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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76558 ***
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+ ####################################################################
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+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1816 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
+ fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
+
+ Die Sammlung stammt aus zahlreichen verschiedenen Quellen, daher
+ kommen viele Wortvarianten vor (z.B. fodern/fordern; Hühne/Hüne).
+ Diese wurden nur harmonisiert, wenn eine bestimmte Form in einem
+ Abschnitt vorherrscht oder wenn ansonsten der Sinn des Texts unklar
+ wäre.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
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+
+
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+ Deutsche Sagen.
+
+ Herausgegeben
+
+ von
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+ den Brüdern Grimm.
+
+
+ +Berlin+, in der Nicolaischen Buchhandlung.
+
+ +1816.+
+
+
+
+
+ Unserm Bruder
+
+ Ludwig Emil Grimm
+
+ aus herzlicher Liebe
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+ zugeeignet.
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+Vorrede.
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+
+[Sidenote: I. Wesen der Sage.]
+
+Es wird dem Menschen von heimathswegen ein guter Engel beigegeben,
+der ihn, wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt
+eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch
+widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlands
+überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohlthätige Begleitung ist
+das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche
+nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen
+frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat seinen
+eigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes
+stehet beinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte
+und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannichfaltigkeit der
+Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem
+hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten
+Namen. Aus dieser ihrer Gebundenheit folgt, daß sie nicht, gleich dem
+Märchen, überall zu Hause seyn könne, sondern irgend eine Bedingung
+voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da, bald nur unvollkommener
+vorhanden seyn würde. Kaum ein Flecken wird sich in ganz Deutschland
+finden, wo es nicht ausführliche Märchen zu hören gäbe, manche, an
+denen die Volkssagen blos dünn und sparsam gesät zu seyn pflegen.
+Diese anscheinende Dürftigkeit und Unbedeutendheit zugegeben, sind sie
+dafür innerlich auch weit eigenthümlicher; sie gleichen den Mundarten
+der Sprache, in denen hin und wieder sonderbare Wörter und Bilder aus
+uralten Zeiten hangen geblieben sind, während die Märchen ein ganzes
+Stück alter Dichtung, so zu sagen, in einem Zuge zu uns übersetzen.
+Merkwürdig stimmen auch die erzählenden Volkslieder entschieden mehr
+zu den Sagen, wie zu den Märchen, die wiederum in ihrem Inhalt die
+Anlage der frühesten Poesien reiner und kräftiger bewahrt haben, als
+es sogar die übrig gebliebenen größeren Lieder der Vorzeit konnten.
+Hieraus ergibt sich ohne alle Schwierigkeit, wie es kommt, daß fast
+nur allein die Märchen Theile der urdeutschen Heldensage erhalten
+haben, ohne Namen, (außer wo diese allgemein und in sich selbst
+bedeutend wurden, wie der des alten Hildebrand); während in den
+Liedern und Sagen unseres Volks so viele einzelne, beinahe trockene
+Namen, Örter und Sitten aus der ältesten Zeit festhaften. Die Märchen
+also sind theils durch ihre äußere Verbreitung, theils durch ihr
+inneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen
+Weltbetrachtung zu fassen, sie nähren unmittelbar, wie die Milch,
+mild und lieblich, oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische
+Schwere; dahingegen die Sagen schon zu einer stärkeren Speise dienen,
+eine einfachere, aber desto entschiedenere Farbe tragen, und mehr
+Ernst und Nachdenken fodern. Ueber den Vorzug beider zu streiten wäre
+ungeschickt; auch soll durch diese Darlegung ihrer Verschiedenheit
+weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnet werden, daß
+sie in unendlichen Mischungen und Wendungen in einander greifen und
+sich mehr oder weniger ähnlich werden. Der Geschichte stellen sich
+beide, das Märchen und die Sage, gegenüber, insofern sie das sinnlich
+natürliche und begreifliche stets mit dem unbegreiflichen mischen,
+welches jene, wie sie unserer Bildung angemessen scheint, nicht
+mehr in der Darstellung selbst verträgt, sondern es auf ihre eigene
+Weise in der Betrachtung des Ganzen neu hervorzusuchen und zu ehren
+weiß. Die Kinder glauben an die Wirklichkeit der Märchen, aber auch
+das Volk hat noch nicht ganz aufgehört, an seine Sagen zu glauben,
+und sein Verstand sondert nicht viel darin; sie werden ihm aus den
+angegebenen Unterlagen genug bewiesen, d. h. das unleugbar nahe und
+sichtliche Daseyn der letzteren überwiegt noch den Zweifel über das
+damit verknüpfte Wunder. Diese +Eingenossenschaft~ der Sage ist
+folglich gerade ihr rechtes Zeichen. Daher auch von dem, was wirkliche
+Geschichte heißt, (und einmal hinter einen gewissen Kreis der Gegenwart
+und des von jedem Geschlecht durchlebten tritt,) dem Volk eigentlich
+nichts zugebracht werden kann, als was sich ihm auf dem Wege der Sage
+vermittelt; einer in Zeit und Raum zu entrückten Begebenheit, der
+dieses Erforderniß abgeht, bleibt es fremd oder läßt sie bald wieder
+fallen. Wie unverbrüchlich sehen wir es dagegen an seinen eingeerbten
+und hergebrachten Sagen haften, die ihm in rechter Ferne nachrücken und
+sich an alle seine vertrautesten Begriffe schließen. Niemals können
+sie ihm langweilig werden, weil sie ihm kein eiteles Spiel, das man
+einmal wieder fahren läßt, sondern eine Nothwendigkeit scheinen, die
+mit ins Haus gehört, sich von selbst versteht, und nicht anders, als
+mit einer gewissen, zu allen rechtschaffenen Dingen nöthigen Andacht,
+bei dem rechten Anlaß, zur Sprache kommt. Jene stete Bewegung und
+dabei immerfortige Sicherheit der Volkssagen stellt sich, wenn wir
+es deutlich erwägen, als eine der trostreichsten und erquickendsten
+Gaben Gottes dar. Um alles menschlichen Sinnen ungewöhnliche, was
+die Natur eines Landstrichs besitzt, oder wessen ihn die Geschichte
+gemahnt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich die Ferne
+des Himmels blau anläßt und zarter, feiner Staub um Obst und Blumen
+setzt. Aus dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, Seen,
+Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art von Verbindung, die
+sich auf die Eigenthümlichkeit jedes dieser Gegenstände gründet, und zu
+gewissen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist. Wie mächtig
+das dadurch entstehende Band sey, zeigt an natürlichen Menschen jenes
+herzzerreißende Heimweh. Ohne diese sie begleitende Poesie müßten edele
+Völker vertrauern und vergehen; Sprache, Sitte und Gewohnheit würde
+ihnen eitel und unbedeckt dünken, ja hinter allem, was sie besäßen,
+eine gewisse Einfriedigung fehlen. Auf solche Weise verstehen wir das
+Wesen und die Tugend der deutschen Volkssage, welche Angst und Warnung
+vor dem Bösen und Freude an dem Guten mit gleichen Händen austheilt.
+Noch geht sie an Örter und Stellen, die unsere Geschichte längst nicht
+mehr erreichen kann, vielmal aber fließen sie beide zusammen und
+untereinander; nur daß man zuweilen die an sich untrennbar gewordene
+Sage, wie in Strömen das aufgenommene grünere Wasser eines anderen
+Flusses, noch lange zu erkennen vermag.
+
+[Sidenote: II. Treue der Sammlung.]
+
+Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen
+haben, ist +Treue und Wahrheit+. Als ein Hauptstück aller Geschichte
+hat man diese noch stets betrachtet; wir fodern sie aber eben so gut
+auch für die Poesie und erkennen sie in der wahren Poesie eben so rein.
+Die Lüge ist falsch und bös; was aus ihr herkommt, muß es auch seyn.
+In den Sagen und Liedern des Volks haben wir noch keine gefunden: es
+läßt ihren Inhalt, wie er ist und wie es ihn weiß; dawider, daß manches
+abfalle in der Länge der Zeit, wie einzelne Zweige und Äste an sonst
+gesunden Bäumen vertrocknen, hat sich die Natur auch hier durch ewige
+und von selbst wirkende Erneuerungen sicher gestellt. Den Grund und
+Gang eines Gedichts überhaupt kann keine Menschenhand erdichten; mit
+derselben fruchtlosen Kraft würde man Sprachen, und wären es kleine
+Wörtchen darin, ersinnen; ein Recht oder eine Sitte alsobald neu
+aufbringen, oder eine unwirkliche That in die Geschichte hinstellen
+wollen. Gedichtet kann daher nur werden, was der Dichter mit Wahrheit
+in seiner Seele empfunden und erlebt hat, und wozu ihm die Sprache
+halb bewußt, halb unbewußt, auch die Worte offenbaren wird; woran
+aber die einsam dichtenden Menschen leicht, ja fast immer verstoßen,
+nämlich an dem richtigen Maaß aller Dinge, das ist der Volksdichtung
+schon von selbst eingegeben. Ueberfeine Speisen widerstehen dem Volk,
+und für unpoetisch muß es gelten, weil es sich seiner stillen Poesie
+glücklicherweise gar nicht bewußt wird; die ungenügsamen Gebildeten
+haben dafür nicht blos die wirkliche Geschichte, sondern auch das
+gleich unverletzliche Gut der Sage mit Unwahrheiten zu vermengen,
+zu überfüllen und überbieten getrachtet. Dennoch ist der Reiz der
+unbeugsamen Wahrheit unendlich stärker und dauernder, als alle
+Gespinnste, weil er nirgends Blößen gibt und die rechte Kühnheit hat.
+In diesen Volkssagen steckt auch eine so rege Gewalt der Ueberraschung,
+vor welcher die überspannteste Kraft der aus sich blos schöpfenden
+Einbildung zuletzt immer zu Schanden wird und bei einer Vergleichung
+beider würde sich ein Unterschied dargeben, wie zwischen einer geradezu
+ersonnenen Pflanze und einer neu aufgefundenen wirklichen, bisher von
+den Naturforschern noch unbeobachteten, welche die seltsamsten Ränder,
+Blüten und Staubfäden gleich aus ihrem Innern zu rechtfertigen weiß
+oder in ihnen plötzlich etwas bestätiget, was schon in andern Gewächsen
+wahrgenommen worden ist. Ähnliche Vergleichungen bieten die einzelnen
+Sagen untereinander, so wie mit solchen, die uns alte Schriftsteller
+aufbewahrt haben, in Ueberfluß dar. Darum darf ihr Innerstes bis
+ins kleinste nicht verletzt und darum müssen Sache und Thatumstände
+lügenlos gesammelt werden. An die Worte war sich, so viel thunlich, zu
+halten, nicht an ihnen zu kleben.
+
+[Sidenote: III. Mannichfaltigkeit der Sammlung.]
+
+Das zweite, eigentlich schon im ersten mitbegriffene Hauptstück, worauf
+es bei einer Sammlung von Volkssagen anzukommen scheint, bestehet
+darin, daß man auch ihre Mannichfaltigkeit und Eigenthümlichkeit
+sich recht gewähren lasse. Denn darauf eben beruhet ihre Tiefe und
+Breite, und daraus allein wird ihre Natur zu erforschen seyn. Im Epos,
+Volkslied und der ganzen Sprache zeigt sich das Gleiche wieder; bald
+haben jene den ganzen Satz miteinander gemein, bald einzelne Zeilen,
+Redensarten, Ausdrücke; bald hebt, bald schließt es anders und bahnt
+sich nur neue Mittel und Uebergänge. Die Ähnlichkeit mag noch so groß
+seyn, keins wird dem andern gleich; hier ist es voll und ausgewachsen,
+dort stehet es ärmer und dürftiger. Allein diese Armuth, weil sie
+schuldfrei, hat in der Besonderheit fast jedesmal ihre Vergütung und
+wird eine Armuthseligkeit. Sehen wir die Sprache näher an, so stuft sie
+sich ewig und unendlich in unermeßlichen Folgen und Reihen ab, indem
+sie uns ausgegangene neben fortblühenden Wurzeln, zusammengesetzte und
+vereinfachte Wörter und solche, die sich neu bestimmen oder irgend
+einem verwandten Sinn gemäß weiter ausweichen, zeigt; ja es kann diese
+Beweglichkeit bis in den Ton und Fall der Silben und die einzelnen
+Laute verfolgt werden. Welches unter dem Verschiedenen nun das Bessere
+sey und mehr zur Sache gehöre, das ist kaum zu sagen, wo nicht ganz
+unmöglich und sündlich, sofern wir nicht vergessen wollen, daß der
+Grund, woraus sie alle zusammen entsprungen, die göttliche Quelle an
+Maas unerhört, an Ausstrahlung unendlich selber war. Und, weil das
+Sonnenlicht über Groß und Klein scheint, und jedem hilft, so weit es
+seyn soll, bestehen Stärke und Schwäche, Keime, Knospen, Trümmer und
+Verfall neben und durcheinander. Darum thut es nichts, daß man in
+unserm Buch Ähnlichkeiten und Wiederholungen finden wird; denn die
+Ansicht, daß das verschiedene Unvollständige aus einem Vollständigen
+sich aufgelöst, ist uns höchst verwerflich vorgekommen, weil jenes
+Vollkommene nichts irdisches seyn könnte, sondern Gott selber, in den
+alles zurückfließt, seyn müßte. Hätten wir also dieser ähnlichen Sagen
+nicht geschont, so wäre auch ihre Besonderheit und ihr Leben nicht zu
+retten gewesen. Noch viel weniger haben wir arme Sagen reich machen
+mögen, weder aus einer Zusammenfügung mehrerer kleinen, wobei zur Noth
+der Stoff geblieben, Zuschnitt und Färbung aber verloren gegangen
+wäre, noch gar durch unerlaubte, fremde Zuthaten, die mit nichts zu
+beschönigen sind und denen der unerforschliche Gedanke des Ganzen, aus
+dem jene Bruchstücke übrig waren, nothwendig fremd seyn mußte. Ein
+Lesebuch soll unsere Sammlung gar nicht werden, in dem Sinn, daß man
+alles, was sie enthält, hinter einander auszulesen hätte. Jedwede Sage
+stehet vielmehr geschlossen für sich da, und hat mit der vorausgehenden
+und nachfolgenden eigentlich nichts zu thun; wer sich darunter
+aussucht, wird sich schon begnügen und vergnügen. Uebrigens braucht,
+so sehr wir uns bemühten, alles lebendig verschiedene zu behüten,
+kaum erinnert zu werden, daß die bloße Ergänzung einer und derselben
+Sage aus mehrern Erzählungen, das heißt, die Beseitigung aller nichts
+bedeutenden Abweichungen, einem ziemlich untrüglichen critischen
+Gefühl, das sich von selbst einfindet, überlassen worden ist.
+
+[Sidenote: IV. Anordnung der Sammlung.]
+
+Auch bei Anordnung der einzelnen Sagen haben wir am liebsten der Spur
+der Natur folgen wollen, die nirgends steife und offenliegende Grenzen
+absteckt. In der Poesie gibt es nur einige allgemeine Abtheilungen,
+alle andern sind unrecht und zwängen, allein selbst jene großen haben
+noch ihre Berührung und greifen in einander über. Der Unterschied
+zwischen Geschichte, Sage und Märchen gehört nun offenbar zu den
+erlaubten und nicht zu versäumenden; dennoch gibt es Puncte, wo nicht
+zu bestimmen ist, welches von dreien vorliege, wie z. B. Frau Holla
+in den Sagen und Märchen auftritt, oder sich ein sagenhafter Umstand
+auch einmal geschichtlich zugetragen haben kann. In den Sagen selbst
+ist nur noch ein Unterschied, nach dem eine äußerliche Sammlung zu
+fragen hätte, anerkannt worden; der nämlich, wonach wir die mehr
+geschichtlich gebundenen von den mehr örtlich gebundenen trennen
+und jene für den zweiten Theil des Werks zurücklegen. Die Ortssagen
+aber hätten wiederum nach den Gegenden, Zeiten oder dem Inhalt
+abgetheilt werden mögen. Eine örtliche Anordnung würde allerdings
+gewisse landschaftliche Sagen-Reihen gebildet und dadurch hin und
+wieder auf den Zug, den manche Art Sagen genommen, gewiesen haben.
+Allein es ist klar, daß man sich dabey am wenigsten an die heutigen
+Theilungen Deutschlands, denen zufolge z. B. Meissen: Sachsen, ein
+großer Theil des wahren Sachsens aber Hannover genannt, im kleinen,
+einzelnen noch viel mehr untereinander gemengt wird, hätte halten
+dürfen. War also eine andere Eintheilung, nicht nach Gebirgen und
+Flüssen, sondern nach der eigentlichen Richtung und Lage der deutschen
+Völkerstämme, unbekümmert um unsere politischen Grenzen, aufzustellen;
+so ist hierzu so wenig Sicheres und Gutes vorgearbeitet, daß gerade
+eine sorgsamere Prüfung der aus gleichem Grund verschmähten und
+versäumten Mundarten und Sagen des Volks erst muß dazu den Weg bahnen
+helfen. Was folglich aus der Untersuchung derselben künftig einmal
+mitherausgehen dürfte, kann vorläufig jetzo noch gar nicht ihre
+Einrichtung bestimmen. Ferner, im allgemeinen einigen Sagen vor den
+andern höheres Alter zuzuschreiben, möchte großen Schwierigkeiten
+unterworfen und meistens nur ein mißverständlicher Ausdruck seyn,
+weil sie sich unaufhörlich wiedergebären. Die Zwerg- und Hühnensagen
+haben einen gewissen heidnischen Anstrich voraus, aber in den so
+häufigen von den Teufelsbauten brauchte man blos das Wort Teufel mit
+Thurst oder Riese zu tauschen, oder ein andermal bei dem Weibernamen
+Jette sich nur der alten Jöten (Hühnen) gleich zu erinnern, um auch
+solchen Erzählungen ein Ansehen zu leihen, das also noch in andern
+Dingen außer den Namen liegt. Die Sagen von Hexen und Gespenstern
+könnte man in sofern die neusten nennen, als sie sich am öftersten
+erneuern, auch örtlich betrachtet am lockersten stehen; inzwischen
+sind sie im Grund vielmehr nur die unvertilglichsten, wegen ihrer
+stetigen Beziehung auf den Menschen und seine Handlungen, worin aber
+kein Beweis ihrer Neuheit liegt. Es bewiese lediglich, daß sie auch
+alle andere überdauern werden, weil die abergläubische Neigung unseres
+Gemüths mehr Gutes und Böses von Hexen und Zauberern erwartet, als
+von Zwergen und Riesen; weshalb merkwürdigerweise gerade jene Sagen
+sich beinahe allein noch aus dem Volk Eingang unter die Gebildeten
+machen. Diese Beispiele zeigen hinlänglich, wie unthunlich es gewesen
+wäre, nach dergleichen Rücksichten einzelne Sagen chronologisch zu
+ordnen, zudem fast in jeder die verschiedensten Elemente lebendig in
+einander verwachsen sind, welche demnächst erst eine fortschreitende
+Untersuchung, die nicht einmal bei der Scheidung einzelner Sagen stehen
+bleiben darf, sondern selbst aus diesen wiederum Kleineres heraussuchen
+muß, in das wahre Licht setzen könnte. Letzterer Grund entscheidet
+endlich auch ganz gegen eine Anordnung nach dem Inhalt, indem man
+z. B. alle Zwergsagen oder die von versunkenen Gegenden u. s. w.
+unter eigene Abschnitte faßte. Offenbar würden blos die wenigsten
+einen einzigen dieser Gegenstände befassen, da vielmehr in jeder
+mannichfaltige Verwandtschaften und Berührungen mit andern anschlagen.
+Daher uns bei weitem diejenige Anreihung der Sagen am natürlichsten und
+vortheilhaftesten geschienen hat, welche, überall mit nöthiger Freiheit
+und ohne viel herumzusuchen, unvermerkt auf einige solcher geheim und
+seltsam waltenden Uebergänge führt. Dieses ist auch der nothwendig noch
+überall lückenhaften Beschaffenheit der Sammlung angemessen. Häufig
+wird man also in der folgenden eine deutliche oder leise Anspielung auf
+die vorhergehende Sage finden; äußerlich ähnliche stehen oft beisammen,
+oft hören sie auf, um bei verschiedenem Anlaß anderswo im Buch von
+neuem anzuheben. Unbedenklich hätten also noch viele andere Ordnungen
+derselben Erzählungen, die wir hier mittheilen, in sofern man weitere
+Beziehungen berücksichtigen wollte, versucht werden können, alle aber
+würden doch nur geringe Beispiele der unerschöpflichen Triebe geben,
+nach denen sich Sage aus Sage und Zug aus Zug in dem Wachsthum der
+Natur gestaltet.
+
+[Sidenote: V. Erklärende Anmerkungen.]
+
+Einen Anhang von Anmerkungen, wie wir zu den beiden Bänden der Kinder-
+und Hausmärchen geliefert, haben wir dieses mal völlig weggelassen,
+weil uns der Raum zu sehr beschränkt hätte und erst durch die äußere
+Beendigung unserer Sammlung eine Menge von Beziehungen bequem und
+erleichtert werden wird. Eine vollständige Abhandlung der deutschen
+Sagenpoesie, so viel sie in unsern Kräften steht, bleibt also einer
+eigenen Schrift vorbehalten, worin wir umfassende Uebersichten des
+Ganzen nicht blos in jenen dreien Eintheilungen nach Ort, Zeit und
+Inhalt, sondern noch in anderen versuchen wollen.
+
+[Sidenote: VI. Quellen der Sammlung.]
+
+Diese Sammlung hatten wir nun schon vor etwa zehn Jahren angelegt, (man
+sehe Zeitung für Einsiedler oder Trösteinsamkeit. Heidelberg 1808. Nr.
+19 u. 20.) seitdem unablässig gesorgt, um für sie sowohl schriftliche
+Quellen in manchen allmälig selten werdenden Büchern des 16. und 17.
+J.H. fleißig zu nutzen und auszuziehen, als auch vor allen Dingen
+mündliche, lebendige Erzählungen zu erlangen. Unter den geschriebenen
+Quellen waren uns die Arbeiten des +Johannes Prätorius+ weit die
+bedeutendsten. Er schrieb in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
+und verband mit geschmackloser aber scharfsichtiger Gelehrsamkeit
+Sinn für Sage und Aberglauben, der ihn antrieb, beide unmittelbar aus
+dem bürgerlichen Leben selbst zu schöpfen und ohne welchen, was er
+gewiß nicht ahnte, seine zahlreichen Schriften der Nachwelt unwerth
+und unfruchtbar scheinen würden. Ihm dankt sie zumal die Kenntniß
+und Beziehung mannichfacher Sagen, welche den Lauf der Saale entlang
+und an den Ufern der Elbe, bis wo sich jene in diese ausmündet, im
+Magdeburgischen und in der Altmark bei dem Volke gehn.
+
+Den Prätorius haben spätere, oft ohne ihn zu nennen, ausgeschrieben,
+selten durch eigene mündliche Zusammlung sich ein gleiches Verdienst
+zu erwerben gewußt. In den langen Zeitraum zwischen ihm und der
+Otmarischen Sammlung (1800) fällt kein einzig Buch von Belang für
+deutsche Sagen, abgesehn von bloßen Einzelnheiten. Indessen hatten
+kurz davor Musäus und Frau Naubert in ihren Verarbeitungen einiger
+ächten Grundsagen aus Schriften, so wie theilweise aus mündlicher
+Ueberlieferung, die Neigung darauf hingezogen, wenigstens hingewiesen.
+In Absicht auf Treue und Frische verdient Otmar’s Sammlung der
+Harzsagen so viel Lob, daß dieses den Tadel der hin und wieder
+aufgesetzten unnöthigen Bräme und Stilverzierung zudeckt. Viele sind
+aber auch selbst den Worten nach untadelhaft und man darf ihnen trauen.
+Seitdem hat sich die Sache zwar immer mehr geregt und ist auch zuweilen
+wirklich gefördert, im Ganzen jedoch nichts Bedeutendes gesammelt
+worden, außer ganz neuerlich (1815.) ein Dutzend Schweizersagen von
+Wyß. Ihr Herausgeber hat sie geschickt und gewandt in größere Gedichte
+versponnen; wir erkennen neben dem Talent, was er darin bewiesen,
+doch eine Trübung trefflicher einfacher Poesie, die keines Behelfs
+bedarf und welche wir unserm Sinn gemäß aus der Einkleidung wieder
+in die nackende Wahrheit einzulösen getrachtet haben, darin auch
+durch die zugefügt gewesenen Anmerkungen besonders erleichtert waren.
+Dieses, so wie daß wir aus der Otmarischen Sammlung etwa eben so
+viel, oder einige mehr aufgenommen, war für unsern Zweck und den uns
+seinethalben vorschwebenden Grad von Vollständigkeit unentbehrlich;
+theils hatten wir manche noch aus anderen Quellen zu vergleichen, zu
+berichtigen und in den einfachen Stil zurückzuführen. Es sind außerdem
+noch zwei andere neue Sammlungen deutscher Volkssagen anzuführen,
+von Büsching (1812.) und Gottschalk (1814.), deren die erste sich
+auch auf auswärtige Sagen, sodann einheimische Märchen, Legenden
+und Lieder, selbst Vermuthungen über Sagen, wie Spangenbergs, mit
+erstreckt, also ein sehr ausgedehntes, unbestimmtes Feld hat. Beide
+zusammen verdanken mündlicher Quelle nicht über zwölf bisher ungekannte
+deutsche Sagen, welche wir indessen aufgenommen haben würden, wenn
+nicht jede dieser Sammlungen selbst noch im Gang wäre und eigene
+Fortsetzungen versprochen hätte. Wir haben ihnen also nichts davon
+angerührt, übrigens, wo wir dieselben schriftlichen Sagen längst
+schon aus denselben oder verschiedenen Quellen ausgeschrieben hatten,
+unsre Auszüge darum nicht hintanlegen wollen; denn nach aufrichtiger
+Ueberlegung fanden wir, daß wir umsichtiger und reiflicher gesammelt
+hatten. Beide geben auch vermischt mit den örtlichen Sagen die
+geschichtlichen, deren wir mehrere Hunderte für den nächsten Theil
+aufbehalten. Wir denken keine fremde Arbeit zu irren oder zu stören,
+sondern wünschen ihnen glücklichen Fortgang, der gottschalkischen
+insbesondere mehr Critik zur Ausscheidung des Verblümten und der
+Falschmünze. Die dobeneckische Abhandlung endlich von dem Volksglauben
+des Mittelalters (1815.) breitet sich theils über ganz Europa, theils
+schränkt sie sich wieder auf das sogenannt Abergläubische und sonst
+in anderer Absicht zu ihrem Schaden ein; man kann sagen: sie ist eine
+mehr sinnvolle als reife, durchgearbeitete Ansicht der Volkspoesie und
+eigentlich Sammlung blos nebenbei, weshalb wir auch einige Auszüge aus
+Prätorius, wo wir zusammentrafen, nicht ausgelassen haben; sie wird
+inzwischen dem Studium dieser Dichtungen zur Erregung und Empfehlung
+gereichen. Ausdrücklich ist hier noch zu bemerken, daß wir vorsätzlich
+die vielfachen Sagen von Rübezahl, die sich füglich zu einer besonderen
+Sammlung eignen, so wie mehrere Rheinsagen auf die erhaltene Nachricht:
+Voigt wolle solche zu Frankfurt in diesem Jahr erscheinen lassen,
+zurücklegen.
+
+[Sidenote: VII. Zweck und Wunsch.]
+
+Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte
+und Sprache, und hoffen, es werde ihnen allen, schon als lautere
+deutsche Kost, willkommen seyn, im festen Glauben, daß nichts mehr
+auferbaue und größere Freude bei sich habe, als das Vaterländische. Ja,
+eine bedeutungslos sich anlassende Entdeckung und Bemühung in unserer
+einheimischen Wissenschaft kann leicht am Ende mehr Frucht bringen, als
+die blendendste Bekanntwerdung und Anbauung des Fremden, weil alles
+Eingebrachte zugleich auch doch etwas Unsicheres an sich trägt, sich
+gern versteigt und nicht so warm zu umfassen ist. Es schien uns nunmehr
+Zeit hervorzutreten und unsere Sammlung zu dem Grad von Vollständigkeit
+und Mannichfaltigkeit gediehen zu seyn, der ihre unvermeidlichen Mängel
+hinreichend entschuldigen könne und in unsern Lesern das Vertrauen
+erwecke, daß und in wiefern wir ihre Beihilfe zur Vervollkommnung des
+Werkes brauchen und nicht mißbrauchen werden. Aller Anfang ist schwer,
+wir fühlen, daß uns eine große Menge von deutschen Sagen gänzlich
+fehlt, und daß ein Theil der hier gegebenen genauer und besser noch aus
+dem Mund des Volks zu gewinnen ist; manches in Reisebeschreibungen des
+vorigen Jahrhunderts zerstreute mag gleichfalls mangeln. Die Erfahrung
+beweist, daß auf Briefe und Schreiben um zu sammelnde Beiträge wenig
+oder nichts erfolge, bevor durch ein Muster von Sammlung selbst
+deutlich geworden seyn kann, auf welche verachtete und scheinlose Dinge
+es hierbei ankommt. Aber das Geschäft des Sammelns, sobald es einer
+ernstlich thun will, verlohnt sich bald der Mühe und das Finden reicht
+noch am nächsten an jene unschuldige Lust der Kindheit, wann sie in
+Moos und Gebüsch ein brütendes Vöglein auf seinem Nest überrascht;
+es ist auch hier bei den Sagen ein leises Aufheben der Blätter und
+behutsames Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören und um
+verstohlen in die seltsam, aber bescheiden in sich geschmiegte, nach
+Laub, Wiesengras und frischgefallenem Regen riechende Natur blicken zu
+können. Für jede Mittheilung in diesem Sinn werden wir dankbar seyn
+und danken hiermit öffentlich unserm Bruder Ferdinand Grimm und unsern
+Freunden August von Haxthausen und Carove, daß sie uns schon fleißig
+unterstützt haben. Cassel, am 14. März 1816.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+ 1. Die drei Bergleute im Kuttenberg Seite 1
+
+ 2. Der Berg-Geist 3
+
+ 3. Der Berg-Mönch im Harz 5
+
+ 4. Frau Hollen-Teich 6
+
+ 5. Frau Holla zieht umher 8
+
+ 6. Frau Hollen Bad 9
+
+ 7. Frau Holla und der treue Eckart 9
+
+ 8. Frau Holla und der Bauer 10
+
+ 9. Die Springwurzel 11
+
+ 10. Fräulein von Boyneburg 13
+
+ 11. Der Pielberg 16
+
+ 12. Die Schloß-Jungfrau 16
+
+ 13. Die Schlangen-Jungfrau 17
+
+ 14. Das schwere Kind 19
+
+ 15. Der Weinkeller bei Salurn 20
+
+ 16. Das Hünen-Spiel 23
+
+ 17. Das Riesen-Spielzeug 24
+
+ 18. Riese Einheer 25
+
+ 19. Riesen-Säulen 26
+
+ 20. Der Köterberg 27
+
+ 21. Geroldseck 28
+
+ 22. Kaiser Karl zu Nürnberg 28
+
+ 23. Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser 29
+
+ 24. Der Birnbaum auf dem Walserfeld 30
+
+ 25. Der verzauberte König zu Schildheiß 31
+
+ 26. Kaiser Carl V. Auszug 32
+
+ 27. Der Unterberg 32
+
+ 28. Kaiser Karl im Unterberg 33
+
+ 29. Der Scherfenberger und der Zwerg 34
+
+ 30. Das stille Volk zu Plesse 38
+
+ 31. Des kleinen Volks Hochzeit-Fest 39
+
+ 32. Steinverwandelte Zwerge 40
+
+ 33. Zwerg-Berge 42
+
+ 34. Zwerge leihen Brot 42
+
+ 35. Der Graf von Hoia 44
+
+ 36. Zwerge ausgetrieben 45
+
+ 37. Die Wichtlein 46
+
+ 38. Beschwörung der Bergmännlein 48
+
+ 39. Die Bergmännlein beim Tanz 49
+
+ 40. Das Keller-Männlein 50
+
+ 41. Die Ahnfrau von Ranzau 51
+
+ 42. Herrmann von Rosenberg 54
+
+ 43. Die osenberger Zwerge 55
+
+ 44. Das Erdmännlein und der Schäferjung 56
+
+ 45. Der einkehrende Zwerg 57
+
+ 46. Zeitelmoos 58
+
+ 47. Das Moosweibchen 59
+
+ 48. Der wilde Jäger jagt die Moosleute 60
+
+ 49. Der Wassermann 61
+
+ 50. Die wilden Frauen im Unterberge 63
+
+ 51. Tanz mit dem Wassermann 66
+
+ 52. Der Wassermann und der Bauer 67
+
+ 53. Der Wassermann aus der Fleischerbank 68
+
+ 54. Der Schwimmer 69
+
+ 55. Bruder Nickel 70
+
+ 56. Nixen-Brunnen 71
+
+ 57. Magdeburger Nixen 71
+
+ 58. Der Dönges-See 72
+
+ 59. Mummel-See 73
+
+ 60. Die Elbjungfer und das Saalweiblein 76
+
+ 61. Wasser-Recht 78
+
+ 62. Das ertrunkene Kind 79
+
+ 63. Schlitz-Oehrchen 80
+
+ 64. Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe 80
+
+ 65. Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant 81
+
+ 66. Des Nixes Beine 84
+
+ 67. Die Magd bei dem Nix 84
+
+ 68. Die Frau von Alvensleben 85
+
+ 69. Die Frau von Hahn und der Nix 87
+
+ 70. Das Streichmaaß, der Ring und Becher 89
+
+ 71. Der Kobold 90
+
+ 72. Der Bauer mit seinem Kobold 93
+
+ 73. Der Kobold in der Mühle 93
+
+ 74. Hütchen 97
+
+ 75. Hinzelmann 103
+
+ 76. Klopfer 128
+
+ 77. Stiefel 128
+
+ 78. Ekerken 129
+
+ 79. Nacht-Geist zu Kendenich 129
+
+ 80. Der Alp 130
+
+ 81. Der Wechselbalg 132
+
+ 82. Die Wechselbälge im Wasser 134
+
+ 83. Der Alraun 135
+
+ 84. ~Spiritus familiaris~ 137
+
+ 85. Das Vogelnest 140
+
+ 86. Der Brutpfennig 143
+
+ 87. Wechselkind mit Ruthen gestrichen 144
+
+ 88. Schauen auf Kinder 145
+
+ 89. Die Roggen-Muhme 146
+
+ 90. Die zwei unterirdischen Weiber 147
+
+ 91. König Grünewald 148
+
+ 92. Blümelis-Alp 150
+
+ 93. Die Lilie 152
+
+ 94. Johann von Passau 153
+
+ 95. Das Hündlein von Bretta 154
+
+ 96. Das Dorf am Meer 155
+
+ 97. Die verschütteten Silbergruben 156
+
+ 98. Der Fundgrübner 157
+
+ 99. Ein gespenstiger Reuter 159
+
+ 100. Der falsche Eid 160
+
+ 101. Zwölf ungerechte Richter 161
+
+ 102. Die heiligen Quellen 161
+
+ 103. Der quillende Brunnen 162
+
+ 104. Hunger-Quelle 163
+
+ 105. Der Lieben-Bach 163
+
+ 106. Der Helfenstein 164
+
+ 107. Die Wiege aus dem Bäumchen 166
+
+ 108. Hessenthal 167
+
+ 109. Reinstein 167
+
+ 110. Der stillstehende Fluß 168
+
+ 111. Arendsee 168
+
+ 112. Der Ochsenberg 169
+
+ 113. Die Moor-Jungfern 170
+
+ 114. Andreas-Nacht 171
+
+ 115. Der Liebhaber zum Essen eingeladen 172
+
+ 116. Die Christnacht 174
+
+ 117. Das Hemdabwerfen 176
+
+ 118. Krystall-Schauen 177
+
+ 119. Zauber-Kräuter kochen 182
+
+ 120. Der Salzknecht in Pommern 184
+
+ 121. Jungfer Eli 184
+
+ 122. Die weiße Frau 187
+
+ 123. Taube zeigt einen Schatz 187
+
+ 124. Taube hält den Feind ab 188
+
+ 125. Der Glockenguß zu Breslau 189
+
+ 126. Der Glockenguß zu Attendorn 190
+
+ 127. Die Müllerin 193
+
+ 128. Johann Hübner 195
+
+ 129. Eppela Gaila 198
+
+ 130. Der Blumenstein 200
+
+ 131. Seeburger See 201
+
+ 132. Der Burgsee und Burgwall 204
+
+ 133. Der heil. Niclas und der Dieb 205
+
+ 134. Riesensteine 205
+
+ 135. Spuren im Steine 206
+
+ 136. Der Riesen-Finger 207
+
+ 137. Riesen aus dem Unterberge 208
+
+ 138. Der Jetten-Bühel zu Heidelberg 209
+
+ 139. Riese Haym 210
+
+ 140. Die tropfende Rippe 211
+
+ 141. Jungfrau-Sprung 211
+
+ 142. Der Stierenbach 212
+
+ 143. Die Männer im Zottenberg 214
+
+ 144. Verkündigung des Verderbens 215
+
+ 145. Das Männlein auf dem Rücken 217
+
+ 146. Gottschee 217
+
+ 147. Die Zwerge auf dem Baum 221
+
+ 148. Die Zwerge auf dem Felsstein 221
+
+ 149. Die Füße der Zwerge 222
+
+ 150. Die wilden Geister 224
+
+ 151. Die Heilingszwerge 225
+
+ 152. Abzug des Zwergvolks über die Brücke 227
+
+ 153. Der Zug der Zwerge über den Berg 229
+
+ 154. Die Zwerge bei Dardesheim 230
+
+ 155. Schmidt Riechert 231
+
+ 156. Grinken-Schmidt 232
+
+ 157. Die Hirtenjungen 233
+
+ 158. Die Nußkerne 234
+
+ 159. Der soester Schatz 235
+
+ 160. Das quellende Silber 236
+
+ 161. Goldsand auf dem Unterberg 238
+
+ 162. Goldkohlen 239
+
+ 163. Der Brunnen zu Steinau 240
+
+ 164. Die fünf Kreuze 241
+
+ 165. Der Schwerttanz zu Weissenstein 241
+
+ 166. Der Steintisch zu Bingenheim 242
+
+ 167. Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof 243
+
+ 168. Krieg und Frieden 244
+
+ 169. Rodensteins Auszug 244
+
+ 170. Der Tannhäuser 246
+
+ 171. Der wilde Jäger Hackelberg 248
+
+ 172. Der wilde Jäger und der Schneider 249
+
+ 173. Der Hoselberg 250
+
+ 174. Des Rechenbergers Knecht 251
+
+ 175. Geister-Kirche 254
+
+ 176. Geister-Mahl 257
+
+ 177. Der Dachdecker 259
+
+ 178. Die Spinnerin am Creuz 260
+
+ 179. Buttermilchthurm 260
+
+ 180. Der heilige Wanfried 261
+
+ 181. Der Hülfenberg 262
+
+ 182. Das Teufelsloch zu Goslar 263
+
+ 183. Die Teufelsmühle 265
+
+ 184. Der Herrgottstritt 266
+
+ 185. Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt 267
+
+ 186. Der Wolf und der Tannenzapf 269
+
+ 187. Der Teufel von Ach 270
+
+ 188. Die Teufelsmauer 270
+
+ 189. Des Teufels Tanzplatz 271
+
+ 190. Die Teufelskanzel 272
+
+ 191. Das Teufelsohrkissen 272
+
+ 192. Der Teufelsfelsen 272
+
+ 193. Teufelsmauer 273
+
+ 194. Teufelsgitter 273
+
+ 195. Teufelsmühle 274
+
+ 196. Teufelskirche 274
+
+ 197. Teufelsstein bei Reichenbach 274
+
+ 198. Teufelsstein bei Cöln 275
+
+ 199. Süntelstein zu Osnabrück 275
+
+ 200. Der Lügenstein 276
+
+ 201. Die Felsenbrücke 276
+
+ 202. Das Teufelsbad bei Dassel 277
+
+ 203. Der Thurm zu Schartfeld 279
+
+ 204. Der Dom zu Cöln 280
+
+ 205. Des Teufels Hut 282
+
+ 206. Des Teufels Brand 282
+
+ 207. Die Teufels-Hufeisen 284
+
+ 208. Der Teufel führt die Braut fort 285
+
+ 209. Das Glücksrad 286
+
+ 210. Der Teufel als Fürsprecher 289
+
+ 211. Traum vom Schatz auf der Brücke 290
+
+ 212. Der Kessel mit dem Schatz 291
+
+ 213. Der Wärwolf 293
+
+ 214. Der Wärwolf-Stein 295
+
+ 215. Die Wärwölfe ziehen aus 296
+
+ 216. Der Drache fährt aus 297
+
+ 217. Winkelried und der Lindwurm 299
+
+ 218. Der Lindwurm am Brunnen 300
+
+ 219. Das Drachenloch 301
+
+ 220. Schlangenkönigin 302
+
+ 221. Die Jungfrau im Oselberg 303
+
+ 222. Der Krötenstuhl 304
+
+ 223. Die Wiesenjungfrau 305
+
+ 224. Das Niesen im Wasser 307
+
+ 225. Die arme Seele 307
+
+ 226. Die verfluchte Jungfer 308
+
+ 227. Das Fräulein vom Staufenberg 308
+
+ 228. Der Jungferstein 308
+
+ 229. Das steinerne Brautbett 309
+
+ 230. Zum Stehen verwünscht 310
+
+ 231. Die Bauern zu Kolbeck 312
+
+ 232. Der heilige Sonntag 313
+
+ 233. Frau Hutt 314
+
+ 234. Der Kindelsberg 315
+
+ 235. Die Semmel-Schuhe 317
+
+ 236. Der Erdfall bei Hochstädt 318
+
+ 237. Die Brot-Schuhe 319
+
+ 238. Das taube Korn 320
+
+ 239. Der Frauensand 321
+
+ 240. Brot zu Stein geworden 326
+
+ 241. Der Binger Mäusethurm 328
+
+ 242. Das Bubenried 329
+
+ 243. Kindelbrück 330
+
+ 244. Die Kinder zu Hameln 330
+
+ 245. Der Rattenfänger 333
+
+ 246. Der Schlangenfänger 334
+
+ 247. Das Mäuselein 335
+
+ 248. Der ausgehende Rauch 336
+
+ 249. Die Katze aus dem Weidenbaum 337
+
+ 250. Wetter und Hagel machen 338
+
+ 251. Der Hexen-Tanz 339
+
+ 252. Die Weinreben und Nasen 340
+
+ 253. Fest hängen 341
+
+ 254. Das Noth-Hemd 342
+
+ 255. Fest gemacht 343
+
+ 256. Der sichere Schuß 344
+
+ 257. Der herumziehende Jäger 344
+
+ 258. Doppelte Gestalt 346
+
+ 259. Gespenst als Eheweib 347
+
+ 260. Tod des Erstgebornen 349
+
+ 261. Der Knabe zu Colmar 350
+
+ 262. Tod des Domherrn zu Merseburg 351
+
+ 263. Die Lilie im Kloster zu Corvei 351
+
+ 264. Rebundus im Dom zu Lübeck 352
+
+ 265. Glocke läutet von selbst 355
+
+ 266. Todes-Gespenst 356
+
+ 267. Frau Berta oder die weiße Frau 357
+
+ 268. Die wilde Berta kommt 358
+
+ 269. Der Türst, das Posterli und die Sträggele 359
+
+ 270. Der Nachtjäger und die Rüttelweiber 360
+
+ 271. Der Mann mit dem Schlackhut 360
+
+ 272. Der graue Hockelmann 361
+
+ 273. Chimmeke in Pommern 362
+
+ 274. Der Krischer 362
+
+ 275. Die überschiffenden Mönche 363
+
+ 276. Der Irrwisch 365
+
+ 277. Der feurige Wagen 366
+
+ 278. Der Räderberg 366
+
+ 279. Die Lichter auf Hellebarden 368
+
+ 280. Das Wafeln 369
+
+ 281. Weberndes Flammen-Schloß 369
+
+ 282. Der Feuerberg 371
+
+ 283. Der feurige Mann 373
+
+ 284. Die verwünschten Landmesser 374
+
+ 285. Der verrückte Gränzstein 374
+
+ 286. Der Gränzstreit 375
+
+ 287. Der Gränzlauf 375
+
+ 288. Die Alpschlacht 378
+
+ 289. Der Stein bei Wenthusen 379
+
+ 290. Die altenberger Kirche 379
+
+ 291. Der König im lauenburger Berg 380
+
+ 292. Der Schwanberg 381
+
+ 293. Der Robbedisser Brunnen 381
+
+ 294. Bamberger Wage 382
+
+ 295. Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern 382
+
+ 296. Der Hirt auf dem Kiffhäuser 384
+
+ 297. Die drei Telle 385
+
+ 298. Das Bergmännchen 386
+
+ 299. Die Zirbelnüsse 388
+
+ 300. Das Paradies der Thiere 388
+
+ 301. Der Gemsjäger 389
+
+ 302. Die Zwerglöcher 390
+
+ 303. Der Zwerg und die Wunderblume 391
+
+ 304. Der Nix an der Kelle 392
+
+ 305. Schwarzach 393
+
+ 306. Die drei Jungfern aus dem See 394
+
+ 307. Der todte Bräutigam 395
+
+ 308. Der ewige Jäger 397
+
+ 309. Hans Jagenteufel 398
+
+ 310. Des Hackelnberg Traum 399
+
+ 311. Die Tut-Osel 400
+
+ 312. Die schwarzen Reuter und das Handpferd 401
+
+ 313. Der getreu Eckhart 402
+
+ 314. Das Fräulein vom Willberg 403
+
+ 315. Der Schäfer und der Alte aus dem Berg 405
+
+ 316. Jungfrau Ilse 407
+
+ 317. Die Heiden-Jungfrau zu Glatz 409
+
+ 318. Der Roßtrapp und der Cretpfuhl 411
+
+ 319. Der Mägdesprung 417
+
+ 320. Der Jungfernsprung 418
+
+ 321. Der Harrassprung 420
+
+ 322. Der Riese Hidde 420
+
+ 323. Das ilefelder Nadelöhr 421
+
+ 324. Die Riesen zu Lichtenberg 422
+
+ 325. Das Hühnenblut 423
+
+ 326. Es rauscht im Hühnen-Grab 424
+
+ 327. Todte aus den Gräbern wehren dem Feind 424
+
+ 328. Hans Heilings Felsen 425
+
+ 329. Die Jungfrau mit dem Bart 426
+
+ 330. Die weiße Jungfrau zu Schwanau 427
+
+ 331. Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See 427
+
+ 332. Der Krämer und die Maus 430
+
+ 333. Die drei Schatzgräber 431
+
+ 334. Einladung vor Gottes Gericht 431
+
+ 335. Gäste vom Galgen 435
+
+ 336. Teufels-Brücke 436
+
+ 337. Die zwölf Johanneße 437
+
+ 338. Teufels-Graben 438
+
+ 339. Der Kreuzliberg 439
+
+ 340. Die Pferde aus dem Bodenloch 440
+
+ 341. Zusammenkunft der Todten 441
+
+ 342. Das weissagende Vöglein 443
+
+ 343. Der ewige Jud auf dem Matterhorn 443
+
+ 344. Der Kessel mit Butter 444
+
+ 345. Trauer-Weide 445
+
+ 346. Das Christus-Bild zu Wittenberg 445
+
+ 347. Das Muttergottes-Bild am Felsen 446
+
+ 348. Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast 447
+
+ 349. Ochsen zeigen die heilige Stätte 449
+
+ 350. Notburga 450
+
+ 351. Mauerkalk mit Wein gelöscht 454
+
+ 352. Der Judenstein 455
+
+ 353. Das von den Juden getödtete Mägdlein 456
+
+ 354. Die vier Hufeisen 457
+
+ 355. Der Altar zu Seefeld 458
+
+ 356. Der Sterbensstein 459
+
+ 357. Sündliche Liebe 460
+
+ 358. Der schweidnitzer Rathsmann 460
+
+ 359. Regenbogen über Verurtheilten 462
+
+ 360. Gott weint mit dem Unschuldigen 462
+
+ 361. Gottes Speise 463
+
+ 362. Die drei Alten 464
+
+
+
+
+1.
+
+Die drei Bergleute im Kuttenberg.
+
+Mündlich in Hessen.
+
+
+In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute lange
+Jahre und verdienten damit für Frau und Kind das Brot ehrlich. Wann sie
+Morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr
+Gebätbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öhl versehen,
+drittens ihr Bischen Brot, das reichte auch nur auf einen Tag. Ehe sie
+die Arbeit anhuben, thaten sie ihr Gebät zu Gott, daß er sie in dem
+Berge bewahren mögte und darnach fingen sie getrost und fleißig an zu
+arbeiten. Es trug sich zu, als sie einen Tag gearbeitet hatten und es
+bald Abend war, daß der Berg vornen einfiel und der Eingang verschüttet
+wurde. Da meinten sie begraben zu seyn und sprachen: “ach Gott! wir
+armen Bergleute, wir müssen nun Hungers sterben! wir haben nur einen
+Tag Brot zu essen und einen Tag Öhl auf dem Licht!” Nun befahlen sie
+sich Gott und dachten bald zu sterben, doch wollten sie nicht müßig
+seyn, so lange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort und
+bäteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahr brennte und ihr
+kleines Bischen Brot, von dem sie tagtäglich aßen, ward auch nicht
+all, sondern blieb eben so groß und sie meinten, die sieben Jahre wären
+nur ein Tag. Doch da sie sich nicht ihr Haar schneiden und den Bart
+abnehmen konnten, waren diese ellen-lang gewachsen. Die Weiber hielten
+unterdessen ihre Männer für todt, meinten sie würden sie nimmermehr
+wiedersehen und dachten daran, andere zu heirathen.
+
+Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde, so recht aus
+Herzensgrund, wünschte: “ach! könnt ich noch einmal das Tageslicht
+sehen, so wollt’ ich gerne sterben!” Der Zweite sprach: “ach! könnt
+ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so
+wollt’ ich gerne sterben!” Da sprach auch der Dritte: “ach! könnt ich
+nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt mit meiner Frau leben, so
+wollt’ ich gerne sterben!” Wie sie das gesprochen hatten, so krachte
+der Berg gewaltig und übermächtig und sprang von einander, da ging der
+erste hin zu dem Ritz und schaute hinauf und sah den blauen Himmel,
+und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich todt
+nieder. Der Berg aber that sich immer mehr von einander, also daß
+der Riß größer ward, da arbeiteten die beiden andern fort, hackten
+sich Treppen, krochen hinauf und kamen endlich heraus. Sie gingen nun
+fort in ihr Dorf und in ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die
+wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: “habt ihr denn keine
+Männer gehabt?” “Ja, antworteten jene, aber die sind schon sieben Jahre
+todt und liegen im Kuttenberg begraben!” Der Zweite sprach zu seiner
+Frau: “ich bin dein Mann,” aber sie wollt’ es nicht glauben, weil er
+den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: “hol
+mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird und ein
+Stückchen Seife dazu.” Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch
+sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute
+sich herzlich, holte Essen und Trinken so gut sie es hatte, deckte
+den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit
+einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen Brot
+gegessen hatte, da fiel er um und war todt. Der dritte Bergmann wohnte
+ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen, als es
+herum war, zu derselben Stunde aber, wo er aus dem Berg gekommen war,
+fiel er und seine Frau mit ihm todt hin. Also hatte Gott ihre Wünsche
+ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt.
+
+
+
+
+2.
+
+Der Berg-Geist.
+
++Prätor+ Weltbeschreibung I. 110. 127. 128.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. 203. 206.
+
+~+G. Agricola+ de animalib. subterr.~
+
+Mündliche Erzählung.
