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Fischer Verlags] + + + + + Die Masken Erwin Reiners + + Roman + von + Jakob Wassermann + + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1910 + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + + +Virginia + + +Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. Der Arzt, von dessen +Spruch Manfred Dalcroze alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei +Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte Lunge wieder +herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; dennoch war ihm zumute, +wie einen Sommer vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens +die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen sah. + +Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den Professor Ernst +Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an sein Versprechen, daß er +sich, falls die Dinge den gefürchteten Verlauf nehmen würden, an den +Professor Uchatius wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen +Tiefseeexpedition betraut war. + +»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den Hafen von +Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst mich dem Professor +Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen und ihm sagen, daß ich trotz +meiner dreiundzwanzig Jahre schon manches Ersprießliche im Fach +der Mikrobiologie geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter +aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im Kreis einer +zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich zwei Jahre lang auf +Vergnügungsdampfern und unter gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; +das würde mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der ›Phönix‹ +bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre weg, was ja ungefähr mit +der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen würde, die ich befolgen muß.« + +Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm seines Bruders: +»Uchatius stimmt zu. Sei am fünften November in Berlin.« + +Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber nichts von Eile +war in seinem Wesen, als er sich gleich danach auf den Weg in die +Josefstadt begab. Sich zu hasten, lag nicht in seiner Konstitution. +Langaufgeschossene Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum +Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte Zartheit. +Wären einige seiner Bewegungen nicht so schüchtern gewesen, so hätte +man sagen können, er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute +besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit, +wie sie in den Augen dieses hübschen jungen Mannes wohnte, dessen +Erscheinung Neugier und Teilnahme hervorrief. + +Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. Der Herbst ist +für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. Manfred war voll von +Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen des Lebens hatte schon etwas +Gespensterhaftes für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem +Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche +Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg zu Virginia war ihm die +Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, die er brachte, seinen Schritt +beschwerte. + +In einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; dunkler Flur, +menschenleerer Hof und ein zweiter Bogen wie ein Schattenspiel; dann +kletterte die weiße Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen +aus, seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der Menschen +betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem Opernglas auf die Bühne +blickt. + +Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn ein Gefühl der +Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und Schmerz einten sich in seinem +Innern, und es war ihm deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er +für dieses Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in sich +aufgenommen hatte. + +Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen Satz war das +Betrübende gestanden. + +Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. Virginia legte die +Hände auf seine Schultern und sah ihn schweigend an. Sein ernster Blick +ließ sie trauriger werden. Sie setzte sich an den Tisch und stützte den +Kopf in die Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein Abglanz +von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es kupfrig erschimmern. + +Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, das Zimmer +mit den Tüllgardinen, dem riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, +dem Sofa aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen +Alabastersäulchen! + +Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das kennen zu +lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er las ihr vor. Diese +Aufzeichnungen formten das sympathische Bild eines um Klarheit und +Sachlichkeit redlich bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der +Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, gewannen +kraft einer natürlichen Bescheidenheit keinen Raum. Das eingestandene +Gefühl, unzulänglich zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und +zu verworren; die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft +verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, jeder sich einsam weiß, +wo alles ruhelos, bestürzt und blind von Saal zu Saal aneinander +vorübereilt und niemand den Namen des Gastgebers kennt. + +Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen Mannes vom Anfang des +Jahrhunderts. Er glaubt sich in umfriedetem Bund und ist verloren wie +in der Wüste; ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und er +findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch keiner spricht; +wer ruht, hat schon verzichtet, und der Tanzende scheint im nächsten +Augenblick zu sterben. + +Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund zu besitzen. Als +der Name Erwin Reiners zum erstenmal in dem Tagebuch auftauchte, +verwandelte sich der Ton der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin +hat mich vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, »er hat +mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke ich den Glauben an die +Schönheit des Lebens, denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich +täglich wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem Tag.« + +Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia geschildert +war, schüttelte das Mädchen lachend den Kopf und sagte, das möge sie +nicht hören. »Wenn wir mal alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das +vorlesen.« + +So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während es zu dämmern +begann, irrten Manfreds Augen zerstreut über die engbeschriebenen +Seiten, auf welchen jene natürlichen Erlebnisse wie Mirakel behandelt +wurden. + +»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, und ich beachte +nicht die Menschen, die mir begegnen. Aber gestern hab ich ein Mädchen +gesehen ... eine Sekunde lang standen wir voreinander, unsere Blicke +trafen sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die +Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte um und folgte +ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas edel Schleichendes, so daß ich +mich ganz einfältig fragte, ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich +sah beständig den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen +Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben sich die fernen +bläulichen Hügel, die den Prospekt der Straßenzeile bildeten. Ich +versuchte auf dieselben Pflastersteine zu treten, die ihr Fuß berührt +hatte, mir war, als ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und +rechts in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, ich fühlte +mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, wo ich sie aus dem Auge +verlieren mußte, und als sie endlich draußen in einem Vorstadthaus +verschwand, blieb ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am Tor +dieses Hauses stehen.« + +Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in seinen Empfindungen +Stetigkeit und Mark. Halbe Tage hindurch promenierte er vor dem +Hause in der Piaristengasse mit einem geregelten Eifer, der die +Aufmerksamkeit der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte. +Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus dem Tor; wie +einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen anschickt, schritt er +vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte seinen Namen, entschuldigte +seine Kühnheit mit allen Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von +Eindruck, von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales und +nichtswürdiges Zeug. + +Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte beklommen, daß +dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand zugehörende Mädchen etwas +vom Adel einer Fürstin an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, +ihre Haltung, die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, Stolz +oder Verwunderung auszudrücken, eine nicht gewöhnliche Charakterstärke. + +Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde leicht den Ton +verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch ohne dieses Fehlgreifen, das +Manfred mißfiel, weil er wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die +beiden schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden. +Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings mit einem Enthusiasmus, +der Virginia nervös machte. Die alte Dame war über seine anständigen +Absichten sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen ein, +erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte Gelehrtenfamilie waren, und +hätte über Virginias Zukunft keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um +zehn Jahre älter gewesen wäre. + +Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen gewonnen hatte, +war ihr Herz zu lieben bereit. Aber ein vorsichtigeres Herz als das +ihre ließ sich nicht denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks +ein Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen +Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft dieser Stadt, in der sie +aufgewachsen war, der Luft der Sinnlichkeit und des unbedenklichen +Genießens, vor deren Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht +immer froh empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus den +strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen über Sitte und +Tugend, die mit erlesener Schönheit zuweilen im Bunde sind, als ob es +in den Absichten der Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk +nicht ohne Wehr und Waffe auszuliefern. + +Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer deutbare Lächeln +geschwunden war, durch welches sie ihrer tiefen Zurückhaltung den Glanz +von Liebenswürdigkeit gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, +der Blick zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage und +Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu offenbaren, erst dann +hatte Manfred gesiegt. Im Mai, während eines Spaziergangs im Walde, +entriß er ihr ein Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor +der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie ähnlichen +Gefühlen nicht mehr preiszugeben. + +Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen zu halten. Sie +einmal so völlig außer sich gesehen zu haben, so im Sturm, in der +kurzen Raserei, die aus ihr hervorgebrochen war wie ein Element, unter +der sie litt wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war +wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war Stoff für dauernde +Träume und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit. Und dieses wieder +dankte ihm Virginia in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, +nichts Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; nichts +von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder apart verwendet, +zum Kriegs- und Eroberungsarsenal der Mädchen gegen ihre Anbeter +gehören. An ihr war alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von +sanfter Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut +des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich selbst und +überlegte Rücksicht gegen den Geliebten. + +Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte den Charakter +von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie spottete gern und besaß ein +Talent zur Nachahmung, das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre +Mutter hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden zu +lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe Meinung vom Beruf einer +Komödiantin. Frau Geßner bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein +mit den Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von einem +Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur ein kärgliches Auskommen +sicherte, hart an der Grenze der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals +an eine Versorgung durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene +Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen, +bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden zu nehmen; aber es +war ein ziemlich hilfloses Treiben, und es machte ihr Kummer, daß +sie ein ersprießliches Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem +hohen Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl sie +ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren Stolz, als sie +ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen Menschen insgeheim ein +orientalisches Frauenideal von Trägheit und Sichtragenlassen hegte. + +Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, der sie in einer +häßlich aufgeregten Welt als ruhend träumte. Es war eine Schönheit, +deren Vollendung dem flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der +Tat konnte Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder +ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. Ihre Schönheit +bedurfte gleich den echten Dichtungen des Studiums und der Vertiefung, +um gewürdigt zu werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers +triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien +entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung; ihre Haltung erinnerte an +die selbstverständliche Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit +einer großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig und +kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches Papier, leuchtend, aber +nicht feucht; ihre Lippen hatten die Frische und Narbenlosigkeit wie +bei dreijährigen Kindern; die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll +gebogen, seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war ein +wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm köstlich ruhevoll +auf der perlmutterschimmernden Wölbung, und dieses Schauspiel des +Lebens unter einer Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu +schlummern schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende +Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine bezaubernde Wahrheit +und Gegenwärtigkeit. + +Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es kam ihr wie +ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien Anschluß, Freundschaft, +Entgegenwirkung. Doch Manfred errichtete Altäre, und der Überschwang +des Glücks lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht +vertrauensvoll zu seinem Genius. + +So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene und gütige, +dem Weltlärm entrückte Gestalten, von denen zu beklagen ist, daß sie +der Schicksalswind auseinanderreißen und in verwunschene Bezirke des +Lebens wirbeln wird. + + + + +Eine Vision + + +Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten +Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste +Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener +Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren, +nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine +reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und +verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte +Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer +Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich +für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine +eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem +vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie +geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren. + +Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren, +um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee +schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia +folgenden Brief: + +»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen +müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit +ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, +als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre +dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein, +fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich +nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst. +Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, +jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines +Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob +du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du +es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was +mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem +Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle +Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und +die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick +muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß +es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich +von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, +Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist +schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir +zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des +Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen +heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil +sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann +geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei +Stunden ein Tod. + +Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe +geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf +will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein +wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt +und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen +war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, +hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, +bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über +meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht +wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift +alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um +dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch +einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der +Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen, +die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen, +nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher +Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, +einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken. + +Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese +egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor +Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung +deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der +Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus +Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen, +wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit +dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und +äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst +den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem +Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines +Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt, +den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu +haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis +getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann +nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei +dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von +schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia, +laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege +nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust. + +Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir +war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte, +viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es +mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er +zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das +unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht. + +Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über +dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines +Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, +Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten, +als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche +Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf +sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel +gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, +daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel +zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle, +die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der +Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und +Erwin Freundschaft entsteht. + +Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun +gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den +winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene +Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen +halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist +erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!« + + * * * * * + +Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein +versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem +Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, +fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand +er Virginia nicht zu Hause. + +Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte +sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so +ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen +Gesellschaft.« + +Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen +vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er +hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas +Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie +den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie +in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen +Unmittelbarkeit beraubt. + +»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer +Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange +Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie +zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich +nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast +schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!« + +Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte +ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte +sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte +erklingen würden. + +»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau +Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe +steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird +noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung +haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab’ einen festen Verlaß +auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die +Sache ist nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen +die Wahrheit erfahren.« + +Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte +ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau. + +»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer +Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente +ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die +Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann +gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war +ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt +und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre +alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus +in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag +sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht +leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam +und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher +sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du +dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war +ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen +aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine +bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin +von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte. +Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, +derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht, +und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern +verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal +war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben +leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab’ +ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen. + +Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im +zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge, +lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und +eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist +verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ ich, +›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was, +Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab’ zwei Karten, und +den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert +für dergleichen‹, sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht +mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir +schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber +schließlich, weil’s nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau +›von‹ war, gibt er seinen Segen. + +Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und +Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine +Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir +immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und +war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch war oder +elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb +war, und das eben war’s, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt +miteinander, und dann wollt’ er mein Gesicht sehen, und dann hat er +mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren +wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem +hab’ ich ihn nie wieder gesehen.« + +Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde +aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des +Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt. + +»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß +nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen, +und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles +wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.« + +In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff +Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute +ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens +großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie, +nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?« + +Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man +würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände, +die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen, +doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.« + +»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und +Ihnen.« + +»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie +sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred. + +»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe. +Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war, +bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich +dann bald hernach begraben.« + +Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher +Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten +verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen +wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war +selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden +Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall +eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den +Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende +Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der +Moral. + +In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte +das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den +Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre +Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches +Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren, +daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm +zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich +wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen +schien, was sie einander verschwiegen. + +Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds +Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt +werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich +beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? +Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?« + +Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich +wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr +so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als +sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber +Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß +sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der +Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein, +»wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten +Erwin Reiner.« + +»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht, +wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte +er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, +berühmt zu werden.« + +»Um so schlimmer.« + +»Wieso?« + +»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über +die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt +schlecht in unsere vier Wände.« + +Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde +es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse +litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die +Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht +und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr; +ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu +sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik. + +Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa +Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn +hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag +besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn +Uhr hier sein.« + +Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche +Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte +sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte +ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich +hatte er ein seltsames Gesicht. + +Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern, +wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre +Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den +Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen +gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das +er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren +mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des +Hauptes angepreßt. + +So kauerte sie. + +Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte +Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich +auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred +schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine +gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht +im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu +wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit +dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um +desto zweifelloser geworden. + + + + +Abschied + + +Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend +Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf +dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit +Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem +solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation +im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger +genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als +etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung, +Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und +befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und +stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die +seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder +ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten +Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen +Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen +Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der +Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht +nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und +Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben. +Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend +Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen +Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie. + +Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch +Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch +niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen +Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, +hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables +Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im +Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend +von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden +Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den +Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das +Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte +ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an +allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte, +und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt. + +Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe +des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung +des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein +Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten +unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er +mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch +seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen +durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer +mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben +alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle. +Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene +zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden +zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine +Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen, +die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten +waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er +sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur +klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller +und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die +mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine +Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er; +er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, +und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur +wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen +erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine +außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit. + +Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische +und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte +er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische +in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der +Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er +verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den +Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war +ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen +möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von +Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation +den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren +seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen +zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt +ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten +Programme war. + +Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie +ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von +hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten +den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab +wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte +genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, +Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein +Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes, +gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische +Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für +den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische +Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer +tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer +profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred +unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen +Umgangsformen des Freundes. + +Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner +junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo +unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit +die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater +die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch +unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man +dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen, +es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob +das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist +umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor +den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen +bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen +auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller, +verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und +schaue! + +Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm +eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß +ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir +vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine +flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle +Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist +sein abgemessener Wille. + +Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten +Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde +Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als +Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie +jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie +um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo +warst du?« fragte er. + +»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend +nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische +Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten. +Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander +den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein, +wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich +fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen, +zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden +Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises +klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte +wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit +mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, +das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den +Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen +muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der +eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch +bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man +sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee +kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute +sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte, +das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir +aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen, +das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.« + +Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der +Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese +flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem +festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und +sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig +blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen +und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem +Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze +Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes. + +»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her. +Wichtel! Einen Teller und Besteck!« + +Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort: +»Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur +mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber +verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich +bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein +Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich, +ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie +Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer +können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja +auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben, +was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen +Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft +erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt, +wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen, +gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine +Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser +wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich +wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus +der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das +ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist +offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei +Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen +und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei. +Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und +dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war +enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.« + +»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz. + +Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er. + +»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd. +»Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte, +um dich zu verstricken.« + +»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das +Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber +lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine +Leichenrede. Wann reisest du?« + +»Übermorgen.« + +»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?« + +»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred +unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu +Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.« + +Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich +so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«, +sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen +Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.« + +»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst. +»Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu +sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie +zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt +kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt +zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit, +nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und +ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, +wenn ich dich nicht wüßte.« + +»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte +Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von +dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir +mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer +Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh. +»Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein +Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.« + +»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich brauche ja nur die +Sicherheit, daß du im Notfall für sie da bist. Du schreibst mir +gelegentlich über ihre Gesundheit, ihre Stimmung, darüber, wie sie +aussieht, was sie spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir +Geschicklichkeit genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene +störrisch zu machen.« + +Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr Manfred fort, +indem er einen handgroßen Karton aus der Brusttasche zog und ihn +Erwin reichte, »sie hat endlich meinen Wunsch erfüllt und sich +photographieren lassen.« + +Erwin nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann nahm er es abermals, +hielt es in Armlänge vor die Augen, und seine Brauen rundeten sich. + +»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit naiver Eitelkeit. + +»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, ganz prächtig. Ich +dachte immer, du übertreibst, und habe insgeheim deine Schilderungen +belächelt. Aber das scheint ja eine vollendete Schönheit zu sein.« + +»Und noch mehr.« + +»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin selten. Darin ist +alles beschlossen.« + +»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich sagen: eine vollendete +Tugend. Aber heutzutage macht sich das schlecht.« + +»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein odioser Begriff.« + +»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld leugnest.« + +»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, von jemand zu +sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin stolz. Manfred senkte die +Stirn. »Wozu einen Titel? Besitze, Freund, genieße und laß den +Kommentar. Worte zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie +Polykrates, denn du bist beneidenswert.« + +Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name Ottokar Graf Palester +stand. Erwin lächelte. »Der gute Graf ist immer Mitternachtsgast. +Bringen Sie kalten Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener, +»der Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.« + +Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann von +vornehmer Haltung und schweigsamem Gehaben. Er hatte ein blasses +Gesicht, einen rötlichen Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und +traurige Augen, die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner +schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel gebogen, als ob +sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet die Sauberkeit und Sorgfalt +eines Menschen, dem alles daran liegt, seine Armut vor der Welt zu +verbergen. Er war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte +dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen und lebte mit +einem weiblichen Wesen geheimnisvoll zurückgezogen in der Vorstadt. Er +besuchte seine wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich +so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis. + +Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen gelernt. Er hatte +schon damals erfahren, daß der Graf im Besitz der sogenannten +Froweinschen Miniaturen war, die nach einem Sammler oder Mäzen des +achtzehnten Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei +Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen +Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord Pembroke in Schottland, +das dritte war zur Zeit der österreichischen Herrschaft in Toskana +durch einen Vorfahr des Grafen, die Palester waren italienischen +Ursprungs, aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht +immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen Malereien, die nach +Erwins Meinung einen außerordentlichen Wert hatten, als abergläubisch +behütetes Erbstück von Generation zu Generation. Man wähnte, daß der +Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm einst noch ein +neuer Glanz beschieden sein werde, solange dieser Schatz Familiengut +blieb. Graf Ottokar war nicht mehr in der Lage, das Archiv eines +Ahnenschlosses damit zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als +Fabel hinnahm, so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht +mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der durch eine +philosophische Lebensführung gehärtet wurde. Vor Wochen hatte er das +Buch mitgebracht, um es Erwin zu zeigen, und schon eine flüchtige +Prüfung hatte diesen belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die +drei in Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes gewesen, +aber Erwin, der das römische kannte, stellte entzückt das Palestersche +höher, und seine Begierde nach dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie +der Widerstand, den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch +mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar voll Nachsicht und +versprach mit reizender Ironie, er werde ihm den Frowein hinterlassen, +wenn er ohne Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir zu +lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich will erobern.« + +Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und während der Graf +sich an den Tisch setzte und aß, wie man im Wirtshaus eine bestellte +Mahlzeit zu sich nimmt, schlich Erwin vorsichtig und lüstern um das +Thema. + +»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred. + +»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach und primitiv +gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz ohne gleichen ist.« + +»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem begreif’ ich dein +heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist voll von schönen Werken der +Kunst, bekannten und unbekannten; warum soll tyrannische Habsucht den +Geist in Fesseln binden und den Genuß beschränken?« + +Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg jedoch, um Erwin +nicht in seiner Entgegnung zu stören. Erwin legte die Hände flach +zusammen und sagte mit einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die +Welt ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die Wahllosen und +klein für die Wählenden, groß für die Augen und klein für die Hand. +Ich bin kein Augenmensch. Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den +Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, zu zerstören.« + +»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das Chaos anfängt«, +bemerkte Graf Ottokar trocken. + +Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der Graf erhob, um +sich zu verabschieden. Manfred, der müde war, folgte seinem Beispiel, +nachdem er mit Erwin die Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen +abholen wollte. + +Als er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, schneite es. »Ich +gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl von Erwin weg,« gestand Manfred, +»er hat die Gabe, mich ehrgeizig zu machen.« + +»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter Mensch«, erwiderte +Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er allein +ist, ganz allein. Er gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht +vorstellen kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen Stadt, in +einem großen Haus und darin in einem großen Zimmer ... mir ist, als ob +er ein anderer wäre.« + +Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die Züge des Grafen +hatten einen ernsten, beinahe düsteren Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich +nämlich, im Gegensatz zu Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu +viel, und was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre hat +mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des Ozeans geruht; nun ist +mir alles vermauert, Leben und Menschen. Ich komme mir vor wie ein +Zwangsarbeiter in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?« + +»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, Polynesien.« + +»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der Graf sinnend. »Und das +alles ist vorhanden. Jetzt, indem wir sprechen, rauschen dort die +Palmen. Nichts ist aufwühlender als das Gefühl der Gleichzeitigkeit. +Sie werden nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und die +Maschine wird pochen wie ein Herz.« + +»Ich würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es Manfred. + +»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um so mehr wird Sie +die Reise verwandeln. Wir verwandeln uns nicht, wenn die Erlebnisse +mit unseren Wünschen übereinstimmen. Schreiben Sie mir einmal von dort +drüben, vom andern Ende der Welt.« + +»Mit Vergnügen.« + +»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich werde bei Nacht +schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, und so ist es auch gemeint. +Leben Sie wohl, Sie müssen einsteigen, ich gehe zu Fuß.« + +»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt. + +»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage nicht den Lärm +dieser Vehikel. Leben Sie wohl.« + +Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger Teilnahme nach. + +Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin in dessen +Elektromobil zu Virginia. + +Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein paar Sekunden lang +steif wie eine Latte. Manfred konnte durchaus nicht erraten, was in ihm +vorging. Er selbst gab sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch, +Erwin und Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn +verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke von beiden. + +Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz verwandt, auch +der Unruhe des Künstlers über die Wirkung seines Werkes; er suchte aus +Erwins Miene zu lesen, ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt, +unbefriedigt geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits +blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend ins Gesicht. Nie +zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; das Phlegma, das die +Schönheit verleiht und das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll +wird, gab ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald an +Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa wie man zwei +seltene Leckerbissen zusammen in den Mund schiebt. + +Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins Betragen zufrieden +sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel ihr, die Knappheit seiner +Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken Spielraum, seine Zurückhaltung war +bedeutsamer als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit an, daß +ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen waren. Sie hatte +seine Kritik ein wenig gefürchtet, seine unbedingte Billigung, die sie +spürte, hob ihre Sicherheit. Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges, +auch nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach +bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, Manfred anerkennend +zuzunicken, als sie sich von Erwin unbeobachtet wußte. + +Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen hingegangen +war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen +die Rolle, die mir Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein +Kopfzerbrechen verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel +schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. Betrachten Sie mich als +einen, der zur Verfügung steht. Vergessen Sie die Person und denken Sie +nur an das Amt.« + +Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. »Ich kann nicht +kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden mich auch viel zu eigensinnig +finden, wenn Sie kommandieren müßten. Es wird hoffentlich nichts +dergleichen nötig sein.« + +Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. Auf der letzten +Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem er Manfred durchdringend +anschaute: »Hör’ mal, es ist doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen, +diese ... Dame, diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe +stammt, wie du sie mir geschildert hast –?« + +Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor Freude lächelnd, +erwiderte unbedacht: »Wie scharf und wahr du siehst!« Sogleich +merkte er, daß er zuviel gesagt; er wollte seine Worte zurücknehmen, +verstrickte sich noch mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene +ärgerte, glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, wenn +er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in Kürze berichtete. + +»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, »solche Früchte +reifen nicht auf dem dürren Baum des bürgerlichen Behagens. Amüsant +wäre es, von diesem Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen +Männer zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle +tausendjähriger Heuchelei.« + +»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred hastig. + +Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das Grab«, antwortete +er, als könne eine solche Aufforderung nur scherzhaft genommen werden. +Sie drückten einander die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück. + +Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia langsam ihre +Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der eigene Schmerz. Ihm war, +als ob er sterben müsse, um erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder +von neuem beginnen zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der +Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett begeben. Ihr +Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, auf welchem eine Teekanne, +drei Tassen und eine mit Äpfeln gefüllte Schale standen. + +Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte Worte; wenn sie +schwiegen, empfanden sie die Schauer als gefährlich, die über ihre +Haut rannen. Manfreds Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen +wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in die Winkel; +spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an den Kleidern trug er eine +Last wie ein Badender, dem eine Fessel nicht zu schwimmen erlaubt. +Virginia schien gefaßt, ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie +gegen die bedrohliche Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und +wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie stolz sie +ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar und wie +schön! + +Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. Und er ging, +bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt. + +Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte er ihr einen +Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es war das erste Geschenk, das +sie annahm. Er war fertig, alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon +auf dem Bahnhof, und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner +herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin. + +Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war bald verstrichen. +Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie Porzellan, und als sie an +seiner Brust lag, schluchzte sie wie ein Kind. Manfred preßte sie an +sich, bog mit der Linken ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und +dann empor. Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch. + +Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. Rücksichtsvoll hatte +er die letzte Minute gewählt. Als er Virginia so hingeschmiegt +erblickte, war in der Linie ihres Körpers ein Etwas, das ihn stutzig +machte. Er sah zu Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen. +Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. Sein edles +Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, lächelnd und sich +verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der Halle. + + + + +Vorspiele + + +Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia: »Darf ich Ihnen +zur Heimfahrt meinen Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?« + +Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet; +gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg sie ein, nur in dem +Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu sammeln. Erwin erriet ihren +Zustand; er war bereit, sich zu entfernen. Da wurde sie sich ihrer +Unüberlegtheit bewußt, die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht, +so, wie ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in der +Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen zu sollen, war ihr +höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken, das konnte sie nicht +über sich bringen, es erschien ihr unfreundlich und undankbar, und +sie bestand darauf, daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn +ich nichts rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam +eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar sein +kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke. + +Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen fast mit Genuß, +daß ihr das Schweigen peinlich war. Er liebte es, von der Seite her +die Augen einer Frau zu betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das +Hinausstrahlende des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks +liebte er vielleicht. + +Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr helfend die Hand. +Er hatte eine ritterliche Art zu warten, sich zu verbeugen, zu grüßen. +»Auf Wiedersehen«, sagte Virginia hastig. + +Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor, und ihr war, als +käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie fiel der Mutter um den Hals +und weinte sich satt. + +Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr. Man saß da und wartete +auf den Briefträger. Der Briefträger war nicht so faul, er brachte +an jedem Morgen eine Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung +schrieb er ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches +Adieu, kam schon vom Bord des »Phönix«. + +Auch Erwin hatte einen Brief erhalten. Er hatte die Absicht, es +Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit? Sie +war überflüssig. Es lockte ihn nichts dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein +Tag war angefüllt wie ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er +war zu Fuß gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts +rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch wieder zurück. +Vor der weißen Wendelstiege zögerte er abermals. Da erinnerte er sich +der hingeschmiegten Bewegung ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust +gelegen, jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies +entschied. + +Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald vom Gespräch +zurückziehen. Erwin durchschaute die Absicht und suchte etwas, um sie +zu fesseln. Er brachte die Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre +Skizzen zu sehen. Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen +herbei. Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen, in denen +er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige Aufmerksamkeit. + +Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik, die von +gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die Oberflächlichkeit und +mangelnde Kraft des Schauens. »Ja, das weiß ich,« stimmte Virginia bei, +»deswegen bin ich auch so lustlos.« + +Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei. +Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es fehlt Ihnen das +systematische Studium der Natur und die Kenntnis der großen modernen +Meister«, sagte er. »Wer gibt Ihnen Unterricht?« + +»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia, »der Mann ist ein +Anstreicher, weiter nichts.« + +Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte; er rühmte einen +der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei eine staatliche Anstalt, +die Kosten wären infolgedessen gering, und er machte sich erbötig, ihre +Aufnahme durchzusetzen. + +Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit andern zusammen +zu arbeiten«, wandte sie ein. + +»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit nicht gestört +werden.« + +Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht. »Um Gotteswillen spotten Sie +nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod nicht leiden. Das macht +mich ganz krank.« + +Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als Mangel an Ernst +deuten, und willigte ein. Sehr bald fand sie sich belohnt. Der neue +Lehrer nahm es genau und nahm es tief. Er verlieh den Gegenständen +Seele, indem er den Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach, +was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn man sie von +innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten mußte. Sie bekam einen +gewaltigen Begriff von dem vorher so unbestimmten Wesen und sah auch +ein bescheidenes Ziel für sich selbst. + +Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art. Es war etwas Genaues +an ihr, kein nebelhaftes Wort kam von ihren Lippen. Sie lernte +Verhältnisse kennen, Charaktere abschätzen, Gesichter beurteilen und +hatte minder häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu +denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene Wirkung auf die +Menschen. + +Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern der +Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal, in den +Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden, und seine Gesellschaft +war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch war belebend, die eigenartige +Eleganz seiner Kleidung und seines Auftretens empfand sie als etwas +Auszeichnendes und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien +ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er, »Technik haben heißt +weiter nichts als Mut haben.« Er wollte mit ihr in eine Galerie gehen +und schlug ihr das Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und +eines Vormittags holte er sie ab. + +Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit dem jungen Mann +stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft. Erwin spürte es und bemerkte, +die kleinbürgerlichen Beengungen harmonierten schlecht zu ihrem Wesen, +sie möge sie doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen. + +Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte er Dinge zu sagen, +die Virginia niemals gehört hatte. Er schuf ihr das Bild; er gab der +Gestalt Leben, der Idee Bedeutung. Zugleich war es, als enthülle er +sein Herz, das in einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo +man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden heilt, die eine +grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte zwangen sie zur Ehrfurcht, +und sie mußte sich sagen, daß sie um so tiefer unter ihm stand, wenn +sie sich nicht neigte vor solcher Größe des Gefühls. + +Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie sich durch die +Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf- und Abgehen, in den Laden +kramen, Vorsichhinreden und Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst +gewesen, heute klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner +setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage später erschien +Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia wollte gerade zur Schule. Sie +war verspätet und deshalb in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit +ihm zur Eröffnung einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde +interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den interessanten +Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. – »Das ist schade«, erwiderte +Erwin tadelnd. – »Schon deswegen, weil ich keine Toilette für sie +habe«, fügte Virginia lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird +genügen, alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin +trocken. + +»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«, mischte sich Frau +Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie sich an das zögernde Mädchen, +»dein blaues Sammetkleid ist ja sehr hübsch.« + +»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia und ging in ihre +Kammer. + +Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor, und einige Frauen +und Kinder sahen mit neidischen Augen den beiden zu, als sie einstiegen. + +Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier, ja merkbare +Bewunderung, als sie an Erwins Seite durch die Räume schritt. Erwin +ergriff die Gelegenheit, das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu +machen, vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen Frau +von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie zog Virginia sogleich +in ihren Kreis, und alsbald schwirrte es um sie von neuen Namen und +ungewohnten Schmeicheleien. Eine nicht mehr ganz junge Person fiel +ihr auf, die ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer +Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel, und nach kurzem +Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich ohne Wunsch noch Lust, das +Versprechen, sie zu besuchen; als die Baronin Resowsky ein gleiches von +ihr forderte, war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung +auszuweichen. + +Um Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge Männer und +erkundigten sich, wer die Novize sei. Es amüsierte ihn, geheimnisvoll +zu bleiben, und er beobachtete ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren +Unruhe sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen +Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren Gewänder +der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens, das Erwin Reiner genoß, um +dessen Wort und Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen +vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur wie eine Gnade +walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren eigenen Augen und Gedanken, +und was galt es viel, sich stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich +gewiß weit über ihr stehend dünkten? + +Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen über ihre +Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden Nachmittag kam. Aber er +bemühte sich, den Nimbus zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben +hatte. + +»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom Gezwitscher auf den +Geist?« fragte er. + +Sie verstand nicht ganz. + +»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«, fuhr er mit +gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz, aus Eitelkeit, aus +Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder aus Verzweiflung. Und wollen Sie +wissen, womit man sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der +Seele. Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind, um den +Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr Opfer in Stücken, sie +plündern seine Brust und entleeren sein Gehirn.« + +Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als durch die Worte. +»Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt sie ihm mit aufblitzenden +Augen entgegen. + +Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der blakenden Lampe +herabzuschrauben. Frau Geßner befand sich in der Küche, er war mit +Virginia allein im Zimmer. + +Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt, aber +fremd und entsagend. Das etwa war in seinen Mienen zu lesen. »Meine +Gärten sind verdorrt,« murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener +Stimme fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen, das +ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch Sehnsucht gläubig +war. Jede dieser jungen Frauen war mir eine Göttin; von jeder habe ich +Wunder und Offenbarung erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich +habe mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben. Ich habe oben +und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten Gruft gewühlt, die +man die Gesellschaft nennt, ich kenne sie alle, die Aristokratin, die +Bürgerin, die Abenteuerin, die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was +war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die Schalen von einer +Zwiebel.« + +Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia vorüber, ziellos, +doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch ganz Europa und durch den +halben Orient gezogen,« begann er wieder, gleichsam unwillig und +von der Erinnerung verstört, »ich war in allen Salons von Paris, +Petersburg, London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach einem +Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren geführt, aber ich +bin im Norden so kalt geblieben wie im Süden. Hätte mich irgendwo und +wann eine göttliche Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre +als Preis bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie, ich +hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später dann, wenn der +Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das Glück fordert eine Seele ganz. +Es flieht, wo sie sich in kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,« +– Virginia zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung +ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche Elend, das ich +Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer Generation. Wir jungen +Männer allesamt gleichen dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen, +sein eigenes Kind verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres +eigenen Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer Freiheit. +Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn es ist eine Welt, wo +der Beste sein Herz und der Schlechte das des andern zerfetzt, wo der +Starke zu den Schwachen Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo +die Gesetze Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.« + +Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises, und seine +funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den blassen Lidern. Virginia +nagte sinnend an ihrer Lippe. Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht +gedacht, daß Sie Ihr Leben so beurteilen.« + +»Und warum?« + +»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so viele Freunde +haben.« + +»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was meinen Sie damit?« + +»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.« + +»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden sprechen. Manfred ist +mein Freund.« + +Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die Unterscheidung nicht. + +»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer, Mitspieler, +Spielverderber«, sagte er fast ungestüm. »Freunde und ein Freund, das +ist wie: Götter und Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich +etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein schönstes +Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige Tüchtigkeit strömte. +Er hat die Flamme auf mich übertragen, die ich in ihm angefacht, und so +sind wir Brüder geworden, zwei Söhne einer Flamme.« + +Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als es in ihr die +Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit Erwins und Manfreds +befestigte. Sie hatte es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr, +als ob Manfred dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie +blickte Erwin dankbar an. + +»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll ich’s nicht +gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht gern auf den +ungeteilten Besitz eines Menschen, der das Lebensgefühl erhöht und dem +man in starken und schwachen Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert +hat. Oft hab’ ich seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich +konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten wurde, war +mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant. + +Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand Virginia auf. Sie +antwortete nichts. + +Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie geistesabwesend +auf ihren nackten Hals, auf die zuckende Ader unter der Kehle und +die bebende Sehne, die sich vom Ohr herab gegen die Schulter stemmte +wie eine Säule aus Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie +abermals darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem fast +naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum dritten Male rot, +nahm ein schwarzes Seidentuch vom Haken und warf es um den Hals, mit +einer Bewegung als friere sie. + +Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause kam, sagte sie: »Es +riecht ja nach Zigarettenrauch hier. Hast du Besuch gehabt, Mutter?« + +»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau Geßner ein bißchen +verlegen. + +»Bei dir? was hat er denn gewollt?« + +»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist denn das sonderbar?« + +»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«, scherzte +Virginia. + +»Ja, mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich, und um ihre +außerordentlich feine kleine Nase legte sich ein schnippischer Zug, +was Virginia lächelnd bemerkte. Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner +das Bedürfnis haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine +Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte vor, +ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund. Wenn sie eine +solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß sie die Unterhaltung, die +sie ihrerseits ihm gewährte, höher einschätzte als die der Mutter. +Sie fürchtete eitel zu erscheinen, und im weiteren Verlauf dieser +Überlegungen kam sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche +beschränken möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen zu geben, +ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne ihn gröblich zu beleidigen, +durfte er doch erwarten, daß er ihr mit seinem reichen und belebenden +Gespräch Freude bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer +vieler Stunden. + +Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend, daß er einige +Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten Abendspaziergang rüstete, +mit ihr zusammen aufbrach, um nicht mit Virginia allein in der Wohnung +zu bleiben. Wenn er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und +erinnerte sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er erzählt, +an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine wunderbare Kunst +darin, Begebenheiten und Menschen plastisch darzustellen, ohne sich im +geringsten gegen die Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und +Seefahrten und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern und die +kleinen Intrigen der großen Welt und die großen Ränke kleiner Herren, +da lebte alles vom Unbedeutenden bis zum feierlich Historischen, und +alles hatte sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen. + +Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte, riet ihm Virginia, +er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft, er kenne die Frauen zu gut. +Man gibt den Reichtum der Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung +so gründlich sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst +in den Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl +schleuderte. + +Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das seinem Liebsten +keine Gunst verweigert, das in einer leicht zu täuschenden, gesang- und +tanzfrohen Welt wohnt, in einer von den zahllosen Stuben gepferchter +Häuser, wo man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines Pianinos +bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust und Überschwang ergibt. +Ein Idyll, das den Nachteil der Langeweile hatte. + +Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens, deren +Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und deren Verfeinerung +von der Erschöpfung kommt. In ihr ist eine großartige Kraft zur Lüge, +und sie versteht es, durch Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute +wie der Fuchs ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber +der Abgrund lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt, den +schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen Sturz +erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher. Er will nicht mehr Huhn +sein, sondern Fuchs. Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als +die Gebärde eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß. Wenn’s +nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s knallt. + +Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art von verliebten +Beziehungen pflegen, welche man in den oberen Ständen Flirt nennt. +Eine Sache, dazu erfunden, um die Seele zu beschmutzen, während sie +den Körper bewahrt. Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen +den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß Hunger nach +Zerstreuungen erregen, und können niemals den Anschluß an ein tätiges +Glück finden. Der Rattenfänger braucht nicht einmal zu pfeifen, die +Tierchen kommen von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es +gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue. + +Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr nahe. Sie hatte +keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen Bezug haben könne. In +seinem edlen Zorn sah sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für +Menschen und Zustände. + +Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von Rosanna Schörk, der +Schauspielerin. »Frauen von Genie sind streberhaft bis zur Raserei,« +sagte er, »und ihr glorioser Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann +für ihren Ehrgeiz wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da +verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe zu. Aber ist +die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke dran. Man hat nicht +den Mut, die Drähte zu zerschneiden. Warum, man weiß ja nicht, wer +kommen kann.« + +Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und blieb dann vor +Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber auch Gesichter von Frauen +zeigen, Virginia, ich möchte sie emportauchen lassen wie ein Spiritist +die Geister, Frauen, die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel +unverschuldeter Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch sind, +indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit Füßen treten +lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt sind, daß sie erlöst +scheinen, wenn sie zusammenbrechen; Frauen, durch deren Seele hindurch +man wie durch ein Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens +gewahrt. Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben, weil ich +Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie nur belasten. +Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg; die Unsicherheit darüber +reizt mich, denn Sie sind mir fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie +sonst kein Mensch.« + +Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer Arm erreichte mit +dem Handgelenk gerade noch den Tisch, wo er sich unbeweglich gestützt +hielt, der andere lag im Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig +die untere; die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus. Das +Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn, und das im +Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen schien bisweilen den +Goldschimmer des Fleisches verwandelnd zu beleuchten. + +Sie sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte Mitleid mit +ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten, die Betten, in denen +sie schliefen, und die Kleider, mit denen sie sich schmückten. +Wunderlicherweise war all das reich, reizvoll und begehrenswert. Da +verschwand ihr Mitleid wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre +Miene wurde zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte. + +Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem prüfenden +Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend machte, so genau, klar +und unbarmherzig gegen sein eigenes Leben. + +Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten ins Zimmer. Es +war stets, wie wenn man ihn zuvor nie gesehen hätte. Einen Moment lang +schien er zerstreut, ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von +jener gewinnenden Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung +war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter sagte er Mama und +tätschelte gnädig die Wange der alten Dame. Er verstand es gemütlich zu +sein und schätzte die Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie +so recht gemütlich. + +Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler Menschen Wort und +Atem haftete an ihm. Seine Hände suchten immer etwas zu greifen; er +saß selten friedlich auf einem Fleck, meist ging er ruhelos umher. +In seinen Augen war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das +Zuhören von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war in seinen +Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und etwas Zurückschiebendes +hatte, als wolle er sagen: bitte nicht zu nahe. Es war wie bei einem, +der eine zerbrechliche Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu +werden fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu +kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann, hatte trotz +äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als müsse er erst überlegen, +was er von den Vorgängen in jener Region zu verschweigen habe. Es +wirkte eigentümlich lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart, +seine Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern mußte, daß man +gesammelt sein mußte, während er sich erst sammelte. Man vergaß ihn +beinahe, wenn er fortgegangen war, aber man war angenehm bewegt und +geweckt, sobald er kam. + +Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt die Mutter +fast täglich besuchte, und das gerade in den Stunden, wo sie in der +Malschule war. »Was sprecht ihr denn miteinander?« erkundigte sie +sich mit verwundertem Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll. +Es zeigte sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten +auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide sich +zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem redete sie darüber, +sondern als ob ein Wandel möglich, als ob er zu gewärtigen sei, als +ob sie Pläne und Aussichten habe. Virginia wußte nicht, was sie davon +denken sollte. + +Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage des kleinen +Haushalts Einblick zu verschaffen. »Wie kann man so leben!« rief er +ehrlich erschrocken, als ihm Frau Geßner die geringfügige Summe +nannte, mit der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum +bekümmert?« fragte er. + +Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und diese Gebärde +entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes sie dem Fremderen ihre +Dürftigkeit zu offenbaren vermochte. Manfreds Zartgefühl hatte den +Stolz gefordert, Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen. + +»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre oder länger in +so erbärmlichen Umständen vegetieren zu lassen«, sagte Erwin. »Eine +solche Edelnatur braucht Licht, Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über +den guten Manfred. Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie +Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung +stillschweigend übernommen und mußte darauf dringen, daß –; aber +freilich, wie wäre Virginia zu bewegen? Manfred war einfach nicht +schlau genug. Seien wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert, +seinen Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und schiebt +ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.« + +Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach sie das Thema +ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete, glaubte sie ihn beleidigt, und +als er ein paar Tage später wiederkam, fragte sie, was er mit dem +Strohsack und dem Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,« +antwortete Erwin, »aber können Sie auch schweigen?« + +»Ja, ich kann’s.« + +»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es möglich, fünf- +bis sechstausend Kronen davon flüssig zu machen?« + +»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das Geld wird von +einem gerichtlichen Vormund verwaltet.« + +»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten, +eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich dabei um eine +Spekulation, für deren Gelingen ich mich verbürgt hätte. Sehr schade.« +Bedauernd blickte er Frau Geßner an, die unwillkürlich die Hände +faltete. Plötzlich sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr +er fort. »Es ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die +Summe geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit ich sie +fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese fünftausend +Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten machen, nur daß ich keine +Zinsen beanspruche; haben wir dann das Geschäft glücklich zustande +gebracht, so ziehe ich meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen +Gewinn. Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?« + +Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen das die Agenten so?« +fragte sie. + +»Genau so.« + +»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich täuschen?« + +»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.« + +»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?« murmelte Frau Geßner. +»Warum tun es denn nicht alle Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da +läge ja der Reichtum auf der Gasse –« + +»Ein Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin lächelnd und +ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer, sehen Sie, die ziehen +die kleinen hinter sich nach. Ihre paar Kreuzer, Mama, die werden von +den Millionen geschleppt und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen +Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer Fisch in +Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million den kleinen Fisch oder +wird mit ihm gefangen, aber lassen wir uns das nicht anfechten, ich +bürge Ihnen.« + +Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich, doch am Ende +konnte sie der Verlockung nicht widerstehen. Nachdem sie eingewilligt +hatte, beharrte sie darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm, +für welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang +schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität mit geschäftlichem +Ernst über sich ergehen. Während eines Gedankens Dauer erbitterte ihn +die Gewöhnlichkeit der Person, die ihn für einen Börsengänger halten +konnte, doch in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse +alle Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie Virginia +gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine ständige Mahnung; +das Mädchen hatte scharfe Augen und betrachtete die Mutter oft mit +grübelndem Erstaunen. + +Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau Geßner ein dickes Kuvert, +in welchem sich so viele Banknoten befanden, daß die Empfängerin +erschrocken aufschrie. »Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin +gelassen, zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die +Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung wirkte +unerquicklich auf Erwin. + +»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese paar Scheine +nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen. Die Absicht war, Virginias +Los zu verbessern. Eine Schönheit wie die ihre macht uns in jeder +Weise zu Schuldnern, Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest +verdauliche Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung +und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche Zartheit ihrer Haut +nach und nach verderben. Wenn sie ein Kleid trägt, in dem sie gering +erscheint, wird das Glück verringert, das sie hervorbringen soll. +Denn Virginias Aufgabe ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche +Andacht, eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie nicht, +Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung von allen Dingen geben, +die Sie kaufen müssen. Und seien Sie unbesorgt, der Baum, den wir da +geschüttelt haben, ist noch beladen mit Früchten.« + +»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau Geßner beklommen. + +»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.« + +»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?« + +»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.« + +Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und Frau Geßner zeigte +sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden durch ungewöhnliche +Ausgaben, die Mutter zur Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische +Widersprüche verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin +erschienen wäre. + +Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung über +Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage und die +geschäftliche Ausnützung gewisser Strömungen. Was er getan habe, sei +nicht nur verzeihlich, es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei +klug und gut, so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der +von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet. + +»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden Acker«, wandte +Virginia lebhaft ein. + +»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht zu rühren +versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht so krämerhaft, Virginia.« + +»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug denken«, erklärte +sie eigensinnig. + +»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich seinem Blick aus. + +»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner bündig in das +Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.« + +»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«, sagte Virginia +naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte sie beschämt lächelnd die +Achseln. + +Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der Umstände. +Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht; dies Geld war ihr +unheimlich, und Wünsche, deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie +Vergehen vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und ihre +Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr Erwin, er selbst +habe an Manfred geschrieben, und sie wollte nun abwarten, ob Manfred +solchen Reichtum billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts +entstanden war, wie die Würmer im Mehl«. + +Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die Mutter gefahren? +Virginia wußte kaum, wie es zuging, plötzlich sah sie sich im Besitz +kostbarer Wäsche; hatte jene reizenden Kleinigkeiten der Toilette, +die sonst nur verwöhnten Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von +meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als wirklich +schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief Virginia ein übers +andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«, sagte Frau Geßner streng, »und +widersprich mir nicht. Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir +gewonnen haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich möchte +ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun endlich ein bißchen +besser hast.« + +Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr Leben zu +stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren Sinnen in gleicher Weise +schmeichelten. »Ich verstehe nur nicht, wo du plötzlich so viel +Geschmack hernimmst«, sagte sie zur Mutter. + +»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten Firmen und kauft das +beste. Ist das eine Kunst?« + +»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?« + +»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus dem Effeff. Siehst du +dabei was Ungehöriges?« + +Virginia wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade die Schneiderin, +eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme Person, schlug Modenbilder +auf und nahm Maß zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte +Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes Gewissen dabei +hat. Trotzdem wünschte sie sich noch leichteren Sinn, wenn ihre Finger +liebkosend in Spitzen wühlten und bedächtig über Seide und Battist +raschelten. + +Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie sprach ihr Auge mit +den delikaten Farben edler Mode! Der Spiegel wurde ein liebevoller +Berater, und sie, sie wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand +abgeschlossener da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt zu einer Welt +stolzerer Formen strebte. + +Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die Pforten dieser +Welt zu öffnen. + + + + +Ein Duell + + +Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke gezogen, Frau +Geßner öffnete und trat mit Marianne von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen +mir nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, auf +Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer Stimme von +geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich ermutigt, Sie aufzusuchen. +Erwin und ich, wir sind alte Freunde, mehr als Freunde, fast wie +Geschwister. Er hat mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie +kennen gelernt, hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich +keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.« + +»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich steif. + +Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu rücken, Deckchen +zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin zu tragen, wo sie ohnehin +schon gestanden waren, schleppte einen Sessel herbei und bat das +Fräulein, »sich nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende +Dame hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel für +die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen über den Fenstern, +einige Möbelstücke waren neu beschafft worden, und ein bescheidener +Blumentisch stand an sonnigem Platz. Virginia ärgerte sich über das +demütige Wesen der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, bis +die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden Widerstand ein +Ziel setzte. + +Es war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an Marianne von Flügel. +Sie gab sich wie jemand, der das Leben groß sieht und die Menschen +klein. Sie war um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre +Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken Zähnen. Wie +sie saß und ein Bein über das andre schlug, wie sie ein goldenes +Zigarettendöschen aus der Tasche nahm, ein winziges Zigarettchen +zwischen die Lippen schob und beim Plaudern den Rauch verfließen +ließ, das hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte +in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es waren kleine, +schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein Wenden der Hand und alles +war vorüber: irgendeiner war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte. +Um so gewichtiger mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, die +sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, daß wir +Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und Virginia konnte nicht umhin, +sich darein zu ergeben. Als Marianne ging, bat sie Virginia, einen +Abend, der sogleich bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur +einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach es. + +Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau Geßner unwohl und legte +sich fiebernd zu Bett. Virginia telephonierte vom nahen Postamt dem +Doktor Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk sässigen Arzt, +der schon den Vater Virginias behandelt hatte und, so selten er kam, +ein obsorgendes Verhältnis zu den beiden Frauen unverbrüchlich +pflegte. Es war ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm +und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten Taubheit zu +selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er glich den Fehler aus durch +Klugheit, Erfahrung und ein expressives Temperament. + +Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, wenn man ihn +zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen gehörte zur Soldateska des +Todes so gut wie ein Magengeschwür. Er erklärte den Fall für harmlos +und verfaßte ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der +Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners Erlebnisse +waren nicht so weitschichtig, daß sie den Namen Erwin Reiners bei +solchem Anlaß unerwähnt gelassen hätte. Das Gesicht des alten Doktors +veränderte sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen +wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael Reiner?« fragte +er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? Der ... Kunstgelehrte oder ... +Naturforscher, was weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend +nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem Daumen über die +Schulter nach Virginia weisend – »das Fräulein Tochter nicht?« + +»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der intimste Freund von +Ginas Bräutigam.« + +Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und Schnitzmesser am Tisch +gesessen; jetzt erhob sie sich und trat leise durch die offene Tür. + +»Na, da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und schüttelte den Kopf. + +»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie sich gegen die +Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; »was haben Sie denn gegen +Erwin Reiner einzuwenden?« + +Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und blickte das Mädchen +mit seinen braunen, lebhaften Augen an. »Ich?« antwortete er mit der +geräuschvollen Stimme der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das +will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich Zimmermann mit +Namen, der einzige Verwandte, den ich besitze, überhaupt der einzige +Mensch, der mir dem Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh +auf bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide Eltern +nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung gesorgt, ich habe +ihn aufs Gymnasium und auf die Universität geschickt, kurz, ich habe +meine Hoffnung auf ihn gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal +meine Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen. Wir führen ja +einen guten Namen, schon mein Vater war Arzt dahier und mein Großvater +gleichfalls. Eines Tages kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich +will nicht mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde +denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der Medizin‹, sagt +er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag ich. ›Ich will Dichter werden‹, +gibt er mir zur Antwort. Ich schau ihn mir von oben bis unten an und +sage: ›gut, mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir das +von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst du keinen +Heller.‹ Er geht weg, und von der Stunde an hab ich ihn nicht mehr +gesehen. Das ist jetzt drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er +die Nächte durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen. Ist +ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter geworden, ein +Kerl, der nichts arbeitet und in der Welt herumschmarotzt. Und wer, +glauben Sie nun, hat das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir +meinen ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen +und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin Reiner war das. Ganz +genau derselbe. Von dem Tag an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat, +war er verhext. Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not zur +Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund hat ihn unterstützt, +hat seine Einbildungen genährt, sein angebliches Talent aufgebauscht, +hat ihn, mit einem Wort, unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich +nach Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben sein.« + +Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann fuhr er fort: +»Das wäre meine private Erfahrung. Von andrem möcht ich nur ungern +reden, um Ihnen den Gusto nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl +die Spatzen es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen +gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft des Skandals. Ein +Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der echte moderne Selbstgott. Da +war vor ein oder zwei Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre +natürlich, wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller Mensch, +Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein Leben lassen müssen. +Die Sache ist vertuscht worden, kam nicht einmal in die Zeitungen, +aber Ihr Erwin Reiner kann das junge Blut nimmer von seinen Händen +abwaschen. Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben, und die +Frau, um deretwillen das Unheil geschah, hat den Schleier genommen.« + +Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg. + +»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner mit bekümmerter +Miene. + +»Wie?« + +»Ob Sie ihn persönlich kennen?« + +»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu kennen. Ich kenne +seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr. Wir sehen uns bisweilen bei Frau +Malwine Engelhardt. Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt, +etwas wie ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß die +beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner sucht das natürlich +zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance in seinen Augen.« Der Doktor +lachte heiser und erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es +tat ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen. Da Erwin +die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen konnte, Aug in Auge, +wie es hätte sein sollen, nahm sie im Innern seine Partei. + +Desungeachtet war sie verstimmt und hatte, auch weil die Mutter +bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend außer Haus zu verbringen. +Erwin hatte versprochen, sie abzuholen, und gegen acht Uhr kam er. +Virginias Weigerung erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ +er nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners Lager und +fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber ihre Verlegenheit fiel +Erwin auf. Er roch Unrat, und alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann +dagewesen sei. + +»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die ihm gefolgt war, +forschend an und trommelte mit den Fingern auf den Bettpfosten. »Und da +hat er wohl von seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem +Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte. + +»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen verhält?« begann +Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann im Hörsaal der Anatomie +kennen. Er interessierte mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen +möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen trifft. Wir +traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit, mich seiner +anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend ging er künstlerischen Neigungen +nach, sah aber keine Möglichkeit, sich vom verhaßten Brotberuf zu +befreien. Sein Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis +ein Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen Geiz +besessen.« + +»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein. »Seit zehn Jahren +spricht er von einer Reise nach Italien, was seine größte Sehnsucht +ist, aber er hat nicht das Herz dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter +nicht die Einnahmen, die ihm dann entgehen würden.« + +»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr langsam und durch +mühselige Arbeit zu Geld gekommen sind, sich ebenso schwer davon +trennen, wie sie es erworben haben«, erwiderte Erwin verteidigend. +»Nun, dieser Geiz allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig +gemacht. Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz auf +weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt, um von dem +Alten nicht Geld fordern zu müssen, aber dieser Umstand erlöste sein +Gemüt auch allmählich von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es, +das wilde Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich habe den +unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu sein, wie ein lebendiger, +wollender Geist zu seiner Bestimmung heranwächst. Daran ändert kein +Onkel auf Erden etwas.« + +Das klang nun ein wenig anders. + +»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes Salon sehen«, +fügte Erwin, gegen Virginia gewandt, hinzu. + +»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in Amerika +zugrunde gegangen?« + +Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«, sagte er. »Ich +kann Ihnen ja verraten, daß ich selbst es war, der ihm die Mittel +verschafft hat, nach Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten +Zweck; davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke +schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu, »daß man +mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte. Glauben Sie, es +überrascht mich? Es ist mir nichts Neues. Ich greife zu, wo die andern +schwatzen, mich lockt das Leben überall, das schöne, große, bunte, +dunkle Leben, aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine +Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der Neinsager und +der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich etwas gerade gebogen habe, da +kommen alle, die sonst ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu +konstatieren, daß das Krumme besser war. Ich schäme mich meiner Taten +nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige sie nicht. Ich +schäme mich meiner selbst nicht. Ich flüchte nicht vor mir. Ich habe +geliebt, ich wurde geliebt, ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich +resigniere nicht, niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als +selbst die edelste Resignation.« + +Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den ganzen Arm mit +der ausgestreckten Faust. Virginia, die sich um eine Last erleichtert +fühlte, blickte ihn mit ehrlicher Freude an und sagte: »Ich gehe mit +Ihnen, Erwin. Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.« + +Und sie verschwand in ihrem Kabinett. + + * * * * * + +Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die Virginia erfuhr, +beeinträchtigten keineswegs die bescheidene Meinung, die sie von sich +hatte. Erwin tadelte ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen +Hochmut ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie +konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran verhinderte. +Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden, wollte finden und wünschte +es von Erwin bestätigt zu hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von +Botticelli ähnlich sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt, +während für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch +ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd hin. +»Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund eines Soupers treiben«, sagte +Erwin kalt. + +Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden nicht. Marianne +von Flügel schien die Aufgabe übernommen zu haben, Virginia in die +Gesellschaft einzuführen. Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes +Energie entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee bei der +Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte sie sich alsbald durch +eine lebhafte Sympathie verbunden. Marianne bemerkte es ungern und säte +Mißtrauen. + +Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten Professors und +Klinikers von Flügel, der sich eines Tages, verfolgt von Erpressern, +zerrütteten Geistes, eine Kugel in den Kopf geschossen hatte. +Beschmutzende Gerüchte hafteten an dem Ereignis. Mariannes Mutter +war vor zehn Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem Tod +ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf. Sie war wunderlich +geworden, und man versteckte sie vor den Leuten. Drei Brüder lebten +wie große Herren, auch nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten. +Marianne führte ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder +erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile gespielt. Verblaßter +Glanz war in den Räumen, welche aussahen, als ob die Sonne sich von +ihnen abgewendet hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und +fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie man kurzsichtige +Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters schien ihr die Pflicht der Haltung +aufzuerlegen. Die Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses Namens +frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn längst mit Füßen getreten. +Es läßt sich schwer ein Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit +dem das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das Getriebe einer +Welt blickte, die sich in immer konzentrischen Kreisen ermüdend um sie +bewegte. Die einzige Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie +fest. Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie heiraten +mußte. + +Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie wußte sich zu +tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges, die auf Übung, Urteil +und Geschmack beruht. Sie hatte Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte +gefällig. Ihr Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit +gewaschener Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es gab Bilder von +ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend war. Im Leben war es +tot. + +Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt. Auch jetzt +noch liebte er die Schauder, von denen er sie durchzittert fühlte, +wenn er neben ihr ging oder saß. Das war es eben, was ihn lockte, was +ihn unersättlich machte. Die Schauder waren es, die ein liebendes +Geschöpf vor ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der +Anblick stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur weiteren +Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren, die Seelen, von denen +nährte er sich, ihre Sehnsucht war seine Erfüllung. Da war er dann +brüderlich rücksichtsvoll, und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie +die eines entflammten Knaben. + +Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes Ziel. Marianne +ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig, das Sprungbrett zu +halten, von welchem er in die Brandung stürzte, und sie hoffte, sie +erwartete es, sie rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen +zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine sonst ihm nahte. +Sie dachte niemals ohne Haß an ihn, und nie ohne Furcht, und nie ohne +die Neugier eines Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer +begibt, an der er täglich vorübergeht. + +Es war an einem Abend im Januar. Marianne von Flügel feierte ihren +Geburtstag, deshalb war Virginia zu ihr gegangen. Sie traf Ulrich +Zimmermann dort, den sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne +bemutterte ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt, +sie behandelte ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu jenen +Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus um sich +tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen Anwandlungen +zur Beute werden, die eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind. +Virginia fand sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr +hingen. Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester +mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er Virginia vorgestellt +wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit, sein Lächeln ohne Zwang. Seine +vornehme Art gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung +über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie sie es noch bei +keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig zugetan war. + +Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und kapriziös, daß +Mitrede und Widerpart allen Vergnügen bereiteten, und schließlich +hatte sie den Einfall, man solle doch an einem der nächsten Tage eine +Schlittenpartie ins Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man +setzte den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins +auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten telegraphisch bestellen. +Er fragte Virginia um Einzelheiten, als ob sie Sachverständige in +Schlittenpartien sei; sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte +sich aber dem allgemeinen Drängen. + +Während der nachflatternden Erörterungen ergriff Marianne plötzlich +Virginia bei der Hand und führte sie in ein Gemach nebenan. Ein +Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, wo die +andern waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise, »Sie +müssen auf Ihrer Hut sein.« + +Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur Frage. »Haben +Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr Marianne fort, »vielleicht bei +der Resowsky? Oder gestern bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.« + +»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken, »was ist denn +geschehen?« + +»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, Virginia: Erwin +hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.« + +»Was heißt das?« + +»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung über Sie +geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.« + +»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias Augen funkelten, aber +aus ihren Wangen wich vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung +des Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild rührender +Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens. »Seien Sie vernünftig,« mahnte +sie, »beherrschen Sie sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben. +Die meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen Abwesender.« + +»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß ich nicht.« – »Wer war +es?« – »Das – brauchen Sie gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« – +»Erwin? Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß. Ich habe +Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.« – »Er wird sich +schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne nickte. + +Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte sich ihrer +eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann +ich von hier aus gleich in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht +allein gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« – +»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.« Marianne +schob den Teppich zur Seite und rief Ulrich Zimmermann. Er übernahm den +Auftrag mit befangener Freude. + +Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein Geßner läßt +Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt und wollte nicht weiter +stören«, sagte sie zu Palester und Erwin. Dieser zuckte auf und sah +Marianne drohend an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar. +»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als jener gegangen +war, und sein Blick wurde noch drohender. + +Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete eine der winzigen +Zigaretten an und fragte gleichmütig: »Wie stehst du denn eigentlich +mit ihr?« + +Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos, Marianne, diese +Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er. + +»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte Marianne, +und über Erwins verständnislose Miene etwas gezwungen lachend, fuhr +sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich gemacht. Ich habe dich in +ein Duell verwickelt. Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie +gesprochen, – das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –, +du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen ergeben sich +von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, wozu die Wirklichkeit zu +stümperhaft war.« + +Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, daß ich das aufrecht +erhalten werde?« fragte er. + +»Du mußt. Was ficht’s dich an?« + +»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits habe einen Ruf +zu verlieren.« + +»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.« + +»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?« + +»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal etwas Originelles. +Du führst die ganze Gesellschaft an der Nase herum, denn alle müssen +es natürlich wissen, sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine +marmorne Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen sein +wie es will, wird immer davon bestimmt, wie die Welt über einen Mann +urteilt. Für die Verbreitung werde ich schon sorgen. Was riskierst du? +Nichts. Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie gelebt. +Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht finden. Wir beide, wir +schweigen.« + +Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte die Lehne mit +beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, lachte er lautlos mit offenem +Mund, in dem die starken weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe +leuchtete. »Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe +Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene das Vergnügen +über den Einfall mit einer gewissen Verachtung gegen die Person +kämpfte. »Das hat Geist, ja, das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen. +Aber du nimmst mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald +wie möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein bißchen +peinlich.« + +»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen könntest. Du würdest das +Mädchen für immer erkälten. Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie +umsonst für dich in Sorge war.« + +»In Sorge?« + +»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, wenn sie Gemüt im +Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, und du bist der Rächer. Zerstörst +du diese Einbildung, so erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder +nicht. Das ist Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also +besser als eine Narrenkappe.« + +»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen so würdevoll +tragen wie Kronen.« Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf das +Holz der Lehne. + +»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?« + +»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –« + +Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, Erwin. Ich kenne +dich. Es wäre ja philisterhaft, den Faschingsscherz ins Tragische zu +wenden. Der Kavalierstandpunkt gilt doch nicht unter uns.« + +»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, du?« + +»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter dir liegt, es +beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete Marianne etwas frostig. + +Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in seinem Lächeln. Indem +er an Virginia dachte, sah er sie wie eine Lilie, deren weißer Glanz +allein Schutz genug ist gegen häßliche Berührung, und indem er das +Bild Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz verzehrt +wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. Ihn ekelte ein wenig vor +der billigen Heldenrolle, die ihm Marianne aufdrängte, doch sah er +ein, daß er damit viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende +Geringschätzung gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn stets reizte, +die Fesseln der Konvention für nichts zu nehmen, so pedantisch er sie +auch zu achten schien, überredete er sich leicht, in diesem Wagnis ein +heiteres Spiel zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden +konnte. + +Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu lassen, erhob er sich +und sagte kühl: »Auf übermorgen also. Ich hole dich und Virginia ab.« + +»Gibst du mir nicht die Hand?« + +Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten den Hut reicht. + +»Und die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne mit gesenkten +Lidern. + +»Welche andre?« + +»Die Schwester von Fritz Kynast ...« + +»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. Gute Nacht, +Marianne.« + +Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne an der Tür stehen, +um seinem verklingenden Schritt nachzulauschen und dann zu grübeln. Der +freundliche, gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt, +von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, die +ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser Gedanken erregt. Sie fühlte sich +schon an der Wende der Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht +und ohne Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer Vergnügungen +war abgesponnen, und die öden Tage folgten einander scheinbar belebt, +wie auf einer Bühne ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig +zerstreut, ewig wiederholt wird. + +Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, zu den +Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, und das war ein Glück +für sie. Denn es verursachte immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der +Haltung, ließ Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die +amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen Klang der Stimmen +und das puppenhafte Knarren der Gebärden, und so führte man die Rolle +zähneknirschend durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr +widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal vom Herzen +zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen zu enthüllen. + +Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle des Zuschauers +verdammt zu werden. + + * * * * * + +Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. Hundertmal +überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, für Worte gesagt, was man +ihr geantwortet, sie ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen, +die undurchdringlichen. Um drei Uhr machte sie wieder Licht, nahm ihren +Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu +oft gelächelt zu haben. + +Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. Sie konnte nichts +arbeiten, und ihre Befürchtungen schlugen folgsam die Richtung ein, +die Mariannes Worte ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der +Mutter zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie +viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen Ausflug +schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit war ein Zustand, +den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter Zustand, der ihre Sinne +trübte. + +Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen sechs Uhr zu Marianne. +Marianne war nicht zu Hause. Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren +zu dürfen, und ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war +gleichfalls nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm sie aus +einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. Plötzlich stürzte +ein großer, totenbleicher Mensch im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber +und durch die offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still. +Virginia ging erschrocken weg. + +Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. Sie trug einen +kostbaren Chinchillamantel und einen großen Hut mit schwarzen +Straußfedern. Die Winterkälte hatte ihr Gesicht gerötet, und +Schneeflocken hingen in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu +treten, da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles +glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang ihre Arme um +Virginias Hals und küßte sie schnell auf die Wange. + +»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, der es zumute war, +als löse sich eine klammernde Hand von ihrem Nacken. »Und der andere?« + +»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter nichts. Gute Nacht, +Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie sich bereit für morgen. Wir werden +sehr, sehr lustig sein.« + +Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde ihr ums Herz. +Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie mit Marianne und Erwin zum +Bahnhof, wo Ulrich Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee +setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu er noch gestern +gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt. Virginia, die ein feines +Gefühl für äußere Formen besaß, hatte bislang an seinen Manieren Anstoß +genommen, nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte eine +geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend gemildert wurde. Er +erzählte von Amerika wie jemand, der des Anblicks einer erhabenen und +schrecklichen Vision teilhaftig geworden ist. + +Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins +Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte +kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln, +grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und +fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen +Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde. + +Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem +Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte +ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies +vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand. +Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf +seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger +Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob +die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als +ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen +nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut +gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht +und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern +gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen +am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres +Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die +Schwelle. + +Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen +inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann +erbleichend aus dem Kreis. + +Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie +tanzte nicht mehr. + +Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer +ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu +spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden, +nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte +Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt +wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu +wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder +Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich +müd’, ohne zu gehen.« + +Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen +fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie +mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht +einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung +tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß +darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten! +Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht. + +Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit +mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache +Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem +der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt. +Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem +ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht +gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser +strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf +dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten +mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos +in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. +Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die +geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät; +als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot. + +Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie +versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war +ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern +der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr; +sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende +Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter +rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu +schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale +Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt +sind. + + + + +Das Tanagra-Figürchen + + +Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch +einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt +wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele +unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal, +welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung +die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt +eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die +Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion +zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, +sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde. +Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die +aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu +bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem +Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte +um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau, +deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch +immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen +Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen +aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach +Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr +eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post +befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften +und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen, +aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen +haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie +dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken +mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd +geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich +bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark +genug dazu wäre.« + +Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe +auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd +sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche +Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns +selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der +Welt.« + +Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater +ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die +Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott +sei Dank.« + +Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe +vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit +ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand, +der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens +hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche +Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag +gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was +er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er +nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe. +Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen +schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse, +doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat. + +Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit +eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld +von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des +Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß +an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer +und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu +Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte +andächtig schweigend verfolgte. + +»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du +gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was +wie das dankbare Knurren eines Hundes klang. + +»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort, +»das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen, +Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine +größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag +einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit +für mich ist.« + +»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte +Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich +zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum +Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche +trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und +nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen +einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur +den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht +vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den +Emporkömmlingen versagt ist. + +Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren +verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden +Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen +Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an +den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu +heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin +wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste, +das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich +darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust +den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer +Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat +er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand +versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht +nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs +Leben.« + +Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd +und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über +deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir +bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber +ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen +Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein! +Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer +die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst +heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich +habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird +niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines +Kornhändlers für mich bleiben.« + +Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter +ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern +sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem +Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren +heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin +nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen +plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung +ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für +die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s +vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat +eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe +versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den +Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt +sie, Christie Martens, zu dir schicke?« + +Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher +Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er +finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu +kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang +Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum, +aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau +auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die +Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an. + +Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich +Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt +fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles +gesehen haben. + +Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber, +rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten +Sie?« fragte Erwin. + +»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete +Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?« + +»Nein.« + +»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.« + +»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?« + +»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also +hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde +gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment +der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen +Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf +der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in +grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze +Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione +fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen, +daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet, +und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen +und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht +wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß +er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, +Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den +Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch +ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat +erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig +und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn +er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen +Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er +kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein +Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit +emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling +niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser. +Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf +eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt, +kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so +schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.« + +»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt +er denn das an, – ganz allein?« + +»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt +seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen +des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle +Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der +Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser, +keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in +der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift +Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und +schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant +stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich +die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch +schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und +auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die +Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist +die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die +Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm +den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine +dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie. +Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der +Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf +der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem +Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des +Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist +die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die +Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an +die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn +jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der +bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den +Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der +volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete +Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind +aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin +nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der +Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ +Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und +Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah, +ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke +schwankte und das Geländer abfiel.« + +Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher. + +»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich +verstehe den Impuls ...« + +»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte +Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den +Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt +sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen +bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine +Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe +seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein +Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil +er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen +will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit, +Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne. +Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die +innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit, +Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die +Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer +und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er +lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht, +trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er +liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn +die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch +kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er +will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.« + +Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die +Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er. + +Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An +jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in +jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und +bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.« + +»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin +kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger +Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not, +unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling, +wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt +sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie +nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit +Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie +Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen, +vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr +unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!« + +Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf +den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht +zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen +seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er +und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart, +weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in +Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung +dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig +und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner +Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren. + +Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte, +schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie +es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem +Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus +Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild +seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu +einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum +Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit +schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und +verstimmt zurück. + +Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem: +leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war, +begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß +überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in +die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen +Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum +Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit +vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als +ob es groß was gälte. + +Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin +trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem +Diwan und schlief. + +Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf +das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie +auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, +dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, +und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig? + +Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er +wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr. +Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und +ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte +freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich, +»ich war ein wenig müde.« + +»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?« + +»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.« + +Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten +außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt. + +»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal +Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme. + +Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er +abweisend. + +»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig. + +Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins +von Ihren okkultistischen Kunststücken?« + +»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er +sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen, +Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts. + +»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann +wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat, +entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau, +wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was +ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie +nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den +ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene +Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind +machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.« + +»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das +bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin +sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte +Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die +Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da +er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er +allein bleiben. Was ist da zu verwundern?« + +»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem +Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester. + +»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte +Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein +Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und +Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht +willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff +nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur +zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der +Begriffe Raub und Krieg.« + +Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur +Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell +leuchtete. + +»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und +vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein +Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein +Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet +plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis +schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt. +Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein +Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich +gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein +Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem +Unerforschlichen.