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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 ***
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+Anmerkungen zur Transkription:
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+Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend
+übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; Textpassagen, die im
+Original in Antiqua gedruckt sind, wurden hier _so_ markiert. Gesperrt
+gedruckter Text ist =so= markiert. Die Überschriften und Buchtitel
+in den Verlagsanzeigen, die in der Vorlage in vergrößerter Schrift
+dargestellt sind, sind +so+ markiert.
+
+Am Ende des Textes befindet sich eine Liste korrigierter Druckfehler.
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+[Illustration: Signet des S. Fischer Verlags]
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+ Die Masken Erwin Reiners
+
+ Roman
+ von
+ Jakob Wassermann
+
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+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1910
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+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+
+Virginia
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+Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung. Der Arzt, von dessen
+Spruch Manfred Dalcroze alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei
+Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte Lunge wieder
+herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet; dennoch war ihm zumute,
+wie einen Sommer vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens
+die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen sah.
+
+Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den Professor Ernst
+Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an sein Versprechen, daß er
+sich, falls die Dinge den gefürchteten Verlauf nehmen würden, an den
+Professor Uchatius wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen
+Tiefseeexpedition betraut war.
+
+»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den Hafen von
+Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst mich dem Professor
+Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen und ihm sagen, daß ich trotz
+meiner dreiundzwanzig Jahre schon manches Ersprießliche im Fach
+der Mikrobiologie geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter
+aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im Kreis einer
+zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich zwei Jahre lang auf
+Vergnügungsdampfern und unter gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben;
+das würde mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der ›Phönix‹
+bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre weg, was ja ungefähr mit
+der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen würde, die ich befolgen muß.«
+
+Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm seines Bruders:
+»Uchatius stimmt zu. Sei am fünften November in Berlin.«
+
+Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber nichts von Eile
+war in seinem Wesen, als er sich gleich danach auf den Weg in die
+Josefstadt begab. Sich zu hasten, lag nicht in seiner Konstitution.
+Langaufgeschossene Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum
+Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte Zartheit.
+Wären einige seiner Bewegungen nicht so schüchtern gewesen, so hätte
+man sagen können, er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute
+besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit,
+wie sie in den Augen dieses hübschen jungen Mannes wohnte, dessen
+Erscheinung Neugier und Teilnahme hervorrief.
+
+Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt. Der Herbst ist
+für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit. Manfred war voll von
+Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen des Lebens hatte schon etwas
+Gespensterhaftes für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem
+Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche
+Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg zu Virginia war ihm die
+Zeit zu geschwind, weil die Botschaft, die er brachte, seinen Schritt
+beschwerte.
+
+In einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen; dunkler Flur,
+menschenleerer Hof und ein zweiter Bogen wie ein Schattenspiel; dann
+kletterte die weiße Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen
+aus, seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der Menschen
+betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem Opernglas auf die Bühne
+blickt.
+
+Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn ein Gefühl der
+Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und Schmerz einten sich in seinem
+Innern, und es war ihm deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er
+für dieses Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in sich
+aufgenommen hatte.
+
+Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen Satz war das
+Betrübende gestanden.
+
+Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein. Virginia legte die
+Hände auf seine Schultern und sah ihn schweigend an. Sein ernster Blick
+ließ sie trauriger werden. Sie setzte sich an den Tisch und stützte den
+Kopf in die Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein Abglanz
+von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es kupfrig erschimmern.
+
+Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille, das Zimmer
+mit den Tüllgardinen, dem riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen,
+dem Sofa aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen
+Alabastersäulchen!
+
+Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das kennen zu
+lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er las ihr vor. Diese
+Aufzeichnungen formten das sympathische Bild eines um Klarheit und
+Sachlichkeit redlich bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der
+Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung, gewannen
+kraft einer natürlichen Bescheidenheit keinen Raum. Das eingestandene
+Gefühl, unzulänglich zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und
+zu verworren; die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft
+verglichen, in der jeder dem andern fremd ist, jeder sich einsam weiß,
+wo alles ruhelos, bestürzt und blind von Saal zu Saal aneinander
+vorübereilt und niemand den Namen des Gastgebers kennt.
+
+Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen Mannes vom Anfang des
+Jahrhunderts. Er glaubt sich in umfriedetem Bund und ist verloren wie
+in der Wüste; ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und er
+findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch keiner spricht;
+wer ruht, hat schon verzichtet, und der Tanzende scheint im nächsten
+Augenblick zu sterben.
+
+Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund zu besitzen. Als
+der Name Erwin Reiners zum erstenmal in dem Tagebuch auftauchte,
+verwandelte sich der Ton der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin
+hat mich vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig, »er hat
+mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke ich den Glauben an die
+Schönheit des Lebens, denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich
+täglich wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem Tag.«
+
+Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia geschildert
+war, schüttelte das Mädchen lachend den Kopf und sagte, das möge sie
+nicht hören. »Wenn wir mal alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das
+vorlesen.«
+
+So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während es zu dämmern
+begann, irrten Manfreds Augen zerstreut über die engbeschriebenen
+Seiten, auf welchen jene natürlichen Erlebnisse wie Mirakel behandelt
+wurden.
+
+»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen, und ich beachte
+nicht die Menschen, die mir begegnen. Aber gestern hab ich ein Mädchen
+gesehen ... eine Sekunde lang standen wir voreinander, unsere Blicke
+trafen sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die
+Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte um und folgte
+ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas edel Schleichendes, so daß ich
+mich ganz einfältig fragte, ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich
+sah beständig den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen
+Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben sich die fernen
+bläulichen Hügel, die den Prospekt der Straßenzeile bildeten. Ich
+versuchte auf dieselben Pflastersteine zu treten, die ihr Fuß berührt
+hatte, mir war, als ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und
+rechts in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang, ich fühlte
+mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment, wo ich sie aus dem Auge
+verlieren mußte, und als sie endlich draußen in einem Vorstadthaus
+verschwand, blieb ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am Tor
+dieses Hauses stehen.«
+
+Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in seinen Empfindungen
+Stetigkeit und Mark. Halbe Tage hindurch promenierte er vor dem
+Hause in der Piaristengasse mit einem geregelten Eifer, der die
+Aufmerksamkeit der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte.
+Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus dem Tor; wie
+einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen anschickt, schritt er
+vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte seinen Namen, entschuldigte
+seine Kühnheit mit allen Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von
+Eindruck, von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales und
+nichtswürdiges Zeug.
+
+Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte beklommen, daß
+dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand zugehörende Mädchen etwas
+vom Adel einer Fürstin an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen,
+ihre Haltung, die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung, Stolz
+oder Verwunderung auszudrücken, eine nicht gewöhnliche Charakterstärke.
+
+Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde leicht den Ton
+verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch ohne dieses Fehlgreifen, das
+Manfred mißfiel, weil er wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die
+beiden schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden.
+Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings mit einem Enthusiasmus,
+der Virginia nervös machte. Die alte Dame war über seine anständigen
+Absichten sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen ein,
+erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte Gelehrtenfamilie waren, und
+hätte über Virginias Zukunft keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um
+zehn Jahre älter gewesen wäre.
+
+Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen gewonnen hatte,
+war ihr Herz zu lieben bereit. Aber ein vorsichtigeres Herz als das
+ihre ließ sich nicht denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks
+ein Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen
+Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft dieser Stadt, in der sie
+aufgewachsen war, der Luft der Sinnlichkeit und des unbedenklichen
+Genießens, vor deren Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht
+immer froh empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus den
+strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen über Sitte und
+Tugend, die mit erlesener Schönheit zuweilen im Bunde sind, als ob es
+in den Absichten der Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk
+nicht ohne Wehr und Waffe auszuliefern.
+
+Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer deutbare Lächeln
+geschwunden war, durch welches sie ihrer tiefen Zurückhaltung den Glanz
+von Liebenswürdigkeit gab, als die Augenlider zögernd sich senkten,
+der Blick zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage und
+Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu offenbaren, erst dann
+hatte Manfred gesiegt. Im Mai, während eines Spaziergangs im Walde,
+entriß er ihr ein Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor
+der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie ähnlichen
+Gefühlen nicht mehr preiszugeben.
+
+Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen zu halten. Sie
+einmal so völlig außer sich gesehen zu haben, so im Sturm, in der
+kurzen Raserei, die aus ihr hervorgebrochen war wie ein Element, unter
+der sie litt wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war
+wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war Stoff für dauernde
+Träume und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit. Und dieses wieder
+dankte ihm Virginia in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes,
+nichts Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes; nichts
+von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder apart verwendet,
+zum Kriegs- und Eroberungsarsenal der Mädchen gegen ihre Anbeter
+gehören. An ihr war alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von
+sanfter Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut
+des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich selbst und
+überlegte Rücksicht gegen den Geliebten.
+
+Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte den Charakter
+von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie spottete gern und besaß ein
+Talent zur Nachahmung, das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre
+Mutter hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden zu
+lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe Meinung vom Beruf einer
+Komödiantin. Frau Geßner bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein
+mit den Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von einem
+Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur ein kärgliches Auskommen
+sicherte, hart an der Grenze der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals
+an eine Versorgung durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene
+Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen,
+bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden zu nehmen; aber es
+war ein ziemlich hilfloses Treiben, und es machte ihr Kummer, daß
+sie ein ersprießliches Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem
+hohen Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl sie
+ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren Stolz, als sie
+ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen Menschen insgeheim ein
+orientalisches Frauenideal von Trägheit und Sichtragenlassen hegte.
+
+Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken, der sie in einer
+häßlich aufgeregten Welt als ruhend träumte. Es war eine Schönheit,
+deren Vollendung dem flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der
+Tat konnte Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder
+ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren. Ihre Schönheit
+bedurfte gleich den echten Dichtungen des Studiums und der Vertiefung,
+um gewürdigt zu werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers
+triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien
+entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung; ihre Haltung erinnerte an
+die selbstverständliche Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit
+einer großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig und
+kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches Papier, leuchtend, aber
+nicht feucht; ihre Lippen hatten die Frische und Narbenlosigkeit wie
+bei dreijährigen Kindern; die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll
+gebogen, seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war ein
+wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm köstlich ruhevoll
+auf der perlmutterschimmernden Wölbung, und dieses Schauspiel des
+Lebens unter einer Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu
+schlummern schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende
+Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine bezaubernde Wahrheit
+und Gegenwärtigkeit.
+
+Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es kam ihr wie
+ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien Anschluß, Freundschaft,
+Entgegenwirkung. Doch Manfred errichtete Altäre, und der Überschwang
+des Glücks lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht
+vertrauensvoll zu seinem Genius.
+
+So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene und gütige,
+dem Weltlärm entrückte Gestalten, von denen zu beklagen ist, daß sie
+der Schicksalswind auseinanderreißen und in verwunschene Bezirke des
+Lebens wirbeln wird.
+
+
+
+
+Eine Vision
+
+
+Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten
+Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste
+Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener
+Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren,
+nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine
+reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und
+verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte
+Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer
+Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich
+für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine
+eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem
+vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie
+geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.
+
+Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren,
+um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee
+schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia
+folgenden Brief:
+
+»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen
+müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit
+ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir,
+als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre
+dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein,
+fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich
+nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst.
+Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie,
+jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines
+Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob
+du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du
+es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was
+mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem
+Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle
+Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und
+die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick
+muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß
+es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich
+von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns,
+Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist
+schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir
+zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des
+Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen
+heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil
+sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann
+geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei
+Stunden ein Tod.
+
+Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe
+geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf
+will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein
+wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt
+und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen
+war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen,
+hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien,
+bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über
+meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht
+wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift
+alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um
+dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch
+einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der
+Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen,
+die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen,
+nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher
+Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht,
+einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken.
+
+Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese
+egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor
+Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung
+deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der
+Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus
+Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen,
+wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit
+dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und
+äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst
+den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem
+Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines
+Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt,
+den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu
+haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis
+getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann
+nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei
+dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von
+schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia,
+laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege
+nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust.
+
+Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir
+war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte,
+viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es
+mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er
+zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das
+unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht.
+
+Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über
+dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines
+Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier,
+Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten,
+als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche
+Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf
+sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel
+gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben,
+daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel
+zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle,
+die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der
+Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und
+Erwin Freundschaft entsteht.
+
+Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun
+gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den
+winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene
+Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen
+halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist
+erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!«
+
+ * * * * *
+
+Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein
+versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem
+Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte,
+fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand
+er Virginia nicht zu Hause.
+
+Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte
+sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so
+ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen
+Gesellschaft.«
+
+Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen
+vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er
+hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas
+Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie
+den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie
+in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen
+Unmittelbarkeit beraubt.
+
+»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer
+Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange
+Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie
+zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich
+nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast
+schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!«
+
+Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte
+ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte
+sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte
+erklingen würden.
+
+»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau
+Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe
+steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird
+noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung
+haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab’ einen festen Verlaß
+auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die
+Sache ist nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen
+die Wahrheit erfahren.«
+
+Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte
+ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau.
+
+»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer
+Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente
+ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die
+Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann
+gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war
+ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt
+und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre
+alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus
+in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag
+sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht
+leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam
+und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher
+sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du
+dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war
+ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen
+aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine
+bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin
+von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte.
+Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder,
+derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht,
+und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern
+verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal
+war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben
+leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab’
+ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen.
+
+Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im
+zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge,
+lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und
+eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist
+verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ ich,
+›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was,
+Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab’ zwei Karten, und
+den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert
+für dergleichen‹, sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht
+mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir
+schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber
+schließlich, weil’s nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau
+›von‹ war, gibt er seinen Segen.
+
+Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und
+Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine
+Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir
+immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und
+war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch war oder
+elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb
+war, und das eben war’s, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt
+miteinander, und dann wollt’ er mein Gesicht sehen, und dann hat er
+mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren
+wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem
+hab’ ich ihn nie wieder gesehen.«
+
+Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde
+aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des
+Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.
+
+»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß
+nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen,
+und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles
+wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«
+
+In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff
+Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute
+ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens
+großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie,
+nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?«
+
+Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man
+würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände,
+die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen,
+doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«
+
+»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und
+Ihnen.«
+
+»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie
+sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred.
+
+»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe.
+Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war,
+bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich
+dann bald hernach begraben.«
+
+Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher
+Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten
+verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen
+wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war
+selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden
+Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall
+eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den
+Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende
+Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der
+Moral.
+
+In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte
+das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den
+Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre
+Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches
+Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren,
+daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm
+zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich
+wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen
+schien, was sie einander verschwiegen.
+
+Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds
+Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt
+werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich
+beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund?
+Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«
+
+Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich
+wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr
+so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als
+sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber
+Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß
+sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der
+Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein,
+»wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten
+Erwin Reiner.«
+
+»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht,
+wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte
+er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an,
+berühmt zu werden.«
+
+»Um so schlimmer.«
+
+»Wieso?«
+
+»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über
+die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt
+schlecht in unsere vier Wände.«
+
+Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde
+es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse
+litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die
+Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht
+und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr;
+ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu
+sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik.
+
+Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa
+Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn
+hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag
+besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn
+Uhr hier sein.«
+
+Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche
+Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte
+sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte
+ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich
+hatte er ein seltsames Gesicht.
+
+Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern,
+wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre
+Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den
+Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen
+gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das
+er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren
+mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des
+Hauptes angepreßt.
+
+So kauerte sie.
+
+Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte
+Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich
+auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred
+schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine
+gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht
+im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu
+wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit
+dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um
+desto zweifelloser geworden.
+
+
+
+
+Abschied
+
+
+Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend
+Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf
+dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit
+Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem
+solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation
+im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger
+genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als
+etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung,
+Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und
+befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und
+stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die
+seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder
+ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten
+Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen
+Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen
+Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der
+Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht
+nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und
+Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben.
+Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend
+Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen
+Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.
+
+Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch
+Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch
+niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen
+Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien,
+hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables
+Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im
+Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend
+von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden
+Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den
+Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das
+Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte
+ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an
+allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte,
+und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.
+
+Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe
+des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung
+des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein
+Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten
+unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er
+mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch
+seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen
+durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer
+mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben
+alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle.
+Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene
+zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden
+zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine
+Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen,
+die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten
+waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er
+sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur
+klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller
+und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die
+mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine
+Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er;
+er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball,
+und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur
+wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen
+erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine
+außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit.
+
+Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische
+und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte
+er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische
+in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der
+Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er
+verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den
+Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war
+ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen
+möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von
+Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation
+den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren
+seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen
+zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt
+ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten
+Programme war.
+
+Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie
+ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von
+hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten
+den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab
+wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte
+genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch,
+Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein
+Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes,
+gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische
+Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für
+den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische
+Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer
+tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer
+profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred
+unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen
+Umgangsformen des Freundes.
+
+Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner
+junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo
+unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit
+die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater
+die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch
+unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man
+dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen,
+es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob
+das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist
+umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor
+den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen
+bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen
+auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller,
+verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und
+schaue!
+
+Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm
+eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß
+ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir
+vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine
+flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle
+Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist
+sein abgemessener Wille.
+
+Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten
+Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde
+Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als
+Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie
+jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie
+um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo
+warst du?« fragte er.
+
+»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend
+nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische
+Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten.
+Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander
+den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein,
+wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich
+fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen,
+zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden
+Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises
+klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte
+wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit
+mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd,
+das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den
+Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen
+muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der
+eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch
+bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man
+sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee
+kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute
+sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte,
+das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir
+aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen,
+das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.«
+
+Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der
+Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese
+flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem
+festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und
+sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig
+blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen
+und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem
+Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze
+Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes.
+
+»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her.
+Wichtel! Einen Teller und Besteck!«
+
+Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort:
+»Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur
+mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber
+verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich
+bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein
+Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich,
+ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie
+Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer
+können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja
+auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben,
+was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen
+Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft
+erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt,
+wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen,
+gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine
+Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser
+wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich
+wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus
+der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das
+ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist
+offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei
+Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen
+und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei.
+Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und
+dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war
+enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«
+
+»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz.
+
+Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er.
+
+»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd.
+»Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte,
+um dich zu verstricken.«
+
+»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das
+Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber
+lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine
+Leichenrede. Wann reisest du?«
+
+»Übermorgen.«
+
+»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?«
+
+»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred
+unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu
+Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.«
+
+Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich
+so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«,
+sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen
+Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.«
+
+»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst.
+»Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu
+sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie
+zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt
+kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt
+zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit,
+nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und
+ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen,
+wenn ich dich nicht wüßte.«
+
+»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte
+Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von
+dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir
+mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer
+Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh.
+»Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein
+Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«
+
+»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich brauche ja nur die
+Sicherheit, daß du im Notfall für sie da bist. Du schreibst mir
+gelegentlich über ihre Gesundheit, ihre Stimmung, darüber, wie sie
+aussieht, was sie spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir
+Geschicklichkeit genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene
+störrisch zu machen.«
+
+Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr Manfred fort,
+indem er einen handgroßen Karton aus der Brusttasche zog und ihn
+Erwin reichte, »sie hat endlich meinen Wunsch erfüllt und sich
+photographieren lassen.«
+
+Erwin nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann nahm er es abermals,
+hielt es in Armlänge vor die Augen, und seine Brauen rundeten sich.
+
+»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit naiver Eitelkeit.
+
+»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, ganz prächtig. Ich
+dachte immer, du übertreibst, und habe insgeheim deine Schilderungen
+belächelt. Aber das scheint ja eine vollendete Schönheit zu sein.«
+
+»Und noch mehr.«
+
+»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin selten. Darin ist
+alles beschlossen.«
+
+»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich sagen: eine vollendete
+Tugend. Aber heutzutage macht sich das schlecht.«
+
+»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein odioser Begriff.«
+
+»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld leugnest.«
+
+»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, von jemand zu
+sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin stolz. Manfred senkte die
+Stirn. »Wozu einen Titel? Besitze, Freund, genieße und laß den
+Kommentar. Worte zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie
+Polykrates, denn du bist beneidenswert.«
+
+Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name Ottokar Graf Palester
+stand. Erwin lächelte. »Der gute Graf ist immer Mitternachtsgast.
+Bringen Sie kalten Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener,
+»der Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.«
+
+Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann von
+vornehmer Haltung und schweigsamem Gehaben. Er hatte ein blasses
+Gesicht, einen rötlichen Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und
+traurige Augen, die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner
+schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel gebogen, als ob
+sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet die Sauberkeit und Sorgfalt
+eines Menschen, dem alles daran liegt, seine Armut vor der Welt zu
+verbergen. Er war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte
+dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen und lebte mit
+einem weiblichen Wesen geheimnisvoll zurückgezogen in der Vorstadt. Er
+besuchte seine wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich
+so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis.
+
+Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen gelernt. Er hatte
+schon damals erfahren, daß der Graf im Besitz der sogenannten
+Froweinschen Miniaturen war, die nach einem Sammler oder Mäzen des
+achtzehnten Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei
+Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen
+Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord Pembroke in Schottland,
+das dritte war zur Zeit der österreichischen Herrschaft in Toskana
+durch einen Vorfahr des Grafen, die Palester waren italienischen
+Ursprungs, aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht
+immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen Malereien, die nach
+Erwins Meinung einen außerordentlichen Wert hatten, als abergläubisch
+behütetes Erbstück von Generation zu Generation. Man wähnte, daß der
+Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm einst noch ein
+neuer Glanz beschieden sein werde, solange dieser Schatz Familiengut
+blieb. Graf Ottokar war nicht mehr in der Lage, das Archiv eines
+Ahnenschlosses damit zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als
+Fabel hinnahm, so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht
+mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der durch eine
+philosophische Lebensführung gehärtet wurde. Vor Wochen hatte er das
+Buch mitgebracht, um es Erwin zu zeigen, und schon eine flüchtige
+Prüfung hatte diesen belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die
+drei in Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes gewesen,
+aber Erwin, der das römische kannte, stellte entzückt das Palestersche
+höher, und seine Begierde nach dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie
+der Widerstand, den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch
+mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar voll Nachsicht und
+versprach mit reizender Ironie, er werde ihm den Frowein hinterlassen,
+wenn er ohne Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir zu
+lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich will erobern.«
+
+Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und während der Graf
+sich an den Tisch setzte und aß, wie man im Wirtshaus eine bestellte
+Mahlzeit zu sich nimmt, schlich Erwin vorsichtig und lüstern um das
+Thema.
+
+»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred.
+
+»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach und primitiv
+gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz ohne gleichen ist.«
+
+»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem begreif’ ich dein
+heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist voll von schönen Werken der
+Kunst, bekannten und unbekannten; warum soll tyrannische Habsucht den
+Geist in Fesseln binden und den Genuß beschränken?«
+
+Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg jedoch, um Erwin
+nicht in seiner Entgegnung zu stören. Erwin legte die Hände flach
+zusammen und sagte mit einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die
+Welt ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die Wahllosen und
+klein für die Wählenden, groß für die Augen und klein für die Hand.
+Ich bin kein Augenmensch. Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den
+Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, zu zerstören.«
+
+»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das Chaos anfängt«,
+bemerkte Graf Ottokar trocken.
+
+Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der Graf erhob, um
+sich zu verabschieden. Manfred, der müde war, folgte seinem Beispiel,
+nachdem er mit Erwin die Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen
+abholen wollte.
+
+Als er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, schneite es. »Ich
+gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl von Erwin weg,« gestand Manfred,
+»er hat die Gabe, mich ehrgeizig zu machen.«
+
+»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter Mensch«, erwiderte
+Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er allein
+ist, ganz allein. Er gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht
+vorstellen kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen Stadt, in
+einem großen Haus und darin in einem großen Zimmer ... mir ist, als ob
+er ein anderer wäre.«
+
+Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die Züge des Grafen
+hatten einen ernsten, beinahe düsteren Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich
+nämlich, im Gegensatz zu Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu
+viel, und was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre hat
+mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des Ozeans geruht; nun ist
+mir alles vermauert, Leben und Menschen. Ich komme mir vor wie ein
+Zwangsarbeiter in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?«
+
+»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, Polynesien.«
+
+»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der Graf sinnend. »Und das
+alles ist vorhanden. Jetzt, indem wir sprechen, rauschen dort die
+Palmen. Nichts ist aufwühlender als das Gefühl der Gleichzeitigkeit.
+Sie werden nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und die
+Maschine wird pochen wie ein Herz.«
+
+»Ich würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es Manfred.
+
+»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um so mehr wird Sie
+die Reise verwandeln. Wir verwandeln uns nicht, wenn die Erlebnisse
+mit unseren Wünschen übereinstimmen. Schreiben Sie mir einmal von dort
+drüben, vom andern Ende der Welt.«
+
+»Mit Vergnügen.«
+
+»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich werde bei Nacht
+schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, und so ist es auch gemeint.
+Leben Sie wohl, Sie müssen einsteigen, ich gehe zu Fuß.«
+
+»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt.
+
+»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage nicht den Lärm
+dieser Vehikel. Leben Sie wohl.«
+
+Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger Teilnahme nach.
+
+Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin in dessen
+Elektromobil zu Virginia.
+
+Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein paar Sekunden lang
+steif wie eine Latte. Manfred konnte durchaus nicht erraten, was in ihm
+vorging. Er selbst gab sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch,
+Erwin und Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn
+verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke von beiden.
+
+Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz verwandt, auch
+der Unruhe des Künstlers über die Wirkung seines Werkes; er suchte aus
+Erwins Miene zu lesen, ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt,
+unbefriedigt geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits
+blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend ins Gesicht. Nie
+zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; das Phlegma, das die
+Schönheit verleiht und das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll
+wird, gab ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald an
+Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa wie man zwei
+seltene Leckerbissen zusammen in den Mund schiebt.
+
+Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins Betragen zufrieden
+sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel ihr, die Knappheit seiner
+Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken Spielraum, seine Zurückhaltung war
+bedeutsamer als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit an, daß
+ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen waren. Sie hatte
+seine Kritik ein wenig gefürchtet, seine unbedingte Billigung, die sie
+spürte, hob ihre Sicherheit. Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges,
+auch nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach
+bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, Manfred anerkennend
+zuzunicken, als sie sich von Erwin unbeobachtet wußte.
+
+Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen hingegangen
+war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen
+die Rolle, die mir Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein
+Kopfzerbrechen verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel
+schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. Betrachten Sie mich als
+einen, der zur Verfügung steht. Vergessen Sie die Person und denken Sie
+nur an das Amt.«
+
+Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. »Ich kann nicht
+kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden mich auch viel zu eigensinnig
+finden, wenn Sie kommandieren müßten. Es wird hoffentlich nichts
+dergleichen nötig sein.«
+
+Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. Auf der letzten
+Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem er Manfred durchdringend
+anschaute: »Hör’ mal, es ist doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen,
+diese ... Dame, diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe
+stammt, wie du sie mir geschildert hast –?«
+
+Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor Freude lächelnd,
+erwiderte unbedacht: »Wie scharf und wahr du siehst!« Sogleich
+merkte er, daß er zuviel gesagt; er wollte seine Worte zurücknehmen,
+verstrickte sich noch mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene
+ärgerte, glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, wenn
+er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in Kürze berichtete.
+
+»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, »solche Früchte
+reifen nicht auf dem dürren Baum des bürgerlichen Behagens. Amüsant
+wäre es, von diesem Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen
+Männer zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle
+tausendjähriger Heuchelei.«
+
+»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred hastig.
+
+Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das Grab«, antwortete
+er, als könne eine solche Aufforderung nur scherzhaft genommen werden.
+Sie drückten einander die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück.
+
+Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia langsam ihre
+Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der eigene Schmerz. Ihm war,
+als ob er sterben müsse, um erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder
+von neuem beginnen zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der
+Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett begeben. Ihr
+Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, auf welchem eine Teekanne,
+drei Tassen und eine mit Äpfeln gefüllte Schale standen.
+
+Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte Worte; wenn sie
+schwiegen, empfanden sie die Schauer als gefährlich, die über ihre
+Haut rannen. Manfreds Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen
+wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in die Winkel;
+spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an den Kleidern trug er eine
+Last wie ein Badender, dem eine Fessel nicht zu schwimmen erlaubt.
+Virginia schien gefaßt, ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie
+gegen die bedrohliche Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und
+wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie stolz sie
+ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar und wie
+schön!
+
+Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. Und er ging,
+bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt.
+
+Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte er ihr einen
+Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es war das erste Geschenk, das
+sie annahm. Er war fertig, alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon
+auf dem Bahnhof, und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner
+herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin.
+
+Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war bald verstrichen.
+Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie Porzellan, und als sie an
+seiner Brust lag, schluchzte sie wie ein Kind. Manfred preßte sie an
+sich, bog mit der Linken ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und
+dann empor. Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch.
+
+Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. Rücksichtsvoll hatte
+er die letzte Minute gewählt. Als er Virginia so hingeschmiegt
+erblickte, war in der Linie ihres Körpers ein Etwas, das ihn stutzig
+machte. Er sah zu Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen.
+Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. Sein edles
+Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, lächelnd und sich
+verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der Halle.
+
+
+
+
+Vorspiele
+
+
+Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia: »Darf ich Ihnen
+zur Heimfahrt meinen Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?«
+
+Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet;
+gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg sie ein, nur in dem
+Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu sammeln. Erwin erriet ihren
+Zustand; er war bereit, sich zu entfernen. Da wurde sie sich ihrer
+Unüberlegtheit bewußt, die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht,
+so, wie ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in der
+Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen zu sollen, war ihr
+höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken, das konnte sie nicht
+über sich bringen, es erschien ihr unfreundlich und undankbar, und
+sie bestand darauf, daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn
+ich nichts rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam
+eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar sein
+kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke.
+
+Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen fast mit Genuß,
+daß ihr das Schweigen peinlich war. Er liebte es, von der Seite her
+die Augen einer Frau zu betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das
+Hinausstrahlende des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks
+liebte er vielleicht.
+
+Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr helfend die Hand.
+Er hatte eine ritterliche Art zu warten, sich zu verbeugen, zu grüßen.
+»Auf Wiedersehen«, sagte Virginia hastig.
+
+Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor, und ihr war, als
+käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie fiel der Mutter um den Hals
+und weinte sich satt.
+
+Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr. Man saß da und wartete
+auf den Briefträger. Der Briefträger war nicht so faul, er brachte
+an jedem Morgen eine Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung
+schrieb er ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches
+Adieu, kam schon vom Bord des »Phönix«.
+
+Auch Erwin hatte einen Brief erhalten. Er hatte die Absicht, es
+Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit? Sie
+war überflüssig. Es lockte ihn nichts dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein
+Tag war angefüllt wie ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er
+war zu Fuß gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts
+rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch wieder zurück.
+Vor der weißen Wendelstiege zögerte er abermals. Da erinnerte er sich
+der hingeschmiegten Bewegung ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust
+gelegen, jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies
+entschied.
+
+Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald vom Gespräch
+zurückziehen. Erwin durchschaute die Absicht und suchte etwas, um sie
+zu fesseln. Er brachte die Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre
+Skizzen zu sehen. Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen
+herbei. Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen, in denen
+er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige Aufmerksamkeit.
+
+Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik, die von
+gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die Oberflächlichkeit und
+mangelnde Kraft des Schauens. »Ja, das weiß ich,« stimmte Virginia bei,
+»deswegen bin ich auch so lustlos.«
+
+Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei.
+Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es fehlt Ihnen das
+systematische Studium der Natur und die Kenntnis der großen modernen
+Meister«, sagte er. »Wer gibt Ihnen Unterricht?«
+
+»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia, »der Mann ist ein
+Anstreicher, weiter nichts.«
+
+Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte; er rühmte einen
+der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei eine staatliche Anstalt,
+die Kosten wären infolgedessen gering, und er machte sich erbötig, ihre
+Aufnahme durchzusetzen.
+
+Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit andern zusammen
+zu arbeiten«, wandte sie ein.
+
+»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit nicht gestört
+werden.«
+
+Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht. »Um Gotteswillen spotten Sie
+nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod nicht leiden. Das macht
+mich ganz krank.«
+
+Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als Mangel an Ernst
+deuten, und willigte ein. Sehr bald fand sie sich belohnt. Der neue
+Lehrer nahm es genau und nahm es tief. Er verlieh den Gegenständen
+Seele, indem er den Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach,
+was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn man sie von
+innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten mußte. Sie bekam einen
+gewaltigen Begriff von dem vorher so unbestimmten Wesen und sah auch
+ein bescheidenes Ziel für sich selbst.
+
+Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art. Es war etwas Genaues
+an ihr, kein nebelhaftes Wort kam von ihren Lippen. Sie lernte
+Verhältnisse kennen, Charaktere abschätzen, Gesichter beurteilen und
+hatte minder häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu
+denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene Wirkung auf die
+Menschen.
+
+Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern der
+Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal, in den
+Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden, und seine Gesellschaft
+war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch war belebend, die eigenartige
+Eleganz seiner Kleidung und seines Auftretens empfand sie als etwas
+Auszeichnendes und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien
+ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er, »Technik haben heißt
+weiter nichts als Mut haben.« Er wollte mit ihr in eine Galerie gehen
+und schlug ihr das Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und
+eines Vormittags holte er sie ab.
+
+Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit dem jungen Mann
+stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft. Erwin spürte es und bemerkte,
+die kleinbürgerlichen Beengungen harmonierten schlecht zu ihrem Wesen,
+sie möge sie doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen.
+
+Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte er Dinge zu sagen,
+die Virginia niemals gehört hatte. Er schuf ihr das Bild; er gab der
+Gestalt Leben, der Idee Bedeutung. Zugleich war es, als enthülle er
+sein Herz, das in einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo
+man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden heilt, die eine
+grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte zwangen sie zur Ehrfurcht,
+und sie mußte sich sagen, daß sie um so tiefer unter ihm stand, wenn
+sie sich nicht neigte vor solcher Größe des Gefühls.
+
+Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie sich durch die
+Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf- und Abgehen, in den Laden
+kramen, Vorsichhinreden und Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst
+gewesen, heute klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner
+setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage später erschien
+Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia wollte gerade zur Schule. Sie
+war verspätet und deshalb in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit
+ihm zur Eröffnung einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde
+interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den interessanten
+Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. – »Das ist schade«, erwiderte
+Erwin tadelnd. – »Schon deswegen, weil ich keine Toilette für sie
+habe«, fügte Virginia lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird
+genügen, alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin
+trocken.
+
+»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«, mischte sich Frau
+Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie sich an das zögernde Mädchen,
+»dein blaues Sammetkleid ist ja sehr hübsch.«
+
+»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia und ging in ihre
+Kammer.
+
+Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor, und einige Frauen
+und Kinder sahen mit neidischen Augen den beiden zu, als sie einstiegen.
+
+Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier, ja merkbare
+Bewunderung, als sie an Erwins Seite durch die Räume schritt. Erwin
+ergriff die Gelegenheit, das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu
+machen, vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen Frau
+von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie zog Virginia sogleich
+in ihren Kreis, und alsbald schwirrte es um sie von neuen Namen und
+ungewohnten Schmeicheleien. Eine nicht mehr ganz junge Person fiel
+ihr auf, die ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer
+Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel, und nach kurzem
+Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich ohne Wunsch noch Lust, das
+Versprechen, sie zu besuchen; als die Baronin Resowsky ein gleiches von
+ihr forderte, war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung
+auszuweichen.
+
+Um Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge Männer und
+erkundigten sich, wer die Novize sei. Es amüsierte ihn, geheimnisvoll
+zu bleiben, und er beobachtete ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren
+Unruhe sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen
+Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren Gewänder
+der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens, das Erwin Reiner genoß, um
+dessen Wort und Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen
+vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur wie eine Gnade
+walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren eigenen Augen und Gedanken,
+und was galt es viel, sich stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich
+gewiß weit über ihr stehend dünkten?
+
+Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen über ihre
+Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden Nachmittag kam. Aber er
+bemühte sich, den Nimbus zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben
+hatte.
+
+»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom Gezwitscher auf den
+Geist?« fragte er.
+
+Sie verstand nicht ganz.
+
+»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«, fuhr er mit
+gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz, aus Eitelkeit, aus
+Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder aus Verzweiflung. Und wollen Sie
+wissen, womit man sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der
+Seele. Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind, um den
+Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr Opfer in Stücken, sie
+plündern seine Brust und entleeren sein Gehirn.«
+
+Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als durch die Worte.
+»Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt sie ihm mit aufblitzenden
+Augen entgegen.
+
+Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der blakenden Lampe
+herabzuschrauben. Frau Geßner befand sich in der Küche, er war mit
+Virginia allein im Zimmer.
+
+Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt, aber
+fremd und entsagend. Das etwa war in seinen Mienen zu lesen. »Meine
+Gärten sind verdorrt,« murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener
+Stimme fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen, das
+ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch Sehnsucht gläubig
+war. Jede dieser jungen Frauen war mir eine Göttin; von jeder habe ich
+Wunder und Offenbarung erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich
+habe mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben. Ich habe oben
+und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten Gruft gewühlt, die
+man die Gesellschaft nennt, ich kenne sie alle, die Aristokratin, die
+Bürgerin, die Abenteuerin, die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was
+war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die Schalen von einer
+Zwiebel.«
+
+Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia vorüber, ziellos,
+doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch ganz Europa und durch den
+halben Orient gezogen,« begann er wieder, gleichsam unwillig und
+von der Erinnerung verstört, »ich war in allen Salons von Paris,
+Petersburg, London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach einem
+Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren geführt, aber ich
+bin im Norden so kalt geblieben wie im Süden. Hätte mich irgendwo und
+wann eine göttliche Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre
+als Preis bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie, ich
+hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später dann, wenn der
+Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das Glück fordert eine Seele ganz.
+Es flieht, wo sie sich in kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,«
+– Virginia zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung
+ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche Elend, das ich
+Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer Generation. Wir jungen
+Männer allesamt gleichen dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen,
+sein eigenes Kind verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres
+eigenen Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer Freiheit.
+Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn es ist eine Welt, wo
+der Beste sein Herz und der Schlechte das des andern zerfetzt, wo der
+Starke zu den Schwachen Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo
+die Gesetze Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.«
+
+Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises, und seine
+funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den blassen Lidern. Virginia
+nagte sinnend an ihrer Lippe. Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht
+gedacht, daß Sie Ihr Leben so beurteilen.«
+
+»Und warum?«
+
+»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so viele Freunde
+haben.«
+
+»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was meinen Sie damit?«
+
+»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.«
+
+»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden sprechen. Manfred ist
+mein Freund.«
+
+Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die Unterscheidung nicht.
+
+»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer, Mitspieler,
+Spielverderber«, sagte er fast ungestüm. »Freunde und ein Freund, das
+ist wie: Götter und Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich
+etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein schönstes
+Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige Tüchtigkeit strömte.
+Er hat die Flamme auf mich übertragen, die ich in ihm angefacht, und so
+sind wir Brüder geworden, zwei Söhne einer Flamme.«
+
+Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als es in ihr die
+Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit Erwins und Manfreds
+befestigte. Sie hatte es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr,
+als ob Manfred dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie
+blickte Erwin dankbar an.
+
+»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll ich’s nicht
+gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht gern auf den
+ungeteilten Besitz eines Menschen, der das Lebensgefühl erhöht und dem
+man in starken und schwachen Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert
+hat. Oft hab’ ich seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich
+konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten wurde, war
+mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant.
+
+Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand Virginia auf. Sie
+antwortete nichts.
+
+Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie geistesabwesend
+auf ihren nackten Hals, auf die zuckende Ader unter der Kehle und
+die bebende Sehne, die sich vom Ohr herab gegen die Schulter stemmte
+wie eine Säule aus Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie
+abermals darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem fast
+naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum dritten Male rot,
+nahm ein schwarzes Seidentuch vom Haken und warf es um den Hals, mit
+einer Bewegung als friere sie.
+
+Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause kam, sagte sie: »Es
+riecht ja nach Zigarettenrauch hier. Hast du Besuch gehabt, Mutter?«
+
+»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau Geßner ein bißchen
+verlegen.
+
+»Bei dir? was hat er denn gewollt?«
+
+»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist denn das sonderbar?«
+
+»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«, scherzte
+Virginia.
+
+»Ja, mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich, und um ihre
+außerordentlich feine kleine Nase legte sich ein schnippischer Zug,
+was Virginia lächelnd bemerkte. Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner
+das Bedürfnis haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine
+Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte vor,
+ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund. Wenn sie eine
+solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß sie die Unterhaltung, die
+sie ihrerseits ihm gewährte, höher einschätzte als die der Mutter.
+Sie fürchtete eitel zu erscheinen, und im weiteren Verlauf dieser
+Überlegungen kam sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche
+beschränken möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen zu geben,
+ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne ihn gröblich zu beleidigen,
+durfte er doch erwarten, daß er ihr mit seinem reichen und belebenden
+Gespräch Freude bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer
+vieler Stunden.
+
+Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend, daß er einige
+Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten Abendspaziergang rüstete,
+mit ihr zusammen aufbrach, um nicht mit Virginia allein in der Wohnung
+zu bleiben. Wenn er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und
+erinnerte sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er erzählt,
+an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine wunderbare Kunst
+darin, Begebenheiten und Menschen plastisch darzustellen, ohne sich im
+geringsten gegen die Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und
+Seefahrten und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern und die
+kleinen Intrigen der großen Welt und die großen Ränke kleiner Herren,
+da lebte alles vom Unbedeutenden bis zum feierlich Historischen, und
+alles hatte sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen.
+
+Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte, riet ihm Virginia,
+er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft, er kenne die Frauen zu gut.
+Man gibt den Reichtum der Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung
+so gründlich sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst
+in den Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl
+schleuderte.
+
+Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das seinem Liebsten
+keine Gunst verweigert, das in einer leicht zu täuschenden, gesang- und
+tanzfrohen Welt wohnt, in einer von den zahllosen Stuben gepferchter
+Häuser, wo man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines Pianinos
+bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust und Überschwang ergibt.
+Ein Idyll, das den Nachteil der Langeweile hatte.
+
+Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens, deren
+Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und deren Verfeinerung
+von der Erschöpfung kommt. In ihr ist eine großartige Kraft zur Lüge,
+und sie versteht es, durch Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute
+wie der Fuchs ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber
+der Abgrund lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt, den
+schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen Sturz
+erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher. Er will nicht mehr Huhn
+sein, sondern Fuchs. Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als
+die Gebärde eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß. Wenn’s
+nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s knallt.
+
+Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art von verliebten
+Beziehungen pflegen, welche man in den oberen Ständen Flirt nennt.
+Eine Sache, dazu erfunden, um die Seele zu beschmutzen, während sie
+den Körper bewahrt. Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen
+den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß Hunger nach
+Zerstreuungen erregen, und können niemals den Anschluß an ein tätiges
+Glück finden. Der Rattenfänger braucht nicht einmal zu pfeifen, die
+Tierchen kommen von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es
+gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue.
+
+Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr nahe. Sie hatte
+keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen Bezug haben könne. In
+seinem edlen Zorn sah sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für
+Menschen und Zustände.
+
+Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von Rosanna Schörk, der
+Schauspielerin. »Frauen von Genie sind streberhaft bis zur Raserei,«
+sagte er, »und ihr glorioser Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann
+für ihren Ehrgeiz wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da
+verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe zu. Aber ist
+die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke dran. Man hat nicht
+den Mut, die Drähte zu zerschneiden. Warum, man weiß ja nicht, wer
+kommen kann.«
+
+Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und blieb dann vor
+Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber auch Gesichter von Frauen
+zeigen, Virginia, ich möchte sie emportauchen lassen wie ein Spiritist
+die Geister, Frauen, die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel
+unverschuldeter Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch sind,
+indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit Füßen treten
+lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt sind, daß sie erlöst
+scheinen, wenn sie zusammenbrechen; Frauen, durch deren Seele hindurch
+man wie durch ein Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens
+gewahrt. Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben, weil ich
+Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie nur belasten.
+Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg; die Unsicherheit darüber
+reizt mich, denn Sie sind mir fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie
+sonst kein Mensch.«
+
+Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer Arm erreichte mit
+dem Handgelenk gerade noch den Tisch, wo er sich unbeweglich gestützt
+hielt, der andere lag im Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig
+die untere; die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus. Das
+Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn, und das im
+Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen schien bisweilen den
+Goldschimmer des Fleisches verwandelnd zu beleuchten.
+
+Sie sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte Mitleid mit
+ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten, die Betten, in denen
+sie schliefen, und die Kleider, mit denen sie sich schmückten.
+Wunderlicherweise war all das reich, reizvoll und begehrenswert. Da
+verschwand ihr Mitleid wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre
+Miene wurde zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte.
+
+Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem prüfenden
+Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend machte, so genau, klar
+und unbarmherzig gegen sein eigenes Leben.
+
+Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten ins Zimmer. Es
+war stets, wie wenn man ihn zuvor nie gesehen hätte. Einen Moment lang
+schien er zerstreut, ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von
+jener gewinnenden Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung
+war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter sagte er Mama und
+tätschelte gnädig die Wange der alten Dame. Er verstand es gemütlich zu
+sein und schätzte die Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie
+so recht gemütlich.
+
+Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler Menschen Wort und
+Atem haftete an ihm. Seine Hände suchten immer etwas zu greifen; er
+saß selten friedlich auf einem Fleck, meist ging er ruhelos umher.
+In seinen Augen war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das
+Zuhören von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war in seinen
+Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und etwas Zurückschiebendes
+hatte, als wolle er sagen: bitte nicht zu nahe. Es war wie bei einem,
+der eine zerbrechliche Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu
+werden fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu
+kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann, hatte trotz
+äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als müsse er erst überlegen,
+was er von den Vorgängen in jener Region zu verschweigen habe. Es
+wirkte eigentümlich lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart,
+seine Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern mußte, daß man
+gesammelt sein mußte, während er sich erst sammelte. Man vergaß ihn
+beinahe, wenn er fortgegangen war, aber man war angenehm bewegt und
+geweckt, sobald er kam.
+
+Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt die Mutter
+fast täglich besuchte, und das gerade in den Stunden, wo sie in der
+Malschule war. »Was sprecht ihr denn miteinander?« erkundigte sie
+sich mit verwundertem Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll.
+Es zeigte sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten
+auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide sich
+zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem redete sie darüber,
+sondern als ob ein Wandel möglich, als ob er zu gewärtigen sei, als
+ob sie Pläne und Aussichten habe. Virginia wußte nicht, was sie davon
+denken sollte.
+
+Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage des kleinen
+Haushalts Einblick zu verschaffen. »Wie kann man so leben!« rief er
+ehrlich erschrocken, als ihm Frau Geßner die geringfügige Summe
+nannte, mit der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum
+bekümmert?« fragte er.
+
+Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und diese Gebärde
+entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes sie dem Fremderen ihre
+Dürftigkeit zu offenbaren vermochte. Manfreds Zartgefühl hatte den
+Stolz gefordert, Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen.
+
+»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre oder länger in
+so erbärmlichen Umständen vegetieren zu lassen«, sagte Erwin. »Eine
+solche Edelnatur braucht Licht, Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über
+den guten Manfred. Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie
+Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung
+stillschweigend übernommen und mußte darauf dringen, daß –; aber
+freilich, wie wäre Virginia zu bewegen? Manfred war einfach nicht
+schlau genug. Seien wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert,
+seinen Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und schiebt
+ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.«
+
+Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach sie das Thema
+ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete, glaubte sie ihn beleidigt, und
+als er ein paar Tage später wiederkam, fragte sie, was er mit dem
+Strohsack und dem Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,«
+antwortete Erwin, »aber können Sie auch schweigen?«
+
+»Ja, ich kann’s.«
+
+»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es möglich, fünf-
+bis sechstausend Kronen davon flüssig zu machen?«
+
+»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das Geld wird von
+einem gerichtlichen Vormund verwaltet.«
+
+»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten,
+eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich dabei um eine
+Spekulation, für deren Gelingen ich mich verbürgt hätte. Sehr schade.«
+Bedauernd blickte er Frau Geßner an, die unwillkürlich die Hände
+faltete. Plötzlich sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr
+er fort. »Es ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die
+Summe geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit ich sie
+fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese fünftausend
+Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten machen, nur daß ich keine
+Zinsen beanspruche; haben wir dann das Geschäft glücklich zustande
+gebracht, so ziehe ich meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen
+Gewinn. Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?«
+
+Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen das die Agenten so?«
+fragte sie.
+
+»Genau so.«
+
+»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich täuschen?«
+
+»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.«
+
+»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?« murmelte Frau Geßner.
+»Warum tun es denn nicht alle Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da
+läge ja der Reichtum auf der Gasse –«
+
+»Ein Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin lächelnd und
+ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer, sehen Sie, die ziehen
+die kleinen hinter sich nach. Ihre paar Kreuzer, Mama, die werden von
+den Millionen geschleppt und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen
+Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer Fisch in
+Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million den kleinen Fisch oder
+wird mit ihm gefangen, aber lassen wir uns das nicht anfechten, ich
+bürge Ihnen.«
+
+Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich, doch am Ende
+konnte sie der Verlockung nicht widerstehen. Nachdem sie eingewilligt
+hatte, beharrte sie darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm,
+für welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang
+schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität mit geschäftlichem
+Ernst über sich ergehen. Während eines Gedankens Dauer erbitterte ihn
+die Gewöhnlichkeit der Person, die ihn für einen Börsengänger halten
+konnte, doch in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse
+alle Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie Virginia
+gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine ständige Mahnung;
+das Mädchen hatte scharfe Augen und betrachtete die Mutter oft mit
+grübelndem Erstaunen.
+
+Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau Geßner ein dickes Kuvert,
+in welchem sich so viele Banknoten befanden, daß die Empfängerin
+erschrocken aufschrie. »Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin
+gelassen, zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die
+Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung wirkte
+unerquicklich auf Erwin.
+
+»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese paar Scheine
+nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen. Die Absicht war, Virginias
+Los zu verbessern. Eine Schönheit wie die ihre macht uns in jeder
+Weise zu Schuldnern, Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest
+verdauliche Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung
+und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche Zartheit ihrer Haut
+nach und nach verderben. Wenn sie ein Kleid trägt, in dem sie gering
+erscheint, wird das Glück verringert, das sie hervorbringen soll.
+Denn Virginias Aufgabe ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche
+Andacht, eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie nicht,
+Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung von allen Dingen geben,
+die Sie kaufen müssen. Und seien Sie unbesorgt, der Baum, den wir da
+geschüttelt haben, ist noch beladen mit Früchten.«
+
+»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau Geßner beklommen.
+
+»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.«
+
+»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?«
+
+»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.«
+
+Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und Frau Geßner zeigte
+sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden durch ungewöhnliche
+Ausgaben, die Mutter zur Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische
+Widersprüche verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin
+erschienen wäre.
+
+Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung über
+Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage und die
+geschäftliche Ausnützung gewisser Strömungen. Was er getan habe, sei
+nicht nur verzeihlich, es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei
+klug und gut, so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der
+von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet.
+
+»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden Acker«, wandte
+Virginia lebhaft ein.
+
+»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht zu rühren
+versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht so krämerhaft, Virginia.«
+
+»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug denken«, erklärte
+sie eigensinnig.
+
+»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich seinem Blick aus.
+
+»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner bündig in das
+Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.«
+
+»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«, sagte Virginia
+naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte sie beschämt lächelnd die
+Achseln.
+
+Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der Umstände.
+Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht; dies Geld war ihr
+unheimlich, und Wünsche, deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie
+Vergehen vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und ihre
+Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr Erwin, er selbst
+habe an Manfred geschrieben, und sie wollte nun abwarten, ob Manfred
+solchen Reichtum billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts
+entstanden war, wie die Würmer im Mehl«.
+
+Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die Mutter gefahren?
+Virginia wußte kaum, wie es zuging, plötzlich sah sie sich im Besitz
+kostbarer Wäsche; hatte jene reizenden Kleinigkeiten der Toilette,
+die sonst nur verwöhnten Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von
+meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als wirklich
+schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief Virginia ein übers
+andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«, sagte Frau Geßner streng, »und
+widersprich mir nicht. Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir
+gewonnen haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich möchte
+ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun endlich ein bißchen
+besser hast.«
+
+Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr Leben zu
+stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren Sinnen in gleicher Weise
+schmeichelten. »Ich verstehe nur nicht, wo du plötzlich so viel
+Geschmack hernimmst«, sagte sie zur Mutter.
+
+»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten Firmen und kauft das
+beste. Ist das eine Kunst?«
+
+»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?«
+
+»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus dem Effeff. Siehst du
+dabei was Ungehöriges?«
+
+Virginia wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade die Schneiderin,
+eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme Person, schlug Modenbilder
+auf und nahm Maß zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte
+Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes Gewissen dabei
+hat. Trotzdem wünschte sie sich noch leichteren Sinn, wenn ihre Finger
+liebkosend in Spitzen wühlten und bedächtig über Seide und Battist
+raschelten.
+
+Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie sprach ihr Auge mit
+den delikaten Farben edler Mode! Der Spiegel wurde ein liebevoller
+Berater, und sie, sie wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand
+abgeschlossener da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt zu einer Welt
+stolzerer Formen strebte.
+
+Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die Pforten dieser
+Welt zu öffnen.
+
+
+
+
+Ein Duell
+
+
+Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke gezogen, Frau
+Geßner öffnete und trat mit Marianne von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen
+mir nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, auf
+Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer Stimme von
+geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich ermutigt, Sie aufzusuchen.
+Erwin und ich, wir sind alte Freunde, mehr als Freunde, fast wie
+Geschwister. Er hat mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie
+kennen gelernt, hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich
+keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.«
+
+»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich steif.
+
+Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu rücken, Deckchen
+zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin zu tragen, wo sie ohnehin
+schon gestanden waren, schleppte einen Sessel herbei und bat das
+Fräulein, »sich nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende
+Dame hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel für
+die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen über den Fenstern,
+einige Möbelstücke waren neu beschafft worden, und ein bescheidener
+Blumentisch stand an sonnigem Platz. Virginia ärgerte sich über das
+demütige Wesen der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, bis
+die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden Widerstand ein
+Ziel setzte.
+
+Es war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an Marianne von Flügel.
+Sie gab sich wie jemand, der das Leben groß sieht und die Menschen
+klein. Sie war um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre
+Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken Zähnen. Wie
+sie saß und ein Bein über das andre schlug, wie sie ein goldenes
+Zigarettendöschen aus der Tasche nahm, ein winziges Zigarettchen
+zwischen die Lippen schob und beim Plaudern den Rauch verfließen
+ließ, das hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte
+in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es waren kleine,
+schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein Wenden der Hand und alles
+war vorüber: irgendeiner war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte.
+Um so gewichtiger mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, die
+sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, daß wir
+Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und Virginia konnte nicht umhin,
+sich darein zu ergeben. Als Marianne ging, bat sie Virginia, einen
+Abend, der sogleich bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur
+einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach es.
+
+Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau Geßner unwohl und legte
+sich fiebernd zu Bett. Virginia telephonierte vom nahen Postamt dem
+Doktor Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk sässigen Arzt,
+der schon den Vater Virginias behandelt hatte und, so selten er kam,
+ein obsorgendes Verhältnis zu den beiden Frauen unverbrüchlich
+pflegte. Es war ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm
+und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten Taubheit zu
+selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er glich den Fehler aus durch
+Klugheit, Erfahrung und ein expressives Temperament.
+
+Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, wenn man ihn
+zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen gehörte zur Soldateska des
+Todes so gut wie ein Magengeschwür. Er erklärte den Fall für harmlos
+und verfaßte ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der
+Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners Erlebnisse
+waren nicht so weitschichtig, daß sie den Namen Erwin Reiners bei
+solchem Anlaß unerwähnt gelassen hätte. Das Gesicht des alten Doktors
+veränderte sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen
+wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael Reiner?« fragte
+er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? Der ... Kunstgelehrte oder ...
+Naturforscher, was weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend
+nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem Daumen über die
+Schulter nach Virginia weisend – »das Fräulein Tochter nicht?«
+
+»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der intimste Freund von
+Ginas Bräutigam.«
+
+Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und Schnitzmesser am Tisch
+gesessen; jetzt erhob sie sich und trat leise durch die offene Tür.
+
+»Na, da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und schüttelte den Kopf.
+
+»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie sich gegen die
+Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; »was haben Sie denn gegen
+Erwin Reiner einzuwenden?«
+
+Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und blickte das Mädchen
+mit seinen braunen, lebhaften Augen an. »Ich?« antwortete er mit der
+geräuschvollen Stimme der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das
+will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich Zimmermann mit
+Namen, der einzige Verwandte, den ich besitze, überhaupt der einzige
+Mensch, der mir dem Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh
+auf bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide Eltern
+nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung gesorgt, ich habe
+ihn aufs Gymnasium und auf die Universität geschickt, kurz, ich habe
+meine Hoffnung auf ihn gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal
+meine Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen. Wir führen ja
+einen guten Namen, schon mein Vater war Arzt dahier und mein Großvater
+gleichfalls. Eines Tages kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich
+will nicht mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde
+denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der Medizin‹, sagt
+er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag ich. ›Ich will Dichter werden‹,
+gibt er mir zur Antwort. Ich schau ihn mir von oben bis unten an und
+sage: ›gut, mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir das
+von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst du keinen
+Heller.‹ Er geht weg, und von der Stunde an hab ich ihn nicht mehr
+gesehen. Das ist jetzt drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er
+die Nächte durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen. Ist
+ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter geworden, ein
+Kerl, der nichts arbeitet und in der Welt herumschmarotzt. Und wer,
+glauben Sie nun, hat das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir
+meinen ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen
+und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin Reiner war das. Ganz
+genau derselbe. Von dem Tag an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat,
+war er verhext. Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not zur
+Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund hat ihn unterstützt,
+hat seine Einbildungen genährt, sein angebliches Talent aufgebauscht,
+hat ihn, mit einem Wort, unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich
+nach Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben sein.«
+
+Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann fuhr er fort:
+»Das wäre meine private Erfahrung. Von andrem möcht ich nur ungern
+reden, um Ihnen den Gusto nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl
+die Spatzen es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen
+gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft des Skandals. Ein
+Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der echte moderne Selbstgott. Da
+war vor ein oder zwei Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre
+natürlich, wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller Mensch,
+Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein Leben lassen müssen.
+Die Sache ist vertuscht worden, kam nicht einmal in die Zeitungen,
+aber Ihr Erwin Reiner kann das junge Blut nimmer von seinen Händen
+abwaschen. Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben, und die
+Frau, um deretwillen das Unheil geschah, hat den Schleier genommen.«
+
+Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg.
+
+»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner mit bekümmerter
+Miene.
+
+»Wie?«
+
+»Ob Sie ihn persönlich kennen?«
+
+»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu kennen. Ich kenne
+seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr. Wir sehen uns bisweilen bei Frau
+Malwine Engelhardt. Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt,
+etwas wie ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß die
+beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner sucht das natürlich
+zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance in seinen Augen.« Der Doktor
+lachte heiser und erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es
+tat ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen. Da Erwin
+die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen konnte, Aug in Auge,
+wie es hätte sein sollen, nahm sie im Innern seine Partei.
+
+Desungeachtet war sie verstimmt und hatte, auch weil die Mutter
+bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend außer Haus zu verbringen.
+Erwin hatte versprochen, sie abzuholen, und gegen acht Uhr kam er.
+Virginias Weigerung erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ
+er nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners Lager und
+fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber ihre Verlegenheit fiel
+Erwin auf. Er roch Unrat, und alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann
+dagewesen sei.
+
+»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die ihm gefolgt war,
+forschend an und trommelte mit den Fingern auf den Bettpfosten. »Und da
+hat er wohl von seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem
+Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte.
+
+»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen verhält?« begann
+Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann im Hörsaal der Anatomie
+kennen. Er interessierte mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen
+möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen trifft. Wir
+traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit, mich seiner
+anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend ging er künstlerischen Neigungen
+nach, sah aber keine Möglichkeit, sich vom verhaßten Brotberuf zu
+befreien. Sein Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis
+ein Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen Geiz
+besessen.«
+
+»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein. »Seit zehn Jahren
+spricht er von einer Reise nach Italien, was seine größte Sehnsucht
+ist, aber er hat nicht das Herz dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter
+nicht die Einnahmen, die ihm dann entgehen würden.«
+
+»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr langsam und durch
+mühselige Arbeit zu Geld gekommen sind, sich ebenso schwer davon
+trennen, wie sie es erworben haben«, erwiderte Erwin verteidigend.
+»Nun, dieser Geiz allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig
+gemacht. Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz auf
+weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt, um von dem
+Alten nicht Geld fordern zu müssen, aber dieser Umstand erlöste sein
+Gemüt auch allmählich von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es,
+das wilde Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich habe den
+unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu sein, wie ein lebendiger,
+wollender Geist zu seiner Bestimmung heranwächst. Daran ändert kein
+Onkel auf Erden etwas.«
+
+Das klang nun ein wenig anders.
+
+»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes Salon sehen«,
+fügte Erwin, gegen Virginia gewandt, hinzu.
+
+»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in Amerika
+zugrunde gegangen?«
+
+Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«, sagte er. »Ich
+kann Ihnen ja verraten, daß ich selbst es war, der ihm die Mittel
+verschafft hat, nach Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten
+Zweck; davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke
+schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu, »daß man
+mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte. Glauben Sie, es
+überrascht mich? Es ist mir nichts Neues. Ich greife zu, wo die andern
+schwatzen, mich lockt das Leben überall, das schöne, große, bunte,
+dunkle Leben, aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine
+Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der Neinsager und
+der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich etwas gerade gebogen habe, da
+kommen alle, die sonst ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu
+konstatieren, daß das Krumme besser war. Ich schäme mich meiner Taten
+nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige sie nicht. Ich
+schäme mich meiner selbst nicht. Ich flüchte nicht vor mir. Ich habe
+geliebt, ich wurde geliebt, ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich
+resigniere nicht, niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als
+selbst die edelste Resignation.«
+
+Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den ganzen Arm mit
+der ausgestreckten Faust. Virginia, die sich um eine Last erleichtert
+fühlte, blickte ihn mit ehrlicher Freude an und sagte: »Ich gehe mit
+Ihnen, Erwin. Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.«
+
+Und sie verschwand in ihrem Kabinett.
+
+ * * * * *
+
+Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die Virginia erfuhr,
+beeinträchtigten keineswegs die bescheidene Meinung, die sie von sich
+hatte. Erwin tadelte ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen
+Hochmut ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie
+konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran verhinderte.
+Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden, wollte finden und wünschte
+es von Erwin bestätigt zu hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von
+Botticelli ähnlich sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt,
+während für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch
+ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd hin.
+»Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund eines Soupers treiben«, sagte
+Erwin kalt.
+
+Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden nicht. Marianne
+von Flügel schien die Aufgabe übernommen zu haben, Virginia in die
+Gesellschaft einzuführen. Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes
+Energie entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee bei der
+Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte sie sich alsbald durch
+eine lebhafte Sympathie verbunden. Marianne bemerkte es ungern und säte
+Mißtrauen.
+
+Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten Professors und
+Klinikers von Flügel, der sich eines Tages, verfolgt von Erpressern,
+zerrütteten Geistes, eine Kugel in den Kopf geschossen hatte.
+Beschmutzende Gerüchte hafteten an dem Ereignis. Mariannes Mutter
+war vor zehn Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem Tod
+ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf. Sie war wunderlich
+geworden, und man versteckte sie vor den Leuten. Drei Brüder lebten
+wie große Herren, auch nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten.
+Marianne führte ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder
+erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile gespielt. Verblaßter
+Glanz war in den Räumen, welche aussahen, als ob die Sonne sich von
+ihnen abgewendet hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und
+fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie man kurzsichtige
+Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters schien ihr die Pflicht der Haltung
+aufzuerlegen. Die Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses Namens
+frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn längst mit Füßen getreten.
+Es läßt sich schwer ein Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit
+dem das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das Getriebe einer
+Welt blickte, die sich in immer konzentrischen Kreisen ermüdend um sie
+bewegte. Die einzige Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie
+fest. Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie heiraten
+mußte.
+
+Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie wußte sich zu
+tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges, die auf Übung, Urteil
+und Geschmack beruht. Sie hatte Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte
+gefällig. Ihr Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit
+gewaschener Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es gab Bilder von
+ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend war. Im Leben war es
+tot.
+
+Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt. Auch jetzt
+noch liebte er die Schauder, von denen er sie durchzittert fühlte,
+wenn er neben ihr ging oder saß. Das war es eben, was ihn lockte, was
+ihn unersättlich machte. Die Schauder waren es, die ein liebendes
+Geschöpf vor ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der
+Anblick stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur weiteren
+Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren, die Seelen, von denen
+nährte er sich, ihre Sehnsucht war seine Erfüllung. Da war er dann
+brüderlich rücksichtsvoll, und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie
+die eines entflammten Knaben.
+
+Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes Ziel. Marianne
+ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig, das Sprungbrett zu
+halten, von welchem er in die Brandung stürzte, und sie hoffte, sie
+erwartete es, sie rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen
+zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine sonst ihm nahte.
+Sie dachte niemals ohne Haß an ihn, und nie ohne Furcht, und nie ohne
+die Neugier eines Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer
+begibt, an der er täglich vorübergeht.
+
+Es war an einem Abend im Januar. Marianne von Flügel feierte ihren
+Geburtstag, deshalb war Virginia zu ihr gegangen. Sie traf Ulrich
+Zimmermann dort, den sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne
+bemutterte ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt,
+sie behandelte ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu jenen
+Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus um sich
+tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen Anwandlungen
+zur Beute werden, die eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind.
+Virginia fand sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr
+hingen. Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester
+mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er Virginia vorgestellt
+wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit, sein Lächeln ohne Zwang. Seine
+vornehme Art gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung
+über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie sie es noch bei
+keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig zugetan war.
+
+Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und kapriziös, daß
+Mitrede und Widerpart allen Vergnügen bereiteten, und schließlich
+hatte sie den Einfall, man solle doch an einem der nächsten Tage eine
+Schlittenpartie ins Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man
+setzte den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins
+auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten telegraphisch bestellen.
+Er fragte Virginia um Einzelheiten, als ob sie Sachverständige in
+Schlittenpartien sei; sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte
+sich aber dem allgemeinen Drängen.
+
+Während der nachflatternden Erörterungen ergriff Marianne plötzlich
+Virginia bei der Hand und führte sie in ein Gemach nebenan. Ein
+Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, wo die
+andern waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise, »Sie
+müssen auf Ihrer Hut sein.«
+
+Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur Frage. »Haben
+Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr Marianne fort, »vielleicht bei
+der Resowsky? Oder gestern bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.«
+
+»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken, »was ist denn
+geschehen?«
+
+»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, Virginia: Erwin
+hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung über Sie
+geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.«
+
+»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias Augen funkelten, aber
+aus ihren Wangen wich vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung
+des Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild rührender
+Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens. »Seien Sie vernünftig,« mahnte
+sie, »beherrschen Sie sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben.
+Die meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen Abwesender.«
+
+»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß ich nicht.« – »Wer war
+es?« – »Das – brauchen Sie gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« –
+»Erwin? Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß. Ich habe
+Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.« – »Er wird sich
+schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne nickte.
+
+Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte sich ihrer
+eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann
+ich von hier aus gleich in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht
+allein gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« –
+»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.« Marianne
+schob den Teppich zur Seite und rief Ulrich Zimmermann. Er übernahm den
+Auftrag mit befangener Freude.
+
+Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein Geßner läßt
+Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt und wollte nicht weiter
+stören«, sagte sie zu Palester und Erwin. Dieser zuckte auf und sah
+Marianne drohend an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar.
+»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als jener gegangen
+war, und sein Blick wurde noch drohender.
+
+Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete eine der winzigen
+Zigaretten an und fragte gleichmütig: »Wie stehst du denn eigentlich
+mit ihr?«
+
+Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos, Marianne, diese
+Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er.
+
+»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte Marianne,
+und über Erwins verständnislose Miene etwas gezwungen lachend, fuhr
+sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich gemacht. Ich habe dich in
+ein Duell verwickelt. Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie
+gesprochen, – das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –,
+du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen ergeben sich
+von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, wozu die Wirklichkeit zu
+stümperhaft war.«
+
+Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, daß ich das aufrecht
+erhalten werde?« fragte er.
+
+»Du mußt. Was ficht’s dich an?«
+
+»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits habe einen Ruf
+zu verlieren.«
+
+»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.«
+
+»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?«
+
+»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal etwas Originelles.
+Du führst die ganze Gesellschaft an der Nase herum, denn alle müssen
+es natürlich wissen, sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine
+marmorne Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen sein
+wie es will, wird immer davon bestimmt, wie die Welt über einen Mann
+urteilt. Für die Verbreitung werde ich schon sorgen. Was riskierst du?
+Nichts. Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie gelebt.
+Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht finden. Wir beide, wir
+schweigen.«
+
+Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte die Lehne mit
+beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, lachte er lautlos mit offenem
+Mund, in dem die starken weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe
+leuchtete. »Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe
+Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene das Vergnügen
+über den Einfall mit einer gewissen Verachtung gegen die Person
+kämpfte. »Das hat Geist, ja, das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen.
+Aber du nimmst mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald
+wie möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein bißchen
+peinlich.«
+
+»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen könntest. Du würdest das
+Mädchen für immer erkälten. Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie
+umsonst für dich in Sorge war.«
+
+»In Sorge?«
+
+»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, wenn sie Gemüt im
+Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, und du bist der Rächer. Zerstörst
+du diese Einbildung, so erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder
+nicht. Das ist Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also
+besser als eine Narrenkappe.«
+
+»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen so würdevoll
+tragen wie Kronen.« Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf das
+Holz der Lehne.
+
+»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?«
+
+»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –«
+
+Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, Erwin. Ich kenne
+dich. Es wäre ja philisterhaft, den Faschingsscherz ins Tragische zu
+wenden. Der Kavalierstandpunkt gilt doch nicht unter uns.«
+
+»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, du?«
+
+»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter dir liegt, es
+beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete Marianne etwas frostig.
+
+Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in seinem Lächeln. Indem
+er an Virginia dachte, sah er sie wie eine Lilie, deren weißer Glanz
+allein Schutz genug ist gegen häßliche Berührung, und indem er das
+Bild Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz verzehrt
+wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. Ihn ekelte ein wenig vor
+der billigen Heldenrolle, die ihm Marianne aufdrängte, doch sah er
+ein, daß er damit viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende
+Geringschätzung gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn stets reizte,
+die Fesseln der Konvention für nichts zu nehmen, so pedantisch er sie
+auch zu achten schien, überredete er sich leicht, in diesem Wagnis ein
+heiteres Spiel zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden
+konnte.
+
+Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu lassen, erhob er sich
+und sagte kühl: »Auf übermorgen also. Ich hole dich und Virginia ab.«
+
+»Gibst du mir nicht die Hand?«
+
+Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten den Hut reicht.
+
+»Und die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne mit gesenkten
+Lidern.
+
+»Welche andre?«
+
+»Die Schwester von Fritz Kynast ...«
+
+»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. Gute Nacht,
+Marianne.«
+
+Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne an der Tür stehen,
+um seinem verklingenden Schritt nachzulauschen und dann zu grübeln. Der
+freundliche, gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt,
+von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, die
+ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser Gedanken erregt. Sie fühlte sich
+schon an der Wende der Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht
+und ohne Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer Vergnügungen
+war abgesponnen, und die öden Tage folgten einander scheinbar belebt,
+wie auf einer Bühne ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig
+zerstreut, ewig wiederholt wird.
+
+Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, zu den
+Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, und das war ein Glück
+für sie. Denn es verursachte immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der
+Haltung, ließ Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die
+amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen Klang der Stimmen
+und das puppenhafte Knarren der Gebärden, und so führte man die Rolle
+zähneknirschend durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr
+widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal vom Herzen
+zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen zu enthüllen.
+
+Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle des Zuschauers
+verdammt zu werden.
+
+ * * * * *
+
+Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. Hundertmal
+überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, für Worte gesagt, was man
+ihr geantwortet, sie ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen,
+die undurchdringlichen. Um drei Uhr machte sie wieder Licht, nahm ihren
+Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu
+oft gelächelt zu haben.
+
+Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. Sie konnte nichts
+arbeiten, und ihre Befürchtungen schlugen folgsam die Richtung ein,
+die Mariannes Worte ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der
+Mutter zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie
+viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen Ausflug
+schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit war ein Zustand,
+den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter Zustand, der ihre Sinne
+trübte.
+
+Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen sechs Uhr zu Marianne.
+Marianne war nicht zu Hause. Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren
+zu dürfen, und ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war
+gleichfalls nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm sie aus
+einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. Plötzlich stürzte
+ein großer, totenbleicher Mensch im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber
+und durch die offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still.
+Virginia ging erschrocken weg.
+
+Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. Sie trug einen
+kostbaren Chinchillamantel und einen großen Hut mit schwarzen
+Straußfedern. Die Winterkälte hatte ihr Gesicht gerötet, und
+Schneeflocken hingen in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu
+treten, da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles
+glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang ihre Arme um
+Virginias Hals und küßte sie schnell auf die Wange.
+
+»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, der es zumute war,
+als löse sich eine klammernde Hand von ihrem Nacken. »Und der andere?«
+
+»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter nichts. Gute Nacht,
+Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie sich bereit für morgen. Wir werden
+sehr, sehr lustig sein.«
+
+Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde ihr ums Herz.
+Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie mit Marianne und Erwin zum
+Bahnhof, wo Ulrich Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee
+setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu er noch gestern
+gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt. Virginia, die ein feines
+Gefühl für äußere Formen besaß, hatte bislang an seinen Manieren Anstoß
+genommen, nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte eine
+geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend gemildert wurde. Er
+erzählte von Amerika wie jemand, der des Anblicks einer erhabenen und
+schrecklichen Vision teilhaftig geworden ist.
+
+Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins
+Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte
+kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln,
+grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und
+fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen
+Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.
+
+Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem
+Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte
+ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies
+vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand.
+Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf
+seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger
+Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob
+die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als
+ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen
+nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut
+gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht
+und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern
+gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen
+am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres
+Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die
+Schwelle.
+
+Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen
+inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann
+erbleichend aus dem Kreis.
+
+Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie
+tanzte nicht mehr.
+
+Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer
+ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu
+spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden,
+nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte
+Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt
+wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu
+wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder
+Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich
+müd’, ohne zu gehen.«
+
+Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen
+fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie
+mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht
+einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung
+tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß
+darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten!
+Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht.
+
+Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit
+mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache
+Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem
+der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt.
+Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem
+ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht
+gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser
+strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf
+dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten
+mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos
+in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel.
+Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die
+geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät;
+als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot.
+
+Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie
+versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war
+ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern
+der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr;
+sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende
+Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter
+rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu
+schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale
+Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt
+sind.
+
+
+
+
+Das Tanagra-Figürchen
+
+
+Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch
+einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt
+wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele
+unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal,
+welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung
+die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt
+eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die
+Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion
+zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber,
+sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde.
+Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die
+aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu
+bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem
+Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte
+um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau,
+deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch
+immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen
+Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen
+aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach
+Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr
+eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post
+befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften
+und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen,
+aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen
+haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie
+dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken
+mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd
+geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich
+bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark
+genug dazu wäre.«
+
+Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe
+auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd
+sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche
+Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns
+selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der
+Welt.«
+
+Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater
+ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die
+Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott
+sei Dank.«
+
+Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe
+vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit
+ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand,
+der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens
+hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche
+Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag
+gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was
+er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er
+nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe.
+Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen
+schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse,
+doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.
+
+Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit
+eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld
+von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des
+Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß
+an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer
+und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu
+Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte
+andächtig schweigend verfolgte.
+
+»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du
+gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was
+wie das dankbare Knurren eines Hundes klang.
+
+»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort,
+»das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen,
+Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine
+größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag
+einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit
+für mich ist.«
+
+»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte
+Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich
+zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum
+Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche
+trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und
+nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen
+einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur
+den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht
+vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den
+Emporkömmlingen versagt ist.
+
+Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren
+verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden
+Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen
+Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an
+den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu
+heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin
+wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste,
+das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich
+darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust
+den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer
+Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat
+er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand
+versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht
+nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs
+Leben.«
+
+Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd
+und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über
+deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir
+bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber
+ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen
+Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein!
+Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer
+die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst
+heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich
+habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird
+niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines
+Kornhändlers für mich bleiben.«
+
+Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter
+ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern
+sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem
+Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren
+heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin
+nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen
+plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung
+ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für
+die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s
+vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat
+eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe
+versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den
+Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt
+sie, Christie Martens, zu dir schicke?«
+
+Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher
+Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er
+finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu
+kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang
+Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum,
+aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau
+auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die
+Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an.
+
+Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich
+Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt
+fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles
+gesehen haben.
+
+Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber,
+rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten
+Sie?« fragte Erwin.
+
+»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete
+Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?«
+
+»Nein.«
+
+»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.«
+
+»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?«
+
+»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also
+hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde
+gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment
+der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen
+Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf
+der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in
+grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze
+Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione
+fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen,
+daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet,
+und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen
+und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht
+wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß
+er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun,
+Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den
+Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch
+ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat
+erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig
+und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn
+er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen
+Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er
+kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein
+Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit
+emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling
+niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser.
+Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf
+eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt,
+kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so
+schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«
+
+»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt
+er denn das an, – ganz allein?«
+
+»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt
+seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen
+des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle
+Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der
+Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser,
+keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in
+der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift
+Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und
+schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant
+stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich
+die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch
+schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und
+auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die
+Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist
+die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die
+Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm
+den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine
+dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie.
+Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der
+Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf
+der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem
+Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des
+Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist
+die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die
+Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an
+die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn
+jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der
+bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den
+Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der
+volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete
+Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind
+aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin
+nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der
+Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’
+Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und
+Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah,
+ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke
+schwankte und das Geländer abfiel.«
+
+Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher.
+
+»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich
+verstehe den Impuls ...«
+
+»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte
+Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den
+Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt
+sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen
+bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine
+Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe
+seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein
+Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil
+er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen
+will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit,
+Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne.
+Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die
+innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit,
+Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die
+Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer
+und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er
+lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht,
+trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er
+liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn
+die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch
+kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er
+will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.«
+
+Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die
+Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er.
+
+Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An
+jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in
+jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und
+bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.«
+
+»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin
+kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger
+Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not,
+unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling,
+wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt
+sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie
+nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit
+Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie
+Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen,
+vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr
+unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!«
+
+Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf
+den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht
+zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen
+seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er
+und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart,
+weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in
+Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung
+dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig
+und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner
+Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.
+
+Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte,
+schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie
+es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem
+Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus
+Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild
+seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu
+einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum
+Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit
+schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und
+verstimmt zurück.
+
+Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem:
+leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war,
+begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß
+überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in
+die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen
+Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum
+Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit
+vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als
+ob es groß was gälte.
+
+Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin
+trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem
+Diwan und schlief.
+
+Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf
+das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie
+auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen,
+dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag,
+und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?
+
+Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er
+wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr.
+Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und
+ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte
+freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich,
+»ich war ein wenig müde.«
+
+»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?«
+
+»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«
+
+Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten
+außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt.
+
+»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal
+Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme.
+
+Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er
+abweisend.
+
+»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig.
+
+Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins
+von Ihren okkultistischen Kunststücken?«
+
+»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er
+sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen,
+Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts.
+
+»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann
+wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat,
+entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau,
+wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was
+ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie
+nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den
+ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene
+Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind
+machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«
+
+»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das
+bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin
+sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte
+Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die
+Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da
+er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er
+allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«
+
+»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem
+Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.
+
+»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte
+Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein
+Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und
+Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht
+willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff
+nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur
+zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der
+Begriffe Raub und Krieg.«
+
+Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur
+Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell
+leuchtete.
+
+»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und
+vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein
+Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein
+Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet
+plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis
+schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt.
+Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein
+Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich
+gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein
+Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem
+Unerforschlichen.«
+
+Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen
+Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf
+abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.
+
+»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend
+wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und
+standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das
+gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu
+wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger
+Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste
+Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen
+herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese
+tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt,
+um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln:
+von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit,
+von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun
+hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den
+Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«
+
+»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.
+
+»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«
+
+»Und Manfred?«
+
+Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die
+Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des
+Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt,
+um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf
+abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer
+wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen.
+So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht
+gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus
+Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge,
+Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller
+Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende
+Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung,
+und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit
+ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr
+träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich
+nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch
+liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn
+die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im
+Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken
+zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um
+Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge
+eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut
+und Haar.«
+
+Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und
+sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie
+nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin,
+das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie
+besitzen nichts; niemand und nichts.«
+
+Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument.
+Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen
+Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.«
+
+»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist
+unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes
+Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes
+Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein
+Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht
+hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren,
+und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder
+Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das
+Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft
+kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage
+der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen
+oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«
+
+Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine
+Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit
+ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich.
+»Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor.
+Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine
+possierliche Sache.«
+
+Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum
+Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er
+übermütig.
+
+»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.
+
+»Auch die Froweinschen Miniaturen?«
+
+Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann
+achselzuckend.
+
+Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen
+Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich,
+zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie
+verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen
+kann, daß mein Versuch gelungen ist?«
+
+»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester
+erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und
+mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«
+
+»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte
+den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein
+Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses
+Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal
+besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf
+Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher
+anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«
+
+Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer
+auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige
+Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse
+Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die
+der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch
+mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen.
+Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten
+zusammen.
+
+Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch
+stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken
+läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm
+die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes,
+unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines
+Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das
+Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den
+magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung
+länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen
+nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein
+Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und
+seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit
+drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer
+noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das
+Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens
+entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht
+bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.
+
+Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer
+Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der
+Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt?
+
+Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf
+einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden
+Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden,
+ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und
+schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts
+geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um
+Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber
+plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern
+daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt
+winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille
+steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer
+Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn
+sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie
+eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige
+Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter
+dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der
+Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel
+finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet.
+Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein
+Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen,
+während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um
+Hilfe. Rufend erwachte sie.
+
+Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch
+Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich
+beschäftigte.
+
+
+
+
+Das Perlenhalsband
+
+
+Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse
+hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte
+sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren.
+Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach
+ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia
+versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der
+Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das
+Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.
+
+Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche
+Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach
+schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine
+ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in
+einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht
+anschauen?«
+
+Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.
+
+»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich
+mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob.
+
+Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie
+ein wenig erstaunt.
+
+»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter,
+»warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit
+der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame
+nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten,
+und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut.
+
+»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses
+Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters
+einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?«
+
+»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem
+Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig.
+Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist.
+Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib
+vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre
+Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn
+sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man
+kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich
+sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich
+selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und
+für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib
+deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.«
+
+Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei
+Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit
+hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch
+Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden
+und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum
+und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben
+konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein,
+daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an
+ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt
+zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die
+Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr
+ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen,
+und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines
+gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.«
+
+»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche
+Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute.
+Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich,
+man besucht mich, wie man in ein Museum geht.«
+
+Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln:
+»Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia
+tat, sah neugierig zu.
+
+Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas
+Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier
+herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten.
+Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch
+Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb
+einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte
+sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes
+Betrachten.
+
+Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.
+
+Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem
+mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren
+Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme
+Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte
+sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner
+Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle
+führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine
+breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des
+oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci
+erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine
+große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den
+Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das
+Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die
+Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die
+Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.
+
+»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die
+Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren
+Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene
+Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem
+Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen
+Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.
+
+Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten
+neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen
+Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte,
+er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er
+sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß
+gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf
+einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend:
+»Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne
+Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.«
+
+Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die
+Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und
+Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die
+Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die
+Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen
+und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine
+erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren
+Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und
+liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das
+Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den
+Zauber, den sie auf ihn ausübten.
+
+Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue,
+nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte
+er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der
+Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der
+rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom
+alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt
+werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein
+aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als
+Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline,
+der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin.
+
+Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll
+von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen
+Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen
+ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war,
+daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als
+ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die
+Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre
+Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede
+anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames
+Kind.
+
+Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu
+vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine
+Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern
+und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere
+Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie
+Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem
+Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und
+menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner
+unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred
+ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte
+die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß;
+ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.«
+Virginia legte das Bild hastig beiseite.
+
+Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer
+Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand,
+mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn
+sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele
+traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie
+hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein,
+da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren?
+Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte,
+Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der
+Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den
+ausgestopften Vögeln gesprochen.
+
+Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres
+Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und
+Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist
+deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte,
+spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal
+redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das
+Gedächtnis den Geschmack.
+
+Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer
+beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des
+Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie
+sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte
+mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte
+Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor
+der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig
+kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren
+indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem
+Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich
+gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es
+gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder
+durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche
+Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er
+darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst
+ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an
+Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße
+Erstarrung.
+
+Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne
+Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte
+Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie
+schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu
+besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es
+förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er
+sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu
+ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte:
+»Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht
+gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die
+Herrin.«
+
+Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend
+fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber
+ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur
+launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz
+als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe,
+seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das
+Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein
+Schleier vor einem Spiegel.
+
+Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt,
+als sie nach Hause kam.
+
+Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was
+man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so
+ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte
+auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung
+gehofft hatte.
+
+»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir
+so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von
+der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man
+einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man
+den Geschmack nicht mehr los.«
+
+Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.
+
+»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So
+jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest
+eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?«
+
+»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in
+diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich
+bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!«
+
+Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte
+Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je
+länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war
+hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel.
+Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie
+können lange trauern, doch sie vergessen schnell.
+
+Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines
+durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte
+sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie
+den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann
+kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist,
+an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen
+können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er
+gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren
+Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.
+
+Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich
+eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert
+hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine
+andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre,
+freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und
+Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um
+die Zukunft der Menschen.
+
+Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation in etwas größerem
+Maßstab zu wiederholen, falls es ohne Wagnis geschehen könne, stimmte
+sie ihm gläubig zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen,
+und nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der sie der
+Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich vor, an der Hand
+dieses Hexenmeisters zum Wohlstand zu gelangen, und da doch alles für
+Virginia war, an der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie
+abgöttisch bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und umworben zu
+sehen wünschte, hätte sie Argwohn als frevelhaft empfunden.
+
+Nichtsdestoweniger wurden die angeblichen Börsengeschäfte vor Virginia
+vertuscht. Virginia sah nur, daß ziemlich viel Geld ins Haus kam,
+und daß die Mutter, die ja von Erwin systematischen Unterricht darin
+erhielt, sich zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für
+die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete sie auf, als
+es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer ins Gericht zu gehen und
+wieder und wieder mit der Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen
+dürfe, dies oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, und
+wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, um dem schwer
+durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, konnte Frau Geßner äußerst
+ungehalten werden. »Du bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann
+erregt, »in dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden
+jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen hätte. Endlich
+einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns meint und der Bescheid weiß um
+die Brunnen, wo gar viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir
+kommt’s zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein können.«
+
+Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen und
+wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Solche
+Worte hätten sie beschwichtigen können, hingegen bei den Liebkosungen
+und versprechenden Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die
+alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte etwas von schwülem
+Wind und Gewitternähe.
+
+Inzwischen war es Frühjahr geworden, und wie nun die ersten lauen
+Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu gemeinsamen Spaziergängen mit
+Marianne von Flügel bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer
+mehr als sonst bedrückt.
+
+Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; zumeist
+wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, betrachteten von einer
+Brücke aus den Sonnenuntergang, verfolgten das Blätterwachsen und
+Knospenkeimen von Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen
+vom Sommer.
+
+Marianne gab sich als Freundin der Natur und als Flüchtlingin aus der
+ungesunden Luft ihrer Welt. Mit vieler Kunst gab sie sich so, denn sie
+erwarb Virginias Zuneigung damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an
+Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da man sich
+seines Charakters doch nicht entledigen kann wie eines Kleides, und
+da sie auch keineswegs gewillt war, eine Nonne vorzustellen, brach
+durch diese Verhaltenheit ein immer kühner werdendes Predigen von
+Lebensgenuß. Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen,
+genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen lassen, alles ins
+Körbchen stopfen, am Ende kommt der Tod, und ein zweites Leben gibt es
+nicht.
+
+Virginia machte bei solchen Verkündigungen große Augen und wußte nicht,
+was sie sagen sollte. Genießen, was war damit viel bedeutet? Genoß sie
+denn nicht auch? Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war,
+das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes Reden dünkten sie
+irgendwie unbescheiden, und sie konnte sich nicht anders helfen, als
+daß sie durch eine lustige Bemerkung, was sie davon begriff und was
+sie ahnend abwehrte, ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne zum
+Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein wenig besser
+in acht.
+
+Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen Frühlingsgängen
+und wünschte teilzunehmen. Nun wurde es ein ander Ding; man flog
+im Automobil hinaus ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße
+stehen und streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war
+unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, im Erzählen,
+in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung.
+
+Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich Zimmermann hinzu.
+Wenn er stumm und gedankenvoll kam, so taute er doch inmitten des
+Lachens und Plauderns auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm
+um sein Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften
+Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in Erwins unbesorgten Worten
+sie zum Erröten brachte, schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit
+hastigerem Schritt voraus.
+
+An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich und Marianne kurz
+nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren bis zum Stiftswald und wanderten
+zwischen Hameau und Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und
+Fichten und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. Virginia
+pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, und Erwin erzählte
+von seinem Buch über das Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem
+Markt erscheinen sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die
+unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, erweckten in
+Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein eifersüchtiges Staunen, und
+seine etwas knifflichen und groben Fragen drückten mehr Argwohn als
+Erkenntnislust aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit zu
+all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, »die
+ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, der Sie leben wie kaum einer,
+und von dem man nicht sagen könnte, wann er am Schreibtisch sitzt,
+falls man gefragt würde!«
+
+»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. »Mein Fach ist
+die Natur, die Menschheit, die Kunst, ist alles was mich will und alles
+was sich mir widersetzt. Für den, der zur Leistung entschlossen ist,
+hat ein Tag ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter
+freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; ihr dürft es
+tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit werden; =meine= Wirklichkeit
+darf mir nie zum Traum entschwinden, sonst bin ich verloren.«
+
+Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten Schreitenden
+hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch einen Blick zu einem
+Zeichen des Beifalls aufzumuntern. Wie stumpfsinnig diese Person ist,
+dachte sie, als Virginia davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins
+Antwort nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb
+anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und ihre Geschäfte
+so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. Ulrich Zimmermann
+marschierte eine Weile unzufrieden für sich allein, bis ihn Virginia
+mit lächelnder Ermahnung aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch
+ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute müßte man Gedichte
+lesen.«
+
+»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie denn welche mit?
+Lesen Sie doch.«
+
+»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann gnädig.
+
+Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das Gespräch belauscht:
+»Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll Spott. »Das Attentat war doch
+schon beschlossen, als Sie Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?«
+
+Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen sah,
+zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht gehörte, nur heute, nur
+jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft,
+um ihn harmloser zu machen.
+
+Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, Marianne und
+Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf frischgefällten Stämmen saßen,
+jeder in seiner Stille webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend,
+den seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend,
+unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine Felonie von vorhin
+wieder aus, indem er Ulrich beim Wort nahm. Dieser holte ein paar
+beschriebene Blättchen aus der Brusttasche und las mit wenig geübter
+Stimme zaghaft vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den
+Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; es
+ist schade drum. Geben Sie her.«
+
+Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und seelenvoller Betonung.
+
+Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber er konnte Erwin
+nicht danken, denn aus der versonnenen Miene, mit der Virginia diesen
+betrachtete, schloß er, daß sie ihn, den Dichter, völlig vergessen
+habe. Und eine solche Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt.
+
+Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige Stelle; während
+Marianne den Rock bis zu den Knien hob und verwegen hindurchging, zog
+Virginia den Umweg am steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die
+Haut am Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; Erwin wusch
+die Wunde rein und verband sie mit Virginias Taschentuch. Sie lachte
+über den doktormäßigen Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung
+behandelte, auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden
+galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias Hand in der
+seinen und bastelte an dem weißen Tuch. Endlich entriß sie ihm die Hand
+und versteckte sie instinktiv in einer Kleidfalte. Ulrich stand an
+einen Baum gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen Himmel.
+
+»Seit meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß ich einmal in
+einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, als sie sich wieder auf
+den Weg gemacht hatten, zur Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie
+erwartete, daß Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich.
+
+»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, antwortete er mit
+verstehendem Blick. »Man ahnt gar nicht, wie solche Schreckbilder die
+ganze Lebensstimmung beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch
+die mächtigsten.«
+
+»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend fidel, »vor dem Sumpf
+müssen Sie sich hüten. Gerade wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht
+man den Schlammtümpel vor den Füßen.«
+
+»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin hart; »das Unken trifft
+die Schwalbe nicht.«
+
+Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia fing ihn auf
+und erschrak vor dem Haß und der beredsamen Wildheit dieses Blicks.
+»Auch ich bin einst geflogen«, erwiderte Marianne düster, »aber man hat
+mir die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da und piepst
+vor sich hin, und das nennen die Leute unken.«
+
+Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar bewegt und schob ihren
+Arm fast zärtlich in den Mariannes, sie, die so selten ein werbendes
+Gefühl zu unmittelbarem Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte
+kurz und brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an
+Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen sprachen sie
+miteinander und entfernten sich immer weiter von Ulrich und Virginia,
+die wortkarg und bedrückt den schmalen Pfad bis zur Landstraße
+verfolgten, wo das Automobil wartete.
+
+Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem Vorgeben, er
+wolle noch den Abend außerhalb der Stadt verbringen. Stumm saßen die
+drei während der Fahrt, die so schnell war, daß es Virginia schwindlig
+wurde. Die sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia
+hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt gesehen. Manchmal
+heftete er den Blick prüfend auf sie, und sie glaubte den Blick
+ertragen zu müssen, damit er wieder versöhnt werde. Sie hatte von
+Minute zu Minute stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von
+ihr ein Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen
+könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als zürne er ihr,
+als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal von Empfindungen der
+Abhängigkeit und der Schuld.
+
+Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete sie Erwin durch
+die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In der Torbogendämmerung sagten
+sie sich kühl gute Nacht. Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch
+einmal um und nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle stand
+und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie den Fuß zurück,
+auf den sein Auge sich zu heften schien. Das matte Flurlampenlicht
+beleuchtete seine Züge, und sie sah, daß er lächelte, so bestrickend,
+heiter und kameradschaftlich, wie nur er zu lächeln vermochte.
+
+Gott sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut.
+
+In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer mit sechzehn
+Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit beschäftigt, die Türen zu
+schließen aus Furcht vor einem übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal,
+wenn sie eine Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein
+Kalb, vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, doch war
+in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, als wolle er sie erst
+vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf sie stürzte.
+
+Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, daß Erwin am
+zweitnächsten Tag Marianne und Virginia den Wagen schicken und daß
+diese ihn dann abholen sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann
+es zu regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte Marianne.
+– »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia. – »Und wenn
+auch nicht«, versetzte Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu
+bleiben? Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.«
+
+Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. Sie machte
+plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen der
+Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die großen Pflichten, weil
+die möglichen Widerstände zu belanglos sind.
+
+Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, »ich hatte
+leider vergessen, daß ich um sieben Uhr bei der Fürstin Liebenberg sein
+muß. Wenn Sie wünschen, überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber
+es wäre hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten würden.«
+
+Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig ausgesprochenen
+Namen einer Fürstin ihren Respekt zu unterdrücken. Ein naiver kleiner
+Ausruf veranlaßte Marianne und Erwin, zu lächeln.
+
+»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich Erwin an Marianne,
+»Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, die Sie rufen sollen.«
+
+Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie Erwin hastig, er möge
+ihr für eine halbe Stunde das Auto geben, sie müsse zu einer dringenden
+Besprechung in die Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein
+unbestimmter Argwohn wallte in ihr auf.
+
+»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne hinzu und
+verließ mit ihren starken und entschiedenen Schritten das Zimmer.
+
+Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, sagte er.
+
+Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das Schweigen der
+Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, in dem sich bedeutungsvolle
+Worte vorbereiten. Virginia spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei.
+Erwin, der im Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah,
+wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an die Fenster. Im
+Kamin schnurrte der Wind.
+
+Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel leib- und
+seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort ist; man sollte junge
+Mädchen nicht miteinander verkehren lassen, das Geschlecht hebt sich
+gegenseitig auf, ihr Magnetismus wird halbiert, indem sie sich unbewußt
+verbünden.
+
+»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, Virginia«, begann
+er endlich, und seine Stimme klang nicht metallisch wie sonst, sondern
+sordiniert. »Jedesmal wenn ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in
+mir. Was hast du geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles
+Bedürfnis, mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen.
+Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, schickten
+diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur Ehrfurcht bezwungen,
+Abgesandte mit Gold und Edelsteinen und erklärten sich aus freien
+Stücken für tributpflichtig. Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen
+haben, wüßt ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte.
+Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen schlecht,
+auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem höheren Grad des
+Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose soll Muster sein. Warum
+zum Teufel bekreuzen Sie sich andächtig, wenn von einer Fürstin die
+Rede ist? Sie stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester,
+ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch zwingendere
+Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein Licht aufstecken, die sich für
+vollkommen halten und es nicht sind, die weder stehen, noch gehen, noch
+sitzen können und sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für
+meine Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner wird
+auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen Aufblick, ein
+hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares und Unbedingtes. Deshalb
+rede ich mit Ihnen darüber, aus keinem andern Grund. Wer als Fackel
+geboren ist, muß leuchten.«
+
+Virginia wechselte während seiner Rede beständig die Farbe, doch in so
+feinen Übergängen, daß es bisweilen kaum zu merken war. »Was wollen Sie
+von mir, Erwin?« rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie
+doch nicht so, bitte!«
+
+Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin betroffen. Diese
+Stimme, der Ausdruck, der Blick, die Gebärde des Mädchens, all das
+traf ihn unversehens und rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst,
+wie ein Feind. Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während
+er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, den Ton
+brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. »Als ich Ihnen damals meine
+geringen Schätze vorwies,« sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das
+Gefühl eines Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig
+ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu ruhen
+brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob mein Besitztitel erst
+durch Sie anerkannt werden müßte.«
+
+Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: »Weil wir eben von
+Schätzen sprechen, Virginia, von Gütern, die keinen Besitzer haben,
+obgleich sie einem gehören, muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.«
+
+Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer Weile mit einer
+mäßig großen Schachtel in der Hand zurück, aus welcher er eine
+herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie gefällt Ihnen das?« fragte er mit
+einer Stimme wie einem Kind gegenüber.
+
+Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« rief sie mit
+auflodernden Augen.
+
+»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, damit man
+ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, die erhalten königliche
+Weihe dadurch.«
+
+Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber wie ein Jagdhund
+rebellisch wird, wenn das Horn schallt und die Rosse schnuppern, so
+kann ein echtes Weib mit gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend
+bleiben oder sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes
+aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie die Zähne im Mund
+eines Kindes, violett und rosig strahlend wie ein kleiner Regenbogen,
+durchsichtig fast wie Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte
+Haut. Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente.
+
+Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung nahm Erwin in
+aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm
+die Antwort unter Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte,
+welcher Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe,
+erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für eine Frau
+gekauft, der er niemals nah gestanden und die er nur ganz aus der Ferne
+angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« sagte er gedankenverloren,
+»denn sie war die Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat
+die Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein Blick aus
+ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, und ich, ich habe mich
+begnügt, sie damit geschmückt zu träumen, ich habe sie im Traum damit
+verschönt. Sie war die einzige, die mich hätte verwandeln können, so
+wie große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine Dämonen
+kennt, sondern nur Genien und die die Seele fromm macht und den Geist
+gelehrig; aber sie schwebte am Horizont meines Lebens vorüber wie ein
+fremder Stern, ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist,
+als hätte sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.«
+
+Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie hatte Erwin nicht
+solcher Trauer, solcher Wärme, solcher Beständigkeit des Gefühls für
+fähig gehalten. Die intensive feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und
+von jedem Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres
+Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen Tag konnte
+ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge den Hals einer andern Frau
+schmücken könnte«, fuhr er fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie
+doch spielt! Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir
+mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die und keine
+andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie mir doch den Gefallen«,
+bat er dringend und mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, als er
+wahrnahm, daß Virginia ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die
+Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es sehe!«
+
+»Wirklich? Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit wunderlich
+scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm sein Verlangen hätte
+abschlagen sollen; und außerdem hatte sie selbst nicht wenig Lust zu
+wissen, wie es wäre, gleichsam nur naschend zu erfahren, wie es wäre,
+wenn man eine Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß
+er ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie ein
+halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen nötig. Erwin trat
+hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen der Kette behilflich zu sein.
+
+Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen als der jähe
+Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. Alles bog sich in den Zügen;
+die Stirnknochen schoben sich stärker über die Augen; die Nüstern
+wölbten sich auswärts; die Lippen kräuselten sich, die Finger
+krümmten sich, ehe sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden,
+habsüchtigen und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, der
+gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert von Scheinwert
+genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren schimmernden Nacken herab,
+dessen weiße Glätte ihm etwas wie Furcht einflößte.
+
+Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und ließ Virginia
+hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung nicht bemeistern.
+Sie blickte in den Spiegel, als erkenne sie sich selbst nicht, und in
+ihren Augen war ein beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit
+leisem Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd.
+
+»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte Erwin, indem
+er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; »wie glücklich würde
+ich sein, wenn Sie eine solche Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne
+Ziererei und Künstelei empfangen wollten!«
+
+Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. Sie hob in einer
+energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« rief sie erschrocken, »was
+fällt Ihnen denn ein? Ich glaube, Sie halten mich zum besten.«
+
+Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen ließ,
+veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und Gehaltenen. »Es ist
+mein Ernst,« sagte er; »es ist mein Wille. Es ist mein heftigster
+Wunsch. Für Sie allein sind diese Perlen auf die Schnur gereiht worden.
+Jene andere war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals
+gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie aufbewahren,
+wenn man das leblose Kapital in lebendiges verwandeln kann? sehe ich
+Sie damit geziert, so genießen meine Augen die Zinsen. Könnten Sie
+doch ein Vorurteil verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich
+ekelt, davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich bin
+und sich selbst kostbarer und beschwingter.«
+
+»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit ungewöhnlicher
+Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden Hände sacht auf seinen
+Arm, eine Berührung, die ihm einen traumhaften Genuß verschaffte, »das
+ist ja alles Unsinn. Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das
+nicht annehmen könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht
+gelten, die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche
+zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie wollen mich
+nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie käm’ ich auch dazu! Schnell,
+schnell, herunter mit dem Ding, Sie machen einem ja ganz heiß, räumen
+Sie’s weg, daß ich’s nicht mehr sehe.«
+
+Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, liebliche
+Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das Kollier abnahm und ihm
+überreichte, wie wahr, wie einfach die Angst, wie ungeheuchelt das
+Begehren! »Ich werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie
+ein Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in aller
+Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband verehren zu dürfen,
+– als ein Bundeszeichen von ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin
+überzeugt, daß er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von seinem
+Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten muß. Würden Sie sich
+dann noch sträuben?«
+
+»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; »Manfred kann doch nicht
+Richter über uns beide sein.«
+
+»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt
+ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht
+schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem
+famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir
+Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund
+mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er
+mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages
+werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen
+und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen
+Augen.«
+
+Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem
+steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre
+heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte
+ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.
+
+»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein
+Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit
+fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie
+auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen.
+»Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was
+ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich
+nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von
+uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine
+Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine
+Entäußerung.«
+
+»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener
+Nachdenklichkeit.
+
+Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen
+Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an,
+Virginia«, bat oder vielmehr befahl er.
+
+Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses
+zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige
+Lächeln.
+
+»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß
+Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich
+der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die
+zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein
+Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher
+Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des
+Vertrauens, Virginia.«
+
+Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst
+den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja
+wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht
+so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt:
+»Marianne bleibt lang.«
+
+Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat
+auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie
+uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber
+eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«
+
+»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit
+eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und
+ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken.
+
+In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer
+Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich
+große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke
+wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr
+brachen die jungen Damen auf.
+
+
+
+
+Ein Abend in der Villa Sansara
+
+
+Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf
+erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die
+Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie
+den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht.
+Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen
+war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof.
+Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.
+
+In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von
+Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern
+der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen.
+Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen
+Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette
+um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.
+
+Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell
+die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es
+wagen können?
+
+Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache,
+um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie
+sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft?
+Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme.
+Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und
+unbescheiden.
+
+Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich
+schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder
+der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern,
+und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die
+leere Luft.
+
+Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen
+Brief von Manfred brachte.
+
+Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb,
+war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet.
+Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin
+der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch
+einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere
+hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener
+Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet,
+hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung
+war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der
+Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff
+als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der
+Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber
+dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte
+die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in
+Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen.
+Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen
+haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen
+Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig
+war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des
+Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in
+Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie
+kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt.
+
+Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred
+alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in
+Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer
+Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die
+er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte.
+Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch
+in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu
+spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er
+strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden
+Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und
+Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus
+dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des
+Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion,
+Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe
+Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht
+warum.
+
+»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, an den ich
+Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme gefunden, da der ›Phönix‹
+im Hafen von Colombo drei Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle
+im Paradies, zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins
+Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, Bambusen
+und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, die Pfeffererbse. In
+reizenden Festons und Kränzen hängen Schmarotzerblüten von allen
+Ästen, und unten bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien,
+Cassaven, die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches
+Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, strebt dreißig
+Meter hoch empor; unsere kümmerliche Alpenrose wird zum gigantischen
+Rhododendron mit mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien
+und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche und Anmutige
+zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten dieses Übermaßes werden
+auch meine Gedanken zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln:
+Zweifel wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches Fieber,
+das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die Faust beiße und mich
+am Strand hinwerfe, um das Gesicht ins Wasser zu tauchen. Aber dann
+kommt wieder der überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die
+Frösche rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse
+schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures Seidenkleid
+über ungeheure Marmorplatten schleift. In dieser Stunde seh’ ich dich
+am deutlichsten, meine geliebte Virginia! Da glänzt dein Haar, ja,
+es glänzt wie der Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten
+im Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit einem
+Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, mein Atem, mein
+Gedanke, meine Welt. Und dann sag ich mir: ich bin deiner nicht würdig,
+meine Liebe ist zu klein, zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer
+verzehrt sich im Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet
+mich, anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche mich
+mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte Menschen sind:
+nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend aber tüchtig. Man kann
+mit ihnen sympathisieren, ohne lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich
+mich von ihnen absondere, werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend
+bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin Reiners geben,
+ich habe meine Ansprüche überspannt, und das ist bedenklich. Doch ich
+kann nicht mit ihnen reden. Sie sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu
+lustig, oder zu simpel, oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten
+im Meer und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn das
+ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, Schönheit für
+Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. Speicher sind noch keine
+Mühlen, und Mühlen schaffen erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit.
+Darf ich dir’s gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß
+nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß noch nicht
+wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; ich will anders
+werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, ja danach verlangt mich, aber
+nicht nach jener Tüchtigkeit, die an den Vorteil gespannt ist wie ein
+Ochs an den Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den
+Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und frischen Wind; und
+an dich, die mir Flügel gibt, Mut, Selbstvertrauen und den Willen zur
+Verantwortlichkeit. Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr
+von Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, daß ich
+andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu einem Einzelnen, ja
+zu einem Wunder vielleicht in seiner Art gemacht hat, und daß ich mich
+nicht werbend und nacheifernd an ihn verlieren darf.«
+
+Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei aller Bereitschaft
+zum Mitempfinden, um den geliebten Mann bange werden. Die drangvolle
+Leidenschaftlichkeit im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine
+Formel dafür. Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund
+und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in ihrem innigen
+Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, das ergriff sie mit Freude
+und entzückte sich daran. Immer wieder nahm sie den Brief zur Hand,
+dessen Problematisches ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz
+verstehen, wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – Dinge, die
+sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so ausdrucksvoll damit
+verknüpfte, daß sie sich verpflichtet hielt, ihm beizustehen. Ein wenig
+von der holden Kinderzuversicht ging freilich auf solche Art verloren.