+
+
+Der Berg-Geist, +Meister Hämmerling+, gemeiniglich +Berg-Mönch+
+genannt, zeigt sich zuweilen in der Tiefe, gewöhnlich als ein Riese
+in einer schwarzen Mönchs-Kutte. In einem Bergwerk der Graubündner
+Alpen erschien er oft und war besonders am Freitage geschäfftig,
+das ausgegrabene Erz aus einem Eimer in den andern zu schütten; der
+Eigenthümer des Bergwerks durfte sich das nicht verdrießen lassen,
+wurde aber auch niemals von ihm beleidigt. Dagegen als einmal ein
+Arbeiter, zornig über dies vergebliche Handthieren, den Geist schalt
+und verfluchte, faßte ihn dieser mit so großer Gewalt, daß er zwar
+nicht starb, aber das Antlitz sich ihm umkehrte. Im Annaberg, in der
+Höhle, welche der Rosenkranz heißt, hat er zwölf Bergleute, während
+der Arbeit, angehaucht, wovon sie todt liegen geblieben sind, und die
+Grube ist, obgleich silberreich, nicht ferner angebaut worden. Hier
+hat er sich in Gestalt eines Rosses mit langem Hals gezeigt, furchtbar
+blickende Augen auf der Stirne. Zu Schneeberg ist er aber als ein
+schwarzer Mönch in der St. Georgen-Grube erschienen und hat einen
+Bergknappen ergriffen, von der Erde aufgehoben und oben in die Grube,
+die vorzeiten gar silberreich war, so hart niedergesetzt, daß ihm seine
+Glieder verletzt waren. Am Harz hat er einmal einen bösen Steiger, der
+die Bergleute quälte, bestraft. Denn als dieser zu Tage fuhr stellte er
+sich, ihm unsichtbar, über die Grube und als er empor kam, drückte ihm
+der Geist mit den Knien den Kopf zusammen.
+
+
+
+
+3.
+
+Der Berg-Mönch im Harz.
+
+Mündlich, am Harz.
+
+
+Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie
+anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie
+nicht genug Öhl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. “Was fangen
+wir da an?” sprachen sie mit einander, “geht uns das Öhl aus, so daß
+wir im Dunkeln sollen zu Tag fahren, sind wir gewiß unglücklich, da
+der Schacht schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus,
+um von Haus Öhl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust,
+denn er ist uns nicht gut.” Wie sie also besorgt standen, sahen sie
+ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegen kam. Anfangs
+freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig,
+denn ein ungeheurer, riesen-großer, Mann ging, ganz gebückt, in der
+Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch
+sonst wie ein Mönch angethan, in der Hand aber trug er ein mächtiges
+Gruben-Licht. Als er bis zu den beiden, die in Angst da still standen,
+geschritten war, richtete er sich auf und sprach: “Fürchtet euch nicht,
+ich will euch kein Leids anthun, vielmehr Gutes”, nahm ihr Geleucht und
+schüttete Öhl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh
+und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen
+Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: “sagts
+keinem Menschen je, daß ihr mich gesehen habt” und schlug zuletzt
+mit der Faust links an die Seitenwand; sie that sich aus einander
+und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und
+Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete,
+so wendeten sie sich ab, als sie aber wieder hinschauten, war alles
+verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder
+sonst irgend nur einen Theil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die
+Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichthum und Ehre zugekommen;
+aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet.
+
+Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öhl des Berg-Geistes, das nicht
+abnahm und darum noch immer ein großer Vortheil war. Aber nach Jahren,
+als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirthshaus
+zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte,
+und Mondtags Morgen, als sie anfuhren, war kein Öhl mehr auf der Lampe
+und sie mußten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten.
+
+
+
+
+4.
+
+Frau Hollen Teich.
+
++Schaub+ Beschr. des Meißners. Cassel 1799. 8. p. 12-14.
+
++Münchhausen+ Abh. über den Meißner in Hinsicht auf myth.
+Alterthum. Hess. Denkwürdigk. II. 161-202.
+
+
+Auf dem Hessischen Gebirg Meißner weisen mancherlei Dinge schon mit
+ihren bloßen Namen das Alterthum aus, wie die Teufelslöcher, der
+Schlachtrasen, und sonderlich der +Frau Hollenteich+. Dieser an der
+Ecke einer Moorwiese gelegen hat gegenwärtig nur 40-50 Fuß Durchmesser;
+die ganze Wiese ist mit einem halb untergegangenem Steindamm eingefaßt
+und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken.
+
+Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, gutes und böses. Weiber,
+die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar;
+die neugebornen Kinder stammen aus ihrem Brunnen und sie trägt sie
+daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und
+was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, theilt sie denen aus,
+die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und
+hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft
+sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Faule
+Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn
+wirrt, oder den Flachs anzündet; Jungfrauen hingegen, die fleißig
+abspinnen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht,
+daß die Spuhlen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die
+Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die
+schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern,
+finden Silbergroschen darin. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich, die
+guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich
+geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch
+erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze
+des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in
+oder auf der Mitte des Teichs, bald ist sie unsichtbar und man hört
+blos aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen.
+
+
+
+
+5.
+
+Frau Holla zieht umher.
+
++Prätor.+ Weihnachtsfratzen ~prop.~ 54.
+
+
+In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen, da legen die Mägde
+ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werk oder Flachs darum und
+lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie
+sich und sagt:
+
+ so manches Haar,
+ so manches gutes Jahr.
+
+Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. den Heiligen drei
+Königstag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie
+dann unterwegens Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht:
+
+ so manches Haar,
+ so manches böses Jahr.
+
+Daher reißen Feier-Abends vorher alle Mägde sorgfältig von ihren Rocken
+ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen
+übel ausschlage. Noch besser ists aber, wenn es ihnen gelingt, alles
+angelegte Werk vorher im Abspinnen herunter zu bringen.
+
+
+
+
+6.
+
+Frau Hollen Bad.
+
++Zeiller’s+ Sendschreiben II. 533. S. 695.
+
++Prätor+. Weltbeschr. I. 476.
+
+
+Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrentheils trüb
+von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung
+wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen
+und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind
+voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder
+beschädiget worden.
+
+
+
+
+7.
+
+Frau Holla und der treue Eckart.
+
++Prätor+. Weihnachtsfratzen propos. 55.
+
++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 167.
+
+
+In Thüringen liegt ein Dorf Namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau
+Holla vorüber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte
+die begegneten Leute aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid
+widerfahre. Ein Paar Bauerknaben hatten gerade Bier in der Schenke
+geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem
+sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein,
+da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald
+nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und
+tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht,
+wie sie ihnen zu Haus thun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen
+würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: “das rieth euch
+Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch euere
+Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen
+etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier seyn
+und wird ihnen nie gebrechen.” Dieses thaten die Knaben und es war so,
+die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in
+acht. Endlich aber konnten sies nicht länger bergen, sondern erzählten
+aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus und die
+Krüglein versiegten. Andere sagen, es sey dies nicht eben zu Weihnacht
+geschehen, sondern auf eine andre Zeit.
+
+
+
+
+8.
+
+Frau Holla und der Bauer.
+
++Prätor+. Weihnachtfr. prop. 56.
+
+
+Frau Holla zog einmal aus, begegnete ihr ein Bauer mit der Axt. Da
+redete sie ihn mit den Worten an, daß er ihr den Wagen verkeilen oder
+verschlagen sollte. Der Taglöhner that, wie sie ihm hieß und als die
+Arbeit verrichtet war, sprach sie: raff die Späne auf und nimm sie zum
+Trinkgeld mit; drauf fuhr sie ihres Weges. Dem Manne kamen die Späne
+vergeblich und unnütz vor, darum ließ er sie meistentheils liegen, blos
+ein Stück oder drei nahm er für die Langeweile mit. Wie er nach Hause
+kam und in den Sack griff, waren die Späne eitel Gold, alsbald kehrte
+er um, noch die andern zu holen, die er liegen gelassen; so sehr er
+suchte, so war es doch zu spät und nichts mehr vorhanden.
+
+
+
+
+9.
+
+Die Springwurzel.
+
+Mündlich auf dem Köterberg von einem Schäfer.
+
+vgl. Altdeutsche Wälder II. 95.
+
+
+Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da
+stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königs-Fräulein
+vor ihm und sprach: “nimm die Spring-Wurzel und folge mir nach.” Die
+Spring-Wurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder
+Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das
+bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden,
+die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im
+Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor
+den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben.
+Hat man sich versteckt und macht nun, wie er heran kommt, einen großen
+Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein
+weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf,
+sobald er sie gebraucht hat.) Eine solche Springwurzel besaß der Hirt,
+ließ nun seine Thiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte
+ihn bei einer Höhle in den Berg hinein, kamen sie zu einer Thüre oder
+einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten und
+alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa
+in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und
+spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den
+Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben
+Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach
+zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: “nimm dir,
+so viel du willst.” Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine
+Taschen, so viel sie halten konnten und wie er, also reich beladen,
+wieder hinaus wollte, sprach sie: “aber vergiß das Beste nicht!” Er
+meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar
+wohl versorgt zu haben, aber es war das Spring-Wort[1]. Wie er nun
+hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das
+Thor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weitern
+Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen
+Reichthümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er
+nicht wieder finden.
+
+
+ [1] Der erzählende Schäfer brauchte ganz gleichbedeutend die
+ Spring-+Wurzel+ und das Spring-+Wort+ wie im Gefühl von der alten
+ Verwandschaft beider Ausdrücke.
+
+
+
+
+10.
+
+Fräulein von Boyneburg.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Auf eine Zeit lebten auf der Boyneburg drei Fräulein zusammen. Der
+jüngsten träumte in einer Nacht, es sey in Gottes Rath beschlossen,
+daß eine von ihnen im Wetter sollte erschlagen werden. Morgens sagte
+sie ihren Schwestern den Traum und als es Mittag war, stiegen schon
+Wolken auf, die immer größer und schwärzer wurden, also daß Abends
+ein schweres Gewitter am Himmel hinzog und ihn bald ganz zudeckte und
+der Donner immer näher herbei kam. Als nun das Feuer von allen Seiten
+herabfiel, sagte die älteste: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn
+mir ist der Tod bestimmt”, ließ sich einen Stuhl hinaustragen, saß
+draußen einen Tag und eine Nacht und erwartete, daß der Blitz sie
+träfe. Aber es traf sie keiner; da stieg am zweiten Tage die zweite
+herab und sprach: “ich will Gottes Willen gehorchen, denn mir ist der
+Tod bestimmt”; und saß den zweiten Tag und die zweite Nacht, die Blitze
+versehrten sie auch nicht, aber das Wetter wollte nicht fortziehen. Da
+sprach die dritte am dritten Tage: “nun seh ich Gottes Willen: daß ich
+sterben soll”, da ließ sie den Pfarrer holen, der ihr das Abendmahl
+reichen mußte, dann machte sie auch ihr Testament und stiftete, daß
+an ihrem Todestage die ganze Gemeinde gespeist und beschenkt werden
+sollte. Nachdem das geschehen war, ging sie getrost hinunter und setzte
+sich nieder und nach wenigen Augenblicken fuhr auch ein Blitz auf sie
+herab und tödtete sie.
+
+Hernach als das Schloß nicht mehr bewohnt war, ist sie oft als ein
+guter Geist gesehen worden. Ein armer Schäfer, der all sein Hab und Gut
+verloren hatte und dem am andern Tage sein letztes sollte ausgepfändet
+werden, weidete an der Boyneburg, da sah er im Sonnenschein an der
+Schloßthüre eine schneeweiße Jungfrau sitzen. Sie hatte ein weißes
+Tuch ausgebreitet, darauf lagen Knotten, die sollten in der Sonne
+aufklinken. Der Schäfer verwunderte sich, an dem einsamen Ort eine
+Jungfrau zu finden, trat zu ihr hin und sprach: “ei was schöne
+Knotten!” nahm ein paar in die Hand, besah sie und legte sie wieder
+hin. Sie sah ihn freundlich und doch traurig an, antwortete aber
+nichts, da ward dem Schäfer angst, daß er fort ging, ohne sich
+umzusehen und die Heerde nach Haus trieb. Es waren ihm aber ein paar
+Knotten, als er darin gestanden, neben in die Schuhe gefallen, die
+drückten ihn auf dem Heimweg, da setzte er sich, zog den Schuh ab und
+wollte sie herauswerfen, wie er hineingriff, so fielen ihm fünf oder
+sechs Goldkörner in die Hand. Der Schäfer eilte zur Boyneburg zurück,
+aber die weiße Jungfrau war sammt den Knotten verschwunden; doch konnte
+er sich mit dem Golde schuldenfrei machen und seinen Haushalt wieder
+einrichten.
+
+Viele Schätze sollen in der Burg noch verborgen liegen. Ein Mann war
+glücklich und sah in der Mauer ein Schubfach; als er es aufzog, war
+es ganz voll Gold. Eine Wittwe hatte nur eine Kuh und Ziege und weil
+an der Boyneburg schöne Heiternesseln wachsen, wollte sie davon zum
+Futter abschneiden, wie sie aber eben nach einem Strauch packte, glitt
+sie aus und fiel tief hinab. Sie schrie und rief nach Hilfe, es war
+aber niemand mehr in der einsamen Gegend, bis Abends ihre Kinder, denen
+Angst geworden war, herbei kamen und ihre Stimme hörten. Sie zogen sie
+an Stricken herauf und nun erzählte sie ihnen, tief da unten sey sie
+vor ein Gitter gefallen, dahinter habe sie einen Tisch gesehen, der mit
+Reichthümern und Silberzeug ganz beladen gewesen.
+
+
+
+
+11.
+
+Der Piel-Berg.
+
++Prätorius+ Glücks-Topf S. 506.
+
+
+Bei Annaberg in Meissen, liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der
+Piel-Berg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt
+und verwünscht seyn, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich dann
+niemand dort darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen,
+gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigt.
+
+
+
+
+12.
+
+Die Schloß-Jungfrau.
+
++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 172.
+
+
+Auf dem Schloßberg unweit Ordruf in Thüringen soll sich manchmal eine
+Jungfrau sehen lassen, welche ein großes Gebund Schlüssel anhängen hat.
+Sie kommt dann allezeit um zwölf Uhr Mittags vom Berg herab und geht
+nach dem unten im Thal befindlichen Hierlings- oder Hörlings-Brunn und
+badet sich in demselben, worauf sie wiederum den Berg hinaufsteigt.
+Einige wollen sie genau gesehen und betrachtet haben.
+
+
+
+
+13.
+
+Die Schlangen-Jungfrau.
+
++Prätor.+ Weltbeschr. I. 661-663.
+
++Seyfried+ in ~medulla. p.~ 477. 478.
+
++Kornemann+ ~mons Veneris c.~ 34. ~p.~ 189-192.
+
+
+Um das Jahr 1520 war einer zu Basel im Schweizerlande mit Namen
+Leonhard, sonst gemeinlich Lienimann genannt, eines Schneiders Sohn,
+ein alberner und einfältiger Mensch, und dem dazu das Reden, weil er
+stammerte, übel abging. Dieser war in das Schlauf-Gewölbe oder den
+Gang, welcher zu Augst über Basel unter der Erde her sich erstreckt,
+ein- und darin viel weiter, als jemals einem Menschen möglich gewesen,
+fortgegangen und hinein gekommen und hat von wunderbarlichen Händeln
+und Geschichten zu reden wissen. Denn er erzählt und es gibt noch
+Leute, die es aus seinem Munde gehört haben, er habe ein geweihtes
+Wachslicht genommen und angezündet und sey mit diesem in die Höhle
+eingegangen. Da hätte er erstlich durch eine eiserne Pforte und darnach
+aus einem Gewölbe in das andere, endlich auch durch etliche gar schöne
+und luftige grüne Gärten gehen müssen. In der Mitte aber stünde ein
+herrlich und wohlgebautes Schloß oder Fürstenhaus, darin wäre eine
+gar schöne Jungfrau mit menschlichem Leibe bis zum Nabel, die trüge
+auf ihrem Haupt eine Krone von Gold und ihre Haare hätte sie zu Felde
+geschlagen; unten vom Nabel an wäre sie aber eine gräuliche Schlange.
+Von derselben Jungfrau wäre er bei der Hand zu einem eisernen Kasten
+geführt worden, auf welchem zwei schwarze bellende Hunde gelegen,
+also daß sich niemand dem Kasten nähern dürfen, sie aber hätte ihm
+die Hunde gestillt und im Zaum gehalten, und er ohne alle Hinderung
+hinzugehen können. Darnach hätte sie einen Bund Schlüssel, den sie am
+Hals getragen, abgenommen, den Kasten aufgeschlossen, silberne und
+andere Münzen heraus geholt. Davon ihm dann die Jungfrau nicht wenig
+aus sonderlicher Mildigkeit geschenkt, welche er mit sich aus der
+Schluft gebracht; wie er denn auch selbige vorgezeigt und sehen lassen.
+Auch habe die Jungfrau zu ihm gesprochen, sie sey von königlichem
+Stamme und Geschlecht geboren, aber also in ein Ungeheuer verwünscht
+und verflucht, und könne durch nichts erlöst werden, als wenn sie von
+einem Jüngling, dessen Keuschheit rein und unverletzt wäre, dreimal
+geküßt werde; dann würde sie ihre vorige Gestalt wieder erlangen. Ihrem
+Erlöser wolle sie dafür den ganzen Schatz, der an dem Orte verborgen
+gehalten würde, geben und überantworten. Er erzählte weiter, daß er die
+Jungfrau bereits zweimal geküßt, da sie denn alle beide Mal, vor großer
+Freude der unverhofften Erlösung, mit so gräulichen Gebärden sich
+erzeigt, daß er sich gefürchtet und nicht anders gemeint, sie würde ihn
+lebendig zerreißen; daher er zum drittenmal sie zu küssen nicht gewagt,
+sondern weggegangen wäre. Hernach hat es sich begeben, daß ihn etliche
+in ein Schand-Haus mitgenommen, wo er mit einem leichtsinnigen Weibe
+gesündigt. Also vom Laster befleckt, hat er nie wieder den Eingang
+zu der Schlauf-Höhle finden können; welches er zum öftern mit Weinen
+beklagt.
+
+
+
+
+14.
+
+Das schwere Kind.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. 274.
+
+
+Im Jahr 1686. am achten Juni erblickten zwei Edelleute auf dem Wege
+nach Chur in der Schweiz an einem Busch ein kleines Kind liegen, das
+in Linnen eingewickelt war. Der eine hatte Mitleiden, hieß seinen
+Diener absteigen und das Kind aufheben, damit man es ins nächste Dorf
+mitnehmen und Sorge für es tragen könnte. Als dieser abgestiegen war,
+das Kind angefaßt hatte und aufheben wollte, war er es nicht vermögend.
+Die zwei Edelleute verwunderten sich hierüber und befahlen dem andern
+Diener, auch abzusitzen und zu helfen. Aber beide mit gesammter Hand
+waren nicht so mächtig, es nur von der Stelle zu rücken. Nachdem sie es
+lange versucht, hin und her gehoben und gezogen, hat das Kind anfangen
+zu sprechen und gesagt: “laßet mich liegen, denn ihr könnt mich doch
+nicht von der Erde wegbringen. Das aber will ich euch sagen, daß dies
+ein köstliches und fruchtbares Jahr seyn wird, aber wenig Menschen
+werden es erleben.” Sobald es diese Worte ausgeredet hatte, verschwand
+es. Die beiden Edelleute legten nebst ihren Dienern ihre Aussage bey
+dem Rath zu Chur nieder.
+
+
+
+
+15.
+
+Der alte Weinkeller bei Salurn.
+
+Nachr. von Geistern. Frankf. 1737. S. 66-73.
+
+
+Auf dem Rathhause des tyroler Fleckens Salurn, an der Etsch, werden
+zwei alte Flaschen vorgezeigt und davon erzählt: Im Jahr 1688. ging
+Christoph Patzeber von St. Michael nach Salurn in Verrichtungen und
+wie er bei den Trümmern der alten salurner Burg vorüberkam, wandelte
+ihn Lust an, das Gemäuer näher zu betrachten. Er sah sich im obern
+Theil um und fand ungefähr eine unterirdische Treppe, welche aber
+ganz hell schien, so daß er hinabstieg, und in einen ansehnlichen
+Keller gelangte, zu dessen beiden Seiten er große Fässer liegen sah.
+Der Sonnenstrahl fiel durch die Ritzen, er konnte deutlich achtzehn
+Gefäße zählen, deren jedes ihm däuchte funfzig Irten zu halten; an
+denen die vorn standen, fehlte weder Hahn noch Krahn und als der Bürger
+vorwitzig umdrehte, sah er mit Verwunderung einen Wein, köstlich wie
+Oel, fließen. Er kostete das Getränk und fand es von solchem herrlichen
+Geschmack, als er Zeitlebens nicht über die Zunge gebracht hatte. Gern
+hätte er für Weib und Kind davon mitgenommen, wenn ihm ein Geschirr
+zu Handen gewesen wäre; die gemeine Sage fiel ihm ein von diesem
+Schloß, das schon manchen Menschen unschuldigerweise reich gemacht
+haben sollte, und er sann hin und her, ob er nicht durch diesen Fund
+glücklich werden möchte. Er schlug daher den Weg nach der Stadt ein,
+vollbrachte sein Geschäft und kaufte sich zwei große irdene Flaschen
+nebst Trichter und verfügte sich noch vor Sonnenuntergang in das alte
+Schloß, wo er alles gerade so wiederfand, als das erstemal. Ungesäumt
+füllte er seine beiden Flaschen mit Wein, welche etwa zwanzig Maaß
+fassen konnten, hierauf wollte er den Keller verlassen. Aber im
+Umdrehen sah er plötzlich an der Treppe, also daß sie ihm den Gang
+sperrten, drei alte Männer an einem kleinen Tische sitzen, vor ihnen
+lag eine schwarze mit Kreide beschriebene Tafel. Der Bürger erschrak
+heftig, hätte gern allen Wein im Stich gelassen, hub an inbrünstig zu
+beten und die Kellerherrn um Verzeihung zu bitten. Da sprach einer aus
+den dreien, welcher einen langen Bart, eine Ledermütze auf dem Haupt
+und einen schwarzen Rock anhatte: komm so oft du willt, so sollst
+du allzeit erhalten, was dir und den deinen vonnöthen ist. Hierauf
+verschwand das ganze Gesicht. Patzeber konnte frei und ungehindert
+fortgehen und gelangte glücklich heim zu seinem Weibe, dem er alles
+erzählte, was ihm begegnet war. Anfangs verabscheute die Frau diesen
+Wein, als sie aber sah, wie ohne Schaden sich ihr Hauswirth daran
+labte, versuchte sie ihn auch und gab allen ihren Hausgenossen dessen
+zu trinken. Als nun der Vorrath all wurde, nahm er getrost die zwei
+irdenen Krüge, ging wieder in den Keller und füllte von neuem und
+das geschah etlichemal ein ganzes Jahr durch; dieser Trunk, der
+einer kaiserlichen Tafel wohl gestanden hätte, kostete ihn keinen
+Heller. Einmal aber besuchten ihn drei Nachbaren, denen er von seinem
+Gnadentrunk zubrachte, und die ihn so trefflich fanden, daß sie
+Verdacht schöpften und argwohnten, er sey auf unrechtem Wege dazu
+gekommen. Weil sie ihm ohnedeß feind waren, gingen sie aufs Rathhaus
+und verklagten ihn, der Bürger erschien und verhehlte nicht, wie er
+zu dem Wein gelangt war, obgleich er innerlich dachte, daß er nun den
+letzten geholt haben würde. Der Rath ließ von dem Wein vor Gericht
+bringen und befand einstimmig, daß dergleichen im Lande nirgends
+anzutreffen wäre. Also mußten sie zwar den Mann nach abgelegtem Eid
+heim entlassen, gaben ihm aber auf, mit seinen Flaschen nochmals den
+vorigen Weg zu unternehmen. Er machte sich auch dahin, aber weder
+Treppe noch Keller war dort zu spüren und er empfing unsichtbare
+Schläge, die ihn betäubt und halbtodt zu Boden streckten. Als er so
+lange Zeit lag, bedäuchte ihn den vorigen Keller, aber fern in einer
+Tiefe, zu erblicken, die drei Männer saßen wieder da und kreideten
+still und schweigend bei einer hellen Lampe auf dem Tisch, als hätten
+sie eine wichtige Rechnung zu schließen; zuletzt wischten sie alle
+Ziffern aus und zogen ein Creuz über die ganze Tafel, welche sie
+hernach bei Seite stellten. Einer stand auf, öffnete drei Schlösser
+an einer eisernen Thür und man hörte Geld klingen. Auf einer anderen
+Treppe kam dann dieser alte Mann heraus zu dem auf der Erde liegenden
+Bürger, zählte ihm 30 Thaler in den Hut, ließ aber nicht den geringsten
+Laut von sich hören. Hiermit verschwand das Gesicht und die salurner
+Uhr aus der Ferne schlug eilf. Der Bürger raffte sich auf und kroch aus
+den Mauern, auf der Höhe sah er einen ganzen Leichenzug mit Lichtern
+vorbeiwallen und deutete das auf seinen eigenen Tod. Inzwischen kam
+er nach und nach auf die Landstraße und wartete auf Leute, die ihn
+nach Haus schleppten. Darauf berichtete er dem Rath den ganzen Verlauf
+und die 30 alten Thaler bewiesen deutlich, daß sie ihm von keiner
+oberirdischen Hand waren gegeben worden. Man sandte des folgenden
+Tags acht beherzte Männer aus zu der Stelle, die gleichwohl nicht die
+mindeste Spuren entdeckten, außer in einer Ecke der Trümmer die beiden
+irdenen Flaschen liegen fanden und zum Wahrzeichen mitbrachten. Der
+Patzeber starb zehen Tage darauf und mußte die Weinzeche mit seinem
+Leben zahlen; das gemachte große Creuz hatte die Zahl der zehn Tage
+vielleicht vorbedeutet.
+
+
+
+
+16.
+
+Hünen-Spiel.
+
+Mündlich, aus dem Corvei’schen.
+
+
+Bei Höxter liegen der Brunsberg und Wiltberg, auf welchen die Sachsen
+im Kampf mit Carl dem Großen sollen ihre Burgen gehabt haben. Nach der
+Sage des Volks wohnten dort ehedem Hünen, die so groß waren, daß sie
+sich Morgens aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber
+reichten. Sie warfen sich auch, als Ballspiel, Kugeln zu und ließen
+sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Thal
+herab und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man noch
+heute sieht.
+
+
+
+
+17.
+
+Das Riesen-Spielzeug.
+
+Mündlich von einem Förster.
+
+
+Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem
+Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging
+das Riesen-Fräulein herab ins Thal, wollte sehen, wie es da unten wäre
+und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld,
+das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung
+stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles
+etwas neues war. “Ei, sprach sie, und ging herzu, das nehm ich mir
+mit.” Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich
+mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und thats hinein. Nun
+lief sie ganz vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der
+Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da that sie einen
+Schritt und war droben.
+
+Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. “Ei, mein Kind, sprach
+er, was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.”
+Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken. “Was
+hast du so Zappeliches darin?” “Ei Vater, gar zu artiges Spielding! so
+was schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.” Darauf nahm sie
+eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug,
+die Bauern mit ihren Pferden; lief herum, schaute es an, lachte und
+schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin
+und her bewegte. Der Vater aber sprach: “Kind, das ist kein Spielzeug,
+da hast du was schönes angestiftet! Geh nur gleich und trags wieder
+hinab ins Thal.” Das Fräulein weinte, es half aber nichts. “Mir ist der
+Bauer kein Spielzeug, sagt der Ritter ernsthaftig, ich leids nicht, daß
+du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trags an den nämlichen
+Platz, wo du’s genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so
+haben wir Riesen auf unserm Felsen-Nest nichts zu leben.”
+
+
+
+
+18.
+
+Riese Einheer.
+
++Aventin+ Bair. Chronik. Frankf. 1570. S. 285 b.
+
+
+Zu Zeiten Carls des Großen lebt ein Ries’ und Recke, hieß +Einheer,+
+war ein Schwab, bürtig aus Thurgau, jetzund Schweitz, der wuthe
+(wadete) über alle Wasser, dorft (braucht) über keine Brücke gehen,
+zoge sein Pferd bei dem Schwanz hernach, sagt allzeit: “nun Gesell, du
+mußt auch hernach!” Dieser reiset auch in diesen Kaiser-Carls-Kriegen
+wider die Winden (Wenden) und Haunen (Hunnen); er mähet die Leut,
+gleich wie das Gras mit einer Sensen, alle nieder, hängt sie an den
+Spieß, trugs über die Achseln wie Hasen und Füchs, und da er wieder
+heim kam und ihn seine gute Gesellen und Nachbarn fragten, was er
+ausgerichtet hättet? wie es ihm im Kriege gegangen wäre? sagt er aus
+Unmuth und Zorn: “was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! ich
+trug ihr sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, was sie
+quacken, ist der Mühe nicht werth, daß der Kaiser so viel Volks wider
+solche Kröten und Würmlein zusammenbracht, ich wollts viel leichter
+zu wegen gebracht haben!” -- Diesen Riesen nennt man Einheer, daß
+(weil) er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel
+ausrichtet. Es flohen ihm die Feinde, Winden und Haunen, meinten, es
+wär der leidige Teufel.
+
+
+
+
+19.
+
+Riesen-Säulen.
+
++Winkelmann’s+ hessische Chronik. S. 32.
+
+~+Melissantes+ in Orograph.~ bei Malchen-Berg.
+
+
+Bei Miltenberg oder Kleinen-Haubach auf einem hohen Gebürg im Walde
+sind neun gewaltige, große, steinerne Säulen zu sehen und daran die
+Handgriffe, wie sie von den Riesen im Arbeiten herumgedreht worden,
+damit eine Brücke über den Main zu bauen; solches haben die alten Leute
+je nach und nach ihren Kindern erzählt, auch daß in dieser Gegend vor
+Zeiten viele Riesen sich aufgehalten.
+
+
+
+
+20.
+
+Der Köterberg.
+
+Mündlich von einem darauf hütenden Schäfer.
+
+
+Der Köterberg, (an der Gränze des Paderbornschen, Lippeschen und
+Corveischen) war sonst der Götzenberg genannt, weil die Götter der
+Heiden da angebätet wurden. Er ist innen voll Gold und Schätze, die
+einen armen Mann wohl reich machen könnten, wenn er dazu gelangte.
+Auf der nördlichen Seite sind Höhlen, da fand einmal ein Schäfer den
+Eingang und die Thüre zu den Schätzen, aber wie er eingehen wollte, in
+demselben Augenblick kam ein ganz blutiger, entsetzlicher Mann übers
+Feld daher gelaufen und erschreckte und verscheuchte ihn. Südlich auf
+einem waldbewachsenen Hügel am Fuße des Berges stand die Harzburg,
+wovon die Mauern noch zu sehen und noch vor kurzem Schlüssel gefunden
+sind. Darin wohnten Hünen und gegenüber, auf dem zwei Stunden fernen
+Zierenberg, stand eine andere Hünenburg. Da warfen die Riesen sich oft
+Hämmer herüber und hinüber.
+
+
+
+
+21.
+
+Geroldseck.
+
++Philand. v. Sittewald+ Gesichte. Straßb. 1665. S. 32. 33.
+
+
+Geroldseck, ein altes Schloß im Wasgau, von dem man vor Jahren her viel
+Abentheuer erzählen hören: daß nämlich die uralten deutschen Helden,
+die Könige Ariovist, Herman, Witechind, der hürnen Siegfried und viele
+andere in demselben Schlosse zu gewisser Zeit des Jahrs gesehen würden;
+welche, wann die Deutschen in den höchsten Nöthen und am Untergang
+seyn würden, wieder da heraus und mit etlichen alten deutschen Völkern
+denselben zu Hilf erscheinen sollten.
+
+
+
+
+22.
+
+Kaiser Karl zu Nürnberg.
+
+~+Melissantes+ Orogr. Francof.~ 1715. ~p.~ 533.
+
+vgl. +Struve+ hist. polit. Archiv ~I. p.~ 14.
+
+
+Die Sage geht, daß Karl der Große sich zu Nürnberg auf der Burg in den
+tiefen Brunnen verflucht habe und daselbst aufhalte. Sein Bart ist
+durch den Steintisch gewachsen, vor welchem er sitzt.
+
+
+
+
+23.
+
+Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser.
+
++Agricola+ Sprüchwort 710.
+
+~+Melissantes+ Orogr. v. Kyffhausen.~
+
++Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 719. 720.
+
++Prätorius+ ~Alectryomantia~ p. 69.
+
+Dessen Weltbeschr. I. 306. 307.
+
+
+Von diesem Kaiser gehen viele Sagen im Schwange. Er soll noch nicht
+todt seyn, sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter
+Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verholen in dem
+Berg Kyfhausen und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen
+an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine beßre Zeit
+werden. Zuweilen redet er mit den Leuten, die in den Berg kommen,
+zuweilen läßt er sich auswärts sehen. Gewöhnlich sitzt er auf der Bank
+an dem runden steinernen Tisch, hält den Kopf in der Hand und schläft,
+mit dem Haupt nickt er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart
+ist ihm groß gewachsen, nach einigen durch den steinernen Tisch, nach
+andern um den Tisch herum, dergestalt daß er dreimal um die Rundung
+reichen muß, bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal
+darum.
+
+Ein Bauer, der 1669 aus dem Dorf Reblingen Korn nach Nordhausen fahren
+wollte, wurde von einem kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte
+sein Korn ausschütten und sich dafür die Säcke mit Gold füllen. Dieser
+sah nun den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich.
+
+Auch einen Schäfer führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und
+fragte: fliegen die Raben noch um den Berg? Und auf die Bejahung des
+Schäfers rief er: nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen.
+
+
+
+
+24.
+
+Der Birnbaum auf dem Walserfeld.
+
+Brixener Volksbuch vom Untersberg S. 38. 39.
+
+
+Bei Salzburg auf dem sogenannten Walserfeld soll dermaleinst eine
+schreckliche Schlacht geschehen, wo alles hinzulaufen und ein so
+furchtbares Blutbad seyn wird, daß den Streitenden das Blut vom
+Fußboden in die Schuh rinnt. Da werden die bösen von den guten Menschen
+erschlagen werden. Auf diesem Walserfeld steht ein ausgedorrter
+Birnbaum zum Angedenken dieser letzten Schlacht; schon dreimal wurde er
+umgehauen, aber seine Wurzel schlug immer aus, daß er wiederum anfing
+zu grünen und ein vollkommner Baum ward. Viele Jahre bleibt er noch
+dürr stehen, wann er aber zu grünen anhebt, wird die gräuliche Schlacht
+bald eintreten und wann er Früchte trägt, wird sie anheben. Dann wird
+der Baierfürst seinen Wappenschild daran aufhängen und niemand wissen,
+was es zu bedeuten hat.
+
+
+
+
+25.
+
+Der verzauberte König zu Schildheiß.
+
+Volksbuch vom Ritter Eginhard. S. 42 ff.
+
+
+Das alte Schloß Schildheiß, in einer wüsten Wald- und Berggegend von
+Deutschböhmen sollte aufs neue gebaut und wiederhergestellt werden. Als
+die Werkmeister und Bauleute die Trümmer und Grundfesten untersuchten,
+fanden sie Gänge, Keller und Gewölbe unter der Erden in großer Menge,
+mehr als sie gedacht, in einem Gewölbe saß ein gewaltiger König im
+Sessel, glänzend und schimmernd von Edelgestein und ihm zur Rechten
+stund unbeweglich eine holdselige Jungfrau, die hielt dem König
+das Haupt, gleich als ruhete es drinnen. Als sie nun vorwitzig und
+beutegierig näher traten, wandelte sich die Jungfrau in eine Schlange,
+die Feuer spie, so daß alle weichen mußten. Sie berichteten aber ihrem
+Herrn von der Begebenheit, welcher alsbald vor das bezeichnete Gewölbe
+ging und die Jungfrau bitterlich seufzen hörte. Nachher trat er mit
+seinem Hund in die Höhle, in der sich Feuer und Rauch erzeigte, so daß
+der Ritter etwas zurückwich und seinen Hund der vorausgelaufen war, für
+verloren hielt. Das Feuer verlosch und wie er sich von neuem näherte,
+sah er daß die Jungfrau seinen Hund unbeschädigt im Arme hielt und eine
+Schrift an der Wand, die ihm Verderben drohte. Sein Muth trieb ihn
+aber nachher dennoch an, das Abentheuer zu wagen und er wurde von den
+Flammen verschlungen.
+
+
+
+
+26.
+
+Kaiser Carl V. Auszug.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Zwischen Gudensberg und Besse in Hessen liegt der Odenberg, in welchem
+Kaiser Carl der Fünfte mit seinem ganzen Heer versunken ist. Ehe ein
+Krieg ausbricht, thut sich der Berg auf, Kaiser Carl kommt hervor,
+stößt in sein Hüft-Horn und zieht nun mit seinem ganzen Heer aus in
+einen andern Berg.
+
+
+
+
+27.
+
+Der Unterberg.
+
+Sagen der Vorzeit oder ausführliche Beschreibung von dem berühmten
+salzburgischen Untersberg oder Wunderberg, wie solche Lazarus
+Gitschner vor seinem Tode geoffenbart. Brixen 1782. Volksbuch.
+
++Franz Sartori+ Naturwunder des östreich. Kaiserthums. Wien 1807. I.
+~Nro.~ 7.
+
+
+Der Unterberg oder Wunderberg liegt eine kleine deutsche Meile von der
+Stadt Salzburg an dem grundlosen Moos, wo vor Zeiten die Hauptstadt
+Helfenburg soll gestanden haben. Er ist im Innern ganz ausgehöhlt,
+mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silber-Quellen
+versehen. Kleine Männlein bewahren die Schätze und wanderten sonst
+oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst
+Gottesdienst zu halten.
+
+
+
+
+28.
+
+Kaiser Karl im Unterberg.
+
+Brixener Volksbuch von 1782. S. 28. 29.
+
+
+In dem Wunderberg sitzt außer andern fürstlichen und vornehmen Herrn
+auch Kaiser Karl, mit goldner Krone auf dem Haupt und seinen Scepter in
+der Hand. Auf dem großen Welserfeld wurde er verzückt und hat noch ganz
+seine Gestalt behalten, wie er sie auf der zeitlichen Welt gehabt. Sein
+Bart ist grau und lang gewachsen und bedeckt ihm das goldne Bruststück
+seiner Kleidung ganz und gar. An Fest- und Ehrentagen wird der Bart auf
+zwei Theile getheilt, einer liegt auf der rechten Seite, der andere auf
+der linken, mit einem kostbaren Perlenband umwunden. Der Kaiser hat
+ein scharfes und tiefsinniges Angesicht und erzeigt sich freundlich
+und gemeinschaftlich gegen alle Untergebenen, die da mit ihm auf einer
+schönen Wiese hin und her gehen. Warum er sich da aufhält und was
+seines Thuns ist, weiß niemand und steht bei den Geheimnissen Gottes.
+
+Franz Sartori erzählt, daß Kaiser Karl der Fünfte, nach andern aber
+Friedrich an einem Tisch sitzt, um den sein Bart schon mehr denn
+zweimal herumgewachsen ist. So wie der Bart zum drittenmal die
+letzte Ecke desselben erreicht haben wird, tritt dieser Welt letzte
+Zeit ein. Der Antichrist erscheint, auf den Feldern von Wals kommt
+es zur Schlacht, die Engelposaunen ertönen und der jüngste Tag ist
+angebrochen.
+
+
+
+
+29.
+
+Der Scherfenberger und der Zwerg.
+
+Aus Ottokar von Horneck. Cap. 573-80. S. 539 ~a.~-544 ~a.~
+
+
+Mainhard, Graf von Tirol, der auf Befehl des Kaisers Rudolf von
+Habsburg Steier und Kärnthen erobert hatte und zum Herzoge von Kärnthen
+ernannt war, lebte mit dem Grafen Ulrich von Heunburg in Fehde. Zu
+diesem schlug sich auch Wilhelm von Scherfenberg, treulos und undankbar
+gegen Mainhard. Hernach in dem Kampfe ward er vermißt und Conrad von
+Aufenstein, der für Mainhard gestritten hatte, suchte ihn auf.
+
+Sie fanden aber den Scherfenberger im Sande liegen von einem Speer
+durchstochen und hatte er da sieben Wunden, doch nur eine Pein. Der
+Aufensteiner fragte ihn, ob er der Herr Wilhelm wäre. “Ja, und seyd
+Ihrs, der Aufensteiner, so stehet hernieder zu mir.” Da sprach der
+Scherfenberger mit krankem Munde: “nehmt dieses Fingerlein; derweil
+es in eurer Gewalt ist, zerrinnet Euch Reichthum und weltliche Ehre
+nimmermehr;” damit reichte er es ihm von der Hand. Indem kam auch
+Heinrich der Told geritten und hörte, daß es der Scherfenberger war,
+der da lag. “So ist es der, sprach er, welcher seine Treue an meinem
+Herrn gebrochen, das rächt nun Gott an ihm in dieser Stund.” Ein Knecht
+mußte den todtwunden auf ein Pferd legen, aber er starb darauf. Da
+machte der Told, daß man ihn wieder herab legte, wo er vorher gelegen
+war. Darnach ward der Scherfenberger beklagt von Männern und Weibern;
+mit dem Ring aber, den er dem Aufensteiner gegeben, war es auf folgende
+Weise zugegangen.
+
+Eines Tages sah der Scherfenberger von seiner Burg auf dem Feld eine
+seltsame Augenweide. Auf vier langen vergüldeten Stangen trugen vier
+Zwerge einen Himmel von klarem und edlem Tuche. Darunter ritt ein
+Zwerg, eine goldne Krone auf dem Häuptlein, und in allen Gebärden
+als ein König. Sattel und Zaum des Pferdes war mit Gold beschlagen,
+Edelsteine lagen darin und so war auch alles Gewand beschaffen. Der
+Scherfenberger stand und sah es an, endlich ritt er hin und nahm seinen
+Hut ab. Der Zwerg gab ihm guten Morgen und sprach: “Wilhelm, Gott
+grüß Euch!” “Woher kennt Ihr mich?” antwortete der Scherfenberger.
+“Laß dir nicht leid seyn, sprach der Zwerg, daß du mir bekannt bist
+und ich deinen Namen nenne; ich suche deine Mannheit und deine Treue,
+von der mir so viel gesagt ist. Ein gewaltiger König ist mein Genosse
+um ein großes Land, darum führen wir Krieg und er will mirs mit List
+angewinnen. Ueber sechs Wochen ist ein Kampf zwischen uns gesprochen,
+mein Feind aber ist mir zu groß, da haben alle meine Freunde mir
+gerathen, dich zu gewinnen. Willst du dich des Kampfes unterwinden,
+so will ich dich also stark machen, daß, ob er einen Riesen brächte,
+dirs doch gelingen soll. Wisse, guter Held, ich bewahre dich mit einem
+Gürtel, der dir zwanzig Männer Stärke gibt.” Der Scherfenberger
+antwortete: “weil du mir so wohl traust und auf meine Mannheit dich
+verläßt, so will ich zu deinem Dienste seyn, wie es auch mit mir
+gehen wird, es soll alles gewagt werden.” Der Zwerg sprach: “fürchte
+dich nicht, Herr Wilhelm, als wäre ich ungeheuer, nein, mir wohnt
+christlicher Glaube an die Dreifaltigkeit bei und daß Gott von einer
+Jungfrau menschlich geboren wurde.” Darüber ward der Scherfenberger
+froh und versprach, wo nicht Tod oder Krankheit ihn abhalte, daß
+er zu rechter Stunde kommen wollte. “So kommt mit Roß, Rüstung und
+einem Knaben an diese Stätte hier, sagt aber niemanden etwas davon,
+auch Euerm Weibe nicht, sonst ist das Ding verloren.” Da beschwur
+der Scherfenberger alles. “Sieh hin, sprach nun das Gezwerg, dies
+Fingerlein soll unserer Rede Zeuge seyn; du sollst es mit Freuden
+besitzen, denn lebtest du tausend Jahre, so lang du es hast, zerrinnet
+dir dein Gut nimmermehr. Darum sey hohen Muthes und halt deine Treue an
+mir.” Damit ging es über die Heide und der Scherfenberger sah ihm nach,
+bis es in den Berg verschwand.
+
+Als er nach Haus kam, war das Essen bereit und jedermann fragte, wo er
+gewesen wäre, er aber sagte nichts, doch konnt er von Stund an nicht
+mehr so fröhlich gebaren wie sonst. Er ließ sein Roß besorgen, sein
+Panzerhemd bessern, schickte nach dem Beichtiger, that heimlich lautere
+Beichte und nahm darnach mit Andacht des Herren Leib. Die Frau suchte
+von dem Beichtiger die Wahrheit an den Sachen zu erfahren, aber der
+wies sie ernstlich ab. Da beschickte sie vier ihrer besten Freunde, die
+führten den Priester in eine Kammer, setzten ihm das Messer an den Hals
+und drohten ihm auf den Tod, bis er sagte, was er gehört hatte.
+
+Als die Frau es nun erfahren, ließ sie die nächsten Freunde des
+Scherfenberger kommen, die mußten ihn heimlich nehmen und um seinen
+Vorsatz fragen. Als er aber nichts entdecken wollte, sagten sie ihm
+vor den Mund, daß sie alles wüßten, und als er es an ihren Reden sah,
+da bekannte er allererst die Wahrheit. Nun begannen sie seinen Vorsatz
+zu schwächen und baten ihn höchlich, daß er von der Fahrt ablasse. Er
+aber wollt seine Treue nicht brechen und sprach, wo er das thue, nehme
+er fürder an allem Gut ab. Sein Weib aber tröstete ihn und ließ nicht
+nach, bis sie ihn mit großer Bitte überredete, da zu bleiben; doch war
+er unfroh.
+
+Darauf über ein halbes Jahr ritt er eines Tages zu seiner Feste
+Landstrotz hinter den seinigen zu allerletzt. Da kam der Zwerg neben
+zu ihm und sprach: “wer Eure Mannheit rühmt, der hat gelogen! wie habt
+Ihr mich hintergangen und verrathen! Ihr habt an mir verdient Gottes
+und guter Weiber Haß. Auch sollt Ihr wissen, daß Ihr in Zukunft sieglos
+seyd und wäre das gute Ringlein nicht, daß ich Euch leider gegeben
+habe, Ihr müßtet mit Weib und Kind in Armuth leben.” Da griff der Zwerg
+ihm an die Hand und wollts ihm abzucken, aber der Scherfenberger zog
+die Hand zurück und steckte sie in die Brust; dann ritt er von ihm über
+das Feld fort. Die vor ihm waren, die hatten alle nichts gesehen.
+
+
+
+
+30.
+
+Das stille Volk zu Plesse.
+
++Joh. Letzner+ plessisches Stammbuch.
+
+Wunderbare Begebenheiten eines göttingischen Studenten auf dem alten
+Schlosse Plesse. 1744. S. 15 ff.
+
+
+Auf dem hessischen Bergschloß Plesse sind im Felsen mancherlei Quellen,
+Brunnen, Schluchten und Höhlen, wo der Sage nach Zwerge wohnen und
+hausen sollen, die man das +stille Volk+ nennt. Sie sind schweigsam
+und gutthätig, dienen den Menschen gern, die ihnen gefallen. Geschieht
+ihnen ein Leid an, so lassen sie ihren Zorn doch nicht am Menschen
+aus, sondern rächen sich am Vieh, das sie plagen. Eigentlich hat dies
+unterirdische Geschlecht keine Gemeinschaft mit den Menschen und treibt
+inwendig sein Wesen, da hat es Stuben und Gemächer voll Gold und
+Edelgestein. Steht ihm ja etwas oben auf dem Erdboden zu verrichten,
+so wird das Geschäft nicht am Tage, sondern bei der Nacht vorgenommen.
+Dieses Bergvolk ist von Fleisch und Bein, wie andere Menschen, zeugt
+Kinder und stirbt; allein es hat die Gabe, sich unsichtbar zu machen
+und durch Fels und Mauer eben so leicht zu gehen, als wir durch die
+Luft. Zuweilen erscheinen sie den Menschen, führen sie mit in die
+Kluft und beschenken sie, wenn sie ihnen gefallen, mit kostbaren
+Sachen. Der Haupteingang ist beim tiefen Brunnen; das nahgelegene
+Wirthshaus heißt: zum Rauschenwasser.
+
+
+
+
+31.
+
+Des kleinen Volks Hochzeit-Fest.
+
+Mündlich, aus Sachsen.
+
+
+Das kleine Volk auf der Eilenburg in Sachsen wollte einmal Hochzeit
+halten und zog daher in der Nacht durch das Schlüsselloch und die
+Fenster-Ritzen in den Saal und sie sprangen hinab auf den glatten
+Fußboden, wie Erbsen auf die Tenne geschüttet werden. Davon erwachte
+der alte Graf, der im hohen Himmel-Bette in dem Saal schlief und
+verwunderte sich über die vielen kleinen Gesellen. Da trat einer von
+ihnen, geschmückt wie ein Herold, zu ihm heran und lud ihn in ziemenden
+Worten gar höflich ein, an ihrem Fest Theil zu nehmen. “Doch um eins
+bitten wir, setzte er hinzu, ihr allein sollt zugegen seyn, keins von
+euerm Hof-Gesinde darf sich unterstehen, das Fest mit anzuschauen, auch
+nicht mit einem einzigen Blick.” Der alte Graf antwortete freundlich:
+“weil ihr mich im Schlaf gestört, so will ich auch mit euch seyn.”
+Nun ward ihm ein kleines Weiblein zugeführt, kleine Lampenträger
+stellten sich auf und eine Heimchen-Musik hob an. Der Graf hatte Mühe,
+das Weiblein beim Tanz nicht zu verlieren, das ihm so leicht daher
+sprang und endlich so im Wirbel umdrehte, daß er kaum zu Athem kommen
+konnte. Mitten in dem lustigen Tanz aber stand auf einmal alles still,
+die Musik hörte auf und der ganze Haufe eilte nach den Thürspalten,
+Maus-Löchern und wo sonst ein Schlupf-Winkel war. Das Brautpaar aber,
+die Herolde und Tänzer schauten aufwärts nach einer Öffnung, die sich
+oben in der Decke des Saals befand und entdeckten dort das Gesicht
+der alten Gräfin, welche vorwitzig nach der lustigen Wirthschaft
+herabschaute. Darauf neigten sie sich vor dem Grafen und derselbe, der
+ihn eingeladen, trat wieder hervor und dankte ihm für die erzeigte
+Gastfreundschaft. “Weil aber, sagte er dann, unsere Freude und unsere
+Hochzeit also ist gestört worden, daß noch ein anderes menschliches
+Auge darauf geblickt, so soll fortan euer Geschlecht nie mehr als
+sieben Eilenburgs zählen.” Darauf drängten sie nach einander schnell
+hinaus, bald war es still und der alte Graf wieder allein im finstern
+Saal. Die Verwünschung ist bis auf gegenwärtige Zeit eingetroffen und
+immer einer von den sechs lebenden Rittern von Eilenburg gestorben, ehe
+der siebente geboren war.
+
+
+
+
+32.
+
+Steinverwandelte Zwerge.
+
++Spieß+ Vorrede zum Hans Heiling.
+
+
+In Böhmen nicht weit von Elnbogen liegt in einem rauhen aber schönen
+Thal, durch welches sich die Egger bis beinahe ans Karlsbad in
+mancherlei Krümmungen durchwindet, die berühmte Zwergenhöhle. Die
+Bewohner der benachbarten Dörfer und Städte erzählen davon folgendes.
+Diese Felsen wurden in alten Zeiten von kleinen Berg-Zwergen bewohnt,
+die im Stillen da ihr Wesen trieben. Sie thaten niemanden etwas zu
+Leid, vielmehr halfen sie ihren Nachbarn in Noth und Trübsal. Lange
+Zeit wurden sie von einem gewaltigen Geister-Banner beherrscht, einmal
+aber, als sie eben eine Hochzeit feiern wollten und darum zu ihrer
+Kirche ausgezogen waren, gerieth er in heftigen Zorn und verwandelte
+sie in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren,
+bannte er sie hinein. Die Reihe dieser Felsen heißt noch jetzt: +die
+verwünschte Zwergen-Hochzeit+ und man sieht sie in verschiedenen
+Gestalten auf den Bergspitzen stehen. In der Mitte eines der Felsen
+zeigt man das Bild eines Zwergs, welcher, als die übrigen dem Bann
+entfliehen wollten, zu lange im Gemach verweilte, und, indem er aus dem
+Fenster nach Hilfe umherblickte, in Stein verwandelt wurde.