« + +Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen +Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf +abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus. + +»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend +wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und +standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das +gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu +wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger +Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste +Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen +herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese +tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt, +um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: +von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit, +von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun +hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den +Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!« + +»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar. + +»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!« + +»Und Manfred?« + +Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die +Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des +Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, +um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf +abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer +wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen. +So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht +gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus +Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge, +Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller +Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende +Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, +und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit +ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr +träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich +nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch +liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn +die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im +Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken +zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um +Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge +eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut +und Haar.« + +Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und +sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie +nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, +das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie +besitzen nichts; niemand und nichts.« + +Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument. +Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen +Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.« + +»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist +unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes +Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes +Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein +Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht +hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, +und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder +Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das +Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft +kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage +der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen +oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.« + +Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine +Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit +ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. +»Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor. +Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine +possierliche Sache.« + +Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum +Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er +übermütig. + +»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen. + +»Auch die Froweinschen Miniaturen?« + +Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann +achselzuckend. + +Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen +Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich, +zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie +verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen +kann, daß mein Versuch gelungen ist?« + +»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester +erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und +mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.« + +»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte +den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein +Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses +Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal +besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf +Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher +anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.« + +Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer +auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige +Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse +Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die +der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch +mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. +Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten +zusammen. + +Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch +stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken +läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm +die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes, +unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines +Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das +Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den +magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung +länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen +nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein +Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und +seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit +drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer +noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das +Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens +entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht +bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da. + +Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer +Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der +Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt? + +Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf +einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden +Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, +ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und +schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts +geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um +Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber +plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern +daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt +winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille +steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer +Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn +sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie +eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige +Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter +dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der +Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel +finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. +Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein +Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen, +während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um +Hilfe. Rufend erwachte sie. + +Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch +Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich +beschäftigte. + + + + +Das Perlenhalsband + + +Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse +hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte +sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren. +Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach +ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia +versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der +Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das +Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei. + +Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche +Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach +schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine +ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in +einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht +anschauen?« + +Virginia erwiderte, das möchte sie gerne. + +»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich +mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob. + +Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie +ein wenig erstaunt. + +»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter, +»warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit +der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame +nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, +und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut. + +»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses +Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters +einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?« + +»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem +Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig. +Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. +Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib +vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre +Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn +sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man +kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich +sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich +selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und +für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib +deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.« + +Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei +Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit +hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch +Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden +und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum +und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben +konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, +daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an +ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt +zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die +Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr +ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, +und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines +gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.« + +»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche +Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute. +Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich, +man besucht mich, wie man in ein Museum geht.« + +Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln: +»Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia +tat, sah neugierig zu. + +Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas +Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier +herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten. +Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch +Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb +einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte +sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes +Betrachten. + +Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel. + +Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem +mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren +Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme +Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte +sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner +Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle +führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine +breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des +oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci +erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine +große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den +Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das +Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die +Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die +Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock. + +»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die +Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren +Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene +Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem +Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen +Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus. + +Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten +neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen +Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, +er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er +sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß +gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf +einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend: +»Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne +Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.« + +Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die +Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und +Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die +Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die +Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen +und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine +erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren +Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und +liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das +Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den +Zauber, den sie auf ihn ausübten. + +Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue, +nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte +er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der +Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der +rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom +alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt +werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein +aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als +Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline, +der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin. + +Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll +von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen +Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen +ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war, +daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als +ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die +Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre +Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede +anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames +Kind. + +Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu +vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine +Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern +und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere +Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie +Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem +Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und +menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner +unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred +ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte +die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß; +ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.« +Virginia legte das Bild hastig beiseite. + +Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer +Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand, +mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn +sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele +traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie +hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein, +da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren? +Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte, +Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der +Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den +ausgestopften Vögeln gesprochen. + +Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres +Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und +Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist +deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte, +spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal +redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das +Gedächtnis den Geschmack. + +Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer +beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des +Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie +sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte +mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte +Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor +der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig +kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren +indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem +Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich +gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es +gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder +durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche +Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er +darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst +ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an +Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße +Erstarrung. + +Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne +Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte +Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie +schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu +besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es +förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er +sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu +ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: +»Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht +gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die +Herrin.« + +Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend +fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber +ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur +launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz +als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe, +seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das +Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein +Schleier vor einem Spiegel. + +Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt, +als sie nach Hause kam. + +Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was +man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so +ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte +auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung +gehofft hatte. + +»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir +so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von +der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man +einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man +den Geschmack nicht mehr los.« + +Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf. + +»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So +jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest +eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?« + +»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in +diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich +bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!« + +Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte +Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je +länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war +hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel. +Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie +können lange trauern, doch sie vergessen schnell. + +Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines +durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte +sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie +den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann +kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist, +an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen +können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er +gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren +Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte. + +Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich +eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert +hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine +andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre, +freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und +Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um +die Zukunft der Menschen. + +Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation in etwas größerem +Maßstab zu wiederholen, falls es ohne Wagnis geschehen könne, stimmte +sie ihm gläubig zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen, +und nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der sie der +Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich vor, an der Hand +dieses Hexenmeisters zum Wohlstand zu gelangen, und da doch alles für +Virginia war, an der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie +abgöttisch bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und umworben zu +sehen wünschte, hätte sie Argwohn als frevelhaft empfunden. + +Nichtsdestoweniger wurden die angeblichen Börsengeschäfte vor Virginia +vertuscht. Virginia sah nur, daß ziemlich viel Geld ins Haus kam, +und daß die Mutter, die ja von Erwin systematischen Unterricht darin +erhielt, sich zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für +die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete sie auf, als +es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer ins Gericht zu gehen und +wieder und wieder mit der Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen +dürfe, dies oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, und +wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, um dem schwer +durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, konnte Frau Geßner äußerst +ungehalten werden. »Du bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann +erregt, »in dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden +jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen hätte. Endlich +einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns meint und der Bescheid weiß um +die Brunnen, wo gar viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir +kommt’s zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein können.« + +Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen und +wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Solche +Worte hätten sie beschwichtigen können, hingegen bei den Liebkosungen +und versprechenden Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die +alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte etwas von schwülem +Wind und Gewitternähe. + +Inzwischen war es Frühjahr geworden, und wie nun die ersten lauen +Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu gemeinsamen Spaziergängen mit +Marianne von Flügel bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer +mehr als sonst bedrückt. + +Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; zumeist +wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, betrachteten von einer +Brücke aus den Sonnenuntergang, verfolgten das Blätterwachsen und +Knospenkeimen von Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen +vom Sommer. + +Marianne gab sich als Freundin der Natur und als Flüchtlingin aus der +ungesunden Luft ihrer Welt. Mit vieler Kunst gab sie sich so, denn sie +erwarb Virginias Zuneigung damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an +Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da man sich +seines Charakters doch nicht entledigen kann wie eines Kleides, und +da sie auch keineswegs gewillt war, eine Nonne vorzustellen, brach +durch diese Verhaltenheit ein immer kühner werdendes Predigen von +Lebensgenuß. Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen, +genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen lassen, alles ins +Körbchen stopfen, am Ende kommt der Tod, und ein zweites Leben gibt es +nicht. + +Virginia machte bei solchen Verkündigungen große Augen und wußte nicht, +was sie sagen sollte. Genießen, was war damit viel bedeutet? Genoß sie +denn nicht auch? Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war, +das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes Reden dünkten sie +irgendwie unbescheiden, und sie konnte sich nicht anders helfen, als +daß sie durch eine lustige Bemerkung, was sie davon begriff und was +sie ahnend abwehrte, ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne zum +Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein wenig besser +in acht. + +Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen Frühlingsgängen +und wünschte teilzunehmen. Nun wurde es ein ander Ding; man flog +im Automobil hinaus ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße +stehen und streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war +unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, im Erzählen, +in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung. + +Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich Zimmermann hinzu. +Wenn er stumm und gedankenvoll kam, so taute er doch inmitten des +Lachens und Plauderns auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm +um sein Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften +Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in Erwins unbesorgten Worten +sie zum Erröten brachte, schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit +hastigerem Schritt voraus. + +An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich und Marianne kurz +nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren bis zum Stiftswald und wanderten +zwischen Hameau und Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und +Fichten und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. Virginia +pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, und Erwin erzählte +von seinem Buch über das Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem +Markt erscheinen sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die +unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, erweckten in +Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein eifersüchtiges Staunen, und +seine etwas knifflichen und groben Fragen drückten mehr Argwohn als +Erkenntnislust aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit zu +all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, »die +ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, der Sie leben wie kaum einer, +und von dem man nicht sagen könnte, wann er am Schreibtisch sitzt, +falls man gefragt würde!« + +»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. »Mein Fach ist +die Natur, die Menschheit, die Kunst, ist alles was mich will und alles +was sich mir widersetzt. Für den, der zur Leistung entschlossen ist, +hat ein Tag ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter +freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; ihr dürft es +tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit werden; =meine= Wirklichkeit +darf mir nie zum Traum entschwinden, sonst bin ich verloren.« + +Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten Schreitenden +hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch einen Blick zu einem +Zeichen des Beifalls aufzumuntern. Wie stumpfsinnig diese Person ist, +dachte sie, als Virginia davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins +Antwort nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb +anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und ihre Geschäfte +so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. Ulrich Zimmermann +marschierte eine Weile unzufrieden für sich allein, bis ihn Virginia +mit lächelnder Ermahnung aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch +ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute müßte man Gedichte +lesen.« + +»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie denn welche mit? +Lesen Sie doch.« + +»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann gnädig. + +Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das Gespräch belauscht: +»Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll Spott. »Das Attentat war doch +schon beschlossen, als Sie Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?« + +Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen sah, +zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht gehörte, nur heute, nur +jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft, +um ihn harmloser zu machen. + +Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, Marianne und +Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf frischgefällten Stämmen saßen, +jeder in seiner Stille webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend, +den seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend, +unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine Felonie von vorhin +wieder aus, indem er Ulrich beim Wort nahm. Dieser holte ein paar +beschriebene Blättchen aus der Brusttasche und las mit wenig geübter +Stimme zaghaft vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den +Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; es +ist schade drum. Geben Sie her.« + +Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und seelenvoller Betonung. + +Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber er konnte Erwin +nicht danken, denn aus der versonnenen Miene, mit der Virginia diesen +betrachtete, schloß er, daß sie ihn, den Dichter, völlig vergessen +habe. Und eine solche Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt. + +Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige Stelle; während +Marianne den Rock bis zu den Knien hob und verwegen hindurchging, zog +Virginia den Umweg am steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die +Haut am Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; Erwin wusch +die Wunde rein und verband sie mit Virginias Taschentuch. Sie lachte +über den doktormäßigen Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung +behandelte, auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden +galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias Hand in der +seinen und bastelte an dem weißen Tuch. Endlich entriß sie ihm die Hand +und versteckte sie instinktiv in einer Kleidfalte. Ulrich stand an +einen Baum gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen Himmel. + +»Seit meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß ich einmal in +einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, als sie sich wieder auf +den Weg gemacht hatten, zur Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie +erwartete, daß Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich. + +»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, antwortete er mit +verstehendem Blick. »Man ahnt gar nicht, wie solche Schreckbilder die +ganze Lebensstimmung beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch +die mächtigsten.« + +»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend fidel, »vor dem Sumpf +müssen Sie sich hüten. Gerade wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht +man den Schlammtümpel vor den Füßen.« + +»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin hart; »das Unken trifft +die Schwalbe nicht.« + +Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia fing ihn auf +und erschrak vor dem Haß und der beredsamen Wildheit dieses Blicks. +»Auch ich bin einst geflogen«, erwiderte Marianne düster, »aber man hat +mir die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da und piepst +vor sich hin, und das nennen die Leute unken.« + +Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar bewegt und schob ihren +Arm fast zärtlich in den Mariannes, sie, die so selten ein werbendes +Gefühl zu unmittelbarem Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte +kurz und brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an +Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen sprachen sie +miteinander und entfernten sich immer weiter von Ulrich und Virginia, +die wortkarg und bedrückt den schmalen Pfad bis zur Landstraße +verfolgten, wo das Automobil wartete. + +Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem Vorgeben, er +wolle noch den Abend außerhalb der Stadt verbringen. Stumm saßen die +drei während der Fahrt, die so schnell war, daß es Virginia schwindlig +wurde. Die sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia +hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt gesehen. Manchmal +heftete er den Blick prüfend auf sie, und sie glaubte den Blick +ertragen zu müssen, damit er wieder versöhnt werde. Sie hatte von +Minute zu Minute stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von +ihr ein Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen +könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als zürne er ihr, +als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal von Empfindungen der +Abhängigkeit und der Schuld. + +Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete sie Erwin durch +die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In der Torbogendämmerung sagten +sie sich kühl gute Nacht. Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch +einmal um und nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle stand +und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie den Fuß zurück, +auf den sein Auge sich zu heften schien. Das matte Flurlampenlicht +beleuchtete seine Züge, und sie sah, daß er lächelte, so bestrickend, +heiter und kameradschaftlich, wie nur er zu lächeln vermochte. + +Gott sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut. + +In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer mit sechzehn +Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit beschäftigt, die Türen zu +schließen aus Furcht vor einem übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal, +wenn sie eine Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein +Kalb, vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, doch war +in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, als wolle er sie erst +vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf sie stürzte. + +Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, daß Erwin am +zweitnächsten Tag Marianne und Virginia den Wagen schicken und daß +diese ihn dann abholen sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann +es zu regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte Marianne. +– »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia. – »Und wenn +auch nicht«, versetzte Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu +bleiben? Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.« + +Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. Sie machte +plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen der +Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die großen Pflichten, weil +die möglichen Widerstände zu belanglos sind. + +Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, »ich hatte +leider vergessen, daß ich um sieben Uhr bei der Fürstin Liebenberg sein +muß. Wenn Sie wünschen, überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber +es wäre hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten würden.« + +Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig ausgesprochenen +Namen einer Fürstin ihren Respekt zu unterdrücken. Ein naiver kleiner +Ausruf veranlaßte Marianne und Erwin, zu lächeln. + +»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich Erwin an Marianne, +»Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, die Sie rufen sollen.« + +Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie Erwin hastig, er möge +ihr für eine halbe Stunde das Auto geben, sie müsse zu einer dringenden +Besprechung in die Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein +unbestimmter Argwohn wallte in ihr auf. + +»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne hinzu und +verließ mit ihren starken und entschiedenen Schritten das Zimmer. + +Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, sagte er. + +Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das Schweigen der +Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, in dem sich bedeutungsvolle +Worte vorbereiten. Virginia spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei. +Erwin, der im Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah, +wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an die Fenster. Im +Kamin schnurrte der Wind. + +Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel leib- und +seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort ist; man sollte junge +Mädchen nicht miteinander verkehren lassen, das Geschlecht hebt sich +gegenseitig auf, ihr Magnetismus wird halbiert, indem sie sich unbewußt +verbünden. + +»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, Virginia«, begann +er endlich, und seine Stimme klang nicht metallisch wie sonst, sondern +sordiniert. »Jedesmal wenn ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in +mir. Was hast du geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles +Bedürfnis, mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen. +Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, schickten +diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur Ehrfurcht bezwungen, +Abgesandte mit Gold und Edelsteinen und erklärten sich aus freien +Stücken für tributpflichtig. Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen +haben, wüßt ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte. +Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen schlecht, +auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem höheren Grad des +Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose soll Muster sein. Warum +zum Teufel bekreuzen Sie sich andächtig, wenn von einer Fürstin die +Rede ist? Sie stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester, +ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch zwingendere +Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein Licht aufstecken, die sich für +vollkommen halten und es nicht sind, die weder stehen, noch gehen, noch +sitzen können und sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für +meine Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner wird +auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen Aufblick, ein +hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares und Unbedingtes. Deshalb +rede ich mit Ihnen darüber, aus keinem andern Grund. Wer als Fackel +geboren ist, muß leuchten.« + +Virginia wechselte während seiner Rede beständig die Farbe, doch in so +feinen Übergängen, daß es bisweilen kaum zu merken war. »Was wollen Sie +von mir, Erwin?« rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie +doch nicht so, bitte!« + +Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin betroffen. Diese +Stimme, der Ausdruck, der Blick, die Gebärde des Mädchens, all das +traf ihn unversehens und rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst, +wie ein Feind. Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während +er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, den Ton +brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. »Als ich Ihnen damals meine +geringen Schätze vorwies,« sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das +Gefühl eines Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig +ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu ruhen +brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob mein Besitztitel erst +durch Sie anerkannt werden müßte.« + +Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: »Weil wir eben von +Schätzen sprechen, Virginia, von Gütern, die keinen Besitzer haben, +obgleich sie einem gehören, muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.« + +Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer Weile mit einer +mäßig großen Schachtel in der Hand zurück, aus welcher er eine +herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie gefällt Ihnen das?« fragte er mit +einer Stimme wie einem Kind gegenüber. + +Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« rief sie mit +auflodernden Augen. + +»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, damit man +ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, die erhalten königliche +Weihe dadurch.« + +Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber wie ein Jagdhund +rebellisch wird, wenn das Horn schallt und die Rosse schnuppern, so +kann ein echtes Weib mit gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend +bleiben oder sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes +aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie die Zähne im Mund +eines Kindes, violett und rosig strahlend wie ein kleiner Regenbogen, +durchsichtig fast wie Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte +Haut. Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente. + +Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung nahm Erwin in +aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm +die Antwort unter Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte, +welcher Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe, +erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für eine Frau +gekauft, der er niemals nah gestanden und die er nur ganz aus der Ferne +angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« sagte er gedankenverloren, +»denn sie war die Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat +die Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein Blick aus +ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, und ich, ich habe mich +begnügt, sie damit geschmückt zu träumen, ich habe sie im Traum damit +verschönt. Sie war die einzige, die mich hätte verwandeln können, so +wie große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine Dämonen +kennt, sondern nur Genien und die die Seele fromm macht und den Geist +gelehrig; aber sie schwebte am Horizont meines Lebens vorüber wie ein +fremder Stern, ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist, +als hätte sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.« + +Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie hatte Erwin nicht +solcher Trauer, solcher Wärme, solcher Beständigkeit des Gefühls für +fähig gehalten. Die intensive feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und +von jedem Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres +Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen Tag konnte +ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge den Hals einer andern Frau +schmücken könnte«, fuhr er fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie +doch spielt! Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir +mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die und keine +andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie mir doch den Gefallen«, +bat er dringend und mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, als er +wahrnahm, daß Virginia ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die +Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es sehe!« + +»Wirklich? Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit wunderlich +scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm sein Verlangen hätte +abschlagen sollen; und außerdem hatte sie selbst nicht wenig Lust zu +wissen, wie es wäre, gleichsam nur naschend zu erfahren, wie es wäre, +wenn man eine Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß +er ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie ein +halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen nötig. Erwin trat +hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen der Kette behilflich zu sein. + +Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen als der jähe +Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. Alles bog sich in den Zügen; +die Stirnknochen schoben sich stärker über die Augen; die Nüstern +wölbten sich auswärts; die Lippen kräuselten sich, die Finger +krümmten sich, ehe sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden, +habsüchtigen und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, der +gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert von Scheinwert +genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren schimmernden Nacken herab, +dessen weiße Glätte ihm etwas wie Furcht einflößte. + +Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und ließ Virginia +hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung nicht bemeistern. +Sie blickte in den Spiegel, als erkenne sie sich selbst nicht, und in +ihren Augen war ein beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit +leisem Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd. + +»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte Erwin, indem +er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; »wie glücklich würde +ich sein, wenn Sie eine solche Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne +Ziererei und Künstelei empfangen wollten!« + +Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. Sie hob in einer +energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« rief sie erschrocken, »was +fällt Ihnen denn ein? Ich glaube, Sie halten mich zum besten.« + +Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen ließ, +veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und Gehaltenen. »Es ist +mein Ernst,« sagte er; »es ist mein Wille. Es ist mein heftigster +Wunsch. Für Sie allein sind diese Perlen auf die Schnur gereiht worden. +Jene andere war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals +gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie aufbewahren, +wenn man das leblose Kapital in lebendiges verwandeln kann? sehe ich +Sie damit geziert, so genießen meine Augen die Zinsen. Könnten Sie +doch ein Vorurteil verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich +ekelt, davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich bin +und sich selbst kostbarer und beschwingter.« + +»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit ungewöhnlicher +Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden Hände sacht auf seinen +Arm, eine Berührung, die ihm einen traumhaften Genuß verschaffte, »das +ist ja alles Unsinn. Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das +nicht annehmen könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht +gelten, die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche +zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie wollen mich +nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie käm’ ich auch dazu! Schnell, +schnell, herunter mit dem Ding, Sie machen einem ja ganz heiß, räumen +Sie’s weg, daß ich’s nicht mehr sehe.« + +Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, liebliche +Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das Kollier abnahm und ihm +überreichte, wie wahr, wie einfach die Angst, wie ungeheuchelt das +Begehren! »Ich werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie +ein Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in aller +Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband verehren zu dürfen, +– als ein Bundeszeichen von ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin +überzeugt, daß er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von seinem +Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten muß. Würden Sie sich +dann noch sträuben?« + +»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; »Manfred kann doch nicht +Richter über uns beide sein.« + +»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt +ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht +schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem +famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir +Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund +mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er +mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages +werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen +und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen +Augen.« + +Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem +steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre +heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte +ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen. + +»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein +Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit +fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie +auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen. +»Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was +ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich +nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von +uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine +Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine +Entäußerung.« + +»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener +Nachdenklichkeit. + +Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen +Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an, +Virginia«, bat oder vielmehr befahl er. + +Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses +zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige +Lächeln. + +»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß +Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich +der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die +zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein +Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher +Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des +Vertrauens, Virginia.« + +Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst +den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja +wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht +so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt: +»Marianne bleibt lang.« + +Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat +auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie +uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber +eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.« + +»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit +eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und +ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken. + +In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer +Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich +große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke +wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr +brachen die jungen Damen auf. + + + + +Ein Abend in der Villa Sansara + + +Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf +erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die +Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie +den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht. +Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen +war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof. +Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme. + +In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von +Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern +der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. +Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen +Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette +um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll. + +Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell +die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es +wagen können? + +Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache, +um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie +sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft? +Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme. +Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und +unbescheiden. + +Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich +schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder +der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, +und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die +leere Luft. + +Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen +Brief von Manfred brachte. + +Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb, +war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet. +Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin +der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch +einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere +hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener +Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, +hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung +war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der +Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff +als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der +Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber +dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte +die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in +Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen. +Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen +haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen +Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig +war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des +Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in +Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie +kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt. + +Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred +alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in +Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer +Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die +er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte. +Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch +in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu +spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er +strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden +Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und +Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus +dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des +Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion, +Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe +Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht +warum. + +»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, an den ich +Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme gefunden, da der ›Phönix‹ +im Hafen von Colombo drei Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle +im Paradies, zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins +Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, Bambusen +und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, die Pfeffererbse. In +reizenden Festons und Kränzen hängen Schmarotzerblüten von allen +Ästen, und unten bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien, +Cassaven, die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches +Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, strebt dreißig +Meter hoch empor; unsere kümmerliche Alpenrose wird zum gigantischen +Rhododendron mit mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien +und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche und Anmutige +zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten dieses Übermaßes werden +auch meine Gedanken zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln: +Zweifel wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches Fieber, +das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die Faust beiße und mich +am Strand hinwerfe, um das Gesicht ins Wasser zu tauchen. Aber dann +kommt wieder der überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die +Frösche rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse +schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures Seidenkleid +über ungeheure Marmorplatten schleift. In dieser Stunde seh’ ich dich +am deutlichsten, meine geliebte Virginia! Da glänzt dein Haar, ja, +es glänzt wie der Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten +im Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit einem +Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, mein Atem, mein +Gedanke, meine Welt. Und dann sag ich mir: ich bin deiner nicht würdig, +meine Liebe ist zu klein, zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer +verzehrt sich im Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet +mich, anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche mich +mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte Menschen sind: +nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend aber tüchtig. Man kann +mit ihnen sympathisieren, ohne lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich +mich von ihnen absondere, werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend +bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin Reiners geben, +ich habe meine Ansprüche überspannt, und das ist bedenklich. Doch ich +kann nicht mit ihnen reden. Sie sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu +lustig, oder zu simpel, oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten +im Meer und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn das +ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, Schönheit für +Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. Speicher sind noch keine +Mühlen, und Mühlen schaffen erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit. +Darf ich dir’s gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß +nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß noch nicht +wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; ich will anders +werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, ja danach verlangt mich, aber +nicht nach jener Tüchtigkeit, die an den Vorteil gespannt ist wie ein +Ochs an den Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den +Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und frischen Wind; und +an dich, die mir Flügel gibt, Mut, Selbstvertrauen und den Willen zur +Verantwortlichkeit. Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr +von Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, daß ich +andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu einem Einzelnen, ja +zu einem Wunder vielleicht in seiner Art gemacht hat, und daß ich mich +nicht werbend und nacheifernd an ihn verlieren darf.« + +Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei aller Bereitschaft +zum Mitempfinden, um den geliebten Mann bange werden. Die drangvolle +Leidenschaftlichkeit im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine +Formel dafür. Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund +und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in ihrem innigen +Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, das ergriff sie mit Freude +und entzückte sich daran. Immer wieder nahm sie den Brief zur Hand, +dessen Problematisches ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz +verstehen, wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – Dinge, die +sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so ausdrucksvoll damit +verknüpfte, daß sie sich verpflichtet hielt, ihm beizustehen. Ein wenig +von der holden Kinderzuversicht ging freilich auf solche Art verloren. + +Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, daß sie im Flügelschen +Hause einen der Brüder Mariannes kennen lernte, eine Begegnung, die +Marianne sehr unerwünscht war, denn sie sah die Folgen voraus, und +Virginia, die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen +die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, fühlte sich +durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des jungen Mannes aufs +entschiedenste abgestoßen. Es war derselbe, der damals augenlos an ihr +vorübergeeilt war, als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen +ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie hatte nicht +vergessen, daß ihr die verstörten und entformten Züge gleichwohl den +Eindruck der Roheit und Verwilderung gemacht hatten. + +In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus der modernen, +jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten Sinn, ein elegantes +und tückisches Raubtier, einer von jenen Eingefleischten der großen +Metropolen, denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen +Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, keinen Beruf zu +haben. Er war ein Meister der Mode, und ihn beobachten hieß, die Mode +selber, das wetterwendische, lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan +aufführen sehen. + +Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte ab, doch ließ +er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte ihn zurückzuhalten, +es fruchtete nicht. Virginias edle Unnahbarkeit hinderte ihn nicht, +zudringlich zu sein. Unter der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie +sah er in einer Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden +Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen. Taschendiebe sind +die Kleinkrämer des Verbrechens, und diese »Herzensräuber« vom Schlage +Sixtus von Flügels betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu +leicht durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut zu +werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit sind +sie hartnäckig wie die Hornissen. + +Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und daheim war, +aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, gegen Abend aus dem Hause +tretend, ihn auf sich zukommen sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß +und wollte vorbeigehen; er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben +gemütlich, sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend glänzte, +aber daraus machte sich der junge Herr nicht das mindeste, denn er +war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. Sie gab ihm zu +verstehen, daß ihr seine Gesellschaft unerwünscht sei; umsonst; sie +antwortete nicht auf seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt +Schritt mit ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen, +sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia verstummte +ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete in einen Laden, er +wartete draußen mit frecher Geduld. Wie gehetzt kam sie nach Haus, +immer an seiner Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne +Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, als ob er dort +genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade heraus, er möge sie ungeschoren +lassen, er zuckte die Achseln und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn. +Er schien einen Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie +das Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter ihr, +dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit hatte etwas +Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte in einem Atem, er war +beleidigend, dumm und glatt. Einmal am Abend folgte er ihr über die +Treppe hinauf und machte sich lustig über ihre Entrüstung. + +Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen Besudelung +war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche Erlebnis erfüllte sie +mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen und endlich mit Gewissensunruhe. +Etwas von dem kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu, +mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts von sich hören, +sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht entschließen, weil sie nicht +in das Haus des Unholds gehen wollte. Sie überwand sich und teilte sich +der Mutter mit, der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die +sich aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. Sie war +nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen Gebrechens trug +manches zu dem Eindruck von Vornehmheit bei, den sie machte. + +»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt dich an Erwin +wenden.« + +Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte genug von jener +Duellgeschichte, über die das Gerede noch immer nicht verstummt war. +Sie wies den Vorschlag ab. »Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner, +»den Menschen wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein +Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter zu +stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, sagte sie zur Mutter. + +»Nein. Er macht sich jetzt selten.« + +»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia +nachdenklich. »Übrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim Grafen +Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.« + +Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß sie im Wandelgang +der Akademie Ulrich Zimmermann traf, der mit einem bekannten Maler +im Gespräch auf und ab ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen, +diese fand die Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände +vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle +Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen Befürchtungen. »Was wollen Sie +tun?« fragte sie. »Lassen Sie mich nur machen,« antwortete er feurig, +»ich werde Sie von diesem Desperado befreien.« + +Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu Erwin hinaus, der +am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte ihm die Schmach, die Virginia +erlitt, fragte, was dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus +von Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. »Sie sind ein +Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich werde den jungen Mann ein +bißchen einschüchtern, verlassen Sie sich darauf. Heut über drei Tage +befindet sich Herr von Flügel nicht mehr in Wien.« + +Ulrich Zimmermann staunte. + +Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin nicht nur tief +verschuldet war, sondern daß er auch vor einiger Zeit auf den Namen +des Freundes seiner Schwester eine bedeutende Fälschung begangen hatte. +Somit war Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es +Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen zwölf und ein Uhr +fand sich Erwin im Flügelschen Hause ein. Marianne hatte ihn erwartet, +Sixtus war wie vor ein Gericht bestellt worden. Die Unterredung +dauerte nicht lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger +Ruhe seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und Schande +hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, einen demütigen +Abbittebrief, den ihm Erwin in die Feder diktierte, an Virginia zu +richten; ferner mußte er einen Schein unterschreiben, worin er das +ehrenwörtliche Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach Paris +oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls aber Wien zu meiden. +Dagegen verpflichtete sich Erwin, seine dringlichsten Schulden zu +zahlen und ihm überdies eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während +der nächsten Monate auszusetzen. + +Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen Mann in ein +Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, die etwas wie eine seelische +Gewalt über ihn ausübte, er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte, +Unheil angerichtet. So fügte er sich knirschend. + +Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia unauslöschlichen +Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der Zeit, ein solches Gefühl +zu offenbaren. Sie verschloß es in ihrem Busen, um es reifen zu +lassen. Der Haß hat seine Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend +wurde, begab sie sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den +Entschuldigungsbrief erhalten und war verwundert über die zauberhafte +Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann sein Gelöbnis erfüllt hatte. + +»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, »hätten Sie doch +noch ein wenig Geduld gehabt, ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein +Bruder ist ein unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens +ist er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von dem er in +Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus entstehen kann. Das war +nicht freundschaftlich gehandelt.« + +Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« flüsterte +sie endlich. + +»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen können?« + +»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne meinen Willen geschehen +ist«, versicherte Virginia hastig. Gerade Erwins Dazwischentreten habe +sie vermeiden wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet. + +»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß gehängt +hätten«, antwortete Marianne trocken. »Man sollte wirklich denken, daß +Sixtus ein Menschenfresser ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte +jedoch rasch ein, als sie wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und +funkelnd auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein +Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte +ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr ins Ausland. Sie +können also wieder in Frieden Ihre Straße ziehen, der Wegelagerer ist +nicht mehr zu fürchten. Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und +keine Feinheit.« Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel +verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu rauchen. + +Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen Unwillen nach, +als sie sich durch diesen Verlauf in eine immer unzerreißbarere +Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben sah. Ihr war, als regiere ein +herrischer Arm über ihrem Leben, behüte sie, das wohl, heische aber +auch Gehorsam und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein, +lag im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu heikel und +erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh gehemmt fühlte. Dazu +kam die Unsicherheit, wie er all dies aufgenommen: ob er es nicht im +stillen tadelte und unehrlich fand, daß sie sich an einen Dritten +gewandt, da er doch der Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein +Verlegenheitsspiel gewesen. + +An einem der nächsten Vormittage ging sie über den Graben, und schon +von weitem erblickte sie Erwin in einer Gesellschaft von zwei Herren +und zwei Damen, höchst elegant gekleideten Leuten. Alle fünf Personen +waren in einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia +erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen eine Sekunde +lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso verwegenen wie +raffinierten Komödie. Er redete nämlich mit den beiden Damen weiter, +die, überrascht von Virginias Erscheinung, sie mit schiefen Blicken +verfolgten, Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und eine +Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier und Verrat sind. Er +redete ruhig weiter, während er seine Augen an Virginias Augen vorbei +auf ihre Wange heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen. + +Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte schon die Lippen +zu freundlichem Lächeln gehoben, und als das Unerwartete eingetreten +war, wußte sie nicht, wie ihr geschah, glaubte sie in die Erde +versinken zu müssen. Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines +Hauses gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß +weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in einen Abgrund stürzt. +Mit Mühe schleppte sie sich zu einem Einspänner, fuhr nach Hause, und +dort wurde ihr so übel, daß sie sich aufs Sofa legte. + + * * * * * + +Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht ohne Plan +gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen gehörte, daß +nicht nur der Wille zum Ziel führt, sondern daß auch das Ziel den +Willen bindet und an sich reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme +entraten zu können, wenn die Erzeugung und Entladung großer Spannungen +gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen Fortschritte boten. +Er arbeitete, hörte Kollegien, hielt selbst Vorträge in der Aula, zu +denen sich ein erlesenes Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte +Tennis und Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine +zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber in dieser +wechselreichen Bewegung blieb Virginia der Augenpunkt wie ein ferner +Leuchtturm für ein nachtfahrendes Fischerboot. + +Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit Helene Zurmühlen +seine Reife erlangte und einen Charakter annahm, der das Schicksal der +jungen Frau besiegelte. + +Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus; die Kynasts waren eine +alte, hochangesehene Patrizierfamilie. Helene hatte mit achtzehn Jahren +geheiratet. Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der +Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen, den sie in +sich verliebt zu machen gewußt, behandelte sie auch in der Ehe wie ein +höheres Wesen. Das Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und +das eine Mischung von strategischen und rechnerischen Fähigkeiten ist, +ersetzte er durch den zähen Fleiß eines Mannes, der jeden Daseinsgenuß +zu opfern vermag, um reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach +Reichtum. Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich +zu sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er stand +völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur Eleganz, zu einem +weltmännischen Gehaben zu erziehen und wollte ihm Geschmack an moderner +Literatur beibringen. Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft, +das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen Fehler. Er +hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und Helene sah sich gezwungen, +einen großen Teil ihrer Zeit diesen fremden und gleichgültigen Menschen +zu widmen. Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war +aufregungsbedürftig und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft, +ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war menschensüchtig und +stellte sich weltmüde. Keineswegs nur aus Lust an der Gebärde; der +Zwiespalt lag wie eine angeborene Krankheit tief in ihrer Natur. + +Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen Welt +zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich von Freiwilligkeit +regiert werden, was ungefähr dasselbe heißen will, wie wenn man eine +Feuersbrunst auf Brandstiftung zurückführt. Vom ersten Augenblick an, +wo sie Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen lernte, +war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann gewinnen müsse. Er +zeigte sich ihr als der wahrgewordene unter den kühnsten ihrer Träume. +Sie fühlte ihre vollkommene Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet +und erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen +Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom Boden aufheben würde, +aber sie kniete schon, erschöpft vom Horchen, vom Zuschauen, vom +Warten, angewidert von Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und +Rücksichten, sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach und +einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du aufs Spiel? fragte +Erwin, der die Eroberung zu leicht fand. Mich! antwortete Helene. +Dieses Temperament des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den +Kitzel der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste, keiner +Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht, die er kennen mußte, +da er einer ihrer Emissäre und Agenten war, so umfassend vorgearbeitet, +daß ihm eigentlich nichts mehr zu tun übrig blieb. + +Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich zierlich. +Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare Vase gefallen hätte. Er verglich +sie mit einem Nokturno von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte +Poesie; sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm, +das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen Küche zu +füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig sein und befeuert +sein, er konnte schwermütig sein und rebellisch sein, er konnte lächeln +wie ein Faun oder wie Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert; +sie bewunderte seine meisterhafte Haltung. + +Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich Erwin; indem man +sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist leichter und einfacher. Wie +verführt man eine Braut? Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist +schwer und mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man nur +nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man die Vesprechungen +erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die Größe in Erwins Lebensführung, +die Freiheit seines Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl +zunächst, was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur +Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine Zärtlichkeit. Er +verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte sie in eine Sklavin +durch Zärtlichkeit, er wußte sie aufzuschüren, freudig, glühend, ja +bacchantisch zu stimmen durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen +für möglich gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie; +alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die Beunruhigungen +des Gewissens erschienen ihr in seiner Nähe, durch die Kraft seiner +Zärtlichkeit, so banal wie das Lampenfieber. Sie war nicht mehr die +anständig gewesene Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder +über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie war in seinen +Armen über solch niedriges Los hinausgerückt, und so lange seine Arme +sie hielten, konnte sie nicht fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit +hatte Erwin erkannt, daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch +sinnliche Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde; +demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders, so fremd, +so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft den Anschein hatte, +als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl und Verlockung erzeugen, +und die Wirkung, die er ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit +und Flüchtigkeit der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem +sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er forschte +nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept der Rezepte; es war für +ihn gleichsam ein Versuch am Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der +lebenden Figur. + +Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es eine +Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte, Virginia +vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos geschah es nicht. +Er zerbrach für eine Stunde die Kette, die er dann um so fester +schmieden konnte. + +Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung. + +»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht vorhin in der Stadt +begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie ein Traum.« + +Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf. »Was war denn +das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem Unwillen. + +»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin; »es war eine +Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste Umkehr von Halluzination. +Sie sind zu jeder Zeit in meiner Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir +wie einem Kind ergangen ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter +gefreut hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich +benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches ist mir +nie passiert. Verzeihen Sie mir.« + +Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, und +sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie froh, an den häßlichen +Zwischenfall nicht mehr denken zu müssen. »Ich habe noch eine Bitte«, +begann Erwin wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden und +vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet bin, +einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie wollen. Frau von Resowsky wird +die Liebenswürdigkeit haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und +Ihre Mutter dazu einladen?« + +»Die Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte Virginia rasch und +im Gefühl, daß die Anwesenheit der Mutter gar nicht gewünscht werde; +»davor hat sie Angst wie vor einem Eisenbahnunglück.« + +»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart berauben«, +versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so würde ich allen Leuten noch in +letzter Stunde absagen«, fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei +Virginia bemerkte. »Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig, +daß Sie da sind, und Sie werden da sein.« + +Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? Sie versuchte +zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. Es kam plötzlich +etwas Schweres, schwer zu Tragendes über sie, und sie wußte nicht, +woher es kam. + +»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, fuhr Erwin +hartnäckig fort. + +»Sind Sie denn abergläubisch?« + +»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber haben, um +daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort und Ihre Hand.« + +Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der Küche draußen +ließ Frau Geßner die Wasserleitung plätschern. Virginia trat langsam +zum Fenster. Erwins Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang +bis in die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, mein, +mein, mein, jubelte es in ihm. + +Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam wohl, wie ein +Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern tritt. Es war etwas so +Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen Traurigsein, etwas, was gleichsam +mit dem Mond zusammenhing und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies +liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und Auftasten zu +den Sphären. + +Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie scheuer geworden +war, seit er sie vor den Nachstellungen des jungen Flügel gerettet. +Ulrich Zimmermann hatte ihm da einen vortrefflichen Dienst erwiesen. +Doch Ulrich selbst war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt +worden, wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde ihm +nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, und als er +eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser sagte, Virginia rechne +ihm sein Benehmen als Feigheit, ja fast als Verrat an, war er wie aus +den Wolken gefallen. Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem +Stuhl und wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu ihr.« – +»Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin stirnrunzelnd. »Eine +Dummheit erklären wollen, heißt sie verdoppeln. Sie sind mir ein wenig +Haltung schuldig, mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier. +Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit Sixtus Flügel +eine alte Rechnung ausgeglichen und zu meinen Gunsten bilanziert habe. +Ich selbst habe mit ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und +ich wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das kann sie, +wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen gehabt habe.« + +»Diese Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich Zimmermann +mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. Er war gekommen, weil +er Geld brauchte. Stumm saß er hinter Erwins Sessel, der an seinem +Schreibtisch arbeitete. Es vergingen anderthalb Stunden, deren +Schweigen nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren +Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich stand Erwin +hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« wandte er sich freundlich an +Ulrich Zimmermann, dessen Anwesenheit er vergessen zu haben schien. + +Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer Geld braucht?« fragte +er mit wehmütigem Humor. »Ach, könnten Sie ahnen, was es heißt, um +Geld zu bitten!« fuhr er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das +Leben, und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, und ist +er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos erniedrigen. Und das +Furchtbarste: stets genießt der Gebende, was der Empfangende so schwer +verwindet.« + +»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, stimmte Erwin bei, +den die Großherzigkeit und Beschwingtheit in Ulrichs Worten sympathisch +berührte. + +Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb er auf der +Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. Sein Blick fiel auf das +Giebeldreieck, auf welchem in den Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu +lesen war. Das war der Name von Erwins Haus. + +»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, »Sansara!« Das hat +Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund. Plakatierte Metaphysik. Der +Übermut des Besitzes erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht. +Die asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg +europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht einen platonischen +Purzelbaum zum Nabel des Buddha und verewigt sein Kunststück durch eine +steinerne Fanfare. + +Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? fragte sich +der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart des Gottlosen gegen +den Despotismus einer unbeseelten Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig +beschnittenen Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes +Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende doch selber +aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum zu stürzen? Ich +könnte meinem Buch den Titel geben: Mirowitsch oder die wesenlose +Opposition. + + * * * * * + +Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug ein Kleid +aus veilchenblauem Battistlinon, verziert mit irischen Spitzen. Der +Brustausschnitt war bescheiden. Das Haar war zu einem griechischen +Knoten geknüpft. »Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner +immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern. + +Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch stünd ich hier, +fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, wie ich bin, wenn +er mich sehen könnte? Sie heftete den Blick in den Spiegel, – fast +mißbilligend. Man rief nach ihr, so schien es, und ungern folgte sie, +obgleich erglüht. + +Sie hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor dem Eingang zur +Villa stand eine lange Reihe von Fiakern und Automobilen. Man konnte +einen Teil des Parkes wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen. + +Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein Theater, einen +Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, besorgte, trunkene und +phantastische Lächeln, als ob sie sagen wolle: jetzt kommt das große +Unerwartete. Virginia beobachtete dies, während sie sich in der Halle +ihres Mantels entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum daß +er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. Erwin +kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen sprechen«, raunte er ihr zu. Sie +folgte ihm betroffen in ein kleines, von dem orangeroten Licht einer +Ampel beleuchtetes Gemach. Er schloß die Tür. + +»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich. + +Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade auf und hielt +ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten Händen entgegen. + +Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt zurück. »Sie +haben mir versprochen –« stammelte sie. + +»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem Lächeln. + +Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte mit der Kette. +»Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, sagte er leise und mit einem +Lachen in der Stimme. »Fragen Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred +hat geschrieben. Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich kenne +sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches Mißtrauen nicht.« Und +als sie eine abweisende Gebärde machte, einen hilflosen, verwirrten, +bittenden Blick auf ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur +diese eine Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!« + +Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und klatschte nun +begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! Unvergleichlich!« + +Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen den Mann, der sie +schmückte, erwachte in Virginia; aber dahinter wirbelte eine ungestüme +Freude. Gut, dachte sie, einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem +Innern glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein +Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred eingewilligt, +zumal die verflossene Frist ein wenig knapp schien. Bei alledem ist +wesentlich, daß sie von dem Wert des Schmuckes weder einen Begriff +hatte noch sich Gedanken darüber machte. Ganz von fern stieg in +Sekunden eine Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines +Unrechts, der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne wähnte +sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu beleidigen. + +»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, Ermunterung, +Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit strahlten an ihm. + +»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, reichte ihm aber +doch die Hand, die kalt war vor Freude sowohl wie vor Bestürzung. An +einem Spiegel vorüberschreitend, erblickte sie die Perlen. Dieser +Moment erfüllte sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie in +ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare gewähren +lassen. + +»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig an Erwin. +»Marianne zum Beispiel könnte doch fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein, +Erwin, nein,« flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.« + +»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein Unwillen, der +ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie mich +im Verdacht, daß ich mich brüsten werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß +ich am Ende Ihre Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter +nicht ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen +kann?« + +Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür zur Linken das +Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. Erwin kam draußen auf sie +zu; jetzt verstand sie den Umweg und erschrak aufs neue. Sie war nur +wenige Minuten mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten +waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau von Resowsky, die +sich liebevoll ihrer annahm und sie von Gruppe zu Gruppe geleitete. + +Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige ihrem Gedächtnis +eingeprägt. Der Glanz des Lichtes betäubte sie. Sie sah nur Umrisse +von Gesichtern, blonde, schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark +dufteten, viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der Damen +als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer Büsten verletzend wahr +und nahe. + +Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie den Eindruck, +daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie war durchaus nicht beengt, +sie gewann im Gegenteil mehr und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung, +daß es zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges +Band gab. + +Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr zur Unzeit fing +er an, die Erklärungen zu stottern, die er sich vorgenommen hatte, +sprach sogar, genau mit Erwins Worten, von einer Rechnung, die jener +»zu seinen Gunsten bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert +den Kopf und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich +mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte Virginia arm +geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu lesen. »Sie tragen ja ein +Vermögen an Ihrem Hals«, sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner +Taktlosigkeit zu gelangen. + +Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber lächelte sie +an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal in ihr, wie sonst nur, +wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann senkte die Stirn vor ihrer +Schönheit. + +Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer Haut einen metallischen +Glanz. Manche Herren wollten sich erinnern, sie schon gesehen zu haben, +und drückten es in schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß, +ernst, kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an +sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung Erwins +gefolgt. + +Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, ein paar junge +Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. Sodann machte Erwin sie +mit Helene Zurmühlen und deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr +wie ein Spielzeug, und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von +einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war der edelste +Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall Steine. Alles schien +zerbrechlich an ihr, der rührend weiße Hals, die apathischen Arme, die +mageren, gelben Hände, die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen +Kindern, wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte, +von leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, in dem ein +lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von den Schatten einer +süßen Melancholie überdunkelt war. Aber diese Melancholie hatte etwas +Grelles, und die Natur selbst strafte sie Lügen durch den starken, +brennenden Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet. + +Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen Tafel zu vermeiden, +war im Speisesaal freies Büffet errichtet, und fünf Diener versorgten +die immer wechselnden Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht +in einem kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich +Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des letzteren, ein +Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei rauchten. Auf dem Tische +vor ihnen stand eine Flasche Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit +zu Zeit in die Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer +junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames Zuhören am +Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er aus einer Familie +von Selbstmördern stammte. Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo +er Studien über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte. + +»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, sagte Ulrich +Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt Verständnis für die +Epoche darin. Wahre Prachtliebe neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze +Farbenskala, die uns blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese +Heliotrop und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen und +kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist leise wie im Zimmer eines +Sterbenden. Ich finde das stilvoll.« + +»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre Meinung ändern?« +versetzte der Graf. + +»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« fuhr Ulrich +Zimmermann hartnäckig fort, »und in New York versicherte mir eine junge +Milliardärin, Perlenketten seien vornehmer als Diamanten, weil bei +diesen die Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.« + +Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden Blick zu. + +»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte Ulrich +schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles bäumt sich auf, +Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich denke die schlechten und +selbstsüchtigen Gedanken einer ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen +und reden, alle sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber +niemand glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne gekommen ist, +werde ich aus einem Apostel zu einem Lakaien.« + +»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«, +antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; »die Gesellschaft +verwandelt den Apostel auf stummem Weg in den Lakaien.« + +»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden Augen. »Ich +werde in Sold genommen und festgeschmiedet. Meine Seele wird zum +Wallfahrtsziel aller andern Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der +Ehebrecherin und die Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld +für einen neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen des +präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen des Börsianers. +Ich weiß, daß dieser junge Mann mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo +im Mundwinkel an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen +Frau den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem Gespenst +einer unerwünschten Schwangerschaft gequält wird; ich kenne die +verzweiflungsvolle Frechheit des Überlings, der da spricht: für mich +gibt es keine Moral, sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den +verbrecherischen Gelüsten des jungen Mädchens, das ins Leben tritt wie +eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu melken sich anschickt. Hinter +dem geistreichen Geflunker gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter +den sozialen Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten +Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter dem diplomatischen +Getue werden Völker in ungerechte Kriege verstrickt. Sie sind mir zu +nackt, allesamt, sie vergiften mir das Gewissen, und erst das schlechte +Gewissen verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch größer sein +als meine Demütigung, sonst kann ich aus der Sklaverei, in der ich mich +befinde, kein Kapital schlagen.« + +Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob sich, grüßte höflich +und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit beleidigt oft den +feinfühligen Zuhörer. + +»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer Wanderung im +Gebirge, würden mir Ihre Worte einen stärkeren Eindruck machen«, sagte +Palester seltsam. + +Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine +kleine Verschwörung?« fragte er. + +Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben Sie sich nicht über +das Perlenkollier gewundert?« begann er mit verräterischer Hast. Erwin +blieb stehen und wandte ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender +Blick war kalt, durchbohrend und mitleidig. + +Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich ab und ging +allein weiter. + +Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile zwischen den Menschen +umher, dann begab er sich in die Garderobe, warf den Überzieher um die +Schultern und, den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein +Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch die ganze Stadt +und in den Prater und bis zur Donau. Auf dem Rückweg sang er laut, +um nicht denken zu müssen. In der Hauptallee setzte er sich auf eine +laternenbeschienene Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit +mit der Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb Verse: + + Die Seele, die berührst du nicht, + die ist im Leib vergraben; + sie weiß nicht, was die Lippe spricht, + will’s auch nicht Kunde haben. + + Im stillen träumt und blüht sie hin, + läßt Leid und Glück verfluten + und ziehet ewigen Gewinn + vom Bösen und vom Guten. + +Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und Zuhältern besetztes +Kaffeehaus. Sein Frack erregte hämisches Aufsehen. Der beginnende +Marktlärm verscheuchte mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich +verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien. + + * * * * * + +Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in +den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte +und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und +einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren +massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe +mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den +politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und +die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen +des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren +sein!« rief er scherzend. + +Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel +in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine +Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie +hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern +über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den +Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung +und Lebenskunst gesprochen. + +Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre +stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge +wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel +ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer +Verbeugung zu ihr. + +Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie +verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren +Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit. + +»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er +die weichste Liebkosung geflüstert. + +Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich. + +Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen +forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du +hältst mein Leben in deiner Hand.« + +Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht +einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er. + +Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten. +Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln +versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin +zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden +uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«, +sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand. +Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er +hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen +vermocht hatte. + +Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie +wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name +wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm +um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die +Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind. + +Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen +bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos, +birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein +wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie +sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt +plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den +Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser +Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn +anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte +weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche +schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht +zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen +Namen. + +»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in +Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre +Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so +laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken +wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische +Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht +Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell, +schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch +fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen, +wo wir hingeraten sind.« + +Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche +sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte +einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, +der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und +sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin, +der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter +geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte +nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor +dem Pavillon standen. + +Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu behangenes Rondell, +in dessen Mitte unter gekreuzten Balken eine chinesische Laterne mit +roten Gläsern hing und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und Busch +mit sanftem Scharlach übergoß. + +Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, preßte beide +Hände gegen die Brust und stammelte: »Mein Gott, was war denn das? +weshalb sind wir denn so gerannt? Ich kann nicht mehr.« + +Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. »Ruhen Sie sich +aus«, antwortete er. »Niemand wird uns stören.« + +Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur Besinnung. »Weshalb +sagen Sie das so wunderlich: Niemand wird uns stören –?« fragte sie. + +»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete er mit müder +Stimme. + +Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf der Erde? Sie können ja +auch auf der Bank sitzen. Ihre Kleider werden ja schmutzig.« + +Die müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht find ich meine Lust +daran, vor Ihnen auf der Erde zu kauern, Virginia. Was kann mir die +Erde anhaben gegen das Gefühl, Sie über mir zu wissen.« + +Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. »Es ist so still +hier«, murmelte sie dann. + +»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen fliegen +schon. Nur die Sterne sind zu blaß. Man sollte nicht an Orten wohnen, +wo die Sterne so blaß sind im Mai.« + +Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von meinem Platz aus kann +ich die Sterne nicht sehen«, sagte sie. + +»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem Atem. + +Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner Rede. Zu dieser +Stunde schlief sie an andern Tagen längst, und ihre Lider wurden +schwer. Plötzlich fragte sie mit innigem Klang in der Stimme: »Denken +Sie auch manchmal an Manfred, Erwin?« + +»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« fragte Erwin langsam +dagegen, und er griff mit der Hand nach einer Rebe, die er abriß. »Ich +denke immer an Manfred, immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht an +Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, bei Nacht, indem +ich in die Kissen beiße. An wen könnt ich sonst denken als an Manfred? +an wen mit gleichem Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred, +den Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor mir kam?« + +»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos und sehr bestürzt. + +Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war sicher, daß Virginia +die Frage wiederholen würde. So geschah es auch. + +»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine Stimme war dumpf +und ingrimmig. »Dürft ich denn reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am +Ende. Gehn wir lieber ins Haus zurück.« + +Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia in ihrem blinden +Schrecken bestärkt wurde. »Ist denn etwas mit Manfred passiert, etwas, +was ich nicht weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen +Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.« + +»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von Erwins Lippen. »Ruhig +Blut, Virginia. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß er der starke +Felsen ist, an dem mein Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich +denn sprechen soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich +macht, und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die Sterne so +blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie die Krankheit über den +Lebenslustigen; dabei weiß ich nicht, wie arm, wie reich, wie elend, +wie beschenkt ich mich dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt. +Ich habe nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur wie +Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder wie Stunden, in denen +man sich verliert, um sich noch wissender zu besitzen. Daß ich mich +unwissend ins Hoffnungslose verlieren könnte, habe ich nie für möglich +gehalten. Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich waren für die +Dauer eines Sommers, waren mir nur Gespielinnen. Sie rührten mich, +sie erregten mich, sie verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie +wappneten mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte nicht +an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen Sie die Ohren mit +den Fingern. Lassen Sie mich reden, wie jene Figur im Märchen von der +Gänsemagd redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was ihr +widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt es in dem Märchen. +O Herz, das du hangest, muß ich klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin +unterminiert. Es ist etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in +einem Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, daß +ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, mit meinem Gehaben das +Mitleid eines Schlächtergesellen auf mich ziehen würde. Denken Sie es +ungesagt, Virginia. Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, und +Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen können. Genug jetzt. +Genug.« + +Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und blieb unbeweglich +sitzen. + +Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage aufgerichtet. Ihr +Gesicht war weiß geworden und brannte aus dem Zwielicht weiß heraus wie +das Innere einer Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange +und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde der Trauer, +der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar wurde ihr Herz kleiner, +und alles, was dieser Mann da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie +berührte, so menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes +für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter Schauer flog +über ihre fast unbeschützte Brust, und sie erhob sich. + +Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin stand lautlos +auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen es vergessen«, flüsterte er +ihr mit erstickter Stimme zu. + +»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, »ach, Erwin.« Sonst +nichts. Aber diese beiden Worte, einfach wiederholt, rissen Erwin hin +wie eine nie vernommene Musik, und er glaubte das Unmögliche noch +in derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt von diesem +Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren Schleiern kühlen Wesen des +Mädchens, dessen Wert er spürte, wie ein Luftschiffer den Azur spürt, +in dem er schwimmt, stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund +kamen gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. War +es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch ein Ungemeines darin +verborgen sein, Instinkt und Glut. + +»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia. + +Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er richtete sich empor. +»Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia und blickte auf seine Knie. + +Er gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie von der Seite her +zur Terrasse zurückbrachte. Virginia war froh, als sie wieder Leute sah +und niemand sie fragend anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag +des Wagens. Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie +zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr nicht möglich. Doch +da er die Hand noch immer ausgestreckt hielt, fand sie es am besten, +ihm zu willfahren; verwirrt und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in +seine Hand, aber er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine +freche Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als die +vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch der Finger, deren +Berührung eine Siegeshoffnung war. + +Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die Welt erschien ihr +schwarz und öde. Die raschen Hufschläge der Pferde erinnerten sie +an das Pochen ihres Herzens, und sie legte beschwichtigend die Hand +auf die Brust. Da berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!« +rief sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, wandte +sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr war zumute gewesen, als +müsse sie auf der Stelle umkehren. Doch wie, mit welchen Worten, mit +welchem Gesicht sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner +Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des Leichtsinns, +des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie betrogen worden war. Stumm +und ratlos blickte sie vor sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den +Gedanken kaum ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag +anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter zu fahren, und +dieser gehorchte kopfschüttelnd. + +Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin ins Haus +zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener löschten die Lampen +aus und räumten die Tische ab. Eine Gesellschaft von zehn oder zwölf +Personen befand sich im Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische +Lieder sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem +Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen Leute waren durstig und +fühlten sich ein wenig geistlos. Erwin erfüllte sie mit neuem Leben; +nach kurzer Zeit hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die +Schläfrigen; ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der drohenden +Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter Abend langweilig endet, war er +langweilig,« sagte Erwin, »wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.« +Zum Schluß wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein etwas +beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, trieb durch ihre +transzendente Plumpheit das Vergnügen auf den Gipfel. + + + + +Zwischenspiele + + +Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel einen Brief Erwins, +der folgenden Wortlaut hatte: + +»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen der Trunkenbolde +nachahme, die in der Nüchternheit bejammern, was sie im Rausch +verbrochen haben. Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit +anklagen werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder betrunken, +noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig genug, um die +Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht als reuiger Sünder vor +Sie hin. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu +beschönigen habe ich nichts. + +Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht leugnen. Vielleicht +wäre sie zu umgehen gewesen durch List; vielleicht durch einen Aufwand +von Heroismus, dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft +erwehren, mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden, ist +darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher +Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist, gewiß keine +angenehmere Lage schafft. Ich entstamme einer Generation, die die +Ökonomie der Leidenschaften gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht +zu verschwenden, mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und +Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade dann in die +Kandare der praktischen Vernunft zu beißen, wenn das unpraktische +Gefühl unsere Bequemlichkeit und unsern Vorteil bedroht. Es wäre +bequemer und vorteilhafter für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine +Sache hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende. + +Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund vergangen zu haben. +Aber mußte ich nicht die Maske eines brüderlichen Beschützers in +der Stunde von mir werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe +keinen Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe keine +Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts vergeben, ich habe die +Ihrige nicht angetastet. Manfred ist in meinen Augen noch gewachsen, +denn ich bin ihm eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres +Herz appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis +über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln der Konvention +verringert werden kann. Zwischen mir und Manfred steht kein tyrannisch +trennendes Entweder-Oder, sondern die versöhnende Erkenntnis, welche +Kameraden erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal ungleich +begünstigt werden. + +Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia, haben mir +meine Träume ein Ideal zugeschworen, gleichwie Kindheitsgedanken eine +unerhörte Erfüllung ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses +Ideal vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu vergessen, +wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit ist die Ursache, daß +ich mich einer Rücksicht entledigte, an die im gewöhnlichen Verlauf +der Dinge Mann gegen Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch +des Anrechts auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen, so sei +es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können. Die Zukunft wird +es lehren. Aber desungeachtet gibt es in meinem Innern ein nicht +niederschmetterndes Gesetz: Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit +anzubeten ist kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße +die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein und nur +für sich allein? Dagegen bäumt sich mein Herz, mein Glaube, mein +Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden, +und die Qual macht mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann +nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört ist? + +Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen Tibetreisenden von den +Wundern des Dalai-Lama. Denn ich habe gerungen um diese Schönheit, ich +habe sie entdeckt, ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich +und nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie von fern, +wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter Verse spüren, sie sind wie +Sonntagsgäste vor einer zauberhaften Statue, und ihre Bewunderung ist +so verständnislos wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor +ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen, begriffen +in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie mir erweckt, wurzelt in der +Sehnsucht, also im edelsten Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie +rührt das Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich +daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich ein Lebensziel +haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen Erfüllung nicht ein +finsteres Geschick zu scheitern bestimmt hätte. Beschließen Sie! +Richten Sie! Ich beuge mich. Erwin.« + +Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer Schürzentasche +herumgetragen, bevor sie sich überhaupt entschlossen hatte, ihn zu +öffnen. Beim Anblick der kühnen und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie +das Blatt wieder sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den +erhobenen Arm sinken läßt. + +Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar gerüstet +steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte Bahnen. Da Virginia +von den Mitteln des Stils nur eine geringe Vorstellung hatte, +folgte dem ersten Widerwillen und der eisigen Befremdung über die +leidenschaftliche Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme. +Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine ihrer +Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen zugehört, +niemals ohne Schrecken. Dieser Schrecken trat jetzt an die Stelle +des lästigen Verdrusses, den Virginia stets empfand, wenn man ihre +Schönheit hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die sie +im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund und Hand, ohne +mehr davon zu genießen als ein flüchtiges Wohlgefühl vorm Spiegel oder +im Blick des sympathischen Beschauers. + +Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder, legte ihn wieder +beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des Anrechts auf einen Freund +verlustig gehen, so sei es. Da ward ihr die unendliche Verehrung +und Liebe gegenwärtig, die Manfred an Erwin band. Sie konnte es +vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie würde verwinden +können. + +Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte mich meinem +Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen, daß Manfred den Freund +verlor, der ihm so teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der +Geliebten. Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn sie, wenn ihre +Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war, daß Erwin den Freund vergaß, so +war sie doppelt zur Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred +um den Freund zu kämpfen. Das stand fest. + +Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute gewesen. Bei +seinen verwegensten Worten war ihr zumute gewesen, als ob sie sterben +müßte, falls es kein anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch +ihre nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der Manfred +drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine eigentümliche +Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen ist, zu handeln, wird +davon noch kräftiger befeuert als ein Mann. + +Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen und schrieb: »Sie +kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie mich gekannt, lieber hätten +Sie sich die Zunge abgebissen, als daß Sie davon gesprochen hätten. +Nun wäre das Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das +Geschehene ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben, die +Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden. Das liegt in meiner +Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will, dann gibt es keinen Erwin Reiner +mehr für mich. Doch Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit +Schmach bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut! +Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der Freundschaft +Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie das Häßliche; Sie haben ja +Gewalt über sich, treiben Sie es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und +meinetwillen.« + +So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte kamen ihr schal +vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln über ihnen schweben. Sie sagte +sich, daß es feig sei zu schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die +Perlenkette kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung +bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr, die sie in seinem +Gemüt hervorzubringen beabsichtigte, erschwert oder vereitelt worden. +Demzufolge mußte sie selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen, +konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens ein paar +tausend Kronen wert war, nicht noch stundenlang im Hause behalten. + +Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte, kam die Mutter +und sah das Perlenhalsband auf dem Tisch liegen. »Was ist das? woher +hast du das?« fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken +darüber, daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor +der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen? »Erwin hat es mir +geschenkt,« antwortete sie zögernd, »ich muß es ihm aber wiedergeben.« +– »Geschenkt? Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das +Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat er dir geschenkt? +Und du willst es zurückgeben? Warum?« Auf ihren Zügen malte sich ein +förmlicher Krieg der angenehmsten und der argwöhnischesten Gedanken. + +»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete Virginia mit +gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse da, und ... ich +kann es nicht behalten.« + +»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner. + +»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir helfen. Ich hab’ einen +schlechten Kopf.« + +»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau mich nicht so mißtrauisch +an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.« + +»Aber was willst du damit?« + +»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten. Er ist gar zu +wunderbar.« + +Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so begab sich Frau +Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler, den sie seit +ihrer Jugend kannte, und erkundigte sich bei ihm nach dem Wert +des Halsbandes. Um die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu +befriedigen, erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei, +das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der Händler prüfte, +zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten Ranges, sagte er, die +seien in solcher Menge kaum erschwinglich, aber als er den ungefähren +Preis nannte, der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen +übersteigen mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines großen +Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen stehenbleiben konnte. +Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie mit Schwindelanfällen, und ihre +Gedanken an Virginia, an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in +Bestürzung und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie seit Monaten +lüstern gespielt. + +Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia gegenüber den +Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie war verstört und konnte bei Tisch +nichts essen. Schweigend gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia +war innerlich selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter +aufgefallen wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um zu Erwin +herauszufahren. Das Halsband packte sie in Seidenpapier und steckte es +in das Ledertäschchen, das sie trug. Ihre Bewegungen waren energisch +und ihre Mienen gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich +immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen Angst. + +»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel. + +Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie einen solchen +Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben Antrieb unternehmen +würde. Der scharfsinnige Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier +um eine Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte, +der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde da sein, bat die +Zögernde, im Salon zu warten, rückte einen Sessel vor die Terrasse, +brachte ein paar Zeitschriften herbei, und all das ließ sich Virginia +still und ein bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war, +blickte sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein matter +Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es war ihr, als müsse sie +sich abwenden von dem Prunk des Gemachs, der ihr heute tot erschien wie +ein Kleid im Schaufenster eines Modengeschäfts. + +Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert, und fünf Minuten +später raste das Elektromobil vom Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf. +Erwin wurde von Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der +sich verdient gemacht hat. _Avant le souper_, dachte Wichtel, der eine +französische Bildung genossen hatte, als er die Erregung in den Zügen +seines Herrn gewahrte. + +Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun von seinen Mienen, +war der Zweck eines kurzen Verweilens in der Bibliothek. Ich habe sie +richtig eingeschätzt, dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis, +aber es ist gelungen. + +Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand auf. Seine Blicke +umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende Beteuerung und +musterten sogar ihren Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug +ein dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache, weiße, +von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse, ferner einen schwarzen, +großen, runden Strohhut mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen +Gesicht sommerliche Helligkeit verlieh. + +Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Sie gingen +hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte, schloß Erwin die beiden +hochgewölbten Fenster. + +Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort ein nicht wieder +gut zu machender Fehler werden konnte. Er war noch nicht ganz im klaren +darüber, weshalb Virginia gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund +erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich weit von ihr +und betonte so einen Willen zur Distanz, der ihr eine gewisse Freiheit +geben sollte. Sie kämpfte sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er +lenkte sie ab, ließ aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von +seiner Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem ungesunden +Servilismus einer Welt, die bereit gewesen, ihm zu dienen, noch ehe er +Zeit gehabt, ihre Dienste zu bewerten. Er habe niemals erworben, er +habe stets nur besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und +nicht genossen worden. + +An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg zu ihr war. Mit +erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte er es fertig, ihr alles das zu +sagen, was sie ihrerseits ihm vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias +Augen glänzten. Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an. +Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten ihrer Stirn +ihm die Richtung gewiesen, ahnte sie nicht, sondern glaubte an eine +ebenso glückliche wie beglückende Bekehrung. + +Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete, daß ihn das +Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter in seiner Seele. Und +nicht nur dies: so wie vorher Virginias Nähe ihn entflammt, so würde +ihr Anblick jetzt genügen, ihn vor den Flammen zu schützen, denn +er habe den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei seiner +Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige Kälte der +Verehrung, die jede Rebellion und Begierde erstickt«, sagte er. »Und +Sie haben sich nicht nur selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es +ist in mir eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben +hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen schweigen gegen +ihn, aber das Schweigen müssen wir aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir +vertraut, eine Großmut, die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz; +ich will Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter, +reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte, sondern schon +Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut und nährt. Ich möchte +Sie aus schädlichen Dämmerungen reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse +und Einsicht der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen +aufschließen, als ob es Türen in meinem Haus wären, ich möchte Ihnen +die Beunruhigungen ersparen, von denen jede eine Falle und eine Gefahr +für Ihre Schönheit bedeuten kann, ich will mich Ihnen weihen und will +entsagen und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres Schicksals, +und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor seiner Virginia erst +niederfallen, bevor er sie als eine begrüßt, die ihm entgegengelebt +hat.« + +Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden Worten solche +Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich der hinreißenden Wirkung +nicht einen Augenblick entziehen konnte. Man wollte sie bilden und +verschönen, das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred +in keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr, zu drohend +alles Leben, als daß sie wie andre schöne Frauen mit der Grazie +des Leichtsinns hätte hindurchschreiten können. Sie nahm von den +herrlichen Versprechungen auf, was sie zu fassen vermochte, und war +froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr hatte. Sie horchte, +wachte, entspannte ihren Geist, wobei ihr freilich dieser Mann immer +wunderbarer wurde und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres +Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ. + +Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel unbefangener sogar, +als sie sich ihm je gezeigt. Und das war das Meisterstück gewesen. Als +ihm Virginia mit Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband +übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen Position +sogleich zu erproben. Er wickelte das Paket auf, ließ die Perlen +fallen, bis die Kette nur noch am Mittelfinger hing, und blickte +Virginia enttäuscht an. + +»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von mir genommen hätten, +würden Sie sie mir gerade in dieser Stunde auch nicht vor die Füße +werfen«, sagte er mit umdunkelter Stirn. + +»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief. + +»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige und +unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal, Virginia! Sie heiligt +einen Freundschaftsbund. Lassen Sie mich wenigstens daran glauben. Wir +binden uns mit der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen +beim ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen. Die +schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt, werden flehend am +Boden rollen, und jede bedeutet ein verlorenes Glück.« + +Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr an, daß sie sich +nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete sie schweigend, voll von +einer Güte im Ausdruck, einer leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid +wachrief, dann legte er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab. + +»Was hab’ ich getan!« murmelte er. + +»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte Virginia endlich +schwankend und in dem Drang, ihn durch Nachgiebigkeit aufzurichten, +»ich könnte sie niemals tragen.« + +»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie später anders +darüber denken werden.« + +»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie wünschen. Die Sitte +ist mächtiger als Sie und ich, und wenn auch Manfred jetzt seine +Zustimmung gibt, so weiß er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn +der Anblick der Perlen bringen könnte.« + +Erwin verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So behalten Sie das +Geschmeide als Pfand«, schlug er vor; »ich verpfände es gegen mein +Wohlverhalten, meine Ehrerbietung, mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe +meines Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?« + +Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der überzeugenden +Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen. Trotzdem hatte sie nicht +das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, als sie sich von Erwin +verabschiedete. Am selben Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie +erklärte, was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen. +Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte sie die Gabe im stillen +hingenommen, aber in der Schilderung war alles von Zweifeln umwölkt, +und sie schuldigte sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien +ihr die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender Umstand. +Brisbane in Australien; es war, wie wenn man einen Brief in den Mond +schickte. Bis Manfred ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle +Verwirrungen gewiß schon zur Ordnung gediehen. + +Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter zugefallenen Schatz +das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias Rückkehr hatte sie sich +natürlich erkundigt, was mit den Perlen geschehen sei, und als Virginia +die Kette mit einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, – +denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte die alte +Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia auszuforschen, ob sie eine +Ahnung von dem ungeheuern Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares +Geschenk als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr wider die +Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie hoffte; sie bangte; sie +war erregt und schweigsam; sie behandelte Virginia mit einer Vorsicht, +die diese bedenklich hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst +sich gewöhnt hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf kernloser +Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches Betragen gegen +Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie. + +Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er kam spät nachmittags +und blieb bis in die Nacht. Er war jedenfalls mit sich einig darüber, +daß er nun etwas wie eine methodische Belagerung durchführte. Aber +unterschied er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der Mann +danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen zu erliegen, in +zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert durch ein Lockbild von Glück +und Verderben. Ihm war, als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die +Form vom Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war; ob +er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine tiefste Begierde. +In diesem Werk, in dem alles schlecht, wild und verbrecherisch war, +schien er seine Vollendung zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der +Morbiden, der Eroberer und der großen Instinktiven. + +Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen war die zuckende +Sammlung, die Menschen eigen ist, welche auf einem vorgeschobenen +Posten gefahrvolle Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes +waren markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch packender, +der Mund fester geschlossen, die Haut etwas fahler, Schultern und Hände +etwas ruhiger als sonst. + +Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie zeigte sich nun +in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und Schwierigkeit. Das Pulver in den +unterhöhlten Gängen hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer +Explosivstoffe bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der Posten +umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn. Die Nachbarn steckten +die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt kommt der Herr Kavalier schon jeden +Tag«, sagten sie und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten +Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten eine +Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter eines Postvorstands, +und was sonst noch in die Höfe und auf die weiße Wendelstiege kam an +Bedienerinnen, Waschfrauen, Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und +was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen pflog, das +alles schnüffelte und raunte. Hätten sie nur etwas Sicheres gewußt! +Gern verzeiht der Nachbar, wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber +nichts weiß, wird er zum Torquemada. + +Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn vor Erwin zur +Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den Rat gegeben, diese Winkelzuflucht +zu verlassen«, sagte Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom +Schleim verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner +starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete sie; +»verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir bevorsteht.« Erwin schwieg, +doch auf seiner Stirn zeigten sich die ersten Drohungen einer kommenden +Alleinherrschaft. + +Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm« zu stimmen. Er +hatte da einen Ton von frostiger Majestät, der eine ganze Stadt von +Schwätzern und Übelrednern zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger +majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch über der Plebs +ausdrückte. + +Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt, wo auch immer +Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht der Schatten eines Makels +auf sie fiel; und diese wirkliche Welt verschmähte doch ebenso wenig +den Klatsch und Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und +am Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben. Sie hätte +die schlimme Nachrede untrüglich empfunden, ein einziger Blick der +Bezichtigung hätte sie für alle Zeit verscheucht. Aber man wußte, +daß sie Braut war; man hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen +Meeren weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners, und was +diese poetische Kunde, was die Patronanz einer Dame, wie es Frau von +Resowsky war, nicht vermocht hätte, brachte Virginias Gestalt und +Wesen zustande, ihr reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über +ihr schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte sie, man +umschwärmte sie, und einige Komtessen eigneten sich sogar ihre Art +zu lächeln an oder beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die +kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna Schörk nachahmten. + +An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia zu +befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft sein Blick auf +ihr ruhte, prüfend oder träumend, zuckte sie zusammen, als ob man sie +angetastet hätte. Mit Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm +fesseln ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt +war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt zu haben. +Er bat demütig um Verzeihung, doch heimlich beglückten ihn ihre +Vorwürfe, die halb neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch +verrieten. Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir vielleicht +zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu mühelos erscheinen; +es geht mir wie einem, der beständig durch Pauspapier zeichnet. Sie +gab ihm das zu verstehen, aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum, +der mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit vielen +Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die gewußte Last.« + +Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung bieten wollte, +führte er sie an einem historischen Tag, an dem dreimalhunderttausend +Arbeiter vor dem Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden +hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte, der geordneten +Kolonnen, die von unten her kamen, von dort, wo das Schicksal seine +Gesänge heult. Erwin lenkte den Blick seiner Begleiterin auf einzelne +Gesichter. Er wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre +Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen. Während er +sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges Weib in +epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin sprang hinzu, hielt die Arme der +Schreienden fest und trieb müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus +den Kolonnen schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten +sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin wieder an Virginias +Seite war, sagte er: »Es war eine Prostituierte.« + +»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise. + +»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte er mit +verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie verdorrte Wurzeln und Augen wie +entsäftete Früchte. Es ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht, +ein Leib, der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost +gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht spüren? Meine +Ohren sind voll davon, und mich verlangt nach Freude, damit ich +vergessen kann.« + +Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er stehen, schaute +das junge Mädchen groß und tief an und sagte mit Inbrunst: »Ihr +Glücklichen! Glückliche Virginia!« + +Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich; bis zu diesem +Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich gefunden. Aber daß er +es war, der ihr das Glück zuschrieb, schien ihr keine Vermehrung des +Glückes zu sein. Klang es nicht, als wolle er seinen Anteil daran +haben, als sei er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die +empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen und wurde um Dank +immer verlegener. + +Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals zum Ausruhen +gelangen. Seine heimlichen Gedanken zu durchschauen, wenn er spottete, +oder wenn er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein +quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt, daß er mit +keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die sie häßlich und verräterisch +nannte, glaubte sie ihn durch Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft +belohnen zu müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte hatten +oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich zu ergründen suchte. + +Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum Haus gehört und vieles +von der Stimmung des Hauses bringt und nimmt. Er würde es nie werden. +Er war der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt, der +befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert, indem er sich +gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer Festlichkeit; seine +Gegenwart erweckte Neugierde, und er verabschiedete sich, wenn die +Erwartung ihren Höhepunkt erreicht hatte. + +Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen auf einmal so seltsam +wurden! Man wähnte, Blumen noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie +in seinem Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu einem +Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder die Wünsche gewisser +Stunden ausdrückte, einsamer Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden, +tatkräftiger Stunden. + +Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn, der in seiner +Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt freudiger. Er lehrte sie die Blumen +kennen; nicht nur dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht +so groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen, dem Charakter +nach. Er erkannte die Blumen am Geruch mit geschlossenen Augen; er +sprach von ihren geistigen und sinnlichen Neigungen. Einige Blumen +erweckten die Sinnlichkeit der Menschen, andere töteten sie, wie z. +B. die Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht, +bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und deutete das +Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom befruchtenden Wind und vom +samentragenden Insekt. + +Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er es war. Es wäre +interessant und lehrreich gewesen, aber nicht so eigen. Ohne Zweifel +wußte er, daß das Liebesleben der Pflanzen zu den geheimnisvoll +aufschürenden Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend, +daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen werden muß. + +Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen empor. Virginia +erinnerte sich nicht, solche Worte je vernommen zu haben. Es geschah +einmal, daß sie aufstand, als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein +Nebel schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger Sekunden der +Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl, beleidigt worden zu sein. In +ihren Zügen erwachte eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war, +ärgerte sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen wie +ein Spuk. + +Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen. Frau Geßner schlief +gewöhnlich nach einer Viertelstunde ein. Virginia lauschte gern +seiner wohltönenden Stimme. Er las Dante und Shelley in bedeutenden +Bruchstücken; er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa +von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien. Im glättenden +Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne vorsichtig an die Gesetze +der Lebenskunst und der Persönlichkeit. + +Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios schimmernden Geschichten. +Da Virginia leidlich gut italienisch verstand – die bucklige Großtante, +die am großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet +–, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms schwelgerisch feiernd. +Der Titel, den er vorstellte, hieß: Die Freude. Triumph über die +Materie war das Motto; oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar +zu bedenkliche Stellen milderte er geschickt, und die bunten Figuren +tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig verblaßt war, durch das +aber wundersame Irrlichter huschten, die in den Träumen junger Mädchen +nicht viel anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge. + +Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt mit einer fast +gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich sie zurück. Doch er +hatte dann einen herrischen Ernst, der die Abwehr als beschränkt +erscheinen ließ. =Ihre= unschuldige Sachlichkeit hingegen reizte ihn +bisweilen zur Frivolität, ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich. + +Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd in der Sofaecke, +und Erwin und Virginia bei der Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz +voll Frage und Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam, +überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel der Sinnlichkeit +durch die Zeiten, von der edlen Kultur der Sinnlichkeit, von der +Hingabe, von der Großmut, die in freier Hingabe liegt. Er hatte viele +Wege offen und verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie +ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine Scham erwachte, +sie senkte die Augen vor seinem Blick, er bekämpfte den fernen Aufruhr +der Scham und schürte dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz +verborgene Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung für sie, +moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte gegen gewisse Freiheiten der +Rede und der Schilderung kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre +Brust war von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so ungeheuer +fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele niemals erkennen +konnte. Ungenau spürte sie das Rechte, war lustvoll und verwirrt, +schweigsam und gern getäuscht. + +Aber vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen, daß er, was +wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft machte. Sie sah sich nach +Hilfsmitteln um, wenn er sie in die Enge trieb. Sie konnte nicht +zurückweichen, dann wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig +gehalten zu werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und +Bestimmtheit ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie viele +Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern würde, daß +von Überlistung keine Rede mehr sein könne. Da verdoppelte sich seine +Kraft und sein Schwung, und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand +unausweichlicher die magnetische Gewalt seiner Gegenwart. + +Er wünschte aus ihr etwas wie eine _grande dame_ zu machen. Er +behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte den Ausdruck _grande +dame_ und bezeichnete ihn als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus, +wurde aber stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik +herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme ohne jede +Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich, doch müsse sie den +Kopf nicht allzu lässig tragen, meinte er, dadurch beeinträchtige +sie die vollkommene Linie des Halses und der Büste, verberge sie das +liebliche Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet +seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie förmlich mit Händen +anrührten, erschrak Virginia, und daß sie ihr nicht die Unbefangenheit +raubten, war ein Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche +Eitelkeit fremd war. + +Er entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders prächtiges und +kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich Liebenbergschen +Park bestimmt war. Er wählte ihre Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der +Blusen, den Schnitt der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit +immer bedrückterem Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem +entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er brachte ihr die +auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn sie in seinem Beisein +daran roch, kam es über sie wie ein matter, aber gefährlicher Rausch. +Endlich überredete er sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin +in Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen fünfhundert +Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch den Dilettantinnen von +Bedeutung, die nur nach außen wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem +von großer Wichtigkeit für eine Frau, die es versteht, einer leblosen +Minute durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.