskunst gesprochen. + +Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre +stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge +wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel +ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer +Verbeugung zu ihr. + +Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie +verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren +Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit. + +»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er +die weichste Liebkosung geflüstert. + +Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich. + +Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen +forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du +hältst mein Leben in deiner Hand.« + +Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht +einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er. + +Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten. +Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln +versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin +zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden +uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«, +sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand. +Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er +hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen +vermocht hatte. + +Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie +wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name +wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm +um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die +Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind. + +Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen +bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos, +birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein +wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie +sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt +plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den +Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser +Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn +anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte +weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche +schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht +zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen +Namen. + +»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in +Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre +Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so +laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken +wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische +Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht +Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell, +schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch +fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen, +wo wir hingeraten sind.« + +Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche +sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte +einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, +der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und +sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin, +der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter +geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte +nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor +dem Pavillon standen. + +Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu behangenes Rondell, +in dessen Mitte unter gekreuzten Balken eine chinesische Laterne mit +roten Gläsern hing und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und Busch +mit sanftem Scharlach übergoß. + +Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, preßte beide +Hände gegen die Brust und stammelte: »Mein Gott, was war denn das? +weshalb sind wir denn so gerannt? Ich kann nicht mehr.« + +Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. »Ruhen Sie sich +aus«, antwortete er. »Niemand wird uns stören.« + +Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur Besinnung. »Weshalb +sagen Sie das so wunderlich: Niemand wird uns stören –?« fragte sie. + +»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete er mit müder +Stimme. + +Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf der Erde? Sie können ja +auch auf der Bank sitzen. Ihre Kleider werden ja schmutzig.« + +Die müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht find ich meine Lust +daran, vor Ihnen auf der Erde zu kauern, Virginia. Was kann mir die +Erde anhaben gegen das Gefühl, Sie über mir zu wissen.« + +Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. »Es ist so still +hier«, murmelte sie dann. + +»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen fliegen +schon. Nur die Sterne sind zu blaß. Man sollte nicht an Orten wohnen, +wo die Sterne so blaß sind im Mai.« + +Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von meinem Platz aus kann +ich die Sterne nicht sehen«, sagte sie. + +»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem Atem. + +Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner Rede. Zu dieser +Stunde schlief sie an andern Tagen längst, und ihre Lider wurden +schwer. Plötzlich fragte sie mit innigem Klang in der Stimme: »Denken +Sie auch manchmal an Manfred, Erwin?« + +»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« fragte Erwin langsam +dagegen, und er griff mit der Hand nach einer Rebe, die er abriß. »Ich +denke immer an Manfred, immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht an +Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, bei Nacht, indem +ich in die Kissen beiße. An wen könnt ich sonst denken als an Manfred? +an wen mit gleichem Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred, +den Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor mir kam?« + +»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos und sehr bestürzt. + +Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war sicher, daß Virginia +die Frage wiederholen würde. So geschah es auch. + +»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine Stimme war dumpf +und ingrimmig. »Dürft ich denn reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am +Ende. Gehn wir lieber ins Haus zurück.« + +Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia in ihrem blinden +Schrecken bestärkt wurde. »Ist denn etwas mit Manfred passiert, etwas, +was ich nicht weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen +Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.« + +»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von Erwins Lippen. »Ruhig +Blut, Virginia. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß er der starke +Felsen ist, an dem mein Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich +denn sprechen soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich +macht, und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die Sterne so +blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie die Krankheit über den +Lebenslustigen; dabei weiß ich nicht, wie arm, wie reich, wie elend, +wie beschenkt ich mich dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt. +Ich habe nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur wie +Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder wie Stunden, in denen +man sich verliert, um sich noch wissender zu besitzen. Daß ich mich +unwissend ins Hoffnungslose verlieren könnte, habe ich nie für möglich +gehalten. Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich waren für die +Dauer eines Sommers, waren mir nur Gespielinnen. Sie rührten mich, +sie erregten mich, sie verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie +wappneten mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte nicht +an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen Sie die Ohren mit +den Fingern. Lassen Sie mich reden, wie jene Figur im Märchen von der +Gänsemagd redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was ihr +widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt es in dem Märchen. +O Herz, das du hangest, muß ich klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin +unterminiert. Es ist etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in +einem Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, daß +ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, mit meinem Gehaben das +Mitleid eines Schlächtergesellen auf mich ziehen würde. Denken Sie es +ungesagt, Virginia. Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, und +Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen können. Genug jetzt. +Genug.« + +Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und blieb unbeweglich +sitzen. + +Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage aufgerichtet. Ihr +Gesicht war weiß geworden und brannte aus dem Zwielicht weiß heraus wie +das Innere einer Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange +und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde der Trauer, +der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar wurde ihr Herz kleiner, +und alles, was dieser Mann da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie +berührte, so menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes +für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter Schauer flog +über ihre fast unbeschützte Brust, und sie erhob sich. + +Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin stand lautlos +auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen es vergessen«, flüsterte er +ihr mit erstickter Stimme zu. + +»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, »ach, Erwin.« Sonst +nichts. Aber diese beiden Worte, einfach wiederholt, rissen Erwin hin +wie eine nie vernommene Musik, und er glaubte das Unmögliche noch +in derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt von diesem +Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren Schleiern kühlen Wesen des +Mädchens, dessen Wert er spürte, wie ein Luftschiffer den Azur spürt, +in dem er schwimmt, stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund +kamen gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. War +es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch ein Ungemeines darin +verborgen sein, Instinkt und Glut. + +»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia. + +Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er richtete sich empor. +»Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia und blickte auf seine Knie. + +Er gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie von der Seite her +zur Terrasse zurückbrachte. Virginia war froh, als sie wieder Leute sah +und niemand sie fragend anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag +des Wagens. Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie +zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr nicht möglich. Doch +da er die Hand noch immer ausgestreckt hielt, fand sie es am besten, +ihm zu willfahren; verwirrt und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in +seine Hand, aber er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine +freche Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als die +vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch der Finger, deren +Berührung eine Siegeshoffnung war. + +Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die Welt erschien ihr +schwarz und öde. Die raschen Hufschläge der Pferde erinnerten sie +an das Pochen ihres Herzens, und sie legte beschwichtigend die Hand +auf die Brust. Da berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!« +rief sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, wandte +sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr war zumute gewesen, als +müsse sie auf der Stelle umkehren. Doch wie, mit welchen Worten, mit +welchem Gesicht sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner +Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des Leichtsinns, +des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie betrogen worden war. Stumm +und ratlos blickte sie vor sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den +Gedanken kaum ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag +anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter zu fahren, und +dieser gehorchte kopfschüttelnd. + +Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin ins Haus +zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener löschten die Lampen +aus und räumten die Tische ab. Eine Gesellschaft von zehn oder zwölf +Personen befand sich im Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische +Lieder sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem +Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen Leute waren durstig und +fühlten sich ein wenig geistlos. Erwin erfüllte sie mit neuem Leben; +nach kurzer Zeit hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die +Schläfrigen; ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der drohenden +Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter Abend langweilig endet, war er +langweilig,« sagte Erwin, »wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.« +Zum Schluß wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein etwas +beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, trieb durch ihre +transzendente Plumpheit das Vergnügen auf den Gipfel. + + + + +Zwischenspiele + + +Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel einen Brief Erwins, +der folgenden Wortlaut hatte: + +»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen der Trunkenbolde +nachahme, die in der Nüchternheit bejammern, was sie im Rausch +verbrochen haben. Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit +anklagen werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder betrunken, +noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig genug, um die +Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht als reuiger Sünder vor +Sie hin. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu +beschönigen habe ich nichts. + +Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht leugnen. Vielleicht +wäre sie zu umgehen gewesen durch List; vielleicht durch einen Aufwand +von Heroismus, dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft +erwehren, mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden, ist +darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher +Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist, gewiß keine +angenehmere Lage schafft. Ich entstamme einer Generation, die die +Ökonomie der Leidenschaften gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht +zu verschwenden, mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und +Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade dann in die +Kandare der praktischen Vernunft zu beißen, wenn das unpraktische +Gefühl unsere Bequemlichkeit und unsern Vorteil bedroht. Es wäre +bequemer und vorteilhafter für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine +Sache hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende. + +Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund vergangen zu haben. +Aber mußte ich nicht die Maske eines brüderlichen Beschützers in +der Stunde von mir werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe +keinen Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe keine +Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts vergeben, ich habe die +Ihrige nicht angetastet. Manfred ist in meinen Augen noch gewachsen, +denn ich bin ihm eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres +Herz appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis +über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln der Konvention +verringert werden kann. Zwischen mir und Manfred steht kein tyrannisch +trennendes Entweder-Oder, sondern die versöhnende Erkenntnis, welche +Kameraden erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal ungleich +begünstigt werden. + +Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia, haben mir +meine Träume ein Ideal zugeschworen, gleichwie Kindheitsgedanken eine +unerhörte Erfüllung ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses +Ideal vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu vergessen, +wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit ist die Ursache, daß +ich mich einer Rücksicht entledigte, an die im gewöhnlichen Verlauf +der Dinge Mann gegen Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch +des Anrechts auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen, so sei +es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können. Die Zukunft wird +es lehren. Aber desungeachtet gibt es in meinem Innern ein nicht +niederschmetterndes Gesetz: Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit +anzubeten ist kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße +die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein und nur +für sich allein? Dagegen bäumt sich mein Herz, mein Glaube, mein +Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden, +und die Qual macht mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann +nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört ist? + +Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen Tibetreisenden von den +Wundern des Dalai-Lama. Denn ich habe gerungen um diese Schönheit, ich +habe sie entdeckt, ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich +und nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie von fern, +wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter Verse spüren, sie sind wie +Sonntagsgäste vor einer zauberhaften Statue, und ihre Bewunderung ist +so verständnislos wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor +ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen, begriffen +in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie mir erweckt, wurzelt in der +Sehnsucht, also im edelsten Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie +rührt das Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich +daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich ein Lebensziel +haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen Erfüllung nicht ein +finsteres Geschick zu scheitern bestimmt hätte. Beschließen Sie! +Richten Sie! Ich beuge mich. Erwin.« + +Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer Schürzentasche +herumgetragen, bevor sie sich überhaupt entschlossen hatte, ihn zu +öffnen. Beim Anblick der kühnen und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie +das Blatt wieder sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den +erhobenen Arm sinken läßt. + +Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar gerüstet +steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte Bahnen. Da Virginia +von den Mitteln des Stils nur eine geringe Vorstellung hatte, +folgte dem ersten Widerwillen und der eisigen Befremdung über die +leidenschaftliche Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme. +Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine ihrer +Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen zugehört, +niemals ohne Schrecken. Dieser Schrecken trat jetzt an die Stelle +des lästigen Verdrusses, den Virginia stets empfand, wenn man ihre +Schönheit hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die sie +im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund und Hand, ohne +mehr davon zu genießen als ein flüchtiges Wohlgefühl vorm Spiegel oder +im Blick des sympathischen Beschauers. + +Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder, legte ihn wieder +beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des Anrechts auf einen Freund +verlustig gehen, so sei es. Da ward ihr die unendliche Verehrung +und Liebe gegenwärtig, die Manfred an Erwin band. Sie konnte es +vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie würde verwinden +können. + +Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte mich meinem +Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen, daß Manfred den Freund +verlor, der ihm so teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der +Geliebten. Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn sie, wenn ihre +Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war, daß Erwin den Freund vergaß, so +war sie doppelt zur Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred +um den Freund zu kämpfen. Das stand fest. + +Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute gewesen. Bei +seinen verwegensten Worten war ihr zumute gewesen, als ob sie sterben +müßte, falls es kein anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch +ihre nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der Manfred +drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine eigentümliche +Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen ist, zu handeln, wird +davon noch kräftiger befeuert als ein Mann. + +Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen und schrieb: »Sie +kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie mich gekannt, lieber hätten +Sie sich die Zunge abgebissen, als daß Sie davon gesprochen hätten. +Nun wäre das Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das +Geschehene ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben, die +Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden. Das liegt in meiner +Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will, dann gibt es keinen Erwin Reiner +mehr für mich. Doch Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit +Schmach bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut! +Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der Freundschaft +Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie das Häßliche; Sie haben ja +Gewalt über sich, treiben Sie es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und +meinetwillen.« + +So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte kamen ihr schal +vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln über ihnen schweben. Sie sagte +sich, daß es feig sei zu schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die +Perlenkette kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung +bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr, die sie in seinem +Gemüt hervorzubringen beabsichtigte, erschwert oder vereitelt worden. +Demzufolge mußte sie selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen, +konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens ein paar +tausend Kronen wert war, nicht noch stundenlang im Hause behalten. + +Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte, kam die Mutter +und sah das Perlenhalsband auf dem Tisch liegen. »Was ist das? woher +hast du das?« fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken +darüber, daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor +der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen? »Erwin hat es mir +geschenkt,« antwortete sie zögernd, »ich muß es ihm aber wiedergeben.« +– »Geschenkt? Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das +Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat er dir geschenkt? +Und du willst es zurückgeben? Warum?« Auf ihren Zügen malte sich ein +förmlicher Krieg der angenehmsten und der argwöhnischesten Gedanken. + +»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete Virginia mit +gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse da, und ... ich +kann es nicht behalten.« + +»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner. + +»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir helfen. Ich hab’ einen +schlechten Kopf.« + +»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau mich nicht so mißtrauisch +an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.« + +»Aber was willst du damit?« + +»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten. Er ist gar zu +wunderbar.« + +Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so begab sich Frau +Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler, den sie seit +ihrer Jugend kannte, und erkundigte sich bei ihm nach dem Wert +des Halsbandes. Um die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu +befriedigen, erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei, +das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der Händler prüfte, +zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten Ranges, sagte er, die +seien in solcher Menge kaum erschwinglich, aber als er den ungefähren +Preis nannte, der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen +übersteigen mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines großen +Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen stehenbleiben konnte. +Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie mit Schwindelanfällen, und ihre +Gedanken an Virginia, an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in +Bestürzung und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie seit Monaten +lüstern gespielt. + +Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia gegenüber den +Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie war verstört und konnte bei Tisch +nichts essen. Schweigend gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia +war innerlich selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter +aufgefallen wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um zu Erwin +herauszufahren. Das Halsband packte sie in Seidenpapier und steckte es +in das Ledertäschchen, das sie trug. Ihre Bewegungen waren energisch +und ihre Mienen gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich +immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen Angst. + +»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel. + +Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie einen solchen +Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben Antrieb unternehmen +würde. Der scharfsinnige Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier +um eine Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte, +der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde da sein, bat die +Zögernde, im Salon zu warten, rückte einen Sessel vor die Terrasse, +brachte ein paar Zeitschriften herbei, und all das ließ sich Virginia +still und ein bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war, +blickte sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein matter +Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es war ihr, als müsse sie +sich abwenden von dem Prunk des Gemachs, der ihr heute tot erschien wie +ein Kleid im Schaufenster eines Modengeschäfts. + +Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert, und fünf Minuten +später raste das Elektromobil vom Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf. +Erwin wurde von Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der +sich verdient gemacht hat. _Avant le souper_, dachte Wichtel, der eine +französische Bildung genossen hatte, als er die Erregung in den Zügen +seines Herrn gewahrte. + +Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun von seinen Mienen, +war der Zweck eines kurzen Verweilens in der Bibliothek. Ich habe sie +richtig eingeschätzt, dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis, +aber es ist gelungen. + +Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand auf. Seine Blicke +umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende Beteuerung und +musterten sogar ihren Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug +ein dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache, weiße, +von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse, ferner einen schwarzen, +großen, runden Strohhut mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen +Gesicht sommerliche Helligkeit verlieh. + +Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Sie gingen +hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte, schloß Erwin die beiden +hochgewölbten Fenster. + +Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort ein nicht wieder +gut zu machender Fehler werden konnte. Er war noch nicht ganz im klaren +darüber, weshalb Virginia gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund +erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich weit von ihr +und betonte so einen Willen zur Distanz, der ihr eine gewisse Freiheit +geben sollte. Sie kämpfte sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er +lenkte sie ab, ließ aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von +seiner Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem ungesunden +Servilismus einer Welt, die bereit gewesen, ihm zu dienen, noch ehe er +Zeit gehabt, ihre Dienste zu bewerten. Er habe niemals erworben, er +habe stets nur besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und +nicht genossen worden. + +An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg zu ihr war. Mit +erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte er es fertig, ihr alles das zu +sagen, was sie ihrerseits ihm vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias +Augen glänzten. Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an. +Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten ihrer Stirn +ihm die Richtung gewiesen, ahnte sie nicht, sondern glaubte an eine +ebenso glückliche wie beglückende Bekehrung. + +Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete, daß ihn das +Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter in seiner Seele. Und +nicht nur dies: so wie vorher Virginias Nähe ihn entflammt, so würde +ihr Anblick jetzt genügen, ihn vor den Flammen zu schützen, denn +er habe den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei seiner +Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige Kälte der +Verehrung, die jede Rebellion und Begierde erstickt«, sagte er. »Und +Sie haben sich nicht nur selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es +ist in mir eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben +hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen schweigen gegen +ihn, aber das Schweigen müssen wir aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir +vertraut, eine Großmut, die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz; +ich will Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter, +reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte, sondern schon +Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut und nährt. Ich möchte +Sie aus schädlichen Dämmerungen reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse +und Einsicht der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen +aufschließen, als ob es Türen in meinem Haus wären, ich möchte Ihnen +die Beunruhigungen ersparen, von denen jede eine Falle und eine Gefahr +für Ihre Schönheit bedeuten kann, ich will mich Ihnen weihen und will +entsagen und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres Schicksals, +und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor seiner Virginia erst +niederfallen, bevor er sie als eine begrüßt, die ihm entgegengelebt +hat.« + +Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden Worten solche +Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich der hinreißenden Wirkung +nicht einen Augenblick entziehen konnte. Man wollte sie bilden und +verschönen, das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred +in keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr, zu drohend +alles Leben, als daß sie wie andre schöne Frauen mit der Grazie +des Leichtsinns hätte hindurchschreiten können. Sie nahm von den +herrlichen Versprechungen auf, was sie zu fassen vermochte, und war +froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr hatte. Sie horchte, +wachte, entspannte ihren Geist, wobei ihr freilich dieser Mann immer +wunderbarer wurde und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres +Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ. + +Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel unbefangener sogar, +als sie sich ihm je gezeigt. Und das war das Meisterstück gewesen. Als +ihm Virginia mit Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband +übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen Position +sogleich zu erproben. Er wickelte das Paket auf, ließ die Perlen +fallen, bis die Kette nur noch am Mittelfinger hing, und blickte +Virginia enttäuscht an. + +»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von mir genommen hätten, +würden Sie sie mir gerade in dieser Stunde auch nicht vor die Füße +werfen«, sagte er mit umdunkelter Stirn. + +»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief. + +»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige und +unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal, Virginia! Sie heiligt +einen Freundschaftsbund. Lassen Sie mich wenigstens daran glauben. Wir +binden uns mit der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen +beim ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen. Die +schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt, werden flehend am +Boden rollen, und jede bedeutet ein verlorenes Glück.« + +Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr an, daß sie sich +nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete sie schweigend, voll von +einer Güte im Ausdruck, einer leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid +wachrief, dann legte er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab. + +»Was hab’ ich getan!« murmelte er. + +»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte Virginia endlich +schwankend und in dem Drang, ihn durch Nachgiebigkeit aufzurichten, +»ich könnte sie niemals tragen.« + +»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie später anders +darüber denken werden.« + +»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie wünschen. Die Sitte +ist mächtiger als Sie und ich, und wenn auch Manfred jetzt seine +Zustimmung gibt, so weiß er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn +der Anblick der Perlen bringen könnte.« + +Erwin verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So behalten Sie das +Geschmeide als Pfand«, schlug er vor; »ich verpfände es gegen mein +Wohlverhalten, meine Ehrerbietung, mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe +meines Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?« + +Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der überzeugenden +Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen. Trotzdem hatte sie nicht +das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, als sie sich von Erwin +verabschiedete. Am selben Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie +erklärte, was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen. +Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte sie die Gabe im stillen +hingenommen, aber in der Schilderung war alles von Zweifeln umwölkt, +und sie schuldigte sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien +ihr die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender Umstand. +Brisbane in Australien; es war, wie wenn man einen Brief in den Mond +schickte. Bis Manfred ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle +Verwirrungen gewiß schon zur Ordnung gediehen. + +Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter zugefallenen Schatz +das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias Rückkehr hatte sie sich +natürlich erkundigt, was mit den Perlen geschehen sei, und als Virginia +die Kette mit einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, – +denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte die alte +Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia auszuforschen, ob sie eine +Ahnung von dem ungeheuern Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares +Geschenk als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr wider die +Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie hoffte; sie bangte; sie +war erregt und schweigsam; sie behandelte Virginia mit einer Vorsicht, +die diese bedenklich hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst +sich gewöhnt hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf kernloser +Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches Betragen gegen +Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie. + +Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er kam spät nachmittags +und blieb bis in die Nacht. Er war jedenfalls mit sich einig darüber, +daß er nun etwas wie eine methodische Belagerung durchführte. Aber +unterschied er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der Mann +danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen zu erliegen, in +zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert durch ein Lockbild von Glück +und Verderben. Ihm war, als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die +Form vom Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war; ob +er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine tiefste Begierde. +In diesem Werk, in dem alles schlecht, wild und verbrecherisch war, +schien er seine Vollendung zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der +Morbiden, der Eroberer und der großen Instinktiven. + +Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen war die zuckende +Sammlung, die Menschen eigen ist, welche auf einem vorgeschobenen +Posten gefahrvolle Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes +waren markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch packender, +der Mund fester geschlossen, die Haut etwas fahler, Schultern und Hände +etwas ruhiger als sonst. + +Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie zeigte sich nun +in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und Schwierigkeit. Das Pulver in den +unterhöhlten Gängen hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer +Explosivstoffe bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der Posten +umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn. Die Nachbarn steckten +die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt kommt der Herr Kavalier schon jeden +Tag«, sagten sie und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten +Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten eine +Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter eines Postvorstands, +und was sonst noch in die Höfe und auf die weiße Wendelstiege kam an +Bedienerinnen, Waschfrauen, Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und +was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen pflog, das +alles schnüffelte und raunte. Hätten sie nur etwas Sicheres gewußt! +Gern verzeiht der Nachbar, wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber +nichts weiß, wird er zum Torquemada. + +Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn vor Erwin zur +Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den Rat gegeben, diese Winkelzuflucht +zu verlassen«, sagte Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom +Schleim verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner +starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete sie; +»verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir bevorsteht.« Erwin schwieg, +doch auf seiner Stirn zeigten sich die ersten Drohungen einer kommenden +Alleinherrschaft. + +Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm« zu stimmen. Er +hatte da einen Ton von frostiger Majestät, der eine ganze Stadt von +Schwätzern und Übelrednern zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger +majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch über der Plebs +ausdrückte. + +Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt, wo auch immer +Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht der Schatten eines Makels +auf sie fiel; und diese wirkliche Welt verschmähte doch ebenso wenig +den Klatsch und Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und +am Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben. Sie hätte +die schlimme Nachrede untrüglich empfunden, ein einziger Blick der +Bezichtigung hätte sie für alle Zeit verscheucht. Aber man wußte, +daß sie Braut war; man hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen +Meeren weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners, und was +diese poetische Kunde, was die Patronanz einer Dame, wie es Frau von +Resowsky war, nicht vermocht hätte, brachte Virginias Gestalt und +Wesen zustande, ihr reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über +ihr schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte sie, man +umschwärmte sie, und einige Komtessen eigneten sich sogar ihre Art +zu lächeln an oder beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die +kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna Schörk nachahmten. + +An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia zu +befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft sein Blick auf +ihr ruhte, prüfend oder träumend, zuckte sie zusammen, als ob man sie +angetastet hätte. Mit Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm +fesseln ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt +war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt zu haben. +Er bat demütig um Verzeihung, doch heimlich beglückten ihn ihre +Vorwürfe, die halb neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch +verrieten. Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir vielleicht +zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu mühelos erscheinen; +es geht mir wie einem, der beständig durch Pauspapier zeichnet. Sie +gab ihm das zu verstehen, aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum, +der mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit vielen +Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die gewußte Last.« + +Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung bieten wollte, +führte er sie an einem historischen Tag, an dem dreimalhunderttausend +Arbeiter vor dem Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden +hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte, der geordneten +Kolonnen, die von unten her kamen, von dort, wo das Schicksal seine +Gesänge heult. Erwin lenkte den Blick seiner Begleiterin auf einzelne +Gesichter. Er wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre +Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen. Während er +sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges Weib in +epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin sprang hinzu, hielt die Arme der +Schreienden fest und trieb müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus +den Kolonnen schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten +sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin wieder an Virginias +Seite war, sagte er: »Es war eine Prostituierte.« + +»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise. + +»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte er mit +verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie verdorrte Wurzeln und Augen wie +entsäftete Früchte. Es ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht, +ein Leib, der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost +gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht spüren? Meine +Ohren sind voll davon, und mich verlangt nach Freude, damit ich +vergessen kann.« + +Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er stehen, schaute +das junge Mädchen groß und tief an und sagte mit Inbrunst: »Ihr +Glücklichen! Glückliche Virginia!« + +Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich; bis zu diesem +Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich gefunden. Aber daß er +es war, der ihr das Glück zuschrieb, schien ihr keine Vermehrung des +Glückes zu sein. Klang es nicht, als wolle er seinen Anteil daran +haben, als sei er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die +empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen und wurde um Dank +immer verlegener. + +Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals zum Ausruhen +gelangen. Seine heimlichen Gedanken zu durchschauen, wenn er spottete, +oder wenn er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein +quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt, daß er mit +keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die sie häßlich und verräterisch +nannte, glaubte sie ihn durch Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft +belohnen zu müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte hatten +oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich zu ergründen suchte. + +Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum Haus gehört und vieles +von der Stimmung des Hauses bringt und nimmt. Er würde es nie werden. +Er war der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt, der +befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert, indem er sich +gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer Festlichkeit; seine +Gegenwart erweckte Neugierde, und er verabschiedete sich, wenn die +Erwartung ihren Höhepunkt erreicht hatte. + +Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen auf einmal so seltsam +wurden! Man wähnte, Blumen noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie +in seinem Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu einem +Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder die Wünsche gewisser +Stunden ausdrückte, einsamer Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden, +tatkräftiger Stunden. + +Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn, der in seiner +Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt freudiger. Er lehrte sie die Blumen +kennen; nicht nur dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht +so groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen, dem Charakter +nach. Er erkannte die Blumen am Geruch mit geschlossenen Augen; er +sprach von ihren geistigen und sinnlichen Neigungen. Einige Blumen +erweckten die Sinnlichkeit der Menschen, andere töteten sie, wie z. +B. die Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht, +bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und deutete das +Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom befruchtenden Wind und vom +samentragenden Insekt. + +Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er es war. Es wäre +interessant und lehrreich gewesen, aber nicht so eigen. Ohne Zweifel +wußte er, daß das Liebesleben der Pflanzen zu den geheimnisvoll +aufschürenden Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend, +daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen werden muß. + +Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen empor. Virginia +erinnerte sich nicht, solche Worte je vernommen zu haben. Es geschah +einmal, daß sie aufstand, als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein +Nebel schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger Sekunden der +Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl, beleidigt worden zu sein. In +ihren Zügen erwachte eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war, +ärgerte sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen wie +ein Spuk. + +Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen. Frau Geßner schlief +gewöhnlich nach einer Viertelstunde ein. Virginia lauschte gern +seiner wohltönenden Stimme. Er las Dante und Shelley in bedeutenden +Bruchstücken; er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa +von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien. Im glättenden +Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne vorsichtig an die Gesetze +der Lebenskunst und der Persönlichkeit. + +Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios schimmernden Geschichten. +Da Virginia leidlich gut italienisch verstand – die bucklige Großtante, +die am großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet +–, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms schwelgerisch feiernd. +Der Titel, den er vorstellte, hieß: Die Freude. Triumph über die +Materie war das Motto; oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar +zu bedenkliche Stellen milderte er geschickt, und die bunten Figuren +tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig verblaßt war, durch das +aber wundersame Irrlichter huschten, die in den Träumen junger Mädchen +nicht viel anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge. + +Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt mit einer fast +gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich sie zurück. Doch er +hatte dann einen herrischen Ernst, der die Abwehr als beschränkt +erscheinen ließ. =Ihre= unschuldige Sachlichkeit hingegen reizte ihn +bisweilen zur Frivolität, ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich. + +Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd in der Sofaecke, +und Erwin und Virginia bei der Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz +voll Frage und Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam, +überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel der Sinnlichkeit +durch die Zeiten, von der edlen Kultur der Sinnlichkeit, von der +Hingabe, von der Großmut, die in freier Hingabe liegt. Er hatte viele +Wege offen und verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie +ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine Scham erwachte, +sie senkte die Augen vor seinem Blick, er bekämpfte den fernen Aufruhr +der Scham und schürte dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz +verborgene Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung für sie, +moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte gegen gewisse Freiheiten der +Rede und der Schilderung kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre +Brust war von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so ungeheuer +fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele niemals erkennen +konnte. Ungenau spürte sie das Rechte, war lustvoll und verwirrt, +schweigsam und gern getäuscht. + +Aber vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen, daß er, was +wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft machte. Sie sah sich nach +Hilfsmitteln um, wenn er sie in die Enge trieb. Sie konnte nicht +zurückweichen, dann wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig +gehalten zu werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und +Bestimmtheit ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie viele +Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern würde, daß +von Überlistung keine Rede mehr sein könne. Da verdoppelte sich seine +Kraft und sein Schwung, und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand +unausweichlicher die magnetische Gewalt seiner Gegenwart. + +Er wünschte aus ihr etwas wie eine _grande dame_ zu machen. Er +behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte den Ausdruck _grande +dame_ und bezeichnete ihn als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus, +wurde aber stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik +herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme ohne jede +Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich, doch müsse sie den +Kopf nicht allzu lässig tragen, meinte er, dadurch beeinträchtige +sie die vollkommene Linie des Halses und der Büste, verberge sie das +liebliche Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet +seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie förmlich mit Händen +anrührten, erschrak Virginia, und daß sie ihr nicht die Unbefangenheit +raubten, war ein Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche +Eitelkeit fremd war. + +Er entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders prächtiges und +kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich Liebenbergschen +Park bestimmt war. Er wählte ihre Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der +Blusen, den Schnitt der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit +immer bedrückterem Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem +entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er brachte ihr die +auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn sie in seinem Beisein +daran roch, kam es über sie wie ein matter, aber gefährlicher Rausch. +Endlich überredete er sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin +in Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen fünfhundert +Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch den Dilettantinnen von +Bedeutung, die nur nach außen wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem +von großer Wichtigkeit für eine Frau, die es versteht, einer leblosen +Minute durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.« + +Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und ließ ihn in die +Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte, das Instrument sei sein Eigentum +und bleibe es. Dagegen ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als +Frau Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik hören zu +können. + +Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag seine letzten +Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe stille lagen und über ihre +Mauerngevierte der Mond heraufstieg oder die Sterne dunstumschleiert +sich entzündeten, setzte er sich an den Flügel und spielte. Es +waren Fantasien. Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild, +melancholisch, voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt in +klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen. Da er immer +weniger von sich selber sprach, nahm er seine Zuflucht zur Sprache der +Musik, die von seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung, +von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne, seufzte und ließ +die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn er so saß, den Kopf emporgewandt, +war etwas edel Vertieftes an ihm, und sein schlanker Körper ruhte +ebenmäßig in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen. Dann +erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn war gerunzelt, sie +ärgerte sich über die Mutter, die oft Tränen in den Augen hatte, aber +ihr Bestreben, sich der eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward +desungeachtet offenbar. + +»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und schlug den Deckel +des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen; Teufelszeug ist es. Sie +müssen unter die Menschen, vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen +Sie werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er erzählte eine +lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse, und plötzlich war +sein Gedächtnis angefüllt mit pikanten Histörchen, heiteren Schwänken +und den Alkovengeheimnissen aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen +Stadt. + +Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf, war es, als ob ihre +Anwesenheit allein genüge, ihn zum Mittelpunkt zu machen. Und wenn +er den Vornehmsten, den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja +oft sarkastisches Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er stets +den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie in den Augen +aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung, ließ ihr jeden Argwohn +als Undank erscheinen, und allmählich empfand sie seine Hilfe, seine +Führung als etwas Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine +Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche Weise, +und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender Klatsch ihr zu Ohren +gelangte. + +Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit Wochen nicht +gesehen hatte und die gerade Anstalten traf, für den Sommer nach Tirol +zu reisen. Marianne lenkte alsbald, wie es in ihrer Absicht lag, +das Gespräch auf Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht +glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber da Virginias +Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme nicht verließen, erging +sie sich in grober Deutlichkeit und sagte, es würde sie wundern, +wenn die Geschichte nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein +schlechtes Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie +hinzu, »mit Männern und mit Weibern.« + +»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia erstaunt. + +»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer. Ich, die +einzige, die ihn kennt.« + +»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.« + +Marianne lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes Buch. Mag sein, +aber wer eine Seite in diesem Buch liest, hat keine Ahnung davon, was +auf allen andern Seiten steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie +nach einer kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem +ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen Begriff +von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles nur eine Frage des +Widerstands. Sie machen Epoche in seinem Leben, so wie ein Fasttag im +Leben eines Fressers Epoche macht.« + +Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne sie zu +verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes an, der +geschwungene Mund dehnte sich, sie fühlte ihre Pulse rascher schlagen. +Marianne bot ihr die Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht +weil es sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war. +Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche Empfindung; +ihr war, als beginne sie Erwin zu hassen. Sie kannte noch nicht den +Haß, sie sträubte sich gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen. + +Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner ab, um mit ihnen in +die Oper zu fahren. Es war sehr heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau +Geßner Kopfschmerz und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der +Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und Dunst zitternden +Raum, da sah sie zwei Augen strahlend und mit fast verschlingendem +Ausdruck ununterbrochen auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen, +die mit einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß. Erwin +stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach kurzer Weile erblickte +ihn Virginia neben Helene. Er unterhielt sich sehr angelegentlich mit +ihr, und sein Gesicht hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten +Ausdruck. Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen, +neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet, aber ihre Augen +strahlten dann und wann mit demselben verschlingenden Glanz zu Virginia +hinüber, die ein solches Unbehagen verspürte, daß es sie die größte +Überwindung kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte, +daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren, die sich dann in die +Richtung wandten, wo Erwin sich mit jener Frau befand. + +Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und sagte kurz: +»Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du willst fort? Warum denn?« fragte +Frau Geßner, erschrocken über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber +diese hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb die Mutter, +welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia in solchen Momenten durch +Frage und Widerpart zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein +Gespräch fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen Wechsels +seiner Stimmung nicht versehen hatte, war einer Ohnmacht nahe. Aber +als sie die andere nicht mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles, +auch Erwins bestrickendes Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten +einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte sie nicht, obwohl +es furchtbar in ihr zu tagen anfing. + +Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit ihrer Mutter +das Theater verlassen hatte, schmunzelte er. Nachdem der Vorhang +aufgegangen war, schlüpfte er in seinen Mantel, setzte den Zylinder +auf, schob den Stock unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend +und leise vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große +Freitreppe des Opernhauses hinab. + +Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen Bahn, so fuhr +es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes willen, was hab’ ich da +getan! Wie es bei phantasievollen Menschen zu gehen pflegt, wenn der +Impuls zu einer falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles +Mögliche geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Aber es +gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings einem ebenso +falschem Impuls gehorchte, ich werde sagen, daß ich die Mutter zum +Wagen begleitet hätte; er wird es sonderbar finden, aber er wird nichts +merken. »Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht, +frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte und +verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu Haus werd’ ich dir alles +erklären.« Und bei der nächsten Haltestelle verließ sie den Wagen. + +Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum habe ich es getan? +grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens. Und sie spürte genau, als +ob eine Wunde in ihr sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs. + +Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei einer +Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn auf der Straße zu +treffen, blieb sie unwillkürlich stehen. Erwin wandte sich um. +»Virginia!« rief er freudig. Dann schüttelte er verwundert den Kopf. +»Ich wußte, daß Sie zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte +ihr mit langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte +Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten. + +Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte Erklärung kam ihr +langweilig und albern vor. Mechanisch steckte sie ihre Nase in die +Blumen. »Bitte, begleiten Sie mich zu einem Einspänner«, sagte sie +gepreßt. – »Wollen Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie +verneinte. »Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen zu +verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend fort. Virginia atmete +auf. Sie nickte. »Ich habe jetzt die Lust verloren«, antwortete sie; +»auch ist es zu schwül im Theater.« + +Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem Kutscher die +Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden. Daß er Virginia +zu dieser Stunde allein fahren ließ, war fast eine Genialität. Er +konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als sie ihm mit froher +Bewegung die Hand reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu +knacken«, murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich rasch +entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen, und seine Stimmung +verfinsterte sich. + +Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete die Rosen. Sie +empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte plötzlich und warf +die Blumen auf die Straße. Als sie vor dem Hause stand und läutete, +kam eben die Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie beide +lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«, sagte Virginia +verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag nicht.« Und Frau Geßner fragte +nicht, sie seufzte bloß. + +Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten Schlafrock an und +ging eine Weile im Zimmer hin und her. Dann holte sie Schreibmappe und +Tintenfaß, setzte sich an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer +Hand wie sonst, einen Brief an Manfred. + +»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit bist, so nah +bist du heut meinen Gedanken. Ich könnte beten, daß die Zeit schneller +läuft. Ich war nie so ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die +Stadt hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald und +Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche nach Edlitz fahren, +wo es uns auch vor zwei Jahren so gut gefallen hat. Wir werden wieder +dasselbe kleine Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten, +wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von den vielen +Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut, auf dem Moos zu liegen +und zu denken, an dich zu denken! Ich möchte so lang wie möglich dort +bleiben, und wenn wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben +angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin Liebenberg, da geh’ +ich noch hin, weil ich’s versprochen habe, aber dann ist Schluß mit +allen Gesellschaften und Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn +jede Woche ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend über +die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar darüber zu sein, womit +man ein solches Übergreifen vor sich und andern rechtfertigen soll. Ich +bin fest entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins +Redlichkeit nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in der +Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu viele Pflichten, +zu viele Bedenken erwachsen mir daraus, zu viel unreines Gefühl, das +man dann wieder betäuben muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit +beschränken. Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles +mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich glaube, auch dir +wird es im Grunde lieber sein, wenn du deinem Freund nicht auf eine +Weise verpflichtet bist, die mir drückend erscheint. Erwin wird das +einsehen; er hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute +klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken, wenn +sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst kann ich nicht klagen ...« + +Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte sie sich. Nein, +sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene überlas, war es ihr, +als ob in all ihren Worten eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte +sie schreiben müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du kannst! +Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie saß noch lange, den Kopf +in die Hand gestützt, und bisweilen flog es wie Fieber durch ihren +Körper. + + + + +Ein anderes Gesicht + + +Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn Virginia erwartete. +Das Fest sollte um fünf Uhr beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß +vor dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt Erwin in der Küche +auf. »Machen Sie keine Umstände, Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und +schob die ängstliche Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann +jede Dame empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit, +und ich muß Virginia zur Eile treiben.« + +Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend die Tür geöffnet +hatte. Virginia, das Haupt in ihrem weißen Mantel gegen ihn kehrend, +sah ihn erschrocken an. Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine +gute Wendung. Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht in +ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten waren, die selbst +vor Manfred, obwohl er einmal herzlich darum gebeten, nie die Haare +gelöst, wollte die unerwünschte Gegenwart des Eindringlings nicht +willig hinnehmen. Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer zu gehen. + +Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen, sie davon abzuhalten. +Er drehte sein Unterfangen ins Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde +und streckte flehend die Arme aus, und was er sagte, war so witzig +und voll Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch Frau +Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit anderthalb Stunden +plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal hab’ ich ihr angeboten, eine +Friseurin zu holen, aber das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden +Hände an mir vertragen«, gab Virginia nervös zu. + +Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn Sie zehn Minuten +stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er, »werd’ ich Sie aus der +Verlegenheit befreien, und Sie werden eine mustergültige und stilgemäße +Haartracht haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr, +als ich leisten kann.« + +Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig. Sie fürchtete, +blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte. »Können Sie denn das? +Wieso denn?« erkundigte sie sich verwundert. Er zuckte die Achseln. +»Nie ist mir das Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und +schüttelte den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern +zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte sie lächelnd +hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s fertigbringen, probieren Sie +es meinetwegen.« Und befangen nahm sie Platz. + +Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen zu, als Erwin ans +Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet, und da er die Arbeit still, +flink und mit großer Behutsamkeit verrichtete, gewann Virginia ihre +Ruhe wieder, und sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit +gelangt sein mochte. + +Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht die prickelnde +Lust seiner Finger; von den seidenweichen Haaren sprangen elektrische +Funken auf seine Haut, die ihm die sinnliche Täuschung erweckten, +als stehe er unbekleidet unter einem lauen, rieselnden Wasserfall. +Verriet nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte Vehemenz +seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte, die Entzündung seines +Gehirns und seines Willens, die unheimliche, in allen Poren wühlende +Sucht seiner verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen +Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung, die jünglinghafte +Spannung des Gesichts ein edles Ansehen, und Virginia, die ihn so im +Spiegel gewahrte, dankte ihm durch einen ruhigen Blick. + +Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks, und eine Stunde +später setzte sich der Zug der historischen Gruppen in Bewegung. Man +sah Pagen und Ritter, Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner, +Ratsherren und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen Sanftmut verbürgt +war, erinnerte sich vor den Augen der vielen Zuschauer gleichwohl +an tänzerische Anfechtungen seiner Jugendzeit, und als die Reiterin +den Zügel riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch ihre +unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich aus, als zähme +ein kühnes Burgfräulein den stolzen Araberhengst. »Famos«, murmelten +die jungen Aristokraten. Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias +birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen Sammetkleid +nach Art einer Edeldame des sechzehnten Jahrhunderts und dem Hut mit +den funkelnd weißen Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen +einer Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin. + +Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von solchem Erfolg +nicht ein wenig trunken werden sollen? Als sie noch bei der Mutter +gelebt, unwissend; als nur Manfred allein, aus der unbekannten Welt +sich lösend, vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von +alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der dunkelblaue +Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren, oben werden sie erfüllt. + +Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt. Es war +kein steifes Wesen; die freie Mischung der Gesellschaft kam einer +reizenden Zwanglosigkeit zustatten. Virginia saß in einem Zirkel junger +Herren und Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil nahm. +Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging ihr entgegen. Erwin +erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig vor sich hin, plötzlich +tauchte Fritz Kynast vor ihm auf. »Haben Sie meine Schwester nicht +gesehen, Erwin?« fragte er. + +»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht, daß Frau Zurmühlen +hier ist«, versetzte Erwin kalt. + +»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte der junge Mann +in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie wissen ja, ich habe mich der +Pflicht unterzogen, sie bisweilen dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind +alle ein wenig besorgt um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den +Herbst nach Rimini ins Seebad schicken.« + +»Ah, nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut und +gleichgültig. + +»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu gehen?« fragte der +andere mit mühsamer Freundlichkeit und einem Zug in den Mundwinkeln, +der Drohungen zu enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas +davon verlauten lassen.« + +»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst davon abgekommen.« + +»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen bei den +Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt. Erst gestern hab’ +ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der Erwin nach Rimini geht, +unmöglich.« + +Die beiden Männer sahen einander schweigend an. Fritz Kynast lächelte, +Erwin erwiderte das Lächeln nicht. Er nickte jenem zu und entfernte +sich. Er gewahrte, daß die Fürstin von Virginia weggegangen war, und +schritt Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten dann +zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen hatte, befanden sie sich +in einer ziemlich einsamen Partie des Gartens. Es war ihr unbequem, +aber sie fand keinen Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren. +Auch hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab. + +»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.« + +Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig klang, verstärkte +den wunderlichen Trotz. Indem sie auf die Erde blickte, hatte sie das +Gefühl, als habe sie ganz vergessen, wie Erwin aussah. + +»Und Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts antwortete, fuhr +er fort, und seine Worte erschreckten sie, weil sie aus ihnen abermals +seine schier unbegreifliche Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen +und Absichten erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach +einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu Ihren Füßen +gelegen, und Sie denken an den Frieden eines Bauerndorfs. Sie wollen +die Welt, die sich zu Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen. +Das würde sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht +zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.« + +Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt. In dem +grünlichen Wasser schwammen Goldfische. Ringsum standen schöne, alte +Bäume. Von fernher tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit +niedergesenkten Augen. + +»Was? was ist lächerlich?« + +»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein Spion. Ich fürchte mich +beinah vor mir selbst. Bin ich denn durchsichtig?« + +»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie anzublicken, »ich +weiß Besseres.« + +Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen See hinein, +und in den See eine Insel, und auf die Insel ein Schloß, und um +das Schloß einen Palmenhain und Lorbeergärten, und an den Molo ein +bewimpeltes Boot, und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene +Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball und Gesang und +Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe die großen Städte der Lombardei, +und in Stundennähe die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht der +Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer. + +Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er? war es +Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß? wollte hinfahren? +jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit der Mutter im Schlosse hausen? +und er würde am Seegestade hausen, allein in einer Fischerhütte? + +Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich dann mit +übergeschlagenen Beinen auf den Rand des Bassins. Ihr Gesicht hatte +einen trocknen und ungeduldigen Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und +blickte auf ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die +weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so nah, daß er sich +nur wenig hätte neigen müssen, um seine Lippen darauf zu drücken. +Er spürte die Wärme ihres Leibes und vernahm das leise Knistern des +Gewands. Er sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand den +Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten Körpers selbst. Und +ihm war, als könne es von jetzt an nicht mehr anders sein; immer würde +er die weiße Schulter sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche +Wölbung ihres Busens. + +»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und eintönig; »schon seh’ +ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet. Virginia wird heiraten. +Virginia wird mit dem Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen +anknüpfen, Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll und Haben +führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei, drei ...« + +Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar mutig in +den seinen und sagte befehlend: »Genug.« + +Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann. »Genug?« fragte er mit +einem von Schmerz zusammengezogenen Gesicht. »Was für ein Wort: genug! +Ein Wort für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist ein +Sargdeckel.« + +»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte Virginia plötzlich +sanft und beängstigt. Und mit tiefer Entschiedenheit fügte sie hinzu: +»Für mich wäre es sonst wirklich genug.« + +Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen. + +»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia und schritt voran. +Erwin konnte seiner Erregung nicht anders Herr werden, als indem er +eine Zigarette anzündete; mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch +in die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine Stunde kommen? +dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo dieser Engel aus seinem Himmel +herunter in meine Arme stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem +Kampf ohne Gnade. + +Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine Frauengestalt auf +einen Weg zwischen den beschnittenen Hecken und schaute mit verstörten +Augen auf den vollen gelben Mond, der durch die Säulchen einer über +dem Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann schlug sie die +Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen. + +»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin; »es ist, als könnte +man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.« + +»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug, Mond, genug«, +erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas in seiner Stimme, was +Virginia einen Schauer über die Haut jagte. In wenigen Tagen hört das +alles auf, tröstete sie sich. + +»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu beklagen«, begann +Erwin wieder. »Wir müssen etwas für ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild +schicken. Ich werde Sie photographieren, so wie Sie hier sind.« + +»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert; »aber wo und wann?« + +»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den Wagen. Morgen geht +es nicht, abends hab’ ich ein kleines Herrendiner, nachmittags will ich +zu Ulrich Zimmermann; ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre, +daß er krank ist.« + +»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?« + +»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn er Sie sieht, wird er +sicher gesund. Vielleicht sind Sie sogar schuld an seiner Krankheit. +Sie haben ihn schlecht behandelt und zu schwer gestraft für eine +Unbesonnenheit.« + +»Wenn Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude macht, gern. Warum haben +Sie denn neulich so fremd von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr +ein, bei welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie haben +getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und ich habe mich darüber +geärgert.« – »Ich liebe es nicht, meine Beziehungen zu plakatieren.« +– »Man kann also jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man +verleugnet nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen sind, sind +Feinde, Erwin.« + +Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie mit diesen +Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise, selbst eine Grenze zöge. +Virginia begegnete seinem Blick, und auf einmal wurde sie dunkelrot. +Das Spiel wird ernst, dachte Erwin. + + * * * * * + +Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten Stock eines +alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden Hauses. Man mußte +zuerst den Hof durchschreiten und dann eine Holzgalerie erklimmen, +die in das Zimmer des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber +etwas armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche Sauberkeit +auszeichnete. An den Wänden hingen ein paar Originalskizzen von +mittelmäßigen Malern und eine große Photographie der Rembrandtschen +Nachtwache. + +Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem braunen Flanelltuch +bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem Gesicht las er einen +Brief, den er soeben von seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche +hatte er dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt, deren +Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht worden war. Doktor +Zimmermann bedankte sich für das Büchlein und schrieb weiterhin: + +»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn auch deine +Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte fallen, ein Fehler, +der auf einem Mangel an innerer Einfachheit beruht, so erkenne ich +dir doch alle Begabung für den selbsterwählten Beruf zu, die mein +früheres Mißtrauen und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht +vorhanden erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst, ich sähe +dich mit Genugtuung und großer Erwartung auf dem eingeschlagenen Weg +weitergehen. Nicht zu gedenken der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der +Mißkennung, der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen +du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du reichlich genossen +hast, gebricht es dir auch nach meiner festen Überzeugung an einer +Eigenschaft, ohne die ein wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt +dir an Gemeinsinn; ich will es besser soziale Gebundenheit nennen; +es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention, auf der +alles Tüchtige und Außerordentliche der Kunst wie der sichtbaren Welt +ruht, als auf einer Basis von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine +Zeitgenossen werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem +Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf durchhöhltem +Grund oder hängen gänzlich in der Luft, haben keine Herkunft, keinen +Stammbaum und keine höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten +Bewußtsein können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst sich nicht +zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu frühem Tod, was auf dem +Markt Unsterblichkeit prätendiert. Deine Sorge wegen meiner Gesundheit +ist, ich hoffe es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut +ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten Onkel Wilhelm +Zimmermann.