+
+Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, daß sie im Flügelschen
+Hause einen der Brüder Mariannes kennen lernte, eine Begegnung, die
+Marianne sehr unerwünscht war, denn sie sah die Folgen voraus, und
+Virginia, die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen
+die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, fühlte sich
+durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des jungen Mannes aufs
+entschiedenste abgestoßen. Es war derselbe, der damals augenlos an ihr
+vorübergeeilt war, als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen
+ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie hatte nicht
+vergessen, daß ihr die verstörten und entformten Züge gleichwohl den
+Eindruck der Roheit und Verwilderung gemacht hatten.
+
+In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus der modernen,
+jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten Sinn, ein elegantes
+und tückisches Raubtier, einer von jenen Eingefleischten der großen
+Metropolen, denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen
+Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, keinen Beruf zu
+haben. Er war ein Meister der Mode, und ihn beobachten hieß, die Mode
+selber, das wetterwendische, lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan
+aufführen sehen.
+
+Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte ab, doch ließ
+er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte ihn zurückzuhalten,
+es fruchtete nicht. Virginias edle Unnahbarkeit hinderte ihn nicht,
+zudringlich zu sein. Unter der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie
+sah er in einer Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden
+Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen. Taschendiebe sind
+die Kleinkrämer des Verbrechens, und diese »Herzensräuber« vom Schlage
+Sixtus von Flügels betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu
+leicht durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut zu
+werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit sind
+sie hartnäckig wie die Hornissen.
+
+Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und daheim war,
+aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, gegen Abend aus dem Hause
+tretend, ihn auf sich zukommen sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß
+und wollte vorbeigehen; er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben
+gemütlich, sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend glänzte,
+aber daraus machte sich der junge Herr nicht das mindeste, denn er
+war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. Sie gab ihm zu
+verstehen, daß ihr seine Gesellschaft unerwünscht sei; umsonst; sie
+antwortete nicht auf seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt
+Schritt mit ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen,
+sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia verstummte
+ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete in einen Laden, er
+wartete draußen mit frecher Geduld. Wie gehetzt kam sie nach Haus,
+immer an seiner Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne
+Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, als ob er dort
+genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade heraus, er möge sie ungeschoren
+lassen, er zuckte die Achseln und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn.
+Er schien einen Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie
+das Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter ihr,
+dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit hatte etwas
+Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte in einem Atem, er war
+beleidigend, dumm und glatt. Einmal am Abend folgte er ihr über die
+Treppe hinauf und machte sich lustig über ihre Entrüstung.
+
+Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen Besudelung
+war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche Erlebnis erfüllte sie
+mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen und endlich mit Gewissensunruhe.
+Etwas von dem kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu,
+mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts von sich hören,
+sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht entschließen, weil sie nicht
+in das Haus des Unholds gehen wollte. Sie überwand sich und teilte sich
+der Mutter mit, der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die
+sich aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. Sie war
+nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen Gebrechens trug
+manches zu dem Eindruck von Vornehmheit bei, den sie machte.
+
+»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt dich an Erwin
+wenden.«
+
+Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte genug von jener
+Duellgeschichte, über die das Gerede noch immer nicht verstummt war.
+Sie wies den Vorschlag ab. »Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner,
+»den Menschen wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein
+Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter zu
+stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, sagte sie zur Mutter.
+
+»Nein. Er macht sich jetzt selten.«
+
+»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia
+nachdenklich. Ȇbrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim Grafen
+Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.«
+
+Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß sie im Wandelgang
+der Akademie Ulrich Zimmermann traf, der mit einem bekannten Maler
+im Gespräch auf und ab ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen,
+diese fand die Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände
+vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle
+Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen Befürchtungen. »Was wollen Sie
+tun?« fragte sie. »Lassen Sie mich nur machen,« antwortete er feurig,
+»ich werde Sie von diesem Desperado befreien.«
+
+Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu Erwin hinaus, der
+am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte ihm die Schmach, die Virginia
+erlitt, fragte, was dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus
+von Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. »Sie sind ein
+Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich werde den jungen Mann ein
+bißchen einschüchtern, verlassen Sie sich darauf. Heut über drei Tage
+befindet sich Herr von Flügel nicht mehr in Wien.«
+
+Ulrich Zimmermann staunte.
+
+Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin nicht nur tief
+verschuldet war, sondern daß er auch vor einiger Zeit auf den Namen
+des Freundes seiner Schwester eine bedeutende Fälschung begangen hatte.
+Somit war Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es
+Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen zwölf und ein Uhr
+fand sich Erwin im Flügelschen Hause ein. Marianne hatte ihn erwartet,
+Sixtus war wie vor ein Gericht bestellt worden. Die Unterredung
+dauerte nicht lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger
+Ruhe seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und Schande
+hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, einen demütigen
+Abbittebrief, den ihm Erwin in die Feder diktierte, an Virginia zu
+richten; ferner mußte er einen Schein unterschreiben, worin er das
+ehrenwörtliche Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach Paris
+oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls aber Wien zu meiden.
+Dagegen verpflichtete sich Erwin, seine dringlichsten Schulden zu
+zahlen und ihm überdies eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während
+der nächsten Monate auszusetzen.
+
+Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen Mann in ein
+Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, die etwas wie eine seelische
+Gewalt über ihn ausübte, er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte,
+Unheil angerichtet. So fügte er sich knirschend.
+
+Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia unauslöschlichen
+Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der Zeit, ein solches Gefühl
+zu offenbaren. Sie verschloß es in ihrem Busen, um es reifen zu
+lassen. Der Haß hat seine Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend
+wurde, begab sie sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den
+Entschuldigungsbrief erhalten und war verwundert über die zauberhafte
+Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann sein Gelöbnis erfüllt hatte.
+
+»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, »hätten Sie doch
+noch ein wenig Geduld gehabt, ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein
+Bruder ist ein unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens
+ist er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von dem er in
+Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus entstehen kann. Das war
+nicht freundschaftlich gehandelt.«
+
+Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« flüsterte
+sie endlich.
+
+»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen können?«
+
+»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne meinen Willen geschehen
+ist«, versicherte Virginia hastig. Gerade Erwins Dazwischentreten habe
+sie vermeiden wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet.
+
+»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß gehängt
+hätten«, antwortete Marianne trocken. »Man sollte wirklich denken, daß
+Sixtus ein Menschenfresser ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte
+jedoch rasch ein, als sie wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und
+funkelnd auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein
+Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte
+ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr ins Ausland. Sie
+können also wieder in Frieden Ihre Straße ziehen, der Wegelagerer ist
+nicht mehr zu fürchten. Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und
+keine Feinheit.« Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel
+verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu rauchen.
+
+Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen Unwillen nach,
+als sie sich durch diesen Verlauf in eine immer unzerreißbarere
+Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben sah. Ihr war, als regiere ein
+herrischer Arm über ihrem Leben, behüte sie, das wohl, heische aber
+auch Gehorsam und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein,
+lag im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu heikel und
+erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh gehemmt fühlte. Dazu
+kam die Unsicherheit, wie er all dies aufgenommen: ob er es nicht im
+stillen tadelte und unehrlich fand, daß sie sich an einen Dritten
+gewandt, da er doch der Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein
+Verlegenheitsspiel gewesen.
+
+An einem der nächsten Vormittage ging sie über den Graben, und schon
+von weitem erblickte sie Erwin in einer Gesellschaft von zwei Herren
+und zwei Damen, höchst elegant gekleideten Leuten. Alle fünf Personen
+waren in einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia
+erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen eine Sekunde
+lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso verwegenen wie
+raffinierten Komödie. Er redete nämlich mit den beiden Damen weiter,
+die, überrascht von Virginias Erscheinung, sie mit schiefen Blicken
+verfolgten, Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und eine
+Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier und Verrat sind. Er
+redete ruhig weiter, während er seine Augen an Virginias Augen vorbei
+auf ihre Wange heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen.
+
+Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte schon die Lippen
+zu freundlichem Lächeln gehoben, und als das Unerwartete eingetreten
+war, wußte sie nicht, wie ihr geschah, glaubte sie in die Erde
+versinken zu müssen. Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines
+Hauses gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß
+weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in einen Abgrund stürzt.
+Mit Mühe schleppte sie sich zu einem Einspänner, fuhr nach Hause, und
+dort wurde ihr so übel, daß sie sich aufs Sofa legte.
+
+ * * * * *
+
+Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht ohne Plan
+gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen gehörte, daß
+nicht nur der Wille zum Ziel führt, sondern daß auch das Ziel den
+Willen bindet und an sich reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme
+entraten zu können, wenn die Erzeugung und Entladung großer Spannungen
+gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen Fortschritte boten.
+Er arbeitete, hörte Kollegien, hielt selbst Vorträge in der Aula, zu
+denen sich ein erlesenes Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte
+Tennis und Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine
+zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber in dieser
+wechselreichen Bewegung blieb Virginia der Augenpunkt wie ein ferner
+Leuchtturm für ein nachtfahrendes Fischerboot.
+
+Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit Helene Zurmühlen
+seine Reife erlangte und einen Charakter annahm, der das Schicksal der
+jungen Frau besiegelte.
+
+Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus; die Kynasts waren eine
+alte, hochangesehene Patrizierfamilie. Helene hatte mit achtzehn Jahren
+geheiratet. Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der
+Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen, den sie in
+sich verliebt zu machen gewußt, behandelte sie auch in der Ehe wie ein
+höheres Wesen. Das Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und
+das eine Mischung von strategischen und rechnerischen Fähigkeiten ist,
+ersetzte er durch den zähen Fleiß eines Mannes, der jeden Daseinsgenuß
+zu opfern vermag, um reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach
+Reichtum. Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich
+zu sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er stand
+völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur Eleganz, zu einem
+weltmännischen Gehaben zu erziehen und wollte ihm Geschmack an moderner
+Literatur beibringen. Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft,
+das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen Fehler. Er
+hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und Helene sah sich gezwungen,
+einen großen Teil ihrer Zeit diesen fremden und gleichgültigen Menschen
+zu widmen. Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war
+aufregungsbedürftig und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft,
+ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war menschensüchtig und
+stellte sich weltmüde. Keineswegs nur aus Lust an der Gebärde; der
+Zwiespalt lag wie eine angeborene Krankheit tief in ihrer Natur.
+
+Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen Welt
+zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich von Freiwilligkeit
+regiert werden, was ungefähr dasselbe heißen will, wie wenn man eine
+Feuersbrunst auf Brandstiftung zurückführt. Vom ersten Augenblick an,
+wo sie Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen lernte,
+war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann gewinnen müsse. Er
+zeigte sich ihr als der wahrgewordene unter den kühnsten ihrer Träume.
+Sie fühlte ihre vollkommene Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet
+und erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen
+Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom Boden aufheben würde,
+aber sie kniete schon, erschöpft vom Horchen, vom Zuschauen, vom
+Warten, angewidert von Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und
+Rücksichten, sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach und
+einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du aufs Spiel? fragte
+Erwin, der die Eroberung zu leicht fand. Mich! antwortete Helene.
+Dieses Temperament des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den
+Kitzel der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste, keiner
+Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht, die er kennen mußte,
+da er einer ihrer Emissäre und Agenten war, so umfassend vorgearbeitet,
+daß ihm eigentlich nichts mehr zu tun übrig blieb.
+
+Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich zierlich.
+Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare Vase gefallen hätte. Er verglich
+sie mit einem Nokturno von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte
+Poesie; sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm,
+das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen Küche zu
+füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig sein und befeuert
+sein, er konnte schwermütig sein und rebellisch sein, er konnte lächeln
+wie ein Faun oder wie Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert;
+sie bewunderte seine meisterhafte Haltung.
+
+Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich Erwin; indem man
+sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist leichter und einfacher. Wie
+verführt man eine Braut? Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist
+schwer und mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man nur
+nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man die Vesprechungen
+erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die Größe in Erwins Lebensführung,
+die Freiheit seines Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl
+zunächst, was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur
+Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine Zärtlichkeit. Er
+verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte sie in eine Sklavin
+durch Zärtlichkeit, er wußte sie aufzuschüren, freudig, glühend, ja
+bacchantisch zu stimmen durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen
+für möglich gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie;
+alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die Beunruhigungen
+des Gewissens erschienen ihr in seiner Nähe, durch die Kraft seiner
+Zärtlichkeit, so banal wie das Lampenfieber. Sie war nicht mehr die
+anständig gewesene Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder
+über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie war in seinen
+Armen über solch niedriges Los hinausgerückt, und so lange seine Arme
+sie hielten, konnte sie nicht fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit
+hatte Erwin erkannt, daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch
+sinnliche Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde;
+demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders, so fremd,
+so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft den Anschein hatte,
+als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl und Verlockung erzeugen,
+und die Wirkung, die er ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit
+und Flüchtigkeit der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem
+sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er forschte
+nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept der Rezepte; es war für
+ihn gleichsam ein Versuch am Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der
+lebenden Figur.
+
+Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es eine
+Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte, Virginia
+vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos geschah es nicht.
+Er zerbrach für eine Stunde die Kette, die er dann um so fester
+schmieden konnte.
+
+Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung.
+
+»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht vorhin in der Stadt
+begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie ein Traum.«
+
+Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf. »Was war denn
+das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem Unwillen.
+
+»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin; »es war eine
+Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste Umkehr von Halluzination.
+Sie sind zu jeder Zeit in meiner Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir
+wie einem Kind ergangen ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter
+gefreut hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich
+benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches ist mir
+nie passiert. Verzeihen Sie mir.«
+
+Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, und
+sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie froh, an den häßlichen
+Zwischenfall nicht mehr denken zu müssen. »Ich habe noch eine Bitte«,
+begann Erwin wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden und
+vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet bin,
+einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie wollen. Frau von Resowsky wird
+die Liebenswürdigkeit haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und
+Ihre Mutter dazu einladen?«
+
+»Die Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte Virginia rasch und
+im Gefühl, daß die Anwesenheit der Mutter gar nicht gewünscht werde;
+»davor hat sie Angst wie vor einem Eisenbahnunglück.«
+
+»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart berauben«,
+versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so würde ich allen Leuten noch in
+letzter Stunde absagen«, fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei
+Virginia bemerkte. »Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig,
+daß Sie da sind, und Sie werden da sein.«
+
+Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? Sie versuchte
+zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. Es kam plötzlich
+etwas Schweres, schwer zu Tragendes über sie, und sie wußte nicht,
+woher es kam.
+
+»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, fuhr Erwin
+hartnäckig fort.
+
+»Sind Sie denn abergläubisch?«
+
+»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber haben, um
+daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort und Ihre Hand.«
+
+Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der Küche draußen
+ließ Frau Geßner die Wasserleitung plätschern. Virginia trat langsam
+zum Fenster. Erwins Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang
+bis in die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, mein,
+mein, mein, jubelte es in ihm.
+
+Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam wohl, wie ein
+Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern tritt. Es war etwas so
+Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen Traurigsein, etwas, was gleichsam
+mit dem Mond zusammenhing und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies
+liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und Auftasten zu
+den Sphären.
+
+Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie scheuer geworden
+war, seit er sie vor den Nachstellungen des jungen Flügel gerettet.
+Ulrich Zimmermann hatte ihm da einen vortrefflichen Dienst erwiesen.
+Doch Ulrich selbst war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt
+worden, wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde ihm
+nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, und als er
+eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser sagte, Virginia rechne
+ihm sein Benehmen als Feigheit, ja fast als Verrat an, war er wie aus
+den Wolken gefallen. Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem
+Stuhl und wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu ihr.« –
+»Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin stirnrunzelnd. »Eine
+Dummheit erklären wollen, heißt sie verdoppeln. Sie sind mir ein wenig
+Haltung schuldig, mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier.
+Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit Sixtus Flügel
+eine alte Rechnung ausgeglichen und zu meinen Gunsten bilanziert habe.
+Ich selbst habe mit ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und
+ich wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das kann sie,
+wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen gehabt habe.«
+
+»Diese Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich Zimmermann
+mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. Er war gekommen, weil
+er Geld brauchte. Stumm saß er hinter Erwins Sessel, der an seinem
+Schreibtisch arbeitete. Es vergingen anderthalb Stunden, deren
+Schweigen nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren
+Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich stand Erwin
+hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« wandte er sich freundlich an
+Ulrich Zimmermann, dessen Anwesenheit er vergessen zu haben schien.
+
+Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer Geld braucht?« fragte
+er mit wehmütigem Humor. »Ach, könnten Sie ahnen, was es heißt, um
+Geld zu bitten!« fuhr er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das
+Leben, und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, und ist
+er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos erniedrigen. Und das
+Furchtbarste: stets genießt der Gebende, was der Empfangende so schwer
+verwindet.«
+
+»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, stimmte Erwin bei,
+den die Großherzigkeit und Beschwingtheit in Ulrichs Worten sympathisch
+berührte.
+
+Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb er auf der
+Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. Sein Blick fiel auf das
+Giebeldreieck, auf welchem in den Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu
+lesen war. Das war der Name von Erwins Haus.
+
+»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, »Sansara!« Das hat
+Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund. Plakatierte Metaphysik. Der
+Übermut des Besitzes erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht.
+Die asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg
+europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht einen platonischen
+Purzelbaum zum Nabel des Buddha und verewigt sein Kunststück durch eine
+steinerne Fanfare.
+
+Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? fragte sich
+der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart des Gottlosen gegen
+den Despotismus einer unbeseelten Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig
+beschnittenen Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes
+Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende doch selber
+aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum zu stürzen? Ich
+könnte meinem Buch den Titel geben: Mirowitsch oder die wesenlose
+Opposition.
+
+ * * * * *
+
+Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug ein Kleid
+aus veilchenblauem Battistlinon, verziert mit irischen Spitzen. Der
+Brustausschnitt war bescheiden. Das Haar war zu einem griechischen
+Knoten geknüpft. »Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner
+immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern.
+
+Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch stünd ich hier,
+fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, wie ich bin, wenn
+er mich sehen könnte? Sie heftete den Blick in den Spiegel, – fast
+mißbilligend. Man rief nach ihr, so schien es, und ungern folgte sie,
+obgleich erglüht.
+
+Sie hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor dem Eingang zur
+Villa stand eine lange Reihe von Fiakern und Automobilen. Man konnte
+einen Teil des Parkes wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen.
+
+Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein Theater, einen
+Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, besorgte, trunkene und
+phantastische Lächeln, als ob sie sagen wolle: jetzt kommt das große
+Unerwartete. Virginia beobachtete dies, während sie sich in der Halle
+ihres Mantels entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum daß
+er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. Erwin
+kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen sprechen«, raunte er ihr zu. Sie
+folgte ihm betroffen in ein kleines, von dem orangeroten Licht einer
+Ampel beleuchtetes Gemach. Er schloß die Tür.
+
+»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich.
+
+Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade auf und hielt
+ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten Händen entgegen.
+
+Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt zurück. »Sie
+haben mir versprochen –« stammelte sie.
+
+»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem Lächeln.
+
+Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte mit der Kette.
+»Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, sagte er leise und mit einem
+Lachen in der Stimme. »Fragen Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred
+hat geschrieben. Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich kenne
+sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches Mißtrauen nicht.« Und
+als sie eine abweisende Gebärde machte, einen hilflosen, verwirrten,
+bittenden Blick auf ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur
+diese eine Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!«
+
+Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und klatschte nun
+begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! Unvergleichlich!«
+
+Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen den Mann, der sie
+schmückte, erwachte in Virginia; aber dahinter wirbelte eine ungestüme
+Freude. Gut, dachte sie, einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem
+Innern glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein
+Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred eingewilligt,
+zumal die verflossene Frist ein wenig knapp schien. Bei alledem ist
+wesentlich, daß sie von dem Wert des Schmuckes weder einen Begriff
+hatte noch sich Gedanken darüber machte. Ganz von fern stieg in
+Sekunden eine Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines
+Unrechts, der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne wähnte
+sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu beleidigen.
+
+»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, Ermunterung,
+Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit strahlten an ihm.
+
+»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, reichte ihm aber
+doch die Hand, die kalt war vor Freude sowohl wie vor Bestürzung. An
+einem Spiegel vorüberschreitend, erblickte sie die Perlen. Dieser
+Moment erfüllte sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie in
+ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare gewähren
+lassen.
+
+»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig an Erwin.
+»Marianne zum Beispiel könnte doch fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein,
+Erwin, nein,« flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.«
+
+»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein Unwillen, der
+ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie mich
+im Verdacht, daß ich mich brüsten werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß
+ich am Ende Ihre Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter
+nicht ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen
+kann?«
+
+Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür zur Linken das
+Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. Erwin kam draußen auf sie
+zu; jetzt verstand sie den Umweg und erschrak aufs neue. Sie war nur
+wenige Minuten mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten
+waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau von Resowsky, die
+sich liebevoll ihrer annahm und sie von Gruppe zu Gruppe geleitete.
+
+Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige ihrem Gedächtnis
+eingeprägt. Der Glanz des Lichtes betäubte sie. Sie sah nur Umrisse
+von Gesichtern, blonde, schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark
+dufteten, viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der Damen
+als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer Büsten verletzend wahr
+und nahe.
+
+Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie den Eindruck,
+daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie war durchaus nicht beengt,
+sie gewann im Gegenteil mehr und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung,
+daß es zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges
+Band gab.
+
+Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr zur Unzeit fing
+er an, die Erklärungen zu stottern, die er sich vorgenommen hatte,
+sprach sogar, genau mit Erwins Worten, von einer Rechnung, die jener
+»zu seinen Gunsten bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert
+den Kopf und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich
+mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte Virginia arm
+geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu lesen. »Sie tragen ja ein
+Vermögen an Ihrem Hals«, sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner
+Taktlosigkeit zu gelangen.
+
+Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber lächelte sie
+an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal in ihr, wie sonst nur,
+wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann senkte die Stirn vor ihrer
+Schönheit.
+
+Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer Haut einen metallischen
+Glanz. Manche Herren wollten sich erinnern, sie schon gesehen zu haben,
+und drückten es in schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß,
+ernst, kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an
+sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung Erwins
+gefolgt.
+
+Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, ein paar junge
+Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. Sodann machte Erwin sie
+mit Helene Zurmühlen und deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr
+wie ein Spielzeug, und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von
+einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war der edelste
+Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall Steine. Alles schien
+zerbrechlich an ihr, der rührend weiße Hals, die apathischen Arme, die
+mageren, gelben Hände, die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen
+Kindern, wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte,
+von leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, in dem ein
+lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von den Schatten einer
+süßen Melancholie überdunkelt war. Aber diese Melancholie hatte etwas
+Grelles, und die Natur selbst strafte sie Lügen durch den starken,
+brennenden Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet.
+
+Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen Tafel zu vermeiden,
+war im Speisesaal freies Büffet errichtet, und fünf Diener versorgten
+die immer wechselnden Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht
+in einem kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich
+Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des letzteren, ein
+Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei rauchten. Auf dem Tische
+vor ihnen stand eine Flasche Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit
+zu Zeit in die Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer
+junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames Zuhören am
+Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er aus einer Familie
+von Selbstmördern stammte. Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo
+er Studien über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte.
+
+»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, sagte Ulrich
+Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt Verständnis für die
+Epoche darin. Wahre Prachtliebe neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze
+Farbenskala, die uns blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese
+Heliotrop und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen und
+kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist leise wie im Zimmer eines
+Sterbenden. Ich finde das stilvoll.«
+
+»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre Meinung ändern?«
+versetzte der Graf.
+
+»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« fuhr Ulrich
+Zimmermann hartnäckig fort, »und in New York versicherte mir eine junge
+Milliardärin, Perlenketten seien vornehmer als Diamanten, weil bei
+diesen die Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.«
+
+Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden Blick zu.
+
+»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte Ulrich
+schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles bäumt sich auf,
+Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich denke die schlechten und
+selbstsüchtigen Gedanken einer ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen
+und reden, alle sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber
+niemand glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne gekommen ist,
+werde ich aus einem Apostel zu einem Lakaien.«
+
+»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«,
+antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; »die Gesellschaft
+verwandelt den Apostel auf stummem Weg in den Lakaien.«
+
+»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden Augen. »Ich
+werde in Sold genommen und festgeschmiedet. Meine Seele wird zum
+Wallfahrtsziel aller andern Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der
+Ehebrecherin und die Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld
+für einen neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen des
+präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen des Börsianers.
+Ich weiß, daß dieser junge Mann mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo
+im Mundwinkel an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen
+Frau den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem Gespenst
+einer unerwünschten Schwangerschaft gequält wird; ich kenne die
+verzweiflungsvolle Frechheit des Überlings, der da spricht: für mich
+gibt es keine Moral, sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den
+verbrecherischen Gelüsten des jungen Mädchens, das ins Leben tritt wie
+eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu melken sich anschickt. Hinter
+dem geistreichen Geflunker gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter
+den sozialen Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten
+Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter dem diplomatischen
+Getue werden Völker in ungerechte Kriege verstrickt. Sie sind mir zu
+nackt, allesamt, sie vergiften mir das Gewissen, und erst das schlechte
+Gewissen verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch größer sein
+als meine Demütigung, sonst kann ich aus der Sklaverei, in der ich mich
+befinde, kein Kapital schlagen.«
+
+Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob sich, grüßte höflich
+und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit beleidigt oft den
+feinfühligen Zuhörer.
+
+»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer Wanderung im
+Gebirge, würden mir Ihre Worte einen stärkeren Eindruck machen«, sagte
+Palester seltsam.
+
+Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine
+kleine Verschwörung?« fragte er.
+
+Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben Sie sich nicht über
+das Perlenkollier gewundert?« begann er mit verräterischer Hast. Erwin
+blieb stehen und wandte ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender
+Blick war kalt, durchbohrend und mitleidig.
+
+Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich ab und ging
+allein weiter.
+
+Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile zwischen den Menschen
+umher, dann begab er sich in die Garderobe, warf den Überzieher um die
+Schultern und, den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein
+Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch die ganze Stadt
+und in den Prater und bis zur Donau. Auf dem Rückweg sang er laut,
+um nicht denken zu müssen. In der Hauptallee setzte er sich auf eine
+laternenbeschienene Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit
+mit der Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb Verse:
+
+ Die Seele, die berührst du nicht,
+ die ist im Leib vergraben;
+ sie weiß nicht, was die Lippe spricht,
+ will’s auch nicht Kunde haben.
+
+ Im stillen träumt und blüht sie hin,
+ läßt Leid und Glück verfluten
+ und ziehet ewigen Gewinn
+ vom Bösen und vom Guten.
+
+Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und Zuhältern besetztes
+Kaffeehaus. Sein Frack erregte hämisches Aufsehen. Der beginnende
+Marktlärm verscheuchte mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich
+verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien.
+
+ * * * * *
+
+Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in
+den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte
+und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und
+einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren
+massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe
+mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den
+politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und
+die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen
+des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren
+sein!« rief er scherzend.
+
+Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel
+in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine
+Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie
+hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern
+über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den
+Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung
+und Lebenskunst gesprochen.
+
+Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre
+stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge
+wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel
+ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer
+Verbeugung zu ihr.
+
+Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie
+verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren
+Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.
+
+»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er
+die weichste Liebkosung geflüstert.
+
+Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich.
+
+Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen
+forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du
+hältst mein Leben in deiner Hand.«
+
+Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht
+einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er.
+
+Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten.
+Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln
+versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin
+zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden
+uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«,
+sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand.
+Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er
+hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen
+vermocht hatte.
+
+Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie
+wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name
+wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm
+um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die
+Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind.
+
+Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen
+bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos,
+birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein
+wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie
+sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt
+plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den
+Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser
+Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn
+anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte
+weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche
+schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht
+zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen
+Namen.
+
+»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in
+Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre
+Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so
+laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken
+wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische
+Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht
+Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell,
+schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch
+fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen,
+wo wir hingeraten sind.«
+
+Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche
+sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte
+einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül,
+der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und
+sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin,
+der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter
+geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte
+nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor
+dem Pavillon standen.
+
+Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu behangenes Rondell,
+in dessen Mitte unter gekreuzten Balken eine chinesische Laterne mit
+roten Gläsern hing und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und Busch
+mit sanftem Scharlach übergoß.
+
+Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, preßte beide
+Hände gegen die Brust und stammelte: »Mein Gott, was war denn das?
+weshalb sind wir denn so gerannt? Ich kann nicht mehr.«
+
+Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. »Ruhen Sie sich
+aus«, antwortete er. »Niemand wird uns stören.«
+
+Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur Besinnung. »Weshalb
+sagen Sie das so wunderlich: Niemand wird uns stören –?« fragte sie.
+
+»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete er mit müder
+Stimme.
+
+Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf der Erde? Sie können ja
+auch auf der Bank sitzen. Ihre Kleider werden ja schmutzig.«
+
+Die müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht find ich meine Lust
+daran, vor Ihnen auf der Erde zu kauern, Virginia. Was kann mir die
+Erde anhaben gegen das Gefühl, Sie über mir zu wissen.«
+
+Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. »Es ist so still
+hier«, murmelte sie dann.
+
+»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen fliegen
+schon. Nur die Sterne sind zu blaß. Man sollte nicht an Orten wohnen,
+wo die Sterne so blaß sind im Mai.«
+
+Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von meinem Platz aus kann
+ich die Sterne nicht sehen«, sagte sie.
+
+»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem Atem.
+
+Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner Rede. Zu dieser
+Stunde schlief sie an andern Tagen längst, und ihre Lider wurden
+schwer. Plötzlich fragte sie mit innigem Klang in der Stimme: »Denken
+Sie auch manchmal an Manfred, Erwin?«
+
+»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« fragte Erwin langsam
+dagegen, und er griff mit der Hand nach einer Rebe, die er abriß. »Ich
+denke immer an Manfred, immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht an
+Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, bei Nacht, indem
+ich in die Kissen beiße. An wen könnt ich sonst denken als an Manfred?
+an wen mit gleichem Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred,
+den Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor mir kam?«
+
+»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos und sehr bestürzt.
+
+Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war sicher, daß Virginia
+die Frage wiederholen würde. So geschah es auch.
+
+»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine Stimme war dumpf
+und ingrimmig. »Dürft ich denn reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am
+Ende. Gehn wir lieber ins Haus zurück.«
+
+Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia in ihrem blinden
+Schrecken bestärkt wurde. »Ist denn etwas mit Manfred passiert, etwas,
+was ich nicht weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen
+Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.«
+
+»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von Erwins Lippen. »Ruhig
+Blut, Virginia. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß er der starke
+Felsen ist, an dem mein Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich
+denn sprechen soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich
+macht, und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die Sterne so
+blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie die Krankheit über den
+Lebenslustigen; dabei weiß ich nicht, wie arm, wie reich, wie elend,
+wie beschenkt ich mich dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt.
+Ich habe nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur wie
+Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder wie Stunden, in denen
+man sich verliert, um sich noch wissender zu besitzen. Daß ich mich
+unwissend ins Hoffnungslose verlieren könnte, habe ich nie für möglich
+gehalten. Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich waren für die
+Dauer eines Sommers, waren mir nur Gespielinnen. Sie rührten mich,
+sie erregten mich, sie verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie
+wappneten mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte nicht
+an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen Sie die Ohren mit
+den Fingern. Lassen Sie mich reden, wie jene Figur im Märchen von der
+Gänsemagd redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was ihr
+widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt es in dem Märchen.
+O Herz, das du hangest, muß ich klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin
+unterminiert. Es ist etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in
+einem Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, daß
+ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, mit meinem Gehaben das
+Mitleid eines Schlächtergesellen auf mich ziehen würde. Denken Sie es
+ungesagt, Virginia. Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, und
+Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen können. Genug jetzt.
+Genug.«
+
+Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und blieb unbeweglich
+sitzen.
+
+Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage aufgerichtet. Ihr
+Gesicht war weiß geworden und brannte aus dem Zwielicht weiß heraus wie
+das Innere einer Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange
+und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde der Trauer,
+der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar wurde ihr Herz kleiner,
+und alles, was dieser Mann da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie
+berührte, so menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes
+für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter Schauer flog
+über ihre fast unbeschützte Brust, und sie erhob sich.
+
+Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin stand lautlos
+auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen es vergessen«, flüsterte er
+ihr mit erstickter Stimme zu.
+
+»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, »ach, Erwin.« Sonst
+nichts. Aber diese beiden Worte, einfach wiederholt, rissen Erwin hin
+wie eine nie vernommene Musik, und er glaubte das Unmögliche noch
+in derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt von diesem
+Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren Schleiern kühlen Wesen des
+Mädchens, dessen Wert er spürte, wie ein Luftschiffer den Azur spürt,
+in dem er schwimmt, stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund
+kamen gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. War
+es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch ein Ungemeines darin
+verborgen sein, Instinkt und Glut.
+
+»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia.
+
+Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er richtete sich empor.
+»Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia und blickte auf seine Knie.
+
+Er gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie von der Seite her
+zur Terrasse zurückbrachte. Virginia war froh, als sie wieder Leute sah
+und niemand sie fragend anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag
+des Wagens. Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie
+zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr nicht möglich. Doch
+da er die Hand noch immer ausgestreckt hielt, fand sie es am besten,
+ihm zu willfahren; verwirrt und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in
+seine Hand, aber er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine
+freche Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als die
+vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch der Finger, deren
+Berührung eine Siegeshoffnung war.
+
+Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die Welt erschien ihr
+schwarz und öde. Die raschen Hufschläge der Pferde erinnerten sie
+an das Pochen ihres Herzens, und sie legte beschwichtigend die Hand
+auf die Brust. Da berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!«
+rief sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, wandte
+sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr war zumute gewesen, als
+müsse sie auf der Stelle umkehren. Doch wie, mit welchen Worten, mit
+welchem Gesicht sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner
+Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des Leichtsinns,
+des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie betrogen worden war. Stumm
+und ratlos blickte sie vor sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den
+Gedanken kaum ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag
+anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter zu fahren, und
+dieser gehorchte kopfschüttelnd.
+
+Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin ins Haus
+zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener löschten die Lampen
+aus und räumten die Tische ab. Eine Gesellschaft von zehn oder zwölf
+Personen befand sich im Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische
+Lieder sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem
+Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen Leute waren durstig und
+fühlten sich ein wenig geistlos. Erwin erfüllte sie mit neuem Leben;
+nach kurzer Zeit hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die
+Schläfrigen; ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der drohenden
+Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter Abend langweilig endet, war er
+langweilig,« sagte Erwin, »wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.«
+Zum Schluß wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein etwas
+beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, trieb durch ihre
+transzendente Plumpheit das Vergnügen auf den Gipfel.
+
+
+
+
+Zwischenspiele
+
+
+Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel einen Brief Erwins,
+der folgenden Wortlaut hatte:
+
+»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen der Trunkenbolde
+nachahme, die in der Nüchternheit bejammern, was sie im Rausch
+verbrochen haben. Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit
+anklagen werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder betrunken,
+noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig genug, um die
+Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht als reuiger Sünder vor
+Sie hin. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu
+beschönigen habe ich nichts.
+
+Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht leugnen. Vielleicht
+wäre sie zu umgehen gewesen durch List; vielleicht durch einen Aufwand
+von Heroismus, dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft
+erwehren, mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden, ist
+darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher
+Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist, gewiß keine
+angenehmere Lage schafft. Ich entstamme einer Generation, die die
+Ökonomie der Leidenschaften gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht
+zu verschwenden, mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und
+Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade dann in die
+Kandare der praktischen Vernunft zu beißen, wenn das unpraktische
+Gefühl unsere Bequemlichkeit und unsern Vorteil bedroht. Es wäre
+bequemer und vorteilhafter für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine
+Sache hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende.
+
+Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund vergangen zu haben.
+Aber mußte ich nicht die Maske eines brüderlichen Beschützers in
+der Stunde von mir werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe
+keinen Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe keine
+Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts vergeben, ich habe die
+Ihrige nicht angetastet. Manfred ist in meinen Augen noch gewachsen,
+denn ich bin ihm eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres
+Herz appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis
+über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln der Konvention
+verringert werden kann. Zwischen mir und Manfred steht kein tyrannisch
+trennendes Entweder-Oder, sondern die versöhnende Erkenntnis, welche
+Kameraden erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal ungleich
+begünstigt werden.
+
+Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia, haben mir
+meine Träume ein Ideal zugeschworen, gleichwie Kindheitsgedanken eine
+unerhörte Erfüllung ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses
+Ideal vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu vergessen,
+wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit ist die Ursache, daß
+ich mich einer Rücksicht entledigte, an die im gewöhnlichen Verlauf
+der Dinge Mann gegen Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch
+des Anrechts auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen, so sei
+es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können. Die Zukunft wird
+es lehren. Aber desungeachtet gibt es in meinem Innern ein nicht
+niederschmetterndes Gesetz: Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit
+anzubeten ist kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße
+die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein und nur
+für sich allein? Dagegen bäumt sich mein Herz, mein Glaube, mein
+Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden,
+und die Qual macht mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann
+nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört ist?
+
+Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen Tibetreisenden von den
+Wundern des Dalai-Lama. Denn ich habe gerungen um diese Schönheit, ich
+habe sie entdeckt, ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich
+und nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie von fern,
+wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter Verse spüren, sie sind wie
+Sonntagsgäste vor einer zauberhaften Statue, und ihre Bewunderung ist
+so verständnislos wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor
+ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen, begriffen
+in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie mir erweckt, wurzelt in der
+Sehnsucht, also im edelsten Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie
+rührt das Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich
+daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich ein Lebensziel
+haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen Erfüllung nicht ein
+finsteres Geschick zu scheitern bestimmt hätte. Beschließen Sie!
+Richten Sie! Ich beuge mich. Erwin.«
+
+Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer Schürzentasche
+herumgetragen, bevor sie sich überhaupt entschlossen hatte, ihn zu
+öffnen. Beim Anblick der kühnen und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie
+das Blatt wieder sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den
+erhobenen Arm sinken läßt.
+
+Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar gerüstet
+steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte Bahnen. Da Virginia
+von den Mitteln des Stils nur eine geringe Vorstellung hatte,
+folgte dem ersten Widerwillen und der eisigen Befremdung über die
+leidenschaftliche Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme.
+Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine ihrer
+Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen zugehört,
+niemals ohne Schrecken. Dieser Schrecken trat jetzt an die Stelle
+des lästigen Verdrusses, den Virginia stets empfand, wenn man ihre
+Schönheit hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die sie
+im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund und Hand, ohne
+mehr davon zu genießen als ein flüchtiges Wohlgefühl vorm Spiegel oder
+im Blick des sympathischen Beschauers.
+
+Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder, legte ihn wieder
+beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des Anrechts auf einen Freund
+verlustig gehen, so sei es. Da ward ihr die unendliche Verehrung
+und Liebe gegenwärtig, die Manfred an Erwin band. Sie konnte es
+vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie würde verwinden
+können.
+
+Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte mich meinem
+Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen, daß Manfred den Freund
+verlor, der ihm so teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der
+Geliebten. Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn sie, wenn ihre
+Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war, daß Erwin den Freund vergaß, so
+war sie doppelt zur Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred
+um den Freund zu kämpfen. Das stand fest.
+
+Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute gewesen. Bei
+seinen verwegensten Worten war ihr zumute gewesen, als ob sie sterben
+müßte, falls es kein anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch
+ihre nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der Manfred
+drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine eigentümliche
+Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen ist, zu handeln, wird
+davon noch kräftiger befeuert als ein Mann.
+
+Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen und schrieb: »Sie
+kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie mich gekannt, lieber hätten
+Sie sich die Zunge abgebissen, als daß Sie davon gesprochen hätten.
+Nun wäre das Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das
+Geschehene ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben, die
+Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden. Das liegt in meiner
+Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will, dann gibt es keinen Erwin Reiner
+mehr für mich. Doch Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit
+Schmach bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut!
+Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der Freundschaft
+Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie das Häßliche; Sie haben ja
+Gewalt über sich, treiben Sie es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und
+meinetwillen.«
+
+So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte kamen ihr schal
+vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln über ihnen schweben. Sie sagte
+sich, daß es feig sei zu schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die
+Perlenkette kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung
+bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr, die sie in seinem
+Gemüt hervorzubringen beabsichtigte, erschwert oder vereitelt worden.
+Demzufolge mußte sie selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen,
+konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens ein paar
+tausend Kronen wert war, nicht noch stundenlang im Hause behalten.
+
+Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte, kam die Mutter
+und sah das Perlenhalsband auf dem Tisch liegen. »Was ist das? woher
+hast du das?« fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken
+darüber, daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor
+der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen? »Erwin hat es mir
+geschenkt,« antwortete sie zögernd, »ich muß es ihm aber wiedergeben.«
+– »Geschenkt? Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das
+Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat er dir geschenkt?
+Und du willst es zurückgeben? Warum?« Auf ihren Zügen malte sich ein
+förmlicher Krieg der angenehmsten und der argwöhnischesten Gedanken.
+
+»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete Virginia mit
+gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse da, und ... ich
+kann es nicht behalten.«
+
+»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner.
+
+»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir helfen. Ich hab’ einen
+schlechten Kopf.«
+
+»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau mich nicht so mißtrauisch
+an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.«
+
+»Aber was willst du damit?«
+
+»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten. Er ist gar zu
+wunderbar.«
+
+Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so begab sich Frau
+Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler, den sie seit
+ihrer Jugend kannte, und erkundigte sich bei ihm nach dem Wert
+des Halsbandes. Um die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu
+befriedigen, erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei,
+das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der Händler prüfte,
+zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten Ranges, sagte er, die
+seien in solcher Menge kaum erschwinglich, aber als er den ungefähren
+Preis nannte, der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen
+übersteigen mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines großen
+Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen stehenbleiben konnte.
+Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie mit Schwindelanfällen, und ihre
+Gedanken an Virginia, an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in
+Bestürzung und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie seit Monaten
+lüstern gespielt.
+
+Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia gegenüber den
+Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie war verstört und konnte bei Tisch
+nichts essen. Schweigend gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia
+war innerlich selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter
+aufgefallen wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um zu Erwin
+herauszufahren. Das Halsband packte sie in Seidenpapier und steckte es
+in das Ledertäschchen, das sie trug. Ihre Bewegungen waren energisch
+und ihre Mienen gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich
+immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen Angst.
+
+»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel.
+
+Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie einen solchen
+Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben Antrieb unternehmen
+würde. Der scharfsinnige Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier
+um eine Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte,
+der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde da sein, bat die
+Zögernde, im Salon zu warten, rückte einen Sessel vor die Terrasse,
+brachte ein paar Zeitschriften herbei, und all das ließ sich Virginia
+still und ein bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war,
+blickte sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein matter
+Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es war ihr, als müsse sie
+sich abwenden von dem Prunk des Gemachs, der ihr heute tot erschien wie
+ein Kleid im Schaufenster eines Modengeschäfts.
+
+Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert, und fünf Minuten
+später raste das Elektromobil vom Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf.
+Erwin wurde von Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der
+sich verdient gemacht hat. _Avant le souper_, dachte Wichtel, der eine
+französische Bildung genossen hatte, als er die Erregung in den Zügen
+seines Herrn gewahrte.
+
+Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun von seinen Mienen,
+war der Zweck eines kurzen Verweilens in der Bibliothek. Ich habe sie
+richtig eingeschätzt, dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis,
+aber es ist gelungen.
+
+Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand auf. Seine Blicke
+umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende Beteuerung und
+musterten sogar ihren Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug
+ein dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache, weiße,
+von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse, ferner einen schwarzen,
+großen, runden Strohhut mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen
+Gesicht sommerliche Helligkeit verlieh.
+
+Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Sie gingen
+hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte, schloß Erwin die beiden
+hochgewölbten Fenster.
+
+Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort ein nicht wieder
+gut zu machender Fehler werden konnte. Er war noch nicht ganz im klaren
+darüber, weshalb Virginia gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund
+erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich weit von ihr
+und betonte so einen Willen zur Distanz, der ihr eine gewisse Freiheit
+geben sollte. Sie kämpfte sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er
+lenkte sie ab, ließ aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von
+seiner Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem ungesunden
+Servilismus einer Welt, die bereit gewesen, ihm zu dienen, noch ehe er
+Zeit gehabt, ihre Dienste zu bewerten. Er habe niemals erworben, er
+habe stets nur besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und
+nicht genossen worden.
+
+An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg zu ihr war. Mit
+erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte er es fertig, ihr alles das zu
+sagen, was sie ihrerseits ihm vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias
+Augen glänzten. Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an.
+Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten ihrer Stirn
+ihm die Richtung gewiesen, ahnte sie nicht, sondern glaubte an eine
+ebenso glückliche wie beglückende Bekehrung.
+
+Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete, daß ihn das
+Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter in seiner Seele. Und
+nicht nur dies: so wie vorher Virginias Nähe ihn entflammt, so würde
+ihr Anblick jetzt genügen, ihn vor den Flammen zu schützen, denn
+er habe den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei seiner
+Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige Kälte der
+Verehrung, die jede Rebellion und Begierde erstickt«, sagte er. »Und
+Sie haben sich nicht nur selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es
+ist in mir eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben
+hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen schweigen gegen
+ihn, aber das Schweigen müssen wir aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir
+vertraut, eine Großmut, die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz;
+ich will Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter,
+reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte, sondern schon
+Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut und nährt. Ich möchte
+Sie aus schädlichen Dämmerungen reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse
+und Einsicht der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen
+aufschließen, als ob es Türen in meinem Haus wären, ich möchte Ihnen
+die Beunruhigungen ersparen, von denen jede eine Falle und eine Gefahr
+für Ihre Schönheit bedeuten kann, ich will mich Ihnen weihen und will
+entsagen und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres Schicksals,
+und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor seiner Virginia erst
+niederfallen, bevor er sie als eine begrüßt, die ihm entgegengelebt
+hat.«
+
+Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden Worten solche
+Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich der hinreißenden Wirkung
+nicht einen Augenblick entziehen konnte. Man wollte sie bilden und
+verschönen, das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred
+in keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr, zu drohend
+alles Leben, als daß sie wie andre schöne Frauen mit der Grazie
+des Leichtsinns hätte hindurchschreiten können. Sie nahm von den
+herrlichen Versprechungen auf, was sie zu fassen vermochte, und war
+froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr hatte. Sie horchte,
+wachte, entspannte ihren Geist, wobei ihr freilich dieser Mann immer
+wunderbarer wurde und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres
+Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ.
+
+Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel unbefangener sogar,
+als sie sich ihm je gezeigt. Und das war das Meisterstück gewesen. Als
+ihm Virginia mit Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband
+übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen Position
+sogleich zu erproben. Er wickelte das Paket auf, ließ die Perlen
+fallen, bis die Kette nur noch am Mittelfinger hing, und blickte
+Virginia enttäuscht an.
+
+»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von mir genommen hätten,
+würden Sie sie mir gerade in dieser Stunde auch nicht vor die Füße
+werfen«, sagte er mit umdunkelter Stirn.
+
+»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief.
+
+»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige und
+unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal, Virginia! Sie heiligt
+einen Freundschaftsbund. Lassen Sie mich wenigstens daran glauben. Wir
+binden uns mit der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen
+beim ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen. Die
+schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt, werden flehend am
+Boden rollen, und jede bedeutet ein verlorenes Glück.«
+
+Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr an, daß sie sich
+nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete sie schweigend, voll von
+einer Güte im Ausdruck, einer leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid
+wachrief, dann legte er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab.
+
+»Was hab’ ich getan!« murmelte er.
+
+»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte Virginia endlich
+schwankend und in dem Drang, ihn durch Nachgiebigkeit aufzurichten,
+»ich könnte sie niemals tragen.«
+
+»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie später anders
+darüber denken werden.«
+
+»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie wünschen. Die Sitte
+ist mächtiger als Sie und ich, und wenn auch Manfred jetzt seine
+Zustimmung gibt, so weiß er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn
+der Anblick der Perlen bringen könnte.«
+
+Erwin verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So behalten Sie das
+Geschmeide als Pfand«, schlug er vor; »ich verpfände es gegen mein
+Wohlverhalten, meine Ehrerbietung, mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe
+meines Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?«
+
+Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der überzeugenden
+Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen. Trotzdem hatte sie nicht
+das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, als sie sich von Erwin
+verabschiedete. Am selben Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie
+erklärte, was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen.
+Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte sie die Gabe im stillen
+hingenommen, aber in der Schilderung war alles von Zweifeln umwölkt,
+und sie schuldigte sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien
+ihr die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender Umstand.
+Brisbane in Australien; es war, wie wenn man einen Brief in den Mond
+schickte. Bis Manfred ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle
+Verwirrungen gewiß schon zur Ordnung gediehen.
+
+Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter zugefallenen Schatz
+das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias Rückkehr hatte sie sich
+natürlich erkundigt, was mit den Perlen geschehen sei, und als Virginia
+die Kette mit einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, –
+denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte die alte
+Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia auszuforschen, ob sie eine
+Ahnung von dem ungeheuern Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares
+Geschenk als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr wider die
+Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie hoffte; sie bangte; sie
+war erregt und schweigsam; sie behandelte Virginia mit einer Vorsicht,
+die diese bedenklich hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst
+sich gewöhnt hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf kernloser
+Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches Betragen gegen
+Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie.
+
+Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er kam spät nachmittags
+und blieb bis in die Nacht. Er war jedenfalls mit sich einig darüber,
+daß er nun etwas wie eine methodische Belagerung durchführte. Aber
+unterschied er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der Mann
+danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen zu erliegen, in
+zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert durch ein Lockbild von Glück
+und Verderben. Ihm war, als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die
+Form vom Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war; ob
+er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine tiefste Begierde.
+In diesem Werk, in dem alles schlecht, wild und verbrecherisch war,
+schien er seine Vollendung zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der
+Morbiden, der Eroberer und der großen Instinktiven.
+
+Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen war die zuckende
+Sammlung, die Menschen eigen ist, welche auf einem vorgeschobenen
+Posten gefahrvolle Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes
+waren markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch packender,
+der Mund fester geschlossen, die Haut etwas fahler, Schultern und Hände
+etwas ruhiger als sonst.
+
+Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie zeigte sich nun
+in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und Schwierigkeit. Das Pulver in den
+unterhöhlten Gängen hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer
+Explosivstoffe bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der Posten
+umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn. Die Nachbarn steckten
+die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt kommt der Herr Kavalier schon jeden
+Tag«, sagten sie und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten
+Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten eine
+Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter eines Postvorstands,
+und was sonst noch in die Höfe und auf die weiße Wendelstiege kam an
+Bedienerinnen, Waschfrauen, Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und
+was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen pflog, das
+alles schnüffelte und raunte. Hätten sie nur etwas Sicheres gewußt!
+Gern verzeiht der Nachbar, wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber
+nichts weiß, wird er zum Torquemada.
+
+Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn vor Erwin zur
+Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den Rat gegeben, diese Winkelzuflucht
+zu verlassen«, sagte Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom
+Schleim verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner
+starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete sie;
+»verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir bevorsteht.« Erwin schwieg,
+doch auf seiner Stirn zeigten sich die ersten Drohungen einer kommenden
+Alleinherrschaft.
+
+Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm« zu stimmen. Er
+hatte da einen Ton von frostiger Majestät, der eine ganze Stadt von
+Schwätzern und Übelrednern zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger
+majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch über der Plebs
+ausdrückte.
+
+Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt, wo auch immer
+Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht der Schatten eines Makels
+auf sie fiel; und diese wirkliche Welt verschmähte doch ebenso wenig
+den Klatsch und Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und
+am Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben. Sie hätte
+die schlimme Nachrede untrüglich empfunden, ein einziger Blick der
+Bezichtigung hätte sie für alle Zeit verscheucht. Aber man wußte,
+daß sie Braut war; man hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen
+Meeren weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners, und was
+diese poetische Kunde, was die Patronanz einer Dame, wie es Frau von
+Resowsky war, nicht vermocht hätte, brachte Virginias Gestalt und
+Wesen zustande, ihr reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über
+ihr schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte sie, man
+umschwärmte sie, und einige Komtessen eigneten sich sogar ihre Art
+zu lächeln an oder beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die
+kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna Schörk nachahmten.
+
+An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia zu
+befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft sein Blick auf
+ihr ruhte, prüfend oder träumend, zuckte sie zusammen, als ob man sie
+angetastet hätte. Mit Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm
+fesseln ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt
+war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt zu haben.
+Er bat demütig um Verzeihung, doch heimlich beglückten ihn ihre
+Vorwürfe, die halb neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch
+verrieten. Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir vielleicht
+zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu mühelos erscheinen;
+es geht mir wie einem, der beständig durch Pauspapier zeichnet. Sie
+gab ihm das zu verstehen, aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum,
+der mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit vielen
+Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die gewußte Last.«
+
+Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung bieten wollte,
+führte er sie an einem historischen Tag, an dem dreimalhunderttausend
+Arbeiter vor dem Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden
+hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte, der geordneten
+Kolonnen, die von unten her kamen, von dort, wo das Schicksal seine
+Gesänge heult. Erwin lenkte den Blick seiner Begleiterin auf einzelne
+Gesichter. Er wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre
+Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen. Während er
+sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges Weib in
+epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin sprang hinzu, hielt die Arme der
+Schreienden fest und trieb müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus
+den Kolonnen schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten
+sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin wieder an Virginias
+Seite war, sagte er: »Es war eine Prostituierte.«
+
+»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise.
+
+»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte er mit
+verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie verdorrte Wurzeln und Augen wie
+entsäftete Früchte. Es ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht,
+ein Leib, der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost
+gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht spüren? Meine
+Ohren sind voll davon, und mich verlangt nach Freude, damit ich
+vergessen kann.«
+
+Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er stehen, schaute
+das junge Mädchen groß und tief an und sagte mit Inbrunst: »Ihr
+Glücklichen! Glückliche Virginia!«
+
+Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich; bis zu diesem
+Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich gefunden. Aber daß er
+es war, der ihr das Glück zuschrieb, schien ihr keine Vermehrung des
+Glückes zu sein. Klang es nicht, als wolle er seinen Anteil daran
+haben, als sei er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die
+empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen und wurde um Dank
+immer verlegener.
+
+Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals zum Ausruhen
+gelangen. Seine heimlichen Gedanken zu durchschauen, wenn er spottete,
+oder wenn er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein
+quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt, daß er mit
+keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die sie häßlich und verräterisch
+nannte, glaubte sie ihn durch Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft
+belohnen zu müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte hatten
+oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich zu ergründen suchte.
+
+Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum Haus gehört und vieles
+von der Stimmung des Hauses bringt und nimmt. Er würde es nie werden.
+Er war der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt, der
+befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert, indem er sich
+gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer Festlichkeit; seine
+Gegenwart erweckte Neugierde, und er verabschiedete sich, wenn die
+Erwartung ihren Höhepunkt erreicht hatte.
+
+Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen auf einmal so seltsam
+wurden! Man wähnte, Blumen noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie
+in seinem Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu einem
+Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder die Wünsche gewisser
+Stunden ausdrückte, einsamer Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden,
+tatkräftiger Stunden.
+
+Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn, der in seiner
+Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt freudiger. Er lehrte sie die Blumen
+kennen; nicht nur dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht
+so groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen, dem Charakter
+nach. Er erkannte die Blumen am Geruch mit geschlossenen Augen; er
+sprach von ihren geistigen und sinnlichen Neigungen. Einige Blumen
+erweckten die Sinnlichkeit der Menschen, andere töteten sie, wie z.
+B. die Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht,
+bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und deutete das
+Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom befruchtenden Wind und vom
+samentragenden Insekt.
+
+Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er es war. Es wäre
+interessant und lehrreich gewesen, aber nicht so eigen. Ohne Zweifel
+wußte er, daß das Liebesleben der Pflanzen zu den geheimnisvoll
+aufschürenden Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend,
+daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen werden muß.
+
+Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen empor. Virginia
+erinnerte sich nicht, solche Worte je vernommen zu haben. Es geschah
+einmal, daß sie aufstand, als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein
+Nebel schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger Sekunden der
+Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl, beleidigt worden zu sein. In
+ihren Zügen erwachte eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war,
+ärgerte sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen wie
+ein Spuk.
+
+Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen. Frau Geßner schlief
+gewöhnlich nach einer Viertelstunde ein. Virginia lauschte gern
+seiner wohltönenden Stimme. Er las Dante und Shelley in bedeutenden
+Bruchstücken; er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa
+von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien. Im glättenden
+Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne vorsichtig an die Gesetze
+der Lebenskunst und der Persönlichkeit.
+
+Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios schimmernden Geschichten.
+Da Virginia leidlich gut italienisch verstand – die bucklige Großtante,
+die am großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet
+–, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms schwelgerisch feiernd.
+Der Titel, den er vorstellte, hieß: Die Freude. Triumph über die
+Materie war das Motto; oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar
+zu bedenkliche Stellen milderte er geschickt, und die bunten Figuren
+tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig verblaßt war, durch das
+aber wundersame Irrlichter huschten, die in den Träumen junger Mädchen
+nicht viel anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge.
+
+Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt mit einer fast
+gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich sie zurück. Doch er
+hatte dann einen herrischen Ernst, der die Abwehr als beschränkt
+erscheinen ließ. =Ihre= unschuldige Sachlichkeit hingegen reizte ihn
+bisweilen zur Frivolität, ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich.
+
+Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd in der Sofaecke,
+und Erwin und Virginia bei der Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz
+voll Frage und Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam,
+überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel der Sinnlichkeit
+durch die Zeiten, von der edlen Kultur der Sinnlichkeit, von der
+Hingabe, von der Großmut, die in freier Hingabe liegt. Er hatte viele
+Wege offen und verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie
+ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine Scham erwachte,
+sie senkte die Augen vor seinem Blick, er bekämpfte den fernen Aufruhr
+der Scham und schürte dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz
+verborgene Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung für sie,
+moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte gegen gewisse Freiheiten der
+Rede und der Schilderung kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre
+Brust war von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so ungeheuer
+fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele niemals erkennen
+konnte. Ungenau spürte sie das Rechte, war lustvoll und verwirrt,
+schweigsam und gern getäuscht.
+
+Aber vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen, daß er, was
+wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft machte. Sie sah sich nach
+Hilfsmitteln um, wenn er sie in die Enge trieb. Sie konnte nicht
+zurückweichen, dann wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig
+gehalten zu werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und
+Bestimmtheit ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie viele
+Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern würde, daß
+von Überlistung keine Rede mehr sein könne. Da verdoppelte sich seine
+Kraft und sein Schwung, und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand
+unausweichlicher die magnetische Gewalt seiner Gegenwart.
+
+Er wünschte aus ihr etwas wie eine _grande dame_ zu machen. Er
+behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte den Ausdruck _grande
+dame_ und bezeichnete ihn als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus,
+wurde aber stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik
+herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme ohne jede
+Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich, doch müsse sie den
+Kopf nicht allzu lässig tragen, meinte er, dadurch beeinträchtige
+sie die vollkommene Linie des Halses und der Büste, verberge sie das
+liebliche Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet
+seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie förmlich mit Händen
+anrührten, erschrak Virginia, und daß sie ihr nicht die Unbefangenheit
+raubten, war ein Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche
+Eitelkeit fremd war.
+
+Er entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders prächtiges und
+kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich Liebenbergschen
+Park bestimmt war. Er wählte ihre Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der
+Blusen, den Schnitt der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit
+immer bedrückterem Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem
+entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er brachte ihr die
+auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn sie in seinem Beisein
+daran roch, kam es über sie wie ein matter, aber gefährlicher Rausch.
+Endlich überredete er sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin
+in Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen fünfhundert
+Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch den Dilettantinnen von
+Bedeutung, die nur nach außen wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem
+von großer Wichtigkeit für eine Frau, die es versteht, einer leblosen
+Minute durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.«
+
+Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und ließ ihn in die
+Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte, das Instrument sei sein Eigentum
+und bleibe es. Dagegen ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als
+Frau Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik hören zu
+können.
+
+Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag seine letzten
+Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe stille lagen und über ihre
+Mauerngevierte der Mond heraufstieg oder die Sterne dunstumschleiert
+sich entzündeten, setzte er sich an den Flügel und spielte. Es
+waren Fantasien. Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild,
+melancholisch, voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt in
+klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen. Da er immer
+weniger von sich selber sprach, nahm er seine Zuflucht zur Sprache der
+Musik, die von seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung,
+von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne, seufzte und ließ
+die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn er so saß, den Kopf emporgewandt,
+war etwas edel Vertieftes an ihm, und sein schlanker Körper ruhte
+ebenmäßig in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen. Dann
+erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn war gerunzelt, sie
+ärgerte sich über die Mutter, die oft Tränen in den Augen hatte, aber
+ihr Bestreben, sich der eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward
+desungeachtet offenbar.
+
+»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und schlug den Deckel
+des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen; Teufelszeug ist es. Sie
+müssen unter die Menschen, vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen
+Sie werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er erzählte eine
+lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse, und plötzlich war
+sein Gedächtnis angefüllt mit pikanten Histörchen, heiteren Schwänken
+und den Alkovengeheimnissen aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen
+Stadt.
+
+Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf, war es, als ob ihre
+Anwesenheit allein genüge, ihn zum Mittelpunkt zu machen. Und wenn
+er den Vornehmsten, den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja
+oft sarkastisches Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er stets
+den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie in den Augen
+aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung, ließ ihr jeden Argwohn
+als Undank erscheinen, und allmählich empfand sie seine Hilfe, seine
+Führung als etwas Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine
+Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche Weise,
+und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender Klatsch ihr zu Ohren
+gelangte.
+
+Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit Wochen nicht
+gesehen hatte und die gerade Anstalten traf, für den Sommer nach Tirol
+zu reisen. Marianne lenkte alsbald, wie es in ihrer Absicht lag,
+das Gespräch auf Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht
+glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber da Virginias
+Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme nicht verließen, erging
+sie sich in grober Deutlichkeit und sagte, es würde sie wundern,
+wenn die Geschichte nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein
+schlechtes Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie
+hinzu, »mit Männern und mit Weibern.«
+
+»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia erstaunt.
+
+»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer. Ich, die
+einzige, die ihn kennt.«
+
+»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.«
+
+Marianne lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes Buch. Mag sein,
+aber wer eine Seite in diesem Buch liest, hat keine Ahnung davon, was
+auf allen andern Seiten steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie
+nach einer kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem
+ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen Begriff
+von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles nur eine Frage des
+Widerstands. Sie machen Epoche in seinem Leben, so wie ein Fasttag im
+Leben eines Fressers Epoche macht.«
+
+Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne sie zu
+verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes an, der
+geschwungene Mund dehnte sich, sie fühlte ihre Pulse rascher schlagen.
+Marianne bot ihr die Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht
+weil es sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war.
+Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche Empfindung;
+ihr war, als beginne sie Erwin zu hassen. Sie kannte noch nicht den
+Haß, sie sträubte sich gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen.
+
+Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner ab, um mit ihnen in
+die Oper zu fahren. Es war sehr heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau
+Geßner Kopfschmerz und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der
+Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und Dunst zitternden
+Raum, da sah sie zwei Augen strahlend und mit fast verschlingendem
+Ausdruck ununterbrochen auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen,
+die mit einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß. Erwin
+stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach kurzer Weile erblickte
+ihn Virginia neben Helene. Er unterhielt sich sehr angelegentlich mit
+ihr, und sein Gesicht hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten
+Ausdruck. Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen,
+neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet, aber ihre Augen
+strahlten dann und wann mit demselben verschlingenden Glanz zu Virginia
+hinüber, die ein solches Unbehagen verspürte, daß es sie die größte
+Überwindung kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte,
+daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren, die sich dann in die
+Richtung wandten, wo Erwin sich mit jener Frau befand.
+
+Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und sagte kurz:
+»Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du willst fort? Warum denn?« fragte
+Frau Geßner, erschrocken über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber
+diese hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb die Mutter,
+welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia in solchen Momenten durch
+Frage und Widerpart zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein
+Gespräch fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen Wechsels
+seiner Stimmung nicht versehen hatte, war einer Ohnmacht nahe. Aber
+als sie die andere nicht mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles,
+auch Erwins bestrickendes Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten
+einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte sie nicht, obwohl
+es furchtbar in ihr zu tagen anfing.
+
+Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit ihrer Mutter
+das Theater verlassen hatte, schmunzelte er. Nachdem der Vorhang
+aufgegangen war, schlüpfte er in seinen Mantel, setzte den Zylinder
+auf, schob den Stock unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend
+und leise vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große
+Freitreppe des Opernhauses hinab.
+
+Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen Bahn, so fuhr
+es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes willen, was hab’ ich da
+getan! Wie es bei phantasievollen Menschen zu gehen pflegt, wenn der
+Impuls zu einer falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles
+Mögliche geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Aber es
+gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings einem ebenso
+falschem Impuls gehorchte, ich werde sagen, daß ich die Mutter zum
+Wagen begleitet hätte; er wird es sonderbar finden, aber er wird nichts
+merken. »Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht,
+frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte und
+verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu Haus werd’ ich dir alles
+erklären.« Und bei der nächsten Haltestelle verließ sie den Wagen.
+
+Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum habe ich es getan?
+grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens. Und sie spürte genau, als
+ob eine Wunde in ihr sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs.
+
+Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei einer
+Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn auf der Straße zu
+treffen, blieb sie unwillkürlich stehen. Erwin wandte sich um.
+»Virginia!« rief er freudig. Dann schüttelte er verwundert den Kopf.
+»Ich wußte, daß Sie zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte
+ihr mit langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte
+Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten.
+
+Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte Erklärung kam ihr
+langweilig und albern vor. Mechanisch steckte sie ihre Nase in die
+Blumen. »Bitte, begleiten Sie mich zu einem Einspänner«, sagte sie
+gepreßt. – »Wollen Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie
+verneinte. »Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen zu
+verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend fort. Virginia atmete
+auf. Sie nickte. »Ich habe jetzt die Lust verloren«, antwortete sie;
+»auch ist es zu schwül im Theater.«
+
+Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem Kutscher die
+Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden. Daß er Virginia
+zu dieser Stunde allein fahren ließ, war fast eine Genialität. Er
+konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als sie ihm mit froher
+Bewegung die Hand reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu
+knacken«, murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich rasch
+entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen, und seine Stimmung
+verfinsterte sich.
+
+Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete die Rosen. Sie
+empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte plötzlich und warf
+die Blumen auf die Straße. Als sie vor dem Hause stand und läutete,
+kam eben die Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie beide
+lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«, sagte Virginia
+verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag nicht.« Und Frau Geßner fragte
+nicht, sie seufzte bloß.
+
+Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten Schlafrock an und
+ging eine Weile im Zimmer hin und her. Dann holte sie Schreibmappe und
+Tintenfaß, setzte sich an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer
+Hand wie sonst, einen Brief an Manfred.
+
+»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit bist, so nah
+bist du heut meinen Gedanken. Ich könnte beten, daß die Zeit schneller
+läuft. Ich war nie so ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die
+Stadt hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald und
+Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche nach Edlitz fahren,
+wo es uns auch vor zwei Jahren so gut gefallen hat. Wir werden wieder
+dasselbe kleine Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten,
+wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von den vielen
+Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut, auf dem Moos zu liegen
+und zu denken, an dich zu denken! Ich möchte so lang wie möglich dort
+bleiben, und wenn wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben
+angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin Liebenberg, da geh’
+ich noch hin, weil ich’s versprochen habe, aber dann ist Schluß mit
+allen Gesellschaften und Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn
+jede Woche ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend über
+die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar darüber zu sein, womit
+man ein solches Übergreifen vor sich und andern rechtfertigen soll. Ich
+bin fest entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins
+Redlichkeit nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in der
+Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu viele Pflichten,
+zu viele Bedenken erwachsen mir daraus, zu viel unreines Gefühl, das
+man dann wieder betäuben muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit
+beschränken. Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles
+mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich glaube, auch dir
+wird es im Grunde lieber sein, wenn du deinem Freund nicht auf eine
+Weise verpflichtet bist, die mir drückend erscheint. Erwin wird das
+einsehen; er hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute
+klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken, wenn
+sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst kann ich nicht klagen ...«
+
+Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte sie sich. Nein,
+sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene überlas, war es ihr,
+als ob in all ihren Worten eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte
+sie schreiben müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du kannst!
+Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie saß noch lange, den Kopf
+in die Hand gestützt, und bisweilen flog es wie Fieber durch ihren
+Körper.
+
+
+
+
+Ein anderes Gesicht
+
+
+Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn Virginia erwartete.
+Das Fest sollte um fünf Uhr beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß
+vor dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt Erwin in der Küche
+auf. »Machen Sie keine Umstände, Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und
+schob die ängstliche Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann
+jede Dame empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit,
+und ich muß Virginia zur Eile treiben.«
+
+Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend die Tür geöffnet
+hatte. Virginia, das Haupt in ihrem weißen Mantel gegen ihn kehrend,
+sah ihn erschrocken an. Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine
+gute Wendung. Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht in
+ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten waren, die selbst
+vor Manfred, obwohl er einmal herzlich darum gebeten, nie die Haare
+gelöst, wollte die unerwünschte Gegenwart des Eindringlings nicht
+willig hinnehmen. Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer zu gehen.
+
+Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen, sie davon abzuhalten.
+Er drehte sein Unterfangen ins Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde
+und streckte flehend die Arme aus, und was er sagte, war so witzig
+und voll Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch Frau
+Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit anderthalb Stunden
+plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal hab’ ich ihr angeboten, eine
+Friseurin zu holen, aber das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden
+Hände an mir vertragen«, gab Virginia nervös zu.
+
+Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn Sie zehn Minuten
+stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er, »werd’ ich Sie aus der
+Verlegenheit befreien, und Sie werden eine mustergültige und stilgemäße
+Haartracht haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr,
+als ich leisten kann.«
+
+Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig. Sie fürchtete,
+blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte. »Können Sie denn das?
+Wieso denn?« erkundigte sie sich verwundert. Er zuckte die Achseln.
+»Nie ist mir das Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und
+schüttelte den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern
+zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte sie lächelnd
+hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s fertigbringen, probieren Sie
+es meinetwegen.« Und befangen nahm sie Platz.
+
+Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen zu, als Erwin ans
+Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet, und da er die Arbeit still,
+flink und mit großer Behutsamkeit verrichtete, gewann Virginia ihre
+Ruhe wieder, und sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit
+gelangt sein mochte.
+
+Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht die prickelnde
+Lust seiner Finger; von den seidenweichen Haaren sprangen elektrische
+Funken auf seine Haut, die ihm die sinnliche Täuschung erweckten,
+als stehe er unbekleidet unter einem lauen, rieselnden Wasserfall.
+Verriet nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte Vehemenz
+seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte, die Entzündung seines
+Gehirns und seines Willens, die unheimliche, in allen Poren wühlende
+Sucht seiner verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen
+Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung, die jünglinghafte
+Spannung des Gesichts ein edles Ansehen, und Virginia, die ihn so im
+Spiegel gewahrte, dankte ihm durch einen ruhigen Blick.
+
+Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks, und eine Stunde
+später setzte sich der Zug der historischen Gruppen in Bewegung. Man
+sah Pagen und Ritter, Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner,
+Ratsherren und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen Sanftmut verbürgt
+war, erinnerte sich vor den Augen der vielen Zuschauer gleichwohl
+an tänzerische Anfechtungen seiner Jugendzeit, und als die Reiterin
+den Zügel riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch ihre
+unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich aus, als zähme
+ein kühnes Burgfräulein den stolzen Araberhengst. »Famos«, murmelten
+die jungen Aristokraten. Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias
+birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen Sammetkleid
+nach Art einer Edeldame des sechzehnten Jahrhunderts und dem Hut mit
+den funkelnd weißen Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen
+einer Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin.
+
+Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von solchem Erfolg
+nicht ein wenig trunken werden sollen? Als sie noch bei der Mutter
+gelebt, unwissend; als nur Manfred allein, aus der unbekannten Welt
+sich lösend, vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von
+alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der dunkelblaue
+Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren, oben werden sie erfüllt.
+
+Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt. Es war
+kein steifes Wesen; die freie Mischung der Gesellschaft kam einer
+reizenden Zwanglosigkeit zustatten. Virginia saß in einem Zirkel junger
+Herren und Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil nahm.
+Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging ihr entgegen. Erwin
+erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig vor sich hin, plötzlich
+tauchte Fritz Kynast vor ihm auf. »Haben Sie meine Schwester nicht
+gesehen, Erwin?« fragte er.
+
+»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht, daß Frau Zurmühlen
+hier ist«, versetzte Erwin kalt.
+
+»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte der junge Mann
+in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie wissen ja, ich habe mich der
+Pflicht unterzogen, sie bisweilen dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind
+alle ein wenig besorgt um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den
+Herbst nach Rimini ins Seebad schicken.«
+
+»Ah, nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut und
+gleichgültig.
+
+»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu gehen?« fragte der
+andere mit mühsamer Freundlichkeit und einem Zug in den Mundwinkeln,
+der Drohungen zu enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas
+davon verlauten lassen.«
+
+»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst davon abgekommen.«
+
+»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen bei den
+Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt. Erst gestern hab’
+ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der Erwin nach Rimini geht,
+unmöglich.«
+
+Die beiden Männer sahen einander schweigend an. Fritz Kynast lächelte,
+Erwin erwiderte das Lächeln nicht. Er nickte jenem zu und entfernte
+sich. Er gewahrte, daß die Fürstin von Virginia weggegangen war, und
+schritt Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten dann
+zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen hatte, befanden sie sich
+in einer ziemlich einsamen Partie des Gartens. Es war ihr unbequem,
+aber sie fand keinen Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren.
+Auch hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab.
+
+»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.«
+
+Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig klang, verstärkte
+den wunderlichen Trotz. Indem sie auf die Erde blickte, hatte sie das
+Gefühl, als habe sie ganz vergessen, wie Erwin aussah.
+
+»Und Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts antwortete, fuhr
+er fort, und seine Worte erschreckten sie, weil sie aus ihnen abermals
+seine schier unbegreifliche Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen
+und Absichten erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach
+einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu Ihren Füßen
+gelegen, und Sie denken an den Frieden eines Bauerndorfs. Sie wollen
+die Welt, die sich zu Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen.
+Das würde sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht
+zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.«
+
+Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt. In dem
+grünlichen Wasser schwammen Goldfische. Ringsum standen schöne, alte
+Bäume. Von fernher tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit
+niedergesenkten Augen.
+
+»Was? was ist lächerlich?«
+
+»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein Spion. Ich fürchte mich
+beinah vor mir selbst. Bin ich denn durchsichtig?«
+
+»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie anzublicken, »ich
+weiß Besseres.«
+
+Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen See hinein,
+und in den See eine Insel, und auf die Insel ein Schloß, und um
+das Schloß einen Palmenhain und Lorbeergärten, und an den Molo ein
+bewimpeltes Boot, und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene
+Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball und Gesang und
+Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe die großen Städte der Lombardei,
+und in Stundennähe die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht der
+Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer.
+
+Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er? war es
+Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß? wollte hinfahren?
+jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit der Mutter im Schlosse hausen?
+und er würde am Seegestade hausen, allein in einer Fischerhütte?
+
+Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich dann mit
+übergeschlagenen Beinen auf den Rand des Bassins. Ihr Gesicht hatte
+einen trocknen und ungeduldigen Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und
+blickte auf ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die
+weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so nah, daß er sich
+nur wenig hätte neigen müssen, um seine Lippen darauf zu drücken.
+Er spürte die Wärme ihres Leibes und vernahm das leise Knistern des
+Gewands. Er sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand den
+Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten Körpers selbst. Und
+ihm war, als könne es von jetzt an nicht mehr anders sein; immer würde
+er die weiße Schulter sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche
+Wölbung ihres Busens.
+
+»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und eintönig; »schon seh’
+ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet. Virginia wird heiraten.
+Virginia wird mit dem Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen
+anknüpfen, Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll und Haben
+führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei, drei ...«
+
+Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar mutig in
+den seinen und sagte befehlend: »Genug.«
+
+Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann. »Genug?« fragte er mit
+einem von Schmerz zusammengezogenen Gesicht. »Was für ein Wort: genug!
+Ein Wort für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist ein
+Sargdeckel.«
+
+»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte Virginia plötzlich
+sanft und beängstigt. Und mit tiefer Entschiedenheit fügte sie hinzu:
+»Für mich wäre es sonst wirklich genug.«
+
+Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen.
+
+»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia und schritt voran.
+Erwin konnte seiner Erregung nicht anders Herr werden, als indem er
+eine Zigarette anzündete; mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch
+in die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine Stunde kommen?
+dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo dieser Engel aus seinem Himmel
+herunter in meine Arme stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem
+Kampf ohne Gnade.
+
+Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine Frauengestalt auf
+einen Weg zwischen den beschnittenen Hecken und schaute mit verstörten
+Augen auf den vollen gelben Mond, der durch die Säulchen einer über
+dem Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann schlug sie die
+Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen.
+
+»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin; »es ist, als könnte
+man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.«
+
+»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug, Mond, genug«,
+erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas in seiner Stimme, was
+Virginia einen Schauer über die Haut jagte. In wenigen Tagen hört das
+alles auf, tröstete sie sich.
+
+»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu beklagen«, begann
+Erwin wieder. »Wir müssen etwas für ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild
+schicken. Ich werde Sie photographieren, so wie Sie hier sind.«
+
+»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert; »aber wo und wann?«
+
+»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den Wagen. Morgen geht
+es nicht, abends hab’ ich ein kleines Herrendiner, nachmittags will ich
+zu Ulrich Zimmermann; ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre,
+daß er krank ist.«
+
+»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?«
+
+»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn er Sie sieht, wird er
+sicher gesund. Vielleicht sind Sie sogar schuld an seiner Krankheit.
+Sie haben ihn schlecht behandelt und zu schwer gestraft für eine
+Unbesonnenheit.«
+
+»Wenn Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude macht, gern. Warum haben
+Sie denn neulich so fremd von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr
+ein, bei welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie haben
+getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und ich habe mich darüber
+geärgert.« – »Ich liebe es nicht, meine Beziehungen zu plakatieren.«
+– »Man kann also jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man
+verleugnet nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen sind, sind
+Feinde, Erwin.«
+
+Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie mit diesen
+Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise, selbst eine Grenze zöge.
+Virginia begegnete seinem Blick, und auf einmal wurde sie dunkelrot.
+Das Spiel wird ernst, dachte Erwin.
+
+ * * * * *
+
+Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten Stock eines
+alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden Hauses. Man mußte
+zuerst den Hof durchschreiten und dann eine Holzgalerie erklimmen,
+die in das Zimmer des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber
+etwas armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche Sauberkeit
+auszeichnete. An den Wänden hingen ein paar Originalskizzen von
+mittelmäßigen Malern und eine große Photographie der Rembrandtschen
+Nachtwache.
+
+Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem braunen Flanelltuch
+bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem Gesicht las er einen
+Brief, den er soeben von seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche
+hatte er dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt, deren
+Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht worden war. Doktor
+Zimmermann bedankte sich für das Büchlein und schrieb weiterhin:
+
+»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn auch deine
+Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte fallen, ein Fehler,
+der auf einem Mangel an innerer Einfachheit beruht, so erkenne ich
+dir doch alle Begabung für den selbsterwählten Beruf zu, die mein
+früheres Mißtrauen und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht
+vorhanden erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst, ich sähe
+dich mit Genugtuung und großer Erwartung auf dem eingeschlagenen Weg
+weitergehen. Nicht zu gedenken der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der
+Mißkennung, der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen
+du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du reichlich genossen
+hast, gebricht es dir auch nach meiner festen Überzeugung an einer
+Eigenschaft, ohne die ein wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt
+dir an Gemeinsinn; ich will es besser soziale Gebundenheit nennen;
+es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention, auf der
+alles Tüchtige und Außerordentliche der Kunst wie der sichtbaren Welt
+ruht, als auf einer Basis von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine
+Zeitgenossen werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem
+Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf durchhöhltem
+Grund oder hängen gänzlich in der Luft, haben keine Herkunft, keinen
+Stammbaum und keine höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten
+Bewußtsein können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst sich nicht
+zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu frühem Tod, was auf dem
+Markt Unsterblichkeit prätendiert. Deine Sorge wegen meiner Gesundheit
+ist, ich hoffe es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut
+ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten Onkel Wilhelm
+Zimmermann.«
+
+Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren, daß Doktor
+Zimmermann mit den Anfängen eines tückischen und höchst gefährlichen
+Leidens kämpfe, daß er sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu
+Rate zu ziehen, und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten
+mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens aus der
+Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem Winkel sitze.
+Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der joviale, lebhafte,
+sprühende Mann, der scharfe Geist und schlagfertige Dialektiker in
+der Melancholie gleichender Todesfurcht, nichts konnte trauriger für
+Ulrichs Ohren klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen.
+
+Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt des Briefes
+überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe, die Türe wurde nach
+raschem Pochen geöffnet, und Erwin steckte den Kopf in die Spalte.
+»Kann man herein?« – »Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand
+da.« – »Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf. Das war das
+Unerwartetste. Schon stand Virginia auf der Schwelle, dann trat sie ins
+Zimmer und reichte Ulrich die Hand.
+
+Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern, was ihm den
+Sinn beschwerte. Er reichte Erwin den Brief seines Onkels. »Mir ist,
+als seien Sie anders geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu
+Virginia, indes Erwin ans Fenster ging und las.
+
+Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände, die auf dem
+Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie aufschlug, fand sie, von
+Ulrichs Hand geschrieben, ihren eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt.
+»Soll das mir gehören?« fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und
+antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt aber ein Bild
+dabei. Soll das auch mir gehören?« – »Wenn Sie’s annehmen wollen, ja.
+Ein alter Stich, aus dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern
+und hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.«
+
+Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem der Sensenmann
+grinsend und lüstern emportaucht. Darunter stand: die Braut.
+Gedankenvoll schaute Virginia darauf nieder: sie ließ den linken Arm
+sinken, und der Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort
+von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich galant
+danach und schaute dann über Virginias Schulter auf das Bildchen. Unter
+seinen schöngeschwungenen Wimpern hervor schoß ein messender Blitz auf
+Ulrich Zimmermann.
+
+»Was halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich Ulrich betreten.
+
+»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen Sie: die
+Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und wenn sie ins Freie
+gehn, laufen sie über die Straße ins Wirtshaus. Wir wissen es ja
+längst: das schlechte Gewissen macht Moralisten, und der untätige Geist
+gebiert Kritik.«
+
+Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur Virginia. Er sah
+nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung von ihr, die sich in der Luft
+bewegte. Nein, sprach es plötzlich in ihm, es ist nicht, es ist nicht!
+Der Kranz auf dieser Stirne kann nicht lügen.
+
+Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die beiden fortgegangen
+waren; wo bin ich? wo lebe ich? lebe ich in meinem Bezirk? treu der
+angeborenen Kraft? Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige
+Zeugnisse entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn das Heute
+eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller Durst nach Ehre, wohin?
+alle Pläne, wohin? alle Träume von Unsterblichkeit, wohin?
+
+ * * * * *
+
+»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte Frau Geßner
+Virginia zu, als diese nach Hause kam. Virginia trat ins Zimmer und
+sah Helene Zurmühlen vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung
+lag, verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das freundliche
+Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig.
+
+Warum war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung angetrieben.
+Eine Reihe von schlaflosen Nächten vermag die Beweggründe eines
+Entschlusses zu verdunkeln. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß
+das Verhängnis unabwendbar gewesen sei und besiegelt vom Anfang an
+her. Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah sich
+des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in dem sie sich für
+gefeit gehalten gegen alle Drohungen des Schicksals. Und es war so
+plötzlich gekommen, ohne Aussprache, ohne Vorbereitung, wie wenn am
+Abend eines Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von ihr
+abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie an, dorthin
+zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte diejenige sehen und spüren,
+die von der Sonne beschienen war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre
+Natur war so beschaffen, daß sie sich in einen künstlichen Edelmut
+wohl hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand aber
+keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war, vor die glückliche
+Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht danach aussah, als ob es ihr
+um die feierliche Gebärde des Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem
+erkünstelten Edelmut dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn
+glücklich macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich
+empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren Kummer zu vergessen,
+wenn sie Virginia versicherte, wie sie es Erwin versichern wollte: ich
+entsage. Der Gedanke, daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren
+Platz einnehme, tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens
+ein. Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend und
+hilflos.
+
+Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre Hände gefaßt. »Ich
+begreife alles,« sagte sie, »ich begreife ihn und Sie. Seien Sie mir
+nicht böse, daß ich Sie derart überfalle, ich weiß, daß ein solcher
+Schritt ungewöhnlich ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist
+das einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt in mir
+ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich aufrecht halten, wenn
+ich auch wie ein Lahmer bin, dem die Krücke weggenommen worden ist. Sie
+bedürfen keiner Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter
+sein, mit Ihnen froh zu werden als mit mir.«
+
+Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer und nahmen
+plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn sie schien erst jetzt der
+Einfachheit des Raumes inne zu werden.
+
+Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war bestürzt und
+aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen, gnädige Frau, wovon Sie
+eigentlich sprechen?« fragte sie höflich.
+
+Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des Hasses aus
+Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum heuchelt sie, fuhr es ihr durch
+den Sinn. Doch faßte sie sich schnell, und mit ihrem gütigen, müden
+und opferwilligen Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß
+Sie sich nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn, und was
+haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben, Ehre, Herz,
+Leben, Zukunft, Kind und Mann, alles ihm, alles zertreten für ihn, und
+mit Freude, das dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden,
+zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein, das ist zu viel,
+vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren. Nehmen Sie sich in
+acht, daß Sie nicht zu seinem Schatten werden.«
+
+Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog ihr Gesicht. Sie
+war keines Wortes fähig.
+
+»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,« fuhr Helene mit
+schmerzlich verzogenem Gesicht fort und in einem Ton von Hoffnung, als
+ob Virginia durch diese Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche
+an Erwin aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht,
+er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und ihre Lippen
+zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende ihrer Situation zu
+spüren. Außerdem erschrak sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen
+Mädchens gewahrte.
+
+»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige Frau,« sagte Virginia
+leise und mit den Zeichen heftigen Widerwillens, »es scheint Ihnen
+nicht bekannt zu sein, daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam
+gegenwärtig auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht
+verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein Einverständnis
+zwischen mir und Herrn Doktor Reiner annehmen, so ist das Ihre Sache,
+nur muß ich Sie bitten, mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.«
+
+Nach diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung etwas
+Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame Verwandlung in Helenes
+Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer Zorn, die herrische Abwehr
+mit dem Hinweis auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge
+in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich des
+Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst schon verspielt, daß
+ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit besessen hatte.
+
+Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken, den
+Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt. So hätte ich geschaffen werden
+sollen, dachte sie mit einem müden Blick auf Virginia, so stark, so
+frei, so stolz.
+
+Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung. Virginia antwortete
+nichts. Helene lispelte einen Gruß. Eine Gebärde verriet die
+schüchterne Absicht, Virginia die Hand zu reichen. Virginia geleitete
+sie stumm hinaus. Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft
+worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel einer
+unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte.
+
+Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer Unbekannten
+nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten erkundigt hätte. Sie ging
+durch viele Straßen, und ganz ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte
+nicht einmal den Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen,
+keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser nachdenken zu
+können. Wenn diese Virginia nicht seine Geliebte ist, dachte sie,
+dann ist ja für mich noch nichts verloren; am Ende ist alles nur
+eine Einbildung von mir. Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin
+zu sehen und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit dem
+ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und von Beredsamkeit, den
+starken, einschmeichelnden und besonderen Worten, die seine Züge so
+bewegt und so vertraut machten.
+
+Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend; sie trat in ein
+Geschäft und telephonierte nach Hause, um zu erfahren, ob das Kind
+schlafe. Ihr Mann war für einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen.
+Gegen halb neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit
+neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie im Stiche ließen,
+richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung mit Erwin.
+Sie gehörte zu den Menschen, die sich leicht der Täuschung hingeben,
+durch Reden, Erklärungen und Auseinandersetzungen könne der Lauf der
+Geschehnisse gehemmt oder verändert werden.
+
+»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner dringend sprechen«, sagte
+sie mit ihrer sanften Stimme zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch,
+zauderte einen Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach einer
+Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück und sagte: »Der gnädige
+Herr bedauert unendlich, er kann nicht abkommen und bittet, ihn zu
+entschuldigen.«
+
+Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt, daß ich es bin?« fragte
+sie matt und geringschätzig. – »Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich.
+Die ungeheure Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden
+Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer Ohnmacht.
+Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus dem Zimmer schallen, und
+auf einmal kam es über sie wie ein Rausch, wie eine Raserei der
+Verzweiflung, die nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und
+Rücksicht. Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine
+geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin mit drei
+jungen Männern am Tische aß. Erwin befand sich der Tür gegenüber. Er
+stellte das Weinglas, das er in der Hand hielt, neben seinen Teller
+und erhob sich. Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte,
+verzog sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen.
+Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die Gäste blickten erstaunt auf
+die junge Frau. Erwin gewann sogleich seine Fassung; er ging Helene
+entgegen und sagte höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es,
+gnädige Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen?
+Darf ich bitten, mir zu folgen?«
+
+Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür gegen den
+linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die mit halbgeschlossenen
+Augen mechanisch schritt, vorausgehen. Dann übernahm er die Führung und
+machte erst in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war es
+finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür.
+
+»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen wollte?« fragte
+Helene atemlos, mit einer Stimme, die zur flehentlichen Abbitte schon
+bereit war.
+
+Erwin blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte er laut, fest
+und mit starrem Mund. Dann erst heftete er die Augen auf die gleichsam
+verlöschenden Züge Helenes; er setzte sich in einen Stuhl und
+verschränkte die Arme über der Brust.
+
+Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht, ein Gesicht,
+das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht kannte und vor dem ihr
+graute; ein Gesicht, in welchem kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von
+Beredsamkeit, von Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes,
+steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein furchtbares
+Gesicht.
+
+Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie mußte sich abwenden.
+Sie wunderte sich, daß sie die Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne
+zu schreien, wie man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes
+schreit. Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer ging
+und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der Halle holte er sie ein,
+sagte etwas, was sie nicht verstand, und entließ sie mit höflicher
+Verbeugung.
+
+Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch so war wie
+am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte sich auf einen Diwan,
+lag Stunden und Stunden, und als es Tag wurde, wunderte sie sich
+darüber. Sie erhob sich, ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle
+Briefe und Aufzeichnungen zusammen, die sie hätten verraten können,
+warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann ging sie
+ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und, bevor
+sie sich entkleidete, trat sie ans Fenster, das nach dem Lichthof
+führte. Sie schaute in die Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie
+sich sorgfältig an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn
+sie ins Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes,
+das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder am
+Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen pfeifend über
+den Himmelsausschnitt droben. Von einer Küche im untern Stockwerk
+klang Tellergeklapper und dazwischen ein schrilles, elektrisches
+Glockensignal herauf. Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch
+übermorgen, vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger Anstrengung
+setzte sie sich auf den schmalen Sims, und sie wunderte sich, daß sie
+etwas tun wollte, was so abschließend und so mutig war. Sie glaubte
+noch nicht, daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten
+noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da gewahrte sie das
+Gesicht in der Luft, das andere Gesicht. Sie ließ die Hände los und
+sank ohne Laut in etwas unsagbar Weiches und Wollüstiges hinein. Sie
+sah die verblüfft glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster, und
+ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht unschicklich,
+wenn Leute kommen.
+
+
+
+
+Reise und Rückkehr
+
+
+Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte vom frühen Morgen an alle
+Türen und Fenster aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte
+sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf fahren, Gina?« fragte
+Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig vor sich hin. Ihr war, als müsse
+sie sich zuvor noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt
+war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, daß er
+ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war ihr gleichgültig;
+desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß kommen.
+
+Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, sah das
+zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten Schultern.
+Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, daß Frauen so vor ihm
+zusammenbrachen, so entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen
+und davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und miterleben.
+
+Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das Jahr hatte sie
+verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, das manchmal zu schwindelnder
+Sehnsucht heranwuchs. Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg,
+stockte ihr Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich
+vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene zu tragen, die
+verbietend war? Es war etwas aufgelöst in ihr. Ein Weg, den sie nicht
+gehen wollte, den sie niemals gehen würde, schimmerte versprechend.
+Langsam wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die Brust, und
+von den Hüften empor zum Halse glitt ein lauer Hauch, der den Kontur
+des Leibes empfinden machte, den Blick schamvoll von der Welt weglenkte.
+
+Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem Jahr. Das Blühen
+wogte bis über die Dächer, und in den Kellern sangen die Wurzeln. Der
+Mond stand am Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der
+ausgestreckten Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken flammten
+schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht mehr die strenge Scheu,
+die sie bis jetzt in ihren Gedanken der werbenden Liebe Manfreds
+entgegengesetzt. Sie rief nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine
+Nähe, wünschte seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem
+schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit bewußt.
+
+Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. Sie erinnerte sich
+nicht, geschlummert zu haben, dennoch hatte sie geträumt. Seltsame
+Dinge hatte sie gesehen. Sie stand in der Halle von Erwins Haus und
+blickte durch offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen.
+Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn junge Mädchen,
+alle mit ganz dünnen Schleiergewändern bekleidet, durch welche die
+Haut leuchtete. Die Gewänder waren von reizvoller Verschiedenheit
+der Färbung; eines war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte
+scharlachrot, das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste
+ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen wie Blumen.
+Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen schwarze Larven vor dem
+Gesicht trugen. Sie sprachen nicht miteinander. Eine saß am Klavier und
+spielte ein Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, und
+in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas planvoll Verführerisches,
+das Virginia abscheulich erschien. Als sie sich von ihnen entfernte,
+kam sie in ein Gemach, das sie vorher noch nie betreten hatte, und
+sich umschauend gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die
+einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. Der Knabe mochte
+ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte ein glühendes Gesicht, und seine
+Augen glichen auffallend den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu,
+war aber blaß und nachdenklich.
+
+Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder und Vorgänge nicht
+durch sich selbst bestanden, sondern daß sie von Erwin heraufbeschworen
+schienen, der wie ein unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und
+vorüberziehen ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half
+nichts, das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich wünschte
+sie nur, ihn zu sehen.
+
+Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der Wagen da sei,
+war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm bekleidet, in
+welchem sie photographiert werden sollte. Doch Erwin hatte ein
+Briefchen mitgeschickt, in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute
+zu erlassen, sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie sehen,
+denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog sie sich um. Trotz
+dieser Nachricht betrat sie die Villa mit einer noch fortwährenden
+Verwunderung über ihren Traum und in einer schmerzlichen und
+ungewohnten Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, aus
+denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, und als Virginia in die
+Bibliothek trat, gewahrte sie in der Mitte des Raums eine riesige weiße
+Porzellanvase voll von weißen Rosen.
+
+Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, bemerkte aber
+bald, daß er auf einer Ottomane lag, und erschrak über seinen Anblick.
+Er war aschfahl. »Um Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie
+stockend. Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit
+ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben ihm nieder und
+wiederholte ihre Frage im liebevollsten Ton.
+
+Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, trunken von
+Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie klingt wie ein Cello. Beinahe
+hätte er die Arme um sie geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine
+Vorsicht, zu früh!
+
+»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt und ist
+tot«, sagte er matt und versank wieder in sein bleiernes Hinbrüten.
+
+Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf dem Stuhl sitzend,
+vor sich nieder, Tränen in den Augen. Schwer fiel es ihr aufs Herz,
+daß sie das unglückliche Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von
+sich gehen lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das getan,
+dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! Erwin streckte seine Hand
+nach ihr aus, als verlange er nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde
+zu begehen, wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte
+nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die seinige,
+als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, für ihre menschliche
+Verfehlung eines verzeihenden Worts, für ihren Traum einer Deutung.
+
+Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd und erkennend.
+Mechanisch starrte sie die Hand an, die er gedrückt hatte; er hatte
+die einzelnen Finger förmlich geliebkost. Nie war ihr eine Hand so
+bloß erschienen wie die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch
+niemals gehabt, seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau mit dem
+zerschmetterten Körper!
+
+Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender Glut auf den
+Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern nachmittag bei mir«, sagte sie.
+Erwin richtete sich empor. »Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu
+beschuldigen?«
+
+»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia bitter.
+
+»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften Treue ein ganzes
+Leben voll unentschiedenen Schwankens aufwiegt«, sagte Erwin düster.
+»Diese phantasielosen Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine
+Gegenwart besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern sie
+Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht gebunden sein.«
+
+Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, der Saft wird
+ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, entgegnete sie, »und alles
+übrige sind Worte und nicht einmal ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu
+gut, um zu sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die sind
+da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt gegen das Fenster.
+
+Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, nein,« sagte er
+leise und geheimnisvoll, »was uns zu den Frauen zieht und was uns von
+ihnen scheidet, sind Dinge, die von der Tierheit kommen, und andere
+Dinge, die unsagbar und traurig sind und viele Verheißungen enthalten
+wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.«
+
+»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile habe«, unterbrach
+ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir
+einmal von einem jungen Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer
+Freunde verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat mir sehr
+leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern Sie sich nicht?«
+
+»Nein, ich erinnere mich nicht.«
+
+»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende Himbeere nur ein
+Unkraut. Seit der Stunde ist es für mich festgestanden: wenn vor Gott
+und den Menschen entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen
+und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, Erwin, die
+würde nicht lange dauern.«
+
+Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich nicht«, versetzte
+er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. Ich liebte sie, weil ihr Haar
+einen unaussprechlichen und unvergleichlichen Geruch besaß, einen
+Geruch nach Milch und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn
+verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch deswegen
+liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten wußte, die ich bei
+keiner andern Frau getroffen habe. Wenn ich in das Zimmer trat,
+errötete sie. Es war, als würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß;
+sie machte damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf eine
+zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick und Gebärde schon,
+ohne zu feilschen.«
+
+Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete gierig, wie sie nun
+selbst errötete, ganz langsam, von den Schläfen aus über die Wangen
+herab bis zum Hals. Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre
+zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den Lidern. Sie schickte
+sich an zu gehen. »Verlassen Sie mich denn, Virginia? Freundin?« fragte
+Erwin leise, indem er zu ihr trat.
+
+»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, ihn anzuschauen.
+
+»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem Nachdruck zu fragen
+fort, von ihrer Befangenheit beglückt.
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel mit Ihnen zu
+sprechen, Virginia.«
+
+Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Auf Wiedersehen«,
+sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß war gefaßt. Das Einverständnis
+mit der Mutter war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden
+Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer und Körbe gepackt.
+Frau Geßner war überzeugt, das alles entspreche einer Abmachung mit
+Erwin. Am nächsten Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in
+einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof.
+
+Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der Wohnungstür läutete
+und dann vom Hausmeister erfuhr, die beiden Frauen seien aufs Land
+gereist, erbleichte er vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er.
+Außer sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was denken. Ihr
+nachzufahren, wäre die größte Dummheit, die ich machen könnte, sagte er
+sich; nein, nein, meine Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in
+die Ketten beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter
+denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst mich rufen.
+
+Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von Virginia; sie
+schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem entlegenen Dörfchen sich
+der gewünschten Stille erfreue. In der ersten Nacht habe sie mit der
+Mutter im Gasthaus logiert, doch gestern hätten sie eine kleine
+Villa unfern vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. Ein
+trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher hätte sein
+können.
+
+Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf die Stücke. Er
+begab sich in das obere Stockwerk der Villa, öffnete ein geräumiges
+Zimmer, das gegen den Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und
+betrachtete prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem
+Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel hatte. Er
+läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner und den Hausmeister,«
+befahl er, »es muß hier umgestellt werden; das Bett, der Kasten und der
+Waschtisch aus dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie gehen
+in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel da aufgeschrieben ist.
+Die Adressen der Firmen stehen dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt
+Papier, auf dem die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert
+waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, alles von
+ersten Lieferanten. »Nehmen Sie drinnen einen Wagen und bringen Sie die
+Sachen gleich mit heraus«, sagte Erwin.
+
+Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. Es war ihm in den
+Preisen ziemlich freie Hand gelassen worden, und er hatte selbst
+gewählt, nicht zur Unzufriedenheit seines Herrn. Erwin hatte die neue
+Einrichtung des Zimmers, welches das entlegenste und stillste des
+ganzen Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die Wände
+gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene Karaffen und
+feines Porzellan; nun brachte er die Wäsche und Kostüme selbst in den
+Laden und im Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte
+er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und empfangsfrohen
+Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster wieder schließen, schaute
+auf der Schwelle noch einmal in das dämmrig gewordene Zimmer zurück,
+lächelte, als er ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der
+Bettdecke zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den
+Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte dicht hinter
+ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell drehte er sich um.
+Es war Marianne von Flügel. »Du hier?« fragte er erstaunt.
+
+»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung.
+
+»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer hat dich denn da
+heraufgeschickt?«
+
+»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, was treibst du?
+Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es nicht vor Jahren die arme
+Amelie Castro bewohnt, die einzige, der du sozusagen ein häusliches
+Glück gegeben hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und warum
+sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? Darf man das
+Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?«
+
+»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten kann«,
+versetzte Erwin stirnrunzelnd.
+
+»Ich weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne und schritt an seiner
+Seite die Treppe hinab. Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich
+unter dem Schatten des aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber.
+Erwin blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren stark
+gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie löffelte bedächtig
+das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und erzählte, daß sie ein paar
+schwierige Bergtouren gemacht habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich
+aber zumeist gelangweilt habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich
+bequem in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr eigenen
+Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an.
+
+»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal für dich«, sagte
+sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; am Ende will er auch nichts
+wissen. Ich habe mir berichten lassen, daß er Beweise sucht für eine
+Untreue, die er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die
+Leute aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz genau,
+was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, wie man so sagt,
+trotzdem hat er in dem Wahn gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er
+ist ein guter Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger und
+ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird nichts unternehmen,
+denn er scheut den Lärm, und er sagt sich wahrscheinlich: Was kann
+ich gegen einen Erwin Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen
+dich ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen
+aufgeklärt worden, und sie werden alles tun, um dir zu schaden. Fritz
+Kynast ist gestern nach England gereist; er soll seiner Mutter und sich
+selber das Gelübde abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt
+Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu ziehen. Also hüte
+dich.«
+
+Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. Aber du, Marianne,
+beschämst jeden Detektiv.«
+
+»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich ernst geworden; »es
+ist eine Eigenheit der Gesellschaft, daß sie die tollen Streiche ihrer
+Günstlinge so lange duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf
+einmal ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau von gutem
+Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet und verlockend. Aber
+laß einen Skandal daraus werden, und du bist gemieden wie einer, der
+die Pest hat. Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit
+ersparen.«
+
+Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, die in den schrägen
+Strahlen der Sonne schwärmten. Er riß eine Orchideenblüte aus dem
+Strauß, der auf dem Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran
+und warf sie auf die Erde.
+
+»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die Stadt
+zurückgekommen?« fragte er.
+
+»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits heiraten will.«
+
+»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer Entschluß.«
+
+»Ja. Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem kompletten Ruin.«
+
+»Und wer ist der Auserwählte?«
+
+»Wer es ist? Du bist es.«
+
+Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von Ärger, halb von
+Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst du das anstellen?« rief er.
+
+Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden und nervösen
+Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich von dir heiraten lasse.
+Du lachst? Du staunst? Das ganz Einfache ist immer erstaunlich. Ich
+werde dich in meine Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen,
+daß sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich will
+nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander passen, daß wir viele
+gemeinsame Interessen haben, daß wir einander nicht stören, uns hübsch
+aus dem Wege gehen werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen
+werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb Jahren zu deinem
+Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten gemacht hast, und daß du
+dich nicht wundern darfst, wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf
+den Kopf gefallen, die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert
+habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. Die Dienstboten
+sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, und so ein bißchen
+Palastrevolution muß dir doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem
+will ich nicht reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende
+vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen, wenn du mir
+zweimalhunderttausend Gulden schenktest. Ich muß der Sache von innen
+her beikommen, ich muß einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine
+Position haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten
+Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann ich nur durch die
+Verwandlung und die Sicherheit, die mir dein Name und deine Stellung
+geben. Was aber dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir
+der unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, mein
+lieber Freund, denn abgesehen von dieser Affäre mit Helene Zurmühlen
+hast du auch noch eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto,
+vergiß das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen wirken, dann
+ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun sieh selbst, gründlicher und
+klarer kann man nicht sein.«
+
+Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend Marianne
+an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag standhielt. »Fein
+gesponnen, bewundernswert fein gesponnen«, sagte er endlich nach
+einer langen Pause. »Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse.
+Das leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. Aber
+eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse übertragen, wird
+schon wieder zum Fehler. Ich beweise es dir, indem ich mich aus deiner
+Rechnung schlankweg ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht
+eine der Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. Und
+ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, die du daraus ziehen
+wirst.«
+
+Marianne stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, daß du
+gleich für mein Projekt zu haben bist«, erwiderte sie spöttisch. »Ich
+habe noch Zeit. Vielleicht entschließest du dich in einigen Wochen; wer
+weiß, was sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert mir
+nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner Lage unterschätzest.
+Du hältst dich für stärker, als du bist. Du bist die Kreatur der Welt,
+die du zu verachten vorgibst, und eher würdest du in einer andern
+Welt Schuhe flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum
+Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals wird nicht mehr
+als gelungener Witz passieren, deine Aktien stehen schlecht, so etwas
+richtet sich eben nach der Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich
+hör’ ich bald von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter
+Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte sich nicht.
+Sie zuckte die Achseln und ging.
+
+In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht schlafen. Er verbrachte
+die Stunden teils mit Lektüre, teils damit, daß er in seinem Geist die
+Erinnerung an Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung
+führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm er die Gedichte Ulrich
+Zimmermanns zur Hand und fand sie dürr und allgemein. Er beschloß,
+sich von Ulrich abzuwenden. Um vier Uhr ließ er die Gestalten der
+übrigen Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den Stab, mit
+Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl der Furcht vor Palester stieg
+in ihm auf.
+
+Er sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der erste Lenztag, von
+besonderem Geist und besonderer Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen
+einer gewählten Verderbtheit, lachend wie ein griechischer Gott und in
+Freuden erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er sich
+im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. Die Welt war
+zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem Druck seines Geschicks, einer
+Epoche des Stumpfsinns, der ehrlosen Streberei, der uninteressanten
+Anständigkeit zuzugehören.
+
+Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte eine junge Russin
+kennen, die durch ihre fabelhaften Toiletten Aufsehen erregte, und
+reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. Und wie er es in jener schlaflosen
+Nacht vorausgelebt, begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut,
+vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, die auf
+ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen hinwies. Er war der Sohn eines
+deutschen Diplomaten, in Eton erzogen, und befand sich mit seinem
+Hofmeister auf der Reise von Paris nach Italien.
+
+Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm anzufachen, die
+in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele ist und deren Verlauf oft
+das Schicksal der späteren lenkt. Rolf von Hendrichsen verließ seinen
+Begleiter und fuhr mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen
+in Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten in der
+Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung der Skaligergräber bei
+Fackellicht erzeugte, sie träumten in den verwilderten Gärten und
+toten Palästen Ferraras, wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein
+durch den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff und
+fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und Erwin rief: »Hier
+bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch mit einem Ausdruck, als ob
+die Wüste seine Heimat wäre.