+
+Auch zeigt man auf dem Rathhause zu Elnbogen noch jetzt die verbannten
+ruchlosen und goldgeizigen Burggrafen in einem Klumpen klingenden
+Metall. Der Sage nach soll niemand, der mit einer Todsünde befleckt
+ist, diesen Klumpen in die Höhe heben können.
+
+
+
+
+33.
+
+Zwerg-Berge.
+
++Agricola+ Sprüchw. Bl. 171 b.
+
+
+Zu Achen ist nicht weit von der Stadt ein Berg, dessen Bewohner zu
+ihren Hochzeiten von den Städtern Kessel, eherne Töpfe, Schüssel und
+Bratspieß entlehnen, hernachmals richtig wiederbringen. Ähnliche
+Zwergberge stehen in der Gegend von Jena und in der Grafschaft
+Hohenstein.
+
+
+
+
+34.
+
+Zwerge leihen Brot.
+
++Joh. Wolfgang Rentsch+ Beschreibung merkwürdiger Sachen und Antiquit.
+des Fürstenthums Baireuth.
+
+
+Der Pfarrer Hedler zu Selbitz und Marlsreuth erzählte im Jahr 1684.
+folgendes. Zwischen den zweien genannten Orten liegt im Wald eine
+Öffnung, die insgemein das Zwergenloch genannt wird, weil ehedessen und
+vor mehr als hundert Jahren daselbst Zwerge unter der Erde gewohnet,
+die von gewissen Einwohnern in Naila, die nothdürftige Nahrung
+zugetragen erhalten haben.
+
+Albert Steffel siebenzig Jahr alt und im Jahr 1680. gestorben, und Hans
+Kohmann drei und sechzig Jahr alt und 1679. gestorben, zwei ehrliche,
+glaubhafte Männer haben etlichemal ausgesagt, Kohmanns Großvater habe
+einst auf seinem bei diesem Loch gelegenen Acker geackert und sein
+Weib ihm frischgebackenes Brot zum Frühstück aufs Feld gebracht und in
+ein Tüchlein gebunden am Rain hingelegt. Bald sey ein Zwerg-Weiblein
+gegangen kommen und habe den Ackermann um sein Brot angesprochen: “ihr
+Brot sey eben auch im Backofen, aber ihre hungrige Kinder könnten nicht
+darauf warten und sie wolle es ihnen Mittags von dem ihrigen wieder
+erstatten.” Der Großvater habe eingewilligt, auf den Mittag sey sie
+wieder gekommen, habe ein sehr weißes Tüchlein gebreitet und darauf
+einen noch warmen Laib gelegt, neben vieler Danksagung und Bitte, er
+möge ohne Scheu des Brots essen und das Tuch wolle sie schon wieder
+abholen. Das sey auch geschehen, dann habe sie zu ihm gesagt, es würden
+jetzt so viel Hammerwerke errichtet, daß sie, dadurch beunruhigt, wohl
+weichen und den geliebten Sitz verlassen müßte. Auch vertriebe sie das
+Schwören und große Fluchen der Leute, wie auch die Entheiligung des
+Sonntags, indem die Bauern vor der Kirche ihr Feld zu beschauen gingen,
+welches ganz sündlich wäre.
+
+Vor kurzem haben sich an einem Sonntag mehrere Bauernknechte mit
+angezündeten Spänen in das Loch begeben, inwendig einen schon
+verfallenen sehr niedrigen Gang gefunden; endlich einen weiten, fleißig
+in den Felsen gearbeiteten Platz, viereckig, höher als Manns hoch,
+auf jeder Seite viel kleine Thürlein. Darüber ist ihnen ein Grausen
+angekommen und sind herausgegangen, ohne die Kämmerlein zu besehen.
+
+
+
+
+35.
+
+Der Graf von Hoia.
+
++Hammelmann+ oldenb. Chronik. 21. 22.
+
++Tenzel+ monatl. Unterr. 1609. S. 525.
+
++Prätorius+ Glückstopf 489. 490. u. Weltbeschr. I. 95.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. 622-624.
+
+
+Es ist einmal einem Grafen zur Hoia ein kleines Männlein in der Nacht
+erschienen und wie sich der Graf entsetzte, hat es zu ihm gesagt, er
+sollte sich nicht erschrecken, es hätte ein Wort an ihm zu werben und
+zu bitten, er wolle ihm das nicht abschlagen. Der Graf antwortete, wenn
+es ihm zu thun möglich und ihm und den seinen unbeschwerlich wäre,
+so wollte er es gern thun. Da sprach das Männlein: “es wollen die
+folgende Nacht etliche zu dir auf dein Haus kommen und Ablager halten,
+denen wollest du Küche und Saal so lange leihen und deinen Dienern
+gebieten, daß sie sich schlafen legen und keiner nach ihrem Thun und
+Treiben sehe, auch keiner darum wisse, ohne du allein. Man wird sich
+dafür dankbarlich erzeigen, du und dein Geschlecht sollens zu genießen
+haben, es soll auch in dem allergeringsten weder dir noch den deinen
+Leid geschehen.” Solches hat der Graf eingewilliget. Also sind sie
+folgende Nacht, gleich als mit einem reisigen Zug, die Brücke hinauf
+ins Haus gezogen, allesammt kleine Leute, wie man die Bergmännlein
+zu beschreiben pflegt. Sie haben in der Küche gekocht, zugehauen und
+aufgegeben und hat sich nicht anders ansehen lassen, als wenn eine
+große Mahlzeit angerichtet würde. Darnach fast gegen Morgen, wie sie
+wiederum scheiden wollen, ist das kleine Männlein abermal zum Grafen
+gekommen, und hat ihm neben Danksagung gereicht ein +Schwert+, ein
++Salamander-Laken+ und einen +güldenen Ring+, in welchem ein rother
+Löwe oben eingemacht; mit Anzeigung, diese drei Stücke sollte er und
+seine Nachkömmlinge wohl verwahren und so lange sie dieselben bei
+einander hätten, würde es einig und wohl in der Grafschaft zustehen;
+sobald sie aber von einander kommen würden, sollte es ein Zeichen seyn,
+daß der Grafschaft nichts Gutes vorhanden wäre: und ist der rothe Löwe
+auch allzeit darnach, wann einer vom Stamm sterben sollte, erblichen.
+
+Es sind aber zu den Zeiten, da Graf Jobst und seine Brüder unmündig
+waren und Franz von Halle Statthalter im Land, die beiden Stücke, als
+das Schwert und Salamander-Laken weggenommen, der Ring aber ist bei
+der Herrschaft geblieben, bis an ihr Ende. Wohin er aber seit der Zeit
+gekommen, weiß man nicht.
+
+
+
+
+36.
+
+Zwerge ausgetrieben.
+
++Christ. Lehmann+ Erzgebürg. Schauplatz c. 2. S. 187. 188.
+
+
+Im Erzgebürge wurden die Zwerge durch Errichtung der Hämmer und
+Pochwerke vertrieben. Sie beklagten sich schwer darüber, äußerten
+jedoch, sie wollten wiederkommen, wenn die Hämmer abgingen. Unter dem
+Berg Sion vor Quedlinburg ist vorzeiten ein Zwergenloch gewesen und die
+Zwerge haben oft den Einwohnern zu ihren Hochzeiten viel Zinnwerk und
+dergleichen gern vorgeliehen.
+
+
+
+
+37.
+
+Die Wichtlein.
+
++Prätor.+ Weltbeschr. I. 129-132.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. 205-209.
+
+~+G. Agricola+ de re metallica.~
+
++Valvassor+ Ehre von Crain I. 417.
+
+
+Die Wichtlein oder Bergmännlein erscheinen gewöhnlich wie die Zwerge,
+nur etwa dreiviertel Ehle groß. Sie haben die Gestalt eines alten
+Mannes mit einem langen Bart, sind bekleidet wie Bergleute mit einer
+weißen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne,
+Schlägel und Hammer. Sie thun den Arbeitern kein Leid, denn wenn
+sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen
+doch selten Schaden zu, es sey denn daß sie mit Spotten und Fluchen
+erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in
+den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist.
+Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es
+für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen und sind desto fröhlicher
+und fleißiger. Sie schweifen in den Gruben und Schachten herum und
+scheinen gar gewaltig zu arbeiten, aber in Wahrheit thun sie nichts.
+Bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder eine Ader, bald, als
+faßten sie das Gegrabene in den Eimer, bald, als arbeiteten sie an
+der Rolle und wollten etwas hinauf ziehen, aber sie necken nur die
+Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen sie, wenn man
+hinkommt, ist niemand da.
+
+Am Kuttenberg in Böhmen hat man sie oft in großer Anzahl aus den
+Gruben heraus und hinein ziehen gesehen. Wenn kein Bergknappe drunten,
+besonders wenn groß Unglück oder Schaden vorstand (sie klopfen dem
+Bergmann dreimal den Tod an), hat man die Wichtlein hören scharren,
+graben, stoßen, stampfen und andere Bergarbeiten mehr vorstellen.
+Bisweilen auch, nach gewisser Maße, wie die Schmiede auf dem Ambos
+pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern schmieden. Eben in diesem
+Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen, hämmern und picken, als ob
+drei oder vier Schmiede etwas stießen; daher sie auch von den Böhmen
++Haus-Schmiedlein+ genannt wurden. In Idria stellen ihnen die Bergleute
+täglich ein Töpflein mit Speise an einen besondern Ort. Auch kaufen sie
+jährlich zu gewissen Zeiten ein rothes Röcklein, der Länge nach einem
+Knaben gerecht, und machen ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie
+es, so werden die Kleinen zornig und ungnädig.
+
+
+
+
+38.
+
+Beschwörung der Bergmännlein.
+
++Prätorius+ im Glückstopf. S. 177.
+
+
+Zu Nürnberg ist einer gewesen, mit Namen Paul Creuz, der eine
+wunderbare Beschwörung gebraucht hat. In einen gewissen Plan hat er
+ein neues Tischlein gesetzt, ein weißes Tuch darauf gedeckt, zwei
+Milchschüßlein drauf gesetzt, ferner: zwei Honigschüßlein, zwei
+Tellerchen und neun Messerchen. Weiter hat er eine schwarze Henne
+genommen und sie über einer Kohlpfanne zerrissen, so daß das Blut in
+das Essen hineingetropft ist. Hernach hat er davon ein Stück gegen
+Morgen, das andere gegen Abend geworfen und seine Beschwörung begonnen.
+Wie dies geschehen, ist er hinter einen grünen Baum gelaufen und hat
+gesehen, daß zwei Bergmännlein sich aus der Erde hervor gefunden, zu
+Tisch gesetzt, und bei dem kostbaren Rauchwerke, das auch vorhanden
+gewesen, gleichsam gegessen. Nun hat er ihnen Fragen vorgelegt, worauf
+sie geantwortet; ja, wenn er das oft gethan, sind die kleinen Geschöpfe
+so vertraut geworden, daß sie auch zu ihm ins Haus zu Gast gekommen.
+Hat er nicht recht aufgewartet, so sind sie entweder nicht erschienen
+oder doch bald wieder verschwunden. Er hat auch endlich ihren König zu
+Wege gebracht, der dann allein gekommen in einem rothen scharlachen
+Mäntlein, darunter er ein Buch gehabt, das er auf den Tisch geworfen
+und seinem Banner erlaubt hat, so viel und so lange er wollte drinnen
+zu lesen. Davon hat sich der Mensch große Weisheit und Geheimnisse
+eingebildet.
+
+
+
+
+39.
+
+Das Bergmännlein beim Tanz.
+
+Brixener Volksbuch.
+
+
+Es zeigten alte Leute mit Wahrhaftigkeit an, daß vor etlichen Jahren zu
+Glaß im Dorf, eine Stunde von dem Wunderberg und eine Stunde von der
+Stadt Salzburg, Hochzeit gehalten wurde, zu welcher gegen Abend ein
+Bergmännlein aus dem Wunderberge gekommen. Es ermahnte alle Gäste, in
+Ehren fröhlich und lustig zu seyn und verlangte, mit tanzen zu dürfen;
+das ihm auch nicht verweigert wurde. Also machte es mit einer und der
+andern ehrbaren Jungfrau allzeit drei Tänze und zwar mit besonderer
+Zierlichkeit, so daß die Hochzeitgäst mit Verwunderung und Freude
+zuschauten. Nach dem Tanz bedankte es sich und schenkte einem jeden
+der Brautleute drei Geldstücke von einer unbekannten Geldmünze, deren
+jedes man zu vier Kreuzer im Werthe hielt und ermahnte sie dabei, in
+Frieden und Eintracht zu hausen, christlich zu leben und bei einem
+frommen Wandel ihre Kinder zum Guten zu erziehen. Diese Münze sollten
+sie zu ihrem Geld legen und stets seiner gedenken, so würden sie selten
+in Noth kommen; sie sollten aber dabei nicht hoffährtig werden, sondern
+mit ihrem Ueberfluß ihren Nachbarn helfen.
+
+Dieses Bergmännlein blieb bei ihnen bis zur Nachtzeit und nahm von
+jedermann Trank und Speiß, die man ihm darreichte, aber nur etwas
+weniges. Alsdann bedankte es sich und begehrte einen Hochzeitmann, der
+es über den Fluß Salzach gegen den Berg zu schiffen sollte. Bei der
+Hochzeit war ein Schiffmann, Namens Johann Ständl, der machte sich
+eilfertig auf und sie gingen mit einander zur Ueberfahrt. Während
+derselben begehrte der Schiffmann seinen Lohn: das Bergmännlein gab
+ihm in Demuth drei Pfennige. Diesen schlechten Lohn verschmähte der
+Fährmann sehr, aber das Männlein gab ihm zur Antwort, er sollte sich
+das nicht verdrießen lassen, sondern die drei Pfennige wohl behalten,
+so würde er an seiner Habschaft nicht Mangel leiden, wo er anders
+dem Uebermuth Einhalt thue. Zugleich gab es dem Fährmann ein kleines
+Steinlein, mit den Worten: “wenn du dieses an den Hals hängst, so wirst
+du in dem Wasser nicht zu Grunde gehen können.” Und dieß bewährte sich
+noch in demselben Jahre. Zuletzt ermahnte es ihn zu einem frommen und
+demüthigen Lebenswandel und ging schnell von dannen.
+
+
+
+
+40.
+
+Das Keller-Männlein.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 172. 173. und nochmals 319. 320.
+
+
+Im Jahr 1665. trug sich zu Lützen folgendes zu: in einem Haus lief ein
+klein Männlein aus dem Keller hervor und sprengte vor dem Haus Wasser
+aus einer Kelte oder goß sie aus. Lief darauf wieder stillschweigends
+nach dem Keller, aber die Magd, die zugegen war, fürchtete sich, fiel
+auf ihre Knie und betete einen Psalm. Da fiel das Männlein zugleich mit
+ihr nieder, betete so lange als die Magd. Bald darauf kam Feuersbrunst
+im Städtlein aus und wurden mehrere neuerbaute Häuser in Asche gelegt,
+selbes Haus aber blieb unverletzt übrig. Auch soll nach solchem
+Begebniß das Männchen noch einmal erschienen seyn und gesprengt haben,
+allein es erfolgte an selbigem Orte nichts darauf.
+
+
+
+
+41.
+
+Die Ahnfrau von Ranzau.
+
++Seyfried+ in ~medulla~ p. 481. Nr. 10.
+
+vgl. +Prätor+. Weltbeschr. I. 104. 105.
+
+
+In dem hollsteinischen adlichen Geschlecht der von Ranzau gehet die
+Sage: eines mals sey die Großmutter des Hauses bei Nachtzeit von der
+Seite ihres Gemahls durch ein +kleines Männlein+, so ein Laternlein
+getragen, erweckt worden. Das Männlein führte sie aus dem Schloß in
+einen hohlen Berg zu einem kreißenden Weib. Selbiger legte sie auf
+Begehren die rechte Hand auf das Haupt, worauf das Weibchen alsbald
+genas. Der Führer aber führte die Ahnfrau wieder zurück ins Schloß und
+gab ihr ein +Stück Gold+ zur Gabe mit dem Bedeuten, daraus dreierlei
+machen zu lassen: funfzig +Rechenpfennige+, einen +Hering+ und eine
++Spille+, nach der Zahl ihrer dreien Kinder, zweier Söhne und einer
+Tochter; -- auch mit der Warnung: diese Sachen wohl zu verwahren,
+ansonst ihr Geschlecht in Abnahme fallen werde.
+
+ * * * * *
+
+Vollständiger und genauer ist diese Sage in einer französischen
+Novellensammlung enthalten, die zu Brüssel 1711. unter dem Titel:
+~l’amant oisif~ herauskam und steht daselbst in der vorletzten
+Erzählung p. 405-411. ~la comtesse de +Falinsperk+~ (? Falkenberg),
+~nouvelle allemande~, folgendes Inhalts:
+
+Die neuvermählte Gräfin, welche aus einem dänischen Geschlecht
+abstammte, ruhte an ihres Gemahles Seite, als ein Rauschen geschah:
+die Bettvorhänge wurden aufgezogen und sie sah ein wunderbar schönes
++Fräuchen+, nur ellnbogengroß mit einem Licht vor ihr stehen. Dieses
+Fräuchen hub an zu reden: “fürchte dich nicht, ich thue dir kein Leid
+an, sondern bringe dir Glück, wenn du mir die Hülfe leistest, die mir
+Noth thut. Steh auf und folge mir, wohin ich dich leiten werde, hüte
+dich etwas zu essen von dem, was dir geboten wird, nimm auch kein ander
+Geschenk an, außer das was ich dir reichen will und das kannst du
+sicher behalten.”
+
+Hierauf ging die Gräfin mit und der Weg führte unter die Erde. Sie
+kamen in ein Gemach, das flimmerte von Gold und Edelstein und war
+erfüllt mit lauter kleinen Männern und Weibern. Nicht lange, so
+erschien ihr König und führte die Gräfin an ein Bett, wo die Königin
+in Geburtsschmerzen lag, mit dem Ersuchen ihr beizustehn. Die Gräfin
+benahm sich aufs beste und die Königin wurde glücklich eines Söhnleins
+entbunden. Da entstand große Freude unter den Gästen, sie führten die
+Gräfin zu einem Tisch voll der köstlichsten Speisen und drangen in sie
+zu essen. Allein sie rührte nichts an, eben so wenig nahm sie von den
+Edelsteinen, die in goldnen Schalen standen. Endlich wurde sie von der
+ersten Führerin wieder fortgeführt und in ihr Bett zurückgebracht.
+
+Da sprach das Bergfräuchen: “du hast unserm Reich einen großen Dienst
+erwiesen, der soll dir gelohnt werden. Hier hast du drei +hölzerne
+Stäbe+, die leg unter dein Kopfkissen und morgen früh werden sie in
+Gold verwandelt seyn. Daraus laß machen: aus dem ersten einen +Hering+,
+aus dem zweiten +Rechenpfennige+, aus dem dritten eine +Spindel+
+und offenbare die ganze Geschichte niemanden auf der Welt, außer
+deinem Gemahl. Ihr werdet zusammen drei Kinder zeugen, die die drei
+Zweige eures Hauses seyn werden. Wer den Hering bekommt, wird viel
+Kriegsglück haben, er und seine Nachkommen; wer die Pfennige, wird mit
+seinen Kindern hohe Staatsämter bekleiden; wer die Kunkel, wird mit
+zahlreicher Nachkommenschaft gesegnet seyn.”
+
+Nach diesen Worten entfernte sich die Bergfrau, die Gräfin schlief
+ein und als sie aufwachte, erzählte sie ihrem Gemahl die Begebenheit,
+wie einen Traum. Der Graf spottete sie aus, allein als sie unter das
+Kopfkissen griff, lagen da drei Goldstangen; beide erstaunten und
+verfuhren genau damit, wie ihnen geheißen war.
+
+Die Weißagung traf völlig ein und die verschiedenen Zweige des Hauses
+verwahrten sorgfältig diese Schätze. Einige, die sie verloren, sind
+verloschen. Die vom Zweig der Pfennige erzählen: einmal habe der König
+von Dänemark einem unter ihnen einen solchen Pfennig abgefordert und
+in dem Augenblick wie ihn der König empfangen, habe der, so ihn vorher
+getragen, in seinen Eingeweiden heftigen Schmerz gespürt.
+
+
+
+
+42.
+
+Herrmann von Rosenberg.
+
+Unterred. vom Reich der Geister I. 223.
+
+
+Als Herrmann von Rosenberg sein Beilager hielt, erschienen die Nacht
+darauf viele Erdgeister, kaum zwei Spannen lang, hatten ihre Musik bei
+sich und suchten um Erlaubniß nach, die Hochzeit eines ihrer Brautpaare
+ebenfalls hier begehen zu dürfen; sie gaben sich für still und
+friedlich aus. Auf erhaltene Verwilligung begingen sie nun ihr Fest.
+
+
+
+
+43.
+
+Die osenberger Zwerge.
+
++Winkelmann+ Beschr. des oldenb. Horns Bl. 15.
+
++Happel+ (eines geborenen Hessen) ~rel. cur. II.~ 525.
+
+
+Als Winkelmann im J. 1653. aus unserm Hessenlande nach Oldenburg
+reiste und über den Osenberg kommend in dem Dorf Bümmerstett von der
+Nacht übereilt wurde, erzählte ihm ein hundertjähriger Krugwirth,
+daß bei seines Großvaters Zeiten das Haus treffliche Nahrung gehabt,
+anjetzo wäre es aber schlecht. Wenn der Großvater gebrauet, wären
+Erdmännlein vom Osenberg gekommen, hätten das Bier ganz warm aus der
+Bütte abgehohlt und mit einem Geld bezahlt, das zwar unbekannt, aber
+von gutem Silber gewesen. Einsmal hätte ein altes Männlein im Sommer
+bei großer Wärme Bier hohlen wollen und vor Durst alsogleich getrunken,
+aber zu viel, daß es davon eingeschlafen. Hernach beim Aufwachen, wie
+es sah, daß es sich so verspätet hatte, hub das alte kleine Männlein
+an bitterlich zu weinen: “nun wird mich mein Großvater des langen
+Außenbleibens wegen schlagen.” In dieser Noth lief es auf und davon,
+vergaß seinen Bierkrug mitzunehmen und kam seitdem nimmer wieder. Den
+hinterlassenen Krug hätte sein (des Wirthes) Vater und er selbst auf
+seine ausgesteuerte Tochter erhalten und so lang der Krug im Haus
+gewesen, die Wirthschaft vollauf Nahrung gehabt. Als er aber vor kurzem
+zerbrochen worden, wäre das Glück gleichsam mit zerbrochen und alles
+krebsgängig.
+
+
+
+
+44.
+
+Das Erdmännlein und der Schäferjung.
+
++Prätor.+ Weltbeschr. I. 122.
+
+
+Im Jahr 1664. hütete unfern Dresden ein Junge die Heerde des Dorfs.
+Auf einmal sah er einen Stein neben sich, von mäßiger Größe, sich von
+selbst in die Höhe heben und etliche Sprünge thun. Verstaunt trat er
+näher zu und besah den Stein, endlich hob er ihn auf. Und indem er ihn
+aufnahm, hüpfte ein jung Erdmännchen aus der Erde, stellte sich kurz
+hin vor den Schäferjungen und sprach: “ich war dahin verbannt, du hast
+mich erlöst und ich will dir dienen; gib mir Arbeit, daß ich etwas zu
+thun habe.” Bestürzt antwortete der Junge: “nun gut, du sollst mir
+helfen Schafe hüten.” Das verrichtete das Männchen sorgsam bis der
+Abend kam. Da fing es an und sagte: “ich will mit dir gehen, wo du
+hingehst.” Der Junge versetzte aber sogleich: “in mein Haus kann ich
+dich nicht gut mitnehmen, ich habe einen Stiefvater und noch andre
+Geschwister mehr, der Vater würde mich übel schlagen, wollte ich ihm
+noch jemand zubringen, der ihm das Haus kleiner machte.” “Ja du hast
+mich nun einmal angenommen, sprach der Geist, willst du mich selber
+nicht, mußt du mir anderswo Herberg schaffen.” Da wies ihn der Junge
+ins Nachbars Haus, der keine Kinder hatte. Bei diesem kehrte nun das
+Erdmännchen richtig ein und konnte es der Nachbar nicht wieder los
+werden.
+
+
+
+
+45.
+
+Der einkehrende Zwerg.
+
+Volkssage des berner Oberlandes, s. +Wyß+ Volkssagen Bern 1815. S.
+62-79. vgl. 315. und Alpenrosen 1813. S. 210-227.
+
+
+Vom Dörflein Ralligen am Thunersee und von Schillingsdorf, einem durch
+Bergfall verschütteten Ort des Grindelwaldthals, vermuthlich von andern
+Orten mehr, wird erzählt: bei Sturm und Regen kam ein wandernder Zwerg
+durch das Dörflein, ging von Hütte zu Hütte und pochte regentriefend
+an die Thüren der Leute, aber niemand erbarmte sich und wollte ihm
+öffnen, ja sie höhnten ihn noch aus dazu. Am Rand des Dorfes wohnten
+zwei fromme Armen, Mann und Frau, da schlich das Zwerglein müd und matt
+an seinem Stab einher, klopfte dreimal bescheidentlich ans Fensterchen,
+der alte Hirt that ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste
+das wenige dar, was sein Haus vermochte. Die alte Frau trug Brot auf,
+Milch und Käs, ein Paar Tropfen Milch schlürfte das Zwerglein und aß
+Brosamen von Brot und Käse. “Ich bins eben nicht gewohnt, sprach es, so
+derbe Kost zu speisen, aber ich dank euch von Herzen und Gott lohns;
+nun ich geruht habe, will ich meinen Fuß weiter setzen.” “Ei bewahre,
+rief die Frau, in der Nacht in das Wetter hinaus, nehmt doch mit einem
+Bettlein vorlieb.” Aber das Zwerglein schüttelte und lächelte: “droben
+auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen und darf nicht länger
+ausbleiben, morgen sollt ihr mein schon gedenken.” Damit nahms Abschied
+und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte
+sie mit Unwetter und Sturm, Blitze fuhren am rothen Himmel und Ströme
+Wassers ergossen sich. Da riß oben am Joch der Fluh ein gewaltiger
+Fels los und rollte zum Dorf herunter, mitsammt Bäumen, Steinen
+und Erde. Menschen und Vieh, alles was Athem hatte im Dorf, wurden
+begraben, schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden
+Alten; zitternd und bebend traten sie vor ihre Thüre hinaus. Da sahen
+sie mitten im Strom ein großes Felsenstück nahen, oben drauf hüpfte
+lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen
+Fichtenstamm und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte
+ab, daß sie unverletzt stand und die Hausleute außer Gefahr. Aber das
+Zwerglein schwoll immer größer und höher, ward zu einem ungeheuern
+Riesen und zerfloß in Luft, während jene auf gebogenen Knien beteten
+und Gott für ihre Errettung dankten.
+
+
+
+
+46.
+
+Zeitelmoos.
+
+Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 90.
+
+
+Auf dem Fichtelberg, zwischen Wunsiedel und Weißenstadt, liegt ein
+großer Wald, Zeitelmoos genannt und daran ein großer Teich; in dieser
+Gegend hausen viele Zwerge und Berggeister. Ein Mann ritt einmal bei
+später Abendzeit durch den Wald und sah zwei Kinder bei einander
+sitzen, ermahnte sie auch, nach Haus zu gehen und nicht länger zu
+säumen. Aber diese fingen an überlaut zu lachen. Der Mann ritt fort und
+eine Strecke weiter traf er dieselben Kinder wieder an, welche wieder
+lachten.
+
+
+
+
+47.
+
+Das Moosweibchen.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 691. 692. aus dem Munde einer alten Frau zu
+Saalfeld.
+
+Ein Bauer aus der Gegend von Saalfeld mit Namen Hans Krepel hatte ums
+Jahr 1635. Holz auf der Heide gehauen und zwar Nachmittags; da trat ein
+klein Moosweibchen herzu und sagte zu ihm: “Vater, wenn ihr hernach
+aufhöret und Feierabend macht, haut doch beim Umfällen des letzten
+Baums ja drei Creuze in den Stamm, es wird euch gut seyn.” Nach diesen
+Worten ging es weg. Der Bauer, ein grober und roher Kerl, dachte,
+zu was hilft mir die Quackelei und was kehr ich mich an ein solch
+Gespenste, unterließ also das Einhauen der drei Creuze und ging Abends
+nach Haus. Den folgenden Tag um die nämliche Zeit kehrte er wieder
+in den Wald, um weiter zu hauen; trat ihn wieder das Moosweibchen an
+und sprach: “ach ihr Mann, was habt ihr gestern die drei Creuze nicht
+eingehauen? es sollte euch und mir geholfen haben, denn uns jagt
+der wilde Jäger Nachmittags und Nachts ohn Unterlaß und tödtet uns
+jämmerlich, haben auch anders keinen Frieden vor ihm, wenn wir uns
+nicht auf solche behauene Baumstämme setzen können, davon darf er uns
+nicht bringen, sondern wir sind sicher.” Der Bauer sprach: “hoho, was
+sollten dabei die Creuze helfen; dir zu Gefallen mach ich noch keine
+dahin.” Hierauf aber fiel das Moosweibchen den Bauer an und drückte
+ihn dergestalt, daß er, obgleich stark von Natur, krank und elend
+wurde. Seit der Zeit folgte er der empfangenen Lehre besser, unterließ
+das Creuzeinhauen niemals und es begegnete ihm nichts widerliches mehr.
+
+
+
+
+48.
+
+Der wilde Jäger jagt die Moosleute.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 693. 694. aus mündlichen Sagen im
+saalfeldischen.
+
+Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen
+Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos,
+auch sind sie um und um mit Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt,
+daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen
+Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der
+Gegend zum öftern umzieht und man hört vielmal die Einwohner zu
+einander sprechen: nun der wilde Jäger hat sich ja nächsten wieder
+zujagt, daß es immer knisterte und knasterte!
+
+Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg
+gegangen zu holzen, da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so,
+daß er den Schall und das Hundegebell hörte. Flugs gab dem Bauer
+sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie
+Jäger thun, verrichtete daneben sein Tagewerk und ging dann heim.
+Frühmorgens den andern Tag als er in seinen Pferdestall gehen wollte,
+da war vor der Thür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt,
+gleichsam als ein Theil oder Lohn der Jagd. Erschrocken lief der Bauer
+nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der
+rieth ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren,
+sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es
+ja hangen lassen. Dieß that er denn auch und das Wildbret kam eben so
+unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer
+ohne Anfechtung.
+
+
+
+
+49.
+
+Der Wassermann.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 480-482. aus mündlicher Sage.
+
+Gegen das Jahr 1630. erzählte in der Pfarrei zu Breulieb, eine halbe
+Meile von Saalfeld, in Gegenwart des Priesters eine alte Wehmutter
+folgendes, was ihrer Mutter, ebenfals Kinderfrau daselbst, begegnet sey.
+
+Diese letzte wurde einer Nacht gerufen, schnell sich anzuziehen und
+zu kreissenden Frauen mitzukommen. Es war finster, doch machte sie
+sich auf und fand unten einen Mann warten, zu dem sagte sie: er möchte
+nur verziehen, bis sie sich eine Leuchte genommen, dann wollte sie
+nachfolgen; er aber drang auf Eile, den Weg würde er schon ohne Licht
+zeigen und sie sollten nicht irren. Ja er verband ihr noch dazu die
+Augen, daß die Frau erschrak und schreien wollte, allein der Mann
+sprach ihr Trost ein: Leid werde ihr gar nicht widerfahren, sondern
+sie könne furchtlos mitgehen. Also gingen sie miteinander; die Frau
+merkte darauf, daß er mit einer Ruthe ins Wasser schlug, und sie immer
+tiefer hinunter gingen, bis sie in eine Stube kamen. In der Stube war
+niemand als die Schwangere. Der Gefährte that ihr nunmehr das Band von
+den Augen, führte sie vors Bett und ging, nachdem er sie seiner Frauen
+anbefohlen, selber hinaus. Hierauf half sie das Kindlein zur Welt
+befördern, brachte die Kindbetterin zu Bett, badete das Kindlein und
+verrichtete alle nothwendige Sachen dabei. Aus heimlicher Dankbarkeit
+warnungsweise hob die Wöchnerin an zur Wehemutter zu sprechen: “ich
+bin sowohl als ihr ein Christenmensch und entführt worden von einem
+Wassermann, der mich ausgetauscht hat. Wenn ich nun ein Kind zur Welt
+bringe, frißt er mirs allemal den dritten Tag; kommet nur am dritten
+Tag zu eurem Teich, da werdet ihr Wasser in Blut verwandelt sehen. Wenn
+mein Mann jetzt hereinkommt und euch Geld bietet, so nehmet ja nicht
+mehr Geld von ihm, als ihr sonst zu kriegen pflegt, sonst dreht er
+euch den Hals um, nehmt euch ja in Acht.” Indem kam der Mann, zornig
+und bös aussehend, hinein, sah um sich und befand, daß alles hübsch
+aufgelaufen, lobete darum die Wehemutter. Hernach warf er einen großen
+Haufen Geld auf den Tisch, mit den Worten: “davon nehmt euch, so viel
+ihr wollt.” Sie aber, gescheidt, antwortete etlichemal: “ich gehre
+von euch nichts mehr, denn von andern, welches dann ein geringes Geld
+gewesen, und gebt ihr mir das, hab ich gnug dran; oder ist euch auch
+das zu viel, verlange ich gar nichts, außer daß ihr mich nach Haus
+bringet.” Er hub an: “das hieß dich Gott sprechen.” Zahlte ihr so viel
+Geld und geleitete sie richtig nach Haus. An den Teich zu gehen wagte
+sich aber den bestimmten Tag die Wehefrau nicht, aus Furcht.
+
+
+
+
+50.
+
+Die wilden Frauen im Unterberge.
+
+Brixener Volksbuch.
+
+
+Die Grödicher Einwohner und Bauersleute zeigten an, daß zu diesen
+Zeiten (um das Jahr 1753.) vielmals die wilden Frauen aus dem
+Wunderberge zu den Knaben und Mägdlein, die zunächst dem Loche
+innerhalb Glanegg das Waidvieh hüteten, herausgekommen und ihnen Brot
+zu essen gegeben.
+
+Mehrmals kamen die wilden Frauen zu der Ährenschneidung. Sie kamen früh
+Morgens herab und Abends, da die andern Leute Feier-Abend genommen,
+gingen sie, ohne die Abend-Mahlzeit mitzuessen, wiederum in den
+Wunderberg hinein.
+
+Einstens geschah auch nächst diesem Berge, daß ein kleiner Knab auf
+einem Pferde saß, das sein Vater zum Umackern eingespannt hatte. Da
+kamen auch die wilden Frauen aus dem Berge hervor und wollten diesen
+Knaben mit Gewalt hinweg nehmen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse
+und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen
+ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab, mit den Worten: “was
+erfrecht ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen
+Buben wegzunehmen? was wollt ihr mit ihm machen?” Die wilden Frauen
+antworteten: “er wird bei uns bessere Pflege haben und ihm besser bei
+uns gehen, als zu Haus; der Knabe wäre uns sehr lieb, es wird ihm kein
+Leid widerfahren.” Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den
+Händen und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von dannen.
+
+Abermals kamen die wilden Frauen aus dem Wunderberge nächst der
+Kugel-Mühle oder Kugelstadt genannt, so bei diesem Berge schön auf der
+Anhöhe liegt und nahmen einen Knaben mit sich fort, der das Waidvieh
+hütete. Diesen Knaben, den jedermann wohl kannte, sahen die Holzknechte
+erst über ein Jahr in einem grünen Kleid auf einem Stock dieses Bergs
+sitzen. Den folgenden Tag nahmen sie seine Eltern mit sich, Willens,
+ihn am Berge aufzusuchen, aber sie gingen alle umsonst, der Knabe kam
+nicht mehr zum Vorschein.
+
+Mehrmals hat es sich begeben, daß eine wilde Frau aus dem Wunderberg
+gegen das Dorf Anif ging, welches eine gute halbe Stunde vom
+Berg entlegen ist. Alldort machte sie sich in die Erde Löcher und
+Lagerstätte. Sie hatte ein ungemein langes und schönes Haar, das ihr
+beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte. Ein Bauersmann aus dem
+Dorfe sah diese Frau öfter ab- und zugehen und verliebte sich in
+sie, hauptsächlich wegen der Schönheit ihrer Haare. Er konnte sich
+nicht erwehren zu ihr zu gehen, betrachtete sie mit Wohlgefallen
+und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr in ihre
+Lagerstätte. Es sagte eins zum andern nichts, viel weniger, daß sie
+etwas ungebührliches getrieben. In der zweiten Nacht aber fragte die
+wilde Frau den Bauern, ob er nicht selbst eine Frau hätte? Der Bauer
+aber verläugnete seine Ehefrau und sprach nein. Diese aber machte sich
+viel Gedanken, wo ihr Mann Abends hingehe und Nachts schlafen möge.
+Sie spähete ihm daher nach und traf ihn auf dem Feld schlafend bei
+der wilden Frau. “O behüte Gott, sprach sie zur wilden Frau, deine
+schönen Haare! was thut ihr da miteinander?” Mit diesen Worten wich das
+Bauersweib von ihnen und der Bauer erschrak sehr hierüber. Aber die
+wilde Frau hielt dem Bauern seine treulose Verläugnung vor und sprach
+zu ihm: “hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen
+gegeben, so würdest du jetzt unglücklich seyn und nicht mehr von dieser
+Stelle kommen; aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan
+und hause mit ihr getreu und untersteh dich nicht mehr daher zu kommen,
+denn es steht geschrieben: ‘ein jeder lebe getreu mit seinem getrauten
+Weibe’, obgleich die Kraft dieses Gebots einst in große Abnahme kommen
+wird und damit aller zeitlicher Wohlstand der Eheleute. Nimm diesen
+Schuh voll Geld von mir, geh hin und sieh dich nicht mehr um.”
+
+
+
+
+51.
+
+Tanz mit dem Wassermann.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain. B. 11. u. B. 15. Cap. 19.
+
+
+Zu Laibach hat in dem gleich-benannten Fluß ein Wasser-Geist gewohnt,
+den man den Nix oder Wassermann hieß. Er hat sich sowohl bei Nacht den
+Fischern und Schiffleuten als bei Tag andern gezeigt, daß jedermann
+zu erzählen wußte, wie er aus dem Wasser hervorgestiegen sey und in
+menschlicher Gestalt sich habe sehen lassen. Im Jahr 1547. am ersten
+Sonntag im Julius kam nach alter Sitte zu Laibach auf dem alten Markt
+bei dem Brunnen, der durch eine dabeistehende schöne Linde lustig
+beschattet war, die ganze Nachbarschaft zusammen. Sie verzehrten in
+freundlicher und nachbarlicher Vertraulichkeit bei klingendem Spiel
+ihr Mahl und huben darauf mit dem Tanze an. Nach einer Weil trat ein
+schöngestalter, wohlgekleideter Jüngling herzu, gleich als wollte er
+an dem Reigen Theil nehmen. Er grüßte die ganze Versammlung höflich
+und bot jedem Anwesenden freundlich die Hand, welche aber ganz weich
+und eiskalt war und bei der Berührung jedem ein seltsames Grauen
+erregte. Hernach zog er ein wohlaufgeschmücktes und schöngebildetes,
+aber frisches und freches Mägdlein, von leichtfertigem Wandel, das
+Ursula Schäferin hieß, zum Tanze auf, die sich in seine Weise auch
+meisterlich zu fügen und in alle lustige Possen zu schicken wußte.
+Nachdem sie eine Zeit lang miteinander wild getanzt, schweiften sie von
+dem Platz, der den Reigen zu umschränken pflegte, immer weiter aus, von
+jenem Lindenbaum nach dem Sitticher Hofe zu, daran vorbei, bis zu der
+Laibach, wo er in Gegenwart vieler Schiffleute mit ihr hineinsprang und
+beide vor ihren Augen verschwanden.
+
+Der Lindenbaum stand bis ins Jahr 1638. wo er Alters halben umgehauen
+werden mußte.
+
+
+
+
+52.
+
+Der Wassermann und der Bauer.
+
+Mündlich, aus Deutschböhmen.
+
+
+Der Wassermann schaut wie ein andrer Mensch, nur daß, wenn er den Mund
+bleckt, man ihm seine grüne Zähne sieht. Auch trägt er grünen Hut. Er
+zeigt sich den Mädchen, wenn sie am Teich vorübergehen, mißt Band aus
+und wirfts ihnen zu.
+
+Einmal lebte er in guter Nachbarschaft mit einem Bauer, der unweit des
+Sees wohnte, besuchte ihn manchmal und bat endlich, daß der Bauer ihn
+ebenfalls unten in seinem Gehäus besuchen möchte. Der Bauer thats und
+ging mit. Da war unten im Wasser alles wie in einem prächtigen Palast
+auf Erden, Zimmer, Säle und Kammern voll mancherlei Reichthum und
+Zierrath. Der Wassermann führte den Gast aller Enden umher und wies
+ihm jedes, endlich gelangten sie in ein kleines Stübchen, wo viel neue
+Töpfe umgekehrt, die Öffnung bodenwärts, standen. Der Bauer fragte:
+was das doch wäre? “Das sind die Seelen der Ertrunkenen, die hebe ich
+unter den Töpfen auf und halte sie damit fest, daß sie nicht entwischen
+können.” Der Bauer schwieg still und kam hernach wieder heraus ans
+Land. Das Ding mit den Seelen wurmte ihm aber lange Zeit und er paßte
+dem Wassermann auf, daß er einmal ausgegangen seyn würde. Als das
+geschah, hatte der Bauer den rechten Weg hinunter sich wohl gemerkt,
+stieg in das Wasserhaus und fand auch jenes Stübchen glücklich wieder;
+da war er her, stülpte alle Töpfe um, einen nach dem andern, alsbald
+stiegen die Seelen der ertrunkenen Menschen hinauf in die Höhe aus dem
+Wasser und wurden wieder erlöst.
+
+
+
+
+53.
+
+Der Wassermann an der Fleischerbank.
+
+Mündlich, aus Deutschböhmen.
+
+
+Der Wassermann kam auch wöchentlich in die Stadt zur Fleischerbank,
+sich da einzukaufen, und wie wohl seine Kleidung etwas anders war,
+als der übrigen Menschen, ließ ihn doch jeder gewähren und dachte
+sich weiter nichts besonders dabei. Allein er bezahlte immer nur mit
+alten durchlöcherten Groschen. Daran merkte ihn zuletzt ein Fleischer
+und sprach: “wart, den will ich zeichnen, daß er nicht wieder kommt.”
+Jetzt, wie der Wassermann wiederkam und Fleisch kaufen wollte, ersahs
+der Metzger und ritzte ihn flugs mit dem Messer in den ausgestreckten
+Finger, worin er das Geld hinreichte, so daß sein Blut floß. Seit der
+Zeit ist der Wassermann ganz weggeblieben.
+
+
+
+
+54.
+
+Der Schwimmer.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. S. 37.
+
+
+In Meissen hat es sich zugetragen, daß etliche Beckers-Knechte am
+Pfingst-Fest unter der Predigt hinaus gegangen sind und oberhalb
+der Ziegel-Scheune, gleich dem Baumgarten gegenüber, in der Elbe
+gebadet. Einer unter ihnen, der sich auf seine Fertigkeit im Schwimmen
+verlassen, hat zu seinen Gesellen gesagt, wofern sie ihm einen Thaler
+aufsetzten, wollte er dreimal nach einander, unausgeruht, dies Wasser
+hin und her beschwimmen. Den zwei andern kam das unglaublich vor, und
+sie willigten ein. Nachdem der verwegene Mensch es zweimal vollbracht
+und nun zum drittenmal nach dem Sieben-Eichen-Schloß zu hinüber
+schwimmen wollte, da sprang ein großer Fisch, wie ein Lachs, vor ihm
+in die Höhe und schlug ihn mit sich ins Wasser hinab, also daß er
+ertrinken mußte. Man hat ihn noch selbiges Tages gesucht und oberhalb
+der Brücke gefunden: am ganzen Leibe waren gezwickte Mäler, von Blut
+unterlaufen, zu sehen und man konnte gar leicht die Narben erkennen,
+die ihm der +Nix+ oder Wassergeist gemacht.
+
+
+
+
+55.
+
+Bruder Nickel.
+
+~+Cluver+ germ. antiq. lib. 3. c. 27.~
+
++Prätor+. Weltbeschr. I. 487. 488.
+
+vgl. +Micrälius+ B. 1. S. 16. +Zöllner’s+ Reise 259.
+
+
+Auf der Insel Rügen liegt in einem dichten Walde ein tiefer See,
+fischreich, aber trüb von Wasser, und kann man nicht wohl darauf
+fischen. Doch aber unterstandens vor langen Jahren etliche Fischer und
+hatten ihren Kahn schon auf den See gebracht. Den andern Tag hohlten
+sie zu Haus ihre Netze, als sie wiederkehrten, war das Schiffel oder
+der Kahn verschwunden; da schaute der eine Fischer um und sah das
+Fahrzeug oben auf einem hohen Buchbaum stehen, deswegen schrie er: “wer
+Teufel hat mir den Kahn auf den Baum gebracht?” Da antwortete aus der
+Nähe eine Stimme, aber man sah niemand, und sprach: “das haben nicht
+alle Teufel, sondern ich mit meinem Bruder Nickel gethan!”
+
+
+
+
+56.
+
+Nixen-Brunnen.
+
++Kornmann+ ~mons Veneris~ Cap. 43. ~p.~ 215.
+
+~+Vormius+ mons danica lib. I.~ p. 17. 18.
+
+~+Hornung+ cista medica p. 191.~
+
+
+Nicht weit von Kirchhain in Hessen liegt ein sehr tiefer See, welcher
+der +Nixen-Bronn+ heißt, und oftmals erscheinen die Nixen, an dessen
+Gestad sich zu ersonnen. Die Mühle daran heißt gleichfalls die
+Nixen-Mühle. Auch zu Marburg soll 1615. in der Lahn bei der Elisabether
+Mühle ein Wassernix gesehen worden seyn.
+
+
+
+
+57.
+
+Magdeburger Nixen.
+
++Prätor.+ Weltbeschr. I. 497. 498.
+
+
+Zu Magdeburg an einer Stelle der Elbe ließ sich oft die Nixe sehen,
+zog die überschwimmenden Leute hinab und ersäufte sie. Kurz vor der
+Zerstörung der Stadt durch Tilly schwomm ein hurtiger Schwimmer um
+ein Stück Geld hinüber, als er aber herüber wollte und an den Ort
+gerieth, wurde er festgehalten und hinuntergerissen. Niemand konnte ihn
+retten und zuletzt schwomm sein Leichnam ans Ufer. Zuweilen soll sich
+das Meerwunder am hellen Tag und bei scheinender Sonne zeigen, sich
+ans Ufer setzen, oder auf die Äste anstehender Bäume und wie schöne
+Jungfrauen lange, goldgelbe Haare kämmen. Wenn aber Leute nahen, hüpft
+es ins Wasser. Einmal, weil das Brunnenwasser hart zu kochen ist, das
+Elbwasser aber weit und mühseelig in die Stadt getragen werden muß,
+wollte die Bürgerschaft eine Wasserleitung bauen lassen. Man fing an,
+große Pfähle in den Fluß zu schlagen, konnte aber bald nicht weit
+vorrücken. Denn man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der
+mit Macht alle eingesetzte Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den
+vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte.
+
+
+
+
+58.
+
+Der Dönges-See.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Bei dem Dorfe Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder +Haut-See+,
+der an einem gewissen Tage im Jahr ganz blutroth wird. Davon gibt
+es folgende Sage. Einmal war im Dorfe Dönges Kirmes und dazu kamen
+auch zwei fremde, unbekannte, aber schöne Jungfrauen, die mit den
+Bauersburschen tanzten und sich lustig machten, aber Nachts zwölf Uhr
+verschwunden waren, während doch Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Indeß
+waren sie am andern Tag wieder da und ein Bursche, dem es lieb gewesen,
+wenn sie immer geblieben wären, nahm einer von ihnen während des
+Tanzes die Handschuhe weg. Sie tanzten nun wieder mit, bis Mitternacht
+herannahete, da wollten sie fort und die eine ging und suchte nach
+ihren Handschuhen in allen Ecken. Da sie solche nirgends finden konnte,
+ward sie ängstlich, als es aber während des Suchens zwölf Uhr schlug,
+so liefen sie beide in größter Angst fort, gerade nach dem See und
+stürzten sich hinein. Am andern Tag war der See blutroth und wird es an
+selbigem noch jedesmal im Jahr. An den zurückgebliebenen Handschuhen
+waren oben kleine Kronen zu sehen.
+
+Es wird auch erzählt, daß in einer Nacht zwei Reiter vor das Haus
+einer Kinderfrau kamen, sie weckten und sie mitgehen hießen. Als sie
+sich weigerte, brauchten sie Gewalt, banden sie aufs Pferd und jagten
+mit ihr fort zum Dönges-See, wo sie ihrer Königin in Kindes-Nöthen
+Beistand leisten sollte. Sie sah viel wundersame Dinge, große Schätze
+und Reichthümer, mußte aber schwören, keinem Menschen je etwas davon
+zu sagen. Nachdem sie einen ganzen Tag unten geblieben war, ward sie,
+reichlich beschenkt, in der Nacht wieder heraufgebracht. Nach vielen
+Jahren erkrankte sie und konnte nicht sterben, bis sie dem Pfarrer
+alles entdeckt hatte.
+
+
+
+
+59.
+
+Mummel-See.
+
++Simplicissimus+ B. 5. Cap. 10.
+
+
+Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See, auf einem hohen
+Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad, Erbsen, Steinlein, oder was
+anders, in ein Tuch bindet und hinein hängt, so verändert es sich in
+gerad, und also, wenn man gerad hinein hängt, in ungerad. So man einen
+oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel und ein
+Ungewitter entsteht, mit Schloßen und Sturmwinden.
+
+Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein
+brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend,
+alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch
+da er nicht gehorchen wollen, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen.
+
+Ein Bauer ist zur Winterszeit über den hartgefrorenen See mit
+seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein
+nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm
+gebrochen.
+
+Ein Schütz hat im Vorübergehn ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den
+Schoos voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen,
+so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen: wenn er es gebeten, so
+hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in
+Armuth verbleiben müßten.
+
+Eines Males ist ein Männlein auf späten Abend zu einem Bauern auf
+dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in
+Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an,
+allein es bat sich aus, in der Hanfräpen zu schlafen. “Meinethalben,
+hat der Bauer geantwortet, wenn dir damit gedienet ist, magst du wohl
+gar im Weiher oder Brunnentrog schlafen.” Auf diese Verwilligung hat
+es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob
+es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen,
+ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den
+wundersamen Gast bezeiget, hat es erwiedert: ja, es könne wohl seyn,
+daß seines gleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet.
+Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen,
+daß es solchem vertraut, es sey ein Wassermännlein, welches sein
+Gemahel verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte,
+ihm den Weg zu zeigen. Unterweges erzählte es noch viel wunderliche
+Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden,
+wie es auch in solchen Seen beschaffen sey. Als sie zum Mummelsee
+gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen
+gebeten, so lange, bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein
+Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein Paar Stunden bei dem
+See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, sammt
+ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen
+und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl
+abnehmen können, daß solches das verheißene Wahrzeichen gewesen.
+
+Ein Herzog zu Wirtemberg ließ ein Floß bauen, und damit auf den See
+fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun
+Zwirnnetz hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden
+hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also
+daß sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht seyn
+mußten. Vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen.
+
+
+
+
+60.
+
+Die Elbjungfer und das Saalweiblein.
+
+Mündlich aus Magdeburg.
+
+desgl. +Prätorius+ Weltbeschr. I. 482. 483. aus Saalfeld und Halle.