« + +Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren, daß Doktor +Zimmermann mit den Anfängen eines tückischen und höchst gefährlichen +Leidens kämpfe, daß er sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu +Rate zu ziehen, und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten +mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens aus der +Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem Winkel sitze. +Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der joviale, lebhafte, +sprühende Mann, der scharfe Geist und schlagfertige Dialektiker in +der Melancholie gleichender Todesfurcht, nichts konnte trauriger für +Ulrichs Ohren klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen. + +Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt des Briefes +überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe, die Türe wurde nach +raschem Pochen geöffnet, und Erwin steckte den Kopf in die Spalte. +»Kann man herein?« – »Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand +da.« – »Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf. Das war das +Unerwartetste. Schon stand Virginia auf der Schwelle, dann trat sie ins +Zimmer und reichte Ulrich die Hand. + +Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern, was ihm den +Sinn beschwerte. Er reichte Erwin den Brief seines Onkels. »Mir ist, +als seien Sie anders geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu +Virginia, indes Erwin ans Fenster ging und las. + +Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände, die auf dem +Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie aufschlug, fand sie, von +Ulrichs Hand geschrieben, ihren eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt. +»Soll das mir gehören?« fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und +antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt aber ein Bild +dabei. Soll das auch mir gehören?« – »Wenn Sie’s annehmen wollen, ja. +Ein alter Stich, aus dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern +und hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.« + +Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem der Sensenmann +grinsend und lüstern emportaucht. Darunter stand: die Braut. +Gedankenvoll schaute Virginia darauf nieder: sie ließ den linken Arm +sinken, und der Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort +von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich galant +danach und schaute dann über Virginias Schulter auf das Bildchen. Unter +seinen schöngeschwungenen Wimpern hervor schoß ein messender Blitz auf +Ulrich Zimmermann. + +»Was halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich Ulrich betreten. + +»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen Sie: die +Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und wenn sie ins Freie +gehn, laufen sie über die Straße ins Wirtshaus. Wir wissen es ja +längst: das schlechte Gewissen macht Moralisten, und der untätige Geist +gebiert Kritik.« + +Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur Virginia. Er sah +nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung von ihr, die sich in der Luft +bewegte. Nein, sprach es plötzlich in ihm, es ist nicht, es ist nicht! +Der Kranz auf dieser Stirne kann nicht lügen. + +Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die beiden fortgegangen +waren; wo bin ich? wo lebe ich? lebe ich in meinem Bezirk? treu der +angeborenen Kraft? Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige +Zeugnisse entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn das Heute +eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller Durst nach Ehre, wohin? +alle Pläne, wohin? alle Träume von Unsterblichkeit, wohin? + + * * * * * + +»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte Frau Geßner +Virginia zu, als diese nach Hause kam. Virginia trat ins Zimmer und +sah Helene Zurmühlen vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung +lag, verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das freundliche +Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig. + +Warum war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung angetrieben. +Eine Reihe von schlaflosen Nächten vermag die Beweggründe eines +Entschlusses zu verdunkeln. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß +das Verhängnis unabwendbar gewesen sei und besiegelt vom Anfang an +her. Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah sich +des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in dem sie sich für +gefeit gehalten gegen alle Drohungen des Schicksals. Und es war so +plötzlich gekommen, ohne Aussprache, ohne Vorbereitung, wie wenn am +Abend eines Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von ihr +abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie an, dorthin +zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte diejenige sehen und spüren, +die von der Sonne beschienen war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre +Natur war so beschaffen, daß sie sich in einen künstlichen Edelmut +wohl hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand aber +keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war, vor die glückliche +Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht danach aussah, als ob es ihr +um die feierliche Gebärde des Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem +erkünstelten Edelmut dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn +glücklich macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich +empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren Kummer zu vergessen, +wenn sie Virginia versicherte, wie sie es Erwin versichern wollte: ich +entsage. Der Gedanke, daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren +Platz einnehme, tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens +ein. Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend und +hilflos. + +Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre Hände gefaßt. »Ich +begreife alles,« sagte sie, »ich begreife ihn und Sie. Seien Sie mir +nicht böse, daß ich Sie derart überfalle, ich weiß, daß ein solcher +Schritt ungewöhnlich ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist +das einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt in mir +ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich aufrecht halten, wenn +ich auch wie ein Lahmer bin, dem die Krücke weggenommen worden ist. Sie +bedürfen keiner Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter +sein, mit Ihnen froh zu werden als mit mir.« + +Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer und nahmen +plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn sie schien erst jetzt der +Einfachheit des Raumes inne zu werden. + +Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war bestürzt und +aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen, gnädige Frau, wovon Sie +eigentlich sprechen?« fragte sie höflich. + +Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des Hasses aus +Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum heuchelt sie, fuhr es ihr durch +den Sinn. Doch faßte sie sich schnell, und mit ihrem gütigen, müden +und opferwilligen Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß +Sie sich nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn, und was +haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben, Ehre, Herz, +Leben, Zukunft, Kind und Mann, alles ihm, alles zertreten für ihn, und +mit Freude, das dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden, +zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein, das ist zu viel, +vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren. Nehmen Sie sich in +acht, daß Sie nicht zu seinem Schatten werden.« + +Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog ihr Gesicht. Sie +war keines Wortes fähig. + +»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,« fuhr Helene mit +schmerzlich verzogenem Gesicht fort und in einem Ton von Hoffnung, als +ob Virginia durch diese Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche +an Erwin aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht, +er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und ihre Lippen +zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende ihrer Situation zu +spüren. Außerdem erschrak sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen +Mädchens gewahrte. + +»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige Frau,« sagte Virginia +leise und mit den Zeichen heftigen Widerwillens, »es scheint Ihnen +nicht bekannt zu sein, daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam +gegenwärtig auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht +verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein Einverständnis +zwischen mir und Herrn Doktor Reiner annehmen, so ist das Ihre Sache, +nur muß ich Sie bitten, mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.« + +Nach diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung etwas +Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame Verwandlung in Helenes +Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer Zorn, die herrische Abwehr +mit dem Hinweis auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge +in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich des +Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst schon verspielt, daß +ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit besessen hatte. + +Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken, den +Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt. So hätte ich geschaffen werden +sollen, dachte sie mit einem müden Blick auf Virginia, so stark, so +frei, so stolz. + +Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung. Virginia antwortete +nichts. Helene lispelte einen Gruß. Eine Gebärde verriet die +schüchterne Absicht, Virginia die Hand zu reichen. Virginia geleitete +sie stumm hinaus. Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft +worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel einer +unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte. + +Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer Unbekannten +nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten erkundigt hätte. Sie ging +durch viele Straßen, und ganz ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte +nicht einmal den Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen, +keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser nachdenken zu +können. Wenn diese Virginia nicht seine Geliebte ist, dachte sie, +dann ist ja für mich noch nichts verloren; am Ende ist alles nur +eine Einbildung von mir. Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin +zu sehen und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit dem +ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und von Beredsamkeit, den +starken, einschmeichelnden und besonderen Worten, die seine Züge so +bewegt und so vertraut machten. + +Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend; sie trat in ein +Geschäft und telephonierte nach Hause, um zu erfahren, ob das Kind +schlafe. Ihr Mann war für einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen. +Gegen halb neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit +neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie im Stiche ließen, +richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung mit Erwin. +Sie gehörte zu den Menschen, die sich leicht der Täuschung hingeben, +durch Reden, Erklärungen und Auseinandersetzungen könne der Lauf der +Geschehnisse gehemmt oder verändert werden. + +»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner dringend sprechen«, sagte +sie mit ihrer sanften Stimme zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch, +zauderte einen Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach einer +Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück und sagte: »Der gnädige +Herr bedauert unendlich, er kann nicht abkommen und bittet, ihn zu +entschuldigen.« + +Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt, daß ich es bin?« fragte +sie matt und geringschätzig. – »Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich. +Die ungeheure Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden +Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer Ohnmacht. +Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus dem Zimmer schallen, und +auf einmal kam es über sie wie ein Rausch, wie eine Raserei der +Verzweiflung, die nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und +Rücksicht. Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine +geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin mit drei +jungen Männern am Tische aß. Erwin befand sich der Tür gegenüber. Er +stellte das Weinglas, das er in der Hand hielt, neben seinen Teller +und erhob sich. Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte, +verzog sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen. +Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die Gäste blickten erstaunt auf +die junge Frau. Erwin gewann sogleich seine Fassung; er ging Helene +entgegen und sagte höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es, +gnädige Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen? +Darf ich bitten, mir zu folgen?« + +Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür gegen den +linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die mit halbgeschlossenen +Augen mechanisch schritt, vorausgehen. Dann übernahm er die Führung und +machte erst in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war es +finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür. + +»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen wollte?« fragte +Helene atemlos, mit einer Stimme, die zur flehentlichen Abbitte schon +bereit war. + +Erwin blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte er laut, fest +und mit starrem Mund. Dann erst heftete er die Augen auf die gleichsam +verlöschenden Züge Helenes; er setzte sich in einen Stuhl und +verschränkte die Arme über der Brust. + +Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht, ein Gesicht, +das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht kannte und vor dem ihr +graute; ein Gesicht, in welchem kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von +Beredsamkeit, von Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes, +steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein furchtbares +Gesicht. + +Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie mußte sich abwenden. +Sie wunderte sich, daß sie die Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne +zu schreien, wie man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes +schreit. Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer ging +und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der Halle holte er sie ein, +sagte etwas, was sie nicht verstand, und entließ sie mit höflicher +Verbeugung. + +Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch so war wie +am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte sich auf einen Diwan, +lag Stunden und Stunden, und als es Tag wurde, wunderte sie sich +darüber. Sie erhob sich, ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle +Briefe und Aufzeichnungen zusammen, die sie hätten verraten können, +warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann ging sie +ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und, bevor +sie sich entkleidete, trat sie ans Fenster, das nach dem Lichthof +führte. Sie schaute in die Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie +sich sorgfältig an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn +sie ins Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes, +das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder am +Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen pfeifend über +den Himmelsausschnitt droben. Von einer Küche im untern Stockwerk +klang Tellergeklapper und dazwischen ein schrilles, elektrisches +Glockensignal herauf. Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch +übermorgen, vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger Anstrengung +setzte sie sich auf den schmalen Sims, und sie wunderte sich, daß sie +etwas tun wollte, was so abschließend und so mutig war. Sie glaubte +noch nicht, daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten +noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da gewahrte sie das +Gesicht in der Luft, das andere Gesicht. Sie ließ die Hände los und +sank ohne Laut in etwas unsagbar Weiches und Wollüstiges hinein. Sie +sah die verblüfft glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster, und +ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht unschicklich, +wenn Leute kommen. + + + + +Reise und Rückkehr + + +Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte vom frühen Morgen an alle +Türen und Fenster aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte +sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf fahren, Gina?« fragte +Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig vor sich hin. Ihr war, als müsse +sie sich zuvor noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt +war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, daß er +ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war ihr gleichgültig; +desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß kommen. + +Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, sah das +zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten Schultern. +Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, daß Frauen so vor ihm +zusammenbrachen, so entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen +und davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und miterleben. + +Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das Jahr hatte sie +verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, das manchmal zu schwindelnder +Sehnsucht heranwuchs. Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg, +stockte ihr Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich +vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene zu tragen, die +verbietend war? Es war etwas aufgelöst in ihr. Ein Weg, den sie nicht +gehen wollte, den sie niemals gehen würde, schimmerte versprechend. +Langsam wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die Brust, und +von den Hüften empor zum Halse glitt ein lauer Hauch, der den Kontur +des Leibes empfinden machte, den Blick schamvoll von der Welt weglenkte. + +Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem Jahr. Das Blühen +wogte bis über die Dächer, und in den Kellern sangen die Wurzeln. Der +Mond stand am Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der +ausgestreckten Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken flammten +schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht mehr die strenge Scheu, +die sie bis jetzt in ihren Gedanken der werbenden Liebe Manfreds +entgegengesetzt. Sie rief nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine +Nähe, wünschte seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem +schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit bewußt. + +Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. Sie erinnerte sich +nicht, geschlummert zu haben, dennoch hatte sie geträumt. Seltsame +Dinge hatte sie gesehen. Sie stand in der Halle von Erwins Haus und +blickte durch offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen. +Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn junge Mädchen, +alle mit ganz dünnen Schleiergewändern bekleidet, durch welche die +Haut leuchtete. Die Gewänder waren von reizvoller Verschiedenheit +der Färbung; eines war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte +scharlachrot, das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste +ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen wie Blumen. +Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen schwarze Larven vor dem +Gesicht trugen. Sie sprachen nicht miteinander. Eine saß am Klavier und +spielte ein Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, und +in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas planvoll Verführerisches, +das Virginia abscheulich erschien. Als sie sich von ihnen entfernte, +kam sie in ein Gemach, das sie vorher noch nie betreten hatte, und +sich umschauend gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die +einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. Der Knabe mochte +ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte ein glühendes Gesicht, und seine +Augen glichen auffallend den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu, +war aber blaß und nachdenklich. + +Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder und Vorgänge nicht +durch sich selbst bestanden, sondern daß sie von Erwin heraufbeschworen +schienen, der wie ein unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und +vorüberziehen ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half +nichts, das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich wünschte +sie nur, ihn zu sehen. + +Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der Wagen da sei, +war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm bekleidet, in +welchem sie photographiert werden sollte. Doch Erwin hatte ein +Briefchen mitgeschickt, in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute +zu erlassen, sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie sehen, +denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog sie sich um. Trotz +dieser Nachricht betrat sie die Villa mit einer noch fortwährenden +Verwunderung über ihren Traum und in einer schmerzlichen und +ungewohnten Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, aus +denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, und als Virginia in die +Bibliothek trat, gewahrte sie in der Mitte des Raums eine riesige weiße +Porzellanvase voll von weißen Rosen. + +Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, bemerkte aber +bald, daß er auf einer Ottomane lag, und erschrak über seinen Anblick. +Er war aschfahl. »Um Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie +stockend. Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit +ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben ihm nieder und +wiederholte ihre Frage im liebevollsten Ton. + +Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, trunken von +Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie klingt wie ein Cello. Beinahe +hätte er die Arme um sie geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine +Vorsicht, zu früh! + +»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt und ist +tot«, sagte er matt und versank wieder in sein bleiernes Hinbrüten. + +Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf dem Stuhl sitzend, +vor sich nieder, Tränen in den Augen. Schwer fiel es ihr aufs Herz, +daß sie das unglückliche Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von +sich gehen lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das getan, +dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! Erwin streckte seine Hand +nach ihr aus, als verlange er nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde +zu begehen, wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte +nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die seinige, +als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, für ihre menschliche +Verfehlung eines verzeihenden Worts, für ihren Traum einer Deutung. + +Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd und erkennend. +Mechanisch starrte sie die Hand an, die er gedrückt hatte; er hatte +die einzelnen Finger förmlich geliebkost. Nie war ihr eine Hand so +bloß erschienen wie die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch +niemals gehabt, seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau mit dem +zerschmetterten Körper! + +Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender Glut auf den +Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern nachmittag bei mir«, sagte sie. +Erwin richtete sich empor. »Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu +beschuldigen?« + +»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia bitter. + +»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften Treue ein ganzes +Leben voll unentschiedenen Schwankens aufwiegt«, sagte Erwin düster. +»Diese phantasielosen Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine +Gegenwart besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern sie +Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht gebunden sein.« + +Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, der Saft wird +ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, entgegnete sie, »und alles +übrige sind Worte und nicht einmal ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu +gut, um zu sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die sind +da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt gegen das Fenster. + +Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, nein,« sagte er +leise und geheimnisvoll, »was uns zu den Frauen zieht und was uns von +ihnen scheidet, sind Dinge, die von der Tierheit kommen, und andere +Dinge, die unsagbar und traurig sind und viele Verheißungen enthalten +wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.« + +»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile habe«, unterbrach +ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir +einmal von einem jungen Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer +Freunde verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat mir sehr +leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern Sie sich nicht?« + +»Nein, ich erinnere mich nicht.« + +»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende Himbeere nur ein +Unkraut. Seit der Stunde ist es für mich festgestanden: wenn vor Gott +und den Menschen entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen +und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, Erwin, die +würde nicht lange dauern.« + +Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich nicht«, versetzte +er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. Ich liebte sie, weil ihr Haar +einen unaussprechlichen und unvergleichlichen Geruch besaß, einen +Geruch nach Milch und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn +verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch deswegen +liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten wußte, die ich bei +keiner andern Frau getroffen habe. Wenn ich in das Zimmer trat, +errötete sie. Es war, als würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß; +sie machte damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf eine +zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick und Gebärde schon, +ohne zu feilschen.« + +Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete gierig, wie sie nun +selbst errötete, ganz langsam, von den Schläfen aus über die Wangen +herab bis zum Hals. Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre +zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den Lidern. Sie schickte +sich an zu gehen. »Verlassen Sie mich denn, Virginia? Freundin?« fragte +Erwin leise, indem er zu ihr trat. + +»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, ihn anzuschauen. + +»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem Nachdruck zu fragen +fort, von ihrer Befangenheit beglückt. + +Sie zuckte die Achseln. + +»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel mit Ihnen zu +sprechen, Virginia.« + +Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Auf Wiedersehen«, +sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß war gefaßt. Das Einverständnis +mit der Mutter war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden +Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer und Körbe gepackt. +Frau Geßner war überzeugt, das alles entspreche einer Abmachung mit +Erwin. Am nächsten Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in +einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof. + +Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der Wohnungstür läutete +und dann vom Hausmeister erfuhr, die beiden Frauen seien aufs Land +gereist, erbleichte er vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er. +Außer sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was denken. Ihr +nachzufahren, wäre die größte Dummheit, die ich machen könnte, sagte er +sich; nein, nein, meine Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in +die Ketten beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter +denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst mich rufen. + +Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von Virginia; sie +schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem entlegenen Dörfchen sich +der gewünschten Stille erfreue. In der ersten Nacht habe sie mit der +Mutter im Gasthaus logiert, doch gestern hätten sie eine kleine +Villa unfern vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. Ein +trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher hätte sein +können. + +Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf die Stücke. Er +begab sich in das obere Stockwerk der Villa, öffnete ein geräumiges +Zimmer, das gegen den Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und +betrachtete prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem +Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel hatte. Er +läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner und den Hausmeister,« +befahl er, »es muß hier umgestellt werden; das Bett, der Kasten und der +Waschtisch aus dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie gehen +in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel da aufgeschrieben ist. +Die Adressen der Firmen stehen dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt +Papier, auf dem die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert +waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, alles von +ersten Lieferanten. »Nehmen Sie drinnen einen Wagen und bringen Sie die +Sachen gleich mit heraus«, sagte Erwin. + +Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. Es war ihm in den +Preisen ziemlich freie Hand gelassen worden, und er hatte selbst +gewählt, nicht zur Unzufriedenheit seines Herrn. Erwin hatte die neue +Einrichtung des Zimmers, welches das entlegenste und stillste des +ganzen Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die Wände +gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene Karaffen und +feines Porzellan; nun brachte er die Wäsche und Kostüme selbst in den +Laden und im Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte +er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und empfangsfrohen +Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster wieder schließen, schaute +auf der Schwelle noch einmal in das dämmrig gewordene Zimmer zurück, +lächelte, als er ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der +Bettdecke zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den +Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte dicht hinter +ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell drehte er sich um. +Es war Marianne von Flügel. »Du hier?« fragte er erstaunt. + +»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung. + +»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer hat dich denn da +heraufgeschickt?« + +»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, was treibst du? +Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es nicht vor Jahren die arme +Amelie Castro bewohnt, die einzige, der du sozusagen ein häusliches +Glück gegeben hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und warum +sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? Darf man das +Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?« + +»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten kann«, +versetzte Erwin stirnrunzelnd. + +»Ich weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne und schritt an seiner +Seite die Treppe hinab. Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich +unter dem Schatten des aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber. +Erwin blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren stark +gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie löffelte bedächtig +das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und erzählte, daß sie ein paar +schwierige Bergtouren gemacht habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich +aber zumeist gelangweilt habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich +bequem in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr eigenen +Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an. + +»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal für dich«, sagte +sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; am Ende will er auch nichts +wissen. Ich habe mir berichten lassen, daß er Beweise sucht für eine +Untreue, die er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die +Leute aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz genau, +was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, wie man so sagt, +trotzdem hat er in dem Wahn gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er +ist ein guter Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger und +ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird nichts unternehmen, +denn er scheut den Lärm, und er sagt sich wahrscheinlich: Was kann +ich gegen einen Erwin Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen +dich ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen +aufgeklärt worden, und sie werden alles tun, um dir zu schaden. Fritz +Kynast ist gestern nach England gereist; er soll seiner Mutter und sich +selber das Gelübde abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt +Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu ziehen. Also hüte +dich.« + +Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. Aber du, Marianne, +beschämst jeden Detektiv.« + +»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich ernst geworden; »es +ist eine Eigenheit der Gesellschaft, daß sie die tollen Streiche ihrer +Günstlinge so lange duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf +einmal ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau von gutem +Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet und verlockend. Aber +laß einen Skandal daraus werden, und du bist gemieden wie einer, der +die Pest hat. Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit +ersparen.« + +Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, die in den schrägen +Strahlen der Sonne schwärmten. Er riß eine Orchideenblüte aus dem +Strauß, der auf dem Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran +und warf sie auf die Erde. + +»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die Stadt +zurückgekommen?« fragte er. + +»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits heiraten will.« + +»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer Entschluß.« + +»Ja. Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem kompletten Ruin.« + +»Und wer ist der Auserwählte?« + +»Wer es ist? Du bist es.« + +Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von Ärger, halb von +Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst du das anstellen?« rief er. + +Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden und nervösen +Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich von dir heiraten lasse. +Du lachst? Du staunst? Das ganz Einfache ist immer erstaunlich. Ich +werde dich in meine Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen, +daß sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich will +nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander passen, daß wir viele +gemeinsame Interessen haben, daß wir einander nicht stören, uns hübsch +aus dem Wege gehen werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen +werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb Jahren zu deinem +Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten gemacht hast, und daß du +dich nicht wundern darfst, wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf +den Kopf gefallen, die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert +habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. Die Dienstboten +sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, und so ein bißchen +Palastrevolution muß dir doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem +will ich nicht reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende +vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen, wenn du mir +zweimalhunderttausend Gulden schenktest. Ich muß der Sache von innen +her beikommen, ich muß einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine +Position haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten +Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann ich nur durch die +Verwandlung und die Sicherheit, die mir dein Name und deine Stellung +geben. Was aber dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir +der unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, mein +lieber Freund, denn abgesehen von dieser Affäre mit Helene Zurmühlen +hast du auch noch eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto, +vergiß das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen wirken, dann +ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun sieh selbst, gründlicher und +klarer kann man nicht sein.« + +Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend Marianne +an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag standhielt. »Fein +gesponnen, bewundernswert fein gesponnen«, sagte er endlich nach +einer langen Pause. »Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse. +Das leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. Aber +eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse übertragen, wird +schon wieder zum Fehler. Ich beweise es dir, indem ich mich aus deiner +Rechnung schlankweg ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht +eine der Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. Und +ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, die du daraus ziehen +wirst.