+
+Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm verursacht. Der
+Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, Verfolgung wurde
+beschlossen, und die Angehörigen des Jünglings hatten Mühe, ein
+öffentliches Ärgernis zu verhindern. In Syrakus wurden die beiden
+Freunde durch ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen
+überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein Baron
+Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der Familie Hendrichsen, ein
+feiner, edler Greis, bezeugte der empörten Beredsamkeit Erwins seine
+Anerkennung und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines Abends
+saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer Hotelterrasse in
+Taormina, hoch über dem Meer. Rolf sollte am andern Morgen mit Herrn
+von Marlotti heimwärts reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man
+sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der Jugend, von der
+Schönheit, lauter Dingen, die nach Erwins und Marlottis Übereinkunft
+verloren gegangen seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen.
+
+Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie zwischen Blick und
+Mundlinie, behauptete der Greis; bei Männern, die von einer wirklichen
+Leidenschaft besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen
+das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen Weise.
+Er ließ durchblicken, daß er Erwin für einen dieser Besessenen halte.
+Erwin schüttelte seufzend den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und
+unentbehrlich«, erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum,
+die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris Myrrha, ich
+liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den Schritt einer Frau, aber ich
+kann nicht auf die Blume verzichten, wenn ich nur dadurch allein die
+Frau gewinnen würde.«
+
+»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte gegen Marlotti
+hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so vollkommen ist, daß sie sich ihm
+versagt.«
+
+Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, zurückgelehnt
+in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen gegen den dunklen Atlas
+des gestirnten Himmels gerichtet. Die hinreißende Kraft seiner Worte
+erweckte ein großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War das
+noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch geadelt hatte,
+das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier wandelte die Verderberin,
+herrlich schimmernd erhob sich über dem Sumpf der Großstadt das
+unergründliche Sinnbild des Verderbens, gekleidet in die Unschuld.
+
+Es war interessant, es war lehrreich, und es war schauerlich. Ein
+Gesicht ist hierher gewendet, und ein Gesicht ist dorthin gewendet;
+hier ein loderndes und stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht,
+ein wissendes Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges
+Gesicht. Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an Glied
+gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, das war in seinem Mund
+problematisch und voll Dämonie. Und er spürte, wie er Virginia haßte,
+unsäglich haßte, und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt.
+
+Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche Dinge
+zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige Alte, nachdem sie seine Hand
+betrachtet: »Verführung, Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten,
+Marlotti blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es ist nicht so
+unwahrscheinlich.«
+
+»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, an den Tod glaub
+ich nicht.«
+
+Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt einige Briefe von Frau
+Geßner. Er wurde aus keinem dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz
+aus die Wohnung in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage
+in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung in Gersthof
+gemietet, nur eine Viertelstunde von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm
+gefällig zu verstehen gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur
+Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe seiner Abreise zu
+erhalten. Unumwunden zu fragen, hatte sie nicht gewagt. Von Virginia
+schrieb sie nichts.
+
+Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten Rausch
+ergeben hat, um zu vergessen. Er schlug alle Töne an von der Müdigkeit
+bis zur Wut, von der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch
+das Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine Zeile von ihr
+wäre mir so viel wie einem Fieberkranken das Chinin,« schrieb er,
+»ihr Schweigen ist wie Vitriol auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er
+schreckte nicht davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er
+verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu vernichten.
+
+Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe aus der Hand
+eines Mannes zu einer Frau gegangen. Vielleicht nie zuvor hatten Worte
+der Leidenschaft mit so versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung
+so in Heimlichkeit, Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt
+und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, Sehnsucht und das
+Feuer der Seele in solchem Grade meisterhafte Berechnung gewesen.
+Virginia mußte zum Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in
+ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und eine Begierde nach
+Auflösung rätselhafter Art. Aber sie antwortete nicht.
+
+Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, aber er
+blieb. Da erhielt er Ende August einen Brief von Frau von Resowsky.
+Sie schrieb, es sei ein höchst albernes Gerede von einem fingierten
+Duell zu ihren Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis
+ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es Zeit, die
+meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal der Klatsch Boden gewonnen
+habe, werde es nicht mehr möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen
+Freunden schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen Sinn,
+zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen üble Dinge auch darüber
+gemunkelt würden.
+
+Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. Der Gedanke, zu spät
+erwogen, daß Virginia von dem lästerlichen Unfug erfahren könne, machte
+ihn bleich vor Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein und
+benachrichtigte Marianne sogleich.
+
+Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein schillernder Glanz
+in den Augen verriet eine gleichsam festgefrorene Energie, welche die
+Triebkraft einer Wahnidee besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte
+Erwin zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah im
+Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee der Jugend
+abgestreift war, das leichte Kind, den Genossinnen von Spiel und
+Tanz noch nicht entführt, noch liebenswürdig in seinem Werben um den
+Prunk der Welt und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von
+treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft.
+
+Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. Da war
+keine Lockung mehr.
+
+Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das ihn stets
+belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde hart. Anstatt zu bitten,
+forderte er. Marianne lachte ihn aus. Sie schickte sich an, zu gehen,
+er hielt sie zurück. Noch eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut
+miteinander. Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte sie
+ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete ihn mit Hohn, und
+er schien ihr Recht zu geben, aber sein unsinniges Verlangen wuchs,
+indem er sich preisgab. Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu
+nennen, und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte durch
+Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel.
+
+Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre Virginia, wie sie den
+Mond mit ihren Armen umfaßt hielt, damals am Wasserbecken im Garten,
+das Antlitz hingewendet, aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend,
+daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht mehr
+ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst der Schamloseste
+der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert werden konnte. Deine
+Himmelshöhe kann mich nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er,
+und seine Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine
+Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, ein Herabzerren
+ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne von ihm wünschte. Der wildeste
+Trotz schäumte in ihm, und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch
+dann wärst du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden,
+auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den Beweis zu liefern,
+daß sie seine niedrigste Dienerin würde, indem sie ihn in ihrer Macht
+wähnte.
+
+Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte zu
+ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, aber mehr als den
+gesellschaftlichen Sturz fürchtete er jetzt die Zersplitterung seiner
+Kräfte. Alles erschien ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel
+führte, und er glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der
+Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu rächen, die er den
+Einrichtungen entgegensetzte, welche für heilig und nicht verletzbar
+galten.
+
+»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch knüpfe ich
+zwei Bedingungen daran. Du gehst zur Baronin Resowsky und erklärst ihr,
+daß ich mich mit deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als
+selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen deine Person
+nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen Ausweg zu verrammeln.«
+
+»Gewiß nicht.«
+
+»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals erschienenen
+Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau von Resowsky wird dann Sorge
+tragen, daß man im Klub erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite
+Bedingung ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn
+ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der Welt gelangt.
+Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. Bis dahin bleibst du auf
+meinem Landgut bei Takern in der Steiermark.«
+
+»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem Lächeln.
+
+»Bist du damit einverstanden?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich habe dein Wort?«
+
+»Du hast mein Wort.«
+
+»In acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut werden. Von einer
+kirchlichen Zeremonie ist natürlich keine Rede. Unmittelbar nach der
+Trauung reisest du nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt.
+Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch meinen Advokaten
+anweisen lassen.«
+
+»Ich verstehe«, antwortete Marianne.
+
+»Bleibt es dabei?«
+
+»Es bleibt dabei.«
+
+Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein Va-banque-Spiel.
+Ihre Brust war voller Kälte, und der Sieg stimmte sie nicht
+zuversichtlich. Sie hatte Angst um sich, Furcht vor Erwin, und der
+tödlich verwundete Stolz hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung
+an eine Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt,
+die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren Stolz, den sie selbst
+zertreten, großmütig wieder aufrichten werde. Dies hätte sie ihm
+überschwänglich danken, dafür hätte sie hinsinken können, doch nun war
+alle Herrschaft im Bösen.
+
+Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche Verbindung
+in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen dienten der Gutsverwalter
+aus Takern und dessen Sohn. Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem
+Reisegepäck. Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof.
+
+
+
+
+Feïnaora
+
+
+Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für seine nächsten
+Freunde nicht mehr zugänglich. Er brach eine Arbeit von leichter
+Haltung ab, um sich der schwierigen und profunden Untersuchung
+eines mathematisch-philosophischen Themas zu widmen: »Der Begriff
+der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er mußte bis
+zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht dem Gefühl einer
+Leere zu verfallen, das ihn rasend machte wie Zahnweh, ihn vor sich
+herabwürdigte und unerbittlich zu den Menschen trieb.
+
+Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte sie, er probierte
+sie, er genoß sie, er verwarf sie. Alle, alle, alle. Er hatte die
+Wirkung gespürt, durch welche die genialsten Geister der Zeiten die
+Menschheit in Atem hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität
+in sich zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. Er
+wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, indem er lächelte.
+
+Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten fuhr er zur
+Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, verrufene Orte zu
+besuchen, Tanzlokale letzten Ranges und Verbrecherkneipen. Es waren
+Abhärtungskuren für die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war
+nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als Elemente der
+sozialen Ordnung. Die Flut, in der er schwamm, hatte seinen Organismus
+gestählt gegen den Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und
+sein Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die schärfsten
+Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und so war es Würze, wenn er,
+von den Schwaden des ekelsten Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias
+emportauchen ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach
+durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust.
+
+Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia noch den ganzen
+September auf dem Lande verbringen wolle. Er fand dieses Schreiben
+gleichzeitig mit einem Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als
+er eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des Freundes, und
+seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte und las aber- und abermals.
+Dann steckte er es in die Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht
+nahm einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte beide
+Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen Augen: »Nun hilf
+mir, Feïnaora, du Geschöpf der Inseln und des Meeres!«
+
+Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie geheimnisvoll erschien.
+Noch einmal löste sich die Spannung, er fiel wie vernichtet in einen
+Lehnsessel, schlief wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte,
+sah er zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner geschickt,
+aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte auf der Seite, die er
+leer geglaubt, vier Worte von Virginias Hand: »Ihre Schutzbefohlene
+grüßt Sie.«
+
+Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr seit mehr als sechzig
+Tagen, dieser warnende, erinnernde und fast drohende Gruß. Erwin
+schüttelte bedächtig den Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort
+nach Edlitz zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst fuhr am
+Nachmittag mit dem Automobil.
+
+Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen mußte, erregte
+trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. Drei niedrige Zimmer,
+mit verruchten Ölbildern behangene Wände, wacklige Stühle und ein
+liliputanisches Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen;
+er beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem Virginia mit
+ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr abends, als sich Erwin auf den Weg
+begab. Alle Fenster der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan
+war ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, etliches
+Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit tiefherabhängenden Zweigen war
+eine Bank. Erwin setzte sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben,
+inmitten des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es mochte
+wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also.
+
+Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst nicht im ersten
+Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr träumereiche Zeit. Sie
+träumte, daß sie sich in einer fremden Stadt befand. Die Straßen sind
+leer, es ist sehr kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut
+hinauf. Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. Sie
+weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt zu ihm muß. Es
+ist von Wichtigkeit, sie darf keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt
+sein Gesicht an der Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch
+unterscheidet sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend
+eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe mit zahllosen steilen
+Stufen muß erstiegen werden. Es ist schwer, sie wird müde, sie denkt:
+warum kommt er mir nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr
+jemand, den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt
+ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet sich um die Mauer,
+will’s denn kein Ende nehmen? Gott sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was
+ist das? Der Raum ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie
+sich aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß.
+Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred geht unten auf
+einem schmalen Weg und schaut herauf, verwundert, fremd, gleichgültig,
+mit einem Gesicht, das klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine
+Flamme. Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, des
+unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die zu wachsen scheint,
+sie weiß nicht warum, entpreßt ihr einen lauten Angstschrei, und sie
+erwacht.
+
+Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen Pause antwortete
+Virginia beschwichtigend und erhob sich dann, um, wie sie zu tun
+gewohnt war, ans offene Fenster zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach
+oben und blieben an den Sternen haften.
+
+Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der Finsternis in
+das bläuliche Licht hervortreten, das auch ihr Nachtgewand bläulich
+schimmern machte. Wenig fehlte und er hätte den schützenden Schatten
+verlassen, um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff ihn
+Verzagtheit.
+
+Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus vielleicht wie die
+seine; er fühlte die Nachtkühle über die leichtbedeckten Schultern
+huschen und wie die Glieder fröstelten.
+
+Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief er lange. Er
+schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt zurück, ihm sein Feldbett
+zu holen. Als er vormittags gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen
+stand, das etwa tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia
+auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern belauscht. Ihr
+helles Sommerkleid leuchtete durch die undichten Zweige. Sie hatte ein
+Buch auf dem Schoß und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen
+Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in die Augen.
+
+»Erwin«, sagte Virginia.
+
+Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand übergab. Ihre
+Freude war so mit Furcht gemischt, daß sie sich des Eingeständnisses
+von Schwäche, das in der hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst
+nach dem Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich wieder;
+mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie die unwillkommenen
+Zeichen, die zu viele einsame Stunden verrieten.
+
+Frau Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt sah. Sie war
+redselig, neugierig, zapplig und etwas konfus. Da das Wetter schön war,
+beschlossen Erwin und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut
+und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, schwieg sie eine Weile
+verlegen. »Was war denn eigentlich los?« fragte sie auf einmal hastig.
+»Haben Sie sich mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus
+ihr herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam Virginia zurück,
+lächelte die Mutter flüchtig an und rief: »Gehen wir!«
+
+Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und beinahe gleich
+großen Gestalten lange. Wie gut ihm der graue Dreß steht, dachte
+sie, wie leicht und kerzengerade er schreitet; und sie, das weiße
+Musselinkleid, die weißen Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«,
+murmelte sie und seufzte.
+
+Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der sogenannten buckligen
+Welt. Virginia dachte: er ist anders als in der Stadt. Erwin dachte:
+sie ist dieselbe auch in der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung
+erst durch sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte die
+seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von seiner Reise, aber er
+schien nicht bei der Sache. Virginia merkte es und teilte seine Unruhe.
+
+Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. Virginia lag gern
+in der Sonne, nur den Kopf barg sie im Schatten. Aber die Strahlen
+fielen dennoch auf ihr Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem
+Hut. Im Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, in
+denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte den Kopf und roch die
+säuerliche Feuchtigkeit der Erde.
+
+»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte sie. – »Vor ein
+paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? ich bin schon seit vierzehn Tagen
+ohne Nachricht. Was schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht
+wissen? Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, denn
+seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit.
+
+»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred Geheimnisse vor
+Ihnen hat. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen. Hat er Ihnen von
+Feïnaora geschrieben?«
+
+»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?«
+
+»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie zu.« Erwin setzte sich
+aufrecht, nahm den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las.
+
+»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine Nachricht mehr von
+dir. Bis in den indischen Archipel waren deine Mitteilungen von
+dankenswerter Häufigkeit, wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich
+gewünscht hätte. Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man
+bei der Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das zu
+Weihnachten keine Geschenke bekommt.
+
+»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, Neuguinea nach
+Sydney und von da über die Cooks-Inseln hierher nach den Marquefas.
+Von nun ab verlegen wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den
+Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, werden wir fern von der
+übrigen Menschheit an den Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht,
+die nichts Verlockendes hat. Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts. Bis
+Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf Neuseeland, die
+weiteren Stationen werde ich rechtzeitig melden.
+
+»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein Tagewerk, das in
+unseren Breiten noch erfrischend wirkt, ist in den Tropen schon ein
+Übermaß. Einige Mitglieder der Expedition sind vom Fieber nicht
+verschont geblieben, und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir
+im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen Malabar und
+der Torresstraße ist der Körper stündlich in Gefahr, einer tödlichen
+Erschlaffung zu unterliegen, und die Feste, die das Auge feiert,
+müssen mit einem beständigen Kampf gegen den unsichtbaren Feind
+bezahlt werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren ist,
+schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie Gespenster auf Deck
+herumwankten. Ich lebte meist von Früchten und Reis. Es wächst dort
+eine Frucht, die Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne.
+Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste Idee
+davon, dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen
+Sherry und anderes Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch
+süß, sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts auf Erden,
+und je mehr du verzehrst, je weniger kannst du aufhören. Aber diese
+selbe Frucht, leider! verbreitet einen entsetzlichen Gestank, und
+bevor man sie öffnet, scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu
+bringen. Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit.
+
+»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling erzählen,
+von Tauben mit Korallenfüßen, von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer
+der Vulkane, von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg
+oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? Das haben viele schon
+getan. Meine Feder ist zu armselig. Diese Dinge bereichern, indem
+sie entzücken. Anders der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die
+bereichert, indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig,
+der neben mir ging und dessen Namen ich nicht kannte. Zu Hause
+beruhigt man sich bald, Gewohnheit und Anpassungszwang machen das
+Fremde unscheinbar. In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen
+könntest, man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer eine
+tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der schauerlichen
+Glut des Maschinenraums haust und wie ein Kerkersträfling durch den
+Ozean fährt. Ist er nicht ein Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf
+gegen meine Bequemlichkeit? Ich sehe den Chinesen, der fern von
+seiner Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, der zu
+fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er spricht und durch
+Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. Da ist der demütige Malaie,
+der eitle Ambonese, der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer,
+dessen Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und dessen
+Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung und dem Druck der
+salzigen Lauge. Dann triffst du die Goldsucher, die in einer durch
+die Not geschmiedeten Kameradschaft die öden Steppen Australiens
+durchziehen, um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen
+Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu können, dessen
+Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends verzehren wird; oder den
+Farmer, der in einer Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die
+wir nicht einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut kämpft,
+und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen kostet, wenn er
+die widerspenstige Viehherde zum nächsten Markt an die Küste treiben
+muß. Auch dem verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter
+mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und dem von
+frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene Blockhaus in Brand
+gesteckt wird; dem alten deutschen Arzt auch, in einer Schifferkolonie,
+der seit siebenunddreißig Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen
+Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen wird, weil es ihm
+nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, um zu Hause mit Anstand
+leben zu können.
+
+»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele seien überall zu
+finden. Das ist wahr. Aber warum schaut man heute ein Gesicht an, und
+es bleibt stumm, und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen
+des Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der Zunder entflammen
+soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? Ich habe einen Sinn darin
+entdeckt, daß ich bin, nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich
+kann keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt das
+anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in meinem Kreis. Ich
+höre auf, mich selbst zu genießen. Ich will arbeiten, um zu dienen.
+
+»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit sich allein sein,
+um sie zu finden. Die Teilnahme eines Freundes würde den Prozeß nur
+trüben und verlängern. Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein
+aufgestacheltes Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine
+Adern sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden.
+Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual der Nächte übertroffen,
+Schreckbild überflügelt Schreckbild bis in den horchenden Schlaf. Ich
+mag das meiner Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht;
+das heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will mich
+in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr gegen das
+Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr gelassen zu erscheinen. Aber meine
+innere Verstörtheit und Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen
+Erlebnis, das ich dir erzählen will.
+
+»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas warfen wir vor Mangaia
+Anker, einem lieblichen Eiland im Cook-Archipel. Wir wollten dort
+nach Echinothuriden fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll
+gefärbte Seeigel, die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem
+gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen Giftapparat
+enthält. Einige junge Leute von der Expedition, darunter ich,
+arbeiteten am Strand, und jeder schlief nachts in seinem Zelt. Eines
+Morgens, meine Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein
+braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, mit einem Rock aus
+Grashalmen, so wie sie alle hier gekleidet gehen. Sie redete, jedoch
+ich verstand natürlich nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie
+stets die Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. Sie
+hieß Feïnaora.
+
+»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die andern lachten, als
+sie zurückkehrten und das anschmiegende Geschöpf bei seinem Tun
+beobachteten. Von Fischern erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm
+verstoßen worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht oder
+konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer wies ich das Mädchen
+fort und immer kam es wieder. Sie warf sich auf die Erde vor mir und
+brachte mir Muscheln, Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und
+Kokosnüsse. Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen,
+die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, kaum der Kindheit
+entwachsen, ein scheues Benehmen und ein schmeichelndes Idiom voller
+Vokale.
+
+»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte sie vor
+meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon bei mir wie ein
+aufmerksamer Hund, trug Wasser und bereitete den Tee. Am letzten Abend,
+bevor der ›Phönix‹ die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und
+Feïnaora kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie
+mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte mit sonderbar
+wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich wollte schlafen und gebot ihr,
+stille zu sein. Der Schlummer kam, doch er war ohne Tiefe und ohne
+Vergessenheit. Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene
+so quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, die Gedanken
+flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, mir war, als müßt ich
+sterben, ohne sie noch einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu
+haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in der Furcht, in
+der Finsternis und Einsamkeit streckten sich meine Arme aus und sie
+fanden Leben, Wärme, eine mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von
+der andern Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes
+Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich aus dem Fieber
+der Träume. Am Morgen sah ich mich allein. Feïnaora war verschwunden.
+Es waren Leute im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem
+Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der ihren in die
+Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte mir, daß es Feïnaora war. Das
+Meer hat ihre Seele ausgelöscht. Virginia hat es gefordert.
+
+»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen Tod. Ich glaube
+an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht schuldiger werde. Oder, wenn dich
+die moralische Wertung ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger,
+sondern verstrickter. Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze
+Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie wird es möglich
+sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- und Traumhafte so zu fassen,
+daß sie versteht, verzeiht, vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will
+nicht monatelang mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. Leb
+wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken deinen ewig getreuen
+Manfred Dalcroze.«
+
+Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach blaß geworden,
+jedoch kein Spiel der Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie lag auf
+dem Rücken, hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein
+Grashalm war zwischen ihre Lippen geklemmt.
+
+»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte den Brief des
+Freundes in der Faust zusammen.
+
+»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia mit hartem
+Blick; doch kaum hatten ihre Augen einander getroffen, so senkte
+Virginia die Lider, eine verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und
+sie wandte, ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern Seite.
+
+»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte Geschichtchen
+ernster zu nehmen, als es im Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und
+mit vorsichtigem Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin,
+an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, der Gute,
+er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu quält er sich? Jetzt
+plötzlich möchte er gern an die Großmut des freien Weibes appellieren
+und hat nichts für Sie getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts.
+Er hat Sie aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und nun
+mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er fürchten muß, kein
+Verständnis für das Natürliche und Alltägliche zu finden.«
+
+Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, Virginia,«
+fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. Wir Männer sind aus anderem
+Fleisch als ihr. Unsere Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so
+im Geist, daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue manchmal
+erst zur Blüte kommt.«
+
+Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand mit vielen
+Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der zwölfte September. Ihr war
+kalt, über und über kalt.
+
+Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin folgte ihr und pfiff
+leise. Schweigend wandelten sie über die Wiesenwege. Von den Bergen
+her waren indessen große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es
+donnerte. Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es
+zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt nicht. Es
+regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie an ein Haus. Das Tor war
+verschlossen; auf Erwins Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin
+bat, den Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden in ein
+geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen Sofa und Stühle mit
+weißem Linnen überzogen waren. Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien,
+das in diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem die
+freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach Bauernart lamentiert
+hatte, ließ sie die beiden allein.
+
+In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen Sessel hin und
+spielte. Das Instrument klang dünn und verstimmt. Als er sich nach
+einer Weile umwandte, sah er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch
+sitzen und lautlos weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt,
+die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, die Hände lagen im
+Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet sah, erhob sie die Arme,
+stützte sie auf den Tisch und legte die Hände vor die Augen. Erwin
+schritt hin, faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander,
+wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins Innere eines Waldes
+dringen will. Sie mochte ihr Gesicht nicht sehen lassen und beugte es
+tiefer herab. Er schob den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von
+unten ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! Vertrauen!
+Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte Virginia vertrauensvoll. Sie
+hauchte seinen Namen.
+
+»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam.
+
+Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht recht gehört zu
+haben. Sie schaute ihm entsetzt in die Augen. So nahe, dachte er mit
+Frohlocken, mit Furcht vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn
+er gewahrte jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen
+Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, während sie sich vergrößerten.
+Er packte ihre Schultern, sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham
+und Schrecken, stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich
+befreien. Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich gegen
+den ihren, in dem allmählich Angst und Haß sich zu flehentlicher Bitte
+entschieden. »Nicht anrühren! nicht anrühren!« sagte sie schnell und
+leidenschaftlich. Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln,
+eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand sie auf,
+doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen fingen ihren Mund
+wie etwas, das niederstürzt, wie man einen flügellahmen Vogel mit
+den Händen fängt, und ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in
+elektrischen Wellen fort.
+
+Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er sah die
+weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, die von keiner
+natürlichen, eher von einer mechanischen oder kränklichen Bewegung
+geöffnet waren, jede Sekunde verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit
+des lebendigen Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen
+Formen ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten,
+der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis er gewahrte, daß er
+eine Besinnungslose hielt, eine die wachsfahl dalag, hilfsbedürftig
+geworden, in ein Intervall von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die
+Sühne für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach einem kurzen
+Tod zum Austrag gelangen könnte.
+
+Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, feurig
+fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser Blick traf, der
+bis in den untersten Grund seiner Seele drang, da mußte Erwin einen
+Rückzug von entscheidender Bedeutung antreten, der ihn fast wieder
+an jene Schanzen warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie
+ist unvergleichlich, sagte er sich, und ich habe eine Dummheit
+begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre Eigenart zu
+berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, das rächt sich.
+
+Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen ließ: das ist
+Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, niemals, im Innersten niemals.
+Unschuld! Was war denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen
+unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die Frauen, wenn
+sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer Begierde zur Gewissensruhe
+verhilft? Die furchtsamen Mädchen, die wissenden Frauen, die
+schwankenden, ziellosen, hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine
+Kraft. Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte ihn.
+Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! Element und Wille; die
+Schönheit und ihr Begehrer, ihr Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr
+Herr, ihr Schicksal.
+
+Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab lagen von den
+bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, die fast ohne Bezug
+war zur Gegenwart, daß er es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer
+verließ, eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald genug
+treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er sich allein sah. Nach
+einer Viertelstunde regungslosen Brütens ging er gleichfalls. Er rief
+die Bäuerin und gab ihr ein Geldstück.
+
+Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte sogar einen Umweg ins
+Dorf.
+
+In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die Regenkälte zu vertreiben.
+Was soll nun werden? grübelte er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im
+Vorteil gegen mich. Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken,
+es sei alles zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir
+fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? jetzt?
+unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. Ich kann es nicht. Das
+Gelingen wird mich nicht reicher machen. Erfolg ist nur Bestätigung,
+nicht Vermehrung. Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie
+reißt mich aus mir selbst heraus.
+
+Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. Sie reißt
+mich aus mir selbst heraus! Das war eines jener tiefen Worte, die nur
+ohne Eitelkeit und Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte
+Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, um seine Stimmung
+zu verdüstern. Er las, er arbeitete an seiner Abhandlung über die
+moralische Idee. Am Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief
+an Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf der Insel Mangaia
+für eine reizende, aber bedeutungslose Legende im Stil von Montesquieu
+oder Hearn zu erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen
+seines Liebesfiebers.
+
+»Ich kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem Punkt erscheinst
+du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. Und du spürst es
+selbst, wenn ich gewisse Äußerungen recht verstehe, in denen sich das
+Bedürfnis ausspricht, deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie
+von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und ihnen ein
+soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten Jahrhundert repräsentiert
+die Liebe nicht mehr. Ich kann eine Tyrannei des Gefühls nicht
+billigen, die uns um den Genuß und die geistigen Ziele des Lebens
+betrügt. Nenne mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort
+für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an der panischen
+Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie nicht, ich halte ihr
+stand. Doch ich kann nicht auf das Recht der schönen Selbstbestimmung
+verzichten. Leidenschaften sind Arzneien des Geistes und Massagen des
+Herzens. In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde
+Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole schädigen den freien
+Austausch. Du hast nicht wohl daran getan, dein polynesisches Erlebnis
+ins Europäische zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein
+gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, dir eine
+ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So erklärst du die Treue als
+ein Prinzip, und das ist verwerflich. Prinzipien morden die Jugend, das
+einzige positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für Virginia
+daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem ich sie vorbereitete.
+Sie wäre zu einer Dummheit fähig gewesen, da sie nie einen Berater
+hatte, der sie von den sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite.
+Jetzt magst du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler
+Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche
+leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, wenn man, wie ich,
+der Meinung ist, daß ein edles Pferd zu den vollkommensten Wesen der
+Schöpfung gehört. Sie ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die
+abgefeimtesten Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf
+Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. Er, vor dem
+doch alles kniet! Leb wohl, Gott schenke dir Frieden und Vernunft.«
+
+
+
+
+Das Bindende
+
+
+Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen zwei Uhr pochte es an
+seiner Tür. Es war Frau Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein.
+Erwin ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm und
+Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«, antwortete er kühl.
+
+»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt ist sie gestern
+nach Haus gekommen und hat sich ins Bett gelegt. Ich glaube, sie hat
+gefiebert. Hat auch kein Wort mit mir gesprochen, kein einziges Wort,
+gestern nicht und heut nicht. Können Sie sich das erklären?«
+
+»Ist sie heute aufgestanden?«
+
+»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.«
+
+»Was tut sie?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Ich werde mit Ihnen gehen.«
+
+»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.«
+
+»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie das machen?«
+
+Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag zu Ihnen, sie hat
+mir’s streng verboten. Was ist los? sag ich. Sie schaut in die Luft.
+Jetzt hab ich mich weggestohlen.«
+
+»Ich gehe mit Ihnen.«
+
+»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank, wenn man ihren
+Eigensinn brechen will.«
+
+»Wir werden sehn.«
+
+Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege unter einem trüben
+Himmel schweigend dem Landhaus zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare
+Räume, von denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten lag
+das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine feuchte Holzkammer. Oben
+war ein ziemlich großes Gelaß, das auf den Balkon führte; auf der
+einen Seite dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer, an
+die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt ihr denn nicht Geld
+genug, daß ihr euch in solche Käfige sperrt?« wandte sich Erwin auf der
+Treppe an Frau Geßner.
+
+»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese schuldbewußt.
+
+»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin zornig. »Gott
+bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk. Ich bitte um Verzeihung,
+aber meine Geduld ist zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die
+Frau nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie.
+
+In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau Geßner zu Virginia
+ging. Er betrachtete die einfachen Zirbelholzmöbel, das plumpe,
+rotüberzogene Sofa und die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war
+ein getünchter Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah.
+Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt, den der
+Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte und dessen vier
+aneinandergenietete Teile sie als Rahmen für einige ihrer Skizzen
+benutzt hatte. Man gewahrte da einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei
+Äpfel auf einem blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb, in
+dem Forellen lagen.
+
+Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder. Hinter ihr wurde die
+Türe abgesperrt. »Was gibt’s?« fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte
+scheu zu Boden. Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff
+die Klinke. »Virginia!« rief er heiser.
+
+Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf.
+
+»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen zu sprechen?«
+
+Keine Antwort.
+
+»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von anständigem Betragen
+darf nicht wie ein unverschämter Zudringling behandelt werden.« Er
+betonte sehr scharf. Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien
+seine Worte zu pulverisieren.
+
+Keine Antwort.
+
+»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen euch?« raunte Frau
+Geßner, dicht zu Erwin herantretend. Aus ihren Augen fielen eine Menge
+von perlenden, hellen Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin
+befahl ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er war sehr
+bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand und rief: »Hören Sie
+mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr. Um sechs Uhr bin ich wieder da.
+Sie werden sich dann entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde
+diese Beleidigung zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr. Das
+ist mein letztes Wort.«
+
+Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern. Zweieinhalb Stunden
+lang irrte er in beständigem Regengeriesel mit aufeinandergepreßten
+Zähnen durch die Wiesen und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der
+angekündigten Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu
+überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben, als er mit
+festen Schritten die Treppe emporstieg. Er trat ein und verbeugte sich
+vor Frau Geßner, die, als sie ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen
+preßte. Er blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte traurig
+den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob den Zeigefinger und
+flüsterte: »Etwas Übles haben Sie ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So
+war sie noch nie.«
+
+Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie zumeist, wenn er
+bejahrte Frauen reden sah, deren Mund des beherrschten Mienenspiels
+ermangelte. Er würdigte sie keines Worts und ging zu der verschlossenen
+Tür. Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich bin es,
+Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er.
+
+Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und stärker, mit
+Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu hören; kein Schritt, kein
+Laut. Nun wanderte er ein paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau
+Geßner aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur Tür und
+sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch niemand hat gewagt, was
+Sie heute wagen. Ich will Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu
+bereuen, die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben noch
+eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.«
+
+Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich. Er
+starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit schaute er auf
+die Uhr. Frau Geßner saß am offenen Balkon. Sie rührte sich nicht,
+bewegte selbst die Augen nicht. Sie horchte. Die den Fenstern
+gegenüberliegenden Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die
+Zweige der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf Minuten
+war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken bedeckt. Ein
+kläffender Hund sprang vor dem Haus vorbei.
+
+Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich und griff nach
+seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend die Hand aus. Er zuckte die
+Achseln und ging. Es steht zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick
+seines Lebens kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung
+nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft
+verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen. Vor einer Tür
+stehen und nicht eingelassen werden! Das war das Furchtbarste, was ihm
+zustoßen konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das war
+das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen werden!
+
+Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die Dunkelheit hinunter
+wie ins Bodenlose. Da vernahm er eilige Schritte hinter sich. Er wußte,
+daß ihm die Alte folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf
+seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte heimlich: »Ich
+kann mir’s denken, Erwin.«
+
+Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen? dachte er verdrossen;
+alle alten Mütter sind lästig und respektlos. »Was steht zu Diensten?«
+sagte er mit höflicher Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«,
+antwortete sie seufzend.
+
+Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil sie ihm eine
+Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen Zimmer unten, das ohne Stufe
+ins Freie führte, blieb Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen
+sehen, daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um Virginias
+Hand.«
+
+Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer zu werden. Im Geist
+hatte sie sich des öfteren das Entzücken ausgemalt, das sie empfinden
+würde, wenn einst diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun
+war sie keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken.
+Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen von Glanz,
+Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich um Virginias Hand?«
+wiederholte sie ungläubig und matt. »Mich? mich bitten Sie? warum nicht
+Virginia selbst?«
+
+»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch zubrüllen?«
+
+»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?«
+
+»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin, es sind schon
+festere Bündnisse aufgelöst worden.«
+
+»Sie läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.«
+
+»Darauf kommt es eben an.«
+
+»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?«
+
+»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten worden ist.«
+
+»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise und bekümmert,
+aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck, der die monatelangen
+kupplerischen Wünsche enthüllte. In einer besorgten Falte ihrer Stirn
+wohnte der letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem
+zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung, Erwartung
+und Dankbarkeit.
+
+Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk ansieht, und
+unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte die Frau unter den Arm
+und sagte: »Sie begreifen, Mama, es handelt sich also darum, Virginias
+kindischen Trotz zu besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr
+sprechen kann. Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern,
+sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus bleiben. Um acht
+Uhr abends werde ich unvermutet und möglichst geräuschlos ins Zimmer
+treten. Sprechen Sie nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß
+sie bei Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die Dinge
+sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«, schloß er; »Virginia ist
+uneins mit sich selbst. Das ist der Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch
+die Erklärung dafür, daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird
+gut.«
+
+»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner.
+
+»Manfred wird mit Feïnaora tanzen.«
+
+»Wie?«
+
+»Davon reden wir ein andermal.«
+
+»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen, Erwin?«
+
+»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration mehr aus.«
+
+Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin gegangen war: Gina
+ist uneins mit sich, das arme Kind weiß nicht, was es tun soll. Aber
+da gibt es kein Schwanken; das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie
+nicht von sich weisen.
+
+Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber den
+weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen. Nicht die
+klügste und sanfteste ist fähig, sich der Gefühle ihrer eigenen
+Jugend zu erinnern. Alle haben gelernt, praktisch zu sein, und haben
+vergessen, daß die Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den
+Verblendungen der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft beruht. Sie
+werden gemein, ohne es zu wissen, und grausam, ohne es zu wollen.
+
+Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt und schaute in
+das feurige Rechteck von Virginias Fenster, das von immer schwärzer
+werdender Nacht begrenzt wurde. Lange saß er so. Es läuteten tiefe
+Glocken, deren Schall der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte
+weder Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen hatte.
+Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt, nicht zu essen noch zu
+trinken, bevor ... bevor die Tür dort oben offen stand. Es war, als
+dürfe die Sonne nicht mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen
+stand. Es war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß
+gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei zugeschaut und
+hätten ihn verhöhnt.
+
+Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen als zu kühn, die
+andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte sich wie ein Span im Feuer.
+Das Feuer war seine Begierde, sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen.
+Das beleuchtete Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen.
+Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt; ihr wenig
+beschützter Leib hatte gefröstelt in der feuchten Wiesenluft, die durch
+die Fensterfugen drang. Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen,
+auf fühllosem Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen
+Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis einander
+sucht. Der Smaragdring auf der Linken war abgezogen, und sie war
+frei vom verpflichtenden Bund. Nackt war der Goldfinger ohne den
+Ring, wie eines Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen
+über allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und zitterten
+dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung zwischen Wimpern und
+Brauen, die den Schmelz und die Reinheit eines Blütenblattes und die
+vollkommen parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit
+und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam mit dem
+sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man den Raum von hier bis an
+die Lagerstätte, es mochten nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war
+dazwischen, die nicht geöffnet wurde.
+
+Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis dachte sie
+nicht.
+
+Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht seines Griffs
+geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch gesessen, den Kopf in die Hand
+gestützt, in den erglühenden Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr
+an Feïnaora, sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als
+liebe sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte eine
+Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter den Zweigen der
+Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen. Denn sie fühlte seine Nähe
+unaufhörlich. Sie fühlte seinen heftigen und sprechenden Blick, seine
+unterwerfende Gebärde, sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner
+Stirn und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie wußte sich von
+alledem gekettet, aber sie war entschlossen, sich frei zu machen. Sie
+wollte frei sein. Sie wollte nicht mehr vom Morgen bis zum Abend mit
+erwartendem Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie wollte
+nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine Worte sie betasteten wie
+Finger oder eine Wißbegier erregten, deren sie sich schämte.
+
+So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund an den seinen. Wie
+hatte er es wagen können, ihren Mund mit dem seinen zu berühren! Das
+war es, wobei ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht
+beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig. Sie hatte
+keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte sich einen Rächer,
+aber aus Mitleid mit ihm und aus einem Rest von Achtung für seinen
+Freundschaftsbund mit Manfred fürchtete sie die Rache.
+
+Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies hatte nichts in ihr
+geweckt, es hatte nur getötet. Es war ihr zumut gewesen, als ob ihr
+Blut weiß würde. Ja, alle Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds
+Bild. Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein, und
+sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch länger zu besitzen.
+Doch war es schwer, für die Zurückgabe die höfliche Form und den nicht
+widerruflichen Gehalt zu finden.
+
+Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber. Als ihr die Mutter
+sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren, ärgerte sie sich. Sie hatte die
+Mutter bitten wollen, ihm die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer
+gewesen, so hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die
+zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu können. Im
+übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm heute gegenüber zu treten. Sie
+blieb mit ihrer Arbeit im Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und
+sprach den ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und man
+spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm. Gewitter lagen in der
+unbewegten Luft.
+
+Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine Schritte schallten
+erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe angezogen hatte, um
+sie geräuschlos zu machen. Der Blick, mit dem Virginia die Mutter
+ansah, war wild und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei
+einem Steinwurf.
+
+Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das Blut ins Gesicht.
+»Ich habe meine Abreise verschoben,« sagte er, »weil ich mir den
+Bescheid wegen des Antrags holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter
+gestern gemacht.«
+
+Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten habe, davon zu
+sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die kühle Redensart falle ihm
+schwer, die das Ungewöhnlichste von allem ausdrücke, wozu er sich
+jemals entschlossen.
+
+Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit. »Ich habe Sie
+von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«, sagte er.
+
+Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas wie Heiterkeit über
+ihre Züge verbreitete. »Man sollte wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß
+mit mir haben wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich
+zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich.
+
+»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder schmeichelhaft
+für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer Gelassenheit, hinter der
+sich sein Ingrimm und seine schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen.
+
+»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte Virginia betroffen.
+
+»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er mit seiner
+umflorten Stimme, und während er sprach, sah man beständig seine
+großen, porzellanweißen Zähne. »Sie aber haben nur Hohn und Kälte
+dafür.«
+
+»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem Tone ein.
+
+»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben hat, ohne
+zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort. »Ich wage zu denken, daß ich,
+ich, nur ich es bin, der ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er
+wußte, was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel auf die
+Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und hat Ihnen dafür zwei Jahre
+gelassen, qualvolle Jahre des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger
+Hoffnung, augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern es war,
+Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich zu machen, ich soll
+vor der Tür stehen und betteln, ich soll zu Kreuze kriechen, ich soll
+das Vorrecht des Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum?
+warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten. Den Freund halt
+ich hoch, über mich selbst kann ich aber nicht hinweg.«
+
+Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ihr Antlitz zeigte
+keine Bewegung, kaum ein Gefühl. Ihre Lider waren so tief gesenkt,
+daß die Wimpern einander berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein,
+Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut zu entfärben
+schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich gefälligst an.«
+
+»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.«
+
+»Ein anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet, das Herz einer
+Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia –«
+
+»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten, wie Sie hier
+verraten.«
+
+»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat ihr von neuem in
+den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn, wenn ich Sie überreden wollte,
+gegen Ihre Empfindung zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse
+Sie aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie hätten
+unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber nicht. Sie haben nicht
+gewählt. Sie haben gar keine Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben
+sich nur verpflichtet. Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der
+Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit der banalen
+Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen Zwang. Sie sind nicht geboren
+für die Niederungen, Sie würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der
+Seite eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt, der
+aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam sein wird, krank
+sein wird, den die Geschäfte des Lebens kraftlos und die Enttäuschungen
+des Berufs übellaunig gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen,
+Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph. Ich würde Sie
+lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten Händen würde ich dastehen,
+ich würde nie von Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen
+wie in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder erleben
+lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen liegen, und das
+Geheimnis, das darin besteht, zu genießen, ohne zu bereuen. Haben Sie
+bedacht, wie ungeheuer es ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben
+einer Leidenschaft widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft
+vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt, von den Sinnen erzogen
+und von der Natur bestätigt worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln,
+am Blut, am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit hätte,
+daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet haben, und daß
+Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt. Sie sind es nicht.
+Unausrottbar bin ich in Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen,
+von mir kommen Sie nicht los.«
+
+Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung, dumpfes Hinsinnen,
+Schrecken, das alles war in Virginias Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck
+gelangt. Nach den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig
+an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von keuschem Bedauern. »Ich
+bitte einen Augenblick zu entschuldigen«, flüsterte sie endlich und
+ging in ihr Zimmer. Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in
+den Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren ins
+Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief ergriffen; sie war von
+Bewunderung für diesen Mann wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im
+stillen, sie grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte,
+wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war. Ein einziger
+Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und solche Männer gab es wie
+den! Sie dachte an den Tod; das schien ihr noch das Beste, woran sie
+denken konnte.
+
+Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand entgegen, auf
+welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und Entschiedenheit vereinigten
+sich in der Geste wie im Blick, ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher
+Entschluß. Frau Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus.
+
+Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich, alles umsonst.
+
+Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen wurde, ein
+herrisches Bedürfnis seines Temperaments war. Es gab in seiner
+Vergangenheit nur zwei Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren
+war er auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem
+erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch gelegen. Als
+Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im Beisein von Kameraden von einer
+Frau, in die er verliebt war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge
+hatte gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen. Man hatte
+ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der sich verbissen hat.
+
+So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt. Er schleuderte
+die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß darauf, die Perlen krachten und
+knirschten. Er trat auf sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und
+Wut im Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum
+bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes Gerinsel,
+funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia faltete die Hände. Ihre
+Lippen zuckten. Sie ging ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die
+Scheibe. Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche
+Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich straff emporgerichtet.
+Schweigend verließ er das Zimmer.
+
+In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem Zimmer ins andere.
+Er dachte nichts, er begriff nichts mehr. Das Rad ist im Schwung, das
+Korn muß gemahlen werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr
+vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner trat ein.
+»Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte nicht den Gruß. »Sie hat
+mich geschickt, sie hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«,
+murmelte Frau Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich hab
+alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen! Wie kann man so
+freveln!« – »Kommen Sie, um zu jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie
+hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die Frau
+beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden, Sie möchten doch
+vernünftig sein.«
+
+»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene Erfindung zu sein.
+So geschmacklos ist Virginia nicht, daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen
+macht.«
+
+»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald heftig,
+bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen nicht wieder
+zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie erst lang betrachtet,
+bevor sie alle ins Papier gepackt hat.«
+
+Erwin überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er.
+
+»Sie hat geweint.«
+
+»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn um die Perlen
+geweint?«
+
+»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht alle beschädigt. Sie
+hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie fort waren, und dann war ihr wieder
+zu heiß, es ist so schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden,
+das hab ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt und bin
+dann zu Ihnen.«
+
+Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so umständlich, als
+könne sie sich damit willigeres Gehör bei Erwin erzwingen. »Gehen Sie
+doch nicht im Bösen von uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie
+bereut jetzt.«
+
+»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue zu ziehen.«
+
+»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch einen letzten
+Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute war, als hielte sie
+Virginias Glück in Händen. Auch war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er
+nur wolle, alles noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge.
+
+Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen Eingebung. »Ich
+muß morgen früh in der Stadt sein«, sagte er.
+
+»So kommen Sie jetzt mit mir –«
+
+»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein mit ihr sprechen
+können.«
+
+»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.«
+
+»Sie wird mich nicht einlassen.«
+
+»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß ich es bin, und wird
+Ihnen aufmachen.«
+
+»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es, Sie geben mir
+Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht Virginia sicher argwöhnisch.«
+
+»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir nie verzeihen. Das wäre
+auch –«
+
+»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s so versuchen.
+Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde bin ich wieder da und hoffe,
+Ihnen gute Nachricht zu bringen.«
+
+Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau an. »Wenn Sie
+eilen, können Sie sie noch vor dem Haus treffen, sie wollte noch ein
+wenig an die Luft«, sagte sie.
+
+Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte er noch an die
+Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen und Verlockungen? Ihn trieb
+die Ungeduld, die leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz
+eines Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe
+und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von welchem Rechenschaft
+sich zu geben er Scheu trug. Mit dieser ganzen Hölle von Empfindungen
+überließ er sich dem Zufall.
+
+Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger Wolken, in denen
+fortwährend Blitze zuckten. Zwischen den schwarzen Wiesen und
+schwarzen Wäldern glitten Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher
+Geschwindigkeit hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern,
+die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus einem fernen Wirtsgarten
+schallte eine von der Schwülnis erstickte Blechmusik.
+
+Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah er eine helle
+Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er erkannte Virginia am Gang. Sie
+blieb bisweilen stehen, als lausche sie. Er wartete, bis sie um die
+Ecke des Hauses verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der
+Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern Seite wieder
+hervorkam. Ich will nicht im Freien mit ihr sein, überlegte er, hier
+flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte ihn nicht. Sie schien in Nachdenken
+verloren, sie blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen
+entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür ins Haus. Die
+Küche war von flackernden Flammen beleuchtet, kochendes Wasser brodelte
+auf dem Herd. Er stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer.
+Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte Lampe, die auf dem
+Tisch in Virginias Kammer stand. Auf dem Boden drinnen befand sich eine
+halbgefüllte, kreisförmige Blechwanne.
+
+Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend war und doch den
+Zügen mehr Schatten und Trauer verlieh, als je sonst darauf zu sehen
+war, umspielte seine Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm
+Virginias Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den Schlüssel
+abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen, trat er hinter
+den bemalten Ofenschirm und kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder.
+
+Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug in ihrer Hand
+einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging in ihr Zimmer und stellte den
+Krug zur Erde. Durch die Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte
+Erwin sie sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie öffnete
+das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann setzte sie sich in den
+Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen,
+den Rumpf vorgeneigt und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer
+über die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit und
+Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz fing an zu klopfen wie ein
+Hammer.
+
+So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres Antlitzes schimmerte
+wie Silber. Endlich erhob sie sich. Sie zog einen Schal von den
+Schultern und seufzte wie unter der Last der Gewitterschwüle. Nun
+verlor er sie. Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre
+Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar seine Kinnlade
+begann zu zittern, und auf einmal sah er sie wieder, eine andere, oder
+den innersten Kern von ihr, das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf
+Erden wandelte. Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne
+jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das im Augenblick
+zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene Haut der kaum gekühlten
+Luft preis, die den dunklen Honig ihrer Haare schlürfte und den von
+Blut und Atem bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein
+hervortrieb.
+
+Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt dem Auge selten
+Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren, daß die Schale mehr
+versprach, als die Frucht erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an
+dem Jubel dieser Vollkommenheit. Der ruchlose Späher verwandelte sich
+zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut entfloh aus Erwins
+Lippen, seine Augen waren naß, er war seiner nicht mehr mächtig, als er
+das schützende Versteck verließ, aber als er dann die Bedeutung seines
+Tuns ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom Antrieb zur
+Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend und kraftlos inmitten
+des Zimmers zurück.
+
+»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen Tönen, von welchen der
+zweite um eine Oktave tiefer klang als der erste. Huschend, mit einem
+seltsam überstürzten Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu,
+warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte sie mit dem
+Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz zusammengeduckt, und jedes
+einzelne Glied ihres Körpers wünschte den Tod.
+
+Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu Erwins Ohren. Er
+selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit verlor ihre Schwere. Sie
+wurde ein Duft und ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich
+Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die Stimmen der
+Schuld.
+
+Worte vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am Türpfosten, indes
+Virginia in ihr Lager gewühlt war wie ein Stieglitz in sein Nest.
+Sie streckte den Arm gegen ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und
+flüsterte: »Fort! Fort! Fort!«
+
+Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um, Virginia flüsterte
+abermals mit immer noch ausgestrecktem Arm: »Fort! Fort!« Und kaum
+stand er auf der Schwelle, so schluchzte sie mit eigentümlich
+schmelzenden Lauten in sich hinein.
+
+Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte sie ihm, und
+obwohl er den Grund davon nur dunkel ahnte, war es ihm, als blickte er
+in die tiefsten Tiefen der Schönheit und der Unschuld.
+
+Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher Zärtlichkeit:
+»Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte. Immerfort will ich an dich
+denken, du schönste von allen Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur
+ein Schatten. Leb wohl, leb wohl.«
+
+Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die Stille merkte,
+richtete sich auf. Mit den Händen die Brust bedeckend, das beinahe
+entseelte Gesicht lauschend, feurig bleich emporgewandt, rief sie:
+»Erwin!« Und wieder, willenlos und jammernd: »Erwin!«
+
+Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende Ohnmacht nahm sie
+auf.
+
+
+
+
+Gefangenschaft
+
+
+Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung der Gräfin
+Thurn-Reichenstein angenommen, die letzten Septembertage auf deren
+Gut in Mähren zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte,
+fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch einen
+Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert, Gäste zu empfangen,
+hieß es. Dies stellte sich bald genug als unwahr heraus; er traf einen
+Bekannten von der französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf
+das Gut der Gräfin zu fahren.
+
+Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky. Auf den Schlag, der
+dort gegen ihn geführt wurde, war er durchaus nicht vorbereitet. Frau
+von Resowsky ließ sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute
+Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr nicht empfangen zu
+werden, war eine Art von Todesurteil.
+
+Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit frostiger Zurückhaltung.
+Wohin er kam, dieselbe Veränderung. Selbst Leute dritten Ranges
+behandelten ihn von oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur
+Rede: man war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die Achseln.
+Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit hervor. Es
+erwies sich, daß die Geschichte von dem fingierten Duell neuerdings
+umlief und jetzt zur allgemeinen Kenntnis gelangt war. Man hatte sich
+darüber lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die
+Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein elender Schmierant,
+dessen Beruf es war, in den Vorzimmern der großen Welt zu schnüffeln,
+brachte das Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und
+erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht mit Namen,
+aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen Sud zu beschmutzen. Damit
+war Erwin vollends gerichtet.
+
+Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis an den Hals
+stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Redaktion
+jener Zeitung und forderte Widerruf. Seine Entschiedenheit, seine
+knirschende Ruhe flößte den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus,
+sie versprachen schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf
+erfolgte nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie einen Epilog
+an, durch den sie noch eine Würze erhielt. Erwin nahm sich zusammen.
+Er bedurfte keiner Bemäntelung seiner Schuld, um den Abscheu zu
+vermindern, den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben,
+die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt jede
+Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen, denn er war stets der
+Meister gewesen und hatte durch unbegrenzte Verschwendung den Anspruch
+auf unbegrenzte Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank
+belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst hatte er den Plan
+einer Reihe von Herausforderungen erwogen. Das Mittel war unbequem,
+weil es ihn zwingen konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu
+lärmend war.
+
+Im Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber des gegen ihn
+angezettelten Skandals zu entdecken, stieß er bald auf den Namen Sixtus
+von Flügels. Sixtus von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes
+zurückgekehrt. Marianne hatte damals Frau von Resowsky nach Erwins
+Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte erfahren, daß er als Strohmann
+aufgestellt war, und hatte die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache
+zu üben.
+
+Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den Gegenschlag seines
+Feindes? Hatte er von Marianne nicht genug Geld erhalten? War Marianne
+unvorsichtig gewesen? Marianne, die seine Frau war?
+
+Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. Die Dinge wuchsen ihm
+über den Kopf. Er war nicht mehr der Mann, der er noch vor Wochen
+gewesen. Er wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die
+Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar zu bleiben.
+Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater in der letzten Zeit
+unheilvoll bloßgestellt hatte. Die kleine Christie Martens hatte es
+wirklich verstanden, ihn seiner alten Freundin abwendig zu machen.
+Er war nun genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie
+einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine schlechte
+Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto abgefeimtere im Leben,
+bezahlte ihre Schulden und hatte eine elegante Wohnung. Das Alter hatte
+Michael Reiner nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt
+zur Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man erzählte
+sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens winselte, während
+Christie ihre Liebhaber bei sich hatte. Es war Stadtgespräch. Erwin
+schäumte vor Zorn, aber er schreckte davor zurück, seinen Vater zur
+Vernunft zu bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet,
+er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen. Der Vater kam
+nicht zu ihm, er schämte sich offenbar, er grollte ihm vielleicht und
+betrachtete sein Tun als Betäubung, als einen Ausgleich gegen das
+Schicksal der Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen
+hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe war. Es hatte mit der einen
+Torheit Michael Reiners sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich
+sein Vater plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß er
+in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an der Börse verloren
+hatte.
+
+Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin verschob es. Es waren
+zu viele Stricke um seinen Fuß gelegt. Er hätte noch drei Millionen
+hingegeben, wenn er die Demütigung hätte vergessen können, die er
+durch Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin einen seiner
+unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer Freiheit das Gewebe
+der Verleumdungen auf, schilderte das Treiben seiner Gegner mit der
+Laune des Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole um
+sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky sogleich antwortete,
+er möge zu einer bestimmten Stunde zu ihr kommen.
+
+Er atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung seiner Person
+sicher. Daß man ihn rief, war schon ein Triumph. Jedoch es kam alles
+anders. Und wenn er geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu
+bedürfen, um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin eine bereuend
+überzeugte zu machen, so brauchte Frau von Resowsky, eine Dame, die in
+allen zweifelhaften Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln
+gewohnt war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen
+und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für Erwin eine
+Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen entstand.
+
+»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin, nicht wahr?« bat Frau
+von Resowsky.
+
+»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe, mit Vergnügen,
+Baronin.«
+
+»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd, »wenn Sie
+bei einem sind, möchte man durchs Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile
+nicht gesehen, so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten nicht.«
+
+»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten Geschmacks. Das
+Rätsel erklärt sich durch den Überschuß von Moral, an dem wir alle
+leiden wie an einer Art von geistigem Diabetes, und dem Unvermögen,
+auch nur einen geringen Teil davon tätig auszulösen.«
+
+»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat mir seinerzeit
+mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder geschlagen hätten. Ich habe
+dafür gesorgt, daß die dummen Gerüchte, die schon damals begannen,
+zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und
+behauptet, er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt. Das ist doch
+unbegreiflich.«
+
+»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen Umtriebe dieser
+Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings niemals mit Herrn von
+Flügel geschlagen.«
+
+»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir gekommen?«
+
+»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin, nur Zeit.
+
+»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«, sagte Frau von
+Resowsky, indem sie zu einer kleinen Tapetentür schritt und öffnete.
+»Herr von Flügel!« rief sie hinein, »ich bitte.«
+
+Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die Augen, die in seinem
+schwarzbleichen Gesicht tückisch brannten, auf Erwin.
+
+Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber gleich wieder seine
+Fassung. »Ah – reizend!« sagte er mit finsterem Blick gegen Frau von
+Resowsky und küßte seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?«
+
+»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die Baronin ziemlich
+scharf; »sonst wird die Wahrheit im Maul von Allerwelt zerstückt.«
+
+»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.«
+
+»Das ist kein Argument.«
+
+»Ich brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles eine Erfindung von
+mir. Glaubt man mich decouvriert zu haben, wenn man gemerkt hat, daß
+ich den Sumpf zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen
+fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu fassen, höchstens noch
+bei meinen Gedanken.«
+
+»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte die Baronin
+unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre Schwester sei nicht in
+seinem Auftrag zu mir gekommen.«
+
+»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von Flügel dumpf und mit
+haßerfüllter Freude.
+
+Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem still. Er sah, daß
+er sich verrechnet hatte. Er machte eine Bewegung, als wolle er
+sich auf den Beleidiger stürzen. Seine Wangen hatten eine fahlgrüne
+Färbung, seine Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky
+trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und den andern an.
+Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als müsse er den Gegner anflehen zu
+schweigen, aber das gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann
+lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und das ist um
+so schändlicher, als meine Schwester Marianne seine Frau ist. Er hat
+sich heimlich mit ihr trauen lassen. Sie sehen also, Baronin, daß Herr
+Doktor Reiner uns näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte
+den Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet, wenn Herr
+Doktor Reiner den Namen meiner Schwester respektiert hätte.«
+
+Frau von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck kalter Verwunderung
+an. Sie zuckte die Achseln und machte eine kleine, abfertigende
+Gebärde. Erwin lachte. »Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über
+diese Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«, sagte er
+gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden unter ihm im Kreis
+drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt, fügte er hinzu: »Wir treffen uns
+noch.«
+
+»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau von Resowsky mit
+verächtlich zuckenden Lippen.
+
+»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es zu spät erkennen!«
+rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich, daß Frau von Resowsky
+stutzig wurde und ihm unschlüssig nachschaute, als er ging.
+
+Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke war: jetzt zu
+Virginia. Es war an der Zeit. Er wußte, daß sie am gleichen Tag wie
+er in die Stadt zurückgekommen war. Er empfand es durch Luft und
+Ferne, daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen. Sein
+Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals eines Adlers. Sie
+mußte dem Gischt des Geredes, das zu gewärtigen war, entzogen werden.
+Er bangte, er lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre,
+Freundschaft, Geld und Leben, =sie= mußte er gewinnen. Er liebte sie
+nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät, um zu lieben. Ein
+dringenderes Gebot befehligte ihn.
+
+Viel war noch zu tun. Wirrsälig lagen die Wege. Ineinandergeschlungen
+waren die Triebe. Die Ehre forderte Sold von der Lüge. Die Unschuld
+mußte vernichtet werden, um die Ehre zu retten. Das Antlitz des Lebens
+zeigte sich bizarr wie nie zuvor.
+
+Sein Herz stockte vor Lust, wenn er sich ausmalte, wie ihr
+niedergetretenes, zu Tode beleidigtes Herz nach ihm schmachtete.
+Endlich! endlich! sie mußte ihm folgen, wie eine Blinde mußte sie ihm
+folgen, die von nichts anderem weiß als von der führenden Hand. Und
+allein mit ihr, die ganze Welt hinter ihnen her, die verstandlose
+Meute, und in ihr, bei ihr sich reinigen von allen Übeln. In seinem
+Willen wurzelte Glück und Unglück, durch seinen Willen wandelte
+Virginia, atmete sie, war sie schön, anbetungswürdig, begehrenswert und
+ihm verfallen.
+
+ * * * * *
+
+Und so verhielt es sich: ihm verfallen.
+
+Wo ist =er=? dachte Virginia täglich, stündlich, in der unbekämpfbaren
+Furcht vor Verrat. Denn er verriet sie, wo er auch war, er teilte ein
+Bild von ihr allen Dingen mit, die sein Auge traf, er gab es den Augen
+der Menschen preis, indem er mit ihnen redete, und trug es in die
+Räume, in denen er weilte. Er verriet sie, wenn er ging, wenn er lag,
+wenn er träumte und wenn er arbeitete. Sie konnte nicht mehr an sich
+selber denken, ohne daß das Bild, das immer dort war, wo Erwin war,
+ihre Nerven zu äußerstem Schmerz spannte. Langsam war das Bewußtsein
+einer unendlichen Schmach in ihr angewachsen, und sie saß oft ohne
+Anmut in eckigem Kauern und sehnte sich nach Tränen.
+
+Wie hatte die Mutter sie neulich am Abend gefunden? an jenem Abend,
+dem kein eigentlich heller Tag mehr gefolgt war, auch keine Sonne
+mehr. Wann war die Mutter gekommen? Virginia wußte es nicht. Sie
+hatte geschwiegen. Auch Frau Geßner hatte geschwiegen, schuldbewußt,
+zerstreut, betrübt und heimlich aufgeregt. Ja, von einem heimlichen
+Zorn war diese Mutter verzehrt, hatte aber keine Klarheit darüber,
+nach welcher Richtung sich dieser Zorn wenden würde. Ich hab es satt,
+dachte sie und glich einem Menschen, den ein durchtriebener Wühler
+rebellisch gestimmt hat und den es nach Aufruhr verlangt, wobei er
+gleichzeitig froh ist, wenn sich der Wühler und Quäler nirgends blicken
+läßt. Der Geldzufluß hatte in der letzten Zeit aufgehört, die Ausgaben
+mußten beschränkt werden, und Frau Geßner fing an, sich vor der Armut
+zu fürchten, vor derselben Armut, in der sie drei Jahrzehnte lang
+zufrieden gelebt.
+
+An jedem Morgen sagte sich Virginia: so kann es nicht weitergehen. Sie
+hatte Manfred vergessen. Wenn sein Name emporstieg, war es, als ob ein
+früheres Dasein sie an ihn verbunden hätte. Er schrieb auch nicht mehr;
+seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Was war geschehen?
+Sie war überzeugt, er wisse alles. Und sie wollte ihn vergessen. Der
+Kummer gab ihrem Gesicht die Blässe des Perlmutters. Von allem Schweren
+war die Abwesenheit Erwins das Schwerste. Sie wollte ihn sehen,
+seine Gedanken spüren, sie wollte wissen, welche Art von Laster oder
+Verworfenheit in ihr war, die ihn ermutigt hatten zu tun, was er getan.
+Sie fand nicht das Wort, nicht die Form ihn zu rufen, auch schien es
+ihr bei tieferem Bedenken, daß es überhaupt keine Worte mehr zwischen
+ihr und Erwin geben konnte. Doch ihr Gefühl war dies: ruhig kann ich
+erst sein, wenn er da ist; froh werd ich nimmer werden, aber ich will
+erfahren, warum ich so erniedrigt worden bin.
+
+Warum kommt er nicht? klagte sie im Stillen; verachtet er mich?
+meidet er mich deshalb? Sie suchte sich seiner zu erinnern, aber die
+Gestalt war wie Dunst. Nur in ihrem Blut fühlte sie seine Gebärden,
+seine Blicke und seine Stimme. Es hatte den Anschein gehabt, als
+liebe er sie; so war Liebe etwas Düsteres, Unbehagliches, Wildes und
+Sündenvolles geworden. Sie bemerkte, daß alle Menschen in Kleider
+gehüllt waren, und sie sah die Leiber hinter den Kleidern, und Männer
+und Frauen hatten etwas Heuchlerisches und Maskiertes. Die vergiftete
+Phantasie war von Haß gegen den Vergifter beladen.
+
+Die neue Wohnung lag in einem einstöckigen Haus in friedlicher
+Umgebung. Hinter dem Haus lag ein Garten, in welchem sich Virginia an
+regenlosen Tagen fast unablässig erging. Sie vermied den Zaun neben
+der Straße und wandelte nur auf den schmalen Wegen zwischen den schon
+vergilbenden Sträuchern.
+
+Es war spät nachmittags; es dämmerte schon, da rief Frau Geßner vom
+Küchenfenster nach ihr. Der freudige Klang der Stimme verwandelte
+Virginias Füße in Blei. Er war da.
+
+Sie ging hinauf. Er erhob sich und verbeugte sich, als sie
+eintrat. »Ich befinde mich in einem Wirrsal von Geschäften und
+Unannehmlichkeiten«, sagte er. »Bitte, geben Sie mir ein Glas Wasser,
+Mama. Ich verdurste.«
+
+Virginia kam der Mutter zuvor, holte selbst das Wasser und kühlte dabei
+ihre heißen Hände unter der Leitung. Als sie wieder ins Zimmer trat,
+war die Mutter verschwunden. Sie runzelte die Stirn, reichte ihm das
+gefüllte Glas, und er trank gierig.
+
+»Ich muß Ihnen gestehen,« begann er plötzlich, »daß das Gerede der
+Stadt Sie schon als meine Geliebte bezeichnet. Ich kann Sie dagegen
+nicht schützen, Virginia, so lang Sie sich töricht weigern, den
+Entschluß zu fassen, der allen Klatsch beschämt.«
+
+»Wer redet? Was soll das heißen? was für einen Entschluß soll ich
+fassen?« antwortete Virginia außer sich. »Sie sind im Irrtum, wenn Sie
+glauben, daß der Klatsch eine Pression für mich ist.«
+
+»Es gibt noch eine stärkere, Virginia; nämlich die, daß eine andere
+Glücksmöglichkeit nicht mehr für Sie vorhanden ist.«
+
+»Dann muß ich eben ohne Glück leben.«
+
+»Und mich? Virginia? Mich wirfst du zu den Gleichgültigen?«
+
+»Duzen Sie mich nicht!« rief Virginia und wurde blutrot. »Warum ist die
+Mutter fort? wo ist sie hin? Sie sind verschworen mit ihr. Alle sind
+gegen mich verschworen.«
+
+»Virginia! Das Leben ist verschworen gegen dich, weil du es mit Füßen
+trittst. Du liebst mich, Virginia! Wenn du mich nicht liebtest, hättest
+du die letzte Nacht in Edlitz nicht überlebt. Du liebst mich, und es
+genügt mir, dies zu wissen.«
+
+Virginia preßte die Faust an die Wange. Es ist wahr, dachte sie, es ist
+ein Wunder, daß ich’s überlebt habe. Ihr Gesicht schien entgeistert im
+grauen Sammet der Dämmerung, als sie dumpf beteuernd murmelte: »Niemals
+werd ich Sie lieben, Erwin, niemals. Geben Sie mich also frei.«
+
+»Was heißt das?« fragte er verblüfft, und ihm wurde schwül ums Herz.
+»Du bist frei.«
+
+»Ich – bin – frei«, wiederholte sie langsam und mit leerem Nachdruck.
+
+»Du bist frei, aber vom Schicksal mir zugeschmiedet«, fuhr er fort.
+Jetzt galt es, den letzten Schlag zu führen. »Du bist frei auch von
+Geburt,« sagte er, »zur Liebe bestimmt von Geburt her. Ein Kind der
+Liebe bist du, unbekannt ist dein Vater. Selbst deine Mutter kennt ihn
+nicht, eine einzige Stunde der Leidenschaft, die einzige ihres Lebens
+hat sie dem unbekannten Mann in die Arme geworfen, und dies ist in
+deinem Blut, dagegen kämpfst du vergeblich. Du bist ein verlorenes
+Kind.«
+
+Zitternd schaute Virginia auf seinen Mund. Ihre bang ungläubige Miene
+gefiel ihm; der sichtbare Zusammenbruch von Stolz und Festigkeit
+erschütterte ihn. Sie machte mit der Hand eine mechanisch deutende
+Bewegung, ihre Augen fielen zu. Erwin ergriff ihre Hand und drückte
+sie lange an seine Lippen. Sie ließ es zitternd geschehen und zitterte
+immer – immerfort. Er legte den Arm um ihre Hüften. Plötzlich trat sie
+zurück. »Rühren Sie mich nicht an!« schrie sie erbleichend, so wie sie
+bisweilen im Traum aufschrie.
+
+Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Da öffnete Frau Geßner,
+durch Virginias Schrei gerufen, die Türe. Ihr Gesicht zeigte die
+rasende Entschlossenheit, die oft die Energielosen überfällt. Wenn
+gutmütige und verträgliche Menschen in solcher Weise außer sich
+geraten, legen sie nicht selten eine plebejische Roheit an den Tag, die
+ihren Mangel an Erziehung und ihre Herzensdumpfheit enthüllt. Diese
+Frau war sozusagen bis auf den niedersten Stand ihrer moralischen Natur
+herabgedrückt: Ehrgeiz, naive Habsucht, Furcht vor Armut und eine
+systematische Bezauberung hatten aus ihr das willenlose Werkzeug Erwins
+gemacht, und Erwin erkannte es selbst, nicht ohne Verwunderung.
+
+»Du undankbares Ding!« begann sie keuchend, während ihre Züge
+vergröbert, vergrößert und gerötet erschienen, »was sträubst du dich
+gegen dein Glück? Aus welchem Grund, sag mir? Wegen deines Manfred
+vielleicht, der nichts ist, nichts hat und nichts kann? Gott verzeih
+mir die Sünde, aber ich will’s nicht länger mit ansehen, wie dieser
+ehrenhafte und großmütige Mann da um dich leidet, der dich mit
+Geschenken überhäuft hat, mit Geschenken, die Hunderttausende wert
+sind, und dich behandelt hat wie eine Gräfin. Und du tust, verzeih
+mir’s Gott, als ob du zu kostbar für ihn wärst. Was ist denn all mein
+Hangen und Bangen seit Jahr und Tag? Nur dir gilt’s, alles nur für
+dich, und so lohnst du’s mir, Undankbare, mit deinem lächerlichen
+Dünkel. Gott verzeih mir’s!«
+
+»Genug!« rief Erwin laut; »schweigen Sie, Mama.«
+
+Virginia bewahrte eine erstaunliche Fassung. Sie ging auf die Mutter
+zu und legte ihre beiden Hände auf deren Schultern. Frau Geßner wich
+betroffen zurück, aber Virginias Blick drang unerbittlich in die Augen
+der Mutter, als wollte sie zunächst die Wahrheit dessen ergründen,
+was Erwin ihr vorhin verraten. In der Art jedoch, wie sie sich hielt,
+war etwas so Vornehmes, daß Erwin, bestürzt über soviel Lieblichkeit
+und Adel, sich auf die Lippen biß und einen raschen Seufzer nicht
+unterdrücken konnte, der wie das heimliche Aufschluchzen eines Kindes
+klang. In diesem Moment kehrte sich Virginia um und sagte mit ruhiger
+Stimme: »Gut, es sei. Ich füge mich.«
+
+Erwin starrte zu Boden. Welch ein boshafter Teufel flüsterte ihm zu,
+den Fangstrick mit dem Dolch zu vertauschen und noch eine kurze Qual
+und prüfende Demütigung auszuhecken, für die, die »sich fügte«? Wollte
+er nicht Räuber sein, sondern Retter, nicht Zuflucht einer Ermatteten,
+Verstoßenen, Besudelten, sondern frei begehrt? Er faltete die Stirn
+und schwieg. Dieses Schweigen war niederschmetternd für Virginia. Sie
+nahm es als einen Ausdruck der Verachtung. So weit ist es also mit mir
+gekommen, dachte sie, und das Blut rauschte ihr zu Kopf. Sie begab sich
+langsamen Schritts zum Sofa, ließ sich niedersinken und fiel mit dem
+Gesicht auf die verschränkten Arme. So weit ist es also, und ich bin
+ihm nichts mehr wert, das war ihr einziger Gedanke, und alles, was sie
+körperlich von sich spürte, war ihr eine Last und ein Grauen.
+
+Jetzt bist du mir sicher, jauchzte es in Erwin, jetzt hab ich dich ganz
+und gar.
+
+»Was ist das? es klopft jemand«, murmelte Frau Geßner. Sie öffnete
+die Tür, – Ulrich Zimmermann stand da. Er grüßte, niemand antwortete.
+Es war schon dunkel geworden, und als die Tür aufging, fiel der
+Lichtschein vom beleuchteten Flur herein. »Draußen war offen«, sagte
+Ulrich entschuldigend.
+
+Ulrich Zimmermann hatte die letzten Tage in einer Besorgnis um Virginia
+verbracht, die in ihm durch ein kurzes Beisammensein mit dem Grafen
+Palester entstanden war. Palester hatte sich nicht klar geäußert, aber
+seine geheimnisvollen Andeutungen hatten in Ulrich den Vorsatz erweckt,
+Virginia aufzusuchen. Vielleicht nur um sie zu sehen. Er kam von der
+Piaristengasse, wo man ihm die neue Wohnung gesagt hatte.
+
+Er grüßte abermals schüchtern, auch jetzt antwortete niemand. Frau
+Geßner zündete mit hastigen Gebärden die Lampe an. Ulrich Zimmermann
+erblickte Erwin und erschrak. Er sah Virginia regungslos liegen und
+starrte hin wie auf eine Leiche. Alle schlimmen Befürchtungen schienen
+bestätigt.
+
+»Eine schlechte Zeit haben Sie da gewählt«, sagte Erwin und schaute
+Ulrich mit funkelnden Augen an. Ulrichs Mund verzerrte sich. »Was ist
+geschehen?« fragte er Frau Geßner. Diese schüttelte unfreundlich den
+Kopf.
+
+»Kommen Sie, ich werde Ihren Wissensdurst befriedigen«, sagte Erwin
+herrisch. Ulrich Zimmermann folgte zaudernd.
+
+Als sie auf die Straße traten, hatte Ulrich das Gefühl, an der Seite
+eines Feindes zu gehen, der ihn durch Freundschaftskünste so lange
+gefoppt, bis er allen Mut der Auflehnung zerstört hatte.
+
+Erwin ging wie gejagt, erst allmählich verlangsamte sich sein Schritt.
+»Was macht Mirowitsch?« fragte er plötzlich zerstreut und mit jener
+gnädigen Teilnahme, die auf Ulrich wirkte, als ob man ihm mit einer
+Stahlbürste über den Rücken streiche. »Er nähert sich der Katastrophe«,
+erwiderte er leise. Dann fuhr er fort und blickte Erwin finster in die
+Augen: »Und diese ganze Verantwortung nehmen Sie auf sich?«
+
+»Welche Verantwortung?«
+
+Ulrich machte mit Kopf und Schulter eine Bewegung gegen das Haus, das
+sie eben verlassen.
+
+Erwin maß ihn von oben bis unten. »Rivalität trübt das Urteil«, sagte
+er. Ulrich, der eine Beleidigung erst kapierte, wenn der Beleidiger
+sie vergessen hatte, sah bekümmert drein. Die Leute von starkem
+Phantasieleben haben eine eigentümliche Angst davor, aus Begebenheiten,
+unter denen sie leiden, die Folgerungen für ihr Verhalten zu ziehen.
+Ulrich war erdrückt von dem Bewußtsein, eine bemitleidenswerte Figur
+darzustellen gegenüber diesem Wachen, diesem Wirklichen. Er schwieg und
+konnte das Bild der regungslos hingekauerten Virginia nicht aus seinem
+Gedächtnis wischen.
+
+»Sie haben einen Trauerfall gehabt, höre ich«, begann Erwin wieder, der
+eben dieses Bild für eine Weile vergessen wollte.
+
+»Ja; mein Onkel ist gestorben.«
+
+»Ach! So schnell –«
+
+»Ja. Eines Tages wurde mir gemeldet, daß er nur noch kurze Zeit zu
+leben habe. Er wünschte mich zu sprechen. Er wohnte in einem kleinen
+Hotel in Baden. Ich fuhr hinaus. Er hatte sich aus der Stadt geflüchtet
+wie ein edles Raubtier, das den Tod fern von seiner Höhle sucht. Er
+wollte seine Freunde mit dem Anblick seines Sterbens verschonen. Seit
+anderthalb Jahren wußte er, daß er verloren sei; seit anderthalb Jahren
+ist er täglich kontemplativer geworden und dachte an nichts anderes als
+den Tod. Der Gedanke an den Tod mußte ihm furchtbar sein, denn er hatte
+gar keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Illusionen und entbehrte auch
+den Trost, der darin liegt, daß man einige Menschen hinterläßt, die mit
+gespannter Brust eine Schaufel Sand ins Grab werfen. Er gehörte einer
+Generation von arbeitsamen Skeptikern und sentimentalen Zynikern an,
+mit denen es jetzt zu Ende geht und die den schmarotzenden Skeptikern
+und den zynischen Strebern Platz machen. Er war ein vortrefflicher Mann
+und hatte Charakter, was heute ein bißchen veraltet ist.«
+
+»Nun, er hat Sie gewaltig kujoniert«, wandte Erwin ein. »Was Sie
+Charakter nennen, war die Verstocktheit der Lustspielväter; die wollen
+immer eine Heirat verhindern, die schließlich doch stattfindet.«
+
+»Nein, nein, er hing am Gelde, und er hing an Formen«, widersprach
+Ulrich Zimmermann. »Als ich ihn sah, drehte sich mir das Herz im Leibe
+um. Haben Sie je einen Hund gesehen, der weiß, daß er zum Schinder
+geführt wird? Diese sanften, nassen Augen voll Vorwurf und ohne
+Haß? Der Herr hat sich versteckt, und die Augen des Hundes suchen
+den Herrn. Solche Augen hatte der alte Mann. Als ich vor ihm stand,
+verlegen und dumm, wie man ist, wenn andere leiden, konnte er kaum
+mehr reden. Er hatte eine dick mit Banknoten gefüllte Brieftasche
+unter seinem Kopfkissen liegen, die er argwöhnisch bewachte. Endlich
+erfuhr ich sein Begehren. Er forderte, daß ich jede Beziehung zu Ihnen,
+Erwin, abbrechen sollte; wenn ich darein willigte, würde er mich zum
+Universalerben einsetzen.«
+
+»Und wozu haben Sie sich entschlossen?« fragte Erwin verwundert.
+
+»Sie sehen ja, wozu ich mich entschlossen habe. Man kann doch nicht
+einem Sterbenden gleichsam einen Lebendigen in den Sarg mitgeben. Ich
+will Ihnen sagen, Erwin, mein Gefühl war ja nie ungetrübt in Ihrer
+Nähe. Der Umgang mit Ihnen hat, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, die
+Lust zum Verrat in mir geweckt. Sie haben die furchtbare Eigenschaft,
+die Menschen in irgend einer Hinsicht zu Verrätern zu machen. Sie töten
+Instinkte wie der Märzwind Knospen. Aber das Allersonderbarste an Ihnen
+ist Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, unsichtbar gerade dann,
+wenn man will, daß Sie einstehen sollen für sich, daß Sie sich zeigen
+sollen. Dann sind Sie unsichtbar wie der Herr des Hundes, der zum
+Schinder muß. Sie sind oft so merkwürdig wesenlos: man sucht Sie und
+man findet Sie nicht. Oft wenn ich an Sie denke, ist es mir, als ob Sie
+keine Augen hätten, als ob Sie wie ein Tiefseefisch in der Finsternis
+schwämmen, mit prachtvollen Farben allerdings, purpurn, gelb und grün,
+aber wozu sind diese Farben, frag ich mich, wozu die Herrlichkeit
+für einen Augenlosen? wozu in der schwarzen Tiefsee-Finsternis? Nun
+gut; vielleicht um dieser schönen Farben willen hab ich meinem Onkel
+geantwortet, ich könne auf seine Bedingung nicht eingehen. Nicht
+aus Rücksicht oder Trotz oder Dankbarkeit oder aus Furcht mich zu
+verkaufen, sondern wegen der prachtvollen Farben. Sie werden das für
+eine märchenhafte Dummheit erklären; mag sein. Einige Tage später,
+als ich meinen Onkel besuchte, war eben der Notar weggegangen. Es
+fand sich auch ein junges Mädchen ein mit seiner Mutter; beide sahen
+wie Arbeiterinnen aus. Das Mädchen war die Tochter meines Onkels und
+kam aus einem Proletarierwinkel der Großstadt, um ihren Vater, den
+sie kaum kannte, sterben zu sehen. Ich wußte natürlich nichts von
+ihr, und sie stand da mit einer Nase, die nach Geld schnupperte. Sie
+hat zwanzigtausend Kronen geerbt, ich ebensoviel, den Rest, der etwa
+zehnmal so groß ist, hat das Sankt-Annenspital bekommen. Nachdem mein
+Onkel gestorben war, hat man über fünfhundert Goldstücke im Zimmer
+gefunden, die er in der letzten Todesangst um sich herum verstreut
+hatte.«
+
+Erwin ging eine Weile mit zur Erde gehefteten Blicken. Plötzlich
+schaute er empor und sagte gradeaus vor sich hin: »Es wäre gut, wenn
+Sie mich jetzt allein ließen. Es ist am besten, wir verabschieden uns
+hier. Ich habe zu Haus ein paar Manuskripte von Ihnen, die werde ich
+Ihnen schicken. Es ist am besten, wir trennen uns hier für immer. Gute
+Nacht.«
+
+Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle losreißen, wo
+diese Worte gefallen waren. Erwin eilte mit raschen Schritten in die
+Dunkelheit. Er suchte eine öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich
+mit Villa Sansara verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge.
+Bei einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und fuhr in die
+Geßnersche Wohnung zurück.
+
+Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag, als Erwin und
+Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es verfloß eine Viertelstunde, und
+keine der beiden Frauen sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben
+dem Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um den Hals des
+Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht; erst als die Zerknirschung
+der Mutter zudringlicher wurde, richtete sie sich empor und sagte kalt.
+»Laß nur das, Mutter. Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es
+wahr ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.«
+
+Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir gesagt?« stotterte
+sie und schlug die Hände klatschend zusammen. »Und der andere, der hat
+also geplaudert? Ich armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes,
+unglückliches Kind!«
+
+Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht, das Taschentuch
+vor den Mund gepreßt, ging Frau Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin
+stand vor ihr. »Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind,
+kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell und mit
+unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist in Sie gefahren?«
+
+»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau.
+
+»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur Gräfin Hamlisch
+bringen. Widersetzen Sie sich nicht! Schweigen Sie. Alles hängt davon
+ab, daß Sie vernünftig sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie
+Nachricht.«
+
+Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner an. Erwin
+bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat ins Zimmer, ergriff
+Virginia bei der Hand und sagte leidenschaftlich drängend: »Ich wollte
+vorhin nicht den Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen,
+Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung der kommenden
+Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles ist bereit. Folgen Sie mir.«
+
+»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene.
+
+»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine Schwester der Frau von
+Resowsky. Virginia kannte und ehrte diese Dame, und sie hätte nichts
+gegen Erwins Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes Herz
+verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen, – wäre nicht
+ein Mißtrauen in ihr gewesen, das nicht als Gedanke oder Erwägung,
+sondern als Lähmung ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in
+Erscheinung trat.
+
+»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin fort, indem er
+seine Stirn zu der ihren niederbeugte; »Leben, Glück und Zukunft hängen
+davon ab, besinnen Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.«
+
+Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht verworfen, dachte
+sie und spürte eine finstere Beruhigung. Mechanisch erhob sie sich.
+»Mantel! Hut! rasch!« rief Erwin der Mutter zu, die verstört auf der
+Schwelle stand.
+
+Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich apathisch die
+Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den Hut in den Haaren, als ihr
+die Mutter die langen Nadeln gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was
+geschah und was sie tat.
+
+»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin warf ihr einen wütenden
+Blick zu, und sie schwieg.
+
+Er führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die Räder begannen zu
+rollen. Erwin packte Virginias heiße Hände, sie zog sie beinahe
+entsetzt zurück, da ließ er sich auf die Knie gleiten, nahm ihren
+Rocksaum und drückte ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin.
+
+Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe. Sie antwortete
+nicht. Er unterließ es. Die Pferde rannten wie rabiat durch eine
+Menge von Straßen, endlich hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais
+im dritten Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen
+Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.« Er sprang
+hinaus und verschwand im Torgang. Virginias Kehle war wie zugeschnürt;
+in ihrer Brust war eine steinern schwere Gleichgültigkeit.
+
+Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er mochte beim Portier
+einen belanglosen Auftrag erteilt haben, – rief dem Kutscher etwas zu,
+und nachdem er eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung
+gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis geschehen.
+Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie erwartet uns in meinem Haus.
+Ich habe ihr vor einer Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt.
+Was ich geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt
+gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.«
+
+Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte ihr Blick, der
+nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand eine schmerzliche,
+trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du mich abermals verrätst, sagten
+gleichsam die Augenlider bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und
+sprach und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen.
+Doch redete er nur, damit Virginia die Länge der Fahrt nicht spüre, und
+seine Stimme klang schließlich heiser und angestrengt.
+
+Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia, und um ihren
+Mund zuckte es beständig. Weshalb? was will er damit? Es waren aber
+diese Gedanken sowie seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich
+selbst und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer, hinter
+seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische Ungeduld.
+
+Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden sein, denn er zeigte
+sich nicht. Sie schritten durch die Halle. »Ich bitte, hier herauf«,
+sagte Erwin höflich. Virginia zauderte vor der zweimal geeckten
+Holztreppe. »Ich bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die
+Gräfin muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den untern
+Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.«
+
+Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand antwortete.
+
+Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die Treppe hinan,
+gequält und benommen von jener trotzigen Neugier.
+
+Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer; müde, zerschlagen,
+in sich gekehrt, ja fast verträumt und ohne eigentlich zu leiden. Erwin
+sprach zu ihr. Nun klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie
+schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er hat mich abermals
+verraten, sagte sie zu sich selbst.
+
+Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht völlig bewußt. Sie
+dünkte sich das Opfer eines häßlichen Zwischenfalls, einer dummen Lüge,
+eines unwürdigen Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle.
+Erwin betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob er sich
+und ging hinaus.
+
+Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie schloß die Augen
+und öffnete sie wieder. Welche tiefe Stille! Eine schier trinkbare
+Stille! Was ist das für ein Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es
+nicht, es ist hergerichtet wie für eine Frau.
+
+Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum nicht? warum sollt’
+ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein Kunststück zu lieben? Er wird
+mich heiraten, und ich werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er
+ist so weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht auch ihn
+lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte sie ihre Gedanken
+in vollständiger Verdüsterung des Geistes.
+
+Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem Grund läßt er mich so
+lange allein? grübelte sie befremdet und bekam nun Angst vor der Stille.
+
+Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und schaute in ein
+rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd schloß sie wieder,
+wandte sich weg und trat zu einem Fenster. Die Nacht war schwarz.
+Regentropfen spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing
+von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen, was tu ich! fuhr
+es ihr plötzlich durch den Sinn; hier kann ich nicht bleiben, es ist
+spät, ich muß fort.
+
+Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf und eilte zur
+Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein eisiges Entsetzen überfiel sie.
+Die Türe war versperrt.
+
+Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren aufgerissen. Noch
+einmal und noch einmal drückte sie die Klinke. Umsonst. Die Tür war
+versperrt. Sie war gefangen.
+
+Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte sich mit der
+Stirne kraftlos gegen den Pfosten.
+
+
+
+
+Die Miniaturen
+
+
+In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias wußte sich Ulrich
+Zimmermann keinen andern Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen.
+Noch vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen
+Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung Palesters führte. Eine
+hinkende Pförtnerin führte ihn über regennasse Wege zu einem uralten
+und keineswegs freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne
+beleuchtet wurde, welche über der gegenüberliegenden Gärtnerwohnung
+aufgehängt war. Der Garten gehörte zu einem ausgedehnten Besitz, und
+diese Gebäude hatten ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt
+gedient.
+
+Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel. Die Pförtnerin
+war gegangen. Ulrich fand keine Glocke und pochte daher ans Tor. Es
+blieb alles still, und er pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es
+drinnen laut hallte wie in einem Kellergewölbe.
+
+Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer Frau beugte sich
+über das Sims. Eine ruhige, helle Stimme fragte mit fremdländischer
+Betonung nach dem Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu,
+er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen sprechen. Nach
+einer Weile rasselte unten das Schloß, und Graf Palester erschien mit
+einer Kerze. Er geleitete den abendlichen Gast über eine Steintreppe
+hinauf in ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube
+hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger Schmuck der Wände
+prangte die Photographie eines Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle,
+ein Messingbett und eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar.
+Niemand hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet durch die
+Mauern einer weiland hochadeligen Domäne, eine solche Wohnstätte der
+Armut gesucht. Es hatte dem Grafen Mühe gekostet, mitten unter den
+Unanfechtbaren des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz
+seine Not zu verstecken.
+
+Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia Geßner
+aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen habe, als ob sich dort
+verhängnisvolle Dinge abspielten. Er schilderte, wie er Virginia
+gesehen, wie unwillkommen Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei
+und daß er den Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend
+eingreifen.
+
+Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale, blasse Gesicht in
+die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das alles sagen«, erwiderte er. »Ich
+werde heute abend noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der
+Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber es muß sein.
+Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag zurückkommen. Ich erwarte ihn.«
+
+»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?« fragte Ulrich, nicht
+fähig, Freude darüber zu bezeigen.
+
+»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.«
+
+»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?«
+
+»Vor neun oder zehn Wochen.«
+
+»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?«
+
+Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß erreicht hat und er
+die raschesten Verbindungen hat benutzen können, muß er noch in dieser
+Woche kommen.«
+
+»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?«
+
+»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester. Er zog den Mantel
+an, nahm Hut und Schirm und sagte: »also gehen wir, wenn ich bitten
+darf.«
+
+Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie er einst gewollt,
+als er den reinen Strom der Sympathie verspürt, der von dem Jüngling
+ausging, nicht mitteilend, breit und frei, sondern kurz und gebietend,
+so geschrieben, daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben
+durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren. Eine
+Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von konventionellen
+Rücksichten, und derart beschaffen, daß sie in dem Fernweilenden, um
+dessen sichere Adresse er den Professor Dalcroze in Berlin gebeten
+hatte, den erwünschten Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte.
+
+Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann wie Erwin bei einem
+Spiel zu stören, das am Ende nur diesen allein anging; er dachte nicht
+an den Verlust jenes Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen
+Umstände etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und dessen er sich
+nicht entäußern wollte, weil er der Welt und dem Geschick zu trotzen
+entschlossen war, ekstatisch wie ein Mönch und in Sehnsucht nach
+Selbstvernichtung wie ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen,
+sondern aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung für
+Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit der suchenden Träume
+in die Wirklichkeit zurückkehrend, war es ihm für gewiß erschienen, daß
+Virginia nicht mehr standhalten konnte.
+
+Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus ihren Augen war das
+entwichen, was er als die reine Musik des Herzens empfand. Die Seele
+war gleichsam aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo
+sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid entwendet hat.
+Und Graf Palester hatte ein grenzenloses Vertrauen in Virginia gesetzt.
+Er war einer jener Menschen, die sich in der Verborgenheit ein Pantheon
+errichten, worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der Millionen,
+einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen hing er mit der Liebe,
+die die Einsamkeit in ihm erzeugte. Mit ihnen wandelte er ungesehen
+durch ihr Dasein, und sie hielten ihn aufrecht in der tragischen
+Verwüstung, die sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit
+und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht
+hatten. Er mied die persönliche Berührung mit ihnen, er zog sich von
+ihnen zurück, sobald sie von seinem Herzen Besitz ergriffen, aber er
+verkehrte mit ihnen, wie man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch
+mit solchen Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind.
+
+Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es, und keine äußere
+Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit. Ihm mangelte die
+Gegenwartskraft so, daß er sich oft wie der Schatten seines Schattens
+vorkam. Es war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied
+zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht, weit
+in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war ihm wie eigendurchlebtes
+Kindheits- und Mannesalter, jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr,
+und hätte er religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein
+Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm moderner Existenz,
+der alles zerschmettert, was nicht mittreibt, verurteilte ihn zu
+anonymem Elend.
+
+Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine, in einer
+Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer Frau gesehen, das ihn
+fesselte wie nie ein Frauengesicht zuvor, nicht sowohl durch Schönheit,
+sondern durch innerlichen Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und
+wurde nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals einfiel,
+sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er das Bildnis immer
+tiefer in das Leben seiner Seele auf und geriet in einen sonderbar
+stummen Verkehr mit einem Wesen, das, körperlicher als ein Traum,
+dennoch vollkommen unwirklich für ihn war. Drei Monate später wandelte
+er eines Abends durch eine Straße in Livorno, als durch das geöffnete
+Fenster eines Hauses Gesang an seine Ohren schallte. Erbebend blieb er
+stehen und lauschte. Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang
+und schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als den Ausdruck
+auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas durchaus Ungewöhnliches. Er
+schritt in das Haus. Er stieg die Treppe hinan, ging durch einen
+Flur, öffnete eine Türe und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem
+lebendig gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen, von
+Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das Gemälde rechtfertigte
+sein Tun bei ihr und ließ seine Person um desto wunderlicher
+erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm wurzelte im ersten Blick, ihr erstes
+Gefühl war Liebe. Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie
+stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet, indem
+sie einem der verrufensten Wucherer des Landes, der um sie warb, die
+Hand reichte. Sie lebte mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe
+war. Es begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft
+und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um den Gemeinheiten und
+bösen Anstiftungen des Gatten zu entgehen als um ihrer Liebe willen,
+die auf Welt- und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden
+verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich gegen sie mit
+Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von Stimmen für und wider umdrängte
+sie, da starb plötzlich Lenorens Mann, und sie war frei; und reich.
+Aber sie hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf ein
+Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen Herkunft war.
+Palester nahm den Abschied, und als er mit Lenore das verkommene Haus
+in Hietzing mietete, in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster
+umgingen, verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und seine Pension
+als Offizier. Die beiden Menschen waren so unfähig wie ungewillt zu
+bürgerlichem Erwerb, und ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft
+hatte etwas Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des
+verschuldeten Untergangs.
+
+Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur Stadtbahnstation. Eine
+Stunde später befand sich Palester am Tor der Villa Sansara. Wichtel
+sagte, sein Herr sei nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten
+zu wollen. Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte
+Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen. Plötzlich
+erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe wenden und stutzte, als
+er den Grafen sah. Erst zog ein Schatten des Ärgers über seine Stirn,
+dann lächelte er düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte,
+treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,« fuhr er fort,
+als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt war, »der Auftrag, den
+Wichtel hat, betrifft nicht die Person, sondern die Welt. Ich habe mich
+zurückgezogen von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.«
+
+»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«, bemerkte Graf
+Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von Sammlung und Andacht.«
+
+Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf in die
+Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte er höhnisch. »Für mich
+Andacht und Sammlung!« Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem
+Gesicht war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter Zug.
+Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen; er kannte dieses
+Gefühl vom Meere her. Vor großen Stürmen und Gewittern hatte er stets
+eine ähnliche Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare in
+Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er hatte diese Haare nie
+anders gesehen als in sorgfältiger Scheitelung, glatt und geordnet.
+Dieser Umstand vermehrte seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt
+und war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab, und seine
+Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer Handschrift auf dem
+Tisch vor ihm.
+
+»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur um das peinigende
+Schweigen zu unterbrechen.
+
+Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte: »Haben Sie
+je die Erfahrung gemacht, daß das eigene Werk einen anstiert wie
+eine Gorgo? Manchmal graut mir vor diesen Worten da, die ich selbst
+geschrieben habe.«
+
+»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?«
+
+»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante und die moralische
+Idee heißt der Titel.«
+
+»Das klingt vielversprechend.«
+
+»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose. Ich wollte eine
+einfache Feststellung von Kategorien geben und sehe mich im Bodenlosen
+und Grenzenlosen. Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er
+zu blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?«
+
+»Ich bitte darum.«
+
+»Als der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt zum ersten Male in
+den Ausdruck faßte, daß alles in ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich
+sich selbst als das einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt
+gegenübergestellt. Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes
+geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus
+er die Welt bewegen konnte, weil er selber stand. Um so stärker mußte
+seine Sehnsucht erwachsen, die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch
+an der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild gemäß
+nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht, das Werdende durch das
+Gesetz in die Formel des Seins zu bannen: er treibt Mathematik, das
+heißt Wissenschaft. Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie
+aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt: das heißt,
+er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie aus der Zeit, verleiht ihnen
+Seele und schafft die Persönlichkeit: das heißt, er ist moralisch oder
+religiös. Können Sie folgen, Graf?«
+
+»Vollkommen.«
+
+»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit der
+Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt formt. Die Welt
+hinwiederum ist der Stoff, in dem das Gesetz sich erkennt, die Gestalt
+sich verkörpert, die Persönlichkeit sich wiederfindet. Daher erscheint
+jedes System, jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt
+für sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme, »muß das
+Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose das schlechthin
+Chaotische und das Unpersönliche das schlechthin Unmoralische sein.
+Denn alles dies ist nur der dreifach verschiedene Ausdruck derselben
+Verneinung: des Inkonstanten, des Undings an sich.«
+
+Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden Blicken an. Wie
+furchtbar, dachte er schaudernd, wie furchtbar diese Selbstverdammung
+sich anhört! Wie kann er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie
+geben damit eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen
+Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester; »des
+Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe und des Verantwortungslosen
+in der Seele. Dessen, der sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen
+dient, dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott und
+Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich nimmt, weil er
+nie zu finden ist.«
+
+»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche Idee in die
+Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die Exempel vergiften mir den Text,
+die Nutzanwendung bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz
+und schüttelte den Kopf.
+
+Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen Sie nicht vor
+mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln, die doch nicht weit tragen.
+Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht
+einmal gekommen, um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich fordere
+Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie im Namen der Ehre, der
+Freundschaft, der Menschlichkeit.«
+
+Erwin stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme über der Brust.
+»Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte Sie, mich mit Sonntagspredigten
+zu verschonen.«
+
+»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten noch Glück für
+andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig fort. »Sie achten es nicht,
+ich weiß es, Sie achten nicht das Glück der andern, aber ebensowenig
+wie Sie einen wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine
+Ersparnisse bestehlen würden – –«
+
+»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe nicht Zeit zu
+beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben zu wechseln. Ich lehne es
+ab, mich zu rechtfertigen, ich erlaube niemandem, wer es auch sei, in
+meine Brust zu greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit
+Philisterweisheit zu besudeln.«
+
+»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen Sie damit? Wie
+schlimm ist es um uns bestellt, wenn wir den Menschen, der sich höherem
+Gesetz beugt, mit einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn,
+sondern uns selbst der Verachtung preisgibt.«
+
+Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen Freund begraben,«
+sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen Brauen, »es kommt mir auf
+eine zweite Beerdigung nicht an.«
+
+»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie können alles wagen.
+Sie haben die Freiheit und die Möglichkeit der Verwandlung.«
+
+»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen, »vorher haben
+wir noch eine kleine Wette auszugleichen, Graf.«
+
+Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte er. »Ich entsinne
+mich. Es war ein sonderbares Gespräch zwischen uns, ein Gespräch, das
+mir Übelkeit verursachte wie ein verfaulter Fisch.«
+
+»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von Folgen begleitet war,
+als ob man im Rausch einen Diamanten gefunden hätte ... auf einem
+Wirtshaustisch.«
+
+Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen und in das Gesicht
+Erwins blicken zu müssen, und er hatte die Empfindung, als ob dieses
+Gesicht beständig wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald
+nah, bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich,
+bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt und häßlich, bald
+verständig, ja erhaben durch Vernunft, bald tierhaft trüb und niedrig
+aussah. Ach, dachte er, erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst
+unbegreiflich dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an
+seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben der Erde gesegnet,
+doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen und hat ihm die Liebe
+entwendet.
+
+»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den Besitz
+dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin, plötzlich
+liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt, sie waren mein Eigentum,
+bevor ich sie erworben hatte.«
+
+»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester mit kaum
+vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem Spott hinzu: »Nehmen Sie
+mir’s nicht übel, wenn ich daran zweifle.«
+
+»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben werden«, entgegnete
+Erwin lächelnd.
+
+Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin mit aufgerissenen
+Augen an und blinzelte dann mit den Lidern, die sich langsam röteten.
+
+»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise liefern muß«,
+sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit im Ton. »Haben Sie
+die Güte, mir zu folgen, Graf.«
+
+Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte ihm aus dem Zimmer
+und die flache Treppe des ungenügend beleuchteten Vorsaals hinan und
+durch einen langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde in
+schwarzen Rahmen hingen.
+
+Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber nach der Klinke
+gegriffen hatte, war Palester dicht an seine Seite getreten, legte ihm
+die Hand auf die Schulter und sagte, indem er seinen Blick fest in den
+Erwins bohrte: »Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht;
+ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich glaube Ihnen.
+Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging mit raschen Schritten über den
+Flur gegen die Treppe zurück und verließ im strömenden Regen das Haus.
+
+Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem kahlen, kalten Zimmer
+angelangt war. Er zündete eine Kerze an, ging in das Zimmer seiner
+Gefährtin und vergewisserte sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er
+auf einem Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken
+und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem
+Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht geschlagen, als er
+sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte und die kostbar eingebundenen
+Miniaturen herausnahm. Er betrachtete einzelne Bilder, deren schöne
+und mineralische Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten,
+lange, mit abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten in
+die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie auf den
+Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß, und als die Flammen
+lichterloh emporschlugen, übergab er ihnen das Buch mit den Miniaturen.
+Ruhig schaute er zu, wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken
+der Dielen ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie war
+im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem seinen sonderbar
+ähnlich, schimmerte bleich unter den roten Haaren. Sie fragte nicht,
+sie näherte sich ihm schweigend und, an seine Brust gelehnt, schaute
+auch sie der kleinen Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren,
+lag das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst, grau und
+rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand.
+
+Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest,
+den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte, durch einen
+Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen Zerstörung ansichtig
+wurde, den noch keineswegs zerbröckelten Band ungläubig betastete,
+war er gleichwohl nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu
+empfinden, wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte.
+
+
+
+
+Drei Nächte
+
+
+Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in den ersten Stock, sperrte
+die Türe auf und trat in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand.
+Er schloß die Türe wieder und blieb stehen.
+
+Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob auch den Kopf
+und fixierte Erwin mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte sich
+gesammelt und mit aller Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein
+Beweis von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre wäre in
+einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. Denn sie mußte sich
+ja sagen, daß sie selber Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert,
+indem sie seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt?
+Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die Dumpfheit
+hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, den erstbesten Weg
+einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. Jetzt aber hatte sie Klarheit;
+Klarheit genug für ein ganzes Leben.
+
+Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte sie
+nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch und ihrer unwürdig; sie
+erkannte, daß er schurkenhaft an ihr handelte. Und ihr Blick verkündete
+ihm das.
+
+Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie nichts erreichen
+würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre Empörung, ihre Verzweiflung an den
+Tag legte.
+
+»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie.
+
+»Das bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch die geschlossenen
+Zähne. »Du weißt selber den Grund.«
+
+»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht einen anständigen
+Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen«, rief Virginia mit
+flammenden Augen und ballte die linke Hand fest zur Faust.
+
+»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, es sei. Wenn Sie Wert
+darauf legen ...« Er zuckte die Achseln.
+
+In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein eckenreicher Mund,
+den die Beredtsamkeit in allen Worten und Lauten der menschlichen
+Sprache zerzackt und beweglich gemacht, zeigte in seiner Struktur eine
+wüste Linie. Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten.
+
+»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia abermals.
+
+»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz für mich allein! Ich
+will! Sie wissen, scheint mir, nicht, was das bedeutet: ich will!«
+
+»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. »Aber Sie
+vergessen, daß ich auch einen Willen habe. Und wenn Sie vor nichts
+zurückschrecken, so werd ich mir daran ein Beispiel nehmen.«
+
+»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. Es ist wahr, ich
+schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. Zu lange haben Sie mich
+gemartert.«
+
+»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde richten. Deswegen haben
+Sie mich unter die Menschen gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es
+ist, mich gemein zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie hatte
+nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue.
+
+»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. »Waren Sie
+der Meinung, daß ich immer nur girren und Süßholz raspeln würde?«
+
+»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia und blickte ihm
+gepeinigt ins Gesicht.
+
+»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte übrigens die
+Absicht, Sie zu heiraten –«
+
+»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie man eine Ware kauft.
+Ich schäme mich ja, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht habe.
+So viel Ehre hab ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung
+gegen mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise die
+Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, alles, alles.«
+Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die Hände vors Gesicht.
+
+»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr
+Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht
+auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will
+ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr
+entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll,
+um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.«
+
+Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht
+schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er
+sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«
+
+»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will,
+mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum
+Verbrecher werden soll, du mußt.«
+
+»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«,
+erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte,
+weinend.
+
+»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich
+wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia,
+so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst
+falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und
+entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich
+lasse dich nicht.«
+
+Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als
+wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen.
+»Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich.
+
+Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia
+spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter
+Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung,
+daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne,
+wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.
+
+»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme.
+»Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig.
+Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt
+als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine
+große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn
+Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis
+stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln,
+wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit
+Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an
+mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie.
+Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das
+aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund,
+mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie.
+Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen,
+wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.«
+
+Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken
+hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner
+Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses,
+und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt.
+Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu
+Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie
+nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist
+eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie
+die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.«
+
+Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem
+sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann
+ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel
+ihm entgegen und erbat sich seine Befehle.
+
+»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.
+
+»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«
+
+»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es
+läutet, zeigen Sie sich nicht.«
+
+»Sehr wohl.«
+
+»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«
+
+»Sehr wohl.«
+
+»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.«
+
+»Sehr wohl.«
+
+Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine
+Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als
+er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte
+sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte
+sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er
+horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen
+ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages
+an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer
+ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin
+Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom
+Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin.
+Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«
+
+Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier,
+nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des
+Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde
+als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er
+dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine
+Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes
+erschien ihm wie versengt.
+
+Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um
+acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben
+nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin
+trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus.
+
+Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins
+Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie
+hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame
+und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß
+das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle
+Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was
+dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen
+mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.
+
+Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele
+Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche
+Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief.
+Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß
+mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer
+Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen
+Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von
+Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie
+den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn
+sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit
+schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den
+ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen.
+
+Das Rücken des Tisches weckte sie auf.
+
+Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf
+dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb
+ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es
+galt, alle Kraft zu bewahren.
+
+Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war.
+Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt
+und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel,
+nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief
+hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel
+steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie
+sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem
+Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die
+Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.
+
+Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen.
+Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein.
+Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen
+Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende
+Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen
+spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen,
+die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß
+sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter
+und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück
+des Parks.
+
+Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf,
+und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege
+wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte
+Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor,
+durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan
+und warf sie hin.
+
+Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu
+beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück
+und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der
+Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit
+Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige
+Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an
+Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen,
+als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung
+übrig ließe.
+
+»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort.
+»Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte
+sich und riß ihr die Jacke auf.
+
+Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick
+seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich,
+die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte
+mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die
+Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle,
+begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte
+einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und
+trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da.
+
+»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht
+bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.«
+
+Sie rührte sich nicht.
+
+»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der
+Stimme.
+
+Sie rührte sich nicht.
+
+»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete
+nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch;
+»man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank
+ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn
+treiben?«
+
+Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur
+hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die
+Schultern auf die Erde.
+
+»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder
+gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese
+Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als
+Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen
+warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche
+Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das
+Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging
+hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!«
+murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich
+weg von deiner Brust.«
+
+Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie
+verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam?
+Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen?
+Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief
+er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem
+Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich
+und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er
+sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus
+dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit
+vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von
+pedantischer Enthaltsamkeit war.
+
+Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer
+besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin
+auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen
+zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab,
+und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren
+Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung
+der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über
+sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin,
+in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie
+Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und
+bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich
+in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen
+Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern
+so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren
+mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß
+hineingepreßt.
+
+Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen
+Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun
+gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den
+Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele
+Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam,
+sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr
+durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt
+gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen,
+durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles
+was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt,
+seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit.
+
+Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er
+umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über
+sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und
+ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck
+von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr
+feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges
+büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester.
+Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte
+automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten,
+daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre
+war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten
+Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei
+aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher
+kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche
+Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche
+entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der
+marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.
