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| author | pgww <pgww@lists.pglaf.org> | 2025-07-24 10:22:02 -0700 |
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Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; + fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. + + Die Sammlung stammt aus zahlreichen verschiedenen Quellen, daher + kommen viele Wortvarianten vor (z.B. fodern/fordern; Hühne/Hüne). + Diese wurden nur harmonisiert, wenn eine bestimmte Form in einem + Abschnitt vorherrscht oder wenn ansonsten der Sinn des Texts unklar + wäre. + + Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere + Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + Deutsche Sagen. + + Herausgegeben + + von + + den Brüdern Grimm. + + + +Berlin+, in der Nicolaischen Buchhandlung. + + +1816.+ + + + + + Unserm Bruder + + Ludwig Emil Grimm + + aus herzlicher Liebe + + zugeeignet. + + + + +Vorrede. + + +[Sidenote: I. Wesen der Sage.] + +Es wird dem Menschen von heimathswegen ein guter Engel beigegeben, +der ihn, wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt +eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch +widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlands +überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohlthätige Begleitung ist +das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche +nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen +frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat seinen +eigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes +stehet beinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte +und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannichfaltigkeit der +Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem +hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten +Namen. Aus dieser ihrer Gebundenheit folgt, daß sie nicht, gleich dem +Märchen, überall zu Hause seyn könne, sondern irgend eine Bedingung +voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da, bald nur unvollkommener +vorhanden seyn würde. Kaum ein Flecken wird sich in ganz Deutschland +finden, wo es nicht ausführliche Märchen zu hören gäbe, manche, an +denen die Volkssagen blos dünn und sparsam gesät zu seyn pflegen. +Diese anscheinende Dürftigkeit und Unbedeutendheit zugegeben, sind sie +dafür innerlich auch weit eigenthümlicher; sie gleichen den Mundarten +der Sprache, in denen hin und wieder sonderbare Wörter und Bilder aus +uralten Zeiten hangen geblieben sind, während die Märchen ein ganzes +Stück alter Dichtung, so zu sagen, in einem Zuge zu uns übersetzen. +Merkwürdig stimmen auch die erzählenden Volkslieder entschieden mehr +zu den Sagen, wie zu den Märchen, die wiederum in ihrem Inhalt die +Anlage der frühesten Poesien reiner und kräftiger bewahrt haben, als +es sogar die übrig gebliebenen größeren Lieder der Vorzeit konnten. +Hieraus ergibt sich ohne alle Schwierigkeit, wie es kommt, daß fast +nur allein die Märchen Theile der urdeutschen Heldensage erhalten +haben, ohne Namen, (außer wo diese allgemein und in sich selbst +bedeutend wurden, wie der des alten Hildebrand); während in den +Liedern und Sagen unseres Volks so viele einzelne, beinahe trockene +Namen, Örter und Sitten aus der ältesten Zeit festhaften. Die Märchen +also sind theils durch ihre äußere Verbreitung, theils durch ihr +inneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen +Weltbetrachtung zu fassen, sie nähren unmittelbar, wie die Milch, +mild und lieblich, oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische +Schwere; dahingegen die Sagen schon zu einer stärkeren Speise dienen, +eine einfachere, aber desto entschiedenere Farbe tragen, und mehr +Ernst und Nachdenken fodern. Ueber den Vorzug beider zu streiten wäre +ungeschickt; auch soll durch diese Darlegung ihrer Verschiedenheit +weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnet werden, daß +sie in unendlichen Mischungen und Wendungen in einander greifen und +sich mehr oder weniger ähnlich werden. Der Geschichte stellen sich +beide, das Märchen und die Sage, gegenüber, insofern sie das sinnlich +natürliche und begreifliche stets mit dem unbegreiflichen mischen, +welches jene, wie sie unserer Bildung angemessen scheint, nicht +mehr in der Darstellung selbst verträgt, sondern es auf ihre eigene +Weise in der Betrachtung des Ganzen neu hervorzusuchen und zu ehren +weiß. Die Kinder glauben an die Wirklichkeit der Märchen, aber auch +das Volk hat noch nicht ganz aufgehört, an seine Sagen zu glauben, +und sein Verstand sondert nicht viel darin; sie werden ihm aus den +angegebenen Unterlagen genug bewiesen, d. h. das unleugbar nahe und +sichtliche Daseyn der letzteren überwiegt noch den Zweifel über das +damit verknüpfte Wunder. Diese +Eingenossenschaft~ der Sage ist +folglich gerade ihr rechtes Zeichen. Daher auch von dem, was wirkliche +Geschichte heißt, (und einmal hinter einen gewissen Kreis der Gegenwart +und des von jedem Geschlecht durchlebten tritt,) dem Volk eigentlich +nichts zugebracht werden kann, als was sich ihm auf dem Wege der Sage +vermittelt; einer in Zeit und Raum zu entrückten Begebenheit, der +dieses Erforderniß abgeht, bleibt es fremd oder läßt sie bald wieder +fallen. Wie unverbrüchlich sehen wir es dagegen an seinen eingeerbten +und hergebrachten Sagen haften, die ihm in rechter Ferne nachrücken und +sich an alle seine vertrautesten Begriffe schließen. Niemals können +sie ihm langweilig werden, weil sie ihm kein eiteles Spiel, das man +einmal wieder fahren läßt, sondern eine Nothwendigkeit scheinen, die +mit ins Haus gehört, sich von selbst versteht, und nicht anders, als +mit einer gewissen, zu allen rechtschaffenen Dingen nöthigen Andacht, +bei dem rechten Anlaß, zur Sprache kommt. Jene stete Bewegung und +dabei immerfortige Sicherheit der Volkssagen stellt sich, wenn wir +es deutlich erwägen, als eine der trostreichsten und erquickendsten +Gaben Gottes dar. Um alles menschlichen Sinnen ungewöhnliche, was +die Natur eines Landstrichs besitzt, oder wessen ihn die Geschichte +gemahnt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich die Ferne +des Himmels blau anläßt und zarter, feiner Staub um Obst und Blumen +setzt. Aus dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, Seen, +Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art von Verbindung, die +sich auf die Eigenthümlichkeit jedes dieser Gegenstände gründet, und zu +gewissen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist. Wie mächtig +das dadurch entstehende Band sey, zeigt an natürlichen Menschen jenes +herzzerreißende Heimweh. Ohne diese sie begleitende Poesie müßten edele +Völker vertrauern und vergehen; Sprache, Sitte und Gewohnheit würde +ihnen eitel und unbedeckt dünken, ja hinter allem, was sie besäßen, +eine gewisse Einfriedigung fehlen. Auf solche Weise verstehen wir das +Wesen und die Tugend der deutschen Volkssage, welche Angst und Warnung +vor dem Bösen und Freude an dem Guten mit gleichen Händen austheilt. +Noch geht sie an Örter und Stellen, die unsere Geschichte längst nicht +mehr erreichen kann, vielmal aber fließen sie beide zusammen und +untereinander; nur daß man zuweilen die an sich untrennbar gewordene +Sage, wie in Strömen das aufgenommene grünere Wasser eines anderen +Flusses, noch lange zu erkennen vermag. + +[Sidenote: II. Treue der Sammlung.] + +Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen +haben, ist +Treue und Wahrheit+. Als ein Hauptstück aller Geschichte +hat man diese noch stets betrachtet; wir fodern sie aber eben so gut +auch für die Poesie und erkennen sie in der wahren Poesie eben so rein. +Die Lüge ist falsch und bös; was aus ihr herkommt, muß es auch seyn. +In den Sagen und Liedern des Volks haben wir noch keine gefunden: es +läßt ihren Inhalt, wie er ist und wie es ihn weiß; dawider, daß manches +abfalle in der Länge der Zeit, wie einzelne Zweige und Äste an sonst +gesunden Bäumen vertrocknen, hat sich die Natur auch hier durch ewige +und von selbst wirkende Erneuerungen sicher gestellt. Den Grund und +Gang eines Gedichts überhaupt kann keine Menschenhand erdichten; mit +derselben fruchtlosen Kraft würde man Sprachen, und wären es kleine +Wörtchen darin, ersinnen; ein Recht oder eine Sitte alsobald neu +aufbringen, oder eine unwirkliche That in die Geschichte hinstellen +wollen. Gedichtet kann daher nur werden, was der Dichter mit Wahrheit +in seiner Seele empfunden und erlebt hat, und wozu ihm die Sprache +halb bewußt, halb unbewußt, auch die Worte offenbaren wird; woran +aber die einsam dichtenden Menschen leicht, ja fast immer verstoßen, +nämlich an dem richtigen Maaß aller Dinge, das ist der Volksdichtung +schon von selbst eingegeben. Ueberfeine Speisen widerstehen dem Volk, +und für unpoetisch muß es gelten, weil es sich seiner stillen Poesie +glücklicherweise gar nicht bewußt wird; die ungenügsamen Gebildeten +haben dafür nicht blos die wirkliche Geschichte, sondern auch das +gleich unverletzliche Gut der Sage mit Unwahrheiten zu vermengen, +zu überfüllen und überbieten getrachtet. Dennoch ist der Reiz der +unbeugsamen Wahrheit unendlich stärker und dauernder, als alle +Gespinnste, weil er nirgends Blößen gibt und die rechte Kühnheit hat. +In diesen Volkssagen steckt auch eine so rege Gewalt der Ueberraschung, +vor welcher die überspannteste Kraft der aus sich blos schöpfenden +Einbildung zuletzt immer zu Schanden wird und bei einer Vergleichung +beider würde sich ein Unterschied dargeben, wie zwischen einer geradezu +ersonnenen Pflanze und einer neu aufgefundenen wirklichen, bisher von +den Naturforschern noch unbeobachteten, welche die seltsamsten Ränder, +Blüten und Staubfäden gleich aus ihrem Innern zu rechtfertigen weiß +oder in ihnen plötzlich etwas bestätiget, was schon in andern Gewächsen +wahrgenommen worden ist. Ähnliche Vergleichungen bieten die einzelnen +Sagen untereinander, so wie mit solchen, die uns alte Schriftsteller +aufbewahrt haben, in Ueberfluß dar. Darum darf ihr Innerstes bis +ins kleinste nicht verletzt und darum müssen Sache und Thatumstände +lügenlos gesammelt werden. An die Worte war sich, so viel thunlich, zu +halten, nicht an ihnen zu kleben. + +[Sidenote: III. Mannichfaltigkeit der Sammlung.] + +Das zweite, eigentlich schon im ersten mitbegriffene Hauptstück, worauf +es bei einer Sammlung von Volkssagen anzukommen scheint, bestehet +darin, daß man auch ihre Mannichfaltigkeit und Eigenthümlichkeit +sich recht gewähren lasse. Denn darauf eben beruhet ihre Tiefe und +Breite, und daraus allein wird ihre Natur zu erforschen seyn. Im Epos, +Volkslied und der ganzen Sprache zeigt sich das Gleiche wieder; bald +haben jene den ganzen Satz miteinander gemein, bald einzelne Zeilen, +Redensarten, Ausdrücke; bald hebt, bald schließt es anders und bahnt +sich nur neue Mittel und Uebergänge. Die Ähnlichkeit mag noch so groß +seyn, keins wird dem andern gleich; hier ist es voll und ausgewachsen, +dort stehet es ärmer und dürftiger. Allein diese Armuth, weil sie +schuldfrei, hat in der Besonderheit fast jedesmal ihre Vergütung und +wird eine Armuthseligkeit. Sehen wir die Sprache näher an, so stuft sie +sich ewig und unendlich in unermeßlichen Folgen und Reihen ab, indem +sie uns ausgegangene neben fortblühenden Wurzeln, zusammengesetzte und +vereinfachte Wörter und solche, die sich neu bestimmen oder irgend +einem verwandten Sinn gemäß weiter ausweichen, zeigt; ja es kann diese +Beweglichkeit bis in den Ton und Fall der Silben und die einzelnen +Laute verfolgt werden. Welches unter dem Verschiedenen nun das Bessere +sey und mehr zur Sache gehöre, das ist kaum zu sagen, wo nicht ganz +unmöglich und sündlich, sofern wir nicht vergessen wollen, daß der +Grund, woraus sie alle zusammen entsprungen, die göttliche Quelle an +Maas unerhört, an Ausstrahlung unendlich selber war. Und, weil das +Sonnenlicht über Groß und Klein scheint, und jedem hilft, so weit es +seyn soll, bestehen Stärke und Schwäche, Keime, Knospen, Trümmer und +Verfall neben und durcheinander. Darum thut es nichts, daß man in +unserm Buch Ähnlichkeiten und Wiederholungen finden wird; denn die +Ansicht, daß das verschiedene Unvollständige aus einem Vollständigen +sich aufgelöst, ist uns höchst verwerflich vorgekommen, weil jenes +Vollkommene nichts irdisches seyn könnte, sondern Gott selber, in den +alles zurückfließt, seyn müßte. Hätten wir also dieser ähnlichen Sagen +nicht geschont, so wäre auch ihre Besonderheit und ihr Leben nicht zu +retten gewesen. Noch viel weniger haben wir arme Sagen reich machen +mögen, weder aus einer Zusammenfügung mehrerer kleinen, wobei zur Noth +der Stoff geblieben, Zuschnitt und Färbung aber verloren gegangen +wäre, noch gar durch unerlaubte, fremde Zuthaten, die mit nichts zu +beschönigen sind und denen der unerforschliche Gedanke des Ganzen, aus +dem jene Bruchstücke übrig waren, nothwendig fremd seyn mußte. Ein +Lesebuch soll unsere Sammlung gar nicht werden, in dem Sinn, daß man +alles, was sie enthält, hinter einander auszulesen hätte. Jedwede Sage +stehet vielmehr geschlossen für sich da, und hat mit der vorausgehenden +und nachfolgenden eigentlich nichts zu thun; wer sich darunter +aussucht, wird sich schon begnügen und vergnügen. Uebrigens braucht, +so sehr wir uns bemühten, alles lebendig verschiedene zu behüten, +kaum erinnert zu werden, daß die bloße Ergänzung einer und derselben +Sage aus mehrern Erzählungen, das heißt, die Beseitigung aller nichts +bedeutenden Abweichungen, einem ziemlich untrüglichen critischen +Gefühl, das sich von selbst einfindet, überlassen worden ist. + +[Sidenote: IV. Anordnung der Sammlung.] + +Auch bei Anordnung der einzelnen Sagen haben wir am liebsten der Spur +der Natur folgen wollen, die nirgends steife und offenliegende Grenzen +absteckt. In der Poesie gibt es nur einige allgemeine Abtheilungen, +alle andern sind unrecht und zwängen, allein selbst jene großen haben +noch ihre Berührung und greifen in einander über. Der Unterschied +zwischen Geschichte, Sage und Märchen gehört nun offenbar zu den +erlaubten und nicht zu versäumenden; dennoch gibt es Puncte, wo nicht +zu bestimmen ist, welches von dreien vorliege, wie z. B. Frau Holla +in den Sagen und Märchen auftritt, oder sich ein sagenhafter Umstand +auch einmal geschichtlich zugetragen haben kann. In den Sagen selbst +ist nur noch ein Unterschied, nach dem eine äußerliche Sammlung zu +fragen hätte, anerkannt worden; der nämlich, wonach wir die mehr +geschichtlich gebundenen von den mehr örtlich gebundenen trennen +und jene für den zweiten Theil des Werks zurücklegen. Die Ortssagen +aber hätten wiederum nach den Gegenden, Zeiten oder dem Inhalt +abgetheilt werden mögen. Eine örtliche Anordnung würde allerdings +gewisse landschaftliche Sagen-Reihen gebildet und dadurch hin und +wieder auf den Zug, den manche Art Sagen genommen, gewiesen haben. +Allein es ist klar, daß man sich dabey am wenigsten an die heutigen +Theilungen Deutschlands, denen zufolge z. B. Meissen: Sachsen, ein +großer Theil des wahren Sachsens aber Hannover genannt, im kleinen, +einzelnen noch viel mehr untereinander gemengt wird, hätte halten +dürfen. War also eine andere Eintheilung, nicht nach Gebirgen und +Flüssen, sondern nach der eigentlichen Richtung und Lage der deutschen +Völkerstämme, unbekümmert um unsere politischen Grenzen, aufzustellen; +so ist hierzu so wenig Sicheres und Gutes vorgearbeitet, daß gerade +eine sorgsamere Prüfung der aus gleichem Grund verschmähten und +versäumten Mundarten und Sagen des Volks erst muß dazu den Weg bahnen +helfen. Was folglich aus der Untersuchung derselben künftig einmal +mitherausgehen dürfte, kann vorläufig jetzo noch gar nicht ihre +Einrichtung bestimmen. Ferner, im allgemeinen einigen Sagen vor den +andern höheres Alter zuzuschreiben, möchte großen Schwierigkeiten +unterworfen und meistens nur ein mißverständlicher Ausdruck seyn, +weil sie sich unaufhörlich wiedergebären. Die Zwerg- und Hühnensagen +haben einen gewissen heidnischen Anstrich voraus, aber in den so +häufigen von den Teufelsbauten brauchte man blos das Wort Teufel mit +Thurst oder Riese zu tauschen, oder ein andermal bei dem Weibernamen +Jette sich nur der alten Jöten (Hühnen) gleich zu erinnern, um auch +solchen Erzählungen ein Ansehen zu leihen, das also noch in andern +Dingen außer den Namen liegt. Die Sagen von Hexen und Gespenstern +könnte man in sofern die neusten nennen, als sie sich am öftersten +erneuern, auch örtlich betrachtet am lockersten stehen; inzwischen +sind sie im Grund vielmehr nur die unvertilglichsten, wegen ihrer +stetigen Beziehung auf den Menschen und seine Handlungen, worin aber +kein Beweis ihrer Neuheit liegt. Es bewiese lediglich, daß sie auch +alle andere überdauern werden, weil die abergläubische Neigung unseres +Gemüths mehr Gutes und Böses von Hexen und Zauberern erwartet, als +von Zwergen und Riesen; weshalb merkwürdigerweise gerade jene Sagen +sich beinahe allein noch aus dem Volk Eingang unter die Gebildeten +machen. Diese Beispiele zeigen hinlänglich, wie unthunlich es gewesen +wäre, nach dergleichen Rücksichten einzelne Sagen chronologisch zu +ordnen, zudem fast in jeder die verschiedensten Elemente lebendig in +einander verwachsen sind, welche demnächst erst eine fortschreitende +Untersuchung, die nicht einmal bei der Scheidung einzelner Sagen stehen +bleiben darf, sondern selbst aus diesen wiederum Kleineres heraussuchen +muß, in das wahre Licht setzen könnte. Letzterer Grund entscheidet +endlich auch ganz gegen eine Anordnung nach dem Inhalt, indem man +z. B. alle Zwergsagen oder die von versunkenen Gegenden u. s. w. +unter eigene Abschnitte faßte. Offenbar würden blos die wenigsten +einen einzigen dieser Gegenstände befassen, da vielmehr in jeder +mannichfaltige Verwandtschaften und Berührungen mit andern anschlagen. +Daher uns bei weitem diejenige Anreihung der Sagen am natürlichsten und +vortheilhaftesten geschienen hat, welche, überall mit nöthiger Freiheit +und ohne viel herumzusuchen, unvermerkt auf einige solcher geheim und +seltsam waltenden Uebergänge führt. Dieses ist auch der nothwendig noch +überall lückenhaften Beschaffenheit der Sammlung angemessen. Häufig +wird man also in der folgenden eine deutliche oder leise Anspielung auf +die vorhergehende Sage finden; äußerlich ähnliche stehen oft beisammen, +oft hören sie auf, um bei verschiedenem Anlaß anderswo im Buch von +neuem anzuheben. Unbedenklich hätten also noch viele andere Ordnungen +derselben Erzählungen, die wir hier mittheilen, in sofern man weitere +Beziehungen berücksichtigen wollte, versucht werden können, alle aber +würden doch nur geringe Beispiele der unerschöpflichen Triebe geben, +nach denen sich Sage aus Sage und Zug aus Zug in dem Wachsthum der +Natur gestaltet. + +[Sidenote: V. Erklärende Anmerkungen.] + +Einen Anhang von Anmerkungen, wie wir zu den beiden Bänden der Kinder- +und Hausmärchen geliefert, haben wir dieses mal völlig weggelassen, +weil uns der Raum zu sehr beschränkt hätte und erst durch die äußere +Beendigung unserer Sammlung eine Menge von Beziehungen bequem und +erleichtert werden wird. Eine vollständige Abhandlung der deutschen +Sagenpoesie, so viel sie in unsern Kräften steht, bleibt also einer +eigenen Schrift vorbehalten, worin wir umfassende Uebersichten des +Ganzen nicht blos in jenen dreien Eintheilungen nach Ort, Zeit und +Inhalt, sondern noch in anderen versuchen wollen. + +[Sidenote: VI. Quellen der Sammlung.] + +Diese Sammlung hatten wir nun schon vor etwa zehn Jahren angelegt, (man +sehe Zeitung für Einsiedler oder Trösteinsamkeit. Heidelberg 1808. Nr. +19 u. 20.) seitdem unablässig gesorgt, um für sie sowohl schriftliche +Quellen in manchen allmälig selten werdenden Büchern des 16. und 17. +J.H. fleißig zu nutzen und auszuziehen, als auch vor allen Dingen +mündliche, lebendige Erzählungen zu erlangen. Unter den geschriebenen +Quellen waren uns die Arbeiten des +Johannes Prätorius+ weit die +bedeutendsten. Er schrieb in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts +und verband mit geschmackloser aber scharfsichtiger Gelehrsamkeit +Sinn für Sage und Aberglauben, der ihn antrieb, beide unmittelbar aus +dem bürgerlichen Leben selbst zu schöpfen und ohne welchen, was er +gewiß nicht ahnte, seine zahlreichen Schriften der Nachwelt unwerth +und unfruchtbar scheinen würden. Ihm dankt sie zumal die Kenntniß +und Beziehung mannichfacher Sagen, welche den Lauf der Saale entlang +und an den Ufern der Elbe, bis wo sich jene in diese ausmündet, im +Magdeburgischen und in der Altmark bei dem Volke gehn. + +Den Prätorius haben spätere, oft ohne ihn zu nennen, ausgeschrieben, +selten durch eigene mündliche Zusammlung sich ein gleiches Verdienst +zu erwerben gewußt. In den langen Zeitraum zwischen ihm und der +Otmarischen Sammlung (1800) fällt kein einzig Buch von Belang für +deutsche Sagen, abgesehn von bloßen Einzelnheiten. Indessen hatten +kurz davor Musäus und Frau Naubert in ihren Verarbeitungen einiger +ächten Grundsagen aus Schriften, so wie theilweise aus mündlicher +Ueberlieferung, die Neigung darauf hingezogen, wenigstens hingewiesen. +In Absicht auf Treue und Frische verdient Otmar’s Sammlung der +Harzsagen so viel Lob, daß dieses den Tadel der hin und wieder +aufgesetzten unnöthigen Bräme und Stilverzierung zudeckt. Viele sind +aber auch selbst den Worten nach untadelhaft und man darf ihnen trauen. +Seitdem hat sich die Sache zwar immer mehr geregt und ist auch zuweilen +wirklich gefördert, im Ganzen jedoch nichts Bedeutendes gesammelt +worden, außer ganz neuerlich (1815.) ein Dutzend Schweizersagen von +Wyß. Ihr Herausgeber hat sie geschickt und gewandt in größere Gedichte +versponnen; wir erkennen neben dem Talent, was er darin bewiesen, +doch eine Trübung trefflicher einfacher Poesie, die keines Behelfs +bedarf und welche wir unserm Sinn gemäß aus der Einkleidung wieder +in die nackende Wahrheit einzulösen getrachtet haben, darin auch +durch die zugefügt gewesenen Anmerkungen besonders erleichtert waren. +Dieses, so wie daß wir aus der Otmarischen Sammlung etwa eben so +viel, oder einige mehr aufgenommen, war für unsern Zweck und den uns +seinethalben vorschwebenden Grad von Vollständigkeit unentbehrlich; +theils hatten wir manche noch aus anderen Quellen zu vergleichen, zu +berichtigen und in den einfachen Stil zurückzuführen. Es sind außerdem +noch zwei andere neue Sammlungen deutscher Volkssagen anzuführen, +von Büsching (1812.) und Gottschalk (1814.), deren die erste sich +auch auf auswärtige Sagen, sodann einheimische Märchen, Legenden +und Lieder, selbst Vermuthungen über Sagen, wie Spangenbergs, mit +erstreckt, also ein sehr ausgedehntes, unbestimmtes Feld hat. Beide +zusammen verdanken mündlicher Quelle nicht über zwölf bisher ungekannte +deutsche Sagen, welche wir indessen aufgenommen haben würden, wenn +nicht jede dieser Sammlungen selbst noch im Gang wäre und eigene +Fortsetzungen versprochen hätte. Wir haben ihnen also nichts davon +angerührt, übrigens, wo wir dieselben schriftlichen Sagen längst +schon aus denselben oder verschiedenen Quellen ausgeschrieben hatten, +unsre Auszüge darum nicht hintanlegen wollen; denn nach aufrichtiger +Ueberlegung fanden wir, daß wir umsichtiger und reiflicher gesammelt +hatten. Beide geben auch vermischt mit den örtlichen Sagen die +geschichtlichen, deren wir mehrere Hunderte für den nächsten Theil +aufbehalten. Wir denken keine fremde Arbeit zu irren oder zu stören, +sondern wünschen ihnen glücklichen Fortgang, der gottschalkischen +insbesondere mehr Critik zur Ausscheidung des Verblümten und der +Falschmünze. Die dobeneckische Abhandlung endlich von dem Volksglauben +des Mittelalters (1815.) breitet sich theils über ganz Europa, theils +schränkt sie sich wieder auf das sogenannt Abergläubische und sonst +in anderer Absicht zu ihrem Schaden ein; man kann sagen: sie ist eine +mehr sinnvolle als reife, durchgearbeitete Ansicht der Volkspoesie und +eigentlich Sammlung blos nebenbei, weshalb wir auch einige Auszüge aus +Prätorius, wo wir zusammentrafen, nicht ausgelassen haben; sie wird +inzwischen dem Studium dieser Dichtungen zur Erregung und Empfehlung +gereichen. Ausdrücklich ist hier noch zu bemerken, daß wir vorsätzlich +die vielfachen Sagen von Rübezahl, die sich füglich zu einer besonderen +Sammlung eignen, so wie mehrere Rheinsagen auf die erhaltene Nachricht: +Voigt wolle solche zu Frankfurt in diesem Jahr erscheinen lassen, +zurücklegen. + +[Sidenote: VII. Zweck und Wunsch.] + +Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte +und Sprache, und hoffen, es werde ihnen allen, schon als lautere +deutsche Kost, willkommen seyn, im festen Glauben, daß nichts mehr +auferbaue und größere Freude bei sich habe, als das Vaterländische. Ja, +eine bedeutungslos sich anlassende Entdeckung und Bemühung in unserer +einheimischen Wissenschaft kann leicht am Ende mehr Frucht bringen, als +die blendendste Bekanntwerdung und Anbauung des Fremden, weil alles +Eingebrachte zugleich auch doch etwas Unsicheres an sich trägt, sich +gern versteigt und nicht so warm zu umfassen ist. Es schien uns nunmehr +Zeit hervorzutreten und unsere Sammlung zu dem Grad von Vollständigkeit +und Mannichfaltigkeit gediehen zu seyn, der ihre unvermeidlichen Mängel +hinreichend entschuldigen könne und in unsern Lesern das Vertrauen +erwecke, daß und in wiefern wir ihre Beihilfe zur Vervollkommnung des +Werkes brauchen und nicht mißbrauchen werden. Aller Anfang ist schwer, +wir fühlen, daß uns eine große Menge von deutschen Sagen gänzlich +fehlt, und daß ein Theil der hier gegebenen genauer und besser noch aus +dem Mund des Volks zu gewinnen ist; manches in Reisebeschreibungen des +vorigen Jahrhunderts zerstreute mag gleichfalls mangeln. Die Erfahrung +beweist, daß auf Briefe und Schreiben um zu sammelnde Beiträge wenig +oder nichts erfolge, bevor durch ein Muster von Sammlung selbst +deutlich geworden seyn kann, auf welche verachtete und scheinlose Dinge +es hierbei ankommt. Aber das Geschäft des Sammelns, sobald es einer +ernstlich thun will, verlohnt sich bald der Mühe und das Finden reicht +noch am nächsten an jene unschuldige Lust der Kindheit, wann sie in +Moos und Gebüsch ein brütendes Vöglein auf seinem Nest überrascht; +es ist auch hier bei den Sagen ein leises Aufheben der Blätter und +behutsames Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören und um +verstohlen in die seltsam, aber bescheiden in sich geschmiegte, nach +Laub, Wiesengras und frischgefallenem Regen riechende Natur blicken zu +können. Für jede Mittheilung in diesem Sinn werden wir dankbar seyn +und danken hiermit öffentlich unserm Bruder Ferdinand Grimm und unsern +Freunden August von Haxthausen und Carove, daß sie uns schon fleißig +unterstützt haben. Cassel, am 14. März 1816. + + + + +Inhalt. + + 1. Die drei Bergleute im Kuttenberg Seite 1 + + 2. Der Berg-Geist 3 + + 3. Der Berg-Mönch im Harz 5 + + 4. Frau Hollen-Teich 6 + + 5. Frau Holla zieht umher 8 + + 6. Frau Hollen Bad 9 + + 7. Frau Holla und der treue Eckart 9 + + 8. Frau Holla und der Bauer 10 + + 9. Die Springwurzel 11 + + 10. Fräulein von Boyneburg 13 + + 11. Der Pielberg 16 + + 12. Die Schloß-Jungfrau 16 + + 13. Die Schlangen-Jungfrau 17 + + 14. Das schwere Kind 19 + + 15. Der Weinkeller bei Salurn 20 + + 16. Das Hünen-Spiel 23 + + 17. Das Riesen-Spielzeug 24 + + 18. Riese Einheer 25 + + 19. Riesen-Säulen 26 + + 20. Der Köterberg 27 + + 21. Geroldseck 28 + + 22. Kaiser Karl zu Nürnberg 28 + + 23. Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser 29 + + 24. Der Birnbaum auf dem Walserfeld 30 + + 25. Der verzauberte König zu Schildheiß 31 + + 26. Kaiser Carl V. Auszug 32 + + 27. Der Unterberg 32 + + 28. Kaiser Karl im Unterberg 33 + + 29. Der Scherfenberger und der Zwerg 34 + + 30. Das stille Volk zu Plesse 38 + + 31. Des kleinen Volks Hochzeit-Fest 39 + + 32. Steinverwandelte Zwerge 40 + + 33. Zwerg-Berge 42 + + 34. Zwerge leihen Brot 42 + + 35. Der Graf von Hoia 44 + + 36. Zwerge ausgetrieben 45 + + 37. Die Wichtlein 46 + + 38. Beschwörung der Bergmännlein 48 + + 39. Die Bergmännlein beim Tanz 49 + + 40. Das Keller-Männlein 50 + + 41. Die Ahnfrau von Ranzau 51 + + 42. Herrmann von Rosenberg 54 + + 43. Die osenberger Zwerge 55 + + 44. Das Erdmännlein und der Schäferjung 56 + + 45. Der einkehrende Zwerg 57 + + 46. Zeitelmoos 58 + + 47. Das Moosweibchen 59 + + 48. Der wilde Jäger jagt die Moosleute 60 + + 49. Der Wassermann 61 + + 50. Die wilden Frauen im Unterberge 63 + + 51. Tanz mit dem Wassermann 66 + + 52. Der Wassermann und der Bauer 67 + + 53. Der Wassermann aus der Fleischerbank 68 + + 54. Der Schwimmer 69 + + 55. Bruder Nickel 70 + + 56. Nixen-Brunnen 71 + + 57. Magdeburger Nixen 71 + + 58. Der Dönges-See 72 + + 59. Mummel-See 73 + + 60. Die Elbjungfer und das Saalweiblein 76 + + 61. Wasser-Recht 78 + + 62. Das ertrunkene Kind 79 + + 63. Schlitz-Oehrchen 80 + + 64. Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe 80 + + 65. Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant 81 + + 66. Des Nixes Beine 84 + + 67. Die Magd bei dem Nix 84 + + 68. Die Frau von Alvensleben 85 + + 69. Die Frau von Hahn und der Nix 87 + + 70. Das Streichmaaß, der Ring und Becher 89 + + 71. Der Kobold 90 + + 72. Der Bauer mit seinem Kobold 93 + + 73. Der Kobold in der Mühle 93 + + 74. Hütchen 97 + + 75. Hinzelmann 103 + + 76. Klopfer 128 + + 77. Stiefel 128 + + 78. Ekerken 129 + + 79. Nacht-Geist zu Kendenich 129 + + 80. Der Alp 130 + + 81. Der Wechselbalg 132 + + 82. Die Wechselbälge im Wasser 134 + + 83. Der Alraun 135 + + 84. ~Spiritus familiaris~ 137 + + 85. Das Vogelnest 140 + + 86. Der Brutpfennig 143 + + 87. Wechselkind mit Ruthen gestrichen 144 + + 88. Schauen auf Kinder 145 + + 89. Die Roggen-Muhme 146 + + 90. Die zwei unterirdischen Weiber 147 + + 91. König Grünewald 148 + + 92. Blümelis-Alp 150 + + 93. Die Lilie 152 + + 94. Johann von Passau 153 + + 95. Das Hündlein von Bretta 154 + + 96. Das Dorf am Meer 155 + + 97. Die verschütteten Silbergruben 156 + + 98. Der Fundgrübner 157 + + 99. Ein gespenstiger Reuter 159 + + 100. Der falsche Eid 160 + + 101. Zwölf ungerechte Richter 161 + + 102. Die heiligen Quellen 161 + + 103. Der quillende Brunnen 162 + + 104. Hunger-Quelle 163 + + 105. Der Lieben-Bach 163 + + 106. Der Helfenstein 164 + + 107. Die Wiege aus dem Bäumchen 166 + + 108. Hessenthal 167 + + 109. Reinstein 167 + + 110. Der stillstehende Fluß 168 + + 111. Arendsee 168 + + 112. Der Ochsenberg 169 + + 113. Die Moor-Jungfern 170 + + 114. Andreas-Nacht 171 + + 115. Der Liebhaber zum Essen eingeladen 172 + + 116. Die Christnacht 174 + + 117. Das Hemdabwerfen 176 + + 118. Krystall-Schauen 177 + + 119. Zauber-Kräuter kochen 182 + + 120. Der Salzknecht in Pommern 184 + + 121. Jungfer Eli 184 + + 122. Die weiße Frau 187 + + 123. Taube zeigt einen Schatz 187 + + 124. Taube hält den Feind ab 188 + + 125. Der Glockenguß zu Breslau 189 + + 126. Der Glockenguß zu Attendorn 190 + + 127. Die Müllerin 193 + + 128. Johann Hübner 195 + + 129. Eppela Gaila 198 + + 130. Der Blumenstein 200 + + 131. Seeburger See 201 + + 132. Der Burgsee und Burgwall 204 + + 133. Der heil. Niclas und der Dieb 205 + + 134. Riesensteine 205 + + 135. Spuren im Steine 206 + + 136. Der Riesen-Finger 207 + + 137. Riesen aus dem Unterberge 208 + + 138. Der Jetten-Bühel zu Heidelberg 209 + + 139. Riese Haym 210 + + 140. Die tropfende Rippe 211 + + 141. Jungfrau-Sprung 211 + + 142. Der Stierenbach 212 + + 143. Die Männer im Zottenberg 214 + + 144. Verkündigung des Verderbens 215 + + 145. Das Männlein auf dem Rücken 217 + + 146. Gottschee 217 + + 147. Die Zwerge auf dem Baum 221 + + 148. Die Zwerge auf dem Felsstein 221 + + 149. Die Füße der Zwerge 222 + + 150. Die wilden Geister 224 + + 151. Die Heilingszwerge 225 + + 152. Abzug des Zwergvolks über die Brücke 227 + + 153. Der Zug der Zwerge über den Berg 229 + + 154. Die Zwerge bei Dardesheim 230 + + 155. Schmidt Riechert 231 + + 156. Grinken-Schmidt 232 + + 157. Die Hirtenjungen 233 + + 158. Die Nußkerne 234 + + 159. Der soester Schatz 235 + + 160. Das quellende Silber 236 + + 161. Goldsand auf dem Unterberg 238 + + 162. Goldkohlen 239 + + 163. Der Brunnen zu Steinau 240 + + 164. Die fünf Kreuze 241 + + 165. Der Schwerttanz zu Weissenstein 241 + + 166. Der Steintisch zu Bingenheim 242 + + 167. Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof 243 + + 168. Krieg und Frieden 244 + + 169. Rodensteins Auszug 244 + + 170. Der Tannhäuser 246 + + 171. Der wilde Jäger Hackelberg 248 + + 172. Der wilde Jäger und der Schneider 249 + + 173. Der Hoselberg 250 + + 174. Des Rechenbergers Knecht 251 + + 175. Geister-Kirche 254 + + 176. Geister-Mahl 257 + + 177. Der Dachdecker 259 + + 178. Die Spinnerin am Creuz 260 + + 179. Buttermilchthurm 260 + + 180. Der heilige Wanfried 261 + + 181. Der Hülfenberg 262 + + 182. Das Teufelsloch zu Goslar 263 + + 183. Die Teufelsmühle 265 + + 184. Der Herrgottstritt 266 + + 185. Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt 267 + + 186. Der Wolf und der Tannenzapf 269 + + 187. Der Teufel von Ach 270 + + 188. Die Teufelsmauer 270 + + 189. Des Teufels Tanzplatz 271 + + 190. Die Teufelskanzel 272 + + 191. Das Teufelsohrkissen 272 + + 192. Der Teufelsfelsen 272 + + 193. Teufelsmauer 273 + + 194. Teufelsgitter 273 + + 195. Teufelsmühle 274 + + 196. Teufelskirche 274 + + 197. Teufelsstein bei Reichenbach 274 + + 198. Teufelsstein bei Cöln 275 + + 199. Süntelstein zu Osnabrück 275 + + 200. Der Lügenstein 276 + + 201. Die Felsenbrücke 276 + + 202. Das Teufelsbad bei Dassel 277 + + 203. Der Thurm zu Schartfeld 279 + + 204. Der Dom zu Cöln 280 + + 205. Des Teufels Hut 282 + + 206. Des Teufels Brand 282 + + 207. Die Teufels-Hufeisen 284 + + 208. Der Teufel führt die Braut fort 285 + + 209. Das Glücksrad 286 + + 210. Der Teufel als Fürsprecher 289 + + 211. Traum vom Schatz auf der Brücke 290 + + 212. Der Kessel mit dem Schatz 291 + + 213. Der Wärwolf 293 + + 214. Der Wärwolf-Stein 295 + + 215. Die Wärwölfe ziehen aus 296 + + 216. Der Drache fährt aus 297 + + 217. Winkelried und der Lindwurm 299 + + 218. Der Lindwurm am Brunnen 300 + + 219. Das Drachenloch 301 + + 220. Schlangenkönigin 302 + + 221. Die Jungfrau im Oselberg 303 + + 222. Der Krötenstuhl 304 + + 223. Die Wiesenjungfrau 305 + + 224. Das Niesen im Wasser 307 + + 225. Die arme Seele 307 + + 226. Die verfluchte Jungfer 308 + + 227. Das Fräulein vom Staufenberg 308 + + 228. Der Jungferstein 308 + + 229. Das steinerne Brautbett 309 + + 230. Zum Stehen verwünscht 310 + + 231. Die Bauern zu Kolbeck 312 + + 232. Der heilige Sonntag 313 + + 233. Frau Hutt 314 + + 234. Der Kindelsberg 315 + + 235. Die Semmel-Schuhe 317 + + 236. Der Erdfall bei Hochstädt 318 + + 237. Die Brot-Schuhe 319 + + 238. Das taube Korn 320 + + 239. Der Frauensand 321 + + 240. Brot zu Stein geworden 326 + + 241. Der Binger Mäusethurm 328 + + 242. Das Bubenried 329 + + 243. Kindelbrück 330 + + 244. Die Kinder zu Hameln 330 + + 245. Der Rattenfänger 333 + + 246. Der Schlangenfänger 334 + + 247. Das Mäuselein 335 + + 248. Der ausgehende Rauch 336 + + 249. Die Katze aus dem Weidenbaum 337 + + 250. Wetter und Hagel machen 338 + + 251. Der Hexen-Tanz 339 + + 252. Die Weinreben und Nasen 340 + + 253. Fest hängen 341 + + 254. Das Noth-Hemd 342 + + 255. Fest gemacht 343 + + 256. Der sichere Schuß 344 + + 257. Der herumziehende Jäger 344 + + 258. Doppelte Gestalt 346 + + 259. Gespenst als Eheweib 347 + + 260. Tod des Erstgebornen 349 + + 261. Der Knabe zu Colmar 350 + + 262. Tod des Domherrn zu Merseburg 351 + + 263. Die Lilie im Kloster zu Corvei 351 + + 264. Rebundus im Dom zu Lübeck 352 + + 265. Glocke läutet von selbst 355 + + 266. Todes-Gespenst 356 + + 267. Frau Berta oder die weiße Frau 357 + + 268. Die wilde Berta kommt 358 + + 269. Der Türst, das Posterli und die Sträggele 359 + + 270. Der Nachtjäger und die Rüttelweiber 360 + + 271. Der Mann mit dem Schlackhut 360 + + 272. Der graue Hockelmann 361 + + 273. Chimmeke in Pommern 362 + + 274. Der Krischer 362 + + 275. Die überschiffenden Mönche 363 + + 276. Der Irrwisch 365 + + 277. Der feurige Wagen 366 + + 278. Der Räderberg 366 + + 279. Die Lichter auf Hellebarden 368 + + 280. Das Wafeln 369 + + 281. Weberndes Flammen-Schloß 369 + + 282. Der Feuerberg 371 + + 283. Der feurige Mann 373 + + 284. Die verwünschten Landmesser 374 + + 285. Der verrückte Gränzstein 374 + + 286. Der Gränzstreit 375 + + 287. Der Gränzlauf 375 + + 288. Die Alpschlacht 378 + + 289. Der Stein bei Wenthusen 379 + + 290. Die altenberger Kirche 379 + + 291. Der König im lauenburger Berg 380 + + 292. Der Schwanberg 381 + + 293. Der Robbedisser Brunnen 381 + + 294. Bamberger Wage 382 + + 295. Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern 382 + + 296. Der Hirt auf dem Kiffhäuser 384 + + 297. Die drei Telle 385 + + 298. Das Bergmännchen 386 + + 299. Die Zirbelnüsse 388 + + 300. Das Paradies der Thiere 388 + + 301. Der Gemsjäger 389 + + 302. Die Zwerglöcher 390 + + 303. Der Zwerg und die Wunderblume 391 + + 304. Der Nix an der Kelle 392 + + 305. Schwarzach 393 + + 306. Die drei Jungfern aus dem See 394 + + 307. Der todte Bräutigam 395 + + 308. Der ewige Jäger 397 + + 309. Hans Jagenteufel 398 + + 310. Des Hackelnberg Traum 399 + + 311. Die Tut-Osel 400 + + 312. Die schwarzen Reuter und das Handpferd 401 + + 313. Der getreu Eckhart 402 + + 314. Das Fräulein vom Willberg 403 + + 315. Der Schäfer und der Alte aus dem Berg 405 + + 316. Jungfrau Ilse 407 + + 317. Die Heiden-Jungfrau zu Glatz 409 + + 318. Der Roßtrapp und der Cretpfuhl 411 + + 319. Der Mägdesprung 417 + + 320. Der Jungfernsprung 418 + + 321. Der Harrassprung 420 + + 322. Der Riese Hidde 420 + + 323. Das ilefelder Nadelöhr 421 + + 324. Die Riesen zu Lichtenberg 422 + + 325. Das Hühnenblut 423 + + 326. Es rauscht im Hühnen-Grab 424 + + 327. Todte aus den Gräbern wehren dem Feind 424 + + 328. Hans Heilings Felsen 425 + + 329. Die Jungfrau mit dem Bart 426 + + 330. Die weiße Jungfrau zu Schwanau 427 + + 331. Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See 427 + + 332. Der Krämer und die Maus 430 + + 333. Die drei Schatzgräber 431 + + 334. Einladung vor Gottes Gericht 431 + + 335. Gäste vom Galgen 435 + + 336. Teufels-Brücke 436 + + 337. Die zwölf Johanneße 437 + + 338. Teufels-Graben 438 + + 339. Der Kreuzliberg 439 + + 340. Die Pferde aus dem Bodenloch 440 + + 341. Zusammenkunft der Todten 441 + + 342. Das weissagende Vöglein 443 + + 343. Der ewige Jud auf dem Matterhorn 443 + + 344. Der Kessel mit Butter 444 + + 345. Trauer-Weide 445 + + 346. Das Christus-Bild zu Wittenberg 445 + + 347. Das Muttergottes-Bild am Felsen 446 + + 348. Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast 447 + + 349. Ochsen zeigen die heilige Stätte 449 + + 350. Notburga 450 + + 351. Mauerkalk mit Wein gelöscht 454 + + 352. Der Judenstein 455 + + 353. Das von den Juden getödtete Mägdlein 456 + + 354. Die vier Hufeisen 457 + + 355. Der Altar zu Seefeld 458 + + 356. Der Sterbensstein 459 + + 357. Sündliche Liebe 460 + + 358. Der schweidnitzer Rathsmann 460 + + 359. Regenbogen über Verurtheilten 462 + + 360. Gott weint mit dem Unschuldigen 462 + + 361. Gottes Speise 463 + + 362. Die drei Alten 464 + + + + +1. + +Die drei Bergleute im Kuttenberg. + +Mündlich in Hessen. + + +In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute lange +Jahre und verdienten damit für Frau und Kind das Brot ehrlich. Wann sie +Morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr +Gebätbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öhl versehen, +drittens ihr Bischen Brot, das reichte auch nur auf einen Tag. Ehe sie +die Arbeit anhuben, thaten sie ihr Gebät zu Gott, daß er sie in dem +Berge bewahren mögte und darnach fingen sie getrost und fleißig an zu +arbeiten. Es trug sich zu, als sie einen Tag gearbeitet hatten und es +bald Abend war, daß der Berg vornen einfiel und der Eingang verschüttet +wurde. Da meinten sie begraben zu seyn und sprachen: “ach Gott! wir +armen Bergleute, wir müssen nun Hungers sterben! wir haben nur einen +Tag Brot zu essen und einen Tag Öhl auf dem Licht!” Nun befahlen sie +sich Gott und dachten bald zu sterben, doch wollten sie nicht müßig +seyn, so lange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort und +bäteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahr brennte und ihr +kleines Bischen Brot, von dem sie tagtäglich aßen, ward auch nicht +all, sondern blieb eben so groß und sie meinten, die sieben Jahre wären +nur ein Tag. Doch da sie sich nicht ihr Haar schneiden und den Bart +abnehmen konnten, waren diese ellen-lang gewachsen. Die Weiber hielten +unterdessen ihre Männer für todt, meinten sie würden sie nimmermehr +wiedersehen und dachten daran, andere zu heirathen. + +Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde, so recht aus +Herzensgrund, wünschte: “ach! könnt ich noch einmal das Tageslicht +sehen, so wollt’ ich gerne sterben!” Der Zweite sprach: “ach! könnt +ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so +wollt’ ich gerne sterben!” Da sprach auch der Dritte: “ach! könnt ich +nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt mit meiner Frau leben, so +wollt’ ich gerne sterben!” Wie sie das gesprochen hatten, so krachte +der Berg gewaltig und übermächtig und sprang von einander, da ging der +erste hin zu dem Ritz und schaute hinauf und sah den blauen Himmel, +und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich todt +nieder. Der Berg aber that sich immer mehr von einander, also daß +der Riß größer ward, da arbeiteten die beiden andern fort, hackten +sich Treppen, krochen hinauf und kamen endlich heraus. Sie gingen nun +fort in ihr Dorf und in ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die +wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: “habt ihr denn keine +Männer gehabt?” “Ja, antworteten jene, aber die sind schon sieben Jahre +todt und liegen im Kuttenberg begraben!” Der Zweite sprach zu seiner +Frau: “ich bin dein Mann,” aber sie wollt’ es nicht glauben, weil er +den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: “hol +mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird und ein +Stückchen Seife dazu.” Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch +sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute +sich herzlich, holte Essen und Trinken so gut sie es hatte, deckte +den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit +einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen Brot +gegessen hatte, da fiel er um und war todt. Der dritte Bergmann wohnte +ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen, als es +herum war, zu derselben Stunde aber, wo er aus dem Berg gekommen war, +fiel er und seine Frau mit ihm todt hin. Also hatte Gott ihre Wünsche +ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt. + + + + +2. + +Der Berg-Geist. + ++Prätor+ Weltbeschreibung I. 110. 127. 128. + ++Bräuner’s+ Curiosit. 203. 206. + +~+G. Agricola+ de animalib. subterr.~ + +Mündliche Erzählung. + + +Der Berg-Geist, +Meister Hämmerling+, gemeiniglich +Berg-Mönch+ +genannt, zeigt sich zuweilen in der Tiefe, gewöhnlich als ein Riese +in einer schwarzen Mönchs-Kutte. In einem Bergwerk der Graubündner +Alpen erschien er oft und war besonders am Freitage geschäfftig, +das ausgegrabene Erz aus einem Eimer in den andern zu schütten; der +Eigenthümer des Bergwerks durfte sich das nicht verdrießen lassen, +wurde aber auch niemals von ihm beleidigt. Dagegen als einmal ein +Arbeiter, zornig über dies vergebliche Handthieren, den Geist schalt +und verfluchte, faßte ihn dieser mit so großer Gewalt, daß er zwar +nicht starb, aber das Antlitz sich ihm umkehrte. Im Annaberg, in der +Höhle, welche der Rosenkranz heißt, hat er zwölf Bergleute, während +der Arbeit, angehaucht, wovon sie todt liegen geblieben sind, und die +Grube ist, obgleich silberreich, nicht ferner angebaut worden. Hier +hat er sich in Gestalt eines Rosses mit langem Hals gezeigt, furchtbar +blickende Augen auf der Stirne. Zu Schneeberg ist er aber als ein +schwarzer Mönch in der St. Georgen-Grube erschienen und hat einen +Bergknappen ergriffen, von der Erde aufgehoben und oben in die Grube, +die vorzeiten gar silberreich war, so hart niedergesetzt, daß ihm seine +Glieder verletzt waren. Am Harz hat er einmal einen bösen Steiger, der +die Bergleute quälte, bestraft. Denn als dieser zu Tage fuhr stellte er +sich, ihm unsichtbar, über die Grube und als er empor kam, drückte ihm +der Geist mit den Knien den Kopf zusammen. + + + + +3. + +Der Berg-Mönch im Harz. + +Mündlich, am Harz. + + +Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie +anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie +nicht genug Öhl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. “Was fangen +wir da an?” sprachen sie mit einander, “geht uns das Öhl aus, so daß +wir im Dunkeln sollen zu Tag fahren, sind wir gewiß unglücklich, da +der Schacht schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, +um von Haus Öhl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust, +denn er ist uns nicht gut.” Wie sie also besorgt standen, sahen sie +ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegen kam. Anfangs +freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, +denn ein ungeheurer, riesen-großer, Mann ging, ganz gebückt, in der +Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch +sonst wie ein Mönch angethan, in der Hand aber trug er ein mächtiges +Gruben-Licht. Als er bis zu den beiden, die in Angst da still standen, +geschritten war, richtete er sich auf und sprach: “Fürchtet euch nicht, +ich will euch kein Leids anthun, vielmehr Gutes”, nahm ihr Geleucht und +schüttete Öhl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh +und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen +Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: “sagts +keinem Menschen je, daß ihr mich gesehen habt” und schlug zuletzt +mit der Faust links an die Seitenwand; sie that sich aus einander +und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und +Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, +so wendeten sie sich ab, als sie aber wieder hinschauten, war alles +verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder +sonst irgend nur einen Theil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die +Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichthum und Ehre zugekommen; +aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet. + +Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öhl des Berg-Geistes, das nicht +abnahm und darum noch immer ein großer Vortheil war. Aber nach Jahren, +als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirthshaus +zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, +und Mondtags Morgen, als sie anfuhren, war kein Öhl mehr auf der Lampe +und sie mußten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten. + + + + +4. + +Frau Hollen Teich. + ++Schaub+ Beschr. des Meißners. Cassel 1799. 8. p. 12-14. + ++Münchhausen+ Abh. über den Meißner in Hinsicht auf myth. +Alterthum. Hess. Denkwürdigk. II. 161-202. + + +Auf dem Hessischen Gebirg Meißner weisen mancherlei Dinge schon mit +ihren bloßen Namen das Alterthum aus, wie die Teufelslöcher, der +Schlachtrasen, und sonderlich der +Frau Hollenteich+. Dieser an der +Ecke einer Moorwiese gelegen hat gegenwärtig nur 40-50 Fuß Durchmesser; +die ganze Wiese ist mit einem halb untergegangenem Steindamm eingefaßt +und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken. + +Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, gutes und böses. Weiber, +die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; +die neugebornen Kinder stammen aus ihrem Brunnen und sie trägt sie +daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und +was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, theilt sie denen aus, +die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und +hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft +sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Faule +Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn +wirrt, oder den Flachs anzündet; Jungfrauen hingegen, die fleißig +abspinnen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht, +daß die Spuhlen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die +Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die +schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, +finden Silbergroschen darin. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich, die +guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich +geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch +erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze +des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in +oder auf der Mitte des Teichs, bald ist sie unsichtbar und man hört +blos aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen. + + + + +5. + +Frau Holla zieht umher. + ++Prätor.+ Weihnachtsfratzen ~prop.~ 54. + + +In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen, da legen die Mägde +ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werk oder Flachs darum und +lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie +sich und sagt: + + so manches Haar, + so manches gutes Jahr. + +Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. den Heiligen drei +Königstag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie +dann unterwegens Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht: + + so manches Haar, + so manches böses Jahr. + +Daher reißen Feier-Abends vorher alle Mägde sorgfältig von ihren Rocken +ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen +übel ausschlage. Noch besser ists aber, wenn es ihnen gelingt, alles +angelegte Werk vorher im Abspinnen herunter zu bringen. + + + + +6. + +Frau Hollen Bad. + ++Zeiller’s+ Sendschreiben II. 533. S. 695. + ++Prätor+. Weltbeschr. I. 476. + + +Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrentheils trüb +von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung +wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen +und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind +voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder +beschädiget worden. + + + + +7. + +Frau Holla und der treue Eckart. + ++Prätor+. Weihnachtsfratzen propos. 55. + ++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 167. + + +In Thüringen liegt ein Dorf Namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau +Holla vorüber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte +die begegneten Leute aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid +widerfahre. Ein Paar Bauerknaben hatten gerade Bier in der Schenke +geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem +sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, +da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald +nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und +tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht, +wie sie ihnen zu Haus thun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen +würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: “das rieth euch +Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch euere +Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen +etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier seyn +und wird ihnen nie gebrechen.” Dieses thaten die Knaben und es war so, +die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in +acht. Endlich aber konnten sies nicht länger bergen, sondern erzählten +aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus und die +Krüglein versiegten. Andere sagen, es sey dies nicht eben zu Weihnacht +geschehen, sondern auf eine andre Zeit. + + + + +8. + +Frau Holla und der Bauer. + ++Prätor+. Weihnachtfr. prop. 56. + + +Frau Holla zog einmal aus, begegnete ihr ein Bauer mit der Axt. Da +redete sie ihn mit den Worten an, daß er ihr den Wagen verkeilen oder +verschlagen sollte. Der Taglöhner that, wie sie ihm hieß und als die +Arbeit verrichtet war, sprach sie: raff die Späne auf und nimm sie zum +Trinkgeld mit; drauf fuhr sie ihres Weges. Dem Manne kamen die Späne +vergeblich und unnütz vor, darum ließ er sie meistentheils liegen, blos +ein Stück oder drei nahm er für die Langeweile mit. Wie er nach Hause +kam und in den Sack griff, waren die Späne eitel Gold, alsbald kehrte +er um, noch die andern zu holen, die er liegen gelassen; so sehr er +suchte, so war es doch zu spät und nichts mehr vorhanden. + + + + +9. + +Die Springwurzel. + +Mündlich auf dem Köterberg von einem Schäfer. + +vgl. Altdeutsche Wälder II. 95. + + +Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da +stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königs-Fräulein +vor ihm und sprach: “nimm die Spring-Wurzel und folge mir nach.” Die +Spring-Wurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder +Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das +bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, +die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im +Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor +den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben. +Hat man sich versteckt und macht nun, wie er heran kommt, einen großen +Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein +weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, +sobald er sie gebraucht hat.) Eine solche Springwurzel besaß der Hirt, +ließ nun seine Thiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte +ihn bei einer Höhle in den Berg hinein, kamen sie zu einer Thüre oder +einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten und +alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa +in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und +spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den +Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben +Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach +zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: “nimm dir, +so viel du willst.” Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine +Taschen, so viel sie halten konnten und wie er, also reich beladen, +wieder hinaus wollte, sprach sie: “aber vergiß das Beste nicht!” Er +meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar +wohl versorgt zu haben, aber es war das Spring-Wort[1]. Wie er nun +hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das +Thor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weitern +Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen +Reichthümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er +nicht wieder finden. + + + [1] Der erzählende Schäfer brauchte ganz gleichbedeutend die + Spring-+Wurzel+ und das Spring-+Wort+ wie im Gefühl von der alten + Verwandschaft beider Ausdrücke. + + + + +10. + +Fräulein von Boyneburg. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Auf eine Zeit lebten auf der Boyneburg drei Fräulein zusammen. Der +jüngsten träumte in einer Nacht, es sey in Gottes Rath beschlossen, +daß eine von ihnen im Wetter sollte erschlagen werden. Morgens sagte +sie ihren Schwestern den Traum und als es Mittag war, stiegen schon +Wolken auf, die immer größer und schwärzer wurden, also daß Abends +ein schweres Gewitter am Himmel hinzog und ihn bald ganz zudeckte und +der Donner immer näher herbei kam. Als nun das Feuer von allen Seiten +herabfiel, sagte die älteste: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn +mir ist der Tod bestimmt”, ließ sich einen Stuhl hinaustragen, saß +draußen einen Tag und eine Nacht und erwartete, daß der Blitz sie +träfe. Aber es traf sie keiner; da stieg am zweiten Tage die zweite +herab und sprach: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn mir ist der +Tod bestimmt”; und saß den zweiten Tag und die zweite Nacht, die Blitze +versehrten sie auch nicht, aber das Wetter wollte nicht fortziehen. Da +sprach die dritte am dritten Tage: “nun seh ich Gottes Willen: daß ich +sterben soll”, da ließ sie den Pfarrer holen, der ihr das Abendmahl +reichen mußte, dann machte sie auch ihr Testament und stiftete, daß +an ihrem Todestage die ganze Gemeinde gespeist und beschenkt werden +sollte. Nachdem das geschehen war, ging sie getrost hinunter und setzte +sich nieder und nach wenigen Augenblicken fuhr auch ein Blitz auf sie +herab und tödtete sie. + +Hernach als das Schloß nicht mehr bewohnt war, ist sie oft als ein +guter Geist gesehen worden. Ein armer Schäfer, der all sein Hab und Gut +verloren hatte und dem am andern Tage sein letztes sollte ausgepfändet +werden, weidete an der Boyneburg, da sah er im Sonnenschein an der +Schloßthüre eine schneeweiße Jungfrau sitzen. Sie hatte ein weißes +Tuch ausgebreitet, darauf lagen Knotten, die sollten in der Sonne +aufklinken. Der Schäfer verwunderte sich, an dem einsamen Ort eine +Jungfrau zu finden, trat zu ihr hin und sprach: “ei was schöne +Knotten!” nahm ein paar in die Hand, besah sie und legte sie wieder +hin. Sie sah ihn freundlich und doch traurig an, antwortete aber +nichts, da ward dem Schäfer angst, daß er fort ging, ohne sich +umzusehen und die Heerde nach Haus trieb. Es waren ihm aber ein paar +Knotten, als er darin gestanden, neben in die Schuhe gefallen, die +drückten ihn auf dem Heimweg, da setzte er sich, zog den Schuh ab und +wollte sie herauswerfen, wie er hineingriff, so fielen ihm fünf oder +sechs Goldkörner in die Hand. Der Schäfer eilte zur Boyneburg zurück, +aber die weiße Jungfrau war sammt den Knotten verschwunden; doch konnte +er sich mit dem Golde schuldenfrei machen und seinen Haushalt wieder +einrichten. + +Viele Schätze sollen in der Burg noch verborgen liegen. Ein Mann war +glücklich und sah in der Mauer ein Schubfach; als er es aufzog, war +es ganz voll Gold. Eine Wittwe hatte nur eine Kuh und Ziege und weil +an der Boyneburg schöne Heiternesseln wachsen, wollte sie davon zum +Futter abschneiden, wie sie aber eben nach einem Strauch packte, glitt +sie aus und fiel tief hinab. Sie schrie und rief nach Hilfe, es war +aber niemand mehr in der einsamen Gegend, bis Abends ihre Kinder, denen +Angst geworden war, herbei kamen und ihre Stimme hörten. Sie zogen sie +an Stricken herauf und nun erzählte sie ihnen, tief da unten sey sie +vor ein Gitter gefallen, dahinter habe sie einen Tisch gesehen, der mit +Reichthümern und Silberzeug ganz beladen gewesen. + + + + +11. + +Der Piel-Berg. + ++Prätorius+ Glücks-Topf S. 506. + + +Bei Annaberg in Meissen, liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der +Piel-Berg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt +und verwünscht seyn, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich dann +niemand dort darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen, +gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigt. + + + + +12. + +Die Schloß-Jungfrau. + ++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 172. + + +Auf dem Schloßberg unweit Ordruf in Thüringen soll sich manchmal eine +Jungfrau sehen lassen, welche ein großes Gebund Schlüssel anhängen hat. +Sie kommt dann allezeit um zwölf Uhr Mittags vom Berg herab und geht +nach dem unten im Thal befindlichen Hierlings- oder Hörlings-Brunn und +badet sich in demselben, worauf sie wiederum den Berg hinaufsteigt. +Einige wollen sie genau gesehen und betrachtet haben. + + + + +13. + +Die Schlangen-Jungfrau. + ++Prätor.+ Weltbeschr. I. 661-663. + ++Seyfried+ in ~medulla. p.~ 477. 478. + ++Kornemann+ ~mons Veneris c.~ 34. ~p.~ 189-192. + + +Um das Jahr 1520 war einer zu Basel im Schweizerlande mit Namen +Leonhard, sonst gemeinlich Lienimann genannt, eines Schneiders Sohn, +ein alberner und einfältiger Mensch, und dem dazu das Reden, weil er +stammerte, übel abging. Dieser war in das Schlauf-Gewölbe oder den +Gang, welcher zu Augst über Basel unter der Erde her sich erstreckt, +ein- und darin viel weiter, als jemals einem Menschen möglich gewesen, +fortgegangen und hinein gekommen und hat von wunderbarlichen Händeln +und Geschichten zu reden wissen. Denn er erzählt und es gibt noch +Leute, die es aus seinem Munde gehört haben, er habe ein geweihtes +Wachslicht genommen und angezündet und sey mit diesem in die Höhle +eingegangen. Da hätte er erstlich durch eine eiserne Pforte und darnach +aus einem Gewölbe in das andere, endlich auch durch etliche gar schöne +und luftige grüne Gärten gehen müssen. In der Mitte aber stünde ein +herrlich und wohlgebautes Schloß oder Fürstenhaus, darin wäre eine +gar schöne Jungfrau mit menschlichem Leibe bis zum Nabel, die trüge +auf ihrem Haupt eine Krone von Gold und ihre Haare hätte sie zu Felde +geschlagen; unten vom Nabel an wäre sie aber eine gräuliche Schlange. +Von derselben Jungfrau wäre er bei der Hand zu einem eisernen Kasten +geführt worden, auf welchem zwei schwarze bellende Hunde gelegen, +also daß sich niemand dem Kasten nähern dürfen, sie aber hätte ihm +die Hunde gestillt und im Zaum gehalten, und er ohne alle Hinderung +hinzugehen können. Darnach hätte sie einen Bund Schlüssel, den sie am +Hals getragen, abgenommen, den Kasten aufgeschlossen, silberne und +andere Münzen heraus geholt. Davon ihm dann die Jungfrau nicht wenig +aus sonderlicher Mildigkeit geschenkt, welche er mit sich aus der +Schluft gebracht; wie er denn auch selbige vorgezeigt und sehen lassen. +Auch habe die Jungfrau zu ihm gesprochen, sie sey von königlichem +Stamme und Geschlecht geboren, aber also in ein Ungeheuer verwünscht +und verflucht, und könne durch nichts erlöst werden, als wenn sie von +einem Jüngling, dessen Keuschheit rein und unverletzt wäre, dreimal +geküßt werde; dann würde sie ihre vorige Gestalt wieder erlangen. Ihrem +Erlöser wolle sie dafür den ganzen Schatz, der an dem Orte verborgen +gehalten würde, geben und überantworten. Er erzählte weiter, daß er die +Jungfrau bereits zweimal geküßt, da sie denn alle beide Mal, vor großer +Freude der unverhofften Erlösung, mit so gräulichen Gebärden sich +erzeigt, daß er sich gefürchtet und nicht anders gemeint, sie würde ihn +lebendig zerreißen; daher er zum drittenmal sie zu küssen nicht gewagt, +sondern weggegangen wäre. Hernach hat es sich begeben, daß ihn etliche +in ein Schand-Haus mitgenommen, wo er mit einem leichtsinnigen Weibe +gesündigt. Also vom Laster befleckt, hat er nie wieder den Eingang +zu der Schlauf-Höhle finden können; welches er zum öftern mit Weinen +beklagt. + + + + +14. + +Das schwere Kind. + ++Bräuner’s+ Curiosit. 274. + + +Im Jahr 1686. am achten Juni erblickten zwei Edelleute auf dem Wege +nach Chur in der Schweiz an einem Busch ein kleines Kind liegen, das +in Linnen eingewickelt war. Der eine hatte Mitleiden, hieß seinen +Diener absteigen und das Kind aufheben, damit man es ins nächste Dorf +mitnehmen und Sorge für es tragen könnte. Als dieser abgestiegen war, +das Kind angefaßt hatte und aufheben wollte, war er es nicht vermögend. +Die zwei Edelleute verwunderten sich hierüber und befahlen dem andern +Diener, auch abzusitzen und zu helfen. Aber beide mit gesammter Hand +waren nicht so mächtig, es nur von der Stelle zu rücken. Nachdem sie es +lange versucht, hin und her gehoben und gezogen, hat das Kind anfangen +zu sprechen und gesagt: “laßet mich liegen, denn ihr könnt mich doch +nicht von der Erde wegbringen. Das aber will ich euch sagen, daß dies +ein köstliches und fruchtbares Jahr seyn wird, aber wenig Menschen +werden es erleben.” Sobald es diese Worte ausgeredet hatte, verschwand +es. Die beiden Edelleute legten nebst ihren Dienern ihre Aussage bey +dem Rath zu Chur nieder. + + + + +15. + +Der alte Weinkeller bei Salurn. + +Nachr. von Geistern. Frankf. 1737. S. 66-73. + + +Auf dem Rathhause des tyroler Fleckens Salurn, an der Etsch, werden +zwei alte Flaschen vorgezeigt und davon erzählt: Im Jahr 1688. ging +Christoph Patzeber von St. Michael nach Salurn in Verrichtungen und +wie er bei den Trümmern der alten salurner Burg vorüberkam, wandelte +ihn Lust an, das Gemäuer näher zu betrachten. Er sah sich im obern +Theil um und fand ungefähr eine unterirdische Treppe, welche aber +ganz hell schien, so daß er hinabstieg, und in einen ansehnlichen +Keller gelangte, zu dessen beiden Seiten er große Fässer liegen sah. +Der Sonnenstrahl fiel durch die Ritzen, er konnte deutlich achtzehn +Gefäße zählen, deren jedes ihm däuchte funfzig Irten zu halten; an +denen die vorn standen, fehlte weder Hahn noch Krahn und als der Bürger +vorwitzig umdrehte, sah er mit Verwunderung einen Wein, köstlich wie +Oel, fließen. Er kostete das Getränk und fand es von solchem herrlichen +Geschmack, als er Zeitlebens nicht über die Zunge gebracht hatte. Gern +hätte er für Weib und Kind davon mitgenommen, wenn ihm ein Geschirr +zu Handen gewesen wäre; die gemeine Sage fiel ihm ein von diesem +Schloß, das schon manchen Menschen unschuldigerweise reich gemacht +haben sollte, und er sann hin und her, ob er nicht durch diesen Fund +glücklich werden möchte. Er schlug daher den Weg nach der Stadt ein, +vollbrachte sein Geschäft und kaufte sich zwei große irdene Flaschen +nebst Trichter und verfügte sich noch vor Sonnenuntergang in das alte +Schloß, wo er alles gerade so wiederfand, als das erstemal. Ungesäumt +füllte er seine beiden Flaschen mit Wein, welche etwa zwanzig Maaß +fassen konnten, hierauf wollte er den Keller verlassen. Aber im +Umdrehen sah er plötzlich an der Treppe, also daß sie ihm den Gang +sperrten, drei alte Männer an einem kleinen Tische sitzen, vor ihnen +lag eine schwarze mit Kreide beschriebene Tafel. Der Bürger erschrak +heftig, hätte gern allen Wein im Stich gelassen, hub an inbrünstig zu +beten und die Kellerherrn um Verzeihung zu bitten. Da sprach einer aus +den dreien, welcher einen langen Bart, eine Ledermütze auf dem Haupt +und einen schwarzen Rock anhatte: komm so oft du willt, so sollst +du allzeit erhalten, was dir und den deinen vonnöthen ist. Hierauf +verschwand das ganze Gesicht. Patzeber konnte frei und ungehindert +fortgehen und gelangte glücklich heim zu seinem Weibe, dem er alles +erzählte, was ihm begegnet war. Anfangs verabscheute die Frau diesen +Wein, als sie aber sah, wie ohne Schaden sich ihr Hauswirth daran +labte, versuchte sie ihn auch und gab allen ihren Hausgenossen dessen +zu trinken. Als nun der Vorrath all wurde, nahm er getrost die zwei +irdenen Krüge, ging wieder in den Keller und füllte von neuem und +das geschah etlichemal ein ganzes Jahr durch; dieser Trunk, der +einer kaiserlichen Tafel wohl gestanden hätte, kostete ihn keinen +Heller. Einmal aber besuchten ihn drei Nachbaren, denen er von seinem +Gnadentrunk zubrachte, und die ihn so trefflich fanden, daß sie +Verdacht schöpften und argwohnten, er sey auf unrechtem Wege dazu +gekommen. Weil sie ihm ohnedeß feind waren, gingen sie aufs Rathhaus +und verklagten ihn, der Bürger erschien und verhehlte nicht, wie er +zu dem Wein gelangt war, obgleich er innerlich dachte, daß er nun den +letzten geholt haben würde. Der Rath ließ von dem Wein vor Gericht +bringen und befand einstimmig, daß dergleichen im Lande nirgends +anzutreffen wäre. Also mußten sie zwar den Mann nach abgelegtem Eid +heim entlassen, gaben ihm aber auf, mit seinen Flaschen nochmals den +vorigen Weg zu unternehmen. Er machte sich auch dahin, aber weder +Treppe noch Keller war dort zu spüren und er empfing unsichtbare +Schläge, die ihn betäubt und halbtodt zu Boden streckten. Als er so +lange Zeit lag, bedäuchte ihn den vorigen Keller, aber fern in einer +Tiefe, zu erblicken, die drei Männer saßen wieder da und kreideten +still und schweigend bei einer hellen Lampe auf dem Tisch, als hätten +sie eine wichtige Rechnung zu schließen; zuletzt wischten sie alle +Ziffern aus und zogen ein Creuz über die ganze Tafel, welche sie +hernach bei Seite stellten. Einer stand auf, öffnete drei Schlösser +an einer eisernen Thür und man hörte Geld klingen. Auf einer anderen +Treppe kam dann dieser alte Mann heraus zu dem auf der Erde liegenden +Bürger, zählte ihm 30 Thaler in den Hut, ließ aber nicht den geringsten +Laut von sich hören. Hiermit verschwand das Gesicht und die salurner +Uhr aus der Ferne schlug eilf. Der Bürger raffte sich auf und kroch aus +den Mauern, auf der Höhe sah er einen ganzen Leichenzug mit Lichtern +vorbeiwallen und deutete das auf seinen eigenen Tod. Inzwischen kam +er nach und nach auf die Landstraße und wartete auf Leute, die ihn +nach Haus schleppten. Darauf berichtete er dem Rath den ganzen Verlauf +und die 30 alten Thaler bewiesen deutlich, daß sie ihm von keiner +oberirdischen Hand waren gegeben worden. Man sandte des folgenden +Tags acht beherzte Männer aus zu der Stelle, die gleichwohl nicht die +mindeste Spuren entdeckten, außer in einer Ecke der Trümmer die beiden +irdenen Flaschen liegen fanden und zum Wahrzeichen mitbrachten. Der +Patzeber starb zehen Tage darauf und mußte die Weinzeche mit seinem +Leben zahlen; das gemachte große Creuz hatte die Zahl der zehn Tage +vielleicht vorbedeutet. + + + + +16. + +Hünen-Spiel. + +Mündlich, aus dem Corvei’schen. + + +Bei Höxter liegen der Brunsberg und Wiltberg, auf welchen die Sachsen +im Kampf mit Carl dem Großen sollen ihre Burgen gehabt haben. Nach der +Sage des Volks wohnten dort ehedem Hünen, die so groß waren, daß sie +sich Morgens aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber +reichten. Sie warfen sich auch, als Ballspiel, Kugeln zu und ließen +sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Thal +herab und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man noch +heute sieht. + + + + +17. + +Das Riesen-Spielzeug. + +Mündlich von einem Förster. + + +Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem +Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging +das Riesen-Fräulein herab ins Thal, wollte sehen, wie es da unten wäre +und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld, +das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung +stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles +etwas neues war. “Ei, sprach sie, und ging herzu, das nehm ich mir +mit.” Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich +mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und thats hinein. Nun +lief sie ganz vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der +Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da that sie einen +Schritt und war droben. + +Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. “Ei, mein Kind, sprach +er, was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.” +Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken. “Was +hast du so Zappeliches darin?” “Ei Vater, gar zu artiges Spielding! so +was schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.” Darauf nahm sie +eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug, +die Bauern mit ihren Pferden; lief herum, schaute es an, lachte und +schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin +und her bewegte. Der Vater aber sprach: “Kind, das ist kein Spielzeug, +da hast du was schönes angestiftet! Geh nur gleich und trags wieder +hinab ins Thal.” Das Fräulein weinte, es half aber nichts. “Mir ist der +Bauer kein Spielzeug, sagt der Ritter ernsthaftig, ich leids nicht, daß +du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trags an den nämlichen +Platz, wo du’s genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so +haben wir Riesen auf unserm Felsen-Nest nichts zu leben.” + + + + +18. + +Riese Einheer. + ++Aventin+ Bair. Chronik. Frankf. 1570. S. 285 b. + + +Zu Zeiten Carls des Großen lebt ein Ries’ und Recke, hieß +Einheer,+ +war ein Schwab, bürtig aus Thurgau, jetzund Schweitz, der wuthe +(wadete) über alle Wasser, dorft (braucht) über keine Brücke gehen, +zoge sein Pferd bei dem Schwanz hernach, sagt allzeit: “nun Gesell, du +mußt auch hernach!” Dieser reiset auch in diesen Kaiser-Carls-Kriegen +wider die Winden (Wenden) und Haunen (Hunnen); er mähet die Leut, +gleich wie das Gras mit einer Sensen, alle nieder, hängt sie an den +Spieß, trugs über die Achseln wie Hasen und Füchs, und da er wieder +heim kam und ihn seine gute Gesellen und Nachbarn fragten, was er +ausgerichtet hättet? wie es ihm im Kriege gegangen wäre? sagt er aus +Unmuth und Zorn: “was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! ich +trug ihr sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, was sie +quacken, ist der Mühe nicht werth, daß der Kaiser so viel Volks wider +solche Kröten und Würmlein zusammenbracht, ich wollts viel leichter +zu wegen gebracht haben!” -- Diesen Riesen nennt man Einheer, daß +(weil) er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel +ausrichtet. Es flohen ihm die Feinde, Winden und Haunen, meinten, es +wär der leidige Teufel. + + + + +19. + +Riesen-Säulen. + ++Winkelmann’s+ hessische Chronik. S. 32. + +~+Melissantes+ in Orograph.~ bei Malchen-Berg. + + +Bei Miltenberg oder Kleinen-Haubach auf einem hohen Gebürg im Walde +sind neun gewaltige, große, steinerne Säulen zu sehen und daran die +Handgriffe, wie sie von den Riesen im Arbeiten herumgedreht worden, +damit eine Brücke über den Main zu bauen; solches haben die alten Leute +je nach und nach ihren Kindern erzählt, auch daß in dieser Gegend vor +Zeiten viele Riesen sich aufgehalten. + + + + +20. + +Der Köterberg. + +Mündlich von einem darauf hütenden Schäfer. + + +Der Köterberg, (an der Gränze des Paderbornschen, Lippeschen und +Corveischen) war sonst der Götzenberg genannt, weil die Götter der +Heiden da angebätet wurden. Er ist innen voll Gold und Schätze, die +einen armen Mann wohl reich machen könnten, wenn er dazu gelangte. +Auf der nördlichen Seite sind Höhlen, da fand einmal ein Schäfer den +Eingang und die Thüre zu den Schätzen, aber wie er eingehen wollte, in +demselben Augenblick kam ein ganz blutiger, entsetzlicher Mann übers +Feld daher gelaufen und erschreckte und verscheuchte ihn. Südlich auf +einem waldbewachsenen Hügel am Fuße des Berges stand die Harzburg, +wovon die Mauern noch zu sehen und noch vor kurzem Schlüssel gefunden +sind. Darin wohnten Hünen und gegenüber, auf dem zwei Stunden fernen +Zierenberg, stand eine andere Hünenburg. Da warfen die Riesen sich oft +Hämmer herüber und hinüber. + + + + +21. + +Geroldseck. + ++Philand. v. Sittewald+ Gesichte. Straßb. 1665. S. 32. 33. + + +Geroldseck, ein altes Schloß im Wasgau, von dem man vor Jahren her viel +Abentheuer erzählen hören: daß nämlich die uralten deutschen Helden, +die Könige Ariovist, Herman, Witechind, der hürnen Siegfried und viele +andere in demselben Schlosse zu gewisser Zeit des Jahrs gesehen würden; +welche, wann die Deutschen in den höchsten Nöthen und am Untergang +seyn würden, wieder da heraus und mit etlichen alten deutschen Völkern +denselben zu Hilf erscheinen sollten. + + + + +22. + +Kaiser Karl zu Nürnberg. + +~+Melissantes+ Orogr. Francof.~ 1715. ~p.~ 533. + +vgl. +Struve+ hist. polit. Archiv ~I. p.~ 14. + + +Die Sage geht, daß Karl der Große sich zu Nürnberg auf der Burg in den +tiefen Brunnen verflucht habe und daselbst aufhalte. Sein Bart ist +durch den Steintisch gewachsen, vor welchem er sitzt. + + + + +23. + +Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser. + ++Agricola+ Sprüchwort 710. + +~+Melissantes+ Orogr. v. Kyffhausen.~ + ++Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 719. 720. + ++Prätorius+ ~Alectryomantia~ p. 69. + +Dessen Weltbeschr. I. 306. 307. + + +Von diesem Kaiser gehen viele Sagen im Schwange. Er soll noch nicht +todt seyn, sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter +Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verholen in dem +Berg Kyfhausen und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen +an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine beßre Zeit +werden. Zuweilen redet er mit den Leuten, die in den Berg kommen, +zuweilen läßt er sich auswärts sehen. Gewöhnlich sitzt er auf der Bank +an dem runden steinernen Tisch, hält den Kopf in der Hand und schläft, +mit dem Haupt nickt er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart +ist ihm groß gewachsen, nach einigen durch den steinernen Tisch, nach +andern um den Tisch herum, dergestalt daß er dreimal um die Rundung +reichen muß, bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal +darum. + +Ein Bauer, der 1669 aus dem Dorf Reblingen Korn nach Nordhausen fahren +wollte, wurde von einem kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte +sein Korn ausschütten und sich dafür die Säcke mit Gold füllen. Dieser +sah nun den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich. + +Auch einen Schäfer führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und +fragte: fliegen die Raben noch um den Berg? Und auf die Bejahung des +Schäfers rief er: nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen. + + + + +24. + +Der Birnbaum auf dem Walserfeld. + +Brixener Volksbuch vom Untersberg S. 38. 39. + + +Bei Salzburg auf dem sogenannten Walserfeld soll dermaleinst eine +schreckliche Schlacht geschehen, wo alles hinzulaufen und ein so +furchtbares Blutbad seyn wird, daß den Streitenden das Blut vom +Fußboden in die Schuh rinnt. Da werden die bösen von den guten Menschen +erschlagen werden. Auf diesem Walserfeld steht ein ausgedorrter +Birnbaum zum Angedenken dieser letzten Schlacht; schon dreimal wurde er +umgehauen, aber seine Wurzel schlug immer aus, daß er wiederum anfing +zu grünen und ein vollkommner Baum ward. Viele Jahre bleibt er noch +dürr stehen, wann er aber zu grünen anhebt, wird die gräuliche Schlacht +bald eintreten und wann er Früchte trägt, wird sie anheben. Dann wird +der Baierfürst seinen Wappenschild daran aufhängen und niemand wissen, +was es zu bedeuten hat. + + + + +25. + +Der verzauberte König zu Schildheiß. + +Volksbuch vom Ritter Eginhard. S. 42 ff. + + +Das alte Schloß Schildheiß, in einer wüsten Wald- und Berggegend von +Deutschböhmen sollte aufs neue gebaut und wiederhergestellt werden. Als +die Werkmeister und Bauleute die Trümmer und Grundfesten untersuchten, +fanden sie Gänge, Keller und Gewölbe unter der Erden in großer Menge, +mehr als sie gedacht, in einem Gewölbe saß ein gewaltiger König im +Sessel, glänzend und schimmernd von Edelgestein und ihm zur Rechten +stund unbeweglich eine holdselige Jungfrau, die hielt dem König +das Haupt, gleich als ruhete es drinnen. Als sie nun vorwitzig und +beutegierig näher traten, wandelte sich die Jungfrau in eine Schlange, +die Feuer spie, so daß alle weichen mußten. Sie berichteten aber ihrem +Herrn von der Begebenheit, welcher alsbald vor das bezeichnete Gewölbe +ging und die Jungfrau bitterlich seufzen hörte. Nachher trat er mit +seinem Hund in die Höhle, in der sich Feuer und Rauch erzeigte, so daß +der Ritter etwas zurückwich und seinen Hund der vorausgelaufen war, für +verloren hielt. Das Feuer verlosch und wie er sich von neuem näherte, +sah er daß die Jungfrau seinen Hund unbeschädigt im Arme hielt und eine +Schrift an der Wand, die ihm Verderben drohte. Sein Muth trieb ihn +aber nachher dennoch an, das Abentheuer zu wagen und er wurde von den +Flammen verschlungen. + + + + +26. + +Kaiser Carl V. Auszug. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Zwischen Gudensberg und Besse in Hessen liegt der Odenberg, in welchem +Kaiser Carl der Fünfte mit seinem ganzen Heer versunken ist. Ehe ein +Krieg ausbricht, thut sich der Berg auf, Kaiser Carl kommt hervor, +stößt in sein Hüft-Horn und zieht nun mit seinem ganzen Heer aus in +einen andern Berg. + + + + +27. + +Der Unterberg. + +Sagen der Vorzeit oder ausführliche Beschreibung von dem berühmten +salzburgischen Untersberg oder Wunderberg, wie solche Lazarus +Gitschner vor seinem Tode geoffenbart. Brixen 1782. Volksbuch. + ++Franz Sartori+ Naturwunder des östreich. Kaiserthums. Wien 1807. I. +~Nro.~ 7. + + +Der Unterberg oder Wunderberg liegt eine kleine deutsche Meile von der +Stadt Salzburg an dem grundlosen Moos, wo vor Zeiten die Hauptstadt +Helfenburg soll gestanden haben. Er ist im Innern ganz ausgehöhlt, +mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silber-Quellen +versehen. Kleine Männlein bewahren die Schätze und wanderten sonst +oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst +Gottesdienst zu halten. + + + + +28. + +Kaiser Karl im Unterberg. + +Brixener Volksbuch von 1782. S. 28. 29. + + +In dem Wunderberg sitzt außer andern fürstlichen und vornehmen Herrn +auch Kaiser Karl, mit goldner Krone auf dem Haupt und seinen Scepter in +der Hand. Auf dem großen Welserfeld wurde er verzückt und hat noch ganz +seine Gestalt behalten, wie er sie auf der zeitlichen Welt gehabt. Sein +Bart ist grau und lang gewachsen und bedeckt ihm das goldne Bruststück +seiner Kleidung ganz und gar. An Fest- und Ehrentagen wird der Bart auf +zwei Theile getheilt, einer liegt auf der rechten Seite, der andere auf +der linken, mit einem kostbaren Perlenband umwunden. Der Kaiser hat +ein scharfes und tiefsinniges Angesicht und erzeigt sich freundlich +und gemeinschaftlich gegen alle Untergebenen, die da mit ihm auf einer +schönen Wiese hin und her gehen. Warum er sich da aufhält und was +seines Thuns ist, weiß niemand und steht bei den Geheimnissen Gottes. + +Franz Sartori erzählt, daß Kaiser Karl der Fünfte, nach andern aber +Friedrich an einem Tisch sitzt, um den sein Bart schon mehr denn +zweimal herumgewachsen ist. So wie der Bart zum drittenmal die +letzte Ecke desselben erreicht haben wird, tritt dieser Welt letzte +Zeit ein. Der Antichrist erscheint, auf den Feldern von Wals kommt +es zur Schlacht, die Engelposaunen ertönen und der jüngste Tag ist +angebrochen. + + + + +29. + +Der Scherfenberger und der Zwerg. + +Aus Ottokar von Horneck. Cap. 573-80. S. 539 ~a.~-544 ~a.~ + + +Mainhard, Graf von Tirol, der auf Befehl des Kaisers Rudolf von +Habsburg Steier und Kärnthen erobert hatte und zum Herzoge von Kärnthen +ernannt war, lebte mit dem Grafen Ulrich von Heunburg in Fehde. Zu +diesem schlug sich auch Wilhelm von Scherfenberg, treulos und undankbar +gegen Mainhard. Hernach in dem Kampfe ward er vermißt und Conrad von +Aufenstein, der für Mainhard gestritten hatte, suchte ihn auf. + +Sie fanden aber den Scherfenberger im Sande liegen von einem Speer +durchstochen und hatte er da sieben Wunden, doch nur eine Pein. Der +Aufensteiner fragte ihn, ob er der Herr Wilhelm wäre. “Ja, und seyd +Ihrs, der Aufensteiner, so stehet hernieder zu mir.” Da sprach der +Scherfenberger mit krankem Munde: “nehmt dieses Fingerlein; derweil +es in eurer Gewalt ist, zerrinnet Euch Reichthum und weltliche Ehre +nimmermehr;” damit reichte er es ihm von der Hand. Indem kam auch +Heinrich der Told geritten und hörte, daß es der Scherfenberger war, +der da lag. “So ist es der, sprach er, welcher seine Treue an meinem +Herrn gebrochen, das rächt nun Gott an ihm in dieser Stund.” Ein Knecht +mußte den todtwunden auf ein Pferd legen, aber er starb darauf. Da +machte der Told, daß man ihn wieder herab legte, wo er vorher gelegen +war. Darnach ward der Scherfenberger beklagt von Männern und Weibern; +mit dem Ring aber, den er dem Aufensteiner gegeben, war es auf folgende +Weise zugegangen. + +Eines Tages sah der Scherfenberger von seiner Burg auf dem Feld eine +seltsame Augenweide. Auf vier langen vergüldeten Stangen trugen vier +Zwerge einen Himmel von klarem und edlem Tuche. Darunter ritt ein +Zwerg, eine goldne Krone auf dem Häuptlein, und in allen Gebärden +als ein König. Sattel und Zaum des Pferdes war mit Gold beschlagen, +Edelsteine lagen darin und so war auch alles Gewand beschaffen. Der +Scherfenberger stand und sah es an, endlich ritt er hin und nahm seinen +Hut ab. Der Zwerg gab ihm guten Morgen und sprach: “Wilhelm, Gott +grüß Euch!” “Woher kennt Ihr mich?” antwortete der Scherfenberger. +“Laß dir nicht leid seyn, sprach der Zwerg, daß du mir bekannt bist +und ich deinen Namen nenne; ich suche deine Mannheit und deine Treue, +von der mir so viel gesagt ist. Ein gewaltiger König ist mein Genosse +um ein großes Land, darum führen wir Krieg und er will mirs mit List +angewinnen. Ueber sechs Wochen ist ein Kampf zwischen uns gesprochen, +mein Feind aber ist mir zu groß, da haben alle meine Freunde mir +gerathen, dich zu gewinnen. Willst du dich des Kampfes unterwinden, +so will ich dich also stark machen, daß, ob er einen Riesen brächte, +dirs doch gelingen soll. Wisse, guter Held, ich bewahre dich mit einem +Gürtel, der dir zwanzig Männer Stärke gibt.” Der Scherfenberger +antwortete: “weil du mir so wohl traust und auf meine Mannheit dich +verläßt, so will ich zu deinem Dienste seyn, wie es auch mit mir +gehen wird, es soll alles gewagt werden.” Der Zwerg sprach: “fürchte +dich nicht, Herr Wilhelm, als wäre ich ungeheuer, nein, mir wohnt +christlicher Glaube an die Dreifaltigkeit bei und daß Gott von einer +Jungfrau menschlich geboren wurde.” Darüber ward der Scherfenberger +froh und versprach, wo nicht Tod oder Krankheit ihn abhalte, daß +er zu rechter Stunde kommen wollte. “So kommt mit Roß, Rüstung und +einem Knaben an diese Stätte hier, sagt aber niemanden etwas davon, +auch Euerm Weibe nicht, sonst ist das Ding verloren.” Da beschwur +der Scherfenberger alles. “Sieh hin, sprach nun das Gezwerg, dies +Fingerlein soll unserer Rede Zeuge seyn; du sollst es mit Freuden +besitzen, denn lebtest du tausend Jahre, so lang du es hast, zerrinnet +dir dein Gut nimmermehr. Darum sey hohen Muthes und halt deine Treue an +mir.” Damit ging es über die Heide und der Scherfenberger sah ihm nach, +bis es in den Berg verschwand. + +Als er nach Haus kam, war das Essen bereit und jedermann fragte, wo er +gewesen wäre, er aber sagte nichts, doch konnt er von Stund an nicht +mehr so fröhlich gebaren wie sonst. Er ließ sein Roß besorgen, sein +Panzerhemd bessern, schickte nach dem Beichtiger, that heimlich lautere +Beichte und nahm darnach mit Andacht des Herren Leib. Die Frau suchte +von dem Beichtiger die Wahrheit an den Sachen zu erfahren, aber der +wies sie ernstlich ab. Da beschickte sie vier ihrer besten Freunde, die +führten den Priester in eine Kammer, setzten ihm das Messer an den Hals +und drohten ihm auf den Tod, bis er sagte, was er gehört hatte. + +Als die Frau es nun erfahren, ließ sie die nächsten Freunde des +Scherfenberger kommen, die mußten ihn heimlich nehmen und um seinen +Vorsatz fragen. Als er aber nichts entdecken wollte, sagten sie ihm +vor den Mund, daß sie alles wüßten, und als er es an ihren Reden sah, +da bekannte er allererst die Wahrheit. Nun begannen sie seinen Vorsatz +zu schwächen und baten ihn höchlich, daß er von der Fahrt ablasse. Er +aber wollt seine Treue nicht brechen und sprach, wo er das thue, nehme +er fürder an allem Gut ab. Sein Weib aber tröstete ihn und ließ nicht +nach, bis sie ihn mit großer Bitte überredete, da zu bleiben; doch war +er unfroh. + +Darauf über ein halbes Jahr ritt er eines Tages zu seiner Feste +Landstrotz hinter den seinigen zu allerletzt. Da kam der Zwerg neben +zu ihm und sprach: “wer Eure Mannheit rühmt, der hat gelogen! wie habt +Ihr mich hintergangen und verrathen! Ihr habt an mir verdient Gottes +und guter Weiber Haß. Auch sollt Ihr wissen, daß Ihr in Zukunft sieglos +seyd und wäre das gute Ringlein nicht, daß ich Euch leider gegeben +habe, Ihr müßtet mit Weib und Kind in Armuth leben.” Da griff der Zwerg +ihm an die Hand und wollts ihm abzucken, aber der Scherfenberger zog +die Hand zurück und steckte sie in die Brust; dann ritt er von ihm über +das Feld fort. Die vor ihm waren, die hatten alle nichts gesehen. + + + + +30. + +Das stille Volk zu Plesse. + ++Joh. Letzner+ plessisches Stammbuch. + +Wunderbare Begebenheiten eines göttingischen Studenten auf dem alten +Schlosse Plesse. 1744. S. 15 ff. + + +Auf dem hessischen Bergschloß Plesse sind im Felsen mancherlei Quellen, +Brunnen, Schluchten und Höhlen, wo der Sage nach Zwerge wohnen und +hausen sollen, die man das +stille Volk+ nennt. Sie sind schweigsam +und gutthätig, dienen den Menschen gern, die ihnen gefallen. Geschieht +ihnen ein Leid an, so lassen sie ihren Zorn doch nicht am Menschen +aus, sondern rächen sich am Vieh, das sie plagen. Eigentlich hat dies +unterirdische Geschlecht keine Gemeinschaft mit den Menschen und treibt +inwendig sein Wesen, da hat es Stuben und Gemächer voll Gold und +Edelgestein. Steht ihm ja etwas oben auf dem Erdboden zu verrichten, +so wird das Geschäft nicht am Tage, sondern bei der Nacht vorgenommen. +Dieses Bergvolk ist von Fleisch und Bein, wie andere Menschen, zeugt +Kinder und stirbt; allein es hat die Gabe, sich unsichtbar zu machen +und durch Fels und Mauer eben so leicht zu gehen, als wir durch die +Luft. Zuweilen erscheinen sie den Menschen, führen sie mit in die +Kluft und beschenken sie, wenn sie ihnen gefallen, mit kostbaren +Sachen. Der Haupteingang ist beim tiefen Brunnen; das nahgelegene +Wirthshaus heißt: zum Rauschenwasser. + + + + +31. + +Des kleinen Volks Hochzeit-Fest. + +Mündlich, aus Sachsen. + + +Das kleine Volk auf der Eilenburg in Sachsen wollte einmal Hochzeit +halten und zog daher in der Nacht durch das Schlüsselloch und die +Fenster-Ritzen in den Saal und sie sprangen hinab auf den glatten +Fußboden, wie Erbsen auf die Tenne geschüttet werden. Davon erwachte +der alte Graf, der im hohen Himmel-Bette in dem Saal schlief und +verwunderte sich über die vielen kleinen Gesellen. Da trat einer von +ihnen, geschmückt wie ein Herold, zu ihm heran und lud ihn in ziemenden +Worten gar höflich ein, an ihrem Fest Theil zu nehmen. “Doch um eins +bitten wir, setzte er hinzu, ihr allein sollt zugegen seyn, keins von +euerm Hof-Gesinde darf sich unterstehen, das Fest mit anzuschauen, auch +nicht mit einem einzigen Blick.” Der alte Graf antwortete freundlich: +“weil ihr mich im Schlaf gestört, so will ich auch mit euch seyn.” +Nun ward ihm ein kleines Weiblein zugeführt, kleine Lampenträger +stellten sich auf und eine Heimchen-Musik hob an. Der Graf hatte Mühe, +das Weiblein beim Tanz nicht zu verlieren, das ihm so leicht daher +sprang und endlich so im Wirbel umdrehte, daß er kaum zu Athem kommen +konnte. Mitten in dem lustigen Tanz aber stand auf einmal alles still, +die Musik hörte auf und der ganze Haufe eilte nach den Thürspalten, +Maus-Löchern und wo sonst ein Schlupf-Winkel war. Das Brautpaar aber, +die Herolde und Tänzer schauten aufwärts nach einer Öffnung, die sich +oben in der Decke des Saals befand und entdeckten dort das Gesicht +der alten Gräfin, welche vorwitzig nach der lustigen Wirthschaft +herabschaute. Darauf neigten sie sich vor dem Grafen und derselbe, der +ihn eingeladen, trat wieder hervor und dankte ihm für die erzeigte +Gastfreundschaft. “Weil aber, sagte er dann, unsere Freude und unsere +Hochzeit also ist gestört worden, daß noch ein anderes menschliches +Auge darauf geblickt, so soll fortan euer Geschlecht nie mehr als +sieben Eilenburgs zählen.” Darauf drängten sie nach einander schnell +hinaus, bald war es still und der alte Graf wieder allein im finstern +Saal. Die Verwünschung ist bis auf gegenwärtige Zeit eingetroffen und +immer einer von den sechs lebenden Rittern von Eilenburg gestorben, ehe +der siebente geboren war. + + + + +32. + +Steinverwandelte Zwerge. + ++Spieß+ Vorrede zum Hans Heiling. + + +In Böhmen nicht weit von Elnbogen liegt in einem rauhen aber schönen +Thal, durch welches sich die Egger bis beinahe ans Karlsbad in +mancherlei Krümmungen durchwindet, die berühmte Zwergenhöhle. Die +Bewohner der benachbarten Dörfer und Städte erzählen davon folgendes. +Diese Felsen wurden in alten Zeiten von kleinen Berg-Zwergen bewohnt, +die im Stillen da ihr Wesen trieben. Sie thaten niemanden etwas zu +Leid, vielmehr halfen sie ihren Nachbarn in Noth und Trübsal. Lange +Zeit wurden sie von einem gewaltigen Geister-Banner beherrscht, einmal +aber, als sie eben eine Hochzeit feiern wollten und darum zu ihrer +Kirche ausgezogen waren, gerieth er in heftigen Zorn und verwandelte +sie in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren, +bannte er sie hinein. Die Reihe dieser Felsen heißt noch jetzt: +die +verwünschte Zwergen-Hochzeit+ und man sieht sie in verschiedenen +Gestalten auf den Bergspitzen stehen. In der Mitte eines der Felsen +zeigt man das Bild eines Zwergs, welcher, als die übrigen dem Bann +entfliehen wollten, zu lange im Gemach verweilte, und, indem er aus dem +Fenster nach Hilfe umherblickte, in Stein verwandelt wurde. + +Auch zeigt man auf dem Rathhause zu Elnbogen noch jetzt die verbannten +ruchlosen und goldgeizigen Burggrafen in einem Klumpen klingenden +Metall. Der Sage nach soll niemand, der mit einer Todsünde befleckt +ist, diesen Klumpen in die Höhe heben können. + + + + +33. + +Zwerg-Berge. + ++Agricola+ Sprüchw. Bl. 171 b. + + +Zu Achen ist nicht weit von der Stadt ein Berg, dessen Bewohner zu +ihren Hochzeiten von den Städtern Kessel, eherne Töpfe, Schüssel und +Bratspieß entlehnen, hernachmals richtig wiederbringen. Ähnliche +Zwergberge stehen in der Gegend von Jena und in der Grafschaft +Hohenstein. + + + + +34. + +Zwerge leihen Brot. + ++Joh. Wolfgang Rentsch+ Beschreibung merkwürdiger Sachen und Antiquit. +des Fürstenthums Baireuth. + + +Der Pfarrer Hedler zu Selbitz und Marlsreuth erzählte im Jahr 1684. +folgendes. Zwischen den zweien genannten Orten liegt im Wald eine +Öffnung, die insgemein das Zwergenloch genannt wird, weil ehedessen und +vor mehr als hundert Jahren daselbst Zwerge unter der Erde gewohnet, +die von gewissen Einwohnern in Naila, die nothdürftige Nahrung +zugetragen erhalten haben. + +Albert Steffel siebenzig Jahr alt und im Jahr 1680. gestorben, und Hans +Kohmann drei und sechzig Jahr alt und 1679. gestorben, zwei ehrliche, +glaubhafte Männer haben etlichemal ausgesagt, Kohmanns Großvater habe +einst auf seinem bei diesem Loch gelegenen Acker geackert und sein +Weib ihm frischgebackenes Brot zum Frühstück aufs Feld gebracht und in +ein Tüchlein gebunden am Rain hingelegt. Bald sey ein Zwerg-Weiblein +gegangen kommen und habe den Ackermann um sein Brot angesprochen: “ihr +Brot sey eben auch im Backofen, aber ihre hungrige Kinder könnten nicht +darauf warten und sie wolle es ihnen Mittags von dem ihrigen wieder +erstatten.” Der Großvater habe eingewilligt, auf den Mittag sey sie +wieder gekommen, habe ein sehr weißes Tüchlein gebreitet und darauf +einen noch warmen Laib gelegt, neben vieler Danksagung und Bitte, er +möge ohne Scheu des Brots essen und das Tuch wolle sie schon wieder +abholen. Das sey auch geschehen, dann habe sie zu ihm gesagt, es würden +jetzt so viel Hammerwerke errichtet, daß sie, dadurch beunruhigt, wohl +weichen und den geliebten Sitz verlassen müßte. Auch vertriebe sie das +Schwören und große Fluchen der Leute, wie auch die Entheiligung des +Sonntags, indem die Bauern vor der Kirche ihr Feld zu beschauen gingen, +welches ganz sündlich wäre. + +Vor kurzem haben sich an einem Sonntag mehrere Bauernknechte mit +angezündeten Spänen in das Loch begeben, inwendig einen schon +verfallenen sehr niedrigen Gang gefunden; endlich einen weiten, fleißig +in den Felsen gearbeiteten Platz, viereckig, höher als Manns hoch, +auf jeder Seite viel kleine Thürlein. Darüber ist ihnen ein Grausen +angekommen und sind herausgegangen, ohne die Kämmerlein zu besehen. + + + + +35. + +Der Graf von Hoia. + ++Hammelmann+ oldenb. Chronik. 21. 22. + ++Tenzel+ monatl. Unterr. 1609. S. 525. + ++Prätorius+ Glückstopf 489. 490. u. Weltbeschr. I. 95. + ++Bräuner’s+ Curiosit. 622-624. + + +Es ist einmal einem Grafen zur Hoia ein kleines Männlein in der Nacht +erschienen und wie sich der Graf entsetzte, hat es zu ihm gesagt, er +sollte sich nicht erschrecken, es hätte ein Wort an ihm zu werben und +zu bitten, er wolle ihm das nicht abschlagen. Der Graf antwortete, wenn +es ihm zu thun möglich und ihm und den seinen unbeschwerlich wäre, +so wollte er es gern thun. Da sprach das Männlein: “es wollen die +folgende Nacht etliche zu dir auf dein Haus kommen und Ablager halten, +denen wollest du Küche und Saal so lange leihen und deinen Dienern +gebieten, daß sie sich schlafen legen und keiner nach ihrem Thun und +Treiben sehe, auch keiner darum wisse, ohne du allein. Man wird sich +dafür dankbarlich erzeigen, du und dein Geschlecht sollens zu genießen +haben, es soll auch in dem allergeringsten weder dir noch den deinen +Leid geschehen.” Solches hat der Graf eingewilliget. Also sind sie +folgende Nacht, gleich als mit einem reisigen Zug, die Brücke hinauf +ins Haus gezogen, allesammt kleine Leute, wie man die Bergmännlein +zu beschreiben pflegt. Sie haben in der Küche gekocht, zugehauen und +aufgegeben und hat sich nicht anders ansehen lassen, als wenn eine +große Mahlzeit angerichtet würde. Darnach fast gegen Morgen, wie sie +wiederum scheiden wollen, ist das kleine Männlein abermal zum Grafen +gekommen, und hat ihm neben Danksagung gereicht ein +Schwert+, ein ++Salamander-Laken+ und einen +güldenen Ring+, in welchem ein rother +Löwe oben eingemacht; mit Anzeigung, diese drei Stücke sollte er und +seine Nachkömmlinge wohl verwahren und so lange sie dieselben bei +einander hätten, würde es einig und wohl in der Grafschaft zustehen; +sobald sie aber von einander kommen würden, sollte es ein Zeichen seyn, +daß der Grafschaft nichts Gutes vorhanden wäre: und ist der rothe Löwe +auch allzeit darnach, wann einer vom Stamm sterben sollte, erblichen. + +Es sind aber zu den Zeiten, da Graf Jobst und seine Brüder unmündig +waren und Franz von Halle Statthalter im Land, die beiden Stücke, als +das Schwert und Salamander-Laken weggenommen, der Ring aber ist bei +der Herrschaft geblieben, bis an ihr Ende. Wohin er aber seit der Zeit +gekommen, weiß man nicht. + + + + +36. + +Zwerge ausgetrieben. + ++Christ. Lehmann+ Erzgebürg. Schauplatz c. 2. S. 187. 188. + + +Im Erzgebürge wurden die Zwerge durch Errichtung der Hämmer und +Pochwerke vertrieben. Sie beklagten sich schwer darüber, äußerten +jedoch, sie wollten wiederkommen, wenn die Hämmer abgingen. Unter dem +Berg Sion vor Quedlinburg ist vorzeiten ein Zwergenloch gewesen und die +Zwerge haben oft den Einwohnern zu ihren Hochzeiten viel Zinnwerk und +dergleichen gern vorgeliehen. + + + + +37. + +Die Wichtlein. + ++Prätor.+ Weltbeschr. I. 129-132. + ++Bräuner’s+ Curiosit. 205-209. + +~+G. Agricola+ de re metallica.~ + ++Valvassor+ Ehre von Crain I. 417. + + +Die Wichtlein oder Bergmännlein erscheinen gewöhnlich wie die Zwerge, +nur etwa dreiviertel Ehle groß. Sie haben die Gestalt eines alten +Mannes mit einem langen Bart, sind bekleidet wie Bergleute mit einer +weißen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne, +Schlägel und Hammer. Sie thun den Arbeitern kein Leid, denn wenn +sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen +doch selten Schaden zu, es sey denn daß sie mit Spotten und Fluchen +erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in +den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist. +Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es +für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen und sind desto fröhlicher +und fleißiger. Sie schweifen in den Gruben und Schachten herum und +scheinen gar gewaltig zu arbeiten, aber in Wahrheit thun sie nichts. +Bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder eine Ader, bald, als +faßten sie das Gegrabene in den Eimer, bald, als arbeiteten sie an +der Rolle und wollten etwas hinauf ziehen, aber sie necken nur die +Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen sie, wenn man +hinkommt, ist niemand da. + +Am Kuttenberg in Böhmen hat man sie oft in großer Anzahl aus den +Gruben heraus und hinein ziehen gesehen. Wenn kein Bergknappe drunten, +besonders wenn groß Unglück oder Schaden vorstand (sie klopfen dem +Bergmann dreimal den Tod an), hat man die Wichtlein hören scharren, +graben, stoßen, stampfen und andere Bergarbeiten mehr vorstellen. +Bisweilen auch, nach gewisser Maße, wie die Schmiede auf dem Ambos +pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern schmieden. Eben in diesem +Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen, hämmern und picken, als ob +drei oder vier Schmiede etwas stießen; daher sie auch von den Böhmen ++Haus-Schmiedlein+ genannt wurden. In Idria stellen ihnen die Bergleute +täglich ein Töpflein mit Speise an einen besondern Ort. Auch kaufen sie +jährlich zu gewissen Zeiten ein rothes Röcklein, der Länge nach einem +Knaben gerecht, und machen ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie +es, so werden die Kleinen zornig und ungnädig. + + + + +38. + +Beschwörung der Bergmännlein. + ++Prätorius+ im Glückstopf. S. 177. + + +Zu Nürnberg ist einer gewesen, mit Namen Paul Creuz, der eine +wunderbare Beschwörung gebraucht hat. In einen gewissen Plan hat er +ein neues Tischlein gesetzt, ein weißes Tuch darauf gedeckt, zwei +Milchschüßlein drauf gesetzt, ferner: zwei Honigschüßlein, zwei +Tellerchen und neun Messerchen. Weiter hat er eine schwarze Henne +genommen und sie über einer Kohlpfanne zerrissen, so daß das Blut in +das Essen hineingetropft ist. Hernach hat er davon ein Stück gegen +Morgen, das andere gegen Abend geworfen und seine Beschwörung begonnen. +Wie dies geschehen, ist er hinter einen grünen Baum gelaufen und hat +gesehen, daß zwei Bergmännlein sich aus der Erde hervor gefunden, zu +Tisch gesetzt, und bei dem kostbaren Rauchwerke, das auch vorhanden +gewesen, gleichsam gegessen. Nun hat er ihnen Fragen vorgelegt, worauf +sie geantwortet; ja, wenn er das oft gethan, sind die kleinen Geschöpfe +so vertraut geworden, daß sie auch zu ihm ins Haus zu Gast gekommen. +Hat er nicht recht aufgewartet, so sind sie entweder nicht erschienen +oder doch bald wieder verschwunden. Er hat auch endlich ihren König zu +Wege gebracht, der dann allein gekommen in einem rothen scharlachen +Mäntlein, darunter er ein Buch gehabt, das er auf den Tisch geworfen +und seinem Banner erlaubt hat, so viel und so lange er wollte drinnen +zu lesen. Davon hat sich der Mensch große Weisheit und Geheimnisse +eingebildet. + + + + +39. + +Das Bergmännlein beim Tanz. + +Brixener Volksbuch. + + +Es zeigten alte Leute mit Wahrhaftigkeit an, daß vor etlichen Jahren zu +Glaß im Dorf, eine Stunde von dem Wunderberg und eine Stunde von der +Stadt Salzburg, Hochzeit gehalten wurde, zu welcher gegen Abend ein +Bergmännlein aus dem Wunderberge gekommen. Es ermahnte alle Gäste, in +Ehren fröhlich und lustig zu seyn und verlangte, mit tanzen zu dürfen; +das ihm auch nicht verweigert wurde. Also machte es mit einer und der +andern ehrbaren Jungfrau allzeit drei Tänze und zwar mit besonderer +Zierlichkeit, so daß die Hochzeitgäst mit Verwunderung und Freude +zuschauten. Nach dem Tanz bedankte es sich und schenkte einem jeden +der Brautleute drei Geldstücke von einer unbekannten Geldmünze, deren +jedes man zu vier Kreuzer im Werthe hielt und ermahnte sie dabei, in +Frieden und Eintracht zu hausen, christlich zu leben und bei einem +frommen Wandel ihre Kinder zum Guten zu erziehen. Diese Münze sollten +sie zu ihrem Geld legen und stets seiner gedenken, so würden sie selten +in Noth kommen; sie sollten aber dabei nicht hoffährtig werden, sondern +mit ihrem Ueberfluß ihren Nachbarn helfen. + +Dieses Bergmännlein blieb bei ihnen bis zur Nachtzeit und nahm von +jedermann Trank und Speiß, die man ihm darreichte, aber nur etwas +weniges. Alsdann bedankte es sich und begehrte einen Hochzeitmann, der +es über den Fluß Salzach gegen den Berg zu schiffen sollte. Bei der +Hochzeit war ein Schiffmann, Namens Johann Ständl, der machte sich +eilfertig auf und sie gingen mit einander zur Ueberfahrt. Während +derselben begehrte der Schiffmann seinen Lohn: das Bergmännlein gab +ihm in Demuth drei Pfennige. Diesen schlechten Lohn verschmähte der +Fährmann sehr, aber das Männlein gab ihm zur Antwort, er sollte sich +das nicht verdrießen lassen, sondern die drei Pfennige wohl behalten, +so würde er an seiner Habschaft nicht Mangel leiden, wo er anders +dem Uebermuth Einhalt thue. Zugleich gab es dem Fährmann ein kleines +Steinlein, mit den Worten: “wenn du dieses an den Hals hängst, so wirst +du in dem Wasser nicht zu Grunde gehen können.” Und dieß bewährte sich +noch in demselben Jahre. Zuletzt ermahnte es ihn zu einem frommen und +demüthigen Lebenswandel und ging schnell von dannen. + + + + +40. + +Das Keller-Männlein. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 172. 173. und nochmals 319. 320. + + +Im Jahr 1665. trug sich zu Lützen folgendes zu: in einem Haus lief ein +klein Männlein aus dem Keller hervor und sprengte vor dem Haus Wasser +aus einer Kelte oder goß sie aus. Lief darauf wieder stillschweigends +nach dem Keller, aber die Magd, die zugegen war, fürchtete sich, fiel +auf ihre Knie und betete einen Psalm. Da fiel das Männlein zugleich mit +ihr nieder, betete so lange als die Magd. Bald darauf kam Feuersbrunst +im Städtlein aus und wurden mehrere neuerbaute Häuser in Asche gelegt, +selbes Haus aber blieb unverletzt übrig. Auch soll nach solchem +Begebniß das Männchen noch einmal erschienen seyn und gesprengt haben, +allein es erfolgte an selbigem Orte nichts darauf. + + + + +41. + +Die Ahnfrau von Ranzau. + ++Seyfried+ in ~medulla~ p. 481. Nr. 10. + +vgl. +Prätor+. Weltbeschr. I. 104. 105. + + +In dem hollsteinischen adlichen Geschlecht der von Ranzau gehet die +Sage: eines mals sey die Großmutter des Hauses bei Nachtzeit von der +Seite ihres Gemahls durch ein +kleines Männlein+, so ein Laternlein +getragen, erweckt worden. Das Männlein führte sie aus dem Schloß in +einen hohlen Berg zu einem kreißenden Weib. Selbiger legte sie auf +Begehren die rechte Hand auf das Haupt, worauf das Weibchen alsbald +genas. Der Führer aber führte die Ahnfrau wieder zurück ins Schloß und +gab ihr ein +Stück Gold+ zur Gabe mit dem Bedeuten, daraus dreierlei +machen zu lassen: funfzig +Rechenpfennige+, einen +Hering+ und eine ++Spille+, nach der Zahl ihrer dreien Kinder, zweier Söhne und einer +Tochter; -- auch mit der Warnung: diese Sachen wohl zu verwahren, +ansonst ihr Geschlecht in Abnahme fallen werde. + + * * * * * + +Vollständiger und genauer ist diese Sage in einer französischen +Novellensammlung enthalten, die zu Brüssel 1711. unter dem Titel: +~l’amant oisif~ herauskam und steht daselbst in der vorletzten +Erzählung p. 405-411. ~la comtesse de +Falinsperk+~ (? Falkenberg), +~nouvelle allemande~, folgendes Inhalts: + +Die neuvermählte Gräfin, welche aus einem dänischen Geschlecht +abstammte, ruhte an ihres Gemahles Seite, als ein Rauschen geschah: +die Bettvorhänge wurden aufgezogen und sie sah ein wunderbar schönes ++Fräuchen+, nur ellnbogengroß mit einem Licht vor ihr stehen. Dieses +Fräuchen hub an zu reden: “fürchte dich nicht, ich thue dir kein Leid +an, sondern bringe dir Glück, wenn du mir die Hülfe leistest, die mir +Noth thut. Steh auf und folge mir, wohin ich dich leiten werde, hüte +dich etwas zu essen von dem, was dir geboten wird, nimm auch kein ander +Geschenk an, außer das was ich dir reichen will und das kannst du +sicher behalten.” + +Hierauf ging die Gräfin mit und der Weg führte unter die Erde. Sie +kamen in ein Gemach, das flimmerte von Gold und Edelstein und war +erfüllt mit lauter kleinen Männern und Weibern. Nicht lange, so +erschien ihr König und führte die Gräfin an ein Bett, wo die Königin +in Geburtsschmerzen lag, mit dem Ersuchen ihr beizustehn. Die Gräfin +benahm sich aufs beste und die Königin wurde glücklich eines Söhnleins +entbunden. Da entstand große Freude unter den Gästen, sie führten die +Gräfin zu einem Tisch voll der köstlichsten Speisen und drangen in sie +zu essen. Allein sie rührte nichts an, eben so wenig nahm sie von den +Edelsteinen, die in goldnen Schalen standen. Endlich wurde sie von der +ersten Führerin wieder fortgeführt und in ihr Bett zurückgebracht. + +Da sprach das Bergfräuchen: “du hast unserm Reich einen großen Dienst +erwiesen, der soll dir gelohnt werden. Hier hast du drei +hölzerne +Stäbe+, die leg unter dein Kopfkissen und morgen früh werden sie in +Gold verwandelt seyn. Daraus laß machen: aus dem ersten einen +Hering+, +aus dem zweiten +Rechenpfennige+, aus dem dritten eine +Spindel+ +und offenbare die ganze Geschichte niemanden auf der Welt, außer +deinem Gemahl. Ihr werdet zusammen drei Kinder zeugen, die die drei +Zweige eures Hauses seyn werden. Wer den Hering bekommt, wird viel +Kriegsglück haben, er und seine Nachkommen; wer die Pfennige, wird mit +seinen Kindern hohe Staatsämter bekleiden; wer die Kunkel, wird mit +zahlreicher Nachkommenschaft gesegnet seyn.” + +Nach diesen Worten entfernte sich die Bergfrau, die Gräfin schlief +ein und als sie aufwachte, erzählte sie ihrem Gemahl die Begebenheit, +wie einen Traum. Der Graf spottete sie aus, allein als sie unter das +Kopfkissen griff, lagen da drei Goldstangen; beide erstaunten und +verfuhren genau damit, wie ihnen geheißen war. + +Die Weißagung traf völlig ein und die verschiedenen Zweige des Hauses +verwahrten sorgfältig diese Schätze. Einige, die sie verloren, sind +verloschen. Die vom Zweig der Pfennige erzählen: einmal habe der König +von Dänemark einem unter ihnen einen solchen Pfennig abgefordert und +in dem Augenblick wie ihn der König empfangen, habe der, so ihn vorher +getragen, in seinen Eingeweiden heftigen Schmerz gespürt. + + + + +42. + +Herrmann von Rosenberg. + +Unterred. vom Reich der Geister I. 223. + + +Als Herrmann von Rosenberg sein Beilager hielt, erschienen die Nacht +darauf viele Erdgeister, kaum zwei Spannen lang, hatten ihre Musik bei +sich und suchten um Erlaubniß nach, die Hochzeit eines ihrer Brautpaare +ebenfalls hier begehen zu dürfen; sie gaben sich für still und +friedlich aus. Auf erhaltene Verwilligung begingen sie nun ihr Fest. + + + + +43. + +Die osenberger Zwerge. + ++Winkelmann+ Beschr. des oldenb. Horns Bl. 15. + ++Happel+ (eines geborenen Hessen) ~rel. cur. II.~ 525. + + +Als Winkelmann im J. 1653. aus unserm Hessenlande nach Oldenburg +reiste und über den Osenberg kommend in dem Dorf Bümmerstett von der +Nacht übereilt wurde, erzählte ihm ein hundertjähriger Krugwirth, +daß bei seines Großvaters Zeiten das Haus treffliche Nahrung gehabt, +anjetzo wäre es aber schlecht. Wenn der Großvater gebrauet, wären +Erdmännlein vom Osenberg gekommen, hätten das Bier ganz warm aus der +Bütte abgehohlt und mit einem Geld bezahlt, das zwar unbekannt, aber +von gutem Silber gewesen. Einsmal hätte ein altes Männlein im Sommer +bei großer Wärme Bier hohlen wollen und vor Durst alsogleich getrunken, +aber zu viel, daß es davon eingeschlafen. Hernach beim Aufwachen, wie +es sah, daß es sich so verspätet hatte, hub das alte kleine Männlein +an bitterlich zu weinen: “nun wird mich mein Großvater des langen +Außenbleibens wegen schlagen.” In dieser Noth lief es auf und davon, +vergaß seinen Bierkrug mitzunehmen und kam seitdem nimmer wieder. Den +hinterlassenen Krug hätte sein (des Wirthes) Vater und er selbst auf +seine ausgesteuerte Tochter erhalten und so lang der Krug im Haus +gewesen, die Wirthschaft vollauf Nahrung gehabt. Als er aber vor kurzem +zerbrochen worden, wäre das Glück gleichsam mit zerbrochen und alles +krebsgängig. + + + + +44. + +Das Erdmännlein und der Schäferjung. + ++Prätor.+ Weltbeschr. I. 122. + + +Im Jahr 1664. hütete unfern Dresden ein Junge die Heerde des Dorfs. +Auf einmal sah er einen Stein neben sich, von mäßiger Größe, sich von +selbst in die Höhe heben und etliche Sprünge thun. Verstaunt trat er +näher zu und besah den Stein, endlich hob er ihn auf. Und indem er ihn +aufnahm, hüpfte ein jung Erdmännchen aus der Erde, stellte sich kurz +hin vor den Schäferjungen und sprach: “ich war dahin verbannt, du hast +mich erlöst und ich will dir dienen; gib mir Arbeit, daß ich etwas zu +thun habe.” Bestürzt antwortete der Junge: “nun gut, du sollst mir +helfen Schafe hüten.” Das verrichtete das Männchen sorgsam bis der +Abend kam. Da fing es an und sagte: “ich will mit dir gehen, wo du +hingehst.” Der Junge versetzte aber sogleich: “in mein Haus kann ich +dich nicht gut mitnehmen, ich habe einen Stiefvater und noch andre +Geschwister mehr, der Vater würde mich übel schlagen, wollte ich ihm +noch jemand zubringen, der ihm das Haus kleiner machte.” “Ja du hast +mich nun einmal angenommen, sprach der Geist, willst du mich selber +nicht, mußt du mir anderswo Herberg schaffen.” Da wies ihn der Junge +ins Nachbars Haus, der keine Kinder hatte. Bei diesem kehrte nun das +Erdmännchen richtig ein und konnte es der Nachbar nicht wieder los +werden. + + + + +45. + +Der einkehrende Zwerg. + +Volkssage des berner Oberlandes, s. +Wyß+ Volkssagen Bern 1815. S. +62-79. vgl. 315. und Alpenrosen 1813. S. 210-227. + + +Vom Dörflein Ralligen am Thunersee und von Schillingsdorf, einem durch +Bergfall verschütteten Ort des Grindelwaldthals, vermuthlich von andern +Orten mehr, wird erzählt: bei Sturm und Regen kam ein wandernder Zwerg +durch das Dörflein, ging von Hütte zu Hütte und pochte regentriefend +an die Thüren der Leute, aber niemand erbarmte sich und wollte ihm +öffnen, ja sie höhnten ihn noch aus dazu. Am Rand des Dorfes wohnten +zwei fromme Armen, Mann und Frau, da schlich das Zwerglein müd und matt +an seinem Stab einher, klopfte dreimal bescheidentlich ans Fensterchen, +der alte Hirt that ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste +das wenige dar, was sein Haus vermochte. Die alte Frau trug Brot auf, +Milch und Käs, ein Paar Tropfen Milch schlürfte das Zwerglein und aß +Brosamen von Brot und Käse. “Ich bins eben nicht gewohnt, sprach es, so +derbe Kost zu speisen, aber ich dank euch von Herzen und Gott lohns; +nun ich geruht habe, will ich meinen Fuß weiter setzen.” “Ei bewahre, +rief die Frau, in der Nacht in das Wetter hinaus, nehmt doch mit einem +Bettlein vorlieb.” Aber das Zwerglein schüttelte und lächelte: “droben +auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen und darf nicht länger +ausbleiben, morgen sollt ihr mein schon gedenken.” Damit nahms Abschied +und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte +sie mit Unwetter und Sturm, Blitze fuhren am rothen Himmel und Ströme +Wassers ergossen sich. Da riß oben am Joch der Fluh ein gewaltiger +Fels los und rollte zum Dorf herunter, mitsammt Bäumen, Steinen +und Erde. Menschen und Vieh, alles was Athem hatte im Dorf, wurden +begraben, schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden +Alten; zitternd und bebend traten sie vor ihre Thüre hinaus. Da sahen +sie mitten im Strom ein großes Felsenstück nahen, oben drauf hüpfte +lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen +Fichtenstamm und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte +ab, daß sie unverletzt stand und die Hausleute außer Gefahr. Aber das +Zwerglein schwoll immer größer und höher, ward zu einem ungeheuern +Riesen und zerfloß in Luft, während jene auf gebogenen Knien beteten +und Gott für ihre Errettung dankten. + + + + +46. + +Zeitelmoos. + +Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 90. + + +Auf dem Fichtelberg, zwischen Wunsiedel und Weißenstadt, liegt ein +großer Wald, Zeitelmoos genannt und daran ein großer Teich; in dieser +Gegend hausen viele Zwerge und Berggeister. Ein Mann ritt einmal bei +später Abendzeit durch den Wald und sah zwei Kinder bei einander +sitzen, ermahnte sie auch, nach Haus zu gehen und nicht länger zu +säumen. Aber diese fingen an überlaut zu lachen. Der Mann ritt fort und +eine Strecke weiter traf er dieselben Kinder wieder an, welche wieder +lachten. + + + + +47. + +Das Moosweibchen. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 691. 692. aus dem Munde einer alten Frau zu +Saalfeld. + +Ein Bauer aus der Gegend von Saalfeld mit Namen Hans Krepel hatte ums +Jahr 1635. Holz auf der Heide gehauen und zwar Nachmittags; da trat ein +klein Moosweibchen herzu und sagte zu ihm: “Vater, wenn ihr hernach +aufhöret und Feierabend macht, haut doch beim Umfällen des letzten +Baums ja drei Creuze in den Stamm, es wird euch gut seyn.” Nach diesen +Worten ging es weg. Der Bauer, ein grober und roher Kerl, dachte, +zu was hilft mir die Quackelei und was kehr ich mich an ein solch +Gespenste, unterließ also das Einhauen der drei Creuze und ging Abends +nach Haus. Den folgenden Tag um die nämliche Zeit kehrte er wieder +in den Wald, um weiter zu hauen; trat ihn wieder das Moosweibchen an +und sprach: “ach ihr Mann, was habt ihr gestern die drei Creuze nicht +eingehauen? es sollte euch und mir geholfen haben, denn uns jagt +der wilde Jäger Nachmittags und Nachts ohn Unterlaß und tödtet uns +jämmerlich, haben auch anders keinen Frieden vor ihm, wenn wir uns +nicht auf solche behauene Baumstämme setzen können, davon darf er uns +nicht bringen, sondern wir sind sicher.” Der Bauer sprach: “hoho, was +sollten dabei die Creuze helfen; dir zu Gefallen mach ich noch keine +dahin.” Hierauf aber fiel das Moosweibchen den Bauer an und drückte +ihn dergestalt, daß er, obgleich stark von Natur, krank und elend +wurde. Seit der Zeit folgte er der empfangenen Lehre besser, unterließ +das Creuzeinhauen niemals und es begegnete ihm nichts widerliches mehr. + + + + +48. + +Der wilde Jäger jagt die Moosleute. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 693. 694. aus mündlichen Sagen im +saalfeldischen. + +Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen +Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos, +auch sind sie um und um mit Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt, +daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen +Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der +Gegend zum öftern umzieht und man hört vielmal die Einwohner zu +einander sprechen: nun der wilde Jäger hat sich ja nächsten wieder +zujagt, daß es immer knisterte und knasterte! + +Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg +gegangen zu holzen, da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so, +daß er den Schall und das Hundegebell hörte. Flugs gab dem Bauer +sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie +Jäger thun, verrichtete daneben sein Tagewerk und ging dann heim. +Frühmorgens den andern Tag als er in seinen Pferdestall gehen wollte, +da war vor der Thür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt, +gleichsam als ein Theil oder Lohn der Jagd. Erschrocken lief der Bauer +nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der +rieth ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren, +sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es +ja hangen lassen. Dieß that er denn auch und das Wildbret kam eben so +unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer +ohne Anfechtung. + + + + +49. + +Der Wassermann. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 480-482. aus mündlicher Sage. + +Gegen das Jahr 1630. erzählte in der Pfarrei zu Breulieb, eine halbe +Meile von Saalfeld, in Gegenwart des Priesters eine alte Wehmutter +folgendes, was ihrer Mutter, ebenfals Kinderfrau daselbst, begegnet sey. + +Diese letzte wurde einer Nacht gerufen, schnell sich anzuziehen und +zu kreissenden Frauen mitzukommen. Es war finster, doch machte sie +sich auf und fand unten einen Mann warten, zu dem sagte sie: er möchte +nur verziehen, bis sie sich eine Leuchte genommen, dann wollte sie +nachfolgen; er aber drang auf Eile, den Weg würde er schon ohne Licht +zeigen und sie sollten nicht irren. Ja er verband ihr noch dazu die +Augen, daß die Frau erschrak und schreien wollte, allein der Mann +sprach ihr Trost ein: Leid werde ihr gar nicht widerfahren, sondern +sie könne furchtlos mitgehen. Also gingen sie miteinander; die Frau +merkte darauf, daß er mit einer Ruthe ins Wasser schlug, und sie immer +tiefer hinunter gingen, bis sie in eine Stube kamen. In der Stube war +niemand als die Schwangere. Der Gefährte that ihr nunmehr das Band von +den Augen, führte sie vors Bett und ging, nachdem er sie seiner Frauen +anbefohlen, selber hinaus. Hierauf half sie das Kindlein zur Welt +befördern, brachte die Kindbetterin zu Bett, badete das Kindlein und +verrichtete alle nothwendige Sachen dabei. Aus heimlicher Dankbarkeit +warnungsweise hob die Wöchnerin an zur Wehemutter zu sprechen: “ich +bin sowohl als ihr ein Christenmensch und entführt worden von einem +Wassermann, der mich ausgetauscht hat. Wenn ich nun ein Kind zur Welt +bringe, frißt er mirs allemal den dritten Tag; kommet nur am dritten +Tag zu eurem Teich, da werdet ihr Wasser in Blut verwandelt sehen. Wenn +mein Mann jetzt hereinkommt und euch Geld bietet, so nehmet ja nicht +mehr Geld von ihm, als ihr sonst zu kriegen pflegt, sonst dreht er +euch den Hals um, nehmt euch ja in Acht.” Indem kam der Mann, zornig +und bös aussehend, hinein, sah um sich und befand, daß alles hübsch +aufgelaufen, lobete darum die Wehemutter. Hernach warf er einen großen +Haufen Geld auf den Tisch, mit den Worten: “davon nehmt euch, so viel +ihr wollt.” Sie aber, gescheidt, antwortete etlichemal: “ich gehre +von euch nichts mehr, denn von andern, welches dann ein geringes Geld +gewesen, und gebt ihr mir das, hab ich gnug dran; oder ist euch auch +das zu viel, verlange ich gar nichts, außer daß ihr mich nach Haus +bringet.” Er hub an: “das hieß dich Gott sprechen.” Zahlte ihr so viel +Geld und geleitete sie richtig nach Haus. An den Teich zu gehen wagte +sich aber den bestimmten Tag die Wehefrau nicht, aus Furcht. + + + + +50. + +Die wilden Frauen im Unterberge. + +Brixener Volksbuch. + + +Die Grödicher Einwohner und Bauersleute zeigten an, daß zu diesen +Zeiten (um das Jahr 1753.) vielmals die wilden Frauen aus dem +Wunderberge zu den Knaben und Mägdlein, die zunächst dem Loche +innerhalb Glanegg das Waidvieh hüteten, herausgekommen und ihnen Brot +zu essen gegeben. + +Mehrmals kamen die wilden Frauen zu der Ährenschneidung. Sie kamen früh +Morgens herab und Abends, da die andern Leute Feier-Abend genommen, +gingen sie, ohne die Abend-Mahlzeit mitzuessen, wiederum in den +Wunderberg hinein. + +Einstens geschah auch nächst diesem Berge, daß ein kleiner Knab auf +einem Pferde saß, das sein Vater zum Umackern eingespannt hatte. Da +kamen auch die wilden Frauen aus dem Berge hervor und wollten diesen +Knaben mit Gewalt hinweg nehmen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse +und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen +ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab, mit den Worten: “was +erfrecht ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen +Buben wegzunehmen? was wollt ihr mit ihm machen?” Die wilden Frauen +antworteten: “er wird bei uns bessere Pflege haben und ihm besser bei +uns gehen, als zu Haus; der Knabe wäre uns sehr lieb, es wird ihm kein +Leid widerfahren.” Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den +Händen und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von dannen. + +Abermals kamen die wilden Frauen aus dem Wunderberge nächst der +Kugel-Mühle oder Kugelstadt genannt, so bei diesem Berge schön auf der +Anhöhe liegt und nahmen einen Knaben mit sich fort, der das Waidvieh +hütete. Diesen Knaben, den jedermann wohl kannte, sahen die Holzknechte +erst über ein Jahr in einem grünen Kleid auf einem Stock dieses Bergs +sitzen. Den folgenden Tag nahmen sie seine Eltern mit sich, Willens, +ihn am Berge aufzusuchen, aber sie gingen alle umsonst, der Knabe kam +nicht mehr zum Vorschein. + +Mehrmals hat es sich begeben, daß eine wilde Frau aus dem Wunderberg +gegen das Dorf Anif ging, welches eine gute halbe Stunde vom +Berg entlegen ist. Alldort machte sie sich in die Erde Löcher und +Lagerstätte. Sie hatte ein ungemein langes und schönes Haar, das ihr +beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte. Ein Bauersmann aus dem +Dorfe sah diese Frau öfter ab- und zugehen und verliebte sich in +sie, hauptsächlich wegen der Schönheit ihrer Haare. Er konnte sich +nicht erwehren zu ihr zu gehen, betrachtete sie mit Wohlgefallen +und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr in ihre +Lagerstätte. Es sagte eins zum andern nichts, viel weniger, daß sie +etwas ungebührliches getrieben. In der zweiten Nacht aber fragte die +wilde Frau den Bauern, ob er nicht selbst eine Frau hätte? Der Bauer +aber verläugnete seine Ehefrau und sprach nein. Diese aber machte sich +viel Gedanken, wo ihr Mann Abends hingehe und Nachts schlafen möge. +Sie spähete ihm daher nach und traf ihn auf dem Feld schlafend bei +der wilden Frau. “O behüte Gott, sprach sie zur wilden Frau, deine +schönen Haare! was thut ihr da miteinander?” Mit diesen Worten wich das +Bauersweib von ihnen und der Bauer erschrak sehr hierüber. Aber die +wilde Frau hielt dem Bauern seine treulose Verläugnung vor und sprach +zu ihm: “hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen +gegeben, so würdest du jetzt unglücklich seyn und nicht mehr von dieser +Stelle kommen; aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan +und hause mit ihr getreu und untersteh dich nicht mehr daher zu kommen, +denn es steht geschrieben: ‘ein jeder lebe getreu mit seinem getrauten +Weibe’, obgleich die Kraft dieses Gebots einst in große Abnahme kommen +wird und damit aller zeitlicher Wohlstand der Eheleute. Nimm diesen +Schuh voll Geld von mir, geh hin und sieh dich nicht mehr um.” + + + + +51. + +Tanz mit dem Wassermann. + ++Valvassor+ Ehre von Crain. B. 11. u. B. 15. Cap. 19. + + +Zu Laibach hat in dem gleich-benannten Fluß ein Wasser-Geist gewohnt, +den man den Nix oder Wassermann hieß. Er hat sich sowohl bei Nacht den +Fischern und Schiffleuten als bei Tag andern gezeigt, daß jedermann +zu erzählen wußte, wie er aus dem Wasser hervorgestiegen sey und in +menschlicher Gestalt sich habe sehen lassen. Im Jahr 1547. am ersten +Sonntag im Julius kam nach alter Sitte zu Laibach auf dem alten Markt +bei dem Brunnen, der durch eine dabeistehende schöne Linde lustig +beschattet war, die ganze Nachbarschaft zusammen. Sie verzehrten in +freundlicher und nachbarlicher Vertraulichkeit bei klingendem Spiel +ihr Mahl und huben darauf mit dem Tanze an. Nach einer Weil trat ein +schöngestalter, wohlgekleideter Jüngling herzu, gleich als wollte er +an dem Reigen Theil nehmen. Er grüßte die ganze Versammlung höflich +und bot jedem Anwesenden freundlich die Hand, welche aber ganz weich +und eiskalt war und bei der Berührung jedem ein seltsames Grauen +erregte. Hernach zog er ein wohlaufgeschmücktes und schöngebildetes, +aber frisches und freches Mägdlein, von leichtfertigem Wandel, das +Ursula Schäferin hieß, zum Tanze auf, die sich in seine Weise auch +meisterlich zu fügen und in alle lustige Possen zu schicken wußte. +Nachdem sie eine Zeit lang miteinander wild getanzt, schweiften sie von +dem Platz, der den Reigen zu umschränken pflegte, immer weiter aus, von +jenem Lindenbaum nach dem Sitticher Hofe zu, daran vorbei, bis zu der +Laibach, wo er in Gegenwart vieler Schiffleute mit ihr hineinsprang und +beide vor ihren Augen verschwanden. + +Der Lindenbaum stand bis ins Jahr 1638. wo er Alters halben umgehauen +werden mußte. + + + + +52. + +Der Wassermann und der Bauer. + +Mündlich, aus Deutschböhmen. + + +Der Wassermann schaut wie ein andrer Mensch, nur daß, wenn er den Mund +bleckt, man ihm seine grüne Zähne sieht. Auch trägt er grünen Hut. Er +zeigt sich den Mädchen, wenn sie am Teich vorübergehen, mißt Band aus +und wirfts ihnen zu. + +Einmal lebte er in guter Nachbarschaft mit einem Bauer, der unweit des +Sees wohnte, besuchte ihn manchmal und bat endlich, daß der Bauer ihn +ebenfalls unten in seinem Gehäus besuchen möchte. Der Bauer thats und +ging mit. Da war unten im Wasser alles wie in einem prächtigen Palast +auf Erden, Zimmer, Säle und Kammern voll mancherlei Reichthum und +Zierrath. Der Wassermann führte den Gast aller Enden umher und wies +ihm jedes, endlich gelangten sie in ein kleines Stübchen, wo viel neue +Töpfe umgekehrt, die Öffnung bodenwärts, standen. Der Bauer fragte: +was das doch wäre? “Das sind die Seelen der Ertrunkenen, die hebe ich +unter den Töpfen auf und halte sie damit fest, daß sie nicht entwischen +können.” Der Bauer schwieg still und kam hernach wieder heraus ans +Land. Das Ding mit den Seelen wurmte ihm aber lange Zeit und er paßte +dem Wassermann auf, daß er einmal ausgegangen seyn würde. Als das +geschah, hatte der Bauer den rechten Weg hinunter sich wohl gemerkt, +stieg in das Wasserhaus und fand auch jenes Stübchen glücklich wieder; +da war er her, stülpte alle Töpfe um, einen nach dem andern, alsbald +stiegen die Seelen der ertrunkenen Menschen hinauf in die Höhe aus dem +Wasser und wurden wieder erlöst. + + + + +53. + +Der Wassermann an der Fleischerbank. + +Mündlich, aus Deutschböhmen. + + +Der Wassermann kam auch wöchentlich in die Stadt zur Fleischerbank, +sich da einzukaufen, und wie wohl seine Kleidung etwas anders war, +als der übrigen Menschen, ließ ihn doch jeder gewähren und dachte +sich weiter nichts besonders dabei. Allein er bezahlte immer nur mit +alten durchlöcherten Groschen. Daran merkte ihn zuletzt ein Fleischer +und sprach: “wart, den will ich zeichnen, daß er nicht wieder kommt.” +Jetzt, wie der Wassermann wiederkam und Fleisch kaufen wollte, ersahs +der Metzger und ritzte ihn flugs mit dem Messer in den ausgestreckten +Finger, worin er das Geld hinreichte, so daß sein Blut floß. Seit der +Zeit ist der Wassermann ganz weggeblieben. + + + + +54. + +Der Schwimmer. + ++Bräuner’s+ Curiosit. S. 37. + + +In Meissen hat es sich zugetragen, daß etliche Beckers-Knechte am +Pfingst-Fest unter der Predigt hinaus gegangen sind und oberhalb +der Ziegel-Scheune, gleich dem Baumgarten gegenüber, in der Elbe +gebadet. Einer unter ihnen, der sich auf seine Fertigkeit im Schwimmen +verlassen, hat zu seinen Gesellen gesagt, wofern sie ihm einen Thaler +aufsetzten, wollte er dreimal nach einander, unausgeruht, dies Wasser +hin und her beschwimmen. Den zwei andern kam das unglaublich vor, und +sie willigten ein. Nachdem der verwegene Mensch es zweimal vollbracht +und nun zum drittenmal nach dem Sieben-Eichen-Schloß zu hinüber +schwimmen wollte, da sprang ein großer Fisch, wie ein Lachs, vor ihm +in die Höhe und schlug ihn mit sich ins Wasser hinab, also daß er +ertrinken mußte. Man hat ihn noch selbiges Tages gesucht und oberhalb +der Brücke gefunden: am ganzen Leibe waren gezwickte Mäler, von Blut +unterlaufen, zu sehen und man konnte gar leicht die Narben erkennen, +die ihm der +Nix+ oder Wassergeist gemacht. + + + + +55. + +Bruder Nickel. + +~+Cluver+ germ. antiq. lib. 3. c. 27.~ + ++Prätor+. Weltbeschr. I. 487. 488. + +vgl. +Micrälius+ B. 1. S. 16. +Zöllner’s+ Reise 259. + + +Auf der Insel Rügen liegt in einem dichten Walde ein tiefer See, +fischreich, aber trüb von Wasser, und kann man nicht wohl darauf +fischen. Doch aber unterstandens vor langen Jahren etliche Fischer und +hatten ihren Kahn schon auf den See gebracht. Den andern Tag hohlten +sie zu Haus ihre Netze, als sie wiederkehrten, war das Schiffel oder +der Kahn verschwunden; da schaute der eine Fischer um und sah das +Fahrzeug oben auf einem hohen Buchbaum stehen, deswegen schrie er: “wer +Teufel hat mir den Kahn auf den Baum gebracht?” Da antwortete aus der +Nähe eine Stimme, aber man sah niemand, und sprach: “das haben nicht +alle Teufel, sondern ich mit meinem Bruder Nickel gethan!” + + + + +56. + +Nixen-Brunnen. + ++Kornmann+ ~mons Veneris~ Cap. 43. ~p.~ 215. + +~+Vormius+ mons danica lib. I.~ p. 17. 18. + +~+Hornung+ cista medica p. 191.~ + + +Nicht weit von Kirchhain in Hessen liegt ein sehr tiefer See, welcher +der +Nixen-Bronn+ heißt, und oftmals erscheinen die Nixen, an dessen +Gestad sich zu ersonnen. Die Mühle daran heißt gleichfalls die +Nixen-Mühle. Auch zu Marburg soll 1615. in der Lahn bei der Elisabether +Mühle ein Wassernix gesehen worden seyn. + + + + +57. + +Magdeburger Nixen. + ++Prätor.+ Weltbeschr. I. 497. 498. + + +Zu Magdeburg an einer Stelle der Elbe ließ sich oft die Nixe sehen, +zog die überschwimmenden Leute hinab und ersäufte sie. Kurz vor der +Zerstörung der Stadt durch Tilly schwomm ein hurtiger Schwimmer um +ein Stück Geld hinüber, als er aber herüber wollte und an den Ort +gerieth, wurde er festgehalten und hinuntergerissen. Niemand konnte ihn +retten und zuletzt schwomm sein Leichnam ans Ufer. Zuweilen soll sich +das Meerwunder am hellen Tag und bei scheinender Sonne zeigen, sich +ans Ufer setzen, oder auf die Äste anstehender Bäume und wie schöne +Jungfrauen lange, goldgelbe Haare kämmen. Wenn aber Leute nahen, hüpft +es ins Wasser. Einmal, weil das Brunnenwasser hart zu kochen ist, das +Elbwasser aber weit und mühseelig in die Stadt getragen werden muß, +wollte die Bürgerschaft eine Wasserleitung bauen lassen. Man fing an, +große Pfähle in den Fluß zu schlagen, konnte aber bald nicht weit +vorrücken. Denn man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der +mit Macht alle eingesetzte Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den +vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte. + + + + +58. + +Der Dönges-See. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Bei dem Dorfe Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder +Haut-See+, +der an einem gewissen Tage im Jahr ganz blutroth wird. Davon gibt +es folgende Sage. Einmal war im Dorfe Dönges Kirmes und dazu kamen +auch zwei fremde, unbekannte, aber schöne Jungfrauen, die mit den +Bauersburschen tanzten und sich lustig machten, aber Nachts zwölf Uhr +verschwunden waren, während doch Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Indeß +waren sie am andern Tag wieder da und ein Bursche, dem es lieb gewesen, +wenn sie immer geblieben wären, nahm einer von ihnen während des +Tanzes die Handschuhe weg. Sie tanzten nun wieder mit, bis Mitternacht +herannahete, da wollten sie fort und die eine ging und suchte nach +ihren Handschuhen in allen Ecken. Da sie solche nirgends finden konnte, +ward sie ängstlich, als es aber während des Suchens zwölf Uhr schlug, +so liefen sie beide in größter Angst fort, gerade nach dem See und +stürzten sich hinein. Am andern Tag war der See blutroth und wird es an +selbigem noch jedesmal im Jahr. An den zurückgebliebenen Handschuhen +waren oben kleine Kronen zu sehen. + +Es wird auch erzählt, daß in einer Nacht zwei Reiter vor das Haus +einer Kinderfrau kamen, sie weckten und sie mitgehen hießen. Als sie +sich weigerte, brauchten sie Gewalt, banden sie aufs Pferd und jagten +mit ihr fort zum Dönges-See, wo sie ihrer Königin in Kindes-Nöthen +Beistand leisten sollte. Sie sah viel wundersame Dinge, große Schätze +und Reichthümer, mußte aber schwören, keinem Menschen je etwas davon +zu sagen. Nachdem sie einen ganzen Tag unten geblieben war, ward sie, +reichlich beschenkt, in der Nacht wieder heraufgebracht. Nach vielen +Jahren erkrankte sie und konnte nicht sterben, bis sie dem Pfarrer +alles entdeckt hatte. + + + + +59. + +Mummel-See. + ++Simplicissimus+ B. 5. Cap. 10. + + +Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See, auf einem hohen +Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad, Erbsen, Steinlein, oder was +anders, in ein Tuch bindet und hinein hängt, so verändert es sich in +gerad, und also, wenn man gerad hinein hängt, in ungerad. So man einen +oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel und ein +Ungewitter entsteht, mit Schloßen und Sturmwinden. + +Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein +brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend, +alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch +da er nicht gehorchen wollen, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen. + +Ein Bauer ist zur Winterszeit über den hartgefrorenen See mit +seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein +nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm +gebrochen. + +Ein Schütz hat im Vorübergehn ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den +Schoos voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen, +so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen: wenn er es gebeten, so +hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in +Armuth verbleiben müßten. + +Eines Males ist ein Männlein auf späten Abend zu einem Bauern auf +dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in +Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an, +allein es bat sich aus, in der Hanfräpen zu schlafen. “Meinethalben, +hat der Bauer geantwortet, wenn dir damit gedienet ist, magst du wohl +gar im Weiher oder Brunnentrog schlafen.” Auf diese Verwilligung hat +es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob +es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen, +ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den +wundersamen Gast bezeiget, hat es erwiedert: ja, es könne wohl seyn, +daß seines gleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet. +Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen, +daß es solchem vertraut, es sey ein Wassermännlein, welches sein +Gemahel verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte, +ihm den Weg zu zeigen. Unterweges erzählte es noch viel wunderliche +Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden, +wie es auch in solchen Seen beschaffen sey. Als sie zum Mummelsee +gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen +gebeten, so lange, bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein +Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein Paar Stunden bei dem +See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, sammt +ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen +und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl +abnehmen können, daß solches das verheißene Wahrzeichen gewesen. + +Ein Herzog zu Wirtemberg ließ ein Floß bauen, und damit auf den See +fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun +Zwirnnetz hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden +hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also +daß sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht seyn +mußten. Vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen. + + + + +60. + +Die Elbjungfer und das Saalweiblein. + +Mündlich aus Magdeburg. + +desgl. +Prätorius+ Weltbeschr. I. 482. 483. aus Saalfeld und Halle. + ++Bräuner+’s Curiositäten, aus Leipzig. S. 33. 34. + + +Zu Magdeburg weiß man von der schönen +Elbjungfer+, die zuweilen aus +dem Fluß heraufkam, um an dem Fleischermarkt einzukaufen. Sie trug sich +bürgerlich, aber sehr reinlich und sauber, hatte einen Korb in der Hand +und war von sittsamer Geberde. Man konnte sie in nichts von andern +Mädchen unterscheiden, außer wer genau acht gab und es wußte, der +eine Zipfel ihrer schloßen-weißen Schürze war immer naß, zum Zeichen +ihrer Abkunft aus dem Fluß. Ein junger Fleischergesell verliebte sich +in sie und ging ihr nach, bis er wußte, woher sie kam und wohin sie +zurückkehrte, endlich stieg er mit ins Wasser hinab. Einem Fischer, +der den Geliebten beistand und oben am Ufer wartete, hatte sie gesagt, +wenn ein hölzerner Teller mit einem Apfel aus dem Strom hervorkomme, +seys gut, sonst aber nicht. Bald aber schoß ein rother Strahl herauf, +zum Beweis, daß den Verwandten der Elbjungfer der Bräutigam mißfallen +und sie ihn getödtet. Es gibt aber hiervon auch abweichende andere +Erzählungen, nach welchen die Braut hinabgestiegen und der Jüngling am +Ufer sitzen geblieben war, um ihren Bescheid abzuwarten. Sie wollte +unten bei ihren Eltern um die Erlaubniß zur Heirath bitten, oder die +Sache erst ihren Brüdern sagen; statt aller Antwort erschien oben ein +Blutflecken; sie hatten sie selbst ermordet. -- + +Aus der +Saale+ kamen auch zuweilen die Nixfrauen in die Stadt Saalfeld +und kauften Fleisch auf der Bank. Man unterschied sie allein an den +großen und gräßlichen Augen und an dem triefenden Schweif ihrer Röcke +unten. Sie sollen vertauschte Menschenkinder seyn, statt deren die +Nixen ihre Wechselbälge oben gelassen haben. Zu +Halle+ vor dem Thore +liegt gleichfalls ein rund Wasser, der Nixteich genannt, aus dem die +Weiber kommen in die Stadt, ihre Nothdurft zu kaufen, und ebenmäßig an +ihren nassen Kleidersäumen zu erkennen sind. Sonst haben sie Kleider, +Sprache, Geld, wie wir andern auch. + +Unweit +Leipzig+ ist ein Nixweiblein oft auf der Straße gesehen worden. +Es ist unter andern Bauersweibern auf den Wochenmarkt mit einem +Tragkorbe gegangen, Lebensmittel einzukaufen. Eben so ging es auch +wieder zurück, redete aber mit niemanden ein einziges Wort; grüßte +und dankte auch keinem auf der Straße, aber, wo es etwas einkaufte, +wußte es so genau, wie andere Weiber, zu dingen und zu handeln. Einmal +gingen ihr zweie auf dem Fuß nach und sahen wie sie an einem kleinen +Wasser ihren Tragkorb niedersetzte, der im Augenblick mit dem Weiblein +verschwunden war. In der Kleidung war zwischen ihr und andern kein +Unterschied, außer daß ihre Unterkleider zwei Hände breit naß waren. + + + + +61. + +Wasser-Recht. + ++Bräuner+’s Curiositäten S. 31. + +~+Schönfeld+ de spectris. Marburgi. 1685. p. 19.~ + +Mündlich. + + +Bei Leipzig, wo die Elster in die Pleisse fällt, pflegt im Sommer das +junge Volk zu baden, aber das Wasser hat da einen betrüglichen Lauf, +zuweilen Untiefen, zuweilen Sandbänke, besonders an einem Ort, welcher +das Studentenbad genannt wird. Davon, wie von andern Flüssen, ist +gemeine Sage, daß es alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie auch +fast jeden Sommer ein Mensch darin ertrinkt und wird davon geglaubt, +daß die Wasser-Nixe einen hinunter ziehe. + +Man erzählt, daß die Nixen vorher auf dem Wasser zu tanzen pflegen, +wann einer ertrinken wird. + +Kindern, die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in +Hessen warnend zu: “der Nöcken (Nix) mögte dich hineinziehen!” +Folgenden Kinderreim hat man: + + Nix in der Grube, + du bist ein böser Bube, + wasch dir deine Beinchen + mit rothen Ziegelsteinchen! + + + + +62. + +Das ertrunkene Kind. + +Wilh. Meister. III. 501. + +Nationalzeitung der Deutschen. 1796. S. 74. + + +Man pflegt vielerlei von den Wassern zu erzählen und daß der See oder +der Fluß alle Jahre ein unschuldiges Kind haben müsse; aber er leide +keinen todten Leichnam und werfe ihn früh oder spät ans Ufer aus, ja +sogar das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sey, müsse +wieder hervor. Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken, +sie rief Gott und seine Heiligen an, ihr nur wenigstens die Gebeine +zum Begräbniß zu gönnen. Der nächste Sturm brachte den Schädel, der +folgende den Rumpf ans Ufer, und nachdem alles beisammen war, faßte die +Mutter sämmtliche Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber, +o Wunder! als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel immer schwerer, +und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars legte, fing das Kind +zu schreien an und machte sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche +los. Nur fehlte ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten +Hand, welches aber die Mutter nachher noch sorgfältig aufsuchte und +fand. Dies Knöchelchen wurde in der Kirche unter andern Reliquien zum +Gedächtniß aufgehoben. -- Die Schiffer und Fischerleute bei Cüstrin +in der Neumark reden ebenfalls von einem den Oderstrom beherrschenden +unbekannten Wesen, das jährlich sein bestimmtes Opfer haben müsse. +Wem nun dies Schicksal zugedacht sey, für den werde der Wassertod +unvermeidlich. Die Halloren zu Halle fürchten besonders den Johannestag. + + + + +63. + +Schlitz-öhrchen. + ++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. 1803. Th. 3. S. 12. + + +Leute, die unter Mellrichstadt über das Flüßchen Streu gehen, werden +durch einen Wassergeist, +Schlitz-öhrchen+ genannt, in den Fluß +getaucht und oftmals ersäuft. + + + + +64. + +Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe. + ++Prätorius+ im Glückstopf. S. 505. 506. aus mündlicher Sage. + + +Zwei Mühlknappen gehen an einem Fluß; als der eine ungefähr übers +Wasser sieht, erblickt er eine Nixe darauf sitzend und ihre Haare +kämmend. Er faßt seine Büchse und legt an, sie zu schießen, aber die +Nixe springt in den Fluß, winkt mit den Fingern und verschwindet +darauf. Das alles war so geschwind und unvermerkt vorgegangen, daß der +andere Knappe, der voran gewandert, nichts davon gesehen und erfahren, +bis es ihm sein Gefährte bald erzählte. Drauf hat es sich begeben, daß +dieser Gefährte am dritten Tage ertrank, wie er sich hat baden wollen. + + + + +65. + +Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 106-108. 531-535. + +Aehnlich in +Bräuner’s+ Curiositäten. 34-36. + + +Eine hallische Wehmutter erzählte, daß folgendes ihrer Lehrmeisterin +begegnet: diese wurde Nachts zum Thor, welches offen stand, von einem +Manne hinaus an die Saale geführt. Unterwegs bedräute sie der Mann, +kein Wort zu sagen und ja nicht zu mucksen, sonst drehte er ihr bald +den Hals um, übrigens sollte sie nur getrost seyn. Sie gedachte an +Gott, der würde sie behüten und ergab sich drein, denn sie ginge in +ihrem Beruf. An der Saale nun that sich das Wasser auf und weiter +hinunter auch das Erdreich, sie stiegen allmälig hinab, da war ein +schöner Pallast, worin ein niedliches Weiblein lag. Der half die +Wehmutter in Kindsnöthen, unterdessen ging der Mann wieder hinaus. Nach +glücklicher Verrichtung ihres Amts, redete mitleidend das Weibchen: +“ach liebe Frau, nun jammert mich, daß ihr hier bleiben müßt, bis an +den jüngsten Tag, nehmt euch wohl in Acht; mein Mann wird euch jetzt +eine ganze Mulde voll Ducaten vorsetzen, nehmt nicht mehr, als euch +auch andre Leute zu geben pflegen für eure Mühwaltung. Weiter, wenn ihr +zur Stube hinauskommt und unterwegs seyd, greifet flugs an die Erde, +da werdet ihr +Dosten+[2] und +Dorant+[3] erfassen, solches haltet +fest und lassets aus der Hand nicht fahren. Dann werdet ihr wieder +auf freien Fuß kommen und zu eurer Stelle gerathen.” Kaum hatte sie +ausgeredet, als der Nix, gelbkraus von Haar und bläulich von Augen, +in die Stube trat; er hatte eine große Mulde voll Gold und setzte sie +in dem schönen hellen Zimmer der Wehfrau vor, sprechend: “sieh da, +nimm so viel du willt.” Darauf nahm sie einen Goldgülden. Der Nix +verzog sein Gesicht und machte grausame Augen, und sprach: “das hast +du nicht von dir selber, sondern mit eines Weibes Kalbe gepflügt, die +soll schon dafür leiden! und nun komm und geh mit mir.” Drauf war sie +aufgestanden und er führte sie hinaus; da bückte sie sich flugs und +griff in ihre Hand +Dosten und Dorant+. Der Führer sagte dazu: “das +heißt dich Gott sprechen und das hast du auch von meinem Weibe gelernt. +Nun geh nur hin, wo du herkommen bist.” Hierauf war sie aus dem Fluß +ans Ufer gewesen, ging zur Stadt ein, deren Thore noch offen standen, +und erreichte glücklich ihr Haus. + +Eine andere Hebamme, bürtig aus Eschätz bei Querfurt, erzählte +nachstehendes: in ihrer Heimath war der Ehmann ausgegangen und hatte +seine Frau als Kindbetterin zu Haus lassen müssen. Um Mitternacht +kam der Nix vors Haus, nahm die Sprache ihres Mannes an und rief zum +Gartenfenster hinein: sie solle schnell herauskommen, er habe ihr +etwas sonderlichs zu weisen. Dies schien der Frau wunderlich und sie +antwortete: “komm du doch herein, aufzustehen mitten in der Nacht +schickt sich für mich nicht. Du weißt ja wo der Schlüssel liegt, +draußen im Loch über der Hausthür.” “Das weiß ich wohl, du mußt aber +herausgehen” und plagte sie so lang mit Worten, daß sie sich zuletzt +aufmachte und in den Garten trat. Das Gespenst ging aber vor ihr her +und immer tiefer hinab; sie folgte nach, bis zu einem Wasser unweit des +Hauses fließend, mittlerweile sprach der Nix: + + heb auf dein Gewand + daß du nicht fallst in +Dosten und Dorant+ + +welche Kräuter eben viel im Garten wuchsen. Indem aber erblickte sie +das Wasser und fiel mit Fleiß ins Kräutich hinein, augenblicklich +verschwand der Nix und konnte ihr nichts mehr an- noch ab-gehaben. +Nach Mitternacht kehrte der Ehmann heim, fand Thür und Stube offen, +die Kindermutter nicht im Bett, hub an erbärmlich zu rufen, bis er +leise ihre Stimme im Garten vernahm und er sie aus dem Kraut wieder +ins Zimmer brachte. Die Wehemütter halten deshalb gar viel auf diese +Kräuter und legen sie allenthalben in Betten, Wiegen, Keller, tragen +es an sich und lassen andere es bei sich stecken. Die leipziger +Krautweiber führen es häufig feil zu Markte. + +Einmal soll auch ein Weib um Mittag in den Keller gegangen seyn, Bier +abzulassen. Da fing ein Gespenst drinnen an und sprach: + + hättestu bei dir nicht Dosten + wollt ich dir das Bier helfen kosten. + +und man hört diesen Reim noch in andern Geschichten wiederkehren. + + + [2] ~Origanum vulg.~ Wohlgemuth. + + [3] ~Marrubium vulg.~ Helfkraut, Gotteshülf. + + + + +66. + +Des Nixes Beine. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 533. + + +Eine Wehmutter bürtig von Eschätz, eine halbe Meile von Querfurt, +erzählte: zu Mitternacht sey in Merseburg ein Weib vor ein Balbiershaus +gekommen, der nahe am Wasser gewohnet und haben dem Fenster +hineingeschrien: die Wehemutter solle doch herausgehen, welches sie +anfänglich nicht thun wollen. Endlich sey der Balbier mitgegangen, +habe ein Licht bei sich gehabt und flugs nach des befürchteten Nixes +Beinen gesehen. Darauf es sich niedergeduckt. Wie solches der Balbier +gemerkt, da hat er es greulich ausgescholten und gehen heißen, darauf +es verschwunden. + + + + +67. + +Die Magd bei dem Nix. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 498. 499. + + +Folgendes hat sich auf einem Dorf bei Leipzig zugetragen: eine +Dienstmagd kam unter das Wasser und diente drei Jahre lang bei dem Nix. +Sie hatte es an einem guten Leben und allen Willen, ausgenommen, daß +all ihr Essen ungesalzen war. Dies nahm sie auch zur Ursache, wieder +wegzuziehen. Allein sie sagte noch weiter: “nach dieser Zeit habe ich +nicht über sieben Jahre zu leben, davon bleiben mir jetzo noch dreie.” +Sonst war sie immer traurig und simpel. Prätorius hörte die Geschichte +im Jahr 1664. + + + + +68. + +Die Frau von Alvensleben. + ++Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 525. + ++Hammelmann+ oldenb. Chronik. + +Der vielförmige Hinzelmann. S. 313-316. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. S. 95. 101-104. u. Glückstopf S. 488. aus +mündlichen Sagen und aus: + ++Cyriak ~Edinus~+ poematischen Büchern, die er vom Geschlecht der +Alvensleben 1581. in 4to. herausgegeben. + + +Vor etlichen hundert Jahren lebte zu Calbe in dem Werder aus dem +alvenslebischen Geschlecht eine betagte, gottesfürchtige, den Leuten +gnädige und zu dienen bereitsame Edelfrau; sie stand vornämlich den +Bürgersweibern bei in schweren Kindsnöthen und wurde in solchen Fällen +von jedermänniglich begehrt und hochgeehret. Nun ereignete sich aber +folgendes: zu nächtlichen Zeiten kam eine Magd vor das Schloß, klopfte +an und rief ängstlich: sie möge ihr doch nicht zuwider seyn lassen, wo +möglich alsobald aufzustehen und mit hinaus vor die Stadt zu folgen, +wo eine schwangere Frau in Kindesnoth liege, weil die äußerste Stunde +und Gefahr da sey und ihre Frau ihrem Leibe gar keinen Rath wisse. Die +Adelfrau sprach: “es ist gleich mitten in der Nacht, alle Stadtthore +sind gesperrt, wie wollen wir hinauskommen?” Die Magd antwortete: das +Thor sey schon im voraus geöffnet, sie solle nur fortmachen, (doch sich +hüten, wie einige hinzusetzen, an dem Ort, wo sie hingeführt werden +würde, nichts zu essen noch zu trinken, auch das ihr angebotene nicht +anzurühren). Darauf stand die adliche Frau aus dem Bett, zog sich an, +kam herunter und ging mit der Magd fort, welche angeklopft hatte; +das Thor fand sie aufgethan und wie sie weiter ins Feld kamen, war +da ein schöner Gang, der mitten in einen Berg führte. Der Berg stand +aufgesperrt und ob sie wohl sah, das Ding wäre unklar, beschloß sie +doch unerschrocken weiter zu gehen, bis sie endlich vor +ein kleines +Weiblein+ gelangte, das auf dem Bette lag in großen Geburtswehen. Die +adliche Frau aber reichte ihr Hülfe (nach einigen brauchte sie nur die +Hand ihr auf den Leib zu legen) und glücklich wurde ein Kindlein zum +Tageslicht geboren. Nach geförderter Sache sehnte sie sich wieder aus +dem Berg heimzugehen, nahm von der Kindbetterin Abschied (ohne etwas +von den Speisen und Getränken, die ihr geboten waren, berührt zu haben) +und die vorige Magd gesellte sich ihr aufs neue zu und brachte sie +unverletzt nach dem Schlosse zurück. Vor dem Thorweg aber stand die +Magd still, bedankte sich höchlich in ihrer Frauen Namen und zog einen +güldenen +Ring+ vom Finger herab, den verehrte sie der adlichen Frau +mit den Worten: “nehmet dies theure Pfand wohl in acht und lasset es +nicht von euch noch von euerm Geschlecht kommen; die von Alvensleben +werden blühen, so lange sie diesen Ring besitzen, kommt er ihnen +dermaleins ab, so muß der ganze Stamm erlöschen.” Hiermit verschwand +die Magd. + +Dieser Ring soll noch heutigestages richtig und eigentlich bei dem +Hause verwahrt werden und zu guter Sicherheit in Lübek hinterlegt seyn. +Andere aber behaupten, er sey bei der Theilung in zwei Linien mit Fleiß +entzwei getheilt Worden. Noch andere: die eine Hälfte sey zerschmolzen, +seitdem gehe es dem einen Stamm übel, die andere Hälfte liege bei +dem andern Stamme zu Zichtow. Auch wird erzählt: die hülfreiche Frau +war ein Ehweib, als sie drauf den folgenden Morgen ihrem Ehherrn die +Geschichte erzählt, die ihr Nachts begegnet, habe er ihrs nicht wollen +glauben, bis sie gesprochen: “ei wollt ihr mir nicht glauben, so holt +nur die Schlüssel zu jener Stube vom Tische her, darinnen wird der Ring +noch liegen.” Es befand sich so ganz richtig. Es ist ein wunderliches +um die Geschenke, die Menschen von den Geistern empfangen haben. + + + + +69. + +Die Frau von Hahn und der Nix. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 100. 101. + + +Eine vornehme Frau von Adel aus dem Geschlechte der von Hahn wurde +einstmal durch einer Wassernixe Zofe abgerufen und genöthigt, mit +unter den Fluß zur Wehmutter zu gehen. Das Wasser theilte sich von +einander und sie geriethen auf einem lustigen Weg tief ins Erdreich +hinein, wo sie einem kleinen Weiblein in Kindesschmerzen hülfreiche +Hand leistete. Nachdem alles glücklich verrichtet und die Frau von Hahn +wegfertig war, willens nach Haus zu eilen, kam ein kleiner Wassermann +herein, langte ihr ein Geschirr voll Asche und sagte: sie solle für +ihre Mühe herausnehmen, so viel ihr beliebe. Sie aber weigerte sich und +nahm nichts; da sprach der Nix: “das heißt dich Gott sprechen, sonst +hätte ich dich wollen umbringen.” Darauf ging sie fort und wurde von +der vorigen Zofe rücklings nach Haus gebracht. Wie sie beide da waren, +zog die Magd +drei Stücke Goldes+ hervor, verehrte sie der adlichen +Frau und ermahnte: diesen Schatz wohl zu verwahren und nicht abhändig +kommen zu lassen, sonst werde ihr Haus ganz durch Armuth verderben, im +andern Fall aber Hülle und Fülle in allen Sachen haben. Drauf ging die +Zofe weg und die drei Stücke wurden unter die drei Söhne ausgetheilt; +noch heute blühen zwei Stämme des Hauses, die ihren Schatz sorgsam +aufheben; das dritte Stück hingegen soll neulich von einer Frau +verwahrlost worden seyn, drüber sie armselig in Prag verstarb und ihre +Linie eine Endschaft genommen hat. + + + + +70. + +Das Streichmaß, der Ring und Becher. + +~Memoires du marechal de Bassompierre († 1646.) Cologne 1666. +Vol. I. p. 4-6.~ + + +Im Herzogthum Lothringen, als es noch lange zu Deutschland gehörte, +herrschte zwischen Nanzig und Luenstadt (~Luneville~) der letzte +Graf von Orgewiler. Er hatte keine Schwertmagen mehr und vertheilte auf +dem Todbette seine Länder unter seine drei Töchter und Schwiegersöhne. +Die älteste Tochter hatte Simons von Bestein, die mittlere Herr von +Crouy und die jüngste ein deutscher Rheingraf geheurathet. Außer den +Herrschaften theilte er noch seinen Erben drei Geschenke aus, der +ältesten Tochter einen Streichlöffel (Streichmaas), der mittleren einen +Trinkbecher und der dritten einen Kleinodring, mit der Vermahnung, daß +sie und ihre Nachkömmlinge diese Stücke sorgfältig aufheben sollten, so +würden ihre Häuser beständig glücklich seyn. + +Die Sage, wie der Graf diese Stücke bekommen, erzählt der Marschall +von Bassompierre (Bassenstein), Urenkel des Simons, selbst: der Graf +war vermählt, hatte aber noch eine geheime Liebschaft mit einer +wunderbaren schönen Frau, die wöchentlich alle Mondtage in ein +Sommerhaus des Gartens zu ihm kam. Lange blieb dieser Handel seiner +Gemahlin verborgen, wann er sich entfernte, bildete er ihr ein, daß +er des Nachts im Wald auf den Anstand ginge. Aber nach ein Paar +Jahren schöpfte die Gräfin Verdacht und trachtete die rechte Wahrheit +zu erfahren. Eines Sommermorgens frühe schlich sie ihm nach und kam +in die Sommerlaube. Da sah sie ihren Gemahl schlafen in Armen eines +wunderschönen Frauenbilds, weil sie aber beide so sanfte schliefen, +wollte sie sie nicht wecken, sondern nahm ihren Schleier vom Haupt +und breitete ihn über der Schlafenden Füße. Als die schöne Buhlerin +erwachte und des Schleiers innen ward, that sie einen hellen Schrei, +hub an jämmerlich zu klagen und sagte: “hinführo, mein Liebster, sehen +wir uns nimmermehr wieder, nun muß ich hundert Meilen weit weg und +abgesondert von dir bleiben.” Damit verließ sie den Grafen, verehrte +ihm aber vorher noch obgemeldte drei Gaben für seine drei Töchter, die +möchten sie niemals abhanden kommen lassen. + +Das Haus Bassenstein hatte lange Zeit durch aus der Stadt Spinal +(~Epinal~) einen Fruchtzins zu ziehen, wozu dieser Maaslöffel +(~cuilliere de la mesure~) stets gebraucht wurde. + + + + +71. + +Der Kobold. + +Unterredungen vom Reich der Geister I. 503. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 315-320. + ++Luther’s+ Tisch-Reden S. 103. + + +An einigen Orten hat fast jeder Bauer, Weib, Söhne und Töchter, einen +Kobold, der allerlei Haus-Arbeit verrichtet, in der Küche Wasser +trägt, Holz haut, Bier holt, kocht, im Stall die Pferde striegelt, den +Stall mistet und dergleichen. Wo er ist, nimmt das Vieh zu und alles +gedeiht und gelingt. Noch heute sagt man sprüchwörtlich von einer Magd, +der die Arbeit recht rasch von der Hand geht: “sie hat den Kobold.” Wer +ihn aber erzürnt mag sich vorsehen. + +Sie machen, eh sie in die Häuser einziehen wollen, erst eine Probe. Bei +Nachtzeit nämlich schleppen sie Säge-Späne ins Haus, in die Milchgefäße +aber bringen sie Koth von unterschiedenem Vieh. Wenn nun der Hausvater +genau achtet, daß die Späne nicht zerstreut, der Koth in den Gefäßen +gelassen und daraus die Milch genossen wird, so bleibt der Kobold im +Haus, so lange nur noch einer von den Hausbewohnern am Leben ist. + +Hat die Köchin einen Kobold zu ihrem heimlichen Gehülfen angenommen, +so muß sie täglich um eine gewisse Zeit und an einem besondern Ort im +Haus ihm sein zubereitetes Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen und +ihren Weg wieder gehen. Thut sie das, so kann sie faullenzen, am Abend +früh zu Bette gehen und wird dennoch ihre Arbeit früh Morgens beschickt +finden. Vergißt sie das einmal, so muß sie in Zukunft nicht nur ihre +Arbeit selbst wieder thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche +Hand, indem sie sich im heißen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr +zerbricht, das Essen umschüttet, also daß sie von ihrer Herrschaft +nothwendig ausgescholten wird. Darüber hat man den Kobold öfters +lachen und kichern gehört. + +Verändert sich auch das Gesinde, so bleibt er doch, ja die abziehende +Magd muß ihn ihrer Nachfolgerin anempfehlen, damit diese sein auch +warte. Will diese nicht, so hat sie beständiges Unglück, bis sie wieder +abgeht. + +Man glaubt, sie seyen rechte Menschen, in Gestalt kleiner Kinder, mit +einem bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, daß sie theils Messer im +Rücken hätten, theils noch anders und gar gräulich gestaltet wären, +je nachdem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vorzeiten +umgebracht wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im +Hause Ermordeten. + +Zuweilen ist die Magd lüstern, ihr Knechtchen, +Kurd Chimgen+ oder ++Heinzchen+, wie sie den Kobold nennen, zu sehen und wenn sie nicht +nachläßt, nennt der Geist den Ort, wo sie ihn sehen solle, heißt sie +aber zugleich einen Eimer kalt Wasser mitbringen. Da begibt sichs +dann, daß sie ihn etwa auf dem Boden auf einem Kißchen nackt liegen +sieht, und ein großes Schlacht-Messer ihm im Rücken steckt. Manche ist +so sehr erschrocken, daß sie ohnmächtig niedergefallen, worauf der +Kobold alsbald aufsprang und sie mit dem kalten Wasser über und über +begoß, damit sie wieder zu sich selbst kam. Darnach ist ihr die Lust +vergangen, den Kobold zu sehen. + + + + +72. + +Der Bauer mit seinem Kobold. + ++Tenzel+ monatl. Unterred. Jan. 1689. S. 145. + + +Ein Bauer war seines Kobolds ganz überdrüssig geworden, weil er +allerlei Unfug anrichtete, doch mogte er es anfangen, wie er immer +wollte, so konnte er ihn nicht wieder los werden. Zuletzt ward er +Raths, die Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte und ihn +zu verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei +dem letzten Karrn zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wohl +versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich der +Bauer von ungefähr um, siehe, da saß der Kobold hinten auf dem Karrn +und sprach: “es war Zeit, daß wir herauskamen! es war Zeit, daß wir +herauskamen!” Mußte also wieder umkehren und den Kobold behalten. + + + + +73. + +Der Kobold in der Mühle. + ++Valvassor+ Ehre von Crain B. 3. Cap. 28. I. 420-421. + +Aus mündlicher Erzählung. + + +Es machten einmal zwei Studenten von Rinteln eine Fußreise. Sie +gedachten in einem Dorfe zu übernachten, weil aber ein heftiger Regen +fiel und die Finsterniß so sehr überhand nahm, daß sie nicht weiter +konnten, gingen sie zu einer in der Nähe liegenden Mühle, klopften und +baten um Nacht-Herberge. Der Müller wollte anfangs nicht hören, endlich +gab er ihren inständigen Bitten nach, öffnete die Thüre und führte +sie in eine Stube. Sie waren beide hungrig und durstig und da auf dem +Tisch eine Schüssel mit Speise und eine Kanne mit Bier stand, baten sie +den Müller darum und waren bereitwillig, es zu bezahlen. Der Müller +aber schlugs ab, selbst nicht ein Stück Brot wollt er ihnen geben und +nur die harte Bank zum Ruh-Bett vergönnen. “Die Speise und der Trank, +sprach er, gehört dem Haus-Geist, ist euch das Leben lieb, so laßt +beides unberührt, sonst aber habt ihr kein Leid zu befürchten, lärmts +in der Nacht vielleicht, so bleibt nur still liegen und schlafen.” Mit +diesen Worten ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich zu. + +Die zwei Studenten legten sich zum Schlafe nieder, aber etwa nach +einer Stunde griff den einen der Hunger so übermächtig an, daß er +sich aufrichtete und die Schüssel suchte. Der andere, ein Magister, +warnte ihn, er sollte dem Teufel lassen, was dem Teufel gewidmet wäre, +aber er antwortete: “ich habe ein besser Recht dazu als der Teufel,” +setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust, so daß wenig von dem +Gemüse übrig blieb. Darnach faßte er die Bierkanne, that einen guten, +pommerschen Zug und nachdem er also seine Begierde etwas gestillt, +legte er sich wieder zu seinem Gesellen. Doch als ihn über eine +Weile der Durst aufs neue plagte, stand er noch einmal auf und that +einen zweiten so herzhaften Zug, daß er dem Haus-Geist nur die Neige +hinterließ. Nachdem er sichs also selbst gesegnet und wohl bekommen +geheißen, legte er sich und schlief ein. + +Es blieb alles ruhig bis zu Mitternacht, aber kaum war die herum, +so kam der Kobold mit großem Lärm hereingefahren, wovon beide mit +Schrecken erwachten. Er brauste ein paar Mal in der Stube auf und ab, +dann setzte er sich, als wollte er seine Mahlzeit halten, zu dem Tisch +und sie hörten deutlich, wie er die Schüssel herbeirückte. Gleich drauf +setzte er sie, als wär er ärgerlich, hart nieder, ergriff die Kanne und +drückte den Deckel auf, ließ ihn aber gleich wieder ungestüm zuklappen. +Nun begann er seine Arbeit, wischte den Tisch, darnach die Tisch-Füße +sorgfältig ab und kehrte dann, wie mit einem Besen, den Boden fleißig +ab. Als das geschehen war, ging er noch einmal zur Schüssel und Kanne +zurück, ob es jetzt vielleicht besser damit stehe, stieß aber beides +wieder zornig hin. Darauf fuhr er in seiner Arbeit fort, kam zu den +Bänken, wusch, scheuerte, rieb sie, unten und oben; als er zu der +Stelle gelangte, wo die beiden Studenten lagen, zog er vorüber und +nahm das übrige Stück unter ihren Füßen in die Arbeit. Wie er zu Ende +war, fing er an der Bank oben zum zweitenmal an und überging auch zum +zweitenmal die Gäste. Zum drittenmal aber, als er an sie kam, strich +er dem einen, der nichts genossen hatte, über die Haare und den ganzen +Leib, ohne ihm im geringsten weh zu thun. Den andern aber packte er +an den Füßen, riß ihn von der Bank herab, zog ihn ein paarmal auf dem +Erdboden herum, bis er ihn endlich liegen ließ und hinter den Ofen +lief, wo er ihn laut auslachte. Der Student kroch zu der Bank zurück, +aber nach einer Viertelstunde begann der Kobold seine Arbeit von neuem: +kehrte, säuberte, wischte. Die beiden lagen da, in Angst zitternd, den +einen fühlte er, als er an ihn kam, ganz lind an, aber den andern warf +er wieder zur Erde und ließ hinter dem Ofen ein grobes und spottendes +Lachen hören. + +Die Studenten wollten nun nicht mehr auf der Bank liegen, standen auf +und erhuben vor der verschlossenen Thüre ein lautes Geschrei, aber es +hörte niemand darauf. Sie beschlossen endlich, sich auf den platten +Boden hart nebeneinander zu legen, aber der Kobold ließ sie nicht +ruhen. Er begann sein Spiel zum drittenmal, kam und zog den schuldigen +herum und lachte ihn aus. Dieser war zuletzt wüthend geworden, zog +seinen Degen, stach und hieb in die Ecke, wo das Gelächter her +schallte, und forderte den Kobold mit Drohworten auf, hervor zu kommen. +Dann setzte er sich mit seiner Waffe auf die Bank, zu erwarten, was +weiter geschehen würde, aber der Lärm hörte auf und alles blieb ruhig. + +Der Müller verwies ihnen am Morgen, daß sie seiner Ermahnung nicht +nachgelebt und die Speise nicht unangerührt gelassen; es hätte ihnen +leicht das Leben kosten können. + + + + +74. + +Hütchen. + +Mündliche Erzählungen. + +Der vielförmige Hinzelmann 39-50. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 792-798. + ++Prätor+. Weltbeschr. I. 324. 325. + ++Joh. Weier+ ~de praestig. daemon. c.~ 22. deutsche Uebers. 64-66. + ++Happel+ ~relat. curios.~ 4. 246. + +Stiftische Fehde, ~+Leibnitz+ SS. RR. brunsvic. II. 791. III. 183. +258 b.~ + +Volks-Sagen. Eisenach. I. 127-170. IV. 209-237. + + +An dem Hofe des Bischof Bernhard von Hildesheim hielt sich ein Geist +auf, der sich vor jedermann in einem Bauernkleide unter dem Schein +der Freundlichkeit und Frömmigkeit sehen ließ: auf dem Haupt trug +er einen kleinen Filz-Hut, wovon man ihm den Namen +Hütchen+, auf +Niedersächsisch +Hödeken+ gegeben hatte. Er wollte die Leute gern +überreden, daß es ihm viel mehr um ihren Vortheil, als ihren Schaden zu +thun wäre, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er dem +andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust und +Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte und +antwortete gar gesprächig und freundlich. + +Zu dieser Zeit wohnte auf dem Schlosse Winzenburg ein Graf Namens +Hermann, welcher das Amt als eine eigene Grafschaft besaß. Einer seiner +Diener hatte eine schöne Frau, auf die er ein lüsternes Auge warf und +die er mit seiner Leidenschaft verfolgte, aber sie gab ihm wenig +Gehör. Da sann er endlich auf schlechte Mittel und als ihr Mann einmal +an einen weit entlegenen Ort verreist war, raubte er ihr mit Gewalt, +was sie ihm freiwillig versagte. Sie mußte das Unrecht verschweigen, +so lang ihr Mann abwesend war, bei seiner Rückkehr aber eröffnete +sie es ihm mit großem Schmerz und wehmüthigen Gebärden. Der Edelmann +glaubte, dieser Schandflecken könne nur mit dem Blute des Thäters +abgewaschen werden, und da er die Freiheit hatte, wie ihm beliebte, +in des Grafen Gemach zu gehen, so nahm er die Zeit wahr, wo dieser +noch mit seiner Gemahlin zur Ruhe lag, trat hinein, hielt ihm die +begangene That mit harten Worten vor und als er merkte, daß jener sich +aufmachen und zur Gegenwehr anschicken mögte, faßte er sein Schwert +und erstach ihn im Bette an der Seite der Gräfin. Diese entrüstete +sich aufs allerheftigste, schalt den Thäter gewaltig und da sie gerade +schwangeres Leibes war, sprach sie dräuend: “derjenige, den ich unter +dem Gürtel trage, soll diesen Mord an dir und den Deinigen rächen, daß +die ganze Nachwelt daran ein Beispiel nehmen wird.” Der Edelmann, als +er die Worte hörte, kehrte wieder um und durchstach die Gräfin wie +ihren Herrn. + +Graf Hermann von Winzenburg war der letzte seines Stammes und demnach +mit seinem und der schwangern Gräfin Tod das Land ohne Herrn. Da trat +Hütchen in selbiger Morgenstunde, in welcher die That geschehen war, +vor das Bett des schlafenden Bischofs Bernhard, weckte ihn und sprach: +“steh auf, Glatzkopf, und führe dein Volk zusammen! die Grafschaft +Winzenburg ist durch die Ermordung ihres Herrn ledig und verlassen, +du kannst sie mit leichter Mühe unter deine Bothmäßigkeit bringen.” +Der Bischof stand auf, brachte sein Kriegs-Volk eilig zusammen, +und besetzte und überzog damit die Grafschaft, so daß er sie, mit +Einwilligung des Kaisers, auf ewig dem Stift Hildesheim einverleibte. + +Die mündliche Sage erzählt noch eine andere, wahrscheinlich frühere +Geschichte. Ein Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die in Unfrieden +lebten; um einen Streit wegen der Erbschaft abzuwenden, war mit dem +Bischof zu Hildesheim festgemacht, daß derjenige mit der Grafschaft +belehnt werden solle, welcher zuerst nach des Vaters Tod sich darum +bei dem Bischof melden würde. Als nun der Graf starb, setzte sich +der ältste Sohn gleich auf sein Pferd und ritt fort zum Bischof, der +jüngste aber hatte kein Pferd und wußte nicht, wie er sich helfen +sollte. Da trat Hütchen zu ihm und sprach: “ich will dir beistehen, +schreib einen Brief an den Bischof und melde dich darin um Belehnung, +er soll eher dort seyn, als dein Bruder auf seinem jagenden Pferd.” Da +schrieb er ihm den Brief und Hütchen nahm und trug ihn auf einem Wege, +der über Gebürge und Wälder geradausging, nach Hildesheim, und war in +einer halben Stunde schon da, lange eh der älteste herbeigeeilt kam und +gewann also dem jüngsten das Land. Dieser Pfad ist schwer zu finden +und heißt noch immer +Hütchens Renn-Pfad+. + +Hütchen erschien an dem Hofe des Bischof gar oft und hat ihn, +ungefragt, vor mancherlei Gefahr gewarnt. Großen Herrn offenbarte es +die Zukunft. Bisweilen zeigte es sich, wenn es sprach, bisweilen redete +es unsichtbar. Es hatte den großen Hut aber immer so tief in den Kopf +gedrückt, daß man niemals sein Gesicht sehen konnte. Die Wächter der +Stadt hat es fleißig in Acht genommen, daß sie nicht schliefen, sondern +hurtig wachen mußten. Niemand fügte es etwas Leid zu, es wäre denn +am ersten beschimpft worden; wer seiner aber spottete, dem vergaß es +solches nicht, sondern bewies ihm wiederum einen Schimpf. Gemeinlich +ging es den Köchen und Köchinnen zur Hand, schwatzte auch vielmal mit +ihnen in der Küche. Eine Mulde im Keller war seine Schlafstätte und es +hatte ein Loch, wo es in die Erde gekrochen ist. Als man nun seiner gar +gewohnt worden und sich niemand weiter vor ihm gefürchtet hat, begann +ein Küchenjunge es zu spotten und höhnen, mit Lästerworten zu hudeln +und so oft er nur vermogte, mit Dreck aus der Küche auf es loszuwerfen +oder es mit Spül-Wasser zu begießen. Das verdroß Hütchen sehr, weshalb +es den Küchenmeister bat, den Jungen abzustrafen, damit er solche +Büberei unterwegen ließe, oder er selbst müßte die Schmach an ihm +rächen. Der Küchenmeister lachte ihn aus und sprach: “bist du ein Geist +und fürchtest dich vor dem kleinen Knaben!” Darauf antwortete Hütchen: +“weil du auf meine Bitten den Buben nicht abstrafen willst, will ich +nach wenig Tagen dir zeigen, wie ich mich vor ihm fürchte;” und ging +damit im Zorn weg. Nicht lange darauf saß der Junge nach dem Abendessen +allein in der Küche und war vor Müdigkeit eingeschlafen; da kam der +Geist, erwürgte ihn und zerhackte ihn in kleine Stücke. Dann warf er +selbige vollends in einen großen Kessel und setzte ihn ans Feuer. +Als der Küchenmeister kam und in dem Kessel Menschen-Glieder kochen +sah, auch aus den übrigen Umständen merkte, daß der Geist ein fremdes +Gericht zurichten wolle, fing er an, ihn greulich zu schelten und zu +fluchen. Hütchen, darüber noch heftiger erbittert, kam und zerdrückte +über alle Braten, die für den Bischof und dessen Hofleute am Spieße +zum Feuer gebracht waren, abscheuliche Kröten, also daß sie von Gift +und Blut träufelten. Und weil ihn der Koch deßwegen wiederum schmähete +und schändete, stieß er ihn, als er einstens aus dem Thore gehen +wollte, von der Brücke, die ziemlich hoch war, in den Graben. Weil +man auch in Sorgen stand, er mögte des Bischofs Hof und andere Häuser +anzünden, mußten alle Hüter auf den Mauern, sowohl der Stadt, als des +Schlosses, fleißig wachen. Aus dieser und andern Ursachen suchte der +Bischof Bernhard seiner los zu werden und zwang ihn endlich auch durch +Beschwörung, zu weichen. + +Sonst beging der Geist noch unterschiedliche, abentheuerliche Streiche, +welche doch selten jemand schadeten. In Hildesheim war ein Mann, der +ein leichtfertiges Weib hatte, als er nun verreisen wollte, sprach er +zu Hütchen: “mein guter Gesell, gib ein wenig Achtung auf mein Weib, +dieweil ich aus bin, und siehe zu, daß alles recht zugeht.” Hütchen +that es und wie das Weib, nach der Abreise des Mannes, ihre Buhler +kommen ließ und sich mit ihnen lustig machen wollte, stellte sich der +Geist allzeit ins Mittel, verjagte sie durch Schreckgestalten oder wenn +einer sich ins Bett gelegt, warf er unsichtbarer Weise ihn so unsauber +heraus, daß ihm die Rippen krachten. So ging es einem nach dem andern, +wie sie das leichtfertige Weib in die Kammer führte, so daß keiner ihr +nahen durfte. Endlich, als der Mann wieder nach Hause kam, lief ihm der +ehrbare Hüter voller Freuden entgegen und sprach: “deine Wiederkunft +ist mir trefflich lieb, damit ich der Unruhe und Mühe, die du mir +aufgeladen hast, einmal abkomme.” Der Mann fragte: “wer bist du denn?” +Er antwortete: “ich bin Hütchen, dem du bei deiner Abreise dein Weib in +seine Hut anbefohlen. Dir zu gefallen habe ich sie diesmal gehütet und +vor dem Ehebruch bewahret, wiewohl mit großer und unablässiger Mühe. +Allein ich bitte, du wollest sie meiner Hut nicht mehr untergeben, +denn ich will lieber der Schweine in ganz Sachsen als eines einigen +solchen Weibes Hut auf mich nehmen und Gewährschaft vor sie leisten, so +vielerlei List und Ränke hat sie erdacht, mich zu hintergehen.” + +Zu einer Zeit befand sich zu Hildesheim ein Geistlicher, welcher +sehr wenig gelernt hatte. Diesen traf die Reihe, daß er zu einer +Kirchenversammlung von der übrigen Geistlichkeit sollte verschickt +werden, aber er fürchtete sich, daß er in einer so ansehnlichen +Versammlung durch seine Unwissenheit Schimpf einlegen mögte. Hütchen +half ihm aus der Noth und gab ihm einen Ring, der von Lorbeer-Laub +und andern Dingen zusammen geflochten war und machte dadurch diesen +Gesandten dermaßen gelehrt und auf eine gewisse Zeit beredt, daß sich +auf der Kirchenversammlung jedermann über ihn verwunderte und ihn zu +den berühmtesten Rednern zählte. + +Einem armen Nagelschmiede zu Hildesheim ließ Hütchen ein Stück Eisen +zurück, woraus goldene Nägel geschmiedet werden konnten und dessen +Tochter eine Rolle Spitzen, von der man immer abmessen konnte, ohne daß +sie sich verminderte. + + + + +75. + +Hinzelmann. + +Aus dem Buche: der vielförmige Hinzelmann oder umständliche und +merkwürdige Erzählung von einem Geist, der sich auf dem Hause +Hudemühlen und hernach zu Estrup im Lande Lüneburg unter vielfältigen +Gestalten und verwunderlicher Veränderung -- sehen lassen. 