+
++Bräuner+’s Curiositäten, aus Leipzig. S. 33. 34.
+
+
+Zu Magdeburg weiß man von der schönen +Elbjungfer+, die zuweilen aus
+dem Fluß heraufkam, um an dem Fleischermarkt einzukaufen. Sie trug sich
+bürgerlich, aber sehr reinlich und sauber, hatte einen Korb in der Hand
+und war von sittsamer Geberde. Man konnte sie in nichts von andern
+Mädchen unterscheiden, außer wer genau acht gab und es wußte, der
+eine Zipfel ihrer schloßen-weißen Schürze war immer naß, zum Zeichen
+ihrer Abkunft aus dem Fluß. Ein junger Fleischergesell verliebte sich
+in sie und ging ihr nach, bis er wußte, woher sie kam und wohin sie
+zurückkehrte, endlich stieg er mit ins Wasser hinab. Einem Fischer,
+der den Geliebten beistand und oben am Ufer wartete, hatte sie gesagt,
+wenn ein hölzerner Teller mit einem Apfel aus dem Strom hervorkomme,
+seys gut, sonst aber nicht. Bald aber schoß ein rother Strahl herauf,
+zum Beweis, daß den Verwandten der Elbjungfer der Bräutigam mißfallen
+und sie ihn getödtet. Es gibt aber hiervon auch abweichende andere
+Erzählungen, nach welchen die Braut hinabgestiegen und der Jüngling am
+Ufer sitzen geblieben war, um ihren Bescheid abzuwarten. Sie wollte
+unten bei ihren Eltern um die Erlaubniß zur Heirath bitten, oder die
+Sache erst ihren Brüdern sagen; statt aller Antwort erschien oben ein
+Blutflecken; sie hatten sie selbst ermordet. --
+
+Aus der +Saale+ kamen auch zuweilen die Nixfrauen in die Stadt Saalfeld
+und kauften Fleisch auf der Bank. Man unterschied sie allein an den
+großen und gräßlichen Augen und an dem triefenden Schweif ihrer Röcke
+unten. Sie sollen vertauschte Menschenkinder seyn, statt deren die
+Nixen ihre Wechselbälge oben gelassen haben. Zu +Halle+ vor dem Thore
+liegt gleichfalls ein rund Wasser, der Nixteich genannt, aus dem die
+Weiber kommen in die Stadt, ihre Nothdurft zu kaufen, und ebenmäßig an
+ihren nassen Kleidersäumen zu erkennen sind. Sonst haben sie Kleider,
+Sprache, Geld, wie wir andern auch.
+
+Unweit +Leipzig+ ist ein Nixweiblein oft auf der Straße gesehen worden.
+Es ist unter andern Bauersweibern auf den Wochenmarkt mit einem
+Tragkorbe gegangen, Lebensmittel einzukaufen. Eben so ging es auch
+wieder zurück, redete aber mit niemanden ein einziges Wort; grüßte
+und dankte auch keinem auf der Straße, aber, wo es etwas einkaufte,
+wußte es so genau, wie andere Weiber, zu dingen und zu handeln. Einmal
+gingen ihr zweie auf dem Fuß nach und sahen wie sie an einem kleinen
+Wasser ihren Tragkorb niedersetzte, der im Augenblick mit dem Weiblein
+verschwunden war. In der Kleidung war zwischen ihr und andern kein
+Unterschied, außer daß ihre Unterkleider zwei Hände breit naß waren.
+
+
+
+
+61.
+
+Wasser-Recht.
+
++Bräuner+’s Curiositäten S. 31.
+
+~+Schönfeld+ de spectris. Marburgi. 1685. p. 19.~
+
+Mündlich.
+
+
+Bei Leipzig, wo die Elster in die Pleisse fällt, pflegt im Sommer das
+junge Volk zu baden, aber das Wasser hat da einen betrüglichen Lauf,
+zuweilen Untiefen, zuweilen Sandbänke, besonders an einem Ort, welcher
+das Studentenbad genannt wird. Davon, wie von andern Flüssen, ist
+gemeine Sage, daß es alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie auch
+fast jeden Sommer ein Mensch darin ertrinkt und wird davon geglaubt,
+daß die Wasser-Nixe einen hinunter ziehe.
+
+Man erzählt, daß die Nixen vorher auf dem Wasser zu tanzen pflegen,
+wann einer ertrinken wird.
+
+Kindern, die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in
+Hessen warnend zu: “der Nöcken (Nix) mögte dich hineinziehen!”
+Folgenden Kinderreim hat man:
+
+ Nix in der Grube,
+ du bist ein böser Bube,
+ wasch dir deine Beinchen
+ mit rothen Ziegelsteinchen!
+
+
+
+
+62.
+
+Das ertrunkene Kind.
+
+Wilh. Meister. III. 501.
+
+Nationalzeitung der Deutschen. 1796. S. 74.
+
+
+Man pflegt vielerlei von den Wassern zu erzählen und daß der See oder
+der Fluß alle Jahre ein unschuldiges Kind haben müsse; aber er leide
+keinen todten Leichnam und werfe ihn früh oder spät ans Ufer aus, ja
+sogar das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sey, müsse
+wieder hervor. Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken,
+sie rief Gott und seine Heiligen an, ihr nur wenigstens die Gebeine
+zum Begräbniß zu gönnen. Der nächste Sturm brachte den Schädel, der
+folgende den Rumpf ans Ufer, und nachdem alles beisammen war, faßte die
+Mutter sämmtliche Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber,
+o Wunder! als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel immer schwerer,
+und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars legte, fing das Kind
+zu schreien an und machte sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche
+los. Nur fehlte ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten
+Hand, welches aber die Mutter nachher noch sorgfältig aufsuchte und
+fand. Dies Knöchelchen wurde in der Kirche unter andern Reliquien zum
+Gedächtniß aufgehoben. -- Die Schiffer und Fischerleute bei Cüstrin
+in der Neumark reden ebenfalls von einem den Oderstrom beherrschenden
+unbekannten Wesen, das jährlich sein bestimmtes Opfer haben müsse.
+Wem nun dies Schicksal zugedacht sey, für den werde der Wassertod
+unvermeidlich. Die Halloren zu Halle fürchten besonders den Johannestag.
+
+
+
+
+63.
+
+Schlitz-öhrchen.
+
++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. 1803. Th. 3. S. 12.
+
+
+Leute, die unter Mellrichstadt über das Flüßchen Streu gehen, werden
+durch einen Wassergeist, +Schlitz-öhrchen+ genannt, in den Fluß
+getaucht und oftmals ersäuft.
+
+
+
+
+64.
+
+Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe.
+
++Prätorius+ im Glückstopf. S. 505. 506. aus mündlicher Sage.
+
+
+Zwei Mühlknappen gehen an einem Fluß; als der eine ungefähr übers
+Wasser sieht, erblickt er eine Nixe darauf sitzend und ihre Haare
+kämmend. Er faßt seine Büchse und legt an, sie zu schießen, aber die
+Nixe springt in den Fluß, winkt mit den Fingern und verschwindet
+darauf. Das alles war so geschwind und unvermerkt vorgegangen, daß der
+andere Knappe, der voran gewandert, nichts davon gesehen und erfahren,
+bis es ihm sein Gefährte bald erzählte. Drauf hat es sich begeben, daß
+dieser Gefährte am dritten Tage ertrank, wie er sich hat baden wollen.
+
+
+
+
+65.
+
+Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 106-108. 531-535.
+
+Aehnlich in +Bräuner’s+ Curiositäten. 34-36.
+
+
+Eine hallische Wehmutter erzählte, daß folgendes ihrer Lehrmeisterin
+begegnet: diese wurde Nachts zum Thor, welches offen stand, von einem
+Manne hinaus an die Saale geführt. Unterwegs bedräute sie der Mann,
+kein Wort zu sagen und ja nicht zu mucksen, sonst drehte er ihr bald
+den Hals um, übrigens sollte sie nur getrost seyn. Sie gedachte an
+Gott, der würde sie behüten und ergab sich drein, denn sie ginge in
+ihrem Beruf. An der Saale nun that sich das Wasser auf und weiter
+hinunter auch das Erdreich, sie stiegen allmälig hinab, da war ein
+schöner Pallast, worin ein niedliches Weiblein lag. Der half die
+Wehmutter in Kindsnöthen, unterdessen ging der Mann wieder hinaus. Nach
+glücklicher Verrichtung ihres Amts, redete mitleidend das Weibchen:
+“ach liebe Frau, nun jammert mich, daß ihr hier bleiben müßt, bis an
+den jüngsten Tag, nehmt euch wohl in Acht; mein Mann wird euch jetzt
+eine ganze Mulde voll Ducaten vorsetzen, nehmt nicht mehr, als euch
+auch andre Leute zu geben pflegen für eure Mühwaltung. Weiter, wenn ihr
+zur Stube hinauskommt und unterwegs seyd, greifet flugs an die Erde,
+da werdet ihr +Dosten+[2] und +Dorant+[3] erfassen, solches haltet
+fest und lassets aus der Hand nicht fahren. Dann werdet ihr wieder
+auf freien Fuß kommen und zu eurer Stelle gerathen.” Kaum hatte sie
+ausgeredet, als der Nix, gelbkraus von Haar und bläulich von Augen,
+in die Stube trat; er hatte eine große Mulde voll Gold und setzte sie
+in dem schönen hellen Zimmer der Wehfrau vor, sprechend: “sieh da,
+nimm so viel du willt.” Darauf nahm sie einen Goldgülden. Der Nix
+verzog sein Gesicht und machte grausame Augen, und sprach: “das hast
+du nicht von dir selber, sondern mit eines Weibes Kalbe gepflügt, die
+soll schon dafür leiden! und nun komm und geh mit mir.” Drauf war sie
+aufgestanden und er führte sie hinaus; da bückte sie sich flugs und
+griff in ihre Hand +Dosten und Dorant+. Der Führer sagte dazu: “das
+heißt dich Gott sprechen und das hast du auch von meinem Weibe gelernt.
+Nun geh nur hin, wo du herkommen bist.” Hierauf war sie aus dem Fluß
+ans Ufer gewesen, ging zur Stadt ein, deren Thore noch offen standen,
+und erreichte glücklich ihr Haus.
+
+Eine andere Hebamme, bürtig aus Eschätz bei Querfurt, erzählte
+nachstehendes: in ihrer Heimath war der Ehmann ausgegangen und hatte
+seine Frau als Kindbetterin zu Haus lassen müssen. Um Mitternacht
+kam der Nix vors Haus, nahm die Sprache ihres Mannes an und rief zum
+Gartenfenster hinein: sie solle schnell herauskommen, er habe ihr
+etwas sonderlichs zu weisen. Dies schien der Frau wunderlich und sie
+antwortete: “komm du doch herein, aufzustehen mitten in der Nacht
+schickt sich für mich nicht. Du weißt ja wo der Schlüssel liegt,
+draußen im Loch über der Hausthür.” “Das weiß ich wohl, du mußt aber
+herausgehen” und plagte sie so lang mit Worten, daß sie sich zuletzt
+aufmachte und in den Garten trat. Das Gespenst ging aber vor ihr her
+und immer tiefer hinab; sie folgte nach, bis zu einem Wasser unweit des
+Hauses fließend, mittlerweile sprach der Nix:
+
+ heb auf dein Gewand
+ daß du nicht fallst in +Dosten und Dorant+
+
+welche Kräuter eben viel im Garten wuchsen. Indem aber erblickte sie
+das Wasser und fiel mit Fleiß ins Kräutich hinein, augenblicklich
+verschwand der Nix und konnte ihr nichts mehr an- noch ab-gehaben.
+Nach Mitternacht kehrte der Ehmann heim, fand Thür und Stube offen,
+die Kindermutter nicht im Bett, hub an erbärmlich zu rufen, bis er
+leise ihre Stimme im Garten vernahm und er sie aus dem Kraut wieder
+ins Zimmer brachte. Die Wehemütter halten deshalb gar viel auf diese
+Kräuter und legen sie allenthalben in Betten, Wiegen, Keller, tragen
+es an sich und lassen andere es bei sich stecken. Die leipziger
+Krautweiber führen es häufig feil zu Markte.
+
+Einmal soll auch ein Weib um Mittag in den Keller gegangen seyn, Bier
+abzulassen. Da fing ein Gespenst drinnen an und sprach:
+
+ hättestu bei dir nicht Dosten
+ wollt ich dir das Bier helfen kosten.
+
+und man hört diesen Reim noch in andern Geschichten wiederkehren.
+
+
+ [2] ~Origanum vulg.~ Wohlgemuth.
+
+ [3] ~Marrubium vulg.~ Helfkraut, Gotteshülf.
+
+
+
+
+66.
+
+Des Nixes Beine.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 533.
+
+
+Eine Wehmutter bürtig von Eschätz, eine halbe Meile von Querfurt,
+erzählte: zu Mitternacht sey in Merseburg ein Weib vor ein Balbiershaus
+gekommen, der nahe am Wasser gewohnet und haben dem Fenster
+hineingeschrien: die Wehemutter solle doch herausgehen, welches sie
+anfänglich nicht thun wollen. Endlich sey der Balbier mitgegangen,
+habe ein Licht bei sich gehabt und flugs nach des befürchteten Nixes
+Beinen gesehen. Darauf es sich niedergeduckt. Wie solches der Balbier
+gemerkt, da hat er es greulich ausgescholten und gehen heißen, darauf
+es verschwunden.
+
+
+
+
+67.
+
+Die Magd bei dem Nix.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 498. 499.
+
+
+Folgendes hat sich auf einem Dorf bei Leipzig zugetragen: eine
+Dienstmagd kam unter das Wasser und diente drei Jahre lang bei dem Nix.
+Sie hatte es an einem guten Leben und allen Willen, ausgenommen, daß
+all ihr Essen ungesalzen war. Dies nahm sie auch zur Ursache, wieder
+wegzuziehen. Allein sie sagte noch weiter: “nach dieser Zeit habe ich
+nicht über sieben Jahre zu leben, davon bleiben mir jetzo noch dreie.”
+Sonst war sie immer traurig und simpel. Prätorius hörte die Geschichte
+im Jahr 1664.
+
+
+
+
+68.
+
+Die Frau von Alvensleben.
+
++Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 525.
+
++Hammelmann+ oldenb. Chronik.
+
+Der vielförmige Hinzelmann. S. 313-316.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. S. 95. 101-104. u. Glückstopf S. 488. aus
+mündlichen Sagen und aus:
+
++Cyriak ~Edinus~+ poematischen Büchern, die er vom Geschlecht der
+Alvensleben 1581. in 4to. herausgegeben.
+
+
+Vor etlichen hundert Jahren lebte zu Calbe in dem Werder aus dem
+alvenslebischen Geschlecht eine betagte, gottesfürchtige, den Leuten
+gnädige und zu dienen bereitsame Edelfrau; sie stand vornämlich den
+Bürgersweibern bei in schweren Kindsnöthen und wurde in solchen Fällen
+von jedermänniglich begehrt und hochgeehret. Nun ereignete sich aber
+folgendes: zu nächtlichen Zeiten kam eine Magd vor das Schloß, klopfte
+an und rief ängstlich: sie möge ihr doch nicht zuwider seyn lassen, wo
+möglich alsobald aufzustehen und mit hinaus vor die Stadt zu folgen,
+wo eine schwangere Frau in Kindesnoth liege, weil die äußerste Stunde
+und Gefahr da sey und ihre Frau ihrem Leibe gar keinen Rath wisse. Die
+Adelfrau sprach: “es ist gleich mitten in der Nacht, alle Stadtthore
+sind gesperrt, wie wollen wir hinauskommen?” Die Magd antwortete: das
+Thor sey schon im voraus geöffnet, sie solle nur fortmachen, (doch sich
+hüten, wie einige hinzusetzen, an dem Ort, wo sie hingeführt werden
+würde, nichts zu essen noch zu trinken, auch das ihr angebotene nicht
+anzurühren). Darauf stand die adliche Frau aus dem Bett, zog sich an,
+kam herunter und ging mit der Magd fort, welche angeklopft hatte;
+das Thor fand sie aufgethan und wie sie weiter ins Feld kamen, war
+da ein schöner Gang, der mitten in einen Berg führte. Der Berg stand
+aufgesperrt und ob sie wohl sah, das Ding wäre unklar, beschloß sie
+doch unerschrocken weiter zu gehen, bis sie endlich vor +ein kleines
+Weiblein+ gelangte, das auf dem Bette lag in großen Geburtswehen. Die
+adliche Frau aber reichte ihr Hülfe (nach einigen brauchte sie nur die
+Hand ihr auf den Leib zu legen) und glücklich wurde ein Kindlein zum
+Tageslicht geboren. Nach geförderter Sache sehnte sie sich wieder aus
+dem Berg heimzugehen, nahm von der Kindbetterin Abschied (ohne etwas
+von den Speisen und Getränken, die ihr geboten waren, berührt zu haben)
+und die vorige Magd gesellte sich ihr aufs neue zu und brachte sie
+unverletzt nach dem Schlosse zurück. Vor dem Thorweg aber stand die
+Magd still, bedankte sich höchlich in ihrer Frauen Namen und zog einen
+güldenen +Ring+ vom Finger herab, den verehrte sie der adlichen Frau
+mit den Worten: “nehmet dies theure Pfand wohl in acht und lasset es
+nicht von euch noch von euerm Geschlecht kommen; die von Alvensleben
+werden blühen, so lange sie diesen Ring besitzen, kommt er ihnen
+dermaleins ab, so muß der ganze Stamm erlöschen.” Hiermit verschwand
+die Magd.
+
+Dieser Ring soll noch heutigestages richtig und eigentlich bei dem
+Hause verwahrt werden und zu guter Sicherheit in Lübek hinterlegt seyn.
+Andere aber behaupten, er sey bei der Theilung in zwei Linien mit Fleiß
+entzwei getheilt Worden. Noch andere: die eine Hälfte sey zerschmolzen,
+seitdem gehe es dem einen Stamm übel, die andere Hälfte liege bei
+dem andern Stamme zu Zichtow. Auch wird erzählt: die hülfreiche Frau
+war ein Ehweib, als sie drauf den folgenden Morgen ihrem Ehherrn die
+Geschichte erzählt, die ihr Nachts begegnet, habe er ihrs nicht wollen
+glauben, bis sie gesprochen: “ei wollt ihr mir nicht glauben, so holt
+nur die Schlüssel zu jener Stube vom Tische her, darinnen wird der Ring
+noch liegen.” Es befand sich so ganz richtig. Es ist ein wunderliches
+um die Geschenke, die Menschen von den Geistern empfangen haben.
+
+
+
+
+69.
+
+Die Frau von Hahn und der Nix.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 100. 101.
+
+
+Eine vornehme Frau von Adel aus dem Geschlechte der von Hahn wurde
+einstmal durch einer Wassernixe Zofe abgerufen und genöthigt, mit
+unter den Fluß zur Wehmutter zu gehen. Das Wasser theilte sich von
+einander und sie geriethen auf einem lustigen Weg tief ins Erdreich
+hinein, wo sie einem kleinen Weiblein in Kindesschmerzen hülfreiche
+Hand leistete. Nachdem alles glücklich verrichtet und die Frau von Hahn
+wegfertig war, willens nach Haus zu eilen, kam ein kleiner Wassermann
+herein, langte ihr ein Geschirr voll Asche und sagte: sie solle für
+ihre Mühe herausnehmen, so viel ihr beliebe. Sie aber weigerte sich und
+nahm nichts; da sprach der Nix: “das heißt dich Gott sprechen, sonst
+hätte ich dich wollen umbringen.” Darauf ging sie fort und wurde von
+der vorigen Zofe rücklings nach Haus gebracht. Wie sie beide da waren,
+zog die Magd +drei Stücke Goldes+ hervor, verehrte sie der adlichen
+Frau und ermahnte: diesen Schatz wohl zu verwahren und nicht abhändig
+kommen zu lassen, sonst werde ihr Haus ganz durch Armuth verderben, im
+andern Fall aber Hülle und Fülle in allen Sachen haben. Drauf ging die
+Zofe weg und die drei Stücke wurden unter die drei Söhne ausgetheilt;
+noch heute blühen zwei Stämme des Hauses, die ihren Schatz sorgsam
+aufheben; das dritte Stück hingegen soll neulich von einer Frau
+verwahrlost worden seyn, drüber sie armselig in Prag verstarb und ihre
+Linie eine Endschaft genommen hat.
+
+
+
+
+70.
+
+Das Streichmaß, der Ring und Becher.
+
+~Memoires du marechal de Bassompierre († 1646.) Cologne 1666.
+Vol. I. p. 4-6.~
+
+
+Im Herzogthum Lothringen, als es noch lange zu Deutschland gehörte,
+herrschte zwischen Nanzig und Luenstadt (~Luneville~) der letzte
+Graf von Orgewiler. Er hatte keine Schwertmagen mehr und vertheilte auf
+dem Todbette seine Länder unter seine drei Töchter und Schwiegersöhne.
+Die älteste Tochter hatte Simons von Bestein, die mittlere Herr von
+Crouy und die jüngste ein deutscher Rheingraf geheurathet. Außer den
+Herrschaften theilte er noch seinen Erben drei Geschenke aus, der
+ältesten Tochter einen Streichlöffel (Streichmaas), der mittleren einen
+Trinkbecher und der dritten einen Kleinodring, mit der Vermahnung, daß
+sie und ihre Nachkömmlinge diese Stücke sorgfältig aufheben sollten, so
+würden ihre Häuser beständig glücklich seyn.
+
+Die Sage, wie der Graf diese Stücke bekommen, erzählt der Marschall
+von Bassompierre (Bassenstein), Urenkel des Simons, selbst: der Graf
+war vermählt, hatte aber noch eine geheime Liebschaft mit einer
+wunderbaren schönen Frau, die wöchentlich alle Mondtage in ein
+Sommerhaus des Gartens zu ihm kam. Lange blieb dieser Handel seiner
+Gemahlin verborgen, wann er sich entfernte, bildete er ihr ein, daß
+er des Nachts im Wald auf den Anstand ginge. Aber nach ein Paar
+Jahren schöpfte die Gräfin Verdacht und trachtete die rechte Wahrheit
+zu erfahren. Eines Sommermorgens frühe schlich sie ihm nach und kam
+in die Sommerlaube. Da sah sie ihren Gemahl schlafen in Armen eines
+wunderschönen Frauenbilds, weil sie aber beide so sanfte schliefen,
+wollte sie sie nicht wecken, sondern nahm ihren Schleier vom Haupt
+und breitete ihn über der Schlafenden Füße. Als die schöne Buhlerin
+erwachte und des Schleiers innen ward, that sie einen hellen Schrei,
+hub an jämmerlich zu klagen und sagte: “hinführo, mein Liebster, sehen
+wir uns nimmermehr wieder, nun muß ich hundert Meilen weit weg und
+abgesondert von dir bleiben.” Damit verließ sie den Grafen, verehrte
+ihm aber vorher noch obgemeldte drei Gaben für seine drei Töchter, die
+möchten sie niemals abhanden kommen lassen.
+
+Das Haus Bassenstein hatte lange Zeit durch aus der Stadt Spinal
+(~Epinal~) einen Fruchtzins zu ziehen, wozu dieser Maaslöffel
+(~cuilliere de la mesure~) stets gebraucht wurde.
+
+
+
+
+71.
+
+Der Kobold.
+
+Unterredungen vom Reich der Geister I. 503.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 315-320.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden S. 103.
+
+
+An einigen Orten hat fast jeder Bauer, Weib, Söhne und Töchter, einen
+Kobold, der allerlei Haus-Arbeit verrichtet, in der Küche Wasser
+trägt, Holz haut, Bier holt, kocht, im Stall die Pferde striegelt, den
+Stall mistet und dergleichen. Wo er ist, nimmt das Vieh zu und alles
+gedeiht und gelingt. Noch heute sagt man sprüchwörtlich von einer Magd,
+der die Arbeit recht rasch von der Hand geht: “sie hat den Kobold.” Wer
+ihn aber erzürnt mag sich vorsehen.
+
+Sie machen, eh sie in die Häuser einziehen wollen, erst eine Probe. Bei
+Nachtzeit nämlich schleppen sie Säge-Späne ins Haus, in die Milchgefäße
+aber bringen sie Koth von unterschiedenem Vieh. Wenn nun der Hausvater
+genau achtet, daß die Späne nicht zerstreut, der Koth in den Gefäßen
+gelassen und daraus die Milch genossen wird, so bleibt der Kobold im
+Haus, so lange nur noch einer von den Hausbewohnern am Leben ist.
+
+Hat die Köchin einen Kobold zu ihrem heimlichen Gehülfen angenommen,
+so muß sie täglich um eine gewisse Zeit und an einem besondern Ort im
+Haus ihm sein zubereitetes Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen und
+ihren Weg wieder gehen. Thut sie das, so kann sie faullenzen, am Abend
+früh zu Bette gehen und wird dennoch ihre Arbeit früh Morgens beschickt
+finden. Vergißt sie das einmal, so muß sie in Zukunft nicht nur ihre
+Arbeit selbst wieder thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche
+Hand, indem sie sich im heißen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr
+zerbricht, das Essen umschüttet, also daß sie von ihrer Herrschaft
+nothwendig ausgescholten wird. Darüber hat man den Kobold öfters
+lachen und kichern gehört.
+
+Verändert sich auch das Gesinde, so bleibt er doch, ja die abziehende
+Magd muß ihn ihrer Nachfolgerin anempfehlen, damit diese sein auch
+warte. Will diese nicht, so hat sie beständiges Unglück, bis sie wieder
+abgeht.
+
+Man glaubt, sie seyen rechte Menschen, in Gestalt kleiner Kinder, mit
+einem bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, daß sie theils Messer im
+Rücken hätten, theils noch anders und gar gräulich gestaltet wären,
+je nachdem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vorzeiten
+umgebracht wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im
+Hause Ermordeten.
+
+Zuweilen ist die Magd lüstern, ihr Knechtchen, +Kurd Chimgen+ oder
++Heinzchen+, wie sie den Kobold nennen, zu sehen und wenn sie nicht
+nachläßt, nennt der Geist den Ort, wo sie ihn sehen solle, heißt sie
+aber zugleich einen Eimer kalt Wasser mitbringen. Da begibt sichs
+dann, daß sie ihn etwa auf dem Boden auf einem Kißchen nackt liegen
+sieht, und ein großes Schlacht-Messer ihm im Rücken steckt. Manche ist
+so sehr erschrocken, daß sie ohnmächtig niedergefallen, worauf der
+Kobold alsbald aufsprang und sie mit dem kalten Wasser über und über
+begoß, damit sie wieder zu sich selbst kam. Darnach ist ihr die Lust
+vergangen, den Kobold zu sehen.
+
+
+
+
+72.
+
+Der Bauer mit seinem Kobold.
+
++Tenzel+ monatl. Unterred. Jan. 1689. S. 145.
+
+
+Ein Bauer war seines Kobolds ganz überdrüssig geworden, weil er
+allerlei Unfug anrichtete, doch mogte er es anfangen, wie er immer
+wollte, so konnte er ihn nicht wieder los werden. Zuletzt ward er
+Raths, die Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte und ihn
+zu verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei
+dem letzten Karrn zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wohl
+versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich der
+Bauer von ungefähr um, siehe, da saß der Kobold hinten auf dem Karrn
+und sprach: “es war Zeit, daß wir herauskamen! es war Zeit, daß wir
+herauskamen!” Mußte also wieder umkehren und den Kobold behalten.
+
+
+
+
+73.
+
+Der Kobold in der Mühle.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain B. 3. Cap. 28. I. 420-421.
+
+Aus mündlicher Erzählung.
+
+
+Es machten einmal zwei Studenten von Rinteln eine Fußreise. Sie
+gedachten in einem Dorfe zu übernachten, weil aber ein heftiger Regen
+fiel und die Finsterniß so sehr überhand nahm, daß sie nicht weiter
+konnten, gingen sie zu einer in der Nähe liegenden Mühle, klopften und
+baten um Nacht-Herberge. Der Müller wollte anfangs nicht hören, endlich
+gab er ihren inständigen Bitten nach, öffnete die Thüre und führte
+sie in eine Stube. Sie waren beide hungrig und durstig und da auf dem
+Tisch eine Schüssel mit Speise und eine Kanne mit Bier stand, baten sie
+den Müller darum und waren bereitwillig, es zu bezahlen. Der Müller
+aber schlugs ab, selbst nicht ein Stück Brot wollt er ihnen geben und
+nur die harte Bank zum Ruh-Bett vergönnen. “Die Speise und der Trank,
+sprach er, gehört dem Haus-Geist, ist euch das Leben lieb, so laßt
+beides unberührt, sonst aber habt ihr kein Leid zu befürchten, lärmts
+in der Nacht vielleicht, so bleibt nur still liegen und schlafen.” Mit
+diesen Worten ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich zu.
+
+Die zwei Studenten legten sich zum Schlafe nieder, aber etwa nach
+einer Stunde griff den einen der Hunger so übermächtig an, daß er
+sich aufrichtete und die Schüssel suchte. Der andere, ein Magister,
+warnte ihn, er sollte dem Teufel lassen, was dem Teufel gewidmet wäre,
+aber er antwortete: “ich habe ein besser Recht dazu als der Teufel,”
+setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust, so daß wenig von dem
+Gemüse übrig blieb. Darnach faßte er die Bierkanne, that einen guten,
+pommerschen Zug und nachdem er also seine Begierde etwas gestillt,
+legte er sich wieder zu seinem Gesellen. Doch als ihn über eine
+Weile der Durst aufs neue plagte, stand er noch einmal auf und that
+einen zweiten so herzhaften Zug, daß er dem Haus-Geist nur die Neige
+hinterließ. Nachdem er sichs also selbst gesegnet und wohl bekommen
+geheißen, legte er sich und schlief ein.
+
+Es blieb alles ruhig bis zu Mitternacht, aber kaum war die herum,
+so kam der Kobold mit großem Lärm hereingefahren, wovon beide mit
+Schrecken erwachten. Er brauste ein paar Mal in der Stube auf und ab,
+dann setzte er sich, als wollte er seine Mahlzeit halten, zu dem Tisch
+und sie hörten deutlich, wie er die Schüssel herbeirückte. Gleich drauf
+setzte er sie, als wär er ärgerlich, hart nieder, ergriff die Kanne und
+drückte den Deckel auf, ließ ihn aber gleich wieder ungestüm zuklappen.
+Nun begann er seine Arbeit, wischte den Tisch, darnach die Tisch-Füße
+sorgfältig ab und kehrte dann, wie mit einem Besen, den Boden fleißig
+ab. Als das geschehen war, ging er noch einmal zur Schüssel und Kanne
+zurück, ob es jetzt vielleicht besser damit stehe, stieß aber beides
+wieder zornig hin. Darauf fuhr er in seiner Arbeit fort, kam zu den
+Bänken, wusch, scheuerte, rieb sie, unten und oben; als er zu der
+Stelle gelangte, wo die beiden Studenten lagen, zog er vorüber und
+nahm das übrige Stück unter ihren Füßen in die Arbeit. Wie er zu Ende
+war, fing er an der Bank oben zum zweitenmal an und überging auch zum
+zweitenmal die Gäste. Zum drittenmal aber, als er an sie kam, strich
+er dem einen, der nichts genossen hatte, über die Haare und den ganzen
+Leib, ohne ihm im geringsten weh zu thun. Den andern aber packte er
+an den Füßen, riß ihn von der Bank herab, zog ihn ein paarmal auf dem
+Erdboden herum, bis er ihn endlich liegen ließ und hinter den Ofen
+lief, wo er ihn laut auslachte. Der Student kroch zu der Bank zurück,
+aber nach einer Viertelstunde begann der Kobold seine Arbeit von neuem:
+kehrte, säuberte, wischte. Die beiden lagen da, in Angst zitternd, den
+einen fühlte er, als er an ihn kam, ganz lind an, aber den andern warf
+er wieder zur Erde und ließ hinter dem Ofen ein grobes und spottendes
+Lachen hören.
+
+Die Studenten wollten nun nicht mehr auf der Bank liegen, standen auf
+und erhuben vor der verschlossenen Thüre ein lautes Geschrei, aber es
+hörte niemand darauf. Sie beschlossen endlich, sich auf den platten
+Boden hart nebeneinander zu legen, aber der Kobold ließ sie nicht
+ruhen. Er begann sein Spiel zum drittenmal, kam und zog den schuldigen
+herum und lachte ihn aus. Dieser war zuletzt wüthend geworden, zog
+seinen Degen, stach und hieb in die Ecke, wo das Gelächter her
+schallte, und forderte den Kobold mit Drohworten auf, hervor zu kommen.
+Dann setzte er sich mit seiner Waffe auf die Bank, zu erwarten, was
+weiter geschehen würde, aber der Lärm hörte auf und alles blieb ruhig.
+
+Der Müller verwies ihnen am Morgen, daß sie seiner Ermahnung nicht
+nachgelebt und die Speise nicht unangerührt gelassen; es hätte ihnen
+leicht das Leben kosten können.
+
+
+
+
+74.
+
+Hütchen.
+
+Mündliche Erzählungen.
+
+Der vielförmige Hinzelmann 39-50.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 792-798.
+
++Prätor+. Weltbeschr. I. 324. 325.
+
++Joh. Weier+ ~de praestig. daemon. c.~ 22. deutsche Uebers. 64-66.
+
++Happel+ ~relat. curios.~ 4. 246.
+
+Stiftische Fehde, ~+Leibnitz+ SS. RR. brunsvic. II. 791. III. 183.
+258 b.~
+
+Volks-Sagen. Eisenach. I. 127-170. IV. 209-237.
+
+
+An dem Hofe des Bischof Bernhard von Hildesheim hielt sich ein Geist
+auf, der sich vor jedermann in einem Bauernkleide unter dem Schein
+der Freundlichkeit und Frömmigkeit sehen ließ: auf dem Haupt trug
+er einen kleinen Filz-Hut, wovon man ihm den Namen +Hütchen+, auf
+Niedersächsisch +Hödeken+ gegeben hatte. Er wollte die Leute gern
+überreden, daß es ihm viel mehr um ihren Vortheil, als ihren Schaden zu
+thun wäre, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er dem
+andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust und
+Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte und
+antwortete gar gesprächig und freundlich.
+
+Zu dieser Zeit wohnte auf dem Schlosse Winzenburg ein Graf Namens
+Hermann, welcher das Amt als eine eigene Grafschaft besaß. Einer seiner
+Diener hatte eine schöne Frau, auf die er ein lüsternes Auge warf und
+die er mit seiner Leidenschaft verfolgte, aber sie gab ihm wenig
+Gehör. Da sann er endlich auf schlechte Mittel und als ihr Mann einmal
+an einen weit entlegenen Ort verreist war, raubte er ihr mit Gewalt,
+was sie ihm freiwillig versagte. Sie mußte das Unrecht verschweigen,
+so lang ihr Mann abwesend war, bei seiner Rückkehr aber eröffnete
+sie es ihm mit großem Schmerz und wehmüthigen Gebärden. Der Edelmann
+glaubte, dieser Schandflecken könne nur mit dem Blute des Thäters
+abgewaschen werden, und da er die Freiheit hatte, wie ihm beliebte,
+in des Grafen Gemach zu gehen, so nahm er die Zeit wahr, wo dieser
+noch mit seiner Gemahlin zur Ruhe lag, trat hinein, hielt ihm die
+begangene That mit harten Worten vor und als er merkte, daß jener sich
+aufmachen und zur Gegenwehr anschicken mögte, faßte er sein Schwert
+und erstach ihn im Bette an der Seite der Gräfin. Diese entrüstete
+sich aufs allerheftigste, schalt den Thäter gewaltig und da sie gerade
+schwangeres Leibes war, sprach sie dräuend: “derjenige, den ich unter
+dem Gürtel trage, soll diesen Mord an dir und den Deinigen rächen, daß
+die ganze Nachwelt daran ein Beispiel nehmen wird.” Der Edelmann, als
+er die Worte hörte, kehrte wieder um und durchstach die Gräfin wie
+ihren Herrn.
+
+Graf Hermann von Winzenburg war der letzte seines Stammes und demnach
+mit seinem und der schwangern Gräfin Tod das Land ohne Herrn. Da trat
+Hütchen in selbiger Morgenstunde, in welcher die That geschehen war,
+vor das Bett des schlafenden Bischofs Bernhard, weckte ihn und sprach:
+“steh auf, Glatzkopf, und führe dein Volk zusammen! die Grafschaft
+Winzenburg ist durch die Ermordung ihres Herrn ledig und verlassen,
+du kannst sie mit leichter Mühe unter deine Bothmäßigkeit bringen.”
+Der Bischof stand auf, brachte sein Kriegs-Volk eilig zusammen,
+und besetzte und überzog damit die Grafschaft, so daß er sie, mit
+Einwilligung des Kaisers, auf ewig dem Stift Hildesheim einverleibte.
+
+Die mündliche Sage erzählt noch eine andere, wahrscheinlich frühere
+Geschichte. Ein Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die in Unfrieden
+lebten; um einen Streit wegen der Erbschaft abzuwenden, war mit dem
+Bischof zu Hildesheim festgemacht, daß derjenige mit der Grafschaft
+belehnt werden solle, welcher zuerst nach des Vaters Tod sich darum
+bei dem Bischof melden würde. Als nun der Graf starb, setzte sich
+der ältste Sohn gleich auf sein Pferd und ritt fort zum Bischof, der
+jüngste aber hatte kein Pferd und wußte nicht, wie er sich helfen
+sollte. Da trat Hütchen zu ihm und sprach: “ich will dir beistehen,
+schreib einen Brief an den Bischof und melde dich darin um Belehnung,
+er soll eher dort seyn, als dein Bruder auf seinem jagenden Pferd.” Da
+schrieb er ihm den Brief und Hütchen nahm und trug ihn auf einem Wege,
+der über Gebürge und Wälder geradausging, nach Hildesheim, und war in
+einer halben Stunde schon da, lange eh der älteste herbeigeeilt kam und
+gewann also dem jüngsten das Land. Dieser Pfad ist schwer zu finden
+und heißt noch immer +Hütchens Renn-Pfad+.
+
+Hütchen erschien an dem Hofe des Bischof gar oft und hat ihn,
+ungefragt, vor mancherlei Gefahr gewarnt. Großen Herrn offenbarte es
+die Zukunft. Bisweilen zeigte es sich, wenn es sprach, bisweilen redete
+es unsichtbar. Es hatte den großen Hut aber immer so tief in den Kopf
+gedrückt, daß man niemals sein Gesicht sehen konnte. Die Wächter der
+Stadt hat es fleißig in Acht genommen, daß sie nicht schliefen, sondern
+hurtig wachen mußten. Niemand fügte es etwas Leid zu, es wäre denn
+am ersten beschimpft worden; wer seiner aber spottete, dem vergaß es
+solches nicht, sondern bewies ihm wiederum einen Schimpf. Gemeinlich
+ging es den Köchen und Köchinnen zur Hand, schwatzte auch vielmal mit
+ihnen in der Küche. Eine Mulde im Keller war seine Schlafstätte und es
+hatte ein Loch, wo es in die Erde gekrochen ist. Als man nun seiner gar
+gewohnt worden und sich niemand weiter vor ihm gefürchtet hat, begann
+ein Küchenjunge es zu spotten und höhnen, mit Lästerworten zu hudeln
+und so oft er nur vermogte, mit Dreck aus der Küche auf es loszuwerfen
+oder es mit Spül-Wasser zu begießen. Das verdroß Hütchen sehr, weshalb
+es den Küchenmeister bat, den Jungen abzustrafen, damit er solche
+Büberei unterwegen ließe, oder er selbst müßte die Schmach an ihm
+rächen. Der Küchenmeister lachte ihn aus und sprach: “bist du ein Geist
+und fürchtest dich vor dem kleinen Knaben!” Darauf antwortete Hütchen:
+“weil du auf meine Bitten den Buben nicht abstrafen willst, will ich
+nach wenig Tagen dir zeigen, wie ich mich vor ihm fürchte;” und ging
+damit im Zorn weg. Nicht lange darauf saß der Junge nach dem Abendessen
+allein in der Küche und war vor Müdigkeit eingeschlafen; da kam der
+Geist, erwürgte ihn und zerhackte ihn in kleine Stücke. Dann warf er
+selbige vollends in einen großen Kessel und setzte ihn ans Feuer.
+Als der Küchenmeister kam und in dem Kessel Menschen-Glieder kochen
+sah, auch aus den übrigen Umständen merkte, daß der Geist ein fremdes
+Gericht zurichten wolle, fing er an, ihn greulich zu schelten und zu
+fluchen. Hütchen, darüber noch heftiger erbittert, kam und zerdrückte
+über alle Braten, die für den Bischof und dessen Hofleute am Spieße
+zum Feuer gebracht waren, abscheuliche Kröten, also daß sie von Gift
+und Blut träufelten. Und weil ihn der Koch deßwegen wiederum schmähete
+und schändete, stieß er ihn, als er einstens aus dem Thore gehen
+wollte, von der Brücke, die ziemlich hoch war, in den Graben. Weil
+man auch in Sorgen stand, er mögte des Bischofs Hof und andere Häuser
+anzünden, mußten alle Hüter auf den Mauern, sowohl der Stadt, als des
+Schlosses, fleißig wachen. Aus dieser und andern Ursachen suchte der
+Bischof Bernhard seiner los zu werden und zwang ihn endlich auch durch
+Beschwörung, zu weichen.
+
+Sonst beging der Geist noch unterschiedliche, abentheuerliche Streiche,
+welche doch selten jemand schadeten. In Hildesheim war ein Mann, der
+ein leichtfertiges Weib hatte, als er nun verreisen wollte, sprach er
+zu Hütchen: “mein guter Gesell, gib ein wenig Achtung auf mein Weib,
+dieweil ich aus bin, und siehe zu, daß alles recht zugeht.” Hütchen
+that es und wie das Weib, nach der Abreise des Mannes, ihre Buhler
+kommen ließ und sich mit ihnen lustig machen wollte, stellte sich der
+Geist allzeit ins Mittel, verjagte sie durch Schreckgestalten oder wenn
+einer sich ins Bett gelegt, warf er unsichtbarer Weise ihn so unsauber
+heraus, daß ihm die Rippen krachten. So ging es einem nach dem andern,
+wie sie das leichtfertige Weib in die Kammer führte, so daß keiner ihr
+nahen durfte. Endlich, als der Mann wieder nach Hause kam, lief ihm der
+ehrbare Hüter voller Freuden entgegen und sprach: “deine Wiederkunft
+ist mir trefflich lieb, damit ich der Unruhe und Mühe, die du mir
+aufgeladen hast, einmal abkomme.” Der Mann fragte: “wer bist du denn?”
+Er antwortete: “ich bin Hütchen, dem du bei deiner Abreise dein Weib in
+seine Hut anbefohlen. Dir zu gefallen habe ich sie diesmal gehütet und
+vor dem Ehebruch bewahret, wiewohl mit großer und unablässiger Mühe.
+Allein ich bitte, du wollest sie meiner Hut nicht mehr untergeben,
+denn ich will lieber der Schweine in ganz Sachsen als eines einigen
+solchen Weibes Hut auf mich nehmen und Gewährschaft vor sie leisten, so
+vielerlei List und Ränke hat sie erdacht, mich zu hintergehen.”
+
+Zu einer Zeit befand sich zu Hildesheim ein Geistlicher, welcher
+sehr wenig gelernt hatte. Diesen traf die Reihe, daß er zu einer
+Kirchenversammlung von der übrigen Geistlichkeit sollte verschickt
+werden, aber er fürchtete sich, daß er in einer so ansehnlichen
+Versammlung durch seine Unwissenheit Schimpf einlegen mögte. Hütchen
+half ihm aus der Noth und gab ihm einen Ring, der von Lorbeer-Laub
+und andern Dingen zusammen geflochten war und machte dadurch diesen
+Gesandten dermaßen gelehrt und auf eine gewisse Zeit beredt, daß sich
+auf der Kirchenversammlung jedermann über ihn verwunderte und ihn zu
+den berühmtesten Rednern zählte.
+
+Einem armen Nagelschmiede zu Hildesheim ließ Hütchen ein Stück Eisen
+zurück, woraus goldene Nägel geschmiedet werden konnten und dessen
+Tochter eine Rolle Spitzen, von der man immer abmessen konnte, ohne daß
+sie sich verminderte.
+
+
+
+
+75.
+
+Hinzelmann.
+
+Aus dem Buche: der vielförmige Hinzelmann oder umständliche und
+merkwürdige Erzählung von einem Geist, der sich auf dem Hause
+Hudemühlen und hernach zu Estrup im Lande Lüneburg unter vielfältigen
+Gestalten und verwunderlicher Veränderung -- sehen lassen. 379 S. in
+12. Von dem Pfarrer +Feldmann+ zu Eickelohe zuerst abgefaßt.
+
+
+Auf dem alten Schlosse Hudemühlen, das im Lüneburgischen nicht weit
+von der Aller liegt und von dem nur noch Mauern stehen, hat sich lange
+Zeit ein wunderlicher Haus-Geist aufgehalten. Zuerst ließ er sich
+im Jahr 1584 hören, indem er durch bloßes Poltern und Lärmen sich zu
+erkennen gab. Darnach fing er an bei hellem Tag mit dem Gesinde zu
+reden, welches sich vor der Stimme, die sich hören ließ, ohne daß
+jemand zu sehen war, erschreckte, nach und nach aber daran gewöhnte und
+nicht mehr darauf achtete. Endlich ward er ganz muthig und hub an vor
+dem Haus-Herrn selbst zu reden und führte Mittags und Abends während
+der Mahlzeit mit den Anwesenden, fremden und einheimischen, allerhand
+Gespräche. Als sich nun die Furcht verlor, ward er gar freundlich
+und zutraulich, sang, lachte und trieb allerlei Kurzweil so lang ihn
+niemand bös machte; dabei war seine Stimme zart, wie die eines Knaben
+oder einer Jungfrau. Als er gefragt wurde, woher er sey und was er
+an diesem Ort zu schaffen habe, sagte er, daß er aus dem böhmischen
+Gebürg gekommen wäre und im Böhmer-Walde seine Gesellschaft hätte, die
+wolle ihn nicht leiden; daher sey er nun gezwungen, sich so lang zu
+entfernen und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sachen
+wieder besser ständen. Sein Name sey +Hinzelmann+, doch werde er auch
++Lüring+ genannt; er habe eine Frau, die heiße +Hille Bingels+. Wann
+die Zeit gekommen, wolle er sich in seiner wahren Gestalt sehen lassen,
+jetzt aber wäre es ihm nicht gelegen. Uebrigens wäre er ein guter und
+ehrlicher Geselle, wie einer.
+
+Der Haus-Herr, als er sah, daß sich der Geist je mehr und mehr zu
+ihm that, empfand ein Grauen und wußte nicht, wie er ihn los werden
+sollte. Auf Anrathen seiner Freunde entschloß er sich endlich, sein
+Schloß auf eine Zeit zu verlassen und nach Hannover zu ziehen. Auf dem
+Weg bemerkte man eine weiße Feder, die neben dem Wagen herflog, wußte
+aber nicht, was sie zu bedeuten habe. Als der Edelmann zu Hannover
+angelangt war, vermißte er eine goldene Kette von Werth, die er um den
+Hals getragen hatte, und warf Verdacht auf das Gesinde des Haus-Wirths;
+dieser aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Genugthuung für
+die ehrenrührige Anklage. Der Edelmann, der nichts beweisen konnte,
+saß unmuthig in seinem Zimmer und überlegte, wie er sich aus diesem
+verdrießlichen Handel ziehen könnte, als er auf einmal neben sich
+Hinzelmanns Stimme hörte, der zu ihm sprach: “warum bist du so traurig?
+ist dir etwas widerwärtiges begegnet, so entdecke mir’s, ich weiß dir
+vielleicht Hülfe. Soll ich auf etwas rathen, so sage ich, du bist wegen
+einer verlorenen Kette verdrießlich.” “Was machst du hier? antwortete
+der erschrockene Edelmann, warum bist du mir gefolgt? weißt du von
+der Kette?” Hinzelmann sagte: “freilich bin ich dir gefolgt und habe
+dir auf der Reise Gesellschaft geleistet und war allzeit gegenwärtig.
+Hast du mich nicht gesehen? ich war die weiße Feder, die neben deinem
+Wagen flog. Wo die Kette ist, will ich dir sagen: such nur unter dem
+Haupt-Kissen in deinem Bett, da wird sie liegen.” Als sie sich da
+gefunden hatte, ward dem Edelmann der Geist noch ängstlicher und
+lästiger und er redete ihn heftig an, warum er ihn durch die Kette mit
+dem Hauswirth in Streit gebracht, da er doch seinetwegen schon die
+Heimath verlassen. Hinzelmann antwortete: “was weichst du vor mir?
+ich kann dir ja allenthalben leichtlich folgen und seyn, wo du bist!
+Es ist besser, daß du in dein Eigenthum zurückkehrst und meinetwegen
+nicht daraus entweichst. Du siehst wohl, wenn ich wollte, könnte ich
+das deinige all hinwegnehmen, aber darauf steht mein Sinn nicht.” Der
+Edelmann besann sich darauf und faßte den Entschluß zurückzugehen und
+dem Geist, im Vertrauen auf Gott, keinen Fuß breit zu weichen.
+
+Zu Hudemühlen zeigte sich Hinzelmann nun gar zuthätig und fleißig in
+allerhand Arbeit. In der Küche handthierte er Nachts und wenn die
+Köchin Abends nach der Mahlzeit Schüssel und Teller unabgewaschen
+durch einander in einen Haufen hinsetzte, so waren sie Morgens wohl
+gesäubert, glänzend wie Spiegel, in guter Ordnung hingestellt. Daher
+sie sich auf ihn verlassen und gleich Abends nach der Mahlzeit ohne
+Sorgen zu Ruhe legen konnte. Auch verlor sich niemals etwas in der
+Küche, oder war ja etwas verlegt, so wußte es Hinzelmann gleich in der
+verborgnen Ecke, wo es steckte, wieder zu finden und gab es seinem
+Herrn in die Hände. Hatte man fremde Gäste zu erwarten, so ließ sich
+der Geist sonderlich hören und sein Arbeiten dauerte die ganze Nacht:
+da scheuerte er die Kessel, wusch die Schüsseln, säuberte Eimer
+und Zuber. Die Köchin war ihm dafür dankbar, that nicht nur, was
+er begehrte, sondern bereitete ihm freiwillig seine süße Milch zum
+Frühstück. Auch übernahm der Geist die Aufsicht über die andern Knechte
+und Mägde, gab Achtung, was ihre Verrichtung war, und bei der Arbeit
+ermahnte er sie mit guten Worten fleißig zu seyn. Wenn sich aber jemand
+daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit
+die Lehre. Die Mägde warnte er oft vor dem Unwillen ihrer Frau und
+erinnerte sie an irgend eine Arbeit, die sie nun anfangen sollten. Eben
+so geschäfftig zeigte sich der Geist auch im Stalle: er wartete der
+Pferde, striegelte sie fleißig, daß sie glatt anzusehen waren wie ein
+Aal, auch nahmen sie sichtbarlich zu, wie in keiner Zeit, also daß sich
+jedermann darüber verwunderte.
+
+Seine Kammer war im obersten Stockwerk zur rechten Seite und sein
+Hausgeräthe bestand aus drei Stücken. Erstlich aus einem Sessel oder
+Lehnstuhl, den er selbst von Stroh in allerhand Farben gar kunstreich
+geflochten, voll zierlicher Figuren und Kreuze, die nicht ohne
+Verwunderung anzusehen waren. Zweitens aus einem kleinen runden Tisch,
+der auf sein vielfältiges Bitten verfertigt und dahin gesetzt war.