« + +Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und ließ ihn in die +Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte, das Instrument sei sein Eigentum +und bleibe es. Dagegen ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als +Frau Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik hören zu +können. + +Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag seine letzten +Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe stille lagen und über ihre +Mauerngevierte der Mond heraufstieg oder die Sterne dunstumschleiert +sich entzündeten, setzte er sich an den Flügel und spielte. Es +waren Fantasien. Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild, +melancholisch, voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt in +klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen. Da er immer +weniger von sich selber sprach, nahm er seine Zuflucht zur Sprache der +Musik, die von seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung, +von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne, seufzte und ließ +die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn er so saß, den Kopf emporgewandt, +war etwas edel Vertieftes an ihm, und sein schlanker Körper ruhte +ebenmäßig in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen. Dann +erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn war gerunzelt, sie +ärgerte sich über die Mutter, die oft Tränen in den Augen hatte, aber +ihr Bestreben, sich der eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward +desungeachtet offenbar. + +»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und schlug den Deckel +des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen; Teufelszeug ist es. Sie +müssen unter die Menschen, vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen +Sie werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er erzählte eine +lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse, und plötzlich war +sein Gedächtnis angefüllt mit pikanten Histörchen, heiteren Schwänken +und den Alkovengeheimnissen aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen +Stadt. + +Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf, war es, als ob ihre +Anwesenheit allein genüge, ihn zum Mittelpunkt zu machen. Und wenn +er den Vornehmsten, den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja +oft sarkastisches Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er stets +den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie in den Augen +aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung, ließ ihr jeden Argwohn +als Undank erscheinen, und allmählich empfand sie seine Hilfe, seine +Führung als etwas Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine +Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche Weise, +und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender Klatsch ihr zu Ohren +gelangte. + +Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit Wochen nicht +gesehen hatte und die gerade Anstalten traf, für den Sommer nach Tirol +zu reisen. Marianne lenkte alsbald, wie es in ihrer Absicht lag, +das Gespräch auf Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht +glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber da Virginias +Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme nicht verließen, erging +sie sich in grober Deutlichkeit und sagte, es würde sie wundern, +wenn die Geschichte nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein +schlechtes Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie +hinzu, »mit Männern und mit Weibern.« + +»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia erstaunt. + +»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer. Ich, die +einzige, die ihn kennt.« + +»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.« + +Marianne lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes Buch. Mag sein, +aber wer eine Seite in diesem Buch liest, hat keine Ahnung davon, was +auf allen andern Seiten steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie +nach einer kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem +ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen Begriff +von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles nur eine Frage des +Widerstands. Sie machen Epoche in seinem Leben, so wie ein Fasttag im +Leben eines Fressers Epoche macht.« + +Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne sie zu +verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes an, der +geschwungene Mund dehnte sich, sie fühlte ihre Pulse rascher schlagen. +Marianne bot ihr die Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht +weil es sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war. +Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche Empfindung; +ihr war, als beginne sie Erwin zu hassen. Sie kannte noch nicht den +Haß, sie sträubte sich gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen. + +Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner ab, um mit ihnen in +die Oper zu fahren. Es war sehr heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau +Geßner Kopfschmerz und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der +Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und Dunst zitternden +Raum, da sah sie zwei Augen strahlend und mit fast verschlingendem +Ausdruck ununterbrochen auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen, +die mit einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß. Erwin +stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach kurzer Weile erblickte +ihn Virginia neben Helene. Er unterhielt sich sehr angelegentlich mit +ihr, und sein Gesicht hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten +Ausdruck. Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen, +neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet, aber ihre Augen +strahlten dann und wann mit demselben verschlingenden Glanz zu Virginia +hinüber, die ein solches Unbehagen verspürte, daß es sie die größte +Überwindung kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte, +daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren, die sich dann in die +Richtung wandten, wo Erwin sich mit jener Frau befand. + +Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und sagte kurz: +»Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du willst fort? Warum denn?« fragte +Frau Geßner, erschrocken über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber +diese hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb die Mutter, +welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia in solchen Momenten durch +Frage und Widerpart zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein +Gespräch fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen Wechsels +seiner Stimmung nicht versehen hatte, war einer Ohnmacht nahe. Aber +als sie die andere nicht mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles, +auch Erwins bestrickendes Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten +einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte sie nicht, obwohl +es furchtbar in ihr zu tagen anfing. + +Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit ihrer Mutter +das Theater verlassen hatte, schmunzelte er. Nachdem der Vorhang +aufgegangen war, schlüpfte er in seinen Mantel, setzte den Zylinder +auf, schob den Stock unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend +und leise vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große +Freitreppe des Opernhauses hinab. + +Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen Bahn, so fuhr +es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes willen, was hab’ ich da +getan! Wie es bei phantasievollen Menschen zu gehen pflegt, wenn der +Impuls zu einer falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles +Mögliche geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Aber es +gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings einem ebenso +falschem Impuls gehorchte, ich werde sagen, daß ich die Mutter zum +Wagen begleitet hätte; er wird es sonderbar finden, aber er wird nichts +merken. »Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht, +frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte und +verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu Haus werd’ ich dir alles +erklären.« Und bei der nächsten Haltestelle verließ sie den Wagen. + +Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum habe ich es getan? +grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens. Und sie spürte genau, als +ob eine Wunde in ihr sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs. + +Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei einer +Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn auf der Straße zu +treffen, blieb sie unwillkürlich stehen. Erwin wandte sich um. +»Virginia!« rief er freudig. Dann schüttelte er verwundert den Kopf. +»Ich wußte, daß Sie zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte +ihr mit langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte +Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten. + +Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte Erklärung kam ihr +langweilig und albern vor. Mechanisch steckte sie ihre Nase in die +Blumen. »Bitte, begleiten Sie mich zu einem Einspänner«, sagte sie +gepreßt. – »Wollen Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie +verneinte. »Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen zu +verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend fort. Virginia atmete +auf. Sie nickte. »Ich habe jetzt die Lust verloren«, antwortete sie; +»auch ist es zu schwül im Theater.« + +Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem Kutscher die +Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden. Daß er Virginia +zu dieser Stunde allein fahren ließ, war fast eine Genialität. Er +konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als sie ihm mit froher +Bewegung die Hand reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu +knacken«, murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich rasch +entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen, und seine Stimmung +verfinsterte sich. + +Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete die Rosen. Sie +empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte plötzlich und warf +die Blumen auf die Straße. Als sie vor dem Hause stand und läutete, +kam eben die Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie beide +lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«, sagte Virginia +verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag nicht.« Und Frau Geßner fragte +nicht, sie seufzte bloß. + +Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten Schlafrock an und +ging eine Weile im Zimmer hin und her. Dann holte sie Schreibmappe und +Tintenfaß, setzte sich an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer +Hand wie sonst, einen Brief an Manfred. + +»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit bist, so nah +bist du heut meinen Gedanken. Ich könnte beten, daß die Zeit schneller +läuft. Ich war nie so ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die +Stadt hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald und +Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche nach Edlitz fahren, +wo es uns auch vor zwei Jahren so gut gefallen hat. Wir werden wieder +dasselbe kleine Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten, +wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von den vielen +Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut, auf dem Moos zu liegen +und zu denken, an dich zu denken! Ich möchte so lang wie möglich dort +bleiben, und wenn wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben +angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin Liebenberg, da geh’ +ich noch hin, weil ich’s versprochen habe, aber dann ist Schluß mit +allen Gesellschaften und Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn +jede Woche ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend über +die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar darüber zu sein, womit +man ein solches Übergreifen vor sich und andern rechtfertigen soll. Ich +bin fest entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins +Redlichkeit nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in der +Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu viele Pflichten, +zu viele Bedenken erwachsen mir daraus, zu viel unreines Gefühl, das +man dann wieder betäuben muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit +beschränken. Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles +mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich glaube, auch dir +wird es im Grunde lieber sein, wenn du deinem Freund nicht auf eine +Weise verpflichtet bist, die mir drückend erscheint. Erwin wird das +einsehen; er hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute +klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken, wenn +sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst kann ich nicht klagen ...« + +Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte sie sich. Nein, +sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene überlas, war es ihr, +als ob in all ihren Worten eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte +sie schreiben müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du kannst! +Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie saß noch lange, den Kopf +in die Hand gestützt, und bisweilen flog es wie Fieber durch ihren +Körper. + + + + +Ein anderes Gesicht + + +Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn Virginia erwartete. +Das Fest sollte um fünf Uhr beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß +vor dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt Erwin in der Küche +auf. »Machen Sie keine Umstände, Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und +schob die ängstliche Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann +jede Dame empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit, +und ich muß Virginia zur Eile treiben.« + +Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend die Tür geöffnet +hatte. Virginia, das Haupt in ihrem weißen Mantel gegen ihn kehrend, +sah ihn erschrocken an. Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine +gute Wendung. Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht in +ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten waren, die selbst +vor Manfred, obwohl er einmal herzlich darum gebeten, nie die Haare +gelöst, wollte die unerwünschte Gegenwart des Eindringlings nicht +willig hinnehmen. Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer zu gehen. + +Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen, sie davon abzuhalten. +Er drehte sein Unterfangen ins Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde +und streckte flehend die Arme aus, und was er sagte, war so witzig +und voll Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch Frau +Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit anderthalb Stunden +plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal hab’ ich ihr angeboten, eine +Friseurin zu holen, aber das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden +Hände an mir vertragen«, gab Virginia nervös zu. + +Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn Sie zehn Minuten +stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er, »werd’ ich Sie aus der +Verlegenheit befreien, und Sie werden eine mustergültige und stilgemäße +Haartracht haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr, +als ich leisten kann.« + +Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig. Sie fürchtete, +blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte. »Können Sie denn das? +Wieso denn?« erkundigte sie sich verwundert. Er zuckte die Achseln. +»Nie ist mir das Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und +schüttelte den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern +zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte sie lächelnd +hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s fertigbringen, probieren Sie +es meinetwegen.« Und befangen nahm sie Platz. + +Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen zu, als Erwin ans +Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet, und da er die Arbeit still, +flink und mit großer Behutsamkeit verrichtete, gewann Virginia ihre +Ruhe wieder, und sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit +gelangt sein mochte. + +Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht die prickelnde +Lust seiner Finger; von den seidenweichen Haaren sprangen elektrische +Funken auf seine Haut, die ihm die sinnliche Täuschung erweckten, +als stehe er unbekleidet unter einem lauen, rieselnden Wasserfall. +Verriet nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte Vehemenz +seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte, die Entzündung seines +Gehirns und seines Willens, die unheimliche, in allen Poren wühlende +Sucht seiner verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen +Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung, die jünglinghafte +Spannung des Gesichts ein edles Ansehen, und Virginia, die ihn so im +Spiegel gewahrte, dankte ihm durch einen ruhigen Blick. + +Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks, und eine Stunde +später setzte sich der Zug der historischen Gruppen in Bewegung. Man +sah Pagen und Ritter, Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner, +Ratsherren und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen Sanftmut verbürgt +war, erinnerte sich vor den Augen der vielen Zuschauer gleichwohl +an tänzerische Anfechtungen seiner Jugendzeit, und als die Reiterin +den Zügel riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch ihre +unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich aus, als zähme +ein kühnes Burgfräulein den stolzen Araberhengst. »Famos«, murmelten +die jungen Aristokraten. Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias +birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen Sammetkleid +nach Art einer Edeldame des sechzehnten Jahrhunderts und dem Hut mit +den funkelnd weißen Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen +einer Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin. + +Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von solchem Erfolg +nicht ein wenig trunken werden sollen? Als sie noch bei der Mutter +gelebt, unwissend; als nur Manfred allein, aus der unbekannten Welt +sich lösend, vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von +alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der dunkelblaue +Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren, oben werden sie erfüllt. + +Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt. Es war +kein steifes Wesen; die freie Mischung der Gesellschaft kam einer +reizenden Zwanglosigkeit zustatten. Virginia saß in einem Zirkel junger +Herren und Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil nahm. +Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging ihr entgegen. Erwin +erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig vor sich hin, plötzlich +tauchte Fritz Kynast vor ihm auf. »Haben Sie meine Schwester nicht +gesehen, Erwin?« fragte er. + +»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht, daß Frau Zurmühlen +hier ist«, versetzte Erwin kalt. + +»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte der junge Mann +in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie wissen ja, ich habe mich der +Pflicht unterzogen, sie bisweilen dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind +alle ein wenig besorgt um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den +Herbst nach Rimini ins Seebad schicken.« + +»Ah, nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut und +gleichgültig. + +»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu gehen?« fragte der +andere mit mühsamer Freundlichkeit und einem Zug in den Mundwinkeln, +der Drohungen zu enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas +davon verlauten lassen.« + +»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst davon abgekommen.« + +»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen bei den +Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt. Erst gestern hab’ +ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der Erwin nach Rimini geht, +unmöglich.« + +Die beiden Männer sahen einander schweigend an. Fritz Kynast lächelte, +Erwin erwiderte das Lächeln nicht. Er nickte jenem zu und entfernte +sich. Er gewahrte, daß die Fürstin von Virginia weggegangen war, und +schritt Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten dann +zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen hatte, befanden sie sich +in einer ziemlich einsamen Partie des Gartens. Es war ihr unbequem, +aber sie fand keinen Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren. +Auch hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab. + +»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.« + +Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig klang, verstärkte +den wunderlichen Trotz. Indem sie auf die Erde blickte, hatte sie das +Gefühl, als habe sie ganz vergessen, wie Erwin aussah. + +»Und Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts antwortete, fuhr +er fort, und seine Worte erschreckten sie, weil sie aus ihnen abermals +seine schier unbegreifliche Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen +und Absichten erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach +einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu Ihren Füßen +gelegen, und Sie denken an den Frieden eines Bauerndorfs. Sie wollen +die Welt, die sich zu Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen. +Das würde sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht +zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.« + +Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt. In dem +grünlichen Wasser schwammen Goldfische. Ringsum standen schöne, alte +Bäume. Von fernher tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit +niedergesenkten Augen. + +»Was? was ist lächerlich?« + +»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein Spion. Ich fürchte mich +beinah vor mir selbst. Bin ich denn durchsichtig?« + +»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie anzublicken, »ich +weiß Besseres.« + +Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen See hinein, +und in den See eine Insel, und auf die Insel ein Schloß, und um +das Schloß einen Palmenhain und Lorbeergärten, und an den Molo ein +bewimpeltes Boot, und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene +Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball und Gesang und +Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe die großen Städte der Lombardei, +und in Stundennähe die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht der +Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer. + +Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er? war es +Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß? wollte hinfahren? +jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit der Mutter im Schlosse hausen? +und er würde am Seegestade hausen, allein in einer Fischerhütte? + +Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich dann mit +übergeschlagenen Beinen auf den Rand des Bassins. Ihr Gesicht hatte +einen trocknen und ungeduldigen Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und +blickte auf ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die +weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so nah, daß er sich +nur wenig hätte neigen müssen, um seine Lippen darauf zu drücken. +Er spürte die Wärme ihres Leibes und vernahm das leise Knistern des +Gewands. Er sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand den +Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten Körpers selbst. Und +ihm war, als könne es von jetzt an nicht mehr anders sein; immer würde +er die weiße Schulter sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche +Wölbung ihres Busens. + +»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und eintönig; »schon seh’ +ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet. Virginia wird heiraten. +Virginia wird mit dem Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen +anknüpfen, Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll und Haben +führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei, drei ...« + +Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar mutig in +den seinen und sagte befehlend: »Genug.« + +Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann. »Genug?« fragte er mit +einem von Schmerz zusammengezogenen Gesicht. »Was für ein Wort: genug! +Ein Wort für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist ein +Sargdeckel.« + +»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte Virginia plötzlich +sanft und beängstigt. Und mit tiefer Entschiedenheit fügte sie hinzu: +»Für mich wäre es sonst wirklich genug.« + +Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen. + +»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia und schritt voran. +Erwin konnte seiner Erregung nicht anders Herr werden, als indem er +eine Zigarette anzündete; mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch +in die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine Stunde kommen? +dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo dieser Engel aus seinem Himmel +herunter in meine Arme stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem +Kampf ohne Gnade. + +Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine Frauengestalt auf +einen Weg zwischen den beschnittenen Hecken und schaute mit verstörten +Augen auf den vollen gelben Mond, der durch die Säulchen einer über +dem Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann schlug sie die +Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen. + +»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin; »es ist, als könnte +man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.« + +»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug, Mond, genug«, +erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas in seiner Stimme, was +Virginia einen Schauer über die Haut jagte. In wenigen Tagen hört das +alles auf, tröstete sie sich. + +»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu beklagen«, begann +Erwin wieder. »Wir müssen etwas für ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild +schicken. Ich werde Sie photographieren, so wie Sie hier sind.« + +»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert; »aber wo und wann?« + +»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den Wagen. Morgen geht +es nicht, abends hab’ ich ein kleines Herrendiner, nachmittags will ich +zu Ulrich Zimmermann; ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre, +daß er krank ist.« + +»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?« + +»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn er Sie sieht, wird er +sicher gesund. Vielleicht sind Sie sogar schuld an seiner Krankheit. +Sie haben ihn schlecht behandelt und zu schwer gestraft für eine +Unbesonnenheit.« + +»Wenn Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude macht, gern. Warum haben +Sie denn neulich so fremd von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr +ein, bei welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie haben +getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und ich habe mich darüber +geärgert.« – »Ich liebe es nicht, meine Beziehungen zu plakatieren.« +– »Man kann also jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man +verleugnet nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen sind, sind +Feinde, Erwin.« + +Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie mit diesen +Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise, selbst eine Grenze zöge. +Virginia begegnete seinem Blick, und auf einmal wurde sie dunkelrot. +Das Spiel wird ernst, dachte Erwin. + + * * * * * + +Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten Stock eines +alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden Hauses. Man mußte +zuerst den Hof durchschreiten und dann eine Holzgalerie erklimmen, +die in das Zimmer des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber +etwas armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche Sauberkeit +auszeichnete. An den Wänden hingen ein paar Originalskizzen von +mittelmäßigen Malern und eine große Photographie der Rembrandtschen +Nachtwache. + +Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem braunen Flanelltuch +bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem Gesicht las er einen +Brief, den er soeben von seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche +hatte er dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt, deren +Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht worden war. Doktor +Zimmermann bedankte sich für das Büchlein und schrieb weiterhin: + +»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn auch deine +Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte fallen, ein Fehler, +der auf einem Mangel an innerer Einfachheit beruht, so erkenne ich +dir doch alle Begabung für den selbsterwählten Beruf zu, die mein +früheres Mißtrauen und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht +vorhanden erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst, ich sähe +dich mit Genugtuung und großer Erwartung auf dem eingeschlagenen Weg +weitergehen. Nicht zu gedenken der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der +Mißkennung, der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen +du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du reichlich genossen +hast, gebricht es dir auch nach meiner festen Überzeugung an einer +Eigenschaft, ohne die ein wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt +dir an Gemeinsinn; ich will es besser soziale Gebundenheit nennen; +es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention, auf der +alles Tüchtige und Außerordentliche der Kunst wie der sichtbaren Welt +ruht, als auf einer Basis von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine +Zeitgenossen werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem +Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf durchhöhltem +Grund oder hängen gänzlich in der Luft, haben keine Herkunft, keinen +Stammbaum und keine höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten +Bewußtsein können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst sich nicht +zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu frühem Tod, was auf dem +Markt Unsterblichkeit prätendiert. Deine Sorge wegen meiner Gesundheit +ist, ich hoffe es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut +ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten Onkel Wilhelm +Zimmermann.« + +Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren, daß Doktor +Zimmermann mit den Anfängen eines tückischen und höchst gefährlichen +Leidens kämpfe, daß er sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu +Rate zu ziehen, und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten +mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens aus der +Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem Winkel sitze. +Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der joviale, lebhafte, +sprühende Mann, der scharfe Geist und schlagfertige Dialektiker in +der Melancholie gleichender Todesfurcht, nichts konnte trauriger für +Ulrichs Ohren klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen. + +Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt des Briefes +überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe, die Türe wurde nach +raschem Pochen geöffnet, und Erwin steckte den Kopf in die Spalte. +»Kann man herein?« – »Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand +da.« – »Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf. Das war das +Unerwartetste. Schon stand Virginia auf der Schwelle, dann trat sie ins +Zimmer und reichte Ulrich die Hand. + +Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern, was ihm den +Sinn beschwerte. Er reichte Erwin den Brief seines Onkels. »Mir ist, +als seien Sie anders geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu +Virginia, indes Erwin ans Fenster ging und las. + +Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände, die auf dem +Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie aufschlug, fand sie, von +Ulrichs Hand geschrieben, ihren eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt. +»Soll das mir gehören?« fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und +antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt aber ein Bild +dabei. Soll das auch mir gehören?« – »Wenn Sie’s annehmen wollen, ja. +Ein alter Stich, aus dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern +und hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.« + +Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem der Sensenmann +grinsend und lüstern emportaucht. Darunter stand: die Braut. +Gedankenvoll schaute Virginia darauf nieder: sie ließ den linken Arm +sinken, und der Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort +von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich galant +danach und schaute dann über Virginias Schulter auf das Bildchen. Unter +seinen schöngeschwungenen Wimpern hervor schoß ein messender Blitz auf +Ulrich Zimmermann. + +»Was halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich Ulrich betreten. + +»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen Sie: die +Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und wenn sie ins Freie +gehn, laufen sie über die Straße ins Wirtshaus. Wir wissen es ja +längst: das schlechte Gewissen macht Moralisten, und der untätige Geist +gebiert Kritik.« + +Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur Virginia. Er sah +nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung von ihr, die sich in der Luft +bewegte. Nein, sprach es plötzlich in ihm, es ist nicht, es ist nicht! +Der Kranz auf dieser Stirne kann nicht lügen. + +Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die beiden fortgegangen +waren; wo bin ich? wo lebe ich? lebe ich in meinem Bezirk? treu der +angeborenen Kraft? Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige +Zeugnisse entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn das Heute +eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller Durst nach Ehre, wohin? +alle Pläne, wohin? alle Träume von Unsterblichkeit, wohin? + + * * * * * + +»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte Frau Geßner +Virginia zu, als diese nach Hause kam. Virginia trat ins Zimmer und +sah Helene Zurmühlen vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung +lag, verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das freundliche +Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig. + +Warum war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung angetrieben. +Eine Reihe von schlaflosen Nächten vermag die Beweggründe eines +Entschlusses zu verdunkeln. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß +das Verhängnis unabwendbar gewesen sei und besiegelt vom Anfang an +her. Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah sich +des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in dem sie sich für +gefeit gehalten gegen alle Drohungen des Schicksals. Und es war so +plötzlich gekommen, ohne Aussprache, ohne Vorbereitung, wie wenn am +Abend eines Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von ihr +abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie an, dorthin +zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte diejenige sehen und spüren, +die von der Sonne beschienen war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre +Natur war so beschaffen, daß sie sich in einen künstlichen Edelmut +wohl hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand aber +keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war, vor die glückliche +Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht danach aussah, als ob es ihr +um die feierliche Gebärde des Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem +erkünstelten Edelmut dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn +glücklich macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich +empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren Kummer zu vergessen, +wenn sie Virginia versicherte, wie sie es Erwin versichern wollte: ich +entsage. Der Gedanke, daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren +Platz einnehme, tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens +ein. Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend und +hilflos. + +Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre Hände gefaßt. »Ich +begreife alles,« sagte sie, »ich begreife ihn und Sie. Seien Sie mir +nicht böse, daß ich Sie derart überfalle, ich weiß, daß ein solcher +Schritt ungewöhnlich ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist +das einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt in mir +ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich aufrecht halten, wenn +ich auch wie ein Lahmer bin, dem die Krücke weggenommen worden ist. Sie +bedürfen keiner Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter +sein, mit Ihnen froh zu werden als mit mir.« + +Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer und nahmen +plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn sie schien erst jetzt der +Einfachheit des Raumes inne zu werden. + +Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war bestürzt und +aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen, gnädige Frau, wovon Sie +eigentlich sprechen?« fragte sie höflich. + +Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des Hasses aus +Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum heuchelt sie, fuhr es ihr durch +den Sinn. Doch faßte sie sich schnell, und mit ihrem gütigen, müden +und opferwilligen Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß +Sie sich nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn, und was +haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben, Ehre, Herz, +Leben, Zukunft, Kind und Mann, alles ihm, alles zertreten für ihn, und +mit Freude, das dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden, +zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein, das ist zu viel, +vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren. Nehmen Sie sich in +acht, daß Sie nicht zu seinem Schatten werden.« + +Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog ihr Gesicht. Sie +war keines Wortes fähig. + +»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,« fuhr Helene mit +schmerzlich verzogenem Gesicht fort und in einem Ton von Hoffnung, als +ob Virginia durch diese Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche +an Erwin aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht, +er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und ihre Lippen +zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende ihrer Situation zu +spüren. Außerdem erschrak sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen +Mädchens gewahrte. + +»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige Frau,« sagte Virginia +leise und mit den Zeichen heftigen Widerwillens, »es scheint Ihnen +nicht bekannt zu sein, daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam +gegenwärtig auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht +verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein Einverständnis +zwischen mir und Herrn Doktor Reiner annehmen, so ist das Ihre Sache, +nur muß ich Sie bitten, mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.« + +Nach diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung etwas +Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame Verwandlung in Helenes +Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer Zorn, die herrische Abwehr +mit dem Hinweis auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge +in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich des +Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst schon verspielt, daß +ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit besessen hatte. + +Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken, den +Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt. So hätte ich geschaffen werden +sollen, dachte sie mit einem müden Blick auf Virginia, so stark, so +frei, so stolz. + +Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung. Virginia antwortete +nichts. Helene lispelte einen Gruß. Eine Gebärde verriet die +schüchterne Absicht, Virginia die Hand zu reichen. Virginia geleitete +sie stumm hinaus. Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft +worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel einer +unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte. + +Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer Unbekannten +nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten erkundigt hätte. Sie ging +durch viele Straßen, und ganz ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte +nicht einmal den Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen, +keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser nachdenken zu +können. Wenn diese Virginia nicht seine Geliebte ist, dachte sie, +dann ist ja für mich noch nichts verloren; am Ende ist alles nur +eine Einbildung von mir. Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin +zu sehen und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit dem +ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und von Beredsamkeit, den +starken, einschmeichelnden und besonderen Worten, die seine Züge so +bewegt und so vertraut machten. + +Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend; sie trat in ein +Geschäft und telephonierte nach Hause, um zu erfahren, ob das Kind +schlafe. Ihr Mann war für einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen. +Gegen halb neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit +neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie im Stiche ließen, +richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung mit Erwin. +Sie gehörte zu den Menschen, die sich leicht der Täuschung hingeben, +durch Reden, Erklärungen und Auseinandersetzungen könne der Lauf der +Geschehnisse gehemmt oder verändert werden. + +»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner dringend sprechen«, sagte +sie mit ihrer sanften Stimme zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch, +zauderte einen Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach einer +Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück und sagte: »Der gnädige +Herr bedauert unendlich, er kann nicht abkommen und bittet, ihn zu +entschuldigen.« + +Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt, daß ich es bin?« fragte +sie matt und geringschätzig. – »Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich. +Die ungeheure Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden +Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer Ohnmacht. +Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus dem Zimmer schallen, und +auf einmal kam es über sie wie ein Rausch, wie eine Raserei der +Verzweiflung, die nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und +Rücksicht. Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine +geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin mit drei +jungen Männern am Tische aß. Erwin befand sich der Tür gegenüber. Er +stellte das Weinglas, das er in der Hand hielt, neben seinen Teller +und erhob sich. Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte, +verzog sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen. +Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die Gäste blickten erstaunt auf +die junge Frau. Erwin gewann sogleich seine Fassung; er ging Helene +entgegen und sagte höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es, +gnädige Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen? +Darf ich bitten, mir zu folgen?« + +Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür gegen den +linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die mit halbgeschlossenen +Augen mechanisch schritt, vorausgehen. Dann übernahm er die Führung und +machte erst in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war es +finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür. + +»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen wollte?« fragte +Helene atemlos, mit einer Stimme, die zur flehentlichen Abbitte schon +bereit war. + +Erwin blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte er laut, fest +und mit starrem Mund. Dann erst heftete er die Augen auf die gleichsam +verlöschenden Züge Helenes; er setzte sich in einen Stuhl und +verschränkte die Arme über der Brust. + +Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht, ein Gesicht, +das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht kannte und vor dem ihr +graute; ein Gesicht, in welchem kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von +Beredsamkeit, von Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes, +steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein furchtbares +Gesicht. + +Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie mußte sich abwenden. +Sie wunderte sich, daß sie die Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne +zu schreien, wie man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes +schreit. Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer ging +und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der Halle holte er sie ein, +sagte etwas, was sie nicht verstand, und entließ sie mit höflicher +Verbeugung. + +Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch so war wie +am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte sich auf einen Diwan, +lag Stunden und Stunden, und als es Tag wurde, wunderte sie sich +darüber. Sie erhob sich, ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle +Briefe und Aufzeichnungen zusammen, die sie hätten verraten können, +warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann ging sie +ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und, bevor +sie sich entkleidete, trat sie ans Fenster, das nach dem Lichthof +führte. Sie schaute in die Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie +sich sorgfältig an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn +sie ins Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes, +das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder am +Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen pfeifend über +den Himmelsausschnitt droben. Von einer Küche im untern Stockwerk +klang Tellergeklapper und dazwischen ein schrilles, elektrisches +Glockensignal herauf. Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch +übermorgen, vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger Anstrengung +setzte sie sich auf den schmalen Sims, und sie wunderte sich, daß sie +etwas tun wollte, was so abschließend und so mutig war. Sie glaubte +noch nicht, daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten +noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da gewahrte sie das +Gesicht in der Luft, das andere Gesicht. Sie ließ die Hände los und +sank ohne Laut in etwas unsagbar Weiches und Wollüstiges hinein. Sie +sah die verblüfft glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster, und +ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht unschicklich, +wenn Leute kommen. + + + + +Reise und Rückkehr + + +Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte vom frühen Morgen an alle +Türen und Fenster aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte +sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf fahren, Gina?« fragte +Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig vor sich hin. Ihr war, als müsse +sie sich zuvor noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt +war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, daß er +ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war ihr gleichgültig; +desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß kommen. + +Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, sah das +zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten Schultern. +Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, daß Frauen so vor ihm +zusammenbrachen, so entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen +und davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und miterleben. + +Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das Jahr hatte sie +verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, das manchmal zu schwindelnder +Sehnsucht heranwuchs. Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg, +stockte ihr Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich +vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene zu tragen, die +verbietend war? Es war etwas aufgelöst in ihr. Ein Weg, den sie nicht +gehen wollte, den sie niemals gehen würde, schimmerte versprechend. +Langsam wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die Brust, und +von den Hüften empor zum Halse glitt ein lauer Hauch, der den Kontur +des Leibes empfinden machte, den Blick schamvoll von der Welt weglenkte. + +Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem Jahr. Das Blühen +wogte bis über die Dächer, und in den Kellern sangen die Wurzeln. Der +Mond stand am Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der +ausgestreckten Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken flammten +schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht mehr die strenge Scheu, +die sie bis jetzt in ihren Gedanken der werbenden Liebe Manfreds +entgegengesetzt. Sie rief nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine +Nähe, wünschte seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem +schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit bewußt. + +Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. Sie erinnerte sich +nicht, geschlummert zu haben, dennoch hatte sie geträumt. Seltsame +Dinge hatte sie gesehen. Sie stand in der Halle von Erwins Haus und +blickte durch offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen. +Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn junge Mädchen, +alle mit ganz dünnen Schleiergewändern bekleidet, durch welche die +Haut leuchtete. Die Gewänder waren von reizvoller Verschiedenheit +der Färbung; eines war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte +scharlachrot, das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste +ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen wie Blumen. +Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen schwarze Larven vor dem +Gesicht trugen. Sie sprachen nicht miteinander. Eine saß am Klavier und +spielte ein Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, und +in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas planvoll Verführerisches, +das Virginia abscheulich erschien. Als sie sich von ihnen entfernte, +kam sie in ein Gemach, das sie vorher noch nie betreten hatte, und +sich umschauend gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die +einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. Der Knabe mochte +ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte ein glühendes Gesicht, und seine +Augen glichen auffallend den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu, +war aber blaß und nachdenklich. + +Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder und Vorgänge nicht +durch sich selbst bestanden, sondern daß sie von Erwin heraufbeschworen +schienen, der wie ein unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und +vorüberziehen ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half +nichts, das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich wünschte +sie nur, ihn zu sehen. + +Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der Wagen da sei, +war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm bekleidet, in +welchem sie photographiert werden sollte. Doch Erwin hatte ein +Briefchen mitgeschickt, in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute +zu erlassen, sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie sehen, +denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog sie sich um. Trotz +dieser Nachricht betrat sie die Villa mit einer noch fortwährenden +Verwunderung über ihren Traum und in einer schmerzlichen und +ungewohnten Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, aus +denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, und als Virginia in die +Bibliothek trat, gewahrte sie in der Mitte des Raums eine riesige weiße +Porzellanvase voll von weißen Rosen. + +Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, bemerkte aber +bald, daß er auf einer Ottomane lag, und erschrak über seinen Anblick. +Er war aschfahl. »Um Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie +stockend. Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit +ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben ihm nieder und +wiederholte ihre Frage im liebevollsten Ton. + +Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, trunken von +Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie klingt wie ein Cello. Beinahe +hätte er die Arme um sie geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine +Vorsicht, zu früh! + +»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt und ist +tot«, sagte er matt und versank wieder in sein bleiernes Hinbrüten. + +Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf dem Stuhl sitzend, +vor sich nieder, Tränen in den Augen. Schwer fiel es ihr aufs Herz, +daß sie das unglückliche Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von +sich gehen lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das getan, +dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! Erwin streckte seine Hand +nach ihr aus, als verlange er nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde +zu begehen, wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte +nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die seinige, +als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, für ihre menschliche +Verfehlung eines verzeihenden Worts, für ihren Traum einer Deutung. + +Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd und erkennend. +Mechanisch starrte sie die Hand an, die er gedrückt hatte; er hatte +die einzelnen Finger förmlich geliebkost. Nie war ihr eine Hand so +bloß erschienen wie die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch +niemals gehabt, seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau mit dem +zerschmetterten Körper! + +Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender Glut auf den +Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern nachmittag bei mir«, sagte sie. +Erwin richtete sich empor. »Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu +beschuldigen?« + +»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia bitter. + +»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften Treue ein ganzes +Leben voll unentschiedenen Schwankens aufwiegt«, sagte Erwin düster. +»Diese phantasielosen Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine +Gegenwart besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern sie +Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht gebunden sein.« + +Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, der Saft wird +ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, entgegnete sie, »und alles +übrige sind Worte und nicht einmal ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu +gut, um zu sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die sind +da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt gegen das Fenster. + +Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, nein,« sagte er +leise und geheimnisvoll, »was uns zu den Frauen zieht und was uns von +ihnen scheidet, sind Dinge, die von der Tierheit kommen, und andere +Dinge, die unsagbar und traurig sind und viele Verheißungen enthalten +wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.« + +»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile habe«, unterbrach +ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir +einmal von einem jungen Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer +Freunde verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat mir sehr +leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern Sie sich nicht?« + +»Nein, ich erinnere mich nicht.« + +»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende Himbeere nur ein +Unkraut. Seit der Stunde ist es für mich festgestanden: wenn vor Gott +und den Menschen entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen +und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, Erwin, die +würde nicht lange dauern.« + +Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich nicht«, versetzte +er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. Ich liebte sie, weil ihr Haar +einen unaussprechlichen und unvergleichlichen Geruch besaß, einen +Geruch nach Milch und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn +verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch deswegen +liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten wußte, die ich bei +keiner andern Frau getroffen habe. Wenn ich in das Zimmer trat, +errötete sie. Es war, als würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß; +sie machte damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf eine +zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick und Gebärde schon, +ohne zu feilschen.« + +Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete gierig, wie sie nun +selbst errötete, ganz langsam, von den Schläfen aus über die Wangen +herab bis zum Hals. Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre +zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den Lidern. Sie schickte +sich an zu gehen. »Verlassen Sie mich denn, Virginia? Freundin?« fragte +Erwin leise, indem er zu ihr trat. + +»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, ihn anzuschauen. + +»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem Nachdruck zu fragen +fort, von ihrer Befangenheit beglückt. + +Sie zuckte die Achseln. + +»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel mit Ihnen zu +sprechen, Virginia.« + +Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Auf Wiedersehen«, +sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß war gefaßt. Das Einverständnis +mit der Mutter war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden +Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer und Körbe gepackt. +Frau Geßner war überzeugt, das alles entspreche einer Abmachung mit +Erwin. Am nächsten Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in +einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof. + +Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der Wohnungstür läutete +und dann vom Hausmeister erfuhr, die beiden Frauen seien aufs Land +gereist, erbleichte er vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er. +Außer sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was denken. Ihr +nachzufahren, wäre die größte Dummheit, die ich machen könnte, sagte er +sich; nein, nein, meine Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in +die Ketten beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter +denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst mich rufen. + +Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von Virginia; sie +schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem entlegenen Dörfchen sich +der gewünschten Stille erfreue. In der ersten Nacht habe sie mit der +Mutter im Gasthaus logiert, doch gestern hätten sie eine kleine +Villa unfern vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. Ein +trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher hätte sein +können. + +Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf die Stücke. Er +begab sich in das obere Stockwerk der Villa, öffnete ein geräumiges +Zimmer, das gegen den Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und +betrachtete prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem +Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel hatte. Er +läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner und den Hausmeister,« +befahl er, »es muß hier umgestellt werden; das Bett, der Kasten und der +Waschtisch aus dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie gehen +in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel da aufgeschrieben ist. +Die Adressen der Firmen stehen dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt +Papier, auf dem die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert +waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, alles von +ersten Lieferanten. »Nehmen Sie drinnen einen Wagen und bringen Sie die +Sachen gleich mit heraus«, sagte Erwin. + +Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. Es war ihm in den +Preisen ziemlich freie Hand gelassen worden, und er hatte selbst +gewählt, nicht zur Unzufriedenheit seines Herrn. Erwin hatte die neue +Einrichtung des Zimmers, welches das entlegenste und stillste des +ganzen Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die Wände +gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene Karaffen und +feines Porzellan; nun brachte er die Wäsche und Kostüme selbst in den +Laden und im Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte +er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und empfangsfrohen +Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster wieder schließen, schaute +auf der Schwelle noch einmal in das dämmrig gewordene Zimmer zurück, +lächelte, als er ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der +Bettdecke zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den +Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte dicht hinter +ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell drehte er sich um. +Es war Marianne von Flügel. »Du hier?« fragte er erstaunt. + +»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung. + +»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer hat dich denn da +heraufgeschickt?« + +»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, was treibst du? +Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es nicht vor Jahren die arme +Amelie Castro bewohnt, die einzige, der du sozusagen ein häusliches +Glück gegeben hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und warum +sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? Darf man das +Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?« + +»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten kann«, +versetzte Erwin stirnrunzelnd. + +»Ich weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne und schritt an seiner +Seite die Treppe hinab. Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich +unter dem Schatten des aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber. +Erwin blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren stark +gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie löffelte bedächtig +das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und erzählte, daß sie ein paar +schwierige Bergtouren gemacht habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich +aber zumeist gelangweilt habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich +bequem in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr eigenen +Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an. + +»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal für dich«, sagte +sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; am Ende will er auch nichts +wissen. Ich habe mir berichten lassen, daß er Beweise sucht für eine +Untreue, die er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die +Leute aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz genau, +was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, wie man so sagt, +trotzdem hat er in dem Wahn gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er +ist ein guter Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger und +ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird nichts unternehmen, +denn er scheut den Lärm, und er sagt sich wahrscheinlich: Was kann +ich gegen einen Erwin Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen +dich ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen +aufgeklärt worden, und sie werden alles tun, um dir zu schaden. Fritz +Kynast ist gestern nach England gereist; er soll seiner Mutter und sich +selber das Gelübde abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt +Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu ziehen. Also hüte +dich.« + +Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. Aber du, Marianne, +beschämst jeden Detektiv.« + +»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich ernst geworden; »es +ist eine Eigenheit der Gesellschaft, daß sie die tollen Streiche ihrer +Günstlinge so lange duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf +einmal ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau von gutem +Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet und verlockend. Aber +laß einen Skandal daraus werden, und du bist gemieden wie einer, der +die Pest hat. Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit +ersparen.« + +Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, die in den schrägen +Strahlen der Sonne schwärmten. Er riß eine Orchideenblüte aus dem +Strauß, der auf dem Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran +und warf sie auf die Erde. + +»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die Stadt +zurückgekommen?« fragte er. + +»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits heiraten will.« + +»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer Entschluß.« + +»Ja. Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem kompletten Ruin.« + +»Und wer ist der Auserwählte?« + +»Wer es ist? Du bist es.« + +Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von Ärger, halb von +Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst du das anstellen?« rief er. + +Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden und nervösen +Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich von dir heiraten lasse. +Du lachst? Du staunst? Das ganz Einfache ist immer erstaunlich. Ich +werde dich in meine Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen, +daß sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich will +nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander passen, daß wir viele +gemeinsame Interessen haben, daß wir einander nicht stören, uns hübsch +aus dem Wege gehen werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen +werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb Jahren zu deinem +Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten gemacht hast, und daß du +dich nicht wundern darfst, wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf +den Kopf gefallen, die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert +habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. Die Dienstboten +sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, und so ein bißchen +Palastrevolution muß dir doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem +will ich nicht reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende +vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen, wenn du mir +zweimalhunderttausend Gulden schenktest. Ich muß der Sache von innen +her beikommen, ich muß einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine +Position haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten +Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann ich nur durch die +Verwandlung und die Sicherheit, die mir dein Name und deine Stellung +geben. Was aber dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir +der unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, mein +lieber Freund, denn abgesehen von dieser Affäre mit Helene Zurmühlen +hast du auch noch eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto, +vergiß das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen wirken, dann +ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun sieh selbst, gründlicher und +klarer kann man nicht sein.« + +Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend Marianne +an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag standhielt. »Fein +gesponnen, bewundernswert fein gesponnen«, sagte er endlich nach +einer langen Pause. »Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse. +Das leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. Aber +eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse übertragen, wird +schon wieder zum Fehler. Ich beweise es dir, indem ich mich aus deiner +Rechnung schlankweg ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht +eine der Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. Und +ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, die du daraus ziehen +wirst.« + +Marianne stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, daß du +gleich für mein Projekt zu haben bist«, erwiderte sie spöttisch. »Ich +habe noch Zeit. Vielleicht entschließest du dich in einigen Wochen; wer +weiß, was sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert mir +nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner Lage unterschätzest. +Du hältst dich für stärker, als du bist. Du bist die Kreatur der Welt, +die du zu verachten vorgibst, und eher würdest du in einer andern +Welt Schuhe flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum +Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals wird nicht mehr +als gelungener Witz passieren, deine Aktien stehen schlecht, so etwas +richtet sich eben nach der Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich +hör’ ich bald von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter +Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte sich nicht. +Sie zuckte die Achseln und ging. + +In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht schlafen. Er verbrachte +die Stunden teils mit Lektüre, teils damit, daß er in seinem Geist die +Erinnerung an Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung +führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm er die Gedichte Ulrich +Zimmermanns zur Hand und fand sie dürr und allgemein. Er beschloß, +sich von Ulrich abzuwenden. Um vier Uhr ließ er die Gestalten der +übrigen Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den Stab, mit +Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl der Furcht vor Palester stieg +in ihm auf. + +Er sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der erste Lenztag, von +besonderem Geist und besonderer Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen +einer gewählten Verderbtheit, lachend wie ein griechischer Gott und in +Freuden erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er sich +im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. Die Welt war +zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem Druck seines Geschicks, einer +Epoche des Stumpfsinns, der ehrlosen Streberei, der uninteressanten +Anständigkeit zuzugehören. + +Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte eine junge Russin +kennen, die durch ihre fabelhaften Toiletten Aufsehen erregte, und +reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. Und wie er es in jener schlaflosen +Nacht vorausgelebt, begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut, +vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, die auf +ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen hinwies. Er war der Sohn eines +deutschen Diplomaten, in Eton erzogen, und befand sich mit seinem +Hofmeister auf der Reise von Paris nach Italien. + +Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm anzufachen, die +in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele ist und deren Verlauf oft +das Schicksal der späteren lenkt. Rolf von Hendrichsen verließ seinen +Begleiter und fuhr mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen +in Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten in der +Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung der Skaligergräber bei +Fackellicht erzeugte, sie träumten in den verwilderten Gärten und +toten Palästen Ferraras, wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein +durch den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff und +fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und Erwin rief: »Hier +bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch mit einem Ausdruck, als ob +die Wüste seine Heimat wäre. + +Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm verursacht. Der +Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, Verfolgung wurde +beschlossen, und die Angehörigen des Jünglings hatten Mühe, ein +öffentliches Ärgernis zu verhindern. In Syrakus wurden die beiden +Freunde durch ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen +überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein Baron +Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der Familie Hendrichsen, ein +feiner, edler Greis, bezeugte der empörten Beredsamkeit Erwins seine +Anerkennung und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines Abends +saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer Hotelterrasse in +Taormina, hoch über dem Meer. Rolf sollte am andern Morgen mit Herrn +von Marlotti heimwärts reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man +sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der Jugend, von der +Schönheit, lauter Dingen, die nach Erwins und Marlottis Übereinkunft +verloren gegangen seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen. + +Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie zwischen Blick und +Mundlinie, behauptete der Greis; bei Männern, die von einer wirklichen +Leidenschaft besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen +das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen Weise. +Er ließ durchblicken, daß er Erwin für einen dieser Besessenen halte. +Erwin schüttelte seufzend den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und +unentbehrlich«, erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum, +die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris Myrrha, ich +liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den Schritt einer Frau, aber ich +kann nicht auf die Blume verzichten, wenn ich nur dadurch allein die +Frau gewinnen würde.« + +»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte gegen Marlotti +hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so vollkommen ist, daß sie sich ihm +versagt.« + +Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, zurückgelehnt +in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen gegen den dunklen Atlas +des gestirnten Himmels gerichtet. Die hinreißende Kraft seiner Worte +erweckte ein großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War das +noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch geadelt hatte, +das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier wandelte die Verderberin, +herrlich schimmernd erhob sich über dem Sumpf der Großstadt das +unergründliche Sinnbild des Verderbens, gekleidet in die Unschuld. + +Es war interessant, es war lehrreich, und es war schauerlich. Ein +Gesicht ist hierher gewendet, und ein Gesicht ist dorthin gewendet; +hier ein loderndes und stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht, +ein wissendes Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges +Gesicht. Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an Glied +gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, das war in seinem Mund +problematisch und voll Dämonie. Und er spürte, wie er Virginia haßte, +unsäglich haßte, und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt. + +Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche Dinge +zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige Alte, nachdem sie seine Hand +betrachtet: »Verführung, Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten, +Marlotti blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es ist nicht so +unwahrscheinlich.« + +»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, an den Tod glaub +ich nicht.« + +Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt einige Briefe von Frau +Geßner. Er wurde aus keinem dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz +aus die Wohnung in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage +in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung in Gersthof +gemietet, nur eine Viertelstunde von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm +gefällig zu verstehen gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur +Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe seiner Abreise zu +erhalten. Unumwunden zu fragen, hatte sie nicht gewagt. Von Virginia +schrieb sie nichts. + +Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten Rausch +ergeben hat, um zu vergessen. Er schlug alle Töne an von der Müdigkeit +bis zur Wut, von der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch +das Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine Zeile von ihr +wäre mir so viel wie einem Fieberkranken das Chinin,« schrieb er, +»ihr Schweigen ist wie Vitriol auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er +schreckte nicht davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er +verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu vernichten. + +Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe aus der Hand +eines Mannes zu einer Frau gegangen. Vielleicht nie zuvor hatten Worte +der Leidenschaft mit so versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung +so in Heimlichkeit, Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt +und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, Sehnsucht und das +Feuer der Seele in solchem Grade meisterhafte Berechnung gewesen. +Virginia mußte zum Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in +ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und eine Begierde nach +Auflösung rätselhafter Art. Aber sie antwortete nicht. + +Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, aber er +blieb. Da erhielt er Ende August einen Brief von Frau von Resowsky. +Sie schrieb, es sei ein höchst albernes Gerede von einem fingierten +Duell zu ihren Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis +ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es Zeit, die +meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal der Klatsch Boden gewonnen +habe, werde es nicht mehr möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen +Freunden schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen Sinn, +zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen üble Dinge auch darüber +gemunkelt würden. + +Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. Der Gedanke, zu spät +erwogen, daß Virginia von dem lästerlichen Unfug erfahren könne, machte +ihn bleich vor Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein und +benachrichtigte Marianne sogleich. + +Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein schillernder Glanz +in den Augen verriet eine gleichsam festgefrorene Energie, welche die +Triebkraft einer Wahnidee besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte +Erwin zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah im +Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee der Jugend +abgestreift war, das leichte Kind, den Genossinnen von Spiel und +Tanz noch nicht entführt, noch liebenswürdig in seinem Werben um den +Prunk der Welt und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von +treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft. + +Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. Da war +keine Lockung mehr. + +Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das ihn stets +belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde hart. Anstatt zu bitten, +forderte er. Marianne lachte ihn aus. Sie schickte sich an, zu gehen, +er hielt sie zurück. Noch eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut +miteinander. Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte sie +ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete ihn mit Hohn, und +er schien ihr Recht zu geben, aber sein unsinniges Verlangen wuchs, +indem er sich preisgab. Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu +nennen, und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte durch +Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel. + +Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre Virginia, wie sie den +Mond mit ihren Armen umfaßt hielt, damals am Wasserbecken im Garten, +das Antlitz hingewendet, aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend, +daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht mehr +ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst der Schamloseste +der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert werden konnte. Deine +Himmelshöhe kann mich nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er, +und seine Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine +Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, ein Herabzerren +ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne von ihm wünschte. Der wildeste +Trotz schäumte in ihm, und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch +dann wärst du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden, +auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den Beweis zu liefern, +daß sie seine niedrigste Dienerin würde, indem sie ihn in ihrer Macht +wähnte. + +Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte zu +ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, aber mehr als den +gesellschaftlichen Sturz fürchtete er jetzt die Zersplitterung seiner +Kräfte. Alles erschien ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel +führte, und er glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der +Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu rächen, die er den +Einrichtungen entgegensetzte, welche für heilig und nicht verletzbar +galten. + +»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch knüpfe ich +zwei Bedingungen daran. Du gehst zur Baronin Resowsky und erklärst ihr, +daß ich mich mit deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als +selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen deine Person +nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen Ausweg zu verrammeln.« + +»Gewiß nicht.« + +»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals erschienenen +Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau von Resowsky wird dann Sorge +tragen, daß man im Klub erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite +Bedingung ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn +ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der Welt gelangt. +Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. Bis dahin bleibst du auf +meinem Landgut bei Takern in der Steiermark.« + +»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem Lächeln. + +»Bist du damit einverstanden?« + +»Ja.« + +»Ich habe dein Wort?« + +»Du hast mein Wort.« + +»In acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut werden. Von einer +kirchlichen Zeremonie ist natürlich keine Rede. Unmittelbar nach der +Trauung reisest du nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt. +Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch meinen Advokaten +anweisen lassen.« + +»Ich verstehe«, antwortete Marianne. + +»Bleibt es dabei?« + +»Es bleibt dabei.« + +Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein Va-banque-Spiel. +Ihre Brust war voller Kälte, und der Sieg stimmte sie nicht +zuversichtlich. Sie hatte Angst um sich, Furcht vor Erwin, und der +tödlich verwundete Stolz hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung +an eine Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt, +die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren Stolz, den sie selbst +zertreten, großmütig wieder aufrichten werde. Dies hätte sie ihm +überschwänglich danken, dafür hätte sie hinsinken können, doch nun war +alle Herrschaft im Bösen. + +Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche Verbindung +in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen dienten der Gutsverwalter +aus Takern und dessen Sohn. Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem +Reisegepäck. Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof. + + + + +Feïnaora + + +Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für seine nächsten +Freunde nicht mehr zugänglich. Er brach eine Arbeit von leichter +Haltung ab, um sich der schwierigen und profunden Untersuchung +eines mathematisch-philosophischen Themas zu widmen: »Der Begriff +der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er mußte bis +zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht dem Gefühl einer +Leere zu verfallen, das ihn rasend machte wie Zahnweh, ihn vor sich +herabwürdigte und unerbittlich zu den Menschen trieb. + +Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte sie, er probierte +sie, er genoß sie, er verwarf sie. Alle, alle, alle. Er hatte die +Wirkung gespürt, durch welche die genialsten Geister der Zeiten die +Menschheit in Atem hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität +in sich zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. Er +wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, indem er lächelte. + +Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten fuhr er zur +Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, verrufene Orte zu +besuchen, Tanzlokale letzten Ranges und Verbrecherkneipen. Es waren +Abhärtungskuren für die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war +nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als Elemente der +sozialen Ordnung. Die Flut, in der er schwamm, hatte seinen Organismus +gestählt gegen den Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und +sein Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die schärfsten +Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und so war es Würze, wenn er, +von den Schwaden des ekelsten Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias +emportauchen ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach +durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust. + +Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia noch den ganzen +September auf dem Lande verbringen wolle. Er fand dieses Schreiben +gleichzeitig mit einem Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als +er eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des Freundes, und +seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte und las aber- und abermals. +Dann steckte er es in die Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht +nahm einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte beide +Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen Augen: »Nun hilf +mir, Feïnaora, du Geschöpf der Inseln und des Meeres!« + +Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie geheimnisvoll erschien. +Noch einmal löste sich die Spannung, er fiel wie vernichtet in einen +Lehnsessel, schlief wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte, +sah er zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner geschickt, +aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte auf der Seite, die er +leer geglaubt, vier Worte von Virginias Hand: »Ihre Schutzbefohlene +grüßt Sie.« + +Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr seit mehr als sechzig +Tagen, dieser warnende, erinnernde und fast drohende Gruß. Erwin +schüttelte bedächtig den Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort +nach Edlitz zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst fuhr am +Nachmittag mit dem Automobil. + +Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen mußte, erregte +trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. Drei niedrige Zimmer, +mit verruchten Ölbildern behangene Wände, wacklige Stühle und ein +liliputanisches Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen; +er beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem Virginia mit +ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr abends, als sich Erwin auf den Weg +begab. Alle Fenster der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan +war ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, etliches +Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit tiefherabhängenden Zweigen war +eine Bank. Erwin setzte sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben, +inmitten des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es mochte +wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also. + +Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst nicht im ersten +Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr träumereiche Zeit. Sie +träumte, daß sie sich in einer fremden Stadt befand. Die Straßen sind +leer, es ist sehr kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut +hinauf. Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. Sie +weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt zu ihm muß. Es +ist von Wichtigkeit, sie darf keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt +sein Gesicht an der Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch +unterscheidet sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend +eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe mit zahllosen steilen +Stufen muß erstiegen werden. Es ist schwer, sie wird müde, sie denkt: +warum kommt er mir nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr +jemand, den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt +ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet sich um die Mauer, +will’s denn kein Ende nehmen? Gott sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was +ist das? Der Raum ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie +sich aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß. +Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred geht unten auf +einem schmalen Weg und schaut herauf, verwundert, fremd, gleichgültig, +mit einem Gesicht, das klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine +Flamme. Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, des +unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die zu wachsen scheint, +sie weiß nicht warum, entpreßt ihr einen lauten Angstschrei, und sie +erwacht. + +Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen Pause antwortete +Virginia beschwichtigend und erhob sich dann, um, wie sie zu tun +gewohnt war, ans offene Fenster zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach +oben und blieben an den Sternen haften. + +Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der Finsternis in +das bläuliche Licht hervortreten, das auch ihr Nachtgewand bläulich +schimmern machte. Wenig fehlte und er hätte den schützenden Schatten +verlassen, um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff ihn +Verzagtheit. + +Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus vielleicht wie die +seine; er fühlte die Nachtkühle über die leichtbedeckten Schultern +huschen und wie die Glieder fröstelten. + +Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief er lange. Er +schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt zurück, ihm sein Feldbett +zu holen. Als er vormittags gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen +stand, das etwa tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia +auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern belauscht. Ihr +helles Sommerkleid leuchtete durch die undichten Zweige. Sie hatte ein +Buch auf dem Schoß und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen +Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in die Augen. + +»Erwin«, sagte Virginia. + +Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand übergab. Ihre +Freude war so mit Furcht gemischt, daß sie sich des Eingeständnisses +von Schwäche, das in der hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst +nach dem Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich wieder; +mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie die unwillkommenen +Zeichen, die zu viele einsame Stunden verrieten. + +Frau Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt sah. Sie war +redselig, neugierig, zapplig und etwas konfus. Da das Wetter schön war, +beschlossen Erwin und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut +und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, schwieg sie eine Weile +verlegen. »Was war denn eigentlich los?« fragte sie auf einmal hastig. +»Haben Sie sich mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus +ihr herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam Virginia zurück, +lächelte die Mutter flüchtig an und rief: »Gehen wir!« + +Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und beinahe gleich +großen Gestalten lange. Wie gut ihm der graue Dreß steht, dachte +sie, wie leicht und kerzengerade er schreitet; und sie, das weiße +Musselinkleid, die weißen Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«, +murmelte sie und seufzte. + +Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der sogenannten buckligen +Welt. Virginia dachte: er ist anders als in der Stadt. Erwin dachte: +sie ist dieselbe auch in der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung +erst durch sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte die +seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von seiner Reise, aber er +schien nicht bei der Sache. Virginia merkte es und teilte seine Unruhe. + +Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. Virginia lag gern +in der Sonne, nur den Kopf barg sie im Schatten. Aber die Strahlen +fielen dennoch auf ihr Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem +Hut. Im Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, in +denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte den Kopf und roch die +säuerliche Feuchtigkeit der Erde. + +»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte sie. – »Vor ein +paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? ich bin schon seit vierzehn Tagen +ohne Nachricht. Was schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht +wissen? Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, denn +seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit. + +»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred Geheimnisse vor +Ihnen hat. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen. Hat er Ihnen von +Feïnaora geschrieben?« + +»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?« + +»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie zu.« Erwin setzte sich +aufrecht, nahm den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las. + +»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine Nachricht mehr von +dir. Bis in den indischen Archipel waren deine Mitteilungen von +dankenswerter Häufigkeit, wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich +gewünscht hätte. Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man +bei der Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das zu +Weihnachten keine Geschenke bekommt. + +»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, Neuguinea nach +Sydney und von da über die Cooks-Inseln hierher nach den Marquefas. +Von nun ab verlegen wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den +Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, werden wir fern von der +übrigen Menschheit an den Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht, +die nichts Verlockendes hat. Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts. Bis +Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf Neuseeland, die +weiteren Stationen werde ich rechtzeitig melden. + +»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein Tagewerk, das in +unseren Breiten noch erfrischend wirkt, ist in den Tropen schon ein +Übermaß. Einige Mitglieder der Expedition sind vom Fieber nicht +verschont geblieben, und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir +im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen Malabar und +der Torresstraße ist der Körper stündlich in Gefahr, einer tödlichen +Erschlaffung zu unterliegen, und die Feste, die das Auge feiert, +müssen mit einem beständigen Kampf gegen den unsichtbaren Feind +bezahlt werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren ist, +schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie Gespenster auf Deck +herumwankten. Ich lebte meist von Früchten und Reis. Es wächst dort +eine Frucht, die Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne. +Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste Idee +davon, dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen +Sherry und anderes Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch +süß, sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts auf Erden, +und je mehr du verzehrst, je weniger kannst du aufhören. Aber diese +selbe Frucht, leider! verbreitet einen entsetzlichen Gestank, und +bevor man sie öffnet, scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu +bringen. Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit. + +»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling erzählen, +von Tauben mit Korallenfüßen, von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer +der Vulkane, von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg +oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? Das haben viele schon +getan. Meine Feder ist zu armselig. Diese Dinge bereichern, indem +sie entzücken. Anders der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die +bereichert, indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig, +der neben mir ging und dessen Namen ich nicht kannte. Zu Hause +beruhigt man sich bald, Gewohnheit und Anpassungszwang machen das +Fremde unscheinbar. In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen +könntest, man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer eine +tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der schauerlichen +Glut des Maschinenraums haust und wie ein Kerkersträfling durch den +Ozean fährt. Ist er nicht ein Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf +gegen meine Bequemlichkeit? Ich sehe den Chinesen, der fern von +seiner Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, der zu +fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er spricht und durch +Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. Da ist der demütige Malaie, +der eitle Ambonese, der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer, +dessen Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und dessen +Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung und dem Druck der +salzigen Lauge. Dann triffst du die Goldsucher, die in einer durch +die Not geschmiedeten Kameradschaft die öden Steppen Australiens +durchziehen, um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen +Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu können, dessen +Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends verzehren wird; oder den +Farmer, der in einer Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die +wir nicht einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut kämpft, +und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen kostet, wenn er +die widerspenstige Viehherde zum nächsten Markt an die Küste treiben +muß. Auch dem verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter +mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und dem von +frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene Blockhaus in Brand +gesteckt wird; dem alten deutschen Arzt auch, in einer Schifferkolonie, +der seit siebenunddreißig Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen +Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen wird, weil es ihm +nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, um zu Hause mit Anstand +leben zu können. + +»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele seien überall zu +finden. Das ist wahr. Aber warum schaut man heute ein Gesicht an, und +es bleibt stumm, und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen +des Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der Zunder entflammen +soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? Ich habe einen Sinn darin +entdeckt, daß ich bin, nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich +kann keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt das +anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in meinem Kreis. Ich +höre auf, mich selbst zu genießen. Ich will arbeiten, um zu dienen. + +»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit sich allein sein, +um sie zu finden. Die Teilnahme eines Freundes würde den Prozeß nur +trüben und verlängern. Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein +aufgestacheltes Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine +Adern sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden. +Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual der Nächte übertroffen, +Schreckbild überflügelt Schreckbild bis in den horchenden Schlaf. Ich +mag das meiner Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht; +das heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will mich +in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr gegen das +Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr gelassen zu erscheinen. Aber meine +innere Verstörtheit und Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen +Erlebnis, das ich dir erzählen will. + +»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas warfen wir vor Mangaia +Anker, einem lieblichen Eiland im Cook-Archipel. Wir wollten dort +nach Echinothuriden fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll +gefärbte Seeigel, die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem +gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen Giftapparat +enthält. Einige junge Leute von der Expedition, darunter ich, +arbeiteten am Strand, und jeder schlief nachts in seinem Zelt. Eines +Morgens, meine Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein +braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, mit einem Rock aus +Grashalmen, so wie sie alle hier gekleidet gehen. Sie redete, jedoch +ich verstand natürlich nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie +stets die Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. Sie +hieß Feïnaora. + +»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die andern lachten, als +sie zurückkehrten und das anschmiegende Geschöpf bei seinem Tun +beobachteten. Von Fischern erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm +verstoßen worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht oder +konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer wies ich das Mädchen +fort und immer kam es wieder. Sie warf sich auf die Erde vor mir und +brachte mir Muscheln, Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und +Kokosnüsse. Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen, +die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, kaum der Kindheit +entwachsen, ein scheues Benehmen und ein schmeichelndes Idiom voller +Vokale. + +»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte sie vor +meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon bei mir wie ein +aufmerksamer Hund, trug Wasser und bereitete den Tee. Am letzten Abend, +bevor der ›Phönix‹ die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und +Feïnaora kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie +mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte mit sonderbar +wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich wollte schlafen und gebot ihr, +stille zu sein. Der Schlummer kam, doch er war ohne Tiefe und ohne +Vergessenheit. Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene +so quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, die Gedanken +flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, mir war, als müßt ich +sterben, ohne sie noch einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu +haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in der Furcht, in +der Finsternis und Einsamkeit streckten sich meine Arme aus und sie +fanden Leben, Wärme, eine mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von +der andern Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes +Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich aus dem Fieber +der Träume. Am Morgen sah ich mich allein. Feïnaora war verschwunden. +Es waren Leute im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem +Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der ihren in die +Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte mir, daß es Feïnaora war. Das +Meer hat ihre Seele ausgelöscht. Virginia hat es gefordert. + +»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen Tod. Ich glaube +an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht schuldiger werde. Oder, wenn dich +die moralische Wertung ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger, +sondern verstrickter. Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze +Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie wird es möglich +sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- und Traumhafte so zu fassen, +daß sie versteht, verzeiht, vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will +nicht monatelang mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. Leb +wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken deinen ewig getreuen +Manfred Dalcroze.« + +Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach blaß geworden, +jedoch kein Spiel der Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie lag auf +dem Rücken, hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein +Grashalm war zwischen ihre Lippen geklemmt. + +»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte den Brief des +Freundes in der Faust zusammen. + +»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia mit hartem +Blick; doch kaum hatten ihre Augen einander getroffen, so senkte +Virginia die Lider, eine verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und +sie wandte, ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern Seite. + +»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte Geschichtchen +ernster zu nehmen, als es im Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und +mit vorsichtigem Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin, +an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, der Gute, +er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu quält er sich? Jetzt +plötzlich möchte er gern an die Großmut des freien Weibes appellieren +und hat nichts für Sie getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts. +Er hat Sie aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und nun +mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er fürchten muß, kein +Verständnis für das Natürliche und Alltägliche zu finden.« + +Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, Virginia,« +fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. Wir Männer sind aus anderem +Fleisch als ihr. Unsere Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so +im Geist, daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue manchmal +erst zur Blüte kommt.« + +Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand mit vielen +Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der zwölfte September. Ihr war +kalt, über und über kalt. + +Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin folgte ihr und pfiff +leise. Schweigend wandelten sie über die Wiesenwege. Von den Bergen +her waren indessen große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es +donnerte. Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es +zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt nicht. Es +regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie an ein Haus. Das Tor war +verschlossen; auf Erwins Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin +bat, den Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden in ein +geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen Sofa und Stühle mit +weißem Linnen überzogen waren. Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien, +das in diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem die +freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach Bauernart lamentiert +hatte, ließ sie die beiden allein. + +In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen Sessel hin und +spielte. Das Instrument klang dünn und verstimmt. Als er sich nach +einer Weile umwandte, sah er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch +sitzen und lautlos weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt, +die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, die Hände lagen im +Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet sah, erhob sie die Arme, +stützte sie auf den Tisch und legte die Hände vor die Augen. Erwin +schritt hin, faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander, +wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins Innere eines Waldes +dringen will. Sie mochte ihr Gesicht nicht sehen lassen und beugte es +tiefer herab. Er schob den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von +unten ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! Vertrauen! +Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte Virginia vertrauensvoll. Sie +hauchte seinen Namen. + +»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam. + +Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht recht gehört zu +haben. Sie schaute ihm entsetzt in die Augen. So nahe, dachte er mit +Frohlocken, mit Furcht vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn +er gewahrte jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen +Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, während sie sich vergrößerten. +Er packte ihre Schultern, sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham +und Schrecken, stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich +befreien. Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich gegen +den ihren, in dem allmählich Angst und Haß sich zu flehentlicher Bitte +entschieden. »Nicht anrühren! nicht anrühren!« sagte sie schnell und +leidenschaftlich. Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln, +eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand sie auf, +doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen fingen ihren Mund +wie etwas, das niederstürzt, wie man einen flügellahmen Vogel mit +den Händen fängt, und ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in +elektrischen Wellen fort. + +Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er sah die +weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, die von keiner +natürlichen, eher von einer mechanischen oder kränklichen Bewegung +geöffnet waren, jede Sekunde verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit +des lebendigen Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen +Formen ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten, +der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis er gewahrte, daß er +eine Besinnungslose hielt, eine die wachsfahl dalag, hilfsbedürftig +geworden, in ein Intervall von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die +Sühne für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach einem kurzen +Tod zum Austrag gelangen könnte. + +Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, feurig +fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser Blick traf, der +bis in den untersten Grund seiner Seele drang, da mußte Erwin einen +Rückzug von entscheidender Bedeutung antreten, der ihn fast wieder +an jene Schanzen warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie +ist unvergleichlich, sagte er sich, und ich habe eine Dummheit +begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre Eigenart zu +berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, das rächt sich. + +Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen ließ: das ist +Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, niemals, im Innersten niemals. +Unschuld! Was war denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen +unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die Frauen, wenn +sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer Begierde zur Gewissensruhe +verhilft? Die furchtsamen Mädchen, die wissenden Frauen, die +schwankenden, ziellosen, hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine +Kraft. Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte ihn. +Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! Element und Wille; die +Schönheit und ihr Begehrer, ihr Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr +Herr, ihr Schicksal. + +Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab lagen von den +bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, die fast ohne Bezug +war zur Gegenwart, daß er es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer +verließ, eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald genug +treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er sich allein sah. Nach +einer Viertelstunde regungslosen Brütens ging er gleichfalls. Er rief +die Bäuerin und gab ihr ein Geldstück. + +Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte sogar einen Umweg ins +Dorf. + +In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die Regenkälte zu vertreiben. +Was soll nun werden? grübelte er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im +Vorteil gegen mich. Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken, +es sei alles zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir +fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? jetzt? +unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. Ich kann es nicht. Das +Gelingen wird mich nicht reicher machen. Erfolg ist nur Bestätigung, +nicht Vermehrung. Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie +reißt mich aus mir selbst heraus. + +Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. Sie reißt +mich aus mir selbst heraus! Das war eines jener tiefen Worte, die nur +ohne Eitelkeit und Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte +Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, um seine Stimmung +zu verdüstern. Er las, er arbeitete an seiner Abhandlung über die +moralische Idee. Am Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief +an Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf der Insel Mangaia +für eine reizende, aber bedeutungslose Legende im Stil von Montesquieu +oder Hearn zu erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen +seines Liebesfiebers. + +»Ich kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem Punkt erscheinst +du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. Und du spürst es +selbst, wenn ich gewisse Äußerungen recht verstehe, in denen sich das +Bedürfnis ausspricht, deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie +von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und ihnen ein +soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten Jahrhundert repräsentiert +die Liebe nicht mehr. Ich kann eine Tyrannei des Gefühls nicht +billigen, die uns um den Genuß und die geistigen Ziele des Lebens +betrügt. Nenne mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort +für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an der panischen +Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie nicht, ich halte ihr +stand. Doch ich kann nicht auf das Recht der schönen Selbstbestimmung +verzichten. Leidenschaften sind Arzneien des Geistes und Massagen des +Herzens. In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde +Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole schädigen den freien +Austausch. Du hast nicht wohl daran getan, dein polynesisches Erlebnis +ins Europäische zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein +gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, dir eine +ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So erklärst du die Treue als +ein Prinzip, und das ist verwerflich. Prinzipien morden die Jugend, das +einzige positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für Virginia +daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem ich sie vorbereitete. +Sie wäre zu einer Dummheit fähig gewesen, da sie nie einen Berater +hatte, der sie von den sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite. +Jetzt magst du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler +Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche +leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, wenn man, wie ich, +der Meinung ist, daß ein edles Pferd zu den vollkommensten Wesen der +Schöpfung gehört. Sie ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die +abgefeimtesten Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf +Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. Er, vor dem +doch alles kniet! Leb wohl, Gott schenke dir Frieden und Vernunft.« + + + + +Das Bindende + + +Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen zwei Uhr pochte es an +seiner Tür. Es war Frau Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein. +Erwin ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm und +Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«, antwortete er kühl. + +»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt ist sie gestern +nach Haus gekommen und hat sich ins Bett gelegt. Ich glaube, sie hat +gefiebert. Hat auch kein Wort mit mir gesprochen, kein einziges Wort, +gestern nicht und heut nicht. Können Sie sich das erklären?« + +»Ist sie heute aufgestanden?« + +»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.« + +»Was tut sie?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Ich werde mit Ihnen gehen.« + +»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.« + +»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie das machen?« + +Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag zu Ihnen, sie hat +mir’s streng verboten. Was ist los? sag ich. Sie schaut in die Luft. +Jetzt hab ich mich weggestohlen.« + +»Ich gehe mit Ihnen.« + +»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank, wenn man ihren +Eigensinn brechen will.« + +»Wir werden sehn.« + +Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege unter einem trüben +Himmel schweigend dem Landhaus zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare +Räume, von denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten lag +das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine feuchte Holzkammer. Oben +war ein ziemlich großes Gelaß, das auf den Balkon führte; auf der +einen Seite dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer, an +die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt ihr denn nicht Geld +genug, daß ihr euch in solche Käfige sperrt?« wandte sich Erwin auf der +Treppe an Frau Geßner. + +»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese schuldbewußt. + +»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin zornig. »Gott +bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk. Ich bitte um Verzeihung, +aber meine Geduld ist zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die +Frau nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie. + +In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau Geßner zu Virginia +ging. Er betrachtete die einfachen Zirbelholzmöbel, das plumpe, +rotüberzogene Sofa und die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war +ein getünchter Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah. +Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt, den der +Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte und dessen vier +aneinandergenietete Teile sie als Rahmen für einige ihrer Skizzen +benutzt hatte. Man gewahrte da einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei +Äpfel auf einem blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb, in +dem Forellen lagen. + +Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder. Hinter ihr wurde die +Türe abgesperrt. »Was gibt’s?« fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte +scheu zu Boden. Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff +die Klinke. »Virginia!« rief er heiser. + +Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf. + +»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen zu sprechen?« + +Keine Antwort. + +»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von anständigem Betragen +darf nicht wie ein unverschämter Zudringling behandelt werden.« Er +betonte sehr scharf. Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien +seine Worte zu pulverisieren. + +Keine Antwort. + +»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen euch?« raunte Frau +Geßner, dicht zu Erwin herantretend. Aus ihren Augen fielen eine Menge +von perlenden, hellen Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin +befahl ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er war sehr +bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand und rief: »Hören Sie +mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr. Um sechs Uhr bin ich wieder da. +Sie werden sich dann entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde +diese Beleidigung zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr. Das +ist mein letztes Wort.« + +Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern. Zweieinhalb Stunden +lang irrte er in beständigem Regengeriesel mit aufeinandergepreßten +Zähnen durch die Wiesen und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der +angekündigten Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu +überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben, als er mit +festen Schritten die Treppe emporstieg. Er trat ein und verbeugte sich +vor Frau Geßner, die, als sie ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen +preßte. Er blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte traurig +den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob den Zeigefinger und +flüsterte: »Etwas Übles haben Sie ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So +war sie noch nie.« + +Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie zumeist, wenn er +bejahrte Frauen reden sah, deren Mund des beherrschten Mienenspiels +ermangelte. Er würdigte sie keines Worts und ging zu der verschlossenen +Tür. Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich bin es, +Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er. + +Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und stärker, mit +Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu hören; kein Schritt, kein +Laut. Nun wanderte er ein paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau +Geßner aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur Tür und +sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch niemand hat gewagt, was +Sie heute wagen. Ich will Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu +bereuen, die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben noch +eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.« + +Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich. Er +starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit schaute er auf +die Uhr. Frau Geßner saß am offenen Balkon. Sie rührte sich nicht, +bewegte selbst die Augen nicht. Sie horchte. Die den Fenstern +gegenüberliegenden Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die +Zweige der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf Minuten +war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken bedeckt. Ein +kläffender Hund sprang vor dem Haus vorbei. + +Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich und griff nach +seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend die Hand aus. Er zuckte die +Achseln und ging. Es steht zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick +seines Lebens kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung +nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft +verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen. Vor einer Tür +stehen und nicht eingelassen werden! Das war das Furchtbarste, was ihm +zustoßen konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das war +das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen werden! + +Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die Dunkelheit hinunter +wie ins Bodenlose. Da vernahm er eilige Schritte hinter sich. Er wußte, +daß ihm die Alte folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf +seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte heimlich: »Ich +kann mir’s denken, Erwin.« + +Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen? dachte er verdrossen; +alle alten Mütter sind lästig und respektlos. »Was steht zu Diensten?« +sagte er mit höflicher Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«, +antwortete sie seufzend. + +Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil sie ihm eine +Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen Zimmer unten, das ohne Stufe +ins Freie führte, blieb Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen +sehen, daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um Virginias +Hand.« + +Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer zu werden. Im Geist +hatte sie sich des öfteren das Entzücken ausgemalt, das sie empfinden +würde, wenn einst diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun +war sie keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken. +Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen von Glanz, +Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich um Virginias Hand?« +wiederholte sie ungläubig und matt. »Mich? mich bitten Sie? warum nicht +Virginia selbst?« + +»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch zubrüllen?« + +»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?« + +»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin, es sind schon +festere Bündnisse aufgelöst worden.« + +»Sie läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.« + +»Darauf kommt es eben an.« + +»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?« + +»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten worden ist.« + +»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise und bekümmert, +aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck, der die monatelangen +kupplerischen Wünsche enthüllte. In einer besorgten Falte ihrer Stirn +wohnte der letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem +zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung, Erwartung +und Dankbarkeit. + +Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk ansieht, und +unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte die Frau unter den Arm +und sagte: »Sie begreifen, Mama, es handelt sich also darum, Virginias +kindischen Trotz zu besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr +sprechen kann. Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern, +sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus bleiben. Um acht +Uhr abends werde ich unvermutet und möglichst geräuschlos ins Zimmer +treten. Sprechen Sie nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß +sie bei Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die Dinge +sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«, schloß er; »Virginia ist +uneins mit sich selbst. Das ist der Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch +die Erklärung dafür, daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird +gut.« + +»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner. + +»Manfred wird mit Feïnaora tanzen.« + +»Wie?« + +»Davon reden wir ein andermal.« + +»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen, Erwin?« + +»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration mehr aus.« + +Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin gegangen war: Gina +ist uneins mit sich, das arme Kind weiß nicht, was es tun soll. Aber +da gibt es kein Schwanken; das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie +nicht von sich weisen. + +Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber den +weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen. Nicht die +klügste und sanfteste ist fähig, sich der Gefühle ihrer eigenen +Jugend zu erinnern. Alle haben gelernt, praktisch zu sein, und haben +vergessen, daß die Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den +Verblendungen der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft beruht. Sie +werden gemein, ohne es zu wissen, und grausam, ohne es zu wollen. + +Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt und schaute in +das feurige Rechteck von Virginias Fenster, das von immer schwärzer +werdender Nacht begrenzt wurde. Lange saß er so. Es läuteten tiefe +Glocken, deren Schall der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte +weder Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen hatte. +Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt, nicht zu essen noch zu +trinken, bevor ... bevor die Tür dort oben offen stand. Es war, als +dürfe die Sonne nicht mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen +stand. Es war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß +gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei zugeschaut und +hätten ihn verhöhnt. + +Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen als zu kühn, die +andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte sich wie ein Span im Feuer. +Das Feuer war seine Begierde, sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen. +Das beleuchtete Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen. +Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt; ihr wenig +beschützter Leib hatte gefröstelt in der feuchten Wiesenluft, die durch +die Fensterfugen drang. Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen, +auf fühllosem Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen +Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis einander +sucht. Der Smaragdring auf der Linken war abgezogen, und sie war +frei vom verpflichtenden Bund. Nackt war der Goldfinger ohne den +Ring, wie eines Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen +über allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und zitterten +dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung zwischen Wimpern und +Brauen, die den Schmelz und die Reinheit eines Blütenblattes und die +vollkommen parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit +und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam mit dem +sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man den Raum von hier bis an +die Lagerstätte, es mochten nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war +dazwischen, die nicht geöffnet wurde. + +Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis dachte sie +nicht. + +Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht seines Griffs +geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch gesessen, den Kopf in die Hand +gestützt, in den erglühenden Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr +an Feïnaora, sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als +liebe sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte eine +Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter den Zweigen der +Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen. Denn sie fühlte seine Nähe +unaufhörlich. Sie fühlte seinen heftigen und sprechenden Blick, seine +unterwerfende Gebärde, sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner +Stirn und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie wußte sich von +alledem gekettet, aber sie war entschlossen, sich frei zu machen. Sie +wollte frei sein. Sie wollte nicht mehr vom Morgen bis zum Abend mit +erwartendem Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie wollte +nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine Worte sie betasteten wie +Finger oder eine Wißbegier erregten, deren sie sich schämte. + +So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund an den seinen. Wie +hatte er es wagen können, ihren Mund mit dem seinen zu berühren! Das +war es, wobei ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht +beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig. Sie hatte +keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte sich einen Rächer, +aber aus Mitleid mit ihm und aus einem Rest von Achtung für seinen +Freundschaftsbund mit Manfred fürchtete sie die Rache. + +Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies hatte nichts in ihr +geweckt, es hatte nur getötet. Es war ihr zumut gewesen, als ob ihr +Blut weiß würde. Ja, alle Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds +Bild. Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein, und +sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch länger zu besitzen. +Doch war es schwer, für die Zurückgabe die höfliche Form und den nicht +widerruflichen Gehalt zu finden. + +Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber. Als ihr die Mutter +sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren, ärgerte sie sich. Sie hatte die +Mutter bitten wollen, ihm die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer +gewesen, so hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die +zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu können. Im +übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm heute gegenüber zu treten. Sie +blieb mit ihrer Arbeit im Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und +sprach den ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und man +spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm. Gewitter lagen in der +unbewegten Luft. + +Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine Schritte schallten +erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe angezogen hatte, um +sie geräuschlos zu machen. Der Blick, mit dem Virginia die Mutter +ansah, war wild und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei +einem Steinwurf. + +Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das Blut ins Gesicht. +»Ich habe meine Abreise verschoben,« sagte er, »weil ich mir den +Bescheid wegen des Antrags holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter +gestern gemacht.« + +Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten habe, davon zu +sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die kühle Redensart falle ihm +schwer, die das Ungewöhnlichste von allem ausdrücke, wozu er sich +jemals entschlossen. + +Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit. »Ich habe Sie +von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«, sagte er. + +Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas wie Heiterkeit über +ihre Züge verbreitete. »Man sollte wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß +mit mir haben wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich +zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich. + +»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder schmeichelhaft +für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer Gelassenheit, hinter der +sich sein Ingrimm und seine schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen. + +»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte Virginia betroffen. + +»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er mit seiner +umflorten Stimme, und während er sprach, sah man beständig seine +großen, porzellanweißen Zähne. »Sie aber haben nur Hohn und Kälte +dafür.« + +»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem Tone ein. + +»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben hat, ohne +zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort. »Ich wage zu denken, daß ich, +ich, nur ich es bin, der ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er +wußte, was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel auf die +Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und hat Ihnen dafür zwei Jahre +gelassen, qualvolle Jahre des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger +Hoffnung, augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern es war, +Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich zu machen, ich soll +vor der Tür stehen und betteln, ich soll zu Kreuze kriechen, ich soll +das Vorrecht des Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum? +warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten. Den Freund halt +ich hoch, über mich selbst kann ich aber nicht hinweg.« + +Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ihr Antlitz zeigte +keine Bewegung, kaum ein Gefühl. Ihre Lider waren so tief gesenkt, +daß die Wimpern einander berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein, +Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut zu entfärben +schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich gefälligst an.« + +»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.« + +»Ein anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet, das Herz einer +Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia –« + +»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten, wie Sie hier +verraten.« + +»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat ihr von neuem in +den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn, wenn ich Sie überreden wollte, +gegen Ihre Empfindung zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse +Sie aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie hätten +unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber nicht. Sie haben nicht +gewählt. Sie haben gar keine Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben +sich nur verpflichtet. Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der +Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit der banalen +Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen Zwang. Sie sind nicht geboren +für die Niederungen, Sie würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der +Seite eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt, der +aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam sein wird, krank +sein wird, den die Geschäfte des Lebens kraftlos und die Enttäuschungen +des Berufs übellaunig gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen, +Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph. Ich würde Sie +lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten Händen würde ich dastehen, +ich würde nie von Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen +wie in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder erleben +lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen liegen, und das +Geheimnis, das darin besteht, zu genießen, ohne zu bereuen. Haben Sie +bedacht, wie ungeheuer es ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben +einer Leidenschaft widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft +vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt, von den Sinnen erzogen +und von der Natur bestätigt worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln, +am Blut, am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, +daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet haben, und daß +Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt. Sie sind es nicht. +Unausrottbar bin ich in Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen, +von mir kommen Sie nicht los.« + +Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung, dumpfes Hinsinnen, +Schrecken, das alles war in Virginias Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck +gelangt. Nach den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig +an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von keuschem Bedauern. »Ich +bitte einen Augenblick zu entschuldigen«, flüsterte sie endlich und +ging in ihr Zimmer. Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in +den Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren ins +Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief ergriffen; sie war von +Bewunderung für diesen Mann wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im +stillen, sie grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte, +wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war. Ein einziger +Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und solche Männer gab es wie +den! Sie dachte an den Tod; das schien ihr noch das Beste, woran sie +denken konnte. + +Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand entgegen, auf +welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und Entschiedenheit vereinigten +sich in der Geste wie im Blick, ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher +Entschluß. Frau Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus. + +Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich, alles umsonst. + +Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen wurde, ein +herrisches Bedürfnis seines Temperaments war. Es gab in seiner +Vergangenheit nur zwei Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren +war er auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem +erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch gelegen. Als +Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im Beisein von Kameraden von einer +Frau, in die er verliebt war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge +hatte gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen. Man hatte +ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der sich verbissen hat. + +So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt. Er schleuderte +die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß darauf, die Perlen krachten und +knirschten. Er trat auf sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und +Wut im Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum +bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes Gerinsel, +funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia faltete die Hände. Ihre +Lippen zuckten. Sie ging ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die +Scheibe. Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche +Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich straff emporgerichtet. +Schweigend verließ er das Zimmer. + +In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem Zimmer ins andere. +Er dachte nichts, er begriff nichts mehr. Das Rad ist im Schwung, das +Korn muß gemahlen werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr +vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner trat ein. +»Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte nicht den Gruß. »Sie hat +mich geschickt, sie hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, +murmelte Frau Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich hab +alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen! Wie kann man so +freveln!« – »Kommen Sie, um zu jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie +hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die Frau +beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden, Sie möchten doch +vernünftig sein.« + +»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene Erfindung zu sein. +So geschmacklos ist Virginia nicht, daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen +macht.« + +»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald heftig, +bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen nicht wieder +zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie erst lang betrachtet, +bevor sie alle ins Papier gepackt hat.« + +Erwin überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er. + +»Sie hat geweint.« + +»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn um die Perlen +geweint?« + +»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht alle beschädigt. Sie +hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie fort waren, und dann war ihr wieder +zu heiß, es ist so schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden, +das hab ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt und bin +dann zu Ihnen.« + +Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so umständlich, als +könne sie sich damit willigeres Gehör bei Erwin erzwingen. »Gehen Sie +doch nicht im Bösen von uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie +bereut jetzt.« + +»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue zu ziehen.« + +»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch einen letzten +Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute war, als hielte sie +Virginias Glück in Händen. Auch war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er +nur wolle, alles noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge. + +Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen Eingebung. »Ich +muß morgen früh in der Stadt sein«, sagte er. + +»So kommen Sie jetzt mit mir –« + +»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein mit ihr sprechen +können.« + +»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.« + +»Sie wird mich nicht einlassen.« + +»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß ich es bin, und wird +Ihnen aufmachen.« + +»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es, Sie geben mir +Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht Virginia sicher argwöhnisch.« + +»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir nie verzeihen. Das wäre +auch –« + +»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s so versuchen. +Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde bin ich wieder da und hoffe, +Ihnen gute Nachricht zu bringen.« + +Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau an. »Wenn Sie +eilen, können Sie sie noch vor dem Haus treffen, sie wollte noch ein +wenig an die Luft«, sagte sie. + +Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte er noch an die +Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen und Verlockungen? Ihn trieb +die Ungeduld, die leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz +eines Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe +und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von welchem Rechenschaft +sich zu geben er Scheu trug. Mit dieser ganzen Hölle von Empfindungen +überließ er sich dem Zufall. + +Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger Wolken, in denen +fortwährend Blitze zuckten. Zwischen den schwarzen Wiesen und +schwarzen Wäldern glitten Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher +Geschwindigkeit hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern, +die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus einem fernen Wirtsgarten +schallte eine von der Schwülnis erstickte Blechmusik. + +Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah er eine helle +Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er erkannte Virginia am Gang. Sie +blieb bisweilen stehen, als lausche sie. Er wartete, bis sie um die +Ecke des Hauses verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der +Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern Seite wieder +hervorkam. Ich will nicht im Freien mit ihr sein, überlegte er, hier +flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte ihn nicht. Sie schien in Nachdenken +verloren, sie blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen +entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür ins Haus. Die +Küche war von flackernden Flammen beleuchtet, kochendes Wasser brodelte +auf dem Herd. Er stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer. +Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte Lampe, die auf dem +Tisch in Virginias Kammer stand. Auf dem Boden drinnen befand sich eine +halbgefüllte, kreisförmige Blechwanne. + +Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend war und doch den +Zügen mehr Schatten und Trauer verlieh, als je sonst darauf zu sehen +war, umspielte seine Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm +Virginias Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den Schlüssel +abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen, trat er hinter +den bemalten Ofenschirm und kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder. + +Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug in ihrer Hand +einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging in ihr Zimmer und stellte den +Krug zur Erde. Durch die Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte +Erwin sie sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie öffnete +das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann setzte sie sich in den +Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen, +den Rumpf vorgeneigt und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer +über die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit und +Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz fing an zu klopfen wie ein +Hammer. + +So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres Antlitzes schimmerte +wie Silber. Endlich erhob sie sich. Sie zog einen Schal von den +Schultern und seufzte wie unter der Last der Gewitterschwüle. Nun +verlor er sie. Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre +Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar seine Kinnlade +begann zu zittern, und auf einmal sah er sie wieder, eine andere, oder +den innersten Kern von ihr, das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf +Erden wandelte. Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne +jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das im Augenblick +zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene Haut der kaum gekühlten +Luft preis, die den dunklen Honig ihrer Haare schlürfte und den von +Blut und Atem bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein +hervortrieb. + +Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt dem Auge selten +Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren, daß die Schale mehr +versprach, als die Frucht erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an +dem Jubel dieser Vollkommenheit. Der ruchlose Späher verwandelte sich +zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut entfloh aus Erwins +Lippen, seine Augen waren naß, er war seiner nicht mehr mächtig, als er +das schützende Versteck verließ, aber als er dann die Bedeutung seines +Tuns ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom Antrieb zur +Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend und kraftlos inmitten +des Zimmers zurück. + +»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen Tönen, von welchen der +zweite um eine Oktave tiefer klang als der erste. Huschend, mit einem +seltsam überstürzten Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu, +warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte sie mit dem +Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz zusammengeduckt, und jedes +einzelne Glied ihres Körpers wünschte den Tod. + +Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu Erwins Ohren. Er +selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit verlor ihre Schwere. Sie +wurde ein Duft und ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich +Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die Stimmen der +Schuld. + +Worte vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am Türpfosten, indes +Virginia in ihr Lager gewühlt war wie ein Stieglitz in sein Nest. +Sie streckte den Arm gegen ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und +flüsterte: »Fort! Fort! Fort!« + +Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um, Virginia flüsterte +abermals mit immer noch ausgestrecktem Arm: »Fort! Fort!« Und kaum +stand er auf der Schwelle, so schluchzte sie mit eigentümlich +schmelzenden Lauten in sich hinein. + +Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte sie ihm, und +obwohl er den Grund davon nur dunkel ahnte, war es ihm, als blickte er +in die tiefsten Tiefen der Schönheit und der Unschuld. + +Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher Zärtlichkeit: +»Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte. Immerfort will ich an dich +denken, du schönste von allen Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur +ein Schatten. Leb wohl, leb wohl.« + +Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die Stille merkte, +richtete sich auf. Mit den Händen die Brust bedeckend, das beinahe +entseelte Gesicht lauschend, feurig bleich emporgewandt, rief sie: +»Erwin!