+
+»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« rief Erwin
+außer sich vor Wut und Enttäuschung, und zugleich sich wehrend gegen
+ein aus dem Unterirdischen heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl,
+das auf einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf ihm
+lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid in dieser Brust?
+Was soll ich tun, um mich zu retten? was tun, um dich zu rühren? Soll
+ich mir die Adern aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen
+meine Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, elender als
+elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll ich tun!«
+
+Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche Vase aus dem
+zartesten und kostbarsten Porzellan und schleuderte sie vor Virginia
+hin, daß sie zu hundert Scherben zerstückte. Es lag in dieser Tollheit,
+in diesem Wüten nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der
+elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im Schluchzen und darin,
+wie er schäumte, sich bäumte, die Zähne knirschte, die Fingernägel in
+seinen Hals grub; aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles
+über ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und Öde in ihm
+entstand.
+
+Vielleicht spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren Botendienstes,
+der Nachricht von Seele zu Seele gibt. Vielleicht war dies die Ursache,
+daß sie Erbarmen mit ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend
+der Kohlenglut näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen,
+erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen niederstürzender
+Mensch, ein Mensch, der furchtbare Qualen gelitten hat durch diese
+ungeheure Anstrengung, und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis
+zur Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, der aus
+einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen ist und trotzdem keine Stütze
+findet, um sich von der wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu
+befreien. Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, herzmordende
+Anstrengung, in der er nach ihr gerungen hatte wie nach dem einzigen
+Ding, das gepackt, gehalten, besessen werden mußte, dem einzigen, das
+den Sturz in den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit und
+Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel der Qualen, war
+es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, als müsse sie sich selbst
+vergessen, als müsse sie Haß und Liebe, Leben und Ehre, Scham und
+Schmerz vergessen, und sie sagte tonlos:
+
+»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.«
+
+Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht zu ihr heran.
+Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, herrliche Virginia,« flehte er
+leise, »und sag’ es mit dem Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk
+des Himmels, damit ich wieder zu einem Menschen werde.«
+
+Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und kraftlos, erwiderte
+Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, was du willst.«
+
+War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, das
+Erwin zur Stummheit verurteilte? War es die trauernde Verheißung,
+das Opfer, das Schauspiel einer Ergebung, die nichts von Hingabe
+hatte, aber alle Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die
+ihn versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er verlangt
+hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was ihm gewährt werden
+sollte, und daß gerade die Gewährung dieses Wesen in eine unerreichbare
+Ferne rückte, eine Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals
+zu besitzen. Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen
+entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl hatte, das
+er je empfunden, ja, weil es vielleicht das erste Gefühl war: nicht
+Gelüste, nicht Wohlgefallen, nicht Entzückung an der Form, nicht
+Entflammung der Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht
+Sucht; nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden
+und Umschlungensein.
+
+Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es an, daß sie mich
+liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ ich es, daß ich sie liebe?
+
+Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt an Worten. Statt
+dessen drängte es ihn, sich vor ihr zu erniedrigen, aber aus Furcht
+vor ihr wagte er nicht zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er
+verlor sich aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie
+das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da und nagte mit den
+Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, die mit ihm geschah, flößte
+Virginia Schrecken ein. Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine
+Hände, seine Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah
+ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr war, als ob
+an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch sei. Sie hätte fragen
+mögen: wo bist du? Er erschien ihr wie ein Gespenst. Den sie so stolz,
+so reich, so erfahren, so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so
+überlegen gesehen hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein
+geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr graute vor
+ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich bis ins Geisterhafte.
+
+Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte kaum mehr die
+Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen Aufregungen wirkte
+jetzt auf ihren Körper. Außerdem spürte sie, daß sie Fieber hatte, und
+ihre Zähne begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht
+erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich wieder. Sie wußte,
+daß er sie nun nicht mehr hindern würde, das Zimmer und das Haus zu
+verlassen, aber wohin sollte sie gehen?
+
+Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte ihr angstvoll.
+Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit entgegenschlug, sah
+sie sein Gesicht überdeutlich in die Luft gemalt, dieses Gesicht,
+das schlaff, leer, trüb, häßlich und gemein geworden war. Da begriff
+sie, daß sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen hängt, in
+Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß er sie bezaubert hatte in
+den Verkleidungen und Hüllen, die ihn den Menschen gegenüber gewappnet
+und undurchschaubar gemacht.
+
+Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und steckte es fest
+mit den wenigen Nadeln, die noch daran hingen. Die Uhr in der Halle
+schlug zwölfmal. Erwin stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das
+Bewußtsein vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia blickte,
+während ihre Arme noch erhoben waren, matt gegen ihn zurück, und im
+tiefen Fieber dachte sie abermals: wo find ich einen Ort, um mich
+auszustrecken und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –?
+
+In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. Die elektrische Glocke
+läutete schrill und lang. Erwin runzelte die Stirn, bewegte sich aber
+nicht. Es wurde ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne,
+daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte sie von
+oben bis unten. »Machen Sie auf!« flüsterte sie mit der Gebärde einer
+Fliehenden. Mit gleichgültiger Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete.
+Herein traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel
+gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und Frau von Resowsky.
+
+Virginia stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie mit geschlossenen
+Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau von Resowsky und Ulrich sie nicht
+aufgefangen hätten.
+
+»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, »wir müssen sie
+in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, der auf der Treppe stand,
+stellte die Laterne nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester
+hatten das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es aus dem
+Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« rief Ulrich Zimmermann.
+
+Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur Rechenschaft? Gut so.
+Sie haben, Baronin,« wandte er sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls
+eine ziemlich unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.«
+
+»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, ohne ihn mit
+ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte die Achseln und kehrte
+der ehemaligen Freundin den Rücken. Einige Minuten später war es wieder
+still im Haus. Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens.
+
+Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich auf den Diwan und
+fiel sofort in einen schweren Schlaf. Als er erwachte, schien die
+Sonne. Während er dem Diener läutete, entsann er sich erst, daß er
+Wichtel befohlen hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er ihn
+rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den Gärtner im Park und gebot
+ihm, Wichtel zu schicken. Er ließ das Bad richten. Als er gebadet und
+gefrühstückt hatte, trat er vor den Spiegel.
+
+Unwillkürlich, in einer lächerlichen Anwandlung, drehte er sich um. Er
+meinte nämlich, ein anderer stehe hinter ihm, dessen Bild der Spiegel
+wiedergab; denn er erkannte sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches
+Gesicht, daß er sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend,
+geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen Gesicht
+anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig verschwunden. Er übte
+sich in einer gewissen redenden Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie
+sonst in einem Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete
+darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber das Gesicht
+blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend wie das Gesicht
+eines alten, verkommenen Weibes.
+
+Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, das macht
+mich häßlich, sagte er sich. Er heftete die Augen mit einem
+leeren, gebrochenen Glanz in die Luft und murmelte: »Unerreichbar!
+unerreichbar! unerreichbar!« Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm
+niedersauste.
+
+Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. Was reizt
+mich noch? Nichts. Die Menschen werden mich wie einen Aussätzigen
+meiden. Was soll ich mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den
+zahllosen Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um sich sah, vor
+den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, den Wolken und vor der Sonne.
+
+Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele Papiere warf er in
+den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich gewahrte er auf einem Stoß von
+Büchern einen noch uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift
+seines Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, schon
+seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf und las:
+
+»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals nach deinem
+Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich keine Auskunft geben,
+habe ich dich doch seit vierthalb Monaten nicht einmal gesehen.
+Den Andeutungen nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten
+verwickelt, und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und
+persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken Vertrauen
+voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, obwohl mein
+eigener Zustand der mißlichste von der Welt ist und ich dich, mein
+eigenes Kind, von der Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer
+nicht freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. Ich
+bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, und um den zu
+ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem Alter noch zu gewinnen wäre.
+Ich frage mich um meine Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist,
+als Vater mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor dem
+Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem du mich
+nicht zurückgestoßen und deine Geringschätzung hast fühlen lassen.
+Nun ist’s ja wahr, es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes
+Geschlecht in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht in
+jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht? Wer hat alle die
+verzwickten und rücksichtslosen Neigungen so lange großgehätschelt,
+bis sie zu schändlichen Verlotterungen geworden sind? Wer hat euch
+das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu
+kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen?
+Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter und Mütter! Wir, die eure
+Vorsehung spielen wollten, wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden
+haben, um eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren
+Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, so daß sich
+ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, ein ehrlicher Kerl zu
+sein. Eure selbstverständliche geistige Betätigung haben wir als ein
+Wunder betrachtet, eure Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit
+für Unabhängigkeit, eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht für
+Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit fehlen lassen,
+wenn ihr mal was Anständiges geleistet hattet, wir haben es versäumt,
+euch im Zutrauen gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir haben mit
+den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh nach Haus gekommen seid,
+und statt der Furcht vor Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern
+noch eingeimpft hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, und
+ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht ganz genau wißt,
+woher es gekommen und wie es entstanden ist. Das hat euch so lieblos
+gemacht. Es macht lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch
+bis gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung hat es so
+mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche Aufschwung, das
+Wohlleben und endlich der Rückschlag gegen die bürgerliche Enge, in der
+wir selber aufgewachsen sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr,
+ihr jungen Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein
+Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, mußte ich dir
+mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich lange genug gequält, ich
+werde es nie bereuen. Ich darf es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater
+bin, ein Amt, von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, sondern
+weil du eines vor mir voraus hast, um das ich dich beneide und zu dem
+ich dir gratuliere: die Jugend. Es ist eine wunderbare Sache um das
+Jungsein, mein lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und
+das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist schließlich
+alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und gegen mich. Erinnere
+dich bald deines Vaters Michael Reiner.«
+
+Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht schlecht stilisiert,
+dachte er, das könnte mich zwingen, ihm Rede zu stehen. Er warf das
+Schreiben ins Feuer, dann entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb
+eine Anweisung auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch
+Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später kam Wichtel zurück.
+In dem Kuvert lag der Scheck, mitten entzweigerissen.
+
+Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. Wo er ging und
+stand, sah er immer nur sie; immer nur Virginia; immer nur das
+besondere, edle, wahre und angenehme Gesicht. Er sah sie in einer
+Haltung zwischen Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften
+Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er sah ihre Züge
+verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, lieblich in der Freude,
+maßvoll auch im Schmerz.
+
+Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr beseelte
+Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; er sah sie
+zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet im Zorn mit purpurnen
+Schläfen, sinnend in mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik
+ertönte, nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden wurde.
+Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die kühlen, langen Hände und
+vernahm das Knistern ihres Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene
+Gebundenheit schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige
+Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich an ihr war, und
+als ob ein Schwert durch die Luft vor ihm niedersauste, empfand er nur
+das eine: Unerreichbar.
+
+Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber glühenden Lippen:
+»Virginia! Schwester! Geliebte!«
+
+Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; es war derselbe, in
+den sie einst geschaut, als sie zum erstenmal das Perlenband um den
+Hals genommen. Er suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn,
+ein neues Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht,
+das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen Weibes.
+Ferner sah er ein Wort, mit Blut geschrieben, furchtbar aus zerteiltem
+Nebel flammend: Unerreichbar.
+
+Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, der umbrisch
+milde Mund, die Nase ohne Beben in den Flügeln, die Augen mit dem
+Bernsteinglanz über den Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren
+stieg ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen
+Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild.
+
+Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach verwelkten Blättern.
+Wie Felsblöcke stürzten die vielen Stunden, durchlebte und noch zu
+durchlebende, auf seine Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als
+das was er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst vor
+völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der Wolke umarmte, ward in
+den Tartarus geschleudert, wo ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das
+vom Sturmwind in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich
+mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. Die Wolke,
+nach der er gegriffen, war nicht göttlichen Ursprungs; ein Dämon hatte
+Schaum und Gischt erzeugt, der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten,
+leeren, nutzlosen und entgötterten Lebens.
+
+Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, eine Seele wie
+Virginias, von gleicher Kraft und gleicher Wahrheit. Wo war sie
+hingeraten, diese Seele? Hatte der Wille sie verzehrt? hing sie an
+den zahllosen Seiten gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier
+nach Selbstgenuß sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er
+so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, kalten und
+berechneten Worte sie verschwendet? Wird man Rechenschaft von ihm
+fordern, wie Ulrich Zimmermann gesagt, so wird man seine Tage wägen;
+prüfen und zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden,
+voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von Philosophie, in
+weiser Ordnung verwaltet, aber finster, blutlos, stumm und leer. Das
+Haus war leer, nur tote Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch?
+Das Unding an sich; das Inkonstante.
+
+Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. O Unerreichbare!
+Schwester! Geliebte!
+
+Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich irgendwie zu
+verwandeln, zog er einen schwarzseidenen Schlafrock an und Sandalen aus
+Rehleder. So schritt er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel
+und geheimnisvoll in seinem eigenen Haus, von Raum zu Raum.
+
+Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Wichtel suchte
+jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr nicht zu sprechen sei.
+Dieser jemand gab sich aber nicht zufrieden, worauf Wichtel ängstlich
+hereintrat. »Das Fräulein von Flügel«, meldete er.
+
+Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.
+
+»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.«
+
+»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende Stimme, und
+Marianne stand vor Erwin, der sich träg umgedreht hatte. Wichtel
+entfernte sich.
+
+Marianne trug einen langen, grauen englischen Reisemantel und einen
+der gewaltigen Modehüte mit einem Schleier, der bis zu den Knien
+reichte. Ihr Gesicht war etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine
+heftige Gespanntheit verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte
+die Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem Plan
+handelt.
+
+»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem sie mit flatternden
+Bewegungen die Handschuhe abstreifte und auf einen Sessel warf; »du
+begreifst, daß ich nicht Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du
+siehst, habe ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein Ende
+haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut und Stumpfsinn, dazu
+bin ich mir noch zu gut.«
+
+Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte den Kopf ans
+Fensterkreuz und schloß müde die Augen.
+
+»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und in der zunehmenden
+Erregung überstürzten sich ihre Worte; »ich frage dich, was du mit mir
+vorhast und ob du noch länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen
+Dirne eine Spottfigur aus mir zu machen.«
+
+Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, dann
+blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte die Arme auf
+dem Rücken.
+
+»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, und plötzlich
+holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; »wenn du auch findest,
+daß das eine Phrase ist, wie dir jedes Gefühl eines andern Phrase ist,
+ich lasse mich nicht als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt
+wählen, ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie stockte,
+denn Erwin lächelte sie an.
+
+»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln.
+
+»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte Marianne finster,
+ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe sinken.
+
+»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes Kind«, entgegnete
+Erwin und löste die Pistole sanft aus Mariannes Hand. Dann schaute er
+prüfend in den Lauf und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, –
+aufrichtig!«
+
+Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die weite Tasche
+seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her meine Neigung, einem
+Trauerspielakt eine freundliche Wendung zu geben«, fuhr er fort; »und
+so wollen wir’s auch diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen
+Schlüsse, schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe zu,
+daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern zu schmachten. Du
+hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen bei Demel, deine
+Spaziergänge auf dem Graben, das hat dich in eine phantastische Laune
+versetzt. Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte der
+Jahre.«
+
+»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem und beinahe
+feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn nicht mehr. Ich glaube, du
+würdest mit mir zufrieden sein. Wir beide könnten aus unserm Leben noch
+etwas machen, denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An
+der Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem fremden Blick
+die Worte. Diese Lippen, die gewohnt waren, das Heilige wie das Profane
+mit gleicher Kühnheit auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor
+dem einfachen Laut der Natur.
+
+»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche Leben momentan keine
+Verlockungen für mich hat. Im Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es
+nicht, die Küchenzettel schon am Morgen zu erfahren, und will nicht
+wissen, daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen einen
+Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch ich mache dir keinen
+Vorwurf daraus, daß du gekommen bist, im Gegenteil, ich möchte dich
+bitten, mir einen Dienst zu leisten.«
+
+Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute Erwin fragend an.
+Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Sieh mich genau an und sage
+mir, ob du eine Veränderung in meinem Gesicht entdecken kannst.«
+
+»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt.
+
+»Sieh mich ganz genau an.«
+
+»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte Marianne mit
+wachsendem Erstaunen über seine Fragen.
+
+»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe jetzt in das Zimmer
+hier nebenan und werde eine kleine Umgestaltung mit mir vornehmen. Du
+brauchst höchstens drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich
+dich, und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung
+in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das tun?«
+
+»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –«
+
+»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt später. Einen
+Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr dankend und galant die Hand und
+verließ mit Schritten ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist,
+dachte Marianne, der es beklommen zu Mut wurde.
+
+Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne ins
+Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit vergoldeter Lehne. Auf
+einem Tischchen vor ihm befand sich ein Spiegel. In der herabhängenden
+Hand hielt er die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer kaum
+wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe sickerte ein wenig Blut.
+Er hatte sicher gezielt und gut getroffen. Sein Gesicht wies keine
+Verzerrung auf; es war schön wie eine Maske.
+
+
+
+
+Manfred
+
+
+Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer noch bewußtlose
+Virginia vom Wagen in Frau von Resowskys Schlafzimmer getragen
+wurde. Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine Diagnose
+der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte, empfahl er die
+sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau Geßner, die im Hause der
+Baronin auf den Ausgang der nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß
+verzweifelt am Bette.
+
+Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen Wendelstiege,
+flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen eines Turmes, auf denen
+Menschen ohne Arme gingen. Über unzählig viele Treppen rollte ein
+feuerglühendes Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer
+mitten in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen auf
+sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber sobald sie
+antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung auf allen Mienen.
+Sie wiesen mit den Fingern auf sie; anfangs schlug sie nur die Augen
+nieder, das Herz voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine
+Regennacht hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus
+Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen, welche
+unverständliche, doch schamlose Lieder singen. Irgendwer will sie
+überreden, mitzusingen; dies bereitet ihr den größten Schmerz, und sie
+gewahrt Ulrich Zimmermann und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und
+bittet flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich schweigend
+ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege empor und werfen viele
+Briefe in das brennende Ofenfeuer.
+
+Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht? Wie kann es
+aber so schnell wieder Nacht werden? Sie schleppt sich über eine leere
+Straße, traurige Menschen sitzen in der Ferne unter einem Baum und
+winken ihr. Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen
+Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel! Man beschwichtigt
+sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der Stirn, es scheint ihr dieses
+ein Schwan zu sein. Ja, ein Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn,
+und behutsam hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich
+sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken hat, die
+wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen will, um sich wieder
+blendend weiß zu waschen. Sie sträubt sich verzweifelt dagegen, obwohl
+sie einsieht, daß das Gefieder rein werden muß. Da zucken Blitze über
+den Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen tempelartigen
+erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder steigen zahllose Treppen
+empor, aber sie fürchtet sich hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß
+sind. Und wie seltsam nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze
+Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete
+Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond, genau wie der Mond
+aussehend, und seine Schlote rauchen. Hinter dem Mond ist ein Nachen,
+in dem Nachen sitzt ein verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen
+ins Wasser taucht und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es
+schmerzt sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß, in
+solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von allen Seiten
+rufen Stimmen, die Stimme der Mutter schrillt heraus, in verstörter
+Beeiferung folgt sie den Leuten, die Kerzen tragen, miteinander
+raunen und lächeln. Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in
+einem weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele
+Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen? denkt sie, und
+ihre Angst bringt die Kinnlade zum Zittern.
+
+Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt, saphirblau gefärbt,
+sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet ihn, und mehr als hundert
+winzige Schlangen kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel
+viele Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber jedes
+Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen sind Seen, die Nase
+ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden Zähnen Tore mit weißen
+Wächtern, die Stirne ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle
+diese Gesichter ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen,
+das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck hat. Sie kennt es,
+es nähert sich, über eine weiße, weite, endlose Ebene kommt es heran,
+stumm bitten seine Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die
+Muskeln, da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder, eine
+starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher diese Hand? Was für
+ein namenloses Wohlgefühl! Welche Berührung!
+
+Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es ist, als ob etwas
+Süßes und Wohlschmeckendes auf der Zunge läge und ein Gefühl des
+Verschmachtens durch diese sättigende Süßigkeit beendet würde.
+
+Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder, denn sie kann nicht
+glauben, sie fürchtet, daß die beglückende Erscheinung entschwinde,
+wenn sie zu lange hinschaut. Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der
+sekundenflüchtige Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen, daß
+seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar, ernst, mild und
+wissend, und daß er sie liebt, und sie spürt, daß sie erwachen wird,
+daß das Leben sie wieder besitzt.
+
+Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen Palester erhalten.
+Als er den Brief mit den Blicken überflogen hatte, wußte er, daß er bis
+zu dieser Stunde ein glücklicher Mensch gewesen war.
+
+Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach England in See stach.
+Er lebte sie nicht, diese fünf Tage, er sah nicht mehr, er hörte nicht
+mehr, er dachte nicht mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn
+vordem gekannt und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick
+eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende kennen
+ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom Wirbelsturm überfallen werden.
+Er hatte Lust zu morden. Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos
+zu schreien, bis diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich
+endlose Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte mit den
+Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne überbrücken könnte; sein
+Gehirn war so von Lärm erfüllt, von Anklage, von Selbstbeschuldigung,
+von streitenden, klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu
+bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend sich unstät
+herumtrieb.
+
+Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden Matrosen am
+Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk hervor ein zottiger
+Hund auf ihn zulief. Der Hund erhob den Kopf und schaute ihn an mit
+Augen, die Manfred nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in
+den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten die Augen des
+Hundes: das ist also die Bewährung? Er sah ein, daß er im Begriff
+war, sich zu verlieren, daß aber dieses das Schlimmste von allem war,
+denn er mußte sich halten und bewahren. Haben Tausende gedient und
+sind nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht, ihrer
+selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an ihn war
+ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht alles als tauber
+Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten Tagen den Geist zur
+Bereitschaft geweckt, zur Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der
+tiefsten Ehre willen sich bezwingen.
+
+Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig, betrat er das
+Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch vom Bord ins Meer hinab,
+und seine Lippen waren eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische,
+teilnahmsvolle Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während er
+einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei in seiner
+Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt an der Brüstung
+gespielt, hatte sie überklettert und war in die See gestürzt. Seine
+Mutter, eine noch junge Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf
+alarmierte das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des Zögerns
+und Abwartens verhängnisvoll werden mußte, er entledigte sich seines
+Rockes und sprang ins Wasser. Er schwamm nur mäßig gut, und als er den
+um sich schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte.
+Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte, schwer
+atmend hielt er das Kind und war dem Untersinken nahe, als endlich das
+Boot kam und ihn und den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die
+Äußerungen des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von da an war der
+Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner Gesellschaft. Die junge
+Mutter, die wohl merkte, daß ihn jede andere Annäherung verstimmte,
+hielt sich fern. Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der
+Knabe saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes Manfred
+den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den scheinbar unveränderlichen
+Kreis des Horizonts lenkte.
+
+Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann die Antwort nicht
+ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug. So erschien die Stunde,
+wo er unter dem vertrauten Torbogen des Hauses in der Piaristengasse
+stand. Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung,
+läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne Schmerz, doch
+mit ausgefrorener Brust begab er sich zu Palester. Er trat ein, er
+reichte dem Grafen die Hand, und seine Züge, seine Augen, seine Haltung
+gaben bei einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit,
+Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund, daß Palester,
+der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage durchaus kein
+sentimentaler Charakter war, Tränen in sich aufströmen fühlte.
+
+Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen über Virginias Hand.
+Die träge Zeit lief wieder ihre alte Bahn.
+
+Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes Amt, die Wunden
+der Jugend zu heilen, versah sie mit Umsicht und Gründlichkeit.
+Großmütig und weise, hatte sie aus Manfred nicht nur einen gesunden
+Menschen gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der sein
+Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und nicht traumsüchtig
+der wirkenden Welt sich entfremdete, der zu besitzen vermochte, ohne zu
+vergeuden, ohne zu geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten.
+
+Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin und blieb dort
+vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias ausdrücklichen Wunsch.
+Sie wollte sich nicht an Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und
+wie eine Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner
+Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen und sich
+prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende Last geben konnte,
+wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab und wie er es von ihr fordern
+durfte. Alles bewährte sich mit der weisen und großmütigen Zeit; die
+Liebe, das frei wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der
+Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung, die gleich dem Saft
+im lebendigen Holz des Baumes das Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht
+emporträgt in die heitere Sonne.
+
+An einem Tag im Mai schritt das schöne, hochaufgerichtete Paar durch
+die abendlich feiernden Gassen der letzten Vorstadt und wandelte
+in sanften Gesprächen dem Wald entgegen, wo sie einander die Hände
+reichten und von ihren lächelnden Lippen zuversichtliche Hoffnung
+empfingen.
+
+=Ende=
+
+
+
+
+ Werke
+
+ von
+
+ =Jakob Wassermann=
+
+
+ +Bei S. Fischer, Verlag, Berlin:+
+
++Die Juden von Zirndorf.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte
+Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M.
+
++Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.+ Elfte Auflage. Geh. 6
+M., geb. M. 7.50
+
++Der Moloch.+ Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geh.
+4 M., geb. 5 M.
+
++Der niegeküßte Mund – Hilperich.+ Novellistische Studien. Geh. 2
+M., geb. 3 M.
+
++Alexander in Babylon.+ Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb.
+M. 4.50
+
++Die Schwestern.+ Drei Novellen. Dritte Auflage. Geh. 2 M., geb. 3
+M.
+
+ * * * * *
+
++Die Kunst der Erzählung.+ Ein Dialog. (Bei Julius Bard, Berlin)
+
++Caspar Hauser+ oder +Die Trägheit des Herzens.+ Roman.
+Neunte Auflage. (Bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart)
+
+ * * * * *
+
+ +Die Juden von Zirndorf+
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden
+von Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der
+die Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger
+Roman, diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet
+seinen Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt
+schärfere und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem
+Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm
+selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch
+sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann
+eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der
+namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine
+mit dem Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
+zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«,
+in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum
+verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
+einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl
+in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
+Handlung die vollkommenste Objektivität.
+
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+ * * * * *
+
+ +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs+
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«.
+– Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+ (Die Zukunft)
+
+Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller
+Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium
+aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen
+versichern dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich
+um ein bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem
+jedes Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster
+Erkenntnis der menschlichen Natur sei.
+
+ (Berliner Tageblatt)
+
+ * * * * *
+
+ +Der Moloch+
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde
+liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst,
+mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten,
+lebensvollen Gemälde gestaltet hat! ... Man kann schon aus dieser
+gedrängten Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein
+psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in
+der Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch
+behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß
+ist des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die
+Vorgänge mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. Mag das
+Weltbild, das Wassermann hier entwirft, ein einseitiges sein, mögen
+einzelne weniger interessierende Seiten seines Bildes gar zu breit
+ausgeführt, mag selbst die ihm zugrunde liegende Idee nicht unbedingt
+anzuerkennen sein und das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel
+bleibt gewiß, daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine
+Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der Macht fast
+eines Erlebnisses wirkt.
+
+ (Berner Bund)
+
+ * * * * *
+
+ +Der niegeküßte Mund – Hilperich+
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles
+in den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die
+Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich
+verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das
+verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein
+viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen,
+so wenige, daß man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch
+Genießende, der Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+ (Die Zeit, Wien)
+
+ * * * * *
+
+ +Alexander in Babylon+
+
+Nichts als der reale Gang der gerichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine
+kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern
+schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den
+Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig
+gemacht und beseelt.
+
+ (Neue Freie Presse, Wien)
+
+... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen
+Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn
+abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt
+es keine in Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man
+braucht nur, wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander«
+nachzulesen, um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt
+gleichsam in seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer
+Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat.
+
+ (Berner Bund)
+
+ * * * * *
+
+ +Die Schwestern+
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine
+Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem,
+wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann
+sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens
+herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir
+sonst an unserem Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht
+dem Blick ein neues Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als
+das, an dem wir tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum?
+Eine holde Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst
+gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen
+durchzuckt.
+
+ (Hannoverscher Kurier)
+
+Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
+Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
+Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen
+Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen
+Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
+phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische
+Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese
+drei Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen
+Jakob Wassermanns.
+
+ (Literarisches Echo)
+
+ * * * * *
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+Liste korrigierter Druckfehler
+
+
+Seite 51: Ergänzung des Wortes „einen“ (Auch Erwin hatte einen Brief
+erhalten.)
+
+Seite 52: „im“ ersetzt durch „ins“ (Virginia sah ihm entsetzt ins
+Gesicht.)
+
+Seite 87: „Eine“ ersetzt durch „Ein“ (Ein Hängeteppich statt der Tür
+trennte den Raum von dem Zimmer, ...)
+
+Seite 133: „war war“ ersetzt durch „was war“ (Genießen, was war damit
+viel bedeutet?)
+
+Seite 140: „Virgina“ ersetzt durch „Virginia“ (»Es wird ja wieder
+aufhören zu regnen«, meinte Virginia.)
+
+Seite 177: „Taklosigkeit“ ersetzt durch „Taktlosigkeit“ (..., sagte er
+gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner Taktlosigkeit zu gelangen.)
+
+Seite 279: Doppelte Anführungszeichen um „Phönix“ durch einfache
+ersetzt (Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts.)
+
+Seite 293: Schließendes Anführungszeichen ergänzt (»Ja. Sie sitzt in
+ihrem Zimmer.«)
+
+Seite 314: Punkt am Satzende ergänzt (Doch alle Erinnerungen starben an
+dem Jubel dieser Vollkommenheit.)
+
+Seite 368: „Geberde“ ersetzt durch „Gebärde“ (... und ihre beiden
+halbentblößten Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen
+Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.)
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 ***
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+ Die Masken Erwin Reiners | Project Gutenberg
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+
+
+/* Poetry */
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+
+/* Transcriber's notes */
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+
+
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 ***</div>
+
+
+
+<div class="transnote">
+
+<p class="s2 center">Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+
+<p class="s01">Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend
+übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; Textpassagen, die im
+Original in Antiqua gedruckt sind, wurden hier <em class="antiqua">kursiv</em> dargestellt.
+Gesperrt gedruckter Text erscheint je nach den Möglichkeiten des Lesegeräts
+<em class="gesperrt">gesperrt oder auch anders</em>.</p>
+
+<p class="s01">Am Ende des Textes befindet sich eine
+<a href="#Liste_korrigierter_Druckfehler">Liste korrigierter Druckfehler</a>.</p>
+
+<div class="newpage">
+<p class="s3 center mtop3 mbot0">Inhaltsverzeichnis</p>
+<p class="center s01 mtop0">(Vom Bearbeiter hinzugefügt)</p>
+
+<table class="toc s01">
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td class="right">Seite</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Virginia</td>
+ <td class="right"><a href="#Virginia">7</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Eine Vision</td>
+ <td class="right"><a href="#Eine_Vision">17</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Abschied</td>
+ <td class="right"><a href="#Abschied">30</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Vorspiele</td>
+ <td class="right"><a href="#Vorspiele">50</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Ein Duell</td>
+ <td class="right"><a href="#Ein_Duell">74</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Das Tanagra-Figürchen</td>
+ <td class="right"><a href="#Das_Tanagra-Figuerchen">99</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Das Perlenhalsband</td>
+ <td class="right"><a href="#Das_Perlenhalsband">121</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Ein Abend in der Villa Sansara</td>
+ <td class="right"><a href="#Ein_Abend_in_der_Villa_Sansara">151</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Zwischenspiele</td>
+ <td class="right"><a href="#Zwischenspiele">193</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Ein anderes Gesicht</td>
+ <td class="right"><a href="#Ein_anderes_Gesicht">226</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Reise und Rückkehr</td>
+ <td class="right"><a href="#Reise_und_Rueckkehr">248</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Feïnaora</td>
+ <td class="right"><a href="#Feinaora">272</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Das Bindende</td>
+ <td class="right"><a href="#Das_Bindende">293</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Gefangenschaft</td>
+ <td class="right"><a href="#Gefangenschaft">316</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Die Miniaturen</td>
+ <td class="right"><a href="#Die_Miniaturen">343</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Drei Nächte</td>
+ <td class="right"><a href="#Drei_Naechte">357</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Manfred</td>
+ <td class="right"><a href="#Manfred">387</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td class="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Werke von Jakob Wassermann</td>
+ <td class="right"><a href="#Werke_von_Jakob_Wassermann">395</a></td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe32 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Buchdeckel">
+</figure>
+
+<div class="newpage">
+<figure class="figcenter illowe12" id="signet">
+ <img class="w100 padtop3 padbot3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet">
+</figure>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<h1>Die Masken Erwin Reiners</h1>
+
+<p class="s3 center">Roman</p>
+<p class="s01 center">von</p>
+<p class="s2 center padbot5">Jakob Wassermann</p>
+
+<hr class="full double">
+<p class="s3 center">S. Fischer, Verlag, Berlin</p>
+<p class="s4 center">1910</p>
+
+</div>
+
+
+
+<div class="newpage">
+<p class="s01 center padtop8 padbot5">
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br>
+Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.<br>
+</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Virginia">Virginia</h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-u.jpg" alt="U">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Um die Mitte des Oktober fiel die Entscheidung.
+Der Arzt, von dessen Spruch Manfred Dalcroze
+alles abhängig gemacht, sagte ihm, daß er zwei
+Jahre lang auf die See gehen müsse, um die erkrankte
+Lunge wieder herzustellen. Manfred war darauf vorbereitet;
+dennoch war ihm zumute, wie einen Sommer
+vorher in Castrovillari, als er während des Erdbebens
+die Mauern seines Hotels zwanzig Schritte vor sich zusammenstürzen
+sah.</p>
+
+<p>Er schrieb vom Semmering aus an seinen Bruder, den
+Professor Ernst Dalcroze in Berlin, und erinnerte ihn an
+sein Versprechen, daß er sich, falls die Dinge den gefürchteten
+Verlauf nehmen würden, an den Professor Uchatius
+wenden würde, der mit der Ausrüstung einer deutschen
+Tiefseeexpedition betraut war.</p>
+
+<p>»Wie ich höre, verläßt das Schiff Mitte November den
+Hafen von Kiel«, schrieb Manfred; »ich glaube, du kannst
+mich dem Professor Uchatius mit gutem Gewissen empfehlen
+und ihm sagen, daß ich trotz meiner dreiundzwanzig
+Jahre schon manches Ersprießliche im Fach der Mikrobiologie
+geleistet habe. Wenn er mich als Mitarbeiter
+aufnähme, bliebe ich in der Linie meiner Studien und im
+Kreis einer zweckvollen Tätigkeit. Ich kann mich unmöglich
+zwei Jahre lang auf Vergnügungsdampfern und unter
+gleichgültigen Weltbummlern herumtreiben; das würde
+mich zur Beute unendlicher Grübeleien machen. Der<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+›Phönix‹ bleibt meines Wissens über anderthalb Jahre
+weg, was ja ungefähr mit der ärztlichen Vorschrift übereinstimmen
+würde, die ich befolgen muß.«</p>
+
+<p>Kaum in Wien angelangt, erhielt Manfred ein Telegramm
+seines Bruders: »Uchatius stimmt zu. Sei am
+fünften November in Berlin.«</p>
+
+<p>Manfred seufzte. Er sah sich zur Eile getrieben. Aber
+nichts von Eile war in seinem Wesen, als er sich gleich
+danach auf den Weg in die Josefstadt begab. Sich zu
+hasten, lag nicht in seiner Konstitution. Langaufgeschossene
+Menschen mit blonden, glatten Haaren neigen eher zum
+Phlegma. Manfreds bartloses Gesicht verriet eine mädchenhafte
+Zartheit. Wären einige seiner Bewegungen
+nicht so schüchtern gewesen, so hätte man sagen können,
+er nehme sich elegant aus. Jedoch die eleganten Leute
+besitzen nicht oder verraten nicht eine so träumerische Befangenheit,
+wie sie in den Augen dieses hübschen jungen
+Mannes wohnte, dessen Erscheinung Neugier und Teilnahme
+hervorrief.</p>
+
+<p>Ein blauer Herbsthimmel wölbte sich über der Stadt.
+Der Herbst ist für die Jugend vielleicht die lyrischeste Zeit.
+Manfred war voll von Erinnerungen. Das schnelle Vorüberfließen
+des Lebens hatte schon etwas Gespensterhaftes
+für ihn; es gab Augenblicke, wo er das Blut in seinem
+Herzen ungern pochen fühlte, weil jeder Schlag eine unwiederbringliche
+Frist besiegelte. Selbst jetzt auf dem Weg
+zu Virginia war ihm die Zeit zu geschwind, weil die Botschaft,
+die er brachte, seinen Schritt beschwerte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>In
+einer alten Gasse ein altes Haus mit weitem Torbogen;
+dunkler Flur, menschenleerer Hof und ein zweiter
+Bogen wie ein Schattenspiel; dann kletterte die weiße
+Wendelstiege zu jenen Räumen empor, von welchen aus,
+seit einem halben Jahr etwa, Manfred das Treiben der
+Menschen betrachtet hatte wie einer, der mit umgekehrtem
+Opernglas auf die Bühne blickt.</p>
+
+<p>Virginia hatte ihn erwartet. Wie stets bewältigte ihn
+ein Gefühl der Unwürdigkeit in ihrer Nähe. Glück und
+Schmerz einten sich in seinem Innern, und es war ihm
+deutlich bewußt, daß die Leidenschaft, die er für dieses
+Wesen empfand, alle Wünsche und Ziele des Lebens in
+sich aufgenommen hatte.</p>
+
+<p>Umschweife waren seine Sache nicht. In einem einzigen
+Satz war das Betrübende gestanden.</p>
+
+<p>Virginias Mutter war ausgegangen, sie waren allein.
+Virginia legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn
+schweigend an. Sein ernster Blick ließ sie trauriger werden.
+Sie setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die
+Hand. Aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein
+Abglanz von Sonne auf ihr braunes Haar und ließ es
+kupfrig erschimmern.</p>
+
+<p>Wie traulich ihm alles war; das Haus, die Nachmittagsstille,
+das Zimmer mit den Tüllgardinen, dem
+riesigen Spind, den rundlehnigen Stühlen, dem Sofa
+aus geblümtem Stoff, der Uhr mit den zwei zerbrochenen
+Alabastersäulchen!</p>
+
+<p>Am andern Abend brachte er sein Tagebuch mit, das<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+kennen zu lernen Virginia schon oft gewünscht hatte. Er
+las ihr vor. Diese Aufzeichnungen formten das sympathische
+Bild eines um Klarheit und Sachlichkeit redlich
+bemühten Geistes. Die verhängnisvollen Fehler der
+Epoche, unreife Nörgelei und anmaßende Selbstzerfaserung,
+gewannen kraft einer natürlichen Bescheidenheit
+keinen Raum. Das eingestandene Gefühl, unzulänglich
+zu sein, war echt. Das Leben war zu reich und zu verworren;
+die Menschen der Zeit wurden einer großen Gesellschaft
+verglichen, in der jeder dem andern fremd ist,
+jeder sich einsam weiß, wo alles ruhelos, bestürzt und
+blind von Saal zu Saal aneinander vorübereilt und
+niemand den Namen des Gastgebers kennt.</p>
+
+<p>Es war die vorherrschende Stimmung eines jungen
+Mannes vom Anfang des Jahrhunderts. Er glaubt sich
+in umfriedetem Bund und ist verloren wie in der Wüste;
+ehrwürdiges Herkommen scheint ihn zu verpflichten, und
+er findet sich führerlos und unberaten; viele reden, doch
+keiner spricht; wer ruht, hat schon verzichtet, und der
+Tanzende scheint im nächsten Augenblick zu sterben.</p>
+
+<p>Wie keinem war es Manfred notwendig, einen Freund
+zu besitzen. Als der Name Erwin Reiners zum erstenmal
+in dem Tagebuch auftauchte, verwandelte sich der Ton
+der Erschöpfung in den der Zuversicht. »Erwin hat mich
+vor dem Selbstmord bewahrt,« hieß es da treuherzig,
+»er hat mir Geduld und Einsicht geschenkt. Ihm verdanke
+ich den Glauben an die Schönheit des Lebens,
+denn für ihn ist das Leben ein Wunder, das sich täglich<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+wiederholt. So wächst meine Schuld gegen ihn mit jedem
+Tag.«</p>
+
+<p>Als die Stelle kam, wo die erste Begegnung mit Virginia
+geschildert war, schüttelte das Mädchen lachend den
+Kopf und sagte, das möge sie nicht hören. »Wenn wir mal
+alt sind,« sagte sie, »kannst du mir das vorlesen.«</p>
+
+<p>So blieben sie schweigend, Hand in Hand, und während
+es zu dämmern begann, irrten Manfreds Augen zerstreut
+über die engbeschriebenen Seiten, auf welchen jene natürlichen
+Erlebnisse wie Mirakel behandelt wurden.</p>
+
+<p>»Täglich führt mich mein Weg durch dieselben Straßen,
+und ich beachte nicht die Menschen, die mir begegnen.
+Aber gestern hab ich ein Mädchen gesehen ... eine Sekunde
+lang standen wir voreinander, unsere Blicke trafen
+sich, dann rief sie den ihren so hastig zurück, wie man die
+Hand von einem glühenden Eisen zurückzieht. Ich kehrte
+um und folgte ihr wie behext. Ihr Gang hatte etwas
+edel Schleichendes, so daß ich mich ganz einfältig fragte,
+ob sie eigentlich Beine und Füße habe. Ich sah beständig
+den Kontur der linken Wange, der dem sanft geschwungenen
+Bogen einer Banane glich. Über den Schultern erhoben
+sich die fernen bläulichen Hügel, die den Prospekt der
+Straßenzeile bildeten. Ich versuchte auf dieselben Pflastersteine
+zu treten, die ihr Fuß berührt hatte, mir war, als
+ob die Luft, durch die wir beide gingen, links und rechts
+in festen Mauern wüchse, es war mir angst und bang,
+ich fühlte mich gedemütigt, ich zitterte vor dem Moment,
+wo ich sie aus dem Auge verlieren mußte, und als sie<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>
+endlich draußen in einem Vorstadthaus verschwand, blieb
+ich zwei Stunden lang in gedankenlosem Kummer am
+Tor dieses Hauses stehen.«</p>
+
+<p>Manfred hatte viel inneres Gesetz; deshalb war in
+seinen Empfindungen Stetigkeit und Mark. Halbe Tage
+hindurch promenierte er vor dem Hause in der Piaristengasse
+mit einem geregelten Eifer, der die Aufmerksamkeit
+der Nachbarn und den Argwohn der Polizeileute erweckte.
+Einmal, gegen Abend, trat Virginia mit ihrer Mutter aus
+dem Tor; wie einer, der sich in ein tiefes Wasser zu stürzen
+anschickt, schritt er vor die zwei Frauen hin, grüßte, nannte
+seinen Namen, entschuldigte seine Kühnheit mit allen
+Zeichen der Feigheit und stammelte etwas von Eindruck,
+von Ehrerbietung, von Begleitenwollen, kurz, ganz banales
+und nichtswürdiges Zeug.</p>
+
+<p>Virginia maß ihn von oben bis unten. Manfred spürte
+beklommen, daß dieses nach seiner Kleidung dem Mittelstand
+zugehörende Mädchen etwas vom Adel einer Fürstin
+an sich hatte; jedenfalls verriet ihr Benehmen, ihre Haltung,
+die Art, mit einer Bewegung des Kopfes Mißachtung,
+Stolz oder Verwunderung auszudrücken, eine
+nicht gewöhnliche Charakterstärke.</p>
+
+<p>Anders die Mutter, deren Unsicherheit gegen Fremde
+leicht den Ton verfrühter Zutraulichkeit annahm. Doch
+ohne dieses Fehlgreifen, das Manfred mißfiel, weil er
+wahrnahm, daß es Virginia mißfiel, hätten die beiden
+schwebenden Naturen sich nicht so schnell zueinandergefunden.
+Frau Geßner pries die Manieren des Jünglings<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>
+mit einem Enthusiasmus, der Virginia nervös
+machte. Die alte Dame war über seine anständigen Absichten
+sofort im klaren; sie zog unter der Hand Erkundigungen
+ein, erfuhr, daß die Dalcroze eine renommierte
+Gelehrtenfamilie waren, und hätte über Virginias Zukunft
+keine Sorgen mehr gehabt, wenn Manfred um
+zehn Jahre älter gewesen wäre.</p>
+
+<p>Solche Bedenken lagen Virginia fern. Als sie Vertrauen
+gewonnen hatte, war ihr Herz zu lieben bereit.
+Aber ein vorsichtigeres Herz als das ihre ließ sich nicht
+denken. Sie setzte den Verlockungen des Glücks ein
+Widerstreben entgegen, das aus verschiedenartigen Umständen
+Nahrung zog, einmal aus der ganzen Lebensluft
+dieser Stadt, in der sie aufgewachsen war, der Luft der
+Sinnlichkeit und des unbedenklichen Genießens, vor deren
+Einflüssen sie durch eine klösterliche, nicht immer froh
+empfundene Abgeschiedenheit geschützt war; sodann aus
+den strengsten und durchaus eingefleischten Grundsätzen
+über Sitte und Tugend, die mit erlesener Schönheit
+zuweilen im Bunde sind, als ob es in den Absichten der
+Natur selbst beschlossen wäre, ihr Meisterwerk nicht ohne
+Wehr und Waffe auszuliefern.</p>
+
+<p>Erst als von ihren Lippen das abwartende und schwer
+deutbare Lächeln geschwunden war, durch welches sie ihrer
+tiefen Zurückhaltung den Glanz von Liebenswürdigkeit
+gab, als die Augenlider zögernd sich senkten, der Blick
+zögernd wieder aufstieg, um durch Befremdung, Frage
+und Erschütterung hindurch das verwandelte Gemüt zu<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>
+offenbaren, erst dann hatte Manfred gesiegt. Im Mai,
+während eines Spaziergangs im Walde, entriß er ihr ein
+Geständnis. Sie küßten einander. Manfred erbebte vor
+der Wirkung dieses Kusses, und Virginia beschwor ihn, sie
+ähnlichen Gefühlen nicht mehr preiszugeben.</p>
+
+<p>Er versprach es; er war stark genug, das Versprechen
+zu halten. Sie einmal so völlig außer sich gesehen zu
+haben, so im Sturm, in der kurzen Raserei, die aus ihr
+hervorgebrochen war wie ein Element, unter der sie litt
+wie in einem Todeskampf und die wieder ausgelöscht war
+wie eine Flamme, die man ins Wasser taucht, das war
+Stoff für dauernde Träume und erfüllte ihn mit dauernder
+Dankbarkeit. Und dieses wieder dankte ihm Virginia
+in zarter Weise. Ihre Liebe hatte nichts Lockendes, nichts
+Werbendes, nichts Verlangendes, nichts Hinschmelzendes;
+nichts von den hundert Listen, die sonst, gewöhnlich oder
+apart verwendet, zum Kriegs- und Eroberungsarsenal
+der Mädchen gegen ihre Anbeter gehören. An ihr war
+alles Gleichmaß; sie war voll Ruhe und voll von sanfter
+Scheu. Mehr als alles fürchtete sie die unfruchtbare Glut
+des aufgeweckten Blutes. Darin lag Ehrlichkeit gegen sich
+selbst und überlegte Rücksicht gegen den Geliebten.</p>
+
+<p>Alles Frohe und Erschlossene in ihrem Gebaren hatte
+den Charakter von Urwüchsigkeit und Kindlichkeit. Sie
+spottete gern und besaß ein Talent zur Nachahmung,
+das eine starke Beobachtungsgabe verriet. Ihre Mutter
+hatte deswegen daran gedacht, sie für die Bühne ausbilden
+zu lassen, aber Virginia hatte eine sehr geringe<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+Meinung vom Beruf einer Komödiantin. Frau Geßner
+bezog eine kleine Witwenpension, die im Verein mit den
+Zinsen von zwanzigtausend Kronen, welche Virginia von
+einem Verwandten geerbt hatte, den beiden Frauen nur
+ein kärgliches Auskommen sicherte, hart an der Grenze
+der Bedürftigkeit. Virginia hatte niemals an eine Versorgung
+durch Heirat gedacht, sie wollte sich auf eigene
+Füße stellen, und so hatte sie sich vor zwei Jahren entschlossen,
+bei einem billigen Lehrer Mal- und Zeichenstunden
+zu nehmen; aber es war ein ziemlich hilfloses
+Treiben, und es machte ihr Kummer, daß sie ein ersprießliches
+Ziel nicht absehen konnte. Manfred, in seinem hohen
+Respekt vor der Kunst, entmutigte sie vollends, und obwohl
+sie ihm deswegen nicht zürnte, verletzte es doch ihren
+Stolz, als sie ahnend begriff, daß er wie alle ganz jungen
+Menschen insgeheim ein orientalisches Frauenideal von
+Trägheit und Sichtragenlassen hegte.</p>
+
+<p>Ihre Schönheit entschuldigte freilich den Gedanken,
+der sie in einer häßlich aufgeregten Welt als ruhend
+träumte. Es war eine Schönheit, deren Vollendung dem
+flüchtigen Beschauer entgleiten mochte; in der Tat konnte
+Virginia durch eine belebte Straße gehen, ohne wie minder
+ausgezeichnete Frauen zudringliche Blicke zu alarmieren.
+Ihre Schönheit bedurfte gleich den echten Dichtungen
+des Studiums und der Vertiefung, um gewürdigt zu
+werden. Das Ebenmaß ihres hochschenkeligen Körpers
+triumphierte durch jede Kleiderhülle, und in den Begrenzungslinien
+entzückte die rhythmisch verteilte Bewegung;<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>
+ihre Haltung erinnerte an die selbstverständliche
+Anmut der edlen Tiere und an die Beherrschtheit einer
+großen Tänzerin. Ihre Hände waren weiß, lang, durchsichtig
+und kräftig; ihre Haut war glatt wie japanisches
+Papier, leuchtend, aber nicht feucht; ihre Lippen hatten
+die Frische und Narbenlosigkeit wie bei dreijährigen Kindern;
+die Augen waren weitgehöhlt, kunstvoll gebogen,
+seltsam grau bewimpert, zwischen Lid und Stern war
+ein wunderlicher Bernsteinglanz, der Augapfel schwamm
+köstlich ruhevoll auf der perlmutterschimmernden Wölbung,
+und dieses Schauspiel des Lebens unter einer
+Stirn, die nicht flüchtete, die stille war, die zu schlummern
+schien und deren Helligkeit von den Haaren beschwichtigende
+Schatten erhielt, verlieh dem ganzen Antlitz eine
+bezaubernde Wahrheit und Gegenwärtigkeit.</p>
+
+<p>Sie litt es nicht, wenn Manfred sie bewunderte; es
+kam ihr wie ein Mißverständnis vor. Sie suchte freien
+Anschluß, Freundschaft, Entgegenwirkung. Doch Manfred
+errichtete Altäre, und der Überschwang des Glücks
+lenkte seinen Sinn oft ins Dunkle, denn er stand nicht
+vertrauensvoll zu seinem Genius.</p>
+
+<p>So zeigen sich die beiden Menschenkinder als beschlossene
+und gütige, dem Weltlärm entrückte Gestalten,
+von denen zu beklagen ist, daß sie der Schicksalswind auseinanderreißen
+und in verwunschene Bezirke des Lebens
+wirbeln wird.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Eine_Vision">Eine Vision</h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-d.jpg" alt="D">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am
+Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach
+Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste
+Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener
+Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben
+waren, nahm ihn die Großmutter zu sich, die in
+Wien wohnte. Sie war eine reiche Frau und eine Sonderlingin;
+sie liebte das Hasardspiel und verlor einmal in einer
+einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte Kavaliere fünfzigtausend
+Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer
+Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben,
+und zog sich für den Rest ihres Lebens nach Salzburg
+zurück, wo sie sich in eine eigensinnige Einsamkeit vergrub,
+in ihren Gedanken nur noch mit dem vergötterten Manfred
+beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie geschworen
+hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.</p>
+
+<p>Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der
+alten Dame fahren, um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte
+einen Nachtzug, und im Schlafkupee schrieb er, unbeirrt
+durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia folgenden
+Brief:</p>
+
+<p>»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß
+wir uns trennen müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu
+Ende denken will und die Zeit ermesse, die vorübergehen
+wird, bis wir uns wiedersehen, ist es mir, als könnt ich
+so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre dieses<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>
+Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele
+Tage sein, fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele
+Nächte, an denen ich nicht wissen werde, was du sprichst
+und wo du bist und was du träumst. Ich habe zu viel
+Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, jedenfalls
+zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe
+meines Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß
+nicht, wie du es fühlst und ob du lernen wirst, dich
+darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du es mit
+Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst;
+was mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und
+ich zittere vor dem Augenblick, der uns trennen wird.
+Seit ich dich habe, scheinen mir alle Menschen mit Geheimnissen
+erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und
+die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich:
+das Geschick muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre
+es ja sinnlos gewesen, daß es dich mir gab; ich sage mir:
+was bedeutet es am Ende, wie weit ich von dir sein
+werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns,
+Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von
+Ferne. Trotzdem ist schon jetzt alles aufgewühlt in mir,
+und ein böser Geist flüstert mir zu: was jetzt? was morgen?
+Ich fürchte die unbekannten Drohungen des Daseins, ich
+fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen heimlichen
+Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns
+sind, weil sie eben sind, und weil das Menschenwesen
+finster ist. Vieles kann geschehen. Zwischen zwei Schritten
+kann ein Abgrund sein, zwischen zwei Stunden ein Tod.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>Ich
+glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende
+Aufgabe geworden, eine Existenz zu gründen,
+welche deiner würdig ist. Darauf will ich meine Kräfte
+und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein wird,
+da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken
+bewegt und leitet. Die Unschlüssigkeit und der
+Wankelmut, denen ich verfallen war bis zu dem Tag, wo
+es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, hatten ihre
+Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, bevor
+ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit
+gewann über meine Fähigkeiten, meine Bestimmung
+und meine Zukunft. Ich kann nicht wie im Traum durch
+die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift alles hart
+an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist,
+um dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt,
+und wenn auch einerseits damit eine gewisse Ruhe in
+mein Wesen kommt, die Ruhe der Entschlossenheit, so erkenne
+ich doch andererseits, daß die Tröstungen, die ich
+mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu
+machen, nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben
+doch ein zu schwacher Mensch, um ohne Furcht, sei es
+auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, einer solchen Prüfung
+ins Auge zu blicken.</p>
+
+<p>Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein;
+nicht nur diese egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar
+gesagt, die Furcht vor Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten
+des Lebens, und die Erwägung deiner Schutzlosigkeit,
+deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der Menschen<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören
+aus Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen
+daraus schöpfen, wenn ich mir gegenwärtig halte, daß
+diese Einsamkeit und Arglosigkeit dir angemessen ist und
+vielleicht zur Vollendung deiner inneren und äußeren
+Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und
+selbst den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die
+mich zu ihrem Spielball machen, erklärst du mich vielleicht
+für den Störer deines Seelenfriedens; oder du verurteilst
+mich als einen, der sich anmaßt, den bisher so
+stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu
+haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt,
+in deinen Kreis getreten ist. Dies alles fühle und denke
+ich mit dir. Doch ich kann nicht anders, mir wird kalt,
+wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei dieser Fahrt
+jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von
+schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste
+Virginia, laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne
+mir nicht, überlege nicht viel, sag ja und du nimmst einen
+Stein von meiner Brust.</p>
+
+<p>Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt
+wissen, was er mir war, was er mir ist. Er, er kennt dich,
+ohne daß ich je nötig hatte, viel zu reden. Er verehrt dich,
+weil er mich liebt, und er hat es mir noch nicht verargt,
+daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er zartfühlend genug
+ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das unsre
+vorläufig Abgeschiedenheit braucht.</p>
+
+<p>Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+daß er über dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines
+Vertrauens zu ihm, deines Vertrauens zu mir kann ich
+Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, Freund, ist
+das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es
+hüten, als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft,
+um eine solche Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf
+sich nimmt. Ob er sie auf sich nehmen wird, ist meine
+einzige Angst, denn seine Person ist viel gefordert und
+sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben,
+daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird;
+dazu ist er viel zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst
+ihn bewundern, denn alle, die ihn kennen, lieben und bewundern
+ihn. Ich habe das Gefühl, daß der Kreis meines
+Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und
+Erwin Freundschaft entsteht.</p>
+
+<p>Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere
+Seelenruhe, und nun gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden.
+Der Zug fliegt durch den winterlichen Nebel –
+zu dir, immer nur zu dir, denn jede vergangene Minute
+kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder
+offen halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund,
+dein Lächeln. Alles ist erfüllt von dir, alles spricht von
+dir. Gute Nacht!«</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder
+in Wien zu sein versprochen. Um Virginia zu überraschen,
+kam er schon mit dem Nachmittagszug. Nachdem<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>
+er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, fuhr er mit
+einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß
+fand er Virginia nicht zu Hause.</p>
+
+<p>Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald
+kommen«, sagte sie, belustigt über die schlecht verhehlte
+Enttäuschung des sonst so ausgezeichnet höflichen Jünglings.
+»Leisten Sie halt mir ein bißchen Gesellschaft.«</p>
+
+<p>Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen,
+dem man einen Knochen vorsetzt. Das Gespräch sickerte
+mühselig. Manfred langweilte sich. Er hörte nur oberflächlich
+zu, und erst allmählich entdeckte er etwas Bedrücktes
+und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte
+eigentlich nie den Ton der Freiheit gegen sie gefunden;
+ihr Wächteramt hatte sie in seinen Augen vielleicht nicht
+erniedrigt, aber der persönlichen Unmittelbarkeit beraubt.</p>
+
+<p>»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie
+mit mechanischer Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte.
+»So weit! Für so lange Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß,
+ob ich noch am Leben bin, wenn Sie zurückkommen.
+Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich nütze?
+Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne
+fast schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man
+viel an den Tod!«</p>
+
+<p>Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er
+lächelte und brachte ein paar dumpfe Laute eifrigen
+Widerspruchs heraus. Er lauschte sehnsüchtig, ob nicht
+bald die wohlbekannten und geliebten Schritte erklingen
+würden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>»Daß
+Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«,
+fuhr Frau Geßner mit jener eintönigen Stimme
+fort, die seine Ungeduld und Unruhe steigerte. »Sie sind
+zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird noch
+viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine
+Stellung haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich
+hab’ einen festen Verlaß auf Sie. Und weil ich den Verlaß
+habe, will ich Ihnen was erzählen. Die Sache ist
+nicht leicht; ich hab mir’s lang überlegt, doch Sie sollen
+die Wahrheit erfahren.«</p>
+
+<p>Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den
+Kopf vor und starrte ängstlich auf die rastlos das Tischtuch
+glättende Hand der Frau.</p>
+
+<p>»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner
+im Tonfall einer Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter
+Porträtmaler und verdiente ziemlich viel. Als er
+plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die Mutter mußte
+von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann
+gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte.
+Geßner war ein kleiner Beamter im Ministerium mit
+sechzehnhundert Gulden Gehalt und den üblichen Zulagen.
+Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre alt. Er war ein
+auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus
+in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag
+nachmittag sind wir in die Praterauen gegangen,
+andere Spaziergänge hat er nicht leiden mögen. Vom
+Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam
+und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze.<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+Die Bücher sind für die Menschen, die Zeit und Geld
+haben, sagte er, wenn du dich bilden willst, dafür hast du
+ja die Zeitung. Unser Verkehr war ein uralter Hofrat,
+der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen aufzuzehren,
+damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte,
+und eine bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau
+bei der Großherzogin von Toskana gewesen war und
+uns immerfort Hofgeschichten erzählte. Sonst keine Seele,
+jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder,
+derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder
+bekam ich nicht, und wie nun so ein Sommer um den
+andern, ein Winter um den andern verstrich, da ist mir
+immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal
+war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, –
+wenn das Leben leer ist, wird man am schnellsten alt.
+Wie ich zweiunddreißig war, hab’ ich mir die ersten grauen
+Haare ausgerissen.</p>
+
+<p>Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe,
+hat da unten im zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer
+gewohnt, eine hübsche, junge, lebenslustige Person.
+Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und eines Tages
+sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist
+verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’
+ich, ›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er
+kein Geld.‹ ›Was, Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld,
+ich hab’ zwei Karten, und den Domino kann ich Ihnen
+leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert für dergleichen‹,
+sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht mir<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz
+schlug mir schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der
+brummt zuerst, aber schließlich, weil’s nichts kosten soll und
+weil die Nachbarin eine Frau ›von‹ war, gibt er seinen Segen.</p>
+
+<p>Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin
+war auf Ja und Nein verschwunden; ich, geblendet von
+dem Glanz, drücke mich eine Weile jämmerlich herum, da
+spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir immerzu, führt
+mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und
+war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch
+war oder elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß
+nur, daß er lieb war, und das eben war’s, was mir fehlte.
+Wir haben auch noch getanzt miteinander, und dann wollt’
+er mein Gesicht sehen, und dann hat er mich zum Wagen
+gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren
+wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum
+Morgen. Seitdem hab’ ich ihn nie wieder gesehen.«</p>
+
+<p>Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre
+Haltung wurde aufrechter; und etwas an dieser Haltung,
+etwas an der stillen Tiefe des Blicks erinnerte Manfred
+an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.</p>
+
+<p>»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner
+leise; »ich weiß nicht, wo das Haus war, im Morgennebel
+bin ich von ihm fortgegangen, und er hat mich im Wagen
+noch ein Stück begleitet. Nachher war alles wieder wie vorher.
+Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«</p>
+
+<p>In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte,
+ergriff Manfred Frau Geßners Hand und drückte<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+seine Lippen darauf. Sie schaute ihn dankbar und erleichtert
+an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens großmütig«,
+sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch,
+daß Gina nie, nie etwas davon wissen darf? Das sehen
+Sie doch ein, nicht wahr?«</p>
+
+<p>Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«,
+bestätigte er; »man würde ihr die Unbefangenheit rauben.
+Schließlich, gegen die Umstände, die einem das Leben verschafft
+haben, kann sich kein Mensch auflehnen, doch wir
+wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«</p>
+
+<p>»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand
+außer mir und ihm und Ihnen.«</p>
+
+<p>»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder
+gesehen, daß Sie sich so vollständig damit abgefunden
+haben?« fragte Manfred.</p>
+
+<p>»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir
+selber gemacht habe. Die eine Nacht, das war meine
+Jugend. Und wie das Mädel geboren war, bin ich wirklich
+gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich
+dann bald hernach begraben.«</p>
+
+<p>Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden.
+Mit nachdenklicher Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn
+jene im Dunkel der Zeiten verschollene Frau von Ermenhofer
+nicht auf den Maskenball hätte gehen wollen, wäre
+dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war
+selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden
+Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt
+sein Dasein dem Zufall eines ziemlich gewöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+Abenteuers; das Abenteuer erhält den Nimbus von Heiligkeit;
+der Zufall wird Schicksal, und das seiende Geschöpf
+beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen
+Kodex der Moral.</p>
+
+<p>In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia
+kam. Sie brachte das Feuer des scheidenden Tages mit.
+Die unerwartete Freude, den Verlobten zu sehen, lähmte
+ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre Liebe; in den
+metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches Entzücken.
+Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu
+spüren, daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft
+ging: ihr Arm zitterte, die Finger lagen zuckend in den
+seinen. Sie schauten sich wie verzaubert an, indes Frau
+Geßner am Tische saß und zu erlauschen schien, was sie
+einander verschwiegen.</p>
+
+<p>Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte
+Manfreds Verlangen. Sie wollte nicht gestört,
+durch Beobachtung nicht gehemmt werden. Des Schutzes
+glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich beschützt,
+bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund?
+Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«</p>
+
+<p>Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß
+Virginia ärgerlich wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende
+Trennung, die ihr so schwer im Gemüte lag, daß
+sie kaum wußte, was sie redete, als sie verstimmt und beunruhigt
+immer von neuem widersprach. Aber Manfreds
+enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß
+sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+zum Heer der Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht
+so tragisch,« lenkte sie ein, »wozu sollen wir uns streiten?
+So bring ihn halt her, deinen berühmten Erwin Reiner.«</p>
+
+<p>»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig.
+»Du ahnst gar nicht, wie glücklich mich das macht. Den
+berühmten Erwin Reiner«, wiederholte er lachend; »das
+ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, berühmt
+zu werden.«</p>
+
+<p>»Um so schlimmer.«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll
+und über die Maßen gebildet, sondern auch berühmt.
+Um so schlimmer. Der paßt schlecht in unsere vier Wände.«</p>
+
+<p>Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese
+Bemerkung wurde es ihm klarer als zuvor, daß Virginia
+an der Engigkeit der Verhältnisse litt. Er verzieh es gern.
+Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die Welt; die
+Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht
+und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert
+die Gefahr; ein Feld für böse Ahnungen. Doch
+Manfred hatte den Willen, hell zu sehen, und seine Sanftmut
+erstickte die Kritik.</p>
+
+<p>Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu
+Erwin. Die Villa Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er
+mit der elektrischen Bahn hinauskam, war es halb zehn
+Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag besuchen
+müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um
+zehn Uhr hier sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>Es
+reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine
+unwiederbringliche Stunde gebracht. Er begab sich in die
+Bibliothek und wartete. Er setzte sich in einiger Entfernung
+vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte ins
+Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und
+plötzlich hatte er ein seltsames Gesicht.</p>
+
+<p>Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin,
+kauernd, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren,
+kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre Haare
+offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen
+auf den Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er
+sie mit nackten Füßen gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt.
+Sie trug ein grünes Gewand, das er an ihr nicht kannte,
+eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren mit
+einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden
+Seiten des Hauptes angepreßt.</p>
+
+<p>So kauerte sie.</p>
+
+<p>Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß
+die nebelhafte Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach
+und nach löste sie sich auf wie eine Wolke, die von der
+Atmosphäre verzehrt wird. Manfred schüttelte über sich
+selbst den Kopf, und er beschuldigte seine gespannten
+Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der
+Sehnsucht im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes
+und der Wiederkehr zu wägen. Sein zärtliches Herz war
+voller Vertrauen, und das Gefühl, mit dem er dem
+Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision
+um desto zweifelloser geworden.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Abschied">Abschied</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei-
+oder viertausend Bevorzugten, die es in jeder
+großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf dem Fundament
+eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur
+mit Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen
+scheint. In einem solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe
+Rolle wie die Repräsentation im Dasein eines regierenden
+Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger genießen nach
+jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als etwa
+die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung,
+Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt
+und befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende
+und stetig anwachsende Macht des Bürgertums,
+und ob die jungen Leute, die seinem Schoß entwachsen,
+als Gelehrte und Künstler figurieren, oder ob sie als Müßiggänger,
+Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten Ungebundenheit
+huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen
+Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen
+Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem
+Sinn, und der Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts
+wird vielleicht nachweisen können, in welchem Maße
+sie zur Zersplitterung und Verstümmelung der Völker, der
+Ideen und der Ideale beigetragen haben. Jede große Stadt
+zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend Menschen
+von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen
+Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>Der
+Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch
+Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu
+einer Zeit, wo noch niemand daran gedacht hatte, daß
+die im Westen der Stadt befindlichen Ländereien der Anlage
+einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, hatte
+er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables
+Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen,
+das beständig im Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter
+aus der Gegend von Linz, eine einfache
+Natur, die nichts von den weittragenden Geschäften begriff
+und die Verwendung ihres Geldes für einen an den
+Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen,
+um das Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer
+Kummer zerstörte ihre Gesundheit, die beiden
+ersten Kinder, die sie gebar, siechten an allgemeiner
+Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das
+letzte, und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.</p>
+
+<p>Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und
+geängstigte Liebe des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter
+Koch mußte die Nahrung des Kindes bereiten, und
+wie für einen Prinzen war beständig ein Leibarzt zu
+seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten
+unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu
+schicken; als er mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat,
+erregte er Befremden durch seine Fremdheit, Spott durch
+seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen durch sein
+launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer
+mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+Geistesgaben alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht.
+Er überflügelte alle. Lehrer und Mitschüler fügten sich
+einer Überlegenheit, die für jene zu augenfällig, für diese
+oft zu nützlich war, um bestritten werden zu können.
+Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine
+Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen,
+die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief.
+Die Schularbeiten waren ihm ein Spiel; er kannte
+alle Daten der Geschichte, als ob er sie aus einem unsichtbaren
+Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur klassischen
+Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller und
+erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik
+und die mathematische Geographie. Schon mit achtzehn
+Jahren grenzte seine Belesenheit ans Unglaubliche; daneben
+dichtete und musizierte er; er ritt und focht, er
+turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, und dank
+diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur
+wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen,
+seine Bewegungen erhielten Energie, seine Haltung Anmut
+und seine Manieren eine außerordentliche Elastizität
+und Schmiegsamkeit.</p>
+
+<p>Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche,
+philosophische und kunstgeschichtliche Kollegien, und im
+sechsten Semester verfaßte er seine große Doktorarbeit:
+Über das Individuelle und das Historische in der Porträtmalerei,
+eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der
+Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall
+fand. Er verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+und seine Aufnahme in den Jockeyklub. Jenes war nur
+eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war ihm durch
+eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen
+möglich; er pochte gern darauf, daß seine
+Mutter eine Schanz, Edle von Jagstburg war, eine bekannte
+Familie, die während der Gegenreformation den
+Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend,
+waren seine Stunden genau eingeteilt, um
+den Pflichten der Arbeit und denen zu genügen, die ihm
+die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt ein
+Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten
+Programme war.</p>
+
+<p>Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos
+wie ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem
+Sohne ein Jahrgehalt von hunderttausend Kronen zugewiesen.
+Die Villa und der Haushalt kosteten den
+vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin
+monatlich ab wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich
+ist, und er kannte genau die Preise von Fleisch,
+Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, Holz und Kohlen.
+Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein
+Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne
+Herr seines Geldes, gab mit Anstand aus und hielt mit
+Anstand zurück. Die praktische Klarheit und Umsicht
+waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für den um
+fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine
+romantische Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden
+Halt. Die Äußerungen einer tiefen Kenntnis der Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+eines kühnen und raschen Urteils, einer profunden
+Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred
+unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen
+und geistreichen Umgangsformen des Freundes.</p>
+
+<p>Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem
+Leben moderner junger Menschen, das sich gleichsam in
+gebrochenen Linien hinzieht, wo unter schamhaften Verkleidungen
+und beziehungsvoller Verschwiegenheit die
+Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie
+dem Theater die Mordtaten alten Stils. Man kommt
+zueinander und redet; man hat auch unberedet dieselben
+Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man
+dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß,
+weit vom Geschehen, es ist, als ob die Zeit hoch über
+den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob das Schicksal weit
+unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist
+umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag
+und Jahr, und vor den Toren wacht die Polizei. O Mann
+am warmen Ofen, scheinen bisweilen bleiche, zerwühlte
+Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen auftauchen,
+von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult,
+stiller, verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder
+zu uns, horch und schaue!</p>
+
+<p>Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm,
+war es ihm eine Sekunde lang zumute, als ob er
+den Freund kaum kenne. Was weiß ich eigentlich von
+ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir vertraut,
+seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>
+flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle,
+bald dunkle Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt
+sich nicht. Was er gibt, ist sein abgemessener Wille.</p>
+
+<p>Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten
+Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht
+erklären, eine dauernde Hingebung nicht mit gleicher Glut
+und Offenheit erwidert zu sehen. Als Erwin ins Zimmer
+trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie jedesmal
+den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine
+Gebärde, wie um sich der Erinnerung an einen häßlichen
+Traum zu entschlagen. »Wo warst du?« fragte er.</p>
+
+<p>»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den
+Abend nützlich verbringen können«, antwortete Erwin.
+»Arensen, der dänische Südpolfahrer, hat in der Geographischen
+Gesellschaft Vortrag gehalten. Es war mir
+wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander
+den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen
+Augen ein Schwein, wenn er Alexander nicht von ganzem
+Herzen bewundert. Alles kann ich fassen: höllische Strapazen
+erleiden, Hunger und Durst ertragen, zweimal eine
+sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden
+Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen
+Eises klettern, im Tran- und Kohlenstank einer
+schneebegrabenen Bretterhütte wissenschaftliche Arbeit heikelster
+Art verrichten, eine Einsamkeit mit Gefährten
+teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, das
+man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen.
+Aber den Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+zu solchen Dingen muß eine Raserei sein. Der
+Entschluß hält ja die Taten, er ist der eiserne Tragbalken,
+der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch
+bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos,
+denkt man sich, ein Schulmeister. Aber zwischen
+Stirn und Nase war jene fixe Idee kenntlich, von der die
+Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute sind die
+Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte,
+das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe
+hat. Wir aber, wir sind die langweiligen Kompendien,
+die flachen Schilderungen, das naturalistische
+Quiproquo, die Makulatur.«</p>
+
+<p>Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich,
+während der Diener das Abendbrot servierte. Manfred
+schaute gebannt auf diese flatternden, flackernden Lippen,
+diese eindringlichen Augen mit dem festen Blick, diese entschieden
+geeckte Stirn unter braunen und sorgfältig gescheitelten
+Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig blasse,
+zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen,
+schmalen und neugierigen Nase und den beim Sprechen
+vibrierenden, wie bei einem Schauspieler sich verfaltenden
+und wieder straffenden Wangen. Die ganze Erscheinung
+hatte etwas vehement Überzeugendes.</p>
+
+<p>»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So
+setz dich her. Wichtel! Einen Teller und Besteck!«</p>
+
+<p>Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte,
+fuhr er fort: »Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred;
+ich meine eigentlich nur mich. Die richtigen Egoisten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber verdammen. Ich
+habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich bin
+eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin
+kein Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter
+als ein Ich, ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die
+geistige Maschinerie Europas mit in Bewegung zu setzen.
+Du, du bist ein Träumer. Träumer können aufwachen,
+von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja auch
+geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu
+geben, was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die
+Leidenschaft und keinen Inhalt. Ich kann nicht lieben,
+ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft erkaltet, wenn
+sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt,
+wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen
+kennen, gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und
+duftig wie eine Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie
+nur irgendeine in dieser wunderbaren Stadt. Ich hielt
+es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich wünschte es
+gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld
+aus der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du,
+das ist es! Das ist die Göttin, vor der ich liegen und beten
+möchte! Aber Unschuld ist offenbar nur ein Reiz und nicht
+eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei Monate hat es
+gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen
+und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir
+wurde weh dabei. Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie,
+aber mit Wut, mit Verachtung, und dann gab ich ihr zu
+verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war enttäuschter<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«</p>
+
+<p>»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred
+kurz.</p>
+
+<p>Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen
+werden«, entgegnete er.</p>
+
+<p>»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred
+kopfschüttelnd. »Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon
+ins Unwegsame locken wollte, um dich zu verstricken.«</p>
+
+<p>»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt,
+durch das Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat
+und dem Entschluß. Aber lassen wir’s. Das klingt alles
+so großartig und ist simpel wie eine Leichenrede. Wann
+reisest du?«</p>
+
+<p>»Übermorgen.«</p>
+
+<p>»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so
+langen Trennung?«</p>
+
+<p>»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte
+Manfred unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten,
+morgen mit mir zu Virginia zu gehen. Sie will dich
+kennen lernen.«</p>
+
+<p>Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute,
+daß du sie endlich so weit gebracht hast, einen Störenfried
+bei sich aufzunehmen«, sagte er dann. »Aber ich werde
+ihr versichern, daß ich von meinen Vormundschaftsrechten
+nur sparsamen Gebrauch machen will.«</p>
+
+<p>»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte
+Manfred ernst. »Immerhin vergibst du dir nichts und
+mußt nicht fürchten, feierlich zu sein, wenn du nur versprichst,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+deine Freundschaft gegen mich auf sie zu übertragen.
+Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt
+kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst
+gestellt zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es
+Mangel an Gläubigkeit, nenn’s wie du willst; wir sind ja
+alle dem Ungefähr ausgeliefert, und ich sehe nur das Verderben
+auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, wenn
+ich dich nicht wüßte.«</p>
+
+<p>»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich
+und streckte Manfred beide Hände entgegen, die dieser
+ergriff, schüchtern und von dem ungewohnten Ausbruch
+freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir mit allem, was
+ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer
+Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen
+Klang verlieh. »Ich übernehme die Verantwortung gern
+und ohne Vorbehalt. Du hast mein Wort, ich fasse die
+Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«</p>
+
+<p>»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich
+brauche ja nur die Sicherheit, daß du im Notfall für sie
+da bist. Du schreibst mir gelegentlich über ihre Gesundheit,
+ihre Stimmung, darüber, wie sie aussieht, was sie
+spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir Geschicklichkeit
+genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene störrisch
+zu machen.«</p>
+
+<p>Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr
+Manfred fort, indem er einen handgroßen Karton aus der
+Brusttasche zog und ihn Erwin reichte, »sie hat endlich
+meinen Wunsch erfüllt und sich photographieren lassen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>Erwin
+nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann
+nahm er es abermals, hielt es in Armlänge vor die Augen,
+und seine Brauen rundeten sich.</p>
+
+<p>»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit
+naiver Eitelkeit.</p>
+
+<p>»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig,
+ganz prächtig. Ich dachte immer, du übertreibst, und habe
+insgeheim deine Schilderungen belächelt. Aber das scheint
+ja eine vollendete Schönheit zu sein.«</p>
+
+<p>»Und noch mehr.«</p>
+
+<p>»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin
+selten. Darin ist alles beschlossen.«</p>
+
+<p>»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich
+sagen: eine vollendete Tugend. Aber heutzutage macht
+sich das schlecht.«</p>
+
+<p>»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein
+odioser Begriff.«</p>
+
+<p>»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld
+leugnest.«</p>
+
+<p>»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit,
+von jemand zu sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin
+stolz. Manfred senkte die Stirn. »Wozu einen Titel?
+Besitze, Freund, genieße und laß den Kommentar. Worte
+zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie Polykrates,
+denn du bist beneidenswert.«</p>
+
+<p>Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name
+Ottokar Graf Palester stand. Erwin lächelte. »Der gute
+Graf ist immer Mitternachtsgast. Bringen Sie kalten<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>
+Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener, »der
+Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.«</p>
+
+<p>Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker,
+junger Mann von vornehmer Haltung und schweigsamem
+Gehaben. Er hatte ein blasses Gesicht, einen rötlichen
+Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und traurige Augen,
+die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner
+schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel
+gebogen, als ob sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet
+die Sauberkeit und Sorgfalt eines Menschen, dem alles
+daran liegt, seine Armut vor der Welt zu verbergen. Er
+war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte
+dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen
+und lebte mit einem weiblichen Wesen geheimnisvoll
+zurückgezogen in der Vorstadt. Er besuchte seine
+wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich
+so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis.</p>
+
+<p>Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen
+gelernt. Er hatte schon damals erfahren, daß der Graf
+im Besitz der sogenannten Froweinschen Miniaturen war,
+die nach einem Sammler oder Mäzen des achtzehnten
+Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei
+Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen
+Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord
+Pembroke in Schottland, das dritte war zur Zeit der
+österreichischen Herrschaft in Toskana durch einen Vorfahr
+des Grafen, die Palester waren italienischen Ursprungs,
+aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen
+Malereien, die nach Erwins Meinung einen außerordentlichen
+Wert hatten, als abergläubisch behütetes Erbstück
+von Generation zu Generation. Man wähnte, daß
+der Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm
+einst noch ein neuer Glanz beschieden sein werde, solange
+dieser Schatz Familiengut blieb. Graf Ottokar war nicht
+mehr in der Lage, das Archiv eines Ahnenschlosses damit
+zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als Fabel hinnahm,
+so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht
+mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der
+durch eine philosophische Lebensführung gehärtet wurde.
+Vor Wochen hatte er das Buch mitgebracht, um es Erwin
+zu zeigen, und schon eine flüchtige Prüfung hatte diesen
+belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die drei in
+Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes
+gewesen, aber Erwin, der das römische kannte, stellte
+entzückt das Palestersche höher, und seine Begierde nach
+dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie der Widerstand,
+den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch
+mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar
+voll Nachsicht und versprach mit reizender Ironie, er
+werde ihm den Frowein hinterlassen, wenn er ohne
+Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir
+zu lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich
+will erobern.«</p>
+
+<p>Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und
+während der Graf sich an den Tisch setzte und aß, wie man<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>
+im Wirtshaus eine bestellte Mahlzeit zu sich nimmt, schlich
+Erwin vorsichtig und lüstern um das Thema.</p>
+
+<p>»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred.</p>
+
+<p>»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach
+und primitiv gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz
+ohne gleichen ist.«</p>
+
+<p>»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem
+begreif’ ich dein heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist
+voll von schönen Werken der Kunst, bekannten und unbekannten;
+warum soll tyrannische Habsucht den Geist in
+Fesseln binden und den Genuß beschränken?«</p>
+
+<p>Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg
+jedoch, um Erwin nicht in seiner Entgegnung zu stören.
+Erwin legte die Hände flach zusammen und sagte mit
+einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die Welt
+ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die
+Wahllosen und klein für die Wählenden, groß für die
+Augen und klein für die Hand. Ich bin kein Augenmensch.
+Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den
+Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr,
+zu zerstören.«</p>
+
+<p>»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das
+Chaos anfängt«, bemerkte Graf Ottokar trocken.</p>
+
+<p>Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der
+Graf erhob, um sich zu verabschieden. Manfred, der müde
+war, folgte seinem Beispiel, nachdem er mit Erwin die
+Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen abholen
+wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>Als
+er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat,
+schneite es. »Ich gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl
+von Erwin weg,« gestand Manfred, »er hat die Gabe,
+mich ehrgeizig zu machen.«</p>
+
+<p>»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter
+Mensch«, erwiderte Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte
+sein Gesicht sehen, wenn er allein ist, ganz allein. Er
+gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht vorstellen
+kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen
+Stadt, in einem großen Haus und darin in einem großen
+Zimmer ... mir ist, als ob er ein anderer wäre.«</p>
+
+<p>Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die
+Züge des Grafen hatten einen ernsten, beinahe düsteren
+Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich nämlich, im Gegensatz zu
+Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu viel, und
+was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre
+hat mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des
+Ozeans geruht; nun ist mir alles vermauert, Leben und
+Menschen. Ich komme mir vor wie ein Zwangsarbeiter
+in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?«</p>
+
+<p>Ȇber Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien,
+Polynesien.«</p>
+
+<p>»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der
+Graf sinnend. »Und das alles ist vorhanden. Jetzt, indem
+wir sprechen, rauschen dort die Palmen. Nichts ist aufwühlender
+als das Gefühl der Gleichzeitigkeit. Sie werden
+nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und
+die Maschine wird pochen wie ein Herz.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>»Ich
+würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es
+Manfred.</p>
+
+<p>»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um
+so mehr wird Sie die Reise verwandeln. Wir verwandeln
+uns nicht, wenn die Erlebnisse mit unseren Wünschen übereinstimmen.
+Schreiben Sie mir einmal von dort drüben,
+vom andern Ende der Welt.«</p>
+
+<p>»Mit Vergnügen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich
+werde bei Nacht schreiben, Sie werden es bei Tag lesen,
+und so ist es auch gemeint. Leben Sie wohl, Sie müssen
+einsteigen, ich gehe zu Fuß.«</p>
+
+<p>»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt.</p>
+
+<p>»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage
+nicht den Lärm dieser Vehikel. Leben Sie wohl.«</p>
+
+<p>Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger
+Teilnahme nach.</p>
+
+<p>Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin
+in dessen Elektromobil zu Virginia.</p>
+
+<p>Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein
+paar Sekunden lang steif wie eine Latte. Manfred konnte
+durchaus nicht erraten, was in ihm vorging. Er selbst gab
+sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch, Erwin und
+Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn
+verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke
+von beiden.</p>
+
+<p>Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz
+verwandt, auch der Unruhe des Künstlers über die Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+seines Werkes; er suchte aus Erwins Miene zu lesen,
+ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt, unbefriedigt
+geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits
+blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend
+ins Gesicht. Nie zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen;
+das Phlegma, das die Schönheit verleiht und
+das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll wird, gab
+ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald
+an Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa
+wie man zwei seltene Leckerbissen zusammen in den Mund
+schiebt.</p>
+
+<p>Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins
+Betragen zufrieden sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel
+ihr, die Knappheit seiner Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken
+Spielraum, seine Zurückhaltung war bedeutsamer
+als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit
+an, daß ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen
+waren. Sie hatte seine Kritik ein wenig gefürchtet,
+seine unbedingte Billigung, die sie spürte, hob ihre Sicherheit.
+Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges, auch
+nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach
+bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin,
+Manfred anerkennend zuzunicken, als sie sich von Erwin
+unbeobachtet wußte.</p>
+
+<p>Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen
+hingegangen war, brach Erwin auf. »Ich hoffe,
+mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen die Rolle, die mir
+Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein Kopfzerbrechen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel
+schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando.
+Betrachten Sie mich als einen, der zur Verfügung steht.
+Vergessen Sie die Person und denken Sie nur an das
+Amt.«</p>
+
+<p>Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte.
+»Ich kann nicht kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden
+mich auch viel zu eigensinnig finden, wenn Sie kommandieren
+müßten. Es wird hoffentlich nichts dergleichen
+nötig sein.«</p>
+
+<p>Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab.
+Auf der letzten Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem
+er Manfred durchdringend anschaute: »Hör’ mal, es ist
+doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen, diese ... Dame,
+diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe
+stammt, wie du sie mir geschildert hast –?«</p>
+
+<p>Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor
+Freude lächelnd, erwiderte unbedacht: »Wie scharf und
+wahr du siehst!« Sogleich merkte er, daß er zuviel gesagt;
+er wollte seine Worte zurücknehmen, verstrickte sich noch
+mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene ärgerte,
+glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan,
+wenn er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in
+Kürze berichtete.</p>
+
+<p>»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört,
+»solche Früchte reifen nicht auf dem dürren Baum des
+bürgerlichen Behagens. Amüsant wäre es, von diesem
+Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen Männer<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle
+tausendjähriger Heuchelei.«</p>
+
+<p>»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred
+hastig.</p>
+
+<p>Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das
+Grab«, antwortete er, als könne eine solche Aufforderung
+nur scherzhaft genommen werden. Sie drückten einander
+die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück.</p>
+
+<p>Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia
+langsam ihre Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der
+eigene Schmerz. Ihm war, als ob er sterben müsse, um
+erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder von neuem beginnen
+zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der
+Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett
+begeben. Ihr Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches,
+auf welchem eine Teekanne, drei Tassen und eine mit
+Äpfeln gefüllte Schale standen.</p>
+
+<p>Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte
+Worte; wenn sie schwiegen, empfanden sie die
+Schauer als gefährlich, die über ihre Haut rannen. Manfreds
+Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen
+wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in
+die Winkel; spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an
+den Kleidern trug er eine Last wie ein Badender, dem eine
+Fessel nicht zu schwimmen erlaubt. Virginia schien gefaßt,
+ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie gegen die bedrohliche
+Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und
+wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+stolz sie ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar
+und wie schön!</p>
+
+<p>Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen.
+Und er ging, bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt.</p>
+
+<p>Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte
+er ihr einen Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es
+war das erste Geschenk, das sie annahm. Er war fertig,
+alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon auf dem Bahnhof,
+und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner
+herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin.</p>
+
+<p>Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war
+bald verstrichen. Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie
+Porzellan, und als sie an seiner Brust lag, schluchzte sie wie
+ein Kind. Manfred preßte sie an sich, bog mit der Linken
+ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und dann empor.
+Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch.</p>
+
+<p>Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen.
+Rücksichtsvoll hatte er die letzte Minute gewählt. Als er
+Virginia so hingeschmiegt erblickte, war in der Linie ihres
+Körpers ein Etwas, das ihn stutzig machte. Er sah zu
+Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen.
+Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen.
+Sein edles Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster,
+lächelnd und sich verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der
+Halle.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorspiele">Vorspiele</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-b.jpg" alt="B">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Beim Verlassen des Bahnhofs sagte Erwin zu Virginia:
+»Darf ich Ihnen zur Heimfahrt meinen
+Wagen anbieten, gnädiges Fräulein?«</p>
+
+<p>Sie hörte kaum die Frage, er hatte schon den Schlag geöffnet;
+gedankenlos, von Kummer ganz benommen, stieg
+sie ein, nur in dem Trieb, irgendwo zu ruhen und sich zu
+sammeln. Erwin erriet ihren Zustand; er war bereit, sich zu
+entfernen. Da wurde sie sich ihrer Unüberlegtheit bewußt,
+die nicht mehr gut zu machen war. Die Aussicht, so, wie
+ihr zumute war, eine Viertelstunde lang oder noch länger in
+der Gesellschaft eines fremden jungen Mannes verweilen
+zu sollen, war ihr höchst unbehaglich. Ihn einfach fortzuschicken,
+das konnte sie nicht über sich bringen, es erschien
+ihr unfreundlich und undankbar, und sie bestand darauf,
+daß er mitfahre. »Sie müssen entschuldigen, wenn ich nichts
+rede«, sagte sie mit zuckendem Mund, nachdem er gehorsam
+eingestiegen war. Er nickte. »Sie werden sehen, daß ich unsichtbar
+sein kann«, antwortete er und drückte sich in die Ecke.</p>
+
+<p>Doch beobachtete er an Virginias unruhigen Augensternen
+fast mit Genuß, daß ihr das Schweigen peinlich war.
+Er liebte es, von der Seite her die Augen einer Frau zu
+betrachten; schwer zu sagen, weshalb. Das Hinausstrahlende
+des unendlichen und gleichwohl gefangenen Blicks
+liebte er vielleicht.</p>
+
+<p>Das Gefährt hielt, er sprang hinaus und reichte ihr
+helfend die Hand. Er hatte eine ritterliche Art zu warten,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+sich zu verbeugen, zu grüßen. »Auf Wiedersehen«, sagte
+Virginia hastig.</p>
+
+<p>Nachdenklich stieg sie die weiße Wendelstiege empor,
+und ihr war, als käme sie in leichter zu atmende Luft. Sie
+fiel der Mutter um den Hals und weinte sich satt.</p>
+
+<p>Was nun? Die Arbeit gab ihr keine Freuden mehr.
+Man saß da und wartete auf den Briefträger. Der Briefträger
+war nicht so faul, er brachte an jedem Morgen eine
+Nachricht von Manfred. Vor seiner Einschiffung schrieb er
+ausführlich; ein zweiter Brief, als leidenschaftliches Adieu,
+kam schon vom Bord des »Phönix«.</p>
+
+<p>Auch Erwin hatte <span id="Page_51_1">einen</span> Brief erhalten. Er hatte die Absicht,
+es Virginia mitzuteilen. War dies eine überflüssige Zuvorkommenheit?
+Sie war überflüssig. Es lockte ihn nichts
+dabei. Er hatte wenig Zeit. Sein Tag war angefüllt wie
+ein Reisekoffer. Als er vor dem Hause stand, er war zu Fuß
+gekommen, überlegte er, ob er nicht umkehren solle. Nichts
+rief ihn hinauf. Verdrießlich kehrte er um und ging doch
+wieder zurück. Vor der weißen Wendelstiege zögerte er
+abermals. Da erinnerte er sich der hingeschmiegten Bewegung
+ihres Körpers, als sie an Manfreds Brust gelegen,
+jener rätselhaften Linie, die ihn fast erschreckt hatte. Dies
+entschied.</p>
+
+<p>Virginia schützte Kopfschmerz vor und wollte sich alsbald
+vom Gespräch zurückziehen. Erwin durchschaute die
+Absicht und suchte etwas, um sie zu fesseln. Er brachte die
+Rede auf ihre Malerei und wünschte ihre Skizzen zu sehen.
+Frau Geßner schleppte diensteifrig einige Mappen herbei.<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+Blatt um Blatt nahm Erwin und widmete den Versuchen,
+in denen er nur ein mittelmäßiges Talent erkannte, sorgfältige
+Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>Das Interesse Virginias erwachte durch seine Kritik,
+die von gründlichem Verständnis zeugte. Er tadelte die
+Oberflächlichkeit und mangelnde Kraft des Schauens. »Ja,
+das weiß ich,« stimmte Virginia bei, »deswegen bin ich
+auch so lustlos.«</p>
+
+<p>Er sprach über die Kunst wie ein Tischler über die Tischlerei.
+Das gefiel ihr; Sachlichkeit imponierte ihr. »Es
+fehlt Ihnen das systematische Studium der Natur und die
+Kenntnis der großen modernen Meister«, sagte er. »Wer
+gibt Ihnen Unterricht?«</p>
+
+<p>»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Virginia,
+»der Mann ist ein Anstreicher, weiter nichts.«</p>
+
+<p>Erwin riet ihr eine Schule zu besuchen, die er kannte;
+er rühmte einen der Lehrer dort als unübertrefflich; es sei
+eine staatliche Anstalt, die Kosten wären infolgedessen gering,
+und er machte sich erbötig, ihre Aufnahme durchzusetzen.</p>
+
+<p>Virginia war unschlüssig. »Ich bin nicht gewohnt, mit
+andern zusammen zu arbeiten«, wandte sie ein.</p>
+
+<p>»Das heißt zu deutsch, Sie wollen in der Ahnungslosigkeit
+nicht gestört werden.«</p>
+
+<p>Virginia sah ihm entsetzt <span id="Page_52_1">ins</span> Gesicht. »Um Gotteswillen
+spotten Sie nicht,« sagte sie, »Spott kann ich für den Tod
+nicht leiden. Das macht mich ganz krank.«</p>
+
+<p>Sie fürchtete mit Recht, er könne ihr Bedenken als
+Mangel an Ernst deuten, und willigte ein. Sehr bald fand<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+sie sich belohnt. Der neue Lehrer nahm es genau und nahm
+es tief. Er verlieh den Gegenständen Seele, indem er den
+Blick zu beseelen wußte. Virginia erfuhr allgemach, was
+es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis hatte, wenn
+man sie von innen heraus hegen, erarbeiten und gestalten
+mußte. Sie bekam einen gewaltigen Begriff von dem vorher
+so unbestimmten Wesen und sah auch ein bescheidenes
+Ziel für sich selbst.</p>
+
+<p>Den Kameraden und Kameradinnen gefiel ihre Art.
+Es war etwas Genaues an ihr, kein nebelhaftes Wort kam
+von ihren Lippen. Sie lernte Verhältnisse kennen, Charaktere
+abschätzen, Gesichter beurteilen und hatte minder
+häufig Gelegenheit, an ein schwer ausfüllbares Morgen zu
+denken. Das verlieh ihrer Anmut eine ununterbrochene
+Wirkung auf die Menschen.</p>
+
+<p>Da sie sich gern so gewandelt sah, erinnerte sie sich gern
+der Hilfe Erwins. Er kam in jeder Woche ein- auch zweimal,
+in den Spätnachmittags-, in den ersten Abendstunden,
+und seine Gesellschaft war ihr nicht unlieb. Sein Gespräch
+war belebend, die eigenartige Eleganz seiner Kleidung und
+seines Auftretens empfand sie als etwas Auszeichnendes
+und Festliches. Der Fortschritt in ihren Arbeiten schien
+ihn zu überraschen. »Seien Sie mutiger,« sagte er,
+»Technik haben heißt weiter nichts als Mut haben.« Er
+wollte mit ihr in eine Galerie gehen und schlug ihr das
+Palais Liechtenstein vor. Sie war dazu bereit, und eines
+Vormittags holte er sie ab.</p>
+
+<p>Die Säle waren leer. Das unerwartete Alleinsein mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>
+dem jungen Mann stimmte Virginia doch ein wenig zaghaft.
+Erwin spürte es und bemerkte, die kleinbürgerlichen Beengungen
+harmonierten schlecht zu ihrem Wesen, sie möge sie
+doch niederkämpfen. Sie schwieg, runzelte aber die Brauen.</p>
+
+<p>Vor der Lautenspielerin von Carpaccio stehend, wußte
+er Dinge zu sagen, die Virginia niemals gehört hatte. Er
+schuf ihr das Bild; er gab der Gestalt Leben, der Idee Bedeutung.
+Zugleich war es, als enthülle er sein Herz, das in
+einer Region von Sehnsucht und Verlangen webte, wo
+man vor den Werken der Meister kniet und die Wunden
+heilt, die eine grausame Alltäglichkeit schlägt. Seine Worte
+zwangen sie zur Ehrfurcht, und sie mußte sich sagen, daß
+sie um so tiefer unter ihm stand, wenn sie sich nicht neigte
+vor solcher Größe des Gefühls.</p>
+
+<p>Versonnen kam sie nach Hause. Zum erstenmal fand sie
+sich durch die Geschäftigkeit der Mutter gestört, dies Auf-
+und Abgehen, in den Laden kramen, Vorsichhinreden und
+Uhraufziehen. So anheimelnd es sonst gewesen, heute
+klagte sie darüber, wenn auch liebevoll, und Frau Geßner
+setzte sich in den Ofenwinkel, um zu nähen. Drei Tage
+später erschien Erwin gegen elf Uhr morgens; Virginia
+wollte gerade zur Schule. Sie war verspätet und deshalb
+in schlechter Laune. Erwin lud sie ein, mit ihm zur Eröffnung
+einer modernen Ausstellung zu kommen, sie werde
+interessante Bilder und interessante Leute sehen. »An den
+interessanten Leuten liegt mir nichts«, sagte Virginia. –
+»Das ist schade«, erwiderte Erwin tadelnd. – »Schon deswegen,
+weil ich keine Toilette für sie habe«, fügte Virginia<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+lachend hinzu. – »Ihr schlechtestes Kleid wird genügen,
+alle Modedamen in Schatten zu stellen«, behauptete Erwin
+trocken.</p>
+
+<p>»Das sind Komplimente, das laß’ ich mir gefallen«,
+mischte sich Frau Geßner ein. »So geh doch,« wandte sie
+sich an das zögernde Mädchen, »dein blaues Sammetkleid
+ist ja sehr hübsch.«</p>
+
+<p>»Na schön, so will ich’s wagen«, antwortete Virginia
+und ging in ihre Kammer.</p>
+
+<p>Das Elektromobil stand schnurrend vor dem Haustor,
+und einige Frauen und Kinder sahen mit neidischen Augen
+den beiden zu, als sie einstiegen.</p>
+
+<p>Trotz ihres einfachen Auftretens erregte Virginia Neugier,
+ja merkbare Bewunderung, als sie an Erwins Seite
+durch die Räume schritt. Erwin ergriff die Gelegenheit,
+das junge Mädchen mit einigen Damen bekannt zu machen,
+vor allen mit der Baronin Resowsky, einer hochgewachsenen
+Frau von resoluten Manieren und furchtlosem Blick. Sie
+zog Virginia sogleich in ihren Kreis, und alsbald schwirrte
+es um sie von neuen Namen und ungewohnten Schmeicheleien.
+Eine nicht mehr ganz junge Person fiel ihr auf, die
+ihr vom ersten Augenblick an mit einer Art von stummer
+Huldigung begegnet war; sie hieß Marianne von Flügel,
+und nach kurzem Gespräch mit ihr gab Virginia, eigentlich
+ohne Wunsch noch Lust, das Versprechen, sie zu besuchen;
+als die Baronin Resowsky ein gleiches von ihr forderte,
+war sie um die Mittel verlegen, solcher Bitte und Ehrung
+auszuweichen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>Um
+Erwin drängten sich, sobald er allein stand, junge
+Männer und erkundigten sich, wer die Novize sei. Es
+amüsierte ihn, geheimnisvoll zu bleiben, und er beobachtete
+ohne Unterlaß Virginias Betragen, deren Unruhe
+sich nur schlecht hinter einem schüchternen und beständigen
+Lächeln verbarg. Auch musterte sie mit Erstaunen die kostbaren
+Gewänder der Frauen. Sie war Zeugin des Ansehens,
+das Erwin Reiner genoß, um dessen Wort und
+Gunst alle buhlten, und erkannte doch, daß er an allen
+vorüberging und seine bestrickende Liebenswürdigkeit nur
+wie eine Gnade walten ließ. Das verkleinerte sie in ihren
+eigenen Augen und Gedanken, und was galt es viel, sich
+stolz zu tragen vor diesen Damen, die sich gewiß weit über
+ihr stehend dünkten?</p>
+
+<p>Sie konnte nicht umhin, gegen Erwin einige Andeutungen
+über ihre Eindrücke fallen zu lassen, als er am folgenden
+Nachmittag kam. Aber er bemühte sich, den Nimbus
+zu zerstören, den ihre Unerfahrenheit gewoben hatte.</p>
+
+<p>»Schließen Sie von der Buntheit auf den Gehalt, vom
+Gezwitscher auf den Geist?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie verstand nicht ganz.</p>
+
+<p>»In gewisser Weise sind alle diese Frauen käuflich«,
+fuhr er mit gerunzelten Brauen fort. »Käuflich aus Ehrgeiz,
+aus Eitelkeit, aus Habsucht, aus Gleichgültigkeit oder
+aus Verzweiflung. Und wollen Sie wissen, womit man
+sie bezahlt? Man bezahlt sie mit dem Frieden der Seele.
+Sie betrügen die Männer, mit denen sie verbunden sind,
+um den Willen zum Echten und Edlen. Sie reißen ihr<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+Opfer in Stücken, sie plündern seine Brust und entleeren
+sein Gehirn.«</p>
+
+<p>Virginia fühlte sich verletzt, mehr durch den Ton als
+durch die Worte. »Sie leben aber doch unter ihnen«, hielt
+sie ihm mit aufblitzenden Augen entgegen.</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln und erhob sich, um die Flamme der
+blakenden Lampe herabzuschrauben. Frau Geßner befand
+sich in der Küche, er war mit Virginia allein im Zimmer.</p>
+
+<p>Mein Gott, ja, er lebte unter ihnen, begehrt und hochgeschätzt,
+aber fremd und entsagend. Das etwa war in
+seinen Mienen zu lesen. »Meine Gärten sind verdorrt,«
+murmelte er schwermütig, um dann mit erhobener Stimme
+fortzufahren: »Wer verachtet, muß seine Leiden nachweisen,
+das ist wahr. Auch ich hatte eine Zeit, wo ich durch
+Sehnsucht gläubig war. Jede dieser jungen Frauen war
+mir eine Göttin; von jeder habe ich Wunder und Offenbarung
+erwartet, so lange sie mir unbekannt war. Ich habe
+mich weggeworfen und habe Weggeworfene aufgehoben.
+Ich habe oben und unten, in allen Winkeln dieser illuminierten
+Gruft gewühlt, die man die Gesellschaft nennt, ich
+kenne sie alle, die Aristokratin, die Bürgerin, die Abenteuerin,
+die Emporkömmlingin und die Gefallene. Was
+war das Ende? Traum um Traum ist abgeblättert wie die
+Schalen von einer Zwiebel.«</p>
+
+<p>Er stützte den Kopf in die Hand und sah an Virginia
+vorüber, ziellos, doch mit tiefen Blicken. »Ich bin durch
+ganz Europa und durch den halben Orient gezogen,« begann
+er wieder, gleichsam unwillig und von der Erinnerung<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+verstört, »ich war in allen Salons von Paris, Petersburg,
+London, Madrid und Rom, habe meinen Durst nach
+einem Menschenherzen in Ägypten und in Indien spazieren
+geführt, aber ich bin im Norden so kalt geblieben wie
+im Süden. Hätte mich irgendwo und wann eine göttliche
+Botschaft getroffen, daß ich zwanzig Lebensjahre als Preis
+bezahlen müsse für einen Tag der Erfüllung, glauben Sie,
+ich hätte mich besonnen? Nicht einen Augenblick. Später
+dann, wenn der Wille erlahmt, fängt die Sünde an. Das
+Glück fordert eine Seele ganz. Es flieht, wo sie sich in
+kleiner Münze vergeudet. Ach, Virginia,« – Virginia
+zuckte zusammen bei dieser ersten vertraulichen Nennung
+ihres bloßen Namens – »es ist nicht nur das persönliche
+Elend, das ich Ihnen da enthülle, es ist der Jammer unserer
+Generation. Wir jungen Männer allesamt gleichen
+dem Griechenkönig, der, ohne es zu wissen, sein eigenes Kind
+verzehrt. Wir sind lauter Defraudanten unseres eigenen
+Vermögens, unserer Bestimmung, unserer Würde, unserer
+Freiheit. Erniedrigen Sie sich nicht vor dieser Welt, denn
+es ist eine Welt, wo der Beste sein Herz und der Schlechte
+das des andern zerfetzt, wo der Starke zu den Schwachen
+Brücken schlägt, die verkappte Falltüren, wo die Gesetze
+Sträflingsketten und die Traditionen notwendige Übel sind.«</p>
+
+<p>Er hatte sich erhoben, stand außerhalb des Lichtkreises,
+und seine funkelnden Augen ruhten halbverdeckt unter den
+blassen Lidern. Virginia nagte sinnend an ihrer Lippe.
+Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie Ihr
+Leben so beurteilen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>»Und warum?«</p>
+
+<p>»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so
+viele Freunde haben.«</p>
+
+<p>»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was
+meinen Sie damit?«</p>
+
+<p>»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.«</p>
+
+<p>»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden
+sprechen. Manfred ist mein Freund.«</p>
+
+<p>Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die
+Unterscheidung nicht.</p>
+
+<p>»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer,
+Mitspieler, Spielverderber«, sagte er fast ungestüm.
+»Freunde und ein Freund, das ist wie: Götter und
+Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich
+etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein
+schönstes Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige
+Tüchtigkeit strömte. Er hat die Flamme auf mich übertragen,
+die ich in ihm angefacht, und so sind wir Brüder
+geworden, zwei Söhne einer Flamme.«</p>
+
+<p>Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als
+es in ihr die Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit
+Erwins und Manfreds befestigte. Sie hatte
+es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr, als ob Manfred
+dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie
+blickte Erwin dankbar an.</p>
+
+<p>»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll
+ich’s nicht gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+gern auf den ungeteilten Besitz eines Menschen, der das
+Lebensgefühl erhöht und dem man in starken und schwachen
+Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert hat. Oft hab’ ich
+seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich
+konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten
+wurde, war mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant.</p>
+
+<p>Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand
+Virginia auf. Sie antwortete nichts.</p>
+
+<p>Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie
+geistesabwesend auf ihren nackten Hals, auf die zuckende
+Ader unter der Kehle und die bebende Sehne, die sich vom
+Ohr herab gegen die Schulter stemmte wie eine Säule aus
+Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie abermals
+darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem
+fast naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum
+dritten Male rot, nahm ein schwarzes Seidentuch vom
+Haken und warf es um den Hals, mit einer Bewegung als
+friere sie.</p>
+
+<p>Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause
+kam, sagte sie: »Es riecht ja nach Zigarettenrauch hier.
+Hast du Besuch gehabt, Mutter?«</p>
+
+<p>»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau
+Geßner ein bißchen verlegen.</p>
+
+<p>»Bei dir? was hat er denn gewollt?«</p>
+
+<p>»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist
+denn das sonderbar?«</p>
+
+<p>»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«,
+scherzte Virginia.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>»Ja,
+mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich,
+und um ihre außerordentlich feine kleine Nase legte sich
+ein schnippischer Zug, was Virginia lächelnd bemerkte.
+Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner das Bedürfnis
+haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine
+Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte
+vor, ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund.