+Drittens aus einer zubereiteten Bettstatt, die er gleichfalls verlangt
+hatte. Man hat nie ein Merkmal gefunden, daß ein Mensch darin geruht,
+nur fand man ein kleines Grüblein, als ob eine Katze da gelegen. Auch
+mußte ihm das Gesinde, besonders die Köchin, täglich eine Schüssel voll
+süßer Milch mit Brocken von Weißbrot zubereiten und auf sein Tischlein
+stellen, welche hernach rein ausgegessen war. Zuweilen fand er sich an
+der Tafel des Hausherrn ein, wo ihm an einer besonderen Stelle Stuhl
+und Teller gesetzt werden mußte. Wer vorlegte, gab ihm die Speise auf
+seinen Teller und ward das vergessen, so gerieth der Haus-Geist in
+Zorn. Das vorgelegte verschwand und ein gefülltes Glas Wein war eine
+Weile weg und wurde dann leer wieder an seine Stelle gesetzt. Doch
+fand man die Speisen hernach unter den Bänken oder in einem Winkel des
+Zimmers liegen.
+
+In der Gesellschaft junger Leute war Hinzelmann lustig, sang und machte
+Reime, einer der gewöhnlichsten war:
+
+ Ortgieß läßt du mick hier gan,
+ Glücke sallst du han;
+ Wultu mick aver verdrieven
+ Unglück warst du kriegen.
+
+wiewohl er auch die Lieder und Sprüche anderer wiederholte zur Kurzweil
+oder um sie damit aufzuziehen. Als der Pfarrer Feldmann einmal auf
+Hudemühlen zu Gast geladen war und vor die Thüre kam, hörte er oben
+im Saal jemand singen, jauchzen und viel Wesens treiben, weshalb er
+dachte, es wären Abends vorher Fremde angekommen, die oben ihre Zimmer
+hätten und sich also lustig bezeigten. Er sagte darum zu dem Hofmeier,
+der auf dem Platz stand und Holz gehackt hatte: “Johann, was habt
+ihr droben vor Gäste?” Der Hofmeier antwortete: “niemand fremdes,
+es ist unser Hinzelmann, der sich so lustig stellt, es wird sonst
+kein lebendiger Mensch im Saal seyn.” Als der Pfarrer nun in den Saal
+hinaufstieg, sang ihm Hinzelmann entgegen:
+
+ “mien Duhme (Daumen), mien Duhme,
+ mien Ellboeg sind twey!”
+
+Der Pfarrer verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Gesang und
+sprach zu Hinzelmann: “was soll das für eine Musik seyn, damit du nun
+aufgezogen kommst?” “Ei, antwortete der Geist, das Liedlein hab ich von
+euch gelernt, denn ihr habt es oft gesungen und ich hab es noch vor
+etlichen Tagen, als ihr an einem gewissen Ort zur Kindtauf waret, von
+euch gehört.”
+
+Hinzelmann neckte gern, ohne aber jemand Schaden dabei zu thun.
+Knechte und Arbeits-Leute, wenn sie Abends beim Trank saßen, brachte
+er in Handgemeng und sah ihnen dann mit Lust zu. Wenn ihnen der Kopf
+ein wenig warm geworden war und es ließ einer etwa unter den Tisch
+etwas fallen und bückte sich darnach, so gab er ihm rückwärts eine
+gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Da geriethen
+die beiden an einander, erst mit Worten, dann mit Werken und nun
+mischten sich die andern hinein, so daß jeder seine Schläge austheilte
+und erhielt und am andern Morgen die blauen Augen und geschwollenen
+Gesichter als Wahrzeichen überall zu sehen waren. Daran ergötzte sich
+Hinzelmann von Herzen und erzählte hernach, wie er es angefangen,
+um sie hintereinander zu bringen. Doch wußte er es immer so zu
+stellen, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt.
+Auf dem fürstlichen Schlosse zu Ahlden wohnte zu der Zeit Otto Aschen
+von Mandelslohe, Drost und braunschweigischer Rath; diesem spielte
+Hinzelmann auch zuweilen einen Possen. Als einmal Gäste bei ihm waren,
+stiftete er einen Zank, so daß sie zornig auffuhren und nach ihren
+Degen greifen wollten. Keiner aber konnte den seinigen finden und
+sie mußten es bei ein paar Quer-Hieben mit der dicken Faust bewenden
+lassen. Dieses Streichs hat sich Hinzelmann gar sehr gefreut und mit
+vielem Lachen erzählt, daß er Urheber des Zanks gewesen, vorher aber
+alles tödliche Gewehr versteckt und bei Seite gebracht. Er habe dann
+zugeschaut, wie ihm sein Anschlag so wohl gelungen wäre, daß sie sich
+weidlich herum geschmissen.
+
+Zu einer Zeit war ein Edelmann zu Hudemühlen eingetroffen, welcher sich
+erbot, den Haus-Geist auszutreiben. Als er ihn nun in einem Gemach
+merkte, dessen Thüren und Fenster überall fest geschlossen waren, ließ
+er erst diese Kammer, so wie das ganze Haus, mit bewaffneten Leuten
+besetzen und ging darauf selbst, von einigen begleitet, mit gezogenem
+Degen hinein. Sie sahen nichts, fingen aber an links und rechts nach
+allen Seiten zu hauen und zu stechen in der Meinung, den Hinzelmann,
+wo er nur einen Leib habe, damit gewißlich zu erreichen und zu tödten;
+indessen fühlten sie nicht, daß ihre Klingen etwas anders, als die
+leere Luft durchschnitten. Wie sie glaubten, ihre Arbeit vollbracht
+zu haben und müd von dem vielen Fechten hinausgehen wollten, sahen
+sie, als sie die Thüre des Gemachs öffneten, eine Gestalt gleich einem
+schwarzen Marder hinausspringen und hörten die Worte: “ei! ei! wie
+fein habt ihr mich doch ertappt!” Hernach hat sich Hinzelmann über
+diese Beleidigung bitterlich beschwert und gesagt: er würde leicht
+Gelegenheit haben sich zu rächen, wenn er nicht den beiden Fräulein im
+Hause Verdruß ersparen wollte. Als dieser Edelmann nicht lang darauf
+in eine leere Kammer des Hauses ging, erblickte er auf einer wüsten
+Bettstatt eine zusammengeringelte große Schlange liegen, die sogleich
+verschwand, aber er hörte die Worte des Geistes: “bald hättest du mich
+erwischt!”
+
+Ein anderer Edelmann hatte viel von Hinzelmann erzählen gehört und war
+begierig, selbst etwas von ihm zu erfahren. Als er nun nach Hudemühlen
+kam, ward sein Wunsch erfüllt und der Geist ließ sich in dem Zimmer
+aus einem Winkel bei einem großen Schrank hören, wo etliche leere
+Wein-Krüge mit langen Hälsen hingesetzt waren. Weil nun die Stimme
+zart und fein war und ein wenig heiser, gleich als spräche sie aus
+einem hohlen Gefäße, so meinte der Edelmann, er sitze vielleicht in
+einem dieser Krüge, lief hinzu, faßte sie und wollte sie zustopfen,
+um auf diese Weise den Geist zu erhaschen. Als er damit umging, fing
+Hinzelmann an überlaut zu lachen und sprach: “hätte ich nicht vorlängst
+von andern Leuten gehört, daß du ein Narr wärst, so könnte ichs nun
+selbst mit ansehen, weil du meinst, ich säße in den leeren Krügen und
+deckst sie mit der Hand zu, als hättest du mich gefangen. Ich achte
+dich nicht der Mühe werth, sonst wollt ich dich schon witzigen, daß du
+eine Zeit lang meiner gedenken solltest. Aber ein wenig gebadet wirst
+du doch bald werden.” Damit schwieg er und ließ sich nicht wieder
+hören, so lange der Edelmann da war; ob dieser hernach wirklich ins
+Wasser gefallen, wird nicht gemeldet, doch ists zu vermuthen.
+
+Es kam auch ein Teufels-Banner, ihn auszujagen. Als dieser mit seinen
+Zauber-Worten die Beschwörung anhub, war Hinzelmann zuerst still
+und ließ nichts von sich hören, aber wie jener nun die kräftigsten
+Sprüche gegen ihn ablesen wollte, riß er ihm das Buch aus den Händen,
+zerstückelte es, daß die Blätter in dem Zimmer herum flogen, packte
+den Banner dann selbst und drückte und kratzte ihn, daß er voll Angst
+fortlief. Auch hierüber beklagte er sich und sprach: “ich bin ein
+Christ, wie ein anderer Mensch und hoffe selig zu werden.” Als er
+gefragt wurde, ob er die Kobolde und Polter-Geister kenne, antwortete
+er: “was gehen mich diese an? das sind Teufels-Gespenster, zu welchen
+ich nicht gehöre. Von mir hat sich niemand Böses, vielmehr alles Gute
+zu versehen. Laßt mich unangefochten, so werdet ihr überall Glück
+spüren: das Vieh wird gedeihen, die Güter in Aufnahme kommen und alles
+wohl von Statten gehen.”
+
+Laster und Untugenden waren ihm zuwider: einen von den Haus-Genossen
+strafte er wegen seiner Kargheit oft mit harten Worten und sagte den
+übrigen, daß er ihn um seines Geizes willen gar nicht leiden könnte.
+Einem andern verwies er seine Hoffahrt, die er von Herzen hasse. Als
+einmal zu ihm gesagt wurde, wenn er ein guter Christ seyn wolle, so
+müßte er Gott anrufen und die Gebäte der Christen sprechen, fing er
+an das Vater unser zu sagen und sprach es bis zur sechsten Bitte, die
+Worte “erlöse uns von dem Bösen,” murmelte er nur leise. Er sagte
+auch den christlichen Glauben her, aber zerrissen und stammelnd. Denn
+als er zu den Worten gelangte: “ich glaube eine Vergebung der Sünden,
+Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben,” brachte er sie mit
+heiserer und undeutlicher Stimme hervor, also daß man ihn nicht recht
+hören und verstehen konnte. Der Prediger zu Eickelohe, weiland Hr.
+Marquard Feldmann, berichtet, daß sein Vater um die Zeit der Pfingsten
+auf Hudemühlen zu Gast gebeten worden; da habe Hinzelmann den schönen
+Gesang: “nun bitten wir den heiligen Geist” wie eine Jungfrau oder
+ein junger Knabe mit sehr hoher und nicht unangenehmer Stimme bis
+ganz zu Ende gesungen. Ja, nicht allein diesen, sondern viele andere
+geistliche Gesänge, habe er auf Verlangen angestimmt, besonders wenn
+ihn diejenigen darum begrüßt, die er für seine Freunde gehalten und mit
+welchen er vertraulich gewesen.
+
+Darum ward der Geist gewaltig bös, wenn man ihn nicht ehrlich und
+nicht als einen Christen behandelte. Einmal reiste ein Edelmann aus
+dem Geschlecht von Mandelsloh nach Hudemühlen. Er stand wegen seiner
+Gelehrsamkeit in großem Ansehen, war Domherr bei dem Stift Verden und
+Gesandter bei dem Kurfürst von Brandenburg und dem Könige von Dänemark.
+Als er nun von dem Haus-Geist hörte, und daß er als ein Christ wollte
+angesehen seyn, sprach er, er könnte nicht glauben, daß es gut mit ihm
+stehe, er müsse ihn vielmehr für den bösen Feind und den Teufel halten,
+denn Menschen solcher Art und Gestalt habe Gott nicht erschaffen, die
+Engel aber lobten Gott ihren Herrn und schirmten und schützten die
+Menschen; damit stimme das Poltern und Toben und die abentheuerlichen
+Händel des Geistes nicht überein. Hinzelmann, der während seiner
+Anwesenheit sich noch nicht hatte hören lassen, machte ein Geräusch
+und sprach: “was sagst du, Barthold? (also hieß der Edelmann) bin ich
+der böse Feind? Ich rathe dir, sage nicht zu viel, oder ich werde dir
+ein anderes zeigen und dir weisen, daß du ein andermal ein besseres
+Urtheil von mir fällen sollst.” Der Herr entsetzte sich, als er,
+ohne jemand zu sehen, eine Stimme sprechen hörte, brach die Rede ab
+und wollte nichts mehr von ihm hören, sondern ihn in seinen Würden
+lassen. Zu einer andern Zeit kam ein Edelmann, welcher bei Tisch, als
+er den Stuhl und den Teller für Hinzelmann sah, ihm nicht zutrinken
+wollte. Darüber beschwerte sich der Geist und sprach: “ich bin ein so
+ehrlicher und guter Gesell als dieser: warum trinkt er mich vorüber?”
+Darauf antwortete der Edelmann: “weiche von hinnen und trinke mit
+deinen höllischen Gesellen, hier hast du nichts zu schaffen!” Als
+Hinzelmann das hörte, ward er so heftig erbittert, daß er ihn bei dem
+Schnall-Riemen packte, damit er nach damaliger Sitte seinen Mantel
+unter dem Halse zugeschnallt hatte, nieder zur Erde zog und also
+würgte und drückte, daß allen Anwesenden angst wurde, er mögte ihn
+umbringen und jener, nachdem der Geist von ihm abgelassen, sich erst
+nach einigen Stunden wieder erholen konnte. Wiederum reiste einmal ein
+guter Freund des Hausherrn bei Hudemühlen vorbei, trug aber Bedenken
+wegen des Haus-Geistes, von dessen Schalkheit ihm vieles war erzählt
+worden, einzukehren und schickte seinen Diener, um zu melden, daß er
+nicht einsprechen könne. Der Haus-Herr ließ ihn inständig bitten, bei
+ihm die Mittags-Mahlzeit zu nehmen, aber der Fremde entschuldigte sich
+höflich damit, daß er sich nicht aufhalten dürfte; doch setzte er
+hinzu, es errege ihm zu großen Schrecken, mit einem Teufels-Gespenst an
+einem Tisch zu sitzen, zu essen und zu trinken. Bei dieser Unterredung
+draußen hatte sich Hinzelmann auch eingefunden, denn man hörte, nachdem
+sich der Fremde also geweigert, die Worte: “warte, mein guter Geselle,
+die Rede soll dir schon bezahlt werden!” Als nun der Reisende fortfuhr
+und auf die Brücke kam, welche über die Meisse geht, stiegen die Pferde
+mit den vordern Füßen in die Höhe, verwickelten sich ins Geschirr,
+daß wenig fehlte, so wäre er mit Roß und Wagen ins Wasser gestürzt.
+Wie alles wieder zurecht gebracht war und der Wagen einen Schuß weit
+gefahren, wurde er zwischen Eickelohe und Hudemühlen auf ebener Erde in
+dem Sand umgekehrt, doch ohne daß die darin Sitzenden weiteren Schaden
+nahmen.
+
+Wie Hinzelmann gern in Gesellschaft und unter Leuten war, so hielt
+er sich doch am liebsten bei den Frauen auf und war mit ihnen gar
+freundlich und umgänglich. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna
+und Katharine, welchen er besonders zugethan war, ihnen klagte er sein
+Leid, wenn er war erzürnt worden und führte sonst allerhand Gespräche
+mit ihnen. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen
+und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder allenthalben. Legten
+sie sich Nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem
+Deckbett und man sah am Morgen eine kleine Grube, als ob ein Hündlein
+da gelegen hätte. Beide Fräulein verheiratheten sich nicht, denn
+Hinzelmann schreckte alle Freier ab. Manchmal kam es so weit, daß eben
+die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch
+immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein
+seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt,
+daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er
+solche Angst, daß er zitterte und bebte. Gemeinlich aber machte er an
+die gegenüber stehende weiße Wand eine Schrift mit großen goldenen
+Buchstaben ihnen vor die Augen: “nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer
+Katharine.” Kam aber einer und wollte sich bei Fräulein Anne beliebt
+machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene
+Schrift und lautete umgekehrt: “nimm Jungfer Katharine und laß mir
+Jungfer Anne.” Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem
+Vorsatz blieb, und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und
+narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich aller
+Heiraths-Gedanken entschlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davon
+kam. Etliche hat er, wenn sie auf dem Rückweg waren, mit den Pferden
+über und über geworfen, daß sie Hals und Bein zu brechen meinten und
+nicht wußten, wie ihnen geschehen. Also blieben die zwei Fräulein
+unverheirathet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb
+acht Tagen.
+
+Einmal hatte eine dieser Fräulein von Hudemühlen einen Knecht
+nach Rethem geschickt, dies und jenes einzukaufen. Während dessen
+Abwesenheit fing der Geist in dem Gemache der Fräulein plötzlich an
+wie ein Storch zu klappern und sprach dann: “Jungfer Anne, heut magst
+du deine Sachen im Mühlen-Graben wieder suchen!” Sie wußte nicht, was
+das heißen sollte, bald aber trat der Knecht ein und erzählte, daß er
+auf dem Heimritt unterwegs einen Storch nicht weit von sich sitzen
+gesehen, auf den er aus langer Weile geschossen. Es habe auch nicht
+anders geschienen, als ob er ihn getroffen, der Storch aber wäre
+dennoch sitzen geblieben und, nachdem er angefangen laut zu klappern,
+endlich fortgeflogen. Nun zeigte sich, daß Hinzelmann das gewußt, bald
+aber traf auch seine Weißagung ein. Der Knecht, einigermaßen berauscht,
+wollte sein von Schweiß und Staub bedecktes Pferd rein baden und ritt
+es in das vor dem Schloß liegende Mühlen-Wasser, verfehlte aber in der
+Trunkenheit des rechten Orts, gerieth in einen tiefen Abgrund und, da
+er sich nicht auf dem Pferd erhalten konnte, fiel er hinab und ertrank.
+Die geholten Sachen hatte er noch nicht abgelegt, daher sie sammt dem
+Leichnam aus dem Wasser mußten herausgesucht werden.
+
+Auch andern hat Hinzelmann die Zukunft voraus gesagt und sie gewarnt.
+Es kam ein Oberster nach Hudemühlen, der bei dem König Christian III.
+von Dänemark in besonderm Ansehen stand und in den Kriegen mit der
+Stadt Lübeck tapfere Dienste geleistet hatte. Dieser war ein guter
+Schütze und großer Liebhaber der Jagd, also daß er manche Stunde damit
+zubrachte, in dem umliegenden Gehölze den Hirschen und wilden Sauen
+nachzustellen. Als er sich eben wieder zu einer Jagd bereitete, kam
+Hinzelmann und sprach: “Thomas, (das war sein Name) ich warne dich, daß
+du im Schießen dich vorsiehst, sonst hast du in kurzem ein Unglück.”
+Der Oberst achtete nicht darauf und meinte, das hätte nichts zu
+bedeuten. Wenige Tage hernach, als er auf ein Reh losbrannte, zersprang
+die Büchse von dem Schuß und schlug ihm den Daumen aus der linken
+Hand. Wie es geschehen war, fand sich gleich Hinzelmann bei ihm und
+sprach: “sieh, nun hast du’s, wovor ich dich gewarnt: hättest du dich
+diese Zeit über des Schießens enthalten, der Unfall wäre dir nicht
+begegnet.”
+
+Es war ein andermal ein Herr von Falkenberg, auch ein Kriegsmann, zum
+Besuch auf Hudemühlen angelangt. Da er ein frisches und fröhliches Herz
+hatte, fing er an, den Hinzelmann zu necken und allerhand kurzweilige
+Reden zu gebrauchen. Dies wollte dem Geist in die Länge nicht gefallen,
+sondern er begann sich unwillig zu gebährden und fuhr endlich mit den
+Worten heraus: “Falkenberg, du machst dich jetzt trefflich lustig
+über mich, aber komm nur hin vor Magdeburg, da wird man dir die Kappe
+ausbürsten, daß du deiner Spott-Reden vergessen wirst.” Der Edelmann
+erschrak, glaubte daß mehr hinter diesen Worten stecke, brach die
+Unterredung mit Hinzelmann ab und zog bald darauf fort. Nicht lange
+nachher begann die Belagerung von Magdeburg unter dem Churfürst Moriz;
+wobei auch dieser Herr von Falkenberg unter einem vornehmen deutschen
+Fürsten zugegen war. Die Belagerten wehrten sich tapfer und gaben
+Tag und Nacht mit Doppel-Haken und anderm Geschütz Feuer und es traf
+sich, daß diesem Falkenberg von einer Falkonett-Kugel das Kinn ganz
+hinweggeschossen wurde und er drei Tage darauf, nach den größten
+Schmerzen an dieser Wunde starb.
+
+Ein Mann aus Hudemühlen war einmal sammt andern Arbeits-Leuten und
+Knechten im Feld und mähte Korn, ohne an etwas unglückliches zu denken.
+Da kam Hinzelmann zu ihm auf den Acker und rief: “lauf! lauf in aller
+Eile nach Haus, und hilf deinem jüngsten Söhnlein, das ist eben jetzt
+mit dem Gesicht ins Feuer gefallen und hat sich sehr verbrennt.” Der
+Mann legte erschrocken seine Sense nieder und eilte heim, zu sehen, ob
+Hinzelmann die Wahrheit geredet. Kaum aber war er über die Thürschwelle
+geschritten, als man ihm schon entgegen lief und das Unglück erzählte,
+wie er denn auch sein Kind über das ganze Gesicht elendiglich verbrannt
+sah. Es hatte sich auf einen kleinen Stuhl bei das Feuer gesetzt, wo
+ein Kessel überhing. Als es nun mit einem Löffel hineinlangen wollte
+und sich mit dem Stuhl vorwärts überbog, fiel es mit dem Gesicht mitten
+ins Feuer. Indeß, weil die Mutter in der Nähe war, lief sie herzu und
+riß es aus den Flammen wieder heraus, also daß es zwar etwas verbrannt
+war, doch aber dem Tode noch entrissen ward. Merkwürdig ist, daß fast
+in demselben Augenblick, wo das Unglück geschehen, der Geist es auch
+schon dem Vater im Felde verkündigte und ihn zur Rettung aufmahnte.
+
+Wen der Geist nicht leiden konnte, den plagte er oder strafte ihn für
+seine Untugenden. Den Schreiber zu Hudemühlen beschuldigte er gar zu
+großer Hoffahrt, ward ihm darum gehässig und that ihm Tag und Nacht
+mancherlei Drangsal an. Einsmals erzählte er ganz fröhlich, er habe
+dem hochmüthigen Schreiber eine rechtschaffene Ohrfeige gegeben. Als
+man den Schreiber darum fragte, und ob der Geist bei ihm gewesen,
+antwortete er: “ja mehr als zu viel ist er bei mir gewesen, er hat
+mich diese Nacht gequält, daß ich vor ihm nicht zu bleiben wußte.” Er
+hatte aber eine Liebschaft mit dem Kammer-Mädchen, und als er sich nun
+einmal Nachts bei ihr zu einem vertraulichen Gespräch eingefunden und
+sie in größter Lust beisammen saßen und meinten, daß niemand als die
+vier Wände sie sehen könnte, kam der arglistige Geist, trieb sie aus
+einander und stöberte den guten Schreiber unsanft zur Thüre hinaus,
+ja er faßte überdem einen Besenstiel und setzte ihm nach, der über
+Hals und Kopf nach seiner Kammer eilte und seine Liebe ganz vergaß.
+Hinzelmann soll ein Spott-Lied auf den unglücklichen Liebhaber gemacht,
+solches zur Kurzweil oft gesungen und den Durchreisenden unter Lachen
+vorgesagt haben.
+
+Es war jemand zu Hudemühlen plötzlich gegen Abend von heftigem Magenweh
+angefallen und eine Magd in den Keller geschickt, einen Trunk Wein zu
+holen, darin der Kranke die Arznei nehmen sollte. Als nun die Magd vor
+dem Fasse saß und eben den Wein zapfen wollte, fand sich Hinzelmann
+neben ihr und sprach: “du wirst dich erinnern, daß du mich vor einigen
+Tagen gescholten und geschmäht hast, dafür sollst du diese Nacht zur
+Strafe im Keller sitzen. Mit dem Kranken hat es ohnehin keine Noth, in
+einer halben Stunde wird all sein Weh vorüber seyn und der Wein, den
+du ihm brächtest, würde ihm eher schaden, als nützen. Bleib nur hier
+sitzen, bis der Keller wieder aufgemacht wird.” Der Kranke wartete
+lang, als der Wein nicht kam, ward eine andere hinabgeschickt, aber sie
+fand den Keller außen mit einem Häng-Schloß fest verwahrt, und die Magd
+darin sitzen, die ihr erzählte, daß Hinzelmann sie also eingesperrt
+habe. Man wollte zwar den Keller öffnen und die Magd heraushaben,
+aber es war kein Schlüssel zu dem Schloß aufzufinden, so fleißig auch
+gesucht ward. Folgenden Morgen war der Keller offen und Schloß und
+Schlüssel lagen vor der Thüre, so daß die Magd wieder herausgehen
+konnte. Bei dem Kranken hatten, wie der Geist gesagt, nach einer halben
+Stunde sich alle Schmerzen verloren.
+
+Dem Haus-Herrn zu Hudemühlen hat sich der Geist niemals gezeigt, wenn
+er ihn bat, er mögte sich, wo er wie ein Mensch gestaltet sey, vor ihm
+sehen lassen, antwortete er, die Zeit wäre noch nicht gekommen, er
+solle warten, bis es ihm anständig sey. Als der Herr in einer Nacht
+schlaflos im Bette lag, merkte er ein Geräusch an der einen Seite
+der Kammer und vermuthete, es müßte der Geist gegenwärtig seyn. Er
+sprach demnach: “Hinzelmann, bist du da, so antworte mir.” “Ja ich bin
+es, erwiederte er, was willst du?” Da eben vom Mondschein die Kammer
+ziemlich erhellt war, däuchte den Herrn, als ob an dem Orte, wo der
+Schall herkam, der Schatten einer Kindes-Gestalt zu sehen wäre. Als
+er nun merkte, daß sich der Geist ganz freundlich und vertraulich
+anstellte, ließ er sich mit ihm in ein Gespräch ein und sprach
+endlich: “laß dich doch einmal von mir sehen und anfühlen.” Hinzelmann
+aber wollte nicht. “So reich mir wenigstens deine Hand, damit ich
+erkennen kann, ob du Fleisch und Bein hast, wie ein Mensch.” “Nein,
+sprach Hinzelmann, ich traue dir nicht, du bist ein Schalk, du mögtest
+mich ergreifen und hernach nicht wieder gehen lassen.” Nach langem
+Anhalten aber und als er ihm bei Treu und Glauben versprochen, ihn
+nicht zu halten, sondern alsobald wieder gehen zu lassen, sagte er:
+“siehe da ist meine Hand!” Wie nun der Herr darnach griff, däuchte ihn,
+als wenn er die Finger einer kleinen Kinder-Hand fühlte; der Geist
+aber zog sie gar geschwind wieder zurück. Der Herr begehrte ferner, er
+sollte ihn nun sein Angesicht fühlen lassen, worin er endlich willigte
+und wie jener darnach tastete, kam es ihm vor, als ob er gleichsam an
+Zähne oder an ein fleischloses Todten-Gerippe rührte; das Gesicht aber
+zog sich ebenfalls im Augenblick zurück, also daß er seine eigentliche
+Gestalt nicht wahrnehmen konnte; nur bemerkte er, daß es, wie die Hand,
+kalt und ohne menschliche Lebens-Wärme war.
+
+Die Köchin, welche mit ihm gar vertraulich war, meinte, sie dürfte ihn
+wohl um etwas bitten, wo es ein anderer unterlassen müßte und als ihr
+nun die Lust kam, den Hinzelmann, den sie täglich reden hörte, mit
+Essen und Trinken versorgte, leiblich zu sehen, bat sie ihn inständig,
+ihr das zu gewähren. Er aber wollte nicht und sagte, dazu wäre jetzt
+noch nicht die Gelegenheit, nach Ablauf gewisser Zeit wollte er sich
+von jedermann sehen lassen. Aber durch diese Weigerung ward ihre Lust
+nur noch heftiger erregt und sie lag ihm je mehr und mehr an, ihr die
+Bitte nicht zu versagen. Er sagte, sie würde den Vorwitz bereuen, wenn
+er ihrer Bitte nachgeben wollte, als dies aber nichts fruchtete und
+sie gar nicht abstehen wollte, sprach er endlich: “Morgen vor Aufgang
+der Sonne komm in den Keller und trag in jeder Hand einen Eimer voll
+Wasser, so soll dir deine Bitte gewährt werden.” Die Magd fragte:
+“wozu soll das Wasser?” “Das wirst du erfahren, antwortete der Geist,
+ohne das würde dir mein Anblick schädlich seyn.” Am andern Morgen war
+die Köchin in aller Frühe bereit, nahm in jede Hand einen Eimer mit
+Wasser und ging in den Keller hinab. Sie sah sich darin um ohne etwas
+zu erblicken, als sie aber die Augen auf die Erde warf, ward sie vor
+sich eine Mulde gewahr, worin ein nacktes Kind, der Größe nach etwa von
+dreien Jahren, lag: in seinem Herzen steckten zwei Messer kreuzweis
+übereinander und sein ganzer Leib war mit Blut beflossen. Von diesem
+Anblick erschrak die Magd dermaßen, daß ihr alle Sinne vergingen und
+sie ohnmächtig zur Erde fiel. Alsbald nahm der Geist das Wasser, das
+sie mitgebracht und goß es ihr über den Kopf aus, wodurch sie wieder
+zu sich selber kam. Sie sah sich nach der Mulde um, aber es war alles
+verschwunden und sie hörte nur Hinzelmanns Stimme, der zu ihr sprach:
+“siehst du nun, wie nützlich das Wasser dir gewesen, war solches nicht
+bei der Hand, so wärst du hier im Keller gestorben. Ich hoffe, nun wird
+deine heiße Begierde, mich zu sehen, abgekühlt seyn.” Er hat hernach
+die Köchin oft mit diesem Streich geneckt und ihn Fremden mit vielem
+Lachen erzählt.
+
+Der Prediger Feldmann von Eickelohe schreibt in einem Brief vom 14.
+December 1597, Hinzelmann habe eine kleine Hand, gleich der eines
+Knaben oder einer Jungfrau, öfters sehen lassen, sonst aber hätte man
+nichts von ihm erblicken können.
+
+Unschuldigen, spielenden Kindern hat er sich immer gezeigt. Der Pfarrer
+Feldmann wußte sich zu besinnen, daß, als er 14 bis 15 Jahr alt gewesen
+und sich nicht sonderlich um ihn bekümmert, er den Geist in Gestalt
+eines kleinen Knaben die Treppe gar geschwind hinaufsteigen gesehen.
+Wenn sich Kinder um das Haus Hudemühlen versammelten und mit einander
+spielten, fand er sich unter ihnen ein und spielte mit in der Gestalt
+eines kleinen schönen Kindes, also daß alle anderen Kinder ihn deutlich
+sahen und hernach daheim ihren Eltern erzählten, wie, wenn sie im Spiel
+begriffen wären, ein fremdes Kindlein zu ihnen käme und mit ihnen
+Kurzweil treibe. Dies bekräftigte eine Magd, die einmal in ein Gemach
+getreten, wo vier oder sechs Kinder mit einander gespielt; unter diesen
+hat sie ein unbekanntes Knäblein gesehen von schönem Angesicht mit
+gelben, über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen rothen
+Sammt-Rock gekleidet, welches, wie sie es recht betrachten wollte, aus
+dem Haufen sich verlor und verschwand. Auch von einem Narren, der
+sich dort aufhielt und Claus hieß, hat sich Hinzelmann sehen lassen
+und allerhand Kurzweil mit ihm getrieben. Wenn man den Narren nirgends
+finden konnte und hernach befragte, wo er so lange gewesen, antwortete
+er: “ich war bei dem kleinen Männlein und habe mit ihm gespielt.”
+Fragte man weiter, wie groß das Männlein gewesen, zeigte er mit der
+Hand eine Größe, wie etwa eines Kindes von vier Jahren.
+
+Als die Zeit kam, wo der Haus-Geist wieder fortziehen wollte, ging er
+zu dem Herrn und sprach: “siehe, da will ich dir etwas verehren, das
+nimm wohl in acht und gedenk meiner dabei.” Damit überreichte er ihm
+erstlich ein keines +Kreuz+ (es ist ungewiß nach des Verfassers Worten,
+ob aus Seide oder Saiten) gar artig geflochten. Es war eines Fingers
+lang, inwendig hohl und gab, wenn man es schüttelte, einen Klang von
+sich. Zweitens einen +Stroh-Hut+, den er gleichfalls selbst verfertigt
+hatte und worin, gar künstlich, Gestalten und Bilder durch das bunte
+Stroh zu sehen waren. Drittens einen ledernen +Handschuh+ mit Perlen
+besetzt, die wunderbare Figuren bildeten. Dann fügte der Geist die
+Weißagung hinzu: “so lange diese Stücke unzertheilt bei deinem Hause
+in guter Verwahrung bleiben, wird das ganze Geschlecht blühen und ihr
+Glück immer höher steigen. Werden diese Geschenke aber zergliedert,
+verloren oder verschleudert, so wird euer Geschlecht abnehmen und
+sinken.” Und als er wahrnahm, daß der Herr keinen sonderlichen Werth
+auf die Geschenke zu legen schien, sprach er weiter: “ich fürchte, daß
+du diese Dinge nicht viel achtest und sie abhanden kommen lässest,
+darum will ich dir rathen, daß du sie deinen beiden Schwestern Anne
+und Katharine aufzuheben übergibst, die besser dafür sorgen werden.”
+Darauf gab der Haus-Herr diese Geschenke seinen Schwestern, welche
+sie annahmen und in guter Verwahrung hielten und nur aus sonderlicher
+Freundschaft jemand zeigten. Nach ihrem Tode fielen sie auf den Bruder
+zurück, der sie zu sich nahm und bei dem sie, so lang er lebte,
+blieben. Dem Pfarrer Feldmann hat er sie bei einer vertraulichen
+Unterredung auf seine Bitte gezeigt. Als dieser Herr auch starb, kamen
+sie auf dessen einzige Tochter Adelheid, an L. v. H. verheirathet, mit
+andern Erbschafts-Sachen und blieben eine Zeitlang in ihrem Besitz. Wo
+diese Geschenke des Haus-Geistes hernach hingekommen, hat sich der Sohn
+des Pfarrers Feldmann vielfach erkundigt und erfahren, daß der Strohhut
+dem Kaiser Ferdinand II. sey verehrt worden, der ihn für etwas gar
+wunderbares geachtet. Der lederne Handschuh war noch zu seiner Zeit in
+Verwahrung eines Edelmanns. Er war kurz und reichte genau nur über die
+Hand, oben über der Hand ist mit Perlen eine Schnecke gestickt. Wohin
+das kleine Kreuz gekommen, blieb unbekannt.
+
+Der Geist schied freiwillig, nachdem er vier Jahr zu Hudemühlen sich
+aufgehalten, vom Jahr 1584 bis 1588. Ehe er von dannen gezogen, hat
+er noch gesagt, er werde einmal wiederkommen, wenn das Geschlecht,
+in Abnahme gerathe, und dann werde es aufs neue wieder blühen und
+aufsteigen.
+
+
+
+
+76.
+
+Klopfer.
+
+Fränkische Sage. Reizenstein. Leipz. 1778. I. 76.
+
+
+Im Schloß zu Flügelau hauste ein guter Geist, der den Mädchen alles zu
+Gefallen that; sie durften nur sagen: “Klopfer hols!” so wars da. Er
+trug Briefe weg, wiegte die Kinder und brach das Obst. Aber wie man
+einmal von ihm haben wollte, er sollte sich sehen lassen, und nicht
+nachließ, bis ers that, fuhr er feurig durch den Rauchfang hinaus und
+das ganze Schloß brannte ab, das noch nicht wieder aufgebaut ist. Es
+ist kurze Zeit vor dem Schwedenkriege geschehn.
+
+
+
+
+77.
+
+Stiefel.
+
+Mündlich.
+
+
+In dem Schlosse Calenberg hauste ein kleiner Geist Namens +Stiefel+.
+Er war einmal an einem Bein beschädigt worden und trug seitdem einen
+großen Stiefel, der ihm das ganze Bein bedeckte, weil er fürchtete, es
+mögte ihm ausgerissen werden.
+
+
+
+
+78.
+
+Ekerken.
+
++Weier+ von der Zauberei. VI. 15.
+
+
+Bei dem Dorf Elten, eine halbe Meile von Emmerich im Herzogthum Cleve,
+war ein Geist, den die gemeinen Leute +Ekerken+ (Eichhörnchen) zu
+nennen pflegten. Es sprang auf der Landstraße umher und neckte und
+plagte die Reisenden auf alle Weise. Etliche schlug es, andere warf
+er von den Pferden ab, anderen kehrte er Karrn und Wagen unterst zu
+oberst. Man sah aber mit Augen von ihm nichts, als eine menschlich
+gestaltete Hand.
+
+
+
+
+79.
+
+Nacht-Geist zu Kendenich.
+
+Mündlich, aus Cöln.
+
+
+Auf dem alten Rittersitz Kendenich, etwa zwei Stunden von Cöln
+am Rhein, ist ein mooriger, von Schilf und Erlensträuchen dicht
+bewachsener Sumpf. Dort sitzt eine Nonne verborgen und keiner mag am
+Abend an ihr vorübergehen, dem sie nicht auf den Rücken zu springen
+sucht. Wen sie erreicht, der muß sie tragen, und sie treibt und jagt
+ihn durch die ganze Nacht, bis er ohnmächtig zur Erde stürzt.
+
+
+
+
+80.
+
+Der Alp.
+
+Mündliche Erzählungen.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 1-40. II. 160-162.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten 126-137.
+
+
+Wenn gleich vor den Alpen Fenster und Thüre verschlossen werden, so
+können sie durch die kleinsten Löcher doch hereinkommen, welche sie
+mit sonderlicher Lust aufsuchen. Man kann in der Stille der Nacht das
+Geräusch hören, welches sie dabei in der Wand machen. Steht man nun
+geschwind auf und verstopft das Loch, so müssen sie bleiben, können
+auch nicht von dannen, selbst wenn Thür und Thor geöffnet würden.
+Man muß ihnen hierauf das Versprechen abnehmen, daß sie diesen Ort
+niemals beunruhigen wollen, bevor man sie in Freiheit setzt. Sie haben
+bei solchen Gelegenheiten erbärmlich geklagt, wie sie zu Haus ihre
+Kinderchen hätten, die verschmachten müßten, so sie nicht los kämen.
+
+Der Trud oder Alp kommt oft weit her bei seinen nächtlichen Besuchen.
+Einsmals sind Hirten mitten in der Nacht im Felde gewesen und haben
+nicht weit von einem Wasser ihrer Herden gewartet. Da kommt ein Alp,
+steigt in den Kahn, löst ihn vom Ufer ab und rudert mit einer selbst
+mitgebrachten Schwinge hinüber, steigt alsdann aus, befestiget den Kahn
+jenseits und verfolgt seinen Weg. Nach einer Weile kehrt er zurück und
+rudert eben so herüber. Die Hirten aber, nachdem sie solchem mehrere
+Nächte zugesehen und es geschehen lassen, bereden sich, diesen Kahn
+wegzunehmen. Wie nun der Alp wiederkommt, so hebt er an kläglich zu
+winseln und droht den Hirten, den Kahn gleich herüber zu schaffen, wenn
+sie Frieden haben wollten; welches sie auch thun müssen.
+
+Jemand, um den Alp abzuhalten, legte eine Hechel auf den Leib, aber
+der Alp drehte sie gleich um und drückte ihm die Spitzen in den Leib.
+Ein besseres Mittel ist es, die Schuhe vor dem Bette umzukehren, also
+daß die Hacken das Spannbett am nächsten bei sich haben. Wenn er
+drückt und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muß er weichen.
+Nachts reitet er oft die Pferde, so daß man ihnen Morgens anmerkt,
+wie sie abgemattet sind. Mit Pferdeköpfen kann er auch vertrieben
+werden. Wer vor dem Schlafengehen seinen Stuhl nicht versetzt, den
+reitet der Mahr des Nachts. Gern machen sie den Leuten Weichsel-Zöpfe
+(Schrötleins-Zöpfe, Mahren-Flechten), indem sie das Haar saugen und
+verflechten. Wenn die Muhme ein Kind windelt, muß sie ein Kreuz machen
+und einen Zipfel aufschlagen, sonst windelt es der Alp noch einmal.
+
+Sagt man zu dem drückenden Alp:
+
+ Trud komm Morgen,
+ so will ich borgen!
+
+weicht er alsbald und kommt am andern Morgen in Gestalt eines Menschen,
+etwas zu borgen. Oder ruft man ihm nach: “komm Morgen und trink mit
+mir,” so muß derjenige kommen, der ihn gesandt hat.
+
+Nach Prätorius stoßen seine Augenbraunen in gleichen Linien zusammen,
+andere erzählen, daß Leute, denen die Augenbraunen auf der Stirne
+zusammengewachsen sind, andern, wenn sie Zorn oder Haß auf sie haben,
+den Alp mit bloßen Gedanken zuschicken können. Er kommt dann aus den
+Augenbraunen, sieht aus wie ein kleiner weißer Schmetterling und setzt
+sich auf die Brust des andern Schlafenden.
+
+
+
+
+81.
+
+Der Wechselbalg.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 6. 7.
+
++Prätor.+ Weltbeschr. I. 363. 364.
+
+
+Zu Heßloch, bei Odernheim im Gau gelegen, hat sichs zugetragen, daß
+der Kellner eines geistlichen Herrn mit der Köchin wie seiner Ehefrau
+gelebt, nur daß er sich nicht durfte öffentlich einsegnen lassen.
+Sie zeugten ein Kind miteinander, aber das wollte nicht wachsen und
+zunehmen, sondern es schrie Tag und Nacht und verlangte immer zu essen.
+Endlich hat sich die Frau berathen und wollte es gen Neuhausen auf die
+Cyriaks-Wiese tragen und wiegen lassen und aus dem Cyriaks-Brunnen ihm
+zu trinken geben, so mögte es besser mit ihm werden. Denn es war damals
+Glauben, ein Kind müsse dann nach neun Tagen sich zum Leben oder Tod
+verändern[4]. Wie nun die Frau bei Westhofen in den Klauer kommt mit
+dem Kind auf dem Rücken, welches ihr so schwer geworden, daß sie keucht
+und der Schweis ihr übers Angesicht lauft, begegnet ihr ein fahrender
+Schüler, der redet sie an: “ei Frau, was tragt ihr da für ein wüstes
+Geschöpf, es wäre kein Wunder, wenn es euch den Hals eindrückte.” Sie
+antwortete, es wäre ihr liebes Kind, das wollte nicht gedeihen und
+zunehmen, daher es zu Neuhausen sollte gewogen werden. Er aber sprach:
+“das ist nicht euer Kind, es ist der Teufel[5], werft ihn in den Bach!”
+Als sie aber nicht wollte, sondern beharrte, es wäre ihr Kind und es
+küßte, sprach er weiter: “euer Kind stehet daheim in der Stuben-Kammer
+hinter der Arke in einer neuen Wiege, werfet diesen Unhold in den
+Bach!” da hat sie es mit Weinen und Jammern gethan. Alsobald ist ein
+Geheul und Gemurmel unter der Brücke, auf der sie stand, gehört worden,
+gleich wie von Wölfen und Bären. Und als die Mutter heimgekommen, hat
+sie ihr Kindlein frisch und gesund und lachend in einer neuen Wiege
+gefunden.
+
+
+ [4] Ein Wechselbalg wird gewöhnlich nicht älter als sieben Jahre;
+ nach andern jedoch sollen sie 18-19 Jahre leben.
+
+ [5] Denn der Teufel nimmt die rechten Kinder aus der Wiege, führt
+ sie fort und legt seine dafür hinein. Daher der Name:
+ +Wechselbalg+.
+
+
+
+
+82.
+
+Die Wechselbälge im Wasser.
+
++Kirchhof’s+ Wendunmuth V. 314. ~Nr.~ 258.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten 9.
+
++Hildebrand+ Entdeckung der Zauberei S. 109.
+
++Fischart+ im wilden Teufels Heer.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden 105b. 106a.
+
+
+Bei Halberstadt hatte ein Bauer einen Kielkropf, der seine Mutter und
+fünf Muhmen ausgesogen, dabei unmäßig gegessen hatte (denn sie essen
+mehr, als zehn andere Kinder), und sich so angestellt, daß sie seiner
+gar müd geworden. Es ward ihm der Rath gegeben, er solle das Kind zur
+Wallfahrt gen Heckelstadt zur Jungfrau Maria geloben und daselbst
+wiegen lassen. Diesem Rath folgte der gute Bauer, setzte es in einen
+Rückkorb und trug es hin. Wie er aber über ein Wasser geht und auf der
+Brücke ist, rufts unten im Wasser: “Kielkropf! Kielkropf!” Da antwortet
+das Kind in dem Korbe, das niemals zuvor ein Wort geredet hatte: “ho!
+ho!” Dessen war der Bauer ungewohnt und sehr erschrocken. Darauf fragte
+der Teufel im Wasser ferner: “wo willt du hin?” Der Kielkropf oben
+antwortete: “ick well gen Heckelstadt to unser leven Fruggen:
+
+ mik laten wigen
+ dat ick möge gedigen” (gedeihen).
+
+Wie der Bauer hörte, daß der Wechselbalg ordentlich reden konnte, ward
+er zornig und warf ihn sammt dem Korb ins Wasser. Da sind die zwei
+Teufel zusammengefahren, haben geschrien: “ho! ho! ha!” mit einander
+gespielt und sich überworfen und sind darnach verschwunden.
+
+
+
+
+83.
+
+Der Alraun.
+
++Simplicissimi+ Galgen-Männlein. Im dritten Theil.
+
++Israel Fronschmidt+ vom Galgen-Männlein.
+
++Rollenhagen’s+ Indian. Reisen. Magdeb. 1605. S. 271. 272.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. S. 226-235.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 215. 216. Weihnachtsfr. 155. 156.
+
++Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 45. S. 151.
+
+~+Chr. Gotfr. Roth+ diss. de imagunculis Germanor. magicis, quas
+Alraunas vocant. Helmst. 1737. 8.~
+
+
+Es ist Sage, daß, wenn ein Erb-Dieb, dem das Stehlen durch Herkunft aus
+einem Diebs-Geschlecht angeboren ist, oder dessen Mutter, als sie mit
+ihm schwanger ging, gestolen, wenigstens groß Gelüsten dazu gehabt,
+(nach andern, wenn er zwar ein unschuldiger Mensch, in der Tortur
+aber sich für einen Dieb bekennet) und der ein reiner Jüngling ist,
+gehenkt wird und das Wasser läßt (~aut sperma in terram effundit~), so
+wächst an dem Ort der +Alraun+ oder das +Galgen-Männlein+. Oben hat er
+breite Blätter und gelbe Blumen. Bei der Ausgrabung desselben ist große
+Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit er
+so entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muß. Um
+ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag vor Sonnen-Aufgang, nachdem
+man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem
+ganz schwarzen Hund, der keinen andern Flecken am Leib haben darf,
+hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings
+herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der
+Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit einer Schnur dem Hund an
+den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davon laufen.
+Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus,
+fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald todt hin.
+Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit rothem Wein sauber ab,
+wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie in ein Kästlein,
+badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein neues weißes
+Hemdlein. Fragt man nun den Alraun, so antwortet er und offenbart
+zukünftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen. Der Besitzer
+hat von nun an keine Feinde, kann nicht arm werden und hat er keine
+Kinder, so kommt Eheseegen. Ein Stück Geld, das man ihm Nachts zulegt,
+findet man am Morgen doppelt; will man lang seines Dienstes genießen
+und sicher gehen, damit er nicht abstehe oder sterbe, so überlade man
+ihn nicht, ein halben Thaler mag man kühnlich alle Nacht ihm zulegen,
+das höchste ist ein Ducaten, doch nicht immer, sondern nur selten.
+
+Wenn der Besitzer des Galgen-Männleins stirbt, so erbt es der jüngste
+Sohn, muß aber dem Vater ein Stück Brot und ein Stück Geld in den Sarg
+legen und mit begraben lassen. Stirbt der Erbe vor dem Vater, so fällt
+es dem ältesten Sohn anheim, aber der jüngste muß eben so schon mit
+Brot und Geld begraben werden.
+
+
+
+
+84.
+
+~Spiritus familiaris.~
+
++Trutz Simplex+ Leben der Landstörzerin Courage. Cap. 18. u. 23.
+
+Der Leipziger Avanturieur. Frkft. u. Lpz. 1756. Th. 2. S. 38-42.
+
+
+Er wird gemeinlich in einem wohlverschlossenen Gläslein aufbewahrt,
+sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion,
+bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer ihn kauft, in dessen Tasche bleibt
+er, er mag das Fläschlein hinlegen, wohin er will, immer kehrt es von
+selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze
+sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg
+fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat,
+auch behütet es vor Haft und Gefängniß. Man braucht ihn nicht zu
+pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgen-Männlein.
+
+Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum
+sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht
+anders verkaufen, als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn
+nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat.
+
+Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist
+kennen lernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte
+fort; als er zu Haus ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht
+besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf.
+
+Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte
+deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im
+Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenig
+Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der
+Stadt umher und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab
+sichs, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück
+erzählte. Dieser sprach: “seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel
+vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.” Der Roßtäuscher meinte, das
+wären leere Worte. “Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht
+in jenes Haus und fraget nach einer Gesellschaft, die er ihm nannte,
+der erzählt euern Unfall und bittet um Hilfe.” Der Roßtäuscher folgte
+dem Rath, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach
+der Gesellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe
+wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an
+einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an und sagten:
+“dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du niedergeschlagen und
+nun kommst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hilfe zu
+suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.” Er mußte sich an einen
+Neben-Tisch setzen und nach Verlauf weniger Minuten überreichten sie
+ihm ein Schächtelein mit den Worten: “dies trage bei dir und du wirst
+von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo
+du nicht wieder arm werden willst, niemals öffnest.” Der Roßtäuscher
+fragte, was er für dieses Schächtelein zu zahlen habe, aber die Männer
+wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch
+schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim,
+kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Sack
+mit dreihundert Ducaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die
+Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch
+einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das
+Schächtlein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder
+vorzeiten vergraben war, ein hervordringendes Licht, also daß er es
+leicht heben konnte. Auf diese Weise erhielt er ohne Diebstal und Mord
+große Schätze zusammen.
+
+Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, erschrack
+sie und sprach: “du hast etwas böses empfangen, Gott will nicht, daß
+der Mensch durch solch verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt,
+im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ich bitte dich
+um deiner Seeligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurückreisest
+und der Gesellschaft deine Schachtel zustellst.” Der Mann, von diesen
+Worten bewogen, entschloß sich und sendete einen Knecht mit dem
+Schächtelein hin, um es zurückzuliefern, aber der Knecht brachte es
+wieder mit der Nachricht zurück, daß diese Gesellschaft nicht mehr
+zu finden sey, auch niemand wisse, wo sie sich gegenwärtig aufhalte.
+Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtlein hinsetze
+und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen
+in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In einer Nacht stand sie auf,
+zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sumsende Fliege
+heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel
+wieder darauf und steckte es an seinen Ort, unbesorgt, wie es ablaufen
+würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in
+das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen um oder wurden gestolen.
+Das Korn auf dem Boden verdarb, das Haus brannte zu dreienmalen ab und
+der eingesammelte Reichthum verschwand zusehends. Der Mann gerieth in
+Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau
+mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf
+schoß.
+
+
+
+
+85.
+
+Das Vogelnest.
+
++Michaeler+ Vorrede zum Iwein. Wien 1786. S. 54.
+
++Simplicissimus+ Springinsfeld ~cap.~ 23.
+
+
+Noch jetzt herrscht in mehrern Gegenden der Glaube, daß es gewisse
+Vogelnester (auch Zwissel- und Zeisselnestlein genannt) gebe, die,
+selbst gewöhnlich unsichtbar, jeden, der sie bei sich trägt, unsichtbar
+machen. Um sie nun zu finden, muß man sie zufällig in einem Spiegel
+oder Wasser erblicken. Vermuthlich hängt die Sage mit dem Namen einer
+Gattung des +Zweiblatts+, ~bifoglio~, zusammen, die in fast allen
+europäischen Sprachen +Vogelnest+ heißt und etwas alraunhaft zu seyn
+scheint. Den näheren Verlauf ergibt der angeführte Roman des 17. J.H.