« Und wieder, willenlos und jammernd: »Erwin!« + +Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende Ohnmacht nahm sie +auf. + + + + +Gefangenschaft + + +Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung der Gräfin +Thurn-Reichenstein angenommen, die letzten Septembertage auf deren +Gut in Mähren zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte, +fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch einen +Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert, Gäste zu empfangen, +hieß es. Dies stellte sich bald genug als unwahr heraus; er traf einen +Bekannten von der französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf +das Gut der Gräfin zu fahren. + +Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky. Auf den Schlag, der +dort gegen ihn geführt wurde, war er durchaus nicht vorbereitet. Frau +von Resowsky ließ sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute +Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr nicht empfangen zu +werden, war eine Art von Todesurteil. + +Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit frostiger Zurückhaltung. +Wohin er kam, dieselbe Veränderung. Selbst Leute dritten Ranges +behandelten ihn von oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur +Rede: man war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die Achseln. +Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit hervor. Es +erwies sich, daß die Geschichte von dem fingierten Duell neuerdings +umlief und jetzt zur allgemeinen Kenntnis gelangt war. Man hatte sich +darüber lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die +Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein elender Schmierant, +dessen Beruf es war, in den Vorzimmern der großen Welt zu schnüffeln, +brachte das Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und +erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht mit Namen, +aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen Sud zu beschmutzen. Damit +war Erwin vollends gerichtet. + +Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis an den Hals +stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Redaktion +jener Zeitung und forderte Widerruf. Seine Entschiedenheit, seine +knirschende Ruhe flößte den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus, +sie versprachen schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf +erfolgte nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie einen Epilog +an, durch den sie noch eine Würze erhielt. Erwin nahm sich zusammen. +Er bedurfte keiner Bemäntelung seiner Schuld, um den Abscheu zu +vermindern, den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben, +die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt jede +Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen, denn er war stets der +Meister gewesen und hatte durch unbegrenzte Verschwendung den Anspruch +auf unbegrenzte Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank +belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst hatte er den Plan +einer Reihe von Herausforderungen erwogen. Das Mittel war unbequem, +weil es ihn zwingen konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu +lärmend war. + +Im Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber des gegen ihn +angezettelten Skandals zu entdecken, stieß er bald auf den Namen Sixtus +von Flügels. Sixtus von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes +zurückgekehrt. Marianne hatte damals Frau von Resowsky nach Erwins +Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte erfahren, daß er als Strohmann +aufgestellt war, und hatte die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache +zu üben. + +Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den Gegenschlag seines +Feindes? Hatte er von Marianne nicht genug Geld erhalten? War Marianne +unvorsichtig gewesen? Marianne, die seine Frau war? + +Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. Die Dinge wuchsen ihm +über den Kopf. Er war nicht mehr der Mann, der er noch vor Wochen +gewesen. Er wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die +Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar zu bleiben. +Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater in der letzten Zeit +unheilvoll bloßgestellt hatte. Die kleine Christie Martens hatte es +wirklich verstanden, ihn seiner alten Freundin abwendig zu machen. +Er war nun genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie +einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine schlechte +Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto abgefeimtere im Leben, +bezahlte ihre Schulden und hatte eine elegante Wohnung. Das Alter hatte +Michael Reiner nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt +zur Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man erzählte +sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens winselte, während +Christie ihre Liebhaber bei sich hatte. Es war Stadtgespräch. Erwin +schäumte vor Zorn, aber er schreckte davor zurück, seinen Vater zur +Vernunft zu bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet, +er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen. Der Vater kam +nicht zu ihm, er schämte sich offenbar, er grollte ihm vielleicht und +betrachtete sein Tun als Betäubung, als einen Ausgleich gegen das +Schicksal der Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen +hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe war. Es hatte mit der einen +Torheit Michael Reiners sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich +sein Vater plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß er +in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an der Börse verloren +hatte. + +Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin verschob es. Es waren +zu viele Stricke um seinen Fuß gelegt. Er hätte noch drei Millionen +hingegeben, wenn er die Demütigung hätte vergessen können, die er +durch Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin einen seiner +unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer Freiheit das Gewebe +der Verleumdungen auf, schilderte das Treiben seiner Gegner mit der +Laune des Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole um +sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky sogleich antwortete, +er möge zu einer bestimmten Stunde zu ihr kommen. + +Er atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung seiner Person +sicher. Daß man ihn rief, war schon ein Triumph. Jedoch es kam alles +anders. Und wenn er geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu +bedürfen, um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin eine bereuend +überzeugte zu machen, so brauchte Frau von Resowsky, eine Dame, die in +allen zweifelhaften Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln +gewohnt war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen +und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für Erwin eine +Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen entstand. + +»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin, nicht wahr?« bat Frau +von Resowsky. + +»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe, mit Vergnügen, +Baronin.« + +»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd, »wenn Sie +bei einem sind, möchte man durchs Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile +nicht gesehen, so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten nicht.« + +»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten Geschmacks. Das +Rätsel erklärt sich durch den Überschuß von Moral, an dem wir alle +leiden wie an einer Art von geistigem Diabetes, und dem Unvermögen, +auch nur einen geringen Teil davon tätig auszulösen.« + +»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat mir seinerzeit +mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder geschlagen hätten. Ich habe +dafür gesorgt, daß die dummen Gerüchte, die schon damals begannen, +zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und +behauptet, er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt. Das ist doch +unbegreiflich.« + +»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen Umtriebe dieser +Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings niemals mit Herrn von +Flügel geschlagen.« + +»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir gekommen?« + +»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin, nur Zeit. + +»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«, sagte Frau von +Resowsky, indem sie zu einer kleinen Tapetentür schritt und öffnete. +»Herr von Flügel!« rief sie hinein, »ich bitte.« + +Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die Augen, die in seinem +schwarzbleichen Gesicht tückisch brannten, auf Erwin. + +Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber gleich wieder seine +Fassung. »Ah – reizend!« sagte er mit finsterem Blick gegen Frau von +Resowsky und küßte seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?« + +»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die Baronin ziemlich +scharf; »sonst wird die Wahrheit im Maul von Allerwelt zerstückt.« + +»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.« + +»Das ist kein Argument.« + +»Ich brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles eine Erfindung von +mir. Glaubt man mich decouvriert zu haben, wenn man gemerkt hat, daß +ich den Sumpf zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen +fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu fassen, höchstens noch +bei meinen Gedanken.« + +»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte die Baronin +unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre Schwester sei nicht in +seinem Auftrag zu mir gekommen.« + +»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von Flügel dumpf und mit +haßerfüllter Freude. + +Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem still. Er sah, daß +er sich verrechnet hatte. Er machte eine Bewegung, als wolle er +sich auf den Beleidiger stürzen. Seine Wangen hatten eine fahlgrüne +Färbung, seine Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky +trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und den andern an. +Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als müsse er den Gegner anflehen zu +schweigen, aber das gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann +lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und das ist um +so schändlicher, als meine Schwester Marianne seine Frau ist. Er hat +sich heimlich mit ihr trauen lassen. Sie sehen also, Baronin, daß Herr +Doktor Reiner uns näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte +den Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet, wenn Herr +Doktor Reiner den Namen meiner Schwester respektiert hätte.« + +Frau von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck kalter Verwunderung +an. Sie zuckte die Achseln und machte eine kleine, abfertigende +Gebärde. Erwin lachte. »Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über +diese Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«, sagte er +gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden unter ihm im Kreis +drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt, fügte er hinzu: »Wir treffen uns +noch.« + +»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau von Resowsky mit +verächtlich zuckenden Lippen. + +»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es zu spät erkennen!« +rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich, daß Frau von Resowsky +stutzig wurde und ihm unschlüssig nachschaute, als er ging. + +Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke war: jetzt zu +Virginia. Es war an der Zeit. Er wußte, daß sie am gleichen Tag wie +er in die Stadt zurückgekommen war. Er empfand es durch Luft und +Ferne, daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen. Sein +Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals eines Adlers. Sie +mußte dem Gischt des Geredes, das zu gewärtigen war, entzogen werden. +Er bangte, er lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre, +Freundschaft, Geld und Leben, =sie= mußte er gewinnen. Er liebte sie +nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät, um zu lieben. Ein +dringenderes Gebot befehligte ihn. + +Viel war noch zu tun. Wirrsälig lagen die Wege. Ineinandergeschlungen +waren die Triebe. Die Ehre forderte Sold von der Lüge. Die Unschuld +mußte vernichtet werden, um die Ehre zu retten. Das Antlitz des Lebens +zeigte sich bizarr wie nie zuvor. + +Sein Herz stockte vor Lust, wenn er sich ausmalte, wie ihr +niedergetretenes, zu Tode beleidigtes Herz nach ihm schmachtete. +Endlich! endlich! sie mußte ihm folgen, wie eine Blinde mußte sie ihm +folgen, die von nichts anderem weiß als von der führenden Hand. Und +allein mit ihr, die ganze Welt hinter ihnen her, die verstandlose +Meute, und in ihr, bei ihr sich reinigen von allen Übeln. In seinem +Willen wurzelte Glück und Unglück, durch seinen Willen wandelte +Virginia, atmete sie, war sie schön, anbetungswürdig, begehrenswert und +ihm verfallen. + + * * * * * + +Und so verhielt es sich: ihm verfallen. + +Wo ist =er=? dachte Virginia täglich, stündlich, in der unbekämpfbaren +Furcht vor Verrat. Denn er verriet sie, wo er auch war, er teilte ein +Bild von ihr allen Dingen mit, die sein Auge traf, er gab es den Augen +der Menschen preis, indem er mit ihnen redete, und trug es in die +Räume, in denen er weilte. Er verriet sie, wenn er ging, wenn er lag, +wenn er träumte und wenn er arbeitete. Sie konnte nicht mehr an sich +selber denken, ohne daß das Bild, das immer dort war, wo Erwin war, +ihre Nerven zu äußerstem Schmerz spannte. Langsam war das Bewußtsein +einer unendlichen Schmach in ihr angewachsen, und sie saß oft ohne +Anmut in eckigem Kauern und sehnte sich nach Tränen. + +Wie hatte die Mutter sie neulich am Abend gefunden? an jenem Abend, +dem kein eigentlich heller Tag mehr gefolgt war, auch keine Sonne +mehr. Wann war die Mutter gekommen? Virginia wußte es nicht. Sie +hatte geschwiegen. Auch Frau Geßner hatte geschwiegen, schuldbewußt, +zerstreut, betrübt und heimlich aufgeregt. Ja, von einem heimlichen +Zorn war diese Mutter verzehrt, hatte aber keine Klarheit darüber, +nach welcher Richtung sich dieser Zorn wenden würde. Ich hab es satt, +dachte sie und glich einem Menschen, den ein durchtriebener Wühler +rebellisch gestimmt hat und den es nach Aufruhr verlangt, wobei er +gleichzeitig froh ist, wenn sich der Wühler und Quäler nirgends blicken +läßt. Der Geldzufluß hatte in der letzten Zeit aufgehört, die Ausgaben +mußten beschränkt werden, und Frau Geßner fing an, sich vor der Armut +zu fürchten, vor derselben Armut, in der sie drei Jahrzehnte lang +zufrieden gelebt. + +An jedem Morgen sagte sich Virginia: so kann es nicht weitergehen. Sie +hatte Manfred vergessen. Wenn sein Name emporstieg, war es, als ob ein +früheres Dasein sie an ihn verbunden hätte. Er schrieb auch nicht mehr; +seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Was war geschehen? +Sie war überzeugt, er wisse alles. Und sie wollte ihn vergessen. Der +Kummer gab ihrem Gesicht die Blässe des Perlmutters. Von allem Schweren +war die Abwesenheit Erwins das Schwerste. Sie wollte ihn sehen, +seine Gedanken spüren, sie wollte wissen, welche Art von Laster oder +Verworfenheit in ihr war, die ihn ermutigt hatten zu tun, was er getan. +Sie fand nicht das Wort, nicht die Form ihn zu rufen, auch schien es +ihr bei tieferem Bedenken, daß es überhaupt keine Worte mehr zwischen +ihr und Erwin geben konnte. Doch ihr Gefühl war dies: ruhig kann ich +erst sein, wenn er da ist; froh werd ich nimmer werden, aber ich will +erfahren, warum ich so erniedrigt worden bin. + +Warum kommt er nicht? klagte sie im Stillen; verachtet er mich? +meidet er mich deshalb? Sie suchte sich seiner zu erinnern, aber die +Gestalt war wie Dunst. Nur in ihrem Blut fühlte sie seine Gebärden, +seine Blicke und seine Stimme. Es hatte den Anschein gehabt, als +liebe er sie; so war Liebe etwas Düsteres, Unbehagliches, Wildes und +Sündenvolles geworden. Sie bemerkte, daß alle Menschen in Kleider +gehüllt waren, und sie sah die Leiber hinter den Kleidern, und Männer +und Frauen hatten etwas Heuchlerisches und Maskiertes. Die vergiftete +Phantasie war von Haß gegen den Vergifter beladen. + +Die neue Wohnung lag in einem einstöckigen Haus in friedlicher +Umgebung. Hinter dem Haus lag ein Garten, in welchem sich Virginia an +regenlosen Tagen fast unablässig erging. Sie vermied den Zaun neben +der Straße und wandelte nur auf den schmalen Wegen zwischen den schon +vergilbenden Sträuchern. + +Es war spät nachmittags; es dämmerte schon, da rief Frau Geßner vom +Küchenfenster nach ihr. Der freudige Klang der Stimme verwandelte +Virginias Füße in Blei. Er war da. + +Sie ging hinauf. Er erhob sich und verbeugte sich, als sie +eintrat. »Ich befinde mich in einem Wirrsal von Geschäften und +Unannehmlichkeiten«, sagte er. »Bitte, geben Sie mir ein Glas Wasser, +Mama. Ich verdurste.« + +Virginia kam der Mutter zuvor, holte selbst das Wasser und kühlte dabei +ihre heißen Hände unter der Leitung. Als sie wieder ins Zimmer trat, +war die Mutter verschwunden. Sie runzelte die Stirn, reichte ihm das +gefüllte Glas, und er trank gierig. + +»Ich muß Ihnen gestehen,« begann er plötzlich, »daß das Gerede der +Stadt Sie schon als meine Geliebte bezeichnet. Ich kann Sie dagegen +nicht schützen, Virginia, so lang Sie sich töricht weigern, den +Entschluß zu fassen, der allen Klatsch beschämt.« + +»Wer redet? Was soll das heißen? was für einen Entschluß soll ich +fassen?« antwortete Virginia außer sich. »Sie sind im Irrtum, wenn Sie +glauben, daß der Klatsch eine Pression für mich ist.« + +»Es gibt noch eine stärkere, Virginia; nämlich die, daß eine andere +Glücksmöglichkeit nicht mehr für Sie vorhanden ist.« + +»Dann muß ich eben ohne Glück leben.« + +»Und mich? Virginia? Mich wirfst du zu den Gleichgültigen?« + +»Duzen Sie mich nicht!« rief Virginia und wurde blutrot. »Warum ist die +Mutter fort? wo ist sie hin? Sie sind verschworen mit ihr. Alle sind +gegen mich verschworen.« + +»Virginia! Das Leben ist verschworen gegen dich, weil du es mit Füßen +trittst. Du liebst mich, Virginia! Wenn du mich nicht liebtest, hättest +du die letzte Nacht in Edlitz nicht überlebt. Du liebst mich, und es +genügt mir, dies zu wissen.« + +Virginia preßte die Faust an die Wange. Es ist wahr, dachte sie, es ist +ein Wunder, daß ich’s überlebt habe. Ihr Gesicht schien entgeistert im +grauen Sammet der Dämmerung, als sie dumpf beteuernd murmelte: »Niemals +werd ich Sie lieben, Erwin, niemals. Geben Sie mich also frei.« + +»Was heißt das?« fragte er verblüfft, und ihm wurde schwül ums Herz. +»Du bist frei.« + +»Ich – bin – frei«, wiederholte sie langsam und mit leerem Nachdruck. + +»Du bist frei, aber vom Schicksal mir zugeschmiedet«, fuhr er fort. +Jetzt galt es, den letzten Schlag zu führen. »Du bist frei auch von +Geburt,« sagte er, »zur Liebe bestimmt von Geburt her. Ein Kind der +Liebe bist du, unbekannt ist dein Vater. Selbst deine Mutter kennt ihn +nicht, eine einzige Stunde der Leidenschaft, die einzige ihres Lebens +hat sie dem unbekannten Mann in die Arme geworfen, und dies ist in +deinem Blut, dagegen kämpfst du vergeblich. Du bist ein verlorenes +Kind.« + +Zitternd schaute Virginia auf seinen Mund. Ihre bang ungläubige Miene +gefiel ihm; der sichtbare Zusammenbruch von Stolz und Festigkeit +erschütterte ihn. Sie machte mit der Hand eine mechanisch deutende +Bewegung, ihre Augen fielen zu. Erwin ergriff ihre Hand und drückte +sie lange an seine Lippen. Sie ließ es zitternd geschehen und zitterte +immer – immerfort. Er legte den Arm um ihre Hüften. Plötzlich trat sie +zurück. »Rühren Sie mich nicht an!« schrie sie erbleichend, so wie sie +bisweilen im Traum aufschrie. + +Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Da öffnete Frau Geßner, +durch Virginias Schrei gerufen, die Türe. Ihr Gesicht zeigte die +rasende Entschlossenheit, die oft die Energielosen überfällt. Wenn +gutmütige und verträgliche Menschen in solcher Weise außer sich +geraten, legen sie nicht selten eine plebejische Roheit an den Tag, die +ihren Mangel an Erziehung und ihre Herzensdumpfheit enthüllt. Diese +Frau war sozusagen bis auf den niedersten Stand ihrer moralischen Natur +herabgedrückt: Ehrgeiz, naive Habsucht, Furcht vor Armut und eine +systematische Bezauberung hatten aus ihr das willenlose Werkzeug Erwins +gemacht, und Erwin erkannte es selbst, nicht ohne Verwunderung. + +»Du undankbares Ding!« begann sie keuchend, während ihre Züge +vergröbert, vergrößert und gerötet erschienen, »was sträubst du dich +gegen dein Glück? Aus welchem Grund, sag mir? Wegen deines Manfred +vielleicht, der nichts ist, nichts hat und nichts kann? Gott verzeih +mir die Sünde, aber ich will’s nicht länger mit ansehen, wie dieser +ehrenhafte und großmütige Mann da um dich leidet, der dich mit +Geschenken überhäuft hat, mit Geschenken, die Hunderttausende wert +sind, und dich behandelt hat wie eine Gräfin. Und du tust, verzeih +mir’s Gott, als ob du zu kostbar für ihn wärst. Was ist denn all mein +Hangen und Bangen seit Jahr und Tag? Nur dir gilt’s, alles nur für +dich, und so lohnst du’s mir, Undankbare, mit deinem lächerlichen +Dünkel. Gott verzeih mir’s!« + +»Genug!« rief Erwin laut; »schweigen Sie, Mama.« + +Virginia bewahrte eine erstaunliche Fassung. Sie ging auf die Mutter +zu und legte ihre beiden Hände auf deren Schultern. Frau Geßner wich +betroffen zurück, aber Virginias Blick drang unerbittlich in die Augen +der Mutter, als wollte sie zunächst die Wahrheit dessen ergründen, +was Erwin ihr vorhin verraten. In der Art jedoch, wie sie sich hielt, +war etwas so Vornehmes, daß Erwin, bestürzt über soviel Lieblichkeit +und Adel, sich auf die Lippen biß und einen raschen Seufzer nicht +unterdrücken konnte, der wie das heimliche Aufschluchzen eines Kindes +klang. In diesem Moment kehrte sich Virginia um und sagte mit ruhiger +Stimme: »Gut, es sei. Ich füge mich.« + +Erwin starrte zu Boden. Welch ein boshafter Teufel flüsterte ihm zu, +den Fangstrick mit dem Dolch zu vertauschen und noch eine kurze Qual +und prüfende Demütigung auszuhecken, für die, die »sich fügte«? Wollte +er nicht Räuber sein, sondern Retter, nicht Zuflucht einer Ermatteten, +Verstoßenen, Besudelten, sondern frei begehrt? Er faltete die Stirn +und schwieg. Dieses Schweigen war niederschmetternd für Virginia. Sie +nahm es als einen Ausdruck der Verachtung. So weit ist es also mit mir +gekommen, dachte sie, und das Blut rauschte ihr zu Kopf. Sie begab sich +langsamen Schritts zum Sofa, ließ sich niedersinken und fiel mit dem +Gesicht auf die verschränkten Arme. So weit ist es also, und ich bin +ihm nichts mehr wert, das war ihr einziger Gedanke, und alles, was sie +körperlich von sich spürte, war ihr eine Last und ein Grauen. + +Jetzt bist du mir sicher, jauchzte es in Erwin, jetzt hab ich dich ganz +und gar. + +»Was ist das? es klopft jemand«, murmelte Frau Geßner. Sie öffnete +die Tür, – Ulrich Zimmermann stand da. Er grüßte, niemand antwortete. +Es war schon dunkel geworden, und als die Tür aufging, fiel der +Lichtschein vom beleuchteten Flur herein. »Draußen war offen«, sagte +Ulrich entschuldigend. + +Ulrich Zimmermann hatte die letzten Tage in einer Besorgnis um Virginia +verbracht, die in ihm durch ein kurzes Beisammensein mit dem Grafen +Palester entstanden war. Palester hatte sich nicht klar geäußert, aber +seine geheimnisvollen Andeutungen hatten in Ulrich den Vorsatz erweckt, +Virginia aufzusuchen. Vielleicht nur um sie zu sehen. Er kam von der +Piaristengasse, wo man ihm die neue Wohnung gesagt hatte. + +Er grüßte abermals schüchtern, auch jetzt antwortete niemand. Frau +Geßner zündete mit hastigen Gebärden die Lampe an. Ulrich Zimmermann +erblickte Erwin und erschrak. Er sah Virginia regungslos liegen und +starrte hin wie auf eine Leiche. Alle schlimmen Befürchtungen schienen +bestätigt. + +»Eine schlechte Zeit haben Sie da gewählt«, sagte Erwin und schaute +Ulrich mit funkelnden Augen an. Ulrichs Mund verzerrte sich. »Was ist +geschehen?« fragte er Frau Geßner. Diese schüttelte unfreundlich den +Kopf. + +»Kommen Sie, ich werde Ihren Wissensdurst befriedigen«, sagte Erwin +herrisch. Ulrich Zimmermann folgte zaudernd. + +Als sie auf die Straße traten, hatte Ulrich das Gefühl, an der Seite +eines Feindes zu gehen, der ihn durch Freundschaftskünste so lange +gefoppt, bis er allen Mut der Auflehnung zerstört hatte. + +Erwin ging wie gejagt, erst allmählich verlangsamte sich sein Schritt. +»Was macht Mirowitsch?« fragte er plötzlich zerstreut und mit jener +gnädigen Teilnahme, die auf Ulrich wirkte, als ob man ihm mit einer +Stahlbürste über den Rücken streiche. »Er nähert sich der Katastrophe«, +erwiderte er leise. Dann fuhr er fort und blickte Erwin finster in die +Augen: »Und diese ganze Verantwortung nehmen Sie auf sich?« + +»Welche Verantwortung?« + +Ulrich machte mit Kopf und Schulter eine Bewegung gegen das Haus, das +sie eben verlassen. + +Erwin maß ihn von oben bis unten. »Rivalität trübt das Urteil«, sagte +er. Ulrich, der eine Beleidigung erst kapierte, wenn der Beleidiger +sie vergessen hatte, sah bekümmert drein. Die Leute von starkem +Phantasieleben haben eine eigentümliche Angst davor, aus Begebenheiten, +unter denen sie leiden, die Folgerungen für ihr Verhalten zu ziehen. +Ulrich war erdrückt von dem Bewußtsein, eine bemitleidenswerte Figur +darzustellen gegenüber diesem Wachen, diesem Wirklichen. Er schwieg und +konnte das Bild der regungslos hingekauerten Virginia nicht aus seinem +Gedächtnis wischen. + +»Sie haben einen Trauerfall gehabt, höre ich«, begann Erwin wieder, der +eben dieses Bild für eine Weile vergessen wollte. + +»Ja; mein Onkel ist gestorben.« + +»Ach! So schnell –« + +»Ja. Eines Tages wurde mir gemeldet, daß er nur noch kurze Zeit zu +leben habe. Er wünschte mich zu sprechen. Er wohnte in einem kleinen +Hotel in Baden. Ich fuhr hinaus. Er hatte sich aus der Stadt geflüchtet +wie ein edles Raubtier, das den Tod fern von seiner Höhle sucht. Er +wollte seine Freunde mit dem Anblick seines Sterbens verschonen. Seit +anderthalb Jahren wußte er, daß er verloren sei; seit anderthalb Jahren +ist er täglich kontemplativer geworden und dachte an nichts anderes als +den Tod. Der Gedanke an den Tod mußte ihm furchtbar sein, denn er hatte +gar keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Illusionen und entbehrte auch +den Trost, der darin liegt, daß man einige Menschen hinterläßt, die mit +gespannter Brust eine Schaufel Sand ins Grab werfen. Er gehörte einer +Generation von arbeitsamen Skeptikern und sentimentalen Zynikern an, +mit denen es jetzt zu Ende geht und die den schmarotzenden Skeptikern +und den zynischen Strebern Platz machen. Er war ein vortrefflicher Mann +und hatte Charakter, was heute ein bißchen veraltet ist.« + +»Nun, er hat Sie gewaltig kujoniert«, wandte Erwin ein. »Was Sie +Charakter nennen, war die Verstocktheit der Lustspielväter; die wollen +immer eine Heirat verhindern, die schließlich doch stattfindet.« + +»Nein, nein, er hing am Gelde, und er hing an Formen«, widersprach +Ulrich Zimmermann. »Als ich ihn sah, drehte sich mir das Herz im Leibe +um. Haben Sie je einen Hund gesehen, der weiß, daß er zum Schinder +geführt wird? Diese sanften, nassen Augen voll Vorwurf und ohne +Haß? Der Herr hat sich versteckt, und die Augen des Hundes suchen +den Herrn. Solche Augen hatte der alte Mann. Als ich vor ihm stand, +verlegen und dumm, wie man ist, wenn andere leiden, konnte er kaum +mehr reden. Er hatte eine dick mit Banknoten gefüllte Brieftasche +unter seinem Kopfkissen liegen, die er argwöhnisch bewachte. Endlich +erfuhr ich sein Begehren. Er forderte, daß ich jede Beziehung zu Ihnen, +Erwin, abbrechen sollte; wenn ich darein willigte, würde er mich zum +Universalerben einsetzen.« + +»Und wozu haben Sie sich entschlossen?« fragte Erwin verwundert. + +»Sie sehen ja, wozu ich mich entschlossen habe. Man kann doch nicht +einem Sterbenden gleichsam einen Lebendigen in den Sarg mitgeben. Ich +will Ihnen sagen, Erwin, mein Gefühl war ja nie ungetrübt in Ihrer +Nähe. Der Umgang mit Ihnen hat, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, die +Lust zum Verrat in mir geweckt. Sie haben die furchtbare Eigenschaft, +die Menschen in irgend einer Hinsicht zu Verrätern zu machen. Sie töten +Instinkte wie der Märzwind Knospen. Aber das Allersonderbarste an Ihnen +ist Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, unsichtbar gerade dann, +wenn man will, daß Sie einstehen sollen für sich, daß Sie sich zeigen +sollen. Dann sind Sie unsichtbar wie der Herr des Hundes, der zum +Schinder muß. Sie sind oft so merkwürdig wesenlos: man sucht Sie und +man findet Sie nicht. Oft wenn ich an Sie denke, ist es mir, als ob Sie +keine Augen hätten, als ob Sie wie ein Tiefseefisch in der Finsternis +schwämmen, mit prachtvollen Farben allerdings, purpurn, gelb und grün, +aber wozu sind diese Farben, frag ich mich, wozu die Herrlichkeit +für einen Augenlosen? wozu in der schwarzen Tiefsee-Finsternis? Nun +gut; vielleicht um dieser schönen Farben willen hab ich meinem Onkel +geantwortet, ich könne auf seine Bedingung nicht eingehen. Nicht +aus Rücksicht oder Trotz oder Dankbarkeit oder aus Furcht mich zu +verkaufen, sondern wegen der prachtvollen Farben. Sie werden das für +eine märchenhafte Dummheit erklären; mag sein. Einige Tage später, +als ich meinen Onkel besuchte, war eben der Notar weggegangen. Es +fand sich auch ein junges Mädchen ein mit seiner Mutter; beide sahen +wie Arbeiterinnen aus. Das Mädchen war die Tochter meines Onkels und +kam aus einem Proletarierwinkel der Großstadt, um ihren Vater, den +sie kaum kannte, sterben zu sehen. Ich wußte natürlich nichts von +ihr, und sie stand da mit einer Nase, die nach Geld schnupperte. Sie +hat zwanzigtausend Kronen geerbt, ich ebensoviel, den Rest, der etwa +zehnmal so groß ist, hat das Sankt-Annenspital bekommen. Nachdem mein +Onkel gestorben war, hat man über fünfhundert Goldstücke im Zimmer +gefunden, die er in der letzten Todesangst um sich herum verstreut +hatte.« + +Erwin ging eine Weile mit zur Erde gehefteten Blicken. Plötzlich +schaute er empor und sagte gradeaus vor sich hin: »Es wäre gut, wenn +Sie mich jetzt allein ließen. Es ist am besten, wir verabschieden uns +hier. Ich habe zu Haus ein paar Manuskripte von Ihnen, die werde ich +Ihnen schicken. Es ist am besten, wir trennen uns hier für immer. Gute +Nacht.« + +Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle losreißen, wo +diese Worte gefallen waren. Erwin eilte mit raschen Schritten in die +Dunkelheit. Er suchte eine öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich +mit Villa Sansara verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge. +Bei einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und fuhr in die +Geßnersche Wohnung zurück. + +Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag, als Erwin und +Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es verfloß eine Viertelstunde, und +keine der beiden Frauen sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben +dem Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um den Hals des +Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht; erst als die Zerknirschung +der Mutter zudringlicher wurde, richtete sie sich empor und sagte kalt. +»Laß nur das, Mutter. Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es +wahr ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.« + +Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir gesagt?« stotterte +sie und schlug die Hände klatschend zusammen. »Und der andere, der hat +also geplaudert? Ich armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes, +unglückliches Kind!« + +Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht, das Taschentuch +vor den Mund gepreßt, ging Frau Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin +stand vor ihr. »Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind, +kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell und mit +unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist in Sie gefahren?« + +»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau. + +»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur Gräfin Hamlisch +bringen. Widersetzen Sie sich nicht! Schweigen Sie. Alles hängt davon +ab, daß Sie vernünftig sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie +Nachricht.« + +Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner an. Erwin +bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat ins Zimmer, ergriff +Virginia bei der Hand und sagte leidenschaftlich drängend: »Ich wollte +vorhin nicht den Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen, +Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung der kommenden +Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles ist bereit. Folgen Sie mir.« + +»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene. + +»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine Schwester der Frau von +Resowsky. Virginia kannte und ehrte diese Dame, und sie hätte nichts +gegen Erwins Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes Herz +verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen, – wäre nicht +ein Mißtrauen in ihr gewesen, das nicht als Gedanke oder Erwägung, +sondern als Lähmung ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in +Erscheinung trat. + +»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin fort, indem er +seine Stirn zu der ihren niederbeugte; »Leben, Glück und Zukunft hängen +davon ab, besinnen Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.« + +Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht verworfen, dachte +sie und spürte eine finstere Beruhigung. Mechanisch erhob sie sich. +»Mantel! Hut! rasch!« rief Erwin der Mutter zu, die verstört auf der +Schwelle stand. + +Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich apathisch die +Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den Hut in den Haaren, als ihr +die Mutter die langen Nadeln gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was +geschah und was sie tat. + +»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin warf ihr einen wütenden +Blick zu, und sie schwieg. + +Er führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die Räder begannen zu +rollen. Erwin packte Virginias heiße Hände, sie zog sie beinahe +entsetzt zurück, da ließ er sich auf die Knie gleiten, nahm ihren +Rocksaum und drückte ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin. + +Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe. Sie antwortete +nicht. Er unterließ es. Die Pferde rannten wie rabiat durch eine +Menge von Straßen, endlich hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais +im dritten Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen +Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.« Er sprang +hinaus und verschwand im Torgang. Virginias Kehle war wie zugeschnürt; +in ihrer Brust war eine steinern schwere Gleichgültigkeit. + +Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er mochte beim Portier +einen belanglosen Auftrag erteilt haben, – rief dem Kutscher etwas zu, +und nachdem er eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung +gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis geschehen. +Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie erwartet uns in meinem Haus. +Ich habe ihr vor einer Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt. +Was ich geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt +gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.« + +Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte ihr Blick, der +nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand eine schmerzliche, +trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du mich abermals verrätst, sagten +gleichsam die Augenlider bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und +sprach und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen. +Doch redete er nur, damit Virginia die Länge der Fahrt nicht spüre, und +seine Stimme klang schließlich heiser und angestrengt. + +Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia, und um ihren +Mund zuckte es beständig. Weshalb? was will er damit? Es waren aber +diese Gedanken sowie seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich +selbst und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer, hinter +seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische Ungeduld. + +Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden sein, denn er zeigte +sich nicht. Sie schritten durch die Halle. »Ich bitte, hier herauf«, +sagte Erwin höflich. Virginia zauderte vor der zweimal geeckten +Holztreppe. »Ich bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die +Gräfin muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den untern +Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.« + +Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand antwortete. + +Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die Treppe hinan, +gequält und benommen von jener trotzigen Neugier. + +Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer; müde, zerschlagen, +in sich gekehrt, ja fast verträumt und ohne eigentlich zu leiden. Erwin +sprach zu ihr. Nun klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie +schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er hat mich abermals +verraten, sagte sie zu sich selbst. + +Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht völlig bewußt. Sie +dünkte sich das Opfer eines häßlichen Zwischenfalls, einer dummen Lüge, +eines unwürdigen Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle. +Erwin betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob er sich +und ging hinaus. + +Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie schloß die Augen +und öffnete sie wieder. Welche tiefe Stille! Eine schier trinkbare +Stille! Was ist das für ein Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es +nicht, es ist hergerichtet wie für eine Frau. + +Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum nicht? warum sollt’ +ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein Kunststück zu lieben? Er wird +mich heiraten, und ich werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er +ist so weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht auch ihn +lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte sie ihre Gedanken +in vollständiger Verdüsterung des Geistes. + +Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem Grund läßt er mich so +lange allein? grübelte sie befremdet und bekam nun Angst vor der Stille. + +Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und schaute in ein +rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd schloß sie wieder, +wandte sich weg und trat zu einem Fenster. Die Nacht war schwarz. +Regentropfen spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing +von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen, was tu ich! fuhr +es ihr plötzlich durch den Sinn; hier kann ich nicht bleiben, es ist +spät, ich muß fort. + +Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf und eilte zur +Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein eisiges Entsetzen überfiel sie. +Die Türe war versperrt. + +Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren aufgerissen. Noch +einmal und noch einmal drückte sie die Klinke. Umsonst. Die Tür war +versperrt. Sie war gefangen. + +Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte sich mit der +Stirne kraftlos gegen den Pfosten. + + + + +Die Miniaturen + + +In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias wußte sich Ulrich +Zimmermann keinen andern Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen. +Noch vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen +Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung Palesters führte. Eine +hinkende Pförtnerin führte ihn über regennasse Wege zu einem uralten +und keineswegs freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne +beleuchtet wurde, welche über der gegenüberliegenden Gärtnerwohnung +aufgehängt war. Der Garten gehörte zu einem ausgedehnten Besitz, und +diese Gebäude hatten ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt +gedient. + +Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel. Die Pförtnerin +war gegangen. Ulrich fand keine Glocke und pochte daher ans Tor. Es +blieb alles still, und er pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es +drinnen laut hallte wie in einem Kellergewölbe. + +Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer Frau beugte sich +über das Sims. Eine ruhige, helle Stimme fragte mit fremdländischer +Betonung nach dem Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu, +er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen sprechen. Nach +einer Weile rasselte unten das Schloß, und Graf Palester erschien mit +einer Kerze. Er geleitete den abendlichen Gast über eine Steintreppe +hinauf in ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube +hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger Schmuck der Wände +prangte die Photographie eines Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle, +ein Messingbett und eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar. +Niemand hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet durch die +Mauern einer weiland hochadeligen Domäne, eine solche Wohnstätte der +Armut gesucht. Es hatte dem Grafen Mühe gekostet, mitten unter den +Unanfechtbaren des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz +seine Not zu verstecken. + +Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia Geßner +aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen habe, als ob sich dort +verhängnisvolle Dinge abspielten. Er schilderte, wie er Virginia +gesehen, wie unwillkommen Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei +und daß er den Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend +eingreifen. + +Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale, blasse Gesicht in +die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das alles sagen«, erwiderte er. »Ich +werde heute abend noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der +Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber es muß sein. +Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag zurückkommen. Ich erwarte ihn.« + +»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?« fragte Ulrich, nicht +fähig, Freude darüber zu bezeigen. + +»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.« + +»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?« + +»Vor neun oder zehn Wochen.« + +»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?« + +Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß erreicht hat und er +die raschesten Verbindungen hat benutzen können, muß er noch in dieser +Woche kommen.« + +»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?« + +»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester. Er zog den Mantel +an, nahm Hut und Schirm und sagte: »also gehen wir, wenn ich bitten +darf.« + +Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie er einst gewollt, +als er den reinen Strom der Sympathie verspürt, der von dem Jüngling +ausging, nicht mitteilend, breit und frei, sondern kurz und gebietend, +so geschrieben, daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben +durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren. Eine +Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von konventionellen +Rücksichten, und derart beschaffen, daß sie in dem Fernweilenden, um +dessen sichere Adresse er den Professor Dalcroze in Berlin gebeten +hatte, den erwünschten Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte. + +Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann wie Erwin bei einem +Spiel zu stören, das am Ende nur diesen allein anging; er dachte nicht +an den Verlust jenes Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen +Umstände etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und dessen er sich +nicht entäußern wollte, weil er der Welt und dem Geschick zu trotzen +entschlossen war, ekstatisch wie ein Mönch und in Sehnsucht nach +Selbstvernichtung wie ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen, +sondern aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung für +Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit der suchenden Träume +in die Wirklichkeit zurückkehrend, war es ihm für gewiß erschienen, daß +Virginia nicht mehr standhalten konnte. + +Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus ihren Augen war das +entwichen, was er als die reine Musik des Herzens empfand. Die Seele +war gleichsam aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo +sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid entwendet hat. +Und Graf Palester hatte ein grenzenloses Vertrauen in Virginia gesetzt. +Er war einer jener Menschen, die sich in der Verborgenheit ein Pantheon +errichten, worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der Millionen, +einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen hing er mit der Liebe, +die die Einsamkeit in ihm erzeugte. Mit ihnen wandelte er ungesehen +durch ihr Dasein, und sie hielten ihn aufrecht in der tragischen +Verwüstung, die sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit +und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht +hatten. Er mied die persönliche Berührung mit ihnen, er zog sich von +ihnen zurück, sobald sie von seinem Herzen Besitz ergriffen, aber er +verkehrte mit ihnen, wie man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch +mit solchen Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind. + +Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es, und keine äußere +Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit. Ihm mangelte die +Gegenwartskraft so, daß er sich oft wie der Schatten seines Schattens +vorkam. Es war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied +zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht, weit +in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war ihm wie eigendurchlebtes +Kindheits- und Mannesalter, jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr, +und hätte er religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein +Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm moderner Existenz, +der alles zerschmettert, was nicht mittreibt, verurteilte ihn zu +anonymem Elend. + +Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine, in einer +Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer Frau gesehen, das ihn +fesselte wie nie ein Frauengesicht zuvor, nicht sowohl durch Schönheit, +sondern durch innerlichen Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und +wurde nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals einfiel, +sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er das Bildnis immer +tiefer in das Leben seiner Seele auf und geriet in einen sonderbar +stummen Verkehr mit einem Wesen, das, körperlicher als ein Traum, +dennoch vollkommen unwirklich für ihn war. Drei Monate später wandelte +er eines Abends durch eine Straße in Livorno, als durch das geöffnete +Fenster eines Hauses Gesang an seine Ohren schallte. Erbebend blieb er +stehen und lauschte. Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang +und schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als den Ausdruck +auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas durchaus Ungewöhnliches. Er +schritt in das Haus. Er stieg die Treppe hinan, ging durch einen +Flur, öffnete eine Türe und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem +lebendig gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen, von +Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das Gemälde rechtfertigte +sein Tun bei ihr und ließ seine Person um desto wunderlicher +erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm wurzelte im ersten Blick, ihr erstes +Gefühl war Liebe. Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie +stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet, indem +sie einem der verrufensten Wucherer des Landes, der um sie warb, die +Hand reichte. Sie lebte mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe +war. Es begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft +und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um den Gemeinheiten und +bösen Anstiftungen des Gatten zu entgehen als um ihrer Liebe willen, +die auf Welt- und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden +verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich gegen sie mit +Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von Stimmen für und wider umdrängte +sie, da starb plötzlich Lenorens Mann, und sie war frei; und reich. +Aber sie hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf ein +Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen Herkunft war. +Palester nahm den Abschied, und als er mit Lenore das verkommene Haus +in Hietzing mietete, in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster +umgingen, verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und seine Pension +als Offizier. Die beiden Menschen waren so unfähig wie ungewillt zu +bürgerlichem Erwerb, und ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft +hatte etwas Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des +verschuldeten Untergangs. + +Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur Stadtbahnstation. Eine +Stunde später befand sich Palester am Tor der Villa Sansara. Wichtel +sagte, sein Herr sei nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten +zu wollen. Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte +Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen. Plötzlich +erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe wenden und stutzte, als +er den Grafen sah. Erst zog ein Schatten des Ärgers über seine Stirn, +dann lächelte er düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte, +treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,« fuhr er fort, +als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt war, »der Auftrag, den +Wichtel hat, betrifft nicht die Person, sondern die Welt. Ich habe mich +zurückgezogen von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.« + +»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«, bemerkte Graf +Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von Sammlung und Andacht.« + +Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf in die +Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte er höhnisch. »Für mich +Andacht und Sammlung!« Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem +Gesicht war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter Zug. +Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen; er kannte dieses +Gefühl vom Meere her. Vor großen Stürmen und Gewittern hatte er stets +eine ähnliche Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare in +Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er hatte diese Haare nie +anders gesehen als in sorgfältiger Scheitelung, glatt und geordnet. +Dieser Umstand vermehrte seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt +und war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab, und seine +Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer Handschrift auf dem +Tisch vor ihm. + +»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur um das peinigende +Schweigen zu unterbrechen. + +Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte: »Haben Sie +je die Erfahrung gemacht, daß das eigene Werk einen anstiert wie +eine Gorgo? Manchmal graut mir vor diesen Worten da, die ich selbst +geschrieben habe.« + +»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?« + +»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante und die moralische +Idee heißt der Titel.« + +»Das klingt vielversprechend.« + +»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose. Ich wollte eine +einfache Feststellung von Kategorien geben und sehe mich im Bodenlosen +und Grenzenlosen. Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er +zu blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?« + +»Ich bitte darum.« + +»Als der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt zum ersten Male in +den Ausdruck faßte, daß alles in ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich +sich selbst als das einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt +gegenübergestellt. Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes +geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus +er die Welt bewegen konnte, weil er selber stand. Um so stärker mußte +seine Sehnsucht erwachsen, die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch +an der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild gemäß +nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht, das Werdende durch das +Gesetz in die Formel des Seins zu bannen: er treibt Mathematik, das +heißt Wissenschaft. Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie +aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt: das heißt, +er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie aus der Zeit, verleiht ihnen +Seele und schafft die Persönlichkeit: das heißt, er ist moralisch oder +religiös. Können Sie folgen, Graf?« + +»Vollkommen.« + +»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit der +Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt formt. Die Welt +hinwiederum ist der Stoff, in dem das Gesetz sich erkennt, die Gestalt +sich verkörpert, die Persönlichkeit sich wiederfindet. Daher erscheint +jedes System, jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt +für sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme, »muß das +Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose das schlechthin +Chaotische und das Unpersönliche das schlechthin Unmoralische sein. +Denn alles dies ist nur der dreifach verschiedene Ausdruck derselben +Verneinung: des Inkonstanten, des Undings an sich.« + +Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden Blicken an. Wie +furchtbar, dachte er schaudernd, wie furchtbar diese Selbstverdammung +sich anhört! Wie kann er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie +geben damit eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen +Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester; »des +Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe und des Verantwortungslosen +in der Seele. Dessen, der sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen +dient, dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott und +Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich nimmt, weil er +nie zu finden ist.« + +»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche Idee in die +Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die Exempel vergiften mir den Text, +die Nutzanwendung bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz +und schüttelte den Kopf. + +Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen Sie nicht vor +mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln, die doch nicht weit tragen. +Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht +einmal gekommen, um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich fordere +Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie im Namen der Ehre, der +Freundschaft, der Menschlichkeit.« + +Erwin stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme über der Brust. +»Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte Sie, mich mit Sonntagspredigten +zu verschonen.« + +»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten noch Glück für +andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig fort. »Sie achten es nicht, +ich weiß es, Sie achten nicht das Glück der andern, aber ebensowenig +wie Sie einen wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine +Ersparnisse bestehlen würden – –« + +»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe nicht Zeit zu +beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben zu wechseln. Ich lehne es +ab, mich zu rechtfertigen, ich erlaube niemandem, wer es auch sei, in +meine Brust zu greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit +Philisterweisheit zu besudeln.« + +»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen Sie damit? Wie +schlimm ist es um uns bestellt, wenn wir den Menschen, der sich höherem +Gesetz beugt, mit einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn, +sondern uns selbst der Verachtung preisgibt.« + +Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen Freund begraben,« +sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen Brauen, »es kommt mir auf +eine zweite Beerdigung nicht an.« + +»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie können alles wagen. +Sie haben die Freiheit und die Möglichkeit der Verwandlung.« + +»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen, »vorher haben +wir noch eine kleine Wette auszugleichen, Graf.« + +Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte er. »Ich entsinne +mich. Es war ein sonderbares Gespräch zwischen uns, ein Gespräch, das +mir Übelkeit verursachte wie ein verfaulter Fisch.« + +»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von Folgen begleitet war, +als ob man im Rausch einen Diamanten gefunden hätte ... auf einem +Wirtshaustisch.« + +Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen und in das Gesicht +Erwins blicken zu müssen, und er hatte die Empfindung, als ob dieses +Gesicht beständig wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald +nah, bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich, +bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt und häßlich, bald +verständig, ja erhaben durch Vernunft, bald tierhaft trüb und niedrig +aussah. Ach, dachte er, erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst +unbegreiflich dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an +seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben der Erde gesegnet, +doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen und hat ihm die Liebe +entwendet. + +»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den Besitz +dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin, plötzlich +liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt, sie waren mein Eigentum, +bevor ich sie erworben hatte.« + +»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester mit kaum +vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem Spott hinzu: »Nehmen Sie +mir’s nicht übel, wenn ich daran zweifle.« + +»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben werden«, entgegnete +Erwin lächelnd. + +Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin mit aufgerissenen +Augen an und blinzelte dann mit den Lidern, die sich langsam röteten. + +»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise liefern muß«, +sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit im Ton. »Haben Sie +die Güte, mir zu folgen, Graf.« + +Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte ihm aus dem Zimmer +und die flache Treppe des ungenügend beleuchteten Vorsaals hinan und +durch einen langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde in +schwarzen Rahmen hingen. + +Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber nach der Klinke +gegriffen hatte, war Palester dicht an seine Seite getreten, legte ihm +die Hand auf die Schulter und sagte, indem er seinen Blick fest in den +Erwins bohrte: »Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht; +ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich glaube Ihnen. +Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging mit raschen Schritten über den +Flur gegen die Treppe zurück und verließ im strömenden Regen das Haus. + +Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem kahlen, kalten Zimmer +angelangt war. Er zündete eine Kerze an, ging in das Zimmer seiner +Gefährtin und vergewisserte sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er +auf einem Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken +und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem +Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht geschlagen, als er +sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte und die kostbar eingebundenen +Miniaturen herausnahm. Er betrachtete einzelne Bilder, deren schöne +und mineralische Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten, +lange, mit abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten in +die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie auf den +Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß, und als die Flammen +lichterloh emporschlugen, übergab er ihnen das Buch mit den Miniaturen. +Ruhig schaute er zu, wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken +der Dielen ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie war +im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem seinen sonderbar +ähnlich, schimmerte bleich unter den roten Haaren. Sie fragte nicht, +sie näherte sich ihm schweigend und, an seine Brust gelehnt, schaute +auch sie der kleinen Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren, +lag das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst, grau und +rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand. + +Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest, +den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte, durch einen +Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen Zerstörung ansichtig +wurde, den noch keineswegs zerbröckelten Band ungläubig betastete, +war er gleichwohl nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu +empfinden, wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte. + + + + +Drei Nächte + + +Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in den ersten Stock, sperrte +die Türe auf und trat in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand. +Er schloß die Türe wieder und blieb stehen. + +Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob auch den Kopf +und fixierte Erwin mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte sich +gesammelt und mit aller Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein +Beweis von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre wäre in +einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. Denn sie mußte sich +ja sagen, daß sie selber Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert, +indem sie seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt? +Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die Dumpfheit +hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, den erstbesten Weg +einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. Jetzt aber hatte sie Klarheit; +Klarheit genug für ein ganzes Leben. + +Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte sie +nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch und ihrer unwürdig; sie +erkannte, daß er schurkenhaft an ihr handelte. Und ihr Blick verkündete +ihm das. + +Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie nichts erreichen +würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre Empörung, ihre Verzweiflung an den +Tag legte. + +»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie. + +»Das bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch die geschlossenen +Zähne. »Du weißt selber den Grund.« + +»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht einen anständigen +Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen«, rief Virginia mit +flammenden Augen und ballte die linke Hand fest zur Faust. + +»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, es sei. Wenn Sie Wert +darauf legen ...« Er zuckte die Achseln. + +In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein eckenreicher Mund, +den die Beredtsamkeit in allen Worten und Lauten der menschlichen +Sprache zerzackt und beweglich gemacht, zeigte in seiner Struktur eine +wüste Linie. Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten. + +»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia abermals. + +»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz für mich allein! Ich +will! Sie wissen, scheint mir, nicht, was das bedeutet: ich will!« + +»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. »Aber Sie +vergessen, daß ich auch einen Willen habe. Und wenn Sie vor nichts +zurückschrecken, so werd ich mir daran ein Beispiel nehmen.« + +»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. Es ist wahr, ich +schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. Zu lange haben Sie mich +gemartert.« + +»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde richten. Deswegen haben +Sie mich unter die Menschen gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es +ist, mich gemein zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie hatte +nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue. + +»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. »Waren Sie +der Meinung, daß ich immer nur girren und Süßholz raspeln würde?« + +»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia und blickte ihm +gepeinigt ins Gesicht. + +»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte übrigens die +Absicht, Sie zu heiraten –« + +»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie man eine Ware kauft. +Ich schäme mich ja, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht habe. +So viel Ehre hab ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung +gegen mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise die +Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, alles, alles.« +Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die Hände vors Gesicht. + +»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr +Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht +auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will +ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr +entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, +um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.« + +Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht +schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er +sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.« + +»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will, +mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum +Verbrecher werden soll, du mußt.« + +»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«, +erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte, +weinend. + +»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich +wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia, +so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst +falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und +entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich +lasse dich nicht.« + +Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als +wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen. +»Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich. + +Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia +spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter +Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, +daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne, +wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung. + +»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme. +»Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig. +Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt +als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine +große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn +Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis +stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln, +wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit +Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an +mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie. +Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das +aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund, +mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie. +Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen, +wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.« + +Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken +hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner +Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses, +und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt. +Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu +Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie +nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist +eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie +die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.« + +Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem +sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann +ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel +ihm entgegen und erbat sich seine Befehle. + +»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin. + +»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.« + +»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es +läutet, zeigen Sie sich nicht.« + +»Sehr wohl.« + +»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?« + +»Sehr wohl.« + +»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.« + +»Sehr wohl.« + +Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine +Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als +er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte +sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte +sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er +horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen +ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages +an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer +ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin +Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom +Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin. +Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.« + +Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier, +nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des +Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde +als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er +dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine +Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes +erschien ihm wie versengt. + +Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um +acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben +nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin +trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus. + +Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins +Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie +hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame +und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß +das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle +Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was +dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen +mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim. + +Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele +Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche +Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief. +Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß +mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer +Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen +Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von +Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie +den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn +sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit +schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den +ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen. + +Das Rücken des Tisches weckte sie auf. + +Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf +dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb +ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es +galt, alle Kraft zu bewahren. + +Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war. +Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt +und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, +nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief +hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel +steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie +sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem +Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die +Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum. + +Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen. +Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein. +Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen +Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende +Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen +spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen, +die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß +sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter +und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück +des Parks. + +Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf, +und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege +wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte +Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor, +durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan +und warf sie hin. + +Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu +beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück +und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der +Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit +Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige +Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an +Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen, +als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung +übrig ließe. + +»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort. +»Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte +sich und riß ihr die Jacke auf. + +Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick +seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich, +die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte +mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die +Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle, +begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte +einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und +trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da. + +»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht +bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.« + +Sie rührte sich nicht. + +»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der +Stimme. + +Sie rührte sich nicht. + +»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete +nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch; +»man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank +ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn +treiben?« + +Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur +hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die +Schultern auf die Erde. + +»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder +gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese +Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als +Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen +warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche +Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das +Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging +hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!« +murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich +weg von deiner Brust.« + +Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie +verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam? +Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? +Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief +er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem +Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich +und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er +sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus +dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit +vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von +pedantischer Enthaltsamkeit war. + +Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer +besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin +auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen +zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab, +und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren +Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung +der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über +sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin, +in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie +Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und +bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich +in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen +Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern +so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren +mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß +hineingepreßt. + +Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen +Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun +gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den +Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele +Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam, +sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr +durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt +gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen, +durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles +was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt, +seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit. + +Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er +umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über +sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und +ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck +von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr +feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges +büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. +Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte +automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten, +daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre +war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten +Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei +aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher +kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche +Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche +entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der +marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen. + +»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« rief Erwin +außer sich vor Wut und Enttäuschung, und zugleich sich wehrend gegen +ein aus dem Unterirdischen heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl, +das auf einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf ihm +lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid in dieser Brust? +Was soll ich tun, um mich zu retten? was tun, um dich zu rühren? Soll +ich mir die Adern aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen +meine Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, elender als +elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll ich tun!« + +Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche Vase aus dem +zartesten und kostbarsten Porzellan und schleuderte sie vor Virginia +hin, daß sie zu hundert Scherben zerstückte. Es lag in dieser Tollheit, +in diesem Wüten nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der +elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im Schluchzen und darin, +wie er schäumte, sich bäumte, die Zähne knirschte, die Fingernägel in +seinen Hals grub; aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles +über ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und Öde in ihm +entstand. + +Vielleicht spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren Botendienstes, +der Nachricht von Seele zu Seele gibt. Vielleicht war dies die Ursache, +daß sie Erbarmen mit ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend +der Kohlenglut näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen, +erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen niederstürzender +Mensch, ein Mensch, der furchtbare Qualen gelitten hat durch diese +ungeheure Anstrengung, und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis +zur Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, der aus +einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen ist und trotzdem keine Stütze +findet, um sich von der wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu +befreien. Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, herzmordende +Anstrengung, in der er nach ihr gerungen hatte wie nach dem einzigen +Ding, das gepackt, gehalten, besessen werden mußte, dem einzigen, das +den Sturz in den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit und +Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel der Qualen, war +es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, als müsse sie sich selbst +vergessen, als müsse sie Haß und Liebe, Leben und Ehre, Scham und +Schmerz vergessen, und sie sagte tonlos: + +»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.« + +Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht zu ihr heran. +Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, herrliche Virginia,« flehte er +leise, »und sag’ es mit dem Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk +des Himmels, damit ich wieder zu einem Menschen werde.« + +Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und kraftlos, erwiderte +Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, was du willst.« + +War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, das +Erwin zur Stummheit verurteilte? War es die trauernde Verheißung, +das Opfer, das Schauspiel einer Ergebung, die nichts von Hingabe +hatte, aber alle Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die +ihn versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er verlangt +hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was ihm gewährt werden +sollte, und daß gerade die Gewährung dieses Wesen in eine unerreichbare +Ferne rückte, eine Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals +zu besitzen. Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen +entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl hatte, das +er je empfunden, ja, weil es vielleicht das erste Gefühl war: nicht +Gelüste, nicht Wohlgefallen, nicht Entzückung an der Form, nicht +Entflammung der Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht +Sucht; nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden +und Umschlungensein. + +Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es an, daß sie mich +liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ ich es, daß ich sie liebe? + +Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt an Worten. Statt +dessen drängte es ihn, sich vor ihr zu erniedrigen, aber aus Furcht +vor ihr wagte er nicht zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er +verlor sich aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie +das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da und nagte mit den +Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, die mit ihm geschah, flößte +Virginia Schrecken ein. Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine +Hände, seine Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah +ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr war, als ob +an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch sei. Sie hätte fragen +mögen: wo bist du? Er erschien ihr wie ein Gespenst. Den sie so stolz, +so reich, so erfahren, so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so +überlegen gesehen hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein +geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr graute vor +ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich bis ins Geisterhafte. + +Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte kaum mehr die +Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen Aufregungen wirkte +jetzt auf ihren Körper. Außerdem spürte sie, daß sie Fieber hatte, und +ihre Zähne begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht +erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich wieder. Sie wußte, +daß er sie nun nicht mehr hindern würde, das Zimmer und das Haus zu +verlassen, aber wohin sollte sie gehen? + +Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte ihr angstvoll. +Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit entgegenschlug, sah +sie sein Gesicht überdeutlich in die Luft gemalt, dieses Gesicht, +das schlaff, leer, trüb, häßlich und gemein geworden war. Da begriff +sie, daß sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen hängt, in +Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß er sie bezaubert hatte in +den Verkleidungen und Hüllen, die ihn den Menschen gegenüber gewappnet +und undurchschaubar gemacht. + +Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und steckte es fest +mit den wenigen Nadeln, die noch daran hingen. Die Uhr in der Halle +schlug zwölfmal. Erwin stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das +Bewußtsein vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia blickte, +während ihre Arme noch erhoben waren, matt gegen ihn zurück, und im +tiefen Fieber dachte sie abermals: wo find ich einen Ort, um mich +auszustrecken und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –? + +In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. Die elektrische Glocke +läutete schrill und lang. Erwin runzelte die Stirn, bewegte sich aber +nicht. Es wurde ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne, +daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte sie von +oben bis unten. »Machen Sie auf!« flüsterte sie mit der Gebärde einer +Fliehenden. Mit gleichgültiger Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete. +Herein traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel +gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und Frau von Resowsky. + +Virginia stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie mit geschlossenen +Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau von Resowsky und Ulrich sie nicht +aufgefangen hätten. + +»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, »wir müssen sie +in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, der auf der Treppe stand, +stellte die Laterne nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester +hatten das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es aus dem +Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« rief Ulrich Zimmermann. + +Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur Rechenschaft? Gut so. +Sie haben, Baronin,« wandte er sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls +eine ziemlich unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.« + +»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, ohne ihn mit +ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte die Achseln und kehrte +der ehemaligen Freundin den Rücken. Einige Minuten später war es wieder +still im Haus. Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens. + +Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich auf den Diwan und +fiel sofort in einen schweren Schlaf. Als er erwachte, schien die +Sonne. Während er dem Diener läutete, entsann er sich erst, daß er +Wichtel befohlen hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er ihn +rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den Gärtner im Park und gebot +ihm, Wichtel zu schicken. Er ließ das Bad richten. Als er gebadet und +gefrühstückt hatte, trat er vor den Spiegel. + +Unwillkürlich, in einer lächerlichen Anwandlung, drehte er sich um. Er +meinte nämlich, ein anderer stehe hinter ihm, dessen Bild der Spiegel +wiedergab; denn er erkannte sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches +Gesicht, daß er sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend, +geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen Gesicht +anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig verschwunden. Er übte +sich in einer gewissen redenden Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie +sonst in einem Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete +darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber das Gesicht +blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend wie das Gesicht +eines alten, verkommenen Weibes. + +Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, das macht +mich häßlich, sagte er sich. Er heftete die Augen mit einem +leeren, gebrochenen Glanz in die Luft und murmelte: »Unerreichbar! +unerreichbar! unerreichbar!« Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm +niedersauste. + +Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. Was reizt +mich noch? Nichts. Die Menschen werden mich wie einen Aussätzigen +meiden. Was soll ich mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den +zahllosen Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um sich sah, vor +den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, den Wolken und vor der Sonne. + +Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele Papiere warf er in +den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich gewahrte er auf einem Stoß von +Büchern einen noch uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift +seines Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, schon +seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf und las: + +»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals nach deinem +Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich keine Auskunft geben, +habe ich dich doch seit vierthalb Monaten nicht einmal gesehen. +Den Andeutungen nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten +verwickelt, und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und +persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken Vertrauen +voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, obwohl mein +eigener Zustand der mißlichste von der Welt ist und ich dich, mein +eigenes Kind, von der Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer +nicht freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. Ich +bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, und um den zu +ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem Alter noch zu gewinnen wäre. +Ich frage mich um meine Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist, +als Vater mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor dem +Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem du mich +nicht zurückgestoßen und deine Geringschätzung hast fühlen lassen. +Nun ist’s ja wahr, es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes +Geschlecht in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht in +jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht? Wer hat alle die +verzwickten und rücksichtslosen Neigungen so lange großgehätschelt, +bis sie zu schändlichen Verlotterungen geworden sind? Wer hat euch +das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu +kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen? +Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter und Mütter! Wir, die eure +Vorsehung spielen wollten, wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden +haben, um eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren +Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, so daß sich +ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, ein ehrlicher Kerl zu +sein. Eure selbstverständliche geistige Betätigung haben wir als ein +Wunder betrachtet, eure Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit +für Unabhängigkeit, eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht für +Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit fehlen lassen, +wenn ihr mal was Anständiges geleistet hattet, wir haben es versäumt, +euch im Zutrauen gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir haben mit +den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh nach Haus gekommen seid, +und statt der Furcht vor Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern +noch eingeimpft hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, und +ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht ganz genau wißt, +woher es gekommen und wie es entstanden ist. Das hat euch so lieblos +gemacht. Es macht lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch +bis gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung hat es so +mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche Aufschwung, das +Wohlleben und endlich der Rückschlag gegen die bürgerliche Enge, in der +wir selber aufgewachsen sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr, +ihr jungen Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein +Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, mußte ich dir +mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich lange genug gequält, ich +werde es nie bereuen. Ich darf es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater +bin, ein Amt, von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, sondern +weil du eines vor mir voraus hast, um das ich dich beneide und zu dem +ich dir gratuliere: die Jugend. Es ist eine wunderbare Sache um das +Jungsein, mein lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und +das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist schließlich +alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und gegen mich. Erinnere +dich bald deines Vaters Michael Reiner.« + +Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht schlecht stilisiert, +dachte er, das könnte mich zwingen, ihm Rede zu stehen. Er warf das +Schreiben ins Feuer, dann entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb +eine Anweisung auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch +Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später kam Wichtel zurück. +In dem Kuvert lag der Scheck, mitten entzweigerissen. + +Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. Wo er ging und +stand, sah er immer nur sie; immer nur Virginia; immer nur das +besondere, edle, wahre und angenehme Gesicht. Er sah sie in einer +Haltung zwischen Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften +Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er sah ihre Züge +verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, lieblich in der Freude, +maßvoll auch im Schmerz. + +Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr beseelte +Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; er sah sie +zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet im Zorn mit purpurnen +Schläfen, sinnend in mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik +ertönte, nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden wurde. +Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die kühlen, langen Hände und +vernahm das Knistern ihres Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene +Gebundenheit schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige +Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich an ihr war, und +als ob ein Schwert durch die Luft vor ihm niedersauste, empfand er nur +das eine: Unerreichbar. + +Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber glühenden Lippen: +»Virginia! Schwester! Geliebte!« + +Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; es war derselbe, in +den sie einst geschaut, als sie zum erstenmal das Perlenband um den +Hals genommen. Er suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn, +ein neues Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht, +das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen Weibes. +Ferner sah er ein Wort, mit Blut geschrieben, furchtbar aus zerteiltem +Nebel flammend: Unerreichbar. + +Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, der umbrisch +milde Mund, die Nase ohne Beben in den Flügeln, die Augen mit dem +Bernsteinglanz über den Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren +stieg ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen +Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild. + +Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach verwelkten Blättern. +Wie Felsblöcke stürzten die vielen Stunden, durchlebte und noch zu +durchlebende, auf seine Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als +das was er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst vor +völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der Wolke umarmte, ward in +den Tartarus geschleudert, wo ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das +vom Sturmwind in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich +mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. Die Wolke, +nach der er gegriffen, war nicht göttlichen Ursprungs; ein Dämon hatte +Schaum und Gischt erzeugt, der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten, +leeren, nutzlosen und entgötterten Lebens. + +Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, eine Seele wie +Virginias, von gleicher Kraft und gleicher Wahrheit. Wo war sie +hingeraten, diese Seele? Hatte der Wille sie verzehrt? hing sie an +den zahllosen Seiten gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier +nach Selbstgenuß sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er +so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, kalten und +berechneten Worte sie verschwendet? Wird man Rechenschaft von ihm +fordern, wie Ulrich Zimmermann gesagt, so wird man seine Tage wägen; +prüfen und zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden, +voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von Philosophie, in +weiser Ordnung verwaltet, aber finster, blutlos, stumm und leer. Das +Haus war leer, nur tote Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch? +Das Unding an sich; das Inkonstante. + +Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. O Unerreichbare! +Schwester! Geliebte! + +Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich irgendwie zu +verwandeln, zog er einen schwarzseidenen Schlafrock an und Sandalen aus +Rehleder. So schritt er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel +und geheimnisvoll in seinem eigenen Haus, von Raum zu Raum. + +Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Wichtel suchte +jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr nicht zu sprechen sei. +Dieser jemand gab sich aber nicht zufrieden, worauf Wichtel ängstlich +hereintrat. »Das Fräulein von Flügel«, meldete er. + +Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. + +»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.« + +»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende Stimme, und +Marianne stand vor Erwin, der sich träg umgedreht hatte. Wichtel +entfernte sich. + +Marianne trug einen langen, grauen englischen Reisemantel und einen +der gewaltigen Modehüte mit einem Schleier, der bis zu den Knien +reichte. Ihr Gesicht war etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine +heftige Gespanntheit verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte +die Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem Plan +handelt. + +»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem sie mit flatternden +Bewegungen die Handschuhe abstreifte und auf einen Sessel warf; »du +begreifst, daß ich nicht Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du +siehst, habe ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein Ende +haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut und Stumpfsinn, dazu +bin ich mir noch zu gut.« + +Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte den Kopf ans +Fensterkreuz und schloß müde die Augen. + +»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und in der zunehmenden +Erregung überstürzten sich ihre Worte; »ich frage dich, was du mit mir +vorhast und ob du noch länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen +Dirne eine Spottfigur aus mir zu machen.« + +Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, dann +blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte die Arme auf +dem Rücken. + +»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, und plötzlich +holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; »wenn du auch findest, +daß das eine Phrase ist, wie dir jedes Gefühl eines andern Phrase ist, +ich lasse mich nicht als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt +wählen, ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie stockte, +denn Erwin lächelte sie an. + +»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln. + +»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte Marianne finster, +ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe sinken. + +»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes Kind«, entgegnete +Erwin und löste die Pistole sanft aus Mariannes Hand. Dann schaute er +prüfend in den Lauf und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, – +aufrichtig!« + +Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die weite Tasche +seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her meine Neigung, einem +Trauerspielakt eine freundliche Wendung zu geben«, fuhr er fort; »und +so wollen wir’s auch diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen +Schlüsse, schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe zu, +daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern zu schmachten. Du +hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen bei Demel, deine +Spaziergänge auf dem Graben, das hat dich in eine phantastische Laune +versetzt. Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte der +Jahre.« + +»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem und beinahe +feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn nicht mehr. Ich glaube, du +würdest mit mir zufrieden sein. Wir beide könnten aus unserm Leben noch +etwas machen, denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An +der Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem fremden Blick +die Worte. Diese Lippen, die gewohnt waren, das Heilige wie das Profane +mit gleicher Kühnheit auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor +dem einfachen Laut der Natur. + +»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche Leben momentan keine +Verlockungen für mich hat. Im Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es +nicht, die Küchenzettel schon am Morgen zu erfahren, und will nicht +wissen, daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen einen +Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch ich mache dir keinen +Vorwurf daraus, daß du gekommen bist, im Gegenteil, ich möchte dich +bitten, mir einen Dienst zu leisten.« + +Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute Erwin fragend an. +Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Sieh mich genau an und sage +mir, ob du eine Veränderung in meinem Gesicht entdecken kannst.« + +»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt. + +»Sieh mich ganz genau an.« + +»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte Marianne mit +wachsendem Erstaunen über seine Fragen. + +»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe jetzt in das Zimmer +hier nebenan und werde eine kleine Umgestaltung mit mir vornehmen. Du +brauchst höchstens drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich +dich, und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung +in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das tun?« + +»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –« + +»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt später. Einen +Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr dankend und galant die Hand und +verließ mit Schritten ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist, +dachte Marianne, der es beklommen zu Mut wurde. + +Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne ins +Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit vergoldeter Lehne. Auf +einem Tischchen vor ihm befand sich ein Spiegel. In der herabhängenden +Hand hielt er die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer kaum +wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe sickerte ein wenig Blut. +Er hatte sicher gezielt und gut getroffen. Sein Gesicht wies keine +Verzerrung auf; es war schön wie eine Maske. + + + + +Manfred + + +Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer noch bewußtlose +Virginia vom Wagen in Frau von Resowskys Schlafzimmer getragen +wurde. Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine Diagnose +der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte, empfahl er die +sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau Geßner, die im Hause der +Baronin auf den Ausgang der nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß +verzweifelt am Bette. + +Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen Wendelstiege, +flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen eines Turmes, auf denen +Menschen ohne Arme gingen. Über unzählig viele Treppen rollte ein +feuerglühendes Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer +mitten in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen auf +sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber sobald sie +antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung auf allen Mienen. +Sie wiesen mit den Fingern auf sie; anfangs schlug sie nur die Augen +nieder, das Herz voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine +Regennacht hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus +Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen, welche +unverständliche, doch schamlose Lieder singen. Irgendwer will sie +überreden, mitzusingen; dies bereitet ihr den größten Schmerz, und sie +gewahrt Ulrich Zimmermann und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und +bittet flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich schweigend +ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege empor und werfen viele +Briefe in das brennende Ofenfeuer. + +Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht? Wie kann es +aber so schnell wieder Nacht werden? Sie schleppt sich über eine leere +Straße, traurige Menschen sitzen in der Ferne unter einem Baum und +winken ihr. Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen +Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel! Man beschwichtigt +sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der Stirn, es scheint ihr dieses +ein Schwan zu sein. Ja, ein Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn, +und behutsam hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich +sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken hat, die +wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen will, um sich wieder +blendend weiß zu waschen. Sie sträubt sich verzweifelt dagegen, obwohl +sie einsieht, daß das Gefieder rein werden muß. Da zucken Blitze über +den Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen tempelartigen +erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder steigen zahllose Treppen +empor, aber sie fürchtet sich hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß +sind. Und wie seltsam nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze +Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete +Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond, genau wie der Mond +aussehend, und seine Schlote rauchen. Hinter dem Mond ist ein Nachen, +in dem Nachen sitzt ein verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen +ins Wasser taucht und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es +schmerzt sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß, in +solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von allen Seiten +rufen Stimmen, die Stimme der Mutter schrillt heraus, in verstörter +Beeiferung folgt sie den Leuten, die Kerzen tragen, miteinander +raunen und lächeln. Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in +einem weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele +Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen? denkt sie, und +ihre Angst bringt die Kinnlade zum Zittern. + +Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt, saphirblau gefärbt, +sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet ihn, und mehr als hundert +winzige Schlangen kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel +viele Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber jedes +Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen sind Seen, die Nase +ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden Zähnen Tore mit weißen +Wächtern, die Stirne ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle +diese Gesichter ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen, +das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck hat. Sie kennt es, +es nähert sich, über eine weiße, weite, endlose Ebene kommt es heran, +stumm bitten seine Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die +Muskeln, da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder, eine +starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher diese Hand? Was für +ein namenloses Wohlgefühl! Welche Berührung! + +Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es ist, als ob etwas +Süßes und Wohlschmeckendes auf der Zunge läge und ein Gefühl des +Verschmachtens durch diese sättigende Süßigkeit beendet würde. + +Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder, denn sie kann nicht +glauben, sie fürchtet, daß die beglückende Erscheinung entschwinde, +wenn sie zu lange hinschaut. Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der +sekundenflüchtige Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen, daß +seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar, ernst, mild und +wissend, und daß er sie liebt, und sie spürt, daß sie erwachen wird, +daß das Leben sie wieder besitzt. + +Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen Palester erhalten. +Als er den Brief mit den Blicken überflogen hatte, wußte er, daß er bis +zu dieser Stunde ein glücklicher Mensch gewesen war. + +Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach England in See stach. +Er lebte sie nicht, diese fünf Tage, er sah nicht mehr, er hörte nicht +mehr, er dachte nicht mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn +vordem gekannt und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick +eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende kennen +ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom Wirbelsturm überfallen werden. +Er hatte Lust zu morden. Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos +zu schreien, bis diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich +endlose Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte mit den +Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne überbrücken könnte; sein +Gehirn war so von Lärm erfüllt, von Anklage, von Selbstbeschuldigung, +von streitenden, klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu +bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend sich unstät +herumtrieb. + +Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden Matrosen am +Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk hervor ein zottiger +Hund auf ihn zulief. Der Hund erhob den Kopf und schaute ihn an mit +Augen, die Manfred nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in +den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten die Augen des +Hundes: das ist also die Bewährung? Er sah ein, daß er im Begriff +war, sich zu verlieren, daß aber dieses das Schlimmste von allem war, +denn er mußte sich halten und bewahren. Haben Tausende gedient und +sind nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht, ihrer +selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an ihn war +ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht alles als tauber +Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten Tagen den Geist zur +Bereitschaft geweckt, zur Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der +tiefsten Ehre willen sich bezwingen. + +Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig, betrat er das +Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch vom Bord ins Meer hinab, +und seine Lippen waren eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische, +teilnahmsvolle Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während er +einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei in seiner +Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt an der Brüstung +gespielt, hatte sie überklettert und war in die See gestürzt. Seine +Mutter, eine noch junge Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf +alarmierte das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des Zögerns +und Abwartens verhängnisvoll werden mußte, er entledigte sich seines +Rockes und sprang ins Wasser. Er schwamm nur mäßig gut, und als er den +um sich schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte. +Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte, schwer +atmend hielt er das Kind und war dem Untersinken nahe, als endlich das +Boot kam und ihn und den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die +Äußerungen des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von da an war der +Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner Gesellschaft. Die junge +Mutter, die wohl merkte, daß ihn jede andere Annäherung verstimmte, +hielt sich fern. Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der +Knabe saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes Manfred +den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den scheinbar unveränderlichen +Kreis des Horizonts lenkte. + +Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann die Antwort nicht +ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug. So erschien die Stunde, +wo er unter dem vertrauten Torbogen des Hauses in der Piaristengasse +stand. Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung, +läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne Schmerz, doch +mit ausgefrorener Brust begab er sich zu Palester. Er trat ein, er +reichte dem Grafen die Hand, und seine Züge, seine Augen, seine Haltung +gaben bei einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit, +Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund, daß Palester, +der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage durchaus kein +sentimentaler Charakter war, Tränen in sich aufströmen fühlte. + +Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen über Virginias Hand. +Die träge Zeit lief wieder ihre alte Bahn. + +Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes Amt, die Wunden +der Jugend zu heilen, versah sie mit Umsicht und Gründlichkeit. +Großmütig und weise, hatte sie aus Manfred nicht nur einen gesunden +Menschen gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der sein +Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und nicht traumsüchtig +der wirkenden Welt sich entfremdete, der zu besitzen vermochte, ohne zu +vergeuden, ohne zu geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten. + +Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin und blieb dort +vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias ausdrücklichen Wunsch. +Sie wollte sich nicht an Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und +wie eine Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner +Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen und sich +prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende Last geben konnte, +wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab und wie er es von ihr fordern +durfte. Alles bewährte sich mit der weisen und großmütigen Zeit; die +Liebe, das frei wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der +Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung, die gleich dem Saft +im lebendigen Holz des Baumes das Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht +emporträgt in die heitere Sonne. + +An einem Tag im Mai schritt das schöne, hochaufgerichtete Paar durch +die abendlich feiernden Gassen der letzten Vorstadt und wandelte +in sanften Gesprächen dem Wald entgegen, wo sie einander die Hände +reichten und von ihren lächelnden Lippen zuversichtliche Hoffnung +empfingen. + +=Ende= + + + + + Werke + + von + + =Jakob Wassermann= + + + +Bei S. Fischer, Verlag, Berlin:+ + ++Die Juden von Zirndorf.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte +Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M. + ++Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.+ Elfte Auflage. Geh. 6 +M., geb. M. 7.50 + ++Der Moloch.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geh. +4 M., geb. 5 M. + ++Der niegeküßte Mund – Hilperich.+ Novellistische Studien. Geh. 2 +M., geb. 3 M. + ++Alexander in Babylon.+ Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. +M. 4.50 + ++Die Schwestern.+ Drei Novellen. Dritte Auflage. Geh. 2 M., geb. 3 +M. + + * * * * * + ++Die Kunst der Erzählung.+ Ein Dialog. (Bei Julius Bard, Berlin) + ++Caspar Hauser+ oder +Die Trägheit des Herzens.+ Roman. +Neunte Auflage. (Bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart) + + * * * * * + + +Die Juden von Zirndorf+ + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden +von Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der +die Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger +Roman, diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet +seinen Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt +schärfere und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem +Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm +selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch +sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann +eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der +namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine +mit dem Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord +zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, +in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum +verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch +einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl +in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der +Handlung die vollkommenste Objektivität. + + (Neue Zürcher Zeitung) + + * * * * * + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs+ + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. +– Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + + (Die Zukunft) + +Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller +Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium +aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen +versichern dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich +um ein bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem +jedes Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei. + + (Berliner Tageblatt) + + * * * * * + + +Der Moloch+ + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde +liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, +mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, +lebensvollen Gemälde gestaltet hat! ... Man kann schon aus dieser +gedrängten Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein +psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in +der Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch +behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß +ist des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die +Vorgänge mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. Mag das +Weltbild, das Wassermann hier entwirft, ein einseitiges sein, mögen +einzelne weniger interessierende Seiten seines Bildes gar zu breit +ausgeführt, mag selbst die ihm zugrunde liegende Idee nicht unbedingt +anzuerkennen sein und das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel +bleibt gewiß, daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine +Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der Macht fast +eines Erlebnisses wirkt. + + (Berner Bund) + + * * * * * + + +Der niegeküßte Mund – Hilperich+ + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles +in den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die +Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich +verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das +verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein +viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, +so wenige, daß man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch +Genießende, der Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + + (Die Zeit, Wien) + + * * * * * + + +Alexander in Babylon+ + +Nichts als der reale Gang der gerichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine +kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern +schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den +Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig +gemacht und beseelt. + + (Neue Freie Presse, Wien) + +... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen +Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn +abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt +es keine in Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man +braucht nur, wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« +nachzulesen, um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt +gleichsam in seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer +Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat. + + (Berner Bund) + + * * * * * + + +Die Schwestern+ + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine +Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, +wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann +sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens +herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir +sonst an unserem Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht +dem Blick ein neues Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als +das, an dem wir tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? +Eine holde Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst +gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen +durchzuckt. + + (Hannoverscher Kurier) + +Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen +Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen +Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen +Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen +Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei +phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische +Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese +drei Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen +Jakob Wassermanns. + + (Literarisches Echo) + + * * * * * + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + +Liste korrigierter Druckfehler + + +Seite 51: Ergänzung des Wortes „einen“ (Auch Erwin hatte einen Brief +erhalten.) + +Seite 52: „im“ ersetzt durch „ins“ (Virginia sah ihm entsetzt ins +Gesicht.) + +Seite 87: „Eine“ ersetzt durch „Ein“ (Ein Hängeteppich statt der Tür +trennte den Raum von dem Zimmer, ...) + +Seite 133: „war war“ ersetzt durch „was war“ (Genießen, was war damit +viel bedeutet?) + +Seite 140: „Virgina“ ersetzt durch „Virginia“ (»Es wird ja wieder +aufhören zu regnen«, meinte Virginia.) + +Seite 177: „Taklosigkeit“ ersetzt durch „Taktlosigkeit“ (..., sagte er +gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner Taktlosigkeit zu gelangen.) + +Seite 279: Doppelte Anführungszeichen um „Phönix“ durch einfache +ersetzt (Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts.) + +Seite 293: Schließendes Anführungszeichen ergänzt (»Ja. Sie sitzt in +ihrem Zimmer.«) + +Seite 314: Punkt am Satzende ergänzt (Doch alle Erinnerungen starben an +dem Jubel dieser Vollkommenheit.) + +Seite 368: „Geberde“ ersetzt durch „Gebärde“ (... und ihre beiden +halbentblößten Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen +Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.) + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 *** diff --git a/76567-h/76567-h.htm b/76567-h/76567-h.htm new file mode 100644 index 0000000..435ec8c --- /dev/null +++ b/76567-h/76567-h.htm @@ -0,0 +1,13074 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1.0"> + <title> + Die Masken Erwin Reiners | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} +.padtop3 {padding-top: 3em;} +.padtop8 {padding-top: 8em;} +.padbot3 {padding-bottom: 3em;} +.padbot5 {padding-bottom: 5em;} + +.x-ebookmaker .padtop1 {padding-top: 0.5em;} +.x-ebookmaker .padtop3 {padding-top: 1.5em;} +.x-ebookmaker .padbot3 {padding-bottom: 1.5em;} +.x-ebookmaker .padbot5 {padding-bottom: 2.5em;} + + +.mtop0 {margin-top: 0em;} +.mtop3 {margin-top: 3em;} +.mbot0 {margin-bottom: 0em;} + + +h1,h2 +{ + text-align: center; 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Fischer, Verlag, Berlin</p> +<p class="s4 center">1910</p> + +</div> + + + +<div class="newpage"> +<p class="s01 center padtop8 padbot5"> +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br> +Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.<br> +</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Virginia">Virginia</h2> +</div> + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-u.jpg" alt="U"> +</div> + +<p class="drop-cap">Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. +Der Arzt, von dessen Spruch Manfred Dalcroze +alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei +Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte +Lunge wieder herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; +dennoch war ihm zumute, wie einen Sommer +vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens +die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen +sah.</p> + +<p>Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den +Professor Ernst Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an +sein Versprechen, daß er sich, falls die Dinge den gefürchteten +Verlauf nehmen würden, an den Professor Uchatius +wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen +Tiefseeexpedition betraut war.</p> + +<p>»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den +Hafen von Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst +mich dem Professor Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen +und ihm sagen, daß ich trotz meiner dreiundzwanzig +Jahre schon manches Ersprießliche im Fach der Mikrobiologie +geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter +aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im +Kreis einer zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich +zwei Jahre lang auf Vergnügungsdampfern und unter +gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; das würde +mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> +›Phönix‹ bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre +weg, was ja ungefähr mit der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen +würde, die ich befolgen muß.«</p> + +<p>Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm +seines Bruders: »Uchatius stimmt zu. Sei am +fünften November in Berlin.«</p> + +<p>Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber +nichts von Eile war in seinem Wesen, als er sich gleich +danach auf den Weg in die Josefstadt begab. Sich zu +hasten, lag nicht in seiner Konstitution. Langaufgeschossene +Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum +Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte +Zartheit. Wären einige seiner Bewegungen +nicht so schüchtern gewesen, so hätte man sagen können, +er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute +besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit, +wie sie in den Augen dieses hübschen jungen +Mannes wohnte, dessen Erscheinung Neugier und Teilnahme +hervorrief.</p> + +<p>Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. +Der Herbst ist für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. +Manfred war voll von Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen +des Lebens hatte schon etwas Gespensterhaftes +für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem +Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche +Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg +zu Virginia war ihm die Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, +die er brachte, seinen Schritt beschwerte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>In +einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; +dunkler Flur, menschenleerer Hof und ein zweiter +Bogen wie ein Schattenspiel; dann kletterte die weiße +Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen aus, +seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der +Menschen betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem +Opernglas auf die Bühne blickt.</p> + +<p>Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn +ein Gefühl der Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und +Schmerz einten sich in seinem Innern, und es war ihm +deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er für dieses +Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in +sich aufgenommen hatte.</p> + +<p>Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen +Satz war das Betrübende gestanden.</p> + +<p>Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. +Virginia legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn +schweigend an. Sein ernster Blick ließ sie trauriger werden. +Sie setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die +Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein +Abglanz von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es +kupfrig erschimmern.</p> + +<p>Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, +das Zimmer mit den Tüllgardinen, dem +riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, dem Sofa +aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen +Alabastersäulchen!</p> + +<p>Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> +kennen zu lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er +las ihr vor. Diese Aufzeichnungen formten das sympathische +Bild eines um Klarheit und Sachlichkeit redlich +bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der +Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, +gewannen kraft einer natürlichen Bescheidenheit +keinen Raum. Das eingestandene Gefühl, unzulänglich +zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und zu verworren; +die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft +verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, +jeder sich einsam weiß, wo alles ruhelos, bestürzt und +blind von Saal zu Saal aneinander vorübereilt und +niemand den Namen des Gastgebers kennt.</p> + +<p>Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen +Mannes vom Anfang des Jahrhunderts. Er glaubt sich +in umfriedetem Bund und ist verloren wie in der Wüste; +ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und +er findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch +keiner spricht; wer ruht, hat schon verzichtet, und der +Tanzende scheint im nächsten Augenblick zu sterben.</p> + +<p>Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund +zu besitzen. Als der Name Erwin Reiners zum erstenmal +in dem Tagebuch auftauchte, verwandelte sich der Ton +der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin hat mich +vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, +»er hat mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke +ich den Glauben an die Schönheit des Lebens, +denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich täglich<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem +Tag.«</p> + +<p>Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia +geschildert war, schüttelte das Mädchen lachend den +Kopf und sagte, das möge sie nicht hören. »Wenn wir mal +alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das vorlesen.«</p> + +<p>So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während +es zu dämmern begann, irrten Manfreds Augen zerstreut +über die engbeschriebenen Seiten, auf welchen jene natürlichen +Erlebnisse wie Mirakel behandelt wurden.</p> + +<p>»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, +und ich beachte nicht die Menschen, die mir begegnen. +Aber gestern hab ich ein Mädchen gesehen ... eine Sekunde +lang standen wir voreinander, unsere Blicke trafen +sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die +Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte +um und folgte ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas +edel Schleichendes, so daß ich mich ganz einfältig fragte, +ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich sah beständig +den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen +Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben +sich die fernen bläulichen Hügel, die den Prospekt der +Straßenzeile bildeten. Ich versuchte auf dieselben Pflastersteine +zu treten, die ihr Fuß berührt hatte, mir war, als +ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und rechts +in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, +ich fühlte mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, +wo ich sie aus dem Auge verlieren mußte, und als sie<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> +endlich draußen in einem Vorstadthaus verschwand, blieb +ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am +Tor dieses Hauses stehen.«</p> + +<p>Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in +seinen Empfindungen Stetigkeit und Mark. Halbe Tage +hindurch promenierte er vor dem Hause in der Piaristengasse +mit einem geregelten Eifer, der die Aufmerksamkeit +der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte. +Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus +dem Tor; wie einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen +anschickt, schritt er vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte +seinen Namen, entschuldigte seine Kühnheit mit allen +Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von Eindruck, +von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales +und nichtswürdiges Zeug.</p> + +<p>Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte +beklommen, daß dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand +zugehörende Mädchen etwas vom Adel einer Fürstin +an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, ihre Haltung, +die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, +Stolz oder Verwunderung auszudrücken, eine +nicht gewöhnliche Charakterstärke.</p> + +<p>Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde +leicht den Ton verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch +ohne dieses Fehlgreifen, das Manfred mißfiel, weil er +wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die beiden +schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden. +Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> +mit einem Enthusiasmus, der Virginia nervös +machte. Die alte Dame war über seine anständigen Absichten +sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen +ein, erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte +Gelehrtenfamilie waren, und hätte über Virginias Zukunft +keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um +zehn Jahre älter gewesen wäre.</p> + +<p>Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen +gewonnen hatte, war ihr Herz zu lieben bereit. +Aber ein vorsichtigeres Herz als das ihre ließ sich nicht +denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks ein +Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen +Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft +dieser Stadt, in der sie aufgewachsen war, der Luft der +Sinnlichkeit und des unbedenklichen Genießens, vor deren +Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht immer froh +empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus +den strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen +über Sitte und Tugend, die mit erlesener Schönheit +zuweilen im Bunde sind, als ob es in den Absichten der +Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk nicht ohne +Wehr und Waffe auszuliefern.</p> + +<p>Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer +deutbare Lächeln geschwunden war, durch welches sie ihrer +tiefen Zurückhaltung den Glanz von Liebenswürdigkeit +gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, der Blick +zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage +und Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> +offenbaren, erst dann hatte Manfred gesiegt. Im Mai, +während eines Spaziergangs im Walde, entriß er ihr ein +Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor +der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie +ähnlichen Gefühlen nicht mehr preiszugeben.</p> + +<p>Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen +zu halten. Sie einmal so völlig außer sich gesehen zu +haben, so im Sturm, in der kurzen Raserei, die aus ihr +hervorgebrochen war wie ein Element, unter der sie litt +wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war +wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war +Stoff für dauernde Träume und erfüllte ihn mit dauernder +Dankbarkeit. Und dieses wieder dankte ihm Virginia +in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, nichts +Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; +nichts von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder +apart verwendet, zum Kriegs- und Eroberungsarsenal +der Mädchen gegen ihre Anbeter gehören. An ihr war +alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von sanfter +Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut +des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich +selbst und überlegte Rücksicht gegen den Geliebten.</p> + +<p>Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte +den Charakter von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie +spottete gern und besaß ein Talent zur Nachahmung, +das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre Mutter +hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden +zu lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +Meinung vom Beruf einer Komödiantin. Frau Geßner +bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein mit den +Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von +einem Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur +ein kärgliches Auskommen sicherte, hart an der Grenze +der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals an eine Versorgung +durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene +Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen, +bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden +zu nehmen; aber es war ein ziemlich hilfloses +Treiben, und es machte ihr Kummer, daß sie ein ersprießliches +Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem hohen +Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl +sie ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren +Stolz, als sie ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen +Menschen insgeheim ein orientalisches Frauenideal von +Trägheit und Sichtragenlassen hegte.</p> + +<p>Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, +der sie in einer häßlich aufgeregten Welt als ruhend +träumte. Es war eine Schönheit, deren Vollendung dem +flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der Tat konnte +Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder +ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. +Ihre Schönheit bedurfte gleich den echten Dichtungen +des Studiums und der Vertiefung, um gewürdigt zu +werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers +triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien +entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung;<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> +ihre Haltung erinnerte an die selbstverständliche +Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit einer +großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig +und kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches +Papier, leuchtend, aber nicht feucht; ihre Lippen hatten +die Frische und Narbenlosigkeit wie bei dreijährigen Kindern; +die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll gebogen, +seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war +ein wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm +köstlich ruhevoll auf der perlmutterschimmernden Wölbung, +und dieses Schauspiel des Lebens unter einer +Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu schlummern +schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende +Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine +bezaubernde Wahrheit und Gegenwärtigkeit.</p> + +<p>Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es +kam ihr wie ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien +Anschluß, Freundschaft, Entgegenwirkung. Doch Manfred +errichtete Altäre, und der Überschwang des Glücks +lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht +vertrauensvoll zu seinem Genius.</p> + +<p>So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene +und gütige, dem Weltlärm entrückte Gestalten, +von denen zu beklagen ist, daß sie der Schicksalswind auseinanderreißen +und in verwunschene Bezirke des Lebens +wirbeln wird.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Eine_Vision">Eine Vision</h2> +</div> + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-d.jpg" alt="D"> +</div> + +<p class="drop-cap">Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am +Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach +Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste +Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener +Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben +waren, nahm ihn die Großmutter zu sich, die in +Wien wohnte. Sie war eine reiche Frau und eine Sonderlingin; +sie liebte das Hasardspiel und verlor einmal in einer +einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte Kavaliere fünfzigtausend +Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer +Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, +und zog sich für den Rest ihres Lebens nach Salzburg +zurück, wo sie sich in eine eigensinnige Einsamkeit vergrub, +in ihren Gedanken nur noch mit dem vergötterten Manfred +beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie geschworen +hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.</p> + +<p>Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der +alten Dame fahren, um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte +einen Nachtzug, und im Schlafkupee schrieb er, unbeirrt +durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia folgenden +Brief:</p> + +<p>»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß +wir uns trennen müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu +Ende denken will und die Zeit ermesse, die vorübergehen +wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, als könnt ich +so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre dieses<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> +Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele +Tage sein, fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele +Nächte, an denen ich nicht wissen werde, was du sprichst +und wo du bist und was du träumst. Ich habe zu viel +Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, jedenfalls +zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe +meines Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß +nicht, wie du es fühlst und ob du lernen wirst, dich +darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du es mit +Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; +was mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und +ich zittere vor dem Augenblick, der uns trennen wird. +Seit ich dich habe, scheinen mir alle Menschen mit Geheimnissen +erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und +die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: +das Geschick muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre +es ja sinnlos gewesen, daß es dich mir gab; ich sage mir: +was bedeutet es am Ende, wie weit ich von dir sein +werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, +Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von +Ferne. Trotzdem ist schon jetzt alles aufgewühlt in mir, +und ein böser Geist flüstert mir zu: was jetzt? was morgen? +Ich fürchte die unbekannten Drohungen des Daseins, ich +fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen heimlichen +Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns +sind, weil sie eben sind, und weil das Menschenwesen +finster ist. Vieles kann geschehen. Zwischen zwei Schritten +kann ein Abgrund sein, zwischen zwei Stunden ein Tod.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>Ich +glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende +Aufgabe geworden, eine Existenz zu gründen, +welche deiner würdig ist. Darauf will ich meine Kräfte +und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein wird, +da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken +bewegt und leitet. Die Unschlüssigkeit und der +Wankelmut, denen ich verfallen war bis zu dem Tag, wo +es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, hatten ihre +Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, bevor +ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit +gewann über meine Fähigkeiten, meine Bestimmung +und meine Zukunft. Ich kann nicht wie im Traum durch +die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift alles hart +an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, +um dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, +und wenn auch einerseits damit eine gewisse Ruhe in +mein Wesen kommt, die Ruhe der Entschlossenheit, so erkenne +ich doch andererseits, daß die Tröstungen, die ich +mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu +machen, nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben +doch ein zu schwacher Mensch, um ohne Furcht, sei es +auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, einer solchen Prüfung +ins Auge zu blicken.</p> + +<p>Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; +nicht nur diese egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar +gesagt, die Furcht vor Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten +des Lebens, und die Erwägung deiner Schutzlosigkeit, +deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der Menschen<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> +und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören +aus Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen +daraus schöpfen, wenn ich mir gegenwärtig halte, daß +diese Einsamkeit und Arglosigkeit dir angemessen ist und +vielleicht zur Vollendung deiner inneren und äußeren +Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und +selbst den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die +mich zu ihrem Spielball machen, erklärst du mich vielleicht +für den Störer deines Seelenfriedens; oder du verurteilst +mich als einen, der sich anmaßt, den bisher so +stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu +haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, +in deinen Kreis getreten ist. Dies alles fühle und denke +ich mit dir. Doch ich kann nicht anders, mir wird kalt, +wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei dieser Fahrt +jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von +schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste +Virginia, laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne +mir nicht, überlege nicht viel, sag ja und du nimmst einen +Stein von meiner Brust.</p> + +<p>Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt +wissen, was er mir war, was er mir ist. Er, er kennt dich, +ohne daß ich je nötig hatte, viel zu reden. Er verehrt dich, +weil er mich liebt, und er hat es mir noch nicht verargt, +daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er zartfühlend genug +ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das unsre +vorläufig Abgeschiedenheit braucht.</p> + +<p>Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> +daß er über dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines +Vertrauens zu ihm, deines Vertrauens zu mir kann ich +Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, Freund, ist +das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es +hüten, als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, +um eine solche Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf +sich nimmt. Ob er sie auf sich nehmen wird, ist meine +einzige Angst, denn seine Person ist viel gefordert und +sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, +daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; +dazu ist er viel zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst +ihn bewundern, denn alle, die ihn kennen, lieben und bewundern +ihn. Ich habe das Gefühl, daß der Kreis meines +Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und +Erwin Freundschaft entsteht.</p> + +<p>Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere +Seelenruhe, und nun gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. +Der Zug fliegt durch den winterlichen Nebel – +zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene Minute +kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder +offen halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, +dein Lächeln. Alles ist erfüllt von dir, alles spricht von +dir. Gute Nacht!«</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder +in Wien zu sein versprochen. Um Virginia zu überraschen, +kam er schon mit dem Nachmittagszug. Nachdem<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> +er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, fuhr er mit +einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß +fand er Virginia nicht zu Hause.</p> + +<p>Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald +kommen«, sagte sie, belustigt über die schlecht verhehlte +Enttäuschung des sonst so ausgezeichnet höflichen Jünglings. +»Leisten Sie halt mir ein bißchen Gesellschaft.«</p> + +<p>Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, +dem man einen Knochen vorsetzt. Das Gespräch sickerte +mühselig. Manfred langweilte sich. Er hörte nur oberflächlich +zu, und erst allmählich entdeckte er etwas Bedrücktes +und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte +eigentlich nie den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; +ihr Wächteramt hatte sie in seinen Augen vielleicht nicht +erniedrigt, aber der persönlichen Unmittelbarkeit beraubt.</p> + +<p>»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie +mit mechanischer Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. +»So weit! Für so lange Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, +ob ich noch am Leben bin, wenn Sie zurückkommen. +Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich nütze? +Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne +fast schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man +viel an den Tod!«</p> + +<p>Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er +lächelte und brachte ein paar dumpfe Laute eifrigen +Widerspruchs heraus. Er lauschte sehnsüchtig, ob nicht +bald die wohlbekannten und geliebten Schritte erklingen +würden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>»Daß +Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, +fuhr Frau Geßner mit jener eintönigen Stimme +fort, die seine Ungeduld und Unruhe steigerte. »Sie sind +zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird noch +viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine +Stellung haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich +hab’ einen festen Verlaß auf Sie. Und weil ich den Verlaß +habe, will ich Ihnen was erzählen. Die Sache ist +nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen +die Wahrheit erfahren.«</p> + +<p>Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den +Kopf vor und starrte ängstlich auf die rastlos das Tischtuch +glättende Hand der Frau.</p> + +<p>»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner +im Tonfall einer Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter +Porträtmaler und verdiente ziemlich viel. Als er +plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die Mutter mußte +von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann +gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. +Geßner war ein kleiner Beamter im Ministerium mit +sechzehnhundert Gulden Gehalt und den üblichen Zulagen. +Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre alt. Er war ein +auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus +in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag +nachmittag sind wir in die Praterauen gegangen, +andere Spaziergänge hat er nicht leiden mögen. Vom +Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam +und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze.<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> +Die Bücher sind für die Menschen, die Zeit und Geld +haben, sagte er, wenn du dich bilden willst, dafür hast du +ja die Zeitung. Unser Verkehr war ein uralter Hofrat, +der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen aufzuzehren, +damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, +und eine bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau +bei der Großherzogin von Toskana gewesen war und +uns immerfort Hofgeschichten erzählte. Sonst keine Seele, +jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, +derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder +bekam ich nicht, und wie nun so ein Sommer um den +andern, ein Winter um den andern verstrich, da ist mir +immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal +war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – +wenn das Leben leer ist, wird man am schnellsten alt. +Wie ich zweiunddreißig war, hab’ ich mir die ersten grauen +Haare ausgerissen.</p> + +<p>Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, +hat da unten im zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer +gewohnt, eine hübsche, junge, lebenslustige Person. +Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und eines Tages +sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist +verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ +ich, ›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er +kein Geld.‹ ›Was, Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, +ich hab’ zwei Karten, und den Domino kann ich Ihnen +leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert für dergleichen‹, +sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht mir<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz +schlug mir schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der +brummt zuerst, aber schließlich, weil’s nichts kosten soll und +weil die Nachbarin eine Frau ›von‹ war, gibt er seinen Segen.</p> + +<p>Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin +war auf Ja und Nein verschwunden; ich, geblendet von +dem Glanz, drücke mich eine Weile jämmerlich herum, da +spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir immerzu, führt +mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und +war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch +war oder elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß +nur, daß er lieb war, und das eben war’s, was mir fehlte. +Wir haben auch noch getanzt miteinander, und dann wollt’ +er mein Gesicht sehen, und dann hat er mich zum Wagen +gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren +wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum +Morgen. Seitdem hab’ ich ihn nie wieder gesehen.«</p> + +<p>Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre +Haltung wurde aufrechter; und etwas an dieser Haltung, +etwas an der stillen Tiefe des Blicks erinnerte Manfred +an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.</p> + +<p>»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner +leise; »ich weiß nicht, wo das Haus war, im Morgennebel +bin ich von ihm fortgegangen, und er hat mich im Wagen +noch ein Stück begleitet. Nachher war alles wieder wie vorher. +Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«</p> + +<p>In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, +ergriff Manfred Frau Geßners Hand und drückte<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> +seine Lippen darauf. Sie schaute ihn dankbar und erleichtert +an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens großmütig«, +sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, +daß Gina nie, nie etwas davon wissen darf? Das sehen +Sie doch ein, nicht wahr?«</p> + +<p>Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, +bestätigte er; »man würde ihr die Unbefangenheit rauben. +Schließlich, gegen die Umstände, die einem das Leben verschafft +haben, kann sich kein Mensch auflehnen, doch wir +wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«</p> + +<p>»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand +außer mir und ihm und Ihnen.«</p> + +<p>»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder +gesehen, daß Sie sich so vollständig damit abgefunden +haben?« fragte Manfred.</p> + +<p>»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir +selber gemacht habe. Die eine Nacht, das war meine +Jugend. Und wie das Mädel geboren war, bin ich wirklich +gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich +dann bald hernach begraben.«</p> + +<p>Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. +Mit nachdenklicher Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn +jene im Dunkel der Zeiten verschollene Frau von Ermenhofer +nicht auf den Maskenball hätte gehen wollen, wäre +dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war +selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden +Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt +sein Dasein dem Zufall eines ziemlich gewöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> +Abenteuers; das Abenteuer erhält den Nimbus von Heiligkeit; +der Zufall wird Schicksal, und das seiende Geschöpf +beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen +Kodex der Moral.</p> + +<p>In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia +kam. Sie brachte das Feuer des scheidenden Tages mit. +Die unerwartete Freude, den Verlobten zu sehen, lähmte +ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre Liebe; in den +metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches Entzücken. +Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu +spüren, daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft +ging: ihr Arm zitterte, die Finger lagen zuckend in den +seinen. Sie schauten sich wie verzaubert an, indes Frau +Geßner am Tische saß und zu erlauschen schien, was sie +einander verschwiegen.</p> + +<p>Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte +Manfreds Verlangen. Sie wollte nicht gestört, +durch Beobachtung nicht gehemmt werden. Des Schutzes +glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich beschützt, +bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? +Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«</p> + +<p>Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß +Virginia ärgerlich wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende +Trennung, die ihr so schwer im Gemüte lag, daß +sie kaum wußte, was sie redete, als sie verstimmt und beunruhigt +immer von neuem widersprach. Aber Manfreds +enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß +sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +zum Heer der Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht +so tragisch,« lenkte sie ein, »wozu sollen wir uns streiten? +So bring ihn halt her, deinen berühmten Erwin Reiner.«</p> + +<p>»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. +»Du ahnst gar nicht, wie glücklich mich das macht. Den +berühmten Erwin Reiner«, wiederholte er lachend; »das +ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, berühmt +zu werden.«</p> + +<p>»Um so schlimmer.«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll +und über die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. +Um so schlimmer. Der paßt schlecht in unsere vier Wände.«</p> + +<p>Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese +Bemerkung wurde es ihm klarer als zuvor, daß Virginia +an der Engigkeit der Verhältnisse litt. Er verzieh es gern. +Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die Welt; die +Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht +und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert +die Gefahr; ein Feld für böse Ahnungen. Doch +Manfred hatte den Willen, hell zu sehen, und seine Sanftmut +erstickte die Kritik.</p> + +<p>Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu +Erwin. Die Villa Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er +mit der elektrischen Bahn hinauskam, war es halb zehn +Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag besuchen +müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um +zehn Uhr hier sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>Es +reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine +unwiederbringliche Stunde gebracht. Er begab sich in die +Bibliothek und wartete. Er setzte sich in einiger Entfernung +vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte ins +Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und +plötzlich hatte er ein seltsames Gesicht.</p> + +<p>Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, +kauernd, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren, +kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre Haare +offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen +auf den Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er +sie mit nackten Füßen gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. +Sie trug ein grünes Gewand, das er an ihr nicht kannte, +eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren mit +einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden +Seiten des Hauptes angepreßt.</p> + +<p>So kauerte sie.</p> + +<p>Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß +die nebelhafte Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach +und nach löste sie sich auf wie eine Wolke, die von der +Atmosphäre verzehrt wird. Manfred schüttelte über sich +selbst den Kopf, und er beschuldigte seine gespannten +Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der +Sehnsucht im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes +und der Wiederkehr zu wägen. Sein zärtliches Herz war +voller Vertrauen, und das Gefühl, mit dem er dem +Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision +um desto zweifelloser geworden.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Abschied">Abschied</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- +oder viertausend Bevorzugten, die es in jeder +großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf dem Fundament +eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur +mit Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen +scheint. In einem solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe +Rolle wie die Repräsentation im Dasein eines regierenden +Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger genießen nach +jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als etwa +die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung, +Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt +und befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende +und stetig anwachsende Macht des Bürgertums, +und ob die jungen Leute, die seinem Schoß entwachsen, +als Gelehrte und Künstler figurieren, oder ob sie als Müßiggänger, +Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten Ungebundenheit +huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen +Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen +Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem +Sinn, und der Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts +wird vielleicht nachweisen können, in welchem Maße +sie zur Zersplitterung und Verstümmelung der Völker, der +Ideen und der Ideale beigetragen haben. Jede große Stadt +zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend Menschen +von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen +Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>Der +Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch +Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu +einer Zeit, wo noch niemand daran gedacht hatte, daß +die im Westen der Stadt befindlichen Ländereien der Anlage +einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, hatte +er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables +Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, +das beständig im Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter +aus der Gegend von Linz, eine einfache +Natur, die nichts von den weittragenden Geschäften begriff +und die Verwendung ihres Geldes für einen an den +Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, +um das Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer +Kummer zerstörte ihre Gesundheit, die beiden +ersten Kinder, die sie gebar, siechten an allgemeiner +Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das +letzte, und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.</p> + +<p>Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und +geängstigte Liebe des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter +Koch mußte die Nahrung des Kindes bereiten, und +wie für einen Prinzen war beständig ein Leibarzt zu +seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten +unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu +schicken; als er mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, +erregte er Befremden durch seine Fremdheit, Spott durch +seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen durch sein +launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer +mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +Geistesgaben alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. +Er überflügelte alle. Lehrer und Mitschüler fügten sich +einer Überlegenheit, die für jene zu augenfällig, für diese +oft zu nützlich war, um bestritten werden zu können. +Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine +Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen, +die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. +Die Schularbeiten waren ihm ein Spiel; er kannte +alle Daten der Geschichte, als ob er sie aus einem unsichtbaren +Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur klassischen +Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller und +erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik +und die mathematische Geographie. Schon mit achtzehn +Jahren grenzte seine Belesenheit ans Unglaubliche; daneben +dichtete und musizierte er; er ritt und focht, er +turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, und dank +diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur +wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, +seine Bewegungen erhielten Energie, seine Haltung Anmut +und seine Manieren eine außerordentliche Elastizität +und Schmiegsamkeit.</p> + +<p>Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, +philosophische und kunstgeschichtliche Kollegien, und im +sechsten Semester verfaßte er seine große Doktorarbeit: +Über das Individuelle und das Historische in der Porträtmalerei, +eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der +Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall +fand. Er verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> +und seine Aufnahme in den Jockeyklub. Jenes war nur +eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war ihm durch +eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen +möglich; er pochte gern darauf, daß seine +Mutter eine Schanz, Edle von Jagstburg war, eine bekannte +Familie, die während der Gegenreformation den +Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, +waren seine Stunden genau eingeteilt, um +den Pflichten der Arbeit und denen zu genügen, die ihm +die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt ein +Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten +Programme war.</p> + +<p>Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos +wie ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem +Sohne ein Jahrgehalt von hunderttausend Kronen zugewiesen. +Die Villa und der Haushalt kosteten den +vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin +monatlich ab wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich +ist, und er kannte genau die Preise von Fleisch, +Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, Holz und Kohlen. +Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein +Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne +Herr seines Geldes, gab mit Anstand aus und hielt mit +Anstand zurück. Die praktische Klarheit und Umsicht +waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für den um +fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine +romantische Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden +Halt. Die Äußerungen einer tiefen Kenntnis der Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +eines kühnen und raschen Urteils, einer profunden +Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred +unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen +und geistreichen Umgangsformen des Freundes.</p> + +<p>Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem +Leben moderner junger Menschen, das sich gleichsam in +gebrochenen Linien hinzieht, wo unter schamhaften Verkleidungen +und beziehungsvoller Verschwiegenheit die +Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie +dem Theater die Mordtaten alten Stils. Man kommt +zueinander und redet; man hat auch unberedet dieselben +Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man +dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, +weit vom Geschehen, es ist, als ob die Zeit hoch über +den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob das Schicksal weit +unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist +umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag +und Jahr, und vor den Toren wacht die Polizei. O Mann +am warmen Ofen, scheinen bisweilen bleiche, zerwühlte +Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen auftauchen, +von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, +stiller, verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder +zu uns, horch und schaue!</p> + +<p>Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, +war es ihm eine Sekunde lang zumute, als ob er +den Freund kaum kenne. Was weiß ich eigentlich von +ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir vertraut, +seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> +flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, +bald dunkle Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt +sich nicht. Was er gibt, ist sein abgemessener Wille.</p> + +<p>Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten +Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht +erklären, eine dauernde Hingebung nicht mit gleicher Glut +und Offenheit erwidert zu sehen. Als Erwin ins Zimmer +trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie jedesmal +den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine +Gebärde, wie um sich der Erinnerung an einen häßlichen +Traum zu entschlagen. »Wo warst du?« fragte er.</p> + +<p>»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den +Abend nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. +»Arensen, der dänische Südpolfahrer, hat in der Geographischen +Gesellschaft Vortrag gehalten. Es war mir +wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander +den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen +Augen ein Schwein, wenn er Alexander nicht von ganzem +Herzen bewundert. Alles kann ich fassen: höllische Strapazen +erleiden, Hunger und Durst ertragen, zweimal eine +sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden +Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen +Eises klettern, im Tran- und Kohlenstank einer +schneebegrabenen Bretterhütte wissenschaftliche Arbeit heikelster +Art verrichten, eine Einsamkeit mit Gefährten +teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, das +man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. +Aber den Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> +zu solchen Dingen muß eine Raserei sein. Der +Entschluß hält ja die Taten, er ist der eiserne Tragbalken, +der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch +bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, +denkt man sich, ein Schulmeister. Aber zwischen +Stirn und Nase war jene fixe Idee kenntlich, von der die +Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute sind die +Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte, +das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe +hat. Wir aber, wir sind die langweiligen Kompendien, +die flachen Schilderungen, das naturalistische +Quiproquo, die Makulatur.«</p> + +<p>Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, +während der Diener das Abendbrot servierte. Manfred +schaute gebannt auf diese flatternden, flackernden Lippen, +diese eindringlichen Augen mit dem festen Blick, diese entschieden +geeckte Stirn unter braunen und sorgfältig gescheitelten +Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig blasse, +zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, +schmalen und neugierigen Nase und den beim Sprechen +vibrierenden, wie bei einem Schauspieler sich verfaltenden +und wieder straffenden Wangen. Die ganze Erscheinung +hatte etwas vehement Überzeugendes.</p> + +<p>»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So +setz dich her. Wichtel! Einen Teller und Besteck!«</p> + +<p>Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, +fuhr er fort: »Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; +ich meine eigentlich nur mich. Die richtigen Egoisten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> +sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber verdammen. Ich +habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich bin +eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin +kein Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter +als ein Ich, ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die +geistige Maschinerie Europas mit in Bewegung zu setzen. +Du, du bist ein Träumer. Träumer können aufwachen, +von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja auch +geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu +geben, was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die +Leidenschaft und keinen Inhalt. Ich kann nicht lieben, +ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft erkaltet, wenn +sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt, +wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen +kennen, gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und +duftig wie eine Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie +nur irgendeine in dieser wunderbaren Stadt. Ich hielt +es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich wünschte es +gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld +aus der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, +das ist es! Das ist die Göttin, vor der ich liegen und beten +möchte! Aber Unschuld ist offenbar nur ein Reiz und nicht +eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei Monate hat es +gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen +und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir +wurde weh dabei. Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, +aber mit Wut, mit Verachtung, und dann gab ich ihr zu +verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war enttäuschter<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> +und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«</p> + +<p>»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred +kurz.</p> + +<p>Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen +werden«, entgegnete er.</p> + +<p>»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred +kopfschüttelnd. »Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon +ins Unwegsame locken wollte, um dich zu verstricken.«</p> + +<p>»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, +durch das Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat +und dem Entschluß. Aber lassen wir’s. Das klingt alles +so großartig und ist simpel wie eine Leichenrede. Wann +reisest du?«</p> + +<p>»Übermorgen.«</p> + +<p>»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so +langen Trennung?«</p> + +<p>»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte +Manfred unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, +morgen mit mir zu Virginia zu gehen. Sie will dich +kennen lernen.«</p> + +<p>Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, +daß du sie endlich so weit gebracht hast, einen Störenfried +bei sich aufzunehmen«, sagte er dann. »Aber ich werde +ihr versichern, daß ich von meinen Vormundschaftsrechten +nur sparsamen Gebrauch machen will.«</p> + +<p>»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte +Manfred ernst. »Immerhin vergibst du dir nichts und +mußt nicht fürchten, feierlich zu sein, wenn du nur versprichst,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +deine Freundschaft gegen mich auf sie zu übertragen. +Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt +kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst +gestellt zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es +Mangel an Gläubigkeit, nenn’s wie du willst; wir sind ja +alle dem Ungefähr ausgeliefert, und ich sehe nur das Verderben +auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, wenn +ich dich nicht wüßte.«</p> + +<p>»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich +und streckte Manfred beide Hände entgegen, die dieser +ergriff, schüchtern und von dem ungewohnten Ausbruch +freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir mit allem, was +ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer +Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen +Klang verlieh. »Ich übernehme die Verantwortung gern +und ohne Vorbehalt. Du hast mein Wort, ich fasse die +Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«</p> + +<p>»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich +brauche ja nur die Sicherheit, daß du im Notfall für sie +da bist. Du schreibst mir gelegentlich über ihre Gesundheit, +ihre Stimmung, darüber, wie sie aussieht, was sie +spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir Geschicklichkeit +genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene störrisch +zu machen.«</p> + +<p>Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr +Manfred fort, indem er einen handgroßen Karton aus der +Brusttasche zog und ihn Erwin reichte, »sie hat endlich +meinen Wunsch erfüllt und sich photographieren lassen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>Erwin +nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann +nahm er es abermals, hielt es in Armlänge vor die Augen, +und seine Brauen rundeten sich.</p> + +<p>»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit +naiver Eitelkeit.</p> + +<p>»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, +ganz prächtig. Ich dachte immer, du übertreibst, und habe +insgeheim deine Schilderungen belächelt. Aber das scheint +ja eine vollendete Schönheit zu sein.«</p> + +<p>»Und noch mehr.«</p> + +<p>»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin +selten. Darin ist alles beschlossen.«</p> + +<p>»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich +sagen: eine vollendete Tugend. Aber heutzutage macht +sich das schlecht.«</p> + +<p>»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein +odioser Begriff.«</p> + +<p>»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld +leugnest.«</p> + +<p>»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, +von jemand zu sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin +stolz. Manfred senkte die Stirn. »Wozu einen Titel? +Besitze, Freund, genieße und laß den Kommentar. Worte +zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie Polykrates, +denn du bist beneidenswert.«</p> + +<p>Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name +Ottokar Graf Palester stand. Erwin lächelte. »Der gute +Graf ist immer Mitternachtsgast. Bringen Sie kalten<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> +Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener, »der +Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.«</p> + +<p>Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, +junger Mann von vornehmer Haltung und schweigsamem +Gehaben. Er hatte ein blasses Gesicht, einen rötlichen +Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und traurige Augen, +die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner +schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel +gebogen, als ob sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet +die Sauberkeit und Sorgfalt eines Menschen, dem alles +daran liegt, seine Armut vor der Welt zu verbergen. Er +war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte +dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen +und lebte mit einem weiblichen Wesen geheimnisvoll +zurückgezogen in der Vorstadt. Er besuchte seine +wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich +so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis.</p> + +<p>Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen +gelernt. Er hatte schon damals erfahren, daß der Graf +im Besitz der sogenannten Froweinschen Miniaturen war, +die nach einem Sammler oder Mäzen des achtzehnten +Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei +Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen +Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord +Pembroke in Schottland, das dritte war zur Zeit der +österreichischen Herrschaft in Toskana durch einen Vorfahr +des Grafen, die Palester waren italienischen Ursprungs, +aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen +Malereien, die nach Erwins Meinung einen außerordentlichen +Wert hatten, als abergläubisch behütetes Erbstück +von Generation zu Generation. Man wähnte, daß +der Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm +einst noch ein neuer Glanz beschieden sein werde, solange +dieser Schatz Familiengut blieb. Graf Ottokar war nicht +mehr in der Lage, das Archiv eines Ahnenschlosses damit +zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als Fabel hinnahm, +so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht +mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der +durch eine philosophische Lebensführung gehärtet wurde. +Vor Wochen hatte er das Buch mitgebracht, um es Erwin +zu zeigen, und schon eine flüchtige Prüfung hatte diesen +belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die drei in +Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes +gewesen, aber Erwin, der das römische kannte, stellte +entzückt das Palestersche höher, und seine Begierde nach +dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie der Widerstand, +den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch +mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar +voll Nachsicht und versprach mit reizender Ironie, er +werde ihm den Frowein hinterlassen, wenn er ohne +Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir +zu lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich +will erobern.«</p> + +<p>Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und +während der Graf sich an den Tisch setzte und aß, wie man<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> +im Wirtshaus eine bestellte Mahlzeit zu sich nimmt, schlich +Erwin vorsichtig und lüstern um das Thema.</p> + +<p>»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred.</p> + +<p>»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach +und primitiv gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz +ohne gleichen ist.«</p> + +<p>»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem +begreif’ ich dein heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist +voll von schönen Werken der Kunst, bekannten und unbekannten; +warum soll tyrannische Habsucht den Geist in +Fesseln binden und den Genuß beschränken?«</p> + +<p>Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg +jedoch, um Erwin nicht in seiner Entgegnung zu stören. +Erwin legte die Hände flach zusammen und sagte mit +einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die Welt +ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die +Wahllosen und klein für die Wählenden, groß für die +Augen und klein für die Hand. Ich bin kein Augenmensch. +Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den +Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, +zu zerstören.«</p> + +<p>»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das +Chaos anfängt«, bemerkte Graf Ottokar trocken.</p> + +<p>Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der +Graf erhob, um sich zu verabschieden. Manfred, der müde +war, folgte seinem Beispiel, nachdem er mit Erwin die +Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen abholen +wollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>Als +er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, +schneite es. »Ich gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl +von Erwin weg,« gestand Manfred, »er hat die Gabe, +mich ehrgeizig zu machen.«</p> + +<p>»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter +Mensch«, erwiderte Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte +sein Gesicht sehen, wenn er allein ist, ganz allein. Er +gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht vorstellen +kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen +Stadt, in einem großen Haus und darin in einem großen +Zimmer ... mir ist, als ob er ein anderer wäre.«</p> + +<p>Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die +Züge des Grafen hatten einen ernsten, beinahe düsteren +Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich nämlich, im Gegensatz zu +Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu viel, und +was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre +hat mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des +Ozeans geruht; nun ist mir alles vermauert, Leben und +Menschen. Ich komme mir vor wie ein Zwangsarbeiter +in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?«</p> + +<p>»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, +Polynesien.«</p> + +<p>»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der +Graf sinnend. »Und das alles ist vorhanden. Jetzt, indem +wir sprechen, rauschen dort die Palmen. Nichts ist aufwühlender +als das Gefühl der Gleichzeitigkeit. Sie werden +nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und +die Maschine wird pochen wie ein Herz.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>»Ich +würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es +Manfred.</p> + +<p>»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um +so mehr wird Sie die Reise verwandeln. Wir verwandeln +uns nicht, wenn die Erlebnisse mit unseren Wünschen übereinstimmen. +Schreiben Sie mir einmal von dort drüben, +vom andern Ende der Welt.«</p> + +<p>»Mit Vergnügen.«</p> + +<p>»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich +werde bei Nacht schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, +und so ist es auch gemeint. Leben Sie wohl, Sie müssen +einsteigen, ich gehe zu Fuß.«</p> + +<p>»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt.</p> + +<p>»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage +nicht den Lärm dieser Vehikel. Leben Sie wohl.«</p> + +<p>Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger +Teilnahme nach.</p> + +<p>Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin +in dessen Elektromobil zu Virginia.</p> + +<p>Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein +paar Sekunden lang steif wie eine Latte. Manfred konnte +durchaus nicht erraten, was in ihm vorging. Er selbst gab +sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch, Erwin und +Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn +verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke +von beiden.</p> + +<p>Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz +verwandt, auch der Unruhe des Künstlers über die Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> +seines Werkes; er suchte aus Erwins Miene zu lesen, +ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt, unbefriedigt +geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits +blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend +ins Gesicht. Nie zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; +das Phlegma, das die Schönheit verleiht und +das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll wird, gab +ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald +an Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa +wie man zwei seltene Leckerbissen zusammen in den Mund +schiebt.</p> + +<p>Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins +Betragen zufrieden sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel +ihr, die Knappheit seiner Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken +Spielraum, seine Zurückhaltung war bedeutsamer +als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit +an, daß ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen +waren. Sie hatte seine Kritik ein wenig gefürchtet, +seine unbedingte Billigung, die sie spürte, hob ihre Sicherheit. +Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges, auch +nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach +bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, +Manfred anerkennend zuzunicken, als sie sich von Erwin +unbeobachtet wußte.</p> + +<p>Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen +hingegangen war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, +mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen die Rolle, die mir +Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein Kopfzerbrechen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> +verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel +schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. +Betrachten Sie mich als einen, der zur Verfügung steht. +Vergessen Sie die Person und denken Sie nur an das +Amt.«</p> + +<p>Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. +»Ich kann nicht kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden +mich auch viel zu eigensinnig finden, wenn Sie kommandieren +müßten. Es wird hoffentlich nichts dergleichen +nötig sein.«</p> + +<p>Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. +Auf der letzten Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem +er Manfred durchdringend anschaute: »Hör’ mal, es ist +doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen, diese ... Dame, +diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe +stammt, wie du sie mir geschildert hast –?«</p> + +<p>Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor +Freude lächelnd, erwiderte unbedacht: »Wie scharf und +wahr du siehst!« Sogleich merkte er, daß er zuviel gesagt; +er wollte seine Worte zurücknehmen, verstrickte sich noch +mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene ärgerte, +glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, +wenn er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in +Kürze berichtete.</p> + +<p>»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, +»solche Früchte reifen nicht auf dem dürren Baum des +bürgerlichen Behagens. Amüsant wäre es, von diesem +Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen Männer<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> +zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle +tausendjähriger Heuchelei.«</p> + +<p>»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred +hastig.</p> + +<p>Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das +Grab«, antwortete er, als könne eine solche Aufforderung +nur scherzhaft genommen werden. Sie drückten einander +die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück.</p> + +<p>Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia +langsam ihre Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der +eigene Schmerz. Ihm war, als ob er sterben müsse, um +erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder von neuem beginnen +zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der +Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett +begeben. Ihr Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, +auf welchem eine Teekanne, drei Tassen und eine mit +Äpfeln gefüllte Schale standen.</p> + +<p>Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte +Worte; wenn sie schwiegen, empfanden sie die +Schauer als gefährlich, die über ihre Haut rannen. Manfreds +Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen +wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in +die Winkel; spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an +den Kleidern trug er eine Last wie ein Badender, dem eine +Fessel nicht zu schwimmen erlaubt. Virginia schien gefaßt, +ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie gegen die bedrohliche +Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und +wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> +stolz sie ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar +und wie schön!</p> + +<p>Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. +Und er ging, bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt.</p> + +<p>Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte +er ihr einen Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es +war das erste Geschenk, das sie annahm. Er war fertig, +alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon auf dem Bahnhof, +und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner +herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin.</p> + +<p>Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war +bald verstrichen. Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie +Porzellan, und als sie an seiner Brust lag, schluchzte sie wie +ein Kind. Manfred preßte sie an sich, bog mit der Linken +ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und dann empor. +Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch.</p> + +<p>Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. +Rücksichtsvoll hatte er die letzte Minute gewählt. Als er +Virginia so hingeschmiegt erblickte, war in der Linie ihres +Körpers ein Etwas, das ihn stutzig machte. Er sah zu +Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen. +Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. +Sein edles Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, +lächelnd und sich verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der +Halle.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorspiele">Vorspiele</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-b.jpg" alt="B"> +</div> + +<p class="drop-cap">Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia: +»Darf ich Ihnen zur Heimfahrt meinen +Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?«</p> + +<p>Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet; +gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg +sie ein, nur in dem Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu +sammeln. Erwin erriet ihren Zustand; er war bereit, sich zu +entfernen. Da wurde sie sich ihrer Unüberlegtheit bewußt, +die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht, so, wie +ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in +der Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen +zu sollen, war ihr höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken, +das konnte sie nicht über sich bringen, es erschien +ihr unfreundlich und undankbar, und sie bestand darauf, +daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn ich nichts +rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam +eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar +sein kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke.</p> + +<p>Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen +fast mit Genuß, daß ihr das Schweigen peinlich war. +Er liebte es, von der Seite her die Augen einer Frau zu +betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das Hinausstrahlende +des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks +liebte er vielleicht.</p> + +<p>Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr +helfend die Hand. Er hatte eine ritterliche Art zu warten,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> +sich zu verbeugen, zu grüßen. »Auf Wiedersehen«, sagte +Virginia hastig.</p> + +<p>Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor, +und ihr war, als käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie +fiel der Mutter um den Hals und weinte sich satt.</p> + +<p>Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr. +Man saß da und wartete auf den Briefträger. Der Briefträger +war nicht so faul, er brachte an jedem Morgen eine +Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung schrieb er +ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches Adieu, +kam schon vom Bord des »Phönix«.</p> + +<p>Auch Erwin hatte <span id="Page_51_1">einen</span> Brief erhalten. Er hatte die Absicht, +es Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit? +Sie war überflüssig. Es lockte ihn nichts +dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein Tag war angefüllt wie +ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er war zu Fuß +gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts +rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch +wieder zurück. Vor der weißen Wendelstiege zögerte er +abermals. Da erinnerte er sich der hingeschmiegten Bewegung +ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust gelegen, +jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies +entschied.</p> + +<p>Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald +vom Gespräch zurückziehen. Erwin durchschaute die +Absicht und suchte etwas, um sie zu fesseln. Er brachte die +Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre Skizzen zu sehen. +Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen herbei.<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> +Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen, +in denen er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige +Aufmerksamkeit.</p> + +<p>Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik, +die von gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die +Oberflächlichkeit und mangelnde Kraft des Schauens. »Ja, +das weiß ich,« stimmte Virginia bei, »deswegen bin ich +auch so lustlos.«</p> + +<p>Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei. +Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es +fehlt Ihnen das systematische Studium der Natur und die +Kenntnis der großen modernen Meister«, sagte er. »Wer +gibt Ihnen Unterricht?«</p> + +<p>»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia, +»der Mann ist ein Anstreicher, weiter nichts.«</p> + +<p>Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte; +er rühmte einen der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei +eine staatliche Anstalt, die Kosten wären infolgedessen gering, +und er machte sich erbötig, ihre Aufnahme durchzusetzen.</p> + +<p>Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit +andern zusammen zu arbeiten«, wandte sie ein.</p> + +<p>»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit +nicht gestört werden.«</p> + +<p>Virginia sah ihm entsetzt <span id="Page_52_1">ins</span> Gesicht. »Um Gotteswillen +spotten Sie nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod +nicht leiden. Das macht mich ganz krank.«</p> + +<p>Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als +Mangel an Ernst deuten, und willigte ein. Sehr bald fand<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> +sie sich belohnt. Der neue Lehrer nahm es genau und nahm +es tief. Er verlieh den Gegenständen Seele, indem er den +Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach, was +es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn +man sie von innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten +mußte. Sie bekam einen gewaltigen Begriff von dem vorher +so unbestimmten Wesen und sah auch ein bescheidenes +Ziel für sich selbst.</p> + +<p>Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art. +Es war etwas Genaues an ihr, kein nebelhaftes Wort kam +von ihren Lippen. Sie lernte Verhältnisse kennen, Charaktere +abschätzen, Gesichter beurteilen und hatte minder +häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu +denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene +Wirkung auf die Menschen.</p> + +<p>Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern +der Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal, +in den Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden, +und seine Gesellschaft war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch +war belebend, die eigenartige Eleganz seiner Kleidung und +seines Auftretens empfand sie als etwas Auszeichnendes +und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien +ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er, +»Technik haben heißt weiter nichts als Mut haben.« Er +wollte mit ihr in eine Galerie gehen und schlug ihr das +Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und eines +Vormittags holte er sie ab.</p> + +<p>Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> +dem jungen Mann stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft. +Erwin spürte es und bemerkte, die kleinbürgerlichen Beengungen +harmonierten schlecht zu ihrem Wesen, sie möge sie +doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen.</p> + +<p>Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte +er Dinge zu sagen, die Virginia niemals gehört hatte. Er +schuf ihr das Bild; er gab der Gestalt Leben, der Idee Bedeutung. +Zugleich war es, als enthülle er sein Herz, das in +einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo +man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden +heilt, die eine grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte +zwangen sie zur Ehrfurcht, und sie mußte sich sagen, daß +sie um so tiefer unter ihm stand, wenn sie sich nicht neigte +vor solcher Größe des Gefühls.</p> + +<p>Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie +sich durch die Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf- +und Abgehen, in den Laden kramen, Vorsichhinreden und +Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst gewesen, heute +klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner +setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage +später erschien Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia +wollte gerade zur Schule. Sie war verspätet und deshalb +in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit ihm zur Eröffnung +einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde +interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den +interessanten Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. – +»Das ist schade«, erwiderte Erwin tadelnd. – »Schon deswegen, +weil ich keine Toilette für sie habe«, fügte Virginia<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> +lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird genügen, +alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin +trocken.</p> + +<p>»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«, +mischte sich Frau Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie +sich an das zögernde Mädchen, »dein blaues Sammetkleid +ist ja sehr hübsch.«</p> + +<p>»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia +und ging in ihre Kammer.</p> + +<p>Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor, +und einige Frauen und Kinder sahen mit neidischen Augen +den beiden zu, als sie einstiegen.</p> + +<p>Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier, +ja merkbare Bewunderung, als sie an Erwins Seite +durch die Räume schritt. Erwin ergriff die Gelegenheit, +das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu machen, +vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen +Frau von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie +zog Virginia sogleich in ihren Kreis, und alsbald schwirrte +es um sie von neuen Namen und ungewohnten Schmeicheleien. +Eine nicht mehr ganz junge Person fiel ihr auf, die +ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer +Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel, +und nach kurzem Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich +ohne Wunsch noch Lust, das Versprechen, sie zu besuchen; +als die Baronin Resowsky ein gleiches von ihr forderte, +war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung +auszuweichen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>Um +Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge +Männer und erkundigten sich, wer die Novize sei. Es +amüsierte ihn, geheimnisvoll zu bleiben, und er beobachtete +ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren Unruhe +sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen +Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren +Gewänder der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens, +das Erwin Reiner genoß, um dessen Wort und +Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen +vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur +wie eine Gnade walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren +eigenen Augen und Gedanken, und was galt es viel, sich +stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich gewiß weit über +ihr stehend dünkten?</p> + +<p>Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen +über ihre Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden +Nachmittag kam. Aber er bemühte sich, den Nimbus +zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben hatte.</p> + +<p>»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom +Gezwitscher auf den Geist?« fragte er.</p> + +<p>Sie verstand nicht ganz.</p> + +<p>»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«, +fuhr er mit gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz, +aus Eitelkeit, aus Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder +aus Verzweiflung. Und wollen Sie wissen, womit man +sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der Seele. +Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind, +um den Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> +Opfer in Stücken, sie plündern seine Brust und entleeren +sein Gehirn.«</p> + +<p>Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als +durch die Worte. »Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt +sie ihm mit aufblitzenden Augen entgegen.</p> + +<p>Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der +blakenden Lampe herabzuschrauben. Frau Geßner befand +sich in der Küche, er war mit Virginia allein im Zimmer.</p> + +<p>Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt, +aber fremd und entsagend. Das etwa war in +seinen Mienen zu lesen. »Meine Gärten sind verdorrt,« +murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener Stimme +fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen, +das ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch +Sehnsucht gläubig war. Jede dieser jungen Frauen war +mir eine Göttin; von jeder habe ich Wunder und Offenbarung +erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich habe +mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben. +Ich habe oben und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten +Gruft gewühlt, die man die Gesellschaft nennt, ich +kenne sie alle, die Aristokratin, die Bürgerin, die Abenteuerin, +die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was +war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die +Schalen von einer Zwiebel.«</p> + +<p>Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia +vorüber, ziellos, doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch +ganz Europa und durch den halben Orient gezogen,« begann +er wieder, gleichsam unwillig und von der Erinnerung<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> +verstört, »ich war in allen Salons von Paris, Petersburg, +London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach +einem Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren +geführt, aber ich bin im Norden so kalt geblieben wie +im Süden. Hätte mich irgendwo und wann eine göttliche +Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre als Preis +bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie, +ich hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später +dann, wenn der Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das +Glück fordert eine Seele ganz. Es flieht, wo sie sich in +kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,« – Virginia +zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung +ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche +Elend, das ich Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer +Generation. Wir jungen Männer allesamt gleichen +dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen, sein eigenes Kind +verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres eigenen +Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer +Freiheit. Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn +es ist eine Welt, wo der Beste sein Herz und der Schlechte +das des andern zerfetzt, wo der Starke zu den Schwachen +Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo die Gesetze +Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.«</p> + +<p>Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises, +und seine funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den +blassen Lidern. Virginia nagte sinnend an ihrer Lippe. +Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie Ihr +Leben so beurteilen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>»Und warum?«</p> + +<p>»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so +viele Freunde haben.«</p> + +<p>»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was +meinen Sie damit?«</p> + +<p>»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.«</p> + +<p>»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden +sprechen. Manfred ist mein Freund.«</p> + +<p>Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die +Unterscheidung nicht.</p> + +<p>»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer, +Mitspieler, Spielverderber«, sagte er fast ungestüm. +»Freunde und ein Freund, das ist wie: Götter und +Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich +etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein +schönstes Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige +Tüchtigkeit strömte. Er hat die Flamme auf mich übertragen, +die ich in ihm angefacht, und so sind wir Brüder +geworden, zwei Söhne einer Flamme.«</p> + +<p>Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als +es in ihr die Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit +Erwins und Manfreds befestigte. Sie hatte +es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr, als ob Manfred +dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie +blickte Erwin dankbar an.</p> + +<p>»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll +ich’s nicht gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> +gern auf den ungeteilten Besitz eines Menschen, der das +Lebensgefühl erhöht und dem man in starken und schwachen +Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert hat. Oft hab’ ich +seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich +konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten +wurde, war mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant.</p> + +<p>Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand +Virginia auf. Sie antwortete nichts.</p> + +<p>Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie +geistesabwesend auf ihren nackten Hals, auf die zuckende +Ader unter der Kehle und die bebende Sehne, die sich vom +Ohr herab gegen die Schulter stemmte wie eine Säule aus +Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie abermals +darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem +fast naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum +dritten Male rot, nahm ein schwarzes Seidentuch vom +Haken und warf es um den Hals, mit einer Bewegung als +friere sie.</p> + +<p>Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause +kam, sagte sie: »Es riecht ja nach Zigarettenrauch hier. +Hast du Besuch gehabt, Mutter?«</p> + +<p>»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau +Geßner ein bißchen verlegen.</p> + +<p>»Bei dir? was hat er denn gewollt?«</p> + +<p>»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist +denn das sonderbar?«</p> + +<p>»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«, +scherzte Virginia.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>»Ja, +mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich, +und um ihre außerordentlich feine kleine Nase legte sich +ein schnippischer Zug, was Virginia lächelnd bemerkte. +Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner das Bedürfnis +haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine +Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte +vor, ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund. +Wenn sie eine solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß +sie die Unterhaltung, die sie ihrerseits ihm gewährte, höher +einschätzte als die der Mutter. Sie fürchtete eitel zu erscheinen, +und im weiteren Verlauf dieser Überlegungen kam +sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche beschränken +möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen +zu geben, ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne +ihn gröblich zu beleidigen, durfte er doch erwarten, daß er +ihr mit seinem reichen und belebenden Gespräch Freude +bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer vieler +Stunden.</p> + +<p>Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend, +daß er einige Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten +Abendspaziergang rüstete, mit ihr zusammen aufbrach, um +nicht mit Virginia allein in der Wohnung zu bleiben. Wenn +er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und erinnerte +sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er +erzählt, an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine +wunderbare Kunst darin, Begebenheiten und Menschen +plastisch darzustellen, ohne sich im geringsten gegen die +Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und Seefahrten<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern +und die kleinen Intrigen der großen Welt und die +großen Ränke kleiner Herren, da lebte alles vom Unbedeutenden +bis zum feierlich Historischen, und alles hatte +sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen.</p> + +<p>Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte, +riet ihm Virginia, er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft, +er kenne die Frauen zu gut. Man gibt den Reichtum der +Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung so gründlich +sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst in den +Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl +schleuderte.</p> + +<p>Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das +seinem Liebsten keine Gunst verweigert, das in einer leicht +zu täuschenden, gesang- und tanzfrohen Welt wohnt, in +einer von den zahllosen Stuben gepferchter Häuser, wo +man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines +Pianinos bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust +und Überschwang ergibt. Ein Idyll, das den Nachteil der +Langeweile hatte.</p> + +<p>Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens, +deren Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und +deren Verfeinerung von der Erschöpfung kommt. In ihr +ist eine großartige Kraft zur Lüge, und sie versteht es, durch +Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute wie der Fuchs +ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber der Abgrund +lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt, +den schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> +Sturz erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher. +Er will nicht mehr Huhn sein, sondern Fuchs. +Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als die Gebärde +eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß. +Wenn’s nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s +knallt.</p> + +<p>Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art +von verliebten Beziehungen pflegen, welche man in den +oberen Ständen Flirt nennt. Eine Sache, dazu erfunden, +um die Seele zu beschmutzen, während sie den Körper bewahrt. +Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen +den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß +Hunger nach Zerstreuungen erregen, und können niemals +den Anschluß an ein tätiges Glück finden. Der Rattenfänger +braucht nicht einmal zu pfeifen, die Tierchen kommen +von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es +gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue.</p> + +<p>Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr +nahe. Sie hatte keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen +Bezug haben könne. In seinem edlen Zorn sah +sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für Menschen +und Zustände.</p> + +<p>Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von +Rosanna Schörk, der Schauspielerin. »Frauen von Genie +sind streberhaft bis zur Raserei,« sagte er, »und ihr glorioser +Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann für ihren Ehrgeiz +wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da +verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> +zu. Aber ist die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke +dran. Man hat nicht den Mut, die Drähte zu zerschneiden. +Warum, man weiß ja nicht, wer kommen kann.«</p> + +<p>Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und +blieb dann vor Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber +auch Gesichter von Frauen zeigen, Virginia, ich möchte sie +emportauchen lassen wie ein Spiritist die Geister, Frauen, +die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel unverschuldeter +Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch +sind, indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit +Füßen treten lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt +sind, daß sie erlöst scheinen, wenn sie zusammenbrechen; +Frauen, durch deren Seele hindurch man wie durch ein +Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens gewahrt. +Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben, +weil ich Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie +nur belasten. Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg; +die Unsicherheit darüber reizt mich, denn Sie sind mir +fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie sonst kein Mensch.«</p> + +<p>Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer +Arm erreichte mit dem Handgelenk gerade noch den Tisch, +wo er sich unbeweglich gestützt hielt, der andere lag im +Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig die untere; +die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus. +Das Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn, +und das im Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen +schien bisweilen den Goldschimmer des Fleisches +verwandelnd zu beleuchten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>Sie +sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte +Mitleid mit ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten, +die Betten, in denen sie schliefen, und die Kleider, mit +denen sie sich schmückten. Wunderlicherweise war all das +reich, reizvoll und begehrenswert. Da verschwand ihr Mitleid +wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre Miene wurde +zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte.</p> + +<p>Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem +prüfenden Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend +machte, so genau, klar und unbarmherzig gegen sein eigenes +Leben.</p> + +<p>Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten +ins Zimmer. Es war stets, wie wenn man ihn zuvor +nie gesehen hätte. Einen Moment lang schien er zerstreut, +ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von jener gewinnenden +Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung +war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter +sagte er Mama und tätschelte gnädig die Wange der alten +Dame. Er verstand es gemütlich zu sein und schätzte die +Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie so recht +gemütlich.</p> + +<p>Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler +Menschen Wort und Atem haftete an ihm. Seine Hände +suchten immer etwas zu greifen; er saß selten friedlich auf +einem Fleck, meist ging er ruhelos umher. In seinen Augen +war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das Zuhören +von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war +in seinen Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> +etwas Zurückschiebendes hatte, als wolle er sagen: bitte +nicht zu nahe. Es war wie bei einem, der eine zerbrechliche +Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu werden +fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu +kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann, +hatte trotz äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als +müsse er erst überlegen, was er von den Vorgängen in jener +Region zu verschweigen habe. Es wirkte eigentümlich +lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart, seine +Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern +mußte, daß man gesammelt sein mußte, während er sich +erst sammelte. Man vergaß ihn beinahe, wenn er fortgegangen +war, aber man war angenehm bewegt und geweckt, +sobald er kam.</p> + +<p>Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt +die Mutter fast täglich besuchte, und das gerade in den +Stunden, wo sie in der Malschule war. »Was sprecht ihr +denn miteinander?« erkundigte sie sich mit verwundertem +Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll. Es zeigte +sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten +auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide +sich zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem +redete sie darüber, sondern als ob ein Wandel möglich, als +ob er zu gewärtigen sei, als ob sie Pläne und Aussichten +habe. Virginia wußte nicht, was sie davon denken sollte.</p> + +<p>Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage +des kleinen Haushalts Einblick zu verschaffen. +»Wie kann man so leben!« rief er ehrlich erschrocken, als<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> +ihm Frau Geßner die geringfügige Summe nannte, mit +der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum +bekümmert?« fragte er.</p> + +<p>Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und +diese Gebärde entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes +sie dem Fremderen ihre Dürftigkeit zu offenbaren vermochte. +Manfreds Zartgefühl hatte den Stolz gefordert, +Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen.</p> + +<p>»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre +oder länger in so erbärmlichen Umständen vegetieren zu +lassen«, sagte Erwin. »Eine solche Edelnatur braucht Licht, +Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über den guten Manfred. +Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie +Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung +stillschweigend übernommen und mußte darauf +dringen, daß –; aber freilich, wie wäre Virginia zu bewegen? +Manfred war einfach nicht schlau genug. Seien +wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert, seinen +Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und +schiebt ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.«</p> + +<p>Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach +sie das Thema ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete, +glaubte sie ihn beleidigt, und als er ein paar Tage später +wiederkam, fragte sie, was er mit dem Strohsack und dem +Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,« antwortete +Erwin, »aber können Sie auch schweigen?«</p> + +<p>»Ja, ich kann’s.«</p> + +<p>»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +möglich, fünf- bis sechstausend Kronen davon flüssig zu +machen?«</p> + +<p>»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das +Geld wird von einem gerichtlichen Vormund verwaltet.«</p> + +<p>»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten, +eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich +dabei um eine Spekulation, für deren Gelingen ich mich +verbürgt hätte. Sehr schade.« Bedauernd blickte er Frau +Geßner an, die unwillkürlich die Hände faltete. Plötzlich +sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr er fort. »Es +ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die Summe +geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit +ich sie fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese +fünftausend Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten +machen, nur daß ich keine Zinsen beanspruche; haben wir +dann das Geschäft glücklich zustande gebracht, so ziehe ich +meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen Gewinn. +Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?«</p> + +<p>Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen +das die Agenten so?« fragte sie.</p> + +<p>»Genau so.«</p> + +<p>»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich +täuschen?«</p> + +<p>»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.«</p> + +<p>»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?« +murmelte Frau Geßner. »Warum tun es denn nicht alle +Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da läge ja der Reichtum +auf der Gasse –«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>»Ein +Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin +lächelnd und ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer, +sehen Sie, die ziehen die kleinen hinter sich nach. Ihre +paar Kreuzer, Mama, die werden von den Millionen geschleppt +und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen +Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer +Fisch in Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million +den kleinen Fisch oder wird mit ihm gefangen, aber lassen +wir uns das nicht anfechten, ich bürge Ihnen.«</p> + +<p>Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich, +doch am Ende konnte sie der Verlockung nicht +widerstehen. Nachdem sie eingewilligt hatte, beharrte sie +darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm, für +welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang +schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität +mit geschäftlichem Ernst über sich ergehen. Während eines +Gedankens Dauer erbitterte ihn die Gewöhnlichkeit der +Person, die ihn für einen Börsengänger halten konnte, doch +in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse alle +Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie +Virginia gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine +ständige Mahnung; das Mädchen hatte scharfe Augen und +betrachtete die Mutter oft mit grübelndem Erstaunen.</p> + +<p>Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau +Geßner ein dickes Kuvert, in welchem sich so viele Banknoten +befanden, daß die Empfängerin erschrocken aufschrie. +»Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin gelassen, +zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung +wirkte unerquicklich auf Erwin.</p> + +<p>»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese +paar Scheine nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen. +Die Absicht war, Virginias Los zu verbessern. Eine Schönheit +wie die ihre macht uns in jeder Weise zu Schuldnern, +Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest verdauliche +Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung +und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche +Zartheit ihrer Haut nach und nach verderben. Wenn sie ein +Kleid trägt, in dem sie gering erscheint, wird das Glück verringert, +das sie hervorbringen soll. Denn Virginias Aufgabe +ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche Andacht, +eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie +nicht, Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung +von allen Dingen geben, die Sie kaufen müssen. Und seien +Sie unbesorgt, der Baum, den wir da geschüttelt haben, ist +noch beladen mit Früchten.«</p> + +<p>»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau +Geßner beklommen.</p> + +<p>»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.«</p> + +<p>»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?«</p> + +<p>»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.«</p> + +<p>Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und +Frau Geßner zeigte sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden +durch ungewöhnliche Ausgaben, die Mutter zur +Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische Widersprüche<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> +verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin erschienen +wäre.</p> + +<p>Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung +über Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage +und die geschäftliche Ausnützung gewisser +Strömungen. Was er getan habe, sei nicht nur verzeihlich, +es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei klug und gut, +so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der +von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet.</p> + +<p>»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden +Acker«, wandte Virginia lebhaft ein.</p> + +<p>»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht +zu rühren versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht +so krämerhaft, Virginia.«</p> + +<p>»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug +denken«, erklärte sie eigensinnig.</p> + +<p>»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich +seinem Blick aus.</p> + +<p>»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner +bündig in das Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.«</p> + +<p>»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«, +sagte Virginia naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte +sie beschämt lächelnd die Achseln.</p> + +<p>Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der +Umstände. Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht; +dies Geld war ihr unheimlich, und Wünsche, +deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie Vergehen +vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> +ihre Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr +Erwin, er selbst habe an Manfred geschrieben, und sie +wollte nun abwarten, ob Manfred solchen Reichtum +billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts entstanden +war, wie die Würmer im Mehl«.</p> + +<p>Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die +Mutter gefahren? Virginia wußte kaum, wie es zuging, +plötzlich sah sie sich im Besitz kostbarer Wäsche; hatte jene +reizenden Kleinigkeiten der Toilette, die sonst nur verwöhnten +Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von +meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als +wirklich schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief +Virginia ein übers andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«, +sagte Frau Geßner streng, »und widersprich mir nicht. +Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir gewonnen +haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich +möchte ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun +endlich ein bißchen besser hast.«</p> + +<p>Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr +Leben zu stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren +Sinnen in gleicher Weise schmeichelten. »Ich verstehe nur +nicht, wo du plötzlich so viel Geschmack hernimmst«, sagte +sie zur Mutter.</p> + +<p>»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten +Firmen und kauft das beste. Ist das eine Kunst?«</p> + +<p>»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?«</p> + +<p>»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus +dem Effeff. Siehst du dabei was Ungehöriges?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>Virginia +wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade +die Schneiderin, eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme +Person, schlug Modenbilder auf und nahm Maß +zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte +Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes +Gewissen dabei hat. Trotzdem wünschte sie sich noch +leichteren Sinn, wenn ihre Finger liebkosend in Spitzen +wühlten und bedächtig über Seide und Battist raschelten.</p> + +<p>Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie +sprach ihr Auge mit den delikaten Farben edler Mode! +Der Spiegel wurde ein liebevoller Berater, und sie, sie +wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand abgeschlossener +da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt +zu einer Welt stolzerer Formen strebte.</p> + +<p>Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die +Pforten dieser Welt zu öffnen.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Ein_Duell">Ein Duell</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke +gezogen, Frau Geßner öffnete und trat mit Marianne +von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen mir +nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, +auf Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer +Stimme von geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich +ermutigt, Sie aufzusuchen. Erwin und ich, wir sind alte +Freunde, mehr als Freunde, fast wie Geschwister. Er hat +mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie kennen gelernt, +hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich +keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.«</p> + +<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich +steif.</p> + +<p>Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu +rücken, Deckchen zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin +zu tragen, wo sie ohnehin schon gestanden waren, +schleppte einen Sessel herbei und bat das Fräulein, »sich +nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende Dame +hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel +für die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen +über den Fenstern, einige Möbelstücke waren neu beschafft +worden, und ein bescheidener Blumentisch stand an sonnigem +Platz. Virginia ärgerte sich über das demütige Wesen +der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, +bis die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden +Widerstand ein Ziel setzte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>Es +war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an +Marianne von Flügel. Sie gab sich wie jemand, der +das Leben groß sieht und die Menschen klein. Sie war +um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre +Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken +Zähnen. Wie sie saß und ein Bein über das andre schlug, +wie sie ein goldenes Zigarettendöschen aus der Tasche +nahm, ein winziges Zigarettchen zwischen die Lippen +schob und beim Plaudern den Rauch verfließen ließ, das +hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte +in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es +waren kleine, schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein +Wenden der Hand und alles war vorüber: irgendeiner +war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte. Um so gewichtiger +mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, +die sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, +daß wir Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und +Virginia konnte nicht umhin, sich darein zu ergeben. Als +Marianne ging, bat sie Virginia, einen Abend, der sogleich +bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur +einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach +es.</p> + +<p>Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau +Geßner unwohl und legte sich fiebernd zu Bett. Virginia +telephonierte vom nahen Postamt dem Doktor +Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk +sässigen Arzt, der schon den Vater Virginias behandelt +hatte und, so selten er kam, ein obsorgendes Verhältnis<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> +zu den beiden Frauen unverbrüchlich pflegte. Es war +ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm +und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten +Taubheit zu selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er +glich den Fehler aus durch Klugheit, Erfahrung und ein +expressives Temperament.</p> + +<p>Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, +wenn man ihn zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen +gehörte zur Soldateska des Todes so gut wie ein Magengeschwür. +Er erklärte den Fall für harmlos und verfaßte +ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der +Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners +Erlebnisse waren nicht so weitschichtig, daß sie den +Namen Erwin Reiners bei solchem Anlaß unerwähnt gelassen +hätte. Das Gesicht des alten Doktors veränderte +sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen +wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael +Reiner?« fragte er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? +Der ... Kunstgelehrte oder ... Naturforscher, was +weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend +nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem +Daumen über die Schulter nach Virginia weisend – »das +Fräulein Tochter nicht?«</p> + +<p>»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der +intimste Freund von Ginas Bräutigam.«</p> + +<p>Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und +Schnitzmesser am Tisch gesessen; jetzt erhob sie sich und trat +leise durch die offene Tür.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>»Na, +da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und +schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie +sich gegen die Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; +»was haben Sie denn gegen Erwin Reiner einzuwenden?«</p> + +<p>Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und +blickte das Mädchen mit seinen braunen, lebhaften Augen +an. »Ich?« antwortete er mit der geräuschvollen Stimme +der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das +will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich +Zimmermann mit Namen, der einzige Verwandte, den +ich besitze, überhaupt der einzige Mensch, der mir dem +Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh auf +bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide +Eltern nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung +gesorgt, ich habe ihn aufs Gymnasium und auf die Universität +geschickt, kurz, ich habe meine Hoffnung auf ihn +gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal meine +Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen. +Wir führen ja einen guten Namen, schon mein Vater war +Arzt dahier und mein Großvater gleichfalls. Eines Tages +kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich will nicht +mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde +denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der +Medizin‹, sagt er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag +ich. ›Ich will Dichter werden‹, gibt er mir zur Antwort. +Ich schau ihn mir von oben bis unten an und sage: ›gut,<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> +mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir +das von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst +du keinen Heller.‹ Er geht weg, und von der +Stunde an hab ich ihn nicht mehr gesehen. Das ist jetzt +drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er die Nächte +durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen. +Ist ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter +geworden, ein Kerl, der nichts arbeitet und in der +Welt herumschmarotzt. Und wer, glauben Sie nun, hat +das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir meinen +ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen +und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin +Reiner war das. Ganz genau derselbe. Von dem Tag +an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat, war er verhext. +Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not +zur Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund +hat ihn unterstützt, hat seine Einbildungen genährt, sein +angebliches Talent aufgebauscht, hat ihn, mit einem Wort, +unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich nach +Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben +sein.«</p> + +<p>Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann +fuhr er fort: »Das wäre meine private Erfahrung. Von +andrem möcht ich nur ungern reden, um Ihnen den Gusto +nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl die Spatzen +es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen +gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft +des Skandals. Ein Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> +echte moderne Selbstgott. Da war vor ein oder zwei +Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre natürlich, +wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller +Mensch, Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein +Leben lassen müssen. Die Sache ist vertuscht worden, +kam nicht einmal in die Zeitungen, aber Ihr Erwin Reiner +kann das junge Blut nimmer von seinen Händen abwaschen. +Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben, +und die Frau, um deretwillen das Unheil geschah, +hat den Schleier genommen.«</p> + +<p>Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg.</p> + +<p>»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner +mit bekümmerter Miene.</p> + +<p>»Wie?«</p> + +<p>»Ob Sie ihn persönlich kennen?«</p> + +<p>»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu +kennen. Ich kenne seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr. +Wir sehen uns bisweilen bei Frau Malwine Engelhardt. +Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt, etwas wie +ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß +die beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner +sucht das natürlich zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance +in seinen Augen.« Der Doktor lachte heiser und +erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es tat +ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen. +Da Erwin die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen +konnte, Aug in Auge, wie es hätte sein sollen, nahm +sie im Innern seine Partei.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>Desungeachtet +war sie verstimmt und hatte, auch weil +die Mutter bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend +außer Haus zu verbringen. Erwin hatte versprochen, sie +abzuholen, und gegen acht Uhr kam er. Virginias Weigerung +erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ er +nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners +Lager und fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber +ihre Verlegenheit fiel Erwin auf. Er roch Unrat, und +alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann dagewesen sei.</p> + +<p>»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die +ihm gefolgt war, forschend an und trommelte mit den +Fingern auf den Bettpfosten. »Und da hat er wohl von +seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem +Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte.</p> + +<p>»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen +verhält?« begann Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann +im Hörsaal der Anatomie kennen. Er interessierte +mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen +möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen +trifft. Wir traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit, +mich seiner anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend +ging er künstlerischen Neigungen nach, sah aber keine Möglichkeit, +sich vom verhaßten Brotberuf zu befreien. Sein +Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis ein +Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen +Geiz besessen.«</p> + +<p>»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein. +»Seit zehn Jahren spricht er von einer Reise nach Italien,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> +was seine größte Sehnsucht ist, aber er hat nicht das Herz +dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter nicht die Einnahmen, +die ihm dann entgehen würden.«</p> + +<p>»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr +langsam und durch mühselige Arbeit zu Geld gekommen +sind, sich ebenso schwer davon trennen, wie sie es erworben +haben«, erwiderte Erwin verteidigend. »Nun, dieser Geiz +allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig gemacht. +Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz +auf weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt, +um von dem Alten nicht Geld fordern zu müssen, +aber dieser Umstand erlöste sein Gemüt auch allmählich +von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es, das wilde +Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich +habe den unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu +sein, wie ein lebendiger, wollender Geist zu seiner Bestimmung +heranwächst. Daran ändert kein Onkel auf +Erden etwas.«</p> + +<p>Das klang nun ein wenig anders.</p> + +<p>»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes +Salon sehen«, fügte Erwin, gegen Virginia gewandt, +hinzu.</p> + +<p>»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in +Amerika zugrunde gegangen?«</p> + +<p>Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«, +sagte er. »Ich kann Ihnen ja verraten, daß ich +selbst es war, der ihm die Mittel verschafft hat, nach +Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten Zweck;<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> +davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke +schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu, +»daß man mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte. +Glauben Sie, es überrascht mich? Es ist mir nichts Neues. +Ich greife zu, wo die andern schwatzen, mich lockt das +Leben überall, das schöne, große, bunte, dunkle Leben, +aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine +Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der +Neinsager und der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich +etwas gerade gebogen habe, da kommen alle, die sonst +ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu konstatieren, +daß das Krumme besser war. Ich schäme mich +meiner Taten nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige +sie nicht. Ich schäme mich meiner selbst nicht. Ich +flüchte nicht vor mir. Ich habe geliebt, ich wurde geliebt, +ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich resigniere nicht, +niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als selbst +die edelste Resignation.«</p> + +<p>Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den +ganzen Arm mit der ausgestreckten Faust. Virginia, die +sich um eine Last erleichtert fühlte, blickte ihn mit ehrlicher +Freude an und sagte: »Ich gehe mit Ihnen, Erwin. +Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.«</p> + +<p>Und sie verschwand in ihrem Kabinett.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + + + +<p class="small-drop-cap">Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die +Virginia erfuhr, beeinträchtigten keineswegs die bescheidene +Meinung, die sie von sich hatte. Erwin tadelte +ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen Hochmut +ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie +konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran +verhinderte. Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden, +wollte finden und wünschte es von Erwin bestätigt zu +hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von Botticelli ähnlich +sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt, während +für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch +ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd +hin. »Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund +eines Soupers treiben«, sagte Erwin kalt.</p> + +<p>Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden +nicht. Marianne von Flügel schien die Aufgabe übernommen +zu haben, Virginia in die Gesellschaft einzuführen. +Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes Energie +entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee +bei der Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte +sie sich alsbald durch eine lebhafte Sympathie verbunden. +Marianne bemerkte es ungern und säte Mißtrauen.</p> + +<p>Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten +Professors und Klinikers von Flügel, der sich eines Tages, +verfolgt von Erpressern, zerrütteten Geistes, eine Kugel in +den Kopf geschossen hatte. Beschmutzende Gerüchte hafteten +an dem Ereignis. Mariannes Mutter war vor zehn +Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> +Tod ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf. +Sie war wunderlich geworden, und man versteckte sie vor +den Leuten. Drei Brüder lebten wie große Herren, auch +nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten. Marianne führte +ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder +erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile +gespielt. Verblaßter Glanz war in den Räumen, welche +aussahen, als ob die Sonne sich von ihnen abgewendet +hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und +fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie +man kurzsichtige Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters +schien ihr die Pflicht der Haltung aufzuerlegen. Die +Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses +Namens frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn +längst mit Füßen getreten. Es läßt sich schwer ein +Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit dem +das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das +Getriebe einer Welt blickte, die sich in immer konzentrischen +Kreisen ermüdend um sie bewegte. Die einzige +Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie fest. +Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie +heiraten mußte.</p> + +<p>Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie +wußte sich zu tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges, +die auf Übung, Urteil und Geschmack beruht. Sie hatte +Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte gefällig. Ihr +Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit gewaschener +Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> +gab Bilder von ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend +war. Im Leben war es tot.</p> + +<p>Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt. +Auch jetzt noch liebte er die Schauder, von denen er sie +durchzittert fühlte, wenn er neben ihr ging oder saß. Das +war es eben, was ihn lockte, was ihn unersättlich machte. +Die Schauder waren es, die ein liebendes Geschöpf vor +ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der Anblick +stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur +weiteren Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren, +die Seelen, von denen nährte er sich, ihre Sehnsucht +war seine Erfüllung. Da war er dann brüderlich rücksichtsvoll, +und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie +die eines entflammten Knaben.</p> + +<p>Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes +Ziel. Marianne ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig, +das Sprungbrett zu halten, von welchem er in die +Brandung stürzte, und sie hoffte, sie erwartete es, sie +rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen +zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine +sonst ihm nahte. Sie dachte niemals ohne Haß an ihn, +und nie ohne Furcht, und nie ohne die Neugier eines +Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer begibt, +an der er täglich vorübergeht.</p> + +<p>Es war an einem Abend im Januar. Marianne von +Flügel feierte ihren Geburtstag, deshalb war Virginia zu +ihr gegangen. Sie traf Ulrich Zimmermann dort, den +sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne bemutterte<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> +ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt, sie behandelte +ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu +jenen Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus +um sich tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen +Anwandlungen zur Beute werden, die +eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind. Virginia fand +sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr hingen. +Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester +mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er +Virginia vorgestellt wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit, +sein Lächeln ohne Zwang. Seine vornehme Art +gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung +über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie +sie es noch bei keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig +zugetan war.</p> + +<p>Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und +kapriziös, daß Mitrede und Widerpart allen Vergnügen +bereiteten, und schließlich hatte sie den Einfall, man solle +doch an einem der nächsten Tage eine Schlittenpartie ins +Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man setzte +den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins +auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten +telegraphisch bestellen. Er fragte Virginia um Einzelheiten, +als ob sie Sachverständige in Schlittenpartien sei; +sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte sich aber +dem allgemeinen Drängen.</p> + +<p>Während der nachflatternden Erörterungen ergriff +Marianne plötzlich Virginia bei der Hand und führte sie<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> +in ein Gemach nebenan. <span id="Page_87_1">Ein</span> Hängeteppich statt der Tür +trennte den Raum von dem Zimmer, wo die andern +waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise, +»Sie müssen auf Ihrer Hut sein.«</p> + +<p>Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur +Frage. »Haben Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr +Marianne fort, »vielleicht bei der Resowsky? Oder gestern +bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.«</p> + +<p>»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken, +»was ist denn geschehen?«</p> + +<p>»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, +Virginia: Erwin hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.«</p> + +<p>»Was heißt das?«</p> + +<p>»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung +über Sie geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.«</p> + +<p>»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias +Augen funkelten, aber aus ihren Wangen wich +vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung des +Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild +rührender Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens. +»Seien Sie vernünftig,« mahnte sie, »beherrschen Sie +sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben. Die +meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen +Abwesender.«</p> + +<p>»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß +ich nicht.« – »Wer war es?« – »Das – brauchen Sie<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> +gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« – »Erwin? +Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß. +Ich habe Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.« +– »Er wird sich schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne +nickte.</p> + +<p>Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte +sich ihrer eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte +jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann ich von hier aus gleich +in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht allein +gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« – +»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.« +Marianne schob den Teppich zur Seite und rief +Ulrich Zimmermann. Er übernahm den Auftrag mit befangener +Freude.</p> + +<p>Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein +Geßner läßt Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt +und wollte nicht weiter stören«, sagte sie zu Palester +und Erwin. Dieser zuckte auf und sah Marianne drohend +an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar. +»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als +jener gegangen war, und sein Blick wurde noch drohender.</p> + +<p>Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete +eine der winzigen Zigaretten an und fragte gleichmütig: +»Wie stehst du denn eigentlich mit ihr?«</p> + +<p>Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos, +Marianne, diese Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er.</p> + +<p>»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte +Marianne, und über Erwins verständnislose Miene etwas<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> +gezwungen lachend, fuhr sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich +gemacht. Ich habe dich in ein Duell verwickelt. +Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie gesprochen, – +das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –, +du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen +ergeben sich von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, +wozu die Wirklichkeit zu stümperhaft war.«</p> + +<p>Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, +daß ich das aufrecht erhalten werde?« fragte er.</p> + +<p>»Du mußt. Was ficht’s dich an?«</p> + +<p>»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits +habe einen Ruf zu verlieren.«</p> + +<p>»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.«</p> + +<p>»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?«</p> + +<p>»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal +etwas Originelles. Du führst die ganze Gesellschaft an +der Nase herum, denn alle müssen es natürlich wissen, +sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine marmorne +Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen +sein wie es will, wird immer davon bestimmt, +wie die Welt über einen Mann urteilt. Für die Verbreitung +werde ich schon sorgen. Was riskierst du? Nichts. +Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie +gelebt. Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht +finden. Wir beide, wir schweigen.«</p> + +<p>Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte +die Lehne mit beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, +lachte er lautlos mit offenem Mund, in dem die starken<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe leuchtete. +»Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe +Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene +das Vergnügen über den Einfall mit einer gewissen Verachtung +gegen die Person kämpfte. »Das hat Geist, ja, +das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen. Aber du nimmst +mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald wie +möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein +bißchen peinlich.«</p> + +<p>»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen +könntest. Du würdest das Mädchen für immer erkälten. +Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie umsonst für dich +in Sorge war.«</p> + +<p>»In Sorge?«</p> + +<p>»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, +wenn sie Gemüt im Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, +und du bist der Rächer. Zerstörst du diese Einbildung, so +erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder nicht. Das ist +Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also besser +als eine Narrenkappe.«</p> + +<p>»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen +so würdevoll tragen wie Kronen.« Er runzelte +die Stirn und stützte das Kinn auf das Holz der Lehne.</p> + +<p>»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?«</p> + +<p>»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –«</p> + +<p>Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, +Erwin. Ich kenne dich. Es wäre ja philisterhaft, den<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +Faschingsscherz ins Tragische zu wenden. Der Kavalierstandpunkt +gilt doch nicht unter uns.«</p> + +<p>»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, +du?«</p> + +<p>»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter +dir liegt, es beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete +Marianne etwas frostig.</p> + +<p>Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in +seinem Lächeln. Indem er an Virginia dachte, sah er sie +wie eine Lilie, deren weißer Glanz allein Schutz genug +ist gegen häßliche Berührung, und indem er das Bild +Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz +verzehrt wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. +Ihn ekelte ein wenig vor der billigen Heldenrolle, die +ihm Marianne aufdrängte, doch sah er ein, daß er damit +viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende Geringschätzung +gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn +stets reizte, die Fesseln der Konvention für nichts zu +nehmen, so pedantisch er sie auch zu achten schien, überredete +er sich leicht, in diesem Wagnis ein heiteres Spiel +zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden +konnte.</p> + +<p>Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu +lassen, erhob er sich und sagte kühl: »Auf übermorgen +also. Ich hole dich und Virginia ab.«</p> + +<p>»Gibst du mir nicht die Hand?«</p> + +<p>Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten +den Hut reicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>»Und +die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne +mit gesenkten Lidern.</p> + +<p>»Welche andre?«</p> + +<p>»Die Schwester von Fritz Kynast ...«</p> + +<p>»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. +Gute Nacht, Marianne.«</p> + +<p>Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne +an der Tür stehen, um seinem verklingenden Schritt +nachzulauschen und dann zu grübeln. Der freundliche, +gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt, +von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, +die ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser +Gedanken erregt. Sie fühlte sich schon an der Wende der +Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht und ohne +Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer +Vergnügungen war abgesponnen, und die öden Tage +folgten einander scheinbar belebt, wie auf einer Bühne +ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig zerstreut, +ewig wiederholt wird.</p> + +<p>Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, +zu den Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, +und das war ein Glück für sie. Denn es verursachte +immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der Haltung, ließ +Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die +amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen +Klang der Stimmen und das puppenhafte Knarren der +Gebärden, und so führte man die Rolle zähneknirschend +durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> +widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal +vom Herzen zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen +zu enthüllen.</p> + +<p>Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle +des Zuschauers verdammt zu werden.</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. +Hundertmal überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, +für Worte gesagt, was man ihr geantwortet, sie +ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen, die undurchdringlichen. +Um drei Uhr machte sie wieder Licht, +nahm ihren Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die +eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu oft gelächelt zu +haben.</p> + +<p>Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. +Sie konnte nichts arbeiten, und ihre Befürchtungen +schlugen folgsam die Richtung ein, die Mariannes Worte +ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der Mutter +zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie +viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen +Ausflug schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit +war ein Zustand, den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter +Zustand, der ihre Sinne trübte.</p> + +<p>Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen +sechs Uhr zu Marianne. Marianne war nicht zu Hause. +Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren zu dürfen, und +ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war gleichfalls<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> +nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm +sie aus einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. +Plötzlich stürzte ein großer, totenbleicher Mensch +im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber und durch die +offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still. Virginia +ging erschrocken weg.</p> + +<p>Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. +Sie trug einen kostbaren Chinchillamantel und einen +großen Hut mit schwarzen Straußfedern. Die Winterkälte +hatte ihr Gesicht gerötet, und Schneeflocken hingen +in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu treten, +da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß +alles glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang +ihre Arme um Virginias Hals und küßte sie schnell auf +die Wange.</p> + +<p>»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, +der es zumute war, als löse sich eine klammernde Hand +von ihrem Nacken. »Und der andere?«</p> + +<p>»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter +nichts. Gute Nacht, Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie +sich bereit für morgen. Wir werden sehr, sehr lustig +sein.«</p> + +<p>Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde +ihr ums Herz. Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie +mit Marianne und Erwin zum Bahnhof, wo Ulrich +Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee +setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu +er noch gestern gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt.<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> +Virginia, die ein feines Gefühl für äußere Formen besaß, +hatte bislang an seinen Manieren Anstoß genommen, +nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte +eine geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend +gemildert wurde. Er erzählte von Amerika wie jemand, +der des Anblicks einer erhabenen und schrecklichen Vision +teilhaftig geworden ist.</p> + +<p>Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und +die Fahrt ging ins Höllental. Die Luft brannte vor +Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte kein Wind, über +den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln, +grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, +die Häuser nah und fern schienen ausgestorben, leergefroren, +und in der höchst feierlichen Stille tönten nur +die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.</p> + +<p>Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. +In einem Nebengelaß spielte ein alter Bauer +die Harmonika, Marianne führte ihn Arm in Arm herüber, +und er sollte Walzer zum besten geben. Dies vermochte +er jedoch nicht, und man holte einen, der die +Kunst verstand. Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. +Graf Ottokar blieb ruhig auf seinem Platz. Marianne +ersetzte durch Temperament, was ihr an junger +Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte +tanzen, als ob die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings +in ihren Adern gärte, als ob die liedervolle Stadt +da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen nur ihr +allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> +gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem +Schnee berauscht und wiegte sich in Erwins +Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern gelöst, +Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein +Elfenwesen am Rand mondbeschienener Wässer. Die +andern ließen ihr beschwerteres Treiben und schauten +zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die +Schwelle.</p> + +<p>Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, +blieb ein Weilchen inmitten der verdämmernden Stube +stehen, schloß die Augen und trat dann erbleichend aus +dem Kreis.</p> + +<p>Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen +ihr und Erwin lag. Sie tanzte nicht mehr.</p> + +<p>Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was +ihr sonst immer ergreifend war, der Abend in der Natur, +sie vermochte ihn nicht zu spüren. Marianne, der Graf +und Ulrich waren auch schweigsam geworden, nur Erwin, +immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, +rezitierte Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft +nicht genannt wurde; eins davon bewegte Virginia, +so daß sie ihn bat, es zu wiederholen. Er wiederholte das +Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder Strophe: »Einst +konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich müd’, +ohne zu gehen.«</p> + +<p>Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick +auf sich ruhen fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham +in ihr empor. Denn sie mochte diesem Manne nichts verdanken,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> +sie mochte ihm nicht das Recht einräumen, für sie +aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung tragen, sie +wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß +darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her +zischten! Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören +war bedroht.</p> + +<p>Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. +Insonderheit mit Manfred war es so wunderbar +einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache Ereignisse bedeutungsvoll, +ohne daß sie den Grund erkannte. An +einem der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge +Gasse in der Stadt. Ein daherstürmender Fiaker streifte +einen Handwagen, von welchem ein länglicher Blechkasten, +durch den Anprall aus dem Gleichgewicht gebracht, aufs +Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser +strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von +Goldfischen auf dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten +und wandten sich, schnappten mit den Kiefern, schlugen mit +den Schwänzchen und schnellten kraftlos in die Höhe. Es +war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. Virginia +blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute +zu, die geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog +zu werfen. Zu spät; als man Wasser herbeigeschafft hatte, +waren die meisten schon tot.</p> + +<p>Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred +war sie versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle +Anknüpfung. Es war ein stürmischer Abend, das +Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern der äußeren<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> +Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf +Uhr; sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen +die absterbende Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte +an die Goldfische. Die Mutter rief sie zur Ruhe, aber +Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu schreiben. Im +Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale +Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige +Wolken geschmiegt sind.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Das_Tanagra-Figuerchen">Das Tanagra-Figürchen</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-m.jpg" alt="M"> +</div> + +<p class="drop-cap">Man sprach in allen Salons der Stadt von dem +Duell Erwin Reiners. Auch einige Zeitungen bemächtigten +sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt +wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die +blutigen Spiele unter den oberen Zehntausend zu dulden +gedenke, und in einem Journal, welches dem Klatsch +diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung die +Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin +erhielt eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner +gefragt, zuckte er die Achseln und erwiderte, keine Macht +der Erde könne ihn zur Indiskretion zwingen. Er stellte +sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, sich den +Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden +würde. Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn +ebensosehr wie die aufgeregte Neugier seiner Freunde, +und er hatte Mühe, seinen Ernst zu bewahren. Da auch +kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem +Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze +Geschichte um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß +eine sehr schöne Frau, deren Beschützer er war, die Ursache +des Duells sei, aber wer auch immer befragt wurde, +mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen Vormittag +lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, +und Stimmen aus allen Gegenden der Stadt erkundigten +sich voll Teilnahme nach Erwins Befinden. Wichtel gab +jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr eines trefflichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> +Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post befand +sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer +wahrhaften und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. +»Könnt ich nur wissen, aus welchem Grund Sie Ihr +teures Leben in die Schanze geschlagen haben«, schloß +das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie +dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der +Tod keine Schrecken mehr, für Sie hat er in meinem +Herzen tausend. Alles ist mir fremd geworden, Vergangenheit +und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, +ich bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, +wenn ich stark genug dazu wäre.«</p> + +<p>Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht +zur Katastrophe auf, Helene. Ich bin munter wie ein +Fisch im Wasser. Sich selber fremd sein – ein beneidenswerter +Zustand, dem die Dichter unsterbliche Eingebungen +verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, +uns selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung +und zum Genuß der Welt.«</p> + +<p>Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, +trat sein Vater ein. »Guten Tag, Alter«, sagte +Michael Reiner. »Was ist denn los? Die Leute reden ja +massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott +sei Dank.«</p> + +<p>Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die +Zinnoberfarbe vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen +Bart mit ausrasiertem Kinn. Er war athletisch +gebaut und sah aus wie jemand, der Widerwärtigkeit, üble<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> +Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens hinunterschlingt +und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche +Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete +jede Gebärde. Er lag gleichsam stets auf den Knien vor +ihm, lauschte atemlos auf alles, was er sagte, überlegte +es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er nachts +nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe. +Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; +er hatte draußen schon den Diener ausgeholt, ob er über +das Vorgefallene Bescheid wisse, doch in solchen Dingen +war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.</p> + +<p>Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe +und Unsicherheit eines Mannes nicht verleugnen konnten, +der gewohnt ist, daß man Geld von ihm fordert, und +nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des Sohnes +ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin +saß an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken +englischer und amerikanischer Buchkunst bedeckt +war, und schrieb von Zeit zu Zeit kurze Notizen auf ein +Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte andächtig schweigend +verfolgte.</p> + +<p>»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – +»Wenn du gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner +und räusperte sich, was wie das dankbare Knurren eines +Hundes klang.</p> + +<p>»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« +fuhr Erwin fort, »das wird dich ja weiter nicht +stören. Ich habe mit dir zu sprechen, Papa, und wir<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> +wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine +größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn +dir’s nicht paßt, sag einfach nein, ich bin dir nicht böse, +obwohl die Sache von Wichtigkeit für mich ist.«</p> + +<p>»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« +erwiderte Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir +selbstverständlich zur Verfügung.« Mit seinen plumpen +Schritten begab er sich zum Schreibtisch, riß ein Blatt +aus dem Bankbuch, das er in der Tasche trug, und schaute +Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und nach +wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er +gelassen einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; +er achtete nur den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht +zu Geschlecht vererbt und mit der unnachahmlichen +Noblesse gehandhabt wird, die den Emporkömmlingen +versagt ist.</p> + +<p>Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. +Seit fünfzehn Jahren verbrachte er fast alle Abende bei +Frau Engelhardt, der wohlhabenden Witwe eines Getreidemaklers. +Wie schon der Doktor Zimmermann gegen +Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich +an den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm +grenzenlos ergebene Frau zu heiraten. Er hatte niemals +davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin wußte, wie die +Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste, +das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese +kränkte sich darüber schon lange, und Michael Reiner +machte nun mit klopfender Brust den Versuch, Erwin zu<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> +bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer Visite +erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, +bat er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine +in die Hand versprochen, und sie wird dich empfangen +wie einen Prinzen. Sag nicht nein, Erwin, dich kostet’s +eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs Leben.«</p> + +<p>Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete +er tadelnd und eindringlich. »Ich finde es nicht +geschmackvoll, daß du mich über deine Absichten täuschen +willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir bei der Ausführung +irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, +aber ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den +Augen der ganzen Welt enthüllen, wenn ich dir dabei +behilflich wäre. Nein, Papa, nein! Trotz aller Ehrerbietung, +die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer die +Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. +Du willst heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, +daß ich es gutheiße. Ich habe nichts damit zu schaffen. +Die fremde Frau meines Vaters wird niemals meine +Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe +eines Kornhändlers für mich bleiben.«</p> + +<p>Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. +Früher haben die Väter ihre Söhne abgekanzelt, dachte +er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern sich die Läufte. Er +überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem Elfenbeingriff +seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig +Jahren heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man +schon eine Herzogin nehmen, um den Spott der Welt zu<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> +ersticken. Passionen dürfen plebejisch sein, denn sie sind +vergänglich; durch eine Eheschließung ruft man die Unsterblichkeit +zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für die +gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe +ich’s vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die +Rosanna Schörk hat eine junge, begabte Kollegin, der es +momentan schlecht geht. Ich habe versprochen, etwas für +das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den Theaterdirektoren, +erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens +heißt sie, Christie Martens, zu dir schicke?«</p> + +<p>Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu +ahnen, in welcher Schlinge er sich da fangen sollte. +Während des Mittagessens blieb er finster in sich gekehrt, +und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu kauen +Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, +solang Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos +auf dem Teller herum, aber wenn Erwin sprach, +festigte sich sein Blick, und er merkte genau auf. Nach +beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich +auf die Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer +an.</p> + +<p>Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte +Ulrich Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart +des Alten beengt fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, +die nichts sehen, aber alles gesehen haben.</p> + +<p>Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander +gegenüber, rauchten und tranken aus kleinen goldnen +Tassen Mokka. »Was arbeiten Sie?« fragte Erwin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>»Ich +versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, +antwortete Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, +wer Mirowitsch war?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen +Katharina.«</p> + +<p>»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis +mit ihm?«</p> + +<p>»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht +langweilen? Also hören Sie zu. Mirowitsch war ein +kleiner Edelmann aus einer zugrunde gegangenen Familie +und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment der +Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den +zarischen Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. +Dieser war auf der Festung Schlüsselburg unter +dem Titel des namenlosen Gefangenen in grauenhafter +und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze +Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren +der Spione fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina +muß natürlich wünschen, daß dieses unbequeme Überbleibsel +einer früheren Dynastie verschwindet, und sie hat +Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen +und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu +Gefangenen gemacht wurden, den Prinzen töten, wenn +der geringste Verdacht entsteht, daß er fliehen will oder +durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, Mirowitsch +kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd +den Wachdienst in der Festung versehen, nach<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> +Schlüsselburg. Mirowitsch ist einundzwanzig Jahre alt. +Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat erlebt, wie kleine +Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig +und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und +reich werden, denn er hat nur Schulden, drei hungernde +Schwestern und einen hoffnungslosen Prozeß mit der +Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, +er kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein +Geld. Es gibt kein Opfer, das er nicht bringen würde, +um aus seiner Armut und Dunkelheit emporzusteigen. +Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling +niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche +Kaiser. Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. +Ganz allein und auf eigene Faust will er den Kaiser befreien, +dann ist er reich, geehrt, kann wieder rauchen, +trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so schlägt’s +fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«</p> + +<p>»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin +trocken; »wie fängt er denn das an, – ganz allein?«</p> + +<p>»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der +unter der Gewalt seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt +Ukase und Manifeste im Namen des künftigen Zaren. +Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle Papiere, die +Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, +der Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, +keine Mitwisser, keine Genossen, als er eines Nachts mit +seiner Kompagnie die Wache in der Festung bezieht. +Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift Mirowitsch<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> +zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube +und schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. +Der Kommandant stürzt im Schlafrock auf die Treppe +und fragt: weshalb stellen sich die Leute ohne Befehl in +die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch schlägt +ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, +und auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe +zum Kaiser‹. Die Schildwache schießt, Mirowitsch läßt +gleichfalls feuern, aber kaum ist die erste Salve abgegeben +worden, so sind die beiden Offiziere, die Iwans Leibwache +bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und +haben ihm den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind +sie ermächtigt. Der eine dieser Mörder begegnet Mirowitsch +und seinen Leuten auf der Galerie. Mirowitsch +zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür +der Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man +holt Fackeln. Auf der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt +Iwan Antonowitsch in seinem Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft +Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des Kaisers vergossen?‹ +›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ +ist die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener +war.‹ Selbst die Soldaten erbeben bei dem schrecklichen +Anblick. Mirowitsch tritt an die Leiche heran, kniet nieder, +küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn jetzt, erst jetzt +ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der bis +zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. +Er läßt den Leichnam in feierlicher Prozession durch die +Festung tragen, und der volle Generalmarsch ertönt.<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> +Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete Hand und spricht: +›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind aber +nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig +bin nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ +Damit war der Aufstand zu Ende, die Truppen der +Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ Schar, und Mirowitsch +wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und +Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters +sah, ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte +so, daß die Newabrücke schwankte und das Geländer abfiel.«</p> + +<p>Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte +umher.</p> + +<p>»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen +Pause, »ich verstehe den Impuls ...«</p> + +<p>»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen +Sie’s!« versetzte Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, +welche bei Künstlern den Stunden des Enthusiasmus +und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt +sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das +vollkommen bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen +einen Staat, gegen eine Welt. Und nicht darum handelt +er, weil er überzeugt ist von der Größe seiner Tat, nicht +weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein Inneres +ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern +weil er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken +und Karten spielen will. Er ist eitel, genußsüchtig und +streberisch. Aus Eitelkeit, Genußsucht und Streberei ersinnt<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> +er den vermessensten aller Pläne. Eitelkeit, Genußsucht +und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die +innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: +Kühnheit, Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. +Und zuletzt, als ob die Tat sein Schicksal geadelt hätte, +wird aus dem gesetzlosen Schwärmer und selbstsüchtigen +Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er +lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem +er zusammenbricht, trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, +weil sein Herz erwacht, weil er liebt. Darin liegt der +Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn die Liebe +hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch +kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten +spielen; er will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird +Mirowitsch entsagen.«</p> + +<p>Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. +»Und das ist die Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« +fragte er.</p> + +<p>Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? +Nein. Das Leben. An jeder Straßenecke seh ich einen +Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in jedem Konventikel, in +jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und bekennende, +freche und heuchlerische, führende und verführte.«</p> + +<p>»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, +entgegnete Erwin kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? +Was ist mir eine Schlüsselburger Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? +Was ist es gegen unsre Not, unsern<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein +Schwächling, wieder ein Schatten! Und der Befreier +sein soll und Prophet, schließt sich in ein Antiquitätenkabinett +ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie nach +Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, +damit Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft +bringen, und nun studieren Sie Leichen und wühlen in +der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen, +vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre +zu sehr unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf +ich bin!«</p> + +<p>Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte +unbeweglich auf den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? +wo sind sie? dachte er. Nicht zum erstenmal legte sich diese +gebieterische Hand über die Schwingen seines Geistes. +Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er und +wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum +Widerpart, weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es +kein Gericht; es lag in Abgründen, in die niemals die +Leuchte gegenseitiger Verständigung dringt. Sein Werk +büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig +und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte +er in seiner Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.</p> + +<p>Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes +blickte, schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie +offenbarte Rätsel. Und wie es eine Minute gibt, wo die +Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem Schoß sich regen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> +fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus Hemmung +und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe +Bild seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und +Qual ward hier zu einem; denn er liebte Erwin, er war ihm +tief verpflichtet und mußte zum Verräter werden durch +den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit schlechtem +Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden +und verstimmt zurück.</p> + +<p>Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste +von allem: leere Stunden. Da sein Körper von +gefesselter Kraft ungeduldig war, begab er sich zu Salviati +und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß überströmte +und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in die +Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen +Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, +er fuhr zum Souper in den Klub und dann nach +Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit vierzig Kilometer Geschwindigkeit +durch die schon verödeten Gassen, als ob es +groß was gälte.</p> + +<p>Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der +Bibliothek. Erwin trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, +blaß und regungslos auf einem Diwan und schlief.</p> + +<p>Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, +indem er auf das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des +Grafen niederschaute wie auf einen Leichnam, den er +sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, dachte er, nichts von +sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, und +noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>Er +zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem +Gesicht. Er wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte +sich immer mehr. Plötzlich gewahrte er, daß die +kobaltblauen Augen des Grafen still und ernst auf ihn gerichtet +waren. Er erwiderte den Blick und lächelte freundlich. +»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob +sich, »ich war ein wenig müde.«</p> + +<p>»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas +zu sich nehmen?«</p> + +<p>»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«</p> + +<p>Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden +jungen Leute hatten außer den förmlichen Redensarten +noch kein Wort gewechselt.</p> + +<p>»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, +unterbrach auf einmal Palester das Schweigen mit seiner +melodischen Stimme.</p> + +<p>Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen +Sie?« fragte er abweisend.</p> + +<p>»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf +ruhig.</p> + +<p>Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: +»War das eins von Ihren okkultistischen Kunststücken?«</p> + +<p>»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. +Augen, wie er sie besaß, können weder lachen noch weinen. +Es sind Deuteraugen, Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen +eines ermüdeten Geschlechts.</p> + +<p>»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer +Weile; »ein Mann wie Dalcroze, der doch sicherlich seine<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> +fünf Sinne beisammen hat, entschließt sich freiwillig zu +einer so langen Trennung von einer Frau, wie es diese +Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, +was ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! +Warum hat er sie nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn +oder Ahnungslosigkeit? Daß er den ungeheuern +Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene +Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht +blind machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«</p> + +<p>»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer +Frau das bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte +Erwin sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina +hinter sich haben, wollte Lebensgewißheiten erringen, +dann kam das mit seiner Lunge; die Krankheit auszuheilen, +erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da er +als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, +mußte er allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«</p> + +<p>»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf +einem Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.</p> + +<p>»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« +versetzte Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: +»Es müßte denn ein Dieb sein, der nicht aus Habsucht +stiehlt, sondern aus Kennerschaft und Liebhaberei. Da aber +die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht willenlos +zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff +nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem +Eskamoteur zum Eroberer werden. Wir befinden uns +hier auf der Grenzscheide der Begriffe Raub und Krieg.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>Palester +schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber +und blickte zur Büste Athenes empor, deren fleischgelber +Marmor auf einem Büchergestell leuchtete.</p> + +<p>»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden +war und vor dem Kamin hin- und herging wie ein +Leopard. »Das ist einmal ein Gesicht und nicht bloß eine +lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein Gesicht zu schauen, +in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet plötzlich ihre +sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis +schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch +gestimmt. Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? +Die Bewegung? Wie wenn ein Mittagshauch übers reife +Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich gefällig +böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein +Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde +Wand vor dem Unerforschlichen.«</p> + +<p>Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf +einen engen Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten +Wangen scharf abgeschnittene Kinnbart sah auf +dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.</p> + +<p>»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals +stockend wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß +dieser sanfte und standhafte Blick aufgewühlt werden kann +zum Verlangen; daß das gemessene Spiel dieser Gebärden +dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu wissen, daß diese +vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger +Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese +kühlste Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern,<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> +diese Lippen herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern +stürmischer pulsen, diese tugendhaften Haare ungekettet +fließen werden, daß es eine Macht gibt, um diese beschlossene +Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: von +der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit, +von der Beklommenheit zur Qual, von der +Qual zur Entselbstung und nun hinab- und hinaufgeschleppt +in die Abgründe der Schwermut und auf den Gipfel des +Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«</p> + +<p>»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.</p> + +<p>»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«</p> + +<p>»Und Manfred?«</p> + +<p>Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred +besitzt nicht die Macht, von der ich rede. Manfred hat +sich mit dem ersten Anfang des Phänomens begnügt. Er +hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, um ihr +zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf +abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß +sie das Feuer wollte und daß sie von ihm erwartete, er +möge ihr Sträuben besiegen. So sind sie stehen geblieben, +in Angst voreinander, und haben nicht gewagt, Menschen zu +sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus Besorgnis, +daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge, +Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten +aller Philister ein Himmelswunder von Weib +beschert, die heiter spielende Kreatur, ein Wesen, geschaffen +zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, und er? Er<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> +führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit ist, +wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht +mehr träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und +es läßt mich nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten +auf dem Wirtshaustisch liegen zu lassen. Welch +eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn die Schönheit ist +wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im Zwiespalt +der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und +Bollwerken zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie +haben wie ein Frosch, um Einwänden Gehör zu schenken, +die nur für Schwachköpfe und Feiglinge eine Schranke +sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit +Haut und Haar.«</p> + +<p>Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem +tiefen und sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte +er. »Ich habe Sie nicht. Weder die Haut noch das +Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, das wissen Sie vielleicht +selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie besitzen +nichts; niemand und nichts.«</p> + +<p>Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier +kein Argument. Mein Argument besteht aus drei Worten: +Virginia liebt Manfred. Gegen Liebe kämpft auch ein +Gott vergebens.«</p> + +<p>»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! +Ja, es ist unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und +kein besiegeltes Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia +ist viel unerforschtes Terrain, das meine Neugier reizt. +Nichts weiter. Es gibt kein Gefühl in der Welt, das für<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> +einen darauf gerichteten Willen nicht hervorzubringen wäre. +Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, und +nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in +jeder Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen +beisammen sind, ist das Gefühl in der Brust des einen schon +Zwillingskind. Jede Leidenschaft kann erzeugt, kann zerstört, +kann übertragen werden. Es ist eine Frage der +geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen +oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«</p> + +<p>Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden +Ton, der eine Schelmerei zu enthalten schien. Erwin +stimmte in die Heiterkeit mit ein. »Sie beruhigen mich +vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. »Sie sind ein +famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor. +Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der +Retorte ist eine possierliche Sache.«</p> + +<p>Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was +würden Sie zum Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen +meines Experiments?« fragte er übermütig.</p> + +<p>»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.</p> + +<p>»Auch die Froweinschen Miniaturen?«</p> + +<p>Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er +dann achselzuckend.</p> + +<p>Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den +Zügen Palesters jenen Ausdruck mystischer Versunkenheit, +der ihm zuweilen lächerlich, zuweilen übernatürlich erschien. +Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie verkaufen +mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +beweisen kann, daß mein Versuch gelungen ist?«</p> + +<p>»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings +erhalten.« Palester erhob sich. »Was für Scherze, was für +Spiele«, sagte er lächelnd und mit leichtem Mißbehagen. +»Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«</p> + +<p>»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der +Graf schüttelte den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin +hatte plötzlich ein Verlangen, zu wissen, was es mit den +geheimnisvollen Umständen dieses Mannes auf sich habe, +und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal besuchen könne. +»Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf Ottokar +mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen +sich vorher anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«</p> + +<p>Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem +weiträumigen Zimmer auf und ab. Er verlöschte die elektrischen +Flammen bis auf eine einzige Glühbirne neben +dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse Anstrengung, +doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, +sondern die der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen +eines Ziels. Auch mit den Schultern machte er +bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. Manchmal +blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten +zusammen.</p> + +<p>Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf +dem Lesetisch stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste +Gestalt, die sich denken läßt, und ein Köpfchen von entzückender +Lieblichkeit. Doch fehlten ihm die Arme. Erwin +nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> +unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck +seines Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen +Sessel, stellte das Figürchen auf den Rand des Tisches vor +sich hin und heftete nun den magisch gehaltenen Blick mit der +äußersten Steigerung jener Anstrengung länger als eine +halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen +nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich +ermüdete sein Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen +auf den Handteller, und seine Lippen schoben sich verlangend +vor. Verlangen und Hingerissenheit drückte sich +auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer noch +befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er +wollte das Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; +während seines Schreitens entfiel es ihm und lag nun vor +seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht bedeckten Stelle; +mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.