+Wenn sie eine solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß
+sie die Unterhaltung, die sie ihrerseits ihm gewährte, höher
+einschätzte als die der Mutter. Sie fürchtete eitel zu erscheinen,
+und im weiteren Verlauf dieser Überlegungen kam
+sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche beschränken
+möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen
+zu geben, ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne
+ihn gröblich zu beleidigen, durfte er doch erwarten, daß er
+ihr mit seinem reichen und belebenden Gespräch Freude
+bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer vieler
+Stunden.</p>
+
+<p>Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend,
+daß er einige Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten
+Abendspaziergang rüstete, mit ihr zusammen aufbrach, um
+nicht mit Virginia allein in der Wohnung zu bleiben. Wenn
+er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und erinnerte
+sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er
+erzählt, an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine
+wunderbare Kunst darin, Begebenheiten und Menschen
+plastisch darzustellen, ohne sich im geringsten gegen die
+Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und Seefahrten<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern
+und die kleinen Intrigen der großen Welt und die
+großen Ränke kleiner Herren, da lebte alles vom Unbedeutenden
+bis zum feierlich Historischen, und alles hatte
+sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen.</p>
+
+<p>Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte,
+riet ihm Virginia, er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft,
+er kenne die Frauen zu gut. Man gibt den Reichtum der
+Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung so gründlich
+sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst in den
+Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl
+schleuderte.</p>
+
+<p>Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das
+seinem Liebsten keine Gunst verweigert, das in einer leicht
+zu täuschenden, gesang- und tanzfrohen Welt wohnt, in
+einer von den zahllosen Stuben gepferchter Häuser, wo
+man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines
+Pianinos bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust
+und Überschwang ergibt. Ein Idyll, das den Nachteil der
+Langeweile hatte.</p>
+
+<p>Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens,
+deren Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und
+deren Verfeinerung von der Erschöpfung kommt. In ihr
+ist eine großartige Kraft zur Lüge, und sie versteht es, durch
+Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute wie der Fuchs
+ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber der Abgrund
+lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt,
+den schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>
+Sturz erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher.
+Er will nicht mehr Huhn sein, sondern Fuchs.
+Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als die Gebärde
+eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß.
+Wenn’s nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s
+knallt.</p>
+
+<p>Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art
+von verliebten Beziehungen pflegen, welche man in den
+oberen Ständen Flirt nennt. Eine Sache, dazu erfunden,
+um die Seele zu beschmutzen, während sie den Körper bewahrt.
+Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen
+den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß
+Hunger nach Zerstreuungen erregen, und können niemals
+den Anschluß an ein tätiges Glück finden. Der Rattenfänger
+braucht nicht einmal zu pfeifen, die Tierchen kommen
+von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es
+gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue.</p>
+
+<p>Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr
+nahe. Sie hatte keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen
+Bezug haben könne. In seinem edlen Zorn sah
+sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für Menschen
+und Zustände.</p>
+
+<p>Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von
+Rosanna Schörk, der Schauspielerin. »Frauen von Genie
+sind streberhaft bis zur Raserei,« sagte er, »und ihr glorioser
+Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann für ihren Ehrgeiz
+wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da
+verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+zu. Aber ist die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke
+dran. Man hat nicht den Mut, die Drähte zu zerschneiden.
+Warum, man weiß ja nicht, wer kommen kann.«</p>
+
+<p>Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und
+blieb dann vor Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber
+auch Gesichter von Frauen zeigen, Virginia, ich möchte sie
+emportauchen lassen wie ein Spiritist die Geister, Frauen,
+die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel unverschuldeter
+Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch
+sind, indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit
+Füßen treten lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt
+sind, daß sie erlöst scheinen, wenn sie zusammenbrechen;
+Frauen, durch deren Seele hindurch man wie durch ein
+Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens gewahrt.
+Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben,
+weil ich Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie
+nur belasten. Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg;
+die Unsicherheit darüber reizt mich, denn Sie sind mir
+fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie sonst kein Mensch.«</p>
+
+<p>Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer
+Arm erreichte mit dem Handgelenk gerade noch den Tisch,
+wo er sich unbeweglich gestützt hielt, der andere lag im
+Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig die untere;
+die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus.
+Das Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn,
+und das im Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen
+schien bisweilen den Goldschimmer des Fleisches
+verwandelnd zu beleuchten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>Sie
+sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte
+Mitleid mit ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten,
+die Betten, in denen sie schliefen, und die Kleider, mit
+denen sie sich schmückten. Wunderlicherweise war all das
+reich, reizvoll und begehrenswert. Da verschwand ihr Mitleid
+wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre Miene wurde
+zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte.</p>
+
+<p>Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem
+prüfenden Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend
+machte, so genau, klar und unbarmherzig gegen sein eigenes
+Leben.</p>
+
+<p>Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten
+ins Zimmer. Es war stets, wie wenn man ihn zuvor
+nie gesehen hätte. Einen Moment lang schien er zerstreut,
+ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von jener gewinnenden
+Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung
+war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter
+sagte er Mama und tätschelte gnädig die Wange der alten
+Dame. Er verstand es gemütlich zu sein und schätzte die
+Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie so recht
+gemütlich.</p>
+
+<p>Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler
+Menschen Wort und Atem haftete an ihm. Seine Hände
+suchten immer etwas zu greifen; er saß selten friedlich auf
+einem Fleck, meist ging er ruhelos umher. In seinen Augen
+war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das Zuhören
+von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war
+in seinen Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+etwas Zurückschiebendes hatte, als wolle er sagen: bitte
+nicht zu nahe. Es war wie bei einem, der eine zerbrechliche
+Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu werden
+fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu
+kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann,
+hatte trotz äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als
+müsse er erst überlegen, was er von den Vorgängen in jener
+Region zu verschweigen habe. Es wirkte eigentümlich
+lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart, seine
+Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern
+mußte, daß man gesammelt sein mußte, während er sich
+erst sammelte. Man vergaß ihn beinahe, wenn er fortgegangen
+war, aber man war angenehm bewegt und geweckt,
+sobald er kam.</p>
+
+<p>Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt
+die Mutter fast täglich besuchte, und das gerade in den
+Stunden, wo sie in der Malschule war. »Was sprecht ihr
+denn miteinander?« erkundigte sie sich mit verwundertem
+Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll. Es zeigte
+sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten
+auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide
+sich zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem
+redete sie darüber, sondern als ob ein Wandel möglich, als
+ob er zu gewärtigen sei, als ob sie Pläne und Aussichten
+habe. Virginia wußte nicht, was sie davon denken sollte.</p>
+
+<p>Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage
+des kleinen Haushalts Einblick zu verschaffen.
+»Wie kann man so leben!« rief er ehrlich erschrocken, als<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+ihm Frau Geßner die geringfügige Summe nannte, mit
+der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum
+bekümmert?« fragte er.</p>
+
+<p>Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und
+diese Gebärde entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes
+sie dem Fremderen ihre Dürftigkeit zu offenbaren vermochte.
+Manfreds Zartgefühl hatte den Stolz gefordert,
+Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen.</p>
+
+<p>»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre
+oder länger in so erbärmlichen Umständen vegetieren zu
+lassen«, sagte Erwin. »Eine solche Edelnatur braucht Licht,
+Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über den guten Manfred.
+Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie
+Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung
+stillschweigend übernommen und mußte darauf
+dringen, daß –; aber freilich, wie wäre Virginia zu bewegen?
+Manfred war einfach nicht schlau genug. Seien
+wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert, seinen
+Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und
+schiebt ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.«</p>
+
+<p>Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach
+sie das Thema ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete,
+glaubte sie ihn beleidigt, und als er ein paar Tage später
+wiederkam, fragte sie, was er mit dem Strohsack und dem
+Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,« antwortete
+Erwin, »aber können Sie auch schweigen?«</p>
+
+<p>»Ja, ich kann’s.«</p>
+
+<p>»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+möglich, fünf- bis sechstausend Kronen davon flüssig zu
+machen?«</p>
+
+<p>»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das
+Geld wird von einem gerichtlichen Vormund verwaltet.«</p>
+
+<p>»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten,
+eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich
+dabei um eine Spekulation, für deren Gelingen ich mich
+verbürgt hätte. Sehr schade.« Bedauernd blickte er Frau
+Geßner an, die unwillkürlich die Hände faltete. Plötzlich
+sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr er fort. »Es
+ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die Summe
+geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit
+ich sie fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese
+fünftausend Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten
+machen, nur daß ich keine Zinsen beanspruche; haben wir
+dann das Geschäft glücklich zustande gebracht, so ziehe ich
+meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen Gewinn.
+Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?«</p>
+
+<p>Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen
+das die Agenten so?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Genau so.«</p>
+
+<p>»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich
+täuschen?«</p>
+
+<p>»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.«</p>
+
+<p>»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?«
+murmelte Frau Geßner. »Warum tun es denn nicht alle
+Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da läge ja der Reichtum
+auf der Gasse –«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>»Ein
+Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin
+lächelnd und ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer,
+sehen Sie, die ziehen die kleinen hinter sich nach. Ihre
+paar Kreuzer, Mama, die werden von den Millionen geschleppt
+und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen
+Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer
+Fisch in Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million
+den kleinen Fisch oder wird mit ihm gefangen, aber lassen
+wir uns das nicht anfechten, ich bürge Ihnen.«</p>
+
+<p>Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich,
+doch am Ende konnte sie der Verlockung nicht
+widerstehen. Nachdem sie eingewilligt hatte, beharrte sie
+darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm, für
+welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang
+schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität
+mit geschäftlichem Ernst über sich ergehen. Während eines
+Gedankens Dauer erbitterte ihn die Gewöhnlichkeit der
+Person, die ihn für einen Börsengänger halten konnte, doch
+in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse alle
+Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie
+Virginia gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine
+ständige Mahnung; das Mädchen hatte scharfe Augen und
+betrachtete die Mutter oft mit grübelndem Erstaunen.</p>
+
+<p>Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau
+Geßner ein dickes Kuvert, in welchem sich so viele Banknoten
+befanden, daß die Empfängerin erschrocken aufschrie.
+»Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin gelassen,
+zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung
+wirkte unerquicklich auf Erwin.</p>
+
+<p>»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese
+paar Scheine nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen.
+Die Absicht war, Virginias Los zu verbessern. Eine Schönheit
+wie die ihre macht uns in jeder Weise zu Schuldnern,
+Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest verdauliche
+Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung
+und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche
+Zartheit ihrer Haut nach und nach verderben. Wenn sie ein
+Kleid trägt, in dem sie gering erscheint, wird das Glück verringert,
+das sie hervorbringen soll. Denn Virginias Aufgabe
+ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche Andacht,
+eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie
+nicht, Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung
+von allen Dingen geben, die Sie kaufen müssen. Und seien
+Sie unbesorgt, der Baum, den wir da geschüttelt haben, ist
+noch beladen mit Früchten.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau
+Geßner beklommen.</p>
+
+<p>»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.«</p>
+
+<p>»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?«</p>
+
+<p>»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.«</p>
+
+<p>Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und
+Frau Geßner zeigte sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden
+durch ungewöhnliche Ausgaben, die Mutter zur
+Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische Widersprüche<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin erschienen
+wäre.</p>
+
+<p>Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung
+über Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage
+und die geschäftliche Ausnützung gewisser
+Strömungen. Was er getan habe, sei nicht nur verzeihlich,
+es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei klug und gut,
+so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der
+von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet.</p>
+
+<p>»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden
+Acker«, wandte Virginia lebhaft ein.</p>
+
+<p>»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht
+zu rühren versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht
+so krämerhaft, Virginia.«</p>
+
+<p>»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug
+denken«, erklärte sie eigensinnig.</p>
+
+<p>»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich
+seinem Blick aus.</p>
+
+<p>»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner
+bündig in das Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.«</p>
+
+<p>»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«,
+sagte Virginia naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte
+sie beschämt lächelnd die Achseln.</p>
+
+<p>Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der
+Umstände. Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht;
+dies Geld war ihr unheimlich, und Wünsche,
+deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie Vergehen
+vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+ihre Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr
+Erwin, er selbst habe an Manfred geschrieben, und sie
+wollte nun abwarten, ob Manfred solchen Reichtum
+billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts entstanden
+war, wie die Würmer im Mehl«.</p>
+
+<p>Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die
+Mutter gefahren? Virginia wußte kaum, wie es zuging,
+plötzlich sah sie sich im Besitz kostbarer Wäsche; hatte jene
+reizenden Kleinigkeiten der Toilette, die sonst nur verwöhnten
+Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von
+meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als
+wirklich schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief
+Virginia ein übers andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«,
+sagte Frau Geßner streng, »und widersprich mir nicht.
+Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir gewonnen
+haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich
+möchte ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun
+endlich ein bißchen besser hast.«</p>
+
+<p>Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr
+Leben zu stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren
+Sinnen in gleicher Weise schmeichelten. »Ich verstehe nur
+nicht, wo du plötzlich so viel Geschmack hernimmst«, sagte
+sie zur Mutter.</p>
+
+<p>»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten
+Firmen und kauft das beste. Ist das eine Kunst?«</p>
+
+<p>»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?«</p>
+
+<p>»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus
+dem Effeff. Siehst du dabei was Ungehöriges?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>Virginia
+wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade
+die Schneiderin, eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme
+Person, schlug Modenbilder auf und nahm Maß
+zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte
+Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes
+Gewissen dabei hat. Trotzdem wünschte sie sich noch
+leichteren Sinn, wenn ihre Finger liebkosend in Spitzen
+wühlten und bedächtig über Seide und Battist raschelten.</p>
+
+<p>Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie
+sprach ihr Auge mit den delikaten Farben edler Mode!
+Der Spiegel wurde ein liebevoller Berater, und sie, sie
+wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand abgeschlossener
+da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt
+zu einer Welt stolzerer Formen strebte.</p>
+
+<p>Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die
+Pforten dieser Welt zu öffnen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Ein_Duell">Ein Duell</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke
+gezogen, Frau Geßner öffnete und trat mit Marianne
+von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen mir
+nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein,
+auf Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer
+Stimme von geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich
+ermutigt, Sie aufzusuchen. Erwin und ich, wir sind alte
+Freunde, mehr als Freunde, fast wie Geschwister. Er hat
+mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie kennen gelernt,
+hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich
+keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.«</p>
+
+<p>»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich
+steif.</p>
+
+<p>Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu
+rücken, Deckchen zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin
+zu tragen, wo sie ohnehin schon gestanden waren,
+schleppte einen Sessel herbei und bat das Fräulein, »sich
+nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende Dame
+hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel
+für die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen
+über den Fenstern, einige Möbelstücke waren neu beschafft
+worden, und ein bescheidener Blumentisch stand an sonnigem
+Platz. Virginia ärgerte sich über das demütige Wesen
+der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder,
+bis die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden
+Widerstand ein Ziel setzte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>Es
+war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an
+Marianne von Flügel. Sie gab sich wie jemand, der
+das Leben groß sieht und die Menschen klein. Sie war
+um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre
+Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken
+Zähnen. Wie sie saß und ein Bein über das andre schlug,
+wie sie ein goldenes Zigarettendöschen aus der Tasche
+nahm, ein winziges Zigarettchen zwischen die Lippen
+schob und beim Plaudern den Rauch verfließen ließ, das
+hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte
+in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es
+waren kleine, schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein
+Wenden der Hand und alles war vorüber: irgendeiner
+war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte. Um so gewichtiger
+mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen,
+die sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz,
+daß wir Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und
+Virginia konnte nicht umhin, sich darein zu ergeben. Als
+Marianne ging, bat sie Virginia, einen Abend, der sogleich
+bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur
+einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach
+es.</p>
+
+<p>Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau
+Geßner unwohl und legte sich fiebernd zu Bett. Virginia
+telephonierte vom nahen Postamt dem Doktor
+Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk
+sässigen Arzt, der schon den Vater Virginias behandelt
+hatte und, so selten er kam, ein obsorgendes Verhältnis<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+zu den beiden Frauen unverbrüchlich pflegte. Es war
+ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm
+und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten
+Taubheit zu selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er
+glich den Fehler aus durch Klugheit, Erfahrung und ein
+expressives Temperament.</p>
+
+<p>Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt,
+wenn man ihn zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen
+gehörte zur Soldateska des Todes so gut wie ein Magengeschwür.
+Er erklärte den Fall für harmlos und verfaßte
+ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der
+Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners
+Erlebnisse waren nicht so weitschichtig, daß sie den
+Namen Erwin Reiners bei solchem Anlaß unerwähnt gelassen
+hätte. Das Gesicht des alten Doktors veränderte
+sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen
+wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael
+Reiner?« fragte er. »Dieser – besondere Erwin Reiner?
+Der ... Kunstgelehrte oder ... Naturforscher, was
+weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend
+nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem
+Daumen über die Schulter nach Virginia weisend – »das
+Fräulein Tochter nicht?«</p>
+
+<p>»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der
+intimste Freund von Ginas Bräutigam.«</p>
+
+<p>Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und
+Schnitzmesser am Tisch gesessen; jetzt erhob sie sich und trat
+leise durch die offene Tür.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>»Na,
+da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und
+schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie
+sich gegen die Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte;
+»was haben Sie denn gegen Erwin Reiner einzuwenden?«</p>
+
+<p>Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und
+blickte das Mädchen mit seinen braunen, lebhaften Augen
+an. »Ich?« antwortete er mit der geräuschvollen Stimme
+der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das
+will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich
+Zimmermann mit Namen, der einzige Verwandte, den
+ich besitze, überhaupt der einzige Mensch, der mir dem
+Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh auf
+bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide
+Eltern nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung
+gesorgt, ich habe ihn aufs Gymnasium und auf die Universität
+geschickt, kurz, ich habe meine Hoffnung auf ihn
+gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal meine
+Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen.
+Wir führen ja einen guten Namen, schon mein Vater war
+Arzt dahier und mein Großvater gleichfalls. Eines Tages
+kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich will nicht
+mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde
+denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der
+Medizin‹, sagt er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag
+ich. ›Ich will Dichter werden‹, gibt er mir zur Antwort.
+Ich schau ihn mir von oben bis unten an und sage: ›gut,<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir
+das von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst
+du keinen Heller.‹ Er geht weg, und von der
+Stunde an hab ich ihn nicht mehr gesehen. Das ist jetzt
+drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er die Nächte
+durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen.
+Ist ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter
+geworden, ein Kerl, der nichts arbeitet und in der
+Welt herumschmarotzt. Und wer, glauben Sie nun, hat
+das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir meinen
+ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen
+und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin
+Reiner war das. Ganz genau derselbe. Von dem Tag
+an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat, war er verhext.
+Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not
+zur Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund
+hat ihn unterstützt, hat seine Einbildungen genährt, sein
+angebliches Talent aufgebauscht, hat ihn, mit einem Wort,
+unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich nach
+Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben
+sein.«</p>
+
+<p>Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann
+fuhr er fort: »Das wäre meine private Erfahrung. Von
+andrem möcht ich nur ungern reden, um Ihnen den Gusto
+nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl die Spatzen
+es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen
+gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft
+des Skandals. Ein Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+echte moderne Selbstgott. Da war vor ein oder zwei
+Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre natürlich,
+wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller
+Mensch, Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein
+Leben lassen müssen. Die Sache ist vertuscht worden,
+kam nicht einmal in die Zeitungen, aber Ihr Erwin Reiner
+kann das junge Blut nimmer von seinen Händen abwaschen.
+Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben,
+und die Frau, um deretwillen das Unheil geschah,
+hat den Schleier genommen.«</p>
+
+<p>Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg.</p>
+
+<p>»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner
+mit bekümmerter Miene.</p>
+
+<p>»Wie?«</p>
+
+<p>»Ob Sie ihn persönlich kennen?«</p>
+
+<p>»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu
+kennen. Ich kenne seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr.
+Wir sehen uns bisweilen bei Frau Malwine Engelhardt.
+Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt, etwas wie
+ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß
+die beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner
+sucht das natürlich zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance
+in seinen Augen.« Der Doktor lachte heiser und
+erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es tat
+ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen.
+Da Erwin die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen
+konnte, Aug in Auge, wie es hätte sein sollen, nahm
+sie im Innern seine Partei.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>Desungeachtet
+war sie verstimmt und hatte, auch weil
+die Mutter bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend
+außer Haus zu verbringen. Erwin hatte versprochen, sie
+abzuholen, und gegen acht Uhr kam er. Virginias Weigerung
+erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ er
+nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners
+Lager und fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber
+ihre Verlegenheit fiel Erwin auf. Er roch Unrat, und
+alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann dagewesen sei.</p>
+
+<p>»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die
+ihm gefolgt war, forschend an und trommelte mit den
+Fingern auf den Bettpfosten. »Und da hat er wohl von
+seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem
+Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen
+verhält?« begann Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann
+im Hörsaal der Anatomie kennen. Er interessierte
+mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen
+möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen
+trifft. Wir traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit,
+mich seiner anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend
+ging er künstlerischen Neigungen nach, sah aber keine Möglichkeit,
+sich vom verhaßten Brotberuf zu befreien. Sein
+Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis ein
+Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen
+Geiz besessen.«</p>
+
+<p>»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein.
+»Seit zehn Jahren spricht er von einer Reise nach Italien,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>
+was seine größte Sehnsucht ist, aber er hat nicht das Herz
+dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter nicht die Einnahmen,
+die ihm dann entgehen würden.«</p>
+
+<p>»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr
+langsam und durch mühselige Arbeit zu Geld gekommen
+sind, sich ebenso schwer davon trennen, wie sie es erworben
+haben«, erwiderte Erwin verteidigend. »Nun, dieser Geiz
+allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig gemacht.
+Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz
+auf weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt,
+um von dem Alten nicht Geld fordern zu müssen,
+aber dieser Umstand erlöste sein Gemüt auch allmählich
+von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es, das wilde
+Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich
+habe den unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu
+sein, wie ein lebendiger, wollender Geist zu seiner Bestimmung
+heranwächst. Daran ändert kein Onkel auf
+Erden etwas.«</p>
+
+<p>Das klang nun ein wenig anders.</p>
+
+<p>»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes
+Salon sehen«, fügte Erwin, gegen Virginia gewandt,
+hinzu.</p>
+
+<p>»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in
+Amerika zugrunde gegangen?«</p>
+
+<p>Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«,
+sagte er. »Ich kann Ihnen ja verraten, daß ich
+selbst es war, der ihm die Mittel verschafft hat, nach
+Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten Zweck;<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke
+schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu,
+»daß man mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte.
+Glauben Sie, es überrascht mich? Es ist mir nichts Neues.
+Ich greife zu, wo die andern schwatzen, mich lockt das
+Leben überall, das schöne, große, bunte, dunkle Leben,
+aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine
+Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der
+Neinsager und der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich
+etwas gerade gebogen habe, da kommen alle, die sonst
+ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu konstatieren,
+daß das Krumme besser war. Ich schäme mich
+meiner Taten nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige
+sie nicht. Ich schäme mich meiner selbst nicht. Ich
+flüchte nicht vor mir. Ich habe geliebt, ich wurde geliebt,
+ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich resigniere nicht,
+niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als selbst
+die edelste Resignation.«</p>
+
+<p>Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den
+ganzen Arm mit der ausgestreckten Faust. Virginia, die
+sich um eine Last erleichtert fühlte, blickte ihn mit ehrlicher
+Freude an und sagte: »Ich gehe mit Ihnen, Erwin.
+Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.«</p>
+
+<p>Und sie verschwand in ihrem Kabinett.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die
+Virginia erfuhr, beeinträchtigten keineswegs die bescheidene
+Meinung, die sie von sich hatte. Erwin tadelte
+ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen Hochmut
+ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie
+konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran
+verhinderte. Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden,
+wollte finden und wünschte es von Erwin bestätigt zu
+hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von Botticelli ähnlich
+sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt, während
+für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch
+ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd
+hin. »Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund
+eines Soupers treiben«, sagte Erwin kalt.</p>
+
+<p>Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden
+nicht. Marianne von Flügel schien die Aufgabe übernommen
+zu haben, Virginia in die Gesellschaft einzuführen.
+Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes Energie
+entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee
+bei der Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte
+sie sich alsbald durch eine lebhafte Sympathie verbunden.
+Marianne bemerkte es ungern und säte Mißtrauen.</p>
+
+<p>Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten
+Professors und Klinikers von Flügel, der sich eines Tages,
+verfolgt von Erpressern, zerrütteten Geistes, eine Kugel in
+den Kopf geschossen hatte. Beschmutzende Gerüchte hafteten
+an dem Ereignis. Mariannes Mutter war vor zehn
+Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>
+Tod ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf.
+Sie war wunderlich geworden, und man versteckte sie vor
+den Leuten. Drei Brüder lebten wie große Herren, auch
+nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten. Marianne führte
+ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder
+erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile
+gespielt. Verblaßter Glanz war in den Räumen, welche
+aussahen, als ob die Sonne sich von ihnen abgewendet
+hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und
+fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie
+man kurzsichtige Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters
+schien ihr die Pflicht der Haltung aufzuerlegen. Die
+Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses
+Namens frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn
+längst mit Füßen getreten. Es läßt sich schwer ein
+Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit dem
+das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das
+Getriebe einer Welt blickte, die sich in immer konzentrischen
+Kreisen ermüdend um sie bewegte. Die einzige
+Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie fest.
+Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie
+heiraten mußte.</p>
+
+<p>Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie
+wußte sich zu tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges,
+die auf Übung, Urteil und Geschmack beruht. Sie hatte
+Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte gefällig. Ihr
+Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit gewaschener
+Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+gab Bilder von ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend
+war. Im Leben war es tot.</p>
+
+<p>Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt.
+Auch jetzt noch liebte er die Schauder, von denen er sie
+durchzittert fühlte, wenn er neben ihr ging oder saß. Das
+war es eben, was ihn lockte, was ihn unersättlich machte.
+Die Schauder waren es, die ein liebendes Geschöpf vor
+ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der Anblick
+stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur
+weiteren Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren,
+die Seelen, von denen nährte er sich, ihre Sehnsucht
+war seine Erfüllung. Da war er dann brüderlich rücksichtsvoll,
+und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie
+die eines entflammten Knaben.</p>
+
+<p>Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes
+Ziel. Marianne ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig,
+das Sprungbrett zu halten, von welchem er in die
+Brandung stürzte, und sie hoffte, sie erwartete es, sie
+rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen
+zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine
+sonst ihm nahte. Sie dachte niemals ohne Haß an ihn,
+und nie ohne Furcht, und nie ohne die Neugier eines
+Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer begibt,
+an der er täglich vorübergeht.</p>
+
+<p>Es war an einem Abend im Januar. Marianne von
+Flügel feierte ihren Geburtstag, deshalb war Virginia zu
+ihr gegangen. Sie traf Ulrich Zimmermann dort, den
+sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne bemutterte<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt, sie behandelte
+ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu
+jenen Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus
+um sich tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen
+Anwandlungen zur Beute werden, die
+eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind. Virginia fand
+sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr hingen.
+Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester
+mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er
+Virginia vorgestellt wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit,
+sein Lächeln ohne Zwang. Seine vornehme Art
+gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung
+über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie
+sie es noch bei keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig
+zugetan war.</p>
+
+<p>Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und
+kapriziös, daß Mitrede und Widerpart allen Vergnügen
+bereiteten, und schließlich hatte sie den Einfall, man solle
+doch an einem der nächsten Tage eine Schlittenpartie ins
+Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man setzte
+den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins
+auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten
+telegraphisch bestellen. Er fragte Virginia um Einzelheiten,
+als ob sie Sachverständige in Schlittenpartien sei;
+sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte sich aber
+dem allgemeinen Drängen.</p>
+
+<p>Während der nachflatternden Erörterungen ergriff
+Marianne plötzlich Virginia bei der Hand und führte sie<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>
+in ein Gemach nebenan. <span id="Page_87_1">Ein</span> Hängeteppich statt der Tür
+trennte den Raum von dem Zimmer, wo die andern
+waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise,
+»Sie müssen auf Ihrer Hut sein.«</p>
+
+<p>Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur
+Frage. »Haben Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr
+Marianne fort, »vielleicht bei der Resowsky? Oder gestern
+bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.«</p>
+
+<p>»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken,
+»was ist denn geschehen?«</p>
+
+<p>»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit,
+Virginia: Erwin hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.«</p>
+
+<p>»Was heißt das?«</p>
+
+<p>»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung
+über Sie geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.«</p>
+
+<p>»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias
+Augen funkelten, aber aus ihren Wangen wich
+vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung des
+Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild
+rührender Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens.
+»Seien Sie vernünftig,« mahnte sie, »beherrschen Sie
+sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben. Die
+meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen
+Abwesender.«</p>
+
+<p>»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß
+ich nicht.« – »Wer war es?« – »Das – brauchen Sie<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« – »Erwin?
+Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß.
+Ich habe Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.«
+– »Er wird sich schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne
+nickte.</p>
+
+<p>Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte
+sich ihrer eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte
+jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann ich von hier aus gleich
+in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht allein
+gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« –
+»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.«
+Marianne schob den Teppich zur Seite und rief
+Ulrich Zimmermann. Er übernahm den Auftrag mit befangener
+Freude.</p>
+
+<p>Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein
+Geßner läßt Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt
+und wollte nicht weiter stören«, sagte sie zu Palester
+und Erwin. Dieser zuckte auf und sah Marianne drohend
+an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar.
+»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als
+jener gegangen war, und sein Blick wurde noch drohender.</p>
+
+<p>Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete
+eine der winzigen Zigaretten an und fragte gleichmütig:
+»Wie stehst du denn eigentlich mit ihr?«</p>
+
+<p>Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos,
+Marianne, diese Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er.</p>
+
+<p>»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte
+Marianne, und über Erwins verständnislose Miene etwas<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+gezwungen lachend, fuhr sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich
+gemacht. Ich habe dich in ein Duell verwickelt.
+Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie gesprochen, –
+das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –,
+du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen
+ergeben sich von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden,
+wozu die Wirklichkeit zu stümperhaft war.«</p>
+
+<p>Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst,
+daß ich das aufrecht erhalten werde?« fragte er.</p>
+
+<p>»Du mußt. Was ficht’s dich an?«</p>
+
+<p>»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits
+habe einen Ruf zu verlieren.«</p>
+
+<p>»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.«</p>
+
+<p>»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?«</p>
+
+<p>»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal
+etwas Originelles. Du führst die ganze Gesellschaft an
+der Nase herum, denn alle müssen es natürlich wissen,
+sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine marmorne
+Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen
+sein wie es will, wird immer davon bestimmt,
+wie die Welt über einen Mann urteilt. Für die Verbreitung
+werde ich schon sorgen. Was riskierst du? Nichts.
+Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie
+gelebt. Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht
+finden. Wir beide, wir schweigen.«</p>
+
+<p>Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte
+die Lehne mit beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt,
+lachte er lautlos mit offenem Mund, in dem die starken<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe leuchtete.
+»Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe
+Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene
+das Vergnügen über den Einfall mit einer gewissen Verachtung
+gegen die Person kämpfte. »Das hat Geist, ja,
+das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen. Aber du nimmst
+mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald wie
+möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein
+bißchen peinlich.«</p>
+
+<p>»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen
+könntest. Du würdest das Mädchen für immer erkälten.
+Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie umsonst für dich
+in Sorge war.«</p>
+
+<p>»In Sorge?«</p>
+
+<p>»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein,
+wenn sie Gemüt im Leibe hat. Sie ist gekränkt worden,
+und du bist der Rächer. Zerstörst du diese Einbildung, so
+erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder nicht. Das ist
+Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also besser
+als eine Narrenkappe.«</p>
+
+<p>»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen
+so würdevoll tragen wie Kronen.« Er runzelte
+die Stirn und stützte das Kinn auf das Holz der Lehne.</p>
+
+<p>»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?«</p>
+
+<p>»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –«</p>
+
+<p>Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun,
+Erwin. Ich kenne dich. Es wäre ja philisterhaft, den<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+Faschingsscherz ins Tragische zu wenden. Der Kavalierstandpunkt
+gilt doch nicht unter uns.«</p>
+
+<p>»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne,
+du?«</p>
+
+<p>»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter
+dir liegt, es beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete
+Marianne etwas frostig.</p>
+
+<p>Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in
+seinem Lächeln. Indem er an Virginia dachte, sah er sie
+wie eine Lilie, deren weißer Glanz allein Schutz genug
+ist gegen häßliche Berührung, und indem er das Bild
+Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz
+verzehrt wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme.
+Ihn ekelte ein wenig vor der billigen Heldenrolle, die
+ihm Marianne aufdrängte, doch sah er ein, daß er damit
+viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende Geringschätzung
+gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn
+stets reizte, die Fesseln der Konvention für nichts zu
+nehmen, so pedantisch er sie auch zu achten schien, überredete
+er sich leicht, in diesem Wagnis ein heiteres Spiel
+zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden
+konnte.</p>
+
+<p>Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu
+lassen, erhob er sich und sagte kühl: »Auf übermorgen
+also. Ich hole dich und Virginia ab.«</p>
+
+<p>»Gibst du mir nicht die Hand?«</p>
+
+<p>Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten
+den Hut reicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>»Und
+die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne
+mit gesenkten Lidern.</p>
+
+<p>»Welche andre?«</p>
+
+<p>»Die Schwester von Fritz Kynast ...«</p>
+
+<p>»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich.
+Gute Nacht, Marianne.«</p>
+
+<p>Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne
+an der Tür stehen, um seinem verklingenden Schritt
+nachzulauschen und dann zu grübeln. Der freundliche,
+gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt,
+von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung,
+die ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser
+Gedanken erregt. Sie fühlte sich schon an der Wende der
+Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht und ohne
+Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer
+Vergnügungen war abgesponnen, und die öden Tage
+folgten einander scheinbar belebt, wie auf einer Bühne
+ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig zerstreut,
+ewig wiederholt wird.</p>
+
+<p>Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern,
+zu den Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre,
+und das war ein Glück für sie. Denn es verursachte
+immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der Haltung, ließ
+Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die
+amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen
+Klang der Stimmen und das puppenhafte Knarren der
+Gebärden, und so führte man die Rolle zähneknirschend
+durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span>
+widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal
+vom Herzen zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen
+zu enthüllen.</p>
+
+<p>Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle
+des Zuschauers verdammt zu werden.</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen.
+Hundertmal überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen,
+für Worte gesagt, was man ihr geantwortet, sie
+ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen, die undurchdringlichen.
+Um drei Uhr machte sie wieder Licht,
+nahm ihren Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die
+eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu oft gelächelt zu
+haben.</p>
+
+<p>Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin.
+Sie konnte nichts arbeiten, und ihre Befürchtungen
+schlugen folgsam die Richtung ein, die Mariannes Worte
+ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der Mutter
+zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie
+viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen
+Ausflug schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit
+war ein Zustand, den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter
+Zustand, der ihre Sinne trübte.</p>
+
+<p>Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen
+sechs Uhr zu Marianne. Marianne war nicht zu Hause.
+Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren zu dürfen, und
+ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war gleichfalls<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm
+sie aus einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen.
+Plötzlich stürzte ein großer, totenbleicher Mensch
+im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber und durch die
+offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still. Virginia
+ging erschrocken weg.</p>
+
+<p>Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne.
+Sie trug einen kostbaren Chinchillamantel und einen
+großen Hut mit schwarzen Straußfedern. Die Winterkälte
+hatte ihr Gesicht gerötet, und Schneeflocken hingen
+in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu treten,
+da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß
+alles glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang
+ihre Arme um Virginias Hals und küßte sie schnell auf
+die Wange.</p>
+
+<p>»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia,
+der es zumute war, als löse sich eine klammernde Hand
+von ihrem Nacken. »Und der andere?«</p>
+
+<p>»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter
+nichts. Gute Nacht, Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie
+sich bereit für morgen. Wir werden sehr, sehr lustig
+sein.«</p>
+
+<p>Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde
+ihr ums Herz. Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie
+mit Marianne und Erwin zum Bahnhof, wo Ulrich
+Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee
+setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu
+er noch gestern gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt.<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+Virginia, die ein feines Gefühl für äußere Formen besaß,
+hatte bislang an seinen Manieren Anstoß genommen,
+nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte
+eine geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend
+gemildert wurde. Er erzählte von Amerika wie jemand,
+der des Anblicks einer erhabenen und schrecklichen Vision
+teilhaftig geworden ist.</p>
+
+<p>Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und
+die Fahrt ging ins Höllental. Die Luft brannte vor
+Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte kein Wind, über
+den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln,
+grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden,
+die Häuser nah und fern schienen ausgestorben, leergefroren,
+und in der höchst feierlichen Stille tönten nur
+die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.</p>
+
+<p>Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen.
+In einem Nebengelaß spielte ein alter Bauer
+die Harmonika, Marianne führte ihn Arm in Arm herüber,
+und er sollte Walzer zum besten geben. Dies vermochte
+er jedoch nicht, und man holte einen, der die
+Kunst verstand. Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen.
+Graf Ottokar blieb ruhig auf seinem Platz. Marianne
+ersetzte durch Temperament, was ihr an junger
+Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte
+tanzen, als ob die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings
+in ihren Adern gärte, als ob die liedervolle Stadt
+da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen nur ihr
+allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>
+gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem
+Schnee berauscht und wiegte sich in Erwins
+Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern gelöst,
+Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein
+Elfenwesen am Rand mondbeschienener Wässer. Die
+andern ließen ihr beschwerteres Treiben und schauten
+zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die
+Schwelle.</p>
+
+<p>Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne,
+blieb ein Weilchen inmitten der verdämmernden Stube
+stehen, schloß die Augen und trat dann erbleichend aus
+dem Kreis.</p>
+
+<p>Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen
+ihr und Erwin lag. Sie tanzte nicht mehr.</p>
+
+<p>Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was
+ihr sonst immer ergreifend war, der Abend in der Natur,
+sie vermochte ihn nicht zu spüren. Marianne, der Graf
+und Ulrich waren auch schweigsam geworden, nur Erwin,
+immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden,
+rezitierte Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft
+nicht genannt wurde; eins davon bewegte Virginia,
+so daß sie ihn bat, es zu wiederholen. Er wiederholte das
+Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder Strophe: »Einst
+konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich müd’,
+ohne zu gehen.«</p>
+
+<p>Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick
+auf sich ruhen fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham
+in ihr empor. Denn sie mochte diesem Manne nichts verdanken,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span>
+sie mochte ihm nicht das Recht einräumen, für sie
+aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung tragen, sie
+wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß
+darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her
+zischten! Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören
+war bedroht.</p>
+
+<p>Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher.
+Insonderheit mit Manfred war es so wunderbar
+einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache Ereignisse bedeutungsvoll,
+ohne daß sie den Grund erkannte. An
+einem der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge
+Gasse in der Stadt. Ein daherstürmender Fiaker streifte
+einen Handwagen, von welchem ein länglicher Blechkasten,
+durch den Anprall aus dem Gleichgewicht gebracht, aufs
+Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser
+strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von
+Goldfischen auf dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten
+und wandten sich, schnappten mit den Kiefern, schlugen mit
+den Schwänzchen und schnellten kraftlos in die Höhe. Es
+war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel. Virginia
+blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute
+zu, die geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog
+zu werfen. Zu spät; als man Wasser herbeigeschafft hatte,
+waren die meisten schon tot.</p>
+
+<p>Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred
+war sie versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle
+Anknüpfung. Es war ein stürmischer Abend, das
+Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern der äußeren<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span>
+Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf
+Uhr; sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen
+die absterbende Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte
+an die Goldfische. Die Mutter rief sie zur Ruhe, aber
+Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu schreiben. Im
+Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale
+Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige
+Wolken geschmiegt sind.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Tanagra-Figuerchen">Das Tanagra-Figürchen</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-m.jpg" alt="M">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Man sprach in allen Salons der Stadt von dem
+Duell Erwin Reiners. Auch einige Zeitungen bemächtigten
+sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt
+wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die
+blutigen Spiele unter den oberen Zehntausend zu dulden
+gedenke, und in einem Journal, welches dem Klatsch
+diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung die
+Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin
+erhielt eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner
+gefragt, zuckte er die Achseln und erwiderte, keine Macht
+der Erde könne ihn zur Indiskretion zwingen. Er stellte
+sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber, sich den
+Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden
+würde. Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn
+ebensosehr wie die aufgeregte Neugier seiner Freunde,
+und er hatte Mühe, seinen Ernst zu bewahren. Da auch
+kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem
+Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze
+Geschichte um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß
+eine sehr schöne Frau, deren Beschützer er war, die Ursache
+des Duells sei, aber wer auch immer befragt wurde,
+mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen Vormittag
+lang läutete das Telephon fast ununterbrochen,
+und Stimmen aus allen Gegenden der Stadt erkundigten
+sich voll Teilnahme nach Erwins Befinden. Wichtel gab
+jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr eines trefflichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post befand
+sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer
+wahrhaften und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab.
+»Könnt ich nur wissen, aus welchem Grund Sie Ihr
+teures Leben in die Schanze geschlagen haben«, schloß
+das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie
+dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der
+Tod keine Schrecken mehr, für Sie hat er in meinem
+Herzen tausend. Alles ist mir fremd geworden, Vergangenheit
+und Gegenwart haben sich von mir abgelöst,
+ich bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen,
+wenn ich stark genug dazu wäre.«</p>
+
+<p>Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht
+zur Katastrophe auf, Helene. Ich bin munter wie ein
+Fisch im Wasser. Sich selber fremd sein – ein beneidenswerter
+Zustand, dem die Dichter unsterbliche Eingebungen
+verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe,
+uns selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung
+und zum Genuß der Welt.«</p>
+
+<p>Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab,
+trat sein Vater ein. »Guten Tag, Alter«, sagte
+Michael Reiner. »Was ist denn los? Die Leute reden ja
+massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott
+sei Dank.«</p>
+
+<p>Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die
+Zinnoberfarbe vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen
+Bart mit ausrasiertem Kinn. Er war athletisch
+gebaut und sah aus wie jemand, der Widerwärtigkeit, üble<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
+Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens hinunterschlingt
+und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche
+Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete
+jede Gebärde. Er lag gleichsam stets auf den Knien vor
+ihm, lauschte atemlos auf alles, was er sagte, überlegte
+es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er nachts
+nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe.
+Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde;
+er hatte draußen schon den Diener ausgeholt, ob er über
+das Vorgefallene Bescheid wisse, doch in solchen Dingen
+war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.</p>
+
+<p>Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe
+und Unsicherheit eines Mannes nicht verleugnen konnten,
+der gewohnt ist, daß man Geld von ihm fordert, und
+nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des Sohnes
+ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin
+saß an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken
+englischer und amerikanischer Buchkunst bedeckt
+war, und schrieb von Zeit zu Zeit kurze Notizen auf ein
+Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte andächtig schweigend
+verfolgte.</p>
+
+<p>»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. –
+»Wenn du gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner
+und räusperte sich, was wie das dankbare Knurren eines
+Hundes klang.</p>
+
+<p>»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,«
+fuhr Erwin fort, »das wird dich ja weiter nicht
+stören. Ich habe mit dir zu sprechen, Papa, und wir<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span>
+wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine
+größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn
+dir’s nicht paßt, sag einfach nein, ich bin dir nicht böse,
+obwohl die Sache von Wichtigkeit für mich ist.«</p>
+
+<p>»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,«
+erwiderte Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir
+selbstverständlich zur Verfügung.« Mit seinen plumpen
+Schritten begab er sich zum Schreibtisch, riß ein Blatt
+aus dem Bankbuch, das er in der Tasche trug, und schaute
+Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und nach
+wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er
+gelassen einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn;
+er achtete nur den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht
+zu Geschlecht vererbt und mit der unnachahmlichen
+Noblesse gehandhabt wird, die den Emporkömmlingen
+versagt ist.</p>
+
+<p>Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen.
+Seit fünfzehn Jahren verbrachte er fast alle Abende bei
+Frau Engelhardt, der wohlhabenden Witwe eines Getreidemaklers.
+Wie schon der Doktor Zimmermann gegen
+Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich
+an den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm
+grenzenlos ergebene Frau zu heiraten. Er hatte niemals
+davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin wußte, wie die
+Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste,
+das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese
+kränkte sich darüber schon lange, und Michael Reiner
+machte nun mit klopfender Brust den Versuch, Erwin zu<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer Visite
+erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«,
+bat er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine
+in die Hand versprochen, und sie wird dich empfangen
+wie einen Prinzen. Sag nicht nein, Erwin, dich kostet’s
+eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs Leben.«</p>
+
+<p>Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete
+er tadelnd und eindringlich. »Ich finde es nicht
+geschmackvoll, daß du mich über deine Absichten täuschen
+willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir bei der Ausführung
+irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten,
+aber ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den
+Augen der ganzen Welt enthüllen, wenn ich dir dabei
+behilflich wäre. Nein, Papa, nein! Trotz aller Ehrerbietung,
+die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer die
+Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt.
+Du willst heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir,
+daß ich es gutheiße. Ich habe nichts damit zu schaffen.
+Die fremde Frau meines Vaters wird niemals meine
+Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe
+eines Kornhändlers für mich bleiben.«</p>
+
+<p>Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg.
+Früher haben die Väter ihre Söhne abgekanzelt, dachte
+er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern sich die Läufte. Er
+überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem Elfenbeingriff
+seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig
+Jahren heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man
+schon eine Herzogin nehmen, um den Spott der Welt zu<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span>
+ersticken. Passionen dürfen plebejisch sein, denn sie sind
+vergänglich; durch eine Eheschließung ruft man die Unsterblichkeit
+zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für die
+gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe
+ich’s vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die
+Rosanna Schörk hat eine junge, begabte Kollegin, der es
+momentan schlecht geht. Ich habe versprochen, etwas für
+das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den Theaterdirektoren,
+erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens
+heißt sie, Christie Martens, zu dir schicke?«</p>
+
+<p>Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu
+ahnen, in welcher Schlinge er sich da fangen sollte.
+Während des Mittagessens blieb er finster in sich gekehrt,
+und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu kauen
+Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte,
+solang Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos
+auf dem Teller herum, aber wenn Erwin sprach,
+festigte sich sein Blick, und er merkte genau auf. Nach
+beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich
+auf die Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer
+an.</p>
+
+<p>Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte
+Ulrich Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart
+des Alten beengt fühlte; er gehörte zu den Beobachtern,
+die nichts sehen, aber alles gesehen haben.</p>
+
+<p>Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander
+gegenüber, rauchten und tranken aus kleinen goldnen
+Tassen Mokka. »Was arbeiten Sie?« fragte Erwin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>»Ich
+versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«,
+antwortete Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie,
+wer Mirowitsch war?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen
+Katharina.«</p>
+
+<p>»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis
+mit ihm?«</p>
+
+<p>»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht
+langweilen? Also hören Sie zu. Mirowitsch war ein
+kleiner Edelmann aus einer zugrunde gegangenen Familie
+und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment der
+Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den
+zarischen Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch.
+Dieser war auf der Festung Schlüsselburg unter
+dem Titel des namenlosen Gefangenen in grauenhafter
+und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze
+Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren
+der Spione fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina
+muß natürlich wünschen, daß dieses unbequeme Überbleibsel
+einer früheren Dynastie verschwindet, und sie hat
+Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen
+und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu
+Gefangenen gemacht wurden, den Prinzen töten, wenn
+der geringste Verdacht entsteht, daß er fliehen will oder
+durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun, Mirowitsch
+kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd
+den Wachdienst in der Festung versehen, nach<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+Schlüsselburg. Mirowitsch ist einundzwanzig Jahre alt.
+Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat erlebt, wie kleine
+Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig
+und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und
+reich werden, denn er hat nur Schulden, drei hungernde
+Schwestern und einen hoffnungslosen Prozeß mit der
+Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken,
+er kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein
+Geld. Es gibt kein Opfer, das er nicht bringen würde,
+um aus seiner Armut und Dunkelheit emporzusteigen.
+Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling
+niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche
+Kaiser. Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien.
+Ganz allein und auf eigene Faust will er den Kaiser befreien,
+dann ist er reich, geehrt, kann wieder rauchen,
+trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so schlägt’s
+fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«</p>
+
+<p>»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin
+trocken; »wie fängt er denn das an, – ganz allein?«</p>
+
+<p>»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der
+unter der Gewalt seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt
+Ukase und Manifeste im Namen des künftigen Zaren.
+Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle Papiere, die
+Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung,
+der Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer,
+keine Mitwisser, keine Genossen, als er eines Nachts mit
+seiner Kompagnie die Wache in der Festung bezieht.
+Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift Mirowitsch<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span>
+zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube
+und schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen.
+Der Kommandant stürzt im Schlafrock auf die Treppe
+und fragt: weshalb stellen sich die Leute ohne Befehl in
+die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch schlägt
+ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe,
+und auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe
+zum Kaiser‹. Die Schildwache schießt, Mirowitsch läßt
+gleichfalls feuern, aber kaum ist die erste Salve abgegeben
+worden, so sind die beiden Offiziere, die Iwans Leibwache
+bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und
+haben ihm den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind
+sie ermächtigt. Der eine dieser Mörder begegnet Mirowitsch
+und seinen Leuten auf der Galerie. Mirowitsch
+zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür
+der Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man
+holt Fackeln. Auf der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt
+Iwan Antonowitsch in seinem Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft
+Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des Kaisers vergossen?‹
+›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹
+ist die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener
+war.‹ Selbst die Soldaten erbeben bei dem schrecklichen
+Anblick. Mirowitsch tritt an die Leiche heran, kniet nieder,
+küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn jetzt, erst jetzt
+ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der bis
+zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war.
+Er läßt den Leichnam in feierlicher Prozession durch die
+Festung tragen, und der volle Generalmarsch ertönt.<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete Hand und spricht:
+›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind aber
+nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig
+bin nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹
+Damit war der Aufstand zu Ende, die Truppen der
+Kaiserin überwältigten Mirowitsch’ Schar, und Mirowitsch
+wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und
+Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters
+sah, ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte
+so, daß die Newabrücke schwankte und das Geländer abfiel.«</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte
+umher.</p>
+
+<p>»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen
+Pause, »ich verstehe den Impuls ...«</p>
+
+<p>»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen
+Sie’s!« versetzte Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung,
+welche bei Künstlern den Stunden des Enthusiasmus
+und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt
+sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das
+vollkommen bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen
+einen Staat, gegen eine Welt. Und nicht darum handelt
+er, weil er überzeugt ist von der Größe seiner Tat, nicht
+weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein Inneres
+ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern
+weil er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken
+und Karten spielen will. Er ist eitel, genußsüchtig und
+streberisch. Aus Eitelkeit, Genußsucht und Streberei ersinnt<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
+er den vermessensten aller Pläne. Eitelkeit, Genußsucht
+und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die
+innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist:
+Kühnheit, Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft.
+Und zuletzt, als ob die Tat sein Schicksal geadelt hätte,
+wird aus dem gesetzlosen Schwärmer und selbstsüchtigen
+Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er
+lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem
+er zusammenbricht, trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen,
+weil sein Herz erwacht, weil er liebt. Darin liegt der
+Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn die Liebe
+hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch
+kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten
+spielen; er will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird
+Mirowitsch entsagen.«</p>
+
+<p>Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an.
+»Und das ist die Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?«
+fragte er.</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika?
+Nein. Das Leben. An jeder Straßenecke seh ich einen
+Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in jedem Konventikel, in
+jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und bekennende,
+freche und heuchlerische, führende und verführte.«</p>
+
+<p>»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«,
+entgegnete Erwin kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba?
+Was ist mir eine Schlüsselburger Kasematte von siebzehnhundertsiebzig?
+Was ist es gegen unsre Not, unsern<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein
+Schwächling, wieder ein Schatten! Und der Befreier
+sein soll und Prophet, schließt sich in ein Antiquitätenkabinett
+ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie nach
+Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft,
+damit Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft
+bringen, und nun studieren Sie Leichen und wühlen in
+der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen,
+vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre
+zu sehr unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf
+ich bin!«</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte
+unbeweglich auf den Teppich. Seine Not? Seine Leiden?
+wo sind sie? dachte er. Nicht zum erstenmal legte sich diese
+gebieterische Hand über die Schwingen seines Geistes.
+Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er und
+wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum
+Widerpart, weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es
+kein Gericht; es lag in Abgründen, in die niemals die
+Leuchte gegenseitiger Verständigung dringt. Sein Werk
+büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig
+und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte
+er in seiner Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.</p>
+
+<p>Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes
+blickte, schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie
+offenbarte Rätsel. Und wie es eine Minute gibt, wo die
+Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem Schoß sich regen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span>
+fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus Hemmung
+und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe
+Bild seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und
+Qual ward hier zu einem; denn er liebte Erwin, er war ihm
+tief verpflichtet und mußte zum Verräter werden durch
+den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit schlechtem
+Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden
+und verstimmt zurück.</p>
+
+<p>Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste
+von allem: leere Stunden. Da sein Körper von
+gefesselter Kraft ungeduldig war, begab er sich zu Salviati
+und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß überströmte
+und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in die
+Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen
+Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt,
+er fuhr zum Souper in den Klub und dann nach
+Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit vierzig Kilometer Geschwindigkeit
+durch die schon verödeten Gassen, als ob es
+groß was gälte.</p>
+
+<p>Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der
+Bibliothek. Erwin trat ein; Palester lag lang ausgestreckt,
+blaß und regungslos auf einem Diwan und schlief.</p>
+
+<p>Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin,
+indem er auf das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des
+Grafen niederschaute wie auf einen Leichnam, den er
+sezieren sollte; schlafen, starr daliegen, dachte er, nichts von
+sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag, und
+noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>Er
+zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem
+Gesicht. Er wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte
+sich immer mehr. Plötzlich gewahrte er, daß die
+kobaltblauen Augen des Grafen still und ernst auf ihn gerichtet
+waren. Er erwiderte den Blick und lächelte freundlich.
+»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob
+sich, »ich war ein wenig müde.«</p>
+
+<p>»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas
+zu sich nehmen?«</p>
+
+<p>»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«</p>
+
+<p>Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden
+jungen Leute hatten außer den förmlichen Redensarten
+noch kein Wort gewechselt.</p>
+
+<p>»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«,
+unterbrach auf einmal Palester das Schweigen mit seiner
+melodischen Stimme.</p>
+
+<p>Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen
+Sie?« fragte er abweisend.</p>
+
+<p>»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf
+ruhig.</p>
+
+<p>Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch:
+»War das eins von Ihren okkultistischen Kunststücken?«</p>
+
+<p>»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün.
+Augen, wie er sie besaß, können weder lachen noch weinen.
+Es sind Deuteraugen, Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen
+eines ermüdeten Geschlechts.</p>
+
+<p>»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer
+Weile; »ein Mann wie Dalcroze, der doch sicherlich seine<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span>
+fünf Sinne beisammen hat, entschließt sich freiwillig zu
+einer so langen Trennung von einer Frau, wie es diese
+Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem,
+was ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird!
+Warum hat er sie nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn
+oder Ahnungslosigkeit? Daß er den ungeheuern
+Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene
+Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht
+blind machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«</p>
+
+<p>»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer
+Frau das bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte
+Erwin sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina
+hinter sich haben, wollte Lebensgewißheiten erringen,
+dann kam das mit seiner Lunge; die Krankheit auszuheilen,
+erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da er
+als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist,
+mußte er allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«</p>
+
+<p>»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf
+einem Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.</p>
+
+<p>»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,«
+versetzte Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu:
+»Es müßte denn ein Dieb sein, der nicht aus Habsucht
+stiehlt, sondern aus Kennerschaft und Liebhaberei. Da aber
+die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht willenlos
+zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff
+nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem
+Eskamoteur zum Eroberer werden. Wir befinden uns
+hier auf der Grenzscheide der Begriffe Raub und Krieg.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>Palester
+schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber
+und blickte zur Büste Athenes empor, deren fleischgelber
+Marmor auf einem Büchergestell leuchtete.</p>
+
+<p>»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden
+war und vor dem Kamin hin- und herging wie ein
+Leopard. »Das ist einmal ein Gesicht und nicht bloß eine
+lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein Gesicht zu schauen,
+in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet plötzlich ihre
+sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis
+schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch
+gestimmt. Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf?
+Die Bewegung? Wie wenn ein Mittagshauch übers reife
+Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich gefällig
+böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein
+Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde
+Wand vor dem Unerforschlichen.«</p>
+
+<p>Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf
+einen engen Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten
+Wangen scharf abgeschnittene Kinnbart sah auf
+dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.</p>
+
+<p>»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals
+stockend wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß
+dieser sanfte und standhafte Blick aufgewühlt werden kann
+zum Verlangen; daß das gemessene Spiel dieser Gebärden
+dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu wissen, daß diese
+vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger
+Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese
+kühlste Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern,<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span>
+diese Lippen herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern
+stürmischer pulsen, diese tugendhaften Haare ungekettet
+fließen werden, daß es eine Macht gibt, um diese beschlossene
+Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln: von
+der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit,
+von der Beklommenheit zur Qual, von der
+Qual zur Entselbstung und nun hinab- und hinaufgeschleppt
+in die Abgründe der Schwermut und auf den Gipfel des
+Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«</p>
+
+<p>»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.</p>
+
+<p>»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«</p>
+
+<p>»Und Manfred?«</p>
+
+<p>Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred
+besitzt nicht die Macht, von der ich rede. Manfred hat
+sich mit dem ersten Anfang des Phänomens begnügt. Er
+hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt, um ihr
+zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf
+abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß
+sie das Feuer wollte und daß sie von ihm erwartete, er
+möge ihr Sträuben besiegen. So sind sie stehen geblieben,
+in Angst voreinander, und haben nicht gewagt, Menschen zu
+sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus Besorgnis,
+daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge,
+Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten
+aller Philister ein Himmelswunder von Weib
+beschert, die heiter spielende Kreatur, ein Wesen, geschaffen
+zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung, und er? Er<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span>
+führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit ist,
+wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht
+mehr träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und
+es läßt mich nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten
+auf dem Wirtshaustisch liegen zu lassen. Welch
+eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn die Schönheit ist
+wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im Zwiespalt
+der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und
+Bollwerken zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie
+haben wie ein Frosch, um Einwänden Gehör zu schenken,
+die nur für Schwachköpfe und Feiglinge eine Schranke
+sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit
+Haut und Haar.«</p>
+
+<p>Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem
+tiefen und sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte
+er. »Ich habe Sie nicht. Weder die Haut noch das
+Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin, das wissen Sie vielleicht
+selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie besitzen
+nichts; niemand und nichts.«</p>
+
+<p>Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier
+kein Argument. Mein Argument besteht aus drei Worten:
+Virginia liebt Manfred. Gegen Liebe kämpft auch ein
+Gott vergebens.«</p>
+
+<p>»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt!
+Ja, es ist unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und
+kein besiegeltes Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia
+ist viel unerforschtes Terrain, das meine Neugier reizt.
+Nichts weiter. Es gibt kein Gefühl in der Welt, das für<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+einen darauf gerichteten Willen nicht hervorzubringen wäre.
+Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren, und
+nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in
+jeder Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen
+beisammen sind, ist das Gefühl in der Brust des einen schon
+Zwillingskind. Jede Leidenschaft kann erzeugt, kann zerstört,
+kann übertragen werden. Es ist eine Frage der
+geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen
+oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«</p>
+
+<p>Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden
+Ton, der eine Schelmerei zu enthalten schien. Erwin
+stimmte in die Heiterkeit mit ein. »Sie beruhigen mich
+vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich. »Sie sind ein
+famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor.
+Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der
+Retorte ist eine possierliche Sache.«</p>
+
+<p>Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was
+würden Sie zum Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen
+meines Experiments?« fragte er übermütig.</p>
+
+<p>»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.</p>
+
+<p>»Auch die Froweinschen Miniaturen?«</p>
+
+<p>Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er
+dann achselzuckend.</p>
+
+<p>Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den
+Zügen Palesters jenen Ausdruck mystischer Versunkenheit,
+der ihm zuweilen lächerlich, zuweilen übernatürlich erschien.
+Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie verkaufen
+mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span>
+beweisen kann, daß mein Versuch gelungen ist?«</p>
+
+<p>»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings
+erhalten.« Palester erhob sich. »Was für Scherze, was für
+Spiele«, sagte er lächelnd und mit leichtem Mißbehagen.
+»Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«</p>
+
+<p>»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der
+Graf schüttelte den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin
+hatte plötzlich ein Verlangen, zu wissen, was es mit den
+geheimnisvollen Umständen dieses Mannes auf sich habe,
+und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal besuchen könne.
+»Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf Ottokar
+mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen
+sich vorher anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«</p>
+
+<p>Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem
+weiträumigen Zimmer auf und ab. Er verlöschte die elektrischen
+Flammen bis auf eine einzige Glühbirne neben
+dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse Anstrengung,
+doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens,
+sondern die der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen
+eines Ziels. Auch mit den Schultern machte er
+bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen. Manchmal
+blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten
+zusammen.</p>
+
+<p>Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf
+dem Lesetisch stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste
+Gestalt, die sich denken läßt, und ein Köpfchen von entzückender
+Lieblichkeit. Doch fehlten ihm die Arme. Erwin
+nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck
+seines Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen
+Sessel, stellte das Figürchen auf den Rand des Tisches vor
+sich hin und heftete nun den magisch gehaltenen Blick mit der
+äußersten Steigerung jener Anstrengung länger als eine
+halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen
+nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich
+ermüdete sein Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen
+auf den Handteller, und seine Lippen schoben sich verlangend
+vor. Verlangen und Hingerissenheit drückte sich
+auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer noch
+befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er
+wollte das Figürchen an einen entlegenen Platz bringen;
+während seines Schreitens entfiel es ihm und lag nun vor
+seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht bedeckten Stelle;
+mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.</p>
+
+<p>Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung
+und einer Schläferin denken, die fern davon weilt?
+Ein Strom der Angst, der Bezauberung, der Ahnung, der
+durch Häusermauern dringt?</p>
+
+<p>Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum.
+Sie stand allein auf einer Art von Terrasse über dem fünften
+Stockwerk eines brennenden Gebäudes. Es gibt keine
+Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden, ringsum
+liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und
+schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob
+nichts geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie
+sonst. Sie ruft um Hilfe, doch niemand hört es. Wieder<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span>
+und wieder ruft sie um Hilfe, aber plötzlich merkt sie, daß
+sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern daß sie nur die
+Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt
+winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das
+Herz stille steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand
+mit wunderbarer Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf.
+Sie ist ziemlich verlegen, denn sie erinnert sich, daß sie nur
+notdürftig bekleidet ist und daß sie eine Schürze anhat, der
+die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige Sandsteinstatue.
+Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß
+unter dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße
+führt; der Kopf der Statue sei drehbar, und nur er unter
+allen Menschen könne den Hebel finden, durch den sich der
+Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet. Sie befindet
+sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein
+Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt
+seinen Namen, während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort
+Hilfe ein, und sie ruft um Hilfe. Rufend erwachte sie.</p>
+
+<p>Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige
+war, daß auch Manfred von Träumen schrieb,
+deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich beschäftigte.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Perlenhalsband">Das Perlenhalsband</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich
+in der Piaristengasse hatte sehen lassen. Als er
+endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte
+sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu
+erwehren. Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er
+erkundigte sich nach ihrer Arbeit, und Virginia berichtete,
+daß sie sich an einer Intarsia versuche, daß es viel Mühe
+koste, die verschiedenen Holzarten, der Färbung und Faserung
+entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das
+Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.</p>
+
+<p>Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche
+Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher
+als den Trieb nach schöpferischer Gestaltung; »übrigens,«
+fuhr er fort, »besitze ich eine ausgezeichnete Intarsia
+eines modernen Franzosen, der das Material in einer besonders
+lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht
+anschauen?«</p>
+
+<p>Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.</p>
+
+<p>»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin.
+»Kommen Sie doch gleich mit mir«, schlug er vor, indem
+er sich erhob.</p>
+
+<p>Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch
+nicht«, versetzte sie ein wenig erstaunt.</p>
+
+<p>»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel
+erstaunter, »warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er
+hinzu und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, »Sie<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span>
+meinen, daß wir eine Aufsichtsdame nötig hätten! Verzeihen
+Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten, und
+auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem
+Hut.</p>
+
+<p>»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner,
+die Zeugin dieses Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein
+junges Mädchen so ohne weiters einen jungen Mann in
+seiner Wohnung besuchen darf?«</p>
+
+<p>»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin
+mit höflichem Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei
+Ihnen durchaus ungehörig. Doktor Zimmermann hat
+Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist. Ein junges
+Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und
+Weib vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales
+Gebiet für ihre Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist
+es ein Verbrechen, wenn sie die Sorge um ihre körperliche
+Unbescholtenheit außer acht läßt. Man kann ihr nicht so viel
+Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich sagt: was
+ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich
+selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es
+ehrlicher und für mich weniger erniedrigend, wenn man
+mir gleich sagen würde: gib deinen Handkuß und rede nicht
+von Philosophie.«</p>
+
+<p>Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er
+mit diesen Worten bei Virginia hervorrief. Nie war sein
+Auge funkelnder, seine Beredsamkeit hinreißender, seine
+Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch Kundgebungen
+des Zornes und der Verachtung das Bild eines<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+zürnenden und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte
+erobernd durch den Raum und schien einen Widerstand zu
+suchen, an dem er seine Macht erproben konnte, nur Widerstand,
+sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein, daß sie einen
+Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an
+ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt
+zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am
+besten war es, die Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam
+zu willfahren, widerriet ihr ein ahnungsvoller Instinkt.
+Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen, und obwohl
+ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton
+eines gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe
+mit Ihnen.«</p>
+
+<p>»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich
+die rasche Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu.
+»Lassen wir’s doch heute. Die Vernunft hat gesiegt, mehr
+kann ich nicht wünschen. Schließlich, man besucht mich, wie
+man in ein Museum geht.«</p>
+
+<p>Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit
+ruhigem Lächeln: »Ich bin fertig.« Frau Geßner, die
+nicht immer verstand, was Virginia tat, sah neugierig zu.</p>
+
+<p>Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab.
+Es war etwas Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem
+Hut hing ein blauer Schleier herab, dessen Enden beim
+schnellen Gang über die Schultern flatterten. Fast war
+Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er
+dadurch Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine
+Katze. Virginia blieb einen Augenblick stehen und lockte<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span>
+sie. An Tieren und an Blumen konnte sie nicht vorübergehen
+ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes
+Betrachten.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.</p>
+
+<p>Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit
+und hatte einem mächtigen Staatsmann jener Tage als
+Ruheort gedient. Ihre äußeren Verhältnisse, streng und
+gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme Anpassung an
+ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte
+sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht
+seiner Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren
+Eingangshalle führten fünf Türen zu den Gemächern
+des unteren Stockwerks und eine breite, zweimal geeckte
+Holztreppe mit flachen Stufen in die des oberen. Der
+Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci
+erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale
+Wand; eine große, mit geschliffenen Scheiben versehene
+Glastür bildete den Zugang zur Freitreppe. Zur Linken
+befanden sich das Speisezimmer, das Musikzimmer und
+einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die Bibliothek
+und die Räume für die Sammlungen. Erwins
+Privatgemächer, die Fremdenzimmer und die eigentliche
+Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.</p>
+
+<p>»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als
+sie durch die Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller
+Blick streifte ihren Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie
+in das nebenan gelegene Zimmer, das mit grünem, gepreßtem
+Leder tapeziert war. Er läutete dem Diener,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span>
+raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen
+Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.</p>
+
+<p>Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen
+verrieten neben echtem Verständnis die amüsante
+Trockenheit eines eifrigen Schülers. »Warum hängen
+Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte, er habe keinen
+Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er sein
+Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den
+Genuß gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare.
+Von Erwin auf einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen,
+meinte sie seufzend: »Was werden Sie da zu meiner
+Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne Tröstung: »Mit
+den Meistern wetteifern ist schwer.«</p>
+
+<p>Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken,
+die Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen
+und Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die
+Vasen, die Münzen, die Schnitzereien aus Elfenbein, die
+Porzellanfiguren, die Fayencen, die Teppiche, die Stoffe,
+die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen und Kameen,
+die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte
+eine erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in
+verschließbaren Kristallgläsern befanden, und die er mit den
+sorgfältigen und liebevollen Handbewegungen eines Juweliers
+vor ihr ausbreitete, um das Licht in ihnen spielen zu
+lassen, ihre Herkunft zu erklären und den Zauber, den sie
+auf ihn ausübten.</p>
+
+<p>Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue,
+pflaumenblaue, nelkenbraune Amethyste; »Amethyst<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span>
+bedeutet rauschverhütend,« sagte er, »und ist ein Mittel
+gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der Korund, der
+aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von
+der rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige
+Karneol vom alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der
+an dunklen Orten verwahrt werden muß, das Tigerauge,
+das einen schönen, wogenden Lichtschein aussendet, der
+perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als
+Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde,
+Berylle, Turmaline, der tiefschwarze Granat von Arendal
+und der weinrote indische Rubin.</p>
+
+<p>Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend
+Schachteln, voll von wunderbaren Schmetterlingen. In
+zehn Schubladen eines niedrigen Kastens lagen seltene
+Mineralien, und in einer Vitrine standen ausgestopfte
+Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war,
+daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war
+ihr zumut, als ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde
+auf Du und Du verkehre; die Natur schien so wenig wie
+die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre Augen wurden
+immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener
+Rede anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«,
+wie ein gehorsames Kind.</p>
+
+<p>Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse
+der Menschen zu vervollständigen, die er schätzte oder
+die in seinem Dasein eine Rolle gespielt, zeigte er ihr auch
+viele Photographien von Männern und Frauen. Jene
+waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere Berühmtheit<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span>
+sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie
+Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können.
+Nur bei dem Porträt eines Schauspielers verweilte sie,
+eines Mannes von Gaben und menschlichem Belang, wie
+alle spürten, die nur einmal den Klang seiner unvergeßlichen
+Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred ähnlich
+sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin
+runzelte die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von
+Ungeduld: »Ja gewiß; ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur
+verführerischer als die anderen.« Virginia legte das Bild
+hastig beiseite.</p>
+
+<p>Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter.
+Mit einer Scham, deren sie sich schämte, weil sie
+die Ursache nur dunkel empfand, mit Bedauern, mit Kränkung,
+mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn sie wußte
+schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele
+traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten
+so stumm; sie hatten so mancherlei erlebt. Was mochte
+begehrenswert an ihnen sein, da sie jedes Begehren zu erfüllen
+so schnell bereit gewesen waren? Virginia war
+unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte,
+Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder
+Gebärde der Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den
+Steinen, den Münzen, den ausgestopften Vögeln gesprochen.</p>
+
+<p>Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und
+die Art ihres Temperaments. Er verwies auf einen
+Mißklang zwischen Stirn und Mund, was auf einen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span>
+von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist deutete.
+Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach
+und betonte, spürte Virginia einen Schauder über den
+Nacken rieseln. Vom Schicksal redete er nicht. Er wiederholte
+sich niemals. Hierin unterstützte das Gedächtnis den
+Geschmack.</p>
+
+<p>Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung
+mit einer beinahe drolligen Artigkeit. Das
+reiche elektrische Licht des Bibliothekssaals blendete sie.
+Erwin gegenübersitzend, erschien sie sich in dem großen
+Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte mit
+vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner
+Platte Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie
+etwas esse, aber vor der duftenden Verlockung kam der
+Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig kühl im Zimmer
+war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren
+indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter
+seltsamem Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und
+Farbe außerordentlich gut zu Gesicht standen. Ihre Augen
+glühten froher. Erwin konnte es gewahren. Er konnte
+beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder durch
+die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche
+Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich
+ihm ein. Indem er darüber nachdachte, daß es möglich
+sein könnte, die Veränderung einst ganz, ganz nahe zu
+genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an Wimper,
+bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße
+Erstarrung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>Erschreckt
+von einer unwillkommenen Redepause, die
+Erwin nicht ohne Berechnung auszudehnen suchte, erhob
+sich Virginia, dankte und reichte Erwin die Hand. Er
+machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie schüttelte
+den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt
+zu besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und
+fand es förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb.
+So führte er sie in den Flur und half ihr in den Mantel.
+Beim Abschied sagte er zu ihr mit einem Lächeln, in dem
+Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte: »Ich hoffe, Sie oft
+bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht gefährlicher
+als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die
+Herrin.«</p>
+
+<p>Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den
+Blick besinnend fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph
+in seinen Worten, aber ängstlich erstickte sie die Regung des
+Widerparts. Hätte er sich nur launisch gezeigt, Launenhaftigkeit
+gibt Blößen und verleiht dem Trotz als Waffe
+etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische
+Ruhe, seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein
+und das Nieversagen, Nieverraten in Wort
+und Blick, das beirrte sie wie ein Schleier vor einem
+Spiegel.</p>
+
+<p>Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht
+froher gestimmt, als sie nach Hause kam.</p>
+
+<p>Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben
+ärmlicher. Was man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die
+Zuflucht der Armen; so ungefähr dachte sie. Eine Andeutung<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span>
+des geschauten Glanzes stimmte auch die Mutter
+wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung gehofft
+hatte.</p>
+
+<p>»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so
+denke! Wenn ich mir so vorstelle, wieviel Reichtum es in
+der Welt gibt! Sag mir nichts von der Genügsamkeit. Wer
+genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man einmal von
+der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man
+den Geschmack nicht mehr los.«</p>
+
+<p>Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.</p>
+
+<p>»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner
+seufzend fort. »So jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast
+war für dich zu gut. Könntest eine große Dame sein. Lockt
+dich das nicht, eine große Dame zu sein?«</p>
+
+<p>»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein
+ernster Nachdruck in diesem Ruf. Virginia erhob sich,
+dehnte den Arm und sagte schmerzlich bewegt: »Warum
+ist er denn fort und warum gar so weit!«</p>
+
+<p>Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute
+Frau hatte Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer
+und geringer vor, je länger seine Abwesenheit dauerte. Sein
+schwärmerisches Gesicht war hinabgetaucht auf die andere
+Seite, die Nachtseite der Erdkugel. Alternde Frauen besitzen
+nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie können
+lange trauern, doch sie vergessen schnell.</p>
+
+<p>Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit
+eines durchaus nicht schwächlichen Gefühles
+Schuld. Denn dieser Mann erfüllte sie mit unbegrenztem<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span>
+Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie den Mut verloren,
+ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen
+Mann kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit,
+an Geist, an Liebenswürdigkeit mit ihm sich
+nur im entferntesten hätte messen können. Sie staunte ihn
+an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er gab ihr einen
+neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren
+Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.</p>
+
+<p>Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er
+sie eigentlich eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher
+Gespräche für wert hielt. Aber wie tief sie auch
+grübeln mochte, sie entdeckte keine andere Ursache als seine
+unverkennbare Seelengüte und eine wahre, freundschaftliche
+Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und
+Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge
+zu sein um die Zukunft der Menschen.</p>
+
+<p>Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation
+in etwas größerem Maßstab zu wiederholen, falls es
+ohne Wagnis geschehen könne, stimmte sie ihm gläubig
+zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen, und
+nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der
+sie der Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich
+vor, an der Hand dieses Hexenmeisters zum Wohlstand
+zu gelangen, und da doch alles für Virginia war, an
+der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie abgöttisch
+bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und
+umworben zu sehen wünschte, hätte sie Argwohn als
+frevelhaft empfunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span>Nichtsdestoweniger
+wurden die angeblichen Börsengeschäfte
+vor Virginia vertuscht. Virginia sah nur, daß
+ziemlich viel Geld ins Haus kam, und daß die Mutter, die
+ja von Erwin systematischen Unterricht darin erhielt, sich
+zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für
+die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete
+sie auf, als es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer
+ins Gericht zu gehen und wieder und wieder mit der
+Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen dürfe, dies
+oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll,
+und wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh,
+um dem schwer durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen,
+konnte Frau Geßner äußerst ungehalten werden. »Du
+bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann erregt, »in
+dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden
+jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen
+hätte. Endlich einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns
+meint und der Bescheid weiß um die Brunnen, wo gar
+viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir kommt’s
+zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein
+können.«</p>
+
+<p>Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen
+und wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas
+nicht gefiel. Solche Worte hätten sie beschwichtigen können,
+hingegen bei den Liebkosungen und versprechenden
+Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die
+alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte
+etwas von schwülem Wind und Gewitternähe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>Inzwischen
+war es Frühjahr geworden, und wie nun
+die ersten lauen Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu
+gemeinsamen Spaziergängen mit Marianne von Flügel
+bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer mehr als
+sonst bedrückt.</p>
+
+<p>Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt;
+zumeist wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße,
+betrachteten von einer Brücke aus den Sonnenuntergang,
+verfolgten das Blätterwachsen und Knospenkeimen von
+Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen
+vom Sommer.</p>
+
+<p>Marianne gab sich als Freundin der Natur und als
+Flüchtlingin aus der ungesunden Luft ihrer Welt. Mit
+vieler Kunst gab sie sich so, denn sie erwarb Virginias Zuneigung
+damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an
+Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da
+man sich seines Charakters doch nicht entledigen kann wie
+eines Kleides, und da sie auch keineswegs gewillt war,
+eine Nonne vorzustellen, brach durch diese Verhaltenheit
+ein immer kühner werdendes Predigen von Lebensgenuß.
+Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen,
+genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen
+lassen, alles ins Körbchen stopfen, am Ende kommt der
+Tod, und ein zweites Leben gibt es nicht.</p>
+
+<p>Virginia machte bei solchen Verkündigungen große
+Augen und wußte nicht, was sie sagen sollte. Genießen,
+<span id="Page_133_1">was war</span> damit viel bedeutet? Genoß sie denn nicht auch?
+Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war,<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span>
+das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes
+Reden dünkten sie irgendwie unbescheiden, und sie konnte
+sich nicht anders helfen, als daß sie durch eine lustige Bemerkung,
+was sie davon begriff und was sie ahnend abwehrte,
+ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne
+zum Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein
+wenig besser in acht.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen
+Frühlingsgängen und wünschte teilzunehmen. Nun
+wurde es ein ander Ding; man flog im Automobil hinaus
+ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße stehen und
+streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war
+unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung,
+im Erzählen, in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung.</p>
+
+<p>Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich
+Zimmermann hinzu. Wenn er stumm und gedankenvoll
+kam, so taute er doch inmitten des Lachens und Plauderns
+auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm um sein
+Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften
+Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in
+Erwins unbesorgten Worten sie zum Erröten brachte,
+schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit hastigerem
+Schritt voraus.</p>
+
+<p>An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich
+und Marianne kurz nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren
+bis zum Stiftswald und wanderten zwischen Hameau und
+Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und Fichten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span>
+und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat.
+Virginia pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen,
+und Erwin erzählte von seinem Buch über das
+Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem Markt erscheinen
+sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die
+unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte,
+erweckten in Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein
+eifersüchtiges Staunen, und seine etwas knifflichen und
+groben Fragen drückten mehr Argwohn als Erkenntnislust
+aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit
+zu all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt,
+»die ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie,
+der Sie leben wie kaum einer, und von dem man nicht sagen
+könnte, wann er am Schreibtisch sitzt, falls man gefragt
+würde!«</p>
+
+<p>»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig.
+»Mein Fach ist die Natur, die Menschheit, die
+Kunst, ist alles was mich will und alles was sich mir widersetzt.
+Für den, der zur Leistung entschlossen ist, hat ein Tag
+ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter
+freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung;
+ihr dürft es tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit
+werden; <em class="gesperrt">meine</em> Wirklichkeit darf mir nie zum Traum entschwinden,
+sonst bin ich verloren.«</p>
+
+<p>Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten
+Schreitenden hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch
+einen Blick zu einem Zeichen des Beifalls aufzumuntern.
+Wie stumpfsinnig diese Person ist, dachte sie, als Virginia<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span>
+davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins Antwort
+nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb
+anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und
+ihre Geschäfte so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten.
+Ulrich Zimmermann marschierte eine Weile unzufrieden
+für sich allein, bis ihn Virginia mit lächelnder Ermahnung
+aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch
+ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute
+müßte man Gedichte lesen.«</p>
+
+<p>»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie
+denn welche mit? Lesen Sie doch.«</p>
+
+<p>»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann
+gnädig.</p>
+
+<p>Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das
+Gespräch belauscht: »Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll
+Spott. »Das Attentat war doch schon beschlossen, als Sie
+Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?«</p>
+
+<p>Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen
+sah, zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht
+gehörte, nur heute, nur jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie
+einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft, um ihn harmloser
+zu machen.</p>
+
+<p>Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten,
+Marianne und Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf
+frischgefällten Stämmen saßen, jeder in seiner Stille
+webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend, den
+seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend,
+unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
+Felonie von vorhin wieder aus, indem er Ulrich beim Wort
+nahm. Dieser holte ein paar beschriebene Blättchen aus
+der Brusttasche und las mit wenig geübter Stimme zaghaft
+vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den
+Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde;
+es ist schade drum. Geben Sie her.«</p>
+
+<p>Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und
+seelenvoller Betonung.</p>
+
+<p>Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber
+er konnte Erwin nicht danken, denn aus der versonnenen
+Miene, mit der Virginia diesen betrachtete, schloß er, daß
+sie ihn, den Dichter, völlig vergessen habe. Und eine solche
+Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt.</p>
+
+<p>Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige
+Stelle; während Marianne den Rock bis zu den Knien hob
+und verwegen hindurchging, zog Virginia den Umweg am
+steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die Haut am
+Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe;
+Erwin wusch die Wunde rein und verband sie mit Virginias
+Taschentuch. Sie lachte über den doktormäßigen
+Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung behandelte,
+auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden
+galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias
+Hand in der seinen und bastelte an dem weißen Tuch.
+Endlich entriß sie ihm die Hand und versteckte sie instinktiv
+in einer Kleidfalte. Ulrich stand an einen Baum
+gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen
+Himmel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>»Seit
+meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß
+ich einmal in einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia,
+als sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten, zur
+Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie erwartete, daß
+Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich.</p>
+
+<p>»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«,
+antwortete er mit verstehendem Blick. »Man ahnt gar
+nicht, wie solche Schreckbilder die ganze Lebensstimmung
+beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch die
+mächtigsten.«</p>
+
+<p>»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend
+fidel, »vor dem Sumpf müssen Sie sich hüten. Gerade
+wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht man den
+Schlammtümpel vor den Füßen.«</p>
+
+<p>»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin
+hart; »das Unken trifft die Schwalbe nicht.«</p>
+
+<p>Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia
+fing ihn auf und erschrak vor dem Haß und der beredsamen
+Wildheit dieses Blicks. »Auch ich bin einst geflogen«,
+erwiderte Marianne düster, »aber man hat mir
+die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da
+und piepst vor sich hin, und das nennen die Leute unken.«</p>
+
+<p>Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar
+bewegt und schob ihren Arm fast zärtlich in den Mariannes,
+sie, die so selten ein werbendes Gefühl zu unmittelbarem
+Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte kurz und
+brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an
+Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span>
+sprachen sie miteinander und entfernten sich immer weiter
+von Ulrich und Virginia, die wortkarg und bedrückt den
+schmalen Pfad bis zur Landstraße verfolgten, wo das
+Automobil wartete.</p>
+
+<p>Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem
+Vorgeben, er wolle noch den Abend außerhalb der Stadt
+verbringen. Stumm saßen die drei während der Fahrt,
+die so schnell war, daß es Virginia schwindlig wurde. Die
+sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia
+hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt
+gesehen. Manchmal heftete er den Blick prüfend auf sie,
+und sie glaubte den Blick ertragen zu müssen, damit er
+wieder versöhnt werde. Sie hatte von Minute zu Minute
+stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von ihr ein
+Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen
+könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als
+zürne er ihr, als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal
+von Empfindungen der Abhängigkeit und der Schuld.</p>
+
+<p>Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete
+sie Erwin durch die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In
+der Torbogendämmerung sagten sie sich kühl gute Nacht.
+Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch einmal um und
+nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle
+stand und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie
+den Fuß zurück, auf den sein Auge sich zu heften schien.
+Das matte Flurlampenlicht beleuchtete seine Züge, und
+sie sah, daß er lächelte, so bestrickend, heiter und kameradschaftlich,
+wie nur er zu lächeln vermochte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span>Gott
+sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut.</p>
+
+<p>In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer
+mit sechzehn Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit
+beschäftigt, die Türen zu schließen aus Furcht vor einem
+übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal, wenn sie eine
+Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein Kalb,
+vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft,
+doch war in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes,
+als wolle er sie erst vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf
+sie stürzte.</p>
+
+<p>Während des Waldspaziergangs war verabredet worden,
+daß Erwin am zweitnächsten Tag Marianne und
+Virginia den Wagen schicken und daß diese ihn dann abholen
+sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann es zu
+regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte
+Marianne. – »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«,
+meinte <span id="Page_140_1">Virginia</span>. – »Und wenn auch nicht«, versetzte
+Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu bleiben?
+Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.«</p>
+
+<p>Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an.
+Sie machte plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen
+der Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die
+großen Pflichten, weil die möglichen Widerstände zu belanglos
+sind.</p>
+
+<p>Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,«
+sagte er, »ich hatte leider vergessen, daß ich um sieben Uhr
+bei der Fürstin Liebenberg sein muß. Wenn Sie wünschen,
+überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber es wäre<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten
+würden.«</p>
+
+<p>Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig
+ausgesprochenen Namen einer Fürstin ihren Respekt zu
+unterdrücken. Ein naiver kleiner Ausruf veranlaßte Marianne
+und Erwin, zu lächeln.</p>
+
+<p>»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich
+Erwin an Marianne, »Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben,
+die Sie rufen sollen.«</p>
+
+<p>Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie
+Erwin hastig, er möge ihr für eine halbe Stunde das Auto
+geben, sie müsse zu einer dringenden Besprechung in die
+Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein unbestimmter
+Argwohn wallte in ihr auf.</p>
+
+<p>»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne
+hinzu und verließ mit ihren starken und entschiedenen
+Schritten das Zimmer.</p>
+
+<p>Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«,
+sagte er.</p>
+
+<p>Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das
+Schweigen der Vertraulichkeit, sondern das Schweigen,
+in dem sich bedeutungsvolle Worte vorbereiten. Virginia
+spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei. Erwin, der im
+Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah,
+wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an
+die Fenster. Im Kamin schnurrte der Wind.</p>
+
+<p>Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel
+leib- und seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span>
+ist; man sollte junge Mädchen nicht miteinander verkehren
+lassen, das Geschlecht hebt sich gegenseitig auf, ihr Magnetismus
+wird halbiert, indem sie sich unbewußt verbünden.</p>
+
+<p>»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen,
+Virginia«, begann er endlich, und seine Stimme klang nicht
+metallisch wie sonst, sondern sordiniert. »Jedesmal wenn
+ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in mir. Was hast du
+geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles Bedürfnis,
+mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen.
+Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen,
+schickten diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur
+Ehrfurcht bezwungen, Abgesandte mit Gold und Edelsteinen
+und erklärten sich aus freien Stücken für tributpflichtig.
+Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen haben, wüßt
+ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte.
+Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen
+schlecht, auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem
+höheren Grad des Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose
+soll Muster sein. Warum zum Teufel bekreuzen Sie
+sich andächtig, wenn von einer Fürstin die Rede ist? Sie
+stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester,
+ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch
+zwingendere Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein
+Licht aufstecken, die sich für vollkommen halten und es nicht
+sind, die weder stehen, noch gehen, noch sitzen können und
+sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für meine
+Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner
+wird auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+Aufblick, ein hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares
+und Unbedingtes. Deshalb rede ich mit Ihnen darüber,
+aus keinem andern Grund. Wer als Fackel geboren ist,
+muß leuchten.«</p>
+
+<p>Virginia wechselte während seiner Rede beständig die
+Farbe, doch in so feinen Übergängen, daß es bisweilen
+kaum zu merken war. »Was wollen Sie von mir, Erwin?«
+rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie doch
+nicht so, bitte!«</p>
+
+<p>Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin
+betroffen. Diese Stimme, der Ausdruck, der Blick, die
+Gebärde des Mädchens, all das traf ihn unversehens und
+rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst, wie ein Feind.
+Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während
+er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt,
+den Ton brüderlichen Vertrauens anzuschlagen.
+»Als ich Ihnen damals meine geringen Schätze vorwies,«
+sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das Gefühl eines
+Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig
+ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu
+ruhen brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob
+mein Besitztitel erst durch Sie anerkannt werden müßte.«</p>
+
+<p>Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort:
+»Weil wir eben von Schätzen sprechen, Virginia, von
+Gütern, die keinen Besitzer haben, obgleich sie einem gehören,
+muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.«</p>
+
+<p>Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer
+Weile mit einer mäßig großen Schachtel in der Hand zurück,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+aus welcher er eine herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie
+gefällt Ihnen das?« fragte er mit einer Stimme wie einem
+Kind gegenüber.</p>
+
+<p>Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!«
+rief sie mit auflodernden Augen.</p>
+
+<p>»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen,
+damit man ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen,
+die erhalten königliche Weihe dadurch.«</p>
+
+<p>Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber
+wie ein Jagdhund rebellisch wird, wenn das Horn schallt
+und die Rosse schnuppern, so kann ein echtes Weib mit
+gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend bleiben oder
+sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes
+aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie
+die Zähne im Mund eines Kindes, violett und rosig strahlend
+wie ein kleiner Regenbogen, durchsichtig fast wie
+Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte Haut.
+Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente.</p>
+
+<p>Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung
+nahm Erwin in aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn
+Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm die Antwort unter
+Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte, welcher
+Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe,
+erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für
+eine Frau gekauft, der er niemals nah gestanden und die er
+nur ganz aus der Ferne angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,«
+sagte er gedankenverloren, »denn sie war die
+Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat die<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span>
+Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein
+Blick aus ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen,
+und ich, ich habe mich begnügt, sie damit geschmückt zu
+träumen, ich habe sie im Traum damit verschönt. Sie war
+die einzige, die mich hätte verwandeln können, so wie
+große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine
+Dämonen kennt, sondern nur Genien und die die Seele
+fromm macht und den Geist gelehrig; aber sie schwebte am
+Horizont meines Lebens vorüber wie ein fremder Stern,
+ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist, als hätte
+sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.«</p>
+
+<p>Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie
+hatte Erwin nicht solcher Trauer, solcher Wärme, solcher
+Beständigkeit des Gefühls für fähig gehalten. Die intensive
+feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und von jedem
+Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres
+Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen
+Tag konnte ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge
+den Hals einer andern Frau schmücken könnte«, fuhr er
+fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie doch spielt!
+Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir
+mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die
+und keine andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie
+mir doch den Gefallen«, bat er dringend und mit unwiderstehlicher
+Liebenswürdigkeit, als er wahrnahm, daß Virginia
+ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die
+Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es
+sehe!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>»Wirklich?
+Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit
+wunderlich scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm
+sein Verlangen hätte abschlagen sollen; und außerdem hatte
+sie selbst nicht wenig Lust zu wissen, wie es wäre, gleichsam
+nur naschend zu erfahren, wie es wäre, wenn man eine
+Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß er
+ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie
+ein halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen
+nötig. Erwin trat hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen
+der Kette behilflich zu sein.</p>
+
+<p>Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen
+als der jähe Wechsel seiner Mienen in diesem Moment.
+Alles bog sich in den Zügen; die Stirnknochen schoben sich
+stärker über die Augen; die Nüstern wölbten sich auswärts;
+die Lippen kräuselten sich, die Finger krümmten sich, ehe
+sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden, habsüchtigen
+und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen,
+der gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert
+von Scheinwert genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren
+schimmernden Nacken herab, dessen weiße Glätte ihm etwas
+wie Furcht einflößte.</p>
+
+<p>Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und
+ließ Virginia hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung
+nicht bemeistern. Sie blickte in den Spiegel, als
+erkenne sie sich selbst nicht, und in ihren Augen war ein
+beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit leisem
+Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd.</p>
+
+<p>»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+Erwin, indem er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ;
+»wie glücklich würde ich sein, wenn Sie eine solche
+Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne Ziererei und
+Künstelei empfangen wollten!«</p>
+
+<p>Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß.
+Sie hob in einer energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!«
+rief sie erschrocken, »was fällt Ihnen denn ein? Ich
+glaube, Sie halten mich zum besten.«</p>
+
+<p>Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen
+ließ, veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und
+Gehaltenen. »Es ist mein Ernst,« sagte er; »es ist mein
+Wille. Es ist mein heftigster Wunsch. Für Sie allein sind
+diese Perlen auf die Schnur gereiht worden. Jene andere
+war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals
+gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie
+aufbewahren, wenn man das leblose Kapital in lebendiges
+verwandeln kann? sehe ich Sie damit geziert, so genießen
+meine Augen die Zinsen. Könnten Sie doch ein Vorurteil
+verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich ekelt,
+davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich
+bin und sich selbst kostbarer und beschwingter.«</p>
+
+<p>»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit
+ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden
+Hände sacht auf seinen Arm, eine Berührung, die ihm einen
+traumhaften Genuß verschaffte, »das ist ja alles Unsinn.
+Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das nicht annehmen
+könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht gelten,
+die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span>
+zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie
+wollen mich nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie
+käm’ ich auch dazu! Schnell, schnell, herunter mit dem Ding,
+Sie machen einem ja ganz heiß, räumen Sie’s weg, daß
+ich’s nicht mehr sehe.«</p>
+
+<p>Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische,
+liebliche Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das
+Kollier abnahm und ihm überreichte, wie wahr, wie einfach
+die Angst, wie ungeheuchelt das Begehren! »Ich
+werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie ein
+Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in
+aller Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband
+verehren zu dürfen, – als ein Bundeszeichen von
+ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin überzeugt, daß
+er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von
+seinem Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten
+muß. Würden Sie sich dann noch sträuben?«</p>
+
+<p>»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick;
+»Manfred kann doch nicht Richter über uns beide sein.«</p>
+
+<p>»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt,
+»jetzt ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch
+dazu.« Gar nicht schlau, dachte er triumphierend für sich, sie
+fängt sich ja mit diesem famosen Wort: Richter über uns
+beide. »In wenigen Wochen können wir Manfreds Bescheid
+haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund
+mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und
+weiß, daß er mich beleidigen würde durch jedes Wie oder
+Warum oder Aber. Eines Tages werde ich seine Einwilligung<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>
+haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen und die
+Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen
+Augen.«</p>
+
+<p>Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst
+hinter all dem steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel,
+entschwand ihre heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich
+hin, das Herz klopfte ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.</p>
+
+<p>»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es
+gibt kein Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin
+mit einer Kühnheit fort, die er nur wagte, weil er es für
+gefahrloser hielt, sie auszusprechen, als sie der stillen Überlegung
+Virginias zu überlassen. »Lange genug waren Sie
+streng und unzugänglich für mich, und alles, was ich verlange,
+ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich
+nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße
+niedrig von uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein,
+ein Opfer soll es sein, eine Opfergabe, eine Entäußerung,
+das ist es, das ist das rechte Wort: eine Entäußerung.«</p>
+
+<p>»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch
+und in beklommener Nachdenklichkeit.</p>
+
+<p>Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es
+geschehen. »Schauen Sie mich einmal ganz offen und ohne
+zurückweichende Befangenheit an, Virginia«, bat oder vielmehr
+befahl er.</p>
+
+<p>Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames
+um dieses zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch
+aufrichtige und gütige Lächeln.</p>
+
+<p>»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+»Ich will, daß Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich
+entäußern. Sie müssen sich der uralten, sinnlich-übersinnlichen
+Feindseligkeit entäußern, die zwischen den Geschlechtern
+herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein Grenzstreit
+sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher
+Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön
+im Zelte des Vertrauens, Virginia.«</p>
+
+<p>Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und
+schüttelte ernst den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute.
+Erwins Worte sollten ja wohl unbefangen klingen,
+in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht so zumute. Sie
+zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt:
+»Marianne bleibt lang.«</p>
+
+<p>Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt
+und verwirrt, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und
+sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie uns nie mehr davon
+sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber eben
+deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«</p>
+
+<p>»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete
+er mit eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das
+Haupt langsam senkte und ihre Hand langsam hob, um seine
+Lippen darauf zu drücken.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar
+ein, und nach kurzer Weile kam auch Marianne. Sie blieb
+schweigsam und rauchte eine ziemlich große Anzahl ihrer
+winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke wanderten
+von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs
+Uhr brachen die jungen Damen auf.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Ein_Abend_in_der_Villa_Sansara">Ein Abend in der Villa Sansara</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-v.jpg" alt="V">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie
+aus dem Schlaf erwachte, ans Fenster zu begeben
+und dort in einem Sinnen, das die Erlebnisse des
+Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie den
+Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser
+Nacht. Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor
+der Brust geschlossen war, saß sie in der Dunkelheit und
+schaute in den mondbeschienenen Hof. Mit wunderlichem
+Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.</p>
+
+<p>In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich
+hinziehen von Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller
+Ehrgeiz treibt im Dämmern der Seele schillernde
+Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. Unter den
+Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen
+Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der
+Perlenkette um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.</p>
+
+<p>Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und
+ballte schnell die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann
+wieder: wie hat er es wagen können?</p>
+
+<p>Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte
+der Aussprache, um Klarheit zu gewinnen, aber sie
+konnte nicht schlüssig werden, wie sie die Geschichte mit dem
+Halsband schildern sollte. Scherzhaft? Daran hinderte sie
+die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme.
+Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll
+und unbescheiden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>Indem
+sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte
+sie sich schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte
+dem Wort, ihre Feder der Hand, Manfreds fernes
+Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, und was sie schon
+niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die leere Luft.</p>
+
+<p>Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes
+der Postbote einen Brief von Manfred brachte.</p>
+
+<p>Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon.
+Als er ihr schrieb, war Manfred schon über die wissenswerten
+Vorgänge daheim unterrichtet. Er hatte Kenntnis
+von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin der
+beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes
+durch einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen
+war. Dies letztere hatte er von Erwin selbst erfahren,
+und der Ausdruck »entschlossener Handstreich« war
+Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, hätte
+Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung
+war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem
+edlen Spott gemischt, der Anerkennung oder Dank weit
+zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff als freie
+Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der
+Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie
+Manfred darüber dachte; beruhigte ihn nicht das stolze
+Vertrauen zum Freund, so mußte die Kunde eines Zweikampfes
+unter Umständen, welche Virginia derart in Mitleidenschaft
+gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens
+erregen. Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen:
+meine Befürchtungen haben mir nicht umsonst schlimme<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span>
+Bilder vorgemalt, und ich habe einen Wächter bestellt,
+dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig war,
+so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge
+des Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er
+flehte sie an, in Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als
+einen Bruder, einen, vor dem sie kein Geheimnis zu haben
+brauchte. Und das war viel gesagt.</p>
+
+<p>Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien,
+als ob Manfred alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die
+eine heftige Bewegung in Virginia hervorrufen konnten,
+als wolle er den klaren Strom ihrer Neigung nicht durch
+das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die er, in
+so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus
+hegte. Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein
+wenig pedantisch in der Schilderung von Zuständen und
+Begebnissen, fast ein wenig zu spirituell in der Andeutung
+dessen, was ihn beschäftigte und wonach er strebte. Die Einsamkeit
+war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden
+Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen,
+Medusen und Siphonophoren, lauter winzige Tierchen,
+die wir mit dem Schleppnetz aus dem Ozean fischen und
+von denen gewisse Arten nachts die Fläche des Meeres mit
+Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion,
+Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und
+der dumpfe Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich
+traurig, ich weiß nicht warum.</p>
+
+<p>»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers,
+an den ich Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span>
+gefunden, da der ›Phönix‹ im Hafen von Colombo drei
+Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle im Paradies,
+zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins
+Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange,
+Bambusen und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone,
+die Pfeffererbse. In reizenden Festons und Kränzen
+hängen Schmarotzerblüten von allen Ästen, und unten
+bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien, Cassaven,
+die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches
+Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst,
+strebt dreißig Meter hoch empor; unsere kümmerliche
+Alpenrose wird zum gigantischen Rhododendron mit
+mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien
+und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche
+und Anmutige zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten
+dieses Übermaßes werden auch meine Gedanken
+zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln: Zweifel
+wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches
+Fieber, das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die
+Faust beiße und mich am Strand hinwerfe, um das Gesicht
+ins Wasser zu tauchen. Aber dann kommt wieder der
+überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die Frösche
+rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse
+schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures
+Seidenkleid über ungeheure Marmorplatten schleift.
+In dieser Stunde seh’ ich dich am deutlichsten, meine geliebte
+Virginia! Da glänzt dein Haar, ja, es glänzt wie der
+Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten im<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span>
+Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit
+einem Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir,
+mein Atem, mein Gedanke, meine Welt. Und dann sag
+ich mir: ich bin deiner nicht würdig, meine Liebe ist zu klein,
+zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer verzehrt sich im
+Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet mich,
+anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche
+mich mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte
+Menschen sind: nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend
+aber tüchtig. Man kann mit ihnen sympathisieren, ohne
+lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich mich von ihnen absondere,
+werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend
+bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin
+Reiners geben, ich habe meine Ansprüche überspannt, und
+das ist bedenklich. Doch ich kann nicht mit ihnen reden. Sie
+sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu lustig, oder zu simpel,
+oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten im Meer
+und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn
+das ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt,
+Schönheit für Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken.
+Speicher sind noch keine Mühlen, und Mühlen schaffen
+erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit. Darf ich dir’s
+gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß
+nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß
+noch nicht wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt;
+ich will anders werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit,
+ja danach verlangt mich, aber nicht nach jener Tüchtigkeit,
+die an den Vorteil gespannt ist wie ein Ochs an den<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span>
+Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den
+Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und
+frischen Wind; und an dich, die mir Flügel gibt, Mut,
+Selbstvertrauen und den Willen zur Verantwortlichkeit.
+Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr von
+Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln,
+daß ich andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu
+einem Einzelnen, ja zu einem Wunder vielleicht in seiner
+Art gemacht hat, und daß ich mich nicht werbend und nacheifernd
+an ihn verlieren darf.«</p>
+
+<p>Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei
+aller Bereitschaft zum Mitempfinden, um den geliebten
+Mann bange werden. Die drangvolle Leidenschaftlichkeit
+im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine Formel dafür.
+Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund
+und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in
+ihrem innigen Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte,
+das ergriff sie mit Freude und entzückte sich daran. Immer
+wieder nahm sie den Brief zur Hand, dessen Problematisches
+ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz verstehen,
+wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, –
+Dinge, die sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so
+ausdrucksvoll damit verknüpfte, daß sie sich verpflichtet
+hielt, ihm beizustehen. Ein wenig von der holden Kinderzuversicht
+ging freilich auf solche Art verloren.</p>
+
+<p>Während ihr Inneres so benommen war, geschah es,
+daß sie im Flügelschen Hause einen der Brüder Mariannes
+kennen lernte, eine Begegnung, die Marianne sehr unerwünscht<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+war, denn sie sah die Folgen voraus, und Virginia,
+die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen
+die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte,
+fühlte sich durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des
+jungen Mannes aufs entschiedenste abgestoßen. Es war
+derselbe, der damals augenlos an ihr vorübergeeilt war,
+als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen
+ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie
+hatte nicht vergessen, daß ihr die verstörten und entformten
+Züge gleichwohl den Eindruck der Roheit und Verwilderung
+gemacht hatten.</p>
+
+<p>In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus
+der modernen, jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten
+Sinn, ein elegantes und tückisches Raubtier,
+einer von jenen Eingefleischten der großen Metropolen,
+denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen
+Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist,
+keinen Beruf zu haben. Er war ein Meister der Mode,
+und ihn beobachten hieß, die Mode selber, das wetterwendische,
+lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan
+aufführen sehen.</p>
+
+<p>Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte
+ab, doch ließ er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte
+ihn zurückzuhalten, es fruchtete nicht. Virginias edle
+Unnahbarkeit hinderte ihn nicht, zudringlich zu sein. Unter
+der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie sah er in einer
+Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden
+Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen.<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+Taschendiebe sind die Kleinkrämer des Verbrechens, und
+diese »Herzensräuber« vom Schlage Sixtus von Flügels
+betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu leicht
+durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut
+zu werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit
+sind sie hartnäckig wie die Hornissen.</p>
+
+<p>Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und
+daheim war, aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie,
+gegen Abend aus dem Hause tretend, ihn auf sich zukommen
+sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß und wollte vorbeigehen;
+er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben gemütlich,
+sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend
+glänzte, aber daraus machte sich der junge Herr nicht das
+mindeste, denn er war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen.
+Sie gab ihm zu verstehen, daß ihr seine Gesellschaft
+unerwünscht sei; umsonst; sie antwortete nicht auf
+seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt Schritt mit
+ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen,
+sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia
+verstummte ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete
+in einen Laden, er wartete draußen mit frecher Geduld.
+Wie gehetzt kam sie nach Haus, immer an seiner
+Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne
+Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor,
+als ob er dort genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade
+heraus, er möge sie ungeschoren lassen, er zuckte die Achseln
+und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn. Er schien einen
+Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie das<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span>
+Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter
+ihr, dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit
+hatte etwas Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte
+in einem Atem, er war beleidigend, dumm und glatt. Einmal
+am Abend folgte er ihr über die Treppe hinauf und
+machte sich lustig über ihre Entrüstung.</p>
+
+<p>Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen
+Besudelung war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche
+Erlebnis erfüllte sie mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen
+und endlich mit Gewissensunruhe. Etwas von dem
+kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu,
+mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts
+von sich hören, sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht
+entschließen, weil sie nicht in das Haus des Unholds gehen
+wollte. Sie überwand sich und teilte sich der Mutter mit,
+der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die sich
+aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften.
+Sie war nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen
+Gebrechens trug manches zu dem Eindruck von Vornehmheit
+bei, den sie machte.</p>
+
+<p>»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt
+dich an Erwin wenden.«</p>
+
+<p>Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte
+genug von jener Duellgeschichte, über die das Gerede noch
+immer nicht verstummt war. Sie wies den Vorschlag ab.
+»Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner, »den Menschen
+wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein
+Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+zu stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«,
+sagte sie zur Mutter.</p>
+
+<p>»Nein. Er macht sich jetzt selten.«</p>
+
+<p>»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia
+nachdenklich. Ȇbrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim
+Grafen Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.«</p>
+
+<p>Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß
+sie im Wandelgang der Akademie Ulrich Zimmermann traf,
+der mit einem bekannten Maler im Gespräch auf und ab
+ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen, diese fand die
+Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände
+vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle
+Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen
+Befürchtungen. »Was wollen Sie tun?« fragte sie. »Lassen
+Sie mich nur machen,« antwortete er feurig, »ich werde
+Sie von diesem Desperado befreien.«</p>
+
+<p>Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu
+Erwin hinaus, der am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte
+ihm die Schmach, die Virginia erlitt, fragte, was
+dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus von
+Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung.
+»Sie sind ein Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich
+werde den jungen Mann ein bißchen einschüchtern, verlassen
+Sie sich darauf. Heut über drei Tage befindet sich Herr von
+Flügel nicht mehr in Wien.«</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann staunte.</p>
+
+<p>Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin
+nicht nur tief verschuldet war, sondern daß er auch vor<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span>
+einiger Zeit auf den Namen des Freundes seiner Schwester
+eine bedeutende Fälschung begangen hatte. Somit war
+Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es
+Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen
+zwölf und ein Uhr fand sich Erwin im Flügelschen Hause
+ein. Marianne hatte ihn erwartet, Sixtus war wie vor ein
+Gericht bestellt worden. Die Unterredung dauerte nicht
+lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger Ruhe
+seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und
+Schande hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen,
+einen demütigen Abbittebrief, den ihm Erwin
+in die Feder diktierte, an Virginia zu richten; ferner mußte
+er einen Schein unterschreiben, worin er das ehrenwörtliche
+Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach
+Paris oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls
+aber Wien zu meiden. Dagegen verpflichtete sich Erwin,
+seine dringlichsten Schulden zu zahlen und ihm überdies
+eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während der
+nächsten Monate auszusetzen.</p>
+
+<p>Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen
+Mann in ein Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen,
+die etwas wie eine seelische Gewalt über ihn ausübte,
+er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte, Unheil
+angerichtet. So fügte er sich knirschend.</p>
+
+<p>Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia
+unauslöschlichen Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der
+Zeit, ein solches Gefühl zu offenbaren. Sie verschloß es
+in ihrem Busen, um es reifen zu lassen. Der Haß hat seine<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span>
+Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend wurde, begab sie
+sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den Entschuldigungsbrief
+erhalten und war verwundert über die
+zauberhafte Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann
+sein Gelöbnis erfüllt hatte.</p>
+
+<p>»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf,
+»hätten Sie doch noch ein wenig Geduld gehabt,
+ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein Bruder ist ein
+unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens ist
+er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von
+dem er in Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus
+entstehen kann. Das war nicht freundschaftlich gehandelt.«</p>
+
+<p>Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?«
+flüsterte sie endlich.</p>
+
+<p>»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen
+können?«</p>
+
+<p>»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne
+meinen Willen geschehen ist«, versicherte Virginia hastig.