+am deutlichsten, gewiß aus volksmäßiger Quelle:
+
+Unter solchem Gespräch sah ich am Schatten oder Gegenschein eines
+Baums im Wasser etwas auf der +Zwickgabel+ liegen, das ich gleichwohl
+auf dem Baum selbst nicht sehen konnte, solches wies ich meinem Weib
+Wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt,
+darauf es lag, kletterte sie auf den Baum und holets herunter, was wir
+im Wasser gesehen hatten. Ich sah ihr gar eben zu und wurde gewahr,
+daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen
+Schatten (Abbild) wir im Wasser erblickt, in die Hand genommen hatte;
+allein ich sah noch wohl ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den
+Baum wieder abkletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielt,
+das sie vom Zwickast herunter genommen. Ich fragte sie: was sie für ein
+Vogelnest hätte? Sie hingegen fragte mich: ob ich sie denn sähe? Ich
+antwortete: “auf dem Baum selbst sehe ich dich nicht, aber wohl deine
+Gestalt im Wasser.” “Es ist gut, sagte sie, wenn ich herunterkomme,
+wirst du sehen, was ich habe.” Es kam mir gar verwunderlich vor, daß
+ich mein Weib sollte reden hören, die ich doch nicht sah, und noch
+seltsamer, daß ich ihren Schatten an der Sonne wandeln sah und sie
+selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte,
+so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr
+außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konnte ich gar nichts
+mehr von ihr merken, außer, daß ich ein kleines Geräusch vernahm,
+welches sie beides mit ihrem Fußtritt und ihrer Kleidung machte,
+welches mir vorkam, als ob ein Gespenst um mich her gewesen wäre;
+sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand, sobald ich
+dasselbige empfangen, sah ich sie wiederum, hingegen sie aber mich
+nicht; solches probirten wir oft mit einander und befanden jedesmal,
+daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Drauf
+wickelte sie das Nestlein in ein Nasentüchel, damit der Stein, oder
+das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befand und solche Wirkung
+in sich hatte, nicht herausfallen sollte und etwan verloren würde, und
+nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum,
+wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen; das Nestnastüchel sahen wir
+nicht, konnten es aber an demjenigen Ort wohl fühlen, wohin sie es
+geleget hatte.
+
+
+
+
+86.
+
+Der Brutpfenning.
+
++Happel+ ~relat. curios. I. 522.~
+
+
+Der Brutpfenning oder Heckegroschen soll auf folgende heillose Weise
+erlangt werden: die sich dem Teufel verbinden wollen, gehen auf
+Weihnachts-Abend, so es beginnet zu dunkeln, nach einem Scheideweg
+unter dem offenbaren Himmel. Mitten auf diesem Flecken legen sie
+dreißig Pfenninge oder auch Groschen, Thaler, in einem runden Ring der
+Reihe nach neben einander hin und heben an, die Stücke vorwärts und
+rückwärts zu zählen. Dies Zählen muß gerade geschehen in der Zeit,
+wenn man zur Messe läutet. In dem Zählen nun sucht der höllische Geist
+durch allerhand schreckliche Gesichter von glühenden Ofen, seltsamen
+Wagen und hauptlosen Menschen irre zu machen, denn wenn der Zählende im
+geringsten wankt und stolpert, wird ihm der Hals umgedreht. Wofern er
+aber richtig vor- und nachgezählt, so wirft der Teufel zu den dreißig
+Stücken das ein und dreißigste in gleicher Münze hin. Dieser ein und
+dreißigste Pfenning hat die Eigenschaft, daß er alle und jede Nacht
+einen gleichen ausbrütet.
+
+Eine Bäuerin zu Pantschdorf bei Wittenberg, die einen solchen
+Brutpfenning hatte, wurde auf diese Art als Hexe kund gemacht: sie
+mußte einmal nothwendig ausgehen und hieß die Magd, die Milch von der
+gemelkten Kuh (eh sie die andern melkte) alsbald sieden, auf weiß Brot
+in einer dastehenden Schüssel gießen und in eine gewisse Kiste setzen,
+welche sie ihr zeigte. Die Dienstmagd vergaß das entweder oder dachte,
+es wäre gleichviel, ob sie die Milch vor oder nach dem Melken der
+anderen Kühe aufkochte, und that also erst ihre ganze Arbeit. Nachher
+nahm sie die siedende Milch vom Feuer und in der einen Hand den Topf
+haltend, mit der andern im Begriff, die bezeichnete Kiste zu öffnen,
+sah sie in dieser ein pechschwarz Kalb sitzen, das den Mund aufsperrte.
+Vor Schrecken goß sie die gesottene Milch in seinen Rachen und in
+selbem Augenblick floh das Kalb davon und steckte das ganze Haus in
+Brand. Die Frau wurde eingezogen und bekannte; ihren Brutpfenning haben
+die Bauern noch lange Zeit in der gemeinen Cassa aufbewahret.
+
+
+
+
+87.
+
+Wechselkind mit Ruthen gestrichen.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 365. 366.
+
+
+Im Jahr 1580. hat sich folgende wahrhaftige Geschichte begeben: nahe
+bei Breslau wohnet ein nahmhaftiger Edelmann, der hat im Sommer viel
+Heu und Grummet aufzumachen, dazu ihm seine Unterthanen fröhnen müssen.
+Unter diesen ward auch berufen eine Kindbetterin, so kaum acht Tage im
+Kindbett gelegen. Wie sie nun siehet, daß es der Junker haben wollte
+und sie sich nicht weigern kann, nimmt sie ihr Kind mit ihr hinaus,
+legt es auf ein Häuflein Gras, geht von ihm und wartet dem Heumachen
+ab. Als sie ein gute Weile gearbeitet, und ihr Kindlein zu säugen
+gehet, siehet sie es an, schreiet heftig und schlägt die Hände überm
+Kopf zusammen, und klaget männiglich, dies sey nicht ihr Kind, weil es
+geizig ihr die Milch entziehe und so unmenschlich heule, das sie an
+ihrem Kinde nicht gewohnt sey. Wie dem allen, so behielt sie es etlich
+Tag über, das hielt sich so ungebührlich, daß die gute Frau gar nahe zu
+Grund gerichtet wäre. Solches klaget sie dem Junker, der sagt zu ihr:
+“Frau, wenn es euch bedünket, daß dies nicht euer Kind, so thut eins
+und tragt es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und
+streichet es mit der Ruthe heftig, so werdet ihr Wunder sehen.”
+
+Die Frau folget dem Junker, ging hinaus und strich das Wechselkind
+mit der Ruthe, daß es sehr geschrien hat; da brachte der Teufel ihr
+gestolen Kind und sprach: “da hasts!” und mit dem nahm er sein Kind
+hinweg.
+
+Diese Geschicht ist lautbar und beiden Jung und Alten in derselbigen
+Gegend um und in Breslau landkündig.
+
+
+
+
+88.
+
+Das Schauen auf die Kinder.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 124.
+
+
+Ein glaubwürdiger Bürger aus Leipzig erzählte: als sein erstes
+Kind schon etliche Wochen alt gewesen, habe man es zu drei
+unterschiedlichen Nächten in der Wiege aufgedeckt und in der Quer
+liegend gefunden, da doch die Wiege hart vor dem Wochenbette der
+Mutter gestanden. Der Vater nahm sich also vor, in der vierten Nacht
+aufzubleiben und auf sein Kind gute Acht zu haben. Er harrte eine
+lange Weile und wachte stetig bis nach Mitternacht, da war dem Kinde
+noch nichts begegnet, deswegen, weil er +es selber betrachtet und
+angeschauet hatte+. Aber indem fielen ihm die Augen ein wenig zu und
+als die Mutter kurz darauf erwachte und sich umsah, war das Kind wieder
+in die Quer gezogen und das Deckbett von der Wiege mitten über ihr Bett
+geworfen, da sie es sonsten nur immer aufzuschlagen und zu Füßen des
+Kinds in der Wiege zu legen pflegen, nach allgemeinem Gebrauche. Denke
+einer in so geschwinder Eile, daß sich alle verwundern mußten. Aber
+weiter hatte das Ungethüm keine Macht zum Kinde gehabt.
+
+
+
+
+89.
+
+Die Roggen-Muhme.
+
++Tharsander (G.W. Wegner)+ Schauplatz I. 433. 434.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 125. 126.
+
+
+In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von
+der Roggen-Muhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich
+hineinzugehen fürchten.
+
+Im Jahr 1662 erzählte auch die saalfelder Frau dem Prätorius: ein
+dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Unterthanen
+gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges,
+säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu
+fördern, zu Boden. Ueber eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen
+war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin
+tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte
+herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie
+zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wanns Zeit wäre. Die Frau
+meinte, er thäte so der fleißigeren Arbeit wegen und fügte sich mit
+großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam
+die +Roggen-Mutter+ von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und
+legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit
+angesehen, rief er der Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der
+Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten
+zu zwingen.
+
+
+
+
+90.
+
+Die zwei unterirdischen Weiber.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 123. 124.
+
+
+Folgende Begebenheit hat Prätorius von einem Studenten erfahren, dessen
+Mutter gesagt hatte, sie sey zu Dessau geschehen.
+
+Nachdem eine Frau ein Kind zur Welt gebracht, hat sie es bei sich
+gelegt und ist noch vor dessen Taufe in einen tiefen Schlaf verfallen.
+Zur Mitternacht sind zwei +unterirdische Weiber+ gekommen, haben Feuer
+auf dem Hausheerde gemacht, einen Kessel voll Wasser übergesetzet, ihr
+mitgebrachtes Kind darin gebadet und abgewaschen, solches hernach in
+die Stube getragen und mit dem andern schlafenden Kind ausgetauschet.
+Hierauf sind sie damit weggegangen, bei dem nächsten Berg aber um das
+Kind in Streit gerathen, darüber es eine der andern zugeworfen und
+gleichsam damit geballet haben, bis das Kind darüber geschrien und
+die Magd im Hause erwachet. Als sie der Frauen Kind angeblickt und
+die Verwechselung gemerkt, ist sie vors Haus gelaufen und hat die
+Weiber noch also mit dem gestohlenen Kind handthieren gefunden, darauf
+sie hinzugetreten und hat mit gefangen, sobald sie aber das Kind in
+ihre Arme bekommen, ist sie eilends nach Haus gelaufen und hat die
+Wechselbutte vor die Thür geleget, welche darauf die Bergfrauen wieder
+zu sich genommen.
+
+
+
+
+91.
+
+König Grünewald.
+
+Hess. Denkwürdigk. IV. 2, 295-297. vom Prof. +Schwarz+ aus der Sage
+alter Leute aufgenommen.
+
+
+Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor Alters ein König und
+stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf
+die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal
+sein Feind, ein König, der hieß +Grünewald+ und belagerte ihn in
+seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem
+König im Schlosse seine Tochter immer noch Muth ein. Das währte bis
+zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das
+feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr
+angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war und sagte ihrem
+Vater:
+
+ Vater gebt euch gefangen,
+ der grüne Wald kommt gegangen!
+
+Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie
+ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu
+mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie
+ihren eigenen Vater, packte ihn drauf sammt ihren besten Schätzen und
+zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fortgegangen
+waren, sprach die Königstochter: “hier +wollemer+ ruhen!” Daher hat ein
+Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg,
+in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg,
+bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter:
+“+hier hat’s Feld!+” und da blieben sie und bauten ein Schloß und
+nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die
+Ueberbleibsel und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen.
+(Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier Stunden vom
+Christenberge westlich).
+
+
+
+
+92.
+
+Blümelis-Alp.
+
++Scheuchzer+ Naturgesch. der Schweiz. Zürich 1746. II. 83.
+
++Wyß+ Volkssagen. Bern 1815. aus mündl. Ueberlieferung.
+
+
+Mehr als eine Gegend der Schweiz erzählt die Sage von einer jetzt in
+Eis und Felstrümmern überschütteten, vor alten Zeiten aber beblümten,
+herrlichen und fruchtbaren Alpe. Zumal im Berner Oberland wird sie von
+den Klariden (einem Gebirg) berichtet:
+
+Ehmals war hier die Alpweide reichlich und herrlich, das Vieh gedieh
+über alle Maaßen, jede Kuh wurde des Tages dreimal gemolken und
+jedesmal gab sie zwei Eimer Milch, den Eimer von dritthalb Maas.
+Dazumal lebte am Berg ein reicher, wohlhabender Hirte, und hob an,
+stolz zu werden und die alte einfache Sitte des Lands zu verhöhnen.
+Seine Hütte ließ er sich stattlicher einrichten und buhlte mit
+Cathrine, einer schönen Magd, und im Uebermuth baute er eine Treppe ins
+Haus aus seinen Käsen und die Käse legte er aus mit Butter und wusch
+die Tritte sauber mit Milch. Ueber diese Treppe gingen Cathrine, seine
+Liebste, und Brändel, seine Kuh, und Rhyn, sein Hund, aus und ein.
+
+Seine fromme Mutter wußte aber nichts von dem Frevel und eines
+Sonntags im Sommer wollte sie die Senne ihres Sohns besuchen. Vom Weg
+ermüdet ruhte sie oben aus und bat um einen Labetrunk. Da verleitete
+den Hirten die Dirne, daß er ein Milchfaß nahm, saure Milch hineinthat
+und Sand darauf streute, das reichte er seiner Mutter. Die Mutter aber,
+erstaunt über die ruchlose That, ging rasch den Berg hinab und unten
+wandte sie sich, stand still und verfluchte die Gottlosen, daß sie Gott
+strafen mögte.
+
+Plötzlich erhob sich ein Sturm und ein Gewitter verheerte die
+gesegneten Fluren. Senne und Hütte wurden verschüttet, Menschen und
+Thiere verdarben. Des Hirten Geist, sammt seinem Hausgesinde, sind
+verdammt, so lange, bis sie wieder erlöst worden, auf dem Gebirg
+umzugehen, “ich und min Hund Rhyn, und mi Chuh Brandli und mine
+Kathry, müssen ewig uf Klaride syn!” Die Erlösung hangt aber daran,
+daß ein Senner auf Charfreitag die Kuh, deren Euter Dornen umgeben,
+stillschweigend ausmelke. Weil aber die Kuh, der stechenden Dörner
+wegen, wild ist und nicht still hält, so ist das eine schwere Sache.
+Einmal hatte einer schon den halben Eimer vollgemolken, als ihm
+plötzlich ein Mann auf die Schulter klopfte und fragte: “schäumts auch
+wacker?” Der Melker aber vergaß sich und antwortete: “o ja!” da war
+alles vorbei und Brändlein, die Kuh, verschwand aus seinen Augen.
+
+
+
+
+93.
+
+Die Lilie.
+
++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 14. u. 15.
+
+
+Im Land zu H. war ein Edelmann, A. v. Th. genannt, der konnte
+Köpfe abhauen und wieder aufsetzen. Er hatte bei sich beschlossen,
+hinfort des teuflischen, gefährlichen Dings müßig zu gehen, eh er
+einmal darüber in ein Unglück geriethe, wie dann doch geschahe. Bei
+einer Gasterei ließ er sich von guten Gesellen überreden, diese
+Ergötzlichkeit ihnen noch einmal zu guter Letzt zu zeigen. Nur wollte,
+wie leicht zu erachten, niemand gern seinen Kopf dazu leihen; letztlich
+ließ sich der Haus-Knecht dazu brauchen, doch mit dem gewissen Geding,
+daß ihm sein Kopf wieder fest gemacht würde. Nun hieb ihm der Edelmann
+den Kopf ab, aber das Wieder-Aufsetzen wollte nicht gehen. Da sprach er
+zu den Gästen: “es ist einer unter euch, der mich verhindert, den will
+ich vermahnt haben und gewarnt, daß er es nicht thue.” Darauf versuchte
+ers abermal, konnte aber nichts ausrichten. Da vermahnte und dräute er
+zum andernmal, ihn unverhindert zu lassen. Da das auch nicht half und
+er beim drittenmal den Kopf nicht wieder aufsetzen konnte, ließ er auf
+dem Tisch eine Lilie wachsen, der hieb er das Haupt und die Blume oben
+ab. Alsbald fiel einer von den Gästen hinter sich von der Bank und war
+ihm der Kopf ab. Nun setzte er dem Haus-Knecht den seinen wieder auf
+und flohe aus dem Lande, bis die Sache vertragen ward und er Verzeihung
+erhielt.
+
+
+
+
+94.
+
+Johann von Passau.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden. 105.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 357. 358.
+
+Wendunmuth. V. 312. Nr. 256.
+
+
+Doctor Martinus Luther erzählt: ein Edelmann hatte ein schön jung Weib
+gehabt, die war ihm gestorben, und auch begraben worden. Nicht lange
+darnach, da liegt der Herr und der Knecht in einer Kammer beieinander,
+da kommt des Nachts die verstorbene Frau und lehnet sich über des
+Herren Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sah,
+daß solches zweimal nach einander geschah, fraget er den Junkherrn,
+was es doch sey, daß alle Nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern vor
+sein Bett komme, da saget er nein, er schlafe die ganze Nacht aus, und
+sehe nichts. Als es nun wieder Nacht ward, gibt der Junker auch acht
+drauf und wachet im Bette, da kömmt die Frau wieder vor das Bett, der
+Junker fraget: wer sie sey und was sie wolle? Sie antwortet: sie sey
+seine Hausfrau. Er spricht: “bist du doch gestorben und begraben!”
+Da antwortet sie: “ja, ich habe deines Fluchens halben und um deiner
+Sünden willen sterben müssen, willst du mich aber wieder zu dir haben,
+so will ich wieder deine Hausfrau werden.” Er spricht: “ja, wenns nur
+seyn könnte;” aber sie bedingt aus und vermahnet ihn, er müsse nicht
+fluchen, wie er denn einen sonderlichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn
+sonst würde sie bald wieder sterben; dieses sagt ihr der Mann zu, da
+blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte im Haus, schlief bei ihm,
+aß und trank mit ihm und zeugete Kinder.
+
+Nun begibt sichs, daß einmal der Edelmann Gäste kriegt und nach
+gehaltener Mahlzeit auf den Abend das Weib einen Pfefferkuchen zum Obst
+aus einem Kasten holen soll und bleibet lange außen. Da wird der Mann
+scheltig und fluchet den gewöhnlichen Fluch, da verschwindet die Frau
+von Stund an und war mit ihr aus. Da sie nun nicht wieder kommt, gehen
+sie hinauf in die Kammer, zu sehen, wo die Frau bliebe. Da liegt ihr
+Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermeln in dem Kasten, das ander
+Theil aber heraußen, wie sich das Weib hatte in den Kasten gebücket,
+und war das Weib verschwunden und sider der Zeit nicht gesehen worden.
+
+
+
+
+95.
+
+Das Hündlein von Bretta.
+
+Mündlich.
+
+
+In der Rheinpfalz, besonders im Kraichgau, geht unter den Leuten
+das Sprichwort um, wenn von übel belohnter Treue die Rede ist: “es
+geschieht dir, wie dem Hündchen zu Bretten.” Die Volkssage davon
+muß schon alt seyn und namentlich spielt auch Fischart an zwei
+verschiedenen Stellen darauf an.
+
+In dem Städtchen Bretten lebte vorzeiten ein Mann, welcher ein treues
+und zu mancherlei Dienst abgerichtetes Hündlein hatte, das pflegte er
+auszuschicken, gab ihm einen Korb ins Maul, worin ein beschriebener
+Zettel mit dem nöthigen Gelde lag, und so langte es Fleisch und
+Bratwurst beim Metzger, ohne je einen Bissen davon anzurühren. Einmal
+aber sandte es sein Herr, der evangelisch war, an einem Freitag zu
+einem Metzger, der catholisch war und streng auf die Fasten hielt.
+Als nun der Metzger auf dem Zettel eine Wurst bestellt fand, hielt er
+das Hündlein fest, haute ihm den Schwanz ab und legte den in den Korb
+mit den Worten: “da hast du Fleisch!” Das Hündlein aber, beschimpft
+und verwundet, trug den Korb treulich über die Gasse nach Haus, legte
+sich nieder und verstarb. Die ganze Stadt trauerte und das Bild eines
+Hündleins ohne Schwanz wurde in Stein ausgehauen übers Stadtthor
+gesetzt.
+
+Andere erzählen so: es habe seinem armen Herrn Fleisch und Würste
+gestohlen zugetragen, bis es endlich ein Fleischer ertappt und mit dem
+Verlust des Schwanzes gestraft.
+
+
+
+
+96.
+
+Das Dorf am Meer.
+
+Mündlich, aus Holstein.
+
+
+Eine Heilige ging am Strand, sah nur zum Himmel und bätete, da kamen
+die Bewohner des Dorfs Sonntags Nachmittag, ein jeder geputzt
+in seidenen Kleidern, seinen Schatz im Arm, und spotteten ihrer
+Frömmigkeit. Sie achtete nicht darauf und bat Gott, daß er ihnen diese
+Sünde nicht zurechnen wolle. Am andern Morgen aber kamen zwei Ochsen
+und wühlten mit ihren Hörnern in einem nahgelegenen großen Sandberg
+bis es Abend war; und in der Nacht kam ein mächtiger Sturmwind und
+wehte den ganzen aufgelockerten Sandberg über das Dorf hin, so daß es
+ganz zugedeckt wurde und alles darin, was Athem hatte, verdarb. Wenn
+die Leute aus benachbarten Dörfern herbeikamen und das verschüttete
+aufgraben wollten, so war immer, was sie Tags über gearbeitet, Nachts
+wieder zugeweht. Das dauert bis auf den heutigen Tag.
+
+
+
+
+97.
+
+Die verschütteten Silber-Gruben.
+
+Mündlich, am Harz.
+
+
+Die reichsten Silberbergwerke am Harz waren die schon seit langen
+Jahren eingegangenen beiden Gruben: der große Johann und der goldene
+Altar (bei Andreasberg?). Davon geht folgende Sage. Vorzeiten, als die
+Gruben noch bebaut wurden, war ein Steiger darüber gesetzt, der hatte
+einmal, als der Gewinn groß war, ein paar reiche Stufen bei Seite
+gelegt, um, wenn der Bau schlechter und ärmer seyn würde, damit das
+fehlende zu ersetzen und immer gleichen Gewinn hervorzubringen. Was
+er also in guter Absicht gethan, das ward von andern, die es bemerkt
+hatten, als ein Verbrechen angeklagt, und er zum Tode verurtheilt.
+Als er nun niederkniete und ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden,
+da betheuerte und beschwur er nochmals seine Unschuld und sprach: “so
+gewiß bin ich unschuldig, als mein Blut sich in Milch verwandeln und
+der Bau der Grube aufhören wird; wann in dem gräflichen Haus, dem
+diese beiden Bergwerke zugehören, ein Sohn geboren wird mit Glas-Augen
+und mit Reh-Füßen, und er bleibt am Leben, so wird der Bau wieder
+beginnen, stirbt er aber nach seiner Geburt, so bleiben sie auf ewig
+verschüttet.” Als der Scharfrichter den Hieb gethan und das Haupt
+herabfiel, da sprangen zwei Milchströme statt des Bluts schneeweiß aus
+dem Rumpf in die Höhe und bezeugten seine Unschuld. Auch die beiden
+Gruben gingen alsbald ein. Nicht lange nachher ward ein junger Graf mit
+Glas-Augen und Reh-Füßen geboren, aber er starb gleich nach der Geburt
+und die Silberbergwerke sind nicht wieder aufgethan, sondern bis auf
+diesen Tag verschüttet.
+
+
+
+
+98.
+
+Die Fundgrübner.
+
++Happel+ ~relat. curios. I. 758-760.~
+
+
+Die reichsten Berggänge pflegen von armen und geringen Grübnern
+entdeckt zu werden, darüber es mancherlei Sagen hat. In dem böhmischen
+Bergwerk auf der Eule war ein Bergmann, des Namens +der rothe Leu+, so
+reich geworden, daß er König Wenzel zu Gast lud, ihm eine Tonne Goldes
+schenkte, und dem König Carl hundert geharnischte Reuter ausrüstete.
+Dieser rothe Leu hatte anfangs sein ganzes Vermögen zugesetzt und schon
+sein Weib ihren Schleier (ihr eingebrachtes) verkaufen müssen. Eines
+Tags stieß sich die Frau von ungefähr blutrünstig in die Ferse an einem
+großen Knauer. Der Mann wollte ihn wegstufen und traf auf gediegenes
+Gold, wodurch er plötzlich reich wurde. Aber Stolz und Hochmuth kamen
+über ihn, in seinem Hause mußte alles seiden, silbern und golden seyn
+und das Weib sprach: es wäre Gott unmöglich, daß sie wieder arm werden
+sollten. Nach und nach wurde der rothe Leu bettelarm und starb auf dem
+Misthaufen.
+
+Im salzburger Werk zu Gastein und Rauriß lebte ein mächtiger
+Fundgrübner, genannt +der alte Weitmoser+. In der Stunde, wo er seinen
+Schuldnern entlaufen wollte und schon in der Thür stand, wurde ihm
+reicher Ausbruch und Handstein entgegen gebracht. Die hielten Gold und
+Silber, wurden mit Macht geschüttet und gaben ihm und anderen bald
+große Reichthümer. Und da ihm auf seinem Sterbebette schöne Handsteine
+neuerdings aus der Grube getragen wurden, sagte er doch: “der rechte
+und schönste Gang ist Jesus mein Herr und Heiland, auf dem will ich
+bald eingehen ins ewige Leben.”
+
+
+
+
+99.
+
+Ein gespenstiger Reuter.
+
+H. +Speidel+ in ~notabil. polit. f.~ 397.
+
++Prätorius+ im Glückstopf. S. 173. 174.
+
++Happel+ ~relat. curios. III.~ 521.
+
+
+Ein unbekannter Mann hat sich gegen das Ende des 17. Jahrhunderts
+bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde,
+nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche
+Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof
+anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der
+Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu
+sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen.
+Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals
+nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser
+Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite
+erschossen sey, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet
+worden. Er gab auch alle Umstände an: des Todten Vaterland, Namen,
+Alter und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst
+gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm
+daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine
+Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der
+Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der
+Graf nicht Ursache hätte ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste
+geleistet und noch leisten wolle, bitte er ihn ferner an dem Hofe zu
+erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub.
+Deßwegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein
+Pferd und Narren-Kleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf
+gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter
+anzunehmen verweigerte.
+
+Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab,
+auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Kuppel-Pferden in dem
+Narren-Kleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte,
+mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf
+bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen
+Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das
+Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum
+bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halb todt auf
+die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Kuppel
+verschwunden.
+
+
+
+
+100.
+
+Der falsche Eid.
+
+~M. +Schneider+ Titius contin. L. 11. sect. 2. cap. 3. p. 416~.
+
+
+Im Odenwald beim Kloster Schönau liegt ein Ort, genannt +zum falschen
+Eid+. Da hat auf eine Zeit ein Bauer geschworen, der Acker gehöre
+sein, alsbald öffnete sich der Erdboden unter seinen Füßen und er
+versank, daß nichts übrig blieb, als sein Stab und zwei Schuhe. Davon
+hat die Stelle den Namen erhalten.
+
+Sonst weiß man auch von Meineidigen, daß ihnen die aufgerichten
+Finger erstarren und nicht mehr gebogen werden mögen, oder daß
+sie verschwarzen; auch daß sie nach dem Tod der Leute zum Grab
+herauswachsen.
+
+
+
+
+101.
+
+Zwölf ungerechte Richter.
+
+~+Zeilleri+ epist. 58.~
+
++Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 455.
+
+
+Nah bei westphälisch Minden liegt ein Grund, davon wird erzählt, zwölf
+Richter hätten den Boden einem zugesprochen, dem er nicht gehörig,
+darüber sich die Erde aufgethan und sie bis an die Knie alsbald
+verschluckt; wie dessen noch Wahrzeichen vorhanden sind.
+
+
+
+
+102.
+
+Die heiligen Quellen.
+
+Morgenblatt. 1808. Nr. 247. S. 987.
+
+
+Das schweizer Landvolk redet noch von den heiligen Quellen, die im
+Rütli plötzlich entsprungen, als da der große Eidschwur geschah, und
+wie einem der Schwörenden, der den Bund verrathen, sogleich Feuer zu
+Mund und Nase ausgefahren sey, auch sein Haus von selbst angefangen
+habe zu brennen.
+
+
+
+
+103.
+
+Der quillende Brunnen.
+
++Happel+ ~relat. curios. V. 43.~ aus ~+Mich. Piccard,+ orat. acad. 4.~
+
+
+An einem Berge in Franken quillet ein Brunnen, wobei ein vornehmes
+adliches Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er
+schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhöret,
+als wenn jemand aus demselbigen Geschlecht soll sterben. Alsdann
+vertrocknet er so gar, daß man auch fast kein Zeichen oder Spur mehr
+findet, es sey jemals ein Brunn daselbst gewesen. Als zur Zeit ein
+alter Herr des gedachten adlichen Stammes in fremden Landen tödlich
+niederlag, und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod muthmaßte,
+fertigte er in seine Heimath einen Boten ab, der sich erkundigen
+sollte: ob der Brunn vertrockne? Bei der Ankunft des Boten war das
+Wasser versiegt, allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu
+verschweigen, vielmehr zu sagen: der Brunn befinde sich noch richtig
+und voll Wassers; damit ihm keine traurige Gedanken erweckt würden.
+Da lachte der Alte und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen
+abergläubisch zu wissen gesuchet, was im Wohlgefallen Gottes stände,
+schickte sich zu einem seeligen Abschied an. Plötzlich aber wurde es
+besser mit seiner Krankheit und nicht lange, so kam er dieses Lagers
+völlig wieder auf. Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm
+seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich
+zu, daß des Geschlechts ein Junger von Adel von einem untreuen Pferde
+abgeworfen, gleich zu der nämlichen Zeit Todes verfuhr.
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+104.
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+Hunger-Quelle.
+
++Dreyhaupt+ Hall. Chronik. I. 1106.
+
+vgl. +Stalder+ Schweiz. Idiot. v. Hunger-Brunnen.
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+
+Zu Halle auf dem Markt an dem rothen Thurm ist ein Quell-Brunnen, der
+an der Mitternacht-Seite zu Tag ausfließet und für eine Hunger-Quelle
+ausgegeben wird, indem aus dessen starkem oder schwachem Ueberlaufen
+der gemeine Mann Theurung oder wohlfeile Zeit weißagt.
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+
+
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+105.
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+Der Liebenbach.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Die Stadt Spangenberg in Hessen erhält ihr Trinkwasser durch
+einen Bach, welcher die gute Quelle des gegenüber liegenden Bergs
+herbeileitet. Von der Entstehung dieses Bachs wird folgendes erzählt.
+Ein Jüngling und ein Mädchen in der Stadt liebten sich herzlich, aber
+die Eltern wollten lange nicht zu ihrer Verheirathung einwilligen.
+Endlich gaben sie nach, unter der Bedingung, daß die Hochzeit erst
+dann solle gefeiert werden, wenn die zwei Liebenden die gute, frische
+Quelle von dem gegenüber liegenden Berge ganz allein herüber geleitet
+hätten: dadurch würde die Stadt Trinkwasser erhalten, woran sie bisher
+Mangel gelitten. Da fingen beide an, den Bach zu graben und arbeiteten
+ohn Unterlaß. So haben sie vierzig Jahre gegraben, als sie aber fertig
+waren, starben sie beide in demselben Augenblick.
+
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+106.
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+Der Helfenstein.
+
++Grundmann+ Geschichtschule. Görliz. 1677. S. 779-782.
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+
+Eine Meile von Trautenau in Böhmen, auf dem Riesenberg, liegt der
+Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden,
+nachher aber versunken ist und weiß niemand, wo die Menschen, die
+darin lebten, hingekommen sind. Im Jahr 1614 war, viertelwegs davon,
+zu Maeschendorf, eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels
+Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie:
+“kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen
+finden und das große Weinfaß sehen.” Da sie hingehen, ist der Felsen
+offen und eine Eisenthür aufgethan, daran ein Schloß mit vielen
+Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein.
+Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Thür.
+Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrath,
+besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Tauben
+abgefallen, allein es hatte sich eine Fingersdicke Haut angesetzt, so
+daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen
+angriffen, schlotterte es und gab nach, wie ein Ei mit weichen Schalen.
+Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus
+einer schönen Stube, rothen Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine
+große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Thür-Aufmachen hatten sie
+gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne
+Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlig. Der aber den Wein
+zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken
+und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu
+unsauber und nicht angeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen.
+Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich
+entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne
+geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: “laßt uns hinausgehen,
+es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seyen in den Bergen hie
+verfallen.” Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach
+wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken.
+
+Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: “laßt uns noch einmal hin
+und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.” Die andern
+wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen,
+folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne
+Thür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählen sie
+alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels
+blieb zu, so oft man ihn auch in Augenschein genommen.
+
+
+
+
+107.
+
+Die Wiege aus dem Bäumchen.
+
+Wiener Litter. Zeitung. 1813. Sept. 277.
+
+vgl. +Gottschalk+ Ritterburgen. II. 103-105. aus +Gaheis+ Wanderungen
+um Wien. 1803.
+
+
+Bei Baden in Oesterreich stehen die Trümmer des alten Bergschlosses
+Rauheneck. In diesen soll ein großer Schatz verborgen liegen, den aber
+nur der heben kann, der als Kind in einer Wiege geschaukelt seyn wird,
+die aus dem Holz des Baumes gezimmert worden ist, der jetzt nur erst
+als ein schwaches Reiß aus der Mauer des hohen Thurmes zu Rauheneck
+sprießt. Verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so muß die
+Hebung des Schatzes warten, bis es von neuem ausschlägt und wieder
+wächst.
+
+
+
+
+108.
+
+Hessenthal.
+
++Münchhausen+ im Freymüthigen. 1806. Nr. 47. S. 186.
+
+
+Die alte Burg Schellenpyrmont liegt nun in Trümmern, da soll der Sage
+nach vormals Thusneldens Sitz gewesen seyn. Thusnelde hatte einen
+Vogel, der reden konnte. Eines Tags kam er aus dem Hessenthal, einem
+Waldgrunde am Burgberg, herauf und schrie in einem fort:
+
+ “Hessenthal blank, Hessenthal blank!”
+
+damit die in dies Thal schon vorgedrungenen Römer in ihren blanken
+Rüstungen anzudeuten, und die Deutschen gewannen nun Zeit, sich gegen
+den Ueberfall des Feindes zu rüsten.
+
+
+
+
+109.
+
+Reinstein.
+
++Happel+ ~relat. curios. III.~ 784.
+
+
+Unter der uralten Burg Reinstein unweit Blankenburg am Harz liegt ein
+großes Felsenloch, angefüllt mit allerhand kleinen Steinen, wie man sie
+sonst nicht auf Gebürgen, sondern blos in Ebenen findet. Wenn jemand
+von solchen Steinen viel oder wenig nimmt, führt, oder trägt, so kommen
+sie doch wieder an denselben Ort, da sie sind weggenommen worden,
+so daß die Höhle immer voll von Steinen bleibt. Es soll aber noch
+keinem gefrommt haben, dergleichen Steine wegzubringen. Auf dem Fels,
+sonderlich um die Gegend der Höhle, hört man zur Mittagsstunde oft
+Schellen läuten, zuweilen auch ein Gehämmer wie von vielen Schmieden.
+
+
+
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+110.
+
+Der stillstehende Fluß.
+
++Winkelmann+ Beschr. von Hessen. S. 59.
+
+
+Von der Fulde heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen,
+sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll,
+daß sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam
+der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere
+Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet.
+
+
+
+
+111.
+
+Arendsee.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 97. aus mündlicher Sage.
+
+
+Von dem Arendsee in der Altmark wird folgendes erzählt: an der Stelle,
+wo jetzt der See und der Ort dieses Namens liegt, stand vor Alters
+ein großes Schloß. Dieses ging urplötzlich unter und nicht mehr kam
+davon, als ein Mann und ein Weib. Wie die beiden nun fortgingen, sah
+sich das Weib ungefähr um und ward der schleunigen Veränderung innen.
+Verwundert brach sie in die Worte aus: “+Arend see!+” (Arend sieh! denn
+jenes war ihres Mannes Name) und darum gab man nachher dem Städtlein
+die Benennung, das an dem See auferbaut wurde. In diesem See ragt der
+feinste, weiße Streusand hervor und wann die Sonne hell scheint, soll
+man (wie auch beim See Brok neben dem Ossenberg) noch alle Mauern
+und Gebäude des versunkenen Schlosses sehen. Einige haben einmal
+vorgehabt, das Wasser zu gründen, und ein Seil eingelassen; wie sie
+das herauszogen, fand sich ein Zettel dran mit dem Gebote: lasset ab
+von euerem Unternehmen, sonst wird euerm Orte widerfahren, was diesem
+geschehen ist.
+
+
+
+
+112.
+
+Der Ochsenberg.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 96. aus mündlicher Erzählung seiner Mutter,
+die in der Gegend gebürtig war.
+
+
+In der alten Mark, nicht weit vom zertrümmerten Schloß Alvensleben,
+liegt ein großes, wacker lustiges, Dorf, mit Namen Ursleben. Einen
+Büchsenschuß hinter dem Dorf stehet ein großer See, genannt Brock
+(Bruch), an dessen Stätte war vor alten Zeiten ein schönes Schloß,
+das hernach unterging und seitdem war das große Wasser aufgekommen.
+Nämlich es sollen alle Leute drinnen versunken seyn, ausgenommen eine
+einzige Edeljungfer, die ein Traum kurz vorher warnete. Als nun das
+Vieh und die Hühner sonderlich traurige Zeichen eines bevorstehenden
+großen Unglücks laut werden ließen, setzte sich diese Jungfrau auf
+einen Ochsen und ritt davon. Mit genauer Noth erreichte sie einen
+dabei gelegenen Hügel, hinter ihr drein sank das Schloß zusammen, und
+wie sie auf dem Ochsen sitzend sich vom Hügel umsah, war das Gewässer
+überall aufgestiegen. Davon heißt der Hügel noch +Ossenberg+ bis auf
+den heutigen Tag.
+
+
+
+
+113.
+
+Die Moor-Jungfern.
+
++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. I. 144. II. 36-39.
+
+
+Auf der Rhöne ist ein Sumpf, genannt das rothe Moor. Nach der Volkssage
+stand daselbst vorzeiten ein Dorf, Namens +Poppenrode+, das ist nunmehr
+versunken. Auf der Moorfläche bei Nacht schweben Lichtchen, das sind
+Moor-Jungfern. An einem andern Ort ebendaselbst liegt auch das schwarze
+Moor, schon in alten Urkunden so genannt, und die Sage weiß auch hier
+von einem versunkenen Dorf, von welchem noch ein Pflaster übrig ist,
+Namens: +die steinerne Brücke+.
+
+
+
+
+114.
+
+Andreas-Nacht.
+
+Mündlich.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 91-93.
+
++Goldschmid’s+ höll. Morpheus. Hamb. 1698. S. 173. 174.
+
+
+Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreas-Nacht, Thomas-Nacht,
+Christ-Nacht und Neujahrs-Nacht seinen zukünftigen Liebsten einladen
+und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber
+keine Gabeln dabei seyn. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt,
+muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es
+besitzt und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht
+kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von
+übermenschlicher Gewalt gelitten und er des Zaubers sich bewußt wird,
+wodurch großes Unglück entsteht.
+
+Ein schönes Mädchen in Östreich begehrte einmal um Mitternacht, unter
+den nöthigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster
+mit einem Dolche daher trat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder
+verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in
+eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre
+nach ihrer Verheirathung ging sie einstmals Sonntags, als die Vesper
+vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag
+zur Arbeit vornehmen wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr
+Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie
+mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch.
+Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen
+bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie
+weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen,
+sondern bekennt frei, es sey derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht
+hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und
+sprach mit einem fürchterlichen Fluch: “Hur! so bist du die Dirne, die
+mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!” und stößt ihr
+damit den Dolch mitten durchs Herz.
+
+Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt.
+Mündlich: von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem
+ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu
+holen und denkt nicht, daß dort das Zauber-Geräth liegt, das er findet
+und womit er sie tödtet.
+
+
+
+
+115.
+
+Der Liebhaber zum Essen eingeladen.
+
++Prätorius+ Weihnachtsfratzen. ~prop.~ 53.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten. 97.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain. II. 479.
+
+
+Zu Saalfeld in Thüringen war eine Schösserin (Steuereinnehmerin), die
+sich heimlich in ihren Schreiber verliebte. Durch Zauberei aber wollte
+sie ihn gewinnen, ließ ein frisches Brot backen und steckte mitten
+in der heiligen Christnacht kreuzweise zwei Messer hinein, indem sie
+etliche Worte dazu murmelte. Darauf kam der Schreiber aus dem Schlafe
+ganz nackigt zur Stube hereingesprungen, setzte sich nieder am Tisch
+und sah sie scharf an. Sie stand auf und lief davon, da zog er beide
+Messer aus dem Brot und warf sie hinter ihr drein und hätte sie bald
+sehr verletzet. Hernach ging er wieder zurück; eine Muhme, die in
+der Stube zugegen war, erschrack so heftig, daß sie etliche Wochen
+krank niederliegen mußte. Der Schreiber soll den folgenden Tag zu den
+Hausleuten gesagt haben: er möchte nur gern wissen, welche Frau ihn
+verwichene Nacht so geängstet habe; er wäre so abgemattet, daß er es
+kaum sagen könne, denn er hätte sollen mit fortkommen und sich nicht
+gnugsam erwehren können; er hätte auch bäten mögen, was er gewollt, so
+wäre er getrieben worden.
+
+Dieselbe alte Frau, die diese Geschichte erzählte, fügte hinzu: auch
+zu Coburg haben einmal einige Edeljungfrauen von neunerlei Essen etwas
+aufgehoben und um Mitternacht aufgestellt und sich dabei zu Tische
+gesetzt. Darauf kamen ihre Liebsten alle, jeder brachte ein Messer mit
+und wollten sich zu ihnen niederlassen. Darüber entsetzten sich die
+Jungfrauen und flohen; einer aber nahm das Messer und warf hinterher;
+sie schaute um, blickte ihn an und hob das Messer auf. Ein andermal
+soll statt des eingeladenen Buhlen der leibhaftige Tod in die Stube
+gekommen seyn und sein Stundenglas bei einer niedergesetzt haben, die
+denn auch das Jahr über verstarb.
+
+In Schlesien haben sich drei Hof-Fräulein in einer heiligen Nacht an
+einen gedeckten Tisch gesetzt und ihre zukünftige Liebhaber erwartet,
+deren jedem ein Teller hingestellt war. Sie sind auch auf diese
+Einladung erschienen, aber nur zweie, die sich zu zwei Jungfrauen
+gesetzt; der dritte ist ausgeblieben. Als nun die verlassene darüber
+traurig und ungeduldig geworden, endlich nach langem vergeblichem
+Warten aufgestanden und sich ans Fenster gestellt, hat sie gegenüber
+einen Sarg erblickt, darin eine Jungfrau gelegen, ihr ganz gleich
+gestaltet, worüber sie erkrankte und bald darauf starb. Nach einer
+mündlichen Erzählung kommt die Todtenlade in die Stube, sie geht darauf
+zu, die Bretter thun sich auf und sie fällt todt hinein.
+
+
+
+
+116.
+
+Die Christnacht.
+
++Prätorius+ Weihnachtsfratzen Nr. 60. 61. 64.
+
+
+Abergläubische Mägde, um Träume von ihren Liebsten zu bekommen, kaufen
+frühe des Tags vor dem heiligen Abend um einen Pfennig Semmel und zwar
+das letzte Stößchen, das auf einem Ende zu ist. Weiter schneiden sie
+ein bischen Rinde unten ab, binden es unter den rechten Arm und gehen
+fleißig den ganzen Tag damit herum. Hernach beim Schlafengehen legen
+sie es unter den Kopf in der Christnacht und sprechen dabei:
+
+ “jetzt hab ich mich gelegt und Brot bei mir,
+ wenn doch nun mein Feinslieb käme und äße mit mir!”
+
+Darüber soll es geschehen, daß zur Mitternacht von solcher Semmelrinde
+etwas genagt wird, und daran kann man frühmorgens erkennen, daß der
+Liebste sie das Jahr über heirathen werde. Ist aber das Brot unverletzt
+gelassen, so haben sie schlechte Hoffnung. Also soll es sich begeben
+haben (1657 zu Leipzig), daß da ihrer zwei beieinander in einem Bette
+schliefen, die eine hatte solches Brot unter sich liegen, die andere
+nicht. Diese hörte Nachts ein Knarren und Nagen, fürchtete sich und
+rüttelte ihre Gespielin, die aber in festem Schlaf lag und nichts
+gewahr wurde, bis sie aus den Träumereien erwachte. Als sie nun Morgens
+das Brot besichtigten, war ein Creuz hineingefressen. Das Weibsbild
+soll bald darauf einen Soldaten zum Mann bekommen haben.
+
+Die alte saalfelder Frau erzählte, daß andere ein Gefäß mit Wasser
+nehmen und es mit einem gewissen kleinen Maaß in ein ander Gefäß
+messen. Sie thun dies aber etlichemal und sehen zu, ob sie in den
+wiederhohlten Bemessungen +mehr Wasser+ antreffen, als zuerst. Daraus
+schließen sie, daß sie das folgende Jahr über zunehmen werden an
+Haab und Gütern. Befinden sie +einerlei Maaß+, so glauben sie, daß
+ihr Schicksal stillstehe, und sie weder Glück noch Unglück haben
+werden. Ist aber zuletzt +weniger Wasser+, so entnehmen sie, daß ihr
+gutes Wohlergehn und Gedeihen zurückgehe. Der saalfelder Frau war das
+mittelste einmal zu Händen gekommen.
+
+Andere nehmen einen Erbschlüssel und einen Knäul Zwirn, binden den
+Zwirn fest an den Schlüssel und bewinden das Knäul, damit es nicht
+weiter ablaufe, als sie es vorher haben laufen lassen. Sie lassen es
+aber bei ein Ellen oder sechs los; dann stecken sie dies Gebäumel
+zum Fenster aus und bewegen es von einer Seite zur andern an den
+äußerlichen Wänden und sprechen dabei: “horch! horch!” so sollen sie
+von der Seite und Gegend oder dem Orte her eine Stimme vernehmen, dahin
+sie werden zu freien und zu wohnen kommen. Andere greifen zur Thüre
+hinaus und haben, wenn sie die Hand hereinziehen, einige Haare von
+ihrem zukünftigen Liebsten darin.
+
+
+
+
+117.
+
+Das Hemdabwerfen.
+
++Prätorius+ Weihnachtsfratzen. Nr. 62.
+
+
+Zu Coburg saßen am Weihnachtabend mehrere Mädchen zusammen, waren
+neugierig und wollten ihre künftige Liebhaber erkündigen. Nun hatten
+sie Tags vorher neunerlei Holz geschnitten und als die Mitternacht kam,
+machten sie ein Feuer im Gemach und die erste zog ihre Kleider ab, warf
+ihr Hemd vor die Stubenthüre hinaus und sprach bei dem Feuer sitzend:
+
+ “hier sitz ich splitterfasenackt und bloß,
+ wenn doch mein Liebster käme
+ und würfe mir mein Hemde in den Schooß!”
+
+Hernach wurde ihr das Hemd wieder hereingeworfen und sie merkte auf
+das Gesicht dessen, der es that; dies kam mit dem überein, der sie
+nachdem freite. Die andern Mädchen kleideten sich auch aus, allein sie
+fehlten darin, daß sie ihre Hemder zusammen in einen Klump gewickelt
+hinauswarfen. Da konnten sich die Geister nicht finden, sondern huben
+an zu lärmen und zu poltern, dermaßen, daß den Mädchen grausete. Flugs
+gossen sie ihr Feuer aus und krochen zu Bette bis frühe, da lagen ihre
+Hemder vor der Thüre in viel tausend kleine Fetzen zerrissen.
+
+
+
+
+118.
+
+Krystall-Schauen.
+
++Joh. Rüst+ Zeitverkürzung. S. 255 ff.
+
++Erasm. Francisci+ Sitten-Spiegel. Bl. 64 ff.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 72-80.
+
+
+Eine schöne und adliche Jungfrau und ein edler Jüngling trugen heftige
+Liebe zu einander, sie aber konnte von ihren Stief-Eltern die Erlaubniß
+zur Verheirathung nicht erlangen, worüber sie beide in großer Trauer
+lebten. Nun begab sich, daß ein altes Weib, welches Zutritt im Hause
+hatte, zu der Jungfrau kam, sie tröstete und sprach: der, den sie
+liebe, werde ihr gewiß noch zu Theil werden. Die Jungfrau, die das
+gern hörte, fragte, wie sie das wissen könne? “Ei, Fräulein,” sprach
+die Alte, “ich habe die Gnade von Gott, zukünftige Dinge vorher zu
+entdecken, darum kann mir dieses so wenig, als viel anderes, verborgen
+seyn. Euch allen Zweifel zu benehmen, will ich euch, wie es damit gehen
+wird, in einem Krystall so klärlich weisen, daß ihr meine Kunst loben
+sollt. Aber wir müssen eine Zeit dazu wählen, wo eure Eltern nicht
+daheim sind; dann sollt ihr Wunder sehen.”
+
+Die Jungfrau wartete, bis ihre Eltern auf ein Landgut gefahren waren
+und ging dann zu dem Lehrer ihres Bruders, dem Johann Rüst, der
+hernach als Dichter berühmt geworden, vertraute ihm ihr Vorhaben und
+bat ihn gar sehr, mit zu gehen und dabei zu seyn, wenn sie in den
+Krystall schaue. Dieser suchte ihr einen solchen Vorwitz als sündlich
+auszureden, der Ursache zu großem Unglück werden könne; aber es war
+vergeblich, sie blieb bei ihrem Sinn, so daß er sich endlich auf ihr
+inständiges Bitten bewegen ließ, sie zu begleiten. Als sie in die
+Kammer traten, war das alte Weib beschäfftigt, ihre Geräthschaften
+aus einem kleinen Korbe herauszuziehen, sah aber ungern, daß dieser
+Rüst die Jungfrau begleitete und sagte, sie könne ihm an den Augen
+absehen, daß er von ihrer Kunst nicht viel halte. Hierauf hub sie an
+und breitete ein blau seiden Tüchlein, darein wunderliche Bilder von
+Drachen, Schlangen und anderm Gethier eingenäht waren, über die Tafel,
+setzte auf dieses Tuch eine grüne gläserne Schale, legte darein ein
+anderes goldfarbenes Seiden-Tuch und setzte endlich auf dieses eine
+ziemlich große krystallene Kugel, welche sie aber mit einem weißen
+Tuche wieder deckte. Dann begann sie, unter wunderlichen Gebährden,
+etwas bei sich selbst zu murmeln und nachdem das geendigt war, nahm
+sie mit großer Ehrerbietung die Kugel, rief die Jungfrau und ihren
+Begleiter zu sich ans Fenster und hieß sie hineinschauen.
+
+Anfangs sahen sie nichts, nun aber trat in dem Krystall die Braut
+hervor in überaus köstlicher Kleidung; eben so prächtig angethan, als
+wäre heut ihr Hochzeittag. So herrlich sie erschien, so sah sie doch
+betrübt und traurig aus, ja ihr Antlitz hatte eine solche Todten-Farbe,
+daß man sie ohne Mitleid nicht betrachten konnte. Die Jungfrau schaute
+ihr Bild mit Schrecken an, der aber bald noch größer ward, als gerade
+gegenüber ihr Liebster hervorkam, mit so grausamen und gräßlichen
+Gesichtszügen, der sonst ein so freundlicher Mensch war, daß man hätte
+erzittern mögen. Er trug, wie einer der von einer Reise kommt, Stiefel
+und Sporn und hatte einen grauen Mantel mit goldnen Knöpfen um. Er
+holte daraus zwei neublinkende Pistolen hervor und, indem er in jede
+Hand eine faßte, richtete er die eine auf sein Herz, die andere setzte
+er der Jungfrau an die Stirne. Die Zuschauer wußten vor Angst weder aus
+noch ein, sahen aber, wie er die eine Pistole, die er an die Stirne
+seiner Liebsten gesetzt, losdrückte, wobei sie einen dumpfen, fernen
+Schall vernahmen. Nun geriethen sie in solches Grausen, daß sie sich
+nicht bewegen konnten, bis sie endlich zitternd und mit schwankenden
+Tritten zur Kammer hinausgelangten und sich etwas wieder erholten.