</p> + +<p>Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung +und einer Schläferin denken, die fern davon weilt? +Ein Strom der Angst, der Bezauberung, der Ahnung, der +durch Häusermauern dringt?</p> + +<p>Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. +Sie stand allein auf einer Art von Terrasse über dem fünften +Stockwerk eines brennenden Gebäudes. Es gibt keine +Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, ringsum +liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und +schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob +nichts geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie +sonst. Sie ruft um Hilfe, doch niemand hört es. Wieder<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> +und wieder ruft sie um Hilfe, aber plötzlich merkt sie, daß +sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern daß sie nur die +Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt +winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das +Herz stille steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand +mit wunderbarer Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. +Sie ist ziemlich verlegen, denn sie erinnert sich, daß sie nur +notdürftig bekleidet ist und daß sie eine Schürze anhat, der +die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige Sandsteinstatue. +Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß +unter dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße +führt; der Kopf der Statue sei drehbar, und nur er unter +allen Menschen könne den Hebel finden, durch den sich der +Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. Sie befindet +sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein +Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt +seinen Namen, während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort +Hilfe ein, und sie ruft um Hilfe. Rufend erwachte sie.</p> + +<p>Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige +war, daß auch Manfred von Träumen schrieb, +deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich beschäftigte.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Das_Perlenhalsband">Das Perlenhalsband</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich +in der Piaristengasse hatte sehen lassen. Als er +endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte +sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu +erwehren. Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er +erkundigte sich nach ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, +daß sie sich an einer Intarsia versuche, daß es viel Mühe +koste, die verschiedenen Holzarten, der Färbung und Faserung +entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das +Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.</p> + +<p>Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche +Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher +als den Trieb nach schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« +fuhr er fort, »besitze ich eine ausgezeichnete Intarsia +eines modernen Franzosen, der das Material in einer besonders +lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht +anschauen?«</p> + +<p>Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.</p> + +<p>»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. +»Kommen Sie doch gleich mit mir«, schlug er vor, indem +er sich erhob.</p> + +<p>Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch +nicht«, versetzte sie ein wenig erstaunt.</p> + +<p>»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel +erstaunter, »warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er +hinzu und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, »Sie<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> +meinen, daß wir eine Aufsichtsdame nötig hätten! Verzeihen +Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, und +auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem +Hut.</p> + +<p>»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, +die Zeugin dieses Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein +junges Mädchen so ohne weiters einen jungen Mann in +seiner Wohnung besuchen darf?«</p> + +<p>»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin +mit höflichem Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei +Ihnen durchaus ungehörig. Doktor Zimmermann hat +Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. Ein junges +Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und +Weib vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales +Gebiet für ihre Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist +es ein Verbrechen, wenn sie die Sorge um ihre körperliche +Unbescholtenheit außer acht läßt. Man kann ihr nicht so viel +Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich sagt: was +ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich +selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es +ehrlicher und für mich weniger erniedrigend, wenn man +mir gleich sagen würde: gib deinen Handkuß und rede nicht +von Philosophie.«</p> + +<p>Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er +mit diesen Worten bei Virginia hervorrief. Nie war sein +Auge funkelnder, seine Beredsamkeit hinreißender, seine +Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch Kundgebungen +des Zornes und der Verachtung das Bild eines<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> +zürnenden und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte +erobernd durch den Raum und schien einen Widerstand zu +suchen, an dem er seine Macht erproben konnte, nur Widerstand, +sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, daß sie einen +Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an +ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt +zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am +besten war es, die Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam +zu willfahren, widerriet ihr ein ahnungsvoller Instinkt. +Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, und obwohl +ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton +eines gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe +mit Ihnen.«</p> + +<p>»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich +die rasche Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. +»Lassen wir’s doch heute. Die Vernunft hat gesiegt, mehr +kann ich nicht wünschen. Schließlich, man besucht mich, wie +man in ein Museum geht.«</p> + +<p>Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit +ruhigem Lächeln: »Ich bin fertig.« Frau Geßner, die +nicht immer verstand, was Virginia tat, sah neugierig zu.</p> + +<p>Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. +Es war etwas Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem +Hut hing ein blauer Schleier herab, dessen Enden beim +schnellen Gang über die Schultern flatterten. Fast war +Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er +dadurch Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine +Katze. Virginia blieb einen Augenblick stehen und lockte<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> +sie. An Tieren und an Blumen konnte sie nicht vorübergehen +ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes +Betrachten.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.</p> + +<p>Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit +und hatte einem mächtigen Staatsmann jener Tage als +Ruheort gedient. Ihre äußeren Verhältnisse, streng und +gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme Anpassung an +ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte +sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht +seiner Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren +Eingangshalle führten fünf Türen zu den Gemächern +des unteren Stockwerks und eine breite, zweimal geeckte +Holztreppe mit flachen Stufen in die des oberen. Der +Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci +erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale +Wand; eine große, mit geschliffenen Scheiben versehene +Glastür bildete den Zugang zur Freitreppe. Zur Linken +befanden sich das Speisezimmer, das Musikzimmer und +einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die Bibliothek +und die Räume für die Sammlungen. Erwins +Privatgemächer, die Fremdenzimmer und die eigentliche +Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.</p> + +<p>»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als +sie durch die Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller +Blick streifte ihren Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie +in das nebenan gelegene Zimmer, das mit grünem, gepreßtem +Leder tapeziert war. Er läutete dem Diener,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> +raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen +Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.</p> + +<p>Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen +verrieten neben echtem Verständnis die amüsante +Trockenheit eines eifrigen Schülers. »Warum hängen +Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, er habe keinen +Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er sein +Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den +Genuß gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. +Von Erwin auf einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, +meinte sie seufzend: »Was werden Sie da zu meiner +Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne Tröstung: »Mit +den Meistern wetteifern ist schwer.«</p> + +<p>Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, +die Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen +und Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die +Vasen, die Münzen, die Schnitzereien aus Elfenbein, die +Porzellanfiguren, die Fayencen, die Teppiche, die Stoffe, +die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen und Kameen, +die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte +eine erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in +verschließbaren Kristallgläsern befanden, und die er mit den +sorgfältigen und liebevollen Handbewegungen eines Juweliers +vor ihr ausbreitete, um das Licht in ihnen spielen zu +lassen, ihre Herkunft zu erklären und den Zauber, den sie +auf ihn ausübten.</p> + +<p>Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, +pflaumenblaue, nelkenbraune Amethyste; »Amethyst<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> +bedeutet rauschverhütend,« sagte er, »und ist ein Mittel +gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der Korund, der +aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von +der rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige +Karneol vom alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der +an dunklen Orten verwahrt werden muß, das Tigerauge, +das einen schönen, wogenden Lichtschein aussendet, der +perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als +Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, +Berylle, Turmaline, der tiefschwarze Granat von Arendal +und der weinrote indische Rubin.</p> + +<p>Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend +Schachteln, voll von wunderbaren Schmetterlingen. In +zehn Schubladen eines niedrigen Kastens lagen seltene +Mineralien, und in einer Vitrine standen ausgestopfte +Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war, +daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war +ihr zumut, als ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde +auf Du und Du verkehre; die Natur schien so wenig wie +die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre Augen wurden +immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener +Rede anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, +wie ein gehorsames Kind.</p> + +<p>Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse +der Menschen zu vervollständigen, die er schätzte oder +die in seinem Dasein eine Rolle gespielt, zeigte er ihr auch +viele Photographien von Männern und Frauen. Jene +waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere Berühmtheit<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> +sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie +Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. +Nur bei dem Porträt eines Schauspielers verweilte sie, +eines Mannes von Gaben und menschlichem Belang, wie +alle spürten, die nur einmal den Klang seiner unvergeßlichen +Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred ähnlich +sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin +runzelte die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von +Ungeduld: »Ja gewiß; ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur +verführerischer als die anderen.« Virginia legte das Bild +hastig beiseite.</p> + +<p>Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. +Mit einer Scham, deren sie sich schämte, weil sie +die Ursache nur dunkel empfand, mit Bedauern, mit Kränkung, +mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn sie wußte +schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele +traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten +so stumm; sie hatten so mancherlei erlebt. Was mochte +begehrenswert an ihnen sein, da sie jedes Begehren zu erfüllen +so schnell bereit gewesen waren? Virginia war +unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte, +Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder +Gebärde der Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den +Steinen, den Münzen, den ausgestopften Vögeln gesprochen.</p> + +<p>Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und +die Art ihres Temperaments. Er verwies auf einen +Mißklang zwischen Stirn und Mund, was auf einen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> +von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist deutete. +Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach +und betonte, spürte Virginia einen Schauder über den +Nacken rieseln. Vom Schicksal redete er nicht. Er wiederholte +sich niemals. Hierin unterstützte das Gedächtnis den +Geschmack.</p> + +<p>Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung +mit einer beinahe drolligen Artigkeit. Das +reiche elektrische Licht des Bibliothekssaals blendete sie. +Erwin gegenübersitzend, erschien sie sich in dem großen +Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte mit +vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner +Platte Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie +etwas esse, aber vor der duftenden Verlockung kam der +Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig kühl im Zimmer +war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren +indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter +seltsamem Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und +Farbe außerordentlich gut zu Gesicht standen. Ihre Augen +glühten froher. Erwin konnte es gewahren. Er konnte +beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder durch +die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche +Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich +ihm ein. Indem er darüber nachdachte, daß es möglich +sein könnte, die Veränderung einst ganz, ganz nahe zu +genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an Wimper, +bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße +Erstarrung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>Erschreckt +von einer unwillkommenen Redepause, die +Erwin nicht ohne Berechnung auszudehnen suchte, erhob +sich Virginia, dankte und reichte Erwin die Hand. Er +machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie schüttelte +den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt +zu besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und +fand es förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. +So führte er sie in den Flur und half ihr in den Mantel. +Beim Abschied sagte er zu ihr mit einem Lächeln, in dem +Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: »Ich hoffe, Sie oft +bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht gefährlicher +als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die +Herrin.«</p> + +<p>Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den +Blick besinnend fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph +in seinen Worten, aber ängstlich erstickte sie die Regung des +Widerparts. Hätte er sich nur launisch gezeigt, Launenhaftigkeit +gibt Blößen und verleiht dem Trotz als Waffe +etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische +Ruhe, seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein +und das Nieversagen, Nieverraten in Wort +und Blick, das beirrte sie wie ein Schleier vor einem +Spiegel.</p> + +<p>Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht +froher gestimmt, als sie nach Hause kam.</p> + +<p>Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben +ärmlicher. Was man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die +Zuflucht der Armen; so ungefähr dachte sie. Eine Andeutung<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> +des geschauten Glanzes stimmte auch die Mutter +wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung gehofft +hatte.</p> + +<p>»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so +denke! Wenn ich mir so vorstelle, wieviel Reichtum es in +der Welt gibt! Sag mir nichts von der Genügsamkeit. Wer +genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man einmal von +der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man +den Geschmack nicht mehr los.«</p> + +<p>Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.</p> + +<p>»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner +seufzend fort. »So jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast +war für dich zu gut. Könntest eine große Dame sein. Lockt +dich das nicht, eine große Dame zu sein?«</p> + +<p>»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein +ernster Nachdruck in diesem Ruf. Virginia erhob sich, +dehnte den Arm und sagte schmerzlich bewegt: »Warum +ist er denn fort und warum gar so weit!«</p> + +<p>Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute +Frau hatte Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer +und geringer vor, je länger seine Abwesenheit dauerte. Sein +schwärmerisches Gesicht war hinabgetaucht auf die andere +Seite, die Nachtseite der Erdkugel. Alternde Frauen besitzen +nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie können +lange trauern, doch sie vergessen schnell.</p> + +<p>Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit +eines durchaus nicht schwächlichen Gefühles +Schuld. Denn dieser Mann erfüllte sie mit unbegrenztem<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> +Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie den Mut verloren, +ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen +Mann kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, +an Geist, an Liebenswürdigkeit mit ihm sich +nur im entferntesten hätte messen können. Sie staunte ihn +an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er gab ihr einen +neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren +Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.</p> + +<p>Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er +sie eigentlich eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher +Gespräche für wert hielt. Aber wie tief sie auch +grübeln mochte, sie entdeckte keine andere Ursache als seine +unverkennbare Seelengüte und eine wahre, freundschaftliche +Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und +Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge +zu sein um die Zukunft der Menschen.</p> + +<p>Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation +in etwas größerem Maßstab zu wiederholen, falls es +ohne Wagnis geschehen könne, stimmte sie ihm gläubig +zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen, und +nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der +sie der Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich +vor, an der Hand dieses Hexenmeisters zum Wohlstand +zu gelangen, und da doch alles für Virginia war, an +der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie abgöttisch +bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und +umworben zu sehen wünschte, hätte sie Argwohn als +frevelhaft empfunden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span>Nichtsdestoweniger +wurden die angeblichen Börsengeschäfte +vor Virginia vertuscht. Virginia sah nur, daß +ziemlich viel Geld ins Haus kam, und daß die Mutter, die +ja von Erwin systematischen Unterricht darin erhielt, sich +zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für +die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete +sie auf, als es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer +ins Gericht zu gehen und wieder und wieder mit der +Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen dürfe, dies +oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, +und wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, +um dem schwer durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, +konnte Frau Geßner äußerst ungehalten werden. »Du +bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann erregt, »in +dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden +jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen +hätte. Endlich einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns +meint und der Bescheid weiß um die Brunnen, wo gar +viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir kommt’s +zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein +können.«</p> + +<p>Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen +und wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas +nicht gefiel. Solche Worte hätten sie beschwichtigen können, +hingegen bei den Liebkosungen und versprechenden +Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die +alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte +etwas von schwülem Wind und Gewitternähe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>Inzwischen +war es Frühjahr geworden, und wie nun +die ersten lauen Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu +gemeinsamen Spaziergängen mit Marianne von Flügel +bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer mehr als +sonst bedrückt.</p> + +<p>Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; +zumeist wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, +betrachteten von einer Brücke aus den Sonnenuntergang, +verfolgten das Blätterwachsen und Knospenkeimen von +Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen +vom Sommer.</p> + +<p>Marianne gab sich als Freundin der Natur und als +Flüchtlingin aus der ungesunden Luft ihrer Welt. Mit +vieler Kunst gab sie sich so, denn sie erwarb Virginias Zuneigung +damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an +Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da +man sich seines Charakters doch nicht entledigen kann wie +eines Kleides, und da sie auch keineswegs gewillt war, +eine Nonne vorzustellen, brach durch diese Verhaltenheit +ein immer kühner werdendes Predigen von Lebensgenuß. +Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen, +genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen +lassen, alles ins Körbchen stopfen, am Ende kommt der +Tod, und ein zweites Leben gibt es nicht.</p> + +<p>Virginia machte bei solchen Verkündigungen große +Augen und wußte nicht, was sie sagen sollte. Genießen, +<span id="Page_133_1">was war</span> damit viel bedeutet? Genoß sie denn nicht auch? +Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war,<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> +das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes +Reden dünkten sie irgendwie unbescheiden, und sie konnte +sich nicht anders helfen, als daß sie durch eine lustige Bemerkung, +was sie davon begriff und was sie ahnend abwehrte, +ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne +zum Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein +wenig besser in acht.</p> + +<p>Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen +Frühlingsgängen und wünschte teilzunehmen. Nun +wurde es ein ander Ding; man flog im Automobil hinaus +ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße stehen und +streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war +unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, +im Erzählen, in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung.</p> + +<p>Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich +Zimmermann hinzu. Wenn er stumm und gedankenvoll +kam, so taute er doch inmitten des Lachens und Plauderns +auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm um sein +Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften +Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in +Erwins unbesorgten Worten sie zum Erröten brachte, +schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit hastigerem +Schritt voraus.</p> + +<p>An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich +und Marianne kurz nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren +bis zum Stiftswald und wanderten zwischen Hameau und +Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und Fichten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> +und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. +Virginia pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, +und Erwin erzählte von seinem Buch über das +Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem Markt erscheinen +sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die +unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, +erweckten in Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein +eifersüchtiges Staunen, und seine etwas knifflichen und +groben Fragen drückten mehr Argwohn als Erkenntnislust +aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit +zu all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, +»die ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, +der Sie leben wie kaum einer, und von dem man nicht sagen +könnte, wann er am Schreibtisch sitzt, falls man gefragt +würde!«</p> + +<p>»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. +»Mein Fach ist die Natur, die Menschheit, die +Kunst, ist alles was mich will und alles was sich mir widersetzt. +Für den, der zur Leistung entschlossen ist, hat ein Tag +ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter +freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; +ihr dürft es tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit +werden; <em class="gesperrt">meine</em> Wirklichkeit darf mir nie zum Traum entschwinden, +sonst bin ich verloren.«</p> + +<p>Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten +Schreitenden hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch +einen Blick zu einem Zeichen des Beifalls aufzumuntern. +Wie stumpfsinnig diese Person ist, dachte sie, als Virginia<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> +davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins Antwort +nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb +anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und +ihre Geschäfte so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. +Ulrich Zimmermann marschierte eine Weile unzufrieden +für sich allein, bis ihn Virginia mit lächelnder Ermahnung +aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch +ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute +müßte man Gedichte lesen.«</p> + +<p>»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie +denn welche mit? Lesen Sie doch.«</p> + +<p>»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann +gnädig.</p> + +<p>Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das +Gespräch belauscht: »Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll +Spott. »Das Attentat war doch schon beschlossen, als Sie +Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?«</p> + +<p>Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen +sah, zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht +gehörte, nur heute, nur jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie +einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft, um ihn harmloser +zu machen.</p> + +<p>Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, +Marianne und Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf +frischgefällten Stämmen saßen, jeder in seiner Stille +webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend, den +seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend, +unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> +Felonie von vorhin wieder aus, indem er Ulrich beim Wort +nahm. Dieser holte ein paar beschriebene Blättchen aus +der Brusttasche und las mit wenig geübter Stimme zaghaft +vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den +Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; +es ist schade drum. Geben Sie her.«</p> + +<p>Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und +seelenvoller Betonung.</p> + +<p>Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber +er konnte Erwin nicht danken, denn aus der versonnenen +Miene, mit der Virginia diesen betrachtete, schloß er, daß +sie ihn, den Dichter, völlig vergessen habe. Und eine solche +Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt.</p> + +<p>Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige +Stelle; während Marianne den Rock bis zu den Knien hob +und verwegen hindurchging, zog Virginia den Umweg am +steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die Haut am +Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; +Erwin wusch die Wunde rein und verband sie mit Virginias +Taschentuch. Sie lachte über den doktormäßigen +Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung behandelte, +auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden +galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias +Hand in der seinen und bastelte an dem weißen Tuch. +Endlich entriß sie ihm die Hand und versteckte sie instinktiv +in einer Kleidfalte. Ulrich stand an einen Baum +gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen +Himmel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>»Seit +meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß +ich einmal in einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, +als sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten, zur +Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie erwartete, daß +Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich.</p> + +<p>»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, +antwortete er mit verstehendem Blick. »Man ahnt gar +nicht, wie solche Schreckbilder die ganze Lebensstimmung +beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch die +mächtigsten.«</p> + +<p>»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend +fidel, »vor dem Sumpf müssen Sie sich hüten. Gerade +wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht man den +Schlammtümpel vor den Füßen.«</p> + +<p>»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin +hart; »das Unken trifft die Schwalbe nicht.«</p> + +<p>Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia +fing ihn auf und erschrak vor dem Haß und der beredsamen +Wildheit dieses Blicks. »Auch ich bin einst geflogen«, +erwiderte Marianne düster, »aber man hat mir +die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da +und piepst vor sich hin, und das nennen die Leute unken.«</p> + +<p>Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar +bewegt und schob ihren Arm fast zärtlich in den Mariannes, +sie, die so selten ein werbendes Gefühl zu unmittelbarem +Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte kurz und +brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an +Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> +sprachen sie miteinander und entfernten sich immer weiter +von Ulrich und Virginia, die wortkarg und bedrückt den +schmalen Pfad bis zur Landstraße verfolgten, wo das +Automobil wartete.</p> + +<p>Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem +Vorgeben, er wolle noch den Abend außerhalb der Stadt +verbringen. Stumm saßen die drei während der Fahrt, +die so schnell war, daß es Virginia schwindlig wurde. Die +sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia +hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt +gesehen. Manchmal heftete er den Blick prüfend auf sie, +und sie glaubte den Blick ertragen zu müssen, damit er +wieder versöhnt werde. Sie hatte von Minute zu Minute +stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von ihr ein +Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen +könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als +zürne er ihr, als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal +von Empfindungen der Abhängigkeit und der Schuld.</p> + +<p>Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete +sie Erwin durch die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In +der Torbogendämmerung sagten sie sich kühl gute Nacht. +Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch einmal um und +nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle +stand und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie +den Fuß zurück, auf den sein Auge sich zu heften schien. +Das matte Flurlampenlicht beleuchtete seine Züge, und +sie sah, daß er lächelte, so bestrickend, heiter und kameradschaftlich, +wie nur er zu lächeln vermochte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span>Gott +sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut.</p> + +<p>In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer +mit sechzehn Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit +beschäftigt, die Türen zu schließen aus Furcht vor einem +übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal, wenn sie eine +Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein Kalb, +vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, +doch war in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, +als wolle er sie erst vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf +sie stürzte.</p> + +<p>Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, +daß Erwin am zweitnächsten Tag Marianne und +Virginia den Wagen schicken und daß diese ihn dann abholen +sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann es zu +regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte +Marianne. – »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, +meinte <span id="Page_140_1">Virginia</span>. – »Und wenn auch nicht«, versetzte +Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu bleiben? +Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.«</p> + +<p>Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. +Sie machte plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen +der Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die +großen Pflichten, weil die möglichen Widerstände zu belanglos +sind.</p> + +<p>Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« +sagte er, »ich hatte leider vergessen, daß ich um sieben Uhr +bei der Fürstin Liebenberg sein muß. Wenn Sie wünschen, +überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber es wäre<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> +hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten +würden.«</p> + +<p>Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig +ausgesprochenen Namen einer Fürstin ihren Respekt zu +unterdrücken. Ein naiver kleiner Ausruf veranlaßte Marianne +und Erwin, zu lächeln.</p> + +<p>»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich +Erwin an Marianne, »Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, +die Sie rufen sollen.«</p> + +<p>Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie +Erwin hastig, er möge ihr für eine halbe Stunde das Auto +geben, sie müsse zu einer dringenden Besprechung in die +Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein unbestimmter +Argwohn wallte in ihr auf.</p> + +<p>»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne +hinzu und verließ mit ihren starken und entschiedenen +Schritten das Zimmer.</p> + +<p>Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, +sagte er.</p> + +<p>Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das +Schweigen der Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, +in dem sich bedeutungsvolle Worte vorbereiten. Virginia +spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei. Erwin, der im +Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah, +wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an +die Fenster. Im Kamin schnurrte der Wind.</p> + +<p>Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel +leib- und seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> +ist; man sollte junge Mädchen nicht miteinander verkehren +lassen, das Geschlecht hebt sich gegenseitig auf, ihr Magnetismus +wird halbiert, indem sie sich unbewußt verbünden.</p> + +<p>»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, +Virginia«, begann er endlich, und seine Stimme klang nicht +metallisch wie sonst, sondern sordiniert. »Jedesmal wenn +ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in mir. Was hast du +geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles Bedürfnis, +mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen. +Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, +schickten diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur +Ehrfurcht bezwungen, Abgesandte mit Gold und Edelsteinen +und erklärten sich aus freien Stücken für tributpflichtig. +Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen haben, wüßt +ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte. +Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen +schlecht, auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem +höheren Grad des Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose +soll Muster sein. Warum zum Teufel bekreuzen Sie +sich andächtig, wenn von einer Fürstin die Rede ist? Sie +stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester, +ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch +zwingendere Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein +Licht aufstecken, die sich für vollkommen halten und es nicht +sind, die weder stehen, noch gehen, noch sitzen können und +sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für meine +Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner +wird auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +Aufblick, ein hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares +und Unbedingtes. Deshalb rede ich mit Ihnen darüber, +aus keinem andern Grund. Wer als Fackel geboren ist, +muß leuchten.«</p> + +<p>Virginia wechselte während seiner Rede beständig die +Farbe, doch in so feinen Übergängen, daß es bisweilen +kaum zu merken war. »Was wollen Sie von mir, Erwin?« +rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie doch +nicht so, bitte!«</p> + +<p>Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin +betroffen. Diese Stimme, der Ausdruck, der Blick, die +Gebärde des Mädchens, all das traf ihn unversehens und +rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst, wie ein Feind. +Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während +er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, +den Ton brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. +»Als ich Ihnen damals meine geringen Schätze vorwies,« +sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das Gefühl eines +Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig +ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu +ruhen brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob +mein Besitztitel erst durch Sie anerkannt werden müßte.«</p> + +<p>Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: +»Weil wir eben von Schätzen sprechen, Virginia, von +Gütern, die keinen Besitzer haben, obgleich sie einem gehören, +muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.«</p> + +<p>Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer +Weile mit einer mäßig großen Schachtel in der Hand zurück,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> +aus welcher er eine herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie +gefällt Ihnen das?« fragte er mit einer Stimme wie einem +Kind gegenüber.</p> + +<p>Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« +rief sie mit auflodernden Augen.</p> + +<p>»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, +damit man ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, +die erhalten königliche Weihe dadurch.«</p> + +<p>Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber +wie ein Jagdhund rebellisch wird, wenn das Horn schallt +und die Rosse schnuppern, so kann ein echtes Weib mit +gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend bleiben oder +sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes +aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie +die Zähne im Mund eines Kindes, violett und rosig strahlend +wie ein kleiner Regenbogen, durchsichtig fast wie +Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte Haut. +Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente.</p> + +<p>Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung +nahm Erwin in aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn +Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm die Antwort unter +Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte, welcher +Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe, +erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für +eine Frau gekauft, der er niemals nah gestanden und die er +nur ganz aus der Ferne angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« +sagte er gedankenverloren, »denn sie war die +Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat die<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> +Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein +Blick aus ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, +und ich, ich habe mich begnügt, sie damit geschmückt zu +träumen, ich habe sie im Traum damit verschönt. Sie war +die einzige, die mich hätte verwandeln können, so wie +große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine +Dämonen kennt, sondern nur Genien und die die Seele +fromm macht und den Geist gelehrig; aber sie schwebte am +Horizont meines Lebens vorüber wie ein fremder Stern, +ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist, als hätte +sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.«</p> + +<p>Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie +hatte Erwin nicht solcher Trauer, solcher Wärme, solcher +Beständigkeit des Gefühls für fähig gehalten. Die intensive +feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und von jedem +Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres +Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen +Tag konnte ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge +den Hals einer andern Frau schmücken könnte«, fuhr er +fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie doch spielt! +Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir +mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die +und keine andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie +mir doch den Gefallen«, bat er dringend und mit unwiderstehlicher +Liebenswürdigkeit, als er wahrnahm, daß Virginia +ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die +Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es +sehe!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>»Wirklich? +Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit +wunderlich scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm +sein Verlangen hätte abschlagen sollen; und außerdem hatte +sie selbst nicht wenig Lust zu wissen, wie es wäre, gleichsam +nur naschend zu erfahren, wie es wäre, wenn man eine +Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß er +ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie +ein halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen +nötig. Erwin trat hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen +der Kette behilflich zu sein.</p> + +<p>Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen +als der jähe Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. +Alles bog sich in den Zügen; die Stirnknochen schoben sich +stärker über die Augen; die Nüstern wölbten sich auswärts; +die Lippen kräuselten sich, die Finger krümmten sich, ehe +sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden, habsüchtigen +und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, +der gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert +von Scheinwert genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren +schimmernden Nacken herab, dessen weiße Glätte ihm etwas +wie Furcht einflößte.</p> + +<p>Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und +ließ Virginia hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung +nicht bemeistern. Sie blickte in den Spiegel, als +erkenne sie sich selbst nicht, und in ihren Augen war ein +beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit leisem +Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd.</p> + +<p>»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> +Erwin, indem er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; +»wie glücklich würde ich sein, wenn Sie eine solche +Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne Ziererei und +Künstelei empfangen wollten!«</p> + +<p>Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. +Sie hob in einer energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« +rief sie erschrocken, »was fällt Ihnen denn ein? Ich +glaube, Sie halten mich zum besten.«</p> + +<p>Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen +ließ, veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und +Gehaltenen. »Es ist mein Ernst,« sagte er; »es ist mein +Wille. Es ist mein heftigster Wunsch. Für Sie allein sind +diese Perlen auf die Schnur gereiht worden. Jene andere +war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals +gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie +aufbewahren, wenn man das leblose Kapital in lebendiges +verwandeln kann? sehe ich Sie damit geziert, so genießen +meine Augen die Zinsen. Könnten Sie doch ein Vorurteil +verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich ekelt, +davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich +bin und sich selbst kostbarer und beschwingter.«</p> + +<p>»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit +ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden +Hände sacht auf seinen Arm, eine Berührung, die ihm einen +traumhaften Genuß verschaffte, »das ist ja alles Unsinn. +Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das nicht annehmen +könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht gelten, +die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> +zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie +wollen mich nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie +käm’ ich auch dazu! Schnell, schnell, herunter mit dem Ding, +Sie machen einem ja ganz heiß, räumen Sie’s weg, daß +ich’s nicht mehr sehe.«</p> + +<p>Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, +liebliche Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das +Kollier abnahm und ihm überreichte, wie wahr, wie einfach +die Angst, wie ungeheuchelt das Begehren! »Ich +werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie ein +Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in +aller Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband +verehren zu dürfen, – als ein Bundeszeichen von +ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin überzeugt, daß +er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von +seinem Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten +muß. Würden Sie sich dann noch sträuben?«</p> + +<p>»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; +»Manfred kann doch nicht Richter über uns beide sein.«</p> + +<p>»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, +»jetzt ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch +dazu.« Gar nicht schlau, dachte er triumphierend für sich, sie +fängt sich ja mit diesem famosen Wort: Richter über uns +beide. »In wenigen Wochen können wir Manfreds Bescheid +haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund +mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und +weiß, daß er mich beleidigen würde durch jedes Wie oder +Warum oder Aber. Eines Tages werde ich seine Einwilligung<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> +haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen und die +Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen +Augen.«</p> + +<p>Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst +hinter all dem steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, +entschwand ihre heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich +hin, das Herz klopfte ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.</p> + +<p>»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es +gibt kein Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin +mit einer Kühnheit fort, die er nur wagte, weil er es für +gefahrloser hielt, sie auszusprechen, als sie der stillen Überlegung +Virginias zu überlassen. »Lange genug waren Sie +streng und unzugänglich für mich, und alles, was ich verlange, +ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich +nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße +niedrig von uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, +ein Opfer soll es sein, eine Opfergabe, eine Entäußerung, +das ist es, das ist das rechte Wort: eine Entäußerung.«</p> + +<p>»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch +und in beklommener Nachdenklichkeit.</p> + +<p>Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es +geschehen. »Schauen Sie mich einmal ganz offen und ohne +zurückweichende Befangenheit an, Virginia«, bat oder vielmehr +befahl er.</p> + +<p>Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames +um dieses zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch +aufrichtige und gütige Lächeln.</p> + +<p>»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> +»Ich will, daß Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich +entäußern. Sie müssen sich der uralten, sinnlich-übersinnlichen +Feindseligkeit entäußern, die zwischen den Geschlechtern +herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein Grenzstreit +sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher +Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön +im Zelte des Vertrauens, Virginia.«</p> + +<p>Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und +schüttelte ernst den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. +Erwins Worte sollten ja wohl unbefangen klingen, +in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht so zumute. Sie +zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt: +»Marianne bleibt lang.«</p> + +<p>Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt +und verwirrt, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und +sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie uns nie mehr davon +sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber eben +deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«</p> + +<p>»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete +er mit eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das +Haupt langsam senkte und ihre Hand langsam hob, um seine +Lippen darauf zu drücken.</p> + +<p>In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar +ein, und nach kurzer Weile kam auch Marianne. Sie blieb +schweigsam und rauchte eine ziemlich große Anzahl ihrer +winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke wanderten +von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs +Uhr brachen die jungen Damen auf.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Ein_Abend_in_der_Villa_Sansara">Ein Abend in der Villa Sansara</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-v.jpg" alt="V"> +</div> + +<p class="drop-cap">Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie +aus dem Schlaf erwachte, ans Fenster zu begeben +und dort in einem Sinnen, das die Erlebnisse des +Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie den +Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser +Nacht. Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor +der Brust geschlossen war, saß sie in der Dunkelheit und +schaute in den mondbeschienenen Hof. Mit wunderlichem +Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.</p> + +<p>In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich +hinziehen von Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller +Ehrgeiz treibt im Dämmern der Seele schillernde +Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. Unter den +Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen +Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der +Perlenkette um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.</p> + +<p>Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und +ballte schnell die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann +wieder: wie hat er es wagen können?</p> + +<p>Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte +der Aussprache, um Klarheit zu gewinnen, aber sie +konnte nicht schlüssig werden, wie sie die Geschichte mit dem +Halsband schildern sollte. Scherzhaft? Daran hinderte sie +die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme. +Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll +und unbescheiden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>Indem +sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte +sie sich schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte +dem Wort, ihre Feder der Hand, Manfreds fernes +Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, und was sie schon +niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die leere Luft.</p> + +<p>Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes +der Postbote einen Brief von Manfred brachte.</p> + +<p>Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. +Als er ihr schrieb, war Manfred schon über die wissenswerten +Vorgänge daheim unterrichtet. Er hatte Kenntnis +von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin der +beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes +durch einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen +war. Dies letztere hatte er von Erwin selbst erfahren, +und der Ausdruck »entschlossener Handstreich« war +Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, hätte +Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung +war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem +edlen Spott gemischt, der Anerkennung oder Dank weit +zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff als freie +Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der +Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie +Manfred darüber dachte; beruhigte ihn nicht das stolze +Vertrauen zum Freund, so mußte die Kunde eines Zweikampfes +unter Umständen, welche Virginia derart in Mitleidenschaft +gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens +erregen. Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: +meine Befürchtungen haben mir nicht umsonst schlimme<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> +Bilder vorgemalt, und ich habe einen Wächter bestellt, +dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig war, +so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge +des Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er +flehte sie an, in Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als +einen Bruder, einen, vor dem sie kein Geheimnis zu haben +brauchte. Und das war viel gesagt.</p> + +<p>Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, +als ob Manfred alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die +eine heftige Bewegung in Virginia hervorrufen konnten, +als wolle er den klaren Strom ihrer Neigung nicht durch +das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die er, in +so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus +hegte. Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein +wenig pedantisch in der Schilderung von Zuständen und +Begebnissen, fast ein wenig zu spirituell in der Andeutung +dessen, was ihn beschäftigte und wonach er strebte. Die Einsamkeit +war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden +Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, +Medusen und Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, +die wir mit dem Schleppnetz aus dem Ozean fischen und +von denen gewisse Arten nachts die Fläche des Meeres mit +Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion, +Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und +der dumpfe Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich +traurig, ich weiß nicht warum.</p> + +<p>»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, +an den ich Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> +gefunden, da der ›Phönix‹ im Hafen von Colombo drei +Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle im Paradies, +zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins +Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, +Bambusen und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, +die Pfeffererbse. In reizenden Festons und Kränzen +hängen Schmarotzerblüten von allen Ästen, und unten +bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien, Cassaven, +die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches +Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, +strebt dreißig Meter hoch empor; unsere kümmerliche +Alpenrose wird zum gigantischen Rhododendron mit +mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien +und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche +und Anmutige zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten +dieses Übermaßes werden auch meine Gedanken +zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln: Zweifel +wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches +Fieber, das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die +Faust beiße und mich am Strand hinwerfe, um das Gesicht +ins Wasser zu tauchen. Aber dann kommt wieder der +überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die Frösche +rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse +schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures +Seidenkleid über ungeheure Marmorplatten schleift. +In dieser Stunde seh’ ich dich am deutlichsten, meine geliebte +Virginia! Da glänzt dein Haar, ja, es glänzt wie der +Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten im<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> +Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit +einem Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, +mein Atem, mein Gedanke, meine Welt. Und dann sag +ich mir: ich bin deiner nicht würdig, meine Liebe ist zu klein, +zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer verzehrt sich im +Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet mich, +anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche +mich mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte +Menschen sind: nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend +aber tüchtig. Man kann mit ihnen sympathisieren, ohne +lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich mich von ihnen absondere, +werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend +bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin +Reiners geben, ich habe meine Ansprüche überspannt, und +das ist bedenklich. Doch ich kann nicht mit ihnen reden. Sie +sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu lustig, oder zu simpel, +oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten im Meer +und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn +das ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, +Schönheit für Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. +Speicher sind noch keine Mühlen, und Mühlen schaffen +erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit. Darf ich dir’s +gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß +nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß +noch nicht wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; +ich will anders werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, +ja danach verlangt mich, aber nicht nach jener Tüchtigkeit, +die an den Vorteil gespannt ist wie ein Ochs an den<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> +Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den +Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und +frischen Wind; und an dich, die mir Flügel gibt, Mut, +Selbstvertrauen und den Willen zur Verantwortlichkeit. +Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr von +Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, +daß ich andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu +einem Einzelnen, ja zu einem Wunder vielleicht in seiner +Art gemacht hat, und daß ich mich nicht werbend und nacheifernd +an ihn verlieren darf.«</p> + +<p>Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei +aller Bereitschaft zum Mitempfinden, um den geliebten +Mann bange werden. Die drangvolle Leidenschaftlichkeit +im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine Formel dafür. +Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund +und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in +ihrem innigen Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, +das ergriff sie mit Freude und entzückte sich daran. Immer +wieder nahm sie den Brief zur Hand, dessen Problematisches +ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz verstehen, +wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – +Dinge, die sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so +ausdrucksvoll damit verknüpfte, daß sie sich verpflichtet +hielt, ihm beizustehen. Ein wenig von der holden Kinderzuversicht +ging freilich auf solche Art verloren.</p> + +<p>Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, +daß sie im Flügelschen Hause einen der Brüder Mariannes +kennen lernte, eine Begegnung, die Marianne sehr unerwünscht<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> +war, denn sie sah die Folgen voraus, und Virginia, +die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen +die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, +fühlte sich durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des +jungen Mannes aufs entschiedenste abgestoßen. Es war +derselbe, der damals augenlos an ihr vorübergeeilt war, +als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen +ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie +hatte nicht vergessen, daß ihr die verstörten und entformten +Züge gleichwohl den Eindruck der Roheit und Verwilderung +gemacht hatten.</p> + +<p>In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus +der modernen, jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten +Sinn, ein elegantes und tückisches Raubtier, +einer von jenen Eingefleischten der großen Metropolen, +denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen +Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, +keinen Beruf zu haben. Er war ein Meister der Mode, +und ihn beobachten hieß, die Mode selber, das wetterwendische, +lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan +aufführen sehen.</p> + +<p>Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte +ab, doch ließ er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte +ihn zurückzuhalten, es fruchtete nicht. Virginias edle +Unnahbarkeit hinderte ihn nicht, zudringlich zu sein. Unter +der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie sah er in einer +Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden +Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen.<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +Taschendiebe sind die Kleinkrämer des Verbrechens, und +diese »Herzensräuber« vom Schlage Sixtus von Flügels +betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu leicht +durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut +zu werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit +sind sie hartnäckig wie die Hornissen.</p> + +<p>Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und +daheim war, aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, +gegen Abend aus dem Hause tretend, ihn auf sich zukommen +sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß und wollte vorbeigehen; +er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben gemütlich, +sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend +glänzte, aber daraus machte sich der junge Herr nicht das +mindeste, denn er war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. +Sie gab ihm zu verstehen, daß ihr seine Gesellschaft +unerwünscht sei; umsonst; sie antwortete nicht auf +seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt Schritt mit +ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen, +sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia +verstummte ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete +in einen Laden, er wartete draußen mit frecher Geduld. +Wie gehetzt kam sie nach Haus, immer an seiner +Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne +Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, +als ob er dort genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade +heraus, er möge sie ungeschoren lassen, er zuckte die Achseln +und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn. Er schien einen +Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie das<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> +Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter +ihr, dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit +hatte etwas Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte +in einem Atem, er war beleidigend, dumm und glatt. Einmal +am Abend folgte er ihr über die Treppe hinauf und +machte sich lustig über ihre Entrüstung.</p> + +<p>Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen +Besudelung war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche +Erlebnis erfüllte sie mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen +und endlich mit Gewissensunruhe. Etwas von dem +kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu, +mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts +von sich hören, sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht +entschließen, weil sie nicht in das Haus des Unholds gehen +wollte. Sie überwand sich und teilte sich der Mutter mit, +der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die sich +aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. +Sie war nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen +Gebrechens trug manches zu dem Eindruck von Vornehmheit +bei, den sie machte.</p> + +<p>»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt +dich an Erwin wenden.«</p> + +<p>Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte +genug von jener Duellgeschichte, über die das Gerede noch +immer nicht verstummt war. Sie wies den Vorschlag ab. +»Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner, »den Menschen +wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein +Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +zu stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, +sagte sie zur Mutter.</p> + +<p>»Nein. Er macht sich jetzt selten.«</p> + +<p>»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia +nachdenklich. »Übrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim +Grafen Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.«</p> + +<p>Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß +sie im Wandelgang der Akademie Ulrich Zimmermann traf, +der mit einem bekannten Maler im Gespräch auf und ab +ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen, diese fand die +Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände +vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle +Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen +Befürchtungen. »Was wollen Sie tun?« fragte sie. »Lassen +Sie mich nur machen,« antwortete er feurig, »ich werde +Sie von diesem Desperado befreien.«</p> + +<p>Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu +Erwin hinaus, der am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte +ihm die Schmach, die Virginia erlitt, fragte, was +dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus von +Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. +»Sie sind ein Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich +werde den jungen Mann ein bißchen einschüchtern, verlassen +Sie sich darauf. Heut über drei Tage befindet sich Herr von +Flügel nicht mehr in Wien.«</p> + +<p>Ulrich Zimmermann staunte.</p> + +<p>Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin +nicht nur tief verschuldet war, sondern daß er auch vor<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> +einiger Zeit auf den Namen des Freundes seiner Schwester +eine bedeutende Fälschung begangen hatte. Somit war +Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es +Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen +zwölf und ein Uhr fand sich Erwin im Flügelschen Hause +ein. Marianne hatte ihn erwartet, Sixtus war wie vor ein +Gericht bestellt worden. Die Unterredung dauerte nicht +lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger Ruhe +seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und +Schande hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, +einen demütigen Abbittebrief, den ihm Erwin +in die Feder diktierte, an Virginia zu richten; ferner mußte +er einen Schein unterschreiben, worin er das ehrenwörtliche +Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach +Paris oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls +aber Wien zu meiden. Dagegen verpflichtete sich Erwin, +seine dringlichsten Schulden zu zahlen und ihm überdies +eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während der +nächsten Monate auszusetzen.</p> + +<p>Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen +Mann in ein Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, +die etwas wie eine seelische Gewalt über ihn ausübte, +er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte, Unheil +angerichtet. So fügte er sich knirschend.</p> + +<p>Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia +unauslöschlichen Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der +Zeit, ein solches Gefühl zu offenbaren. Sie verschloß es +in ihrem Busen, um es reifen zu lassen. Der Haß hat seine<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> +Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend wurde, begab sie +sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den Entschuldigungsbrief +erhalten und war verwundert über die +zauberhafte Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann +sein Gelöbnis erfüllt hatte.</p> + +<p>»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, +»hätten Sie doch noch ein wenig Geduld gehabt, +ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein Bruder ist ein +unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens ist +er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von +dem er in Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus +entstehen kann. Das war nicht freundschaftlich gehandelt.«</p> + +<p>Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« +flüsterte sie endlich.</p> + +<p>»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen +können?«</p> + +<p>»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne +meinen Willen geschehen ist«, versicherte Virginia hastig. +Gerade Erwins Dazwischentreten habe sie vermeiden +wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet.</p> + +<p>»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß +gehängt hätten«, antwortete Marianne trocken. +»Man sollte wirklich denken, daß Sixtus ein Menschenfresser +ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte jedoch rasch ein, als sie +wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und funkelnd +auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein +Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> +ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr +ins Ausland. Sie können also wieder in Frieden Ihre +Straße ziehen, der Wegelagerer ist nicht mehr zu fürchten. +Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und keine Feinheit.« +Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel +verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu +rauchen.</p> + +<p>Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen +Unwillen nach, als sie sich durch diesen Verlauf in eine +immer unzerreißbarere Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben +sah. Ihr war, als regiere ein herrischer Arm über ihrem +Leben, behüte sie, das wohl, heische aber auch Gehorsam +und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein, lag +im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu +heikel und erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh +gehemmt fühlte. Dazu kam die Unsicherheit, wie er all dies +aufgenommen: ob er es nicht im stillen tadelte und unehrlich +fand, daß sie sich an einen Dritten gewandt, da er doch der +Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein Verlegenheitsspiel +gewesen.</p> + +<p>An einem der nächsten Vormittage ging sie über den +Graben, und schon von weitem erblickte sie Erwin in einer +Gesellschaft von zwei Herren und zwei Damen, höchst elegant +gekleideten Leuten. Alle fünf Personen waren in +einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia +erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen +eine Sekunde lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso +verwegenen wie raffinierten Komödie. Er redete nämlich<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> +mit den beiden Damen weiter, die, überrascht von Virginias +Erscheinung, sie mit schiefen Blicken verfolgten, +Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und +eine Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier +und Verrat sind. Er redete ruhig weiter, während er +seine Augen an Virginias Augen vorbei auf ihre Wange +heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen.</p> + +<p>Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte +schon die Lippen zu freundlichem Lächeln gehoben, und +als das Unerwartete eingetreten war, wußte sie nicht, wie +ihr geschah, glaubte sie in die Erde versinken zu müssen. +Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines Hauses +gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß +weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in +einen Abgrund stürzt. Mit Mühe schleppte sie sich zu einem +Einspänner, fuhr nach Hause, und dort wurde ihr so übel, +daß sie sich aufs Sofa legte.</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht +ohne Plan gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen +gehörte, daß nicht nur der Wille zum Ziel führt, +sondern daß auch das Ziel den Willen bindet und an sich +reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme entraten zu +können, wenn die Erzeugung und Entladung großer +Spannungen gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen +Fortschritte boten. Er arbeitete, hörte Kollegien, +hielt selbst Vorträge in der Aula, zu denen sich ein erlesenes<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte Tennis und +Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine +zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber +in dieser wechselreichen Bewegung blieb Virginia der +Augenpunkt wie ein ferner Leuchtturm für ein nachtfahrendes +Fischerboot.</p> + +<p>Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit +Helene Zurmühlen seine Reife erlangte und einen Charakter +annahm, der das Schicksal der jungen Frau besiegelte.</p> + +<p>Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus; +die Kynasts waren eine alte, hochangesehene Patrizierfamilie. +Helene hatte mit achtzehn Jahren geheiratet. +Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der +Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen, +den sie in sich verliebt zu machen gewußt, behandelte +sie auch in der Ehe wie ein höheres Wesen. Das +Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und +das eine Mischung von strategischen und rechnerischen +Fähigkeiten ist, ersetzte er durch den zähen Fleiß eines +Mannes, der jeden Daseinsgenuß zu opfern vermag, um +reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach Reichtum. +Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich zu +sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er +stand völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur +Eleganz, zu einem weltmännischen Gehaben zu erziehen +und wollte ihm Geschmack an moderner Literatur beibringen. +Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft, +das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> +Fehler. Er hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und +Helene sah sich gezwungen, einen großen Teil ihrer Zeit +diesen fremden und gleichgültigen Menschen zu widmen. +Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war aufregungsbedürftig +und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft, +ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war +menschensüchtig und stellte sich weltmüde. Keineswegs nur +aus Lust an der Gebärde; der Zwiespalt lag wie eine angeborene +Krankheit tief in ihrer Natur.</p> + +<p>Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen +Welt zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich +von Freiwilligkeit regiert werden, was ungefähr dasselbe +heißen will, wie wenn man eine Feuersbrunst auf Brandstiftung +zurückführt. Vom ersten Augenblick an, wo sie +Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen +lernte, war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann +gewinnen müsse. Er zeigte sich ihr als der wahrgewordene +unter den kühnsten ihrer Träume. Sie fühlte ihre vollkommene +Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet und +erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen +Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom +Boden aufheben würde, aber sie kniete schon, erschöpft vom +Horchen, vom Zuschauen, vom Warten, angewidert von +Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und Rücksichten, +sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach +und einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du +aufs Spiel? fragte Erwin, der die Eroberung zu leicht +fand. Mich! antwortete Helene. Dieses Temperament<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den Kitzel +der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste, +keiner Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht, +die er kennen mußte, da er einer ihrer Emissäre und Agenten +war, so umfassend vorgearbeitet, daß ihm eigentlich +nichts mehr zu tun übrig blieb.</p> + +<p>Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich +zierlich. Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare +Vase gefallen hätte. Er verglich sie mit einem Nokturno +von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte Poesie; +sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm, +das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen +Küche zu füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig +sein und befeuert sein, er konnte schwermütig sein und +rebellisch sein, er konnte lächeln wie ein Faun oder wie +Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert; sie bewunderte +seine meisterhafte Haltung.</p> + +<p>Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich +Erwin; indem man sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist +leichter und einfacher. Wie verführt man eine Braut? +Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist schwer und +mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man +nur nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man +die Vesprechungen erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die +Größe in Erwins Lebensführung, die Freiheit seines +Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl zunächst, +was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur +Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> +Zärtlichkeit. Er verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte +sie in eine Sklavin durch Zärtlichkeit, er wußte sie +aufzuschüren, freudig, glühend, ja bacchantisch zu stimmen +durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen für möglich +gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie; +alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die +Beunruhigungen des Gewissens erschienen ihr in seiner +Nähe, durch die Kraft seiner Zärtlichkeit, so banal wie das +Lampenfieber. Sie war nicht mehr die anständig gewesene +Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder +über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie +war in seinen Armen über solch niedriges Los hinausgerückt, +und so lange seine Arme sie hielten, konnte sie nicht +fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit hatte Erwin erkannt, +daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch sinnliche +Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde; +demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders, +so fremd, so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft +den Anschein hatte, als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl +und Verlockung erzeugen, und die Wirkung, die er +ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit und Flüchtigkeit +der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem +sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er +forschte nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept +der Rezepte; es war für ihn gleichsam ein Versuch am +Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der lebenden Figur.</p> + +<p>Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es +eine Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte,<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> +Virginia vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos +geschah es nicht. Er zerbrach für eine Stunde die Kette, +die er dann um so fester schmieden konnte.</p> + +<p>Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung.</p> + +<p>»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht +vorhin in der Stadt begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie +ein Traum.«</p> + +<p>Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf. +»Was war denn das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem +Unwillen.</p> + +<p>»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin; +»es war eine Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste +Umkehr von Halluzination. Sie sind zu jeder Zeit in meiner +Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir wie einem Kind ergangen +ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter gefreut +hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich +benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches +ist mir nie passiert. Verzeihen Sie mir.«</p> + +<p>Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, +und sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie +froh, an den häßlichen Zwischenfall nicht mehr denken zu +müssen. »Ich habe noch eine Bitte«, begann Erwin +wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden +und vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet +bin, einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie +wollen. Frau von Resowsky wird die Liebenswürdigkeit +haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und Ihre +Mutter dazu einladen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>»Die +Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte +Virginia rasch und im Gefühl, daß die Anwesenheit der +Mutter gar nicht gewünscht werde; »davor hat sie Angst wie +vor einem Eisenbahnunglück.«</p> + +<p>»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart +berauben«, versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so +würde ich allen Leuten noch in letzter Stunde absagen«, +fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei Virginia bemerkte. +»Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig, +daß Sie da sind, und Sie werden da sein.«</p> + +<p>Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? +Sie versuchte zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. +Es kam plötzlich etwas Schweres, schwer zu Tragendes +über sie, und sie wußte nicht, woher es kam.</p> + +<p>»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, +fuhr Erwin hartnäckig fort.</p> + +<p>»Sind Sie denn abergläubisch?«</p> + +<p>»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber +haben, um daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort +und Ihre Hand.«</p> + +<p>Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der +Küche draußen ließ Frau Geßner die Wasserleitung +plätschern. Virginia trat langsam zum Fenster. Erwins +Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang bis in +die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, +mein, mein, mein, jubelte es in ihm.</p> + +<p>Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam +wohl, wie ein Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> +tritt. Es war etwas so Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen +Traurigsein, etwas, was gleichsam mit dem Mond zusammenhing +und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies +liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und +Auftasten zu den Sphären.</p> + +<p>Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie +scheuer geworden war, seit er sie vor den Nachstellungen +des jungen Flügel gerettet. Ulrich Zimmermann hatte ihm +da einen vortrefflichen Dienst erwiesen. Doch Ulrich selbst +war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt worden, +wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde +ihm nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, +und als er eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser +sagte, Virginia rechne ihm sein Benehmen als Feigheit, +ja fast als Verrat an, war er wie aus den Wolken gefallen. +Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem Stuhl und +wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu +ihr.« – »Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin +stirnrunzelnd. »Eine Dummheit erklären wollen, heißt sie +verdoppeln. Sie sind mir ein wenig Haltung schuldig, +mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier. +Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit +Sixtus Flügel eine alte Rechnung ausgeglichen und zu +meinen Gunsten bilanziert habe. Ich selbst habe mit +ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und ich +wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das +kann sie, wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen +gehabt habe.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>»Diese +Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich +Zimmermann mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. +Er war gekommen, weil er Geld brauchte. Stumm saß +er hinter Erwins Sessel, der an seinem Schreibtisch arbeitete. +Es vergingen anderthalb Stunden, deren Schweigen +nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren +Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich +stand Erwin hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« +wandte er sich freundlich an Ulrich Zimmermann, dessen +Anwesenheit er vergessen zu haben schien.</p> + +<p>Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer +Geld braucht?« fragte er mit wehmütigem Humor. »Ach, +könnten Sie ahnen, was es heißt, um Geld zu bitten!« fuhr +er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das Leben, +und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, +und ist er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos +erniedrigen. Und das Furchtbarste: stets genießt der +Gebende, was der Empfangende so schwer verwindet.«</p> + +<p>»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, +stimmte Erwin bei, den die Großherzigkeit und Beschwingtheit +in Ulrichs Worten sympathisch berührte.</p> + +<p>Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb +er auf der Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. +Sein Blick fiel auf das Giebeldreieck, auf welchem in den +Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu lesen war. Das +war der Name von Erwins Haus.</p> + +<p>»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, +»Sansara!« Das hat Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> +Plakatierte Metaphysik. Der Übermut des Besitzes +erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht. Die +asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg +europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht +einen platonischen Purzelbaum zum Nabel des Buddha +und verewigt sein Kunststück durch eine steinerne Fanfare.</p> + +<p>Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? +fragte sich der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart +des Gottlosen gegen den Despotismus einer unbeseelten +Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig beschnittenen +Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes +Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende +doch selber aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum +zu stürzen? Ich könnte meinem Buch den Titel geben: +Mirowitsch oder die wesenlose Opposition.</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug +ein Kleid aus veilchenblauem Battistlinon, verziert +mit irischen Spitzen. Der Brustausschnitt war bescheiden. +Das Haar war zu einem griechischen Knoten geknüpft. +»Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner +immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern.</p> + +<p>Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch +stünd ich hier, fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, +wie ich bin, wenn er mich sehen könnte? Sie heftete den +Blick in den Spiegel, – fast mißbilligend. Man rief nach +ihr, so schien es, und ungern folgte sie, obgleich erglüht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>Sie +hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor +dem Eingang zur Villa stand eine lange Reihe von Fiakern +und Automobilen. Man konnte einen Teil des Parkes +wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen.</p> + +<p>Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein +Theater, einen Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, +besorgte, trunkene und phantastische Lächeln, als ob sie +sagen wolle: jetzt kommt das große Unerwartete. Virginia +beobachtete dies, während sie sich in der Halle ihres Mantels +entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum +daß er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. +Erwin kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen +sprechen«, raunte er ihr zu. Sie folgte ihm betroffen in ein +kleines, von dem orangeroten Licht einer Ampel beleuchtetes +Gemach. Er schloß die Tür.</p> + +<p>»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich.</p> + +<p>Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade +auf und hielt ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten +Händen entgegen.</p> + +<p>Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt +zurück. »Sie haben mir versprochen –« stammelte sie.</p> + +<p>»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem +Lächeln.</p> + +<p>Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte +mit der Kette. »Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, +sagte er leise und mit einem Lachen in der Stimme. »Fragen +Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred hat geschrieben. +Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> +kenne sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches +Mißtrauen nicht.« Und als sie eine abweisende Gebärde +machte, einen hilflosen, verwirrten, bittenden Blick auf +ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur diese eine +Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!«</p> + +<p>Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und +klatschte nun begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! +Unvergleichlich!«</p> + +<p>Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen +den Mann, der sie schmückte, erwachte in Virginia; aber +dahinter wirbelte eine ungestüme Freude. Gut, dachte sie, +einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem Innern +glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein +Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred +eingewilligt, zumal die verflossene Frist ein wenig knapp +schien. Bei alledem ist wesentlich, daß sie von dem Wert des +Schmuckes weder einen Begriff hatte noch sich Gedanken +darüber machte. Ganz von fern stieg in Sekunden eine +Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines Unrechts, +der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne +wähnte sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu +beleidigen.</p> + +<p>»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, +Ermunterung, Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit +strahlten an ihm.</p> + +<p>»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, +reichte ihm aber doch die Hand, die kalt war vor Freude +sowohl wie vor Bestürzung. An einem Spiegel vorüberschreitend,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> +erblickte sie die Perlen. Dieser Moment erfüllte +sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie +in ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare +gewähren lassen.</p> + +<p>»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig +an Erwin. »Marianne zum Beispiel könnte doch +fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein, Erwin, nein,« +flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.«</p> + +<p>»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein +Unwillen, der ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner +Stirn. »Haben Sie mich im Verdacht, daß ich mich brüsten +werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß ich am Ende Ihre +Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter nicht +ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen +kann?«</p> + +<p>Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür +zur Linken das Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. +Erwin kam draußen auf sie zu; jetzt verstand sie den Umweg +und erschrak aufs neue. Sie war nur wenige Minuten +mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten +waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau +von Resowsky, die sich liebevoll ihrer annahm und sie von +Gruppe zu Gruppe geleitete.</p> + +<p>Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige +ihrem Gedächtnis eingeprägt. Der Glanz des Lichtes +betäubte sie. Sie sah nur Umrisse von Gesichtern, blonde, +schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark dufteten, +viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> +Damen als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer +Büsten verletzend wahr und nahe.</p> + +<p>Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie +den Eindruck, daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie +war durchaus nicht beengt, sie gewann im Gegenteil mehr +und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung, daß es +zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges +Band gab.</p> + +<p>Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr +zur Unzeit fing er an, die Erklärungen zu stottern, die er +sich vorgenommen hatte, sprach sogar, genau mit Erwins +Worten, von einer Rechnung, die jener »zu seinen Gunsten +bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert den Kopf +und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich +mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte +Virginia arm geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu +lesen. »Sie tragen ja ein Vermögen an Ihrem Hals«, sagte +er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner <span id="Page_177_1">Taktlosigkeit</span> zu +gelangen.</p> + +<p>Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber +lächelte sie an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal +in ihr, wie sonst nur, wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann +senkte die Stirn vor ihrer Schönheit.</p> + +<p>Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer +Haut einen metallischen Glanz. Manche Herren wollten +sich erinnern, sie schon gesehen zu haben, und drückten es in +schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß, ernst, +kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> +sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung +Erwins gefolgt.</p> + +<p>Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, +ein paar junge Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. +Sodann machte Erwin sie mit Helene Zurmühlen und +deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr wie ein Spielzeug, +und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von +einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war +der edelste Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall +Steine. Alles schien zerbrechlich an ihr, der rührend weiße +Hals, die apathischen Arme, die mageren, gelben Hände, +die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen Kindern, +wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte, von +leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, +in dem ein lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von +den Schatten einer süßen Melancholie überdunkelt war. +Aber diese Melancholie hatte etwas Grelles, und die Natur +selbst strafte sie Lügen durch den starken, brennenden +Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet.</p> + +<p>Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen +Tafel zu vermeiden, war im Speisesaal freies Büffet errichtet, +und fünf Diener versorgten die immer wechselnden +Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht in einem +kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich +Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des +letzteren, ein Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei +rauchten. Auf dem Tische vor ihnen stand eine Flasche +Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit zu Zeit in die<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> +Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer +junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames +Zuhören am Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, +als daß er aus einer Familie von Selbstmördern stammte. +Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo er Studien +über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte.</p> + +<p>»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, +sagte Ulrich Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt +Verständnis für die Epoche darin. Wahre Prachtliebe +neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze Farbenskala, die uns +blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese Heliotrop +und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen +und kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist +leise wie im Zimmer eines Sterbenden. Ich finde das +stilvoll.«</p> + +<p>»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre +Meinung ändern?« versetzte der Graf.</p> + +<p>»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« +fuhr Ulrich Zimmermann hartnäckig fort, »und in New +York versicherte mir eine junge Milliardärin, Perlenketten +seien vornehmer als Diamanten, weil bei diesen die +Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.«</p> + +<p>Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden +Blick zu.</p> + +<p>»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte +Ulrich schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles +bäumt sich auf, Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich +denke die schlechten und selbstsüchtigen Gedanken einer<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> +ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen und reden, alle +sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber niemand +glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne +gekommen ist, werde ich aus einem Apostel zu einem +Lakaien.«</p> + +<p>»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«, +antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; +»die Gesellschaft verwandelt den Apostel auf stummem +Weg in den Lakaien.«</p> + +<p>»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden +Augen. »Ich werde in Sold genommen und festgeschmiedet. +Meine Seele wird zum Wallfahrtsziel aller andern +Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der Ehebrecherin und die +Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld für einen +neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen +des präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen +des Börsianers. Ich weiß, daß dieser junge Mann +mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo im Mundwinkel +an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen Frau +den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem +Gespenst einer unerwünschten Schwangerschaft gequält +wird; ich kenne die verzweiflungsvolle Frechheit des +Überlings, der da spricht: für mich gibt es keine Moral, +sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den verbrecherischen +Gelüsten des jungen Mädchens, das ins +Leben tritt wie eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu +melken sich anschickt. Hinter dem geistreichen Geflunker +gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter den sozialen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten +Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter +dem diplomatischen Getue werden Völker in ungerechte +Kriege verstrickt. Sie sind mir zu nackt, allesamt, sie vergiften +mir das Gewissen, und erst das schlechte Gewissen +verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch +größer sein als meine Demütigung, sonst kann ich aus der +Sklaverei, in der ich mich befinde, kein Kapital schlagen.«</p> + +<p>Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob +sich, grüßte höflich und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit +beleidigt oft den feinfühligen Zuhörer.</p> + +<p>»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer +Wanderung im Gebirge, würden mir Ihre Worte einen +stärkeren Eindruck machen«, sagte Palester seltsam.</p> + +<p>Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit +dem Finger. »Eine kleine Verschwörung?« fragte er.</p> + +<p>Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben +Sie sich nicht über das Perlenkollier gewundert?« begann +er mit verräterischer Hast. Erwin blieb stehen und wandte +ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender Blick war +kalt, durchbohrend und mitleidig.</p> + +<p>Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich +ab und ging allein weiter.</p> + +<p>Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile +zwischen den Menschen umher, dann begab er sich in die +Garderobe, warf den Überzieher um die Schultern und, +den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein +Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> +die ganze Stadt und in den Prater und bis zur Donau. +Auf dem Rückweg sang er laut, um nicht denken zu müssen. +In der Hauptallee setzte er sich auf eine laternenbeschienene +Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit mit der +Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb +Verse:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="verse">Die Seele, die berührst du nicht,</div> +<div class="verse">die ist im Leib vergraben;</div> +<div class="verse">sie weiß nicht, was die Lippe spricht,</div> +<div class="verse">will’s auch nicht Kunde haben.</div> +</div> +<div class="stanza"> +<div class="verse">Im stillen träumt und blüht sie hin,</div> +<div class="verse">läßt Leid und Glück verfluten</div> +<div class="verse">und ziehet ewigen Gewinn</div> +<div class="verse">vom Bösen und vom Guten.</div> +</div> +</div> +</div> + +<p>Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und +Zuhältern besetztes Kaffeehaus. Sein Frack erregte +hämisches Aufsehen. Der beginnende Marktlärm verscheuchte +mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich +verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien.</p> + + +<p class="small-drop-cap">Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten +sich viele Gäste in den illuminierten Teil des +Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte und Likör +serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky +und einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse +auf und ab, deren massive Brüstungen sich zu beiden +Seiten der flachgestuften Treppe mit anmutigen Bögen<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> +zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den politischen +Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches +erhoben, und die Exzellenz erstaunte über die Einsicht +und Tiefe in den Urteilen des jungen Mannes. »Und +eine solche Kraft soll für den Staat verloren sein!« rief +er scherzend.</p> + +<p>Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er +bohrte die Nägel in die Handflächen und hielt die Daumen +wagrecht wie kleine Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, +nur seine Zunge redete. Sie hatte seit neun Uhr +gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern über +Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit +den Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den +Frauen über Erziehung und Lebenskunst gesprochen.</p> + +<p>Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die +an der Glastüre stand, den geöffneten Straußfedernfächer +vor Brust und Hals, das Auge wie gebrochen ins Weite +gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel ihm, ihr +wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit +einer Verbeugung zu ihr.</p> + +<p>Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. +Was sie verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, +Schmerz über deren Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.</p> + +<p>»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und +sah aus, als hätte er die weichste Liebkosung geflüstert.</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge +milderte sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>Er +wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem +sie einen forschenden Blick umhergesandt, und murmelte +mit erstickter Stimme: »Du hältst mein Leben in deiner +Hand.«</p> + +<p>Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine +Närrin, die nicht einmal versteht, sich im Preis zu halten, +dachte er.</p> + +<p>Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in +den Garten. Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend +und in ein heiteres Lächeln versunken. Alsbald tauchte +sie in die violette Parkdämmerung. Erwin zuckte empor. +Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir +werden uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer +verführen lassen«, sagte er zu Helene, die in freudiger +Unterwürfigkeit vor ihm stand. Seine Worte sollten +offenherzig und tröstend klingen, aber indem er hinwegeilte, +spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen +vermocht hatte.</p> + +<p>Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß +die Augen. Sie wollte nicht sehen, ihr graute vor der +Klarheit der Dinge. Ihr Name wurde dicht neben ihrem +Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm um +ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte +er sie in die Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein +müdes, krankes Kind.</p> + +<p>Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war +von herrlichen Bäumen bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, +Sumpfzypressen und Mangos, birkenblättrigen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> +Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein +wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu +reden, wenn sie sich mit Menschen ins Gespräch einließ, +deshalb wich sie einer angeregt plaudernden Schar von +jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den Schritt +unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an +dieser Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der +Lustigen vorbei, die ihn anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. +Er winkte ihnen zu und eilte weiter, sah auch +von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche +schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten +sich nicht zufrieden geben, und übermütig riefen ihre +Stimmen immer wieder seinen Namen.</p> + +<p>»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie +vor Verfolgern in Sicherheit bringen wollte; »kommen +Sie!« drängte er und ergriff ihre Hand. – »Warum +denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so laufen, +hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken +wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine +elastische Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia +lachte, und um nicht Spaßverderberin zu sein, ließ +sie sich zur Eile überreden. »Schnell, schnell,« drängte er +von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch fünfzig +Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird +wissen, wo wir hingeraten sind.«</p> + +<p>Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo +die ebene Fläche sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht +eben leicht war. Es ähnelte einer Trunkenheit, daß sie<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> +lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, der schwüle +Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, +und sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit +offenem Mund. Erwin, der sein Entzücken über ihre +Schlankheit und Gazellengrazie hinter geschlossenen Zähnen +verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte +nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst +los, als sie vor dem Pavillon standen.</p> + +<p>Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu +behangenes Rondell, in dessen Mitte unter gekreuzten +Balken eine chinesische Laterne mit roten Gläsern hing +und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und +Busch mit sanftem Scharlach übergoß.</p> + +<p>Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, +preßte beide Hände gegen die Brust und stammelte: +»Mein Gott, was war denn das? weshalb sind wir denn +so gerannt? Ich kann nicht mehr.«</p> + +<p>Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. +»Ruhen Sie sich aus«, antwortete er. »Niemand wird +uns stören.«</p> + +<p>Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur +Besinnung. »Weshalb sagen Sie das so wunderlich: +Niemand wird uns stören –?« fragte sie.</p> + +<p>»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete +er mit müder Stimme.</p> + +<p>Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf +der Erde? Sie können ja auch auf der Bank sitzen. Ihre +Kleider werden ja schmutzig.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span>Die +müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht +find ich meine Lust daran, vor Ihnen auf der Erde zu +kauern, Virginia. Was kann mir die Erde anhaben gegen +das Gefühl, Sie über mir zu wissen.«</p> + +<p>Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. +»Es ist so still hier«, murmelte sie dann.</p> + +<p>»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen +fliegen schon. Nur die Sterne sind zu blaß. +Man sollte nicht an Orten wohnen, wo die Sterne so +blaß sind im Mai.«</p> + +<p>Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von +meinem Platz aus kann ich die Sterne nicht sehen«, +sagte sie.</p> + +<p>»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem +Atem.</p> + +<p>Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner +Rede. Zu dieser Stunde schlief sie an andern Tagen +längst, und ihre Lider wurden schwer. Plötzlich fragte sie +mit innigem Klang in der Stimme: »Denken Sie auch +manchmal an Manfred, Erwin?«</p> + +<p>»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« +fragte Erwin langsam dagegen, und er griff mit der Hand +nach einer Rebe, die er abriß. »Ich denke immer an Manfred, +immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht +an Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, +bei Nacht, indem ich in die Kissen beiße. An wen +könnt ich sonst denken als an Manfred? an wen mit gleichem +Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred, den<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> +Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor +mir kam?«</p> + +<p>»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos +und sehr bestürzt.</p> + +<p>Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war +sicher, daß Virginia die Frage wiederholen würde. So +geschah es auch.</p> + +<p>»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine +Stimme war dumpf und ingrimmig. »Dürft ich denn +reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am Ende. Gehn +wir lieber ins Haus zurück.«</p> + +<p>Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia +in ihrem blinden Schrecken bestärkt wurde. »Ist +denn etwas mit Manfred passiert, etwas, was ich nicht +weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen +Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.«</p> + +<p>»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von +Erwins Lippen. »Ruhig Blut, Virginia. Ich habe Ihnen +ja schon gesagt, daß er der starke Felsen ist, an dem mein +Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich denn sprechen +soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich macht, +und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die +Sterne so blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie +die Krankheit über den Lebenslustigen; dabei weiß ich +nicht, wie arm, wie reich, wie elend, wie beschenkt ich mich +dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt. Ich habe +nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur +wie Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> +wie Stunden, in denen man sich verliert, um sich noch +wissender zu besitzen. Daß ich mich unwissend ins Hoffnungslose +verlieren könnte, habe ich nie für möglich gehalten. +Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich +waren für die Dauer eines Sommers, waren mir nur +Gespielinnen. Sie rührten mich, sie erregten mich, sie +verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie wappneten +mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte +nicht an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen +Sie die Ohren mit den Fingern. Lassen Sie mich +reden, wie jene Figur im Märchen von der Gänsemagd +redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was +ihr widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt +es in dem Märchen. O Herz, das du hangest, muß ich +klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin unterminiert. Es ist +etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in einem +Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, +daß ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, +mit meinem Gehaben das Mitleid eines Schlächtergesellen +auf mich ziehen würde. Denken Sie es ungesagt, Virginia. +Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, +und Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen +können. Genug jetzt. Genug.«</p> + +<p>Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und +blieb unbeweglich sitzen.</p> + +<p>Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage +aufgerichtet. Ihr Gesicht war weiß geworden und brannte +aus dem Zwielicht weiß heraus wie das Innere einer<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> +Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange +und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde +der Trauer, der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar +wurde ihr Herz kleiner, und alles, was dieser Mann +da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie berührte, so +menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes +für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter +Schauer flog über ihre fast unbeschützte Brust, +und sie erhob sich.</p> + +<p>Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin +stand lautlos auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen +es vergessen«, flüsterte er ihr mit erstickter Stimme zu.</p> + +<p>»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, +»ach, Erwin.« Sonst nichts. Aber diese beiden Worte, +einfach wiederholt, rissen Erwin hin wie eine nie vernommene +Musik, und er glaubte das Unmögliche noch in +derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt +von diesem Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren +Schleiern kühlen Wesen des Mädchens, dessen Wert er spürte, +wie ein Luftschiffer den Azur spürt, in dem er schwimmt, +stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund kamen +gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. +War es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch +ein Ungemeines darin verborgen sein, Instinkt und Glut.</p> + +<p>»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia.</p> + +<p>Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er +richtete sich empor. »Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia +und blickte auf seine Knie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>Er +gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie +von der Seite her zur Terrasse zurückbrachte. Virginia +war froh, als sie wieder Leute sah und niemand sie fragend +anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag des Wagens. +Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie +zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr +nicht möglich. Doch da er die Hand noch immer ausgestreckt +hielt, fand sie es am besten, ihm zu willfahren; verwirrt +und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in seine Hand, aber +er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine freche +Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als +die vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch +der Finger, deren Berührung eine Siegeshoffnung war.</p> + +<p>Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die +Welt erschien ihr schwarz und öde. Die raschen Hufschläge +der Pferde erinnerten sie an das Pochen ihres Herzens, +und sie legte beschwichtigend die Hand auf die Brust. Da +berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!« rief +sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, +wandte sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr +war zumute gewesen, als müsse sie auf der Stelle umkehren. +Doch wie, mit welchen Worten, mit welchem Gesicht +sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner +Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des +Leichtsinns, des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie +betrogen worden war. Stumm und ratlos blickte sie vor +sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den Gedanken kaum +ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> +anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter +zu fahren, und dieser gehorchte kopfschüttelnd.</p> + +<p>Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin +ins Haus zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener +löschten die Lampen aus und räumten die Tische ab. Eine +Gesellschaft von zehn oder zwölf Personen befand sich im +Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische Lieder +sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem +Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen +Leute waren durstig und fühlten sich ein wenig geistlos. +Erwin erfüllte sie mit neuem Leben; nach kurzer Zeit +hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die Schläfrigen; +ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der +drohenden Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter +Abend langweilig endet, war er langweilig,« sagte Erwin, +»wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.« Zum Schluß +wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein +etwas beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, +trieb durch ihre transzendente Plumpheit das Vergnügen +auf den Gipfel.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zwischenspiele">Zwischenspiele</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-a.jpg" alt="A"> +</div> + +<p class="drop-cap">Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel +einen Brief Erwins, der folgenden Wortlaut +hatte:</p> + +<p>»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen +der Trunkenbolde nachahme, die in der Nüchternheit +bejammern, was sie im Rausch verbrochen haben. +Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit anklagen +werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder +betrunken, noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig +genug, um die Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht +als reuiger Sünder vor Sie hin. Beschließen Sie! Richten +Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu beschönigen habe +ich nichts.</p> + +<p>Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht +leugnen. Vielleicht wäre sie zu umgehen gewesen durch +List; vielleicht durch einen Aufwand von Heroismus, +dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft erwehren, +mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden, +ist darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher +Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist, +gewiß keine angenehmere Lage schafft. Ich entstamme +einer Generation, die die Ökonomie der Leidenschaften +gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht zu verschwenden, +mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und +Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade +dann in die Kandare der praktischen Vernunft zu beißen,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> +wenn das unpraktische Gefühl unsere Bequemlichkeit und +unsern Vorteil bedroht. Es wäre bequemer und vorteilhafter +für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine Sache +hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende.</p> + +<p>Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund +vergangen zu haben. Aber mußte ich nicht die Maske +eines brüderlichen Beschützers in der Stunde von mir +werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe keinen +Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe +keine Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts +vergeben, ich habe die Ihrige nicht angetastet. Manfred +ist in meinen Augen noch gewachsen, denn ich bin ihm +eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres Herz +appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis +über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln +der Konvention verringert werden kann. Zwischen mir +und Manfred steht kein tyrannisch trennendes Entweder-Oder, +sondern die versöhnende Erkenntnis, welche Kameraden +erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal +ungleich begünstigt werden.</p> + +<p>Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia, +haben mir meine Träume ein Ideal zugeschworen, +gleichwie Kindheitsgedanken eine unerhörte Erfüllung +ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses Ideal +vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu +vergessen, wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit +ist die Ursache, daß ich mich einer Rücksicht entledigte, an +die im gewöhnlichen Verlauf der Dinge Mann gegen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> +Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch des Anrechts +auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen, +so sei es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können. +Die Zukunft wird es lehren. Aber desungeachtet gibt es +in meinem Innern ein nicht niederschmetterndes Gesetz: +Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit anzubeten ist +kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße +die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein +und nur für sich allein? Dagegen bäumt sich mein +Herz, mein Glaube, mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann +es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden, und die Qual macht +mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann +nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört +ist?</p> + +<p>Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen +Tibetreisenden von den Wundern des Dalai-Lama. Denn +ich habe gerungen um diese Schönheit, ich habe sie entdeckt, +ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich und +nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie +von fern, wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter +Verse spüren, sie sind wie Sonntagsgäste vor einer zauberhaften +Statue, und ihre Bewunderung ist so verständnislos +wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor +ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen, +begriffen in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie +mir erweckt, wurzelt in der Sehnsucht, also im edelsten +Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie rührt das +Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> +daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich +ein Lebensziel haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen +Erfüllung nicht ein finsteres Geschick zu scheitern +bestimmt hätte. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich +beuge mich. Erwin.«</p> + +<p>Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer +Schürzentasche herumgetragen, bevor sie sich überhaupt +entschlossen hatte, ihn zu öffnen. Beim Anblick der kühnen +und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie das Blatt wieder +sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den +erhobenen Arm sinken läßt.</p> + +<p>Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar +gerüstet steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte +Bahnen. Da Virginia von den Mitteln des Stils +nur eine geringe Vorstellung hatte, folgte dem ersten +Widerwillen und der eisigen Befremdung über die leidenschaftliche +Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme. +Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine +ihrer Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen +zugehört, niemals ohne Schrecken. Dieser +Schrecken trat jetzt an die Stelle des lästigen Verdrusses, +den Virginia stets empfand, wenn man ihre Schönheit +hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die +sie im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund +und Hand, ohne mehr davon zu genießen als ein flüchtiges +Wohlgefühl vorm Spiegel oder im Blick des sympathischen +Beschauers.</p> + +<p>Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder,<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> +legte ihn wieder beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des +Anrechts auf einen Freund verlustig gehen, so sei es. Da +ward ihr die unendliche Verehrung und Liebe gegenwärtig, +die Manfred an Erwin band. Sie konnte es +vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie +würde verwinden können.</p> + +<p>Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte +mich meinem Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen, +daß Manfred den Freund verlor, der ihm so +teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der Geliebten. +Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn +sie, wenn ihre Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war, +daß Erwin den Freund vergaß, so war sie doppelt zur +Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred um +den Freund zu kämpfen. Das stand fest.</p> + +<p>Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute +gewesen. Bei seinen verwegensten Worten war ihr +zumute gewesen, als ob sie sterben müßte, falls es kein +anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch ihre +nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der +Manfred drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine +eigentümliche Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen +ist, zu handeln, wird davon noch kräftiger befeuert +als ein Mann.</p> + +<p>Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen +und schrieb: »Sie kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie +mich gekannt, lieber hätten Sie sich die Zunge abgebissen, +als daß Sie davon gesprochen hätten. Nun wäre das<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> +Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das Geschehene +ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben, +die Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden. +Das liegt in meiner Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will, +dann gibt es keinen Erwin Reiner mehr für mich. Doch +Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit Schmach +bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut! +Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der +Freundschaft Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie +das Häßliche; Sie haben ja Gewalt über sich, treiben Sie +es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und meinetwillen.«</p> + +<p>So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte +kamen ihr schal vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln +über ihnen schweben. Sie sagte sich, daß es feig sei zu +schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die Perlenkette +kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung +bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr, +die sie in seinem Gemüt hervorzubringen beabsichtigte, +erschwert oder vereitelt worden. Demzufolge mußte sie +selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen, +konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens +ein paar tausend Kronen wert war, nicht noch +stundenlang im Hause behalten.</p> + +<p>Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte, +kam die Mutter und sah das Perlenhalsband auf +dem Tisch liegen. »Was ist das? woher hast du das?« +fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken darüber, +daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> +der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen? +»Erwin hat es mir geschenkt,« antwortete sie zögernd, +»ich muß es ihm aber wiedergeben.« – »Geschenkt? +Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das +Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat +er dir geschenkt? Und du willst es zurückgeben? Warum?« +Auf ihren Zügen malte sich ein förmlicher Krieg der angenehmsten +und der argwöhnischesten Gedanken.</p> + +<p>»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete +Virginia mit gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse +da, und ... ich kann es nicht behalten.«</p> + +<p>»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner.</p> + +<p>»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir +helfen. Ich hab’ einen schlechten Kopf.«</p> + +<p>»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau +mich nicht so mißtrauisch an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.«</p> + +<p>»Aber was willst du damit?«</p> + +<p>»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten. +Er ist gar zu wunderbar.«</p> + +<p>Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so +begab sich Frau Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler, +den sie seit ihrer Jugend kannte, und erkundigte +sich bei ihm nach dem Wert des Halsbandes. Um +die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu befriedigen, +erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei, +das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der +Händler prüfte, zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> +Ranges, sagte er, die seien in solcher Menge kaum erschwinglich, +aber als er den ungefähren Preis nannte, +der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen übersteigen +mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines +großen Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen +stehenbleiben konnte. Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie +mit Schwindelanfällen, und ihre Gedanken an Virginia, +an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in Bestürzung +und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie +seit Monaten lüstern gespielt.</p> + +<p>Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia +gegenüber den Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie +war verstört und konnte bei Tisch nichts essen. Schweigend +gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia war innerlich +selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter aufgefallen +wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um +zu Erwin herauszufahren. Das Halsband packte sie in +Seidenpapier und steckte es in das Ledertäschchen, das sie +trug. Ihre Bewegungen waren energisch und ihre Mienen +gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich +immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen +Angst.</p> + +<p>»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel.</p> + +<p>Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie +einen solchen Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben +Antrieb unternehmen würde. Der scharfsinnige +Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier um eine +Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte,<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> +der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde +da sein, bat die Zögernde, im Salon zu warten, rückte +einen Sessel vor die Terrasse, brachte ein paar Zeitschriften +herbei, und all das ließ sich Virginia still und ein +bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war, blickte +sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein +matter Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es +war ihr, als müsse sie sich abwenden von dem Prunk des +Gemachs, der ihr heute tot erschien wie ein Kleid im +Schaufenster eines Modengeschäfts.</p> + +<p>Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert, +und fünf Minuten später raste das Elektromobil vom +Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf. Erwin wurde von +Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der +sich verdient gemacht hat. <em class="antiqua">Avant le souper</em>, dachte Wichtel, +der eine französische Bildung genossen hatte, als er die +Erregung in den Zügen seines Herrn gewahrte.</p> + +<p>Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun +von seinen Mienen, war der Zweck eines kurzen Verweilens +in der Bibliothek. Ich habe sie richtig eingeschätzt, +dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis, aber +es ist gelungen.</p> + +<p>Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand +auf. Seine Blicke umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende +Beteuerung und musterten sogar ihren +Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug ein +dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache, +weiße, von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> +ferner einen schwarzen, großen, runden Strohhut +mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen Gesicht +sommerliche Helligkeit verlieh.</p> + +<p>Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. +Sie gingen hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte, +schloß Erwin die beiden hochgewölbten Fenster.</p> + +<p>Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort +ein nicht wieder gut zu machender Fehler werden konnte. +Er war noch nicht ganz im klaren darüber, weshalb Virginia +gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund +erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich +weit von ihr und betonte so einen Willen zur Distanz, +der ihr eine gewisse Freiheit geben sollte. Sie kämpfte +sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er lenkte sie ab, ließ +aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von seiner +Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem +ungesunden Servilismus einer Welt, die bereit gewesen, +ihm zu dienen, noch ehe er Zeit gehabt, ihre Dienste zu +bewerten. Er habe niemals erworben, er habe stets nur +besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und nicht +genossen worden.</p> + +<p>An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg +zu ihr war. Mit erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte +er es fertig, ihr alles das zu sagen, was sie ihrerseits ihm +vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias Augen glänzten. +Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an. +Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten +ihrer Stirn ihm die Richtung gewiesen, ahnte<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +sie nicht, sondern glaubte an eine ebenso glückliche wie +beglückende Bekehrung.</p> + +<p>Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete, +daß ihn das Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter +in seiner Seele. Und nicht nur dies: so wie vorher Virginias +Nähe ihn entflammt, so würde ihr Anblick jetzt genügen, +ihn vor den Flammen zu schützen, denn er habe +den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei +seiner Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige +Kälte der Verehrung, die jede Rebellion und Begierde +erstickt«, sagte er. »Und Sie haben sich nicht nur +selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es ist in mir +eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben +hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen +schweigen gegen ihn, aber das Schweigen müssen wir +aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir vertraut, eine Großmut, +die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz; ich will +Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter, +reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte, +sondern schon Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut +und nährt. Ich möchte Sie aus schädlichen Dämmerungen +reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse und Einsicht +der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen aufschließen, +als ob es Türen in meinem Haus wären, ich +möchte Ihnen die Beunruhigungen ersparen, von denen +jede eine Falle und eine Gefahr für Ihre Schönheit bedeuten +kann, ich will mich Ihnen weihen und will entsagen +und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> +Schicksals, und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor +seiner Virginia erst niederfallen, bevor er sie als eine +begrüßt, die ihm entgegengelebt hat.«</p> + +<p>Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden +Worten solche Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich +der hinreißenden Wirkung nicht einen Augenblick entziehen +konnte. Man wollte sie bilden und verschönen, +das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred in +keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr, +zu drohend alles Leben, als daß sie wie andre schöne +Frauen mit der Grazie des Leichtsinns hätte hindurchschreiten +können. Sie nahm von den herrlichen Versprechungen +auf, was sie zu fassen vermochte, und war +froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr +hatte. Sie horchte, wachte, entspannte ihren Geist, wobei +ihr freilich dieser Mann immer wunderbarer wurde +und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres +Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ.</p> + +<p>Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel +unbefangener sogar, als sie sich ihm je gezeigt. Und das +war das Meisterstück gewesen. Als ihm Virginia mit +Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband +übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen +Position sogleich zu erproben. Er wickelte das +Paket auf, ließ die Perlen fallen, bis die Kette nur noch +am Mittelfinger hing, und blickte Virginia enttäuscht an.</p> + +<p>»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von +mir genommen hätten, würden Sie sie mir gerade in<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> +dieser Stunde auch nicht vor die Füße werfen«, sagte er +mit umdunkelter Stirn.</p> + +<p>»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief.</p> + +<p>»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige +und unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal, +Virginia! Sie heiligt einen Freundschaftsbund. Lassen +Sie mich wenigstens daran glauben. Wir binden uns mit +der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen beim +ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen. +Die schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt, +werden flehend am Boden rollen, und jede bedeutet ein +verlorenes Glück.«</p> + +<p>Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr +an, daß sie sich nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete +sie schweigend, voll von einer Güte im Ausdruck, einer +leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid wachrief, dann legte +er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab.</p> + +<p>»Was hab’ ich getan!« murmelte er.</p> + +<p>»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte +Virginia endlich schwankend und in dem Drang, ihn durch +Nachgiebigkeit aufzurichten, »ich könnte sie niemals tragen.«</p> + +<p>»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie +später anders darüber denken werden.«</p> + +<p>»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie +wünschen. Die Sitte ist mächtiger als Sie und ich, und +wenn auch Manfred jetzt seine Zustimmung gibt, so weiß +er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn der Anblick +der Perlen bringen könnte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span>Erwin +verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So +behalten Sie das Geschmeide als Pfand«, schlug er vor; +»ich verpfände es gegen mein Wohlverhalten, meine Ehrerbietung, +mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe meines +Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?«</p> + +<p>Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der +überzeugenden Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen. +Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, einen Sieg errungen +zu haben, als sie sich von Erwin verabschiedete. Am selben +Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie erklärte, +was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen. +Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte +sie die Gabe im stillen hingenommen, aber in der Schilderung +war alles von Zweifeln umwölkt, und sie schuldigte +sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien ihr +die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender +Umstand. Brisbane in Australien; es war, wie wenn +man einen Brief in den Mond schickte. Bis Manfred +ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle Verwirrungen +gewiß schon zur Ordnung gediehen.</p> + +<p>Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter +zugefallenen Schatz das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias +Rückkehr hatte sie sich natürlich erkundigt, was mit +den Perlen geschehen sei, und als Virginia die Kette mit +einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, – +denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte +die alte Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> +auszuforschen, ob sie eine Ahnung von dem ungeheuern +Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares Geschenk +als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr +wider die Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie +hoffte; sie bangte; sie war erregt und schweigsam; sie behandelte +Virginia mit einer Vorsicht, die diese bedenklich +hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst sich gewöhnt +hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf +kernloser Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches +Betragen gegen Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie.</p> + +<p>Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er +kam spät nachmittags und blieb bis in die Nacht. Er war +jedenfalls mit sich einig darüber, daß er nun etwas wie +eine methodische Belagerung durchführte. Aber unterschied +er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der +Mann danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen +zu erliegen, in zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert +durch ein Lockbild von Glück und Verderben. Ihm war, +als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die Form vom +Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war; +ob er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine +tiefste Begierde. In diesem Werk, in dem alles schlecht, +wild und verbrecherisch war, schien er seine Vollendung +zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der Morbiden, +der Eroberer und der großen Instinktiven.</p> + +<p>Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen +war die zuckende Sammlung, die Menschen eigen ist, +welche auf einem vorgeschobenen Posten gefahrvolle<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> +Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes waren +markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch +packender, der Mund fester geschlossen, die Haut etwas +fahler, Schultern und Hände etwas ruhiger als sonst.</p> + +<p>Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie +zeigte sich nun in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und +Schwierigkeit. Das Pulver in den unterhöhlten Gängen +hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer Explosivstoffe +bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der +Posten umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn. +Die Nachbarn steckten die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt +kommt der Herr Kavalier schon jeden Tag«, sagten sie +und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten +Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten +eine Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter +eines Postvorstands, und was sonst noch in die Höfe und +auf die weiße Wendelstiege kam an Bedienerinnen, Waschfrauen, +Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und +was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen +pflog, das alles schnüffelte und raunte. Hätten +sie nur etwas Sicheres gewußt! Gern verzeiht der Nachbar, +wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber nichts +weiß, wird er zum Torquemada.</p> + +<p>Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn +vor Erwin zur Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den +Rat gegeben, diese Winkelzuflucht zu verlassen«, sagte +Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom Schleim +verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> +starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete +sie; »verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir +bevorsteht.« Erwin schwieg, doch auf seiner Stirn zeigten +sich die ersten Drohungen einer kommenden Alleinherrschaft.</p> + +<p>Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm« +zu stimmen. Er hatte da einen Ton von frostiger +Majestät, der eine ganze Stadt von Schwätzern und Übelrednern +zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger +majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch +über der Plebs ausdrückte.</p> + +<p>Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt, +wo auch immer Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht +der Schatten eines Makels auf sie fiel; und diese wirkliche +Welt verschmähte doch ebenso wenig den Klatsch und +Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und am +Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben. +Sie hätte die schlimme Nachrede untrüglich empfunden, +ein einziger Blick der Bezichtigung hätte sie für alle Zeit +verscheucht. Aber man wußte, daß sie Braut war; man +hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen Meeren +weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners, +und was diese poetische Kunde, was die Patronanz einer +Dame, wie es Frau von Resowsky war, nicht vermocht +hätte, brachte Virginias Gestalt und Wesen zustande, ihr +reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über ihr +schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte +sie, man umschwärmte sie, und einige Komtessen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> +eigneten sich sogar ihre Art zu lächeln an oder +beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die +kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna +Schörk nachahmten.</p> + +<p>An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia +zu befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft +sein Blick auf ihr ruhte, prüfend oder träumend, +zuckte sie zusammen, als ob man sie angetastet hätte. Mit +Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm fesseln +ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt +war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt +zu haben. Er bat demütig um Verzeihung, +doch heimlich beglückten ihn ihre Vorwürfe, die halb +neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch verrieten. +Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir +vielleicht zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu +mühelos erscheinen; es geht mir wie einem, der beständig +durch Pauspapier zeichnet. Sie gab ihm das zu verstehen, +aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum, der +mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit +vielen Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die +gewußte Last.«</p> + +<p>Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung +bieten wollte, führte er sie an einem historischen +Tag, an dem dreimalhunderttausend Arbeiter vor dem +Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden +hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte, +der geordneten Kolonnen, die von unten her kamen, von<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> +dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult. Erwin lenkte +den Blick seiner Begleiterin auf einzelne Gesichter. Er +wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre +Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen. +Während er sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges +Weib in epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin +sprang hinzu, hielt die Arme der Schreienden fest und trieb +müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus den Kolonnen +schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten +sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin +wieder an Virginias Seite war, sagte er: »Es war eine +Prostituierte.«</p> + +<p>»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise.</p> + +<p>»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte +er mit verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie +verdorrte Wurzeln und Augen wie entsäftete Früchte. Es +ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht, ein Leib, +der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost +gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht +spüren? Meine Ohren sind voll davon, und mich verlangt +nach Freude, damit ich vergessen kann.«</p> + +<p>Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er +stehen, schaute das junge Mädchen groß und tief an und +sagte mit Inbrunst: »Ihr Glücklichen! Glückliche Virginia!«</p> + +<p>Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich; +bis zu diesem Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich +gefunden. Aber daß er es war, der ihr das Glück zuschrieb,<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> +schien ihr keine Vermehrung des Glückes zu sein. Klang +es nicht, als wolle er seinen Anteil daran haben, als sei +er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die +empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen +und wurde um Dank immer verlegener.</p> + +<p>Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals +zum Ausruhen gelangen. Seine heimlichen Gedanken +zu durchschauen, wenn er spottete, oder wenn +er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein +quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt, +daß er mit keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die +sie häßlich und verräterisch nannte, glaubte sie ihn durch +Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft belohnen zu +müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte +hatten oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich +zu ergründen suchte.</p> + +<p>Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum +Haus gehört und vieles von der Stimmung des Hauses +bringt und nimmt. Er würde es nie werden. Er war +der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt, +der befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert, +indem er sich gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer +Festlichkeit; seine Gegenwart erweckte Neugierde, und er +verabschiedete sich, wenn die Erwartung ihren Höhepunkt +erreicht hatte.