+Gerade Erwins Dazwischentreten habe sie vermeiden
+wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet.</p>
+
+<p>»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß
+gehängt hätten«, antwortete Marianne trocken.
+»Man sollte wirklich denken, daß Sixtus ein Menschenfresser
+ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte jedoch rasch ein, als sie
+wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und funkelnd
+auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein
+Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span>
+ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr
+ins Ausland. Sie können also wieder in Frieden Ihre
+Straße ziehen, der Wegelagerer ist nicht mehr zu fürchten.
+Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und keine Feinheit.«
+Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel
+verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu
+rauchen.</p>
+
+<p>Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen
+Unwillen nach, als sie sich durch diesen Verlauf in eine
+immer unzerreißbarere Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben
+sah. Ihr war, als regiere ein herrischer Arm über ihrem
+Leben, behüte sie, das wohl, heische aber auch Gehorsam
+und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein, lag
+im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu
+heikel und erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh
+gehemmt fühlte. Dazu kam die Unsicherheit, wie er all dies
+aufgenommen: ob er es nicht im stillen tadelte und unehrlich
+fand, daß sie sich an einen Dritten gewandt, da er doch der
+Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein Verlegenheitsspiel
+gewesen.</p>
+
+<p>An einem der nächsten Vormittage ging sie über den
+Graben, und schon von weitem erblickte sie Erwin in einer
+Gesellschaft von zwei Herren und zwei Damen, höchst elegant
+gekleideten Leuten. Alle fünf Personen waren in
+einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia
+erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen
+eine Sekunde lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso
+verwegenen wie raffinierten Komödie. Er redete nämlich<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span>
+mit den beiden Damen weiter, die, überrascht von Virginias
+Erscheinung, sie mit schiefen Blicken verfolgten,
+Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und
+eine Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier
+und Verrat sind. Er redete ruhig weiter, während er
+seine Augen an Virginias Augen vorbei auf ihre Wange
+heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen.</p>
+
+<p>Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte
+schon die Lippen zu freundlichem Lächeln gehoben, und
+als das Unerwartete eingetreten war, wußte sie nicht, wie
+ihr geschah, glaubte sie in die Erde versinken zu müssen.
+Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines Hauses
+gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß
+weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in
+einen Abgrund stürzt. Mit Mühe schleppte sie sich zu einem
+Einspänner, fuhr nach Hause, und dort wurde ihr so übel,
+daß sie sich aufs Sofa legte.</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht
+ohne Plan gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen
+gehörte, daß nicht nur der Wille zum Ziel führt,
+sondern daß auch das Ziel den Willen bindet und an sich
+reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme entraten zu
+können, wenn die Erzeugung und Entladung großer
+Spannungen gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen
+Fortschritte boten. Er arbeitete, hörte Kollegien,
+hielt selbst Vorträge in der Aula, zu denen sich ein erlesenes<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte Tennis und
+Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine
+zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber
+in dieser wechselreichen Bewegung blieb Virginia der
+Augenpunkt wie ein ferner Leuchtturm für ein nachtfahrendes
+Fischerboot.</p>
+
+<p>Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit
+Helene Zurmühlen seine Reife erlangte und einen Charakter
+annahm, der das Schicksal der jungen Frau besiegelte.</p>
+
+<p>Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus;
+die Kynasts waren eine alte, hochangesehene Patrizierfamilie.
+Helene hatte mit achtzehn Jahren geheiratet.
+Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der
+Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen,
+den sie in sich verliebt zu machen gewußt, behandelte
+sie auch in der Ehe wie ein höheres Wesen. Das
+Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und
+das eine Mischung von strategischen und rechnerischen
+Fähigkeiten ist, ersetzte er durch den zähen Fleiß eines
+Mannes, der jeden Daseinsgenuß zu opfern vermag, um
+reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach Reichtum.
+Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich zu
+sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er
+stand völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur
+Eleganz, zu einem weltmännischen Gehaben zu erziehen
+und wollte ihm Geschmack an moderner Literatur beibringen.
+Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft,
+das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span>
+Fehler. Er hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und
+Helene sah sich gezwungen, einen großen Teil ihrer Zeit
+diesen fremden und gleichgültigen Menschen zu widmen.
+Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war aufregungsbedürftig
+und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft,
+ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war
+menschensüchtig und stellte sich weltmüde. Keineswegs nur
+aus Lust an der Gebärde; der Zwiespalt lag wie eine angeborene
+Krankheit tief in ihrer Natur.</p>
+
+<p>Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen
+Welt zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich
+von Freiwilligkeit regiert werden, was ungefähr dasselbe
+heißen will, wie wenn man eine Feuersbrunst auf Brandstiftung
+zurückführt. Vom ersten Augenblick an, wo sie
+Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen
+lernte, war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann
+gewinnen müsse. Er zeigte sich ihr als der wahrgewordene
+unter den kühnsten ihrer Träume. Sie fühlte ihre vollkommene
+Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet und
+erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen
+Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom
+Boden aufheben würde, aber sie kniete schon, erschöpft vom
+Horchen, vom Zuschauen, vom Warten, angewidert von
+Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und Rücksichten,
+sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach
+und einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du
+aufs Spiel? fragte Erwin, der die Eroberung zu leicht
+fand. Mich! antwortete Helene. Dieses Temperament<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den Kitzel
+der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste,
+keiner Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht,
+die er kennen mußte, da er einer ihrer Emissäre und Agenten
+war, so umfassend vorgearbeitet, daß ihm eigentlich
+nichts mehr zu tun übrig blieb.</p>
+
+<p>Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich
+zierlich. Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare
+Vase gefallen hätte. Er verglich sie mit einem Nokturno
+von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte Poesie;
+sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm,
+das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen
+Küche zu füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig
+sein und befeuert sein, er konnte schwermütig sein und
+rebellisch sein, er konnte lächeln wie ein Faun oder wie
+Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert; sie bewunderte
+seine meisterhafte Haltung.</p>
+
+<p>Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich
+Erwin; indem man sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist
+leichter und einfacher. Wie verführt man eine Braut?
+Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist schwer und
+mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man
+nur nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man
+die Vesprechungen erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die
+Größe in Erwins Lebensführung, die Freiheit seines
+Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl zunächst,
+was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur
+Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span>
+Zärtlichkeit. Er verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte
+sie in eine Sklavin durch Zärtlichkeit, er wußte sie
+aufzuschüren, freudig, glühend, ja bacchantisch zu stimmen
+durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen für möglich
+gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie;
+alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die
+Beunruhigungen des Gewissens erschienen ihr in seiner
+Nähe, durch die Kraft seiner Zärtlichkeit, so banal wie das
+Lampenfieber. Sie war nicht mehr die anständig gewesene
+Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder
+über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie
+war in seinen Armen über solch niedriges Los hinausgerückt,
+und so lange seine Arme sie hielten, konnte sie nicht
+fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit hatte Erwin erkannt,
+daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch sinnliche
+Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde;
+demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders,
+so fremd, so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft
+den Anschein hatte, als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl
+und Verlockung erzeugen, und die Wirkung, die er
+ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit und Flüchtigkeit
+der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem
+sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er
+forschte nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept
+der Rezepte; es war für ihn gleichsam ein Versuch am
+Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der lebenden Figur.</p>
+
+<p>Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es
+eine Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte,<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span>
+Virginia vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos
+geschah es nicht. Er zerbrach für eine Stunde die Kette,
+die er dann um so fester schmieden konnte.</p>
+
+<p>Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung.</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht
+vorhin in der Stadt begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie
+ein Traum.«</p>
+
+<p>Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf.
+»Was war denn das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem
+Unwillen.</p>
+
+<p>»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin;
+»es war eine Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste
+Umkehr von Halluzination. Sie sind zu jeder Zeit in meiner
+Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir wie einem Kind ergangen
+ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter gefreut
+hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich
+benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches
+ist mir nie passiert. Verzeihen Sie mir.«</p>
+
+<p>Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia,
+und sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie
+froh, an den häßlichen Zwischenfall nicht mehr denken zu
+müssen. »Ich habe noch eine Bitte«, begann Erwin
+wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden
+und vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet
+bin, einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie
+wollen. Frau von Resowsky wird die Liebenswürdigkeit
+haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und Ihre
+Mutter dazu einladen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>»Die
+Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte
+Virginia rasch und im Gefühl, daß die Anwesenheit der
+Mutter gar nicht gewünscht werde; »davor hat sie Angst wie
+vor einem Eisenbahnunglück.«</p>
+
+<p>»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart
+berauben«, versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so
+würde ich allen Leuten noch in letzter Stunde absagen«,
+fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei Virginia bemerkte.
+»Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig,
+daß Sie da sind, und Sie werden da sein.«</p>
+
+<p>Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir?
+Sie versuchte zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen.
+Es kam plötzlich etwas Schweres, schwer zu Tragendes
+über sie, und sie wußte nicht, woher es kam.</p>
+
+<p>»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«,
+fuhr Erwin hartnäckig fort.</p>
+
+<p>»Sind Sie denn abergläubisch?«</p>
+
+<p>»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber
+haben, um daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort
+und Ihre Hand.«</p>
+
+<p>Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der
+Küche draußen ließ Frau Geßner die Wasserleitung
+plätschern. Virginia trat langsam zum Fenster. Erwins
+Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang bis in
+die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein,
+mein, mein, mein, jubelte es in ihm.</p>
+
+<p>Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam
+wohl, wie ein Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+tritt. Es war etwas so Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen
+Traurigsein, etwas, was gleichsam mit dem Mond zusammenhing
+und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies
+liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und
+Auftasten zu den Sphären.</p>
+
+<p>Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie
+scheuer geworden war, seit er sie vor den Nachstellungen
+des jungen Flügel gerettet. Ulrich Zimmermann hatte ihm
+da einen vortrefflichen Dienst erwiesen. Doch Ulrich selbst
+war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt worden,
+wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde
+ihm nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben,
+und als er eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser
+sagte, Virginia rechne ihm sein Benehmen als Feigheit,
+ja fast als Verrat an, war er wie aus den Wolken gefallen.
+Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem Stuhl und
+wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu
+ihr.« – »Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin
+stirnrunzelnd. »Eine Dummheit erklären wollen, heißt sie
+verdoppeln. Sie sind mir ein wenig Haltung schuldig,
+mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier.
+Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit
+Sixtus Flügel eine alte Rechnung ausgeglichen und zu
+meinen Gunsten bilanziert habe. Ich selbst habe mit
+ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und ich
+wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das
+kann sie, wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen
+gehabt habe.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>»Diese
+Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich
+Zimmermann mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte.
+Er war gekommen, weil er Geld brauchte. Stumm saß
+er hinter Erwins Sessel, der an seinem Schreibtisch arbeitete.
+Es vergingen anderthalb Stunden, deren Schweigen
+nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren
+Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich
+stand Erwin hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?«
+wandte er sich freundlich an Ulrich Zimmermann, dessen
+Anwesenheit er vergessen zu haben schien.</p>
+
+<p>Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer
+Geld braucht?« fragte er mit wehmütigem Humor. »Ach,
+könnten Sie ahnen, was es heißt, um Geld zu bitten!« fuhr
+er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das Leben,
+und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen,
+und ist er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos
+erniedrigen. Und das Furchtbarste: stets genießt der
+Gebende, was der Empfangende so schwer verwindet.«</p>
+
+<p>»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«,
+stimmte Erwin bei, den die Großherzigkeit und Beschwingtheit
+in Ulrichs Worten sympathisch berührte.</p>
+
+<p>Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb
+er auf der Straße stehen und schaute nachdenklich zurück.
+Sein Blick fiel auf das Giebeldreieck, auf welchem in den
+Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu lesen war. Das
+war der Name von Erwins Haus.</p>
+
+<p>»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend,
+»Sansara!« Das hat Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+Plakatierte Metaphysik. Der Übermut des Besitzes
+erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht. Die
+asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg
+europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht
+einen platonischen Purzelbaum zum Nabel des Buddha
+und verewigt sein Kunststück durch eine steinerne Fanfare.</p>
+
+<p>Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen?
+fragte sich der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart
+des Gottlosen gegen den Despotismus einer unbeseelten
+Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig beschnittenen
+Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes
+Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende
+doch selber aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum
+zu stürzen? Ich könnte meinem Buch den Titel geben:
+Mirowitsch oder die wesenlose Opposition.</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug
+ein Kleid aus veilchenblauem Battistlinon, verziert
+mit irischen Spitzen. Der Brustausschnitt war bescheiden.
+Das Haar war zu einem griechischen Knoten geknüpft.
+»Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner
+immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern.</p>
+
+<p>Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch
+stünd ich hier, fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier,
+wie ich bin, wenn er mich sehen könnte? Sie heftete den
+Blick in den Spiegel, – fast mißbilligend. Man rief nach
+ihr, so schien es, und ungern folgte sie, obgleich erglüht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>Sie
+hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor
+dem Eingang zur Villa stand eine lange Reihe von Fiakern
+und Automobilen. Man konnte einen Teil des Parkes
+wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen.</p>
+
+<p>Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein
+Theater, einen Salon betritt, zeigt das nämliche alberne,
+besorgte, trunkene und phantastische Lächeln, als ob sie
+sagen wolle: jetzt kommt das große Unerwartete. Virginia
+beobachtete dies, während sie sich in der Halle ihres Mantels
+entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum
+daß er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen.
+Erwin kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen
+sprechen«, raunte er ihr zu. Sie folgte ihm betroffen in ein
+kleines, von dem orangeroten Licht einer Ampel beleuchtetes
+Gemach. Er schloß die Tür.</p>
+
+<p>»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich.</p>
+
+<p>Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade
+auf und hielt ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten
+Händen entgegen.</p>
+
+<p>Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt
+zurück. »Sie haben mir versprochen –« stammelte sie.</p>
+
+<p>»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem
+Lächeln.</p>
+
+<p>Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte
+mit der Kette. »Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«,
+sagte er leise und mit einem Lachen in der Stimme. »Fragen
+Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred hat geschrieben.
+Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span>
+kenne sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches
+Mißtrauen nicht.« Und als sie eine abweisende Gebärde
+machte, einen hilflosen, verwirrten, bittenden Blick auf
+ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur diese eine
+Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!«</p>
+
+<p>Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und
+klatschte nun begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich!
+Unvergleichlich!«</p>
+
+<p>Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen
+den Mann, der sie schmückte, erwachte in Virginia; aber
+dahinter wirbelte eine ungestüme Freude. Gut, dachte sie,
+einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem Innern
+glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein
+Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred
+eingewilligt, zumal die verflossene Frist ein wenig knapp
+schien. Bei alledem ist wesentlich, daß sie von dem Wert des
+Schmuckes weder einen Begriff hatte noch sich Gedanken
+darüber machte. Ganz von fern stieg in Sekunden eine
+Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines Unrechts,
+der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne
+wähnte sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu
+beleidigen.</p>
+
+<p>»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft,
+Ermunterung, Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit
+strahlten an ihm.</p>
+
+<p>»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia,
+reichte ihm aber doch die Hand, die kalt war vor Freude
+sowohl wie vor Bestürzung. An einem Spiegel vorüberschreitend,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span>
+erblickte sie die Perlen. Dieser Moment erfüllte
+sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie
+in ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare
+gewähren lassen.</p>
+
+<p>»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig
+an Erwin. »Marianne zum Beispiel könnte doch
+fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein, Erwin, nein,«
+flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.«</p>
+
+<p>»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein
+Unwillen, der ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner
+Stirn. »Haben Sie mich im Verdacht, daß ich mich brüsten
+werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß ich am Ende Ihre
+Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter nicht
+ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen
+kann?«</p>
+
+<p>Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür
+zur Linken das Gemach. Virginia trat wieder in die Halle.
+Erwin kam draußen auf sie zu; jetzt verstand sie den Umweg
+und erschrak aufs neue. Sie war nur wenige Minuten
+mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten
+waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau
+von Resowsky, die sich liebevoll ihrer annahm und sie von
+Gruppe zu Gruppe geleitete.</p>
+
+<p>Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige
+ihrem Gedächtnis eingeprägt. Der Glanz des Lichtes
+betäubte sie. Sie sah nur Umrisse von Gesichtern, blonde,
+schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark dufteten,
+viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span>
+Damen als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer
+Büsten verletzend wahr und nahe.</p>
+
+<p>Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie
+den Eindruck, daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie
+war durchaus nicht beengt, sie gewann im Gegenteil mehr
+und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung, daß es
+zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges
+Band gab.</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr
+zur Unzeit fing er an, die Erklärungen zu stottern, die er
+sich vorgenommen hatte, sprach sogar, genau mit Erwins
+Worten, von einer Rechnung, die jener »zu seinen Gunsten
+bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert den Kopf
+und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich
+mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte
+Virginia arm geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu
+lesen. »Sie tragen ja ein Vermögen an Ihrem Hals«, sagte
+er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner <span id="Page_177_1">Taktlosigkeit</span> zu
+gelangen.</p>
+
+<p>Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber
+lächelte sie an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal
+in ihr, wie sonst nur, wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann
+senkte die Stirn vor ihrer Schönheit.</p>
+
+<p>Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer
+Haut einen metallischen Glanz. Manche Herren wollten
+sich erinnern, sie schon gesehen zu haben, und drückten es in
+schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß, ernst,
+kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span>
+sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung
+Erwins gefolgt.</p>
+
+<p>Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt,
+ein paar junge Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt.
+Sodann machte Erwin sie mit Helene Zurmühlen und
+deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr wie ein Spielzeug,
+und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von
+einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war
+der edelste Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall
+Steine. Alles schien zerbrechlich an ihr, der rührend weiße
+Hals, die apathischen Arme, die mageren, gelben Hände,
+die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen Kindern,
+wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte, von
+leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf,
+in dem ein lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von
+den Schatten einer süßen Melancholie überdunkelt war.
+Aber diese Melancholie hatte etwas Grelles, und die Natur
+selbst strafte sie Lügen durch den starken, brennenden
+Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet.</p>
+
+<p>Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen
+Tafel zu vermeiden, war im Speisesaal freies Büffet errichtet,
+und fünf Diener versorgten die immer wechselnden
+Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht in einem
+kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich
+Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des
+letzteren, ein Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei
+rauchten. Auf dem Tische vor ihnen stand eine Flasche
+Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit zu Zeit in die<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>
+Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer
+junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames
+Zuhören am Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm,
+als daß er aus einer Familie von Selbstmördern stammte.
+Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo er Studien
+über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte.</p>
+
+<p>»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«,
+sagte Ulrich Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt
+Verständnis für die Epoche darin. Wahre Prachtliebe
+neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze Farbenskala, die uns
+blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese Heliotrop
+und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen
+und kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist
+leise wie im Zimmer eines Sterbenden. Ich finde das
+stilvoll.«</p>
+
+<p>»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre
+Meinung ändern?« versetzte der Graf.</p>
+
+<p>»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,«
+fuhr Ulrich Zimmermann hartnäckig fort, »und in New
+York versicherte mir eine junge Milliardärin, Perlenketten
+seien vornehmer als Diamanten, weil bei diesen die
+Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.«</p>
+
+<p>Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden
+Blick zu.</p>
+
+<p>»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte
+Ulrich schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles
+bäumt sich auf, Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich
+denke die schlechten und selbstsüchtigen Gedanken einer<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen und reden, alle
+sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber niemand
+glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne
+gekommen ist, werde ich aus einem Apostel zu einem
+Lakaien.«</p>
+
+<p>»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«,
+antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht;
+»die Gesellschaft verwandelt den Apostel auf stummem
+Weg in den Lakaien.«</p>
+
+<p>»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden
+Augen. »Ich werde in Sold genommen und festgeschmiedet.
+Meine Seele wird zum Wallfahrtsziel aller andern
+Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der Ehebrecherin und die
+Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld für einen
+neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen
+des präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen
+des Börsianers. Ich weiß, daß dieser junge Mann
+mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo im Mundwinkel
+an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen Frau
+den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem
+Gespenst einer unerwünschten Schwangerschaft gequält
+wird; ich kenne die verzweiflungsvolle Frechheit des
+Überlings, der da spricht: für mich gibt es keine Moral,
+sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den verbrecherischen
+Gelüsten des jungen Mädchens, das ins
+Leben tritt wie eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu
+melken sich anschickt. Hinter dem geistreichen Geflunker
+gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter den sozialen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten
+Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter
+dem diplomatischen Getue werden Völker in ungerechte
+Kriege verstrickt. Sie sind mir zu nackt, allesamt, sie vergiften
+mir das Gewissen, und erst das schlechte Gewissen
+verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch
+größer sein als meine Demütigung, sonst kann ich aus der
+Sklaverei, in der ich mich befinde, kein Kapital schlagen.«</p>
+
+<p>Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob
+sich, grüßte höflich und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit
+beleidigt oft den feinfühligen Zuhörer.</p>
+
+<p>»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer
+Wanderung im Gebirge, würden mir Ihre Worte einen
+stärkeren Eindruck machen«, sagte Palester seltsam.</p>
+
+<p>Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit
+dem Finger. »Eine kleine Verschwörung?« fragte er.</p>
+
+<p>Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben
+Sie sich nicht über das Perlenkollier gewundert?« begann
+er mit verräterischer Hast. Erwin blieb stehen und wandte
+ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender Blick war
+kalt, durchbohrend und mitleidig.</p>
+
+<p>Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich
+ab und ging allein weiter.</p>
+
+<p>Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile
+zwischen den Menschen umher, dann begab er sich in die
+Garderobe, warf den Überzieher um die Schultern und,
+den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein
+Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span>
+die ganze Stadt und in den Prater und bis zur Donau.
+Auf dem Rückweg sang er laut, um nicht denken zu müssen.
+In der Hauptallee setzte er sich auf eine laternenbeschienene
+Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit mit der
+Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb
+Verse:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="verse">Die Seele, die berührst du nicht,</div>
+<div class="verse">die ist im Leib vergraben;</div>
+<div class="verse">sie weiß nicht, was die Lippe spricht,</div>
+<div class="verse">will’s auch nicht Kunde haben.</div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="verse">Im stillen träumt und blüht sie hin,</div>
+<div class="verse">läßt Leid und Glück verfluten</div>
+<div class="verse">und ziehet ewigen Gewinn</div>
+<div class="verse">vom Bösen und vom Guten.</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und
+Zuhältern besetztes Kaffeehaus. Sein Frack erregte
+hämisches Aufsehen. Der beginnende Marktlärm verscheuchte
+mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich
+verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien.</p>
+
+
+<p class="small-drop-cap">Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten
+sich viele Gäste in den illuminierten Teil des
+Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte und Likör
+serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky
+und einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse
+auf und ab, deren massive Brüstungen sich zu beiden
+Seiten der flachgestuften Treppe mit anmutigen Bögen<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span>
+zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den politischen
+Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches
+erhoben, und die Exzellenz erstaunte über die Einsicht
+und Tiefe in den Urteilen des jungen Mannes. »Und
+eine solche Kraft soll für den Staat verloren sein!« rief
+er scherzend.</p>
+
+<p>Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er
+bohrte die Nägel in die Handflächen und hielt die Daumen
+wagrecht wie kleine Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut,
+nur seine Zunge redete. Sie hatte seit neun Uhr
+gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern über
+Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit
+den Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den
+Frauen über Erziehung und Lebenskunst gesprochen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die
+an der Glastüre stand, den geöffneten Straußfedernfächer
+vor Brust und Hals, das Auge wie gebrochen ins Weite
+gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel ihm, ihr
+wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit
+einer Verbeugung zu ihr.</p>
+
+<p>Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit.
+Was sie verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild,
+Schmerz über deren Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.</p>
+
+<p>»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und
+sah aus, als hätte er die weichste Liebkosung geflüstert.</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge
+milderte sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>Er
+wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem
+sie einen forschenden Blick umhergesandt, und murmelte
+mit erstickter Stimme: »Du hältst mein Leben in deiner
+Hand.«</p>
+
+<p>Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine
+Närrin, die nicht einmal versteht, sich im Preis zu halten,
+dachte er.</p>
+
+<p>Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in
+den Garten. Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend
+und in ein heiteres Lächeln versunken. Alsbald tauchte
+sie in die violette Parkdämmerung. Erwin zuckte empor.
+Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir
+werden uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer
+verführen lassen«, sagte er zu Helene, die in freudiger
+Unterwürfigkeit vor ihm stand. Seine Worte sollten
+offenherzig und tröstend klingen, aber indem er hinwegeilte,
+spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen
+vermocht hatte.</p>
+
+<p>Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß
+die Augen. Sie wollte nicht sehen, ihr graute vor der
+Klarheit der Dinge. Ihr Name wurde dicht neben ihrem
+Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm um
+ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte
+er sie in die Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein
+müdes, krankes Kind.</p>
+
+<p>Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war
+von herrlichen Bäumen bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien,
+Sumpfzypressen und Mangos, birkenblättrigen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein
+wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu
+reden, wenn sie sich mit Menschen ins Gespräch einließ,
+deshalb wich sie einer angeregt plaudernden Schar von
+jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den Schritt
+unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an
+dieser Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der
+Lustigen vorbei, die ihn anriefen und ihn zu bleiben aufforderten.
+Er winkte ihnen zu und eilte weiter, sah auch
+von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche
+schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten
+sich nicht zufrieden geben, und übermütig riefen ihre
+Stimmen immer wieder seinen Namen.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie
+vor Verfolgern in Sicherheit bringen wollte; »kommen
+Sie!« drängte er und ergriff ihre Hand. – »Warum
+denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so laufen,
+hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken
+wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine
+elastische Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia
+lachte, und um nicht Spaßverderberin zu sein, ließ
+sie sich zur Eile überreden. »Schnell, schnell,« drängte er
+von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch fünfzig
+Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird
+wissen, wo wir hingeraten sind.«</p>
+
+<p>Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo
+die ebene Fläche sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht
+eben leicht war. Es ähnelte einer Trunkenheit, daß sie<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span>
+lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, der schwüle
+Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin,
+und sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit
+offenem Mund. Erwin, der sein Entzücken über ihre
+Schlankheit und Gazellengrazie hinter geschlossenen Zähnen
+verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte
+nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst
+los, als sie vor dem Pavillon standen.</p>
+
+<p>Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu
+behangenes Rondell, in dessen Mitte unter gekreuzten
+Balken eine chinesische Laterne mit roten Gläsern hing
+und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und
+Busch mit sanftem Scharlach übergoß.</p>
+
+<p>Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein,
+preßte beide Hände gegen die Brust und stammelte:
+»Mein Gott, was war denn das? weshalb sind wir denn
+so gerannt? Ich kann nicht mehr.«</p>
+
+<p>Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle.
+»Ruhen Sie sich aus«, antwortete er. »Niemand wird
+uns stören.«</p>
+
+<p>Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur
+Besinnung. »Weshalb sagen Sie das so wunderlich:
+Niemand wird uns stören –?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete
+er mit müder Stimme.</p>
+
+<p>Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf
+der Erde? Sie können ja auch auf der Bank sitzen. Ihre
+Kleider werden ja schmutzig.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span>Die
+müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht
+find ich meine Lust daran, vor Ihnen auf der Erde zu
+kauern, Virginia. Was kann mir die Erde anhaben gegen
+das Gefühl, Sie über mir zu wissen.«</p>
+
+<p>Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg.
+»Es ist so still hier«, murmelte sie dann.</p>
+
+<p>»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen
+fliegen schon. Nur die Sterne sind zu blaß.
+Man sollte nicht an Orten wohnen, wo die Sterne so
+blaß sind im Mai.«</p>
+
+<p>Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von
+meinem Platz aus kann ich die Sterne nicht sehen«,
+sagte sie.</p>
+
+<p>»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem
+Atem.</p>
+
+<p>Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner
+Rede. Zu dieser Stunde schlief sie an andern Tagen
+längst, und ihre Lider wurden schwer. Plötzlich fragte sie
+mit innigem Klang in der Stimme: »Denken Sie auch
+manchmal an Manfred, Erwin?«</p>
+
+<p>»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?«
+fragte Erwin langsam dagegen, und er griff mit der Hand
+nach einer Rebe, die er abriß. »Ich denke immer an Manfred,
+immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht
+an Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt,
+bei Nacht, indem ich in die Kissen beiße. An wen
+könnt ich sonst denken als an Manfred? an wen mit gleichem
+Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred, den<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor
+mir kam?«</p>
+
+<p>»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos
+und sehr bestürzt.</p>
+
+<p>Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war
+sicher, daß Virginia die Frage wiederholen würde. So
+geschah es auch.</p>
+
+<p>»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine
+Stimme war dumpf und ingrimmig. »Dürft ich denn
+reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am Ende. Gehn
+wir lieber ins Haus zurück.«</p>
+
+<p>Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia
+in ihrem blinden Schrecken bestärkt wurde. »Ist
+denn etwas mit Manfred passiert, etwas, was ich nicht
+weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen
+Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.«</p>
+
+<p>»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von
+Erwins Lippen. »Ruhig Blut, Virginia. Ich habe Ihnen
+ja schon gesagt, daß er der starke Felsen ist, an dem mein
+Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich denn sprechen
+soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich macht,
+und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die
+Sterne so blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie
+die Krankheit über den Lebenslustigen; dabei weiß ich
+nicht, wie arm, wie reich, wie elend, wie beschenkt ich mich
+dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt. Ich habe
+nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur
+wie Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
+wie Stunden, in denen man sich verliert, um sich noch
+wissender zu besitzen. Daß ich mich unwissend ins Hoffnungslose
+verlieren könnte, habe ich nie für möglich gehalten.
+Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich
+waren für die Dauer eines Sommers, waren mir nur
+Gespielinnen. Sie rührten mich, sie erregten mich, sie
+verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie wappneten
+mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte
+nicht an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen
+Sie die Ohren mit den Fingern. Lassen Sie mich
+reden, wie jene Figur im Märchen von der Gänsemagd
+redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was
+ihr widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt
+es in dem Märchen. O Herz, das du hangest, muß ich
+klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin unterminiert. Es ist
+etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in einem
+Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung,
+daß ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern,
+mit meinem Gehaben das Mitleid eines Schlächtergesellen
+auf mich ziehen würde. Denken Sie es ungesagt, Virginia.
+Ich will an mich halten. Ich will mich ducken,
+und Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen
+können. Genug jetzt. Genug.«</p>
+
+<p>Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und
+blieb unbeweglich sitzen.</p>
+
+<p>Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage
+aufgerichtet. Ihr Gesicht war weiß geworden und brannte
+aus dem Zwielicht weiß heraus wie das Innere einer<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange
+und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde
+der Trauer, der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar
+wurde ihr Herz kleiner, und alles, was dieser Mann
+da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie berührte, so
+menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes
+für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter
+Schauer flog über ihre fast unbeschützte Brust,
+und sie erhob sich.</p>
+
+<p>Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin
+stand lautlos auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen
+es vergessen«, flüsterte er ihr mit erstickter Stimme zu.</p>
+
+<p>»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen,
+»ach, Erwin.« Sonst nichts. Aber diese beiden Worte,
+einfach wiederholt, rissen Erwin hin wie eine nie vernommene
+Musik, und er glaubte das Unmögliche noch in
+derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt
+von diesem Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren
+Schleiern kühlen Wesen des Mädchens, dessen Wert er spürte,
+wie ein Luftschiffer den Azur spürt, in dem er schwimmt,
+stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund kamen
+gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte.
+War es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch
+ein Ungemeines darin verborgen sein, Instinkt und Glut.</p>
+
+<p>»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia.</p>
+
+<p>Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er
+richtete sich empor. »Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia
+und blickte auf seine Knie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>Er
+gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie
+von der Seite her zur Terrasse zurückbrachte. Virginia
+war froh, als sie wieder Leute sah und niemand sie fragend
+anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag des Wagens.
+Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie
+zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr
+nicht möglich. Doch da er die Hand noch immer ausgestreckt
+hielt, fand sie es am besten, ihm zu willfahren; verwirrt
+und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in seine Hand, aber
+er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine freche
+Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als
+die vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch
+der Finger, deren Berührung eine Siegeshoffnung war.</p>
+
+<p>Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die
+Welt erschien ihr schwarz und öde. Die raschen Hufschläge
+der Pferde erinnerten sie an das Pochen ihres Herzens,
+und sie legte beschwichtigend die Hand auf die Brust. Da
+berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!« rief
+sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an,
+wandte sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr
+war zumute gewesen, als müsse sie auf der Stelle umkehren.
+Doch wie, mit welchen Worten, mit welchem Gesicht
+sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner
+Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des
+Leichtsinns, des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie
+betrogen worden war. Stumm und ratlos blickte sie vor
+sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den Gedanken kaum
+ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span>
+anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter
+zu fahren, und dieser gehorchte kopfschüttelnd.</p>
+
+<p>Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin
+ins Haus zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener
+löschten die Lampen aus und räumten die Tische ab. Eine
+Gesellschaft von zehn oder zwölf Personen befand sich im
+Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische Lieder
+sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem
+Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen
+Leute waren durstig und fühlten sich ein wenig geistlos.
+Erwin erfüllte sie mit neuem Leben; nach kurzer Zeit
+hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die Schläfrigen;
+ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der
+drohenden Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter
+Abend langweilig endet, war er langweilig,« sagte Erwin,
+»wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.« Zum Schluß
+wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein
+etwas beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab,
+trieb durch ihre transzendente Plumpheit das Vergnügen
+auf den Gipfel.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zwischenspiele">Zwischenspiele</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-a.jpg" alt="A">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Am andern Vormittag erhielt Virginia durch Wichtel
+einen Brief Erwins, der folgenden Wortlaut
+hatte:</p>
+
+<p>»Virginia! Erwarten Sie nicht, daß ich das Benehmen
+der Trunkenbolde nachahme, die in der Nüchternheit
+bejammern, was sie im Rausch verbrochen haben.
+Erwarten Sie nicht, daß ich mich der Trunkenheit anklagen
+werde, um nüchtern zu erscheinen. Ich war weder
+betrunken, noch bin ich nüchtern. Auch bin ich nicht feig
+genug, um die Gelegenheit zu bezichtigen. Ich trete nicht
+als reuiger Sünder vor Sie hin. Beschließen Sie! Richten
+Sie! Ich werde mich beugen. Aber zu beschönigen habe
+ich nichts.</p>
+
+<p>Daß meine Situation schwierig ist, kann ich nicht
+leugnen. Vielleicht wäre sie zu umgehen gewesen durch
+List; vielleicht durch einen Aufwand von Heroismus,
+dessen ich nicht fähig bin. Sich einer Leidenschaft erwehren,
+mag heroisch sein; von ihr überwältigt zu werden,
+ist darum nicht verwerflich, sie zu bekennen, ein Akt persönlicher
+Aufrichtigkeit, der in einem Fall, wie dieser es ist,
+gewiß keine angenehmere Lage schafft. Ich entstamme
+einer Generation, die die Ökonomie der Leidenschaften
+gelernt hat. Ich habe gelernt, mich nicht zu verschwenden,
+mich nicht zu verschenken, Bezahlung zu fordern und
+Wirtschaft zu halten. Wir alle haben gelernt, gerade
+dann in die Kandare der praktischen Vernunft zu beißen,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span>
+wenn das unpraktische Gefühl unsere Bequemlichkeit und
+unsern Vorteil bedroht. Es wäre bequemer und vorteilhafter
+für mich gewesen, zu schweigen, da ja meine Sache
+hoffnungslos ist von Anfang bis zu Ende.</p>
+
+<p>Ihre Empfindung wirft mir vor, mich am Freund
+vergangen zu haben. Aber mußte ich nicht die Maske
+eines brüderlichen Beschützers in der Stunde von mir
+werfen, wo ich sie als Maske erkannte? Ich habe keinen
+Eid gebrochen; ich habe kein Gelöbnis verletzt; ich habe
+keine Pflicht verabsäumt; ich habe meiner Ehre nichts
+vergeben, ich habe die Ihrige nicht angetastet. Manfred
+ist in meinen Augen noch gewachsen, denn ich bin ihm
+eine Wahrheit schuldig, die an ein großmütigeres Herz
+appelliert, als es das meine ist, und er hat ein Verhängnis
+über mich heraufbeschworen, das durch keine Klauseln
+der Konvention verringert werden kann. Zwischen mir
+und Manfred steht kein tyrannisch trennendes Entweder-Oder,
+sondern die versöhnende Erkenntnis, welche Kameraden
+erst recht aneinander bindet, wenn sie vom Schicksal
+ungleich begünstigt werden.</p>
+
+<p>Einst, da ich unschuldig war, wie Sie es sind, Virginia,
+haben mir meine Träume ein Ideal zugeschworen,
+gleichwie Kindheitsgedanken eine unerhörte Erfüllung
+ehrgeiziger Visionen vorgaukeln. Ich hatte dieses Ideal
+vergessen. Ein allgemeines Menschenlos: das Ideal zu
+vergessen, wenn die Unschuld dahin ist. Ihre Schönheit
+ist die Ursache, daß ich mich einer Rücksicht entledigte, an
+die im gewöhnlichen Verlauf der Dinge Mann gegen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span>
+Mann eisern gebunden ist. Sollte ich dadurch des Anrechts
+auf einen Freund am Ende doch verlustig gehen,
+so sei es. Ich weiß nicht, ob ich es werde tragen können.
+Die Zukunft wird es lehren. Aber desungeachtet gibt es
+in meinem Innern ein nicht niederschmetterndes Gesetz:
+Schönheit ist nicht hörig. Die Schönheit anzubeten ist
+kein Verbrechen. Wer besitzt sie? Einer? Einer besäße
+die Schönheit? Einer besäße Virginia für das ganze Dasein
+und nur für sich allein? Dagegen bäumt sich mein
+Herz, mein Glaube, mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kann
+es nicht mit Gleichgültigkeit erdulden, und die Qual macht
+mich zum Narren. Denken Sie, daß man es einem Mann
+nicht vom Gesicht ablesen kann, wenn sein Herz zerstört
+ist?</p>
+
+<p>Ich spreche von Ihrer Schönheit wie die seltenen
+Tibetreisenden von den Wundern des Dalai-Lama. Denn
+ich habe gerungen um diese Schönheit, ich habe sie entdeckt,
+ich habe sie erkannt, ich habe sie erforscht, ich und
+nur ich allein. Die andern wissen von ihr, sie spüren sie
+von fern, wie Analphabeten den Wohlklang vollendeter
+Verse spüren, sie sind wie Sonntagsgäste vor einer zauberhaften
+Statue, und ihre Bewunderung ist so verständnislos
+wie billig. Ich aber habe die Statue geträumt, bevor
+ich sie sah, ich habe sie aufgebaut, gemeißelt, geschaffen,
+begriffen in meinen Träumen, und das Gefühl, das sie
+mir erweckt, wurzelt in der Sehnsucht, also im edelsten
+Grund des menschlichen Gemütes. Ja, sie rührt das
+Edelste in mir auf, sie erschüttert mich, sie mahnt mich<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+daran, daß ich niemals eine Mutter hatte und daß ich
+ein Lebensziel haben könnte, wenn mir vor dieser grandiosen
+Erfüllung nicht ein finsteres Geschick zu scheitern
+bestimmt hätte. Beschließen Sie! Richten Sie! Ich
+beuge mich. Erwin.«</p>
+
+<p>Virginia hatte den Brief zwei Stunden lang in ihrer
+Schürzentasche herumgetragen, bevor sie sich überhaupt
+entschlossen hatte, ihn zu öffnen. Beim Anblick der kühnen
+und regelmäßigen Schriftzüge ließ sie das Blatt wieder
+sinken, wie ein von zahlreichen Feinden Umringter den
+erhobenen Arm sinken läßt.</p>
+
+<p>Das geschriebene Wort ist ein mächtiger Herr. Unangreifbar
+gerüstet steht es da und lenkt den Geist in vorgesetzte
+Bahnen. Da Virginia von den Mitteln des Stils
+nur eine geringe Vorstellung hatte, folgte dem ersten
+Widerwillen und der eisigen Befremdung über die leidenschaftliche
+Ausdrucksweise eine nachsinnende Teilnahme.
+Die redliche Natur findet sich in die Erfahrung, daß eine
+ihrer Eigenschaften oder Kräfte dem Bereich des Außerordentlichen
+zugehört, niemals ohne Schrecken. Dieser
+Schrecken trat jetzt an die Stelle des lästigen Verdrusses,
+den Virginia stets empfand, wenn man ihre Schönheit
+hervorhob, über die sie sich kein Verdienst anmaßte, die
+sie im ganzen trug, wie sie das einzelne trug, Auge, Mund
+und Hand, ohne mehr davon zu genießen als ein flüchtiges
+Wohlgefühl vorm Spiegel oder im Blick des sympathischen
+Beschauers.</p>
+
+<p>Sie legte den Brief beiseite. Sie nahm ihn wieder,<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span>
+legte ihn wieder beiseite. Sie las den Satz: sollte ich des
+Anrechts auf einen Freund verlustig gehen, so sei es. Da
+ward ihr die unendliche Verehrung und Liebe gegenwärtig,
+die Manfred an Erwin band. Sie konnte es
+vorausdenken, daß Manfred eine solche Enttäuschung nie
+würde verwinden können.</p>
+
+<p>Was hätte ich zu fürchten? fragte sie sich; wer könnte
+mich meinem Manfred rauben? Wohl aber mochte es geschehen,
+daß Manfred den Freund verlor, der ihm so
+teuer war, dem er nicht weniger vertraute als der Geliebten.
+Sie mußte es verhüten, das stand fest. Wenn
+sie, wenn ihre Schönheit, wie Erwin sagte, schuld war,
+daß Erwin den Freund vergaß, so war sie doppelt zur
+Treue aufgefordert, und es lag ihr ob, für Manfred um
+den Freund zu kämpfen. Das stand fest.</p>
+
+<p>Noch spürte sie freilich, wie ihr dort im Pavillon zumute
+gewesen. Bei seinen verwegensten Worten war ihr
+zumute gewesen, als ob sie sterben müßte, falls es kein
+anderes Mittel gab, ihn nie wieder zu sehen. Doch ihre
+nachsinnende Teilnahme, die Trauer um den Verlust, der
+Manfred drohte, trieb sie an, zu handeln, und es kam eine
+eigentümliche Freudigkeit über sie. Eine Frau, die entschlossen
+ist, zu handeln, wird davon noch kräftiger befeuert
+als ein Mann.</p>
+
+<p>Sie setzte sich an den Tisch, nahm einen Briefbogen
+und schrieb: »Sie kennen mich nicht, Erwin. Hätten Sie
+mich gekannt, lieber hätten Sie sich die Zunge abgebissen,
+als daß Sie davon gesprochen hätten. Nun wäre das<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span>
+Ganze ja sehr einfach. Vergessen kann ich nicht, das Geschehene
+ist da, die Worte sind gesagt und aufgeschrieben,
+die Gefühle hat man gehabt. Ich müßte Sie meiden.
+Das liegt in meiner Gewalt, nicht wahr? Wenn ich will,
+dann gibt es keinen Erwin Reiner mehr für mich. Doch
+Sie dürfen Ihren einzigen Freund nicht so mit Schmach
+bedecken. Sie schreiben: richten Sie, ich beuge mich. Gut!
+Beweisen Sie mir, daß Sie mich achten und daß Sie der
+Freundschaft Manfreds noch würdig sind. Vernichten Sie
+das Häßliche; Sie haben ja Gewalt über sich, treiben Sie
+es aus Ihrem Herzen, um Manfreds und meinetwillen.«</p>
+
+<p>So weit war sie gelangt, da stockte sie. Die Worte
+kamen ihr schal vor. Sie sah sein spöttisches Lächeln
+über ihnen schweben. Sie sagte sich, daß es feig sei zu
+schreiben. Auch wollte sie ihm nicht die Perlenkette
+kurzerhand zurückschicken, um nicht Trotz und Kränkung
+bei ihm zu erregen; denn dadurch wäre die Umkehr,
+die sie in seinem Gemüt hervorzubringen beabsichtigte,
+erschwert oder vereitelt worden. Demzufolge mußte sie
+selbst zu ihm gehen. Wie die Dinge einmal standen,
+konnte sie ein Geschenk, das nach ihrer Schätzung mindestens
+ein paar tausend Kronen wert war, nicht noch
+stundenlang im Hause behalten.</p>
+
+<p>Während sie in ihrem Zimmer war und all das überdachte,
+kam die Mutter und sah das Perlenhalsband auf
+dem Tisch liegen. »Was ist das? woher hast du das?«
+fragte sie fast schreiend. Virginia war erschrocken darüber,
+daß sie nicht daran gedacht hatte, das Schmuckstück vor<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span>
+der Mutter zu verbergen. Was sollte sie nun sagen?
+»Erwin hat es mir geschenkt,« antwortete sie zögernd,
+»ich muß es ihm aber wiedergeben.« – »Geschenkt?
+Wiedergeben?« stammelte Frau Geßner, indem sie das
+Halsband mit stummem Erstaunen musterte. »Das hat
+er dir geschenkt? Und du willst es zurückgeben? Warum?«
+Auf ihren Zügen malte sich ein förmlicher Krieg der angenehmsten
+und der argwöhnischesten Gedanken.</p>
+
+<p>»Mehr kann ich dir nicht erklären, Mutter«, entgegnete
+Virginia mit gesenktem Blick. »Ich glaube, es sind Mißverständnisse
+da, und ... ich kann es nicht behalten.«</p>
+
+<p>»Gehst du heute zum Malen?« fragte Frau Geßner.</p>
+
+<p>»Ja, ich will ein bißchen arbeiten. Das wird mir
+helfen. Ich hab’ einen schlechten Kopf.«</p>
+
+<p>»So laß mir den Schmuck bis zum Mittag. Schau
+mich nicht so mißtrauisch an, ich werd’ ihn dir gut verwahren.«</p>
+
+<p>»Aber was willst du damit?«</p>
+
+<p>»Betrachten will ich ihn, nur manchmal betrachten.
+Er ist gar zu wunderbar.«</p>
+
+<p>Virginia willfahrte ungern. Kaum war sie fort, so
+begab sich Frau Geßner in die Stadt zu einem Antiquitätenhändler,
+den sie seit ihrer Jugend kannte, und erkundigte
+sich bei ihm nach dem Wert des Halsbandes. Um
+die beinahe beleidigende Neugier des Mannes zu befriedigen,
+erzählte sie, daß das Kollier ein Brautgeschenk sei,
+das Virginia von ihrem Verlobten erhalten habe. Der
+Händler prüfte, zählte; es seien zwar nicht Perlen ersten<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span>
+Ranges, sagte er, die seien in solcher Menge kaum erschwinglich,
+aber als er den ungefähren Preis nannte,
+der nach seiner Schätzung hunderttausend Kronen übersteigen
+mußte, bedurfte es für die erschütterte Frau eines
+großen Kraftaufwandes, damit sie ruhig auf ihren Beinen
+stehenbleiben konnte. Auf dem Nachhauseweg kämpfte sie
+mit Schwindelanfällen, und ihre Gedanken an Virginia,
+an Erwin, an Manfred waren gleicherart heftig in Bestürzung
+und Sorge wie in einer Hoffnung, mit der sie
+seit Monaten lüstern gespielt.</p>
+
+<p>Klugheit und böses Gewissen verschlossen ihr Virginia
+gegenüber den Mund. Sie wollte abwarten. Aber sie
+war verstört und konnte bei Tisch nichts essen. Schweigend
+gab sie Virginia die Kette zurück. Virginia war innerlich
+selbst zu beschäftigt, als daß ihr das Wesen der Mutter aufgefallen
+wäre. Gegen fünf Uhr machte sie sich fertig, um
+zu Erwin herauszufahren. Das Halsband packte sie in
+Seidenpapier und steckte es in das Ledertäschchen, das sie
+trug. Ihre Bewegungen waren energisch und ihre Mienen
+gesammelt. Ich tu es für Manfred, wiederholte sie sich
+immer wieder zur Beschwichtigung ihrer Unlust und geheimen
+Angst.</p>
+
+<p>»Der gnädige Herr ist nicht zu Hause«, sagte Wichtel.</p>
+
+<p>Virginia war verstimmt, denn sie erkannte, daß sie
+einen solchen Schritt nicht leicht zum zweitenmal mit demselben
+Antrieb unternehmen würde. Der scharfsinnige
+Wichtel vermutete mit Recht, daß es sich hier um eine
+Sache von Belang für seinen Gebieter handelte; er versicherte,<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span>
+der gnädige Herr werde in einer Viertelstunde
+da sein, bat die Zögernde, im Salon zu warten, rückte
+einen Sessel vor die Terrasse, brachte ein paar Zeitschriften
+herbei, und all das ließ sich Virginia still und ein
+bißchen eingeschüchtert gefallen. Als sie allein war, blickte
+sie ziellos denkend in die Baumwipfel hinaus, die ein
+matter Regenwind in flüsterndem Rauschen erhielt. Es
+war ihr, als müsse sie sich abwenden von dem Prunk des
+Gemachs, der ihr heute tot erschien wie ein Kleid im
+Schaufenster eines Modengeschäfts.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte Wichtel in den Klub telephoniert,
+und fünf Minuten später raste das Elektromobil vom
+Lobkowitzplatz nach Pötzleinsdorf. Erwin wurde von
+Wichtel mit dem Gesicht eines Mannes empfangen, der
+sich verdient gemacht hat. <em class="antiqua">Avant le souper</em>, dachte Wichtel,
+der eine französische Bildung genossen hatte, als er die
+Erregung in den Zügen seines Herrn gewahrte.</p>
+
+<p>Selbst den Nachschimmer dieser Erregung abzutun
+von seinen Mienen, war der Zweck eines kurzen Verweilens
+in der Bibliothek. Ich habe sie richtig eingeschätzt,
+dachte er; sie hat Mut, der Brief war ein Wagnis, aber
+es ist gelungen.</p>
+
+<p>Dann öffnete er die Tür zum Salon. Virginia stand
+auf. Seine Blicke umfaßten sie, dankten ihr, gaben vertrauenerweckende
+Beteuerung und musterten sogar ihren
+Anzug mit kennerhaftem Wohlgefallen. Sie trug ein
+dunkelgrünes Kostüm und unter dessen Jacke eine einfache,
+weiße, von grünen Streifen durchzogene Seidenbluse,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span>
+ferner einen schwarzen, großen, runden Strohhut
+mit weißem Tüllaufputz, der dem etwas blassen Gesicht
+sommerliche Helligkeit verlieh.</p>
+
+<p>Erwin bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen.
+Sie gingen hinüber. Da der Regen auf das Sims klatschte,
+schloß Erwin die beiden hochgewölbten Fenster.</p>
+
+<p>Er wußte, daß jedes ungeschickte oder übereilte Wort
+ein nicht wieder gut zu machender Fehler werden konnte.
+Er war noch nicht ganz im klaren darüber, weshalb Virginia
+gekommen war, aber er mußte ihren Beweggrund
+erraten, und er durfte sie nicht verwirren. Er setzte sich
+weit von ihr und betonte so einen Willen zur Distanz,
+der ihr eine gewisse Freiheit geben sollte. Sie kämpfte
+sichtlich. Er wünschte ihr zu helfen. Er lenkte sie ab, ließ
+aber das Ziel von ferne sehen. Er sprach von seiner
+Jugend, von den Mängeln seiner Erziehung, von dem
+ungesunden Servilismus einer Welt, die bereit gewesen,
+ihm zu dienen, noch ehe er Zeit gehabt, ihre Dienste zu
+bewerten. Er habe niemals erworben, er habe stets nur
+besessen, daher sei jeglicher Besitz nur verzehrt und nicht
+genossen worden.</p>
+
+<p>An Virginias Miene erkannte er, daß er auf dem Weg
+zu ihr war. Mit erstaunlicher Verwandlungsgabe brachte
+er es fertig, ihr alles das zu sagen, was sie ihrerseits ihm
+vorzuführen beabsichtigt hatte. Virginias Augen glänzten.
+Mit edler, überraschter Zustimmung schaute sie ihn an.
+Daß sie selbst durch drohende Schatten oder das Aufleuchten
+ihrer Stirn ihm die Richtung gewiesen, ahnte<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+sie nicht, sondern glaubte an eine ebenso glückliche wie
+beglückende Bekehrung.</p>
+
+<p>Doch dabei blieb Erwin nicht stehen. Er behauptete,
+daß ihn das Geständnis gereinigt habe als ein Gewitter
+in seiner Seele. Und nicht nur dies: so wie vorher Virginias
+Nähe ihn entflammt, so würde ihr Anblick jetzt genügen,
+ihn vor den Flammen zu schützen, denn er habe
+den höher gearteten Menschen in ihr erkannt und sei
+seiner Machtlosigkeit inne geworden. »Es gibt eine andächtige
+Kälte der Verehrung, die jede Rebellion und Begierde
+erstickt«, sagte er. »Und Sie haben sich nicht nur
+selbst, Sie haben auch Manfred erhoben. Es ist in mir
+eine Schuld gegen ihn angewachsen, an der ich ein Leben
+hindurch zu bezahlen haben werde. Wir beide müssen
+schweigen gegen ihn, aber das Schweigen müssen wir
+aussühnen, Virginia. Er hat Sie mir vertraut, eine Großmut,
+die ich hinnahm wie einen reizenden Scherz; ich will
+Sie wieder zu ihm führen, lauterer, wissender, vollendeter,
+reicher, stolzer, unabhängiger, nicht mehr Blüte,
+sondern schon Frucht. Die Blüte erfreut, die Frucht erfreut
+und nährt. Ich möchte Sie aus schädlichen Dämmerungen
+reißen, ich möchte Ihnen Erkenntnisse und Einsicht
+der Welt geben, ich will die Menschen vor Ihnen aufschließen,
+als ob es Türen in meinem Haus wären, ich
+möchte Ihnen die Beunruhigungen ersparen, von denen
+jede eine Falle und eine Gefahr für Ihre Schönheit bedeuten
+kann, ich will mich Ihnen weihen und will entsagen
+und will Ihr Sklave sein und der Sklave Ihres<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span>
+Schicksals, und wenn Manfred zurückkehrt, so mag er vor
+seiner Virginia erst niederfallen, bevor er sie als eine
+begrüßt, die ihm entgegengelebt hat.«</p>
+
+<p>Es atmete aus diesen für Virginia seltsam klingenden
+Worten solche Begeisterung, solche Echtheit, daß sie sich
+der hinreißenden Wirkung nicht einen Augenblick entziehen
+konnte. Man wollte sie bilden und verschönen,
+das war verführerisch, denn sie fühlte sich ja Manfred in
+keiner Weise ebenbürtig, und die Welt war ihr zu wirr,
+zu drohend alles Leben, als daß sie wie andre schöne
+Frauen mit der Grazie des Leichtsinns hätte hindurchschreiten
+können. Sie nahm von den herrlichen Versprechungen
+auf, was sie zu fassen vermochte, und war
+froh, daß die gefürchtete Stunde keine Gefahr mehr
+hatte. Sie horchte, wachte, entspannte ihren Geist, wobei
+ihr freilich dieser Mann immer wunderbarer wurde
+und seine Glut und Macht in irgendeinem Winkel ihres
+Herzens eine Art von Traurigkeit entstehen ließ.</p>
+
+<p>Aber er hatte sie wieder unbefangen gemacht, viel
+unbefangener sogar, als sie sich ihm je gezeigt. Und das
+war das Meisterstück gewesen. Als ihm Virginia mit
+Freundlichkeit und herzlicher Bitte das Perlenhalsband
+übergab, fand er Gelegenheit, die Stärke der neu errungenen
+Position sogleich zu erproben. Er wickelte das
+Paket auf, ließ die Perlen fallen, bis die Kette nur noch
+am Mittelfinger hing, und blickte Virginia enttäuscht an.</p>
+
+<p>»Wenn Sie einen Blumenstrauß oder ein Buch von
+mir genommen hätten, würden Sie sie mir gerade in<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+dieser Stunde auch nicht vor die Füße werfen«, sagte er
+mit umdunkelter Stirn.</p>
+
+<p>»Es geht nicht«, wandte Virginia ein und atmete tief.</p>
+
+<p>»Es geht nicht! Hinter diesen Worten steht eine gleichgültige
+und unwissende Welt. Die Kette hat ein Schicksal,
+Virginia! Sie heiligt einen Freundschaftsbund. Lassen
+Sie mich wenigstens daran glauben. Wir binden uns mit
+der Kette, aber, das wissen wir, sie wird zerreißen beim
+ersten harten Griff. Das muß uns heikel und zart machen.
+Die schimmernden kleinen Herzen, die man Perlen nennt,
+werden flehend am Boden rollen, und jede bedeutet ein
+verlorenes Glück.«</p>
+
+<p>Virginia schüttelte errötend den Kopf. Erwin sah ihr
+an, daß sie sich nicht rühren lassen wollte. Er betrachtete
+sie schweigend, voll von einer Güte im Ausdruck, einer
+leidenden Güte, die ihr jähes Mitleid wachrief, dann legte
+er die Hand vor die Augen und kehrte sich ab.</p>
+
+<p>»Was hab’ ich getan!« murmelte er.</p>
+
+<p>»Wenn ich auch die Kette nehmen würde,« erklärte
+Virginia endlich schwankend und in dem Drang, ihn durch
+Nachgiebigkeit aufzurichten, »ich könnte sie niemals tragen.«</p>
+
+<p>»Daran liegt mir nichts«, antwortete er; »obgleich Sie
+später anders darüber denken werden.«</p>
+
+<p>»Nein. Ich kann nicht so darüber denken, wie Sie
+wünschen. Die Sitte ist mächtiger als Sie und ich, und
+wenn auch Manfred jetzt seine Zustimmung gibt, so weiß
+er eben selbst nicht, auf welche Gedanken ihn der Anblick
+der Perlen bringen könnte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span>Erwin
+verbarg sein bewunderndes Erstaunen. »So
+behalten Sie das Geschmeide als Pfand«, schlug er vor;
+»ich verpfände es gegen mein Wohlverhalten, meine Ehrerbietung,
+mein bezwungenes Gemüt, die Ruhe meines
+Geistes, – dürfen Sie sich da noch einen Augenblick besinnen?«</p>
+
+<p>Und in der Tat, Virginia konnte und wollte sich der
+überzeugenden Aufrichtigkeit dieser Worte nicht entziehen.
+Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, einen Sieg errungen
+zu haben, als sie sich von Erwin verabschiedete. Am selben
+Abend schrieb sie ausführlich an Manfred. Sie erklärte,
+was sie zu erklären vermochte, ohne den Freund bloßzustellen.
+Als Beweis und Sicherheit der Treue hatte
+sie die Gabe im stillen hingenommen, aber in der Schilderung
+war alles von Zweifeln umwölkt, und sie schuldigte
+sich der Unaufrichtigkeit an. Zum erstenmal erschien ihr
+die weite Entfernung des Verlobten als ein beruhigender
+Umstand. Brisbane in Australien; es war, wie wenn
+man einen Brief in den Mond schickte. Bis Manfred
+ihn las, bis seine Antwort kam, waren alle Verwirrungen
+gewiß schon zur Ordnung gediehen.</p>
+
+<p>Mehr noch hatte Frau Geßner durch den der Tochter
+zugefallenen Schatz das Gleichgewicht verloren. Bei Virginias
+Rückkehr hatte sie sich natürlich erkundigt, was mit
+den Perlen geschehen sei, und als Virginia die Kette mit
+einem halb fragenden, halb ergebenen Lächeln vorwies, –
+denn eigentliche Freude empfand sie nicht mehr – verstummte
+die alte Dame, ja, sie wagte nicht einmal, Virginia<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
+auszuforschen, ob sie eine Ahnung von dem ungeheuern
+Wert des Schmucks habe. Ein so kostbares Geschenk
+als Zeichen bloßer Freundschaft anzusehen, ging ihr
+wider die Vernunft und den Weltlauf; sie seufzte; sie
+hoffte; sie bangte; sie war erregt und schweigsam; sie behandelte
+Virginia mit einer Vorsicht, die diese bedenklich
+hätte stimmen müssen, wenn sie nicht schon längst sich gewöhnt
+hätte, in der Mutter das ohnmächtige Geschöpf
+kernloser Phantasiespiele zu sehen. Bloß ihr allzu knechtisches
+Betragen gegen Erwin mißfiel ihr und ärgerte sie.</p>
+
+<p>Denn Erwin war jetzt täglicher Gast im Hause. Er
+kam spät nachmittags und blieb bis in die Nacht. Er war
+jedenfalls mit sich einig darüber, daß er nun etwas wie
+eine methodische Belagerung durchführte. Aber unterschied
+er die Triebe, die ihn leiteten? Er war ganz der
+Mann danach. Ganz der Mann, dem bezauberten Willen
+zu erliegen, in zwangvoller Sucht zu handeln, befeuert
+durch ein Lockbild von Glück und Verderben. Ihm war,
+als stehe er in einer Schöpfung, wo sich die Form vom
+Chaos löst. Es schien ihm wichtig, zu spüren, wer er war;
+ob er Schöpfer war. Sich selbst zu spüren, war seine
+tiefste Begierde. In diesem Werk, in dem alles schlecht,
+wild und verbrecherisch war, schien er seine Vollendung
+zu suchen, begabt mit den Eigenschaften der Morbiden,
+der Eroberer und der großen Instinktiven.</p>
+
+<p>Es war etwas Strahlendes an ihm; in seinen Zügen
+war die zuckende Sammlung, die Menschen eigen ist,
+welche auf einem vorgeschobenen Posten gefahrvolle<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span>
+Arbeit verrichten. Die Linien seines Gesichtes waren
+markiger geworden, der Blick sowohl schärfer als auch
+packender, der Mund fester geschlossen, die Haut etwas
+fahler, Schultern und Hände etwas ruhiger als sonst.</p>
+
+<p>Die gefahrvolle Arbeit mußte verrichtet werden. Sie
+zeigte sich nun in ihrer ganzen Ungewöhnlichkeit und
+Schwierigkeit. Das Pulver in den unterhöhlten Gängen
+hatte nicht gezündet; man mußte sich stärkerer Explosivstoffe
+bedienen, man mußte neue Minen graben. Daß der
+Posten umstellt war, bewies das Verhalten der Nachbarn.
+Die Nachbarn steckten die Köpfe zusammen. »Aha, jetzt
+kommt der Herr Kavalier schon jeden Tag«, sagten sie
+und schnüffelten Unrat. Zwei Lehrerinnen im vierten
+Stock, im zweiten ein Pfeifendrechslersehepaar, im ersten
+eine Bankbeamtenswitwe, im Erdgeschoß vier Töchter
+eines Postvorstands, und was sonst noch in die Höfe und
+auf die weiße Wendelstiege kam an Bedienerinnen, Waschfrauen,
+Köchinnen, Milchmädchen, Gemüseweibern, und
+was im Straßentrakt hauste, in der Greislerbude Beratungen
+pflog, das alles schnüffelte und raunte. Hätten
+sie nur etwas Sicheres gewußt! Gern verzeiht der Nachbar,
+wenn er etwas Sicheres weiß; wenn er aber nichts
+weiß, wird er zum Torquemada.</p>
+
+<p>Virginia verhehlte ihren Abscheu, die Mutter trug ihn
+vor Erwin zur Schau. »Ich habe Ihnen schon oft den
+Rat gegeben, diese Winkelzuflucht zu verlassen«, sagte
+Erwin; »wer beim Gewürm haust, wird nicht vom Schleim
+verschont.« Doch in diesem einen Punkt blieb Frau Geßner<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+starrsinnig. »Vierunddreißig Jahre leb’ ich hier«, antwortete
+sie; »verlaß ich das Haus, so weiß ich, was mir
+bevorsteht.« Erwin schwieg, doch auf seiner Stirn zeigten
+sich die ersten Drohungen einer kommenden Alleinherrschaft.</p>
+
+<p>Es gelang ihm, Virginia gleichmütig gegen »das Gewürm«
+zu stimmen. Er hatte da einen Ton von frostiger
+Majestät, der eine ganze Stadt von Schwätzern und Übelrednern
+zu Staub zerspritzte, und eine nicht weniger
+majestätische Gebärde, die eine Zusammengehörigkeit hoch
+über der Plebs ausdrückte.</p>
+
+<p>Er durfte daran erinnern, daß in der wirklichen Welt,
+wo auch immer Virginia sich an seiner Seite zeigte, nicht
+der Schatten eines Makels auf sie fiel; und diese wirkliche
+Welt verschmähte doch ebenso wenig den Klatsch und
+Skandal als der Nachbar in der Greislerbude und am
+Fenster des Hausmeisters. Virginia mußte es zugeben.
+Sie hätte die schlimme Nachrede untrüglich empfunden,
+ein einziger Blick der Bezichtigung hätte sie für alle Zeit
+verscheucht. Aber man wußte, daß sie Braut war; man
+hatte erfahren, daß der Verlobte auf fernen Meeren
+weilte, man bestaunte die Paladinsrolle Erwin Reiners,
+und was diese poetische Kunde, was die Patronanz einer
+Dame, wie es Frau von Resowsky war, nicht vermocht
+hätte, brachte Virginias Gestalt und Wesen zustande, ihr
+reines Auge, der Glanz der Unberührtheit, der über ihr
+schwebte wie über neugemünztem Gold. Man verhätschelte
+sie, man umschwärmte sie, und einige Komtessen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+eigneten sich sogar ihre Art zu lächeln an oder
+beim Sprechen den Kopf sanft zu neigen, so wie die
+kleinen Bürgermädchen Gang und Stimme der Rosanna
+Schörk nachahmten.</p>
+
+<p>An unscheinbaren Gelegenheiten, seine Macht über Virginia
+zu befestigen, fehlte es Erwin nicht. Wenn in Gesellschaft
+sein Blick auf ihr ruhte, prüfend oder träumend,
+zuckte sie zusammen, als ob man sie angetastet hätte. Mit
+Genugtuung nahm er wahr, daß sie sich von ihm fesseln
+ließ in Meinung, Urteil, Rede und Denken, daß sie verstimmt
+war, wenn er einmal ausblieb, ohne sie vorher benachrichtigt
+zu haben. Er bat demütig um Verzeihung,
+doch heimlich beglückten ihn ihre Vorwürfe, die halb
+neckend waren, halb den Verdruß des Wartens noch verrieten.
+Sie selbst war unzufrieden darüber. Er ist mir
+vielleicht zu bequem, dachte sie; er läßt mir das Leben zu
+mühelos erscheinen; es geht mir wie einem, der beständig
+durch Pauspapier zeichnet. Sie gab ihm das zu verstehen,
+aber er lachte sie aus. »Das ist ein Irrtum, der
+mir schmeichelt«, antwortete er; »leider sind wir alle mit
+vielen Geschicken beladen, und unser eigenes ist nur die
+gewußte Last.«</p>
+
+<p>Als ob er zu diesem Ausspruch eine lebendige Erfahrung
+bieten wollte, führte er sie an einem historischen
+Tag, an dem dreimalhunderttausend Arbeiter vor dem
+Parlament vorüberzogen, auf den Ring, wo viele Stunden
+hindurch der dumpfe Gleichschritt der Massen donnerte,
+der geordneten Kolonnen, die von unten her kamen, von<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span>
+dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult. Erwin lenkte
+den Blick seiner Begleiterin auf einzelne Gesichter. Er
+wußte, wie sie lebten, die von unten; er kannte ihre
+Plage, ihre Niedrigkeit, ihre armseligen Vergnügungen.
+Während er sprach, stürzte dicht vor ihnen ein etwa dreißigjähriges
+Weib in epileptischen Krämpfen zusammen. Erwin
+sprang hinzu, hielt die Arme der Schreienden fest und trieb
+müßige Zuschauer zur Hilfe an. Aber die aus den Kolonnen
+schauten fremd und gleichgültig herüber, als anerkennten
+sie ihn nicht und billigten ihn nicht. Als Erwin
+wieder an Virginias Seite war, sagte er: »Es war eine
+Prostituierte.«</p>
+
+<p>»Woher wissen Sie es?« fragte Virginia leise.</p>
+
+<p>»Solche Augen und solche Hände täuschen nicht«, erwiderte
+er mit verfalteter Stirn. »Es sind Hände wie
+verdorrte Wurzeln und Augen wie entsäftete Früchte. Es
+ist ein Mund, der grau ist wie von ewiger Nacht, ein Leib,
+der so müde ist, daß seine Bewegung einem Schüttelfrost
+gleicht. Soll man diese inkarnierte Verwünschung nicht
+spüren? Meine Ohren sind voll davon, und mich verlangt
+nach Freude, damit ich vergessen kann.«</p>
+
+<p>Sein Schritt wurde hastiger; auf einmal blieb er
+stehen, schaute das junge Mädchen groß und tief an und
+sagte mit Inbrunst: »Ihr Glücklichen! Glückliche Virginia!«</p>
+
+<p>Es überrieselte Virginia. Ja, sie fand sich glücklich;
+bis zu diesem Augenblick wenigstens hatte sie sich glücklich
+gefunden. Aber daß er es war, der ihr das Glück zuschrieb,<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span>
+schien ihr keine Vermehrung des Glückes zu sein. Klang
+es nicht, als wolle er seinen Anteil daran haben, als sei
+er arm und müsse betteln? Und sie war es doch, die
+empfing. Gabe um Gabe empfing sie aus seinen Händen
+und wurde um Dank immer verlegener.</p>
+
+<p>Sein Wesen beschäftigte sie, spannte sie, ließ sie niemals
+zum Ausruhen gelangen. Seine heimlichen Gedanken
+zu durchschauen, wenn er spottete, oder wenn
+er belehrte, oder wenn er schwieg, war nicht selten ein
+quälender Antrieb. Froh, daß er so ehrlich Wort hielt,
+daß er mit keinem Hauch mehr die Dinge berührte, die
+sie häßlich und verräterisch nannte, glaubte sie ihn durch
+Aufmerksamkeit, Geduld und Freundschaft belohnen zu
+müssen. Aber er wurde immer heimlicher. Seine Worte
+hatten oft eine Nebenbedeutung, die Virginia vergeblich
+zu ergründen suchte.</p>
+
+<p>Er war noch immer nicht der Vertraute, der zum
+Haus gehört und vieles von der Stimmung des Hauses
+bringt und nimmt. Er würde es nie werden. Er war
+der Fremde, der sich einwohnt, stets von neuem einwohnt,
+der befiehlt oder sich unterwirft, der sich absondert,
+indem er sich gesellt. Er war nie alltäglich, er hatte immer
+Festlichkeit; seine Gegenwart erweckte Neugierde, und er
+verabschiedete sich, wenn die Erwartung ihren Höhepunkt
+erreicht hatte.</p>
+
+<p>Er brachte Blumen. Wie war es möglich, daß Blumen
+auf einmal so seltsam wurden! Man wähnte, Blumen
+noch nicht gesehen zu haben. Er pflückte sie in seinem<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span>
+Garten, jede einzeln mit eigener Hand, und band sie zu
+einem Strauß, der sprechen konnte, der die Fülle oder
+die Wünsche gewisser Stunden ausdrückte, einsamer
+Stunden voll Träumerei, ermüdeter Stunden, tatkräftiger
+Stunden.</p>
+
+<p>Virginia liebte ja die Blumen über alles; der Zartsinn,
+der in seiner Freigebigkeit lag, machte ihr Gemüt
+freudiger. Er lehrte sie die Blumen kennen; nicht nur
+dem Namen nach, darin war ihre Unwissenheit nicht so
+groß, sondern auch dem Wesen, den Lebensbedingungen,
+dem Charakter nach. Er erkannte die Blumen am Geruch
+mit geschlossenen Augen; er sprach von ihren geistigen und
+sinnlichen Neigungen. Einige Blumen erweckten die Sinnlichkeit
+der Menschen, andere töteten sie, wie z. B. die
+Wasserlilien; wenn eine junge Frau an Wasserlilien riecht,
+bleibt sie kinderlos. Er enthüllte den Blütenkern und
+deutete das Mysterium der Entstehung. Er erzählte vom
+befruchtenden Wind und vom samentragenden Insekt.</p>
+
+<p>Es war eigen. Man hätte trockener sein können, als er
+es war. Es wäre interessant und lehrreich gewesen, aber
+nicht so eigen. Ohne Zweifel wußte er, daß das Liebesleben
+der Pflanzen zu den geheimnisvoll aufschürenden
+Erscheinungen in der Natur gehört, dermaßen einleuchtend,
+daß der reinste Geist davon am innigsten ergriffen
+werden muß.</p>
+
+<p>Eine schwüle Wolke stieg über den natürlichen Vorgängen
+empor. Virginia erinnerte sich nicht, solche Worte
+je vernommen zu haben. Es geschah einmal, daß sie aufstand,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span>
+als ob es ihrem Herzen an Raum fehlte. Ein Nebel
+schwamm um sie herum, der sie für die Dauer einiger
+Sekunden der Überlegung beraubte. Sie hatte das Gefühl,
+beleidigt worden zu sein. In ihren Zügen erwachte
+eine kindliche Besorgnis. Als sie dann allein war, ärgerte
+sie sich über sich selbst. Alles war so unfaßbar; zerronnen
+wie ein Spuk.</p>
+
+<p>Auch brachte er Bücher, um des Abends vorzulesen.
+Frau Geßner schlief gewöhnlich nach einer Viertelstunde
+ein. Virginia lauschte gern seiner wohltönenden Stimme.
+Er las Dante und Shelley in bedeutenden Bruchstücken;
+er las Hölderlinsche Gedichte und die geisterhafte Prosa
+von Novalis. Dann wagte er Goethes römische Elegien.
+Im glättenden Nachgespräch knüpfte er das erotisch Kühne
+vorsichtig an die Gesetze der Lebenskunst und der Persönlichkeit.</p>
+
+<p>Er wagte mehr. Er wagte einige von Boccaccios
+schimmernden Geschichten. Da Virginia leidlich gut
+italienisch verstand – die bucklige Großtante, die am
+großherzoglich toskanischen Hofe gelebt, hatte sie unterrichtet
+–, las er sie im Urtext, die Melodik des Idioms
+schwelgerisch feiernd. Der Titel, den er vorstellte, hieß:
+Die Freude. Triumph über die Materie war das Motto;
+oder auch: Befreiung von Gewissensangst. Gar zu bedenkliche
+Stellen milderte er geschickt, und die bunten
+Figuren tanzten vorüber als ein Ballett, das ein wenig
+verblaßt war, durch das aber wundersame Irrlichter
+huschten, die in den Träumen junger Mädchen nicht viel<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span>
+anders locken als in den Erinnerungen der Wüstlinge.</p>
+
+<p>Nur Virginia begriff nicht. Wenn Erwin den Inhalt
+mit einer fast gelehrten Sachlichkeit auseinandersetzte, wich
+sie zurück. Doch er hatte dann einen herrischen Ernst, der
+die Abwehr als beschränkt erscheinen ließ. <em class="gesperrt">Ihre</em> unschuldige
+Sachlichkeit hingegen reizte ihn bisweilen zur Frivolität,
+ihre scheu verwunderte Miene fand er köstlich.</p>
+
+<p>Es war ein merkwürdiges Bild; die Mutter schlummernd
+in der Sofaecke, und Erwin und Virginia bei der
+Lampe einander gegenüber. Ihr Antlitz voll Frage und
+Sträuben, das seine mitlebend, mithorchend, wachsam,
+überaus wachsam. Er sprach von der Liebe, vom Wandel
+der Sinnlichkeit durch die Zeiten, von der edlen Kultur
+der Sinnlichkeit, von der Hingabe, von der Großmut, die
+in freier Hingabe liegt. Er hatte viele Wege offen und
+verhinderte auf allen die Zuhörerin am Entfliehen. Sie
+ahnte den Trug hinter seiner kühlen Miene, irgendeine
+Scham erwachte, sie senkte die Augen vor seinem Blick,
+er bekämpfte den fernen Aufruhr der Scham und schürte
+dabei die nur von ihm allein genährte, noch ganz verborgene
+Unruhe des Bluts. In seinem Ton lag die Warnung
+für sie, moralische Schlüsse zu ziehen. Sie hatte
+gegen gewisse Freiheiten der Rede und der Schilderung
+kein Argument, nur ein heftiges Gefühl. Ihre Brust war
+von Zweifeln umdrängt, die ihn betrafen. Er war so
+ungeheuer fein, daß selbst ihr feiner Instinkt seine Ziele
+niemals erkennen konnte. Ungenau spürte sie das Rechte,
+war lustvoll und verwirrt, schweigsam und gern getäuscht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>Aber
+vielleicht hatte er nicht in Rechnung gezogen,
+daß er, was wider den Plan ging, ihren Geist wehrhaft
+machte. Sie sah sich nach Hilfsmitteln um, wenn er sie
+in die Enge trieb. Sie konnte nicht zurückweichen, dann
+wollte sie es nicht mehr, um nicht für feig gehalten zu
+werden. Sie überraschte ihn durch die Eigenart und Bestimmtheit
+ihrer Ansichten, und er mußte zugeben, daß sie
+viele Hintergründe habe, daß sie sich in keiner Weise ausliefern
+würde, daß von Überlistung keine Rede mehr sein
+könne. Da verdoppelte sich seine Kraft und sein Schwung,
+und sie, indem sie sich ihm stellte, empfand unausweichlicher
+die magnetische Gewalt seiner Gegenwart.</p>
+
+<p>Er wünschte aus ihr etwas wie eine <em class="antiqua">grande dame</em> zu
+machen. Er behauptete, sie sei dazu geboren. Er gebrauchte
+den Ausdruck <em class="antiqua">grande dame</em> und bezeichnete ihn
+als unübersetzbar. Virginia lachte ihn aus, wurde aber
+stutzig, wenn scheinbare Mängel ihrer Haltung seine Kritik
+herausforderten. Die Art, wie sie beim Gehen ihre Arme
+ohne jede Muskelanspannung sinken ließ, nannte er königlich,
+doch müsse sie den Kopf nicht allzu lässig tragen,
+meinte er, dadurch beeinträchtige sie die vollkommene
+Linie des Halses und der Büste, verberge sie das liebliche
+Aufleuchten der Stirn, von dem oft ihre Gedanken begleitet
+seien. Bei solchen und ähnlichen Worten, die sie
+förmlich mit Händen anrührten, erschrak Virginia, und
+daß sie ihr nicht die Unbefangenheit raubten, war ein
+Verdienst ihrer Natur, der jede oberflächliche Eitelkeit
+fremd war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>Er
+entwarf Kostüme für sie, darunter ein besonders
+prächtiges und kostbares, das für ein Trachtenfest im fürstlich
+Liebenbergschen Park bestimmt war. Er wählte ihre
+Hüte, ihre Gürtel, die Farbe der Blusen, den Schnitt
+der Schleier. Sie ließ es sich gefallen, mit immer bedrückterem
+Herzen, vergeblich sinnend, wie sie sich dem
+entziehen könne. Sie war jedem Parfüm abgeneigt; er
+brachte ihr die auserlesensten; sie ließ sie unbenutzt. Wenn
+sie in seinem Beisein daran roch, kam es über sie wie ein
+matter, aber gefährlicher Rausch. Endlich überredete er
+sie zum Gebrauch einer Mischung, die von Guérin in
+Paris erfunden worden war und von der ein Fläschchen
+fünfhundert Kronen kostete. »Dergleichen ist freilich auch
+den Dilettantinnen von Bedeutung, die nur nach außen
+wirken wollen,« sagte er, »aber trotzdem von großer Wichtigkeit
+für eine Frau, die es versteht, einer leblosen Minute
+durch ein leicht erzeugbares Wohlgefühl zu steuern.«</p>
+
+<p>Eines Tages mietete er einen Steinway-Flügel und
+ließ ihn in die Geßnersche Wohnung schaffen. Er sagte,
+das Instrument sei sein Eigentum und bleibe es. Dagegen
+ließ sich nichts einwenden, um so weniger, als Frau
+Geßner von der Aussicht entzückt war, bisweilen Musik
+hören zu können.</p>
+
+<p>Am Abend, wenn es zwielichtig wurde, der Sommertag
+seine letzten Atemzüge ins Zimmer hauchte, die Höfe
+stille lagen und über ihre Mauerngevierte der Mond heraufstieg
+oder die Sterne dunstumschleiert sich entzündeten,
+setzte er sich an den Flügel und spielte. Es waren Fantasien.<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+Er mied die kräftigen Töne, es war alles mild, melancholisch,
+voll von Sinnen und von Schmeichelei. Es war beredt
+in klagender und erinnernder Art. Er schien sich mitzuteilen.
+Da er immer weniger von sich selber sprach,
+nahm er seine Zuflucht zur Sprache der Musik, die von
+seiner Einsamkeit erzählte, von Wahn und Enttäuschung,
+von Verlangen und Verzicht. Bisweilen hielt er inne,
+seufzte und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Wenn
+er so saß, den Kopf emporgewandt, war etwas edel Vertieftes
+an ihm, und sein schlanker Körper ruhte ebenmäßig
+in dem Halbdunkel, wie losgelöst von Zweck und Willen.
+Dann erhob sich Virginia und machte Licht; ihre Stirn
+war gerunzelt, sie ärgerte sich über die Mutter, die oft
+Tränen in den Augen hatte, aber ihr Bestreben, sich der
+eigenen Hingenommenheit zu entziehen, ward desungeachtet
+offenbar.</p>
+
+<p>»Nein, das ist nichts für Sie,« sagte dann Erwin und
+schlug den Deckel des Klaviers zu, »das sind unreine Strömungen;
+Teufelszeug ist es. Sie müssen unter die Menschen,
+vergnügt müssen Sie sein, verwöhnt müssen Sie
+werden, Hall und Widerhall muß um Sie sein.« Und er
+erzählte eine lustige Anekdote, redete über Leute und Ereignisse,
+und plötzlich war sein Gedächtnis angefüllt mit
+pikanten Histörchen, heiteren Schwänken und den Alkovengeheimnissen
+aller Paläste und Bürgerhäuser der ganzen
+Stadt.</p>
+
+<p>Wenn er mit Virginia in Gesellschaft zusammentraf,
+war es, als ob ihre Anwesenheit allein genüge, ihn zum<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
+Mittelpunkt zu machen. Und wenn er den Vornehmsten,
+den Ausgezeichnetsten gegenüber sein freies, ja oft sarkastisches
+Wesen nicht ablegte, vor Virginia bezeigte er
+stets den lautersten Respekt und eine Ergebenheit, die sie
+in den Augen aller andern hob. Dies sicherte ihre Stellung,
+ließ ihr jeden Argwohn als Undank erscheinen, und allmählich
+empfand sie seine Hilfe, seine Führung als etwas
+Notwendiges, als etwas seltsam Unentbehrliches. Seine
+Beziehungen zu den Frauen erklärten sich auf eine natürliche
+Weise, und ihr Herz verteidigte ihn, wenn übelwollender
+Klatsch ihr zu Ohren gelangte.</p>
+
+<p>Eines Tages traf sie Marianne von Flügel, die sie seit
+Wochen nicht gesehen hatte und die gerade Anstalten traf,
+für den Sommer nach Tirol zu reisen. Marianne lenkte
+alsbald, wie es in ihrer Absicht lag, das Gespräch auf
+Erwins Beziehung zu Helene Zurmühlen. Vielleicht
+glaubte sie Virginia eifersüchtig machen zu können, aber
+da Virginias Äußerungen den Bereich zweifelnder Teilnahme
+nicht verließen, erging sie sich in grober Deutlichkeit
+und sagte, es würde sie wundern, wenn die Geschichte
+nicht ein schlechtes Ende nähme. »Es nimmt ein schlechtes
+Ende mit allen, die in seine Netze geraten,« fügte sie hinzu,
+»mit Männern und mit Weibern.«</p>
+
+<p>»Und das behaupten Sie, Marianne, Sie?« rief Virginia
+erstaunt.</p>
+
+<p>»Ja, ich! Gerade ich, die ihm näher steht als irgendwer.
+Ich, die einzige, die ihn kennt.«</p>
+
+<p>»Ich find’ es nicht so schwer, ihn zu kennen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>Marianne
+lachte. »Ach, Sie meinen, er sei ein offenes
+Buch. Mag sein, aber wer eine Seite in diesem Buch
+liest, hat keine Ahnung davon, was auf allen andern Seiten
+steht. Sie sind sehr klug, Virginia«, sagte sie nach einer
+kleinen Pause mit lächelnder Miene, indem sie von weitem
+ihre Fingernägel betrachtete; »Sie geben ihm einen hohen
+Begriff von Ihrer Intelligenz, denn bei ihm ist alles
+nur eine Frage des Widerstands. Sie machen Epoche
+in seinem Leben, so wie ein Fasttag im Leben eines
+Fressers Epoche macht.«</p>
+
+<p>Der vergiftete Pfeil streifte an Virginia vorüber, ohne
+sie zu verletzen. Aber ihr Blick nahm plötzlich etwas Durchdringendes
+an, der geschwungene Mund dehnte sich, sie
+fühlte ihre Pulse rascher schlagen. Marianne bot ihr die
+Hand zum Gruß; Virginia schlug nicht ein, nicht weil es
+sie widerte, sondern weil sie in Nachdenken verloren war.
+Während sie weiterging, kämpfte sie gegen eine schreckliche
+Empfindung; ihr war, als beginne sie Erwin zu
+hassen. Sie kannte noch nicht den Haß, sie sträubte sich
+gegen ihn, sie war kaum fähig, ihn zu ertragen.</p>
+
+<p>Am Abend holte Erwin Virginia und Frau Geßner
+ab, um mit ihnen in die Oper zu fahren. Es war sehr
+heiß; nach dem ersten Akt bekam Frau Geßner Kopfschmerz
+und legte sich auf das Sofa im Hintergrund der
+Loge. Virginia schaute ruhig durch den von Licht und
+Dunst zitternden Raum, da sah sie zwei Augen strahlend
+und mit fast verschlingendem Ausdruck ununterbrochen
+auf sich gerichtet. Es war Helene Zurmühlen, die mit<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span>
+einigen Damen in einer gegenüberliegenden Loge saß.
+Erwin stand auf, verbeugte sich und ging hinaus. Nach
+kurzer Weile erblickte ihn Virginia neben Helene. Er
+unterhielt sich sehr angelegentlich mit ihr, und sein Gesicht
+hatte dabei einen leidenschaftlichen und zarten Ausdruck.
+Helenes Kindergesicht war lebhaft errötet, die feurigen,
+neugierigen, schmalen Lippen waren naiv geöffnet,
+aber ihre Augen strahlten dann und wann mit demselben
+verschlingenden Glanz zu Virginia hinüber, die ein solches
+Unbehagen verspürte, daß es sie die größte Überwindung
+kostete, gelassen auf ihrem Platz zu bleiben. Sie gewahrte,
+daß mehrere Operngläser auf sie gerichtet waren,
+die sich dann in die Richtung wandten, wo Erwin sich mit
+jener Frau befand.</p>
+
+<p>Plötzlich erhob sich Virginia, trat zu ihrer Mutter und
+sagte kurz: »Mutter, komm, wir gehen heim.« – »Du
+willst fort? Warum denn?« fragte Frau Geßner, erschrocken
+über die Blässe in Virginias Gesicht. Aber diese
+hatte schon Mantel und Schal umgenommen und trieb
+die Mutter, welche wußte, wie gefährlich es war, Virginia
+in solchen Momenten durch Frage und Widerpart
+zu reizen, zur Eile an. Drüben hatte Erwin sein Gespräch
+fast schroff beendet. Helene, die sich eines solchen
+Wechsels seiner Stimmung nicht versehen hatte, war
+einer Ohnmacht nahe. Aber als sie die andere nicht
+mehr in ihrer Loge sah, begriff sie alles, auch Erwins bestrickendes
+Wesen, das sie für die Dauer von fünf Minuten
+einem tödlichen Kummer entrissen hatte. Noch glaubte<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+sie nicht, obwohl es furchtbar in ihr zu tagen anfing.</p>
+
+<p>Als Erwin sich überzeugt hatte, daß Virginia mit
+ihrer Mutter das Theater verlassen hatte, schmunzelte er.
+Nachdem der Vorhang aufgegangen war, schlüpfte er in
+seinen Mantel, setzte den Zylinder auf, schob den Stock
+unter die Achsel und, die Handschuhe anstreifend und leise
+vor sich hinträllernd, stieg er langsam über die große Freitreppe
+des Opernhauses hinab.</p>
+
+<p>Kaum saß Virginia mit ihrer Mutter in der elektrischen
+Bahn, so fuhr es ihr entsetzt durch den Sinn: Um Gottes
+willen, was hab’ ich da getan! Wie es bei phantasievollen
+Menschen zu gehen pflegt, wenn der Impuls zu einer
+falschen Handlung geführt hat, hätte sie jetzt alles Mögliche
+geopfert, um das Geschehene ungeschehen zu machen.
+Aber es gibt einen Ausweg, sagte sie sich, indem sie neuerdings
+einem ebenso falschem Impuls gehorchte, ich werde
+sagen, daß ich die Mutter zum Wagen begleitet hätte; er
+wird es sonderbar finden, aber er wird nichts merken.
+»Ich geh’ zurück in die Oper«, sagte sie hastig. »Frag nicht,
+frag mich nicht,« fügte sie flüsternd hinzu, als sie das besorgte
+und verblüffte Gesicht der Mutter gewahrte, »zu
+Haus werd’ ich dir alles erklären.« Und bei der nächsten
+Haltestelle verließ sie den Wagen.</p>
+
+<p>Es waren nur wenige Schritte bis zur Oper. Warum
+habe ich es getan? grübelte sie mit einem Gefühl des Entsetzens.
+Und sie spürte genau, als ob eine Wunde in ihr
+sei, wie der Haß gegen Erwin in ihrem Gemüte wuchs.</p>
+
+<p>Da erblickte sie ihn. Er stand neben der Auffahrt bei<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span>
+einer Blumenhändlerin und kaufte Rosen. Erstaunt, ihn
+auf der Straße zu treffen, blieb sie unwillkürlich stehen.
+Erwin wandte sich um. »Virginia!« rief er freudig. Dann
+schüttelte er verwundert den Kopf. »Ich wußte, daß Sie
+zurückkommen würden«, sagte er leiser und reichte ihr mit
+langsamer Gebärde die Rosen dar. Es waren drei vollaufgeblühte
+Rosen, die einen betäubenden Duft ausströmten.</p>
+
+<p>Sie war unfähig, etwas zu sagen. Die ausgedachte
+Erklärung kam ihr langweilig und albern vor. Mechanisch
+steckte sie ihre Nase in die Blumen. »Bitte, begleiten Sie
+mich zu einem Einspänner«, sagte sie gepreßt. – »Wollen
+Sie das Stück nicht zu Ende hören?« fragte er. Sie verneinte.
+»Ihre Mutter hat die Schwäche, Ihnen alle Vergnügungen
+zu verderben«, fuhr er ironisch und fein erratend
+fort. Virginia atmete auf. Sie nickte. »Ich habe
+jetzt die Lust verloren«, antwortete sie; »auch ist es zu
+schwül im Theater.«</p>
+
+<p>Erwin hatte einen offenen Fiaker gerufen, nannte dem
+Kutscher die Adresse und bezahlte den ehrfürchtig Dankenden.
+Daß er Virginia zu dieser Stunde allein fahren
+ließ, war fast eine Genialität. Er konnte sich eines Lächelns
+nicht enthalten, als sie ihm mit froher Bewegung die Hand
+reichte. »Die gibt einem die härtesten Nüsse zu knacken«,
+murmelte er, dem schönen Gefährt nachschauend, das sich
+rasch entfernte. Ein Schleier legte sich über seine Augen,
+und seine Stimmung verfinsterte sich.</p>
+
+<p>Virginia, in die Ecke des Wagens gelehnt, betrachtete
+die Rosen. Sie empfand den Geruch als aufdringlich, erschauerte<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
+plötzlich und warf die Blumen auf die Straße.
+Als sie vor dem Hause stand und läutete, kam eben die
+Mutter. Frau Geßner war sprachlos; dann mußten sie
+beide lachen. »Ich habe mich doch anders entschlossen«,
+sagte Virginia verlegen; »aber frag nicht, Mutter, frag
+nicht.« Und Frau Geßner fragte nicht, sie seufzte bloß.</p>
+
+<p>Es war erst neun Uhr. Virginia zog einen leichten
+Schlafrock an und ging eine Weile im Zimmer hin und her.
+Dann holte sie Schreibmappe und Tintenfaß, setzte sich
+an den Tisch und schrieb, mit nicht so sicherer Hand wie
+sonst, einen Brief an Manfred.</p>
+
+<p>»Teurer! Lieber,« schrieb sie, »so weit du in Wirklichkeit
+bist, so nah bist du heut meinen Gedanken. Ich
+könnte beten, daß die Zeit schneller läuft. Ich war nie so
+ungeduldig. Es ist jetzt schon Sommer, und die Stadt
+hat ein häßliches Gesicht. Ich habe Sehnsucht nach Wald
+und Wiese und will mit der Mutter Ende nächster Woche
+nach Edlitz fahren, wo es uns auch vor zwei Jahren so
+gut gefallen hat. Wir werden wieder dasselbe kleine
+Bauernhäuschen mieten, ich werde ein bißchen arbeiten,
+wenn’s geht, und wenn’s nicht geht, ruh’ ich mich aus von
+den vielen Menschen. Wie gut, sich auszuruhen! wie gut,
+auf dem Moos zu liegen und zu denken, an dich zu denken!
+Ich möchte so lang wie möglich dort bleiben, und wenn
+wir dann im Herbst zurückkommen, wird ein neues Leben
+angefangen. Morgen ist das Parkfest bei der Fürstin
+Liebenberg, da geh’ ich noch hin, weil ich’s versprochen
+habe, aber dann ist Schluß mit allen Gesellschaften und<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span>
+Vergnügungen. Es ist so beängstigend, wenn jede Woche
+ein Programm hat. Es ist auch beängstigend, fortwährend
+über die eigenen Verhältnisse zu leben und nicht klar
+darüber zu sein, womit man ein solches Übergreifen vor
+sich und andern rechtfertigen soll. Ich bin fest entschlossen,
+dem ein Ende zu machen. Ich zweifle an Erwins Redlichkeit
+nicht, aber ich ziehe es vor, mit gutem Gewissen in
+der Armut als mit schlechtem in der Fülle zu leben. Zu
+viele Pflichten, zu viele Bedenken erwachsen mir daraus,
+zu viel unreines Gefühl, das man dann wieder betäuben
+muß durch allerlei Dinge, die die Freiheit beschränken.
+Sind wir einmal draußen auf dem Land, so werd’ ich alles
+mit der Mutter ernsthaft besprechen und ordnen. Ich
+glaube, auch dir wird es im Grunde lieber sein, wenn
+du deinem Freund nicht auf eine Weise verpflichtet bist,
+die mir drückend erscheint. Erwin wird das einsehen; er
+hat den Zug ins Große, aber er vergißt, daß kleine Leute
+klein bleiben müssen und daß sie sich nur die Glieder verrenken,
+wenn sie sich nicht nach der Decke strecken. Sonst
+kann ich nicht klagen ...«</p>
+
+<p>Virginia ließ die Feder sinken. Ist das wahr? fragte
+sie sich. Nein, sie hätte klagen können. Als sie das Geschriebene
+überlas, war es ihr, als ob in all ihren Worten
+eine Lüge enthalten sei. Eigentlich hätte sie schreiben
+müssen: Komm zurück, Manfred! Komm, so schnell du
+kannst! Sie beendete den Brief heute nicht mehr. Sie
+saß noch lange, den Kopf in die Hand gestützt, und bisweilen
+flog es wie Fieber durch ihren Körper.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Ein_anderes_Gesicht">Ein anderes Gesicht</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-a.jpg" alt="A">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Am nächsten Nachmittag kam Erwin früher, als ihn
+Virginia erwartete. Das Fest sollte um fünf Uhr
+beginnen. Sie war noch beim Frisieren, saß vor
+dem Spiegel im Wohnzimmer, und Frau Geßner hielt
+Erwin in der Küche auf. »Machen Sie keine Umstände,
+Mama,« sagte Erwin aufgeräumt und schob die ängstliche
+Frau einfach beiseite, »in Frisiertoilette kann jede Dame
+empfangen. Es ist sogar üblich. Wir haben nicht viel Zeit,
+und ich muß Virginia zur Eile treiben.«</p>
+
+<p>Er stand schon auf der Schwelle, nachdem er lachend
+die Tür geöffnet hatte. Virginia, das Haupt in ihrem
+weißen Mantel gegen ihn kehrend, sah ihn erschrocken an.
+Das Erglühen ihres Gesichtes versprach keine gute Wendung.
+Sie, die als Kind von zwölf Jahren den Arzt nicht
+in ihrer Nähe geduldet, wenn ihre Haare nicht geflochten
+waren, die selbst vor Manfred, obwohl er einmal herzlich
+darum gebeten, nie die Haare gelöst, wollte die unerwünschte
+Gegenwart des Eindringlings nicht willig hinnehmen.
+Sie erhob sich schweigend, um aus dem Zimmer
+zu gehen.</p>
+
+<p>Erwin nahm seine ganze List und Kunst zusammen,
+sie davon abzuhalten. Er drehte sein Unterfangen ins
+Scherzhafte, er bog das Knie zur Erde und streckte flehend
+die Arme aus, und was er sagte, war so witzig und voll
+Schelmerei, daß Virginia schließlich lachen mußte. Auch
+Frau Geßner, die dabei stand, war seelenvergnügt. »Seit<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span>
+anderthalb Stunden plagt sich das Kind«, sagte sie; »dreimal
+hab’ ich ihr angeboten, eine Friseurin zu holen, aber
+das will sie nicht.« – »Ich kann keine fremden Hände an
+mir vertragen«, gab Virginia nervös zu.</p>
+
+<p>Erwin hatte seine Fachmannsmiene aufgesetzt. »Wenn
+Sie zehn Minuten stille sitzen wollen, Virginia,« sagte er,
+»werd’ ich Sie aus der Verlegenheit befreien, und Sie
+werden eine mustergültige und stilgemäße Haartracht
+haben. Darf ich? Sie wissen, ich verspreche niemals mehr,
+als ich leisten kann.«</p>
+
+<p>Virginia betrachtete ihn zweifelnd und unschlüssig.
+Sie fürchtete, blöde zu erscheinen, wenn sie sich weigerte.
+»Können Sie denn das? Wieso denn?« erkundigte sie
+sich verwundert. Er zuckte die Achseln. »Nie ist mir das
+Frisieren so schwer geworden«, klagte sie und schüttelte
+den prachtvollen Strom ihrer Haare über die Schultern
+zurück; »man sagt, böse Träume seien daran schuld«, fügte
+sie lächelnd hinzu. »Nun, wenn Sie glauben, daß Sie’s
+fertigbringen, probieren Sie es meinetwegen.« Und befangen
+nahm sie Platz.</p>
+
+<p>Frau Geßner schaute mit andächtig gefalteten Händen
+zu, als Erwin ans Werk ging. Er verstand es ausgezeichnet,
+und da er die Arbeit still, flink und mit großer Behutsamkeit
+verrichtete, gewann Virginia ihre Ruhe wieder, und
+sie dachte darüber nach, wie er zu solcher Fertigkeit gelangt
+sein mochte.</p>
+
+<p>Seine aufmerksame und unbewegte Miene verriet nicht
+die prickelnde Lust seiner Finger; von den seidenweichen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span>
+Haaren sprangen elektrische Funken auf seine Haut, die
+ihm die sinnliche Täuschung erweckten, als stehe er unbekleidet
+unter einem lauen, rieselnden Wasserfall. Verriet
+nicht die schon zur Qual und Wildheit gesteigerte
+Vehemenz seiner Wünsche, seine ausschweifenden Projekte,
+die Entzündung seines Gehirns und seines Willens,
+die unheimliche, in allen Poren wühlende Sucht seiner
+verwöhnten, hartnäckigen, kühlen und leidenschaftlichen
+Seele. Sondern es gaben ihm sein Tun, die Vertiefung,
+die jünglinghafte Spannung des Gesichts ein edles Ansehen,
+und Virginia, die ihn so im Spiegel gewahrte,
+dankte ihm durch einen ruhigen Blick.</p>
+
+<p>Um vier Uhr befanden sie sich im Pavillon des Parks,
+und eine Stunde später setzte sich der Zug der historischen
+Gruppen in Bewegung. Man sah Pagen und Ritter,
+Bauern und Landsknechte, Pfaffen und Zigeuner, Ratsherren
+und Spielleute. Virginias Schimmel, dessen
+Sanftmut verbürgt war, erinnerte sich vor den Augen
+der vielen Zuschauer gleichwohl an tänzerische Anfechtungen
+seiner Jugendzeit, und als die Reiterin den Zügel
+riß und das Aufbäumen des verkappten Invaliden durch
+ihre unnachgiebige Haltung zu brechen wußte, sah es wirklich
+aus, als zähme ein kühnes Burgfräulein den stolzen
+Araberhengst. »Famos«, murmelten die jungen Aristokraten.
+Und das »Volk«? Das Volk staunte. Virginias
+birkenschlanke Gestalt, angetan mit dem himbeerfarbigen
+Sammetkleid nach Art einer Edeldame des sechzehnten
+Jahrhunderts und dem Hut mit den funkelnd weißen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Reiherfedern, hatte nichts von dem Befremdlichen einer
+Maskerade: es war eine sinnvolle Romantik darin.</p>
+
+<p>Frauen und Männer huldigten ihr. Wie hätte sie von
+solchem Erfolg nicht ein wenig trunken werden sollen?
+Als sie noch bei der Mutter gelebt, unwissend; als nur
+Manfred allein, aus der unbekannten Welt sich lösend,
+vertraut in ihren Kreis getreten war, hätte sie sich von
+alledem nichts träumen lassen. Die balsamische Luft! der
+dunkelblaue Julihimmel! Unten werden Wünsche geboren,
+oben werden sie erfüllt.</p>
+
+<p>Ein Teil des Parks war für die Gäste der Fürstin abgegrenzt.
+Es war kein steifes Wesen; die freie Mischung
+der Gesellschaft kam einer reizenden Zwanglosigkeit zustatten.
+Virginia saß in einem Zirkel junger Herren und
+Damen, an deren heiteren Gesprächen sie wenig Anteil
+nahm. Da gewahrte sie die Fürstin; sie stand auf und ging
+ihr entgegen. Erwin erhob sich ebenfalls; er blickte unschlüssig
+vor sich hin, plötzlich tauchte Fritz Kynast vor ihm
+auf. »Haben Sie meine Schwester nicht gesehen, Erwin?«
+fragte er.</p>
+
+<p>»Ich hatte nicht das Vergnügen, ich wußte gar nicht,
+daß Frau Zurmühlen hier ist«, versetzte Erwin kalt.</p>
+
+<p>»Doch; ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen«, sagte
+der junge Mann in seinem abgemessenen Hofratston. »Sie
+wissen ja, ich habe mich der Pflicht unterzogen, sie bisweilen
+dem Ehejoch zu entziehen. Wir sind alle ein wenig besorgt
+um sie. Sie ist so zart. Man will sie über den Herbst nach
+Rimini ins Seebad schicken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>»Ah,
+nach Rimini? Nicht übel«, antwortete Erwin zerstreut
+und gleichgültig.</p>
+
+<p>»Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Rimini zu
+gehen?« fragte der andere mit mühsamer Freundlichkeit
+und einem Zug in den Mundwinkeln, der Drohungen zu
+enthalten schien, »mir ist, als hätte Helene etwas davon
+verlauten lassen.«</p>
+
+<p>»Ich entsinne mich, ich dachte daran, bin aber längst
+davon abgekommen.«</p>
+
+<p>»So ... Schade. Die Arme. Da wird sie sich mopsen
+bei den Katzelmachern. Schade. Ich hab’s ihr aber gesagt.
+Erst gestern hab’ ich ihr gesagt: es ist unmöglich, daß der
+Erwin nach Rimini geht, unmöglich.«</p>
+
+<p>Die beiden Männer sahen einander schweigend an.
+Fritz Kynast lächelte, Erwin erwiderte das Lächeln nicht.
+Er nickte jenem zu und entfernte sich. Er gewahrte, daß
+die Fürstin von Virginia weggegangen war, und schritt
+Virginia entgegen. Er trat an ihre Seite, und sie kehrten
+dann zusammen um. Ehe sich Virginia dessen versehen
+hatte, befanden sie sich in einer ziemlich einsamen Partie
+des Gartens. Es war ihr unbequem, aber sie fand keinen
+Vorwand, wieder zu den Menschen zurückzukehren. Auch
+hielt sie ein wunderlicher Trotz davon ab.</p>
+
+<p>»Ich möchte reisen,« sagte Erwin, »ich möchte fort.«</p>
+
+<p>Virginia entgegnete nichts. Seine Stimme, die traurig
+klang, verstärkte den wunderlichen Trotz. Indem sie auf
+die Erde blickte, hatte sie das Gefühl, als habe sie ganz
+vergessen, wie Erwin aussah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span>»Und
+Sie, Virginia?« fragte er leise. Da sie nichts
+antwortete, fuhr er fort, und seine Worte erschreckten sie,
+weil sie aus ihnen abermals seine schier unbegreifliche
+Kunst erkannte, mit der er ihre Stimmungen und Absichten
+erriet: »Ich weiß, ich ahne es, Sie sehnen sich nach
+einer ländlichen Zurückgezogenheit. Eine Stadt ist zu
+Ihren Füßen gelegen, und Sie denken an den Frieden
+eines Bauerndorfs. Sie wollen die Welt, die sich zu
+Ihrem Sklaven erklärt hat, von sich stoßen. Das würde
+sich rächen, Virginia, das würde sich bitter rächen. Nicht
+zweimal bietet das Glück den gefüllten Becher.«</p>
+
+<p>Sie waren an dem steinernen Rand eines Bassins angelangt.
+In dem grünlichen Wasser schwammen Goldfische.
+Ringsum standen schöne, alte Bäume. Von fernher
+tönte Musik. »Es ist lächerlich«, sagte Virginia mit
+niedergesenkten Augen.</p>
+
+<p>»Was? was ist lächerlich?«</p>
+
+<p>»Daß Sie alles von mir wissen. Sie sind wie ein
+Spion. Ich fürchte mich beinah vor mir selbst. Bin ich
+denn durchsichtig?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie das Bauernhaus,« sagte Erwin, ohne sie
+anzublicken, »ich weiß Besseres.«</p>
+
+<p>Er dichtete eine erhabene Landschaft; er dichtete einen
+See hinein, und in den See eine Insel, und auf die Insel
+ein Schloß, und um das Schloß einen Palmenhain und
+Lorbeergärten, und an den Molo ein bewimpeltes Boot,
+und in das Schloß kühle Gemächer, blumenbeladene
+Veranden, stumme Dienerinnen, des Abends Feste, Ball<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span>
+und Gesang und Fahrt auf dem Wasser; in Stundennähe
+die großen Städte der Lombardei, und in Stundennähe
+die Einsamkeit der Gebirge, die marmorne Wucht
+der Gletscher, und wieder in Stundennähe das Meer.</p>
+
+<p>Oder war es nicht Dichtung? Erzählte er? lockte er?
+war es Wirklichkeit? er besaß es? hatte ein solches Schloß?