379 S. in +12. Von dem Pfarrer +Feldmann+ zu Eickelohe zuerst abgefaßt. + + +Auf dem alten Schlosse Hudemühlen, das im Lüneburgischen nicht weit +von der Aller liegt und von dem nur noch Mauern stehen, hat sich lange +Zeit ein wunderlicher Haus-Geist aufgehalten. Zuerst ließ er sich +im Jahr 1584 hören, indem er durch bloßes Poltern und Lärmen sich zu +erkennen gab. Darnach fing er an bei hellem Tag mit dem Gesinde zu +reden, welches sich vor der Stimme, die sich hören ließ, ohne daß +jemand zu sehen war, erschreckte, nach und nach aber daran gewöhnte und +nicht mehr darauf achtete. Endlich ward er ganz muthig und hub an vor +dem Haus-Herrn selbst zu reden und führte Mittags und Abends während +der Mahlzeit mit den Anwesenden, fremden und einheimischen, allerhand +Gespräche. Als sich nun die Furcht verlor, ward er gar freundlich +und zutraulich, sang, lachte und trieb allerlei Kurzweil so lang ihn +niemand bös machte; dabei war seine Stimme zart, wie die eines Knaben +oder einer Jungfrau. Als er gefragt wurde, woher er sey und was er +an diesem Ort zu schaffen habe, sagte er, daß er aus dem böhmischen +Gebürg gekommen wäre und im Böhmer-Walde seine Gesellschaft hätte, die +wolle ihn nicht leiden; daher sey er nun gezwungen, sich so lang zu +entfernen und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sachen +wieder besser ständen. Sein Name sey +Hinzelmann+, doch werde er auch ++Lüring+ genannt; er habe eine Frau, die heiße +Hille Bingels+. Wann +die Zeit gekommen, wolle er sich in seiner wahren Gestalt sehen lassen, +jetzt aber wäre es ihm nicht gelegen. Uebrigens wäre er ein guter und +ehrlicher Geselle, wie einer. + +Der Haus-Herr, als er sah, daß sich der Geist je mehr und mehr zu +ihm that, empfand ein Grauen und wußte nicht, wie er ihn los werden +sollte. Auf Anrathen seiner Freunde entschloß er sich endlich, sein +Schloß auf eine Zeit zu verlassen und nach Hannover zu ziehen. Auf dem +Weg bemerkte man eine weiße Feder, die neben dem Wagen herflog, wußte +aber nicht, was sie zu bedeuten habe. Als der Edelmann zu Hannover +angelangt war, vermißte er eine goldene Kette von Werth, die er um den +Hals getragen hatte, und warf Verdacht auf das Gesinde des Haus-Wirths; +dieser aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Genugthuung für +die ehrenrührige Anklage. Der Edelmann, der nichts beweisen konnte, +saß unmuthig in seinem Zimmer und überlegte, wie er sich aus diesem +verdrießlichen Handel ziehen könnte, als er auf einmal neben sich +Hinzelmanns Stimme hörte, der zu ihm sprach: “warum bist du so traurig? +ist dir etwas widerwärtiges begegnet, so entdecke mir’s, ich weiß dir +vielleicht Hülfe. Soll ich auf etwas rathen, so sage ich, du bist wegen +einer verlorenen Kette verdrießlich.” “Was machst du hier? antwortete +der erschrockene Edelmann, warum bist du mir gefolgt? weißt du von +der Kette?” Hinzelmann sagte: “freilich bin ich dir gefolgt und habe +dir auf der Reise Gesellschaft geleistet und war allzeit gegenwärtig. +Hast du mich nicht gesehen? ich war die weiße Feder, die neben deinem +Wagen flog. Wo die Kette ist, will ich dir sagen: such nur unter dem +Haupt-Kissen in deinem Bett, da wird sie liegen.” Als sie sich da +gefunden hatte, ward dem Edelmann der Geist noch ängstlicher und +lästiger und er redete ihn heftig an, warum er ihn durch die Kette mit +dem Hauswirth in Streit gebracht, da er doch seinetwegen schon die +Heimath verlassen. Hinzelmann antwortete: “was weichst du vor mir? +ich kann dir ja allenthalben leichtlich folgen und seyn, wo du bist! +Es ist besser, daß du in dein Eigenthum zurückkehrst und meinetwegen +nicht daraus entweichst. Du siehst wohl, wenn ich wollte, könnte ich +das deinige all hinwegnehmen, aber darauf steht mein Sinn nicht.” Der +Edelmann besann sich darauf und faßte den Entschluß zurückzugehen und +dem Geist, im Vertrauen auf Gott, keinen Fuß breit zu weichen. + +Zu Hudemühlen zeigte sich Hinzelmann nun gar zuthätig und fleißig in +allerhand Arbeit. In der Küche handthierte er Nachts und wenn die +Köchin Abends nach der Mahlzeit Schüssel und Teller unabgewaschen +durch einander in einen Haufen hinsetzte, so waren sie Morgens wohl +gesäubert, glänzend wie Spiegel, in guter Ordnung hingestellt. Daher +sie sich auf ihn verlassen und gleich Abends nach der Mahlzeit ohne +Sorgen zu Ruhe legen konnte. Auch verlor sich niemals etwas in der +Küche, oder war ja etwas verlegt, so wußte es Hinzelmann gleich in der +verborgnen Ecke, wo es steckte, wieder zu finden und gab es seinem +Herrn in die Hände. Hatte man fremde Gäste zu erwarten, so ließ sich +der Geist sonderlich hören und sein Arbeiten dauerte die ganze Nacht: +da scheuerte er die Kessel, wusch die Schüsseln, säuberte Eimer +und Zuber. Die Köchin war ihm dafür dankbar, that nicht nur, was +er begehrte, sondern bereitete ihm freiwillig seine süße Milch zum +Frühstück. Auch übernahm der Geist die Aufsicht über die andern Knechte +und Mägde, gab Achtung, was ihre Verrichtung war, und bei der Arbeit +ermahnte er sie mit guten Worten fleißig zu seyn. Wenn sich aber jemand +daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit +die Lehre. Die Mägde warnte er oft vor dem Unwillen ihrer Frau und +erinnerte sie an irgend eine Arbeit, die sie nun anfangen sollten. Eben +so geschäfftig zeigte sich der Geist auch im Stalle: er wartete der +Pferde, striegelte sie fleißig, daß sie glatt anzusehen waren wie ein +Aal, auch nahmen sie sichtbarlich zu, wie in keiner Zeit, also daß sich +jedermann darüber verwunderte. + +Seine Kammer war im obersten Stockwerk zur rechten Seite und sein +Hausgeräthe bestand aus drei Stücken. Erstlich aus einem Sessel oder +Lehnstuhl, den er selbst von Stroh in allerhand Farben gar kunstreich +geflochten, voll zierlicher Figuren und Kreuze, die nicht ohne +Verwunderung anzusehen waren. Zweitens aus einem kleinen runden Tisch, +der auf sein vielfältiges Bitten verfertigt und dahin gesetzt war. +Drittens aus einer zubereiteten Bettstatt, die er gleichfalls verlangt +hatte. Man hat nie ein Merkmal gefunden, daß ein Mensch darin geruht, +nur fand man ein kleines Grüblein, als ob eine Katze da gelegen. Auch +mußte ihm das Gesinde, besonders die Köchin, täglich eine Schüssel voll +süßer Milch mit Brocken von Weißbrot zubereiten und auf sein Tischlein +stellen, welche hernach rein ausgegessen war. Zuweilen fand er sich an +der Tafel des Hausherrn ein, wo ihm an einer besonderen Stelle Stuhl +und Teller gesetzt werden mußte. Wer vorlegte, gab ihm die Speise auf +seinen Teller und ward das vergessen, so gerieth der Haus-Geist in +Zorn. Das vorgelegte verschwand und ein gefülltes Glas Wein war eine +Weile weg und wurde dann leer wieder an seine Stelle gesetzt. Doch +fand man die Speisen hernach unter den Bänken oder in einem Winkel des +Zimmers liegen. + +In der Gesellschaft junger Leute war Hinzelmann lustig, sang und machte +Reime, einer der gewöhnlichsten war: + + Ortgieß läßt du mick hier gan, + Glücke sallst du han; + Wultu mick aver verdrieven + Unglück warst du kriegen. + +wiewohl er auch die Lieder und Sprüche anderer wiederholte zur Kurzweil +oder um sie damit aufzuziehen. Als der Pfarrer Feldmann einmal auf +Hudemühlen zu Gast geladen war und vor die Thüre kam, hörte er oben +im Saal jemand singen, jauchzen und viel Wesens treiben, weshalb er +dachte, es wären Abends vorher Fremde angekommen, die oben ihre Zimmer +hätten und sich also lustig bezeigten. Er sagte darum zu dem Hofmeier, +der auf dem Platz stand und Holz gehackt hatte: “Johann, was habt +ihr droben vor Gäste?” Der Hofmeier antwortete: “niemand fremdes, +es ist unser Hinzelmann, der sich so lustig stellt, es wird sonst +kein lebendiger Mensch im Saal seyn.” Als der Pfarrer nun in den Saal +hinaufstieg, sang ihm Hinzelmann entgegen: + + “mien Duhme (Daumen), mien Duhme, + mien Ellboeg sind twey!” + +Der Pfarrer verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Gesang und +sprach zu Hinzelmann: “was soll das für eine Musik seyn, damit du nun +aufgezogen kommst?” “Ei, antwortete der Geist, das Liedlein hab ich von +euch gelernt, denn ihr habt es oft gesungen und ich hab es noch vor +etlichen Tagen, als ihr an einem gewissen Ort zur Kindtauf waret, von +euch gehört.” + +Hinzelmann neckte gern, ohne aber jemand Schaden dabei zu thun. +Knechte und Arbeits-Leute, wenn sie Abends beim Trank saßen, brachte +er in Handgemeng und sah ihnen dann mit Lust zu. Wenn ihnen der Kopf +ein wenig warm geworden war und es ließ einer etwa unter den Tisch +etwas fallen und bückte sich darnach, so gab er ihm rückwärts eine +gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Da geriethen +die beiden an einander, erst mit Worten, dann mit Werken und nun +mischten sich die andern hinein, so daß jeder seine Schläge austheilte +und erhielt und am andern Morgen die blauen Augen und geschwollenen +Gesichter als Wahrzeichen überall zu sehen waren. Daran ergötzte sich +Hinzelmann von Herzen und erzählte hernach, wie er es angefangen, +um sie hintereinander zu bringen. Doch wußte er es immer so zu +stellen, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt. +Auf dem fürstlichen Schlosse zu Ahlden wohnte zu der Zeit Otto Aschen +von Mandelslohe, Drost und braunschweigischer Rath; diesem spielte +Hinzelmann auch zuweilen einen Possen. Als einmal Gäste bei ihm waren, +stiftete er einen Zank, so daß sie zornig auffuhren und nach ihren +Degen greifen wollten. Keiner aber konnte den seinigen finden und +sie mußten es bei ein paar Quer-Hieben mit der dicken Faust bewenden +lassen. Dieses Streichs hat sich Hinzelmann gar sehr gefreut und mit +vielem Lachen erzählt, daß er Urheber des Zanks gewesen, vorher aber +alles tödliche Gewehr versteckt und bei Seite gebracht. Er habe dann +zugeschaut, wie ihm sein Anschlag so wohl gelungen wäre, daß sie sich +weidlich herum geschmissen. + +Zu einer Zeit war ein Edelmann zu Hudemühlen eingetroffen, welcher sich +erbot, den Haus-Geist auszutreiben. Als er ihn nun in einem Gemach +merkte, dessen Thüren und Fenster überall fest geschlossen waren, ließ +er erst diese Kammer, so wie das ganze Haus, mit bewaffneten Leuten +besetzen und ging darauf selbst, von einigen begleitet, mit gezogenem +Degen hinein. Sie sahen nichts, fingen aber an links und rechts nach +allen Seiten zu hauen und zu stechen in der Meinung, den Hinzelmann, +wo er nur einen Leib habe, damit gewißlich zu erreichen und zu tödten; +indessen fühlten sie nicht, daß ihre Klingen etwas anders, als die +leere Luft durchschnitten. Wie sie glaubten, ihre Arbeit vollbracht +zu haben und müd von dem vielen Fechten hinausgehen wollten, sahen +sie, als sie die Thüre des Gemachs öffneten, eine Gestalt gleich einem +schwarzen Marder hinausspringen und hörten die Worte: “ei! ei! wie +fein habt ihr mich doch ertappt!” Hernach hat sich Hinzelmann über +diese Beleidigung bitterlich beschwert und gesagt: er würde leicht +Gelegenheit haben sich zu rächen, wenn er nicht den beiden Fräulein im +Hause Verdruß ersparen wollte. Als dieser Edelmann nicht lang darauf +in eine leere Kammer des Hauses ging, erblickte er auf einer wüsten +Bettstatt eine zusammengeringelte große Schlange liegen, die sogleich +verschwand, aber er hörte die Worte des Geistes: “bald hättest du mich +erwischt!” + +Ein anderer Edelmann hatte viel von Hinzelmann erzählen gehört und war +begierig, selbst etwas von ihm zu erfahren. Als er nun nach Hudemühlen +kam, ward sein Wunsch erfüllt und der Geist ließ sich in dem Zimmer +aus einem Winkel bei einem großen Schrank hören, wo etliche leere +Wein-Krüge mit langen Hälsen hingesetzt waren. Weil nun die Stimme +zart und fein war und ein wenig heiser, gleich als spräche sie aus +einem hohlen Gefäße, so meinte der Edelmann, er sitze vielleicht in +einem dieser Krüge, lief hinzu, faßte sie und wollte sie zustopfen, +um auf diese Weise den Geist zu erhaschen. Als er damit umging, fing +Hinzelmann an überlaut zu lachen und sprach: “hätte ich nicht vorlängst +von andern Leuten gehört, daß du ein Narr wärst, so könnte ichs nun +selbst mit ansehen, weil du meinst, ich säße in den leeren Krügen und +deckst sie mit der Hand zu, als hättest du mich gefangen. Ich achte +dich nicht der Mühe werth, sonst wollt ich dich schon witzigen, daß du +eine Zeit lang meiner gedenken solltest. Aber ein wenig gebadet wirst +du doch bald werden.” Damit schwieg er und ließ sich nicht wieder +hören, so lange der Edelmann da war; ob dieser hernach wirklich ins +Wasser gefallen, wird nicht gemeldet, doch ists zu vermuthen. + +Es kam auch ein Teufels-Banner, ihn auszujagen. Als dieser mit seinen +Zauber-Worten die Beschwörung anhub, war Hinzelmann zuerst still +und ließ nichts von sich hören, aber wie jener nun die kräftigsten +Sprüche gegen ihn ablesen wollte, riß er ihm das Buch aus den Händen, +zerstückelte es, daß die Blätter in dem Zimmer herum flogen, packte +den Banner dann selbst und drückte und kratzte ihn, daß er voll Angst +fortlief. Auch hierüber beklagte er sich und sprach: “ich bin ein +Christ, wie ein anderer Mensch und hoffe selig zu werden.” Als er +gefragt wurde, ob er die Kobolde und Polter-Geister kenne, antwortete +er: “was gehen mich diese an? das sind Teufels-Gespenster, zu welchen +ich nicht gehöre. Von mir hat sich niemand Böses, vielmehr alles Gute +zu versehen. Laßt mich unangefochten, so werdet ihr überall Glück +spüren: das Vieh wird gedeihen, die Güter in Aufnahme kommen und alles +wohl von Statten gehen.” + +Laster und Untugenden waren ihm zuwider: einen von den Haus-Genossen +strafte er wegen seiner Kargheit oft mit harten Worten und sagte den +übrigen, daß er ihn um seines Geizes willen gar nicht leiden könnte. +Einem andern verwies er seine Hoffahrt, die er von Herzen hasse. Als +einmal zu ihm gesagt wurde, wenn er ein guter Christ seyn wolle, so +müßte er Gott anrufen und die Gebäte der Christen sprechen, fing er +an das Vater unser zu sagen und sprach es bis zur sechsten Bitte, die +Worte “erlöse uns von dem Bösen,” murmelte er nur leise. Er sagte +auch den christlichen Glauben her, aber zerrissen und stammelnd. Denn +als er zu den Worten gelangte: “ich glaube eine Vergebung der Sünden, +Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben,” brachte er sie mit +heiserer und undeutlicher Stimme hervor, also daß man ihn nicht recht +hören und verstehen konnte. Der Prediger zu Eickelohe, weiland Hr. +Marquard Feldmann, berichtet, daß sein Vater um die Zeit der Pfingsten +auf Hudemühlen zu Gast gebeten worden; da habe Hinzelmann den schönen +Gesang: “nun bitten wir den heiligen Geist” wie eine Jungfrau oder +ein junger Knabe mit sehr hoher und nicht unangenehmer Stimme bis +ganz zu Ende gesungen. Ja, nicht allein diesen, sondern viele andere +geistliche Gesänge, habe er auf Verlangen angestimmt, besonders wenn +ihn diejenigen darum begrüßt, die er für seine Freunde gehalten und mit +welchen er vertraulich gewesen. + +Darum ward der Geist gewaltig bös, wenn man ihn nicht ehrlich und +nicht als einen Christen behandelte. Einmal reiste ein Edelmann aus +dem Geschlecht von Mandelsloh nach Hudemühlen. Er stand wegen seiner +Gelehrsamkeit in großem Ansehen, war Domherr bei dem Stift Verden und +Gesandter bei dem Kurfürst von Brandenburg und dem Könige von Dänemark. +Als er nun von dem Haus-Geist hörte, und daß er als ein Christ wollte +angesehen seyn, sprach er, er könnte nicht glauben, daß es gut mit ihm +stehe, er müsse ihn vielmehr für den bösen Feind und den Teufel halten, +denn Menschen solcher Art und Gestalt habe Gott nicht erschaffen, die +Engel aber lobten Gott ihren Herrn und schirmten und schützten die +Menschen; damit stimme das Poltern und Toben und die abentheuerlichen +Händel des Geistes nicht überein. Hinzelmann, der während seiner +Anwesenheit sich noch nicht hatte hören lassen, machte ein Geräusch +und sprach: “was sagst du, Barthold? (also hieß der Edelmann) bin ich +der böse Feind? Ich rathe dir, sage nicht zu viel, oder ich werde dir +ein anderes zeigen und dir weisen, daß du ein andermal ein besseres +Urtheil von mir fällen sollst.” Der Herr entsetzte sich, als er, +ohne jemand zu sehen, eine Stimme sprechen hörte, brach die Rede ab +und wollte nichts mehr von ihm hören, sondern ihn in seinen Würden +lassen. Zu einer andern Zeit kam ein Edelmann, welcher bei Tisch, als +er den Stuhl und den Teller für Hinzelmann sah, ihm nicht zutrinken +wollte. Darüber beschwerte sich der Geist und sprach: “ich bin ein so +ehrlicher und guter Gesell als dieser: warum trinkt er mich vorüber?” +Darauf antwortete der Edelmann: “weiche von hinnen und trinke mit +deinen höllischen Gesellen, hier hast du nichts zu schaffen!” Als +Hinzelmann das hörte, ward er so heftig erbittert, daß er ihn bei dem +Schnall-Riemen packte, damit er nach damaliger Sitte seinen Mantel +unter dem Halse zugeschnallt hatte, nieder zur Erde zog und also +würgte und drückte, daß allen Anwesenden angst wurde, er mögte ihn +umbringen und jener, nachdem der Geist von ihm abgelassen, sich erst +nach einigen Stunden wieder erholen konnte. Wiederum reiste einmal ein +guter Freund des Hausherrn bei Hudemühlen vorbei, trug aber Bedenken +wegen des Haus-Geistes, von dessen Schalkheit ihm vieles war erzählt +worden, einzukehren und schickte seinen Diener, um zu melden, daß er +nicht einsprechen könne. Der Haus-Herr ließ ihn inständig bitten, bei +ihm die Mittags-Mahlzeit zu nehmen, aber der Fremde entschuldigte sich +höflich damit, daß er sich nicht aufhalten dürfte; doch setzte er +hinzu, es errege ihm zu großen Schrecken, mit einem Teufels-Gespenst an +einem Tisch zu sitzen, zu essen und zu trinken. Bei dieser Unterredung +draußen hatte sich Hinzelmann auch eingefunden, denn man hörte, nachdem +sich der Fremde also geweigert, die Worte: “warte, mein guter Geselle, +die Rede soll dir schon bezahlt werden!” Als nun der Reisende fortfuhr +und auf die Brücke kam, welche über die Meisse geht, stiegen die Pferde +mit den vordern Füßen in die Höhe, verwickelten sich ins Geschirr, +daß wenig fehlte, so wäre er mit Roß und Wagen ins Wasser gestürzt. +Wie alles wieder zurecht gebracht war und der Wagen einen Schuß weit +gefahren, wurde er zwischen Eickelohe und Hudemühlen auf ebener Erde in +dem Sand umgekehrt, doch ohne daß die darin Sitzenden weiteren Schaden +nahmen. + +Wie Hinzelmann gern in Gesellschaft und unter Leuten war, so hielt +er sich doch am liebsten bei den Frauen auf und war mit ihnen gar +freundlich und umgänglich. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna +und Katharine, welchen er besonders zugethan war, ihnen klagte er sein +Leid, wenn er war erzürnt worden und führte sonst allerhand Gespräche +mit ihnen. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen +und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder allenthalben. Legten +sie sich Nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem +Deckbett und man sah am Morgen eine kleine Grube, als ob ein Hündlein +da gelegen hätte. Beide Fräulein verheiratheten sich nicht, denn +Hinzelmann schreckte alle Freier ab. Manchmal kam es so weit, daß eben +die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch +immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein +seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt, +daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er +solche Angst, daß er zitterte und bebte. Gemeinlich aber machte er an +die gegenüber stehende weiße Wand eine Schrift mit großen goldenen +Buchstaben ihnen vor die Augen: “nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer +Katharine.” Kam aber einer und wollte sich bei Fräulein Anne beliebt +machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene +Schrift und lautete umgekehrt: “nimm Jungfer Katharine und laß mir +Jungfer Anne.” Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem +Vorsatz blieb, und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und +narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich aller +Heiraths-Gedanken entschlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davon +kam. Etliche hat er, wenn sie auf dem Rückweg waren, mit den Pferden +über und über geworfen, daß sie Hals und Bein zu brechen meinten und +nicht wußten, wie ihnen geschehen. Also blieben die zwei Fräulein +unverheirathet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb +acht Tagen. + +Einmal hatte eine dieser Fräulein von Hudemühlen einen Knecht +nach Rethem geschickt, dies und jenes einzukaufen. Während dessen +Abwesenheit fing der Geist in dem Gemache der Fräulein plötzlich an +wie ein Storch zu klappern und sprach dann: “Jungfer Anne, heut magst +du deine Sachen im Mühlen-Graben wieder suchen!” Sie wußte nicht, was +das heißen sollte, bald aber trat der Knecht ein und erzählte, daß er +auf dem Heimritt unterwegs einen Storch nicht weit von sich sitzen +gesehen, auf den er aus langer Weile geschossen. Es habe auch nicht +anders geschienen, als ob er ihn getroffen, der Storch aber wäre +dennoch sitzen geblieben und, nachdem er angefangen laut zu klappern, +endlich fortgeflogen. Nun zeigte sich, daß Hinzelmann das gewußt, bald +aber traf auch seine Weißagung ein. Der Knecht, einigermaßen berauscht, +wollte sein von Schweiß und Staub bedecktes Pferd rein baden und ritt +es in das vor dem Schloß liegende Mühlen-Wasser, verfehlte aber in der +Trunkenheit des rechten Orts, gerieth in einen tiefen Abgrund und, da +er sich nicht auf dem Pferd erhalten konnte, fiel er hinab und ertrank. +Die geholten Sachen hatte er noch nicht abgelegt, daher sie sammt dem +Leichnam aus dem Wasser mußten herausgesucht werden. + +Auch andern hat Hinzelmann die Zukunft voraus gesagt und sie gewarnt. +Es kam ein Oberster nach Hudemühlen, der bei dem König Christian III. +von Dänemark in besonderm Ansehen stand und in den Kriegen mit der +Stadt Lübeck tapfere Dienste geleistet hatte. Dieser war ein guter +Schütze und großer Liebhaber der Jagd, also daß er manche Stunde damit +zubrachte, in dem umliegenden Gehölze den Hirschen und wilden Sauen +nachzustellen. Als er sich eben wieder zu einer Jagd bereitete, kam +Hinzelmann und sprach: “Thomas, (das war sein Name) ich warne dich, daß +du im Schießen dich vorsiehst, sonst hast du in kurzem ein Unglück.” +Der Oberst achtete nicht darauf und meinte, das hätte nichts zu +bedeuten. Wenige Tage hernach, als er auf ein Reh losbrannte, zersprang +die Büchse von dem Schuß und schlug ihm den Daumen aus der linken +Hand. Wie es geschehen war, fand sich gleich Hinzelmann bei ihm und +sprach: “sieh, nun hast du’s, wovor ich dich gewarnt: hättest du dich +diese Zeit über des Schießens enthalten, der Unfall wäre dir nicht +begegnet.” + +Es war ein andermal ein Herr von Falkenberg, auch ein Kriegsmann, zum +Besuch auf Hudemühlen angelangt. Da er ein frisches und fröhliches Herz +hatte, fing er an, den Hinzelmann zu necken und allerhand kurzweilige +Reden zu gebrauchen. Dies wollte dem Geist in die Länge nicht gefallen, +sondern er begann sich unwillig zu gebährden und fuhr endlich mit den +Worten heraus: “Falkenberg, du machst dich jetzt trefflich lustig +über mich, aber komm nur hin vor Magdeburg, da wird man dir die Kappe +ausbürsten, daß du deiner Spott-Reden vergessen wirst.” Der Edelmann +erschrak, glaubte daß mehr hinter diesen Worten stecke, brach die +Unterredung mit Hinzelmann ab und zog bald darauf fort. Nicht lange +nachher begann die Belagerung von Magdeburg unter dem Churfürst Moriz; +wobei auch dieser Herr von Falkenberg unter einem vornehmen deutschen +Fürsten zugegen war. Die Belagerten wehrten sich tapfer und gaben +Tag und Nacht mit Doppel-Haken und anderm Geschütz Feuer und es traf +sich, daß diesem Falkenberg von einer Falkonett-Kugel das Kinn ganz +hinweggeschossen wurde und er drei Tage darauf, nach den größten +Schmerzen an dieser Wunde starb. + +Ein Mann aus Hudemühlen war einmal sammt andern Arbeits-Leuten und +Knechten im Feld und mähte Korn, ohne an etwas unglückliches zu denken. +Da kam Hinzelmann zu ihm auf den Acker und rief: “lauf! lauf in aller +Eile nach Haus, und hilf deinem jüngsten Söhnlein, das ist eben jetzt +mit dem Gesicht ins Feuer gefallen und hat sich sehr verbrennt.” Der +Mann legte erschrocken seine Sense nieder und eilte heim, zu sehen, ob +Hinzelmann die Wahrheit geredet. Kaum aber war er über die Thürschwelle +geschritten, als man ihm schon entgegen lief und das Unglück erzählte, +wie er denn auch sein Kind über das ganze Gesicht elendiglich verbrannt +sah. Es hatte sich auf einen kleinen Stuhl bei das Feuer gesetzt, wo +ein Kessel überhing. Als es nun mit einem Löffel hineinlangen wollte +und sich mit dem Stuhl vorwärts überbog, fiel es mit dem Gesicht mitten +ins Feuer. Indeß, weil die Mutter in der Nähe war, lief sie herzu und +riß es aus den Flammen wieder heraus, also daß es zwar etwas verbrannt +war, doch aber dem Tode noch entrissen ward. Merkwürdig ist, daß fast +in demselben Augenblick, wo das Unglück geschehen, der Geist es auch +schon dem Vater im Felde verkündigte und ihn zur Rettung aufmahnte. + +Wen der Geist nicht leiden konnte, den plagte er oder strafte ihn für +seine Untugenden. Den Schreiber zu Hudemühlen beschuldigte er gar zu +großer Hoffahrt, ward ihm darum gehässig und that ihm Tag und Nacht +mancherlei Drangsal an. Einsmals erzählte er ganz fröhlich, er habe +dem hochmüthigen Schreiber eine rechtschaffene Ohrfeige gegeben. Als +man den Schreiber darum fragte, und ob der Geist bei ihm gewesen, +antwortete er: “ja mehr als zu viel ist er bei mir gewesen, er hat +mich diese Nacht gequält, daß ich vor ihm nicht zu bleiben wußte.” Er +hatte aber eine Liebschaft mit dem Kammer-Mädchen, und als er sich nun +einmal Nachts bei ihr zu einem vertraulichen Gespräch eingefunden und +sie in größter Lust beisammen saßen und meinten, daß niemand als die +vier Wände sie sehen könnte, kam der arglistige Geist, trieb sie aus +einander und stöberte den guten Schreiber unsanft zur Thüre hinaus, +ja er faßte überdem einen Besenstiel und setzte ihm nach, der über +Hals und Kopf nach seiner Kammer eilte und seine Liebe ganz vergaß. +Hinzelmann soll ein Spott-Lied auf den unglücklichen Liebhaber gemacht, +solches zur Kurzweil oft gesungen und den Durchreisenden unter Lachen +vorgesagt haben. + +Es war jemand zu Hudemühlen plötzlich gegen Abend von heftigem Magenweh +angefallen und eine Magd in den Keller geschickt, einen Trunk Wein zu +holen, darin der Kranke die Arznei nehmen sollte. Als nun die Magd vor +dem Fasse saß und eben den Wein zapfen wollte, fand sich Hinzelmann +neben ihr und sprach: “du wirst dich erinnern, daß du mich vor einigen +Tagen gescholten und geschmäht hast, dafür sollst du diese Nacht zur +Strafe im Keller sitzen. Mit dem Kranken hat es ohnehin keine Noth, in +einer halben Stunde wird all sein Weh vorüber seyn und der Wein, den +du ihm brächtest, würde ihm eher schaden, als nützen. Bleib nur hier +sitzen, bis der Keller wieder aufgemacht wird.” Der Kranke wartete +lang, als der Wein nicht kam, ward eine andere hinabgeschickt, aber sie +fand den Keller außen mit einem Häng-Schloß fest verwahrt, und die Magd +darin sitzen, die ihr erzählte, daß Hinzelmann sie also eingesperrt +habe. Man wollte zwar den Keller öffnen und die Magd heraushaben, +aber es war kein Schlüssel zu dem Schloß aufzufinden, so fleißig auch +gesucht ward. Folgenden Morgen war der Keller offen und Schloß und +Schlüssel lagen vor der Thüre, so daß die Magd wieder herausgehen +konnte. Bei dem Kranken hatten, wie der Geist gesagt, nach einer halben +Stunde sich alle Schmerzen verloren. + +Dem Haus-Herrn zu Hudemühlen hat sich der Geist niemals gezeigt, wenn +er ihn bat, er mögte sich, wo er wie ein Mensch gestaltet sey, vor ihm +sehen lassen, antwortete er, die Zeit wäre noch nicht gekommen, er +solle warten, bis es ihm anständig sey. Als der Herr in einer Nacht +schlaflos im Bette lag, merkte er ein Geräusch an der einen Seite +der Kammer und vermuthete, es müßte der Geist gegenwärtig seyn. Er +sprach demnach: “Hinzelmann, bist du da, so antworte mir.” “Ja ich bin +es, erwiederte er, was willst du?” Da eben vom Mondschein die Kammer +ziemlich erhellt war, däuchte den Herrn, als ob an dem Orte, wo der +Schall herkam, der Schatten einer Kindes-Gestalt zu sehen wäre. Als +er nun merkte, daß sich der Geist ganz freundlich und vertraulich +anstellte, ließ er sich mit ihm in ein Gespräch ein und sprach +endlich: “laß dich doch einmal von mir sehen und anfühlen.” Hinzelmann +aber wollte nicht. “So reich mir wenigstens deine Hand, damit ich +erkennen kann, ob du Fleisch und Bein hast, wie ein Mensch.” “Nein, +sprach Hinzelmann, ich traue dir nicht, du bist ein Schalk, du mögtest +mich ergreifen und hernach nicht wieder gehen lassen.” Nach langem +Anhalten aber und als er ihm bei Treu und Glauben versprochen, ihn +nicht zu halten, sondern alsobald wieder gehen zu lassen, sagte er: +“siehe da ist meine Hand!” Wie nun der Herr darnach griff, däuchte ihn, +als wenn er die Finger einer kleinen Kinder-Hand fühlte; der Geist +aber zog sie gar geschwind wieder zurück. Der Herr begehrte ferner, er +sollte ihn nun sein Angesicht fühlen lassen, worin er endlich willigte +und wie jener darnach tastete, kam es ihm vor, als ob er gleichsam an +Zähne oder an ein fleischloses Todten-Gerippe rührte; das Gesicht aber +zog sich ebenfalls im Augenblick zurück, also daß er seine eigentliche +Gestalt nicht wahrnehmen konnte; nur bemerkte er, daß es, wie die Hand, +kalt und ohne menschliche Lebens-Wärme war. + +Die Köchin, welche mit ihm gar vertraulich war, meinte, sie dürfte ihn +wohl um etwas bitten, wo es ein anderer unterlassen müßte und als ihr +nun die Lust kam, den Hinzelmann, den sie täglich reden hörte, mit +Essen und Trinken versorgte, leiblich zu sehen, bat sie ihn inständig, +ihr das zu gewähren. Er aber wollte nicht und sagte, dazu wäre jetzt +noch nicht die Gelegenheit, nach Ablauf gewisser Zeit wollte er sich +von jedermann sehen lassen. Aber durch diese Weigerung ward ihre Lust +nur noch heftiger erregt und sie lag ihm je mehr und mehr an, ihr die +Bitte nicht zu versagen. Er sagte, sie würde den Vorwitz bereuen, wenn +er ihrer Bitte nachgeben wollte, als dies aber nichts fruchtete und +sie gar nicht abstehen wollte, sprach er endlich: “Morgen vor Aufgang +der Sonne komm in den Keller und trag in jeder Hand einen Eimer voll +Wasser, so soll dir deine Bitte gewährt werden.” Die Magd fragte: +“wozu soll das Wasser?” “Das wirst du erfahren, antwortete der Geist, +ohne das würde dir mein Anblick schädlich seyn.” Am andern Morgen war +die Köchin in aller Frühe bereit, nahm in jede Hand einen Eimer mit +Wasser und ging in den Keller hinab. Sie sah sich darin um ohne etwas +zu erblicken, als sie aber die Augen auf die Erde warf, ward sie vor +sich eine Mulde gewahr, worin ein nacktes Kind, der Größe nach etwa von +dreien Jahren, lag: in seinem Herzen steckten zwei Messer kreuzweis +übereinander und sein ganzer Leib war mit Blut beflossen. Von diesem +Anblick erschrak die Magd dermaßen, daß ihr alle Sinne vergingen und +sie ohnmächtig zur Erde fiel. Alsbald nahm der Geist das Wasser, das +sie mitgebracht und goß es ihr über den Kopf aus, wodurch sie wieder +zu sich selber kam. Sie sah sich nach der Mulde um, aber es war alles +verschwunden und sie hörte nur Hinzelmanns Stimme, der zu ihr sprach: +“siehst du nun, wie nützlich das Wasser dir gewesen, war solches nicht +bei der Hand, so wärst du hier im Keller gestorben. Ich hoffe, nun wird +deine heiße Begierde, mich zu sehen, abgekühlt seyn.” Er hat hernach +die Köchin oft mit diesem Streich geneckt und ihn Fremden mit vielem +Lachen erzählt. + +Der Prediger Feldmann von Eickelohe schreibt in einem Brief vom 14. +December 1597, Hinzelmann habe eine kleine Hand, gleich der eines +Knaben oder einer Jungfrau, öfters sehen lassen, sonst aber hätte man +nichts von ihm erblicken können. + +Unschuldigen, spielenden Kindern hat er sich immer gezeigt. Der Pfarrer +Feldmann wußte sich zu besinnen, daß, als er 14 bis 15 Jahr alt gewesen +und sich nicht sonderlich um ihn bekümmert, er den Geist in Gestalt +eines kleinen Knaben die Treppe gar geschwind hinaufsteigen gesehen. +Wenn sich Kinder um das Haus Hudemühlen versammelten und mit einander +spielten, fand er sich unter ihnen ein und spielte mit in der Gestalt +eines kleinen schönen Kindes, also daß alle anderen Kinder ihn deutlich +sahen und hernach daheim ihren Eltern erzählten, wie, wenn sie im Spiel +begriffen wären, ein fremdes Kindlein zu ihnen käme und mit ihnen +Kurzweil treibe. Dies bekräftigte eine Magd, die einmal in ein Gemach +getreten, wo vier oder sechs Kinder mit einander gespielt; unter diesen +hat sie ein unbekanntes Knäblein gesehen von schönem Angesicht mit +gelben, über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen rothen +Sammt-Rock gekleidet, welches, wie sie es recht betrachten wollte, aus +dem Haufen sich verlor und verschwand. Auch von einem Narren, der +sich dort aufhielt und Claus hieß, hat sich Hinzelmann sehen lassen +und allerhand Kurzweil mit ihm getrieben. Wenn man den Narren nirgends +finden konnte und hernach befragte, wo er so lange gewesen, antwortete +er: “ich war bei dem kleinen Männlein und habe mit ihm gespielt.” +Fragte man weiter, wie groß das Männlein gewesen, zeigte er mit der +Hand eine Größe, wie etwa eines Kindes von vier Jahren. + +Als die Zeit kam, wo der Haus-Geist wieder fortziehen wollte, ging er +zu dem Herrn und sprach: “siehe, da will ich dir etwas verehren, das +nimm wohl in acht und gedenk meiner dabei.” Damit überreichte er ihm +erstlich ein keines +Kreuz+ (es ist ungewiß nach des Verfassers Worten, +ob aus Seide oder Saiten) gar artig geflochten. Es war eines Fingers +lang, inwendig hohl und gab, wenn man es schüttelte, einen Klang von +sich. Zweitens einen +Stroh-Hut+, den er gleichfalls selbst verfertigt +hatte und worin, gar künstlich, Gestalten und Bilder durch das bunte +Stroh zu sehen waren. Drittens einen ledernen +Handschuh+ mit Perlen +besetzt, die wunderbare Figuren bildeten. Dann fügte der Geist die +Weißagung hinzu: “so lange diese Stücke unzertheilt bei deinem Hause +in guter Verwahrung bleiben, wird das ganze Geschlecht blühen und ihr +Glück immer höher steigen. Werden diese Geschenke aber zergliedert, +verloren oder verschleudert, so wird euer Geschlecht abnehmen und +sinken.” Und als er wahrnahm, daß der Herr keinen sonderlichen Werth +auf die Geschenke zu legen schien, sprach er weiter: “ich fürchte, daß +du diese Dinge nicht viel achtest und sie abhanden kommen lässest, +darum will ich dir rathen, daß du sie deinen beiden Schwestern Anne +und Katharine aufzuheben übergibst, die besser dafür sorgen werden.” +Darauf gab der Haus-Herr diese Geschenke seinen Schwestern, welche +sie annahmen und in guter Verwahrung hielten und nur aus sonderlicher +Freundschaft jemand zeigten. Nach ihrem Tode fielen sie auf den Bruder +zurück, der sie zu sich nahm und bei dem sie, so lang er lebte, +blieben. Dem Pfarrer Feldmann hat er sie bei einer vertraulichen +Unterredung auf seine Bitte gezeigt. Als dieser Herr auch starb, kamen +sie auf dessen einzige Tochter Adelheid, an L. v. H. verheirathet, mit +andern Erbschafts-Sachen und blieben eine Zeitlang in ihrem Besitz. Wo +diese Geschenke des Haus-Geistes hernach hingekommen, hat sich der Sohn +des Pfarrers Feldmann vielfach erkundigt und erfahren, daß der Strohhut +dem Kaiser Ferdinand II. sey verehrt worden, der ihn für etwas gar +wunderbares geachtet. Der lederne Handschuh war noch zu seiner Zeit in +Verwahrung eines Edelmanns. Er war kurz und reichte genau nur über die +Hand, oben über der Hand ist mit Perlen eine Schnecke gestickt. Wohin +das kleine Kreuz gekommen, blieb unbekannt. + +Der Geist schied freiwillig, nachdem er vier Jahr zu Hudemühlen sich +aufgehalten, vom Jahr 1584 bis 1588. Ehe er von dannen gezogen, hat +er noch gesagt, er werde einmal wiederkommen, wenn das Geschlecht, +in Abnahme gerathe, und dann werde es aufs neue wieder blühen und +aufsteigen. + + + + +76. + +Klopfer. + +Fränkische Sage. Reizenstein. Leipz. 1778. I. 76. + + +Im Schloß zu Flügelau hauste ein guter Geist, der den Mädchen alles zu +Gefallen that; sie durften nur sagen: “Klopfer hols!” so wars da. Er +trug Briefe weg, wiegte die Kinder und brach das Obst. Aber wie man +einmal von ihm haben wollte, er sollte sich sehen lassen, und nicht +nachließ, bis ers that, fuhr er feurig durch den Rauchfang hinaus und +das ganze Schloß brannte ab, das noch nicht wieder aufgebaut ist. Es +ist kurze Zeit vor dem Schwedenkriege geschehn. + + + + +77. + +Stiefel. + +Mündlich. + + +In dem Schlosse Calenberg hauste ein kleiner Geist Namens +Stiefel+. +Er war einmal an einem Bein beschädigt worden und trug seitdem einen +großen Stiefel, der ihm das ganze Bein bedeckte, weil er fürchtete, es +mögte ihm ausgerissen werden. + + + + +78. + +Ekerken. + ++Weier+ von der Zauberei. VI. 15. + + +Bei dem Dorf Elten, eine halbe Meile von Emmerich im Herzogthum Cleve, +war ein Geist, den die gemeinen Leute +Ekerken+ (Eichhörnchen) zu +nennen pflegten. Es sprang auf der Landstraße umher und neckte und +plagte die Reisenden auf alle Weise. Etliche schlug es, andere warf +er von den Pferden ab, anderen kehrte er Karrn und Wagen unterst zu +oberst. Man sah aber mit Augen von ihm nichts, als eine menschlich +gestaltete Hand. + + + + +79. + +Nacht-Geist zu Kendenich. + +Mündlich, aus Cöln. + + +Auf dem alten Rittersitz Kendenich, etwa zwei Stunden von Cöln +am Rhein, ist ein mooriger, von Schilf und Erlensträuchen dicht +bewachsener Sumpf. Dort sitzt eine Nonne verborgen und keiner mag am +Abend an ihr vorübergehen, dem sie nicht auf den Rücken zu springen +sucht. Wen sie erreicht, der muß sie tragen, und sie treibt und jagt +ihn durch die ganze Nacht, bis er ohnmächtig zur Erde stürzt. + + + + +80. + +Der Alp. + +Mündliche Erzählungen. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 1-40. II. 160-162. + ++Bräuner’s+ Curiositäten 126-137. + + +Wenn gleich vor den Alpen Fenster und Thüre verschlossen werden, so +können sie durch die kleinsten Löcher doch hereinkommen, welche sie +mit sonderlicher Lust aufsuchen. Man kann in der Stille der Nacht das +Geräusch hören, welches sie dabei in der Wand machen. Steht man nun +geschwind auf und verstopft das Loch, so müssen sie bleiben, können +auch nicht von dannen, selbst wenn Thür und Thor geöffnet würden. +Man muß ihnen hierauf das Versprechen abnehmen, daß sie diesen Ort +niemals beunruhigen wollen, bevor man sie in Freiheit setzt. Sie haben +bei solchen Gelegenheiten erbärmlich geklagt, wie sie zu Haus ihre +Kinderchen hätten, die verschmachten müßten, so sie nicht los kämen. + +Der Trud oder Alp kommt oft weit her bei seinen nächtlichen Besuchen. +Einsmals sind Hirten mitten in der Nacht im Felde gewesen und haben +nicht weit von einem Wasser ihrer Herden gewartet. Da kommt ein Alp, +steigt in den Kahn, löst ihn vom Ufer ab und rudert mit einer selbst +mitgebrachten Schwinge hinüber, steigt alsdann aus, befestiget den Kahn +jenseits und verfolgt seinen Weg. Nach einer Weile kehrt er zurück und +rudert eben so herüber. Die Hirten aber, nachdem sie solchem mehrere +Nächte zugesehen und es geschehen lassen, bereden sich, diesen Kahn +wegzunehmen. Wie nun der Alp wiederkommt, so hebt er an kläglich zu +winseln und droht den Hirten, den Kahn gleich herüber zu schaffen, wenn +sie Frieden haben wollten; welches sie auch thun müssen. + +Jemand, um den Alp abzuhalten, legte eine Hechel auf den Leib, aber +der Alp drehte sie gleich um und drückte ihm die Spitzen in den Leib. +Ein besseres Mittel ist es, die Schuhe vor dem Bette umzukehren, also +daß die Hacken das Spannbett am nächsten bei sich haben. Wenn er +drückt und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muß er weichen. +Nachts reitet er oft die Pferde, so daß man ihnen Morgens anmerkt, +wie sie abgemattet sind. Mit Pferdeköpfen kann er auch vertrieben +werden. Wer vor dem Schlafengehen seinen Stuhl nicht versetzt, den +reitet der Mahr des Nachts. Gern machen sie den Leuten Weichsel-Zöpfe +(Schrötleins-Zöpfe, Mahren-Flechten), indem sie das Haar saugen und +verflechten. Wenn die Muhme ein Kind windelt, muß sie ein Kreuz machen +und einen Zipfel aufschlagen, sonst windelt es der Alp noch einmal. + +Sagt man zu dem drückenden Alp: + + Trud komm Morgen, + so will ich borgen! + +weicht er alsbald und kommt am andern Morgen in Gestalt eines Menschen, +etwas zu borgen. Oder ruft man ihm nach: “komm Morgen und trink mit +mir,” so muß derjenige kommen, der ihn gesandt hat. + +Nach Prätorius stoßen seine Augenbraunen in gleichen Linien zusammen, +andere erzählen, daß Leute, denen die Augenbraunen auf der Stirne +zusammengewachsen sind, andern, wenn sie Zorn oder Haß auf sie haben, +den Alp mit bloßen Gedanken zuschicken können. Er kommt dann aus den +Augenbraunen, sieht aus wie ein kleiner weißer Schmetterling und setzt +sich auf die Brust des andern Schlafenden. + + + + +81. + +Der Wechselbalg. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 6. 7. + ++Prätor.+ Weltbeschr. I. 363. 364. + + +Zu Heßloch, bei Odernheim im Gau gelegen, hat sichs zugetragen, daß +der Kellner eines geistlichen Herrn mit der Köchin wie seiner Ehefrau +gelebt, nur daß er sich nicht durfte öffentlich einsegnen lassen. +Sie zeugten ein Kind miteinander, aber das wollte nicht wachsen und +zunehmen, sondern es schrie Tag und Nacht und verlangte immer zu essen. +Endlich hat sich die Frau berathen und wollte es gen Neuhausen auf die +Cyriaks-Wiese tragen und wiegen lassen und aus dem Cyriaks-Brunnen ihm +zu trinken geben, so mögte es besser mit ihm werden. Denn es war damals +Glauben, ein Kind müsse dann nach neun Tagen sich zum Leben oder Tod +verändern[4]. Wie nun die Frau bei Westhofen in den Klauer kommt mit +dem Kind auf dem Rücken, welches ihr so schwer geworden, daß sie keucht +und der Schweis ihr übers Angesicht lauft, begegnet ihr ein fahrender +Schüler, der redet sie an: “ei Frau, was tragt ihr da für ein wüstes +Geschöpf, es wäre kein Wunder, wenn es euch den Hals eindrückte.” Sie +antwortete, es wäre ihr liebes Kind, das wollte nicht gedeihen und +zunehmen, daher es zu Neuhausen sollte gewogen werden. Er aber sprach: +“das ist nicht euer Kind, es ist der Teufel[5], werft ihn in den Bach!” +Als sie aber nicht wollte, sondern beharrte, es wäre ihr Kind und es +küßte, sprach er weiter: “euer Kind stehet daheim in der Stuben-Kammer +hinter der Arke in einer neuen Wiege, werfet diesen Unhold in den +Bach!” da hat sie es mit Weinen und Jammern gethan. Alsobald ist ein +Geheul und Gemurmel unter der Brücke, auf der sie stand, gehört worden, +gleich wie von Wölfen und Bären. Und als die Mutter heimgekommen, hat +sie ihr Kindlein frisch und gesund und lachend in einer neuen Wiege +gefunden. + + + [4] Ein Wechselbalg wird gewöhnlich nicht älter als sieben Jahre; + nach andern jedoch sollen sie 18-19 Jahre leben. + + [5] Denn der Teufel nimmt die rechten Kinder aus der Wiege, führt + sie fort und legt seine dafür hinein. Daher der Name: + +Wechselbalg+. + + + + +82. + +Die Wechselbälge im Wasser. + ++Kirchhof’s+ Wendunmuth V. 314. ~Nr.~ 258. + ++Bräuner’s+ Curiositäten 9. + ++Hildebrand+ Entdeckung der Zauberei S. 109. + ++Fischart+ im wilden Teufels Heer. + ++Luther’s+ Tisch-Reden 105b. 106a. + + +Bei Halberstadt hatte ein Bauer einen Kielkropf, der seine Mutter und +fünf Muhmen ausgesogen, dabei unmäßig gegessen hatte (denn sie essen +mehr, als zehn andere Kinder), und sich so angestellt, daß sie seiner +gar müd geworden. Es ward ihm der Rath gegeben, er solle das Kind zur +Wallfahrt gen Heckelstadt zur Jungfrau Maria geloben und daselbst +wiegen lassen. Diesem Rath folgte der gute Bauer, setzte es in einen +Rückkorb und trug es hin. Wie er aber über ein Wasser geht und auf der +Brücke ist, rufts unten im Wasser: “Kielkropf! Kielkropf!” Da antwortet +das Kind in dem Korbe, das niemals zuvor ein Wort geredet hatte: “ho! +ho!” Dessen war der Bauer ungewohnt und sehr erschrocken. Darauf fragte +der Teufel im Wasser ferner: “wo willt du hin?” Der Kielkropf oben +antwortete: “ick well gen Heckelstadt to unser leven Fruggen: + + mik laten wigen + dat ick möge gedigen” (gedeihen). + +Wie der Bauer hörte, daß der Wechselbalg ordentlich reden konnte, ward +er zornig und warf ihn sammt dem Korb ins Wasser. Da sind die zwei +Teufel zusammengefahren, haben geschrien: “ho! ho! ha!” mit einander +gespielt und sich überworfen und sind darnach verschwunden. + + + + +83. + +Der Alraun. + ++Simplicissimi+ Galgen-Männlein. Im dritten Theil. + ++Israel Fronschmidt+ vom Galgen-Männlein. + ++Rollenhagen’s+ Indian. Reisen. Magdeb. 1605. S. 271. 272. + ++Bräuner’s+ Curiosit. S. 226-235. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 215. 216. Weihnachtsfr. 155. 156. + ++Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 45. S. 151. + +~+Chr. Gotfr. Roth+ diss. de imagunculis Germanor. magicis, quas +Alraunas vocant. Helmst. 1737. 8.~ + + +Es ist Sage, daß, wenn ein Erb-Dieb, dem das Stehlen durch Herkunft aus +einem Diebs-Geschlecht angeboren ist, oder dessen Mutter, als sie mit +ihm schwanger ging, gestolen, wenigstens groß Gelüsten dazu gehabt, +(nach andern, wenn er zwar ein unschuldiger Mensch, in der Tortur +aber sich für einen Dieb bekennet) und der ein reiner Jüngling ist, +gehenkt wird und das Wasser läßt (~aut sperma in terram effundit~), so +wächst an dem Ort der +Alraun+ oder das +Galgen-Männlein+. Oben hat er +breite Blätter und gelbe Blumen. Bei der Ausgrabung desselben ist große +Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit er +so entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muß. Um +ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag vor Sonnen-Aufgang, nachdem +man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem +ganz schwarzen Hund, der keinen andern Flecken am Leib haben darf, +hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings +herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der +Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit einer Schnur dem Hund an +den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davon laufen. +Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus, +fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald todt hin. +Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit rothem Wein sauber ab, +wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie in ein Kästlein, +badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein neues weißes +Hemdlein. Fragt man nun den Alraun, so antwortet er und offenbart +zukünftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen. Der Besitzer +hat von nun an keine Feinde, kann nicht arm werden und hat er keine +Kinder, so kommt Eheseegen. Ein Stück Geld, das man ihm Nachts zulegt, +findet man am Morgen doppelt; will man lang seines Dienstes genießen +und sicher gehen, damit er nicht abstehe oder sterbe, so überlade man +ihn nicht, ein halben Thaler mag man kühnlich alle Nacht ihm zulegen, +das höchste ist ein Ducaten, doch nicht immer, sondern nur selten. + +Wenn der Besitzer des Galgen-Männleins stirbt, so erbt es der jüngste +Sohn, muß aber dem Vater ein Stück Brot und ein Stück Geld in den Sarg +legen und mit begraben lassen. Stirbt der Erbe vor dem Vater, so fällt +es dem ältesten Sohn anheim, aber der jüngste muß eben so schon mit +Brot und Geld begraben werden. + + + + +84. + +~Spiritus familiaris.~ + ++Trutz Simplex+ Leben der Landstörzerin Courage. Cap. 18. u. 23. + +Der Leipziger Avanturieur. Frkft. u. Lpz. 1756. Th. 2. S. 38-42. + + +Er wird gemeinlich in einem wohlverschlossenen Gläslein aufbewahrt, +sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion, +bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer ihn kauft, in dessen Tasche bleibt +er, er mag das Fläschlein hinlegen, wohin er will, immer kehrt es von +selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze +sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg +fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat, +auch behütet es vor Haft und Gefängniß. Man braucht ihn nicht zu +pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgen-Männlein. + +Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum +sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht +anders verkaufen, als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn +nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat. + +Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist +kennen lernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte +fort; als er zu Haus ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht +besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf. + +Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte +deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im +Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenig +Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der +Stadt umher und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab +sichs, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück +erzählte. Dieser sprach: “seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel +vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.” Der Roßtäuscher meinte, das +wären leere Worte. “Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht +in jenes Haus und fraget nach einer Gesellschaft, die er ihm nannte, +der erzählt euern Unfall und bittet um Hilfe.” Der Roßtäuscher folgte +dem Rath, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach +der Gesellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe +wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an +einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an und sagten: +“dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du niedergeschlagen und +nun kommst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hilfe zu +suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.” Er mußte sich an einen +Neben-Tisch setzen und nach Verlauf weniger Minuten überreichten sie +ihm ein Schächtelein mit den Worten: “dies trage bei dir und du wirst +von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo +du nicht wieder arm werden willst, niemals öffnest.” Der Roßtäuscher +fragte, was er für dieses Schächtelein zu zahlen habe, aber die Männer +wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch +schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim, +kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Sack +mit dreihundert Ducaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die +Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch +einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das +Schächtlein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder +vorzeiten vergraben war, ein hervordringendes Licht, also daß er es +leicht heben konnte. Auf diese Weise erhielt er ohne Diebstal und Mord +große Schätze zusammen. + +Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, erschrack +sie und sprach: “du hast etwas böses empfangen, Gott will nicht, daß +der Mensch durch solch verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt, +im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ich bitte dich +um deiner Seeligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurückreisest +und der Gesellschaft deine Schachtel zustellst.” Der Mann, von diesen +Worten bewogen, entschloß sich und sendete einen Knecht mit dem +Schächtelein hin, um es zurückzuliefern, aber der Knecht brachte es +wieder mit der Nachricht zurück, daß diese Gesellschaft nicht mehr +zu finden sey, auch niemand wisse, wo sie sich gegenwärtig aufhalte. +Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtlein hinsetze +und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen +in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In einer Nacht stand sie auf, +zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sumsende Fliege +heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel +wieder darauf und steckte es an seinen Ort, unbesorgt, wie es ablaufen +würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in +das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen um oder wurden gestolen. +Das Korn auf dem Boden verdarb, das Haus brannte zu dreienmalen ab und +der eingesammelte Reichthum verschwand zusehends. Der Mann gerieth in +Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau +mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf +schoß. + + + + +85. + +Das Vogelnest. + ++Michaeler+ Vorrede zum Iwein. Wien 1786. S. 54. + ++Simplicissimus+ Springinsfeld ~cap.~ 23. + + +Noch jetzt herrscht in mehrern Gegenden der Glaube, daß es gewisse +Vogelnester (auch Zwissel- und Zeisselnestlein genannt) gebe, die, +selbst gewöhnlich unsichtbar, jeden, der sie bei sich trägt, unsichtbar +machen. Um sie nun zu finden, muß man sie zufällig in einem Spiegel +oder Wasser erblicken. Vermuthlich hängt die Sage mit dem Namen einer +Gattung des +Zweiblatts+, ~bifoglio~, zusammen, die in fast allen +europäischen Sprachen +Vogelnest+ heißt und etwas alraunhaft zu seyn +scheint. Den näheren Verlauf ergibt der angeführte Roman des 17. J.H. +am deutlichsten, gewiß aus volksmäßiger Quelle: + +Unter solchem Gespräch sah ich am Schatten oder Gegenschein eines +Baums im Wasser etwas auf der +Zwickgabel+ liegen, das ich gleichwohl +auf dem Baum selbst nicht sehen konnte, solches wies ich meinem Weib +Wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, +darauf es lag, kletterte sie auf den Baum und holets herunter, was wir +im Wasser gesehen hatten. Ich sah ihr gar eben zu und wurde gewahr, +daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen +Schatten (Abbild) wir im Wasser erblickt, in die Hand genommen hatte; +allein ich sah noch wohl ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den +Baum wieder abkletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielt, +das sie vom Zwickast herunter genommen. Ich fragte sie: was sie für ein +Vogelnest hätte? Sie hingegen fragte mich: ob ich sie denn sähe? Ich +antwortete: “auf dem Baum selbst sehe ich dich nicht, aber wohl deine +Gestalt im Wasser.” “Es ist gut, sagte sie, wenn ich herunterkomme, +wirst du sehen, was ich habe.” Es kam mir gar verwunderlich vor, daß +ich mein Weib sollte reden hören, die ich doch nicht sah, und noch +seltsamer, daß ich ihren Schatten an der Sonne wandeln sah und sie +selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, +so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr +außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konnte ich gar nichts +mehr von ihr merken, außer, daß ich ein kleines Geräusch vernahm, +welches sie beides mit ihrem Fußtritt und ihrer Kleidung machte, +welches mir vorkam, als ob ein Gespenst um mich her gewesen wäre; +sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand, sobald ich +dasselbige empfangen, sah ich sie wiederum, hingegen sie aber mich +nicht; solches probirten wir oft mit einander und befanden jedesmal, +daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Drauf +wickelte sie das Nestlein in ein Nasentüchel, damit der Stein, oder +das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befand und solche Wirkung +in sich hatte, nicht herausfallen sollte und etwan verloren würde, und +nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum, +wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen; das Nestnastüchel sahen wir +nicht, konnten es aber an demjenigen Ort wohl fühlen, wohin sie es +geleget hatte. + + + + +86. + +Der Brutpfenning. + ++Happel+ ~relat. curios. I. 522.~ + + +Der Brutpfenning oder Heckegroschen soll auf folgende heillose Weise +erlangt werden: die sich dem Teufel verbinden wollen, gehen auf +Weihnachts-Abend, so es beginnet zu dunkeln, nach einem Scheideweg +unter dem offenbaren Himmel. Mitten auf diesem Flecken legen sie +dreißig Pfenninge oder auch Groschen, Thaler, in einem runden Ring der +Reihe nach neben einander hin und heben an, die Stücke vorwärts und +rückwärts zu zählen. Dies Zählen muß gerade geschehen in der Zeit, +wenn man zur Messe läutet. In dem Zählen nun sucht der höllische Geist +durch allerhand schreckliche Gesichter von glühenden Ofen, seltsamen +Wagen und hauptlosen Menschen irre zu machen, denn wenn der Zählende im +geringsten wankt und stolpert, wird ihm der Hals umgedreht. Wofern er +aber richtig vor- und nachgezählt, so wirft der Teufel zu den dreißig +Stücken das ein und dreißigste in gleicher Münze hin. Dieser ein und +dreißigste Pfenning hat die Eigenschaft, daß er alle und jede Nacht +einen gleichen ausbrütet. + +Eine Bäuerin zu Pantschdorf bei Wittenberg, die einen solchen +Brutpfenning hatte, wurde auf diese Art als Hexe kund gemacht: sie +mußte einmal nothwendig ausgehen und hieß die Magd, die Milch von der +gemelkten Kuh (eh sie die andern melkte) alsbald sieden, auf weiß Brot +in einer dastehenden Schüssel gießen und in eine gewisse Kiste setzen, +welche sie ihr zeigte. Die Dienstmagd vergaß das entweder oder dachte, +es wäre gleichviel, ob sie die Milch vor oder nach dem Melken der +anderen Kühe aufkochte, und that also erst ihre ganze Arbeit. Nachher +nahm sie die siedende Milch vom Feuer und in der einen Hand den Topf +haltend, mit der andern im Begriff, die bezeichnete Kiste zu öffnen, +sah sie in dieser ein pechschwarz Kalb sitzen, das den Mund aufsperrte. +Vor Schrecken goß sie die gesottene Milch in seinen Rachen und in +selbem Augenblick floh das Kalb davon und steckte das ganze Haus in +Brand. Die Frau wurde eingezogen und bekannte; ihren Brutpfenning haben +die Bauern noch lange Zeit in der gemeinen Cassa aufbewahret. + + + + +87. + +Wechselkind mit Ruthen gestrichen. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 365. 366. + + +Im Jahr 1580. hat sich folgende wahrhaftige Geschichte begeben: nahe +bei Breslau wohnet ein nahmhaftiger Edelmann, der hat im Sommer viel +Heu und Grummet aufzumachen, dazu ihm seine Unterthanen fröhnen müssen. +Unter diesen ward auch berufen eine Kindbetterin, so kaum acht Tage im +Kindbett gelegen. Wie sie nun siehet, daß es der Junker haben wollte +und sie sich nicht weigern kann, nimmt sie ihr Kind mit ihr hinaus, +legt es auf ein Häuflein Gras, geht von ihm und wartet dem Heumachen +ab. Als sie ein gute Weile gearbeitet, und ihr Kindlein zu säugen +gehet, siehet sie es an, schreiet heftig und schlägt die Hände überm +Kopf zusammen, und klaget männiglich, dies sey nicht ihr Kind, weil es +geizig ihr die Milch entziehe und so unmenschlich heule, das sie an +ihrem Kinde nicht gewohnt sey. Wie dem allen, so behielt sie es etlich +Tag über, das hielt sich so ungebührlich, daß die gute Frau gar nahe zu +Grund gerichtet wäre. Solches klaget sie dem Junker, der sagt zu ihr: +“Frau, wenn es euch bedünket, daß dies nicht euer Kind, so thut eins +und tragt es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und +streichet es mit der Ruthe heftig, so werdet ihr Wunder sehen.” + +Die Frau folget dem Junker, ging hinaus und strich das Wechselkind +mit der Ruthe, daß es sehr geschrien hat; da brachte der Teufel ihr +gestolen Kind und sprach: “da hasts!” und mit dem nahm er sein Kind +hinweg. + +Diese Geschicht ist lautbar und beiden Jung und Alten in derselbigen +Gegend um und in Breslau landkündig. + + + + +88. + +Das Schauen auf die Kinder. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 124. + + +Ein glaubwürdiger Bürger aus Leipzig erzählte: als sein erstes +Kind schon etliche Wochen alt gewesen, habe man es zu drei +unterschiedlichen Nächten in der Wiege aufgedeckt und in der Quer +liegend gefunden, da doch die Wiege hart vor dem Wochenbette der +Mutter gestanden. Der Vater nahm sich also vor, in der vierten Nacht +aufzubleiben und auf sein Kind gute Acht zu haben. Er harrte eine +lange Weile und wachte stetig bis nach Mitternacht, da war dem Kinde +noch nichts begegnet, deswegen, weil er +es selber betrachtet und +angeschauet hatte+. Aber indem fielen ihm die Augen ein wenig zu und +als die Mutter kurz darauf erwachte und sich umsah, war das Kind wieder +in die Quer gezogen und das Deckbett von der Wiege mitten über ihr Bett +geworfen, da sie es sonsten nur immer aufzuschlagen und zu Füßen des +Kinds in der Wiege zu legen pflegen, nach allgemeinem Gebrauche. Denke +einer in so geschwinder Eile, daß sich alle verwundern mußten. Aber +weiter hatte das Ungethüm keine Macht zum Kinde gehabt. + + + + +89. + +Die Roggen-Muhme. + ++Tharsander (G.W. Wegner)+ Schauplatz I. 433. 434. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 125. 126. + + +In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von +der Roggen-Muhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich +hineinzugehen fürchten. + +Im Jahr 1662 erzählte auch die saalfelder Frau dem Prätorius: ein +dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Unterthanen +gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges, +säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu +fördern, zu Boden. Ueber eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen +war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin +tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte +herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie +zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wanns Zeit wäre. Die Frau +meinte, er thäte so der fleißigeren Arbeit wegen und fügte sich mit +großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam +die +Roggen-Mutter+ von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und +legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit +angesehen, rief er der Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der +Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten +zu zwingen. + + + + +90. + +Die zwei unterirdischen Weiber. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 123. 124. + + +Folgende Begebenheit hat Prätorius von einem Studenten erfahren, dessen +Mutter gesagt hatte, sie sey zu Dessau geschehen. + +Nachdem eine Frau ein Kind zur Welt gebracht, hat sie es bei sich +gelegt und ist noch vor dessen Taufe in einen tiefen Schlaf verfallen. +Zur Mitternacht sind zwei +unterirdische Weiber+ gekommen, haben Feuer +auf dem Hausheerde gemacht, einen Kessel voll Wasser übergesetzet, ihr +mitgebrachtes Kind darin gebadet und abgewaschen, solches hernach in +die Stube getragen und mit dem andern schlafenden Kind ausgetauschet. +Hierauf sind sie damit weggegangen, bei dem nächsten Berg aber um das +Kind in Streit gerathen, darüber es eine der andern zugeworfen und +gleichsam damit geballet haben, bis das Kind darüber geschrien und +die Magd im Hause erwachet. Als sie der Frauen Kind angeblickt und +die Verwechselung gemerkt, ist sie vors Haus gelaufen und hat die +Weiber noch also mit dem gestohlenen Kind handthieren gefunden, darauf +sie hinzugetreten und hat mit gefangen, sobald sie aber das Kind in +ihre Arme bekommen, ist sie eilends nach Haus gelaufen und hat die +Wechselbutte vor die Thür geleget, welche darauf die Bergfrauen wieder +zu sich genommen. + + + + +91. + +König Grünewald. + +Hess. Denkwürdigk. IV. 2, 295-297. vom Prof. +Schwarz+ aus der Sage +alter Leute aufgenommen. + + +Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor Alters ein König und +stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf +die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal +sein Feind, ein König, der hieß +Grünewald+ und belagerte ihn in +seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem +König im Schlosse seine Tochter immer noch Muth ein. Das währte bis +zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das +feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr +angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war und sagte ihrem +Vater: + + Vater gebt euch gefangen, + der grüne Wald kommt gegangen! + +Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie +ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu +mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie +ihren eigenen Vater, packte ihn drauf sammt ihren besten Schätzen und +zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fortgegangen +waren, sprach die Königstochter: “hier +wollemer+ ruhen!” Daher hat ein +Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg, +in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg, +bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter: +“+hier hat’s Feld!+” und da blieben sie und bauten ein Schloß und +nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die +Ueberbleibsel und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen. +(Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier Stunden vom +Christenberge westlich). + + + + +92. + +Blümelis-Alp. + ++Scheuchzer+ Naturgesch. der Schweiz. Zürich 1746. II. 83. + ++Wyß+ Volkssagen. Bern 1815. aus mündl. Ueberlieferung. + + +Mehr als eine Gegend der Schweiz erzählt die Sage von einer jetzt in +Eis und Felstrümmern überschütteten, vor alten Zeiten aber beblümten, +herrlichen und fruchtbaren Alpe. Zumal im Berner Oberland wird sie von +den Klariden (einem Gebirg) berichtet: + +Ehmals war hier die Alpweide reichlich und herrlich, das Vieh gedieh +über alle Maaßen, jede Kuh wurde des Tages dreimal gemolken und +jedesmal gab sie zwei Eimer Milch, den Eimer von dritthalb Maas. +Dazumal lebte am Berg ein reicher, wohlhabender Hirte, und hob an, +stolz zu werden und die alte einfache Sitte des Lands zu verhöhnen. +Seine Hütte ließ er sich stattlicher einrichten und buhlte mit +Cathrine, einer schönen Magd, und im Uebermuth baute er eine Treppe ins +Haus aus seinen Käsen und die Käse legte er aus mit Butter und wusch +die Tritte sauber mit Milch. Ueber diese Treppe gingen Cathrine, seine +Liebste, und Brändel, seine Kuh, und Rhyn, sein Hund, aus und ein. + +Seine fromme Mutter wußte aber nichts von dem Frevel und eines +Sonntags im Sommer wollte sie die Senne ihres Sohns besuchen. Vom Weg +ermüdet ruhte sie oben aus und bat um einen Labetrunk. Da verleitete +den Hirten die Dirne, daß er ein Milchfaß nahm, saure Milch hineinthat +und Sand darauf streute, das reichte er seiner Mutter. Die Mutter aber, +erstaunt über die ruchlose That, ging rasch den Berg hinab und unten +wandte sie sich, stand still und verfluchte die Gottlosen, daß sie Gott +strafen mögte. + +Plötzlich erhob sich ein Sturm und ein Gewitter verheerte die +gesegneten Fluren. Senne und Hütte wurden verschüttet, Menschen und +Thiere verdarben. Des Hirten Geist, sammt seinem Hausgesinde, sind +verdammt, so lange, bis sie wieder erlöst worden, auf dem Gebirg +umzugehen, “ich und min Hund Rhyn, und mi Chuh Brandli und mine +Kathry, müssen ewig uf Klaride syn!” Die Erlösung hangt aber daran, +daß ein Senner auf Charfreitag die Kuh, deren Euter Dornen umgeben, +stillschweigend ausmelke. Weil aber die Kuh, der stechenden Dörner +wegen, wild ist und nicht still hält, so ist das eine schwere Sache. +Einmal hatte einer schon den halben Eimer vollgemolken, als ihm +plötzlich ein Mann auf die Schulter klopfte und fragte: “schäumts auch +wacker?” Der Melker aber vergaß sich und antwortete: “o ja!” da war +alles vorbei und Brändlein, die Kuh, verschwand aus seinen Augen. + + + + +93. + +Die Lilie. + ++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 14. u. 15. + + +Im Land zu H. war ein Edelmann, A. v. Th. genannt, der konnte +Köpfe abhauen und wieder aufsetzen. Er hatte bei sich beschlossen, +hinfort des teuflischen, gefährlichen Dings müßig zu gehen, eh er +einmal darüber in ein Unglück geriethe, wie dann doch geschahe. Bei +einer Gasterei ließ er sich von guten Gesellen überreden, diese +Ergötzlichkeit ihnen noch einmal zu guter Letzt zu zeigen. Nur wollte, +wie leicht zu erachten, niemand gern seinen Kopf dazu leihen; letztlich +ließ sich der Haus-Knecht dazu brauchen, doch mit dem gewissen Geding, +daß ihm sein Kopf wieder fest gemacht würde. Nun hieb ihm der Edelmann +den Kopf ab, aber das Wieder-Aufsetzen wollte nicht gehen. Da sprach er +zu den Gästen: “es ist einer unter euch, der mich verhindert, den will +ich vermahnt haben und gewarnt, daß er es nicht thue.” Darauf versuchte +ers abermal, konnte aber nichts ausrichten. Da vermahnte und dräute er +zum andernmal, ihn unverhindert zu lassen. Da das auch nicht half und +er beim drittenmal den Kopf nicht wieder aufsetzen konnte, ließ er auf +dem Tisch eine Lilie wachsen, der hieb er das Haupt und die Blume oben +ab. Alsbald fiel einer von den Gästen hinter sich von der Bank und war +ihm der Kopf ab. Nun setzte er dem Haus-Knecht den seinen wieder auf +und flohe aus dem Lande, bis die Sache vertragen ward und er Verzeihung +erhielt. + + + + +94. + +Johann von Passau. + ++Luther’s+ Tisch-Reden. 105. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 357. 358. + +Wendunmuth. V. 312. Nr. 256. + + +Doctor Martinus Luther erzählt: ein Edelmann hatte ein schön jung Weib +gehabt, die war ihm gestorben, und auch begraben worden. Nicht lange +darnach, da liegt der Herr und der Knecht in einer Kammer beieinander, +da kommt des Nachts die verstorbene Frau und lehnet sich über des +Herren Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sah, +daß solches zweimal nach einander geschah, fraget er den Junkherrn, +was es doch sey, daß alle Nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern vor +sein Bett komme, da saget er nein, er schlafe die ganze Nacht aus, und +sehe nichts. Als es nun wieder Nacht ward, gibt der Junker auch acht +drauf und wachet im Bette, da kömmt die Frau wieder vor das Bett, der +Junker fraget: wer sie sey und was sie wolle? Sie antwortet: sie sey +seine Hausfrau. Er spricht: “bist du doch gestorben und begraben!” +Da antwortet sie: “ja, ich habe deines Fluchens halben und um deiner +Sünden willen sterben müssen, willst du mich aber wieder zu dir haben, +so will ich wieder deine Hausfrau werden.” Er spricht: “ja, wenns nur +seyn könnte;” aber sie bedingt aus und vermahnet ihn, er müsse nicht +fluchen, wie er denn einen sonderlichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn +sonst würde sie bald wieder sterben; dieses sagt ihr der Mann zu, da +blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte im Haus, schlief bei ihm, +aß und trank mit ihm und zeugete Kinder. + +Nun begibt sichs, daß einmal der Edelmann Gäste kriegt und nach +gehaltener Mahlzeit auf den Abend das Weib einen Pfefferkuchen zum Obst +aus einem Kasten holen soll und bleibet lange außen. Da wird der Mann +scheltig und fluchet den gewöhnlichen Fluch, da verschwindet die Frau +von Stund an und war mit ihr aus. Da sie nun nicht wieder kommt, gehen +sie hinauf in die Kammer, zu sehen, wo die Frau bliebe. Da liegt ihr +Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermeln in dem Kasten, das ander +Theil aber heraußen, wie sich das Weib hatte in den Kasten gebücket, +und war das Weib verschwunden und sider der Zeit nicht gesehen worden. + + + + +95. + +Das Hündlein von Bretta. + +Mündlich. + + +In der Rheinpfalz, besonders im Kraichgau, geht unter den Leuten +das Sprichwort um, wenn von übel belohnter Treue die Rede ist: “es +geschieht dir, wie dem Hündchen zu Bretten.” Die Volkssage davon +muß schon alt seyn und namentlich spielt auch Fischart an zwei +verschiedenen Stellen darauf an. + +In dem Städtchen Bretten lebte vorzeiten ein Mann, welcher ein treues +und zu mancherlei Dienst abgerichtetes Hündlein hatte, das pflegte er +auszuschicken, gab ihm einen Korb ins Maul, worin ein beschriebener +Zettel mit dem nöthigen Gelde lag, und so langte es Fleisch und +Bratwurst beim Metzger, ohne je einen Bissen davon anzurühren. Einmal +aber sandte es sein Herr, der evangelisch war, an einem Freitag zu +einem Metzger, der catholisch war und streng auf die Fasten hielt. +Als nun der Metzger auf dem Zettel eine Wurst bestellt fand, hielt er +das Hündlein fest, haute ihm den Schwanz ab und legte den in den Korb +mit den Worten: “da hast du Fleisch!” Das Hündlein aber, beschimpft +und verwundet, trug den Korb treulich über die Gasse nach Haus, legte +sich nieder und verstarb. Die ganze Stadt trauerte und das Bild eines +Hündleins ohne Schwanz wurde in Stein ausgehauen übers Stadtthor +gesetzt. + +Andere erzählen so: es habe seinem armen Herrn Fleisch und Würste +gestohlen zugetragen, bis es endlich ein Fleischer ertappt und mit dem +Verlust des Schwanzes gestraft. + + + + +96. + +Das Dorf am Meer. + +Mündlich, aus Holstein. + + +Eine Heilige ging am Strand, sah nur zum Himmel und bätete, da kamen +die Bewohner des Dorfs Sonntags Nachmittag, ein jeder geputzt +in seidenen Kleidern, seinen Schatz im Arm, und spotteten ihrer +Frömmigkeit. Sie achtete nicht darauf und bat Gott, daß er ihnen diese +Sünde nicht zurechnen wolle. Am andern Morgen aber kamen zwei Ochsen +und wühlten mit ihren Hörnern in einem nahgelegenen großen Sandberg +bis es Abend war; und in der Nacht kam ein mächtiger Sturmwind und +wehte den ganzen aufgelockerten Sandberg über das Dorf hin, so daß es +ganz zugedeckt wurde und alles darin, was Athem hatte, verdarb. Wenn +die Leute aus benachbarten Dörfern herbeikamen und das verschüttete +aufgraben wollten, so war immer, was sie Tags über gearbeitet, Nachts +wieder zugeweht. Das dauert bis auf den heutigen Tag. + + + + +97. + +Die verschütteten Silber-Gruben. + +Mündlich, am Harz. + + +Die reichsten Silberbergwerke am Harz waren die schon seit langen +Jahren eingegangenen beiden Gruben: der große Johann und der goldene +Altar (bei Andreasberg?). Davon geht folgende Sage. Vorzeiten, als die +Gruben noch bebaut wurden, war ein Steiger darüber gesetzt, der hatte +einmal, als der Gewinn groß war, ein paar reiche Stufen bei Seite +gelegt, um, wenn der Bau schlechter und ärmer seyn würde, damit das +fehlende zu ersetzen und immer gleichen Gewinn hervorzubringen. Was +er also in guter Absicht gethan, das ward von andern, die es bemerkt +hatten, als ein Verbrechen angeklagt, und er zum Tode verurtheilt. +Als er nun niederkniete und ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden, +da betheuerte und beschwur er nochmals seine Unschuld und sprach: “so +gewiß bin ich unschuldig, als mein Blut sich in Milch verwandeln und +der Bau der Grube aufhören wird; wann in dem gräflichen Haus, dem +diese beiden Bergwerke zugehören, ein Sohn geboren wird mit Glas-Augen +und mit Reh-Füßen, und er bleibt am Leben, so wird der Bau wieder +beginnen, stirbt er aber nach seiner Geburt, so bleiben sie auf ewig +verschüttet.” Als der Scharfrichter den Hieb gethan und das Haupt +herabfiel, da sprangen zwei Milchströme statt des Bluts schneeweiß aus +dem Rumpf in die Höhe und bezeugten seine Unschuld. Auch die beiden +Gruben gingen alsbald ein. Nicht lange nachher ward ein junger Graf mit +Glas-Augen und Reh-Füßen geboren, aber er starb gleich nach der Geburt +und die Silberbergwerke sind nicht wieder aufgethan, sondern bis auf +diesen Tag verschüttet. + + + + +98. + +Die Fundgrübner. + ++Happel+ ~relat. curios. I. 758-760.~ + + +Die reichsten Berggänge pflegen von armen und geringen Grübnern +entdeckt zu werden, darüber es mancherlei Sagen hat. In dem böhmischen +Bergwerk auf der Eule war ein Bergmann, des Namens +der rothe Leu+, so +reich geworden, daß er König Wenzel zu Gast lud, ihm eine Tonne Goldes +schenkte, und dem König Carl hundert geharnischte Reuter ausrüstete. +Dieser rothe Leu hatte anfangs sein ganzes Vermögen zugesetzt und schon +sein Weib ihren Schleier (ihr eingebrachtes) verkaufen müssen. Eines +Tags stieß sich die Frau von ungefähr blutrünstig in die Ferse an einem +großen Knauer. Der Mann wollte ihn wegstufen und traf auf gediegenes +Gold, wodurch er plötzlich reich wurde. Aber Stolz und Hochmuth kamen +über ihn, in seinem Hause mußte alles seiden, silbern und golden seyn +und das Weib sprach: es wäre Gott unmöglich, daß sie wieder arm werden +sollten. Nach und nach wurde der rothe Leu bettelarm und starb auf dem +Misthaufen. + +Im salzburger Werk zu Gastein und Rauriß lebte ein mächtiger +Fundgrübner, genannt +der alte Weitmoser+. In der Stunde, wo er seinen +Schuldnern entlaufen wollte und schon in der Thür stand, wurde ihm +reicher Ausbruch und Handstein entgegen gebracht. Die hielten Gold und +Silber, wurden mit Macht geschüttet und gaben ihm und anderen bald +große Reichthümer. Und da ihm auf seinem Sterbebette schöne Handsteine +neuerdings aus der Grube getragen wurden, sagte er doch: “der rechte +und schönste Gang ist Jesus mein Herr und Heiland, auf dem will ich +bald eingehen ins ewige Leben.” + + + + +99. + +Ein gespenstiger Reuter. + +H. +Speidel+ in ~notabil. polit. f.~ 397. + ++Prätorius+ im Glückstopf. S. 173. 174. + ++Happel+ ~relat. curios. III.~ 521. + + +Ein unbekannter Mann hat sich gegen das Ende des 17. Jahrhunderts +bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde, +nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche +Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof +anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der +Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu +sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen. +Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals +nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser +Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite +erschossen sey, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet +worden. Er gab auch alle Umstände an: des Todten Vaterland, Namen, +Alter und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst +gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm +daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine +Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der +Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der +Graf nicht Ursache hätte ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste +geleistet und noch leisten wolle, bitte er ihn ferner an dem Hofe zu +erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub. +Deßwegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein +Pferd und Narren-Kleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf +gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter +anzunehmen verweigerte. + +Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab, +auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Kuppel-Pferden in dem +Narren-Kleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte, +mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf +bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen +Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das +Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum +bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halb todt auf +die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Kuppel +verschwunden. + + + + +100. + +Der falsche Eid. + +~M. +Schneider+ Titius contin. L. 11. sect. 2. cap. 3. p. 416~. + + +Im Odenwald beim Kloster Schönau liegt ein Ort, genannt +zum falschen +Eid+. Da hat auf eine Zeit ein Bauer geschworen, der Acker gehöre +sein, alsbald öffnete sich der Erdboden unter seinen Füßen und er +versank, daß nichts übrig blieb, als sein Stab und zwei Schuhe. Davon +hat die Stelle den Namen erhalten. + +Sonst weiß man auch von Meineidigen, daß ihnen die aufgerichten +Finger erstarren und nicht mehr gebogen werden mögen, oder daß +sie verschwarzen; auch daß sie nach dem Tod der Leute zum Grab +herauswachsen. + + + + +101. + +Zwölf ungerechte Richter. + +~+Zeilleri+ epist. 58.~ + ++Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 455. + + +Nah bei westphälisch Minden liegt ein Grund, davon wird erzählt, zwölf +Richter hätten den Boden einem zugesprochen, dem er nicht gehörig, +darüber sich die Erde aufgethan und sie bis an die Knie alsbald +verschluckt; wie dessen noch Wahrzeichen vorhanden sind. + + + + +102. + +Die heiligen Quellen. + +Morgenblatt. 1808. Nr. 247. S. 987. + + +Das schweizer Landvolk redet noch von den heiligen Quellen, die im +Rütli plötzlich entsprungen, als da der große Eidschwur geschah, und +wie einem der Schwörenden, der den Bund verrathen, sogleich Feuer zu +Mund und Nase ausgefahren sey, auch sein Haus von selbst angefangen +habe zu brennen. + + + + +103. + +Der quillende Brunnen. + ++Happel+ ~relat. curios. V. 43.~ aus ~+Mich. Piccard,+ orat. acad. 4.~ + + +An einem Berge in Franken quillet ein Brunnen, wobei ein vornehmes +adliches Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er +schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhöret, +als wenn jemand aus demselbigen Geschlecht soll sterben. Alsdann +vertrocknet er so gar, daß man auch fast kein Zeichen oder Spur mehr +findet, es sey jemals ein Brunn daselbst gewesen. Als zur Zeit ein +alter Herr des gedachten adlichen Stammes in fremden Landen tödlich +niederlag, und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod muthmaßte, +fertigte er in seine Heimath einen Boten ab, der sich erkundigen +sollte: ob der Brunn vertrockne? Bei der Ankunft des Boten war das +Wasser versiegt, allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu +verschweigen, vielmehr zu sagen: der Brunn befinde sich noch richtig +und voll Wassers; damit ihm keine traurige Gedanken erweckt würden. +Da lachte der Alte und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen +abergläubisch zu wissen gesuchet, was im Wohlgefallen Gottes stände, +schickte sich zu einem seeligen Abschied an. Plötzlich aber wurde es +besser mit seiner Krankheit und nicht lange, so kam er dieses Lagers +völlig wieder auf. Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm +seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich +zu, daß des Geschlechts ein Junger von Adel von einem untreuen Pferde +abgeworfen, gleich zu der nämlichen Zeit Todes verfuhr. + + + + +104. + +Hunger-Quelle. + ++Dreyhaupt+ Hall. Chronik. I. 1106. + +vgl. +Stalder+ Schweiz. Idiot. v. Hunger-Brunnen. + + +Zu Halle auf dem Markt an dem rothen Thurm ist ein Quell-Brunnen, der +an der Mitternacht-Seite zu Tag ausfließet und für eine Hunger-Quelle +ausgegeben wird, indem aus dessen starkem oder schwachem Ueberlaufen +der gemeine Mann Theurung oder wohlfeile Zeit weißagt. + + + + +105. + +Der Liebenbach. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Die Stadt Spangenberg in Hessen erhält ihr Trinkwasser durch +einen Bach, welcher die gute Quelle des gegenüber liegenden Bergs +herbeileitet. Von der Entstehung dieses Bachs wird folgendes erzählt. +Ein Jüngling und ein Mädchen in der Stadt liebten sich herzlich, aber +die Eltern wollten lange nicht zu ihrer Verheirathung einwilligen. +Endlich gaben sie nach, unter der Bedingung, daß die Hochzeit erst +dann solle gefeiert werden, wenn die zwei Liebenden die gute, frische +Quelle von dem gegenüber liegenden Berge ganz allein herüber geleitet +hätten: dadurch würde die Stadt Trinkwasser erhalten, woran sie bisher +Mangel gelitten. Da fingen beide an, den Bach zu graben und arbeiteten +ohn Unterlaß. So haben sie vierzig Jahre gegraben, als sie aber fertig +waren, starben sie beide in demselben Augenblick. + + + + +106. + +Der Helfenstein. + ++Grundmann+ Geschichtschule. Görliz. 1677. S. 779-782. + + +Eine Meile von Trautenau in Böhmen, auf dem Riesenberg, liegt der +Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden, +nachher aber versunken ist und weiß niemand, wo die Menschen, die +darin lebten, hingekommen sind. Im Jahr 1614 war, viertelwegs davon, +zu Maeschendorf, eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels +Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie: +“kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen +finden und das große Weinfaß sehen.” Da sie hingehen, ist der Felsen +offen und eine Eisenthür aufgethan, daran ein Schloß mit vielen +Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein. +Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Thür. +Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrath, +besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Tauben +abgefallen, allein es hatte sich eine Fingersdicke Haut angesetzt, so +daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen +angriffen, schlotterte es und gab nach, wie ein Ei mit weichen Schalen. +Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus +einer schönen Stube, rothen Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine +große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Thür-Aufmachen hatten sie +gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne +Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlig. Der aber den Wein +zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken +und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu +unsauber und nicht angeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen. +Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich +entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne +geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: “laßt uns hinausgehen, +es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seyen in den Bergen hie +verfallen.” Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach +wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken. + +Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: “laßt uns noch einmal hin +und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.” Die andern +wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen, +folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne +Thür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählen sie +alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels +blieb zu, so oft man ihn auch in Augenschein genommen. + + + + +107. + +Die Wiege aus dem Bäumchen. + +Wiener Litter. Zeitung. 1813. Sept. 277. + +vgl. +Gottschalk+ Ritterburgen. II. 103-105. aus +Gaheis+ Wanderungen +um Wien. 1803. + + +Bei Baden in Oesterreich stehen die Trümmer des alten Bergschlosses +Rauheneck. In diesen soll ein großer Schatz verborgen liegen, den aber +nur der heben kann, der als Kind in einer Wiege geschaukelt seyn wird, +die aus dem Holz des Baumes gezimmert worden ist, der jetzt nur erst +als ein schwaches Reiß aus der Mauer des hohen Thurmes zu Rauheneck +sprießt. Verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so muß die +Hebung des Schatzes warten, bis es von neuem ausschlägt und wieder +wächst. + + + + +108. + +Hessenthal. + ++Münchhausen+ im Freymüthigen. 1806. Nr. 47. S. 186. + + +Die alte Burg Schellenpyrmont liegt nun in Trümmern, da soll der Sage +nach vormals Thusneldens Sitz gewesen seyn. Thusnelde hatte einen +Vogel, der reden konnte. Eines Tags kam er aus dem Hessenthal, einem +Waldgrunde am Burgberg, herauf und schrie in einem fort: + + “Hessenthal blank, Hessenthal blank!” + +damit die in dies Thal schon vorgedrungenen Römer in ihren blanken +Rüstungen anzudeuten, und die Deutschen gewannen nun Zeit, sich gegen +den Ueberfall des Feindes zu rüsten. + + + + +109. + +Reinstein. + ++Happel+ ~relat. curios. III.~ 784. + + +Unter der uralten Burg Reinstein unweit Blankenburg am Harz liegt ein +großes Felsenloch, angefüllt mit allerhand kleinen Steinen, wie man sie +sonst nicht auf Gebürgen, sondern blos in Ebenen findet. Wenn jemand +von solchen Steinen viel oder wenig nimmt, führt, oder trägt, so kommen +sie doch wieder an denselben Ort, da sie sind weggenommen worden, +so daß die Höhle immer voll von Steinen bleibt. Es soll aber noch +keinem gefrommt haben, dergleichen Steine wegzubringen. Auf dem Fels, +sonderlich um die Gegend der Höhle, hört man zur Mittagsstunde oft +Schellen läuten, zuweilen auch ein Gehämmer wie von vielen Schmieden. + + + + +110. + +Der stillstehende Fluß. + ++Winkelmann+ Beschr. von Hessen. S. 59. + + +Von der Fulde heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen, +sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll, +daß sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam +der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere +Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet. + + + + +111. + +Arendsee. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 97. aus mündlicher Sage. + + +Von dem Arendsee in der Altmark wird folgendes erzählt: an der Stelle, +wo jetzt der See und der Ort dieses Namens liegt, stand vor Alters +ein großes Schloß. Dieses ging urplötzlich unter und nicht mehr kam +davon, als ein Mann und ein Weib. Wie die beiden nun fortgingen, sah +sich das Weib ungefähr um und ward der schleunigen Veränderung innen. +Verwundert brach sie in die Worte aus: “+Arend see!+” (Arend sieh! denn +jenes war ihres Mannes Name) und darum gab man nachher dem Städtlein +die Benennung, das an dem See auferbaut wurde. In diesem See ragt der +feinste, weiße Streusand hervor und wann die Sonne hell scheint, soll +man (wie auch beim See Brok neben dem Ossenberg) noch alle Mauern +und Gebäude des versunkenen Schlosses sehen. Einige haben einmal +vorgehabt, das Wasser zu gründen, und ein Seil eingelassen; wie sie +das herauszogen, fand sich ein Zettel dran mit dem Gebote: lasset ab +von euerem Unternehmen, sonst wird euerm Orte widerfahren, was diesem +geschehen ist. + + + + +112. + +Der Ochsenberg. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 96. aus mündlicher Erzählung seiner Mutter, +die in der Gegend gebürtig war. + + +In der alten Mark, nicht weit vom zertrümmerten Schloß Alvensleben, +liegt ein großes, wacker lustiges, Dorf, mit Namen Ursleben. Einen +Büchsenschuß hinter dem Dorf stehet ein großer See, genannt Brock +(Bruch), an dessen Stätte war vor alten Zeiten ein schönes Schloß, +das hernach unterging und seitdem war das große Wasser aufgekommen. +Nämlich es sollen alle Leute drinnen versunken seyn, ausgenommen eine +einzige Edeljungfer, die ein Traum kurz vorher warnete. Als nun das +Vieh und die Hühner sonderlich traurige Zeichen eines bevorstehenden +großen Unglücks laut werden ließen, setzte sich diese Jungfrau auf +einen Ochsen und ritt davon. Mit genauer Noth erreichte sie einen +dabei gelegenen Hügel, hinter ihr drein sank das Schloß zusammen, und +wie sie auf dem Ochsen sitzend sich vom Hügel umsah, war das Gewässer +überall aufgestiegen. Davon heißt der Hügel noch +Ossenberg+ bis auf +den heutigen Tag. + + + + +113. + +Die Moor-Jungfern. + ++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. I. 144. II. 36-39. + + +Auf der Rhöne ist ein Sumpf, genannt das rothe Moor. Nach der Volkssage +stand daselbst vorzeiten ein Dorf, Namens +Poppenrode+, das ist nunmehr +versunken. Auf der Moorfläche bei Nacht schweben Lichtchen, das sind +Moor-Jungfern. An einem andern Ort ebendaselbst liegt auch das schwarze +Moor, schon in alten Urkunden so genannt, und die Sage weiß auch hier +von einem versunkenen Dorf, von welchem noch ein Pflaster übrig ist, +Namens: +die steinerne Brücke+. + + + + +114. + +Andreas-Nacht. + +Mündlich. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 91-93. + ++Goldschmid’s+ höll. Morpheus. Hamb. 1698. S. 173. 174. + + +Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreas-Nacht, Thomas-Nacht, +Christ-Nacht und Neujahrs-Nacht seinen zukünftigen Liebsten einladen +und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber +keine Gabeln dabei seyn. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt, +muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es +besitzt und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht +kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von +übermenschlicher Gewalt gelitten und er des Zaubers sich bewußt wird, +wodurch großes Unglück entsteht. + +Ein schönes Mädchen in Östreich begehrte einmal um Mitternacht, unter +den nöthigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster +mit einem Dolche daher trat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder +verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in +eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre +nach ihrer Verheirathung ging sie einstmals Sonntags, als die Vesper +vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag +zur Arbeit vornehmen wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr +Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie +mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch. +Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen +bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie +weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen, +sondern bekennt frei, es sey derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht +hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und +sprach mit einem fürchterlichen Fluch: “Hur! so bist du die Dirne, die +mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!” und stößt ihr +damit den Dolch mitten durchs Herz. + +Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt. +Mündlich: von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem +ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu +holen und denkt nicht, daß dort das Zauber-Geräth liegt, das er findet +und womit er sie tödtet. + + + + +115. + +Der Liebhaber zum Essen eingeladen. + ++Prätorius+ Weihnachtsfratzen. ~prop.~ 53. + ++Bräuner’s+ Curiositäten. 97. + ++Valvassor+ Ehre von Crain. II. 479. + + +Zu Saalfeld in Thüringen war eine Schösserin (Steuereinnehmerin), die +sich heimlich in ihren Schreiber verliebte. Durch Zauberei aber wollte +sie ihn gewinnen, ließ ein frisches Brot backen und steckte mitten +in der heiligen Christnacht kreuzweise zwei Messer hinein, indem sie +etliche Worte dazu murmelte. Darauf kam der Schreiber aus dem Schlafe +ganz nackigt zur Stube hereingesprungen, setzte sich nieder am Tisch +und sah sie scharf an. Sie stand auf und lief davon, da zog er beide +Messer aus dem Brot und warf sie hinter ihr drein und hätte sie bald +sehr verletzet. Hernach ging er wieder zurück; eine Muhme, die in +der Stube zugegen war, erschrack so heftig, daß sie etliche Wochen +krank niederliegen mußte. Der Schreiber soll den folgenden Tag zu den +Hausleuten gesagt haben: er möchte nur gern wissen, welche Frau ihn +verwichene Nacht so geängstet habe; er wäre so abgemattet, daß er es +kaum sagen könne, denn er hätte sollen mit fortkommen und sich nicht +gnugsam erwehren können; er hätte auch bäten mögen, was er gewollt, so +wäre er getrieben worden. + +Dieselbe alte Frau, die diese Geschichte erzählte, fügte hinzu: auch +zu Coburg haben einmal einige Edeljungfrauen von neunerlei Essen etwas +aufgehoben und um Mitternacht aufgestellt und sich dabei zu Tische +gesetzt. Darauf kamen ihre Liebsten alle, jeder brachte ein Messer mit +und wollten sich zu ihnen niederlassen. Darüber entsetzten sich die +Jungfrauen und flohen; einer aber nahm das Messer und warf hinterher; +sie schaute um, blickte ihn an und hob das Messer auf. Ein andermal +soll statt des eingeladenen Buhlen der leibhaftige Tod in die Stube +gekommen seyn und sein Stundenglas bei einer niedergesetzt haben, die +denn auch das Jahr über verstarb. + +In Schlesien haben sich drei Hof-Fräulein in einer heiligen Nacht an +einen gedeckten Tisch gesetzt und ihre zukünftige Liebhaber erwartet, +deren jedem ein Teller hingestellt war. Sie sind auch auf diese +Einladung erschienen, aber nur zweie, die sich zu zwei Jungfrauen +gesetzt; der dritte ist ausgeblieben. Als nun die verlassene darüber +traurig und ungeduldig geworden, endlich nach langem vergeblichem +Warten aufgestanden und sich ans Fenster gestellt, hat sie gegenüber +einen Sarg erblickt, darin eine Jungfrau gelegen, ihr ganz gleich +gestaltet, worüber sie erkrankte und bald darauf starb. Nach einer +mündlichen Erzählung kommt die Todtenlade in die Stube, sie geht darauf +zu, die Bretter thun sich auf und sie fällt todt hinein. + + + + +116. + +Die Christnacht. + ++Prätorius+ Weihnachtsfratzen Nr. 60. 61. 64. + + +Abergläubische Mägde, um Träume von ihren Liebsten zu bekommen, kaufen +frühe des Tags vor dem heiligen Abend um einen Pfennig Semmel und zwar +das letzte Stößchen, das auf einem Ende zu ist. Weiter schneiden sie +ein bischen Rinde unten ab, binden es unter den rechten Arm und gehen +fleißig den ganzen Tag damit herum. Hernach beim Schlafengehen legen +sie es unter den Kopf in der Christnacht und sprechen dabei: + + “jetzt hab ich mich gelegt und Brot bei mir, + wenn doch nun mein Feinslieb käme und äße mit mir!” + +Darüber soll es geschehen, daß zur Mitternacht von solcher Semmelrinde +etwas genagt wird, und daran kann man frühmorgens erkennen, daß der +Liebste sie das Jahr über heirathen werde. Ist aber das Brot unverletzt +gelassen, so haben sie schlechte Hoffnung. Also soll es sich begeben +haben (1657 zu Leipzig), daß da ihrer zwei beieinander in einem Bette +schliefen, die eine hatte solches Brot unter sich liegen, die andere +nicht. Diese hörte Nachts ein Knarren und Nagen, fürchtete sich und +rüttelte ihre Gespielin, die aber in festem Schlaf lag und nichts +gewahr wurde, bis sie aus den Träumereien erwachte. Als sie nun Morgens +das Brot besichtigten, war ein Creuz hineingefressen. Das Weibsbild +soll bald darauf einen Soldaten zum Mann bekommen haben. + +Die alte saalfelder Frau erzählte, daß andere ein Gefäß mit Wasser +nehmen und es mit einem gewissen kleinen Maaß in ein ander Gefäß +messen. Sie thun dies aber etlichemal und sehen zu, ob sie in den +wiederhohlten Bemessungen +mehr Wasser+ antreffen, als zuerst. Daraus +schließen sie, daß sie das folgende Jahr über zunehmen werden an +Haab und Gütern. Befinden sie +einerlei Maaß+, so glauben sie, daß +ihr Schicksal stillstehe, und sie weder Glück noch Unglück haben +werden. Ist aber zuletzt +weniger Wasser+, so entnehmen sie, daß ihr +gutes Wohlergehn und Gedeihen zurückgehe. Der saalfelder Frau war das +mittelste einmal zu Händen gekommen. + +Andere nehmen einen Erbschlüssel und einen Knäul Zwirn, binden den +Zwirn fest an den Schlüssel und bewinden das Knäul, damit es nicht +weiter ablaufe, als sie es vorher haben laufen lassen. Sie lassen es +aber bei ein Ellen oder sechs los; dann stecken sie dies Gebäumel +zum Fenster aus und bewegen es von einer Seite zur andern an den +äußerlichen Wänden und sprechen dabei: “horch! horch!” so sollen sie +von der Seite und Gegend oder dem Orte her eine Stimme vernehmen, dahin +sie werden zu freien und zu wohnen kommen. Andere greifen zur Thüre +hinaus und haben, wenn sie die Hand hereinziehen, einige Haare von +ihrem zukünftigen Liebsten darin. + + + + +117. + +Das Hemdabwerfen. + ++Prätorius+ Weihnachtsfratzen. Nr. 62. + + +Zu Coburg saßen am Weihnachtabend mehrere Mädchen zusammen, waren +neugierig und wollten ihre künftige Liebhaber erkündigen. Nun hatten +sie Tags vorher neunerlei Holz geschnitten und als die Mitternacht kam, +machten sie ein Feuer im Gemach und die erste zog ihre Kleider ab, warf +ihr Hemd vor die Stubenthüre hinaus und sprach bei dem Feuer sitzend: + + “hier sitz ich splitterfasenackt und bloß, + wenn doch mein Liebster käme + und würfe mir mein Hemde in den Schooß!” + +Hernach wurde ihr das Hemd wieder hereingeworfen und sie merkte auf +das Gesicht dessen, der es that; dies kam mit dem überein, der sie +nachdem freite. Die andern Mädchen kleideten sich auch aus, allein sie +fehlten darin, daß sie ihre Hemder zusammen in einen Klump gewickelt +hinauswarfen. Da konnten sich die Geister nicht finden, sondern huben +an zu lärmen und zu poltern, dermaßen, daß den Mädchen grausete. Flugs +gossen sie ihr Feuer aus und krochen zu Bette bis frühe, da lagen ihre +Hemder vor der Thüre in viel tausend kleine Fetzen zerrissen. + + + + +118. + +Krystall-Schauen. + ++Joh. Rüst+ Zeitverkürzung. S. 255 ff. + ++Erasm. Francisci+ Sitten-Spiegel. Bl. 64 ff. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 72-80. + + +Eine schöne und adliche Jungfrau und ein edler Jüngling trugen heftige +Liebe zu einander, sie aber konnte von ihren Stief-Eltern die Erlaubniß +zur Verheirathung nicht erlangen, worüber sie beide in großer Trauer +lebten. Nun begab sich, daß ein altes Weib, welches Zutritt im Hause +hatte, zu der Jungfrau kam, sie tröstete und sprach: der, den sie +liebe, werde ihr gewiß noch zu Theil werden. Die Jungfrau, die das +gern hörte, fragte, wie sie das wissen könne? “Ei, Fräulein,” sprach +die Alte, “ich habe die Gnade von Gott, zukünftige Dinge vorher zu +entdecken, darum kann mir dieses so wenig, als viel anderes, verborgen +seyn. Euch allen Zweifel zu benehmen, will ich euch, wie es damit gehen +wird, in einem Krystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben +sollt. Aber wir müssen eine Zeit dazu wählen, wo eure Eltern nicht +daheim sind; dann sollt ihr Wunder sehen.” + +Die Jungfrau wartete, bis ihre Eltern auf ein Landgut gefahren waren +und ging dann zu dem Lehrer ihres Bruders, dem Johann Rüst, der +hernach als Dichter berühmt geworden, vertraute ihm ihr Vorhaben und +bat ihn gar sehr, mit zu gehen und dabei zu seyn, wenn sie in den +Krystall schaue. Dieser suchte ihr einen solchen Vorwitz als sündlich +auszureden, der Ursache zu großem Unglück werden könne; aber es war +vergeblich, sie blieb bei ihrem Sinn, so daß er sich endlich auf ihr +inständiges Bitten bewegen ließ, sie zu begleiten. Als sie in die +Kammer traten, war das alte Weib beschäfftigt, ihre Geräthschaften +aus einem kleinen Korbe herauszuziehen, sah aber ungern, daß dieser +Rüst die Jungfrau begleitete und sagte, sie könne ihm an den Augen +absehen, daß er von ihrer Kunst nicht viel halte. Hierauf hub sie an +und breitete ein blau seiden Tüchlein, darein wunderliche Bilder von +Drachen, Schlangen und anderm Gethier eingenäht waren, über die Tafel, +setzte auf dieses Tuch eine grüne gläserne Schale, legte darein ein +anderes goldfarbenes Seiden-Tuch und setzte endlich auf dieses eine +ziemlich große krystallene Kugel, welche sie aber mit einem weißen +Tuche wieder deckte. Dann begann sie, unter wunderlichen Gebährden, +etwas bei sich selbst zu murmeln und nachdem das geendigt war, nahm +sie mit großer Ehrerbietung die Kugel, rief die Jungfrau und ihren +Begleiter zu sich ans Fenster und hieß sie hineinschauen. + +Anfangs sahen sie nichts, nun aber trat in dem Krystall die Braut +hervor in überaus köstlicher Kleidung; eben so prächtig angethan, als +wäre heut ihr Hochzeittag. So herrlich sie erschien, so sah sie doch +betrübt und traurig aus, ja ihr Antlitz hatte eine solche Todten-Farbe, +daß man sie ohne Mitleid nicht betrachten konnte. Die Jungfrau schaute +ihr Bild mit Schrecken an, der aber bald noch größer ward, als gerade +gegenüber ihr Liebster hervorkam, mit so grausamen und gräßlichen +Gesichtszügen, der sonst ein so freundlicher Mensch war, daß man hätte +erzittern mögen. Er trug, wie einer der von einer Reise kommt, Stiefel +und Sporn und hatte einen grauen Mantel mit goldnen Knöpfen um. Er +holte daraus zwei neublinkende Pistolen hervor und, indem er in jede +Hand eine faßte, richtete er die eine auf sein Herz, die andere setzte +er der Jungfrau an die Stirne. Die Zuschauer wußten vor Angst weder aus +noch ein, sahen aber, wie er die eine Pistole, die er an die Stirne +seiner Liebsten gesetzt, losdrückte, wobei sie einen dumpfen, fernen +Schall vernahmen. Nun geriethen sie in solches Grausen, daß sie sich +nicht bewegen konnten, bis sie endlich zitternd und mit schwankenden +Tritten zur Kammer hinausgelangten und sich etwas wieder erholten. + +Dem alten Weib, welches nicht gedacht, daß die Sache also ablaufen +würde, war selbst nicht ganz wohl zu Muth; es eilte daher über Hals und +Kopf hinaus und ließ sich so bald nicht wieder sehen. Bei der Jungfrau +konnte der Schrecken die Liebe nicht auslöschen, aber die Stief-Eltern +beharrten auch bei dem Entschluß, ihre Einwilligung zu verweigern. Ja, +sie brachten es endlich durch Drohen und Zwang dahin, daß sie sich mit +einem vornehmen Hofbeamten in der Nachbarschaft verloben mußte: daraus +erwuchs der Jungfrau erst das rechte Herzeleid, denn sie verbrachte nun +ihre Zeit in nichts als Seufzen und Weinen, und ihr Liebster wurde fast +in die äußerste Verzweifelung gerissen. + +Inzwischen ward die Hochzeit angesetzt und, da einige fürstliche +Personen zugegen seyn sollten, um so viel herrlicher zugerichtet. +Als der Tag kam, wo die Braut im größten Gepränge sollte abgeholt +werden, schickte dazu die Fürstin ihren mit sechs Pferden bespannten +Leibwagen sammt einigen Hof-Dienern und Reutern; an welchen Zug sich +die vornehmsten Anverwandte und Freunde der Braut anschlossen und +also in stattlicher Ordnung auszogen. Dieses alles hatte der erste +Liebhaber ausgekundschaftet und war als ein Verzweifelter entschlossen, +dem andern seine Liebste lebendig nicht zu überlassen. Er hatte zu +dem Ende ein paar gute Pistolen gekauft und wollte mit der einen die +Braut, mit der andern hernach sich selbst tödten. Zu dem Ort der +Ausführung war ein etwa zehn bis zwölf Schritte von dem Thor gelegenes +Haus, bei welchem die Braut vorbei mußte, von ihm ausersehen. Als nun +der ganze prächtige Zug von Wagen und Reutern, den eine große Menge +Volks begleitete, daher kam, schoß er mit der einen Pistole in den +Braut-Wagen hinein. Allein der Schuß geschah ein wenig zu früh, also +daß die Braut unversehrt blieb, einer andern Edelfrau aber, die im +Schlag saß, ihr etwas hoher Kopf-Putz herabgeschossen ward. Da diese +in Ohnmacht sank und jedermann herbei eilte, hatte der Thäter Zeit, +durch das Haus zur Hinterthür hinaus zu entfliehen und, indem er über +ein ziemlich breites Wasser glücklich sprang, sich zu retten. Sobald +die Erschrockene wieder zu sich selbst gebracht war, setzte sich der +Zug aufs neue in Bewegung und die Hochzeit wurde mit der größten Pracht +gefeiert. Doch die Braut hatte dabei ein trauriges Herz, welche nun der +Krystall-Schauung nachdachte und sich den Erfolg davon zu Gemüthe zog. +Auch war ihre Ehe unglücklich, denn ihr Mann war ein harter und böser +Mensch, der das tugendhafte und holdselige Fräulein, ungeachtet ihm ein +liebes Kind geboren ward, auf das grausamste behandelte. + + + + +119. + +Zauber-Kräuter kochen. + ++Bräuner+’s Curiositäten S. 58-61. aus mündlicher Erzählung. + + +Im Jahr 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners +und ein Färbers-Gesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel +mit einander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit +gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter +und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit. Die Magd aber +konnte die Liebesgedanken nicht los werden und wollte ihren Buhlen +durchaus wieder haben. Am heiligen Pfingst-Tage, da alle Haus-Genossen, +der Lehr-Jung ausgenommen, in der Kirche waren, that sie gewisse +Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer und sobald solche zu +sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen seyn müssen. Nun trug sich +zu, daß, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehr-Junge, +unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne +mit Leim an dessen Stelle setzt. Sobald jener Topf mit den Kräutern +näher zu der Feuer-Hitze gekommen, hat sich etliche mal darin eine +Stimme vernehmen lassen und gesprochen: “komm, komm, Hansel, komm! +komm, komm, Hansel, komm!” Indem aber der Bube seinen Leim umrührt, +fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack und als er sich umschaut, sieht +er einen jungen Kerl daliegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat, +worüber er ein jämmerlich Geschrei anhebt. Die Magd kam gelaufen, +auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig +geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf +erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich +etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Thier, +ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen +und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner +gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren. Wie ihm weiter +geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts sonderliches empfunden, +nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch +zu Langensalza im Bett gelegen und jetzt wäre es zu Erfurt kaum halber +neun. Er könne nicht anders glauben, als daß die Catharine, seine +vorige Liebste, dieses zu Wege gebracht, indem sie bei seiner Abreise +zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie +ihn auf dem Bock holen lassen. Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht, +sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu +weinen und gestanden, daß ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte, +sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn +sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sey +auch so weit er immer wolle. + + + + +120. + +Der Salz-Knecht in Pommern. + ++Bräuner’s+ Curiosit. S. 67. 68. + + +In Pommern hatte ein Salz-Knecht ein altes Weib, das eine Zauberin war, +bei dem er nicht gerne bliebe und darum einsmals vorgab, er wolle nach +Hessen, in seine Heimath, wandern, allda seine Freunde zu besuchen. +Weil sie aber besorgte, er würde nicht wiederkommen, wollte sie ihn +nicht weglassen, nichtsdestoweniger reiste er fort. Wie er nun etliche +Tage zurückgelegt, kommt hinter ihm auf dem Weg ein schwarzer Bock, +schlupft ihm zwischen die Beine, erhebt und führt ihn wieder zurück +und zwar, nicht über die Landwege, sondern geradezu durch dick und +dünn, durch Feld und Wald, über Wasser und Land, und setzt ihn in wenig +Stunden vor dem Thor nieder, in Angst, Zittern, Schweiß und Ohnmacht. +Das Weib aber heißt ihn mit höhnischen Worten willkommen und spricht: +“schau! bist du wieder da? so soll man dich lehren daheim bleiben!” +Hierauf that sie ihm andere Kleider an und gab ihm zu essen, daß er +wieder zu sich selbst käme. + + + + +121. + +Jungfer Eli. + +Mündlich, aus dem Münsterland. + + +Vor hundert und mehr Jahren lebte in dem münsterischen Stift +Frekenhorst eine Abtissin, eine sehr fromme Frau, bei dieser diente +eine Haushälterin, Jungfer Eli genannt, die war bös und geitzig und +wenn arme Leute kamen, ein Allmosen zu bitten, trieb sie sie mit einer +Peitsche fort und band die kleine Glocke vor der Thüre fest, daß die +Armen nicht läuten konnten. Endlich ward Jungfer Eli todtkrank, man +rief den Pfarrer, sie zum Tode vorzubereiten und als der durch der +Abtissin Baumgarten ging, sah er Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen +mit weißen Federn auf dem Apfelbaum sitzen, wie er aber ins Haus kam, +lag sie auch wieder in ihrem Bette und war böse und gottlos, wie +immer, wollte nichts von Besserung hören, sondern drehte sich um nach +der Wand, wenn ihr der Pfarrer zureden wollte und so verschied sie. +Sobald sie die Augen schloß, zersprang die Glocke und bald darauf +fing sie an, in der Abtei zu spuken. Als eines Tags die Mägde in der +Küche saßen und Vizebohnen schnitten, fuhr sie mit Gebraus zwischen +ihnen her, gerade wie sie sonst leibte und lebte und rief: “schniet +ju nich in de Finger, schniet ju nich in de Finger!” und gingen die +Mägde zur Milch, so saß Jungfer Eli auf dem Stege und wollte sie nicht +vorbeilassen, wenn sie aber riefen: “in Gottes Namen gah wi derher” +mußte sie weichen und dann lief sie hinterher, zeigte ihnen eine schöne +Torte und sprach: “Tart! Tart!” wollten sie die nun nicht nehmen, so +warf sie die Torte mit höllischem Gelächter auf die Erde und da wars +ein Kuhfladen. Auch die Knechte sahen sie, wenn sie Holz haueten, da +flog sie immer von einem Baumzweig im Wald zum andern. Nachts polterte +sie im Hause herum, warf Töpfe und Schüsseln durcheinander und störte +die Leute aus dem Schlaf. Endlich erschien sie auch der Abtissin selbst +auf dem Wege nach Warendorf, hielt die Pferde an und wollte in den +Wagen hinein, die Abtissin aber sprach: “ich hab nichts zu schaffen mit +dir, hast du Uebel gethan, so ists nicht mein Wille gewesen,” Jungfer +Eli wollte sich aber nicht abweisen lassen. Da warf die Abtissin +einen Handschuh aus dem Wagen und befahl ihr, den wieder aufzuheben +und während sie sich bückte, trieb die Abtissin den Fuhrmann an und +sprach: “fahr zu, so schnell du kannst und wenn auch die Pferde drüber +zu Grunde gehen.” So jagte der Fuhrmann und sie kamen glücklich nach +Warendorf. Die Abtissin endlich, des vielen Lärmens überdrüssig, berief +alle Geistliche der ganzen Gegend, die sollten Jungfer Eli verbannen. +Die Geistlichen versammelten sich auf dem Herren-Chor und fingen an, +das Gespenst zu citiren, allein sie wollte nicht erscheinen und eine +Stimme rief: “he kickt, he kickt!” Da sprach die Geistlichkeit: “hier +muß jemand in der Kirche verborgen seyn, der zulauscht;” suchten und +fanden einen kleinen Knaben, der sich aus Neugierde drin versteckt +hatte. Sobald der Knabe hinausgejagt war, erschien Jungfer Eli und ward +in die Davert verbannt. Die Davert ist aber ein Wald im Münsterschen, +wo Geister umgehen und wohin alle Gespenster verwiesen werden. Alle +Jahr einmal fährt nun noch, wie die Sage geht, Jungfer Eli über die +Abtei zu Freckenhorst mit schrecklichem Gebraus und schlägt einige +Fensterscheiben ein oder dergleichen und alle vier Hochzeiten kommt sie +wieder einen Hahnenschritt näher. + + + + +122. + +Die weiße Frau. + +~+Schotus+ Magia univers. p.~ 339. + ++Bekker’s+ bezauberte Welt. I. 289. + + +Die schloßweiße Frau erscheint in Wäldern und auf Wiesen, bisweilen +kommt sie in Pferdeställe mit brennenden Wachskerzen, kämmt und putzt +die Pferde und Wachstropfen fallen auf die Mähnen der Pferde. Sie soll, +wann sie ausgehet, hell sehen, in ihrer Wohnung aber blind seyn. + + + + +123. + +Taube zeigt einen Schatz. + +Aus Ottokar von Horneck. S. 197 ~a~. Cap. 225. + + +Als Herzog Heinrich von Breslau die Stadt Crakau erobert hatte, ging +er in das Münster daselbst, kniete als ein frommer Mann vor dem Altar +unserer Frauen nieder und dankte ihr, daß sie ihm Gnade erzeigt und +sein Leid in Freud gewendet hätte. Und als er aufgestanden war, +erblickte er eine Taube, sah ihrem Flug nach und bemerkte, wie sie +sich über einem Pfeiler auf das Gesims eines Bogen setzte. Dann nahm +er wahr, wie sie mit dem Schnabel in die Mauer pickte und mit den +Füßen Mörtel und Stein hinter sich schob. Bald darauf lag unten ein +Goldstück, das herabgefallen war. Der Herzog nahm es auf und sprach: +“das hat die Taube herausgestochen, deß sollte leicht noch mehr da +seyn.” Alsbald ließ er eine Leiter holen und schickte nach einem +Maurer, der sollt sehen, was sich oben fände. Der Maurer stieg hinauf, +nahm den Meißel in die Hand und bei dem ersten Schlag in die Wand +entdeckte er, daß da ein großer Schatz von Gold lag. Da rief er: “Herr, +gebt mir einen guten Lohn, hier liegt des glänzenden Goldes unmaßen +viel.” Der Herzog ließ die Mauer aufbrechen und den Hort herabnehmen, +den Gott ihm gab. Als man es wog, waren es fünfzig tausend Mark. + + + + +124. + +Taube hält den Feind ab. + +Mündlich, aus Höxter. + + +Im dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt Höxter oder Huxar im +Corvei’schen von den kaiserlichen Soldaten eingeschlossen und konnte +nicht eingenommen werden; endlich kam der Befehl, sie sollte mit +schwerem Geschütz geängstigt und gezwungen werden. Wie nun bei +einbrechender Nacht der Fähndrich die erste Kanone losbrennen wollte, +flog eine Taube und pickte ihm auf die Hand, so daß er das Zündloch +verfehlte. Da sprach er: “es ist Gottes Willen, daß ich nicht schießen +soll” und ließ ab. In der Nacht kamen die Schweden und die Kaiserlichen +mußten abziehen; so war die Stadt diesmal gerettet. + + + + +125. + +Der Glockenguß zu Breslau. + +Ungarischer Simplicissim. 1683. S. 43. 44. + + +Als die Glocke zu S. Maria Magdalena in Breslau gegossen werden sollte +und alles dazu fast fertig war, ging der Gießer zuvor zum Essen, verbot +aber dem Lehrjungen bei Leib und Leben, den Hahn am Schmelzkessel +anzurühren. Der Lehrjung aber war vorwitzig und neugierig, wie das +glühende Metall doch aussehen möge und indem er so den Krahn bewegte +und anregte, fuhr er ihm wider Willen ganz heraus und das Metall rann +und rann in die zubereitete Form. Höchst bestürzt weiß sich der arme +Jung gar nicht zu helfen, endlich wagt ers doch und geht weinend in die +Stube und bekennt seinem Meister, den er um Gotteswillen um Verzeihung +bittet. Der Meister aber wird vom Zorn ergriffen, zieht das Schwert +und ersticht den Jungen auf der Stelle. Dann eilt er hinaus, will +sehen, was noch vom Werk zu retten sey und räumt nach der Verkühlung +ab. Als er abgeräumt hatte, siehe, so war die ganze Glocke trefflich +wohl ausgegossen und ohne Fehl; voll Freuden kehrte der Meister in +die Stube zurück und sah nun erst, was für Uebels er gethan hatte. +Der Lehrjung war verblichen, der Meister wurde eingezogen und von +den Richtern zum Schwert verurtheilt. Immittelst war auch die Glocke +aufgezogen worden, da bat der Glockengießer flehentlich: ob sie nicht +noch geläutet werden dürfte, er möchte ihren Resonanz auch wohl hören, +da er sie doch zugerichtet hätte, wenn er die Ehr vor seinem letzten +End von den Herren haben könnte. Die Obrigkeit ließ ihm willfahren und +seit der Zeit wird mit dieser Glocke allen armen Sündern, wenn sie vom +Rathhaus herunterkommen, geläutet. Die Glocke ist so schwer, daß wenn +man funfzig Schläge gezogen hat, sie andere funfzig von selbst gehet. + + + + +126. + +Der Glockenguß zu Attendorn. + +Simplicissimus, Rathstübel cap. 8. + + +Zu Attendorn, einem cölnischen Städtchen in Westphalen, wohnte bei +Menschengedenken eine Wittwe, die ihren Sohn nach Holland schickte, +dort die Handlung zu lernen. Dieser stellte sich so wohl an, daß er +alle Jahr seiner Mutter von dem Erwerb schicken konnte. Einmal sandte +er ihr eine Platte von purem Gold, aber schwarz angestrichen, neben +andern Waaren. Die Mutter, von dem Werth des Geschenks unberichtet, +stellte die Platte unter eine Bank in ihrem Laden, allwo sie stehen +blieb, bis ein Glockengießer ins Land kam, bei welchem die Attendorner +eine Glocke gießen und das Metall dazu von der Bürgerschaft erbetteln +zu lassen beschlossen. Die, so das Erz sammelten, bekamen allerhand +zerbrochene eherne Häfen, und als sie vor dieser Wittib Thür kamen, gab +sie ihnen ihres Sohnes Gold, weil sie es nicht kannte und sonst kein +zerbrochen Geschirr hatte. + +Der Glockengießer, so nach Arensberg verreist war, um auch dort einige +Glocken zu verfertigen, hatte einen Gesellen zu Attendorn hinterlassen, +mit Befehl, die Form zu fertigen und alle sonstige Anstalten zu +treffen, doch den Guß einzuhalten, bis zu seiner Ankunft. Als aber der +Meister nicht kam und der Gesell selbst gern eine Probe thun wollte, +so fuhr er mit dem Guß fort und verfertigte den Attendornern eine von +Gestalt und Klang so angenehme Glocke, daß sie ihm solche bei seinem +Abschied (denn er wollte zu seinem Meister nach Arensberg, ihm die +Zeitung von der glücklichen Verrichtung zu bringen) so lang nachläuten +wollten, als er sie hören könnte. Ueber das folgten ihm etliche nach, +mit Kannen in den Händen und sprachen ihm mit dem Trunk zu. Als er nun +in solcher Ehr und Fröhlichkeit bis auf die steinerne Brücke (zwischen +Attendorn und dem fürstenbergischen Schloß Schnellenberg) gelanget, +begegnet ihm sein Meister, welcher alsobald mit den Worten: “was hast +du gethan, du Bestia!” ihm eine Kugel durch den Kopf jagte. Zu den +Geleitsleuten aber sprach er: “der Kerl hat die Glocke gegossen, wie +ein anderer Schelm, er wäre erbietig, solche umzugießen und der Stadt +ein ander Werk zu machen.” Ritte darauf hinein und wiederholte seine +Reden, als ob er den Handel gar wohl ausgerichtet. Aber er wurde wegen +der Mordthat ergriffen und gefragt, was ihn doch dazu bewogen, da +sie mit der Arbeit des Gesellen doch vollkommen zufrieden gewesen? +Endlich bekannte er, wie er an dem Klang abgenommen, daß eine gute +Masse Gold bei der Glocke wäre, so er nicht dazu kommen lassen, sondern +weggezwackt haben wollte, dafern sein Gesell befohlnermaßen mit dem Guß +seine Ankunft abgewartet, weswegen er ihm den Rest gegeben. + +Hierauf wurde dem Glockenmeister der Kopf abgeschlagen, dem Gesell aber +auf der Brücke, wo er sein End genommen, ein eisern Kreuz zum ewigen +Gedächtniß aufgerichtet. Unterdessen konnte niemand ersinnen, woher das +Gold zu der Glocke gekommen, bis der Wittib Sohn mit Freuden und großem +Reichthum beladen nach Haus kehrte und vergeblich betrauerte, daß sein +Gold zween um das Leben gebracht, einen unschuldig und einen schuldig, +gleichwohl hat er dieses Gold nicht wieder verlangt, weil ihn Gott +anderwärts reichlich gesegnet. + +Längst hernach hat das Wetter in den Kirchthurm geschlagen und wie +sonst alles verzehret, außer dem Gemäuer, auch die Glocke geschmelzt. +Worauf in der Asche Erz gefunden worden, welches an Gehalt den +Goldgülden gleich gewesen, woraus derselbige Thurm wieder hergestellt +und mit Blei gedeckt worden. + + + + +127. + +Die Müllerin. + +Mündlich, aus Oestreich und nach einem fliegenden Blatt. + + +Zwischen Ems und Wels in Oestreich auf einer einsamen Mühle lebte ein +Müller, der war an einem Sonntag Morgen, nach üblicher Weise, mit +allen seinen Knechten in die Kirche gegangen und nur seine Frau, die +ihre Niederkunft bald erwartete, daheim geblieben. Als die Müllerin so +allein saß, kam die Hebamme, gleichsam zum Besuch, zu sehen, wie es +mit ihr stehe. Die Müllerin war ihr freundlich, trug etwas auf und sie +setzten sich zusammen an den Tisch. Während sie aßen, ließ die Hebamme +das Messer fallen und sprach: “hebt mir einmal das Messer auf!” “Ei! +antwortete die Müllerin, ihr redet wunderlich, ihr wißt doch, daß mir +das Bücken saurer wird, als euch,” doch ließ sie’s hingehen, hob das +Messer auf, reichte es ihr, und wie sie es reichte, noch im Bücken, +faßte die Hebamme das Messer in die Faust, zückte und sprach: “nun +gebt mir euer Geld, das baar bei euch liegt, oder ich stech euch die +kalte Klinge in die Brust!” Die Müllerin erschrack, faßte sich aber +und sagte: “kommt mit mir hinüber in die Kammer, da liegt im Schrank, +was wir haben, und nehmts.” Die Hebamme folgte ihr, nahm das Geld +aus dem Schrank und, weil es ihrer Habsucht nicht genug war, suchte +sie noch weiter in andern Gefächern. Diesen Augenblick benutzte die +Müllerin, trat schnell hinaus und schloß die Thüre fest zu, und da +vor den Fenstern starke eiserne Gitter standen, so war die Hebamme in +der Kammer eingefangen. Nun rief die Frau ihr siebenjähriges Söhnlein +und sprach: “eil dich und lauf zum Vater in die Kirche, ich bät ihn, +eilends mit seinen Knechten heimzukommen, ich wär in großer Gefahr.” +Das Kind lief fort, aber nicht weit von der Mühle traf es auf den Mann +der Hebamme, der verabredetermaßen kam, den Raub fortzutragen. Als er +das Kind sah, faßte er’s und riß es mit sich zur Mühle zurück. Die +Müllerin, die, ihren Mann erwartend, am Fenster stand, sah ihn kommen, +verschloß alsbald die Hausthüre und schob alle Riegel vor. Als der +Mann heran war, rief er, sie sollte ihm die Thüre öffnen und, da sie +es nicht that, stieß er wüthend dagegen und hoffte sie einzutreten. +Die Müllerin schrie nun mit allen Kräften zu einem Fenster hinaus nach +Hülfe, aber, weil die Mühle zu fern, auch mit Gebüsch umwachsen lag, +ward sie von niemand gehört. Indeß wich die Thüre den Stößen des Mannes +nicht und da er sah, in welche Gefahr er und seine Frau gerathe, wenn +er sich so lang aufhalte, bis der Müller aus der Kirche komme, zog er +sein Messer und rief der Müllerin: “wo ihr nicht gleich öffnet, so +stech ich das Kind vor euern Augen nieder und zünde die Mühle euch +über dem Kopf an;” faßte auch das Kind, daß es laut zu schreien +anfing. Da eilte die Müllerin und wollte die Thüre öffnen, aber wie sie +davor stand, ging ihr der Gedanken durchs Herz, daß der Mörder sie nur +herauslocken wolle, um sie selbst und mit ihr das Kind in ihrem Leibe +zu tödten, so daß sie ein paar Augenblicke schwankte. Der Mann zauderte +nicht, stach dem Knaben das Messer in die Brust, lief dann um die Mühle +und suchte einen Eingang. Da fiel der Müllerin, die von dem allem +nichts wußte, ein, sie wollte die Räder in Bewegung setzen, vielleicht +lockte das am Sonntag ungewöhnliche Klappern Menschen zu ihrer Hülfe +herbei. Der Mörder aber wollte gerade durch das stehende Rad in die +Mühle sich eindrängen, hatte eben den Fuß auf eine Speiche gesetzt und +wär ohne Zweifel hineingeschlüpft, als in dem nämlichen Augenblick, +nach Gottes wundervoller Schickung, das losgelassene Rad anhub sich zu +drehen, ihn hinunterschlug und jämmerlich zermalmte. + +Bald darauf kam der Müller mit seinen Knechten heim. Als er die Kammer +aufschloß, worin die Hebamme gefangen war, lag sie todt auf der Erde +und war vor Angst und Schrecken vom Schlag gerührt. + + + + +128. + +Johann Hübner. + +Stilling’s Leben. I. 51-54. + + +Auf dem Geissenberge in Westphalen stehen noch die Mauern von einer +Burg, da vor Alters Räuber gewohnt. Sie gingen Nachts in’s Land +umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo +ein großer Stall war und darnach verkauften sie’s weit weg an fremde +Leute. der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß +Johann Hübner+. +Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andere Männer im +ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen krausen Bart und +Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch +das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner +sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann +einen Reuter sah, da rief er: “heloh! da reitet ein Reuter! ein schönes +Roß! Heloh!” Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen +ihm das Roß und schlugen ihn todt. Nun war ein Fürst von Dillenburg, +der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel +von den Räubereien des Johann Hübners, denn die Bauern kamen immer +und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen +Knecht, der hieß +Hanns Flick+, den schickte er über Land, dem Johann +Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller und hielt sich +da mit seinen Reutern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern +Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner +nicht, streifte im Land umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an +eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder +an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselben hatte +sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein +eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: “Gott grüß dich, +eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heißest du nicht Johann Hübner vom +Geissenberg?” Der Mann antwortete: “Johann Hübner vom Geissenberg liegt +auf dem Rad.” Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und +sagte: “war das kürzlich?” “Ja, sprach der Mann, erst heut.” Hanns +Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf +den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins +Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste +Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied that es und Johann Hübner +ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: “Gott grüß dich, +braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber +keine Leute, die hinter den Ohren lausen.” Hanns Flick blieb stehen und +sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo +er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt +hin und her, die Kreuz und Queer und Hanns Flick wurde bald in den +Fußtapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen +die Fußtapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er +geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er Nachts bei +Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt +Vieh hütete. Da eilte er und sagte es dem Fürsten Christian, der ritt +in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald und sie hatten den +Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen +auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann +Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang, +endlich aber blieb Johann Hübner todt und der Fürst zog in das Schloß +auf dem Geissenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der +Fürst legte viel Holz um den großen Thurm und sie untergruben ihn auch. +Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Thurm um und +das ganze Land zitterte von dem Fall. Man sieht noch die Steine den +Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht, +mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um +den Wall herum. + + + + +129. + +Eppela Gaila. + ++Fischart+ im Garg. (springen) über Eppelins Heuwagen. + ++Rentsch+ Antiquitäten des Burggrafthums oberhalb Gebirg, aus einer ihm +1684 vom Pfarrer Meyer zu Muggendorf mitgetheilten Nachricht. + +Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 149. + ++Edward Brown+ sonderbare Reisen S. 67. + ++E.M. Arndt+ Bruchst. einer Reise von Baireuth nach Wien im Sommer +1798. Leipz. 1801. 8. S. 27. 28. 96. + +Eppelein von Gailingen, ein Schauspiel von +Hansing+. Leipz. 1795. 8. + + +Vor nicht lang sangen die nürnberger Gassenbuben noch diesen alten Reim: + + Eppela Gaila von Dramaus + reit allzeit zum vierzehnt aus; + +und: + + Da reit der Nürnberger Feind aus + Eppela Gaila von Dramaus. + +In alten Zeiten wohnte im Baireuthischen bei Drameysel (einem kleinen, +nach Muggendorf eingepfarrten Dörfchen) +Eppelin von Gailing+, ein +kühner Ritter, der raubte und heerte dort herum und sonderlich +aufgesessen war er den Nürnbergern, denen schadete er, wo er mochte. Er +verstand aber das Zaubern und zumal so hatt’ er ein Rößlein, das konnte +wohl reiten und traben, damit setzte er in hohen Sprüngen über Felsen +und Risse und sprengte es über den Fluß Wiesent, ohne das Wasser zu +rühren, und über Heuwagen auf der Wiese ritt er, daß seines Rosses Huf +kein Hälmlein verletzte. Zu Gailenreuth lag sein Hauptsitz, aber rings +herum hatte er noch andere seiner Burgen und im Nu wie der Wind flog er +von einer zur andern. Von einer Bergseite war er flugs an der gegenüber +stehenden und ritt oftmals nach Sanct Lorenz in Muggendorf. Zu Nürnberg +hielten ihn weder Burgmauern auf, noch der breite Stadtgraben und +viel ander Abentheuer hat er ausgeübt. Endlich aber fingen ihn die +Nürnberger und zu Neumarkt ward er mit seinen Helfershelfern an den +Galgen gehängt. In der nürnberger Burg stehen noch seine Waffen zur +Schau und an der Mauer ist noch die Spur vom Huf seines Pferdes zu +sehen, die sich eingedrückt hatte, als er darüber sprang. + + + + +130. + +Der Blumenstein. + +Kurhess. Magazin 1804. Nr. 30. + + +Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten, +wettete eines Abends ein junges, muthiges Bauernmädchen in dem +benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein +hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen +wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte +eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht +entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke und kaum stand +sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne +Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke +er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein +Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell +damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges, +der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so +hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt +und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr +nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald +zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und +brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus. + + + + +131. + +Seeburger See. + +Neues hanöv. Magazin 1807. St. 13. u. St. 40. + + +Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der seeburger See. Er +vermindert sich jährlich, ist jetzt 30-40 Fuß tief und von einer guten +halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und +gefährliche Tiefen, die auf das Daseyn eines unterirdischen Flusses +vermuthen lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage. + +In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf +welcher ein Graf, Namens Isang, wohnte, der ein wildes und gottloses +Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters +Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu seyn. Kaum +war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, daß diejenige, die er in +Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester +war. Zwar erschrack er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster +zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er +begann aufs neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, daß er +einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der +Fischmeister aber dafür eine silber-weiße Schlange gab. Der Graf, der +etwas von der Thier-Sprache verstand, war damit gar wohl zufrieden, +denn er wußte, daß, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen +Geheimnissen jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot +aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß +er so viel, als er vermogte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf +der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte +Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen +nach dem Genuß alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs +Herz und standen so hell vor ihm, daß die Gedanken sich nicht davon +abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wußte. “Mir +ist so heiß, sprach er, als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!” Er +ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach: +“eben ist eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der ihr sie +gezwungen habt, gestorben.” Der Graf wendete sich in seiner Angst nach +dem Schloßhof zurück, aber da ging alles Gethier, das darin war: die +Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen untereinander von seinem +ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all vollbracht, und +die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch +und riefen Antwort herab. “Nun aber, sagten sie, haben die Sünden ihr +volles Maas und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die +prächtigen Thürme umfallen und die ganze Burg wird versunken seyn.” +Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der +von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen +wollte, fragte: “was ruft der Hahn?” Der Diener, der in der Angst +sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: “er ruft: eil! eil! eh +die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil! eil! aber zieh +allein!” “O du Verräther, sprach der Graf, so hast du doch von der +Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen.” +Der Diener lief hastig ins Schloß, aber der Graf sattelte sich selbst +sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der +Diener zurückkam, leichen-blaß und athemlos ihm in die Zügel fiel und +flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah, +wie die letzte Sonnen-Röthe an den Spitzen der Berge glühte und hörte, +wie der Hahn laut kreischte: “eil! eil! eh die Sonne untergeht, aber +zieh allein!” da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und +sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei +dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um, und als er die +Thurmspitzen seines Schlosses noch im Abendroth glänzen sah, däuchte +ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber +fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er +weiter und als er zum zweitenmal sich umschaute, waren Wall, Mauern und +Thürme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See. + +Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte +seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen +reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt +reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem +Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber +sogar noch ein Schenkungs-Brief da seyn soll. Auch werden noch jetzt +aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger +Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener +Arbeit, von denen der Wirth in Seeburg einen gekauft hat. + + + + +132. + +Der Burgsee und Burgwall. + ++Kosegarten+ Rhapsodien. II. 110. + + +In der Stubniz auf der pommerschen Insel Rügen liegt ein mächtiger +Erdwall, von hohen Buchen bewachsen und einen langrunden Kreis +umschließend, in dessen Mitte mancherlei Baumwurzeln und Steine +verstreut liegen. Hart neben dem östlichen Rande des Walles fließt +in einem runden und tiefen Kessel ein See, der +schwarze See+, oder ++Burgsee+ genannt. Jener Wall heißt der +Burgwall+. Nach der Landsage +soll in diesem Wall vor alten Zeiten der Teufel angebetet und zu seinem +Dienst eine Jungfrau unterhalten worden seyn. Wann er der Jungfrau +überdrüssig wurde, so führten sie seine Priester zu dem schwarzen See +und ersäuften sie darin. + + + + +133. + +Der heil. Niclas und der Dieb. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 200. 201. aus + ++Michael Saxe+ ~alphab. hist. p.~ 383. + + +Zu Greifswald in Pommern stund in einer Kirche St. Niclasen Bild. Eines +Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief +den Heiligen an: “o heiliger Niclaus, ist das Geld mein oder dein? +komm, laß uns wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt, +soll gewonnen haben.” Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch +und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: “mein +heil. Niclaus, du hasts redlicher gewonnen, aber das Geld ist dir doch +nicht nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich wills nehmen und +guten Muth dabei haben.” -- Bald darauf geschah, daß dieser Räuber +starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten +den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei den beraubten Gotteskasten +und hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf. Diese +Windmühle soll nachher immer links umgelaufen seyn. + + + + +134. + +Riesensteine. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 591-593. + + +Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen +und Füßen eingedrückt sind und wovon die Sage ist, dieses rühre von +Riesen her, die sich vor Alters damit geworfen, oder darauf gestanden. +Ein solcher Stein liegt zu Leipzig beim Kuhthurm am Wege und die Spur +einer großen Hand mit sechs Fingern steht daraufgedruckt. Ein anderer +großer Stein ist auf dem Wege von Leipzig nach dem Dorf Hohentiegel zu +finden, dem Dorfe näher als der Stadt, darauf man ein Schmarre sieht, +als wäre sie mit einem Schlachtschwerte eingehauen. + +Als Salzwedel vor uralters hart belagert wurde von einem grausamen +Feind, der sie doch nicht einbekommen mochte, weil Engel auf der +Stadtmauer hin und hergegangen, die Pfeile auffingen und die Stadt +behüteten; da erbitterte der Feldherr und wie im Lager ein großer Stein +vor ihm lag, zog er sein Schlachtschwert und sprach: “soll ich die +Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, daß ich in diesen Stein haue, wie +in einen Butterweck.” Als er nun hieb, gab der Stein nach, als ob er +ganz weich wäre. Dieser Stein wurde dem Prätorius an derselben Stelle +im Jahr 1649 gezeigt, auf dem Wege zwischen Salzwedel und Tielsen, und +er betastete ihn und sah mit eigenen Augen die tiefe Spalte, die er +durch die Mitte hatte. + + + + +135. + +Spuren im Stein. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Bei der Mindner Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismar-Wald, da +hat vor dem dreißigjährigen Krieg eine Stadt Namens Geismar gestanden. +Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Todtenberg heißt und dabei +ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen, +hatte sich in den Geismar-Wald zurückgezogen, saß da auf einem Stein +und dachte nach, was zu thun am besten wäre. Da kam einer seiner +Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen +und den Feind muthig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sey alles +gerettet. Der Feldherr aber antwortete: “nein, ich kann so wenig +siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!” Mit +diesen Worten stand er auf, aber seine Beine und selbst die Hand, womit +er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt. +Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit +frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heut zu Tag steht der Stein und +man sieht die Spuren darin ausgedrückt. + + + + +136. + +Der Riesen-Finger. + +vgl. Taschenbuch für Freundschaft und Liebe 1815. S. 279-281. + + +Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein +wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf +dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen +Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos und wenn +sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und +schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge +hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wüthend, daß er +mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte +sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner +krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen +die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der +kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein +langer schmaler Thurm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsthurm +heißt. + + + + +137. + +Riesen aus dem Unterberge. + +Brixener Volksbuch. + + +Alte Männer aus dem Dorfe Feldkirchen, zwei Stunden von Salzburg, haben +im Jahr 1645 erzählt, als sie noch unschuldige Buben gewesen, hätten +sie aus dem Wunderberge Riesen herabgehen gesehen, die sich an die +nächst dieses Berges stehende Grödicher Pfarrkirche angelehnt, daselbst +mit Männern und Weibern gesprochen, dieselben eines christlichen +Lebens und zu guter Zucht ihrer Kinder ermahnt, damit diese einem +bevorstehenden Unglück entgingen. Sodann hätten sich diese Riesen +wiederum nach ihrem Wunderberg begeben. Die Grödicher Leute waren von +den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes +Unglück zu sichern. + + + + +138. + +Der Jetten-Bühel zu Heidelberg. + +~+Freher+ orig. palat.~ I. 50. + ++Kaiser+ Schauplatz von Heidelberg S. 19. 20. u. 169. 170. und andere. + + +Der Hügel bei Heidelberg, auf dem jetzt das Schloß stehet, wurde sonst +der +Jetten-Hügel+ genannt und dort wohnte ein altes Weib, Namens +Jetta, in einer Capelle, von der man noch Ueberreste gesehen, als der +Pfalzgraf Friedrich Kurfürst geworden war und ein schönes Schloß (1544) +baute, das der neue Hof hieß. Diese Jetta war wegen ihres Wahrsagens +sehr berühmt, kam aber selten aus ihrer Capelle und gab denen, die sie +befragten, die Antwort zum Fenster heraus, ohne daß sie sich sehen +ließ. Unter andern verkündigte sie, wie sie es in seltsamen Versen +vorbrachte, es wäre über ihren Hügel beschlossen, daß er in künftigen +Zeiten von königlichen Männern, welche sie mit Namen nannte, sollte +bewohnt, beehrt und geziert und das Thal unter demselben mit vielem +Volk besetzt werden. + +Als Jetta einst bei einem schönen Tag nach dem Brunnen ging, der sehr +lustig am Fuß des Geißbergs nah am Dorf Schlürbach, eine halbe Stunde +von Heidelberg liegt und trinken wollte, wurde sie von einem Wolf, der +Junge hatte, zerrissen. Daher er noch jetzt der +Wolfsbrunnen+ heißt. +Nah dabei ist unter der Erde ein gewölbter Gang, von dem Volk das +Heidenloch genannt. + + + + +139. + +Riese Haym. + ++Matth. Holzwart+ Lustgart. newer deutscher Poeterei. Strasb. 1568. +~f.~ S. 164-166. + +~+Pighius+ hercules prodic.~ 167. + +vgl. +Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 98. N. 81. + + +Es war vor Zeiten ein Riese, genannt +Haym+ oder +Haymon+. Als nun ein +giftiger Drache in der Wildniß des Innthals hauste und den Einwohnern +großen Schaden that, so machte sich Haymon auf, suchte und tödtete ihn. +Dafür unterwarfen sich die Bewohner des Innthals seiner Herrschaft. +Darnach erwarb er noch größern Ruhm, indem er die Brücke über den Inn, +daher die Stadt Innsbruck den Namen führt, fester baute, weshalb sich +viel fremde Leut unter ihn begaben. Der Bischof von Chur aber taufte +ihn und Haymon erbaute zu Christi Ehren das Kloster Wilten, wo er bis +an sein Ende lebte und begraben liegt. + +Zu Wilten ist sein Grab zu sehen, vierzehen Schuh, drei Zwergfinger +lang, auf dem Grab ist seine Gestalt in Rüstung aus Holz geschnitten. +Auch zeigt man in der Sacristei die Drachen-Zunge, sammt einem alten +Kelch, worauf die Passion abgebildet ist, den man vor mehr als 1100 +Jahren, wie man das Fundament des Klosters grub, in der Erde gefunden, +also daß der Kelch bald nach Christi Himmelfahrt gemacht war. Neben +Haymes Grab hängt eine Tafel, worauf sein Leben beschrieben steht. + + + + +140. + +Die tropfende Rippe. + +Wiener Litter. Zeitung. 1813. Febr. col. 191. 192. + + +Im Cillerkreise der Steiermark liegt ein Ort Oberburg, auf slavisch +Gornigrad, in dessen Kirche hangt eine ungeheure Rippe, dergleichen +kein jetzt bekanntes Landthier hat. Man weiß nicht, wann sie +ausgegraben worden, die Volkssage schreibt sie einer +Heidenjungfrau+ +(slavisch: ajdowska dekliza) zu, mit der Anmerkung, daß von dieser +Rippe alljährlich ein einziger Tropfen abfällt und der jüngste Tag in +der Zeit komme, wo sie ganz vertröpfelt seyn wird. + + + + +141. + +Jungfrau-Sprung. + +Nach +Abraham+ a St. +Clara.+ + + +Unweit Grätz in Steier liegt ein Ort, insgemein die Wand genannt, +daselbst ist ein hoher Berg, welcher den Namen +Jungfrausprung+ schon +von etlichen hundert Jahren her führt. Als nämlich auf eine Zeit ein +üppiger und gottloser Gesell einem ehrbaren Bauer-Mägdlein lang und +ungestüm nachstrebte und er sie zuletzt nach vielen Ausspähungen auf +besagtem Berg ertappte, erschrack sie und wagte einen Sprung. Sie +sprang von dem Berg über den ganzen Fluß, Mur genannt, bis auf einen +andern hohen Bühel jenseits. Davon heißt der Berg Jungfrausprung. + + + + +142. + +Der Stierenbach. + +~+Scheuchzer+ iter alp. p. 12.~ u. Kupfertafel 11. + +Alpenrosen. 1813. S. 28. 29. + + +Mitten durch das Thal der Surenalp ergießt sich der +Stierenbach+, +der aus dem Surenersee entspringt und einer gemeinen Sage nach, die +sowohl die Leute in Uri, als in Engelsberg erzählen, durch folgende +Geschichte den Namen erhalten haben soll. Vor mehrern hundert Jahren +lebte hier ein Alpenhirt, der in seiner Heerde ein Lamm hatte, worauf +er besonders viel hielt und dem er so zugethan war, daß er darauf +verfiel, es taufen zu lassen und ihm einen Christennamen beizulegen. +Was geschieht? Der Himmel, um diesen Frevel zu rächen, wandelte das +Lamm in ein scheußliches Gespenst, welches bei Tag und Nacht auf der +fruchtbaren Alpe umherging, alle Gräser und Kräuter abweidete und +den Strich so verheerte, daß die Engelsberger fürder kein Vieh mehr +darauf halten konnten. Zu denen von Uri kam aber ungefähr ein fahrender +Schüler und rieth, wie sie das Unthier zu vertreiben hätten. Nämlich +sie sollten neun Jahr lang ein Stier-Kalb mit purer Milch auffüttern, +das erste Jahr von einer einzigen Kuh, das zweite von der Milch zweier, +das dritte dreier Kühe und so fort; nach Ablauf der neun Jahre den +solchergestalt mit Milch auferzogenen Ochsen durch eine reine Jungfrau +auf die Alpe führen lassen. Die Urer hofften auf guten Lohn von den +Engelsbergern und nährten einen solchen Stier auf der Alpe Waldnacht, +wo man noch heut zu Tag seinen Stall weist, genannt den +Stiergaden+. +Wie nun der Stier zu seinen Jahren gekommen war, leitete ihn eine +unbefleckte Jungfrau über den Felsengrat und ließ ihn da laufen. Der +Stier, als er sich frei sah, ging sogleich auf das Gespenst los und +fing einen Kampf mit ihm an. Der Streit war so hart und wüthig, daß +der Stier zwar das Ungeheuer zuletzt überwand, aber der Schweiß von +seinem Leib heruntertroff. Da stürzte er zu einem vorbeifließenden +Bach und trank so viel Wasser, daß er auf der Stelle des Todes war. +Davon hat der Bach seitdem den Namen +Stierenbach+ und außerdem zeigen +die Einwohner noch jetzo die Felsen und Steine vor, in denen sich die +Hinterklauen des Stiers, während des heftigen Kampfes, eingedrückt +haben. + + + + +143. + +Die Männer im Zottenberg. + ++Seyfried’s+ ~medulla. p.~ 478-481. + +~+Nic. Henelius ab Hennenfeld+~ in ~Silesiographia renovata c. 11. §. +13.~ + +Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 59-63. + ++Valvassor+ Ehre von Crain I. 247. + + +Im 16. Jahrhundert lebte in Schweidnitz ein Mann, Johannes Beer +genannt. Im Jahr 1570, als er seiner Gewohnheit nach zu seiner +Lust auf den nah gelegenen Zottenberg ging, bemerkte er zum +erstenmal eine Oeffnung, aus der ihm beim Eingang ein gewaltiger +Wind entgegenwehte. Erschrocken ging er zurück, bald darauf aber, +am Sonntag Quasimodogeniti, beschloß er von neuem die Höhle zu +untersuchen. Er kam in einen engen, geraden Felsengang, ging einem +fernschimmernden Lichtstrahl nach und gelangte endlich zu einer +beschlossenen Thüre, in der eine Glasscheibe war, die jenes wundersame +Licht warf. Auf dreimaliges Anklopfen ward ihm geöffnet und er sah +in der Höhle an einem runden Tisch drei lange abgemergelte Männer in +altdeutscher Tracht sitzen, betrübte und zitternde. Vor ihnen lag ein +schwarzsammtenes, goldbeschlagenes Buch. Hierauf redete er sie mit: +“~pax vobis!~” an und bekam zur Antwort: “~hic nulla pax!~” Weiter +vorschreitend rief er nochmals: “~pax vobis in nomine domini!~” +erzitternd mit kleiner Stimme versetzten sie: “~hic non pax.~” Indem +er vor den Tisch kam, wiederholte er: “~pax vobis in nomine domini +nostri Jesu Christi!”~ worauf sie verstummten und ihm jenes Buch +vorlegten, welches geöffnet den Titel hatte: ~liber obedientiae~. Auf +Beer’s Frage: wer sie wären? gaben sie zur Antwort: sie kennten sich +selber nicht. “Was sie hier machten?” -- “Sie erwarteten in Schrecken +das jüngste Gericht und den Lohn ihrer Thaten.” -- “Was sie bei +Leibes-Leben getrieben?” Hier zeigten sie auf einen Vorhang, hinter dem +allerlei Mordgewehre hingen, Menschen-Gerippe und Hirnschädel. “Ob sie +sich zu diesen bösen Werken bekennten?” -- “Ja!” -- “Ob es gute oder +böse?” -- “Böse.” -- “Ob sie ihnen leid wären?” Hierauf schwiegen sie +still, aber erzitterten: “sie wüßtens nicht!” + +Die schlesische Chronik gedenkt eines Raubschlosses auf dem +Zottenberge, dessen Ruinen noch zu sehen sind. + + + + +144. + +Verkündigung des Verderbens. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 38. + + +Als die Magdeburger im Jahr 1550 am 22. September mit dem Herzog Georg +von Mecklenburg Schlacht halten sollten, ist ihnen bei ihrem Auszuge +vor dem Dorf Barleben, eine Meile Wegs von der Stadt ein langer, +ansehnlicher, alter Mann, der Kleidung nach einem Bauersmanne nicht +unähnlich, begegnet und hat gefragt, wo sie mit dem Kriegs-Volk und der +Kriegs-Rüstung hinausgedächten? Und da er ihres Vorhabens berichtet +worden, hat er sie gleich mit aufgehobenen Händen herzlich gebäten +und gewarnt, von ihrem Vorsatze abzustehen, wieder heim zu kehren, +ihre Stadt in Acht zu nehmen und ja des Orts und sonderlich in dieser +Zeit nichts zu beginnen, weil eben auch vor zweihundert Jahren die +Magdeburger auf den St. Moriz Tag und an demselben Orte, an dem Wasser +Ohra geschlagen worden; wie ein jeder, der es wüßte, in der Tafel der +St. Johannes Kirche zu Magdeburg lesen könnte. Und würde ihnen, wofern +sie fortführen, gewiß auch diesmal glücklicher nicht ergehen. Ob nun +wohl etliche sich über das Wesen und die Rede des Mannes verwunderten, +so haben doch ihrer sehr viel ihn gespottet und die Warnung höhnisch +verlacht, von welchen Spöttern hernach doch keiner in der Schlacht +unerschlagen oder ungefangen geblieben seyn soll. Man sagt, er sey +als ein gar alter eis-grauer Mann erschienen, aber solches schönen, +holdseligen, röthlichen und jungen Angesichtes, daß es zu verwundern +gewesen. Und demnach es leider gefolgt, wie er geweißagt, hat man +allenthalben Nachforschung nach solchem Manne gehabt, aber niemand +erfahren können, der ihn zuvor oder nachher gesehen hätte. + + + + +145. + +Das Männlein auf dem Rücken. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 584. 585. + + +Als im März 1669 nach Torgau hin ein Seiler seines Wegs gewandelt, hat +er einen Knaben auf dem Felde angetroffen, der auf der Erde zum Spiel +niedergesessen und ein Bret vor sich gehabt. Wie nun der Seiler solches +im Ueberschreiten verrückt, hat das Knäblein gesprochen: “warum stoßt +ihr mir mein Bret fort? mein Vater wirds euch danken!” Der Seiler +geht immer weiter und nach hundert Schritten begegnet ihm ein klein +Männlein, mit grauem Bart und ziemlichem Alter, von ihm begehrend, +daß er es tragen möge, weil es zum Gehen ermüdet sey. Diese Anmaßung +verlacht der Seiler, allein es springet auf seine Schultern, so daß +er es ins nächste Dorf hocken muß. Nach zehn Tagen stirbt der Seiler. +Als darüber sein Sohn kläglich jammert, kommt das kleine Bübchen zu +ihm, mit dem Bericht, er solle sich zufrieden geben, es sey dem Vater +sehr wohl geschehen. Weiter wolle er ihn, benebenst der Mutter, bald +nachholen, denn es würde in Meißen eine schlimme Zeit erfolgen. + + + + +146. + +Gottschee. + +Volks-Sagen. Eisenach. 1795. 173-188. + + +In der unter-crainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die +sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr von den anderen Crainern +unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende +und dem Fürsten Auersperg zuhörende Burg, von der die umwohnenden +Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit +seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Theil der verfallenen Burg und +dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden +Geistern folgendes begegnet seyn. + +Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinunter gegangen, er selbst, +von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß +gestreckt. Plötzlich so sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die +er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er +geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige +Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemanden +daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem +jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu +retten Willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von +dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung +bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus +einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu seyn fühlte. +Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte: wie daß ein alter +Mann gekommen sey, mit langem Bart, rothen Augen, in schwarze Kleider +angethan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt +und ihm viel schöne Sachen versprochen, wenn es mit ihm gehen wolle, +darauf sey es ihm an der Hand gefolgt. + +Abends desselben Tags hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als +er die Thüre aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte. +Der Jäger folgte und wurde an eben denselben Abgrund geleitet. Der +Felsen that sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs +begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer +heller werdende Gruft. Sieben Greise, mit kahlen Häuptern, in tiefem +Schweigen saßen in einem länglichten Raume. Weiter ging der Jäger +durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen +Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große +Särge zeigte, in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts. +Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er +sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren. +Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt, +worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein +Fest begingen. Allein alle waren todtenblaß und keiner sprach ein +Wort. Durch eine rothe Thür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe +altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu +erkennen meinte, der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr +beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seyen und +ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne? +“Lauter Bewohner dieses Schlosses sind es, versetzte hohlstimmig der +Alte, die weitere Bewandniß kannst du aber jetzt noch nicht erfahren, +sondern wirst es demnächst einmal.” Nach diesen Worten wurde der Jäger +sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe +war. Er fand eine alte verfallene Treppe und diese in die Höhe steigend +gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein +kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes +Seil, woran er stieß und das Rauschen von Wasser ließ ihn muthmaßen, +er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen +Cisterne, von wo aus man das Wasser mittelst eines Rades hinaufwand. +Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen, +erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte, +als sie in dem schweren Eimer ihren todtgeglaubten Mann herauszog. + +Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt, doch +erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seyen +die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige +Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete, +erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und +Leichen wieder. + + + + +147. + +Die Zwerge auf dem Baum. + +Mündlich aus dem Haslithal, in +Wyß+ Volkssagen S. 320. + + +Des Sommers kam die Schaar der Zwerge häufig aus den Flühen herab +ins Thal und gesellte sich entweder hülfreich oder doch zuschauend +den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mädern im Heuer (der +Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen und +dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber kamen boshafte +Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß er blos noch schwach am +Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf +niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf +den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrien: + + O wie ist der Himmel so hoch + und die Untreu’ so groß! + heut hierher und nimmermehr! + +Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wiedersehen. + + + + +148. + +Die Zwerge auf dem Felsstein. + +Mündlich aus der Gegend von Gadmen mitgetheilt durch +Wyß+ S. 320. + + +Es war der Zwerglein Gewohnheit, sich auf einen großen Felsstein zu +setzen und von da den Heuern zuzuschauen. Aber ein Paar Schälke +machten Feuer auf den Stein, ließen ihn glühend werden und fegten dann +alle Kohlen hinweg. Am Morgen kam das winzige Volk und verbrannte sich +jämmerlich; rief voll Zornes: + + “O böse Welt, o böse Welt!” + +und schrie um Rache und verschwand auf ewig. + + + + +149. + +Die Füße der Zwerge. + +Aus dem Mund eines bernerischen Bauern mitgetheilt in +Wyß+ +Volkssagen S. 101-118. + + +Vor alten Zeiten wohnten die Menschen im Thal und rings um sie in +Klüften und Höhlen die Zwerge, freundlich und gut mit den Leuten, denen +sie manch schwere Arbeit Nachts verrichteten; wenn nun das Landvolk +frühmorgens mit Wagen und Geräthe herbeizog und erstaunte, daß alles +schon gethan war, steckten die Zwerge im Gesträuch und lachten hell +auf. Oftmals zürnten die Bauern, wenn sie ihr noch nicht ganz zeitiges +Getreide auf dem Acker niedergeschnitten fanden, aber als bald Hagel +und Gewitter hereinbrach und sie wohl sahen, daß vielleicht kein +Hälmlein dem Verderben entronnen seyn würde, da dankten sie innig dem +voraussichtigen Zwergvolk. Endlich aber verscherzten die Menschen +durch ihren Frevel die Huld und Gunst der Zwerge, sie entflohen und +seitdem hat sie kein Aug wieder erblickt. Die Ursache war diese: ein +Hirt hatte oben am Berg einen trefflichen Kirschbaum stehen. Als die +Früchte eines Sommers reiften, begab sich, daß dreimal hintereinander +Nachts der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürden +getragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren pflegte. Die +Leute im Dorf sprachen: “das thut niemand anders, als die redlichen +Zwerglein, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mit bedeckten Füßen +daher getrippelt, leise wie Vögel und schaffen den Menschen emsig ihr +Tagwerk. Schon vielmal hat man sie heimlich belauscht, allein man +stört sie nicht, sondern läßt sie kommen und gehen.” Durch diese Reden +wurde der Hirt neugierig und hätte gern gewußt, warum die Zwerge so +sorgfältig ihre Füße bärgen und ob diese anders gestaltet wären, als +Menschenfüße. Da nun das nächste Jahr wieder der Sommer und die Zeit +kam, daß die Zwerge heimlich die Kirschen abbrachen und in den Speicher +trugen, nahm der Hirt einen Sack voll Asche und streute die rings um +den Baum herum aus. Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur +Stelle hin, der Baum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in +der Asche die Spuren von vielen Gänsfüßen eingedrückt. Da lachte der +Hirt und spottete, daß der Zwerge Geheimniß verrathen war. Bald aber +zerbrachen und verwüsteten diese ihre Häuser und flohen tiefer in den +Berg hinab, grollen dem Menschengeschlecht und versagen ihm ihre Hülfe. +Jener Hirt, der sie verrathen hatte, wurde siech und blödsinnig fortan +bis an sein Lebensende. + + + + +150. + +Die wilden Geister. + ++Hormaier’s+ Geschichte Tyrols. I. 141. 142. + + +Unter den vicentinischen und veronesischen Deutschen wagts von der +zweiten Hälfte December bis gegen das Ende der ersten Jännerhälfte +selbst der kühnsten Jäger keiner, die Wildbahn zu besuchen. Sie +fürchten den +wilden Mann+ und die +Waldfrau+. Die Hirten treiben zu +dieser Zeit das Vieh nicht, Kinder hohlen das Wasser in irdenen Gefäßen +von der nächsten Quelle und die Heerden werden im Stall getränkt. Auch +spinnen die Weiber der +Waldfrau+ ein Stück Haar am Rocken und werfen +es ihr ins Feuer, um sie zu versühnen. Am Vorabend des Festes wird +die Hausküche und jeder Ort, wo ein Rauchfang ist oder eine Öffnung +aus der Luft herabfährt, mit Asche bestreut. Dann achtet man auf die ++Fußtritte+ in der Asche und sieht an ihrer Lage, Größe und zumal +daran: ob sie ein- oder ausgehen? welche gute oder böse Geister das +Haus besuchen. + + + + +151. + +Die Heilingszwerge. + ++Spieß+ Vorrede zu seinem Hans Heiling. + + +Am Fluß Eger zwischen dem Hof Wildenau und dem Schlosse Aicha ragen +ungeheuer große Felsen hervor, die man vor Alters den +Heilingsfelsen+ +nannte. Am Fuß derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt, +auswendig aber nur durch eine kleine Oeffnung, in die man den Leib +gebückt kriechen muß, erkennbar. Diese Höhle wurde von kleinen +Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, des +Namens +Heiling+, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal vorzeiten +ging ein Weib aus dem Dorfe Taschwitz bürtig, am Vorabend von Peter +Pauli, in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde ihr Nacht und +sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie trat hinein +und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann an einem Tische, +schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde willig +angenommen. Außer dem alten Mann war aber kein lebendes Wesen im +ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken, der Frau ward +greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: “wo bin ich denn +eigentlich?” Der Alte versetzte: “daß er Heiling heiße, bald aber auch +abreisen werde, denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und +entflohen.” Diese sonderbare Antwort machte das Weib nur noch unruhiger +und sie wollte mehr fragen, allein er gebot ihr Stillschweigen und +sagte nebenbei: “wäret ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde +gekommen, solltet ihr nimmer Herberge gefunden haben.” Die furchtsame +Frau kroch demüthig in einen Winkel und schlief sanft und wie sie den +Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu +haben, denn nirgends war ein Gebäude da zu ersehen. Froh und zufrieden, +daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sey, eilte +sie nach ihrem Dorfe zurück, es war alles so verändert und seltsam. +Im Dorf waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr +begegneten, kannte sie nicht und wurde auch nicht von ihnen erkannt. +Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die +war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche +einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube +treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde +vor die Thüre gewiesen und lief weinend und klagend im Dorf umher. Die +Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo +sie verhört und ihre Sache untersucht wurde; siehe da, es fand sich in +den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß grad vor hundert Jahren an eben +diesem Tag eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren +gegangen, nicht wieder heimgekehrt sey und auch nicht mehr zu finden +gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahr +im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war. +Sie lebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos aus und wurde von +der ganzen Gemeinde anständig verpflegt zum Lohn für die Zauberei, die +sie hatte erdulden müssen. + + + + +152. + +Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke. + ++Otmar+’s Volkssagen. + + +Die kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des +Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein +findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen +nur hineinkriechen können, theils aber einen räumigen Aufenthaltsort +für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt +und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried +und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei +Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine +Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Thäter +entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rath einer weisen Frau bei +einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit +einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte +nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte +ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd +fielen die Zwerge vor ihm nieder und bekannten: daß ihr Volk es +sey, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die +äußerste Noth sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen +brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich +Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder, und +wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzuges +erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit +ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen und das +Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen seyn. Endlich kam +man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof +ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen +bestimmten Theil seines Vermögens, als Abzugszoll werfen sollte, ohne +daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige +Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge +wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das +Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen als wenn eine sehr große +Heerde Schaafe über die Brücke ging. -- Seit dieser letzten großen +Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einzelne Zwerge +sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den +Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landesbewohner kleine +kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten. + + + + +153. + +Der Zug der Zwerge über den Berg. + ++Otmar’s+ Volkssagen. + + +Auch auf der Nordseite des Harzes wohnten einst viele tausend +Zwerge oder Kröpel, in den Felsklüften und den noch vorhandenen +Zwerglöchern. Bei Seehausen, einem magdeburgischen Städtchen, zeigt +man ebenfalls solche Kröppellöcher. Aber nur selten erschienen sie den +Landesbewohnern in sichtbarer Gestalt, gewöhnlich wandelten sie, durch +ihre Nebelkappen geschützt, ungesehen und ganz unbemerkt unter ihnen +umher. Manche dieser Zwerge waren gutartig und den Landesbewohnern +unter gewissen Umständen sehr behülflich; bei Hochzeiten und Kindtaufen +borgten sie mancherlei Tischgeräthe aus den Höhlen der Zwerge. Nur +durfte sie niemand zum Zorn reizen, sonst wurden sie tückisch und +bösartig und thaten dem, der sie beleidigte, allen möglichen Schaden +an. In dem Thal zwischen Blankenburg und Quedlinburg bemerkte einmal +ein Becker, daß ihm immer einige der gebackenen Brote fehlten und doch +war der Dieb nicht zu entdecken. Dieser beständig fortdauernde geheime +Diebstahl machte, daß der Mann allmählig verarmte. Endlich kam er auf +den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Unheil Schuld seyn. Er +schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich +her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht +mehr verbergen konnten. Es wurde Lärm. Man ertappte bald noch mehrere +Zwerge auf Diebereien und nöthigte endlich den ganzen Ueberrest des +Zwergvolkes auszuwandern. Um aber die Landeseinwohner einigermaßen für +das gestohlene zu entschädigen und zugleich die Zahl der Auswandernden +überrechnen zu können, wurde auf dem jetzt sogenannten Kirchberg bei +dem Dorfe Thale, wo sonst Wendhausen lag, ein groß Gefäß hingestellt, +worin jeder Zwerg ein Stück Geld werfen mußte. Dieses Faß fand sich +nach dem Abzuge der Zwerge ganz mit alten Münzen angefüllt. So groß +war ihre Zahl. Das Zwergvolk zog über Wahrnstedt (unweit Quedlinburg) +immer nach Morgen zu. Seit dieser Zeit sind die Zwerge aus der Gegend +verschwunden. Selten ließ sich seitdem hier und da ein einzelner sehen. + + + + +154. + +Die Zwerge bei Dardesheim. + ++Otmar+. + + +Dardesheim ist ein Städtchen zwischen Halberstadt und Braunschweig. +Dicht an seiner nordöstlichen Seite fließt ein Quell des schönsten +Wassers, welcher der +Smansborn+ (Leßmannsborn) heißt und aus einem +Berge quillt, in dem vormals die Zwerge wohnten. Wenn die ehmaligen +Einwohner der Gegend ein Feierkleid oder zu einer Hochzeit ein seltenes +Geräthe brauchten, so gingen sie vor diesen Zwergberg, klopften +dreimal an und sagten mit deutlicher, vernehmlicher Stimme ihr +Anliegen, und + + frühmorgens eh die Sonn aufgeht, + schon alles vor dem Berge steht. + +Die Zwerge fanden sich hinlänglich belohnt, wenn ihnen etwas von den +festlichen Speisen vor den Berg hingesetzt wurde. Nachher allmälig +störten Streitigkeiten das gute Vernehmen des Zwergvolks und der +Landeseinwohner. Anfangs auf kurze Zeit, aber endlich wanderten die +Zwerge aus, weil ihnen die Neckworte und Spöttereien vieler Bauern +unerträglich waren, so wie der Undank für erwiesene Gefälligkeiten. +Seit der Zeit sieht und hört man keine Zwerge mehr. + + + + +155. + +Schmidt Riechert. + ++Otmar+. + + +Den dardesheimer Zwergberg zieht auf der östlichen Seite ein Stück +Acker hinan. Dieses Feld hatte einst ein Schmidt, Namens +Riechert+, +mit Erbsen bestellt. Er bemerkte, als sie am wohlschmeckendsten waren, +daß sie häufig ausgepflückt wurden. Um dem Erbsendieb aufzulauern, +baute sich Riechert ein Hüttchen auf seinen Acker und wachte Tags und +Nachts dabei; bei Tage entdeckte er keine Veränderung, aber alle Morgen +sah er, daß seines Wachens unerachtet über Nacht das Feld bestohlen +war. Voll Verdruß über seine mißlungene Mühe, beschloß er, die noch +übrigen Erbsen auf dem Acker auszudreschen. Mit Tagesanbruch begann +Schmidt Riechert seine Arbeit. Aber noch hatte er nicht die Hälfte der +Erbsen ausgedroschen, so hörte er ein klägliches Schreien, und beim +Nachsuchen fand er auf der Erde unter den Erbsen einen der Zwerge, dem +er mit seinem Dreschflegel den Schädel eingeschlagen hatte, und der nun +sichtbar wurde, weil ihm seine Nebelkappe verloren gegangen war. Der +Zwerg floh eilends in den Berg zurück. + + + + +156. + +Grinken-Schmidt. + +Mündlich, im Münsterland. + + +In den Detterberge, drei Stunden von Mönster, do wuhrnde vor ollen +Tieden en wilden Man, de hedde Grinken-Schmidt, un de lag in en deip +Lok unner de Erde, dat is nu ganz met Greß un Strüker bewassen; men man +kann doch noch seihn, wo et west is. In düt Lok hadde he sine Schmiede, +un he mock so eislike-rohre Saken, de duerden ewig, un sine Schlörter +konn kien Mensk orpen kriegen sonner Schlürtel. An de Kerkendöhr to +Nienberge sall auk en Schlott von em sien, do sind de Deiwe all vör +west, men se könnt et nich to Schande maken. Wenn der denn ne Hochtied +was, queimen de Bueren un lenden von Grienken en Spitt, do mosten se +em en Broden vör gierwen. Kam auk es en Buer vör dat Lok un sede: +“Grinken-Schmidt, giff mi en Spitt” -- “krigst kien Spitt, giff mi en +Broden” -- “krigst kinen Broden, holt dien Spitt.” Do word Grienken so +hellig aße der to, un reep: “wahr du, dat ik kienen Broden nierme.” De +Buer gonk den Berg enbilink no sin Hues, do lag sien beste Perd in en +Stall un een Been was em utrierten, dat was Grinken-Schmidt sien Broden. + + * * * * * + ++wuhrnde, nierme, utrierten+: wohnte, nehme, ausgerissen. ++eislike-rohr+: sehr rar. +sunner+: ohne. +Spitt+: Spieß. +Broden+: +Braten. +so hellig aße der to+: so böse als möglich. +enbilink+: +entlang. + + + + +157. + +Die Hirtenjungen. + ++Spieß+ Vorrede zum Hans Heiling. + + +Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln +nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen und erblickten unten +an demselben eine kleine Thüre offenstehen. Die Neugierde trieb sie +hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die +andere verschlossen. In der offnen lag ein großer Haufen Geld, sie +griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams +ihnen greulich; sie eilten nach der Thüre, glücklich trat der erste +durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel fürchterlich, +er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr +schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes +ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten +Eltern heim. + + + + +158. + +Die Nußkerne. + +Mündlich, aus dem Corvei’schen. + + +Zwei junge Bursche, der Peter und Knipping zu Wehren im Corvei’schen, +wollten Vogelnester suchen, der Peter aber, weil er erstaunend faul +war, nachdem er ein wenig umgeschaut, legte sich unter einen Baum und +schlief ein. Auf einmal wars ihm, als packte ihn einer an den Ohren, +so daß er aufwachte und herumsah, aber niemand erblickte. Also legte +er den Kopf wieder und schlief aufs neue ein. Da kams zum zweitenmal +und packte ihn an den Ohren, als er aber niemand gewahr werden konnte, +schlief er zum drittenmal ein. Aber zum drittenmal ward er wieder +gezupft, da war er das Ding müde, stand auf und wollte sich einen +andern Ort suchen, wo er in Ruhe liegen könnte. Auf einmal aber sah er +vor sich das Fräulein von Willberg gehen, das knackte Nüsse entzwei +und steckte die Schalen in die Tasche und warf die Kerne auf die Erde. +Als die Nüsse zu Ende gingen, war sie verschwunden. Der Peter aber war +immer hinter ihr hergegangen, hatte die Nüsse aufgelesen und gegessen. +Darauf kehrte er um, suchte den Knipping und erzählte ihm alles, was er +gesehen hatte. Da gingen sie nach Haus, holten noch andere zur Hilfe +und fingen an, da, wo das Fräulein verschwunden war, zu graben und +kamen auf eine alte Küche, darin noch altes Kochgeräth stand, endlich +in einen Keller mit Tonnen voll Geld. Sie nahmen so viel, als sie +tragen konnten und wollten den andern Tag wieder kommen, aber alles war +fort und sie konnten die Stätte gar nicht wieder finden, sie mochten +suchen, wie sie wollten. Der Peter baute sich von seinem Geld ein Haus, +darin er noch lebt. + + + + +159. + +Der soester Schatz. + ++Simplicissimus+ Buch ~III. cap.~ 13. + + +Im dreißigjährigen Krieg befand sich unweit der Stadt Soest in +Westphalen ein altes Gemäuer, von dem die Sage ging, daß darin eine +eiserne Truhe voll Geldes wäre, welche ein schwarzer Hund hütete, +sammt einer verfluchten Jungfrau. Nach der Erzählung der Großeltern +werde einstens ein fremder Edelmann ins Land kommen, die Jungfrau +erlösen und mit einem feurigen Schlüssel den Kasten eröffnen. Mehrere +fahrende Schüler und Teufelsbanner hätten sich bei Mannsgedenken +dahin begeben, um zu graben, wären aber so seltsam empfangen und +abgewiesen worden, daß es seithero niemand weiter gelüstet; besonders +nach ihrer Eröffnung, daß der Schatz keinem zu Theil werden könne, +der nur ein einziges mal Weibermilch getrunken. Vor kurzer Zeit noch +wäre ein Mägdlein aus ihrem Dorf nebst etlichen Geisen an den Ort zu +weiden gewesen, und, als deren eine sich in das Gemäuer verlaufen, +nachgefolgt. Da sey eine Jungfrau inwendig im Hof gewesen und habe es +angeredet: was es da zu schaffen? auch nach erhaltenem Bescheid, auf +ein Körblein Kirschen weisend, weiter gesagt: “so gehe und nimm dort +von dem, was du vor dir siehest, mit sammt deiner Gais, komm aber +nicht wieder, noch sieh dich um, damit dir nichts Arges beschehe!” +Darauf habe das erschrockene Kind sieben Kirschen ertappet und sey in +Angst aus der Mauer gekommen; die Kirschen seyen aber sogleich zu Geld +geworden. + + + + +160. + +Das quellende Silber. + ++Happel+ ~relat. curios. III.~ 529. + + +Im Februar des Jahrs 1605. unter dem Herzog Heinrich Julius von +Braunschweig trug sich zu, daß eine Meile Wegs von Quedlinburg, zum +Thal genannt, ein armer Bauer seine Tochter in den nächsten Busch +schickte, Brenn-Holz aufzulesen Das Mädchen nahm dazu einen Trag-Korb +und einen Hand-Korb mit und als es beide angefüllt hatte und nach +Haus gehen wollte, trat ein weißgekleidetes Männlein zu ihm hin und +fragte: “was trägst du da?” “Aufgelesenes Holz, antwortete das Mädchen, +zum Heizen und Kochen.” “Schütte das Holz aus, sprach weiter das +Männlein, nimm deine Körbe und folge mir; ich will dir etwas zeigen, +das besser und nützlicher ist, als das Holz.” Nahm es dabei an der +Hand, führte es zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, etwa +zweier gewöhnlichen Tische breit, ein schön lauter Silber von kleiner +und großer Münze von mäßiger Dicke, darauf ein Bild, wie eine Maria +gestaltet und rings herum ein Gepräge von uralter Schrift. Als dieses +Silber in großer Menge gleichsam aus der Erde hervorquoll, entsetzte +sich das Mägdlein davor und wich zurück; wollte auch nicht seinen +Hand-Korb von Holz ausschütten. Hierauf thats das weiße Männlein +selbst, füllte ihn mit dem Geld und gab ihn dem Mägdlein und sprach: +“das wird dir besser seyn, als Holz.” Es nahm ihn voll Bestürzung und +als das Männlein begehrte, es sollte auch seinen Trag-Korb ausschütten +und Silber hinein fassen, wehrte es ab und sprach: “es müsse auch Holz +mit heim bringen, denn es wären kleine Kinder daheim, die müßten eine +warme Stube haben und dann müßte auch Holz zum Kochen da seyn.” Damit +war das Männlein zufrieden und sprach: “nun so ziehe damit hin” und +verschwand darauf. + +Das Mädchen brachte den Korb voll Silber nach Haus und erzählte, +was ihm begegnet war. Nun liefen die Bauern haufenweis mit Hacken +und anderm Geräth in das Wäldchen und wollten sich ihren Theil vom +Schatz auch holen, aber niemand konnte den Ort finden, wo das Silber +hervorgequollen war. + +Der Fürst von Braunschweig hat sich von dem geprägten Silber ein Pfund +holen lassen, so wie sich auch ein Bürger aus Halberstadt, N. Everkan, +eins gelöst. + + + + +161. + +Goldsand auf dem Unterberg. + +Brixener Volksbuch. + + +Im Jahr 1753. ging ein ganz mittelloser, beim Hofwirth zu St. Zeno +stehender Dienstknecht, Namens Paul Mayr, auf den Berg. Als er unweit +dem Brunnenthal fast die halbe Höhe erreicht hatte, kam er zu einer +Steinklippe, worunter ein Häuflein Sand lag. Weil er schon so manches +gehört hatte und nicht zweifelte, daß es Goldsand wäre, füllte er sich +alle Taschen damit und wollte voll Freude nach Haus gehen; aber in dem +Augenblick stand ein fremder Mann vor seinem Angesicht und sprach: +“was tragst du da?” Der Knecht wußte vor Schrecken und Furcht nichts +zu antworten, aber der fremde Mann ergriff ihn, leerte ihm die Taschen +aus und sprach: “jetzt gehe nimmer den alten Weg zurück, sondern einen +andern und sofern du dich hier wieder sehen läßt, wirst du nicht mehr +lebend davon kommen.” Der gute Knecht ging heim, aber das Gold reizte +ihn also, daß er beschloß, den Sand noch einmal zu suchen, und einen +guten Gesellen mitnahm. Es war aber alles umsonst und dieser Ort ließ +sich nimmermehr finden. + +Ein andermal verspätete sich ein Holzmeister auf dem Berge und mußte +in einer Höhle die Nacht zubringen. Anderen Tages kam er zu einer +Steinklippe, aus welcher ein glänzend schwerer Goldsand herabrieselte. +Weil er aber kein Geschirr bei sich hatte, ging er ein ander Mal hinauf +und setzte das Krüglein unter. Und als er mit dem angefüllten Krüglein +hinweg ging, sah er unweit dieses Orts eine Thüre sich öffnen, durch +die er schaute, und da kam es ihm natürlich vor, als sehe er in den +Berg hinein und darin eine besondere Welt mit einem Tageslicht, wie +wir es haben. Die Thüre blieb aber kaum eine Minute lang offen; wie +sie zuschlug, hallte es in den Berg hinein, wie in ein großes Weinfaß. +Dieses Krüglein hat er sich allzeit angefüllt nach Haus tragen können, +nach seinem Tode aber ist an dem Gold kein Seegen gewesen. Jene Thüre +hat in folgender Zeit niemand wieder gesehen. + + + + +162. + +Gold-Kohlen. + +Brixener Volksbuch. + + +Im Jahr 1753 ging von Salzburg eine Kräutel-Brockerin auf den +Wunderberg; als sie eine Zeit lang auf demselben herumgegangen war, +kam sie zu einer Steinwand, da lagen Brocken, grau und schwarz, als wie +Kohlen. Sie nahm davon etliche zu sich und als sie nach Haus gekommen, +merkte sie, daß in solchen klares Gold vermischt war. Sie kehrte +alsbald wieder zurück auf den Berg, mehr davon zu holen, konnte aber +alles Suchens ungeachtet den Ort nicht mehr finden. + + + + +163. + +Der Brunnen zu Steinau. + ++Bange+ thüring. Chronik. Bl. 105. + + +Im Jahr 1271. waren dem Abt Berold zu Fulda seine eignen Unterthanen +feind und verschworen sich wider sein Leben. Als er einmal in der St. +Jacobs Capelle Messe las, überfielen ihn die Herrn von Steinau, von +Eberstein, Albrecht von Brandau, Ebert von Spala, und Ritter Conrad +und erschlugen ihn. Bald hernach wurden diese Räuber selbdreißig, mit +zwanzig Pferden, zu Hasselstein auf dem Kirchenraub betrappt, mit dem +Schwert hingerichtet und ihre Wohnungen zerbrochen. Dieser That halben +haben die Herrn von Steinau in ihrem Wappen hernachmals drei Räder +mit drei Scheermessern führen müssen und an der Stätte, da sie das +Verbündniß über den Abt gemacht, nämlich bei Steinau (an der Straße im +Hanauischen) an einem Brunnen auf einem Rasen wächst noch zur Zeit kein +Gras. + + + + +164. + +Die fünf Kreuze. + +Mündlich, aus Höxter. + + +Vor dem Klausthor in Höxter, welches nach Pyrmont führt, gleich linker +Hand stehen an dem Wege fünf alte Steine, welche die fünf Kreuze +heißen, vermuthlich weil es versunkene Kreuze sind. Nun geht die +Sage, es seyen fünf Hühnen dabei erschlagen worden; nach andern fünf +Grafen von Reischach; wieder nach andern sind fünf Bürger von Tilly im +dreißigjährigen Krieg aufgehängt worden. + + + + +165. + +Der Schwerttanz zu Weißenstein. + ++Winkelmann+ hess. Chronik S. 375. aus dem Mund alter Leute. + + +Unfern Marburg liegt ein Dorf Wehre und dabei ein spitzer Berg, auf +dem vor alten Zeiten eine Raubburg gestanden haben soll, genannt der +Weißenstein, und Trümmer davon sind noch übrig. Aus diesem Schloß +wurde den Umliegenden großer Schaden zugefügt, allein man konnte den +Räubern nicht beikommen, wegen der Feste der Mauer und Höhe des Bergs. +Endlich verfielen die Bauern aus Wehre auf eine List. Sie versahen sich +heimlich mit allerhand Wehr und Waffen, gingen zum Schloß hinauf und +gaben den Edelleuten vor, daß sie ihnen einen Schwerttanz[6] bringen +wollten. Unter diesem Schein wurden sie eingelassen; da entblößten +sie ihre Waffen und hieben das Raubvolk tapfer nieder, bis sich die +Edelleute auf Gnaden ergaben und von den Bauern sammt der Burg ihrem +Landesfürsten überliefert wurden. + + + [6] Die Sitte des hessischen Schwerttanzes, sammt dem Lied der + Schwerttänzer wird anderswo mitgetheilt werden. + + + + +166. + +Der Steintisch zu Bingenheim. + ++Winkelmann+ Beschr. von Hessen S. 184. aus dem Mund des dauernheimer +Pastors Draud. + + +In dem hessischen Ort Bingenheim in der Wetterau wurden ehmals vor +dem Rathhaus unter der Linde jährlich drei Zentgerichte gehalten, +wozu sich viel vornehmer Adel, der in der fuldischen Mark angesessen +war, leiblich einfand. Unter der Linde stand ein steinerner Tisch, +von dem erzählt wurde: er sey aus dem hohen Berg, einem gegen Staden +hin gelegenen Walde, dahin gebracht worden. In diesem Walde hätten +früherhin wilde Leute gehaust, deren Handgriffe man noch in den Steinen +sähe und von denen sich noch drei ausgehöhlte Steinsitze vorfänden. Im +Jahr 1604. bei Sommerszeit habe man in gedachtem Wald an hellem Tag +drei Leute in weißer Gestalt umwandern sehen. + + + + +167. + +Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof. + ++Widmann+ in der Höfer Chronik. + + +Vor diesem Sterben (der Pest zu Hof im Jahr 1519.) hat sich bei Nacht +ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen, +welcher mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gassen +betreten und mit dem Kopf hoch über die Häuser gereicht hat; welchen +meine Ahnfrau Walburg Widmännin, da sie einen Abend durch gedachte +Gasse gehen müssen, selbst gesehen, daß er den einen Fuß bei der +Einfurt des Wirthshauses, den andern gegenüber auf der andern Seite bei +dem großen Haus gehabt. Als sie aber vor Schrecken nicht gewußt, ob +sie zurück oder fortgehen sollen, hat sie es in Gottes Namen gewagt, +ein Kreuz vor sich gemacht, und ist mitten durch die Gasse und also +zwischen seinen Beinen hindurch gegangen, weil sie ohne das besorgen +müssen, solch Gespenst mögte ihr nacheilen. Da sie kaum hindurch +gekommen, schlägt das Gespenst seine beiden Beine hinter ihr so hart +zusammen, daß sich ein solch groß Geprassel erhebet, als wann die +Häuser der ganzen Mordgasse einfielen. Es folgte darauf die große Pest +und fing das Sterben in der Mordgasse am ersten an. + + + + +168. + +Krieg und Frieden. + ++Gottfr. Schulz+ Chronik. S. 542. + ++Bräuner’s + Curiositäten S. 279. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 665. + + +Im Jahr 1644. am achtzehnten August zog Kurfürst Johann Georg der Erste +an der Stadt Chemnitz vorbei. Da fingen seine Leute in dem Gehölz der +Gegend ein wildes Weiblein, das nur eine Elle groß, sonst aber recht +menschlich gestaltet war. Angesicht, Hände und Füße waren glatt, aber +der übrige Leib rauch. Es fing an zu reden und sagte: “ich verkündige +und bringe den Frieden im Lande.” Der Kurfürst befahl, man sollte +es wieder frei gehen lassen, weil vor etwa fünf und zwanzig Jahren +auch ein Männlein von gleicher Gestalt gefangen worden, welches den +Unfrieden und Krieg verkündiget. + + + + +169. + +Rodensteins Auszug. + +Mündlich. + +vgl. Zeitung f. die eleg. Welt. 1811. Nr. 126. + +und Reichsanzeiger 1806. Nr. 129. 160. 198. 206. + + +Nah an dem zum gräflich erbachischen Amt Reichenberg gehörigen Dorf +Oberkainsbach, umweit dem Odenwald, liegen auf einem Berge die Trümmer +des alten Schlosses Schnellerts; gegenüber eine Stunde davon, in +der rodsteiner Mark, lebten ehemals die Herrn von Rodenstein, deren +männlicher Stamm erloschen ist. Noch sind die Ruinen ihres alten +Raubschlosses zu sehen. + +Der letzte Besitzer desselben hat sich besonders durch seine Macht, +durch die Menge seiner Knechte und des erlangten Reichthums berühmt +gemacht; von ihm geht folgende Sage. Wenn ein Krieg bevorsteht, so +zieht er von seinem gewöhnlichen Aufenthalts-Ort Schnellerts bei +grauender Nacht aus, begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden +Trompeten. Er zieht durch Hecken und Gesträuche, durch die Hofraithe +und Scheune Simon Daum’s zu Oberkainsbach bis nach dem Rodenstein, +flüchtet gleichsam als wolle er das seinige in Sicherheit bringen. +Man hat das Knarren der Wagen und ein ho! ho! Schreien, die Pferde +anzutreiben, ja selbst die einzelnen Worte gehört, die einherziehendem +Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden und womit ihm befohlen wird. +Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in gleichem Zuge vom +Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille und man +kann dann gewiß seyn, daß der Frieden wirklich abgeschlossen wird[7]. +Ehe Napoleon im Frühjahr 1815. landete, war bestimmt die Sage, der +Rodensteiner sey wieder in die Kriegburg ausgezogen. + + + [7] Bei dem erbachischen Amt Reichenberg zu Reichelsheim hat man + viele Personen deshalb abgehört; die Protokolle fangen mit + dem Jahr 1742 an und endigen mit 1764. Im Juli 1792 war ein + Auszug. Im Jahr 1816 erneuern sich in der Rheingegend ähnliche + Gerüchte und Aussagen. Einige nennen statt des Rodensteiners den + +Lindenschmied+, von dem das bekannte Volkslied anhebt: “es ist + noch nicht lang, daß es geschah, daß man den Lindenschmied reiten + sah auf seinem hohen Rosse, er ritt den Rheinstrom auf und ab, er + hats gar wohl genossen.” Andere sagen, daß Schnellert aus seiner + Burg nach dem Rodenstein auszöge, um seinen geschwornen Todfeind, + den Rodensteiner, auch noch als Geist zu befehden. + + + + +170. + +Der Tannhäuser. + +Nach dem alten Volkslied in +Prätorius+ Blocksberg. Lpzg. 1668. S. +19-25. + ++Agricola+ Sprichwort 667. p. m. 322 b. + + +Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder +durchfahren und war auch in Frau Venus Berg zu den schönen Frauen +gerathen, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin +gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein +Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt und begehrte Urlaub. Frau +Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine +ihrer Gespielen geben zum ehlichen Weibe und er möge gedenken an ihren +rothen Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete: kein +ander Weib gehre er, als die er sich in den Sinn genommen, wolle nicht +ewig in der Hölle brennen und gleichgültig sey ihm ihr rother Mund, +könne nicht länger bleiben, denn sein Leben wäre krank geworden. Und +da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu +pflegen, allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die himmlische +Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er +die Straße nach Rom zu Papst Urban, dem wollte er alle seine Sünde +beichten, damit ihm Buße aufgelegt würde und seine Seele gerettet wäre. +Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frauen Venus im +Berg gewesen, da sprach der Papst: “wann dieser dürre Stecken grünen +wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen +seyn, und nicht anders.” Der Tannhäuser sagte: “und hätte ich nur noch +ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reu und Buße +gethan haben, daß sich Gott erbarmt hätte;” und vor Jammer und Leid, +daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von +neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen. +Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen langabwesenden +Buhlen empfängt; danach wohl auf den dritten Tag hub der Stecken an zu +grünen und der Papst sandte Botschaft in alle Land, sich zu erkundigen, +wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät, er +saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren, daselbst muß er nun +sitzen, bis zum jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen +wird. Und kein Priester soll einem sündigen Menschen Mißtrost geben, +sondern verzeihen, wenn er sich anbietet zu Buß und Reue. + + + + +171. + +Der wilde Jäger Hackelberg. + ++Hans Kirchhof+ im Wendunmuth. IV. Nr. 283. S. 342. 343. + + +Vorzeiten soll im Braunschweiger Land ein Jägermeister gewesen seyn, ++Hackelberg+ genannt, welcher zum Waidwerk und Jagen solch große +Lust getragen, daß, da er jetzt an seinem Todbett lag, und vom Jagen +so ungern abgeschieden, er von Gott soll begehrt und gebeten haben +(ohnzweifellich aus Ursach seines christlichen und gottseeligen Lebens +halber, so er bisher geführt), daß er für sein Theil Himmelreich bis +zum jüngsten Tag am Sölling mögt jagen. Auch deßwegen in ermeldte +Wildniß und Wald sich zu begraben befohlen, wie geschehen. Und wird +ihm sein gottloser, ja teuflischer Wunsch verhängt, denn vielmal wird +ein gräulich und erschrecklich Hornblasen und Hundsgebell die Nacht +gehört: jetzt hie, ein andermal anderswo in dieser Wildniß, wie mich +diejenigen, die solch Gefährd auch selbst angehört, berichtet. Zudem +soll es gewiß seyn, daß, wenn man Nachts ein solch Jagen vermerkt und +am folgenden Tag gejagd wird, einer ein Arm, Bein, wo nicht den Hals +gar bricht, oder sonst ein Unglück sich zuträgt. + +Ich bin selbst (ist mir recht im Jahr 1558), als ich von Einbeck übern +Sölling nach Ußlar geritten und mich verirrte, auf des Hackelbergers +Grab ungefähr gestoßen. War ein Platz, wie eine Wiese, doch von +unartigem Gewächs und Schilf in der Wildniß, etwas länger denn breit, +mehr denn ein Acker zu achten; darauf kein Baum sonst stund wie um die +Ende. Der Platz kehrte sich mit der Länge nach Aufgang der Sonne, unten +am Ende lag die Zwerch, ein erhabener rother (ich halt Wacken-) Stein, +bei acht oder neun Schuhen lang und fünfe, wie mich däuchte, breit. Er +war aber nicht, wie ein anderer Stein, gegen Osten, sondern mit dem +einen Vorhaupt gegen Süden, mit dem andern gegen Norden gekehret. + +Man sagte mir, es vermögte niemand dieses Grab aus Vorwitz oder mit +Fleiß, wie hoch er sich deß unterstünde, zu finden, käme aber jemand +ungefähr, lägen etliche gräuliche schwarze Hunde daneben. Solches +Gespensts und Wusts ward ich aber im geringsten nicht gewahr, sonst +hatte ich wenig Haare meines Haupts, die nicht empor stiegen. + + + + +172. + +Der wilde Jäger und der Schneider. + +Mündlich, aus Münster. + + +Ein Schneider saß einmal auf seinem Tische am Fenster und arbeitete, +da fuhr der wilde Jäger mit seinen Hunden über das Haus her und das +war ein Lärmen und Bellen, als wenn die Welt verginge. Man sagt sonst +den Schneidern nach, sie seyen furchtsam, aber dieser war es nicht, +denn er spottete des wilden Jägers und schrie: “huhu, huhu, kliffklaff, +kliffklaff!” und hetzte die Hunde noch mehr an; da kam aber ein +Pferdefuß ins Fenster hereingefahren und schlug den Schneider vom +Tische herab, daß er wie todt niederfiel. Als er wieder zur Besinnung +kam, hörte er eine fürchterliche Stimme: + + wust du met mi jagen, + dan sost du auk met mi knagen! + +ich weiß gewiß, er wird nie wieder den wilden Jäger geneckt haben. + + + + +173. + +Der Hoselberg[8]. + ++Bange+ thüring. Chronik ~fol.~ 57. + ++Kornmann+ ~mons Veneris~ Cap. 74. p. 374. + ++Seyfried+ ~medulla~ p. 482. + +vgl. +Agricola+ Sprüchwort 301. + + +Im Lande zu Thüringen nicht fern von Eisenach liegt ein Berg, +genannt der +Höselberg+, worin der Teufel haust und zu dem die Hexen +wallfahrten. Zuweilen erschallt jämmerliches Heulen und Schreien her +daraus, das die Teufel und armen Seelen ausstoßen; im Jahr 1398. am +hellen Tage erhoben sich bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine +Zeitlang in der Luft, thaten sich zusammen und wieder von einander und +fuhren endlich alle drei in diesen Berg. Fuhrleute, die ein andermal +mit Wein vorbeigefahren kamen, lockte der böse Feind mit einem Gesicht +hinein und wies ihnen etliche bekannte Leute, die bereits in der +höllischen Flamme saßen. + +Die Sage erzählt: einmal habe ein König von Engelland mit seiner +Gemahlin, Namens Reinschweig, gelebt, die er aus einem geringen Stand, +blos ihrer Tugend willen, zur Königin erhoben. Als nun der König +gestorben war, den sie aus der Maßen lieb hatte, wollte sie ihrer Treu +an ihm nicht vergessen, sondern gab Almosen und betete für die Erlösung +seiner Seele. Da war gesagt, daß ihr Herr sein Fegfeuer zu Thüringen im +Höselberg hätte, also zog die fromme Königin nach Deutschland und baute +sich unten am Berg eine Capelle, um zu beten, und rings umher entstand +ein Dorf. Da erschienen ihr die bösen Geister, und sie nannte den Ort ++Satansstedt+, woraus man nach und nach +Sattelstedt+ gemacht hat. + + + [8] Man findet gleichbedeutig: Horsel- Hursel- Hosel- Oselberg. Die + eigentliche Ableitung von Ursel, Usel ~(favilla)~ liegt nahe. + + + + +174. + +Des Rechenbergers Knecht. + ++Agricola+ im Sprüchw. 301. Bl. 172. + ++Kirchhof’s+ Wendunmuth ~V. Nr.~ 247-249. S. 304. 305. + ++Luther’s+ Tisch-Reden. 106. + + +Es sagte im Jahr 1520. Herr Hans von Rechenberg in Beiseyn Sebastians +Schlick und anderer viel ehrlicher und rechtlicher Leute, wie seinem +Vater und ihm ein Knecht zur Zeit, da König Matthias in Ungarn gegen +den Türken gestritten, treulich und wohl gedienet hätte viel Jahr, also +daß sie nie einen bessern Knecht gehabt. Auf eine Zeit aber ward ihm +Botschaft an einen großen Herrn auszurichten vertrauet und da Herr Hans +meinte, der Knecht wäre längst hinweg, ging er von ohngefähr in den +Stall, da fand er den Knecht auf der Streu bei den Pferden liegen und +schlafen, ward zornig und sprach, wie das käme? Der Knecht stand auf +und zog einen Brief aus dem Busen, sagte: “da ist die Antwort.” Nun war +der Weg ferne und unmöglich einem Menschen, daß er da sollte gewesen +seyn. Dabei ward der Knecht erkannt, daß es ein Geist gewesen wäre. +Bald nach diesem wurde er auf eine Zeit bedrängt von den Feinden, da +hob der Knecht an: “Herr, erschrecket nicht, gebt eilends die Flucht, +ich aber will zurückreiten und Kundschaft von den Feinden nehmen.” +Der Knecht kam wieder, klingelte und klapperte feindlich in seinen +vollgepfropften Taschen. “Was hast du da?” sprach der Herr. “Ich hab +allen ihren Pferden die Eisen abgebrochen und weggenommen, die bring +ich hier.” Damit schüttete er die Hufeisen aus und die Feinde konnten +Herrn Hansen nicht verfolgen. + +Herr Hans von Rechenberg sagte auch: der Knecht wäre zuletzt wegkommen, +niemand wüßte wohin, nachdem man ihn erkannt hätte. + +Kirchhof, welcher von einem andern Edelmann, der sich aus dem Stegreif +ernährt, die Sage erzählt, hat noch folgende Züge. Einmal ritt sein +Herr fort und befahl ihm ein Pferd, das ihm sehr lieb war: er sollt +dessen fleißig warten. Als der Junker weg war, führte der Knecht das +Pferd auf einen hohen Thurm, höher denn zehn Stufen; wie aber der Herr +wieder kam, vernahm und kannte es ihn im Hineinreiten, steckte den Kopf +oben im Thurm zum Fenster hinaus und fing an zu schreien, daß er sich +gar sehr verwunderte und es mit Stricken und Seilen mußte vom Thurm +herablassen. + +Auf eine andere Zeit lag der Edelmann um eines Todschlags willen +gefangen und rief den Knecht an, daß er ihm hülfe. Sprach der Knecht: +“obschon es schwer ist, will ichs doch thun, doch müßt ihr nicht viel +mit den Händen vor mir flattern und Schirmstreich brauchen.” Damit +meinte er ein Kreuz vor sich machen und sich segnen. Der Edelmann +sprach, er sollte nur fortfahren, er wollte sich damit recht halten. +Was geschah? Er nahm ihn mit Ketten und Fesseln, führte ihn in der Luft +daher; wie sich aber der Edelmann in der Höhe fürchtet und schwindelt +und rief: “hilf Gott! hilf! wo bin ich!” ließ er ihn herunter in einen +Pfuhl fallen, kam heim und zeigte es der Frau an, daß sie ihn holen und +heilen ließ, wie sie that. + + + + +175. + +Geister-Kirche. + ++Widmann’s+ Höfer Chronik. + +Mündliche Erzählungen aus dem Paderbörnischen. + + +Um das Jahr 1516 hat sich eine wunderbare, doch wahrhaftige Geschichte +in St. Lorenz Kirche und auf desselben Kirchhof zugetragen. Als eine +andächtige, alte, fromme Frau, ihrer Gewohnheit nach, einsmals früh +Morgens vor Tag hinaus gen St. Lorenz in die Engelmesse gehen wollen, +in der Meinung, es sey die rechte Zeit, kommt sie um Mitternacht vor +das obere Thor, findet es offen und geht also hinaus in die Kirche, +wo sie dann einen alten, unbekannten Pfaffen die Messe vor dem Altar +verrichten sieht. Viele Leut, mehrers Theils unbekannte, sitzen hin und +wieder in den Stühlen zu beiden Seiten, eines Theils ohne Köpf, auch +unter denselben etliche, die unlängst verstorben waren und die sie in +ihrem Leben wohl gekannt hatte. + +Das Weib setzt sich mit großer Furcht und Schrecken in der Stühle einen +und, weil sie nichts denn verstorbene Leute, bekannte und unbekannte, +siehet, vermeint, es wären der Verstorbenen Seelen; weiß auch nicht, +ob sie wieder aus der Kirche gehen oder drinnen bleiben soll, weil +sie viel zu früh kommen wär, und Haut und Haar ihr zu Berge steigen. +Da geht eine aus dem Haufen, welche bei Leben, wie sie meinte, ihre +Gevatterin gewesen und vor dreien Wochen gestorben war, ohne Zweifel +ein guter Engel Gottes, hin zu ihr, zupfet sie bei der Kursen (Mantel), +beutet ihr einen guten Morgen und spricht: “ei! liebe Gevatterin, +behüt uns der allmächtige Gott, wie kommt ihr daher? Ich bitte euch +um Gottes und seiner lieben Mutter willen, habt eben acht auf, wann +der Priester wandelt oder segnet, so laufet, wie ihr laufen könnt und +sehet euch nur nicht um, es kostet euch sonst euer Leben.” Darauf sie, +als der Priester wandeln will, aus der Kirche geeilet, so sehr sie +gekonnt, und hat hinter ihr ein gewaltig Prasseln, als wann die ganze +Kirche einfiele, gehöret, ist ihr auch alles Gespenst aus der Kirche +nachgelaufen und hat sie noch auf dem Kirchhof erwischt, ihr auch die +Kursen (wie die Weiber damals trugen) vom Hals gerissen, welche sie +dann hinter sich gelassen und ist sie also unversehret davon kommen und +entronnen. Da sie nun wiederum zum obern Thor kommt und herein in die +Stadt gehen will, findet sie es noch verschlossen, dann es etwa um ein +Uhr nach Mitternacht gewesen: mußt derowegen wohl bei dreien Stunden +in einem Haus verharren bis das Thor geöffnet wird und kann hieraus +vermerken, daß kein guter Geist ihr zuvor durch das Thor geholfen +habe und daß die Schweine, die sie anfangs vor dem Thor gesehen und +gehört, gleich als wenn es Zeit wäre, das Vieh auszutreiben, nichts +anders, dann der leidige Teufel gewesen. Doch, weil es ein beherztes +Weib ohne das gewesen und sie dem Unglück entgangen, hat sie sich +des Dings nicht mehr angenommen, sondern ist zu Haus gegangen und +am Leben unbeschädigt blieben, obwohl sie wegen des eingenommenen +Schreckens zwei Tag zu Bett hat liegen müssen. Denselben Morgen aber, +da ihr solches zu Handen gestoßen, hat sie, als es nun Tag worden, +auf den Kirchhof hinausgeschicket und nach ihrer Kursen, ob dieselbe +noch vorhanden, umsehen und suchen lassen; da ist dieselbe zu kleinen +Stücklein zerrissen gefunden worden, also daß auf jedem Grabe ein +kleines Flecklein gelegen, darob sich die Leut, die haufenweis +derohalben hinaus auf den Kirchhof liefen, nicht wenig wunderten. + +Diese Geschichte ist unsern Eltern sehr wohl bekannt gewesen, da +man nicht allein hie in der Stadt, sondern auch auf dem Land in den +benachbarten Orten und Flecken davon zu sagen gewußt, wie dann noch +heutiges Tags Leute gefunden werden, die es vor der Zeit von ihren +Eltern gehört und vernommen haben. -- + +Nach mündlichen Erzählungen hat es sich in der Nacht vor dem +Aller-Seelen-Tag zugetragen, an welchem die Kirche feierlich das +Gedächtniß der abgeschiedenen Seelen begeht. Als die Messe zu Ende ist, +verschwindet plötzlich alles Volk aus der Kirche, so voll sie vorher +war, und sie wird ganz leer und finster. Sie sucht ängstlich den Weg +zur Kirchthüre und wie sie heraustritt, schlägt die Glocke im Thurm ein +Uhr und die Thüre fährt mit solcher Gewalt gleich hinter ihr zu, daß +ihr schwarzer Regenmantel eingeklemmt wird. Sie läßt ihn, eilt fort und +als sie am Morgen kommt, ihn zu holen, ist er zerrissen und auf jedem +Grabhügel liegt ein Stücklein davon. + + + + +176. + +Geister-Mahl. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 336-340. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. S. 426. + + +Als König Friedrich der Dritte von Dänemark eine öffentliche +Zusammenkunft nach Flensburg ausgeschrieben, trug sich zu, daß ein +dazu herbeigereister Edelmann, weil er spät am Abend anlangte, in +dem Gasthaus keinen Platz finden konnte. Der Wirth sagte ihm, alle +Zimmer wären besetzt, bis auf ein einziges großes, darin aber die +Nacht zuzubringen wolle er ihm selbst nicht anrathen, weil es nicht +geheuer und Geister darin ihr Wesen trieben. Der Edelmann gab seinen +unerschrockenen Muth lächelnd zu erkennen und sagte, er fürchte keine +Gespenster und begehre nur ein Licht, damit er, was sich etwa zeige, +besser sehen könne. Der Wirth brachte ihm das Licht, welches der +Edelmann auf den Tisch setzte und sich mit wachenden Augen versichern +wollte, daß Geister nicht zu sehen wären. Die Nacht war noch nicht +halb herum, als es anfing, im Zimmer hier und dort sich zu regen und +rühren und bald ein Rascheln über das andere sich hören ließ. Er hatte +anfangs Muth, sich wider den anschauernden Schrecken fest zu halten, +bald aber, als das Geräusch immer wuchs, ward die Furcht Meister, so +daß er zu zittern anfing, er mogte widerstreben, wie er wollte. Nach +diesem Vorspiel von Getöse und Getümmel kam durch ein Kamin, welches im +Zimmer war, das Bein eines Menschen herabgefallen, bald auch ein Arm, +dann Leib, Brust und alle Glieder, zuletzt, wie nichts mehr fehlte, +der Kopf. Alsbald setzten sich die Theile nach ihrer Ordnung zusammen +und ein ganz menschlicher Leib, einem Hof-Diener ähnlich, hob sich +auf. Jetzt fielen immer mehr und mehr Glieder herab, die sich schnell +zu menschlicher Gestalt vereinigten, bis endlich die Thüre des Zimmers +aufging und der helle Haufen eines völligen königlichen Hofstaats +eintrat. + +Der Edelmann, der bisher wie erstarrt am Tisch gestanden, als er sah, +daß der Zug sich näherte, eilte zitternd in einen Winkel des Zimmers; +zur Thür hinaus konnte er vor dem Zuge nicht. + +Er sah nun, wie mit ganz unglaublicher Behendigkeit die Geister eine +Tafel deckten; alsbald köstliche Gerichte herbeitrugen und silberne +und goldene Becher aufsetzten. Wie das geschehen war, kam einer zu ihm +gegangen und begehrte, er solle sich als ein Gast und Fremdling zu +ihnen mit an die Tafel setzen und mit ihrer Bewirthung vorlieb nehmen. +Als er sich weigerte, ward ihm ein großer silberner Becher dargereicht, +daraus Bescheid zu thun. Der Edelmann, der vor Bestürzung sich nicht +zu fassen wußte, nahm den Becher und es schien auch, als würde man +ihn sonst dazu nöthigen, aber als er ihn ansetzte, kam ihn ein so +innerliches, Mark und Bein durchdringendes Grausen an, daß er Gott um +Schutz und Schirm laut anrief. Kaum hatte er das Gebät gesprochen, so +war in einem Augenblick alle Pracht, Lärm und das ganze glänzende Mahl +mit den herrlich scheinenden stolzen Geistern verschwunden. + +Indessen blieb der silberne Becher in seiner Hand, und wenn auch alle +Speisen verschwunden waren, blieb doch das silberne Geschirr auf +der Tafel stehen, auch das eine Licht, das der Wirth ihm gebracht. +Der Edelmann freute sich und glaubte, das alles sey ihm gewonnenes +Eigenthum, allein der Wirth that Einspruch, bis es dem König zu Ohren +kam, welcher erklärte, daß das Silber ihm heimgefallen wäre und es zu +seinen Handen nehmen ließ. Woher es gekommen, hat man nicht erfahren +können, indem auch nicht, wie gewöhnlich, Wappen und Namen eingegraben +war. + + + + +177. + +Der Dachdecker. + +Mündlich. + + +Ein junger Dachdecker sollte sein Meisterstück machen und auf der +Spitze eines glücklich fertigen Thurms die Rede halten. Mitten im +Spruch aber fing er an zu stocken und rief plötzlich seinem unten unter +vielem Volk stehenden Vater zu: “Vater, die Dörfer, Berge und Wälder +dort, die kommen zu mir her!” Da fiel der Vater sogleich nieder auf die +Knie und betete für die Seele seines Sohns und ermahnte die Leute, ein +gleiches zu thun. Bald auch stürzte der Sohn todt herab. -- Es soll +auch nach ihren Rechten dem Vater zukommen, wenn der Sohn das erstemal +vor ihm aufsteigt und anfängt irr zu reden, ihn gleich zu fassen und +selbst herabzuwerfen, damit er im Sturz nicht selbst mit gerissen wird. + + + + +178. + +Die Spinnerin am Creuz. + +Mündlich, in Oestreich. + + +Dicht bei Wien, wenn man die Vorstadt Landstraße hinausgeht, stehet +ein steinernes, gut gearbeitetes Heiligenbild, unbedenklich über +zwei Jahrhunderte alt. Davon geht die Sage: eine arme Frau habe zu +Gottes Ehren dieses Heilthum wollen aufrichten lassen, und also so +lang gesponnen, bis sie für ihren Verdienst nach und nach das zum Bau +nöthige Geld zusammengebracht. + + + + +179. + +Buttermilchthurm. + ++Fricke’s+ Kupferwerk von Marienburg, nach mündl. Sagen. + + +Vom Buttermilchthurm zu Marienburg in Preußen wird erzählt, einstmal +habe der Deutschmeister auf einem nahgelegenen Dorfe etwas Buttermilch +für sich fordern lassen. Allein die Bauern spotteten seines Boten und +sandten Tags drauf zwei Männer in die Burg, die brachten ein ganzes +Faß voll Buttermilch getragen. Erzürnt sperrte der Deutschmeister die +beiden Bauern in einen Thurm und zwang sie, so lang drin zu bleiben, +bis sie die Milch sämmtlich aus dem Faß gegessen hätten. Seitdem hat +der Burgthurm den Namen. + +Andere aber berichten folgendes: Die Einwohner eines benachbarten Dorfs +mußten bis zu dem Bauplatz einen Weg mit Mariengroschen legen und so +viel Buttermilch herbeischaffen, als zur Bereitung des Kalks, statt +Wassers, nöthig war und mit diesem Mörtel wurde hernach der Thurm +aufgemauert. + + + + +180. + +Der heilige Winfried. + +Hess. Denkwürdigk. II. 3. 4. + + +Als der heil. Winfried, genannt Bonifacius, die Hessen bekehren wollte, +kam er auf einen Berg, wo ein heidnisches Gotteshaus stand, das ließ er +umreißen und die erste christliche Kirche bauen. Seitdem heißt der Berg ++Christenberg+, (vier Stunden von Marburg) und zweihundert Schritte von +der Kirche weisen die Leute noch heutigestags einen Fußtritt im Stein, +der von Bonifacius herrührt, als er vor heiligem Eifer auf den Boden +stampfte. Wie er nach Thüringen kam, ließ er zu Großvargula eine Kirche +bauen, die er selbst einweihen sollte. Da steckte er seinen dürren Stab +in die Erde, trat in die Kirche und las die Messe; nach vollbrachtem +Gottesdienst hatte der Stab gegrünt und Sprossen getrieben. + + + + +181. + +Der Hülfenberg. + +Mündlich in Hessen, vergl. ~+Sagittarius+~ thür. Heidenthum S. 165. 166. + + +Eine Stunde von Wanfried liegt der Hülfenberg, auf diesen Berg befahl +der heilige Bonifaz eine Capelle zu bauen. Unter dem Bauen kam nun +oft ein Mann gegangen, der fragte: was es denn geben sollte? Die +Zimmerleute antworteten immer: “ei, eine Scheuer solls geben.” Da ging +er wieder seiner Wege. Zuletzt aber wurde die Kirche immer mehr fertig +und der Altar aufgebaut und das Creuz glücklich gesteckt. Wie nun der +böse Feind wiederkam und das alles sehen mußte, ergrimmte er und fuhr +aus, oben durch den Giebel; und das Loch, das er da gemacht, ist noch +bis den heutigen Tag zu sehen und kann nimmer zugebaut werden. Auch ist +er inwendig in den Berg gefahren und suchte die Kirche zu zertrümmern, +es war aber eitel und vergebens. Das Loch, worin er verschwand, nennt +man das +Stuffensloch+, (wie den ganzen Berg auch Stuffensberg) und +es soll zu Zeiten daraus dampfen und Nebel aufsteigen. Von dieser +Capelle wird weiter erzählt: sie sey einer Heiligen geweiht, rühre +ein Kranker deren Gewand an, so genese er zur Stunde. Diese Heilige +aber wäre vordem eine wunderschöne Prinzessin gewesen, in die sich ihr +eigener Vater verliebt. In der Noth hätte sie aber zu Gott im Himmel +um Beistand gebätet, da wäre ihr plötzlich ein Bart gewachsen und ihre +irdische Schönheit zu Ende gegangen. + + + + +182. + +Das Teufelsloch zu Goslar. + ++Müchler+ Spiele müß. Stunden. 1810. Th. 4. + + +In der Kirchenmauer zu Goslar sieht man einen Spalt und erzählt davon +so: Der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fuld hatten einmal einen +heftigen Rangstreit, jeder wollte in der Kirche neben dem Kaiser sitzen +und der Bischof behauptete den ersten Weihnachtstag die Ehrenstelle. Da +bestellte der Abt heimlich bewaffnete Männer in die Kirche, die sollten +ihn den morgenden Tag mit Gewalt in Besitz seines Rechtes setzen. Dem +Bischof wurde das aber verkundschaftet und ordnete sich auch gewappnete +Männer hin. Tags drauf erneuerten sie den Rangstreit, erst mit Worten, +dann mit der That, die gewaffneten Ritter traten hervor und fochten; +die Kirche glich einer Wahlstätte, das Blut floß stromweise zur Kirche +hinaus auf den Gottesacker. Drei Tage dauerte der Streit und während +des Kampfes stieß der Teufel ein Loch in die Wand und stellte sich +den Kämpfern dar. Er entflammte sie zum Zorn und von den gefallenen +Helden hohlte er manche Seele ab. So lang der Kampf währte, blieb der +Teufel auch da, hernach verschwand er wieder, als nichts mehr für ihn +zu thun war. Man versuchte hernachmals, das Loch in der Kirche wieder +zuzumauern und das gelang bis auf den letzten Stein; sobald man diesen +einsetzte, fiel alles wieder ein und das Loch stand ganz offen da. Man +besprach und besprengte es vergebens mit Weihwasser, endlich wandte man +sich an den Herzog von Braunschweig und erbat sich dessen Baumeister. +Diese Baumeister mauerten eine schwarze Katze mit ein und beim +Einsetzen des letzten Steins bedienten sie sich der Worte: “willst du +nicht sitzen in Gottes Namen, so sitz ins Teufels Namen!” Dieses wirkte +und der Teufel verhielt sich ruhig, blos bekam in der folgenden Nacht +die Mauer eine Ritze, die noch zu sehen ist bis auf den heutigen Tag. + +Nach Aug. Lercheimer von der Zauberei, sollen der Bischof und Abt +darüber gestritten haben, wer dem Erzbischof von Mainz zunächst +sitzen dürfe. Nachdem der Streit gestillet war, habe man in der Messe +ausgesungen: “~hunc diem gloriosum fecisti~.” Da fiel der Teufel +unterm Gewölb mit grober, lauter Stimme ein und sang: “~hunc diem +bellicosum ego feci~.” + + + + +183. + +Die Teufelsmühle. + ++Otmar+ S. 189-194. + +Quedlinburger Sammlung. + + +Auf dem Gipfel des Rammberges liegen theils zerstreute, theils +geschichtete Granitblöcke, welche man des Teufels Mühle heißt. Ein +Müller hatte sich am Abhang des Bergs eine Windmühle erbaut, der es +aber zuweilen an Wind fehlte. Da wünschte er sich oft eine, die oben +auf dem Berggipfel stünde und beständig im Gang bliebe. Menschenhänden +war sie aber unmöglich zu erbauen. Weil der Müller keine Ruh darüber +hatte, erschien ihm der Teufel und sie dingten lange mit einander. +Endlich verschrieb ihm der Müller seine Seele gegen dreißig Jahre +langes Leben und eine tadelfreie Mühle von sechs Gängen, auf dem Gipfel +des Rammbergs, die aber in der nächstfolgenden Nacht vor Hahnenschrei +fix und fertig gebaut seyn müßte. Der Teufel hielt sein Wort und hohlte +nach Mitternacht den Müller ab, daß er die fertige Mühle besichtigen +und übernehmen wolle. Der Müller fand alles in vollkommner Ordnung und +war zitternd bereit, sie zu übernehmen, als er eben noch entdeckte, daß +einer von den unentbehrlichen Steinen fehlte. Der Teufel gestand den +Mangel und wollte ihn augenblicklich ersetzen. Und schon schwebte er +durch die Lüfte mit dem Stein, da krähte der Hahn auf der untern Mühle. +Wüthend faßte der böse Feind das Gebäude, riß Flügel, Räder und Wellen +herab und streute sie weit umher. Dann schleuderte er auch die Felsen, +daß sie den Rammberg bedeckten. Nur ein kleiner Theil der Grundlage +blieb stehen zum Angedenken seiner Mühle. + + + + +184. + +Der Herrgottstritt. + +Würtenbergisch. +Lang’s+ Taschenbuch für 1800. S. 129-136. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 599. + ++Zeiller+ ~II. epist~. 60. + ++Seyfried’s+ ~medulla~. p. 429. + +vgl. +Sattler+ Topographie Würtembergs. + + +Auf einem Felsen des Alb bei Heuberg, in einem anmuthigen, von der Rems +durchflossenen Thal, liegen Trümmer der Burg +Rosenstein+, und unlängst +sah man da Spur eines schönen menschlichen Fußes im Stein, den aber die +Regierung mit Pulver hat versprengen lassen, weil Aberglauben damit +getrieben wurde. Gegenüber auf dem +Scheulberg+[9] stehet die ähnliche +Spur eines Tritts landeinwärts, wie die auf dem Rosenstein auswärts. +Gegenüber im Walde ist die Capelle der wunderthätigen Maria vom +Beißwang[10]. Links eine Kluft, geheißen +Teufelsklinge+, aus der bei +anhaltendem Regen trübes Wasser fließt; hinterm Schloß ein gehöhlter +Felsen, Namens +Scheuer+. + +Vor grauer Zeit zeigte von diesem Berge herab der Versucher Christo die +schöne Gegend und bot sie ihm an, wenn er vor ihm kniebeugen wollte. +Alsbald befahl Christus der Herr ihm, zu entweichen und der Satan +stürzte den Berg hinab. Allein er wurde verflucht, tausend Jahre in +Ketten und Banden in der Teufelsklinge zu liegen und das trübe Wasser, +das noch daraus strömt, sind seine teuflischen Thränen. Christus +that aber einen mächtigen Schritt übers Gebirg und wo er seine Füße +hingesetzt, drückten sich die Spuren ein[11]. + +Später lang darauf bauten die Herrn von Rosenstein hier eine Burg und +waren Raubritter, welche das Raubgut in der Scheuer bargen. Einmal gab +ihnen der Teufel ein, daß sie die Waldcapelle stürmen möchten. Kaum +aber waren sie mit dem Kirchengut heimgekehrt, als sich ein ungeheurer +Sturm hob und das ganze Raubnest zertrümmerte. Indem hörte man den +Teufel laut lachen. + + + [9] Bey Seyfried: Schawelberg. Jenes der linke, dieses der rechte + Fuß. + + [10] Gestiftet von Friedrich mit dem Biß in der Wange. + + [11] Zeiller erzählt abweichend: Christus auf der Flucht vor den + Juden habe die Merkzeichen eingedrückt. Die Leute holen sich + allda Augenwasser. + + + + +185. + +Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt. + +Mündlich, aus Frankfurt. + + +In der Mitte der Sachsenhäuser Brücke sind zwei Bogen oben zum Theil +nur mit Holz zugelegt, damit dies in Kriegszeiten weggenommen und die +Verbindung leicht, ohne etwas zu sprengen, gehemmt werden kann. Davon +gibt es folgende Sage. + +Der Baumeister hatte sich verbindlich gemacht, die Brücke bis zu einer +bestimmten Zeit zu vollenden. Als diese herannahte, sah er, daß es +unmöglich war, und, wie nur noch zwei Tage übrig waren, rief er in der +Angst den Teufel an und bat um seinen Beistand. Der Teufel erschien +und erbot sich, die Brücke in der letzten Nacht fertig zu bauen, wenn +ihm der Baumeister dafür das erste lebendige Wesen, das darüber ging, +überliefern wollte. Der Vertrag wurde geschlossen und der Teufel baute +in der letzten Nacht, ohne daß ein Menschenauge in der Finsterniß +sehen konnte, wie es zuging, die Brücke ganz richtig fertig. Als nun +der erste Morgen anbrach, kam der Baumeister und trieb einen Hahn über +die Brücke vor sich her und überlieferte ihn dem Teufel. Dieser aber +hatte eine menschliche Seele gewollt und wie er sich also betrogen +sah, packte er zornig den Hahn, zerriß ihn und warf ihn durch die +Brücke, wovon die zwei Löcher entstanden sind, die bis auf den heutigen +Tag nicht können zugemauert werden, weil alles in der Nacht wieder +zusammenfällt, was Tags daran gearbeitet ist. Ein goldner Hahn auf +einer Eisenstange steht aber noch jetzt zum Wahrzeichen auf der Brücke. + + + + +186. + +Der Wolf und der Tannenzapf. + +Mündlich. + + +Zu Achen im Dom zeigt man an dem einen Flügel des ehernen Kirchenthors +einen Spalt und das Bild eines Wolfs nebst einem Tannenzapfen, beide +gleichfalls aus Erz gegossen. Die Sage davon lautet: vor Zeiten, +als man diese Kirche zu bauen angefangen, habe man mitten im Werk +einhalten müssen aus Mangel an Geld. Nachdem nun die Trümmer eine +Weile so dagestanden, sey der Teufel zu den Rathsherrn gekommen, +mit dem Erbieten, das benöthigte Geld zu geben unter der Bedingung, +daß die erste Seele, die bei der Einweihung der Kirche in die Thüre +hineinträte, sein eigen würde. Der Rath habe lang gezaudert, endlich +doch eingewilligt und versprochen, den Inhalt der Bedingung geheim +zu halten. Darauf sey mit dem Höllengeld das Gotteshaus herrlich +ausgebaut, immittelst aber auch das Geheimniß ruchtbar geworden. +Niemand wollte also die Kirche zuerst betreten und man sann endlich +eine List aus. Man fing einen Wolf im Wald, trug ihn zum Hauptthor der +Kirche und an dem Festtag, als die Glocken zu läuten anhuben, ließ man +ihn los und hineinlaufen. Wie ein Sturmwind fuhr der Teufel hinterdrein +und erwischte das, was ihm nach dem Vertrag gehörte. Als er aber +merkte, daß er betrogen war und man ihm eine bloße Wolfsseele geliefert +hatte, erzürnte er und warf das eherne Thor so gewaltig zu, daß der +eine Flügel sprang und den Spalt bis auf den heutigen Tag behalten +hat. Zum Andenken goß man den Wolf und seine Seele, die dem Tannenzapf +ähnlich seyn soll. -- Andere erzählen es von einer sündhaften Frau, die +man für das Wohl der ganzen Stadt dem Teufel geopfert habe und erklären +die Frucht durch eine Artischocke, welche der Frauen arme Seele +bedeuten soll. + + + + +187. + +Der Teufel von Ach. + ++Agricola+ Sprichw. 301. + ++Schottel+ Grammat. S. 1134. + + +Zu Achen steht ein großer Thurm in der Stadtmauer, genannt ++Ponellenthurm+, darin sich der Teufel mit viel Wunders-Geschrei, +Glockenklingen und anderm Unfug oftmals sehen und hören läßt, und ist +die Sage, er sey hinein verbannt und da muß er bleiben, bis an den +jüngsten Tag. Darum, wenn man daselbst von unmöglichen Dingen redet, so +sagt man: “ja es wird geschehen, wann der Teufel von Ach kommt,” das +ist, nimmermehr. + + + + +188. + +Die Teufelsmauer. + +~+Döderlin+ de antiqq. in Nordgavia romanis p.~ 29. + + +Von der nordgauer Pfahlhecke erzählten die Bauern um Oberndorf und +Otmannsfeld: der Teufel habe von Gott dem Herrn einen Theil der Erde +gefordert und dieser insoweit dreingewilligt: dasjenige Stück Lands, +das er vor Hahnenkrat mit Mauer umschlossen habe, solle ihm zufallen. +Der böse Feind habe sich stracks ans Werk gemacht, doch eh er die +letzte Hand angelegt und den Schlußstein aufgesetzt, der Hahn gekrähet. +Vor Zorn nun, daß das Geding und seine Hoffnung zunicht geworden, sey +er ungestüm über das ganze Werk hergefallen und habe alle Steine übern +Haufen geworfen. Noch jetzt spuke es auf dieser Teufelsmauer. + + + + +189. + +Des Teufels Tanzplatz. + ++Otmar+ S. 175-178. + + +Auf dem nördlichen Harz, zwischen Blankenburg und Quedlinburg, siehet +man südwärts vom Dorfe Thale eine Felsenfläche, die das Volk: des +Teufels Tanzplatz nennt und nicht weit davon Trümmer einer alten +Mauer, denen gegenüber nordwärts vom Dorfe sich ein großes Felsenriff +erhebt. Jene Trümmer und dieses Riff nennt das Volk: Teufelsmauer. Der +Teufel stritt lange mit dem lieben Gott um die Herrschaft der Erde. +Endlich wurde eine Theilung des damals bewohnten Landes verabredet. Die +Felsen, wo jetzt der Tanzplatz ist, sollten die Grenze scheiden und der +Teufel erbaute unter lautem Jubeltanz seine Mauer. Aber bald erhub der +Nimmersatte neuen Zank, der damit endigte, daß ihm noch das am Fuße +jenes Felsens belegene Thal zugegeben wurde. Darauf thürmte er noch +eine zweite Teufelsmauer. + + + + +190. + +Die Teufelscanzel. + +Homilien des Teufels. Frankf. 1800. + + +Unweit Baden steht eine Felsenreihe. Die Leute nennen sie Teufelscanzel +und behaupten, der böse Feind habe einsmals darauf geprediget. + + + + +191. + +Das Teufelsohrkissen. + +Morgenblatt. 1811. Nr. 208. S. 830. + + +Am Fuße des Schlosses Bentheim stehen einige sonderbare, glatte Felsen. +Einer derselben, oben flach, wie ein aufrechtstehender runder Pfühl, +wird Teufelsohrkissen genannt, weil der Teufel einmal drauf geschlafen +habe. Die Spuren seines Ohrs drückten sich in den Stein und sind noch +sichtbar darauf. + + + + +192. + +Der Teufelsfelsen. + +Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 128. 129. + + +Die Fichtelberger erzählen: es habe der Satan den Herrn Christus auf +den Cößeinfelsen geführt und ihm die Reiche der Welt gezeigt, auch +alle zu schenken verheißen, wenn er ihn anbeten wolle, außer die Dörfer +N. und R. nicht, welche sein Leibgeding. -- + +Die Einwohner dieser Dörfer sind rauh und mißgestalt; die Gegend dabei +ist unfreundlich und heißt Türkei und Tartarei bei einigen Leuten. + + + + +193. + +Teufelsmauer. + ++Arndt’s+ Reise von Baireuth nach Wien. Leipz. 1801. S. 169. 170. + + +Diese Teufelsmauer lauft an der Donau hinter Mölk nach Wien zu. Einst +wollte der Teufel die Donau zumauern, aber die Steine entglitten ihm +immer, wenn er sie zusammenfügen wollte. + + + + +194. + +Teufelsgitter. + +Mündlich. + + +Zu Wismar in der Marienkirche um den Taufstein herum geht ein +überkünstliches Gitter, das sollte ein Schmidt bauen. Als er sich +aber dran zerarbeitete und es nicht konnte zustand bringen, brach er +unmuthig aus: “ich wollte, daß es der Teufel fertig machen müßte!” Auf +diesen Wunsch kam der Teufel und baute das Gegitter fertig. + + + + +195. + +Teufelsmühle. + +~Tradit. Corbeienses p.~ 559. + ++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. II. 51. + + +Im Wolfenbüttelischen zwischen Pestorf und Grave an der Weser liegt +eine Mühle, die der Teufel, der Volkssage nach, gebaut und durch ein +Felsenwasser das Rad in Trieb gesetzt. Eine +Teufelsmühle+ liegt auch +auf der Rhöne. + + + + +196. + +Teufelskirche. + ++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. II. 49. + ++Melissantes+ Bergschlösser S. 181. + + +Auf der Rhöne stehen oben Basaltfelsen gethürmt. Der Teufel, als man im +Thal eine Kirche bauen wollte, zürnte und trug alle Bausteine hin auf +den Berg, wo er sie nebeneinander aufstellte und kein Mensch sie wieder +heruntertragen konnte. + +Man erzählt, da wo der Teufel seinen Stein einmal hingelegt habe, könne +man ihn nicht wegbringen, denn so oft man ihn auch wegnehme, lege der +Teufel einen andern oder denselben wieder eben dahin. + + + + +197. + +Teufelsstein bei Reichenbach. + ++Winkelmann’s+ hessische Chronik S. 34. + + +Nicht weit von Reichenbach, dem hohen Steine gegenüber, in einem Walde +liegt der Teufelsstein. Er sieht aus, als wären etliche hundert +Karrn Steine kunstreich zusammengeschüttet, indem sich wunderbarlich +Gemächer, Keller und Kammern von selbst gebildet, in welchen bei +schweren und langen Kriegen die Bewohner der Gegend mit ihrem ganzen +Haushalt gewohnt. Diesen Stein soll der Teufel in einer einzigen Nacht, +nach der gemeinen Sage, also gebildet haben. + + + + +198. + +Teufelsstein zu Cöln. + +Rhein. Antiquarius S. 725. + + +Zu Cöln bei der Kirche liegt ein schwerer Stein, genannt Teufelsstein, +man sieht darauf noch die Kralle des bösen Feindes eingedruckt. Er +warf ihn nach der Capelle der heiligen drei Könige und wollte sie +niederschmettern, es ist ihm aber mißlungen. + + + + +199. + +Süntelstein zu Osnabrück. + ++Strodtmann+ Idioticon S. 236. + + +Bei Osnabrück liegt ein uralter Stein, dreizehn Fuß aus der Erde +ragend, von dem die Bauern sagen, der Teufel hätte ihn durch die +Luft geführt und fallen lassen. Sie zeigen auch die Stelle daran, in +welcher die Kette gesessen, woran er ihn gehalten, nennen ihn den ++Süntelstein+. + + + + +200. + +Der Lügenstein. + ++Otmar’s+ Volkssagen. + + +Auf dem Domplatz zu Halberstadt liegt ein runder Fels von ziemlichem +Umfang, den das Volk nennet den Lügenstein. Der Vater der Lügen +hatte, als der tiefe Grund zu der Domkirche gelegt wurde, große +Felsen hinzugetragen, weil er hoffte, hier ein Haus für sein Reich +entstehen zu sehen. Aber als das Gebäude aufstieg und er merkte, daß +es eine christliche Kirche werden würde, da beschloß er, es wieder zu +zerstören. Mit einem ungeheuern Felsstein schwebte er herab, Gerüst +und Mauer zu zerschmettern. Allein man besänftigte ihn schnell durch +das Versprechen, ein Weinhaus dicht neben die Kirche zu bauen. Da +wendete er den Stein, so daß er neben dem Dom auf dem geebneten Platz +niederfiel. Noch sieht man daran die Höhle, die der glühende Daumen +seiner Hand beim Tragen eindrückte. + + + + +201. + +Die Felsenbrücke. + +Mündlich, aus Oberwallis. + + +Ein Hirt wollte Abends spat seine Geliebte besuchen und der Weg +führte ihn über die Visper, da wo sie in einer tiefen Felsenschlucht +rauscht, worüber nur eine schmale Bretterbrücke hängt. Da sah er, +der Chilthbube, was ihm sonst niemals widerfahren war, einen Haufen +schwarze Kohlen mitten auf der Brücke liegen, daß sie den Weg +versperrten; ihm war dabei nicht recht zu Muthe, doch faßte er sich +ein Herz und that einen tüchtigen Sprung über den tiefen Abgrund von +dem einen Ende glücklich bis zu dem andern. Der Teufel, der aus dem +Dampf des zerstobenen Kohlenhaufens auffuhr, rief ihm nach: “das war +dir gerathen, denn wärst du zurückgetreten, hätt ich dir den Hals +umgedreht, und wärst du auf die Kohlen getreten, so hättest du unter +ihnen versinken und in die Schlucht stürzen müssen.” Zum Glück hatte +der Hirt, trotz der Gedanken an seine Geliebte, nicht unterlassen, +vor dem Capellchen der Mutter Gottes hinter St. Niklas, an dem er +vorbeikam, wie immer sein Ave zu beten. + + + + +202. + +Das Teufelsbad bei Dassel. + ++Letzner+ Dasselische Chronik. Erfurt 1596. Buch V. c. 13. Buch +VIII. ~c.~ 9. + + +Unweit Dassel, in einem grundlosen Meerpfuhl, welcher der bedessische +oder bessoische heißt, soll eine schöne und wohlklingende Glocke +liegen, die der leibhaftige Teufel aus der Kirche zum Portenhagen +dahin geführt hat, und von der die alten Leute viel wunderbare Dinge +erzählen. Sie ist von lauterem Golde und der böse Feind brachte sie aus +Neid weg, damit sich die Menschen ihrer nicht mehr zum Gottesdienst +bedienen können, weil sie besonders kräftig und heilig gewesen. Ein +Taucher erbot sich, hinabzufahren und sie mit Stricken zu fassen, dann +sollten die Leute oben getrost ziehen und ihrer Glocke wieder mächtig +werden. Allein er kam unverrichteter Sachen heraus und sagte, daß unten +in der Tiefe des Meerpfuhls eine grüne Wiese wäre, wo die Glocke auf +einem Tisch stehe und ein schwarzer Hund dabei liege, welcher nicht +gestatten wolle, sie anzurühren. Auch habe sich daneben ein Meerweib +ganz erschrecklich sehen und hören lassen, die gesagt: es wäre viel +zu früh, diese Glocke von dannen abzuholen. Ein achtzigjähriger Mann +erzählte von diesem Teufelsbad: einen Sonnabend habe ein Bauer aus +Leuthorst unfern des Pfuhls länger als Brauch gewesen, nachdem man +schon zur Vesper geläutet, gepflügt, und beides Pferde und Jungen +mit Fluchen und Schlägen genöthigt. Da sey ein großer, schwarzer und +starker Gaul aus dem Wasser ans Land gestiegen. Der gottlose und +tobende Bauer habe ihn genommen und ins Teufels Namen vor die andern +Pferde gespannt, in der Meinung, nicht ehnder Feierabend zu machen, bis +der Acker herumgepflüget wäre. Der Junge hub an zu weinen und wollte +lieber nach Haus, aber der Bauer fuhr ihn hart an. Da soll der schwarze +Gaul frisch und gewaltig die armen ausgemergelten Pferde, mitsammt +Pflug, Jung und Bauer, in das grundlose Loch und Teufelsbad gezogen +haben und nimmermehr von Menschen gesehen worden seyn. Wer den Teufel +fordert, muß ihm auch Werk schaffen. + + + + +203. + +Der Thurm zu Schartfeld. + ++Letzner+ Dasselsche Chronik. Buch VI. ~c. 1.~ + + +Von dem Thurm auf Schartfeld berichten viel alter Leute, daß er keine +Dachung leide, der Teufel darin hausen und Nachts viel Gerumpels droben +seyn solle. Vorzeiten trug Kaiser Heinrich der Vierte unziemliche +Liebe zu eines Herrn auf Schartfeld Ehweib, konnte lange seinen Willen +nicht vollführen. Da kam er ins Kloster Pölde in der Grafschaft +Lutterberg und ein Mönch machte ihm einen Anschlag. Er ließ den Herrn +von Schartfeld zu sich fordern ins Kloster, und trug ihm eine weite +Reise mit einer Werbung auf. Der Ritter war dem Kaiser unterthan und +gehorsam. Tags darauf zog der Kaiser mit dem Mönch in weltlichen +Kleidern auf die Jagd, kam insgeheim vor das Haus Schartfeld und wurde +von dem Mönch bis vor der Edelfrau Kemenate geleitet. Da überfiel +sie Heinrich und nöthigte sie zu seinem Willen. Da soll der Teufel +die Dachung vom Thurm abgeworfen und in der Luft hinfahrend über den +Mönch geschrien haben, daß er an dieser Unthat schuldiger sey, als +der Kaiser. Der Mönch war seit der Zeit im Kloster stets traurig und +unfroh. + + + + +204. + +Der Dom zu Cöln. + +Mündliche Erzählungen aus der Stadt. + + +Als der Bau des Doms zu Cöln begann, wollte man gerade auch eine +Wasserleitung ausführen. Da vermaß sich der Baumeister und sprach: +“eher soll das große Münster vollendet seyn, als der geringe +Wasserbau!” Das sprach er, weil er allein wußte, wo zu diesem die +Quelle sprang, und er das Geheimniß niemanden, als seiner Frau +entdeckt, ihr aber zugleich bei Leib und Leben geboten hatte, es wohl +zu bewahren. Der Bau des Doms fing an und hatte guten Fortgang, aber +die Wasserleitung konnte nicht angefangen werden, weil der Meister +vergeblich die Quelle suchte. Als dessen Frau nun sah, wie er sich +darüber grämte, versprach sie ihm Hilfe, ging zu der Frau des andern +Baumeisters und lockte ihr durch List endlich das Geheimniß heraus, +wonach die Quelle gerade unter dem Thurm des Münsters sprang; ja, jene +bezeichnete selbst den Stein, der sie zudeckte. Nun war ihrem Manne +geholfen; folgenden Tags ging er zu dem Stein, klopfte darauf und +sogleich drang das Wasser hervor. Als der Baumeister sein Geheimniß +verrathen sah und mit seinem stolzen Versprechen zu Schanden werden +mußte, weil die Wasserleitung ohne Zweifel nun in kurzer Zeit zu Stande +kam, verfluchte er zornig den Bau, daß er nimmermehr sollte vollendet +werden, und starb darauf vor Traurigkeit. Hat man fortbauen wollen, +so war, was an einem Tag zusammengebracht und aufgemauert stand, am +andern Morgen eingefallen, und wenn es noch so gut eingefügt war und +aufs festeste haftete, also daß von nun an kein einziger Stein mehr +hinzugekommen ist. + +Andere erzählen abweichend. Der Teufel war neidig auf das stolze +und heilige Werk, das Herr Gerhard, der Baumeister, erfunden und +begonnen hatte. Um doch nicht ganz leer dabei auszugehn, oder gar die +Vollendung des Doms noch zu verhindern, ging er mit Herrn Gerhard die +Wette ein: er wolle ehr einen Bach von Trier nach Cöln, bis an den +Dom, geleitet, als Herr Gerhard seinen Bau vollendet haben; doch müsse +ihm, wenn er gewänne, des Meisters Seele zugehören. Herr Gerhard war +nicht säumig, aber der Teufel kann teufelsschnell arbeiten. Eines Tags +stieg der Meister auf den Thurm, der schon so hoch war, als er noch +heut zu Tag ist, und das erste, was er von oben herab gewahrte, waren +Enten, die schnatternd von dem Bach, den der Teufel herbeigeleitet +hatte, aufflogen. Da sprach der Meister in grimmem Zorn: “zwar hast +du, Teufel, mich gewonnen, doch sollst du mich nicht lebendig haben!” +So sprach er und stürzte sich Hals über Kopf den Thurm herunter, in +Gestalt eines Hundes sprang schnell der Teufel hintennach, wie beides +in Stein gehauen noch wirklich am Thurme zu schauen ist. Auch soll, +wenn man sich mit dem Ohr auf die Erde legt, noch heute der Bach zu +hören seyn, wie er unter dem Dome wegfließt. + +Endlich hat man eine dritte Sage, welche den Teufel mit des Meisters +Frau Buhlschaft treiben läßt, wodurch er vermuthlich, wie in der +ersten, hinter das Baugeheimniß ihres Mannes kam. + + + + +205. + +Des Teufels Hut. + +vgl. Taschenbuch für Liebe und Freundschaft 1816. S. 237. 238. + + +Nicht weit von Altenburg bei dem Dorfe Ehrenberg liegt ein mächtiger +Stein, so groß und schwer, daß ihn hundert Pferde nicht fortziehen +würden. Vorzeiten trieb der Teufel sein Spiel damit, indem er ihn auf +den Kopf sich legte, damit herumging und ihn als einen Hut trug. Einmal +sprach er in Stolz und Hochmuth: “wer kann wie ich diesen Stein tragen? +selbst der ihn erschaffen, vermags nicht und läßt ihn liegen, wo er +liegt!” Da erschien Christus der Herr, nahm den Stein, steckte ihn an +seinen kleinen Finger und trug ihn daran. Beschämt und gedemüthigt wich +der Teufel und ließ sich nie wieder an diesem Orte erblicken. Und noch +heute sieht man in dem Stein den Eindruck von des Teufels Haupt und von +des Herrn Finger. + + + + +206. + +Des Teufels Brand. + +~+Erasm. Rotterodam+. epist. fam. L. 27. c.~ 20. + +~+Nic. Remigii+ daemonolatria p.~ 335. 336. + + +Es liegt ein Städtlein im Schweizerland mit Namen Schiltach, welches +im Jahr 1533 am zehnten April plötzlich in den Grund abgebrannt +ist. Man sagt, daß dieser Brand folgender Weise, wie die Bürger des +Orts vor der Obrigkeit zu Freiburg angezeigt, entstanden sey. Es hat +sich in einem Hause oben hören lassen, als ob jemand mit linder, +lispelnder Stimme einem andern zuriefe und winkete, er solle schweigen. +Der Hausherr meint, es habe sich ein Dieb verborgen, geht hinauf, +findet aber niemand. Darauf hat er es wiederum von einem höheren +Gemach her vernommen, er geht auch dahin und vermeint den Dieb zu +greifen. Wie aber niemand vorhanden ist, hört er endlich die Stimme +im Schornstein. Da denkt er, es müsse ein Teufels-Gespenst seyn und +spricht den seinigen, die sich fürchten, zu, sie sollten getrost und +unverzagt seyn, Gott werde sie beschirmen. Darauf bat er zwei Priester +zu kommen, damit sie den Geist beschwüren. Als diese nun fragten, wer +er sey, antwortete er: “der Teufel.” Als sie weiter fragten, was sein +Beginnen sey, antwortete er: “ich will die Stadt in Grund verderben!” +Da bedräuen sie ihn, aber der Teufel spricht: “euere Drohworte gehen +mich nichts an, einer von euch ist ein liederlicher Bube; alle beide +aber seyd ihr Diebe.” Bald darauf hat er ein Weib, mit welchem jener +Geistliche vierzehn Jahre zusammengelebt, hinauf in die Luft geführt, +oben auf einen Schornstein gesetzt, ihr einen Kessel gegeben und +sie geheißen, ihn umkehren und ausschütten. Wie sie das gethan, ist +der ganze Flecken vom Feuer ergriffen worden und in einer Stunde +abgebrannt. + + + + +207. + +Die Teufels-Hufeisen. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 362. + +Einigermaßen ausführlicher und mit andern Umständen erzählt in ++Francisci+ lust. Schaubühne Th. I. S. 801. und in der Zungensünde S. +173-175. + + +Zu Schwarzenstein, eine halbe Meile von Rastenburg in Preußen, hangen +zwei große Hufeisen in der Kirche, davon eine gemeine Sage ist: es war +daselbst eine Krügerin (Bierwirthin), die den Leuten das Bier sehr übel +zumaß, die soll der Teufel des Nachts vor die Schmiede geritten haben. +Ungestüm weckte er den Schmied auf und rief: “Meister, beschlagt mir +mein Pferd!” Der Schmied war nun gerade der Bierschenkin Gevatter, +daher, als er sich über sie hermachte, raunte sie ihm heimlich zu: +“Gevattermann, seyd doch nicht so rasch!” Der Schmied, der sie für ein +Pferd angesehen, erschrack heftig, als er diese Stimme hörte, die ihm +bekannt däuchte und gerieth aus Furcht in Zittern. Dadurch verschob +sich der Beschlag und der Hahn krähte. Der Teufel mußte zwar das +Reißaus nehmen, allein die Krügerin ist lange nachher krank geblieben. +Sollte der Teufel alle Bierschenken, die da knapp messen, beschlagen +lassen, würde das Eisen gar theuer werden. + + + + +208. + +Der Teufel führt die Braut fort. + ++Godelmann+ von Zauberern, Hexen und Unholden übers. von +Nigrin+. +1592. S. 9. lat. Ausg. ~de magis &c. Francof~. 1591. ~p.~ 12-13. + ++Hilscher’s+ Zungen-Sünde. S. 200. 201. + + +In Sachsen hatte eine reiche Jungfrau einem schönen, aber armen +Jüngling, die Ehe verheißen. Dieser, weil er sahe, was kommen würde, da +sie reich und nach ihrer Art wankelmüthig war, sprach zu ihr, sie werde +ihm nicht Glauben halten. Sie fing an sich zu verschwören mit diesen +Worten: “wann ich einen andern denn dich nehme, so hole mich der Teufel +auf der Hochzeit!” Was geschieht? Nach geringer Zeit wird sie anderes +Sinnes und verspricht sich einem andern mit Verachtung des ersten +Bräutigams, welcher sie ein- oder etliche Mal der Verheißung und des +großen Schwurs erinnerte. Aber sie schlug alles in den Wind, verließ +den ersten und hielt Hochzeit mit dem andern. + +Am hochzeitlichen Tage, als die Verwandten, Freunde und Gäste fröhlich +waren, ward die Braut, da ihr das Gewissen aufwachte, trauriger, +als sie sonst zu seyn pflegte. Endlich kommen zwei Edelleute in das +Brauthaus geritten, werden als fremde, geladene Gäste empfangen und +zu Tisch geführt. Nach Essens Zeit wird dem einen von Ehren wegen, +als einem Fremden, der Vorreigen mit der Braut gebracht, mit welcher +er einen Reihen oder zwei thät und sie endlich vor ihren Eltern und +Freunden mit großem Seufzen und Heulen zur Thür hinaus in die Luft +führte. + +Des andern Tages suchten die betrübten Eltern und Freunde die Braut, +daß sie sie, wo sie etwan herabgefallen, begraben mögten. Siehe! +da begegneten ihnen eben die Gesellen und brachten die Kleider und +Kleinode wieder mit diesen Worten: “über diese Dinge hatten wir von +Gott keine Gewalt empfangen, sondern über die Braut.” + + + + +209. + +Das Glücksrad. + ++Grundmann+ Geschichtschule S. 228-230. + ++~D.~ Siegfried ~Saccus~+, aus dem Munde eines der Schatzgräber selbst, +zu Magdeburg. + ++Prätorius+ Wünschelruthe 88. 90. + + +Zwölf Landsknechte kamen aus dem ditmarser Krieg und hatten wenig +vor sich gebracht. Da sie nun traurig und kleinmüthig im Land umher +strichen und heut nicht wußten, was sie morgen zu beißen hatten, +begegnete ihnen ein Grauröcklein, that seinen Gruß und fragte: “woher +des Wegs und wohin?” Sie aber sagten: “daher aus dem Krieg und dahin, +wo wir reich werden sollen, können aber den Ort nicht finden.” Das +Grauröcklein sagte: “die Kunst soll euch offenbar werden, wenn ihr mir +folgen wollt, begehr auch nichts dafür zu haben.” Die Landsknechte +meinten: was es denn wäre? “Man heißt es das Glücksrad, das steht mir +zu Gebot und wen ich darauf bringe, der lernt wahrsagen den Leuten und +graben den Schatz aus der Erde; doch nicht anders vermag ich euch drauf +zu setzen, als mit dem Beding, daß ich Macht und Gewalt habe, einen aus +eurem Haufen mit mir wegzuführen.” + +Sie begehrten nun zu wissen: welchen von ihnen er zu nehmen Willens +sey? Der Graurock antwortete: “zu welchem ich Lust trage, das wird sich +hernach zeigen, voraus weiß ichs nicht.” Drauf nahmen die Landsknechte +eine lange Ueberlegung, sollten sie’s thun oder aber lassen? schlossen +endlich: sterben muß der Mensch doch einmal, wie nun, so wir in +Dietmarsen gefallen wären in der Schlacht, oder die Pest uns weggerafft +hätte; wir wollen dies wagen, was viel leichter ist und nur einen +einzigen trifft. Ergaben sich also miteinander in des Mannes Hand, mit +dem Beding, daß er sie aufs Glücksrad brächte und dafür zum Lohn einen +aus ihnen hinhätte, den, der ihm dazu gefiele. + +Nach diesem so führte sie der Graurock hin an die Stelle, wo sein Rad +stund, das war so groß, daß wie sie alle darauf kamen, jeglicher drei +Klaftern weit ab vom andern saß; eins aber verbot er ihnen: daß ja +keiner den andern ansähe, so lange sie auf dem Rad säßen, wer das nicht +thue, dem bräche er den Hals. Als sie nun ordnungsmäßig aufgesessen, +packte der Meister das Rad mit den Klauen, die er beides an Händen und +Füßen hatte, und hub zu drehen an bis es umgedreht war, zwölf Stunden +nacheinander und alle Stunden einmal. Ihnen aber däuchte, als ob unter +ihnen helles Wasser sey, gleich einem Spiegel, worin sie alles sehen +konnten, was sie vorhatten, gutes oder böses und wen sie von Leuten da +sahen, erkannten sie und wußten ihre Namen zu nennen. Ueber ihnen aber +war es wie Feuer und glühende Zapfen hingen herab. + +Wie sie nun zwölf Stunden ausgehalten hatten, rückte der Glücksmeister +einen feinen jungen Menschen vom Rade, der eines Burgermeisters Sohn +aus Meissen war und führte ihn mitten durch die Feuerflamme mit sich +hin. Die elf andern wußten nicht wie ihnen geschehen und sanken betäubt +nieder in tiefen Schlaf, und als sie etliche Stunden lang unter freiem +Himmel gelegen, wachten sie auf, aber ihre Kleider auf dem Leibe und +ihre Hemder die waren ganz mürb geworden und zerfielen beim Angreifen, +von der großen Hitze wegen, die auf dem Rad gewesen war. + +Darauf erhoben sie sich und gingen jeder seines Wegs, in der Hoffnung, +ihr Lebtag alles gnug und eitel Glück zu haben, waren aber nach wie vor +arm und mußten das Brot vor anderer Leute Hausthüre suchen. + + + + +210. + +Der Teufel als Fürsprecher. + +~D.~ +Mengering+ Soldaten-Teufel. Cap. 8. S. 153. + ++Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 189. + ++Luther’s+ Tisch-Reden S. 113. + ++Prätorius+ Wünschelruthe 101-103. + + +In der Mark geschah es, daß ein Landsknecht seinem Wirth Geld +aufzuheben gab und als er es wiederforderte, dieser etwas empfangen +zu haben ableugnete. Da der Landsknecht darüber mit ihm uneins ward +und das Haus stürmte, ließ ihn der Wirth gefänglich einziehen und +wollte ihn übertäuben, damit er das Geld behielte. Er klagte daher den +Landsknecht zu Haut und Haar, zu Hals und Bauch an, als einen, der +ihm seinen Haus-Frieden gebrochen hätte. Da kam der Teufel zu ihm ins +Gefängniß und sprach: “Morgen wird man dich vor Gericht führen und dir +den Kopf abschlagen, darum daß du den Haus-Frieden gebrochen hast, +willst du mein seyn mit Leib und Seel, so will ich dir davon helfen.” +Aber der Landsknecht wollte nicht. Da sprach der Teufel: “so thue ihm +also: wann du vor Gericht kommst und man dich hart anklagt, so beruhe +darauf, daß du dem Wirth das Geld gegeben und sprich, du seyest übel +beredt, man wolle dir vergönnen einen Fürsprecher zu haben, der dir +das Wort rede. Alsdann will ich nicht weit stehen in einem blauen Hut +mit weißer Feder und dir deine Sache führen.” Dies geschah also; aber +da der Wirth hartnäckig leugnete, so sagte des Landsknechts Anwalt +im blauen Hut: “lieber Wirth, wie magst du es doch leugnen! das Geld +liegt in deinem Bette unter dem Haupt-Pfühl: Richter und Schöffen, +schicket hin, so werdet ihr es befinden.” Da verschwur sich der Wirth +und sprach: “hab ich das Geld empfangen, so führe mich der Teufel +hinweg!” Als nun das Geld gefunden und gebracht war, sprach der im +blauen Hütlein mit weißer Feder: “ich wußte wohl, ich sollte einen +davon haben, entweder den Wirth oder den Gast;” drehte damit dem Wirth +den Kopf um und führte ihn in der Luft davon. + + + + +211. + +Traum vom Schatz auf der Brücke. + ++Agricola+ Sprichwort 623. + +Der ungewissenhafte Apotheker S. 132. + ++Prätorius+ Wünschelruthe 372. 373. + + +Es hat auf ein Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf +die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingangen und da er +einen Tag oder vierzehn allda gangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu +ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tag auf der Brücke mache und +ihn fragte: was er da suche? Dieser antwortete: “es hat mir getraumt, +ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich +werden.” “Ach, sagte der Kaufmann, was redest du von Träumen, Träume +sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen +Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben +sey, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.” Da ging der +andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn +reich machte und sein Traum wurde ihm bestätigt. + +Agricola fügt hinzu: “das hab ich oftmals von meinem lieben Vater +gehört.” Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck +(Kempen), wo einem Beckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der +Brücke finden. Als er oft darauf hin und hergeht, redet ihn ein Bettler +an und fragt nach der Ursache, und sagt hernach, ihm habe getraumt, +daß auf dem Kirchhof zu Möllen unter einer Linde (zu Dordrecht unter +einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daran +wenden. Der Beckerknecht antwortet: “ja es träumt einem oft närrisch +Ding, ich will mich meines Traums begeben und euch meinen Brückenschatz +vermachen;” geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde. + + + + +212. + +Der Kessel mit dem Schatz. + +Mündlich, aus Bibesheim und aus Wernigerode. + + +An einem Winterabend saß vor vielen Jahren der Wagnermeister Wolf +zu Großbieberau im Odenwald mit Kindern und Gesinde beim Ofen und +sprach von diesem und jenem. Da ward auf einmal ein verwunderlich +Geräusch vernommen und siehe, es drückte sich unter dem Stubenofen +plötzlich ein großer Kessel voll Geldes hervor. Hätte nun gleich einer +stillschweigends ein wenig Brot oder einen Erdschollen darauf geworfen, +dann wäre es gut gewesen; aber nein, der Böse war dabei und da mußt es +wohl verkehrt gehen. Des Wagners Töchterlein hatte nie so viel Geld +beisammen gesehen und rief laut: “blitz, Vater, was Geld, was Geld!” +Der Vater kehrte sich nicht ans Schreien, weil er besser wußte, was +hier zu thun wäre. Schnell nahm er’s Heft vom großen Naben-Bohrer und +steckt es rasch durch den Kesselring. Doch es war vorbei, der Kessel +versank und nur der Ring blieb zurück. Vor ungefähr zwanzig Jahren +wurde der Kesselring noch gezeigt. + +Zu Quedlinburg steht ein Haus, in dessen Grundtiefen sich große +Goldschätze befinden sollen. Vor Jahren wohnte ein Kupferschmidt darin, +dessen Frau den Lehrjungen verschiedenes Handwerksgeräth in Ordnung +bringen hieß, besonders sollte er einen großen Kessel im Hintergebäude +rein machen. Als am Abend der Junge mit der Arbeit zu Ende gekommen war +und jetzt zum großen Kessel trat, fand er diesen bis oben gefüllt mit +glänzenden Goldstücken. Vor Freude erschrocken, griff er einige Stücke +heraus, eilte damit zur Meisterin und erzählte ihr, was er gesehen. Sie +lief mit hin, aber noch waren beide nicht über die Schwelle der Thüre +zum Hintergebäude gekommen, als sie ein plötzliches Krachen, Rauschen +und Klingen hörten; und drinnen sahen sie noch, wie sich der große +Kessel in seiner alten Fuge bewegte und dann still stand. Als sie aber +hinzutraten, war er schon wieder leer und das Gold hinabgesunken. + + + + +213. + +Der Wärwolf. + +Mündlich in Hessen. + +vgl. +Bräuner’s+ Curiosit. S. 252. 253. + +~+Nic. Remigii+ daemonolatria &c. Francof.~ 1598. ~p.~ 263. 264. + + +Ein Soldat erzählte folgende Geschichte, die seinem eigenen Großvater +begegnet seyn soll. Dieser, sein Großvater, sey einmal zu Wald +holzhauen gegangen, mit einem Gevatter und noch einem dritten, welchen +dritten man immer im Verdacht gehabt, daß es nicht ganz richtig mit ihm +gewesen; doch so hätte man nichts gewisses davon zu sagen gewußt. Nun +hätten die dreie ihre Arbeit gethan und wären müde geworden, worauf +dieser dritte vorgeschlagen: ob sie nicht ein bischen ausschlafen +wollten. Das sey denn nun so geschehen, jeder hätte sich nieder an den +Boden gelegt; er, der Großvater, aber nur so gethan, als schlief er und +die Augen ein wenig aufgemacht. Da hätte der dritte erst recht um sich +gesehen, ob die andern auch schliefen und als er solches geglaubt, auf +einmal den Gürtel abgeworfen und wäre ein Wärwolf gewesen, doch sehe +ein solcher Wärwolf nicht ganz aus, wie ein natürlicher Wolf, sondern +etwas anders. Darauf wäre er weggelaufen zu einer nahen Wiese, wo +gerade ein jung Füllen gegraset, das hätte er angefallen und gefressen +mit Haut und Haar. Hernach wäre er zurückgekommen, hätte den Gürtel +wieder umgethan und nun, wie vor, in menschlicher Gestalt dagelegen. +Nach einer kleinen Weile, als sie alle zusammen aufgestanden, wären sie +heim nach der Stadt gegangen und wie sie eben am Schlagbaum gewesen, +hätte jener Dritte über Magenweh geklagt. Da hätte ihm der Großvater +heimlich ins Ohr geraunt: “das will ich wohl glauben, wenn man ein +Pferd mit Haut und Haar in den Leib gegessen hat;” -- jener aber +geantwortet: “hättest du mir das im Wald gesagt, so solltest du es +jetzo nicht mehr sagen.” + +Ein Weib hatte die Gestalt eines Wärwolfs angenommen und war also +einem Schäfer, den sie gehaßt, in die Heerde gefallen und hatte ihm +großen Schaden gethan. Der Schäfer aber verwundete den Wolf durch einen +Beil-Wurf in die Hüfte, so daß er in ein Gebüsch kroch. Da ging der +Schäfer ihm nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen, aber er fand +ein Weib, beschäfftigt, mit einem abgerissenen Stück ihres Kleides das +aus der Wunde strömende Blut zu stillen. + +Zu Lüttich wurden im Jahr 1610 zwei Zauberer hingerichtet, weil sie +sich in Wärwölfe verwandelt und viel Kinder getödtet. Sie hatten einen +Knaben bei sich von zwölf Jahren, welchen der Teufel zum Raben machte, +wenn sie Raub zerrissen und gefressen. + + + + +214. + +Der Wärwolf-Stein. + ++Otmar+ S. 270-276. + + +Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, unweit Sommerschenburg und +Schöningen, erhebt sich auf dem Anger nach Seehausen zu ein großer +Stein, den das Volk den +Wolf-+ oder +Wärwolfs-Stein+ nennet. Vor +langer, langer Zeit hielt sich an dem brandsleber Holze, das sonst +mit dem Hackel und dem Harz zusammenhing, ein Unbekannter auf, von +dem man nie erfahren hat, wer er sey, noch woher er stamme. Ueberall +bekannt unter dem Namen des +Alten+ kam er öfters ohne Aufsehen +in die Dörfer, bot seine Dienste an und verrichtete sie zu der +Landleute Zufriedenheit. Besonders pflegte er die Hütung der Schafe +zu übernehmen. Es geschah, daß in der Heerde des Schäfers Melle zu +Neindorf ein niedliches, buntes Lamm fiel; der Unbekannte bat den +Schäfer dringend und ohn Ablaß, es ihm zu schenken. Der Schäfer +wollt’ es nicht lassen. Am Tag der Schur brauchte Melle den Alten, +der ihm dabei half; bei seiner Zurückkunft fand er zwar alles in +Ordnung und die Arbeit gethan, aber weder den Alten noch das bunte +Lamm. Niemand wußte geraume Zeitlang von dem Alten. Endlich stand er +einmal unerwartet vor dem Melle, welcher im Kattenthal weidete und +rief höhnisch: “guten Tag, Melle, dein bunt Lamm läßt dich grüßen!” +Ergrimmt griff der Schäfer seinen Krummstab und wollte sich rächen. +Da wandelte plötzlich der Unbekannte die Gestalt und sprang ihm als +Wärwolf entgegen. Der Schäfer erschrack, aber seine Hunde fielen +wüthend auf den Wolf, welcher entfloh; verfolgt rann er durch Wald und +Thal bis in die Nähe von Eggenstadt. Die Hunde umringten ihn da und +der Schäfer rief: “nun sollst du sterben!” Da stand der Alte wieder +in Menschengestalt, flehte bittend um Schonung und erbot sich zu +allem. Aber wüthend stürzte der Schäfer mit seinem Stock auf ihn ein, +-- urplötzlich stand vor ihm ein aufsprießender Dornstrauch. Auch so +schonte der Rachsüchtige nicht, sondern zerhieb grausam die Zweige. +Noch einmal wandelte sich der Unbekannte in einen Menschen und bat um +sein Leben. Allein der hartherzige Melle blieb unerbittlich. Da suchte +er als Wärwolf zu entfliehen, aber ein Streich des Melle streckte +ihn todt zur Erde. Wo er fiel und beigescharrt wurde, bezeichnet ein +Felsstein den Ort und heißt nach ihm auf ewige Zeiten. + + + + +215. + +Die Wärwölfe ziehen aus. + +~+Pucerus+ de divinatione p.~ 170. + ++Bräuner’s+ Curiositäten 251. 255. + + +In Liefland ist folgende Sage. Wann der Christ-Tag verflossen ist, +so geht ein Junge, der mit einem Bein hinkt, herum und fordert alle +dem Bösen ergebene, deren eine große Anzahl ist, zusammen und heißt +sie nachfolgen. Zaudern etliche darunter und sind säumig, so ist +ein anderer großer langer Mann da, der mit einer von Eisen-Drath und +Kettlein geflochtenen Peitsche auf sie haut und mit Zwang forttreibt. +Er soll so grausam auf die Leute peitschen, daß man nach langer Zeit +Flecken und Narben auf ihrem Leib sehen kann, wovon sie viel Schmerzen +empfinden. + +Sobald sie anheben, ihm zu folgen, gewinnt es das Ansehen, als ob sie +ihre vorige Gestalt ablegten und in Wölfe verwandelt würden. Da kommen +ihrer ein paar tausende zusammen: der Führer, mit der eisernen Geissel +in der Hand, geht voran. Wenn sie nun aufs Feld geführt sind, fallen +sie das Vieh grausam an und zerreißen, was sie nur ergreifen können, +womit sie großen Schaden thun. Doch Menschen zu verletzen, ist ihnen +nicht vergönnt. Kommen sie an ein Wasser, so schlägt der Führer mit +seiner Ruthe oder Geissel hinein und theilt es voneinander, so daß sie +trockenes Fußes übergehen können. Sind zwölf Tage verflossen, so legen +sie die Wärwolfs-Gestalt ab und werden wieder zu Menschen. + + + + +216. + +Der Drache fährt aus. + +~+Scheuchzer+ itinera per alpinas regiones. III.~ 386. 387. 396. + ++Valvassor+ Ehre von Crain III. c. 32. + ++Seyfried+ in ~medulla p.~ 629. N. 5. + +vgl. ~Gesta rom. c.~ 114. + + +Das Alpenvolk in der Schweitz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen +und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals +verheerend in die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer +Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt, +pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: +“es ist ein Drach +ausgefahren.”+ Folgende Geschichte ist eine der merkwürdigsten: + +Ein Binder aus Lucern ging aus, Daubenholz für seine Fässer zu suchen. +Er verirrte sich in eine wüste, einsame Gegend, die Nacht brach ein +und er fiel plötzlich in eine tiefe Grube, die jedoch unten schlammig +war, wie in einen Brunnen hinab. Zu beiden Seiten auf dem Boden waren +Eingänge in große Höhlen; als er diese genauer untersuchen wollte, +stießen ihm zu seinem großen Schrecken zwei scheußliche Drachen +auf. Der Mann betete eifrig, die Drachen umschlangen seinen Leib +verschiedenemal, aber sie thaten ihm kein Leid. Ein Tag verstrich und +mehrere, er mußte vom 6. November bis zum 10. April in Gesellschaft +der Drachen harren. Er nährte sich gleich ihnen von einer salzigten +Feuchtigkeit, die aus den Felsenwänden schwitzte. Als nun die +Drachen witterten, daß die Winterzeit vorüber war, beschlossen sie +auszufliegen. Der eine that es mit großem Rauschen und während der +andere sich gleichfalls dazu bereitete, ergriff der unglückseelige +Faßbinder des Drachen Schwanz, hielt fest daran und kam aus dem +Brunnen mit heraus. Oben ließ er los, wurde frei und begab sich wieder +in die Stadt. Zum Andenken ließ er die ganze Begebenheit auf einen +Priesterschmuck sticken, der noch jetzt in des heil. Leodagars Kirche +zu Lucern zu sehen ist. Nach den Kirchenbüchern hat sich die Geschichte +im Jahr 1420 zugetragen. + + + + +217. + +Winkelried und der Lindwurm. + ++Etterlin’s+ Chronik. Basel 1764. S. 12. 13. + +~+Stumpf+ chron. Helvet. VII. cap.~ 2. + ++Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 514. + +~+Scheuchzer+ l. c. p.~ 389. 390. + + +In Unterwalden beim Dorf Wyler hauste in der uralten Zeit ein +scheußlicher Lindwurm, welcher alles was er ankam, Vieh und Menschen +tödtete und den ganzen Strich verödete, dergestalt, daß der Ort +selbst davon den Namen +Ödwyler+ empfing. Da begab es sich, daß +ein Eingeborener, +Winkelried+ geheißen, als er einer schweren +Mordthat halben landesflüchtig werden müssen, sich erbot, den Drachen +anzugreifen und umzubringen, unter der Bedingung, wenn man ihn nachher +wieder in seine Heimath lassen würde. Da wurden die Leute froh und +erlaubten ihm wieder in das Land; er wagt’ es und überwand das +Ungeheuer, indem er ihm einen Bündel Dörner in den aufgesperrten Rachen +stieß. Während es nun suchte diesen auszuspeien und nicht konnte, +versäumte das Thier seine Vertheidigung, und der Held nutzte die +Blößen. Frohlockend warf er den Arm auf, womit er das bluttriefende +Schwert hielt und zeigte den Einwohnern die Siegesthat, da floß das +giftige Drachenblut auf den Arm und an die bloße Haut und er mußte +alsbald das Leben lassen. Aber das Land war errettet und ausgesöhnt; +noch heutigestags zeigt man des Thieres Wohnung im Felsen und nennt sie +die Drachenhöhle. + + + + +218. + +Der Lindwurm am Brunnen. + +Mündlich von einem Bauer aus Oberbirbach. + + +Zu Frankenstein, einem alten Schlosse anderthalb Stunden weit von +Darmstadt, hausten vor alten Zeiten drei Brüder zusammen, deren +Grabsteine man noch heutiges Tags in der oberbirbacher Kirche siehet. +Der eine der Brüder hieß Hans und er ist ausgehauen, wie er auf einem +Lindwurm steht. Unten im Dorfe fließt ein Brunnen, in dem sich sowohl +die Leute aus dem Dorf als aus dem Schloß ihr Wasser holen müssen; +dicht neben den Brunnen hatte sich ein gräßlicher Lindwurm gelagert, +und die Leute konnten nicht anders Wasser schöpfen, als dadurch, daß +sie ihm täglich ein Schaf oder ein Rindvieh brachten; so lang der +Drache daran fraß, durften die Einwohner zum Brunnen. Um diesen Unfug +aufzuheben, beschloß Ritter Hans, den Kampf zu wagen; lange stritt +er, endlich gelang es ihm, dem Wurme den Kopf abzuhauen. Nun wollte +er auch den Rumpf des Unthiers, der noch zappelte, mit der Lanze +durchstechen, da kringelte sich der spitzige Schweif um des Ritters +rechtes Bein und stach ihn gerade in die Kniekehle, die einzige Stelle, +welche der Panzer nicht deckte. Der ganze Wurm war giftig und Hans von +Frankenstein mußte sein Leben lassen. + + + + +219. + +Das Drachenloch. + +~+Scheuchzer+ l. c. III. p.~ 383. 384. + +~+Cysati+~ Beschr. des IV. Waldstädtersee p. 175. aus ~+Jac. Man.+ +hist. Austriae~. + +~+Athanas. Kircher+ mund. subt. VIII. p.~ 94. aus +Cysat+. + +~+Wagner+ hist. nat. Helvetiae p.~ 246. + ++Joh. Müller+ Schweizer-Gesch. II. 440. Not. 692. + + +Bei Burgdorf im Bernischen liegt eine Höhle, genannt das Drachenloch, +worin man vor alten Zeiten bei Erbauung der Burg zwei ungeheure Drachen +gefunden haben soll. Die Sage berichtet: Als im Jahr 712. zwei Gebrüder ++Syntram+ und +Beltram+ (nach andern Guntram und Waltram genannt), +Herzöge von Lensburg, ausgingen zu jagen, stießen sie in wilder und +wüster Waldung auf einen hohlen Berg. In der Höhlung lag ein ungeheurer +Drache, der das Land weit umher verödete. Als er die Menschen gewahrte, +fuhr er in Sprüngen auf sie los und im Augenblick verschlang er +Bertram, den jüngeren Bruder, lebendig. Syntram aber setzte sich kühn +zur Wehr und bezwang nach heißem Kampf das wilde Gethier, in dessen +gespaltenem Leib sein Bruder noch ganz lebendig lag. Zum Andenken +ließen die Fürsten am Orte selbst eine Capelle der heil. Margaretha +gewidmet bauen und die Geschichte abmahlen, wo sie annoch zu sehen ist. + + + + +220. + +Die Schlangenkönigin. + ++Wyß+ S. 148-184. + + +Ein Hirtenmädchen fand oben auf dem Fels eine kranke Schlange liegen, +die wollte verschmachten. Da reichte es ihr mitleidig seinen Milchkrug, +die Schlange leckte begierig und kam sichtbar zu Kräften. Das Mädchen +ging weg und bald drauf geschah es, daß ihr Liebhaber um sie warb, +allein ihrem reichen, stolzen Vater zu arm war und spöttisch abgewiesen +wurde, bis er auch einmal so viel Heerden besäße, wie der alte Hirt. +Von der Zeit an hatte der alte Hirt kein Glück mehr, sondern lauter +Unfall; man wollte des Nachts einen feurigen Drachen über seinen Fluren +sehen und sein Gut verdarb. Der arme Jüngling war nun eben so reich und +warb nochmals um seine Geliebte, die wurde ihm jetzt zu Theil. An dem +Hochzeittag trat eine Schlange ins Zimmer, auf deren gewundenem Schweif +eine schöne Jungfrau saß, die sprach, daß sie es wäre, der einstmal die +gute Hirtin in der Hungersnoth ihre Milch gegeben, und aus Dankbarkeit +nahm sie ihre glänzende Krone vom Haupt ab und warf sie der Braut in +den Schooß. Sodann verschwand sie, aber die jungen Leute hatten großen +Segen in ihrer Wirthschaft und wurden bald wohlhabend. + + + + +221. + +Die Jungfrau im Oselberg. + +~+Crusii+ analecta paralipom. c. 17. p. 68.~ + + +Zwischen Dinkelsbühl und Hahnkamm stand auf dem Oselberg vor alten +Zeiten ein Schloß, wo eine einige Jungfrau gelebt, die ihrem Vater +als Wittiber Haus hielt und den Schlüssel zu allen Gemächern in ihrer +Gewalt gehabt. Endlich ist sie mit den Mauern verfallen und umkommen, +und das Geschrei kam aus, daß ihr Geist um das Gemäuer schwebe und +Nachts an den vier Quatembern in Gestalt einer Fräulein, die ein +Schlüsselbund an der Seite trägt, erscheine. Dagegen sagen alte Bauern +dieser Orte aus, von ihren Vätern gehört zu haben, diese Jungfer sey +eines alten Heiden Tochter gewesen und in eine abscheuliche Schlange +verwünscht worden; auch werde sie in Weise einer Schlange, mit +Frauenhaupt und Brust, ein Gebund Schlüssel am Hals, zu jener Zeit +gesehen. + + + + +222. + +Der Krötenstuhl[12]. + +Die Brautschau, ein Mährlein von C.F.W. Magdeburg 1796. + + +Auf Nothweiler, einer elsäßischen Burg im Wasgau, lebte vor alten +Zeiten die schöne Tochter eines Herzogs, die aber so stolz war, daß sie +keinen ihrer vielen Freier gut genug fand und viele umsonst das Leben +verlieren mußten. Zur Strafe wurde sie dafür verwünscht und muß so +lang auf einem öden Felsen hausen, bis sie erlöst wird. Nur einmal die +Woche, nämlich den Freitag, darf sie sichtbar erscheinen, aber einmal +in Gestalt einer Schlange, das zweitemal als Kröte und das drittemal +als Jungfrau in ihrer natürlichen Art. Jeden Freitag wascht sie sich +auf dem Felsen, der noch heutigestags der +Krötenstuhl+ heißt, an einem +Quellborn und sieht sich dabei in die Weite um, ob niemand nahe, der +sie erlöse. Wer das Wagstück unternehmen will, der findet oben auf dem +Krötenstuhl eine Muschel mit drei Wahrzeichen: einer Schlangenschuppe, +einem Stück Krötenhaut und einer gelben Haarlocke. Diese drei Dinge bei +sich tragend, muß er einen Freitag Mittag in die wüste Burg steigen, +warten bis sie sich zu waschen kommt und sie drei Wochen hintereinander +in jeder ihrer Erscheinungen auf den Mund küssen, ohne zu entfliehen. +Wer das aushält, bringt sie zur Ruhe und empfängt alle ihre Schätze. +Mancher hat schon die Merkzeichen gefunden und sich in die Trümmer der +alten Burg gewagt, und viele sind vor Furcht und Greuel umgekommen. +Einmal hatte ein kühner Bursch schon den Mund der Schlange berührt und +wollte auf die andre Erscheinung warten, da ergriff ihn Entsetzen und +er rannte bergab; zornig und raschelnd verfolgte sie ihn als Kröte bis +auf den Krötenstuhl. Sie bleibt übrigens die Länge der Zeit hindurch +wie sie war und altert nimmer. Als Schlange ist sie am gräßlichsten und +nach dem Spruch des Volks “groß wie ein Wieschbaum (Heubaum), als Krott +groß wie ein Bachofen und da spaucht sie Feuer.” + + + [12] In den gemeinen Mundarten heißt der Waldschwamm: +Kröten+-, oder + +Paddenstuhl+. + + + + +223. + +Die Wiesenjungfrau. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Ein Bube von Auerbach an der Bergstraße hütete seines Vaters Kühe +auf der schmalen Thalwiese, von der man das alte Schloß sehen kann. +Da schlug ihn auf einmal von hintenher eine weiche Hand sanft an den +Backen, daß er sich umdrehte, und siehe, eine wunderschöne Jungfrau +stand vor ihm, von Kopf zu den Füßen weiß gekleidet, und wollte eben +den Mund aufthun, ihn anzureden. Aber der Bub erschrack, wie vor dem +Teufel selbst, und nahm das Reißaus ins Dorf hinein. Weil indessen +sein Vater bloß die eine Wiese hatte, mußte er die Kühe immer wieder +zu derselben Weide treiben, er mochte wollen oder nicht. Es währte +lange Zeit, und der Junge hatte die Erscheinung bald vergessen, da +raschelte etwas in den Blättern an einem schwülen Sommertag und er +sah eine kleine Schlange kriechen, die trug eine blaue Blume in ihrem +Mund und fing plötzlich zu sprechen an: “hör, guter Jung, du könntest +mich erlösen, wenn du diese Blume nähmest, die ich trage, und die ein +Schlüssel ist zu meinem Kämmerlein droben im Schloß, da würdest du +Gelds die Fülle finden.” Aber der Hirtenbub erschrack, da er sie reden +hörte, und lief wieder nach Haus. Und an einem der letzten Herbsttage +hütete er wieder auf der Wiese, da zeigte sie sich zum drittenmal +in der Gestalt der ersten weißen Jungfrau und gab ihm wieder einen +Backenstreich, bat auch flehentlich, er möchte sie doch erlösen, wozu +sie ihm alle Mittel und Wege angab. All ihr Bitten war für nichts und +wider nichts, denn die Furcht überwältigte den Buben, daß er sich +kreuzte und segnete und wollte nichts mit dem Gespenst zu thun haben. +Da hohlte die Jungfrau einen tiefen Seufzer und sprach: “weh, daß ich +mein Vertrauen auf dich gesetzt habe; nun muß ich neuerdings harren +und warten, bis auf der Wiese ein Kirschenbaum wachsen und aus des +Kirschenbaums Holz eine Wiege gemacht seyn wird. Nur das Kind, das in +der Wiege zuerst gewiegt werden wird, kann mich dereinst erlösen.” +Darauf verschwand sie und der Bub, heißt es, sey nicht gar alt +geworden; woran er gestorben, weiß man nicht. + + + + +224. + +Das Niesen im Wasser. + +Mündlich, aus Hessen. + + +An einem Brücklein, das über die Auerbach geht, hörte jemand etwas im +Wasser dreimal niesen, da sprach er dreimal: “Gott helf!” und damit +wurde der Geist eines Knaben erlöst, der schon dreißig Jahre auf diese +Worte gelauert hatte. Oberhalb demselben Brücklein hörte, nach einer +andern Erzählung, ein anderer dreimal aus dem Bach herausniesen. +Zweimal sagte er: “Gott helf!” beim drittenmal aber: “der Teufel hohl +dich!” Da that das Wasser einen Wall, wie wenn sich einer mit Gewalt +darin umdrehte. + + + + +225. + +Die arme Seele. + +Mündlich, aus Paderborn. + + +Et sit en arme Seele unner de Brügge för Haxthusen-Hove to Paderborn, +de prustet unnerwielen. Wenn nu ter sülvtigen Tiet en Wage der över +färt un de Fohrmann segd nich: “Gott seegen!” so mot de Wage ümfallen. +Un hät oll manig Mann Arm un Bein terbroken. + + + + +226. + +Die verfluchte Jungfer. + +Eisenacher Volks-Sagen II. 179. 180. + + +Unweit Eisenach in einer Felsenhöhle zeigt sich zuweilen um die +Mittagsstunde ein Fräulein, die nur dadurch erlöst werden kann, daß ihr +jemand auf dreimaliges Niesen dreimal: “helf Gott!” zuruft. Sie war +eine halsstarrige Tochter und wurde vorzeiten von ihrer guten Mutter im +Zorn dahin verwünscht. + + + + +227. + +Das Fräulein von Staufenberg. + ++Otmar’s+ Sammlung. + + +Auf dem Harz bei Zorge, einem braunschweigischen Dorfe, liegt der +Staufenberg, ehdem mit einer Burg bebaut. Man sieht jetzo eine Klippe +da, auf der ein Menschenfuß eingedrückt stehet. Diese Fußtapfe drückte +einst die Tochter des alten Burgherrn in den Fels, auf dem sie oft +lange stand, weil es ihr Lieblingsplätzchen war. Noch von Zeit zu +Zeit zeigt sich dort das verzauberte Fräulein in ihren goldgelben, +geringelten Haaren. + + + + +228. + +Der Jungferstein. + +~+Melissantes+ Orograph. h. v.~ + + +In Meißen, unweit der Festung Königstein, liegt ein Felsen, genannt +Jungferstein, auch Pfaffenstein. Einst verfluchte eine Mutter ihre +Tochter, welche Sonntags nicht zur Kirche, sondern in die Heidelbeeren +gegangen war. Da wurde die Tochter zu Stein und ist ihr Bild gegen +Mittag noch zu sehen. + +Im dreißigjährigen Krieg flüchteten dahin die Leute vor den Soldaten. + + + + +229. + +Das steinerne Brautbett. + ++Spieß+ Biograph. der Wahnsinn. Th. 3. u. 4. aus der Volkssage. + + +In Deutschböhmen thürmt sich ein Felsen, dessen Spitze in zwei Theile +getheilt gleichsam ein Lager und Bett oben bildet. Davon hört man +sagen: es habe sonst da ein Schloß gestanden, worin eine Edelfrau mit +ihrer einzigen Tochter lebte. Diese liebte wider den Willen der Mutter +einen jungen Herrn aus der Nachbarschaft und die Mutter wollte niemals +leiden, daß sie ihn heirathete. Aber die Tochter übertrat das Gebot und +versprach sich heimlich ihrem Liebhaber, mit der Bedingung, daß sie +auf den Tod der Mutter warten und sich dann vermählen wollten. Allein +die Mutter erfuhr noch vor ihrem Tode das Verlöbniß, sprach einen +strengen Fluch aus und bat Gott inbrünstig, daß er ihn hören und der +Tochter Brautbett in einen Stein verwandeln möge. Die Mutter starb, die +ungehorsame Tochter reichte dem Bräutigam die Hand und die Hochzeit +wurde mit großer Pracht auf dem Felsenschloß gefeiert. Um Mitternacht, +wie sie in die Brautkammer gingen, hörte die Nachbarschaft ringsumher +einen fürchterlichen Donner schlagen. Am Morgen war das Schloß +verschwunden, kein Weg und Steg führte zum Felsen und auf dem Gipfel +saß die Braut in dem steinernen Bette, welches man noch jetzt deutlich +sehen und betrachten kann. Kein Mensch konnte sie erretten, und jeder +der versuchen wollte, die Steile zu erklettern, stürzte herab. So mußte +sie verhungern und verschmachten; ihren todten Leichnam fraßen die +Raben. + + + + +230. + +Zum Stehen verwünscht. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 659-661. + + +Im Jahr Christi 1545. begab sichs zu Freiberg in Meißen, daß Lorenz +Richter, ein Weber seines Handwerks, in der Wein-Gasse wohnend, +seinem Sohn, einem Knaben von vierzehn Jahren, befahl, etwas eilend +zu thun; der aber verweilte sich, blieb in der Stube stehen und ging +nicht bald dem Worte nach. Deßwegen der Vater entrüstet wurde und im +Zorn ihm fluchte: “ei stehe, daß du nimmermehr könnst fortgehen!” Auf +diese Verwünschung blieb der Knabe alsbald stehen, konnte von der +Stelle nicht kommen und stand so fort drei ganzer Jahre an dem Ort, +also daß er tiefe Gruben in die Dielen eindrückte, und ward ihm ein +Pult untergesetzt, darauf er mit Haupt und Armen sich lehnen und +ruhen konnte. Weil aber die Stelle, wo er stand, nicht weit von der +Stubenthüre und auch nahe am Ofen war, und deshalb den Leuten, welche +hineinkamen, sehr hinderlich, so haben die Geistlichen der Stadt auf +vorhergehendes fleißiges Gebät ihn von selbem Ort erhoben und gegenüber +in den andern Winkel glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit großer +Mühe, fortgebracht. Denn wenn man ihn sonst forttragen wollen, ist er +alsbald mit unsäglichen Schmerzen befallen und wie ganz rasend worden. +An diesem Ort, nachdem er niedergesetzt worden, ist er ferner bis ins +vierte Jahr gestanden und hat die Dielen noch tiefer durchgetreten. +Man hatte nachgehends einen Umhang um ihn geschlagen, damit ihn die +aus- und eingehenden nicht also sehen konnten, welches auf sein Bitten +geschehen, weil er gern allein gewesen ist und vor stäter Traurigkeit +nicht viel geredet. Endlich hat der gütige Gott die Strafe in etwas +gemildert, so daß er das letzte halbe Jahr sitzen und sich in das Bett, +das neben ihn gestellt worden, hat niederlegen können. Fragte ihn +jemand, was er mache, so gab er gemeinlich zur Antwort, er leide Gottes +Züchtigung wegen seiner Sünden, setze alles in dessen Willen und halte +sich an das Verdienst seines Herrn Jesu Christi, worauf er hoffe selig +zu werden. Er hat sonst gar elend ausgesehen, war blaß und bleich von +Angesicht, am Leibe gar schmächtig und abgezehrt, im Essen und Trinken +mäßig, also daß es zur Speise oft Nöthigens bedurfte. Nach Ausgang +des siebten Jahrs ist er dieses seines betrübten Zustandes den elften +September 1552 gnädig entbunden worden, indem er eines vernünftigen +und natürlichen Todes in wahrer Bekenntniß und Glauben an Jesum +Christum selig entschlafen. Die Fußstapfen sieht man auf heutigen Tag +in obgedachter Gasse und Haus, (dessen jetziger Zeit Severin Tränkner +Besitzer ist), in der obern Stube, da sich diese Geschichte begeben, +die erste bei dem Ofen, die andere in der Kammer nächst dabei, weil +nachgehender Zeit die Stuben unterschieden worden. + + + + +231. + +Die Bauern zu Kolbeck. + ++Bange+ thüring. Chronik. Bl. 39. + ++Becherer+ thüring. Chronik S. 193. 194. + ++Gerstenberg+ bei ~+Schminke+ mon. hass. I.~ 88. 89. + ++Spangenberg+ Brautpredigt 45. + + +Im Jahr 1012. war ein Bauer im Dorf Kolbeke bei Halberstadt, der hieß +Albrecht, der machte in der Christnacht einen Tanz mit andern funfzehn +Bauern, dieweil man Messe hielt, außen auf dem Kirchhof und waren drei +Weibsbilder unter ihnen. Und da der Pfarrherr heraustrat und sie darum +strafte, sprach jener: “mich heißet (man) Albrecht, so heißet dich +Ruprecht; du bist drinne frölich, so laß uns hausen frölich seyn; du +singst drinnen deine Leisen, so laß uns unsern Reihen singen.” Sprach +der Pfarrherr: “so wolle Gott und der Herr S. Magnus, daß ihr ein ganz +Jahr also tanzen müsset!” Das geschah, und Gott gab den Worten Kraft, +so daß weder Regen noch Frost ihre Häupter berührte, noch sie Hitze, +Hunger und Durst empfanden, sondern sie tanzten allum und ihre Schuhe +zerschlissen auch nicht. Da lief einer (der Küster) zu und wollte seine +Schwester aus dem Tanze ziehen, da folgten ihm ihre Arme. Als das Jahr +vorüber war, kam der Bischof von Cöln, Heribert, und erlösete sie aus +dem Bann; da starben ihrer vier sobald, die andern wurden sehr krank, +und man sagt, daß sie sich in die Erde fast an den Mittel (d. h. an +den Gürtel) sollen getanzt haben, und ein tiefer Graben in dem Grund +ausgehöhlt wurde, der noch zu sehen ist. Der Landesherr ließ zum +Zeichen so viel Steine darum setzen, als Menschen mitgetanzt hatten. + + + + +232. + +Der heilige Sonntag. + ++Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 120, 3. + + +Zu Kindstadt in Franken pflag eine Spinnerin des Sonntags über +zu spinnen und zwang auch ihre Mägde dazu. Einsten dauchte sie +miteinander, es ginge Feuer aus ihren Spinnrocken, thäte ihnen aber +weiter kein Leid. Den folgenden Sonntag kam das Feuer wahrhaftig in den +Rocken, wurde doch wieder gelöscht. Weil sies aber nicht achtete, ging +den dritten Sonntag das ganze Haus an vom Flachs und verbrann die Frau +mit zweien Kindern, aber durch Gottes Gnade wurde ein kleines Kind in +der Wiegen erhalten, daß ihm kein Leid geschahe. + +Man sagt auch, einem Bauer, der Sonntags in die Mühle ging, sein +Getreid zu mahlen, sey es zu Aschen geworden, einem andern Scheuer und +Korn abgebrunnen. Einer wollte auf den heiligen Tag pflügen und die +Pflugschaar mit einem Eisen scheuern, das Eisen wuchs ihm an die Hand +und mußte es zwei Jahr in großem Schmerz tragen, bis ihn Gott nach +vielem brünstigen Gebet von der Plage erledigte. + + + + +233. + +Frau Hütt. + +vgl. Morgenblatt. 1811. Nr. 28. + + +In uralten Zeiten lebte im Tirolerland eine mächtige Riesen-Königin, ++Frau Hütt+ genannt und wohnte auf den Gebürgen über Innsbruck, die +jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker und +grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, weinte +und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah sein +Kleid schwarz aus, wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne zum +Stecken-Pferd abknicken wollen, weil der Baum aber am Rande eines +Morastes stand, so war das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum +Haupt in den Moder gesunken, doch hatte er sich noch glücklich heraus +geholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues schönes +Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosamen nehmen und +ihm damit Gesicht und Hände reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen +mit der heiligen Gottes-Gabe also sündlich umzugehen, so zog ein +schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte und +ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt, +da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die +Wohnung der Frau Hütt verschwunden und überall war nur eine Wüste mit +zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte, in der Mitte +aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert und wird so stehen +bis zum jüngsten Tag. + +In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird +bösen und muthwilligen Kindern die Sage zur Warnung erzählt, wenn sie +sich mit Brot werfen oder sonst Uebermuth damit treiben. “Spart eure +Brosamen, heißt es, für die Armen, damit es euch nicht ergehe, wie der +Frau Hütt.” + + + + +234. + +Der Kindelsberg. + +Stilling’s Leben. II. 24—29. + + +Hinter dem Geisenberg in Westphalen ragt ein hoher Berg mit dreien +Köpfen hervor, davon heißt der mittelste noch der +Kindelsberg+, da +stand vor alten Zeiten ein Schloß, das gleichen Namen führte, und in +dem Schloß wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten +sie ein sehr schönes Silber-Bergwerk, davon wurden sie stockreich und +von dem Reichthum wurden sie so übermüthig, daß sie sich silberne Kegel +machten, und wenn sie spielten, so warfen sie diese Kegel mit silbernen +Kugeln. Der Uebermuth ging aber noch weiter, denn sie bucken sich +große Kuchen von Semmelmehl, wie Kutschenräder, machten mitten Löcher +darein und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende +Sünde, denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott ward es +endlich auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloß +und sagte an, daß sie alle binnen dreien Tagen sterben müßten und zum +Wahrzeichen gab er ihnen, daß diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen +würde. Das traf auch ein, aber niemand kehrte sich daran, als der +jüngste Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar +schöne Jungfrau war. Diese bäteten Tag und Nacht. Die andern starben +an der Pest, aber diese beiden blieben am Leben. Nun war aber auf dem +Geisenberg ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes +schwarzes Pferd und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er +war ein gottloser Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter +gewann die schöne Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur +Ehe haben, sie schlug es ihm aber beständig ab, weil sie einem jungen +Grafen von der Mark verlobt war, der mit ihrem Bruder in den Krieg +gezogen war und dem sie treu bleiben wollte. Als aber der Graf immer +nicht aus dem Krieg zurückkam und der Ritter mit dem schwarzen Pferd +sehr um sie warb, so sagte sie endlich: “wenn die grüne Linde hier +vor meinem Fenster wird dürr seyn, so will ich dir gewogen werden.” +Der Ritter mit dem schwarzen Pferde suchte so lang in dem Lande, bis +er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne, und in einer Nacht +bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre dafür hin. Als +nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war’s so hell vor ihrem Fenster, +da lief sie hin und sah erschrocken, daß eine dürre Linde da stand. +Weinend setzte sie sich unter die Linde und als der Ritter nun kam und +ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Noth: “ich kann dich nimmermehr +lieben.” Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach +sie todt. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein +Grab und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu +sehen ist. + + + + +235. + +Die Semmel-Schuhe. + +Mündlich, aus Deutschböhmen. + + +Im Klatauer Kreis, eine Viertelstunde vom Dorf Oberkamenz, stand auf +dem Hradekberg ein Schloß, davon noch einige Trümmer bleiben. Vor +alter Zeit ließ der Burgherr eine Brücke bauen, die bis nach Stankau, +welches eine Stunde Wegs weit ist, führte und die Brücke war der Weg, +den sie zur Kirche gehen mußten. Dieser Burgherr hatte eine junge, +hochmüthige Tochter, die war so vom Stolz besessen, daß sie Semmeln +aushöhlen ließ und statt der Schuhe anzog. Als sie nun einmal auf +jener Brücke mit solchen Schuhen zur Kirche ging und eben auf die +letzte Stufe trat, so soll sie und das ganze Schloß versunken seyn. +Ihre Fußstapfe sieht man noch jetzt in einem Stein, welcher eine Stufe +dieser Brücke war, deutlich eingedruckt. + + + + +236. + +Der Erdfall bei Hochstädt. + ++Behrens+ curiöser Harzwald S. 85. 86. + + +Im brandenburgischen Amt Klettenberg gegen den Unterharz, unfern des +Dorfs Hochstädt, sieht man einen See und einen Erdfall, von dem die +Einwohner folgende Sage haben: in vorigen Zeiten sey an der Stelle des +Sees eine Grasweide gewesen. Da hüteten etliche Pferdejungen ihr Vieh, +und als die andern sahen, daß einer unter ihnen weiß Brot aß, bekamen +sie auch Lust, davon zu genießen und forderten es dem Jungen ab. Dieser +wollte ihnen aber nichts mittheilen, denn er bedürfe es zur Stillung +seines eigenen Hungers. Darüber erzürnten sie, fluchten ihren Herrn, +daß sie ihnen blos gemeines schwarz-Hausbacken-Brot gäben, warfen ihr +Brot frevelhaft zur Erde, tratens mit Füßen und geisseltens mit ihren +Peitschen. Alsbald kam Blut aus dem Brot geflossen, da erschracken die +Knechte, wußten nicht wohin sich wenden; der unschuldige aber (den, wie +einige hinzufügen, ein alter unbekannter, dazu kommender Mann gewarnt +haben soll) schwang sich zu Pferd und entfloh dem Verderben. Zu spät +wollten die andern nachfolgen, sie konnten nicht mehr von der Stelle +und plötzlich ging der ganze Platz unter. Die bösen Buben sammt ihren +Pferden wurden tief in die Erde verschlungen und nichts von ihnen kam +je wieder ans Tageslicht. Andere erzählen anders. Auch sollen aus dem +See Pflanzen mit Blättern, wie Hufeisen, wachsen. + + + + +237. + +Die Brot-Schuhe. + +Mündlich, aus Deutschböhmen. + + +Einer Bürgersfrau war ihr junges Kind gestorben, das ihr Augapfel war, +und wußte gar nicht genug, was sie ihm noch liebs und guts anthun +sollte, eh es unter die Erde käme und sie’s nimmermehr sehen würde. Und +wie sie’s nun im Sarg auf das beste putzte und kleidete, so däuchten +ihr die Schühlein doch nicht gut genug und nahm das weißeste Mehl, +was sie hatte, machte einen Teig und buck dem Kind welche von Brot. In +diesen Schuhen wurde das Kind begraben, allein es ließ der Mutter nicht +Rast noch Ruh, sondern erschien ihr jammervoll, bis sein Sarg wieder +ausgegraben wurde und die Schühlein aus Brot von den Füßen genommen und +andere ordentliche angezogen waren. Von da an stillte es sich. + + + + +238. + +Das taube Korn. + +Holländ. gemeine Sage. +Grabner+ Reise in die Niederlande. Gotha 1792. +S. 58-60. + ++Winsheim+ fries. Chronik. Bl. 147. 148. + + +Zu Stavoren in Friesland waren die Einwohner durch ihren Reichthum +stolz und übermüthig geworden, daß sie Hausflur und Thüren mit Gold +beschlagen ließen, den ärmeren Städten der Nachbarschaft zum Trotz. +Von diesen wurden sie daher nicht anders genannt, als: “die verwöhnten +Kinder von Stavoren.” Unter ihnen war besonders eine alte geitzhälsige +Witwe, die trug einem Danzigfahrer auf, das beste was er laden könne, +für ihre Rechnung mitzubringen. Der Schiffer wußte nichts bessers, als +er nahm einige tausend Lasten schönes polnisch Getraid, denn zur Zeit +der Abreise hatte die Frucht gar hoch gestanden in Friesland. Unterwegs +aber begegnete ihm nichts wie Sturm und Unwetter und nöthigten ihn zu +Bornholm überwintern, dergestalt daß wie er Frühjahrs endlich daheim +anlangte, das Korn gänzlich im Preise gefallen war und die Witwe +zornig die sämmtliche Ladung vor der Stadt in die See werfen ließ. Was +geschah? An derselben Stelle that sich seit der Zeit eine mächtige +Sandbank empor, geheißen der +Frauensand+, drauf nichts als taubes +Korn (Wunderkorn, Dünenhelm, weil es die Dünen wider die See helmt +[schützt], ~arundo arenaria~) wuchs und die Sandbank lag vor dem Hafen, +den sie sperrte, und der ganze Hafen ging zu Grunde. So wuchs an der +Sünde der alten Frau die Buße für die ganze Stadt auf. + + + + +239. + +Der Frauensand. + +Mündlich aus Holland mitgetheilt. + + +Westlich im Südersee wachsen mitten aus dem Meer Gräser und Halme +hervor an der Stelle, wo die Kirchthürme und stolzen Häuser der +vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichthum +hatte ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maaß ihrer Uebelthaten +erfüllt war, gingen sie bald zu Grunde. Fischer und Schiffer am Strand +des Südersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt. + +Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine sichere +Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut, +hart gegen die Menschen, strebte sie blos, ihre Schätze immer noch zu +vermehren. Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem +Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren +Zeit man Amsterdam noch nicht nannte, und Rotterdam ein kleines Dorf +war, hatten den Weg der Tugend verlassen. + +Eines Tags rief diese Jungfrau ihren Schiffmeister und befahl ihm +auszufahren und eine Ladung des edelsten und besten mitzubringen, +was auf der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewohnt an +pünctliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand +zornig auf ihrem Wort und hieß ihn alsbald in die See stechen. Der +Schiffmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab, er wußte nicht, wie +er dem Geheiß seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte, +nachkommen möchte und überlegte hin und her, was zu thun. Endlich +dachte er: ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizen bringen, +was ist schöners und edlers zu finden auf Erden, als dieß herrliche +Korn, dessen kein Mensch entbehren kann? Also steuerte er nach Danzig, +befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann, +immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine +Heimath zurück. “Wie, Schiffmeister, rief ihm die Jungfrau entgegen, du +bist schon hier? ich glaubte dich an der Küste von Africa, um Gold und +Elfenbein zu handeln, laß sehen, was du geladen hast.” Zögernd, denn an +ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde, +antwortete er: “meine Frau, ich führe euch zu dem köstlichsten Weizen, +der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden.” “Weizen, sprach sie, +so elendes Zeug bringst du mir?” -- “ich dachte das wäre so elend +nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt” -- “ich will dir +zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist; von welcher Seite ist das +Schiff geladen?” -- “von der rechten Seite (Stuurboordszyde),” sprach +der Schiffmeister. -- “Wohlan, so befehl ich dir, daß du zur Stunde die +ganze Ladung auf der linken Seite (Bakboord) in die See schüttest; ich +komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden.” + +Der Seemann zauderte einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an +der Gabe Gottes versündigte und berief in Eile alle arme und dürftige +Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren +Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und frug: “wie ist +mein Befehl ausgerichtet?” Da fiel eine Schaar von Armen auf die Knie +vor ihr und baten, daß sie ihnen das Korn austheilen möchte, lieber als +es vom Meer verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart +wie Stein und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über +Bord zu werfen. Da bezwang sich der Schiffmeister länger nicht und rief +laut: “nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerächt lassen, wenn es +wahr ist, daß der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft; ein Tag +wird kommen, wo ihr gerne die edlen Körner, die ihr so verspielt, eins +nach dem andern auflesen möchtet, euren Hunger damit zu stillen!” “Wie, +rief sie mit höllischem Gelächter, ich soll dürftig werden können? ich +soll in Armuth und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr +sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in +die Tiefe der See werfe.” Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring +vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes +und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet. + +Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frauen zu Markt, +kaufte einen Schelfisch und wollte ihn in der Küche zurichten; als sie +ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn +ihrer Frauen. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich +für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte +und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war +aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf, +ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige +Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf +sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die +Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt +war, vollendete bald ihr Unglück und kaum war ein Jahr verflossen, so +erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffmeisters in allen +Stücken. Arm und von keinem betrauert, von vielen verhöhnt, sank sie +je länger je mehr in Noth und Elend, hungrig bettelte sie Brot vor den +Thüren und bekam oft keinen Bissen, endlich verkümmerte sie und starb +verzweifelnd. + +Der Weizen aber, der in das Meer geschüttet worden war, sproß und +wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das +Warnungszeichen, allein die Ruchlosheit von Stavoren nahm von Jahr +zu Jahr überhand, da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von +der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den +Ziehbrunnen und in der Nacht öffnete sich die See und verschwalg mehr +als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinah jedes Jahr +versinken einige Hütten der Insassen und es ist seit der Zeit kein +Seegen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer +wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein +Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf +Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht +der Waizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es +grünt, liegt entlangs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen +als den des +Frauensands+. + + + + +240. + +Brot zu Stein geworden. + +~+Melissantes+~ Handb. f. Bürger u. Bauern. Fft. u. Lpg. 1744. S. 128. + ++Ernst+ Gemüthsergötzlichkeit S. 946. + +Rheinischer Antiquar. S. 864. + +Mündliche Sage aus Landshut. + +Aus Danzig in +Mart. Zeiller’s+ Handbuch von allerlei nützl. Sachen und +Denkwürdigkeiten. Ulm 1655. S. 27. + + +Man hat an viel Orten, namentlich in Westphalen, die Sagen, daß zur +Zeit großer Theuerung eine hartherzige Schwester ihre arme Schwester, +die für sich und ihre Kindlein Brot gebeten, mit den Worten abgewiesen: +“und wenn ich Brot hätte, wollte ich, daß es zu Stein würde!” -- worauf +sich ihr Brotvorrath alsbald in Stein verwandelt. Zu Leiden in Holland +hebt man in der großen Peterskirche ein solches Steinbrot auf und zeigt +es den Leuten zur Bewährung der Geschichte. + +Im Jahr 1579 hatte ein dortmunder Becker in der Hungersnoth viel Korn +aufgekauft und freute sich, damit recht zu wuchern. Als er aber mitten +in diesem Geschäft war, ist ihm sein Brot im ganzen Hause eines Tages +zu Stein worden und wie er einen Laib ergriffen und mit dem Messer +aufschneiden wollen, Blut daraus geflossen. Darüber hat er sich alsbald +in seiner Kammer erhängt. + +In der dem heiligen Kastulus geweihten Hauptkirche zu Landshut hängt +mit silberner Einfassung ein runder Stein in Gestalt eines Brotes, +in dessen Oberfläche sich vier kleine Höhlungen befinden. Davon geht +folgende Sage. Kurz vor seinem Tode kam der heil. Kastulus als ein +armer Mann zu einer Wittwe in der Stadt und bat um ein Almosen. Die +Frau hieß ihre Tochter, das einzige Brot, das sie noch übrig hatten, +dem Dürftigen reichen. Die Tochter, die es ungern weggab, wollte vorher +noch eilig einige Stücke abbrechen, aber in dem Augenblick verwandelte +sich das, dem Heiligen schon eigene, Brot in Stein und man erblickt +noch jetzt darin die eingedrückten Finger deutlich. + +Zur Zeit einer großen Theurung ging ein armes Weib, ein Kind auf dem +Arm, eins neben sich herlaufend und nach Brot laut schreiend, durch +eine Straße der Stadt Danzig. Da begegnete ihr ein Mönch aus dem +Kloster Oliva, den sie flehentlich um ein Bischen Brot für ihre Kinder +bat. Der Mönch aber sagte: “ich habe keins.” Die Frau sprach: “ach ich +sehe, daß ihr in euerm Busen Brot stecken habt.” “Ei, das ist nur ein +Stein, die Hunde damit zu werfen,” antwortete der Mönch und ging fort. +Nach einer Weile wollte er sein Brot holen und essen, aber er fand, +daß es sich wirklich in Stein verwandelt hatte. Er erschrack, bekannte +seine Sünde und gab den Stein ab, der noch jetzt in der Klosterkirche +dort hängt. + + + + +241. + +Der binger Mäusethurm. + ++Bange+ thür. Chronik Bl. 35 b. + + +Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem +nachstehende Sage umgeht. Im Jahr 974. ward große Theuerung in +Deutschland, daß die Menschen aus Noth Katzen und Hunde aßen und doch +viel Leute Hungers sturben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto +der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und +sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen +zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein +Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: “lasset alle Arme und +Dürftige sammlen in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.” +Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Thüre zu, +steckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune sammt den armen Leuten. +Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief +Bischof Hatto: “hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!” Allein Gott der +Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und +an ihm fraßen, und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider +sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rath, als +er ließ einen Thurm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch +heutiges Tags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die +Mäuse schwummen durch den Strom heran, erklommen den Thurm und fraßen +den Bischof lebendig auf. + + + + +242. + +Das Bubenried. + +Mündlich, aus dem Odenwald. + + +In der großbieberauer Gemarkung liegt ein Thal gegen Ueberau zu, das +nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile +dadurch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vor Zeiten, als Krieg +und Hungersnoth im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Ueberau +zurück, die hatten sich immer zu einander gehalten und in dem Thal +pflegten sie immer ihr Almosen zu theilen. Sie hatten heute nur ein +paar Blechpfennige gekriegt, aber dem einen hatte der reiche Schulz ein +Armenlaibchen geschenkt, “das könne er mit seinem Gesellen theilen.” +Wie nun alles andere redlich getheilt war und der Bub das Brot aus dem +Schubfach zog, roch es ihm so lieblich in die Nase, daß er’s für sich +allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der +Friede sein Ende, sie zankten sich und von den Worten kams zum Raufen +und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder +einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben +und jeder Bub schlug den andern todt. Drei Nächte lang nach dem Mord +regte sich kein Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ists da +ungeheuer und man hört die Buben wimmern und winseln. + + + + +243. + +Kindelbrück. + +Mündlich. + + +Diese thüringische Landstadt soll daher ihren Namen haben: es seyen vor +Zeiten zwei kleine Kinder auf Steckenpferden auf der Brücke, die über +die Wipper führt, geritten und ins Wasser gefallen. + + + + +244. + +Die Kinder zu Hameln. + ++Sam. Erich+ der hamelschen Kinder Ausgang. + ++Kirchmayer+ vom unglücklichen Ausgang der hamel. Kinder. Dresd. u. +Lpzg. 1702. 8. + ++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern I. c. 16. + +~+Meibom+ SS. RR. GG. III. p. 80.~ + +~+Hondorf+ prompt. exempl. Tit. de educ. liberor.~ + ++Becherer+ thüring. Chronik S. 366. 367. + ++Seyfried’s+ ~medulla p. 476.~ + ++Hübner’s+ Geogr. III. Hamb. 1736. S. 611-613. + +~+Verstegan+ decayed intelligence. London 1634. p. 85. 86.~ + +Die hamelsche Chronik u. a. m. + + +Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte +einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben er +Bundting+ +soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem +er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und +Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten +ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen +heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen +Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun +meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus und der ganze Haufe +folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine +Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Thiere folgten und +hineinstürzend ertranken. + +Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der +versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei +Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26sten Juni auf +Johannis und Pauli Tag, Morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, +erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen +Angesichts mit einem rothen, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in +den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern +Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl +gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters +war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in +einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kinder-Mädchen +gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, +darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern +liefen haufenweis vor alle Thore und suchten mit betrübtem Herzen ihre +Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von +Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, +zu erkundigen, ob man die Kinder, oder auch nur etliche gesehen, aber +alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundert und dreißig verloren. Zwei +sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen seyn, wovon +aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den +Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann +gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts +gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock +zu hohlen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam, +waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt +wird, verschwunden. + +Die Straße, wodurch die Kinder zum Thor hinausgegangen, hieß noch +in der Mitte des 18. J.H. (wohl noch heute) die +bunge-lose+ +(trommel-tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch +Saiten-Spiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik +zur Kirche gebracht ward, mußten die Spiel-Leute über die Gasse hin +stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt +der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind +aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle +geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen. + +Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch +einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust +ihrer Kinder Jahr und Tag zu zählen. Nach Seyfried ist der 22ste statt +des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rath-Haus standen +folgende Zeilen: + + Im Jahr 1284 na Christi gebort tho Hamel worden uthgevort hundert und + dreißig Kinder dasülvest geborn dorch einen Piper under den Köppen + verlorn. + +Und an der neuen Pforte: + + ~Centum ter denos cum magus ab urbe puellos duxerat ante annos + CCLXXII condita porta fuit.~ + +Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in die +Kirchenfenster abbilden mit der nöthigen Ueberschrift, welche +größtentheils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt. + + + + +245. + +Der Rattenfänger. + +Mündlich, aus Deutschböhmen. + + +Der Rattenfänger weiß einen gewissen Ton, pfeift er den neunmal, so +ziehen ihm alle Ratten nach, wohin er sie haben will, in Teich oder +Pfütze. + +Einmal konnte man in einem Dorf der Ratten gar nicht los werden und +ließ endlich den Fänger hohlen. Der richtete nun einen Haselstock so +zu, daß alle Ratten dran gebannt waren und wer den Stock ergriff, +dem mußten sie nach; er wartete aber bis Sonntags und legte ihn vor +die Kirchenthür. Als nun die Leute vom Gottesdienst heimkamen, ging +auch ein Müller vorbei und sah gerade den hübschen Stock liegen, +sprach: “das gibt mir einen feinen Spazirstock.” Also nahm er ihn zur +Hand und ging dem Dorf hinaus, seiner Mühle zu. Indem so huben schon +einzelne Ratten an aus ihren Ritzen und Winkeln zu laufen und sprangen +querfeldein immer näher und näher, und wie mein Müller, der von nichts +ahnte und den Stock immer behielt, auf die Wiese kam, liefen sie ihm +aus allen Löchern nach, über Acker und Feld und liefen ihm bald zuvor, +waren eher in seinem Haus als er selbst und blieben nach der Zeit bei +ihm zur unausstehlichen Plage. + + + + +246. + +Der Schlangenfänger. + ++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 95. + + +Zu Salzburg rühmte sich ein Zauberer, er wollte alle Schlangen, die +in derselben Gegend auf eine Meil Wegs wären, in eine Grube zusammen +bringen und tödten. Als er es aber versuchen wollte, kam zuletzt +eine große, alte Schlange hervorgekrochen, welche, da er sie mit +Zauber-Worten in die Grube zu zwingen wagte, aufsprang, ihn umringelte, +also, daß sie wie ein Gürtel sich um seine Weiche wand, darnach in die +Grube schleifte und umbrachte. + + + + +247. + +Das Mäuselein. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 40. 41. vgl. II. 161. + + +In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach +hat sich Anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde +schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von +den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine +Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr +zum offenen Maule heraus ein rothes Mäuselein. Die Leute sahen es +meistentheils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief +eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine +Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, +so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd, +rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle +etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald darnach kam das Mäuselein +wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul +gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte, +noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war todt und +blieb todt. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf +demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden +und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf. + + + + +248. + +Der ausgehende Rauch. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 161. + + +Zu Hersfeld dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden +Abend, eh sie zu Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube +stillzusitzen. Den Hausherrn nahm das endlich Wunder, er blieb daher +einmal auf, verbarg sich im Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie +die Mägde nun sich beim Tisch allein sitzen sahen, hob die eine an und +sagte: + + “Geist thue dich entzücken + und thue jenen Knecht drücken!” + +Drauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus +dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in +tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen +und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging +er davon und ließ sie, des Morgens darauf war diejenige Magd todt, die +er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb +lebendig. + + + + +249. + +Die Katze aus dem Weidenbaum. + +Der ungewissenhafte Apotheker S. 895. + + +Ein Bauernknecht von Straßleben erzählte, wie daß in ihrem Dorfe eine +gewisse Magd wäre, dieselbe hätte sich zuweilen vom Tanze hinweg +verloren, daß niemand gewußt, wo sie hinkommen, bis sie eine feine +Weile hernach sich wieder eingefunden. Einmal beredete er sich mit +andern Knechten, dieser Magd nachzugehn. Als sie nun Sonntags wieder +zum Tanze kam und sich mit den Knechten erlustigte, ging sie auch +wieder ab. Etliche schlichen ihr nach, sie ging das Wirthshaus hinaus +aufs Feld und lief ohne Umsehen fort, einer hohlen Weide zu, in welche +sie sich versteckte. Die Knechte folgten nach, begierig zu sehen, ob +sie lang in der Weide verharren würde und warteten an einem Ort, wo +sie wohl verborgen standen. Eine kleine Weile drauf merkten sie, daß +eine Katze aus der Weide sprang und immer querfeldein nach Langendorf +lief. Nun traten die Knechte näher zur Weide, da lehnte das Mensch +oder vielmehr ihr Leib ganz erstarret und sie vermochten ihn weder mit +Rütteln noch Schütteln zum Leben bringen. Ihnen kommt ein Grauen an, +sie lassen den Leib stehen und gehen an ihren vorigen Ort. Nach einiger +Zeit spüren sie, daß die Katze den ersten Weg zurückgeht, in die Weide +einschlüpft, die Magd aus der Weide kriecht und nach dem Dorfe zugeht. + + + + +250. + +Wetter und Hagel machen. + ++Godelmann+ von Zauberern übers. von +Nigrin+. V. 1. S. 83. + ++Luther’s+ Tisch-Reden. 104. + ++Kirchhof’s+ Wendunmuth V. Nr. 261. S. 316. + ++Lercheimer+ S. 50 ff. + + +Im Jahr 1553 sind zu Berlin zwei Zauber-Weiber gefangen worden, welche +sich unterstanden, Eis zu machen, die Frucht damit zu verderben. +Und diese Weiber hatten ihrer Nachbarin ein Kindlein gestolen und +dasselbige zerstückelt gekocht. Ist durch Gottes Schickung geschehen, +daß die Mutter, ihr Kind suchend, dazu kommt und ihres verlorenen +Kindes Gliederlein in ein Töpfchen gelegt siehet. Da nun die beiden +Weiber gefangen und peinlich gefragt worden, haben sie gesagt, wenn ihr +Geköch fortgegangen, so wäre ein großer Frost mit Eis kommen, also daß +alle Frucht verderbt wäre. + +Zu einer Zeit waren in einem Wirthshause zwei Zauberinnen zusammen +gekommen, die hatten zwei Gelten oder Kübel mit Wasser an einen +besondern Ort gesetzt und rathschlagten miteinander: ob es dem Korne +oder dem Weine sollt gelten. Der Wirth, der auf einem heimlichen Winkel +stand, hörte das mit an und Abends, als sich die zwei Weiber zu Bett +gelegt, nahm er die Gelten und goß sie über sie hin; da ward das Wasser +zu Eis, so daß beide von Stund an zu Tod froren. + +Eine arme Witfrau, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte, +ging in den Wald, Holz zu lesen und bedachte ihr Unglück. Da stand der +Böse in eines Försters Gestalt und fragte: warum sie so traurig? ob +ihr der Mann abgestorben? Sie antwortete: “ja.” Er sprach: “willt du +mich nehmen und mir gehorsamen, will ich dir Gelds die Fülle geben.” +Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott +absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler +wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch Dick +und Dünn, Trocken und Naß auf den Berg zu einem Tanz. Da waren noch +andre Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte und die eine gab dem +Spielmann zwölf Pfenning Lohn. Nach dem Tanze wurden die Hexen eins und +thaten zusammen Ähren, Rebenlaub und Eichblätter, damit Korn, Trauben +und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das +Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei. +Ihr selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam. + + + + +251. + +Der Hexen-Tanz. + +~+Nic. Remigii+ daemonolatria p. 109.~ + + +Eine Frau von Hembach hatte ihren kaum sechszehnjährigen Sohn Johannes +mit zu der Hexen-Versammlung geführt und weil er hatte pfeifen lernen, +verlangte sie, er sollte ihnen zu ihrem Tanze pfeifen, und damit man es +besser hören könnte, auf den nächsten Baum steigen. Der Knabe gehorchte +und stieg auf den Baum, indem er nun daher pfiffe und ihrem Tanz mit +Fleiß zusahe, vielleicht weil ihm alles so wunderseltsam däuchte, denn +da geht es auf närrische Weise zu, sprach er: “behüt, lieber Gott, +woher kommt so viel närrisches und unsinniges Gesinde!” Kaum aber hatte +er diese Worte ausgeredet, so fiel er vom Baum herab, verrenkte sich +eine Schulter und rief, sie sollten ihm zu Hilfe kommen, aber da war +niemand, ohn’ er allein. + + + + +252. + +Die Wein-Reben und Nasen. + ++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 19. + + +An dem Hofe zu H. war ein Geselle, der seinen Gästen ein seltsam +schimpflich Gaukelwerk machte. Nachdem sie gegessen hatten, begehrten +sie, darum sie vornehmlich kommen waren, daß er ihnen zur Lust ein +Gaukel-Spiel vorbringe. Da ließ er aus dem Tisch eine Rebe wachsen mit +zeitigen Trauben, deren vor jedem eine hing: hieß jeglichen die seinige +mit der Hand angreifen und halten und mit der andern das Messer auf den +Stengel setzen, als wenn er sie abschneiden wollte; aber er sollte bei +Leibe nicht schneiden. Darnach ging er aus der Stube, kam wieder: da +saßen sie alle und hielten sich ein jeglicher selber bei der Nase und +das Messer darauf. Hätten sie geschnitten, hätte ein jeder sich selbst +die Nase verwundet. + + + + +253. + +Fest hängen. + ++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 105. + + +Zu Magdeburg war zu einer Zeit ein seltsamer Zauberer, welcher in +Gegenwart einer Menge Zuschauer, von denen er ein großes Geld gehoben, +ein wunderkleines Rößlein, das im Ring herumtanzte, zeigte und, wenn +sich das Spiel dem Ende näherte, klagte, wie er bei der undankbaren +Welt so gar nichts Nutzes schaffen könnte, dieweil jedermann so karg +wäre, daß er sich Bettelns kaum erwehren mögte. Deshalb wollte er +von ihnen Urlaub nehmen und den allernächsten Weg gen Himmel, ob +vielleicht seine Sache daselbst besser würde, fahren. Und als er +diese Worte gesprochen, warf er ein Seil in die Höhe, welchem das +Rößlein ohne allen Verzug stracks nachfuhre, der Zauberer erwischte es +beim Wadel, seine Frau ihn bei den Füßen, die Magd die Frau bei den +Kleidern, also daß sie alle, als wären sie zusammen geschmiedet, nach +einander ob sich dahin fuhren. Als nun das Volk da stand, das Maul +offen hatte und dieser Sache, wie wohl zu gedenken, erstaunt war, kam +ohn alle Gefähr ein Bürger daher, welchem, als er fragte, was sie da +stünden, geantwortet ward, der Gaukler wäre mit dem Rößlein in die +Luft gefahren. Darauf er berichtete, er habe ihn eben zu gegen seiner +Herberge gesehen daher gehn. + + + + +254. + +Das Noth-Hemd. + ++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern B. 8. Cap. 18. + ++Zedler’s+ Universal-Lexicon ~h. v.~ + +Der ungewissenhafte Apotheker S. 650. + + +Das Noth-Hemd wird auf folgende Weise zubereitet. In der Christ-Nacht +müssen zwei unschuldige Mägdlein, die noch nicht sieben Jahr alt sind, +linnen Garn spinnen, weben und ein Hemd daraus zusammen nähen. Auf der +Brust hat es zwei Häupter, eins auf der rechten Seite mit einem langen +Barte und einem Helm, eins auf der linken mit einer Krone, wie sie der +Teufel trägt. Zu beiden Seiten wird es mit einem Kreuze bewahrt. Das +Hemd ist so lang, daß es den Menschen vom Hals an bis zum halben Leib +bedeckt. + +Wer ein solches Noth-Hemd im Krieg trägt, ist sicher vor Stich, Hieb, +Schuß und anderm Zufall, daher es Kaiser und Fürsten hochhielten. +Auch Gebärende ziehen es an, um schneller und leichter entbunden zu +werden. ~Contra vero tale indusium, viro tamen +mortuo+ ereptum, a +foeminis luxuriosis quaeri ferunt, quo indutae non amplius gravescere +perhibentur.~ + + + + +255. + +Fest gemacht. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 365. + ++Luther’s+ Tisch-Reden S. 109. + + +Ein vornehmer Kriegsmann ging bei einer harten Belagerung mit zwei +andern außerhalb den Laufgräben auf und ab. Von der Festung herab wurde +heftig auf ihn gefeuert, er aber fuhr mit seinem Befehlshaber-Stab +links und rechts umher und hieß die beiden, an ihn halten und nicht +ausweichen; wovon alle Kugeln abseits fuhren und weder ihn noch die +andern beiden treffen oder verwunden konnten. + +Ein General, welcher in eine Stadt aus einem Treffen fliehen mußte, +schüttelte die Büchsenkugeln wie Erbsen häufig aus dem Ermel, deren +keine ihn hatte verletzen können. + +Meister Peter, Bartscheerer zu Wittenberg, hatte einen Schwiegersohn, +der Landsknecht im Krieg gewesen. Er hatte die Kunst verstanden, sich +sicher und unverwundbar zu machen. Ferner hat er auch seinen Tod vorher +gesehen und gesagt: “mein Schwäher solls thun.” Deßgleichen soll er +denselben Tag zu seinem Weib gesagt haben: “kauf ein, du wirst heute +Gäste bekommen, das ist: Zuseher.” Welches also geschahe, denn da ihn +sein Schwager erstach, lief jedermann in des Bartscheerers Haus und +wollt den todten Menschen sehen. + + + + +256. + +Der sichere Schuß. + ++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei Bl. 12. + + +Ein Büchsen-Meister, den ich gekannt, vermaß sich, er wolle alles +treffen, was ihm nur innerhalb Schusses wäre, daß ers erreichen könnte, +ob ers gleich nicht sähe. Der ließ sich brauchen in der Stadt W. bei +der Belagerung. Davor hielt in einem Wäldlein ein vornehmer Oberster +und Herr, den er nicht sahe, erbot sich, er wollte ihn erschießen; aber +es ward ihm gesagt, er sollts nicht thun. Da schoß er durch den Baum, +darunter er hielt auf seinem Roß und zu Morgen aß. Valvassor (Ehre +von Crain I. 676.) gedenkt eines vornehmen Herrn, welcher täglich nur +drei unfehlbare Schüsse hatte, damit aber konnte er, was man ihm nur +nannte, sicher treffen. Ein solcher Schütz kann sich aufgeben lassen, +was er schießen soll, Hirsch, Reh oder Hasen, und braucht dann nur aufs +Gerathewohl die Flinte zum Fenster hinaus abzudrücken, so muß das Wild +fallen. + + + + +257. + +Der herumziehende Jäger. + +Mündlich, aus Paderborn und Münster. + + +Es trug sich zu, daß in einem großen Walde der Förster, welcher die +Aufsicht darüber führte, todt geschossen wurde. Der Edelmann, dem +der Wald gehörte, gab einem andern den Dienst, aber dem widerfuhr +ein gleiches und so noch einigen, die auf einander folgten, bis sich +niemand mehr fand, der den gefährlichen Wald übernehmen wollte. Sobald +nämlich der neue Förster hineintrat, hörte man ganz in der Ferne einen +Schuß fallen, und gleich auch streckte eine mitten auf die Stirne +treffende Kugel ihn nieder; es war aber keine Spur ausfindig zu machen, +woher und von wem sie kam. + +Gleichwohl meldete sich nach ein paar Jahren ein herumziehender Jäger +wieder um den Dienst. Der Edelmann verbarg ihm nicht, was geschehen +war und setzte noch ausdrücklich hinzu, so lieb es ihm wäre, den Wald +wieder unter Aufsicht zu wissen, könnte er ihm doch selbst nicht zu +dem gefährlichen Amte rathen. Der Jäger antwortete zuversichtlich, er +wolle sich vor dem unsichtbaren Scharfschützen schon Rath schaffen +und übernahm den Wald. Andern Tags, als er, von mehrern begleitet, +zuerst hineingeführt wurde, hörte man, wie er eintrat, schon in der +Ferne den Schuß fallen. Alsbald warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, +der dann, von einer Kugel getroffen, wieder herabfiel. “Nun,” sprach +er, “ist aber die Reihe an mir,” lud seine Büchse und schoß sie mit +den Worten: “die Kugel bringt die Antwort!” in die Luft. Darauf bat +er seine Gefährten, mitzugehen und den Thäter zu suchen. Nach langem +Herumstreifen fanden sie endlich in einer an dem gegenseitigen Ende des +Waldes gelegenen Mühle den Müller todt und von der Kugel des Jägers auf +die Stirne getroffen. + +Dieser herumziehende Jäger blieb noch einige Zeit in Diensten des +Edelmanns, doch weil er das Wild festbannen und die Feldhühner aus der +Tasche fliegen lassen konnte, auch in ganz unglaublicher Entfernung +immer sicher traf und andere dergleichen unbegreifliche Kunststücke +verstand, so bekam der Edelmann eine Art Grausen vor ihm und entließ +ihn bei einem schicklichen Vorwande aus seinem Dienst. + + + + +258. + +Doppelte Gestalt. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 1097. + ++Bräuner’s+ Curiosit. S. 351. 352. + + +Ein Landfahrer kam zu einem Edelmann, der mit langwieriger Ohnmacht und +Schwachheit behaftet war und sagte zu ihm: “ihr seyd verzaubert, soll +ich euch das Weib vor Augen bringen, das euch das Uebel angethan?” Als +der Edelmann einwilligte, sprach jener: “welches Weib morgen in euer +Haus kommt, sich auf den Herd zum Feuer stellt und den Kesselhaken mit +der Hand angreift und hält, die ist es, welche euch das Leid angethan.” +Am andern Tag kam die Frau eines seiner Unterthanen, der neben ihm +wohnte, ein ehrliches und frommes Weib und stellte sich dahin genau +auf die Weise, wie der Landfahrer vorhergesagt hatte. Der Edelmann +verwunderte sich gar sehr, daß eine so ehrbare, gottesfürchtige Frau, +der er nicht übel wollte, so böse Dinge treiben sollte und fing an +zu zweifeln, ob es auch recht zugehe. Er gab darum seinem Diener +heimlichen Befehl, hinzulaufen und zu sehen, ob diese Nachbarin zu +Hause sey oder nicht. Als dieser hinkommt, sitzt die Frau über ihrer +Arbeit und hechelt Flachs. Er heißt sie zum Herrn kommen, sie spricht: +“es wird sich ja nicht schicken, daß ich so staubig und ungeputzt vor +den Junker trete.” Der Diener aber sagt, es habe nichts zu bedeuten, +sie solle nur eilig mit ihm gehen. Sobald sie nun in des Herrn Thüre +trat, verschwand die andere als ein Gespenst aus dem Saal und der Herr +dankte Gott, daß er ihm in den Sinn gegeben, den Diener hinzuschicken, +sonst hätte er auf des Teufels Trug vertraut und die unschuldige Frau +verbrennen lassen. + + + + +259. + +Gespenst als Eheweib. + ++Bräuner’s+ Curiositäten 353-355. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 1097. 1098. + + +Zur Zeit des Herzogs Johann Casimir von Coburg wohnte dessen +Stallmeister G. P. v. Z. zuerst in der Spital-Gasse, hierauf in dem +Hause, welches nach ihm ~D.~ Frommann bezogen, dann in dem großen +Hause bei der Vorstadt, die Rosenau genannt, endlich im Schloß, darüber +er Schloß-Hauptmann war. Zu so vielfachem Wechsel zwang ihn ein +Gespenst, welches seiner noch lebenden Ehefrau völlig gleich sah, also +daß er, wenn er in die neue Wohnung kam und am Tisch saß, bisweilen +darüber zweifelte, welches seine rechte leibhafte Frau wäre, denn es +folgte ihm, wenn er gleich aus dem Hause zog, doch allenthalben nach. +Als ihm eben seine Frau vorschlug, in die Wohnung, die hernach jener +Doctor inne hatte, zu ziehen, dem Gespenst auszuweichen, hub es an +mit lauter Stimme zu reden und sprach: “du ziehest gleich hin, wo +du willst, so ziehe ich dir nach, wenn auch durch die ganze Welt.” +Und das waren keine bloße Drohworte, denn nachdem der Stallmeister +ausgezogen war, ist die Thüre des Hinterhauses wie mit übermäßiger +Gewalt zugeschlagen worden und von der Zeit an hat sich das Gespenst +nie wieder in dem verlassenen Hause sehen lassen, sondern ist in dem +neubezogenen wieder erschienen. + +Wie die Edelfrau Kleidung anlegte, in derselben ist auch das Gespenst +erschienen, es mogte ein Feierkleid oder ein alltägliches seyn, und +welche Farbe als es nur wollte; weswegen sie niemals allein in ihren +Haus-Geschäften, sondern von jemand begleitet, ging. Gemeinlich ist +es in der Mittagszeit zwischen elf und zwölf Uhr erschienen. Wenn ein +Geistlicher da war, so kam es nicht zum Vorschein. Als einmal der +Beichtvater Johann Prüscher eingeladen war und ihn beim Abschied der +Edelmann mit seiner Frau und seiner Schwester an die Treppe geleitete, +stieg es von unten die Treppe hinauf und faßte durch ein hölzernes +Gitter des Fräuleins Schürz und verschwand, als dieses zu schreien +anfing. Einsmals ist es auf der Küchen-Schwelle mit dem Arm gelegen und +als die Köchin gefragt: “was willst du?” hat es geantwortet: “deine +Frau will ich.” Sonst hat es der Edelfrau keinen Schaden zugefügt. +Dem Fräulein aber, des Edelmanns Schwester, ist es gefährlich gewesen +und hat ihm einmal einen solchen Streich ins Gesicht gegeben, daß die +Backe davon aufgeschwollen ist und es in des Vaters Haus zurückkehren +mußte. Endlich hat sich das Gespenst verloren und es ist ruhig im Hause +geworden. + + + + +260. + +Tod des Erstgebornen. + +Mündlich. + + +In einem vornehmen Geschlecht hat es sich vor ein paar hundert Jahren +zugetragen, daß das erste Kind, ein Söhnlein, Morgens bei der Amme im +Bett todt gefunden wurde. Man verdachte sie, es absichtlich erdrückt +zu haben und ob sie gleich ihre Unschuld betheuerte, so ward sie doch +zum Tod verurtheilt. Als sie nun niederkniete und eben den Streich +empfangen sollte, sprach sie noch einmal: “ich bin so gewiß unschuldig, +als in Zukunft jedesmal der Erstgeborene dieses Geschlechts sterben +wird.” Nachdem sie dieses gesprochen, flog eine weiße Taube über ihr +Haupt hin; darauf ward sie gerichtet. Die Weissagung aber kam in +Erfüllung und der älteste Sohn aus diesem Hause ist noch immer in +früher Jugend gestorben. + + + + +261. + +Der Knabe zu Colmar. + +Mündlich. + + +Bei Pfeffel in Colmar war ein Kind im Hause, das wollte nie über einen +gewissen Flecken im Hausgarten gehen, auf dem seine Cameraden ruhig +spielten. Diese wußten nicht warum und zogen es einmal mit Gewalt +dahin; da sträubten ihm die Haare empor und kalter Schweiß brach aus +seinem Leibe. Wie der Knabe von der Ohnmacht endlich zu sich kam, wurde +er um die Ursache befragt, wollte lange nichts gestehen, endlich auf +vieles Zureden sagte er: “es liegt an der Stelle ein Mensch begraben, +dessen Hände so und so liegen, dessen Beine so und so gestellt sind +(welches er alles genau beschrieb) und am Finger der einen Hand hat er +einen Ring.” Man grub nach, der Platz war mit Gras bewachsen und drei +Fuß unter der Erde tief fand sich ein Gerippe in der beschriebenen +Lage und am benannten Finger ein Ring. Man beerdigte es ordentlich +und seitdem ging der Knabe, dem man weder davon noch vom Ausgraben +das mindeste gesagt, ruhig auf den Flecken. -- Dies Kind hatte die +Eigenschaft, daß es an dem Ort, wo Todte lagen, immer ihre ganze +Gestalt in Dünsten aufsteigen sah und in allem erkannte. Der vielen +schrecklichen Erscheinungen wegen härmte es sich ab und verzehrte +schnell sein Leben. + + + + +262. + +Tod des Domherrn zu Merseburg. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1056. + + +Von langer Zeit her ward in der Stiftskirche zu Merseburg drei Wochen +vor dem Absterben eines jeglichen Domherrn bei der Nacht ein großer +Tumult gehört, indem auf dem Stuhl dessen, welcher sterben sollte, ein +solcher Schlag geschah, als ob ein starker Mann aus allen Kräften mit +geschlossener Faust einen gewaltsamen Streich thäte. Sobald solches +die Wächter vernommen, deren etliche sowohl bei Tag als bei Nacht in +der Kirche gewacht und wegen der stattlichen Kleinodien, die darinnen +vorhanden waren, die Runde gemacht, haben sie es gleich andern Tags +hernach dem Capitel angezeigt. Und solches ist dem Domherrn, dessen +Stuhl der Schlag getroffen, eine persönliche Vertagung gewesen, daß er +in dreien Wochen an den blassen Reigen müßte. + + + + +263. + +Die Lilie im Kloster zu Corvei. + +~+Gab. Bucelin+ Germania sacra II. 1642. + +Notitiae S. R. I. procerum III. c. 19. p. 334. + ++Höxar+ in elegiis. Paderb. 1600.~ + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1054. 1055. + +Altdeutsche Wälder II. 185-187. + + +Das Kloster der Abtei zu Corvei an der Weser hat von Gott die +sonderbare Gnade gehabt, daß, so oft einer aus den Brüdern sterben +sollte, er drei Tage zuvor, ehe er verschieden, eine Vorwarnung +bekommen, vermittelst einer +Lilie+ an einem ehrenen Kranze, der im +Chor hing. Denn dieselbe Lilie kam allzeit wunderbarlich herab und +erschien in dem Stuhl desjenigen Bruders, dessen Lebens-Ende vorhanden +war; also daß dieser dabei unfehlbar merkte und versichert war, er +würde in dreien Tagen von der Welt scheiden. Dieses Wunder soll etliche +hundert Jahre gewährt haben, bis ein junger Ordensbruder, als er auf +diese Weise seiner herannahenden Sterbestunde ermahnt worden, solche +Erinnerung verachtet und die Lilie in eines alten Geistlichen Stuhl +versetzt hat: der Meinung, es würde das Sterben dem Alten besser +anstehen, als dem Jungen. Wie der gute alte Bruder die Lilie erblickt, +ist er darüber, als über einen Geruch des Todes, so hart erschrocken, +daß er in eine Krankheit, doch gleichwohl nicht ins Grab gefallen, +sondern bald wieder gesund, dagegen der junge Warnungs-Verächter am +dritten Tag durch einen jählingen Tod dahin gerissen worden. + + + + +264. + +Rebundus im Dom zu Lübeck. + +~+Ph. H. Friedlieb+ medulla theologica.~ + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1057-1065. aus mündl. Sage. + + +Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so +fand sich Morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor eine +weiße Rose+, +daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen gleich +umwendete, zu schauen, ob diese Grabes-Verkündigung darunter liege. Es +geschah, daß einer von den Domherrn, Namens +Rebundus+, eines Morgens +diese Rose unter seinem Kissen fand, und weil sie seinen Augen mehr +ein schmerzlicher Dornstachel, als eine Rose war, nahm er sie behend +weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines nächsten Beisitzers, +obgleich dieser schon darunter nachgesehen und nichts gefunden hatte. +Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen umkehren wollte? der +andere entgegnete, daß er es schon gethan habe; aber Rebundus sagte +weiter: er habe wohl nicht recht zugeschaut und solle noch einmal +nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert, +als er dahin geblickt. Hierauf wendete der Domherr sein Kissen um +und fand die Grab-Blume; doch sprach er zornig: das sey Betrug, denn +er habe gleich Anfangs fleißig genug zugeschaut und unter seinem +Sitz keine Rose gefunden. Damit schob und stieß er sie dem Rebundus +wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich +aufdrängen lassen, also daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit +und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das Capitel ins +Mittel schlug und sie aus einander bringen, Rebundus aber durchaus +nicht eingestehen wollte, daß er die Rose am ersten gehabt, sondern auf +seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, hub endlich der andere, aus +verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: “Gott wolle geben, daß der von +uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rosen in Zukunft zum Zeichen +werde und wann ein Domherr sterben soll, in seinem Grabe klopfen möge, +bis an den jüngsten Tag!” Rebundus, der diese Verwünschung wie einen +leeren Wind achtete, sprach frevellich dazu: “Amen! es sey also!” + +Da nun Rebundus nicht lange darnach starb, hat es von dem an unter +seinem Grabsteine, so oft eines Domherrn Ende sich nahte, entsetzlich +geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: “Rebundus hat sich +gerührt, es wird ein Domherr sterben!” Eigentlich ist es kein bloßes +Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und +breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel gelinder krachen, als +ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Karthaunen-Schuß geschähe. +Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach +durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte, +das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird +dann nicht blos in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern +vernehmlich gehört. + +Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntage, zwischen neun und zehn +Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig angeschlagen, daß +etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden +und die Predigt angehört, theils durch starke Erbebung des Steins, +theils aus Schrecken, nicht anders herabgeprellt wurden, als ob sie +der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag +wollte jedermann zur Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie +würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der +Gemeinde zu, da zu bleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein +Teufels-Gespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man +verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des +Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobte auch, wenn eines Domherrn +naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird. + + + + +265. + +Glocke läutet von selbst. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1035. 1036. 1039. + + +In einer berühmten Reichsstadt hat im Jahr 1686 am 27sten März die +sogenannte Markt-Glocke von sich selbst drei Schläge gethan, worauf +bald hernach ein Herr des Raths, welcher zugleich auch Marktherr war, +gestorben. + +In einem Hause fing sechs oder sieben Wochen vor dem Tode des Hausherrn +eine überaus helle Glocke an zu läuten und zwar zu zweien verschiedenen +Malen. Da der Hausherr damals noch frisch und gesund, seine Ehefrau +aber bettlägrig war, so verbot er dem Gesinde, ihr etwas davon zu +sagen, besorgend, sie mögte erschrecken, von schwermüthiger Einbildung +noch kränker werden und gar davon sterben. Aber diese Anzeigung hatte +ihn selbst gemeint, denn er kam ins Grab, seine Frau aber erholte sich +wieder zu völliger Gesundheit. Siebzehn Wochen nachher, als sie ihres +seeligen Eheherrn Kleider und Mäntel reinigt und ausbürstet, fängt +vor ihren Augen und Ohren die Tennen-Glocke an sich zu schwingen und +ihren gewöhnlichen Klang zu geben. Acht Tage hernach erkrankt ihr +ältester Sohn und stirbt in wenig Tagen. Als diese Wittwe sich wieder +verheirathete und mit ihrem zweiten Mann etliche Kinder zeugte, sind +diese, wenige Wochen nach der Geburt, gleich den Märzblumen verwelkt +und begraben. Da dann jedesmal jene Glocke dreimal nach einander stark +angezogen wurde, obgleich das Zimmer, darin sie gehangen, versperrt +war, so daß niemand den Drath erreichen konnte. + +Einige glauben, dieses Läuten (welches oft nicht von den Kranken und +Sterblägrigen, sondern nur von andern gehört wird) geschehe von bösen +Geistern, andere dagegen: von guten Engeln. Wiederum andere sagen, es +komme von dem Schutz-Geist, welcher den Menschen warnen und erinnern +wollte, daß er sich zu seinem heraneilenden Ende bereite. + + + + +266. + +Todes-Gespenst. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 419. u. 1044. + + +Zu Schwatz und Innsbruck in Tirol läßt sich zur Sterbenszeit ein +Gespenst sehen, bald klein, bald groß, wie ein Haus. Zu welchem +Fenster es hinein schaut, aus demselben Hause sterben die Leute. + + + + +267. + +Frau Berta oder die weiße Frau. + +~+Joh. Jac. Rohde+ de celebri spectro, quod vulgo~ die weiße Frau +~nominant.~ Königsberg 1723. 4. + ++Stilling’s+ Theorie der Geisterkunde. S. 351-359. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. S. 59-92. + +vgl. Volksmärchen der Frau +Naubert+. Bd. III. + + +Die +weiße Frau+ erscheint in den Schlössern mehrerer fürstlichen +Häuser, namentlich zu Neuhaus in Böhmen, zu Berlin, Baireuth, Darmstadt +und Carlsruhe und in allen, deren Geschlechter nach und nach durch +Verheirathung mit dem ihren verwandt geworden sind. Sie thut niemanden +zu Leide, neigt ihr Haupt vor wem sie begegnet, spricht nichts und +ihr Besuch bedeutet einen nahen Todesfall, manchmal auch etwas +fröhliches, wenn sie nämlich keinen schwarzen Handschuh an hat. Sie +trägt ein Schlüsselbund und eine weiße Schleierhaube. Nach einigen +soll sie im Leben +Perchta von Rosenberg+ geheißen, zu Neuhaus in +Böhmen gewohnt haben und mit Johann von Lichtenstein, einem bösen, +störrischen Mann, vermählt gewesen seyn. Nach ihres Gemahls Tode lebte +sie in Witwenschaft zu Neuhaus und fing an zu großer Beschwerde ihrer +Unterthanen, die ihr fröhnen mußten, ein Schloß zu bauen. Unter der +Arbeit rief sie ihnen zu, fleißig zu seyn: “wann das Schloß zu stand +seyn wird, will ich euch und euern Leuten einen süßen Brei vorsetzen,” +denn dieser Redensart bedienten sich die Alten, wenn sie jemand zu Gast +luden. Den Herbst nach Vollendung des Baus hielt sie nicht nur ihr +Wort, sondern stiftete auch, daß auf ewige Zeiten hin alle Rosenberge +ihren Leuten ein solches Mahl geben sollten. Dieses ist bisher +fortgeschehen[13] und unterbleibt es, so erscheint sie mit zürnenden +Mienen. Zuweilen soll sie in fürstliche Kinderstuben Nachts, wenn +die Ammen Schlaf befällt, kommen, die Kinder wiegen und vertraulich +umtragen. Einmal als eine unwissende Kinderfrau erschrocken fragte: +“was hast du mit dem Kinde zu schaffen?” und sie mit Worten schalt, +soll sie doch gesagt haben: “ich bin keine Fremde in diesem Haus wie +du, sondern gehöre ihm zu; dieses Kind stammt von meinen Kindeskindern. +Weil ihr mir aber keine Ehre erwiesen habt, will ich nicht mehr hier +einkehren.” + + + [13] Der Brei wird aus Erbsen und Heidegrütz gekocht, auch jedesmal + Fische dazu gegeben. + + + + +268. + +Die wilde Berta kommt. + +~+Crusii+ annal. suev. p. I. lib. XII. c. 6. p. 329.; p. II. l. VIII. +c. 7. p. 266.~ + ++Flögel+ Gesch. des Grotesken. S. 23. + +Journal von und für Deutschland. 1790. Bd. 2. S. 26 ff. + + +In Schwaben, Franken und Thüringen ruft man halsstarrigen Kindern zu: +“schweig oder die wilde Berta kommt!” Andere nennen sie Bildabertha, +Hildabertha, auch wohl: die eiserne Bertha. Sie erscheint als eine +wilde Frau mit zottigen Haaren und besudelt dem Mädchen, das den +letzten Tag im Jahre seinen Flachs nicht abspinnt, den Rocken. Viele +Leute essen diesen Tag Klöße und Hering. Sonst, behaupten sie, käme +die Perchta oder Prechta, schnitte ihnen den Bauch auf, nähme das +erstgenossene heraus und thue Heckerling hinein. Dann nähe sie mit +einer Pflugschar statt der Nadel und mit einer Röhmkette statt des +Zwirns den Schnitt wieder zu. + + + + +269. + +Der Türst, das Posterli und die Sträggele. + ++Stalder+ Idiot. I. 208. 209. 329. II. 405. + + +Wann der Sturm Nachts im Walde heult und tobt, sagt das Volk im +Luzernergau: “der Türst, oder der +Dürst+ jagt!” Im Entlebuch weiß +man dagegen von dem +Posterli+, einer Unholdin, deren Jagd die +Einwohner Donnerstag vor Weihnachten in einem großen Aufzug, mit Lärm +und Geräusch, jährlich vorstellen. In der Stadt Luzern heißt die ++Sträggele+ eine Hexe, welche in der Frohnfastennacht am Mittwoch vor +den heiligen Weihnachten herumspukt und die Mädchen, wenn sie ihr +Tagewerk nicht gesponnen, auf mancherlei Art schert; daher auch diese +Nacht die +Sträggele-Nacht+ genannt wird. + + + + +270. + +Der Nachtjäger und die Rüttelweiber. + ++Prätorius+ Rübezahl II. 134-136. + + +Die Einwohner des Riesengebirgs hören bei nächtlichen Zeiten oft +Jägerruf, Hornblasen und Geräusch von wilden Thieren; dann sagen sie: +“der Nachtjäger jagt.” Kleine Kinder fürchten sich davor und werden +geschweiget, wenn man ihnen zuruft: “sey still, hörest du nicht +den Nachtjäger jagen?” Er jagt aber besonders die +Rüttelweiber+, +welche kleine mit Moos bekleidete Weiblein seyn sollen, verfolgt und +ängstigt sie ohn’ Unterlaß. Es sey dann, daß sie an einen Stamm eines +abgehauenen Baumes gerathen, und zwar eines solchen, wozu der Hölzer +(Holzbauer) “+Gott waels+!” (Gott walte es) gesprochen hat. Auf solchem +Holz haben sie Ruhe. Sollte er aber, als er die Axt zum erstenmal an +den Baum gelegt, gesagt haben: “waels Gott!” (so daß er das Wort Gott +hintan gesetzt), so gibt ein solcher Stamm keinem Rüttelweibchen Ruh +und Frieden, sondern es muß vor dem Nachtjäger auf stetiger Flucht seyn. + + + + +271. + +Der Mann mit dem Schlackhut. + +Mündlich, aus Beerfelden im Erbachischen. + + +Es hat vor ein Paar Jahren noch eine alte Frau eines der Zimmer des +verfallenen Freyensteins bewohnt. Eines Abends trat zu ihr ganz +unbefangen in die Stube herein ein Mann, der einen grauen Rock, einen +großen Schlackhut und einen langen Bart trug. Er hing seinen Hut an den +Nagel, saß, ohne sich um jemand zu bekümmern, nieder an Tisch, zog ein +kurz Tabakspfeifchen aus dem Sack und rauchte. So blieb dieser Graue +immer hinter seinem Tisch sitzen. Die Alte konnte seinen Abgang nicht +erwarten und legte sich ins Bett. Morgens war das Gespenst geschwunden. +-- Des Schulzen Sohn verzählte: “den ersten Christtagmorgen, während +Amt in der Kirche gehalten wurde, saß meine Frähle (Großmutter) in +unsrer Stube und bätete. Als sie einmal vom Buch aufsah und gerade nach +dem Schloßgarten guckte, erblickte sie oben einen Mann in grauer Kutte +und einem Schlackhut stehen, der hackte von Zeit zu Zeit. So haben wir +und alle Nachbarn ihn gesehen. Als die Sonne unterging, verschwand er.” + + + + +272. + +Der graue Hockelmann. + +Mündlich, an der Bergstraße. + + +Vor vielen Jahren ging einmal ein Bauer aus Auerbach Abends unten +am Schloßberg vorüber. Da wurde er plötzlich von einem grauen Manne +angehalten und gezwungen, ihn bis hinauf in das Schloß zu hockeln. +Auf einer dunkeln Stiege des Schlosses wurde der Bauer den andern Tag +gefunden, wie einer der sich übermüdet. Er starb kurze Zeit darauf. + + + + +273. + +Chimmeke in Pommern. + ++Micrälius+ B. III. Cap. 64. + + +Auf dem Schlosse Loyz soll ein Poltergeist, den die alten Pommern ++Chimmeke+ nennen, einen Küchenbuben klein gehackt und in einen irdenen +Topf gesteckt haben, weil er ihm die Milch, die dem Geist in der Zeit +des Aberglaubens alle Abend mußte hingesetzt werden, verzehrt hatte. +Diesen Topf oder Grapen, worin Chimmeke sein Müthlein gekühlet, hat man +lange Zeit vorgezeiget. + + + + +274. + +Der Krischer. + +Aus einem Amtsbericht in der erbacher Cämmerei. + + +Johann Peter Kriechbaum, Schultheiß der oberkainsbacher Zent, erzählte +den 12. März 1753: im Bezirk, genannt die Spreng, halte sich ein Geist +oder Gespenst auf, so allerhand Gekreisch, als wie ein Reh, Fuchs, +Hirsch, Esel, Hund, Schwein und anderer Thiere, auch gleich allerhand +Vögel führe, dahero es von den Leuten der Krischer geheißen werde. Es +habe schon viele irre geleitet und getraue niemand, sonders die Hirten +nicht, sich über Nacht in dasigen Wiesen aufzuhalten. Ihm sey neulich +selbst begegnet, als er Nachts auf seine Wiese in der Spreng gegangen +und das Wasser zum Wässern aufgewendet, da habe ein Schwein in dem +Wäldchen auf der langenbrombacher Seite geschrien, als ob ihm das +Messer im Hals stäcke. Das Gespenst gehe bis in den Holler Wald, wo man +vor 16 Jahren Kohlen brennen lassen, über welches die Kohlenbrenner +damals sehr geklagt und daß sie vielfältig von ihm geängstigt würden, +indem es ihnen in Gestalt eines Esels erschienen. Ein gleiches habe +der verstorbene Johann Peter Weber versichert, der in der Nacht Kohlen +allda geladen, um sie auf den michelstädter Hammer zu führen. Heinrich +Germann, der alte Centschultheiß, versicherte, als er einstmalen +die Ochsen in seiner Sprengswiese gehütet, wäre ein Fuchs auf ihn +zugelaufen gekommen, nach dem er mit der Peitsche geschlagen, worauf er +augenblicks verschwunden. + + + + +275. + +Die überschiffenden Mönche. + +Nach +Melanchthon’s+ Erzählung reimsweise gestellt von +Georg Sabinus+ +und abgedruckt bei +Weier+ von der Zauberei ~l. c.~ 17. + + +In der Stadt Speier lebte vorzeiten ein Fischer. Als dieser einer Nacht +an den Rhein kam und sein Garn ausstellen wollte, trat ein Mann auf +ihn zu, der trug eine schwarze Kutte in Weise der Mönche und nachdem +ihn der Fischer ehrsam gegrüßt hatte, sprach er: “ich komm ein Bote +fernher und möchte gern über den Rhein.” “Tritt in meinen Nachen ein +zu mir, antwortete der Fischer, ich will dich überfahren.” Da er nun +diesen übergesetzt hatte und zurückkehrte, standen noch fünf andere +Mönche am Gestade, die begehrten auch zu schiffen und der Fischer frug +bescheiden: was sie doch bei so eitler Nacht reisten? “Die Noth treibt +uns, versetzte einer der Mönche, die Welt ist uns feind, so nimm du +dich unser an und Gottes Lohn dafür.” Der Fischer verlangte zu wissen: +was sie ihm geben wollten für seine Arbeit? Sie sagten: “jetzo sind wir +arm, wenn es uns wieder besser geht, sollst du unsere Dankbarkeit schon +spüren.” Also stieß der Schiffer ab, wie aber der Nachen mitten auf den +Rhein kam, hob sich ein fürchterlicher Sturm. Wasserwellen bedeckten +das Schiff und der Fischer erblaßte. “Was ist das,” dachte er bei sich, +“bei Sonnenniedergang war der Himmel klar und lauter und schön schien +der Mond, woher dieses schnelle Unwetter?” Und wie er seine Hände hob, +zu Gott zu beten, rief einer der Mönche: “was liegst du Gott mit Beten +in den Ohren, steuere dein Schiff.” Bei den Worten riß er ihm das +Ruder aus der Hand und fing an den armen Fischer zu schlagen. Halbtodt +lag er im Nachen, der Tag begann zu dämmern und die schwarzen Männer +verschwanden. Der Himmel war klar, wie vorher, der Schiffer ermannte +sich, fuhr zurück und erreichte mit Noth seine Wohnung. Des andern Tags +begegneten dieselben Mönche einem früh aus Speier reisenden Boten in +einem rasselnden, schwarz bedeckten Wagen, der aber nur drei Räder und +einen langnasigten Fuhrmann hatte. Bestürzt stand er still, ließ den +Wagen vorüber und sah bald, daß er sich mit Prasseln und Flammen in +die Lüfte verlor, dabei vernahm man Schwerterklingen, als ob ein Heer +zusammenginge. Der Bote wandte sich, kehrte zur Stadt und zeigte alles +an; man schloß aus diesem Gesicht auf Zwietracht unter den deutschen +Fürsten. + + + + +276. + +Der Irrwisch. + +Mündlich, aus Hänlein. + + +An der Bergstraße zu Hänlein, auch in der Gegend von Lorsch, nennt +man die Irrlichter: +Heerwische+; sie sollen nur in der Adventszeit +erscheinen und man hat einen Spottreim auf sie: “Heerwisch, ho ho, +brennst wie Haberstroh, schlag mich blitzeblo!” Vor länger als dreißig +Jahren, wird erzählt, sah ein Mädchen Abends einen Heerwisch und rief +ihm den Spottreim entgegen. Aber er lief auf das Mädchen gerade zu und +als es floh und in das Haus zu seinen Eltern flüchtete, folgte er ihr +auf der Ferse nach, trat mit ihr zugleich ins Zimmer hinein und schlug +alle Leute, die darin waren, mit seinen feurigen Flügeln, daß ihnen +Hören und Sehen verging. + + + + +277. + +Die feurigen Wagen. + +Mündlich, aus dem Odenwald. + + +Conrad Schäfer aus Gammelsbach erzählte: “ich habe vor einigen Jahren +Frucht auf der Hirschhörnerhöhe nicht weit von Freienstein, dem alten +Schloß, gehütet. Nachts um zwölfe begegneten mir zwei feurige Kutschen +mit gräßlichem Gerassel: jede mit vier feurigen Rossen bespannt. Der +Zug kam gerade vom Freienstein. Er ist mir öfter begegnet und hat mich +jedesmal gewaltig erschreckt; denn es saßen Leute in den Kutschen, +denen die Flamme aus Maul und Augen schlug.” + + + + +278. + +Räderberg. + +Mündlich. + + +Ein Metzger von Nassau ging aus, zu kaufen. Auf der Landstraße stößt er +bald auf eine dahin fahrende Kutsche und geht ihr nach, den Gleisen in +Gedanken folgend. Mit einmal hält sie an und vor einem schönen großen +Landhaus, mitten auf der Heerstraße, das er aber sonst noch niemals +erblickt, so oft er auch dieses Wegs gekommen. Drei Mönche steigen +aus dem Wagen und der erstaunte Metzger folgt ihnen unbemerkt in das +hellerleuchtete Haus. Erst gehen sie in ein Zimmer, einem die Communion +zu reichen, und nachher in einen Saal, wo große Gesellschaft um +einen Tisch sitzt, in lautem Lärmen und Schreien ein Mahl verzehrend. +Plötzlich bemerkt der Obensitzende den fremden Metzger und sogleich +ist alles still und verstummt. Da steht der Oberste auf und bringt +dem Metzger einen Weinbecher mit den Worten: “noch einen Tag!” Der +Metzger erschauert und will nicht trinken. Bald hernach erhebt sich +ein Zweiter, tritt den Metzger mit einem Becher an und spricht wieder: +“noch ein Tag!” Er schlägt ihn wieder aus. Nachdem kommt ein Dritter +mit dem Becher und denselben Worten: “noch ein Tag!” Nunmehr trinkt +der Metzger. Aber kurz darauf nähert sich demselben ein Vierter aus +der Gesellschaft, den Wein nochmals darbietend. Der Metzger erschrickt +heftiglich, und als er ein Kreuz vor sich gemacht, verschwindet +auf einmal die ganze Erscheinung und er befindet sich in dichter +Dunkelheit. Wie endlich der Morgen anbricht, sieht sich der Metzger +auf dem Räderberg, weit weg von der Landstraße, geht einen steinigten, +mühsamen Weg zurück in seine Vaterstadt, entdeckt dem Pfarrer die +Begebenheit und stirbt genau in drei Tagen. + +Die Sage war schon lang verbreitet, daß auf jenem Berg ein Kloster +gestanden, dessen Trümmer noch jetzt zu sehen sind, dessen Orden aber +ausgestorben wäre. + + + + +279. + +Die Lichter auf Hellebarden. + ++Happel+ ~relat. curios. II. 771. 772.~ + + +Von dem uralten hanauischen Schloß Lichtenberg auf einem hohen Felsen +im Unterelsaß, eine Stunde von Ingweiler belegen, wird erzählt: so oft +sich Sturm und Ungewitter rege, daß man auf den Dächern und Knöpfen des +Schlosses, ja selbst auf den Spitzen der Hellebarden viele kleine blaue +Lichter erblicke. Dies hat sich seit langen Jahren also befunden und +nach einigen selbst dem alten Schloß den Namen gegeben. + +Zwei Bauern gingen aus dem Dorf Langenstein (nah bei Kirchhain in +Oberhessen) nach Embsdorf zu, mit ihren Heugabeln auf den Schultern. +Unterwegs erblickte der eine unversehens ein Lichtlein auf der Partisan +seines Gefährten, der nahm sie herunter und strich lachend den Glanz +mit den Fingern ab, daß er verschwand. Wie sie hundert Schritte weiter +gingen, saß das Lichtlein wieder an der vorigen Stelle und wurde +nochmals abgestrichen. Aber bald darauf stellte es sich zum drittenmal +ein, da stieß der andere Bauer einige harte Worte aus, strich es +jenem nochmals ab und darauf kam es nicht wieder. Acht Tage hernach +zu derselben Stelle, wo der eine dem andern das Licht zum drittenmal +abgestrichen hatte, trafen sich diese beiden Bauern, die sonst alte +gute Freunde gewesen, verunwilligten sich und von den Worten zu +Schlägen kommend erstach der eine den andern. + + + + +280. + +Das Wafeln. + ++Kosegarten+ Rhapsodien. II. 76. + ++Zölner’s+ Reise durch Pommern. 1797. I. 316. 516. + + +An der Ost-See glauben die Leute den Schiffbruch, das Stranden, oftmals +vorherzusehen, indem solche Schiffe vorher spuckten, einige Tage oder +Wochen, an dem Ort, wo sie verunglücken, bei Nachtzeit wie dunkle +Luftgebilde erschienen, alle Theile des Schiffs, Rumpf, Tauwerk, Maste, +Segel in bloßem Feuer vorgestellt. Dies nennen sie +wafeln+. + +Es wafeln auch Menschen, die ertrinken, Häuser, die abbrennen werden +und Orte, die untergehen. Sonntags hört man noch unter dem Wasser die +Glocken versunkener Städte klingen. + + + + +281. + +Weberndes Flammen-Schloß. + +Der abentheuerliche Jean Rebhu. 1679. Th. II. S. 8-11. + + +In Tirol auf einem hohen Berg liegt ein altes Schloß, in welchem alle +Nacht ein Feuer brennt; die Flamme ist so groß, daß sie über die Mauern +hinausschlägt und man sie weit und breit sehen kann. Es trug sich zu, +daß eine arme Frau, der es an Holz mangelte, auf diesem Schloß-Berge +abgefallene Reiser zusammen suchte und endlich zu dem Schloß-Thor +kam, wo sie aus Vorwitz sich umschaute und endlich hineintrat, nicht +ohne Mühe, weil alles zerfallen und nicht leicht weiter zu kommen +war. Als sie in den Hof gelangte, sah sie eine Gesellschaft von Herrn +und Frauen da an einer großen Tafel sitzen und essen. Diener warteten +auf, wechselten Teller, trugen Speisen auf und ab und schenkten Wein +ein. Wie sie so stand, kam einer der Diener und holte sie herbei, +da ward ihr ein Stück Gold in das Schürz-Tuch geworfen, worauf in +einem Augenblick alles verschwunden war und die arme Frau erschreckt +den Rückweg suchte. Als sie aber den Hof hinausgekommen, stand da +ein Kriegsmann mit brennender Lunte, den Kopf hatte er nicht auf dem +Hals sitzen, sondern hielt ihn unter dem Arme. Der hub an zu reden +und verbot der Frau, keinem Menschen was sie gesehen und erfahren zu +offenbaren, es würde ihr sonst übel ergehen. Die Frau kam, noch voller +Angst, nach Haus, brachte das Gold mit, aber sie sagte nicht, woher sie +es empfangen. Als die Obrigkeit davon hörte, ward sie vorgefordert, +aber sie wollte kein Wort sich verlauten lassen und entschuldigte sich +damit, daß wenn sie etwas sagte, ihr großes Uebel daraus zuwachsen +würde. Nachdem man schärfer mit ihr verfuhr, entdeckte sie dennoch +alles, was ihr in dem Flammen-Schloß begegnet war, haarklein. In dem +Augenblick aber, wo sie ihre Aussage beendigt, war sie hinweg entrückt +und niemand hat erfahren können, wo sie hingekommen ist. + +Es hatte sich aber an diesem Ort ein junger Edelmann ins zweite Jahr +aufgehalten, ein Ritter und wohlerfahren in allen Dingen. Nachdem +er den Hergang dieser Sache erkündet, machte er sich tief in der +Nacht mit seinem Diener zu Fuß auf den Weg nach dem Berg. Sie stiegen +mit großer Mühe hinauf und wurden sechsmal von einer Stimme davon +abgemahnt: sie würdens sonst mit großem Schaden erfahren müssen. Ohne +aber darauf zu achten, gingen sie immer zu und gelangten endlich vor +das Thor. Da stand jener Kriegsmann wieder als Schildwache und rief, +wie gebräuchlich: “wer da?” Der Edelmann, ein frischer Herr, gab zur +Antwort: “ich bins.” Das Gespenst fragte weiter: “wer bist du?” Der +Edelmann aber gab diesmal keine Antwort, sondern hieß den Diener das +Schwert herlangen. Als dieses geschehen, kam ein schwarzer Reuter aus +dem Schloß geritten, gegen welchen sich der Edelmann wehren wollte; +der Reuter aber schwang ihn auf sein Pferd und ritt mit ihm in den Hof +hinein und der Kriegsmann jagte den Diener den Berg hinab. Der Edelmann +ist nirgends zu finden gewesen. + + + + +282. + +Der Feuerberg. + +Mündlich, aus Wernigerode. + + +Einige Stunden von Halberstadt liegt ein ehemals kahler, jetzt +mit hohen Tannen und Eichen bewachsener Berg, der von vielen der ++Feuerberg+ genannt wird. In seinen Tiefen soll der Teufel sein Wesen +treiben und alles in hellen Flammen brennen. Vor alten Zeiten wohnte +in der Gegend von Halberstadt ein Graf, der bös und raubgierig war und +die Bewohner des Landes rings herum drückte, wo er nur konnte. Einem +Schäfer war er viel Geld seit langen Jahren schuldig, jedesmal aber, +wenn dieser kam und darum mahnte, gab er ihm schnöde und abweisende +Antworten. Auf einmal verschwand der Graf und es hieß, er wär gestorben +in fernen Landen. Der Schäfer ging betrübt zu Felde und klagte über +seinen Verlust, denn die Erben und Hinterlassenen des Grafen wollten +von seiner Foderung nichts wissen und jagten ihn, als er sich meldete, +die Burg hinab. Da geschah es, daß, als er zu einer Zeit im Walde war, +eine Gestalt zu ihm trat und sprach: “willst du deinen alten Schuldner +sehen, so folge mir nach.” Der Schäfer folgte und ward durch den Wald +geführt bis zu einem hohen, nackten Berg, der sich alsbald vor beiden +mit Getöse öffnete, sie aufnahm und sich wieder schloß. Innen war +alles ein Feuer. Der zitternde Schäfer erblickte den Grafen, sitzend +auf einem Stuhle, um welchen sich, wie an den glühenden Wänden und +auf dem Boden, tausend Flammen wälzten. Der Sünder schrie: “willst du +Geld haben, Schäfer, so nimm dieses Tuch und bringe es den Meinigen; +sage ihnen, wie du mich im Höllenfeuer sitzen gesehen, in dem ich bis +in Ewigkeit leiden muß.” Hierauf riß er ein Tuch von seinem Haupt und +gab es dem Schäfer und aus seinen Augen und Händen sprühten Funken. +Der Schäfer eilte mit schwankenden Füßen, von seinem Führer geleitet, +zurück, der Berg that sich wieder auf und verschloß sich hinter ihm. +Mit dem Tuch ging er dann auf des Grafen Burg, zeigte es und erzählte, +was er gesehen; worauf sie ihm gern sein Geld gaben. + + + + +283. + +Der feurige Mann. + +~+Bothonis+ chronicon brunsvic. pictur.~ bei ~+Leibniz+ SS. RR. BB. +III. 337.~ + +Mündlich, aus dem Erbachischen. + + +In düssem Jare (1125) sach me einen furigen Man twischen den Borgen +twen, de de heten Gelichghen (Gleichen), dat was in der rechten +Middernacht. De Man gingk von einer Borch to der anderen unde brande +alse ein Blase, alse ein glonich Für; düt segen de Wechters, und dede +dat in dren Nechten unde nig mer. + +Georg Miltenberger, im sogenannten Hoppelrain bei Kailbach Amts +Freienstein wohnhaft, erzählte: “in der ersten Adventssonntagsnacht, +zwischen 11 und 12 Uhr, nicht weit von meinem Hause, sah ich einen +ganz in Feuer brennenden Mann. An seinem Leibe konnte man alle Rippen +zählen. Er hielt seine Straße von einem Marktstein zum andern, bis er +nach Mitternacht plötzlich verschwand. Viel Menschen sind durch ihn +in Furcht und Schrecken gerathen, weil er durch Maul und Nase Feuer +ausspie und in einer fliehenden Schnelligkeit hin und her flog, die +Kreuz und die Quer.” + + + + +284. + +Die verwünschten Landmesser. + +Mündlich, aus Meckelnburg. + + +Die Irrwische, welche Nachts an den Ufern und Feldrainen hin und her +streifen, sollen ehdem Landmesser gewesen seyn und die Marken trüglich +gemessen haben. Darum sind sie verdammt, nach ihrem Leben umzugehen und +die Grenzen zu hüten. + + + + +285. + +Der verrückte Grenzstein. + ++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 422. + + +Auf dem Feld um Eger herum läßt sich nicht selten ein Gespenst in +Gestalt eines Mannsbildes sehen, welches die Leute den Junker Ludwig +nennen. Ehedessen soll einer dieses Namens da gelebt und die Grenz- +und Marksteine des Feldes betrüglich verrückt haben. Bald nach seinem +Tode fing er nun an zu wandern und hat viel Leute durch seine Begegnung +erschreckt. Noch in jüngern Zeiten erfuhr das ein Mädchen aus der +Stadt. Es ging einmal allein vor dem Thore und gerieth von ungefähr +in die berüchtigte Gegend. An der Stätte, wo der Markstein, wie man +sagt, verrückt seyn soll, wandelte ihr ein Mann entgegen, gerade so +aussehend, als man ihr schon mehrmals die Erscheinung des bösen Junkers +beschrieben hatte. Er ging auf sie an, griff ihr mit der Faust an die +Brust und verschwand. In tiefster Entsetzung ging das Mädchen heim zu +den Ihrigen und sprach: “ich hab mein Theil.” Da fand man ihre Brust, +da wo der Geist sie angerührt hatte, schwarz geworden. Sie legte sich +gleich zu Bette und verschied dritten Tags darauf. + + + + +286. + +Der Grenzstreit. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Zu Wilmshausen, einem hessischen Dorf unweit Münden, war vormals +Uneinigkeit zwischen der Gemeinde und einer benachbarten über ihre +Grenze entsprungen. Man wußte sie nicht recht mehr auszumitteln. Also +kam man übereins, einen Krebs zu nehmen und ihn über das streitige +Ackerfeld laufen zu lassen, folgte seinen Spuren und legte die +Marksteine danach. Weil er nun so wunderlich in die Kreuz und Quer +lief, ist daselbst eine sonderbare Grenze mit mancherlei Ecken und +Winkeln bis auf heutigen Tag. + + + + +287. + +Der Grenzlauf. + ++Wyß+ a. a. O. S. 80-100. vgl. 317. + + +Ueber den Klußpaß und die Bergscheide hinaus vom Schächenthale weg +erstreckt sich das Urner Gebiet am Fletschbache fort und in Glarus +hinüber. Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre +Landesgrenze, beleidigten und schädigten einander täglich. Da ward +von den Biedermännern der Ausspruch gethan: zur Tag- und Nachtgleiche +solle von jedem Theil frühmorgens, sobald der Hahn krähe, ein +rüstiger, kundiger Felsgänger ausgesandt werden, und jedweder nach dem +jenseitigen Gebiet zulaufen und da, wo sich beide Männer begegneten, +die Grenzscheide festgesetzt bleiben, das kürzere Theil möge nun +fallen dießeits oder jenseits. Die Leute wurden gewählt und man dachte +besonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht verkrähe +und die Morgenstunde auf das allerfrühste ansagte. Und die Urner +nahmen einen Hahn, setzten ihn in einen Korb und gaben ihm sparsam zu +essen und saufen, weil sie glaubten, Hunger und Durst werde ihn früher +wecken. Dagegen die Glarner fütterten und mästeten ihren Hahn, daß +er freudig und hoffärtig den Morgen grüßen könne, und dachten damit +am besten zu fahren. Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag +erschien, da geschah es, daß zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst +erkrähte, kaum wie es dämmerte, und froh brach der urner Felsenklimmer +auf, der Marke zu laufend. Allein im Linthal drüben stand schon die +volle Morgenröthe am Himmel, die Sterne waren verblichen und der fette +Hahn schlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde, +aber es galt die Redlichkeit und keiner wagte es, ihn aufzuwecken; +endlich schwang er die Flügel und krähte. Aber dem glarner Läufer +wirds schwer seyn, dem urner den Vorsprung wieder abzugewinnen! +Ängstlich sprang er, und schaute gegen das Scheideck, wehe da sah er +oben am Giebel des Grats den Mann schreiten und schon bergabwärts +niederkommen; aber der Glarner schwang die Fersen und wollte seinem +Volke noch vom Lande retten, so viel als möglich. Und bald stießen +die Männer auf einander und der von Uri rief: “hier ist die Grenze!” +“Nachbar,” sprach betrübt der von Glarus, “sey gerecht und gib mir +noch ein Stück von dem Weidland, das du errungen hast!” Doch der Urner +wollte nicht, aber der Glarner ließ ihm nicht Ruh, bis er barmherzig +wurde und sagte: “so viel will ich dir noch gewähren, als du mich an +deinem Hals tragend bergan laufst.” Da faßte ihn der rechtschaffene +Sennhirt von Glarus und klomm noch ein Stück Felsen hinauf, und manche +Tritte gelangen ihm noch, aber plötzlich versiegte ihm der Athem und +todt sank er zu Boden. Und noch heutiges Tags wird das Grenzbächlein +gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner +getragen habe. In Uri war große Freude ob ihres Gewinnstes, aber auch +die zu Glarus gaben ihrem Hirten die verdiente Ehre und bewahrten seine +große Treue in steter Erinnerung. + + + + +288. + +Die Alpschlacht. + ++Stalder+ Fragmente über Entlebuch. Zürich 1797. I. S. 81-85. + + +Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden, +aber die Obwaldner waren im Besitz und trieben ihr Vieh darauf. Weil +sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten +sie Wächter zu ihrer Heerde. Die geschwinden und feinen Entlebucher +dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und +ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses +ahnten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen +verkürzten, schlichen kühne entlebucher Hirten auf die schlechtbewahrte +Trift, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und +führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen mußte zurückbleiben +und so lange mit den Kühglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr +sicher wären. Er thats, warf dann all den Klumpen von Schellen auf +den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden +Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie +wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen +jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten. +Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch +dazu geschlagen; das ihnen damals abgewonnene Fähnlein bewahren die +Entlebucher noch heutiges Tags in ihrer Heimlichkeit (einem alten +Thurm im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich +ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht +genannt. + + + + +289. + +Der Stein bei Wenthusen. + +Quedlinburger Sammlung. S. 150. 154. + + +Wenthusen im Quedlinburgischen war vorzeiten ein Frauenkloster und kam +nachher an die Grafen von Regenstein, nach deren Absterben an andere +Herrn. Man gibt vor, es läge auf diesem Gut von Klosterzeiten her noch +ein Stein, der stets unberührt und unbeschädigt liegen bleiben müßte, +wo nicht dem Besitzer ein großes Unglück widerfahren sollte. Einer +derselben soll ihn aus Neugierde haben wegnehmen lassen, aber dafür auf +alle mögliche Art und Weise so lange gequält worden seyn, bis der Stein +wieder auf seiner rechten Stelle gelegen habe. + + + + +290. + +Die altenberger Kirche. + ++J.B. Heller’s+ Merkwürdigk. Thüringens. I. 59. 466. + ++Falkenstein+ thür. Chronik II. 273. Anm. b. III. 1272. + + +Oberhalb dem Dorfe Altenberg im Thüringer Wald liegt auf einem hohen +Berg luftig zwischen Bäumen das Kirchlein des Orts, die Johannes-Kirche +genannt. Wegen des beschwerlichen Wegs dahin, besonders im Winter +bei Glatteis und wenn Leichen oder Kinder zur Taufe hinauf zu tragen +waren, wollten, nach der Sage, die Altenberger die Kirche abbrechen und +unten im Dorfe aufrichten, aber sie waren es nicht vermögend. Denn was +sie heute abgetragen und ins Thal herabgebracht hatten, fanden sie am +andern Morgen wieder an seiner Stelle in gehöriger Ordnung oben auf der +Capelle, also daß sie von ihrem Vorhaben abstehen mußten. + +Diese Kirche hat der heil. Bonifacius gestiftet und auf dem Berge +öfters geprediget. Einmal als er es dort unter freiem Himmel +that, geschah es, daß eine große Menge Raben, Dohlen und Krähen +herbeigeflogen kamen und ein solches Gekrächz und Geschrei anfingen, +daß die Worte des heil. Bonifacius nicht mehr konnten verstanden +werden. Da bat er Gott, daß er solchen Vögeln in diese Gegend zu kommen +nimmermehr erlaube. Seine Bitte wurde ihm gewährt und man hat sie +hernach nie wieder an diesem Orte gesehen. + + + + +291. + +Der König im lauenburger Berg. + ++Kornmann+ ~mons Veneris~. + ++Seyfried’s+ ~medulla p.~ 482. + ++Valvassor+ Ehre von Crain I. 247. + + +Auf einem Berg bei der Lauenburg in Cassuben fand man 1596. eine +ungeheure Kluft. Der Rath hatte zwei Missethäter doch zum Tod +verurtheilt und schenkte ihnen unter der Bedingung das Leben, daß sie +diesen Abgrund besteigen und besichtigen sollten. Als diese hinein +gefahren waren, erblickten sie unten auf dem Grund einen schönen +Garten, darin stand ein Baum mit lieblich-weißer Blüte; doch durften +sie nicht daran rühren. Ein Kind war da, das führte sie über einen +weiten Plan hin zu einem Schloß. Aus dem Schloß ertönte mancherlei +Saitenspiel, wie sie eintraten, saß da ein König auf silbernem Stuhl, +in der einen Hand einen goldnen Scepter, in der andern einen Brief. Das +Kind mußte den Brief den beiden Missethätern überreichen. + + + + +292. + +Der Schwanberg. + ++Agricola+ Sprichw. 389. 390. + + +Man hat gesagt bei Menschen Gezeiten her und niemand weiß, von wem +es ausgekommen ist: “es soll der +Schwanberg+ noch mitten in Schweiz +liegen,” das ist ganz Deutschland wird Schweiz werden. Diese Sage ist +gemein und ungeachtet. + + + + +293. + +Der Robbedisser Brunn. + ++Letzner+ Dasselische Chronik. B. ~VIII. c.~ 10. + + +Wenn man von Dassel über die Höhe, Bier genannt, und über den Kirchberg +gehen will, hat man zur linken Hand einen Ort Namens Robbedissen, +wo ein Quellbrunn fließt. Von diesem, von dem schwarzen Grund hinter +dem Gericht und der großen Pappel vor Eilenhausen haben die Leute der +Gegend den festen Glauben: wann der robbedisser Brunn seine Stätte +verrücke, der schwarze Grund der andern Erde gleich werde, und der +große eilenhäuser Pappelbaum verdorre und vergehe, alsdann werde in der +Schöffe, einem Feld zwischen Eilenhausen und Markoldendorf, eine große, +blutige Schlacht gehalten werden. + + + + +294. + +Bamberger Wage. + +~+Manlii+ loc. comm. collect. p. 46.