</p> + +<p>Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen +auf einmal so seltsam wurden! Man wähnte, Blumen +noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie in seinem<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> +Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu +einem Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder +die Wünsche gewisser Stunden ausdrückte, einsamer +Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden, tatkräftiger +Stunden.</p> + +<p>Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn, +der in seiner Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt +freudiger. Er lehrte sie die Blumen kennen; nicht nur +dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht so +groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen, +dem Charakter nach. Er erkannte die Blumen am Geruch +mit geschlossenen Augen; er sprach von ihren geistigen und +sinnlichen Neigungen. Einige Blumen erweckten die Sinnlichkeit +der Menschen, andere töteten sie, wie z. B. die +Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht, +bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und +deutete das Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom +befruchtenden Wind und vom samentragenden Insekt.</p> + +<p>Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er +es war. Es wäre interessant und lehrreich gewesen, aber +nicht so eigen. Ohne Zweifel wußte er, daß das Liebesleben +der Pflanzen zu den geheimnisvoll aufschürenden +Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend, +daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen +werden muß.</p> + +<p>Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen +empor. Virginia erinnerte sich nicht, solche Worte +je vernommen zu haben. Es geschah einmal, daß sie aufstand,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> +als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein Nebel +schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger +Sekunden der Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl, +beleidigt worden zu sein. In ihren Zügen erwachte +eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war, ärgerte +sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen +wie ein Spuk.</p> + +<p>Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen. +Frau Geßner schlief gewöhnlich nach einer Viertelstunde +ein. Virginia lauschte gern seiner wohltönenden Stimme. +Er las Dante und Shelley in bedeutenden Bruchstücken; +er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa +von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien. +Im glättenden Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne +vorsichtig an die Gesetze der Lebenskunst und der Persönlichkeit.</p> + +<p>Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios +schimmernden Geschichten. Da Virginia leidlich gut +italienisch verstand – die bucklige Großtante, die am +großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet +–, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms +schwelgerisch feiernd. Der Titel, den er vorstellte, hieß: +Die Freude. Triumph über die Materie war das Motto; +oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar zu bedenkliche +Stellen milderte er geschickt, und die bunten +Figuren tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig +verblaßt war, durch das aber wundersame Irrlichter +huschten, die in den Träumen junger Mädchen nicht viel<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> +anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge.</p> + +<p>Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt +mit einer fast gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich +sie zurück. Doch er hatte dann einen herrischen Ernst, der +die Abwehr als beschränkt erscheinen ließ. <em class="gesperrt">Ihre</em> unschuldige +Sachlichkeit hingegen reizte ihn bisweilen zur Frivolität, +ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich.</p> + +<p>Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd +in der Sofaecke, und Erwin und Virginia bei der +Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz voll Frage und +Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam, +überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel +der Sinnlichkeit durch die Zeiten, von der edlen Kultur +der Sinnlichkeit, von der Hingabe, von der Großmut, die +in freier Hingabe liegt. Er hatte viele Wege offen und +verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie +ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine +Scham erwachte, sie senkte die Augen vor seinem Blick, +er bekämpfte den fernen Aufruhr der Scham und schürte +dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz verborgene +Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung +für sie, moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte +gegen gewisse Freiheiten der Rede und der Schilderung +kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre Brust war +von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so +ungeheuer fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele +niemals erkennen konnte. Ungenau spürte sie das Rechte, +war lustvoll und verwirrt, schweigsam und gern getäuscht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>Aber +vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen, +daß er, was wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft +machte. Sie sah sich nach Hilfsmitteln um, wenn er sie +in die Enge trieb. Sie konnte nicht zurückweichen, dann +wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig gehalten zu +werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und Bestimmtheit +ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie +viele Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern +würde, daß von Überlistung keine Rede mehr sein +könne. Da verdoppelte sich seine Kraft und sein Schwung, +und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand unausweichlicher +die magnetische Gewalt seiner Gegenwart.</p> + +<p>Er wünschte aus ihr etwas wie eine <em class="antiqua">grande dame</em> zu +machen. Er behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte +den Ausdruck <em class="antiqua">grande dame</em> und bezeichnete ihn +als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus, wurde aber +stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik +herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme +ohne jede Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich, +doch müsse sie den Kopf nicht allzu lässig tragen, +meinte er, dadurch beeinträchtige sie die vollkommene +Linie des Halses und der Büste, verberge sie das liebliche +Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet +seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie +förmlich mit Händen anrührten, erschrak Virginia, und +daß sie ihr nicht die Unbefangenheit raubten, war ein +Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche Eitelkeit +fremd war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>Er +entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders +prächtiges und kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich +Liebenbergschen Park bestimmt war. Er wählte ihre +Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der Blusen, den Schnitt +der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit immer bedrückterem +Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem +entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er +brachte ihr die auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn +sie in seinem Beisein daran roch, kam es über sie wie ein +matter, aber gefährlicher Rausch. Endlich überredete er +sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin in +Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen +fünfhundert Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch +den Dilettantinnen von Bedeutung, die nur nach außen +wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem von großer Wichtigkeit +für eine Frau, die es versteht, einer leblosen Minute +durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.«</p> + +<p>Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und +ließ ihn in die Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte, +das Instrument sei sein Eigentum und bleibe es. Dagegen +ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als Frau +Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik +hören zu können.</p> + +<p>Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag +seine letzten Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe +stille lagen und über ihre Mauerngevierte der Mond heraufstieg +oder die Sterne dunstumschleiert sich entzündeten, +setzte er sich an den Flügel und spielte. Es waren Fantasien.<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> +Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild, melancholisch, +voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt +in klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen. +Da er immer weniger von sich selber sprach, +nahm er seine Zuflucht zur Sprache der Musik, die von +seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung, +von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne, +seufzte und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn +er so saß, den Kopf emporgewandt, war etwas edel Vertieftes +an ihm, und sein schlanker Körper ruhte ebenmäßig +in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen. +Dann erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn +war gerunzelt, sie ärgerte sich über die Mutter, die oft +Tränen in den Augen hatte, aber ihr Bestreben, sich der +eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward desungeachtet +offenbar.</p> + +<p>»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und +schlug den Deckel des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen; +Teufelszeug ist es. Sie müssen unter die Menschen, +vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen Sie +werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er +erzählte eine lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse, +und plötzlich war sein Gedächtnis angefüllt mit +pikanten Histörchen, heiteren Schwänken und den Alkovengeheimnissen +aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen +Stadt.</p> + +<p>Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf, +war es, als ob ihre Anwesenheit allein genüge, ihn zum<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> +Mittelpunkt zu machen. Und wenn er den Vornehmsten, +den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja oft sarkastisches +Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er +stets den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie +in den Augen aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung, +ließ ihr jeden Argwohn als Undank erscheinen, und allmählich +empfand sie seine Hilfe, seine Führung als etwas +Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine +Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche +Weise, und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender +Klatsch ihr zu Ohren gelangte.</p> + +<p>Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit +Wochen nicht gesehen hatte und die gerade Anstalten traf, +für den Sommer nach Tirol zu reisen. Marianne lenkte +alsbald, wie es in ihrer Absicht lag, das Gespräch auf +Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht +glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber +da Virginias Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme +nicht verließen, erging sie sich in grober Deutlichkeit +und sagte, es würde sie wundern, wenn die Geschichte +nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein schlechtes +Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie hinzu, +»mit Männern und mit Weibern.«</p> + +<p>»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia +erstaunt.</p> + +<p>»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer. +Ich, die einzige, die ihn kennt.«</p> + +<p>»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>Marianne +lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes +Buch. Mag sein, aber wer eine Seite in diesem Buch +liest, hat keine Ahnung davon, was auf allen andern Seiten +steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie nach einer +kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem +ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen +Begriff von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles +nur eine Frage des Widerstands. Sie machen Epoche +in seinem Leben, so wie ein Fasttag im Leben eines +Fressers Epoche macht.«</p> + +<p>Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne +sie zu verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes +an, der geschwungene Mund dehnte sich, sie +fühlte ihre Pulse rascher schlagen. Marianne bot ihr die +Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht weil es +sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war. +Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche +Empfindung; ihr war, als beginne sie Erwin zu +hassen. Sie kannte noch nicht den Haß, sie sträubte sich +gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen.</p> + +<p>Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner +ab, um mit ihnen in die Oper zu fahren. Es war sehr +heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau Geßner Kopfschmerz +und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der +Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und +Dunst zitternden Raum, da sah sie zwei Augen strahlend +und mit fast verschlingendem Ausdruck ununterbrochen +auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen, die mit<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> +einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß. +Erwin stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach +kurzer Weile erblickte ihn Virginia neben Helene. Er +unterhielt sich sehr angelegentlich mit ihr, und sein Gesicht +hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten Ausdruck. +Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen, +neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet, +aber ihre Augen strahlten dann und wann mit demselben +verschlingenden Glanz zu Virginia hinüber, die ein solches +Unbehagen verspürte, daß es sie die größte Überwindung +kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte, +daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren, +die sich dann in die Richtung wandten, wo Erwin sich mit +jener Frau befand.</p> + +<p>Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und +sagte kurz: »Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du +willst fort? Warum denn?« fragte Frau Geßner, erschrocken +über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber diese +hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb +die Mutter, welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia +in solchen Momenten durch Frage und Widerpart +zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein Gespräch +fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen +Wechsels seiner Stimmung nicht versehen hatte, war +einer Ohnmacht nahe. Aber als sie die andere nicht +mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles, auch Erwins bestrickendes +Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten +einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +sie nicht, obwohl es furchtbar in ihr zu tagen anfing.</p> + +<p>Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit +ihrer Mutter das Theater verlassen hatte, schmunzelte er. +Nachdem der Vorhang aufgegangen war, schlüpfte er in +seinen Mantel, setzte den Zylinder auf, schob den Stock +unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend und leise +vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große Freitreppe +des Opernhauses hinab.</p> + +<p>Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen +Bahn, so fuhr es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes +willen, was hab’ ich da getan! Wie es bei phantasievollen +Menschen zu gehen pflegt, wenn der Impuls zu einer +falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles Mögliche +geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen. +Aber es gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings +einem ebenso falschem Impuls gehorchte, ich werde +sagen, daß ich die Mutter zum Wagen begleitet hätte; er +wird es sonderbar finden, aber er wird nichts merken. +»Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht, +frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte +und verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu +Haus werd’ ich dir alles erklären.« Und bei der nächsten +Haltestelle verließ sie den Wagen.</p> + +<p>Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum +habe ich es getan? grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens. +Und sie spürte genau, als ob eine Wunde in ihr +sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs.</p> + +<p>Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> +einer Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn +auf der Straße zu treffen, blieb sie unwillkürlich stehen. +Erwin wandte sich um. »Virginia!« rief er freudig. Dann +schüttelte er verwundert den Kopf. »Ich wußte, daß Sie +zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte ihr mit +langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte +Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten.</p> + +<p>Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte +Erklärung kam ihr langweilig und albern vor. Mechanisch +steckte sie ihre Nase in die Blumen. »Bitte, begleiten Sie +mich zu einem Einspänner«, sagte sie gepreßt. – »Wollen +Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie verneinte. +»Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen +zu verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend +fort. Virginia atmete auf. Sie nickte. »Ich habe +jetzt die Lust verloren«, antwortete sie; »auch ist es zu +schwül im Theater.«</p> + +<p>Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem +Kutscher die Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden. +Daß er Virginia zu dieser Stunde allein fahren +ließ, war fast eine Genialität. Er konnte sich eines Lächelns +nicht enthalten, als sie ihm mit froher Bewegung die Hand +reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu knacken«, +murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich +rasch entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen, +und seine Stimmung verfinsterte sich.</p> + +<p>Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete +die Rosen. Sie empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> +plötzlich und warf die Blumen auf die Straße. +Als sie vor dem Hause stand und läutete, kam eben die +Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie +beide lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«, +sagte Virginia verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag +nicht.« Und Frau Geßner fragte nicht, sie seufzte bloß.</p> + +<p>Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten +Schlafrock an und ging eine Weile im Zimmer hin und her. +Dann holte sie Schreibmappe und Tintenfaß, setzte sich +an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer Hand wie +sonst, einen Brief an Manfred.</p> + +<p>»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit +bist, so nah bist du heut meinen Gedanken. Ich +könnte beten, daß die Zeit schneller läuft. Ich war nie so +ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die Stadt +hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald +und Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche +nach Edlitz fahren, wo es uns auch vor zwei Jahren so +gut gefallen hat. Wir werden wieder dasselbe kleine +Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten, +wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von +den vielen Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut, +auf dem Moos zu liegen und zu denken, an dich zu denken! +Ich möchte so lang wie möglich dort bleiben, und wenn +wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben +angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin +Liebenberg, da geh’ ich noch hin, weil ich’s versprochen +habe, aber dann ist Schluß mit allen Gesellschaften und<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> +Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn jede Woche +ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend +über die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar +darüber zu sein, womit man ein solches Übergreifen vor +sich und andern rechtfertigen soll. Ich bin fest entschlossen, +dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins Redlichkeit +nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in +der Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu +viele Pflichten, zu viele Bedenken erwachsen mir daraus, +zu viel unreines Gefühl, das man dann wieder betäuben +muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit beschränken. +Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles +mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich +glaube, auch dir wird es im Grunde lieber sein, wenn +du deinem Freund nicht auf eine Weise verpflichtet bist, +die mir drückend erscheint. Erwin wird das einsehen; er +hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute +klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken, +wenn sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst +kann ich nicht klagen ...«</p> + +<p>Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte +sie sich. Nein, sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene +überlas, war es ihr, als ob in all ihren Worten +eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte sie schreiben +müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du +kannst! Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie +saß noch lange, den Kopf in die Hand gestützt, und bisweilen +flog es wie Fieber durch ihren Körper.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Ein_anderes_Gesicht">Ein anderes Gesicht</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-a.jpg" alt="A"> +</div> + +<p class="drop-cap">Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn +Virginia erwartete. Das Fest sollte um fünf Uhr +beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß vor +dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt +Erwin in der Küche auf. »Machen Sie keine Umstände, +Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und schob die ängstliche +Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann jede Dame +empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit, +und ich muß Virginia zur Eile treiben.«</p> + +<p>Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend +die Tür geöffnet hatte. Virginia, das Haupt in ihrem +weißen Mantel gegen ihn kehrend, sah ihn erschrocken an. +Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine gute Wendung. +Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht +in ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten +waren, die selbst vor Manfred, obwohl er einmal herzlich +darum gebeten, nie die Haare gelöst, wollte die unerwünschte +Gegenwart des Eindringlings nicht willig hinnehmen. +Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer +zu gehen.</p> + +<p>Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen, +sie davon abzuhalten. Er drehte sein Unterfangen ins +Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde und streckte flehend +die Arme aus, und was er sagte, war so witzig und voll +Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch +Frau Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> +anderthalb Stunden plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal +hab’ ich ihr angeboten, eine Friseurin zu holen, aber +das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden Hände an +mir vertragen«, gab Virginia nervös zu.</p> + +<p>Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn +Sie zehn Minuten stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er, +»werd’ ich Sie aus der Verlegenheit befreien, und Sie +werden eine mustergültige und stilgemäße Haartracht +haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr, +als ich leisten kann.«</p> + +<p>Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig. +Sie fürchtete, blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte. +»Können Sie denn das? Wieso denn?« erkundigte sie +sich verwundert. Er zuckte die Achseln. »Nie ist mir das +Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und schüttelte +den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern +zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte +sie lächelnd hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s +fertigbringen, probieren Sie es meinetwegen.« Und befangen +nahm sie Platz.</p> + +<p>Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen +zu, als Erwin ans Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet, +und da er die Arbeit still, flink und mit großer Behutsamkeit +verrichtete, gewann Virginia ihre Ruhe wieder, und +sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit gelangt +sein mochte.</p> + +<p>Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht +die prickelnde Lust seiner Finger; von den seidenweichen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> +Haaren sprangen elektrische Funken auf seine Haut, die +ihm die sinnliche Täuschung erweckten, als stehe er unbekleidet +unter einem lauen, rieselnden Wasserfall. Verriet +nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte +Vehemenz seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte, +die Entzündung seines Gehirns und seines Willens, +die unheimliche, in allen Poren wühlende Sucht seiner +verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen +Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung, +die jünglinghafte Spannung des Gesichts ein edles Ansehen, +und Virginia, die ihn so im Spiegel gewahrte, +dankte ihm durch einen ruhigen Blick.</p> + +<p>Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks, +und eine Stunde später setzte sich der Zug der historischen +Gruppen in Bewegung. Man sah Pagen und Ritter, +Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner, Ratsherren +und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen +Sanftmut verbürgt war, erinnerte sich vor den Augen +der vielen Zuschauer gleichwohl an tänzerische Anfechtungen +seiner Jugendzeit, und als die Reiterin den Zügel +riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch +ihre unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich +aus, als zähme ein kühnes Burgfräulein den stolzen +Araberhengst. »Famos«, murmelten die jungen Aristokraten. +Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias +birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen +Sammetkleid nach Art einer Edeldame des sechzehnten +Jahrhunderts und dem Hut mit den funkelnd weißen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> +Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen einer +Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin.</p> + +<p>Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von +solchem Erfolg nicht ein wenig trunken werden sollen? +Als sie noch bei der Mutter gelebt, unwissend; als nur +Manfred allein, aus der unbekannten Welt sich lösend, +vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von +alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der +dunkelblaue Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren, +oben werden sie erfüllt.</p> + +<p>Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt. +Es war kein steifes Wesen; die freie Mischung +der Gesellschaft kam einer reizenden Zwanglosigkeit zustatten. +Virginia saß in einem Zirkel junger Herren und +Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil +nahm. Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging +ihr entgegen. Erwin erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig +vor sich hin, plötzlich tauchte Fritz Kynast vor ihm +auf. »Haben Sie meine Schwester nicht gesehen, Erwin?« +fragte er.</p> + +<p>»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht, +daß Frau Zurmühlen hier ist«, versetzte Erwin kalt.</p> + +<p>»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte +der junge Mann in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie +wissen ja, ich habe mich der Pflicht unterzogen, sie bisweilen +dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind alle ein wenig besorgt +um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den Herbst nach +Rimini ins Seebad schicken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>»Ah, +nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut +und gleichgültig.</p> + +<p>»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu +gehen?« fragte der andere mit mühsamer Freundlichkeit +und einem Zug in den Mundwinkeln, der Drohungen zu +enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas davon +verlauten lassen.«</p> + +<p>»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst +davon abgekommen.«</p> + +<p>»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen +bei den Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt. +Erst gestern hab’ ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der +Erwin nach Rimini geht, unmöglich.«</p> + +<p>Die beiden Männer sahen einander schweigend an. +Fritz Kynast lächelte, Erwin erwiderte das Lächeln nicht. +Er nickte jenem zu und entfernte sich. Er gewahrte, daß +die Fürstin von Virginia weggegangen war, und schritt +Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten +dann zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen +hatte, befanden sie sich in einer ziemlich einsamen Partie +des Gartens. Es war ihr unbequem, aber sie fand keinen +Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren. Auch +hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab.</p> + +<p>»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.«</p> + +<p>Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig +klang, verstärkte den wunderlichen Trotz. Indem sie auf +die Erde blickte, hatte sie das Gefühl, als habe sie ganz +vergessen, wie Erwin aussah.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span>»Und +Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts +antwortete, fuhr er fort, und seine Worte erschreckten sie, +weil sie aus ihnen abermals seine schier unbegreifliche +Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen und Absichten +erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach +einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu +Ihren Füßen gelegen, und Sie denken an den Frieden +eines Bauerndorfs. Sie wollen die Welt, die sich zu +Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen. Das würde +sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht +zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.«</p> + +<p>Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt. +In dem grünlichen Wasser schwammen Goldfische. +Ringsum standen schöne, alte Bäume. Von fernher +tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit +niedergesenkten Augen.</p> + +<p>»Was? was ist lächerlich?«</p> + +<p>»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein +Spion. Ich fürchte mich beinah vor mir selbst. Bin ich +denn durchsichtig?«</p> + +<p>»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie +anzublicken, »ich weiß Besseres.«</p> + +<p>Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen +See hinein, und in den See eine Insel, und auf die Insel +ein Schloß, und um das Schloß einen Palmenhain und +Lorbeergärten, und an den Molo ein bewimpeltes Boot, +und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene +Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> +und Gesang und Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe +die großen Städte der Lombardei, und in Stundennähe +die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht +der Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer.</p> + +<p>Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er? +war es Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß? +wollte hinfahren? jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit +der Mutter im Schlosse hausen? und er würde am Seegestade +hausen, allein in einer Fischerhütte?</p> + +<p>Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich +dann mit übergeschlagenen Beinen auf den Rand des +Bassins. Ihr Gesicht hatte einen trocknen und ungeduldigen +Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und blickte auf +ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die +weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so +nah, daß er sich nur wenig hätte neigen müssen, um seine +Lippen darauf zu drücken. Er spürte die Wärme ihres +Leibes und vernahm das leise Knistern des Gewands. Er +sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand +den Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten +Körpers selbst. Und ihm war, als könne es von jetzt an +nicht mehr anders sein; immer würde er die weiße Schulter +sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche Wölbung +ihres Busens.</p> + +<p>»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und +eintönig; »schon seh’ ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet. +Virginia wird heiraten. Virginia wird mit dem +Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen anknüpfen,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> +Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll +und Haben führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei, +drei ...«</p> + +<p>Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar +mutig in den seinen und sagte befehlend: +»Genug.«</p> + +<p>Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann. +»Genug?« fragte er mit einem von Schmerz zusammengezogenen +Gesicht. »Was für ein Wort: genug! Ein Wort +für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist +ein Sargdeckel.«</p> + +<p>»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte +Virginia plötzlich sanft und beängstigt. Und mit tiefer +Entschiedenheit fügte sie hinzu: »Für mich wäre es sonst +wirklich genug.«</p> + +<p>Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen.</p> + +<p>»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia +und schritt voran. Erwin konnte seiner Erregung nicht +anders Herr werden, als indem er eine Zigarette anzündete; +mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch in +die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine +Stunde kommen? dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo +dieser Engel aus seinem Himmel herunter in meine Arme +stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem Kampf +ohne Gnade.</p> + +<p>Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine +Frauengestalt auf einen Weg zwischen den beschnittenen +Hecken und schaute mit verstörten Augen auf den vollen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +gelben Mond, der durch die Säulchen einer über dem +Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann +schlug sie die Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen.</p> + +<p>»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin; +»es ist, als könnte man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.«</p> + +<p>»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug, +Mond, genug«, erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas +in seiner Stimme, was Virginia einen Schauer über die +Haut jagte. In wenigen Tagen hört das alles auf, tröstete +sie sich.</p> + +<p>»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu +beklagen«, begann Erwin wieder. »Wir müssen etwas für +ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild schicken. Ich werde +Sie photographieren, so wie Sie hier sind.«</p> + +<p>»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert; +»aber wo und wann?«</p> + +<p>»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den +Wagen. Morgen geht es nicht, abends hab’ ich ein kleines +Herrendiner, nachmittags will ich zu Ulrich Zimmermann; +ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre, daß er +krank ist.«</p> + +<p>»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn +er Sie sieht, wird er sicher gesund. Vielleicht sind Sie +sogar schuld an seiner Krankheit. Sie haben ihn schlecht +behandelt und zu schwer gestraft für eine Unbesonnenheit.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span>»Wenn +Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude +macht, gern. Warum haben Sie denn neulich so fremd +von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr ein, bei +welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie +haben getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und +ich habe mich darüber geärgert.« – »Ich liebe es nicht, +meine Beziehungen zu plakatieren.« – »Man kann also +jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man verleugnet +nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen +sind, sind Feinde, Erwin.«</p> + +<p>Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie +mit diesen Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise, +selbst eine Grenze zöge. Virginia begegnete seinem Blick, +und auf einmal wurde sie dunkelrot. Das Spiel wird +ernst, dachte Erwin.</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten +Stock eines alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden +Hauses. Man mußte zuerst den Hof durchschreiten +und dann eine Holzgalerie erklimmen, die in das Zimmer +des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber etwas +armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche +Sauberkeit auszeichnete. An den Wänden hingen ein +paar Originalskizzen von mittelmäßigen Malern und eine +große Photographie der Rembrandtschen Nachtwache.</p> + +<p>Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem +braunen Flanelltuch bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> +Gesicht las er einen Brief, den er soeben von +seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche hatte er +dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt, +deren Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht +worden war. Doktor Zimmermann bedankte sich für +das Büchlein und schrieb weiterhin:</p> + +<p>»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn +auch deine Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte +fallen, ein Fehler, der auf einem Mangel an innerer +Einfachheit beruht, so erkenne ich dir doch alle Begabung +für den selbsterwählten Beruf zu, die mein früheres Mißtrauen +und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht vorhanden +erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst, +ich sähe dich mit Genugtuung und großer Erwartung +auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen. Nicht zu gedenken +der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der Mißkennung, +der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen +du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du +reichlich genossen hast, gebricht es dir auch nach meiner +festen Überzeugung an einer Eigenschaft, ohne die ein +wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt dir an Gemeinsinn; +ich will es besser soziale Gebundenheit nennen; +es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention, +auf der alles Tüchtige und Außerordentliche der +Kunst wie der sichtbaren Welt ruht, als auf einer Basis +von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine Zeitgenossen +werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem +Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> +durchhöhltem Grund oder hängen gänzlich in der Luft, +haben keine Herkunft, keinen Stammbaum und keine +höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten Bewußtsein +können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst +sich nicht zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu +frühem Tod, was auf dem Markt Unsterblichkeit prätendiert. +Deine Sorge wegen meiner Gesundheit ist, ich hoffe +es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut +ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten +Onkel Wilhelm Zimmermann.«</p> + +<p>Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren, +daß Doktor Zimmermann mit den Anfängen eines +tückischen und höchst gefährlichen Leidens kämpfe, daß er +sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu Rate zu ziehen, +und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten +mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens +aus der Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem +Winkel sitze. Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der +joviale, lebhafte, sprühende Mann, der scharfe Geist und +schlagfertige Dialektiker in der Melancholie gleichender +Todesfurcht, nichts konnte trauriger für Ulrichs Ohren +klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen.</p> + +<p>Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt +des Briefes überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe, +die Türe wurde nach raschem Pochen geöffnet, und Erwin +steckte den Kopf in die Spalte. »Kann man herein?« – +»Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand da.« – +»Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf.<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> +Das war das Unerwartetste. Schon stand Virginia auf +der Schwelle, dann trat sie ins Zimmer und reichte Ulrich +die Hand.</p> + +<p>Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern, +was ihm den Sinn beschwerte. Er reichte Erwin +den Brief seines Onkels. »Mir ist, als seien Sie anders +geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu Virginia, +indes Erwin ans Fenster ging und las.</p> + +<p>Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände, +die auf dem Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie +aufschlug, fand sie, von Ulrichs Hand geschrieben, ihren +eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt. »Soll das mir gehören?« +fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und +antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt +aber ein Bild dabei. Soll das auch mir gehören?« – +»Wenn Sie’s annehmen wollen, ja. Ein alter Stich, aus +dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern und +hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.«</p> + +<p>Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem +der Sensenmann grinsend und lüstern emportaucht. Darunter +stand: die Braut. Gedankenvoll schaute Virginia +darauf nieder: sie ließ den linken Arm sinken, und der +Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort +von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich +galant danach und schaute dann über Virginias Schulter +auf das Bildchen. Unter seinen schöngeschwungenen Wimpern +hervor schoß ein messender Blitz auf Ulrich Zimmermann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span>»Was +halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich +Ulrich betreten.</p> + +<p>»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen +Sie: die Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und +wenn sie ins Freie gehn, laufen sie über die Straße ins +Wirtshaus. Wir wissen es ja längst: das schlechte Gewissen +macht Moralisten, und der untätige Geist gebiert Kritik.«</p> + +<p>Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur +Virginia. Er sah nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung +von ihr, die sich in der Luft bewegte. Nein, sprach es plötzlich +in ihm, es ist nicht, es ist nicht! Der Kranz auf dieser +Stirne kann nicht lügen.</p> + +<p>Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die +beiden fortgegangen waren; wo bin ich? wo lebe ich? +lebe ich in meinem Bezirk? treu der angeborenen Kraft? +Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige Zeugnisse +entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn +das Heute eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller +Durst nach Ehre, wohin? alle Pläne, wohin? alle Träume +von Unsterblichkeit, wohin?</p> + + + +<p class="small-drop-cap">»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte +Frau Geßner Virginia zu, als diese nach Hause kam. +Virginia trat ins Zimmer und sah Helene Zurmühlen +vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung lag, +verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das +freundliche Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span>Warum +war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung +angetrieben. Eine Reihe von schlaflosen Nächten +vermag die Beweggründe eines Entschlusses zu verdunkeln. +Sie wollte sich nicht eingestehen, daß das Verhängnis unabwendbar +gewesen sei und besiegelt vom Anfang an her. +Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah +sich des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in +dem sie sich für gefeit gehalten gegen alle Drohungen des +Schicksals. Und es war so plötzlich gekommen, ohne Aussprache, +ohne Vorbereitung, wie wenn am Abend eines +Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von +ihr abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie +an, dorthin zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte +diejenige sehen und spüren, die von der Sonne beschienen +war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre Natur war so beschaffen, +daß sie sich in einen künstlichen Edelmut wohl +hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand +aber keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war, +vor die glückliche Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht +danach aussah, als ob es ihr um die feierliche Gebärde des +Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem erkünstelten Edelmut +dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn glücklich +macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich +empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren +Kummer zu vergessen, wenn sie Virginia versicherte, wie +sie es Erwin versichern wollte: ich entsage. Der Gedanke, +daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren Platz einnehme, +tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens ein.<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> +Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend +und hilflos.</p> + +<p>Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre +Hände gefaßt. »Ich begreife alles,« sagte sie, »ich begreife +ihn und Sie. Seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie derart +überfalle, ich weiß, daß ein solcher Schritt ungewöhnlich +ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist das +einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt +in mir ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich +aufrecht halten, wenn ich auch wie ein Lahmer bin, dem +die Krücke weggenommen worden ist. Sie bedürfen keiner +Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter sein, +mit Ihnen froh zu werden als mit mir.«</p> + +<p>Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer +und nahmen plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn +sie schien erst jetzt der Einfachheit des Raumes inne zu +werden.</p> + +<p>Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war +bestürzt und aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen, +gnädige Frau, wovon Sie eigentlich sprechen?« fragte sie +höflich.</p> + +<p>Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des +Hasses aus Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum +heuchelt sie, fuhr es ihr durch den Sinn. Doch faßte sie sich +schnell, und mit ihrem gütigen, müden und opferwilligen +Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß Sie sich +nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn, +und was haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +Ehre, Herz, Leben, Zukunft, Kind und Mann, +alles ihm, alles zertreten für ihn, und mit Freude, das +dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden, +zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein, +das ist zu viel, vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren. +Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht zu seinem +Schatten werden.«</p> + +<p>Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog +ihr Gesicht. Sie war keines Wortes fähig.</p> + +<p>»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,« +fuhr Helene mit schmerzlich verzogenem Gesicht fort und +in einem Ton von Hoffnung, als ob Virginia durch diese +Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche an Erwin +aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht, +er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und +ihre Lippen zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende +ihrer Situation zu spüren. Außerdem erschrak +sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen Mädchens +gewahrte.</p> + +<p>»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige +Frau,« sagte Virginia leise und mit den Zeichen heftigen +Widerwillens, »es scheint Ihnen nicht bekannt zu sein, +daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam gegenwärtig +auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht +verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein +Einverständnis zwischen mir und Herrn Doktor Reiner +annehmen, so ist das Ihre Sache, nur muß ich Sie bitten, +mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span>Nach +diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung +etwas Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame +Verwandlung in Helenes Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer +Zorn, die herrische Abwehr mit dem Hinweis +auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge +in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich +des Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst +schon verspielt, daß ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit +besessen hatte.</p> + +<p>Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken, +den Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt. +So hätte ich geschaffen werden sollen, dachte sie mit einem +müden Blick auf Virginia, so stark, so frei, so stolz.</p> + +<p>Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung. +Virginia antwortete nichts. Helene lispelte einen Gruß. +Eine Gebärde verriet die schüchterne Absicht, Virginia die +Hand zu reichen. Virginia geleitete sie stumm hinaus. +Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft +worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel +einer unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte.</p> + +<p>Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer +Unbekannten nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten +erkundigt hätte. Sie ging durch viele Straßen, und ganz +ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte nicht einmal den +Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen, +keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser +nachdenken zu können. Wenn diese Virginia nicht seine +Geliebte ist, dachte sie, dann ist ja für mich noch nichts<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> +verloren; am Ende ist alles nur eine Einbildung von mir. +Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin zu sehen +und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit +dem ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und +von Beredsamkeit, den starken, einschmeichelnden und besonderen +Worten, die seine Züge so bewegt und so vertraut +machten.</p> + +<p>Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend; +sie trat in ein Geschäft und telephonierte nach Hause, um +zu erfahren, ob das Kind schlafe. Ihr Mann war für +einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen. Gegen halb +neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit +neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie +im Stiche ließen, richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung +mit Erwin. Sie gehörte zu den Menschen, +die sich leicht der Täuschung hingeben, durch Reden, Erklärungen +und Auseinandersetzungen könne der Lauf der +Geschehnisse gehemmt oder verändert werden.</p> + +<p>»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner +dringend sprechen«, sagte sie mit ihrer sanften Stimme +zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch, zauderte einen +Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach +einer Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück +und sagte: »Der gnädige Herr bedauert unendlich, er kann +nicht abkommen und bittet, ihn zu entschuldigen.«</p> + +<p>Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt, +daß ich es bin?« fragte sie matt und geringschätzig. – +»Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich. Die ungeheure<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> +Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden +Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer +Ohnmacht. Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus +dem Zimmer schallen, und auf einmal kam es über sie +wie ein Rausch, wie eine Raserei der Verzweiflung, die +nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und Rücksicht. +Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine +geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin +mit drei jungen Männern am Tische aß. Erwin befand +sich der Tür gegenüber. Er stellte das Weinglas, das er +in der Hand hielt, neben seinen Teller und erhob sich. +Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte, verzog +sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen. +Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die +Gäste blickten erstaunt auf die junge Frau. Erwin gewann +sogleich seine Fassung; er ging Helene entgegen und sagte +höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es, gnädige +Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen? +Darf ich bitten, mir zu folgen?«</p> + +<p>Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür +gegen den linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die +mit halbgeschlossenen Augen mechanisch schritt, vorausgehen. +Dann übernahm er die Führung und machte erst +in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war +es finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür.</p> + +<p>»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen +wollte?« fragte Helene atemlos, mit einer Stimme, die +zur flehentlichen Abbitte schon bereit war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span>Erwin +blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte +er laut, fest und mit starrem Mund. Dann erst heftete er +die Augen auf die gleichsam verlöschenden Züge Helenes; +er setzte sich in einen Stuhl und verschränkte die Arme über +der Brust.</p> + +<p>Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht, +ein Gesicht, das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht +kannte und vor dem ihr graute; ein Gesicht, in welchem +kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von Beredsamkeit, von +Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes, +steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein +furchtbares Gesicht.</p> + +<p>Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie +mußte sich abwenden. Sie wunderte sich, daß sie die +Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne zu schreien, wie +man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes schreit. +Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer +ging und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der +Halle holte er sie ein, sagte etwas, was sie nicht verstand, +und entließ sie mit höflicher Verbeugung.</p> + +<p>Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch +so war wie am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte +sich auf einen Diwan, lag Stunden und Stunden, und als +es Tag wurde, wunderte sie sich darüber. Sie erhob sich, +ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle Briefe und Aufzeichnungen +zusammen, die sie hätten verraten können, +warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann +ging sie ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> +Wanne laufen und, bevor sie sich entkleidete, trat sie ans +Fenster, das nach dem Lichthof führte. Sie schaute in die +Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie sich sorgfältig +an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn sie ins +Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes, +das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder +am Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen +pfeifend über den Himmelsausschnitt droben. Von einer +Küche im untern Stockwerk klang Tellergeklapper und dazwischen +ein schrilles, elektrisches Glockensignal herauf. +Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch übermorgen, +vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger +Anstrengung setzte sie sich auf den schmalen Sims, und +sie wunderte sich, daß sie etwas tun wollte, was so abschließend +und so mutig war. Sie glaubte noch nicht, +daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten +noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da +gewahrte sie das Gesicht in der Luft, das andere Gesicht. +Sie ließ die Hände los und sank ohne Laut in etwas unsagbar +Weiches und Wollüstiges hinein. Sie sah die verblüfft +glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster, +und ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht +unschicklich, wenn Leute kommen.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Reise_und_Rueckkehr">Reise und Rückkehr</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte +vom frühen Morgen an alle Türen und Fenster +aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte +sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf +fahren, Gina?« fragte Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig +vor sich hin. Ihr war, als müsse sie sich zuvor +noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt +war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, +daß er ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war +ihr gleichgültig; desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß +kommen.</p> + +<p>Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, +sah das zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten +Schultern. Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, +daß Frauen so vor ihm zusammenbrachen, so +entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen und +davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und +miterleben.</p> + +<p>Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das +Jahr hatte sie verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, +das manchmal zu schwindelnder Sehnsucht heranwuchs. +Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg, stockte ihr +Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich +vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene +zu tragen, die verbietend war? Es war etwas aufgelöst +in ihr. Ein Weg, den sie nicht gehen wollte, den sie niemals<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> +gehen würde, schimmerte versprechend. Langsam +wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die +Brust, und von den Hüften empor zum Halse glitt ein +lauer Hauch, der den Kontur des Leibes empfinden machte, +den Blick schamvoll von der Welt weglenkte.</p> + +<p>Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem +Jahr. Das Blühen wogte bis über die Dächer, und in +den Kellern sangen die Wurzeln. Der Mond stand am +Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der ausgestreckten +Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken +flammten schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht +mehr die strenge Scheu, die sie bis jetzt in ihren Gedanken +der werbenden Liebe Manfreds entgegengesetzt. Sie rief +nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine Nähe, wünschte +seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem +schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit +bewußt.</p> + +<p>Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. +Sie erinnerte sich nicht, geschlummert zu haben, dennoch +hatte sie geträumt. Seltsame Dinge hatte sie gesehen. +Sie stand in der Halle von Erwins Haus und blickte durch +offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen. +Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn +junge Mädchen, alle mit ganz dünnen Schleiergewändern +bekleidet, durch welche die Haut leuchtete. Die Gewänder +waren von reizvoller Verschiedenheit der Färbung; eines +war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte scharlachrot, +das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> +ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen +wie Blumen. Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen +schwarze Larven vor dem Gesicht trugen. Sie sprachen +nicht miteinander. Eine saß am Klavier und spielte ein +Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, +und in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas +planvoll Verführerisches, das Virginia abscheulich erschien. +Als sie sich von ihnen entfernte, kam sie in ein Gemach, +das sie vorher noch nie betreten hatte, und sich umschauend +gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die +einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. +Der Knabe mochte ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte +ein glühendes Gesicht, und seine Augen glichen auffallend +den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu, war aber +blaß und nachdenklich.</p> + +<p>Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder +und Vorgänge nicht durch sich selbst bestanden, sondern +daß sie von Erwin heraufbeschworen schienen, der wie ein +unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und vorüberziehen +ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half nichts, +das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich +wünschte sie nur, ihn zu sehen.</p> + +<p>Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der +Wagen da sei, war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm +bekleidet, in welchem sie photographiert +werden sollte. Doch Erwin hatte ein Briefchen mitgeschickt, +in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute zu erlassen, +sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> +sehen, denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog +sie sich um. Trotz dieser Nachricht betrat sie die Villa +mit einer noch fortwährenden Verwunderung über ihren +Traum und in einer schmerzlichen und ungewohnten +Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, +aus denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, +und als Virginia in die Bibliothek trat, gewahrte sie in +der Mitte des Raums eine riesige weiße Porzellanvase +voll von weißen Rosen.</p> + +<p>Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, +bemerkte aber bald, daß er auf einer Ottomane lag, +und erschrak über seinen Anblick. Er war aschfahl. »Um +Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie stockend. +Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit +ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben +ihm nieder und wiederholte ihre Frage im liebevollsten +Ton.</p> + +<p>Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, +trunken von Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie +klingt wie ein Cello. Beinahe hätte er die Arme um sie +geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine Vorsicht, +zu früh!</p> + +<p>»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt +und ist tot«, sagte er matt und versank +wieder in sein bleiernes Hinbrüten.</p> + +<p>Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf +dem Stuhl sitzend, vor sich nieder, Tränen in den Augen. +Schwer fiel es ihr aufs Herz, daß sie das unglückliche<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> +Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von sich gehen +lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das +getan, dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! +Erwin streckte seine Hand nach ihr aus, als verlange er +nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde zu begehen, +wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte +nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die +seinige, als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, +für ihre menschliche Verfehlung eines verzeihenden Worts, +für ihren Traum einer Deutung.</p> + +<p>Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd +und erkennend. Mechanisch starrte sie die Hand an, die +er gedrückt hatte; er hatte die einzelnen Finger förmlich +geliebkost. Nie war ihr eine Hand so bloß erschienen wie +die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch niemals gehabt, +seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau +mit dem zerschmetterten Körper!</p> + +<p>Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender +Glut auf den Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern +nachmittag bei mir«, sagte sie. Erwin richtete sich empor. +»Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu beschuldigen?«</p> + +<p>»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia +bitter.</p> + +<p>»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften +Treue ein ganzes Leben voll unentschiedenen Schwankens +aufwiegt«, sagte Erwin düster. »Diese phantasielosen +Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> +besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern +sie Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht +gebunden sein.«</p> + +<p>Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, +der Saft wird ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, +entgegnete sie, »und alles übrige sind Worte und nicht einmal +ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu gut, um zu +sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die +sind da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt +gegen das Fenster.</p> + +<p>Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, +nein,« sagte er leise und geheimnisvoll, »was uns zu den +Frauen zieht und was uns von ihnen scheidet, sind Dinge, +die von der Tierheit kommen, und andere Dinge, die unsagbar +und traurig sind und viele Verheißungen enthalten +wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.«</p> + +<p>»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile +habe«, unterbrach ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. +»Erinnern Sie sich, daß Sie mir einmal von einem jungen +Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer Freunde +verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat +mir sehr leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern +Sie sich nicht?«</p> + +<p>»Nein, ich erinnere mich nicht.«</p> + +<p>»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende +Himbeere nur ein Unkraut. Seit der Stunde ist es für +mich festgestanden: wenn vor Gott und den Menschen +entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> +und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, +Erwin, die würde nicht lange dauern.«</p> + +<p>Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich +nicht«, versetzte er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. +Ich liebte sie, weil ihr Haar einen unaussprechlichen und +unvergleichlichen Geruch besaß, einen Geruch nach Milch +und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn +verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch +deswegen liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten +wußte, die ich bei keiner andern Frau getroffen habe. +Wenn ich in das Zimmer trat, errötete sie. Es war, als +würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß; sie machte +damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf +eine zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick +und Gebärde schon, ohne zu feilschen.«</p> + +<p>Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete +gierig, wie sie nun selbst errötete, ganz langsam, von den +Schläfen aus über die Wangen herab bis zum Hals. +Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre +zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den +Lidern. Sie schickte sich an zu gehen. »Verlassen Sie +mich denn, Virginia? Freundin?« fragte Erwin leise, +indem er zu ihr trat.</p> + +<p>»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, +ihn anzuschauen.</p> + +<p>»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem +Nachdruck zu fragen fort, von ihrer Befangenheit beglückt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span>Sie zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel +mit Ihnen zu sprechen, Virginia.«</p> + +<p>Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. +»Auf Wiedersehen«, sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß +war gefaßt. Das Einverständnis mit der Mutter +war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden +Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer +und Körbe gepackt. Frau Geßner war überzeugt, das +alles entspreche einer Abmachung mit Erwin. Am nächsten +Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in +einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof.</p> + +<p>Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der +Wohnungstür läutete und dann vom Hausmeister erfuhr, +die beiden Frauen seien aufs Land gereist, erbleichte er +vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er. Außer +sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was +denken. Ihr nachzufahren, wäre die größte Dummheit, +die ich machen könnte, sagte er sich; nein, nein, meine +Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in die Ketten +beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter +denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst +mich rufen.</p> + +<p>Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von +Virginia; sie schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem +entlegenen Dörfchen sich der gewünschten Stille erfreue. +In der ersten Nacht habe sie mit der Mutter im Gasthaus<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> +logiert, doch gestern hätten sie eine kleine Villa unfern +vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. +Ein trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher +hätte sein können.</p> + +<p>Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf +die Stücke. Er begab sich in das obere Stockwerk der +Villa, öffnete ein geräumiges Zimmer, das gegen den +Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und betrachtete +prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem +Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel +hatte. Er läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner +und den Hausmeister,« befahl er, »es muß hier umgestellt +werden; das Bett, der Kasten und der Waschtisch aus +dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie +gehen in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel +da aufgeschrieben ist. Die Adressen der Firmen stehen +dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt Papier, auf dem +die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert +waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, +alles von ersten Lieferanten. »Nehmen Sie +drinnen einen Wagen und bringen Sie die Sachen gleich +mit heraus«, sagte Erwin.</p> + +<p>Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. +Es war ihm in den Preisen ziemlich freie Hand gelassen +worden, und er hatte selbst gewählt, nicht zur Unzufriedenheit +seines Herrn. Erwin hatte die neue Einrichtung des +Zimmers, welches das entlegenste und stillste des ganzen +Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> +Wände gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene +Karaffen und feines Porzellan; nun brachte er +die Wäsche und Kostüme selbst in den Laden und im +Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte +er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und +empfangsfrohen Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster +wieder schließen, schaute auf der Schwelle noch einmal in +das dämmrig gewordene Zimmer zurück, lächelte, als er +ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der Bettdecke +zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den +Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte +dicht hinter ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell +drehte er sich um. Es war Marianne von Flügel. +»Du hier?« fragte er erstaunt.</p> + +<p>»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung.</p> + +<p>»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer +hat dich denn da heraufgeschickt?«</p> + +<p>»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, +was treibst du? Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es +nicht vor Jahren die arme Amelie Castro bewohnt, die +einzige, der du sozusagen ein häusliches Glück gegeben +hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und +warum sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? +Darf man das Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?«</p> + +<p>»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten +kann«, versetzte Erwin stirnrunzelnd.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>»Ich +weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne +und schritt an seiner Seite die Treppe hinab. Sie gingen +auf die Terrasse und setzten sich unter dem Schatten des +aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber. Erwin +blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren +stark gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie +löffelte bedächtig das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und +erzählte, daß sie ein paar schwierige Bergtouren gemacht +habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich aber zumeist gelangweilt +habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich bequem +in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr +eigenen Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an.</p> + +<p>»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal +für dich«, sagte sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; +am Ende will er auch nichts wissen. Ich habe mir berichten +lassen, daß er Beweise sucht für eine Untreue, die +er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die Leute +aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz +genau, was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, +wie man so sagt, trotzdem hat er in dem Wahn +gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er ist ein guter +Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger +und ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird +nichts unternehmen, denn er scheut den Lärm, und er +sagt sich wahrscheinlich: Was kann ich gegen einen Erwin +Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen dich +ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen +aufgeklärt worden, und sie werden alles tun,<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> +um dir zu schaden. Fritz Kynast ist gestern nach England +gereist; er soll seiner Mutter und sich selber das Gelübde +abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt +Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu +ziehen. Also hüte dich.«</p> + +<p>Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. +Aber du, Marianne, beschämst jeden Detektiv.«</p> + +<p>»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich +ernst geworden; »es ist eine Eigenheit der Gesellschaft, +daß sie die tollen Streiche ihrer Günstlinge so lange +duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf einmal +ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau +von gutem Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet +und verlockend. Aber laß einen Skandal daraus +werden, und du bist gemieden wie einer, der die Pest hat. +Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit +ersparen.«</p> + +<p>Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, +die in den schrägen Strahlen der Sonne schwärmten. +Er riß eine Orchideenblüte aus dem Strauß, der auf dem +Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran und +warf sie auf die Erde.</p> + +<p>»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die +Stadt zurückgekommen?« fragte er.</p> + +<p>»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits +heiraten will.«</p> + +<p>»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer +Entschluß.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span>»Ja. +Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem +kompletten Ruin.«</p> + +<p>»Und wer ist der Auserwählte?«</p> + +<p>»Wer es ist? Du bist es.«</p> + +<p>Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von +Ärger, halb von Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst +du das anstellen?« rief er.</p> + +<p>Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden +und nervösen Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich +von dir heiraten lasse. Du lachst? Du staunst? Das ganz +Einfache ist immer erstaunlich. Ich werde dich in meine +Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen, daß +sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich +will nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander +passen, daß wir viele gemeinsame Interessen haben, daß +wir einander nicht stören, uns hübsch aus dem Wege gehen +werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen +werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb +Jahren zu deinem Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten +gemacht hast, und daß du dich nicht wundern darfst, +wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf den Kopf gefallen, +die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert +habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. +Die Dienstboten sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, +und so ein bißchen Palastrevolution muß dir +doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem will ich nicht +reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende +vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen,<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> +wenn du mir zweimalhunderttausend Gulden schenktest. +Ich muß der Sache von innen her beikommen, ich muß +einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine Position +haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten +Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann +ich nur durch die Verwandlung und die Sicherheit, die +mir dein Name und deine Stellung geben. Was aber +dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir der +unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, +mein lieber Freund, denn abgesehen von +dieser Affäre mit Helene Zurmühlen hast du auch noch +eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto, vergiß +das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen +wirken, dann ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun +sieh selbst, gründlicher und klarer kann man nicht sein.«</p> + +<p>Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend +Marianne an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag +standhielt. »Fein gesponnen, bewundernswert +fein gesponnen«, sagte er endlich nach einer langen Pause. +»Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse. Das +leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. +Aber eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse +übertragen, wird schon wieder zum Fehler. Ich beweise +es dir, indem ich mich aus deiner Rechnung schlankweg +ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht eine der +Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. +Und ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, +die du daraus ziehen wirst.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span>Marianne +stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, +daß du gleich für mein Projekt zu haben bist«, +erwiderte sie spöttisch. »Ich habe noch Zeit. Vielleicht +entschließest du dich in einigen Wochen; wer weiß, was +sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert +mir nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner +Lage unterschätzest. Du hältst dich für stärker, als du bist. +Du bist die Kreatur der Welt, die du zu verachten vorgibst, +und eher würdest du in einer andern Welt Schuhe +flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum +Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals +wird nicht mehr als gelungener Witz passieren, deine +Aktien stehen schlecht, so etwas richtet sich eben nach der +Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich hör’ ich bald +von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter +Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte +sich nicht. Sie zuckte die Achseln und ging.</p> + +<p>In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht +schlafen. Er verbrachte die Stunden teils mit Lektüre, +teils damit, daß er in seinem Geist die Erinnerung an +Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung +führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm +er die Gedichte Ulrich Zimmermanns zur Hand und fand +sie dürr und allgemein. Er beschloß, sich von Ulrich abzuwenden. +Um vier Uhr ließ er die Gestalten der übrigen +Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den +Stab, mit Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl +der Furcht vor Palester stieg in ihm auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span>Er +sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der +erste Lenztag, von besonderem Geist und besonderer +Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen einer gewählten Verderbtheit, +lachend wie ein griechischer Gott und in Freuden +erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er +sich im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. +Die Welt war zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem +Druck seines Geschicks, einer Epoche des Stumpfsinns, +der ehrlosen Streberei, der uninteressanten Anständigkeit +zuzugehören.</p> + +<p>Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte +eine junge Russin kennen, die durch ihre fabelhaften +Toiletten Aufsehen erregte, und reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. +Und wie er es in jener schlaflosen Nacht vorausgelebt, +begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut, +vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, +die auf ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen +hinwies. Er war der Sohn eines deutschen Diplomaten, +in Eton erzogen, und befand sich mit seinem Hofmeister +auf der Reise von Paris nach Italien.</p> + +<p>Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm +anzufachen, die in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele +ist und deren Verlauf oft das Schicksal der späteren lenkt. +Rolf von Hendrichsen verließ seinen Begleiter und fuhr +mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen in +Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten +in der Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung +der Skaligergräber bei Fackellicht erzeugte, sie träumten<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> +in den verwilderten Gärten und toten Palästen Ferraras, +wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein durch +den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff +und fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und +Erwin rief: »Hier bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch +mit einem Ausdruck, als ob die Wüste seine Heimat wäre.</p> + +<p>Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm +verursacht. Der Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, +Verfolgung wurde beschlossen, und die Angehörigen des +Jünglings hatten Mühe, ein öffentliches Ärgernis zu verhindern. +In Syrakus wurden die beiden Freunde durch +ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen +überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein +Baron Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der +Familie Hendrichsen, ein feiner, edler Greis, bezeugte +der empörten Beredsamkeit Erwins seine Anerkennung +und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines +Abends saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer +Hotelterrasse in Taormina, hoch über dem Meer. Rolf +sollte am andern Morgen mit Herrn von Marlotti heimwärts +reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man +sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der +Jugend, von der Schönheit, lauter Dingen, die nach +Erwins und Marlottis Übereinkunft verloren gegangen +seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen.</p> + +<p>Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie +zwischen Blick und Mundlinie, behauptete der +Greis; bei Männern, die von einer wirklichen Leidenschaft<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> +besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen +das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen +Weise. Er ließ durchblicken, daß er Erwin für +einen dieser Besessenen halte. Erwin schüttelte seufzend +den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und unentbehrlich«, +erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum, +die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris +Myrrha, ich liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den +Schritt einer Frau, aber ich kann nicht auf die Blume +verzichten, wenn ich nur dadurch allein die Frau gewinnen +würde.«</p> + +<p>»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte +gegen Marlotti hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so +vollkommen ist, daß sie sich ihm versagt.«</p> + +<p>Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, +zurückgelehnt in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen +gegen den dunklen Atlas des gestirnten Himmels gerichtet. +Die hinreißende Kraft seiner Worte erweckte ein +großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War +das noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch +geadelt hatte, das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier +wandelte die Verderberin, herrlich schimmernd erhob sich +über dem Sumpf der Großstadt das unergründliche Sinnbild +des Verderbens, gekleidet in die Unschuld.</p> + +<p>Es war interessant, es war lehrreich, und es war +schauerlich. Ein Gesicht ist hierher gewendet, und ein +Gesicht ist dorthin gewendet; hier ein loderndes und +stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht, ein wissendes<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> +Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges Gesicht. +Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an +Glied gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, +das war in seinem Mund problematisch und voll Dämonie. +Und er spürte, wie er Virginia haßte, unsäglich haßte, +und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt.</p> + +<p>Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche +Dinge zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige +Alte, nachdem sie seine Hand betrachtet: »Verführung, +Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten, Marlotti +blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es +ist nicht so unwahrscheinlich.«</p> + +<p>»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, +an den Tod glaub ich nicht.«</p> + +<p>Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt +einige Briefe von Frau Geßner. Er wurde aus keinem +dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz aus die Wohnung +in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage +in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung +in Gersthof gemietet, nur eine Viertelstunde +von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm gefällig zu verstehen +gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur +Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe +seiner Abreise zu erhalten. Unumwunden zu fragen, +hatte sie nicht gewagt. Von Virginia schrieb sie nichts.</p> + +<p>Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten +Rausch ergeben hat, um zu vergessen. Er +schlug alle Töne an von der Müdigkeit bis zur Wut, von<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> +der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch das +Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine +Zeile von ihr wäre mir so viel wie einem Fieberkranken +das Chinin,« schrieb er, »ihr Schweigen ist wie Vitriol +auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er schreckte nicht +davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er +verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu +vernichten.</p> + +<p>Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe +aus der Hand eines Mannes zu einer Frau gegangen. +Vielleicht nie zuvor hatten Worte der Leidenschaft mit so +versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung so in Heimlichkeit, +Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt +und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, +Sehnsucht und das Feuer der Seele in solchem Grade +meisterhafte Berechnung gewesen. Virginia mußte zum +Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in +ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und +eine Begierde nach Auflösung rätselhafter Art. Aber sie +antwortete nicht.</p> + +<p>Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, +aber er blieb. Da erhielt er Ende August einen +Brief von Frau von Resowsky. Sie schrieb, es sei ein +höchst albernes Gerede von einem fingierten Duell zu ihren +Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis +ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es +Zeit, die meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal +der Klatsch Boden gewonnen habe, werde es nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> +möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen Freunden +schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen +Sinn, zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen +üble Dinge auch darüber gemunkelt würden.</p> + +<p>Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. +Der Gedanke, zu spät erwogen, daß Virginia von dem +lästerlichen Unfug erfahren könne, machte ihn bleich vor +Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein +und benachrichtigte Marianne sogleich.</p> + +<p>Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein +schillernder Glanz in den Augen verriet eine gleichsam +festgefrorene Energie, welche die Triebkraft einer Wahnidee +besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte Erwin +zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah +im Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee +der Jugend abgestreift war, das leichte Kind, den +Genossinnen von Spiel und Tanz noch nicht entführt, noch +liebenswürdig in seinem Werben um den Prunk der Welt +und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von +treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft.</p> + +<p>Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. +Da war keine Lockung mehr.</p> + +<p>Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das +ihn stets belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde +hart. Anstatt zu bitten, forderte er. Marianne lachte ihn +aus. Sie schickte sich an, zu gehen, er hielt sie zurück. Noch +eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut miteinander. +Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> +sie ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete +ihn mit Hohn, und er schien ihr Recht zu geben, aber sein +unsinniges Verlangen wuchs, indem er sich preisgab. +Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu nennen, +und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte +durch Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel.</p> + +<p>Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre +Virginia, wie sie den Mond mit ihren Armen umfaßt +hielt, damals am Wasserbecken im Garten, das Antlitz hingewendet, +aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend, +daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise +nicht mehr ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst +der Schamloseste der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert +werden konnte. Deine Himmelshöhe kann mich +nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er, und seine +Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine +Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, +ein Herabzerren ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne +von ihm wünschte. Der wildeste Trotz schäumte in ihm, +und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch dann wärst +du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden, +auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den +Beweis zu liefern, daß sie seine niedrigste Dienerin würde, +indem sie ihn in ihrer Macht wähnte.</p> + +<p>Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte +zu ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, +aber mehr als den gesellschaftlichen Sturz fürchtete +er jetzt die Zersplitterung seiner Kräfte. Alles erschien<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> +ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel führte, und er +glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der +Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu +rächen, die er den Einrichtungen entgegensetzte, welche für +heilig und nicht verletzbar galten.</p> + +<p>»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch +knüpfe ich zwei Bedingungen daran. Du gehst zur +Baronin Resowsky und erklärst ihr, daß ich mich mit +deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als +selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen +deine Person nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen +Ausweg zu verrammeln.«</p> + +<p>»Gewiß nicht.«</p> + +<p>»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals +erschienenen Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau +von Resowsky wird dann Sorge tragen, daß man im Klub +erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite Bedingung +ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn +ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der +Welt gelangt. Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. +Bis dahin bleibst du auf meinem Landgut bei Takern in +der Steiermark.«</p> + +<p>»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem +Lächeln.</p> + +<p>»Bist du damit einverstanden?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Ich habe dein Wort?«</p> + +<p>»Du hast mein Wort.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span>»In +acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut +werden. Von einer kirchlichen Zeremonie ist natürlich +keine Rede. Unmittelbar nach der Trauung reisest du +nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt. +Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch +meinen Advokaten anweisen lassen.«</p> + +<p>»Ich verstehe«, antwortete Marianne.</p> + +<p>»Bleibt es dabei?«</p> + +<p>»Es bleibt dabei.«</p> + +<p>Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein +Va-banque-Spiel. Ihre Brust war voller Kälte, und der +Sieg stimmte sie nicht zuversichtlich. Sie hatte Angst um +sich, Furcht vor Erwin, und der tödlich verwundete Stolz +hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung an eine +Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt, +die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren +Stolz, den sie selbst zertreten, großmütig wieder aufrichten +werde. Dies hätte sie ihm überschwänglich danken, dafür +hätte sie hinsinken können, doch nun war alle Herrschaft +im Bösen.</p> + +<p>Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche +Verbindung in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen +dienten der Gutsverwalter aus Takern und dessen Sohn. +Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem Reisegepäck. +Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Feinaora">Feïnaora</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-g.jpg" alt="G"> +</div> + +<p class="drop-cap">Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für +seine nächsten Freunde nicht mehr zugänglich. Er +brach eine Arbeit von leichter Haltung ab, um sich +der schwierigen und profunden Untersuchung eines mathematisch-philosophischen +Themas zu widmen: »Der Begriff +der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er +mußte bis zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht +dem Gefühl einer Leere zu verfallen, das ihn rasend +machte wie Zahnweh, ihn vor sich herabwürdigte und +unerbittlich zu den Menschen trieb.</p> + +<p>Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte +sie, er probierte sie, er genoß sie, er verwarf sie. +Alle, alle, alle. Er hatte die Wirkung gespürt, durch welche +die genialsten Geister der Zeiten die Menschheit in Atem +hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität in sich +zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. +Er wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, +indem er lächelte.</p> + +<p>Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten +fuhr er zur Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, +verrufene Orte zu besuchen, Tanzlokale letzten Ranges +und Verbrecherkneipen. Es waren Abhärtungskuren für +die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war +nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als +Elemente der sozialen Ordnung. Die Flut, in der er +schwamm, hatte seinen Organismus gestählt gegen den<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> +Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und sein +Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die +schärfsten Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und +so war es Würze, wenn er, von den Schwaden des ekelsten +Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias emportauchen +ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach +durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust.</p> + +<p>Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia +noch den ganzen September auf dem Lande verbringen +wolle. Er fand dieses Schreiben gleichzeitig mit einem +Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als er +eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des +Freundes, und seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte +und las aber- und abermals. Dann steckte er es in die +Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht nahm +einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte +beide Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen +Augen: »Nun hilf mir, Feïnaora, du Geschöpf +der Inseln und des Meeres!«</p> + +<p>Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie +geheimnisvoll erschien. Noch einmal löste sich die Spannung, +er fiel wie vernichtet in einen Lehnsessel, schlief +wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte, sah er +zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner +geschickt, aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte +auf der Seite, die er leer geglaubt, vier Worte von Virginias +Hand: »Ihre Schutzbefohlene grüßt Sie.«</p> + +<p>Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> +seit mehr als sechzig Tagen, dieser warnende, erinnernde +und fast drohende Gruß. Erwin schüttelte bedächtig den +Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort nach Edlitz +zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst +fuhr am Nachmittag mit dem Automobil.</p> + +<p>Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen +mußte, erregte trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. +Drei niedrige Zimmer, mit verruchten Ölbildern +behangene Wände, wacklige Stühle und ein liliputanisches +Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen; er +beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem +Virginia mit ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr +abends, als sich Erwin auf den Weg begab. Alle Fenster +der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan war +ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, +etliches Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit +tiefherabhängenden Zweigen war eine Bank. Erwin setzte +sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben, inmitten +des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es +mochte wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also.</p> + +<p>Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst +nicht im ersten Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr +träumereiche Zeit. Sie träumte, daß sie sich in einer +fremden Stadt befand. Die Straßen sind leer, es ist sehr +kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut hinauf. +Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. +Sie weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt +zu ihm muß. Es ist von Wichtigkeit, sie darf<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> +keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt sein Gesicht an der +Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch unterscheidet +sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend +eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe +mit zahllosen steilen Stufen muß erstiegen werden. Es +ist schwer, sie wird müde, sie denkt: warum kommt er mir +nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr jemand, +den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt +ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet +sich um die Mauer, will’s denn kein Ende nehmen? Gott +sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was ist das? Der Raum +ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie sich +aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß. +Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred +geht unten auf einem schmalen Weg und schaut herauf, +verwundert, fremd, gleichgültig, mit einem Gesicht, das +klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine Flamme. +Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, +des unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die +zu wachsen scheint, sie weiß nicht warum, entpreßt ihr +einen lauten Angstschrei, und sie erwacht.</p> + +<p>Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen +Pause antwortete Virginia beschwichtigend und erhob sich +dann, um, wie sie zu tun gewohnt war, ans offene Fenster +zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach oben und blieben +an den Sternen haften.</p> + +<p>Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der +Finsternis in das bläuliche Licht hervortreten, das auch<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> +ihr Nachtgewand bläulich schimmern machte. Wenig +fehlte und er hätte den schützenden Schatten verlassen, +um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff +ihn Verzagtheit.</p> + +<p>Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus +vielleicht wie die seine; er fühlte die Nachtkühle über die +leichtbedeckten Schultern huschen und wie die Glieder +fröstelten.</p> + +<p>Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief +er lange. Er schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt +zurück, ihm sein Feldbett zu holen. Als er vormittags +gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen stand, das etwa +tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia +auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern +belauscht. Ihr helles Sommerkleid leuchtete durch die +undichten Zweige. Sie hatte ein Buch auf dem Schoß +und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen +Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in +die Augen.</p> + +<p>»Erwin«, sagte Virginia.</p> + +<p>Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand +übergab. Ihre Freude war so mit Furcht gemischt, +daß sie sich des Eingeständnisses von Schwäche, das in der +hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst nach dem +Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich +wieder; mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie +die unwillkommenen Zeichen, die zu viele einsame Stunden +verrieten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span>Frau +Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt +sah. Sie war redselig, neugierig, zapplig und +etwas konfus. Da das Wetter schön war, beschlossen Erwin +und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut +und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, +schwieg sie eine Weile verlegen. »Was war denn eigentlich +los?« fragte sie auf einmal hastig. »Haben Sie sich +mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus ihr +herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam +Virginia zurück, lächelte die Mutter flüchtig an und rief: +»Gehen wir!«</p> + +<p>Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und +beinahe gleich großen Gestalten lange. Wie gut ihm der +graue Dreß steht, dachte sie, wie leicht und kerzengerade +er schreitet; und sie, das weiße Musselinkleid, die weißen +Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«, murmelte +sie und seufzte.</p> + +<p>Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der +sogenannten buckligen Welt. Virginia dachte: er ist anders +als in der Stadt. Erwin dachte: sie ist dieselbe auch in +der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung erst durch +sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte +die seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von +seiner Reise, aber er schien nicht bei der Sache. Virginia +merkte es und teilte seine Unruhe.</p> + +<p>Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. +Virginia lag gern in der Sonne, nur den Kopf barg sie +im Schatten. Aber die Strahlen fielen dennoch auf ihr<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> +Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem Hut. Im +Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, +in denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte +den Kopf und roch die säuerliche Feuchtigkeit der Erde.</p> + +<p>»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte +sie. – »Vor ein paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? +ich bin schon seit vierzehn Tagen ohne Nachricht. Was +schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht wissen? +Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, +denn seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit.</p> + +<p>»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred +Geheimnisse vor Ihnen hat. Ich werde Ihnen den +Brief vorlesen. Hat er Ihnen von Feïnaora geschrieben?«</p> + +<p>»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?«</p> + +<p>»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie +zu.« Erwin setzte sich aufrecht, nahm den Brief aus der +Tasche, entfaltete ihn und las.</p> + +<p>»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine +Nachricht mehr von dir. Bis in den indischen Archipel +waren deine Mitteilungen von dankenswerter Häufigkeit, +wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich gewünscht hätte. +Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man bei der +Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das +zu Weihnachten keine Geschenke bekommt.</p> + +<p>»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, +Neuguinea nach Sydney und von da über die Cooks-Inseln +hierher nach den Marquefas. Von nun ab verlegen +wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> +Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, +werden wir fern von der übrigen Menschheit an den +Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht, die nichts +Verlockendes hat. Dann steuert der <span id="Page_279_1">›Phönix‹</span> heimwärts. +Bis Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf +Neuseeland, die weiteren Stationen werde ich rechtzeitig +melden.</p> + +<p>»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein +Tagewerk, das in unseren Breiten noch erfrischend wirkt, +ist in den Tropen schon ein Übermaß. Einige Mitglieder +der Expedition sind vom Fieber nicht verschont geblieben, +und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir +im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen +Malabar und der Torresstraße ist der Körper stündlich in +Gefahr, einer tödlichen Erschlaffung zu unterliegen, und +die Feste, die das Auge feiert, müssen mit einem beständigen +Kampf gegen den unsichtbaren Feind bezahlt +werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren +ist, schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie +Gespenster auf Deck herumwankten. Ich lebte meist von +Früchten und Reis. Es wächst dort eine Frucht, die +Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne. +Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt +die beste Idee davon, dazwischen kommen Duftwolken, +die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen Sherry und anderes +Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch süß, +sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts +auf Erden, und je mehr du verzehrst, je weniger kannst<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> +du aufhören. Aber diese selbe Frucht, leider! verbreitet +einen entsetzlichen Gestank, und bevor man sie öffnet, +scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu bringen. +Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit.</p> + +<p>»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling +erzählen, von Tauben mit Korallenfüßen, +von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer der Vulkane, +von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg +oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? +Das haben viele schon getan. Meine Feder ist zu armselig. +Diese Dinge bereichern, indem sie entzücken. Anders +der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die bereichert, +indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig, +der neben mir ging und dessen Namen ich nicht +kannte. Zu Hause beruhigt man sich bald, Gewohnheit +und Anpassungszwang machen das Fremde unscheinbar. +In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen könntest, +man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer +eine tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der +schauerlichen Glut des Maschinenraums haust und wie ein +Kerkersträfling durch den Ozean fährt. Ist er nicht ein +Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf gegen meine Bequemlichkeit? +Ich sehe den Chinesen, der fern von seiner +Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, +der zu fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er +spricht und durch Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. +Da ist der demütige Malaie, der eitle Ambonese, +der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer, dessen<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> +Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und +dessen Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung +und dem Druck der salzigen Lauge. Dann triffst du +die Goldsucher, die in einer durch die Not geschmiedeten +Kameradschaft die öden Steppen Australiens durchziehen, +um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen +Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu +können, dessen Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends +verzehren wird; oder den Farmer, der in einer +Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die wir nicht +einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut +kämpft, und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen +kostet, wenn er die widerspenstige Viehherde zum +nächsten Markt an die Küste treiben muß. Auch dem +verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter +mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und +dem von frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene +Blockhaus in Brand gesteckt wird; dem alten deutschen +Arzt auch, in einer Schifferkolonie, der seit siebenunddreißig +Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen +Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen +wird, weil es ihm nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, +um zu Hause mit Anstand leben zu können.</p> + +<p>»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele +seien überall zu finden. Das ist wahr. Aber warum +schaut man heute ein Gesicht an, und es bleibt stumm, +und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen des +Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> +Zunder entflammen soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? +Ich habe einen Sinn darin entdeckt, daß ich bin, +nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich kann +keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt +das anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in +meinem Kreis. Ich höre auf, mich selbst zu genießen. Ich +will arbeiten, um zu dienen.</p> + +<p>»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit +sich allein sein, um sie zu finden. Die Teilnahme eines +Freundes würde den Prozeß nur trüben und verlängern. +Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein aufgestacheltes +Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine Adern +sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden. +Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual +der Nächte übertroffen, Schreckbild überflügelt Schreckbild +bis in den horchenden Schlaf. Ich mag das meiner +Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht; das +heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will +mich in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr +gegen das Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr +gelassen zu erscheinen. Aber meine innere Verstörtheit und +Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen Erlebnis, +das ich dir erzählen will.</p> + +<p>»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas +warfen wir vor Mangaia Anker, einem lieblichen Eiland +im Cook-Archipel. Wir wollten dort nach Echinothuriden +fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll gefärbte Seeigel, +die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> +gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen +Giftapparat enthält. Einige junge Leute von der Expedition, +darunter ich, arbeiteten am Strand, und jeder +schlief nachts in seinem Zelt. Eines Morgens, meine +Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein +braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, +mit einem Rock aus Grashalmen, so wie sie alle hier +gekleidet gehen. Sie redete, jedoch ich verstand natürlich +nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie stets die +Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. +Sie hieß Feïnaora.</p> + +<p>»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die +andern lachten, als sie zurückkehrten und das anschmiegende +Geschöpf bei seinem Tun beobachteten. Von Fischern +erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm verstoßen +worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht +oder konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer +wies ich das Mädchen fort und immer kam es wieder. Sie +warf sich auf die Erde vor mir und brachte mir Muscheln, +Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und Kokosnüsse. +Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen, +die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, +kaum der Kindheit entwachsen, ein scheues Benehmen +und ein schmeichelndes Idiom voller Vokale.</p> + +<p>»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte +sie vor meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon +bei mir wie ein aufmerksamer Hund, trug Wasser und +bereitete den Tee. Am letzten Abend, bevor der ›Phönix‹<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> +die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und Feïnaora +kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie +mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte +mit sonderbar wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich +wollte schlafen und gebot ihr, stille zu sein. Der Schlummer +kam, doch er war ohne Tiefe und ohne Vergessenheit. +Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene so +quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, +die Gedanken flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, +mir war, als müßt ich sterben, ohne sie noch +einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu +haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in +der Furcht, in der Finsternis und Einsamkeit streckten sich +meine Arme aus und sie fanden Leben, Wärme, eine +mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von der andern +Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes +Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich +aus dem Fieber der Träume. Am Morgen sah ich mich +allein. Feïnaora war verschwunden. Es waren Leute +im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem +Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der +ihren in die Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte +mir, daß es Feïnaora war. Das Meer hat ihre Seele +ausgelöscht. Virginia hat es gefordert.</p> + +<p>»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen +Tod. Ich glaube an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht +schuldiger werde. Oder, wenn dich die moralische Wertung +ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger, sondern verstrickter.<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> +Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze +Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie +wird es möglich sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- +und Traumhafte so zu fassen, daß sie versteht, verzeiht, +vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will nicht monatelang +mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. +Leb wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken +deinen ewig getreuen Manfred Dalcroze.«</p> + +<p>Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach +blaß geworden, jedoch kein Spiel der Mienen verriet, +was in ihr vorging. Sie lag auf dem Rücken, hatte die +Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein Grashalm +war zwischen ihre Lippen geklemmt.</p> + +<p>»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte +den Brief des Freundes in der Faust zusammen.</p> + +<p>»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia +mit hartem Blick; doch kaum hatten ihre Augen +einander getroffen, so senkte Virginia die Lider, eine +verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und sie wandte, +ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern +Seite.</p> + +<p>»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte +Geschichtchen ernster zu nehmen, als es im +Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und mit vorsichtigem +Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin, +an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, +der Gute, er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu +quält er sich? Jetzt plötzlich möchte er gern an die Großmut<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> +des freien Weibes appellieren und hat nichts für Sie +getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts. Er hat Sie +aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und +nun mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er +fürchten muß, kein Verständnis für das Natürliche und +Alltägliche zu finden.«</p> + +<p>Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, +Virginia,« fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. +Wir Männer sind aus anderem Fleisch als ihr. Unsere +Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so im Geist, +daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue +manchmal erst zur Blüte kommt.«</p> + +<p>Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand +mit vielen Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der +zwölfte September. Ihr war kalt, über und über kalt.</p> + +<p>Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin +folgte ihr und pfiff leise. Schweigend wandelten sie über +die Wiesenwege. Von den Bergen her waren indessen +große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es donnerte. +Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es +zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt +nicht. Es regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie +an ein Haus. Das Tor war verschlossen; auf Erwins +Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin bat, den +Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden +in ein geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen +Sofa und Stühle mit weißem Linnen überzogen waren. +Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien, das in<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> +diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem +die freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach +Bauernart lamentiert hatte, ließ sie die beiden allein.</p> + +<p>In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen +Sessel hin und spielte. Das Instrument klang dünn und +verstimmt. Als er sich nach einer Weile umwandte, sah +er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch sitzen und lautlos +weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt, +die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, +die Hände lagen im Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet +sah, erhob sie die Arme, stützte sie auf den Tisch +und legte die Hände vor die Augen. Erwin schritt hin, +faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander, +wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins +Innere eines Waldes dringen will. Sie mochte ihr Gesicht +nicht sehen lassen und beugte es tiefer herab. Er schob +den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von unten +ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! +Vertrauen! Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte +Virginia vertrauensvoll. Sie hauchte seinen Namen.</p> + +<p>»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam.</p> + +<p>Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht +recht gehört zu haben. Sie schaute ihm entsetzt in die +Augen. So nahe, dachte er mit Frohlocken, mit Furcht +vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn er gewahrte +jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen +Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, +während sie sich vergrößerten. Er packte ihre Schultern,<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> +sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham und Schrecken, +stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich befreien. +Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich +gegen den ihren, in dem allmählich Angst und +Haß sich zu flehentlicher Bitte entschieden. »Nicht anrühren! +nicht anrühren!« sagte sie schnell und leidenschaftlich. +Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln, +eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand +sie auf, doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen +fingen ihren Mund wie etwas, das niederstürzt, wie man +einen flügellahmen Vogel mit den Händen fängt, und +ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in elektrischen +Wellen fort.</p> + +<p>Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er +sah die weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, +die von keiner natürlichen, eher von einer mechanischen +oder kränklichen Bewegung geöffnet waren, jede Sekunde +verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit des lebendigen +Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen Formen +ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten, +der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis +er gewahrte, daß er eine Besinnungslose hielt, eine die +wachsfahl dalag, hilfsbedürftig geworden, in ein Intervall +von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die Sühne +für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach +einem kurzen Tod zum Austrag gelangen könnte.</p> + +<p>Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, +feurig fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> +Blick traf, der bis in den untersten Grund seiner Seele +drang, da mußte Erwin einen Rückzug von entscheidender +Bedeutung antreten, der ihn fast wieder an jene Schanzen +warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie ist unvergleichlich, +sagte er sich, und ich habe eine Dummheit +begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre +Eigenart zu berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, +das rächt sich.</p> + +<p>Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen +ließ: das ist Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, +niemals, im Innersten niemals. Unschuld! Was war +denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen +unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die +Frauen, wenn sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer +Begierde zur Gewissensruhe verhilft? Die furchtsamen +Mädchen, die wissenden Frauen, die schwankenden, ziellosen, +hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine Kraft. +Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte +ihn. Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! +Element und Wille; die Schönheit und ihr Begehrer, ihr +Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr Herr, ihr Schicksal.</p> + +<p>Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab +lagen von den bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, +die fast ohne Bezug war zur Gegenwart, daß er +es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer verließ, +eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald +genug treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er +sich allein sah. Nach einer Viertelstunde regungslosen<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> +Brütens ging er gleichfalls. Er rief die Bäuerin und gab +ihr ein Geldstück.</p> + +<p>Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte +sogar einen Umweg ins Dorf.</p> + +<p>In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die +Regenkälte zu vertreiben. Was soll nun werden? grübelte +er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im Vorteil gegen mich. +Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken, es sei alles +zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir +fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? +jetzt? unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. +Ich kann es nicht. Das Gelingen wird mich nicht reicher +machen. Erfolg ist nur Bestätigung, nicht Vermehrung. +Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie reißt +mich aus mir selbst heraus.</p> + +<p>Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. +Sie reißt mich aus mir selbst heraus! Das war +eines jener tiefen Worte, die nur ohne Eitelkeit und +Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte +Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, +um seine Stimmung zu verdüstern. Er las, er arbeitete +an seiner Abhandlung über die moralische Idee. Am +Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief an +Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf +der Insel Mangaia für eine reizende, aber bedeutungslose +Legende im Stil von Montesquieu oder Hearn zu +erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen +seines Liebesfiebers.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span>»Ich +kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem +Punkt erscheinst du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. +Und du spürst es selbst, wenn ich gewisse Äußerungen +recht verstehe, in denen sich das Bedürfnis ausspricht, +deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie +von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und +ihnen ein soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten +Jahrhundert repräsentiert die Liebe nicht mehr. Ich kann +eine Tyrannei des Gefühls nicht billigen, die uns um den +Genuß und die geistigen Ziele des Lebens betrügt. Nenne +mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort +für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an +der panischen Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie +nicht, ich halte ihr stand. Doch ich kann nicht auf das Recht +der schönen Selbstbestimmung verzichten. Leidenschaften +sind Arzneien des Geistes und Massagen des Herzens. +In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde +Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole +schädigen den freien Austausch. Du hast nicht wohl +daran getan, dein polynesisches Erlebnis ins Europäische +zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein +gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, +dir eine ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So +erklärst du die Treue als ein Prinzip, und das ist verwerflich. +Prinzipien morden die Jugend, das einzige +positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für +Virginia daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem +ich sie vorbereitete. Sie wäre zu einer Dummheit fähig<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> +gewesen, da sie nie einen Berater hatte, der sie von den +sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite. Jetzt magst +du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler +Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche +leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, +wenn man, wie ich, der Meinung ist, daß ein edles Pferd +zu den vollkommensten Wesen der Schöpfung gehört. Sie +ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die abgefeimtesten +Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf +Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. +Er, vor dem doch alles kniet! Leb wohl, Gott +schenke dir Frieden und Vernunft.«</p> + + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Das_Bindende">Das Bindende</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen +zwei Uhr pochte es an seiner Tür. Es war Frau +Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein. Erwin +ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm +und Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«, +antwortete er kühl.</p> + +<p>»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt +ist sie gestern nach Haus gekommen und hat sich ins Bett +gelegt. Ich glaube, sie hat gefiebert. Hat auch kein Wort +mit mir gesprochen, kein einziges Wort, gestern nicht und +heut nicht. Können Sie sich das erklären?«</p> + +<p>»Ist sie heute aufgestanden?«</p> + +<p>»Ja. Sie sitzt in ihrem <span id="Page_293_1">Zimmer.«</span></p> + +<p>»Was tut sie?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht.«</p> + +<p>»Ich werde mit Ihnen gehen.«</p> + +<p>»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.«</p> + +<p>»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie +das machen?«</p> + +<p>Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag +zu Ihnen, sie hat mir’s streng verboten. Was ist los? sag +ich. Sie schaut in die Luft. Jetzt hab ich mich weggestohlen.«</p> + +<p>»Ich gehe mit Ihnen.«</p> + +<p>»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank, +wenn man ihren Eigensinn brechen will.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span>»Wir werden sehn.«</p> + +<p>Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege +unter einem trüben Himmel schweigend dem Landhaus +zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare Räume, von +denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten +lag das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine +feuchte Holzkammer. Oben war ein ziemlich großes Gelaß, +das auf den Balkon führte; auf der einen Seite +dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer, +an die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt +ihr denn nicht Geld genug, daß ihr euch in solche Käfige +sperrt?« wandte sich Erwin auf der Treppe an Frau +Geßner.</p> + +<p>»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese +schuldbewußt.</p> + +<p>»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin +zornig. »Gott bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk. +Ich bitte um Verzeihung, aber meine Geduld ist +zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die Frau +nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie.</p> + +<p>In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau +Geßner zu Virginia ging. Er betrachtete die einfachen +Zirbelholzmöbel, das plumpe, rotüberzogene Sofa und +die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war ein getünchter +Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah. +Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt, +den der Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte +und dessen vier aneinandergenietete Teile sie als Rahmen<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> +für einige ihrer Skizzen benutzt hatte. Man gewahrte da +einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei Äpfel auf einem +blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb, +in dem Forellen lagen.</p> + +<p>Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder. +Hinter ihr wurde die Türe abgesperrt. »Was gibt’s?« +fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte scheu zu Boden. +Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff +die Klinke. »Virginia!« rief er heiser.</p> + +<p>Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf.</p> + +<p>»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen +zu sprechen?«</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von +anständigem Betragen darf nicht wie ein unverschämter +Zudringling behandelt werden.« Er betonte sehr scharf. +Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien seine +Worte zu pulverisieren.</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen +euch?« raunte Frau Geßner, dicht zu Erwin herantretend. +Aus ihren Augen fielen eine Menge von perlenden, hellen +Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin befahl +ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er +war sehr bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand +und rief: »Hören Sie mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr. +Um sechs Uhr bin ich wieder da. Sie werden sich dann +entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde diese Beleidigung<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> +zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr. +Das ist mein letztes Wort.«</p> + +<p>Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern. +Zweieinhalb Stunden lang irrte er in beständigem Regengeriesel +mit aufeinandergepreßten Zähnen durch die Wiesen +und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der angekündigten +Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu +überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben, +als er mit festen Schritten die Treppe emporstieg. Er +trat ein und verbeugte sich vor Frau Geßner, die, als sie +ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen preßte. Er +blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte +traurig den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob +den Zeigefinger und flüsterte: »Etwas Übles haben Sie +ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So war sie noch nie.«</p> + +<p>Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie +zumeist, wenn er bejahrte Frauen reden sah, deren Mund +des beherrschten Mienenspiels ermangelte. Er würdigte +sie keines Worts und ging zu der verschlossenen Tür. Er +klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich +bin es, Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er.</p> + +<p>Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und +stärker, mit Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu +hören; kein Schritt, kein Laut. Nun wanderte er ein +paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau Geßner +aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur +Tür und sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch +niemand hat gewagt, was Sie heute wagen. Ich will<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> +Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu bereuen, +die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben +noch eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.«</p> + +<p>Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte +sich. Er starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit +schaute er auf die Uhr. Frau Geßner saß am offenen +Balkon. Sie rührte sich nicht, bewegte selbst die Augen +nicht. Sie horchte. Die den Fenstern gegenüberliegenden +Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die Zweige +der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf +Minuten war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken +bedeckt. Ein kläffender Hund sprang vor dem Haus +vorbei.</p> + +<p>Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich +und griff nach seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend +die Hand aus. Er zuckte die Achseln und ging. Es steht +zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick seines Lebens +kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung +nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft +verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen. +Vor einer Tür stehen und nicht eingelassen +werden! Das war das Furchtbarste, was ihm zustoßen +konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das +war das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen +werden!</p> + +<p>Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die +Dunkelheit hinunter wie ins Bodenlose. Da vernahm er +eilige Schritte hinter sich. Er wußte, daß ihm die Alte<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> +folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf +seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte +heimlich: »Ich kann mir’s denken, Erwin.«</p> + +<p>Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen? +dachte er verdrossen; alle alten Mütter sind lästig und +respektlos. »Was steht zu Diensten?« sagte er mit höflicher +Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«, +antwortete sie seufzend.</p> + +<p>Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil +sie ihm eine Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen +Zimmer unten, das ohne Stufe ins Freie führte, blieb +Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen sehen, +daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um +Virginias Hand.«</p> + +<p>Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer +zu werden. Im Geist hatte sie sich des öfteren das Entzücken +ausgemalt, das sie empfinden würde, wenn einst +diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun war sie +keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken. +Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen +von Glanz, Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich +um Virginias Hand?« wiederholte sie ungläubig und matt. +»Mich? mich bitten Sie? warum nicht Virginia selbst?«</p> + +<p>»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch +zubrüllen?«</p> + +<p>»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?«</p> + +<p>»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin, +es sind schon festere Bündnisse aufgelöst worden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span>»Sie +läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.«</p> + +<p>»Darauf kommt es eben an.«</p> + +<p>»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?«</p> + +<p>»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten +worden ist.«</p> + +<p>»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise +und bekümmert, aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck, +der die monatelangen kupplerischen Wünsche enthüllte. +In einer besorgten Falte ihrer Stirn wohnte der +letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem +zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung, +Erwartung und Dankbarkeit.</p> + +<p>Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk +ansieht, und unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte +die Frau unter den Arm und sagte: »Sie begreifen, Mama, +es handelt sich also darum, Virginias kindischen Trotz zu +besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr sprechen kann. +Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern, +sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus +bleiben. Um acht Uhr abends werde ich unvermutet und +möglichst geräuschlos ins Zimmer treten. Sprechen Sie +nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß sie bei +Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die +Dinge sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«, +schloß er; »Virginia ist uneins mit sich selbst. Das ist der +Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch die Erklärung dafür, +daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird gut.«</p> + +<p>»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span>»Manfred +wird mit Feïnaora tanzen.«</p> + +<p>»Wie?«</p> + +<p>»Davon reden wir ein andermal.«</p> + +<p>»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen, +Erwin?«</p> + +<p>»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration +mehr aus.«</p> + +<p>Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin +gegangen war: Gina ist uneins mit sich, das arme Kind +weiß nicht, was es tun soll. Aber da gibt es kein Schwanken; +das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie nicht von sich +weisen.</p> + +<p>Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber +den weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen. +Nicht die klügste und sanfteste ist fähig, sich der +Gefühle ihrer eigenen Jugend zu erinnern. Alle haben +gelernt, praktisch zu sein, und haben vergessen, daß die +Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den Verblendungen +der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft +beruht. Sie werden gemein, ohne es zu wissen, +und grausam, ohne es zu wollen.</p> + +<p>Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt +und schaute in das feurige Rechteck von Virginias Fenster, +das von immer schwärzer werdender Nacht begrenzt wurde. +Lange saß er so. Es läuteten tiefe Glocken, deren Schall +der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte weder +Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen +hatte. Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt,<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> +nicht zu essen noch zu trinken, bevor ... bevor die Tür +dort oben offen stand. Es war, als dürfe die Sonne nicht +mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen stand. Es +war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß +gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei +zugeschaut und hätten ihn verhöhnt.</p> + +<p>Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen +als zu kühn, die andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte +sich wie ein Span im Feuer. Das Feuer war seine Begierde, +sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen. Das beleuchtete +Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen. +Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt; +ihr wenig beschützter Leib hatte gefröstelt in der +feuchten Wiesenluft, die durch die Fensterfugen drang. +Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen, auf fühllosem +Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen +Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis +einander sucht. Der Smaragdring auf der Linken war +abgezogen, und sie war frei vom verpflichtenden Bund. +Nackt war der Goldfinger ohne den Ring, wie eines +Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen über +allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und +zitterten dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung +zwischen Wimpern und Brauen, die den Schmelz +und die Reinheit eines Blütenblattes und die vollkommen +parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit +und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam +mit dem sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> +den Raum von hier bis an die Lagerstätte, es mochten +nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war dazwischen, +die nicht geöffnet wurde.</p> + +<p>Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis +dachte sie nicht.</p> + +<p>Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht +seines Griffs geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch +gesessen, den Kopf in die Hand gestützt, in den erglühenden +Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr an Feïnaora, +sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als liebe +sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte +eine Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter +den Zweigen der Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen. +Denn sie fühlte seine Nähe unaufhörlich. Sie fühlte seinen +heftigen und sprechenden Blick, seine unterwerfende Gebärde, +sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner Stirn +und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie +wußte sich von alledem gekettet, aber sie war entschlossen, +sich frei zu machen. Sie wollte frei sein. Sie wollte nicht +mehr vom Morgen bis zum Abend mit erwartendem +Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie +wollte nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine +Worte sie betasteten wie Finger oder eine Wißbegier erregten, +deren sie sich schämte.</p> + +<p>So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund +an den seinen. Wie hatte er es wagen können, ihren +Mund mit dem seinen zu berühren! Das war es, wobei +ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> +beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig. +Sie hatte keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte +sich einen Rächer, aber aus Mitleid mit ihm und aus +einem Rest von Achtung für seinen Freundschaftsbund +mit Manfred fürchtete sie die Rache.</p> + +<p>Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies +hatte nichts in ihr geweckt, es hatte nur getötet. Es war +ihr zumut gewesen, als ob ihr Blut weiß würde. Ja, alle +Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds Bild. +Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein, +und sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch +länger zu besitzen. Doch war es schwer, für die Zurückgabe +die höfliche Form und den nicht widerruflichen Gehalt +zu finden.</p> + +<p>Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber. +Als ihr die Mutter sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren, +ärgerte sie sich. Sie hatte die Mutter bitten wollen, ihm +die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer gewesen, so +hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die +zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu +können. Im übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm +heute gegenüber zu treten. Sie blieb mit ihrer Arbeit im +Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und sprach den +ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und +man spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm. +Gewitter lagen in der unbewegten Luft.</p> + +<p>Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine +Schritte schallten erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> +angezogen hatte, um sie geräuschlos zu machen. +Der Blick, mit dem Virginia die Mutter ansah, war wild +und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei +einem Steinwurf.</p> + +<p>Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das +Blut ins Gesicht. »Ich habe meine Abreise verschoben,« +sagte er, »weil ich mir den Bescheid wegen des Antrags +holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter gestern gemacht.«</p> + +<p>Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten +habe, davon zu sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die +kühle Redensart falle ihm schwer, die das Ungewöhnlichste +von allem ausdrücke, wozu er sich jemals entschlossen.</p> + +<p>Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit. +»Ich habe Sie von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«, +sagte er.</p> + +<p>Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas +wie Heiterkeit über ihre Züge verbreitete. »Man sollte +wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß mit mir haben +wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich +zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder +schmeichelhaft für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer +Gelassenheit, hinter der sich sein Ingrimm und seine +schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen.</p> + +<p>»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte +Virginia betroffen.</p> + +<p>»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er +mit seiner umflorten Stimme, und während er sprach,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> +sah man beständig seine großen, porzellanweißen Zähne. +»Sie aber haben nur Hohn und Kälte dafür.«</p> + +<p>»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem +Tone ein.</p> + +<p>»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben +hat, ohne zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort. +»Ich wage zu denken, daß ich, ich, nur ich es bin, der +ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er wußte, +was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel +auf die Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und +hat Ihnen dafür zwei Jahre gelassen, qualvolle Jahre +des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger Hoffnung, +augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern +es war, Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich +zu machen, ich soll vor der Tür stehen und betteln, ich +soll zu Kreuze kriechen, ich soll das Vorrecht des +Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum? +warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten. +Den Freund halt ich hoch, über mich selbst kann ich aber +nicht hinweg.«</p> + +<p>Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen. +Ihr Antlitz zeigte keine Bewegung, kaum ein Gefühl. +Ihre Lider waren so tief gesenkt, daß die Wimpern einander +berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein, +Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut +zu entfärben schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich +gefälligst an.«</p> + +<p>»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span>»Ein +anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet, +das Herz einer Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia +–«</p> + +<p>»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten, +wie Sie hier verraten.«</p> + +<p>»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat +ihr von neuem in den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn, +wenn ich Sie überreden wollte, gegen Ihre Empfindung +zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse Sie +aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie +hätten unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber +nicht. Sie haben nicht gewählt. Sie haben gar keine +Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben sich nur verpflichtet. +Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der +Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit +der banalen Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen +Zwang. Sie sind nicht geboren für die Niederungen, Sie +würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der Seite +eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt, +der aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam +sein wird, krank sein wird, den die Geschäfte des +Lebens kraftlos und die Enttäuschungen des Berufs übellaunig +gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen, +Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph. +Ich würde Sie lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten +Händen würde ich dastehen, ich würde nie von +Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen wie +in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> +erleben lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen +liegen, und das Geheimnis, das darin besteht, zu genießen, +ohne zu bereuen. Haben Sie bedacht, wie ungeheuer es +ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben einer Leidenschaft +widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft +vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt, +von den Sinnen erzogen und von der Natur bestätigt +worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln, am Blut, +am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit +hätte, daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet +haben, und daß Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt. +Sie sind es nicht. Unausrottbar bin ich in +Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen, von +mir kommen Sie nicht los.