« + +Marianne stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, daß du +gleich für mein Projekt zu haben bist«, erwiderte sie spöttisch. »Ich +habe noch Zeit. Vielleicht entschließest du dich in einigen Wochen; wer +weiß, was sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert mir +nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner Lage unterschätzest. +Du hältst dich für stärker, als du bist. Du bist die Kreatur der Welt, +die du zu verachten vorgibst, und eher würdest du in einer andern +Welt Schuhe flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum +Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals wird nicht mehr +als gelungener Witz passieren, deine Aktien stehen schlecht, so etwas +richtet sich eben nach der Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich +hör’ ich bald von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter +Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte sich nicht. +Sie zuckte die Achseln und ging. + +In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht schlafen. Er verbrachte +die Stunden teils mit Lektüre, teils damit, daß er in seinem Geist die +Erinnerung an Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung +führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm er die Gedichte Ulrich +Zimmermanns zur Hand und fand sie dürr und allgemein. Er beschloß, +sich von Ulrich abzuwenden. Um vier Uhr ließ er die Gestalten der +übrigen Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den Stab, mit +Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl der Furcht vor Palester stieg +in ihm auf. + +Er sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der erste Lenztag, von +besonderem Geist und besonderer Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen +einer gewählten Verderbtheit, lachend wie ein griechischer Gott und in +Freuden erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er sich +im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. Die Welt war +zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem Druck seines Geschicks, einer +Epoche des Stumpfsinns, der ehrlosen Streberei, der uninteressanten +Anständigkeit zuzugehören. + +Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte eine junge Russin +kennen, die durch ihre fabelhaften Toiletten Aufsehen erregte, und +reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. Und wie er es in jener schlaflosen +Nacht vorausgelebt, begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut, +vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, die auf +ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen hinwies. Er war der Sohn eines +deutschen Diplomaten, in Eton erzogen, und befand sich mit seinem +Hofmeister auf der Reise von Paris nach Italien. + +Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm anzufachen, die +in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele ist und deren Verlauf oft +das Schicksal der späteren lenkt. Rolf von Hendrichsen verließ seinen +Begleiter und fuhr mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen +in Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten in der +Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung der Skaligergräber bei +Fackellicht erzeugte, sie träumten in den verwilderten Gärten und +toten Palästen Ferraras, wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein +durch den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff und +fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und Erwin rief: »Hier +bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch mit einem Ausdruck, als ob +die Wüste seine Heimat wäre. + +Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm verursacht. Der +Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, Verfolgung wurde +beschlossen, und die Angehörigen des Jünglings hatten Mühe, ein +öffentliches Ärgernis zu verhindern. In Syrakus wurden die beiden +Freunde durch ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen +überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein Baron +Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der Familie Hendrichsen, ein +feiner, edler Greis, bezeugte der empörten Beredsamkeit Erwins seine +Anerkennung und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines Abends +saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer Hotelterrasse in +Taormina, hoch über dem Meer. Rolf sollte am andern Morgen mit Herrn +von Marlotti heimwärts reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man +sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der Jugend, von der +Schönheit, lauter Dingen, die nach Erwins und Marlottis Übereinkunft +verloren gegangen seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen. + +Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie zwischen Blick und +Mundlinie, behauptete der Greis; bei Männern, die von einer wirklichen +Leidenschaft besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen +das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen Weise. +Er ließ durchblicken, daß er Erwin für einen dieser Besessenen halte. +Erwin schüttelte seufzend den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und +unentbehrlich«, erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum, +die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris Myrrha, ich +liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den Schritt einer Frau, aber ich +kann nicht auf die Blume verzichten, wenn ich nur dadurch allein die +Frau gewinnen würde.« + +»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte gegen Marlotti +hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so vollkommen ist, daß sie sich ihm +versagt.« + +Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, zurückgelehnt +in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen gegen den dunklen Atlas +des gestirnten Himmels gerichtet. Die hinreißende Kraft seiner Worte +erweckte ein großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War das +noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch geadelt hatte, +das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier wandelte die Verderberin, +herrlich schimmernd erhob sich über dem Sumpf der Großstadt das +unergründliche Sinnbild des Verderbens, gekleidet in die Unschuld. + +Es war interessant, es war lehrreich, und es war schauerlich. Ein +Gesicht ist hierher gewendet, und ein Gesicht ist dorthin gewendet; +hier ein loderndes und stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht, +ein wissendes Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges +Gesicht. Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an Glied +gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, das war in seinem Mund +problematisch und voll Dämonie. Und er spürte, wie er Virginia haßte, +unsäglich haßte, und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt. + +Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche Dinge +zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige Alte, nachdem sie seine Hand +betrachtet: »Verführung, Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten, +Marlotti blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es ist nicht so +unwahrscheinlich.« + +»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, an den Tod glaub +ich nicht.« + +Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt einige Briefe von Frau +Geßner. Er wurde aus keinem dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz +aus die Wohnung in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage +in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung in Gersthof +gemietet, nur eine Viertelstunde von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm +gefällig zu verstehen gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur +Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe seiner Abreise zu +erhalten. Unumwunden zu fragen, hatte sie nicht gewagt. Von Virginia +schrieb sie nichts. + +Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten Rausch +ergeben hat, um zu vergessen. Er schlug alle Töne an von der Müdigkeit +bis zur Wut, von der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch +das Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine Zeile von ihr +wäre mir so viel wie einem Fieberkranken das Chinin,« schrieb er, +»ihr Schweigen ist wie Vitriol auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er +schreckte nicht davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er +verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu vernichten. + +Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe aus der Hand +eines Mannes zu einer Frau gegangen. Vielleicht nie zuvor hatten Worte +der Leidenschaft mit so versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung +so in Heimlichkeit, Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt +und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, Sehnsucht und das +Feuer der Seele in solchem Grade meisterhafte Berechnung gewesen. +Virginia mußte zum Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in +ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und eine Begierde nach +Auflösung rätselhafter Art. Aber sie antwortete nicht. + +Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, aber er +blieb. Da erhielt er Ende August einen Brief von Frau von Resowsky. +Sie schrieb, es sei ein höchst albernes Gerede von einem fingierten +Duell zu ihren Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis +ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es Zeit, die +meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal der Klatsch Boden gewonnen +habe, werde es nicht mehr möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen +Freunden schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen Sinn, +zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen üble Dinge auch darüber +gemunkelt würden. + +Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. Der Gedanke, zu spät +erwogen, daß Virginia von dem lästerlichen Unfug erfahren könne, machte +ihn bleich vor Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein und +benachrichtigte Marianne sogleich. + +Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein schillernder Glanz +in den Augen verriet eine gleichsam festgefrorene Energie, welche die +Triebkraft einer Wahnidee besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte +Erwin zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah im +Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee der Jugend +abgestreift war, das leichte Kind, den Genossinnen von Spiel und +Tanz noch nicht entführt, noch liebenswürdig in seinem Werben um den +Prunk der Welt und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von +treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft. + +Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. Da war +keine Lockung mehr. + +Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das ihn stets +belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde hart. Anstatt zu bitten, +forderte er. Marianne lachte ihn aus. Sie schickte sich an, zu gehen, +er hielt sie zurück. Noch eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut +miteinander. Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte sie +ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete ihn mit Hohn, und +er schien ihr Recht zu geben, aber sein unsinniges Verlangen wuchs, +indem er sich preisgab. Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu +nennen, und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte durch +Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel. + +Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre Virginia, wie sie den +Mond mit ihren Armen umfaßt hielt, damals am Wasserbecken im Garten, +das Antlitz hingewendet, aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend, +daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht mehr +ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst der Schamloseste +der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert werden konnte. Deine +Himmelshöhe kann mich nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er, +und seine Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine +Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, ein Herabzerren +ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne von ihm wünschte. Der wildeste +Trotz schäumte in ihm, und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch +dann wärst du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden, +auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den Beweis zu liefern, +daß sie seine niedrigste Dienerin würde, indem sie ihn in ihrer Macht +wähnte. + +Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte zu +ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, aber mehr als den +gesellschaftlichen Sturz fürchtete er jetzt die Zersplitterung seiner +Kräfte. Alles erschien ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel +führte, und er glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der +Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu rächen, die er den +Einrichtungen entgegensetzte, welche für heilig und nicht verletzbar +galten. + +»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch knüpfe ich +zwei Bedingungen daran. Du gehst zur Baronin Resowsky und erklärst ihr, +daß ich mich mit deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als +selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen deine Person +nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen Ausweg zu verrammeln.« + +»Gewiß nicht.« + +»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals erschienenen +Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau von Resowsky wird dann Sorge +tragen, daß man im Klub erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite +Bedingung ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn +ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der Welt gelangt. +Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. Bis dahin bleibst du auf +meinem Landgut bei Takern in der Steiermark.« + +»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem Lächeln. + +»Bist du damit einverstanden?« + +»Ja.« + +»Ich habe dein Wort?« + +»Du hast mein Wort.« + +»In acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut werden. Von einer +kirchlichen Zeremonie ist natürlich keine Rede. Unmittelbar nach der +Trauung reisest du nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt. +Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch meinen Advokaten +anweisen lassen.« + +»Ich verstehe«, antwortete Marianne. + +»Bleibt es dabei?« + +»Es bleibt dabei.« + +Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein Va-banque-Spiel. +Ihre Brust war voller Kälte, und der Sieg stimmte sie nicht +zuversichtlich. Sie hatte Angst um sich, Furcht vor Erwin, und der +tödlich verwundete Stolz hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung +an eine Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt, +die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren Stolz, den sie selbst +zertreten, großmütig wieder aufrichten werde. Dies hätte sie ihm +überschwänglich danken, dafür hätte sie hinsinken können, doch nun war +alle Herrschaft im Bösen. + +Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche Verbindung +in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen dienten der Gutsverwalter +aus Takern und dessen Sohn. Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem +Reisegepäck. Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof. + + + + +Feïnaora + + +Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für seine nächsten +Freunde nicht mehr zugänglich. Er brach eine Arbeit von leichter +Haltung ab, um sich der schwierigen und profunden Untersuchung +eines mathematisch-philosophischen Themas zu widmen: »Der Begriff +der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er mußte bis +zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht dem Gefühl einer +Leere zu verfallen, das ihn rasend machte wie Zahnweh, ihn vor sich +herabwürdigte und unerbittlich zu den Menschen trieb. + +Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte sie, er probierte +sie, er genoß sie, er verwarf sie. Alle, alle, alle. Er hatte die +Wirkung gespürt, durch welche die genialsten Geister der Zeiten die +Menschheit in Atem hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität +in sich zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. Er +wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, indem er lächelte. + +Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten fuhr er zur +Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, verrufene Orte zu +besuchen, Tanzlokale letzten Ranges und Verbrecherkneipen. Es waren +Abhärtungskuren für die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war +nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als Elemente der +sozialen Ordnung. Die Flut, in der er schwamm, hatte seinen Organismus +gestählt gegen den Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und +sein Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die schärfsten +Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und so war es Würze, wenn er, +von den Schwaden des ekelsten Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias +emportauchen ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach +durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust. + +Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia noch den ganzen +September auf dem Lande verbringen wolle. Er fand dieses Schreiben +gleichzeitig mit einem Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als +er eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des Freundes, und +seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte und las aber- und abermals. +Dann steckte er es in die Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht +nahm einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte beide +Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen Augen: »Nun hilf +mir, Feïnaora, du Geschöpf der Inseln und des Meeres!« + +Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie geheimnisvoll erschien. +Noch einmal löste sich die Spannung, er fiel wie vernichtet in einen +Lehnsessel, schlief wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte, +sah er zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner geschickt, +aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte auf der Seite, die er +leer geglaubt, vier Worte von Virginias Hand: »Ihre Schutzbefohlene +grüßt Sie.« + +Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr seit mehr als sechzig +Tagen, dieser warnende, erinnernde und fast drohende Gruß. Erwin +schüttelte bedächtig den Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort +nach Edlitz zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst fuhr am +Nachmittag mit dem Automobil. + +Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen mußte, erregte +trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. Drei niedrige Zimmer, +mit verruchten Ölbildern behangene Wände, wacklige Stühle und ein +liliputanisches Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen; +er beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem Virginia mit +ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr abends, als sich Erwin auf den Weg +begab. Alle Fenster der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan +war ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, etliches +Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit tiefherabhängenden Zweigen war +eine Bank. Erwin setzte sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben, +inmitten des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es mochte +wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also. + +Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst nicht im ersten +Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr träumereiche Zeit. Sie +träumte, daß sie sich in einer fremden Stadt befand. Die Straßen sind +leer, es ist sehr kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut +hinauf. Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. Sie +weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt zu ihm muß. Es +ist von Wichtigkeit, sie darf keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt +sein Gesicht an der Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch +unterscheidet sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend +eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe mit zahllosen steilen +Stufen muß erstiegen werden. Es ist schwer, sie wird müde, sie denkt: +warum kommt er mir nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr +jemand, den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt +ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet sich um die Mauer, +will’s denn kein Ende nehmen? Gott sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was +ist das? Der Raum ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie +sich aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß. +Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred geht unten auf +einem schmalen Weg und schaut herauf, verwundert, fremd, gleichgültig, +mit einem Gesicht, das klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine +Flamme. Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, des +unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die zu wachsen scheint, +sie weiß nicht warum, entpreßt ihr einen lauten Angstschrei, und sie +erwacht. + +Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen Pause antwortete +Virginia beschwichtigend und erhob sich dann, um, wie sie zu tun +gewohnt war, ans offene Fenster zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach +oben und blieben an den Sternen haften. + +Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der Finsternis in +das bläuliche Licht hervortreten, das auch ihr Nachtgewand bläulich +schimmern machte. Wenig fehlte und er hätte den schützenden Schatten +verlassen, um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff ihn +Verzagtheit. + +Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus vielleicht wie die +seine; er fühlte die Nachtkühle über die leichtbedeckten Schultern +huschen und wie die Glieder fröstelten. + +Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief er lange. Er +schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt zurück, ihm sein Feldbett +zu holen. Als er vormittags gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen +stand, das etwa tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia +auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern belauscht. Ihr +helles Sommerkleid leuchtete durch die undichten Zweige. Sie hatte ein +Buch auf dem Schoß und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen +Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in die Augen. + +»Erwin«, sagte Virginia. + +Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand übergab. Ihre +Freude war so mit Furcht gemischt, daß sie sich des Eingeständnisses +von Schwäche, das in der hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst +nach dem Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich wieder; +mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie die unwillkommenen +Zeichen, die zu viele einsame Stunden verrieten. + +Frau Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt sah. Sie war +redselig, neugierig, zapplig und etwas konfus. Da das Wetter schön war, +beschlossen Erwin und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut +und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, schwieg sie eine Weile +verlegen. »Was war denn eigentlich los?« fragte sie auf einmal hastig. +»Haben Sie sich mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus +ihr herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam Virginia zurück, +lächelte die Mutter flüchtig an und rief: »Gehen wir!« + +Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und beinahe gleich +großen Gestalten lange. Wie gut ihm der graue Dreß steht, dachte +sie, wie leicht und kerzengerade er schreitet; und sie, das weiße +Musselinkleid, die weißen Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«, +murmelte sie und seufzte. + +Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der sogenannten buckligen +Welt. Virginia dachte: er ist anders als in der Stadt. Erwin dachte: +sie ist dieselbe auch in der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung +erst durch sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte die +seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von seiner Reise, aber er +schien nicht bei der Sache. Virginia merkte es und teilte seine Unruhe. + +Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. Virginia lag gern +in der Sonne, nur den Kopf barg sie im Schatten. Aber die Strahlen +fielen dennoch auf ihr Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem +Hut. Im Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, in +denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte den Kopf und roch die +säuerliche Feuchtigkeit der Erde. + +»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte sie. – »Vor ein +paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? ich bin schon seit vierzehn Tagen +ohne Nachricht. Was schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht +wissen? Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, denn +seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit. + +»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred Geheimnisse vor +Ihnen hat. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen. Hat er Ihnen von +Feïnaora geschrieben?« + +»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?« + +»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie zu.« Erwin setzte sich +aufrecht, nahm den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las. + +»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine Nachricht mehr von +dir. Bis in den indischen Archipel waren deine Mitteilungen von +dankenswerter Häufigkeit, wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich +gewünscht hätte. Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man +bei der Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das zu +Weihnachten keine Geschenke bekommt. + +»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, Neuguinea nach +Sydney und von da über die Cooks-Inseln hierher nach den Marquefas. +Von nun ab verlegen wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den +Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, werden wir fern von der +übrigen Menschheit an den Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht, +die nichts Verlockendes hat. Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts. Bis +Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf Neuseeland, die +weiteren Stationen werde ich rechtzeitig melden. + +»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein Tagewerk, das in +unseren Breiten noch erfrischend wirkt, ist in den Tropen schon ein +Übermaß. Einige Mitglieder der Expedition sind vom Fieber nicht +verschont geblieben, und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir +im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen Malabar und +der Torresstraße ist der Körper stündlich in Gefahr, einer tödlichen +Erschlaffung zu unterliegen, und die Feste, die das Auge feiert, +müssen mit einem beständigen Kampf gegen den unsichtbaren Feind +bezahlt werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren ist, +schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie Gespenster auf Deck +herumwankten. Ich lebte meist von Früchten und Reis. Es wächst dort +eine Frucht, die Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne. +Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste Idee +davon, dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen +Sherry und anderes Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch +süß, sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts auf Erden, +und je mehr du verzehrst, je weniger kannst du aufhören. Aber diese +selbe Frucht, leider! verbreitet einen entsetzlichen Gestank, und +bevor man sie öffnet, scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu +bringen. Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit. + +»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling erzählen, +von Tauben mit Korallenfüßen, von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer +der Vulkane, von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg +oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? Das haben viele schon +getan. Meine Feder ist zu armselig. Diese Dinge bereichern, indem +sie entzücken. Anders der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die +bereichert, indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig, +der neben mir ging und dessen Namen ich nicht kannte. Zu Hause +beruhigt man sich bald, Gewohnheit und Anpassungszwang machen das +Fremde unscheinbar. In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen +könntest, man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer eine +tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der schauerlichen +Glut des Maschinenraums haust und wie ein Kerkersträfling durch den +Ozean fährt. Ist er nicht ein Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf +gegen meine Bequemlichkeit? Ich sehe den Chinesen, der fern von +seiner Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, der zu +fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er spricht und durch +Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. Da ist der demütige Malaie, +der eitle Ambonese, der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer, +dessen Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und dessen +Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung und dem Druck der +salzigen Lauge. Dann triffst du die Goldsucher, die in einer durch +die Not geschmiedeten Kameradschaft die öden Steppen Australiens +durchziehen, um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen +Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu können, dessen +Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends verzehren wird; oder den +Farmer, der in einer Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die +wir nicht einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut kämpft, +und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen kostet, wenn er +die widerspenstige Viehherde zum nächsten Markt an die Küste treiben +muß. Auch dem verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter +mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und dem von +frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene Blockhaus in Brand +gesteckt wird; dem alten deutschen Arzt auch, in einer Schifferkolonie, +der seit siebenunddreißig Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen +Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen wird, weil es ihm +nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, um zu Hause mit Anstand +leben zu können. + +»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele seien überall zu +finden. Das ist wahr. Aber warum schaut man heute ein Gesicht an, und +es bleibt stumm, und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen +des Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der Zunder entflammen +soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? Ich habe einen Sinn darin +entdeckt, daß ich bin, nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich +kann keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt das +anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in meinem Kreis. Ich +höre auf, mich selbst zu genießen. Ich will arbeiten, um zu dienen. + +»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit sich allein sein, +um sie zu finden. Die Teilnahme eines Freundes würde den Prozeß nur +trüben und verlängern. Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein +aufgestacheltes Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine +Adern sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden. +Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual der Nächte übertroffen, +Schreckbild überflügelt Schreckbild bis in den horchenden Schlaf. Ich +mag das meiner Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht; +das heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will mich +in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr gegen das +Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr gelassen zu erscheinen. Aber meine +innere Verstörtheit und Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen +Erlebnis, das ich dir erzählen will. + +»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas warfen wir vor Mangaia +Anker, einem lieblichen Eiland im Cook-Archipel. Wir wollten dort +nach Echinothuriden fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll +gefärbte Seeigel, die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem +gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen Giftapparat +enthält. Einige junge Leute von der Expedition, darunter ich, +arbeiteten am Strand, und jeder schlief nachts in seinem Zelt. Eines +Morgens, meine Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein +braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, mit einem Rock aus +Grashalmen, so wie sie alle hier gekleidet gehen. Sie redete, jedoch +ich verstand natürlich nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie +stets die Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. Sie +hieß Feïnaora. + +»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die andern lachten, als +sie zurückkehrten und das anschmiegende Geschöpf bei seinem Tun +beobachteten. Von Fischern erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm +verstoßen worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht oder +konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer wies ich das Mädchen +fort und immer kam es wieder. Sie warf sich auf die Erde vor mir und +brachte mir Muscheln, Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und +Kokosnüsse. Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen, +die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, kaum der Kindheit +entwachsen, ein scheues Benehmen und ein schmeichelndes Idiom voller +Vokale. + +»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte sie vor +meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon bei mir wie ein +aufmerksamer Hund, trug Wasser und bereitete den Tee. Am letzten Abend, +bevor der ›Phönix‹ die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und +Feïnaora kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie +mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte mit sonderbar +wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich wollte schlafen und gebot ihr, +stille zu sein. Der Schlummer kam, doch er war ohne Tiefe und ohne +Vergessenheit. Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene +so quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, die Gedanken +flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, mir war, als müßt ich +sterben, ohne sie noch einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu +haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in der Furcht, in +der Finsternis und Einsamkeit streckten sich meine Arme aus und sie +fanden Leben, Wärme, eine mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von +der andern Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes +Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich aus dem Fieber +der Träume. Am Morgen sah ich mich allein. Feïnaora war verschwunden. +Es waren Leute im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem +Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der ihren in die +Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte mir, daß es Feïnaora war. Das +Meer hat ihre Seele ausgelöscht. Virginia hat es gefordert. + +»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen Tod. Ich glaube +an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht schuldiger werde. Oder, wenn dich +die moralische Wertung ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger, +sondern verstrickter. Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze +Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie wird es möglich +sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- und Traumhafte so zu fassen, +daß sie versteht, verzeiht, vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will +nicht monatelang mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. Leb +wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken deinen ewig getreuen +Manfred Dalcroze.« + +Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach blaß geworden, +jedoch kein Spiel der Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie lag auf +dem Rücken, hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein +Grashalm war zwischen ihre Lippen geklemmt. + +»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte den Brief des +Freundes in der Faust zusammen. + +»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia mit hartem +Blick; doch kaum hatten ihre Augen einander getroffen, so senkte +Virginia die Lider, eine verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und +sie wandte, ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern Seite. + +»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte Geschichtchen +ernster zu nehmen, als es im Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und +mit vorsichtigem Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin, +an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, der Gute, +er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu quält er sich? Jetzt +plötzlich möchte er gern an die Großmut des freien Weibes appellieren +und hat nichts für Sie getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts. +Er hat Sie aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und nun +mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er fürchten muß, kein +Verständnis für das Natürliche und Alltägliche zu finden.« + +Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, Virginia,« +fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. Wir Männer sind aus anderem +Fleisch als ihr. Unsere Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so +im Geist, daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue manchmal +erst zur Blüte kommt.« + +Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand mit vielen +Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der zwölfte September. Ihr war +kalt, über und über kalt. + +Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin folgte ihr und pfiff +leise. Schweigend wandelten sie über die Wiesenwege. Von den Bergen +her waren indessen große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es +donnerte. Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es +zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt nicht. Es +regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie an ein Haus. Das Tor war +verschlossen; auf Erwins Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin +bat, den Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden in ein +geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen Sofa und Stühle mit +weißem Linnen überzogen waren. Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien, +das in diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem die +freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach Bauernart lamentiert +hatte, ließ sie die beiden allein. + +In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen Sessel hin und +spielte. Das Instrument klang dünn und verstimmt. Als er sich nach +einer Weile umwandte, sah er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch +sitzen und lautlos weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt, +die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, die Hände lagen im +Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet sah, erhob sie die Arme, +stützte sie auf den Tisch und legte die Hände vor die Augen. Erwin +schritt hin, faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander, +wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins Innere eines Waldes +dringen will. Sie mochte ihr Gesicht nicht sehen lassen und beugte es +tiefer herab. Er schob den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von +unten ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! Vertrauen! +Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte Virginia vertrauensvoll. Sie +hauchte seinen Namen. + +»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam. + +Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht recht gehört zu +haben. Sie schaute ihm entsetzt in die Augen. So nahe, dachte er mit +Frohlocken, mit Furcht vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn +er gewahrte jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen +Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, während sie sich vergrößerten. +Er packte ihre Schultern, sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham +und Schrecken, stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich +befreien. Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich gegen +den ihren, in dem allmählich Angst und Haß sich zu flehentlicher Bitte +entschieden. »Nicht anrühren! nicht anrühren!« sagte sie schnell und +leidenschaftlich. Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln, +eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand sie auf, +doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen fingen ihren Mund +wie etwas, das niederstürzt, wie man einen flügellahmen Vogel mit +den Händen fängt, und ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in +elektrischen Wellen fort. + +Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er sah die +weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, die von keiner +natürlichen, eher von einer mechanischen oder kränklichen Bewegung +geöffnet waren, jede Sekunde verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit +des lebendigen Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen +Formen ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten, +der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis er gewahrte, daß er +eine Besinnungslose hielt, eine die wachsfahl dalag, hilfsbedürftig +geworden, in ein Intervall von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die +Sühne für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach einem kurzen +Tod zum Austrag gelangen könnte. + +Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, feurig +fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser Blick traf, der +bis in den untersten Grund seiner Seele drang, da mußte Erwin einen +Rückzug von entscheidender Bedeutung antreten, der ihn fast wieder +an jene Schanzen warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie +ist unvergleichlich, sagte er sich, und ich habe eine Dummheit +begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre Eigenart zu +berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, das rächt sich. + +Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen ließ: das ist +Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, niemals, im Innersten niemals. +Unschuld! Was war denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen +unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die Frauen, wenn +sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer Begierde zur Gewissensruhe +verhilft? Die furchtsamen Mädchen, die wissenden Frauen, die +schwankenden, ziellosen, hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine +Kraft. Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte ihn. +Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! Element und Wille; die +Schönheit und ihr Begehrer, ihr Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr +Herr, ihr Schicksal. + +Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab lagen von den +bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, die fast ohne Bezug +war zur Gegenwart, daß er es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer +verließ, eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald genug +treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er sich allein sah. Nach +einer Viertelstunde regungslosen Brütens ging er gleichfalls. Er rief +die Bäuerin und gab ihr ein Geldstück. + +Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte sogar einen Umweg ins +Dorf. + +In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die Regenkälte zu vertreiben. +Was soll nun werden? grübelte er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im +Vorteil gegen mich. Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken, +es sei alles zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir +fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? jetzt? +unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. Ich kann es nicht. Das +Gelingen wird mich nicht reicher machen. Erfolg ist nur Bestätigung, +nicht Vermehrung. Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie +reißt mich aus mir selbst heraus. + +Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. Sie reißt +mich aus mir selbst heraus! Das war eines jener tiefen Worte, die nur +ohne Eitelkeit und Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte +Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, um seine Stimmung +zu verdüstern. Er las, er arbeitete an seiner Abhandlung über die +moralische Idee. Am Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief +an Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf der Insel Mangaia +für eine reizende, aber bedeutungslose Legende im Stil von Montesquieu +oder Hearn zu erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen +seines Liebesfiebers. + +»Ich kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem Punkt erscheinst +du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. Und du spürst es +selbst, wenn ich gewisse Äußerungen recht verstehe, in denen sich das +Bedürfnis ausspricht, deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie +von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und ihnen ein +soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten Jahrhundert repräsentiert +die Liebe nicht mehr. Ich kann eine Tyrannei des Gefühls nicht +billigen, die uns um den Genuß und die geistigen Ziele des Lebens +betrügt. Nenne mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort +für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an der panischen +Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie nicht, ich halte ihr +stand. Doch ich kann nicht auf das Recht der schönen Selbstbestimmung +verzichten. Leidenschaften sind Arzneien des Geistes und Massagen des +Herzens. In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde +Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole schädigen den freien +Austausch. Du hast nicht wohl daran getan, dein polynesisches Erlebnis +ins Europäische zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein +gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, dir eine +ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So erklärst du die Treue als +ein Prinzip, und das ist verwerflich. Prinzipien morden die Jugend, das +einzige positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für Virginia +daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem ich sie vorbereitete. +Sie wäre zu einer Dummheit fähig gewesen, da sie nie einen Berater +hatte, der sie von den sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite. +Jetzt magst du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler +Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche +leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, wenn man, wie ich, +der Meinung ist, daß ein edles Pferd zu den vollkommensten Wesen der +Schöpfung gehört. Sie ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die +abgefeimtesten Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf +Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. Er, vor dem +doch alles kniet! Leb wohl, Gott schenke dir Frieden und Vernunft.« + + + + +Das Bindende + + +Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen zwei Uhr pochte es an +seiner Tür. Es war Frau Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein. +Erwin ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm und +Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«, antwortete er kühl. + +»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt ist sie gestern +nach Haus gekommen und hat sich ins Bett gelegt. Ich glaube, sie hat +gefiebert. Hat auch kein Wort mit mir gesprochen, kein einziges Wort, +gestern nicht und heut nicht. Können Sie sich das erklären?« + +»Ist sie heute aufgestanden?« + +»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.« + +»Was tut sie?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Ich werde mit Ihnen gehen.« + +»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.« + +»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie das machen?« + +Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag zu Ihnen, sie hat +mir’s streng verboten. Was ist los? sag ich. Sie schaut in die Luft. +Jetzt hab ich mich weggestohlen.« + +»Ich gehe mit Ihnen.« + +»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank, wenn man ihren +Eigensinn brechen will.« + +»Wir werden sehn.« + +Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege unter einem trüben +Himmel schweigend dem Landhaus zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare +Räume, von denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten lag +das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine feuchte Holzkammer. Oben +war ein ziemlich großes Gelaß, das auf den Balkon führte; auf der +einen Seite dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer, an +die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt ihr denn nicht Geld +genug, daß ihr euch in solche Käfige sperrt?« wandte sich Erwin auf der +Treppe an Frau Geßner. + +»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese schuldbewußt. + +»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin zornig. »Gott +bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk. Ich bitte um Verzeihung, +aber meine Geduld ist zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die +Frau nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie. + +In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau Geßner zu Virginia +ging. Er betrachtete die einfachen Zirbelholzmöbel, das plumpe, +rotüberzogene Sofa und die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war +ein getünchter Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah. +Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt, den der +Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte und dessen vier +aneinandergenietete Teile sie als Rahmen für einige ihrer Skizzen +benutzt hatte. Man gewahrte da einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei +Äpfel auf einem blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb, in +dem Forellen lagen. + +Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder. Hinter ihr wurde die +Türe abgesperrt. »Was gibt’s?« fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte +scheu zu Boden. Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff +die Klinke. »Virginia!« rief er heiser. + +Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf. + +»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen zu sprechen?« + +Keine Antwort. + +»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von anständigem Betragen +darf nicht wie ein unverschämter Zudringling behandelt werden.« Er +betonte sehr scharf. Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien +seine Worte zu pulverisieren. + +Keine Antwort. + +»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen euch?« raunte Frau +Geßner, dicht zu Erwin herantretend. Aus ihren Augen fielen eine Menge +von perlenden, hellen Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin +befahl ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er war sehr +bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand und rief: »Hören Sie +mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr. Um sechs Uhr bin ich wieder da. +Sie werden sich dann entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde +diese Beleidigung zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr. Das +ist mein letztes Wort.« + +Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern. Zweieinhalb Stunden +lang irrte er in beständigem Regengeriesel mit aufeinandergepreßten +Zähnen durch die Wiesen und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der +angekündigten Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu +überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben, als er mit +festen Schritten die Treppe emporstieg. Er trat ein und verbeugte sich +vor Frau Geßner, die, als sie ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen +preßte. Er blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte traurig +den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob den Zeigefinger und +flüsterte: »Etwas Übles haben Sie ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So +war sie noch nie.« + +Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie zumeist, wenn er +bejahrte Frauen reden sah, deren Mund des beherrschten Mienenspiels +ermangelte. Er würdigte sie keines Worts und ging zu der verschlossenen +Tür. Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich bin es, +Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er. + +Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und stärker, mit +Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu hören; kein Schritt, kein +Laut. Nun wanderte er ein paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau +Geßner aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur Tür und +sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch niemand hat gewagt, was +Sie heute wagen. Ich will Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu +bereuen, die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben noch +eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.« + +Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich. Er +starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit schaute er auf +die Uhr. Frau Geßner saß am offenen Balkon. Sie rührte sich nicht, +bewegte selbst die Augen nicht. Sie horchte. Die den Fenstern +gegenüberliegenden Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die +Zweige der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf Minuten +war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken bedeckt. Ein +kläffender Hund sprang vor dem Haus vorbei. + +Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich und griff nach +seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend die Hand aus. Er zuckte die +Achseln und ging. Es steht zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick +seines Lebens kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung +nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft +verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen. Vor einer Tür +stehen und nicht eingelassen werden! Das war das Furchtbarste, was ihm +zustoßen konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das war +das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen werden! + +Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die Dunkelheit hinunter +wie ins Bodenlose. Da vernahm er eilige Schritte hinter sich. Er wußte, +daß ihm die Alte folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf +seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte heimlich: »Ich +kann mir’s denken, Erwin.« + +Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen? dachte er verdrossen; +alle alten Mütter sind lästig und respektlos. »Was steht zu Diensten?« +sagte er mit höflicher Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«, +antwortete sie seufzend. + +Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil sie ihm eine +Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen Zimmer unten, das ohne Stufe +ins Freie führte, blieb Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen +sehen, daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um Virginias +Hand.« + +Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer zu werden. Im Geist +hatte sie sich des öfteren das Entzücken ausgemalt, das sie empfinden +würde, wenn einst diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun +war sie keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken. +Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen von Glanz, +Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich um Virginias Hand?« +wiederholte sie ungläubig und matt. »Mich? mich bitten Sie? warum nicht +Virginia selbst?« + +»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch zubrüllen?« + +»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?« + +»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin, es sind schon +festere Bündnisse aufgelöst worden.« + +»Sie läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.« + +»Darauf kommt es eben an.« + +»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?« + +»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten worden ist.« + +»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise und bekümmert, +aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck, der die monatelangen +kupplerischen Wünsche enthüllte. In einer besorgten Falte ihrer Stirn +wohnte der letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem +zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung, Erwartung +und Dankbarkeit. + +Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk ansieht, und +unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte die Frau unter den Arm +und sagte: »Sie begreifen, Mama, es handelt sich also darum, Virginias +kindischen Trotz zu besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr +sprechen kann. Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern, +sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus bleiben. Um acht +Uhr abends werde ich unvermutet und möglichst geräuschlos ins Zimmer +treten. Sprechen Sie nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß +sie bei Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die Dinge +sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«, schloß er; »Virginia ist +uneins mit sich selbst. Das ist der Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch +die Erklärung dafür, daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird +gut.« + +»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner. + +»Manfred wird mit Feïnaora tanzen.« + +»Wie?« + +»Davon reden wir ein andermal.« + +»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen, Erwin?« + +»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration mehr aus.« + +Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin gegangen war: Gina +ist uneins mit sich, das arme Kind weiß nicht, was es tun soll. Aber +da gibt es kein Schwanken; das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie +nicht von sich weisen. + +Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber den +weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen. Nicht die +klügste und sanfteste ist fähig, sich der Gefühle ihrer eigenen +Jugend zu erinnern. Alle haben gelernt, praktisch zu sein, und haben +vergessen, daß die Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den +Verblendungen der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft beruht. Sie +werden gemein, ohne es zu wissen, und grausam, ohne es zu wollen. + +Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt und schaute in +das feurige Rechteck von Virginias Fenster, das von immer schwärzer +werdender Nacht begrenzt wurde. Lange saß er so. Es läuteten tiefe +Glocken, deren Schall der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte +weder Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen hatte. +Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt, nicht zu essen noch zu +trinken, bevor ... bevor die Tür dort oben offen stand. Es war, als +dürfe die Sonne nicht mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen +stand. Es war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß +gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei zugeschaut und +hätten ihn verhöhnt. + +Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen als zu kühn, die +andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte sich wie ein Span im Feuer. +Das Feuer war seine Begierde, sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen. +Das beleuchtete Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen. +Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt; ihr wenig +beschützter Leib hatte gefröstelt in der feuchten Wiesenluft, die durch +die Fensterfugen drang. Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen, +auf fühllosem Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen +Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis einander +sucht. Der Smaragdring auf der Linken war abgezogen, und sie war +frei vom verpflichtenden Bund. Nackt war der Goldfinger ohne den +Ring, wie eines Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen +über allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und zitterten +dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung zwischen Wimpern und +Brauen, die den Schmelz und die Reinheit eines Blütenblattes und die +vollkommen parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit +und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam mit dem +sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man den Raum von hier bis an +die Lagerstätte, es mochten nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war +dazwischen, die nicht geöffnet wurde. + +Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis dachte sie +nicht. + +Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht seines Griffs +geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch gesessen, den Kopf in die Hand +gestützt, in den erglühenden Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr +an Feïnaora, sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als +liebe sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte eine +Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter den Zweigen der +Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen. Denn sie fühlte seine Nähe +unaufhörlich. Sie fühlte seinen heftigen und sprechenden Blick, seine +unterwerfende Gebärde, sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner +Stirn und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie wußte sich von +alledem gekettet, aber sie war entschlossen, sich frei zu machen. Sie +wollte frei sein. Sie wollte nicht mehr vom Morgen bis zum Abend mit +erwartendem Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie wollte +nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine Worte sie betasteten wie +Finger oder eine Wißbegier erregten, deren sie sich schämte. + +So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund an den seinen. Wie +hatte er es wagen können, ihren Mund mit dem seinen zu berühren! Das +war es, wobei ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht +beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig. Sie hatte +keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte sich einen Rächer, +aber aus Mitleid mit ihm und aus einem Rest von Achtung für seinen +Freundschaftsbund mit Manfred fürchtete sie die Rache. + +Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies hatte nichts in ihr +geweckt, es hatte nur getötet. Es war ihr zumut gewesen, als ob ihr +Blut weiß würde. Ja, alle Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds +Bild. Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein, und +sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch länger zu besitzen. +Doch war es schwer, für die Zurückgabe die höfliche Form und den nicht +widerruflichen Gehalt zu finden. + +Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber. Als ihr die Mutter +sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren, ärgerte sie sich. Sie hatte die +Mutter bitten wollen, ihm die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer +gewesen, so hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die +zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu können. Im +übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm heute gegenüber zu treten. Sie +blieb mit ihrer Arbeit im Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und +sprach den ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und man +spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm. Gewitter lagen in der +unbewegten Luft. + +Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine Schritte schallten +erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe angezogen hatte, um +sie geräuschlos zu machen. Der Blick, mit dem Virginia die Mutter +ansah, war wild und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei +einem Steinwurf. + +Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das Blut ins Gesicht. +»Ich habe meine Abreise verschoben,« sagte er, »weil ich mir den +Bescheid wegen des Antrags holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter +gestern gemacht.« + +Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten habe, davon zu +sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die kühle Redensart falle ihm +schwer, die das Ungewöhnlichste von allem ausdrücke, wozu er sich +jemals entschlossen. + +Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit. »Ich habe Sie +von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«, sagte er. + +Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas wie Heiterkeit über +ihre Züge verbreitete. »Man sollte wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß +mit mir haben wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich +zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich. + +»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder schmeichelhaft +für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer Gelassenheit, hinter der +sich sein Ingrimm und seine schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen. + +»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte Virginia betroffen. + +»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er mit seiner +umflorten Stimme, und während er sprach, sah man beständig seine +großen, porzellanweißen Zähne. »Sie aber haben nur Hohn und Kälte +dafür.« + +»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem Tone ein. + +»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben hat, ohne +zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort. »Ich wage zu denken, daß ich, +ich, nur ich es bin, der ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er +wußte, was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel auf die +Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und hat Ihnen dafür zwei Jahre +gelassen, qualvolle Jahre des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger +Hoffnung, augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern es war, +Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich zu machen, ich soll +vor der Tür stehen und betteln, ich soll zu Kreuze kriechen, ich soll +das Vorrecht des Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum? +warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten. Den Freund halt +ich hoch, über mich selbst kann ich aber nicht hinweg.« + +Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ihr Antlitz zeigte +keine Bewegung, kaum ein Gefühl. Ihre Lider waren so tief gesenkt, +daß die Wimpern einander berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein, +Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut zu entfärben +schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich gefälligst an.« + +»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.« + +»Ein anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet, das Herz einer +Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia –« + +»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten, wie Sie hier +verraten.« + +»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat ihr von neuem in +den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn, wenn ich Sie überreden wollte, +gegen Ihre Empfindung zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse +Sie aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie hätten +unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber nicht. Sie haben nicht +gewählt. Sie haben gar keine Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben +sich nur verpflichtet. Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der +Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit der banalen +Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen Zwang. Sie sind nicht geboren +für die Niederungen, Sie würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der +Seite eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt, der +aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam sein wird, krank +sein wird, den die Geschäfte des Lebens kraftlos und die Enttäuschungen +des Berufs übellaunig gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen, +Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph. Ich würde Sie +lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten Händen würde ich dastehen, +ich würde nie von Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen +wie in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder erleben +lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen liegen, und das +Geheimnis, das darin besteht, zu genießen, ohne zu bereuen. Haben Sie +bedacht, wie ungeheuer es ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben +einer Leidenschaft widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft +vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt, von den Sinnen erzogen +und von der Natur bestätigt worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln, +am Blut, am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, +daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet haben, und daß +Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt. Sie sind es nicht. +Unausrottbar bin ich in Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen, +von mir kommen Sie nicht los.« + +Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung, dumpfes Hinsinnen, +Schrecken, das alles war in Virginias Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck +gelangt. Nach den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig +an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von keuschem Bedauern. »Ich +bitte einen Augenblick zu entschuldigen«, flüsterte sie endlich und +ging in ihr Zimmer. Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in +den Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren ins +Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief ergriffen; sie war von +Bewunderung für diesen Mann wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im +stillen, sie grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte, +wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war. Ein einziger +Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und solche Männer gab es wie +den! Sie dachte an den Tod; das schien ihr noch das Beste, woran sie +denken konnte. + +Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand entgegen, auf +welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und Entschiedenheit vereinigten +sich in der Geste wie im Blick, ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher +Entschluß. Frau Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus. + +Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich, alles umsonst. + +Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen wurde, ein +herrisches Bedürfnis seines Temperaments war. Es gab in seiner +Vergangenheit nur zwei Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren +war er auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem +erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch gelegen. Als +Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im Beisein von Kameraden von einer +Frau, in die er verliebt war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge +hatte gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen. Man hatte +ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der sich verbissen hat. + +So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt. Er schleuderte +die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß darauf, die Perlen krachten und +knirschten. Er trat auf sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und +Wut im Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum +bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes Gerinsel, +funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia faltete die Hände. Ihre +Lippen zuckten. Sie ging ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die +Scheibe. Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche +Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich straff emporgerichtet. +Schweigend verließ er das Zimmer. + +In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem Zimmer ins andere. +Er dachte nichts, er begriff nichts mehr. Das Rad ist im Schwung, das +Korn muß gemahlen werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr +vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner trat ein. +»Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte nicht den Gruß. »Sie hat +mich geschickt, sie hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, +murmelte Frau Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich hab +alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen! Wie kann man so +freveln!« – »Kommen Sie, um zu jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie +hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die Frau +beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden, Sie möchten doch +vernünftig sein.« + +»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene Erfindung zu sein. +So geschmacklos ist Virginia nicht, daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen +macht.« + +»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald heftig, +bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen nicht wieder +zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie erst lang betrachtet, +bevor sie alle ins Papier gepackt hat.« + +Erwin überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er. + +»Sie hat geweint.« + +»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn um die Perlen +geweint?« + +»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht alle beschädigt. Sie +hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie fort waren, und dann war ihr wieder +zu heiß, es ist so schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden, +das hab ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt und bin +dann zu Ihnen.« + +Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so umständlich, als +könne sie sich damit willigeres Gehör bei Erwin erzwingen. »Gehen Sie +doch nicht im Bösen von uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie +bereut jetzt.« + +»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue zu ziehen.« + +»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch einen letzten +Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute war, als hielte sie +Virginias Glück in Händen. Auch war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er +nur wolle, alles noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge. + +Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen Eingebung. »Ich +muß morgen früh in der Stadt sein«, sagte er. + +»So kommen Sie jetzt mit mir –« + +»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein mit ihr sprechen +können.« + +»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.« + +»Sie wird mich nicht einlassen.« + +»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß ich es bin, und wird +Ihnen aufmachen.« + +»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es, Sie geben mir +Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht Virginia sicher argwöhnisch.« + +»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir nie verzeihen. Das wäre +auch –« + +»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s so versuchen. +Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde bin ich wieder da und hoffe, +Ihnen gute Nachricht zu bringen.« + +Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau an. »Wenn Sie +eilen, können Sie sie noch vor dem Haus treffen, sie wollte noch ein +wenig an die Luft«, sagte sie. + +Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte er noch an die +Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen und Verlockungen? Ihn trieb +die Ungeduld, die leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz +eines Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe +und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von welchem Rechenschaft +sich zu geben er Scheu trug. Mit dieser ganzen Hölle von Empfindungen +überließ er sich dem Zufall. + +Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger Wolken, in denen +fortwährend Blitze zuckten. Zwischen den schwarzen Wiesen und +schwarzen Wäldern glitten Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher +Geschwindigkeit hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern, +die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus einem fernen Wirtsgarten +schallte eine von der Schwülnis erstickte Blechmusik. + +Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah er eine helle +Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er erkannte Virginia am Gang. Sie +blieb bisweilen stehen, als lausche sie. Er wartete, bis sie um die +Ecke des Hauses verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der +Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern Seite wieder +hervorkam. Ich will nicht im Freien mit ihr sein, überlegte er, hier +flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte ihn nicht. Sie schien in Nachdenken +verloren, sie blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen +entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür ins Haus. Die +Küche war von flackernden Flammen beleuchtet, kochendes Wasser brodelte +auf dem Herd. Er stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer. +Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte Lampe, die auf dem +Tisch in Virginias Kammer stand. Auf dem Boden drinnen befand sich eine +halbgefüllte, kreisförmige Blechwanne. + +Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend war und doch den +Zügen mehr Schatten und Trauer verlieh, als je sonst darauf zu sehen +war, umspielte seine Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm +Virginias Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den Schlüssel +abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen, trat er hinter +den bemalten Ofenschirm und kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder. + +Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug in ihrer Hand +einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging in ihr Zimmer und stellte den +Krug zur Erde. Durch die Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte +Erwin sie sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie öffnete +das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann setzte sie sich in den +Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen, +den Rumpf vorgeneigt und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer +über die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit und +Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz fing an zu klopfen wie ein +Hammer. + +So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres Antlitzes schimmerte +wie Silber. Endlich erhob sie sich. Sie zog einen Schal von den +Schultern und seufzte wie unter der Last der Gewitterschwüle. Nun +verlor er sie. Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre +Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar seine Kinnlade +begann zu zittern, und auf einmal sah er sie wieder, eine andere, oder +den innersten Kern von ihr, das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf +Erden wandelte. Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne +jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das im Augenblick +zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene Haut der kaum gekühlten +Luft preis, die den dunklen Honig ihrer Haare schlürfte und den von +Blut und Atem bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein +hervortrieb. + +Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt dem Auge selten +Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren, daß die Schale mehr +versprach, als die Frucht erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an +dem Jubel dieser Vollkommenheit. Der ruchlose Späher verwandelte sich +zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut entfloh aus Erwins +Lippen, seine Augen waren naß, er war seiner nicht mehr mächtig, als er +das schützende Versteck verließ, aber als er dann die Bedeutung seines +Tuns ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom Antrieb zur +Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend und kraftlos inmitten +des Zimmers zurück. + +»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen Tönen, von welchen der +zweite um eine Oktave tiefer klang als der erste. Huschend, mit einem +seltsam überstürzten Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu, +warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte sie mit dem +Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz zusammengeduckt, und jedes +einzelne Glied ihres Körpers wünschte den Tod. + +Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu Erwins Ohren. Er +selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit verlor ihre Schwere. Sie +wurde ein Duft und ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich +Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die Stimmen der +Schuld. + +Worte vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am Türpfosten, indes +Virginia in ihr Lager gewühlt war wie ein Stieglitz in sein Nest. +Sie streckte den Arm gegen ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und +flüsterte: »Fort! Fort! Fort!« + +Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um, Virginia flüsterte +abermals mit immer noch ausgestrecktem Arm: »Fort! Fort!« Und kaum +stand er auf der Schwelle, so schluchzte sie mit eigentümlich +schmelzenden Lauten in sich hinein. + +Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte sie ihm, und +obwohl er den Grund davon nur dunkel ahnte, war es ihm, als blickte er +in die tiefsten Tiefen der Schönheit und der Unschuld. + +Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher Zärtlichkeit: +»Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte. Immerfort will ich an dich +denken, du schönste von allen Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur +ein Schatten. Leb wohl, leb wohl.« + +Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die Stille merkte, +richtete sich auf. Mit den Händen die Brust bedeckend, das beinahe +entseelte Gesicht lauschend, feurig bleich emporgewandt, rief sie: +»Erwin!« Und wieder, willenlos und jammernd: »Erwin!