~ + + +Zu Bamberg, auf Kaiser Heinrichs Grab, ist die Gerechtigkeit mit einer +Wagschale in der Hand eingehauen. Die Zunge der Wage steht aber nicht +in der Mitte, sondern neigt etwas auf eine Seite. Es gehet hierüber ein +altes Gerücht, daß, sobald das Zünglein ins Gleiche komme, die Welt +untergehen werde. + + + + +295. + +Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern. + ++Georg Draud+ fürstliche Tischreden. I. + +vgl. +Fischart+ Gargantua 266~b~. + + +Etliche wollen, daß Kaiser Friedrich, als er aus der Gefangenschaft bei +den Türken befreit worden, gen Kaiserslautern gekommen und daselbst +seine Wohnung lange Zeit gehabt. Er baute dort das Schloß, dabei einen +schönen See oder Weiher, noch jetzt der Kaisersee genannt, darin soll +er einmal einen großen Karpfen gefangen und ihm zum Gedächtniß einen +güldenen Ring von seinem Finger an ein Ohr gehangen haben. Derselbige +Fisch soll, wie man sagt, ungefangen in dem Weiher bleiben, bis auf +Kaiser Friedrichs Zukunft. Auf eine Zeit, als man den Weiher gefischt, +hat man zwei Karpfen gefangen, die mit güldenen Ketten um die Hälse +zusammen verschlossen gewesen, welche noch bei Menschen-Gedächtniß zu +Kaiserslautern an der Metzler-Pforte in Stein gehauen sind. Nicht weit +vom Schloß war ein schöner Thiergarten gebauet, damit der Kaiser alle +wunderbarliche Thier vom Schloß aus sehen konnte, woraus aber seit der +Zeit ein Weiher und Schieß-Graben gemacht worden. Auch hängt in diesem +Schloß des Kaisers Bett an vier eisernen Ketten und, als man sagt, +so man das Bett zu Abend wohl gebettet, war es des Morgens wiederum +zerbrochen, so daß deutlich jemand über Nacht darin gelegen zu haben +schien. + +Ferner: zu Kaiserslautern ist ein Felsen, darin eine große Höhle oder +Loch, so wunderbarlich, daß niemand weiß, wo es Grund hat. Doch ist +allenthalben das gemeine Gerücht gewesen, daß Kaiser Friedrich, der +Verlorne, seine Wohnung darin haben sollte. Nun hat man einen an einem +Seil hinabgelassen und oben an das Loch eine Schelle gehangen, wann +er nicht weiter könne, daß er damit läute, so wolle man ihn wieder +heraufziehen. Als er hinab gekommen, hat er den Kaiser Friedrich in +einem güldenen Sessel sitzen sehen, mit einem großen Barte. Der Kaiser +hat ihm zugesprochen und gesagt, er solle mit niemand hier reden, so +werde ihm nichts geschehen, und solle seinem Herrn erzählen, daß er ihn +hier gesehen. Darauf hat er sich weiter umgeschaut und einen schönen +weiten Plan erblickt und viel Leut, die um den Kaiser standen. Endlich +hat er seine Schelle geläutet, ist ohne Schaden wieder hinauf gekommen +und hat seinem Herrn die Botschaft gesagt. + + + + +296. + +Der Hirt auf dem Kiffhäuser. + ++Georg Draud+ fürstliche Tischreden I. + + +Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege, +darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden. +Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte, +fing an auf seiner Sackpfeife zu pfeifen und als er meinte, er habe +ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: “Kaiser Friedrich, das +sey dir geschenkt!” Da soll sich der Kaiser hervorgethan, dem Schäfer +offenbart und zu ihm gesprochen haben: “Gott grüß dich, Männlein, wem +zu Ehren hast du gepfiffen?” “Dem Kaiser Friedrich,” antwortete der +Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: “hast du das gethan, so komm mit +mir, er soll dir darum lohnen.” Der Hirt sagte: “ich darf nicht von +den Schafen gehen.” Der Kaiser aber antwortete: “folge mir nach, +den Schafen soll kein Schaden geschehen.” Der Hirt folgte ihm und +der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit +von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer +eisernen Thür, die alsbald aufging, nun zeigte sich ein schöner, großer +Saal, darin waren viel Herrn und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeigten. +Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und +fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt +antwortete: “keinen.” Da sprach aber der Kaiser: “geh hin und nimm von +meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.” Das that der Schäfer, +wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da +zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter +und Büchsen und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen +Waffen das heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder +hinaus geleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu +einem Goldschmied, der ihn für ächtes Gold anerkannte und ihm abkaufte. + + + + +297. + +Die drei Telle. + +Journal des Luxus und der Moden. Januar 1805. S. 38. + + +In der wilden Berggegend der Schweitz um den Waldstättersee ist nach +dem Glauben der Leute und Hirten eine Felskluft, worin die drei +Befreier des Landes, die +drei Tellen+ genannt, schlafen. Sie sind mit +ihrer uralten Kleidung angethan, und werden wieder auferstehen und +rettend hervorgehen, wann die Zeit der Noth fürs Vaterland kommt. Aber +der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder. + +Ein Hirtenjung erzählte folgendes einem Reisenden: sein Vater, eine +verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sey in diese Höhle +gekommen und gleich, wie er gemerkt, daß die drei drin schlafenden +Männer die drei Tellen seyen, habe auf einmal der alte eigentliche Tell +sich aufgerichtet und gefragt: “welche Zeit ists auf der Welt?” und auf +des Hirten erschrockene Antwort: “es ist hoch am Mittag” gesprochen: +“es ist noch nicht an der Zeit, daß wir kommen,” und sey darauf wieder +eingeschlafen. Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die +Noth des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie +doch nie wieder finden können. + + + + +298. + +Das Bergmännchen. + ++Wyß+ a. a. O. S. 1-12. vgl. 305. 308. aus mündl. Sage. + + +In der Schweitz hat es im Volk viele Erzählungen von Berggeistern, +nicht blos auf dem Gebirg allein, sondern auch unten am Belp, zu +Gelterfingen und Rümlingen im Bernerland. Diese Bergmänner sind auch +Hirten, aber nicht Ziegen, Schafe und Kühe sind ihr Vieh, sondern +Gemsen und aus der Gemsenmilch machen sie Käse, die so lange wieder +wachsen und ganz werden, wenn man sie angeschnitten oder angebissen, +bis man sie unvorsichtiger Weise völlig und auf einmal, ohne Reste +zu lassen, verzehrt. Still und friedlich wohnt das Zwergvolk in den +innersten Felsklüften und arbeitet emsig fort, selten erscheinen sie +den Menschen, oder ihre Erscheinung bedeutet ein Leid und ein Unglück; +außer wenn man sie auf den Matten tanzen sieht, welches ein gesegnetes +Jahr anzeigt. Verirrte Lämmer führen sie oft den Leuten nach Haus und +arme Kinder, die nach Holz gehen, finden zuweilen Näpfe mit Milch im +Wald stehen, auch Körbchen mit Beeren, die ihnen die Zwerge hinstellen. + +Vorzeiten pflügte einmal ein Hirt mit seinem Knechte den Acker, da sah +man neben aus der Felswand dampfen und rauchen. “Da kochen und sieden +die Zwerge, sprach der Knecht, und wir leiden schweren Hunger, hätten +wir doch auch ein Schüsselchen voll davon.” Und wie sie das Pflugsterz +umkehrten, siehe, da lag in der Furche ein weißes Laken gebreitet +und darauf stand ein Teller mit frischgebackenem Kuchen und sie aßen +dankbar und wurden satt. Abends beim Heimgehen war Teller und Messer +verschwunden, blos das Tischtuch lag noch da, das der Bauer mit nach +Haus nahm. + + + + +299. + +Die Zirbelnüsse. + +Mündlich, aus Oberwallis. + + +Die Frucht der Arven oder Zirbeln, einer auf den Alpen wachsenden +Gattung Tannen (~Pinus cembra~), hat einen röthlichen, wohl und +süßschmeckenden Kern, fast wie Mandelnüsse sind. Allein man kann blos +selten und mit Mühe dazu gelangen, weil die Bäume meistens einzeln +über Felsenhängen und Abgründen, selten im Wald beisammen stehen. +Die Bewohner geben allgemein vor: die Meisterschaft habe diesen Baum +verwünscht und unfruchtbar gemacht, darum weil die Dienerschaft zur +Zeit, wo sie auf dem Feld fleißig arbeiten sollen, sich damit abgegeben +hätte, ihres lieblichen Geschmacks wegen diese Nüsse abzuwerfen und zu +essen, worüber alle nöthige Arbeit versäumt oder schlecht gethan worden +wäre. + + + + +300. + +Das Paradies der Thiere. + +Mündlich, aus Oberwallis im Visperthal. + + +Oben auf den hohen und unersteiglichen Felsen und Schneerücken des +Mattenbergs soll ein gewisser Bezirk liegen, worin die schönsten Gemsen +und Steinböcke, außerdem aber noch andere wunderbare und seltsame +Thiere, wie im Paradies zusammen hausen und weiden. Nur alle zwanzig +Jahre kann es einem Menschen gelingen, in diesen Ort zu kommen und +wieder unter zwanzig Gemsenjägern nur einem einzigen. Sie dürfen +aber kein Thier mit herunter bringen. Die Jäger wissen manches von +der Herrlichkeit dieses Orts zu erzählen, auch daß daselbst in den +Bäumen die Namen vieler Menschen eingeschnitten ständen, die nach +und nach dort gewesen wären. Einer soll auch einmal eine prächtige +Steinbockshaut mit herausgebracht haben. + + + + +301. + +Der Gemsjäger. + ++Wyß+ a. a. O. S. 43-61. vgl. 312. + + +Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat und immer weiter +klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher +Zwerg vor ihm, der sprach zornig: “warum erlegst du mir lange schon +meine Gemsen und lässest mir nicht meine Heerde? jetzt sollst du’s +mit deinem Blute theuer bezahlen!” Der Jäger erbleichte und wäre +bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um +Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten. +Der Zwerg sprach: “gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so +verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag Morgenfrüh vor deiner +Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte +dich mir und schone die andern.” Der Zwerg verschwand und der Jäger +ging nachdenklich heim und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am +siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Aesten eines Baums vor +seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt und die nächste Woche gings +eben so und dauerte ein Paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den +Jäger seiner Faulheit und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge +erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg +er auf und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte +an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er +eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den +Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund +sank. + +Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt, +an dem er wohl sein Lebelang hätte genug haben mögen, er es aber +unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den +Rest verschlungen. Aus Armuth habe er demnach wieder die Gemsjagd +unternommen und sey vom Zwerg in die Fluh gestürzt worden. + + + + +302. + +Die Zwerglöcher. + ++Behrens+ curiöser Harzwald S. 37. 75. 76. + + +Am Harz in der Grafschaft Hohenstein, sodann zwischen Elbingerode und +dem Rübenland, findet man oben in den Felsenhöhlen an der Decke runde +und andere Öffnungen, die der gemeine Mann +Zwerglöcher+ nennt, wo +die Zwerge vor Alters, vermittelst einer Leiter, ein- und ausgestiegen +seyn sollen. Diese Zwerge erzeigten den Einwohnern zu Elbingerode +alle Güte. Fiel eine Hochzeit in der Stadt vor, so gingen die Eltern +oder Anverwandten der Verlobten nach solchen Höhlen und verlangten +von den Zwergen messingne und kupferne Kessel, eherne Töpfe, zinnerne +Schüssel und Teller und ander nöthiges Küchengeschirr mehr. Darauf +traten sie ein wenig abwärts, und gleich hernach stellten die Zwerge +die gefoderten Sachen vor den Eingang der Höhle hin. Die Leute nahmen +sie sodann weg und mit nach Haus; wann aber die Hochzeit vorbei war, +brachten sie alles wieder zur selben Stelle, setzten zur Dankbarkeit +etwas Speise dabei. + + + + +303. + +Der Zwerg und die Wunderblume. + ++Otmar+ S. 145-150. + + +Ein junger, armer Schäfer aus Sittendorf an der südlichen Seite des +Harzes in der goldnen Aue gelegen, trieb einst am Fuß des Kyffhäusers +und stieg immer trauriger den Berg hinan. Auf der Höhe fand er eine +wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen, pflückte und +steckte sie an den Hut, seiner Braut ein Geschenk damit zu machen. +Wie er so weiter ging, fand er oben auf der alten Burg ein Gewölbe +offenstehen, blos der Eingang war etwas verschüttet. Er trat hinein, +sah viel kleine glänzende Steine auf der Erde liegen und steckte seine +Taschen ganz voll damit. Nun wollte er wieder ins Freie, als eine +dumpfe Stimme erscholl: “vergiß das Beste nicht!” Er wußte aber nicht +wie ihm geschah und wie er herauskam aus dem Gewölbe. Kaum sah er die +Sonne und seine Heerde wieder, schlug die Thür, die er vorher gar nicht +wahrgenommen, hinter ihm zu. Als der Schäfer nach seinem Hut faßte, war +ihm die Blume abgefallen beim Stolpern. Urplötzlich stand ein Zwerg vor +ihm: “wo hast du die Wunderblume, welche du fandest?” “Verloren,” sagte +betrübt der Schäfer. “Dir war sie bestimmt,” sprach der Zwerg, “und sie +ist mehr werth, denn die ganze Rothenburg.” Wie der Schäfer zu Haus in +seine Taschen griff, waren die glimmernden Steine lauter Goldstücke. +Die Blume ist verschwunden und wird von den Bergleuten bis auf heutigen +Tag gesucht, in den Gewölben des Kyffhäusers nicht allein, sondern +auch auf der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes, weil +verborgene Schätze rucken. + + + + +304. + +Der Nix an der Kelle. + ++Otmar’s+ Volkssagen. vgl. +Behrens+ S. 82. + + +An der Kelle, einem kleinen See, unweit Werne im Hohensteinischen, +wohnten sonst Nixen. Einmal hohlte der Nix des Nachts die Hebamme +aus einem Dorfe und brachte sie unter großen Versprechungen zu der +Untiefe hin, wo er mit seinem Weibe wohnte. Er führte sie hinab in +das unterirdische Gemach, wo die Hebamme ihr Amt verrichtete. Der +Nix belohnte sie reichlich. Eh sie aber wegging, winkte ihr die +Kindbetterin und klagte heimlich mit einem Thränenstrom, daß der Nix +das neugeborene Kind bald würgen würde. Und wirklich sah die Hebamme +einige Minuten nachher auf der Oberfläche des Wassers einen blutrothen +Strahl. Das Kind war ermordet. + + + + +305. + +Schwarzach. + +Badische Wochenschrift 1807. St. 17. Sp. 268. und St. 34. Sp. 543. + + +Von der alten Burg Schwarzach in der Pfalz hat es zweierlei Sagen. Ein +Ritter lebte da vorzeiten, dessen Töchterlein, als sie am See auf der +Wiese spielte, von einer großen Schlange, die aus dem Felsen kam, in +den See gezogen wurde. Der Vater ging tagtäglich ans Ufer und klagte. +Einmal glaubte er eine Stimme aus dem Wasser zu vernehmen und er rief +laut: “gib mir ein Zeichen, mein Töchterlein!” Da schlug ein Glöcklein +an. Fortan hörte er es jeden Tag schallen, und einmal lautete es heller +und der Ritter vernahm die Worte: “ich lebe, mein Vater, bin aber an +die Wasserwelt gebannt; lang hab ich mich gewehrt, aber der erste Trunk +hat mich um die Freiheit gebracht; hüte dich vor diesem Trunk.” Der +Vater blieb traurig stehen, da traten zwei Knaben zu und reichten ihm +aus einem güldenen Becher zu trinken. Er kostete ihn kaum, so stürzte +er in den See und sank unter. + +Eine andre Erzählung erwähnt eines alten, blinden Ritters, der mit +seinen neun Töchtern auf Schwarzach lebte. Nah dabei hauste ein Räuber +im Wald, der den Töchtern lange vergeblich nachstellte. Eines Tags kam +er in Pilgrimkleidern und sagte den Jungfrauen: “wenn ihr euren Vater +heilen wollt, so weiß ich drunten in der kalten Klinge ein Kraut dafür, +das muß gebrochen werden, eh die Sonne aufgeht.” Die Töchter baten, daß +er es ihnen zeige. Als sie nun frühmorgens hinab in die kalte Klinge +kamen, mordete sie der Bösewicht alle neun und begrub sie zur Stelle. +Der Vater starb. Dreißig Jahre später trieb den Mörder die Reue, daß er +die Todtengebeine ausgraben und in geweihte Erde legen ließ. + + + + +306. + +Die drei Jungfern aus dem See. + +Badische Wochenschrift 1806. St. 21. Sp. 342. + + +Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend +drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des +Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche +Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas eignes +und keine Spinnerin konnte so fein und behend den Faden drehen. Aber +mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und +ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man +wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie +nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die +Bursche sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des +Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit +ihnen zu sprechen, und nichts that ihm leider, als daß sie jeden Abend +schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und +stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück und Abends im steten Gespräch +und Scherz merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke +eilf schlug, es aber schon eigentlich zwölf war, standen die drei +Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden +Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und +sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die +Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und +starb kurz darnach. + + + + +307. + +Der todte Bräutigam. + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 105-109. + + +Ein Adlicher verlobte sich zu Magdeburg mit einer schönen Fräulein. +Da geschahs, daß der Bräutigam in die Elbe fiel, wo man ihn drei +Tage suchte und nicht finden konnte. Die ganze Verwandtschaft war in +tiefer Bekümmerniß, endlich kam ein Schwarzkünstler zu der Liebsten +Eltern und sprach: “den ihr suchet, hat die Nixe unterm Wasser und +wird ihn auch lebendig nicht loslassen, es sey dann, daß eure Tochter +und ihr Liebster Leib und Seele der Nixe verschwören, oder daß eure +Tochter sich flugs an seiner Statt von den Nixen das Leben nehmen +lasse, oder auch, daß der Bräutigam sich der Nixe verspreche, welches +er aber jetzund nicht thun will.” Die Braut wollte sich gleich für +ihren Liebsten stellen, allein die Eltern bewilligten es nicht, sondern +drangen in den Zauberer, daß er den Bräutigam schaffen solle, lebendig +oder todt. Bald darauf fand man seinen Leichnam am Ufer liegen, ganz +voll blauer Flecken. -- Ein ähnliches soll sich mit dem Bräutigam einer +Fräulein von Arnheim begeben haben, der auch im Wasser umgekommen war. +Weil man aber die Stelle nicht wußte, brachte ein Zauberer durch seine +Kunst zuwege, daß der Leichnam dreimal aus dem Wasser hervorsprang, +worauf man an dem Ort suchte und den Todten im Grunde des Flusses fand. + + + + +308. + +Der ewige Jäger. + +Nach einem Meistergesang +Michael Beham’s+, ~MS. Vatic.~ 312. Bl. 165. +mitgetheilt in der Sammlung für altd. Lit. u. Kunst von +Hagen+ u. a. +S. 43-45. + + +Graf Eberhard von Würtenberg ritt eines Tages allein in den grünen Wald +aus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes +Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüber käme; erschrack +heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestanden und auf eines Baumes +Tolde getreten war, den Geist: ob er ihm schaden wolle? “Nein,” sprach +die Gestalt, “ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz +allein, war vordem ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust, +daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen, bis zu dem jüngsten +Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört und schon fünfthalb hundert Jahre +jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel +sind aber noch niemanden offenbart worden.” Graf Eberhard sagte: “zeig +mir dein Angesicht, ob ich dich etwan erkennen möge?” Da entblößte sich +der Geist, sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt, wie eine Rübe +und gerunzelt, als ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und +verschwand, der Graf kehrte heim in sein Land zurück. + + + + +309. + +Hans Jagenteufel. + +Journal von und für Deutschl. 1787. II. Nr. 27. + ++Prätorius+ Weltbeschr. II. 69-72. + + +Man glaubt: wer eine der Enthauptung würdige Unthat verrichte, die bei +seinen Lebzeiten nicht herauskomme, der müsse nach dem Tod mit dem Kopf +unterm Arm umgehen. + +Im Jahr 1644. ging ein Weib aus Dresden eines Sonntags früh in einen +nahen Wald, daselbst Eicheln zu lesen. In der Heide an einem Grund +nicht weit von dem Orte, das verlorene Wasser genannt, hörte sie +stark mit dem Jägerhorn blasen, darauf that es einen harten Fall, als +ob ein Baum fiele. Das Weib erschrack und barg ihr Säcklein Eicheln +ins Gestrüpf, bald darauf blies das Horn wieder und als sie umsah, +erblickte sie auf einem Grauschimmel in langem grauen Rock einen Mann +ohne Kopf reiten, er trug Stiefel und Sporn und hatte ein Hifthorn über +dem Rücken hangen. Weil er aber ruhig vorbei ritt, faßte sie wieder +Muth, las ihre Eicheln fort und kehrte Abends ungestört heim. Neun Tage +später kam die Frau in gleicher Absicht in dieselbe Gegend und als +sie am Försterberg niedersaß, einen Apfel zu schälen, rief hinter ihr +eine Stimme: “habt ihr den Sack voll Eicheln und seyd nicht gepfändet +worden?” “Nein,” sprach sie, “die Förster sind fromm und haben mir +nichts gethan, Gott, biß mir Sünder gnädig!” -- mit diesen Worten +drehte sie sich um, da stand derselbe Graurock, aber ohne Pferd, wieder +und hielt den Kopf mit bräunlichem, krausendem Haar unter dem Arm. Die +Frau fuhr zusammen, das Gespenst aber sprach: “hieran thut ihr wohl, +Gott um Vergebung eurer Sünden zu bitten, mir hats nicht so wohl werden +können.” Darauf erzählte es: vor 130 Jahren habe er gelebt und wie sein +Vater Hans Jagenteufel geheißen. Sein Vater habe ihn oft ermahnt, den +armen Leuten nicht zu scharf zu seyn, er aber die Lehre in den Wind +geschlagen und dem Saufen und Trinken obgelegen und Böses genug gethan. +Darum müsse er nun als ein verdammter Geist umwandern. + + + + +310. + +Des Hackelnberg Traum. + ++Otmar+ S. 249. 250. + + +Hans von Hackelnberg war braunschweigischer Oberjägermeister und ein +gewaltiger Weidmann. Einer Nacht hatte er auf der Harzburg einen +schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber +kämpfe, der ihn nach langem Streit zuletzt besiegte. Diesen Traum +konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit +darnach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, dem im Traum +gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden; +endlich gewann Hans und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als +er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den +schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: “du sollst es mir noch +nicht thun!” Aber er hatte mit solcher Gewalt gestoßen, daß der scharfe +Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete +Hackelnberg der Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner +Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel +vom Bein getrennt werden mußte. Er eilte nach Wolfenbüttel zurück; +die Erschütterung des Wagens wirkte so schädlich, daß er mit genauer +Mühe das Hospital zu Wülperode erreichte und bald daselbst starb. Auf +seinem Grabe liegt ein Stein, der einen geharnischten Ritter auf einem +Maulthier vorstellt. + + + + +311. + +Die Tut-Osel. + ++Otmar+ S. 241 ff. + + +Mitternachts wann in Sturm und Regen der Hackelnberg “fatscht”[14] +und auf dem Wagen mit Pferd und Hunden durch den Thüringerwald, den +Harz und am liebsten durch den Hackel zieht, pflegt ihm eine Nachteule +voranzufliegen, welche das Volk: die +Tut-Osel+ nennt. Wanderer, denen +sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den wilden +Jäger über sich wegfahren; und bald hören sie Hundebellen und den +Waidruf: hu hu! -- In einem fernen Kloster zu Thüringen lebte vorzeiten +eine Nonne, +Ursel+ geheißen, die störte mit ihrem heulenden Gesang +noch bei Lebzeiten den Chor; daher nannte man sie +Tut-Ursel+. Noch +ärger wurde es nach ihrem Tode, denn von elf Uhr Abends steckte sie +den Kopf durch ein Loch des Kirchthurms und tutete kläglich und alle +Morgen um vier Uhr stimmte sie ungerufen in den Gesang der Schwestern. +Einige Tage ertrugen sie es; den dritten Morgen aber sagte eine voll +Angst leise zu ihrer Nachbarin: “das ist gewiß die Ursel!” Da schwieg +plötzlich aller Gesang, ihre Haare sträubten sich zu Berge und die +Nonnen stürzten aus der Kirche, laut schreiend: “Tut-Ursel, Tut-Ursel!” +Und keine Strafe konnte eine Nonne bewegen, die Kirche zu betreten, bis +endlich ein berühmter Teufelsbanner aus einem Capucinerkloster an der +Donau gehohlt wurde. Der bannte Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule in +die Dummburg auf den Harz. Hier traf sie den Hackelnberg und fand an +seinem huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem uhu! und so ziehen sie +beide zusammen auf die Luftjagd. + + + [14] fatschen braucht man, wenn die Füße der Pferde im zähen Koth und + Moor schnalzen. + + + + +312. + +Die schwarzen Reuter und das Handpferd. + +Hanauer Landcalender vom Jahr 1730. + ++Hilscher+ vom wüthenden Heer. Dresden 1702. S. 31. 32. + + +Es soll vorzeiten der Rechenberger, ein Raub- und Diebsritter, mit +seinem Knecht eines Nachts auf Beute ausgeritten seyn. Da begegnete +ihnen ein Heer schwarzer Reuter; er wich aus, konnte sich aber nicht +enthalten, den letzten im Zug, der ein schön gesattelt, leeres +Handpferd führte, zu fragen: wer diese wären, die da vorübergeritten? +Der Reuter versetzte: “+das wütende Heer+.” Drauf hielt auch der Knecht +an und frug: wem doch das schöne Handpferd wäre? Dem wurde zur Antwort: +“seines Herrn treustem Knecht, welcher übers Jahr todt seyn und auf +diesem Pferd reiten werde.” Dieses +Rechenbergers Knecht+ wollte sich +nun bekehren und dingte sich zu einem Abt als Stallknecht. Binnen +Jahresfrist wurde er mit seinem Nebenknecht uneins, der ihn erstach. + + + + +313. + +Der getreu Eckhart. + +Vorrede des Heldenbuchs, ganz zuletzt. + ++Agricola+ Sprichw. 667. + +Hanauischer Landcalender a. a. O. + + +Man sagt von dem treuen Eckhart, daß er vor dem Venusberg oder +Höselberg sitze und alle Leute warne, die hineingehen wollen. Johann +Kennerer, Pfarrherr zu Mansfeld, seines Alters über achtzig Jahr, +erzählte, daß zu Eisleben und im ganzen Lande Mansfeld das +wütend +Heer+ vorübergezogen sey, alle Jahr auf den Faßnacht Dornstag und die +Leute sind zugelaufen und haben darauf gewartet; nicht anders, als +sollte ein großer mächtiger Kaiser oder König vorüberziehen. Vor dem +Haufen ist ein alter Mann hergangen mit einem weißen Stab, hat sich +selbs den +treuen Eckhart+ geheißen. Dieser Mann hat die Leute heißen +aus dem Wege weichen, auch etliche Leute gar heimgehen, sie würden +sonst Schaden nehmen. Nach diesem Mann haben etliche geritten, etliche +gegangen und es sind Leute gesehen worden, die neulich an den Orten +gestorben waren, auch der eins Theils noch lebten. Einer hat geritten +auf einem Pferde mit zwein Füßen. Der ander ist auf einem Rade gebunden +gelegen und das Rad ist von selbs umgelaufen. Der dritte hat einen +Schenkel über die Achsel genommen und hat gleich sehr gelaufen. Ein +ander hat kein Kopf gehabt und der Stück ohn Maßen. In Franken ists +noch neulich geschehen und zu Heidelberg am Neckar hat mans oft im Jahr +gesehen. Das wütende Heer erscheint in Einöden, in der Luft und im +Finstern, mit Hundegebell, Blasen auf Waldhörnern und Brüllen wilder +Thiere; auch siehet man dabei Hasen laufen und höret Schweine grunzen. + + + + +314. + +Das Fräulein vom Willberg. + +Mündlich, aus dem Corvei’schen. + + +Ein Mann aus Wehren bei Höxter ging nach der Amelungs-Mühle, Korn +zu malen; auf dem Rückweg wollt er sich ein wenig am Teich im Lau +ausruhen. Da kam ein Fräulein von dem Willberg, welcher Godelheim +gegenüber liegt, herab, trat zu ihm und sprach: “bringt mir zwei Eimer +voll Wasser oben auf die Stolle (Spitze) vom Willberg, dann sollt ihr +gute Belohnung haben.” Er trug ihr das Wasser hinauf; oben aber sprach +sie: “Morgen um diese Stunde kommt wieder und bringt den Busch Blumen +mit, welchen der Schäfer vom Osterberge auf seinem Hut trägt.” Der +Mann foderte den andern Tag die Blumen von dem Osterbergs-Schäfer und +erhielt sie, doch erst nach vielem Bitten. Darauf ging er wieder zu +der Stolle des Willbergs, da stand das Fräulein, führte ihn zu einer +eisernen Thüre und sprach: “halte den Blumen-Busch vors Schloß.” Wie er +das that, sprang die Thüre gleich auf und sie traten hinein; da saß in +der Berghöhle ein klein Männlein vor dem Tisch, dessen Bart ganz durch +den steinernen Tisch gewachsen war, ringsherum aber standen große, +übermächtige Schätze. Der Schäfer legte vor Freude seinen Blumen-Busch +auf den Tisch und fing an, sich die Taschen mit Gold zu füllen. Das +Fräulein aber sprach zu ihm: “vergeßt das Beste nicht!” Der Mann sah +sich um und glaubte, damit wäre ein großer Kronleuchter gemeint, wie er +aber darnach griff, kam unter dem Tisch eine Hand hervor und schlug ihm +ins Angesicht. Das Fräulein sprach nochmals: “vergeßt das Beste nicht!” +Er hatte aber nichts, als die Schätze im Sinn und an den Blumen-Busch +dachte er gar nicht. Als er seine Taschen gefüllt hatte, wollte er +wieder fort, kaum aber war er zur Thüre hinaus, so schlug sie mit +entsetzlichem Krachen zu. Nun wollt’ er seine Schätze ausladen, aber er +hatte nichts, als Papier in der Tasche; da fiel ihm der Blumen-Busch +ein und nun sah er, daß dieser das Beste gewesen und ging traurig den +Berg herunter nach Haus. + + + + +315. + +Der Schäfer und der Alte aus dem Berg. + +Mündlich, aus Wernigerode. + + +Nicht weit von der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Thale eine +Vertiefung in steinigem Erdboden, welche das Weinkeller-Loch genannt +wird und worin große Schätze liegen sollen. Vor vielen Jahren weidete +ein armer Schäfer, ein frommer und stiller Mann, dort seine Heerde. +Einmal, als es eben Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu +ihm und sprach: “folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, davon du +dir nehmen kannst, so viel du Lust hast.” Der Schäfer überließ dem +Hund die Bewachung der Heerde und folgte dem Alten. In einer kleinen +Entfernung that sich plötzlich der Boden auf, sie traten beide ein +und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem +die größten Schätze von Gold und edlen Steinen aufgethürmt lagen. Der +Schäfer wählte sich einen Goldklumpen und jemand, den er nicht sah, +sprach zu ihm: “bringe das Gold dem Goldschmidt in die Stadt, der +wird dich reichlich bezahlen.” Darauf leitete ihn sein Führer wieder +zum Ausgang und der Schäfer that, wie ihm geheißen war und erhielt von +dem Goldschmidt eine große Menge Geldes. Erfreut brachte er es seinem +Vater, dieser sprach: “versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.” +“Ja, Vater,” antwortete der Schäfer, “ich habe dort meine Handschuhe +liegen lassen, wollt ihr mitgehen, so will ich sie holen.” In der +Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und den geöffneten +Boden und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles, +wie das erstemal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da; beide +luden so viel in ihre Taschen, als sie tragen konnten und gingen dann +wieder heraus, worauf sich der Eingang mit lautem Krachen hinter ihnen +schloß. Die folgende Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen, aber +sie suchten lange hin und her, ohne die Stelle des Eingangs, oder auch +nur eine Spur, zu entdecken. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und +sprach zum Schäfer: “hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, +sondern unten liegen gelassen, so würdest du auch zum drittenmal +den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir zugänglich +und geöffnet seyn; nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und +verschlossen.” Geister, heißt es, können das, was in ihrer Wohnung von +den irdischen Menschen zurückgelassen worden, nicht behalten und haben +nicht Ruh, bis es jene wieder zu sich genommen. + + + + +316. + +Jungfrau Ilse. + ++Otmar+ S. 171-174. + +Quedlinb. Sammlung. S. 204. 205. + + +Der +Ilsenstein+ ist einer der größten Felsen des Harzgebirges, liegt +auf der Nordseite in der Grafschaft Wernigerode unweit Ilsenburg am Fuß +des Brockens und wird von der Ilse bespült. Ihm gegenüber ein ähnlicher +Fels, dessen Schichten zu diesem passen und bei einer Erderschütterung +davon getrennt zu seyn scheinen. + +Bei der Sündfluth flohen zwei Geliebte dem Brocken zu, um der immer +höher steigenden allgemeinen Ueberschwemmung zu entrinnen. Eh +sie noch denselben erreichten und gerade auf einem andern Felsen +zusammenstanden, spaltete sich solcher und wollte sie trennen. Auf +der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau; auf der +rechten der Jüngling und miteinander stürzten sie umschlungen in +die Fluten. Die Jungfrau hieß +Ilse+. Noch alle Morgen schließt sie +den Ilsenstein auf, sich in der Ilse zu baden. Nur wenigen ist es +vergönnt, sie zu sehen, aber wer sie kennt, preist sie. Einst fand +sie frühmorgens ein Köhler, grüßte sie freundlich und folgte ihrem +Winken bis vor den Fels; vor dem Fels nahm sie ihm seinen Ranzen ab, +ging hinein damit und brachte ihn gefüllt zurück. Doch befahl sie +dem Köhler, er sollte ihn erst in seiner Hütte öffnen. Die Schwere +fiel ihm auf und als er auf der Ilsenbrücke war, konnt er sich nicht +länger enthalten, machte den Ranzen auf und sah Eicheln und Tannäpfel. +Unwillig schüttelte er sie in den Strom, sobald sie aber die Steine der +Ilse berührten, vernahm er ein Klingeln und sah mit Schrecken, daß er +Gold verschüttet hatte. Der nun sorgfältig aufbewahrte Ueberrest in den +Ecken des Sacks machte ihn aber noch reich genug. -- Nach einer andern +Sage stand auf dem Ilsenstein vorzeiten eines Harzkönigs Schloß, der +eine sehr schöne Tochter Namens Ilse hatte. Nah dabei hauste eine Hexe, +deren Tochter über alle Maßen häßlich aussah. Eine Menge Freier warben +um Ilse, aber niemand begehrte die Hexentochter, da zürnte die Hexe +und wandte durch Zauber das Schloß in einen Felsen, an dessen Fuße sie +eine nur der Königstochter sichtbare Thüre anbrachte. Aus dieser Thüre +schreitet noch jetzo alle Morgen die verzauberte Ilse und badet sich +im Flusse, der nach ihr heißt. Ist ein Mensch so glücklich und sieht +sie im Bade, so führt sie ihn mit ins Schloß, bewirthet ihn köstlich +und entläßt ihn reichlich beschenkt. Aber die neidische Hexe macht, daß +sie nur an einigen Tagen des Jahrs im Bad sichtbar ist. Nur derjenige +vermag sie zu erlösen, der mit ihr zu gleicher Zeit im Flusse badet und +ihr an Schönheit und Tugend gleicht. + + + + +317. + +Die Heidenjungfrau zu Glatz. + ++Aelurius+ glätzische Chronik. Lpzg. 1625. 4. S. 124-128. vgl. S. 86. + + +Alte und junge Leute zu Glatz erzählten: in der heidnischen Zeit +habe da eine gottlose, zauberhafte Jungfrau das Land beherrscht, die +mit ihrem Ranzenbogen vom Schloß herab bis zur großen eisersdorfer +Linde geschossen, als sie mit ihrem Bruder gewettet: wer den Pfeil +am weitesten schießen könnte. Des Bruders Pfeil reichte kaum auf +den halben Weg, und die Jungfrau gewann. An dieser Linde stehet die +Grenze, und sie soll so alt seyn, wie der Heidenthurm zu Glatz und +wenn sie gleich einmal oder das ander verdorret, so ist sie doch immer +ausgewachsen und stehet noch. Auf der Linde saß einmal die Wahrsagerin +und weissagte von der Stadt viel zukünftige Dinge: der Türk werde bis +nach Glatz dringen, aber wenn er über die steinerne Brücke auf den +Ring einziehe, eine schwere Niederlage erleiden durch die vom Schloß +herab auf ihn ziehenden Christen; solches werde aber nicht geschehen, +bevor ein Haufen Kraniche durch die Brotbänke geflogen. -- Zum Zeichen, +daß die Jungfrau ihren Bruder mit dem Bogen überschossen, setzte man +auf der Meile hinter dem Graben zween spitzige Steine. Weil sie aber +mit ihrem eigenen Bruder unerlaubte Liebe gepflogen, war sie vom Volk +verabscheut und es wurde ihr nach dem Leben getrachtet, allein sie +wußte durch ihre Zauberkunst und Stärke, da sie oftmals aus Kurzweile +ein ganzes Hufeisen zerriß, stets zu entrinnen. Zuletzt jedoch blieb +sie gefangen und in einem großen Saal, welcher bei dem Thor, dadurch +man aus dem Niederschloß ins Oberschloß gehet, vermauert. Da kam sie +ums Leben und zum Andenken stehet ihr Bildniß links deßelben Thors +an der Mauer über den tiefen Graben in Stein ausgehauen und wird bis +auf den heutigen Tag allen fremden Leuten gezeigt. Außerdem hing ihr +Gemählde im grünen Schloßsaal und in der Schloßkirche an einem eisernen +Nagel in der Wand schön gelbes Haar, etlichemal aufgeflochten nach der +Länge. Die Leute nennen es allgemein: das Haar der Heidenjungfrau; es +hanget so hoch, daß es ein großer Mann auf der Erden stehend mit der +Hand erreichen kann, ungefähr drei Schritt von der Thüre weit. Sie soll +in der Gestalt und Kleidung, wie sie abgemalet wird, öfters im Schlosse +erscheinen, beleidiget doch niemanden, außer wer sie höhnt und spottet, +oder ihre Haarflechte aus der Kirche wegzunehmen gedenkt. Zu einem +Soldat, der sie verspottet, kam sie auf die Schildwache und gab ihm mit +kalter Hand einen Backenstreich. Einem andern, der das Haar entwendet, +erschien sie Nachts, kratzte und krengelte ihn bis nahe an den Tod, +wenn er nicht schnell durch seinen Rottgesellen das Haar wieder an den +alten Ort hätte tragen lassen. + + + + +318. + +Der Roßtrapp und der Cretpfuhl. + ++Behrens+ Harzwald S. 121. und 130. + ++Seyfried+ ~in medulla p. 428. + ++Melissantes+ Orograph. h. v.~ + ++Otmar+ S. 181-186. + +Quedlinburger Samml. S. 125-128. 147. 148. + + +Den Roßtrapp oder die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer +eirunden Vertiefung, welche einige Aehnlichkeit mit dem Eindruck eines +riesenmäßigen Pferdehufs hat, in dem hohen Vorgebirge des Nordharzes, +hinter Thale. Davon folgende abweichende Sagen: + +1) Eines Hühnenkönigs Tochter stellte vor Zeiten die Wette an, mit +ihrem Pferde über den tiefen Abgrund, Creful genannt, von einem Felsen +zum andern zu springen. Zweimal hatte sie es glücklich verrichtet, beim +drittenmale aber schlug das Roß rückwärts über und stürzte mit ihr in +die Schlucht hinab. Darin befindet sie sich immer noch. Ein Taucher +hatte sie einmal einigen zu Gefallen um ein Trinkgeld so weit außer +Wasser gebracht, daß man etwas von der Krone sehen konnte, die sie +auf dem Haupt getragen. Als er zum drittenmal dran sollte, wagte ers +anfänglich nicht, entschloß sich zuletzt doch und vermeldete dabei: +“wenn aus dem Wasser ein Blutstrahl steigt, so hat mich die Jungfrau +umgebracht; dann eilet alle davon, daß ihr nicht auch in Gefahr +gerathet.” Wie er sagte, geschahs, ein Blutstrahl stieg auf. + +2) Vor Alters wohnte ein König auf den herumgelegenen alten Schlössern, +der eine sehr schöne Tochter hatte. Diese wollte ein Prinz, der sich in +sie verliebte, entführen und verband sich dazu mit dem Teufel, durch +dessen schwarze Kunst er ein Pferd aus der Hölle bekam. So entführte +er sie und beim Uebersetzen von Fels zu Felsen schlug das Roß mit dem +Hufeisen dieses Wahrzeichen ein. + +3) Eine Königstochter wohnte am Harz und hatte wider den Willen ihres +Vaters eine geheime Liebschaft. Um sich vor seinem Zorn zu retten, floh +sie, nahm die Königskrone mit und wollte sich in den Felsen bergen. Auf +dem Felsen jenseits, gegenüber dem Roßtrapp, sollen noch die Radenägel +ihres Fuhrwerks eingedrückt seyn. Sie wurde verfolgt und umringt. Es +war keine Rettung übrig als einen Sprung ans andre Ufer zu wagen. Die +Jungfrau sah das, da tanzte sie noch einmal zu guter Letzt, als wäre +es ihr Hochzeittag und davon bekam der Fels den Namen +Tanzplatz+. +Dann that sie glücklich den großen Sprung; wo ihr Roß den ersten Fuß +hinsetzte, drückte sich sein Huf ein, fortan hieß dieser Fels der ++Roßtrapp+. In der Luft war ihr aber die unschätzbare Krone vom Haupt +gefallen in einen tiefen Strudel der Bode, davon das +Kronenloch+ +benannt. Da liegt sie noch auf den heutigen Tag. + +4) Vor tausend und mehr Jahren, ehe noch die Raubritter die Hoymburg, +Leuenburg, Steckelnburg und Winzenburg erbauten, war das Land rings +um den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren, +Raub, Mord und Gewaltthat übten. Sechzigjährige Eichen rissen sie +sammt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich entgegenstellte, +wurde mit Keulen niedergeschlagen und die Weiber in Gefangenschaft +fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten. In dem Boheimer +Walde hauste dazumal ein Riese, +Bodo+ genannt. Alles war ihm +unterthan, nur +Emma+, die Königstochter vom Riesengebirge, die konnte +er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm nichts, +denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bund. Einst aber ersah +sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen +Zelter, der meilenlange Fluren im Augenblick übersprang, er schwur, +Emma zu fahen oder zu sterben. Fast hätt’ er sie erreicht, als sie +ihn aber zwei Meilen weit von sich erblickte und an den Thorflügeln +eines zerstörten Städtleins, welche er im Schild führte, erkannte, da +schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Spornen getrieben flog +es über Berge, Klippen und Wälder durch Thüringen in die Gebirge des +Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnaubende Roß +Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf. +Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der Teufels ++Tanzplatz+ heißt. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr als +tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Tief +rauschte der Strom unten und kreiste in furchtbaren Wirbeln. Der +entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für +einen Vorderfuß des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnauben, in +der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hülfe und ohne Besinnung +drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Spornen in die Seite. Und +das Roß sprang über den Abgrund, glücklich auf die spitze Klippe und +schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken +stoben. Das ist jener Roßtrapp. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner +gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwischen. Emma war gerettet, +aber die centnerschwere goldne Königskrone fiel während des Sprungs von +ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte +in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. (Die Bode ergießt sich +mit der Emme und Saale in die Elbe.) Hier als schwarzer Hund bewacht +er die goldne Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie +heraushohle. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen. +Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das +zahllos versammelte Volk schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber +zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das +drittemal hinabzusteigen. Er thats und ein Blutstrahl sprang hoch in +die Höhe. Der Taucher kam nimmer wieder auf. Jetzo deckt tiefe Nacht +und Stille den Ungrund, kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht +hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden. Der +Strudel heißt: der +Kreetpfuhl+[15] und der Fels, wo Emma die Hülfe +der Höllengeister erflehte, des Teufels +Tanzplatz+. + +5) In Böhmen lebte vorzeiten eine Königstochter, um die ein gewaltiger +Riese warb. Der König, aus Furcht seiner Macht und Stärke, sagte sie +ihm zu. Weil sie aber schon einen andern Liebhaber hatte, der aus dem +Stamm der Menschen war, so widersetzte sie sich dem Bräutigam und dem +Befehl ihres Vaters. Aufgebracht wollte der König Gewalt brauchen und +setzte die Hochzeit gleich auf den nächsten Tag. Mit weinenden Augen +klagte sie das ihrem Geliebten, der zu schneller Flucht rieth und sich +in der finstern Nacht einstellte, die getroffene Verabredung ins Werk +zu setzen. Es hielt aber schwer zu entfliehen, die Marställe des Königs +waren verschlossen und alle Stallmeister ihm treu und ergeben. Zwar +stand des Riesen ungeheurer Rappe in einem für ihn eigends erbauten +Stalle, wie sollte aber eine schwache Frauenhand das mehr denn zehn +Ellen hohe Unthier leiten und lenken? und wie war ihm beizukommen, da +es an einer gewaltig dicken Kette lag, die ihm statt Halfters diente +und dazu mit einem großen Schlosse verwahrt war, dessen Schlüssel +der Riese bei sich trug? Der Geliebte half aber aus, er stellte eine +Leiter ans Pferd und hieß die Königstochter hinaufsteigen; dann that +er einen mächtigen Schwerteshieb auf die Kette, daß sie von einander +sprang, schwang sich selbst hinten auf und in einem Flug gings auf und +davon. Die kluge Jungfrau hatte ihre Kleinode mitgenommen, dazu ihres +Vaters goldne Krone aufs Haupt gesetzt. Während sie nun auf Gerathewohl +forteilten, fiels dem Riesen ein, in dieser Nacht auszureiten. Der +Mond schien hell und er stand auf, sein Roß zu satteln. Erstaunt sah +er den Stall leer, es gab Lärm im ganzen Schlosse und als man die +Königstochter aufwecken wollte, war sie auch verschwunden. Ohne sich +lange zu besinnen, bestieg der Bräutigam das erste beste Pferd und +jagte über Stock und Block. Ein großer Spürhund witterte den Weg, +den die Verliebten genommen hatten; nahe am Harzwalde kam der Riese +hinter sie. Da hatte aber auch die Jungfrau den Verfolger erblickt, +wandte den Rappen flugs und sprengte waldein, bis der Abgrund, in +welchem die Bode fließt, ihren Weg durchschneidet. Der Rappe stutzt +einen Augenblick und die Liebenden sind in großer Gefahr. Sie blickt +hinterwärts und in strengem Gallop nahet der Riese, da stößt sie muthig +dem Rappen in die Rippen. Mit einem gewaltigen Sprung, der den Eindruck +eines Hinterhufes im Felsen läßt, setzt er über und die Liebenden +sind gerettet. Denn die Mähre des nacheilenden Riesen springt seiner +Schwere wegen zu kurz und beide mit gräßlichem Geprassel fallen in den +Abgrund. Auf dem jenseitigen Rand stehet die Königstochter und tanzt +vor Freuden. Davon heißt die Stätte noch jetzt +Tanzplatz+. Doch hat +sie im Taumel des Sprungs die Krone verloren, die in den Kessel der +Bode gefallen ist. Da liegt sie noch heut zu Tag, von einem großen +Hunde mit glühenden Augen bewacht. Schwimmer, die der Gewinn geblendet, +haben sie mit eigner Lebensgefahr aus der Tiefe zu hohlen gesucht, aber +beim Wiederkommen ausgesagt: daß es vergebens sey, der große Hund sinke +immer tiefer, so wie sie ihm nahe kämen und die goldne Krone stehe +nicht mehr zu erlangen. + + + [15] d. h. Teufelspfuhl, wie die nördlichen Harzbewohner +Kreetkind+ + ein Teufelskind nennen. + + + + +319. + +Der Mägdesprung. + +Quedlinburger Sammlung S. 67. + ++Otmar+ S. 195-198. vgl. S. 53. + ++Behrens+ Harzwald S. 131. + ++Seyfried+ in ~medulla p. 428. + ++Melissantes+ orograph. h. v.~ + + +Zwischen Ballenstedt und Harzgerode in dem Selkethal zeigt das Volk +auf einen hohen, durch eine Säule ausgezeichneten Felsen, auf eine +Vertiefung im Gestein, die einige Ähnlichkeit mit der Fußtapfe eines +Menschen hat und 80 bis 100 Fuß weiter auf eine zweite Fußtapfe. Die +Sage davon ist aber verschieden. + +Eine Hühnin oder Riesentochter erging sich einst auf dem Rücken des +Harzes von dem Petersberge herkommend. Als sie die Felsen erreicht +hatte, die jetzt über den Hüttenwerken stehen, erblickte sie ihre +Gespielin, die ihr winkte, auf der Spitze des Rammberges. Lange stand +sie so zögernd, denn ihren Standort und den nächsten Berggipfel +trennte ein breites Thal. Sie blieb hier so lange, daß sich ihre +Fußtapfe ellentief in den Felsen drückte, wovon heut zu Tag noch die +schwachen Spuren zu sehn sind. Ihres Zögerns lachte höhnisch ein Knecht +des Menschenvolks, das diese Gegend bewohnte, und der bei Harzgerode +pflügte. Die Hühnin merkte das, streckte ihre Hand aus und hob den +Knecht sammt Pflug und Pferden in die Höhe, nahm alles zusammen in ihr +Obergewand und sprang damit über das Thal weg und in einigen Schritten +hatte sie ihre Gespielin erreicht. + +Oft hört man erzählen: die Königstochter sey in ihrem Wagen gefahren +kommen und habe auf das jenseitige Gebirg gewollt. Flugs that sie den +Wagen nebst den Pferden in die Schürze und sprang von einem Berg nach +dem andern. + +Endlich werden die Fußtritte einer Bauerdirne zugeschrieben, die zu +ihrem Liebhaber, einem Schäfer, jenseits den Sprung gemacht und beim +Ansatz so gewaltig aufgetreten habe, daß sich ihre Spur eindrückte. +Auch ein Ziegenbock scheint hierbei im Spiel gewesen zu seyn. + + + + +320. + +Der Jungfernsprung. + ++Peschek’s+ Oybin bei Zittau. Leipz. 1804. S. 33. 34. + + +In der Lausitz unfern der böhmischen Grenze ragt ein steiler Felsen, +Oybin genannt, hervor, auf dem man den Jungfernsprung zu zeigen und +davon zu erzählen pflegt: vorzeiten sey eine Jungfrau in das jetzt +zertrümmerte Bergkloster zum Besuch gekommen. Ein Bruder sollte sie +herumführen und ihr die Gänge und Wunder der Felsengegend zeigen; da +weckte ihre Schönheit sündhafte Lust in ihm und sträflich streckte er +seine Arme nach ihr aus. Sie aber floh und flüchtete von dem Mönche +verfolgt den verschlungenen Pfad entlang; plötzlich stand sie vor einer +tiefen Kluft des Berges und sprang keusch und muthig in den Abgrund. +Engel des Herrn faßten und trugen sie sanft ohne einigen Schaden hinab. + +Andere behaupten: ein Jäger habe auf dem Oybin ein schönes +Bauernmädchen wandeln sehen und sey auf sie losgeeilt. Wie ein gejagtes +Reh stürzte sie durch die Felsengänge, die Schlucht öffnete sich vor +ihren Augen und sie sprang unversehrt nieder bis auf den Boden. + +Noch andere berichten: es habe ein rasches Mädchen mit ihren +Gespielinnen gewettet, über die Kluft wegzuspringen. Im Sprung aber +glischte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel und sie wäre zerschmettert +worden, wo sie nicht glücklicherweise ihr Reifrock allenthalben +geschützt und ganz sanft bis in die Tiefe hinunter gebracht hätte. + + + + +321. + +Der Harrassprung. + ++Körner’s+ Nachlaß 2. 71-74. + + +Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem +Zschopauthal eine Stelle, genannt der +Harrassprung+, wo vor Zeiten ein +Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter in +den Abgrund geritten seyn soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der +Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer. + + + + +322. + +Der Riese Hidde. + ++Pierius Winsemius+ Geschiedenisse van Friesland. Franeker 1622. ~fol.~ +Buch III. S. 93. + + +Zu Carls des Großen Zeit lebte ein Friese Namens +Hidde+, groß von Leib +und ein starker Mann, ging ins Land Braunschweig und wurde vom Herzog +zum Vogt seiner Wälder und Bäume gemacht. Als er einmal durch die +Wildniß ging, stieß er auf eine Löwin mit ihren jungen Welpen im Nest, +tödtete die Alte und brachte die Jungen, als Wölfe die er gefangen +habe, dem Herzog an Hof. Diesem gefiel die Einfalt des Mannes, welcher +keinen Unterschied machte zwischen Löwen und Wölfen und begabte ihn mit +vielen Ländereien in der Gegend der Elbe. Da baute er sich ein Wohnhaus +und nannte es +Hiddesacker+ nach seinem Namen. + + + + +323. + +Das ilefelder Nadelöhr. + ++Behrens+ cur. Harzwald S. 126. 127. + + +Bei dem Kloster Ilefeld, zur linken Hand gleich bei dem Harzfahrwege, +steht aus einem hohen Berg ein starker Stein hervor, der in seiner +Mitte eine enge und schmale durchgehende Höhle hat. Alle Knechte aus +Nordhausen und den umliegenden Örtern, wann sie das erstemal in den +Harzwald hinter Ilefeld nach Brennholz fahren, müssen durch dieses +Nadelöhr dreimal kriechen, mit großer Müh und Beschwerde, und werden +beim Ein- und Auskriechen von ihren Cameraden dazu mit Peitschenstielen +tapfer abgeschlagen. Wollen sie die Kurzweil nicht ausstehen, so müssen +sie sich mit Gelde loskaufen. Die Obrigkeit hat diese Sitte schon +mehrmals bei ziemlicher Strafe, aber fruchtlos verboten und der Knecht, +der sich dem Brauch entziehen will, hat vor seinen Cameraden keinen +Frieden und wird nicht bei ihnen gelitten. Vom Ursprung dieses Steins +gibt der gemeine Mann vor: ein +Hühne+ sey einsmals etliche Meilen Wegs +gereist; als er nun hinter Ilefeld gekommen, habe er gefühlt, daß ihn +etwas in dem einen Schuh drücke, ihn also ausgezogen und diesen Stein +drin gefunden. Darauf habe er den Stein an den Ort, wo er noch liege, +geworfen. + + + + +324. + +Die Riesen zu Lichtenberg. + +Mündlich, aus dem Odenwald. + + +Der Lichtenberg ist ein Bergschloß, das man späterhin aus den uralten +Trümmern wieder erneuert hat, und in allen Dörfern, die in seiner +Nähe liegen, lebt noch die Sage fort, daß es hier vor alten Zeiten +Riesen gegeben habe. Unter den Steinen befinden sich manche, die keine +Menschenkraft den jähen Berg hinauf hätte tragen können. Ein Riese +schleppte einen über achtzig Centner schweren Block auf seiner Schulter +herbei, aber er zerbrach ihm unterwegs und blieb eine Stunde von +Lichtenberg auf der Höhe liegen; er wird noch heut zu Tag Riesenstein +genannt. Im Schloß wird ein Knochen, anderthalb Schuh im Umfang haltend +und mit einem andern, einen halben Schuh dicken, einen Fuß langen +Bein verwachsen, aufbewahrt; auch soll daselbst vor fünf und zwanzig +Jahren noch eine ungeheure Bettlade außer den Knochen zu sehen gewesen +seyn. Es wird auch wiederum erzählt, daß die Riesenfrau einmal weiter +als gewöhnlich von dem Lichtenberg weggegangen sey und einen Bauer +getroffen habe, der mit Ochsen seinen Acker pflügte. Das hatte sie noch +nie gesehn, nahm also Bauer, Pflug und Ochsen zusammen in ihre Schürze +und brachte es ihrem Mann aufs Schloß mit den Worten: “sieh einmal +Mann, was ich für schöne Thierchen gefunden habe.” + + + + +325. + +Das Hühnenblut. + ++Otmar+ S. 267-270. + + +Zwischen dem magdeburgischen Städtchen Egeln und dem Dorfe Westeregeln, +unweit des Hakels, findet sich in einer flachen Vertiefung rothes +Wasser, welches das Volk: +Hühnenblut+ nennet. Ein Hühne floh verfolgt +von einem andern, überschritt die Elbe und als er in die Gegend kam, +wo jetzo Egeln liegt, blieb er mit einem Fuße, den er nicht genug +aufhob, an der Thurmspitze der alten Burg hangen, stolperte, erhielt +sich noch ein Paar tausend Fuß zwischen Fall und Aufstehen, stürzte +aber endlich nieder. Seine Nase traf gerade auf einen großen Feldstein +bei Westeregeln mit solcher Gewalt, daß er das Nasenbein zerschmetterte +und ihm ein Strom von Blut entstürzte, dessen Ueberreste noch jetzt zu +sehen sind. + +Nach einer zweiten Erzählung, wohnte der Hühne in der Gegend von +Westeregeln. Oft machte er sich das Vergnügen, über das Dorf und seine +kleinen Bewohner wegzuspringen. Bei einem Sprung aber ritzte er seine +große Zehe an der Thurmspitze, die er berührte. Das Blut sprützte aus +der Wunde in einem tausendfüßigen Bogen, bis in die Lache, in der sich +das nieversiegende Hühnenblut sammelte. + + + + +326. + +Es rauscht im Hühnengrab. + ++Micrälius+ Pomm. Gesch. B. ~II. c.~ 52. + + +Bei Cößlin in Pommern zeigt man einen Hühnenberg, und man hat da ein +großes Horn, ein großes Schwert und ungeheure Knochen ausgegraben. +Auch in Vorpommern sollen vor Zeiten Riesen gewesen seyn. In der +Gegend von Greifswalde ließ man 1594. solche Hühnengräber “kleuben und +abschlichten,” da fanden die Steinmetzen Leiber elf und wohl sechszehn +Schuh lang, und Krüge daneben. Wie sie aber an einen andern Graben, +dem vorigen gleich, kamen und ihn auch versuchen wollten, soll sich +ihrem Vorgeben nach ein Getümmel, als wenn etwas mit Schlüsseln um sie +herrauschte und tanzte, haben vernehmen lassen. Da standen sie ab vom +Stören des Grabs. + + + + +327. + +Todte aus den Gräbern wehren dem Feind. + ++Otmar’s+ Samml. + + +Wehrstedt, ein Dorf nahe bei Halberstadt, hat nach der Sage seinen +Namen davon erhalten, daß bei einem gefahrvollen Ueberfall fremder +Heiden, da die Landesbewohner der Uebermacht schon unterlagen, die +Todten aus den Gräbern aufstanden, diese Unholde tapfer abwehrten und +so ihre Kinder retteten. + + + + +328. + +Hans Heilings Felsen. + ++Körner’s+ Nachlaß 2. 132-152. aus der deutschböhmischen Volkssage, +vgl. 174. + + +An der Eger, dem Dorfe Aich gegenüber, ragen seltsame Felsen empor, +die das Volk: Hans Heilings Felsen nennt und wovon es heißt: vor +alten Zeiten habe ein gewisser Mann, Namens Hans Heiling, im Lande +gelebt, der genug Geld und Gut besessen, aber sich jeden Freitag +in sein Haus verschlossen und diesen Tag über unsichtbar geblieben +sey. Dieser Heiling stand mit dem Bösen im Bunde und floh, wo er ein +Kreuz sah. Einst soll er sich in ein schönes Mädchen verliebt haben, +die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden +war. Als diese mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen Hochzeit hielt, +erschien Mitternachts zwölf Uhr Heiling plötzlich unter ihnen und rief +laut: “Teufel, ich lösche dir deine Dienstzeit, wenn du mir diese +vernichtest!” Der Teufel antwortete: “so bist du mein” und verwandelte +alle Hochzeitleute in Felsensteine. Braut und Bräutigam stehen da, +wie sie sich umarmen; die übrigen mit gefaltenen Händen. Hans Heiling +stürzte vom Felsen in die Eger hinab, die ihn zischend verschlang und +kein Auge hat ihn wieder gesehen. Noch jetzt zeigt man die Steinbilder, +die Liebenden, den Brautvater und die Gäste; auch die Stelle, wo +Heiling hinabstürzte. + + + + +329. + +Die Jungfrau mit dem Bart. + ++Prätorius+ Wünschelruthe S. 152-153. aus mündl. Erzählung. + +vgl. Kinder- und Haus-Märchen II. 66. + + +Zu Salfeld mitten im Fluß steht eine Kirche, zu welcher man durch eine +Treppe von der nahgelegenen Brücke eingeht, worin aber nicht mehr +gepredigt wird. An dieser Kirche ist als Beiwappen oder Zeichen der +Stadt in Stein ausgehauen eine gekreuzigte Nonne, vor welcher ein Mann +mit einer Geige kniet, der neben sich einen Pantoffel liegen hat. Davon +wird folgendes erzählt. Die Nonne war eine Königs-Tochter und lebte zu +Salfeld in einem Kloster. Wegen ihrer großen Schönheit verliebte sich +ein König in sie und wollte nicht nachlassen, bis sie ihn zum Gemahl +nähme. Sie blieb ihrem Gelübde treu und weigerte sich beständig, als +er aber immer von neuem in sie drang und sie sich seiner nicht mehr +zu erwehren wußte, bat sie endlich Gott, daß er zu ihrer Rettung die +Schönheit des Leibes von ihr nähme und ihr Ungestaltheit verliehe; Gott +erhörte die Bitte und von Stund an wuchs ihr ein langer, häßlicher +Bart. Als der König das sah, gerieth er in Wuth und ließ sie ans Kreuz +schlagen. + +Aber sie starb nicht gleich, sondern mußte in unbeschreiblichen +Schmerzen etliche Tage am Kreuz schmachten. Da kam in dieser Zeit aus +sonderlichem Mitleiden ein Spielmann, der ihr die Schmerzen lindern +und die Todes-Noth versüßen wollte. Der hub an und spielte auf seiner +Geige, so gut er vermogte, und als er nicht mehr stehen konnte vor +Müdigkeit, da kniete er nieder und ließ seine tröstliche Musik ohn +Unterlaß erschallen. Der heiligen Jungfrau aber gefiel das so gut, +daß sie ihm zum Lohn und Angedenken einen köstlichen, mit Gold und +Edelstein gestickten Pantoffel von dem einen Fuß herabfallen ließ. + + + + +330. + +Die weiße Jungfrau zu Schwanau. + ++Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. II. 3. + + +Die freien Schweizer brachen die Burg Schwanau auf dem lowerzer See, +weil darin der böse und grausame Vogt des Kaisers wohnte. Einmal +jährlich erschüttert bei nächtlicher Stille ein Donner die Trümmer und +ertönt im Thurm Klaggeschrei; rings um die Mauer wird der Vogt von dem +weißgekleideten Mädchen, das er entehrt hatte, verfolgt, bis er mit +Geheule sich in den See stürzt. Drei Schwestern flohen vor der Vögte +Lust in des Rigi Klüfte und sind nimmer wieder herausgekommen. Sanct +Michels Capelle bezeichnet den Ort. + + + + +331. + +Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See. + +Erzählungen und Märchen von +Gustav+. Lpzg. 1804. + + +Der Mummel-See liegt im tiefen Murgthale rings von ehemaligen Burgen +umgeben; gegen einander stehen die Ueberreste der ehemaligen Festen ++Schwarzkopf+ und +Seeburg+. Die Sage erzählt, daß jeden Tag, wann +Dämmerung die Bergspitzen verhüllt, von der Seite des Seeburger +Burghofes dreizehn Stück Rothwild zu einem Pförtchen herein, über den +Platz, und zu dem entgegengesetzten flügellosen Burgthore hinaus eilen. +Geübte Wildschützen bekamen von diesen Thieren immer eins, aber nie +mehr in ihre Gewalt. Die andern Kugeln gingen fehl, oder fuhren in die +Hunde. Kein Jäger schoß seit der Zeit auf ein anderes Thier, als das in +diesem Zuge lief und sich durch Größe und Schönheit auszeichnete. Von +diesem täglichen Zuge ist jedoch der Freitag ausgenommen, der deswegen +den noch jetzt üblichen Namen Jäger-Sabbath erhielt und an welchem +niemand die Seeburg betritt. Aber an diesem Tage, um die Mitternacht, +wird eine andere Erscheinung gesehen. Zwölf Nonnen, in ihrer Mitte ein +blutender Mann, in dessen Leib zwölf Dolche stecken, kommen durch die +kleine Waldpforte in den Hof und wandeln still dem großen Burgthore zu. +In diesem Augenblick erscheint aus dem Portale eine ähnliche Reihe, +bestehend in zwölf ganz schwarzen Männern, aus deren Leibern Funken +sprühen und überall brennende Flecken hervorlodern; sie wandeln dicht +an den Nonnen und ihrem blutigen Begleiter vorüber, in ihrer Mitte +aber schleicht eine weibliche Gestalt. Dieses Gesicht erklärt die Sage +auf folgende Weise: in der Seeburg lebten zwölf Brüder, Raub-Grafen, +und bei ihnen eine gute Schwester; auf dem Schwarzkopf aber ein edler +Ritter mit zwölf Schwestern. Es geschah, daß die zwölf Seeburger in +einer Nacht die zwölf Schwestern vom Schwarzkopf entführten, dagegen +aber auch der Schwarzkopfer die einzige Schwester der zwölf Raubgrafen +in seine Gewalt bekam. Beide Theile trafen in der Ebene des Murgthals +auf einander und es entstand ein Kampf, in welchem die Seeburger bald +die Oberhand erhielten und den Schwarzkopfer gefangen nahmen. Sie +führten ihn auf die Burg und jeder von den Zwölfen stieß ihm einen +Dolch vor den Augen seiner sterbenden Geliebten, ihrer Schwester, in +die Brust. Bald darnach befreiten sich die zwölf geraubten Schwestern +aus ihren Gemächern, suchten die zwölf Dolche aus der Brust ihres +Bruders und tödteten in der Nacht sämmtliche Mord-Grafen. Sie +flüchteten nach der That, wurden aber von den Knechten ereilt und +getödtet. Als hierauf das Schloß durch Feuer zerstört ward, da sah +man die Mauern, in welchen die Jungfrauen geschmachtet, sich öffnen, +zwölf weibliche Gestalten, jede mit einem Kindlein auf dem Arm, traten +hervor, schritten zu dem Mummel-See und stürzten sich in seine Fluten. +Nachher hat das Wasser die zertrümmerte Burg verschlungen, in welcher +Gestalt sie noch hervorragt. + +Ein armer Mann, der in der Nähe des Mummel-Sees wohnte und oftmals für +die Geister des Wassers gebätet hatte, verlor seine Frau durch den +Tod. Abends darauf hörte er in der Kammer, wo sie auf Spänen lag, eine +leise Musik ertönen. Er öffnete ein wenig die Thüre und schaute hinein +und sah sechs Jungfrauen, die mit Lichtlein in den Händen um die Todte +standen; am folgenden Abend waren es eben so viel Jünglinge, die bei +der Leiche wachten und sie sehr traurig betrachteten. + + + + +332. + +Der Krämer und die Maus. + ++Wenzel+ dramat. Erzählungen. + + +Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen +Reichenau. Er war müd geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu +verzehren; das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß, +sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich +vor ihn hinsetzte und aufschaute, als erwartete es etwas. Gutmüthig +warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so noth es ihm selber +that, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lang er noch +etwas hatte, immer sein kleines Theil, so daß sie ordentlich zusammen +Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an +einer nahen Quelle zu thun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein +Goldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte +es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und +sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da +nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz +von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach +dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das +Gold nach Reichenau, theilte es halb unter die Armen und ließ von der +andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum +ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der +Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen. + + + + +333. + +Die drei Schatzgräber. + ++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 219. + + +Unter der St. Dionysien Kirche, nicht weit von Erfurt, sollte ein +großer Schatz liegen, welchen drei Männer miteinander zu heben sich +vornahmen, nämlich ein Schmidt, ein Schneider und ein Hirt oder +Schäfer. Aber der böse Geist, der den Schatz bewachte, tödtete sie +alle dreie. Ihre Häupter wurden an dem Gesims der Kirche unterm Dache +in Stein ausgehauen, nebst einem Hufeisen, einer Scheere und einem +Schäferstock oder einer Weinmeisters-Hippe. + + + + +334. + +Einladung vor Gottes Gericht. + +~+Casp. Henneberg+ chronicon Prussiae. p. 254.~ + ++Prätorius+ Weltbeschr. I. 285-288. + + +Zu Leuneburg in Preußen war ein sehr behender Dieb, der einem ein Pferd +stehlen konnte, wie vorsichtig man auch war. Nun hatte ein Dorfpfarrer +ein schönes Pferd, das er dem Fischmeister zu Angerburg verkauft, +aber noch nicht gewährt. Da wettete der Dieb, er wolle dieses auch +stehlen und darnach aufhören; aber der Pfarrer erfuhr es und ließ es so +verwahren und verschließen, daß er nicht dazu kommen konnte. Indeß ritt +der Pfarrer mit dem Pferd einmal in die Stadt, da kam der Dieb auch in +Bettlerskleidern mit zweien Krücken in die Herberge. Und als er merkt, +daß der Pfarrer schier wollte auf seyn, macht er sich zuvor auf das +Feld, wirft die Krücken auf einen Baum, legt sich darunter und erwartet +den Pfarrer. Dieser kommt hernach, wohl bezecht, findet den Bettler da +liegen und sagt: “Bruder, auf! auf! es kommt die Nacht herbei, geh zu +Leuten, die Wölfe mögten dich zerreißen.” Der Dieb antwortet: “ach! +lieber Herr, es waren böse Buben eben hier, die haben mir meine Krücken +auf den Baum geworfen, nun muß ich allhier verderben und sterben, denn +ohne Krücken kann ich nirgend hinkommen.” Der Pfarrer erbarmt sich +seiner, springt vom Pferde, gibt es dem Schalk, am Zügel zu halten, +zieht seinen Reitrock aus, legt ihn aufs Pferd und steigt dann auf +den Baum, die Krücken abzugewinnen. Indessen springt der Dieb auf das +Pferd, rennt davon, wirft die Bauerskleider weg und läßt den Pfarrer zu +Fuß nach Hause gehen. Diesen Diebstahl erfährt der Pfleger, läßt den +Dieb greifen und an den Galgen henken. Jedermann wußte nun von seiner +Listigkeit und Behendigkeit zu erzählen. + +Einsmals ritten etliche Edelleute, wohl bezecht, an dem Galgen vorbei, +redeten von des Diebs Verschlagenheit und lachten darüber. Einer von +ihnen war auch ein wüster und spöttischer Mensch, der rief hinauf: +“o du behender und kluger Dieb, du mußt ja viel wissen! komm auf den +Donnerstag mit deinen Gesellen zu mir zu Gaste und lehre mich auch +Listigkeit.” Deß lachten die andern. + +Auf den Donnerstag, als der Edelmann die Nacht über getrunken hatte, +lag er lang schlafend, da kommen die Diebe Glocke neun des Morgens +mit ihren Ketten in den Hof, gehen zur Frau, grüßen sie und sagen, +der Junker habe sie zu Gast gebeten, sie solle ihn aufwecken. Dessen +erschrickt sie gar hart, geht vor des Junkers Bett und sagt: “ach! ich +habe euch längst gesagt, ihr würdet mit euerm Trinken und spöttischen +Reden Schande einlegen, steht auf und empfanget eure Gäste;” und +erzählt, was sie in der Stube gesagt hätten. + +Er erschrickt, steht auf, heißt sie willkommen und daß sie sich setzen +sollten. Er läßt Essen vortragen, so viel er in Eile vermag, welches +alles verschwindet. Unterdessen sagt der Edelmann zu dem Pferdedieb: +“lieber, es ist deiner Behendigkeit viel gelachet worden, aber jetzund +ist mirs nicht lächerlich, doch verwundert mich, wie du so behend +bist gewesen, da du doch ein grober Mensch scheinest.” Der antwortet: +“der Satan, wann er sieht, daß ein Mensch Gottes Wort verläßt, kann +einen leicht behend machen.” Der Edelmann fragte andere Dinge, darauf +jener antwortete, bis die Mahlzeit entschieden war. Da stunden sie +auf, dankten ihm und sprachen: “so bitten wir euch auch zu Gottes +himmlischem Gericht, an das Holz, da wir um unserer Missethat willen +von der Welt getödtet worden: da sollt ihr mit uns aufnehmen das +Gericht zeitlicher Schmach und dies soll seyn heut über vier Wochen.” +Und schieden also von ihm. + +Der Edelmann erschrack sehr und ward heftig betrübt. Er sagte es vielen +Leuten, der eine sprach dies der andere jenes dazu. Er aber tröstete +sich dessen, daß er niemanden etwas genommen und daß jener Tag auf +Allerheiligen-Tag fiel, auf welchen um des Fests willen man nicht +zu richten pflegt. Doch blieb er zu Hause und lud Gäste, so etwas +geschähe, daß er Zeugniß hätte, er wäre nicht auskommen. Denn damals +war die Rauberei im Lande, sonderlich Gregor Maternen Reiterei, aus +welchen einer den Hauscomthur D. Eberhard von Emden erstochen hatte. +Derhalben der Comthur Befehl bekam, wo solche Reiter und Compans zu +finden wären, man sollte sie fangen und richten, ohn einige Audienz. +Nun war der Mörder verkundschaftet und der Comthur eilte ihm mit den +seinigen nach. Und weil jenes Edelmannes der letzte Tag war und dazu +Allerheiligen-Fest, gedacht er, nun wär er frei, wollte sich einmal +gegen Abend auf das lange Einsitzen etwas erlustigen und ritt ins +Feld. Indessen als seiner des Comthurs Leute gewahr werden, däucht +sie, es sey des Mörders Pferd und Kleid und reiten flugs auf ihn zu. +Der Reuter stellt sich zur Wehr und ersticht einen jungen Edelmann, +des Comthurs Freund und wird deshalb gefangen. Sie bringen ihn vor +Leuneburg, geben einem Litthauen Geld, der hängt ihn zu seinen Gästen +an den Galgen. Und wollte ihm nicht helfen, daß er sagte, er käme aus +seiner Behausung erst geritten, sondern muß hören: “mit ihm fort, eh +andere kommen und sich seiner annehmen, denn er will sich nur also +ausreden!” + + + + +335. + +Gäste vom Galgen. + ++Bräuner’s+ Curiositäten S. 296-298. + + +Ein Wirth einer ansehnlichen Stadt reiste mit zwei Weinhändlern aus +dem Weingebürge, wo sie einen ansehnlichen Vorrath Wein eingekauft +hatten, wieder heim und ihr Weg führte sie am Galgen vorbei und obwohl +sie berauscht waren, sahen sie doch und bemerkten drei Gehenkte, +welche schon lange Jahre gerichtet waren. Da rief einer von den zwei +Weinhändlern: “du, Bären-Wirth, diese drei Gesellen, die da hängen, +sind auch deine Gäste gewesen.” -- “Hei! sagte der Wirth in tollem +Muthe, sie können heut zu Nacht zu mir kommen und mit mir essen!” Was +geschieht? Als der Wirth also trunken anlangt, vom Pferd absteigt, in +seine Wohnstube geht und sich niedersetzt, kommt eine gewaltige Angst +über ihn, so daß er nicht im Stande ist, jemand zu rufen. Indeß tritt +der Hausknecht herein, ihm die Stiefel abzuziehen, da findet er seinen +Herrn halb todt im Sessel liegen. Er ruft alsbald die Frau und als sie +ihren Mann mit starken Sachen ein wenig wieder erquickt, fragt sie, was +ihm zugestoßen sey. Darauf erzählt er ihr, im Vorbeireiten habe er die +drei Gehängten zu Gast geladen und da er in seine Stube gekommen, seyen +diese drei in der entsetzlichen Gestalt, wie sie am Galgen hängen, in +das Zimmer getreten, hätten sich an den Tisch gesetzt und ihm immer +gewinkt, daß er herbei kommen solle. Da sey endlich der Hausknecht +hereingetreten, worauf die Geister alle drei verschwunden. Dieses wurde +für eine bloße Einbildung des Wirths ausgegeben, weil ihm trunkener +Weise eingefallen, was er im Vorbeireiten den Sündern zugerufen, aber +er legte sich zu Bett und starb am dritten Tage. + + + + +336. + +Teufels-Brücke. + +Mündlich. + + +Ein Schweizer-Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte sich +immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen, +oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf +einer außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: “ich wollte +der Teufel wäre da und baute mir eine Brücke hinüber.” Augenblicklich +stand der Teufel bei ihm und sagte: “versprichst du mir das erste +Lebendige, das darüber geht, so will ich dir eine Brücke dahin bauen, +auf welcher du stets hinüber und herüber kannst.” Der Hirte willigte +ein; in wenig Augenblicken war die Brücke fertig, aber jener trieb eine +Gemse vor sich her und ging hinten nach. Der betrogene Teufel ließ +alsbald die Stücke des zerrissenen Thiers aus der Höhe herunter fallen. + + + + +337. + +Die zwölf Johanneße. + ++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. + + +Ein fränkischer König hatte zwölf Jünglinge, die wurden die deutschen +Schüler genannt, und hieß jeglicher +Johannes+. Sie fuhren auf einer +Glücksscheibe durch alle Länder und konnten binnen vier und zwanzig +Stunden erfahren, was in der ganzen Welt geschehen war. Das berichteten +sie dann dem Könige. Der Teufel aber ließ alle Jahre einen von der +Scheibe herabfallen und nahm ihn zum Zoll. Den letzten ließ er auf den +Petersberg bei Erfurt fallen, der zuvor der Berbersberg genannt war. +Der König bekümmerte sich, wo doch der letzte hingekommen wäre, und +als er erfuhr, daß es ein schöner Berg sey, auf den er herabgefallen, +ließ er eine Capelle daselbst bauen und nannte sie ~Corpus Christi~; +setzte auch einen Einsiedler hinein. Es war aber damals schiffbar +Wasser rings umher und nichts angebaut und an der Capelle hing eine +Leuchte, darnach sich jeder richtete, bis das Wasser an der Sachsenburg +abgestochen wurde. + + + + +338. + +Teufels-Graben. + +Mündlich. + + +In der Nähe des Dorfes Rappersdorf, das nicht weit von der Stadt +Strehlen in Niederschlesien liegt, erblickt man in flachem Boden einen +tiefen Graben, gegen einen etwas entfernten Bach laufend, welcher vom +Volk der +Teufels-Graben+ genannt wird. Ein Bauer aus Rappersdorf +war sehr in Noth, weil er nicht wußte, wie er das überhand nehmende +Regen-Wasser von seinen Feldern ableiten solle. Da erschien der Teufel +vor ihm und sprach: “gib mir sieben Arbeiter zur Hülfe, so will ich +dir noch in dieser Nacht einen Graben machen, der alles Wasser von +deinen Äckern abzieht und fertig seyn soll, eh der Morgen graut.” +Der Bauer willigte ein und überlieferte dem Teufel die Arbeiter mit +ihren Werkzeugen. Als er am folgenden Tag hinausging, die Arbeit zu +besichtigen, war zwar der große breite Graben vollendet, aber die +Arbeitsleute waren verschwunden, bis man die zerrissenen Glieder dieser +Unglücklichen auf den Feldern rings umher zerstreut fand. + + + + +339. + +Der Kreuzliberg. + +Kleine Reminiscenzen und Gemählde. Zürch 1806. + + +Auf einer Burg in der Nähe von Baaden im Aargau lebte eine +Königstochter, welche oft zu einem nah gelegenen Hügel ging, da im +Schatten des Gebüsches zu ruhen. Diesen Berg aber bewohnten innen +Geister und er ward einmal bei einem furchtbaren Wetter von ihnen +verwüstet und zerrissen. Die Königstochter, als sie wieder hinzukam, +beschloß in die geöffnete Tiefe hinabzusteigen, um sie beschauen zu +können. Sie trat, als es Nacht wurde, hinein, wurde aber alsbald von +wilden, entsetzlichen Gestalten ergriffen und über eine große Menge +Fässer immer tiefer und weiter in den Abgrund gezogen. Folgenden Tags +fand man sie auf einer Anhöhe in der Nähe des verwüsteten Bergs, die +Füße in die Erde gewurzelt, die Arme in zwei Baumäste ausgewachsen und +den Leib einem Steine ähnlich. Durch ein Wunderbild, das man aus dem +nahen Kloster herbeibrachte, wurde sie aus diesem furchtbaren Zustande +wieder erlöst und zur Burg zurückgeführt. Auf den Gipfel des Bergs +setzte man ein Kreuz, und noch jetzt heißt dieser der +Kreuzliberg+ und +die Tiefe mit den Fässern des +Teufels Keller+. + + + + +340. + +Die Pferde aus dem Bodenloch. + +~+Merssaeus (Cratepolius)+ catalogus episcop. Coloniens.~ + +~+Greg. Horst+~ in s. Zusätzen zu ~+Marc. Donatus+ hist. medica mirab. +cap. 9. p. 707.~ + +~+Balth. Bebelius+ diss. de bis mortuis p. 9.~ + +Rhein. Antiquarius S. 728-730. + +Cölner Taschenbuch für altdeutsche Kunst 1816. + + +Richmuth von Adocht, eines reichen Burgermeisters zu Cöln Ehefrau, +starb und wurde begraben. Der Todtengräber hatte gesehen, daß sie +einen köstlichen Ring am Finger trug, die Begierde trieb ihn Nachts +zu dem Grab, das er öffnete, Willens den Ring abzuziehen. Kaum aber +hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die +Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh +er. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern los, trat heraus und ging +gerades Schritts auf ihr Haus zu, wo sie den bekannten Hausknecht bei +Namen rief, daß er schnell die Thüre öffnen sollte und erzählte ihm mit +wenig Worten, was ihr widerfahren. Der Hausknecht trat zu seinem Herrn +und sprach: “unsere Frau steht unten vor der Thüre und will eingelassen +seyn.” “Ach, sagte der Herr, das ist unmöglich, eh das möglich wäre, +eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen!” Kaum hatte er +das Wort ausgeredet, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden und +siehe, die sechs Schimmel standen oben alle beisammen. Die Frau hatte +nicht nachgelassen mit Klopfen, nun glaubte der Burgermeister, daß +sie wirklich da wäre; mit Freuden wurde ihr aufgethan und sie wieder +völlig zum Leben gebracht. Den andern Tag schauten die Pferde noch aus +dem Bodenloch und man mußte ein großes Gerüste anlegen, um sie wieder +lebendig und heil herabzubringen. Zum Andenken der Geschichte hat man +Pferde ausgestopft, die aus diesem Haus zum Boden herausgucken. Auch +ist sie in der Apostelkirche abgemahlt, wo man überdem einen langen +leinenen Vorhang zeigt, den Frau Richmuth nachher mit eigner Hand +gesponnen und dahin verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre. + + + + +341. + +Zusammenkunft der Todten. + +Mündlich, aus Hessen. + + +Eine Königin war gestorben und lag in einem schwarz ausgehängten +Trauersaal auf dem Prachtbette. Nachts wurde der Saal mit Wachskerzen +hell erleuchtet und in einem Vorzimmer befand sich die Wache: ein +Hauptmann mit neun und vierzig Mann. Gegen Mitternacht hört dieser, +wie ein sechsspänniger Wagen rasch vor das Schloß fährt, geht hinab +und eine in Trauer gekleidete Frau, von edlem und vornehmem Anstande, +kommt ihm entgegen und bittet um die Erlaubniß, eine kurze Zeit bei der +Todten verweilen zu dürfen. Er stellt ihr vor, daß er nicht die Macht +habe, dies zu bewilligen, sie nennt aber ihren wohlbekannten Namen und +sagt, als Oberhofmeisterin der Verstorbenen gebühre ihr das Recht, +sie noch einmal, eh sie beerdigt werde, zu sehen. Er ist unschlüssig, +aber sie dringt so lange, daß er nichts schickliches mehr einzuwenden +weiß und sie hineinführt. Er selbst, nachdem er die Thüre des Saals +wieder zugemacht, geht haußen auf und ab. Nach einiger Zeit bleibt +er vor der Thüre stehen, horcht und blickt durchs Schlüsselloch, da +sieht er, wie die todte Königin aufrecht sitzt und leise zu der Frau +spricht, doch mit verschlossenen Augen und ohne eine andere Belebung +der Gesichtszüge, als daß die Lippen sich ein wenig bewegen. Er heißt +die Soldaten, einen nach dem andern, hineinsehen und jeder erblickt +dasselbe; endlich naht er selbst wieder, da legt sich die Todte eben +langsam auf das Prachtbett zurück. Gleich darnach kommt die Frau wieder +heraus und wird vom Hauptmann hinab geführt; dieser fühlt, indem er +sie in den Wagen hebt, daß ihre Hand eiskalt ist. Der Wagen eilt, +so schnell er gekommen, wieder fort und der Hauptmann sieht, wie in +der Ferne die Pferde Feuerfunken ausathmen. Am andern Morgen kommt +die Nachricht, daß die Oberhofmeisterin, welche mehrere Stunden weit +auf einem Landhause wohnte, um Mitternacht und gerade in der Stunde +gestorben ist, wo sie bei der Todten war. + + + + +342. + +Das weissagende Vöglein. + ++Micrälius+ Pomm. Gesch. Buch IV. S. 159. + + +Im Jahr 1624. hörte man in der Luft rufen: “weh, weh über Pommerland!” +Am 14. Juli ging des Leinenwebers Frau von Colbatz nach Selow, mit +Namen Barbara Sellentius, daselbst Fische zu kaufen. Da sie auf dem +Rückwege nach Colbatz unterwegs war, hörte sie den Steig herunter am +Berge ein Geschrei von Vögeln, und wie sie besser hinankam, schallte +ihr die Stimme entgegen: “höre, höre!” Sie sah mittlerweile ein klein +weiß Vögelein, einer Schwalben groß, auf einer Eiche sitzend, das +redete sie mit deutlichen, klaren Worten an: “sage dem Hauptmann, daß +er soll dem Fürsten sagen, die Anrennung, die er kriegen wird, soll +er in Güte vertragen, oder es wird über ihn ausgehen; und soll also +richten, daß ers vor Gott und der Welt verantworten kann!” + + + + +343. + +Der ewige Jud auf dem Matterhorn. + +Mündlich, aus Oberwallis. + + +Der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher Gletscher des +Walliserlands, auf welchem die Visper entspringt. Der Leutsage nach +soll daselbst vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch +diese kam einmal der +laufende Jud+[16] gegangen und sprach: “wenn +ich zum zweitenmal hier durch wandere, werden da, wo jetzt Häuser +und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum +drittenmal der Weg daher führt, wird nichts da seyn, als Schnee und +Eis.” Jetzo ist schon nichts mehr da zu sehen, als Schnee und Eis. + + + [16] So nennen viele Schweizer den ewigen Juden. + + + + +344. + +Der Kessel mit Butter. + +Mündlich, aus Oberwallis. + + +Unter einem Berg des Visperthales, nicht weit von Alt-Tesch, soll ein +ganzes Dorf mit Kirche und Häusern vergraben liegen, und die Ursache +dieses Unglücks wird so erzählt: eine Bäuerin stand vorzeiten an ihrem +Heerd und hatte einen Kessel mit Anke, welche sie auslassen wollte, +über dem Feuer hangen; der Kessel war gerade halb voll Sud. Da kam ein +Mann des Weges vorbei und sprach sie an, daß sie ihm etwas von der Anke +zu seiner Speise geben möchte. Die Frau war aber hartherzig und sagte: +“ich brauch alles für mich selber und kann nichts davon verschenken.” +Da wandte sich der Mann und sprach: “hättest du mir ein weniges +gegeben, so wollte ich deinen Kessel so begabt haben, daß er stets bis +zum Rand voll gewesen und nimmer leer geworden wäre.” Dieser Mann war +unser Herrgott selber. Das Dorf aber war seit der Zeit verflucht und +wurde von einem Bergsturz ganz überschüttet, so daß nichts mehr davon +am Licht ist, als die Fläche des Kirchen-Altars, der ehdem im Ort +gestanden; +über+ den fließt nämlich jetzt das Bächlein, das vorher ++unter+ ihm hingeflossen und sich nun durch die Schlucht der Felsen +windet. + + + + +345. + +Trauer-Weide. + +Mündlich. + + +Unser Herr Jesus Christus ward bei seiner Kreuzigung mit Ruthen +gegeiselt, die von einem Weidenbaume genommen waren. Seit dieser Zeit +senkt dieser Baum seine Zweige trauernd zur Erde und kann sie nicht +mehr himmelwärts aufrichten. Das ist nun der Trauer-Weidenbaum. + + + + +346. + +Das Christus-Bild zu Wittenberg. + +Mündlich. + + +Zu Wittenberg soll sich ein Christus-Bild befinden, welches die +wunderbare Eigenschaft hat, daß es immer einen Zoll größer ist, als +der, welcher davor steht und es anschaut; es mag nun der größte oder +der kleinste Mensch seyn. + + + + +347. + +Das Muttergottes-Bild am Felsen. + +Mündlich, aus Oberwallis. + + +Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätibergs hinter +St. Niklas stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines +Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren +Capellchen, daß die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal +aber geschahs, daß ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört +geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte +Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an +die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder +herunter begeben. Den Fels hinanzuklimmen und es zurückzuhohlen, war +ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom +Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit +starken Stricken umwunden so weit hernieder schweben lassen, bis er vor +das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen +wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner +und dünner, ja als er eben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar, +daß den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinaufrief: +sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär er verloren. +Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die +vorige Stärke. Da mußten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und +bekamen es nimmer wieder. + + + + +348. + +Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast. + +Tyroler Sammler V. 1809. S. 251-265. aus der Volkssage und dem +waldraster Protocoll. + + +Im Jahr 1392. sandte die große Frau im Himmel einen Engel aus nach +Tyrol in die Waldrast auf dem Serlesberg. Der trat vor einen hohlen +Lerchenstock und sprach zu ihm im Namen der Gottesmutter: + + “du Stock sollst der Frauen im Himmel Bild fruchten!” + +Das Bild wuchs nun im Stock und zwei fromme Hirtenknaben, Hänsle und +Peterle aus dem Dorfe Mizens, gewahrten sein zuerst im Jahr 1407. +Verwundert liefen sie hinab zu den Bauern und erzählten: “gehet auf das +Gebirg, da stehet etwas wunderbarliches im hohlen Stock, wir trauten +uns nicht es anzurühren.” Das heilige Bild wurde nun erkannt, mit einer +Säge aus dem Stock geschnitten und einstweilen nach Matrey gebracht. +Da stund es, bis daß ihm eine eigene Kirche zur Waldrast selbst +gebauet wurde, dazu bediente sich U. L. F. eines armen Holzhackers +Namens Lusch, gesessen zu Matrey. Als der eines Pfingsttags Nacht an +seinem Bett lag und schlief, kam eine Stimme, redete zu dreienmalen +und sprach: “schläfst du oder wachst du?” Und beim drittenmal erwachte +er und frug: “wer bist du oder was willst du?” Die Stimme sprach: “du +sollst aufbringen eine Capelle in der Ehre U. L. F. auf der Waldrast.” +Da sprach der Holzhauer: “das will ich nit thun.” Aber die Stimme +kehrte wieder zu der andern Pfingsttagnacht und redete mit ihm in der +Maas als zuvor. Da sprach er: “ich bin zu arm dazu.” Da kam die Stimme +zu der dritten Pfingsttagnacht abermal an sein Bett und redete als vor. +Also hatte er dreier Nacht keine vor Sorgen geschlafen und antwortete +der Stimme: “wie meinest du’s, daß du nicht von mir willt lassen?” Da +sprach die Stimme: “du sollt es thun.” Da sprach er: “ich will sein +nit thun!” Da nahm es ihn und hob ihn gerad auf in die Höhe und sagte: +“du sollt es nun thun, berathe dich drum!” Da gedacht er: “o ich armer +Mann, was rath ich, daß ichs recht thue?” und sprach, er wollte es +thun, wo er nur die rechte Stätte wüßte. Die Stimme sprach: “im Wald +ist ein grüner Fleck im Moose, da leg dich nieder und raste, so wird +dir wohl kund gethan die rechte Stätte.” Der Holzhauer machte sich auf, +legte sich hin auf das Moos und rastete, (davon heißt der Ort: die Rast +im Walde, +Waldrast+.) Wie er entschlafen war, hörte er im Schlaf zwei +Glöckel. Da wachte er und sah vor sich auf dem Flecken, da jetzund +die Kirch stehet, eine Frau in weißen Kleideren und hätte ein Kind +am Arm, deß ward ihm nur ein Blick[17]. Da gedachte er: allmächtiger +Gott, da ist freilich die rechte Statt! und ging auf die Statt, da er +das Bild gesehen hatte, und merkts aus, nach dem als er vermeinte eine +Kirche zu machen, und die Glöckel klungen, bis er ausgemerkt hatte, +hernach hörte er sie nicht mehr. Da sprach er: “lieber Gott, wie soll +ichs verbringen? ich bin arm und habe kein Gut, da ich solchen Bau mit +verbringen möge.” Da sprach wiederum die Stimme: “so geh zu frommen +Leuten, die geben dir wohl alsoviel, daß du es verbringst. Und wann es +beschiehet, daß man es weihen soll, da wird es stillstehen 36 Jahr, +darnach wird es fürgäng und werden große Zeichen da geschehen zu ewigen +Zeiten.” Und da er die Capelle anfangen wollte zu machen, ging er zu +seinem Beichtvater und thät ihm das kund. Da schuf er ihn vor den +Bischof Ulrich gen Brixen, da ging er zu fünfmalen gen Brixen, daß ihm +der Bischof den Bau und die Capelle zu machen erlaubte. Das thät der +Bischof und ist beschehen am Erchtag (Dienstag) vor S. Pancratius im +Jahr 1409. + + + [17] d. h. er sah die Erscheinung nur einen Augenblick. + + + + +349. + +Ochsen zeigen die heilige Stätte. + ++Kasthofen+ in den Alpenrosen 1813. S. 188. + + +Bei Matten, einem Dorfe unweit der Mündung des Fermelthals in der +Schweiz, liegt ein gewaltiges zerstörtes steinernes Gebäude, davon +geht folgende Sage: Vor alten Zeiten wollte die Gemeinde dem heiligen +Stephan eine Kirche bauen und man ersah den Platz aus, wo das Mauerwerk +steht. Aber jede Nacht wurde zum Schrecken aller wiederum zerstört, was +den Tag über die fleißigen Thal-Leute aufgeführt hatten. Da beschloß +die Gemeinde unter Gebäten die Werkzeuge des Kirchenbaus einem ins Joch +gespannten Ochsenpaare aufzulegen, wo das stillstehen würde, wollten +sie Gottes Finger darin erblicken und die Kirche an dem Ort aufbauen. +Die Thiere gingen über den Fluß und blieben da stehen, wo nun die +Kirche St. Stephan vollendet ward. + + + + +350. + +Notburga. + +Notburga, eine heilige Magd auf dem Schloß Rottenburg. Auf öffentl. +Schaubühne vorgestellt den 17. Septbr. 1738. + +Süddeutsche Miscellen 1813. März Nr. 26. + +Miscellen für die neuste Weltkunde 1810. Nr. 44. + + +Im untern Innthale Tirols liegt das Schloß +Rottenburg+, auf welchem +vor alten Zeiten bei einer adlichen Herrschaft eine fromme Magd diente, ++Notburga+ genannt. Sie ward mildthätig und theilte, so viel sie +immer konnte, unter die Armen aus und weil die habsüchtige Herrschaft +damit unzufrieden war, schlugen sie das fromme Mägdlein und jagten es +endlich fort. Es begab sich zu armen Bauersleuten auf den nah gelegenen +Berg +Eben+; Gott aber strafte die böse Frau auf Rottenburg mit einem +jähen Tod. Der Mann fühlte nun das der Notburga angethane Unrecht und +holte sie von dem Berge Eben wieder zu sich nach Rottenburg, wo sie +ein frommes Leben führte, bis die Engel kamen und sie in den Himmel +abholten. Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den Innstrom und +obgleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, als die Heilige +sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der Capelle des heil. +Ruprecht beigesetzt. + +Am Neckar geht eine andere Sage. Noch stehen an diesem Flusse Thürme +und Mauern der alten Burg +Hornberg+, darauf wohnte vorzeiten ein +mächtiger König mit seiner schönen und frommen Tochter +Notburga+. +Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er war aber +ausgezogen in fremde Lande und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie +Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus, ihr Vater +aber war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach +er zu ihr: “bereite deinen Hochzeitschmuck, in drei Tagen kommt ein +Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.” Notburga aber sprach in ihrem +Herzen: “eh will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als ich +meine Treue brechen sollte.” + +In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen +treuen Diener und sprach zu ihm: “führe mich die Waldhöhe hinüber nach +der Capelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im +Dienste Gottes das Leben beschließen.” Als sie auf der Höhe waren, +rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand +neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich +an sein Geweih und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah, +wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm +und drüben verschwand. + +Am andern Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie +überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, aber sie +kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben; und der treue Diener +wollte sie nicht verrathen. Aber als es Mittagszeit war, kam der weiße +Hirsch auf Hornberg zu ihm und als er ihm Brot reichen wollte, neigte +er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken mögte. Dann +sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildniß und +so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber +niemand wußte, was es zu bedeuten hatte, als der treue Diener. + +Endlich bemerkte der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das +Geheimniß ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd und +als der Hirsch wieder die Speise zu holen kam und damit forteilte, +jagte er ihm nach, durch den Fluß hindurch, bis zu einer Felsenhöhle, +in welche das Thier sprang. Der König stieg ab und ging hinein, da +fand er seine Tochter, mit gefaltenen Händen vor einem Kreuz kniend, +und neben ihr ruhte der weiße Hirsch. Da sie vom Sonnenlicht nicht +mehr berührt worden, war sie todtenblaß, also daß er vor ihrer Gestalt +erschrack. Dann sprach er: “kehre mit nach Hornberg zurück;” aber sie +antwortete: “ich habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr +bei den Menschen.” Was er noch sonst sprach, sie war nicht zu bewegen +und gab keine andere Antwort. Da gerieth er in Zorn und wollte sie +wegziehen, aber sie hielt sich am Kreuz, und als er Gewalt brauchte, +löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt, vom Leibe und blieb in +seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grausen, daß er fort eilte und sich +nimmer wieder der Höhle zu nähern begehrte. + +Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga als +eine Heilige. Büßende Sünder schickte der Einsiedler bei der St. +Michael-Capelle, wenn sie bei ihm Hilfe suchten, zu ihr: sie bätete +mit ihnen und nahm die schwere Last von ihrem Herzen. Im Herbst, als +die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den +Himmel; die Leiche hüllten sie in ein Todten-Gewand und schmückten +sie, obgleich alle Blumen verwelkt waren, mit blühenden Rosen. Zwei +schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken gehabt, trugen +sie über den Fluß ohne die Hufe zu benetzen und die Glocken in den +nahliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. So ward der +Leichnam zur St. Michael-Capelle gebracht und dort begraben. In der +Kirche des Dorfs Hochhausen am Neckar steht noch heute das Bild der +heil. Notburga in Stein gehauen. Auch die Notburga-Höhle, gemeinlich +Jungfern-Höhle geheißen, ist noch zu sehen und jedem Kind bekannt. + +Nach einer andern Erzählung war es König Dagobert, der zu Mosbach Hof +gehalten, welchem seine Tochter Notburga entfloh, weil er sie mit +einem heidnischen Wenden vermählen wollte. Sie ward mit Kräutern und +Wurzeln von einer Schlange in der Felsenhöhle ernährt, bis sie darin +starb. Schweifende Irrlichter verriethen das verstolene Grab und die +Königstochter ward erkannt. Den mit ihrer Leiche beladenen Wagen zogen +zwei Stiere fort und blieben an dem Orte stehen, wo sie jetzt begraben +liegt und den eine Kirche umschließt. Hier geschehen noch viele +Wunder. Das Bild der Schlange befindet sich gleichfalls an dem Stein +zu Hochhausen. Auf einem Altargemälde daselbst ist aber Notburga mit +ihren schönen Haaren vorgestellt, wie sie zur Sättigung der väterlichen +Rachgierde enthauptet wird. + + + + +351. + +Mauerkalk mit Wein gelöscht. + +~+Cuspinianus+ hist. Austr. ex relatione seniorum.~ + ++Aelurius+ glätzische Chronik. Buch ~II. cap. 2. p. 97.~ + + +Im Jahr 1450. wuchsen zu Oestreich so sauere Trauben, daß die meisten +Bürgersleute den gekelterten Wein in die offene Straße ausschütteten, +weil sie ihn seiner Herbheit halben nicht trinken mochten. Diesen +Wein nannte man +Reifbeißer+; nach einigen, weil der Reif die Trauben +verderbt, nach andern, weil der Wein die Dauben und Reife der +Fässer mit seiner Schärfe gebissen hätte. Da ließ Friedrich III., +römischer König, ein Gebot ausgehen, daß niemand so die Gabe Gottes +vergießen solle und wer den Wein nicht trinken möge, habe ihn auf den +Stephanskirchhof zu führen, da solle der Kalk im Wein gelöscht und die +Kirche damit gebaut werden. + +Zu Glatz, gegen dem böhmischen Thor wärts, stehet ein alter Thurm, rund +und ziemlich hoch; man nennet ihn Heidenthurm, weil er vor uralten +Zeiten im Heidenthum erbaut worden. Er hat starke Mauern und soll der +Kalk dazu mit eitel Wein zubereitet worden seyn. + + + + +352. + +Der Judenstein. + +Mündlich, aus Wien. + +Des tirol. Adlers immergrünendes Ehrenkränzel. durch F.A. Grafen von ++Brandis+. Botzen 1678. 4. S. 128. + ++Schmiedt’s+ heiliger Ehren-Glanz der Grafschaft Tirol. Augsburg 1732. +4. II. 154-167. + + +Im Jahr 1462 ist es zu Tirol im Dorfe Rinn geschehen, daß etliche Juden +einen armen Bauer durch eine große Menge Geld dahin brachten, ihnen +sein kleines Kind hinzugeben. Sie nahmen es mit hinaus in den Wald und +marterten es dort auf einem großen Stein, seitdem der +Judenstein+ +genannt, auf die entsetzlichste Weise zu todt. Den zerstochenen +Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden +Birkenbaum. Die Mutter des Kindes arbeitete gerade im Felde, als der +Mord geschah; auf einmal kamen ihr Gedanken an ihr Kind und ihr wurde, +ohne daß sie wußte warum, so angst: indem fielen auch drei frische +Blutstropfen nach einander auf ihre Hand. Voll Herzensbangigkeit eilte +sie heim und begehrte nach ihrem Kind. Der Mann zog sie in die Kammer, +gestand, was er gethan und wollte ihr nun das schöne Geld zeigen, +das sie aus aller Armuth befreie, aber es war all in Laub verwandelt. +Da ward der Vater wahnsinnig und grämte sich todt, aber die Mutter +ging aus und suchte ihr Kindlein, und als sie es an dem Baume hangend +gefunden, nahm sie es unter heißen Thränen herab und trug es in die +Kirche nach Rinn. Noch jetzt liegt es dort und wird vom Volk als ein +heiliges Kind betrachtet. Auch der Judenstein ist dorthin gebracht. +Der Sage nach hieb ein Hirt den Baum ab, an dem das Kindlein gehangen, +aber, als er ihn nach Haus tragen wollte, brach er ein Bein und mußte +daran sterben. + + + + +353. + +Das von den Juden getödtete Mägdlein. + +~+Thomae Cantipratani+ bonum universale de apibus. Duaci 1627. 8. p. +303.~ + +vgl. +Gehre’s+ pforzheimer Chronik S. 18-24. + + +Im Jahr 1267. war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden +aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften +ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf +und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind +starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von +Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein +über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und +entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf +selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch +lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod +verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und +wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das +Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden +hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die +Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer +Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig +die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur +Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der +Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle +Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und +klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein +bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag. + + + + +354. + +Die vier Hufeisen. + ++Otmar+ S. 115-118. + + +Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure +Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die +Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt. +Vor alten Zeiten soll Ernst Graf zu Klettenberg eines Sonntagmorgens +nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten +Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor +vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch +das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er +in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die +Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so +fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem +Reiter nieder. + + + + +355. + +Der Altar zu Seefeld. + +Mündlich, aus Wien. + +Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich mit dem Altar in +Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. 1580. und Innsbr. +1603. 4. + + +In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im +vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter +wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384 +an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und +seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen +wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom +Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der +steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der +Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten, +aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen +seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank, +ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem +Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut +überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und +wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem +Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden. + +Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der +Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so +wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen +können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte +der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor. +Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben +Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und +ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank. + + + + +356. + +Der Sterbensstein. + +Kleine Gemälde der Schweiz von +Appenzeller+. Winterthur 1810. S. 172. + + +In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am +Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten +sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem sich +eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern +zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die +Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des +gewaltsamen Sterbens dem Stein ein. + + + + +357. + +Sündliche Liebe. + ++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. 219. + + +Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und +Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind. +Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in +der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte +und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf +dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe +verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel, +woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber +auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber +zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht. + + + + +358. + +Der schweidnitzer Rathsmann. + ++Lucä+ schles. Denkwürdigk. Fft. 1689. 4. S. 920. 921. + + +Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold +liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet hatte, durch eine +ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem +Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein +Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte +ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der +Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen. +Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des +Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die +Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte. +Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der +Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze +Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den +Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen +Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu +verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde +in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der +fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der +Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch, +den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht +zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf +den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf +ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte +stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur +Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor +großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und +reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten Tod sein Leben +endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild +nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein +Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus +vorhanden seyn. + + + + +359. + +Regenbogen über Verurtheilten. + ++Westenrieder’s+ histor. Kalender 1803. + + +Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche +in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet +werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der +Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern +ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß +er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun +der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach +einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis +übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der +Verurtheilten stehen blieb. + + + + +360. + +Gott weint mit dem Unschuldigen. + +Mündlich, aus Hessen. + + +In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens +angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam, +sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin +unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf es +von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später +kam ihre Unschuld an den Tag. + + + + +361. + +Gottes Speise. + ++Luther’s+ Tisch-Reden S. 90 b. 91 a. + + +Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen, +daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt, +die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber +der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch +dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben +die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können +aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim +kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen, +nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee +nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee +zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen, +welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem +gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat +sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen? +hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat +nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid +widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat +er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot +gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel +Gottes gespeist und erhalten worden. + + + + +362. + +Die drei Alten. + +Mitgetheilt von +Schmidt+ aus Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1. + + +Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute, +die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger +Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor +Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder +einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert +geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels +umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In +einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt +hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit +schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten +Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein +Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein +Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter, +noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger +Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der +Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater +fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt +vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber +noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen. + + * * * * * + + ++Druckfehler.+ + +S. 71. Zeile 3. Statt ~Vormius mons.~ lies: ~+Wormius monim+~. S. 137. +-- 10. von unten st. behütet +es+ l. behütet +er+. + + * * * * * + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76558 *** diff --git a/76558-h/76558-h.htm b/76558-h/76558-h.htm new file mode 100644 index 0000000..9947983 --- /dev/null +++ b/76558-h/76558-h.htm @@ -0,0 +1,20394 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Deutsche Sagen, Teil 1 | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +.s2a {font-size: 150%;} +.s3 {font-size: 125%;} +.s4 {font-size: 110%;} +.s6 {font-size: 70%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +h1 {page-break-before: always;} + +h2 { + padding-top: 0; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> + +<p class="p0">Die Sammlung stammt aus zahlreichen verschiedenen +Quellen, daher kommen viele Wortvarianten vor (z.B. fodern/fordern; +Hühne/Hüne). Diese wurden nur harmonisiert, wenn eine bestimmte Form +in einem Abschnitt vorherrscht oder wenn ansonsten der Sinn des Texts +unklar wäre.</p> + +<p class="p0">Die am Ende des Buches aufgeführten +<a href="#Druckfehler">Druckfehler</a> wurden bereits in den Text eingearbeitet.</p> + +<p class="p0">Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen +in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden in der vorliegenden +Ausgabe kursiv dargestellt. <span class="hidehtml">Abhängig von der im +jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original +<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in +serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> + +</div> + +<div class="eng"> + +<h1><b>Deutsche Sagen.</b></h1> + +<hr class="titel_60"> + +<p class="s3 center">Herausgegeben</p> + +<p class="s3 center mtop2 mbot2">von</p> + +<p class="s2 center">den Brüdern Grimm.</p> + +<hr class="titel_80"> + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Berlin</em>,</p> + +<p class="s3 center">in der Nicolaischen Buchhandlung.</p> + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">1816.</em></p> + +<p class="s3 center padtop5 break-before"><em class="gesperrt">Unserm Bruder</em></p> + +<p class="s2 center mtop2 mbot2">Ludwig Emil Grimm</p> + +<p class="s4 center mbot2"><em class="gesperrt">aus herzlicher Liebe</em></p> + +<p class="s4 center">zugeeignet.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorrede">Vorrede.</h2> + +</div> + +<div class="sidenote2">I. Wesen der Sage.</div> + +<p class="p0"><span class="initial">E</span>s wird dem Menschen von heimathswegen ein guter Engel beigegeben, +der ihn, wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt +eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch +widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlands +überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohlthätige Begleitung ist +das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche +nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen +frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat seinen +eigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes +stehet beinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte +und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannichfaltigkeit der +Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem +hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> +Namen. Aus dieser ihrer Gebundenheit folgt, daß sie nicht, gleich dem +Märchen, überall zu Hause seyn könne, sondern irgend eine Bedingung +voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da, bald nur unvollkommener +vorhanden seyn würde. Kaum ein Flecken wird sich in ganz Deutschland +finden, wo es nicht ausführliche Märchen zu hören gäbe, manche, an +denen die Volkssagen blos dünn und sparsam gesät zu seyn pflegen. +Diese anscheinende Dürftigkeit und Unbedeutendheit zugegeben, sind sie +dafür innerlich auch weit eigenthümlicher; sie gleichen den Mundarten +der Sprache, in denen hin und wieder sonderbare Wörter und Bilder aus +uralten Zeiten hangen geblieben sind, während die Märchen ein ganzes +Stück alter Dichtung, so zu sagen, in einem Zuge zu uns übersetzen. +Merkwürdig stimmen auch die erzählenden Volkslieder entschieden mehr +zu den Sagen, wie zu den Märchen, die wiederum in ihrem Inhalt die +Anlage der frühesten Poesien reiner und kräftiger bewahrt haben, als +es sogar die übrig gebliebenen größeren Lieder der Vorzeit konnten. +Hieraus ergibt sich ohne alle Schwierigkeit, wie es kommt, daß fast +nur allein die Märchen Theile der urdeutschen Heldensage erhalten +haben, ohne Namen, (außer wo diese allgemein und in sich selbst +bedeutend<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> wurden, wie der des alten Hildebrand); während in den +Liedern und Sagen unseres Volks so viele einzelne, beinahe trockene +Namen, Örter und Sitten aus der ältesten Zeit festhaften. Die Märchen +also sind theils durch ihre äußere Verbreitung, theils durch ihr +inneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen +Weltbetrachtung zu fassen, sie nähren unmittelbar, wie die Milch, +mild und lieblich, oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische +Schwere; dahingegen die Sagen schon zu einer stärkeren Speise dienen, +eine einfachere, aber desto entschiedenere Farbe tragen, und mehr +Ernst und Nachdenken fodern. Ueber den Vorzug beider zu streiten wäre +ungeschickt; auch soll durch diese Darlegung ihrer Verschiedenheit +weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnet werden, daß +sie in unendlichen Mischungen und Wendungen in einander greifen und +sich mehr oder weniger ähnlich werden. Der Geschichte stellen sich +beide, das Märchen und die Sage, gegenüber, insofern sie das sinnlich +natürliche und begreifliche stets mit dem unbegreiflichen mischen, +welches jene, wie sie unserer Bildung angemessen scheint, nicht +mehr in der Darstellung selbst verträgt, sondern es auf ihre eigene +Weise<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> in der Betrachtung des Ganzen neu hervorzusuchen und zu ehren +weiß. Die Kinder glauben an die Wirklichkeit der Märchen, aber auch +das Volk hat noch nicht ganz aufgehört, an seine Sagen zu glauben, +und sein Verstand sondert nicht viel darin; sie werden ihm aus den +angegebenen Unterlagen genug bewiesen, d. h. das unleugbar nahe und +sichtliche Daseyn der letzteren überwiegt noch den Zweifel über das +damit verknüpfte Wunder. Diese <em class="gesperrt">Eingenossenschaft</em> der Sage ist +folglich gerade ihr rechtes Zeichen. Daher auch von dem, was wirkliche +Geschichte heißt, (und einmal hinter einen gewissen Kreis der Gegenwart +und des von jedem Geschlecht durchlebten tritt,) dem Volk eigentlich +nichts zugebracht werden kann, als was sich ihm auf dem Wege der Sage +vermittelt; einer in Zeit und Raum zu entrückten Begebenheit, der +dieses Erforderniß abgeht, bleibt es fremd oder läßt sie bald wieder +fallen. Wie unverbrüchlich sehen wir es dagegen an seinen eingeerbten +und hergebrachten Sagen haften, die ihm in rechter Ferne nachrücken und +sich an alle seine vertrautesten Begriffe schließen. Niemals können +sie ihm langweilig werden, weil sie ihm kein eiteles Spiel, das man +einmal wieder fahren läßt, sondern<span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span> eine Nothwendigkeit scheinen, die +mit ins Haus gehört, sich von selbst versteht, und nicht anders, als +mit einer gewissen, zu allen rechtschaffenen Dingen nöthigen Andacht, +bei dem rechten Anlaß, zur Sprache kommt. Jene stete Bewegung und +dabei immerfortige Sicherheit der Volkssagen stellt sich, wenn wir +es deutlich erwägen, als eine der trostreichsten und erquickendsten +Gaben Gottes dar. Um alles menschlichen Sinnen ungewöhnliche, was +die Natur eines Landstrichs besitzt, oder wessen ihn die Geschichte +gemahnt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich die Ferne +des Himmels blau anläßt und zarter, feiner Staub um Obst und Blumen +setzt. Aus dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, Seen, +Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art von Verbindung, die +sich auf die Eigenthümlichkeit jedes dieser Gegenstände gründet, und zu +gewissen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist. Wie mächtig +das dadurch entstehende Band sey, zeigt an natürlichen Menschen jenes +herzzerreißende Heimweh. Ohne diese sie begleitende Poesie müßten edele +Völker vertrauern und vergehen; Sprache, Sitte und Gewohnheit würde +ihnen eitel und unbedeckt dünken, ja hinter<span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span> allem, was sie besäßen, +eine gewisse Einfriedigung fehlen. Auf solche Weise verstehen wir das +Wesen und die Tugend der deutschen Volkssage, welche Angst und Warnung +vor dem Bösen und Freude an dem Guten mit gleichen Händen austheilt. +Noch geht sie an Örter und Stellen, die unsere Geschichte längst nicht +mehr erreichen kann, vielmal aber fließen sie beide zusammen und +untereinander; nur daß man zuweilen die an sich untrennbar gewordene +Sage, wie in Strömen das aufgenommene grünere Wasser eines anderen +Flusses, noch lange zu erkennen vermag.</p> + +<div class="sidenote">II. Treue der Sammlung.</div> + +<p>Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen +haben, ist <em class="gesperrt">Treue und Wahrheit</em>. Als ein Hauptstück aller +Geschichte hat man diese noch stets betrachtet; wir fodern sie aber +eben so gut auch für die Poesie und erkennen sie in der wahren Poesie +eben so rein. Die Lüge ist falsch und bös; was aus ihr herkommt, +muß es auch seyn. In den Sagen und Liedern des Volks haben wir noch +keine gefunden: es läßt ihren Inhalt, wie er ist und wie es ihn weiß; +dawider, daß manches abfalle in der Länge der Zeit, wie einzelne +Zweige und Äste an sonst gesunden Bäumen vertrocknen,<span class="pagenum" id="Seite_xi">[S. xi]</span> hat sich die +Natur auch hier durch ewige und von selbst wirkende Erneuerungen +sicher gestellt. Den Grund und Gang eines Gedichts überhaupt kann +keine Menschenhand erdichten; mit derselben fruchtlosen Kraft würde +man Sprachen, und wären es kleine Wörtchen darin, ersinnen; ein Recht +oder eine Sitte alsobald neu aufbringen, oder eine unwirkliche That +in die Geschichte hinstellen wollen. Gedichtet kann daher nur werden, +was der Dichter mit Wahrheit in seiner Seele empfunden und erlebt hat, +und wozu ihm die Sprache halb bewußt, halb unbewußt, auch die Worte +offenbaren wird; woran aber die einsam dichtenden Menschen leicht, +ja fast immer verstoßen, nämlich an dem richtigen Maaß aller Dinge, +das ist der Volksdichtung schon von selbst eingegeben. Ueberfeine +Speisen widerstehen dem Volk, und für unpoetisch muß es gelten, weil +es sich seiner stillen Poesie glücklicherweise gar nicht bewußt wird; +die ungenügsamen Gebildeten haben dafür nicht blos die wirkliche +Geschichte, sondern auch das gleich unverletzliche Gut der Sage mit +Unwahrheiten zu vermengen, zu überfüllen und überbieten getrachtet. +Dennoch ist der Reiz der unbeugsamen Wahrheit unendlich stärker und +dauernder, als alle Gespinnste,<span class="pagenum" id="Seite_xii">[S. xii]</span> weil er nirgends Blößen gibt und die +rechte Kühnheit hat. In diesen Volkssagen steckt auch eine so rege +Gewalt der Ueberraschung, vor welcher die überspannteste Kraft der aus +sich blos schöpfenden Einbildung zuletzt immer zu Schanden wird und +bei einer Vergleichung beider würde sich ein Unterschied dargeben, wie +zwischen einer geradezu ersonnenen Pflanze und einer neu aufgefundenen +wirklichen, bisher von den Naturforschern noch unbeobachteten, welche +die seltsamsten Ränder, Blüten und Staubfäden gleich aus ihrem Innern +zu rechtfertigen weiß oder in ihnen plötzlich etwas bestätiget, +was schon in andern Gewächsen wahrgenommen worden ist. Ähnliche +Vergleichungen bieten die einzelnen Sagen untereinander, so wie mit +solchen, die uns alte Schriftsteller aufbewahrt haben, in Ueberfluß +dar. Darum darf ihr Innerstes bis ins kleinste nicht verletzt und darum +müssen Sache und Thatumstände lügenlos gesammelt werden. An die Worte +war sich, so viel thunlich, zu halten, nicht an ihnen zu kleben.</p> + +<div class="sidenote">III. Mannichfaltigkeit der Sammlung.</div> + +<p>Das zweite, eigentlich schon im ersten mitbegriffene Hauptstück, worauf +es bei einer Sammlung von Volkssagen anzukommen scheint, bestehet +darin, daß man auch ihre Mannichfaltigkeit<span class="pagenum" id="Seite_xiii">[S. xiii]</span> und Eigenthümlichkeit +sich recht gewähren lasse. Denn darauf eben beruhet ihre Tiefe und +Breite, und daraus allein wird ihre Natur zu erforschen seyn. Im Epos, +Volkslied und der ganzen Sprache zeigt sich das Gleiche wieder; bald +haben jene den ganzen Satz miteinander gemein, bald einzelne Zeilen, +Redensarten, Ausdrücke; bald hebt, bald schließt es anders und bahnt +sich nur neue Mittel und Uebergänge. Die Ähnlichkeit mag noch so groß +seyn, keins wird dem andern gleich; hier ist es voll und ausgewachsen, +dort stehet es ärmer und dürftiger. Allein diese Armuth, weil sie +schuldfrei, hat in der Besonderheit fast jedesmal ihre Vergütung und +wird eine Armuthseligkeit. Sehen wir die Sprache näher an, so stuft sie +sich ewig und unendlich in unermeßlichen Folgen und Reihen ab, indem +sie uns ausgegangene neben fortblühenden Wurzeln, zusammengesetzte und +vereinfachte Wörter und solche, die sich neu bestimmen oder irgend +einem verwandten Sinn gemäß weiter ausweichen, zeigt; ja es kann diese +Beweglichkeit bis in den Ton und Fall der Silben und die einzelnen +Laute verfolgt werden. Welches unter dem Verschiedenen nun das Bessere +sey und mehr zur Sache gehöre, das ist kaum zu sagen, wo nicht ganz +unmöglich<span class="pagenum" id="Seite_xiv">[S. xiv]</span> und sündlich, sofern wir nicht vergessen wollen, daß der +Grund, woraus sie alle zusammen entsprungen, die göttliche Quelle an +Maas unerhört, an Ausstrahlung unendlich selber war. Und, weil das +Sonnenlicht über Groß und Klein scheint, und jedem hilft, so weit es +seyn soll, bestehen Stärke und Schwäche, Keime, Knospen, Trümmer und +Verfall neben und durcheinander. Darum thut es nichts, daß man in +unserm Buch Ähnlichkeiten und Wiederholungen finden wird; denn die +Ansicht, daß das verschiedene Unvollständige aus einem Vollständigen +sich aufgelöst, ist uns höchst verwerflich vorgekommen, weil jenes +Vollkommene nichts irdisches seyn könnte, sondern Gott selber, in den +alles zurückfließt, seyn müßte. Hätten wir also dieser ähnlichen Sagen +nicht geschont, so wäre auch ihre Besonderheit und ihr Leben nicht zu +retten gewesen. Noch viel weniger haben wir arme Sagen reich machen +mögen, weder aus einer Zusammenfügung mehrerer kleinen, wobei zur Noth +der Stoff geblieben, Zuschnitt und Färbung aber verloren gegangen +wäre, noch gar durch unerlaubte, fremde Zuthaten, die mit nichts zu +beschönigen sind und denen der unerforschliche Gedanke des Ganzen, aus +dem jene Bruchstücke<span class="pagenum" id="Seite_xv">[S. xv]</span> übrig waren, nothwendig fremd seyn mußte. Ein +Lesebuch soll unsere Sammlung gar nicht werden, in dem Sinn, daß man +alles, was sie enthält, hinter einander auszulesen hätte. Jedwede Sage +stehet vielmehr geschlossen für sich da, und hat mit der vorausgehenden +und nachfolgenden eigentlich nichts zu thun; wer sich darunter +aussucht, wird sich schon begnügen und vergnügen. Uebrigens braucht, +so sehr wir uns bemühten, alles lebendig verschiedene zu behüten, +kaum erinnert zu werden, daß die bloße Ergänzung einer und derselben +Sage aus mehrern Erzählungen, das heißt, die Beseitigung aller nichts +bedeutenden Abweichungen, einem ziemlich untrüglichen critischen +Gefühl, das sich von selbst einfindet, überlassen worden ist.</p> + + +<div class="sidenote">IV. Anordnung der Sammlung.</div> + +<p>Auch bei Anordnung der einzelnen Sagen haben wir am liebsten der Spur +der Natur folgen wollen, die nirgends steife und offenliegende Grenzen +absteckt. In der Poesie gibt es nur einige allgemeine Abtheilungen, +alle andern sind unrecht und zwängen, allein selbst jene großen haben +noch ihre Berührung und greifen in einander über. Der Unterschied +zwischen Geschichte, Sage und Märchen gehört nun offenbar zu den<span class="pagenum" id="Seite_xvi">[S. xvi]</span> +erlaubten und nicht zu versäumenden; dennoch gibt es Puncte, wo nicht +zu bestimmen ist, welches von dreien vorliege, wie z. B. Frau Holla +in den Sagen und Märchen auftritt, oder sich ein sagenhafter Umstand +auch einmal geschichtlich zugetragen haben kann. In den Sagen selbst +ist nur noch ein Unterschied, nach dem eine äußerliche Sammlung zu +fragen hätte, anerkannt worden; der nämlich, wonach wir die mehr +geschichtlich gebundenen von den mehr örtlich gebundenen trennen +und jene für den zweiten Theil des Werks zurücklegen. Die Ortssagen +aber hätten wiederum nach den Gegenden, Zeiten oder dem Inhalt +abgetheilt werden mögen. Eine örtliche Anordnung würde allerdings +gewisse landschaftliche Sagen-Reihen gebildet und dadurch hin und +wieder auf den Zug, den manche Art Sagen genommen, gewiesen haben. +Allein es ist klar, daß man sich dabey am wenigsten an die heutigen +Theilungen Deutschlands, denen zufolge z. B. Meissen: Sachsen, ein +großer Theil des wahren Sachsens aber Hannover genannt, im kleinen, +einzelnen noch viel mehr untereinander gemengt wird, hätte halten +dürfen. War also eine andere Eintheilung, nicht nach Gebirgen und +Flüssen, sondern nach der eigentlichen Richtung und<span class="pagenum" id="Seite_xvii">[S. xvii]</span> Lage der deutschen +Völkerstämme, unbekümmert um unsere politischen Grenzen, aufzustellen; +so ist hierzu so wenig Sicheres und Gutes vorgearbeitet, daß gerade +eine sorgsamere Prüfung der aus gleichem Grund verschmähten und +versäumten Mundarten und Sagen des Volks erst muß dazu den Weg bahnen +helfen. Was folglich aus der Untersuchung derselben künftig einmal +mitherausgehen dürfte, kann vorläufig jetzo noch gar nicht ihre +Einrichtung bestimmen. Ferner, im allgemeinen einigen Sagen vor den +andern höheres Alter zuzuschreiben, möchte großen Schwierigkeiten +unterworfen und meistens nur ein mißverständlicher Ausdruck seyn, +weil sie sich unaufhörlich wiedergebären. Die Zwerg- und Hühnensagen +haben einen gewissen heidnischen Anstrich voraus, aber in den so +häufigen von den Teufelsbauten brauchte man blos das Wort Teufel mit +Thurst oder Riese zu tauschen, oder ein andermal bei dem Weibernamen +Jette sich nur der alten Jöten (Hühnen) gleich zu erinnern, um auch +solchen Erzählungen ein Ansehen zu leihen, das also noch in andern +Dingen außer den Namen liegt. Die Sagen von Hexen und Gespenstern +könnte man in sofern die neusten nennen, als sie sich am öftersten +erneuern, auch<span class="pagenum" id="Seite_xviii">[S. xviii]</span> örtlich betrachtet am lockersten stehen; inzwischen +sind sie im Grund vielmehr nur die unvertilglichsten, wegen ihrer +stetigen Beziehung auf den Menschen und seine Handlungen, worin aber +kein Beweis ihrer Neuheit liegt. Es bewiese lediglich, daß sie auch +alle andere überdauern werden, weil die abergläubische Neigung unseres +Gemüths mehr Gutes und Böses von Hexen und Zauberern erwartet, als +von Zwergen und Riesen; weshalb merkwürdigerweise gerade jene Sagen +sich beinahe allein noch aus dem Volk Eingang unter die Gebildeten +machen. Diese Beispiele zeigen hinlänglich, wie unthunlich es gewesen +wäre, nach dergleichen Rücksichten einzelne Sagen chronologisch zu +ordnen, zudem fast in jeder die verschiedensten Elemente lebendig in +einander verwachsen sind, welche demnächst erst eine fortschreitende +Untersuchung, die nicht einmal bei der Scheidung einzelner Sagen stehen +bleiben darf, sondern selbst aus diesen wiederum Kleineres heraussuchen +muß, in das wahre Licht setzen könnte. Letzterer Grund entscheidet +endlich auch ganz gegen eine Anordnung nach dem Inhalt, indem man +z. B. alle Zwergsagen oder die von versunkenen Gegenden u. s. w. +unter eigene Abschnitte faßte. Offenbar würden blos die wenigsten<span class="pagenum" id="Seite_xix">[S. xix]</span> +einen einzigen dieser Gegenstände befassen, da vielmehr in jeder +mannichfaltige Verwandtschaften und Berührungen mit andern anschlagen. +Daher uns bei weitem diejenige Anreihung der Sagen am natürlichsten und +vortheilhaftesten geschienen hat, welche, überall mit nöthiger Freiheit +und ohne viel herumzusuchen, unvermerkt auf einige solcher geheim und +seltsam waltenden Uebergänge führt. Dieses ist auch der nothwendig noch +überall lückenhaften Beschaffenheit der Sammlung angemessen. Häufig +wird man also in der folgenden eine deutliche oder leise Anspielung auf +die vorhergehende Sage finden; äußerlich ähnliche stehen oft beisammen, +oft hören sie auf, um bei verschiedenem Anlaß anderswo im Buch von +neuem anzuheben. Unbedenklich hätten also noch viele andere Ordnungen +derselben Erzählungen, die wir hier mittheilen, in sofern man weitere +Beziehungen berücksichtigen wollte, versucht werden können, alle aber +würden doch nur geringe Beispiele der unerschöpflichen Triebe geben, +nach denen sich Sage aus Sage und Zug aus Zug in dem Wachsthum der +Natur gestaltet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_xx">[S. xx]</span></p> + +<div class="sidenote">V. Erklärende Anmerkungen.</div> + +<p>Einen Anhang von Anmerkungen, wie wir zu den beiden Bänden der Kinder- +und Hausmärchen geliefert, haben wir dieses mal völlig weggelassen, +weil uns der Raum zu sehr beschränkt hätte und erst durch die äußere +Beendigung unserer Sammlung eine Menge von Beziehungen bequem und +erleichtert werden wird. Eine vollständige Abhandlung der deutschen +Sagenpoesie, so viel sie in unsern Kräften steht, bleibt also einer +eigenen Schrift vorbehalten, worin wir umfassende Uebersichten des +Ganzen nicht blos in jenen dreien Eintheilungen nach Ort, Zeit und +Inhalt, sondern noch in anderen versuchen wollen.</p> + +<div class="sidenote">VI. Quellen der Sammlung.</div> + +<p>Diese Sammlung hatten wir nun schon vor etwa zehn Jahren angelegt, (man +sehe Zeitung für Einsiedler oder Trösteinsamkeit. Heidelberg 1808. Nr. +19 u. 20.) seitdem unablässig gesorgt, um für sie sowohl schriftliche +Quellen in manchen allmälig selten werdenden Büchern des 16. und 17. +J.H. fleißig zu nutzen und auszuziehen, als auch vor allen Dingen +mündliche, lebendige Erzählungen zu erlangen. Unter den geschriebenen +Quellen waren uns die Arbeiten des <em class="gesperrt">Johannes Prätorius</em> weit die +bedeutendsten. Er schrieb<span class="pagenum" id="Seite_xxi">[S. xxi]</span> in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts +und verband mit geschmackloser aber scharfsichtiger Gelehrsamkeit +Sinn für Sage und Aberglauben, der ihn antrieb, beide unmittelbar aus +dem bürgerlichen Leben selbst zu schöpfen und ohne welchen, was er +gewiß nicht ahnte, seine zahlreichen Schriften der Nachwelt unwerth +und unfruchtbar scheinen würden. Ihm dankt sie zumal die Kenntniß +und Beziehung mannichfacher Sagen, welche den Lauf der Saale entlang +und an den Ufern der Elbe, bis wo sich jene in diese ausmündet, im +Magdeburgischen und in der Altmark bei dem Volke gehn.</p> + +<p>Den Prätorius haben spätere, oft ohne ihn zu nennen, ausgeschrieben, +selten durch eigene mündliche Zusammlung sich ein gleiches Verdienst +zu erwerben gewußt. In den langen Zeitraum zwischen ihm und der +Otmarischen Sammlung (1800) fällt kein einzig Buch von Belang für +deutsche Sagen, abgesehn von bloßen Einzelnheiten. Indessen hatten +kurz davor Musäus und Frau Naubert in ihren Verarbeitungen einiger +ächten Grundsagen aus Schriften, so wie theilweise aus mündlicher +Ueberlieferung, die Neigung darauf hingezogen, wenigstens hingewiesen. +In Absicht auf Treue und Frische verdient Otmar’s<span class="pagenum" id="Seite_xxii">[S. xxii]</span> Sammlung der +Harzsagen so viel Lob, daß dieses den Tadel der hin und wieder +aufgesetzten unnöthigen Bräme und Stilverzierung zudeckt. Viele sind +aber auch selbst den Worten nach untadelhaft und man darf ihnen trauen. +Seitdem hat sich die Sache zwar immer mehr geregt und ist auch zuweilen +wirklich gefördert, im Ganzen jedoch nichts Bedeutendes gesammelt +worden, außer ganz neuerlich (1815.) ein Dutzend Schweizersagen von +Wyß. Ihr Herausgeber hat sie geschickt und gewandt in größere Gedichte +versponnen; wir erkennen neben dem Talent, was er darin bewiesen, +doch eine Trübung trefflicher einfacher Poesie, die keines Behelfs +bedarf und welche wir unserm Sinn gemäß aus der Einkleidung wieder +in die nackende Wahrheit einzulösen getrachtet haben, darin auch +durch die zugefügt gewesenen Anmerkungen besonders erleichtert waren. +Dieses, so wie daß wir aus der Otmarischen Sammlung etwa eben so +viel, oder einige mehr aufgenommen, war für unsern Zweck und den uns +seinethalben vorschwebenden Grad von Vollständigkeit unentbehrlich; +theils hatten wir manche noch aus anderen Quellen zu vergleichen, zu +berichtigen und in den einfachen Stil zurückzuführen. Es sind außerdem +noch zwei andere neue<span class="pagenum" id="Seite_xxiii">[S. xxiii]</span> Sammlungen deutscher Volkssagen anzuführen, +von Büsching (1812.) und Gottschalk (1814.), deren die erste sich +auch auf auswärtige Sagen, sodann einheimische Märchen, Legenden +und Lieder, selbst Vermuthungen über Sagen, wie Spangenbergs, mit +erstreckt, also ein sehr ausgedehntes, unbestimmtes Feld hat. Beide +zusammen verdanken mündlicher Quelle nicht über zwölf bisher ungekannte +deutsche Sagen, welche wir indessen aufgenommen haben würden, wenn +nicht jede dieser Sammlungen selbst noch im Gang wäre und eigene +Fortsetzungen versprochen hätte. Wir haben ihnen also nichts davon +angerührt, übrigens, wo wir dieselben schriftlichen Sagen längst +schon aus denselben oder verschiedenen Quellen ausgeschrieben hatten, +unsre Auszüge darum nicht hintanlegen wollen; denn nach aufrichtiger +Ueberlegung fanden wir, daß wir umsichtiger und reiflicher gesammelt +hatten. Beide geben auch vermischt mit den örtlichen Sagen die +geschichtlichen, deren wir mehrere Hunderte für den nächsten Theil +aufbehalten. Wir denken keine fremde Arbeit zu irren oder zu stören, +sondern wünschen ihnen glücklichen Fortgang, der gottschalkischen +insbesondere mehr Critik zur Ausscheidung des Verblümten und der +Falschmünze. Die<span class="pagenum" id="Seite_xxiv">[S. xxiv]</span> dobeneckische Abhandlung endlich von dem Volksglauben +des Mittelalters (1815.) breitet sich theils über ganz Europa, theils +schränkt sie sich wieder auf das sogenannt Abergläubische und sonst +in anderer Absicht zu ihrem Schaden ein; man kann sagen: sie ist eine +mehr sinnvolle als reife, durchgearbeitete Ansicht der Volkspoesie und +eigentlich Sammlung blos nebenbei, weshalb wir auch einige Auszüge aus +Prätorius, wo wir zusammentrafen, nicht ausgelassen haben; sie wird +inzwischen dem Studium dieser Dichtungen zur Erregung und Empfehlung +gereichen. Ausdrücklich ist hier noch zu bemerken, daß wir vorsätzlich +die vielfachen Sagen von Rübezahl, die sich füglich zu einer besonderen +Sammlung eignen, so wie mehrere Rheinsagen auf die erhaltene Nachricht: +Voigt wolle solche zu Frankfurt in diesem Jahr erscheinen lassen, +zurücklegen.</p> + +<div class="sidenote">VII. Zweck und Wunsch.</div> + +<p>Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte +und Sprache, und hoffen, es werde ihnen allen, schon als lautere +deutsche Kost, willkommen seyn, im festen Glauben, daß nichts mehr +auferbaue und größere Freude bei sich habe, als das Vaterländische. Ja, +eine bedeutungslos sich anlassende Entdeckung<span class="pagenum" id="Seite_xxv">[S. xxv]</span> und Bemühung in unserer +einheimischen Wissenschaft kann leicht am Ende mehr Frucht bringen, als +die blendendste Bekanntwerdung und Anbauung des Fremden, weil alles +Eingebrachte zugleich auch doch etwas Unsicheres an sich trägt, sich +gern versteigt und nicht so warm zu umfassen ist. Es schien uns nunmehr +Zeit hervorzutreten und unsere Sammlung zu dem Grad von Vollständigkeit +und Mannichfaltigkeit gediehen zu seyn, der ihre unvermeidlichen Mängel +hinreichend entschuldigen könne und in unsern Lesern das Vertrauen +erwecke, daß und in wiefern wir ihre Beihilfe zur Vervollkommnung des +Werkes brauchen und nicht mißbrauchen werden. Aller Anfang ist schwer, +wir fühlen, daß uns eine große Menge von deutschen Sagen gänzlich +fehlt, und daß ein Theil der hier gegebenen genauer und besser noch aus +dem Mund des Volks zu gewinnen ist; manches in Reisebeschreibungen des +vorigen Jahrhunderts zerstreute mag gleichfalls mangeln. Die Erfahrung +beweist, daß auf Briefe und Schreiben um zu sammelnde Beiträge wenig +oder nichts erfolge, bevor durch ein Muster von Sammlung selbst +deutlich geworden seyn kann, auf welche verachtete und scheinlose Dinge +es hierbei ankommt. Aber das Geschäft des Sammelns,<span class="pagenum" id="Seite_xxvi">[S. xxvi]</span> sobald es einer +ernstlich thun will, verlohnt sich bald der Mühe und das Finden reicht +noch am nächsten an jene unschuldige Lust der Kindheit, wann sie in +Moos und Gebüsch ein brütendes Vöglein auf seinem Nest überrascht; +es ist auch hier bei den Sagen ein leises Aufheben der Blätter und +behutsames Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören und um +verstohlen in die seltsam, aber bescheiden in sich geschmiegte, nach +Laub, Wiesengras und frischgefallenem Regen riechende Natur blicken zu +können. Für jede Mittheilung in diesem Sinn werden wir dankbar seyn +und danken hiermit öffentlich unserm Bruder Ferdinand Grimm und unsern +Freunden August von Haxthausen und Carove, daß sie uns schon fleißig +unterstützt haben. Cassel, am 14. März 1816.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_xxvii">[S. xxvii]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die drei Bergleute im Kuttenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_1">Seite 1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Berg-Geist</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_2">3</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Berg-Mönch im Harz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_3">5</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Hollen-Teich</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_4">6</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Holla zieht umher</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_5">8</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Hollen Bad</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_6">9</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Holla und der treue Eckart</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_7">9</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Holla und der Bauer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_8">10</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Springwurzel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_9">11</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fräulein von Boyneburg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_10">13</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Pielberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_11">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">12.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Schloß-Jungfrau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_12">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">13.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Schlangen-Jungfrau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_13">17</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">14.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das schwere Kind</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_14">19</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">15.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Weinkeller bei Salurn</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_15">20</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">16.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Hünen-Spiel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_16">23</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">17.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Riesen-Spielzeug</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_17">24</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">18.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riese Einheer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_18">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">19.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riesen-Säulen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_19">26</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">20.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Köterberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_20">27</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">21.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Geroldseck</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_21">28</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">22.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kaiser Karl zu Nürnberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_22">28</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">23.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_23">29</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">24.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Birnbaum auf dem Walserfeld</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_24">30</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">25.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der verzauberte König zu Schildheiß</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_25">31</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">26.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kaiser Carl V. Auszug</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_26">32</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">27.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Unterberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_27">32</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">28.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kaiser Karl im Unterberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_28">33</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">29.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Scherfenberger und der Zwerg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_29">34</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">30.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das stille Volk zu Plesse</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_30">38</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">31.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des kleinen Volks Hochzeit-Fest</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_31">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxviii">[S. xxviii]</span> + <div class="right">32.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Steinverwandelte Zwerge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_32">40</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">33.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwerg-Berge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_33">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">34.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwerge leihen Brot</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_34">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">35.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Graf von Hoia</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_35">44</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">36.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwerge ausgetrieben</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_36">45</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">37.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wichtlein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_37">46</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">38.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Beschwörung der Bergmännlein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_38">48</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">39.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Bergmännlein beim Tanz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_39">49</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">40.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Keller-Männlein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_40">50</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">41.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Ahnfrau von Ranzau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_41">51</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">42.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Herrmann von Rosenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_42">54</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">43.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die osenberger Zwerge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_43">55</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">44.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Erdmännlein und der Schäferjung</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_44">56</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">45.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der einkehrende Zwerg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_45">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">46.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zeitelmoos</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_46">58</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">47.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Moosweibchen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_47">59</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">48.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der wilde Jäger jagt die Moosleute</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_48">60</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">49.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wassermann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_49">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">50.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die wilden Frauen im Unterberge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_50">63</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">51.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tanz mit dem Wassermann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_51">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">52.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wassermann und der Bauer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_52">67</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">53.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wassermann aus der Fleischerbank</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_53">68</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">54.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Schwimmer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_54">69</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">55.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Bruder Nickel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_55">70</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">56.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Nixen-Brunnen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_56">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">57.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Magdeburger Nixenn</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_57">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">58.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Dönges-See</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_58">72</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">59.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mummel-See</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_59">73</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">60.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Elbjungfer und das Saalweiblein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_60">76</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">61.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wasser-Recht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_61">78</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">62.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das ertrunkene Kind</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_62">79</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">63.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlitz-Oehrchen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_63">82</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">64.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_64">80</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">65.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_65">81</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">66.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Nixes Beine</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_66">84</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">67.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Magd bei dem Nix</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_67">84</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">68.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Frau von Alvensleben</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_68">85</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxix">[S. xxix]</span> + <div class="right">69.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Frau von Hahn und der Nix</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_69">87</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">70.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Streichmaaß, der Ring und Becher</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_70">89</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">71.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kobold</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_71">90</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">72.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Bauer mit seinem Kobold</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_72">93</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">73.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kobold in der Mühle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_73">93</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">74.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hütchen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_74">97</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">75.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hinzelmann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_75">103</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">76.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Klopfer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_76">128</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">77.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Stiefel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_77">128</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">78.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ekerken</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_78">129</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">79.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Nacht-Geist zu Kendenich</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_79">129</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">80.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Alp</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_80">130</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">81.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wechselbalg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_81">132</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">82.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wechselbälge im Wasser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_82">134</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">83.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Alraun</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_83">135</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">84.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="antiqua">Spiritus familiaris</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_84">137</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">85.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Vogelnest</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_85">140</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">86.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Brutpfennig</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_86">142</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">87.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wechselkind mit Ruthen gestrichen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_87">144</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">88.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schauen auf Kinder</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_88">145</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">89.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Roggen-Muhme</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_89">146</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">90.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die zwei unterirdischen Weiber</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_90">147</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">91.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">König Grünewald</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_91">148</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">92.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Blümelis-Alp</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_92">150</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">93.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Lilie</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_93">152</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">94.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Johann von Passau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_94">153</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">95.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Hündlein von Bretta</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_95">154</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">96.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Dorf am Meer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_96">155</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">97.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die verschütteten Silbergruben</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_97">156</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">98.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Fundgrübner</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_98">157</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">99.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ein gespenstiger Reuter</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_99">159</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">100.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der falsche Eid</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_100">160</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">101.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwölf ungerechte Richter</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_101">161</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">102.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die heiligen Quellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_102">161</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">103.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der quillende Brunnen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_103">162</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">104.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hunger-Quelle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_104">163</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">105.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Lieben-Bach</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_105">163</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxx">[S. xxx]</span> + <div class="right">106.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Helfenstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_106">164</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">107.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wiege aus dem Bäumchen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_107">166</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">108.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hessenthal</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_108">167</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">109.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Reinstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_109">167</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">110.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der stillstehende Fluß</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_110">168</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">111.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Arendsee</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_111">168</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">112.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Ochsenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_112">169</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">113.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Moor-Jungfern</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_113">170</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">114.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Andreas-Nacht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_114">171</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">115.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Liebhaber zum Essen eingeladen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_115">172</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">116.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Christnacht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_116">174</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">117.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Hemdabwerfen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_117">176</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">118.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Krystall-Schauen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_118">178</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">119.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zauber-Kräuter kochen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_119">182</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">120.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Salzknecht in Pommern</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_120">184</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">121.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jungfer Eli</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_121">184</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">122.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die weiße Frau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_122">187</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">123.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Taube zeigt einen Schatz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_123">187</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">124.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Taube hält den Feind ab</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_124">188</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">125.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Glockenguß zu Breslau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_125">189</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">126.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Glockenguß zu Attendorn</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_126">190</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">127.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Müllerin</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_127">193</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">128.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Johann Hübner</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_128">195</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">129.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Eppela Gaila</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_129">198</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">130.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Blumenstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_130">200</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">131.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Seeburger See</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_131">201</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">132.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Burgsee und Burgwall</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_132">204</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">133.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der heil. Niclas und der Dieb</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_133">205</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">134.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riesensteine</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_134">205</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">135.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Spuren im Steine</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_135">206</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">136.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Riesen-Finger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_136">207</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">137.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riesen aus dem Unterberge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_137">208</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">138.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Jetten-Bühel zu Heidelberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_138">209</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">139.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riese Haym</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_139">210</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">140.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die tropfende Rippe</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_140">211</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">141.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jungfrau-Sprung</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_141">211</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">142.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Stierenbach</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_142">212</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxi">[S. xxxi]</span> + <div class="right">143.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Männer im Zottenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_143">214</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">144.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Verkündigung des Verderbens</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_144">215</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">145.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Männlein auf dem Rücken</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_145">217</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">146.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gottschee</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_146">217</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">147.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Zwerge auf dem Baum</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_147">221</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">148.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Zwerge auf dem Felsstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_148">221</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">149.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Füße der Zwerge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_149">222</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">150.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die wilden Geister</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_150">224</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">151.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Heilingszwerge</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_151">225</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">152.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Abzug des Zwergvolks über die Brücke</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_152">227</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">153.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Zug der Zwerge über den Berg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_153">229</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">154.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Zwerge bei Dardesheim</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_154">230</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">155.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schmidt Riechert</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_155">231</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">156.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Grinken-Schmidt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_156">232</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">157.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Hirtenjungen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_157">233</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">158.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Nußkerne</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_158">234</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">159.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der soester Schatz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_159">235</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">160.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das quellende Silber</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_160">236</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">161.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Goldsand auf dem Unterberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_161">238</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">162.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Goldkohlen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_162">239</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">163.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Brunnen zu Steinau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_163">240</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">164.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die fünf Kreuze</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_164">241</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">165.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Schwerttanz zu Weissenstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_165">241</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">166.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Steintisch zu Bingenheim</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_166">242</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">167.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_167">243</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">168.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Krieg und Frieden</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_168">244</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">169.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Rodensteins Auszug</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_169">244</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">170.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Tannhäuser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_170">246</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">171.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der wilde Jäger Hackelberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_171">248</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">172.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der wilde Jäger und der Schneider</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_172">249</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">173.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Hoselberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_173">250</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">174.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Rechenbergers Knecht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_174">251</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">175.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Geister-Kirche</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_175">254</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">176.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Geister-Mahl</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_176">257</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">177.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Dachdecker</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_177">259</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">178.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Spinnerin am Creuz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_178">260</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">179.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Buttermilchthurm</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_179">260</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxii">[S. xxxii]</span> + <div class="right">180.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der heilige Wanfried</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_180">261</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">181.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Hülfenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_181">262</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">182.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Teufelsloch zu Goslar</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_182">263</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">183.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Teufelsmühle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_183">265</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">184.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Herrgottstritt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_184">266</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">185.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_185">267</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">186.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wolf und der Tannenzapf</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_186">269</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">187.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Teufel von Ach</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_187">270</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">188.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Teufelsmauer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_188">270</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">189.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Teufels Tanzplatz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_189">271</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">190.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Teufelskanzel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_190">272</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">191.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Teufelsohrkissen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_191">272</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">192.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Teufelsfelsen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_192">272</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">193.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelsmauer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_193">273</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">194.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelsgitter</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_194">273</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">195.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelsmühle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_195">274</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">196.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelskirche</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_196">274</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">197.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelsstein bei Reichenbach</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_197">274</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">198.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufelsstein bei Cöln</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_198">275</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">199.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Süntelstein zu Osnabrück</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_199">275</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">200.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Lügenstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_200">276</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">201.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Felsenbrücke</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_201">276</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">202.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Teufelsbad bei Dassel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_202">277</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">203.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Thurm zu Schartfeld</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_203">279</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">204.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Dom zu Cöln</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_204">280</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">205.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Teufels Hut</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_205">282</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">206.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Teufels Brand</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_206">282</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">207.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Teufels-Hufeisen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_207">284</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">208.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Teufel führt die Braut fort</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_208">285</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">209.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Glücksrad</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_209">286</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">210.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Teufel als Fürsprecher</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_210">289</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">211.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Traum vom Schatz auf der Brücke</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_211">290</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">212.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kessel mit dem Schatz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_212">291</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">213.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wärwolf</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_213">293</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">214.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wärwolf-Stein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_214">295</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">215.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wärwölfe ziehen aus</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_215">296</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">216.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Drache fährt aus</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_216">297</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxiii">[S. xxxiii]</span> + <div class="right">217.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Winkelried und der Lindwurm</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_217">299</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">218.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Lindwurm am Brunnen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_218">300</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">219.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Drachenloch</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_219">301</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">220.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlangenkönigin</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_220">302</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">221.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Jungfrau im Oselberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_221">303</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">222.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Krötenstuhl</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_222">304</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">223.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Wiesenjungfrau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_223">305</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">224.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Niesen im Wasser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_224">307</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">225.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die arme Seele</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_225">307</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">226.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die verfluchte Jungfer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_226">306</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">227.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Fräulein vom Staufenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_227">308</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">228.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Jungferstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_228">308</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">229.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das steinerne Brautbett</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_229">309</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">230.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zum Stehen verwünscht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_230">310</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">231.