«</p> + +<p>Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung, +dumpfes Hinsinnen, Schrecken, das alles war in Virginias +Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck gelangt. Nach +den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig +an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von +keuschem Bedauern. »Ich bitte einen Augenblick zu entschuldigen«, +flüsterte sie endlich und ging in ihr Zimmer. +Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in den +Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren +ins Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief +ergriffen; sie war von Bewunderung für diesen Mann +wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im stillen, sie +grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte, +wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war.<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> +Ein einziger Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und +solche Männer gab es wie den! Sie dachte an den Tod; +das schien ihr noch das Beste, woran sie denken konnte.</p> + +<p>Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand +entgegen, auf welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und +Entschiedenheit vereinigten sich in der Geste wie im Blick, +ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher Entschluß. Frau +Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus.</p> + +<p>Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich, +alles umsonst.</p> + +<p>Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen +wurde, ein herrisches Bedürfnis seines Temperaments +war. Es gab in seiner Vergangenheit nur zwei +Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren war er +auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem +erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch +gelegen. Als Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im +Beisein von Kameraden von einer Frau, in die er verliebt +war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge hatte +gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen. +Man hatte ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der +sich verbissen hat.</p> + +<p>So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt. +Er schleuderte die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß +darauf, die Perlen krachten und knirschten. Er trat auf +sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und Wut im +Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum +bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> +Gerinsel, funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia +faltete die Hände. Ihre Lippen zuckten. Sie ging +ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die Scheibe. +Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche +Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich +straff emporgerichtet. Schweigend verließ er das Zimmer.</p> + +<p>In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem +Zimmer ins andere. Er dachte nichts, er begriff nichts +mehr. Das Rad ist im Schwung, das Korn muß gemahlen +werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr +vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner +trat ein. »Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte +nicht den Gruß. »Sie hat mich geschickt, sie hat mich gebeten, +Ihnen die Perlen zu bringen«, murmelte Frau +Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich +hab alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen! +Wie kann man so freveln!« – »Kommen Sie, um zu +jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie hat mich +gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die +Frau beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden, +Sie möchten doch vernünftig sein.«</p> + +<p>»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene +Erfindung zu sein. So geschmacklos ist Virginia nicht, +daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen macht.«</p> + +<p>»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald +heftig, bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen +nicht wieder zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie +erst lang betrachtet, bevor sie alle ins Papier gepackt hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span>Erwin +überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er.</p> + +<p>»Sie hat geweint.«</p> + +<p>»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn +um die Perlen geweint?«</p> + +<p>»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht +alle beschädigt. Sie hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie +fort waren, und dann war ihr wieder zu heiß, es ist so +schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden, das hab +ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt +und bin dann zu Ihnen.«</p> + +<p>Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so +umständlich, als könne sie sich damit willigeres Gehör bei +Erwin erzwingen. »Gehen Sie doch nicht im Bösen von +uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie bereut jetzt.«</p> + +<p>»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue +zu ziehen.«</p> + +<p>»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch +einen letzten Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute +war, als hielte sie Virginias Glück in Händen. Auch +war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er nur wolle, alles +noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge.</p> + +<p>Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen +Eingebung. »Ich muß morgen früh in der Stadt sein«, +sagte er.</p> + +<p>»So kommen Sie jetzt mit mir –«</p> + +<p>»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein +mit ihr sprechen können.«</p> + +<p>»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span>»Sie +wird mich nicht einlassen.«</p> + +<p>»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß +ich es bin, und wird Ihnen aufmachen.«</p> + +<p>»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es, +Sie geben mir Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht +Virginia sicher argwöhnisch.«</p> + +<p>»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir +nie verzeihen. Das wäre auch –«</p> + +<p>»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s +so versuchen. Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde +bin ich wieder da und hoffe, Ihnen gute Nachricht zu +bringen.«</p> + +<p>Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau +an. »Wenn Sie eilen, können Sie sie noch vor dem Haus +treffen, sie wollte noch ein wenig an die Luft«, sagte sie.</p> + +<p>Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte +er noch an die Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen +und Verlockungen? Ihn trieb die Ungeduld, die +leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz eines +Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe +und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von +welchem Rechenschaft sich zu geben er Scheu trug. Mit +dieser ganzen Hölle von Empfindungen überließ er sich +dem Zufall.</p> + +<p>Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger +Wolken, in denen fortwährend Blitze zuckten. Zwischen +den schwarzen Wiesen und schwarzen Wäldern glitten +Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher Geschwindigkeit<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> +hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern, +die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus +einem fernen Wirtsgarten schallte eine von der Schwülnis +erstickte Blechmusik.</p> + +<p>Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah +er eine helle Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er +erkannte Virginia am Gang. Sie blieb bisweilen stehen, +als lausche sie. Er wartete, bis sie um die Ecke des Hauses +verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der +Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern +Seite wieder hervorkam. Ich will nicht im Freien mit +ihr sein, überlegte er, hier flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte +ihn nicht. Sie schien in Nachdenken verloren, sie +blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen +entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür +ins Haus. Die Küche war von flackernden Flammen +beleuchtet, kochendes Wasser brodelte auf dem Herd. Er +stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer. +Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte +Lampe, die auf dem Tisch in Virginias Kammer stand. +Auf dem Boden drinnen befand sich eine halbgefüllte, +kreisförmige Blechwanne.</p> + +<p>Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend +war und doch den Zügen mehr Schatten und Trauer +verlieh, als je sonst darauf zu sehen war, umspielte seine +Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm Virginias +Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den +Schlüssel abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen,<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> +trat er hinter den bemalten Ofenschirm und +kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder.</p> + +<p>Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug +in ihrer Hand einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging +in ihr Zimmer und stellte den Krug zur Erde. Durch die +Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte Erwin sie +sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie +öffnete das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann +setzte sie sich in den Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein +Bein über das andere geschlagen, den Rumpf vorgeneigt +und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer über +die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit +und Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz +fing an zu klopfen wie ein Hammer.</p> + +<p>So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres +Antlitzes schimmerte wie Silber. Endlich erhob sie sich. +Sie zog einen Schal von den Schultern und seufzte wie +unter der Last der Gewitterschwüle. Nun verlor er sie. +Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre +Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar +seine Kinnlade begann zu zittern, und auf einmal sah er +sie wieder, eine andere, oder den innersten Kern von ihr, +das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf Erden wandelte. +Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne +jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das +im Augenblick zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene +Haut der kaum gekühlten Luft preis, die den dunklen +Honig ihrer Haare schlürfte und den von Blut und Atem<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> +bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein +hervortrieb.</p> + +<p>Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt +dem Auge selten Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren, +daß die Schale mehr versprach, als die Frucht +erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an dem Jubel +dieser <span id="Page_314_1">Vollkommenheit.</span> Der ruchlose Späher verwandelte +sich zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut +entfloh aus Erwins Lippen, seine Augen waren naß, er +war seiner nicht mehr mächtig, als er das schützende Versteck +verließ, aber als er dann die Bedeutung seines Tuns +ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom +Antrieb zur Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend +und kraftlos inmitten des Zimmers zurück.</p> + +<p>»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen +Tönen, von welchen der zweite um eine Oktave tiefer +klang als der erste. Huschend, mit einem seltsam überstürzten +Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu, +warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte +sie mit dem Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz +zusammengeduckt, und jedes einzelne Glied ihres Körpers +wünschte den Tod.</p> + +<p>Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu +Erwins Ohren. Er selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit +verlor ihre Schwere. Sie wurde ein Duft und +ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich +Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die +Stimmen der Schuld.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span>Worte +vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am +Türpfosten, indes Virginia in ihr Lager gewühlt war wie +ein Stieglitz in sein Nest. Sie streckte den Arm gegen +ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und flüsterte: »Fort! +Fort! Fort!«</p> + +<p>Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um, +Virginia flüsterte abermals mit immer noch ausgestrecktem +Arm: »Fort! Fort!« Und kaum stand er auf der Schwelle, +so schluchzte sie mit eigentümlich schmelzenden Lauten in +sich hinein.</p> + +<p>Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte +sie ihm, und obwohl er den Grund davon nur dunkel +ahnte, war es ihm, als blickte er in die tiefsten Tiefen +der Schönheit und der Unschuld.</p> + +<p>Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher +Zärtlichkeit: »Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte. +Immerfort will ich an dich denken, du schönste von allen +Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur ein Schatten. +Leb wohl, leb wohl.«</p> + +<p>Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die +Stille merkte, richtete sich auf. Mit den Händen die Brust +bedeckend, das beinahe entseelte Gesicht lauschend, feurig +bleich emporgewandt, rief sie: »Erwin!« Und wieder, +willenlos und jammernd: »Erwin!«</p> + +<p>Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende +Ohnmacht nahm sie auf.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Gefangenschaft">Gefangenschaft</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-s.jpg" alt="S"> +</div> + +<p class="drop-cap">Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung +der Gräfin Thurn-Reichenstein angenommen, die +letzten Septembertage auf deren Gut in Mähren +zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte, +fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch +einen Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert, +Gäste zu empfangen, hieß es. Dies stellte sich bald genug +als unwahr heraus; er traf einen Bekannten von der +französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf das +Gut der Gräfin zu fahren.</p> + +<p>Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky. +Auf den Schlag, der dort gegen ihn geführt wurde, war +er durchaus nicht vorbereitet. Frau von Resowsky ließ +sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute +Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr +nicht empfangen zu werden, war eine Art von Todesurteil.</p> + +<p>Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit +frostiger Zurückhaltung. Wohin er kam, dieselbe Veränderung. +Selbst Leute dritten Ranges behandelten ihn von +oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur Rede: man +war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die +Achseln. Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit +hervor. Es erwies sich, daß die Geschichte von +dem fingierten Duell neuerdings umlief und jetzt zur allgemeinen +Kenntnis gelangt war. Man hatte sich darüber<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> +lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die +Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein +elender Schmierant, dessen Beruf es war, in den Vorzimmern +der großen Welt zu schnüffeln, brachte das +Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und +erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht +mit Namen, aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen +Sud zu beschmutzen. Damit war Erwin vollends gerichtet.</p> + +<p>Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis +an den Hals stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der +Hand, in die Redaktion jener Zeitung und forderte Widerruf. +Seine Entschiedenheit, seine knirschende Ruhe flößte +den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus, sie versprachen +schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf erfolgte +nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie +einen Epilog an, durch den sie noch eine Würze erhielt. +Erwin nahm sich zusammen. Er bedurfte keiner Bemäntelung +seiner Schuld, um den Abscheu zu vermindern, +den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben, +die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt +jede Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen, +denn er war stets der Meister gewesen und hatte durch +unbegrenzte Verschwendung den Anspruch auf unbegrenzte +Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank +belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst +hatte er den Plan einer Reihe von Herausforderungen +erwogen. Das Mittel war unbequem, weil es ihn zwingen +konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu lärmend war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span>Im +Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber +des gegen ihn angezettelten Skandals zu entdecken, stieß +er bald auf den Namen Sixtus von Flügels. Sixtus +von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes zurückgekehrt. +Marianne hatte damals Frau von Resowsky +nach Erwins Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte +erfahren, daß er als Strohmann aufgestellt war, und hatte +die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache zu üben.</p> + +<p>Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den +Gegenschlag seines Feindes? Hatte er von Marianne +nicht genug Geld erhalten? War Marianne unvorsichtig +gewesen? Marianne, die seine Frau war?</p> + +<p>Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. +Die Dinge wuchsen ihm über den Kopf. Er war nicht +mehr der Mann, der er noch vor Wochen gewesen. Er +wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die +Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar +zu bleiben. Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater +in der letzten Zeit unheilvoll bloßgestellt hatte. Die +kleine Christie Martens hatte es wirklich verstanden, ihn +seiner alten Freundin abwendig zu machen. Er war nun +genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie +einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine +schlechte Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto +abgefeimtere im Leben, bezahlte ihre Schulden und hatte +eine elegante Wohnung. Das Alter hatte Michael Reiner +nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt zur +Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> +erzählte sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens +winselte, während Christie ihre Liebhaber bei sich hatte. +Es war Stadtgespräch. Erwin schäumte vor Zorn, aber +er schreckte davor zurück, seinen Vater zur Vernunft zu +bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet, +er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen. +Der Vater kam nicht zu ihm, er schämte sich offenbar, +er grollte ihm vielleicht und betrachtete sein Tun als Betäubung, +als einen Ausgleich gegen das Schicksal der +Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen +hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe +war. Es hatte mit der einen Torheit Michael Reiners +sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich sein Vater +plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß +er in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an +der Börse verloren hatte.</p> + +<p>Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin +verschob es. Es waren zu viele Stricke um seinen Fuß +gelegt. Er hätte noch drei Millionen hingegeben, wenn +er die Demütigung hätte vergessen können, die er durch +Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin +einen seiner unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer +Freiheit das Gewebe der Verleumdungen auf, +schilderte das Treiben seiner Gegner mit der Laune des +Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole +um sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky +sogleich antwortete, er möge zu einer bestimmten Stunde +zu ihr kommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span>Er +atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung +seiner Person sicher. Daß man ihn rief, war schon ein +Triumph. Jedoch es kam alles anders. Und wenn er +geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu bedürfen, +um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin +eine bereuend überzeugte zu machen, so brauchte Frau +von Resowsky, eine Dame, die in allen zweifelhaften +Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln gewohnt +war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen +und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für +Erwin eine Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen +entstand.</p> + +<p>»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin, +nicht wahr?« bat Frau von Resowsky.</p> + +<p>»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe, +mit Vergnügen, Baronin.«</p> + +<p>»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd, +»wenn Sie bei einem sind, möchte man durchs +Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile nicht gesehen, +so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten +nicht.«</p> + +<p>»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten +Geschmacks. Das Rätsel erklärt sich durch den Überschuß +von Moral, an dem wir alle leiden wie an einer Art von +geistigem Diabetes, und dem Unvermögen, auch nur einen +geringen Teil davon tätig auszulösen.«</p> + +<p>»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat +mir seinerzeit mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> +geschlagen hätten. Ich habe dafür gesorgt, daß die dummen +Gerüchte, die schon damals begannen, zum Schweigen +gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und behauptet, +er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt. +Das ist doch unbegreiflich.«</p> + +<p>»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen +Umtriebe dieser Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings +niemals mit Herrn von Flügel geschlagen.«</p> + +<p>»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir +gekommen?«</p> + +<p>»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin, +nur Zeit.</p> + +<p>»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«, +sagte Frau von Resowsky, indem sie zu einer kleinen +Tapetentür schritt und öffnete. »Herr von Flügel!« rief +sie hinein, »ich bitte.«</p> + +<p>Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die +Augen, die in seinem schwarzbleichen Gesicht tückisch +brannten, auf Erwin.</p> + +<p>Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber +gleich wieder seine Fassung. »Ah – reizend!« sagte er +mit finsterem Blick gegen Frau von Resowsky und küßte +seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?«</p> + +<p>»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die +Baronin ziemlich scharf; »sonst wird die Wahrheit im +Maul von Allerwelt zerstückt.«</p> + +<p>»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.«</p> + +<p>»Das ist kein Argument.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span>»Ich +brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles +eine Erfindung von mir. Glaubt man mich decouvriert +zu haben, wenn man gemerkt hat, daß ich den Sumpf +zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen +fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu +fassen, höchstens noch bei meinen Gedanken.«</p> + +<p>»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte +die Baronin unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre +Schwester sei nicht in seinem Auftrag zu mir gekommen.«</p> + +<p>»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von +Flügel dumpf und mit haßerfüllter Freude.</p> + +<p>Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem +still. Er sah, daß er sich verrechnet hatte. Er machte eine +Bewegung, als wolle er sich auf den Beleidiger stürzen. +Seine Wangen hatten eine fahlgrüne Färbung, seine +Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky +trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und +den andern an. Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als +müsse er den Gegner anflehen zu schweigen, aber das +gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann +lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und +das ist um so schändlicher, als meine Schwester Marianne +seine Frau ist. Er hat sich heimlich mit ihr trauen lassen. +Sie sehen also, Baronin, daß Herr Doktor Reiner uns +näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte den +Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet, +wenn Herr Doktor Reiner den Namen meiner Schwester +respektiert hätte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>Frau +von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck +kalter Verwunderung an. Sie zuckte die Achseln und +machte eine kleine, abfertigende Gebärde. Erwin lachte. +»Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über diese +Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«, +sagte er gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden +unter ihm im Kreis drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt, +fügte er hinzu: »Wir treffen uns noch.«</p> + +<p>»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau +von Resowsky mit verächtlich zuckenden Lippen.</p> + +<p>»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es +zu spät erkennen!« rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich, +daß Frau von Resowsky stutzig wurde und ihm unschlüssig +nachschaute, als er ging.</p> + +<p>Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke +war: jetzt zu Virginia. Es war an der Zeit. Er +wußte, daß sie am gleichen Tag wie er in die Stadt zurückgekommen +war. Er empfand es durch Luft und Ferne, +daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen. +Sein Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals +eines Adlers. Sie mußte dem Gischt des Geredes, das +zu gewärtigen war, entzogen werden. Er bangte, er +lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre, Freundschaft, +Geld und Leben, <em class="gesperrt">sie</em> mußte er gewinnen. Er liebte +sie nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät, +um zu lieben. Ein dringenderes Gebot befehligte ihn.</p> + +<p>Viel war noch zu tun. Wirrsälig lagen die Wege. Ineinandergeschlungen +waren die Triebe. Die Ehre forderte<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> +Sold von der Lüge. Die Unschuld mußte vernichtet werden, +um die Ehre zu retten. Das Antlitz des Lebens zeigte sich +bizarr wie nie zuvor.</p> + +<p>Sein Herz stockte vor Lust, wenn er sich ausmalte, +wie ihr niedergetretenes, zu Tode beleidigtes Herz nach +ihm schmachtete. Endlich! endlich! sie mußte ihm folgen, +wie eine Blinde mußte sie ihm folgen, die von nichts +anderem weiß als von der führenden Hand. Und allein +mit ihr, die ganze Welt hinter ihnen her, die verstandlose +Meute, und in ihr, bei ihr sich reinigen von allen +Übeln. In seinem Willen wurzelte Glück und Unglück, +durch seinen Willen wandelte Virginia, atmete sie, war +sie schön, anbetungswürdig, begehrenswert und ihm verfallen.</p> + + + +<p class="small-drop-cap">Und so verhielt es sich: ihm verfallen.</p> + +<p>Wo ist <em class="gesperrt">er</em>? dachte Virginia täglich, stündlich, in +der unbekämpfbaren Furcht vor Verrat. Denn er verriet +sie, wo er auch war, er teilte ein Bild von ihr allen Dingen +mit, die sein Auge traf, er gab es den Augen der Menschen +preis, indem er mit ihnen redete, und trug es in die Räume, +in denen er weilte. Er verriet sie, wenn er ging, wenn +er lag, wenn er träumte und wenn er arbeitete. Sie +konnte nicht mehr an sich selber denken, ohne daß das +Bild, das immer dort war, wo Erwin war, ihre Nerven +zu äußerstem Schmerz spannte. Langsam war das Bewußtsein +einer unendlichen Schmach in ihr angewachsen,<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> +und sie saß oft ohne Anmut in eckigem Kauern und sehnte +sich nach Tränen.</p> + +<p>Wie hatte die Mutter sie neulich am Abend gefunden? +an jenem Abend, dem kein eigentlich heller Tag mehr +gefolgt war, auch keine Sonne mehr. Wann war die +Mutter gekommen? Virginia wußte es nicht. Sie hatte +geschwiegen. Auch Frau Geßner hatte geschwiegen, +schuldbewußt, zerstreut, betrübt und heimlich aufgeregt. +Ja, von einem heimlichen Zorn war diese Mutter verzehrt, +hatte aber keine Klarheit darüber, nach welcher +Richtung sich dieser Zorn wenden würde. Ich hab es +satt, dachte sie und glich einem Menschen, den ein durchtriebener +Wühler rebellisch gestimmt hat und den es nach +Aufruhr verlangt, wobei er gleichzeitig froh ist, wenn sich +der Wühler und Quäler nirgends blicken läßt. Der Geldzufluß +hatte in der letzten Zeit aufgehört, die Ausgaben +mußten beschränkt werden, und Frau Geßner fing an, +sich vor der Armut zu fürchten, vor derselben Armut, in +der sie drei Jahrzehnte lang zufrieden gelebt.</p> + +<p>An jedem Morgen sagte sich Virginia: so kann es nicht +weitergehen. Sie hatte Manfred vergessen. Wenn sein +Name emporstieg, war es, als ob ein früheres Dasein +sie an ihn verbunden hätte. Er schrieb auch nicht mehr; +seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Was +war geschehen? Sie war überzeugt, er wisse alles. Und +sie wollte ihn vergessen. Der Kummer gab ihrem Gesicht +die Blässe des Perlmutters. Von allem Schweren war +die Abwesenheit Erwins das Schwerste. Sie wollte ihn<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> +sehen, seine Gedanken spüren, sie wollte wissen, welche +Art von Laster oder Verworfenheit in ihr war, die ihn +ermutigt hatten zu tun, was er getan. Sie fand nicht +das Wort, nicht die Form ihn zu rufen, auch schien es +ihr bei tieferem Bedenken, daß es überhaupt keine Worte +mehr zwischen ihr und Erwin geben konnte. Doch ihr +Gefühl war dies: ruhig kann ich erst sein, wenn er da +ist; froh werd ich nimmer werden, aber ich will erfahren, +warum ich so erniedrigt worden bin.</p> + +<p>Warum kommt er nicht? klagte sie im Stillen; verachtet +er mich? meidet er mich deshalb? Sie suchte sich +seiner zu erinnern, aber die Gestalt war wie Dunst. Nur +in ihrem Blut fühlte sie seine Gebärden, seine Blicke +und seine Stimme. Es hatte den Anschein gehabt, als +liebe er sie; so war Liebe etwas Düsteres, Unbehagliches, +Wildes und Sündenvolles geworden. Sie bemerkte, daß +alle Menschen in Kleider gehüllt waren, und sie sah die +Leiber hinter den Kleidern, und Männer und Frauen +hatten etwas Heuchlerisches und Maskiertes. Die vergiftete +Phantasie war von Haß gegen den Vergifter beladen.</p> + +<p>Die neue Wohnung lag in einem einstöckigen Haus in +friedlicher Umgebung. Hinter dem Haus lag ein Garten, +in welchem sich Virginia an regenlosen Tagen fast unablässig +erging. Sie vermied den Zaun neben der Straße +und wandelte nur auf den schmalen Wegen zwischen den +schon vergilbenden Sträuchern.</p> + +<p>Es war spät nachmittags; es dämmerte schon, da rief +Frau Geßner vom Küchenfenster nach ihr. Der freudige<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> +Klang der Stimme verwandelte Virginias Füße in Blei. +Er war da.</p> + +<p>Sie ging hinauf. Er erhob sich und verbeugte sich, als +sie eintrat. »Ich befinde mich in einem Wirrsal von +Geschäften und Unannehmlichkeiten«, sagte er. »Bitte, +geben Sie mir ein Glas Wasser, Mama. Ich verdurste.«</p> + +<p>Virginia kam der Mutter zuvor, holte selbst das Wasser +und kühlte dabei ihre heißen Hände unter der Leitung. +Als sie wieder ins Zimmer trat, war die Mutter verschwunden. +Sie runzelte die Stirn, reichte ihm das gefüllte +Glas, und er trank gierig.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen gestehen,« begann er plötzlich, »daß +das Gerede der Stadt Sie schon als meine Geliebte bezeichnet. +Ich kann Sie dagegen nicht schützen, Virginia, +so lang Sie sich töricht weigern, den Entschluß zu fassen, +der allen Klatsch beschämt.«</p> + +<p>»Wer redet? Was soll das heißen? was für einen +Entschluß soll ich fassen?« antwortete Virginia außer sich. +»Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß der Klatsch +eine Pression für mich ist.«</p> + +<p>»Es gibt noch eine stärkere, Virginia; nämlich die, daß +eine andere Glücksmöglichkeit nicht mehr für Sie vorhanden +ist.«</p> + +<p>»Dann muß ich eben ohne Glück leben.«</p> + +<p>»Und mich? Virginia? Mich wirfst du zu den Gleichgültigen?«</p> + +<p>»Duzen Sie mich nicht!« rief Virginia und wurde +blutrot. »Warum ist die Mutter fort? wo ist sie hin? Sie<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> +sind verschworen mit ihr. Alle sind gegen mich verschworen.«</p> + +<p>»Virginia! Das Leben ist verschworen gegen dich, +weil du es mit Füßen trittst. Du liebst mich, Virginia! +Wenn du mich nicht liebtest, hättest du die letzte Nacht +in Edlitz nicht überlebt. Du liebst mich, und es genügt +mir, dies zu wissen.«</p> + +<p>Virginia preßte die Faust an die Wange. Es ist wahr, +dachte sie, es ist ein Wunder, daß ich’s überlebt habe. +Ihr Gesicht schien entgeistert im grauen Sammet der +Dämmerung, als sie dumpf beteuernd murmelte: »Niemals +werd ich Sie lieben, Erwin, niemals. Geben Sie +mich also frei.«</p> + +<p>»Was heißt das?« fragte er verblüfft, und ihm wurde +schwül ums Herz. »Du bist frei.«</p> + +<p>»Ich – bin – frei«, wiederholte sie langsam und mit +leerem Nachdruck.</p> + +<p>»Du bist frei, aber vom Schicksal mir zugeschmiedet«, +fuhr er fort. Jetzt galt es, den letzten Schlag zu führen. +»Du bist frei auch von Geburt,« sagte er, »zur Liebe bestimmt +von Geburt her. Ein Kind der Liebe bist du, +unbekannt ist dein Vater. Selbst deine Mutter kennt ihn +nicht, eine einzige Stunde der Leidenschaft, die einzige +ihres Lebens hat sie dem unbekannten Mann in die Arme +geworfen, und dies ist in deinem Blut, dagegen kämpfst +du vergeblich. Du bist ein verlorenes Kind.«</p> + +<p>Zitternd schaute Virginia auf seinen Mund. Ihre +bang ungläubige Miene gefiel ihm; der sichtbare Zusammenbruch<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> +von Stolz und Festigkeit erschütterte ihn. +Sie machte mit der Hand eine mechanisch deutende Bewegung, +ihre Augen fielen zu. Erwin ergriff ihre Hand +und drückte sie lange an seine Lippen. Sie ließ es zitternd +geschehen und zitterte immer – immerfort. Er legte den +Arm um ihre Hüften. Plötzlich trat sie zurück. »Rühren +Sie mich nicht an!« schrie sie erbleichend, so wie sie bisweilen +im Traum aufschrie.</p> + +<p>Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Da +öffnete Frau Geßner, durch Virginias Schrei gerufen, +die Türe. Ihr Gesicht zeigte die rasende Entschlossenheit, +die oft die Energielosen überfällt. Wenn gutmütige und +verträgliche Menschen in solcher Weise außer sich geraten, +legen sie nicht selten eine plebejische Roheit an den Tag, +die ihren Mangel an Erziehung und ihre Herzensdumpfheit +enthüllt. Diese Frau war sozusagen bis auf den +niedersten Stand ihrer moralischen Natur herabgedrückt: +Ehrgeiz, naive Habsucht, Furcht vor Armut und eine +systematische Bezauberung hatten aus ihr das willenlose +Werkzeug Erwins gemacht, und Erwin erkannte es selbst, +nicht ohne Verwunderung.</p> + +<p>»Du undankbares Ding!« begann sie keuchend, während +ihre Züge vergröbert, vergrößert und gerötet erschienen, +»was sträubst du dich gegen dein Glück? Aus +welchem Grund, sag mir? Wegen deines Manfred vielleicht, +der nichts ist, nichts hat und nichts kann? Gott +verzeih mir die Sünde, aber ich will’s nicht länger mit +ansehen, wie dieser ehrenhafte und großmütige Mann<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> +da um dich leidet, der dich mit Geschenken überhäuft hat, +mit Geschenken, die Hunderttausende wert sind, und dich +behandelt hat wie eine Gräfin. Und du tust, verzeih +mir’s Gott, als ob du zu kostbar für ihn wärst. Was ist +denn all mein Hangen und Bangen seit Jahr und Tag? +Nur dir gilt’s, alles nur für dich, und so lohnst du’s mir, +Undankbare, mit deinem lächerlichen Dünkel. Gott verzeih +mir’s!«</p> + +<p>»Genug!« rief Erwin laut; »schweigen Sie, Mama.«</p> + +<p>Virginia bewahrte eine erstaunliche Fassung. Sie ging +auf die Mutter zu und legte ihre beiden Hände auf deren +Schultern. Frau Geßner wich betroffen zurück, aber Virginias +Blick drang unerbittlich in die Augen der Mutter, +als wollte sie zunächst die Wahrheit dessen ergründen, +was Erwin ihr vorhin verraten. In der Art jedoch, wie +sie sich hielt, war etwas so Vornehmes, daß Erwin, bestürzt +über soviel Lieblichkeit und Adel, sich auf die Lippen +biß und einen raschen Seufzer nicht unterdrücken konnte, +der wie das heimliche Aufschluchzen eines Kindes klang. +In diesem Moment kehrte sich Virginia um und sagte +mit ruhiger Stimme: »Gut, es sei. Ich füge mich.«</p> + +<p>Erwin starrte zu Boden. Welch ein boshafter Teufel +flüsterte ihm zu, den Fangstrick mit dem Dolch zu vertauschen +und noch eine kurze Qual und prüfende Demütigung +auszuhecken, für die, die »sich fügte«? Wollte er +nicht Räuber sein, sondern Retter, nicht Zuflucht einer +Ermatteten, Verstoßenen, Besudelten, sondern frei begehrt? +Er faltete die Stirn und schwieg. Dieses Schweigen<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> +war niederschmetternd für Virginia. Sie nahm es als +einen Ausdruck der Verachtung. So weit ist es also mit +mir gekommen, dachte sie, und das Blut rauschte ihr zu +Kopf. Sie begab sich langsamen Schritts zum Sofa, ließ +sich niedersinken und fiel mit dem Gesicht auf die verschränkten +Arme. So weit ist es also, und ich bin ihm +nichts mehr wert, das war ihr einziger Gedanke, und +alles, was sie körperlich von sich spürte, war ihr eine Last +und ein Grauen.</p> + +<p>Jetzt bist du mir sicher, jauchzte es in Erwin, jetzt hab +ich dich ganz und gar.</p> + +<p>»Was ist das? es klopft jemand«, murmelte Frau +Geßner. Sie öffnete die Tür, – Ulrich Zimmermann +stand da. Er grüßte, niemand antwortete. Es war schon +dunkel geworden, und als die Tür aufging, fiel der Lichtschein +vom beleuchteten Flur herein. »Draußen war +offen«, sagte Ulrich entschuldigend.</p> + +<p>Ulrich Zimmermann hatte die letzten Tage in einer +Besorgnis um Virginia verbracht, die in ihm durch ein +kurzes Beisammensein mit dem Grafen Palester entstanden +war. Palester hatte sich nicht klar geäußert, aber +seine geheimnisvollen Andeutungen hatten in Ulrich den +Vorsatz erweckt, Virginia aufzusuchen. Vielleicht nur um +sie zu sehen. Er kam von der Piaristengasse, wo man +ihm die neue Wohnung gesagt hatte.</p> + +<p>Er grüßte abermals schüchtern, auch jetzt antwortete +niemand. Frau Geßner zündete mit hastigen Gebärden +die Lampe an. Ulrich Zimmermann erblickte Erwin und<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> +erschrak. Er sah Virginia regungslos liegen und starrte +hin wie auf eine Leiche. Alle schlimmen Befürchtungen +schienen bestätigt.</p> + +<p>»Eine schlechte Zeit haben Sie da gewählt«, sagte +Erwin und schaute Ulrich mit funkelnden Augen an. Ulrichs +Mund verzerrte sich. »Was ist geschehen?« fragte +er Frau Geßner. Diese schüttelte unfreundlich den Kopf.</p> + +<p>»Kommen Sie, ich werde Ihren Wissensdurst befriedigen«, +sagte Erwin herrisch. Ulrich Zimmermann +folgte zaudernd.</p> + +<p>Als sie auf die Straße traten, hatte Ulrich das Gefühl, +an der Seite eines Feindes zu gehen, der ihn durch +Freundschaftskünste so lange gefoppt, bis er allen Mut +der Auflehnung zerstört hatte.</p> + +<p>Erwin ging wie gejagt, erst allmählich verlangsamte +sich sein Schritt. »Was macht Mirowitsch?« fragte er +plötzlich zerstreut und mit jener gnädigen Teilnahme, die +auf Ulrich wirkte, als ob man ihm mit einer Stahlbürste +über den Rücken streiche. »Er nähert sich der Katastrophe«, +erwiderte er leise. Dann fuhr er fort und blickte Erwin +finster in die Augen: »Und diese ganze Verantwortung +nehmen Sie auf sich?«</p> + +<p>»Welche Verantwortung?«</p> + +<p>Ulrich machte mit Kopf und Schulter eine Bewegung +gegen das Haus, das sie eben verlassen.</p> + +<p>Erwin maß ihn von oben bis unten. »Rivalität trübt +das Urteil«, sagte er. Ulrich, der eine Beleidigung erst +kapierte, wenn der Beleidiger sie vergessen hatte, sah bekümmert<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> +drein. Die Leute von starkem Phantasieleben +haben eine eigentümliche Angst davor, aus Begebenheiten, +unter denen sie leiden, die Folgerungen für ihr Verhalten +zu ziehen. Ulrich war erdrückt von dem Bewußtsein, eine +bemitleidenswerte Figur darzustellen gegenüber diesem +Wachen, diesem Wirklichen. Er schwieg und konnte das +Bild der regungslos hingekauerten Virginia nicht aus +seinem Gedächtnis wischen.</p> + +<p>»Sie haben einen Trauerfall gehabt, höre ich«, begann +Erwin wieder, der eben dieses Bild für eine Weile vergessen +wollte.</p> + +<p>»Ja; mein Onkel ist gestorben.«</p> + +<p>»Ach! So schnell –«</p> + +<p>»Ja. Eines Tages wurde mir gemeldet, daß er nur +noch kurze Zeit zu leben habe. Er wünschte mich zu +sprechen. Er wohnte in einem kleinen Hotel in Baden. +Ich fuhr hinaus. Er hatte sich aus der Stadt geflüchtet +wie ein edles Raubtier, das den Tod fern von seiner +Höhle sucht. Er wollte seine Freunde mit dem Anblick +seines Sterbens verschonen. Seit anderthalb Jahren +wußte er, daß er verloren sei; seit anderthalb Jahren ist +er täglich kontemplativer geworden und dachte an nichts +anderes als den Tod. Der Gedanke an den Tod mußte +ihm furchtbar sein, denn er hatte gar keinen Glauben, +keine Hoffnung, keine Illusionen und entbehrte auch den +Trost, der darin liegt, daß man einige Menschen hinterläßt, +die mit gespannter Brust eine Schaufel Sand ins +Grab werfen. Er gehörte einer Generation von arbeitsamen<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> +Skeptikern und sentimentalen Zynikern an, mit +denen es jetzt zu Ende geht und die den schmarotzenden +Skeptikern und den zynischen Strebern Platz machen. +Er war ein vortrefflicher Mann und hatte Charakter, was +heute ein bißchen veraltet ist.«</p> + +<p>»Nun, er hat Sie gewaltig kujoniert«, wandte Erwin +ein. »Was Sie Charakter nennen, war die Verstocktheit +der Lustspielväter; die wollen immer eine Heirat verhindern, +die schließlich doch stattfindet.«</p> + +<p>»Nein, nein, er hing am Gelde, und er hing an Formen«, +widersprach Ulrich Zimmermann. »Als ich ihn +sah, drehte sich mir das Herz im Leibe um. Haben Sie +je einen Hund gesehen, der weiß, daß er zum Schinder +geführt wird? Diese sanften, nassen Augen voll Vorwurf +und ohne Haß? Der Herr hat sich versteckt, und die +Augen des Hundes suchen den Herrn. Solche Augen +hatte der alte Mann. Als ich vor ihm stand, verlegen +und dumm, wie man ist, wenn andere leiden, konnte er +kaum mehr reden. Er hatte eine dick mit Banknoten gefüllte +Brieftasche unter seinem Kopfkissen liegen, die er +argwöhnisch bewachte. Endlich erfuhr ich sein Begehren. +Er forderte, daß ich jede Beziehung zu Ihnen, Erwin, +abbrechen sollte; wenn ich darein willigte, würde er mich +zum Universalerben einsetzen.«</p> + +<p>»Und wozu haben Sie sich entschlossen?« fragte Erwin +verwundert.</p> + +<p>»Sie sehen ja, wozu ich mich entschlossen habe. Man +kann doch nicht einem Sterbenden gleichsam einen Lebendigen<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> +in den Sarg mitgeben. Ich will Ihnen sagen, +Erwin, mein Gefühl war ja nie ungetrübt in Ihrer Nähe. +Der Umgang mit Ihnen hat, wenn ich ganz aufrichtig +sein soll, die Lust zum Verrat in mir geweckt. Sie haben +die furchtbare Eigenschaft, die Menschen in irgend einer +Hinsicht zu Verrätern zu machen. Sie töten Instinkte +wie der Märzwind Knospen. Aber das Allersonderbarste +an Ihnen ist Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, +unsichtbar gerade dann, wenn man will, daß Sie einstehen +sollen für sich, daß Sie sich zeigen sollen. Dann sind +Sie unsichtbar wie der Herr des Hundes, der zum Schinder +muß. Sie sind oft so merkwürdig wesenlos: man sucht +Sie und man findet Sie nicht. Oft wenn ich an Sie +denke, ist es mir, als ob Sie keine Augen hätten, als ob +Sie wie ein Tiefseefisch in der Finsternis schwämmen, +mit prachtvollen Farben allerdings, purpurn, gelb und +grün, aber wozu sind diese Farben, frag ich mich, wozu +die Herrlichkeit für einen Augenlosen? wozu in der schwarzen +Tiefsee-Finsternis? Nun gut; vielleicht um dieser +schönen Farben willen hab ich meinem Onkel geantwortet, +ich könne auf seine Bedingung nicht eingehen. +Nicht aus Rücksicht oder Trotz oder Dankbarkeit oder aus +Furcht mich zu verkaufen, sondern wegen der prachtvollen +Farben. Sie werden das für eine märchenhafte Dummheit +erklären; mag sein. Einige Tage später, als ich meinen +Onkel besuchte, war eben der Notar weggegangen. Es +fand sich auch ein junges Mädchen ein mit seiner Mutter; +beide sahen wie Arbeiterinnen aus. Das Mädchen war<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> +die Tochter meines Onkels und kam aus einem Proletarierwinkel +der Großstadt, um ihren Vater, den sie kaum +kannte, sterben zu sehen. Ich wußte natürlich nichts von +ihr, und sie stand da mit einer Nase, die nach Geld schnupperte. +Sie hat zwanzigtausend Kronen geerbt, ich ebensoviel, +den Rest, der etwa zehnmal so groß ist, hat das +Sankt-Annenspital bekommen. Nachdem mein Onkel gestorben +war, hat man über fünfhundert Goldstücke im +Zimmer gefunden, die er in der letzten Todesangst um +sich herum verstreut hatte.«</p> + +<p>Erwin ging eine Weile mit zur Erde gehefteten Blicken. +Plötzlich schaute er empor und sagte gradeaus vor sich hin: +»Es wäre gut, wenn Sie mich jetzt allein ließen. Es ist +am besten, wir verabschieden uns hier. Ich habe zu Haus +ein paar Manuskripte von Ihnen, die werde ich Ihnen +schicken. Es ist am besten, wir trennen uns hier für immer. +Gute Nacht.«</p> + +<p>Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle +losreißen, wo diese Worte gefallen waren. Erwin eilte +mit raschen Schritten in die Dunkelheit. Er suchte eine +öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich mit Villa Sansara +verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge. Bei +einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und +fuhr in die Geßnersche Wohnung zurück.</p> + +<p>Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag, +als Erwin und Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es +verfloß eine Viertelstunde, und keine der beiden Frauen +sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben dem<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> +Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um +den Hals des Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht; +erst als die Zerknirschung der Mutter zudringlicher wurde, +richtete sie sich empor und sagte kalt. »Laß nur das, Mutter. +Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es wahr +ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.«</p> + +<p>Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir +gesagt?« stotterte sie und schlug die Hände klatschend zusammen. +»Und der andere, der hat also geplaudert? Ich +armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes, unglückliches +Kind!«</p> + +<p>Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht, +das Taschentuch vor den Mund gepreßt, ging Frau +Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin stand vor ihr. +»Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind, +kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell +und mit unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist +in Sie gefahren?«</p> + +<p>»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau.</p> + +<p>»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur +Gräfin Hamlisch bringen. Widersetzen Sie sich nicht! +Schweigen Sie. Alles hängt davon ab, daß Sie vernünftig +sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie Nachricht.«</p> + +<p>Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner +an. Erwin bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat +ins Zimmer, ergriff Virginia bei der Hand und sagte +leidenschaftlich drängend: »Ich wollte vorhin nicht den +Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> +Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung +der kommenden Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles +ist bereit. Folgen Sie mir.«</p> + +<p>»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene.</p> + +<p>»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine +Schwester der Frau von Resowsky. Virginia kannte und +ehrte diese Dame, und sie hätte nichts gegen Erwins +Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes +Herz verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen, +– wäre nicht ein Mißtrauen in ihr gewesen, +das nicht als Gedanke oder Erwägung, sondern als Lähmung +ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in Erscheinung +trat.</p> + +<p>»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin +fort, indem er seine Stirn zu der ihren niederbeugte; +»Leben, Glück und Zukunft hängen davon ab, besinnen +Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.«</p> + +<p>Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht +verworfen, dachte sie und spürte eine finstere Beruhigung. +Mechanisch erhob sie sich. »Mantel! Hut! rasch!« rief +Erwin der Mutter zu, die verstört auf der Schwelle stand.</p> + +<p>Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich +apathisch die Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den +Hut in den Haaren, als ihr die Mutter die langen Nadeln +gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was geschah und +was sie tat.</p> + +<p>»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin +warf ihr einen wütenden Blick zu, und sie schwieg.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>Er +führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die +Räder begannen zu rollen. Erwin packte Virginias heiße +Hände, sie zog sie beinahe entsetzt zurück, da ließ er sich +auf die Knie gleiten, nahm ihren Rocksaum und drückte +ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin.</p> + +<p>Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe. +Sie antwortete nicht. Er unterließ es. Die Pferde +rannten wie rabiat durch eine Menge von Straßen, endlich +hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais im dritten +Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen +Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.« +Er sprang hinaus und verschwand im Torgang. Virginias +Kehle war wie zugeschnürt; in ihrer Brust war eine +steinern schwere Gleichgültigkeit.</p> + +<p>Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er +mochte beim Portier einen belanglosen Auftrag erteilt +haben, – rief dem Kutscher etwas zu, und nachdem er +eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung +gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis +geschehen. Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie +erwartet uns in meinem Haus. Ich habe ihr vor einer +Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt. Was ich +geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt +gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.«</p> + +<p>Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte +ihr Blick, der nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand +eine schmerzliche, trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du +mich abermals verrätst, sagten gleichsam die Augenlider<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> +bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und sprach +und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen. +Doch redete er nur, damit Virginia die Länge +der Fahrt nicht spüre, und seine Stimme klang schließlich +heiser und angestrengt.</p> + +<p>Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia, +und um ihren Mund zuckte es beständig. Weshalb? +was will er damit? Es waren aber diese Gedanken sowie +seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich selbst +und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer, +hinter seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische +Ungeduld.</p> + +<p>Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden +sein, denn er zeigte sich nicht. Sie schritten durch die +Halle. »Ich bitte, hier herauf«, sagte Erwin höflich. Virginia +zauderte vor der zweimal geeckten Holztreppe. »Ich +bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die Gräfin +muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den +untern Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.«</p> + +<p>Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand +antwortete.</p> + +<p>Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die +Treppe hinan, gequält und benommen von jener trotzigen +Neugier.</p> + +<p>Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer; +müde, zerschlagen, in sich gekehrt, ja fast verträumt +und ohne eigentlich zu leiden. Erwin sprach zu ihr. Nun +klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> +schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er +hat mich abermals verraten, sagte sie zu sich selbst.</p> + +<p>Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht +völlig bewußt. Sie dünkte sich das Opfer eines häßlichen +Zwischenfalls, einer dummen Lüge, eines unwürdigen +Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle. Erwin +betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob +er sich und ging hinaus.</p> + +<p>Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie +schloß die Augen und öffnete sie wieder. Welche tiefe +Stille! Eine schier trinkbare Stille! Was ist das für ein +Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es nicht, es ist hergerichtet +wie für eine Frau.</p> + +<p>Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum +nicht? warum sollt’ ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein +Kunststück zu lieben? Er wird mich heiraten, und ich +werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er ist so +weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht +auch ihn lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte +sie ihre Gedanken in vollständiger Verdüsterung +des Geistes.</p> + +<p>Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem +Grund läßt er mich so lange allein? grübelte sie befremdet +und bekam nun Angst vor der Stille.</p> + +<p>Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und +schaute in ein rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd +schloß sie wieder, wandte sich weg und trat zu +einem Fenster. Die Nacht war schwarz. Regentropfen<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> +spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing +von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen, +was tu ich! fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn; hier +kann ich nicht bleiben, es ist spät, ich muß fort.</p> + +<p>Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf +und eilte zur Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein +eisiges Entsetzen überfiel sie. Die Türe war versperrt.</p> + +<p>Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren +aufgerissen. Noch einmal und noch einmal drückte sie die +Klinke. Umsonst. Die Tür war versperrt. Sie war gefangen.</p> + +<p>Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte +sich mit der Stirne kraftlos gegen den Pfosten.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Miniaturen">Die Miniaturen</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-i.jpg" alt="I"> +</div> + +<p class="drop-cap-i">In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias +wußte sich Ulrich Zimmermann keinen andern +Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen. Noch +vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen +Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung +Palesters führte. Eine hinkende Pförtnerin führte ihn +über regennasse Wege zu einem uralten und keineswegs +freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne beleuchtet +wurde, welche über der gegenüberliegenden +Gärtnerwohnung aufgehängt war. Der Garten gehörte +zu einem ausgedehnten Besitz, und diese Gebäude hatten +ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt gedient.</p> + +<p>Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel. +Die Pförtnerin war gegangen. Ulrich fand keine Glocke +und pochte daher ans Tor. Es blieb alles still, und er +pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es drinnen +laut hallte wie in einem Kellergewölbe.</p> + +<p>Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer +Frau beugte sich über das Sims. Eine ruhige, helle +Stimme fragte mit fremdländischer Betonung nach dem +Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu, +er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen +sprechen. Nach einer Weile rasselte unten das Schloß, +und Graf Palester erschien mit einer Kerze. Er geleitete +den abendlichen Gast über eine Steintreppe hinauf in +ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> +hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger +Schmuck der Wände prangte die Photographie eines +Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle, ein Messingbett und +eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar. Niemand +hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet +durch die Mauern einer weiland hochadeligen Domäne, +eine solche Wohnstätte der Armut gesucht. Es hatte dem +Grafen Mühe gekostet, mitten unter den Unanfechtbaren +des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz +seine Not zu verstecken.</p> + +<p>Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia +Geßner aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen +habe, als ob sich dort verhängnisvolle Dinge abspielten. +Er schilderte, wie er Virginia gesehen, wie unwillkommen +Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei und daß er den +Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend +eingreifen.</p> + +<p>Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale, +blasse Gesicht in die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das +alles sagen«, erwiderte er. »Ich werde heute abend +noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der +Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber +es muß sein. Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag +zurückkommen. Ich erwarte ihn.«</p> + +<p>»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?« +fragte Ulrich, nicht fähig, Freude darüber zu bezeigen.</p> + +<p>»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.«</p> + +<p>»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span>»Vor +neun oder zehn Wochen.«</p> + +<p>»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?«</p> + +<p>Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß +erreicht hat und er die raschesten Verbindungen +hat benutzen können, muß er noch in dieser Woche kommen.«</p> + +<p>»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?«</p> + +<p>»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester. +Er zog den Mantel an, nahm Hut und Schirm und sagte: +»also gehen wir, wenn ich bitten darf.«</p> + +<p>Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie +er einst gewollt, als er den reinen Strom der Sympathie +verspürt, der von dem Jüngling ausging, nicht mitteilend, +breit und frei, sondern kurz und gebietend, so geschrieben, +daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben +durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren. +Eine Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von +konventionellen Rücksichten, und derart beschaffen, daß +sie in dem Fernweilenden, um dessen sichere Adresse er +den Professor Dalcroze in Berlin gebeten hatte, den erwünschten +Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte.</p> + +<p>Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann +wie Erwin bei einem Spiel zu stören, das am Ende nur +diesen allein anging; er dachte nicht an den Verlust jenes +Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen Umstände +etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und +dessen er sich nicht entäußern wollte, weil er der Welt +und dem Geschick zu trotzen entschlossen war, ekstatisch wie<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> +ein Mönch und in Sehnsucht nach Selbstvernichtung wie +ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen, sondern +aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung +für Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit +der suchenden Träume in die Wirklichkeit zurückkehrend, +war es ihm für gewiß erschienen, daß Virginia nicht +mehr standhalten konnte.</p> + +<p>Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus +ihren Augen war das entwichen, was er als die reine +Musik des Herzens empfand. Die Seele war gleichsam +aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo +sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid +entwendet hat. Und Graf Palester hatte ein grenzenloses +Vertrauen in Virginia gesetzt. Er war einer jener Menschen, +die sich in der Verborgenheit ein Pantheon errichten, +worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der +Millionen, einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen +hing er mit der Liebe, die die Einsamkeit in ihm erzeugte. +Mit ihnen wandelte er ungesehen durch ihr Dasein, und +sie hielten ihn aufrecht in der tragischen Verwüstung, die +sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit +und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht +hatten. Er mied die persönliche Berührung mit +ihnen, er zog sich von ihnen zurück, sobald sie von seinem +Herzen Besitz ergriffen, aber er verkehrte mit ihnen, wie +man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch mit solchen +Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind.</p> + +<p>Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es,<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> +und keine äußere Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit. +Ihm mangelte die Gegenwartskraft so, daß +er sich oft wie der Schatten seines Schattens vorkam. Es +war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied +zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht, +weit in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war +ihm wie eigendurchlebtes Kindheits- und Mannesalter, +jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr, und hätte er +religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein +Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm +moderner Existenz, der alles zerschmettert, was nicht mittreibt, +verurteilte ihn zu anonymem Elend.</p> + +<p>Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine, +in einer Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer +Frau gesehen, das ihn fesselte wie nie ein Frauengesicht +zuvor, nicht sowohl durch Schönheit, sondern durch innerlichen +Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und wurde +nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals +einfiel, sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er +das Bildnis immer tiefer in das Leben seiner Seele auf +und geriet in einen sonderbar stummen Verkehr mit einem +Wesen, das, körperlicher als ein Traum, dennoch vollkommen +unwirklich für ihn war. Drei Monate später +wandelte er eines Abends durch eine Straße in Livorno, +als durch das geöffnete Fenster eines Hauses Gesang an +seine Ohren schallte. Erbebend blieb er stehen und lauschte. +Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang und +schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> +den Ausdruck auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas +durchaus Ungewöhnliches. Er schritt in das Haus. Er stieg +die Treppe hinan, ging durch einen Flur, öffnete eine Türe +und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem lebendig +gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen, +von Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das +Gemälde rechtfertigte sein Tun bei ihr und ließ seine Person +um desto wunderlicher erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm +wurzelte im ersten Blick, ihr erstes Gefühl war Liebe. +Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie +stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet, +indem sie einem der verrufensten Wucherer des +Landes, der um sie warb, die Hand reichte. Sie lebte +mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe war. Es +begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft +und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um +den Gemeinheiten und bösen Anstiftungen des Gatten +zu entgehen als um ihrer Liebe willen, die auf Welt- +und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden +verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich +gegen sie mit Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von +Stimmen für und wider umdrängte sie, da starb plötzlich +Lenorens Mann, und sie war frei; und reich. Aber sie +hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf +ein Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen +Herkunft war. Palester nahm den Abschied, und als er +mit Lenore das verkommene Haus in Hietzing mietete, +in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster umgingen,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> +verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und +seine Pension als Offizier. Die beiden Menschen waren +so unfähig wie ungewillt zu bürgerlichem Erwerb, und +ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft hatte etwas +Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des +verschuldeten Untergangs.</p> + +<p>Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur +Stadtbahnstation. Eine Stunde später befand sich Palester +am Tor der Villa Sansara. Wichtel sagte, sein Herr sei +nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten zu wollen. +Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte +Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen. +Plötzlich erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe +wenden und stutzte, als er den Grafen sah. Erst zog ein +Schatten des Ärgers über seine Stirn, dann lächelte er +düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte, +treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,« +fuhr er fort, als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt +war, »der Auftrag, den Wichtel hat, betrifft nicht die +Person, sondern die Welt. Ich habe mich zurückgezogen +von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.«</p> + +<p>»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«, +bemerkte Graf Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von +Sammlung und Andacht.«</p> + +<p>Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den +Kopf in die Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte +er höhnisch. »Für mich Andacht und Sammlung!« +Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> +war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter +Zug. Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen; +er kannte dieses Gefühl vom Meere her. Vor +großen Stürmen und Gewittern hatte er stets eine ähnliche +Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare +in Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er +hatte diese Haare nie anders gesehen als in sorgfältiger +Scheitelung, glatt und geordnet. Dieser Umstand vermehrte +seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt und +war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab, +und seine Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer +Handschrift auf dem Tisch vor ihm.</p> + +<p>»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur +um das peinigende Schweigen zu unterbrechen.</p> + +<p>Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte: +»Haben Sie je die Erfahrung gemacht, daß das eigene +Werk einen anstiert wie eine Gorgo? Manchmal graut +mir vor diesen Worten da, die ich selbst geschrieben habe.«</p> + +<p>»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?«</p> + +<p>»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante +und die moralische Idee heißt der Titel.«</p> + +<p>»Das klingt vielversprechend.«</p> + +<p>»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose. +Ich wollte eine einfache Feststellung von Kategorien +geben und sehe mich im Bodenlosen und Grenzenlosen. +Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er zu +blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?«</p> + +<p>»Ich bitte darum.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span>»Als +der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt +zum ersten Male in den Ausdruck faßte, daß alles in +ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich sich selbst als das +einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt gegenübergestellt. +Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes +geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt +gefunden, von dem aus er die Welt bewegen konnte, weil +er selber stand. Um so stärker mußte seine Sehnsucht erwachsen, +die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch an +der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild +gemäß nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht, +das Werdende durch das Gesetz in die Formel des Seins +zu bannen: er treibt Mathematik, das heißt Wissenschaft. +Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie +aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt: +das heißt, er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie +aus der Zeit, verleiht ihnen Seele und schafft die Persönlichkeit: +das heißt, er ist moralisch oder religiös. Können +Sie folgen, Graf?«</p> + +<p>»Vollkommen.«</p> + +<p>»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit +der Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt +formt. Die Welt hinwiederum ist der Stoff, in dem das +Gesetz sich erkennt, die Gestalt sich verkörpert, die Persönlichkeit +sich wiederfindet. Daher erscheint jedes System, +jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt für +sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme, +»muß das Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> +das schlechthin Chaotische und das Unpersönliche das +schlechthin Unmoralische sein. Denn alles dies ist nur +der dreifach verschiedene Ausdruck derselben Verneinung: +des Inkonstanten, des Undings an sich.«</p> + +<p>Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden +Blicken an. Wie furchtbar, dachte er schaudernd, wie +furchtbar diese Selbstverdammung sich anhört! Wie kann +er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie geben damit +eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen +Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester; +»des Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe +und des Verantwortungslosen in der Seele. Dessen, der +sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen dient, +dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott +und Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich +nimmt, weil er nie zu finden ist.«</p> + +<p>»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche +Idee in die Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die +Exempel vergiften mir den Text, die Nutzanwendung +bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz und +schüttelte den Kopf.</p> + +<p>Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen +Sie nicht vor mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln, +die doch nicht weit tragen. Ich bin nicht gekommen, um +mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht einmal gekommen, +um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich +fordere Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie +im Namen der Ehre, der Freundschaft, der Menschlichkeit.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span>Erwin +stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme +über der Brust. »Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte +Sie, mich mit Sonntagspredigten zu verschonen.«</p> + +<p>»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten +noch Glück für andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig +fort. »Sie achten es nicht, ich weiß es, Sie achten nicht +das Glück der andern, aber ebensowenig wie Sie einen +wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine +Ersparnisse bestehlen würden – –«</p> + +<p>»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe +nicht Zeit zu beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben +zu wechseln. Ich lehne es ab, mich zu rechtfertigen, ich +erlaube niemandem, wer es auch sei, in meine Brust zu +greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit +Philisterweisheit zu besudeln.«</p> + +<p>»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen +Sie damit? Wie schlimm ist es um uns bestellt, wenn +wir den Menschen, der sich höherem Gesetz beugt, mit +einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn, sondern uns +selbst der Verachtung preisgibt.«</p> + +<p>Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen +Freund begraben,« sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen +Brauen, »es kommt mir auf eine zweite Beerdigung +nicht an.«</p> + +<p>»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie +können alles wagen. Sie haben die Freiheit und die +Möglichkeit der Verwandlung.«</p> + +<p>»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> +»vorher haben wir noch eine kleine Wette auszugleichen, +Graf.«</p> + +<p>Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte +er. »Ich entsinne mich. Es war ein sonderbares Gespräch +zwischen uns, ein Gespräch, das mir Übelkeit verursachte +wie ein verfaulter Fisch.«</p> + +<p>»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von +Folgen begleitet war, als ob man im Rausch einen Diamanten +gefunden hätte ... auf einem Wirtshaustisch.«</p> + +<p>Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen +und in das Gesicht Erwins blicken zu müssen, und er +hatte die Empfindung, als ob dieses Gesicht beständig +wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald nah, +bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich, +bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt +und häßlich, bald verständig, ja erhaben durch Vernunft, +bald tierhaft trüb und niedrig aussah. Ach, dachte er, +erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst unbegreiflich +dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an +seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben +der Erde gesegnet, doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen +und hat ihm die Liebe entwendet.</p> + +<p>»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den +Besitz dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin, +plötzlich liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt, +sie waren mein Eigentum, bevor ich sie erworben hatte.«</p> + +<p>»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester +mit kaum vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> +Spott hinzu: »Nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn +ich daran zweifle.«</p> + +<p>»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben +werden«, entgegnete Erwin lächelnd.</p> + +<p>Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin +mit aufgerissenen Augen an und blinzelte dann mit den +Lidern, die sich langsam röteten.</p> + +<p>»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise +liefern muß«, sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit +im Ton. »Haben Sie die Güte, mir zu folgen, Graf.«</p> + +<p>Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte +ihm aus dem Zimmer und die flache Treppe des ungenügend +beleuchteten Vorsaals hinan und durch einen +langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde +in schwarzen Rahmen hingen.</p> + +<p>Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber +nach der Klinke gegriffen hatte, war Palester dicht an +seine Seite getreten, legte ihm die Hand auf die Schulter +und sagte, indem er seinen Blick fest in den Erwins bohrte: +»Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht; +ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich +glaube Ihnen. Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging +mit raschen Schritten über den Flur gegen die Treppe +zurück und verließ im strömenden Regen das Haus.</p> + +<p>Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem +kahlen, kalten Zimmer angelangt war. Er zündete eine +Kerze an, ging in das Zimmer seiner Gefährtin und vergewisserte +sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er auf einem<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> +Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken +und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem +Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht +geschlagen, als er sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte +und die kostbar eingebundenen Miniaturen herausnahm. Er +betrachtete einzelne Bilder, deren schöne und mineralische +Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten, lange, mit +abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten +in die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie +auf den Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß, +und als die Flammen lichterloh emporschlugen, übergab er +ihnen das Buch mit den Miniaturen. Ruhig schaute er zu, +wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken der Dielen +ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie +war im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem +seinen sonderbar ähnlich, schimmerte bleich unter den roten +Haaren. Sie fragte nicht, sie näherte sich ihm schweigend +und, an seine Brust gelehnt, schaute auch sie der kleinen +Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren, lag +das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst, +grau und rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand.</p> + +<p>Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest, +den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte, +durch einen Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen +Zerstörung ansichtig wurde, den noch keineswegs +zerbröckelten Band ungläubig betastete, war er gleichwohl +nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu empfinden, +wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Drei_Naechte">Drei Nächte</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-n.jpg" alt="N"> +</div> + +<p class="drop-cap">Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in +den ersten Stock, sperrte die Türe auf und trat +in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand. +Er schloß die Türe wieder und blieb stehen.</p> + +<p>Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob +auch den Kopf und fixierte Erwin mit einem durchdringenden +Blick. Sie hatte sich gesammelt und mit aller +Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein Beweis +von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre +wäre in einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. +Denn sie mußte sich ja sagen, daß sie selber +Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert, indem sie +seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt? +Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die +Dumpfheit hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, +den erstbesten Weg einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. +Jetzt aber hatte sie Klarheit; Klarheit genug für +ein ganzes Leben.</p> + +<p>Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte +sie nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch +und ihrer unwürdig; sie erkannte, daß er schurkenhaft an +ihr handelte. Und ihr Blick verkündete ihm das.</p> + +<p>Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie +nichts erreichen würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre +Empörung, ihre Verzweiflung an den Tag legte.</p> + +<p>»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span>»Das +bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch +die geschlossenen Zähne. »Du weißt selber den Grund.«</p> + +<p>»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht +einen anständigen Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, +mich zu duzen«, rief Virginia mit flammenden Augen +und ballte die linke Hand fest zur Faust.</p> + +<p>»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, +es sei. Wenn Sie Wert darauf legen ...« Er zuckte die +Achseln.</p> + +<p>In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein +eckenreicher Mund, den die Beredtsamkeit in allen Worten +und Lauten der menschlichen Sprache zerzackt und beweglich +gemacht, zeigte in seiner Struktur eine wüste Linie. +Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten.</p> + +<p>»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia +abermals.</p> + +<p>»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz +für mich allein! Ich will! Sie wissen, scheint mir, nicht, +was das bedeutet: ich will!«</p> + +<p>»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. +»Aber Sie vergessen, daß ich auch einen Willen +habe. Und wenn Sie vor nichts zurückschrecken, so werd +ich mir daran ein Beispiel nehmen.«</p> + +<p>»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. +Es ist wahr, ich schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. +Zu lange haben Sie mich gemartert.«</p> + +<p>»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde +richten. Deswegen haben Sie mich unter die Menschen<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> +gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es ist, mich gemein +zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie +hatte nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue.</p> + +<p>»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. +»Waren Sie der Meinung, daß ich immer nur +girren und Süßholz raspeln würde?«</p> + +<p>»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia +und blickte ihm gepeinigt ins Gesicht.</p> + +<p>»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte +übrigens die Absicht, Sie zu heiraten –«</p> + +<p>»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie +man eine Ware kauft. Ich schäme mich ja, daß ich nur +einen Augenblick daran gedacht habe. So viel Ehre hab +ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung gegen +mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise +die Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, +alles, alles.« Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die +Hände vors Gesicht.</p> + +<p>»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie +noch«, fuhr Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, +und ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, warum es +sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will ich Sie nicht +entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr entbehren. +Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz +und zu wertvoll, um so lange, wie ich es getan, nach +einem Weib zu schmachten.«</p> + +<p>Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig +fahlem Gesicht schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> +vorüber wollte, packte er sie schweigend am Arm. »Lassen +Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«</p> + +<p>»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du +mußt! Weil ich will, mußt du. Hier wird sich dein Schicksal +vollziehen. Und wenn ich zum Verbrecher werden soll, +du mußt.«</p> + +<p>»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen +Sie mich nieder«, erwiderte Virginia, die sich der Tränen +nicht mehr erwehren konnte, weinend.</p> + +<p>»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann +bleibe? nachdem du mich wahnsinnig und mir selbst verächtlich +gemacht hast? Nein, Virginia, so wäre mir nicht +gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst +falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt +und entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse +dich nicht, ich lasse dich nicht.«</p> + +<p>Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte +eine Bewegung, als wolle sie die Mauer durchbrechen, um +aus seinem Bereich zu kommen. »Manfred! Manfred!« +rief sie plötzlich.</p> + +<p>Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich +zumute, und Virginia spürte es. Voll Kummer schaute +sie ihn an, und ein Strahl zaghafter Heiterkeit erschien +in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, daß dies +alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne, +wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.</p> + +<p>»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit +dunkler Stimme. »Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> +Sie allein. Seien Sie vernünftig. Überlegen Sie. Es +gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt als +ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. +Eine große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los +ist Verdammnis, wenn Sie auf Ihrem Sinn beharren. +Ich werde nicht allein in die Verdammnis stürzen, ich +werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den +Teufeln, wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie +treten meinen Stolz mit Füßen, Sie zermalmen mir die +Brust, Sie stehlen mir den Glauben an mich und meinen +Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie. +Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend +verteidigen, das aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung +nennen. Mit Grund, mit gutem Grund. Bewahren +Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie. +Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. +Ruhen Sie. Morgen, wenn der Tag um ist, werde ich +mein Urteil holen.«</p> + +<p>Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, +fügte er trocken hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen +Zweck, wenn Sie in irgendeiner Weise Lärm schlagen +würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses, +und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich +fortgeschickt. Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für +Sie, selbst wenn man Ihnen zu Hilfe käme. Freiwillig +haben Sie mein Haus betreten, das können Sie nicht +leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu +machen, ist eine Privatsache zwischen uns. Not werden<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> +Sie nicht leiden. Wenn Sie die Güte haben wollen, zuzugreifen, +dort ist der Tisch gedeckt.«</p> + +<p>Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, +wo auf einem sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen +serviert waren. Dann ging er und schloß die Türe +zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel ihm entgegen +und erbat sich seine Befehle.</p> + +<p>»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.</p> + +<p>»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«</p> + +<p>»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen +verschlossen. Wenn es läutet, zeigen Sie sich nicht.«</p> + +<p>»Sehr wohl.«</p> + +<p>»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«</p> + +<p>»Sehr wohl.«</p> + +<p>»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt +es an.«</p> + +<p>»Sehr wohl.«</p> + +<p>Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek +auf und ab. Seine Überlegung war ruckweise und von +lautlosen Wutanfällen begleitet. Als er sich zur Ruhe +begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte sich +unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns +verdoppelte sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht +einmal die Zeilen. Er horchte auf den ununterbrochen +strömenden Regen, dem sich gegen Morgen ein brausender +Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des +Tages an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte +das Telephon. »Wer ist es?« fragte Erwin, in die Halle<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> +tretend. – »Die Frau Baronin Resowsky«, erwiderte +Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom Schallrohr +abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht +wohin. Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«</p> + +<p>Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos +auf das Papier, nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete +das Vorwärtshüpfen des Sekundenzeigers. Aus +irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde als +die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. +Er dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt +seines Lebens. Seine Wangen waren fahl, seine Augen +erloschen, doch das Innere seines Leibes erschien ihm wie +versengt.</p> + +<p>Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle +Raserei in ihm. Um acht Uhr schickte er auch noch Wichtel +zum Gärtner, damit er drüben nächtige. Langsam schlich +die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin trällerte vergnügt +ihre Arie durch das totenstille Haus.</p> + +<p>Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz +nach Erwins Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es +lag zu hoch, als daß sie hätte hinunterspringen können. +Vor ihr breitete sich der weite, einsame und finstere Park. +Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß das +Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält +mich alle Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem +Haus kommen. Und dann? was dann? wohin mit mir? +wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen +mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span>Von +solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte +sie viele Stunden lang durch den Raum, verspürte aber +dabei eine entsetzliche Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie +klopfte an die Türe. Sie rief. Umsonst; nichts rührte sich. +Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß mit Widerwillen. +Oftmals während des Tages mußte sie sich, von +ihrer Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, +doch nach wenigen Minuten erhob sie sich wieder, +zornig, verstört, erwartungsvoll, von Scham erdrückt und +mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie +den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht +würde, wenn sie einschlief, legte sich auf das Sofa +und schlummerte alsbald mit schmerzlicher Wachsamkeit +des Gehörs. Das elektrische Licht, das den ganzen Tag +gebrannt hatte, ließ sie brennen.</p> + +<p>Das Rücken des Tisches weckte sie auf.</p> + +<p>Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er +hielt die Hände auf dem Rücken und schaute sie wortlos +an. Er kämpfte mit sich. Es trieb ihn, auf die Knie zu +stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es galt, alle +Kraft zu bewahren.</p> + +<p>Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur +angelehnt war. Gedanke und Entschluß waren eines. Im +Nu war sie an Erwin vorübergeeilt und rannte hinaus, +ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, nur der +Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. +Sie lief hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, +aber der Schlüssel steckte im Schloß. Während sie<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> +den Schlüssel umdrehte, fühlte sie sich an der Schulter +gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem Griff +und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam +in die Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.</p> + +<p>Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach +dem Garten war offen. Sie lief darauf zu, über die +Stufen hinab, in die Finsternis hinein. Der Regen war +so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen +Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe +wie triefende Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen +schließen. Die Wasserlachen spritzten empor, nasse Blätter +und Zweige streiften Haar und Wangen, die Feuchtigkeit +drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß sie mit +der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht +weiter und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause +her beleuchtete Stück des Parks.</p> + +<p>Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit +beiden Armen auf, und mit übermenschlicher Anstrengung +trug er sie zurück, über die Wege wieder zurück. Vor der +Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte Atem, nahm +sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen +empor, durch den Empfangsraum in die Bibliothek, +schleppte sie bis zum Divan und warf sie hin.</p> + +<p>Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, +eilte er zu beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann +kehrte er zu Virginia zurück und betrachtete sie grübelnd. +Sie regte sich nicht. Sie lag auf der Erde, der Kopf lag +auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> +Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers +einige Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener +Stunde, als sie an Manfreds Brust gelegen. Da trieb es +ihn, sie zum äußersten zu hetzen, als ob nur ihre völlige +Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung übrig +ließe.</p> + +<p>»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie +gab keine Antwort. »Du kannst so nicht bleiben, hörst +du?« wiederholte er barsch, bückte sich und riß ihr die +Jacke auf.</p> + +<p>Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch +hatte dieser Blick seine wehrende Gewalt. Er preßte die +Lippen zusammen und mühte sich, die Besinnung zu bewahren. +Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte mit +gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel +in die Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür +gegen die Halle, begab sich hinauf in das Zimmer, in +welchem Virginia gewesen, raffte einen Morgenrock, +Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und +trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie +vorher da.</p> + +<p>»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so +kannst du nicht bleiben, naß und schmutzig; es widert +mich, dich so zu sehen.«</p> + +<p>Sie rührte sich nicht.</p> + +<p>»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen +Ton in der Stimme.</p> + +<p>Sie rührte sich nicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span>»Ich +will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. +Er kniete nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, +plötzlich schmeichlerisch; »man wird krank von nassen Füßen. +Man wird häßlich, wenn man krank ist. Oder willst du +trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn treiben?«</p> + +<p>Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm +aus. Ihre Frisur hatte sich gelockert, und die Haare fielen +nun langsam über die Schultern auf die Erde.</p> + +<p>»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann +Erwin wieder gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie +holen, damit sie sich diese Sehenswürdigkeit von einer +Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als Virginia +bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde +draußen warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! +tu’s ab! Welche Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird +zur Hülle, die Scham tötet das Herz.« Er sprach und +schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging hinaus +und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! +Leben!« murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, +und jetzt stößt du mich weg von deiner Brust.«</p> + +<p>Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer +so lag, wie er sie verlassen. Was wollte er nur? was erwartete +er von ihrem Gehorsam? Kam es ihm darauf +an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? Sie +zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! +Wichtel!« rief er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob +sich Virginia mit einem Wehelaut. Er schloß, ihrer +Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich und biß mit<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> +den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er +sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe +voll Kognak aus dem Buffet und trank. Es war der +erste Schluck Schnaps, den er seit vielen Jahren über +die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von pedantischer +Enthaltsamkeit war.</p> + +<p>Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte +Virginia sich ihrer besudelten Gewänder entledigt und +schlüpfte in das Kostüm, das Erwin auf den Teppich geworfen. +Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen +zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie +streifte sie ab, und während sie dies tat, stürzten wahre +Bäche von Tränen aus ihren Augen. Eine namenlose +Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung der Brust +war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos +über sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte +sie vor dem Kamin, in welchem noch Kohlenglut war. +Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren. +Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und +bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die +Zehen wühlten sich in die moosartig kühle Weichheit des +Teppichs. Die Falten des grünen Gewands zitterten +mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern so, +wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten +Arme waren mit einer <span id="Page_368_1">Gebärde</span> eben jener namenlosen +Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.</p> + +<p>Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, +im seherischen Schmerz des Abschieds, voll von<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> +der Ahnung des Verlusts. Und nun gewahrte Virginia +ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den Verschollenen, +den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele +Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er +kam. Ja, er kam, sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. +Aber es war zu spät. Nie mehr durfte sie ihm begegnen. +Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt gebrandmarkt, +so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes +Vertrauen, durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und +Klang, durch alles was täuscht und verlockt und was leer +ist im Innern, finster, kalt, seelenlos, ohne Leben und +ohne Wahrheit.</p> + +<p>Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt +des Jägers. Er umschlang sie von rückwärts, und sie sah +seine Augen dicht über sich. Ihre unendlich scheuen und +flehentlichen, abgebrochenen und ermatteten Gesten beschwichtigte +er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck von +schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte +zwei sehr feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, +und das Weiße des Auges büßte den Glanz ein und wurde +stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. Er flüsterte ohne +Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte automatisch +den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten, +daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie +das ihre war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, +und ihre geballten Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend +auf seinen Schultern wie zwei aus dem Nest geschossene +weiße Vögel. Als er immer näher und näher kam, empfand<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> +sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche +Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd +vor Schwäche entwand sie sich ihm und klammerte sich, +vorwärtsschauend, an einer der marmornen Karyatiden +fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.</p> + +<p>»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« +rief Erwin außer sich vor Wut und Enttäuschung, +und zugleich sich wehrend gegen ein aus dem Unterirdischen +heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl, das auf +einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf +ihm lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid +in dieser Brust? Was soll ich tun, um mich zu retten? +was tun, um dich zu rühren? Soll ich mir die Adern +aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen meine +Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, +elender als elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll +ich tun!«</p> + +<p>Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche +Vase aus dem zartesten und kostbarsten Porzellan und +schleuderte sie vor Virginia hin, daß sie zu hundert Scherben +zerstückte. Es lag in dieser Tollheit, in diesem Wüten +nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der +elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im +Schluchzen und darin, wie er schäumte, sich bäumte, die +Zähne knirschte, die Fingernägel in seinen Hals grub; +aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles über +ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und +Öde in ihm entstand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span>Vielleicht +spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren +Botendienstes, der Nachricht von Seele zu Seele gibt. +Vielleicht war dies die Ursache, daß sie Erbarmen mit +ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend der Kohlenglut +näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen, +erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen +niederstürzender Mensch, ein Mensch, der furchtbare +Qualen gelitten hat durch diese ungeheure Anstrengung, +und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis zur +Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, +der aus einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen +ist und trotzdem keine Stütze findet, um sich von der +wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu befreien. +Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, +herzmordende Anstrengung, in der er nach ihr gerungen +hatte wie nach dem einzigen Ding, das gepackt, gehalten, +besessen werden mußte, dem einzigen, das den Sturz in +den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit +und Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel +der Qualen, war es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, +als müsse sie sich selbst vergessen, als müsse sie Haß und +Liebe, Leben und Ehre, Scham und Schmerz vergessen, +und sie sagte tonlos:</p> + +<p>»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit +mir, was Sie wollen.«</p> + +<p>Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht +zu ihr heran. Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, +herrliche Virginia,« flehte er leise, »und sag’ es mit dem<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> +Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk des Himmels, +damit ich wieder zu einem Menschen werde.«</p> + +<p>Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und +kraftlos, erwiderte Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, +was du willst.«</p> + +<p>War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, +das Erwin zur Stummheit verurteilte? War +es die trauernde Verheißung, das Opfer, das Schauspiel +einer Ergebung, die nichts von Hingabe hatte, aber alle +Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die ihn +versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er +verlangt hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was +ihm gewährt werden sollte, und daß gerade die Gewährung +dieses Wesen in eine unerreichbare Ferne rückte, eine +Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals zu besitzen. +Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen +entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl +hatte, das er je empfunden, ja, weil es vielleicht +das erste Gefühl war: nicht Gelüste, nicht Wohlgefallen, +nicht Entzückung an der Form, nicht Entflammung der +Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht Sucht; +nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden +und Umschlungensein.</p> + +<p>Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es +an, daß sie mich liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ +ich es, daß ich sie liebe?</p> + +<p>Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt +an Worten. Statt dessen drängte es ihn, sich vor ihr<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> +zu erniedrigen, aber aus Furcht vor ihr wagte er nicht +zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er verlor sich +aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie +das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da +und nagte mit den Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, +die mit ihm geschah, flößte Virginia Schrecken ein. +Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine Hände, seine +Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah +ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr +war, als ob an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch +sei. Sie hätte fragen mögen: wo bist du? Er erschien ihr +wie ein Gespenst. Den sie so stolz, so reich, so erfahren, +so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so überlegen gesehen +hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein +geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr +graute vor ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich +bis ins Geisterhafte.</p> + +<p>Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte +kaum mehr die Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen +Aufregungen wirkte jetzt auf ihren Körper. Außerdem +spürte sie, daß sie Fieber hatte, und ihre Zähne +begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht +erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich +wieder. Sie wußte, daß er sie nun nicht mehr hindern +würde, das Zimmer und das Haus zu verlassen, aber +wohin sollte sie gehen?</p> + +<p>Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte +ihr angstvoll. Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> +entgegenschlug, sah sie sein Gesicht überdeutlich in +die Luft gemalt, dieses Gesicht, das schlaff, leer, trüb, +häßlich und gemein geworden war. Da begriff sie, daß +sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen +hängt, in Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß +er sie bezaubert hatte in den Verkleidungen und Hüllen, +die ihn den Menschen gegenüber gewappnet und undurchschaubar +gemacht.</p> + +<p>Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und +steckte es fest mit den wenigen Nadeln, die noch daran +hingen. Die Uhr in der Halle schlug zwölfmal. Erwin +stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das Bewußtsein +vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia +blickte, während ihre Arme noch erhoben waren, +matt gegen ihn zurück, und im tiefen Fieber dachte sie +abermals: wo find ich einen Ort, um mich auszustrecken +und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –?</p> + +<p>In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. +Die elektrische Glocke läutete schrill und lang. Erwin +runzelte die Stirn, bewegte sich aber nicht. Es wurde +ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne, +daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte +sie von oben bis unten. »Machen Sie auf!« +flüsterte sie mit der Gebärde einer Fliehenden. Mit gleichgültiger +Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete. Herein +traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel +gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und +Frau von Resowsky.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span>Virginia +stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie +mit geschlossenen Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau +von Resowsky und Ulrich sie nicht aufgefangen hätten.</p> + +<p>»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, +»wir müssen sie in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, +der auf der Treppe stand, stellte die Laterne +nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester hatten +das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es +aus dem Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« +rief Ulrich Zimmermann.</p> + +<p>Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur +Rechenschaft? Gut so. Sie haben, Baronin,« wandte er +sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls eine ziemlich +unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.«</p> + +<p>»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, +ohne ihn mit ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte +die Achseln und kehrte der ehemaligen Freundin den Rücken. +Einige Minuten später war es wieder still im Haus. +Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens.</p> + +<p>Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich +auf den Diwan und fiel sofort in einen schweren Schlaf. +Als er erwachte, schien die Sonne. Während er dem +Diener läutete, entsann er sich erst, daß er Wichtel befohlen +hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er +ihn rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den +Gärtner im Park und gebot ihm, Wichtel zu schicken. Er +ließ das Bad richten. Als er gebadet und gefrühstückt hatte, +trat er vor den Spiegel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span>Unwillkürlich, +in einer lächerlichen Anwandlung, drehte +er sich um. Er meinte nämlich, ein anderer stehe hinter +ihm, dessen Bild der Spiegel wiedergab; denn er erkannte +sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches Gesicht, daß er +sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend, +geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen +Gesicht anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig +verschwunden. Er übte sich in einer gewissen redenden +Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie sonst in einem +Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete +darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber +das Gesicht blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend +wie das Gesicht eines alten, verkommenen Weibes.</p> + +<p>Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, +das macht mich häßlich, sagte er sich. Er heftete +die Augen mit einem leeren, gebrochenen Glanz in die +Luft und murmelte: »Unerreichbar! unerreichbar! unerreichbar!« +Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm +niedersauste.</p> + +<p>Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. +Was reizt mich noch? Nichts. Die Menschen +werden mich wie einen Aussätzigen meiden. Was soll ich +mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den zahllosen +Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um +sich sah, vor den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, +den Wolken und vor der Sonne.</p> + +<p>Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele +Papiere warf er in den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span> +gewahrte er auf einem Stoß von Büchern einen noch +uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift seines +Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, +schon seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf +und las:</p> + +<p>»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals +nach deinem Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich +keine Auskunft geben, habe ich dich doch seit vierthalb +Monaten nicht einmal gesehen. Den Andeutungen +nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten verwickelt, +und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und +persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken +Vertrauen voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, +obwohl mein eigener Zustand der mißlichste von +der Welt ist und ich dich, mein eigenes Kind, von der +Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer nicht +freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. +Ich bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, +und um den zu ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem +Alter noch zu gewinnen wäre. Ich frage mich um meine +Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist, als Vater +mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor +dem Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem +Leben, an dem du mich nicht zurückgestoßen und deine +Geringschätzung hast fühlen lassen. Nun ist’s ja wahr, +es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes Geschlecht +in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht +in jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht?<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> +Wer hat alle die verzwickten und rücksichtslosen Neigungen +so lange großgehätschelt, bis sie zu schändlichen Verlotterungen +geworden sind? Wer hat euch das teure Ich so +hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu kostbar +haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen? +Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter +und Mütter! Wir, die eure Vorsehung spielen wollten, +wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden haben, um +eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren +Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, +so daß sich ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, +ein ehrlicher Kerl zu sein. Eure selbstverständliche geistige +Betätigung haben wir als ein Wunder betrachtet, eure +Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit für Unabhängigkeit, +eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht +für Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit +fehlen lassen, wenn ihr mal was Anständiges +geleistet hattet, wir haben es versäumt, euch im Zutrauen +gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir +haben mit den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh +nach Haus gekommen seid, und statt der Furcht vor +Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern noch eingeimpft +hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, +und ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht +ganz genau wißt, woher es gekommen und wie es entstanden +ist. Das hat euch so lieblos gemacht. Es macht +lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch bis +gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> +hat es so mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche +Aufschwung, das Wohlleben und endlich der Rückschlag +gegen die bürgerliche Enge, in der wir selber aufgewachsen +sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr, ihr jungen +Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein +Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, +mußte ich dir mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich +lange genug gequält, ich werde es nie bereuen. Ich darf +es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater bin, ein Amt, +von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, +sondern weil du eines vor mir voraus hast, um das ich +dich beneide und zu dem ich dir gratuliere: die Jugend. +Es ist eine wunderbare Sache um das Jungsein, mein +lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und +das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist +schließlich alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und +gegen mich. Erinnere dich bald deines Vaters Michael +Reiner.«</p> + +<p>Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht +schlecht stilisiert, dachte er, das könnte mich zwingen, ihm +Rede zu stehen. Er warf das Schreiben ins Feuer, dann +entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb eine Anweisung +auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch +Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später +kam Wichtel zurück. In dem Kuvert lag der Scheck, mitten +entzweigerissen.</p> + +<p>Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. +Wo er ging und stand, sah er immer nur sie; immer nur<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> +Virginia; immer nur das besondere, edle, wahre und +angenehme Gesicht. Er sah sie in einer Haltung zwischen +Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften +Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er +sah ihre Züge verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, +lieblich in der Freude, maßvoll auch im Schmerz.</p> + +<p>Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr +beseelte Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; +er sah sie zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet +im Zorn mit purpurnen Schläfen, sinnend in +mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik ertönte, +nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden +wurde. Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die +kühlen, langen Hände und vernahm das Knistern ihres +Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene Gebundenheit +schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige +Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich +an ihr war, und als ob ein Schwert durch die Luft vor +ihm niedersauste, empfand er nur das eine: Unerreichbar.</p> + +<p>Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber +glühenden Lippen: »Virginia! Schwester! Geliebte!«</p> + +<p>Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; +es war derselbe, in den sie einst geschaut, als sie zum +erstenmal das Perlenband um den Hals genommen. Er +suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn, ein neues +Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht, +das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen +Weibes. Ferner sah er ein Wort, mit Blut<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> +geschrieben, furchtbar aus zerteiltem Nebel flammend: +Unerreichbar.</p> + +<p>Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, +der umbrisch milde Mund, die Nase ohne Beben in den +Flügeln, die Augen mit dem Bernsteinglanz über den +Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren stieg +ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen +Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild.</p> + +<p>Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach +verwelkten Blättern. Wie Felsblöcke stürzten die vielen +Stunden, durchlebte und noch zu durchlebende, auf seine +Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als das was +er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst +vor völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der +Wolke umarmte, ward in den Tartarus geschleudert, wo +ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das vom Sturmwind +in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich +mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. +Die Wolke, nach der er gegriffen, war nicht göttlichen +Ursprungs; ein Dämon hatte Schaum und Gischt erzeugt, +der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten, leeren, +nutzlosen und entgötterten Lebens.</p> + +<p>Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, +eine Seele wie Virginias, von gleicher Kraft und gleicher +Wahrheit. Wo war sie hingeraten, diese Seele? Hatte +der Wille sie verzehrt? hing sie an den zahllosen Seiten +gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier nach Selbstgenuß +sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> +so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, +kalten und berechneten Worte sie verschwendet? Wird +man Rechenschaft von ihm fordern, wie Ulrich Zimmermann +gesagt, so wird man seine Tage wägen; prüfen und +zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden, +voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von +Philosophie, in weiser Ordnung verwaltet, aber finster, +blutlos, stumm und leer. Das Haus war leer, nur tote +Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch? Das +Unding an sich; das Inkonstante.</p> + +<p>Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. +O Unerreichbare! Schwester! Geliebte!</p> + +<p>Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich +irgendwie zu verwandeln, zog er einen schwarzseidenen +Schlafrock an und Sandalen aus Rehleder. So schritt +er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel und geheimnisvoll +in seinem eigenen Haus, von Raum zu +Raum.</p> + +<p>Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. +Wichtel suchte jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr +nicht zu sprechen sei. Dieser jemand gab sich aber nicht +zufrieden, worauf Wichtel ängstlich hereintrat. »Das +Fräulein von Flügel«, meldete er.</p> + +<p>Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.</p> + +<p>»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.«</p> + +<p>»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende +Stimme, und Marianne stand vor Erwin, der sich träg +umgedreht hatte. Wichtel entfernte sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span>Marianne +trug einen langen, grauen englischen Reisemantel +und einen der gewaltigen Modehüte mit einem +Schleier, der bis zu den Knien reichte. Ihr Gesicht war +etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine heftige Gespanntheit +verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte die +Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem +Plan handelt.</p> + +<p>»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem +sie mit flatternden Bewegungen die Handschuhe abstreifte +und auf einen Sessel warf; »du begreifst, daß ich nicht +Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du siehst, habe +ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein +Ende haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut +und Stumpfsinn, dazu bin ich mir noch zu gut.«</p> + +<p>Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte +den Kopf ans Fensterkreuz und schloß müde die Augen.</p> + +<p>»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und +in der zunehmenden Erregung überstürzten sich ihre Worte; +»ich frage dich, was du mit mir vorhast und ob du noch +länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen Dirne +eine Spottfigur aus mir zu machen.«</p> + +<p>Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, +dann blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte +die Arme auf dem Rücken.</p> + +<p>»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, +und plötzlich holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; +»wenn du auch findest, daß das eine Phrase ist, wie dir +jedes Gefühl eines andern Phrase ist, ich lasse mich nicht<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> +als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt wählen, +ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie +stockte, denn Erwin lächelte sie an.</p> + +<p>»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln.</p> + +<p>»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte +Marianne finster, ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe +sinken.</p> + +<p>»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes +Kind«, entgegnete Erwin und löste die Pistole sanft aus +Mariannes Hand. Dann schaute er prüfend in den Lauf +und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, – aufrichtig!«</p> + +<p>Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die +weite Tasche seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her +meine Neigung, einem Trauerspielakt eine freundliche Wendung +zu geben«, fuhr er fort; »und so wollen wir’s auch +diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen Schlüsse, +schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe +zu, daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern +zu schmachten. Du hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen +bei Demel, deine Spaziergänge auf dem +Graben, das hat dich in eine phantastische Laune versetzt. +Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte +der Jahre.«</p> + +<p>»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem +und beinahe feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn +nicht mehr. Ich glaube, du würdest mit mir zufrieden sein. +Wir beide könnten aus unserm Leben noch etwas machen,<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> +denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An der +Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem +fremden Blick die Worte. Diese Lippen, die gewohnt +waren, das Heilige wie das Profane mit gleicher Kühnheit +auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor dem +einfachen Laut der Natur.</p> + +<p>»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche +Leben momentan keine Verlockungen für mich hat. Im +Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es nicht, die Küchenzettel +schon am Morgen zu erfahren, und will nicht wissen, +daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen +einen Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch +ich mache dir keinen Vorwurf daraus, daß du gekommen +bist, im Gegenteil, ich möchte dich bitten, mir einen Dienst +zu leisten.«</p> + +<p>Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute +Erwin fragend an. Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: +»Sieh mich genau an und sage mir, ob du eine Veränderung +in meinem Gesicht entdecken kannst.«</p> + +<p>»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt.</p> + +<p>»Sieh mich ganz genau an.«</p> + +<p>»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte +Marianne mit wachsendem Erstaunen über seine Fragen.</p> + +<p>»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe +jetzt in das Zimmer hier nebenan und werde eine kleine +Umgestaltung mit mir vornehmen. Du brauchst höchstens +drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich dich,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> +und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung +in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das +tun?«</p> + +<p>»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –«</p> + +<p>»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt +später. Einen Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr +dankend und galant die Hand und verließ mit Schritten +ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist, dachte +Marianne, der es beklommen zu Mut wurde.</p> + +<p>Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne +ins Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit +vergoldeter Lehne. Auf einem Tischchen vor ihm befand +sich ein Spiegel. In der herabhängenden Hand hielt er +die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer +kaum wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe +sickerte ein wenig Blut. Er hatte sicher gezielt und gut +getroffen. Sein Gesicht wies keine Verzerrung auf; es +war schön wie eine Maske.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Manfred">Manfred</h2> +</div> + + +<div> + <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="drop-cap">Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer +noch bewußtlose Virginia vom Wagen in Frau +von Resowskys Schlafzimmer getragen wurde. +Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine +Diagnose der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte, +empfahl er die sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau +Geßner, die im Hause der Baronin auf den Ausgang der +nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß verzweifelt am +Bette.</p> + +<p>Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen +Wendelstiege, flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen +eines Turmes, auf denen Menschen ohne Arme gingen. +Über unzählig viele Treppen rollte ein feuerglühendes +Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer mitten +in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen +auf sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber +sobald sie antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung +auf allen Mienen. Sie wiesen mit den Fingern auf +sie; anfangs schlug sie nur die Augen nieder, das Herz +voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine Regennacht +hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus +Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen, +welche unverständliche, doch schamlose Lieder singen. +Irgendwer will sie überreden, mitzusingen; dies bereitet +ihr den größten Schmerz, und sie gewahrt Ulrich Zimmermann +und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und bittet<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> +flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich +schweigend ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege +empor und werfen viele Briefe in das brennende +Ofenfeuer.</p> + +<p>Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht? +Wie kann es aber so schnell wieder Nacht werden? +Sie schleppt sich über eine leere Straße, traurige Menschen +sitzen in der Ferne unter einem Baum und winken ihr. +Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen +Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel! +Man beschwichtigt sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der +Stirn, es scheint ihr dieses ein Schwan zu sein. Ja, ein +Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn, und behutsam +hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich +sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken +hat, die wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen +will, um sich wieder blendend weiß zu waschen. Sie sträubt +sich verzweifelt dagegen, obwohl sie einsieht, daß das Gefieder +rein werden muß. Da zucken Blitze über den +Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen +tempelartigen erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder +steigen zahllose Treppen empor, aber sie fürchtet sich +hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß sind. Und wie seltsam +nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze +Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete +Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond, +genau wie der Mond aussehend, und seine Schlote rauchen. +Hinter dem Mond ist ein Nachen, in dem Nachen sitzt ein<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> +verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen ins Wasser taucht +und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es schmerzt +sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß, +in solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von +allen Seiten rufen Stimmen, die Stimme der Mutter +schrillt heraus, in verstörter Beeiferung folgt sie den +Leuten, die Kerzen tragen, miteinander raunen und lächeln. +Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in einem +weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele +Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen? +denkt sie, und ihre Angst bringt die Kinnlade +zum Zittern.</p> + +<p>Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt, +saphirblau gefärbt, sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet +ihn, und mehr als hundert winzige Schlangen +kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel viele +Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber +jedes Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen +sind Seen, die Nase ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden +Zähnen Tore mit weißen Wächtern, die Stirne +ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle diese Gesichter +ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen, +das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck +hat. Sie kennt es, es nähert sich, über eine weiße, +weite, endlose Ebene kommt es heran, stumm bitten seine +Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die Muskeln, +da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder, +eine starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> +diese Hand? Was für ein namenloses Wohlgefühl! Welche +Berührung!</p> + +<p>Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es +ist, als ob etwas Süßes und Wohlschmeckendes auf der +Zunge läge und ein Gefühl des Verschmachtens durch +diese sättigende Süßigkeit beendet würde.</p> + +<p>Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder, +denn sie kann nicht glauben, sie fürchtet, daß die beglückende +Erscheinung entschwinde, wenn sie zu lange hinschaut. +Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der sekundenflüchtige +Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen, +daß seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar, +ernst, mild und wissend, und daß er sie liebt, und sie +spürt, daß sie erwachen wird, daß das Leben sie wieder +besitzt.</p> + +<p>Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen +Palester erhalten. Als er den Brief mit den Blicken +überflogen hatte, wußte er, daß er bis zu dieser Stunde +ein glücklicher Mensch gewesen war.</p> + +<p>Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach +England in See stach. Er lebte sie nicht, diese fünf Tage, +er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, er dachte nicht +mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn vordem gekannt +und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick +eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende +kennen ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom +Wirbelsturm überfallen werden. Er hatte Lust zu morden. +Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos zu schreien, bis<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> +diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich endlose +Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte +mit den Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne +überbrücken könnte; sein Gehirn war so von Lärm erfüllt, +von Anklage, von Selbstbeschuldigung, von streitenden, +klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu +bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend +sich unstät herumtrieb.</p> + +<p>Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden +Matrosen am Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk +hervor ein zottiger Hund auf ihn zulief. Der Hund +erhob den Kopf und schaute ihn an mit Augen, die Manfred +nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in +den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten +die Augen des Hundes: das ist also die Bewährung? Er +sah ein, daß er im Begriff war, sich zu verlieren, daß aber +dieses das Schlimmste von allem war, denn er mußte sich +halten und bewahren. Haben Tausende gedient und sind +nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht, +ihrer selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an +ihn war ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht +alles als tauber Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten +Tagen den Geist zur Bereitschaft geweckt, zur +Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der tiefsten Ehre +willen sich bezwingen.</p> + +<p>Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig, +betrat er das Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch +vom Bord ins Meer hinab, und seine Lippen waren<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> +eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische, teilnahmsvolle +Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während +er einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei +in seiner Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt +an der Brüstung gespielt, hatte sie überklettert und +war in die See gestürzt. Seine Mutter, eine noch junge +Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf alarmierte +das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des +Zögerns und Abwartens verhängnisvoll werden mußte, +er entledigte sich seines Rockes und sprang ins Wasser. +Er schwamm nur mäßig gut, und als er den um sich +schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte. +Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte, +schwer atmend hielt er das Kind und war dem +Untersinken nahe, als endlich das Boot kam und ihn und +den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die Äußerungen +des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von +da an war der Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner +Gesellschaft. Die junge Mutter, die wohl merkte, daß +ihn jede andere Annäherung verstimmte, hielt sich fern. +Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der Knabe +saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes +Manfred den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den +scheinbar unveränderlichen Kreis des Horizonts lenkte.</p> + +<p>Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann +die Antwort nicht ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug. +So erschien die Stunde, wo er unter dem vertrauten +Torbogen des Hauses in der Piaristengasse stand.<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> +Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung, +läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne +Schmerz, doch mit ausgefrorener Brust begab er sich zu +Palester. Er trat ein, er reichte dem Grafen die Hand, +und seine Züge, seine Augen, seine Haltung gaben bei +einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit, +Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund, +daß Palester, der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage +durchaus kein sentimentaler Charakter war, Tränen +in sich aufströmen fühlte.</p> + +<p>Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen +über Virginias Hand. Die träge Zeit lief wieder ihre +alte Bahn.</p> + +<p>Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes +Amt, die Wunden der Jugend zu heilen, versah sie mit +Umsicht und Gründlichkeit. Großmütig und weise, hatte +sie aus Manfred nicht nur einen gesunden Menschen +gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der +sein Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und +nicht traumsüchtig der wirkenden Welt sich entfremdete, +der zu besitzen vermochte, ohne zu vergeuden, ohne zu +geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten.</p> + +<p>Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin +und blieb dort vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias +ausdrücklichen Wunsch. Sie wollte sich nicht an +Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und wie eine +Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner +Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> +und sich prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende +Last geben konnte, wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab +und wie er es von ihr fordern durfte. Alles bewährte sich +mit der weisen und großmütigen Zeit; die Liebe, das frei +wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der +Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung, +die gleich dem Saft im lebendigen Holz des Baumes das +Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht emporträgt in die +heitere Sonne.</p> + +<p>An einem Tag im Mai schritt das schöne, hochaufgerichtete +Paar durch die abendlich feiernden Gassen der +letzten Vorstadt und wandelte in sanften Gesprächen dem +Wald entgegen, wo sie einander die Hände reichten und +von ihren lächelnden Lippen zuversichtliche Hoffnung +empfingen.</p> + +<p class="center padbot3"><em class="gesperrt">Ende</em></p> + + +<hr class="full hideinebook"> + + + +<div id="Werke_von_Jakob_Wassermann" class="chapter padtop3 padbot3"> +<p class="center s2"><em class="gesperrt">Werke</em></p> +<p class="center s4"><em class="gesperrt">von</em></p> +<p class="center s2"><em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p> +</div> + +<div class="newpage"> +<p class="mtop3 center s3">Bei S. Fischer, Verlag, Berlin:</p> +<hr class="full no-margin"> + +<div class="s01"> +<p class="left-indent"><span class="s4">Die Juden von Zirndorf.</span> Roman. Neubearbeitete +Ausgabe. Vierte Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M.</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.</span> Elfte +Auflage. Geh. 6 M., geb. M. 7.50</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Der Moloch.</span> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte +Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M.</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Der niegeküßte Mund – Hilperich.</span> Novellistische +Studien. Geh. 2 M., geb. 3 M.</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Alexander in Babylon.</span> Roman. Dritte Auflage. +Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Die Schwestern.</span> Drei Novellen. Dritte Auflage. +Geh. 2 M., geb. 3 M.</p> + +<hr class="full no-margin"> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Die Kunst der Erzählung.</span> Ein Dialog. (Bei Julius +Bard, Berlin)</p> + +<p class="left-indent"><span class="s4">Caspar Hauser</span> oder +<span class="s4">Die Trägheit des Herzens.</span> +Roman. Neunte Auflage. (Bei der Deutschen Verlagsanstalt, +Stuttgart)</p> +</div> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Die Juden von Zirndorf</p> + +<p>Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, +Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen +Roman »Die Juden von Zirndorf« in einer neubearbeiteten +Ausgabe herausgegeben, der die Kürzungen trefflich zustatten +gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, diese »Juden von +Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen +und über das Judentum der Gegenwart überhaupt +schärfere und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in +diesem Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes +erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische +Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet +sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als +sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen +»Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des +merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung +im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den +Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der +»Juden von Zirndorf«, in denen ein begabter Jüngling Agathon, +in dem das edelste Judentum verkörpert ist, die von einem +brutalen Christen erduldete Schmach durch einen Mord an +seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl in +der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange +der Handlung die vollkommenste Objektivität.</p> + +<p class="quelle">(Neue Zürcher Zeitung)</p> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</p> + +<p>Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung +und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung +der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen +beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben +und nicht länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen +Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter +und tiefsinniger Roman erschienen.</p> + +<p class="quelle">(Die Zukunft)</p> + +<p>Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung +aller Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem +Studium aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen +auf Eid und Gewissen versichern dürfen, daß es sich +bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein bedeutendes +dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes Kapitel +ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei.</p> + +<p class="quelle">(Berliner Tageblatt)</p> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Der Moloch</p> + +<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, +die ihm zugrunde liegt, bedeutend durch die psychologische und +gestaltende Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß +und breit angelegten, lebensvollen Gemälde gestaltet hat! ... +Man kann schon aus dieser gedrängten Inhaltsangabe ersehen, +daß es sich hier vorwiegend um ein psychologisches Problem +handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der Tat auch vollständig, +seinem Wesen entsprechend, psychologisch behandelt, +und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß +ist des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle +die Vorgänge mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. +Mag das Weltbild, das Wassermann hier entwirft, +ein einseitiges sein, mögen einzelne weniger interessierende +Seiten seines Bildes gar zu breit ausgeführt, mag selbst die ihm +zugrunde liegende Idee nicht unbedingt anzuerkennen sein und +das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel bleibt gewiß, +daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine +Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der +Macht fast eines Erlebnisses wirkt.</p> + +<p class="quelle">(Berner Bund)</p> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Der niegeküßte Mund – Hilperich</p> + +<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst +eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische +Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir +ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen. +Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne +der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verhältnissen +abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie fließt, +wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät +einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein +viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen +zu machen, so wenige, daß man sie verschweigen darf +und erklären: der künstlerisch Genießende, der Kenner, wird hier +sein volles Genügen finden.</p> + +<p class="quelle">(Die Zeit, Wien)</p> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Alexander in Babylon</p> + +<p>Nichts als der reale Gang der gerichtlichen Ereignisse von +Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode +wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer +Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. +So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman, +und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der +Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische +Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie +durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. +Es gehört zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche +Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche +Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p> + +<p class="quelle">(Neue Freie Presse, Wien)</p> + +<p>... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen +Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane +von Felix Dahn abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon« +zu lesen. Hier gibt es keine in Griechen oder Perser verkleidete +deutsche Leutnants; man braucht nur, wenn man es nicht ohnehin +spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, um alsobald +zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in seine +Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der +Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« +tat.</p> + +<p class="quelle">(Berner Bund)</p> +</div> + +<hr class="full no-margin hideinebook"> + +<div class="s01 newpage"> +<p class="padtop1 center s3">Die Schwestern</p> + +<p>Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine +Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu +neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, +aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse +des Lebens herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten +entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege vergeblich +suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues Leben, +viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde +Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst +gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten +und Ahnungen durchzuckt.</p> + +<p class="quelle">(Hannoverscher Kurier)</p> + +<p>Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam +geschliffenen Wortprägungen spezifisch Wassermannscher +Art. Nur einem kabbalistischen Grübelsinn, einer so heißen +Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen, +die Verrücktheiten der kastilischen Isabella so tief poetisch +märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch +konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das +historische Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in +Babylon« und diese drei Novellen bezeichnen für mich bisher +die Höhepunkte im Schaffen Jakob Wassermanns.</p> + +<p class="quelle">(Literarisches Echo)</p> +</div> + +<hr class="full mbot0 mtop3"> +<p class="padbot3 s01 center">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.</p> + + + +<div class="padtop3 newpage transnote s01"> +<p class="center s2" id="Liste_korrigierter_Druckfehler">Liste korrigierter Druckfehler</p> + +<div class="tn-list"> +<p><a href="#Page_51_1">Seite 51</a>: Ergänzung des Wortes „einen“ +(Auch Erwin hatte einen Brief erhalten.)</p> + +<p><a href="#Page_52_1">Seite 52</a>: „im“ ersetzt durch „ins“ +(Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht.)</p> + +<p><a href="#Page_87_1">Seite 87</a>: „Eine“ ersetzt durch „Ein“ +(Ein Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, ...)</p> + +<p><a href="#Page_133_1">Seite 133</a>: „war war“ ersetzt durch „was war“ +(Genießen, was war damit viel bedeutet?)</p> + +<p><a href="#Page_140_1">Seite 140</a>: „Virgina“ ersetzt durch „Virginia“ +(»Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia.)</p> + +<p><a href="#Page_177_1">Seite 177</a>: „Taklosigkeit“ ersetzt durch +„Taktlosigkeit“ (..., sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner +Taktlosigkeit zu gelangen.)</p> + +<p><a href="#Page_279_1">Seite 279</a>: Doppelte Anführungszeichen um „Phönix“ +durch einfache ersetzt (Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts.)</p> + +<p><a href="#Page_293_1">Seite 293</a>: Schließendes Anführungszeichen +ergänzt (»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.«)</p> + +<p><a href="#Page_314_1">Seite 314</a>: Punkt am Satzende ergänzt +(Doch alle Erinnerungen starben an dem Jubel dieser Vollkommenheit.) +</p> + +<p><a href="#Page_368_1">Seite 368</a>: „Geberde“ ersetzt durch +„Gebärde“ (... und ihre beiden halbentblößten +Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen +Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.) +</p> +</div> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76567-h/images/cover.jpg b/76567-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..881b367 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/cover.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-a.jpg b/76567-h/images/ini-a.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..592fef8 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-a.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-b.jpg b/76567-h/images/ini-b.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..67fe4c6 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-b.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-d.jpg b/76567-h/images/ini-d.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..810fb45 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-d.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-e.jpg b/76567-h/images/ini-e.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..93c4112 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-e.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-g.jpg b/76567-h/images/ini-g.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f8163c7 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-g.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-i.jpg b/76567-h/images/ini-i.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..81eaae6 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-i.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-m.jpg b/76567-h/images/ini-m.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1833bf4 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-m.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-n.jpg b/76567-h/images/ini-n.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..893b094 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-n.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-s.jpg b/76567-h/images/ini-s.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6a6c41d --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-s.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-u.jpg b/76567-h/images/ini-u.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..df9e668 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-u.jpg diff --git a/76567-h/images/ini-v.jpg b/76567-h/images/ini-v.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..87d8170 --- /dev/null +++ b/76567-h/images/ini-v.jpg diff --git a/76567-h/images/signet.jpg b/76567-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..209e74c --- /dev/null +++ b/76567-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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