« + +Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende Ohnmacht nahm sie +auf. + + + + +Gefangenschaft + + +Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung der Gräfin +Thurn-Reichenstein angenommen, die letzten Septembertage auf deren +Gut in Mähren zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte, +fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch einen +Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert, Gäste zu empfangen, +hieß es. Dies stellte sich bald genug als unwahr heraus; er traf einen +Bekannten von der französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf +das Gut der Gräfin zu fahren. + +Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky. Auf den Schlag, der +dort gegen ihn geführt wurde, war er durchaus nicht vorbereitet. Frau +von Resowsky ließ sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute +Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr nicht empfangen zu +werden, war eine Art von Todesurteil. + +Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit frostiger Zurückhaltung. +Wohin er kam, dieselbe Veränderung. Selbst Leute dritten Ranges +behandelten ihn von oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur +Rede: man war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die Achseln. +Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit hervor. Es +erwies sich, daß die Geschichte von dem fingierten Duell neuerdings +umlief und jetzt zur allgemeinen Kenntnis gelangt war. Man hatte sich +darüber lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die +Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein elender Schmierant, +dessen Beruf es war, in den Vorzimmern der großen Welt zu schnüffeln, +brachte das Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und +erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht mit Namen, +aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen Sud zu beschmutzen. Damit +war Erwin vollends gerichtet. + +Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis an den Hals +stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Redaktion +jener Zeitung und forderte Widerruf. Seine Entschiedenheit, seine +knirschende Ruhe flößte den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus, +sie versprachen schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf +erfolgte nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie einen Epilog +an, durch den sie noch eine Würze erhielt. Erwin nahm sich zusammen. +Er bedurfte keiner Bemäntelung seiner Schuld, um den Abscheu zu +vermindern, den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben, +die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt jede +Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen, denn er war stets der +Meister gewesen und hatte durch unbegrenzte Verschwendung den Anspruch +auf unbegrenzte Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank +belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst hatte er den Plan +einer Reihe von Herausforderungen erwogen. Das Mittel war unbequem, +weil es ihn zwingen konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu +lärmend war. + +Im Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber des gegen ihn +angezettelten Skandals zu entdecken, stieß er bald auf den Namen Sixtus +von Flügels. Sixtus von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes +zurückgekehrt. Marianne hatte damals Frau von Resowsky nach Erwins +Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte erfahren, daß er als Strohmann +aufgestellt war, und hatte die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache +zu üben. + +Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den Gegenschlag seines +Feindes? Hatte er von Marianne nicht genug Geld erhalten? War Marianne +unvorsichtig gewesen? Marianne, die seine Frau war? + +Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. Die Dinge wuchsen ihm +über den Kopf. Er war nicht mehr der Mann, der er noch vor Wochen +gewesen. Er wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die +Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar zu bleiben. +Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater in der letzten Zeit +unheilvoll bloßgestellt hatte. Die kleine Christie Martens hatte es +wirklich verstanden, ihn seiner alten Freundin abwendig zu machen. +Er war nun genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie +einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine schlechte +Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto abgefeimtere im Leben, +bezahlte ihre Schulden und hatte eine elegante Wohnung. Das Alter hatte +Michael Reiner nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt +zur Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man erzählte +sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens winselte, während +Christie ihre Liebhaber bei sich hatte. Es war Stadtgespräch. Erwin +schäumte vor Zorn, aber er schreckte davor zurück, seinen Vater zur +Vernunft zu bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet, +er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen. Der Vater kam +nicht zu ihm, er schämte sich offenbar, er grollte ihm vielleicht und +betrachtete sein Tun als Betäubung, als einen Ausgleich gegen das +Schicksal der Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen +hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe war. Es hatte mit der einen +Torheit Michael Reiners sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich +sein Vater plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß er +in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an der Börse verloren +hatte. + +Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin verschob es. Es waren +zu viele Stricke um seinen Fuß gelegt. Er hätte noch drei Millionen +hingegeben, wenn er die Demütigung hätte vergessen können, die er +durch Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin einen seiner +unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer Freiheit das Gewebe +der Verleumdungen auf, schilderte das Treiben seiner Gegner mit der +Laune des Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole um +sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky sogleich antwortete, +er möge zu einer bestimmten Stunde zu ihr kommen. + +Er atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung seiner Person +sicher. Daß man ihn rief, war schon ein Triumph. Jedoch es kam alles +anders. Und wenn er geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu +bedürfen, um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin eine bereuend +überzeugte zu machen, so brauchte Frau von Resowsky, eine Dame, die in +allen zweifelhaften Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln +gewohnt war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen +und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für Erwin eine +Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen entstand. + +»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin, nicht wahr?« bat Frau +von Resowsky. + +»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe, mit Vergnügen, +Baronin.« + +»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd, »wenn Sie +bei einem sind, möchte man durchs Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile +nicht gesehen, so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten nicht.« + +»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten Geschmacks. Das +Rätsel erklärt sich durch den Überschuß von Moral, an dem wir alle +leiden wie an einer Art von geistigem Diabetes, und dem Unvermögen, +auch nur einen geringen Teil davon tätig auszulösen.« + +»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat mir seinerzeit +mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder geschlagen hätten. Ich habe +dafür gesorgt, daß die dummen Gerüchte, die schon damals begannen, +zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und +behauptet, er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt. Das ist doch +unbegreiflich.« + +»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen Umtriebe dieser +Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings niemals mit Herrn von +Flügel geschlagen.« + +»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir gekommen?« + +»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin, nur Zeit. + +»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«, sagte Frau von +Resowsky, indem sie zu einer kleinen Tapetentür schritt und öffnete. +»Herr von Flügel!« rief sie hinein, »ich bitte.« + +Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die Augen, die in seinem +schwarzbleichen Gesicht tückisch brannten, auf Erwin. + +Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber gleich wieder seine +Fassung. »Ah – reizend!« sagte er mit finsterem Blick gegen Frau von +Resowsky und küßte seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?« + +»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die Baronin ziemlich +scharf; »sonst wird die Wahrheit im Maul von Allerwelt zerstückt.« + +»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.« + +»Das ist kein Argument.« + +»Ich brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles eine Erfindung von +mir. Glaubt man mich decouvriert zu haben, wenn man gemerkt hat, daß +ich den Sumpf zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen +fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu fassen, höchstens noch +bei meinen Gedanken.« + +»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte die Baronin +unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre Schwester sei nicht in +seinem Auftrag zu mir gekommen.« + +»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von Flügel dumpf und mit +haßerfüllter Freude. + +Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem still. Er sah, daß +er sich verrechnet hatte. Er machte eine Bewegung, als wolle er +sich auf den Beleidiger stürzen. Seine Wangen hatten eine fahlgrüne +Färbung, seine Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky +trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und den andern an. +Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als müsse er den Gegner anflehen zu +schweigen, aber das gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann +lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und das ist um +so schändlicher, als meine Schwester Marianne seine Frau ist. Er hat +sich heimlich mit ihr trauen lassen. Sie sehen also, Baronin, daß Herr +Doktor Reiner uns näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte +den Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet, wenn Herr +Doktor Reiner den Namen meiner Schwester respektiert hätte.« + +Frau von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck kalter Verwunderung +an. Sie zuckte die Achseln und machte eine kleine, abfertigende +Gebärde. Erwin lachte. »Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über +diese Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«, sagte er +gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden unter ihm im Kreis +drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt, fügte er hinzu: »Wir treffen uns +noch.« + +»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau von Resowsky mit +verächtlich zuckenden Lippen. + +»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es zu spät erkennen!« +rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich, daß Frau von Resowsky +stutzig wurde und ihm unschlüssig nachschaute, als er ging. + +Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke war: jetzt zu +Virginia. Es war an der Zeit. Er wußte, daß sie am gleichen Tag wie +er in die Stadt zurückgekommen war. Er empfand es durch Luft und +Ferne, daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen. Sein +Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals eines Adlers. Sie +mußte dem Gischt des Geredes, das zu gewärtigen war, entzogen werden. +Er bangte, er lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre, +Freundschaft, Geld und Leben, =sie= mußte er gewinnen. Er liebte sie +nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät, um zu lieben. Ein +dringenderes Gebot befehligte ihn. + +Viel war noch zu tun. Wirrsälig lagen die Wege. Ineinandergeschlungen +waren die Triebe. Die Ehre forderte Sold von der Lüge. Die Unschuld +mußte vernichtet werden, um die Ehre zu retten. Das Antlitz des Lebens +zeigte sich bizarr wie nie zuvor. + +Sein Herz stockte vor Lust, wenn er sich ausmalte, wie ihr +niedergetretenes, zu Tode beleidigtes Herz nach ihm schmachtete. +Endlich! endlich! sie mußte ihm folgen, wie eine Blinde mußte sie ihm +folgen, die von nichts anderem weiß als von der führenden Hand. Und +allein mit ihr, die ganze Welt hinter ihnen her, die verstandlose +Meute, und in ihr, bei ihr sich reinigen von allen Übeln. In seinem +Willen wurzelte Glück und Unglück, durch seinen Willen wandelte +Virginia, atmete sie, war sie schön, anbetungswürdig, begehrenswert und +ihm verfallen. + + * * * * * + +Und so verhielt es sich: ihm verfallen. + +Wo ist =er=? dachte Virginia täglich, stündlich, in der unbekämpfbaren +Furcht vor Verrat. Denn er verriet sie, wo er auch war, er teilte ein +Bild von ihr allen Dingen mit, die sein Auge traf, er gab es den Augen +der Menschen preis, indem er mit ihnen redete, und trug es in die +Räume, in denen er weilte. Er verriet sie, wenn er ging, wenn er lag, +wenn er träumte und wenn er arbeitete. Sie konnte nicht mehr an sich +selber denken, ohne daß das Bild, das immer dort war, wo Erwin war, +ihre Nerven zu äußerstem Schmerz spannte. Langsam war das Bewußtsein +einer unendlichen Schmach in ihr angewachsen, und sie saß oft ohne +Anmut in eckigem Kauern und sehnte sich nach Tränen. + +Wie hatte die Mutter sie neulich am Abend gefunden? an jenem Abend, +dem kein eigentlich heller Tag mehr gefolgt war, auch keine Sonne +mehr. Wann war die Mutter gekommen? Virginia wußte es nicht. Sie +hatte geschwiegen. Auch Frau Geßner hatte geschwiegen, schuldbewußt, +zerstreut, betrübt und heimlich aufgeregt. Ja, von einem heimlichen +Zorn war diese Mutter verzehrt, hatte aber keine Klarheit darüber, +nach welcher Richtung sich dieser Zorn wenden würde. Ich hab es satt, +dachte sie und glich einem Menschen, den ein durchtriebener Wühler +rebellisch gestimmt hat und den es nach Aufruhr verlangt, wobei er +gleichzeitig froh ist, wenn sich der Wühler und Quäler nirgends blicken +läßt. Der Geldzufluß hatte in der letzten Zeit aufgehört, die Ausgaben +mußten beschränkt werden, und Frau Geßner fing an, sich vor der Armut +zu fürchten, vor derselben Armut, in der sie drei Jahrzehnte lang +zufrieden gelebt. + +An jedem Morgen sagte sich Virginia: so kann es nicht weitergehen. Sie +hatte Manfred vergessen. Wenn sein Name emporstieg, war es, als ob ein +früheres Dasein sie an ihn verbunden hätte. Er schrieb auch nicht mehr; +seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Was war geschehen? +Sie war überzeugt, er wisse alles. Und sie wollte ihn vergessen. Der +Kummer gab ihrem Gesicht die Blässe des Perlmutters. Von allem Schweren +war die Abwesenheit Erwins das Schwerste. Sie wollte ihn sehen, +seine Gedanken spüren, sie wollte wissen, welche Art von Laster oder +Verworfenheit in ihr war, die ihn ermutigt hatten zu tun, was er getan. +Sie fand nicht das Wort, nicht die Form ihn zu rufen, auch schien es +ihr bei tieferem Bedenken, daß es überhaupt keine Worte mehr zwischen +ihr und Erwin geben konnte. Doch ihr Gefühl war dies: ruhig kann ich +erst sein, wenn er da ist; froh werd ich nimmer werden, aber ich will +erfahren, warum ich so erniedrigt worden bin. + +Warum kommt er nicht? klagte sie im Stillen; verachtet er mich? +meidet er mich deshalb? Sie suchte sich seiner zu erinnern, aber die +Gestalt war wie Dunst. Nur in ihrem Blut fühlte sie seine Gebärden, +seine Blicke und seine Stimme. Es hatte den Anschein gehabt, als +liebe er sie; so war Liebe etwas Düsteres, Unbehagliches, Wildes und +Sündenvolles geworden. Sie bemerkte, daß alle Menschen in Kleider +gehüllt waren, und sie sah die Leiber hinter den Kleidern, und Männer +und Frauen hatten etwas Heuchlerisches und Maskiertes. Die vergiftete +Phantasie war von Haß gegen den Vergifter beladen. + +Die neue Wohnung lag in einem einstöckigen Haus in friedlicher +Umgebung. Hinter dem Haus lag ein Garten, in welchem sich Virginia an +regenlosen Tagen fast unablässig erging. Sie vermied den Zaun neben +der Straße und wandelte nur auf den schmalen Wegen zwischen den schon +vergilbenden Sträuchern. + +Es war spät nachmittags; es dämmerte schon, da rief Frau Geßner vom +Küchenfenster nach ihr. Der freudige Klang der Stimme verwandelte +Virginias Füße in Blei. Er war da. + +Sie ging hinauf. Er erhob sich und verbeugte sich, als sie +eintrat. »Ich befinde mich in einem Wirrsal von Geschäften und +Unannehmlichkeiten«, sagte er. »Bitte, geben Sie mir ein Glas Wasser, +Mama. Ich verdurste.« + +Virginia kam der Mutter zuvor, holte selbst das Wasser und kühlte dabei +ihre heißen Hände unter der Leitung. Als sie wieder ins Zimmer trat, +war die Mutter verschwunden. Sie runzelte die Stirn, reichte ihm das +gefüllte Glas, und er trank gierig. + +»Ich muß Ihnen gestehen,« begann er plötzlich, »daß das Gerede der +Stadt Sie schon als meine Geliebte bezeichnet. Ich kann Sie dagegen +nicht schützen, Virginia, so lang Sie sich töricht weigern, den +Entschluß zu fassen, der allen Klatsch beschämt.« + +»Wer redet? Was soll das heißen? was für einen Entschluß soll ich +fassen?« antwortete Virginia außer sich. »Sie sind im Irrtum, wenn Sie +glauben, daß der Klatsch eine Pression für mich ist.« + +»Es gibt noch eine stärkere, Virginia; nämlich die, daß eine andere +Glücksmöglichkeit nicht mehr für Sie vorhanden ist.« + +»Dann muß ich eben ohne Glück leben.« + +»Und mich? Virginia? Mich wirfst du zu den Gleichgültigen?« + +»Duzen Sie mich nicht!« rief Virginia und wurde blutrot. »Warum ist die +Mutter fort? wo ist sie hin? Sie sind verschworen mit ihr. Alle sind +gegen mich verschworen.« + +»Virginia! Das Leben ist verschworen gegen dich, weil du es mit Füßen +trittst. Du liebst mich, Virginia! Wenn du mich nicht liebtest, hättest +du die letzte Nacht in Edlitz nicht überlebt. Du liebst mich, und es +genügt mir, dies zu wissen.« + +Virginia preßte die Faust an die Wange. Es ist wahr, dachte sie, es ist +ein Wunder, daß ich’s überlebt habe. Ihr Gesicht schien entgeistert im +grauen Sammet der Dämmerung, als sie dumpf beteuernd murmelte: »Niemals +werd ich Sie lieben, Erwin, niemals. Geben Sie mich also frei.« + +»Was heißt das?« fragte er verblüfft, und ihm wurde schwül ums Herz. +»Du bist frei.« + +»Ich – bin – frei«, wiederholte sie langsam und mit leerem Nachdruck. + +»Du bist frei, aber vom Schicksal mir zugeschmiedet«, fuhr er fort. +Jetzt galt es, den letzten Schlag zu führen. »Du bist frei auch von +Geburt,« sagte er, »zur Liebe bestimmt von Geburt her. Ein Kind der +Liebe bist du, unbekannt ist dein Vater. Selbst deine Mutter kennt ihn +nicht, eine einzige Stunde der Leidenschaft, die einzige ihres Lebens +hat sie dem unbekannten Mann in die Arme geworfen, und dies ist in +deinem Blut, dagegen kämpfst du vergeblich. Du bist ein verlorenes +Kind.« + +Zitternd schaute Virginia auf seinen Mund. Ihre bang ungläubige Miene +gefiel ihm; der sichtbare Zusammenbruch von Stolz und Festigkeit +erschütterte ihn. Sie machte mit der Hand eine mechanisch deutende +Bewegung, ihre Augen fielen zu. Erwin ergriff ihre Hand und drückte +sie lange an seine Lippen. Sie ließ es zitternd geschehen und zitterte +immer – immerfort. Er legte den Arm um ihre Hüften. Plötzlich trat sie +zurück. »Rühren Sie mich nicht an!« schrie sie erbleichend, so wie sie +bisweilen im Traum aufschrie. + +Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Da öffnete Frau Geßner, +durch Virginias Schrei gerufen, die Türe. Ihr Gesicht zeigte die +rasende Entschlossenheit, die oft die Energielosen überfällt. Wenn +gutmütige und verträgliche Menschen in solcher Weise außer sich +geraten, legen sie nicht selten eine plebejische Roheit an den Tag, die +ihren Mangel an Erziehung und ihre Herzensdumpfheit enthüllt. Diese +Frau war sozusagen bis auf den niedersten Stand ihrer moralischen Natur +herabgedrückt: Ehrgeiz, naive Habsucht, Furcht vor Armut und eine +systematische Bezauberung hatten aus ihr das willenlose Werkzeug Erwins +gemacht, und Erwin erkannte es selbst, nicht ohne Verwunderung. + +»Du undankbares Ding!« begann sie keuchend, während ihre Züge +vergröbert, vergrößert und gerötet erschienen, »was sträubst du dich +gegen dein Glück? Aus welchem Grund, sag mir? Wegen deines Manfred +vielleicht, der nichts ist, nichts hat und nichts kann? Gott verzeih +mir die Sünde, aber ich will’s nicht länger mit ansehen, wie dieser +ehrenhafte und großmütige Mann da um dich leidet, der dich mit +Geschenken überhäuft hat, mit Geschenken, die Hunderttausende wert +sind, und dich behandelt hat wie eine Gräfin. Und du tust, verzeih +mir’s Gott, als ob du zu kostbar für ihn wärst. Was ist denn all mein +Hangen und Bangen seit Jahr und Tag? Nur dir gilt’s, alles nur für +dich, und so lohnst du’s mir, Undankbare, mit deinem lächerlichen +Dünkel. Gott verzeih mir’s!« + +»Genug!« rief Erwin laut; »schweigen Sie, Mama.« + +Virginia bewahrte eine erstaunliche Fassung. Sie ging auf die Mutter +zu und legte ihre beiden Hände auf deren Schultern. Frau Geßner wich +betroffen zurück, aber Virginias Blick drang unerbittlich in die Augen +der Mutter, als wollte sie zunächst die Wahrheit dessen ergründen, +was Erwin ihr vorhin verraten. In der Art jedoch, wie sie sich hielt, +war etwas so Vornehmes, daß Erwin, bestürzt über soviel Lieblichkeit +und Adel, sich auf die Lippen biß und einen raschen Seufzer nicht +unterdrücken konnte, der wie das heimliche Aufschluchzen eines Kindes +klang. In diesem Moment kehrte sich Virginia um und sagte mit ruhiger +Stimme: »Gut, es sei. Ich füge mich.« + +Erwin starrte zu Boden. Welch ein boshafter Teufel flüsterte ihm zu, +den Fangstrick mit dem Dolch zu vertauschen und noch eine kurze Qual +und prüfende Demütigung auszuhecken, für die, die »sich fügte«? Wollte +er nicht Räuber sein, sondern Retter, nicht Zuflucht einer Ermatteten, +Verstoßenen, Besudelten, sondern frei begehrt? Er faltete die Stirn +und schwieg. Dieses Schweigen war niederschmetternd für Virginia. Sie +nahm es als einen Ausdruck der Verachtung. So weit ist es also mit mir +gekommen, dachte sie, und das Blut rauschte ihr zu Kopf. Sie begab sich +langsamen Schritts zum Sofa, ließ sich niedersinken und fiel mit dem +Gesicht auf die verschränkten Arme. So weit ist es also, und ich bin +ihm nichts mehr wert, das war ihr einziger Gedanke, und alles, was sie +körperlich von sich spürte, war ihr eine Last und ein Grauen. + +Jetzt bist du mir sicher, jauchzte es in Erwin, jetzt hab ich dich ganz +und gar. + +»Was ist das? es klopft jemand«, murmelte Frau Geßner. Sie öffnete +die Tür, – Ulrich Zimmermann stand da. Er grüßte, niemand antwortete. +Es war schon dunkel geworden, und als die Tür aufging, fiel der +Lichtschein vom beleuchteten Flur herein. »Draußen war offen«, sagte +Ulrich entschuldigend. + +Ulrich Zimmermann hatte die letzten Tage in einer Besorgnis um Virginia +verbracht, die in ihm durch ein kurzes Beisammensein mit dem Grafen +Palester entstanden war. Palester hatte sich nicht klar geäußert, aber +seine geheimnisvollen Andeutungen hatten in Ulrich den Vorsatz erweckt, +Virginia aufzusuchen. Vielleicht nur um sie zu sehen. Er kam von der +Piaristengasse, wo man ihm die neue Wohnung gesagt hatte. + +Er grüßte abermals schüchtern, auch jetzt antwortete niemand. Frau +Geßner zündete mit hastigen Gebärden die Lampe an. Ulrich Zimmermann +erblickte Erwin und erschrak. Er sah Virginia regungslos liegen und +starrte hin wie auf eine Leiche. Alle schlimmen Befürchtungen schienen +bestätigt. + +»Eine schlechte Zeit haben Sie da gewählt«, sagte Erwin und schaute +Ulrich mit funkelnden Augen an. Ulrichs Mund verzerrte sich. »Was ist +geschehen?« fragte er Frau Geßner. Diese schüttelte unfreundlich den +Kopf. + +»Kommen Sie, ich werde Ihren Wissensdurst befriedigen«, sagte Erwin +herrisch. Ulrich Zimmermann folgte zaudernd. + +Als sie auf die Straße traten, hatte Ulrich das Gefühl, an der Seite +eines Feindes zu gehen, der ihn durch Freundschaftskünste so lange +gefoppt, bis er allen Mut der Auflehnung zerstört hatte. + +Erwin ging wie gejagt, erst allmählich verlangsamte sich sein Schritt. +»Was macht Mirowitsch?« fragte er plötzlich zerstreut und mit jener +gnädigen Teilnahme, die auf Ulrich wirkte, als ob man ihm mit einer +Stahlbürste über den Rücken streiche. »Er nähert sich der Katastrophe«, +erwiderte er leise. Dann fuhr er fort und blickte Erwin finster in die +Augen: »Und diese ganze Verantwortung nehmen Sie auf sich?« + +»Welche Verantwortung?« + +Ulrich machte mit Kopf und Schulter eine Bewegung gegen das Haus, das +sie eben verlassen. + +Erwin maß ihn von oben bis unten. »Rivalität trübt das Urteil«, sagte +er. Ulrich, der eine Beleidigung erst kapierte, wenn der Beleidiger +sie vergessen hatte, sah bekümmert drein. Die Leute von starkem +Phantasieleben haben eine eigentümliche Angst davor, aus Begebenheiten, +unter denen sie leiden, die Folgerungen für ihr Verhalten zu ziehen. +Ulrich war erdrückt von dem Bewußtsein, eine bemitleidenswerte Figur +darzustellen gegenüber diesem Wachen, diesem Wirklichen. Er schwieg und +konnte das Bild der regungslos hingekauerten Virginia nicht aus seinem +Gedächtnis wischen. + +»Sie haben einen Trauerfall gehabt, höre ich«, begann Erwin wieder, der +eben dieses Bild für eine Weile vergessen wollte. + +»Ja; mein Onkel ist gestorben.« + +»Ach! So schnell –« + +»Ja. Eines Tages wurde mir gemeldet, daß er nur noch kurze Zeit zu +leben habe. Er wünschte mich zu sprechen. Er wohnte in einem kleinen +Hotel in Baden. Ich fuhr hinaus. Er hatte sich aus der Stadt geflüchtet +wie ein edles Raubtier, das den Tod fern von seiner Höhle sucht. Er +wollte seine Freunde mit dem Anblick seines Sterbens verschonen. Seit +anderthalb Jahren wußte er, daß er verloren sei; seit anderthalb Jahren +ist er täglich kontemplativer geworden und dachte an nichts anderes als +den Tod. Der Gedanke an den Tod mußte ihm furchtbar sein, denn er hatte +gar keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Illusionen und entbehrte auch +den Trost, der darin liegt, daß man einige Menschen hinterläßt, die mit +gespannter Brust eine Schaufel Sand ins Grab werfen. Er gehörte einer +Generation von arbeitsamen Skeptikern und sentimentalen Zynikern an, +mit denen es jetzt zu Ende geht und die den schmarotzenden Skeptikern +und den zynischen Strebern Platz machen. Er war ein vortrefflicher Mann +und hatte Charakter, was heute ein bißchen veraltet ist.« + +»Nun, er hat Sie gewaltig kujoniert«, wandte Erwin ein. »Was Sie +Charakter nennen, war die Verstocktheit der Lustspielväter; die wollen +immer eine Heirat verhindern, die schließlich doch stattfindet.« + +»Nein, nein, er hing am Gelde, und er hing an Formen«, widersprach +Ulrich Zimmermann. »Als ich ihn sah, drehte sich mir das Herz im Leibe +um. Haben Sie je einen Hund gesehen, der weiß, daß er zum Schinder +geführt wird? Diese sanften, nassen Augen voll Vorwurf und ohne +Haß? Der Herr hat sich versteckt, und die Augen des Hundes suchen +den Herrn. Solche Augen hatte der alte Mann. Als ich vor ihm stand, +verlegen und dumm, wie man ist, wenn andere leiden, konnte er kaum +mehr reden. Er hatte eine dick mit Banknoten gefüllte Brieftasche +unter seinem Kopfkissen liegen, die er argwöhnisch bewachte. Endlich +erfuhr ich sein Begehren. Er forderte, daß ich jede Beziehung zu Ihnen, +Erwin, abbrechen sollte; wenn ich darein willigte, würde er mich zum +Universalerben einsetzen.« + +»Und wozu haben Sie sich entschlossen?« fragte Erwin verwundert. + +»Sie sehen ja, wozu ich mich entschlossen habe. Man kann doch nicht +einem Sterbenden gleichsam einen Lebendigen in den Sarg mitgeben. Ich +will Ihnen sagen, Erwin, mein Gefühl war ja nie ungetrübt in Ihrer +Nähe. Der Umgang mit Ihnen hat, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, die +Lust zum Verrat in mir geweckt. Sie haben die furchtbare Eigenschaft, +die Menschen in irgend einer Hinsicht zu Verrätern zu machen. Sie töten +Instinkte wie der Märzwind Knospen. Aber das Allersonderbarste an Ihnen +ist Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, unsichtbar gerade dann, +wenn man will, daß Sie einstehen sollen für sich, daß Sie sich zeigen +sollen. Dann sind Sie unsichtbar wie der Herr des Hundes, der zum +Schinder muß. Sie sind oft so merkwürdig wesenlos: man sucht Sie und +man findet Sie nicht. Oft wenn ich an Sie denke, ist es mir, als ob Sie +keine Augen hätten, als ob Sie wie ein Tiefseefisch in der Finsternis +schwämmen, mit prachtvollen Farben allerdings, purpurn, gelb und grün, +aber wozu sind diese Farben, frag ich mich, wozu die Herrlichkeit +für einen Augenlosen? wozu in der schwarzen Tiefsee-Finsternis? Nun +gut; vielleicht um dieser schönen Farben willen hab ich meinem Onkel +geantwortet, ich könne auf seine Bedingung nicht eingehen. Nicht +aus Rücksicht oder Trotz oder Dankbarkeit oder aus Furcht mich zu +verkaufen, sondern wegen der prachtvollen Farben. Sie werden das für +eine märchenhafte Dummheit erklären; mag sein. Einige Tage später, +als ich meinen Onkel besuchte, war eben der Notar weggegangen. Es +fand sich auch ein junges Mädchen ein mit seiner Mutter; beide sahen +wie Arbeiterinnen aus. Das Mädchen war die Tochter meines Onkels und +kam aus einem Proletarierwinkel der Großstadt, um ihren Vater, den +sie kaum kannte, sterben zu sehen. Ich wußte natürlich nichts von +ihr, und sie stand da mit einer Nase, die nach Geld schnupperte. Sie +hat zwanzigtausend Kronen geerbt, ich ebensoviel, den Rest, der etwa +zehnmal so groß ist, hat das Sankt-Annenspital bekommen. Nachdem mein +Onkel gestorben war, hat man über fünfhundert Goldstücke im Zimmer +gefunden, die er in der letzten Todesangst um sich herum verstreut +hatte.« + +Erwin ging eine Weile mit zur Erde gehefteten Blicken. Plötzlich +schaute er empor und sagte gradeaus vor sich hin: »Es wäre gut, wenn +Sie mich jetzt allein ließen. Es ist am besten, wir verabschieden uns +hier. Ich habe zu Haus ein paar Manuskripte von Ihnen, die werde ich +Ihnen schicken. Es ist am besten, wir trennen uns hier für immer. Gute +Nacht.« + +Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle losreißen, wo +diese Worte gefallen waren. Erwin eilte mit raschen Schritten in die +Dunkelheit. Er suchte eine öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich +mit Villa Sansara verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge. +Bei einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und fuhr in die +Geßnersche Wohnung zurück. + +Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag, als Erwin und +Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es verfloß eine Viertelstunde, und +keine der beiden Frauen sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben +dem Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um den Hals des +Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht; erst als die Zerknirschung +der Mutter zudringlicher wurde, richtete sie sich empor und sagte kalt. +»Laß nur das, Mutter. Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es +wahr ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.« + +Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir gesagt?« stotterte +sie und schlug die Hände klatschend zusammen. »Und der andere, der hat +also geplaudert? Ich armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes, +unglückliches Kind!« + +Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht, das Taschentuch +vor den Mund gepreßt, ging Frau Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin +stand vor ihr. »Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind, +kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell und mit +unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist in Sie gefahren?« + +»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau. + +»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur Gräfin Hamlisch +bringen. Widersetzen Sie sich nicht! Schweigen Sie. Alles hängt davon +ab, daß Sie vernünftig sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie +Nachricht.« + +Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner an. Erwin +bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat ins Zimmer, ergriff +Virginia bei der Hand und sagte leidenschaftlich drängend: »Ich wollte +vorhin nicht den Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen, +Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung der kommenden +Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles ist bereit. Folgen Sie mir.« + +»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene. + +»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine Schwester der Frau von +Resowsky. Virginia kannte und ehrte diese Dame, und sie hätte nichts +gegen Erwins Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes Herz +verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen, – wäre nicht +ein Mißtrauen in ihr gewesen, das nicht als Gedanke oder Erwägung, +sondern als Lähmung ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in +Erscheinung trat. + +»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin fort, indem er +seine Stirn zu der ihren niederbeugte; »Leben, Glück und Zukunft hängen +davon ab, besinnen Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.« + +Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht verworfen, dachte +sie und spürte eine finstere Beruhigung. Mechanisch erhob sie sich. +»Mantel! Hut! rasch!« rief Erwin der Mutter zu, die verstört auf der +Schwelle stand. + +Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich apathisch die +Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den Hut in den Haaren, als ihr +die Mutter die langen Nadeln gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was +geschah und was sie tat. + +»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin warf ihr einen wütenden +Blick zu, und sie schwieg. + +Er führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die Räder begannen zu +rollen. Erwin packte Virginias heiße Hände, sie zog sie beinahe +entsetzt zurück, da ließ er sich auf die Knie gleiten, nahm ihren +Rocksaum und drückte ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin. + +Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe. Sie antwortete +nicht. Er unterließ es. Die Pferde rannten wie rabiat durch eine +Menge von Straßen, endlich hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais +im dritten Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen +Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.« Er sprang +hinaus und verschwand im Torgang. Virginias Kehle war wie zugeschnürt; +in ihrer Brust war eine steinern schwere Gleichgültigkeit. + +Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er mochte beim Portier +einen belanglosen Auftrag erteilt haben, – rief dem Kutscher etwas zu, +und nachdem er eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung +gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis geschehen. +Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie erwartet uns in meinem Haus. +Ich habe ihr vor einer Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt. +Was ich geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt +gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.« + +Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte ihr Blick, der +nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand eine schmerzliche, +trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du mich abermals verrätst, sagten +gleichsam die Augenlider bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und +sprach und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen. +Doch redete er nur, damit Virginia die Länge der Fahrt nicht spüre, und +seine Stimme klang schließlich heiser und angestrengt. + +Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia, und um ihren +Mund zuckte es beständig. Weshalb? was will er damit? Es waren aber +diese Gedanken sowie seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich +selbst und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer, hinter +seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische Ungeduld. + +Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden sein, denn er zeigte +sich nicht. Sie schritten durch die Halle. »Ich bitte, hier herauf«, +sagte Erwin höflich. Virginia zauderte vor der zweimal geeckten +Holztreppe. »Ich bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die +Gräfin muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den untern +Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.« + +Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand antwortete. + +Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die Treppe hinan, +gequält und benommen von jener trotzigen Neugier. + +Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer; müde, zerschlagen, +in sich gekehrt, ja fast verträumt und ohne eigentlich zu leiden. Erwin +sprach zu ihr. Nun klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie +schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er hat mich abermals +verraten, sagte sie zu sich selbst. + +Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht völlig bewußt. Sie +dünkte sich das Opfer eines häßlichen Zwischenfalls, einer dummen Lüge, +eines unwürdigen Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle. +Erwin betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob er sich +und ging hinaus. + +Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie schloß die Augen +und öffnete sie wieder. Welche tiefe Stille! Eine schier trinkbare +Stille! Was ist das für ein Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es +nicht, es ist hergerichtet wie für eine Frau. + +Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum nicht? warum sollt’ +ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein Kunststück zu lieben? Er wird +mich heiraten, und ich werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er +ist so weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht auch ihn +lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte sie ihre Gedanken +in vollständiger Verdüsterung des Geistes. + +Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem Grund läßt er mich so +lange allein? grübelte sie befremdet und bekam nun Angst vor der Stille. + +Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und schaute in ein +rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd schloß sie wieder, +wandte sich weg und trat zu einem Fenster. Die Nacht war schwarz. +Regentropfen spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing +von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen, was tu ich! fuhr +es ihr plötzlich durch den Sinn; hier kann ich nicht bleiben, es ist +spät, ich muß fort. + +Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf und eilte zur +Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein eisiges Entsetzen überfiel sie. +Die Türe war versperrt. + +Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren aufgerissen. Noch +einmal und noch einmal drückte sie die Klinke. Umsonst. Die Tür war +versperrt. Sie war gefangen. + +Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte sich mit der +Stirne kraftlos gegen den Pfosten. + + + + +Die Miniaturen + + +In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias wußte sich Ulrich +Zimmermann keinen andern Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen. +Noch vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen +Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung Palesters führte. Eine +hinkende Pförtnerin führte ihn über regennasse Wege zu einem uralten +und keineswegs freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne +beleuchtet wurde, welche über der gegenüberliegenden Gärtnerwohnung +aufgehängt war. Der Garten gehörte zu einem ausgedehnten Besitz, und +diese Gebäude hatten ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt +gedient. + +Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel. Die Pförtnerin +war gegangen. Ulrich fand keine Glocke und pochte daher ans Tor. Es +blieb alles still, und er pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es +drinnen laut hallte wie in einem Kellergewölbe. + +Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer Frau beugte sich +über das Sims. Eine ruhige, helle Stimme fragte mit fremdländischer +Betonung nach dem Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu, +er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen sprechen. Nach +einer Weile rasselte unten das Schloß, und Graf Palester erschien mit +einer Kerze. Er geleitete den abendlichen Gast über eine Steintreppe +hinauf in ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube +hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger Schmuck der Wände +prangte die Photographie eines Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle, +ein Messingbett und eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar. +Niemand hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet durch die +Mauern einer weiland hochadeligen Domäne, eine solche Wohnstätte der +Armut gesucht. Es hatte dem Grafen Mühe gekostet, mitten unter den +Unanfechtbaren des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz +seine Not zu verstecken. + +Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia Geßner +aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen habe, als ob sich dort +verhängnisvolle Dinge abspielten. Er schilderte, wie er Virginia +gesehen, wie unwillkommen Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei +und daß er den Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend +eingreifen. + +Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale, blasse Gesicht in +die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das alles sagen«, erwiderte er. »Ich +werde heute abend noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der +Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber es muß sein. +Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag zurückkommen. Ich erwarte ihn.