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Bauern zu Kolbeck</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_231">312</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">232.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der heilige Sonntag</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_232">313</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">233.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Hutt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_233">314</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">234.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kindelsberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_234">315</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">235.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Semmel-Schuhe</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_235">317</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">236.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Erdfall bei Hochstädt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_236">318</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">237.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Brot-Schuhe</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_237">319</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">238.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das taube Korn</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_238">320</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">239.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Frauensand</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_239">321</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">240.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Brot zu Stein geworden</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_240">326</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">241.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Binger Mäusethurm</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_241">328</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">242.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Bubenried</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_242">329</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">243.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kindelbrück</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_243">330</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">244.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Kinder zu Hameln</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_244">330</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">245.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Rattenfänger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_245">333</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">246.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Schlangenfänger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_246">334</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">247.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Mäuselein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_247">335</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">248.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der ausgehende Rauch</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_248">336</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">249.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Katze aus dem Weidenbaum</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_249">337</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">250.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wetter und Hagel machen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_250">338</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">251.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Hexen-Tanz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_251">339</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">252.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Weinreben und Nasen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_252">340</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">253.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fest hängen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_253">341</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxiv">[S. xxxiv]</span> + <div class="right">254.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Noth-Hemd</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_254">342</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">255.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fest gemacht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_255">343</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">256.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der sichere Schuß</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_256">344</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">257.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der herumziehende Jäger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_257">344</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">258.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Doppelte Gestalt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_258">346</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">259.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gespenst als Eheweib</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_259">347</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">260.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tod des Erstgebornen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_260">349</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">261.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Knabe zu Colmar</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_261">350</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">262.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tod des Domherrn zu Merseburg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_262">351</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">263.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Lilie im Kloster zu Corvei</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_263">351</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">264.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Rebundus im Dom zu Lübeck</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_264">352</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">265.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Glocke läutet von selbst</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_265">355</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">266.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Todes-Gespenst</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_266">356</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">267.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frau Berta oder die weiße Frau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_267">357</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">268.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die wilde Berta kommt</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_268">358</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">269.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Türst, das Posterli und die Sträggele</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_269">259</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">270.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Nachtjäger und die Rüttelweiber</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_270">360</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">271.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Mann mit dem Schlackhut</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_271">360</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">272.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der graue Hockelmann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_272">361</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">273.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Chimmeke in Pommern</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_273">362</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">274.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Krischer</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_274">362</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">275.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die überschiffenden Mönche</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_275">363</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">276.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Irrwisch</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_276">365</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">277.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der feurige Wagen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_277">366</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">278.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Räderberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_278">366</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">279.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Lichter auf Hellebarden</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_279">368</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">280.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Wafeln</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_280">369</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">281.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Weberndes Flammen-Schloß</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_281">369</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">282.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Feuerberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_282">371</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">283.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der feurige Mann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_283">373</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">284.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die verwünschten Landmesser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_284">374</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">285.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der verrückte Gränzstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_285">374</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">286.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Gränzstreit</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_286">375</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">287.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Gränzlauf</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_287">375</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">288.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Alpschlacht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_288">378</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">289.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Stein bei Wenthusen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_289">379</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">290.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die altenberger Kirche</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_290">379</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxv">[S. xxxv]</span> + <div class="right">291.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der König im lauenburger Berg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_291">380</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">292.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Schwanberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_292">381</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">293.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Robbedisser Brunnen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_293">381</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">294.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Bamberger Wage</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_294">382</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">295.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_295">382</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">296.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Hirt auf dem Kiffhäuser</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_296">384</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">297.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die drei Telle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_297">385</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">298.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Bergmännchen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_298">386</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">299.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Zirbelnüsse</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_299">388</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">300.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Paradies der Thiere</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_300">388</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">301.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Gemsjäger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_301">389</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">302.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Zwerglöcher</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_302">390</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">303.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Zwerg und die Wunderblume</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_303">391</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">304.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Nix an der Kelle</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_304">392</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">305.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schwarzach</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_305">393</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">306.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die drei Jungfern aus dem See</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_306">394</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">307.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der todte Bräutigam</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_307">395</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">308.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der ewige Jäger</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_308">397</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">309.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hans Jagenteufel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_309">398</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">310.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Hackelnberg Traum</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_310">399</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">311.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Tut-Osel</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_311">400</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">312.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die schwarzen Reuter und das Handpferd</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_312">401</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">313.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der getreu Eckhart</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_313">402</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">314.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Fräulein vom Willberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_314">403</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">315.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Schäfer und der Alte aus dem Berg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_315">405</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">316.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jungfrau Ilse</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_316">407</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">317.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Heiden-Jungfrau zu Glatz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_317">409</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">318.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Roßtrapp und der Cretpfuhl</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_318">411</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">319.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Mägdesprung</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_319">417</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">320.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Jungfernsprung</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_320">418</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">321.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Harrassprung</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_321">420</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">322.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Riese Hidde</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_322">420</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">323.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das ilefelder Nadelöhr</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_323">421</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">324.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Riesen zu Lichtenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_324">422</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">325.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Hühnenblut</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_325">423</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">326.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Es rauscht im Hühnen-Grab</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_326">424</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">327.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Todte aus den Gräbern wehren dem Feind</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_327">424</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xxxvi">[S. xxxvi]</span> + <div class="right">328.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hans Heilings Felsen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_328">425</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">329.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Jungfrau mit dem Bart</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_329">426</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">330.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die weiße Jungfrau zu Schwanau</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_330">427</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">331.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_331">427</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">332.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Krämer und die Maus</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_332">430</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">333.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die drei Schatzgräber</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_333">431</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">334.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Einladung vor Gottes Gericht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_334">431</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">335.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gäste vom Galgen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_335">435</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">336.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufels-Brücke</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_336">436</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">337.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die zwölf Johanneße</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_337">437</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">338.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teufels-Graben</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_338">438</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">339.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kreuzliberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_339">439</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">340.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Pferde aus dem Bodenloch</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_340">440</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">341.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zusammenkunft der Todten</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_341">441</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">342.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das weissagende Vöglein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_342">443</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">343.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der ewige Jud auf dem Matterhorn</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_343">443</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">344.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Kessel mit Butter</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_344">444</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">345.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Trauer-Weide</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_345">445</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">346.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Christus-Bild zu Wittenberg</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_346">445</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">347.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Muttergottes-Bild am Felsen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_347">446</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">348.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_348">447</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">349.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ochsen zeigen die heilige Stätte</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_349">449</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">350.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Notburga</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_350">450</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">351.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mauerkalk mit Wein gelöscht</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_351">454</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">352.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Judenstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_352">455</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">353.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das von den Juden getödtete Mägdlein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_353">456</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">354.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die vier Hufeisen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_354">457</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">355.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Altar zu Seefeld</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_355">458</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">356.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Sterbensstein</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_356">459</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">357.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Sündliche Liebe</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_357">460</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">358.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der schweidnitzer Rathsmann</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_358">460</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">359.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Regenbogen über Verurtheilten</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_359">462</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">360.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gott weint mit dem Unschuldigen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_360">462</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">361.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gottes Speise</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_361">463</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">362.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die drei Alten</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right"><a href="#Kap_362">464</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_1">1.<br> +Die drei Bergleute im Kuttenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich in Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute lange +Jahre und verdienten damit für Frau und Kind das Brot ehrlich. Wann sie +Morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr +Gebätbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öhl versehen, +drittens ihr Bischen Brot, das reichte auch nur auf einen Tag. Ehe sie +die Arbeit anhuben, thaten sie ihr Gebät zu Gott, daß er sie in dem +Berge bewahren mögte und darnach fingen sie getrost und fleißig an zu +arbeiten. Es trug sich zu, als sie einen Tag gearbeitet hatten und es +bald Abend war, daß der Berg vornen einfiel und der Eingang verschüttet +wurde. Da meinten sie begraben zu seyn und sprachen: “ach Gott! wir +armen Bergleute, wir müssen nun Hungers sterben! wir haben nur einen +Tag Brot zu essen und einen Tag Öhl auf dem Licht!” Nun befahlen sie +sich Gott und dachten bald zu sterben, doch wollten sie nicht müßig +seyn, so lange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort und +bäteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahr brennte und ihr +kleines Bischen Brot, von dem sie tagtäglich<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> aßen, ward auch nicht +all, sondern blieb eben so groß und sie meinten, die sieben Jahre wären +nur ein Tag. Doch da sie sich nicht ihr Haar schneiden und den Bart +abnehmen konnten, waren diese ellen-lang gewachsen. Die Weiber hielten +unterdessen ihre Männer für todt, meinten sie würden sie nimmermehr +wiedersehen und dachten daran, andere zu heirathen.</p> + +<p>Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde, so recht aus +Herzensgrund, wünschte: “ach! könnt ich noch einmal das Tageslicht +sehen, so wollt’ ich gerne sterben!” Der Zweite sprach: “ach! könnt +ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so +wollt’ ich gerne sterben!” Da sprach auch der Dritte: “ach! könnt ich +nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt mit meiner Frau leben, so +wollt’ ich gerne sterben!” Wie sie das gesprochen hatten, so krachte +der Berg gewaltig und übermächtig und sprang von einander, da ging der +erste hin zu dem Ritz und schaute hinauf und sah den blauen Himmel, +und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich todt +nieder. Der Berg aber that sich immer mehr von einander, also daß +der Riß größer ward, da arbeiteten die beiden andern fort, hackten +sich Treppen, krochen hinauf und kamen endlich heraus. Sie gingen nun +fort in ihr Dorf und in ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die +wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: “habt ihr denn keine +Männer gehabt?” “Ja, antworteten jene, aber die sind schon sieben Jahre +todt und liegen im Kuttenberg<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> begraben!” Der Zweite sprach zu seiner +Frau: “ich bin dein Mann,” aber sie wollt’ es nicht glauben, weil er +den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: “hol +mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird und ein +Stückchen Seife dazu.” Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch +sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute +sich herzlich, holte Essen und Trinken so gut sie es hatte, deckte +den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit +einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen Brot +gegessen hatte, da fiel er um und war todt. Der dritte Bergmann wohnte +ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen, als es +herum war, zu derselben Stunde aber, wo er aus dem Berg gekommen war, +fiel er und seine Frau mit ihm todt hin. Also hatte Gott ihre Wünsche +ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_2">2.<br> +Der Berg-Geist.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em> Weltbeschreibung I. 110. 127. 128.</div> + + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. 203. 206.</div> + + <div class="angabe"><span class="antiqua"><em class="gesperrt">G. Agricola</em> de animalib. subterr.</span></div> + + <div class="angabe">Mündliche Erzählung.</div> + + </div> + +</div> + +<p>Der Berg-Geist, <em class="gesperrt">Meister Hämmerling</em>, gemeiniglich +<em class="gesperrt">Berg-Mönch</em> genannt, zeigt sich zuweilen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> in der Tiefe, +gewöhnlich als ein Riese in einer schwarzen Mönchs-Kutte. In einem +Bergwerk der Graubündner Alpen erschien er oft und war besonders am +Freitage geschäfftig, das ausgegrabene Erz aus einem Eimer in den +andern zu schütten; der Eigenthümer des Bergwerks durfte sich das nicht +verdrießen lassen, wurde aber auch niemals von ihm beleidigt. Dagegen +als einmal ein Arbeiter, zornig über dies vergebliche Handthieren, den +Geist schalt und verfluchte, faßte ihn dieser mit so großer Gewalt, daß +er zwar nicht starb, aber das Antlitz sich ihm umkehrte. Im Annaberg, +in der Höhle, welche der Rosenkranz heißt, hat er zwölf Bergleute, +während der Arbeit, angehaucht, wovon sie todt liegen geblieben sind, +und die Grube ist, obgleich silberreich, nicht ferner angebaut worden. +Hier hat er sich in Gestalt eines Rosses mit langem Hals gezeigt, +furchtbar blickende Augen auf der Stirne. Zu Schneeberg ist er aber als +ein schwarzer Mönch in der St. Georgen-Grube erschienen und hat einen +Bergknappen ergriffen, von der Erde aufgehoben und oben in die Grube, +die vorzeiten gar silberreich war, so hart niedergesetzt, daß ihm seine +Glieder verletzt waren. Am Harz hat er einmal einen bösen Steiger, der +die Bergleute quälte, bestraft. Denn als dieser zu Tage fuhr stellte er +sich, ihm unsichtbar, über die Grube und als er empor kam, drückte ihm +der Geist mit den Knien den Kopf zusammen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_3">3.<br> +Der Berg-Mönch im Harz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, am Harz.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie +anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie +nicht genug Öhl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. “Was fangen +wir da an?” sprachen sie mit einander, “geht uns das Öhl aus, so daß +wir im Dunkeln sollen zu Tag fahren, sind wir gewiß unglücklich, da +der Schacht schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, +um von Haus Öhl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust, +denn er ist uns nicht gut.” Wie sie also besorgt standen, sahen sie +ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegen kam. Anfangs +freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, +denn ein ungeheurer, riesen-großer, Mann ging, ganz gebückt, in der +Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch +sonst wie ein Mönch angethan, in der Hand aber trug er ein mächtiges +Gruben-Licht. Als er bis zu den beiden, die in Angst da still standen, +geschritten war, richtete er sich auf und sprach: “Fürchtet euch nicht, +ich will euch kein Leids anthun, vielmehr Gutes”, nahm ihr Geleucht und +schüttete Öhl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh +und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen +Woche<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: “sagts +keinem Menschen je, daß ihr mich gesehen habt” und schlug zuletzt +mit der Faust links an die Seitenwand; sie that sich aus einander +und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und +Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, +so wendeten sie sich ab, als sie aber wieder hinschauten, war alles +verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder +sonst irgend nur einen Theil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die +Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichthum und Ehre zugekommen; +aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet.</p> + +<p>Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öhl des Berg-Geistes, das nicht +abnahm und darum noch immer ein großer Vortheil war. Aber nach Jahren, +als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirthshaus +zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, +und Mondtags Morgen, als sie anfuhren, war kein Öhl mehr auf der Lampe +und sie mußten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_4">4.<br> +Frau Hollen Teich.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Schaub</em> Beschr. des Meißners. + Cassel 1799. 8. p. 12-14.</div> + + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Münchhausen</em> Abh. über den + Meißner in Hinsicht auf myth. Alterthum. Hess. Denkwürdigk. II. 161-202.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Hessischen Gebirg Meißner weisen mancherlei Dinge schon mit +ihren bloßen Namen das Alterthum<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> aus, wie die Teufelslöcher, der +Schlachtrasen, und sonderlich der <em class="gesperrt">Frau Hollenteich</em>. Dieser +an der Ecke einer Moorwiese gelegen hat gegenwärtig nur 40-50 Fuß +Durchmesser; die ganze Wiese ist mit einem halb untergegangenem +Steindamm eingefaßt und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken.</p> + +<p>Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, gutes und böses. Weiber, +die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; +die neugebornen Kinder stammen aus ihrem Brunnen und sie trägt sie +daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und +was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, theilt sie denen aus, +die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und +hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft +sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Faule +Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn +wirrt, oder den Flachs anzündet; Jungfrauen hingegen, die fleißig +abspinnen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht, +daß die Spuhlen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die +Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die +schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, +finden Silbergroschen darin. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich, die +guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich +geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch +erschreckt sie die Leute, wenn<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> sie durch den Wald fährt, an der Spitze +des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in +oder auf der Mitte des Teichs, bald ist sie unsichtbar und man hört +blos aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_5">5.<br> +Frau Holla zieht umher.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weihnachtsfratzen + <span class="antiqua">prop.</span> 54.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen, da legen die Mägde +ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werk oder Flachs darum und +lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie +sich und sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">so manches Haar,</div> + <div class="verse indent0">so manches gutes Jahr.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. den Heiligen drei +Königstag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie +dann unterwegens Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">so manches Haar,</div> + <div class="verse indent0">so manches böses Jahr.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Daher reißen Feier-Abends vorher alle Mägde sorgfältig von ihren Rocken +ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen +übel ausschlage.<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Noch besser ists aber, wenn es ihnen gelingt, alles +angelegte Werk vorher im Abspinnen herunter zu bringen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_6">6.<br> +Frau Hollen Bad.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Zeiller’s</em> Sendschreiben II. + 533. S. 695.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em>. Weltbeschr. I. 476.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrentheils trüb +von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung +wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen +und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind +voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder +beschädiget worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_7">7.<br> +Frau Holla und der treue Eckart.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em>. Weihnachtsfratzen + propos. 55.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thüring. + Chronik I. 167.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Thüringen liegt ein Dorf Namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau +Holla vorüber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte +die begegneten Leute aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid +widerfahre. Ein Paar Bauerknaben hatten gerade Bier in der Schenke +geholt, das sie nach Haus<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> tragen wollten, als der Zug erschien, dem +sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, +da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald +nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und +tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht, +wie sie ihnen zu Haus thun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen +würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: “das rieth euch +Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch euere +Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen +etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier seyn +und wird ihnen nie gebrechen.” Dieses thaten die Knaben und es war so, +die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in +acht. Endlich aber konnten sies nicht länger bergen, sondern erzählten +aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus und die +Krüglein versiegten. Andere sagen, es sey dies nicht eben zu Weihnacht +geschehen, sondern auf eine andre Zeit.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_8">8.<br> +Frau Holla und der Bauer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em>. Weihnachtfr. prop. 56.</div> + </div> + +</div> + +<p>Frau Holla zog einmal aus, begegnete ihr ein Bauer mit der Axt. Da +redete sie ihn mit den Worten<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> an, daß er ihr den Wagen verkeilen oder +verschlagen sollte. Der Taglöhner that, wie sie ihm hieß und als die +Arbeit verrichtet war, sprach sie: raff die Späne auf und nimm sie zum +Trinkgeld mit; drauf fuhr sie ihres Weges. Dem Manne kamen die Späne +vergeblich und unnütz vor, darum ließ er sie meistentheils liegen, blos +ein Stück oder drei nahm er für die Langeweile mit. Wie er nach Hause +kam und in den Sack griff, waren die Späne eitel Gold, alsbald kehrte +er um, noch die andern zu holen, die er liegen gelassen; so sehr er +suchte, so war es doch zu spät und nichts mehr vorhanden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_9">9.<br> +Die Springwurzel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich auf dem Köterberg von einem Schäfer.</div> + <div class="angabe">vgl. Altdeutsche Wälder II. 95.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da +stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königs-Fräulein +vor ihm und sprach: “nimm die Spring-Wurzel und folge mir nach.” Die +Spring-Wurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder +Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das +bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, +die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> hat. Er bringt sie im +Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor +den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben. +Hat man sich versteckt und macht nun, wie er heran kommt, einen großen +Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein +weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, +sobald er sie gebraucht hat.) Eine solche Springwurzel besaß der Hirt, +ließ nun seine Thiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte +ihn bei einer Höhle in den Berg hinein, kamen sie zu einer Thüre oder +einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten und +alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa +in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und +spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den +Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben +Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach +zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: “nimm dir, +so viel du willst.” Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine +Taschen, so viel sie halten konnten und wie er, also reich beladen, +wieder hinaus wollte, sprach sie: “aber vergiß das Beste nicht!” Er +meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar +wohl versorgt zu haben, aber es war das Spring-Wort<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Wie er nun +hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das +Thor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weitern +Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen +Reichthümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er +nicht wieder finden.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Der erzählende Schäfer brauchte ganz gleichbedeutend die +Spring-<em class="gesperrt">Wurzel</em> und das Spring-<em class="gesperrt">Wort</em> wie im Gefühl von der +alten Verwandschaft beider Ausdrücke.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_10">10.<br> +Fräulein von Boyneburg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf eine Zeit lebten auf der Boyneburg drei Fräulein zusammen. Der +jüngsten träumte in einer Nacht, es sey in Gottes Rath beschlossen, +daß eine von ihnen im Wetter sollte erschlagen werden. Morgens sagte +sie ihren Schwestern den Traum und als es Mittag war, stiegen schon +Wolken auf, die immer größer und schwärzer wurden, also daß Abends +ein schweres Gewitter am Himmel hinzog und ihn bald ganz zudeckte und +der Donner immer näher herbei kam. Als nun das Feuer von allen Seiten +herabfiel, sagte die älteste: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn +mir ist der Tod bestimmt”, ließ sich einen Stuhl hinaustragen, saß +draußen einen Tag und eine Nacht und erwartete, daß der<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Blitz sie +träfe. Aber es traf sie keiner; da stieg am zweiten Tage die zweite +herab und sprach: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn mir ist der +Tod bestimmt”; und saß den zweiten Tag und die zweite Nacht, die Blitze +versehrten sie auch nicht, aber das Wetter wollte nicht fortziehen. Da +sprach die dritte am dritten Tage: “nun seh ich Gottes Willen: daß ich +sterben soll”, da ließ sie den Pfarrer holen, der ihr das Abendmahl +reichen mußte, dann machte sie auch ihr Testament und stiftete, daß +an ihrem Todestage die ganze Gemeinde gespeist und beschenkt werden +sollte. Nachdem das geschehen war, ging sie getrost hinunter und setzte +sich nieder und nach wenigen Augenblicken fuhr auch ein Blitz auf sie +herab und tödtete sie.</p> + +<p>Hernach als das Schloß nicht mehr bewohnt war, ist sie oft als ein +guter Geist gesehen worden. Ein armer Schäfer, der all sein Hab und Gut +verloren hatte und dem am andern Tage sein letztes sollte ausgepfändet +werden, weidete an der Boyneburg, da sah er im Sonnenschein an der +Schloßthüre eine schneeweiße Jungfrau sitzen. Sie hatte ein weißes +Tuch ausgebreitet, darauf lagen Knotten, die sollten in der Sonne +aufklinken. Der Schäfer verwunderte sich, an dem einsamen Ort eine +Jungfrau zu finden, trat zu ihr hin und sprach: “ei was schöne +Knotten!” nahm ein paar in die Hand, besah sie und legte sie wieder +hin. Sie sah ihn freundlich und doch traurig an, antwortete aber +nichts, da ward dem Schäfer angst, daß<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> er fort ging, ohne sich +umzusehen und die Heerde nach Haus trieb. Es waren ihm aber ein paar +Knotten, als er darin gestanden, neben in die Schuhe gefallen, die +drückten ihn auf dem Heimweg, da setzte er sich, zog den Schuh ab und +wollte sie herauswerfen, wie er hineingriff, so fielen ihm fünf oder +sechs Goldkörner in die Hand. Der Schäfer eilte zur Boyneburg zurück, +aber die weiße Jungfrau war sammt den Knotten verschwunden; doch konnte +er sich mit dem Golde schuldenfrei machen und seinen Haushalt wieder +einrichten.</p> + +<p>Viele Schätze sollen in der Burg noch verborgen liegen. Ein Mann war +glücklich und sah in der Mauer ein Schubfach; als er es aufzog, war +es ganz voll Gold. Eine Wittwe hatte nur eine Kuh und Ziege und weil +an der Boyneburg schöne Heiternesseln wachsen, wollte sie davon zum +Futter abschneiden, wie sie aber eben nach einem Strauch packte, glitt +sie aus und fiel tief hinab. Sie schrie und rief nach Hilfe, es war +aber niemand mehr in der einsamen Gegend, bis Abends ihre Kinder, denen +Angst geworden war, herbei kamen und ihre Stimme hörten. Sie zogen sie +an Stricken herauf und nun erzählte sie ihnen, tief da unten sey sie +vor ein Gitter gefallen, dahinter habe sie einen Tisch gesehen, der mit +Reichthümern und Silberzeug ganz beladen gewesen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_11">11.<br> +Der Piel-Berg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Glücks-Topf S. 506.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Annaberg in Meissen, liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der +Piel-Berg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt +und verwünscht seyn, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich dann +niemand dort darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen, +gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_12">12.<br> +Die Schloß-Jungfrau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thüring. Chronik + I. 172.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Schloßberg unweit Ordruf in Thüringen soll sich manchmal eine +Jungfrau sehen lassen, welche ein großes Gebund Schlüssel anhängen hat. +Sie kommt dann allezeit um zwölf Uhr Mittags vom Berg herab und geht +nach dem unten im Thal befindlichen Hierlings- oder Hörlings-Brunn und +badet sich in demselben, worauf sie wiederum den Berg hinaufsteigt. +Einige wollen sie genau gesehen und betrachtet haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_13">13.<br> +Die Schlangen-Jungfrau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weltbeschr. I. + 661-663.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> in + <span class="antiqua">medulla. p.</span> 477. 478.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kornemann</em> + <span class="antiqua">mons Veneris c.</span> 34. + <span class="antiqua">p.</span> 189-192.</div> + </div> + +</div> + +<p>Um das Jahr 1520 war einer zu Basel im Schweizerlande mit Namen +Leonhard, sonst gemeinlich Lienimann genannt, eines Schneiders Sohn, +ein alberner und einfältiger Mensch, und dem dazu das Reden, weil er +stammerte, übel abging. Dieser war in das Schlauf-Gewölbe oder den +Gang, welcher zu Augst über Basel unter der Erde her sich erstreckt, +ein- und darin viel weiter, als jemals einem Menschen möglich gewesen, +fortgegangen und hinein gekommen und hat von wunderbarlichen Händeln +und Geschichten zu reden wissen. Denn er erzählt und es gibt noch +Leute, die es aus seinem Munde gehört haben, er habe ein geweihtes +Wachslicht genommen und angezündet und sey mit diesem in die Höhle +eingegangen. Da hätte er erstlich durch eine eiserne Pforte und darnach +aus einem Gewölbe in das andere, endlich auch durch etliche gar schöne +und luftige grüne Gärten gehen müssen. In der Mitte aber stünde ein +herrlich und wohlgebautes Schloß oder Fürstenhaus, darin wäre eine +gar schöne Jungfrau mit menschlichem Leibe bis zum Nabel, die trüge +auf ihrem Haupt eine Krone von Gold und ihre Haare hätte sie zu Felde +geschlagen; unten vom Nabel<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> an wäre sie aber eine gräuliche Schlange. +Von derselben Jungfrau wäre er bei der Hand zu einem eisernen Kasten +geführt worden, auf welchem zwei schwarze bellende Hunde gelegen, +also daß sich niemand dem Kasten nähern dürfen, sie aber hätte ihm +die Hunde gestillt und im Zaum gehalten, und er ohne alle Hinderung +hinzugehen können. Darnach hätte sie einen Bund Schlüssel, den sie am +Hals getragen, abgenommen, den Kasten aufgeschlossen, silberne und +andere Münzen heraus geholt. Davon ihm dann die Jungfrau nicht wenig +aus sonderlicher Mildigkeit geschenkt, welche er mit sich aus der +Schluft gebracht; wie er denn auch selbige vorgezeigt und sehen lassen. +Auch habe die Jungfrau zu ihm gesprochen, sie sey von königlichem +Stamme und Geschlecht geboren, aber also in ein Ungeheuer verwünscht +und verflucht, und könne durch nichts erlöst werden, als wenn sie von +einem Jüngling, dessen Keuschheit rein und unverletzt wäre, dreimal +geküßt werde; dann würde sie ihre vorige Gestalt wieder erlangen. Ihrem +Erlöser wolle sie dafür den ganzen Schatz, der an dem Orte verborgen +gehalten würde, geben und überantworten. Er erzählte weiter, daß er die +Jungfrau bereits zweimal geküßt, da sie denn alle beide Mal, vor großer +Freude der unverhofften Erlösung, mit so gräulichen Gebärden sich +erzeigt, daß er sich gefürchtet und nicht anders gemeint, sie würde ihn +lebendig zerreißen; daher er zum drittenmal sie zu küssen nicht gewagt, +sondern weggegangen wäre. Hernach hat es sich begeben, daß ihn etliche +in ein Schand-Haus mitgenommen,<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> wo er mit einem leichtsinnigen Weibe +gesündigt. Also vom Laster befleckt, hat er nie wieder den Eingang +zu der Schlauf-Höhle finden können; welches er zum öftern mit Weinen +beklagt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_14">14.<br> +Das schwere Kind.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. 274.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1686. am achten Juni erblickten zwei Edelleute auf dem Wege +nach Chur in der Schweiz an einem Busch ein kleines Kind liegen, das +in Linnen eingewickelt war. Der eine hatte Mitleiden, hieß seinen +Diener absteigen und das Kind aufheben, damit man es ins nächste Dorf +mitnehmen und Sorge für es tragen könnte. Als dieser abgestiegen war, +das Kind angefaßt hatte und aufheben wollte, war er es nicht vermögend. +Die zwei Edelleute verwunderten sich hierüber und befahlen dem andern +Diener, auch abzusitzen und zu helfen. Aber beide mit gesammter Hand +waren nicht so mächtig, es nur von der Stelle zu rücken. Nachdem sie es +lange versucht, hin und her gehoben und gezogen, hat das Kind anfangen +zu sprechen und gesagt: “laßet mich liegen, denn ihr könnt mich doch +nicht von der Erde wegbringen. Das aber will ich euch sagen, daß dies +ein köstliches und fruchtbares Jahr seyn wird, aber wenig Menschen +werden es erleben.” Sobald es diese Worte ausgeredet hatte, verschwand +es. Die beiden<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> Edelleute legten nebst ihren Dienern ihre Aussage bey +dem Rath zu Chur nieder.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_15">15.<br> +Der alte Weinkeller bei Salurn.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Nachr. von Geistern. Frankf. 1737. S. 66-73.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Rathhause des tyroler Fleckens Salurn, an der Etsch, werden +zwei alte Flaschen vorgezeigt und davon erzählt: Im Jahr 1688. ging +Christoph Patzeber von St. Michael nach Salurn in Verrichtungen und +wie er bei den Trümmern der alten salurner Burg vorüberkam, wandelte +ihn Lust an, das Gemäuer näher zu betrachten. Er sah sich im obern +Theil um und fand ungefähr eine unterirdische Treppe, welche aber +ganz hell schien, so daß er hinabstieg, und in einen ansehnlichen +Keller gelangte, zu dessen beiden Seiten er große Fässer liegen sah. +Der Sonnenstrahl fiel durch die Ritzen, er konnte deutlich achtzehn +Gefäße zählen, deren jedes ihm däuchte funfzig Irten zu halten; an +denen die vorn standen, fehlte weder Hahn noch Krahn und als der Bürger +vorwitzig umdrehte, sah er mit Verwunderung einen Wein, köstlich wie +Oel, fließen. Er kostete das Getränk und fand es von solchem herrlichen +Geschmack, als er Zeitlebens nicht über die Zunge gebracht hatte. Gern +hätte er für Weib und Kind davon mitgenommen, wenn ihm ein Geschirr +zu Handen gewesen wäre; die gemeine Sage fiel ihm ein von diesem<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> +Schloß, das schon manchen Menschen unschuldigerweise reich gemacht +haben sollte, und er sann hin und her, ob er nicht durch diesen Fund +glücklich werden möchte. Er schlug daher den Weg nach der Stadt ein, +vollbrachte sein Geschäft und kaufte sich zwei große irdene Flaschen +nebst Trichter und verfügte sich noch vor Sonnenuntergang in das alte +Schloß, wo er alles gerade so wiederfand, als das erstemal. Ungesäumt +füllte er seine beiden Flaschen mit Wein, welche etwa zwanzig Maaß +fassen konnten, hierauf wollte er den Keller verlassen. Aber im +Umdrehen sah er plötzlich an der Treppe, also daß sie ihm den Gang +sperrten, drei alte Männer an einem kleinen Tische sitzen, vor ihnen +lag eine schwarze mit Kreide beschriebene Tafel. Der Bürger erschrak +heftig, hätte gern allen Wein im Stich gelassen, hub an inbrünstig zu +beten und die Kellerherrn um Verzeihung zu bitten. Da sprach einer aus +den dreien, welcher einen langen Bart, eine Ledermütze auf dem Haupt +und einen schwarzen Rock anhatte: komm so oft du willt, so sollst +du allzeit erhalten, was dir und den deinen vonnöthen ist. Hierauf +verschwand das ganze Gesicht. Patzeber konnte frei und ungehindert +fortgehen und gelangte glücklich heim zu seinem Weibe, dem er alles +erzählte, was ihm begegnet war. Anfangs verabscheute die Frau diesen +Wein, als sie aber sah, wie ohne Schaden sich ihr Hauswirth daran +labte, versuchte sie ihn auch und gab allen ihren Hausgenossen dessen +zu trinken. Als nun der Vorrath all wurde, nahm er getrost die zwei +irdenen Krüge, ging wieder<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> in den Keller und füllte von neuem und +das geschah etlichemal ein ganzes Jahr durch; dieser Trunk, der +einer kaiserlichen Tafel wohl gestanden hätte, kostete ihn keinen +Heller. Einmal aber besuchten ihn drei Nachbaren, denen er von seinem +Gnadentrunk zubrachte, und die ihn so trefflich fanden, daß sie +Verdacht schöpften und argwohnten, er sey auf unrechtem Wege dazu +gekommen. Weil sie ihm ohnedeß feind waren, gingen sie aufs Rathhaus +und verklagten ihn, der Bürger erschien und verhehlte nicht, wie er +zu dem Wein gelangt war, obgleich er innerlich dachte, daß er nun den +letzten geholt haben würde. Der Rath ließ von dem Wein vor Gericht +bringen und befand einstimmig, daß dergleichen im Lande nirgends +anzutreffen wäre. Also mußten sie zwar den Mann nach abgelegtem Eid +heim entlassen, gaben ihm aber auf, mit seinen Flaschen nochmals den +vorigen Weg zu unternehmen. Er machte sich auch dahin, aber weder +Treppe noch Keller war dort zu spüren und er empfing unsichtbare +Schläge, die ihn betäubt und halbtodt zu Boden streckten. Als er so +lange Zeit lag, bedäuchte ihn den vorigen Keller, aber fern in einer +Tiefe, zu erblicken, die drei Männer saßen wieder da und kreideten +still und schweigend bei einer hellen Lampe auf dem Tisch, als hätten +sie eine wichtige Rechnung zu schließen; zuletzt wischten sie alle +Ziffern aus und zogen ein Creuz über die ganze Tafel, welche sie +hernach bei Seite stellten. Einer stand auf, öffnete drei Schlösser +an einer eisernen Thür und man hörte Geld klingen. Auf<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> einer anderen +Treppe kam dann dieser alte Mann heraus zu dem auf der Erde liegenden +Bürger, zählte ihm 30 Thaler in den Hut, ließ aber nicht den geringsten +Laut von sich hören. Hiermit verschwand das Gesicht und die salurner +Uhr aus der Ferne schlug eilf. Der Bürger raffte sich auf und kroch aus +den Mauern, auf der Höhe sah er einen ganzen Leichenzug mit Lichtern +vorbeiwallen und deutete das auf seinen eigenen Tod. Inzwischen kam +er nach und nach auf die Landstraße und wartete auf Leute, die ihn +nach Haus schleppten. Darauf berichtete er dem Rath den ganzen Verlauf +und die 30 alten Thaler bewiesen deutlich, daß sie ihm von keiner +oberirdischen Hand waren gegeben worden. Man sandte des folgenden +Tags acht beherzte Männer aus zu der Stelle, die gleichwohl nicht die +mindeste Spuren entdeckten, außer in einer Ecke der Trümmer die beiden +irdenen Flaschen liegen fanden und zum Wahrzeichen mitbrachten. Der +Patzeber starb zehen Tage darauf und mußte die Weinzeche mit seinem +Leben zahlen; das gemachte große Creuz hatte die Zahl der zehn Tage +vielleicht vorbedeutet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_16">16.<br> +Hünen-Spiel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Corvei’schen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Höxter liegen der Brunsberg und Wiltberg, auf welchen die Sachsen +im Kampf mit Carl dem Großen<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> sollen ihre Burgen gehabt haben. Nach der +Sage des Volks wohnten dort ehedem Hünen, die so groß waren, daß sie +sich Morgens aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber +reichten. Sie warfen sich auch, als Ballspiel, Kugeln zu und ließen +sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Thal +herab und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man noch +heute sieht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_17">17.<br> +Das Riesen-Spielzeug.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich von einem Förster.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem +Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging +das Riesen-Fräulein herab ins Thal, wollte sehen, wie es da unten wäre +und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld, +das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung +stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles +etwas neues war. “Ei, sprach sie, und ging herzu, das nehm ich mir +mit.” Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich +mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und thats hinein. Nun +lief sie ganz vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der +Berg so jäh ist,<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> daß ein Mensch mühsam klettern muß, da that sie einen +Schritt und war droben.</p> + +<p>Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. “Ei, mein Kind, sprach +er, was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.” +Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken. “Was +hast du so Zappeliches darin?” “Ei Vater, gar zu artiges Spielding! so +was schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.” Darauf nahm sie +eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug, +die Bauern mit ihren Pferden; lief herum, schaute es an, lachte und +schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin +und her bewegte. Der Vater aber sprach: “Kind, das ist kein Spielzeug, +da hast du was schönes angestiftet! Geh nur gleich und trags wieder +hinab ins Thal.” Das Fräulein weinte, es half aber nichts. “Mir ist der +Bauer kein Spielzeug, sagt der Ritter ernsthaftig, ich leids nicht, daß +du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trags an den nämlichen +Platz, wo du’s genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so +haben wir Riesen auf unserm Felsen-Nest nichts zu leben.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_18">18.<br> +Riese Einheer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aventin</em> Bair. Chronik. + Frankf. 1570. S. 285 b.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Zeiten Carls des Großen lebt ein Ries’ und Recke, hieß +<em class="gesperrt">Einheer,</em> war ein Schwab, bürtig aus<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> Thurgau, jetzund Schweitz, +der wuthe (wadete) über alle Wasser, dorft (braucht) über keine +Brücke gehen, zoge sein Pferd bei dem Schwanz hernach, sagt allzeit: +“nun Gesell, du mußt auch hernach!” Dieser reiset auch in diesen +Kaiser-Carls-Kriegen wider die Winden (Wenden) und Haunen (Hunnen); +er mähet die Leut, gleich wie das Gras mit einer Sensen, alle nieder, +hängt sie an den Spieß, trugs über die Achseln wie Hasen und Füchs, und +da er wieder heim kam und ihn seine gute Gesellen und Nachbarn fragten, +was er ausgerichtet hättet? wie es ihm im Kriege gegangen wäre? sagt er +aus Unmuth und Zorn: “was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! +ich trug ihr sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, +was sie quacken, ist der Mühe nicht werth, daß der Kaiser so viel +Volks wider solche Kröten und Würmlein zusammenbracht, ich wollts viel +leichter zu wegen gebracht haben!” — Diesen Riesen nennt man Einheer, +daß (weil) er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also +viel ausrichtet. Es flohen ihm die Feinde, Winden und Haunen, meinten, +es wär der leidige Teufel.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_19">19.<br> +Riesen-Säulen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann’s</em> hessische + Chronik. S. 32.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">in Orograph.</span> bei Malchen-Berg.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Miltenberg oder Kleinen-Haubach auf einem hohen Gebürg im Walde +sind neun gewaltige, große,<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> steinerne Säulen zu sehen und daran die +Handgriffe, wie sie von den Riesen im Arbeiten herumgedreht worden, +damit eine Brücke über den Main zu bauen; solches haben die alten Leute +je nach und nach ihren Kindern erzählt, auch daß in dieser Gegend vor +Zeiten viele Riesen sich aufgehalten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_20">20.<br> +Der Köterberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich von einem darauf hütenden Schäfer.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Köterberg, (an der Gränze des Paderbornschen, Lippeschen und +Corveischen) war sonst der Götzenberg genannt, weil die Götter der +Heiden da angebätet wurden. Er ist innen voll Gold und Schätze, die +einen armen Mann wohl reich machen könnten, wenn er dazu gelangte. +Auf der nördlichen Seite sind Höhlen, da fand einmal ein Schäfer den +Eingang und die Thüre zu den Schätzen, aber wie er eingehen wollte, in +demselben Augenblick kam ein ganz blutiger, entsetzlicher Mann übers +Feld daher gelaufen und erschreckte und verscheuchte ihn. Südlich auf +einem waldbewachsenen Hügel am Fuße des Berges stand die Harzburg, +wovon die Mauern noch zu sehen und noch vor kurzem Schlüssel gefunden +sind. Darin wohnten Hünen und gegenüber, auf dem zwei Stunden fernen +Zierenberg, stand eine andere Hünenburg. Da warfen die Riesen sich oft +Hämmer herüber und hinüber.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_21">21.<br> +Geroldseck.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Philand. v. Sittewald</em> + Gesichte. Straßb. 1665. S. 32. 33.</div> + </div> + +</div> + +<p>Geroldseck, ein altes Schloß im Wasgau, von dem man vor Jahren her viel +Abentheuer erzählen hören: daß nämlich die uralten deutschen Helden, +die Könige Ariovist, Herman, Witechind, der hürnen Siegfried und viele +andere in demselben Schlosse zu gewisser Zeit des Jahrs gesehen würden; +welche, wann die Deutschen in den höchsten Nöthen und am Untergang +seyn würden, wieder da heraus und mit etlichen alten deutschen Völkern +denselben zu Hilf erscheinen sollten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_22">22.<br> +Kaiser Karl zu Nürnberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">Orogr. Francof. 1715. p. 533.</span></div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Struve</em> hist. polit. + Archiv <span class="antiqua">I. p.</span> 14.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Sage geht, daß Karl der Große sich zu Nürnberg auf der Burg in den +tiefen Brunnen verflucht habe und daselbst aufhalte. Sein Bart ist +durch den Steintisch gewachsen, vor welchem er sitzt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_23">23.<br> +Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprüchwort 710.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">Orogr. v. Kyffhausen.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Tenzel</em> monatl. Unterr. 1689. + S. 719. 720.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> + <span class="antiqua">Alectryomantia</span> p. 69.</div> + <div class="angabe">Dessen Weltbeschr. I. 306. 307.</div> + </div> + +</div> + +<p>Von diesem Kaiser gehen viele Sagen im Schwange. Er soll noch nicht +todt seyn, sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter +Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verholen in dem +Berg Kyfhausen und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen +an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine beßre Zeit +werden. Zuweilen redet er mit den Leuten, die in den Berg kommen, +zuweilen läßt er sich auswärts sehen. Gewöhnlich sitzt er auf der Bank +an dem runden steinernen Tisch, hält den Kopf in der Hand und schläft, +mit dem Haupt nickt er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart +ist ihm groß gewachsen, nach einigen durch den steinernen Tisch, nach +andern um den Tisch herum, dergestalt daß er dreimal um die Rundung +reichen muß, bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal +darum.</p> + +<p>Ein Bauer, der 1669 aus dem Dorf Reblingen Korn nach Nordhausen fahren +wollte, wurde von einem kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte +sein Korn ausschütten und sich dafür die Säcke mit Gold<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> füllen. Dieser +sah nun den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich.</p> + +<p>Auch einen Schäfer führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und +fragte: fliegen die Raben noch um den Berg? Und auf die Bejahung des +Schäfers rief er: nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_24">24.<br> +Der Birnbaum auf dem Walserfeld.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch vom Untersberg S. 38. 39.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Salzburg auf dem sogenannten Walserfeld soll dermaleinst eine +schreckliche Schlacht geschehen, wo alles hinzulaufen und ein so +furchtbares Blutbad seyn wird, daß den Streitenden das Blut vom +Fußboden in die Schuh rinnt. Da werden die bösen von den guten Menschen +erschlagen werden. Auf diesem Walserfeld steht ein ausgedorrter +Birnbaum zum Angedenken dieser letzten Schlacht; schon dreimal wurde er +umgehauen, aber seine Wurzel schlug immer aus, daß er wiederum anfing +zu grünen und ein vollkommner Baum ward. Viele Jahre bleibt er noch +dürr stehen, wann er aber zu grünen anhebt, wird die gräuliche Schlacht +bald eintreten und wann er Früchte trägt, wird sie anheben. Dann wird +der Baierfürst seinen Wappenschild daran aufhängen und niemand wissen, +was es zu bedeuten hat.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_25">25.<br> +Der verzauberte König zu Schildheiß.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Volksbuch vom Ritter Eginhard. S. 42 ff.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das alte Schloß Schildheiß, in einer wüsten Wald- und Berggegend von +Deutschböhmen sollte aufs neue gebaut und wiederhergestellt werden. Als +die Werkmeister und Bauleute die Trümmer und Grundfesten untersuchten, +fanden sie Gänge, Keller und Gewölbe unter der Erden in großer Menge, +mehr als sie gedacht, in einem Gewölbe saß ein gewaltiger König im +Sessel, glänzend und schimmernd von Edelgestein und ihm zur Rechten +stund unbeweglich eine holdselige Jungfrau, die hielt dem König +das Haupt, gleich als ruhete es drinnen. Als sie nun vorwitzig und +beutegierig näher traten, wandelte sich die Jungfrau in eine Schlange, +die Feuer spie, so daß alle weichen mußten. Sie berichteten aber ihrem +Herrn von der Begebenheit, welcher alsbald vor das bezeichnete Gewölbe +ging und die Jungfrau bitterlich seufzen hörte. Nachher trat er mit +seinem Hund in die Höhle, in der sich Feuer und Rauch erzeigte, so daß +der Ritter etwas zurückwich und seinen Hund der vorausgelaufen war, für +verloren hielt. Das Feuer verlosch und wie er sich von neuem näherte, +sah er daß die Jungfrau seinen Hund unbeschädigt im Arme hielt und eine +Schrift an der Wand, die ihm Verderben drohte. Sein Muth trieb ihn +aber nachher dennoch an, das Abentheuer zu wagen und er wurde von den +Flammen verschlungen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_26">26.<br> +Kaiser Carl V. Auszug.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwischen Gudensberg und Besse in Hessen liegt der Odenberg, in welchem +Kaiser Carl der Fünfte mit seinem ganzen Heer versunken ist. Ehe ein +Krieg ausbricht, thut sich der Berg auf, Kaiser Carl kommt hervor, +stößt in sein Hüft-Horn und zieht nun mit seinem ganzen Heer aus in +einen andern Berg.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_27">27.<br> +Der Unterberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Sagen der Vorzeit oder ausführliche Beschreibung von dem + berühmten salzburgischen Untersberg oder Wunderberg, wie solche Lazarus + Gitschner vor seinem Tode geoffenbart. Brixen 1782. Volksbuch.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Franz Sartori</em> Naturwunder des + östreich. Kaiserthums. Wien 1807. <span class="antiqua">I. Nro.</span> 7.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Unterberg oder Wunderberg liegt eine kleine deutsche Meile von der +Stadt Salzburg an dem grundlosen Moos, wo vor Zeiten die Hauptstadt +Helfenburg soll gestanden haben. Er ist im Innern ganz ausgehöhlt, +mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silber-Quellen +versehen. Kleine Männlein bewahren die Schätze und wanderten sonst +oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst +Gottesdienst zu halten.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_28">28.<br> +Kaiser Karl im Unterberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch von 1782. S. 28. 29.</div> + </div> + +</div> + +<p>In dem Wunderberg sitzt außer andern fürstlichen und vornehmen Herrn +auch Kaiser Karl, mit goldner Krone auf dem Haupt und seinen Scepter in +der Hand. Auf dem großen Welserfeld wurde er verzückt und hat noch ganz +seine Gestalt behalten, wie er sie auf der zeitlichen Welt gehabt. Sein +Bart ist grau und lang gewachsen und bedeckt ihm das goldne Bruststück +seiner Kleidung ganz und gar. An Fest- und Ehrentagen wird der Bart auf +zwei Theile getheilt, einer liegt auf der rechten Seite, der andere auf +der linken, mit einem kostbaren Perlenband umwunden. Der Kaiser hat +ein scharfes und tiefsinniges Angesicht und erzeigt sich freundlich +und gemeinschaftlich gegen alle Untergebenen, die da mit ihm auf einer +schönen Wiese hin und her gehen. Warum er sich da aufhält und was +seines Thuns ist, weiß niemand und steht bei den Geheimnissen Gottes.</p> + +<p>Franz Sartori erzählt, daß Kaiser Karl der Fünfte, nach andern aber +Friedrich an einem Tisch sitzt, um den sein Bart schon mehr denn +zweimal herumgewachsen ist. So wie der Bart zum drittenmal die +letzte Ecke desselben erreicht haben wird, tritt dieser Welt letzte +Zeit ein. Der Antichrist erscheint, auf den Feldern von Wals kommt +es zur Schlacht, die Engelposaunen ertönen und der jüngste Tag ist +angebrochen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_29">29.<br> +Der Scherfenberger und der Zwerg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Aus Ottokar von Horneck. Cap. 573-80. S. 539 + <span class="antiqua">a.</span>–544 <span class="antiqua">a.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Mainhard, Graf von Tirol, der auf Befehl des Kaisers Rudolf von +Habsburg Steier und Kärnthen erobert hatte und zum Herzoge von Kärnthen +ernannt war, lebte mit dem Grafen Ulrich von Heunburg in Fehde. Zu +diesem schlug sich auch Wilhelm von Scherfenberg, treulos und undankbar +gegen Mainhard. Hernach in dem Kampfe ward er vermißt und Conrad von +Aufenstein, der für Mainhard gestritten hatte, suchte ihn auf.</p> + +<p>Sie fanden aber den Scherfenberger im Sande liegen von einem Speer +durchstochen und hatte er da sieben Wunden, doch nur eine Pein. Der +Aufensteiner fragte ihn, ob er der Herr Wilhelm wäre. “Ja, und seyd +Ihrs, der Aufensteiner, so stehet hernieder zu mir.” Da sprach der +Scherfenberger mit krankem Munde: “nehmt dieses Fingerlein; derweil +es in eurer Gewalt ist, zerrinnet Euch Reichthum und weltliche Ehre +nimmermehr;” damit reichte er es ihm von der Hand. Indem kam auch +Heinrich der Told geritten und hörte, daß es der Scherfenberger war, +der da lag. “So ist es der, sprach er, welcher seine Treue an meinem +Herrn gebrochen, das rächt nun Gott an ihm in dieser Stund.” Ein Knecht +mußte den todtwunden auf ein Pferd legen, aber er starb darauf. Da +machte der Told, daß man ihn wieder herab legte, wo er vorher<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> gelegen +war. Darnach ward der Scherfenberger beklagt von Männern und Weibern; +mit dem Ring aber, den er dem Aufensteiner gegeben, war es auf folgende +Weise zugegangen.</p> + +<p>Eines Tages sah der Scherfenberger von seiner Burg auf dem Feld eine +seltsame Augenweide. Auf vier langen vergüldeten Stangen trugen vier +Zwerge einen Himmel von klarem und edlem Tuche. Darunter ritt ein +Zwerg, eine goldne Krone auf dem Häuptlein, und in allen Gebärden +als ein König. Sattel und Zaum des Pferdes war mit Gold beschlagen, +Edelsteine lagen darin und so war auch alles Gewand beschaffen. Der +Scherfenberger stand und sah es an, endlich ritt er hin und nahm seinen +Hut ab. Der Zwerg gab ihm guten Morgen und sprach: “Wilhelm, Gott +grüß Euch!” “Woher kennt Ihr mich?” antwortete der Scherfenberger. +“Laß dir nicht leid seyn, sprach der Zwerg, daß du mir bekannt bist +und ich deinen Namen nenne; ich suche deine Mannheit und deine Treue, +von der mir so viel gesagt ist. Ein gewaltiger König ist mein Genosse +um ein großes Land, darum führen wir Krieg und er will mirs mit List +angewinnen. Ueber sechs Wochen ist ein Kampf zwischen uns gesprochen, +mein Feind aber ist mir zu groß, da haben alle meine Freunde mir +gerathen, dich zu gewinnen. Willst du dich des Kampfes unterwinden, +so will ich dich also stark machen, daß, ob er einen Riesen brächte, +dirs doch gelingen soll. Wisse, guter Held, ich bewahre dich mit einem +Gürtel, der dir zwanzig Männer Stärke<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> gibt.” Der Scherfenberger +antwortete: “weil du mir so wohl traust und auf meine Mannheit dich +verläßt, so will ich zu deinem Dienste seyn, wie es auch mit mir +gehen wird, es soll alles gewagt werden.” Der Zwerg sprach: “fürchte +dich nicht, Herr Wilhelm, als wäre ich ungeheuer, nein, mir wohnt +christlicher Glaube an die Dreifaltigkeit bei und daß Gott von einer +Jungfrau menschlich geboren wurde.” Darüber ward der Scherfenberger +froh und versprach, wo nicht Tod oder Krankheit ihn abhalte, daß +er zu rechter Stunde kommen wollte. “So kommt mit Roß, Rüstung und +einem Knaben an diese Stätte hier, sagt aber niemanden etwas davon, +auch Euerm Weibe nicht, sonst ist das Ding verloren.” Da beschwur +der Scherfenberger alles. “Sieh hin, sprach nun das Gezwerg, dies +Fingerlein soll unserer Rede Zeuge seyn; du sollst es mit Freuden +besitzen, denn lebtest du tausend Jahre, so lang du es hast, zerrinnet +dir dein Gut nimmermehr. Darum sey hohen Muthes und halt deine Treue an +mir.” Damit ging es über die Heide und der Scherfenberger sah ihm nach, +bis es in den Berg verschwand.</p> + +<p>Als er nach Haus kam, war das Essen bereit und jedermann fragte, wo er +gewesen wäre, er aber sagte nichts, doch konnt er von Stund an nicht +mehr so fröhlich gebaren wie sonst. Er ließ sein Roß besorgen, sein +Panzerhemd bessern, schickte nach dem Beichtiger, that heimlich lautere +Beichte und nahm darnach mit Andacht des Herren Leib. Die Frau suchte +von dem<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Beichtiger die Wahrheit an den Sachen zu erfahren, aber der +wies sie ernstlich ab. Da beschickte sie vier ihrer besten Freunde, die +führten den Priester in eine Kammer, setzten ihm das Messer an den Hals +und drohten ihm auf den Tod, bis er sagte, was er gehört hatte.</p> + +<p>Als die Frau es nun erfahren, ließ sie die nächsten Freunde des +Scherfenberger kommen, die mußten ihn heimlich nehmen und um seinen +Vorsatz fragen. Als er aber nichts entdecken wollte, sagten sie ihm +vor den Mund, daß sie alles wüßten, und als er es an ihren Reden sah, +da bekannte er allererst die Wahrheit. Nun begannen sie seinen Vorsatz +zu schwächen und baten ihn höchlich, daß er von der Fahrt ablasse. Er +aber wollt seine Treue nicht brechen und sprach, wo er das thue, nehme +er fürder an allem Gut ab. Sein Weib aber tröstete ihn und ließ nicht +nach, bis sie ihn mit großer Bitte überredete, da zu bleiben; doch war +er unfroh.</p> + +<p>Darauf über ein halbes Jahr ritt er eines Tages zu seiner Feste +Landstrotz hinter den seinigen zu allerletzt. Da kam der Zwerg neben +zu ihm und sprach: “wer Eure Mannheit rühmt, der hat gelogen! wie habt +Ihr mich hintergangen und verrathen! Ihr habt an mir verdient Gottes +und guter Weiber Haß. Auch sollt Ihr wissen, daß Ihr in Zukunft sieglos +seyd und wäre das gute Ringlein nicht, daß ich Euch leider gegeben +habe, Ihr müßtet mit Weib und Kind in Armuth leben.” Da griff der Zwerg +ihm an die Hand<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> und wollts ihm abzucken, aber der Scherfenberger zog +die Hand zurück und steckte sie in die Brust; dann ritt er von ihm über +das Feld fort. Die vor ihm waren, die hatten alle nichts gesehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_30">30.<br> +Das stille Volk zu Plesse.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Letzner</em> plessisches + Stammbuch.</div> + <div class="angabe">Wunderbare Begebenheiten eines göttingischen Studenten + auf dem alten Schlosse Plesse. 1744. S. 15 ff.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem hessischen Bergschloß Plesse sind im Felsen mancherlei +Quellen, Brunnen, Schluchten und Höhlen, wo der Sage nach Zwerge +wohnen und hausen sollen, die man das <em class="gesperrt">stille Volk</em> nennt. Sie +sind schweigsam und gutthätig, dienen den Menschen gern, die ihnen +gefallen. Geschieht ihnen ein Leid an, so lassen sie ihren Zorn doch +nicht am Menschen aus, sondern rächen sich am Vieh, das sie plagen. +Eigentlich hat dies unterirdische Geschlecht keine Gemeinschaft mit +den Menschen und treibt inwendig sein Wesen, da hat es Stuben und +Gemächer voll Gold und Edelgestein. Steht ihm ja etwas oben auf dem +Erdboden zu verrichten, so wird das Geschäft nicht am Tage, sondern bei +der Nacht vorgenommen. Dieses Bergvolk ist von Fleisch und Bein, wie +andere Menschen, zeugt Kinder und stirbt; allein es hat die Gabe, sich +unsichtbar zu machen und durch Fels und Mauer eben so leicht zu gehen, +als wir durch die Luft. Zuweilen erscheinen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> sie den Menschen, führen +sie mit in die Kluft und beschenken sie, wenn sie ihnen gefallen, +mit kostbaren Sachen. Der Haupteingang ist beim tiefen Brunnen; das +nahgelegene Wirthshaus heißt: zum Rauschenwasser.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_31">31.<br> +Des kleinen Volks Hochzeit-Fest.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Sachsen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das kleine Volk auf der Eilenburg in Sachsen wollte einmal Hochzeit +halten und zog daher in der Nacht durch das Schlüsselloch und die +Fenster-Ritzen in den Saal und sie sprangen hinab auf den glatten +Fußboden, wie Erbsen auf die Tenne geschüttet werden. Davon erwachte +der alte Graf, der im hohen Himmel-Bette in dem Saal schlief und +verwunderte sich über die vielen kleinen Gesellen. Da trat einer von +ihnen, geschmückt wie ein Herold, zu ihm heran und lud ihn in ziemenden +Worten gar höflich ein, an ihrem Fest Theil zu nehmen. “Doch um eins +bitten wir, setzte er hinzu, ihr allein sollt zugegen seyn, keins von +euerm Hof-Gesinde darf sich unterstehen, das Fest mit anzuschauen, auch +nicht mit einem einzigen Blick.” Der alte Graf antwortete freundlich: +“weil ihr mich im Schlaf gestört, so will ich auch mit euch seyn.” +Nun ward ihm ein kleines Weiblein zugeführt, kleine Lampenträger +stellten sich auf und eine Heimchen-Musik hob an. Der Graf hatte Mühe, +das Weiblein beim<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Tanz nicht zu verlieren, das ihm so leicht daher +sprang und endlich so im Wirbel umdrehte, daß er kaum zu Athem kommen +konnte. Mitten in dem lustigen Tanz aber stand auf einmal alles still, +die Musik hörte auf und der ganze Haufe eilte nach den Thürspalten, +Maus-Löchern und wo sonst ein Schlupf-Winkel war. Das Brautpaar aber, +die Herolde und Tänzer schauten aufwärts nach einer Öffnung, die sich +oben in der Decke des Saals befand und entdeckten dort das Gesicht +der alten Gräfin, welche vorwitzig nach der lustigen Wirthschaft +herabschaute. Darauf neigten sie sich vor dem Grafen und derselbe, der +ihn eingeladen, trat wieder hervor und dankte ihm für die erzeigte +Gastfreundschaft. “Weil aber, sagte er dann, unsere Freude und unsere +Hochzeit also ist gestört worden, daß noch ein anderes menschliches +Auge darauf geblickt, so soll fortan euer Geschlecht nie mehr als +sieben Eilenburgs zählen.” Darauf drängten sie nach einander schnell +hinaus, bald war es still und der alte Graf wieder allein im finstern +Saal. Die Verwünschung ist bis auf gegenwärtige Zeit eingetroffen und +immer einer von den sechs lebenden Rittern von Eilenburg gestorben, ehe +der siebente geboren war.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_32">32.<br> +Steinverwandelte Zwerge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Spieß</em> Vorrede zum Hans + Heiling.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Böhmen nicht weit von Elnbogen liegt in einem rauhen aber schönen +Thal, durch welches sich die Egger<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> bis beinahe ans Karlsbad in +mancherlei Krümmungen durchwindet, die berühmte Zwergenhöhle. Die +Bewohner der benachbarten Dörfer und Städte erzählen davon folgendes. +Diese Felsen wurden in alten Zeiten von kleinen Berg-Zwergen bewohnt, +die im Stillen da ihr Wesen trieben. Sie thaten niemanden etwas zu +Leid, vielmehr halfen sie ihren Nachbarn in Noth und Trübsal. Lange +Zeit wurden sie von einem gewaltigen Geister-Banner beherrscht, einmal +aber, als sie eben eine Hochzeit feiern wollten und darum zu ihrer +Kirche ausgezogen waren, gerieth er in heftigen Zorn und verwandelte +sie in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren, bannte +er sie hinein. Die Reihe dieser Felsen heißt noch jetzt: <em class="gesperrt">die +verwünschte Zwergen-Hochzeit</em> und man sieht sie in verschiedenen +Gestalten auf den Bergspitzen stehen. In der Mitte eines der Felsen +zeigt man das Bild eines Zwergs, welcher, als die übrigen dem Bann +entfliehen wollten, zu lange im Gemach verweilte, und, indem er aus dem +Fenster nach Hilfe umherblickte, in Stein verwandelt wurde.</p> + +<p>Auch zeigt man auf dem Rathhause zu Elnbogen noch jetzt die verbannten +ruchlosen und goldgeizigen Burggrafen in einem Klumpen klingenden +Metall. Der Sage nach soll niemand, der mit einer Todsünde befleckt +ist, diesen Klumpen in die Höhe heben können.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_33">33.<br> +Zwerg-Berge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprüchw. Bl. 171 + <span class="antiqua">b</span>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Achen ist nicht weit von der Stadt ein Berg, dessen Bewohner zu +ihren Hochzeiten von den Städtern Kessel, eherne Töpfe, Schüssel und +Bratspieß entlehnen, hernachmals richtig wiederbringen. Ähnliche +Zwergberge stehen in der Gegend von Jena und in der Grafschaft +Hohenstein.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_34">34.<br> +Zwerge leihen Brot.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Wolfgang Rentsch</em> + Beschreibung merkwürdiger Sachen und Antiquit. des Fürstenthums Baireuth.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Pfarrer Hedler zu Selbitz und Marlsreuth erzählte im Jahr 1684. +folgendes. Zwischen den zweien genannten Orten liegt im Wald eine +Öffnung, die insgemein das Zwergenloch genannt wird, weil ehedessen und +vor mehr als hundert Jahren daselbst Zwerge unter der Erde gewohnet, +die von gewissen Einwohnern in Naila, die nothdürftige Nahrung +zugetragen erhalten haben.</p> + +<p>Albert Steffel siebenzig Jahr alt und im Jahr 1680. gestorben, und Hans +Kohmann drei und sechzig Jahr alt und 1679. gestorben, zwei ehrliche, +glaubhafte Männer haben etlichemal ausgesagt, Kohmanns Großvater habe +einst auf seinem bei diesem Loch gelegenen Acker geackert<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> und sein +Weib ihm frischgebackenes Brot zum Frühstück aufs Feld gebracht und in +ein Tüchlein gebunden am Rain hingelegt. Bald sey ein Zwerg-Weiblein +gegangen kommen und habe den Ackermann um sein Brot angesprochen: “ihr +Brot sey eben auch im Backofen, aber ihre hungrige Kinder könnten nicht +darauf warten und sie wolle es ihnen Mittags von dem ihrigen wieder +erstatten.” Der Großvater habe eingewilligt, auf den Mittag sey sie +wieder gekommen, habe ein sehr weißes Tüchlein gebreitet und darauf +einen noch warmen Laib gelegt, neben vieler Danksagung und Bitte, er +möge ohne Scheu des Brots essen und das Tuch wolle sie schon wieder +abholen. Das sey auch geschehen, dann habe sie zu ihm gesagt, es würden +jetzt so viel Hammerwerke errichtet, daß sie, dadurch beunruhigt, wohl +weichen und den geliebten Sitz verlassen müßte. Auch vertriebe sie das +Schwören und große Fluchen der Leute, wie auch die Entheiligung des +Sonntags, indem die Bauern vor der Kirche ihr Feld zu beschauen gingen, +welches ganz sündlich wäre.</p> + +<p>Vor kurzem haben sich an einem Sonntag mehrere Bauernknechte mit +angezündeten Spänen in das Loch begeben, inwendig einen schon +verfallenen sehr niedrigen Gang gefunden; endlich einen weiten, fleißig +in den Felsen gearbeiteten Platz, viereckig, höher als Manns hoch, +auf jeder Seite viel kleine Thürlein. Darüber ist ihnen ein Grausen +angekommen und sind herausgegangen, ohne die Kämmerlein zu besehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_35">35.<br> +Der Graf von Hoia.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hammelmann</em> oldenb. Chronik. + 21. 22.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Tenzel</em> monatl. Unterr. 1609. + S. 525.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Glückstopf 489. 490. + u. Weltbeschr. I. 95.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. + 622-624.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es ist einmal einem Grafen zur Hoia ein kleines Männlein in der Nacht +erschienen und wie sich der Graf entsetzte, hat es zu ihm gesagt, er +sollte sich nicht erschrecken, es hätte ein Wort an ihm zu werben und +zu bitten, er wolle ihm das nicht abschlagen. Der Graf antwortete, wenn +es ihm zu thun möglich und ihm und den seinen unbeschwerlich wäre, +so wollte er es gern thun. Da sprach das Männlein: “es wollen die +folgende Nacht etliche zu dir auf dein Haus kommen und Ablager halten, +denen wollest du Küche und Saal so lange leihen und deinen Dienern +gebieten, daß sie sich schlafen legen und keiner nach ihrem Thun und +Treiben sehe, auch keiner darum wisse, ohne du allein. Man wird sich +dafür dankbarlich erzeigen, du und dein Geschlecht sollens zu genießen +haben, es soll auch in dem allergeringsten weder dir noch den deinen +Leid geschehen.” Solches hat der Graf eingewilliget. Also sind sie +folgende Nacht, gleich als mit einem reisigen Zug, die Brücke hinauf +ins Haus gezogen, allesammt kleine Leute, wie man die Bergmännlein +zu beschreiben pflegt. Sie haben in der Küche gekocht, zugehauen und +aufgegeben und hat sich nicht anders ansehen lassen, als wenn eine +große Mahlzeit angerichtet<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> würde. Darnach fast gegen Morgen, wie sie +wiederum scheiden wollen, ist das kleine Männlein abermal zum Grafen +gekommen, und hat ihm neben Danksagung gereicht ein <em class="gesperrt">Schwert</em>, ein +<em class="gesperrt">Salamander-Laken</em> und einen <em class="gesperrt">güldenen Ring</em>, in welchem ein +rother Löwe oben eingemacht; mit Anzeigung, diese drei Stücke sollte er +und seine Nachkömmlinge wohl verwahren und so lange sie dieselben bei +einander hätten, würde es einig und wohl in der Grafschaft zustehen; +sobald sie aber von einander kommen würden, sollte es ein Zeichen seyn, +daß der Grafschaft nichts Gutes vorhanden wäre: und ist der rothe Löwe +auch allzeit darnach, wann einer vom Stamm sterben sollte, erblichen.</p> + +<p>Es sind aber zu den Zeiten, da Graf Jobst und seine Brüder unmündig +waren und Franz von Halle Statthalter im Land, die beiden Stücke, als +das Schwert und Salamander-Laken weggenommen, der Ring aber ist bei +der Herrschaft geblieben, bis an ihr Ende. Wohin er aber seit der Zeit +gekommen, weiß man nicht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_36">36.<br> +Zwerge ausgetrieben.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Christ. Lehmann</em> Erzgebürg. + Schauplatz c. 2. S. 187. 188.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Erzgebürge wurden die Zwerge durch Errichtung der Hämmer und +Pochwerke vertrieben. Sie beklagten sich schwer darüber, äußerten +jedoch, sie wollten<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> wiederkommen, wenn die Hämmer abgingen. Unter dem +Berg Sion vor Quedlinburg ist vorzeiten ein Zwergenloch gewesen und die +Zwerge haben oft den Einwohnern zu ihren Hochzeiten viel Zinnwerk und +dergleichen gern vorgeliehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_37">37.<br> +Die Wichtlein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weltbeschr. I. 129-132.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. 205-209.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">G. Agricola</span></em> <span class="antiqua">de re metallica.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain I. 417.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Wichtlein oder Bergmännlein erscheinen gewöhnlich wie die Zwerge, +nur etwa dreiviertel Ehle groß. Sie haben die Gestalt eines alten +Mannes mit einem langen Bart, sind bekleidet wie Bergleute mit einer +weißen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne, +Schlägel und Hammer. Sie thun den Arbeitern kein Leid, denn wenn +sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen +doch selten Schaden zu, es sey denn daß sie mit Spotten und Fluchen +erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in +den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist. +Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es +für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen und sind desto fröhlicher +und fleißiger. Sie schweifen in den Gruben und Schachten herum und<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> +scheinen gar gewaltig zu arbeiten, aber in Wahrheit thun sie nichts. +Bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder eine Ader, bald, als +faßten sie das Gegrabene in den Eimer, bald, als arbeiteten sie an +der Rolle und wollten etwas hinauf ziehen, aber sie necken nur die +Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen sie, wenn man +hinkommt, ist niemand da.</p> + +<p>Am Kuttenberg in Böhmen hat man sie oft in großer Anzahl aus den +Gruben heraus und hinein ziehen gesehen. Wenn kein Bergknappe drunten, +besonders wenn groß Unglück oder Schaden vorstand (sie klopfen dem +Bergmann dreimal den Tod an), hat man die Wichtlein hören scharren, +graben, stoßen, stampfen und andere Bergarbeiten mehr vorstellen. +Bisweilen auch, nach gewisser Maße, wie die Schmiede auf dem Ambos +pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern schmieden. Eben in diesem +Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen, hämmern und picken, als ob +drei oder vier Schmiede etwas stießen; daher sie auch von den Böhmen +<em class="gesperrt">Haus-Schmiedlein</em> genannt wurden. In Idria stellen ihnen die +Bergleute täglich ein Töpflein mit Speise an einen besondern Ort. +Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten ein rothes Röcklein, der +Länge nach einem Knaben gerecht, und machen ihnen ein Geschenk damit. +Unterlassen sie es, so werden die Kleinen zornig und ungnädig.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_38">38.<br> +Beschwörung der Bergmännlein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> im Glückstopf. + S. 177.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Nürnberg ist einer gewesen, mit Namen Paul Creuz, der eine +wunderbare Beschwörung gebraucht hat. In einen gewissen Plan hat er +ein neues Tischlein gesetzt, ein weißes Tuch darauf gedeckt, zwei +Milchschüßlein drauf gesetzt, ferner: zwei Honigschüßlein, zwei +Tellerchen und neun Messerchen. Weiter hat er eine schwarze Henne +genommen und sie über einer Kohlpfanne zerrissen, so daß das Blut in +das Essen hineingetropft ist. Hernach hat er davon ein Stück gegen +Morgen, das andere gegen Abend geworfen und seine Beschwörung begonnen. +Wie dies geschehen, ist er hinter einen grünen Baum gelaufen und hat +gesehen, daß zwei Bergmännlein sich aus der Erde hervor gefunden, zu +Tisch gesetzt, und bei dem kostbaren Rauchwerke, das auch vorhanden +gewesen, gleichsam gegessen. Nun hat er ihnen Fragen vorgelegt, worauf +sie geantwortet; ja, wenn er das oft gethan, sind die kleinen Geschöpfe +so vertraut geworden, daß sie auch zu ihm ins Haus zu Gast gekommen. +Hat er nicht recht aufgewartet, so sind sie entweder nicht erschienen +oder doch bald wieder verschwunden. Er hat auch endlich ihren König zu +Wege gebracht, der dann allein gekommen in einem rothen scharlachen +Mäntlein, darunter er ein Buch gehabt, das er auf den Tisch geworfen +und seinem Banner erlaubt hat, so viel und so lange er<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> wollte drinnen +zu lesen. Davon hat sich der Mensch große Weisheit und Geheimnisse +eingebildet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_39">39.<br> +Das Bergmännlein beim Tanz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es zeigten alte Leute mit Wahrhaftigkeit an, daß vor etlichen Jahren zu +Glaß im Dorf, eine Stunde von dem Wunderberg und eine Stunde von der +Stadt Salzburg, Hochzeit gehalten wurde, zu welcher gegen Abend ein +Bergmännlein aus dem Wunderberge gekommen. Es ermahnte alle Gäste, in +Ehren fröhlich und lustig zu seyn und verlangte, mit tanzen zu dürfen; +das ihm auch nicht verweigert wurde. Also machte es mit einer und der +andern ehrbaren Jungfrau allzeit drei Tänze und zwar mit besonderer +Zierlichkeit, so daß die Hochzeitgäst mit Verwunderung und Freude +zuschauten. Nach dem Tanz bedankte es sich und schenkte einem jeden +der Brautleute drei Geldstücke von einer unbekannten Geldmünze, deren +jedes man zu vier Kreuzer im Werthe hielt und ermahnte sie dabei, in +Frieden und Eintracht zu hausen, christlich zu leben und bei einem +frommen Wandel ihre Kinder zum Guten zu erziehen. Diese Münze sollten +sie zu ihrem Geld legen und stets seiner gedenken, so würden sie selten +in Noth kommen; sie sollten aber dabei nicht hoffährtig werden, sondern +mit ihrem Ueberfluß ihren Nachbarn helfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Dieses Bergmännlein blieb bei ihnen bis zur Nachtzeit und nahm von +jedermann Trank und Speiß, die man ihm darreichte, aber nur etwas +weniges. Alsdann bedankte es sich und begehrte einen Hochzeitmann, der +es über den Fluß Salzach gegen den Berg zu schiffen sollte. Bei der +Hochzeit war ein Schiffmann, Namens Johann Ständl, der machte sich +eilfertig auf und sie gingen mit einander zur Ueberfahrt. Während +derselben begehrte der Schiffmann seinen Lohn: das Bergmännlein gab +ihm in Demuth drei Pfennige. Diesen schlechten Lohn verschmähte der +Fährmann sehr, aber das Männlein gab ihm zur Antwort, er sollte sich +das nicht verdrießen lassen, sondern die drei Pfennige wohl behalten, +so würde er an seiner Habschaft nicht Mangel leiden, wo er anders +dem Uebermuth Einhalt thue. Zugleich gab es dem Fährmann ein kleines +Steinlein, mit den Worten: “wenn du dieses an den Hals hängst, so wirst +du in dem Wasser nicht zu Grunde gehen können.” Und dieß bewährte sich +noch in demselben Jahre. Zuletzt ermahnte es ihn zu einem frommen und +demüthigen Lebenswandel und ging schnell von dannen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_40">40.<br> +Das Keller-Männlein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 172. + 173. und nochmals 319. 320.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1665. trug sich zu Lützen folgendes zu: in einem Haus lief ein +klein Männlein aus dem Keller<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> hervor und sprengte vor dem Haus Wasser +aus einer Kelte oder goß sie aus. Lief darauf wieder stillschweigends +nach dem Keller, aber die Magd, die zugegen war, fürchtete sich, fiel +auf ihre Knie und betete einen Psalm. Da fiel das Männlein zugleich mit +ihr nieder, betete so lange als die Magd. Bald darauf kam Feuersbrunst +im Städtlein aus und wurden mehrere neuerbaute Häuser in Asche gelegt, +selbes Haus aber blieb unverletzt übrig. Auch soll nach solchem +Begebniß das Männchen noch einmal erschienen seyn und gesprengt haben, +allein es erfolgte an selbigem Orte nichts darauf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_41">41.<br> +Die Ahnfrau von Ranzau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> in + <span class="antiqua">medulla p.</span> 481. Nr. 10.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Prätor</em>. Weltbeschr. I. + 104. 105.</div> + </div> + +</div> + +<p>In dem hollsteinischen adlichen Geschlecht der von Ranzau gehet die +Sage: eines mals sey die Großmutter des Hauses bei Nachtzeit von +der Seite ihres Gemahls durch ein <em class="gesperrt">kleines Männlein</em>, so ein +Laternlein getragen, erweckt worden. Das Männlein führte sie aus dem +Schloß in einen hohlen Berg zu einem kreißenden Weib. Selbiger legte +sie auf Begehren die rechte Hand auf das Haupt, worauf das Weibchen +alsbald genas. Der Führer aber führte die Ahnfrau wieder zurück ins +Schloß und gab ihr ein <em class="gesperrt">Stück Gold</em> zur Gabe mit dem Bedeuten, +daraus dreierlei machen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> zu lassen: funfzig <em class="gesperrt">Rechenpfennige</em>, +einen <em class="gesperrt">Hering</em> und eine <em class="gesperrt">Spille</em>, nach der Zahl ihrer dreien +Kinder, zweier Söhne und einer Tochter; — auch mit der Warnung: diese +Sachen wohl zu verwahren, ansonst ihr Geschlecht in Abnahme fallen +werde.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vollständiger und genauer ist diese Sage in einer französischen +Novellensammlung enthalten, die zu Brüssel 1711. unter dem Titel: +<span class="antiqua">l’amant oisif</span> herauskam und steht daselbst in der vorletzten +Erzählung p. 405-411. <span class="antiqua">la comtesse de <em class="gesperrt">Falinsperk</em></span> (? +Falkenberg), <span class="antiqua">nouvelle allemande</span>, folgendes Inhalts:</p> + +<p>Die neuvermählte Gräfin, welche aus einem dänischen Geschlecht +abstammte, ruhte an ihres Gemahles Seite, als ein Rauschen geschah: +die Bettvorhänge wurden aufgezogen und sie sah ein wunderbar schönes +<em class="gesperrt">Fräuchen</em>, nur ellnbogengroß mit einem Licht vor ihr stehen. +Dieses Fräuchen hub an zu reden: “fürchte dich nicht, ich thue dir kein +Leid an, sondern bringe dir Glück, wenn du mir die Hülfe leistest, die +mir Noth thut. Steh auf und folge mir, wohin ich dich leiten werde, +hüte dich etwas zu essen von dem, was dir geboten wird, nimm auch kein +ander Geschenk an, außer das was ich dir reichen will und das kannst du +sicher behalten.”</p> + +<p>Hierauf ging die Gräfin mit und der Weg führte unter die Erde. Sie +kamen in ein Gemach, das flimmerte von Gold und Edelstein und war +erfüllt mit lauter kleinen Männern und Weibern. Nicht lange,<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> so +erschien ihr König und führte die Gräfin an ein Bett, wo die Königin +in Geburtsschmerzen lag, mit dem Ersuchen ihr beizustehn. Die Gräfin +benahm sich aufs beste und die Königin wurde glücklich eines Söhnleins +entbunden. Da entstand große Freude unter den Gästen, sie führten die +Gräfin zu einem Tisch voll der köstlichsten Speisen und drangen in sie +zu essen. Allein sie rührte nichts an, eben so wenig nahm sie von den +Edelsteinen, die in goldnen Schalen standen. Endlich wurde sie von der +ersten Führerin wieder fortgeführt und in ihr Bett zurückgebracht.</p> + +<p>Da sprach das Bergfräuchen: “du hast unserm Reich einen großen Dienst +erwiesen, der soll dir gelohnt werden. Hier hast du drei <em class="gesperrt">hölzerne +Stäbe</em>, die leg unter dein Kopfkissen und morgen früh werden sie +in Gold verwandelt seyn. Daraus laß machen: aus dem ersten einen +<em class="gesperrt">Hering</em>, aus dem zweiten <em class="gesperrt">Rechenpfennige</em>, aus dem dritten +eine <em class="gesperrt">Spindel</em> und offenbare die ganze Geschichte niemanden auf +der Welt, außer deinem Gemahl. Ihr werdet zusammen drei Kinder zeugen, +die die drei Zweige eures Hauses seyn werden. Wer den Hering bekommt, +wird viel Kriegsglück haben, er und seine Nachkommen; wer die Pfennige, +wird mit seinen Kindern hohe Staatsämter bekleiden; wer die Kunkel, +wird mit zahlreicher Nachkommenschaft gesegnet seyn.”</p> + +<p>Nach diesen Worten entfernte sich die Bergfrau, die Gräfin schlief +ein und als sie aufwachte, erzählte sie ihrem Gemahl die Begebenheit, +wie einen Traum.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Der Graf spottete sie aus, allein als sie unter das +Kopfkissen griff, lagen da drei Goldstangen; beide erstaunten und +verfuhren genau damit, wie ihnen geheißen war.</p> + +<p>Die Weißagung traf völlig ein und die verschiedenen Zweige des Hauses +verwahrten sorgfältig diese Schätze. Einige, die sie verloren, sind +verloschen. Die vom Zweig der Pfennige erzählen: einmal habe der König +von Dänemark einem unter ihnen einen solchen Pfennig abgefordert und +in dem Augenblick wie ihn der König empfangen, habe der, so ihn vorher +getragen, in seinen Eingeweiden heftigen Schmerz gespürt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_42">42.<br> +Herrmann von Rosenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Unterred. vom Reich der Geister I. 223.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als Herrmann von Rosenberg sein Beilager hielt, erschienen die Nacht +darauf viele Erdgeister, kaum zwei Spannen lang, hatten ihre Musik bei +sich und suchten um Erlaubniß nach, die Hochzeit eines ihrer Brautpaare +ebenfalls hier begehen zu dürfen; sie gaben sich für still und +friedlich aus. Auf erhaltene Verwilligung begingen sie nun ihr Fest.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_43">43.<br> +Die osenberger Zwerge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann</em> Beschr. des + oldenb. Horns Bl. 15.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> (eines geborenen + Hessen) <span class="antiqua">rel. cur. II.</span> 525.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als Winkelmann im J. 1653. aus unserm Hessenlande nach Oldenburg +reiste und über den Osenberg kommend in dem Dorf Bümmerstett von der +Nacht übereilt wurde, erzählte ihm ein hundertjähriger Krugwirth, +daß bei seines Großvaters Zeiten das Haus treffliche Nahrung gehabt, +anjetzo wäre es aber schlecht. Wenn der Großvater gebrauet, wären +Erdmännlein vom Osenberg gekommen, hätten das Bier ganz warm aus der +Bütte abgehohlt und mit einem Geld bezahlt, das zwar unbekannt, aber +von gutem Silber gewesen. Einsmal hätte ein altes Männlein im Sommer +bei großer Wärme Bier hohlen wollen und vor Durst alsogleich getrunken, +aber zu viel, daß es davon eingeschlafen. Hernach beim Aufwachen, wie +es sah, daß es sich so verspätet hatte, hub das alte kleine Männlein +an bitterlich zu weinen: “nun wird mich mein Großvater des langen +Außenbleibens wegen schlagen.” In dieser Noth lief es auf und davon, +vergaß seinen Bierkrug mitzunehmen und kam seitdem nimmer wieder. Den +hinterlassenen Krug hätte sein (des Wirthes) Vater und er selbst auf +seine ausgesteuerte Tochter erhalten und so lang der Krug im Haus +gewesen, die Wirthschaft vollauf Nahrung gehabt. Als er aber vor kurzem +zerbrochen worden, wäre das Glück gleichsam mit zerbrochen und alles +krebsgängig.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_44">44.<br> +Das Erdmännlein und der Schäferjung.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weltbeschr. I. 122.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1664. hütete unfern Dresden ein Junge die Heerde des Dorfs. +Auf einmal sah er einen Stein neben sich, von mäßiger Größe, sich von +selbst in die Höhe heben und etliche Sprünge thun. Verstaunt trat er +näher zu und besah den Stein, endlich hob er ihn auf. Und indem er ihn +aufnahm, hüpfte ein jung Erdmännchen aus der Erde, stellte sich kurz +hin vor den Schäferjungen und sprach: “ich war dahin verbannt, du hast +mich erlöst und ich will dir dienen; gib mir Arbeit, daß ich etwas zu +thun habe.” Bestürzt antwortete der Junge: “nun gut, du sollst mir +helfen Schafe hüten.” Das verrichtete das Männchen sorgsam bis der +Abend kam. Da fing es an und sagte: “ich will mit dir gehen, wo du +hingehst.” Der Junge versetzte aber sogleich: “in mein Haus kann ich +dich nicht gut mitnehmen, ich habe einen Stiefvater und noch andre +Geschwister mehr, der Vater würde mich übel schlagen, wollte ich ihm +noch jemand zubringen, der ihm das Haus kleiner machte.” “Ja du hast +mich nun einmal angenommen, sprach der Geist, willst du mich selber +nicht, mußt du mir anderswo Herberg schaffen.” Da wies ihn der Junge +ins Nachbars Haus, der keine Kinder hatte. Bei diesem kehrte nun das +Erdmännchen richtig ein und konnte es der Nachbar nicht wieder los +werden.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_45">45.<br> +Der einkehrende Zwerg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Volkssage des berner Oberlandes, s. + <em class="gesperrt">Wyß</em> Volkssagen Bern 1815. S. 62-79. vgl. 315. + und Alpenrosen 1813. S. 210-227.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vom Dörflein Ralligen am Thunersee und von Schillingsdorf, einem durch +Bergfall verschütteten Ort des Grindelwaldthals, vermuthlich von andern +Orten mehr, wird erzählt: bei Sturm und Regen kam ein wandernder Zwerg +durch das Dörflein, ging von Hütte zu Hütte und pochte regentriefend +an die Thüren der Leute, aber niemand erbarmte sich und wollte ihm +öffnen, ja sie höhnten ihn noch aus dazu. Am Rand des Dorfes wohnten +zwei fromme Armen, Mann und Frau, da schlich das Zwerglein müd und matt +an seinem Stab einher, klopfte dreimal bescheidentlich ans Fensterchen, +der alte Hirt that ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste +das wenige dar, was sein Haus vermochte. Die alte Frau trug Brot auf, +Milch und Käs, ein Paar Tropfen Milch schlürfte das Zwerglein und aß +Brosamen von Brot und Käse. “Ich bins eben nicht gewohnt, sprach es, so +derbe Kost zu speisen, aber ich dank euch von Herzen und Gott lohns; +nun ich geruht habe, will ich meinen Fuß weiter setzen.” “Ei bewahre, +rief die Frau, in der Nacht in das Wetter hinaus, nehmt doch mit einem +Bettlein vorlieb.” Aber das Zwerglein schüttelte und lächelte: “droben +auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen und darf nicht länger +ausbleiben, morgen sollt ihr mein schon gedenken.” Damit nahms Abschied +und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> +sie mit Unwetter und Sturm, Blitze fuhren am rothen Himmel und Ströme +Wassers ergossen sich. Da riß oben am Joch der Fluh ein gewaltiger +Fels los und rollte zum Dorf herunter, mitsammt Bäumen, Steinen +und Erde. Menschen und Vieh, alles was Athem hatte im Dorf, wurden +begraben, schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden +Alten; zitternd und bebend traten sie vor ihre Thüre hinaus. Da sahen +sie mitten im Strom ein großes Felsenstück nahen, oben drauf hüpfte +lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen +Fichtenstamm und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte +ab, daß sie unverletzt stand und die Hausleute außer Gefahr. Aber das +Zwerglein schwoll immer größer und höher, ward zu einem ungeheuern +Riesen und zerfloß in Luft, während jene auf gebogenen Knien beteten +und Gott für ihre Errettung dankten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_46">46.<br> +Zeitelmoos.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 90.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Fichtelberg, zwischen Wunsiedel und Weißenstadt, liegt ein +großer Wald, Zeitelmoos genannt und daran ein großer Teich; in dieser +Gegend hausen viele Zwerge und Berggeister. Ein Mann ritt einmal bei +später Abendzeit durch den Wald und sah zwei Kinder bei einander +sitzen, ermahnte sie auch, nach Haus zu gehen und nicht länger zu +säumen. Aber diese fingen an überlaut zu lachen. Der Mann ritt fort und +eine Strecke weiter traf er dieselben Kinder wieder an, welche wieder +lachten.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_47">47.<br> +Das Moosweibchen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 691. + 692. aus dem Munde einer alten Frau zu Saalfeld.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Bauer aus der Gegend von Saalfeld mit Namen Hans Krepel hatte ums +Jahr 1635. Holz auf der Heide gehauen und zwar Nachmittags; da trat ein +klein Moosweibchen herzu und sagte zu ihm: “Vater, wenn ihr hernach +aufhöret und Feierabend macht, haut doch beim Umfällen des letzten +Baums ja drei Creuze in den Stamm, es wird euch gut seyn.” Nach diesen +Worten ging es weg. Der Bauer, ein grober und roher Kerl, dachte, +zu was hilft mir die Quackelei und was kehr ich mich an ein solch +Gespenste, unterließ also das Einhauen der drei Creuze und ging Abends +nach Haus. Den folgenden Tag um die nämliche Zeit kehrte er wieder +in den Wald, um weiter zu hauen; trat ihn wieder das Moosweibchen an +und sprach: “ach ihr Mann, was habt ihr gestern die drei Creuze nicht +eingehauen? es sollte euch und mir geholfen haben, denn uns jagt +der wilde Jäger Nachmittags und Nachts ohn Unterlaß und tödtet uns +jämmerlich, haben auch anders keinen Frieden vor ihm, wenn wir uns +nicht auf solche behauene Baumstämme setzen können, davon darf er uns +nicht bringen, sondern wir sind sicher.” Der Bauer sprach: “hoho, was +sollten dabei die Creuze helfen; dir zu Gefallen mach ich noch keine +dahin.” Hierauf aber fiel das Moosweibchen den Bauer an und<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> drückte +ihn dergestalt, daß er, obgleich stark von Natur, krank und elend +wurde. Seit der Zeit folgte er der empfangenen Lehre besser, unterließ +das Creuzeinhauen niemals und es begegnete ihm nichts widerliches mehr.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_48">48.<br> +Der wilde Jäger jagt die Moosleute.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 693. + 694. aus mündlichen Sagen im saalfeldischen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen +Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos, +auch sind sie um und um mit Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt, +daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen +Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der +Gegend zum öftern umzieht und man hört vielmal die Einwohner zu +einander sprechen: nun der wilde Jäger hat sich ja nächsten wieder +zujagt, daß es immer knisterte und knasterte!</p> + +<p>Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg +gegangen zu holzen, da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so, +daß er den Schall und das Hundegebell hörte. Flugs gab dem Bauer +sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie +Jäger thun, verrichtete daneben<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> sein Tagewerk und ging dann heim. +Frühmorgens den andern Tag als er in seinen Pferdestall gehen wollte, +da war vor der Thür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt, +gleichsam als ein Theil oder Lohn der Jagd. Erschrocken lief der Bauer +nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der +rieth ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren, +sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es +ja hangen lassen. Dieß that er denn auch und das Wildbret kam eben so +unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer +ohne Anfechtung.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_49">49.<br> +Der Wassermann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 480-482. + aus mündlicher Sage.</div> + </div> + +</div> + +<p>Gegen das Jahr 1630. erzählte in der Pfarrei zu Breulieb, eine halbe +Meile von Saalfeld, in Gegenwart des Priesters eine alte Wehmutter +folgendes, was ihrer Mutter, ebenfals Kinderfrau daselbst, begegnet sey.</p> + +<p>Diese letzte wurde einer Nacht gerufen, schnell sich anzuziehen und +zu kreissenden Frauen mitzukommen. Es war finster, doch machte sie +sich auf und fand unten einen Mann warten, zu dem sagte sie: er möchte +nur verziehen, bis sie sich eine Leuchte genommen, dann wollte sie +nachfolgen; er aber drang auf Eile,<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> den Weg würde er schon ohne Licht +zeigen und sie sollten nicht irren. Ja er verband ihr noch dazu die +Augen, daß die Frau erschrak und schreien wollte, allein der Mann +sprach ihr Trost ein: Leid werde ihr gar nicht widerfahren, sondern +sie könne furchtlos mitgehen. Also gingen sie miteinander; die Frau +merkte darauf, daß er mit einer Ruthe ins Wasser schlug, und sie immer +tiefer hinunter gingen, bis sie in eine Stube kamen. In der Stube war +niemand als die Schwangere. Der Gefährte that ihr nunmehr das Band von +den Augen, führte sie vors Bett und ging, nachdem er sie seiner Frauen +anbefohlen, selber hinaus. Hierauf half sie das Kindlein zur Welt +befördern, brachte die Kindbetterin zu Bett, badete das Kindlein und +verrichtete alle nothwendige Sachen dabei. Aus heimlicher Dankbarkeit +warnungsweise hob die Wöchnerin an zur Wehemutter zu sprechen: “ich +bin sowohl als ihr ein Christenmensch und entführt worden von einem +Wassermann, der mich ausgetauscht hat. Wenn ich nun ein Kind zur Welt +bringe, frißt er mirs allemal den dritten Tag; kommet nur am dritten +Tag zu eurem Teich, da werdet ihr Wasser in Blut verwandelt sehen. Wenn +mein Mann jetzt hereinkommt und euch Geld bietet, so nehmet ja nicht +mehr Geld von ihm, als ihr sonst zu kriegen pflegt, sonst dreht er +euch den Hals um, nehmt euch ja in Acht.” Indem kam der Mann, zornig +und bös aussehend, hinein, sah um sich und befand, daß alles hübsch +aufgelaufen, lobete darum die Wehemutter. Hernach<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> warf er einen großen +Haufen Geld auf den Tisch, mit den Worten: “davon nehmt euch, so viel +ihr wollt.” Sie aber, gescheidt, antwortete etlichemal: “ich gehre +von euch nichts mehr, denn von andern, welches dann ein geringes Geld +gewesen, und gebt ihr mir das, hab ich gnug dran; oder ist euch auch +das zu viel, verlange ich gar nichts, außer daß ihr mich nach Haus +bringet.” Er hub an: “das hieß dich Gott sprechen.” Zahlte ihr so viel +Geld und geleitete sie richtig nach Haus. An den Teich zu gehen wagte +sich aber den bestimmten Tag die Wehefrau nicht, aus Furcht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_50">50.<br> +Die wilden Frauen im Unterberge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Grödicher Einwohner und Bauersleute zeigten an, daß zu diesen +Zeiten (um das Jahr 1753.) vielmals die wilden Frauen aus dem +Wunderberge zu den Knaben und Mägdlein, die zunächst dem Loche +innerhalb Glanegg das Waidvieh hüteten, herausgekommen und ihnen Brot +zu essen gegeben.</p> + +<p>Mehrmals kamen die wilden Frauen zu der Ährenschneidung. Sie kamen früh +Morgens herab und Abends, da die andern Leute Feier-Abend genommen, +gingen sie, ohne die Abend-Mahlzeit mitzuessen, wiederum in den +Wunderberg hinein.</p> + +<p>Einstens geschah auch nächst diesem Berge, daß<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ein kleiner Knab auf +einem Pferde saß, das sein Vater zum Umackern eingespannt hatte. Da +kamen auch die wilden Frauen aus dem Berge hervor und wollten diesen +Knaben mit Gewalt hinweg nehmen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse +und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen +ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab, mit den Worten: “was +erfrecht ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen +Buben wegzunehmen? was wollt ihr mit ihm machen?” Die wilden Frauen +antworteten: “er wird bei uns bessere Pflege haben und ihm besser bei +uns gehen, als zu Haus; der Knabe wäre uns sehr lieb, es wird ihm kein +Leid widerfahren.” Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den +Händen und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von dannen.</p> + +<p>Abermals kamen die wilden Frauen aus dem Wunderberge nächst der +Kugel-Mühle oder Kugelstadt genannt, so bei diesem Berge schön auf der +Anhöhe liegt und nahmen einen Knaben mit sich fort, der das Waidvieh +hütete. Diesen Knaben, den jedermann wohl kannte, sahen die Holzknechte +erst über ein Jahr in einem grünen Kleid auf einem Stock dieses Bergs +sitzen. Den folgenden Tag nahmen sie seine Eltern mit sich, Willens, +ihn am Berge aufzusuchen, aber sie gingen alle umsonst, der Knabe kam +nicht mehr zum Vorschein.</p> + +<p>Mehrmals hat es sich begeben, daß eine wilde Frau aus dem Wunderberg +gegen das Dorf Anif ging,<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> welches eine gute halbe Stunde vom +Berg entlegen ist. Alldort machte sie sich in die Erde Löcher und +Lagerstätte. Sie hatte ein ungemein langes und schönes Haar, das ihr +beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte. Ein Bauersmann aus dem +Dorfe sah diese Frau öfter ab- und zugehen und verliebte sich in +sie, hauptsächlich wegen der Schönheit ihrer Haare. Er konnte sich +nicht erwehren zu ihr zu gehen, betrachtete sie mit Wohlgefallen +und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr in ihre +Lagerstätte. Es sagte eins zum andern nichts, viel weniger, daß sie +etwas ungebührliches getrieben. In der zweiten Nacht aber fragte die +wilde Frau den Bauern, ob er nicht selbst eine Frau hätte? Der Bauer +aber verläugnete seine Ehefrau und sprach nein. Diese aber machte sich +viel Gedanken, wo ihr Mann Abends hingehe und Nachts schlafen möge. +Sie spähete ihm daher nach und traf ihn auf dem Feld schlafend bei +der wilden Frau. “O behüte Gott, sprach sie zur wilden Frau, deine +schönen Haare! was thut ihr da miteinander?” Mit diesen Worten wich das +Bauersweib von ihnen und der Bauer erschrak sehr hierüber. Aber die +wilde Frau hielt dem Bauern seine treulose Verläugnung vor und sprach +zu ihm: “hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen +gegeben, so würdest du jetzt unglücklich seyn und nicht mehr von dieser +Stelle kommen; aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan +und hause mit ihr getreu und untersteh dich nicht mehr daher zu kommen, +denn es<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> steht geschrieben: ‘ein jeder lebe getreu mit seinem getrauten +Weibe’, obgleich die Kraft dieses Gebots einst in große Abnahme kommen +wird und damit aller zeitlicher Wohlstand der Eheleute. Nimm diesen +Schuh voll Geld von mir, geh hin und sieh dich nicht mehr um.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_51">51.<br> +Tanz mit dem Wassermann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain. + B. 11. u. B. 15. Cap. 19.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Laibach hat in dem gleich-benannten Fluß ein Wasser-Geist gewohnt, +den man den Nix oder Wassermann hieß. Er hat sich sowohl bei Nacht den +Fischern und Schiffleuten als bei Tag andern gezeigt, daß jedermann +zu erzählen wußte, wie er aus dem Wasser hervorgestiegen sey und in +menschlicher Gestalt sich habe sehen lassen. Im Jahr 1547. am ersten +Sonntag im Julius kam nach alter Sitte zu Laibach auf dem alten Markt +bei dem Brunnen, der durch eine dabeistehende schöne Linde lustig +beschattet war, die ganze Nachbarschaft zusammen. Sie verzehrten in +freundlicher und nachbarlicher Vertraulichkeit bei klingendem Spiel +ihr Mahl und huben darauf mit dem Tanze an. Nach einer Weil trat ein +schöngestalter, wohlgekleideter Jüngling herzu, gleich als wollte er +an dem Reigen Theil nehmen. Er grüßte die ganze Versammlung höflich +und bot jedem Anwesenden freundlich die Hand, welche aber ganz weich +und eiskalt war<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> und bei der Berührung jedem ein seltsames Grauen +erregte. Hernach zog er ein wohlaufgeschmücktes und schöngebildetes, +aber frisches und freches Mägdlein, von leichtfertigem Wandel, das +Ursula Schäferin hieß, zum Tanze auf, die sich in seine Weise auch +meisterlich zu fügen und in alle lustige Possen zu schicken wußte. +Nachdem sie eine Zeit lang miteinander wild getanzt, schweiften sie von +dem Platz, der den Reigen zu umschränken pflegte, immer weiter aus, von +jenem Lindenbaum nach dem Sitticher Hofe zu, daran vorbei, bis zu der +Laibach, wo er in Gegenwart vieler Schiffleute mit ihr hineinsprang und +beide vor ihren Augen verschwanden.</p> + +<p>Der Lindenbaum stand bis ins Jahr 1638. wo er Alters halben umgehauen +werden mußte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_52">52.<br> +Der Wassermann und der Bauer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Deutschböhmen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Wassermann schaut wie ein andrer Mensch, nur daß, wenn er den Mund +bleckt, man ihm seine grüne Zähne sieht. Auch trägt er grünen Hut. Er +zeigt sich den Mädchen, wenn sie am Teich vorübergehen, mißt Band aus +und wirfts ihnen zu.</p> + +<p>Einmal lebte er in guter Nachbarschaft mit einem Bauer, der unweit des +Sees wohnte, besuchte ihn manchmal und bat endlich, daß der Bauer ihn +ebenfalls<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> unten in seinem Gehäus besuchen möchte. Der Bauer thats und +ging mit. Da war unten im Wasser alles wie in einem prächtigen Palast +auf Erden, Zimmer, Säle und Kammern voll mancherlei Reichthum und +Zierrath. Der Wassermann führte den Gast aller Enden umher und wies +ihm jedes, endlich gelangten sie in ein kleines Stübchen, wo viel neue +Töpfe umgekehrt, die Öffnung bodenwärts, standen. Der Bauer fragte: +was das doch wäre? “Das sind die Seelen der Ertrunkenen, die hebe ich +unter den Töpfen auf und halte sie damit fest, daß sie nicht entwischen +können.” Der Bauer schwieg still und kam hernach wieder heraus ans +Land. Das Ding mit den Seelen wurmte ihm aber lange Zeit und er paßte +dem Wassermann auf, daß er einmal ausgegangen seyn würde. Als das +geschah, hatte der Bauer den rechten Weg hinunter sich wohl gemerkt, +stieg in das Wasserhaus und fand auch jenes Stübchen glücklich wieder; +da war er her, stülpte alle Töpfe um, einen nach dem andern, alsbald +stiegen die Seelen der ertrunkenen Menschen hinauf in die Höhe aus dem +Wasser und wurden wieder erlöst.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_53">53.<br> +Der Wassermann an der Fleischerbank.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Deutschböhmen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Wassermann kam auch wöchentlich in die Stadt zur Fleischerbank, +sich da einzukaufen, und wie wohl<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> seine Kleidung etwas anders war, +als der übrigen Menschen, ließ ihn doch jeder gewähren und dachte +sich weiter nichts besonders dabei. Allein er bezahlte immer nur mit +alten durchlöcherten Groschen. Daran merkte ihn zuletzt ein Fleischer +und sprach: “wart, den will ich zeichnen, daß er nicht wieder kommt.” +Jetzt, wie der Wassermann wiederkam und Fleisch kaufen wollte, ersahs +der Metzger und ritzte ihn flugs mit dem Messer in den ausgestreckten +Finger, worin er das Geld hinreichte, so daß sein Blut floß. Seit der +Zeit ist der Wassermann ganz weggeblieben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_54">54.<br> +Der Schwimmer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. S. 37.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Meissen hat es sich zugetragen, daß etliche Beckers-Knechte am +Pfingst-Fest unter der Predigt hinaus gegangen sind und oberhalb +der Ziegel-Scheune, gleich dem Baumgarten gegenüber, in der Elbe +gebadet. Einer unter ihnen, der sich auf seine Fertigkeit im Schwimmen +verlassen, hat zu seinen Gesellen gesagt, wofern sie ihm einen Thaler +aufsetzten, wollte er dreimal nach einander, unausgeruht, dies Wasser +hin und her beschwimmen. Den zwei andern kam das unglaublich vor, und +sie willigten ein. Nachdem der verwegene Mensch es zweimal vollbracht +und nun zum drittenmal nach dem Sieben-Eichen-Schloß zu hinüber<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +schwimmen wollte, da sprang ein großer Fisch, wie ein Lachs, vor ihm +in die Höhe und schlug ihn mit sich ins Wasser hinab, also daß er +ertrinken mußte. Man hat ihn noch selbiges Tages gesucht und oberhalb +der Brücke gefunden: am ganzen Leibe waren gezwickte Mäler, von Blut +unterlaufen, zu sehen und man konnte gar leicht die Narben erkennen, +die ihm der <em class="gesperrt">Nix</em> oder Wassergeist gemacht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_55">55.<br> +Bruder Nickel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cluver</span></em> + <span class="antiqua">germ. antiq. lib. 3. c. 27.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em>. Weltbeschr. I. + 487. 488.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Micrälius</em> B. 1. S. 16. + <em class="gesperrt">Zöllner’s</em> Reise 259.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf der Insel Rügen liegt in einem dichten Walde ein tiefer See, +fischreich, aber trüb von Wasser, und kann man nicht wohl darauf +fischen. Doch aber unterstandens vor langen Jahren etliche Fischer und +hatten ihren Kahn schon auf den See gebracht. Den andern Tag hohlten +sie zu Haus ihre Netze, als sie wiederkehrten, war das Schiffel oder +der Kahn verschwunden; da schaute der eine Fischer um und sah das +Fahrzeug oben auf einem hohen Buchbaum stehen, deswegen schrie er: “wer +Teufel hat mir den Kahn auf den Baum gebracht?” Da antwortete aus der +Nähe eine Stimme, aber man sah niemand, und sprach: “das haben nicht +alle Teufel, sondern ich mit meinem Bruder Nickel gethan!”</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_56">56.<br> +Nixen-Brunnen</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Kornmann</span></em> + <span class="antiqua">mons Veneris</span> Cap. 43. + <span class="antiqua">p.</span> 215.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua" id="Vormius">Wormius</span></em> + <span class="antiqua">monim. danica lib. I. p. 17. 18.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Hornung</span></em> + <span class="antiqua">cista medica p. 191.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Nicht weit von Kirchhain in Hessen liegt ein sehr tiefer See, welcher +der <em class="gesperrt">Nixen-Bronn</em> heißt, und oftmals erscheinen die Nixen, an +dessen Gestad sich zu ersonnen. Die Mühle daran heißt gleichfalls die +Nixen-Mühle. Auch zu Marburg soll 1615. in der Lahn bei der Elisabether +Mühle ein Wassernix gesehen worden seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_57">57.<br> +Magdeburger Nixen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weltbeschr. I. + 497. 498.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Magdeburg an einer Stelle der Elbe ließ sich oft die Nixe sehen, +zog die überschwimmenden Leute hinab und ersäufte sie. Kurz vor der +Zerstörung der Stadt durch Tilly schwomm ein hurtiger Schwimmer um +ein Stück Geld hinüber, als er aber herüber wollte und an den Ort +gerieth, wurde er festgehalten und hinuntergerissen. Niemand konnte ihn +retten und zuletzt schwomm sein Leichnam ans Ufer. Zuweilen soll sich +das Meerwunder am hellen Tag und bei scheinender Sonne zeigen, sich +ans Ufer setzen, oder auf die Äste anstehender Bäume und wie schöne +Jungfrauen lange, goldgelbe Haare kämmen. Wenn aber Leute nahen, hüpft +es ins Wasser. Einmal, weil das Brunnenwasser hart zu kochen ist, das +Elbwasser aber weit<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> und mühseelig in die Stadt getragen werden muß, +wollte die Bürgerschaft eine Wasserleitung bauen lassen. Man fing an, +große Pfähle in den Fluß zu schlagen, konnte aber bald nicht weit +vorrücken. Denn man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der +mit Macht alle eingesetzte Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den +vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_58">58.<br> +Der Dönges-See.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei dem Dorfe Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder <em class="gesperrt">Haut-See</em>, +der an einem gewissen Tage im Jahr ganz blutroth wird. Davon gibt +es folgende Sage. Einmal war im Dorfe Dönges Kirmes und dazu kamen +auch zwei fremde, unbekannte, aber schöne Jungfrauen, die mit den +Bauersburschen tanzten und sich lustig machten, aber Nachts zwölf Uhr +verschwunden waren, während doch Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Indeß +waren sie am andern Tag wieder da und ein Bursche, dem es lieb gewesen, +wenn sie immer geblieben wären, nahm einer von ihnen während des +Tanzes die Handschuhe weg. Sie tanzten nun wieder mit, bis Mitternacht +herannahete, da wollten sie fort und die eine ging und suchte nach +ihren Handschuhen in allen Ecken. Da sie solche nirgends finden konnte, +ward sie<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ängstlich, als es aber während des Suchens zwölf Uhr schlug, +so liefen sie beide in größter Angst fort, gerade nach dem See und +stürzten sich hinein. Am andern Tag war der See blutroth und wird es an +selbigem noch jedesmal im Jahr. An den zurückgebliebenen Handschuhen +waren oben kleine Kronen zu sehen.</p> + +<p>Es wird auch erzählt, daß in einer Nacht zwei Reiter vor das Haus +einer Kinderfrau kamen, sie weckten und sie mitgehen hießen. Als sie +sich weigerte, brauchten sie Gewalt, banden sie aufs Pferd und jagten +mit ihr fort zum Dönges-See, wo sie ihrer Königin in Kindes-Nöthen +Beistand leisten sollte. Sie sah viel wundersame Dinge, große Schätze +und Reichthümer, mußte aber schwören, keinem Menschen je etwas davon +zu sagen. Nachdem sie einen ganzen Tag unten geblieben war, ward sie, +reichlich beschenkt, in der Nacht wieder heraufgebracht. Nach vielen +Jahren erkrankte sie und konnte nicht sterben, bis sie dem Pfarrer +alles entdeckt hatte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_59">59.<br> +Mummel-See.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Simplicissimus</em> B. 5. Cap. 10.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See, auf einem hohen +Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad, Erbsen, Steinlein, oder was +anders, in ein Tuch bindet und hinein hängt, so verändert<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> es sich in +gerad, und also, wenn man gerad hinein hängt, in ungerad. So man einen +oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel und ein +Ungewitter entsteht, mit Schloßen und Sturmwinden.</p> + +<p>Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein +brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend, +alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch +da er nicht gehorchen wollen, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen.</p> + +<p>Ein Bauer ist zur Winterszeit über den hartgefrorenen See mit +seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein +nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm +gebrochen.</p> + +<p>Ein Schütz hat im Vorübergehn ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den +Schoos voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen, +so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen: wenn er es gebeten, so +hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in +Armuth verbleiben müßten.</p> + +<p>Eines Males ist ein Männlein auf späten Abend zu einem Bauern auf +dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in +Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an, +allein es bat sich aus, in der Hanfräpen zu schlafen. “Meinethalben, +hat der Bauer geantwortet, wenn dir damit gedienet ist, magst du wohl +gar im<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Weiher oder Brunnentrog schlafen.” Auf diese Verwilligung hat +es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob +es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen, +ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den +wundersamen Gast bezeiget, hat es erwiedert: ja, es könne wohl seyn, +daß seines gleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet. +Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen, +daß es solchem vertraut, es sey ein Wassermännlein, welches sein +Gemahel verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte, +ihm den Weg zu zeigen. Unterweges erzählte es noch viel wunderliche +Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden, +wie es auch in solchen Seen beschaffen sey. Als sie zum Mummelsee +gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen +gebeten, so lange, bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein +Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein Paar Stunden bei dem +See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, sammt +ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen +und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl +abnehmen können, daß solches das verheißene Wahrzeichen gewesen.</p> + +<p>Ein Herzog zu Wirtemberg ließ ein Floß bauen, und damit auf den See +fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun +Zwirnnetz<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden +hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also +daß sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht seyn +mußten. Vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_60">60.<br> +Die Elbjungfer und das Saalweiblein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich aus Magdeburg.</div> + <div class="angabe">desgl. <em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 482. 483. aus Saalfeld und Halle.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner</em>’s Curiositäten, aus + Leipzig. S. 33. 34.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Magdeburg weiß man von der schönen <em class="gesperrt">Elbjungfer</em>, die zuweilen +aus dem Fluß heraufkam, um an dem Fleischermarkt einzukaufen. Sie trug +sich bürgerlich, aber sehr reinlich und sauber, hatte einen Korb in der +Hand und war von sittsamer Geberde. Man konnte sie in nichts von andern +Mädchen unterscheiden, außer wer genau acht gab und es wußte, der +eine Zipfel ihrer schloßen-weißen Schürze war immer naß, zum Zeichen +ihrer Abkunft aus dem Fluß. Ein junger Fleischergesell verliebte sich +in sie und ging ihr nach, bis er wußte, woher sie kam und wohin sie +zurückkehrte, endlich stieg er mit ins Wasser hinab. Einem Fischer, +der den Geliebten beistand und oben am Ufer wartete, hatte sie gesagt, +wenn ein hölzerner Teller mit einem Apfel aus dem Strom hervorkomme, +seys gut, sonst aber nicht. Bald aber schoß ein rother Strahl herauf, +zum Beweis, daß den Verwandten der Elbjungfer<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> der Bräutigam mißfallen +und sie ihn getödtet. Es gibt aber hiervon auch abweichende andere +Erzählungen, nach welchen die Braut hinabgestiegen und der Jüngling am +Ufer sitzen geblieben war, um ihren Bescheid abzuwarten. Sie wollte +unten bei ihren Eltern um die Erlaubniß zur Heirath bitten, oder die +Sache erst ihren Brüdern sagen; statt aller Antwort erschien oben ein +Blutflecken; sie hatten sie selbst ermordet. —</p> + +<p>Aus der <em class="gesperrt">Saale</em> kamen auch zuweilen die Nixfrauen in die Stadt +Saalfeld und kauften Fleisch auf der Bank. Man unterschied sie allein +an den großen und gräßlichen Augen und an dem triefenden Schweif ihrer +Röcke unten. Sie sollen vertauschte Menschenkinder seyn, statt deren +die Nixen ihre Wechselbälge oben gelassen haben. Zu <em class="gesperrt">Halle</em> vor +dem Thore liegt gleichfalls ein rund Wasser, der Nixteich genannt, +aus dem die Weiber kommen in die Stadt, ihre Nothdurft zu kaufen, und +ebenmäßig an ihren nassen Kleidersäumen zu erkennen sind. Sonst haben +sie Kleider, Sprache, Geld, wie wir andern auch.</p> + +<p>Unweit <em class="gesperrt">Leipzig</em> ist ein Nixweiblein oft auf der Straße gesehen +worden. Es ist unter andern Bauersweibern auf den Wochenmarkt mit einem +Tragkorbe gegangen, Lebensmittel einzukaufen. Eben so ging es auch +wieder zurück, redete aber mit niemanden ein einziges Wort; grüßte +und dankte auch keinem auf der Straße, aber, wo es etwas einkaufte, +wußte es so genau, wie andere Weiber, zu dingen und zu handeln. Einmal +gingen ihr zweie auf dem Fuß nach und sahen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> wie sie an einem kleinen +Wasser ihren Tragkorb niedersetzte, der im Augenblick mit dem Weiblein +verschwunden war. In der Kleidung war zwischen ihr und andern kein +Unterschied, außer daß ihre Unterkleider zwei Hände breit naß waren.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_61">61.<br> +Wasser-Recht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner</em>’s Curiositäten S. 31.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Schönfeld</span></em> + <span class="antiqua">de spectris. Marburgi. 1685. p. 19.</span></div> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Leipzig, wo die Elster in die Pleisse fällt, pflegt im Sommer das +junge Volk zu baden, aber das Wasser hat da einen betrüglichen Lauf, +zuweilen Untiefen, zuweilen Sandbänke, besonders an einem Ort, welcher +das Studentenbad genannt wird. Davon, wie von andern Flüssen, ist +gemeine Sage, daß es alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie auch +fast jeden Sommer ein Mensch darin ertrinkt und wird davon geglaubt, +daß die Wasser-Nixe einen hinunter ziehe.</p> + +<p>Man erzählt, daß die Nixen vorher auf dem Wasser zu tanzen pflegen, +wann einer ertrinken wird.</p> + +<p>Kindern, die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in +Hessen warnend zu: “der Nöcken (Nix) mögte dich hineinziehen!” +Folgenden Kinderreim hat man:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nix in der Grube,</div> + <div class="verse indent0">du bist ein böser Bube,</div> + <div class="verse indent0">wasch dir deine Beinchen</div> + <div class="verse indent0">mit rothen Ziegelsteinchen!</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_62">62.<br> +Das ertrunkene Kind.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Wilh. Meister. III. 501.</div> + <div class="angabe">Nationalzeitung der Deutschen. 1796. S. 74.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man pflegt vielerlei von den Wassern zu erzählen und daß der See oder +der Fluß alle Jahre ein unschuldiges Kind haben müsse; aber er leide +keinen todten Leichnam und werfe ihn früh oder spät ans Ufer aus, ja +sogar das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sey, müsse +wieder hervor. Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken, +sie rief Gott und seine Heiligen an, ihr nur wenigstens die Gebeine +zum Begräbniß zu gönnen. Der nächste Sturm brachte den Schädel, der +folgende den Rumpf ans Ufer, und nachdem alles beisammen war, faßte die +Mutter sämmtliche Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber, +o Wunder! als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel immer schwerer, +und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars legte, fing das Kind +zu schreien an und machte sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche +los. Nur fehlte ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten +Hand, welches aber die Mutter nachher noch sorgfältig aufsuchte und +fand. Dies Knöchelchen wurde in der Kirche unter andern Reliquien zum +Gedächtniß aufgehoben. — Die Schiffer und Fischerleute bei Cüstrin +in der Neumark reden ebenfalls von einem den Oderstrom beherrschenden +unbekannten Wesen, das jährlich sein bestimmtes Opfer<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> haben müsse. +Wem nun dies Schicksal zugedacht sey, für den werde der Wassertod +unvermeidlich. Die Halloren zu Halle fürchten besonders den Johannestag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_63">63.<br> +Schlitz-öhrchen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Jäger</em> Briefe über die hohe + Rhön. 1803. Th. 3. S. 12.</div> + </div> + +</div> + +<p>Leute, die unter Mellrichstadt über das Flüßchen Streu gehen, werden +durch einen Wassergeist, <em class="gesperrt">Schlitz-öhrchen</em> genannt, in den Fluß +getaucht und oftmals ersäuft.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_64">64.<br> +Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> im Glückstopf. + S. 505. 506. aus mündlicher Sage.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwei Mühlknappen gehen an einem Fluß; als der eine ungefähr übers +Wasser sieht, erblickt er eine Nixe darauf sitzend und ihre Haare +kämmend. Er faßt seine Büchse und legt an, sie zu schießen, aber die +Nixe springt in den Fluß, winkt mit den Fingern und verschwindet +darauf. Das alles war so geschwind und unvermerkt vorgegangen, daß der +andere Knappe, der voran gewandert, nichts davon gesehen und erfahren, +bis es ihm sein Gefährte bald erzählte. Drauf hat es sich begeben, daß +dieser Gefährte am dritten Tage ertrank, wie er sich hat baden wollen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_65">65.<br> +Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 106-108. 531-535.</div> + <div class="angabe">Aehnlich in <em class="gesperrt">Bräuner’s</em> + Curiositäten. 34-36.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine hallische Wehmutter erzählte, daß folgendes ihrer Lehrmeisterin +begegnet: diese wurde Nachts zum Thor, welches offen stand, von einem +Manne hinaus an die Saale geführt. Unterwegs bedräute sie der Mann, +kein Wort zu sagen und ja nicht zu mucksen, sonst drehte er ihr bald +den Hals um, übrigens sollte sie nur getrost seyn. Sie gedachte an +Gott, der würde sie behüten und ergab sich drein, denn sie ginge in +ihrem Beruf. An der Saale nun that sich das Wasser auf und weiter +hinunter auch das Erdreich, sie stiegen allmälig hinab, da war ein +schöner Pallast, worin ein niedliches Weiblein lag. Der half die +Wehmutter in Kindsnöthen, unterdessen ging der Mann wieder hinaus. Nach +glücklicher Verrichtung ihres Amts, redete mitleidend das Weibchen: +“ach liebe Frau, nun jammert mich, daß ihr hier bleiben müßt, bis an +den jüngsten Tag, nehmt euch wohl in Acht; mein Mann wird euch jetzt +eine ganze Mulde voll Ducaten vorsetzen, nehmt nicht mehr, als euch +auch andre Leute zu geben pflegen für eure Mühwaltung. Weiter, wenn ihr +zur Stube hinauskommt und unterwegs seyd, greifet flugs an die Erde, +da werdet ihr <em class="gesperrt">Dosten</em><a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> + <em class="gesperrt">Dorant</em><a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> erfassen, solches +haltet fest und lassets aus der Hand nicht fahren. Dann werdet ihr +wieder auf freien Fuß kommen und zu eurer Stelle gerathen.” Kaum hatte +sie ausgeredet, als der Nix, gelbkraus von Haar und bläulich von Augen, +in die Stube trat; er hatte eine große Mulde voll Gold und setzte sie +in dem schönen hellen Zimmer der Wehfrau vor, sprechend: “sieh da, nimm +so viel du willt.” Darauf nahm sie einen Goldgülden. Der Nix verzog +sein Gesicht und machte grausame Augen, und sprach: “das hast du nicht +von dir selber, sondern mit eines Weibes Kalbe gepflügt, die soll schon +dafür leiden! und nun komm und geh mit mir.” Drauf war sie aufgestanden +und er führte sie hinaus; da bückte sie sich flugs und griff in ihre +Hand <em class="gesperrt">Dosten und Dorant</em>. Der Führer sagte dazu: “das heißt dich +Gott sprechen und das hast du auch von meinem Weibe gelernt. Nun geh +nur hin, wo du herkommen bist.” Hierauf war sie aus dem Fluß ans Ufer +gewesen, ging zur Stadt ein, deren Thore noch offen standen, und +erreichte glücklich ihr Haus.</p> + +<p>Eine andere Hebamme, bürtig aus Eschätz bei Querfurt, erzählte +nachstehendes: in ihrer Heimath war der Ehmann ausgegangen und hatte +seine Frau als Kindbetterin zu Haus lassen müssen. Um Mitternacht +kam der Nix vors Haus, nahm die Sprache ihres Mannes an und rief zum +Gartenfenster hinein: sie<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> solle schnell herauskommen, er habe ihr +etwas sonderlichs zu weisen. Dies schien der Frau wunderlich und sie +antwortete: “komm du doch herein, aufzustehen mitten in der Nacht +schickt sich für mich nicht. Du weißt ja wo der Schlüssel liegt, +draußen im Loch über der Hausthür.” “Das weiß ich wohl, du mußt aber +herausgehen” und plagte sie so lang mit Worten, daß sie sich zuletzt +aufmachte und in den Garten trat. Das Gespenst ging aber vor ihr her +und immer tiefer hinab; sie folgte nach, bis zu einem Wasser unweit des +Hauses fließend, mittlerweile sprach der Nix:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">heb auf dein Gewand</div> + <div class="verse indent0">daß du nicht fallst in <em class="gesperrt">Dosten und Dorant</em></div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">welche Kräuter eben viel im Garten wuchsen. Indem aber erblickte sie +das Wasser und fiel mit Fleiß ins Kräutich hinein, augenblicklich +verschwand der Nix und konnte ihr nichts mehr an- noch ab-gehaben. +Nach Mitternacht kehrte der Ehmann heim, fand Thür und Stube offen, +die Kindermutter nicht im Bett, hub an erbärmlich zu rufen, bis er +leise ihre Stimme im Garten vernahm und er sie aus dem Kraut wieder +ins Zimmer brachte. Die Wehemütter halten deshalb gar viel auf diese +Kräuter und legen sie allenthalben in Betten, Wiegen, Keller, tragen +es an sich und lassen andere es bei sich stecken. Die leipziger +Krautweiber führen es häufig feil zu Markte.</p> + +<p>Einmal soll auch ein Weib um Mittag in den Keller gegangen seyn, Bier +abzulassen. Da fing ein Gespenst drinnen an und sprach:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">hättestu bei dir nicht Dosten</div> + <div class="verse indent0">wollt ich dir das Bier helfen kosten.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">und man hört diesen Reim noch in andern Geschichten wiederkehren.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> <span class="antiqua">Origanum vulg.</span> Wohlgemuth.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> <span class="antiqua">Marrubium vulg.</span> Helfkraut, Gotteshülf.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_66">66.<br> +Des Nixes Beine.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 533.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Wehmutter bürtig von Eschätz, eine halbe Meile von Querfurt, +erzählte: zu Mitternacht sey in Merseburg ein Weib vor ein Balbiershaus +gekommen, der nahe am Wasser gewohnet und haben dem Fenster +hineingeschrien: die Wehemutter solle doch herausgehen, welches sie +anfänglich nicht thun wollen. Endlich sey der Balbier mitgegangen, +habe ein Licht bei sich gehabt und flugs nach des befürchteten Nixes +Beinen gesehen. Darauf es sich niedergeduckt. Wie solches der Balbier +gemerkt, da hat er es greulich ausgescholten und gehen heißen, darauf +es verschwunden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_67">67.<br> +Die Magd bei dem Nix.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 498. 499.</div> + </div> + +</div> + +<p>Folgendes hat sich auf einem Dorf bei Leipzig zugetragen: eine +Dienstmagd kam unter das Wasser und diente drei Jahre lang bei dem Nix. +Sie hatte es an einem guten Leben und allen Willen, ausgenommen,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> daß +all ihr Essen ungesalzen war. Dies nahm sie auch zur Ursache, wieder +wegzuziehen. Allein sie sagte noch weiter: “nach dieser Zeit habe ich +nicht über sieben Jahre zu leben, davon bleiben mir jetzo noch dreie.” +Sonst war sie immer traurig und simpel. Prätorius hörte die Geschichte +im Jahr 1664.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_68">68.<br> +Die Frau von Alvensleben.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Tenzel</em> monatl. Unterr. 1689. + S. 525.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hammelmann</em> oldenb. Chronik.</div> + <div class="angabe">Der vielförmige Hinzelmann. S. 313-316.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. S. + 95. 101-104. u. Glückstopf S. 488. aus mündlichen Sagen und aus:</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Cyriak <span class="antiqua">Edinus</span></em> + poematischen Büchern, die er vom Geschlecht der Alvensleben 1581. in 4to. + herausgegeben.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor etlichen hundert Jahren lebte zu Calbe in dem Werder aus dem +alvenslebischen Geschlecht eine betagte, gottesfürchtige, den Leuten +gnädige und zu dienen bereitsame Edelfrau; sie stand vornämlich den +Bürgersweibern bei in schweren Kindsnöthen und wurde in solchen Fällen +von jedermänniglich begehrt und hochgeehret. Nun ereignete sich aber +folgendes: zu nächtlichen Zeiten kam eine Magd vor das Schloß, klopfte +an und rief ängstlich: sie möge ihr doch nicht zuwider seyn lassen, wo +möglich alsobald aufzustehen und mit hinaus vor die Stadt zu folgen, +wo eine schwangere Frau in Kindesnoth liege, weil die äußerste Stunde +und Gefahr da sey und ihre Frau ihrem<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Leibe gar keinen Rath wisse. Die +Adelfrau sprach: “es ist gleich mitten in der Nacht, alle Stadtthore +sind gesperrt, wie wollen wir hinauskommen?” Die Magd antwortete: das +Thor sey schon im voraus geöffnet, sie solle nur fortmachen, (doch sich +hüten, wie einige hinzusetzen, an dem Ort, wo sie hingeführt werden +würde, nichts zu essen noch zu trinken, auch das ihr angebotene nicht +anzurühren). Darauf stand die adliche Frau aus dem Bett, zog sich an, +kam herunter und ging mit der Magd fort, welche angeklopft hatte; +das Thor fand sie aufgethan und wie sie weiter ins Feld kamen, war +da ein schöner Gang, der mitten in einen Berg führte. Der Berg stand +aufgesperrt und ob sie wohl sah, das Ding wäre unklar, beschloß sie +doch unerschrocken weiter zu gehen, bis sie endlich vor <em class="gesperrt">ein kleines +Weiblein</em> gelangte, das auf dem Bette lag in großen Geburtswehen. +Die adliche Frau aber reichte ihr Hülfe (nach einigen brauchte sie nur +die Hand ihr auf den Leib zu legen) und glücklich wurde ein Kindlein +zum Tageslicht geboren. Nach geförderter Sache sehnte sie sich wieder +aus dem Berg heimzugehen, nahm von der Kindbetterin Abschied (ohne +etwas von den Speisen und Getränken, die ihr geboten waren, berührt zu +haben) und die vorige Magd gesellte sich ihr aufs neue zu und brachte +sie unverletzt nach dem Schlosse zurück. Vor dem Thorweg aber stand die +Magd still, bedankte sich höchlich in ihrer Frauen Namen und zog einen +güldenen <em class="gesperrt">Ring</em> vom Finger herab, den verehrte sie der adlichen +Frau mit<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> den Worten: “nehmet dies theure Pfand wohl in acht und lasset +es nicht von euch noch von euerm Geschlecht kommen; die von Alvensleben +werden blühen, so lange sie diesen Ring besitzen, kommt er ihnen +dermaleins ab, so muß der ganze Stamm erlöschen.” Hiermit verschwand +die Magd.</p> + +<p>Dieser Ring soll noch heutigestages richtig und eigentlich bei dem +Hause verwahrt werden und zu guter Sicherheit in Lübek hinterlegt seyn. +Andere aber behaupten, er sey bei der Theilung in zwei Linien mit Fleiß +entzwei getheilt Worden. Noch andere: die eine Hälfte sey zerschmolzen, +seitdem gehe es dem einen Stamm übel, die andere Hälfte liege bei +dem andern Stamme zu Zichtow. Auch wird erzählt: die hülfreiche Frau +war ein Ehweib, als sie drauf den folgenden Morgen ihrem Ehherrn die +Geschichte erzählt, die ihr Nachts begegnet, habe er ihrs nicht wollen +glauben, bis sie gesprochen: “ei wollt ihr mir nicht glauben, so holt +nur die Schlüssel zu jener Stube vom Tische her, darinnen wird der Ring +noch liegen.” Es befand sich so ganz richtig. Es ist ein wunderliches +um die Geschenke, die Menschen von den Geistern empfangen haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_69">69.<br> +Die Frau von Hahn und der Nix.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 100. 101.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine vornehme Frau von Adel aus dem Geschlechte der von Hahn wurde +einstmal durch einer Wassernixe<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Zofe abgerufen und genöthigt, mit +unter den Fluß zur Wehmutter zu gehen. Das Wasser theilte sich von +einander und sie geriethen auf einem lustigen Weg tief ins Erdreich +hinein, wo sie einem kleinen Weiblein in Kindesschmerzen hülfreiche +Hand leistete. Nachdem alles glücklich verrichtet und die Frau von Hahn +wegfertig war, willens nach Haus zu eilen, kam ein kleiner Wassermann +herein, langte ihr ein Geschirr voll Asche und sagte: sie solle für +ihre Mühe herausnehmen, so viel ihr beliebe. Sie aber weigerte sich +und nahm nichts; da sprach der Nix: “das heißt dich Gott sprechen, +sonst hätte ich dich wollen umbringen.” Darauf ging sie fort und wurde +von der vorigen Zofe rücklings nach Haus gebracht. Wie sie beide da +waren, zog die Magd <em class="gesperrt">drei Stücke Goldes</em> hervor, verehrte sie der +adlichen Frau und ermahnte: diesen Schatz wohl zu verwahren und nicht +abhändig kommen zu lassen, sonst werde ihr Haus ganz durch Armuth +verderben, im andern Fall aber Hülle und Fülle in allen Sachen haben. +Drauf ging die Zofe weg und die drei Stücke wurden unter die drei Söhne +ausgetheilt; noch heute blühen zwei Stämme des Hauses, die ihren Schatz +sorgsam aufheben; das dritte Stück hingegen soll neulich von einer Frau +verwahrlost worden seyn, drüber sie armselig in Prag verstarb und ihre +Linie eine Endschaft genommen hat.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_70">70.<br> +Das Streichmaß, der Ring und Becher.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><span class="antiqua">Memoires du marechal de + Bassompierre († 1646.) Cologne 1666. Vol. I. p. 4-6.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Im Herzogthum Lothringen, als es noch lange zu Deutschland gehörte, +herrschte zwischen Nanzig und Luenstadt (<span class="antiqua">Luneville</span>) der letzte +Graf von Orgewiler. Er hatte keine Schwertmagen mehr und vertheilte auf +dem Todbette seine Länder unter seine drei Töchter und Schwiegersöhne. +Die älteste Tochter hatte Simons von Bestein, die mittlere Herr von +Crouy und die jüngste ein deutscher Rheingraf geheurathet. Außer den +Herrschaften theilte er noch seinen Erben drei Geschenke aus, der +ältesten Tochter einen Streichlöffel (Streichmaas), der mittleren einen +Trinkbecher und der dritten einen Kleinodring, mit der Vermahnung, daß +sie und ihre Nachkömmlinge diese Stücke sorgfältig aufheben sollten, so +würden ihre Häuser beständig glücklich seyn.</p> + +<p>Die Sage, wie der Graf diese Stücke bekommen, erzählt der Marschall +von Bassompierre (Bassenstein), Urenkel des Simons, selbst: der Graf +war vermählt, hatte aber noch eine geheime Liebschaft mit einer +wunderbaren schönen Frau, die wöchentlich alle Mondtage in ein +Sommerhaus des Gartens zu ihm kam. Lange blieb dieser Handel seiner +Gemahlin verborgen, wann er sich entfernte, bildete er ihr ein, daß +er des Nachts im Wald auf den Anstand ginge. Aber nach ein Paar<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +Jahren schöpfte die Gräfin Verdacht und trachtete die rechte Wahrheit +zu erfahren. Eines Sommermorgens frühe schlich sie ihm nach und kam +in die Sommerlaube. Da sah sie ihren Gemahl schlafen in Armen eines +wunderschönen Frauenbilds, weil sie aber beide so sanfte schliefen, +wollte sie sie nicht wecken, sondern nahm ihren Schleier vom Haupt +und breitete ihn über der Schlafenden Füße. Als die schöne Buhlerin +erwachte und des Schleiers innen ward, that sie einen hellen Schrei, +hub an jämmerlich zu klagen und sagte: “hinführo, mein Liebster, sehen +wir uns nimmermehr wieder, nun muß ich hundert Meilen weit weg und +abgesondert von dir bleiben.” Damit verließ sie den Grafen, verehrte +ihm aber vorher noch obgemeldte drei Gaben für seine drei Töchter, die +möchten sie niemals abhanden kommen lassen.</p> + +<p>Das Haus Bassenstein hatte lange Zeit durch aus der Stadt Spinal +(<span class="antiqua">Epinal</span>) einen Fruchtzins zu ziehen, wozu dieser Maaslöffel +(<span class="antiqua">cuilliere de la mesure</span>) stets gebraucht wurde.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_71">71.<br> +Der Kobold.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Unterredungen vom Reich der Geister I. 503.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 315-320.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden S. 103.</div> + </div> + +</div> + +<p>An einigen Orten hat fast jeder Bauer, Weib, Söhne und Töchter, einen +Kobold, der allerlei Haus-Arbeit<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> verrichtet, in der Küche Wasser +trägt, Holz haut, Bier holt, kocht, im Stall die Pferde striegelt, den +Stall mistet und dergleichen. Wo er ist, nimmt das Vieh zu und alles +gedeiht und gelingt. Noch heute sagt man sprüchwörtlich von einer Magd, +der die Arbeit recht rasch von der Hand geht: “sie hat den Kobold.” Wer +ihn aber erzürnt mag sich vorsehen.</p> + +<p>Sie machen, eh sie in die Häuser einziehen wollen, erst eine Probe. Bei +Nachtzeit nämlich schleppen sie Säge-Späne ins Haus, in die Milchgefäße +aber bringen sie Koth von unterschiedenem Vieh. Wenn nun der Hausvater +genau achtet, daß die Späne nicht zerstreut, der Koth in den Gefäßen +gelassen und daraus die Milch genossen wird, so bleibt der Kobold im +Haus, so lange nur noch einer von den Hausbewohnern am Leben ist.</p> + +<p>Hat die Köchin einen Kobold zu ihrem heimlichen Gehülfen angenommen, +so muß sie täglich um eine gewisse Zeit und an einem besondern Ort im +Haus ihm sein zubereitetes Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen und +ihren Weg wieder gehen. Thut sie das, so kann sie faullenzen, am Abend +früh zu Bette gehen und wird dennoch ihre Arbeit früh Morgens beschickt +finden. Vergißt sie das einmal, so muß sie in Zukunft nicht nur ihre +Arbeit selbst wieder thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche +Hand, indem sie sich im heißen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr +zerbricht, das Essen umschüttet, also daß sie von ihrer Herrschaft +nothwendig ausgescholten wird. Darüber<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> hat man den Kobold öfters +lachen und kichern gehört.</p> + +<p>Verändert sich auch das Gesinde, so bleibt er doch, ja die abziehende +Magd muß ihn ihrer Nachfolgerin anempfehlen, damit diese sein auch +warte. Will diese nicht, so hat sie beständiges Unglück, bis sie wieder +abgeht.</p> + +<p>Man glaubt, sie seyen rechte Menschen, in Gestalt kleiner Kinder, mit +einem bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, daß sie theils Messer im +Rücken hätten, theils noch anders und gar gräulich gestaltet wären, +je nachdem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vorzeiten +umgebracht wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im +Hause Ermordeten.</p> + +<p>Zuweilen ist die Magd lüstern, ihr Knechtchen, <em class="gesperrt">Kurd Chimgen</em> oder +<em class="gesperrt">Heinzchen</em>, wie sie den Kobold nennen, zu sehen und wenn sie +nicht nachläßt, nennt der Geist den Ort, wo sie ihn sehen solle, heißt +sie aber zugleich einen Eimer kalt Wasser mitbringen. Da begibt sichs +dann, daß sie ihn etwa auf dem Boden auf einem Kißchen nackt liegen +sieht, und ein großes Schlacht-Messer ihm im Rücken steckt. Manche ist +so sehr erschrocken, daß sie ohnmächtig niedergefallen, worauf der +Kobold alsbald aufsprang und sie mit dem kalten Wasser über und über +begoß, damit sie wieder zu sich selbst kam. Darnach ist ihr die Lust +vergangen, den Kobold zu sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_72">72.<br> +Der Bauer mit seinem Kobold.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Tenzel</em> monatl. Unterred. Jan. + 1689. S. 145.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Bauer war seines Kobolds ganz überdrüssig geworden, weil er +allerlei Unfug anrichtete, doch mogte er es anfangen, wie er immer +wollte, so konnte er ihn nicht wieder los werden. Zuletzt ward er +Raths, die Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte und ihn +zu verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei +dem letzten Karrn zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wohl +versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich der +Bauer von ungefähr um, siehe, da saß der Kobold hinten auf dem Karrn +und sprach: “es war Zeit, daß wir herauskamen! es war Zeit, daß wir +herauskamen!” Mußte also wieder umkehren und den Kobold behalten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_73">73.<br> +Der Kobold in der Mühle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain B. 3. + Cap. 28. I. 420-421.</div> + <div class="angabe">Aus mündlicher Erzählung.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es machten einmal zwei Studenten von Rinteln eine Fußreise. Sie +gedachten in einem Dorfe zu übernachten, weil aber ein heftiger Regen +fiel und die Finsterniß so sehr überhand nahm, daß sie nicht weiter +konnten, gingen sie zu einer in der Nähe liegenden<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Mühle, klopften und +baten um Nacht-Herberge. Der Müller wollte anfangs nicht hören, endlich +gab er ihren inständigen Bitten nach, öffnete die Thüre und führte +sie in eine Stube. Sie waren beide hungrig und durstig und da auf dem +Tisch eine Schüssel mit Speise und eine Kanne mit Bier stand, baten sie +den Müller darum und waren bereitwillig, es zu bezahlen. Der Müller +aber schlugs ab, selbst nicht ein Stück Brot wollt er ihnen geben und +nur die harte Bank zum Ruh-Bett vergönnen. “Die Speise und der Trank, +sprach er, gehört dem Haus-Geist, ist euch das Leben lieb, so laßt +beides unberührt, sonst aber habt ihr kein Leid zu befürchten, lärmts +in der Nacht vielleicht, so bleibt nur still liegen und schlafen.” Mit +diesen Worten ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich zu.</p> + +<p>Die zwei Studenten legten sich zum Schlafe nieder, aber etwa nach +einer Stunde griff den einen der Hunger so übermächtig an, daß er +sich aufrichtete und die Schüssel suchte. Der andere, ein Magister, +warnte ihn, er sollte dem Teufel lassen, was dem Teufel gewidmet wäre, +aber er antwortete: “ich habe ein besser Recht dazu als der Teufel,” +setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust, so daß wenig von dem +Gemüse übrig blieb. Darnach faßte er die Bierkanne, that einen guten, +pommerschen Zug und nachdem er also seine Begierde etwas gestillt, +legte er sich wieder zu seinem Gesellen. Doch als ihn über eine +Weile der Durst aufs neue plagte, stand er noch einmal<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> auf und that +einen zweiten so herzhaften Zug, daß er dem Haus-Geist nur die Neige +hinterließ. Nachdem er sichs also selbst gesegnet und wohl bekommen +geheißen, legte er sich und schlief ein.</p> + +<p>Es blieb alles ruhig bis zu Mitternacht, aber kaum war die herum, +so kam der Kobold mit großem Lärm hereingefahren, wovon beide mit +Schrecken erwachten. Er brauste ein paar Mal in der Stube auf und ab, +dann setzte er sich, als wollte er seine Mahlzeit halten, zu dem Tisch +und sie hörten deutlich, wie er die Schüssel herbeirückte. Gleich drauf +setzte er sie, als wär er ärgerlich, hart nieder, ergriff die Kanne und +drückte den Deckel auf, ließ ihn aber gleich wieder ungestüm zuklappen. +Nun begann er seine Arbeit, wischte den Tisch, darnach die Tisch-Füße +sorgfältig ab und kehrte dann, wie mit einem Besen, den Boden fleißig +ab. Als das geschehen war, ging er noch einmal zur Schüssel und Kanne +zurück, ob es jetzt vielleicht besser damit stehe, stieß aber beides +wieder zornig hin. Darauf fuhr er in seiner Arbeit fort, kam zu den +Bänken, wusch, scheuerte, rieb sie, unten und oben; als er zu der +Stelle gelangte, wo die beiden Studenten lagen, zog er vorüber und +nahm das übrige Stück unter ihren Füßen in die Arbeit. Wie er zu Ende +war, fing er an der Bank oben zum zweitenmal an und überging auch zum +zweitenmal die Gäste. Zum drittenmal aber, als er an sie kam, strich +er dem einen, der nichts genossen hatte, über die Haare und den ganzen +Leib, ohne ihm im geringsten weh zu thun.<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Den andern aber packte er +an den Füßen, riß ihn von der Bank herab, zog ihn ein paarmal auf dem +Erdboden herum, bis er ihn endlich liegen ließ und hinter den Ofen +lief, wo er ihn laut auslachte. Der Student kroch zu der Bank zurück, +aber nach einer Viertelstunde begann der Kobold seine Arbeit von neuem: +kehrte, säuberte, wischte. Die beiden lagen da, in Angst zitternd, den +einen fühlte er, als er an ihn kam, ganz lind an, aber den andern warf +er wieder zur Erde und ließ hinter dem Ofen ein grobes und spottendes +Lachen hören.</p> + +<p>Die Studenten wollten nun nicht mehr auf der Bank liegen, standen auf +und erhuben vor der verschlossenen Thüre ein lautes Geschrei, aber es +hörte niemand darauf. Sie beschlossen endlich, sich auf den platten +Boden hart nebeneinander zu legen, aber der Kobold ließ sie nicht +ruhen. Er begann sein Spiel zum drittenmal, kam und zog den schuldigen +herum und lachte ihn aus. Dieser war zuletzt wüthend geworden, zog +seinen Degen, stach und hieb in die Ecke, wo das Gelächter her +schallte, und forderte den Kobold mit Drohworten auf, hervor zu kommen. +Dann setzte er sich mit seiner Waffe auf die Bank, zu erwarten, was +weiter geschehen würde, aber der Lärm hörte auf und alles blieb ruhig.</p> + +<p>Der Müller verwies ihnen am Morgen, daß sie seiner Ermahnung nicht +nachgelebt und die Speise nicht unangerührt gelassen; es hätte ihnen +leicht das Leben kosten können.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_74">74.<br> +Hütchen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündliche Erzählungen.</div> + <div class="angabe">Der vielförmige Hinzelmann 39-50.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. Proteus. + 792-798.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor</em>. Weltbeschr. I. + 324. 325.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Weier</em> + <span class="antiqua">de praestig. daemon. c.</span> 22. deutsche Uebers. + 64-66.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios.</span> 4. 246.</div> + <div class="angabe">Stiftische Fehde, + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Leibnitz</span></em> + <span class="antiqua">SS. RR. brunsvic. II. 791. III. 183. 258 b.</span></div> + <div class="angabe">Volks-Sagen. Eisenach. I. 127-170. IV. 209-237.</div> + </div> + +</div> + +<p>An dem Hofe des Bischof Bernhard von Hildesheim hielt sich ein Geist +auf, der sich vor jedermann in einem Bauernkleide unter dem Schein +der Freundlichkeit und Frömmigkeit sehen ließ: auf dem Haupt trug er +einen kleinen Filz-Hut, wovon man ihm den Namen <em class="gesperrt">Hütchen</em>, auf +Niedersächsisch <em class="gesperrt">Hödeken</em> gegeben hatte. Er wollte die Leute gern +überreden, daß es ihm viel mehr um ihren Vortheil, als ihren Schaden zu +thun wäre, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er dem +andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust und +Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte und +antwortete gar gesprächig und freundlich.</p> + +<p>Zu dieser Zeit wohnte auf dem Schlosse Winzenburg ein Graf Namens +Hermann, welcher das Amt als eine eigene Grafschaft besaß. Einer seiner +Diener hatte eine schöne Frau, auf die er ein lüsternes Auge warf und +die er mit seiner Leidenschaft verfolgte, aber<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> sie gab ihm wenig +Gehör. Da sann er endlich auf schlechte Mittel und als ihr Mann einmal +an einen weit entlegenen Ort verreist war, raubte er ihr mit Gewalt, +was sie ihm freiwillig versagte. Sie mußte das Unrecht verschweigen, +so lang ihr Mann abwesend war, bei seiner Rückkehr aber eröffnete +sie es ihm mit großem Schmerz und wehmüthigen Gebärden. Der Edelmann +glaubte, dieser Schandflecken könne nur mit dem Blute des Thäters +abgewaschen werden, und da er die Freiheit hatte, wie ihm beliebte, +in des Grafen Gemach zu gehen, so nahm er die Zeit wahr, wo dieser +noch mit seiner Gemahlin zur Ruhe lag, trat hinein, hielt ihm die +begangene That mit harten Worten vor und als er merkte, daß jener sich +aufmachen und zur Gegenwehr anschicken mögte, faßte er sein Schwert +und erstach ihn im Bette an der Seite der Gräfin. Diese entrüstete +sich aufs allerheftigste, schalt den Thäter gewaltig und da sie gerade +schwangeres Leibes war, sprach sie dräuend: “derjenige, den ich unter +dem Gürtel trage, soll diesen Mord an dir und den Deinigen rächen, daß +die ganze Nachwelt daran ein Beispiel nehmen wird.” Der Edelmann, als +er die Worte hörte, kehrte wieder um und durchstach die Gräfin wie +ihren Herrn.</p> + +<p>Graf Hermann von Winzenburg war der letzte seines Stammes und demnach +mit seinem und der schwangern Gräfin Tod das Land ohne Herrn. Da trat +Hütchen in selbiger Morgenstunde, in welcher die That geschehen war, +vor das Bett des schlafenden Bischofs<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Bernhard, weckte ihn und sprach: +“steh auf, Glatzkopf, und führe dein Volk zusammen! die Grafschaft +Winzenburg ist durch die Ermordung ihres Herrn ledig und verlassen, +du kannst sie mit leichter Mühe unter deine Bothmäßigkeit bringen.” +Der Bischof stand auf, brachte sein Kriegs-Volk eilig zusammen, +und besetzte und überzog damit die Grafschaft, so daß er sie, mit +Einwilligung des Kaisers, auf ewig dem Stift Hildesheim einverleibte.</p> + +<p>Die mündliche Sage erzählt noch eine andere, wahrscheinlich frühere +Geschichte. Ein Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die in Unfrieden +lebten; um einen Streit wegen der Erbschaft abzuwenden, war mit dem +Bischof zu Hildesheim festgemacht, daß derjenige mit der Grafschaft +belehnt werden solle, welcher zuerst nach des Vaters Tod sich darum +bei dem Bischof melden würde. Als nun der Graf starb, setzte sich +der ältste Sohn gleich auf sein Pferd und ritt fort zum Bischof, der +jüngste aber hatte kein Pferd und wußte nicht, wie er sich helfen +sollte. Da trat Hütchen zu ihm und sprach: “ich will dir beistehen, +schreib einen Brief an den Bischof und melde dich darin um Belehnung, +er soll eher dort seyn, als dein Bruder auf seinem jagenden Pferd.” Da +schrieb er ihm den Brief und Hütchen nahm und trug ihn auf einem Wege, +der über Gebürge und Wälder geradausging, nach Hildesheim, und war in +einer halben Stunde schon da, lange eh der älteste herbeigeeilt kam und +gewann also dem jüngsten das Land. Dieser Pfad ist<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> schwer zu finden +und heißt noch immer <em class="gesperrt">Hütchens Renn-Pfad</em>.</p> + +<p>Hütchen erschien an dem Hofe des Bischof gar oft und hat ihn, +ungefragt, vor mancherlei Gefahr gewarnt. Großen Herrn offenbarte es +die Zukunft. Bisweilen zeigte es sich, wenn es sprach, bisweilen redete +es unsichtbar. Es hatte den großen Hut aber immer so tief in den Kopf +gedrückt, daß man niemals sein Gesicht sehen konnte. Die Wächter der +Stadt hat es fleißig in Acht genommen, daß sie nicht schliefen, sondern +hurtig wachen mußten. Niemand fügte es etwas Leid zu, es wäre denn +am ersten beschimpft worden; wer seiner aber spottete, dem vergaß es +solches nicht, sondern bewies ihm wiederum einen Schimpf. Gemeinlich +ging es den Köchen und Köchinnen zur Hand, schwatzte auch vielmal mit +ihnen in der Küche. Eine Mulde im Keller war seine Schlafstätte und es +hatte ein Loch, wo es in die Erde gekrochen ist. Als man nun seiner gar +gewohnt worden und sich niemand weiter vor ihm gefürchtet hat, begann +ein Küchenjunge es zu spotten und höhnen, mit Lästerworten zu hudeln +und so oft er nur vermogte, mit Dreck aus der Küche auf es loszuwerfen +oder es mit Spül-Wasser zu begießen. Das verdroß Hütchen sehr, weshalb +es den Küchenmeister bat, den Jungen abzustrafen, damit er solche +Büberei unterwegen ließe, oder er selbst müßte die Schmach an ihm +rächen. Der Küchenmeister lachte ihn aus und sprach: “bist du ein Geist +und fürchtest dich vor dem kleinen Knaben!” Darauf antwortete<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Hütchen: +“weil du auf meine Bitten den Buben nicht abstrafen willst, will ich +nach wenig Tagen dir zeigen, wie ich mich vor ihm fürchte;” und ging +damit im Zorn weg. Nicht lange darauf saß der Junge nach dem Abendessen +allein in der Küche und war vor Müdigkeit eingeschlafen; da kam der +Geist, erwürgte ihn und zerhackte ihn in kleine Stücke. Dann warf er +selbige vollends in einen großen Kessel und setzte ihn ans Feuer. +Als der Küchenmeister kam und in dem Kessel Menschen-Glieder kochen +sah, auch aus den übrigen Umständen merkte, daß der Geist ein fremdes +Gericht zurichten wolle, fing er an, ihn greulich zu schelten und zu +fluchen. Hütchen, darüber noch heftiger erbittert, kam und zerdrückte +über alle Braten, die für den Bischof und dessen Hofleute am Spieße +zum Feuer gebracht waren, abscheuliche Kröten, also daß sie von Gift +und Blut träufelten. Und weil ihn der Koch deßwegen wiederum schmähete +und schändete, stieß er ihn, als er einstens aus dem Thore gehen +wollte, von der Brücke, die ziemlich hoch war, in den Graben. Weil +man auch in Sorgen stand, er mögte des Bischofs Hof und andere Häuser +anzünden, mußten alle Hüter auf den Mauern, sowohl der Stadt, als des +Schlosses, fleißig wachen. Aus dieser und andern Ursachen suchte der +Bischof Bernhard seiner los zu werden und zwang ihn endlich auch durch +Beschwörung, zu weichen.</p> + +<p>Sonst beging der Geist noch unterschiedliche, abentheuerliche Streiche, +welche doch selten jemand schadeten.<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> In Hildesheim war ein Mann, der +ein leichtfertiges Weib hatte, als er nun verreisen wollte, sprach er +zu Hütchen: “mein guter Gesell, gib ein wenig Achtung auf mein Weib, +dieweil ich aus bin, und siehe zu, daß alles recht zugeht.” Hütchen +that es und wie das Weib, nach der Abreise des Mannes, ihre Buhler +kommen ließ und sich mit ihnen lustig machen wollte, stellte sich der +Geist allzeit ins Mittel, verjagte sie durch Schreckgestalten oder wenn +einer sich ins Bett gelegt, warf er unsichtbarer Weise ihn so unsauber +heraus, daß ihm die Rippen krachten. So ging es einem nach dem andern, +wie sie das leichtfertige Weib in die Kammer führte, so daß keiner ihr +nahen durfte. Endlich, als der Mann wieder nach Hause kam, lief ihm der +ehrbare Hüter voller Freuden entgegen und sprach: “deine Wiederkunft +ist mir trefflich lieb, damit ich der Unruhe und Mühe, die du mir +aufgeladen hast, einmal abkomme.” Der Mann fragte: “wer bist du denn?” +Er antwortete: “ich bin Hütchen, dem du bei deiner Abreise dein Weib in +seine Hut anbefohlen. Dir zu gefallen habe ich sie diesmal gehütet und +vor dem Ehebruch bewahret, wiewohl mit großer und unablässiger Mühe. +Allein ich bitte, du wollest sie meiner Hut nicht mehr untergeben, +denn ich will lieber der Schweine in ganz Sachsen als eines einigen +solchen Weibes Hut auf mich nehmen und Gewährschaft vor sie leisten, so +vielerlei List und Ränke hat sie erdacht, mich zu hintergehen.”</p> + +<p>Zu einer Zeit befand sich zu Hildesheim ein Geistlicher,<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> welcher +sehr wenig gelernt hatte. Diesen traf die Reihe, daß er zu einer +Kirchenversammlung von der übrigen Geistlichkeit sollte verschickt +werden, aber er fürchtete sich, daß er in einer so ansehnlichen +Versammlung durch seine Unwissenheit Schimpf einlegen mögte. Hütchen +half ihm aus der Noth und gab ihm einen Ring, der von Lorbeer-Laub +und andern Dingen zusammen geflochten war und machte dadurch diesen +Gesandten dermaßen gelehrt und auf eine gewisse Zeit beredt, daß sich +auf der Kirchenversammlung jedermann über ihn verwunderte und ihn zu +den berühmtesten Rednern zählte.</p> + +<p>Einem armen Nagelschmiede zu Hildesheim ließ Hütchen ein Stück Eisen +zurück, woraus goldene Nägel geschmiedet werden konnten und dessen +Tochter eine Rolle Spitzen, von der man immer abmessen konnte, ohne daß +sie sich verminderte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_75">75.<br> +Hinzelmann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Aus dem Buche: der vielförmige Hinzelmann oder + umständliche und merkwürdige Erzählung von einem Geist, der sich auf dem + Hause Hudemühlen und hernach zu Estrup im Lande Lüneburg unter vielfältigen + Gestalten und verwunderlicher Veränderung — sehen lassen. 379 S. in + 12. Von dem Pfarrer <em class="gesperrt">Feldmann</em> zu Eickelohe zuerst + abgefaßt.