+wollte hinfahren? jetzt? morgen? Und Virginia sollte mit
+der Mutter im Schlosse hausen? und er würde am Seegestade
+hausen, allein in einer Fischerhütte?</p>
+
+<p>Virginia wandte sich kopfschüttelnd ab und setzte sich
+dann mit übergeschlagenen Beinen auf den Rand des
+Bassins. Ihr Gesicht hatte einen trocknen und ungeduldigen
+Ausdruck. Erwin trat vor sie hin und blickte auf
+ihre weißen Schultern herab. Er sah den Nacken und die
+weißen Schultern und die obere Wölbung des Busens so
+nah, daß er sich nur wenig hätte neigen müssen, um seine
+Lippen darauf zu drücken. Er spürte die Wärme ihres
+Leibes und vernahm das leise Knistern des Gewands. Er
+sah sie nicht mehr in ihrem Kleide, sondern er empfand
+den Reiz und Wohlgeruch des durch das Kleid verhüllten
+Körpers selbst. Und ihm war, als könne es von jetzt an
+nicht mehr anders sein; immer würde er die weiße Schulter
+sehen, den schimmernden Nacken, die friedliche Wölbung
+ihres Busens.</p>
+
+<p>»Bald wird es ein Ende haben«, sagte er dumpf und
+eintönig; »schon seh’ ich die züchtigen vier Wände aufgerichtet.
+Virginia wird heiraten. Virginia wird mit dem
+Fleischer, dem Greisler, dem Bäcker Verhandlungen anknüpfen,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span>
+Virginia wird ein Haushaltungsbuch mit Soll
+und Haben führen, wird Kinder kriegen, eins, zwei,
+drei ...«</p>
+
+<p>Hastig stand Virginia auf. Sie bohrte den Blick unergründbar
+mutig in den seinen und sagte befehlend:
+»Genug.«</p>
+
+<p>Er hielt ihren Blick aus wie ein ehrlicher Mann.
+»Genug?« fragte er mit einem von Schmerz zusammengezogenen
+Gesicht. »Was für ein Wort: genug! Ein Wort
+für die Satten. Wer genug sagt, der sterbe. Genug ist
+ein Sargdeckel.«</p>
+
+<p>»Sie haben mir ein Genug versprochen«, erwiderte
+Virginia plötzlich sanft und beängstigt. Und mit tiefer
+Entschiedenheit fügte sie hinzu: »Für mich wäre es sonst
+wirklich genug.«</p>
+
+<p>Erwin verbeugte sich. Er preßte die Zähne zusammen.</p>
+
+<p>»Gehen wir wieder zu den Leuten«, sagte Virginia
+und schritt voran. Erwin konnte seiner Erregung nicht
+anders Herr werden, als indem er eine Zigarette anzündete;
+mit erkünsteltem Behagen blies er den Rauch in
+die silbrig dämmernde Luft. Wann wird endlich meine
+Stunde kommen? dachte er haßerfüllt; die Stunde, wo
+dieser Engel aus seinem Himmel herunter in meine Arme
+stürzen wird? Und er bereitete sich vor zu einem Kampf
+ohne Gnade.</p>
+
+<p>Als die beiden den Platz verlassen hatten, trat eine
+Frauengestalt auf einen Weg zwischen den beschnittenen
+Hecken und schaute mit verstörten Augen auf den vollen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+gelben Mond, der durch die Säulchen einer über dem
+Wasserbecken befindlichen Balustrade leuchtete. Dann
+schlug sie die Hände vor das Gesicht. Es war Helene Zurmühlen.</p>
+
+<p>»Sehen Sie nur den Mond«, sagte Virginia zu Erwin;
+»es ist, als könnte man ihn mit dem Fuß vor sich herrollen.«</p>
+
+<p>»Der Mond ist voll; Gott hat zu ihm gesagt: genug,
+Mond, genug«, erwiderte Erwin ironisch, und es war etwas
+in seiner Stimme, was Virginia einen Schauer über die
+Haut jagte. In wenigen Tagen hört das alles auf, tröstete
+sie sich.</p>
+
+<p>»Daß Manfred Sie heute nicht sieht, darum ist er zu
+beklagen«, begann Erwin wieder. »Wir müssen etwas für
+ihn tun, wir müssen ihm Ihr Bild schicken. Ich werde
+Sie photographieren, so wie Sie hier sind.«</p>
+
+<p>»Ah, das ist lieb«, entgegnete Virginia erleichtert;
+»aber wo und wann?«</p>
+
+<p>»Bei mir draußen. Ich schicke Ihnen übermorgen den
+Wagen. Morgen geht es nicht, abends hab’ ich ein kleines
+Herrendiner, nachmittags will ich zu Ulrich Zimmermann;
+ich hab’ ihn seit Wochen nicht gesehen und höre, daß er
+krank ist.«</p>
+
+<p>»Ulrich krank? Was fehlt ihm denn?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht. Kommen Sie doch mit mir. Wenn
+er Sie sieht, wird er sicher gesund. Vielleicht sind Sie
+sogar schuld an seiner Krankheit. Sie haben ihn schlecht
+behandelt und zu schwer gestraft für eine Unbesonnenheit.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span>»Wenn
+Sie glauben, daß ihm mein Besuch Freude
+macht, gern. Warum haben Sie denn neulich so fremd
+von ihm gesprochen? Es fällt mir nicht mehr ein, bei
+welcher Gelegenheit; es waren viele Leute dabei. Sie
+haben getan, als ob Sie ihn nicht kennen würden, und
+ich habe mich darüber geärgert.« – »Ich liebe es nicht,
+meine Beziehungen zu plakatieren.« – »Man kann also
+jederzeit von Ihnen verleugnet werden?« – »Man verleugnet
+nicht, wenn man Grenzen zieht.« – »Wo Grenzen
+sind, sind Feinde, Erwin.«</p>
+
+<p>Er schaute sie überrascht an, denn es schien, als ob sie
+mit diesen Worten, und zwar in unwiderruflicher Weise,
+selbst eine Grenze zöge. Virginia begegnete seinem Blick,
+und auf einmal wurde sie dunkelrot. Das Spiel wird
+ernst, dachte Erwin.</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Ulrich Zimmermann wohnte in der Kochgasse, im ersten
+Stock eines alten, kleinen, grünen, italienisch aussehenden
+Hauses. Man mußte zuerst den Hof durchschreiten
+und dann eine Holzgalerie erklimmen, die in das Zimmer
+des Schriftstellers führte, einen gemütlichen, aber etwas
+armseligen Raum, der sich jedoch durch ungewöhnliche
+Sauberkeit auszeichnete. An den Wänden hingen ein
+paar Originalskizzen von mittelmäßigen Malern und eine
+große Photographie der Rembrandtschen Nachtwache.</p>
+
+<p>Ulrich lag auf dem Sofa, bis zum Kinn mit einem
+braunen Flanelltuch bedeckt. Er hatte Fieber. Mit verdrossenem<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span>
+Gesicht las er einen Brief, den er soeben von
+seinem Onkel erhalten hatte. Vor einer Woche hatte er
+dem alten Herrn den Band seiner Gedichte geschickt,
+deren Veröffentlichung ihm durch Erwins Hilfe ermöglicht
+worden war. Doktor Zimmermann bedankte sich für
+das Büchlein und schrieb weiterhin:</p>
+
+<p>»Dein poetisches Gefühl ist unbestreitbar, und wenn
+auch deine Bilder bisweilen ins Abstruse oder Krampfhafte
+fallen, ein Fehler, der auf einem Mangel an innerer
+Einfachheit beruht, so erkenne ich dir doch alle Begabung
+für den selbsterwählten Beruf zu, die mein früheres Mißtrauen
+und meine verzeihliche Enttäuschung als nicht vorhanden
+erklärt hat. Aber du irrst, wenn du annimmst,
+ich sähe dich mit Genugtuung und großer Erwartung
+auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen. Nicht zu gedenken
+der Not, des gekränkten Ehrgeizes, der Mißkennung,
+der vielfachen vergeblichen Anstrengungen, mit welchen
+du wirst ringen müssen und deren Vorgeschmack du
+reichlich genossen hast, gebricht es dir auch nach meiner
+festen Überzeugung an einer Eigenschaft, ohne die ein
+wahrhafter Ruhm nicht möglich ist. Es fehlt dir an Gemeinsinn;
+ich will es besser soziale Gebundenheit nennen;
+es fehlt deinen Produkten die Wurzel gesunder Konvention,
+auf der alles Tüchtige und Außerordentliche der
+Kunst wie der sichtbaren Welt ruht, als auf einer Basis
+von Harmonie und sittlicher Ordnung. Deine Zeitgenossen
+werden dir dieses um so williger nachsehen, da sie in dem
+Punkte nicht verwöhnt sind. Alle eure Dichter bauen auf<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span>
+durchhöhltem Grund oder hängen gänzlich in der Luft,
+haben keine Herkunft, keinen Stammbaum und keine
+höhere Sendung. Jedoch in ihrem immanenten Bewußtsein
+können auch eure Anhänger mit der bloßen Kunst
+sich nicht zufrieden geben und verurteilen insgeheim zu
+frühem Tod, was auf dem Markt Unsterblichkeit prätendiert.
+Deine Sorge wegen meiner Gesundheit ist, ich hoffe
+es zu Gott, vorläufig noch unbegründet. Laß es dir gut
+ergehen und sei gegrüßt von deinem wohlaffektionierten
+Onkel Wilhelm Zimmermann.«</p>
+
+<p>Durch einen Bekannten seines Onkels hatte Ulrich erfahren,
+daß Doktor Zimmermann mit den Anfängen eines
+tückischen und höchst gefährlichen Leidens kämpfe, daß er
+sich aber eigensinnig weigere, einen Arzt zu Rate zu ziehen,
+und im Kreis der Freunde und vieljährigen Gefährten
+mürrisch und schweigsam geworden sei, sich unversehens
+aus der Gesellschaft stehle oder kopfhängerisch in einem
+Winkel sitze. Diese Nachricht hatte Ulrich verstimmt. Der
+joviale, lebhafte, sprühende Mann, der scharfe Geist und
+schlagfertige Dialektiker in der Melancholie gleichender
+Todesfurcht, nichts konnte trauriger für Ulrichs Ohren
+klingen, und er nahm sich vor, den Oheim aufzusuchen.</p>
+
+<p>Während er dies und den wenig ermunternden Inhalt
+des Briefes überdachte, erschallten Tritte auf der Treppe,
+die Türe wurde nach raschem Pochen geöffnet, und Erwin
+steckte den Kopf in die Spalte. »Kann man herein?« –
+»Natürlich kann man.« – »Aber es ist noch jemand da.« –
+»Wer denn?« – »Fräulein Virginia.« Ulrich fuhr auf.<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span>
+Das war das Unerwartetste. Schon stand Virginia auf
+der Schwelle, dann trat sie ins Zimmer und reichte Ulrich
+die Hand.</p>
+
+<p>Ulrich mußte sich immer dessen im Gespräch entäußern,
+was ihm den Sinn beschwerte. Er reichte Erwin
+den Brief seines Onkels. »Mir ist, als seien Sie anders
+geworden, als seien Sie gewachsen«, sagte er zu Virginia,
+indes Erwin ans Fenster ging und las.</p>
+
+<p>Virginia griff zerstreut nach einem der Gedichtbände,
+die auf dem Tisch gestapelt lagen. In dem ersten, den sie
+aufschlug, fand sie, von Ulrichs Hand geschrieben, ihren
+eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt. »Soll das mir gehören?«
+fragte sie. Ulrich schaute flüchtig herüber und
+antwortete obenhin. »Ja, das gehört Ihnen.« – »Es liegt
+aber ein Bild dabei. Soll das auch mir gehören?« –
+»Wenn Sie’s annehmen wollen, ja. Ein alter Stich, aus
+dem Totentanz von Holbein. Ich hab’ es sehr gern und
+hab’ mir längst vorgenommen, es Ihnen zu verehren.«</p>
+
+<p>Virginia sah ein schönes junges Mädchen, hinter dem
+der Sensenmann grinsend und lüstern emportaucht. Darunter
+stand: die Braut. Gedankenvoll schaute Virginia
+darauf nieder: sie ließ den linken Arm sinken, und der
+Sonnenschirm fiel auf den Boden. Erwin, der kein Wort
+von der Unterhaltung der beiden verloren hatte, bückte sich
+galant danach und schaute dann über Virginias Schulter
+auf das Bildchen. Unter seinen schöngeschwungenen Wimpern
+hervor schoß ein messender Blitz auf Ulrich Zimmermann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span>»Was
+halten Sie von dem Brief?« erkundigte sich
+Ulrich betreten.</p>
+
+<p>»Der Mann ist klug«, versetzte Erwin. »Aber was wollen
+Sie: die Schulmeister schimpfen gern, wenn’s wettert, und
+wenn sie ins Freie gehn, laufen sie über die Straße ins
+Wirtshaus. Wir wissen es ja längst: das schlechte Gewissen
+macht Moralisten, und der untätige Geist gebiert Kritik.«</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann starrte in die Luft. Er sah nur
+Virginia. Er sah nicht sie selbst, sondern eine Spiegelung
+von ihr, die sich in der Luft bewegte. Nein, sprach es plötzlich
+in ihm, es ist nicht, es ist nicht! Der Kranz auf dieser
+Stirne kann nicht lügen.</p>
+
+<p>Man muß eben einsam bleiben, grübelte er, als die
+beiden fortgegangen waren; wo bin ich? wo lebe ich?
+lebe ich in meinem Bezirk? treu der angeborenen Kraft?
+Kann ich der unbarmherzig fließenden Zeit gültige Zeugnisse
+entgegenhalten, die »einst« bestehen werden, wenn
+das Heute eine Sage sein wird für die Enkel? Und aller
+Durst nach Ehre, wohin? alle Pläne, wohin? alle Träume
+von Unsterblichkeit, wohin?</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">»Es ist eine Dame drinnen, die auf dich wartet«, flüsterte
+Frau Geßner Virginia zu, als diese nach Hause kam.
+Virginia trat ins Zimmer und sah Helene Zurmühlen
+vor sich. Die Anstrengung, die in Helenes Haltung lag,
+verlieh sogar ihrem Blick etwas Starres und machte das
+freundliche Lächeln auf ihren Lippen unglaubwürdig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span>Warum
+war sie da? Im Grunde hatte sie die Verzweiflung
+angetrieben. Eine Reihe von schlaflosen Nächten
+vermag die Beweggründe eines Entschlusses zu verdunkeln.
+Sie wollte sich nicht eingestehen, daß das Verhängnis unabwendbar
+gewesen sei und besiegelt vom Anfang an her.
+Sie fror; sie fror bis in das Mark ihrer Knochen. Sie sah
+sich des schützenden Mantels von Zärtlichkeit beraubt, in
+dem sie sich für gefeit gehalten gegen alle Drohungen des
+Schicksals. Und es war so plötzlich gekommen, ohne Aussprache,
+ohne Vorbereitung, wie wenn am Abend eines
+Sommertages Schnee fällt. Die Sonne hatte sich von
+ihr abgekehrt, und es war finster und eiskalt. Es trieb sie
+an, dorthin zu gehen, wo die Sonne schien. Sie wollte
+diejenige sehen und spüren, die von der Sonne beschienen
+war. Ohne Eifersucht, wähnte sie; ihre Natur war so beschaffen,
+daß sie sich in einen künstlichen Edelmut wohl
+hineinlügen konnte. Sie gedachte edel zu verzichten, fand
+aber keine Antwort auf die Frage, weshalb es nötig war,
+vor die glückliche Nebenbuhlerin zu treten, die gar nicht
+danach aussah, als ob es ihr um die feierliche Gebärde des
+Verzichts zu tun sei. Aber in ihrem erkünstelten Edelmut
+dachte Helene: Wenn sie nur glücklich ist und ihn glücklich
+macht, dann bin ich zufrieden. Und sie selbst richtete sich
+empor an dieser Märtyrerstimmung und glaubte ihren
+Kummer zu vergessen, wenn sie Virginia versicherte, wie
+sie es Erwin versichern wollte: ich entsage. Der Gedanke,
+daß eine Schönere, Würdigere, Stärkere ihren Platz einnehme,
+tröstete sie, oder sie redete sich dies wenigstens ein.<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span>
+Alles das war ebenso verzwickt und unwahr, wie rührend
+und hilflos.</p>
+
+<p>Helene war auf Virginia zugegangen und hatte ihre
+Hände gefaßt. »Ich begreife alles,« sagte sie, »ich begreife
+ihn und Sie. Seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie derart
+überfalle, ich weiß, daß ein solcher Schritt ungewöhnlich
+ist, und viele würden mich verdammen, aber es ist das
+einzige Mittel für mich, um die Leere zu ertragen, die jetzt
+in mir ist. Ich will mich aufrecht halten, ich muß mich
+aufrecht halten, wenn ich auch wie ein Lahmer bin, dem
+die Krücke weggenommen worden ist. Sie bedürfen keiner
+Krücke, das seh’ ich wohl, und es wird ihm leichter sein,
+mit Ihnen froh zu werden als mit mir.«</p>
+
+<p>Sie schwieg. Ihre Blicke schweiften durch das Zimmer
+und nahmen plötzlich einen erstaunten Ausdruck an, denn
+sie schien erst jetzt der Einfachheit des Raumes inne zu
+werden.</p>
+
+<p>Virginia wußte nicht, was sie denken sollte. Sie war
+bestürzt und aufs äußerste verwundert. »Darf ich wissen,
+gnädige Frau, wovon Sie eigentlich sprechen?« fragte sie
+höflich.</p>
+
+<p>Eine Sekunde lang schien es, als breche ein Blitz des
+Hasses aus Helenes feuchtstrahlenden Augen. Warum
+heuchelt sie, fuhr es ihr durch den Sinn. Doch faßte sie sich
+schnell, und mit ihrem gütigen, müden und opferwilligen
+Lächeln fuhr sie fort: »Auch das begreife ich, daß Sie sich
+nicht vor mir bekennen wollen. Aber wer bin ich denn,
+und was haben Sie zu fürchten? Ich habe ihm alles hingegeben,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+Ehre, Herz, Leben, Zukunft, Kind und Mann,
+alles ihm, alles zertreten für ihn, und mit Freude, das
+dürfen Sie mir glauben. Ich bin zum Schatten geworden,
+zu seinem Schatten. Das muß man nicht tun, Fräulein,
+das ist zu viel, vor einem ähnlichen Los wollt’ ich Sie bewahren.
+Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht zu seinem
+Schatten werden.«</p>
+
+<p>Endlich verstand Virginia. Eine grelle Blässe überzog
+ihr Gesicht. Sie war keines Wortes fähig.</p>
+
+<p>»Ich dachte noch den Sommer mit ihm zu verbringen,«
+fuhr Helene mit schmerzlich verzogenem Gesicht fort und
+in einem Ton von Hoffnung, als ob Virginia durch diese
+Tatsache bewogen werden könne, ihre Ansprüche an Erwin
+aufzugeben, »aber gestern schrieb er mir, er könne nicht,
+er sei verhindert.« Sie schaute Virginia fragend an, und
+ihre Lippen zitterten. Sie begann das Mißliche und Entwürdigende
+ihrer Situation zu spüren. Außerdem erschrak
+sie, als sie das bleiche Gesicht des jungen Mädchens
+gewahrte.</p>
+
+<p>»Sie sind in einem bedauerlichen Irrtum, gnädige
+Frau,« sagte Virginia leise und mit den Zeichen heftigen
+Widerwillens, »es scheint Ihnen nicht bekannt zu sein,
+daß ich verlobt bin und daß sich mein Bräutigam gegenwärtig
+auf einer Seereise befindet. Ich fühle mich nicht
+verpflichtet, Sie darüber aufzuklären, und wenn Sie ein
+Einverständnis zwischen mir und Herrn Doktor Reiner
+annehmen, so ist das Ihre Sache, nur muß ich Sie bitten,
+mich mit solchen Beleidigungen zu verschonen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span>Nach
+diesen Worten, denen die Entrüstung und Verachtung
+etwas Phrasenhaftes verlieh, ging eine seltsame
+Verwandlung in Helenes Gesicht vor sich. Virginias unverkennbarer
+Zorn, die herrische Abwehr mit dem Hinweis
+auf ein unverbrüchliches Band ließen ihr die Dinge
+in ganz anderm Licht erscheinen. Da ihre Eifersucht plötzlich
+des Gegenstands beraubt war, sah sie, daß sie längst
+schon verspielt, daß ihr Einsatz niemals volle Gültigkeit
+besessen hatte.</p>
+
+<p>Sie fühlte Lust, zu schlafen oder sich irgendwo auszustrecken,
+den Kopf in einen dunkeln Winkel gedrückt.
+So hätte ich geschaffen werden sollen, dachte sie mit einem
+müden Blick auf Virginia, so stark, so frei, so stolz.</p>
+
+<p>Mit fast unhörbarer Stimme bat sie um Verzeihung.
+Virginia antwortete nichts. Helene lispelte einen Gruß.
+Eine Gebärde verriet die schüchterne Absicht, Virginia die
+Hand zu reichen. Virginia geleitete sie stumm hinaus.
+Ihr war eng und weh, nicht mehr weil sie beschimpft
+worden war, sondern weil ihr die andere das Schauspiel
+einer unvergeßlichen Selbsterniedrigung geboten hatte.</p>
+
+<p>Helene verabschiedete sich, wie wenn sie sich bei einer
+Unbekannten nach der Brauchbarkeit eines Dienstboten
+erkundigt hätte. Sie ging durch viele Straßen, und ganz
+ohne Ziel. Es regnete, aber sie spannte nicht einmal den
+Schirm auf. Sie blieb vor einigen Auslagen stehen,
+keineswegs um Dinge zu betrachten, sondern um besser
+nachdenken zu können. Wenn diese Virginia nicht seine
+Geliebte ist, dachte sie, dann ist ja für mich noch nichts<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span>
+verloren; am Ende ist alles nur eine Einbildung von mir.
+Und sie hatte plötzlich das Verlangen, Erwin zu sehen
+und mit ihm zu sprechen. Sein Gesicht verfolgte sie mit
+dem ihm eigenen Ausdruck von Ruhe, von Obsorge und
+von Beredsamkeit, den starken, einschmeichelnden und besonderen
+Worten, die seine Züge so bewegt und so vertraut
+machten.</p>
+
+<p>Sie beschloß, zu ihm zu gehen. Es war schon Abend;
+sie trat in ein Geschäft und telephonierte nach Hause, um
+zu erfahren, ob das Kind schlafe. Ihr Mann war für
+einige Tage auf seiner Fabrik in Böhmen. Gegen halb
+neun Uhr fuhr sie nach Pötzleinsdorf. Ihre Brust war mit
+neuen Hoffnungen gefüllt, und wo diese Hoffnungen sie
+im Stiche ließen, richtete sie ihre Zuversicht auf die Auseinandersetzung
+mit Erwin. Sie gehörte zu den Menschen,
+die sich leicht der Täuschung hingeben, durch Reden, Erklärungen
+und Auseinandersetzungen könne der Lauf der
+Geschehnisse gehemmt oder verändert werden.</p>
+
+<p>»Melden Sie mich, ich muß Herrn Doktor Reiner
+dringend sprechen«, sagte sie mit ihrer sanften Stimme
+zu Wichtel. Dieser zog die Brauen hoch, zauderte einen
+Moment, verschwand aber dann im Speisezimmer. Nach
+einer Weile kam er mit etwas verlegener Miene zurück
+und sagte: »Der gnädige Herr bedauert unendlich, er kann
+nicht abkommen und bittet, ihn zu entschuldigen.«</p>
+
+<p>Helene zuckte zusammen. »Haben Sie ihm gesagt,
+daß ich es bin?« fragte sie matt und geringschätzig. –
+»Sehr wohl.« Helene wurde totenbleich. Die ungeheure<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span>
+Anstrengung, deren es bedurfte, sich vor diesem fremden
+Menschen nichts merken zu lassen, rettete sie vor einer
+Ohnmacht. Sie hörte lachende, scherzende Stimmen aus
+dem Zimmer schallen, und auf einmal kam es über sie
+wie ein Rausch, wie eine Raserei der Verzweiflung, die
+nichts mehr von Selbstschutz weiß, von Furcht und Rücksicht.
+Sie eilte gegen die Tür, riß sie auf und trat wie eine
+geisterhafte Erscheinung in das Zimmer, in welchem Erwin
+mit drei jungen Männern am Tische aß. Erwin befand
+sich der Tür gegenüber. Er stellte das Weinglas, das er
+in der Hand hielt, neben seinen Teller und erhob sich.
+Ebenso langsam, wie er das Glas hingestellt hatte, verzog
+sich das heitere Lächeln, mit dem er am Gespräch teilgenommen.
+Es herrschte ein tiefes Stillschweigen; die
+Gäste blickten erstaunt auf die junge Frau. Erwin gewann
+sogleich seine Fassung; er ging Helene entgegen und sagte
+höflich und anscheinend bestürzt: »Sie sind es, gnädige
+Frau! Davon hatte ich ja keine Ahnung! Was ist vorgefallen?
+Darf ich bitten, mir zu folgen?«</p>
+
+<p>Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, öffnete die Tür
+gegen den linken Flügel des Hauses und ließ Helene, die
+mit halbgeschlossenen Augen mechanisch schritt, vorausgehen.
+Dann übernahm er die Führung und machte erst
+in dem kleinen Gemach am Ende der Flucht halt. Hier war
+es finster, er drehte das Licht auf und schloß dann die Tür.</p>
+
+<p>»Ist es wahr? Du wußtest nicht, daß ich dich sprechen
+wollte?« fragte Helene atemlos, mit einer Stimme, die
+zur flehentlichen Abbitte schon bereit war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span>Erwin
+blickte über sie hinüber. »Ich wußte es«, sagte
+er laut, fest und mit starrem Mund. Dann erst heftete er
+die Augen auf die gleichsam verlöschenden Züge Helenes;
+er setzte sich in einen Stuhl und verschränkte die Arme über
+der Brust.</p>
+
+<p>Helene sah in sein Gesicht. Es war ein anderes Gesicht,
+ein Gesicht, das sie nie zuvor gesehen hatte, das sie nicht
+kannte und vor dem ihr graute; ein Gesicht, in welchem
+kein Funke mehr von Zärtlichkeit, von Beredsamkeit, von
+Milde, von Tröstung, von Offenheit war, ein kaltes,
+steinern-gleichmütiges und erbarmungsloses Gesicht; ein
+furchtbares Gesicht.</p>
+
+<p>Helene glaubte zu spüren, wie ihr Herz starb. Sie
+mußte sich abwenden. Sie wunderte sich, daß sie die
+Gegenwart dieses Gesichts ertrug, ohne zu schreien, wie
+man beim Anblick eines medusischen Schreckbildes schreit.
+Sie wunderte sich über die Art, wie sie aus dem Zimmer
+ging und den Weg zum Vestibül fand. Beim Tor der
+Halle holte er sie ein, sagte etwas, was sie nicht verstand,
+und entließ sie mit höflicher Verbeugung.</p>
+
+<p>Sie kam nach Hause und wunderte sich, daß alles noch
+so war wie am Nachmittag. Sie nahm den Hut ab, legte
+sich auf einen Diwan, lag Stunden und Stunden, und als
+es Tag wurde, wunderte sie sich darüber. Sie erhob sich,
+ging zu ihrem Schreibtisch, suchte alle Briefe und Aufzeichnungen
+zusammen, die sie hätten verraten können,
+warf alle Papiere in den Ofen und verbrannte sie. Dann
+ging sie ins Badezimmer, ließ warmes Wasser in die<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span>
+Wanne laufen und, bevor sie sich entkleidete, trat sie ans
+Fenster, das nach dem Lichthof führte. Sie schaute in die
+Tiefe hinunter. Nach dem Bad kleidete sie sich sorgfältig
+an und frisierte sich ebenso sorgfältig, wie wenn sie ins
+Theater wollte. Hierauf ging sie ins Zimmer ihres Kindes,
+das noch schlief und küßte es auf die Stirn. Als sie wieder
+am Fenster des Badezimmers stand, zogen einige Spatzen
+pfeifend über den Himmelsausschnitt droben. Von einer
+Küche im untern Stockwerk klang Tellergeklapper und dazwischen
+ein schrilles, elektrisches Glockensignal herauf.
+Morgen wird es genau so sein, überlegte sie, auch übermorgen,
+vielleicht in hundert Jahren noch. Mit einiger
+Anstrengung setzte sie sich auf den schmalen Sims, und
+sie wunderte sich, daß sie etwas tun wollte, was so abschließend
+und so mutig war. Sie glaubte noch nicht,
+daß sie es tun würde; ihre großen Kinderaugen leuchteten
+noch einmal schmachtend und verlangend auf. Aber da
+gewahrte sie das Gesicht in der Luft, das andere Gesicht.
+Sie ließ die Hände los und sank ohne Laut in etwas unsagbar
+Weiches und Wollüstiges hinein. Sie sah die verblüfft
+glotzenden Augen einer Köchin an einem Fenster,
+und ihre letzte Überlegung war: hoffentlich lieg ich nicht
+unschicklich, wenn Leute kommen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Reise_und_Rueckkehr">Reise und Rückkehr</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte
+vom frühen Morgen an alle Türen und Fenster
+aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte
+sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf
+fahren, Gina?« fragte Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig
+vor sich hin. Ihr war, als müsse sie sich zuvor
+noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt
+war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst,
+daß er ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war
+ihr gleichgültig; desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß
+kommen.</p>
+
+<p>Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet,
+sah das zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten
+Schultern. Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen,
+daß Frauen so vor ihm zusammenbrachen, so
+entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen und
+davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und
+miterleben.</p>
+
+<p>Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das
+Jahr hatte sie verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr,
+das manchmal zu schwindelnder Sehnsucht heranwuchs.
+Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg, stockte ihr
+Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich
+vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene
+zu tragen, die verbietend war? Es war etwas aufgelöst
+in ihr. Ein Weg, den sie nicht gehen wollte, den sie niemals<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span>
+gehen würde, schimmerte versprechend. Langsam
+wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die
+Brust, und von den Hüften empor zum Halse glitt ein
+lauer Hauch, der den Kontur des Leibes empfinden machte,
+den Blick schamvoll von der Welt weglenkte.</p>
+
+<p>Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem
+Jahr. Das Blühen wogte bis über die Dächer, und in
+den Kellern sangen die Wurzeln. Der Mond stand am
+Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der ausgestreckten
+Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken
+flammten schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht
+mehr die strenge Scheu, die sie bis jetzt in ihren Gedanken
+der werbenden Liebe Manfreds entgegengesetzt. Sie rief
+nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine Nähe, wünschte
+seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem
+schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit
+bewußt.</p>
+
+<p>Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt.
+Sie erinnerte sich nicht, geschlummert zu haben, dennoch
+hatte sie geträumt. Seltsame Dinge hatte sie gesehen.
+Sie stand in der Halle von Erwins Haus und blickte durch
+offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen.
+Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn
+junge Mädchen, alle mit ganz dünnen Schleiergewändern
+bekleidet, durch welche die Haut leuchtete. Die Gewänder
+waren von reizvoller Verschiedenheit der Färbung; eines
+war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte scharlachrot,
+das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span>
+ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen
+wie Blumen. Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen
+schwarze Larven vor dem Gesicht trugen. Sie sprachen
+nicht miteinander. Eine saß am Klavier und spielte ein
+Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume,
+und in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas
+planvoll Verführerisches, das Virginia abscheulich erschien.
+Als sie sich von ihnen entfernte, kam sie in ein Gemach,
+das sie vorher noch nie betreten hatte, und sich umschauend
+gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die
+einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt.
+Der Knabe mochte ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte
+ein glühendes Gesicht, und seine Augen glichen auffallend
+den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu, war aber
+blaß und nachdenklich.</p>
+
+<p>Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder
+und Vorgänge nicht durch sich selbst bestanden, sondern
+daß sie von Erwin heraufbeschworen schienen, der wie ein
+unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und vorüberziehen
+ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half nichts,
+das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich
+wünschte sie nur, ihn zu sehen.</p>
+
+<p>Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der
+Wagen da sei, war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm
+bekleidet, in welchem sie photographiert
+werden sollte. Doch Erwin hatte ein Briefchen mitgeschickt,
+in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute zu erlassen,
+sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span>
+sehen, denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog
+sie sich um. Trotz dieser Nachricht betrat sie die Villa
+mit einer noch fortwährenden Verwunderung über ihren
+Traum und in einer schmerzlichen und ungewohnten
+Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße,
+aus denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben,
+und als Virginia in die Bibliothek trat, gewahrte sie in
+der Mitte des Raums eine riesige weiße Porzellanvase
+voll von weißen Rosen.</p>
+
+<p>Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam,
+bemerkte aber bald, daß er auf einer Ottomane lag,
+und erschrak über seinen Anblick. Er war aschfahl. »Um
+Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie stockend.
+Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit
+ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben
+ihm nieder und wiederholte ihre Frage im liebevollsten
+Ton.</p>
+
+<p>Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert,
+trunken von Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie
+klingt wie ein Cello. Beinahe hätte er die Arme um sie
+geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine Vorsicht,
+zu früh!</p>
+
+<p>»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt
+und ist tot«, sagte er matt und versank
+wieder in sein bleiernes Hinbrüten.</p>
+
+<p>Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf
+dem Stuhl sitzend, vor sich nieder, Tränen in den Augen.
+Schwer fiel es ihr aufs Herz, daß sie das unglückliche<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span>
+Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von sich gehen
+lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das
+getan, dieselbe Virginia, die solche Träume träumte!
+Erwin streckte seine Hand nach ihr aus, als verlange er
+nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde zu begehen,
+wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte
+nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die
+seinige, als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes,
+für ihre menschliche Verfehlung eines verzeihenden Worts,
+für ihren Traum einer Deutung.</p>
+
+<p>Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd
+und erkennend. Mechanisch starrte sie die Hand an, die
+er gedrückt hatte; er hatte die einzelnen Finger förmlich
+geliebkost. Nie war ihr eine Hand so bloß erschienen wie
+die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch niemals gehabt,
+seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau
+mit dem zerschmetterten Körper!</p>
+
+<p>Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender
+Glut auf den Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern
+nachmittag bei mir«, sagte sie. Erwin richtete sich empor.
+»Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu beschuldigen?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia
+bitter.</p>
+
+<p>»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften
+Treue ein ganzes Leben voll unentschiedenen Schwankens
+aufwiegt«, sagte Erwin düster. »Diese phantasielosen
+Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span>
+besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern
+sie Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht
+gebunden sein.«</p>
+
+<p>Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich,
+der Saft wird ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«,
+entgegnete sie, »und alles übrige sind Worte und nicht einmal
+ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu gut, um zu
+sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die
+sind da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt
+gegen das Fenster.</p>
+
+<p>Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein,
+nein,« sagte er leise und geheimnisvoll, »was uns zu den
+Frauen zieht und was uns von ihnen scheidet, sind Dinge,
+die von der Tierheit kommen, und andere Dinge, die unsagbar
+und traurig sind und viele Verheißungen enthalten
+wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.«</p>
+
+<p>»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile
+habe«, unterbrach ihn Virginia, indem sie sich umdrehte.
+»Erinnern Sie sich, daß Sie mir einmal von einem jungen
+Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer Freunde
+verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat
+mir sehr leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern
+Sie sich nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, ich erinnere mich nicht.«</p>
+
+<p>»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende
+Himbeere nur ein Unkraut. Seit der Stunde ist es für
+mich festgestanden: wenn vor Gott und den Menschen
+entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span>
+und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl,
+Erwin, die würde nicht lange dauern.«</p>
+
+<p>Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich
+nicht«, versetzte er zögernd. »Ich habe Helene geliebt.
+Ich liebte sie, weil ihr Haar einen unaussprechlichen und
+unvergleichlichen Geruch besaß, einen Geruch nach Milch
+und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn
+verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch
+deswegen liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten
+wußte, die ich bei keiner andern Frau getroffen habe.
+Wenn ich in das Zimmer trat, errötete sie. Es war, als
+würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß; sie machte
+damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf
+eine zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick
+und Gebärde schon, ohne zu feilschen.«</p>
+
+<p>Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete
+gierig, wie sie nun selbst errötete, ganz langsam, von den
+Schläfen aus über die Wangen herab bis zum Hals.
+Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre
+zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den
+Lidern. Sie schickte sich an zu gehen. »Verlassen Sie
+mich denn, Virginia? Freundin?« fragte Erwin leise,
+indem er zu ihr trat.</p>
+
+<p>»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht,
+ihn anzuschauen.</p>
+
+<p>»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem
+Nachdruck zu fragen fort, von ihrer Befangenheit beglückt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span>Sie zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel
+mit Ihnen zu sprechen, Virginia.«</p>
+
+<p>Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen.
+»Auf Wiedersehen«, sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß
+war gefaßt. Das Einverständnis mit der Mutter
+war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden
+Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer
+und Körbe gepackt. Frau Geßner war überzeugt, das
+alles entspreche einer Abmachung mit Erwin. Am nächsten
+Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in
+einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof.</p>
+
+<p>Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der
+Wohnungstür läutete und dann vom Hausmeister erfuhr,
+die beiden Frauen seien aufs Land gereist, erbleichte er
+vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er. Außer
+sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was
+denken. Ihr nachzufahren, wäre die größte Dummheit,
+die ich machen könnte, sagte er sich; nein, nein, meine
+Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in die Ketten
+beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter
+denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst
+mich rufen.</p>
+
+<p>Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von
+Virginia; sie schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem
+entlegenen Dörfchen sich der gewünschten Stille erfreue.
+In der ersten Nacht habe sie mit der Mutter im Gasthaus<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span>
+logiert, doch gestern hätten sie eine kleine Villa unfern
+vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich.
+Ein trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher
+hätte sein können.</p>
+
+<p>Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf
+die Stücke. Er begab sich in das obere Stockwerk der
+Villa, öffnete ein geräumiges Zimmer, das gegen den
+Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und betrachtete
+prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem
+Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel
+hatte. Er läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner
+und den Hausmeister,« befahl er, »es muß hier umgestellt
+werden; das Bett, der Kasten und der Waschtisch aus
+dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie
+gehen in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel
+da aufgeschrieben ist. Die Adressen der Firmen stehen
+dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt Papier, auf dem
+die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert
+waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke,
+alles von ersten Lieferanten. »Nehmen Sie
+drinnen einen Wagen und bringen Sie die Sachen gleich
+mit heraus«, sagte Erwin.</p>
+
+<p>Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück.
+Es war ihm in den Preisen ziemlich freie Hand gelassen
+worden, und er hatte selbst gewählt, nicht zur Unzufriedenheit
+seines Herrn. Erwin hatte die neue Einrichtung des
+Zimmers, welches das entlegenste und stillste des ganzen
+Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span>
+Wände gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene
+Karaffen und feines Porzellan; nun brachte er
+die Wäsche und Kostüme selbst in den Laden und im
+Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte
+er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und
+empfangsfrohen Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster
+wieder schließen, schaute auf der Schwelle noch einmal in
+das dämmrig gewordene Zimmer zurück, lächelte, als er
+ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der Bettdecke
+zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den
+Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte
+dicht hinter ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell
+drehte er sich um. Es war Marianne von Flügel.
+»Du hier?« fragte er erstaunt.</p>
+
+<p>»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung.</p>
+
+<p>»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer
+hat dich denn da heraufgeschickt?«</p>
+
+<p>»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du,
+was treibst du? Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es
+nicht vor Jahren die arme Amelie Castro bewohnt, die
+einzige, der du sozusagen ein häusliches Glück gegeben
+hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und
+warum sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt?
+Darf man das Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?«</p>
+
+<p>»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten
+kann«, versetzte Erwin stirnrunzelnd.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>»Ich
+weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne
+und schritt an seiner Seite die Treppe hinab. Sie gingen
+auf die Terrasse und setzten sich unter dem Schatten des
+aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber. Erwin
+blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren
+stark gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie
+löffelte bedächtig das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und
+erzählte, daß sie ein paar schwierige Bergtouren gemacht
+habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich aber zumeist gelangweilt
+habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich bequem
+in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr
+eigenen Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an.</p>
+
+<p>»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal
+für dich«, sagte sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts;
+am Ende will er auch nichts wissen. Ich habe mir berichten
+lassen, daß er Beweise sucht für eine Untreue, die
+er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die Leute
+aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz
+genau, was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen,
+wie man so sagt, trotzdem hat er in dem Wahn
+gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er ist ein guter
+Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger
+und ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird
+nichts unternehmen, denn er scheut den Lärm, und er
+sagt sich wahrscheinlich: Was kann ich gegen einen Erwin
+Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen dich
+ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen
+aufgeklärt worden, und sie werden alles tun,<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+um dir zu schaden. Fritz Kynast ist gestern nach England
+gereist; er soll seiner Mutter und sich selber das Gelübde
+abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt
+Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu
+ziehen. Also hüte dich.«</p>
+
+<p>Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo.
+Aber du, Marianne, beschämst jeden Detektiv.«</p>
+
+<p>»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich
+ernst geworden; »es ist eine Eigenheit der Gesellschaft,
+daß sie die tollen Streiche ihrer Günstlinge so lange
+duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf einmal
+ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau
+von gutem Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet
+und verlockend. Aber laß einen Skandal daraus
+werden, und du bist gemieden wie einer, der die Pest hat.
+Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit
+ersparen.«</p>
+
+<p>Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken,
+die in den schrägen Strahlen der Sonne schwärmten.
+Er riß eine Orchideenblüte aus dem Strauß, der auf dem
+Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran und
+warf sie auf die Erde.</p>
+
+<p>»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die
+Stadt zurückgekommen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits
+heiraten will.«</p>
+
+<p>»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer
+Entschluß.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span>»Ja.
+Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem
+kompletten Ruin.«</p>
+
+<p>»Und wer ist der Auserwählte?«</p>
+
+<p>»Wer es ist? Du bist es.«</p>
+
+<p>Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von
+Ärger, halb von Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst
+du das anstellen?« rief er.</p>
+
+<p>Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden
+und nervösen Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich
+von dir heiraten lasse. Du lachst? Du staunst? Das ganz
+Einfache ist immer erstaunlich. Ich werde dich in meine
+Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen, daß
+sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich
+will nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander
+passen, daß wir viele gemeinsame Interessen haben, daß
+wir einander nicht stören, uns hübsch aus dem Wege gehen
+werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen
+werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb
+Jahren zu deinem Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten
+gemacht hast, und daß du dich nicht wundern darfst,
+wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf den Kopf gefallen,
+die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert
+habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne.
+Die Dienstboten sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht,
+und so ein bißchen Palastrevolution muß dir
+doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem will ich nicht
+reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende
+vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen,<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span>
+wenn du mir zweimalhunderttausend Gulden schenktest.
+Ich muß der Sache von innen her beikommen, ich muß
+einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine Position
+haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten
+Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann
+ich nur durch die Verwandlung und die Sicherheit, die
+mir dein Name und deine Stellung geben. Was aber
+dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir der
+unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren,
+mein lieber Freund, denn abgesehen von
+dieser Affäre mit Helene Zurmühlen hast du auch noch
+eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto, vergiß
+das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen
+wirken, dann ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun
+sieh selbst, gründlicher und klarer kann man nicht sein.«</p>
+
+<p>Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend
+Marianne an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag
+standhielt. »Fein gesponnen, bewundernswert
+fein gesponnen«, sagte er endlich nach einer langen Pause.
+»Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse. Das
+leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk.
+Aber eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse
+übertragen, wird schon wieder zum Fehler. Ich beweise
+es dir, indem ich mich aus deiner Rechnung schlankweg
+ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht eine der
+Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst.
+Und ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen,
+die du daraus ziehen wirst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span>Marianne
+stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet,
+daß du gleich für mein Projekt zu haben bist«,
+erwiderte sie spöttisch. »Ich habe noch Zeit. Vielleicht
+entschließest du dich in einigen Wochen; wer weiß, was
+sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert
+mir nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner
+Lage unterschätzest. Du hältst dich für stärker, als du bist.
+Du bist die Kreatur der Welt, die du zu verachten vorgibst,
+und eher würdest du in einer andern Welt Schuhe
+flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum
+Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals
+wird nicht mehr als gelungener Witz passieren, deine
+Aktien stehen schlecht, so etwas richtet sich eben nach der
+Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich hör’ ich bald
+von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter
+Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte
+sich nicht. Sie zuckte die Achseln und ging.</p>
+
+<p>In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht
+schlafen. Er verbrachte die Stunden teils mit Lektüre,
+teils damit, daß er in seinem Geist die Erinnerung an
+Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung
+führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm
+er die Gedichte Ulrich Zimmermanns zur Hand und fand
+sie dürr und allgemein. Er beschloß, sich von Ulrich abzuwenden.
+Um vier Uhr ließ er die Gestalten der übrigen
+Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den
+Stab, mit Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl
+der Furcht vor Palester stieg in ihm auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span>Er
+sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der
+erste Lenztag, von besonderem Geist und besonderer
+Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen einer gewählten Verderbtheit,
+lachend wie ein griechischer Gott und in Freuden
+erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er
+sich im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich.
+Die Welt war zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem
+Druck seines Geschicks, einer Epoche des Stumpfsinns,
+der ehrlosen Streberei, der uninteressanten Anständigkeit
+zuzugehören.</p>
+
+<p>Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte
+eine junge Russin kennen, die durch ihre fabelhaften
+Toiletten Aufsehen erregte, und reiste mit ihr nach Aix-les-Bains.
+Und wie er es in jener schlaflosen Nacht vorausgelebt,
+begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut,
+vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit,
+die auf ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen
+hinwies. Er war der Sohn eines deutschen Diplomaten,
+in Eton erzogen, und befand sich mit seinem Hofmeister
+auf der Reise von Paris nach Italien.</p>
+
+<p>Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm
+anzufachen, die in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele
+ist und deren Verlauf oft das Schicksal der späteren lenkt.
+Rolf von Hendrichsen verließ seinen Begleiter und fuhr
+mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen in
+Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten
+in der Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung
+der Skaligergräber bei Fackellicht erzeugte, sie träumten<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span>
+in den verwilderten Gärten und toten Palästen Ferraras,
+wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein durch
+den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff
+und fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und
+Erwin rief: »Hier bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch
+mit einem Ausdruck, als ob die Wüste seine Heimat wäre.</p>
+
+<p>Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm
+verursacht. Der Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert,
+Verfolgung wurde beschlossen, und die Angehörigen des
+Jünglings hatten Mühe, ein öffentliches Ärgernis zu verhindern.
+In Syrakus wurden die beiden Freunde durch
+ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen
+überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein
+Baron Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der
+Familie Hendrichsen, ein feiner, edler Greis, bezeugte
+der empörten Beredsamkeit Erwins seine Anerkennung
+und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines
+Abends saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer
+Hotelterrasse in Taormina, hoch über dem Meer. Rolf
+sollte am andern Morgen mit Herrn von Marlotti heimwärts
+reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man
+sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der
+Jugend, von der Schönheit, lauter Dingen, die nach
+Erwins und Marlottis Übereinkunft verloren gegangen
+seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen.</p>
+
+<p>Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie
+zwischen Blick und Mundlinie, behauptete der
+Greis; bei Männern, die von einer wirklichen Leidenschaft<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span>
+besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen
+das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen
+Weise. Er ließ durchblicken, daß er Erwin für
+einen dieser Besessenen halte. Erwin schüttelte seufzend
+den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und unentbehrlich«,
+erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum,
+die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris
+Myrrha, ich liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den
+Schritt einer Frau, aber ich kann nicht auf die Blume
+verzichten, wenn ich nur dadurch allein die Frau gewinnen
+würde.«</p>
+
+<p>»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte
+gegen Marlotti hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so
+vollkommen ist, daß sie sich ihm versagt.«</p>
+
+<p>Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen,
+zurückgelehnt in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen
+gegen den dunklen Atlas des gestirnten Himmels gerichtet.
+Die hinreißende Kraft seiner Worte erweckte ein
+großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War
+das noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch
+geadelt hatte, das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier
+wandelte die Verderberin, herrlich schimmernd erhob sich
+über dem Sumpf der Großstadt das unergründliche Sinnbild
+des Verderbens, gekleidet in die Unschuld.</p>
+
+<p>Es war interessant, es war lehrreich, und es war
+schauerlich. Ein Gesicht ist hierher gewendet, und ein
+Gesicht ist dorthin gewendet; hier ein loderndes und
+stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht, ein wissendes<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span>
+Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges Gesicht.
+Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an
+Glied gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt,
+das war in seinem Mund problematisch und voll Dämonie.
+Und er spürte, wie er Virginia haßte, unsäglich haßte,
+und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt.</p>
+
+<p>Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche
+Dinge zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige
+Alte, nachdem sie seine Hand betrachtet: »Verführung,
+Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten, Marlotti
+blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es
+ist nicht so unwahrscheinlich.«</p>
+
+<p>»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja,
+an den Tod glaub ich nicht.«</p>
+
+<p>Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt
+einige Briefe von Frau Geßner. Er wurde aus keinem
+dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz aus die Wohnung
+in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage
+in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung
+in Gersthof gemietet, nur eine Viertelstunde
+von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm gefällig zu verstehen
+gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur
+Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe
+seiner Abreise zu erhalten. Unumwunden zu fragen,
+hatte sie nicht gewagt. Von Virginia schrieb sie nichts.</p>
+
+<p>Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten
+Rausch ergeben hat, um zu vergessen. Er
+schlug alle Töne an von der Müdigkeit bis zur Wut, von<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span>
+der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch das
+Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine
+Zeile von ihr wäre mir so viel wie einem Fieberkranken
+das Chinin,« schrieb er, »ihr Schweigen ist wie Vitriol
+auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er schreckte nicht
+davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er
+verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu
+vernichten.</p>
+
+<p>Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe
+aus der Hand eines Mannes zu einer Frau gegangen.
+Vielleicht nie zuvor hatten Worte der Leidenschaft mit so
+versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung so in Heimlichkeit,
+Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt
+und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne,
+Sehnsucht und das Feuer der Seele in solchem Grade
+meisterhafte Berechnung gewesen. Virginia mußte zum
+Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in
+ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und
+eine Begierde nach Auflösung rätselhafter Art. Aber sie
+antwortete nicht.</p>
+
+<p>Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld,
+aber er blieb. Da erhielt er Ende August einen
+Brief von Frau von Resowsky. Sie schrieb, es sei ein
+höchst albernes Gerede von einem fingierten Duell zu ihren
+Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis
+ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es
+Zeit, die meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal
+der Klatsch Boden gewonnen habe, werde es nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span>
+möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen Freunden
+schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen
+Sinn, zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen
+üble Dinge auch darüber gemunkelt würden.</p>
+
+<p>Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn.
+Der Gedanke, zu spät erwogen, daß Virginia von dem
+lästerlichen Unfug erfahren könne, machte ihn bleich vor
+Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein
+und benachrichtigte Marianne sogleich.</p>
+
+<p>Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein
+schillernder Glanz in den Augen verriet eine gleichsam
+festgefrorene Energie, welche die Triebkraft einer Wahnidee
+besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte Erwin
+zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah
+im Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee
+der Jugend abgestreift war, das leichte Kind, den
+Genossinnen von Spiel und Tanz noch nicht entführt, noch
+liebenswürdig in seinem Werben um den Prunk der Welt
+und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von
+treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft.</p>
+
+<p>Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen.
+Da war keine Lockung mehr.</p>
+
+<p>Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das
+ihn stets belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde
+hart. Anstatt zu bitten, forderte er. Marianne lachte ihn
+aus. Sie schickte sich an, zu gehen, er hielt sie zurück. Noch
+eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut miteinander.
+Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span>
+sie ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete
+ihn mit Hohn, und er schien ihr Recht zu geben, aber sein
+unsinniges Verlangen wuchs, indem er sich preisgab.
+Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu nennen,
+und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte
+durch Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel.</p>
+
+<p>Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre
+Virginia, wie sie den Mond mit ihren Armen umfaßt
+hielt, damals am Wasserbecken im Garten, das Antlitz hingewendet,
+aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend,
+daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise
+nicht mehr ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst
+der Schamloseste der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert
+werden konnte. Deine Himmelshöhe kann mich
+nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er, und seine
+Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine
+Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen,
+ein Herabzerren ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne
+von ihm wünschte. Der wildeste Trotz schäumte in ihm,
+und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch dann wärst
+du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden,
+auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den
+Beweis zu liefern, daß sie seine niedrigste Dienerin würde,
+indem sie ihn in ihrer Macht wähnte.</p>
+
+<p>Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte
+zu ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen,
+aber mehr als den gesellschaftlichen Sturz fürchtete
+er jetzt die Zersplitterung seiner Kräfte. Alles erschien<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span>
+ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel führte, und er
+glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der
+Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu
+rächen, die er den Einrichtungen entgegensetzte, welche für
+heilig und nicht verletzbar galten.</p>
+
+<p>»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch
+knüpfe ich zwei Bedingungen daran. Du gehst zur
+Baronin Resowsky und erklärst ihr, daß ich mich mit
+deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als
+selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen
+deine Person nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen
+Ausweg zu verrammeln.«</p>
+
+<p>»Gewiß nicht.«</p>
+
+<p>»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals
+erschienenen Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau
+von Resowsky wird dann Sorge tragen, daß man im Klub
+erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite Bedingung
+ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn
+ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der
+Welt gelangt. Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten.
+Bis dahin bleibst du auf meinem Landgut bei Takern in
+der Steiermark.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem
+Lächeln.</p>
+
+<p>»Bist du damit einverstanden?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Ich habe dein Wort?«</p>
+
+<p>»Du hast mein Wort.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span>»In
+acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut
+werden. Von einer kirchlichen Zeremonie ist natürlich
+keine Rede. Unmittelbar nach der Trauung reisest du
+nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt.
+Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch
+meinen Advokaten anweisen lassen.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe«, antwortete Marianne.</p>
+
+<p>»Bleibt es dabei?«</p>
+
+<p>»Es bleibt dabei.«</p>
+
+<p>Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein
+Va-banque-Spiel. Ihre Brust war voller Kälte, und der
+Sieg stimmte sie nicht zuversichtlich. Sie hatte Angst um
+sich, Furcht vor Erwin, und der tödlich verwundete Stolz
+hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung an eine
+Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt,
+die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren
+Stolz, den sie selbst zertreten, großmütig wieder aufrichten
+werde. Dies hätte sie ihm überschwänglich danken, dafür
+hätte sie hinsinken können, doch nun war alle Herrschaft
+im Bösen.</p>
+
+<p>Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche
+Verbindung in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen
+dienten der Gutsverwalter aus Takern und dessen Sohn.
+Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem Reisegepäck.
+Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Feinaora">Feïnaora</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-g.jpg" alt="G">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für
+seine nächsten Freunde nicht mehr zugänglich. Er
+brach eine Arbeit von leichter Haltung ab, um sich
+der schwierigen und profunden Untersuchung eines mathematisch-philosophischen
+Themas zu widmen: »Der Begriff
+der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er
+mußte bis zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht
+dem Gefühl einer Leere zu verfallen, das ihn rasend
+machte wie Zahnweh, ihn vor sich herabwürdigte und
+unerbittlich zu den Menschen trieb.</p>
+
+<p>Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte
+sie, er probierte sie, er genoß sie, er verwarf sie.
+Alle, alle, alle. Er hatte die Wirkung gespürt, durch welche
+die genialsten Geister der Zeiten die Menschheit in Atem
+hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität in sich
+zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand.
+Er wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte,
+indem er lächelte.</p>
+
+<p>Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten
+fuhr er zur Stadt und fand wunderliches Gefallen daran,
+verrufene Orte zu besuchen, Tanzlokale letzten Ranges
+und Verbrecherkneipen. Es waren Abhärtungskuren für
+die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war
+nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als
+Elemente der sozialen Ordnung. Die Flut, in der er
+schwamm, hatte seinen Organismus gestählt gegen den<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span>
+Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und sein
+Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die
+schärfsten Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und
+so war es Würze, wenn er, von den Schwaden des ekelsten
+Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias emportauchen
+ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach
+durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust.</p>
+
+<p>Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia
+noch den ganzen September auf dem Lande verbringen
+wolle. Er fand dieses Schreiben gleichzeitig mit einem
+Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als er
+eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des
+Freundes, und seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte
+und las aber- und abermals. Dann steckte er es in die
+Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht nahm
+einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte
+beide Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen
+Augen: »Nun hilf mir, Feïnaora, du Geschöpf
+der Inseln und des Meeres!«</p>
+
+<p>Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie
+geheimnisvoll erschien. Noch einmal löste sich die Spannung,
+er fiel wie vernichtet in einen Lehnsessel, schlief
+wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte, sah er
+zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner
+geschickt, aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte
+auf der Seite, die er leer geglaubt, vier Worte von Virginias
+Hand: »Ihre Schutzbefohlene grüßt Sie.«</p>
+
+<p>Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span>
+seit mehr als sechzig Tagen, dieser warnende, erinnernde
+und fast drohende Gruß. Erwin schüttelte bedächtig den
+Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort nach Edlitz
+zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst
+fuhr am Nachmittag mit dem Automobil.</p>
+
+<p>Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen
+mußte, erregte trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen.
+Drei niedrige Zimmer, mit verruchten Ölbildern
+behangene Wände, wacklige Stühle und ein liliputanisches
+Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen; er
+beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem
+Virginia mit ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr
+abends, als sich Erwin auf den Weg begab. Alle Fenster
+der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan war
+ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese,
+etliches Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit
+tiefherabhängenden Zweigen war eine Bank. Erwin setzte
+sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben, inmitten
+des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es
+mochte wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also.</p>
+
+<p>Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst
+nicht im ersten Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr
+träumereiche Zeit. Sie träumte, daß sie sich in einer
+fremden Stadt befand. Die Straßen sind leer, es ist sehr
+kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut hinauf.
+Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster.
+Sie weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt
+zu ihm muß. Es ist von Wichtigkeit, sie darf<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span>
+keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt sein Gesicht an der
+Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch unterscheidet
+sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend
+eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe
+mit zahllosen steilen Stufen muß erstiegen werden. Es
+ist schwer, sie wird müde, sie denkt: warum kommt er mir
+nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr jemand,
+den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt
+ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet
+sich um die Mauer, will’s denn kein Ende nehmen? Gott
+sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was ist das? Der Raum
+ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie sich
+aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß.
+Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred
+geht unten auf einem schmalen Weg und schaut herauf,
+verwundert, fremd, gleichgültig, mit einem Gesicht, das
+klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine Flamme.
+Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen,
+des unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die
+zu wachsen scheint, sie weiß nicht warum, entpreßt ihr
+einen lauten Angstschrei, und sie erwacht.</p>
+
+<p>Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen
+Pause antwortete Virginia beschwichtigend und erhob sich
+dann, um, wie sie zu tun gewohnt war, ans offene Fenster
+zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach oben und blieben
+an den Sternen haften.</p>
+
+<p>Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der
+Finsternis in das bläuliche Licht hervortreten, das auch<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span>
+ihr Nachtgewand bläulich schimmern machte. Wenig
+fehlte und er hätte den schützenden Schatten verlassen,
+um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff
+ihn Verzagtheit.</p>
+
+<p>Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus
+vielleicht wie die seine; er fühlte die Nachtkühle über die
+leichtbedeckten Schultern huschen und wie die Glieder
+fröstelten.</p>
+
+<p>Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief
+er lange. Er schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt
+zurück, ihm sein Feldbett zu holen. Als er vormittags
+gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen stand, das etwa
+tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia
+auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern
+belauscht. Ihr helles Sommerkleid leuchtete durch die
+undichten Zweige. Sie hatte ein Buch auf dem Schoß
+und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen
+Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in
+die Augen.</p>
+
+<p>»Erwin«, sagte Virginia.</p>
+
+<p>Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand
+übergab. Ihre Freude war so mit Furcht gemischt,
+daß sie sich des Eingeständnisses von Schwäche, das in der
+hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst nach dem
+Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich
+wieder; mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie
+die unwillkommenen Zeichen, die zu viele einsame Stunden
+verrieten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span>Frau
+Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt
+sah. Sie war redselig, neugierig, zapplig und
+etwas konfus. Da das Wetter schön war, beschlossen Erwin
+und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut
+und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war,
+schwieg sie eine Weile verlegen. »Was war denn eigentlich
+los?« fragte sie auf einmal hastig. »Haben Sie sich
+mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus ihr
+herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam
+Virginia zurück, lächelte die Mutter flüchtig an und rief:
+»Gehen wir!«</p>
+
+<p>Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und
+beinahe gleich großen Gestalten lange. Wie gut ihm der
+graue Dreß steht, dachte sie, wie leicht und kerzengerade
+er schreitet; und sie, das weiße Musselinkleid, die weißen
+Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«, murmelte
+sie und seufzte.</p>
+
+<p>Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der
+sogenannten buckligen Welt. Virginia dachte: er ist anders
+als in der Stadt. Erwin dachte: sie ist dieselbe auch in
+der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung erst durch
+sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte
+die seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von
+seiner Reise, aber er schien nicht bei der Sache. Virginia
+merkte es und teilte seine Unruhe.</p>
+
+<p>Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder.
+Virginia lag gern in der Sonne, nur den Kopf barg sie
+im Schatten. Aber die Strahlen fielen dennoch auf ihr<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span>
+Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem Hut. Im
+Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen,
+in denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte
+den Kopf und roch die säuerliche Feuchtigkeit der Erde.</p>
+
+<p>»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte
+sie. – »Vor ein paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So?
+ich bin schon seit vierzehn Tagen ohne Nachricht. Was
+schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht wissen?
+Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an,
+denn seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred
+Geheimnisse vor Ihnen hat. Ich werde Ihnen den
+Brief vorlesen. Hat er Ihnen von Feïnaora geschrieben?«</p>
+
+<p>»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?«</p>
+
+<p>»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie
+zu.« Erwin setzte sich aufrecht, nahm den Brief aus der
+Tasche, entfaltete ihn und las.</p>
+
+<p>»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine
+Nachricht mehr von dir. Bis in den indischen Archipel
+waren deine Mitteilungen von dankenswerter Häufigkeit,
+wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich gewünscht hätte.
+Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man bei der
+Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das
+zu Weihnachten keine Geschenke bekommt.</p>
+
+<p>»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon,
+Neuguinea nach Sydney und von da über die Cooks-Inseln
+hierher nach den Marquefas. Von nun ab verlegen
+wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span>
+Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa,
+werden wir fern von der übrigen Menschheit an den
+Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht, die nichts
+Verlockendes hat. Dann steuert der <span id="Page_279_1">›Phönix‹</span> heimwärts.
+Bis Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf
+Neuseeland, die weiteren Stationen werde ich rechtzeitig
+melden.</p>
+
+<p>»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein
+Tagewerk, das in unseren Breiten noch erfrischend wirkt,
+ist in den Tropen schon ein Übermaß. Einige Mitglieder
+der Expedition sind vom Fieber nicht verschont geblieben,
+und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir
+im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen
+Malabar und der Torresstraße ist der Körper stündlich in
+Gefahr, einer tödlichen Erschlaffung zu unterliegen, und
+die Feste, die das Auge feiert, müssen mit einem beständigen
+Kampf gegen den unsichtbaren Feind bezahlt
+werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren
+ist, schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie
+Gespenster auf Deck herumwankten. Ich lebte meist von
+Früchten und Reis. Es wächst dort eine Frucht, die
+Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne.
+Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt
+die beste Idee davon, dazwischen kommen Duftwolken,
+die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen Sherry und anderes
+Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch süß,
+sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts
+auf Erden, und je mehr du verzehrst, je weniger kannst<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span>
+du aufhören. Aber diese selbe Frucht, leider! verbreitet
+einen entsetzlichen Gestank, und bevor man sie öffnet,
+scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu bringen.
+Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit.</p>
+
+<p>»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling
+erzählen, von Tauben mit Korallenfüßen,
+von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer der Vulkane,
+von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg
+oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor?
+Das haben viele schon getan. Meine Feder ist zu armselig.
+Diese Dinge bereichern, indem sie entzücken. Anders
+der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die bereichert,
+indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig,
+der neben mir ging und dessen Namen ich nicht
+kannte. Zu Hause beruhigt man sich bald, Gewohnheit
+und Anpassungszwang machen das Fremde unscheinbar.
+In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen könntest,
+man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer
+eine tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der
+schauerlichen Glut des Maschinenraums haust und wie ein
+Kerkersträfling durch den Ozean fährt. Ist er nicht ein
+Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf gegen meine Bequemlichkeit?
+Ich sehe den Chinesen, der fern von seiner
+Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig,
+der zu fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er
+spricht und durch Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt.
+Da ist der demütige Malaie, der eitle Ambonese,
+der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer, dessen<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span>
+Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und
+dessen Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung
+und dem Druck der salzigen Lauge. Dann triffst du
+die Goldsucher, die in einer durch die Not geschmiedeten
+Kameradschaft die öden Steppen Australiens durchziehen,
+um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen
+Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu
+können, dessen Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends
+verzehren wird; oder den Farmer, der in einer
+Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die wir nicht
+einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut
+kämpft, und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen
+kostet, wenn er die widerspenstige Viehherde zum
+nächsten Markt an die Küste treiben muß. Auch dem
+verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter
+mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und
+dem von frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene
+Blockhaus in Brand gesteckt wird; dem alten deutschen
+Arzt auch, in einer Schifferkolonie, der seit siebenunddreißig
+Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen
+Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen
+wird, weil es ihm nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben,
+um zu Hause mit Anstand leben zu können.</p>
+
+<p>»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele
+seien überall zu finden. Das ist wahr. Aber warum
+schaut man heute ein Gesicht an, und es bleibt stumm,
+und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen des
+Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span>
+Zunder entflammen soll. Forderst du Resultate, Vorsätze?
+Ich habe einen Sinn darin entdeckt, daß ich bin,
+nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich kann
+keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt
+das anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in
+meinem Kreis. Ich höre auf, mich selbst zu genießen. Ich
+will arbeiten, um zu dienen.</p>
+
+<p>»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit
+sich allein sein, um sie zu finden. Die Teilnahme eines
+Freundes würde den Prozeß nur trüben und verlängern.
+Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein aufgestacheltes
+Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine Adern
+sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden.
+Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual
+der Nächte übertroffen, Schreckbild überflügelt Schreckbild
+bis in den horchenden Schlaf. Ich mag das meiner
+Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht; das
+heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will
+mich in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr
+gegen das Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr
+gelassen zu erscheinen. Aber meine innere Verstörtheit und
+Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen Erlebnis,
+das ich dir erzählen will.</p>
+
+<p>»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas
+warfen wir vor Mangaia Anker, einem lieblichen Eiland
+im Cook-Archipel. Wir wollten dort nach Echinothuriden
+fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll gefärbte Seeigel,
+die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span>
+gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen
+Giftapparat enthält. Einige junge Leute von der Expedition,
+darunter ich, arbeiteten am Strand, und jeder
+schlief nachts in seinem Zelt. Eines Morgens, meine
+Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein
+braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel,
+mit einem Rock aus Grashalmen, so wie sie alle hier
+gekleidet gehen. Sie redete, jedoch ich verstand natürlich
+nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie stets die
+Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte.
+Sie hieß Feïnaora.</p>
+
+<p>»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die
+andern lachten, als sie zurückkehrten und das anschmiegende
+Geschöpf bei seinem Tun beobachteten. Von Fischern
+erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm verstoßen
+worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht
+oder konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer
+wies ich das Mädchen fort und immer kam es wieder. Sie
+warf sich auf die Erde vor mir und brachte mir Muscheln,
+Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und Kokosnüsse.
+Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen,
+die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper,
+kaum der Kindheit entwachsen, ein scheues Benehmen
+und ein schmeichelndes Idiom voller Vokale.</p>
+
+<p>»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte
+sie vor meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon
+bei mir wie ein aufmerksamer Hund, trug Wasser und
+bereitete den Tee. Am letzten Abend, bevor der ›Phönix‹<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span>
+die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und Feïnaora
+kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie
+mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte
+mit sonderbar wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich
+wollte schlafen und gebot ihr, stille zu sein. Der Schlummer
+kam, doch er war ohne Tiefe und ohne Vergessenheit.
+Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene so
+quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich,
+die Gedanken flogen durch den Raum zu meiner Geliebten,
+mir war, als müßt ich sterben, ohne sie noch
+einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu
+haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in
+der Furcht, in der Finsternis und Einsamkeit streckten sich
+meine Arme aus und sie fanden Leben, Wärme, eine
+mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von der andern
+Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes
+Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich
+aus dem Fieber der Träume. Am Morgen sah ich mich
+allein. Feïnaora war verschwunden. Es waren Leute
+im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem
+Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der
+ihren in die Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte
+mir, daß es Feïnaora war. Das Meer hat ihre Seele
+ausgelöscht. Virginia hat es gefordert.</p>
+
+<p>»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen
+Tod. Ich glaube an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht
+schuldiger werde. Oder, wenn dich die moralische Wertung
+ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger, sondern verstrickter.<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span>
+Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze
+Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie
+wird es möglich sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier-
+und Traumhafte so zu fassen, daß sie versteht, verzeiht,
+vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will nicht monatelang
+mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben.
+Leb wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken
+deinen ewig getreuen Manfred Dalcroze.«</p>
+
+<p>Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach
+blaß geworden, jedoch kein Spiel der Mienen verriet,
+was in ihr vorging. Sie lag auf dem Rücken, hatte die
+Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein Grashalm
+war zwischen ihre Lippen geklemmt.</p>
+
+<p>»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte
+den Brief des Freundes in der Faust zusammen.</p>
+
+<p>»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia
+mit hartem Blick; doch kaum hatten ihre Augen
+einander getroffen, so senkte Virginia die Lider, eine
+verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und sie wandte,
+ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern
+Seite.</p>
+
+<p>»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte
+Geschichtchen ernster zu nehmen, als es im
+Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und mit vorsichtigem
+Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin,
+an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja,
+der Gute, er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu
+quält er sich? Jetzt plötzlich möchte er gern an die Großmut<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span>
+des freien Weibes appellieren und hat nichts für Sie
+getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts. Er hat Sie
+aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und
+nun mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er
+fürchten muß, kein Verständnis für das Natürliche und
+Alltägliche zu finden.«</p>
+
+<p>Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue,
+Virginia,« fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat.
+Wir Männer sind aus anderem Fleisch als ihr. Unsere
+Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so im Geist,
+daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue
+manchmal erst zur Blüte kommt.«</p>
+
+<p>Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand
+mit vielen Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der
+zwölfte September. Ihr war kalt, über und über kalt.</p>
+
+<p>Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin
+folgte ihr und pfiff leise. Schweigend wandelten sie über
+die Wiesenwege. Von den Bergen her waren indessen
+große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es donnerte.
+Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es
+zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt
+nicht. Es regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie
+an ein Haus. Das Tor war verschlossen; auf Erwins
+Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin bat, den
+Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden
+in ein geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen
+Sofa und Stühle mit weißem Linnen überzogen waren.
+Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien, das in<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span>
+diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem
+die freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach
+Bauernart lamentiert hatte, ließ sie die beiden allein.</p>
+
+<p>In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen
+Sessel hin und spielte. Das Instrument klang dünn und
+verstimmt. Als er sich nach einer Weile umwandte, sah
+er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch sitzen und lautlos
+weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt,
+die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab,
+die Hände lagen im Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet
+sah, erhob sie die Arme, stützte sie auf den Tisch
+und legte die Hände vor die Augen. Erwin schritt hin,
+faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander,
+wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins
+Innere eines Waldes dringen will. Sie mochte ihr Gesicht
+nicht sehen lassen und beugte es tiefer herab. Er schob
+den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von unten
+ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut!
+Vertrauen! Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte
+Virginia vertrauensvoll. Sie hauchte seinen Namen.</p>
+
+<p>»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam.</p>
+
+<p>Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht
+recht gehört zu haben. Sie schaute ihm entsetzt in die
+Augen. So nahe, dachte er mit Frohlocken, mit Furcht
+vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn er gewahrte
+jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen
+Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen,
+während sie sich vergrößerten. Er packte ihre Schultern,<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span>
+sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham und Schrecken,
+stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich befreien.
+Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich
+gegen den ihren, in dem allmählich Angst und
+Haß sich zu flehentlicher Bitte entschieden. »Nicht anrühren!
+nicht anrühren!« sagte sie schnell und leidenschaftlich.
+Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln,
+eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand
+sie auf, doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen
+fingen ihren Mund wie etwas, das niederstürzt, wie man
+einen flügellahmen Vogel mit den Händen fängt, und
+ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in elektrischen
+Wellen fort.</p>
+
+<p>Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er
+sah die weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen,
+die von keiner natürlichen, eher von einer mechanischen
+oder kränklichen Bewegung geöffnet waren, jede Sekunde
+verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit des lebendigen
+Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen Formen
+ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten,
+der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis
+er gewahrte, daß er eine Besinnungslose hielt, eine die
+wachsfahl dalag, hilfsbedürftig geworden, in ein Intervall
+von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die Sühne
+für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach
+einem kurzen Tod zum Austrag gelangen könnte.</p>
+
+<p>Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne,
+feurig fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span>
+Blick traf, der bis in den untersten Grund seiner Seele
+drang, da mußte Erwin einen Rückzug von entscheidender
+Bedeutung antreten, der ihn fast wieder an jene Schanzen
+warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie ist unvergleichlich,
+sagte er sich, und ich habe eine Dummheit
+begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre
+Eigenart zu berücksichtigen. Ich war zu wenig originell,
+das rächt sich.</p>
+
+<p>Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen
+ließ: das ist Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt,
+niemals, im Innersten niemals. Unschuld! Was war
+denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen
+unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die
+Frauen, wenn sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer
+Begierde zur Gewissensruhe verhilft? Die furchtsamen
+Mädchen, die wissenden Frauen, die schwankenden, ziellosen,
+hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine Kraft.
+Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte
+ihn. Was für ein Gegenüberstehen war dies doch!
+Element und Wille; die Schönheit und ihr Begehrer, ihr
+Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr Herr, ihr Schicksal.</p>
+
+<p>Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab
+lagen von den bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen,
+die fast ohne Bezug war zur Gegenwart, daß er
+es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer verließ,
+eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald
+genug treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er
+sich allein sah. Nach einer Viertelstunde regungslosen<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span>
+Brütens ging er gleichfalls. Er rief die Bäuerin und gab
+ihr ein Geldstück.</p>
+
+<p>Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte
+sogar einen Umweg ins Dorf.</p>
+
+<p>In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die
+Regenkälte zu vertreiben. Was soll nun werden? grübelte
+er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im Vorteil gegen mich.
+Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken, es sei alles
+zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir
+fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen?
+jetzt? unmöglich. Ich würde mir selber wertlos.
+Ich kann es nicht. Das Gelingen wird mich nicht reicher
+machen. Erfolg ist nur Bestätigung, nicht Vermehrung.
+Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie reißt
+mich aus mir selbst heraus.</p>
+
+<p>Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter.
+Sie reißt mich aus mir selbst heraus! Das war
+eines jener tiefen Worte, die nur ohne Eitelkeit und
+Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte
+Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges,
+um seine Stimmung zu verdüstern. Er las, er arbeitete
+an seiner Abhandlung über die moralische Idee. Am
+Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief an
+Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf
+der Insel Mangaia für eine reizende, aber bedeutungslose
+Legende im Stil von Montesquieu oder Hearn zu
+erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen
+seines Liebesfiebers.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span>»Ich
+kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem
+Punkt erscheinst du mir ein wenig geschmacklos und rückständig.
+Und du spürst es selbst, wenn ich gewisse Äußerungen
+recht verstehe, in denen sich das Bedürfnis ausspricht,
+deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie
+von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und
+ihnen ein soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten
+Jahrhundert repräsentiert die Liebe nicht mehr. Ich kann
+eine Tyrannei des Gefühls nicht billigen, die uns um den
+Genuß und die geistigen Ziele des Lebens betrügt. Nenne
+mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort
+für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an
+der panischen Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie
+nicht, ich halte ihr stand. Doch ich kann nicht auf das Recht
+der schönen Selbstbestimmung verzichten. Leidenschaften
+sind Arzneien des Geistes und Massagen des Herzens.
+In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde
+Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole
+schädigen den freien Austausch. Du hast nicht wohl
+daran getan, dein polynesisches Erlebnis ins Europäische
+zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein
+gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen,
+dir eine ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So
+erklärst du die Treue als ein Prinzip, und das ist verwerflich.
+Prinzipien morden die Jugend, das einzige
+positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für
+Virginia daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem
+ich sie vorbereitete. Sie wäre zu einer Dummheit fähig<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span>
+gewesen, da sie nie einen Berater hatte, der sie von den
+sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite. Jetzt magst
+du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler
+Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche
+leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat,
+wenn man, wie ich, der Meinung ist, daß ein edles Pferd
+zu den vollkommensten Wesen der Schöpfung gehört. Sie
+ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die abgefeimtesten
+Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf
+Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien.
+Er, vor dem doch alles kniet! Leb wohl, Gott
+schenke dir Frieden und Vernunft.«</p>
+
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Bindende">Das Bindende</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Erwin arbeitete bis in den Nachmittag. Gegen
+zwei Uhr pochte es an seiner Tür. Es war Frau
+Geßner. Verlegen und zögernd trat sie ein. Erwin
+ging ihr höflich entgegen. Sie fragte, was zwischen ihm
+und Virginia vorgefallen sei. »Nichts von Wichtigkeit«,
+antwortete er kühl.</p>
+
+<p>»Dann weiß ich nicht, was das Mädel hat. Durchnäßt
+ist sie gestern nach Haus gekommen und hat sich ins Bett
+gelegt. Ich glaube, sie hat gefiebert. Hat auch kein Wort
+mit mir gesprochen, kein einziges Wort, gestern nicht und
+heut nicht. Können Sie sich das erklären?«</p>
+
+<p>»Ist sie heute aufgestanden?«</p>
+
+<p>»Ja. Sie sitzt in ihrem <span id="Page_293_1">Zimmer.«</span></p>
+
+<p>»Was tut sie?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
+
+<p>»Ich werde mit Ihnen gehen.«</p>
+
+<p>»Tun Sie das lieber nicht. Sie wird Sie nicht empfangen.«</p>
+
+<p>»Ach? Sie wird mich nicht empfangen? Wie wird sie
+das machen?«</p>
+
+<p>Frau Geßner zuckte die Achseln. »Ich wollte Vormittag
+zu Ihnen, sie hat mir’s streng verboten. Was ist los? sag
+ich. Sie schaut in die Luft. Jetzt hab ich mich weggestohlen.«</p>
+
+<p>»Ich gehe mit Ihnen.«</p>
+
+<p>»Sie wird eigensinnig, Erwin. Man macht sie krank,
+wenn man ihren Eigensinn brechen will.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span>»Wir werden sehn.«</p>
+
+<p>Das ungleiche Paar ging über die triefenden Wege
+unter einem trüben Himmel schweigend dem Landhaus
+zu. Das Häuschen hatte fünf bewohnbare Räume, von
+denen zwei kaum als Zimmer anzusprechen waren. Unten
+lag das Eßzimmer, daneben war die Küche und eine
+feuchte Holzkammer. Oben war ein ziemlich großes Gelaß,
+das auf den Balkon führte; auf der einen Seite
+dieses Raums war eine Türe zu Virginias Schlafzimmer,
+an die andere stieß das Zimmer der Frau Geßner. »Habt
+ihr denn nicht Geld genug, daß ihr euch in solche Käfige
+sperrt?« wandte sich Erwin auf der Treppe an Frau
+Geßner.</p>
+
+<p>»Es war nichts Besseres zu haben«, stotterte diese
+schuldbewußt.</p>
+
+<p>»Ich habe euch Paläste angeboten«, versetzte Erwin
+zornig. »Gott bewahre einen vor Krämer- und Spießervolk.
+Ich bitte um Verzeihung, aber meine Geduld ist
+zu Ende.« Maßlos eingeschüchtert, vermochte die Frau
+nichts zu antworten. Eine böse Ahnung überkam sie.</p>
+
+<p>In dem großen Zimmer wartete Erwin, während Frau
+Geßner zu Virginia ging. Er betrachtete die einfachen
+Zirbelholzmöbel, das plumpe, rotüberzogene Sofa und
+die schmucklosen Wände. In der einen Ecke war ein getünchter
+Steinofen, der häßlich und etwas beschädigt aussah.
+Virginia hatte einen großen Schirm davor aufgestellt,
+den der Dorftischler nach ihrer Zeichnung gefertigt hatte
+und dessen vier aneinandergenietete Teile sie als Rahmen<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span>
+für einige ihrer Skizzen benutzt hatte. Man gewahrte da
+einen Pfau, der ein Rad schlug, zwei Äpfel auf einem
+blauen Teller, eine gebundene Garbe und einen Korb,
+in dem Forellen lagen.</p>
+
+<p>Mit ratlosem Gesicht erschien Frau Geßner wieder.
+Hinter ihr wurde die Türe abgesperrt. »Was gibt’s?«
+fragte Erwin tonlos. Die Frau blickte scheu zu Boden.
+Er trat an die Tür und packte mit krampfhaftem Griff
+die Klinke. »Virginia!« rief er heiser.</p>
+
+<p>Keine Antwort. Er wartete; er atmete tief auf.</p>
+
+<p>»Virginia! Sie erlauben mir also nicht, mit Ihnen
+zu sprechen?«</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>»Virginia! Ein Mann von Ehre, nein, sagen wir: von
+anständigem Betragen darf nicht wie ein unverschämter
+Zudringling behandelt werden.« Er betonte sehr scharf.
+Eine mahlende Kaubewegung der Kinnladen schien seine
+Worte zu pulverisieren.</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>»Um Gottes Himmelswillen, was war denn zwischen
+euch?« raunte Frau Geßner, dicht zu Erwin herantretend.
+Aus ihren Augen fielen eine Menge von perlenden, hellen
+Tränentropfen wie Wasser aus einem Sieb. Erwin befahl
+ihr durch eine barsche Gebärde, zu schweigen. Er
+war sehr bleich. Er zog die Uhr, behielt sie in der Hand
+und rief: »Hören Sie mich, Virginia! Es ist jetzt drei Uhr.
+Um sechs Uhr bin ich wieder da. Sie werden sich dann
+entschlossen haben, mich einzuladen. Ich werde diese Beleidigung<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span>
+zu vergessen suchen. Hören Sie! Um sechs Uhr.
+Das ist mein letztes Wort.«</p>
+
+<p>Er ging, ohne sich um Frau Geßner zu kümmern.
+Zweieinhalb Stunden lang irrte er in beständigem Regengeriesel
+mit aufeinandergepreßten Zähnen durch die Wiesen
+und Felder. Er hatte beabsichtigt, vor der angekündigten
+Zeit an Ort und Stelle zu sein, um das Mädchen zu
+überraschen. Diesen Plan verwarf er. Es war halb sieben,
+als er mit festen Schritten die Treppe emporstieg. Er
+trat ein und verbeugte sich vor Frau Geßner, die, als sie
+ihn gewahrte, beide Hände an die Wangen preßte. Er
+blickte fragend nach der Tür. Frau Geßner schüttelte
+traurig den Kopf. Sie trat wieder dicht vor ihn hin, hob
+den Zeigefinger und flüsterte: »Etwas Übles haben Sie
+ihr angetan. Ich kenne mein Kind. So war sie noch nie.«</p>
+
+<p>Erwin schaute sie verächtlich an. Er empfand Ekel wie
+zumeist, wenn er bejahrte Frauen reden sah, deren Mund
+des beherrschten Mienenspiels ermangelte. Er würdigte
+sie keines Worts und ging zu der verschlossenen Tür. Er
+klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers dreimal. »Ich
+bin es, Erwin Reiner, nicht Sixtus von Flügel!« rief er.</p>
+
+<p>Er drückte die Klinke. Er rüttelte an ihr, stärker und
+stärker, mit Erbitterung, mit Wut. Umsonst, nichts zu
+hören; kein Schritt, kein Laut. Nun wanderte er ein
+paarmal durch das Zimmer, wobei ihm Frau Geßner
+aufmerksam zusah. Nach einer Weile trat er wieder zur
+Tür und sagte eindringlich: »Virginia, öffnen Sie! Noch
+niemand hat gewagt, was Sie heute wagen. Ich will<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span>
+Ihnen keinen Anlaß geben, eine Behandlung zu bereuen,
+die ich nicht verdient habe. Besinnen Sie sich, Sie haben
+noch eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen.«</p>
+
+<p>Damit trat er zum Tisch, nahm einen Stuhl und setzte
+sich. Er starrte gleichgültig vor sich hin. Von Zeit zu Zeit
+schaute er auf die Uhr. Frau Geßner saß am offenen
+Balkon. Sie rührte sich nicht, bewegte selbst die Augen
+nicht. Sie horchte. Die den Fenstern gegenüberliegenden
+Wände röteten sich plötzlich. Draußen, durch die Zweige
+der Bäume flutete kupferfarbenes Licht. Innerhalb fünf
+Minuten war der ganze Himmel mit orangeroten Cirruswolken
+bedeckt. Ein kläffender Hund sprang vor dem Haus
+vorbei.</p>
+
+<p>Die Viertelstunde war abgelaufen. Erwin erhob sich
+und griff nach seiner Mütze. Frau Geßner streckte bittend
+die Hand aus. Er zuckte die Achseln und ging. Es steht
+zu vermuten, daß er bis zu diesem Augenblick seines Lebens
+kein Gefühl kennen gelernt hatte, das der Verzweiflung
+nur ähnlich war. Jetzt empfand er es. Es war ein grauenhaft
+verwundertes Voreinerwandstehen und Nichtweiterkönnen.
+Vor einer Tür stehen und nicht eingelassen
+werden! Das war das Furchtbarste, was ihm zustoßen
+konnte. Darauf also hatte sich sein Leben zugespitzt? Das
+war das Ergebnis: vor einer Tür stehen und nicht eingelassen
+werden!</p>
+
+<p>Sein Fuß stockte an der Treppe, und er sah in die
+Dunkelheit hinunter wie ins Bodenlose. Da vernahm er
+eilige Schritte hinter sich. Er wußte, daß ihm die Alte<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span>
+folgen würde. Sie tippte mit ihren kalten Fingern auf
+seine Hand, die das Geländer umfaßt hielt, und sagte
+heimlich: »Ich kann mir’s denken, Erwin.«</p>
+
+<p>Woher nimmt sie den Mut, mich Erwin zu nennen?
+dachte er verdrossen; alle alten Mütter sind lästig und
+respektlos. »Was steht zu Diensten?« sagte er mit höflicher
+Kälte. »Wenn Sie nur Vertrauen zu mir hätten«,
+antwortete sie seufzend.</p>
+
+<p>Erwin stieg die Treppe hinunter, und sie folgte, weil
+sie ihm eine Unschlüssigkeit anmerkte. In dem großen
+Zimmer unten, das ohne Stufe ins Freie führte, blieb
+Erwin stehen und sagte: »Gut, Mama. Sie sollen sehen,
+daß es mir an Vertrauen nicht fehlt. Ich bitte Sie um
+Virginias Hand.«</p>
+
+<p>Das gelbe Gesicht der Frau schien auf einmal größer
+zu werden. Im Geist hatte sie sich des öfteren das Entzücken
+ausgemalt, das sie empfinden würde, wenn einst
+diese Worte an ihr Ohr schlagen sollten. Und nun war sie
+keineswegs entzückt, sondern im höchsten Grad erschrocken.
+Der Schrecken lähmte ihre Freude und die Vorstellungen
+von Glanz, Sorglosigkeit und Reichtum. »Sie bitten mich
+um Virginias Hand?« wiederholte sie ungläubig und matt.
+»Mich? mich bitten Sie? warum nicht Virginia selbst?«</p>
+
+<p>»Soll ich ihr meinen Heiratsantrag durch das Schlüsselloch
+zubrüllen?«</p>
+
+<p>»Virginia ist aber doch verlobt, Erwin –?«</p>
+
+<p>»Ja, das ist der Anstoß, wie Hamlet sagt. Immerhin,
+es sind schon festere Bündnisse aufgelöst worden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span>»Sie
+läßt nicht von ihrem Manfred, um keinen Preis.«</p>
+
+<p>»Darauf kommt es eben an.«</p>
+
+<p>»Ist es Ihr wahrhaftiger Ernst?«</p>
+
+<p>»Man scherzt nicht, wenn man mit Füßen getreten
+worden ist.«</p>
+
+<p>»Ach, wie unglücklich bin ich!« rief Frau Geßner leise
+und bekümmert, aber jetzt war in ihren Augen ein Ausdruck,
+der die monatelangen kupplerischen Wünsche enthüllte.
+In einer besorgten Falte ihrer Stirn wohnte der
+letzte Gedanke an Manfred wie der letzte Gast einer vordem
+zahlreichen Gesellschaft; alles übrige an ihr war Aufregung,
+Erwartung und Dankbarkeit.</p>
+
+<p>Erwin schaute sie an, wie man ein gelungenes Werk
+ansieht, und unterdrückte ein maliziöses Lächeln. Er faßte
+die Frau unter den Arm und sagte: »Sie begreifen, Mama,
+es handelt sich also darum, Virginias kindischen Trotz zu
+besiegen. Das Wichtigste ist, daß ich mit ihr sprechen kann.
+Sagen Sie ihr, ich sei abgereist. Sie wird es bedauern,
+sie wird in sich gehen. Ich werde morgen im Gasthaus
+bleiben. Um acht Uhr abends werde ich unvermutet und
+möglichst geräuschlos ins Zimmer treten. Sprechen Sie
+nicht mit ihr über mich! Sorgen Sie dafür, daß sie bei
+Ihnen sitzt; wenn sie mich sieht, habe ich gewonnen. Die
+Dinge sind weiter gediehen, als Sie denken, Mama«,
+schloß er; »Virginia ist uneins mit sich selbst. Das ist der
+Schlüssel zu ihrem Verhalten, auch die Erklärung dafür,
+daß ich es ertrage. Helfen Sie mir, und alles wird gut.«</p>
+
+<p>»Und Manfred?« murmelte Frau Geßner.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span>»Manfred
+wird mit Feïnaora tanzen.«</p>
+
+<p>»Wie?«</p>
+
+<p>»Davon reden wir ein andermal.«</p>
+
+<p>»Und Sie werden meine Tochter glücklich machen,
+Erwin?«</p>
+
+<p>»Weinen Sie jetzt nicht, Mama, ich halte keine Alteration
+mehr aus.«</p>
+
+<p>Es ist so wie er sagt, dachte Frau Geßner, als Erwin
+gegangen war: Gina ist uneins mit sich, das arme Kind
+weiß nicht, was es tun soll. Aber da gibt es kein Schwanken;
+das Glück, das sich ihr da bietet, darf sie nicht von sich
+weisen.</p>
+
+<p>Mütter sind stets geneigt, die Wahl des Herzens gegenüber
+den weltlichen Vorteilen einer Heirat gering anzuschlagen.
+Nicht die klügste und sanfteste ist fähig, sich der
+Gefühle ihrer eigenen Jugend zu erinnern. Alle haben
+gelernt, praktisch zu sein, und haben vergessen, daß die
+Feindseligkeit zwischen den Generationen auf den Verblendungen
+der Habsucht und den Irrtümern der Vernunft
+beruht. Sie werden gemein, ohne es zu wissen,
+und grausam, ohne es zu wollen.</p>
+
+<p>Erwin hatte sich auf die Bank unter der Weide gesetzt
+und schaute in das feurige Rechteck von Virginias Fenster,
+das von immer schwärzer werdender Nacht begrenzt wurde.
+Lange saß er so. Es läuteten tiefe Glocken, deren Schall
+der Wind ungedämpft herübertrug. Er verspürte weder
+Hunger noch Durst, obwohl er seit Mittag nichts gegessen
+hatte. Es war ihm, als hätte er ein Gelübde abgelegt,<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span>
+nicht zu essen noch zu trinken, bevor ... bevor die Tür
+dort oben offen stand. Es war, als dürfe die Sonne nicht
+mehr scheinen, bevor die Tür dort oben offen stand. Es
+war, als hätte er vor dieser Tür gelegen und um Einlaß
+gewimmert. Es war, als hätten unzählige Menschen dabei
+zugeschaut und hätten ihn verhöhnt.</p>
+
+<p>Seine Pläne gediehen nicht. Er verwarf die einen
+als zu kühn, die andern als nutzlos. Sein Stolz krümmte
+sich wie ein Span im Feuer. Das Feuer war seine Begierde,
+sein Haß. Plötzlich zuckte er zusammen. Das beleuchtete
+Rechteck wurde finster. Virginia ging schlafen.
+Ihre nackten Füße hatten den groben Bretterboden berührt;
+ihr wenig beschützter Leib hatte gefröstelt in der
+feuchten Wiesenluft, die durch die Fensterfugen drang.
+Nun lagen ihre Glieder auf weißem Linnen, auf fühllosem
+Linnen lagen sie ausgestreckt da. Die weißfingrigen
+Hände fanden sich wie ein Liebespaar, das in der Finsternis
+einander sucht. Der Smaragdring auf der Linken war
+abgezogen, und sie war frei vom verpflichtenden Bund.
+Nackt war der Goldfinger ohne den Ring, wie eines
+Kleides ledig. Die zedernholzfarbenen Haare flossen über
+allzu kühle Kissen, stauten sich gegen die Wangen und
+zitterten dort im Atemhauch eines Seufzers. Die Wölbung
+zwischen Wimpern und Brauen, die den Schmelz
+und die Reinheit eines Blütenblattes und die vollkommen
+parallelen Begrenzungslinien hatte, die auf Beseeltheit
+und Leidenschaft schließen lassen, überzog sich langsam
+mit dem sinnlichen Karmin des Schlummers. Maß man<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span>
+den Raum von hier bis an die Lagerstätte, es mochten
+nicht zehn Meter sein. Aber eine Tür war dazwischen,
+die nicht geöffnet wurde.</p>
+
+<p>Virginia dachte nicht an die Tür. Auch an die Finsternis
+dachte sie nicht.</p>
+
+<p>Sie hatte nicht gebebt, als die Klinke unter der Wucht
+seines Griffs geächzt hatte. Sie war ruhig am Tisch
+gesessen, den Kopf in die Hand gestützt, in den erglühenden
+Himmel schauend. Sie dachte nicht mehr an Feïnaora,
+sie glaubte Manfred die Verwirrung, ihr schien, als liebe
+sie ihn doppelt um seiner Wahrheitskraft willen. Hätte
+eine Stimme ihr gesagt, er, der Andere sitze drunten hinter
+den Zweigen der Weide, sie wäre nicht überrascht gewesen.
+Denn sie fühlte seine Nähe unaufhörlich. Sie fühlte seinen
+heftigen und sprechenden Blick, seine unterwerfende Gebärde,
+sie sah die kochende Unzufriedenheit auf seiner Stirn
+und den heimlich zuckenden Nerv seiner Lippen. Sie
+wußte sich von alledem gekettet, aber sie war entschlossen,
+sich frei zu machen. Sie wollte frei sein. Sie wollte nicht
+mehr vom Morgen bis zum Abend mit erwartendem
+Nachdenken an ihm hängen. Sie wollte frei sein. Sie
+wollte nicht mehr ihr Herz klopfen hören, wenn seine
+Worte sie betasteten wie Finger oder eine Wißbegier erregten,
+deren sie sich schämte.</p>
+
+<p>So oft sie die Augen zumachte, mahnte sie ihr Mund
+an den seinen. Wie hatte er es wagen können, ihren
+Mund mit dem seinen zu berühren! Das war es, wobei
+ihre Gedanken stockten und jede Frage mit stummer Flucht<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span>
+beantworteten. Das machte sie so kalt und so gleichgültig.
+Sie hatte keine Freude mehr an sich selber. Sie wünschte
+sich einen Rächer, aber aus Mitleid mit ihm und aus
+einem Rest von Achtung für seinen Freundschaftsbund
+mit Manfred fürchtete sie die Rache.</p>
+
+<p>Er hatte ihren Mund mit seinem Mund berührt. Dies
+hatte nichts in ihr geweckt, es hatte nur getötet. Es war
+ihr zumut gewesen, als ob ihr Blut weiß würde. Ja, alle
+Dinge verblaßten mit einem Mal, auch Manfreds Bild.
+Jetzt, bei verlöschtem Licht, fiel ihr die Perlenkette ein,
+und sie erkannte die Unmöglichkeit, den Schmuck noch
+länger zu besitzen. Doch war es schwer, für die Zurückgabe
+die höfliche Form und den nicht widerruflichen Gehalt
+zu finden.</p>
+
+<p>Sie grübelte fast den ganzen nächsten Tag darüber.
+Als ihr die Mutter sagte, Erwin sei in die Stadt gefahren,
+ärgerte sie sich. Sie hatte die Mutter bitten wollen, ihm
+die Perlen zu bringen. Wäre sie achtsamer gewesen, so
+hätte sie die Verlegenheit der Mutter merken müssen, die
+zu wenig Einbildungskraft besaß, um erfolgreich lügen zu
+können. Im übrigen hatte sie sich vorgenommen, ihm
+heute gegenüber zu treten. Sie blieb mit ihrer Arbeit im
+Balkonzimmer. Sie war sehr verstimmt und sprach den
+ganzen Tag fast nichts. Es war ein sehr heißer Tag, und
+man spürte zugleich den Abschied des Sommers in ihm.
+Gewitter lagen in der unbewegten Luft.</p>
+
+<p>Es hatte acht Uhr geschlagen, als Erwin kam. Seine
+Schritte schallten erst dicht vor der Schwelle, da er Tennisschuhe<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span>
+angezogen hatte, um sie geräuschlos zu machen.
+Der Blick, mit dem Virginia die Mutter ansah, war wild
+und bezichtigend, und Frau Geßner duckte sich wie bei
+einem Steinwurf.</p>
+
+<p>Erwin grüßte. Sein Spottlächeln trieb Virginia das
+Blut ins Gesicht. »Ich habe meine Abreise verschoben,«
+sagte er, »weil ich mir den Bescheid wegen des Antrags
+holen wollte, den ich Ihrer Frau Mutter gestern gemacht.«</p>
+
+<p>Frau Geßner wollte erwidern, daß er ihr verboten
+habe, davon zu sprechen. Er schnitt ihr das Wort ab. Die
+kühle Redensart falle ihm schwer, die das Ungewöhnlichste
+von allem ausdrücke, wozu er sich jemals entschlossen.</p>
+
+<p>Virginias fragende Miene nötigte ihn zur Deutlichkeit.
+»Ich habe Sie von Ihrer Frau Mutter zur Ehe begehrt«,
+sagte er.</p>
+
+<p>Das Erstaunen Virginias war so naiv, daß es etwas
+wie Heiterkeit über ihre Züge verbreitete. »Man sollte
+wirklich denken, daß Sie Ihren Spaß mit mir haben
+wollen«, antwortete sie endlich. »Nein, das ist wirklich
+zu stark!« rief sie mit entflammten Wangen und erhob sich.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, ob dieser Unglauben beleidigend oder
+schmeichelhaft für mich sein soll«, versetzte er mit mühsamer
+Gelassenheit, hinter der sich sein Ingrimm und seine
+schmerzhaft verwundete Eitelkeit verbargen.</p>
+
+<p>»Schmeichelhaft? wieso denn schmeichelhaft?« fragte
+Virginia betroffen.</p>
+
+<p>»Ich biete Ihnen, was keiner bieten kann«, begann er
+mit seiner umflorten Stimme, und während er sprach,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span>
+sah man beständig seine großen, porzellanweißen Zähne.
+»Sie aber haben nur Hohn und Kälte dafür.«</p>
+
+<p>»Weil Sie wortbrüchig sind«, fiel Virginia mit bitterem
+Tone ein.</p>
+
+<p>»Ja, ich wage es, diese Hand zu fordern, die sich vergeben
+hat, ohne zu wissen, was sie gab«, fuhr er fort.
+»Ich wage zu denken, daß ich, ich, nur ich es bin, der
+ihrer würdig ist. Der andre hat empfangen, er wußte,
+was er empfing, aber er ist geflüchtet mit einem Wechsel
+auf die Zukunft. Er hat Ihre Seele mitgenommen und
+hat Ihnen dafür zwei Jahre gelassen, qualvolle Jahre
+des Aufwachens, des Scheinlebens, armseliger Hoffnung,
+augenloser, unbeherzter Jugend. Und ich, dessen Stern
+es war, Sie zu finden, dessen Bestimmung, Sie glücklich
+zu machen, ich soll vor der Tür stehen und betteln, ich
+soll zu Kreuze kriechen, ich soll das Vorrecht des
+Schwächeren achten, soll edelmütig verzichten? Warum?
+warum? Ich kann, ich will, ich darf nicht verzichten.
+Den Freund halt ich hoch, über mich selbst kann ich aber
+nicht hinweg.«</p>
+
+<p>Virginia machte Miene, das Zimmer zu verlassen.
+Ihr Antlitz zeigte keine Bewegung, kaum ein Gefühl.
+Ihre Lider waren so tief gesenkt, daß die Wimpern einander
+berührten. Erwin trat ihr in den Weg. »Nein,
+Virginia,« sagte er mit einem Ungestüm, das seine Haut
+zu entfärben schien, »nein! So nicht. Hören Sie mich
+gefälligst an.«</p>
+
+<p>»Ich habe nichts zu hören, und ich will nichts hören.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span>»Ein
+anhängliches Herz habe ich zerrissen, gemordet,
+das Herz einer Frau, die ich liebte, nur weil Sie, Virginia
+–«</p>
+
+<p>»Sprechen Sie davon nicht. Sie haben dort verraten,
+wie Sie hier verraten.«</p>
+
+<p>»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat
+ihr von neuem in den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn,
+wenn ich Sie überreden wollte, gegen Ihre Empfindung
+zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse Sie
+aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie
+hätten unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber
+nicht. Sie haben nicht gewählt. Sie haben gar keine
+Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben sich nur verpflichtet.
+Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der
+Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit
+der banalen Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen
+Zwang. Sie sind nicht geboren für die Niederungen, Sie
+würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der Seite
+eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt,
+der aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam
+sein wird, krank sein wird, den die Geschäfte des
+Lebens kraftlos und die Enttäuschungen des Berufs übellaunig
+gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen,
+Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph.
+Ich würde Sie lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten
+Händen würde ich dastehen, ich würde nie von
+Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen wie
+in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span>
+erleben lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen
+liegen, und das Geheimnis, das darin besteht, zu genießen,
+ohne zu bereuen. Haben Sie bedacht, wie ungeheuer es
+ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben einer Leidenschaft
+widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft
+vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt,
+von den Sinnen erzogen und von der Natur bestätigt
+worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln, am Blut,
+am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit
+hätte, daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet
+haben, und daß Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt.
+Sie sind es nicht. Unausrottbar bin ich in
+Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen, von
+mir kommen Sie nicht los.«</p>
+
+<p>Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung,
+dumpfes Hinsinnen, Schrecken, das alles war in Virginias
+Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck gelangt. Nach
+den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig
+an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von
+keuschem Bedauern. »Ich bitte einen Augenblick zu entschuldigen«,
+flüsterte sie endlich und ging in ihr Zimmer.
+Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in den
+Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren
+ins Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief
+ergriffen; sie war von Bewunderung für diesen Mann
+wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im stillen, sie
+grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte,
+wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war.<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span>
+Ein einziger Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und
+solche Männer gab es wie den! Sie dachte an den Tod;
+das schien ihr noch das Beste, woran sie denken konnte.</p>
+
+<p>Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand
+entgegen, auf welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und
+Entschiedenheit vereinigten sich in der Geste wie im Blick,
+ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher Entschluß. Frau
+Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus.</p>
+
+<p>Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich,
+alles umsonst.</p>
+
+<p>Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen
+wurde, ein herrisches Bedürfnis seines Temperaments
+war. Es gab in seiner Vergangenheit nur zwei
+Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren war er
+auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem
+erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch
+gelegen. Als Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im
+Beisein von Kameraden von einer Frau, in die er verliebt
+war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge hatte
+gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen.
+Man hatte ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der
+sich verbissen hat.</p>
+
+<p>So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt.
+Er schleuderte die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß
+darauf, die Perlen krachten und knirschten. Er trat auf
+sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und Wut im
+Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum
+bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span>
+Gerinsel, funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia
+faltete die Hände. Ihre Lippen zuckten. Sie ging
+ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die Scheibe.
+Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche
+Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich
+straff emporgerichtet. Schweigend verließ er das Zimmer.</p>
+
+<p>In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem
+Zimmer ins andere. Er dachte nichts, er begriff nichts
+mehr. Das Rad ist im Schwung, das Korn muß gemahlen
+werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr
+vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner
+trat ein. »Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte
+nicht den Gruß. »Sie hat mich geschickt, sie hat mich gebeten,
+Ihnen die Perlen zu bringen«, murmelte Frau
+Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich
+hab alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen!
+Wie kann man so freveln!« – »Kommen Sie, um zu
+jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie hat mich
+gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die
+Frau beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden,
+Sie möchten doch vernünftig sein.«</p>
+
+<p>»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene
+Erfindung zu sein. So geschmacklos ist Virginia nicht,
+daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen macht.«</p>
+
+<p>»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald
+heftig, bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen
+nicht wieder zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie
+erst lang betrachtet, bevor sie alle ins Papier gepackt hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span>Erwin
+überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er.</p>
+
+<p>»Sie hat geweint.«</p>
+
+<p>»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn
+um die Perlen geweint?«</p>
+
+<p>»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht
+alle beschädigt. Sie hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie
+fort waren, und dann war ihr wieder zu heiß, es ist so
+schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden, das hab
+ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt
+und bin dann zu Ihnen.«</p>
+
+<p>Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so
+umständlich, als könne sie sich damit willigeres Gehör bei
+Erwin erzwingen. »Gehen Sie doch nicht im Bösen von
+uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie bereut jetzt.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue
+zu ziehen.«</p>
+
+<p>»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch
+einen letzten Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute
+war, als hielte sie Virginias Glück in Händen. Auch
+war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er nur wolle, alles
+noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge.</p>
+
+<p>Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen
+Eingebung. »Ich muß morgen früh in der Stadt sein«,
+sagte er.</p>
+
+<p>»So kommen Sie jetzt mit mir –«</p>
+
+<p>»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein
+mit ihr sprechen können.«</p>
+
+<p>»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span>»Sie
+wird mich nicht einlassen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß
+ich es bin, und wird Ihnen aufmachen.«</p>
+
+<p>»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es,
+Sie geben mir Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht
+Virginia sicher argwöhnisch.«</p>
+
+<p>»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir
+nie verzeihen. Das wäre auch –«</p>
+
+<p>»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s
+so versuchen. Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde
+bin ich wieder da und hoffe, Ihnen gute Nachricht zu
+bringen.«</p>
+
+<p>Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau
+an. »Wenn Sie eilen, können Sie sie noch vor dem Haus
+treffen, sie wollte noch ein wenig an die Luft«, sagte sie.</p>
+
+<p>Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte
+er noch an die Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen
+und Verlockungen? Ihn trieb die Ungeduld, die
+leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz eines
+Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe
+und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von
+welchem Rechenschaft sich zu geben er Scheu trug. Mit
+dieser ganzen Hölle von Empfindungen überließ er sich
+dem Zufall.</p>
+
+<p>Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger
+Wolken, in denen fortwährend Blitze zuckten. Zwischen
+den schwarzen Wiesen und schwarzen Wäldern glitten
+Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher Geschwindigkeit<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span>
+hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern,
+die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus
+einem fernen Wirtsgarten schallte eine von der Schwülnis
+erstickte Blechmusik.</p>
+
+<p>Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah
+er eine helle Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er
+erkannte Virginia am Gang. Sie blieb bisweilen stehen,
+als lausche sie. Er wartete, bis sie um die Ecke des Hauses
+verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der
+Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern
+Seite wieder hervorkam. Ich will nicht im Freien mit
+ihr sein, überlegte er, hier flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte
+ihn nicht. Sie schien in Nachdenken verloren, sie
+blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen
+entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür
+ins Haus. Die Küche war von flackernden Flammen
+beleuchtet, kochendes Wasser brodelte auf dem Herd. Er
+stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer.
+Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte
+Lampe, die auf dem Tisch in Virginias Kammer stand.
+Auf dem Boden drinnen befand sich eine halbgefüllte,
+kreisförmige Blechwanne.</p>
+
+<p>Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend
+war und doch den Zügen mehr Schatten und Trauer
+verlieh, als je sonst darauf zu sehen war, umspielte seine
+Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm Virginias
+Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den
+Schlüssel abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen,<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span>
+trat er hinter den bemalten Ofenschirm und
+kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder.</p>
+
+<p>Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug
+in ihrer Hand einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging
+in ihr Zimmer und stellte den Krug zur Erde. Durch die
+Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte Erwin sie
+sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie
+öffnete das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann
+setzte sie sich in den Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein
+Bein über das andere geschlagen, den Rumpf vorgeneigt
+und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer über
+die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit
+und Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz
+fing an zu klopfen wie ein Hammer.</p>
+
+<p>So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres
+Antlitzes schimmerte wie Silber. Endlich erhob sie sich.
+Sie zog einen Schal von den Schultern und seufzte wie
+unter der Last der Gewitterschwüle. Nun verlor er sie.
+Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre
+Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar
+seine Kinnlade begann zu zittern, und auf einmal sah er
+sie wieder, eine andere, oder den innersten Kern von ihr,
+das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf Erden wandelte.
+Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne
+jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das
+im Augenblick zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene
+Haut der kaum gekühlten Luft preis, die den dunklen
+Honig ihrer Haare schlürfte und den von Blut und Atem<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span>
+bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein
+hervortrieb.</p>
+
+<p>Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt
+dem Auge selten Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren,
+daß die Schale mehr versprach, als die Frucht
+erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an dem Jubel
+dieser <span id="Page_314_1">Vollkommenheit.</span> Der ruchlose Späher verwandelte
+sich zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut
+entfloh aus Erwins Lippen, seine Augen waren naß, er
+war seiner nicht mehr mächtig, als er das schützende Versteck
+verließ, aber als er dann die Bedeutung seines Tuns
+ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom
+Antrieb zur Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend
+und kraftlos inmitten des Zimmers zurück.</p>
+
+<p>»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen
+Tönen, von welchen der zweite um eine Oktave tiefer
+klang als der erste. Huschend, mit einem seltsam überstürzten
+Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu,
+warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte
+sie mit dem Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz
+zusammengeduckt, und jedes einzelne Glied ihres Körpers
+wünschte den Tod.</p>
+
+<p>Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu
+Erwins Ohren. Er selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit
+verlor ihre Schwere. Sie wurde ein Duft und
+ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich
+Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die
+Stimmen der Schuld.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span>Worte
+vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am
+Türpfosten, indes Virginia in ihr Lager gewühlt war wie
+ein Stieglitz in sein Nest. Sie streckte den Arm gegen
+ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und flüsterte: »Fort!
+Fort! Fort!«</p>
+
+<p>Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um,
+Virginia flüsterte abermals mit immer noch ausgestrecktem
+Arm: »Fort! Fort!« Und kaum stand er auf der Schwelle,
+so schluchzte sie mit eigentümlich schmelzenden Lauten in
+sich hinein.</p>
+
+<p>Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte
+sie ihm, und obwohl er den Grund davon nur dunkel
+ahnte, war es ihm, als blickte er in die tiefsten Tiefen
+der Schönheit und der Unschuld.</p>
+
+<p>Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher
+Zärtlichkeit: »Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte.
+Immerfort will ich an dich denken, du schönste von allen
+Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur ein Schatten.
+Leb wohl, leb wohl.«</p>
+
+<p>Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die
+Stille merkte, richtete sich auf. Mit den Händen die Brust
+bedeckend, das beinahe entseelte Gesicht lauschend, feurig
+bleich emporgewandt, rief sie: »Erwin!« Und wieder,
+willenlos und jammernd: »Erwin!«</p>
+
+<p>Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende
+Ohnmacht nahm sie auf.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Gefangenschaft">Gefangenschaft</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-s.jpg" alt="S">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung
+der Gräfin Thurn-Reichenstein angenommen, die
+letzten Septembertage auf deren Gut in Mähren
+zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte,
+fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch
+einen Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert,
+Gäste zu empfangen, hieß es. Dies stellte sich bald genug
+als unwahr heraus; er traf einen Bekannten von der
+französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf das
+Gut der Gräfin zu fahren.</p>
+
+<p>Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky.
+Auf den Schlag, der dort gegen ihn geführt wurde, war
+er durchaus nicht vorbereitet. Frau von Resowsky ließ
+sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute
+Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr
+nicht empfangen zu werden, war eine Art von Todesurteil.</p>
+
+<p>Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit
+frostiger Zurückhaltung. Wohin er kam, dieselbe Veränderung.
+Selbst Leute dritten Ranges behandelten ihn von
+oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur Rede: man
+war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die
+Achseln. Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit
+hervor. Es erwies sich, daß die Geschichte von
+dem fingierten Duell neuerdings umlief und jetzt zur allgemeinen
+Kenntnis gelangt war. Man hatte sich darüber<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span>
+lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die
+Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein
+elender Schmierant, dessen Beruf es war, in den Vorzimmern
+der großen Welt zu schnüffeln, brachte das
+Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und
+erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht
+mit Namen, aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen
+Sud zu beschmutzen. Damit war Erwin vollends gerichtet.</p>
+
+<p>Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis
+an den Hals stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der
+Hand, in die Redaktion jener Zeitung und forderte Widerruf.
+Seine Entschiedenheit, seine knirschende Ruhe flößte
+den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus, sie versprachen
+schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf erfolgte
+nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie
+einen Epilog an, durch den sie noch eine Würze erhielt.
+Erwin nahm sich zusammen. Er bedurfte keiner Bemäntelung
+seiner Schuld, um den Abscheu zu vermindern,
+den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben,
+die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt
+jede Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen,
+denn er war stets der Meister gewesen und hatte durch
+unbegrenzte Verschwendung den Anspruch auf unbegrenzte
+Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank
+belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst
+hatte er den Plan einer Reihe von Herausforderungen
+erwogen. Das Mittel war unbequem, weil es ihn zwingen
+konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu lärmend war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span>Im
+Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber
+des gegen ihn angezettelten Skandals zu entdecken, stieß
+er bald auf den Namen Sixtus von Flügels. Sixtus
+von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes zurückgekehrt.
+Marianne hatte damals Frau von Resowsky
+nach Erwins Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte
+erfahren, daß er als Strohmann aufgestellt war, und hatte
+die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache zu üben.</p>
+
+<p>Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den
+Gegenschlag seines Feindes? Hatte er von Marianne
+nicht genug Geld erhalten? War Marianne unvorsichtig
+gewesen? Marianne, die seine Frau war?</p>
+
+<p>Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken.
+Die Dinge wuchsen ihm über den Kopf. Er war nicht
+mehr der Mann, der er noch vor Wochen gewesen. Er
+wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die
+Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar
+zu bleiben. Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater
+in der letzten Zeit unheilvoll bloßgestellt hatte. Die
+kleine Christie Martens hatte es wirklich verstanden, ihn
+seiner alten Freundin abwendig zu machen. Er war nun
+genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie
+einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine
+schlechte Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto
+abgefeimtere im Leben, bezahlte ihre Schulden und hatte
+eine elegante Wohnung. Das Alter hatte Michael Reiner
+nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt zur
+Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span>
+erzählte sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens
+winselte, während Christie ihre Liebhaber bei sich hatte.
+Es war Stadtgespräch. Erwin schäumte vor Zorn, aber
+er schreckte davor zurück, seinen Vater zur Vernunft zu
+bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet,
+er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen.
+Der Vater kam nicht zu ihm, er schämte sich offenbar,
+er grollte ihm vielleicht und betrachtete sein Tun als Betäubung,
+als einen Ausgleich gegen das Schicksal der
+Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen
+hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe
+war. Es hatte mit der einen Torheit Michael Reiners
+sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich sein Vater
+plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß
+er in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an
+der Börse verloren hatte.</p>
+
+<p>Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin
+verschob es. Es waren zu viele Stricke um seinen Fuß
+gelegt. Er hätte noch drei Millionen hingegeben, wenn
+er die Demütigung hätte vergessen können, die er durch
+Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin
+einen seiner unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer
+Freiheit das Gewebe der Verleumdungen auf,
+schilderte das Treiben seiner Gegner mit der Laune des
+Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole
+um sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky
+sogleich antwortete, er möge zu einer bestimmten Stunde
+zu ihr kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span>Er
+atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung
+seiner Person sicher. Daß man ihn rief, war schon ein
+Triumph. Jedoch es kam alles anders. Und wenn er
+geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu bedürfen,
+um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin
+eine bereuend überzeugte zu machen, so brauchte Frau
+von Resowsky, eine Dame, die in allen zweifelhaften
+Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln gewohnt
+war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen
+und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für
+Erwin eine Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen
+entstand.</p>
+
+<p>»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin,
+nicht wahr?« bat Frau von Resowsky.</p>
+
+<p>»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe,
+mit Vergnügen, Baronin.«</p>
+
+<p>»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd,
+»wenn Sie bei einem sind, möchte man durchs
+Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile nicht gesehen,
+so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten
+nicht.«</p>
+
+<p>»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten
+Geschmacks. Das Rätsel erklärt sich durch den Überschuß
+von Moral, an dem wir alle leiden wie an einer Art von
+geistigem Diabetes, und dem Unvermögen, auch nur einen
+geringen Teil davon tätig auszulösen.«</p>
+
+<p>»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat
+mir seinerzeit mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span>
+geschlagen hätten. Ich habe dafür gesorgt, daß die dummen
+Gerüchte, die schon damals begannen, zum Schweigen
+gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und behauptet,
+er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt.
+Das ist doch unbegreiflich.«</p>
+
+<p>»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen
+Umtriebe dieser Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings
+niemals mit Herrn von Flügel geschlagen.«</p>
+
+<p>»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir
+gekommen?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin,
+nur Zeit.</p>
+
+<p>»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«,
+sagte Frau von Resowsky, indem sie zu einer kleinen
+Tapetentür schritt und öffnete. »Herr von Flügel!« rief
+sie hinein, »ich bitte.«</p>
+
+<p>Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die
+Augen, die in seinem schwarzbleichen Gesicht tückisch
+brannten, auf Erwin.</p>
+
+<p>Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber
+gleich wieder seine Fassung. »Ah – reizend!« sagte er
+mit finsterem Blick gegen Frau von Resowsky und küßte
+seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?«</p>
+
+<p>»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die
+Baronin ziemlich scharf; »sonst wird die Wahrheit im
+Maul von Allerwelt zerstückt.«</p>
+
+<p>»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.«</p>
+
+<p>»Das ist kein Argument.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span>»Ich
+brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles
+eine Erfindung von mir. Glaubt man mich decouvriert
+zu haben, wenn man gemerkt hat, daß ich den Sumpf
+zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen
+fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu
+fassen, höchstens noch bei meinen Gedanken.«</p>
+
+<p>»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte
+die Baronin unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre
+Schwester sei nicht in seinem Auftrag zu mir gekommen.«</p>
+
+<p>»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von
+Flügel dumpf und mit haßerfüllter Freude.</p>
+
+<p>Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem
+still. Er sah, daß er sich verrechnet hatte. Er machte eine
+Bewegung, als wolle er sich auf den Beleidiger stürzen.
+Seine Wangen hatten eine fahlgrüne Färbung, seine
+Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky
+trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und
+den andern an. Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als
+müsse er den Gegner anflehen zu schweigen, aber das
+gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann
+lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und
+das ist um so schändlicher, als meine Schwester Marianne
+seine Frau ist. Er hat sich heimlich mit ihr trauen lassen.
+Sie sehen also, Baronin, daß Herr Doktor Reiner uns
+näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte den
+Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet,
+wenn Herr Doktor Reiner den Namen meiner Schwester
+respektiert hätte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>Frau
+von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck
+kalter Verwunderung an. Sie zuckte die Achseln und
+machte eine kleine, abfertigende Gebärde. Erwin lachte.
+»Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über diese
+Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«,
+sagte er gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden
+unter ihm im Kreis drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt,
+fügte er hinzu: »Wir treffen uns noch.«</p>
+
+<p>»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau
+von Resowsky mit verächtlich zuckenden Lippen.</p>
+
+<p>»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es
+zu spät erkennen!« rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich,
+daß Frau von Resowsky stutzig wurde und ihm unschlüssig
+nachschaute, als er ging.</p>
+
+<p>Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke
+war: jetzt zu Virginia. Es war an der Zeit. Er
+wußte, daß sie am gleichen Tag wie er in die Stadt zurückgekommen
+war. Er empfand es durch Luft und Ferne,
+daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen.
+Sein Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals
+eines Adlers. Sie mußte dem Gischt des Geredes, das
+zu gewärtigen war, entzogen werden. Er bangte, er
+lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre, Freundschaft,
+Geld und Leben, <em class="gesperrt">sie</em> mußte er gewinnen. Er liebte
+sie nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät,
+um zu lieben. Ein dringenderes Gebot befehligte ihn.</p>
+
+<p>Viel war noch zu tun. Wirrsälig lagen die Wege. Ineinandergeschlungen
+waren die Triebe. Die Ehre forderte<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span>
+Sold von der Lüge. Die Unschuld mußte vernichtet werden,
+um die Ehre zu retten. Das Antlitz des Lebens zeigte sich
+bizarr wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Sein Herz stockte vor Lust, wenn er sich ausmalte,
+wie ihr niedergetretenes, zu Tode beleidigtes Herz nach
+ihm schmachtete. Endlich! endlich! sie mußte ihm folgen,
+wie eine Blinde mußte sie ihm folgen, die von nichts
+anderem weiß als von der führenden Hand. Und allein
+mit ihr, die ganze Welt hinter ihnen her, die verstandlose
+Meute, und in ihr, bei ihr sich reinigen von allen
+Übeln. In seinem Willen wurzelte Glück und Unglück,
+durch seinen Willen wandelte Virginia, atmete sie, war
+sie schön, anbetungswürdig, begehrenswert und ihm verfallen.</p>
+
+
+
+<p class="small-drop-cap">Und so verhielt es sich: ihm verfallen.</p>
+
+<p>Wo ist <em class="gesperrt">er</em>? dachte Virginia täglich, stündlich, in
+der unbekämpfbaren Furcht vor Verrat. Denn er verriet
+sie, wo er auch war, er teilte ein Bild von ihr allen Dingen
+mit, die sein Auge traf, er gab es den Augen der Menschen
+preis, indem er mit ihnen redete, und trug es in die Räume,
+in denen er weilte. Er verriet sie, wenn er ging, wenn
+er lag, wenn er träumte und wenn er arbeitete. Sie
+konnte nicht mehr an sich selber denken, ohne daß das
+Bild, das immer dort war, wo Erwin war, ihre Nerven
+zu äußerstem Schmerz spannte. Langsam war das Bewußtsein
+einer unendlichen Schmach in ihr angewachsen,<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span>
+und sie saß oft ohne Anmut in eckigem Kauern und sehnte
+sich nach Tränen.</p>
+
+<p>Wie hatte die Mutter sie neulich am Abend gefunden?
+an jenem Abend, dem kein eigentlich heller Tag mehr
+gefolgt war, auch keine Sonne mehr. Wann war die
+Mutter gekommen? Virginia wußte es nicht. Sie hatte
+geschwiegen. Auch Frau Geßner hatte geschwiegen,
+schuldbewußt, zerstreut, betrübt und heimlich aufgeregt.
+Ja, von einem heimlichen Zorn war diese Mutter verzehrt,
+hatte aber keine Klarheit darüber, nach welcher
+Richtung sich dieser Zorn wenden würde. Ich hab es
+satt, dachte sie und glich einem Menschen, den ein durchtriebener
+Wühler rebellisch gestimmt hat und den es nach
+Aufruhr verlangt, wobei er gleichzeitig froh ist, wenn sich
+der Wühler und Quäler nirgends blicken läßt. Der Geldzufluß
+hatte in der letzten Zeit aufgehört, die Ausgaben
+mußten beschränkt werden, und Frau Geßner fing an,
+sich vor der Armut zu fürchten, vor derselben Armut, in
+der sie drei Jahrzehnte lang zufrieden gelebt.</p>
+
+<p>An jedem Morgen sagte sich Virginia: so kann es nicht
+weitergehen. Sie hatte Manfred vergessen. Wenn sein
+Name emporstieg, war es, als ob ein früheres Dasein
+sie an ihn verbunden hätte. Er schrieb auch nicht mehr;
+seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Was
+war geschehen? Sie war überzeugt, er wisse alles. Und
+sie wollte ihn vergessen. Der Kummer gab ihrem Gesicht
+die Blässe des Perlmutters. Von allem Schweren war
+die Abwesenheit Erwins das Schwerste. Sie wollte ihn<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span>
+sehen, seine Gedanken spüren, sie wollte wissen, welche
+Art von Laster oder Verworfenheit in ihr war, die ihn
+ermutigt hatten zu tun, was er getan. Sie fand nicht
+das Wort, nicht die Form ihn zu rufen, auch schien es
+ihr bei tieferem Bedenken, daß es überhaupt keine Worte
+mehr zwischen ihr und Erwin geben konnte. Doch ihr
+Gefühl war dies: ruhig kann ich erst sein, wenn er da
+ist; froh werd ich nimmer werden, aber ich will erfahren,
+warum ich so erniedrigt worden bin.</p>
+
+<p>Warum kommt er nicht? klagte sie im Stillen; verachtet
+er mich? meidet er mich deshalb? Sie suchte sich
+seiner zu erinnern, aber die Gestalt war wie Dunst. Nur
+in ihrem Blut fühlte sie seine Gebärden, seine Blicke
+und seine Stimme. Es hatte den Anschein gehabt, als
+liebe er sie; so war Liebe etwas Düsteres, Unbehagliches,
+Wildes und Sündenvolles geworden. Sie bemerkte, daß
+alle Menschen in Kleider gehüllt waren, und sie sah die
+Leiber hinter den Kleidern, und Männer und Frauen
+hatten etwas Heuchlerisches und Maskiertes. Die vergiftete
+Phantasie war von Haß gegen den Vergifter beladen.</p>
+
+<p>Die neue Wohnung lag in einem einstöckigen Haus in
+friedlicher Umgebung. Hinter dem Haus lag ein Garten,
+in welchem sich Virginia an regenlosen Tagen fast unablässig
+erging. Sie vermied den Zaun neben der Straße
+und wandelte nur auf den schmalen Wegen zwischen den
+schon vergilbenden Sträuchern.</p>
+
+<p>Es war spät nachmittags; es dämmerte schon, da rief
+Frau Geßner vom Küchenfenster nach ihr. Der freudige<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span>
+Klang der Stimme verwandelte Virginias Füße in Blei.
+Er war da.</p>
+
+<p>Sie ging hinauf. Er erhob sich und verbeugte sich, als
+sie eintrat. »Ich befinde mich in einem Wirrsal von
+Geschäften und Unannehmlichkeiten«, sagte er. »Bitte,
+geben Sie mir ein Glas Wasser, Mama. Ich verdurste.«</p>
+
+<p>Virginia kam der Mutter zuvor, holte selbst das Wasser
+und kühlte dabei ihre heißen Hände unter der Leitung.
+Als sie wieder ins Zimmer trat, war die Mutter verschwunden.
+Sie runzelte die Stirn, reichte ihm das gefüllte
+Glas, und er trank gierig.</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen gestehen,« begann er plötzlich, »daß
+das Gerede der Stadt Sie schon als meine Geliebte bezeichnet.
+Ich kann Sie dagegen nicht schützen, Virginia,
+so lang Sie sich töricht weigern, den Entschluß zu fassen,
+der allen Klatsch beschämt.«</p>
+
+<p>»Wer redet? Was soll das heißen? was für einen
+Entschluß soll ich fassen?« antwortete Virginia außer sich.
+»Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß der Klatsch
+eine Pression für mich ist.«</p>
+
+<p>»Es gibt noch eine stärkere, Virginia; nämlich die, daß
+eine andere Glücksmöglichkeit nicht mehr für Sie vorhanden
+ist.«</p>
+
+<p>»Dann muß ich eben ohne Glück leben.«</p>
+
+<p>»Und mich? Virginia? Mich wirfst du zu den Gleichgültigen?«</p>
+
+<p>»Duzen Sie mich nicht!« rief Virginia und wurde
+blutrot. »Warum ist die Mutter fort? wo ist sie hin? Sie<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span>
+sind verschworen mit ihr. Alle sind gegen mich verschworen.«</p>
+
+<p>»Virginia! Das Leben ist verschworen gegen dich,
+weil du es mit Füßen trittst. Du liebst mich, Virginia!
+Wenn du mich nicht liebtest, hättest du die letzte Nacht
+in Edlitz nicht überlebt. Du liebst mich, und es genügt
+mir, dies zu wissen.«</p>
+
+<p>Virginia preßte die Faust an die Wange. Es ist wahr,
+dachte sie, es ist ein Wunder, daß ich’s überlebt habe.
+Ihr Gesicht schien entgeistert im grauen Sammet der
+Dämmerung, als sie dumpf beteuernd murmelte: »Niemals
+werd ich Sie lieben, Erwin, niemals. Geben Sie
+mich also frei.«</p>
+
+<p>»Was heißt das?« fragte er verblüfft, und ihm wurde
+schwül ums Herz. »Du bist frei.«</p>
+
+<p>»Ich – bin – frei«, wiederholte sie langsam und mit
+leerem Nachdruck.</p>
+
+<p>»Du bist frei, aber vom Schicksal mir zugeschmiedet«,
+fuhr er fort. Jetzt galt es, den letzten Schlag zu führen.
+»Du bist frei auch von Geburt,« sagte er, »zur Liebe bestimmt
+von Geburt her. Ein Kind der Liebe bist du,
+unbekannt ist dein Vater. Selbst deine Mutter kennt ihn
+nicht, eine einzige Stunde der Leidenschaft, die einzige
+ihres Lebens hat sie dem unbekannten Mann in die Arme
+geworfen, und dies ist in deinem Blut, dagegen kämpfst
+du vergeblich. Du bist ein verlorenes Kind.«</p>
+
+<p>Zitternd schaute Virginia auf seinen Mund. Ihre
+bang ungläubige Miene gefiel ihm; der sichtbare Zusammenbruch<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span>
+von Stolz und Festigkeit erschütterte ihn.
+Sie machte mit der Hand eine mechanisch deutende Bewegung,
+ihre Augen fielen zu. Erwin ergriff ihre Hand
+und drückte sie lange an seine Lippen. Sie ließ es zitternd
+geschehen und zitterte immer – immerfort. Er legte den
+Arm um ihre Hüften. Plötzlich trat sie zurück. »Rühren
+Sie mich nicht an!« schrie sie erbleichend, so wie sie bisweilen
+im Traum aufschrie.</p>
+
+<p>Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Da
+öffnete Frau Geßner, durch Virginias Schrei gerufen,
+die Türe. Ihr Gesicht zeigte die rasende Entschlossenheit,
+die oft die Energielosen überfällt. Wenn gutmütige und
+verträgliche Menschen in solcher Weise außer sich geraten,
+legen sie nicht selten eine plebejische Roheit an den Tag,
+die ihren Mangel an Erziehung und ihre Herzensdumpfheit
+enthüllt. Diese Frau war sozusagen bis auf den
+niedersten Stand ihrer moralischen Natur herabgedrückt:
+Ehrgeiz, naive Habsucht, Furcht vor Armut und eine
+systematische Bezauberung hatten aus ihr das willenlose
+Werkzeug Erwins gemacht, und Erwin erkannte es selbst,
+nicht ohne Verwunderung.</p>
+
+<p>»Du undankbares Ding!« begann sie keuchend, während
+ihre Züge vergröbert, vergrößert und gerötet erschienen,
+»was sträubst du dich gegen dein Glück? Aus
+welchem Grund, sag mir? Wegen deines Manfred vielleicht,
+der nichts ist, nichts hat und nichts kann? Gott
+verzeih mir die Sünde, aber ich will’s nicht länger mit
+ansehen, wie dieser ehrenhafte und großmütige Mann<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span>
+da um dich leidet, der dich mit Geschenken überhäuft hat,
+mit Geschenken, die Hunderttausende wert sind, und dich
+behandelt hat wie eine Gräfin. Und du tust, verzeih
+mir’s Gott, als ob du zu kostbar für ihn wärst. Was ist
+denn all mein Hangen und Bangen seit Jahr und Tag?
+Nur dir gilt’s, alles nur für dich, und so lohnst du’s mir,
+Undankbare, mit deinem lächerlichen Dünkel. Gott verzeih
+mir’s!«</p>
+
+<p>»Genug!« rief Erwin laut; »schweigen Sie, Mama.«</p>
+
+<p>Virginia bewahrte eine erstaunliche Fassung. Sie ging
+auf die Mutter zu und legte ihre beiden Hände auf deren
+Schultern. Frau Geßner wich betroffen zurück, aber Virginias
+Blick drang unerbittlich in die Augen der Mutter,
+als wollte sie zunächst die Wahrheit dessen ergründen,
+was Erwin ihr vorhin verraten. In der Art jedoch, wie
+sie sich hielt, war etwas so Vornehmes, daß Erwin, bestürzt
+über soviel Lieblichkeit und Adel, sich auf die Lippen
+biß und einen raschen Seufzer nicht unterdrücken konnte,
+der wie das heimliche Aufschluchzen eines Kindes klang.
+In diesem Moment kehrte sich Virginia um und sagte
+mit ruhiger Stimme: »Gut, es sei. Ich füge mich.«</p>
+
+<p>Erwin starrte zu Boden. Welch ein boshafter Teufel
+flüsterte ihm zu, den Fangstrick mit dem Dolch zu vertauschen
+und noch eine kurze Qual und prüfende Demütigung
+auszuhecken, für die, die »sich fügte«? Wollte er
+nicht Räuber sein, sondern Retter, nicht Zuflucht einer
+Ermatteten, Verstoßenen, Besudelten, sondern frei begehrt?
+Er faltete die Stirn und schwieg. Dieses Schweigen<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span>
+war niederschmetternd für Virginia. Sie nahm es als
+einen Ausdruck der Verachtung. So weit ist es also mit
+mir gekommen, dachte sie, und das Blut rauschte ihr zu
+Kopf. Sie begab sich langsamen Schritts zum Sofa, ließ
+sich niedersinken und fiel mit dem Gesicht auf die verschränkten
+Arme. So weit ist es also, und ich bin ihm
+nichts mehr wert, das war ihr einziger Gedanke, und
+alles, was sie körperlich von sich spürte, war ihr eine Last
+und ein Grauen.</p>
+
+<p>Jetzt bist du mir sicher, jauchzte es in Erwin, jetzt hab
+ich dich ganz und gar.</p>
+
+<p>»Was ist das? es klopft jemand«, murmelte Frau
+Geßner. Sie öffnete die Tür, – Ulrich Zimmermann
+stand da. Er grüßte, niemand antwortete. Es war schon
+dunkel geworden, und als die Tür aufging, fiel der Lichtschein
+vom beleuchteten Flur herein. »Draußen war
+offen«, sagte Ulrich entschuldigend.</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann hatte die letzten Tage in einer
+Besorgnis um Virginia verbracht, die in ihm durch ein
+kurzes Beisammensein mit dem Grafen Palester entstanden
+war. Palester hatte sich nicht klar geäußert, aber
+seine geheimnisvollen Andeutungen hatten in Ulrich den
+Vorsatz erweckt, Virginia aufzusuchen. Vielleicht nur um
+sie zu sehen. Er kam von der Piaristengasse, wo man
+ihm die neue Wohnung gesagt hatte.</p>
+
+<p>Er grüßte abermals schüchtern, auch jetzt antwortete
+niemand. Frau Geßner zündete mit hastigen Gebärden
+die Lampe an. Ulrich Zimmermann erblickte Erwin und<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span>
+erschrak. Er sah Virginia regungslos liegen und starrte
+hin wie auf eine Leiche. Alle schlimmen Befürchtungen
+schienen bestätigt.</p>
+
+<p>»Eine schlechte Zeit haben Sie da gewählt«, sagte
+Erwin und schaute Ulrich mit funkelnden Augen an. Ulrichs
+Mund verzerrte sich. »Was ist geschehen?« fragte
+er Frau Geßner. Diese schüttelte unfreundlich den Kopf.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, ich werde Ihren Wissensdurst befriedigen«,
+sagte Erwin herrisch. Ulrich Zimmermann
+folgte zaudernd.</p>
+
+<p>Als sie auf die Straße traten, hatte Ulrich das Gefühl,
+an der Seite eines Feindes zu gehen, der ihn durch
+Freundschaftskünste so lange gefoppt, bis er allen Mut
+der Auflehnung zerstört hatte.</p>
+
+<p>Erwin ging wie gejagt, erst allmählich verlangsamte
+sich sein Schritt. »Was macht Mirowitsch?« fragte er
+plötzlich zerstreut und mit jener gnädigen Teilnahme, die
+auf Ulrich wirkte, als ob man ihm mit einer Stahlbürste
+über den Rücken streiche. »Er nähert sich der Katastrophe«,
+erwiderte er leise. Dann fuhr er fort und blickte Erwin
+finster in die Augen: »Und diese ganze Verantwortung
+nehmen Sie auf sich?«</p>
+
+<p>»Welche Verantwortung?«</p>
+
+<p>Ulrich machte mit Kopf und Schulter eine Bewegung
+gegen das Haus, das sie eben verlassen.</p>
+
+<p>Erwin maß ihn von oben bis unten. »Rivalität trübt
+das Urteil«, sagte er. Ulrich, der eine Beleidigung erst
+kapierte, wenn der Beleidiger sie vergessen hatte, sah bekümmert<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span>
+drein. Die Leute von starkem Phantasieleben
+haben eine eigentümliche Angst davor, aus Begebenheiten,
+unter denen sie leiden, die Folgerungen für ihr Verhalten
+zu ziehen. Ulrich war erdrückt von dem Bewußtsein, eine
+bemitleidenswerte Figur darzustellen gegenüber diesem
+Wachen, diesem Wirklichen. Er schwieg und konnte das
+Bild der regungslos hingekauerten Virginia nicht aus
+seinem Gedächtnis wischen.</p>
+
+<p>»Sie haben einen Trauerfall gehabt, höre ich«, begann
+Erwin wieder, der eben dieses Bild für eine Weile vergessen
+wollte.</p>
+
+<p>»Ja; mein Onkel ist gestorben.«</p>
+
+<p>»Ach! So schnell –«</p>
+
+<p>»Ja. Eines Tages wurde mir gemeldet, daß er nur
+noch kurze Zeit zu leben habe. Er wünschte mich zu
+sprechen. Er wohnte in einem kleinen Hotel in Baden.
+Ich fuhr hinaus. Er hatte sich aus der Stadt geflüchtet
+wie ein edles Raubtier, das den Tod fern von seiner
+Höhle sucht. Er wollte seine Freunde mit dem Anblick
+seines Sterbens verschonen. Seit anderthalb Jahren
+wußte er, daß er verloren sei; seit anderthalb Jahren ist
+er täglich kontemplativer geworden und dachte an nichts
+anderes als den Tod. Der Gedanke an den Tod mußte
+ihm furchtbar sein, denn er hatte gar keinen Glauben,
+keine Hoffnung, keine Illusionen und entbehrte auch den
+Trost, der darin liegt, daß man einige Menschen hinterläßt,
+die mit gespannter Brust eine Schaufel Sand ins
+Grab werfen. Er gehörte einer Generation von arbeitsamen<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span>
+Skeptikern und sentimentalen Zynikern an, mit
+denen es jetzt zu Ende geht und die den schmarotzenden
+Skeptikern und den zynischen Strebern Platz machen.
+Er war ein vortrefflicher Mann und hatte Charakter, was
+heute ein bißchen veraltet ist.«</p>
+
+<p>»Nun, er hat Sie gewaltig kujoniert«, wandte Erwin
+ein. »Was Sie Charakter nennen, war die Verstocktheit
+der Lustspielväter; die wollen immer eine Heirat verhindern,
+die schließlich doch stattfindet.«</p>
+
+<p>»Nein, nein, er hing am Gelde, und er hing an Formen«,
+widersprach Ulrich Zimmermann. »Als ich ihn
+sah, drehte sich mir das Herz im Leibe um. Haben Sie
+je einen Hund gesehen, der weiß, daß er zum Schinder
+geführt wird? Diese sanften, nassen Augen voll Vorwurf
+und ohne Haß? Der Herr hat sich versteckt, und die
+Augen des Hundes suchen den Herrn. Solche Augen
+hatte der alte Mann. Als ich vor ihm stand, verlegen
+und dumm, wie man ist, wenn andere leiden, konnte er
+kaum mehr reden. Er hatte eine dick mit Banknoten gefüllte
+Brieftasche unter seinem Kopfkissen liegen, die er
+argwöhnisch bewachte. Endlich erfuhr ich sein Begehren.
+Er forderte, daß ich jede Beziehung zu Ihnen, Erwin,
+abbrechen sollte; wenn ich darein willigte, würde er mich
+zum Universalerben einsetzen.«</p>
+
+<p>»Und wozu haben Sie sich entschlossen?« fragte Erwin
+verwundert.</p>
+
+<p>»Sie sehen ja, wozu ich mich entschlossen habe. Man
+kann doch nicht einem Sterbenden gleichsam einen Lebendigen<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span>
+in den Sarg mitgeben. Ich will Ihnen sagen,
+Erwin, mein Gefühl war ja nie ungetrübt in Ihrer Nähe.
+Der Umgang mit Ihnen hat, wenn ich ganz aufrichtig
+sein soll, die Lust zum Verrat in mir geweckt. Sie haben
+die furchtbare Eigenschaft, die Menschen in irgend einer
+Hinsicht zu Verrätern zu machen. Sie töten Instinkte
+wie der Märzwind Knospen. Aber das Allersonderbarste
+an Ihnen ist Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen,
+unsichtbar gerade dann, wenn man will, daß Sie einstehen
+sollen für sich, daß Sie sich zeigen sollen. Dann sind
+Sie unsichtbar wie der Herr des Hundes, der zum Schinder
+muß. Sie sind oft so merkwürdig wesenlos: man sucht
+Sie und man findet Sie nicht. Oft wenn ich an Sie
+denke, ist es mir, als ob Sie keine Augen hätten, als ob
+Sie wie ein Tiefseefisch in der Finsternis schwämmen,
+mit prachtvollen Farben allerdings, purpurn, gelb und
+grün, aber wozu sind diese Farben, frag ich mich, wozu
+die Herrlichkeit für einen Augenlosen? wozu in der schwarzen
+Tiefsee-Finsternis? Nun gut; vielleicht um dieser
+schönen Farben willen hab ich meinem Onkel geantwortet,
+ich könne auf seine Bedingung nicht eingehen.
+Nicht aus Rücksicht oder Trotz oder Dankbarkeit oder aus
+Furcht mich zu verkaufen, sondern wegen der prachtvollen
+Farben. Sie werden das für eine märchenhafte Dummheit
+erklären; mag sein. Einige Tage später, als ich meinen
+Onkel besuchte, war eben der Notar weggegangen. Es
+fand sich auch ein junges Mädchen ein mit seiner Mutter;
+beide sahen wie Arbeiterinnen aus. Das Mädchen war<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span>
+die Tochter meines Onkels und kam aus einem Proletarierwinkel
+der Großstadt, um ihren Vater, den sie kaum
+kannte, sterben zu sehen. Ich wußte natürlich nichts von
+ihr, und sie stand da mit einer Nase, die nach Geld schnupperte.
+Sie hat zwanzigtausend Kronen geerbt, ich ebensoviel,
+den Rest, der etwa zehnmal so groß ist, hat das
+Sankt-Annenspital bekommen. Nachdem mein Onkel gestorben
+war, hat man über fünfhundert Goldstücke im
+Zimmer gefunden, die er in der letzten Todesangst um
+sich herum verstreut hatte.«</p>
+
+<p>Erwin ging eine Weile mit zur Erde gehefteten Blicken.
+Plötzlich schaute er empor und sagte gradeaus vor sich hin:
+»Es wäre gut, wenn Sie mich jetzt allein ließen. Es ist
+am besten, wir verabschieden uns hier. Ich habe zu Haus
+ein paar Manuskripte von Ihnen, die werde ich Ihnen
+schicken. Es ist am besten, wir trennen uns hier für immer.
+Gute Nacht.«</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle
+losreißen, wo diese Worte gefallen waren. Erwin eilte
+mit raschen Schritten in die Dunkelheit. Er suchte eine
+öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich mit Villa Sansara
+verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge. Bei
+einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und
+fuhr in die Geßnersche Wohnung zurück.</p>
+
+<p>Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag,
+als Erwin und Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es
+verfloß eine Viertelstunde, und keine der beiden Frauen
+sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben dem<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span>
+Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um
+den Hals des Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht;
+erst als die Zerknirschung der Mutter zudringlicher wurde,
+richtete sie sich empor und sagte kalt. »Laß nur das, Mutter.
+Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es wahr
+ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.«</p>
+
+<p>Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir
+gesagt?« stotterte sie und schlug die Hände klatschend zusammen.
+»Und der andere, der hat also geplaudert? Ich
+armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes, unglückliches
+Kind!«</p>
+
+<p>Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht,
+das Taschentuch vor den Mund gepreßt, ging Frau
+Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin stand vor ihr.
+»Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind,
+kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell
+und mit unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist
+in Sie gefahren?«</p>
+
+<p>»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau.</p>
+
+<p>»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur
+Gräfin Hamlisch bringen. Widersetzen Sie sich nicht!
+Schweigen Sie. Alles hängt davon ab, daß Sie vernünftig
+sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie Nachricht.«</p>
+
+<p>Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner
+an. Erwin bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat
+ins Zimmer, ergriff Virginia bei der Hand und sagte
+leidenschaftlich drängend: »Ich wollte vorhin nicht den
+Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span>
+Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung
+der kommenden Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles
+ist bereit. Folgen Sie mir.«</p>
+
+<p>»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene.</p>
+
+<p>»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine
+Schwester der Frau von Resowsky. Virginia kannte und
+ehrte diese Dame, und sie hätte nichts gegen Erwins
+Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes
+Herz verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen,
+– wäre nicht ein Mißtrauen in ihr gewesen,
+das nicht als Gedanke oder Erwägung, sondern als Lähmung
+ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in Erscheinung
+trat.</p>
+
+<p>»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin
+fort, indem er seine Stirn zu der ihren niederbeugte;
+»Leben, Glück und Zukunft hängen davon ab, besinnen
+Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.«</p>
+
+<p>Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht
+verworfen, dachte sie und spürte eine finstere Beruhigung.
+Mechanisch erhob sie sich. »Mantel! Hut! rasch!« rief
+Erwin der Mutter zu, die verstört auf der Schwelle stand.</p>
+
+<p>Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich
+apathisch die Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den
+Hut in den Haaren, als ihr die Mutter die langen Nadeln
+gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was geschah und
+was sie tat.</p>
+
+<p>»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin
+warf ihr einen wütenden Blick zu, und sie schwieg.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>Er
+führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die
+Räder begannen zu rollen. Erwin packte Virginias heiße
+Hände, sie zog sie beinahe entsetzt zurück, da ließ er sich
+auf die Knie gleiten, nahm ihren Rocksaum und drückte
+ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin.</p>
+
+<p>Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe.
+Sie antwortete nicht. Er unterließ es. Die Pferde
+rannten wie rabiat durch eine Menge von Straßen, endlich
+hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais im dritten
+Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen
+Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.«
+Er sprang hinaus und verschwand im Torgang. Virginias
+Kehle war wie zugeschnürt; in ihrer Brust war eine
+steinern schwere Gleichgültigkeit.</p>
+
+<p>Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er
+mochte beim Portier einen belanglosen Auftrag erteilt
+haben, – rief dem Kutscher etwas zu, und nachdem er
+eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung
+gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis
+geschehen. Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie
+erwartet uns in meinem Haus. Ich habe ihr vor einer
+Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt. Was ich
+geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt
+gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.«</p>
+
+<p>Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte
+ihr Blick, der nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand
+eine schmerzliche, trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du
+mich abermals verrätst, sagten gleichsam die Augenlider<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und sprach
+und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen.
+Doch redete er nur, damit Virginia die Länge
+der Fahrt nicht spüre, und seine Stimme klang schließlich
+heiser und angestrengt.</p>
+
+<p>Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia,
+und um ihren Mund zuckte es beständig. Weshalb?
+was will er damit? Es waren aber diese Gedanken sowie
+seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich selbst
+und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer,
+hinter seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische
+Ungeduld.</p>
+
+<p>Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden
+sein, denn er zeigte sich nicht. Sie schritten durch die
+Halle. »Ich bitte, hier herauf«, sagte Erwin höflich. Virginia
+zauderte vor der zweimal geeckten Holztreppe. »Ich
+bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die Gräfin
+muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den
+untern Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.«</p>
+
+<p>Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand
+antwortete.</p>
+
+<p>Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die
+Treppe hinan, gequält und benommen von jener trotzigen
+Neugier.</p>
+
+<p>Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer;
+müde, zerschlagen, in sich gekehrt, ja fast verträumt
+und ohne eigentlich zu leiden. Erwin sprach zu ihr. Nun
+klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span>
+schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er
+hat mich abermals verraten, sagte sie zu sich selbst.</p>
+
+<p>Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht
+völlig bewußt. Sie dünkte sich das Opfer eines häßlichen
+Zwischenfalls, einer dummen Lüge, eines unwürdigen
+Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle. Erwin
+betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob
+er sich und ging hinaus.</p>
+
+<p>Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie
+schloß die Augen und öffnete sie wieder. Welche tiefe
+Stille! Eine schier trinkbare Stille! Was ist das für ein
+Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es nicht, es ist hergerichtet
+wie für eine Frau.</p>
+
+<p>Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum
+nicht? warum sollt’ ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein
+Kunststück zu lieben? Er wird mich heiraten, und ich
+werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er ist so
+weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht
+auch ihn lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte
+sie ihre Gedanken in vollständiger Verdüsterung
+des Geistes.</p>
+
+<p>Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem
+Grund läßt er mich so lange allein? grübelte sie befremdet
+und bekam nun Angst vor der Stille.</p>
+
+<p>Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und
+schaute in ein rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd
+schloß sie wieder, wandte sich weg und trat zu
+einem Fenster. Die Nacht war schwarz. Regentropfen<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span>
+spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing
+von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen,
+was tu ich! fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn; hier
+kann ich nicht bleiben, es ist spät, ich muß fort.</p>
+
+<p>Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf
+und eilte zur Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein
+eisiges Entsetzen überfiel sie. Die Türe war versperrt.</p>
+
+<p>Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren
+aufgerissen. Noch einmal und noch einmal drückte sie die
+Klinke. Umsonst. Die Tür war versperrt. Sie war gefangen.</p>
+
+<p>Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte
+sich mit der Stirne kraftlos gegen den Pfosten.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Miniaturen">Die Miniaturen</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-i.jpg" alt="I">
+</div>
+
+<p class="drop-cap-i">In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias
+wußte sich Ulrich Zimmermann keinen andern
+Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen. Noch
+vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen
+Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung
+Palesters führte. Eine hinkende Pförtnerin führte ihn
+über regennasse Wege zu einem uralten und keineswegs
+freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne beleuchtet
+wurde, welche über der gegenüberliegenden
+Gärtnerwohnung aufgehängt war. Der Garten gehörte
+zu einem ausgedehnten Besitz, und diese Gebäude hatten
+ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt gedient.</p>
+
+<p>Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel.
+Die Pförtnerin war gegangen. Ulrich fand keine Glocke
+und pochte daher ans Tor. Es blieb alles still, und er
+pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es drinnen
+laut hallte wie in einem Kellergewölbe.</p>
+
+<p>Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer
+Frau beugte sich über das Sims. Eine ruhige, helle
+Stimme fragte mit fremdländischer Betonung nach dem
+Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu,
+er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen
+sprechen. Nach einer Weile rasselte unten das Schloß,
+und Graf Palester erschien mit einer Kerze. Er geleitete
+den abendlichen Gast über eine Steintreppe hinauf in
+ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span>
+hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger
+Schmuck der Wände prangte die Photographie eines
+Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle, ein Messingbett und
+eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar. Niemand
+hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet
+durch die Mauern einer weiland hochadeligen Domäne,
+eine solche Wohnstätte der Armut gesucht. Es hatte dem
+Grafen Mühe gekostet, mitten unter den Unanfechtbaren
+des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz
+seine Not zu verstecken.</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia
+Geßner aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen
+habe, als ob sich dort verhängnisvolle Dinge abspielten.
+Er schilderte, wie er Virginia gesehen, wie unwillkommen
+Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei und daß er den
+Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend
+eingreifen.</p>
+
+<p>Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale,
+blasse Gesicht in die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das
+alles sagen«, erwiderte er. »Ich werde heute abend
+noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der
+Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber
+es muß sein. Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag
+zurückkommen. Ich erwarte ihn.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?«
+fragte Ulrich, nicht fähig, Freude darüber zu bezeigen.</p>
+
+<p>»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.«</p>
+
+<p>»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span>»Vor
+neun oder zehn Wochen.«</p>
+
+<p>»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?«</p>
+
+<p>Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß
+erreicht hat und er die raschesten Verbindungen
+hat benutzen können, muß er noch in dieser Woche kommen.«</p>
+
+<p>»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?«</p>
+
+<p>»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester.
+Er zog den Mantel an, nahm Hut und Schirm und sagte:
+»also gehen wir, wenn ich bitten darf.«</p>
+
+<p>Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie
+er einst gewollt, als er den reinen Strom der Sympathie
+verspürt, der von dem Jüngling ausging, nicht mitteilend,
+breit und frei, sondern kurz und gebietend, so geschrieben,
+daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben
+durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren.
+Eine Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von
+konventionellen Rücksichten, und derart beschaffen, daß
+sie in dem Fernweilenden, um dessen sichere Adresse er
+den Professor Dalcroze in Berlin gebeten hatte, den erwünschten
+Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte.</p>
+
+<p>Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann
+wie Erwin bei einem Spiel zu stören, das am Ende nur
+diesen allein anging; er dachte nicht an den Verlust jenes
+Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen Umstände
+etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und
+dessen er sich nicht entäußern wollte, weil er der Welt
+und dem Geschick zu trotzen entschlossen war, ekstatisch wie<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span>
+ein Mönch und in Sehnsucht nach Selbstvernichtung wie
+ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen, sondern
+aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung
+für Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit
+der suchenden Träume in die Wirklichkeit zurückkehrend,
+war es ihm für gewiß erschienen, daß Virginia nicht
+mehr standhalten konnte.</p>
+
+<p>Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus
+ihren Augen war das entwichen, was er als die reine
+Musik des Herzens empfand. Die Seele war gleichsam
+aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo
+sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid
+entwendet hat. Und Graf Palester hatte ein grenzenloses
+Vertrauen in Virginia gesetzt. Er war einer jener Menschen,
+die sich in der Verborgenheit ein Pantheon errichten,
+worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der
+Millionen, einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen
+hing er mit der Liebe, die die Einsamkeit in ihm erzeugte.
+Mit ihnen wandelte er ungesehen durch ihr Dasein, und
+sie hielten ihn aufrecht in der tragischen Verwüstung, die
+sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit
+und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht
+hatten. Er mied die persönliche Berührung mit
+ihnen, er zog sich von ihnen zurück, sobald sie von seinem
+Herzen Besitz ergriffen, aber er verkehrte mit ihnen, wie
+man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch mit solchen
+Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind.</p>
+
+<p>Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es,<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span>
+und keine äußere Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit.
+Ihm mangelte die Gegenwartskraft so, daß
+er sich oft wie der Schatten seines Schattens vorkam. Es
+war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied
+zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht,
+weit in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war
+ihm wie eigendurchlebtes Kindheits- und Mannesalter,
+jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr, und hätte er
+religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein
+Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm
+moderner Existenz, der alles zerschmettert, was nicht mittreibt,
+verurteilte ihn zu anonymem Elend.</p>
+
+<p>Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine,
+in einer Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer
+Frau gesehen, das ihn fesselte wie nie ein Frauengesicht
+zuvor, nicht sowohl durch Schönheit, sondern durch innerlichen
+Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und wurde
+nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals
+einfiel, sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er
+das Bildnis immer tiefer in das Leben seiner Seele auf
+und geriet in einen sonderbar stummen Verkehr mit einem
+Wesen, das, körperlicher als ein Traum, dennoch vollkommen
+unwirklich für ihn war. Drei Monate später
+wandelte er eines Abends durch eine Straße in Livorno,
+als durch das geöffnete Fenster eines Hauses Gesang an
+seine Ohren schallte. Erbebend blieb er stehen und lauschte.
+Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang und
+schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span>
+den Ausdruck auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas
+durchaus Ungewöhnliches. Er schritt in das Haus. Er stieg
+die Treppe hinan, ging durch einen Flur, öffnete eine Türe
+und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem lebendig
+gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen,
+von Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das
+Gemälde rechtfertigte sein Tun bei ihr und ließ seine Person
+um desto wunderlicher erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm
+wurzelte im ersten Blick, ihr erstes Gefühl war Liebe.
+Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie
+stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet,
+indem sie einem der verrufensten Wucherer des
+Landes, der um sie warb, die Hand reichte. Sie lebte
+mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe war. Es
+begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft
+und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um
+den Gemeinheiten und bösen Anstiftungen des Gatten
+zu entgehen als um ihrer Liebe willen, die auf Welt-
+und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden
+verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich
+gegen sie mit Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von
+Stimmen für und wider umdrängte sie, da starb plötzlich
+Lenorens Mann, und sie war frei; und reich. Aber sie
+hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf
+ein Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen
+Herkunft war. Palester nahm den Abschied, und als er
+mit Lenore das verkommene Haus in Hietzing mietete,
+in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster umgingen,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span>
+verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und
+seine Pension als Offizier. Die beiden Menschen waren
+so unfähig wie ungewillt zu bürgerlichem Erwerb, und
+ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft hatte etwas
+Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des
+verschuldeten Untergangs.</p>
+
+<p>Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur
+Stadtbahnstation. Eine Stunde später befand sich Palester
+am Tor der Villa Sansara. Wichtel sagte, sein Herr sei
+nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten zu wollen.
+Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte
+Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen.
+Plötzlich erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe
+wenden und stutzte, als er den Grafen sah. Erst zog ein
+Schatten des Ärgers über seine Stirn, dann lächelte er
+düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte,
+treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,«
+fuhr er fort, als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt
+war, »der Auftrag, den Wichtel hat, betrifft nicht die
+Person, sondern die Welt. Ich habe mich zurückgezogen
+von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.«</p>
+
+<p>»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«,
+bemerkte Graf Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von
+Sammlung und Andacht.«</p>
+
+<p>Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den
+Kopf in die Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte
+er höhnisch. »Für mich Andacht und Sammlung!«
+Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span>
+war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter
+Zug. Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen;
+er kannte dieses Gefühl vom Meere her. Vor
+großen Stürmen und Gewittern hatte er stets eine ähnliche
+Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare
+in Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er
+hatte diese Haare nie anders gesehen als in sorgfältiger
+Scheitelung, glatt und geordnet. Dieser Umstand vermehrte
+seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt und
+war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab,
+und seine Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer
+Handschrift auf dem Tisch vor ihm.</p>
+
+<p>»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur
+um das peinigende Schweigen zu unterbrechen.</p>
+
+<p>Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte:
+»Haben Sie je die Erfahrung gemacht, daß das eigene
+Werk einen anstiert wie eine Gorgo? Manchmal graut
+mir vor diesen Worten da, die ich selbst geschrieben habe.«</p>
+
+<p>»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?«</p>
+
+<p>»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante
+und die moralische Idee heißt der Titel.«</p>
+
+<p>»Das klingt vielversprechend.«</p>
+
+<p>»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose.
+Ich wollte eine einfache Feststellung von Kategorien
+geben und sehe mich im Bodenlosen und Grenzenlosen.
+Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er zu
+blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?«</p>
+
+<p>»Ich bitte darum.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span>»Als
+der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt
+zum ersten Male in den Ausdruck faßte, daß alles in
+ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich sich selbst als das
+einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt gegenübergestellt.
+Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes
+geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt
+gefunden, von dem aus er die Welt bewegen konnte, weil
+er selber stand. Um so stärker mußte seine Sehnsucht erwachsen,
+die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch an
+der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild
+gemäß nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht,
+das Werdende durch das Gesetz in die Formel des Seins
+zu bannen: er treibt Mathematik, das heißt Wissenschaft.
+Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie
+aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt:
+das heißt, er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie
+aus der Zeit, verleiht ihnen Seele und schafft die Persönlichkeit:
+das heißt, er ist moralisch oder religiös. Können
+Sie folgen, Graf?«</p>
+
+<p>»Vollkommen.«</p>
+
+<p>»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit
+der Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt
+formt. Die Welt hinwiederum ist der Stoff, in dem das
+Gesetz sich erkennt, die Gestalt sich verkörpert, die Persönlichkeit
+sich wiederfindet. Daher erscheint jedes System,
+jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt für
+sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme,
+»muß das Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span>
+das schlechthin Chaotische und das Unpersönliche das
+schlechthin Unmoralische sein. Denn alles dies ist nur
+der dreifach verschiedene Ausdruck derselben Verneinung:
+des Inkonstanten, des Undings an sich.«</p>
+
+<p>Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden
+Blicken an. Wie furchtbar, dachte er schaudernd, wie
+furchtbar diese Selbstverdammung sich anhört! Wie kann
+er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie geben damit
+eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen
+Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester;
+»des Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe
+und des Verantwortungslosen in der Seele. Dessen, der
+sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen dient,
+dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott
+und Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich
+nimmt, weil er nie zu finden ist.«</p>
+
+<p>»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche
+Idee in die Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die
+Exempel vergiften mir den Text, die Nutzanwendung
+bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz und
+schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen
+Sie nicht vor mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln,
+die doch nicht weit tragen. Ich bin nicht gekommen, um
+mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht einmal gekommen,
+um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich
+fordere Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie
+im Namen der Ehre, der Freundschaft, der Menschlichkeit.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span>Erwin
+stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme
+über der Brust. »Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte
+Sie, mich mit Sonntagspredigten zu verschonen.«</p>
+
+<p>»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten
+noch Glück für andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig
+fort. »Sie achten es nicht, ich weiß es, Sie achten nicht
+das Glück der andern, aber ebensowenig wie Sie einen
+wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine
+Ersparnisse bestehlen würden – –«</p>
+
+<p>»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe
+nicht Zeit zu beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben
+zu wechseln. Ich lehne es ab, mich zu rechtfertigen, ich
+erlaube niemandem, wer es auch sei, in meine Brust zu
+greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit
+Philisterweisheit zu besudeln.«</p>
+
+<p>»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen
+Sie damit? Wie schlimm ist es um uns bestellt, wenn
+wir den Menschen, der sich höherem Gesetz beugt, mit
+einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn, sondern uns
+selbst der Verachtung preisgibt.«</p>
+
+<p>Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen
+Freund begraben,« sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen
+Brauen, »es kommt mir auf eine zweite Beerdigung
+nicht an.«</p>
+
+<p>»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie
+können alles wagen. Sie haben die Freiheit und die
+Möglichkeit der Verwandlung.«</p>
+
+<p>»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span>
+»vorher haben wir noch eine kleine Wette auszugleichen,
+Graf.«</p>
+
+<p>Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte
+er. »Ich entsinne mich. Es war ein sonderbares Gespräch
+zwischen uns, ein Gespräch, das mir Übelkeit verursachte
+wie ein verfaulter Fisch.«</p>
+
+<p>»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von
+Folgen begleitet war, als ob man im Rausch einen Diamanten
+gefunden hätte ... auf einem Wirtshaustisch.«</p>
+
+<p>Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen
+und in das Gesicht Erwins blicken zu müssen, und er
+hatte die Empfindung, als ob dieses Gesicht beständig
+wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald nah,
+bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich,
+bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt
+und häßlich, bald verständig, ja erhaben durch Vernunft,
+bald tierhaft trüb und niedrig aussah. Ach, dachte er,
+erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst unbegreiflich
+dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an
+seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben
+der Erde gesegnet, doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen
+und hat ihm die Liebe entwendet.</p>
+
+<p>»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den
+Besitz dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin,
+plötzlich liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt,
+sie waren mein Eigentum, bevor ich sie erworben hatte.«</p>
+
+<p>»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester
+mit kaum vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span>
+Spott hinzu: »Nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn
+ich daran zweifle.«</p>
+
+<p>»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben
+werden«, entgegnete Erwin lächelnd.</p>
+
+<p>Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin
+mit aufgerissenen Augen an und blinzelte dann mit den
+Lidern, die sich langsam röteten.</p>
+
+<p>»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise
+liefern muß«, sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit
+im Ton. »Haben Sie die Güte, mir zu folgen, Graf.«</p>
+
+<p>Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte
+ihm aus dem Zimmer und die flache Treppe des ungenügend
+beleuchteten Vorsaals hinan und durch einen
+langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde
+in schwarzen Rahmen hingen.</p>
+
+<p>Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber
+nach der Klinke gegriffen hatte, war Palester dicht an
+seine Seite getreten, legte ihm die Hand auf die Schulter
+und sagte, indem er seinen Blick fest in den Erwins bohrte:
+»Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht;
+ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich
+glaube Ihnen. Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging
+mit raschen Schritten über den Flur gegen die Treppe
+zurück und verließ im strömenden Regen das Haus.</p>
+
+<p>Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem
+kahlen, kalten Zimmer angelangt war. Er zündete eine
+Kerze an, ging in das Zimmer seiner Gefährtin und vergewisserte
+sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er auf einem<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span>
+Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken
+und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem
+Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht
+geschlagen, als er sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte
+und die kostbar eingebundenen Miniaturen herausnahm. Er
+betrachtete einzelne Bilder, deren schöne und mineralische
+Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten, lange, mit
+abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten
+in die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie
+auf den Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß,
+und als die Flammen lichterloh emporschlugen, übergab er
+ihnen das Buch mit den Miniaturen. Ruhig schaute er zu,
+wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken der Dielen
+ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie
+war im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem
+seinen sonderbar ähnlich, schimmerte bleich unter den roten
+Haaren. Sie fragte nicht, sie näherte sich ihm schweigend
+und, an seine Brust gelehnt, schaute auch sie der kleinen
+Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren, lag
+das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst,
+grau und rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand.</p>
+
+<p>Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest,
+den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte,
+durch einen Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen
+Zerstörung ansichtig wurde, den noch keineswegs
+zerbröckelten Band ungläubig betastete, war er gleichwohl
+nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu empfinden,
+wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Drei_Naechte">Drei Nächte</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-n.jpg" alt="N">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in
+den ersten Stock, sperrte die Türe auf und trat
+in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand.
+Er schloß die Türe wieder und blieb stehen.</p>
+
+<p>Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob
+auch den Kopf und fixierte Erwin mit einem durchdringenden
+Blick. Sie hatte sich gesammelt und mit aller
+Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein Beweis
+von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre
+wäre in einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen.
+Denn sie mußte sich ja sagen, daß sie selber
+Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert, indem sie
+seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt?
+Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die
+Dumpfheit hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen,
+den erstbesten Weg einzuschlagen, den der Lügner gepriesen.
+Jetzt aber hatte sie Klarheit; Klarheit genug für
+ein ganzes Leben.</p>
+
+<p>Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte
+sie nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch
+und ihrer unwürdig; sie erkannte, daß er schurkenhaft an
+ihr handelte. Und ihr Blick verkündete ihm das.</p>
+
+<p>Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie
+nichts erreichen würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre
+Empörung, ihre Verzweiflung an den Tag legte.</p>
+
+<p>»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span>»Das
+bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch
+die geschlossenen Zähne. »Du weißt selber den Grund.«</p>
+
+<p>»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht
+einen anständigen Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen,
+mich zu duzen«, rief Virginia mit flammenden Augen
+und ballte die linke Hand fest zur Faust.</p>
+
+<p>»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun,
+es sei. Wenn Sie Wert darauf legen ...« Er zuckte die
+Achseln.</p>
+
+<p>In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein
+eckenreicher Mund, den die Beredtsamkeit in allen Worten
+und Lauten der menschlichen Sprache zerzackt und beweglich
+gemacht, zeigte in seiner Struktur eine wüste Linie.
+Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia
+abermals.</p>
+
+<p>»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz
+für mich allein! Ich will! Sie wissen, scheint mir, nicht,
+was das bedeutet: ich will!«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd.
+»Aber Sie vergessen, daß ich auch einen Willen
+habe. Und wenn Sie vor nichts zurückschrecken, so werd
+ich mir daran ein Beispiel nehmen.«</p>
+
+<p>»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia.
+Es ist wahr, ich schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr.
+Zu lange haben Sie mich gemartert.«</p>
+
+<p>»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde
+richten. Deswegen haben Sie mich unter die Menschen<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span>
+gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es ist, mich gemein
+zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie
+hatte nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue.</p>
+
+<p>»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch.
+»Waren Sie der Meinung, daß ich immer nur
+girren und Süßholz raspeln würde?«</p>
+
+<p>»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia
+und blickte ihm gepeinigt ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte
+übrigens die Absicht, Sie zu heiraten –«</p>
+
+<p>»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie
+man eine Ware kauft. Ich schäme mich ja, daß ich nur
+einen Augenblick daran gedacht habe. So viel Ehre hab
+ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung gegen
+mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise
+die Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren,
+alles, alles.« Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die
+Hände vors Gesicht.</p>
+
+<p>»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie
+noch«, fuhr Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit,
+und ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, warum es
+sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will ich Sie nicht
+entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr entbehren.
+Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz
+und zu wertvoll, um so lange, wie ich es getan, nach
+einem Weib zu schmachten.«</p>
+
+<p>Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig
+fahlem Gesicht schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span>
+vorüber wollte, packte er sie schweigend am Arm. »Lassen
+Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«</p>
+
+<p>»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du
+mußt! Weil ich will, mußt du. Hier wird sich dein Schicksal
+vollziehen. Und wenn ich zum Verbrecher werden soll,
+du mußt.«</p>
+
+<p>»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen
+Sie mich nieder«, erwiderte Virginia, die sich der Tränen
+nicht mehr erwehren konnte, weinend.</p>
+
+<p>»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann
+bleibe? nachdem du mich wahnsinnig und mir selbst verächtlich
+gemacht hast? Nein, Virginia, so wäre mir nicht
+gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst
+falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt
+und entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse
+dich nicht, ich lasse dich nicht.«</p>
+
+<p>Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte
+eine Bewegung, als wolle sie die Mauer durchbrechen, um
+aus seinem Bereich zu kommen. »Manfred! Manfred!«
+rief sie plötzlich.</p>
+
+<p>Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich
+zumute, und Virginia spürte es. Voll Kummer schaute
+sie ihn an, und ein Strahl zaghafter Heiterkeit erschien
+in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, daß dies
+alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne,
+wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.</p>
+
+<p>»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit
+dunkler Stimme. »Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span>
+Sie allein. Seien Sie vernünftig. Überlegen Sie. Es
+gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt als
+ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine.
+Eine große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los
+ist Verdammnis, wenn Sie auf Ihrem Sinn beharren.
+Ich werde nicht allein in die Verdammnis stürzen, ich
+werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den
+Teufeln, wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie
+treten meinen Stolz mit Füßen, Sie zermalmen mir die
+Brust, Sie stehlen mir den Glauben an mich und meinen
+Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie.
+Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend
+verteidigen, das aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung
+nennen. Mit Grund, mit gutem Grund. Bewahren
+Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie.
+Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein.
+Ruhen Sie. Morgen, wenn der Tag um ist, werde ich
+mein Urteil holen.«</p>
+
+<p>Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete,
+fügte er trocken hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen
+Zweck, wenn Sie in irgendeiner Weise Lärm schlagen
+würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses,
+und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich
+fortgeschickt. Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für
+Sie, selbst wenn man Ihnen zu Hilfe käme. Freiwillig
+haben Sie mein Haus betreten, das können Sie nicht
+leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu
+machen, ist eine Privatsache zwischen uns. Not werden<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span>
+Sie nicht leiden. Wenn Sie die Güte haben wollen, zuzugreifen,
+dort ist der Tisch gedeckt.«</p>
+
+<p>Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke,
+wo auf einem sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen
+serviert waren. Dann ging er und schloß die Türe
+zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel ihm entgegen
+und erbat sich seine Befehle.</p>
+
+<p>»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.</p>
+
+<p>»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«</p>
+
+<p>»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen
+verschlossen. Wenn es läutet, zeigen Sie sich nicht.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl.«</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«</p>
+
+<p>»Sehr wohl.«</p>
+
+<p>»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt
+es an.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl.«</p>
+
+<p>Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek
+auf und ab. Seine Überlegung war ruckweise und von
+lautlosen Wutanfällen begleitet. Als er sich zur Ruhe
+begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte sich
+unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns
+verdoppelte sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht
+einmal die Zeilen. Er horchte auf den ununterbrochen
+strömenden Regen, dem sich gegen Morgen ein brausender
+Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des
+Tages an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte
+das Telephon. »Wer ist es?« fragte Erwin, in die Halle<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span>
+tretend. – »Die Frau Baronin Resowsky«, erwiderte
+Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom Schallrohr
+abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht
+wohin. Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«</p>
+
+<p>Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos
+auf das Papier, nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete
+das Vorwärtshüpfen des Sekundenzeigers. Aus
+irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde als
+die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte.
+Er dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt
+seines Lebens. Seine Wangen waren fahl, seine Augen
+erloschen, doch das Innere seines Leibes erschien ihm wie
+versengt.</p>
+
+<p>Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle
+Raserei in ihm. Um acht Uhr schickte er auch noch Wichtel
+zum Gärtner, damit er drüben nächtige. Langsam schlich
+die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin trällerte vergnügt
+ihre Arie durch das totenstille Haus.</p>
+
+<p>Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz
+nach Erwins Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es
+lag zu hoch, als daß sie hätte hinunterspringen können.
+Vor ihr breitete sich der weite, einsame und finstere Park.
+Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß das
+Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält
+mich alle Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem
+Haus kommen. Und dann? was dann? wohin mit mir?
+wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen
+mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span>Von
+solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte
+sie viele Stunden lang durch den Raum, verspürte aber
+dabei eine entsetzliche Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie
+klopfte an die Türe. Sie rief. Umsonst; nichts rührte sich.
+Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß mit Widerwillen.
+Oftmals während des Tages mußte sie sich, von
+ihrer Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen,
+doch nach wenigen Minuten erhob sie sich wieder,
+zornig, verstört, erwartungsvoll, von Scham erdrückt und
+mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie
+den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht
+würde, wenn sie einschlief, legte sich auf das Sofa
+und schlummerte alsbald mit schmerzlicher Wachsamkeit
+des Gehörs. Das elektrische Licht, das den ganzen Tag
+gebrannt hatte, ließ sie brennen.</p>
+
+<p>Das Rücken des Tisches weckte sie auf.</p>
+
+<p>Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er
+hielt die Hände auf dem Rücken und schaute sie wortlos
+an. Er kämpfte mit sich. Es trieb ihn, auf die Knie zu
+stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es galt, alle
+Kraft zu bewahren.</p>
+
+<p>Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur
+angelehnt war. Gedanke und Entschluß waren eines. Im
+Nu war sie an Erwin vorübergeeilt und rannte hinaus,
+ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, nur der
+Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe.
+Sie lief hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt,
+aber der Schlüssel steckte im Schloß. Während sie<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span>
+den Schlüssel umdrehte, fühlte sie sich an der Schulter
+gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem Griff
+und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam
+in die Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.</p>
+
+<p>Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach
+dem Garten war offen. Sie lief darauf zu, über die
+Stufen hinab, in die Finsternis hinein. Der Regen war
+so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen
+Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe
+wie triefende Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen
+schließen. Die Wasserlachen spritzten empor, nasse Blätter
+und Zweige streiften Haar und Wangen, die Feuchtigkeit
+drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß sie mit
+der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht
+weiter und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause
+her beleuchtete Stück des Parks.</p>
+
+<p>Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit
+beiden Armen auf, und mit übermenschlicher Anstrengung
+trug er sie zurück, über die Wege wieder zurück. Vor der
+Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte Atem, nahm
+sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen
+empor, durch den Empfangsraum in die Bibliothek,
+schleppte sie bis zum Divan und warf sie hin.</p>
+
+<p>Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet,
+eilte er zu beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann
+kehrte er zu Virginia zurück und betrachtete sie grübelnd.
+Sie regte sich nicht. Sie lag auf der Erde, der Kopf lag
+auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span>
+Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers
+einige Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener
+Stunde, als sie an Manfreds Brust gelegen. Da trieb es
+ihn, sie zum äußersten zu hetzen, als ob nur ihre völlige
+Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung übrig
+ließe.</p>
+
+<p>»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie
+gab keine Antwort. »Du kannst so nicht bleiben, hörst
+du?« wiederholte er barsch, bückte sich und riß ihr die
+Jacke auf.</p>
+
+<p>Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch
+hatte dieser Blick seine wehrende Gewalt. Er preßte die
+Lippen zusammen und mühte sich, die Besinnung zu bewahren.
+Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte mit
+gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel
+in die Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür
+gegen die Halle, begab sich hinauf in das Zimmer, in
+welchem Virginia gewesen, raffte einen Morgenrock,
+Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und
+trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie
+vorher da.</p>
+
+<p>»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so
+kannst du nicht bleiben, naß und schmutzig; es widert
+mich, dich so zu sehen.«</p>
+
+<p>Sie rührte sich nicht.</p>
+
+<p>»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen
+Ton in der Stimme.</p>
+
+<p>Sie rührte sich nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span>»Ich
+will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er.
+Er kniete nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort,
+plötzlich schmeichlerisch; »man wird krank von nassen Füßen.
+Man wird häßlich, wenn man krank ist. Oder willst du
+trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn treiben?«</p>
+
+<p>Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm
+aus. Ihre Frisur hatte sich gelockert, und die Haare fielen
+nun langsam über die Schultern auf die Erde.</p>
+
+<p>»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann
+Erwin wieder gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie
+holen, damit sie sich diese Sehenswürdigkeit von einer
+Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als Virginia
+bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde
+draußen warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug!
+tu’s ab! Welche Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird
+zur Hülle, die Scham tötet das Herz.« Er sprach und
+schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging hinaus
+und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben!
+Leben!« murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst,
+und jetzt stößt du mich weg von deiner Brust.«</p>
+
+<p>Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer
+so lag, wie er sie verlassen. Was wollte er nur? was erwartete
+er von ihrem Gehorsam? Kam es ihm darauf
+an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? Sie
+zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud!
+Wichtel!« rief er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob
+sich Virginia mit einem Wehelaut. Er schloß, ihrer
+Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich und biß mit<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span>
+den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er
+sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe
+voll Kognak aus dem Buffet und trank. Es war der
+erste Schluck Schnaps, den er seit vielen Jahren über
+die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von pedantischer
+Enthaltsamkeit war.</p>
+
+<p>Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte
+Virginia sich ihrer besudelten Gewänder entledigt und
+schlüpfte in das Kostüm, das Erwin auf den Teppich geworfen.
+Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen
+zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie
+streifte sie ab, und während sie dies tat, stürzten wahre
+Bäche von Tränen aus ihren Augen. Eine namenlose
+Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung der Brust
+war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos
+über sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte
+sie vor dem Kamin, in welchem noch Kohlenglut war.
+Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren.
+Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und
+bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die
+Zehen wühlten sich in die moosartig kühle Weichheit des
+Teppichs. Die Falten des grünen Gewands zitterten
+mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern so,
+wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten
+Arme waren mit einer <span id="Page_368_1">Gebärde</span> eben jener namenlosen
+Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.</p>
+
+<p>Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt,
+im seherischen Schmerz des Abschieds, voll von<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span>
+der Ahnung des Verlusts. Und nun gewahrte Virginia
+ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den Verschollenen,
+den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele
+Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er
+kam. Ja, er kam, sie spürte es, die Sorge trieb ihn her.
+Aber es war zu spät. Nie mehr durfte sie ihm begegnen.
+Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt gebrandmarkt,
+so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes
+Vertrauen, durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und
+Klang, durch alles was täuscht und verlockt und was leer
+ist im Innern, finster, kalt, seelenlos, ohne Leben und
+ohne Wahrheit.</p>
+
+<p>Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt
+des Jägers. Er umschlang sie von rückwärts, und sie sah
+seine Augen dicht über sich. Ihre unendlich scheuen und
+flehentlichen, abgebrochenen und ermatteten Gesten beschwichtigte
+er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck von
+schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte
+zwei sehr feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor,
+und das Weiße des Auges büßte den Glanz ein und wurde
+stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. Er flüsterte ohne
+Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte automatisch
+den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten,
+daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie
+das ihre war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn,
+und ihre geballten Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend
+auf seinen Schultern wie zwei aus dem Nest geschossene
+weiße Vögel. Als er immer näher und näher kam, empfand<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span>
+sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche
+Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd
+vor Schwäche entwand sie sich ihm und klammerte sich,
+vorwärtsschauend, an einer der marmornen Karyatiden
+fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.</p>
+
+<p>»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!«
+rief Erwin außer sich vor Wut und Enttäuschung,
+und zugleich sich wehrend gegen ein aus dem Unterirdischen
+heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl, das auf
+einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf
+ihm lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid
+in dieser Brust? Was soll ich tun, um mich zu retten?
+was tun, um dich zu rühren? Soll ich mir die Adern
+aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen meine
+Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir,
+elender als elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll
+ich tun!«</p>
+
+<p>Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche
+Vase aus dem zartesten und kostbarsten Porzellan und
+schleuderte sie vor Virginia hin, daß sie zu hundert Scherben
+zerstückte. Es lag in dieser Tollheit, in diesem Wüten
+nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der
+elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im
+Schluchzen und darin, wie er schäumte, sich bäumte, die
+Zähne knirschte, die Fingernägel in seinen Hals grub;
+aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles über
+ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und
+Öde in ihm entstand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span>Vielleicht
+spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren
+Botendienstes, der Nachricht von Seele zu Seele gibt.
+Vielleicht war dies die Ursache, daß sie Erbarmen mit
+ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend der Kohlenglut
+näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen,
+erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen
+niederstürzender Mensch, ein Mensch, der furchtbare
+Qualen gelitten hat durch diese ungeheure Anstrengung,
+und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis zur
+Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch,
+der aus einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen
+ist und trotzdem keine Stütze findet, um sich von der
+wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu befreien.
+Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure,
+herzmordende Anstrengung, in der er nach ihr gerungen
+hatte wie nach dem einzigen Ding, das gepackt, gehalten,
+besessen werden mußte, dem einzigen, das den Sturz in
+den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit
+und Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel
+der Qualen, war es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten,
+als müsse sie sich selbst vergessen, als müsse sie Haß und
+Liebe, Leben und Ehre, Scham und Schmerz vergessen,
+und sie sagte tonlos:</p>
+
+<p>»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit
+mir, was Sie wollen.«</p>
+
+<p>Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht
+zu ihr heran. Seine Augen wurden weich. »Noch einmal,
+herrliche Virginia,« flehte er leise, »und sag’ es mit dem<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span>
+Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk des Himmels,
+damit ich wieder zu einem Menschen werde.«</p>
+
+<p>Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und
+kraftlos, erwiderte Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir,
+was du willst.«</p>
+
+<p>War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit,
+das Erwin zur Stummheit verurteilte? War
+es die trauernde Verheißung, das Opfer, das Schauspiel
+einer Ergebung, die nichts von Hingabe hatte, aber alle
+Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die ihn
+versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er
+verlangt hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was
+ihm gewährt werden sollte, und daß gerade die Gewährung
+dieses Wesen in eine unerreichbare Ferne rückte, eine
+Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals zu besitzen.
+Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen
+entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl
+hatte, das er je empfunden, ja, weil es vielleicht
+das erste Gefühl war: nicht Gelüste, nicht Wohlgefallen,
+nicht Entzückung an der Form, nicht Entflammung der
+Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht Sucht;
+nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden
+und Umschlungensein.</p>
+
+<p>Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es
+an, daß sie mich liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’
+ich es, daß ich sie liebe?</p>
+
+<p>Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt
+an Worten. Statt dessen drängte es ihn, sich vor ihr<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span>
+zu erniedrigen, aber aus Furcht vor ihr wagte er nicht
+zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er verlor sich
+aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie
+das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da
+und nagte mit den Zähnen an der Lippe. Die Veränderung,
+die mit ihm geschah, flößte Virginia Schrecken ein.
+Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine Hände, seine
+Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah
+ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr
+war, als ob an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch
+sei. Sie hätte fragen mögen: wo bist du? Er erschien ihr
+wie ein Gespenst. Den sie so stolz, so reich, so erfahren,
+so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so überlegen gesehen
+hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein
+geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr
+graute vor ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich
+bis ins Geisterhafte.</p>
+
+<p>Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte
+kaum mehr die Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen
+Aufregungen wirkte jetzt auf ihren Körper. Außerdem
+spürte sie, daß sie Fieber hatte, und ihre Zähne
+begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht
+erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich
+wieder. Sie wußte, daß er sie nun nicht mehr hindern
+würde, das Zimmer und das Haus zu verlassen, aber
+wohin sollte sie gehen?</p>
+
+<p>Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte
+ihr angstvoll. Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span>
+entgegenschlug, sah sie sein Gesicht überdeutlich in
+die Luft gemalt, dieses Gesicht, das schlaff, leer, trüb,
+häßlich und gemein geworden war. Da begriff sie, daß
+sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen
+hängt, in Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß
+er sie bezaubert hatte in den Verkleidungen und Hüllen,
+die ihn den Menschen gegenüber gewappnet und undurchschaubar
+gemacht.</p>
+
+<p>Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und
+steckte es fest mit den wenigen Nadeln, die noch daran
+hingen. Die Uhr in der Halle schlug zwölfmal. Erwin
+stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das Bewußtsein
+vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia
+blickte, während ihre Arme noch erhoben waren,
+matt gegen ihn zurück, und im tiefen Fieber dachte sie
+abermals: wo find ich einen Ort, um mich auszustrecken
+und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –?</p>
+
+<p>In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus.
+Die elektrische Glocke läutete schrill und lang. Erwin
+runzelte die Stirn, bewegte sich aber nicht. Es wurde
+ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne,
+daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte
+sie von oben bis unten. »Machen Sie auf!«
+flüsterte sie mit der Gebärde einer Fliehenden. Mit gleichgültiger
+Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete. Herein
+traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel
+gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und
+Frau von Resowsky.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span>Virginia
+stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie
+mit geschlossenen Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau
+von Resowsky und Ulrich sie nicht aufgefangen hätten.</p>
+
+<p>»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin,
+»wir müssen sie in den Landauer tragen.« Der Hausmeister,
+der auf der Treppe stand, stellte die Laterne
+nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester hatten
+das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es
+aus dem Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!«
+rief Ulrich Zimmermann.</p>
+
+<p>Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur
+Rechenschaft? Gut so. Sie haben, Baronin,« wandte er
+sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls eine ziemlich
+unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.«</p>
+
+<p>»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin,
+ohne ihn mit ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte
+die Achseln und kehrte der ehemaligen Freundin den Rücken.
+Einige Minuten später war es wieder still im Haus.
+Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens.</p>
+
+<p>Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich
+auf den Diwan und fiel sofort in einen schweren Schlaf.
+Als er erwachte, schien die Sonne. Während er dem
+Diener läutete, entsann er sich erst, daß er Wichtel befohlen
+hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er
+ihn rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den
+Gärtner im Park und gebot ihm, Wichtel zu schicken. Er
+ließ das Bad richten. Als er gebadet und gefrühstückt hatte,
+trat er vor den Spiegel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span>Unwillkürlich,
+in einer lächerlichen Anwandlung, drehte
+er sich um. Er meinte nämlich, ein anderer stehe hinter
+ihm, dessen Bild der Spiegel wiedergab; denn er erkannte
+sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches Gesicht, daß er
+sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend,
+geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen
+Gesicht anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig
+verschwunden. Er übte sich in einer gewissen redenden
+Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie sonst in einem
+Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete
+darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber
+das Gesicht blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend
+wie das Gesicht eines alten, verkommenen Weibes.</p>
+
+<p>Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt,
+das macht mich häßlich, sagte er sich. Er heftete
+die Augen mit einem leeren, gebrochenen Glanz in die
+Luft und murmelte: »Unerreichbar! unerreichbar! unerreichbar!«
+Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm
+niedersauste.</p>
+
+<p>Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung.
+Was reizt mich noch? Nichts. Die Menschen
+werden mich wie einen Aussätzigen meiden. Was soll ich
+mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den zahllosen
+Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um
+sich sah, vor den Wänden, den Möbeln, den Bäumen,
+den Wolken und vor der Sonne.</p>
+
+<p>Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele
+Papiere warf er in den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span>
+gewahrte er auf einem Stoß von Büchern einen noch
+uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift seines
+Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet,
+schon seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf
+und las:</p>
+
+<p>»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals
+nach deinem Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich
+keine Auskunft geben, habe ich dich doch seit vierthalb
+Monaten nicht einmal gesehen. Den Andeutungen
+nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten verwickelt,
+und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und
+persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken
+Vertrauen voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern,
+obwohl mein eigener Zustand der mißlichste von
+der Welt ist und ich dich, mein eigenes Kind, von der
+Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer nicht
+freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit.
+Ich bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren,
+und um den zu ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem
+Alter noch zu gewinnen wäre. Ich frage mich um meine
+Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist, als Vater
+mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor
+dem Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem
+Leben, an dem du mich nicht zurückgestoßen und deine
+Geringschätzung hast fühlen lassen. Nun ist’s ja wahr,
+es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes Geschlecht
+in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht
+in jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht?<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span>
+Wer hat alle die verzwickten und rücksichtslosen Neigungen
+so lange großgehätschelt, bis sie zu schändlichen Verlotterungen
+geworden sind? Wer hat euch das teure Ich so
+hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu kostbar
+haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen?
+Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter
+und Mütter! Wir, die eure Vorsehung spielen wollten,
+wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden haben, um
+eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren
+Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen,
+so daß sich ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte,
+ein ehrlicher Kerl zu sein. Eure selbstverständliche geistige
+Betätigung haben wir als ein Wunder betrachtet, eure
+Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit für Unabhängigkeit,
+eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht
+für Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit
+fehlen lassen, wenn ihr mal was Anständiges
+geleistet hattet, wir haben es versäumt, euch im Zutrauen
+gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir
+haben mit den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh
+nach Haus gekommen seid, und statt der Furcht vor
+Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern noch eingeimpft
+hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt,
+und ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht
+ganz genau wißt, woher es gekommen und wie es entstanden
+ist. Das hat euch so lieblos gemacht. Es macht
+lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch bis
+gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span>
+hat es so mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche
+Aufschwung, das Wohlleben und endlich der Rückschlag
+gegen die bürgerliche Enge, in der wir selber aufgewachsen
+sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr, ihr jungen
+Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein
+Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin,
+mußte ich dir mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich
+lange genug gequält, ich werde es nie bereuen. Ich darf
+es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater bin, ein Amt,
+von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe,
+sondern weil du eines vor mir voraus hast, um das ich
+dich beneide und zu dem ich dir gratuliere: die Jugend.
+Es ist eine wunderbare Sache um das Jungsein, mein
+lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und
+das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist
+schließlich alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und
+gegen mich. Erinnere dich bald deines Vaters Michael
+Reiner.«</p>
+
+<p>Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht
+schlecht stilisiert, dachte er, das könnte mich zwingen, ihm
+Rede zu stehen. Er warf das Schreiben ins Feuer, dann
+entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb eine Anweisung
+auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch
+Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später
+kam Wichtel zurück. In dem Kuvert lag der Scheck, mitten
+entzweigerissen.</p>
+
+<p>Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein.
+Wo er ging und stand, sah er immer nur sie; immer nur<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span>
+Virginia; immer nur das besondere, edle, wahre und
+angenehme Gesicht. Er sah sie in einer Haltung zwischen
+Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften
+Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er
+sah ihre Züge verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch,
+lieblich in der Freude, maßvoll auch im Schmerz.</p>
+
+<p>Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr
+beseelte Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft;
+er sah sie zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet
+im Zorn mit purpurnen Schläfen, sinnend in
+mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik ertönte,
+nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden
+wurde. Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die
+kühlen, langen Hände und vernahm das Knistern ihres
+Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene Gebundenheit
+schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige
+Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich
+an ihr war, und als ob ein Schwert durch die Luft vor
+ihm niedersauste, empfand er nur das eine: Unerreichbar.</p>
+
+<p>Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber
+glühenden Lippen: »Virginia! Schwester! Geliebte!«</p>
+
+<p>Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand;
+es war derselbe, in den sie einst geschaut, als sie zum
+erstenmal das Perlenband um den Hals genommen. Er
+suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn, ein neues
+Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht,
+das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen
+Weibes. Ferner sah er ein Wort, mit Blut<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span>
+geschrieben, furchtbar aus zerteiltem Nebel flammend:
+Unerreichbar.</p>
+
+<p>Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn,
+der umbrisch milde Mund, die Nase ohne Beben in den
+Flügeln, die Augen mit dem Bernsteinglanz über den
+Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren stieg
+ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen
+Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild.</p>
+
+<p>Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach
+verwelkten Blättern. Wie Felsblöcke stürzten die vielen
+Stunden, durchlebte und noch zu durchlebende, auf seine
+Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als das was
+er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst
+vor völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der
+Wolke umarmte, ward in den Tartarus geschleudert, wo
+ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das vom Sturmwind
+in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich
+mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange.
+Die Wolke, nach der er gegriffen, war nicht göttlichen
+Ursprungs; ein Dämon hatte Schaum und Gischt erzeugt,
+der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten, leeren,
+nutzlosen und entgötterten Lebens.</p>
+
+<p>Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen,
+eine Seele wie Virginias, von gleicher Kraft und gleicher
+Wahrheit. Wo war sie hingeraten, diese Seele? Hatte
+der Wille sie verzehrt? hing sie an den zahllosen Seiten
+gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier nach Selbstgenuß
+sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span>
+so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen,
+kalten und berechneten Worte sie verschwendet? Wird
+man Rechenschaft von ihm fordern, wie Ulrich Zimmermann
+gesagt, so wird man seine Tage wägen; prüfen und
+zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden,
+voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von
+Philosophie, in weiser Ordnung verwaltet, aber finster,
+blutlos, stumm und leer. Das Haus war leer, nur tote
+Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch? Das
+Unding an sich; das Inkonstante.</p>
+
+<p>Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion.
+O Unerreichbare! Schwester! Geliebte!</p>
+
+<p>Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich
+irgendwie zu verwandeln, zog er einen schwarzseidenen
+Schlafrock an und Sandalen aus Rehleder. So schritt
+er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel und geheimnisvoll
+in seinem eigenen Haus, von Raum zu
+Raum.</p>
+
+<p>Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen.
+Wichtel suchte jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr
+nicht zu sprechen sei. Dieser jemand gab sich aber nicht
+zufrieden, worauf Wichtel ängstlich hereintrat. »Das
+Fräulein von Flügel«, meldete er.</p>
+
+<p>Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.</p>
+
+<p>»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende
+Stimme, und Marianne stand vor Erwin, der sich träg
+umgedreht hatte. Wichtel entfernte sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span>Marianne
+trug einen langen, grauen englischen Reisemantel
+und einen der gewaltigen Modehüte mit einem
+Schleier, der bis zu den Knien reichte. Ihr Gesicht war
+etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine heftige Gespanntheit
+verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte die
+Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem
+Plan handelt.</p>
+
+<p>»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem
+sie mit flatternden Bewegungen die Handschuhe abstreifte
+und auf einen Sessel warf; »du begreifst, daß ich nicht
+Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du siehst, habe
+ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein
+Ende haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut
+und Stumpfsinn, dazu bin ich mir noch zu gut.«</p>
+
+<p>Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte
+den Kopf ans Fensterkreuz und schloß müde die Augen.</p>
+
+<p>»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und
+in der zunehmenden Erregung überstürzten sich ihre Worte;
+»ich frage dich, was du mit mir vorhast und ob du noch
+länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen Dirne
+eine Spottfigur aus mir zu machen.«</p>
+
+<p>Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig,
+dann blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte
+die Arme auf dem Rücken.</p>
+
+<p>»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne,
+und plötzlich holte sie eine Pistole aus der Manteltasche;
+»wenn du auch findest, daß das eine Phrase ist, wie dir
+jedes Gefühl eines andern Phrase ist, ich lasse mich nicht<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span>
+als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt wählen,
+ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie
+stockte, denn Erwin lächelte sie an.</p>
+
+<p>»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln.</p>
+
+<p>»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte
+Marianne finster, ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe
+sinken.</p>
+
+<p>»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes
+Kind«, entgegnete Erwin und löste die Pistole sanft aus
+Mariannes Hand. Dann schaute er prüfend in den Lauf
+und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, – aufrichtig!«</p>
+
+<p>Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die
+weite Tasche seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her
+meine Neigung, einem Trauerspielakt eine freundliche Wendung
+zu geben«, fuhr er fort; »und so wollen wir’s auch
+diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen Schlüsse,
+schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe
+zu, daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern
+zu schmachten. Du hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen
+bei Demel, deine Spaziergänge auf dem
+Graben, das hat dich in eine phantastische Laune versetzt.
+Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte
+der Jahre.«</p>
+
+<p>»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem
+und beinahe feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn
+nicht mehr. Ich glaube, du würdest mit mir zufrieden sein.
+Wir beide könnten aus unserm Leben noch etwas machen,<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span>
+denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An der
+Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem
+fremden Blick die Worte. Diese Lippen, die gewohnt
+waren, das Heilige wie das Profane mit gleicher Kühnheit
+auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor dem
+einfachen Laut der Natur.</p>
+
+<p>»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche
+Leben momentan keine Verlockungen für mich hat. Im
+Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es nicht, die Küchenzettel
+schon am Morgen zu erfahren, und will nicht wissen,
+daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen
+einen Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch
+ich mache dir keinen Vorwurf daraus, daß du gekommen
+bist, im Gegenteil, ich möchte dich bitten, mir einen Dienst
+zu leisten.«</p>
+
+<p>Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute
+Erwin fragend an. Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort:
+»Sieh mich genau an und sage mir, ob du eine Veränderung
+in meinem Gesicht entdecken kannst.«</p>
+
+<p>»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt.</p>
+
+<p>»Sieh mich ganz genau an.«</p>
+
+<p>»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte
+Marianne mit wachsendem Erstaunen über seine Fragen.</p>
+
+<p>»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe
+jetzt in das Zimmer hier nebenan und werde eine kleine
+Umgestaltung mit mir vornehmen. Du brauchst höchstens
+drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich dich,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span>
+und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung
+in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das
+tun?«</p>
+
+<p>»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –«</p>
+
+<p>»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt
+später. Einen Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr
+dankend und galant die Hand und verließ mit Schritten
+ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist, dachte
+Marianne, der es beklommen zu Mut wurde.</p>
+
+<p>Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne
+ins Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit
+vergoldeter Lehne. Auf einem Tischchen vor ihm befand
+sich ein Spiegel. In der herabhängenden Hand hielt er
+die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer
+kaum wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe
+sickerte ein wenig Blut. Er hatte sicher gezielt und gut
+getroffen. Sein Gesicht wies keine Verzerrung auf; es
+war schön wie eine Maske.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Manfred">Manfred</h2>
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/ini-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer
+noch bewußtlose Virginia vom Wagen in Frau
+von Resowskys Schlafzimmer getragen wurde.
+Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine
+Diagnose der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte,
+empfahl er die sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau
+Geßner, die im Hause der Baronin auf den Ausgang der
+nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß verzweifelt am
+Bette.</p>
+
+<p>Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen
+Wendelstiege, flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen
+eines Turmes, auf denen Menschen ohne Arme gingen.
+Über unzählig viele Treppen rollte ein feuerglühendes
+Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer mitten
+in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen
+auf sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber
+sobald sie antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung
+auf allen Mienen. Sie wiesen mit den Fingern auf
+sie; anfangs schlug sie nur die Augen nieder, das Herz
+voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine Regennacht
+hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus
+Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen,
+welche unverständliche, doch schamlose Lieder singen.
+Irgendwer will sie überreden, mitzusingen; dies bereitet
+ihr den größten Schmerz, und sie gewahrt Ulrich Zimmermann
+und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und bittet<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span>
+flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich
+schweigend ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege
+empor und werfen viele Briefe in das brennende
+Ofenfeuer.</p>
+
+<p>Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht?
+Wie kann es aber so schnell wieder Nacht werden?
+Sie schleppt sich über eine leere Straße, traurige Menschen
+sitzen in der Ferne unter einem Baum und winken ihr.
+Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen
+Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel!
+Man beschwichtigt sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der
+Stirn, es scheint ihr dieses ein Schwan zu sein. Ja, ein
+Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn, und behutsam
+hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich
+sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken
+hat, die wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen
+will, um sich wieder blendend weiß zu waschen. Sie sträubt
+sich verzweifelt dagegen, obwohl sie einsieht, daß das Gefieder
+rein werden muß. Da zucken Blitze über den
+Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen
+tempelartigen erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder
+steigen zahllose Treppen empor, aber sie fürchtet sich
+hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß sind. Und wie seltsam
+nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze
+Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete
+Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond,
+genau wie der Mond aussehend, und seine Schlote rauchen.
+Hinter dem Mond ist ein Nachen, in dem Nachen sitzt ein<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span>
+verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen ins Wasser taucht
+und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es schmerzt
+sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß,
+in solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von
+allen Seiten rufen Stimmen, die Stimme der Mutter
+schrillt heraus, in verstörter Beeiferung folgt sie den
+Leuten, die Kerzen tragen, miteinander raunen und lächeln.
+Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in einem
+weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele
+Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen?
+denkt sie, und ihre Angst bringt die Kinnlade
+zum Zittern.</p>
+
+<p>Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt,
+saphirblau gefärbt, sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet
+ihn, und mehr als hundert winzige Schlangen
+kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel viele
+Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber
+jedes Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen
+sind Seen, die Nase ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden
+Zähnen Tore mit weißen Wächtern, die Stirne
+ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle diese Gesichter
+ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen,
+das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck
+hat. Sie kennt es, es nähert sich, über eine weiße,
+weite, endlose Ebene kommt es heran, stumm bitten seine
+Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die Muskeln,
+da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder,
+eine starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span>
+diese Hand? Was für ein namenloses Wohlgefühl! Welche
+Berührung!</p>
+
+<p>Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es
+ist, als ob etwas Süßes und Wohlschmeckendes auf der
+Zunge läge und ein Gefühl des Verschmachtens durch
+diese sättigende Süßigkeit beendet würde.</p>
+
+<p>Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder,
+denn sie kann nicht glauben, sie fürchtet, daß die beglückende
+Erscheinung entschwinde, wenn sie zu lange hinschaut.
+Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der sekundenflüchtige
+Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen,
+daß seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar,
+ernst, mild und wissend, und daß er sie liebt, und sie
+spürt, daß sie erwachen wird, daß das Leben sie wieder
+besitzt.</p>
+
+<p>Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen
+Palester erhalten. Als er den Brief mit den Blicken
+überflogen hatte, wußte er, daß er bis zu dieser Stunde
+ein glücklicher Mensch gewesen war.</p>
+
+<p>Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach
+England in See stach. Er lebte sie nicht, diese fünf Tage,
+er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, er dachte nicht
+mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn vordem gekannt
+und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick
+eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende
+kennen ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom
+Wirbelsturm überfallen werden. Er hatte Lust zu morden.
+Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos zu schreien, bis<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span>
+diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich endlose
+Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte
+mit den Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne
+überbrücken könnte; sein Gehirn war so von Lärm erfüllt,
+von Anklage, von Selbstbeschuldigung, von streitenden,
+klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu
+bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend
+sich unstät herumtrieb.</p>
+
+<p>Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden
+Matrosen am Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk
+hervor ein zottiger Hund auf ihn zulief. Der Hund
+erhob den Kopf und schaute ihn an mit Augen, die Manfred
+nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in
+den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten
+die Augen des Hundes: das ist also die Bewährung? Er
+sah ein, daß er im Begriff war, sich zu verlieren, daß aber
+dieses das Schlimmste von allem war, denn er mußte sich
+halten und bewahren. Haben Tausende gedient und sind
+nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht,
+ihrer selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an
+ihn war ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht
+alles als tauber Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten
+Tagen den Geist zur Bereitschaft geweckt, zur
+Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der tiefsten Ehre
+willen sich bezwingen.</p>
+
+<p>Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig,
+betrat er das Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch
+vom Bord ins Meer hinab, und seine Lippen waren<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span>
+eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische, teilnahmsvolle
+Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während
+er einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei
+in seiner Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt
+an der Brüstung gespielt, hatte sie überklettert und
+war in die See gestürzt. Seine Mutter, eine noch junge
+Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf alarmierte
+das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des
+Zögerns und Abwartens verhängnisvoll werden mußte,
+er entledigte sich seines Rockes und sprang ins Wasser.
+Er schwamm nur mäßig gut, und als er den um sich
+schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte.
+Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte,
+schwer atmend hielt er das Kind und war dem
+Untersinken nahe, als endlich das Boot kam und ihn und
+den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die Äußerungen
+des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von
+da an war der Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner
+Gesellschaft. Die junge Mutter, die wohl merkte, daß
+ihn jede andere Annäherung verstimmte, hielt sich fern.
+Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der Knabe
+saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes
+Manfred den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den
+scheinbar unveränderlichen Kreis des Horizonts lenkte.</p>
+
+<p>Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann
+die Antwort nicht ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug.
+So erschien die Stunde, wo er unter dem vertrauten
+Torbogen des Hauses in der Piaristengasse stand.<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span>
+Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung,
+läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne
+Schmerz, doch mit ausgefrorener Brust begab er sich zu
+Palester. Er trat ein, er reichte dem Grafen die Hand,
+und seine Züge, seine Augen, seine Haltung gaben bei
+einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit,
+Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund,
+daß Palester, der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage
+durchaus kein sentimentaler Charakter war, Tränen
+in sich aufströmen fühlte.</p>
+
+<p>Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen
+über Virginias Hand. Die träge Zeit lief wieder ihre
+alte Bahn.</p>
+
+<p>Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes
+Amt, die Wunden der Jugend zu heilen, versah sie mit
+Umsicht und Gründlichkeit. Großmütig und weise, hatte
+sie aus Manfred nicht nur einen gesunden Menschen
+gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der
+sein Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und
+nicht traumsüchtig der wirkenden Welt sich entfremdete,
+der zu besitzen vermochte, ohne zu vergeuden, ohne zu
+geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten.</p>
+
+<p>Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin
+und blieb dort vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias
+ausdrücklichen Wunsch. Sie wollte sich nicht an
+Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und wie eine
+Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner
+Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span>
+und sich prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende
+Last geben konnte, wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab
+und wie er es von ihr fordern durfte. Alles bewährte sich
+mit der weisen und großmütigen Zeit; die Liebe, das frei
+wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der
+Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung,
+die gleich dem Saft im lebendigen Holz des Baumes das
+Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht emporträgt in die
+heitere Sonne.</p>
+
+<p>An einem Tag im Mai schritt das schöne, hochaufgerichtete
+Paar durch die abendlich feiernden Gassen der
+letzten Vorstadt und wandelte in sanften Gesprächen dem
+Wald entgegen, wo sie einander die Hände reichten und
+von ihren lächelnden Lippen zuversichtliche Hoffnung
+empfingen.</p>
+
+<p class="center padbot3"><em class="gesperrt">Ende</em></p>
+
+
+<hr class="full hideinebook">
+
+
+
+<div id="Werke_von_Jakob_Wassermann" class="chapter padtop3 padbot3">
+<p class="center s2"><em class="gesperrt">Werke</em></p>
+<p class="center s4"><em class="gesperrt">von</em></p>
+<p class="center s2"><em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></p>
+</div>
+
+<div class="newpage">
+<p class="mtop3 center s3">Bei S. Fischer, Verlag, Berlin:</p>
+<hr class="full no-margin">
+
+<div class="s01">
+<p class="left-indent"><span class="s4">Die Juden von Zirndorf.</span> Roman. Neubearbeitete
+Ausgabe. Vierte Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M.</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.</span> Elfte
+Auflage. Geh. 6 M., geb. M. 7.50</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Der Moloch.</span> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte
+Auflage. Geh. 4 M., geb. 5 M.</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Der niegeküßte Mund – Hilperich.</span> Novellistische
+Studien. Geh. 2 M., geb. 3 M.</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Alexander in Babylon.</span> Roman. Dritte Auflage.
+Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Die Schwestern.</span> Drei Novellen. Dritte Auflage.
+Geh. 2 M., geb. 3 M.</p>
+
+<hr class="full no-margin">
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Die Kunst der Erzählung.</span> Ein Dialog. (Bei Julius
+Bard, Berlin)</p>
+
+<p class="left-indent"><span class="s4">Caspar Hauser</span> oder
+<span class="s4">Die Trägheit des Herzens.</span>
+Roman. Neunte Auflage. (Bei der Deutschen Verlagsanstalt,
+Stuttgart)</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Die Juden von Zirndorf</p>
+
+<p>Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«,
+Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen
+Roman »Die Juden von Zirndorf« in einer neubearbeiteten
+Ausgabe herausgegeben, der die Kürzungen trefflich zustatten
+gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, diese »Juden von
+Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen
+und über das Judentum der Gegenwart überhaupt
+schärfere und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in
+diesem Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes
+erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische
+Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet
+sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
+sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
+»Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des
+merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung
+im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den
+Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der
+»Juden von Zirndorf«, in denen ein begabter Jüngling Agathon,
+in dem das edelste Judentum verkörpert ist, die von einem
+brutalen Christen erduldete Schmach durch einen Mord an
+seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl in
+der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange
+der Handlung die vollkommenste Objektivität.</p>
+
+<p class="quelle">(Neue Zürcher Zeitung)</p>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</p>
+
+<p>Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung
+und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung
+der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen
+beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben
+und nicht länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen
+Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter
+und tiefsinniger Roman erschienen.</p>
+
+<p class="quelle">(Die Zukunft)</p>
+
+<p>Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung
+aller Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem
+Studium aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen
+auf Eid und Gewissen versichern dürfen, daß es sich
+bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein bedeutendes
+dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes Kapitel
+ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster
+Erkenntnis der menschlichen Natur sei.</p>
+
+<p class="quelle">(Berliner Tageblatt)</p>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Der Moloch</p>
+
+<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee,
+die ihm zugrunde liegt, bedeutend durch die psychologische und
+gestaltende Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß
+und breit angelegten, lebensvollen Gemälde gestaltet hat! ...
+Man kann schon aus dieser gedrängten Inhaltsangabe ersehen,
+daß es sich hier vorwiegend um ein psychologisches Problem
+handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der Tat auch vollständig,
+seinem Wesen entsprechend, psychologisch behandelt,
+und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß
+ist des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle
+die Vorgänge mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.
+Mag das Weltbild, das Wassermann hier entwirft,
+ein einseitiges sein, mögen einzelne weniger interessierende
+Seiten seines Bildes gar zu breit ausgeführt, mag selbst die ihm
+zugrunde liegende Idee nicht unbedingt anzuerkennen sein und
+das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel bleibt gewiß,
+daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine
+Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der
+Macht fast eines Erlebnisses wirkt.</p>
+
+<p class="quelle">(Berner Bund)</p>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Der niegeküßte Mund – Hilperich</p>
+
+<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst
+eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische
+Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir
+ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen.
+Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne
+der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verhältnissen
+abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie fließt,
+wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät
+einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein
+viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen
+zu machen, so wenige, daß man sie verschweigen darf
+und erklären: der künstlerisch Genießende, der Kenner, wird hier
+sein volles Genügen finden.</p>
+
+<p class="quelle">(Die Zeit, Wien)</p>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Alexander in Babylon</p>
+
+<p>Nichts als der reale Gang der gerichtlichen Ereignisse von
+Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode
+wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer
+Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie.
+So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman,
+und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der
+Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische
+Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie
+durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung.
+Es gehört zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche
+Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche
+Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p>
+
+<p class="quelle">(Neue Freie Presse, Wien)</p>
+
+<p>... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen
+Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane
+von Felix Dahn abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon«
+zu lesen. Hier gibt es keine in Griechen oder Perser verkleidete
+deutsche Leutnants; man braucht nur, wenn man es nicht ohnehin
+spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, um alsobald
+zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in seine
+Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
+Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra«
+tat.</p>
+
+<p class="quelle">(Berner Bund)</p>
+</div>
+
+<hr class="full no-margin hideinebook">
+
+<div class="s01 newpage">
+<p class="padtop1 center s3">Die Schwestern</p>
+
+<p>Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine
+Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu
+neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es,
+aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse
+des Lebens herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten
+entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege vergeblich
+suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues Leben,
+viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde
+Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst
+gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten
+und Ahnungen durchzuckt.</p>
+
+<p class="quelle">(Hannoverscher Kurier)</p>
+
+<p>Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam
+geschliffenen Wortprägungen spezifisch Wassermannscher
+Art. Nur einem kabbalistischen Grübelsinn, einer so heißen
+Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen,
+die Verrücktheiten der kastilischen Isabella so tief poetisch
+märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch
+konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das
+historische Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in
+Babylon« und diese drei Novellen bezeichnen für mich bisher
+die Höhepunkte im Schaffen Jakob Wassermanns.</p>
+
+<p class="quelle">(Literarisches Echo)</p>
+</div>
+
+<hr class="full mbot0 mtop3">
+<p class="padbot3 s01 center">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.</p>
+
+
+
+<div class="padtop3 newpage transnote s01">
+<p class="center s2" id="Liste_korrigierter_Druckfehler">Liste korrigierter Druckfehler</p>
+
+<div class="tn-list">
+<p><a href="#Page_51_1">Seite 51</a>: Ergänzung des Wortes „einen“
+(Auch Erwin hatte einen Brief erhalten.)</p>
+
+<p><a href="#Page_52_1">Seite 52</a>: „im“ ersetzt durch „ins“
+(Virginia sah ihm entsetzt ins Gesicht.)</p>
+
+<p><a href="#Page_87_1">Seite 87</a>: „Eine“ ersetzt durch „Ein“
+(Ein Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, ...)</p>
+
+<p><a href="#Page_133_1">Seite 133</a>: „war war“ ersetzt durch „was war“
+(Genießen, was war damit viel bedeutet?)</p>
+
+<p><a href="#Page_140_1">Seite 140</a>: „Virgina“ ersetzt durch „Virginia“
+(»Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia.)</p>
+
+<p><a href="#Page_177_1">Seite 177</a>: „Taklosigkeit“ ersetzt durch
+„Taktlosigkeit“ (..., sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner
+Taktlosigkeit zu gelangen.)</p>
+
+<p><a href="#Page_279_1">Seite 279</a>: Doppelte Anführungszeichen um „Phönix“
+durch einfache ersetzt (Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts.)</p>
+
+<p><a href="#Page_293_1">Seite 293</a>: Schließendes Anführungszeichen
+ergänzt (»Ja. Sie sitzt in ihrem Zimmer.«)</p>
+
+<p><a href="#Page_314_1">Seite 314</a>: Punkt am Satzende ergänzt
+(Doch alle Erinnerungen starben an dem Jubel dieser Vollkommenheit.)
+</p>
+
+<p><a href="#Page_368_1">Seite 368</a>: „Geberde“ ersetzt durch
+„Gebärde“ (... und ihre beiden halbentblößten
+Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen
+Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.)
+</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76567 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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