« + +»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?« fragte Ulrich, nicht +fähig, Freude darüber zu bezeigen. + +»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.« + +»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?« + +»Vor neun oder zehn Wochen.« + +»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?« + +Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß erreicht hat und er +die raschesten Verbindungen hat benutzen können, muß er noch in dieser +Woche kommen.« + +»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?« + +»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester. Er zog den Mantel +an, nahm Hut und Schirm und sagte: »also gehen wir, wenn ich bitten +darf.« + +Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie er einst gewollt, +als er den reinen Strom der Sympathie verspürt, der von dem Jüngling +ausging, nicht mitteilend, breit und frei, sondern kurz und gebietend, +so geschrieben, daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben +durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren. Eine +Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von konventionellen +Rücksichten, und derart beschaffen, daß sie in dem Fernweilenden, um +dessen sichere Adresse er den Professor Dalcroze in Berlin gebeten +hatte, den erwünschten Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte. + +Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann wie Erwin bei einem +Spiel zu stören, das am Ende nur diesen allein anging; er dachte nicht +an den Verlust jenes Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen +Umstände etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und dessen er sich +nicht entäußern wollte, weil er der Welt und dem Geschick zu trotzen +entschlossen war, ekstatisch wie ein Mönch und in Sehnsucht nach +Selbstvernichtung wie ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen, +sondern aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung für +Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit der suchenden Träume +in die Wirklichkeit zurückkehrend, war es ihm für gewiß erschienen, daß +Virginia nicht mehr standhalten konnte. + +Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus ihren Augen war das +entwichen, was er als die reine Musik des Herzens empfand. Die Seele +war gleichsam aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo +sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid entwendet hat. +Und Graf Palester hatte ein grenzenloses Vertrauen in Virginia gesetzt. +Er war einer jener Menschen, die sich in der Verborgenheit ein Pantheon +errichten, worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der Millionen, +einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen hing er mit der Liebe, +die die Einsamkeit in ihm erzeugte. Mit ihnen wandelte er ungesehen +durch ihr Dasein, und sie hielten ihn aufrecht in der tragischen +Verwüstung, die sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit +und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht +hatten. Er mied die persönliche Berührung mit ihnen, er zog sich von +ihnen zurück, sobald sie von seinem Herzen Besitz ergriffen, aber er +verkehrte mit ihnen, wie man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch +mit solchen Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind. + +Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es, und keine äußere +Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit. Ihm mangelte die +Gegenwartskraft so, daß er sich oft wie der Schatten seines Schattens +vorkam. Es war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied +zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht, weit +in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war ihm wie eigendurchlebtes +Kindheits- und Mannesalter, jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr, +und hätte er religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein +Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm moderner Existenz, +der alles zerschmettert, was nicht mittreibt, verurteilte ihn zu +anonymem Elend. + +Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine, in einer +Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer Frau gesehen, das ihn +fesselte wie nie ein Frauengesicht zuvor, nicht sowohl durch Schönheit, +sondern durch innerlichen Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und +wurde nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals einfiel, +sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er das Bildnis immer +tiefer in das Leben seiner Seele auf und geriet in einen sonderbar +stummen Verkehr mit einem Wesen, das, körperlicher als ein Traum, +dennoch vollkommen unwirklich für ihn war. Drei Monate später wandelte +er eines Abends durch eine Straße in Livorno, als durch das geöffnete +Fenster eines Hauses Gesang an seine Ohren schallte. Erbebend blieb er +stehen und lauschte. Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang +und schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als den Ausdruck +auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas durchaus Ungewöhnliches. Er +schritt in das Haus. Er stieg die Treppe hinan, ging durch einen +Flur, öffnete eine Türe und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem +lebendig gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen, von +Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das Gemälde rechtfertigte +sein Tun bei ihr und ließ seine Person um desto wunderlicher +erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm wurzelte im ersten Blick, ihr erstes +Gefühl war Liebe. Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie +stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet, indem +sie einem der verrufensten Wucherer des Landes, der um sie warb, die +Hand reichte. Sie lebte mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe +war. Es begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft +und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um den Gemeinheiten und +bösen Anstiftungen des Gatten zu entgehen als um ihrer Liebe willen, +die auf Welt- und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden +verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich gegen sie mit +Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von Stimmen für und wider umdrängte +sie, da starb plötzlich Lenorens Mann, und sie war frei; und reich. +Aber sie hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf ein +Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen Herkunft war. +Palester nahm den Abschied, und als er mit Lenore das verkommene Haus +in Hietzing mietete, in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster +umgingen, verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und seine Pension +als Offizier. Die beiden Menschen waren so unfähig wie ungewillt zu +bürgerlichem Erwerb, und ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft +hatte etwas Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des +verschuldeten Untergangs. + +Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur Stadtbahnstation. Eine +Stunde später befand sich Palester am Tor der Villa Sansara. Wichtel +sagte, sein Herr sei nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten +zu wollen. Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte +Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen. Plötzlich +erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe wenden und stutzte, als +er den Grafen sah. Erst zog ein Schatten des Ärgers über seine Stirn, +dann lächelte er düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte, +treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,« fuhr er fort, +als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt war, »der Auftrag, den +Wichtel hat, betrifft nicht die Person, sondern die Welt. Ich habe mich +zurückgezogen von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.« + +»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«, bemerkte Graf +Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von Sammlung und Andacht.« + +Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf in die +Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte er höhnisch. »Für mich +Andacht und Sammlung!« Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem +Gesicht war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter Zug. +Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen; er kannte dieses +Gefühl vom Meere her. Vor großen Stürmen und Gewittern hatte er stets +eine ähnliche Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare in +Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er hatte diese Haare nie +anders gesehen als in sorgfältiger Scheitelung, glatt und geordnet. +Dieser Umstand vermehrte seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt +und war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab, und seine +Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer Handschrift auf dem +Tisch vor ihm. + +»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur um das peinigende +Schweigen zu unterbrechen. + +Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte: »Haben Sie +je die Erfahrung gemacht, daß das eigene Werk einen anstiert wie +eine Gorgo? Manchmal graut mir vor diesen Worten da, die ich selbst +geschrieben habe.« + +»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?« + +»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante und die moralische +Idee heißt der Titel.« + +»Das klingt vielversprechend.« + +»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose. Ich wollte eine +einfache Feststellung von Kategorien geben und sehe mich im Bodenlosen +und Grenzenlosen. Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er +zu blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?« + +»Ich bitte darum.« + +»Als der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt zum ersten Male in +den Ausdruck faßte, daß alles in ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich +sich selbst als das einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt +gegenübergestellt. Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes +geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus +er die Welt bewegen konnte, weil er selber stand. Um so stärker mußte +seine Sehnsucht erwachsen, die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch +an der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild gemäß +nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht, das Werdende durch das +Gesetz in die Formel des Seins zu bannen: er treibt Mathematik, das +heißt Wissenschaft. Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie +aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt: das heißt, +er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie aus der Zeit, verleiht ihnen +Seele und schafft die Persönlichkeit: das heißt, er ist moralisch oder +religiös. Können Sie folgen, Graf?« + +»Vollkommen.« + +»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit der +Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt formt. Die Welt +hinwiederum ist der Stoff, in dem das Gesetz sich erkennt, die Gestalt +sich verkörpert, die Persönlichkeit sich wiederfindet. Daher erscheint +jedes System, jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt +für sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme, »muß das +Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose das schlechthin +Chaotische und das Unpersönliche das schlechthin Unmoralische sein. +Denn alles dies ist nur der dreifach verschiedene Ausdruck derselben +Verneinung: des Inkonstanten, des Undings an sich.« + +Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden Blicken an. Wie +furchtbar, dachte er schaudernd, wie furchtbar diese Selbstverdammung +sich anhört! Wie kann er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie +geben damit eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen +Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester; »des +Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe und des Verantwortungslosen +in der Seele. Dessen, der sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen +dient, dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott und +Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich nimmt, weil er +nie zu finden ist.« + +»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche Idee in die +Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die Exempel vergiften mir den Text, +die Nutzanwendung bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz +und schüttelte den Kopf. + +Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen Sie nicht vor +mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln, die doch nicht weit tragen. +Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht +einmal gekommen, um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich fordere +Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie im Namen der Ehre, der +Freundschaft, der Menschlichkeit.« + +Erwin stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme über der Brust. +»Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte Sie, mich mit Sonntagspredigten +zu verschonen.« + +»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten noch Glück für +andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig fort. »Sie achten es nicht, +ich weiß es, Sie achten nicht das Glück der andern, aber ebensowenig +wie Sie einen wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine +Ersparnisse bestehlen würden – –« + +»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe nicht Zeit zu +beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben zu wechseln. Ich lehne es +ab, mich zu rechtfertigen, ich erlaube niemandem, wer es auch sei, in +meine Brust zu greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit +Philisterweisheit zu besudeln.« + +»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen Sie damit? Wie +schlimm ist es um uns bestellt, wenn wir den Menschen, der sich höherem +Gesetz beugt, mit einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn, +sondern uns selbst der Verachtung preisgibt.« + +Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen Freund begraben,« +sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen Brauen, »es kommt mir auf +eine zweite Beerdigung nicht an.« + +»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie können alles wagen. +Sie haben die Freiheit und die Möglichkeit der Verwandlung.« + +»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen, »vorher haben +wir noch eine kleine Wette auszugleichen, Graf.« + +Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte er. »Ich entsinne +mich. Es war ein sonderbares Gespräch zwischen uns, ein Gespräch, das +mir Übelkeit verursachte wie ein verfaulter Fisch.« + +»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von Folgen begleitet war, +als ob man im Rausch einen Diamanten gefunden hätte ... auf einem +Wirtshaustisch.« + +Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen und in das Gesicht +Erwins blicken zu müssen, und er hatte die Empfindung, als ob dieses +Gesicht beständig wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald +nah, bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich, +bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt und häßlich, bald +verständig, ja erhaben durch Vernunft, bald tierhaft trüb und niedrig +aussah. Ach, dachte er, erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst +unbegreiflich dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an +seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben der Erde gesegnet, +doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen und hat ihm die Liebe +entwendet. + +»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den Besitz +dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin, plötzlich +liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt, sie waren mein Eigentum, +bevor ich sie erworben hatte.« + +»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester mit kaum +vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem Spott hinzu: »Nehmen Sie +mir’s nicht übel, wenn ich daran zweifle.« + +»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben werden«, entgegnete +Erwin lächelnd. + +Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin mit aufgerissenen +Augen an und blinzelte dann mit den Lidern, die sich langsam röteten. + +»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise liefern muß«, +sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit im Ton. »Haben Sie +die Güte, mir zu folgen, Graf.« + +Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte ihm aus dem Zimmer +und die flache Treppe des ungenügend beleuchteten Vorsaals hinan und +durch einen langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde in +schwarzen Rahmen hingen. + +Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber nach der Klinke +gegriffen hatte, war Palester dicht an seine Seite getreten, legte ihm +die Hand auf die Schulter und sagte, indem er seinen Blick fest in den +Erwins bohrte: »Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht; +ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich glaube Ihnen. +Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging mit raschen Schritten über den +Flur gegen die Treppe zurück und verließ im strömenden Regen das Haus. + +Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem kahlen, kalten Zimmer +angelangt war. Er zündete eine Kerze an, ging in das Zimmer seiner +Gefährtin und vergewisserte sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er +auf einem Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken +und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem +Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht geschlagen, als er +sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte und die kostbar eingebundenen +Miniaturen herausnahm. Er betrachtete einzelne Bilder, deren schöne +und mineralische Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten, +lange, mit abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten in +die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie auf den +Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß, und als die Flammen +lichterloh emporschlugen, übergab er ihnen das Buch mit den Miniaturen. +Ruhig schaute er zu, wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken +der Dielen ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie war +im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem seinen sonderbar +ähnlich, schimmerte bleich unter den roten Haaren. Sie fragte nicht, +sie näherte sich ihm schweigend und, an seine Brust gelehnt, schaute +auch sie der kleinen Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren, +lag das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst, grau und +rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand. + +Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest, +den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte, durch einen +Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen Zerstörung ansichtig +wurde, den noch keineswegs zerbröckelten Band ungläubig betastete, +war er gleichwohl nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu +empfinden, wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte. + + + + +Drei Nächte + + +Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in den ersten Stock, sperrte +die Türe auf und trat in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand. +Er schloß die Türe wieder und blieb stehen. + +Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob auch den Kopf +und fixierte Erwin mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte sich +gesammelt und mit aller Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein +Beweis von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre wäre in +einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. Denn sie mußte sich +ja sagen, daß sie selber Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert, +indem sie seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt? +Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die Dumpfheit +hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, den erstbesten Weg +einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. Jetzt aber hatte sie Klarheit; +Klarheit genug für ein ganzes Leben. + +Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte sie +nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch und ihrer unwürdig; sie +erkannte, daß er schurkenhaft an ihr handelte. Und ihr Blick verkündete +ihm das. + +Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie nichts erreichen +würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre Empörung, ihre Verzweiflung an den +Tag legte. + +»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie. + +»Das bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch die geschlossenen +Zähne. »Du weißt selber den Grund.« + +»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht einen anständigen +Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen«, rief Virginia mit +flammenden Augen und ballte die linke Hand fest zur Faust. + +»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, es sei. Wenn Sie Wert +darauf legen ...« Er zuckte die Achseln. + +In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein eckenreicher Mund, +den die Beredtsamkeit in allen Worten und Lauten der menschlichen +Sprache zerzackt und beweglich gemacht, zeigte in seiner Struktur eine +wüste Linie. Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten. + +»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia abermals. + +»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz für mich allein! Ich +will! Sie wissen, scheint mir, nicht, was das bedeutet: ich will!« + +»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. »Aber Sie +vergessen, daß ich auch einen Willen habe. Und wenn Sie vor nichts +zurückschrecken, so werd ich mir daran ein Beispiel nehmen.« + +»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. Es ist wahr, ich +schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. Zu lange haben Sie mich +gemartert.« + +»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde richten. Deswegen haben +Sie mich unter die Menschen gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es +ist, mich gemein zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie hatte +nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue. + +»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. »Waren Sie +der Meinung, daß ich immer nur girren und Süßholz raspeln würde?« + +»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia und blickte ihm +gepeinigt ins Gesicht. + +»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte übrigens die +Absicht, Sie zu heiraten –« + +»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie man eine Ware kauft. +Ich schäme mich ja, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht habe. +So viel Ehre hab ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung +gegen mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise die +Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, alles, alles.« +Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die Hände vors Gesicht. + +»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr +Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht +auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will +ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr +entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, +um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.« + +Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht +schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er +sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.« + +»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will, +mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum +Verbrecher werden soll, du mußt.« + +»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«, +erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte, +weinend. + +»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich +wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia, +so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst +falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und +entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich +lasse dich nicht.« + +Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als +wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen. +»Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich. + +Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia +spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter +Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, +daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne, +wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung. + +»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme. +»Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig. +Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt +als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine +große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn +Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis +stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln, +wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit +Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an +mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie. +Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das +aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund, +mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie. +Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen, +wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.« + +Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken +hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner +Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses, +und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt. +Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu +Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie +nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist +eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie +die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.« + +Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem +sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann +ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel +ihm entgegen und erbat sich seine Befehle. + +»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin. + +»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.« + +»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es +läutet, zeigen Sie sich nicht.« + +»Sehr wohl.« + +»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?« + +»Sehr wohl.« + +»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.« + +»Sehr wohl.« + +Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine +Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als +er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte +sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte +sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er +horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen +ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages +an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer +ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin +Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom +Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin. +Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.« + +Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier, +nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des +Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde +als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er +dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine +Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes +erschien ihm wie versengt. + +Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um +acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben +nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin +trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus. + +Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins +Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie +hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame +und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß +das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle +Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was +dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen +mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim. + +Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele +Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche +Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief. +Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß +mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer +Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen +Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von +Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie +den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn +sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit +schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den +ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen. + +Das Rücken des Tisches weckte sie auf. + +Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf +dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb +ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es +galt, alle Kraft zu bewahren. + +Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war. +Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt +und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, +nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief +hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel +steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie +sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem +Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die +Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum. + +Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen. +Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein. +Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen +Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende +Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen +spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen, +die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß +sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter +und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück +des Parks. + +Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf, +und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege +wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte +Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor, +durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan +und warf sie hin. + +Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu +beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück +und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der +Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit +Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige +Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an +Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen, +als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung +übrig ließe. + +»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort. +»Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte +sich und riß ihr die Jacke auf. + +Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick +seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich, +die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte +mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die +Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle, +begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte +einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und +trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da. + +»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht +bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.« + +Sie rührte sich nicht. + +»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der +Stimme. + +Sie rührte sich nicht. + +»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete +nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch; +»man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank +ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn +treiben?« + +Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur +hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die +Schultern auf die Erde. + +»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder +gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese +Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als +Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen +warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche +Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das +Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging +hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!« +murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich +weg von deiner Brust.« + +Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie +verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam? +Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? +Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief +er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem +Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich +und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er +sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus +dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit +vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von +pedantischer Enthaltsamkeit war. + +Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer +besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin +auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen +zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab, +und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren +Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung +der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über +sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin, +in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie +Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und +bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich +in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen +Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern +so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren +mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß +hineingepreßt. + +Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen +Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun +gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den +Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele +Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam, +sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr +durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt +gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen, +durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles +was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt, +seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit. + +Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er +umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über +sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und +ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck +von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr +feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges +büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. +Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte +automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten, +daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre +war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten +Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei +aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher +kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche +Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche +entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der +marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen. + +»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« rief Erwin +außer sich vor Wut und Enttäuschung, und zugleich sich wehrend gegen +ein aus dem Unterirdischen heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl, +das auf einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf ihm +lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid in dieser Brust? +Was soll ich tun, um mich zu retten? was tun, um dich zu rühren? Soll +ich mir die Adern aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen +meine Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, elender als +elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll ich tun!« + +Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche Vase aus dem +zartesten und kostbarsten Porzellan und schleuderte sie vor Virginia +hin, daß sie zu hundert Scherben zerstückte. Es lag in dieser Tollheit, +in diesem Wüten nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der +elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im Schluchzen und darin, +wie er schäumte, sich bäumte, die Zähne knirschte, die Fingernägel in +seinen Hals grub; aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles +über ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und Öde in ihm +entstand. + +Vielleicht spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren Botendienstes, +der Nachricht von Seele zu Seele gibt. Vielleicht war dies die Ursache, +daß sie Erbarmen mit ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend +der Kohlenglut näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen, +erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen niederstürzender +Mensch, ein Mensch, der furchtbare Qualen gelitten hat durch diese +ungeheure Anstrengung, und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis +zur Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, der aus +einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen ist und trotzdem keine Stütze +findet, um sich von der wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu +befreien. Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, herzmordende +Anstrengung, in der er nach ihr gerungen hatte wie nach dem einzigen +Ding, das gepackt, gehalten, besessen werden mußte, dem einzigen, das +den Sturz in den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit und +Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel der Qualen, war +es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, als müsse sie sich selbst +vergessen, als müsse sie Haß und Liebe, Leben und Ehre, Scham und +Schmerz vergessen, und sie sagte tonlos: + +»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.« + +Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht zu ihr heran. +Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, herrliche Virginia,« flehte er +leise, »und sag’ es mit dem Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk +des Himmels, damit ich wieder zu einem Menschen werde.« + +Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und kraftlos, erwiderte +Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, was du willst.« + +War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, das +Erwin zur Stummheit verurteilte? War es die trauernde Verheißung, +das Opfer, das Schauspiel einer Ergebung, die nichts von Hingabe +hatte, aber alle Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die +ihn versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er verlangt +hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was ihm gewährt werden +sollte, und daß gerade die Gewährung dieses Wesen in eine unerreichbare +Ferne rückte, eine Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals +zu besitzen. Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen +entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl hatte, das +er je empfunden, ja, weil es vielleicht das erste Gefühl war: nicht +Gelüste, nicht Wohlgefallen, nicht Entzückung an der Form, nicht +Entflammung der Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht +Sucht; nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden +und Umschlungensein. + +Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es an, daß sie mich +liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ ich es, daß ich sie liebe? + +Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt an Worten. Statt +dessen drängte es ihn, sich vor ihr zu erniedrigen, aber aus Furcht +vor ihr wagte er nicht zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er +verlor sich aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie +das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da und nagte mit den +Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, die mit ihm geschah, flößte +Virginia Schrecken ein. Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine +Hände, seine Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah +ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr war, als ob +an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch sei. Sie hätte fragen +mögen: wo bist du? Er erschien ihr wie ein Gespenst. Den sie so stolz, +so reich, so erfahren, so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so +überlegen gesehen hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein +geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr graute vor +ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich bis ins Geisterhafte. + +Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte kaum mehr die +Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen Aufregungen wirkte +jetzt auf ihren Körper. Außerdem spürte sie, daß sie Fieber hatte, und +ihre Zähne begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht +erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich wieder. Sie wußte, +daß er sie nun nicht mehr hindern würde, das Zimmer und das Haus zu +verlassen, aber wohin sollte sie gehen? + +Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte ihr angstvoll. +Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit entgegenschlug, sah +sie sein Gesicht überdeutlich in die Luft gemalt, dieses Gesicht, +das schlaff, leer, trüb, häßlich und gemein geworden war. Da begriff +sie, daß sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen hängt, in +Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß er sie bezaubert hatte in +den Verkleidungen und Hüllen, die ihn den Menschen gegenüber gewappnet +und undurchschaubar gemacht. + +Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und steckte es fest +mit den wenigen Nadeln, die noch daran hingen. Die Uhr in der Halle +schlug zwölfmal. Erwin stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das +Bewußtsein vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia blickte, +während ihre Arme noch erhoben waren, matt gegen ihn zurück, und im +tiefen Fieber dachte sie abermals: wo find ich einen Ort, um mich +auszustrecken und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –? + +In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. Die elektrische Glocke +läutete schrill und lang. Erwin runzelte die Stirn, bewegte sich aber +nicht. Es wurde ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne, +daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte sie von +oben bis unten. »Machen Sie auf!« flüsterte sie mit der Gebärde einer +Fliehenden. Mit gleichgültiger Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete. +Herein traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel +gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und Frau von Resowsky. + +Virginia stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie mit geschlossenen +Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau von Resowsky und Ulrich sie nicht +aufgefangen hätten. + +»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, »wir müssen sie +in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, der auf der Treppe stand, +stellte die Laterne nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester +hatten das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es aus dem +Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« rief Ulrich Zimmermann. + +Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur Rechenschaft? Gut so. +Sie haben, Baronin,« wandte er sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls +eine ziemlich unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.« + +»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, ohne ihn mit +ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte die Achseln und kehrte +der ehemaligen Freundin den Rücken. Einige Minuten später war es wieder +still im Haus. Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens. + +Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich auf den Diwan und +fiel sofort in einen schweren Schlaf. Als er erwachte, schien die +Sonne. Während er dem Diener läutete, entsann er sich erst, daß er +Wichtel befohlen hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er ihn +rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den Gärtner im Park und gebot +ihm, Wichtel zu schicken. Er ließ das Bad richten. Als er gebadet und +gefrühstückt hatte, trat er vor den Spiegel. + +Unwillkürlich, in einer lächerlichen Anwandlung, drehte er sich um. Er +meinte nämlich, ein anderer stehe hinter ihm, dessen Bild der Spiegel +wiedergab; denn er erkannte sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches +Gesicht, daß er sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend, +geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen Gesicht +anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig verschwunden. Er übte +sich in einer gewissen redenden Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie +sonst in einem Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete +darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber das Gesicht +blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend wie das Gesicht +eines alten, verkommenen Weibes. + +Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, das macht +mich häßlich, sagte er sich. Er heftete die Augen mit einem +leeren, gebrochenen Glanz in die Luft und murmelte: »Unerreichbar! +unerreichbar! unerreichbar!« Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm +niedersauste. + +Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. Was reizt +mich noch? Nichts. Die Menschen werden mich wie einen Aussätzigen +meiden. Was soll ich mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den +zahllosen Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um sich sah, vor +den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, den Wolken und vor der Sonne. + +Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele Papiere warf er in +den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich gewahrte er auf einem Stoß von +Büchern einen noch uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift +seines Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, schon +seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf und las: + +»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals nach deinem +Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich keine Auskunft geben, +habe ich dich doch seit vierthalb Monaten nicht einmal gesehen. +Den Andeutungen nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten +verwickelt, und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und +persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken Vertrauen +voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, obwohl mein +eigener Zustand der mißlichste von der Welt ist und ich dich, mein +eigenes Kind, von der Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer +nicht freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. Ich +bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, und um den zu +ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem Alter noch zu gewinnen wäre. +Ich frage mich um meine Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist, +als Vater mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor dem +Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem du mich +nicht zurückgestoßen und deine Geringschätzung hast fühlen lassen. +Nun ist’s ja wahr, es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes +Geschlecht in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht in +jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht? Wer hat alle die +verzwickten und rücksichtslosen Neigungen so lange großgehätschelt, +bis sie zu schändlichen Verlotterungen geworden sind? Wer hat euch +das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu +kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen? +Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter und Mütter! Wir, die eure +Vorsehung spielen wollten, wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden +haben, um eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren +Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, so daß sich +ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, ein ehrlicher Kerl zu +sein. Eure selbstverständliche geistige Betätigung haben wir als ein +Wunder betrachtet, eure Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit +für Unabhängigkeit, eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht für +Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit fehlen lassen, +wenn ihr mal was Anständiges geleistet hattet, wir haben es versäumt, +euch im Zutrauen gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir haben mit +den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh nach Haus gekommen seid, +und statt der Furcht vor Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern +noch eingeimpft hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, und +ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht ganz genau wißt, +woher es gekommen und wie es entstanden ist. Das hat euch so lieblos +gemacht. Es macht lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch +bis gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung hat es so +mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche Aufschwung, das +Wohlleben und endlich der Rückschlag gegen die bürgerliche Enge, in der +wir selber aufgewachsen sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr, +ihr jungen Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein +Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, mußte ich dir +mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich lange genug gequält, ich +werde es nie bereuen. Ich darf es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater +bin, ein Amt, von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, sondern +weil du eines vor mir voraus hast, um das ich dich beneide und zu dem +ich dir gratuliere: die Jugend. Es ist eine wunderbare Sache um das +Jungsein, mein lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und +das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist schließlich +alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und gegen mich. Erinnere +dich bald deines Vaters Michael Reiner.« + +Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht schlecht stilisiert, +dachte er, das könnte mich zwingen, ihm Rede zu stehen. Er warf das +Schreiben ins Feuer, dann entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb +eine Anweisung auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch +Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später kam Wichtel zurück. +In dem Kuvert lag der Scheck, mitten entzweigerissen. + +Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. Wo er ging und +stand, sah er immer nur sie; immer nur Virginia; immer nur das +besondere, edle, wahre und angenehme Gesicht. Er sah sie in einer +Haltung zwischen Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften +Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er sah ihre Züge +verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, lieblich in der Freude, +maßvoll auch im Schmerz. + +Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr beseelte +Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; er sah sie +zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet im Zorn mit purpurnen +Schläfen, sinnend in mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik +ertönte, nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden wurde. +Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die kühlen, langen Hände und +vernahm das Knistern ihres Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene +Gebundenheit schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige +Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich an ihr war, und +als ob ein Schwert durch die Luft vor ihm niedersauste, empfand er nur +das eine: Unerreichbar. + +Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber glühenden Lippen: +»Virginia! Schwester! Geliebte!« + +Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; es war derselbe, in +den sie einst geschaut, als sie zum erstenmal das Perlenband um den +Hals genommen. Er suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn, +ein neues Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht, +das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen Weibes. +Ferner sah er ein Wort, mit Blut geschrieben, furchtbar aus zerteiltem +Nebel flammend: Unerreichbar. + +Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, der umbrisch +milde Mund, die Nase ohne Beben in den Flügeln, die Augen mit dem +Bernsteinglanz über den Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren +stieg ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen +Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild. + +Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach verwelkten Blättern. +Wie Felsblöcke stürzten die vielen Stunden, durchlebte und noch zu +durchlebende, auf seine Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als +das was er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst vor +völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der Wolke umarmte, ward in +den Tartarus geschleudert, wo ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das +vom Sturmwind in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich +mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. Die Wolke, +nach der er gegriffen, war nicht göttlichen Ursprungs; ein Dämon hatte +Schaum und Gischt erzeugt, der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten, +leeren, nutzlosen und entgötterten Lebens. + +Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, eine Seele wie +Virginias, von gleicher Kraft und gleicher Wahrheit. Wo war sie +hingeraten, diese Seele? Hatte der Wille sie verzehrt? hing sie an +den zahllosen Seiten gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier +nach Selbstgenuß sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er +so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, kalten und +berechneten Worte sie verschwendet? Wird man Rechenschaft von ihm +fordern, wie Ulrich Zimmermann gesagt, so wird man seine Tage wägen; +prüfen und zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden, +voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von Philosophie, in +weiser Ordnung verwaltet, aber finster, blutlos, stumm und leer. Das +Haus war leer, nur tote Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch? +Das Unding an sich; das Inkonstante. + +Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. O Unerreichbare! +Schwester! Geliebte! + +Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich irgendwie zu +verwandeln, zog er einen schwarzseidenen Schlafrock an und Sandalen aus +Rehleder. So schritt er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel +und geheimnisvoll in seinem eigenen Haus, von Raum zu Raum. + +Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Wichtel suchte +jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr nicht zu sprechen sei. +Dieser jemand gab sich aber nicht zufrieden, worauf Wichtel ängstlich +hereintrat. »Das Fräulein von Flügel«, meldete er. + +Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. + +»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.« + +»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende Stimme, und +Marianne stand vor Erwin, der sich träg umgedreht hatte. Wichtel +entfernte sich. + +Marianne trug einen langen, grauen englischen Reisemantel und einen +der gewaltigen Modehüte mit einem Schleier, der bis zu den Knien +reichte. Ihr Gesicht war etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine +heftige Gespanntheit verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte +die Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem Plan +handelt. + +»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem sie mit flatternden +Bewegungen die Handschuhe abstreifte und auf einen Sessel warf; »du +begreifst, daß ich nicht Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du +siehst, habe ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein Ende +haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut und Stumpfsinn, dazu +bin ich mir noch zu gut.« + +Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte den Kopf ans +Fensterkreuz und schloß müde die Augen. + +»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und in der zunehmenden +Erregung überstürzten sich ihre Worte; »ich frage dich, was du mit mir +vorhast und ob du noch länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen +Dirne eine Spottfigur aus mir zu machen.« + +Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, dann +blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte die Arme auf +dem Rücken. + +»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, und plötzlich +holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; »wenn du auch findest, +daß das eine Phrase ist, wie dir jedes Gefühl eines andern Phrase ist, +ich lasse mich nicht als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt +wählen, ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie stockte, +denn Erwin lächelte sie an. + +»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln. + +»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte Marianne finster, +ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe sinken. + +»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes Kind«, entgegnete +Erwin und löste die Pistole sanft aus Mariannes Hand. Dann schaute er +prüfend in den Lauf und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, – +aufrichtig!« + +Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die weite Tasche +seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her meine Neigung, einem +Trauerspielakt eine freundliche Wendung zu geben«, fuhr er fort; »und +so wollen wir’s auch diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen +Schlüsse, schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe zu, +daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern zu schmachten. Du +hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen bei Demel, deine +Spaziergänge auf dem Graben, das hat dich in eine phantastische Laune +versetzt. Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte der +Jahre.« + +»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem und beinahe +feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn nicht mehr. Ich glaube, du +würdest mit mir zufrieden sein. Wir beide könnten aus unserm Leben noch +etwas machen, denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An +der Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem fremden Blick +die Worte. Diese Lippen, die gewohnt waren, das Heilige wie das Profane +mit gleicher Kühnheit auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor +dem einfachen Laut der Natur. + +»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche Leben momentan keine +Verlockungen für mich hat. Im Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es +nicht, die Küchenzettel schon am Morgen zu erfahren, und will nicht +wissen, daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen einen +Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch ich mache dir keinen +Vorwurf daraus, daß du gekommen bist, im Gegenteil, ich möchte dich +bitten, mir einen Dienst zu leisten.« + +Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute Erwin fragend an. +Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Sieh mich genau an und sage +mir, ob du eine Veränderung in meinem Gesicht entdecken kannst.« + +»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt. + +»Sieh mich ganz genau an.« + +»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte Marianne mit +wachsendem Erstaunen über seine Fragen. + +»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe jetzt in das Zimmer +hier nebenan und werde eine kleine Umgestaltung mit mir vornehmen. Du +brauchst höchstens drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich +dich, und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung +in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das tun?« + +»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –« + +»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt später. Einen +Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr dankend und galant die Hand und +verließ mit Schritten ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist, +dachte Marianne, der es beklommen zu Mut wurde. + +Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne ins +Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit vergoldeter Lehne. Auf +einem Tischchen vor ihm befand sich ein Spiegel. In der herabhängenden +Hand hielt er die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer kaum +wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe sickerte ein wenig Blut. +Er hatte sicher gezielt und gut getroffen. Sein Gesicht wies keine +Verzerrung auf; es war schön wie eine Maske. + + + + +Manfred + + +Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer noch bewußtlose +Virginia vom Wagen in Frau von Resowskys Schlafzimmer getragen +wurde. Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine Diagnose +der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte, empfahl er die +sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau Geßner, die im Hause der +Baronin auf den Ausgang der nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß +verzweifelt am Bette. + +Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen Wendelstiege, +flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen eines Turmes, auf denen +Menschen ohne Arme gingen. Über unzählig viele Treppen rollte ein +feuerglühendes Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer +mitten in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen auf +sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber sobald sie +antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung auf allen Mienen. +Sie wiesen mit den Fingern auf sie; anfangs schlug sie nur die Augen +nieder, das Herz voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine +Regennacht hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus +Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen, welche +unverständliche, doch schamlose Lieder singen. Irgendwer will sie +überreden, mitzusingen; dies bereitet ihr den größten Schmerz, und sie +gewahrt Ulrich Zimmermann und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und +bittet flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich schweigend +ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege empor und werfen viele +Briefe in das brennende Ofenfeuer. + +Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht? Wie kann es +aber so schnell wieder Nacht werden? Sie schleppt sich über eine leere +Straße, traurige Menschen sitzen in der Ferne unter einem Baum und +winken ihr. Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen +Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel! Man beschwichtigt +sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der Stirn, es scheint ihr dieses +ein Schwan zu sein. Ja, ein Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn, +und behutsam hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich +sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken hat, die +wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen will, um sich wieder +blendend weiß zu waschen. Sie sträubt sich verzweifelt dagegen, obwohl +sie einsieht, daß das Gefieder rein werden muß. Da zucken Blitze über +den Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen tempelartigen +erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder steigen zahllose Treppen +empor, aber sie fürchtet sich hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß +sind. Und wie seltsam nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze +Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete +Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond, genau wie der Mond +aussehend, und seine Schlote rauchen. Hinter dem Mond ist ein Nachen, +in dem Nachen sitzt ein verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen +ins Wasser taucht und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es +schmerzt sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß, in +solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von allen Seiten +rufen Stimmen, die Stimme der Mutter schrillt heraus, in verstörter +Beeiferung folgt sie den Leuten, die Kerzen tragen, miteinander +raunen und lächeln. Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in +einem weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele +Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen? denkt sie, und +ihre Angst bringt die Kinnlade zum Zittern. + +Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt, saphirblau gefärbt, +sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet ihn, und mehr als hundert +winzige Schlangen kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel +viele Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber jedes +Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen sind Seen, die Nase +ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden Zähnen Tore mit weißen +Wächtern, die Stirne ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle +diese Gesichter ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen, +das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck hat. Sie kennt es, +es nähert sich, über eine weiße, weite, endlose Ebene kommt es heran, +stumm bitten seine Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die +Muskeln, da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder, eine +starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher diese Hand? Was für +ein namenloses Wohlgefühl! Welche Berührung! + +Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es ist, als ob etwas +Süßes und Wohlschmeckendes auf der Zunge läge und ein Gefühl des +Verschmachtens durch diese sättigende Süßigkeit beendet würde. + +Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder, denn sie kann nicht +glauben, sie fürchtet, daß die beglückende Erscheinung entschwinde, +wenn sie zu lange hinschaut. Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der +sekundenflüchtige Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen, daß +seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar, ernst, mild und +wissend, und daß er sie liebt, und sie spürt, daß sie erwachen wird, +daß das Leben sie wieder besitzt. + +Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen Palester erhalten. +Als er den Brief mit den Blicken überflogen hatte, wußte er, daß er bis +zu dieser Stunde ein glücklicher Mensch gewesen war. + +Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach England in See stach. +Er lebte sie nicht, diese fünf Tage, er sah nicht mehr, er hörte nicht +mehr, er dachte nicht mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn +vordem gekannt und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick +eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende kennen +ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom Wirbelsturm überfallen werden. +Er hatte Lust zu morden. Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos +zu schreien, bis diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich +endlose Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte mit den +Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne überbrücken könnte; sein +Gehirn war so von Lärm erfüllt, von Anklage, von Selbstbeschuldigung, +von streitenden, klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu +bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend sich unstät +herumtrieb. + +Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden Matrosen am +Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk hervor ein zottiger +Hund auf ihn zulief. Der Hund erhob den Kopf und schaute ihn an mit +Augen, die Manfred nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in +den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten die Augen des +Hundes: das ist also die Bewährung? Er sah ein, daß er im Begriff +war, sich zu verlieren, daß aber dieses das Schlimmste von allem war, +denn er mußte sich halten und bewahren. Haben Tausende gedient und +sind nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht, ihrer +selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an ihn war +ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht alles als tauber +Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten Tagen den Geist zur +Bereitschaft geweckt, zur Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der +tiefsten Ehre willen sich bezwingen. + +Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig, betrat er das +Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch vom Bord ins Meer hinab, +und seine Lippen waren eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische, +teilnahmsvolle Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während er +einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei in seiner +Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt an der Brüstung +gespielt, hatte sie überklettert und war in die See gestürzt. Seine +Mutter, eine noch junge Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf +alarmierte das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des Zögerns +und Abwartens verhängnisvoll werden mußte, er entledigte sich seines +Rockes und sprang ins Wasser. Er schwamm nur mäßig gut, und als er den +um sich schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte. +Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte, schwer +atmend hielt er das Kind und war dem Untersinken nahe, als endlich das +Boot kam und ihn und den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die +Äußerungen des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von da an war der +Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner Gesellschaft. Die junge +Mutter, die wohl merkte, daß ihn jede andere Annäherung verstimmte, +hielt sich fern. Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der +Knabe saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes Manfred +den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den scheinbar unveränderlichen +Kreis des Horizonts lenkte. + +Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann die Antwort nicht +ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug. So erschien die Stunde, +wo er unter dem vertrauten Torbogen des Hauses in der Piaristengasse +stand. Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung, +läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne Schmerz, doch +mit ausgefrorener Brust begab er sich zu Palester. Er trat ein, er +reichte dem Grafen die Hand, und seine Züge, seine Augen, seine Haltung +gaben bei einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit, +Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund, daß Palester, +der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage durchaus kein +sentimentaler Charakter war, Tränen in sich aufströmen fühlte. + +Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen über Virginias Hand. +Die träge Zeit lief wieder ihre alte Bahn. + +Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes Amt, die Wunden +der Jugend zu heilen, versah sie mit Umsicht und Gründlichkeit. +Großmütig und weise, hatte sie aus Manfred nicht nur einen gesunden +Menschen gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der sein +Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und nicht traumsüchtig +der wirkenden Welt sich entfremdete, der zu besitzen vermochte, ohne zu +vergeuden, ohne zu geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten. + +Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin und blieb dort +vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias ausdrücklichen Wunsch. +Sie wollte sich nicht an Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und +wie eine Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner +Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen und sich +prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende Last geben konnte, +wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab und wie er es von ihr fordern +durfte. Alles bewährte sich mit der weisen und großmütigen Zeit; die +Liebe, das frei wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der +Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung, die gleich dem Saft +im lebendigen Holz des Baumes das Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht +emporträgt in die heitere Sonne. + +An einem Tag im Mai schritt das schöne, hochaufgerichtete Paar durch +die abendlich feiernden Gassen der letzten Vorstadt und wandelte +in sanften Gesprächen dem Wald entgegen, wo sie einander die Hände +reichten und von ihren lächelnden Lippen zuversichtliche Hoffnung +empfingen. + +=Ende= + + + + + Werke + + von + + =Jakob Wassermann= + + + +Bei S. Fischer, Verlag, Berlin:+ + ++Die Juden von Zirndorf.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte +Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M. + ++Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.+ Elfte Auflage. Geh. 6 +M., geb. M. 7.50 + ++Der Moloch.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geh. +4 M., geb. 5 M. + ++Der niegeküßte Mund – Hilperich.+ Novellistische Studien. Geh. 2 +M., geb. 3 M. + ++Alexander in Babylon.+ Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. +M. 4.50 + ++Die Schwestern.+ Drei Novellen. Dritte Auflage. Geh. 2 M., geb. 3 +M. + + * * * * * + ++Die Kunst der Erzählung.+ Ein Dialog. (Bei Julius Bard, Berlin) + ++Caspar Hauser+ oder +Die Trägheit des Herzens.+ Roman. +Neunte Auflage. (Bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart) + + * * * * * + + +Die Juden von Zirndorf+ + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden +von Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der +die Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger +Roman, diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet +seinen Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt +schärfere und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem +Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm +selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch +sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann +eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der +namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine +mit dem Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord +zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, +in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum +verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch +einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl +in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der +Handlung die vollkommenste Objektivität. + + (Neue Zürcher Zeitung) + + * * * * * + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs+ + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. +– Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + + (Die Zukunft) + +Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller +Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium +aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen +versichern dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich +um ein bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem +jedes Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei. + + (Berliner Tageblatt) + + * * * * * + + +Der Moloch+ + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde +liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, +mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, +lebensvollen Gemälde gestaltet hat! ... Man kann schon aus dieser +gedrängten Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein +psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in +der Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch +behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß +ist des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die +Vorgänge mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. Mag das +Weltbild, das Wassermann hier entwirft, ein einseitiges sein, mögen +einzelne weniger interessierende Seiten seines Bildes gar zu breit +ausgeführt, mag selbst die ihm zugrunde liegende Idee nicht unbedingt +anzuerkennen sein und das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel +bleibt gewiß, daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine +Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der Macht fast +eines Erlebnisses wirkt. + + (Berner Bund) + + * * * * * + + +Der niegeküßte Mund – Hilperich+ + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles +in den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die +Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich +verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das +verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein +viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, +so wenige, daß man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch +Genießende, der Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + + (Die Zeit, Wien) + + * * * * * + + +Alexander in Babylon+ + +Nichts als der reale Gang der gerichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine +kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern +schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den +Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig +gemacht und beseelt. + + (Neue Freie Presse, Wien) + +... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen +Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn +abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt +es keine in Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man +braucht nur, wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« +nachzulesen, um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt +gleichsam in seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer +Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat. + + (Berner Bund) + + * * * * * + + +Die Schwestern+ + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine +Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, +wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann +sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens +herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir +sonst an unserem Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht +dem Blick ein neues Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als +das, an dem wir tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? +Eine holde Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst +gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen +durchzuckt. + + (Hannoverscher Kurier) + +Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen +Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen +Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen +Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen +Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei +phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische +Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese +drei Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen +Jakob Wassermanns. + + (Literarisches Echo) + + * * * * * + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + +Liste korrigierter Druckfehler + + +Seite 51: Ergänzung des Wortes „einen“ (Auch Erwin hatte einen Brief +erhalten.) + +Seite 52: „im“ ersetzt durch „ins“ (Virginia sah ihm entsetzt ins +Gesicht.) + +Seite 87: „Eine“ ersetzt durch „Ein“ (Ein Hängeteppich statt der Tür +trennte den Raum von dem Zimmer, ...) + +Seite 133: „war war“ ersetzt durch „was war“ (Genießen, was war damit +viel bedeutet?) + +Seite 140: „Virgina“ ersetzt durch „Virginia“ (»Es wird ja wieder +aufhören zu regnen«, meinte Virginia.) + +Seite 177: „Taklosigkeit“ ersetzt durch „Taktlosigkeit“ (..., sagte er +gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner Taktlosigkeit zu gelangen.) + +Seite 279: Doppelte Anführungszeichen um „Phönix“ durch einfache +ersetzt (Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts.) + +Seite 293: Schließendes Anführungszeichen ergänzt (»Ja. Sie sitzt in +ihrem Zimmer.«) + +Seite 314: Punkt am Satzende ergänzt (Doch alle Erinnerungen starben an +dem Jubel dieser Vollkommenheit.) + +Seite 368: „Geberde“ ersetzt durch „Gebärde“ (... und ihre beiden +halbentblößten Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen +Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.) + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 *** |