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem alten Schlosse Hudemühlen, das im Lüneburgischen nicht weit +von der Aller liegt und von dem nur noch Mauern stehen, hat sich lange +Zeit ein<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> wunderlicher Haus-Geist aufgehalten. Zuerst ließ er sich +im Jahr 1584 hören, indem er durch bloßes Poltern und Lärmen sich zu +erkennen gab. Darnach fing er an bei hellem Tag mit dem Gesinde zu +reden, welches sich vor der Stimme, die sich hören ließ, ohne daß +jemand zu sehen war, erschreckte, nach und nach aber daran gewöhnte und +nicht mehr darauf achtete. Endlich ward er ganz muthig und hub an vor +dem Haus-Herrn selbst zu reden und führte Mittags und Abends während +der Mahlzeit mit den Anwesenden, fremden und einheimischen, allerhand +Gespräche. Als sich nun die Furcht verlor, ward er gar freundlich +und zutraulich, sang, lachte und trieb allerlei Kurzweil so lang ihn +niemand bös machte; dabei war seine Stimme zart, wie die eines Knaben +oder einer Jungfrau. Als er gefragt wurde, woher er sey und was er +an diesem Ort zu schaffen habe, sagte er, daß er aus dem böhmischen +Gebürg gekommen wäre und im Böhmer-Walde seine Gesellschaft hätte, die +wolle ihn nicht leiden; daher sey er nun gezwungen, sich so lang zu +entfernen und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sachen +wieder besser ständen. Sein Name sey <em class="gesperrt">Hinzelmann</em>, doch werde +er auch <em class="gesperrt">Lüring</em> genannt; er habe eine Frau, die heiße <em class="gesperrt">Hille +Bingels</em>. Wann die Zeit gekommen, wolle er sich in seiner wahren +Gestalt sehen lassen, jetzt aber wäre es ihm nicht gelegen. Uebrigens +wäre er ein guter und ehrlicher Geselle, wie einer.</p> + +<p>Der Haus-Herr, als er sah, daß sich der Geist<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> je mehr und mehr zu +ihm that, empfand ein Grauen und wußte nicht, wie er ihn los werden +sollte. Auf Anrathen seiner Freunde entschloß er sich endlich, sein +Schloß auf eine Zeit zu verlassen und nach Hannover zu ziehen. Auf dem +Weg bemerkte man eine weiße Feder, die neben dem Wagen herflog, wußte +aber nicht, was sie zu bedeuten habe. Als der Edelmann zu Hannover +angelangt war, vermißte er eine goldene Kette von Werth, die er um den +Hals getragen hatte, und warf Verdacht auf das Gesinde des Haus-Wirths; +dieser aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Genugthuung für +die ehrenrührige Anklage. Der Edelmann, der nichts beweisen konnte, +saß unmuthig in seinem Zimmer und überlegte, wie er sich aus diesem +verdrießlichen Handel ziehen könnte, als er auf einmal neben sich +Hinzelmanns Stimme hörte, der zu ihm sprach: “warum bist du so traurig? +ist dir etwas widerwärtiges begegnet, so entdecke mir’s, ich weiß dir +vielleicht Hülfe. Soll ich auf etwas rathen, so sage ich, du bist wegen +einer verlorenen Kette verdrießlich.” “Was machst du hier? antwortete +der erschrockene Edelmann, warum bist du mir gefolgt? weißt du von +der Kette?” Hinzelmann sagte: “freilich bin ich dir gefolgt und habe +dir auf der Reise Gesellschaft geleistet und war allzeit gegenwärtig. +Hast du mich nicht gesehen? ich war die weiße Feder, die neben deinem +Wagen flog. Wo die Kette ist, will ich dir sagen: such nur unter dem +Haupt-Kissen in deinem Bett, da wird sie liegen.” Als sie sich da +gefunden<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> hatte, ward dem Edelmann der Geist noch ängstlicher und +lästiger und er redete ihn heftig an, warum er ihn durch die Kette mit +dem Hauswirth in Streit gebracht, da er doch seinetwegen schon die +Heimath verlassen. Hinzelmann antwortete: “was weichst du vor mir? +ich kann dir ja allenthalben leichtlich folgen und seyn, wo du bist! +Es ist besser, daß du in dein Eigenthum zurückkehrst und meinetwegen +nicht daraus entweichst. Du siehst wohl, wenn ich wollte, könnte ich +das deinige all hinwegnehmen, aber darauf steht mein Sinn nicht.” Der +Edelmann besann sich darauf und faßte den Entschluß zurückzugehen und +dem Geist, im Vertrauen auf Gott, keinen Fuß breit zu weichen.</p> + +<p>Zu Hudemühlen zeigte sich Hinzelmann nun gar zuthätig und fleißig in +allerhand Arbeit. In der Küche handthierte er Nachts und wenn die +Köchin Abends nach der Mahlzeit Schüssel und Teller unabgewaschen +durch einander in einen Haufen hinsetzte, so waren sie Morgens wohl +gesäubert, glänzend wie Spiegel, in guter Ordnung hingestellt. Daher +sie sich auf ihn verlassen und gleich Abends nach der Mahlzeit ohne +Sorgen zu Ruhe legen konnte. Auch verlor sich niemals etwas in der +Küche, oder war ja etwas verlegt, so wußte es Hinzelmann gleich in der +verborgnen Ecke, wo es steckte, wieder zu finden und gab es seinem +Herrn in die Hände. Hatte man fremde Gäste zu erwarten, so ließ sich +der Geist sonderlich hören und sein Arbeiten dauerte die ganze Nacht: +da scheuerte er die Kessel, wusch die Schüsseln, säuberte Eimer +und Zuber.<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Die Köchin war ihm dafür dankbar, that nicht nur, was +er begehrte, sondern bereitete ihm freiwillig seine süße Milch zum +Frühstück. Auch übernahm der Geist die Aufsicht über die andern Knechte +und Mägde, gab Achtung, was ihre Verrichtung war, und bei der Arbeit +ermahnte er sie mit guten Worten fleißig zu seyn. Wenn sich aber jemand +daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit +die Lehre. Die Mägde warnte er oft vor dem Unwillen ihrer Frau und +erinnerte sie an irgend eine Arbeit, die sie nun anfangen sollten. Eben +so geschäfftig zeigte sich der Geist auch im Stalle: er wartete der +Pferde, striegelte sie fleißig, daß sie glatt anzusehen waren wie ein +Aal, auch nahmen sie sichtbarlich zu, wie in keiner Zeit, also daß sich +jedermann darüber verwunderte.</p> + +<p>Seine Kammer war im obersten Stockwerk zur rechten Seite und sein +Hausgeräthe bestand aus drei Stücken. Erstlich aus einem Sessel oder +Lehnstuhl, den er selbst von Stroh in allerhand Farben gar kunstreich +geflochten, voll zierlicher Figuren und Kreuze, die nicht ohne +Verwunderung anzusehen waren. Zweitens aus einem kleinen runden Tisch, +der auf sein vielfältiges Bitten verfertigt und dahin gesetzt war. +Drittens aus einer zubereiteten Bettstatt, die er gleichfalls verlangt +hatte. Man hat nie ein Merkmal gefunden, daß ein Mensch darin geruht, +nur fand man ein kleines Grüblein, als ob eine Katze da gelegen. Auch +mußte ihm das Gesinde, besonders die Köchin, täglich eine Schüssel voll +süßer Milch mit Brocken von Weißbrot<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> zubereiten und auf sein Tischlein +stellen, welche hernach rein ausgegessen war. Zuweilen fand er sich an +der Tafel des Hausherrn ein, wo ihm an einer besonderen Stelle Stuhl +und Teller gesetzt werden mußte. Wer vorlegte, gab ihm die Speise auf +seinen Teller und ward das vergessen, so gerieth der Haus-Geist in +Zorn. Das vorgelegte verschwand und ein gefülltes Glas Wein war eine +Weile weg und wurde dann leer wieder an seine Stelle gesetzt. Doch +fand man die Speisen hernach unter den Bänken oder in einem Winkel des +Zimmers liegen.</p> + +<p>In der Gesellschaft junger Leute war Hinzelmann lustig, sang und machte +Reime, einer der gewöhnlichsten war:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ortgieß läßt du mick hier gan,</div> + <div class="verse indent0">Glücke sallst du han;</div> + <div class="verse indent0">Wultu mick aver verdrieven</div> + <div class="verse indent0">Unglück warst du kriegen.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">wiewohl er auch die Lieder und Sprüche anderer wiederholte zur Kurzweil +oder um sie damit aufzuziehen. Als der Pfarrer Feldmann einmal auf +Hudemühlen zu Gast geladen war und vor die Thüre kam, hörte er oben +im Saal jemand singen, jauchzen und viel Wesens treiben, weshalb er +dachte, es wären Abends vorher Fremde angekommen, die oben ihre Zimmer +hätten und sich also lustig bezeigten. Er sagte darum zu dem Hofmeier, +der auf dem Platz stand und Holz gehackt hatte: “Johann, was habt +ihr droben vor Gäste?” Der Hofmeier antwortete: “niemand fremdes,<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> +es ist unser Hinzelmann, der sich so lustig stellt, es wird sonst +kein lebendiger Mensch im Saal seyn.” Als der Pfarrer nun in den Saal +hinaufstieg, sang ihm Hinzelmann entgegen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“mien Duhme (Daumen), mien Duhme,</div> + <div class="verse indent0">mien Ellboeg sind twey!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Der Pfarrer verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Gesang und +sprach zu Hinzelmann: “was soll das für eine Musik seyn, damit du nun +aufgezogen kommst?” “Ei, antwortete der Geist, das Liedlein hab ich von +euch gelernt, denn ihr habt es oft gesungen und ich hab es noch vor +etlichen Tagen, als ihr an einem gewissen Ort zur Kindtauf waret, von +euch gehört.”</p> + +<p>Hinzelmann neckte gern, ohne aber jemand Schaden dabei zu thun. +Knechte und Arbeits-Leute, wenn sie Abends beim Trank saßen, brachte +er in Handgemeng und sah ihnen dann mit Lust zu. Wenn ihnen der Kopf +ein wenig warm geworden war und es ließ einer etwa unter den Tisch +etwas fallen und bückte sich darnach, so gab er ihm rückwärts eine +gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Da geriethen +die beiden an einander, erst mit Worten, dann mit Werken und nun +mischten sich die andern hinein, so daß jeder seine Schläge austheilte +und erhielt und am andern Morgen die blauen Augen und geschwollenen +Gesichter als Wahrzeichen überall zu sehen waren. Daran ergötzte sich +Hinzelmann von Herzen und erzählte hernach, wie er es angefangen,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +um sie hintereinander zu bringen. Doch wußte er es immer so zu +stellen, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt. +Auf dem fürstlichen Schlosse zu Ahlden wohnte zu der Zeit Otto Aschen +von Mandelslohe, Drost und braunschweigischer Rath; diesem spielte +Hinzelmann auch zuweilen einen Possen. Als einmal Gäste bei ihm waren, +stiftete er einen Zank, so daß sie zornig auffuhren und nach ihren +Degen greifen wollten. Keiner aber konnte den seinigen finden und +sie mußten es bei ein paar Quer-Hieben mit der dicken Faust bewenden +lassen. Dieses Streichs hat sich Hinzelmann gar sehr gefreut und mit +vielem Lachen erzählt, daß er Urheber des Zanks gewesen, vorher aber +alles tödliche Gewehr versteckt und bei Seite gebracht. Er habe dann +zugeschaut, wie ihm sein Anschlag so wohl gelungen wäre, daß sie sich +weidlich herum geschmissen.</p> + +<p>Zu einer Zeit war ein Edelmann zu Hudemühlen eingetroffen, welcher sich +erbot, den Haus-Geist auszutreiben. Als er ihn nun in einem Gemach +merkte, dessen Thüren und Fenster überall fest geschlossen waren, ließ +er erst diese Kammer, so wie das ganze Haus, mit bewaffneten Leuten +besetzen und ging darauf selbst, von einigen begleitet, mit gezogenem +Degen hinein. Sie sahen nichts, fingen aber an links und rechts nach +allen Seiten zu hauen und zu stechen in der Meinung, den Hinzelmann, +wo er nur einen Leib habe, damit gewißlich zu erreichen und zu tödten; +indessen fühlten sie nicht, daß ihre Klingen etwas anders, als die<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> +leere Luft durchschnitten. Wie sie glaubten, ihre Arbeit vollbracht +zu haben und müd von dem vielen Fechten hinausgehen wollten, sahen +sie, als sie die Thüre des Gemachs öffneten, eine Gestalt gleich einem +schwarzen Marder hinausspringen und hörten die Worte: “ei! ei! wie +fein habt ihr mich doch ertappt!” Hernach hat sich Hinzelmann über +diese Beleidigung bitterlich beschwert und gesagt: er würde leicht +Gelegenheit haben sich zu rächen, wenn er nicht den beiden Fräulein im +Hause Verdruß ersparen wollte. Als dieser Edelmann nicht lang darauf +in eine leere Kammer des Hauses ging, erblickte er auf einer wüsten +Bettstatt eine zusammengeringelte große Schlange liegen, die sogleich +verschwand, aber er hörte die Worte des Geistes: “bald hättest du mich +erwischt!”</p> + +<p>Ein anderer Edelmann hatte viel von Hinzelmann erzählen gehört und war +begierig, selbst etwas von ihm zu erfahren. Als er nun nach Hudemühlen +kam, ward sein Wunsch erfüllt und der Geist ließ sich in dem Zimmer +aus einem Winkel bei einem großen Schrank hören, wo etliche leere +Wein-Krüge mit langen Hälsen hingesetzt waren. Weil nun die Stimme +zart und fein war und ein wenig heiser, gleich als spräche sie aus +einem hohlen Gefäße, so meinte der Edelmann, er sitze vielleicht in +einem dieser Krüge, lief hinzu, faßte sie und wollte sie zustopfen, +um auf diese Weise den Geist zu erhaschen. Als er damit umging, fing +Hinzelmann an überlaut zu lachen und sprach: “hätte ich nicht vorlängst +von andern Leuten gehört, daß du ein Narr<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> wärst, so könnte ichs nun +selbst mit ansehen, weil du meinst, ich säße in den leeren Krügen und +deckst sie mit der Hand zu, als hättest du mich gefangen. Ich achte +dich nicht der Mühe werth, sonst wollt ich dich schon witzigen, daß du +eine Zeit lang meiner gedenken solltest. Aber ein wenig gebadet wirst +du doch bald werden.” Damit schwieg er und ließ sich nicht wieder +hören, so lange der Edelmann da war; ob dieser hernach wirklich ins +Wasser gefallen, wird nicht gemeldet, doch ists zu vermuthen.</p> + +<p>Es kam auch ein Teufels-Banner, ihn auszujagen. Als dieser mit seinen +Zauber-Worten die Beschwörung anhub, war Hinzelmann zuerst still +und ließ nichts von sich hören, aber wie jener nun die kräftigsten +Sprüche gegen ihn ablesen wollte, riß er ihm das Buch aus den Händen, +zerstückelte es, daß die Blätter in dem Zimmer herum flogen, packte +den Banner dann selbst und drückte und kratzte ihn, daß er voll Angst +fortlief. Auch hierüber beklagte er sich und sprach: “ich bin ein +Christ, wie ein anderer Mensch und hoffe selig zu werden.” Als er +gefragt wurde, ob er die Kobolde und Polter-Geister kenne, antwortete +er: “was gehen mich diese an? das sind Teufels-Gespenster, zu welchen +ich nicht gehöre. Von mir hat sich niemand Böses, vielmehr alles Gute +zu versehen. Laßt mich unangefochten, so werdet ihr überall Glück +spüren: das Vieh wird gedeihen, die Güter in Aufnahme kommen und alles +wohl von Statten gehen.”</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>Laster und Untugenden waren ihm zuwider: einen von den Haus-Genossen +strafte er wegen seiner Kargheit oft mit harten Worten und sagte den +übrigen, daß er ihn um seines Geizes willen gar nicht leiden könnte. +Einem andern verwies er seine Hoffahrt, die er von Herzen hasse. Als +einmal zu ihm gesagt wurde, wenn er ein guter Christ seyn wolle, so +müßte er Gott anrufen und die Gebäte der Christen sprechen, fing er +an das Vater unser zu sagen und sprach es bis zur sechsten Bitte, die +Worte “erlöse uns von dem Bösen,” murmelte er nur leise. Er sagte +auch den christlichen Glauben her, aber zerrissen und stammelnd. Denn +als er zu den Worten gelangte: “ich glaube eine Vergebung der Sünden, +Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben,” brachte er sie mit +heiserer und undeutlicher Stimme hervor, also daß man ihn nicht recht +hören und verstehen konnte. Der Prediger zu Eickelohe, weiland Hr. +Marquard Feldmann, berichtet, daß sein Vater um die Zeit der Pfingsten +auf Hudemühlen zu Gast gebeten worden; da habe Hinzelmann den schönen +Gesang: “nun bitten wir den heiligen Geist” wie eine Jungfrau oder +ein junger Knabe mit sehr hoher und nicht unangenehmer Stimme bis +ganz zu Ende gesungen. Ja, nicht allein diesen, sondern viele andere +geistliche Gesänge, habe er auf Verlangen angestimmt, besonders wenn +ihn diejenigen darum begrüßt, die er für seine Freunde gehalten und mit +welchen er vertraulich gewesen.</p> + +<p>Darum ward der Geist gewaltig bös, wenn man<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> ihn nicht ehrlich und +nicht als einen Christen behandelte. Einmal reiste ein Edelmann aus +dem Geschlecht von Mandelsloh nach Hudemühlen. Er stand wegen seiner +Gelehrsamkeit in großem Ansehen, war Domherr bei dem Stift Verden und +Gesandter bei dem Kurfürst von Brandenburg und dem Könige von Dänemark. +Als er nun von dem Haus-Geist hörte, und daß er als ein Christ wollte +angesehen seyn, sprach er, er könnte nicht glauben, daß es gut mit ihm +stehe, er müsse ihn vielmehr für den bösen Feind und den Teufel halten, +denn Menschen solcher Art und Gestalt habe Gott nicht erschaffen, die +Engel aber lobten Gott ihren Herrn und schirmten und schützten die +Menschen; damit stimme das Poltern und Toben und die abentheuerlichen +Händel des Geistes nicht überein. Hinzelmann, der während seiner +Anwesenheit sich noch nicht hatte hören lassen, machte ein Geräusch +und sprach: “was sagst du, Barthold? (also hieß der Edelmann) bin ich +der böse Feind? Ich rathe dir, sage nicht zu viel, oder ich werde dir +ein anderes zeigen und dir weisen, daß du ein andermal ein besseres +Urtheil von mir fällen sollst.” Der Herr entsetzte sich, als er, +ohne jemand zu sehen, eine Stimme sprechen hörte, brach die Rede ab +und wollte nichts mehr von ihm hören, sondern ihn in seinen Würden +lassen. Zu einer andern Zeit kam ein Edelmann, welcher bei Tisch, als +er den Stuhl und den Teller für Hinzelmann sah, ihm nicht zutrinken +wollte. Darüber beschwerte sich der Geist und sprach: “ich bin ein so +ehrlicher und guter<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Gesell als dieser: warum trinkt er mich vorüber?” +Darauf antwortete der Edelmann: “weiche von hinnen und trinke mit +deinen höllischen Gesellen, hier hast du nichts zu schaffen!” Als +Hinzelmann das hörte, ward er so heftig erbittert, daß er ihn bei dem +Schnall-Riemen packte, damit er nach damaliger Sitte seinen Mantel +unter dem Halse zugeschnallt hatte, nieder zur Erde zog und also +würgte und drückte, daß allen Anwesenden angst wurde, er mögte ihn +umbringen und jener, nachdem der Geist von ihm abgelassen, sich erst +nach einigen Stunden wieder erholen konnte. Wiederum reiste einmal ein +guter Freund des Hausherrn bei Hudemühlen vorbei, trug aber Bedenken +wegen des Haus-Geistes, von dessen Schalkheit ihm vieles war erzählt +worden, einzukehren und schickte seinen Diener, um zu melden, daß er +nicht einsprechen könne. Der Haus-Herr ließ ihn inständig bitten, bei +ihm die Mittags-Mahlzeit zu nehmen, aber der Fremde entschuldigte sich +höflich damit, daß er sich nicht aufhalten dürfte; doch setzte er +hinzu, es errege ihm zu großen Schrecken, mit einem Teufels-Gespenst an +einem Tisch zu sitzen, zu essen und zu trinken. Bei dieser Unterredung +draußen hatte sich Hinzelmann auch eingefunden, denn man hörte, nachdem +sich der Fremde also geweigert, die Worte: “warte, mein guter Geselle, +die Rede soll dir schon bezahlt werden!” Als nun der Reisende fortfuhr +und auf die Brücke kam, welche über die Meisse geht, stiegen die Pferde +mit den vordern Füßen in die Höhe, verwickelten sich ins Geschirr,<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> +daß wenig fehlte, so wäre er mit Roß und Wagen ins Wasser gestürzt. +Wie alles wieder zurecht gebracht war und der Wagen einen Schuß weit +gefahren, wurde er zwischen Eickelohe und Hudemühlen auf ebener Erde in +dem Sand umgekehrt, doch ohne daß die darin Sitzenden weiteren Schaden +nahmen.</p> + +<p>Wie Hinzelmann gern in Gesellschaft und unter Leuten war, so hielt +er sich doch am liebsten bei den Frauen auf und war mit ihnen gar +freundlich und umgänglich. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna +und Katharine, welchen er besonders zugethan war, ihnen klagte er sein +Leid, wenn er war erzürnt worden und führte sonst allerhand Gespräche +mit ihnen. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen +und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder allenthalben. Legten +sie sich Nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem +Deckbett und man sah am Morgen eine kleine Grube, als ob ein Hündlein +da gelegen hätte. Beide Fräulein verheiratheten sich nicht, denn +Hinzelmann schreckte alle Freier ab. Manchmal kam es so weit, daß eben +die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch +immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein +seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt, +daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er +solche Angst, daß er zitterte und bebte. Gemeinlich aber machte er an +die gegenüber stehende weiße Wand eine Schrift mit großen goldenen +Buchstaben ihnen vor<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> die Augen: “nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer +Katharine.” Kam aber einer und wollte sich bei Fräulein Anne beliebt +machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene +Schrift und lautete umgekehrt: “nimm Jungfer Katharine und laß mir +Jungfer Anne.” Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem +Vorsatz blieb, und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und +narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich aller +Heiraths-Gedanken entschlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davon +kam. Etliche hat er, wenn sie auf dem Rückweg waren, mit den Pferden +über und über geworfen, daß sie Hals und Bein zu brechen meinten und +nicht wußten, wie ihnen geschehen. Also blieben die zwei Fräulein +unverheirathet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb +acht Tagen.</p> + +<p>Einmal hatte eine dieser Fräulein von Hudemühlen einen Knecht +nach Rethem geschickt, dies und jenes einzukaufen. Während dessen +Abwesenheit fing der Geist in dem Gemache der Fräulein plötzlich an +wie ein Storch zu klappern und sprach dann: “Jungfer Anne, heut magst +du deine Sachen im Mühlen-Graben wieder suchen!” Sie wußte nicht, was +das heißen sollte, bald aber trat der Knecht ein und erzählte, daß er +auf dem Heimritt unterwegs einen Storch nicht weit von sich sitzen +gesehen, auf den er aus langer Weile geschossen. Es habe auch nicht +anders geschienen, als ob er ihn getroffen, der Storch aber wäre<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +dennoch sitzen geblieben und, nachdem er angefangen laut zu klappern, +endlich fortgeflogen. Nun zeigte sich, daß Hinzelmann das gewußt, bald +aber traf auch seine Weißagung ein. Der Knecht, einigermaßen berauscht, +wollte sein von Schweiß und Staub bedecktes Pferd rein baden und ritt +es in das vor dem Schloß liegende Mühlen-Wasser, verfehlte aber in der +Trunkenheit des rechten Orts, gerieth in einen tiefen Abgrund und, da +er sich nicht auf dem Pferd erhalten konnte, fiel er hinab und ertrank. +Die geholten Sachen hatte er noch nicht abgelegt, daher sie sammt dem +Leichnam aus dem Wasser mußten herausgesucht werden.</p> + +<p>Auch andern hat Hinzelmann die Zukunft voraus gesagt und sie gewarnt. +Es kam ein Oberster nach Hudemühlen, der bei dem König Christian III. +von Dänemark in besonderm Ansehen stand und in den Kriegen mit der +Stadt Lübeck tapfere Dienste geleistet hatte. Dieser war ein guter +Schütze und großer Liebhaber der Jagd, also daß er manche Stunde damit +zubrachte, in dem umliegenden Gehölze den Hirschen und wilden Sauen +nachzustellen. Als er sich eben wieder zu einer Jagd bereitete, kam +Hinzelmann und sprach: “Thomas, (das war sein Name) ich warne dich, daß +du im Schießen dich vorsiehst, sonst hast du in kurzem ein Unglück.” +Der Oberst achtete nicht darauf und meinte, das hätte nichts zu +bedeuten. Wenige Tage hernach, als er auf ein Reh losbrannte, zersprang +die Büchse von dem Schuß und schlug ihm<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> den Daumen aus der linken +Hand. Wie es geschehen war, fand sich gleich Hinzelmann bei ihm und +sprach: “sieh, nun hast du’s, wovor ich dich gewarnt: hättest du dich +diese Zeit über des Schießens enthalten, der Unfall wäre dir nicht +begegnet.”</p> + +<p>Es war ein andermal ein Herr von Falkenberg, auch ein Kriegsmann, zum +Besuch auf Hudemühlen angelangt. Da er ein frisches und fröhliches Herz +hatte, fing er an, den Hinzelmann zu necken und allerhand kurzweilige +Reden zu gebrauchen. Dies wollte dem Geist in die Länge nicht gefallen, +sondern er begann sich unwillig zu gebährden und fuhr endlich mit den +Worten heraus: “Falkenberg, du machst dich jetzt trefflich lustig +über mich, aber komm nur hin vor Magdeburg, da wird man dir die Kappe +ausbürsten, daß du deiner Spott-Reden vergessen wirst.” Der Edelmann +erschrak, glaubte daß mehr hinter diesen Worten stecke, brach die +Unterredung mit Hinzelmann ab und zog bald darauf fort. Nicht lange +nachher begann die Belagerung von Magdeburg unter dem Churfürst Moriz; +wobei auch dieser Herr von Falkenberg unter einem vornehmen deutschen +Fürsten zugegen war. Die Belagerten wehrten sich tapfer und gaben +Tag und Nacht mit Doppel-Haken und anderm Geschütz Feuer und es traf +sich, daß diesem Falkenberg von einer Falkonett-Kugel das Kinn ganz +hinweggeschossen wurde und er drei Tage darauf, nach den größten +Schmerzen an dieser Wunde starb.</p> + +<p>Ein Mann aus Hudemühlen war einmal sammt<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> andern Arbeits-Leuten und +Knechten im Feld und mähte Korn, ohne an etwas unglückliches zu denken. +Da kam Hinzelmann zu ihm auf den Acker und rief: “lauf! lauf in aller +Eile nach Haus, und hilf deinem jüngsten Söhnlein, das ist eben jetzt +mit dem Gesicht ins Feuer gefallen und hat sich sehr verbrennt.” Der +Mann legte erschrocken seine Sense nieder und eilte heim, zu sehen, ob +Hinzelmann die Wahrheit geredet. Kaum aber war er über die Thürschwelle +geschritten, als man ihm schon entgegen lief und das Unglück erzählte, +wie er denn auch sein Kind über das ganze Gesicht elendiglich verbrannt +sah. Es hatte sich auf einen kleinen Stuhl bei das Feuer gesetzt, wo +ein Kessel überhing. Als es nun mit einem Löffel hineinlangen wollte +und sich mit dem Stuhl vorwärts überbog, fiel es mit dem Gesicht mitten +ins Feuer. Indeß, weil die Mutter in der Nähe war, lief sie herzu und +riß es aus den Flammen wieder heraus, also daß es zwar etwas verbrannt +war, doch aber dem Tode noch entrissen ward. Merkwürdig ist, daß fast +in demselben Augenblick, wo das Unglück geschehen, der Geist es auch +schon dem Vater im Felde verkündigte und ihn zur Rettung aufmahnte.</p> + +<p>Wen der Geist nicht leiden konnte, den plagte er oder strafte ihn für +seine Untugenden. Den Schreiber zu Hudemühlen beschuldigte er gar zu +großer Hoffahrt, ward ihm darum gehässig und that ihm Tag und Nacht +mancherlei Drangsal an. Einsmals erzählte er ganz fröhlich, er habe +dem hochmüthigen Schreiber eine<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> rechtschaffene Ohrfeige gegeben. Als +man den Schreiber darum fragte, und ob der Geist bei ihm gewesen, +antwortete er: “ja mehr als zu viel ist er bei mir gewesen, er hat +mich diese Nacht gequält, daß ich vor ihm nicht zu bleiben wußte.” Er +hatte aber eine Liebschaft mit dem Kammer-Mädchen, und als er sich nun +einmal Nachts bei ihr zu einem vertraulichen Gespräch eingefunden und +sie in größter Lust beisammen saßen und meinten, daß niemand als die +vier Wände sie sehen könnte, kam der arglistige Geist, trieb sie aus +einander und stöberte den guten Schreiber unsanft zur Thüre hinaus, +ja er faßte überdem einen Besenstiel und setzte ihm nach, der über +Hals und Kopf nach seiner Kammer eilte und seine Liebe ganz vergaß. +Hinzelmann soll ein Spott-Lied auf den unglücklichen Liebhaber gemacht, +solches zur Kurzweil oft gesungen und den Durchreisenden unter Lachen +vorgesagt haben.</p> + +<p>Es war jemand zu Hudemühlen plötzlich gegen Abend von heftigem Magenweh +angefallen und eine Magd in den Keller geschickt, einen Trunk Wein zu +holen, darin der Kranke die Arznei nehmen sollte. Als nun die Magd vor +dem Fasse saß und eben den Wein zapfen wollte, fand sich Hinzelmann +neben ihr und sprach: “du wirst dich erinnern, daß du mich vor einigen +Tagen gescholten und geschmäht hast, dafür sollst du diese Nacht zur +Strafe im Keller sitzen. Mit dem Kranken hat es ohnehin keine Noth, in +einer halben Stunde wird all sein Weh vorüber seyn und der Wein, den +du ihm brächtest, würde ihm eher schaden, als<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> nützen. Bleib nur hier +sitzen, bis der Keller wieder aufgemacht wird.” Der Kranke wartete +lang, als der Wein nicht kam, ward eine andere hinabgeschickt, aber sie +fand den Keller außen mit einem Häng-Schloß fest verwahrt, und die Magd +darin sitzen, die ihr erzählte, daß Hinzelmann sie also eingesperrt +habe. Man wollte zwar den Keller öffnen und die Magd heraushaben, +aber es war kein Schlüssel zu dem Schloß aufzufinden, so fleißig auch +gesucht ward. Folgenden Morgen war der Keller offen und Schloß und +Schlüssel lagen vor der Thüre, so daß die Magd wieder herausgehen +konnte. Bei dem Kranken hatten, wie der Geist gesagt, nach einer halben +Stunde sich alle Schmerzen verloren.</p> + +<p>Dem Haus-Herrn zu Hudemühlen hat sich der Geist niemals gezeigt, wenn +er ihn bat, er mögte sich, wo er wie ein Mensch gestaltet sey, vor ihm +sehen lassen, antwortete er, die Zeit wäre noch nicht gekommen, er +solle warten, bis es ihm anständig sey. Als der Herr in einer Nacht +schlaflos im Bette lag, merkte er ein Geräusch an der einen Seite +der Kammer und vermuthete, es müßte der Geist gegenwärtig seyn. Er +sprach demnach: “Hinzelmann, bist du da, so antworte mir.” “Ja ich bin +es, erwiederte er, was willst du?” Da eben vom Mondschein die Kammer +ziemlich erhellt war, däuchte den Herrn, als ob an dem Orte, wo der +Schall herkam, der Schatten einer Kindes-Gestalt zu sehen wäre. Als +er nun merkte, daß sich der Geist ganz freundlich und vertraulich +anstellte, ließ er<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> sich mit ihm in ein Gespräch ein und sprach +endlich: “laß dich doch einmal von mir sehen und anfühlen.” Hinzelmann +aber wollte nicht. “So reich mir wenigstens deine Hand, damit ich +erkennen kann, ob du Fleisch und Bein hast, wie ein Mensch.” “Nein, +sprach Hinzelmann, ich traue dir nicht, du bist ein Schalk, du mögtest +mich ergreifen und hernach nicht wieder gehen lassen.” Nach langem +Anhalten aber und als er ihm bei Treu und Glauben versprochen, ihn +nicht zu halten, sondern alsobald wieder gehen zu lassen, sagte er: +“siehe da ist meine Hand!” Wie nun der Herr darnach griff, däuchte ihn, +als wenn er die Finger einer kleinen Kinder-Hand fühlte; der Geist +aber zog sie gar geschwind wieder zurück. Der Herr begehrte ferner, er +sollte ihn nun sein Angesicht fühlen lassen, worin er endlich willigte +und wie jener darnach tastete, kam es ihm vor, als ob er gleichsam an +Zähne oder an ein fleischloses Todten-Gerippe rührte; das Gesicht aber +zog sich ebenfalls im Augenblick zurück, also daß er seine eigentliche +Gestalt nicht wahrnehmen konnte; nur bemerkte er, daß es, wie die Hand, +kalt und ohne menschliche Lebens-Wärme war.</p> + +<p>Die Köchin, welche mit ihm gar vertraulich war, meinte, sie dürfte ihn +wohl um etwas bitten, wo es ein anderer unterlassen müßte und als ihr +nun die Lust kam, den Hinzelmann, den sie täglich reden hörte, mit +Essen und Trinken versorgte, leiblich zu sehen, bat sie ihn inständig, +ihr das zu gewähren. Er aber wollte nicht und sagte, dazu wäre jetzt +noch nicht die<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Gelegenheit, nach Ablauf gewisser Zeit wollte er sich +von jedermann sehen lassen. Aber durch diese Weigerung ward ihre Lust +nur noch heftiger erregt und sie lag ihm je mehr und mehr an, ihr die +Bitte nicht zu versagen. Er sagte, sie würde den Vorwitz bereuen, wenn +er ihrer Bitte nachgeben wollte, als dies aber nichts fruchtete und +sie gar nicht abstehen wollte, sprach er endlich: “Morgen vor Aufgang +der Sonne komm in den Keller und trag in jeder Hand einen Eimer voll +Wasser, so soll dir deine Bitte gewährt werden.” Die Magd fragte: +“wozu soll das Wasser?” “Das wirst du erfahren, antwortete der Geist, +ohne das würde dir mein Anblick schädlich seyn.” Am andern Morgen war +die Köchin in aller Frühe bereit, nahm in jede Hand einen Eimer mit +Wasser und ging in den Keller hinab. Sie sah sich darin um ohne etwas +zu erblicken, als sie aber die Augen auf die Erde warf, ward sie vor +sich eine Mulde gewahr, worin ein nacktes Kind, der Größe nach etwa von +dreien Jahren, lag: in seinem Herzen steckten zwei Messer kreuzweis +übereinander und sein ganzer Leib war mit Blut beflossen. Von diesem +Anblick erschrak die Magd dermaßen, daß ihr alle Sinne vergingen und +sie ohnmächtig zur Erde fiel. Alsbald nahm der Geist das Wasser, das +sie mitgebracht und goß es ihr über den Kopf aus, wodurch sie wieder +zu sich selber kam. Sie sah sich nach der Mulde um, aber es war alles +verschwunden und sie hörte nur Hinzelmanns Stimme, der zu ihr sprach: +“siehst du nun, wie nützlich das Wasser<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> dir gewesen, war solches nicht +bei der Hand, so wärst du hier im Keller gestorben. Ich hoffe, nun wird +deine heiße Begierde, mich zu sehen, abgekühlt seyn.” Er hat hernach +die Köchin oft mit diesem Streich geneckt und ihn Fremden mit vielem +Lachen erzählt.</p> + +<p>Der Prediger Feldmann von Eickelohe schreibt in einem Brief vom 14. +December 1597, Hinzelmann habe eine kleine Hand, gleich der eines +Knaben oder einer Jungfrau, öfters sehen lassen, sonst aber hätte man +nichts von ihm erblicken können.</p> + +<p>Unschuldigen, spielenden Kindern hat er sich immer gezeigt. Der Pfarrer +Feldmann wußte sich zu besinnen, daß, als er 14 bis 15 Jahr alt gewesen +und sich nicht sonderlich um ihn bekümmert, er den Geist in Gestalt +eines kleinen Knaben die Treppe gar geschwind hinaufsteigen gesehen. +Wenn sich Kinder um das Haus Hudemühlen versammelten und mit einander +spielten, fand er sich unter ihnen ein und spielte mit in der Gestalt +eines kleinen schönen Kindes, also daß alle anderen Kinder ihn deutlich +sahen und hernach daheim ihren Eltern erzählten, wie, wenn sie im Spiel +begriffen wären, ein fremdes Kindlein zu ihnen käme und mit ihnen +Kurzweil treibe. Dies bekräftigte eine Magd, die einmal in ein Gemach +getreten, wo vier oder sechs Kinder mit einander gespielt; unter diesen +hat sie ein unbekanntes Knäblein gesehen von schönem Angesicht mit +gelben, über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen rothen +Sammt-Rock gekleidet, welches, wie sie es recht betrachten wollte, aus +dem Haufen<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> sich verlor und verschwand. Auch von einem Narren, der +sich dort aufhielt und Claus hieß, hat sich Hinzelmann sehen lassen +und allerhand Kurzweil mit ihm getrieben. Wenn man den Narren nirgends +finden konnte und hernach befragte, wo er so lange gewesen, antwortete +er: “ich war bei dem kleinen Männlein und habe mit ihm gespielt.” +Fragte man weiter, wie groß das Männlein gewesen, zeigte er mit der +Hand eine Größe, wie etwa eines Kindes von vier Jahren.</p> + +<p>Als die Zeit kam, wo der Haus-Geist wieder fortziehen wollte, ging er +zu dem Herrn und sprach: “siehe, da will ich dir etwas verehren, das +nimm wohl in acht und gedenk meiner dabei.” Damit überreichte er ihm +erstlich ein keines <em class="gesperrt">Kreuz</em> (es ist ungewiß nach des Verfassers +Worten, ob aus Seide oder Saiten) gar artig geflochten. Es war eines +Fingers lang, inwendig hohl und gab, wenn man es schüttelte, einen +Klang von sich. Zweitens einen <em class="gesperrt">Stroh-Hut</em>, den er gleichfalls +selbst verfertigt hatte und worin, gar künstlich, Gestalten und +Bilder durch das bunte Stroh zu sehen waren. Drittens einen ledernen +<em class="gesperrt">Handschuh</em> mit Perlen besetzt, die wunderbare Figuren bildeten. +Dann fügte der Geist die Weißagung hinzu: “so lange diese Stücke +unzertheilt bei deinem Hause in guter Verwahrung bleiben, wird das +ganze Geschlecht blühen und ihr Glück immer höher steigen. Werden diese +Geschenke aber zergliedert, verloren oder verschleudert, so wird euer +Geschlecht abnehmen und sinken.” Und als er wahrnahm, daß der Herr +keinen sonderlichen Werth<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> auf die Geschenke zu legen schien, sprach +er weiter: “ich fürchte, daß du diese Dinge nicht viel achtest und +sie abhanden kommen lässest, darum will ich dir rathen, daß du sie +deinen beiden Schwestern Anne und Katharine aufzuheben übergibst, die +besser dafür sorgen werden.” Darauf gab der Haus-Herr diese Geschenke +seinen Schwestern, welche sie annahmen und in guter Verwahrung hielten +und nur aus sonderlicher Freundschaft jemand zeigten. Nach ihrem Tode +fielen sie auf den Bruder zurück, der sie zu sich nahm und bei dem sie, +so lang er lebte, blieben. Dem Pfarrer Feldmann hat er sie bei einer +vertraulichen Unterredung auf seine Bitte gezeigt. Als dieser Herr +auch starb, kamen sie auf dessen einzige Tochter Adelheid, an L. v. H. +verheirathet, mit andern Erbschafts-Sachen und blieben eine Zeitlang in +ihrem Besitz. Wo diese Geschenke des Haus-Geistes hernach hingekommen, +hat sich der Sohn des Pfarrers Feldmann vielfach erkundigt und +erfahren, daß der Strohhut dem Kaiser Ferdinand II. sey verehrt worden, +der ihn für etwas gar wunderbares geachtet. Der lederne Handschuh war +noch zu seiner Zeit in Verwahrung eines Edelmanns. Er war kurz und +reichte genau nur über die Hand, oben über der Hand ist mit Perlen eine +Schnecke gestickt. Wohin das kleine Kreuz gekommen, blieb unbekannt.</p> + +<p>Der Geist schied freiwillig, nachdem er vier Jahr zu Hudemühlen sich +aufgehalten, vom Jahr 1584 bis 1588. Ehe er von dannen gezogen, hat +er noch gesagt, er werde einmal wiederkommen, wenn das Geschlecht,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> +in Abnahme gerathe, und dann werde es aufs neue wieder blühen und +aufsteigen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_76">76.<br> +Klopfer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Fränkische Sage. Reizenstein. Leipz. 1778. I. 76.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Schloß zu Flügelau hauste ein guter Geist, der den Mädchen alles zu +Gefallen that; sie durften nur sagen: “Klopfer hols!” so wars da. Er +trug Briefe weg, wiegte die Kinder und brach das Obst. Aber wie man +einmal von ihm haben wollte, er sollte sich sehen lassen, und nicht +nachließ, bis ers that, fuhr er feurig durch den Rauchfang hinaus und +das ganze Schloß brannte ab, das noch nicht wieder aufgebaut ist. Es +ist kurze Zeit vor dem Schwedenkriege geschehn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_77">77.<br> +Stiefel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>In dem Schlosse Calenberg hauste ein kleiner Geist Namens +<em class="gesperrt">Stiefel</em>. Er war einmal an einem Bein beschädigt worden und trug +seitdem einen großen Stiefel, der ihm das ganze Bein bedeckte, weil er +fürchtete, es mögte ihm ausgerissen werden.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_78">78.<br> +Ekerken.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Weier</em> von der Zauberei. + VI. 15.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei dem Dorf Elten, eine halbe Meile von Emmerich im Herzogthum Cleve, +war ein Geist, den die gemeinen Leute <em class="gesperrt">Ekerken</em> (Eichhörnchen) +zu nennen pflegten. Es sprang auf der Landstraße umher und neckte und +plagte die Reisenden auf alle Weise. Etliche schlug es, andere warf +er von den Pferden ab, anderen kehrte er Karrn und Wagen unterst zu +oberst. Man sah aber mit Augen von ihm nichts, als eine menschlich +gestaltete Hand.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_79">79.<br> +Nacht-Geist zu Kendenich.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Cöln.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem alten Rittersitz Kendenich, etwa zwei Stunden von Cöln +am Rhein, ist ein mooriger, von Schilf und Erlensträuchen dicht +bewachsener Sumpf. Dort sitzt eine Nonne verborgen und keiner mag am +Abend an ihr vorübergehen, dem sie nicht auf den Rücken zu springen +sucht. Wen sie erreicht, der muß sie tragen, und sie treibt und jagt +ihn durch die ganze Nacht, bis er ohnmächtig zur Erde stürzt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_80">80.<br> +Der Alp.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündliche Erzählungen.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 1-40. II. 160-162.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + 126-137.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wenn gleich vor den Alpen Fenster und Thüre verschlossen werden, so +können sie durch die kleinsten Löcher doch hereinkommen, welche sie +mit sonderlicher Lust aufsuchen. Man kann in der Stille der Nacht das +Geräusch hören, welches sie dabei in der Wand machen. Steht man nun +geschwind auf und verstopft das Loch, so müssen sie bleiben, können +auch nicht von dannen, selbst wenn Thür und Thor geöffnet würden. +Man muß ihnen hierauf das Versprechen abnehmen, daß sie diesen Ort +niemals beunruhigen wollen, bevor man sie in Freiheit setzt. Sie haben +bei solchen Gelegenheiten erbärmlich geklagt, wie sie zu Haus ihre +Kinderchen hätten, die verschmachten müßten, so sie nicht los kämen.</p> + +<p>Der Trud oder Alp kommt oft weit her bei seinen nächtlichen Besuchen. +Einsmals sind Hirten mitten in der Nacht im Felde gewesen und haben +nicht weit von einem Wasser ihrer Herden gewartet. Da kommt ein Alp, +steigt in den Kahn, löst ihn vom Ufer ab und rudert mit einer selbst +mitgebrachten Schwinge hinüber, steigt alsdann aus, befestiget den Kahn +jenseits und verfolgt seinen Weg. Nach einer Weile kehrt er zurück<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> und +rudert eben so herüber. Die Hirten aber, nachdem sie solchem mehrere +Nächte zugesehen und es geschehen lassen, bereden sich, diesen Kahn +wegzunehmen. Wie nun der Alp wiederkommt, so hebt er an kläglich zu +winseln und droht den Hirten, den Kahn gleich herüber zu schaffen, wenn +sie Frieden haben wollten; welches sie auch thun müssen.</p> + +<p>Jemand, um den Alp abzuhalten, legte eine Hechel auf den Leib, aber +der Alp drehte sie gleich um und drückte ihm die Spitzen in den Leib. +Ein besseres Mittel ist es, die Schuhe vor dem Bette umzukehren, also +daß die Hacken das Spannbett am nächsten bei sich haben. Wenn er +drückt und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muß er weichen. +Nachts reitet er oft die Pferde, so daß man ihnen Morgens anmerkt, +wie sie abgemattet sind. Mit Pferdeköpfen kann er auch vertrieben +werden. Wer vor dem Schlafengehen seinen Stuhl nicht versetzt, den +reitet der Mahr des Nachts. Gern machen sie den Leuten Weichsel-Zöpfe +(Schrötleins-Zöpfe, Mahren-Flechten), indem sie das Haar saugen und +verflechten. Wenn die Muhme ein Kind windelt, muß sie ein Kreuz machen +und einen Zipfel aufschlagen, sonst windelt es der Alp noch einmal.</p> + +<p>Sagt man zu dem drückenden Alp:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Trud komm Morgen,</div> + <div class="verse indent0">so will ich borgen!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">weicht er alsbald und kommt am andern Morgen in Gestalt eines Menschen, +etwas zu borgen. Oder ruft<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> man ihm nach: “komm Morgen und trink mit +mir,” so muß derjenige kommen, der ihn gesandt hat.</p> + +<p>Nach Prätorius stoßen seine Augenbraunen in gleichen Linien zusammen, +andere erzählen, daß Leute, denen die Augenbraunen auf der Stirne +zusammengewachsen sind, andern, wenn sie Zorn oder Haß auf sie haben, +den Alp mit bloßen Gedanken zuschicken können. Er kommt dann aus den +Augenbraunen, sieht aus wie ein kleiner weißer Schmetterling und setzt +sich auf die Brust des andern Schlafenden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_81">81.<br> +Der Wechselbalg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 6. 7.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätor.</em> Weltbeschr. + I. 363. 364.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Heßloch, bei Odernheim im Gau gelegen, hat sichs zugetragen, daß +der Kellner eines geistlichen Herrn mit der Köchin wie seiner Ehefrau +gelebt, nur daß er sich nicht durfte öffentlich einsegnen lassen. +Sie zeugten ein Kind miteinander, aber das wollte nicht wachsen und +zunehmen, sondern es schrie Tag und Nacht und verlangte immer zu essen. +Endlich hat sich die Frau berathen und wollte es gen Neuhausen auf die +Cyriaks-Wiese tragen und wiegen lassen und aus dem Cyriaks-Brunnen ihm +zu trinken geben, so mögte es besser mit ihm werden. Denn es war damals +Glauben, ein Kind müsse dann nach neun Tagen sich zum<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> Leben oder Tod +verändern<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>. Wie nun die Frau bei Westhofen in den Klauer kommt mit +dem Kind auf dem Rücken, welches ihr so schwer geworden, daß sie keucht +und der Schweis ihr übers Angesicht lauft, begegnet ihr ein fahrender +Schüler, der redet sie an: “ei Frau, was tragt ihr da für ein wüstes +Geschöpf, es wäre kein Wunder, wenn es euch den Hals eindrückte.” Sie +antwortete, es wäre ihr liebes Kind, das wollte nicht gedeihen und +zunehmen, daher es zu Neuhausen sollte gewogen werden. Er aber sprach: +“das ist nicht euer Kind, es ist der Teufel<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>, werft ihn in den Bach!” +Als sie aber nicht wollte, sondern beharrte, es wäre ihr Kind und es +küßte, sprach er weiter: “euer Kind stehet daheim in der Stuben-Kammer +hinter der Arke in einer neuen Wiege, werfet diesen Unhold in den +Bach!” da hat sie es mit Weinen und Jammern gethan. Alsobald ist ein +Geheul und Gemurmel unter der Brücke, auf der sie stand, gehört worden, +gleich wie von Wölfen und Bären. Und als die Mutter heimgekommen, hat +sie ihr Kindlein frisch und gesund und lachend in einer neuen Wiege +gefunden.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Ein Wechselbalg wird gewöhnlich nicht älter als sieben +Jahre; nach andern jedoch sollen sie 18-19 Jahre leben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Denn der Teufel nimmt die rechten Kinder aus der +Wiege, führt sie fort und legt seine dafür hinein. Daher der Name: +<em class="gesperrt">Wechselbalg</em>.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_82">82.<br> +Die Wechselbälge im Wasser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kirchhof’s</em> Wendunmuth <span class="antiqua">V. 314. + Nr. 258.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten 9.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hildebrand</em> Entdeckung der Zauberei S. 109.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Fischart</em> im wilden Teufels Heer.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden + 105<span class="antiqua">b</span>. 106<span class="antiqua">a</span>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Halberstadt hatte ein Bauer einen Kielkropf, der seine Mutter und +fünf Muhmen ausgesogen, dabei unmäßig gegessen hatte (denn sie essen +mehr, als zehn andere Kinder), und sich so angestellt, daß sie seiner +gar müd geworden. Es ward ihm der Rath gegeben, er solle das Kind zur +Wallfahrt gen Heckelstadt zur Jungfrau Maria geloben und daselbst +wiegen lassen. Diesem Rath folgte der gute Bauer, setzte es in einen +Rückkorb und trug es hin. Wie er aber über ein Wasser geht und auf der +Brücke ist, rufts unten im Wasser: “Kielkropf! Kielkropf!” Da antwortet +das Kind in dem Korbe, das niemals zuvor ein Wort geredet hatte: “ho! +ho!” Dessen war der Bauer ungewohnt und sehr erschrocken. Darauf fragte +der Teufel im Wasser ferner: “wo willt du hin?” Der Kielkropf oben +antwortete: “ick well gen Heckelstadt to unser leven Fruggen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">mik laten wigen</div> + <div class="verse indent0">dat ick möge gedigen” (gedeihen).</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Wie der Bauer hörte, daß der Wechselbalg ordentlich reden konnte, ward +er zornig und warf ihn sammt dem Korb ins Wasser. Da sind die zwei +Teufel zusammengefahren,<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> haben geschrien: “ho! ho! ha!” mit einander +gespielt und sich überworfen und sind darnach verschwunden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_83">83.<br> +Der Alraun.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Simplicissimi</em> Galgen-Männlein. + Im dritten Theil.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Israel Fronschmidt</em> vom + Galgen-Männlein.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Rollenhagen’s</em> Indian. Reisen. + Magdeb. 1605. S. 271. 272.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. S. + 226-235.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. II. + 215. 216. Weihnachtsfr. 155. 156.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Harsdörfer’s</em> Mordgeschichten + Nr. 45. S. 151.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Chr. Gotfr. + Roth</span></em> <span class="antiqua">diss. de imagunculis Germanor. + magicis, quas Alraunas vocant. Helmst. 1737. 8.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Es ist Sage, daß, wenn ein Erb-Dieb, dem das Stehlen durch Herkunft aus +einem Diebs-Geschlecht angeboren ist, oder dessen Mutter, als sie mit +ihm schwanger ging, gestolen, wenigstens groß Gelüsten dazu gehabt, +(nach andern, wenn er zwar ein unschuldiger Mensch, in der Tortur aber +sich für einen Dieb bekennet) und der ein reiner Jüngling ist, gehenkt +wird und das Wasser läßt (<span class="antiqua">aut sperma in terram effundit</span>), so +wächst an dem Ort der <em class="gesperrt">Alraun</em> oder das <em class="gesperrt">Galgen-Männlein</em>. +Oben hat er breite Blätter und gelbe Blumen. Bei der Ausgrabung +desselben ist große Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, +heult und schreit er so entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, +alsbald sterben muß. Um ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag +vor Sonnen-Aufgang,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> nachdem man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder +Pech wohl verstopft, mit einem ganz schwarzen Hund, der keinen andern +Flecken am Leib haben darf, hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun +machen und die Erde rings herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch +mit kleinen Fasern in der Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit +einer Schnur dem Hund an den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen +und eilig davon laufen. Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht +die Wurzel heraus, fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, +alsbald todt hin. Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit rothem +Wein sauber ab, wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie +in ein Kästlein, badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein +neues weißes Hemdlein. Fragt man nun den Alraun, so antwortet er und +offenbart zukünftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen. Der +Besitzer hat von nun an keine Feinde, kann nicht arm werden und hat er +keine Kinder, so kommt Eheseegen. Ein Stück Geld, das man ihm Nachts +zulegt, findet man am Morgen doppelt; will man lang seines Dienstes +genießen und sicher gehen, damit er nicht abstehe oder sterbe, so +überlade man ihn nicht, ein halben Thaler mag man kühnlich alle Nacht +ihm zulegen, das höchste ist ein Ducaten, doch nicht immer, sondern nur +selten.</p> + +<p>Wenn der Besitzer des Galgen-Männleins stirbt, so erbt es der jüngste +Sohn, muß aber dem Vater ein Stück Brot und ein Stück Geld in den Sarg +legen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> und mit begraben lassen. Stirbt der Erbe vor dem Vater, so fällt +es dem ältesten Sohn anheim, aber der jüngste muß eben so schon mit +Brot und Geld begraben werden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_84">84.<br> +<span class="antiqua">Spiritus familiaris.</span></h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Trutz Simplex</em> Leben der + Landstörzerin Courage. Cap. 18. u. 23.</div> + <div class="angabe">Der Leipziger Avanturieur. Frkft. u. Lpz. 1756. Th. + 2. S. 38-42.</div> + </div> + +</div> + +<p>Er wird gemeinlich in einem wohlverschlossenen Gläslein aufbewahrt, +sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion, +bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer ihn kauft, in dessen Tasche bleibt +er, er mag das Fläschlein hinlegen, wohin er will, immer kehrt es von +selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze +sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg +fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat, +auch <a id="behuetet_es">behütet er</a> vor Haft und Gefängniß. Man braucht ihn nicht zu +pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgen-Männlein.</p> + +<p>Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum +sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht +anders verkaufen, als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn +nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat.</p> + +<p>Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist +kennen lernte, warf ihn seinem<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> vorigen Besitzer vor die Füße und eilte +fort; als er zu Haus ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht +besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf.</p> + +<p>Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte +deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im +Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenig +Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der +Stadt umher und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab +sichs, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück +erzählte. Dieser sprach: “seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel +vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.” Der Roßtäuscher meinte, das +wären leere Worte. “Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht +in jenes Haus und fraget nach einer Gesellschaft, die er ihm nannte, +der erzählt euern Unfall und bittet um Hilfe.” Der Roßtäuscher folgte +dem Rath, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach +der Gesellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe +wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an +einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an und sagten: +“dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du niedergeschlagen und +nun kommst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hilfe zu +suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.” Er mußte sich an einen +Neben-Tisch setzen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> und nach Verlauf weniger Minuten überreichten sie +ihm ein Schächtelein mit den Worten: “dies trage bei dir und du wirst +von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo +du nicht wieder arm werden willst, niemals öffnest.” Der Roßtäuscher +fragte, was er für dieses Schächtelein zu zahlen habe, aber die Männer +wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch +schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim, +kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Sack +mit dreihundert Ducaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die +Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch +einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das +Schächtlein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder +vorzeiten vergraben war, ein hervordringendes Licht, also daß er es +leicht heben konnte. Auf diese Weise erhielt er ohne Diebstal und Mord +große Schätze zusammen.</p> + +<p>Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, erschrack +sie und sprach: “du hast etwas böses empfangen, Gott will nicht, daß +der Mensch durch solch verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt, +im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ich bitte dich +um deiner Seeligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurückreisest +und der Gesellschaft deine Schachtel zustellst.” Der Mann, von diesen +Worten bewogen, entschloß sich und sendete einen Knecht mit dem +Schächtelein hin, um es<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> zurückzuliefern, aber der Knecht brachte es +wieder mit der Nachricht zurück, daß diese Gesellschaft nicht mehr +zu finden sey, auch niemand wisse, wo sie sich gegenwärtig aufhalte. +Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtlein hinsetze +und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen +in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In einer Nacht stand sie auf, +zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sumsende Fliege +heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel +wieder darauf und steckte es an seinen Ort, unbesorgt, wie es ablaufen +würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in +das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen um oder wurden gestolen. +Das Korn auf dem Boden verdarb, das Haus brannte zu dreienmalen ab und +der eingesammelte Reichthum verschwand zusehends. Der Mann gerieth in +Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau +mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf +schoß.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_85">85.<br> +Das Vogelnest.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Michaeler</em> Vorrede zum Iwein. + Wien 1786. S. 54.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Simplicissimus</em> Springinsfeld + <span class="antiqua">cap. 23.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Noch jetzt herrscht in mehrern Gegenden der Glaube, daß es gewisse +Vogelnester (auch Zwissel- und Zeisselnestlein<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> genannt) gebe, die, +selbst gewöhnlich unsichtbar, jeden, der sie bei sich trägt, unsichtbar +machen. Um sie nun zu finden, muß man sie zufällig in einem Spiegel +oder Wasser erblicken. Vermuthlich hängt die Sage mit dem Namen einer +Gattung des <em class="gesperrt">Zweiblatts</em>, <span class="antiqua">bifoglio</span>, zusammen, die in fast +allen europäischen Sprachen <em class="gesperrt">Vogelnest</em> heißt und etwas alraunhaft +zu seyn scheint. Den näheren Verlauf ergibt der angeführte Roman des +17. J.H. am deutlichsten, gewiß aus volksmäßiger Quelle:</p> + +<p>Unter solchem Gespräch sah ich am Schatten oder Gegenschein eines Baums +im Wasser etwas auf der <em class="gesperrt">Zwickgabel</em> liegen, das ich gleichwohl +auf dem Baum selbst nicht sehen konnte, solches wies ich meinem Weib +Wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, +darauf es lag, kletterte sie auf den Baum und holets herunter, was wir +im Wasser gesehen hatten. Ich sah ihr gar eben zu und wurde gewahr, +daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen +Schatten (Abbild) wir im Wasser erblickt, in die Hand genommen hatte; +allein ich sah noch wohl ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den +Baum wieder abkletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielt, +das sie vom Zwickast herunter genommen. Ich fragte sie: was sie für ein +Vogelnest hätte? Sie hingegen fragte mich: ob ich sie denn sähe? Ich +antwortete: “auf dem Baum selbst sehe ich dich nicht, aber wohl deine +Gestalt im Wasser.” “Es ist gut, sagte sie, wenn ich herunterkomme, +wirst<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> du sehen, was ich habe.” Es kam mir gar verwunderlich vor, daß +ich mein Weib sollte reden hören, die ich doch nicht sah, und noch +seltsamer, daß ich ihren Schatten an der Sonne wandeln sah und sie +selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, +so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr +außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konnte ich gar nichts +mehr von ihr merken, außer, daß ich ein kleines Geräusch vernahm, +welches sie beides mit ihrem Fußtritt und ihrer Kleidung machte, +welches mir vorkam, als ob ein Gespenst um mich her gewesen wäre; +sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand, sobald ich +dasselbige empfangen, sah ich sie wiederum, hingegen sie aber mich +nicht; solches probirten wir oft mit einander und befanden jedesmal, +daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Drauf +wickelte sie das Nestlein in ein Nasentüchel, damit der Stein, oder +das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befand und solche Wirkung +in sich hatte, nicht herausfallen sollte und etwan verloren würde, und +nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum, +wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen; das Nestnastüchel sahen wir +nicht, konnten es aber an demjenigen Ort wohl fühlen, wohin sie es +geleget hatte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_86">86.<br> +Der Brutpfenning.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. I. 522.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Der Brutpfenning oder Heckegroschen soll auf folgende heillose Weise +erlangt werden: die sich dem Teufel verbinden wollen, gehen auf +Weihnachts-Abend, so es beginnet zu dunkeln, nach einem Scheideweg +unter dem offenbaren Himmel. Mitten auf diesem Flecken legen sie +dreißig Pfenninge oder auch Groschen, Thaler, in einem runden Ring der +Reihe nach neben einander hin und heben an, die Stücke vorwärts und +rückwärts zu zählen. Dies Zählen muß gerade geschehen in der Zeit, +wenn man zur Messe läutet. In dem Zählen nun sucht der höllische Geist +durch allerhand schreckliche Gesichter von glühenden Ofen, seltsamen +Wagen und hauptlosen Menschen irre zu machen, denn wenn der Zählende im +geringsten wankt und stolpert, wird ihm der Hals umgedreht. Wofern er +aber richtig vor- und nachgezählt, so wirft der Teufel zu den dreißig +Stücken das ein und dreißigste in gleicher Münze hin. Dieser ein und +dreißigste Pfenning hat die Eigenschaft, daß er alle und jede Nacht +einen gleichen ausbrütet.</p> + +<p>Eine Bäuerin zu Pantschdorf bei Wittenberg, die einen solchen +Brutpfenning hatte, wurde auf diese Art als Hexe kund gemacht: sie +mußte einmal nothwendig ausgehen und hieß die Magd, die Milch von der +gemelkten Kuh (eh sie die andern melkte) alsbald sieden, auf weiß Brot +in einer dastehenden Schüssel gießen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> und in eine gewisse Kiste setzen, +welche sie ihr zeigte. Die Dienstmagd vergaß das entweder oder dachte, +es wäre gleichviel, ob sie die Milch vor oder nach dem Melken der +anderen Kühe aufkochte, und that also erst ihre ganze Arbeit. Nachher +nahm sie die siedende Milch vom Feuer und in der einen Hand den Topf +haltend, mit der andern im Begriff, die bezeichnete Kiste zu öffnen, +sah sie in dieser ein pechschwarz Kalb sitzen, das den Mund aufsperrte. +Vor Schrecken goß sie die gesottene Milch in seinen Rachen und in +selbem Augenblick floh das Kalb davon und steckte das ganze Haus in +Brand. Die Frau wurde eingezogen und bekannte; ihren Brutpfenning haben +die Bauern noch lange Zeit in der gemeinen Cassa aufbewahret.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_87">87.<br> +Wechselkind mit Ruthen gestrichen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 365. 366.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1580. hat sich folgende wahrhaftige Geschichte begeben: nahe +bei Breslau wohnet ein nahmhaftiger Edelmann, der hat im Sommer viel +Heu und Grummet aufzumachen, dazu ihm seine Unterthanen fröhnen müssen. +Unter diesen ward auch berufen eine Kindbetterin, so kaum acht Tage im +Kindbett gelegen. Wie sie nun siehet, daß es der Junker haben wollte +und sie sich nicht weigern kann, nimmt sie ihr Kind mit ihr hinaus, +legt es auf ein Häuflein Gras, geht<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> von ihm und wartet dem Heumachen +ab. Als sie ein gute Weile gearbeitet, und ihr Kindlein zu säugen +gehet, siehet sie es an, schreiet heftig und schlägt die Hände überm +Kopf zusammen, und klaget männiglich, dies sey nicht ihr Kind, weil es +geizig ihr die Milch entziehe und so unmenschlich heule, das sie an +ihrem Kinde nicht gewohnt sey. Wie dem allen, so behielt sie es etlich +Tag über, das hielt sich so ungebührlich, daß die gute Frau gar nahe zu +Grund gerichtet wäre. Solches klaget sie dem Junker, der sagt zu ihr: +“Frau, wenn es euch bedünket, daß dies nicht euer Kind, so thut eins +und tragt es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und +streichet es mit der Ruthe heftig, so werdet ihr Wunder sehen.”</p> + +<p>Die Frau folget dem Junker, ging hinaus und strich das Wechselkind +mit der Ruthe, daß es sehr geschrien hat; da brachte der Teufel ihr +gestolen Kind und sprach: “da hasts!” und mit dem nahm er sein Kind +hinweg.</p> + +<p>Diese Geschicht ist lautbar und beiden Jung und Alten in derselbigen +Gegend um und in Breslau landkündig.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_88">88.<br> +Das Schauen auf die Kinder.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 124.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein glaubwürdiger Bürger aus Leipzig erzählte: als sein erstes +Kind schon etliche Wochen alt gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> habe man es zu drei +unterschiedlichen Nächten in der Wiege aufgedeckt und in der Quer +liegend gefunden, da doch die Wiege hart vor dem Wochenbette der +Mutter gestanden. Der Vater nahm sich also vor, in der vierten Nacht +aufzubleiben und auf sein Kind gute Acht zu haben. Er harrte eine +lange Weile und wachte stetig bis nach Mitternacht, da war dem Kinde +noch nichts begegnet, deswegen, weil er <em class="gesperrt">es selber betrachtet und +angeschauet hatte</em>. Aber indem fielen ihm die Augen ein wenig zu und +als die Mutter kurz darauf erwachte und sich umsah, war das Kind wieder +in die Quer gezogen und das Deckbett von der Wiege mitten über ihr Bett +geworfen, da sie es sonsten nur immer aufzuschlagen und zu Füßen des +Kinds in der Wiege zu legen pflegen, nach allgemeinem Gebrauche. Denke +einer in so geschwinder Eile, daß sich alle verwundern mußten. Aber +weiter hatte das Ungethüm keine Macht zum Kinde gehabt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_89">89.<br> +Die Roggen-Muhme.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Tharsander</em> (G.W. + <em class="gesperrt">Wegner</em>) Schauplatz I. 433. 434.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 125. 126.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von +der Roggen-Muhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich +hineinzugehen fürchten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Im Jahr 1662 erzählte auch die saalfelder Frau dem Prätorius: ein +dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Unterthanen +gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges, +säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu +fördern, zu Boden. Ueber eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen +war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin +tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte +herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie +zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wanns Zeit wäre. Die Frau +meinte, er thäte so der fleißigeren Arbeit wegen und fügte sich mit +großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam +die <em class="gesperrt">Roggen-Mutter</em> von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und +legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit +angesehen, rief er der Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der +Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten +zu zwingen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_90">90.<br> +Die zwei unterirdischen Weiber.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 123. 124.</div> + </div> + +</div> + +<p>Folgende Begebenheit hat Prätorius von einem Studenten erfahren, dessen +Mutter gesagt hatte, sie sey zu Dessau geschehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>Nachdem eine Frau ein Kind zur Welt gebracht, hat sie es bei sich +gelegt und ist noch vor dessen Taufe in einen tiefen Schlaf verfallen. +Zur Mitternacht sind zwei <em class="gesperrt">unterirdische Weiber</em> gekommen, +haben Feuer auf dem Hausheerde gemacht, einen Kessel voll Wasser +übergesetzet, ihr mitgebrachtes Kind darin gebadet und abgewaschen, +solches hernach in die Stube getragen und mit dem andern schlafenden +Kind ausgetauschet. Hierauf sind sie damit weggegangen, bei dem +nächsten Berg aber um das Kind in Streit gerathen, darüber es eine +der andern zugeworfen und gleichsam damit geballet haben, bis das +Kind darüber geschrien und die Magd im Hause erwachet. Als sie der +Frauen Kind angeblickt und die Verwechselung gemerkt, ist sie vors +Haus gelaufen und hat die Weiber noch also mit dem gestohlenen Kind +handthieren gefunden, darauf sie hinzugetreten und hat mit gefangen, +sobald sie aber das Kind in ihre Arme bekommen, ist sie eilends nach +Haus gelaufen und hat die Wechselbutte vor die Thür geleget, welche +darauf die Bergfrauen wieder zu sich genommen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_91">91.<br> +König Grünewald.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Hess. Denkwürdigk. IV. 2, 295-297. vom Prof. + <em class="gesperrt">Schwarz</em> aus der Sage alter Leute aufgenommen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor Alters ein König und +stand da sein Schloß. Und er<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> hatte auch eine einzige Tochter, auf +die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal +sein Feind, ein König, der hieß <em class="gesperrt">Grünewald</em> und belagerte ihn in +seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem +König im Schlosse seine Tochter immer noch Muth ein. Das währte bis +zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das +feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr +angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war und sagte ihrem +Vater:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vater gebt euch gefangen,</div> + <div class="verse indent0">der grüne Wald kommt gegangen!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie +ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu +mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie +ihren eigenen Vater, packte ihn drauf sammt ihren besten Schätzen und +zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fortgegangen +waren, sprach die Königstochter: “hier <em class="gesperrt">wollemer</em> ruhen!” Daher +hat ein Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom +Christenberg, in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse +hin ins Gebirg, bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die +Königstochter: “<em class="gesperrt">hier hat’s Feld!</em>” und da blieben sie und bauten +ein Schloß und nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen +Tag die Ueberbleibsel und die Stadt dabei hat auch von der Burg den +Namen.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> (Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier +Stunden vom Christenberge westlich).</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_92">92.<br> +Blümelis-Alp.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Scheuchzer</em> Naturgesch. der + Schweiz. Zürich 1746. II. 83.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wyß</em> Volkssagen. Bern 1815. aus + mündl. Ueberlieferung.</div> + </div> + +</div> + +<p>Mehr als eine Gegend der Schweiz erzählt die Sage von einer jetzt in +Eis und Felstrümmern überschütteten, vor alten Zeiten aber beblümten, +herrlichen und fruchtbaren Alpe. Zumal im Berner Oberland wird sie von +den Klariden (einem Gebirg) berichtet:</p> + +<p>Ehmals war hier die Alpweide reichlich und herrlich, das Vieh gedieh +über alle Maaßen, jede Kuh wurde des Tages dreimal gemolken und +jedesmal gab sie zwei Eimer Milch, den Eimer von dritthalb Maas. +Dazumal lebte am Berg ein reicher, wohlhabender Hirte, und hob an, +stolz zu werden und die alte einfache Sitte des Lands zu verhöhnen. +Seine Hütte ließ er sich stattlicher einrichten und buhlte mit +Cathrine, einer schönen Magd, und im Uebermuth baute er eine Treppe ins +Haus aus seinen Käsen und die Käse legte er aus mit Butter und wusch +die Tritte sauber mit Milch. Ueber diese Treppe gingen Cathrine, seine +Liebste, und Brändel, seine Kuh, und Rhyn, sein Hund, aus und ein.</p> + +<p>Seine fromme Mutter wußte aber nichts von dem<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Frevel und eines +Sonntags im Sommer wollte sie die Senne ihres Sohns besuchen. Vom Weg +ermüdet ruhte sie oben aus und bat um einen Labetrunk. Da verleitete +den Hirten die Dirne, daß er ein Milchfaß nahm, saure Milch hineinthat +und Sand darauf streute, das reichte er seiner Mutter. Die Mutter aber, +erstaunt über die ruchlose That, ging rasch den Berg hinab und unten +wandte sie sich, stand still und verfluchte die Gottlosen, daß sie Gott +strafen mögte.</p> + +<p>Plötzlich erhob sich ein Sturm und ein Gewitter verheerte die +gesegneten Fluren. Senne und Hütte wurden verschüttet, Menschen und +Thiere verdarben. Des Hirten Geist, sammt seinem Hausgesinde, sind +verdammt, so lange, bis sie wieder erlöst worden, auf dem Gebirg +umzugehen, “ich und min Hund Rhyn, und mi Chuh Brandli und mine +Kathry, müssen ewig uf Klaride syn!” Die Erlösung hangt aber daran, +daß ein Senner auf Charfreitag die Kuh, deren Euter Dornen umgeben, +stillschweigend ausmelke. Weil aber die Kuh, der stechenden Dörner +wegen, wild ist und nicht still hält, so ist das eine schwere Sache. +Einmal hatte einer schon den halben Eimer vollgemolken, als ihm +plötzlich ein Mann auf die Schulter klopfte und fragte: “schäumts auch +wacker?” Der Melker aber vergaß sich und antwortete: “o ja!” da war +alles vorbei und Brändlein, die Kuh, verschwand aus seinen Augen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_93">93.<br> +Die Lilie.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aug. Lercheimer</em> Bedenken von + der Zauberei. Bl. 14. u. 15.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Land zu H. war ein Edelmann, A. v. Th. genannt, der konnte +Köpfe abhauen und wieder aufsetzen. Er hatte bei sich beschlossen, +hinfort des teuflischen, gefährlichen Dings müßig zu gehen, eh er +einmal darüber in ein Unglück geriethe, wie dann doch geschahe. Bei +einer Gasterei ließ er sich von guten Gesellen überreden, diese +Ergötzlichkeit ihnen noch einmal zu guter Letzt zu zeigen. Nur wollte, +wie leicht zu erachten, niemand gern seinen Kopf dazu leihen; letztlich +ließ sich der Haus-Knecht dazu brauchen, doch mit dem gewissen Geding, +daß ihm sein Kopf wieder fest gemacht würde. Nun hieb ihm der Edelmann +den Kopf ab, aber das Wieder-Aufsetzen wollte nicht gehen. Da sprach er +zu den Gästen: “es ist einer unter euch, der mich verhindert, den will +ich vermahnt haben und gewarnt, daß er es nicht thue.” Darauf versuchte +ers abermal, konnte aber nichts ausrichten. Da vermahnte und dräute er +zum andernmal, ihn unverhindert zu lassen. Da das auch nicht half und +er beim drittenmal den Kopf nicht wieder aufsetzen konnte, ließ er auf +dem Tisch eine Lilie wachsen, der hieb er das Haupt und die Blume oben +ab. Alsbald fiel einer von den Gästen hinter sich von der Bank und war +ihm der Kopf ab. Nun setzte er dem Haus-Knecht<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> den seinen wieder auf +und flohe aus dem Lande, bis die Sache vertragen ward und er Verzeihung +erhielt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_94">94.<br> +Johann von Passau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden. 105.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. + 357. 358.</div> + <div class="angabe">Wendunmuth. V. 312. Nr. 256.</div> + </div> + +</div> + +<p>Doctor Martinus Luther erzählt: ein Edelmann hatte ein schön jung Weib +gehabt, die war ihm gestorben, und auch begraben worden. Nicht lange +darnach, da liegt der Herr und der Knecht in einer Kammer beieinander, +da kommt des Nachts die verstorbene Frau und lehnet sich über des +Herren Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sah, +daß solches zweimal nach einander geschah, fraget er den Junkherrn, +was es doch sey, daß alle Nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern vor +sein Bett komme, da saget er nein, er schlafe die ganze Nacht aus, und +sehe nichts. Als es nun wieder Nacht ward, gibt der Junker auch acht +drauf und wachet im Bette, da kömmt die Frau wieder vor das Bett, der +Junker fraget: wer sie sey und was sie wolle? Sie antwortet: sie sey +seine Hausfrau. Er spricht: “bist du doch gestorben und begraben!” +Da antwortet sie: “ja, ich habe deines Fluchens halben und um deiner +Sünden willen sterben müssen, willst du mich aber wieder zu dir haben, +so will ich wieder deine Hausfrau werden.” Er spricht: “ja, wenns nur +seyn könnte;” aber sie bedingt aus<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> und vermahnet ihn, er müsse nicht +fluchen, wie er denn einen sonderlichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn +sonst würde sie bald wieder sterben; dieses sagt ihr der Mann zu, da +blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte im Haus, schlief bei ihm, +aß und trank mit ihm und zeugete Kinder.</p> + +<p>Nun begibt sichs, daß einmal der Edelmann Gäste kriegt und nach +gehaltener Mahlzeit auf den Abend das Weib einen Pfefferkuchen zum Obst +aus einem Kasten holen soll und bleibet lange außen. Da wird der Mann +scheltig und fluchet den gewöhnlichen Fluch, da verschwindet die Frau +von Stund an und war mit ihr aus. Da sie nun nicht wieder kommt, gehen +sie hinauf in die Kammer, zu sehen, wo die Frau bliebe. Da liegt ihr +Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermeln in dem Kasten, das ander +Theil aber heraußen, wie sich das Weib hatte in den Kasten gebücket, +und war das Weib verschwunden und sider der Zeit nicht gesehen worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_95">95.<br> +Das Hündlein von Bretta.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Rheinpfalz, besonders im Kraichgau, geht unter den Leuten +das Sprichwort um, wenn von übel belohnter Treue die Rede ist: “es +geschieht dir, wie dem Hündchen zu Bretten.” Die Volkssage davon +muß schon alt seyn und namentlich spielt auch Fischart an zwei +verschiedenen Stellen darauf an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<p>In dem Städtchen Bretten lebte vorzeiten ein Mann, welcher ein treues +und zu mancherlei Dienst abgerichtetes Hündlein hatte, das pflegte er +auszuschicken, gab ihm einen Korb ins Maul, worin ein beschriebener +Zettel mit dem nöthigen Gelde lag, und so langte es Fleisch und +Bratwurst beim Metzger, ohne je einen Bissen davon anzurühren. Einmal +aber sandte es sein Herr, der evangelisch war, an einem Freitag zu +einem Metzger, der catholisch war und streng auf die Fasten hielt. +Als nun der Metzger auf dem Zettel eine Wurst bestellt fand, hielt er +das Hündlein fest, haute ihm den Schwanz ab und legte den in den Korb +mit den Worten: “da hast du Fleisch!” Das Hündlein aber, beschimpft +und verwundet, trug den Korb treulich über die Gasse nach Haus, legte +sich nieder und verstarb. Die ganze Stadt trauerte und das Bild eines +Hündleins ohne Schwanz wurde in Stein ausgehauen übers Stadtthor +gesetzt.</p> + +<p>Andere erzählen so: es habe seinem armen Herrn Fleisch und Würste +gestohlen zugetragen, bis es endlich ein Fleischer ertappt und mit dem +Verlust des Schwanzes gestraft.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_96">96.<br> +Das Dorf am Meer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Holstein.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Heilige ging am Strand, sah nur zum Himmel und bätete, da kamen +die Bewohner des Dorfs<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Sonntags Nachmittag, ein jeder geputzt +in seidenen Kleidern, seinen Schatz im Arm, und spotteten ihrer +Frömmigkeit. Sie achtete nicht darauf und bat Gott, daß er ihnen diese +Sünde nicht zurechnen wolle. Am andern Morgen aber kamen zwei Ochsen +und wühlten mit ihren Hörnern in einem nahgelegenen großen Sandberg +bis es Abend war; und in der Nacht kam ein mächtiger Sturmwind und +wehte den ganzen aufgelockerten Sandberg über das Dorf hin, so daß es +ganz zugedeckt wurde und alles darin, was Athem hatte, verdarb. Wenn +die Leute aus benachbarten Dörfern herbeikamen und das verschüttete +aufgraben wollten, so war immer, was sie Tags über gearbeitet, Nachts +wieder zugeweht. Das dauert bis auf den heutigen Tag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_97">97.<br> +Die verschütteten Silber-Gruben.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, am Harz.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die reichsten Silberbergwerke am Harz waren die schon seit langen +Jahren eingegangenen beiden Gruben: der große Johann und der goldene +Altar (bei Andreasberg?). Davon geht folgende Sage. Vorzeiten, als die +Gruben noch bebaut wurden, war ein Steiger darüber gesetzt, der hatte +einmal, als der Gewinn groß war, ein paar reiche Stufen bei Seite +gelegt, um, wenn der Bau schlechter und ärmer seyn würde, damit das +fehlende zu ersetzen und immer gleichen Gewinn hervorzubringen. Was +er also in guter Absicht gethan,<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> das ward von andern, die es bemerkt +hatten, als ein Verbrechen angeklagt, und er zum Tode verurtheilt. +Als er nun niederkniete und ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden, +da betheuerte und beschwur er nochmals seine Unschuld und sprach: “so +gewiß bin ich unschuldig, als mein Blut sich in Milch verwandeln und +der Bau der Grube aufhören wird; wann in dem gräflichen Haus, dem +diese beiden Bergwerke zugehören, ein Sohn geboren wird mit Glas-Augen +und mit Reh-Füßen, und er bleibt am Leben, so wird der Bau wieder +beginnen, stirbt er aber nach seiner Geburt, so bleiben sie auf ewig +verschüttet.” Als der Scharfrichter den Hieb gethan und das Haupt +herabfiel, da sprangen zwei Milchströme statt des Bluts schneeweiß aus +dem Rumpf in die Höhe und bezeugten seine Unschuld. Auch die beiden +Gruben gingen alsbald ein. Nicht lange nachher ward ein junger Graf mit +Glas-Augen und Reh-Füßen geboren, aber er starb gleich nach der Geburt +und die Silberbergwerke sind nicht wieder aufgethan, sondern bis auf +diesen Tag verschüttet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_98">98.<br> +Die Fundgrübner.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. I. 758-760.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Die reichsten Berggänge pflegen von armen und geringen Grübnern +entdeckt zu werden, darüber es mancherlei Sagen hat. In dem böhmischen +Bergwerk auf<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> der Eule war ein Bergmann, des Namens <em class="gesperrt">der rothe +Leu</em>, so reich geworden, daß er König Wenzel zu Gast lud, ihm +eine Tonne Goldes schenkte, und dem König Carl hundert geharnischte +Reuter ausrüstete. Dieser rothe Leu hatte anfangs sein ganzes Vermögen +zugesetzt und schon sein Weib ihren Schleier (ihr eingebrachtes) +verkaufen müssen. Eines Tags stieß sich die Frau von ungefähr +blutrünstig in die Ferse an einem großen Knauer. Der Mann wollte ihn +wegstufen und traf auf gediegenes Gold, wodurch er plötzlich reich +wurde. Aber Stolz und Hochmuth kamen über ihn, in seinem Hause mußte +alles seiden, silbern und golden seyn und das Weib sprach: es wäre Gott +unmöglich, daß sie wieder arm werden sollten. Nach und nach wurde der +rothe Leu bettelarm und starb auf dem Misthaufen.</p> + +<p>Im salzburger Werk zu Gastein und Rauriß lebte ein mächtiger +Fundgrübner, genannt <em class="gesperrt">der alte Weitmoser</em>. In der Stunde, wo er +seinen Schuldnern entlaufen wollte und schon in der Thür stand, wurde +ihm reicher Ausbruch und Handstein entgegen gebracht. Die hielten Gold +und Silber, wurden mit Macht geschüttet und gaben ihm und anderen bald +große Reichthümer. Und da ihm auf seinem Sterbebette schöne Handsteine +neuerdings aus der Grube getragen wurden, sagte er doch: “der rechte +und schönste Gang ist Jesus mein Herr und Heiland, auf dem will ich +bald eingehen ins ewige Leben.”</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_99">99.<br> +Ein gespenstiger Reuter.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">H. <em class="gesperrt">Speidel</em> in + <span class="antiqua">notabil. polit. f.</span> 397.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> im Glückstopf. + S. 173. 174.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. III.</span> 521.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein unbekannter Mann hat sich gegen das Ende des 17. Jahrhunderts +bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde, +nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche +Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof +anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der +Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu +sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen. +Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals +nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser +Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite +erschossen sey, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet +worden. Er gab auch alle Umstände an: des Todten Vaterland, Namen, +Alter und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst +gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm +daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine +Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der +Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +Graf nicht Ursache hätte ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste +geleistet und noch leisten wolle, bitte er ihn ferner an dem Hofe zu +erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub. +Deßwegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein +Pferd und Narren-Kleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf +gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter +anzunehmen verweigerte.</p> + +<p>Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab, +auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Kuppel-Pferden in dem +Narren-Kleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte, +mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf +bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen +Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das +Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum +bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halb todt auf +die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Kuppel +verschwunden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_100">100.<br> +Der falsche Eid.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">M. Schneider</span></em> + <span class="antiqua">Titius contin. L. 11. sect. 2. cap. 3. p. 416.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Im Odenwald beim Kloster Schönau liegt ein Ort, genannt <em class="gesperrt">zum falschen +Eid</em>. Da hat auf eine Zeit<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> ein Bauer geschworen, der Acker gehöre +sein, alsbald öffnete sich der Erdboden unter seinen Füßen und er +versank, daß nichts übrig blieb, als sein Stab und zwei Schuhe. Davon +hat die Stelle den Namen erhalten.</p> + +<p>Sonst weiß man auch von Meineidigen, daß ihnen die aufgerichten +Finger erstarren und nicht mehr gebogen werden mögen, oder daß +sie verschwarzen; auch daß sie nach dem Tod der Leute zum Grab +herauswachsen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_101">101.<br> +Zwölf ungerechte Richter.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Zeilleri</span></em> + <span class="antiqua">epist. 58.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hilscher</em> Zungen-Sünde. S. 455.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nah bei westphälisch Minden liegt ein Grund, davon wird erzählt, zwölf +Richter hätten den Boden einem zugesprochen, dem er nicht gehörig, +darüber sich die Erde aufgethan und sie bis an die Knie alsbald +verschluckt; wie dessen noch Wahrzeichen vorhanden sind.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_102">102.<br> +Die heiligen Quellen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Morgenblatt. 1808. Nr. 247. S. 987.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das schweizer Landvolk redet noch von den heiligen Quellen, die im +Rütli plötzlich entsprungen, als<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> da der große Eidschwur geschah, und +wie einem der Schwörenden, der den Bund verrathen, sogleich Feuer zu +Mund und Nase ausgefahren sey, auch sein Haus von selbst angefangen +habe zu brennen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_103">103.<br> +Der quillende Brunnen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. V. 43.</span> aus + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Mich. Piccard,</span></em> + <span class="antiqua">orat. acad. 4.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>An einem Berge in Franken quillet ein Brunnen, wobei ein vornehmes +adliches Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er +schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhöret, +als wenn jemand aus demselbigen Geschlecht soll sterben. Alsdann +vertrocknet er so gar, daß man auch fast kein Zeichen oder Spur mehr +findet, es sey jemals ein Brunn daselbst gewesen. Als zur Zeit ein +alter Herr des gedachten adlichen Stammes in fremden Landen tödlich +niederlag, und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod muthmaßte, +fertigte er in seine Heimath einen Boten ab, der sich erkundigen +sollte: ob der Brunn vertrockne? Bei der Ankunft des Boten war das +Wasser versiegt, allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu +verschweigen, vielmehr zu sagen: der Brunn befinde sich noch richtig +und voll Wassers; damit ihm keine traurige Gedanken erweckt würden. +Da lachte der Alte und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen +abergläubisch zu wissen<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> gesuchet, was im Wohlgefallen Gottes stände, +schickte sich zu einem seeligen Abschied an. Plötzlich aber wurde es +besser mit seiner Krankheit und nicht lange, so kam er dieses Lagers +völlig wieder auf. Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm +seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich +zu, daß des Geschlechts ein Junger von Adel von einem untreuen Pferde +abgeworfen, gleich zu der nämlichen Zeit Todes verfuhr.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_104">104.<br> +Hunger-Quelle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Dreyhaupt</em> Hall. Chronik. + I. 1106.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Stalder</em> Schweiz. Idiot. + v. Hunger-Brunnen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Halle auf dem Markt an dem rothen Thurm ist ein Quell-Brunnen, der +an der Mitternacht-Seite zu Tag ausfließet und für eine Hunger-Quelle +ausgegeben wird, indem aus dessen starkem oder schwachem Ueberlaufen +der gemeine Mann Theurung oder wohlfeile Zeit weißagt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_105">105.<br> +Der Liebenbach.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Stadt Spangenberg in Hessen erhält ihr Trinkwasser durch +einen Bach, welcher die gute Quelle des gegenüber liegenden Bergs +herbeileitet. Von der Entstehung<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> dieses Bachs wird folgendes erzählt. +Ein Jüngling und ein Mädchen in der Stadt liebten sich herzlich, aber +die Eltern wollten lange nicht zu ihrer Verheirathung einwilligen. +Endlich gaben sie nach, unter der Bedingung, daß die Hochzeit erst +dann solle gefeiert werden, wenn die zwei Liebenden die gute, frische +Quelle von dem gegenüber liegenden Berge ganz allein herüber geleitet +hätten: dadurch würde die Stadt Trinkwasser erhalten, woran sie bisher +Mangel gelitten. Da fingen beide an, den Bach zu graben und arbeiteten +ohn Unterlaß. So haben sie vierzig Jahre gegraben, als sie aber fertig +waren, starben sie beide in demselben Augenblick.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_106">106.<br> +Der Helfenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Grundmann</em> Geschichtschule. + Görliz. 1677. S. 779-782.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Meile von Trautenau in Böhmen, auf dem Riesenberg, liegt der +Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden, +nachher aber versunken ist und weiß niemand, wo die Menschen, die +darin lebten, hingekommen sind. Im Jahr 1614 war, viertelwegs davon, +zu Maeschendorf, eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels +Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie: +“kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen +finden und das große Weinfaß sehen.” Da sie hingehen, ist der Felsen +offen und eine Eisenthür<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> aufgethan, daran ein Schloß mit vielen +Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein. +Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Thür. +Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrath, +besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Tauben +abgefallen, allein es hatte sich eine Fingersdicke Haut angesetzt, so +daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen +angriffen, schlotterte es und gab nach, wie ein Ei mit weichen Schalen. +Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus +einer schönen Stube, rothen Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine +große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Thür-Aufmachen hatten sie +gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne +Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlig. Der aber den Wein +zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken +und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu +unsauber und nicht angeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen. +Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich +entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne +geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: “laßt uns hinausgehen, +es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seyen in den Bergen hie +verfallen.” Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach +wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: “laßt uns noch einmal hin +und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.” Die andern +wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen, +folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne +Thür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählen sie +alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels +blieb zu, so oft man ihn auch in Augenschein genommen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_107">107.<br> +Die Wiege aus dem Bäumchen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Wiener Litter. Zeitung. 1813. Sept. 277.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Gottschalk</em> Ritterburgen. + II. 103-105. aus <em class="gesperrt">Gaheis</em> Wanderungen um Wien. + 1803.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Baden in Oesterreich stehen die Trümmer des alten Bergschlosses +Rauheneck. In diesen soll ein großer Schatz verborgen liegen, den aber +nur der heben kann, der als Kind in einer Wiege geschaukelt seyn wird, +die aus dem Holz des Baumes gezimmert worden ist, der jetzt nur erst +als ein schwaches Reiß aus der Mauer des hohen Thurmes zu Rauheneck +sprießt. Verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so muß die +Hebung des Schatzes warten, bis es von neuem ausschlägt und wieder +wächst.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_108">108.<br> +Hessenthal.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Münchhausen</em> im Freymüthigen. + 1806. Nr. 47. S. 186.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die alte Burg Schellenpyrmont liegt nun in Trümmern, da soll der Sage +nach vormals Thusneldens Sitz gewesen seyn. Thusnelde hatte einen +Vogel, der reden konnte. Eines Tags kam er aus dem Hessenthal, einem +Waldgrunde am Burgberg, herauf und schrie in einem fort:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“Hessenthal blank, Hessenthal blank!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">damit die in dies Thal schon vorgedrungenen Römer in ihren blanken +Rüstungen anzudeuten, und die Deutschen gewannen nun Zeit, sich gegen +den Ueberfall des Feindes zu rüsten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_109">109.<br> +Reinstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. III.</span> 784.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unter der uralten Burg Reinstein unweit Blankenburg am Harz liegt ein +großes Felsenloch, angefüllt mit allerhand kleinen Steinen, wie man sie +sonst nicht auf Gebürgen, sondern blos in Ebenen findet. Wenn jemand +von solchen Steinen viel oder wenig nimmt, führt, oder trägt, so kommen +sie doch wieder an denselben Ort, da sie sind weggenommen worden, +so daß die Höhle immer voll von Steinen bleibt.<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Es soll aber noch +keinem gefrommt haben, dergleichen Steine wegzubringen. Auf dem Fels, +sonderlich um die Gegend der Höhle, hört man zur Mittagsstunde oft +Schellen läuten, zuweilen auch ein Gehämmer wie von vielen Schmieden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_110">110.<br> +Der stillstehende Fluß.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann</em> Beschr. von + Hessen. S. 59.</div> + </div> + +</div> + +<p>Von der Fulde heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen, +sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll, +daß sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam +der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere +Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_111">111.<br> +Arendsee.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 97. aus mündlicher Sage.</div> + </div> + +</div> + +<p>Von dem Arendsee in der Altmark wird folgendes erzählt: an der Stelle, +wo jetzt der See und der Ort dieses Namens liegt, stand vor Alters +ein großes Schloß. Dieses ging urplötzlich unter und nicht mehr kam +davon, als ein Mann und ein Weib. Wie die beiden nun fortgingen, sah +sich das Weib ungefähr um und<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> ward der schleunigen Veränderung innen. +Verwundert brach sie in die Worte aus: “<em class="gesperrt">Arend see!</em>” (Arend +sieh! denn jenes war ihres Mannes Name) und darum gab man nachher dem +Städtlein die Benennung, das an dem See auferbaut wurde. In diesem +See ragt der feinste, weiße Streusand hervor und wann die Sonne hell +scheint, soll man (wie auch beim See Brok neben dem Ossenberg) noch +alle Mauern und Gebäude des versunkenen Schlosses sehen. Einige haben +einmal vorgehabt, das Wasser zu gründen, und ein Seil eingelassen; wie +sie das herauszogen, fand sich ein Zettel dran mit dem Gebote: lasset +ab von euerem Unternehmen, sonst wird euerm Orte widerfahren, was +diesem geschehen ist.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_112">112.<br> +Der Ochsenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. I. 96. + aus mündlicher Erzählung seiner Mutter, die in der Gegend gebürtig war.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der alten Mark, nicht weit vom zertrümmerten Schloß Alvensleben, +liegt ein großes, wacker lustiges, Dorf, mit Namen Ursleben. Einen +Büchsenschuß hinter dem Dorf stehet ein großer See, genannt Brock +(Bruch), an dessen Stätte war vor alten Zeiten ein schönes Schloß, +das hernach unterging und seitdem war das große Wasser aufgekommen. +Nämlich es sollen alle Leute drinnen versunken seyn, ausgenommen<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> eine +einzige Edeljungfer, die ein Traum kurz vorher warnete. Als nun das +Vieh und die Hühner sonderlich traurige Zeichen eines bevorstehenden +großen Unglücks laut werden ließen, setzte sich diese Jungfrau auf +einen Ochsen und ritt davon. Mit genauer Noth erreichte sie einen dabei +gelegenen Hügel, hinter ihr drein sank das Schloß zusammen, und wie sie +auf dem Ochsen sitzend sich vom Hügel umsah, war das Gewässer überall +aufgestiegen. Davon heißt der Hügel noch <em class="gesperrt">Ossenberg</em> bis auf den +heutigen Tag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_113">113.<br> +Die Moor-Jungfern.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Jäger</em> Briefe über die hohe + Rhön. I. 144. II. 36-39.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf der Rhöne ist ein Sumpf, genannt das rothe Moor. Nach der Volkssage +stand daselbst vorzeiten ein Dorf, Namens <em class="gesperrt">Poppenrode</em>, das ist +nunmehr versunken. Auf der Moorfläche bei Nacht schweben Lichtchen, das +sind Moor-Jungfern. An einem andern Ort ebendaselbst liegt auch das +schwarze Moor, schon in alten Urkunden so genannt, und die Sage weiß +auch hier von einem versunkenen Dorf, von welchem noch ein Pflaster +übrig ist, Namens: <em class="gesperrt">die steinerne Brücke</em>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_114">114.<br> +Andreas-Nacht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 91-93.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Goldschmid’s</em> höll. Morpheus. + Hamb. 1698. S. 173. 174.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreas-Nacht, Thomas-Nacht, +Christ-Nacht und Neujahrs-Nacht seinen zukünftigen Liebsten einladen +und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber +keine Gabeln dabei seyn. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt, +muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es +besitzt und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht +kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von +übermenschlicher Gewalt gelitten und er des Zaubers sich bewußt wird, +wodurch großes Unglück entsteht.</p> + +<p>Ein schönes Mädchen in Östreich begehrte einmal um Mitternacht, unter +den nöthigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster +mit einem Dolche daher trat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder +verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in +eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre +nach ihrer Verheirathung ging sie einstmals Sonntags, als die Vesper +vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag +zur Arbeit vornehmen<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr +Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie +mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch. +Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen +bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie +weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen, +sondern bekennt frei, es sey derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht +hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und +sprach mit einem fürchterlichen Fluch: “Hur! so bist du die Dirne, die +mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!” und stößt ihr +damit den Dolch mitten durchs Herz.</p> + +<p>Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt. +Mündlich: von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem +ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu +holen und denkt nicht, daß dort das Zauber-Geräth liegt, das er findet +und womit er sie tödtet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_115">115.<br> +Der Liebhaber zum Essen eingeladen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weihnachtsfratzen. + <span class="antiqua">prop.</span> 53.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten. 97.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain. + II. 479.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Saalfeld in Thüringen war eine Schösserin (Steuereinnehmerin), die +sich heimlich in ihren Schreiber<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> verliebte. Durch Zauberei aber wollte +sie ihn gewinnen, ließ ein frisches Brot backen und steckte mitten +in der heiligen Christnacht kreuzweise zwei Messer hinein, indem sie +etliche Worte dazu murmelte. Darauf kam der Schreiber aus dem Schlafe +ganz nackigt zur Stube hereingesprungen, setzte sich nieder am Tisch +und sah sie scharf an. Sie stand auf und lief davon, da zog er beide +Messer aus dem Brot und warf sie hinter ihr drein und hätte sie bald +sehr verletzet. Hernach ging er wieder zurück; eine Muhme, die in +der Stube zugegen war, erschrack so heftig, daß sie etliche Wochen +krank niederliegen mußte. Der Schreiber soll den folgenden Tag zu den +Hausleuten gesagt haben: er möchte nur gern wissen, welche Frau ihn +verwichene Nacht so geängstet habe; er wäre so abgemattet, daß er es +kaum sagen könne, denn er hätte sollen mit fortkommen und sich nicht +gnugsam erwehren können; er hätte auch bäten mögen, was er gewollt, so +wäre er getrieben worden.</p> + +<p>Dieselbe alte Frau, die diese Geschichte erzählte, fügte hinzu: auch +zu Coburg haben einmal einige Edeljungfrauen von neunerlei Essen etwas +aufgehoben und um Mitternacht aufgestellt und sich dabei zu Tische +gesetzt. Darauf kamen ihre Liebsten alle, jeder brachte ein Messer mit +und wollten sich zu ihnen niederlassen. Darüber entsetzten sich die +Jungfrauen und flohen; einer aber nahm das Messer und warf hinterher; +sie schaute um, blickte ihn an und hob das Messer auf. Ein andermal +soll statt des eingeladenen Buhlen der<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> leibhaftige Tod in die Stube +gekommen seyn und sein Stundenglas bei einer niedergesetzt haben, die +denn auch das Jahr über verstarb.</p> + +<p>In Schlesien haben sich drei Hof-Fräulein in einer heiligen Nacht an +einen gedeckten Tisch gesetzt und ihre zukünftige Liebhaber erwartet, +deren jedem ein Teller hingestellt war. Sie sind auch auf diese +Einladung erschienen, aber nur zweie, die sich zu zwei Jungfrauen +gesetzt; der dritte ist ausgeblieben. Als nun die verlassene darüber +traurig und ungeduldig geworden, endlich nach langem vergeblichem +Warten aufgestanden und sich ans Fenster gestellt, hat sie gegenüber +einen Sarg erblickt, darin eine Jungfrau gelegen, ihr ganz gleich +gestaltet, worüber sie erkrankte und bald darauf starb. Nach einer +mündlichen Erzählung kommt die Todtenlade in die Stube, sie geht darauf +zu, die Bretter thun sich auf und sie fällt todt hinein.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_116">116.<br> +Die Christnacht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weihnachtsfratzen + Nr. 60. 61. 64.</div> + </div> + +</div> + +<p>Abergläubische Mägde, um Träume von ihren Liebsten zu bekommen, kaufen +frühe des Tags vor dem heiligen Abend um einen Pfennig Semmel und zwar +das letzte Stößchen, das auf einem Ende zu ist. Weiter schneiden sie +ein bischen Rinde unten ab, binden es unter den rechten Arm und gehen +fleißig den<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> ganzen Tag damit herum. Hernach beim Schlafengehen legen +sie es unter den Kopf in der Christnacht und sprechen dabei:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“jetzt hab ich mich gelegt und Brot bei mir,</div> + <div class="verse indent0">wenn doch nun mein Feinslieb käme und äße mit mir!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Darüber soll es geschehen, daß zur Mitternacht von solcher Semmelrinde +etwas genagt wird, und daran kann man frühmorgens erkennen, daß der +Liebste sie das Jahr über heirathen werde. Ist aber das Brot unverletzt +gelassen, so haben sie schlechte Hoffnung. Also soll es sich begeben +haben (1657 zu Leipzig), daß da ihrer zwei beieinander in einem Bette +schliefen, die eine hatte solches Brot unter sich liegen, die andere +nicht. Diese hörte Nachts ein Knarren und Nagen, fürchtete sich und +rüttelte ihre Gespielin, die aber in festem Schlaf lag und nichts +gewahr wurde, bis sie aus den Träumereien erwachte. Als sie nun Morgens +das Brot besichtigten, war ein Creuz hineingefressen. Das Weibsbild +soll bald darauf einen Soldaten zum Mann bekommen haben.</p> + +<p>Die alte saalfelder Frau erzählte, daß andere ein Gefäß mit Wasser +nehmen und es mit einem gewissen kleinen Maaß in ein ander Gefäß +messen. Sie thun dies aber etlichemal und sehen zu, ob sie in den +wiederhohlten Bemessungen <em class="gesperrt">mehr Wasser</em> antreffen, als zuerst. +Daraus schließen sie, daß sie das folgende Jahr über zunehmen werden +an Haab und Gütern. Befinden sie <em class="gesperrt">einerlei Maaß</em>, so glauben sie, +daß ihr Schicksal stillstehe, und sie weder Glück<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> noch Unglück haben +werden. Ist aber zuletzt <em class="gesperrt">weniger Wasser</em>, so entnehmen sie, daß +ihr gutes Wohlergehn und Gedeihen zurückgehe. Der saalfelder Frau war +das mittelste einmal zu Händen gekommen.</p> + +<p>Andere nehmen einen Erbschlüssel und einen Knäul Zwirn, binden den +Zwirn fest an den Schlüssel und bewinden das Knäul, damit es nicht +weiter ablaufe, als sie es vorher haben laufen lassen. Sie lassen es +aber bei ein Ellen oder sechs los; dann stecken sie dies Gebäumel +zum Fenster aus und bewegen es von einer Seite zur andern an den +äußerlichen Wänden und sprechen dabei: “horch! horch!” so sollen sie +von der Seite und Gegend oder dem Orte her eine Stimme vernehmen, dahin +sie werden zu freien und zu wohnen kommen. Andere greifen zur Thüre +hinaus und haben, wenn sie die Hand hereinziehen, einige Haare von +ihrem zukünftigen Liebsten darin.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_117">117.<br> +Das Hemdabwerfen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weihnachtsfratzen. + Nr. 62.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Coburg saßen am Weihnachtabend mehrere Mädchen zusammen, waren +neugierig und wollten ihre künftige Liebhaber erkündigen. Nun hatten +sie Tags vorher neunerlei Holz geschnitten und als die Mitternacht kam, +machten sie ein Feuer im Gemach und die erste zog ihre Kleider ab, warf +ihr Hemd vor die<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Stubenthüre hinaus und sprach bei dem Feuer sitzend:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“hier sitz ich splitterfasenackt und bloß,</div> + <div class="verse indent0">wenn doch mein Liebster käme</div> + <div class="verse indent0">und würfe mir mein Hemde in den Schooß!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Hernach wurde ihr das Hemd wieder hereingeworfen und sie merkte auf +das Gesicht dessen, der es that; dies kam mit dem überein, der sie +nachdem freite. Die andern Mädchen kleideten sich auch aus, allein sie +fehlten darin, daß sie ihre Hemder zusammen in einen Klump gewickelt +hinauswarfen. Da konnten sich die Geister nicht finden, sondern huben +an zu lärmen und zu poltern, dermaßen, daß den Mädchen grausete. Flugs +gossen sie ihr Feuer aus und krochen zu Bette bis frühe, da lagen ihre +Hemder vor der Thüre in viel tausend kleine Fetzen zerrissen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_118">118.<br> +Krystall-Schauen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Rüst</em> Zeitverkürzung. + S. 255 ff.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> + Sitten-Spiegel. Bl. 64 ff.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 72-80.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine schöne und adliche Jungfrau und ein edler Jüngling trugen heftige +Liebe zu einander, sie aber konnte von ihren Stief-Eltern die Erlaubniß +zur Verheirathung nicht erlangen, worüber sie beide in großer Trauer +lebten. Nun begab sich, daß ein altes Weib, welches Zutritt im Hause +hatte, zu der Jungfrau kam, sie tröstete und sprach: der, den sie +liebe, werde ihr<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> gewiß noch zu Theil werden. Die Jungfrau, die das +gern hörte, fragte, wie sie das wissen könne? “Ei, Fräulein,” sprach +die Alte, “ich habe die Gnade von Gott, zukünftige Dinge vorher zu +entdecken, darum kann mir dieses so wenig, als viel anderes, verborgen +seyn. Euch allen Zweifel zu benehmen, will ich euch, wie es damit gehen +wird, in einem Krystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben +sollt. Aber wir müssen eine Zeit dazu wählen, wo eure Eltern nicht +daheim sind; dann sollt ihr Wunder sehen.”</p> + +<p>Die Jungfrau wartete, bis ihre Eltern auf ein Landgut gefahren waren +und ging dann zu dem Lehrer ihres Bruders, dem Johann Rüst, der +hernach als Dichter berühmt geworden, vertraute ihm ihr Vorhaben und +bat ihn gar sehr, mit zu gehen und dabei zu seyn, wenn sie in den +Krystall schaue. Dieser suchte ihr einen solchen Vorwitz als sündlich +auszureden, der Ursache zu großem Unglück werden könne; aber es war +vergeblich, sie blieb bei ihrem Sinn, so daß er sich endlich auf ihr +inständiges Bitten bewegen ließ, sie zu begleiten. Als sie in die +Kammer traten, war das alte Weib beschäfftigt, ihre Geräthschaften +aus einem kleinen Korbe herauszuziehen, sah aber ungern, daß dieser +Rüst die Jungfrau begleitete und sagte, sie könne ihm an den Augen +absehen, daß er von ihrer Kunst nicht viel halte. Hierauf hub sie an +und breitete ein blau seiden Tüchlein, darein wunderliche Bilder von +Drachen, Schlangen und anderm Gethier eingenäht waren, über die Tafel, +setzte auf dieses Tuch<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> eine grüne gläserne Schale, legte darein ein +anderes goldfarbenes Seiden-Tuch und setzte endlich auf dieses eine +ziemlich große krystallene Kugel, welche sie aber mit einem weißen +Tuche wieder deckte. Dann begann sie, unter wunderlichen Gebährden, +etwas bei sich selbst zu murmeln und nachdem das geendigt war, nahm +sie mit großer Ehrerbietung die Kugel, rief die Jungfrau und ihren +Begleiter zu sich ans Fenster und hieß sie hineinschauen.</p> + +<p>Anfangs sahen sie nichts, nun aber trat in dem Krystall die Braut +hervor in überaus köstlicher Kleidung; eben so prächtig angethan, als +wäre heut ihr Hochzeittag. So herrlich sie erschien, so sah sie doch +betrübt und traurig aus, ja ihr Antlitz hatte eine solche Todten-Farbe, +daß man sie ohne Mitleid nicht betrachten konnte. Die Jungfrau schaute +ihr Bild mit Schrecken an, der aber bald noch größer ward, als gerade +gegenüber ihr Liebster hervorkam, mit so grausamen und gräßlichen +Gesichtszügen, der sonst ein so freundlicher Mensch war, daß man hätte +erzittern mögen. Er trug, wie einer der von einer Reise kommt, Stiefel +und Sporn und hatte einen grauen Mantel mit goldnen Knöpfen um. Er +holte daraus zwei neublinkende Pistolen hervor und, indem er in jede +Hand eine faßte, richtete er die eine auf sein Herz, die andere setzte +er der Jungfrau an die Stirne. Die Zuschauer wußten vor Angst weder aus +noch ein, sahen aber, wie er die eine Pistole, die er an die Stirne +seiner Liebsten gesetzt, losdrückte, wobei sie einen dumpfen,<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> fernen +Schall vernahmen. Nun geriethen sie in solches Grausen, daß sie sich +nicht bewegen konnten, bis sie endlich zitternd und mit schwankenden +Tritten zur Kammer hinausgelangten und sich etwas wieder erholten.</p> + +<p>Dem alten Weib, welches nicht gedacht, daß die Sache also ablaufen +würde, war selbst nicht ganz wohl zu Muth; es eilte daher über Hals und +Kopf hinaus und ließ sich so bald nicht wieder sehen. Bei der Jungfrau +konnte der Schrecken die Liebe nicht auslöschen, aber die Stief-Eltern +beharrten auch bei dem Entschluß, ihre Einwilligung zu verweigern. Ja, +sie brachten es endlich durch Drohen und Zwang dahin, daß sie sich mit +einem vornehmen Hofbeamten in der Nachbarschaft verloben mußte: daraus +erwuchs der Jungfrau erst das rechte Herzeleid, denn sie verbrachte nun +ihre Zeit in nichts als Seufzen und Weinen, und ihr Liebster wurde fast +in die äußerste Verzweifelung gerissen.</p> + +<p>Inzwischen ward die Hochzeit angesetzt und, da einige fürstliche +Personen zugegen seyn sollten, um so viel herrlicher zugerichtet. +Als der Tag kam, wo die Braut im größten Gepränge sollte abgeholt +werden, schickte dazu die Fürstin ihren mit sechs Pferden bespannten +Leibwagen sammt einigen Hof-Dienern und Reutern; an welchen Zug sich +die vornehmsten Anverwandte und Freunde der Braut anschlossen und +also in stattlicher Ordnung auszogen. Dieses alles hatte der erste +Liebhaber ausgekundschaftet und war als ein Verzweifelter entschlossen, +dem andern seine Liebste lebendig<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> nicht zu überlassen. Er hatte zu +dem Ende ein paar gute Pistolen gekauft und wollte mit der einen die +Braut, mit der andern hernach sich selbst tödten. Zu dem Ort der +Ausführung war ein etwa zehn bis zwölf Schritte von dem Thor gelegenes +Haus, bei welchem die Braut vorbei mußte, von ihm ausersehen. Als nun +der ganze prächtige Zug von Wagen und Reutern, den eine große Menge +Volks begleitete, daher kam, schoß er mit der einen Pistole in den +Braut-Wagen hinein. Allein der Schuß geschah ein wenig zu früh, also +daß die Braut unversehrt blieb, einer andern Edelfrau aber, die im +Schlag saß, ihr etwas hoher Kopf-Putz herabgeschossen ward. Da diese +in Ohnmacht sank und jedermann herbei eilte, hatte der Thäter Zeit, +durch das Haus zur Hinterthür hinaus zu entfliehen und, indem er über +ein ziemlich breites Wasser glücklich sprang, sich zu retten. Sobald +die Erschrockene wieder zu sich selbst gebracht war, setzte sich der +Zug aufs neue in Bewegung und die Hochzeit wurde mit der größten Pracht +gefeiert. Doch die Braut hatte dabei ein trauriges Herz, welche nun der +Krystall-Schauung nachdachte und sich den Erfolg davon zu Gemüthe zog. +Auch war ihre Ehe unglücklich, denn ihr Mann war ein harter und böser +Mensch, der das tugendhafte und holdselige Fräulein, ungeachtet ihm ein +liebes Kind geboren ward, auf das grausamste behandelte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_119">119.<br> +Zauber-Kräuter kochen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner</em>’s Curiositäten + S. 58-61. aus mündlicher Erzählung.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners +und ein Färbers-Gesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel +mit einander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit +gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter +und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit. Die Magd aber +konnte die Liebesgedanken nicht los werden und wollte ihren Buhlen +durchaus wieder haben. Am heiligen Pfingst-Tage, da alle Haus-Genossen, +der Lehr-Jung ausgenommen, in der Kirche waren, that sie gewisse +Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer und sobald solche zu +sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen seyn müssen. Nun trug sich +zu, daß, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehr-Junge, +unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne +mit Leim an dessen Stelle setzt. Sobald jener Topf mit den Kräutern +näher zu der Feuer-Hitze gekommen, hat sich etliche mal darin eine +Stimme vernehmen lassen und gesprochen: “komm, komm, Hansel, komm! +komm, komm, Hansel, komm!” Indem aber der Bube seinen Leim umrührt, +fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack und als er sich umschaut, sieht +er einen jungen Kerl daliegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat, +worüber er ein jämmerlich<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> Geschrei anhebt. Die Magd kam gelaufen, +auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig +geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf +erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich +etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Thier, +ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen +und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner +gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren. Wie ihm weiter +geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts sonderliches empfunden, +nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch +zu Langensalza im Bett gelegen und jetzt wäre es zu Erfurt kaum halber +neun. Er könne nicht anders glauben, als daß die Catharine, seine +vorige Liebste, dieses zu Wege gebracht, indem sie bei seiner Abreise +zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie +ihn auf dem Bock holen lassen. Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht, +sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu +weinen und gestanden, daß ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte, +sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn +sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sey +auch so weit er immer wolle.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_120">120.<br> +Der Salz-Knecht in Pommern.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. + S. 67. 68.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Pommern hatte ein Salz-Knecht ein altes Weib, das eine Zauberin war, +bei dem er nicht gerne bliebe und darum einsmals vorgab, er wolle nach +Hessen, in seine Heimath, wandern, allda seine Freunde zu besuchen. +Weil sie aber besorgte, er würde nicht wiederkommen, wollte sie ihn +nicht weglassen, nichtsdestoweniger reiste er fort. Wie er nun etliche +Tage zurückgelegt, kommt hinter ihm auf dem Weg ein schwarzer Bock, +schlupft ihm zwischen die Beine, erhebt und führt ihn wieder zurück +und zwar, nicht über die Landwege, sondern geradezu durch dick und +dünn, durch Feld und Wald, über Wasser und Land, und setzt ihn in wenig +Stunden vor dem Thor nieder, in Angst, Zittern, Schweiß und Ohnmacht. +Das Weib aber heißt ihn mit höhnischen Worten willkommen und spricht: +“schau! bist du wieder da? so soll man dich lehren daheim bleiben!” +Hierauf that sie ihm andere Kleider an und gab ihm zu essen, daß er +wieder zu sich selbst käme.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_121">121.<br> +Jungfer Eli.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Münsterland.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor hundert und mehr Jahren lebte in dem münsterischen Stift +Frekenhorst eine Abtissin, eine sehr fromme<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Frau, bei dieser diente +eine Haushälterin, Jungfer Eli genannt, die war bös und geitzig und +wenn arme Leute kamen, ein Allmosen zu bitten, trieb sie sie mit einer +Peitsche fort und band die kleine Glocke vor der Thüre fest, daß die +Armen nicht läuten konnten. Endlich ward Jungfer Eli todtkrank, man +rief den Pfarrer, sie zum Tode vorzubereiten und als der durch der +Abtissin Baumgarten ging, sah er Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen +mit weißen Federn auf dem Apfelbaum sitzen, wie er aber ins Haus kam, +lag sie auch wieder in ihrem Bette und war böse und gottlos, wie +immer, wollte nichts von Besserung hören, sondern drehte sich um nach +der Wand, wenn ihr der Pfarrer zureden wollte und so verschied sie. +Sobald sie die Augen schloß, zersprang die Glocke und bald darauf +fing sie an, in der Abtei zu spuken. Als eines Tags die Mägde in der +Küche saßen und Vizebohnen schnitten, fuhr sie mit Gebraus zwischen +ihnen her, gerade wie sie sonst leibte und lebte und rief: “schniet +ju nich in de Finger, schniet ju nich in de Finger!” und gingen die +Mägde zur Milch, so saß Jungfer Eli auf dem Stege und wollte sie nicht +vorbeilassen, wenn sie aber riefen: “in Gottes Namen gah wi derher” +mußte sie weichen und dann lief sie hinterher, zeigte ihnen eine schöne +Torte und sprach: “Tart! Tart!” wollten sie die nun nicht nehmen, so +warf sie die Torte mit höllischem Gelächter auf die Erde und da wars +ein Kuhfladen. Auch die Knechte sahen sie, wenn sie Holz haueten, da +flog sie immer<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> von einem Baumzweig im Wald zum andern. Nachts polterte +sie im Hause herum, warf Töpfe und Schüsseln durcheinander und störte +die Leute aus dem Schlaf. Endlich erschien sie auch der Abtissin selbst +auf dem Wege nach Warendorf, hielt die Pferde an und wollte in den +Wagen hinein, die Abtissin aber sprach: “ich hab nichts zu schaffen mit +dir, hast du Uebel gethan, so ists nicht mein Wille gewesen,” Jungfer +Eli wollte sich aber nicht abweisen lassen. Da warf die Abtissin +einen Handschuh aus dem Wagen und befahl ihr, den wieder aufzuheben +und während sie sich bückte, trieb die Abtissin den Fuhrmann an und +sprach: “fahr zu, so schnell du kannst und wenn auch die Pferde drüber +zu Grunde gehen.” So jagte der Fuhrmann und sie kamen glücklich nach +Warendorf. Die Abtissin endlich, des vielen Lärmens überdrüssig, berief +alle Geistliche der ganzen Gegend, die sollten Jungfer Eli verbannen. +Die Geistlichen versammelten sich auf dem Herren-Chor und fingen an, +das Gespenst zu citiren, allein sie wollte nicht erscheinen und eine +Stimme rief: “he kickt, he kickt!” Da sprach die Geistlichkeit: “hier +muß jemand in der Kirche verborgen seyn, der zulauscht;” suchten und +fanden einen kleinen Knaben, der sich aus Neugierde drin versteckt +hatte. Sobald der Knabe hinausgejagt war, erschien Jungfer Eli und ward +in die Davert verbannt. Die Davert ist aber ein Wald im Münsterschen, +wo Geister umgehen und wohin alle Gespenster verwiesen werden. Alle +Jahr einmal fährt nun noch, wie die Sage geht, Jungfer<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Eli über die +Abtei zu Freckenhorst mit schrecklichem Gebraus und schlägt einige +Fensterscheiben ein oder dergleichen und alle vier Hochzeiten kommt sie +wieder einen Hahnenschritt näher.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_122">122.<br> +Die weiße Frau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Schotus</span></em> + <span class="antiqua">Magia univers. p. 339.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bekker’s</em> bezauberte Welt. + I. 289.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die schloßweiße Frau erscheint in Wäldern und auf Wiesen, bisweilen +kommt sie in Pferdeställe mit brennenden Wachskerzen, kämmt und putzt +die Pferde und Wachstropfen fallen auf die Mähnen der Pferde. Sie soll, +wann sie ausgehet, hell sehen, in ihrer Wohnung aber blind seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_123">123.<br> +Taube zeigt einen Schatz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Aus Ottokar von Horneck. S. 197 + <span class="antiqua">a</span>. Cap. 225.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als Herzog Heinrich von Breslau die Stadt Crakau erobert hatte, ging +er in das Münster daselbst, kniete als ein frommer Mann vor dem Altar +unserer Frauen nieder und dankte ihr, daß sie ihm Gnade erzeigt und +sein Leid in Freud gewendet hätte. Und als er aufgestanden war, +erblickte er eine Taube, sah ihrem Flug nach und bemerkte, wie sie +sich über einem<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Pfeiler auf das Gesims eines Bogen setzte. Dann nahm +er wahr, wie sie mit dem Schnabel in die Mauer pickte und mit den +Füßen Mörtel und Stein hinter sich schob. Bald darauf lag unten ein +Goldstück, das herabgefallen war. Der Herzog nahm es auf und sprach: +“das hat die Taube herausgestochen, deß sollte leicht noch mehr da +seyn.” Alsbald ließ er eine Leiter holen und schickte nach einem +Maurer, der sollt sehen, was sich oben fände. Der Maurer stieg hinauf, +nahm den Meißel in die Hand und bei dem ersten Schlag in die Wand +entdeckte er, daß da ein großer Schatz von Gold lag. Da rief er: “Herr, +gebt mir einen guten Lohn, hier liegt des glänzenden Goldes unmaßen +viel.” Der Herzog ließ die Mauer aufbrechen und den Hort herabnehmen, +den Gott ihm gab. Als man es wog, waren es fünfzig tausend Mark.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_124">124.<br> +Taube hält den Feind ab.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Höxter.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt Höxter oder Huxar im +Corvei’schen von den kaiserlichen Soldaten eingeschlossen und konnte +nicht eingenommen werden; endlich kam der Befehl, sie sollte mit +schwerem Geschütz geängstigt und gezwungen werden. Wie nun bei +einbrechender Nacht der Fähndrich die erste Kanone losbrennen wollte, +flog eine Taube und pickte<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> ihm auf die Hand, so daß er das Zündloch +verfehlte. Da sprach er: “es ist Gottes Willen, daß ich nicht schießen +soll” und ließ ab. In der Nacht kamen die Schweden und die Kaiserlichen +mußten abziehen; so war die Stadt diesmal gerettet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_125">125.<br> +Der Glockenguß zu Breslau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Ungarischer Simplicissim. 1683. S. 43. 44.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als die Glocke zu S. Maria Magdalena in Breslau gegossen werden sollte +und alles dazu fast fertig war, ging der Gießer zuvor zum Essen, verbot +aber dem Lehrjungen bei Leib und Leben, den Hahn am Schmelzkessel +anzurühren. Der Lehrjung aber war vorwitzig und neugierig, wie das +glühende Metall doch aussehen möge und indem er so den Krahn bewegte +und anregte, fuhr er ihm wider Willen ganz heraus und das Metall rann +und rann in die zubereitete Form. Höchst bestürzt weiß sich der arme +Jung gar nicht zu helfen, endlich wagt ers doch und geht weinend in die +Stube und bekennt seinem Meister, den er um Gotteswillen um Verzeihung +bittet. Der Meister aber wird vom Zorn ergriffen, zieht das Schwert +und ersticht den Jungen auf der Stelle. Dann eilt er hinaus, will +sehen, was noch vom Werk zu retten sey und räumt nach der Verkühlung +ab. Als er abgeräumt hatte, siehe, so war die ganze Glocke trefflich<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> +wohl ausgegossen und ohne Fehl; voll Freuden kehrte der Meister in +die Stube zurück und sah nun erst, was für Uebels er gethan hatte. +Der Lehrjung war verblichen, der Meister wurde eingezogen und von +den Richtern zum Schwert verurtheilt. Immittelst war auch die Glocke +aufgezogen worden, da bat der Glockengießer flehentlich: ob sie nicht +noch geläutet werden dürfte, er möchte ihren Resonanz auch wohl hören, +da er sie doch zugerichtet hätte, wenn er die Ehr vor seinem letzten +End von den Herren haben könnte. Die Obrigkeit ließ ihm willfahren und +seit der Zeit wird mit dieser Glocke allen armen Sündern, wenn sie vom +Rathhaus herunterkommen, geläutet. Die Glocke ist so schwer, daß wenn +man funfzig Schläge gezogen hat, sie andere funfzig von selbst gehet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_126">126.<br> +Der Glockenguß zu Attendorn.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Simplicissimus</em>, Rathstübel + cap. 8.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Attendorn, einem cölnischen Städtchen in Westphalen, wohnte bei +Menschengedenken eine Wittwe, die ihren Sohn nach Holland schickte, +dort die Handlung zu lernen. Dieser stellte sich so wohl an, daß er +alle Jahr seiner Mutter von dem Erwerb schicken konnte. Einmal sandte +er ihr eine Platte von purem Gold, aber schwarz angestrichen, neben +andern Waaren. Die Mutter, von dem Werth des Geschenks unberichtet,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> +stellte die Platte unter eine Bank in ihrem Laden, allwo sie stehen +blieb, bis ein Glockengießer ins Land kam, bei welchem die Attendorner +eine Glocke gießen und das Metall dazu von der Bürgerschaft erbetteln +zu lassen beschlossen. Die, so das Erz sammelten, bekamen allerhand +zerbrochene eherne Häfen, und als sie vor dieser Wittib Thür kamen, gab +sie ihnen ihres Sohnes Gold, weil sie es nicht kannte und sonst kein +zerbrochen Geschirr hatte.</p> + +<p>Der Glockengießer, so nach Arensberg verreist war, um auch dort einige +Glocken zu verfertigen, hatte einen Gesellen zu Attendorn hinterlassen, +mit Befehl, die Form zu fertigen und alle sonstige Anstalten zu +treffen, doch den Guß einzuhalten, bis zu seiner Ankunft. Als aber der +Meister nicht kam und der Gesell selbst gern eine Probe thun wollte, +so fuhr er mit dem Guß fort und verfertigte den Attendornern eine von +Gestalt und Klang so angenehme Glocke, daß sie ihm solche bei seinem +Abschied (denn er wollte zu seinem Meister nach Arensberg, ihm die +Zeitung von der glücklichen Verrichtung zu bringen) so lang nachläuten +wollten, als er sie hören könnte. Ueber das folgten ihm etliche nach, +mit Kannen in den Händen und sprachen ihm mit dem Trunk zu. Als er nun +in solcher Ehr und Fröhlichkeit bis auf die steinerne Brücke (zwischen +Attendorn und dem fürstenbergischen Schloß Schnellenberg) gelanget, +begegnet ihm sein Meister, welcher alsobald mit den Worten: “was hast +du gethan, du Bestia!” ihm eine Kugel durch den Kopf<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> jagte. Zu den +Geleitsleuten aber sprach er: “der Kerl hat die Glocke gegossen, wie +ein anderer Schelm, er wäre erbietig, solche umzugießen und der Stadt +ein ander Werk zu machen.” Ritte darauf hinein und wiederholte seine +Reden, als ob er den Handel gar wohl ausgerichtet. Aber er wurde wegen +der Mordthat ergriffen und gefragt, was ihn doch dazu bewogen, da +sie mit der Arbeit des Gesellen doch vollkommen zufrieden gewesen? +Endlich bekannte er, wie er an dem Klang abgenommen, daß eine gute +Masse Gold bei der Glocke wäre, so er nicht dazu kommen lassen, sondern +weggezwackt haben wollte, dafern sein Gesell befohlnermaßen mit dem Guß +seine Ankunft abgewartet, weswegen er ihm den Rest gegeben.</p> + +<p>Hierauf wurde dem Glockenmeister der Kopf abgeschlagen, dem Gesell aber +auf der Brücke, wo er sein End genommen, ein eisern Kreuz zum ewigen +Gedächtniß aufgerichtet. Unterdessen konnte niemand ersinnen, woher das +Gold zu der Glocke gekommen, bis der Wittib Sohn mit Freuden und großem +Reichthum beladen nach Haus kehrte und vergeblich betrauerte, daß sein +Gold zween um das Leben gebracht, einen unschuldig und einen schuldig, +gleichwohl hat er dieses Gold nicht wieder verlangt, weil ihn Gott +anderwärts reichlich gesegnet.</p> + +<p>Längst hernach hat das Wetter in den Kirchthurm geschlagen und wie +sonst alles verzehret, außer dem Gemäuer, auch die Glocke geschmelzt. +Worauf in der Asche Erz gefunden worden, welches an Gehalt den<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> +Goldgülden gleich gewesen, woraus derselbige Thurm wieder hergestellt +und mit Blei gedeckt worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_127">127.<br> +Die Müllerin.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oestreich und nach einem fliegenden + Blatt.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwischen Ems und Wels in Oestreich auf einer einsamen Mühle lebte ein +Müller, der war an einem Sonntag Morgen, nach üblicher Weise, mit +allen seinen Knechten in die Kirche gegangen und nur seine Frau, die +ihre Niederkunft bald erwartete, daheim geblieben. Als die Müllerin so +allein saß, kam die Hebamme, gleichsam zum Besuch, zu sehen, wie es +mit ihr stehe. Die Müllerin war ihr freundlich, trug etwas auf und sie +setzten sich zusammen an den Tisch. Während sie aßen, ließ die Hebamme +das Messer fallen und sprach: “hebt mir einmal das Messer auf!” “Ei! +antwortete die Müllerin, ihr redet wunderlich, ihr wißt doch, daß mir +das Bücken saurer wird, als euch,” doch ließ sie’s hingehen, hob das +Messer auf, reichte es ihr, und wie sie es reichte, noch im Bücken, +faßte die Hebamme das Messer in die Faust, zückte und sprach: “nun +gebt mir euer Geld, das baar bei euch liegt, oder ich stech euch die +kalte Klinge in die Brust!” Die Müllerin erschrack, faßte sich aber +und sagte: “kommt mit mir hinüber in die Kammer, da liegt im Schrank, +was wir haben, und nehmts.” Die<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Hebamme folgte ihr, nahm das Geld +aus dem Schrank und, weil es ihrer Habsucht nicht genug war, suchte +sie noch weiter in andern Gefächern. Diesen Augenblick benutzte die +Müllerin, trat schnell hinaus und schloß die Thüre fest zu, und da +vor den Fenstern starke eiserne Gitter standen, so war die Hebamme in +der Kammer eingefangen. Nun rief die Frau ihr siebenjähriges Söhnlein +und sprach: “eil dich und lauf zum Vater in die Kirche, ich bät ihn, +eilends mit seinen Knechten heimzukommen, ich wär in großer Gefahr.” +Das Kind lief fort, aber nicht weit von der Mühle traf es auf den Mann +der Hebamme, der verabredetermaßen kam, den Raub fortzutragen. Als er +das Kind sah, faßte er’s und riß es mit sich zur Mühle zurück. Die +Müllerin, die, ihren Mann erwartend, am Fenster stand, sah ihn kommen, +verschloß alsbald die Hausthüre und schob alle Riegel vor. Als der +Mann heran war, rief er, sie sollte ihm die Thüre öffnen und, da sie +es nicht that, stieß er wüthend dagegen und hoffte sie einzutreten. +Die Müllerin schrie nun mit allen Kräften zu einem Fenster hinaus nach +Hülfe, aber, weil die Mühle zu fern, auch mit Gebüsch umwachsen lag, +ward sie von niemand gehört. Indeß wich die Thüre den Stößen des Mannes +nicht und da er sah, in welche Gefahr er und seine Frau gerathe, wenn +er sich so lang aufhalte, bis der Müller aus der Kirche komme, zog er +sein Messer und rief der Müllerin: “wo ihr nicht gleich öffnet, so +stech ich das Kind vor euern Augen nieder und zünde die Mühle euch +über<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> dem Kopf an;” faßte auch das Kind, daß es laut zu schreien +anfing. Da eilte die Müllerin und wollte die Thüre öffnen, aber wie sie +davor stand, ging ihr der Gedanken durchs Herz, daß der Mörder sie nur +herauslocken wolle, um sie selbst und mit ihr das Kind in ihrem Leibe +zu tödten, so daß sie ein paar Augenblicke schwankte. Der Mann zauderte +nicht, stach dem Knaben das Messer in die Brust, lief dann um die Mühle +und suchte einen Eingang. Da fiel der Müllerin, die von dem allem +nichts wußte, ein, sie wollte die Räder in Bewegung setzen, vielleicht +lockte das am Sonntag ungewöhnliche Klappern Menschen zu ihrer Hülfe +herbei. Der Mörder aber wollte gerade durch das stehende Rad in die +Mühle sich eindrängen, hatte eben den Fuß auf eine Speiche gesetzt und +wär ohne Zweifel hineingeschlüpft, als in dem nämlichen Augenblick, +nach Gottes wundervoller Schickung, das losgelassene Rad anhub sich zu +drehen, ihn hinunterschlug und jämmerlich zermalmte.</p> + +<p>Bald darauf kam der Müller mit seinen Knechten heim. Als er die Kammer +aufschloß, worin die Hebamme gefangen war, lag sie todt auf der Erde +und war vor Angst und Schrecken vom Schlag gerührt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_128">128.<br> +Johann Hübner.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Stilling’s Leben. I. 51-54.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Geissenberge in Westphalen stehen noch die Mauern von einer +Burg, da vor Alters Räuber<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> gewohnt. Sie gingen Nachts in’s Land umher, +stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo ein +großer Stall war und darnach verkauften sie’s weit weg an fremde Leute. +der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß <em class="gesperrt">Johann Hübner</em>. +Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andere Männer im +ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen krausen Bart und +Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch +das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner +sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann +einen Reuter sah, da rief er: “heloh! da reitet ein Reuter! ein schönes +Roß! Heloh!” Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen +ihm das Roß und schlugen ihn todt. Nun war ein Fürst von Dillenburg, +der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel +von den Räubereien des Johann Hübners, denn die Bauern kamen immer und +klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen Knecht, +der hieß <em class="gesperrt">Hanns Flick</em>, den schickte er über Land, dem Johann +Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller und hielt sich +da mit seinen Reutern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern +Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner +nicht, streifte im Land umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an +eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder +an der Wand, die auch beschlagen<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> werden sollten. Auf dieselben hatte +sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein +eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: “Gott grüß dich, +eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heißest du nicht Johann Hübner vom +Geissenberg?” Der Mann antwortete: “Johann Hübner vom Geissenberg liegt +auf dem Rad.” Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und +sagte: “war das kürzlich?” “Ja, sprach der Mann, erst heut.” Hanns +Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf +den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins +Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste +Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied that es und Johann Hübner +ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: “Gott grüß dich, +braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber +keine Leute, die hinter den Ohren lausen.” Hanns Flick blieb stehen und +sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo +er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt +hin und her, die Kreuz und Queer und Hanns Flick wurde bald in den +Fußtapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen +die Fußtapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er +geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er Nachts bei +Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt +Vieh hütete. Da eilte er und sagte<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> es dem Fürsten Christian, der ritt +in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald und sie hatten den +Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen +auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann +Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang, +endlich aber blieb Johann Hübner todt und der Fürst zog in das Schloß +auf dem Geissenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der +Fürst legte viel Holz um den großen Thurm und sie untergruben ihn auch. +Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Thurm um und +das ganze Land zitterte von dem Fall. Man sieht noch die Steine den +Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht, +mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um +den Wall herum.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_129">129.<br> +Eppela Gaila.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Fischart</em> im Garg. (springen) + über Eppelins Heuwagen.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Rentsch</em> Antiquitäten des + Burggrafthums oberhalb Gebirg, aus einer ihm 1684 vom Pfarrer Meyer zu + Muggendorf mitgetheilten Nachricht.</div> + <div class="angabe">Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 149.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Edward Brown</em> sonderbare + Reisen S. 67.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">E.M. Arndt</em> Bruchst. einer + Reise von Baireuth nach Wien im Sommer 1798. Leipz. 1801. 8. S. 27. 28. 96.</div> + <div class="angabe">Eppelein von Gailingen, ein Schauspiel von + <em class="gesperrt">Hansing</em>. Leipz. 1795. 8.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor nicht lang sangen die nürnberger Gassenbuben noch diesen alten +Reim:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Eppela Gaila von Dramaus</div> + <div class="verse indent0">reit allzeit zum vierzehnt aus;</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">und:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da reit der Nürnberger Feind aus</div> + <div class="verse indent0">Eppela Gaila von Dramaus.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>In alten Zeiten wohnte im Baireuthischen bei Drameysel (einem kleinen, +nach Muggendorf eingepfarrten Dörfchen) <em class="gesperrt">Eppelin von Gailing</em>, +ein kühner Ritter, der raubte und heerte dort herum und sonderlich +aufgesessen war er den Nürnbergern, denen schadete er, wo er mochte. Er +verstand aber das Zaubern und zumal so hatt’ er ein Rößlein, das konnte +wohl reiten und traben, damit setzte er in hohen Sprüngen über Felsen +und Risse und sprengte es über den Fluß Wiesent, ohne das Wasser zu +rühren, und über Heuwagen auf der Wiese ritt er, daß seines Rosses Huf +kein Hälmlein verletzte. Zu Gailenreuth lag sein Hauptsitz, aber rings +herum hatte er noch andere seiner Burgen und im Nu wie der Wind flog er +von einer zur andern. Von einer Bergseite war er flugs an der gegenüber +stehenden und ritt oftmals nach Sanct Lorenz in Muggendorf. Zu Nürnberg +hielten ihn weder Burgmauern auf, noch der breite Stadtgraben und +viel ander Abentheuer hat er ausgeübt. Endlich aber fingen ihn die +Nürnberger und zu Neumarkt ward er mit seinen Helfershelfern an den +Galgen gehängt. In der nürnberger Burg stehen noch seine Waffen zur +Schau und an der Mauer ist noch die Spur vom Huf seines Pferdes zu +sehen, die sich eingedrückt hatte, als er darüber sprang.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_130">130.<br> +Der Blumenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Kurhess. Magazin 1804. Nr. 30.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten, +wettete eines Abends ein junges, muthiges Bauernmädchen in dem +benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein +hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen +wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte +eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht +entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke und kaum stand +sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne +Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke +er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein +Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell +damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges, +der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so +hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt +und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr +nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald +zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und +brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_131">131.<br> +Seeburger See.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Neues hanöv. Magazin 1807. St. 13. u. St. 40.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der seeburger See. Er +vermindert sich jährlich, ist jetzt 30-40 Fuß tief und von einer guten +halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und +gefährliche Tiefen, die auf das Daseyn eines unterirdischen Flusses +vermuthen lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage.</p> + +<p>In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf +welcher ein Graf, Namens Isang, wohnte, der ein wildes und gottloses +Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters +Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu seyn. Kaum +war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, daß diejenige, die er in +Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester +war. Zwar erschrack er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster +zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er +begann aufs neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, daß er +einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der +Fischmeister aber dafür eine silber-weiße Schlange gab. Der Graf, der +etwas von der Thier-Sprache verstand, war damit gar wohl zufrieden, +denn er wußte, daß, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen +Geheimnissen<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot +aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß +er so viel, als er vermogte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf +der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte +Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen +nach dem Genuß alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs +Herz und standen so hell vor ihm, daß die Gedanken sich nicht davon +abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wußte. “Mir +ist so heiß, sprach er, als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!” Er +ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach: +“eben ist eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der ihr sie +gezwungen habt, gestorben.” Der Graf wendete sich in seiner Angst nach +dem Schloßhof zurück, aber da ging alles Gethier, das darin war: die +Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen untereinander von seinem +ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all vollbracht, und +die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch +und riefen Antwort herab. “Nun aber, sagten sie, haben die Sünden ihr +volles Maas und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die +prächtigen Thürme umfallen und die ganze Burg wird versunken seyn.” +Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der +von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen +wollte, fragte: “was ruft der Hahn?” Der Diener,<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> der in der Angst +sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: “er ruft: eil! eil! eh +die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil! eil! aber zieh +allein!” “O du Verräther, sprach der Graf, so hast du doch von der +Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen.” +Der Diener lief hastig ins Schloß, aber der Graf sattelte sich selbst +sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der +Diener zurückkam, leichen-blaß und athemlos ihm in die Zügel fiel und +flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah, +wie die letzte Sonnen-Röthe an den Spitzen der Berge glühte und hörte, +wie der Hahn laut kreischte: “eil! eil! eh die Sonne untergeht, aber +zieh allein!” da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und +sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei +dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um, und als er die +Thurmspitzen seines Schlosses noch im Abendroth glänzen sah, däuchte +ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber +fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er +weiter und als er zum zweitenmal sich umschaute, waren Wall, Mauern und +Thürme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See.</p> + +<p>Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte +seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen +reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> +reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem +Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber +sogar noch ein Schenkungs-Brief da seyn soll. Auch werden noch jetzt +aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger +Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener +Arbeit, von denen der Wirth in Seeburg einen gekauft hat.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_132">132.<br> +Der Burgsee und Burgwall.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kosegarten</em> Rhapsodien. + II. 110.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Stubniz auf der pommerschen Insel Rügen liegt ein mächtiger +Erdwall, von hohen Buchen bewachsen und einen langrunden Kreis +umschließend, in dessen Mitte mancherlei Baumwurzeln und Steine +verstreut liegen. Hart neben dem östlichen Rande des Walles fließt in +einem runden und tiefen Kessel ein See, der <em class="gesperrt">schwarze See</em>, oder +<em class="gesperrt">Burgsee</em> genannt. Jener Wall heißt der <em class="gesperrt">Burgwall</em>. Nach der +Landsage soll in diesem Wall vor alten Zeiten der Teufel angebetet +und zu seinem Dienst eine Jungfrau unterhalten worden seyn. Wann er +der Jungfrau überdrüssig wurde, so führten sie seine Priester zu dem +schwarzen See und ersäuften sie darin.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_133">133.<br> +Der heil. Niclas und der Dieb.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 200. 201. aus</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Michael Saxe</em> + <span class="antiqua">alphab. hist. p.</span> 383.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Greifswald in Pommern stund in einer Kirche St. Niclasen Bild. Eines +Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief +den Heiligen an: “o heiliger Niclaus, ist das Geld mein oder dein? +komm, laß uns wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt, +soll gewonnen haben.” Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch +und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: “mein +heil. Niclaus, du hasts redlicher gewonnen, aber das Geld ist dir doch +nicht nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich wills nehmen und +guten Muth dabei haben.” — Bald darauf geschah, daß dieser Räuber +starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten +den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei den beraubten Gotteskasten +und hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf. Diese +Windmühle soll nachher immer links umgelaufen seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_134">134.<br> +Riesensteine.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 591-593.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen +und Füßen eingedrückt sind<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> und wovon die Sage ist, dieses rühre von +Riesen her, die sich vor Alters damit geworfen, oder darauf gestanden. +Ein solcher Stein liegt zu Leipzig beim Kuhthurm am Wege und die Spur +einer großen Hand mit sechs Fingern steht daraufgedruckt. Ein anderer +großer Stein ist auf dem Wege von Leipzig nach dem Dorf Hohentiegel zu +finden, dem Dorfe näher als der Stadt, darauf man ein Schmarre sieht, +als wäre sie mit einem Schlachtschwerte eingehauen.</p> + +<p>Als Salzwedel vor uralters hart belagert wurde von einem grausamen +Feind, der sie doch nicht einbekommen mochte, weil Engel auf der +Stadtmauer hin und hergegangen, die Pfeile auffingen und die Stadt +behüteten; da erbitterte der Feldherr und wie im Lager ein großer Stein +vor ihm lag, zog er sein Schlachtschwert und sprach: “soll ich die +Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, daß ich in diesen Stein haue, wie +in einen Butterweck.” Als er nun hieb, gab der Stein nach, als ob er +ganz weich wäre. Dieser Stein wurde dem Prätorius an derselben Stelle +im Jahr 1649 gezeigt, auf dem Wege zwischen Salzwedel und Tielsen, und +er betastete ihn und sah mit eigenen Augen die tiefe Spalte, die er +durch die Mitte hatte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_135">135.<br> +Spuren im Stein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei der Mindner Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismar-Wald, da +hat vor dem dreißigjährigen<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Krieg eine Stadt Namens Geismar gestanden. +Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Todtenberg heißt und dabei +ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen, +hatte sich in den Geismar-Wald zurückgezogen, saß da auf einem Stein +und dachte nach, was zu thun am besten wäre. Da kam einer seiner +Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen +und den Feind muthig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sey alles +gerettet. Der Feldherr aber antwortete: “nein, ich kann so wenig +siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!” Mit +diesen Worten stand er auf, aber seine Beine und selbst die Hand, womit +er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt. +Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit +frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heut zu Tag steht der Stein und +man sieht die Spuren darin ausgedrückt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_136">136.<br> +Der Riesen-Finger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">vgl. Taschenbuch für Freundschaft und Liebe 1815. + S. 279-281.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein +wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf +dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen +Löffel fallen ließ. Er war auch gegen<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> seine Mutter gottlos und wenn +sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und +schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge +hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wüthend, daß er +mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte +sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner +krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen +die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der +kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein +langer schmaler Thurm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsthurm +heißt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_137">137.<br> +Riesen aus dem Unterberge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch.</div> + </div> + +</div> + +<p>Alte Männer aus dem Dorfe Feldkirchen, zwei Stunden von Salzburg, haben +im Jahr 1645 erzählt, als sie noch unschuldige Buben gewesen, hätten +sie aus dem Wunderberge Riesen herabgehen gesehen, die sich an die +nächst dieses Berges stehende Grödicher Pfarrkirche angelehnt, daselbst +mit Männern und Weibern gesprochen, dieselben eines christlichen +Lebens und zu guter Zucht ihrer Kinder ermahnt, damit diese einem +bevorstehenden Unglück entgingen. Sodann hätten sich diese Riesen +wiederum nach ihrem Wunderberg begeben.<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Die Grödicher Leute waren von +den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes +Unglück zu sichern.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_138">138.<br> +Der Jetten-Bühel zu Heidelberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Freher</span></em> + <span class="antiqua">orig. palat.</span> I. 50.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kaiser</em> Schauplatz von + Heidelberg S. 19. 20. u. 169. 170. und andere.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Hügel bei Heidelberg, auf dem jetzt das Schloß stehet, wurde sonst +der <em class="gesperrt">Jetten-Hügel</em> genannt und dort wohnte ein altes Weib, Namens +Jetta, in einer Capelle, von der man noch Ueberreste gesehen, als der +Pfalzgraf Friedrich Kurfürst geworden war und ein schönes Schloß (1544) +baute, das der neue Hof hieß. Diese Jetta war wegen ihres Wahrsagens +sehr berühmt, kam aber selten aus ihrer Capelle und gab denen, die sie +befragten, die Antwort zum Fenster heraus, ohne daß sie sich sehen +ließ. Unter andern verkündigte sie, wie sie es in seltsamen Versen +vorbrachte, es wäre über ihren Hügel beschlossen, daß er in künftigen +Zeiten von königlichen Männern, welche sie mit Namen nannte, sollte +bewohnt, beehrt und geziert und das Thal unter demselben mit vielem +Volk besetzt werden.</p> + +<p>Als Jetta einst bei einem schönen Tag nach dem Brunnen ging, der sehr +lustig am Fuß des Geißbergs nah am Dorf Schlürbach, eine halbe Stunde +von<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Heidelberg liegt und trinken wollte, wurde sie von einem Wolf, der +Junge hatte, zerrissen. Daher er noch jetzt der <em class="gesperrt">Wolfsbrunnen</em> +heißt. Nah dabei ist unter der Erde ein gewölbter Gang, von dem Volk +das Heidenloch genannt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_139">139.<br> +Riese Haym.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Matth. Holzwart</em> Lustgart. + newer deutscher Poeterei. Strasb. 1568. <span class="antiqua">f.</span> + S. 164-166.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Pighius</span></em> + <span class="antiqua">hercules prodic.</span> 167.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Joh. Müller</em> Schweiz. + Gesch. I. 98. N. 81.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es war vor Zeiten ein Riese, genannt <em class="gesperrt">Haym</em> oder <em class="gesperrt">Haymon</em>. +Als nun ein giftiger Drache in der Wildniß des Innthals hauste und den +Einwohnern großen Schaden that, so machte sich Haymon auf, suchte und +tödtete ihn. Dafür unterwarfen sich die Bewohner des Innthals seiner +Herrschaft. Darnach erwarb er noch größern Ruhm, indem er die Brücke +über den Inn, daher die Stadt Innsbruck den Namen führt, fester baute, +weshalb sich viel fremde Leut unter ihn begaben. Der Bischof von Chur +aber taufte ihn und Haymon erbaute zu Christi Ehren das Kloster Wilten, +wo er bis an sein Ende lebte und begraben liegt.</p> + +<p>Zu Wilten ist sein Grab zu sehen, vierzehen Schuh, drei Zwergfinger +lang, auf dem Grab ist seine Gestalt in Rüstung aus Holz geschnitten. +Auch zeigt man in<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> der Sacristei die Drachen-Zunge, sammt einem alten +Kelch, worauf die Passion abgebildet ist, den man vor mehr als 1100 +Jahren, wie man das Fundament des Klosters grub, in der Erde gefunden, +also daß der Kelch bald nach Christi Himmelfahrt gemacht war. Neben +Haymes Grab hängt eine Tafel, worauf sein Leben beschrieben steht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_140">140.<br> +Die tropfende Rippe.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Wiener Litter. Zeitung. 1813. Febr. col. 191. 192.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Cillerkreise der Steiermark liegt ein Ort Oberburg, auf +slavisch Gornigrad, in dessen Kirche hangt eine ungeheure Rippe, +dergleichen kein jetzt bekanntes Landthier hat. Man weiß nicht, +wann sie ausgegraben worden, die Volkssage schreibt sie einer +<em class="gesperrt">Heidenjungfrau</em> (slavisch: ajdowska dekliza) zu, mit der +Anmerkung, daß von dieser Rippe alljährlich ein einziger Tropfen +abfällt und der jüngste Tag in der Zeit komme, wo sie ganz vertröpfelt +seyn wird.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_141">141.<br> +Jungfrau-Sprung.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Nach <em class="gesperrt">Abraham</em> a St. + <em class="gesperrt">Clara.</em></div> + </div> + +</div> + +<p>Unweit Grätz in Steier liegt ein Ort, insgemein die Wand genannt, +daselbst ist ein hoher Berg, welcher<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> den Namen <em class="gesperrt">Jungfrausprung</em> +schon von etlichen hundert Jahren her führt. Als nämlich auf eine Zeit +ein üppiger und gottloser Gesell einem ehrbaren Bauer-Mägdlein lang +und ungestüm nachstrebte und er sie zuletzt nach vielen Ausspähungen +auf besagtem Berg ertappte, erschrack sie und wagte einen Sprung. Sie +sprang von dem Berg über den ganzen Fluß, Mur genannt, bis auf einen +andern hohen Bühel jenseits. Davon heißt der Berg Jungfrausprung.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_142">142.<br> +Der Stierenbach.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Scheuchzer</span></em> + <span class="antiqua">iter alp. p. 12.</span> u. Kupfertafel 11.</div> + <div class="angabe">Alpenrosen. 1813. S. 28. 29.</div> + </div> + +</div> + +<p>Mitten durch das Thal der Surenalp ergießt sich der <em class="gesperrt">Stierenbach</em>, +der aus dem Surenersee entspringt und einer gemeinen Sage nach, die +sowohl die Leute in Uri, als in Engelsberg erzählen, durch folgende +Geschichte den Namen erhalten haben soll. Vor mehrern hundert Jahren +lebte hier ein Alpenhirt, der in seiner Heerde ein Lamm hatte, worauf +er besonders viel hielt und dem er so zugethan war, daß er darauf +verfiel, es taufen zu lassen und ihm einen Christennamen beizulegen. +Was geschieht? Der Himmel, um diesen Frevel zu rächen, wandelte das +Lamm in ein scheußliches Gespenst, welches bei Tag und Nacht auf der +fruchtbaren Alpe umherging, alle Gräser und<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Kräuter abweidete und +den Strich so verheerte, daß die Engelsberger fürder kein Vieh mehr +darauf halten konnten. Zu denen von Uri kam aber ungefähr ein fahrender +Schüler und rieth, wie sie das Unthier zu vertreiben hätten. Nämlich +sie sollten neun Jahr lang ein Stier-Kalb mit purer Milch auffüttern, +das erste Jahr von einer einzigen Kuh, das zweite von der Milch +zweier, das dritte dreier Kühe und so fort; nach Ablauf der neun Jahre +den solchergestalt mit Milch auferzogenen Ochsen durch eine reine +Jungfrau auf die Alpe führen lassen. Die Urer hofften auf guten Lohn +von den Engelsbergern und nährten einen solchen Stier auf der Alpe +Waldnacht, wo man noch heut zu Tag seinen Stall weist, genannt den +<em class="gesperrt">Stiergaden</em>. Wie nun der Stier zu seinen Jahren gekommen war, +leitete ihn eine unbefleckte Jungfrau über den Felsengrat und ließ +ihn da laufen. Der Stier, als er sich frei sah, ging sogleich auf das +Gespenst los und fing einen Kampf mit ihm an. Der Streit war so hart +und wüthig, daß der Stier zwar das Ungeheuer zuletzt überwand, aber +der Schweiß von seinem Leib heruntertroff. Da stürzte er zu einem +vorbeifließenden Bach und trank so viel Wasser, daß er auf der Stelle +des Todes war. Davon hat der Bach seitdem den Namen <em class="gesperrt">Stierenbach</em> +und außerdem zeigen die Einwohner noch jetzo die Felsen und Steine +vor, in denen sich die Hinterklauen des Stiers, während des heftigen +Kampfes, eingedrückt haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_143">143.<br> +Die Männer im Zottenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried’s</em> + <span class="antiqua">medulla. p.</span> 478-481.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nic. + Henelius ab Hennenfeld</span></em> in <span class="antiqua">Silesiographia + renovata c. 11. §. 13.</span></div> + <div class="angabe">Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 59-63.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain + I. 247.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im 16. Jahrhundert lebte in Schweidnitz ein Mann, Johannes Beer +genannt. Im Jahr 1570, als er seiner Gewohnheit nach zu seiner +Lust auf den nah gelegenen Zottenberg ging, bemerkte er zum +erstenmal eine Oeffnung, aus der ihm beim Eingang ein gewaltiger +Wind entgegenwehte. Erschrocken ging er zurück, bald darauf aber, +am Sonntag Quasimodogeniti, beschloß er von neuem die Höhle zu +untersuchen. Er kam in einen engen, geraden Felsengang, ging einem +fernschimmernden Lichtstrahl nach und gelangte endlich zu einer +beschlossenen Thüre, in der eine Glasscheibe war, die jenes wundersame +Licht warf. Auf dreimaliges Anklopfen ward ihm geöffnet und er sah +in der Höhle an einem runden Tisch drei lange abgemergelte Männer in +altdeutscher Tracht sitzen, betrübte und zitternde. Vor ihnen lag ein +schwarzsammtenes, goldbeschlagenes Buch. Hierauf redete er sie mit: +“<span class="antiqua">pax vobis!</span>” an und bekam zur Antwort: “<span class="antiqua">hic nulla pax!</span>” +Weiter vorschreitend rief er nochmals: “<span class="antiqua">pax vobis in nomine +domini!</span>” erzitternd mit kleiner Stimme versetzten sie: “<span class="antiqua">hic non +pax.</span>” Indem er vor den Tisch kam, wiederholte er: “<span class="antiqua">pax vobis in +nomine<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> domini nostri Jesu Christi!”</span> worauf sie verstummten und +ihm jenes Buch vorlegten, welches geöffnet den Titel hatte: <span class="antiqua">liber +obedientiae</span>. Auf Beer’s Frage: wer sie wären? gaben sie zur +Antwort: sie kennten sich selber nicht. “Was sie hier machten?” — “Sie +erwarteten in Schrecken das jüngste Gericht und den Lohn ihrer Thaten.” +— “Was sie bei Leibes-Leben getrieben?” Hier zeigten sie auf einen +Vorhang, hinter dem allerlei Mordgewehre hingen, Menschen-Gerippe und +Hirnschädel. “Ob sie sich zu diesen bösen Werken bekennten?” — “Ja!” +— “Ob es gute oder böse?” — “Böse.” — “Ob sie ihnen leid wären?” +Hierauf schwiegen sie still, aber erzitterten: “sie wüßtens nicht!”</p> + +<p>Die schlesische Chronik gedenkt eines Raubschlosses auf dem +Zottenberge, dessen Ruinen noch zu sehen sind.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_144">144.<br> +Verkündigung des Verderbens.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 38.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als die Magdeburger im Jahr 1550 am 22. September mit dem Herzog Georg +von Mecklenburg Schlacht halten sollten, ist ihnen bei ihrem Auszuge +vor dem Dorf Barleben, eine Meile Wegs von der Stadt ein langer, +ansehnlicher, alter Mann, der Kleidung nach einem Bauersmanne nicht +unähnlich, begegnet und hat gefragt, wo sie mit dem Kriegs-Volk und der +Kriegs-Rüstung<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> hinausgedächten? Und da er ihres Vorhabens berichtet +worden, hat er sie gleich mit aufgehobenen Händen herzlich gebäten +und gewarnt, von ihrem Vorsatze abzustehen, wieder heim zu kehren, +ihre Stadt in Acht zu nehmen und ja des Orts und sonderlich in dieser +Zeit nichts zu beginnen, weil eben auch vor zweihundert Jahren die +Magdeburger auf den St. Moriz Tag und an demselben Orte, an dem Wasser +Ohra geschlagen worden; wie ein jeder, der es wüßte, in der Tafel der +St. Johannes Kirche zu Magdeburg lesen könnte. Und würde ihnen, wofern +sie fortführen, gewiß auch diesmal glücklicher nicht ergehen. Ob nun +wohl etliche sich über das Wesen und die Rede des Mannes verwunderten, +so haben doch ihrer sehr viel ihn gespottet und die Warnung höhnisch +verlacht, von welchen Spöttern hernach doch keiner in der Schlacht +unerschlagen oder ungefangen geblieben seyn soll. Man sagt, er sey +als ein gar alter eis-grauer Mann erschienen, aber solches schönen, +holdseligen, röthlichen und jungen Angesichtes, daß es zu verwundern +gewesen. Und demnach es leider gefolgt, wie er geweißagt, hat man +allenthalben Nachforschung nach solchem Manne gehabt, aber niemand +erfahren können, der ihn zuvor oder nachher gesehen hätte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_145">145.<br> +Das Männlein auf dem Rücken.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 584. 585.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als im März 1669 nach Torgau hin ein Seiler seines Wegs gewandelt, hat +er einen Knaben auf dem Felde angetroffen, der auf der Erde zum Spiel +niedergesessen und ein Bret vor sich gehabt. Wie nun der Seiler solches +im Ueberschreiten verrückt, hat das Knäblein gesprochen: “warum stoßt +ihr mir mein Bret fort? mein Vater wirds euch danken!” Der Seiler +geht immer weiter und nach hundert Schritten begegnet ihm ein klein +Männlein, mit grauem Bart und ziemlichem Alter, von ihm begehrend, +daß er es tragen möge, weil es zum Gehen ermüdet sey. Diese Anmaßung +verlacht der Seiler, allein es springet auf seine Schultern, so daß +er es ins nächste Dorf hocken muß. Nach zehn Tagen stirbt der Seiler. +Als darüber sein Sohn kläglich jammert, kommt das kleine Bübchen zu +ihm, mit dem Bericht, er solle sich zufrieden geben, es sey dem Vater +sehr wohl geschehen. Weiter wolle er ihn, benebenst der Mutter, bald +nachholen, denn es würde in Meißen eine schlimme Zeit erfolgen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_146">146.<br> +Gottschee.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Volks-Sagen. Eisenach. 1795. 173-188.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der unter-crainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die +sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> von den anderen Crainern +unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende +und dem Fürsten Auersperg zuhörende Burg, von der die umwohnenden +Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit +seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Theil der verfallenen Burg und +dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden +Geistern folgendes begegnet seyn.</p> + +<p>Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinunter gegangen, er selbst, +von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß +gestreckt. Plötzlich so sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die +er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er +geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige +Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemanden +daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem +jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu +retten Willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von +dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung +bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus +einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu seyn fühlte. +Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte: wie daß ein alter +Mann gekommen sey, mit langem Bart, rothen Augen, in schwarze Kleider +angethan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt +und ihm viel schöne Sachen versprochen, wenn es mit<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> ihm gehen wolle, +darauf sey es ihm an der Hand gefolgt.</p> + +<p>Abends desselben Tags hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als +er die Thüre aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte. +Der Jäger folgte und wurde an eben denselben Abgrund geleitet. Der +Felsen that sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs +begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer +heller werdende Gruft. Sieben Greise, mit kahlen Häuptern, in tiefem +Schweigen saßen in einem länglichten Raume. Weiter ging der Jäger +durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen +Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große +Särge zeigte, in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts. +Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er +sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren. +Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt, +worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein +Fest begingen. Allein alle waren todtenblaß und keiner sprach ein +Wort. Durch eine rothe Thür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe +altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu +erkennen meinte, der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr +beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seyen und +ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne? +“Lauter Bewohner dieses Schlosses<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> sind es, versetzte hohlstimmig der +Alte, die weitere Bewandniß kannst du aber jetzt noch nicht erfahren, +sondern wirst es demnächst einmal.” Nach diesen Worten wurde der Jäger +sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe +war. Er fand eine alte verfallene Treppe und diese in die Höhe steigend +gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein +kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes +Seil, woran er stieß und das Rauschen von Wasser ließ ihn muthmaßen, +er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen +Cisterne, von wo aus man das Wasser mittelst eines Rades hinaufwand. +Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen, +erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte, +als sie in dem schweren Eimer ihren todtgeglaubten Mann herauszog.</p> + +<p>Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt, doch +erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seyen +die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige +Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete, +erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und +Leichen wieder.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_147">147.<br> +Die Zwerge auf dem Baum.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich aus dem Haslithal, in + <em class="gesperrt">Wyß</em> Volkssagen S. 320.</div> + </div> + +</div> + +<p>Des Sommers kam die Schaar der Zwerge häufig aus den Flühen herab +ins Thal und gesellte sich entweder hülfreich oder doch zuschauend +den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mädern im Heuer (der +Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen und +dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber kamen boshafte +Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß er blos noch schwach am +Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf +niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf +den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrien:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O wie ist der Himmel so hoch</div> + <div class="verse indent0">und die Untreu’ so groß!</div> + <div class="verse indent0">heut hierher und nimmermehr!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wiedersehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_148">148.<br> +Die Zwerge auf dem Felsstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich aus der Gegend von Gadmen mitgetheilt durch + <em class="gesperrt">Wyß</em> S. 320.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es war der Zwerglein Gewohnheit, sich auf einen großen Felsstein zu +setzen und von da den Heuern<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> zuzuschauen. Aber ein Paar Schälke +machten Feuer auf den Stein, ließen ihn glühend werden und fegten dann +alle Kohlen hinweg. Am Morgen kam das winzige Volk und verbrannte sich +jämmerlich; rief voll Zornes:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“O böse Welt, o böse Welt!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">und schrie um Rache und verschwand auf ewig.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_149">149.<br> +Die Füße der Zwerge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Aus dem Mund eines bernerischen Bauern mitgetheilt in + <em class="gesperrt">Wyß</em> Volkssagen S. 101-118.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor alten Zeiten wohnten die Menschen im Thal und rings um sie in +Klüften und Höhlen die Zwerge, freundlich und gut mit den Leuten, denen +sie manch schwere Arbeit Nachts verrichteten; wenn nun das Landvolk +frühmorgens mit Wagen und Geräthe herbeizog und erstaunte, daß alles +schon gethan war, steckten die Zwerge im Gesträuch und lachten hell +auf. Oftmals zürnten die Bauern, wenn sie ihr noch nicht ganz zeitiges +Getreide auf dem Acker niedergeschnitten fanden, aber als bald Hagel +und Gewitter hereinbrach und sie wohl sahen, daß vielleicht kein +Hälmlein dem Verderben entronnen seyn würde, da dankten sie innig dem +voraussichtigen Zwergvolk. Endlich aber verscherzten die Menschen +durch ihren Frevel die Huld und Gunst der Zwerge, sie entflohen und +seitdem hat sie<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> kein Aug wieder erblickt. Die Ursache war diese: ein +Hirt hatte oben am Berg einen trefflichen Kirschbaum stehen. Als die +Früchte eines Sommers reiften, begab sich, daß dreimal hintereinander +Nachts der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürden +getragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren pflegte. Die +Leute im Dorf sprachen: “das thut niemand anders, als die redlichen +Zwerglein, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mit bedeckten Füßen +daher getrippelt, leise wie Vögel und schaffen den Menschen emsig ihr +Tagwerk. Schon vielmal hat man sie heimlich belauscht, allein man +stört sie nicht, sondern läßt sie kommen und gehen.” Durch diese Reden +wurde der Hirt neugierig und hätte gern gewußt, warum die Zwerge so +sorgfältig ihre Füße bärgen und ob diese anders gestaltet wären, als +Menschenfüße. Da nun das nächste Jahr wieder der Sommer und die Zeit +kam, daß die Zwerge heimlich die Kirschen abbrachen und in den Speicher +trugen, nahm der Hirt einen Sack voll Asche und streute die rings um +den Baum herum aus. Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur +Stelle hin, der Baum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in +der Asche die Spuren von vielen Gänsfüßen eingedrückt. Da lachte der +Hirt und spottete, daß der Zwerge Geheimniß verrathen war. Bald aber +zerbrachen und verwüsteten diese ihre Häuser und flohen tiefer in den +Berg hinab, grollen dem Menschengeschlecht und versagen ihm ihre Hülfe. +Jener Hirt,<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> der sie verrathen hatte, wurde siech und blödsinnig fortan +bis an sein Lebensende.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_150">150.<br> +Die wilden Geister.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hormaier’s</em> Geschichte Tyrols. + I. 141. 142.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unter den vicentinischen und veronesischen Deutschen wagts von der +zweiten Hälfte December bis gegen das Ende der ersten Jännerhälfte +selbst der kühnsten Jäger keiner, die Wildbahn zu besuchen. Sie +fürchten den <em class="gesperrt">wilden Mann</em> und die <em class="gesperrt">Waldfrau</em>. Die Hirten +treiben zu dieser Zeit das Vieh nicht, Kinder hohlen das Wasser in +irdenen Gefäßen von der nächsten Quelle und die Heerden werden im Stall +getränkt. Auch spinnen die Weiber der <em class="gesperrt">Waldfrau</em> ein Stück Haar am +Rocken und werfen es ihr ins Feuer, um sie zu versühnen. Am Vorabend +des Festes wird die Hausküche und jeder Ort, wo ein Rauchfang ist oder +eine Öffnung aus der Luft herabfährt, mit Asche bestreut. Dann achtet +man auf die <em class="gesperrt">Fußtritte</em> in der Asche und sieht an ihrer Lage, +Größe und zumal daran: ob sie ein- oder ausgehen? welche gute oder böse +Geister das Haus besuchen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_151">151.<br> +Die Heilingszwerge.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Spieß</em> Vorrede zu seinem Hans + Heiling.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Fluß Eger zwischen dem Hof Wildenau und dem Schlosse Aicha +ragen ungeheuer große Felsen hervor, die man vor Alters den +<em class="gesperrt">Heilingsfelsen</em> nannte. Am Fuß derselben erblickt man eine Höhle, +inwendig gewölbt, auswendig aber nur durch eine kleine Oeffnung, in die +man den Leib gebückt kriechen muß, erkennbar. Diese Höhle wurde von +kleinen Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, +des Namens <em class="gesperrt">Heiling</em>, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal +vorzeiten ging ein Weib aus dem Dorfe Taschwitz bürtig, am Vorabend +von Peter Pauli, in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde ihr +Nacht und sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie +trat hinein und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann an einem +Tische, schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde +willig angenommen. Außer dem alten Mann war aber kein lebendes Wesen im +ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken, der Frau ward +greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: “wo bin ich denn +eigentlich?” Der Alte versetzte: “daß er Heiling heiße, bald aber auch +abreisen werde, denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und +entflohen.” Diese sonderbare Antwort machte das Weib nur noch unruhiger +und sie wollte mehr fragen, allein er gebot<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> ihr Stillschweigen und +sagte nebenbei: “wäret ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde +gekommen, solltet ihr nimmer Herberge gefunden haben.” Die furchtsame +Frau kroch demüthig in einen Winkel und schlief sanft und wie sie den +Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu +haben, denn nirgends war ein Gebäude da zu ersehen. Froh und zufrieden, +daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sey, eilte +sie nach ihrem Dorfe zurück, es war alles so verändert und seltsam. +Im Dorf waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr +begegneten, kannte sie nicht und wurde auch nicht von ihnen erkannt. +Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die +war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche +einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube +treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde +vor die Thüre gewiesen und lief weinend und klagend im Dorf umher. Die +Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo +sie verhört und ihre Sache untersucht wurde; siehe da, es fand sich in +den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß grad vor hundert Jahren an eben +diesem Tag eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren +gegangen, nicht wieder heimgekehrt sey und auch nicht mehr zu finden +gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahr +im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> war. +Sie lebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos aus und wurde von +der ganzen Gemeinde anständig verpflegt zum Lohn für die Zauberei, die +sie hatte erdulden müssen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_152">152.<br> +Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em>’s Volkssagen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des +Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein +findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen +nur hineinkriechen können, theils aber einen räumigen Aufenthaltsort +für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt +und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried +und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei +Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine +Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Thäter +entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rath einer weisen Frau bei +einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit +einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte +nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte +ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd +fielen die Zwerge vor ihm nieder und<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> bekannten: daß ihr Volk es +sey, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die +äußerste Noth sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen +brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich +Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder, und +wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzuges +erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit +ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen und das +Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen seyn. Endlich kam +man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof +ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen +bestimmten Theil seines Vermögens, als Abzugszoll werfen sollte, ohne +daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige +Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge +wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das +Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen als wenn eine sehr große +Heerde Schaafe über die Brücke ging. — Seit dieser letzten großen +Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einzelne Zwerge +sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den +Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landesbewohner kleine +kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_153">153.<br> +Der Zug der Zwerge über den Berg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar’s</em> Volkssagen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auch auf der Nordseite des Harzes wohnten einst viele tausend +Zwerge oder Kröpel, in den Felsklüften und den noch vorhandenen +Zwerglöchern. Bei Seehausen, einem magdeburgischen Städtchen, zeigt +man ebenfalls solche Kröppellöcher. Aber nur selten erschienen sie den +Landesbewohnern in sichtbarer Gestalt, gewöhnlich wandelten sie, durch +ihre Nebelkappen geschützt, ungesehen und ganz unbemerkt unter ihnen +umher. Manche dieser Zwerge waren gutartig und den Landesbewohnern +unter gewissen Umständen sehr behülflich; bei Hochzeiten und Kindtaufen +borgten sie mancherlei Tischgeräthe aus den Höhlen der Zwerge. Nur +durfte sie niemand zum Zorn reizen, sonst wurden sie tückisch und +bösartig und thaten dem, der sie beleidigte, allen möglichen Schaden +an. In dem Thal zwischen Blankenburg und Quedlinburg bemerkte einmal +ein Becker, daß ihm immer einige der gebackenen Brote fehlten und doch +war der Dieb nicht zu entdecken. Dieser beständig fortdauernde geheime +Diebstahl machte, daß der Mann allmählig verarmte. Endlich kam er auf +den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Unheil Schuld seyn. Er +schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich +her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht +mehr verbergen konnten. Es wurde Lärm. Man ertappte<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> bald noch mehrere +Zwerge auf Diebereien und nöthigte endlich den ganzen Ueberrest des +Zwergvolkes auszuwandern. Um aber die Landeseinwohner einigermaßen für +das gestohlene zu entschädigen und zugleich die Zahl der Auswandernden +überrechnen zu können, wurde auf dem jetzt sogenannten Kirchberg bei +dem Dorfe Thale, wo sonst Wendhausen lag, ein groß Gefäß hingestellt, +worin jeder Zwerg ein Stück Geld werfen mußte. Dieses Faß fand sich +nach dem Abzuge der Zwerge ganz mit alten Münzen angefüllt. So groß +war ihre Zahl. Das Zwergvolk zog über Wahrnstedt (unweit Quedlinburg) +immer nach Morgen zu. Seit dieser Zeit sind die Zwerge aus der Gegend +verschwunden. Selten ließ sich seitdem hier und da ein einzelner sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_154">154.<br> +Die Zwerge bei Dardesheim.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Dardesheim ist ein Städtchen zwischen Halberstadt und Braunschweig. +Dicht an seiner nordöstlichen Seite fließt ein Quell des schönsten +Wassers, welcher der <em class="gesperrt">Smansborn</em> (Leßmannsborn) heißt und aus +einem Berge quillt, in dem vormals die Zwerge wohnten. Wenn die +ehmaligen Einwohner der Gegend ein Feierkleid oder zu einer Hochzeit +ein seltenes Geräthe brauchten, so gingen sie vor diesen Zwergberg, +klopften<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> dreimal an und sagten mit deutlicher, vernehmlicher Stimme +ihr Anliegen, und</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">frühmorgens eh die Sonn aufgeht,</div> + <div class="verse indent0">schon alles vor dem Berge steht.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Die Zwerge fanden sich hinlänglich belohnt, wenn ihnen etwas von den +festlichen Speisen vor den Berg hingesetzt wurde. Nachher allmälig +störten Streitigkeiten das gute Vernehmen des Zwergvolks und der +Landeseinwohner. Anfangs auf kurze Zeit, aber endlich wanderten die +Zwerge aus, weil ihnen die Neckworte und Spöttereien vieler Bauern +unerträglich waren, so wie der Undank für erwiesene Gefälligkeiten. +Seit der Zeit sieht und hört man keine Zwerge mehr.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_155">155.<br> +Schmidt Riechert.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Den dardesheimer Zwergberg zieht auf der östlichen Seite ein +Stück Acker hinan. Dieses Feld hatte einst ein Schmidt, Namens +<em class="gesperrt">Riechert</em>, mit Erbsen bestellt. Er bemerkte, als sie am +wohlschmeckendsten waren, daß sie häufig ausgepflückt wurden. Um dem +Erbsendieb aufzulauern, baute sich Riechert ein Hüttchen auf seinen +Acker und wachte Tags und Nachts dabei; bei Tage entdeckte er keine +Veränderung, aber alle Morgen sah er, daß seines Wachens unerachtet +über Nacht das Feld bestohlen war. Voll Verdruß<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> über seine mißlungene +Mühe, beschloß er, die noch übrigen Erbsen auf dem Acker auszudreschen. +Mit Tagesanbruch begann Schmidt Riechert seine Arbeit. Aber noch +hatte er nicht die Hälfte der Erbsen ausgedroschen, so hörte er ein +klägliches Schreien, und beim Nachsuchen fand er auf der Erde unter den +Erbsen einen der Zwerge, dem er mit seinem Dreschflegel den Schädel +eingeschlagen hatte, und der nun sichtbar wurde, weil ihm seine +Nebelkappe verloren gegangen war. Der Zwerg floh eilends in den Berg +zurück.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_156">156.<br> +Grinken-Schmidt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, im Münsterland.</div> + </div> + +</div> + +<p>In den Detterberge, drei Stunden von Mönster, do wuhrnde vor ollen +Tieden en wilden Man, de hedde Grinken-Schmidt, un de lag in en deip +Lok unner de Erde, dat is nu ganz met Greß un Strüker bewassen; men man +kann doch noch seihn, wo et west is. In düt Lok hadde he sine Schmiede, +un he mock so eislike-rohre Saken, de duerden ewig, un sine Schlörter +konn kien Mensk orpen kriegen sonner Schlürtel. An de Kerkendöhr to +Nienberge sall auk en Schlott von em sien, do sind de Deiwe all vör +west, men se könnt et nich to Schande maken. Wenn der denn ne Hochtied +was, queimen de Bueren un lenden von Grienken en Spitt, do mosten se +em en Broden vör<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> gierwen. Kam auk es en Buer vör dat Lok un sede: +“Grinken-Schmidt, giff mi en Spitt” — “krigst kien Spitt, giff mi en +Broden” — “krigst kinen Broden, holt dien Spitt.” Do word Grienken so +hellig aße der to, un reep: “wahr du, dat ik kienen Broden nierme.” De +Buer gonk den Berg enbilink no sin Hues, do lag sien beste Perd in en +Stall un een Been was em utrierten, dat was Grinken-Schmidt sien Broden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p class="mleft1 hang1_5"><em class="gesperrt">wuhrnde, nierme, utrierten</em>: wohnte, nehme, ausgerissen. +<em class="gesperrt">eislike-rohr</em>: sehr rar. <em class="gesperrt">sunner</em>: ohne. <em class="gesperrt">Spitt</em>: +Spieß. <em class="gesperrt">Broden</em>: Braten. <em class="gesperrt">so hellig aße der to</em>: so böse als +möglich. <em class="gesperrt">enbilink</em>: entlang.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_157">157.<br> +Die Hirtenjungen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Spieß</em> Vorrede zum + Hans Heiling.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln +nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen und erblickten unten +an demselben eine kleine Thüre offenstehen. Die Neugierde trieb sie +hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die +andere verschlossen. In der offnen lag ein großer Haufen Geld, sie +griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams +ihnen greulich; sie eilten nach der Thüre, glücklich trat der erste +durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> Angel fürchterlich, +er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr +schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes +ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten +Eltern heim.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_158">158.<br> +Die Nußkerne.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Corvei’schen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwei junge Bursche, der Peter und Knipping zu Wehren im Corvei’schen, +wollten Vogelnester suchen, der Peter aber, weil er erstaunend faul +war, nachdem er ein wenig umgeschaut, legte sich unter einen Baum und +schlief ein. Auf einmal wars ihm, als packte ihn einer an den Ohren, +so daß er aufwachte und herumsah, aber niemand erblickte. Also legte +er den Kopf wieder und schlief aufs neue ein. Da kams zum zweitenmal +und packte ihn an den Ohren, als er aber niemand gewahr werden konnte, +schlief er zum drittenmal ein. Aber zum drittenmal ward er wieder +gezupft, da war er das Ding müde, stand auf und wollte sich einen +andern Ort suchen, wo er in Ruhe liegen könnte. Auf einmal aber sah er +vor sich das Fräulein von Willberg gehen, das knackte Nüsse entzwei +und steckte die Schalen in die Tasche und warf die Kerne auf die Erde. +Als die Nüsse zu Ende gingen, war sie verschwunden. Der Peter aber war +immer<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> hinter ihr hergegangen, hatte die Nüsse aufgelesen und gegessen. +Darauf kehrte er um, suchte den Knipping und erzählte ihm alles, was er +gesehen hatte. Da gingen sie nach Haus, holten noch andere zur Hilfe +und fingen an, da, wo das Fräulein verschwunden war, zu graben und +kamen auf eine alte Küche, darin noch altes Kochgeräth stand, endlich +in einen Keller mit Tonnen voll Geld. Sie nahmen so viel, als sie +tragen konnten und wollten den andern Tag wieder kommen, aber alles war +fort und sie konnten die Stätte gar nicht wieder finden, sie mochten +suchen, wie sie wollten. Der Peter baute sich von seinem Geld ein Haus, +darin er noch lebt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_159">159.<br> +Der soester Schatz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Simplicissimus</em> Buch + <span class="antiqua">III. cap. 13.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Im dreißigjährigen Krieg befand sich unweit der Stadt Soest in +Westphalen ein altes Gemäuer, von dem die Sage ging, daß darin eine +eiserne Truhe voll Geldes wäre, welche ein schwarzer Hund hütete, +sammt einer verfluchten Jungfrau. Nach der Erzählung der Großeltern +werde einstens ein fremder Edelmann ins Land kommen, die Jungfrau +erlösen und mit einem feurigen Schlüssel den Kasten eröffnen. Mehrere +fahrende Schüler und Teufelsbanner hätten sich bei Mannsgedenken +dahin begeben, um zu graben, wären aber<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> so seltsam empfangen und +abgewiesen worden, daß es seithero niemand weiter gelüstet; besonders +nach ihrer Eröffnung, daß der Schatz keinem zu Theil werden könne, +der nur ein einziges mal Weibermilch getrunken. Vor kurzer Zeit noch +wäre ein Mägdlein aus ihrem Dorf nebst etlichen Geisen an den Ort zu +weiden gewesen, und, als deren eine sich in das Gemäuer verlaufen, +nachgefolgt. Da sey eine Jungfrau inwendig im Hof gewesen und habe es +angeredet: was es da zu schaffen? auch nach erhaltenem Bescheid, auf +ein Körblein Kirschen weisend, weiter gesagt: “so gehe und nimm dort +von dem, was du vor dir siehest, mit sammt deiner Gais, komm aber +nicht wieder, noch sieh dich um, damit dir nichts Arges beschehe!” +Darauf habe das erschrockene Kind sieben Kirschen ertappet und sey in +Angst aus der Mauer gekommen; die Kirschen seyen aber sogleich zu Geld +geworden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_160">160.<br> +Das quellende Silber.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. III. 529.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Im Februar des Jahrs 1605. unter dem Herzog Heinrich Julius von +Braunschweig trug sich zu, daß eine Meile Wegs von Quedlinburg, zum +Thal genannt, ein armer Bauer seine Tochter in den nächsten Busch +schickte, Brenn-Holz aufzulesen Das Mädchen nahm dazu einen Trag-Korb +und einen Hand-Korb<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> mit und als es beide angefüllt hatte und nach +Haus gehen wollte, trat ein weißgekleidetes Männlein zu ihm hin und +fragte: “was trägst du da?” “Aufgelesenes Holz, antwortete das Mädchen, +zum Heizen und Kochen.” “Schütte das Holz aus, sprach weiter das +Männlein, nimm deine Körbe und folge mir; ich will dir etwas zeigen, +das besser und nützlicher ist, als das Holz.” Nahm es dabei an der +Hand, führte es zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, etwa +zweier gewöhnlichen Tische breit, ein schön lauter Silber von kleiner +und großer Münze von mäßiger Dicke, darauf ein Bild, wie eine Maria +gestaltet und rings herum ein Gepräge von uralter Schrift. Als dieses +Silber in großer Menge gleichsam aus der Erde hervorquoll, entsetzte +sich das Mägdlein davor und wich zurück; wollte auch nicht seinen +Hand-Korb von Holz ausschütten. Hierauf thats das weiße Männlein +selbst, füllte ihn mit dem Geld und gab ihn dem Mägdlein und sprach: +“das wird dir besser seyn, als Holz.” Es nahm ihn voll Bestürzung und +als das Männlein begehrte, es sollte auch seinen Trag-Korb ausschütten +und Silber hinein fassen, wehrte es ab und sprach: “es müsse auch Holz +mit heim bringen, denn es wären kleine Kinder daheim, die müßten eine +warme Stube haben und dann müßte auch Holz zum Kochen da seyn.” Damit +war das Männlein zufrieden und sprach: “nun so ziehe damit hin” und +verschwand darauf.</p> + +<p>Das Mädchen brachte den Korb voll Silber nach Haus und erzählte, +was ihm begegnet war. Nun<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> liefen die Bauern haufenweis mit Hacken +und anderm Geräth in das Wäldchen und wollten sich ihren Theil vom +Schatz auch holen, aber niemand konnte den Ort finden, wo das Silber +hervorgequollen war.</p> + +<p>Der Fürst von Braunschweig hat sich von dem geprägten Silber ein Pfund +holen lassen, so wie sich auch ein Bürger aus Halberstadt, N. Everkan, +eins gelöst.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_161">161.<br> +Goldsand auf dem Unterberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1753. ging ein ganz mittelloser, beim Hofwirth zu St. Zeno +stehender Dienstknecht, Namens Paul Mayr, auf den Berg. Als er unweit +dem Brunnenthal fast die halbe Höhe erreicht hatte, kam er zu einer +Steinklippe, worunter ein Häuflein Sand lag. Weil er schon so manches +gehört hatte und nicht zweifelte, daß es Goldsand wäre, füllte er sich +alle Taschen damit und wollte voll Freude nach Haus gehen; aber in dem +Augenblick stand ein fremder Mann vor seinem Angesicht und sprach: +“was tragst du da?” Der Knecht wußte vor Schrecken und Furcht nichts +zu antworten, aber der fremde Mann ergriff ihn, leerte ihm die Taschen +aus und sprach: “jetzt gehe nimmer den alten Weg zurück, sondern einen +andern und sofern du dich hier wieder sehen läßt, wirst du nicht mehr +lebend davon kommen.” Der gute Knecht ging<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> heim, aber das Gold reizte +ihn also, daß er beschloß, den Sand noch einmal zu suchen, und einen +guten Gesellen mitnahm. Es war aber alles umsonst und dieser Ort ließ +sich nimmermehr finden.</p> + +<p>Ein andermal verspätete sich ein Holzmeister auf dem Berge und mußte +in einer Höhle die Nacht zubringen. Anderen Tages kam er zu einer +Steinklippe, aus welcher ein glänzend schwerer Goldsand herabrieselte. +Weil er aber kein Geschirr bei sich hatte, ging er ein ander Mal hinauf +und setzte das Krüglein unter. Und als er mit dem angefüllten Krüglein +hinweg ging, sah er unweit dieses Orts eine Thüre sich öffnen, durch +die er schaute, und da kam es ihm natürlich vor, als sehe er in den +Berg hinein und darin eine besondere Welt mit einem Tageslicht, wie +wir es haben. Die Thüre blieb aber kaum eine Minute lang offen; wie +sie zuschlug, hallte es in den Berg hinein, wie in ein großes Weinfaß. +Dieses Krüglein hat er sich allzeit angefüllt nach Haus tragen können, +nach seinem Tode aber ist an dem Gold kein Seegen gewesen. Jene Thüre +hat in folgender Zeit niemand wieder gesehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_162">162.<br> +Gold-Kohlen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Brixener Volksbuch.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1753 ging von Salzburg eine Kräutel-Brockerin auf den +Wunderberg; als sie eine Zeit lang<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> auf demselben herumgegangen war, +kam sie zu einer Steinwand, da lagen Brocken, grau und schwarz, als wie +Kohlen. Sie nahm davon etliche zu sich und als sie nach Haus gekommen, +merkte sie, daß in solchen klares Gold vermischt war. Sie kehrte +alsbald wieder zurück auf den Berg, mehr davon zu holen, konnte aber +alles Suchens ungeachtet den Ort nicht mehr finden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_163">163.<br> +Der Brunnen zu Steinau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bange</em> thüring. Chronik. + Bl. 105.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1271. waren dem Abt Berold zu Fulda seine eignen Unterthanen +feind und verschworen sich wider sein Leben. Als er einmal in der St. +Jacobs Capelle Messe las, überfielen ihn die Herrn von Steinau, von +Eberstein, Albrecht von Brandau, Ebert von Spala, und Ritter Conrad +und erschlugen ihn. Bald hernach wurden diese Räuber selbdreißig, mit +zwanzig Pferden, zu Hasselstein auf dem Kirchenraub betrappt, mit dem +Schwert hingerichtet und ihre Wohnungen zerbrochen. Dieser That halben +haben die Herrn von Steinau in ihrem Wappen hernachmals drei Räder +mit drei Scheermessern führen müssen und an der Stätte, da sie das +Verbündniß über den Abt gemacht, nämlich bei Steinau (an der Straße im +Hanauischen) an einem Brunnen auf einem Rasen wächst noch zur Zeit kein +Gras.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_164">164.<br> +Die fünf Kreuze.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Höxter.</div> + </div> + +</div> + + +<p>Vor dem Klausthor in Höxter, welches nach Pyrmont führt, gleich linker +Hand stehen an dem Wege fünf alte Steine, welche die fünf Kreuze +heißen, vermuthlich weil es versunkene Kreuze sind. Nun geht die +Sage, es seyen fünf Hühnen dabei erschlagen worden; nach andern fünf +Grafen von Reischach; wieder nach andern sind fünf Bürger von Tilly im +dreißigjährigen Krieg aufgehängt worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_165">165.<br> +Der Schwerttanz zu Weißenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann</em> hess. Chronik + S. 375. aus dem Mund alter Leute.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unfern Marburg liegt ein Dorf Wehre und dabei ein spitzer Berg, auf +dem vor alten Zeiten eine Raubburg gestanden haben soll, genannt der +Weißenstein, und Trümmer davon sind noch übrig. Aus diesem Schloß +wurde den Umliegenden großer Schaden zugefügt, allein man konnte den +Räubern nicht beikommen, wegen der Feste der Mauer und Höhe des Bergs. +Endlich verfielen die Bauern aus Wehre auf eine List. Sie versahen sich +heimlich mit allerhand Wehr und Waffen, gingen zum Schloß hinauf und +gaben den<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> Edelleuten vor, daß sie ihnen einen Schwerttanz<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> bringen +wollten. Unter diesem Schein wurden sie eingelassen; da entblößten +sie ihre Waffen und hieben das Raubvolk tapfer nieder, bis sich die +Edelleute auf Gnaden ergaben und von den Bauern sammt der Burg ihrem +Landesfürsten überliefert wurden.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Die Sitte des hessischen Schwerttanzes, sammt dem Lied der +Schwerttänzer wird anderswo mitgetheilt werden.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_166">166.<br> +Der Steintisch zu Bingenheim.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann</em> Beschr. von Hessen + S. 184. aus dem Mund des dauernheimer Pastors Draud.</div> + </div> + +</div> + +<p>In dem hessischen Ort Bingenheim in der Wetterau wurden ehmals vor +dem Rathhaus unter der Linde jährlich drei Zentgerichte gehalten, +wozu sich viel vornehmer Adel, der in der fuldischen Mark angesessen +war, leiblich einfand. Unter der Linde stand ein steinerner Tisch, +von dem erzählt wurde: er sey aus dem hohen Berg, einem gegen Staden +hin gelegenen Walde, dahin gebracht worden. In diesem Walde hätten +früherhin wilde Leute gehaust, deren Handgriffe man noch in den Steinen +sähe und von denen sich noch drei ausgehöhlte Steinsitze vorfänden. Im +Jahr 1604. bei Sommerszeit habe man in gedachtem Wald an hellem Tag +drei Leute in weißer Gestalt umwandern sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_167">167.<br> +Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Widmann</em> in der Höfer + Chronik.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor diesem Sterben (der Pest zu Hof im Jahr 1519.) hat sich bei Nacht +ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen, +welcher mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gassen +betreten und mit dem Kopf hoch über die Häuser gereicht hat; welchen +meine Ahnfrau Walburg Widmännin, da sie einen Abend durch gedachte +Gasse gehen müssen, selbst gesehen, daß er den einen Fuß bei der +Einfurt des Wirthshauses, den andern gegenüber auf der andern Seite bei +dem großen Haus gehabt. Als sie aber vor Schrecken nicht gewußt, ob +sie zurück oder fortgehen sollen, hat sie es in Gottes Namen gewagt, +ein Kreuz vor sich gemacht, und ist mitten durch die Gasse und also +zwischen seinen Beinen hindurch gegangen, weil sie ohne das besorgen +müssen, solch Gespenst mögte ihr nacheilen. Da sie kaum hindurch +gekommen, schlägt das Gespenst seine beiden Beine hinter ihr so hart +zusammen, daß sich ein solch groß Geprassel erhebet, als wann die +Häuser der ganzen Mordgasse einfielen. Es folgte darauf die große Pest +und fing das Sterben in der Mordgasse am ersten an.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_168">168.<br> +Krieg und Frieden.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Gottfr. Schulz</em> Chronik. + S. 542.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s </em> Curiositäten + S. 279.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 665.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1644. am achtzehnten August zog Kurfürst Johann Georg der Erste +an der Stadt Chemnitz vorbei. Da fingen seine Leute in dem Gehölz der +Gegend ein wildes Weiblein, das nur eine Elle groß, sonst aber recht +menschlich gestaltet war. Angesicht, Hände und Füße waren glatt, aber +der übrige Leib rauch. Es fing an zu reden und sagte: “ich verkündige +und bringe den Frieden im Lande.” Der Kurfürst befahl, man sollte +es wieder frei gehen lassen, weil vor etwa fünf und zwanzig Jahren +auch ein Männlein von gleicher Gestalt gefangen worden, welches den +Unfrieden und Krieg verkündiget.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_169">169.<br> +Rodensteins Auszug.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + <div class="angabe">vgl. Zeitung f. die eleg. Welt. 1811. Nr. 126.</div> + <div class="angabe">und Reichsanzeiger 1806. Nr. 129. 160. 198. 206.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nah an dem zum gräflich erbachischen Amt Reichenberg gehörigen Dorf +Oberkainsbach, umweit dem Odenwald, liegen auf einem Berge die Trümmer +des alten Schlosses Schnellerts; gegenüber eine Stunde davon,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> in +der rodsteiner Mark, lebten ehemals die Herrn von Rodenstein, deren +männlicher Stamm erloschen ist. Noch sind die Ruinen ihres alten +Raubschlosses zu sehen.</p> + +<p>Der letzte Besitzer desselben hat sich besonders durch seine Macht, +durch die Menge seiner Knechte und des erlangten Reichthums berühmt +gemacht; von ihm geht folgende Sage. Wenn ein Krieg bevorsteht, so +zieht er von seinem gewöhnlichen Aufenthalts-Ort Schnellerts bei +grauender Nacht aus, begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden +Trompeten. Er zieht durch Hecken und Gesträuche, durch die Hofraithe +und Scheune Simon Daum’s zu Oberkainsbach bis nach dem Rodenstein, +flüchtet gleichsam als wolle er das seinige in Sicherheit bringen. +Man hat das Knarren der Wagen und ein ho! ho! Schreien, die Pferde +anzutreiben, ja selbst die einzelnen Worte gehört, die einherziehendem +Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden und womit ihm befohlen wird. +Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in gleichem Zuge vom +Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille und man +kann dann gewiß seyn, daß der Frieden wirklich abgeschlossen wird<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>. +Ehe Napoleon<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> im Frühjahr 1815. landete, war bestimmt die Sage, der +Rodensteiner sey wieder in die Kriegburg ausgezogen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Bei dem erbachischen Amt Reichenberg zu Reichelsheim hat +man viele Personen deshalb abgehört; die Protokolle fangen mit dem Jahr +1742 an und endigen mit 1764. Im Juli 1792 war ein Auszug. Im Jahr +1816 erneuern sich in der Rheingegend ähnliche Gerüchte und Aussagen. +Einige nennen statt des Rodensteiners den <em class="gesperrt">Lindenschmied</em>, von +dem das bekannte Volkslied anhebt: “es ist noch nicht lang, daß es +geschah, daß man den Lindenschmied reiten sah auf seinem hohen Rosse, +er ritt den Rheinstrom auf und ab, er hats gar wohl genossen.” Andere +sagen, daß Schnellert aus seiner Burg nach dem Rodenstein auszöge, um +seinen geschwornen Todfeind, den Rodensteiner, auch noch als Geist zu +befehden.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_170">170.<br> +Der Tannhäuser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Nach dem alten Volkslied in + <em class="gesperrt">Prätorius</em> Blocksberg. Lpzg. 1668. S. 19-25.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprichwort + <span class="antiqua">667. p. m. 322 b.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder +durchfahren und war auch in Frau Venus Berg zu den schönen Frauen +gerathen, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin +gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein +Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt und begehrte Urlaub. Frau +Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine +ihrer Gespielen geben zum ehlichen Weibe und er möge gedenken an ihren +rothen Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete: kein +ander Weib gehre er, als die er sich in den Sinn genommen, wolle nicht +ewig in der Hölle brennen und gleichgültig sey ihm ihr rother Mund, +könne nicht länger bleiben,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> denn sein Leben wäre krank geworden. Und +da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu +pflegen, allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die himmlische +Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er +die Straße nach Rom zu Papst Urban, dem wollte er alle seine Sünde +beichten, damit ihm Buße aufgelegt würde und seine Seele gerettet wäre. +Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frauen Venus im +Berg gewesen, da sprach der Papst: “wann dieser dürre Stecken grünen +wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen +seyn, und nicht anders.” Der Tannhäuser sagte: “und hätte ich nur noch +ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reu und Buße +gethan haben, daß sich Gott erbarmt hätte;” und vor Jammer und Leid, +daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von +neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen. +Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen langabwesenden +Buhlen empfängt; danach wohl auf den dritten Tag hub der Stecken an zu +grünen und der Papst sandte Botschaft in alle Land, sich zu erkundigen, +wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät, er +saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren, daselbst muß er nun +sitzen, bis zum jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen +wird. Und kein Priester soll einem sündigen Menschen Mißtrost geben, +sondern verzeihen, wenn er sich anbietet zu Buß und Reue.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_171">171.<br> +Der wilde Jäger Hackelberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hans Kirchhof</em> im Wendunmuth. + IV. Nr. 283. S. 342. 343.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vorzeiten soll im Braunschweiger Land ein Jägermeister gewesen seyn, +<em class="gesperrt">Hackelberg</em> genannt, welcher zum Waidwerk und Jagen solch große +Lust getragen, daß, da er jetzt an seinem Todbett lag, und vom Jagen +so ungern abgeschieden, er von Gott soll begehrt und gebeten haben +(ohnzweifellich aus Ursach seines christlichen und gottseeligen Lebens +halber, so er bisher geführt), daß er für sein Theil Himmelreich bis +zum jüngsten Tag am Sölling mögt jagen. Auch deßwegen in ermeldte +Wildniß und Wald sich zu begraben befohlen, wie geschehen. Und wird +ihm sein gottloser, ja teuflischer Wunsch verhängt, denn vielmal wird +ein gräulich und erschrecklich Hornblasen und Hundsgebell die Nacht +gehört: jetzt hie, ein andermal anderswo in dieser Wildniß, wie mich +diejenigen, die solch Gefährd auch selbst angehört, berichtet. Zudem +soll es gewiß seyn, daß, wenn man Nachts ein solch Jagen vermerkt und +am folgenden Tag gejagd wird, einer ein Arm, Bein, wo nicht den Hals +gar bricht, oder sonst ein Unglück sich zuträgt.</p> + +<p>Ich bin selbst (ist mir recht im Jahr 1558), als ich von Einbeck übern +Sölling nach Ußlar geritten und mich verirrte, auf des Hackelbergers +Grab ungefähr gestoßen. War ein Platz, wie eine Wiese, doch von +unartigem Gewächs und Schilf in der Wildniß, etwas<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> länger denn breit, +mehr denn ein Acker zu achten; darauf kein Baum sonst stund wie um die +Ende. Der Platz kehrte sich mit der Länge nach Aufgang der Sonne, unten +am Ende lag die Zwerch, ein erhabener rother (ich halt Wacken-) Stein, +bei acht oder neun Schuhen lang und fünfe, wie mich däuchte, breit. Er +war aber nicht, wie ein anderer Stein, gegen Osten, sondern mit dem +einen Vorhaupt gegen Süden, mit dem andern gegen Norden gekehret.</p> + +<p>Man sagte mir, es vermögte niemand dieses Grab aus Vorwitz oder mit +Fleiß, wie hoch er sich deß unterstünde, zu finden, käme aber jemand +ungefähr, lägen etliche gräuliche schwarze Hunde daneben. Solches +Gespensts und Wusts ward ich aber im geringsten nicht gewahr, sonst +hatte ich wenig Haare meines Haupts, die nicht empor stiegen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_172">172.<br> +Der wilde Jäger und der Schneider.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Münster.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Schneider saß einmal auf seinem Tische am Fenster und arbeitete, +da fuhr der wilde Jäger mit seinen Hunden über das Haus her und das +war ein Lärmen und Bellen, als wenn die Welt verginge. Man sagt sonst +den Schneidern nach, sie seyen furchtsam, aber dieser war es nicht, +denn er spottete des wilden Jägers und schrie: “huhu, huhu, kliffklaff, +kliffklaff!”<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> und hetzte die Hunde noch mehr an; da kam aber ein +Pferdefuß ins Fenster hereingefahren und schlug den Schneider vom +Tische herab, daß er wie todt niederfiel. Als er wieder zur Besinnung +kam, hörte er eine fürchterliche Stimme:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">wust du met mi jagen,</div> + <div class="verse indent0">dan sost du auk met mi knagen!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">ich weiß gewiß, er wird nie wieder den wilden Jäger geneckt haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_173">173.<br> +Der Hoselberg<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor"><span class="s6">[8]</span></a>.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bange</em> thüring. Chronik + <span class="antiqua">fol. 57.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kornmann</em> + <span class="antiqua">mons Veneris</span> Cap. 74. p. 374.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> + <span class="antiqua">medulla</span> p. 482.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Agricola</em> Sprüchwort 301.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Lande zu Thüringen nicht fern von Eisenach liegt ein Berg, genannt +der <em class="gesperrt">Höselberg</em>, worin der Teufel haust und zu dem die Hexen +wallfahrten. Zuweilen erschallt jämmerliches Heulen und Schreien her +daraus, das die Teufel und armen Seelen ausstoßen; im Jahr 1398. am +hellen Tage erhoben sich bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine +Zeitlang in der Luft, thaten sich zusammen und wieder von einander und +fuhren endlich alle drei in diesen Berg. Fuhrleute,<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> die ein andermal +mit Wein vorbeigefahren kamen, lockte der böse Feind mit einem Gesicht +hinein und wies ihnen etliche bekannte Leute, die bereits in der +höllischen Flamme saßen.</p> + +<p>Die Sage erzählt: einmal habe ein König von Engelland mit seiner +Gemahlin, Namens Reinschweig, gelebt, die er aus einem geringen Stand, +blos ihrer Tugend willen, zur Königin erhoben. Als nun der König +gestorben war, den sie aus der Maßen lieb hatte, wollte sie ihrer Treu +an ihm nicht vergessen, sondern gab Almosen und betete für die Erlösung +seiner Seele. Da war gesagt, daß ihr Herr sein Fegfeuer zu Thüringen im +Höselberg hätte, also zog die fromme Königin nach Deutschland und baute +sich unten am Berg eine Capelle, um zu beten, und rings umher entstand +ein Dorf. Da erschienen ihr die bösen Geister, und sie nannte den Ort +<em class="gesperrt">Satansstedt</em>, woraus man nach und nach <em class="gesperrt">Sattelstedt</em> gemacht +hat.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Man findet gleichbedeutig: Horsel- Hursel- Hosel- +Oselberg. Die eigentliche Ableitung von Ursel, Usel <span class="antiqua">(favilla)</span> +liegt nahe.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_174">174.<br> +Des Rechenbergers Knecht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> im Sprüchw. 301. + Bl. 172.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kirchhof’s</em> Wendunmuth + V. <span class="antiqua">Nr.</span> 247-249. S. 304. 305.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden. 106.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es sagte im Jahr 1520. Herr Hans von Rechenberg in Beiseyn Sebastians +Schlick und anderer viel ehrlicher und rechtlicher Leute, wie seinem +Vater und ihm ein Knecht zur Zeit, da König Matthias in Ungarn<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> gegen +den Türken gestritten, treulich und wohl gedienet hätte viel Jahr, also +daß sie nie einen bessern Knecht gehabt. Auf eine Zeit aber ward ihm +Botschaft an einen großen Herrn auszurichten vertrauet und da Herr Hans +meinte, der Knecht wäre längst hinweg, ging er von ohngefähr in den +Stall, da fand er den Knecht auf der Streu bei den Pferden liegen und +schlafen, ward zornig und sprach, wie das käme? Der Knecht stand auf +und zog einen Brief aus dem Busen, sagte: “da ist die Antwort.” Nun war +der Weg ferne und unmöglich einem Menschen, daß er da sollte gewesen +seyn. Dabei ward der Knecht erkannt, daß es ein Geist gewesen wäre. +Bald nach diesem wurde er auf eine Zeit bedrängt von den Feinden, da +hob der Knecht an: “Herr, erschrecket nicht, gebt eilends die Flucht, +ich aber will zurückreiten und Kundschaft von den Feinden nehmen.” +Der Knecht kam wieder, klingelte und klapperte feindlich in seinen +vollgepfropften Taschen. “Was hast du da?” sprach der Herr. “Ich hab +allen ihren Pferden die Eisen abgebrochen und weggenommen, die bring +ich hier.” Damit schüttete er die Hufeisen aus und die Feinde konnten +Herrn Hansen nicht verfolgen.</p> + +<p>Herr Hans von Rechenberg sagte auch: der Knecht wäre zuletzt wegkommen, +niemand wüßte wohin, nachdem man ihn erkannt hätte.</p> + +<p>Kirchhof, welcher von einem andern Edelmann, der sich aus dem Stegreif +ernährt, die Sage erzählt, hat noch folgende Züge. Einmal ritt sein +Herr fort<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> und befahl ihm ein Pferd, das ihm sehr lieb war: er sollt +dessen fleißig warten. Als der Junker weg war, führte der Knecht das +Pferd auf einen hohen Thurm, höher denn zehn Stufen; wie aber der Herr +wieder kam, vernahm und kannte es ihn im Hineinreiten, steckte den Kopf +oben im Thurm zum Fenster hinaus und fing an zu schreien, daß er sich +gar sehr verwunderte und es mit Stricken und Seilen mußte vom Thurm +herablassen.</p> + +<p>Auf eine andere Zeit lag der Edelmann um eines Todschlags willen +gefangen und rief den Knecht an, daß er ihm hülfe. Sprach der Knecht: +“obschon es schwer ist, will ichs doch thun, doch müßt ihr nicht viel +mit den Händen vor mir flattern und Schirmstreich brauchen.” Damit +meinte er ein Kreuz vor sich machen und sich segnen. Der Edelmann +sprach, er sollte nur fortfahren, er wollte sich damit recht halten. +Was geschah? Er nahm ihn mit Ketten und Fesseln, führte ihn in der Luft +daher; wie sich aber der Edelmann in der Höhe fürchtet und schwindelt +und rief: “hilf Gott! hilf! wo bin ich!” ließ er ihn herunter in einen +Pfuhl fallen, kam heim und zeigte es der Frau an, daß sie ihn holen und +heilen ließ, wie sie that.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_175">175.<br> +Geister-Kirche.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Widmann’s</em> Höfer Chronik.</div> + <div class="angabe">Mündliche Erzählungen aus dem Paderbörnischen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Um das Jahr 1516 hat sich eine wunderbare, doch wahrhaftige Geschichte +in St. Lorenz Kirche und auf desselben Kirchhof zugetragen. Als eine +andächtige, alte, fromme Frau, ihrer Gewohnheit nach, einsmals früh +Morgens vor Tag hinaus gen St. Lorenz in die Engelmesse gehen wollen, +in der Meinung, es sey die rechte Zeit, kommt sie um Mitternacht vor +das obere Thor, findet es offen und geht also hinaus in die Kirche, +wo sie dann einen alten, unbekannten Pfaffen die Messe vor dem Altar +verrichten sieht. Viele Leut, mehrers Theils unbekannte, sitzen hin und +wieder in den Stühlen zu beiden Seiten, eines Theils ohne Köpf, auch +unter denselben etliche, die unlängst verstorben waren und die sie in +ihrem Leben wohl gekannt hatte.</p> + +<p>Das Weib setzt sich mit großer Furcht und Schrecken in der Stühle einen +und, weil sie nichts denn verstorbene Leute, bekannte und unbekannte, +siehet, vermeint, es wären der Verstorbenen Seelen; weiß auch nicht, +ob sie wieder aus der Kirche gehen oder drinnen bleiben soll, weil +sie viel zu früh kommen wär, und Haut und Haar ihr zu Berge steigen. +Da geht eine aus dem Haufen, welche bei Leben, wie sie meinte, ihre +Gevatterin gewesen und vor dreien Wochen gestorben<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> war, ohne Zweifel +ein guter Engel Gottes, hin zu ihr, zupfet sie bei der Kursen (Mantel), +beutet ihr einen guten Morgen und spricht: “ei! liebe Gevatterin, +behüt uns der allmächtige Gott, wie kommt ihr daher? Ich bitte euch +um Gottes und seiner lieben Mutter willen, habt eben acht auf, wann +der Priester wandelt oder segnet, so laufet, wie ihr laufen könnt und +sehet euch nur nicht um, es kostet euch sonst euer Leben.” Darauf sie, +als der Priester wandeln will, aus der Kirche geeilet, so sehr sie +gekonnt, und hat hinter ihr ein gewaltig Prasseln, als wann die ganze +Kirche einfiele, gehöret, ist ihr auch alles Gespenst aus der Kirche +nachgelaufen und hat sie noch auf dem Kirchhof erwischt, ihr auch die +Kursen (wie die Weiber damals trugen) vom Hals gerissen, welche sie +dann hinter sich gelassen und ist sie also unversehret davon kommen und +entronnen. Da sie nun wiederum zum obern Thor kommt und herein in die +Stadt gehen will, findet sie es noch verschlossen, dann es etwa um ein +Uhr nach Mitternacht gewesen: mußt derowegen wohl bei dreien Stunden +in einem Haus verharren bis das Thor geöffnet wird und kann hieraus +vermerken, daß kein guter Geist ihr zuvor durch das Thor geholfen +habe und daß die Schweine, die sie anfangs vor dem Thor gesehen und +gehört, gleich als wenn es Zeit wäre, das Vieh auszutreiben, nichts +anders, dann der leidige Teufel gewesen. Doch, weil es ein beherztes +Weib ohne das gewesen und sie dem Unglück entgangen, hat sie sich +des Dings nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> angenommen, sondern ist zu Haus gegangen und +am Leben unbeschädigt blieben, obwohl sie wegen des eingenommenen +Schreckens zwei Tag zu Bett hat liegen müssen. Denselben Morgen aber, +da ihr solches zu Handen gestoßen, hat sie, als es nun Tag worden, +auf den Kirchhof hinausgeschicket und nach ihrer Kursen, ob dieselbe +noch vorhanden, umsehen und suchen lassen; da ist dieselbe zu kleinen +Stücklein zerrissen gefunden worden, also daß auf jedem Grabe ein +kleines Flecklein gelegen, darob sich die Leut, die haufenweis +derohalben hinaus auf den Kirchhof liefen, nicht wenig wunderten.</p> + +<p>Diese Geschichte ist unsern Eltern sehr wohl bekannt gewesen, da +man nicht allein hie in der Stadt, sondern auch auf dem Land in den +benachbarten Orten und Flecken davon zu sagen gewußt, wie dann noch +heutiges Tags Leute gefunden werden, die es vor der Zeit von ihren +Eltern gehört und vernommen haben. —</p> + +<p>Nach mündlichen Erzählungen hat es sich in der Nacht vor dem +Aller-Seelen-Tag zugetragen, an welchem die Kirche feierlich das +Gedächtniß der abgeschiedenen Seelen begeht. Als die Messe zu Ende ist, +verschwindet plötzlich alles Volk aus der Kirche, so voll sie vorher +war, und sie wird ganz leer und finster. Sie sucht ängstlich den Weg +zur Kirchthüre und wie sie heraustritt, schlägt die Glocke im Thurm ein +Uhr und die Thüre fährt mit solcher Gewalt gleich hinter ihr zu, daß +ihr schwarzer Regenmantel eingeklemmt wird. Sie läßt ihn, eilt fort und +als sie am Morgen<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> kommt, ihn zu holen, ist er zerrissen und auf jedem +Grabhügel liegt ein Stücklein davon.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_176">176.<br> +Geister-Mahl.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 336-340.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus. S. 426.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als König Friedrich der Dritte von Dänemark eine öffentliche +Zusammenkunft nach Flensburg ausgeschrieben, trug sich zu, daß ein +dazu herbeigereister Edelmann, weil er spät am Abend anlangte, in +dem Gasthaus keinen Platz finden konnte. Der Wirth sagte ihm, alle +Zimmer wären besetzt, bis auf ein einziges großes, darin aber die +Nacht zuzubringen wolle er ihm selbst nicht anrathen, weil es nicht +geheuer und Geister darin ihr Wesen trieben. Der Edelmann gab seinen +unerschrockenen Muth lächelnd zu erkennen und sagte, er fürchte keine +Gespenster und begehre nur ein Licht, damit er, was sich etwa zeige, +besser sehen könne. Der Wirth brachte ihm das Licht, welches der +Edelmann auf den Tisch setzte und sich mit wachenden Augen versichern +wollte, daß Geister nicht zu sehen wären. Die Nacht war noch nicht +halb herum, als es anfing, im Zimmer hier und dort sich zu regen und +rühren und bald ein Rascheln über das andere sich hören ließ. Er hatte +anfangs Muth, sich wider den anschauernden Schrecken fest zu halten, +bald aber,<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> als das Geräusch immer wuchs, ward die Furcht Meister, so +daß er zu zittern anfing, er mogte widerstreben, wie er wollte. Nach +diesem Vorspiel von Getöse und Getümmel kam durch ein Kamin, welches im +Zimmer war, das Bein eines Menschen herabgefallen, bald auch ein Arm, +dann Leib, Brust und alle Glieder, zuletzt, wie nichts mehr fehlte, +der Kopf. Alsbald setzten sich die Theile nach ihrer Ordnung zusammen +und ein ganz menschlicher Leib, einem Hof-Diener ähnlich, hob sich +auf. Jetzt fielen immer mehr und mehr Glieder herab, die sich schnell +zu menschlicher Gestalt vereinigten, bis endlich die Thüre des Zimmers +aufging und der helle Haufen eines völligen königlichen Hofstaats +eintrat.</p> + +<p>Der Edelmann, der bisher wie erstarrt am Tisch gestanden, als er sah, +daß der Zug sich näherte, eilte zitternd in einen Winkel des Zimmers; +zur Thür hinaus konnte er vor dem Zuge nicht.</p> + +<p>Er sah nun, wie mit ganz unglaublicher Behendigkeit die Geister eine +Tafel deckten; alsbald köstliche Gerichte herbeitrugen und silberne +und goldene Becher aufsetzten. Wie das geschehen war, kam einer zu ihm +gegangen und begehrte, er solle sich als ein Gast und Fremdling zu +ihnen mit an die Tafel setzen und mit ihrer Bewirthung vorlieb nehmen. +Als er sich weigerte, ward ihm ein großer silberner Becher dargereicht, +daraus Bescheid zu thun. Der Edelmann, der vor Bestürzung sich nicht +zu fassen wußte, nahm den Becher und es schien auch, als würde man +ihn sonst dazu<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> nöthigen, aber als er ihn ansetzte, kam ihn ein so +innerliches, Mark und Bein durchdringendes Grausen an, daß er Gott um +Schutz und Schirm laut anrief. Kaum hatte er das Gebät gesprochen, so +war in einem Augenblick alle Pracht, Lärm und das ganze glänzende Mahl +mit den herrlich scheinenden stolzen Geistern verschwunden.</p> + +<p>Indessen blieb der silberne Becher in seiner Hand, und wenn auch alle +Speisen verschwunden waren, blieb doch das silberne Geschirr auf +der Tafel stehen, auch das eine Licht, das der Wirth ihm gebracht. +Der Edelmann freute sich und glaubte, das alles sey ihm gewonnenes +Eigenthum, allein der Wirth that Einspruch, bis es dem König zu Ohren +kam, welcher erklärte, daß das Silber ihm heimgefallen wäre und es zu +seinen Handen nehmen ließ. Woher es gekommen, hat man nicht erfahren +können, indem auch nicht, wie gewöhnlich, Wappen und Namen eingegraben +war.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_177">177.<br> +Der Dachdecker.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein junger Dachdecker sollte sein Meisterstück machen und auf der +Spitze eines glücklich fertigen Thurms die Rede halten. Mitten im +Spruch aber fing er an zu stocken und rief plötzlich seinem unten unter +vielem Volk stehenden Vater zu: “Vater, die Dörfer, Berge<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> und Wälder +dort, die kommen zu mir her!” Da fiel der Vater sogleich nieder auf die +Knie und betete für die Seele seines Sohns und ermahnte die Leute, ein +gleiches zu thun. Bald auch stürzte der Sohn todt herab. — Es soll +auch nach ihren Rechten dem Vater zukommen, wenn der Sohn das erstemal +vor ihm aufsteigt und anfängt irr zu reden, ihn gleich zu fassen und +selbst herabzuwerfen, damit er im Sturz nicht selbst mit gerissen wird.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_178">178.<br> +Die Spinnerin am Creuz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, in Oestreich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Dicht bei Wien, wenn man die Vorstadt Landstraße hinausgeht, stehet +ein steinernes, gut gearbeitetes Heiligenbild, unbedenklich über +zwei Jahrhunderte alt. Davon geht die Sage: eine arme Frau habe zu +Gottes Ehren dieses Heilthum wollen aufrichten lassen, und also so +lang gesponnen, bis sie für ihren Verdienst nach und nach das zum Bau +nöthige Geld zusammengebracht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_179">179.<br> +Buttermilchthurm.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Fricke’s</em> Kupferwerk von + Marienburg, nach mündl. Sagen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vom Buttermilchthurm zu Marienburg in Preußen wird erzählt, einstmal +habe der Deutschmeister auf einem<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> nahgelegenen Dorfe etwas Buttermilch +für sich fordern lassen. Allein die Bauern spotteten seines Boten und +sandten Tags drauf zwei Männer in die Burg, die brachten ein ganzes +Faß voll Buttermilch getragen. Erzürnt sperrte der Deutschmeister die +beiden Bauern in einen Thurm und zwang sie, so lang drin zu bleiben, +bis sie die Milch sämmtlich aus dem Faß gegessen hätten. Seitdem hat +der Burgthurm den Namen.</p> + +<p>Andere aber berichten folgendes: Die Einwohner eines benachbarten Dorfs +mußten bis zu dem Bauplatz einen Weg mit Mariengroschen legen und so +viel Buttermilch herbeischaffen, als zur Bereitung des Kalks, statt +Wassers, nöthig war und mit diesem Mörtel wurde hernach der Thurm +aufgemauert.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_180">180.<br> +Der heilige Winfried.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Hess. Denkwürdigk. II. 3. 4.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als der heil. Winfried, genannt Bonifacius, die Hessen bekehren wollte, +kam er auf einen Berg, wo ein heidnisches Gotteshaus stand, das ließ +er umreißen und die erste christliche Kirche bauen. Seitdem heißt der +Berg <em class="gesperrt">Christenberg</em>, (vier Stunden von Marburg) und zweihundert +Schritte von der Kirche weisen die Leute noch heutigestags einen +Fußtritt im Stein, der von Bonifacius herrührt, als er vor heiligem +Eifer<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> auf den Boden stampfte. Wie er nach Thüringen kam, ließ er zu +Großvargula eine Kirche bauen, die er selbst einweihen sollte. Da +steckte er seinen dürren Stab in die Erde, trat in die Kirche und las +die Messe; nach vollbrachtem Gottesdienst hatte der Stab gegrünt und +Sprossen getrieben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_181">181.<br> +Der Hülfenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich in Hessen, vergl. + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Sagittarius</span></em> thür. + Heidenthum S. 165. 166.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Stunde von Wanfried liegt der Hülfenberg, auf diesen Berg befahl +der heilige Bonifaz eine Capelle zu bauen. Unter dem Bauen kam nun +oft ein Mann gegangen, der fragte: was es denn geben sollte? Die +Zimmerleute antworteten immer: “ei, eine Scheuer solls geben.” Da ging +er wieder seiner Wege. Zuletzt aber wurde die Kirche immer mehr fertig +und der Altar aufgebaut und das Creuz glücklich gesteckt. Wie nun der +böse Feind wiederkam und das alles sehen mußte, ergrimmte er und fuhr +aus, oben durch den Giebel; und das Loch, das er da gemacht, ist noch +bis den heutigen Tag zu sehen und kann nimmer zugebaut werden. Auch ist +er inwendig in den Berg gefahren und suchte die Kirche zu zertrümmern, +es war aber eitel und vergebens. Das Loch, worin er verschwand, nennt +man das <em class="gesperrt">Stuffensloch</em>, (wie den ganzen Berg auch Stuffensberg) +und es soll zu<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Zeiten daraus dampfen und Nebel aufsteigen. Von dieser +Capelle wird weiter erzählt: sie sey einer Heiligen geweiht, rühre +ein Kranker deren Gewand an, so genese er zur Stunde. Diese Heilige +aber wäre vordem eine wunderschöne Prinzessin gewesen, in die sich ihr +eigener Vater verliebt. In der Noth hätte sie aber zu Gott im Himmel +um Beistand gebätet, da wäre ihr plötzlich ein Bart gewachsen und ihre +irdische Schönheit zu Ende gegangen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_182">182.<br> +Das Teufelsloch zu Goslar.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Müchler</em> Spiele müß. + Stunden. 1810. Th. 4.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Kirchenmauer zu Goslar sieht man einen Spalt und erzählt davon +so: Der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fuld hatten einmal einen +heftigen Rangstreit, jeder wollte in der Kirche neben dem Kaiser sitzen +und der Bischof behauptete den ersten Weihnachtstag die Ehrenstelle. Da +bestellte der Abt heimlich bewaffnete Männer in die Kirche, die sollten +ihn den morgenden Tag mit Gewalt in Besitz seines Rechtes setzen. Dem +Bischof wurde das aber verkundschaftet und ordnete sich auch gewappnete +Männer hin. Tags drauf erneuerten sie den Rangstreit, erst mit Worten, +dann mit der That, die gewaffneten Ritter traten hervor und fochten; +die Kirche glich einer Wahlstätte, das Blut floß stromweise zur Kirche +hinaus<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> auf den Gottesacker. Drei Tage dauerte der Streit und während +des Kampfes stieß der Teufel ein Loch in die Wand und stellte sich +den Kämpfern dar. Er entflammte sie zum Zorn und von den gefallenen +Helden hohlte er manche Seele ab. So lang der Kampf währte, blieb der +Teufel auch da, hernach verschwand er wieder, als nichts mehr für ihn +zu thun war. Man versuchte hernachmals, das Loch in der Kirche wieder +zuzumauern und das gelang bis auf den letzten Stein; sobald man diesen +einsetzte, fiel alles wieder ein und das Loch stand ganz offen da. Man +besprach und besprengte es vergebens mit Weihwasser, endlich wandte man +sich an den Herzog von Braunschweig und erbat sich dessen Baumeister. +Diese Baumeister mauerten eine schwarze Katze mit ein und beim +Einsetzen des letzten Steins bedienten sie sich der Worte: “willst du +nicht sitzen in Gottes Namen, so sitz ins Teufels Namen!” Dieses wirkte +und der Teufel verhielt sich ruhig, blos bekam in der folgenden Nacht +die Mauer eine Ritze, die noch zu sehen ist bis auf den heutigen Tag.</p> + +<p>Nach Aug. Lercheimer von der Zauberei, sollen der Bischof und Abt +darüber gestritten haben, wer dem Erzbischof von Mainz zunächst +sitzen dürfe. Nachdem der Streit gestillet war, habe man in der Messe +ausgesungen: “<span class="antiqua">hunc diem gloriosum fecisti</span>.” Da fiel der Teufel +unterm Gewölb mit grober, lauter Stimme ein und sang: “<span class="antiqua">hunc diem +bellicosum ego feci</span>.”</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_183">183.<br> +Die Teufelsmühle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 189-194.</div> + <div class="angabe">Quedlinburger Sammlung.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Gipfel des Rammberges liegen theils zerstreute, theils +geschichtete Granitblöcke, welche man des Teufels Mühle heißt. Ein +Müller hatte sich am Abhang des Bergs eine Windmühle erbaut, der es +aber zuweilen an Wind fehlte. Da wünschte er sich oft eine, die oben +auf dem Berggipfel stünde und beständig im Gang bliebe. Menschenhänden +war sie aber unmöglich zu erbauen. Weil der Müller keine Ruh darüber +hatte, erschien ihm der Teufel und sie dingten lange mit einander. +Endlich verschrieb ihm der Müller seine Seele gegen dreißig Jahre +langes Leben und eine tadelfreie Mühle von sechs Gängen, auf dem Gipfel +des Rammbergs, die aber in der nächstfolgenden Nacht vor Hahnenschrei +fix und fertig gebaut seyn müßte. Der Teufel hielt sein Wort und hohlte +nach Mitternacht den Müller ab, daß er die fertige Mühle besichtigen +und übernehmen wolle. Der Müller fand alles in vollkommner Ordnung und +war zitternd bereit, sie zu übernehmen, als er eben noch entdeckte, daß +einer von den unentbehrlichen Steinen fehlte. Der Teufel gestand den +Mangel und wollte ihn augenblicklich ersetzen. Und schon schwebte er +durch die Lüfte mit dem Stein, da krähte der Hahn auf der untern Mühle. +Wüthend faßte der böse Feind das Gebäude, riß Flügel, Räder und Wellen +herab und streute<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> sie weit umher. Dann schleuderte er auch die Felsen, +daß sie den Rammberg bedeckten. Nur ein kleiner Theil der Grundlage +blieb stehen zum Angedenken seiner Mühle.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_184">184.<br> +Der Herrgottstritt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Würtenbergisch. <em class="gesperrt">Lang’s</em> + Taschenbuch für 1800. S. 129-136.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 599.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Zeiller</em> + <span class="antiqua">II. epist</span>. 60.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried’s</em> + <span class="antiqua">medulla. p. 429.</span></div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Sattler</em> Topographie + Würtembergs.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf einem Felsen des Alb bei Heuberg, in einem anmuthigen, von der Rems +durchflossenen Thal, liegen Trümmer der Burg <em class="gesperrt">Rosenstein</em>, und +unlängst sah man da Spur eines schönen menschlichen Fußes im Stein, den +aber die Regierung mit Pulver hat versprengen lassen, weil Aberglauben +damit getrieben wurde. Gegenüber auf dem <em class="gesperrt">Scheulberg</em><a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> stehet +die ähnliche Spur eines Tritts landeinwärts, wie die auf dem Rosenstein +auswärts. Gegenüber im Walde ist die Capelle der wunderthätigen Maria +vom Beißwang<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>. Links eine Kluft, geheißen <em class="gesperrt">Teufelsklinge</em>, aus +der bei anhaltendem Regen trübes Wasser fließt; hinterm Schloß ein +gehöhlter Felsen, Namens <em class="gesperrt">Scheuer</em>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> + +<p>Vor grauer Zeit zeigte von diesem Berge herab der Versucher Christo die +schöne Gegend und bot sie ihm an, wenn er vor ihm kniebeugen wollte. +Alsbald befahl Christus der Herr ihm, zu entweichen und der Satan +stürzte den Berg hinab. Allein er wurde verflucht, tausend Jahre in +Ketten und Banden in der Teufelsklinge zu liegen und das trübe Wasser, +das noch daraus strömt, sind seine teuflischen Thränen. Christus +that aber einen mächtigen Schritt übers Gebirg und wo er seine Füße +hingesetzt, drückten sich die Spuren ein<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p> + +<p>Später lang darauf bauten die Herrn von Rosenstein hier eine Burg und +waren Raubritter, welche das Raubgut in der Scheuer bargen. Einmal gab +ihnen der Teufel ein, daß sie die Waldcapelle stürmen möchten. Kaum +aber waren sie mit dem Kirchengut heimgekehrt, als sich ein ungeheurer +Sturm hob und das ganze Raubnest zertrümmerte. Indem hörte man den +Teufel laut lachen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Bey Seyfried: Schawelberg. Jenes der linke, dieses der +rechte Fuß.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Gestiftet von Friedrich mit dem Biß in der Wange.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Zeiller erzählt abweichend: Christus auf der Flucht vor +den Juden habe die Merkzeichen eingedrückt. Die Leute holen sich allda +Augenwasser.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_185">185.<br> +Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Frankfurt.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Mitte der Sachsenhäuser Brücke sind zwei Bogen oben zum Theil +nur mit Holz zugelegt, damit<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> dies in Kriegszeiten weggenommen und die +Verbindung leicht, ohne etwas zu sprengen, gehemmt werden kann. Davon +gibt es folgende Sage.</p> + +<p>Der Baumeister hatte sich verbindlich gemacht, die Brücke bis zu einer +bestimmten Zeit zu vollenden. Als diese herannahte, sah er, daß es +unmöglich war, und, wie nur noch zwei Tage übrig waren, rief er in der +Angst den Teufel an und bat um seinen Beistand. Der Teufel erschien +und erbot sich, die Brücke in der letzten Nacht fertig zu bauen, wenn +ihm der Baumeister dafür das erste lebendige Wesen, das darüber ging, +überliefern wollte. Der Vertrag wurde geschlossen und der Teufel baute +in der letzten Nacht, ohne daß ein Menschenauge in der Finsterniß +sehen konnte, wie es zuging, die Brücke ganz richtig fertig. Als nun +der erste Morgen anbrach, kam der Baumeister und trieb einen Hahn über +die Brücke vor sich her und überlieferte ihn dem Teufel. Dieser aber +hatte eine menschliche Seele gewollt und wie er sich also betrogen +sah, packte er zornig den Hahn, zerriß ihn und warf ihn durch die +Brücke, wovon die zwei Löcher entstanden sind, die bis auf den heutigen +Tag nicht können zugemauert werden, weil alles in der Nacht wieder +zusammenfällt, was Tags daran gearbeitet ist. Ein goldner Hahn auf +einer Eisenstange steht aber noch jetzt zum Wahrzeichen auf der Brücke.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_186">186.<br> +Der Wolf und der Tannenzapf.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Achen im Dom zeigt man an dem einen Flügel des ehernen Kirchenthors +einen Spalt und das Bild eines Wolfs nebst einem Tannenzapfen, beide +gleichfalls aus Erz gegossen. Die Sage davon lautet: vor Zeiten, +als man diese Kirche zu bauen angefangen, habe man mitten im Werk +einhalten müssen aus Mangel an Geld. Nachdem nun die Trümmer eine +Weile so dagestanden, sey der Teufel zu den Rathsherrn gekommen, +mit dem Erbieten, das benöthigte Geld zu geben unter der Bedingung, +daß die erste Seele, die bei der Einweihung der Kirche in die Thüre +hineinträte, sein eigen würde. Der Rath habe lang gezaudert, endlich +doch eingewilligt und versprochen, den Inhalt der Bedingung geheim +zu halten. Darauf sey mit dem Höllengeld das Gotteshaus herrlich +ausgebaut, immittelst aber auch das Geheimniß ruchtbar geworden. +Niemand wollte also die Kirche zuerst betreten und man sann endlich +eine List aus. Man fing einen Wolf im Wald, trug ihn zum Hauptthor der +Kirche und an dem Festtag, als die Glocken zu läuten anhuben, ließ man +ihn los und hineinlaufen. Wie ein Sturmwind fuhr der Teufel hinterdrein +und erwischte das, was ihm nach dem Vertrag gehörte. Als er aber +merkte, daß er betrogen war und man ihm eine bloße Wolfsseele geliefert +hatte, erzürnte er<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> und warf das eherne Thor so gewaltig zu, daß der +eine Flügel sprang und den Spalt bis auf den heutigen Tag behalten +hat. Zum Andenken goß man den Wolf und seine Seele, die dem Tannenzapf +ähnlich seyn soll. — Andere erzählen es von einer sündhaften Frau, die +man für das Wohl der ganzen Stadt dem Teufel geopfert habe und erklären +die Frucht durch eine Artischocke, welche der Frauen arme Seele +bedeuten soll.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_187">187.<br> +Der Teufel von Ach.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprichw. 301.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Schottel</em> Grammat. S. 1134.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Achen steht ein großer Thurm in der Stadtmauer, genannt +<em class="gesperrt">Ponellenthurm</em>, darin sich der Teufel mit viel Wunders-Geschrei, +Glockenklingen und anderm Unfug oftmals sehen und hören läßt, und ist +die Sage, er sey hinein verbannt und da muß er bleiben, bis an den +jüngsten Tag. Darum, wenn man daselbst von unmöglichen Dingen redet, so +sagt man: “ja es wird geschehen, wann der Teufel von Ach kommt,” das +ist, nimmermehr.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_188">188.<br> +Die Teufelsmauer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Döderlin</span></em> + <span class="antiqua">de antiqq. in Nordgavia romanis p. 29.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Von der nordgauer Pfahlhecke erzählten die Bauern um Oberndorf und +Otmannsfeld: der Teufel habe<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> von Gott dem Herrn einen Theil der Erde +gefordert und dieser insoweit dreingewilligt: dasjenige Stück Lands, +das er vor Hahnenkrat mit Mauer umschlossen habe, solle ihm zufallen. +Der böse Feind habe sich stracks ans Werk gemacht, doch eh er die +letzte Hand angelegt und den Schlußstein aufgesetzt, der Hahn gekrähet. +Vor Zorn nun, daß das Geding und seine Hoffnung zunicht geworden, sey +er ungestüm über das ganze Werk hergefallen und habe alle Steine übern +Haufen geworfen. Noch jetzt spuke es auf dieser Teufelsmauer.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_189">189.<br> +Des Teufels Tanzplatz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 175-178.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem nördlichen Harz, zwischen Blankenburg und Quedlinburg, siehet +man südwärts vom Dorfe Thale eine Felsenfläche, die das Volk: des +Teufels Tanzplatz nennt und nicht weit davon Trümmer einer alten +Mauer, denen gegenüber nordwärts vom Dorfe sich ein großes Felsenriff +erhebt. Jene Trümmer und dieses Riff nennt das Volk: Teufelsmauer. Der +Teufel stritt lange mit dem lieben Gott um die Herrschaft der Erde. +Endlich wurde eine Theilung des damals bewohnten Landes verabredet. Die +Felsen, wo jetzt der Tanzplatz ist, sollten die Grenze scheiden und der +Teufel erbaute unter lautem Jubeltanz seine Mauer. Aber bald erhub der +Nimmersatte neuen Zank, der damit<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> endigte, daß ihm noch das am Fuße +jenes Felsens belegene Thal zugegeben wurde. Darauf thürmte er noch +eine zweite Teufelsmauer.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_190">190.<br> +Die Teufelscanzel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Homilien des Teufels. Frankf. 1800.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unweit Baden steht eine Felsenreihe. Die Leute nennen sie Teufelscanzel +und behaupten, der böse Feind habe einsmals darauf geprediget.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_191">191.<br> +Das Teufelsohrkissen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Morgenblatt. 1811. Nr. 208. S. 830.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Fuße des Schlosses Bentheim stehen einige sonderbare, glatte Felsen. +Einer derselben, oben flach, wie ein aufrechtstehender runder Pfühl, +wird Teufelsohrkissen genannt, weil der Teufel einmal drauf geschlafen +habe. Die Spuren seines Ohrs drückten sich in den Stein und sind noch +sichtbar darauf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_192">192.<br> +Der Teufelsfelsen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. + S. 128. 129.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Fichtelberger erzählen: es habe der Satan den Herrn Christus auf +den Cößeinfelsen geführt und ihm<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> die Reiche der Welt gezeigt, auch +alle zu schenken verheißen, wenn er ihn anbeten wolle, außer die Dörfer +N. und R. nicht, welche sein Leibgeding. —</p> + +<p>Die Einwohner dieser Dörfer sind rauh und mißgestalt; die Gegend dabei +ist unfreundlich und heißt Türkei und Tartarei bei einigen Leuten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_193">193.<br> +Teufelsmauer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Arndt’s</em> Reise von Baireuth + nach Wien. Leipz. 1801. S. 169. 170.</div> + </div> + +</div> + +<p>Diese Teufelsmauer lauft an der Donau hinter Mölk nach Wien zu. Einst +wollte der Teufel die Donau zumauern, aber die Steine entglitten ihm +immer, wenn er sie zusammenfügen wollte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_194">194.<br> +Teufelsgitter.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Wismar in der Marienkirche um den Taufstein herum geht ein +überkünstliches Gitter, das sollte ein Schmidt bauen. Als er sich +aber dran zerarbeitete und es nicht konnte zustand bringen, brach er +unmuthig aus: “ich wollte, daß es der Teufel fertig machen müßte!” Auf +diesen Wunsch kam der Teufel und baute das Gegitter fertig.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_195">195.<br> +Teufelsmühle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><span class="antiqua">Tradit. Corbeienses + p. 559.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Jäger</em> Briefe über die hohe + Rhön. II. 51.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Wolfenbüttelischen zwischen Pestorf und Grave an der Weser liegt +eine Mühle, die der Teufel, der Volkssage nach, gebaut und durch ein +Felsenwasser das Rad in Trieb gesetzt. Eine <em class="gesperrt">Teufelsmühle</em> liegt +auch auf der Rhöne.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_196">196.<br> +Teufelskirche.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Jäger</em> Briefe über die hohe + Rhön. II. 49.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Melissantes</em> Bergschlösser + S. 181.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf der Rhöne stehen oben Basaltfelsen gethürmt. Der Teufel, als man im +Thal eine Kirche bauen wollte, zürnte und trug alle Bausteine hin auf +den Berg, wo er sie nebeneinander aufstellte und kein Mensch sie wieder +heruntertragen konnte.</p> + +<p>Man erzählt, da wo der Teufel seinen Stein einmal hingelegt habe, könne +man ihn nicht wegbringen, denn so oft man ihn auch wegnehme, lege der +Teufel einen andern oder denselben wieder eben dahin.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_197">197.<br> +Teufelsstein bei Reichenbach.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winkelmann’s</em> hessische + Chronik S. 34.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nicht weit von Reichenbach, dem hohen Steine gegenüber, in einem Walde +liegt der Teufelsstein. Er<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> sieht aus, als wären etliche hundert +Karrn Steine kunstreich zusammengeschüttet, indem sich wunderbarlich +Gemächer, Keller und Kammern von selbst gebildet, in welchen bei +schweren und langen Kriegen die Bewohner der Gegend mit ihrem ganzen +Haushalt gewohnt. Diesen Stein soll der Teufel in einer einzigen Nacht, +nach der gemeinen Sage, also gebildet haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_198">198.<br> +Teufelsstein zu Cöln.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Rhein. Antiquarius S. 725.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Cöln bei der Kirche liegt ein schwerer Stein, genannt Teufelsstein, +man sieht darauf noch die Kralle des bösen Feindes eingedruckt. Er +warf ihn nach der Capelle der heiligen drei Könige und wollte sie +niederschmettern, es ist ihm aber mißlungen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_199">199.<br> +Süntelstein zu Osnabrück.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Strodtmann</em> Idioticon S. 236.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Osnabrück liegt ein uralter Stein, dreizehn Fuß aus der Erde +ragend, von dem die Bauern sagen, der Teufel hätte ihn durch die +Luft geführt und fallen lassen. Sie zeigen auch die Stelle daran, in +welcher die Kette gesessen, woran er ihn gehalten, nennen ihn den +<em class="gesperrt">Süntelstein</em>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_200">200.<br> +Der Lügenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar’s</em> Volkssagen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Domplatz zu Halberstadt liegt ein runder Fels von ziemlichem +Umfang, den das Volk nennet den Lügenstein. Der Vater der Lügen +hatte, als der tiefe Grund zu der Domkirche gelegt wurde, große +Felsen hinzugetragen, weil er hoffte, hier ein Haus für sein Reich +entstehen zu sehen. Aber als das Gebäude aufstieg und er merkte, daß +es eine christliche Kirche werden würde, da beschloß er, es wieder zu +zerstören. Mit einem ungeheuern Felsstein schwebte er herab, Gerüst +und Mauer zu zerschmettern. Allein man besänftigte ihn schnell durch +das Versprechen, ein Weinhaus dicht neben die Kirche zu bauen. Da +wendete er den Stein, so daß er neben dem Dom auf dem geebneten Platz +niederfiel. Noch sieht man daran die Höhle, die der glühende Daumen +seiner Hand beim Tragen eindrückte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_201">201.<br> +Die Felsenbrücke.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Hirt wollte Abends spat seine Geliebte besuchen und der Weg +führte ihn über die Visper, da wo sie in einer tiefen Felsenschlucht +rauscht, worüber nur eine schmale Bretterbrücke hängt. Da sah er, +der Chilthbube, was ihm sonst niemals widerfahren war,<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> einen Haufen +schwarze Kohlen mitten auf der Brücke liegen, daß sie den Weg +versperrten; ihm war dabei nicht recht zu Muthe, doch faßte er sich +ein Herz und that einen tüchtigen Sprung über den tiefen Abgrund von +dem einen Ende glücklich bis zu dem andern. Der Teufel, der aus dem +Dampf des zerstobenen Kohlenhaufens auffuhr, rief ihm nach: “das war +dir gerathen, denn wärst du zurückgetreten, hätt ich dir den Hals +umgedreht, und wärst du auf die Kohlen getreten, so hättest du unter +ihnen versinken und in die Schlucht stürzen müssen.” Zum Glück hatte +der Hirt, trotz der Gedanken an seine Geliebte, nicht unterlassen, +vor dem Capellchen der Mutter Gottes hinter St. Niklas, an dem er +vorbeikam, wie immer sein Ave zu beten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_202">202.<br> +Das Teufelsbad bei Dassel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Letzner</em> Dasselische Chronik. + Erfurt 1596. Buch <span class="antiqua">V. c. 13.</span> Buch + <span class="antiqua">VIII. c. 9.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Unweit Dassel, in einem grundlosen Meerpfuhl, welcher der bedessische +oder bessoische heißt, soll eine schöne und wohlklingende Glocke +liegen, die der leibhaftige Teufel aus der Kirche zum Portenhagen +dahin geführt hat, und von der die alten Leute viel wunderbare Dinge +erzählen. Sie ist von lauterem Golde und der böse Feind brachte sie aus +Neid weg, damit sich die Menschen ihrer nicht mehr zum Gottesdienst +bedienen können, weil sie besonders kräftig und heilig<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> gewesen. Ein +Taucher erbot sich, hinabzufahren und sie mit Stricken zu fassen, dann +sollten die Leute oben getrost ziehen und ihrer Glocke wieder mächtig +werden. Allein er kam unverrichteter Sachen heraus und sagte, daß unten +in der Tiefe des Meerpfuhls eine grüne Wiese wäre, wo die Glocke auf +einem Tisch stehe und ein schwarzer Hund dabei liege, welcher nicht +gestatten wolle, sie anzurühren. Auch habe sich daneben ein Meerweib +ganz erschrecklich sehen und hören lassen, die gesagt: es wäre viel +zu früh, diese Glocke von dannen abzuholen. Ein achtzigjähriger Mann +erzählte von diesem Teufelsbad: einen Sonnabend habe ein Bauer aus +Leuthorst unfern des Pfuhls länger als Brauch gewesen, nachdem man +schon zur Vesper geläutet, gepflügt, und beides Pferde und Jungen +mit Fluchen und Schlägen genöthigt. Da sey ein großer, schwarzer und +starker Gaul aus dem Wasser ans Land gestiegen. Der gottlose und +tobende Bauer habe ihn genommen und ins Teufels Namen vor die andern +Pferde gespannt, in der Meinung, nicht ehnder Feierabend zu machen, bis +der Acker herumgepflüget wäre. Der Junge hub an zu weinen und wollte +lieber nach Haus, aber der Bauer fuhr ihn hart an. Da soll der schwarze +Gaul frisch und gewaltig die armen ausgemergelten Pferde, mitsammt +Pflug, Jung und Bauer, in das grundlose Loch und Teufelsbad gezogen +haben und nimmermehr von Menschen gesehen worden seyn. Wer den Teufel +fordert, muß ihm auch Werk schaffen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_203">203.<br> +Der Thurm zu Schartfeld.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Letzner</em> Dasselsche Chronik. + Buch <span class="antiqua">VI. c. 1.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Von dem Thurm auf Schartfeld berichten viel alter Leute, daß er keine +Dachung leide, der Teufel darin hausen und Nachts viel Gerumpels droben +seyn solle. Vorzeiten trug Kaiser Heinrich der Vierte unziemliche +Liebe zu eines Herrn auf Schartfeld Ehweib, konnte lange seinen Willen +nicht vollführen. Da kam er ins Kloster Pölde in der Grafschaft +Lutterberg und ein Mönch machte ihm einen Anschlag. Er ließ den Herrn +von Schartfeld zu sich fordern ins Kloster, und trug ihm eine weite +Reise mit einer Werbung auf. Der Ritter war dem Kaiser unterthan und +gehorsam. Tags darauf zog der Kaiser mit dem Mönch in weltlichen +Kleidern auf die Jagd, kam insgeheim vor das Haus Schartfeld und wurde +von dem Mönch bis vor der Edelfrau Kemenate geleitet. Da überfiel +sie Heinrich und nöthigte sie zu seinem Willen. Da soll der Teufel +die Dachung vom Thurm abgeworfen und in der Luft hinfahrend über den +Mönch geschrien haben, daß er an dieser Unthat schuldiger sey, als +der Kaiser. Der Mönch war seit der Zeit im Kloster stets traurig und +unfroh.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_204">204.<br> +Der Dom zu Cöln.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündliche Erzählungen aus der Stadt.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als der Bau des Doms zu Cöln begann, wollte man gerade auch eine +Wasserleitung ausführen. Da vermaß sich der Baumeister und sprach: +“eher soll das große Münster vollendet seyn, als der geringe +Wasserbau!” Das sprach er, weil er allein wußte, wo zu diesem die +Quelle sprang, und er das Geheimniß niemanden, als seiner Frau +entdeckt, ihr aber zugleich bei Leib und Leben geboten hatte, es wohl +zu bewahren. Der Bau des Doms fing an und hatte guten Fortgang, aber +die Wasserleitung konnte nicht angefangen werden, weil der Meister +vergeblich die Quelle suchte. Als dessen Frau nun sah, wie er sich +darüber grämte, versprach sie ihm Hilfe, ging zu der Frau des andern +Baumeisters und lockte ihr durch List endlich das Geheimniß heraus, +wonach die Quelle gerade unter dem Thurm des Münsters sprang; ja, jene +bezeichnete selbst den Stein, der sie zudeckte. Nun war ihrem Manne +geholfen; folgenden Tags ging er zu dem Stein, klopfte darauf und +sogleich drang das Wasser hervor. Als der Baumeister sein Geheimniß +verrathen sah und mit seinem stolzen Versprechen zu Schanden werden +mußte, weil die Wasserleitung ohne Zweifel nun in kurzer Zeit zu Stande +kam, verfluchte er zornig den Bau, daß er nimmermehr sollte vollendet +werden, und starb darauf vor Traurigkeit. Hat<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> man fortbauen wollen, +so war, was an einem Tag zusammengebracht und aufgemauert stand, am +andern Morgen eingefallen, und wenn es noch so gut eingefügt war und +aufs festeste haftete, also daß von nun an kein einziger Stein mehr +hinzugekommen ist.</p> + +<p>Andere erzählen abweichend. Der Teufel war neidig auf das stolze +und heilige Werk, das Herr Gerhard, der Baumeister, erfunden und +begonnen hatte. Um doch nicht ganz leer dabei auszugehn, oder gar die +Vollendung des Doms noch zu verhindern, ging er mit Herrn Gerhard die +Wette ein: er wolle ehr einen Bach von Trier nach Cöln, bis an den +Dom, geleitet, als Herr Gerhard seinen Bau vollendet haben; doch müsse +ihm, wenn er gewänne, des Meisters Seele zugehören. Herr Gerhard war +nicht säumig, aber der Teufel kann teufelsschnell arbeiten. Eines Tags +stieg der Meister auf den Thurm, der schon so hoch war, als er noch +heut zu Tag ist, und das erste, was er von oben herab gewahrte, waren +Enten, die schnatternd von dem Bach, den der Teufel herbeigeleitet +hatte, aufflogen. Da sprach der Meister in grimmem Zorn: “zwar hast +du, Teufel, mich gewonnen, doch sollst du mich nicht lebendig haben!” +So sprach er und stürzte sich Hals über Kopf den Thurm herunter, in +Gestalt eines Hundes sprang schnell der Teufel hintennach, wie beides +in Stein gehauen noch wirklich am Thurme zu schauen ist. Auch soll, +wenn man sich mit dem Ohr auf die Erde legt, noch heute der Bach zu +hören seyn, wie er unter dem Dome wegfließt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> + +<p>Endlich hat man eine dritte Sage, welche den Teufel mit des Meisters +Frau Buhlschaft treiben läßt, wodurch er vermuthlich, wie in der +ersten, hinter das Baugeheimniß ihres Mannes kam.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_205">205.<br> +Des Teufels Hut.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">vgl. Taschenbuch für Liebe und Freundschaft 1816. + S. 237. 238.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nicht weit von Altenburg bei dem Dorfe Ehrenberg liegt ein mächtiger +Stein, so groß und schwer, daß ihn hundert Pferde nicht fortziehen +würden. Vorzeiten trieb der Teufel sein Spiel damit, indem er ihn auf +den Kopf sich legte, damit herumging und ihn als einen Hut trug. Einmal +sprach er in Stolz und Hochmuth: “wer kann wie ich diesen Stein tragen? +selbst der ihn erschaffen, vermags nicht und läßt ihn liegen, wo er +liegt!” Da erschien Christus der Herr, nahm den Stein, steckte ihn an +seinen kleinen Finger und trug ihn daran. Beschämt und gedemüthigt wich +der Teufel und ließ sich nie wieder an diesem Orte erblicken. Und noch +heute sieht man in dem Stein den Eindruck von des Teufels Haupt und von +des Herrn Finger.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_206">206.<br> +Des Teufels Brand.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Erasm. Rotterodam</span></em>. <span class="antiqua">epist. fam. L. 27. c. 20.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nic. Remigii</span></em> <span class="antiqua">daemonolatria p. 335. 336</span>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es liegt ein Städtlein im Schweizerland mit Namen Schiltach, welches +im Jahr 1533 am zehnten<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> April plötzlich in den Grund abgebrannt +ist. Man sagt, daß dieser Brand folgender Weise, wie die Bürger des +Orts vor der Obrigkeit zu Freiburg angezeigt, entstanden sey. Es hat +sich in einem Hause oben hören lassen, als ob jemand mit linder, +lispelnder Stimme einem andern zuriefe und winkete, er solle schweigen. +Der Hausherr meint, es habe sich ein Dieb verborgen, geht hinauf, +findet aber niemand. Darauf hat er es wiederum von einem höheren +Gemach her vernommen, er geht auch dahin und vermeint den Dieb zu +greifen. Wie aber niemand vorhanden ist, hört er endlich die Stimme +im Schornstein. Da denkt er, es müsse ein Teufels-Gespenst seyn und +spricht den seinigen, die sich fürchten, zu, sie sollten getrost und +unverzagt seyn, Gott werde sie beschirmen. Darauf bat er zwei Priester +zu kommen, damit sie den Geist beschwüren. Als diese nun fragten, wer +er sey, antwortete er: “der Teufel.” Als sie weiter fragten, was sein +Beginnen sey, antwortete er: “ich will die Stadt in Grund verderben!” +Da bedräuen sie ihn, aber der Teufel spricht: “euere Drohworte gehen +mich nichts an, einer von euch ist ein liederlicher Bube; alle beide +aber seyd ihr Diebe.” Bald darauf hat er ein Weib, mit welchem jener +Geistliche vierzehn Jahre zusammengelebt, hinauf in die Luft geführt, +oben auf einen Schornstein gesetzt, ihr einen Kessel gegeben und +sie geheißen, ihn umkehren und ausschütten. Wie sie das gethan, ist +der ganze Flecken vom Feuer ergriffen worden und in einer Stunde +abgebrannt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_207">207.<br> +Die Teufels-Hufeisen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 362.</div> + <div class="angabe">Einigermaßen ausführlicher und mit andern Umständen + erzählt in <em class="gesperrt">Francisci</em> lust. Schaubühne Th. I. + S. 801. und in der Zungensünde S. 173-175.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Schwarzenstein, eine halbe Meile von Rastenburg in Preußen, hangen +zwei große Hufeisen in der Kirche, davon eine gemeine Sage ist: es war +daselbst eine Krügerin (Bierwirthin), die den Leuten das Bier sehr übel +zumaß, die soll der Teufel des Nachts vor die Schmiede geritten haben. +Ungestüm weckte er den Schmied auf und rief: “Meister, beschlagt mir +mein Pferd!” Der Schmied war nun gerade der Bierschenkin Gevatter, +daher, als er sich über sie hermachte, raunte sie ihm heimlich zu: +“Gevattermann, seyd doch nicht so rasch!” Der Schmied, der sie für ein +Pferd angesehen, erschrack heftig, als er diese Stimme hörte, die ihm +bekannt däuchte und gerieth aus Furcht in Zittern. Dadurch verschob +sich der Beschlag und der Hahn krähte. Der Teufel mußte zwar das +Reißaus nehmen, allein die Krügerin ist lange nachher krank geblieben. +Sollte der Teufel alle Bierschenken, die da knapp messen, beschlagen +lassen, würde das Eisen gar theuer werden.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_208">208.<br> +Der Teufel führt die Braut fort.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Godelmann</em> von Zauberern, + Hexen und Unholden übers. von <em class="gesperrt">Nigrin</em>. 1592. + S. 9. lat. Ausg. <span class="antiqua">de magis &c. Francof.</span> + 1591. <span class="antiqua">p.</span> 12-13.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hilscher’s</em> Zungen-Sünde. + S. 200. 201.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Sachsen hatte eine reiche Jungfrau einem schönen, aber armen +Jüngling, die Ehe verheißen. Dieser, weil er sahe, was kommen würde, da +sie reich und nach ihrer Art wankelmüthig war, sprach zu ihr, sie werde +ihm nicht Glauben halten. Sie fing an sich zu verschwören mit diesen +Worten: “wann ich einen andern denn dich nehme, so hole mich der Teufel +auf der Hochzeit!” Was geschieht? Nach geringer Zeit wird sie anderes +Sinnes und verspricht sich einem andern mit Verachtung des ersten +Bräutigams, welcher sie ein- oder etliche Mal der Verheißung und des +großen Schwurs erinnerte. Aber sie schlug alles in den Wind, verließ +den ersten und hielt Hochzeit mit dem andern.</p> + +<p>Am hochzeitlichen Tage, als die Verwandten, Freunde und Gäste fröhlich +waren, ward die Braut, da ihr das Gewissen aufwachte, trauriger, +als sie sonst zu seyn pflegte. Endlich kommen zwei Edelleute in das +Brauthaus geritten, werden als fremde, geladene Gäste empfangen und +zu Tisch geführt. Nach Essens Zeit wird dem einen von Ehren wegen, +als einem Fremden, der Vorreigen mit der Braut gebracht, mit<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> welcher +er einen Reihen oder zwei thät und sie endlich vor ihren Eltern und +Freunden mit großem Seufzen und Heulen zur Thür hinaus in die Luft +führte.</p> + +<p>Des andern Tages suchten die betrübten Eltern und Freunde die Braut, +daß sie sie, wo sie etwan herabgefallen, begraben mögten. Siehe! +da begegneten ihnen eben die Gesellen und brachten die Kleider und +Kleinode wieder mit diesen Worten: “über diese Dinge hatten wir von +Gott keine Gewalt empfangen, sondern über die Braut.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_209">209.<br> +Das Glücksrad.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Grundmann</em> Geschichtschule + S. 228-230.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">D.</span> + Siegfried <span class="antiqua">Saccus</span></em>, aus dem Munde eines der + Schatzgräber selbst, zu Magdeburg.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Wünschelruthe + 88. 90.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwölf Landsknechte kamen aus dem ditmarser Krieg und hatten wenig +vor sich gebracht. Da sie nun traurig und kleinmüthig im Land umher +strichen und heut nicht wußten, was sie morgen zu beißen hatten, +begegnete ihnen ein Grauröcklein, that seinen Gruß und fragte: “woher +des Wegs und wohin?” Sie aber sagten: “daher aus dem Krieg und dahin, +wo wir reich werden sollen, können aber den Ort nicht finden.” Das +Grauröcklein sagte: “die Kunst soll euch offenbar werden, wenn ihr mir +folgen wollt, begehr auch nichts dafür zu haben.” Die Landsknechte +meinten:<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> was es denn wäre? “Man heißt es das Glücksrad, das steht mir +zu Gebot und wen ich darauf bringe, der lernt wahrsagen den Leuten und +graben den Schatz aus der Erde; doch nicht anders vermag ich euch drauf +zu setzen, als mit dem Beding, daß ich Macht und Gewalt habe, einen aus +eurem Haufen mit mir wegzuführen.”</p> + +<p>Sie begehrten nun zu wissen: welchen von ihnen er zu nehmen Willens +sey? Der Graurock antwortete: “zu welchem ich Lust trage, das wird sich +hernach zeigen, voraus weiß ichs nicht.” Drauf nahmen die Landsknechte +eine lange Ueberlegung, sollten sie’s thun oder aber lassen? schlossen +endlich: sterben muß der Mensch doch einmal, wie nun, so wir in +Dietmarsen gefallen wären in der Schlacht, oder die Pest uns weggerafft +hätte; wir wollen dies wagen, was viel leichter ist und nur einen +einzigen trifft. Ergaben sich also miteinander in des Mannes Hand, mit +dem Beding, daß er sie aufs Glücksrad brächte und dafür zum Lohn einen +aus ihnen hinhätte, den, der ihm dazu gefiele.</p> + +<p>Nach diesem so führte sie der Graurock hin an die Stelle, wo sein Rad +stund, das war so groß, daß wie sie alle darauf kamen, jeglicher drei +Klaftern weit ab vom andern saß; eins aber verbot er ihnen: daß ja +keiner den andern ansähe, so lange sie auf dem Rad säßen, wer das nicht +thue, dem bräche er den Hals. Als sie nun ordnungsmäßig aufgesessen, +packte der Meister das Rad mit den Klauen, die er beides<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> an Händen und +Füßen hatte, und hub zu drehen an bis es umgedreht war, zwölf Stunden +nacheinander und alle Stunden einmal. Ihnen aber däuchte, als ob unter +ihnen helles Wasser sey, gleich einem Spiegel, worin sie alles sehen +konnten, was sie vorhatten, gutes oder böses und wen sie von Leuten da +sahen, erkannten sie und wußten ihre Namen zu nennen. Ueber ihnen aber +war es wie Feuer und glühende Zapfen hingen herab.</p> + +<p>Wie sie nun zwölf Stunden ausgehalten hatten, rückte der Glücksmeister +einen feinen jungen Menschen vom Rade, der eines Burgermeisters Sohn +aus Meissen war und führte ihn mitten durch die Feuerflamme mit sich +hin. Die elf andern wußten nicht wie ihnen geschehen und sanken betäubt +nieder in tiefen Schlaf, und als sie etliche Stunden lang unter freiem +Himmel gelegen, wachten sie auf, aber ihre Kleider auf dem Leibe und +ihre Hemder die waren ganz mürb geworden und zerfielen beim Angreifen, +von der großen Hitze wegen, die auf dem Rad gewesen war.</p> + +<p>Darauf erhoben sie sich und gingen jeder seines Wegs, in der Hoffnung, +ihr Lebtag alles gnug und eitel Glück zu haben, waren aber nach wie vor +arm und mußten das Brot vor anderer Leute Hausthüre suchen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_210">210.<br> +Der Teufel als Fürsprecher.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><span class="antiqua">D.</span> + <em class="gesperrt">Mengering</em> Soldaten-Teufel. Cap. 8. S. 153.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hilscher</em> Zungen-Sünde. + S. 189.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden S. 113.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Wünschelruthe + 101-103.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Mark geschah es, daß ein Landsknecht seinem Wirth Geld +aufzuheben gab und als er es wiederforderte, dieser etwas empfangen +zu haben ableugnete. Da der Landsknecht darüber mit ihm uneins ward +und das Haus stürmte, ließ ihn der Wirth gefänglich einziehen und +wollte ihn übertäuben, damit er das Geld behielte. Er klagte daher den +Landsknecht zu Haut und Haar, zu Hals und Bauch an, als einen, der +ihm seinen Haus-Frieden gebrochen hätte. Da kam der Teufel zu ihm ins +Gefängniß und sprach: “Morgen wird man dich vor Gericht führen und dir +den Kopf abschlagen, darum daß du den Haus-Frieden gebrochen hast, +willst du mein seyn mit Leib und Seel, so will ich dir davon helfen.” +Aber der Landsknecht wollte nicht. Da sprach der Teufel: “so thue ihm +also: wann du vor Gericht kommst und man dich hart anklagt, so beruhe +darauf, daß du dem Wirth das Geld gegeben und sprich, du seyest übel +beredt, man wolle dir vergönnen einen Fürsprecher zu haben, der dir +das Wort rede. Alsdann will ich nicht weit stehen in einem blauen Hut +mit weißer Feder und dir deine Sache führen.” Dies geschah also; aber +da der Wirth hartnäckig leugnete, so sagte des Landsknechts<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Anwalt +im blauen Hut: “lieber Wirth, wie magst du es doch leugnen! das Geld +liegt in deinem Bette unter dem Haupt-Pfühl: Richter und Schöffen, +schicket hin, so werdet ihr es befinden.” Da verschwur sich der Wirth +und sprach: “hab ich das Geld empfangen, so führe mich der Teufel +hinweg!” Als nun das Geld gefunden und gebracht war, sprach der im +blauen Hütlein mit weißer Feder: “ich wußte wohl, ich sollte einen +davon haben, entweder den Wirth oder den Gast;” drehte damit dem Wirth +den Kopf um und führte ihn in der Luft davon.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_211">211.<br> +Traum vom Schatz auf der Brücke.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprichwort 623.</div> + <div class="angabe">Der ungewissenhafte Apotheker S. 132.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Wünschelruthe + 372. 373.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es hat auf ein Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf +die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingangen und da er +einen Tag oder vierzehn allda gangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu +ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tag auf der Brücke mache und +ihn fragte: was er da suche? Dieser antwortete: “es hat mir getraumt, +ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich +werden.” “Ach, sagte der Kaufmann, was redest du von Träumen, Träume +sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> +Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben +sey, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.” Da ging der +andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn +reich machte und sein Traum wurde ihm bestätigt.</p> + +<p>Agricola fügt hinzu: “das hab ich oftmals von meinem lieben Vater +gehört.” Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck +(Kempen), wo einem Beckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der +Brücke finden. Als er oft darauf hin und hergeht, redet ihn ein Bettler +an und fragt nach der Ursache, und sagt hernach, ihm habe getraumt, +daß auf dem Kirchhof zu Möllen unter einer Linde (zu Dordrecht unter +einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daran +wenden. Der Beckerknecht antwortet: “ja es träumt einem oft närrisch +Ding, ich will mich meines Traums begeben und euch meinen Brückenschatz +vermachen;” geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_212">212.<br> +Der Kessel mit dem Schatz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Bibesheim und aus Wernigerode.</div> + </div> + +</div> + +<p>An einem Winterabend saß vor vielen Jahren der Wagnermeister Wolf +zu Großbieberau im Odenwald mit Kindern und Gesinde beim Ofen und +sprach von<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> diesem und jenem. Da ward auf einmal ein verwunderlich +Geräusch vernommen und siehe, es drückte sich unter dem Stubenofen +plötzlich ein großer Kessel voll Geldes hervor. Hätte nun gleich einer +stillschweigends ein wenig Brot oder einen Erdschollen darauf geworfen, +dann wäre es gut gewesen; aber nein, der Böse war dabei und da mußt es +wohl verkehrt gehen. Des Wagners Töchterlein hatte nie so viel Geld +beisammen gesehen und rief laut: “blitz, Vater, was Geld, was Geld!” +Der Vater kehrte sich nicht ans Schreien, weil er besser wußte, was +hier zu thun wäre. Schnell nahm er’s Heft vom großen Naben-Bohrer und +steckt es rasch durch den Kesselring. Doch es war vorbei, der Kessel +versank und nur der Ring blieb zurück. Vor ungefähr zwanzig Jahren +wurde der Kesselring noch gezeigt.</p> + +<p>Zu Quedlinburg steht ein Haus, in dessen Grundtiefen sich große +Goldschätze befinden sollen. Vor Jahren wohnte ein Kupferschmidt darin, +dessen Frau den Lehrjungen verschiedenes Handwerksgeräth in Ordnung +bringen hieß, besonders sollte er einen großen Kessel im Hintergebäude +rein machen. Als am Abend der Junge mit der Arbeit zu Ende gekommen war +und jetzt zum großen Kessel trat, fand er diesen bis oben gefüllt mit +glänzenden Goldstücken. Vor Freude erschrocken, griff er einige Stücke +heraus, eilte damit zur Meisterin und erzählte ihr, was er gesehen. Sie +lief mit hin, aber noch waren beide nicht über die Schwelle der Thüre +zum Hintergebäude gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> als sie ein plötzliches Krachen, Rauschen +und Klingen hörten; und drinnen sahen sie noch, wie sich der große +Kessel in seiner alten Fuge bewegte und dann still stand. Als sie aber +hinzutraten, war er schon wieder leer und das Gold hinabgesunken.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_213">213.<br> +Der Wärwolf.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich in Hessen.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. + S. 252. 253.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nic. + Remigii</span></em> <span class="antiqua">daemonolatria &c. Francof. + 1598.p. 263. 264.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Soldat erzählte folgende Geschichte, die seinem eigenen Großvater +begegnet seyn soll. Dieser, sein Großvater, sey einmal zu Wald +holzhauen gegangen, mit einem Gevatter und noch einem dritten, welchen +dritten man immer im Verdacht gehabt, daß es nicht ganz richtig mit ihm +gewesen; doch so hätte man nichts gewisses davon zu sagen gewußt. Nun +hätten die dreie ihre Arbeit gethan und wären müde geworden, worauf +dieser dritte vorgeschlagen: ob sie nicht ein bischen ausschlafen +wollten. Das sey denn nun so geschehen, jeder hätte sich nieder an den +Boden gelegt; er, der Großvater, aber nur so gethan, als schlief er und +die Augen ein wenig aufgemacht. Da hätte der dritte erst recht um sich +gesehen, ob die andern auch schliefen und als er solches geglaubt, auf +einmal den Gürtel abgeworfen und wäre ein Wärwolf gewesen, doch sehe +ein solcher Wärwolf nicht ganz aus, wie ein natürlicher Wolf, sondern +etwas anders.<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Darauf wäre er weggelaufen zu einer nahen Wiese, wo +gerade ein jung Füllen gegraset, das hätte er angefallen und gefressen +mit Haut und Haar. Hernach wäre er zurückgekommen, hätte den Gürtel +wieder umgethan und nun, wie vor, in menschlicher Gestalt dagelegen. +Nach einer kleinen Weile, als sie alle zusammen aufgestanden, wären sie +heim nach der Stadt gegangen und wie sie eben am Schlagbaum gewesen, +hätte jener Dritte über Magenweh geklagt. Da hätte ihm der Großvater +heimlich ins Ohr geraunt: “das will ich wohl glauben, wenn man ein +Pferd mit Haut und Haar in den Leib gegessen hat;” — jener aber +geantwortet: “hättest du mir das im Wald gesagt, so solltest du es +jetzo nicht mehr sagen.”</p> + +<p>Ein Weib hatte die Gestalt eines Wärwolfs angenommen und war also +einem Schäfer, den sie gehaßt, in die Heerde gefallen und hatte ihm +großen Schaden gethan. Der Schäfer aber verwundete den Wolf durch einen +Beil-Wurf in die Hüfte, so daß er in ein Gebüsch kroch. Da ging der +Schäfer ihm nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen, aber er fand +ein Weib, beschäfftigt, mit einem abgerissenen Stück ihres Kleides das +aus der Wunde strömende Blut zu stillen.</p> + +<p>Zu Lüttich wurden im Jahr 1610 zwei Zauberer hingerichtet, weil sie +sich in Wärwölfe verwandelt und viel Kinder getödtet. Sie hatten einen +Knaben bei sich von zwölf Jahren, welchen der Teufel zum Raben machte, +wenn sie Raub zerrissen und gefressen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_214">214.<br> +Der Wärwolf-Stein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 270-276.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, unweit Sommerschenburg und +Schöningen, erhebt sich auf dem Anger nach Seehausen zu ein großer +Stein, den das Volk den <em class="gesperrt">Wolf-</em> oder <em class="gesperrt">Wärwolfs-Stein</em> +nennet. Vor langer, langer Zeit hielt sich an dem brandsleber Holze, +das sonst mit dem Hackel und dem Harz zusammenhing, ein Unbekannter +auf, von dem man nie erfahren hat, wer er sey, noch woher er stamme. +Ueberall bekannt unter dem Namen des <em class="gesperrt">Alten</em> kam er öfters ohne +Aufsehen in die Dörfer, bot seine Dienste an und verrichtete sie zu +der Landleute Zufriedenheit. Besonders pflegte er die Hütung der +Schafe zu übernehmen. Es geschah, daß in der Heerde des Schäfers Melle +zu Neindorf ein niedliches, buntes Lamm fiel; der Unbekannte bat +den Schäfer dringend und ohn Ablaß, es ihm zu schenken. Der Schäfer +wollt’ es nicht lassen. Am Tag der Schur brauchte Melle den Alten, +der ihm dabei half; bei seiner Zurückkunft fand er zwar alles in +Ordnung und die Arbeit gethan, aber weder den Alten noch das bunte +Lamm. Niemand wußte geraume Zeitlang von dem Alten. Endlich stand er +einmal unerwartet vor dem Melle, welcher im Kattenthal weidete und +rief höhnisch: “guten Tag, Melle, dein bunt Lamm läßt dich grüßen!” +Ergrimmt griff der Schäfer seinen Krummstab<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> und wollte sich rächen. +Da wandelte plötzlich der Unbekannte die Gestalt und sprang ihm als +Wärwolf entgegen. Der Schäfer erschrack, aber seine Hunde fielen +wüthend auf den Wolf, welcher entfloh; verfolgt rann er durch Wald und +Thal bis in die Nähe von Eggenstadt. Die Hunde umringten ihn da und +der Schäfer rief: “nun sollst du sterben!” Da stand der Alte wieder +in Menschengestalt, flehte bittend um Schonung und erbot sich zu +allem. Aber wüthend stürzte der Schäfer mit seinem Stock auf ihn ein, +— urplötzlich stand vor ihm ein aufsprießender Dornstrauch. Auch so +schonte der Rachsüchtige nicht, sondern zerhieb grausam die Zweige. +Noch einmal wandelte sich der Unbekannte in einen Menschen und bat um +sein Leben. Allein der hartherzige Melle blieb unerbittlich. Da suchte +er als Wärwolf zu entfliehen, aber ein Streich des Melle streckte +ihn todt zur Erde. Wo er fiel und beigescharrt wurde, bezeichnet ein +Felsstein den Ort und heißt nach ihm auf ewige Zeiten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_215">215.<br> +Die Wärwölfe ziehen aus.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Pucerus</span></em> + <span class="antiqua">de divinatione p. 170.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + 251. 255.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Liefland ist folgende Sage. Wann der Christ-Tag verflossen ist, +so geht ein Junge, der mit einem Bein hinkt, herum und fordert alle +dem Bösen ergebene, deren eine große Anzahl ist, zusammen und heißt +sie nachfolgen. Zaudern etliche darunter und sind<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> säumig, so ist +ein anderer großer langer Mann da, der mit einer von Eisen-Drath und +Kettlein geflochtenen Peitsche auf sie haut und mit Zwang forttreibt. +Er soll so grausam auf die Leute peitschen, daß man nach langer Zeit +Flecken und Narben auf ihrem Leib sehen kann, wovon sie viel Schmerzen +empfinden.</p> + +<p>Sobald sie anheben, ihm zu folgen, gewinnt es das Ansehen, als ob sie +ihre vorige Gestalt ablegten und in Wölfe verwandelt würden. Da kommen +ihrer ein paar tausende zusammen: der Führer, mit der eisernen Geissel +in der Hand, geht voran. Wenn sie nun aufs Feld geführt sind, fallen +sie das Vieh grausam an und zerreißen, was sie nur ergreifen können, +womit sie großen Schaden thun. Doch Menschen zu verletzen, ist ihnen +nicht vergönnt. Kommen sie an ein Wasser, so schlägt der Führer mit +seiner Ruthe oder Geissel hinein und theilt es voneinander, so daß sie +trockenes Fußes übergehen können. Sind zwölf Tage verflossen, so legen +sie die Wärwolfs-Gestalt ab und werden wieder zu Menschen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_216">216.<br> +Der Drache fährt aus.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Scheuchzer</span></em> + <span class="antiqua">itinera per alpinas regiones. III. 386. 387. + 396.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain III. + c. 32.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> in + <span class="antiqua">medulla p.</span> 629. N. 5.</div> + <div class="angabe">vgl. <span class="antiqua">Gesta rom. c.</span> 114.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das Alpenvolk in der Schweitz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen +und Würmern, die vor alter<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals +verheerend in die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer +Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt, +pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: <em class="gesperrt">“es ist ein +Drach ausgefahren.”</em> Folgende Geschichte ist eine der merkwürdigsten:</p> + +<p>Ein Binder aus Lucern ging aus, Daubenholz für seine Fässer zu suchen. +Er verirrte sich in eine wüste, einsame Gegend, die Nacht brach ein +und er fiel plötzlich in eine tiefe Grube, die jedoch unten schlammig +war, wie in einen Brunnen hinab. Zu beiden Seiten auf dem Boden waren +Eingänge in große Höhlen; als er diese genauer untersuchen wollte, +stießen ihm zu seinem großen Schrecken zwei scheußliche Drachen +auf. Der Mann betete eifrig, die Drachen umschlangen seinen Leib +verschiedenemal, aber sie thaten ihm kein Leid. Ein Tag verstrich und +mehrere, er mußte vom 6. November bis zum 10. April in Gesellschaft +der Drachen harren. Er nährte sich gleich ihnen von einer salzigten +Feuchtigkeit, die aus den Felsenwänden schwitzte. Als nun die +Drachen witterten, daß die Winterzeit vorüber war, beschlossen sie +auszufliegen. Der eine that es mit großem Rauschen und während der +andere sich gleichfalls dazu bereitete, ergriff der unglückseelige +Faßbinder des Drachen Schwanz, hielt fest daran und kam aus dem +Brunnen mit heraus. Oben ließ er los, wurde frei und begab sich wieder +in die Stadt. Zum Andenken ließ er die ganze<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> Begebenheit auf einen +Priesterschmuck sticken, der noch jetzt in des heil. Leodagars Kirche +zu Lucern zu sehen ist. Nach den Kirchenbüchern hat sich die Geschichte +im Jahr 1420 zugetragen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_217">217.<br> +Winkelried und der Lindwurm.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Etterlin’s</em> Chronik. Basel + 1764. S. 12. 13.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Stumpf</span></em> + <span class="antiqua">chron. Helvet. VII. cap. 2.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Müller</em> Schweiz. Gesch. + I. 514.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Scheuchzer</span></em> + <span class="antiqua">l. c. p. 389. 390.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>In Unterwalden beim Dorf Wyler hauste in der uralten Zeit ein +scheußlicher Lindwurm, welcher alles was er ankam, Vieh und Menschen +tödtete und den ganzen Strich verödete, dergestalt, daß der Ort +selbst davon den Namen <em class="gesperrt">Ödwyler</em> empfing. Da begab es sich, daß +ein Eingeborener, <em class="gesperrt">Winkelried</em> geheißen, als er einer schweren +Mordthat halben landesflüchtig werden müssen, sich erbot, den Drachen +anzugreifen und umzubringen, unter der Bedingung, wenn man ihn nachher +wieder in seine Heimath lassen würde. Da wurden die Leute froh und +erlaubten ihm wieder in das Land; er wagt’ es und überwand das +Ungeheuer, indem er ihm einen Bündel Dörner in den aufgesperrten Rachen +stieß. Während es nun suchte diesen auszuspeien und nicht konnte, +versäumte das Thier seine Vertheidigung, und der Held nutzte die +Blößen. Frohlockend warf er den Arm auf,<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> womit er das bluttriefende +Schwert hielt und zeigte den Einwohnern die Siegesthat, da floß das +giftige Drachenblut auf den Arm und an die bloße Haut und er mußte +alsbald das Leben lassen. Aber das Land war errettet und ausgesöhnt; +noch heutigestags zeigt man des Thieres Wohnung im Felsen und nennt sie +die Drachenhöhle.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_218">218.<br> +Der Lindwurm am Brunnen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich von einem Bauer aus Oberbirbach.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Frankenstein, einem alten Schlosse anderthalb Stunden weit von +Darmstadt, hausten vor alten Zeiten drei Brüder zusammen, deren +Grabsteine man noch heutiges Tags in der oberbirbacher Kirche siehet. +Der eine der Brüder hieß Hans und er ist ausgehauen, wie er auf einem +Lindwurm steht. Unten im Dorfe fließt ein Brunnen, in dem sich sowohl +die Leute aus dem Dorf als aus dem Schloß ihr Wasser holen müssen; +dicht neben den Brunnen hatte sich ein gräßlicher Lindwurm gelagert, +und die Leute konnten nicht anders Wasser schöpfen, als dadurch, daß +sie ihm täglich ein Schaf oder ein Rindvieh brachten; so lang der +Drache daran fraß, durften die Einwohner zum Brunnen. Um diesen Unfug +aufzuheben, beschloß Ritter Hans, den Kampf zu wagen; lange stritt +er, endlich gelang es ihm, dem Wurme den Kopf abzuhauen.<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Nun wollte +er auch den Rumpf des Unthiers, der noch zappelte, mit der Lanze +durchstechen, da kringelte sich der spitzige Schweif um des Ritters +rechtes Bein und stach ihn gerade in die Kniekehle, die einzige Stelle, +welche der Panzer nicht deckte. Der ganze Wurm war giftig und Hans von +Frankenstein mußte sein Leben lassen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_219">219.<br> +Das Drachenloch.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Scheuchzer</span></em> + <span class="antiqua">l. c. III. p. 383. 384.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cysati</span></em> + Beschr. des IV. Waldstädtersee p. 175. aus + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Jac. Man.</span></em> + <span class="antiqua">hist. Austriae.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Athanas. + Kircher</span></em> <span class="antiqua">mund. subt. VIII. p. 94.</span> + aus <em class="gesperrt">Cysat</em>.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Wagner</span></em> + <span class="antiqua">hist. nat. Helvetiae p. 246.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Müller</em> Schweizer-Gesch. + II. 440. Not. 692.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Burgdorf im Bernischen liegt eine Höhle, genannt das Drachenloch, +worin man vor alten Zeiten bei Erbauung der Burg zwei ungeheure Drachen +gefunden haben soll. Die Sage berichtet: Als im Jahr 712. zwei Gebrüder +<em class="gesperrt">Syntram</em> und <em class="gesperrt">Beltram</em> (nach andern Guntram und Waltram +genannt), Herzöge von Lensburg, ausgingen zu jagen, stießen sie in +wilder und wüster Waldung auf einen hohlen Berg. In der Höhlung lag +ein ungeheurer Drache, der das Land weit umher verödete. Als er die +Menschen gewahrte, fuhr er in Sprüngen auf sie los und im Augenblick +verschlang er Bertram, den jüngeren Bruder, lebendig.<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Syntram aber +setzte sich kühn zur Wehr und bezwang nach heißem Kampf das wilde +Gethier, in dessen gespaltenem Leib sein Bruder noch ganz lebendig lag. +Zum Andenken ließen die Fürsten am Orte selbst eine Capelle der heil. +Margaretha gewidmet bauen und die Geschichte abmahlen, wo sie annoch zu +sehen ist.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_220">220.<br> +Die Schlangenkönigin.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wyß</em> S. 148-184.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Hirtenmädchen fand oben auf dem Fels eine kranke Schlange liegen, +die wollte verschmachten. Da reichte es ihr mitleidig seinen Milchkrug, +die Schlange leckte begierig und kam sichtbar zu Kräften. Das Mädchen +ging weg und bald drauf geschah es, daß ihr Liebhaber um sie warb, +allein ihrem reichen, stolzen Vater zu arm war und spöttisch abgewiesen +wurde, bis er auch einmal so viel Heerden besäße, wie der alte Hirt. +Von der Zeit an hatte der alte Hirt kein Glück mehr, sondern lauter +Unfall; man wollte des Nachts einen feurigen Drachen über seinen Fluren +sehen und sein Gut verdarb. Der arme Jüngling war nun eben so reich und +warb nochmals um seine Geliebte, die wurde ihm jetzt zu Theil. An dem +Hochzeittag trat eine Schlange ins Zimmer, auf deren gewundenem Schweif +eine schöne Jungfrau saß, die sprach, daß sie es wäre, der einstmal die +gute Hirtin in der<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Hungersnoth ihre Milch gegeben, und aus Dankbarkeit +nahm sie ihre glänzende Krone vom Haupt ab und warf sie der Braut in +den Schooß. Sodann verschwand sie, aber die jungen Leute hatten großen +Segen in ihrer Wirthschaft und wurden bald wohlhabend.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_221">221.<br> +Die Jungfrau im Oselberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Crusii</span></em> + <span class="antiqua">analecta paralipom. c. 17. p. 68.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Zwischen Dinkelsbühl und Hahnkamm stand auf dem Oselberg vor alten +Zeiten ein Schloß, wo eine einige Jungfrau gelebt, die ihrem Vater +als Wittiber Haus hielt und den Schlüssel zu allen Gemächern in ihrer +Gewalt gehabt. Endlich ist sie mit den Mauern verfallen und umkommen, +und das Geschrei kam aus, daß ihr Geist um das Gemäuer schwebe und +Nachts an den vier Quatembern in Gestalt einer Fräulein, die ein +Schlüsselbund an der Seite trägt, erscheine. Dagegen sagen alte Bauern +dieser Orte aus, von ihren Vätern gehört zu haben, diese Jungfer sey +eines alten Heiden Tochter gewesen und in eine abscheuliche Schlange +verwünscht worden; auch werde sie in Weise einer Schlange, mit +Frauenhaupt und Brust, ein Gebund Schlüssel am Hals, zu jener Zeit +gesehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_222">222.<br> +Der Krötenstuhl<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor"><span class="s6">[12]</span></a>.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Die Brautschau, ein Mährlein von C.F.W. Magdeburg 1796.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf Nothweiler, einer elsäßischen Burg im Wasgau, lebte vor alten +Zeiten die schöne Tochter eines Herzogs, die aber so stolz war, daß sie +keinen ihrer vielen Freier gut genug fand und viele umsonst das Leben +verlieren mußten. Zur Strafe wurde sie dafür verwünscht und muß so +lang auf einem öden Felsen hausen, bis sie erlöst wird. Nur einmal die +Woche, nämlich den Freitag, darf sie sichtbar erscheinen, aber einmal +in Gestalt einer Schlange, das zweitemal als Kröte und das drittemal +als Jungfrau in ihrer natürlichen Art. Jeden Freitag wascht sie sich +auf dem Felsen, der noch heutigestags der <em class="gesperrt">Krötenstuhl</em> heißt, +an einem Quellborn und sieht sich dabei in die Weite um, ob niemand +nahe, der sie erlöse. Wer das Wagstück unternehmen will, der findet +oben auf dem Krötenstuhl eine Muschel mit drei Wahrzeichen: einer +Schlangenschuppe, einem Stück Krötenhaut und einer gelben Haarlocke. +Diese drei Dinge bei sich tragend, muß er einen Freitag Mittag in +die wüste Burg steigen, warten bis sie sich zu waschen kommt und sie +drei Wochen hintereinander in jeder ihrer Erscheinungen auf den Mund +küssen, ohne zu entfliehen. Wer<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> das aushält, bringt sie zur Ruhe und +empfängt alle ihre Schätze. Mancher hat schon die Merkzeichen gefunden +und sich in die Trümmer der alten Burg gewagt, und viele sind vor +Furcht und Greuel umgekommen. Einmal hatte ein kühner Bursch schon den +Mund der Schlange berührt und wollte auf die andre Erscheinung warten, +da ergriff ihn Entsetzen und er rannte bergab; zornig und raschelnd +verfolgte sie ihn als Kröte bis auf den Krötenstuhl. Sie bleibt +übrigens die Länge der Zeit hindurch wie sie war und altert nimmer. Als +Schlange ist sie am gräßlichsten und nach dem Spruch des Volks “groß +wie ein Wieschbaum (Heubaum), als Krott groß wie ein Bachofen und da +spaucht sie Feuer.”</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> In den gemeinen Mundarten heißt der Waldschwamm: +<em class="gesperrt">Kröten</em>-, oder <em class="gesperrt">Paddenstuhl</em>.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_223">223.<br> +Die Wiesenjungfrau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Bube von Auerbach an der Bergstraße hütete seines Vaters Kühe +auf der schmalen Thalwiese, von der man das alte Schloß sehen kann. +Da schlug ihn auf einmal von hintenher eine weiche Hand sanft an den +Backen, daß er sich umdrehte, und siehe, eine wunderschöne Jungfrau +stand vor ihm, von Kopf zu den Füßen weiß gekleidet, und wollte eben +den Mund aufthun, ihn anzureden. Aber der Bub erschrack, wie vor dem +Teufel selbst, und nahm das Reißaus ins<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Dorf hinein. Weil indessen +sein Vater bloß die eine Wiese hatte, mußte er die Kühe immer wieder +zu derselben Weide treiben, er mochte wollen oder nicht. Es währte +lange Zeit, und der Junge hatte die Erscheinung bald vergessen, da +raschelte etwas in den Blättern an einem schwülen Sommertag und er +sah eine kleine Schlange kriechen, die trug eine blaue Blume in ihrem +Mund und fing plötzlich zu sprechen an: “hör, guter Jung, du könntest +mich erlösen, wenn du diese Blume nähmest, die ich trage, und die ein +Schlüssel ist zu meinem Kämmerlein droben im Schloß, da würdest du +Gelds die Fülle finden.” Aber der Hirtenbub erschrack, da er sie reden +hörte, und lief wieder nach Haus. Und an einem der letzten Herbsttage +hütete er wieder auf der Wiese, da zeigte sie sich zum drittenmal +in der Gestalt der ersten weißen Jungfrau und gab ihm wieder einen +Backenstreich, bat auch flehentlich, er möchte sie doch erlösen, wozu +sie ihm alle Mittel und Wege angab. All ihr Bitten war für nichts und +wider nichts, denn die Furcht überwältigte den Buben, daß er sich +kreuzte und segnete und wollte nichts mit dem Gespenst zu thun haben. +Da hohlte die Jungfrau einen tiefen Seufzer und sprach: “weh, daß ich +mein Vertrauen auf dich gesetzt habe; nun muß ich neuerdings harren +und warten, bis auf der Wiese ein Kirschenbaum wachsen und aus des +Kirschenbaums Holz eine Wiege gemacht seyn wird. Nur das Kind, das in +der Wiege zuerst gewiegt werden wird, kann mich dereinst erlösen.” +Darauf verschwand<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> sie und der Bub, heißt es, sey nicht gar alt +geworden; woran er gestorben, weiß man nicht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_224">224.<br> +Das Niesen im Wasser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>An einem Brücklein, das über die Auerbach geht, hörte jemand etwas im +Wasser dreimal niesen, da sprach er dreimal: “Gott helf!” und damit +wurde der Geist eines Knaben erlöst, der schon dreißig Jahre auf diese +Worte gelauert hatte. Oberhalb demselben Brücklein hörte, nach einer +andern Erzählung, ein anderer dreimal aus dem Bach herausniesen. +Zweimal sagte er: “Gott helf!” beim drittenmal aber: “der Teufel hohl +dich!” Da that das Wasser einen Wall, wie wenn sich einer mit Gewalt +darin umdrehte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_225">225.<br> +Die arme Seele.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Paderborn.</div> + </div> + +</div> + +<p>Et sit en arme Seele unner de Brügge för Haxthusen-Hove to Paderborn, +de prustet unnerwielen. Wenn nu ter sülvtigen Tiet en Wage der över +färt un de Fohrmann segd nich: “Gott seegen!” so mot de Wage ümfallen. +Un hät oll manig Mann Arm un Bein terbroken.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_226">226.<br> +Die verfluchte Jungfer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Eisenacher Volks-Sagen II. 179. 180.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unweit Eisenach in einer Felsenhöhle zeigt sich zuweilen um die +Mittagsstunde ein Fräulein, die nur dadurch erlöst werden kann, daß ihr +jemand auf dreimaliges Niesen dreimal: “helf Gott!” zuruft. Sie war +eine halsstarrige Tochter und wurde vorzeiten von ihrer guten Mutter im +Zorn dahin verwünscht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_227">227.<br> +Das Fräulein von Staufenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar’s</em> Sammlung.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Harz bei Zorge, einem braunschweigischen Dorfe, liegt der +Staufenberg, ehdem mit einer Burg bebaut. Man sieht jetzo eine Klippe +da, auf der ein Menschenfuß eingedrückt stehet. Diese Fußtapfe drückte +einst die Tochter des alten Burgherrn in den Fels, auf dem sie oft +lange stand, weil es ihr Lieblingsplätzchen war. Noch von Zeit zu +Zeit zeigt sich dort das verzauberte Fräulein in ihren goldgelben, +geringelten Haaren.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_228">228.<br> +Der Jungferstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">Orograph. h. v.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>In Meißen, unweit der Festung Königstein, liegt ein Felsen, genannt +Jungferstein, auch Pfaffenstein.<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Einst verfluchte eine Mutter ihre +Tochter, welche Sonntags nicht zur Kirche, sondern in die Heidelbeeren +gegangen war. Da wurde die Tochter zu Stein und ist ihr Bild gegen +Mittag noch zu sehen.</p> + +<p>Im dreißigjährigen Krieg flüchteten dahin die Leute vor den Soldaten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_229">229.<br> +Das steinerne Brautbett.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Spieß</em> Biograph. der Wahnsinn. + Th. 3. u. 4. aus der Volkssage.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Deutschböhmen thürmt sich ein Felsen, dessen Spitze in zwei Theile +getheilt gleichsam ein Lager und Bett oben bildet. Davon hört man +sagen: es habe sonst da ein Schloß gestanden, worin eine Edelfrau mit +ihrer einzigen Tochter lebte. Diese liebte wider den Willen der Mutter +einen jungen Herrn aus der Nachbarschaft und die Mutter wollte niemals +leiden, daß sie ihn heirathete. Aber die Tochter übertrat das Gebot und +versprach sich heimlich ihrem Liebhaber, mit der Bedingung, daß sie +auf den Tod der Mutter warten und sich dann vermählen wollten. Allein +die Mutter erfuhr noch vor ihrem Tode das Verlöbniß, sprach einen +strengen Fluch aus und bat Gott inbrünstig, daß er ihn hören und der +Tochter Brautbett in einen Stein verwandeln möge. Die Mutter starb, die +ungehorsame Tochter reichte dem Bräutigam die Hand und die Hochzeit +wurde mit großer Pracht auf dem Felsenschloß gefeiert. Um Mitternacht,<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> +wie sie in die Brautkammer gingen, hörte die Nachbarschaft ringsumher +einen fürchterlichen Donner schlagen. Am Morgen war das Schloß +verschwunden, kein Weg und Steg führte zum Felsen und auf dem Gipfel +saß die Braut in dem steinernen Bette, welches man noch jetzt deutlich +sehen und betrachten kann. Kein Mensch konnte sie erretten, und jeder +der versuchen wollte, die Steile zu erklettern, stürzte herab. So mußte +sie verhungern und verschmachten; ihren todten Leichnam fraßen die +Raben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_230">230.<br> +Zum Stehen verwünscht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 659-661.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr Christi 1545. begab sichs zu Freiberg in Meißen, daß Lorenz +Richter, ein Weber seines Handwerks, in der Wein-Gasse wohnend, +seinem Sohn, einem Knaben von vierzehn Jahren, befahl, etwas eilend +zu thun; der aber verweilte sich, blieb in der Stube stehen und ging +nicht bald dem Worte nach. Deßwegen der Vater entrüstet wurde und im +Zorn ihm fluchte: “ei stehe, daß du nimmermehr könnst fortgehen!” Auf +diese Verwünschung blieb der Knabe alsbald stehen, konnte von der +Stelle nicht kommen und stand so fort drei ganzer Jahre an dem Ort, +also daß er tiefe Gruben in die Dielen eindrückte, und ward ihm ein +Pult untergesetzt, darauf er mit Haupt und<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> Armen sich lehnen und +ruhen konnte. Weil aber die Stelle, wo er stand, nicht weit von der +Stubenthüre und auch nahe am Ofen war, und deshalb den Leuten, welche +hineinkamen, sehr hinderlich, so haben die Geistlichen der Stadt auf +vorhergehendes fleißiges Gebät ihn von selbem Ort erhoben und gegenüber +in den andern Winkel glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit großer +Mühe, fortgebracht. Denn wenn man ihn sonst forttragen wollen, ist er +alsbald mit unsäglichen Schmerzen befallen und wie ganz rasend worden. +An diesem Ort, nachdem er niedergesetzt worden, ist er ferner bis ins +vierte Jahr gestanden und hat die Dielen noch tiefer durchgetreten. +Man hatte nachgehends einen Umhang um ihn geschlagen, damit ihn die +aus- und eingehenden nicht also sehen konnten, welches auf sein Bitten +geschehen, weil er gern allein gewesen ist und vor stäter Traurigkeit +nicht viel geredet. Endlich hat der gütige Gott die Strafe in etwas +gemildert, so daß er das letzte halbe Jahr sitzen und sich in das Bett, +das neben ihn gestellt worden, hat niederlegen können. Fragte ihn +jemand, was er mache, so gab er gemeinlich zur Antwort, er leide Gottes +Züchtigung wegen seiner Sünden, setze alles in dessen Willen und halte +sich an das Verdienst seines Herrn Jesu Christi, worauf er hoffe selig +zu werden. Er hat sonst gar elend ausgesehen, war blaß und bleich von +Angesicht, am Leibe gar schmächtig und abgezehrt, im Essen und Trinken +mäßig, also daß es zur Speise oft Nöthigens bedurfte. Nach Ausgang<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> +des siebten Jahrs ist er dieses seines betrübten Zustandes den elften +September 1552 gnädig entbunden worden, indem er eines vernünftigen +und natürlichen Todes in wahrer Bekenntniß und Glauben an Jesum +Christum selig entschlafen. Die Fußstapfen sieht man auf heutigen Tag +in obgedachter Gasse und Haus, (dessen jetziger Zeit Severin Tränkner +Besitzer ist), in der obern Stube, da sich diese Geschichte begeben, +die erste bei dem Ofen, die andere in der Kammer nächst dabei, weil +nachgehender Zeit die Stuben unterschieden worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_231">231.<br> +Die Bauern zu Kolbeck.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bange</em> thüring. Chronik. + Bl. 39.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Becherer</em> thüring. Chronik + S. 193. 194.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Gerstenberg</em> bei + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Schminke</span></em> + <span class="antiqua">mon. hass. I. 88. 89.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Spangenberg</em> Brautpredigt 45.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1012. war ein Bauer im Dorf Kolbeke bei Halberstadt, der hieß +Albrecht, der machte in der Christnacht einen Tanz mit andern funfzehn +Bauern, dieweil man Messe hielt, außen auf dem Kirchhof und waren drei +Weibsbilder unter ihnen. Und da der Pfarrherr heraustrat und sie darum +strafte, sprach jener: “mich heißet (man) Albrecht, so heißet dich +Ruprecht; du bist drinne frölich, so laß uns hausen frölich seyn; du +singst drinnen deine Leisen, so laß uns unsern Reihen singen.” Sprach +der Pfarrherr: “so wolle Gott und der Herr<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> S. Magnus, daß ihr ein ganz +Jahr also tanzen müsset!” Das geschah, und Gott gab den Worten Kraft, +so daß weder Regen noch Frost ihre Häupter berührte, noch sie Hitze, +Hunger und Durst empfanden, sondern sie tanzten allum und ihre Schuhe +zerschlissen auch nicht. Da lief einer (der Küster) zu und wollte seine +Schwester aus dem Tanze ziehen, da folgten ihm ihre Arme. Als das Jahr +vorüber war, kam der Bischof von Cöln, Heribert, und erlösete sie aus +dem Bann; da starben ihrer vier sobald, die andern wurden sehr krank, +und man sagt, daß sie sich in die Erde fast an den Mittel (d. h. an +den Gürtel) sollen getanzt haben, und ein tiefer Graben in dem Grund +ausgehöhlt wurde, der noch zu sehen ist. Der Landesherr ließ zum +Zeichen so viel Steine darum setzen, als Menschen mitgetanzt hatten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_232">232.<br> +Der heilige Sonntag.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Harsdörfer’s</em> Mordgeschichten + Nr. 120, 3.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Kindstadt in Franken pflag eine Spinnerin des Sonntags über +zu spinnen und zwang auch ihre Mägde dazu. Einsten dauchte sie +miteinander, es ginge Feuer aus ihren Spinnrocken, thäte ihnen aber +weiter kein Leid. Den folgenden Sonntag kam das Feuer wahrhaftig in den +Rocken, wurde doch wieder gelöscht. Weil sies aber nicht achtete, ging +den dritten Sonntag<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> das ganze Haus an vom Flachs und verbrann die Frau +mit zweien Kindern, aber durch Gottes Gnade wurde ein kleines Kind in +der Wiegen erhalten, daß ihm kein Leid geschahe.</p> + +<p>Man sagt auch, einem Bauer, der Sonntags in die Mühle ging, sein +Getreid zu mahlen, sey es zu Aschen geworden, einem andern Scheuer und +Korn abgebrunnen. Einer wollte auf den heiligen Tag pflügen und die +Pflugschaar mit einem Eisen scheuern, das Eisen wuchs ihm an die Hand +und mußte es zwei Jahr in großem Schmerz tragen, bis ihn Gott nach +vielem brünstigen Gebet von der Plage erledigte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_233">233.<br> +Frau Hütt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">vgl. Morgenblatt. 1811. Nr. 28.</div> + </div> + +</div> + +<p>In uralten Zeiten lebte im Tirolerland eine mächtige Riesen-Königin, +<em class="gesperrt">Frau Hütt</em> genannt und wohnte auf den Gebürgen über Innsbruck, +die jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker +und grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, +weinte und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah +sein Kleid schwarz aus, wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne +zum Stecken-Pferd abknicken wollen, weil der Baum aber am Rande eines +Morastes stand, so war das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> +Haupt in den Moder gesunken, doch hatte er sich noch glücklich heraus +geholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues schönes +Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosamen nehmen und +ihm damit Gesicht und Hände reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen +mit der heiligen Gottes-Gabe also sündlich umzugehen, so zog ein +schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte und +ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt, +da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die +Wohnung der Frau Hütt verschwunden und überall war nur eine Wüste mit +zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte, in der Mitte +aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert und wird so stehen +bis zum jüngsten Tag.</p> + +<p>In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird +bösen und muthwilligen Kindern die Sage zur Warnung erzählt, wenn sie +sich mit Brot werfen oder sonst Uebermuth damit treiben. “Spart eure +Brosamen, heißt es, für die Armen, damit es euch nicht ergehe, wie der +Frau Hütt.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_234">234.<br> +Der Kindelsberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Stilling’s Leben. II. 24—29.</div> + </div> + +</div> + +<p>Hinter dem Geisenberg in Westphalen ragt ein hoher Berg mit dreien +Köpfen hervor, davon heißt der<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> mittelste noch der <em class="gesperrt">Kindelsberg</em>, +da stand vor alten Zeiten ein Schloß, das gleichen Namen führte, und in +dem Schloß wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten +sie ein sehr schönes Silber-Bergwerk, davon wurden sie stockreich und +von dem Reichthum wurden sie so übermüthig, daß sie sich silberne Kegel +machten, und wenn sie spielten, so warfen sie diese Kegel mit silbernen +Kugeln. Der Uebermuth ging aber noch weiter, denn sie bucken sich +große Kuchen von Semmelmehl, wie Kutschenräder, machten mitten Löcher +darein und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende +Sünde, denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott ward es +endlich auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloß +und sagte an, daß sie alle binnen dreien Tagen sterben müßten und zum +Wahrzeichen gab er ihnen, daß diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen +würde. Das traf auch ein, aber niemand kehrte sich daran, als der +jüngste Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar +schöne Jungfrau war. Diese bäteten Tag und Nacht. Die andern starben +an der Pest, aber diese beiden blieben am Leben. Nun war aber auf dem +Geisenberg ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes +schwarzes Pferd und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er +war ein gottloser Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter +gewann die schöne Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur +Ehe haben, sie schlug es ihm aber beständig<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> ab, weil sie einem jungen +Grafen von der Mark verlobt war, der mit ihrem Bruder in den Krieg +gezogen war und dem sie treu bleiben wollte. Als aber der Graf immer +nicht aus dem Krieg zurückkam und der Ritter mit dem schwarzen Pferd +sehr um sie warb, so sagte sie endlich: “wenn die grüne Linde hier +vor meinem Fenster wird dürr seyn, so will ich dir gewogen werden.” +Der Ritter mit dem schwarzen Pferde suchte so lang in dem Lande, bis +er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne, und in einer Nacht +bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre dafür hin. Als +nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war’s so hell vor ihrem Fenster, +da lief sie hin und sah erschrocken, daß eine dürre Linde da stand. +Weinend setzte sie sich unter die Linde und als der Ritter nun kam und +ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Noth: “ich kann dich nimmermehr +lieben.” Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach +sie todt. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein +Grab und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu +sehen ist.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_235">235.<br> +Die Semmel-Schuhe.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Deutschböhmen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Klatauer Kreis, eine Viertelstunde vom Dorf Oberkamenz, stand auf +dem Hradekberg ein Schloß,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> davon noch einige Trümmer bleiben. Vor +alter Zeit ließ der Burgherr eine Brücke bauen, die bis nach Stankau, +welches eine Stunde Wegs weit ist, führte und die Brücke war der Weg, +den sie zur Kirche gehen mußten. Dieser Burgherr hatte eine junge, +hochmüthige Tochter, die war so vom Stolz besessen, daß sie Semmeln +aushöhlen ließ und statt der Schuhe anzog. Als sie nun einmal auf +jener Brücke mit solchen Schuhen zur Kirche ging und eben auf die +letzte Stufe trat, so soll sie und das ganze Schloß versunken seyn. +Ihre Fußstapfe sieht man noch jetzt in einem Stein, welcher eine Stufe +dieser Brücke war, deutlich eingedruckt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_236">236.<br> +Der Erdfall bei Hochstädt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Behrens</em> curiöser Harzwald + S. 85. 86.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im brandenburgischen Amt Klettenberg gegen den Unterharz, unfern des +Dorfs Hochstädt, sieht man einen See und einen Erdfall, von dem die +Einwohner folgende Sage haben: in vorigen Zeiten sey an der Stelle des +Sees eine Grasweide gewesen. Da hüteten etliche Pferdejungen ihr Vieh, +und als die andern sahen, daß einer unter ihnen weiß Brot aß, bekamen +sie auch Lust, davon zu genießen und forderten es dem Jungen ab. Dieser +wollte ihnen aber nichts mittheilen, denn er bedürfe es zur Stillung +seines eigenen<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Hungers. Darüber erzürnten sie, fluchten ihren Herrn, +daß sie ihnen blos gemeines schwarz-Hausbacken-Brot gäben, warfen ihr +Brot frevelhaft zur Erde, tratens mit Füßen und geisseltens mit ihren +Peitschen. Alsbald kam Blut aus dem Brot geflossen, da erschracken die +Knechte, wußten nicht wohin sich wenden; der unschuldige aber (den, wie +einige hinzufügen, ein alter unbekannter, dazu kommender Mann gewarnt +haben soll) schwang sich zu Pferd und entfloh dem Verderben. Zu spät +wollten die andern nachfolgen, sie konnten nicht mehr von der Stelle +und plötzlich ging der ganze Platz unter. Die bösen Buben sammt ihren +Pferden wurden tief in die Erde verschlungen und nichts von ihnen kam +je wieder ans Tageslicht. Andere erzählen anders. Auch sollen aus dem +See Pflanzen mit Blättern, wie Hufeisen, wachsen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_237">237.<br> +Die Brot-Schuhe.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Deutschböhmen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Einer Bürgersfrau war ihr junges Kind gestorben, das ihr Augapfel war, +und wußte gar nicht genug, was sie ihm noch liebs und guts anthun +sollte, eh es unter die Erde käme und sie’s nimmermehr sehen würde. Und +wie sie’s nun im Sarg auf das beste putzte und kleidete, so däuchten +ihr die Schühlein doch nicht gut genug und nahm das weißeste Mehl,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> +was sie hatte, machte einen Teig und buck dem Kind welche von Brot. In +diesen Schuhen wurde das Kind begraben, allein es ließ der Mutter nicht +Rast noch Ruh, sondern erschien ihr jammervoll, bis sein Sarg wieder +ausgegraben wurde und die Schühlein aus Brot von den Füßen genommen und +andere ordentliche angezogen waren. Von da an stillte es sich.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_238">238.<br> +Das taube Korn.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Holländ. gemeine Sage. <em class="gesperrt">Grabner</em> + Reise in die Niederlande. Gotha 1792. S. 58-60.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Winsheim</em> fries. Chronik. + Bl. 147. 148.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Stavoren in Friesland waren die Einwohner durch ihren Reichthum +stolz und übermüthig geworden, daß sie Hausflur und Thüren mit Gold +beschlagen ließen, den ärmeren Städten der Nachbarschaft zum Trotz. +Von diesen wurden sie daher nicht anders genannt, als: “die verwöhnten +Kinder von Stavoren.” Unter ihnen war besonders eine alte geitzhälsige +Witwe, die trug einem Danzigfahrer auf, das beste was er laden könne, +für ihre Rechnung mitzubringen. Der Schiffer wußte nichts bessers, als +er nahm einige tausend Lasten schönes polnisch Getraid, denn zur Zeit +der Abreise hatte die Frucht gar hoch gestanden in Friesland. Unterwegs +aber begegnete ihm nichts wie Sturm und Unwetter und nöthigten ihn zu +Bornholm überwintern, dergestalt daß wie er Frühjahrs endlich daheim<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> +anlangte, das Korn gänzlich im Preise gefallen war und die Witwe +zornig die sämmtliche Ladung vor der Stadt in die See werfen ließ. Was +geschah? An derselben Stelle that sich seit der Zeit eine mächtige +Sandbank empor, geheißen der <em class="gesperrt">Frauensand</em>, drauf nichts als taubes +Korn (Wunderkorn, Dünenhelm, weil es die Dünen wider die See helmt +[schützt], <span class="antiqua">arundo arenaria</span>) wuchs und die Sandbank lag vor dem +Hafen, den sie sperrte, und der ganze Hafen ging zu Grunde. So wuchs an +der Sünde der alten Frau die Buße für die ganze Stadt auf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_239">239.<br> +Der Frauensand.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich aus Holland mitgetheilt.</div> + </div> + +</div> + +<p>Westlich im Südersee wachsen mitten aus dem Meer Gräser und Halme +hervor an der Stelle, wo die Kirchthürme und stolzen Häuser der +vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichthum +hatte ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maaß ihrer Uebelthaten +erfüllt war, gingen sie bald zu Grunde. Fischer und Schiffer am Strand +des Südersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt.</p> + +<p>Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine sichere +Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut, +hart<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> gegen die Menschen, strebte sie blos, ihre Schätze immer noch zu +vermehren. Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem +Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren +Zeit man Amsterdam noch nicht nannte, und Rotterdam ein kleines Dorf +war, hatten den Weg der Tugend verlassen.</p> + +<p>Eines Tags rief diese Jungfrau ihren Schiffmeister und befahl ihm +auszufahren und eine Ladung des edelsten und besten mitzubringen, +was auf der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewohnt an +pünctliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand +zornig auf ihrem Wort und hieß ihn alsbald in die See stechen. Der +Schiffmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab, er wußte nicht, wie +er dem Geheiß seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte, +nachkommen möchte und überlegte hin und her, was zu thun. Endlich +dachte er: ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizen bringen, +was ist schöners und edlers zu finden auf Erden, als dieß herrliche +Korn, dessen kein Mensch entbehren kann? Also steuerte er nach Danzig, +befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann, +immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine +Heimath zurück. “Wie, Schiffmeister, rief ihm die Jungfrau entgegen, du +bist schon hier? ich glaubte dich an der Küste von Africa, um Gold und +Elfenbein zu handeln, laß sehen, was du geladen hast.” Zögernd, denn an +ihren Reden sah er schon, wie wenig<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> sein Einkauf ihr behagen würde, +antwortete er: “meine Frau, ich führe euch zu dem köstlichsten Weizen, +der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden.” “Weizen, sprach sie, +so elendes Zeug bringst du mir?” — “ich dachte das wäre so elend +nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt” — “ich will dir +zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist; von welcher Seite ist das +Schiff geladen?” — “von der rechten Seite (Stuurboordszyde),” sprach +der Schiffmeister. — “Wohlan, so befehl ich dir, daß du zur Stunde die +ganze Ladung auf der linken Seite (Bakboord) in die See schüttest; ich +komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden.”</p> + +<p>Der Seemann zauderte einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an +der Gabe Gottes versündigte und berief in Eile alle arme und dürftige +Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren +Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und frug: “wie ist +mein Befehl ausgerichtet?” Da fiel eine Schaar von Armen auf die Knie +vor ihr und baten, daß sie ihnen das Korn austheilen möchte, lieber als +es vom Meer verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart +wie Stein und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über +Bord zu werfen. Da bezwang sich der Schiffmeister länger nicht und rief +laut: “nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerächt lassen, wenn es +wahr ist, daß der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft; ein Tag +wird kommen, wo ihr gerne die edlen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> Körner, die ihr so verspielt, eins +nach dem andern auflesen möchtet, euren Hunger damit zu stillen!” “Wie, +rief sie mit höllischem Gelächter, ich soll dürftig werden können? ich +soll in Armuth und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr +sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in +die Tiefe der See werfe.” Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring +vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes +und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet.</p> + +<p>Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frauen zu Markt, +kaufte einen Schelfisch und wollte ihn in der Küche zurichten; als sie +ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn +ihrer Frauen. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich +für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte +und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war +aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf, +ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige +Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf +sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die +Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt +war, vollendete bald ihr Unglück und kaum war ein Jahr verflossen, so +erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffmeisters in allen +Stücken. Arm und von keinem betrauert,<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> von vielen verhöhnt, sank sie +je länger je mehr in Noth und Elend, hungrig bettelte sie Brot vor den +Thüren und bekam oft keinen Bissen, endlich verkümmerte sie und starb +verzweifelnd.</p> + +<p>Der Weizen aber, der in das Meer geschüttet worden war, sproß und +wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das +Warnungszeichen, allein die Ruchlosheit von Stavoren nahm von Jahr +zu Jahr überhand, da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von +der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den +Ziehbrunnen und in der Nacht öffnete sich die See und verschwalg mehr +als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinah jedes Jahr +versinken einige Hütten der Insassen und es ist seit der Zeit kein +Seegen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer +wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein +Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf +Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht +der Waizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es +grünt, liegt entlangs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen +als den des <em class="gesperrt">Frauensands</em>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_240">240.<br> +Brot zu Stein geworden.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + Handb. f. Bürger u. Bauern. Fft. u. Lpg. 1744. S. 128.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Ernst</em> Gemüthsergötzlichkeit + S. 946.</div> + <div class="angabe">Rheinischer Antiquar. S. 864.</div> + <div class="angabe">Mündliche Sage aus Landshut.</div> + <div class="angabe">Aus Danzig in <em class="gesperrt">Mart. Zeiller’s</em> + Handbuch von allerlei nützl. Sachen und Denkwürdigkeiten. Ulm 1655. S. 27.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man hat an viel Orten, namentlich in Westphalen, die Sagen, daß zur +Zeit großer Theuerung eine hartherzige Schwester ihre arme Schwester, +die für sich und ihre Kindlein Brot gebeten, mit den Worten abgewiesen: +“und wenn ich Brot hätte, wollte ich, daß es zu Stein würde!” — worauf +sich ihr Brotvorrath alsbald in Stein verwandelt. Zu Leiden in Holland +hebt man in der großen Peterskirche ein solches Steinbrot auf und zeigt +es den Leuten zur Bewährung der Geschichte.</p> + +<p>Im Jahr 1579 hatte ein dortmunder Becker in der Hungersnoth viel Korn +aufgekauft und freute sich, damit recht zu wuchern. Als er aber mitten +in diesem Geschäft war, ist ihm sein Brot im ganzen Hause eines Tages +zu Stein worden und wie er einen Laib ergriffen und mit dem Messer +aufschneiden wollen, Blut daraus geflossen. Darüber hat er sich alsbald +in seiner Kammer erhängt.</p> + +<p>In der dem heiligen Kastulus geweihten Hauptkirche zu Landshut hängt +mit silberner Einfassung ein<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> runder Stein in Gestalt eines Brotes, +in dessen Oberfläche sich vier kleine Höhlungen befinden. Davon geht +folgende Sage. Kurz vor seinem Tode kam der heil. Kastulus als ein +armer Mann zu einer Wittwe in der Stadt und bat um ein Almosen. Die +Frau hieß ihre Tochter, das einzige Brot, das sie noch übrig hatten, +dem Dürftigen reichen. Die Tochter, die es ungern weggab, wollte vorher +noch eilig einige Stücke abbrechen, aber in dem Augenblick verwandelte +sich das, dem Heiligen schon eigene, Brot in Stein und man erblickt +noch jetzt darin die eingedrückten Finger deutlich.</p> + +<p>Zur Zeit einer großen Theurung ging ein armes Weib, ein Kind auf dem +Arm, eins neben sich herlaufend und nach Brot laut schreiend, durch +eine Straße der Stadt Danzig. Da begegnete ihr ein Mönch aus dem +Kloster Oliva, den sie flehentlich um ein Bischen Brot für ihre Kinder +bat. Der Mönch aber sagte: “ich habe keins.” Die Frau sprach: “ach ich +sehe, daß ihr in euerm Busen Brot stecken habt.” “Ei, das ist nur ein +Stein, die Hunde damit zu werfen,” antwortete der Mönch und ging fort. +Nach einer Weile wollte er sein Brot holen und essen, aber er fand, +daß es sich wirklich in Stein verwandelt hatte. Er erschrack, bekannte +seine Sünde und gab den Stein ab, der noch jetzt in der Klosterkirche +dort hängt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_241">241.<br> +Der binger Mäusethurm.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bange</em> thür. Chronik Bl. 35 + <span class="antiqua">b.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem +nachstehende Sage umgeht. Im Jahr 974. ward große Theuerung in +Deutschland, daß die Menschen aus Noth Katzen und Hunde aßen und doch +viel Leute Hungers sturben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto +der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und +sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen +zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein +Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: “lasset alle Arme und +Dürftige sammlen in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.” +Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Thüre zu, +steckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune sammt den armen Leuten. +Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief +Bischof Hatto: “hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!” Allein Gott der +Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und +an ihm fraßen, und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider +sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rath, als +er ließ einen Thurm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch +heutiges Tags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> +Mäuse schwummen durch den Strom heran, erklommen den Thurm und fraßen +den Bischof lebendig auf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_242">242.<br> +Das Bubenried.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Odenwald.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der großbieberauer Gemarkung liegt ein Thal gegen Ueberau zu, das +nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile +dadurch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vor Zeiten, als Krieg +und Hungersnoth im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Ueberau +zurück, die hatten sich immer zu einander gehalten und in dem Thal +pflegten sie immer ihr Almosen zu theilen. Sie hatten heute nur ein +paar Blechpfennige gekriegt, aber dem einen hatte der reiche Schulz ein +Armenlaibchen geschenkt, “das könne er mit seinem Gesellen theilen.” +Wie nun alles andere redlich getheilt war und der Bub das Brot aus dem +Schubfach zog, roch es ihm so lieblich in die Nase, daß er’s für sich +allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der +Friede sein Ende, sie zankten sich und von den Worten kams zum Raufen +und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder +einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben +und jeder Bub schlug den andern todt. Drei Nächte lang nach dem Mord +regte sich kein<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ists da +ungeheuer und man hört die Buben wimmern und winseln.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_243">243.<br> +Kindelbrück.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Diese thüringische Landstadt soll daher ihren Namen haben: es seyen vor +Zeiten zwei kleine Kinder auf Steckenpferden auf der Brücke, die über +die Wipper führt, geritten und ins Wasser gefallen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_244">244.<br> +Die Kinder zu Hameln.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Sam. Erich</em> der hamelschen + Kinder Ausgang.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kirchmayer</em> vom unglücklichen + Ausgang der hamel. Kinder. Dresd. u. Lpzg. 1702. 8.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Weier</em> von + Teufels-Gespenstern I. c. 16.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Meibom</span></em> + <span class="antiqua">SS. RR. GG. III. p. 80.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Hondorf</span></em> + <span class="antiqua">prompt. exempl. Tit. de educ. liberor.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Becherer</em> thüring. Chronik + S. 366. 367.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried’s</em> + <span class="antiqua">medulla p. 476.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hübner’s</em> Geogr. III. + Hamb. 1736. S. 611-613.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Verstegan</span></em> + <span class="antiqua">decayed intelligence. London 1634. p. 85. 86.</span></div> + <div class="angabe">Die hamelsche Chronik u. a. m.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. +Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben +er <em class="gesperrt">Bundting</em> soll geheißen haben, und gab sich für einen +Rattenfänger<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die +Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit +ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger +zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen alsobald die +Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich +um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus +und der ganze Haufe folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort +schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die +Thiere folgten und hineinstürzend ertranken.</p> + +<p>Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der +versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei +Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26sten Juni auf +Johannis und Pauli Tag, Morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, +erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen +Angesichts mit einem rothen, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in +den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern +Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl +gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters +war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in +einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kinder-Mädchen +gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, +darnach umkehrte und<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern +liefen haufenweis vor alle Thore und suchten mit betrübtem Herzen ihre +Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von +Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, +zu erkundigen, ob man die Kinder, oder auch nur etliche gesehen, aber +alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundert und dreißig verloren. Zwei +sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen seyn, wovon +aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den +Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann +gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts +gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock +zu hohlen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam, +waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt +wird, verschwunden.</p> + +<p>Die Straße, wodurch die Kinder zum Thor hinausgegangen, hieß noch +in der Mitte des 18. J.H. (wohl noch heute) die <em class="gesperrt">bunge-lose</em> +(trommel-tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch +Saiten-Spiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik +zur Kirche gebracht ward, mußten die Spiel-Leute über die Gasse hin +stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt +der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind +aufgerichtet worden. Einige sagen, die<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Kinder wären in eine Höhle +geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.</p> + +<p>Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch +einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust +ihrer Kinder Jahr und Tag zu zählen. Nach Seyfried ist der 22ste statt +des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rath-Haus standen +folgende Zeilen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Im Jahr 1284 na Christi gebort</span></div> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">tho Hamel worden uthgevort</span></div> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">hundert und dreißig Kinder dasülvest geborn</span></div> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">dorch einen Piper under den Köppen verlorn.</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Und an der neuen Pforte:</p> + +<p class="center"><span class="antiqua">Centum ter denos cum magus ab urbe +puellos duxerat ante annos CCLXXII condita porta fuit.</span></p> + + +<p>Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in die +Kirchenfenster abbilden mit der nöthigen Ueberschrift, welche +größtentheils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_245">245.<br> +Der Rattenfänger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Deutschböhmen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Rattenfänger weiß einen gewissen Ton, pfeift er den neunmal, so +ziehen ihm alle Ratten nach, wohin er sie haben will, in Teich oder +Pfütze.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<p>Einmal konnte man in einem Dorf der Ratten gar nicht los werden und +ließ endlich den Fänger hohlen. Der richtete nun einen Haselstock so +zu, daß alle Ratten dran gebannt waren und wer den Stock ergriff, +dem mußten sie nach; er wartete aber bis Sonntags und legte ihn vor +die Kirchenthür. Als nun die Leute vom Gottesdienst heimkamen, ging +auch ein Müller vorbei und sah gerade den hübschen Stock liegen, +sprach: “das gibt mir einen feinen Spazirstock.” Also nahm er ihn zur +Hand und ging dem Dorf hinaus, seiner Mühle zu. Indem so huben schon +einzelne Ratten an aus ihren Ritzen und Winkeln zu laufen und sprangen +querfeldein immer näher und näher, und wie mein Müller, der von nichts +ahnte und den Stock immer behielt, auf die Wiese kam, liefen sie ihm +aus allen Löchern nach, über Acker und Feld und liefen ihm bald zuvor, +waren eher in seinem Haus als er selbst und blieben nach der Zeit bei +ihm zur unausstehlichen Plage.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_246">246.<br> +Der Schlangenfänger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Weier</em> von + Teufels-Gespenstern S. 95.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Salzburg rühmte sich ein Zauberer, er wollte alle Schlangen, die +in derselben Gegend auf eine Meil Wegs wären, in eine Grube zusammen +bringen und tödten. Als er es aber versuchen wollte, kam zuletzt<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> +eine große, alte Schlange hervorgekrochen, welche, da er sie mit +Zauber-Worten in die Grube zu zwingen wagte, aufsprang, ihn umringelte, +also, daß sie wie ein Gürtel sich um seine Weiche wand, darnach in die +Grube schleifte und umbrachte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_247">247.<br> +Das Mäuselein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 40. 41. vgl. II. 161.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach +hat sich Anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde +schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von +den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine +Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr +zum offenen Maule heraus ein rothes Mäuselein. Die Leute sahen es +meistentheils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief +eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine +Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, +so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd, +rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle +etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald darnach kam das Mäuselein +wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul +gekrochen war, lief hin<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> und her und wie es nicht ankommen konnte, +noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war todt und +blieb todt. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf +demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden +und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_248">248.<br> +Der ausgehende Rauch.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 161.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Hersfeld dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden +Abend, eh sie zu Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube +stillzusitzen. Den Hausherrn nahm das endlich Wunder, er blieb daher +einmal auf, verbarg sich im Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie +die Mägde nun sich beim Tisch allein sitzen sahen, hob die eine an und +sagte:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">“Geist thue dich entzücken</div> + <div class="verse indent0">und thue jenen Knecht drücken!”</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="p0">Drauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus +dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in +tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen +und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging +er davon und ließ sie, des Morgens darauf war diejenige Magd todt, die +er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb +lebendig.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_249">249.<br> +Die Katze aus dem Weidenbaum.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Der ungewissenhafte Apotheker S. 895.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Bauernknecht von Straßleben erzählte, wie daß in ihrem Dorfe eine +gewisse Magd wäre, dieselbe hätte sich zuweilen vom Tanze hinweg +verloren, daß niemand gewußt, wo sie hinkommen, bis sie eine feine +Weile hernach sich wieder eingefunden. Einmal beredete er sich mit +andern Knechten, dieser Magd nachzugehn. Als sie nun Sonntags wieder +zum Tanze kam und sich mit den Knechten erlustigte, ging sie auch +wieder ab. Etliche schlichen ihr nach, sie ging das Wirthshaus hinaus +aufs Feld und lief ohne Umsehen fort, einer hohlen Weide zu, in welche +sie sich versteckte. Die Knechte folgten nach, begierig zu sehen, ob +sie lang in der Weide verharren würde und warteten an einem Ort, wo +sie wohl verborgen standen. Eine kleine Weile drauf merkten sie, daß +eine Katze aus der Weide sprang und immer querfeldein nach Langendorf +lief. Nun traten die Knechte näher zur Weide, da lehnte das Mensch +oder vielmehr ihr Leib ganz erstarret und sie vermochten ihn weder mit +Rütteln noch Schütteln zum Leben bringen. Ihnen kommt ein Grauen an, +sie lassen den Leib stehen und gehen an ihren vorigen Ort. Nach einiger +Zeit spüren sie, daß die Katze den ersten Weg zurückgeht, in die Weide +einschlüpft, die Magd aus der Weide kriecht und nach dem Dorfe zugeht.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_250">250.<br> +Wetter und Hagel machen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Godelmann</em> von Zauberern übers. + von <em class="gesperrt">Nigrin</em>. V. 1. S. 83.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden. 104.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kirchhof’s</em> Wendunmuth V. + Nr. 261. S. 316.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Lercheimer</em> S. 50 ff.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1553 sind zu Berlin zwei Zauber-Weiber gefangen worden, welche +sich unterstanden, Eis zu machen, die Frucht damit zu verderben. +Und diese Weiber hatten ihrer Nachbarin ein Kindlein gestolen und +dasselbige zerstückelt gekocht. Ist durch Gottes Schickung geschehen, +daß die Mutter, ihr Kind suchend, dazu kommt und ihres verlorenen +Kindes Gliederlein in ein Töpfchen gelegt siehet. Da nun die beiden +Weiber gefangen und peinlich gefragt worden, haben sie gesagt, wenn ihr +Geköch fortgegangen, so wäre ein großer Frost mit Eis kommen, also daß +alle Frucht verderbt wäre.</p> + +<p>Zu einer Zeit waren in einem Wirthshause zwei Zauberinnen zusammen +gekommen, die hatten zwei Gelten oder Kübel mit Wasser an einen +besondern Ort gesetzt und rathschlagten miteinander: ob es dem Korne +oder dem Weine sollt gelten. Der Wirth, der auf einem heimlichen Winkel +stand, hörte das mit an und Abends, als sich die zwei Weiber zu Bett +gelegt, nahm er die Gelten und goß sie über sie hin; da ward das Wasser +zu Eis, so daß beide von Stund an zu Tod froren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p> + +<p>Eine arme Witfrau, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte, +ging in den Wald, Holz zu lesen und bedachte ihr Unglück. Da stand der +Böse in eines Försters Gestalt und fragte: warum sie so traurig? ob +ihr der Mann abgestorben? Sie antwortete: “ja.” Er sprach: “willt du +mich nehmen und mir gehorsamen, will ich dir Gelds die Fülle geben.” +Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott +absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler +wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch Dick +und Dünn, Trocken und Naß auf den Berg zu einem Tanz. Da waren noch +andre Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte und die eine gab dem +Spielmann zwölf Pfenning Lohn. Nach dem Tanze wurden die Hexen eins und +thaten zusammen Ähren, Rebenlaub und Eichblätter, damit Korn, Trauben +und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das +Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei. +Ihr selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_251">251.<br> +Der Hexen-Tanz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nic. + Remigii</span></em> <span class="antiqua">daemonolatria p. 109.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Frau von Hembach hatte ihren kaum sechszehnjährigen Sohn Johannes +mit zu der Hexen-Versammlung<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> geführt und weil er hatte pfeifen lernen, +verlangte sie, er sollte ihnen zu ihrem Tanze pfeifen, und damit man es +besser hören könnte, auf den nächsten Baum steigen. Der Knabe gehorchte +und stieg auf den Baum, indem er nun daher pfiffe und ihrem Tanz mit +Fleiß zusahe, vielleicht weil ihm alles so wunderseltsam däuchte, denn +da geht es auf närrische Weise zu, sprach er: “behüt, lieber Gott, +woher kommt so viel närrisches und unsinniges Gesinde!” Kaum aber hatte +er diese Worte ausgeredet, so fiel er vom Baum herab, verrenkte sich +eine Schulter und rief, sie sollten ihm zu Hilfe kommen, aber da war +niemand, ohn’ er allein.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_252">252.<br> +Die Wein-Reben und Nasen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aug. Lercheimer</em> Bedenken + von der Zauberei. Bl. 19.</div> + </div> + +</div> + +<p>An dem Hofe zu H. war ein Geselle, der seinen Gästen ein seltsam +schimpflich Gaukelwerk machte. Nachdem sie gegessen hatten, begehrten +sie, darum sie vornehmlich kommen waren, daß er ihnen zur Lust ein +Gaukel-Spiel vorbringe. Da ließ er aus dem Tisch eine Rebe wachsen mit +zeitigen Trauben, deren vor jedem eine hing: hieß jeglichen die seinige +mit der Hand angreifen und halten und mit der andern das Messer auf den +Stengel setzen, als wenn er sie abschneiden wollte; aber er sollte bei +Leibe nicht schneiden. Darnach ging er aus der Stube, kam wieder: da +saßen<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> sie alle und hielten sich ein jeglicher selber bei der Nase und +das Messer darauf. Hätten sie geschnitten, hätte ein jeder sich selbst +die Nase verwundet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_253">253.<br> +Fest hängen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Weier</em> von + Teufels-Gespenstern S. 105.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Magdeburg war zu einer Zeit ein seltsamer Zauberer, welcher in +Gegenwart einer Menge Zuschauer, von denen er ein großes Geld gehoben, +ein wunderkleines Rößlein, das im Ring herumtanzte, zeigte und, wenn +sich das Spiel dem Ende näherte, klagte, wie er bei der undankbaren +Welt so gar nichts Nutzes schaffen könnte, dieweil jedermann so karg +wäre, daß er sich Bettelns kaum erwehren mögte. Deshalb wollte er +von ihnen Urlaub nehmen und den allernächsten Weg gen Himmel, ob +vielleicht seine Sache daselbst besser würde, fahren. Und als er +diese Worte gesprochen, warf er ein Seil in die Höhe, welchem das +Rößlein ohne allen Verzug stracks nachfuhre, der Zauberer erwischte es +beim Wadel, seine Frau ihn bei den Füßen, die Magd die Frau bei den +Kleidern, also daß sie alle, als wären sie zusammen geschmiedet, nach +einander ob sich dahin fuhren. Als nun das Volk da stand, das Maul +offen hatte und dieser Sache, wie wohl zu gedenken, erstaunt war, kam +ohn alle Gefähr ein Bürger daher, welchem, als er fragte, was sie da<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> +stünden, geantwortet ward, der Gaukler wäre mit dem Rößlein in die +Luft gefahren. Darauf er berichtete, er habe ihn eben zu gegen seiner +Herberge gesehen daher gehn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_254">254.<br> +Das Noth-Hemd.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Weier</em> von + Teufels-Gespenstern B. 8. Cap. 18.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Zedler’s</em> Universal-Lexicon + <span class="antiqua">h. v.</span></div> + <div class="angabe">Der ungewissenhafte Apotheker S. 650.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das Noth-Hemd wird auf folgende Weise zubereitet. In der Christ-Nacht +müssen zwei unschuldige Mägdlein, die noch nicht sieben Jahr alt sind, +linnen Garn spinnen, weben und ein Hemd daraus zusammen nähen. Auf der +Brust hat es zwei Häupter, eins auf der rechten Seite mit einem langen +Barte und einem Helm, eins auf der linken mit einer Krone, wie sie der +Teufel trägt. Zu beiden Seiten wird es mit einem Kreuze bewahrt. Das +Hemd ist so lang, daß es den Menschen vom Hals an bis zum halben Leib +bedeckt.</p> + +<p>Wer ein solches Noth-Hemd im Krieg trägt, ist sicher vor Stich, Hieb, +Schuß und anderm Zufall, daher es Kaiser und Fürsten hochhielten. Auch +Gebärende ziehen es an, um schneller und leichter entbunden zu werden. +<span class="antiqua">Contra vero tale indusium, viro tamen <em class="gesperrt">mortuo</em> ereptum, a +foeminis luxuriosis quaeri ferunt, quo indutae non amplius gravescere +perhibentur.</span></p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_255">255.<br> +Fest gemacht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 365.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden S. 109.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein vornehmer Kriegsmann ging bei einer harten Belagerung mit zwei +andern außerhalb den Laufgräben auf und ab. Von der Festung herab wurde +heftig auf ihn gefeuert, er aber fuhr mit seinem Befehlshaber-Stab +links und rechts umher und hieß die beiden, an ihn halten und nicht +ausweichen; wovon alle Kugeln abseits fuhren und weder ihn noch die +andern beiden treffen oder verwunden konnten.</p> + +<p>Ein General, welcher in eine Stadt aus einem Treffen fliehen mußte, +schüttelte die Büchsenkugeln wie Erbsen häufig aus dem Ermel, deren +keine ihn hatte verletzen können.</p> + +<p>Meister Peter, Bartscheerer zu Wittenberg, hatte einen Schwiegersohn, +der Landsknecht im Krieg gewesen. Er hatte die Kunst verstanden, sich +sicher und unverwundbar zu machen. Ferner hat er auch seinen Tod vorher +gesehen und gesagt: “mein Schwäher solls thun.” Deßgleichen soll er +denselben Tag zu seinem Weib gesagt haben: “kauf ein, du wirst heute +Gäste bekommen, das ist: Zuseher.” Welches also geschahe, denn da ihn +sein Schwager erstach, lief jedermann in des Bartscheerers Haus und +wollt den todten Menschen sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_256">256.<br> +Der sichere Schuß.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aug. Lercheimer</em> Bedenken von + der Zauberei Bl. 12.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Büchsen-Meister, den ich gekannt, vermaß sich, er wolle alles +treffen, was ihm nur innerhalb Schusses wäre, daß ers erreichen könnte, +ob ers gleich nicht sähe. Der ließ sich brauchen in der Stadt W. bei +der Belagerung. Davor hielt in einem Wäldlein ein vornehmer Oberster +und Herr, den er nicht sahe, erbot sich, er wollte ihn erschießen; aber +es ward ihm gesagt, er sollts nicht thun. Da schoß er durch den Baum, +darunter er hielt auf seinem Roß und zu Morgen aß. Valvassor (Ehre +von Crain I. 676.) gedenkt eines vornehmen Herrn, welcher täglich nur +drei unfehlbare Schüsse hatte, damit aber konnte er, was man ihm nur +nannte, sicher treffen. Ein solcher Schütz kann sich aufgeben lassen, +was er schießen soll, Hirsch, Reh oder Hasen, und braucht dann nur aufs +Gerathewohl die Flinte zum Fenster hinaus abzudrücken, so muß das Wild +fallen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_257">257.<br> +Der herumziehende Jäger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Paderborn und Münster.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es trug sich zu, daß in einem großen Walde der Förster, welcher die +Aufsicht darüber führte, todt geschossen wurde. Der Edelmann, dem +der Wald gehörte, gab einem andern den Dienst, aber dem widerfuhr<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> +ein gleiches und so noch einigen, die auf einander folgten, bis sich +niemand mehr fand, der den gefährlichen Wald übernehmen wollte. Sobald +nämlich der neue Förster hineintrat, hörte man ganz in der Ferne einen +Schuß fallen, und gleich auch streckte eine mitten auf die Stirne +treffende Kugel ihn nieder; es war aber keine Spur ausfindig zu machen, +woher und von wem sie kam.</p> + +<p>Gleichwohl meldete sich nach ein paar Jahren ein herumziehender Jäger +wieder um den Dienst. Der Edelmann verbarg ihm nicht, was geschehen +war und setzte noch ausdrücklich hinzu, so lieb es ihm wäre, den Wald +wieder unter Aufsicht zu wissen, könnte er ihm doch selbst nicht zu +dem gefährlichen Amte rathen. Der Jäger antwortete zuversichtlich, er +wolle sich vor dem unsichtbaren Scharfschützen schon Rath schaffen +und übernahm den Wald. Andern Tags, als er, von mehrern begleitet, +zuerst hineingeführt wurde, hörte man, wie er eintrat, schon in der +Ferne den Schuß fallen. Alsbald warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, +der dann, von einer Kugel getroffen, wieder herabfiel. “Nun,” sprach +er, “ist aber die Reihe an mir,” lud seine Büchse und schoß sie mit +den Worten: “die Kugel bringt die Antwort!” in die Luft. Darauf bat +er seine Gefährten, mitzugehen und den Thäter zu suchen. Nach langem +Herumstreifen fanden sie endlich in einer an dem gegenseitigen Ende des +Waldes gelegenen Mühle den Müller todt und von der Kugel des Jägers auf +die Stirne getroffen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p> + +<p>Dieser herumziehende Jäger blieb noch einige Zeit in Diensten des +Edelmanns, doch weil er das Wild festbannen und die Feldhühner aus der +Tasche fliegen lassen konnte, auch in ganz unglaublicher Entfernung +immer sicher traf und andere dergleichen unbegreifliche Kunststücke +verstand, so bekam der Edelmann eine Art Grausen vor ihm und entließ +ihn bei einem schicklichen Vorwande aus seinem Dienst.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_258">258.<br> +Der herumziehende Jäger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus S. 1097.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiosit. + S. 351. 352.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Landfahrer kam zu einem Edelmann, der mit langwieriger Ohnmacht und +Schwachheit behaftet war und sagte zu ihm: “ihr seyd verzaubert, soll +ich euch das Weib vor Augen bringen, das euch das Uebel angethan?” Als +der Edelmann einwilligte, sprach jener: “welches Weib morgen in euer +Haus kommt, sich auf den Herd zum Feuer stellt und den Kesselhaken mit +der Hand angreift und hält, die ist es, welche euch das Leid angethan.” +Am andern Tag kam die Frau eines seiner Unterthanen, der neben ihm +wohnte, ein ehrliches und frommes Weib und stellte sich dahin genau +auf die Weise, wie der Landfahrer vorhergesagt hatte. Der Edelmann +verwunderte sich gar sehr, daß eine so ehrbare, gottesfürchtige Frau, +der er nicht übel wollte, so böse Dinge treiben sollte und fing an +zu<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> zweifeln, ob es auch recht zugehe. Er gab darum seinem Diener +heimlichen Befehl, hinzulaufen und zu sehen, ob diese Nachbarin zu +Hause sey oder nicht. Als dieser hinkommt, sitzt die Frau über ihrer +Arbeit und hechelt Flachs. Er heißt sie zum Herrn kommen, sie spricht: +“es wird sich ja nicht schicken, daß ich so staubig und ungeputzt vor +den Junker trete.” Der Diener aber sagt, es habe nichts zu bedeuten, +sie solle nur eilig mit ihm gehen. Sobald sie nun in des Herrn Thüre +trat, verschwand die andere als ein Gespenst aus dem Saal und der Herr +dankte Gott, daß er ihm in den Sinn gegeben, den Diener hinzuschicken, +sonst hätte er auf des Teufels Trug vertraut und die unschuldige Frau +verbrennen lassen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_259">259.<br> +Gespenst als Eheweib.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + 353-355.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus. 1097. 1098.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zur Zeit des Herzogs Johann Casimir von Coburg wohnte dessen +Stallmeister G. P. v. Z. zuerst in der Spital-Gasse, hierauf in dem +Hause, welches nach ihm <span class="antiqua">D.</span> Frommann bezogen, dann in dem großen +Hause bei der Vorstadt, die Rosenau genannt, endlich im Schloß, darüber +er Schloß-Hauptmann war. Zu so vielfachem Wechsel zwang ihn ein +Gespenst, welches seiner noch lebenden Ehefrau völlig gleich sah, also +daß er, wenn er in die neue Wohnung kam und am<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Tisch saß, bisweilen +darüber zweifelte, welches seine rechte leibhafte Frau wäre, denn es +folgte ihm, wenn er gleich aus dem Hause zog, doch allenthalben nach. +Als ihm eben seine Frau vorschlug, in die Wohnung, die hernach jener +Doctor inne hatte, zu ziehen, dem Gespenst auszuweichen, hub es an +mit lauter Stimme zu reden und sprach: “du ziehest gleich hin, wo +du willst, so ziehe ich dir nach, wenn auch durch die ganze Welt.” +Und das waren keine bloße Drohworte, denn nachdem der Stallmeister +ausgezogen war, ist die Thüre des Hinterhauses wie mit übermäßiger +Gewalt zugeschlagen worden und von der Zeit an hat sich das Gespenst +nie wieder in dem verlassenen Hause sehen lassen, sondern ist in dem +neubezogenen wieder erschienen.</p> + +<p>Wie die Edelfrau Kleidung anlegte, in derselben ist auch das Gespenst +erschienen, es mogte ein Feierkleid oder ein alltägliches seyn, und +welche Farbe als es nur wollte; weswegen sie niemals allein in ihren +Haus-Geschäften, sondern von jemand begleitet, ging. Gemeinlich ist +es in der Mittagszeit zwischen elf und zwölf Uhr erschienen. Wenn ein +Geistlicher da war, so kam es nicht zum Vorschein. Als einmal der +Beichtvater Johann Prüscher eingeladen war und ihn beim Abschied der +Edelmann mit seiner Frau und seiner Schwester an die Treppe geleitete, +stieg es von unten die Treppe hinauf und faßte durch ein hölzernes +Gitter des Fräuleins Schürz und verschwand, als dieses zu schreien +anfing. Einsmals ist es auf der Küchen-Schwelle<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> mit dem Arm gelegen und +als die Köchin gefragt: “was willst du?” hat es geantwortet: “deine +Frau will ich.” Sonst hat es der Edelfrau keinen Schaden zugefügt. +Dem Fräulein aber, des Edelmanns Schwester, ist es gefährlich gewesen +und hat ihm einmal einen solchen Streich ins Gesicht gegeben, daß die +Backe davon aufgeschwollen ist und es in des Vaters Haus zurückkehren +mußte. Endlich hat sich das Gespenst verloren und es ist ruhig im Hause +geworden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_260">260.<br> +Tod des Erstgebornen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>In einem vornehmen Geschlecht hat es sich vor ein paar hundert Jahren +zugetragen, daß das erste Kind, ein Söhnlein, Morgens bei der Amme im +Bett todt gefunden wurde. Man verdachte sie, es absichtlich erdrückt +zu haben und ob sie gleich ihre Unschuld betheuerte, so ward sie doch +zum Tod verurtheilt. Als sie nun niederkniete und eben den Streich +empfangen sollte, sprach sie noch einmal: “ich bin so gewiß unschuldig, +als in Zukunft jedesmal der Erstgeborene dieses Geschlechts sterben +wird.” Nachdem sie dieses gesprochen, flog eine weiße Taube über ihr +Haupt hin; darauf ward sie gerichtet. Die Weissagung aber kam in +Erfüllung und der älteste Sohn aus diesem Hause ist noch immer in +früher Jugend gestorben.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_261">261.<br> +Der Knabe zu Colmar.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Pfeffel in Colmar war ein Kind im Hause, das wollte nie über einen +gewissen Flecken im Hausgarten gehen, auf dem seine Cameraden ruhig +spielten. Diese wußten nicht warum und zogen es einmal mit Gewalt +dahin; da sträubten ihm die Haare empor und kalter Schweiß brach aus +seinem Leibe. Wie der Knabe von der Ohnmacht endlich zu sich kam, wurde +er um die Ursache befragt, wollte lange nichts gestehen, endlich auf +vieles Zureden sagte er: “es liegt an der Stelle ein Mensch begraben, +dessen Hände so und so liegen, dessen Beine so und so gestellt sind +(welches er alles genau beschrieb) und am Finger der einen Hand hat er +einen Ring.” Man grub nach, der Platz war mit Gras bewachsen und drei +Fuß unter der Erde tief fand sich ein Gerippe in der beschriebenen +Lage und am benannten Finger ein Ring. Man beerdigte es ordentlich +und seitdem ging der Knabe, dem man weder davon noch vom Ausgraben +das mindeste gesagt, ruhig auf den Flecken. — Dies Kind hatte die +Eigenschaft, daß es an dem Ort, wo Todte lagen, immer ihre ganze +Gestalt in Dünsten aufsteigen sah und in allem erkannte. Der vielen +schrecklichen Erscheinungen wegen härmte es sich ab und verzehrte +schnell sein Leben.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_262">262.<br> +Tod des Domherrn zu Merseburg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus 1056.</div> + </div> + +</div> + +<p>Von langer Zeit her ward in der Stiftskirche zu Merseburg drei Wochen +vor dem Absterben eines jeglichen Domherrn bei der Nacht ein großer +Tumult gehört, indem auf dem Stuhl dessen, welcher sterben sollte, ein +solcher Schlag geschah, als ob ein starker Mann aus allen Kräften mit +geschlossener Faust einen gewaltsamen Streich thäte. Sobald solches +die Wächter vernommen, deren etliche sowohl bei Tag als bei Nacht in +der Kirche gewacht und wegen der stattlichen Kleinodien, die darinnen +vorhanden waren, die Runde gemacht, haben sie es gleich andern Tags +hernach dem Capitel angezeigt. Und solches ist dem Domherrn, dessen +Stuhl der Schlag getroffen, eine persönliche Vertagung gewesen, daß er +in dreien Wochen an den blassen Reigen müßte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_263">263.<br> +Die Lilie im Kloster zu Corvei.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Gab. + Bucelin</span></em> <span class="antiqua">Germania sacra II. 1642.</span></div> + <div class="angabe"><span class="antiqua">Notitiae S. R. I. procerum III. + c. 19. p. 334.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Höxar</span></em> <span class="antiqua">in elegiis. Paderb. 1600.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus 1054. 1055.</div> + <div class="angabe">Altdeutsche Wälder II. 185-187.</div> + </div> + +</div> + +<p>Das Kloster der Abtei zu Corvei an der Weser hat von Gott die +sonderbare Gnade gehabt, daß, so<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> oft einer aus den Brüdern sterben +sollte, er drei Tage zuvor, ehe er verschieden, eine Vorwarnung +bekommen, vermittelst einer <em class="gesperrt">Lilie</em> an einem ehrenen Kranze, der +im Chor hing. Denn dieselbe Lilie kam allzeit wunderbarlich herab und +erschien in dem Stuhl desjenigen Bruders, dessen Lebens-Ende vorhanden +war; also daß dieser dabei unfehlbar merkte und versichert war, er +würde in dreien Tagen von der Welt scheiden. Dieses Wunder soll etliche +hundert Jahre gewährt haben, bis ein junger Ordensbruder, als er auf +diese Weise seiner herannahenden Sterbestunde ermahnt worden, solche +Erinnerung verachtet und die Lilie in eines alten Geistlichen Stuhl +versetzt hat: der Meinung, es würde das Sterben dem Alten besser +anstehen, als dem Jungen. Wie der gute alte Bruder die Lilie erblickt, +ist er darüber, als über einen Geruch des Todes, so hart erschrocken, +daß er in eine Krankheit, doch gleichwohl nicht ins Grab gefallen, +sondern bald wieder gesund, dagegen der junge Warnungs-Verächter am +dritten Tag durch einen jählingen Tod dahin gerissen worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_264">264.<br> +Rebundus im Dom zu Lübeck.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ph. H. + Friedlieb</span></em> <span class="antiqua">medulla theologica.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus 1057-1065. aus mündl. Sage.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so +fand sich Morgens unter seinem<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> Stuhlkissen im Chor eine <em class="gesperrt">weiße +Rose</em>, daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen +gleich umwendete, zu schauen, ob diese Grabes-Verkündigung darunter +liege. Es geschah, daß einer von den Domherrn, Namens <em class="gesperrt">Rebundus</em>, +eines Morgens diese Rose unter seinem Kissen fand, und weil sie +seinen Augen mehr ein schmerzlicher Dornstachel, als eine Rose war, +nahm er sie behend weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines +nächsten Beisitzers, obgleich dieser schon darunter nachgesehen und +nichts gefunden hatte. Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen +umkehren wollte? der andere entgegnete, daß er es schon gethan habe; +aber Rebundus sagte weiter: er habe wohl nicht recht zugeschaut und +solle noch einmal nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes +darunter geschimmert, als er dahin geblickt. Hierauf wendete der +Domherr sein Kissen um und fand die Grab-Blume; doch sprach er zornig: +das sey Betrug, denn er habe gleich Anfangs fleißig genug zugeschaut +und unter seinem Sitz keine Rose gefunden. Damit schob und stieß er sie +dem Rebundus wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht +wieder sich aufdrängen lassen, also daß sie einer dem andern zuwarf und +ein Streit und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das +Capitel ins Mittel schlug und sie aus einander bringen, Rebundus aber +durchaus nicht eingestehen wollte, daß er die Rose am ersten gehabt, +sondern auf seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, hub endlich +der andere, aus verbitterter Ungeduld,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> an zu wünschen: “Gott wolle +geben, daß der von uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rosen in +Zukunft zum Zeichen werde und wann ein Domherr sterben soll, in seinem +Grabe klopfen möge, bis an den jüngsten Tag!” Rebundus, der diese +Verwünschung wie einen leeren Wind achtete, sprach frevellich dazu: +“Amen! es sey also!”</p> + +<p>Da nun Rebundus nicht lange darnach starb, hat es von dem an unter +seinem Grabsteine, so oft eines Domherrn Ende sich nahte, entsetzlich +geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: “Rebundus hat sich +gerührt, es wird ein Domherr sterben!” Eigentlich ist es kein bloßes +Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und +breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel gelinder krachen, als +ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Karthaunen-Schuß geschähe. +Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach +durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte, +das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird +dann nicht blos in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern +vernehmlich gehört.</p> + +<p>Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntage, zwischen neun und zehn +Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig angeschlagen, daß +etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden +und die Predigt angehört, theils durch starke Erbebung des Steins, +theils aus Schrecken, nicht anders<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> herabgeprellt wurden, als ob sie +der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag +wollte jedermann zur Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie +würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der +Gemeinde zu, da zu bleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein +Teufels-Gespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man +verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des +Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobte auch, wenn eines Domherrn +naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_265">265.<br> +Glocke läutet von selbst.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus 1035. 1036. 1039.</div> + </div> + +</div> + +<p>In einer berühmten Reichsstadt hat im Jahr 1686 am 27sten März die +sogenannte Markt-Glocke von sich selbst drei Schläge gethan, worauf +bald hernach ein Herr des Raths, welcher zugleich auch Marktherr war, +gestorben.</p> + +<p>In einem Hause fing sechs oder sieben Wochen vor dem Tode des Hausherrn +eine überaus helle Glocke an zu läuten und zwar zu zweien verschiedenen +Malen. Da der Hausherr damals noch frisch und gesund, seine Ehefrau +aber bettlägrig war, so verbot er dem Gesinde, ihr etwas davon zu +sagen, besorgend, sie mögte erschrecken, von schwermüthiger Einbildung +noch kränker werden und gar davon sterben.<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Aber diese Anzeigung hatte +ihn selbst gemeint, denn er kam ins Grab, seine Frau aber erholte sich +wieder zu völliger Gesundheit. Siebzehn Wochen nachher, als sie ihres +seeligen Eheherrn Kleider und Mäntel reinigt und ausbürstet, fängt +vor ihren Augen und Ohren die Tennen-Glocke an sich zu schwingen und +ihren gewöhnlichen Klang zu geben. Acht Tage hernach erkrankt ihr +ältester Sohn und stirbt in wenig Tagen. Als diese Wittwe sich wieder +verheirathete und mit ihrem zweiten Mann etliche Kinder zeugte, sind +diese, wenige Wochen nach der Geburt, gleich den Märzblumen verwelkt +und begraben. Da dann jedesmal jene Glocke dreimal nach einander stark +angezogen wurde, obgleich das Zimmer, darin sie gehangen, versperrt +war, so daß niemand den Drath erreichen konnte.</p> + +<p>Einige glauben, dieses Läuten (welches oft nicht von den Kranken und +Sterblägrigen, sondern nur von andern gehört wird) geschehe von bösen +Geistern, andere dagegen: von guten Engeln. Wiederum andere sagen, es +komme von dem Schutz-Geist, welcher den Menschen warnen und erinnern +wollte, daß er sich zu seinem heraneilenden Ende bereite.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_266">266.<br> +Todes-Gespenst.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus S. 419. u. 1044.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Schwatz und Innsbruck in Tirol läßt sich zur Sterbenszeit ein +Gespenst sehen, bald klein, bald groß,<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> wie ein Haus. Zu welchem +Fenster es hinein schaut, aus demselben Hause sterben die Leute.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_267">267.<br> +Frau Berta oder die weiße Frau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Joh. Jac. Rohde</span></em> <span class="antiqua">de celebri spectro, quod vulgo</span> die weiße + Frau <span class="antiqua">nominant.</span> Königsberg 1723. 4.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Stilling’s</em> Theorie der + Geisterkunde. S. 351-359.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus. S. 59-92.</div> + <div class="angabe">vgl. Volksmärchen der Frau + <em class="gesperrt">Naubert</em>. Bd. III.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die <em class="gesperrt">weiße Frau</em> erscheint in den Schlössern mehrerer fürstlichen +Häuser, namentlich zu Neuhaus in Böhmen, zu Berlin, Baireuth, Darmstadt +und Carlsruhe und in allen, deren Geschlechter nach und nach durch +Verheirathung mit dem ihren verwandt geworden sind. Sie thut niemanden +zu Leide, neigt ihr Haupt vor wem sie begegnet, spricht nichts und +ihr Besuch bedeutet einen nahen Todesfall, manchmal auch etwas +fröhliches, wenn sie nämlich keinen schwarzen Handschuh an hat. Sie +trägt ein Schlüsselbund und eine weiße Schleierhaube. Nach einigen +soll sie im Leben <em class="gesperrt">Perchta von Rosenberg</em> geheißen, zu Neuhaus +in Böhmen gewohnt haben und mit Johann von Lichtenstein, einem bösen, +störrischen Mann, vermählt gewesen seyn. Nach ihres Gemahls Tode lebte +sie in Witwenschaft zu Neuhaus und fing an zu großer Beschwerde ihrer +Unterthanen, die ihr fröhnen mußten, ein Schloß zu bauen. Unter der +Arbeit rief sie ihnen zu, fleißig zu seyn: “wann das Schloß zu stand +seyn wird, will<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> ich euch und euern Leuten einen süßen Brei vorsetzen,” +denn dieser Redensart bedienten sich die Alten, wenn sie jemand zu Gast +luden. Den Herbst nach Vollendung des Baus hielt sie nicht nur ihr +Wort, sondern stiftete auch, daß auf ewige Zeiten hin alle Rosenberge +ihren Leuten ein solches Mahl geben sollten. Dieses ist bisher +fortgeschehen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> und unterbleibt es, so erscheint sie mit zürnenden +Mienen. Zuweilen soll sie in fürstliche Kinderstuben Nachts, wenn +die Ammen Schlaf befällt, kommen, die Kinder wiegen und vertraulich +umtragen. Einmal als eine unwissende Kinderfrau erschrocken fragte: +“was hast du mit dem Kinde zu schaffen?” und sie mit Worten schalt, +soll sie doch gesagt haben: “ich bin keine Fremde in diesem Haus wie +du, sondern gehöre ihm zu; dieses Kind stammt von meinen Kindeskindern. +Weil ihr mir aber keine Ehre erwiesen habt, will ich nicht mehr hier +einkehren.”</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Der Brei wird aus Erbsen und Heidegrütz gekocht, auch +jedesmal Fische dazu gegeben.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_268">268.<br> +Die wilde Berta kommt.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Crusii</span></em> + <span class="antiqua">annal. suev. p. I. lib. XII. c. 6. p. 329.; p. II. l. + VIII. c. 7. p. 266.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Flögel</em> Gesch. des Grotesken. + S. 23.</div> + <div class="angabe">Journal von und für Deutschland. 1790. Bd. 2. S. 26 ff.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Schwaben, Franken und Thüringen ruft man halsstarrigen Kindern zu: +“schweig oder die wilde Berta<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> kommt!” Andere nennen sie Bildabertha, +Hildabertha, auch wohl: die eiserne Bertha. Sie erscheint als eine +wilde Frau mit zottigen Haaren und besudelt dem Mädchen, das den +letzten Tag im Jahre seinen Flachs nicht abspinnt, den Rocken. Viele +Leute essen diesen Tag Klöße und Hering. Sonst, behaupten sie, käme +die Perchta oder Prechta, schnitte ihnen den Bauch auf, nähme das +erstgenossene heraus und thue Heckerling hinein. Dann nähe sie mit +einer Pflugschar statt der Nadel und mit einer Röhmkette statt des +Zwirns den Schnitt wieder zu.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_269">269.<br> +Der Türst, das Posterli und die Sträggele.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Stalder</em> Idiot. I. + 208. 209. 329. II. 405.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wann der Sturm Nachts im Walde heult und tobt, sagt das Volk im +Luzernergau: “der Türst, oder der <em class="gesperrt">Dürst</em> jagt!” Im Entlebuch +weiß man dagegen von dem <em class="gesperrt">Posterli</em>, einer Unholdin, deren Jagd +die Einwohner Donnerstag vor Weihnachten in einem großen Aufzug, mit +Lärm und Geräusch, jährlich vorstellen. In der Stadt Luzern heißt die +<em class="gesperrt">Sträggele</em> eine Hexe, welche in der Frohnfastennacht am Mittwoch +vor den heiligen Weihnachten herumspukt und die Mädchen, wenn sie ihr +Tagewerk nicht gesponnen, auf mancherlei Art schert; daher auch diese +Nacht die <em class="gesperrt">Sträggele-Nacht</em> genannt wird.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_270">270.<br> +Der Nachtjäger und die Rüttelweiber.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Rübezahl + II. 134-136.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Einwohner des Riesengebirgs hören bei nächtlichen Zeiten oft +Jägerruf, Hornblasen und Geräusch von wilden Thieren; dann sagen sie: +“der Nachtjäger jagt.” Kleine Kinder fürchten sich davor und werden +geschweiget, wenn man ihnen zuruft: “sey still, hörest du nicht den +Nachtjäger jagen?” Er jagt aber besonders die <em class="gesperrt">Rüttelweiber</em>, +welche kleine mit Moos bekleidete Weiblein seyn sollen, verfolgt +und ängstigt sie ohn’ Unterlaß. Es sey dann, daß sie an einen Stamm +eines abgehauenen Baumes gerathen, und zwar eines solchen, wozu der +Hölzer (Holzbauer) “<em class="gesperrt">Gott waels</em>!” (Gott walte es) gesprochen +hat. Auf solchem Holz haben sie Ruhe. Sollte er aber, als er die Axt +zum erstenmal an den Baum gelegt, gesagt haben: “waels Gott!” (so daß +er das Wort Gott hintan gesetzt), so gibt ein solcher Stamm keinem +Rüttelweibchen Ruh und Frieden, sondern es muß vor dem Nachtjäger auf +stetiger Flucht seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_271">271.<br> +Der Mann mit dem Schlackhut.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Beerfelden im Erbachischen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es hat vor ein Paar Jahren noch eine alte Frau eines der Zimmer des +verfallenen Freyensteins bewohnt.<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Eines Abends trat zu ihr ganz +unbefangen in die Stube herein ein Mann, der einen grauen Rock, einen +großen Schlackhut und einen langen Bart trug. Er hing seinen Hut an den +Nagel, saß, ohne sich um jemand zu bekümmern, nieder an Tisch, zog ein +kurz Tabakspfeifchen aus dem Sack und rauchte. So blieb dieser Graue +immer hinter seinem Tisch sitzen. Die Alte konnte seinen Abgang nicht +erwarten und legte sich ins Bett. Morgens war das Gespenst geschwunden. +— Des Schulzen Sohn verzählte: “den ersten Christtagmorgen, während +Amt in der Kirche gehalten wurde, saß meine Frähle (Großmutter) in +unsrer Stube und bätete. Als sie einmal vom Buch aufsah und gerade nach +dem Schloßgarten guckte, erblickte sie oben einen Mann in grauer Kutte +und einem Schlackhut stehen, der hackte von Zeit zu Zeit. So haben wir +und alle Nachbarn ihn gesehen. Als die Sonne unterging, verschwand er.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_272">272.<br> +Der graue Hockelmann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, an der Bergstraße.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor vielen Jahren ging einmal ein Bauer aus Auerbach Abends unten +am Schloßberg vorüber. Da wurde er plötzlich von einem grauen Manne +angehalten und gezwungen, ihn bis hinauf in das Schloß zu hockeln. +Auf einer dunkeln Stiege des Schlosses wurde der Bauer den andern Tag +gefunden, wie einer der sich übermüdet. Er starb kurze Zeit darauf.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_273">273.<br> +Chimmeke in Pommern.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Micrälius</em> B. III. Cap. 64.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Schlosse Loyz soll ein Poltergeist, den die alten Pommern +<em class="gesperrt">Chimmeke</em> nennen, einen Küchenbuben klein gehackt und in einen +irdenen Topf gesteckt haben, weil er ihm die Milch, die dem Geist in +der Zeit des Aberglaubens alle Abend mußte hingesetzt werden, verzehrt +hatte. Diesen Topf oder Grapen, worin Chimmeke sein Müthlein gekühlet, +hat man lange Zeit vorgezeiget.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_274">274.<br> +Der Krischer.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Aus einem Amtsbericht in der erbacher Cämmerei.</div> + </div> + +</div> + +<p>Johann Peter Kriechbaum, Schultheiß der oberkainsbacher Zent, erzählte +den 12. März 1753: im Bezirk, genannt die Spreng, halte sich ein Geist +oder Gespenst auf, so allerhand Gekreisch, als wie ein Reh, Fuchs, +Hirsch, Esel, Hund, Schwein und anderer Thiere, auch gleich allerhand +Vögel führe, dahero es von den Leuten der Krischer geheißen werde. Es +habe schon viele irre geleitet und getraue niemand, sonders die Hirten +nicht, sich über Nacht in dasigen Wiesen aufzuhalten. Ihm sey neulich +selbst begegnet, als er Nachts auf seine Wiese in der Spreng gegangen +und<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> das Wasser zum Wässern aufgewendet, da habe ein Schwein in dem +Wäldchen auf der langenbrombacher Seite geschrien, als ob ihm das +Messer im Hals stäcke. Das Gespenst gehe bis in den Holler Wald, wo man +vor 16 Jahren Kohlen brennen lassen, über welches die Kohlenbrenner +damals sehr geklagt und daß sie vielfältig von ihm geängstigt würden, +indem es ihnen in Gestalt eines Esels erschienen. Ein gleiches habe +der verstorbene Johann Peter Weber versichert, der in der Nacht Kohlen +allda geladen, um sie auf den michelstädter Hammer zu führen. Heinrich +Germann, der alte Centschultheiß, versicherte, als er einstmalen +die Ochsen in seiner Sprengswiese gehütet, wäre ein Fuchs auf ihn +zugelaufen gekommen, nach dem er mit der Peitsche geschlagen, worauf er +augenblicks verschwunden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_275">275.<br> +Die überschiffenden Mönche.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Nach <em class="gesperrt">Melanchthon’s</em> Erzählung + reimsweise gestellt von <em class="gesperrt">Georg Sabinus</em> und + abgedruckt bei <em class="gesperrt">Weier</em> von der Zauberei + <span class="antiqua">l. c.</span> 17.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Stadt Speier lebte vorzeiten ein Fischer. Als dieser einer Nacht +an den Rhein kam und sein Garn ausstellen wollte, trat ein Mann auf +ihn zu, der trug eine schwarze Kutte in Weise der Mönche und nachdem +ihn der Fischer ehrsam gegrüßt hatte, sprach er: “ich komm ein Bote +fernher und möchte<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> gern über den Rhein.” “Tritt in meinen Nachen ein +zu mir, antwortete der Fischer, ich will dich überfahren.” Da er nun +diesen übergesetzt hatte und zurückkehrte, standen noch fünf andere +Mönche am Gestade, die begehrten auch zu schiffen und der Fischer frug +bescheiden: was sie doch bei so eitler Nacht reisten? “Die Noth treibt +uns, versetzte einer der Mönche, die Welt ist uns feind, so nimm du +dich unser an und Gottes Lohn dafür.” Der Fischer verlangte zu wissen: +was sie ihm geben wollten für seine Arbeit? Sie sagten: “jetzo sind wir +arm, wenn es uns wieder besser geht, sollst du unsere Dankbarkeit schon +spüren.” Also stieß der Schiffer ab, wie aber der Nachen mitten auf den +Rhein kam, hob sich ein fürchterlicher Sturm. Wasserwellen bedeckten +das Schiff und der Fischer erblaßte. “Was ist das,” dachte er bei sich, +“bei Sonnenniedergang war der Himmel klar und lauter und schön schien +der Mond, woher dieses schnelle Unwetter?” Und wie er seine Hände hob, +zu Gott zu beten, rief einer der Mönche: “was liegst du Gott mit Beten +in den Ohren, steuere dein Schiff.” Bei den Worten riß er ihm das +Ruder aus der Hand und fing an den armen Fischer zu schlagen. Halbtodt +lag er im Nachen, der Tag begann zu dämmern und die schwarzen Männer +verschwanden. Der Himmel war klar, wie vorher, der Schiffer ermannte +sich, fuhr zurück und erreichte mit Noth seine Wohnung. Des andern Tags +begegneten dieselben Mönche einem früh aus Speier reisenden Boten in +einem rasselnden,<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> schwarz bedeckten Wagen, der aber nur drei Räder und +einen langnasigten Fuhrmann hatte. Bestürzt stand er still, ließ den +Wagen vorüber und sah bald, daß er sich mit Prasseln und Flammen in +die Lüfte verlor, dabei vernahm man Schwerterklingen, als ob ein Heer +zusammenginge. Der Bote wandte sich, kehrte zur Stadt und zeigte alles +an; man schloß aus diesem Gesicht auf Zwietracht unter den deutschen +Fürsten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_276">276.<br> +Der Irrwisch.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hänlein.</div> + </div> + +</div> + +<p>An der Bergstraße zu Hänlein, auch in der Gegend von Lorsch, nennt man +die Irrlichter: <em class="gesperrt">Heerwische</em>; sie sollen nur in der Adventszeit +erscheinen und man hat einen Spottreim auf sie: “Heerwisch, ho ho, +brennst wie Haberstroh, schlag mich blitzeblo!” Vor länger als dreißig +Jahren, wird erzählt, sah ein Mädchen Abends einen Heerwisch und rief +ihm den Spottreim entgegen. Aber er lief auf das Mädchen gerade zu und +als es floh und in das Haus zu seinen Eltern flüchtete, folgte er ihr +auf der Ferse nach, trat mit ihr zugleich ins Zimmer hinein und schlug +alle Leute, die darin waren, mit seinen feurigen Flügeln, daß ihnen +Hören und Sehen verging.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_277">277.<br> +Die feurigen Wagen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Odenwald.</div> + </div> + +</div> + +<p>Conrad Schäfer aus Gammelsbach erzählte: “ich habe vor einigen Jahren +Frucht auf der Hirschhörnerhöhe nicht weit von Freienstein, dem alten +Schloß, gehütet. Nachts um zwölfe begegneten mir zwei feurige Kutschen +mit gräßlichem Gerassel: jede mit vier feurigen Rossen bespannt. Der +Zug kam gerade vom Freienstein. Er ist mir öfter begegnet und hat mich +jedesmal gewaltig erschreckt; denn es saßen Leute in den Kutschen, +denen die Flamme aus Maul und Augen schlug.”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_278">278.<br> +Räderberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Metzger von Nassau ging aus, zu kaufen. Auf der Landstraße stößt er +bald auf eine dahin fahrende Kutsche und geht ihr nach, den Gleisen in +Gedanken folgend. Mit einmal hält sie an und vor einem schönen großen +Landhaus, mitten auf der Heerstraße, das er aber sonst noch niemals +erblickt, so oft er auch dieses Wegs gekommen. Drei Mönche steigen +aus dem Wagen und der erstaunte Metzger folgt ihnen unbemerkt in das +hellerleuchtete Haus. Erst gehen sie in ein Zimmer, einem die Communion +zu reichen,<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> und nachher in einen Saal, wo große Gesellschaft um +einen Tisch sitzt, in lautem Lärmen und Schreien ein Mahl verzehrend. +Plötzlich bemerkt der Obensitzende den fremden Metzger und sogleich +ist alles still und verstummt. Da steht der Oberste auf und bringt +dem Metzger einen Weinbecher mit den Worten: “noch einen Tag!” Der +Metzger erschauert und will nicht trinken. Bald hernach erhebt sich +ein Zweiter, tritt den Metzger mit einem Becher an und spricht wieder: +“noch ein Tag!” Er schlägt ihn wieder aus. Nachdem kommt ein Dritter +mit dem Becher und denselben Worten: “noch ein Tag!” Nunmehr trinkt +der Metzger. Aber kurz darauf nähert sich demselben ein Vierter aus +der Gesellschaft, den Wein nochmals darbietend. Der Metzger erschrickt +heftiglich, und als er ein Kreuz vor sich gemacht, verschwindet +auf einmal die ganze Erscheinung und er befindet sich in dichter +Dunkelheit. Wie endlich der Morgen anbricht, sieht sich der Metzger +auf dem Räderberg, weit weg von der Landstraße, geht einen steinigten, +mühsamen Weg zurück in seine Vaterstadt, entdeckt dem Pfarrer die +Begebenheit und stirbt genau in drei Tagen.</p> + +<p>Die Sage war schon lang verbreitet, daß auf jenem Berg ein Kloster +gestanden, dessen Trümmer noch jetzt zu sehen sind, dessen Orden aber +ausgestorben wäre.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_279">279.<br> +Die Lichter auf Hellebarden.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Happel</em> + <span class="antiqua">relat. curios. II. 771. 772.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Von dem uralten hanauischen Schloß Lichtenberg auf einem hohen Felsen +im Unterelsaß, eine Stunde von Ingweiler belegen, wird erzählt: so oft +sich Sturm und Ungewitter rege, daß man auf den Dächern und Knöpfen des +Schlosses, ja selbst auf den Spitzen der Hellebarden viele kleine blaue +Lichter erblicke. Dies hat sich seit langen Jahren also befunden und +nach einigen selbst dem alten Schloß den Namen gegeben.</p> + +<p>Zwei Bauern gingen aus dem Dorf Langenstein (nah bei Kirchhain in +Oberhessen) nach Embsdorf zu, mit ihren Heugabeln auf den Schultern. +Unterwegs erblickte der eine unversehens ein Lichtlein auf der Partisan +seines Gefährten, der nahm sie herunter und strich lachend den Glanz +mit den Fingern ab, daß er verschwand. Wie sie hundert Schritte weiter +gingen, saß das Lichtlein wieder an der vorigen Stelle und wurde +nochmals abgestrichen. Aber bald darauf stellte es sich zum drittenmal +ein, da stieß der andere Bauer einige harte Worte aus, strich es +jenem nochmals ab und darauf kam es nicht wieder. Acht Tage hernach +zu derselben Stelle, wo der eine dem andern das Licht zum drittenmal +abgestrichen hatte, trafen sich diese beiden Bauern, die sonst alte +gute Freunde gewesen, verunwilligten sich und von den Worten zu +Schlägen kommend erstach der eine den andern.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_280">280.<br> +Das Wafeln.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kosegarten</em> Rhapsodien. + II. 76.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Zölner’s</em> Reise durch Pommern. + 1797. I. 316. 516.</div> + </div> + +</div> + +<p>An der Ost-See glauben die Leute den Schiffbruch, das Stranden, oftmals +vorherzusehen, indem solche Schiffe vorher spuckten, einige Tage oder +Wochen, an dem Ort, wo sie verunglücken, bei Nachtzeit wie dunkle +Luftgebilde erschienen, alle Theile des Schiffs, Rumpf, Tauwerk, Maste, +Segel in bloßem Feuer vorgestellt. Dies nennen sie <em class="gesperrt">wafeln</em>.</p> + +<p>Es wafeln auch Menschen, die ertrinken, Häuser, die abbrennen werden +und Orte, die untergehen. Sonntags hört man noch unter dem Wasser die +Glocken versunkener Städte klingen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_281">281.<br> +Weberndes Flammen-Schloß.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Der abentheuerliche Jean Rebhu. 1679. Th. II. + S. 8-11.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Tirol auf einem hohen Berg liegt ein altes Schloß, in welchem alle +Nacht ein Feuer brennt; die Flamme ist so groß, daß sie über die Mauern +hinausschlägt und man sie weit und breit sehen kann. Es trug sich zu, +daß eine arme Frau, der es an Holz mangelte, auf diesem Schloß-Berge +abgefallene Reiser zusammen suchte und endlich zu dem Schloß-Thor +kam, wo sie aus Vorwitz sich umschaute und endlich<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> hineintrat, nicht +ohne Mühe, weil alles zerfallen und nicht leicht weiter zu kommen +war. Als sie in den Hof gelangte, sah sie eine Gesellschaft von Herrn +und Frauen da an einer großen Tafel sitzen und essen. Diener warteten +auf, wechselten Teller, trugen Speisen auf und ab und schenkten Wein +ein. Wie sie so stand, kam einer der Diener und holte sie herbei, +da ward ihr ein Stück Gold in das Schürz-Tuch geworfen, worauf in +einem Augenblick alles verschwunden war und die arme Frau erschreckt +den Rückweg suchte. Als sie aber den Hof hinausgekommen, stand da +ein Kriegsmann mit brennender Lunte, den Kopf hatte er nicht auf dem +Hals sitzen, sondern hielt ihn unter dem Arme. Der hub an zu reden +und verbot der Frau, keinem Menschen was sie gesehen und erfahren zu +offenbaren, es würde ihr sonst übel ergehen. Die Frau kam, noch voller +Angst, nach Haus, brachte das Gold mit, aber sie sagte nicht, woher sie +es empfangen. Als die Obrigkeit davon hörte, ward sie vorgefordert, +aber sie wollte kein Wort sich verlauten lassen und entschuldigte sich +damit, daß wenn sie etwas sagte, ihr großes Uebel daraus zuwachsen +würde. Nachdem man schärfer mit ihr verfuhr, entdeckte sie dennoch +alles, was ihr in dem Flammen-Schloß begegnet war, haarklein. In dem +Augenblick aber, wo sie ihre Aussage beendigt, war sie hinweg entrückt +und niemand hat erfahren können, wo sie hingekommen ist.</p> + +<p>Es hatte sich aber an diesem Ort ein junger Edelmann ins zweite Jahr +aufgehalten, ein Ritter und<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> wohlerfahren in allen Dingen. Nachdem +er den Hergang dieser Sache erkündet, machte er sich tief in der +Nacht mit seinem Diener zu Fuß auf den Weg nach dem Berg. Sie stiegen +mit großer Mühe hinauf und wurden sechsmal von einer Stimme davon +abgemahnt: sie würdens sonst mit großem Schaden erfahren müssen. Ohne +aber darauf zu achten, gingen sie immer zu und gelangten endlich vor +das Thor. Da stand jener Kriegsmann wieder als Schildwache und rief, +wie gebräuchlich: “wer da?” Der Edelmann, ein frischer Herr, gab zur +Antwort: “ich bins.” Das Gespenst fragte weiter: “wer bist du?” Der +Edelmann aber gab diesmal keine Antwort, sondern hieß den Diener das +Schwert herlangen. Als dieses geschehen, kam ein schwarzer Reuter aus +dem Schloß geritten, gegen welchen sich der Edelmann wehren wollte; +der Reuter aber schwang ihn auf sein Pferd und ritt mit ihm in den Hof +hinein und der Kriegsmann jagte den Diener den Berg hinab. Der Edelmann +ist nirgends zu finden gewesen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_282">282.<br> +Der Feuerberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Wernigerode.</div> + </div> + +</div> + +<p>Einige Stunden von Halberstadt liegt ein ehemals kahler, jetzt +mit hohen Tannen und Eichen bewachsener Berg, der von vielen der +<em class="gesperrt">Feuerberg</em> genannt wird. In seinen Tiefen soll der Teufel sein +Wesen<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> treiben und alles in hellen Flammen brennen. Vor alten Zeiten +wohnte in der Gegend von Halberstadt ein Graf, der bös und raubgierig +war und die Bewohner des Landes rings herum drückte, wo er nur +konnte. Einem Schäfer war er viel Geld seit langen Jahren schuldig, +jedesmal aber, wenn dieser kam und darum mahnte, gab er ihm schnöde +und abweisende Antworten. Auf einmal verschwand der Graf und es hieß, +er wär gestorben in fernen Landen. Der Schäfer ging betrübt zu Felde +und klagte über seinen Verlust, denn die Erben und Hinterlassenen des +Grafen wollten von seiner Foderung nichts wissen und jagten ihn, als +er sich meldete, die Burg hinab. Da geschah es, daß, als er zu einer +Zeit im Walde war, eine Gestalt zu ihm trat und sprach: “willst du +deinen alten Schuldner sehen, so folge mir nach.” Der Schäfer folgte +und ward durch den Wald geführt bis zu einem hohen, nackten Berg, der +sich alsbald vor beiden mit Getöse öffnete, sie aufnahm und sich wieder +schloß. Innen war alles ein Feuer. Der zitternde Schäfer erblickte den +Grafen, sitzend auf einem Stuhle, um welchen sich, wie an den glühenden +Wänden und auf dem Boden, tausend Flammen wälzten. Der Sünder schrie: +“willst du Geld haben, Schäfer, so nimm dieses Tuch und bringe es den +Meinigen; sage ihnen, wie du mich im Höllenfeuer sitzen gesehen, in dem +ich bis in Ewigkeit leiden muß.” Hierauf riß er ein Tuch von seinem +Haupt und gab es dem Schäfer und aus seinen Augen und Händen sprühten +Funken.<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> Der Schäfer eilte mit schwankenden Füßen, von seinem Führer +geleitet, zurück, der Berg that sich wieder auf und verschloß sich +hinter ihm. Mit dem Tuch ging er dann auf des Grafen Burg, zeigte es +und erzählte, was er gesehen; worauf sie ihm gern sein Geld gaben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_283">283.<br> +Der feurige Mann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bothonis</span></em> + <span class="antiqua">chronicon brunsvic. pictur.</span> bei + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Leibniz</span></em> + <span class="antiqua">SS. RR. BB. III. 337.</span></div> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Erbachischen.</div> + </div> + +</div> + +<p>In düssem Jare (1125) sach me einen furigen Man twischen den Borgen +twen, de de heten Gelichghen (Gleichen), dat was in der rechten +Middernacht. De Man gingk von einer Borch to der anderen unde brande +alse ein Blase, alse ein glonich Für; düt segen de Wechters, und dede +dat in dren Nechten unde nig mer.</p> + +<p>Georg Miltenberger, im sogenannten Hoppelrain bei Kailbach Amts +Freienstein wohnhaft, erzählte: “in der ersten Adventssonntagsnacht, +zwischen 11 und 12 Uhr, nicht weit von meinem Hause, sah ich einen +ganz in Feuer brennenden Mann. An seinem Leibe konnte man alle Rippen +zählen. Er hielt seine Straße von einem Marktstein zum andern, bis er +nach Mitternacht plötzlich verschwand. Viel Menschen sind durch ihn +in Furcht und Schrecken gerathen, weil er durch Maul und Nase Feuer +ausspie und in einer fliehenden Schnelligkeit hin und her flog, die +Kreuz und die Quer.”</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_284">284.<br> +Die verwünschten Landmesser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Meckelnburg.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Irrwische, welche Nachts an den Ufern und Feldrainen hin und her +streifen, sollen ehdem Landmesser gewesen seyn und die Marken trüglich +gemessen haben. Darum sind sie verdammt, nach ihrem Leben umzugehen und +die Grenzen zu hüten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_285">285.<br> +Der verrückte Grenzstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Erasm. Francisci</em> höll. + Proteus S. 422.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Feld um Eger herum läßt sich nicht selten ein Gespenst in +Gestalt eines Mannsbildes sehen, welches die Leute den Junker Ludwig +nennen. Ehedessen soll einer dieses Namens da gelebt und die Grenz- +und Marksteine des Feldes betrüglich verrückt haben. Bald nach seinem +Tode fing er nun an zu wandern und hat viel Leute durch seine Begegnung +erschreckt. Noch in jüngern Zeiten erfuhr das ein Mädchen aus der +Stadt. Es ging einmal allein vor dem Thore und gerieth von ungefähr +in die berüchtigte Gegend. An der Stätte, wo der Markstein, wie man +sagt, verrückt seyn soll, wandelte ihr ein Mann entgegen, gerade so +aussehend, als man ihr schon mehrmals die Erscheinung des bösen Junkers +beschrieben<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> hatte. Er ging auf sie an, griff ihr mit der Faust an die +Brust und verschwand. In tiefster Entsetzung ging das Mädchen heim zu +den Ihrigen und sprach: “ich hab mein Theil.” Da fand man ihre Brust, +da wo der Geist sie angerührt hatte, schwarz geworden. Sie legte sich +gleich zu Bette und verschied dritten Tags darauf.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_286">286.<br> +Der Grenzstreit.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Wilmshausen, einem hessischen Dorf unweit Münden, war vormals +Uneinigkeit zwischen der Gemeinde und einer benachbarten über ihre +Grenze entsprungen. Man wußte sie nicht recht mehr auszumitteln. Also +kam man übereins, einen Krebs zu nehmen und ihn über das streitige +Ackerfeld laufen zu lassen, folgte seinen Spuren und legte die +Marksteine danach. Weil er nun so wunderlich in die Kreuz und Quer +lief, ist daselbst eine sonderbare Grenze mit mancherlei Ecken und +Winkeln bis auf heutigen Tag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_287">287.<br> +Der Grenzlauf.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wyß</em> a. a.O. S. 80-100. + vgl. 317.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ueber den Klußpaß und die Bergscheide hinaus vom Schächenthale weg +erstreckt sich das Urner Gebiet<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> am Fletschbache fort und in Glarus +hinüber. Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre +Landesgrenze, beleidigten und schädigten einander täglich. Da ward +von den Biedermännern der Ausspruch gethan: zur Tag- und Nachtgleiche +solle von jedem Theil frühmorgens, sobald der Hahn krähe, ein +rüstiger, kundiger Felsgänger ausgesandt werden, und jedweder nach dem +jenseitigen Gebiet zulaufen und da, wo sich beide Männer begegneten, +die Grenzscheide festgesetzt bleiben, das kürzere Theil möge nun +fallen dießeits oder jenseits. Die Leute wurden gewählt und man dachte +besonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht verkrähe +und die Morgenstunde auf das allerfrühste ansagte. Und die Urner +nahmen einen Hahn, setzten ihn in einen Korb und gaben ihm sparsam zu +essen und saufen, weil sie glaubten, Hunger und Durst werde ihn früher +wecken. Dagegen die Glarner fütterten und mästeten ihren Hahn, daß +er freudig und hoffärtig den Morgen grüßen könne, und dachten damit +am besten zu fahren. Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag +erschien, da geschah es, daß zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst +erkrähte, kaum wie es dämmerte, und froh brach der urner Felsenklimmer +auf, der Marke zu laufend. Allein im Linthal drüben stand schon die +volle Morgenröthe am Himmel, die Sterne waren verblichen und der fette +Hahn schlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde, +aber es galt die Redlichkeit und keiner wagte es, ihn aufzuwecken; +endlich schwang er<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span> die Flügel und krähte. Aber dem glarner Läufer +wirds schwer seyn, dem urner den Vorsprung wieder abzugewinnen! +Ängstlich sprang er, und schaute gegen das Scheideck, wehe da sah er +oben am Giebel des Grats den Mann schreiten und schon bergabwärts +niederkommen; aber der Glarner schwang die Fersen und wollte seinem +Volke noch vom Lande retten, so viel als möglich. Und bald stießen +die Männer auf einander und der von Uri rief: “hier ist die Grenze!” +“Nachbar,” sprach betrübt der von Glarus, “sey gerecht und gib mir +noch ein Stück von dem Weidland, das du errungen hast!” Doch der Urner +wollte nicht, aber der Glarner ließ ihm nicht Ruh, bis er barmherzig +wurde und sagte: “so viel will ich dir noch gewähren, als du mich an +deinem Hals tragend bergan laufst.” Da faßte ihn der rechtschaffene +Sennhirt von Glarus und klomm noch ein Stück Felsen hinauf, und manche +Tritte gelangen ihm noch, aber plötzlich versiegte ihm der Athem und +todt sank er zu Boden. Und noch heutiges Tags wird das Grenzbächlein +gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner +getragen habe. In Uri war große Freude ob ihres Gewinnstes, aber auch +die zu Glarus gaben ihrem Hirten die verdiente Ehre und bewahrten seine +große Treue in steter Erinnerung.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_288">288.<br> +Die Alpschlacht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Stalder</em> Fragmente über + Entlebuch. Zürich 1797. I. S. 81-85.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden, +aber die Obwaldner waren im Besitz und trieben ihr Vieh darauf. Weil +sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten +sie Wächter zu ihrer Heerde. Die geschwinden und feinen Entlebucher +dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und +ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses +ahnten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen +verkürzten, schlichen kühne entlebucher Hirten auf die schlechtbewahrte +Trift, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und +führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen mußte zurückbleiben +und so lange mit den Kühglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr +sicher wären. Er thats, warf dann all den Klumpen von Schellen auf +den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden +Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie +wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen +jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten. +Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch +dazu geschlagen; das ihnen damals abgewonnene Fähnlein bewahren die +Entlebucher noch heutiges Tags in ihrer Heimlichkeit (einem<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> alten +Thurm im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich +ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht +genannt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_289">289.<br> +Der Stein bei Wenthusen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Quedlinburger Sammlung. S. 150. 154.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wenthusen im Quedlinburgischen war vorzeiten ein Frauenkloster und kam +nachher an die Grafen von Regenstein, nach deren Absterben an andere +Herrn. Man gibt vor, es läge auf diesem Gut von Klosterzeiten her noch +ein Stein, der stets unberührt und unbeschädigt liegen bleiben müßte, +wo nicht dem Besitzer ein großes Unglück widerfahren sollte. Einer +derselben soll ihn aus Neugierde haben wegnehmen lassen, aber dafür auf +alle mögliche Art und Weise so lange gequält worden seyn, bis der Stein +wieder auf seiner rechten Stelle gelegen habe.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_290">290.<br> +Die altenberger Kirche.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">J.B. Heller’s</em> Merkwürdigk. + Thüringens. I. 59. 466.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thür. Chronik + II. 273. Anm. b. III. 1272.</div> + </div> + +</div> + +<p>Oberhalb dem Dorfe Altenberg im Thüringer Wald liegt auf einem hohen +Berg luftig zwischen Bäumen das Kirchlein des Orts, die Johannes-Kirche +genannt. Wegen des beschwerlichen Wegs dahin, besonders im<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> Winter +bei Glatteis und wenn Leichen oder Kinder zur Taufe hinauf zu tragen +waren, wollten, nach der Sage, die Altenberger die Kirche abbrechen und +unten im Dorfe aufrichten, aber sie waren es nicht vermögend. Denn was +sie heute abgetragen und ins Thal herabgebracht hatten, fanden sie am +andern Morgen wieder an seiner Stelle in gehöriger Ordnung oben auf der +Capelle, also daß sie von ihrem Vorhaben abstehen mußten.</p> + +<p>Diese Kirche hat der heil. Bonifacius gestiftet und auf dem Berge +öfters geprediget. Einmal als er es dort unter freiem Himmel +that, geschah es, daß eine große Menge Raben, Dohlen und Krähen +herbeigeflogen kamen und ein solches Gekrächz und Geschrei anfingen, +daß die Worte des heil. Bonifacius nicht mehr konnten verstanden +werden. Da bat er Gott, daß er solchen Vögeln in diese Gegend zu kommen +nimmermehr erlaube. Seine Bitte wurde ihm gewährt und man hat sie +hernach nie wieder an diesem Orte gesehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_291">291.<br> +Der König im lauenburger Berg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kornmann</em> + <span class="antiqua">mons Veneris</span>.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried’s</em> + <span class="antiqua">medulla p. 482.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Valvassor</em> Ehre von Crain + I. 247.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf einem Berg bei der Lauenburg in Cassuben fand man 1596. eine +ungeheure Kluft. Der Rath hatte zwei Missethäter doch zum Tod +verurtheilt und<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> schenkte ihnen unter der Bedingung das Leben, daß sie +diesen Abgrund besteigen und besichtigen sollten. Als diese hinein +gefahren waren, erblickten sie unten auf dem Grund einen schönen +Garten, darin stand ein Baum mit lieblich-weißer Blüte; doch durften +sie nicht daran rühren. Ein Kind war da, das führte sie über einen +weiten Plan hin zu einem Schloß. Aus dem Schloß ertönte mancherlei +Saitenspiel, wie sie eintraten, saß da ein König auf silbernem Stuhl, +in der einen Hand einen goldnen Scepter, in der andern einen Brief. Das +Kind mußte den Brief den beiden Missethätern überreichen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_292">292.<br> +Der König im lauenburger Berg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprichw. 389. 390.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man hat gesagt bei Menschen Gezeiten her und niemand weiß, von wem es +ausgekommen ist: “es soll der <em class="gesperrt">Schwanberg</em> noch mitten in Schweiz +liegen,” das ist ganz Deutschland wird Schweiz werden. Diese Sage ist +gemein und ungeachtet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_293">293.<br> +Der Robbedisser Brunn.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Letzner</em> Dasselische Chronik. B. + <span class="antiqua">VIII. c.</span> 10.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wenn man von Dassel über die Höhe, Bier genannt, und über den Kirchberg +gehen will, hat man<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> zur linken Hand einen Ort Namens Robbedissen, +wo ein Quellbrunn fließt. Von diesem, von dem schwarzen Grund hinter +dem Gericht und der großen Pappel vor Eilenhausen haben die Leute der +Gegend den festen Glauben: wann der robbedisser Brunn seine Stätte +verrücke, der schwarze Grund der andern Erde gleich werde, und der +große eilenhäuser Pappelbaum verdorre und vergehe, alsdann werde in der +Schöffe, einem Feld zwischen Eilenhausen und Markoldendorf, eine große, +blutige Schlacht gehalten werden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_294">294.<br> +Bamberger Wage.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Manlii</span></em> + <span class="antiqua">loc. comm. collect. p. 46.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Bamberg, auf Kaiser Heinrichs Grab, ist die Gerechtigkeit mit einer +Wagschale in der Hand eingehauen. Die Zunge der Wage steht aber nicht +in der Mitte, sondern neigt etwas auf eine Seite. Es gehet hierüber ein +altes Gerücht, daß, sobald das Zünglein ins Gleiche komme, die Welt +untergehen werde.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_295">295.<br> +Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Georg Draud</em> fürstliche + Tischreden. I.</div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Fischart</em> Gargantua + 266 <span class="antiqua">b</span>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Etliche wollen, daß Kaiser Friedrich, als er aus der Gefangenschaft bei +den Türken befreit worden, gen Kaiserslautern gekommen und daselbst +seine Wohnung<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> lange Zeit gehabt. Er baute dort das Schloß, dabei einen +schönen See oder Weiher, noch jetzt der Kaisersee genannt, darin soll +er einmal einen großen Karpfen gefangen und ihm zum Gedächtniß einen +güldenen Ring von seinem Finger an ein Ohr gehangen haben. Derselbige +Fisch soll, wie man sagt, ungefangen in dem Weiher bleiben, bis auf +Kaiser Friedrichs Zukunft. Auf eine Zeit, als man den Weiher gefischt, +hat man zwei Karpfen gefangen, die mit güldenen Ketten um die Hälse +zusammen verschlossen gewesen, welche noch bei Menschen-Gedächtniß zu +Kaiserslautern an der Metzler-Pforte in Stein gehauen sind. Nicht weit +vom Schloß war ein schöner Thiergarten gebauet, damit der Kaiser alle +wunderbarliche Thier vom Schloß aus sehen konnte, woraus aber seit der +Zeit ein Weiher und Schieß-Graben gemacht worden. Auch hängt in diesem +Schloß des Kaisers Bett an vier eisernen Ketten und, als man sagt, +so man das Bett zu Abend wohl gebettet, war es des Morgens wiederum +zerbrochen, so daß deutlich jemand über Nacht darin gelegen zu haben +schien.</p> + +<p>Ferner: zu Kaiserslautern ist ein Felsen, darin eine große Höhle oder +Loch, so wunderbarlich, daß niemand weiß, wo es Grund hat. Doch ist +allenthalben das gemeine Gerücht gewesen, daß Kaiser Friedrich, der +Verlorne, seine Wohnung darin haben sollte. Nun hat man einen an einem +Seil hinabgelassen und oben an das Loch eine Schelle gehangen, wann +er nicht weiter könne, daß er damit läute, so wolle man ihn<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> wieder +heraufziehen. Als er hinab gekommen, hat er den Kaiser Friedrich in +einem güldenen Sessel sitzen sehen, mit einem großen Barte. Der Kaiser +hat ihm zugesprochen und gesagt, er solle mit niemand hier reden, so +werde ihm nichts geschehen, und solle seinem Herrn erzählen, daß er ihn +hier gesehen. Darauf hat er sich weiter umgeschaut und einen schönen +weiten Plan erblickt und viel Leut, die um den Kaiser standen. Endlich +hat er seine Schelle geläutet, ist ohne Schaden wieder hinauf gekommen +und hat seinem Herrn die Botschaft gesagt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_296">296.<br> +Der Hirt auf dem Kiffhäuser.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Georg Draud</em> fürstliche + Tischreden I.</div> + </div> + +</div> + +<p>Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege, +darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden. +Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte, +fing an auf seiner Sackpfeife zu pfeifen und als er meinte, er habe +ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: “Kaiser Friedrich, das +sey dir geschenkt!” Da soll sich der Kaiser hervorgethan, dem Schäfer +offenbart und zu ihm gesprochen haben: “Gott grüß dich, Männlein, wem +zu Ehren hast du gepfiffen?” “Dem Kaiser Friedrich,” antwortete der +Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: “hast du das gethan, so komm mit +mir, er soll dir darum lohnen.” Der Hirt sagte: “ich darf nicht von +den Schafen gehen.”<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Der Kaiser aber antwortete: “folge mir nach, +den Schafen soll kein Schaden geschehen.” Der Hirt folgte ihm und +der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit +von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer +eisernen Thür, die alsbald aufging, nun zeigte sich ein schöner, großer +Saal, darin waren viel Herrn und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeigten. +Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und +fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt +antwortete: “keinen.” Da sprach aber der Kaiser: “geh hin und nimm von +meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.” Das that der Schäfer, +wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da +zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter +und Büchsen und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen +Waffen das heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder +hinaus geleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu +einem Goldschmied, der ihn für ächtes Gold anerkannte und ihm abkaufte.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_297">297.<br> +Die drei Telle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Journal des Luxus und der Moden. Januar 1805. S. 38.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der wilden Berggegend der Schweitz um den Waldstättersee ist nach +dem Glauben der Leute und Hirten<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> eine Felskluft, worin die drei +Befreier des Landes, die <em class="gesperrt">drei Tellen</em> genannt, schlafen. Sie sind +mit ihrer uralten Kleidung angethan, und werden wieder auferstehen und +rettend hervorgehen, wann die Zeit der Noth fürs Vaterland kommt. Aber +der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder.</p> + +<p>Ein Hirtenjung erzählte folgendes einem Reisenden: sein Vater, eine +verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sey in diese Höhle +gekommen und gleich, wie er gemerkt, daß die drei drin schlafenden +Männer die drei Tellen seyen, habe auf einmal der alte eigentliche Tell +sich aufgerichtet und gefragt: “welche Zeit ists auf der Welt?” und auf +des Hirten erschrockene Antwort: “es ist hoch am Mittag” gesprochen: +“es ist noch nicht an der Zeit, daß wir kommen,” und sey darauf wieder +eingeschlafen. Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die +Noth des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie +doch nie wieder finden können.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_298">298.<br> +Das Bergmännchen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wyß</em> a.a.O. S. 1-12. vgl. 305. + 308. aus mündl. Sage.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Schweitz hat es im Volk viele Erzählungen von Berggeistern, +nicht blos auf dem Gebirg allein, sondern auch unten am Belp, zu +Gelterfingen und Rümlingen im Bernerland. Diese Bergmänner<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> sind auch +Hirten, aber nicht Ziegen, Schafe und Kühe sind ihr Vieh, sondern +Gemsen und aus der Gemsenmilch machen sie Käse, die so lange wieder +wachsen und ganz werden, wenn man sie angeschnitten oder angebissen, +bis man sie unvorsichtiger Weise völlig und auf einmal, ohne Reste +zu lassen, verzehrt. Still und friedlich wohnt das Zwergvolk in den +innersten Felsklüften und arbeitet emsig fort, selten erscheinen sie +den Menschen, oder ihre Erscheinung bedeutet ein Leid und ein Unglück; +außer wenn man sie auf den Matten tanzen sieht, welches ein gesegnetes +Jahr anzeigt. Verirrte Lämmer führen sie oft den Leuten nach Haus und +arme Kinder, die nach Holz gehen, finden zuweilen Näpfe mit Milch im +Wald stehen, auch Körbchen mit Beeren, die ihnen die Zwerge hinstellen.</p> + +<p>Vorzeiten pflügte einmal ein Hirt mit seinem Knechte den Acker, da sah +man neben aus der Felswand dampfen und rauchen. “Da kochen und sieden +die Zwerge, sprach der Knecht, und wir leiden schweren Hunger, hätten +wir doch auch ein Schüsselchen voll davon.” Und wie sie das Pflugsterz +umkehrten, siehe, da lag in der Furche ein weißes Laken gebreitet +und darauf stand ein Teller mit frischgebackenem Kuchen und sie aßen +dankbar und wurden satt. Abends beim Heimgehen war Teller und Messer +verschwunden, blos das Tischtuch lag noch da, das der Bauer mit nach +Haus nahm.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_299">299.<br> +Die Zirbelnüsse.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die Frucht der Arven oder Zirbeln, einer auf den Alpen wachsenden +Gattung Tannen (<span class="antiqua">Pinus cembra</span>), hat einen röthlichen, wohl und +süßschmeckenden Kern, fast wie Mandelnüsse sind. Allein man kann blos +selten und mit Mühe dazu gelangen, weil die Bäume meistens einzeln +über Felsenhängen und Abgründen, selten im Wald beisammen stehen. +Die Bewohner geben allgemein vor: die Meisterschaft habe diesen Baum +verwünscht und unfruchtbar gemacht, darum weil die Dienerschaft zur +Zeit, wo sie auf dem Feld fleißig arbeiten sollen, sich damit abgegeben +hätte, ihres lieblichen Geschmacks wegen diese Nüsse abzuwerfen und zu +essen, worüber alle nöthige Arbeit versäumt oder schlecht gethan worden +wäre.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_300">300.<br> +Das Paradies der Thiere.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis im Visperthal.</div> + </div> + +</div> + +<p>Oben auf den hohen und unersteiglichen Felsen und Schneerücken des +Mattenbergs soll ein gewisser Bezirk liegen, worin die schönsten Gemsen +und Steinböcke, außerdem aber noch andere wunderbare und seltsame +Thiere, wie im Paradies zusammen hausen und weiden. Nur alle zwanzig +Jahre kann es einem Menschen<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> gelingen, in diesen Ort zu kommen und +wieder unter zwanzig Gemsenjägern nur einem einzigen. Sie dürfen +aber kein Thier mit herunter bringen. Die Jäger wissen manches von +der Herrlichkeit dieses Orts zu erzählen, auch daß daselbst in den +Bäumen die Namen vieler Menschen eingeschnitten ständen, die nach +und nach dort gewesen wären. Einer soll auch einmal eine prächtige +Steinbockshaut mit herausgebracht haben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_301">301.<br> +Der Gemsjäger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wyß</em> a. a. O. + S. 43-61. vgl. 312.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat und immer weiter +klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher +Zwerg vor ihm, der sprach zornig: “warum erlegst du mir lange schon +meine Gemsen und lässest mir nicht meine Heerde? jetzt sollst du’s +mit deinem Blute theuer bezahlen!” Der Jäger erbleichte und wäre +bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um +Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten. +Der Zwerg sprach: “gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so +verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag Morgenfrüh vor deiner +Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte +dich mir und schone die andern.” Der Zwerg verschwand und der Jäger +ging nachdenklich heim und die ruhige Lebensart<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> behagte ihm wenig. Am +siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Aesten eines Baums vor +seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt und die nächste Woche gings +eben so und dauerte ein Paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den +Jäger seiner Faulheit und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge +erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg +er auf und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte +an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er +eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den +Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund +sank.</p> + +<p>Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt, +an dem er wohl sein Lebelang hätte genug haben mögen, er es aber +unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den +Rest verschlungen. Aus Armuth habe er demnach wieder die Gemsjagd +unternommen und sey vom Zwerg in die Fluh gestürzt worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_302">302.<br> +Die Zwerglöcher.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Behrens</em> curiöser Harzwald + S. 37. 75. 76.</div> + </div> + +</div> + +<p>Am Harz in der Grafschaft Hohenstein, sodann zwischen Elbingerode +und dem Rübenland, findet man oben in den Felsenhöhlen an der Decke +runde und andere<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> Öffnungen, die der gemeine Mann <em class="gesperrt">Zwerglöcher</em> +nennt, wo die Zwerge vor Alters, vermittelst einer Leiter, ein- und +ausgestiegen seyn sollen. Diese Zwerge erzeigten den Einwohnern zu +Elbingerode alle Güte. Fiel eine Hochzeit in der Stadt vor, so gingen +die Eltern oder Anverwandten der Verlobten nach solchen Höhlen und +verlangten von den Zwergen messingne und kupferne Kessel, eherne +Töpfe, zinnerne Schüssel und Teller und ander nöthiges Küchengeschirr +mehr. Darauf traten sie ein wenig abwärts, und gleich hernach stellten +die Zwerge die gefoderten Sachen vor den Eingang der Höhle hin. Die +Leute nahmen sie sodann weg und mit nach Haus; wann aber die Hochzeit +vorbei war, brachten sie alles wieder zur selben Stelle, setzten zur +Dankbarkeit etwas Speise dabei.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_303">303.<br> +Der Zwerg und die Wunderblume.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 145-150.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein junger, armer Schäfer aus Sittendorf an der südlichen Seite des +Harzes in der goldnen Aue gelegen, trieb einst am Fuß des Kyffhäusers +und stieg immer trauriger den Berg hinan. Auf der Höhe fand er eine +wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen, pflückte und +steckte sie an den Hut, seiner Braut ein Geschenk damit zu machen. +Wie er so weiter ging, fand er oben auf der alten Burg ein Gewölbe<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> +offenstehen, blos der Eingang war etwas verschüttet. Er trat hinein, +sah viel kleine glänzende Steine auf der Erde liegen und steckte seine +Taschen ganz voll damit. Nun wollte er wieder ins Freie, als eine +dumpfe Stimme erscholl: “vergiß das Beste nicht!” Er wußte aber nicht +wie ihm geschah und wie er herauskam aus dem Gewölbe. Kaum sah er die +Sonne und seine Heerde wieder, schlug die Thür, die er vorher gar nicht +wahrgenommen, hinter ihm zu. Als der Schäfer nach seinem Hut faßte, war +ihm die Blume abgefallen beim Stolpern. Urplötzlich stand ein Zwerg vor +ihm: “wo hast du die Wunderblume, welche du fandest?” “Verloren,” sagte +betrübt der Schäfer. “Dir war sie bestimmt,” sprach der Zwerg, “und sie +ist mehr werth, denn die ganze Rothenburg.” Wie der Schäfer zu Haus in +seine Taschen griff, waren die glimmernden Steine lauter Goldstücke. +Die Blume ist verschwunden und wird von den Bergleuten bis auf heutigen +Tag gesucht, in den Gewölben des Kyffhäusers nicht allein, sondern +auch auf der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes, weil +verborgene Schätze rucken.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_304">304.<br> +Der Nix an der Kelle.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar’s</em> Volkssagen. vgl. + <em class="gesperrt">Behrens</em> S. 82.</div> + </div> + +</div> + +<p>An der Kelle, einem kleinen See, unweit Werne im Hohensteinischen, +wohnten sonst Nixen. Einmal<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> hohlte der Nix des Nachts die Hebamme +aus einem Dorfe und brachte sie unter großen Versprechungen zu der +Untiefe hin, wo er mit seinem Weibe wohnte. Er führte sie hinab in +das unterirdische Gemach, wo die Hebamme ihr Amt verrichtete. Der +Nix belohnte sie reichlich. Eh sie aber wegging, winkte ihr die +Kindbetterin und klagte heimlich mit einem Thränenstrom, daß der Nix +das neugeborene Kind bald würgen würde. Und wirklich sah die Hebamme +einige Minuten nachher auf der Oberfläche des Wassers einen blutrothen +Strahl. Das Kind war ermordet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_305">305.<br> +Schwarzach.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Badische Wochenschrift 1807. St. 17. Sp. 268. und + St. 34. Sp. 543.</div> + </div> + +</div> + +<p>Von der alten Burg Schwarzach in der Pfalz hat es zweierlei Sagen. Ein +Ritter lebte da vorzeiten, dessen Töchterlein, als sie am See auf der +Wiese spielte, von einer großen Schlange, die aus dem Felsen kam, in +den See gezogen wurde. Der Vater ging tagtäglich ans Ufer und klagte. +Einmal glaubte er eine Stimme aus dem Wasser zu vernehmen und er rief +laut: “gib mir ein Zeichen, mein Töchterlein!” Da schlug ein Glöcklein +an. Fortan hörte er es jeden Tag schallen, und einmal lautete es heller +und der Ritter vernahm die Worte: “ich lebe, mein Vater, bin aber an +die Wasserwelt gebannt; lang hab ich mich gewehrt, aber der erste Trunk +hat mich um die Freiheit gebracht;<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> hüte dich vor diesem Trunk.” Der +Vater blieb traurig stehen, da traten zwei Knaben zu und reichten ihm +aus einem güldenen Becher zu trinken. Er kostete ihn kaum, so stürzte +er in den See und sank unter.</p> + +<p>Eine andre Erzählung erwähnt eines alten, blinden Ritters, der mit +seinen neun Töchtern auf Schwarzach lebte. Nah dabei hauste ein Räuber +im Wald, der den Töchtern lange vergeblich nachstellte. Eines Tags kam +er in Pilgrimkleidern und sagte den Jungfrauen: “wenn ihr euren Vater +heilen wollt, so weiß ich drunten in der kalten Klinge ein Kraut dafür, +das muß gebrochen werden, eh die Sonne aufgeht.” Die Töchter baten, daß +er es ihnen zeige. Als sie nun frühmorgens hinab in die kalte Klinge +kamen, mordete sie der Bösewicht alle neun und begrub sie zur Stelle. +Der Vater starb. Dreißig Jahre später trieb den Mörder die Reue, daß er +die Todtengebeine ausgraben und in geweihte Erde legen ließ.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_306">306.<br> +Die drei Jungfern aus dem See.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Badische Wochenschrift 1806. St. 21. Sp. 342.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend +drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des +Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche +Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas eignes +und keine Spinnerin konnte<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> so fein und behend den Faden drehen. Aber +mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und +ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man +wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie +nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die +Bursche sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des +Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit +ihnen zu sprechen, und nichts that ihm leider, als daß sie jeden Abend +schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und +stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück und Abends im steten Gespräch +und Scherz merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke +eilf schlug, es aber schon eigentlich zwölf war, standen die drei +Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden +Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und +sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die +Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und +starb kurz darnach.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_307">307.<br> +Der todte Bräutigam.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 105-109.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Adlicher verlobte sich zu Magdeburg mit einer schönen Fräulein. +Da geschahs, daß der Bräutigam<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> in die Elbe fiel, wo man ihn drei +Tage suchte und nicht finden konnte. Die ganze Verwandtschaft war in +tiefer Bekümmerniß, endlich kam ein Schwarzkünstler zu der Liebsten +Eltern und sprach: “den ihr suchet, hat die Nixe unterm Wasser und +wird ihn auch lebendig nicht loslassen, es sey dann, daß eure Tochter +und ihr Liebster Leib und Seele der Nixe verschwören, oder daß eure +Tochter sich flugs an seiner Statt von den Nixen das Leben nehmen +lasse, oder auch, daß der Bräutigam sich der Nixe verspreche, welches +er aber jetzund nicht thun will.” Die Braut wollte sich gleich für +ihren Liebsten stellen, allein die Eltern bewilligten es nicht, sondern +drangen in den Zauberer, daß er den Bräutigam schaffen solle, lebendig +oder todt. Bald darauf fand man seinen Leichnam am Ufer liegen, ganz +voll blauer Flecken. — Ein ähnliches soll sich mit dem Bräutigam einer +Fräulein von Arnheim begeben haben, der auch im Wasser umgekommen war. +Weil man aber die Stelle nicht wußte, brachte ein Zauberer durch seine +Kunst zuwege, daß der Leichnam dreimal aus dem Wasser hervorsprang, +worauf man an dem Ort suchte und den Todten im Grunde des Flusses fand.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_308">308.<br> +Der ewige Jäger.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Nach einem Meistergesang <em class="gesperrt">Michael + Beham’s</em>, <span class="antiqua">MS. Vatic.</span> 312. Bl. 165. + mitgetheilt in der Sammlung für altd. Lit. u. Kunst von + <em class="gesperrt">Hagen</em> u. a. S. 43-45.</div> + </div> + +</div> + +<p>Graf Eberhard von Würtenberg ritt eines Tages allein in den grünen Wald +aus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes +Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüber käme; erschrack +heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestanden und auf eines Baumes +Tolde getreten war, den Geist: ob er ihm schaden wolle? “Nein,” sprach +die Gestalt, “ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz +allein, war vordem ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust, +daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen, bis zu dem jüngsten +Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört und schon fünfthalb hundert Jahre +jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel +sind aber noch niemanden offenbart worden.” Graf Eberhard sagte: “zeig +mir dein Angesicht, ob ich dich etwan erkennen möge?” Da entblößte sich +der Geist, sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt, wie eine Rübe +und gerunzelt, als ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und +verschwand, der Graf kehrte heim in sein Land zurück.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_309">309.<br> +Hans Jagenteufel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Journal von und für Deutschl. 1787. II. Nr. 27.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + II. 69-72.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man glaubt: wer eine der Enthauptung würdige Unthat verrichte, die bei +seinen Lebzeiten nicht herauskomme, der müsse nach dem Tod mit dem Kopf +unterm Arm umgehen.</p> + +<p>Im Jahr 1644. ging ein Weib aus Dresden eines Sonntags früh in einen +nahen Wald, daselbst Eicheln zu lesen. In der Heide an einem Grund +nicht weit von dem Orte, das verlorene Wasser genannt, hörte sie +stark mit dem Jägerhorn blasen, darauf that es einen harten Fall, als +ob ein Baum fiele. Das Weib erschrack und barg ihr Säcklein Eicheln +ins Gestrüpf, bald darauf blies das Horn wieder und als sie umsah, +erblickte sie auf einem Grauschimmel in langem grauen Rock einen Mann +ohne Kopf reiten, er trug Stiefel und Sporn und hatte ein Hifthorn über +dem Rücken hangen. Weil er aber ruhig vorbei ritt, faßte sie wieder +Muth, las ihre Eicheln fort und kehrte Abends ungestört heim. Neun Tage +später kam die Frau in gleicher Absicht in dieselbe Gegend und als +sie am Försterberg niedersaß, einen Apfel zu schälen, rief hinter ihr +eine Stimme: “habt ihr den Sack voll Eicheln und seyd nicht gepfändet +worden?” “Nein,” sprach sie, “die Förster sind fromm und haben mir +nichts gethan, Gott, biß mir Sünder gnädig!” — mit diesen Worten<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> +drehte sie sich um, da stand derselbe Graurock, aber ohne Pferd, wieder +und hielt den Kopf mit bräunlichem, krausendem Haar unter dem Arm. Die +Frau fuhr zusammen, das Gespenst aber sprach: “hieran thut ihr wohl, +Gott um Vergebung eurer Sünden zu bitten, mir hats nicht so wohl werden +können.” Darauf erzählte es: vor 130 Jahren habe er gelebt und wie sein +Vater Hans Jagenteufel geheißen. Sein Vater habe ihn oft ermahnt, den +armen Leuten nicht zu scharf zu seyn, er aber die Lehre in den Wind +geschlagen und dem Saufen und Trinken obgelegen und Böses genug gethan. +Darum müsse er nun als ein verdammter Geist umwandern.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_310">310.<br> +Des Hackelnberg Traum.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 249. 250.</div> + </div> + +</div> + +<p>Hans von Hackelnberg war braunschweigischer Oberjägermeister und ein +gewaltiger Weidmann. Einer Nacht hatte er auf der Harzburg einen +schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber +kämpfe, der ihn nach langem Streit zuletzt besiegte. Diesen Traum +konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit +darnach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, dem im Traum +gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden; +endlich gewann Hans und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als +er ihn so zu<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den +schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: “du sollst es mir noch +nicht thun!” Aber er hatte mit solcher Gewalt gestoßen, daß der scharfe +Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete +Hackelnberg der Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner +Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel +vom Bein getrennt werden mußte. Er eilte nach Wolfenbüttel zurück; +die Erschütterung des Wagens wirkte so schädlich, daß er mit genauer +Mühe das Hospital zu Wülperode erreichte und bald daselbst starb. Auf +seinem Grabe liegt ein Stein, der einen geharnischten Ritter auf einem +Maulthier vorstellt.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_311">311.<br> +Die Tut-Osel.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 241 ff.</div> + </div> + +</div> + +<p>Mitternachts wann in Sturm und Regen der Hackelnberg “fatscht”<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> +und auf dem Wagen mit Pferd und Hunden durch den Thüringerwald, den +Harz und am liebsten durch den Hackel zieht, pflegt ihm eine Nachteule +voranzufliegen, welche das Volk: die <em class="gesperrt">Tut-Osel</em> nennt. Wanderer, +denen sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den +wilden Jäger über sich wegfahren; und bald hören sie Hundebellen<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> und +den Waidruf: hu hu! — In einem fernen Kloster zu Thüringen lebte +vorzeiten eine Nonne, <em class="gesperrt">Ursel</em> geheißen, die störte mit ihrem +heulenden Gesang noch bei Lebzeiten den Chor; daher nannte man sie +<em class="gesperrt">Tut-Ursel</em>. Noch ärger wurde es nach ihrem Tode, denn von elf Uhr +Abends steckte sie den Kopf durch ein Loch des Kirchthurms und tutete +kläglich und alle Morgen um vier Uhr stimmte sie ungerufen in den +Gesang der Schwestern. Einige Tage ertrugen sie es; den dritten Morgen +aber sagte eine voll Angst leise zu ihrer Nachbarin: “das ist gewiß +die Ursel!” Da schwieg plötzlich aller Gesang, ihre Haare sträubten +sich zu Berge und die Nonnen stürzten aus der Kirche, laut schreiend: +“Tut-Ursel, Tut-Ursel!” Und keine Strafe konnte eine Nonne bewegen, die +Kirche zu betreten, bis endlich ein berühmter Teufelsbanner aus einem +Capucinerkloster an der Donau gehohlt wurde. Der bannte Tut-Ursel in +Gestalt einer Ohreule in die Dummburg auf den Harz. Hier traf sie den +Hackelnberg und fand an seinem huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem +uhu! und so ziehen sie beide zusammen auf die Luftjagd.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> fatschen braucht man, wenn die Füße der Pferde im zähen +Koth und Moor schnalzen.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_312">312.<br> +Die schwarzen Reuter und das Handpferd.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Hanauer Landcalender vom Jahr 1730.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Hilscher</em> vom wüthenden Heer. + Dresden 1702. S. 31. 32.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es soll vorzeiten der Rechenberger, ein Raub- und Diebsritter, mit +seinem Knecht eines Nachts auf Beute<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> ausgeritten seyn. Da begegnete +ihnen ein Heer schwarzer Reuter; er wich aus, konnte sich aber nicht +enthalten, den letzten im Zug, der ein schön gesattelt, leeres +Handpferd führte, zu fragen: wer diese wären, die da vorübergeritten? +Der Reuter versetzte: “<em class="gesperrt">das wütende Heer</em>.” Drauf hielt auch der +Knecht an und frug: wem doch das schöne Handpferd wäre? Dem wurde zur +Antwort: “seines Herrn treustem Knecht, welcher übers Jahr todt seyn +und auf diesem Pferd reiten werde.” Dieses <em class="gesperrt">Rechenbergers Knecht</em> +wollte sich nun bekehren und dingte sich zu einem Abt als Stallknecht. +Binnen Jahresfrist wurde er mit seinem Nebenknecht uneins, der ihn +erstach.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_313">313.<br> +Der getreu Eckhart.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Vorrede des Heldenbuchs, ganz zuletzt.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Agricola</em> Sprichw. 667.</div> + <div class="angabe">Hanauischer Landcalender a. a. O.</div> + </div> + +</div> + +<p>Man sagt von dem treuen Eckhart, daß er vor dem Venusberg oder +Höselberg sitze und alle Leute warne, die hineingehen wollen. Johann +Kennerer, Pfarrherr zu Mansfeld, seines Alters über achtzig Jahr, +erzählte, daß zu Eisleben und im ganzen Lande Mansfeld das <em class="gesperrt">wütend +Heer</em> vorübergezogen sey, alle Jahr auf den Faßnacht Dornstag und +die Leute sind zugelaufen und haben darauf gewartet; nicht anders, als +sollte ein großer mächtiger Kaiser oder König vorüberziehen.<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span> Vor dem +Haufen ist ein alter Mann hergangen mit einem weißen Stab, hat sich +selbs den <em class="gesperrt">treuen Eckhart</em> geheißen. Dieser Mann hat die Leute +heißen aus dem Wege weichen, auch etliche Leute gar heimgehen, sie +würden sonst Schaden nehmen. Nach diesem Mann haben etliche geritten, +etliche gegangen und es sind Leute gesehen worden, die neulich an den +Orten gestorben waren, auch der eins Theils noch lebten. Einer hat +geritten auf einem Pferde mit zwein Füßen. Der ander ist auf einem Rade +gebunden gelegen und das Rad ist von selbs umgelaufen. Der dritte hat +einen Schenkel über die Achsel genommen und hat gleich sehr gelaufen. +Ein ander hat kein Kopf gehabt und der Stück ohn Maßen. In Franken ists +noch neulich geschehen und zu Heidelberg am Neckar hat mans oft im Jahr +gesehen. Das wütende Heer erscheint in Einöden, in der Luft und im +Finstern, mit Hundegebell, Blasen auf Waldhörnern und Brüllen wilder +Thiere; auch siehet man dabei Hasen laufen und höret Schweine grunzen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_314">314.<br> +Das Fräulein vom Willberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Corvei’schen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Mann aus Wehren bei Höxter ging nach der Amelungs-Mühle, Korn +zu malen; auf dem Rückweg wollt er sich ein wenig am Teich im Lau +ausruhen.<span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span> Da kam ein Fräulein von dem Willberg, welcher Godelheim +gegenüber liegt, herab, trat zu ihm und sprach: “bringt mir zwei Eimer +voll Wasser oben auf die Stolle (Spitze) vom Willberg, dann sollt ihr +gute Belohnung haben.” Er trug ihr das Wasser hinauf; oben aber sprach +sie: “Morgen um diese Stunde kommt wieder und bringt den Busch Blumen +mit, welchen der Schäfer vom Osterberge auf seinem Hut trägt.” Der +Mann foderte den andern Tag die Blumen von dem Osterbergs-Schäfer und +erhielt sie, doch erst nach vielem Bitten. Darauf ging er wieder zu +der Stolle des Willbergs, da stand das Fräulein, führte ihn zu einer +eisernen Thüre und sprach: “halte den Blumen-Busch vors Schloß.” Wie er +das that, sprang die Thüre gleich auf und sie traten hinein; da saß in +der Berghöhle ein klein Männlein vor dem Tisch, dessen Bart ganz durch +den steinernen Tisch gewachsen war, ringsherum aber standen große, +übermächtige Schätze. Der Schäfer legte vor Freude seinen Blumen-Busch +auf den Tisch und fing an, sich die Taschen mit Gold zu füllen. Das +Fräulein aber sprach zu ihm: “vergeßt das Beste nicht!” Der Mann sah +sich um und glaubte, damit wäre ein großer Kronleuchter gemeint, wie er +aber darnach griff, kam unter dem Tisch eine Hand hervor und schlug ihm +ins Angesicht. Das Fräulein sprach nochmals: “vergeßt das Beste nicht!” +Er hatte aber nichts, als die Schätze im Sinn und an den Blumen-Busch +dachte er gar nicht. Als er seine Taschen gefüllt hatte, wollte er +wieder fort, kaum aber<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> war er zur Thüre hinaus, so schlug sie mit +entsetzlichem Krachen zu. Nun wollt’ er seine Schätze ausladen, aber er +hatte nichts, als Papier in der Tasche; da fiel ihm der Blumen-Busch +ein und nun sah er, daß dieser das Beste gewesen und ging traurig den +Berg herunter nach Haus.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_315">315.<br> +Der Schäfer und der Alte aus dem Berg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Wernigerode.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nicht weit von der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Thale eine +Vertiefung in steinigem Erdboden, welche das Weinkeller-Loch genannt +wird und worin große Schätze liegen sollen. Vor vielen Jahren weidete +ein armer Schäfer, ein frommer und stiller Mann, dort seine Heerde. +Einmal, als es eben Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu +ihm und sprach: “folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, davon du +dir nehmen kannst, so viel du Lust hast.” Der Schäfer überließ dem +Hund die Bewachung der Heerde und folgte dem Alten. In einer kleinen +Entfernung that sich plötzlich der Boden auf, sie traten beide ein +und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem +die größten Schätze von Gold und edlen Steinen aufgethürmt lagen. Der +Schäfer wählte sich einen Goldklumpen und jemand, den er nicht sah, +sprach zu ihm: “bringe das Gold dem<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> Goldschmidt in die Stadt, der +wird dich reichlich bezahlen.” Darauf leitete ihn sein Führer wieder +zum Ausgang und der Schäfer that, wie ihm geheißen war und erhielt von +dem Goldschmidt eine große Menge Geldes. Erfreut brachte er es seinem +Vater, dieser sprach: “versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.” +“Ja, Vater,” antwortete der Schäfer, “ich habe dort meine Handschuhe +liegen lassen, wollt ihr mitgehen, so will ich sie holen.” In der +Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und den geöffneten +Boden und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles, +wie das erstemal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da; beide +luden so viel in ihre Taschen, als sie tragen konnten und gingen dann +wieder heraus, worauf sich der Eingang mit lautem Krachen hinter ihnen +schloß. Die folgende Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen, aber +sie suchten lange hin und her, ohne die Stelle des Eingangs, oder auch +nur eine Spur, zu entdecken. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und +sprach zum Schäfer: “hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, +sondern unten liegen gelassen, so würdest du auch zum drittenmal +den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir zugänglich +und geöffnet seyn; nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und +verschlossen.” Geister, heißt es, können das, was in ihrer Wohnung von +den irdischen Menschen zurückgelassen worden, nicht behalten und haben +nicht Ruh, bis es jene wieder zu sich genommen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_316">316.<br> +Jungfrau Ilse.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 171-174.</div> + <div class="angabe">Quedlinb. Sammlung. S. 204. 205.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der <em class="gesperrt">Ilsenstein</em> ist einer der größten Felsen des Harzgebirges, +liegt auf der Nordseite in der Grafschaft Wernigerode unweit Ilsenburg +am Fuß des Brockens und wird von der Ilse bespült. Ihm gegenüber +ein ähnlicher Fels, dessen Schichten zu diesem passen und bei einer +Erderschütterung davon getrennt zu seyn scheinen.</p> + +<p>Bei der Sündfluth flohen zwei Geliebte dem Brocken zu, um der immer +höher steigenden allgemeinen Ueberschwemmung zu entrinnen. Eh +sie noch denselben erreichten und gerade auf einem andern Felsen +zusammenstanden, spaltete sich solcher und wollte sie trennen. Auf +der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau; auf der +rechten der Jüngling und miteinander stürzten sie umschlungen in die +Fluten. Die Jungfrau hieß <em class="gesperrt">Ilse</em>. Noch alle Morgen schließt sie +den Ilsenstein auf, sich in der Ilse zu baden. Nur wenigen ist es +vergönnt, sie zu sehen, aber wer sie kennt, preist sie. Einst fand +sie frühmorgens ein Köhler, grüßte sie freundlich und folgte ihrem +Winken bis vor den Fels; vor dem Fels nahm sie ihm seinen Ranzen ab, +ging hinein damit und brachte ihn gefüllt zurück. Doch befahl sie +dem Köhler, er sollte ihn erst in seiner Hütte öffnen. Die Schwere +fiel ihm auf<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> und als er auf der Ilsenbrücke war, konnt er sich nicht +länger enthalten, machte den Ranzen auf und sah Eicheln und Tannäpfel. +Unwillig schüttelte er sie in den Strom, sobald sie aber die Steine der +Ilse berührten, vernahm er ein Klingeln und sah mit Schrecken, daß er +Gold verschüttet hatte. Der nun sorgfältig aufbewahrte Ueberrest in den +Ecken des Sacks machte ihn aber noch reich genug. — Nach einer andern +Sage stand auf dem Ilsenstein vorzeiten eines Harzkönigs Schloß, der +eine sehr schöne Tochter Namens Ilse hatte. Nah dabei hauste eine Hexe, +deren Tochter über alle Maßen häßlich aussah. Eine Menge Freier warben +um Ilse, aber niemand begehrte die Hexentochter, da zürnte die Hexe +und wandte durch Zauber das Schloß in einen Felsen, an dessen Fuße sie +eine nur der Königstochter sichtbare Thüre anbrachte. Aus dieser Thüre +schreitet noch jetzo alle Morgen die verzauberte Ilse und badet sich +im Flusse, der nach ihr heißt. Ist ein Mensch so glücklich und sieht +sie im Bade, so führt sie ihn mit ins Schloß, bewirthet ihn köstlich +und entläßt ihn reichlich beschenkt. Aber die neidische Hexe macht, daß +sie nur an einigen Tagen des Jahrs im Bad sichtbar ist. Nur derjenige +vermag sie zu erlösen, der mit ihr zu gleicher Zeit im Flusse badet und +ihr an Schönheit und Tugend gleicht.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_317">317.<br> +Die Heidenjungfrau zu Glatz.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aelurius</em> glätzische Chronik. + Lpzg. 1625. 4. S. 124-128. vgl. S. 86.</div> + </div> + +</div> + +<p>Alte und junge Leute zu Glatz erzählten: in der heidnischen Zeit +habe da eine gottlose, zauberhafte Jungfrau das Land beherrscht, die +mit ihrem Ranzenbogen vom Schloß herab bis zur großen eisersdorfer +Linde geschossen, als sie mit ihrem Bruder gewettet: wer den Pfeil +am weitesten schießen könnte. Des Bruders Pfeil reichte kaum auf +den halben Weg, und die Jungfrau gewann. An dieser Linde stehet die +Grenze, und sie soll so alt seyn, wie der Heidenthurm zu Glatz und +wenn sie gleich einmal oder das ander verdorret, so ist sie doch immer +ausgewachsen und stehet noch. Auf der Linde saß einmal die Wahrsagerin +und weissagte von der Stadt viel zukünftige Dinge: der Türk werde bis +nach Glatz dringen, aber wenn er über die steinerne Brücke auf den +Ring einziehe, eine schwere Niederlage erleiden durch die vom Schloß +herab auf ihn ziehenden Christen; solches werde aber nicht geschehen, +bevor ein Haufen Kraniche durch die Brotbänke geflogen. — Zum Zeichen, +daß die Jungfrau ihren Bruder mit dem Bogen überschossen, setzte man +auf der Meile hinter dem Graben zween spitzige Steine. Weil sie aber +mit ihrem eigenen Bruder unerlaubte Liebe gepflogen, war sie vom Volk +verabscheut und es wurde ihr nach dem Leben getrachtet, allein sie +wußte<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> durch ihre Zauberkunst und Stärke, da sie oftmals aus Kurzweile +ein ganzes Hufeisen zerriß, stets zu entrinnen. Zuletzt jedoch blieb +sie gefangen und in einem großen Saal, welcher bei dem Thor, dadurch +man aus dem Niederschloß ins Oberschloß gehet, vermauert. Da kam sie +ums Leben und zum Andenken stehet ihr Bildniß links deßelben Thors +an der Mauer über den tiefen Graben in Stein ausgehauen und wird bis +auf den heutigen Tag allen fremden Leuten gezeigt. Außerdem hing ihr +Gemählde im grünen Schloßsaal und in der Schloßkirche an einem eisernen +Nagel in der Wand schön gelbes Haar, etlichemal aufgeflochten nach der +Länge. Die Leute nennen es allgemein: das Haar der Heidenjungfrau; es +hanget so hoch, daß es ein großer Mann auf der Erden stehend mit der +Hand erreichen kann, ungefähr drei Schritt von der Thüre weit. Sie soll +in der Gestalt und Kleidung, wie sie abgemalet wird, öfters im Schlosse +erscheinen, beleidiget doch niemanden, außer wer sie höhnt und spottet, +oder ihre Haarflechte aus der Kirche wegzunehmen gedenkt. Zu einem +Soldat, der sie verspottet, kam sie auf die Schildwache und gab ihm mit +kalter Hand einen Backenstreich. Einem andern, der das Haar entwendet, +erschien sie Nachts, kratzte und krengelte ihn bis nahe an den Tod, +wenn er nicht schnell durch seinen Rottgesellen das Haar wieder an den +alten Ort hätte tragen lassen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_318">318.<br> +Der Roßtrapp und der Cretpfuhl.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Behrens</em> Harzwald S. 121. + und 130.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> in + <span class="antiqua">medulla p. 428.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">Orograph. h. v.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 181-186.</div> + <div class="angabe">Quedlinburger Samml. S. 125-128. 147. 148.</div> + </div> + +</div> + +<p>Den Roßtrapp oder die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer +eirunden Vertiefung, welche einige Aehnlichkeit mit dem Eindruck eines +riesenmäßigen Pferdehufs hat, in dem hohen Vorgebirge des Nordharzes, +hinter Thale. Davon folgende abweichende Sagen:</p> + +<p>1) Eines Hühnenkönigs Tochter stellte vor Zeiten die Wette an, mit +ihrem Pferde über den tiefen Abgrund, Creful genannt, von einem Felsen +zum andern zu springen. Zweimal hatte sie es glücklich verrichtet, beim +drittenmale aber schlug das Roß rückwärts über und stürzte mit ihr in +die Schlucht hinab. Darin befindet sie sich immer noch. Ein Taucher +hatte sie einmal einigen zu Gefallen um ein Trinkgeld so weit außer +Wasser gebracht, daß man etwas von der Krone sehen konnte, die sie +auf dem Haupt getragen. Als er zum drittenmal dran sollte, wagte ers +anfänglich nicht, entschloß sich zuletzt doch und vermeldete dabei: +“wenn aus dem Wasser ein Blutstrahl steigt, so hat mich die Jungfrau +umgebracht; dann eilet alle davon, daß ihr nicht auch in Gefahr +gerathet.” Wie er sagte, geschahs, ein Blutstrahl stieg auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span></p> + +<p>2) Vor Alters wohnte ein König auf den herumgelegenen alten Schlössern, +der eine sehr schöne Tochter hatte. Diese wollte ein Prinz, der sich in +sie verliebte, entführen und verband sich dazu mit dem Teufel, durch +dessen schwarze Kunst er ein Pferd aus der Hölle bekam. So entführte +er sie und beim Uebersetzen von Fels zu Felsen schlug das Roß mit dem +Hufeisen dieses Wahrzeichen ein.</p> + +<p>3) Eine Königstochter wohnte am Harz und hatte wider den Willen ihres +Vaters eine geheime Liebschaft. Um sich vor seinem Zorn zu retten, +floh sie, nahm die Königskrone mit und wollte sich in den Felsen +bergen. Auf dem Felsen jenseits, gegenüber dem Roßtrapp, sollen noch +die Radenägel ihres Fuhrwerks eingedrückt seyn. Sie wurde verfolgt und +umringt. Es war keine Rettung übrig als einen Sprung ans andre Ufer +zu wagen. Die Jungfrau sah das, da tanzte sie noch einmal zu guter +Letzt, als wäre es ihr Hochzeittag und davon bekam der Fels den Namen +<em class="gesperrt">Tanzplatz</em>. Dann that sie glücklich den großen Sprung; wo ihr Roß +den ersten Fuß hinsetzte, drückte sich sein Huf ein, fortan hieß dieser +Fels der <em class="gesperrt">Roßtrapp</em>. In der Luft war ihr aber die unschätzbare +Krone vom Haupt gefallen in einen tiefen Strudel der Bode, davon das +<em class="gesperrt">Kronenloch</em> benannt. Da liegt sie noch auf den heutigen Tag.</p> + +<p>4) Vor tausend und mehr Jahren, ehe noch die Raubritter die Hoymburg, +Leuenburg, Steckelnburg und Winzenburg erbauten, war das Land rings +um<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren, +Raub, Mord und Gewaltthat übten. Sechzigjährige Eichen rissen sie +sammt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich entgegenstellte, +wurde mit Keulen niedergeschlagen und die Weiber in Gefangenschaft +fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten. In dem Boheimer +Walde hauste dazumal ein Riese, <em class="gesperrt">Bodo</em> genannt. Alles war ihm +unterthan, nur <em class="gesperrt">Emma</em>, die Königstochter vom Riesengebirge, die +konnte er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm +nichts, denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bund. Einst aber +ersah sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen +Zelter, der meilenlange Fluren im Augenblick übersprang, er schwur, +Emma zu fahen oder zu sterben. Fast hätt’ er sie erreicht, als sie +ihn aber zwei Meilen weit von sich erblickte und an den Thorflügeln +eines zerstörten Städtleins, welche er im Schild führte, erkannte, da +schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Spornen getrieben flog +es über Berge, Klippen und Wälder durch Thüringen in die Gebirge des +Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnaubende Roß +Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf. +Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der Teufels +<em class="gesperrt">Tanzplatz</em> heißt. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr +als tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Tief +rauschte der Strom unten und kreiste in furchtbaren Wirbeln.<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> Der +entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für +einen Vorderfuß des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnauben, in +der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hülfe und ohne Besinnung +drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Spornen in die Seite. Und +das Roß sprang über den Abgrund, glücklich auf die spitze Klippe und +schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken +stoben. Das ist jener Roßtrapp. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner +gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwischen. Emma war gerettet, +aber die centnerschwere goldne Königskrone fiel während des Sprungs von +ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte +in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. (Die Bode ergießt sich +mit der Emme und Saale in die Elbe.) Hier als schwarzer Hund bewacht +er die goldne Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie +heraushohle. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen. +Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das +zahllos versammelte Volk schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber +zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das +drittemal hinabzusteigen. Er thats und ein Blutstrahl sprang hoch in +die Höhe. Der Taucher kam nimmer wieder auf. Jetzo deckt tiefe Nacht +und Stille den Ungrund, kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht +hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden. Der +Strudel heißt: der<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> <em class="gesperrt">Kreetpfuhl</em><a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> und der Fels, wo Emma die +Hülfe der Höllengeister erflehte, des Teufels <em class="gesperrt">Tanzplatz</em>.</p> + +<p>5) In Böhmen lebte vorzeiten eine Königstochter, um die ein gewaltiger +Riese warb. Der König, aus Furcht seiner Macht und Stärke, sagte sie +ihm zu. Weil sie aber schon einen andern Liebhaber hatte, der aus dem +Stamm der Menschen war, so widersetzte sie sich dem Bräutigam und dem +Befehl ihres Vaters. Aufgebracht wollte der König Gewalt brauchen und +setzte die Hochzeit gleich auf den nächsten Tag. Mit weinenden Augen +klagte sie das ihrem Geliebten, der zu schneller Flucht rieth und sich +in der finstern Nacht einstellte, die getroffene Verabredung ins Werk +zu setzen. Es hielt aber schwer zu entfliehen, die Marställe des Königs +waren verschlossen und alle Stallmeister ihm treu und ergeben. Zwar +stand des Riesen ungeheurer Rappe in einem für ihn eigends erbauten +Stalle, wie sollte aber eine schwache Frauenhand das mehr denn zehn +Ellen hohe Unthier leiten und lenken? und wie war ihm beizukommen, da +es an einer gewaltig dicken Kette lag, die ihm statt Halfters diente +und dazu mit einem großen Schlosse verwahrt war, dessen Schlüssel +der Riese bei sich trug? Der Geliebte half aber aus, er stellte eine +Leiter ans Pferd und hieß die Königstochter hinaufsteigen; dann that +er einen mächtigen Schwerteshieb auf die Kette, daß sie<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> von einander +sprang, schwang sich selbst hinten auf und in einem Flug gings auf und +davon. Die kluge Jungfrau hatte ihre Kleinode mitgenommen, dazu ihres +Vaters goldne Krone aufs Haupt gesetzt. Während sie nun auf Gerathewohl +forteilten, fiels dem Riesen ein, in dieser Nacht auszureiten. Der +Mond schien hell und er stand auf, sein Roß zu satteln. Erstaunt sah +er den Stall leer, es gab Lärm im ganzen Schlosse und als man die +Königstochter aufwecken wollte, war sie auch verschwunden. Ohne sich +lange zu besinnen, bestieg der Bräutigam das erste beste Pferd und +jagte über Stock und Block. Ein großer Spürhund witterte den Weg, den +die Verliebten genommen hatten; nahe am Harzwalde kam der Riese hinter +sie. Da hatte aber auch die Jungfrau den Verfolger erblickt, wandte den +Rappen flugs und sprengte waldein, bis der Abgrund, in welchem die Bode +fließt, ihren Weg durchschneidet. Der Rappe stutzt einen Augenblick +und die Liebenden sind in großer Gefahr. Sie blickt hinterwärts und in +strengem Gallop nahet der Riese, da stößt sie muthig dem Rappen in die +Rippen. Mit einem gewaltigen Sprung, der den Eindruck eines Hinterhufes +im Felsen läßt, setzt er über und die Liebenden sind gerettet. Denn +die Mähre des nacheilenden Riesen springt seiner Schwere wegen zu +kurz und beide mit gräßlichem Geprassel fallen in den Abgrund. Auf +dem jenseitigen Rand stehet die Königstochter und tanzt vor Freuden. +Davon heißt die Stätte noch jetzt <em class="gesperrt">Tanzplatz</em>. Doch hat sie im +Taumel des Sprungs<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> die Krone verloren, die in den Kessel der Bode +gefallen ist. Da liegt sie noch heut zu Tag, von einem großen Hunde mit +glühenden Augen bewacht. Schwimmer, die der Gewinn geblendet, haben +sie mit eigner Lebensgefahr aus der Tiefe zu hohlen gesucht, aber beim +Wiederkommen ausgesagt: daß es vergebens sey, der große Hund sinke +immer tiefer, so wie sie ihm nahe kämen und die goldne Krone stehe +nicht mehr zu erlangen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> d. h. Teufelspfuhl, wie die nördlichen Harzbewohner +<em class="gesperrt">Kreetkind</em> ein Teufelskind nennen.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_319">319.<br> +Der Mägdesprung.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Quedlinburger Sammlung S. 67.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 195-198. + vgl. S. 53.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Behrens</em> Harzwald S. 131.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Seyfried</em> in + <span class="antiqua">medulla p. 428.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Melissantes</span></em> + <span class="antiqua">orograph. h. v.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Zwischen Ballenstedt und Harzgerode in dem Selkethal zeigt das Volk +auf einen hohen, durch eine Säule ausgezeichneten Felsen, auf eine +Vertiefung im Gestein, die einige Ähnlichkeit mit der Fußtapfe eines +Menschen hat und 80 bis 100 Fuß weiter auf eine zweite Fußtapfe. Die +Sage davon ist aber verschieden.</p> + +<p>Eine Hühnin oder Riesentochter erging sich einst auf dem Rücken des +Harzes von dem Petersberge herkommend. Als sie die Felsen erreicht +hatte, die jetzt über den Hüttenwerken stehen, erblickte sie ihre +Gespielin, die ihr winkte, auf der Spitze des Rammberges. Lange stand +sie so zögernd, denn ihren Standort und<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> den nächsten Berggipfel +trennte ein breites Thal. Sie blieb hier so lange, daß sich ihre +Fußtapfe ellentief in den Felsen drückte, wovon heut zu Tag noch die +schwachen Spuren zu sehn sind. Ihres Zögerns lachte höhnisch ein Knecht +des Menschenvolks, das diese Gegend bewohnte, und der bei Harzgerode +pflügte. Die Hühnin merkte das, streckte ihre Hand aus und hob den +Knecht sammt Pflug und Pferden in die Höhe, nahm alles zusammen in ihr +Obergewand und sprang damit über das Thal weg und in einigen Schritten +hatte sie ihre Gespielin erreicht.</p> + +<p>Oft hört man erzählen: die Königstochter sey in ihrem Wagen gefahren +kommen und habe auf das jenseitige Gebirg gewollt. Flugs that sie den +Wagen nebst den Pferden in die Schürze und sprang von einem Berg nach +dem andern.</p> + +<p>Endlich werden die Fußtritte einer Bauerdirne zugeschrieben, die zu +ihrem Liebhaber, einem Schäfer, jenseits den Sprung gemacht und beim +Ansatz so gewaltig aufgetreten habe, daß sich ihre Spur eindrückte. +Auch ein Ziegenbock scheint hierbei im Spiel gewesen zu seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_320">320.<br> +Der Jungfernsprung.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Peschek’s</em> Oybin bei Zittau. + Leipz. 1804. S. 33. 34.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Lausitz unfern der böhmischen Grenze ragt ein steiler Felsen, +Oybin genannt, hervor, auf dem<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> man den Jungfernsprung zu zeigen und +davon zu erzählen pflegt: vorzeiten sey eine Jungfrau in das jetzt +zertrümmerte Bergkloster zum Besuch gekommen. Ein Bruder sollte sie +herumführen und ihr die Gänge und Wunder der Felsengegend zeigen; da +weckte ihre Schönheit sündhafte Lust in ihm und sträflich streckte er +seine Arme nach ihr aus. Sie aber floh und flüchtete von dem Mönche +verfolgt den verschlungenen Pfad entlang; plötzlich stand sie vor einer +tiefen Kluft des Berges und sprang keusch und muthig in den Abgrund. +Engel des Herrn faßten und trugen sie sanft ohne einigen Schaden hinab.</p> + +<p>Andere behaupten: ein Jäger habe auf dem Oybin ein schönes +Bauernmädchen wandeln sehen und sey auf sie losgeeilt. Wie ein gejagtes +Reh stürzte sie durch die Felsengänge, die Schlucht öffnete sich vor +ihren Augen und sie sprang unversehrt nieder bis auf den Boden.</p> + +<p>Noch andere berichten: es habe ein rasches Mädchen mit ihren +Gespielinnen gewettet, über die Kluft wegzuspringen. Im Sprung aber +glischte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel und sie wäre zerschmettert +worden, wo sie nicht glücklicherweise ihr Reifrock allenthalben +geschützt und ganz sanft bis in die Tiefe hinunter gebracht hätte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_321">321.<br> +Der Harrassprung.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Körner’s</em> Nachlaß 2. 71-74.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem +Zschopauthal eine Stelle, genannt der <em class="gesperrt">Harrassprung</em>, wo +vor Zeiten ein Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile +Felsenwand hinunter in den Abgrund geritten seyn soll. Das Roß wurde +zerschmettert, aber der Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_322">322.<br> +Der Riese Hidde.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Pierius Winsemius</em> + Geschiedenisse van Friesland. Franeker 1622. <span class="antiqua">fol.</span> + Buch III. S. 93.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Carls des Großen Zeit lebte ein Friese Namens <em class="gesperrt">Hidde</em>, groß +von Leib und ein starker Mann, ging ins Land Braunschweig und wurde +vom Herzog zum Vogt seiner Wälder und Bäume gemacht. Als er einmal +durch die Wildniß ging, stieß er auf eine Löwin mit ihren jungen Welpen +im Nest, tödtete die Alte und brachte die Jungen, als Wölfe die er +gefangen habe, dem Herzog an Hof. Diesem gefiel die Einfalt des Mannes, +welcher keinen Unterschied machte zwischen Löwen und Wölfen und begabte +ihn mit vielen Ländereien in der Gegend der Elbe. Da baute er sich ein +Wohnhaus und nannte es <em class="gesperrt">Hiddesacker</em> nach seinem Namen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_323">323.<br> +Das ilefelder Nadelöhr.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Behrens</em> cur. Harzwald + S. 126. 127.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei dem Kloster Ilefeld, zur linken Hand gleich bei dem Harzfahrwege, +steht aus einem hohen Berg ein starker Stein hervor, der in seiner +Mitte eine enge und schmale durchgehende Höhle hat. Alle Knechte aus +Nordhausen und den umliegenden Örtern, wann sie das erstemal in den +Harzwald hinter Ilefeld nach Brennholz fahren, müssen durch dieses +Nadelöhr dreimal kriechen, mit großer Müh und Beschwerde, und werden +beim Ein- und Auskriechen von ihren Cameraden dazu mit Peitschenstielen +tapfer abgeschlagen. Wollen sie die Kurzweil nicht ausstehen, so müssen +sie sich mit Gelde loskaufen. Die Obrigkeit hat diese Sitte schon +mehrmals bei ziemlicher Strafe, aber fruchtlos verboten und der Knecht, +der sich dem Brauch entziehen will, hat vor seinen Cameraden keinen +Frieden und wird nicht bei ihnen gelitten. Vom Ursprung dieses Steins +gibt der gemeine Mann vor: ein <em class="gesperrt">Hühne</em> sey einsmals etliche Meilen +Wegs gereist; als er nun hinter Ilefeld gekommen, habe er gefühlt, daß +ihn etwas in dem einen Schuh drücke, ihn also ausgezogen und diesen +Stein drin gefunden. Darauf habe er den Stein an den Ort, wo er noch +liege, geworfen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_324">324.<br> +Die Riesen zu Lichtenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus dem Odenwald.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Lichtenberg ist ein Bergschloß, das man späterhin aus den uralten +Trümmern wieder erneuert hat, und in allen Dörfern, die in seiner +Nähe liegen, lebt noch die Sage fort, daß es hier vor alten Zeiten +Riesen gegeben habe. Unter den Steinen befinden sich manche, die keine +Menschenkraft den jähen Berg hinauf hätte tragen können. Ein Riese +schleppte einen über achtzig Centner schweren Block auf seiner Schulter +herbei, aber er zerbrach ihm unterwegs und blieb eine Stunde von +Lichtenberg auf der Höhe liegen; er wird noch heut zu Tag Riesenstein +genannt. Im Schloß wird ein Knochen, anderthalb Schuh im Umfang haltend +und mit einem andern, einen halben Schuh dicken, einen Fuß langen +Bein verwachsen, aufbewahrt; auch soll daselbst vor fünf und zwanzig +Jahren noch eine ungeheure Bettlade außer den Knochen zu sehen gewesen +seyn. Es wird auch wiederum erzählt, daß die Riesenfrau einmal weiter +als gewöhnlich von dem Lichtenberg weggegangen sey und einen Bauer +getroffen habe, der mit Ochsen seinen Acker pflügte. Das hatte sie noch +nie gesehn, nahm also Bauer, Pflug und Ochsen zusammen in ihre Schürze +und brachte es ihrem Mann aufs Schloß mit den Worten: “sieh einmal +Mann, was ich für schöne Thierchen gefunden habe.”</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_325">325.<br> +Das Hühnenblut.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 267-270.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zwischen dem magdeburgischen Städtchen Egeln und dem Dorfe Westeregeln, +unweit des Hakels, findet sich in einer flachen Vertiefung rothes +Wasser, welches das Volk: <em class="gesperrt">Hühnenblut</em> nennet. Ein Hühne floh +verfolgt von einem andern, überschritt die Elbe und als er in die +Gegend kam, wo jetzo Egeln liegt, blieb er mit einem Fuße, den er nicht +genug aufhob, an der Thurmspitze der alten Burg hangen, stolperte, +erhielt sich noch ein Paar tausend Fuß zwischen Fall und Aufstehen, +stürzte aber endlich nieder. Seine Nase traf gerade auf einen großen +Feldstein bei Westeregeln mit solcher Gewalt, daß er das Nasenbein +zerschmetterte und ihm ein Strom von Blut entstürzte, dessen Ueberreste +noch jetzt zu sehen sind.</p> + +<p>Nach einer zweiten Erzählung, wohnte der Hühne in der Gegend von +Westeregeln. Oft machte er sich das Vergnügen, über das Dorf und seine +kleinen Bewohner wegzuspringen. Bei einem Sprung aber ritzte er seine +große Zehe an der Thurmspitze, die er berührte. Das Blut sprützte aus +der Wunde in einem tausendfüßigen Bogen, bis in die Lache, in der sich +das nieversiegende Hühnenblut sammelte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_326">326.<br> +Es rauscht im Hühnengrab.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Micrälius</em> Pomm. Gesch. B. + <span class="antiqua">II. c. 52.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Cößlin in Pommern zeigt man einen Hühnenberg, und man hat da ein +großes Horn, ein großes Schwert und ungeheure Knochen ausgegraben. +Auch in Vorpommern sollen vor Zeiten Riesen gewesen seyn. In der +Gegend von Greifswalde ließ man 1594. solche Hühnengräber “kleuben und +abschlichten,” da fanden die Steinmetzen Leiber elf und wohl sechszehn +Schuh lang, und Krüge daneben. Wie sie aber an einen andern Graben, +dem vorigen gleich, kamen und ihn auch versuchen wollten, soll sich +ihrem Vorgeben nach ein Getümmel, als wenn etwas mit Schlüsseln um sie +herrauschte und tanzte, haben vernehmen lassen. Da standen sie ab vom +Stören des Grabs.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_327">327.<br> +Todte aus den Gräbern wehren dem Feind.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar’s</em> Samml.</div> + </div> + +</div> + +<p>Wehrstedt, ein Dorf nahe bei Halberstadt, hat nach der Sage seinen +Namen davon erhalten, daß bei einem gefahrvollen Ueberfall fremder +Heiden, da die Landesbewohner der Uebermacht schon unterlagen, die +Todten aus den Gräbern aufstanden, diese Unholde tapfer abwehrten und +so ihre Kinder retteten.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_328">328.<br> +Hans Heilings Felsen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Körner’s</em> Nachlaß 2. 132-152. + aus der deutschböhmischen Volkssage, vgl. 174.</div> + </div> + +</div> + +<p>An der Eger, dem Dorfe Aich gegenüber, ragen seltsame Felsen empor, +die das Volk: Hans Heilings Felsen nennt und wovon es heißt: vor +alten Zeiten habe ein gewisser Mann, Namens Hans Heiling, im Lande +gelebt, der genug Geld und Gut besessen, aber sich jeden Freitag +in sein Haus verschlossen und diesen Tag über unsichtbar geblieben +sey. Dieser Heiling stand mit dem Bösen im Bunde und floh, wo er ein +Kreuz sah. Einst soll er sich in ein schönes Mädchen verliebt haben, +die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden +war. Als diese mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen Hochzeit hielt, +erschien Mitternachts zwölf Uhr Heiling plötzlich unter ihnen und rief +laut: “Teufel, ich lösche dir deine Dienstzeit, wenn du mir diese +vernichtest!” Der Teufel antwortete: “so bist du mein” und verwandelte +alle Hochzeitleute in Felsensteine. Braut und Bräutigam stehen da, +wie sie sich umarmen; die übrigen mit gefaltenen Händen. Hans Heiling +stürzte vom Felsen in die Eger hinab, die ihn zischend verschlang und +kein Auge hat ihn wieder gesehen. Noch jetzt zeigt man die Steinbilder, +die Liebenden, den Brautvater und die Gäste; auch die Stelle, wo +Heiling hinabstürzte.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_329">329.<br> +Die Jungfrau mit dem Bart.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Wünschelruthe + S. 152-153. aus mündl. Erzählung.</div> + <div class="angabe">vgl. Kinder- und Haus-Märchen II. 66.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Salfeld mitten im Fluß steht eine Kirche, zu welcher man durch eine +Treppe von der nahgelegenen Brücke eingeht, worin aber nicht mehr +gepredigt wird. An dieser Kirche ist als Beiwappen oder Zeichen der +Stadt in Stein ausgehauen eine gekreuzigte Nonne, vor welcher ein Mann +mit einer Geige kniet, der neben sich einen Pantoffel liegen hat. Davon +wird folgendes erzählt. Die Nonne war eine Königs-Tochter und lebte zu +Salfeld in einem Kloster. Wegen ihrer großen Schönheit verliebte sich +ein König in sie und wollte nicht nachlassen, bis sie ihn zum Gemahl +nähme. Sie blieb ihrem Gelübde treu und weigerte sich beständig, als +er aber immer von neuem in sie drang und sie sich seiner nicht mehr +zu erwehren wußte, bat sie endlich Gott, daß er zu ihrer Rettung die +Schönheit des Leibes von ihr nähme und ihr Ungestaltheit verliehe; Gott +erhörte die Bitte und von Stund an wuchs ihr ein langer, häßlicher +Bart. Als der König das sah, gerieth er in Wuth und ließ sie ans Kreuz +schlagen.</p> + +<p>Aber sie starb nicht gleich, sondern mußte in unbeschreiblichen +Schmerzen etliche Tage am Kreuz schmachten. Da kam in dieser Zeit aus +sonderlichem Mitleiden ein Spielmann, der ihr die Schmerzen lindern +und die Todes-Noth versüßen wollte. Der hub an und spielte<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> auf seiner +Geige, so gut er vermogte, und als er nicht mehr stehen konnte vor +Müdigkeit, da kniete er nieder und ließ seine tröstliche Musik ohn +Unterlaß erschallen. Der heiligen Jungfrau aber gefiel das so gut, +daß sie ihm zum Lohn und Angedenken einen köstlichen, mit Gold und +Edelstein gestickten Pantoffel von dem einen Fuß herabfallen ließ.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_330">330.<br> +Die weiße Jungfrau zu Schwanau.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Joh. Müller</em> Schweiz. Gesch. + II. 3.</div> + </div> + +</div> + +<p>Die freien Schweizer brachen die Burg Schwanau auf dem lowerzer See, +weil darin der böse und grausame Vogt des Kaisers wohnte. Einmal +jährlich erschüttert bei nächtlicher Stille ein Donner die Trümmer und +ertönt im Thurm Klaggeschrei; rings um die Mauer wird der Vogt von dem +weißgekleideten Mädchen, das er entehrt hatte, verfolgt, bis er mit +Geheule sich in den See stürzt. Drei Schwestern flohen vor der Vögte +Lust in des Rigi Klüfte und sind nimmer wieder herausgekommen. Sanct +Michels Capelle bezeichnet den Ort.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_331">331.<br> +Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Erzählungen und Märchen von + <em class="gesperrt">Gustav</em>. Lpzg. 1804.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Mummel-See liegt im tiefen Murgthale rings von ehemaligen Burgen +umgeben; gegen einander stehen<span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span> die Ueberreste der ehemaligen Festen +<em class="gesperrt">Schwarzkopf</em> und <em class="gesperrt">Seeburg</em>. Die Sage erzählt, daß jeden Tag, +wann Dämmerung die Bergspitzen verhüllt, von der Seite des Seeburger +Burghofes dreizehn Stück Rothwild zu einem Pförtchen herein, über den +Platz, und zu dem entgegengesetzten flügellosen Burgthore hinaus eilen. +Geübte Wildschützen bekamen von diesen Thieren immer eins, aber nie +mehr in ihre Gewalt. Die andern Kugeln gingen fehl, oder fuhren in die +Hunde. Kein Jäger schoß seit der Zeit auf ein anderes Thier, als das in +diesem Zuge lief und sich durch Größe und Schönheit auszeichnete. Von +diesem täglichen Zuge ist jedoch der Freitag ausgenommen, der deswegen +den noch jetzt üblichen Namen Jäger-Sabbath erhielt und an welchem +niemand die Seeburg betritt. Aber an diesem Tage, um die Mitternacht, +wird eine andere Erscheinung gesehen. Zwölf Nonnen, in ihrer Mitte ein +blutender Mann, in dessen Leib zwölf Dolche stecken, kommen durch die +kleine Waldpforte in den Hof und wandeln still dem großen Burgthore zu. +In diesem Augenblick erscheint aus dem Portale eine ähnliche Reihe, +bestehend in zwölf ganz schwarzen Männern, aus deren Leibern Funken +sprühen und überall brennende Flecken hervorlodern; sie wandeln dicht +an den Nonnen und ihrem blutigen Begleiter vorüber, in ihrer Mitte +aber schleicht eine weibliche Gestalt. Dieses Gesicht erklärt die Sage +auf folgende Weise: in der Seeburg lebten zwölf Brüder, Raub-Grafen, +und bei ihnen eine gute Schwester; auf dem Schwarzkopf aber ein<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> edler +Ritter mit zwölf Schwestern. Es geschah, daß die zwölf Seeburger in +einer Nacht die zwölf Schwestern vom Schwarzkopf entführten, dagegen +aber auch der Schwarzkopfer die einzige Schwester der zwölf Raubgrafen +in seine Gewalt bekam. Beide Theile trafen in der Ebene des Murgthals +auf einander und es entstand ein Kampf, in welchem die Seeburger bald +die Oberhand erhielten und den Schwarzkopfer gefangen nahmen. Sie +führten ihn auf die Burg und jeder von den Zwölfen stieß ihm einen +Dolch vor den Augen seiner sterbenden Geliebten, ihrer Schwester, in +die Brust. Bald darnach befreiten sich die zwölf geraubten Schwestern +aus ihren Gemächern, suchten die zwölf Dolche aus der Brust ihres +Bruders und tödteten in der Nacht sämmtliche Mord-Grafen. Sie +flüchteten nach der That, wurden aber von den Knechten ereilt und +getödtet. Als hierauf das Schloß durch Feuer zerstört ward, da sah +man die Mauern, in welchen die Jungfrauen geschmachtet, sich öffnen, +zwölf weibliche Gestalten, jede mit einem Kindlein auf dem Arm, traten +hervor, schritten zu dem Mummel-See und stürzten sich in seine Fluten. +Nachher hat das Wasser die zertrümmerte Burg verschlungen, in welcher +Gestalt sie noch hervorragt.</p> + +<p>Ein armer Mann, der in der Nähe des Mummel-Sees wohnte und oftmals für +die Geister des Wassers gebätet hatte, verlor seine Frau durch den +Tod. Abends darauf hörte er in der Kammer, wo sie auf Spänen lag, eine +leise Musik ertönen. Er öffnete ein<span class="pagenum" id="Seite_430">[S. 430]</span> wenig die Thüre und schaute hinein +und sah sechs Jungfrauen, die mit Lichtlein in den Händen um die Todte +standen; am folgenden Abend waren es eben so viel Jünglinge, die bei +der Leiche wachten und sie sehr traurig betrachteten.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_332">332.<br> +Der Krämer und die Maus.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Wenzel</em> dramat. Erzählungen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen +Reichenau. Er war müd geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu +verzehren; das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß, +sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich +vor ihn hinsetzte und aufschaute, als erwartete es etwas. Gutmüthig +warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so noth es ihm selber +that, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lang er noch +etwas hatte, immer sein kleines Theil, so daß sie ordentlich zusammen +Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an +einer nahen Quelle zu thun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein +Goldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte +es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und +sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da +nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz<span class="pagenum" id="Seite_431">[S. 431]</span> +von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach +dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das +Gold nach Reichenau, theilte es halb unter die Armen und ließ von der +andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum +ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der +Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_333">333.<br> +Die drei Schatzgräber.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thüring. Chronik + I. 219.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unter der St. Dionysien Kirche, nicht weit von Erfurt, sollte ein +großer Schatz liegen, welchen drei Männer miteinander zu heben sich +vornahmen, nämlich ein Schmidt, ein Schneider und ein Hirt oder +Schäfer. Aber der böse Geist, der den Schatz bewachte, tödtete sie +alle dreie. Ihre Häupter wurden an dem Gesims der Kirche unterm Dache +in Stein ausgehauen, nebst einem Hufeisen, einer Scheere und einem +Schäferstock oder einer Weinmeisters-Hippe.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_334">334.<br> +Einladung vor Gottes Gericht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Casp. + Henneberg</span></em> <span class="antiqua">chronicon Prussiae. p. 254.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Prätorius</em> Weltbeschr. + I. 285-288.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Leuneburg in Preußen war ein sehr behender Dieb, der einem ein Pferd +stehlen konnte, wie vorsichtig<span class="pagenum" id="Seite_432">[S. 432]</span> man auch war. Nun hatte ein Dorfpfarrer +ein schönes Pferd, das er dem Fischmeister zu Angerburg verkauft, +aber noch nicht gewährt. Da wettete der Dieb, er wolle dieses auch +stehlen und darnach aufhören; aber der Pfarrer erfuhr es und ließ es so +verwahren und verschließen, daß er nicht dazu kommen konnte. Indeß ritt +der Pfarrer mit dem Pferd einmal in die Stadt, da kam der Dieb auch in +Bettlerskleidern mit zweien Krücken in die Herberge. Und als er merkt, +daß der Pfarrer schier wollte auf seyn, macht er sich zuvor auf das +Feld, wirft die Krücken auf einen Baum, legt sich darunter und erwartet +den Pfarrer. Dieser kommt hernach, wohl bezecht, findet den Bettler da +liegen und sagt: “Bruder, auf! auf! es kommt die Nacht herbei, geh zu +Leuten, die Wölfe mögten dich zerreißen.” Der Dieb antwortet: “ach! +lieber Herr, es waren böse Buben eben hier, die haben mir meine Krücken +auf den Baum geworfen, nun muß ich allhier verderben und sterben, denn +ohne Krücken kann ich nirgend hinkommen.” Der Pfarrer erbarmt sich +seiner, springt vom Pferde, gibt es dem Schalk, am Zügel zu halten, +zieht seinen Reitrock aus, legt ihn aufs Pferd und steigt dann auf +den Baum, die Krücken abzugewinnen. Indessen springt der Dieb auf das +Pferd, rennt davon, wirft die Bauerskleider weg und läßt den Pfarrer zu +Fuß nach Hause gehen. Diesen Diebstahl erfährt der Pfleger, läßt den +Dieb greifen und an den Galgen henken. Jedermann wußte nun von seiner +Listigkeit und Behendigkeit zu erzählen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_433">[S. 433]</span></p> + +<p>Einsmals ritten etliche Edelleute, wohl bezecht, an dem Galgen vorbei, +redeten von des Diebs Verschlagenheit und lachten darüber. Einer von +ihnen war auch ein wüster und spöttischer Mensch, der rief hinauf: +“o du behender und kluger Dieb, du mußt ja viel wissen! komm auf den +Donnerstag mit deinen Gesellen zu mir zu Gaste und lehre mich auch +Listigkeit.” Deß lachten die andern.</p> + +<p>Auf den Donnerstag, als der Edelmann die Nacht über getrunken hatte, +lag er lang schlafend, da kommen die Diebe Glocke neun des Morgens +mit ihren Ketten in den Hof, gehen zur Frau, grüßen sie und sagen, +der Junker habe sie zu Gast gebeten, sie solle ihn aufwecken. Dessen +erschrickt sie gar hart, geht vor des Junkers Bett und sagt: “ach! ich +habe euch längst gesagt, ihr würdet mit euerm Trinken und spöttischen +Reden Schande einlegen, steht auf und empfanget eure Gäste;” und +erzählt, was sie in der Stube gesagt hätten.</p> + +<p>Er erschrickt, steht auf, heißt sie willkommen und daß sie sich setzen +sollten. Er läßt Essen vortragen, so viel er in Eile vermag, welches +alles verschwindet. Unterdessen sagt der Edelmann zu dem Pferdedieb: +“lieber, es ist deiner Behendigkeit viel gelachet worden, aber jetzund +ist mirs nicht lächerlich, doch verwundert mich, wie du so behend +bist gewesen, da du doch ein grober Mensch scheinest.” Der antwortet: +“der Satan, wann er sieht, daß ein Mensch Gottes Wort verläßt, kann +einen leicht behend machen.” Der<span class="pagenum" id="Seite_434">[S. 434]</span> Edelmann fragte andere Dinge, darauf +jener antwortete, bis die Mahlzeit entschieden war. Da stunden sie +auf, dankten ihm und sprachen: “so bitten wir euch auch zu Gottes +himmlischem Gericht, an das Holz, da wir um unserer Missethat willen +von der Welt getödtet worden: da sollt ihr mit uns aufnehmen das +Gericht zeitlicher Schmach und dies soll seyn heut über vier Wochen.” +Und schieden also von ihm.</p> + +<p>Der Edelmann erschrack sehr und ward heftig betrübt. Er sagte es vielen +Leuten, der eine sprach dies der andere jenes dazu. Er aber tröstete +sich dessen, daß er niemanden etwas genommen und daß jener Tag auf +Allerheiligen-Tag fiel, auf welchen um des Fests willen man nicht +zu richten pflegt. Doch blieb er zu Hause und lud Gäste, so etwas +geschähe, daß er Zeugniß hätte, er wäre nicht auskommen. Denn damals +war die Rauberei im Lande, sonderlich Gregor Maternen Reiterei, aus +welchen einer den Hauscomthur D. Eberhard von Emden erstochen hatte. +Derhalben der Comthur Befehl bekam, wo solche Reiter und Compans zu +finden wären, man sollte sie fangen und richten, ohn einige Audienz. +Nun war der Mörder verkundschaftet und der Comthur eilte ihm mit den +seinigen nach. Und weil jenes Edelmannes der letzte Tag war und dazu +Allerheiligen-Fest, gedacht er, nun wär er frei, wollte sich einmal +gegen Abend auf das lange Einsitzen etwas erlustigen und ritt ins +Feld. Indessen als seiner des Comthurs Leute gewahr werden, däucht +sie, es sey des Mörders Pferd und Kleid und reiten<span class="pagenum" id="Seite_435">[S. 435]</span> flugs auf ihn zu. +Der Reuter stellt sich zur Wehr und ersticht einen jungen Edelmann, +des Comthurs Freund und wird deshalb gefangen. Sie bringen ihn vor +Leuneburg, geben einem Litthauen Geld, der hängt ihn zu seinen Gästen +an den Galgen. Und wollte ihm nicht helfen, daß er sagte, er käme aus +seiner Behausung erst geritten, sondern muß hören: “mit ihm fort, eh +andere kommen und sich seiner annehmen, denn er will sich nur also +ausreden!”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_335">335.<br> +Gäste vom Galgen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Bräuner’s</em> Curiositäten + S. 296-298.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Wirth einer ansehnlichen Stadt reiste mit zwei Weinhändlern aus +dem Weingebürge, wo sie einen ansehnlichen Vorrath Wein eingekauft +hatten, wieder heim und ihr Weg führte sie am Galgen vorbei und obwohl +sie berauscht waren, sahen sie doch und bemerkten drei Gehenkte, +welche schon lange Jahre gerichtet waren. Da rief einer von den zwei +Weinhändlern: “du, Bären-Wirth, diese drei Gesellen, die da hängen, +sind auch deine Gäste gewesen.” — “Hei! sagte der Wirth in tollem +Muthe, sie können heut zu Nacht zu mir kommen und mit mir essen!” Was +geschieht? Als der Wirth also trunken anlangt, vom Pferd absteigt, in +seine Wohnstube geht und sich niedersetzt, kommt eine gewaltige Angst +über ihn, so daß er nicht<span class="pagenum" id="Seite_436">[S. 436]</span> im Stande ist, jemand zu rufen. Indeß tritt +der Hausknecht herein, ihm die Stiefel abzuziehen, da findet er seinen +Herrn halb todt im Sessel liegen. Er ruft alsbald die Frau und als sie +ihren Mann mit starken Sachen ein wenig wieder erquickt, fragt sie, was +ihm zugestoßen sey. Darauf erzählt er ihr, im Vorbeireiten habe er die +drei Gehängten zu Gast geladen und da er in seine Stube gekommen, seyen +diese drei in der entsetzlichen Gestalt, wie sie am Galgen hängen, in +das Zimmer getreten, hätten sich an den Tisch gesetzt und ihm immer +gewinkt, daß er herbei kommen solle. Da sey endlich der Hausknecht +hereingetreten, worauf die Geister alle drei verschwunden. Dieses wurde +für eine bloße Einbildung des Wirths ausgegeben, weil ihm trunkener +Weise eingefallen, was er im Vorbeireiten den Sündern zugerufen, aber +er legte sich zu Bett und starb am dritten Tage.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_336">336.<br> +Teufels-Brücke.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein Schweizer-Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte sich +immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen, +oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf +einer außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: “ich wollte +der Teufel wäre da und baute<span class="pagenum" id="Seite_437">[S. 437]</span> mir eine Brücke hinüber.” Augenblicklich +stand der Teufel bei ihm und sagte: “versprichst du mir das erste +Lebendige, das darüber geht, so will ich dir eine Brücke dahin bauen, +auf welcher du stets hinüber und herüber kannst.” Der Hirte willigte +ein; in wenig Augenblicken war die Brücke fertig, aber jener trieb eine +Gemse vor sich her und ging hinten nach. Der betrogene Teufel ließ +alsbald die Stücke des zerrissenen Thiers aus der Höhe herunter fallen.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_337">337.<br> +Die zwölf Johanneße.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thüring. + Chronik I. 218.</div> + </div> + +</div> + +<p>Ein fränkischer König hatte zwölf Jünglinge, die wurden die deutschen +Schüler genannt, und hieß jeglicher <em class="gesperrt">Johannes</em>. Sie fuhren auf +einer Glücksscheibe durch alle Länder und konnten binnen vier und +zwanzig Stunden erfahren, was in der ganzen Welt geschehen war. Das +berichteten sie dann dem Könige. Der Teufel aber ließ alle Jahre einen +von der Scheibe herabfallen und nahm ihn zum Zoll. Den letzten ließ +er auf den Petersberg bei Erfurt fallen, der zuvor der Berbersberg +genannt war. Der König bekümmerte sich, wo doch der letzte hingekommen +wäre, und als er erfuhr, daß es ein schöner Berg sey, auf den er +herabgefallen, ließ er eine Capelle daselbst bauen und nannte sie +<span class="antiqua">Corpus Christi</span>; setzte auch einen Einsiedler<span class="pagenum" id="Seite_438">[S. 438]</span> hinein. Es war +aber damals schiffbar Wasser rings umher und nichts angebaut und an der +Capelle hing eine Leuchte, darnach sich jeder richtete, bis das Wasser +an der Sachsenburg abgestochen wurde.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_338">338.<br> +Teufels-Graben.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>In der Nähe des Dorfes Rappersdorf, das nicht weit von der Stadt +Strehlen in Niederschlesien liegt, erblickt man in flachem Boden einen +tiefen Graben, gegen einen etwas entfernten Bach laufend, welcher vom +Volk der <em class="gesperrt">Teufels-Graben</em> genannt wird. Ein Bauer aus Rappersdorf +war sehr in Noth, weil er nicht wußte, wie er das überhand nehmende +Regen-Wasser von seinen Feldern ableiten solle. Da erschien der Teufel +vor ihm und sprach: “gib mir sieben Arbeiter zur Hülfe, so will ich +dir noch in dieser Nacht einen Graben machen, der alles Wasser von +deinen Äckern abzieht und fertig seyn soll, eh der Morgen graut.” +Der Bauer willigte ein und überlieferte dem Teufel die Arbeiter mit +ihren Werkzeugen. Als er am folgenden Tag hinausging, die Arbeit zu +besichtigen, war zwar der große breite Graben vollendet, aber die +Arbeitsleute waren verschwunden, bis man die zerrissenen Glieder dieser +Unglücklichen auf den Feldern rings umher zerstreut fand.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_439">[S. 439]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_339">339.<br> +Der Kreuzliberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Kleine Reminiscenzen und Gemählde. Zürch 1806.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf einer Burg in der Nähe von Baaden im Aargau lebte eine +Königstochter, welche oft zu einem nah gelegenen Hügel ging, da im +Schatten des Gebüsches zu ruhen. Diesen Berg aber bewohnten innen +Geister und er ward einmal bei einem furchtbaren Wetter von ihnen +verwüstet und zerrissen. Die Königstochter, als sie wieder hinzukam, +beschloß in die geöffnete Tiefe hinabzusteigen, um sie beschauen zu +können. Sie trat, als es Nacht wurde, hinein, wurde aber alsbald von +wilden, entsetzlichen Gestalten ergriffen und über eine große Menge +Fässer immer tiefer und weiter in den Abgrund gezogen. Folgenden Tags +fand man sie auf einer Anhöhe in der Nähe des verwüsteten Bergs, die +Füße in die Erde gewurzelt, die Arme in zwei Baumäste ausgewachsen +und den Leib einem Steine ähnlich. Durch ein Wunderbild, das man aus +dem nahen Kloster herbeibrachte, wurde sie aus diesem furchtbaren +Zustande wieder erlöst und zur Burg zurückgeführt. Auf den Gipfel +des Bergs setzte man ein Kreuz, und noch jetzt heißt dieser der +<em class="gesperrt">Kreuzliberg</em> und die Tiefe mit den Fässern des <em class="gesperrt">Teufels +Keller</em>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_440">[S. 440]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_340">340.<br> +Die Pferde aus dem Bodenloch.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Merssaeus + (Cratepolius)</span></em> <span class="antiqua">catalogus episcop. + Coloniens.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Greg. + Horst</span></em> in s. Zusätzen zu + <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Marc. Donatus</span></em> + <span class="antiqua">hist. medica mirab. cap. 9. p. 707.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Balth. + Bebelius</span></em> <span class="antiqua">diss. de bis mortuis p. 9.</span></div> + <div class="angabe">Rhein. Antiquarius S. 728-730.</div> + <div class="angabe">Cölner Taschenbuch für altdeutsche Kunst 1816.</div> + </div> + +</div> + +<p>Richmuth von Adocht, eines reichen Burgermeisters zu Cöln Ehefrau, +starb und wurde begraben. Der Todtengräber hatte gesehen, daß sie +einen köstlichen Ring am Finger trug, die Begierde trieb ihn Nachts +zu dem Grab, das er öffnete, Willens den Ring abzuziehen. Kaum aber +hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die +Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh +er. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern los, trat heraus und ging +gerades Schritts auf ihr Haus zu, wo sie den bekannten Hausknecht bei +Namen rief, daß er schnell die Thüre öffnen sollte und erzählte ihm mit +wenig Worten, was ihr widerfahren. Der Hausknecht trat zu seinem Herrn +und sprach: “unsere Frau steht unten vor der Thüre und will eingelassen +seyn.” “Ach, sagte der Herr, das ist unmöglich, eh das möglich wäre, +eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen!” Kaum hatte er +das Wort ausgeredet, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden und +siehe, die sechs Schimmel standen oben alle beisammen. Die Frau hatte<span class="pagenum" id="Seite_441">[S. 441]</span> +nicht nachgelassen mit Klopfen, nun glaubte der Burgermeister, daß +sie wirklich da wäre; mit Freuden wurde ihr aufgethan und sie wieder +völlig zum Leben gebracht. Den andern Tag schauten die Pferde noch aus +dem Bodenloch und man mußte ein großes Gerüste anlegen, um sie wieder +lebendig und heil herabzubringen. Zum Andenken der Geschichte hat man +Pferde ausgestopft, die aus diesem Haus zum Boden herausgucken. Auch +ist sie in der Apostelkirche abgemahlt, wo man überdem einen langen +leinenen Vorhang zeigt, den Frau Richmuth nachher mit eigner Hand +gesponnen und dahin verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_341">341.<br> +Zusammenkunft der Todten.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>Eine Königin war gestorben und lag in einem schwarz ausgehängten +Trauersaal auf dem Prachtbette. Nachts wurde der Saal mit Wachskerzen +hell erleuchtet und in einem Vorzimmer befand sich die Wache: ein +Hauptmann mit neun und vierzig Mann. Gegen Mitternacht hört dieser, +wie ein sechsspänniger Wagen rasch vor das Schloß fährt, geht hinab +und eine in Trauer gekleidete Frau, von edlem und vornehmem Anstande, +kommt ihm entgegen und bittet um die Erlaubniß, eine kurze Zeit bei der +Todten verweilen zu dürfen. Er stellt ihr vor, daß er nicht die Macht<span class="pagenum" id="Seite_442">[S. 442]</span> +habe, dies zu bewilligen, sie nennt aber ihren wohlbekannten Namen und +sagt, als Oberhofmeisterin der Verstorbenen gebühre ihr das Recht, +sie noch einmal, eh sie beerdigt werde, zu sehen. Er ist unschlüssig, +aber sie dringt so lange, daß er nichts schickliches mehr einzuwenden +weiß und sie hineinführt. Er selbst, nachdem er die Thüre des Saals +wieder zugemacht, geht haußen auf und ab. Nach einiger Zeit bleibt +er vor der Thüre stehen, horcht und blickt durchs Schlüsselloch, da +sieht er, wie die todte Königin aufrecht sitzt und leise zu der Frau +spricht, doch mit verschlossenen Augen und ohne eine andere Belebung +der Gesichtszüge, als daß die Lippen sich ein wenig bewegen. Er heißt +die Soldaten, einen nach dem andern, hineinsehen und jeder erblickt +dasselbe; endlich naht er selbst wieder, da legt sich die Todte eben +langsam auf das Prachtbett zurück. Gleich darnach kommt die Frau wieder +heraus und wird vom Hauptmann hinab geführt; dieser fühlt, indem er +sie in den Wagen hebt, daß ihre Hand eiskalt ist. Der Wagen eilt, +so schnell er gekommen, wieder fort und der Hauptmann sieht, wie in +der Ferne die Pferde Feuerfunken ausathmen. Am andern Morgen kommt +die Nachricht, daß die Oberhofmeisterin, welche mehrere Stunden weit +auf einem Landhause wohnte, um Mitternacht und gerade in der Stunde +gestorben ist, wo sie bei der Todten war.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_443">[S. 443]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_342">342.<br> +Das weissagende Vöglein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Micrälius</em> Pomm. + Gesch. Buch IV. S. 159.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1624. hörte man in der Luft rufen: “weh, weh über Pommerland!” +Am 14. Juli ging des Leinenwebers Frau von Colbatz nach Selow, mit +Namen Barbara Sellentius, daselbst Fische zu kaufen. Da sie auf dem +Rückwege nach Colbatz unterwegs war, hörte sie den Steig herunter am +Berge ein Geschrei von Vögeln, und wie sie besser hinankam, schallte +ihr die Stimme entgegen: “höre, höre!” Sie sah mittlerweile ein klein +weiß Vögelein, einer Schwalben groß, auf einer Eiche sitzend, das +redete sie mit deutlichen, klaren Worten an: “sage dem Hauptmann, daß +er soll dem Fürsten sagen, die Anrennung, die er kriegen wird, soll +er in Güte vertragen, oder es wird über ihn ausgehen; und soll also +richten, daß ers vor Gott und der Welt verantworten kann!”</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_343">343.<br> +Der ewige Jud auf dem Matterhorn.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis.</div> + </div> + +</div> + +<p>Der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher Gletscher des +Walliserlands, auf welchem die Visper entspringt. Der Leutsage nach +soll daselbst vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch<span class="pagenum" id="Seite_444">[S. 444]</span> +diese kam einmal der <em class="gesperrt">laufende Jud</em><a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> gegangen und sprach: “wenn +ich zum zweitenmal hier durch wandere, werden da, wo jetzt Häuser +und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum +drittenmal der Weg daher führt, wird nichts da seyn, als Schnee und +Eis.” Jetzo ist schon nichts mehr da zu sehen, als Schnee und Eis.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> So nennen viele Schweizer den ewigen Juden.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_344">344.<br> +Der Kessel mit Butter.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unter einem Berg des Visperthales, nicht weit von Alt-Tesch, soll ein +ganzes Dorf mit Kirche und Häusern vergraben liegen, und die Ursache +dieses Unglücks wird so erzählt: eine Bäuerin stand vorzeiten an ihrem +Heerd und hatte einen Kessel mit Anke, welche sie auslassen wollte, +über dem Feuer hangen; der Kessel war gerade halb voll Sud. Da kam ein +Mann des Weges vorbei und sprach sie an, daß sie ihm etwas von der Anke +zu seiner Speise geben möchte. Die Frau war aber hartherzig und sagte: +“ich brauch alles für mich selber und kann nichts davon verschenken.” +Da wandte sich der Mann und sprach: “hättest du mir ein weniges +gegeben, so wollte ich deinen Kessel so begabt haben, daß er stets bis +zum<span class="pagenum" id="Seite_445">[S. 445]</span> Rand voll gewesen und nimmer leer geworden wäre.” Dieser Mann +war unser Herrgott selber. Das Dorf aber war seit der Zeit verflucht +und wurde von einem Bergsturz ganz überschüttet, so daß nichts mehr +davon am Licht ist, als die Fläche des Kirchen-Altars, der ehdem im +Ort gestanden; <em class="gesperrt">über</em> den fließt nämlich jetzt das Bächlein, das +vorher <em class="gesperrt">unter</em> ihm hingeflossen und sich nun durch die Schlucht +der Felsen windet.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_345">345.<br> +Trauer-Weide.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Unser Herr Jesus Christus ward bei seiner Kreuzigung mit Ruthen +gegeiselt, die von einem Weidenbaume genommen waren. Seit dieser Zeit +senkt dieser Baum seine Zweige trauernd zur Erde und kann sie nicht +mehr himmelwärts aufrichten. Das ist nun der Trauer-Weidenbaum.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_346">346.<br> +Das Christus-Bild zu Wittenberg.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Wittenberg soll sich ein Christus-Bild befinden, welches die +wunderbare Eigenschaft hat, daß es immer einen Zoll größer ist, als +der, welcher davor steht und es anschaut; es mag nun der größte oder +der kleinste Mensch seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_446">[S. 446]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_347">347.<br> +Das Muttergottes-Bild am Felsen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Oberwallis.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätibergs hinter +St. Niklas stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines +Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren +Capellchen, daß die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal +aber geschahs, daß ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört +geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte +Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an +die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder +herunter begeben. Den Fels hinanzuklimmen und es zurückzuhohlen, war +ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom +Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit +starken Stricken umwunden so weit hernieder schweben lassen, bis er vor +das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen +wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner +und dünner, ja als er eben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar, +daß den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinaufrief: +sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär er verloren. +Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die +vorige Stärke. Da mußten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und +bekamen es nimmer wieder.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_447">[S. 447]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_348">348.<br> +Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Tyroler Sammler V. 1809. S. 251-265. aus der Volkssage + und dem waldraster Protocoll.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1392. sandte die große Frau im Himmel einen Engel aus nach +Tyrol in die Waldrast auf dem Serlesberg. Der trat vor einen hohlen +Lerchenstock und sprach zu ihm im Namen der Gottesmutter:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>“du Stock sollst der Frauen im Himmel Bild fruchten!”</p> + +</div> + +<p>Das Bild wuchs nun im Stock und zwei fromme Hirtenknaben, Hänsle und +Peterle aus dem Dorfe Mizens, gewahrten sein zuerst im Jahr 1407. +Verwundert liefen sie hinab zu den Bauern und erzählten: “gehet auf das +Gebirg, da stehet etwas wunderbarliches im hohlen Stock, wir trauten +uns nicht es anzurühren.” Das heilige Bild wurde nun erkannt, mit einer +Säge aus dem Stock geschnitten und einstweilen nach Matrey gebracht. +Da stund es, bis daß ihm eine eigene Kirche zur Waldrast selbst +gebauet wurde, dazu bediente sich U. L. F. eines armen Holzhackers +Namens Lusch, gesessen zu Matrey. Als der eines Pfingsttags Nacht an +seinem Bett lag und schlief, kam eine Stimme, redete zu dreienmalen +und sprach: “schläfst du oder wachst du?” Und beim drittenmal erwachte +er und frug: “wer bist du oder was willst du?” Die Stimme sprach: “du +sollst aufbringen eine Capelle in der Ehre U. L. F. auf der Waldrast.” +Da sprach der<span class="pagenum" id="Seite_448">[S. 448]</span> Holzhauer: “das will ich nit thun.” Aber die Stimme +kehrte wieder zu der andern Pfingsttagnacht und redete mit ihm in der +Maas als zuvor. Da sprach er: “ich bin zu arm dazu.” Da kam die Stimme +zu der dritten Pfingsttagnacht abermal an sein Bett und redete als vor. +Also hatte er dreier Nacht keine vor Sorgen geschlafen und antwortete +der Stimme: “wie meinest du’s, daß du nicht von mir willt lassen?” Da +sprach die Stimme: “du sollt es thun.” Da sprach er: “ich will sein +nit thun!” Da nahm es ihn und hob ihn gerad auf in die Höhe und sagte: +“du sollt es nun thun, berathe dich drum!” Da gedacht er: “o ich armer +Mann, was rath ich, daß ichs recht thue?” und sprach, er wollte es +thun, wo er nur die rechte Stätte wüßte. Die Stimme sprach: “im Wald +ist ein grüner Fleck im Moose, da leg dich nieder und raste, so wird +dir wohl kund gethan die rechte Stätte.” Der Holzhauer machte sich auf, +legte sich hin auf das Moos und rastete, (davon heißt der Ort: die Rast +im Walde, <em class="gesperrt">Waldrast</em>.) Wie er entschlafen war, hörte er im Schlaf +zwei Glöckel. Da wachte er und sah vor sich auf dem Flecken, da jetzund +die Kirch stehet, eine Frau in weißen Kleideren und hätte ein Kind +am Arm, deß ward ihm nur ein Blick<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Da gedachte er: allmächtiger +Gott, da ist freilich die rechte Statt! und ging auf die Statt, da er +das Bild gesehen hatte, und merkts aus, nach dem als er vermeinte eine +Kirche zu<span class="pagenum" id="Seite_449">[S. 449]</span> machen, und die Glöckel klungen, bis er ausgemerkt hatte, +hernach hörte er sie nicht mehr. Da sprach er: “lieber Gott, wie soll +ichs verbringen? ich bin arm und habe kein Gut, da ich solchen Bau mit +verbringen möge.” Da sprach wiederum die Stimme: “so geh zu frommen +Leuten, die geben dir wohl alsoviel, daß du es verbringst. Und wann es +beschiehet, daß man es weihen soll, da wird es stillstehen 36 Jahr, +darnach wird es fürgäng und werden große Zeichen da geschehen zu ewigen +Zeiten.” Und da er die Capelle anfangen wollte zu machen, ging er zu +seinem Beichtvater und thät ihm das kund. Da schuf er ihn vor den +Bischof Ulrich gen Brixen, da ging er zu fünfmalen gen Brixen, daß ihm +der Bischof den Bau und die Capelle zu machen erlaubte. Das thät der +Bischof und ist beschehen am Erchtag (Dienstag) vor S. Pancratius im +Jahr 1409.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> d. h. er sah die Erscheinung nur einen Augenblick.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_349">349.<br> +Ochsen zeigen die heilige Stätte.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Kasthofen</em> in den Alpenrosen + 1813. S. 188.</div> + </div> + +</div> + +<p>Bei Matten, einem Dorfe unweit der Mündung des Fermelthals in der +Schweiz, liegt ein gewaltiges zerstörtes steinernes Gebäude, davon +geht folgende Sage: Vor alten Zeiten wollte die Gemeinde dem heiligen +Stephan eine Kirche bauen und man ersah den Platz aus, wo das Mauerwerk +steht. Aber jede Nacht wurde zum Schrecken aller wiederum zerstört, was +den Tag über die fleißigen Thal-Leute aufgeführt hatten.<span class="pagenum" id="Seite_450">[S. 450]</span> Da beschloß +die Gemeinde unter Gebäten die Werkzeuge des Kirchenbaus einem ins Joch +gespannten Ochsenpaare aufzulegen, wo das stillstehen würde, wollten +sie Gottes Finger darin erblicken und die Kirche an dem Ort aufbauen. +Die Thiere gingen über den Fluß und blieben da stehen, wo nun die +Kirche St. Stephan vollendet ward.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_350">350.<br> +Notburga.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Notburga, eine heilige Magd auf dem Schloß Rottenburg. + Auf öffentl. Schaubühne vorgestellt den 17. Septbr. 1738.</div> + <div class="angabe">Süddeutsche Miscellen 1813. März Nr. 26.</div> + <div class="angabe">Miscellen für die neuste Weltkunde 1810. Nr. 44.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im untern Innthale Tirols liegt das Schloß <em class="gesperrt">Rottenburg</em>, auf +welchem vor alten Zeiten bei einer adlichen Herrschaft eine fromme Magd +diente, <em class="gesperrt">Notburga</em> genannt. Sie ward mildthätig und theilte, so +viel sie immer konnte, unter die Armen aus und weil die habsüchtige +Herrschaft damit unzufrieden war, schlugen sie das fromme Mägdlein und +jagten es endlich fort. Es begab sich zu armen Bauersleuten auf den +nah gelegenen Berg <em class="gesperrt">Eben</em>; Gott aber strafte die böse Frau auf +Rottenburg mit einem jähen Tod. Der Mann fühlte nun das der Notburga +angethane Unrecht und holte sie von dem Berge Eben wieder zu sich nach +Rottenburg, wo sie ein frommes Leben führte, bis die Engel kamen und +sie in den Himmel abholten. Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den +Innstrom und<span class="pagenum" id="Seite_451">[S. 451]</span> obgleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, +als die Heilige sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der +Capelle des heil. Ruprecht beigesetzt.</p> + +<p>Am Neckar geht eine andere Sage. Noch stehen an diesem Flusse Thürme +und Mauern der alten Burg <em class="gesperrt">Hornberg</em>, darauf wohnte vorzeiten ein +mächtiger König mit seiner schönen und frommen Tochter <em class="gesperrt">Notburga</em>. +Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er war aber +ausgezogen in fremde Lande und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie +Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus, ihr Vater +aber war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach +er zu ihr: “bereite deinen Hochzeitschmuck, in drei Tagen kommt ein +Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.” Notburga aber sprach in ihrem +Herzen: “eh will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als ich +meine Treue brechen sollte.”</p> + +<p>In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen +treuen Diener und sprach zu ihm: “führe mich die Waldhöhe hinüber nach +der Capelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im +Dienste Gottes das Leben beschließen.” Als sie auf der Höhe waren, +rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand +neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich +an sein Geweih und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah, +wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm +und drüben verschwand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_452">[S. 452]</span></p> + +<p>Am andern Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie +überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, aber sie +kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben; und der treue Diener +wollte sie nicht verrathen. Aber als es Mittagszeit war, kam der weiße +Hirsch auf Hornberg zu ihm und als er ihm Brot reichen wollte, neigte +er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken mögte. Dann +sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildniß und +so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber +niemand wußte, was es zu bedeuten hatte, als der treue Diener.</p> + +<p>Endlich bemerkte der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das +Geheimniß ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd und +als der Hirsch wieder die Speise zu holen kam und damit forteilte, +jagte er ihm nach, durch den Fluß hindurch, bis zu einer Felsenhöhle, +in welche das Thier sprang. Der König stieg ab und ging hinein, da +fand er seine Tochter, mit gefaltenen Händen vor einem Kreuz kniend, +und neben ihr ruhte der weiße Hirsch. Da sie vom Sonnenlicht nicht +mehr berührt worden, war sie todtenblaß, also daß er vor ihrer Gestalt +erschrack. Dann sprach er: “kehre mit nach Hornberg zurück;” aber sie +antwortete: “ich habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr +bei den Menschen.” Was er noch sonst sprach, sie war nicht zu bewegen +und gab keine andere Antwort. Da gerieth er in Zorn und wollte sie +wegziehen, aber sie hielt sich am Kreuz, und als er Gewalt<span class="pagenum" id="Seite_453">[S. 453]</span> brauchte, +löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt, vom Leibe und blieb in +seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grausen, daß er fort eilte und sich +nimmer wieder der Höhle zu nähern begehrte.</p> + +<p>Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga als +eine Heilige. Büßende Sünder schickte der Einsiedler bei der St. +Michael-Capelle, wenn sie bei ihm Hilfe suchten, zu ihr: sie bätete +mit ihnen und nahm die schwere Last von ihrem Herzen. Im Herbst, als +die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den +Himmel; die Leiche hüllten sie in ein Todten-Gewand und schmückten +sie, obgleich alle Blumen verwelkt waren, mit blühenden Rosen. Zwei +schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken gehabt, trugen +sie über den Fluß ohne die Hufe zu benetzen und die Glocken in den +nahliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. So ward der +Leichnam zur St. Michael-Capelle gebracht und dort begraben. In der +Kirche des Dorfs Hochhausen am Neckar steht noch heute das Bild der +heil. Notburga in Stein gehauen. Auch die Notburga-Höhle, gemeinlich +Jungfern-Höhle geheißen, ist noch zu sehen und jedem Kind bekannt.</p> + +<p>Nach einer andern Erzählung war es König Dagobert, der zu Mosbach Hof +gehalten, welchem seine Tochter Notburga entfloh, weil er sie mit +einem heidnischen Wenden vermählen wollte. Sie ward mit Kräutern und +Wurzeln von einer Schlange in der Felsenhöhle ernährt, bis sie darin +starb. Schweifende Irrlichter<span class="pagenum" id="Seite_454">[S. 454]</span> verriethen das verstolene Grab und die +Königstochter ward erkannt. Den mit ihrer Leiche beladenen Wagen zogen +zwei Stiere fort und blieben an dem Orte stehen, wo sie jetzt begraben +liegt und den eine Kirche umschließt. Hier geschehen noch viele +Wunder. Das Bild der Schlange befindet sich gleichfalls an dem Stein +zu Hochhausen. Auf einem Altargemälde daselbst ist aber Notburga mit +ihren schönen Haaren vorgestellt, wie sie zur Sättigung der väterlichen +Rachgierde enthauptet wird.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_351">351.<br> +Mauerkalk mit Wein gelöscht.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cuspinianus</span></em> + <span class="antiqua">hist. Austr. ex relatione seniorum.</span></div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Aelurius</em> glätzische Chronik. + Buch <span class="antiqua">II. cap. 2. p. 97.</span></div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1450. wuchsen zu Oestreich so sauere Trauben, daß die meisten +Bürgersleute den gekelterten Wein in die offene Straße ausschütteten, +weil sie ihn seiner Herbheit halben nicht trinken mochten. Diesen +Wein nannte man <em class="gesperrt">Reifbeißer</em>; nach einigen, weil der Reif die +Trauben verderbt, nach andern, weil der Wein die Dauben und Reife +der Fässer mit seiner Schärfe gebissen hätte. Da ließ Friedrich III., +römischer König, ein Gebot ausgehen, daß niemand so die Gabe Gottes +vergießen solle und wer den Wein nicht trinken möge, habe ihn auf den +Stephanskirchhof zu führen, da solle der Kalk im Wein gelöscht und die +Kirche damit gebaut werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_455">[S. 455]</span></p> + +<p>Zu Glatz, gegen dem böhmischen Thor wärts, stehet ein alter Thurm, rund +und ziemlich hoch; man nennet ihn Heidenthurm, weil er vor uralten +Zeiten im Heidenthum erbaut worden. Er hat starke Mauern und soll der +Kalk dazu mit eitel Wein zubereitet worden seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_352">352.<br> +Der Judenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Wien.</div> + <div class="angabe">Des tirol. Adlers immergrünendes Ehrenkränzel. durch + F.A. Grafen von <em class="gesperrt">Brandis</em>. Botzen 1678. 4. S. 128.</div> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Schmiedt’s</em> heiliger + Ehren-Glanz der Grafschaft Tirol. Augsburg 1732. 4. II. 154-167.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1462 ist es zu Tirol im Dorfe Rinn geschehen, daß etliche Juden +einen armen Bauer durch eine große Menge Geld dahin brachten, ihnen +sein kleines Kind hinzugeben. Sie nahmen es mit hinaus in den Wald und +marterten es dort auf einem großen Stein, seitdem der <em class="gesperrt">Judenstein</em> +genannt, auf die entsetzlichste Weise zu todt. Den zerstochenen +Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden +Birkenbaum. Die Mutter des Kindes arbeitete gerade im Felde, als der +Mord geschah; auf einmal kamen ihr Gedanken an ihr Kind und ihr wurde, +ohne daß sie wußte warum, so angst: indem fielen auch drei frische +Blutstropfen nach einander auf ihre Hand. Voll Herzensbangigkeit eilte +sie heim und begehrte nach ihrem Kind. Der Mann zog sie in die Kammer, +gestand, was er gethan und wollte ihr nun das schöne<span class="pagenum" id="Seite_456">[S. 456]</span> Geld zeigen, +das sie aus aller Armuth befreie, aber es war all in Laub verwandelt. +Da ward der Vater wahnsinnig und grämte sich todt, aber die Mutter +ging aus und suchte ihr Kindlein, und als sie es an dem Baume hangend +gefunden, nahm sie es unter heißen Thränen herab und trug es in die +Kirche nach Rinn. Noch jetzt liegt es dort und wird vom Volk als ein +heiliges Kind betrachtet. Auch der Judenstein ist dorthin gebracht. +Der Sage nach hieb ein Hirt den Baum ab, an dem das Kindlein gehangen, +aber, als er ihn nach Haus tragen wollte, brach er ein Bein und mußte +daran sterben.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_353">353.<br> +Das von den Juden getödtete Mägdlein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Thomae + Cantipratani</span></em> <span class="antiqua">bonum universale de apibus. + Duaci 1627. 8. p. 303.</span></div> + <div class="angabe">vgl. <em class="gesperrt">Gehre’s</em> pforzheimer + Chronik S. 18-24.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Jahr 1267. war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden +aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften +ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf +und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind +starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von +Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein +über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und +entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf<span class="pagenum" id="Seite_457">[S. 457]</span> +selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch +lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod +verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und +wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das +Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden +hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die +Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer +Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig +die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur +Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der +Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle +Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und +klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein +bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_354">354.<br> +Die vier Hufeisen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Otmar</em> S. 115-118.</div> + </div> + +</div> + +<p>Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure +Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die +Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt. +Vor alten Zeiten soll Ernst Graf<span class="pagenum" id="Seite_458">[S. 458]</span> zu Klettenberg eines Sonntagmorgens +nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten +Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor +vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch +das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er +in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die +Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so +fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem +Reiter nieder.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_355">355.<br> +Der Altar zu Seefeld.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Wien.</div> + <div class="angabe">Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich + mit dem Altar in Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. + 1580. und Innsbr. 1603. 4.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im +vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter +wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384 +an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und +seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen +wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom +Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der +steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der +Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu<span class="pagenum" id="Seite_459">[S. 459]</span> halten, +aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen +seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank, +ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem +Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut +überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und +wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem +Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden.</p> + +<p>Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der +Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so +wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen +können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte +der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor. +Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben +Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und +ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_356">356.<br> +Der Sterbenstein.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Kleine Gemälde der Schweiz von + <em class="gesperrt">Appenzeller</em>. Winterthur 1810. S. 172.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am +Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten +sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem<span class="pagenum" id="Seite_460">[S. 460]</span> sich +eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern +zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die +Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des +gewaltsamen Sterbens dem Stein ein.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_357">357.<br> +Sündliche Liebe.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Falkenstein</em> thüring. + Chronik I. 218. 219.</div> + </div> + +</div> + +<p>Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und +Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind. +Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in +der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte +und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf +dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe +verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel, +woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber +auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber +zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_358">358.<br> +Der schweidnitzer Rathsmann.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Lucä</em> schles. Denkwürdigk. + Fft. 1689. 4. S. 920. 921.</div> + </div> + +</div> + +<p>Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold +liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet<span class="pagenum" id="Seite_461">[S. 461]</span> hatte, durch eine +ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem +Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein +Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte +ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der +Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen. +Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des +Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die +Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte. +Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der +Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze +Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den +Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen +Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu +verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde +in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der +fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der +Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch, +den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht +zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf +den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf +ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte +stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur +Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor +großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und +reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten<span class="pagenum" id="Seite_462">[S. 462]</span> Tod sein Leben +endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild +nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein +Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus +vorhanden seyn.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_359">359.<br> +Regenbogen über Verurtheilten.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Westenrieder’s</em> histor. + Kalender 1803.</div> + </div> + +</div> + +<p>Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche +in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet +werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der +Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern +ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß +er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun +der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach +einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis +übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der +Verurtheilten stehen blieb.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_360">360.<br> +Gott weint mit dem Unschuldigen.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mündlich, aus Hessen.</div> + </div> + +</div> + +<p>In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens +angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam, +sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin +unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf<span class="pagenum" id="Seite_463">[S. 463]</span> es +von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später +kam ihre Unschuld an den Tag.</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_361">361.<br> +Gottes Speise.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe"><em class="gesperrt">Luther’s</em> Tisch-Reden S. 90 + <span class="antiqua">b.</span> 91 <span class="antiqua">a</span>.</div> + </div> + +</div> + +<p>Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen, +daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt, +die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber +der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch +dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben +die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können +aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim +kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen, +nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee +nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee +zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen, +welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem +gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat +sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen? +hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat +nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid +widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat +er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot +gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel +Gottes gespeist und erhalten worden.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_464">[S. 464]</span></p> + +<h2 class="s2a nobreak" id="Kap_362">362.<br> +Die drei Alten.</h2> + +</div> + +<div class="quellen"> + + <div class="quelle"> + <div class="angabe">Mitgetheilt von <em class="gesperrt">Schmidt</em> aus + Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1.</div> + </div> + +</div> + +<p>Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute, +die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger +Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor +Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder +einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert +geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels +umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In +einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt +hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit +schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten +Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein +Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein +Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter, +noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger +Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der +Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater +fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt +vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber +noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen.</p> + +<hr class="full"> + +<p class="s3 center mtop1" id="Druckfehler"><em class="gesperrt">Druckfehler.</em></p> + +<p class="p0 mtop1"><a href="#Vormius">S. 71. Zeile 3.</a> Statt <span class="antiqua">Vormius +mons.</span> lies: <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Wormius +monim.</span></em></p> + +<p class="p0"><a href="#behuetet_es">S. 137. — 10.</a> von unten st. behütet <em class="gesperrt">es</em> +l. behütet <em class="gesperrt">er</em>.</p> + +<hr class="tb"> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76558 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76558-h/images/cover.jpg b/76558-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..209c601 --- /dev/null +++ b/76558-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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