+
+Dem alten Weib, welches nicht gedacht, daß die Sache also ablaufen
+würde, war selbst nicht ganz wohl zu Muth; es eilte daher über Hals und
+Kopf hinaus und ließ sich so bald nicht wieder sehen. Bei der Jungfrau
+konnte der Schrecken die Liebe nicht auslöschen, aber die Stief-Eltern
+beharrten auch bei dem Entschluß, ihre Einwilligung zu verweigern. Ja,
+sie brachten es endlich durch Drohen und Zwang dahin, daß sie sich mit
+einem vornehmen Hofbeamten in der Nachbarschaft verloben mußte: daraus
+erwuchs der Jungfrau erst das rechte Herzeleid, denn sie verbrachte nun
+ihre Zeit in nichts als Seufzen und Weinen, und ihr Liebster wurde fast
+in die äußerste Verzweifelung gerissen.
+
+Inzwischen ward die Hochzeit angesetzt und, da einige fürstliche
+Personen zugegen seyn sollten, um so viel herrlicher zugerichtet.
+Als der Tag kam, wo die Braut im größten Gepränge sollte abgeholt
+werden, schickte dazu die Fürstin ihren mit sechs Pferden bespannten
+Leibwagen sammt einigen Hof-Dienern und Reutern; an welchen Zug sich
+die vornehmsten Anverwandte und Freunde der Braut anschlossen und
+also in stattlicher Ordnung auszogen. Dieses alles hatte der erste
+Liebhaber ausgekundschaftet und war als ein Verzweifelter entschlossen,
+dem andern seine Liebste lebendig nicht zu überlassen. Er hatte zu
+dem Ende ein paar gute Pistolen gekauft und wollte mit der einen die
+Braut, mit der andern hernach sich selbst tödten. Zu dem Ort der
+Ausführung war ein etwa zehn bis zwölf Schritte von dem Thor gelegenes
+Haus, bei welchem die Braut vorbei mußte, von ihm ausersehen. Als nun
+der ganze prächtige Zug von Wagen und Reutern, den eine große Menge
+Volks begleitete, daher kam, schoß er mit der einen Pistole in den
+Braut-Wagen hinein. Allein der Schuß geschah ein wenig zu früh, also
+daß die Braut unversehrt blieb, einer andern Edelfrau aber, die im
+Schlag saß, ihr etwas hoher Kopf-Putz herabgeschossen ward. Da diese
+in Ohnmacht sank und jedermann herbei eilte, hatte der Thäter Zeit,
+durch das Haus zur Hinterthür hinaus zu entfliehen und, indem er über
+ein ziemlich breites Wasser glücklich sprang, sich zu retten. Sobald
+die Erschrockene wieder zu sich selbst gebracht war, setzte sich der
+Zug aufs neue in Bewegung und die Hochzeit wurde mit der größten Pracht
+gefeiert. Doch die Braut hatte dabei ein trauriges Herz, welche nun der
+Krystall-Schauung nachdachte und sich den Erfolg davon zu Gemüthe zog.
+Auch war ihre Ehe unglücklich, denn ihr Mann war ein harter und böser
+Mensch, der das tugendhafte und holdselige Fräulein, ungeachtet ihm ein
+liebes Kind geboren ward, auf das grausamste behandelte.
+
+
+
+
+119.
+
+Zauber-Kräuter kochen.
+
++Bräuner+’s Curiositäten S. 58-61. aus mündlicher Erzählung.
+
+
+Im Jahr 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners
+und ein Färbers-Gesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel
+mit einander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit
+gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter
+und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit. Die Magd aber
+konnte die Liebesgedanken nicht los werden und wollte ihren Buhlen
+durchaus wieder haben. Am heiligen Pfingst-Tage, da alle Haus-Genossen,
+der Lehr-Jung ausgenommen, in der Kirche waren, that sie gewisse
+Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer und sobald solche zu
+sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen seyn müssen. Nun trug sich
+zu, daß, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehr-Junge,
+unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne
+mit Leim an dessen Stelle setzt. Sobald jener Topf mit den Kräutern
+näher zu der Feuer-Hitze gekommen, hat sich etliche mal darin eine
+Stimme vernehmen lassen und gesprochen: “komm, komm, Hansel, komm!
+komm, komm, Hansel, komm!” Indem aber der Bube seinen Leim umrührt,
+fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack und als er sich umschaut, sieht
+er einen jungen Kerl daliegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat,
+worüber er ein jämmerlich Geschrei anhebt. Die Magd kam gelaufen,
+auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig
+geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf
+erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich
+etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Thier,
+ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen
+und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner
+gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren. Wie ihm weiter
+geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts sonderliches empfunden,
+nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch
+zu Langensalza im Bett gelegen und jetzt wäre es zu Erfurt kaum halber
+neun. Er könne nicht anders glauben, als daß die Catharine, seine
+vorige Liebste, dieses zu Wege gebracht, indem sie bei seiner Abreise
+zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie
+ihn auf dem Bock holen lassen. Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht,
+sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu
+weinen und gestanden, daß ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte,
+sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn
+sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sey
+auch so weit er immer wolle.
+
+
+
+
+120.
+
+Der Salz-Knecht in Pommern.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. S. 67. 68.
+
+
+In Pommern hatte ein Salz-Knecht ein altes Weib, das eine Zauberin war,
+bei dem er nicht gerne bliebe und darum einsmals vorgab, er wolle nach
+Hessen, in seine Heimath, wandern, allda seine Freunde zu besuchen.
+Weil sie aber besorgte, er würde nicht wiederkommen, wollte sie ihn
+nicht weglassen, nichtsdestoweniger reiste er fort. Wie er nun etliche
+Tage zurückgelegt, kommt hinter ihm auf dem Weg ein schwarzer Bock,
+schlupft ihm zwischen die Beine, erhebt und führt ihn wieder zurück
+und zwar, nicht über die Landwege, sondern geradezu durch dick und
+dünn, durch Feld und Wald, über Wasser und Land, und setzt ihn in wenig
+Stunden vor dem Thor nieder, in Angst, Zittern, Schweiß und Ohnmacht.
+Das Weib aber heißt ihn mit höhnischen Worten willkommen und spricht:
+“schau! bist du wieder da? so soll man dich lehren daheim bleiben!”
+Hierauf that sie ihm andere Kleider an und gab ihm zu essen, daß er
+wieder zu sich selbst käme.
+
+
+
+
+121.
+
+Jungfer Eli.
+
+Mündlich, aus dem Münsterland.
+
+
+Vor hundert und mehr Jahren lebte in dem münsterischen Stift
+Frekenhorst eine Abtissin, eine sehr fromme Frau, bei dieser diente
+eine Haushälterin, Jungfer Eli genannt, die war bös und geitzig und
+wenn arme Leute kamen, ein Allmosen zu bitten, trieb sie sie mit einer
+Peitsche fort und band die kleine Glocke vor der Thüre fest, daß die
+Armen nicht läuten konnten. Endlich ward Jungfer Eli todtkrank, man
+rief den Pfarrer, sie zum Tode vorzubereiten und als der durch der
+Abtissin Baumgarten ging, sah er Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen
+mit weißen Federn auf dem Apfelbaum sitzen, wie er aber ins Haus kam,
+lag sie auch wieder in ihrem Bette und war böse und gottlos, wie
+immer, wollte nichts von Besserung hören, sondern drehte sich um nach
+der Wand, wenn ihr der Pfarrer zureden wollte und so verschied sie.
+Sobald sie die Augen schloß, zersprang die Glocke und bald darauf
+fing sie an, in der Abtei zu spuken. Als eines Tags die Mägde in der
+Küche saßen und Vizebohnen schnitten, fuhr sie mit Gebraus zwischen
+ihnen her, gerade wie sie sonst leibte und lebte und rief: “schniet
+ju nich in de Finger, schniet ju nich in de Finger!” und gingen die
+Mägde zur Milch, so saß Jungfer Eli auf dem Stege und wollte sie nicht
+vorbeilassen, wenn sie aber riefen: “in Gottes Namen gah wi derher”
+mußte sie weichen und dann lief sie hinterher, zeigte ihnen eine schöne
+Torte und sprach: “Tart! Tart!” wollten sie die nun nicht nehmen, so
+warf sie die Torte mit höllischem Gelächter auf die Erde und da wars
+ein Kuhfladen. Auch die Knechte sahen sie, wenn sie Holz haueten, da
+flog sie immer von einem Baumzweig im Wald zum andern. Nachts polterte
+sie im Hause herum, warf Töpfe und Schüsseln durcheinander und störte
+die Leute aus dem Schlaf. Endlich erschien sie auch der Abtissin selbst
+auf dem Wege nach Warendorf, hielt die Pferde an und wollte in den
+Wagen hinein, die Abtissin aber sprach: “ich hab nichts zu schaffen mit
+dir, hast du Uebel gethan, so ists nicht mein Wille gewesen,” Jungfer
+Eli wollte sich aber nicht abweisen lassen. Da warf die Abtissin
+einen Handschuh aus dem Wagen und befahl ihr, den wieder aufzuheben
+und während sie sich bückte, trieb die Abtissin den Fuhrmann an und
+sprach: “fahr zu, so schnell du kannst und wenn auch die Pferde drüber
+zu Grunde gehen.” So jagte der Fuhrmann und sie kamen glücklich nach
+Warendorf. Die Abtissin endlich, des vielen Lärmens überdrüssig, berief
+alle Geistliche der ganzen Gegend, die sollten Jungfer Eli verbannen.
+Die Geistlichen versammelten sich auf dem Herren-Chor und fingen an,
+das Gespenst zu citiren, allein sie wollte nicht erscheinen und eine
+Stimme rief: “he kickt, he kickt!” Da sprach die Geistlichkeit: “hier
+muß jemand in der Kirche verborgen seyn, der zulauscht;” suchten und
+fanden einen kleinen Knaben, der sich aus Neugierde drin versteckt
+hatte. Sobald der Knabe hinausgejagt war, erschien Jungfer Eli und ward
+in die Davert verbannt. Die Davert ist aber ein Wald im Münsterschen,
+wo Geister umgehen und wohin alle Gespenster verwiesen werden. Alle
+Jahr einmal fährt nun noch, wie die Sage geht, Jungfer Eli über die
+Abtei zu Freckenhorst mit schrecklichem Gebraus und schlägt einige
+Fensterscheiben ein oder dergleichen und alle vier Hochzeiten kommt sie
+wieder einen Hahnenschritt näher.
+
+
+
+
+122.
+
+Die weiße Frau.
+
+~+Schotus+ Magia univers. p.~ 339.
+
++Bekker’s+ bezauberte Welt. I. 289.
+
+
+Die schloßweiße Frau erscheint in Wäldern und auf Wiesen, bisweilen
+kommt sie in Pferdeställe mit brennenden Wachskerzen, kämmt und putzt
+die Pferde und Wachstropfen fallen auf die Mähnen der Pferde. Sie soll,
+wann sie ausgehet, hell sehen, in ihrer Wohnung aber blind seyn.
+
+
+
+
+123.
+
+Taube zeigt einen Schatz.
+
+Aus Ottokar von Horneck. S. 197 ~a~. Cap. 225.
+
+
+Als Herzog Heinrich von Breslau die Stadt Crakau erobert hatte, ging
+er in das Münster daselbst, kniete als ein frommer Mann vor dem Altar
+unserer Frauen nieder und dankte ihr, daß sie ihm Gnade erzeigt und
+sein Leid in Freud gewendet hätte. Und als er aufgestanden war,
+erblickte er eine Taube, sah ihrem Flug nach und bemerkte, wie sie
+sich über einem Pfeiler auf das Gesims eines Bogen setzte. Dann nahm
+er wahr, wie sie mit dem Schnabel in die Mauer pickte und mit den
+Füßen Mörtel und Stein hinter sich schob. Bald darauf lag unten ein
+Goldstück, das herabgefallen war. Der Herzog nahm es auf und sprach:
+“das hat die Taube herausgestochen, deß sollte leicht noch mehr da
+seyn.” Alsbald ließ er eine Leiter holen und schickte nach einem
+Maurer, der sollt sehen, was sich oben fände. Der Maurer stieg hinauf,
+nahm den Meißel in die Hand und bei dem ersten Schlag in die Wand
+entdeckte er, daß da ein großer Schatz von Gold lag. Da rief er: “Herr,
+gebt mir einen guten Lohn, hier liegt des glänzenden Goldes unmaßen
+viel.” Der Herzog ließ die Mauer aufbrechen und den Hort herabnehmen,
+den Gott ihm gab. Als man es wog, waren es fünfzig tausend Mark.
+
+
+
+
+124.
+
+Taube hält den Feind ab.
+
+Mündlich, aus Höxter.
+
+
+Im dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt Höxter oder Huxar im
+Corvei’schen von den kaiserlichen Soldaten eingeschlossen und konnte
+nicht eingenommen werden; endlich kam der Befehl, sie sollte mit
+schwerem Geschütz geängstigt und gezwungen werden. Wie nun bei
+einbrechender Nacht der Fähndrich die erste Kanone losbrennen wollte,
+flog eine Taube und pickte ihm auf die Hand, so daß er das Zündloch
+verfehlte. Da sprach er: “es ist Gottes Willen, daß ich nicht schießen
+soll” und ließ ab. In der Nacht kamen die Schweden und die Kaiserlichen
+mußten abziehen; so war die Stadt diesmal gerettet.
+
+
+
+
+125.
+
+Der Glockenguß zu Breslau.
+
+Ungarischer Simplicissim. 1683. S. 43. 44.
+
+
+Als die Glocke zu S. Maria Magdalena in Breslau gegossen werden sollte
+und alles dazu fast fertig war, ging der Gießer zuvor zum Essen, verbot
+aber dem Lehrjungen bei Leib und Leben, den Hahn am Schmelzkessel
+anzurühren. Der Lehrjung aber war vorwitzig und neugierig, wie das
+glühende Metall doch aussehen möge und indem er so den Krahn bewegte
+und anregte, fuhr er ihm wider Willen ganz heraus und das Metall rann
+und rann in die zubereitete Form. Höchst bestürzt weiß sich der arme
+Jung gar nicht zu helfen, endlich wagt ers doch und geht weinend in die
+Stube und bekennt seinem Meister, den er um Gotteswillen um Verzeihung
+bittet. Der Meister aber wird vom Zorn ergriffen, zieht das Schwert
+und ersticht den Jungen auf der Stelle. Dann eilt er hinaus, will
+sehen, was noch vom Werk zu retten sey und räumt nach der Verkühlung
+ab. Als er abgeräumt hatte, siehe, so war die ganze Glocke trefflich
+wohl ausgegossen und ohne Fehl; voll Freuden kehrte der Meister in
+die Stube zurück und sah nun erst, was für Uebels er gethan hatte.
+Der Lehrjung war verblichen, der Meister wurde eingezogen und von
+den Richtern zum Schwert verurtheilt. Immittelst war auch die Glocke
+aufgezogen worden, da bat der Glockengießer flehentlich: ob sie nicht
+noch geläutet werden dürfte, er möchte ihren Resonanz auch wohl hören,
+da er sie doch zugerichtet hätte, wenn er die Ehr vor seinem letzten
+End von den Herren haben könnte. Die Obrigkeit ließ ihm willfahren und
+seit der Zeit wird mit dieser Glocke allen armen Sündern, wenn sie vom
+Rathhaus herunterkommen, geläutet. Die Glocke ist so schwer, daß wenn
+man funfzig Schläge gezogen hat, sie andere funfzig von selbst gehet.
+
+
+
+
+126.
+
+Der Glockenguß zu Attendorn.
+
+Simplicissimus, Rathstübel cap. 8.
+
+
+Zu Attendorn, einem cölnischen Städtchen in Westphalen, wohnte bei
+Menschengedenken eine Wittwe, die ihren Sohn nach Holland schickte,
+dort die Handlung zu lernen. Dieser stellte sich so wohl an, daß er
+alle Jahr seiner Mutter von dem Erwerb schicken konnte. Einmal sandte
+er ihr eine Platte von purem Gold, aber schwarz angestrichen, neben
+andern Waaren. Die Mutter, von dem Werth des Geschenks unberichtet,
+stellte die Platte unter eine Bank in ihrem Laden, allwo sie stehen
+blieb, bis ein Glockengießer ins Land kam, bei welchem die Attendorner
+eine Glocke gießen und das Metall dazu von der Bürgerschaft erbetteln
+zu lassen beschlossen. Die, so das Erz sammelten, bekamen allerhand
+zerbrochene eherne Häfen, und als sie vor dieser Wittib Thür kamen, gab
+sie ihnen ihres Sohnes Gold, weil sie es nicht kannte und sonst kein
+zerbrochen Geschirr hatte.
+
+Der Glockengießer, so nach Arensberg verreist war, um auch dort einige
+Glocken zu verfertigen, hatte einen Gesellen zu Attendorn hinterlassen,
+mit Befehl, die Form zu fertigen und alle sonstige Anstalten zu
+treffen, doch den Guß einzuhalten, bis zu seiner Ankunft. Als aber der
+Meister nicht kam und der Gesell selbst gern eine Probe thun wollte,
+so fuhr er mit dem Guß fort und verfertigte den Attendornern eine von
+Gestalt und Klang so angenehme Glocke, daß sie ihm solche bei seinem
+Abschied (denn er wollte zu seinem Meister nach Arensberg, ihm die
+Zeitung von der glücklichen Verrichtung zu bringen) so lang nachläuten
+wollten, als er sie hören könnte. Ueber das folgten ihm etliche nach,
+mit Kannen in den Händen und sprachen ihm mit dem Trunk zu. Als er nun
+in solcher Ehr und Fröhlichkeit bis auf die steinerne Brücke (zwischen
+Attendorn und dem fürstenbergischen Schloß Schnellenberg) gelanget,
+begegnet ihm sein Meister, welcher alsobald mit den Worten: “was hast
+du gethan, du Bestia!” ihm eine Kugel durch den Kopf jagte. Zu den
+Geleitsleuten aber sprach er: “der Kerl hat die Glocke gegossen, wie
+ein anderer Schelm, er wäre erbietig, solche umzugießen und der Stadt
+ein ander Werk zu machen.” Ritte darauf hinein und wiederholte seine
+Reden, als ob er den Handel gar wohl ausgerichtet. Aber er wurde wegen
+der Mordthat ergriffen und gefragt, was ihn doch dazu bewogen, da
+sie mit der Arbeit des Gesellen doch vollkommen zufrieden gewesen?
+Endlich bekannte er, wie er an dem Klang abgenommen, daß eine gute
+Masse Gold bei der Glocke wäre, so er nicht dazu kommen lassen, sondern
+weggezwackt haben wollte, dafern sein Gesell befohlnermaßen mit dem Guß
+seine Ankunft abgewartet, weswegen er ihm den Rest gegeben.
+
+Hierauf wurde dem Glockenmeister der Kopf abgeschlagen, dem Gesell aber
+auf der Brücke, wo er sein End genommen, ein eisern Kreuz zum ewigen
+Gedächtniß aufgerichtet. Unterdessen konnte niemand ersinnen, woher das
+Gold zu der Glocke gekommen, bis der Wittib Sohn mit Freuden und großem
+Reichthum beladen nach Haus kehrte und vergeblich betrauerte, daß sein
+Gold zween um das Leben gebracht, einen unschuldig und einen schuldig,
+gleichwohl hat er dieses Gold nicht wieder verlangt, weil ihn Gott
+anderwärts reichlich gesegnet.
+
+Längst hernach hat das Wetter in den Kirchthurm geschlagen und wie
+sonst alles verzehret, außer dem Gemäuer, auch die Glocke geschmelzt.
+Worauf in der Asche Erz gefunden worden, welches an Gehalt den
+Goldgülden gleich gewesen, woraus derselbige Thurm wieder hergestellt
+und mit Blei gedeckt worden.
+
+
+
+
+127.
+
+Die Müllerin.
+
+Mündlich, aus Oestreich und nach einem fliegenden Blatt.
+
+
+Zwischen Ems und Wels in Oestreich auf einer einsamen Mühle lebte ein
+Müller, der war an einem Sonntag Morgen, nach üblicher Weise, mit
+allen seinen Knechten in die Kirche gegangen und nur seine Frau, die
+ihre Niederkunft bald erwartete, daheim geblieben. Als die Müllerin so
+allein saß, kam die Hebamme, gleichsam zum Besuch, zu sehen, wie es
+mit ihr stehe. Die Müllerin war ihr freundlich, trug etwas auf und sie
+setzten sich zusammen an den Tisch. Während sie aßen, ließ die Hebamme
+das Messer fallen und sprach: “hebt mir einmal das Messer auf!” “Ei!
+antwortete die Müllerin, ihr redet wunderlich, ihr wißt doch, daß mir
+das Bücken saurer wird, als euch,” doch ließ sie’s hingehen, hob das
+Messer auf, reichte es ihr, und wie sie es reichte, noch im Bücken,
+faßte die Hebamme das Messer in die Faust, zückte und sprach: “nun
+gebt mir euer Geld, das baar bei euch liegt, oder ich stech euch die
+kalte Klinge in die Brust!” Die Müllerin erschrack, faßte sich aber
+und sagte: “kommt mit mir hinüber in die Kammer, da liegt im Schrank,
+was wir haben, und nehmts.” Die Hebamme folgte ihr, nahm das Geld
+aus dem Schrank und, weil es ihrer Habsucht nicht genug war, suchte
+sie noch weiter in andern Gefächern. Diesen Augenblick benutzte die
+Müllerin, trat schnell hinaus und schloß die Thüre fest zu, und da
+vor den Fenstern starke eiserne Gitter standen, so war die Hebamme in
+der Kammer eingefangen. Nun rief die Frau ihr siebenjähriges Söhnlein
+und sprach: “eil dich und lauf zum Vater in die Kirche, ich bät ihn,
+eilends mit seinen Knechten heimzukommen, ich wär in großer Gefahr.”
+Das Kind lief fort, aber nicht weit von der Mühle traf es auf den Mann
+der Hebamme, der verabredetermaßen kam, den Raub fortzutragen. Als er
+das Kind sah, faßte er’s und riß es mit sich zur Mühle zurück. Die
+Müllerin, die, ihren Mann erwartend, am Fenster stand, sah ihn kommen,
+verschloß alsbald die Hausthüre und schob alle Riegel vor. Als der
+Mann heran war, rief er, sie sollte ihm die Thüre öffnen und, da sie
+es nicht that, stieß er wüthend dagegen und hoffte sie einzutreten.
+Die Müllerin schrie nun mit allen Kräften zu einem Fenster hinaus nach
+Hülfe, aber, weil die Mühle zu fern, auch mit Gebüsch umwachsen lag,
+ward sie von niemand gehört. Indeß wich die Thüre den Stößen des Mannes
+nicht und da er sah, in welche Gefahr er und seine Frau gerathe, wenn
+er sich so lang aufhalte, bis der Müller aus der Kirche komme, zog er
+sein Messer und rief der Müllerin: “wo ihr nicht gleich öffnet, so
+stech ich das Kind vor euern Augen nieder und zünde die Mühle euch
+über dem Kopf an;” faßte auch das Kind, daß es laut zu schreien
+anfing. Da eilte die Müllerin und wollte die Thüre öffnen, aber wie sie
+davor stand, ging ihr der Gedanken durchs Herz, daß der Mörder sie nur
+herauslocken wolle, um sie selbst und mit ihr das Kind in ihrem Leibe
+zu tödten, so daß sie ein paar Augenblicke schwankte. Der Mann zauderte
+nicht, stach dem Knaben das Messer in die Brust, lief dann um die Mühle
+und suchte einen Eingang. Da fiel der Müllerin, die von dem allem
+nichts wußte, ein, sie wollte die Räder in Bewegung setzen, vielleicht
+lockte das am Sonntag ungewöhnliche Klappern Menschen zu ihrer Hülfe
+herbei. Der Mörder aber wollte gerade durch das stehende Rad in die
+Mühle sich eindrängen, hatte eben den Fuß auf eine Speiche gesetzt und
+wär ohne Zweifel hineingeschlüpft, als in dem nämlichen Augenblick,
+nach Gottes wundervoller Schickung, das losgelassene Rad anhub sich zu
+drehen, ihn hinunterschlug und jämmerlich zermalmte.
+
+Bald darauf kam der Müller mit seinen Knechten heim. Als er die Kammer
+aufschloß, worin die Hebamme gefangen war, lag sie todt auf der Erde
+und war vor Angst und Schrecken vom Schlag gerührt.
+
+
+
+
+128.
+
+Johann Hübner.
+
+Stilling’s Leben. I. 51-54.
+
+
+Auf dem Geissenberge in Westphalen stehen noch die Mauern von einer
+Burg, da vor Alters Räuber gewohnt. Sie gingen Nachts in’s Land
+umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo
+ein großer Stall war und darnach verkauften sie’s weit weg an fremde
+Leute. der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß +Johann Hübner+.
+Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andere Männer im
+ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen krausen Bart und
+Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch
+das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner
+sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann
+einen Reuter sah, da rief er: “heloh! da reitet ein Reuter! ein schönes
+Roß! Heloh!” Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen
+ihm das Roß und schlugen ihn todt. Nun war ein Fürst von Dillenburg,
+der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel
+von den Räubereien des Johann Hübners, denn die Bauern kamen immer
+und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen
+Knecht, der hieß +Hanns Flick+, den schickte er über Land, dem Johann
+Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller und hielt sich
+da mit seinen Reutern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern
+Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner
+nicht, streifte im Land umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an
+eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder
+an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselben hatte
+sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein
+eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: “Gott grüß dich,
+eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heißest du nicht Johann Hübner vom
+Geissenberg?” Der Mann antwortete: “Johann Hübner vom Geissenberg liegt
+auf dem Rad.” Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und
+sagte: “war das kürzlich?” “Ja, sprach der Mann, erst heut.” Hanns
+Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf
+den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins
+Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste
+Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied that es und Johann Hübner
+ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: “Gott grüß dich,
+braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber
+keine Leute, die hinter den Ohren lausen.” Hanns Flick blieb stehen und
+sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo
+er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt
+hin und her, die Kreuz und Queer und Hanns Flick wurde bald in den
+Fußtapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen
+die Fußtapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er
+geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er Nachts bei
+Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt
+Vieh hütete. Da eilte er und sagte es dem Fürsten Christian, der ritt
+in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald und sie hatten den
+Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen
+auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann
+Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang,
+endlich aber blieb Johann Hübner todt und der Fürst zog in das Schloß
+auf dem Geissenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der
+Fürst legte viel Holz um den großen Thurm und sie untergruben ihn auch.
+Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Thurm um und
+das ganze Land zitterte von dem Fall. Man sieht noch die Steine den
+Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht,
+mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um
+den Wall herum.
+
+
+
+
+129.
+
+Eppela Gaila.
+
++Fischart+ im Garg. (springen) über Eppelins Heuwagen.
+
++Rentsch+ Antiquitäten des Burggrafthums oberhalb Gebirg, aus einer ihm
+1684 vom Pfarrer Meyer zu Muggendorf mitgetheilten Nachricht.
+
+Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 149.
+
++Edward Brown+ sonderbare Reisen S. 67.
+
++E.M. Arndt+ Bruchst. einer Reise von Baireuth nach Wien im Sommer
+1798. Leipz. 1801. 8. S. 27. 28. 96.
+
+Eppelein von Gailingen, ein Schauspiel von +Hansing+. Leipz. 1795. 8.
+
+
+Vor nicht lang sangen die nürnberger Gassenbuben noch diesen alten Reim:
+
+ Eppela Gaila von Dramaus
+ reit allzeit zum vierzehnt aus;
+
+und:
+
+ Da reit der Nürnberger Feind aus
+ Eppela Gaila von Dramaus.
+
+In alten Zeiten wohnte im Baireuthischen bei Drameysel (einem kleinen,
+nach Muggendorf eingepfarrten Dörfchen) +Eppelin von Gailing+, ein
+kühner Ritter, der raubte und heerte dort herum und sonderlich
+aufgesessen war er den Nürnbergern, denen schadete er, wo er mochte. Er
+verstand aber das Zaubern und zumal so hatt’ er ein Rößlein, das konnte
+wohl reiten und traben, damit setzte er in hohen Sprüngen über Felsen
+und Risse und sprengte es über den Fluß Wiesent, ohne das Wasser zu
+rühren, und über Heuwagen auf der Wiese ritt er, daß seines Rosses Huf
+kein Hälmlein verletzte. Zu Gailenreuth lag sein Hauptsitz, aber rings
+herum hatte er noch andere seiner Burgen und im Nu wie der Wind flog er
+von einer zur andern. Von einer Bergseite war er flugs an der gegenüber
+stehenden und ritt oftmals nach Sanct Lorenz in Muggendorf. Zu Nürnberg
+hielten ihn weder Burgmauern auf, noch der breite Stadtgraben und
+viel ander Abentheuer hat er ausgeübt. Endlich aber fingen ihn die
+Nürnberger und zu Neumarkt ward er mit seinen Helfershelfern an den
+Galgen gehängt. In der nürnberger Burg stehen noch seine Waffen zur
+Schau und an der Mauer ist noch die Spur vom Huf seines Pferdes zu
+sehen, die sich eingedrückt hatte, als er darüber sprang.
+
+
+
+
+130.
+
+Der Blumenstein.
+
+Kurhess. Magazin 1804. Nr. 30.
+
+
+Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten,
+wettete eines Abends ein junges, muthiges Bauernmädchen in dem
+benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein
+hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen
+wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte
+eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht
+entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke und kaum stand
+sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne
+Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke
+er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein
+Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell
+damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges,
+der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so
+hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt
+und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr
+nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald
+zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und
+brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus.
+
+
+
+
+131.
+
+Seeburger See.
+
+Neues hanöv. Magazin 1807. St. 13. u. St. 40.
+
+
+Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der seeburger See. Er
+vermindert sich jährlich, ist jetzt 30-40 Fuß tief und von einer guten
+halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und
+gefährliche Tiefen, die auf das Daseyn eines unterirdischen Flusses
+vermuthen lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage.
+
+In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf
+welcher ein Graf, Namens Isang, wohnte, der ein wildes und gottloses
+Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters
+Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu seyn. Kaum
+war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, daß diejenige, die er in
+Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester
+war. Zwar erschrack er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster
+zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er
+begann aufs neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, daß er
+einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der
+Fischmeister aber dafür eine silber-weiße Schlange gab. Der Graf, der
+etwas von der Thier-Sprache verstand, war damit gar wohl zufrieden,
+denn er wußte, daß, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen
+Geheimnissen jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot
+aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß
+er so viel, als er vermogte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf
+der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte
+Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen
+nach dem Genuß alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs
+Herz und standen so hell vor ihm, daß die Gedanken sich nicht davon
+abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wußte. “Mir
+ist so heiß, sprach er, als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!” Er
+ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach:
+“eben ist eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der ihr sie
+gezwungen habt, gestorben.” Der Graf wendete sich in seiner Angst nach
+dem Schloßhof zurück, aber da ging alles Gethier, das darin war: die
+Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen untereinander von seinem
+ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all vollbracht, und
+die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch
+und riefen Antwort herab. “Nun aber, sagten sie, haben die Sünden ihr
+volles Maas und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die
+prächtigen Thürme umfallen und die ganze Burg wird versunken seyn.”
+Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der
+von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen
+wollte, fragte: “was ruft der Hahn?” Der Diener, der in der Angst
+sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: “er ruft: eil! eil! eh
+die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil! eil! aber zieh
+allein!” “O du Verräther, sprach der Graf, so hast du doch von der
+Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen.”
+Der Diener lief hastig ins Schloß, aber der Graf sattelte sich selbst
+sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der
+Diener zurückkam, leichen-blaß und athemlos ihm in die Zügel fiel und
+flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah,
+wie die letzte Sonnen-Röthe an den Spitzen der Berge glühte und hörte,
+wie der Hahn laut kreischte: “eil! eil! eh die Sonne untergeht, aber
+zieh allein!” da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und
+sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei
+dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um, und als er die
+Thurmspitzen seines Schlosses noch im Abendroth glänzen sah, däuchte
+ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber
+fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er
+weiter und als er zum zweitenmal sich umschaute, waren Wall, Mauern und
+Thürme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See.
+
+Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte
+seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen
+reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt
+reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem
+Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber
+sogar noch ein Schenkungs-Brief da seyn soll. Auch werden noch jetzt
+aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger
+Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener
+Arbeit, von denen der Wirth in Seeburg einen gekauft hat.
+
+
+
+
+132.
+
+Der Burgsee und Burgwall.
+
++Kosegarten+ Rhapsodien. II. 110.
+
+
+In der Stubniz auf der pommerschen Insel Rügen liegt ein mächtiger
+Erdwall, von hohen Buchen bewachsen und einen langrunden Kreis
+umschließend, in dessen Mitte mancherlei Baumwurzeln und Steine
+verstreut liegen. Hart neben dem östlichen Rande des Walles fließt
+in einem runden und tiefen Kessel ein See, der +schwarze See+, oder
++Burgsee+ genannt. Jener Wall heißt der +Burgwall+. Nach der Landsage
+soll in diesem Wall vor alten Zeiten der Teufel angebetet und zu seinem
+Dienst eine Jungfrau unterhalten worden seyn. Wann er der Jungfrau
+überdrüssig wurde, so führten sie seine Priester zu dem schwarzen See
+und ersäuften sie darin.
+
+
+
+
+133.
+
+Der heil. Niclas und der Dieb.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 200. 201. aus
+
++Michael Saxe+ ~alphab. hist. p.~ 383.
+
+
+Zu Greifswald in Pommern stund in einer Kirche St. Niclasen Bild. Eines
+Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief
+den Heiligen an: “o heiliger Niclaus, ist das Geld mein oder dein?
+komm, laß uns wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt,
+soll gewonnen haben.” Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch
+und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: “mein
+heil. Niclaus, du hasts redlicher gewonnen, aber das Geld ist dir doch
+nicht nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich wills nehmen und
+guten Muth dabei haben.” -- Bald darauf geschah, daß dieser Räuber
+starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten
+den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei den beraubten Gotteskasten
+und hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf. Diese
+Windmühle soll nachher immer links umgelaufen seyn.
+
+
+
+
+134.
+
+Riesensteine.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 591-593.
+
+
+Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen
+und Füßen eingedrückt sind und wovon die Sage ist, dieses rühre von
+Riesen her, die sich vor Alters damit geworfen, oder darauf gestanden.
+Ein solcher Stein liegt zu Leipzig beim Kuhthurm am Wege und die Spur
+einer großen Hand mit sechs Fingern steht daraufgedruckt. Ein anderer
+großer Stein ist auf dem Wege von Leipzig nach dem Dorf Hohentiegel zu
+finden, dem Dorfe näher als der Stadt, darauf man ein Schmarre sieht,
+als wäre sie mit einem Schlachtschwerte eingehauen.
+
+Als Salzwedel vor uralters hart belagert wurde von einem grausamen
+Feind, der sie doch nicht einbekommen mochte, weil Engel auf der
+Stadtmauer hin und hergegangen, die Pfeile auffingen und die Stadt
+behüteten; da erbitterte der Feldherr und wie im Lager ein großer Stein
+vor ihm lag, zog er sein Schlachtschwert und sprach: “soll ich die
+Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, daß ich in diesen Stein haue, wie
+in einen Butterweck.” Als er nun hieb, gab der Stein nach, als ob er
+ganz weich wäre. Dieser Stein wurde dem Prätorius an derselben Stelle
+im Jahr 1649 gezeigt, auf dem Wege zwischen Salzwedel und Tielsen, und
+er betastete ihn und sah mit eigenen Augen die tiefe Spalte, die er
+durch die Mitte hatte.
+
+
+
+
+135.
+
+Spuren im Stein.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Bei der Mindner Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismar-Wald, da
+hat vor dem dreißigjährigen Krieg eine Stadt Namens Geismar gestanden.
+Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Todtenberg heißt und dabei
+ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen,
+hatte sich in den Geismar-Wald zurückgezogen, saß da auf einem Stein
+und dachte nach, was zu thun am besten wäre. Da kam einer seiner
+Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen
+und den Feind muthig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sey alles
+gerettet. Der Feldherr aber antwortete: “nein, ich kann so wenig
+siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!” Mit
+diesen Worten stand er auf, aber seine Beine und selbst die Hand, womit
+er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt.
+Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit
+frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heut zu Tag steht der Stein und
+man sieht die Spuren darin ausgedrückt.
+
+
+
+
+136.
+
+Der Riesen-Finger.
+
+vgl. Taschenbuch für Freundschaft und Liebe 1815. S. 279-281.
+
+
+Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein
+wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf
+dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen
+Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos und wenn
+sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und
+schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge
+hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wüthend, daß er
+mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte
+sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner
+krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen
+die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der
+kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein
+langer schmaler Thurm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsthurm
+heißt.
+
+
+
+
+137.
+
+Riesen aus dem Unterberge.
+
+Brixener Volksbuch.
+
+
+Alte Männer aus dem Dorfe Feldkirchen, zwei Stunden von Salzburg, haben
+im Jahr 1645 erzählt, als sie noch unschuldige Buben gewesen, hätten
+sie aus dem Wunderberge Riesen herabgehen gesehen, die sich an die
+nächst dieses Berges stehende Grödicher Pfarrkirche angelehnt, daselbst
+mit Männern und Weibern gesprochen, dieselben eines christlichen
+Lebens und zu guter Zucht ihrer Kinder ermahnt, damit diese einem
+bevorstehenden Unglück entgingen. Sodann hätten sich diese Riesen
+wiederum nach ihrem Wunderberg begeben. Die Grödicher Leute waren von
+den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes
+Unglück zu sichern.
+
+
+
+
+138.
+
+Der Jetten-Bühel zu Heidelberg.
+
+~+Freher+ orig. palat.~ I. 50.
+
++Kaiser+ Schauplatz von Heidelberg S. 19. 20. u. 169. 170. und andere.
+
+
+Der Hügel bei Heidelberg, auf dem jetzt das Schloß stehet, wurde sonst
+der +Jetten-Hügel+ genannt und dort wohnte ein altes Weib, Namens
+Jetta, in einer Capelle, von der man noch Ueberreste gesehen, als der
+Pfalzgraf Friedrich Kurfürst geworden war und ein schönes Schloß (1544)
+baute, das der neue Hof hieß. Diese Jetta war wegen ihres Wahrsagens
+sehr berühmt, kam aber selten aus ihrer Capelle und gab denen, die sie
+befragten, die Antwort zum Fenster heraus, ohne daß sie sich sehen
+ließ. Unter andern verkündigte sie, wie sie es in seltsamen Versen
+vorbrachte, es wäre über ihren Hügel beschlossen, daß er in künftigen
+Zeiten von königlichen Männern, welche sie mit Namen nannte, sollte
+bewohnt, beehrt und geziert und das Thal unter demselben mit vielem
+Volk besetzt werden.
+
+Als Jetta einst bei einem schönen Tag nach dem Brunnen ging, der sehr
+lustig am Fuß des Geißbergs nah am Dorf Schlürbach, eine halbe Stunde
+von Heidelberg liegt und trinken wollte, wurde sie von einem Wolf, der
+Junge hatte, zerrissen. Daher er noch jetzt der +Wolfsbrunnen+ heißt.
+Nah dabei ist unter der Erde ein gewölbter Gang, von dem Volk das
+Heidenloch genannt.
+
+
+
+
+139.
+
+Riese Haym.
+
++Matth. Holzwart+ Lustgart. newer deutscher Poeterei. Strasb. 1568.
+~f.~ S. 164-166.
+
+~+Pighius+ hercules prodic.~ 167.
+
+vgl. +Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 98. N. 81.
+
+
+Es war vor Zeiten ein Riese, genannt +Haym+ oder +Haymon+. Als nun ein
+giftiger Drache in der Wildniß des Innthals hauste und den Einwohnern
+großen Schaden that, so machte sich Haymon auf, suchte und tödtete ihn.
+Dafür unterwarfen sich die Bewohner des Innthals seiner Herrschaft.
+Darnach erwarb er noch größern Ruhm, indem er die Brücke über den Inn,
+daher die Stadt Innsbruck den Namen führt, fester baute, weshalb sich
+viel fremde Leut unter ihn begaben. Der Bischof von Chur aber taufte
+ihn und Haymon erbaute zu Christi Ehren das Kloster Wilten, wo er bis
+an sein Ende lebte und begraben liegt.
+
+Zu Wilten ist sein Grab zu sehen, vierzehen Schuh, drei Zwergfinger
+lang, auf dem Grab ist seine Gestalt in Rüstung aus Holz geschnitten.
+Auch zeigt man in der Sacristei die Drachen-Zunge, sammt einem alten
+Kelch, worauf die Passion abgebildet ist, den man vor mehr als 1100
+Jahren, wie man das Fundament des Klosters grub, in der Erde gefunden,
+also daß der Kelch bald nach Christi Himmelfahrt gemacht war. Neben
+Haymes Grab hängt eine Tafel, worauf sein Leben beschrieben steht.
+
+
+
+
+140.
+
+Die tropfende Rippe.
+
+Wiener Litter. Zeitung. 1813. Febr. col. 191. 192.
+
+
+Im Cillerkreise der Steiermark liegt ein Ort Oberburg, auf slavisch
+Gornigrad, in dessen Kirche hangt eine ungeheure Rippe, dergleichen
+kein jetzt bekanntes Landthier hat. Man weiß nicht, wann sie
+ausgegraben worden, die Volkssage schreibt sie einer +Heidenjungfrau+
+(slavisch: ajdowska dekliza) zu, mit der Anmerkung, daß von dieser
+Rippe alljährlich ein einziger Tropfen abfällt und der jüngste Tag in
+der Zeit komme, wo sie ganz vertröpfelt seyn wird.
+
+
+
+
+141.
+
+Jungfrau-Sprung.
+
+Nach +Abraham+ a St. +Clara.+
+
+
+Unweit Grätz in Steier liegt ein Ort, insgemein die Wand genannt,
+daselbst ist ein hoher Berg, welcher den Namen +Jungfrausprung+ schon
+von etlichen hundert Jahren her führt. Als nämlich auf eine Zeit ein
+üppiger und gottloser Gesell einem ehrbaren Bauer-Mägdlein lang und
+ungestüm nachstrebte und er sie zuletzt nach vielen Ausspähungen auf
+besagtem Berg ertappte, erschrack sie und wagte einen Sprung. Sie
+sprang von dem Berg über den ganzen Fluß, Mur genannt, bis auf einen
+andern hohen Bühel jenseits. Davon heißt der Berg Jungfrausprung.
+
+
+
+
+142.
+
+Der Stierenbach.
+
+~+Scheuchzer+ iter alp. p. 12.~ u. Kupfertafel 11.
+
+Alpenrosen. 1813. S. 28. 29.
+
+
+Mitten durch das Thal der Surenalp ergießt sich der +Stierenbach+,
+der aus dem Surenersee entspringt und einer gemeinen Sage nach, die
+sowohl die Leute in Uri, als in Engelsberg erzählen, durch folgende
+Geschichte den Namen erhalten haben soll. Vor mehrern hundert Jahren
+lebte hier ein Alpenhirt, der in seiner Heerde ein Lamm hatte, worauf
+er besonders viel hielt und dem er so zugethan war, daß er darauf
+verfiel, es taufen zu lassen und ihm einen Christennamen beizulegen.
+Was geschieht? Der Himmel, um diesen Frevel zu rächen, wandelte das
+Lamm in ein scheußliches Gespenst, welches bei Tag und Nacht auf der
+fruchtbaren Alpe umherging, alle Gräser und Kräuter abweidete und
+den Strich so verheerte, daß die Engelsberger fürder kein Vieh mehr
+darauf halten konnten. Zu denen von Uri kam aber ungefähr ein fahrender
+Schüler und rieth, wie sie das Unthier zu vertreiben hätten. Nämlich
+sie sollten neun Jahr lang ein Stier-Kalb mit purer Milch auffüttern,
+das erste Jahr von einer einzigen Kuh, das zweite von der Milch zweier,
+das dritte dreier Kühe und so fort; nach Ablauf der neun Jahre den
+solchergestalt mit Milch auferzogenen Ochsen durch eine reine Jungfrau
+auf die Alpe führen lassen. Die Urer hofften auf guten Lohn von den
+Engelsbergern und nährten einen solchen Stier auf der Alpe Waldnacht,
+wo man noch heut zu Tag seinen Stall weist, genannt den +Stiergaden+.
+Wie nun der Stier zu seinen Jahren gekommen war, leitete ihn eine
+unbefleckte Jungfrau über den Felsengrat und ließ ihn da laufen. Der
+Stier, als er sich frei sah, ging sogleich auf das Gespenst los und
+fing einen Kampf mit ihm an. Der Streit war so hart und wüthig, daß
+der Stier zwar das Ungeheuer zuletzt überwand, aber der Schweiß von
+seinem Leib heruntertroff. Da stürzte er zu einem vorbeifließenden
+Bach und trank so viel Wasser, daß er auf der Stelle des Todes war.
+Davon hat der Bach seitdem den Namen +Stierenbach+ und außerdem zeigen
+die Einwohner noch jetzo die Felsen und Steine vor, in denen sich die
+Hinterklauen des Stiers, während des heftigen Kampfes, eingedrückt
+haben.
+
+
+
+
+143.
+
+Die Männer im Zottenberg.
+
++Seyfried’s+ ~medulla. p.~ 478-481.
+
+~+Nic. Henelius ab Hennenfeld+~ in ~Silesiographia renovata c. 11. §.
+13.~
+
+Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 59-63.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.
+
+
+Im 16. Jahrhundert lebte in Schweidnitz ein Mann, Johannes Beer
+genannt. Im Jahr 1570, als er seiner Gewohnheit nach zu seiner
+Lust auf den nah gelegenen Zottenberg ging, bemerkte er zum
+erstenmal eine Oeffnung, aus der ihm beim Eingang ein gewaltiger
+Wind entgegenwehte. Erschrocken ging er zurück, bald darauf aber,
+am Sonntag Quasimodogeniti, beschloß er von neuem die Höhle zu
+untersuchen. Er kam in einen engen, geraden Felsengang, ging einem
+fernschimmernden Lichtstrahl nach und gelangte endlich zu einer
+beschlossenen Thüre, in der eine Glasscheibe war, die jenes wundersame
+Licht warf. Auf dreimaliges Anklopfen ward ihm geöffnet und er sah
+in der Höhle an einem runden Tisch drei lange abgemergelte Männer in
+altdeutscher Tracht sitzen, betrübte und zitternde. Vor ihnen lag ein
+schwarzsammtenes, goldbeschlagenes Buch. Hierauf redete er sie mit:
+“~pax vobis!~” an und bekam zur Antwort: “~hic nulla pax!~” Weiter
+vorschreitend rief er nochmals: “~pax vobis in nomine domini!~”
+erzitternd mit kleiner Stimme versetzten sie: “~hic non pax.~” Indem
+er vor den Tisch kam, wiederholte er: “~pax vobis in nomine domini
+nostri Jesu Christi!”~ worauf sie verstummten und ihm jenes Buch
+vorlegten, welches geöffnet den Titel hatte: ~liber obedientiae~. Auf
+Beer’s Frage: wer sie wären? gaben sie zur Antwort: sie kennten sich
+selber nicht. “Was sie hier machten?” -- “Sie erwarteten in Schrecken
+das jüngste Gericht und den Lohn ihrer Thaten.” -- “Was sie bei
+Leibes-Leben getrieben?” Hier zeigten sie auf einen Vorhang, hinter dem
+allerlei Mordgewehre hingen, Menschen-Gerippe und Hirnschädel. “Ob sie
+sich zu diesen bösen Werken bekennten?” -- “Ja!” -- “Ob es gute oder
+böse?” -- “Böse.” -- “Ob sie ihnen leid wären?” Hierauf schwiegen sie
+still, aber erzitterten: “sie wüßtens nicht!”
+
+Die schlesische Chronik gedenkt eines Raubschlosses auf dem
+Zottenberge, dessen Ruinen noch zu sehen sind.
+
+
+
+
+144.
+
+Verkündigung des Verderbens.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 38.
+
+
+Als die Magdeburger im Jahr 1550 am 22. September mit dem Herzog Georg
+von Mecklenburg Schlacht halten sollten, ist ihnen bei ihrem Auszuge
+vor dem Dorf Barleben, eine Meile Wegs von der Stadt ein langer,
+ansehnlicher, alter Mann, der Kleidung nach einem Bauersmanne nicht
+unähnlich, begegnet und hat gefragt, wo sie mit dem Kriegs-Volk und der
+Kriegs-Rüstung hinausgedächten? Und da er ihres Vorhabens berichtet
+worden, hat er sie gleich mit aufgehobenen Händen herzlich gebäten
+und gewarnt, von ihrem Vorsatze abzustehen, wieder heim zu kehren,
+ihre Stadt in Acht zu nehmen und ja des Orts und sonderlich in dieser
+Zeit nichts zu beginnen, weil eben auch vor zweihundert Jahren die
+Magdeburger auf den St. Moriz Tag und an demselben Orte, an dem Wasser
+Ohra geschlagen worden; wie ein jeder, der es wüßte, in der Tafel der
+St. Johannes Kirche zu Magdeburg lesen könnte. Und würde ihnen, wofern
+sie fortführen, gewiß auch diesmal glücklicher nicht ergehen. Ob nun
+wohl etliche sich über das Wesen und die Rede des Mannes verwunderten,
+so haben doch ihrer sehr viel ihn gespottet und die Warnung höhnisch
+verlacht, von welchen Spöttern hernach doch keiner in der Schlacht
+unerschlagen oder ungefangen geblieben seyn soll. Man sagt, er sey
+als ein gar alter eis-grauer Mann erschienen, aber solches schönen,
+holdseligen, röthlichen und jungen Angesichtes, daß es zu verwundern
+gewesen. Und demnach es leider gefolgt, wie er geweißagt, hat man
+allenthalben Nachforschung nach solchem Manne gehabt, aber niemand
+erfahren können, der ihn zuvor oder nachher gesehen hätte.
+
+
+
+
+145.
+
+Das Männlein auf dem Rücken.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 584. 585.
+
+
+Als im März 1669 nach Torgau hin ein Seiler seines Wegs gewandelt, hat
+er einen Knaben auf dem Felde angetroffen, der auf der Erde zum Spiel
+niedergesessen und ein Bret vor sich gehabt. Wie nun der Seiler solches
+im Ueberschreiten verrückt, hat das Knäblein gesprochen: “warum stoßt
+ihr mir mein Bret fort? mein Vater wirds euch danken!” Der Seiler
+geht immer weiter und nach hundert Schritten begegnet ihm ein klein
+Männlein, mit grauem Bart und ziemlichem Alter, von ihm begehrend,
+daß er es tragen möge, weil es zum Gehen ermüdet sey. Diese Anmaßung
+verlacht der Seiler, allein es springet auf seine Schultern, so daß
+er es ins nächste Dorf hocken muß. Nach zehn Tagen stirbt der Seiler.
+Als darüber sein Sohn kläglich jammert, kommt das kleine Bübchen zu
+ihm, mit dem Bericht, er solle sich zufrieden geben, es sey dem Vater
+sehr wohl geschehen. Weiter wolle er ihn, benebenst der Mutter, bald
+nachholen, denn es würde in Meißen eine schlimme Zeit erfolgen.
+
+
+
+
+146.
+
+Gottschee.
+
+Volks-Sagen. Eisenach. 1795. 173-188.
+
+
+In der unter-crainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die
+sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr von den anderen Crainern
+unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende
+und dem Fürsten Auersperg zuhörende Burg, von der die umwohnenden
+Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit
+seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Theil der verfallenen Burg und
+dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden
+Geistern folgendes begegnet seyn.
+
+Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinunter gegangen, er selbst,
+von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß
+gestreckt. Plötzlich so sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die
+er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er
+geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige
+Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemanden
+daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem
+jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu
+retten Willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von
+dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung
+bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus
+einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu seyn fühlte.
+Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte: wie daß ein alter
+Mann gekommen sey, mit langem Bart, rothen Augen, in schwarze Kleider
+angethan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt
+und ihm viel schöne Sachen versprochen, wenn es mit ihm gehen wolle,
+darauf sey es ihm an der Hand gefolgt.
+
+Abends desselben Tags hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als
+er die Thüre aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte.
+Der Jäger folgte und wurde an eben denselben Abgrund geleitet. Der
+Felsen that sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs
+begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer
+heller werdende Gruft. Sieben Greise, mit kahlen Häuptern, in tiefem
+Schweigen saßen in einem länglichten Raume. Weiter ging der Jäger
+durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen
+Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große
+Särge zeigte, in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts.
+Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er
+sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren.
+Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt,
+worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein
+Fest begingen. Allein alle waren todtenblaß und keiner sprach ein
+Wort. Durch eine rothe Thür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe
+altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu
+erkennen meinte, der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr
+beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seyen und
+ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne?
+“Lauter Bewohner dieses Schlosses sind es, versetzte hohlstimmig der
+Alte, die weitere Bewandniß kannst du aber jetzt noch nicht erfahren,
+sondern wirst es demnächst einmal.” Nach diesen Worten wurde der Jäger
+sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe
+war. Er fand eine alte verfallene Treppe und diese in die Höhe steigend
+gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein
+kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes
+Seil, woran er stieß und das Rauschen von Wasser ließ ihn muthmaßen,
+er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen
+Cisterne, von wo aus man das Wasser mittelst eines Rades hinaufwand.
+Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen,
+erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte,
+als sie in dem schweren Eimer ihren todtgeglaubten Mann herauszog.
+
+Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt, doch
+erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seyen
+die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige
+Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete,
+erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und
+Leichen wieder.
+
+
+
+
+147.
+
+Die Zwerge auf dem Baum.
+
+Mündlich aus dem Haslithal, in +Wyß+ Volkssagen S. 320.
+
+
+Des Sommers kam die Schaar der Zwerge häufig aus den Flühen herab
+ins Thal und gesellte sich entweder hülfreich oder doch zuschauend
+den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mädern im Heuer (der
+Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen und
+dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber kamen boshafte
+Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß er blos noch schwach am
+Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf
+niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf
+den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrien:
+
+ O wie ist der Himmel so hoch
+ und die Untreu’ so groß!
+ heut hierher und nimmermehr!
+
+Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wiedersehen.
+
+
+
+
+148.
+
+Die Zwerge auf dem Felsstein.
+
+Mündlich aus der Gegend von Gadmen mitgetheilt durch +Wyß+ S. 320.
+
+
+Es war der Zwerglein Gewohnheit, sich auf einen großen Felsstein zu
+setzen und von da den Heuern zuzuschauen. Aber ein Paar Schälke
+machten Feuer auf den Stein, ließen ihn glühend werden und fegten dann
+alle Kohlen hinweg. Am Morgen kam das winzige Volk und verbrannte sich
+jämmerlich; rief voll Zornes:
+
+ “O böse Welt, o böse Welt!”
+
+und schrie um Rache und verschwand auf ewig.
+
+
+
+
+149.
+
+Die Füße der Zwerge.
+
+Aus dem Mund eines bernerischen Bauern mitgetheilt in +Wyß+
+Volkssagen S. 101-118.
+
+
+Vor alten Zeiten wohnten die Menschen im Thal und rings um sie in
+Klüften und Höhlen die Zwerge, freundlich und gut mit den Leuten, denen
+sie manch schwere Arbeit Nachts verrichteten; wenn nun das Landvolk
+frühmorgens mit Wagen und Geräthe herbeizog und erstaunte, daß alles
+schon gethan war, steckten die Zwerge im Gesträuch und lachten hell
+auf. Oftmals zürnten die Bauern, wenn sie ihr noch nicht ganz zeitiges
+Getreide auf dem Acker niedergeschnitten fanden, aber als bald Hagel
+und Gewitter hereinbrach und sie wohl sahen, daß vielleicht kein
+Hälmlein dem Verderben entronnen seyn würde, da dankten sie innig dem
+voraussichtigen Zwergvolk. Endlich aber verscherzten die Menschen
+durch ihren Frevel die Huld und Gunst der Zwerge, sie entflohen und
+seitdem hat sie kein Aug wieder erblickt. Die Ursache war diese: ein
+Hirt hatte oben am Berg einen trefflichen Kirschbaum stehen. Als die
+Früchte eines Sommers reiften, begab sich, daß dreimal hintereinander
+Nachts der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürden
+getragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren pflegte. Die
+Leute im Dorf sprachen: “das thut niemand anders, als die redlichen
+Zwerglein, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mit bedeckten Füßen
+daher getrippelt, leise wie Vögel und schaffen den Menschen emsig ihr
+Tagwerk. Schon vielmal hat man sie heimlich belauscht, allein man
+stört sie nicht, sondern läßt sie kommen und gehen.” Durch diese Reden
+wurde der Hirt neugierig und hätte gern gewußt, warum die Zwerge so
+sorgfältig ihre Füße bärgen und ob diese anders gestaltet wären, als
+Menschenfüße. Da nun das nächste Jahr wieder der Sommer und die Zeit
+kam, daß die Zwerge heimlich die Kirschen abbrachen und in den Speicher
+trugen, nahm der Hirt einen Sack voll Asche und streute die rings um
+den Baum herum aus. Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur
+Stelle hin, der Baum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in
+der Asche die Spuren von vielen Gänsfüßen eingedrückt. Da lachte der
+Hirt und spottete, daß der Zwerge Geheimniß verrathen war. Bald aber
+zerbrachen und verwüsteten diese ihre Häuser und flohen tiefer in den
+Berg hinab, grollen dem Menschengeschlecht und versagen ihm ihre Hülfe.
+Jener Hirt, der sie verrathen hatte, wurde siech und blödsinnig fortan
+bis an sein Lebensende.
+
+
+
+
+150.
+
+Die wilden Geister.
+
++Hormaier’s+ Geschichte Tyrols. I. 141. 142.
+
+
+Unter den vicentinischen und veronesischen Deutschen wagts von der
+zweiten Hälfte December bis gegen das Ende der ersten Jännerhälfte
+selbst der kühnsten Jäger keiner, die Wildbahn zu besuchen. Sie
+fürchten den +wilden Mann+ und die +Waldfrau+. Die Hirten treiben zu
+dieser Zeit das Vieh nicht, Kinder hohlen das Wasser in irdenen Gefäßen
+von der nächsten Quelle und die Heerden werden im Stall getränkt. Auch
+spinnen die Weiber der +Waldfrau+ ein Stück Haar am Rocken und werfen
+es ihr ins Feuer, um sie zu versühnen. Am Vorabend des Festes wird
+die Hausküche und jeder Ort, wo ein Rauchfang ist oder eine Öffnung
+aus der Luft herabfährt, mit Asche bestreut. Dann achtet man auf die
++Fußtritte+ in der Asche und sieht an ihrer Lage, Größe und zumal
+daran: ob sie ein- oder ausgehen? welche gute oder böse Geister das
+Haus besuchen.
+
+
+
+
+151.
+
+Die Heilingszwerge.
+
++Spieß+ Vorrede zu seinem Hans Heiling.
+
+
+Am Fluß Eger zwischen dem Hof Wildenau und dem Schlosse Aicha ragen
+ungeheuer große Felsen hervor, die man vor Alters den +Heilingsfelsen+
+nannte. Am Fuß derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt,
+auswendig aber nur durch eine kleine Oeffnung, in die man den Leib
+gebückt kriechen muß, erkennbar. Diese Höhle wurde von kleinen
+Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, des
+Namens +Heiling+, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal vorzeiten
+ging ein Weib aus dem Dorfe Taschwitz bürtig, am Vorabend von Peter
+Pauli, in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde ihr Nacht und
+sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie trat hinein
+und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann an einem Tische,
+schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde willig
+angenommen. Außer dem alten Mann war aber kein lebendes Wesen im
+ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken, der Frau ward
+greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: “wo bin ich denn
+eigentlich?” Der Alte versetzte: “daß er Heiling heiße, bald aber auch
+abreisen werde, denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und
+entflohen.” Diese sonderbare Antwort machte das Weib nur noch unruhiger
+und sie wollte mehr fragen, allein er gebot ihr Stillschweigen und
+sagte nebenbei: “wäret ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde
+gekommen, solltet ihr nimmer Herberge gefunden haben.” Die furchtsame
+Frau kroch demüthig in einen Winkel und schlief sanft und wie sie den
+Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu
+haben, denn nirgends war ein Gebäude da zu ersehen. Froh und zufrieden,
+daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sey, eilte
+sie nach ihrem Dorfe zurück, es war alles so verändert und seltsam.
+Im Dorf waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr
+begegneten, kannte sie nicht und wurde auch nicht von ihnen erkannt.
+Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die
+war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche
+einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube
+treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde
+vor die Thüre gewiesen und lief weinend und klagend im Dorf umher. Die
+Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo
+sie verhört und ihre Sache untersucht wurde; siehe da, es fand sich in
+den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß grad vor hundert Jahren an eben
+diesem Tag eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren
+gegangen, nicht wieder heimgekehrt sey und auch nicht mehr zu finden
+gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahr
+im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war.
+Sie lebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos aus und wurde von
+der ganzen Gemeinde anständig verpflegt zum Lohn für die Zauberei, die
+sie hatte erdulden müssen.
+
+
+
+
+152.
+
+Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke.
+
++Otmar+’s Volkssagen.
+
+
+Die kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des
+Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein
+findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen
+nur hineinkriechen können, theils aber einen räumigen Aufenthaltsort
+für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt
+und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried
+und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei
+Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine
+Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Thäter
+entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rath einer weisen Frau bei
+einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit
+einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte
+nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte
+ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd
+fielen die Zwerge vor ihm nieder und bekannten: daß ihr Volk es
+sey, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die
+äußerste Noth sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen
+brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich
+Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder, und
+wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzuges
+erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit
+ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen und das
+Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen seyn. Endlich kam
+man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof
+ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen
+bestimmten Theil seines Vermögens, als Abzugszoll werfen sollte, ohne
+daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige
+Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge
+wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das
+Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen als wenn eine sehr große
+Heerde Schaafe über die Brücke ging. -- Seit dieser letzten großen
+Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einzelne Zwerge
+sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den
+Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landesbewohner kleine
+kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten.
+
+
+
+
+153.
+
+Der Zug der Zwerge über den Berg.
+
++Otmar’s+ Volkssagen.
+
+
+Auch auf der Nordseite des Harzes wohnten einst viele tausend
+Zwerge oder Kröpel, in den Felsklüften und den noch vorhandenen
+Zwerglöchern. Bei Seehausen, einem magdeburgischen Städtchen, zeigt
+man ebenfalls solche Kröppellöcher. Aber nur selten erschienen sie den
+Landesbewohnern in sichtbarer Gestalt, gewöhnlich wandelten sie, durch
+ihre Nebelkappen geschützt, ungesehen und ganz unbemerkt unter ihnen
+umher. Manche dieser Zwerge waren gutartig und den Landesbewohnern
+unter gewissen Umständen sehr behülflich; bei Hochzeiten und Kindtaufen
+borgten sie mancherlei Tischgeräthe aus den Höhlen der Zwerge. Nur
+durfte sie niemand zum Zorn reizen, sonst wurden sie tückisch und
+bösartig und thaten dem, der sie beleidigte, allen möglichen Schaden
+an. In dem Thal zwischen Blankenburg und Quedlinburg bemerkte einmal
+ein Becker, daß ihm immer einige der gebackenen Brote fehlten und doch
+war der Dieb nicht zu entdecken. Dieser beständig fortdauernde geheime
+Diebstahl machte, daß der Mann allmählig verarmte. Endlich kam er auf
+den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Unheil Schuld seyn. Er
+schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich
+her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht
+mehr verbergen konnten. Es wurde Lärm. Man ertappte bald noch mehrere
+Zwerge auf Diebereien und nöthigte endlich den ganzen Ueberrest des
+Zwergvolkes auszuwandern. Um aber die Landeseinwohner einigermaßen für
+das gestohlene zu entschädigen und zugleich die Zahl der Auswandernden
+überrechnen zu können, wurde auf dem jetzt sogenannten Kirchberg bei
+dem Dorfe Thale, wo sonst Wendhausen lag, ein groß Gefäß hingestellt,
+worin jeder Zwerg ein Stück Geld werfen mußte. Dieses Faß fand sich
+nach dem Abzuge der Zwerge ganz mit alten Münzen angefüllt. So groß
+war ihre Zahl. Das Zwergvolk zog über Wahrnstedt (unweit Quedlinburg)
+immer nach Morgen zu. Seit dieser Zeit sind die Zwerge aus der Gegend
+verschwunden. Selten ließ sich seitdem hier und da ein einzelner sehen.
+
+
+
+
+154.
+
+Die Zwerge bei Dardesheim.
+
++Otmar+.
+
+
+Dardesheim ist ein Städtchen zwischen Halberstadt und Braunschweig.
+Dicht an seiner nordöstlichen Seite fließt ein Quell des schönsten
+Wassers, welcher der +Smansborn+ (Leßmannsborn) heißt und aus einem
+Berge quillt, in dem vormals die Zwerge wohnten. Wenn die ehmaligen
+Einwohner der Gegend ein Feierkleid oder zu einer Hochzeit ein seltenes
+Geräthe brauchten, so gingen sie vor diesen Zwergberg, klopften
+dreimal an und sagten mit deutlicher, vernehmlicher Stimme ihr
+Anliegen, und
+
+ frühmorgens eh die Sonn aufgeht,
+ schon alles vor dem Berge steht.
+
+Die Zwerge fanden sich hinlänglich belohnt, wenn ihnen etwas von den
+festlichen Speisen vor den Berg hingesetzt wurde. Nachher allmälig
+störten Streitigkeiten das gute Vernehmen des Zwergvolks und der
+Landeseinwohner. Anfangs auf kurze Zeit, aber endlich wanderten die
+Zwerge aus, weil ihnen die Neckworte und Spöttereien vieler Bauern
+unerträglich waren, so wie der Undank für erwiesene Gefälligkeiten.
+Seit der Zeit sieht und hört man keine Zwerge mehr.
+
+
+
+
+155.
+
+Schmidt Riechert.
+
++Otmar+.
+
+
+Den dardesheimer Zwergberg zieht auf der östlichen Seite ein Stück
+Acker hinan. Dieses Feld hatte einst ein Schmidt, Namens +Riechert+,
+mit Erbsen bestellt. Er bemerkte, als sie am wohlschmeckendsten waren,
+daß sie häufig ausgepflückt wurden. Um dem Erbsendieb aufzulauern,
+baute sich Riechert ein Hüttchen auf seinen Acker und wachte Tags und
+Nachts dabei; bei Tage entdeckte er keine Veränderung, aber alle Morgen
+sah er, daß seines Wachens unerachtet über Nacht das Feld bestohlen
+war. Voll Verdruß über seine mißlungene Mühe, beschloß er, die noch
+übrigen Erbsen auf dem Acker auszudreschen. Mit Tagesanbruch begann
+Schmidt Riechert seine Arbeit. Aber noch hatte er nicht die Hälfte der
+Erbsen ausgedroschen, so hörte er ein klägliches Schreien, und beim
+Nachsuchen fand er auf der Erde unter den Erbsen einen der Zwerge, dem
+er mit seinem Dreschflegel den Schädel eingeschlagen hatte, und der nun
+sichtbar wurde, weil ihm seine Nebelkappe verloren gegangen war. Der
+Zwerg floh eilends in den Berg zurück.
+
+
+
+
+156.
+
+Grinken-Schmidt.
+
+Mündlich, im Münsterland.
+
+
+In den Detterberge, drei Stunden von Mönster, do wuhrnde vor ollen
+Tieden en wilden Man, de hedde Grinken-Schmidt, un de lag in en deip
+Lok unner de Erde, dat is nu ganz met Greß un Strüker bewassen; men man
+kann doch noch seihn, wo et west is. In düt Lok hadde he sine Schmiede,
+un he mock so eislike-rohre Saken, de duerden ewig, un sine Schlörter
+konn kien Mensk orpen kriegen sonner Schlürtel. An de Kerkendöhr to
+Nienberge sall auk en Schlott von em sien, do sind de Deiwe all vör
+west, men se könnt et nich to Schande maken. Wenn der denn ne Hochtied
+was, queimen de Bueren un lenden von Grienken en Spitt, do mosten se
+em en Broden vör gierwen. Kam auk es en Buer vör dat Lok un sede:
+“Grinken-Schmidt, giff mi en Spitt” -- “krigst kien Spitt, giff mi en
+Broden” -- “krigst kinen Broden, holt dien Spitt.” Do word Grienken so
+hellig aße der to, un reep: “wahr du, dat ik kienen Broden nierme.” De
+Buer gonk den Berg enbilink no sin Hues, do lag sien beste Perd in en
+Stall un een Been was em utrierten, dat was Grinken-Schmidt sien Broden.
+
+ * * * * *
+
++wuhrnde, nierme, utrierten+: wohnte, nehme, ausgerissen.
++eislike-rohr+: sehr rar. +sunner+: ohne. +Spitt+: Spieß. +Broden+:
+Braten. +so hellig aße der to+: so böse als möglich. +enbilink+:
+entlang.
+
+
+
+
+157.
+
+Die Hirtenjungen.
+
++Spieß+ Vorrede zum Hans Heiling.
+
+
+Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln
+nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen und erblickten unten
+an demselben eine kleine Thüre offenstehen. Die Neugierde trieb sie
+hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die
+andere verschlossen. In der offnen lag ein großer Haufen Geld, sie
+griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams
+ihnen greulich; sie eilten nach der Thüre, glücklich trat der erste
+durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel fürchterlich,
+er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr
+schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes
+ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten
+Eltern heim.
+
+
+
+
+158.
+
+Die Nußkerne.
+
+Mündlich, aus dem Corvei’schen.
+
+
+Zwei junge Bursche, der Peter und Knipping zu Wehren im Corvei’schen,
+wollten Vogelnester suchen, der Peter aber, weil er erstaunend faul
+war, nachdem er ein wenig umgeschaut, legte sich unter einen Baum und
+schlief ein. Auf einmal wars ihm, als packte ihn einer an den Ohren,
+so daß er aufwachte und herumsah, aber niemand erblickte. Also legte
+er den Kopf wieder und schlief aufs neue ein. Da kams zum zweitenmal
+und packte ihn an den Ohren, als er aber niemand gewahr werden konnte,
+schlief er zum drittenmal ein. Aber zum drittenmal ward er wieder
+gezupft, da war er das Ding müde, stand auf und wollte sich einen
+andern Ort suchen, wo er in Ruhe liegen könnte. Auf einmal aber sah er
+vor sich das Fräulein von Willberg gehen, das knackte Nüsse entzwei
+und steckte die Schalen in die Tasche und warf die Kerne auf die Erde.
+Als die Nüsse zu Ende gingen, war sie verschwunden. Der Peter aber war
+immer hinter ihr hergegangen, hatte die Nüsse aufgelesen und gegessen.
+Darauf kehrte er um, suchte den Knipping und erzählte ihm alles, was er
+gesehen hatte. Da gingen sie nach Haus, holten noch andere zur Hilfe
+und fingen an, da, wo das Fräulein verschwunden war, zu graben und
+kamen auf eine alte Küche, darin noch altes Kochgeräth stand, endlich
+in einen Keller mit Tonnen voll Geld. Sie nahmen so viel, als sie
+tragen konnten und wollten den andern Tag wieder kommen, aber alles war
+fort und sie konnten die Stätte gar nicht wieder finden, sie mochten
+suchen, wie sie wollten. Der Peter baute sich von seinem Geld ein Haus,
+darin er noch lebt.
+
+
+
+
+159.
+
+Der soester Schatz.
+
++Simplicissimus+ Buch ~III. cap.~ 13.
+
+
+Im dreißigjährigen Krieg befand sich unweit der Stadt Soest in
+Westphalen ein altes Gemäuer, von dem die Sage ging, daß darin eine
+eiserne Truhe voll Geldes wäre, welche ein schwarzer Hund hütete,
+sammt einer verfluchten Jungfrau. Nach der Erzählung der Großeltern
+werde einstens ein fremder Edelmann ins Land kommen, die Jungfrau
+erlösen und mit einem feurigen Schlüssel den Kasten eröffnen. Mehrere
+fahrende Schüler und Teufelsbanner hätten sich bei Mannsgedenken
+dahin begeben, um zu graben, wären aber so seltsam empfangen und
+abgewiesen worden, daß es seithero niemand weiter gelüstet; besonders
+nach ihrer Eröffnung, daß der Schatz keinem zu Theil werden könne,
+der nur ein einziges mal Weibermilch getrunken. Vor kurzer Zeit noch
+wäre ein Mägdlein aus ihrem Dorf nebst etlichen Geisen an den Ort zu
+weiden gewesen, und, als deren eine sich in das Gemäuer verlaufen,
+nachgefolgt. Da sey eine Jungfrau inwendig im Hof gewesen und habe es
+angeredet: was es da zu schaffen? auch nach erhaltenem Bescheid, auf
+ein Körblein Kirschen weisend, weiter gesagt: “so gehe und nimm dort
+von dem, was du vor dir siehest, mit sammt deiner Gais, komm aber
+nicht wieder, noch sieh dich um, damit dir nichts Arges beschehe!”
+Darauf habe das erschrockene Kind sieben Kirschen ertappet und sey in
+Angst aus der Mauer gekommen; die Kirschen seyen aber sogleich zu Geld
+geworden.
+
+
+
+
+160.
+
+Das quellende Silber.
+
++Happel+ ~relat. curios. III.~ 529.
+
+
+Im Februar des Jahrs 1605. unter dem Herzog Heinrich Julius von
+Braunschweig trug sich zu, daß eine Meile Wegs von Quedlinburg, zum
+Thal genannt, ein armer Bauer seine Tochter in den nächsten Busch
+schickte, Brenn-Holz aufzulesen Das Mädchen nahm dazu einen Trag-Korb
+und einen Hand-Korb mit und als es beide angefüllt hatte und nach
+Haus gehen wollte, trat ein weißgekleidetes Männlein zu ihm hin und
+fragte: “was trägst du da?” “Aufgelesenes Holz, antwortete das Mädchen,
+zum Heizen und Kochen.” “Schütte das Holz aus, sprach weiter das
+Männlein, nimm deine Körbe und folge mir; ich will dir etwas zeigen,
+das besser und nützlicher ist, als das Holz.” Nahm es dabei an der
+Hand, führte es zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, etwa
+zweier gewöhnlichen Tische breit, ein schön lauter Silber von kleiner
+und großer Münze von mäßiger Dicke, darauf ein Bild, wie eine Maria
+gestaltet und rings herum ein Gepräge von uralter Schrift. Als dieses
+Silber in großer Menge gleichsam aus der Erde hervorquoll, entsetzte
+sich das Mägdlein davor und wich zurück; wollte auch nicht seinen
+Hand-Korb von Holz ausschütten. Hierauf thats das weiße Männlein
+selbst, füllte ihn mit dem Geld und gab ihn dem Mägdlein und sprach:
+“das wird dir besser seyn, als Holz.” Es nahm ihn voll Bestürzung und
+als das Männlein begehrte, es sollte auch seinen Trag-Korb ausschütten
+und Silber hinein fassen, wehrte es ab und sprach: “es müsse auch Holz
+mit heim bringen, denn es wären kleine Kinder daheim, die müßten eine
+warme Stube haben und dann müßte auch Holz zum Kochen da seyn.” Damit
+war das Männlein zufrieden und sprach: “nun so ziehe damit hin” und
+verschwand darauf.
+
+Das Mädchen brachte den Korb voll Silber nach Haus und erzählte,
+was ihm begegnet war. Nun liefen die Bauern haufenweis mit Hacken
+und anderm Geräth in das Wäldchen und wollten sich ihren Theil vom
+Schatz auch holen, aber niemand konnte den Ort finden, wo das Silber
+hervorgequollen war.
+
+Der Fürst von Braunschweig hat sich von dem geprägten Silber ein Pfund
+holen lassen, so wie sich auch ein Bürger aus Halberstadt, N. Everkan,
+eins gelöst.
+
+
+
+
+161.
+
+Goldsand auf dem Unterberg.
+
+Brixener Volksbuch.
+
+
+Im Jahr 1753. ging ein ganz mittelloser, beim Hofwirth zu St. Zeno
+stehender Dienstknecht, Namens Paul Mayr, auf den Berg. Als er unweit
+dem Brunnenthal fast die halbe Höhe erreicht hatte, kam er zu einer
+Steinklippe, worunter ein Häuflein Sand lag. Weil er schon so manches
+gehört hatte und nicht zweifelte, daß es Goldsand wäre, füllte er sich
+alle Taschen damit und wollte voll Freude nach Haus gehen; aber in dem
+Augenblick stand ein fremder Mann vor seinem Angesicht und sprach:
+“was tragst du da?” Der Knecht wußte vor Schrecken und Furcht nichts
+zu antworten, aber der fremde Mann ergriff ihn, leerte ihm die Taschen
+aus und sprach: “jetzt gehe nimmer den alten Weg zurück, sondern einen
+andern und sofern du dich hier wieder sehen läßt, wirst du nicht mehr
+lebend davon kommen.” Der gute Knecht ging heim, aber das Gold reizte
+ihn also, daß er beschloß, den Sand noch einmal zu suchen, und einen
+guten Gesellen mitnahm. Es war aber alles umsonst und dieser Ort ließ
+sich nimmermehr finden.
+
+Ein andermal verspätete sich ein Holzmeister auf dem Berge und mußte
+in einer Höhle die Nacht zubringen. Anderen Tages kam er zu einer
+Steinklippe, aus welcher ein glänzend schwerer Goldsand herabrieselte.
+Weil er aber kein Geschirr bei sich hatte, ging er ein ander Mal hinauf
+und setzte das Krüglein unter. Und als er mit dem angefüllten Krüglein
+hinweg ging, sah er unweit dieses Orts eine Thüre sich öffnen, durch
+die er schaute, und da kam es ihm natürlich vor, als sehe er in den
+Berg hinein und darin eine besondere Welt mit einem Tageslicht, wie
+wir es haben. Die Thüre blieb aber kaum eine Minute lang offen; wie
+sie zuschlug, hallte es in den Berg hinein, wie in ein großes Weinfaß.
+Dieses Krüglein hat er sich allzeit angefüllt nach Haus tragen können,
+nach seinem Tode aber ist an dem Gold kein Seegen gewesen. Jene Thüre
+hat in folgender Zeit niemand wieder gesehen.
+
+
+
+
+162.
+
+Gold-Kohlen.
+
+Brixener Volksbuch.
+
+
+Im Jahr 1753 ging von Salzburg eine Kräutel-Brockerin auf den
+Wunderberg; als sie eine Zeit lang auf demselben herumgegangen war,
+kam sie zu einer Steinwand, da lagen Brocken, grau und schwarz, als wie
+Kohlen. Sie nahm davon etliche zu sich und als sie nach Haus gekommen,
+merkte sie, daß in solchen klares Gold vermischt war. Sie kehrte
+alsbald wieder zurück auf den Berg, mehr davon zu holen, konnte aber
+alles Suchens ungeachtet den Ort nicht mehr finden.
+
+
+
+
+163.
+
+Der Brunnen zu Steinau.
+
++Bange+ thüring. Chronik. Bl. 105.
+
+
+Im Jahr 1271. waren dem Abt Berold zu Fulda seine eignen Unterthanen
+feind und verschworen sich wider sein Leben. Als er einmal in der St.
+Jacobs Capelle Messe las, überfielen ihn die Herrn von Steinau, von
+Eberstein, Albrecht von Brandau, Ebert von Spala, und Ritter Conrad
+und erschlugen ihn. Bald hernach wurden diese Räuber selbdreißig, mit
+zwanzig Pferden, zu Hasselstein auf dem Kirchenraub betrappt, mit dem
+Schwert hingerichtet und ihre Wohnungen zerbrochen. Dieser That halben
+haben die Herrn von Steinau in ihrem Wappen hernachmals drei Räder
+mit drei Scheermessern führen müssen und an der Stätte, da sie das
+Verbündniß über den Abt gemacht, nämlich bei Steinau (an der Straße im
+Hanauischen) an einem Brunnen auf einem Rasen wächst noch zur Zeit kein
+Gras.
+
+
+
+
+164.
+
+Die fünf Kreuze.
+
+Mündlich, aus Höxter.
+
+
+Vor dem Klausthor in Höxter, welches nach Pyrmont führt, gleich linker
+Hand stehen an dem Wege fünf alte Steine, welche die fünf Kreuze
+heißen, vermuthlich weil es versunkene Kreuze sind. Nun geht die
+Sage, es seyen fünf Hühnen dabei erschlagen worden; nach andern fünf
+Grafen von Reischach; wieder nach andern sind fünf Bürger von Tilly im
+dreißigjährigen Krieg aufgehängt worden.
+
+
+
+
+165.
+
+Der Schwerttanz zu Weißenstein.
+
++Winkelmann+ hess. Chronik S. 375. aus dem Mund alter Leute.
+
+
+Unfern Marburg liegt ein Dorf Wehre und dabei ein spitzer Berg, auf
+dem vor alten Zeiten eine Raubburg gestanden haben soll, genannt der
+Weißenstein, und Trümmer davon sind noch übrig. Aus diesem Schloß
+wurde den Umliegenden großer Schaden zugefügt, allein man konnte den
+Räubern nicht beikommen, wegen der Feste der Mauer und Höhe des Bergs.
+Endlich verfielen die Bauern aus Wehre auf eine List. Sie versahen sich
+heimlich mit allerhand Wehr und Waffen, gingen zum Schloß hinauf und
+gaben den Edelleuten vor, daß sie ihnen einen Schwerttanz[6] bringen
+wollten. Unter diesem Schein wurden sie eingelassen; da entblößten
+sie ihre Waffen und hieben das Raubvolk tapfer nieder, bis sich die
+Edelleute auf Gnaden ergaben und von den Bauern sammt der Burg ihrem
+Landesfürsten überliefert wurden.
+
+
+ [6] Die Sitte des hessischen Schwerttanzes, sammt dem Lied der
+ Schwerttänzer wird anderswo mitgetheilt werden.
+
+
+
+
+166.
+
+Der Steintisch zu Bingenheim.
+
++Winkelmann+ Beschr. von Hessen S. 184. aus dem Mund des dauernheimer
+Pastors Draud.
+
+
+In dem hessischen Ort Bingenheim in der Wetterau wurden ehmals vor
+dem Rathhaus unter der Linde jährlich drei Zentgerichte gehalten,
+wozu sich viel vornehmer Adel, der in der fuldischen Mark angesessen
+war, leiblich einfand. Unter der Linde stand ein steinerner Tisch,
+von dem erzählt wurde: er sey aus dem hohen Berg, einem gegen Staden
+hin gelegenen Walde, dahin gebracht worden. In diesem Walde hätten
+früherhin wilde Leute gehaust, deren Handgriffe man noch in den Steinen
+sähe und von denen sich noch drei ausgehöhlte Steinsitze vorfänden. Im
+Jahr 1604. bei Sommerszeit habe man in gedachtem Wald an hellem Tag
+drei Leute in weißer Gestalt umwandern sehen.
+
+
+
+
+167.
+
+Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof.
+
++Widmann+ in der Höfer Chronik.
+
+
+Vor diesem Sterben (der Pest zu Hof im Jahr 1519.) hat sich bei Nacht
+ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen,
+welcher mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gassen
+betreten und mit dem Kopf hoch über die Häuser gereicht hat; welchen
+meine Ahnfrau Walburg Widmännin, da sie einen Abend durch gedachte
+Gasse gehen müssen, selbst gesehen, daß er den einen Fuß bei der
+Einfurt des Wirthshauses, den andern gegenüber auf der andern Seite bei
+dem großen Haus gehabt. Als sie aber vor Schrecken nicht gewußt, ob
+sie zurück oder fortgehen sollen, hat sie es in Gottes Namen gewagt,
+ein Kreuz vor sich gemacht, und ist mitten durch die Gasse und also
+zwischen seinen Beinen hindurch gegangen, weil sie ohne das besorgen
+müssen, solch Gespenst mögte ihr nacheilen. Da sie kaum hindurch
+gekommen, schlägt das Gespenst seine beiden Beine hinter ihr so hart
+zusammen, daß sich ein solch groß Geprassel erhebet, als wann die
+Häuser der ganzen Mordgasse einfielen. Es folgte darauf die große Pest
+und fing das Sterben in der Mordgasse am ersten an.
+
+
+
+
+168.
+
+Krieg und Frieden.
+
++Gottfr. Schulz+ Chronik. S. 542.
+
++Bräuner’s + Curiositäten S. 279.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 665.
+
+
+Im Jahr 1644. am achtzehnten August zog Kurfürst Johann Georg der Erste
+an der Stadt Chemnitz vorbei. Da fingen seine Leute in dem Gehölz der
+Gegend ein wildes Weiblein, das nur eine Elle groß, sonst aber recht
+menschlich gestaltet war. Angesicht, Hände und Füße waren glatt, aber
+der übrige Leib rauch. Es fing an zu reden und sagte: “ich verkündige
+und bringe den Frieden im Lande.” Der Kurfürst befahl, man sollte
+es wieder frei gehen lassen, weil vor etwa fünf und zwanzig Jahren
+auch ein Männlein von gleicher Gestalt gefangen worden, welches den
+Unfrieden und Krieg verkündiget.
+
+
+
+
+169.
+
+Rodensteins Auszug.
+
+Mündlich.
+
+vgl. Zeitung f. die eleg. Welt. 1811. Nr. 126.
+
+und Reichsanzeiger 1806. Nr. 129. 160. 198. 206.
+
+
+Nah an dem zum gräflich erbachischen Amt Reichenberg gehörigen Dorf
+Oberkainsbach, umweit dem Odenwald, liegen auf einem Berge die Trümmer
+des alten Schlosses Schnellerts; gegenüber eine Stunde davon, in
+der rodsteiner Mark, lebten ehemals die Herrn von Rodenstein, deren
+männlicher Stamm erloschen ist. Noch sind die Ruinen ihres alten
+Raubschlosses zu sehen.
+
+Der letzte Besitzer desselben hat sich besonders durch seine Macht,
+durch die Menge seiner Knechte und des erlangten Reichthums berühmt
+gemacht; von ihm geht folgende Sage. Wenn ein Krieg bevorsteht, so
+zieht er von seinem gewöhnlichen Aufenthalts-Ort Schnellerts bei
+grauender Nacht aus, begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden
+Trompeten. Er zieht durch Hecken und Gesträuche, durch die Hofraithe
+und Scheune Simon Daum’s zu Oberkainsbach bis nach dem Rodenstein,
+flüchtet gleichsam als wolle er das seinige in Sicherheit bringen.
+Man hat das Knarren der Wagen und ein ho! ho! Schreien, die Pferde
+anzutreiben, ja selbst die einzelnen Worte gehört, die einherziehendem
+Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden und womit ihm befohlen wird.
+Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in gleichem Zuge vom
+Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille und man
+kann dann gewiß seyn, daß der Frieden wirklich abgeschlossen wird[7].
+Ehe Napoleon im Frühjahr 1815. landete, war bestimmt die Sage, der
+Rodensteiner sey wieder in die Kriegburg ausgezogen.
+
+
+ [7] Bei dem erbachischen Amt Reichenberg zu Reichelsheim hat man
+ viele Personen deshalb abgehört; die Protokolle fangen mit
+ dem Jahr 1742 an und endigen mit 1764. Im Juli 1792 war ein
+ Auszug. Im Jahr 1816 erneuern sich in der Rheingegend ähnliche
+ Gerüchte und Aussagen. Einige nennen statt des Rodensteiners den
+ +Lindenschmied+, von dem das bekannte Volkslied anhebt: “es ist
+ noch nicht lang, daß es geschah, daß man den Lindenschmied reiten
+ sah auf seinem hohen Rosse, er ritt den Rheinstrom auf und ab, er
+ hats gar wohl genossen.” Andere sagen, daß Schnellert aus seiner
+ Burg nach dem Rodenstein auszöge, um seinen geschwornen Todfeind,
+ den Rodensteiner, auch noch als Geist zu befehden.
+
+
+
+
+170.
+
+Der Tannhäuser.
+
+Nach dem alten Volkslied in +Prätorius+ Blocksberg. Lpzg. 1668. S.
+19-25.
+
++Agricola+ Sprichwort 667. p. m. 322 b.
+
+
+Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder
+durchfahren und war auch in Frau Venus Berg zu den schönen Frauen
+gerathen, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin
+gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein
+Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt und begehrte Urlaub. Frau
+Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine
+ihrer Gespielen geben zum ehlichen Weibe und er möge gedenken an ihren
+rothen Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete: kein
+ander Weib gehre er, als die er sich in den Sinn genommen, wolle nicht
+ewig in der Hölle brennen und gleichgültig sey ihm ihr rother Mund,
+könne nicht länger bleiben, denn sein Leben wäre krank geworden. Und
+da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu
+pflegen, allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die himmlische
+Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er
+die Straße nach Rom zu Papst Urban, dem wollte er alle seine Sünde
+beichten, damit ihm Buße aufgelegt würde und seine Seele gerettet wäre.
+Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frauen Venus im
+Berg gewesen, da sprach der Papst: “wann dieser dürre Stecken grünen
+wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen
+seyn, und nicht anders.” Der Tannhäuser sagte: “und hätte ich nur noch
+ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reu und Buße
+gethan haben, daß sich Gott erbarmt hätte;” und vor Jammer und Leid,
+daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von
+neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen.
+Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen langabwesenden
+Buhlen empfängt; danach wohl auf den dritten Tag hub der Stecken an zu
+grünen und der Papst sandte Botschaft in alle Land, sich zu erkundigen,
+wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät, er
+saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren, daselbst muß er nun
+sitzen, bis zum jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen
+wird. Und kein Priester soll einem sündigen Menschen Mißtrost geben,
+sondern verzeihen, wenn er sich anbietet zu Buß und Reue.
+
+
+
+
+171.
+
+Der wilde Jäger Hackelberg.
+
++Hans Kirchhof+ im Wendunmuth. IV. Nr. 283. S. 342. 343.
+
+
+Vorzeiten soll im Braunschweiger Land ein Jägermeister gewesen seyn,
++Hackelberg+ genannt, welcher zum Waidwerk und Jagen solch große
+Lust getragen, daß, da er jetzt an seinem Todbett lag, und vom Jagen
+so ungern abgeschieden, er von Gott soll begehrt und gebeten haben
+(ohnzweifellich aus Ursach seines christlichen und gottseeligen Lebens
+halber, so er bisher geführt), daß er für sein Theil Himmelreich bis
+zum jüngsten Tag am Sölling mögt jagen. Auch deßwegen in ermeldte
+Wildniß und Wald sich zu begraben befohlen, wie geschehen. Und wird
+ihm sein gottloser, ja teuflischer Wunsch verhängt, denn vielmal wird
+ein gräulich und erschrecklich Hornblasen und Hundsgebell die Nacht
+gehört: jetzt hie, ein andermal anderswo in dieser Wildniß, wie mich
+diejenigen, die solch Gefährd auch selbst angehört, berichtet. Zudem
+soll es gewiß seyn, daß, wenn man Nachts ein solch Jagen vermerkt und
+am folgenden Tag gejagd wird, einer ein Arm, Bein, wo nicht den Hals
+gar bricht, oder sonst ein Unglück sich zuträgt.
+
+Ich bin selbst (ist mir recht im Jahr 1558), als ich von Einbeck übern
+Sölling nach Ußlar geritten und mich verirrte, auf des Hackelbergers
+Grab ungefähr gestoßen. War ein Platz, wie eine Wiese, doch von
+unartigem Gewächs und Schilf in der Wildniß, etwas länger denn breit,
+mehr denn ein Acker zu achten; darauf kein Baum sonst stund wie um die
+Ende. Der Platz kehrte sich mit der Länge nach Aufgang der Sonne, unten
+am Ende lag die Zwerch, ein erhabener rother (ich halt Wacken-) Stein,
+bei acht oder neun Schuhen lang und fünfe, wie mich däuchte, breit. Er
+war aber nicht, wie ein anderer Stein, gegen Osten, sondern mit dem
+einen Vorhaupt gegen Süden, mit dem andern gegen Norden gekehret.
+
+Man sagte mir, es vermögte niemand dieses Grab aus Vorwitz oder mit
+Fleiß, wie hoch er sich deß unterstünde, zu finden, käme aber jemand
+ungefähr, lägen etliche gräuliche schwarze Hunde daneben. Solches
+Gespensts und Wusts ward ich aber im geringsten nicht gewahr, sonst
+hatte ich wenig Haare meines Haupts, die nicht empor stiegen.
+
+
+
+
+172.
+
+Der wilde Jäger und der Schneider.
+
+Mündlich, aus Münster.
+
+
+Ein Schneider saß einmal auf seinem Tische am Fenster und arbeitete,
+da fuhr der wilde Jäger mit seinen Hunden über das Haus her und das
+war ein Lärmen und Bellen, als wenn die Welt verginge. Man sagt sonst
+den Schneidern nach, sie seyen furchtsam, aber dieser war es nicht,
+denn er spottete des wilden Jägers und schrie: “huhu, huhu, kliffklaff,
+kliffklaff!” und hetzte die Hunde noch mehr an; da kam aber ein
+Pferdefuß ins Fenster hereingefahren und schlug den Schneider vom
+Tische herab, daß er wie todt niederfiel. Als er wieder zur Besinnung
+kam, hörte er eine fürchterliche Stimme:
+
+ wust du met mi jagen,
+ dan sost du auk met mi knagen!
+
+ich weiß gewiß, er wird nie wieder den wilden Jäger geneckt haben.
+
+
+
+
+173.
+
+Der Hoselberg[8].
+
++Bange+ thüring. Chronik ~fol.~ 57.
+
++Kornmann+ ~mons Veneris~ Cap. 74. p. 374.
+
++Seyfried+ ~medulla~ p. 482.
+
+vgl. +Agricola+ Sprüchwort 301.
+
+
+Im Lande zu Thüringen nicht fern von Eisenach liegt ein Berg,
+genannt der +Höselberg+, worin der Teufel haust und zu dem die Hexen
+wallfahrten. Zuweilen erschallt jämmerliches Heulen und Schreien her
+daraus, das die Teufel und armen Seelen ausstoßen; im Jahr 1398. am
+hellen Tage erhoben sich bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine
+Zeitlang in der Luft, thaten sich zusammen und wieder von einander und
+fuhren endlich alle drei in diesen Berg. Fuhrleute, die ein andermal
+mit Wein vorbeigefahren kamen, lockte der böse Feind mit einem Gesicht
+hinein und wies ihnen etliche bekannte Leute, die bereits in der
+höllischen Flamme saßen.
+
+Die Sage erzählt: einmal habe ein König von Engelland mit seiner
+Gemahlin, Namens Reinschweig, gelebt, die er aus einem geringen Stand,
+blos ihrer Tugend willen, zur Königin erhoben. Als nun der König
+gestorben war, den sie aus der Maßen lieb hatte, wollte sie ihrer Treu
+an ihm nicht vergessen, sondern gab Almosen und betete für die Erlösung
+seiner Seele. Da war gesagt, daß ihr Herr sein Fegfeuer zu Thüringen im
+Höselberg hätte, also zog die fromme Königin nach Deutschland und baute
+sich unten am Berg eine Capelle, um zu beten, und rings umher entstand
+ein Dorf. Da erschienen ihr die bösen Geister, und sie nannte den Ort
++Satansstedt+, woraus man nach und nach +Sattelstedt+ gemacht hat.
+
+
+ [8] Man findet gleichbedeutig: Horsel- Hursel- Hosel- Oselberg. Die
+ eigentliche Ableitung von Ursel, Usel ~(favilla)~ liegt nahe.
+
+
+
+
+174.
+
+Des Rechenbergers Knecht.
+
++Agricola+ im Sprüchw. 301. Bl. 172.
+
++Kirchhof’s+ Wendunmuth ~V. Nr.~ 247-249. S. 304. 305.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden. 106.
+
+
+Es sagte im Jahr 1520. Herr Hans von Rechenberg in Beiseyn Sebastians
+Schlick und anderer viel ehrlicher und rechtlicher Leute, wie seinem
+Vater und ihm ein Knecht zur Zeit, da König Matthias in Ungarn gegen
+den Türken gestritten, treulich und wohl gedienet hätte viel Jahr, also
+daß sie nie einen bessern Knecht gehabt. Auf eine Zeit aber ward ihm
+Botschaft an einen großen Herrn auszurichten vertrauet und da Herr Hans
+meinte, der Knecht wäre längst hinweg, ging er von ohngefähr in den
+Stall, da fand er den Knecht auf der Streu bei den Pferden liegen und
+schlafen, ward zornig und sprach, wie das käme? Der Knecht stand auf
+und zog einen Brief aus dem Busen, sagte: “da ist die Antwort.” Nun war
+der Weg ferne und unmöglich einem Menschen, daß er da sollte gewesen
+seyn. Dabei ward der Knecht erkannt, daß es ein Geist gewesen wäre.
+Bald nach diesem wurde er auf eine Zeit bedrängt von den Feinden, da
+hob der Knecht an: “Herr, erschrecket nicht, gebt eilends die Flucht,
+ich aber will zurückreiten und Kundschaft von den Feinden nehmen.”
+Der Knecht kam wieder, klingelte und klapperte feindlich in seinen
+vollgepfropften Taschen. “Was hast du da?” sprach der Herr. “Ich hab
+allen ihren Pferden die Eisen abgebrochen und weggenommen, die bring
+ich hier.” Damit schüttete er die Hufeisen aus und die Feinde konnten
+Herrn Hansen nicht verfolgen.
+
+Herr Hans von Rechenberg sagte auch: der Knecht wäre zuletzt wegkommen,
+niemand wüßte wohin, nachdem man ihn erkannt hätte.
+
+Kirchhof, welcher von einem andern Edelmann, der sich aus dem Stegreif
+ernährt, die Sage erzählt, hat noch folgende Züge. Einmal ritt sein
+Herr fort und befahl ihm ein Pferd, das ihm sehr lieb war: er sollt
+dessen fleißig warten. Als der Junker weg war, führte der Knecht das
+Pferd auf einen hohen Thurm, höher denn zehn Stufen; wie aber der Herr
+wieder kam, vernahm und kannte es ihn im Hineinreiten, steckte den Kopf
+oben im Thurm zum Fenster hinaus und fing an zu schreien, daß er sich
+gar sehr verwunderte und es mit Stricken und Seilen mußte vom Thurm
+herablassen.
+
+Auf eine andere Zeit lag der Edelmann um eines Todschlags willen
+gefangen und rief den Knecht an, daß er ihm hülfe. Sprach der Knecht:
+“obschon es schwer ist, will ichs doch thun, doch müßt ihr nicht viel
+mit den Händen vor mir flattern und Schirmstreich brauchen.” Damit
+meinte er ein Kreuz vor sich machen und sich segnen. Der Edelmann
+sprach, er sollte nur fortfahren, er wollte sich damit recht halten.
+Was geschah? Er nahm ihn mit Ketten und Fesseln, führte ihn in der Luft
+daher; wie sich aber der Edelmann in der Höhe fürchtet und schwindelt
+und rief: “hilf Gott! hilf! wo bin ich!” ließ er ihn herunter in einen
+Pfuhl fallen, kam heim und zeigte es der Frau an, daß sie ihn holen und
+heilen ließ, wie sie that.
+
+
+
+
+175.
+
+Geister-Kirche.
+
++Widmann’s+ Höfer Chronik.
+
+Mündliche Erzählungen aus dem Paderbörnischen.
+
+
+Um das Jahr 1516 hat sich eine wunderbare, doch wahrhaftige Geschichte
+in St. Lorenz Kirche und auf desselben Kirchhof zugetragen. Als eine
+andächtige, alte, fromme Frau, ihrer Gewohnheit nach, einsmals früh
+Morgens vor Tag hinaus gen St. Lorenz in die Engelmesse gehen wollen,
+in der Meinung, es sey die rechte Zeit, kommt sie um Mitternacht vor
+das obere Thor, findet es offen und geht also hinaus in die Kirche,
+wo sie dann einen alten, unbekannten Pfaffen die Messe vor dem Altar
+verrichten sieht. Viele Leut, mehrers Theils unbekannte, sitzen hin und
+wieder in den Stühlen zu beiden Seiten, eines Theils ohne Köpf, auch
+unter denselben etliche, die unlängst verstorben waren und die sie in
+ihrem Leben wohl gekannt hatte.
+
+Das Weib setzt sich mit großer Furcht und Schrecken in der Stühle einen
+und, weil sie nichts denn verstorbene Leute, bekannte und unbekannte,
+siehet, vermeint, es wären der Verstorbenen Seelen; weiß auch nicht,
+ob sie wieder aus der Kirche gehen oder drinnen bleiben soll, weil
+sie viel zu früh kommen wär, und Haut und Haar ihr zu Berge steigen.
+Da geht eine aus dem Haufen, welche bei Leben, wie sie meinte, ihre
+Gevatterin gewesen und vor dreien Wochen gestorben war, ohne Zweifel
+ein guter Engel Gottes, hin zu ihr, zupfet sie bei der Kursen (Mantel),
+beutet ihr einen guten Morgen und spricht: “ei! liebe Gevatterin,
+behüt uns der allmächtige Gott, wie kommt ihr daher? Ich bitte euch
+um Gottes und seiner lieben Mutter willen, habt eben acht auf, wann
+der Priester wandelt oder segnet, so laufet, wie ihr laufen könnt und
+sehet euch nur nicht um, es kostet euch sonst euer Leben.” Darauf sie,
+als der Priester wandeln will, aus der Kirche geeilet, so sehr sie
+gekonnt, und hat hinter ihr ein gewaltig Prasseln, als wann die ganze
+Kirche einfiele, gehöret, ist ihr auch alles Gespenst aus der Kirche
+nachgelaufen und hat sie noch auf dem Kirchhof erwischt, ihr auch die
+Kursen (wie die Weiber damals trugen) vom Hals gerissen, welche sie
+dann hinter sich gelassen und ist sie also unversehret davon kommen und
+entronnen. Da sie nun wiederum zum obern Thor kommt und herein in die
+Stadt gehen will, findet sie es noch verschlossen, dann es etwa um ein
+Uhr nach Mitternacht gewesen: mußt derowegen wohl bei dreien Stunden
+in einem Haus verharren bis das Thor geöffnet wird und kann hieraus
+vermerken, daß kein guter Geist ihr zuvor durch das Thor geholfen
+habe und daß die Schweine, die sie anfangs vor dem Thor gesehen und
+gehört, gleich als wenn es Zeit wäre, das Vieh auszutreiben, nichts
+anders, dann der leidige Teufel gewesen. Doch, weil es ein beherztes
+Weib ohne das gewesen und sie dem Unglück entgangen, hat sie sich
+des Dings nicht mehr angenommen, sondern ist zu Haus gegangen und
+am Leben unbeschädigt blieben, obwohl sie wegen des eingenommenen
+Schreckens zwei Tag zu Bett hat liegen müssen. Denselben Morgen aber,
+da ihr solches zu Handen gestoßen, hat sie, als es nun Tag worden,
+auf den Kirchhof hinausgeschicket und nach ihrer Kursen, ob dieselbe
+noch vorhanden, umsehen und suchen lassen; da ist dieselbe zu kleinen
+Stücklein zerrissen gefunden worden, also daß auf jedem Grabe ein
+kleines Flecklein gelegen, darob sich die Leut, die haufenweis
+derohalben hinaus auf den Kirchhof liefen, nicht wenig wunderten.
+
+Diese Geschichte ist unsern Eltern sehr wohl bekannt gewesen, da
+man nicht allein hie in der Stadt, sondern auch auf dem Land in den
+benachbarten Orten und Flecken davon zu sagen gewußt, wie dann noch
+heutiges Tags Leute gefunden werden, die es vor der Zeit von ihren
+Eltern gehört und vernommen haben. --
+
+Nach mündlichen Erzählungen hat es sich in der Nacht vor dem
+Aller-Seelen-Tag zugetragen, an welchem die Kirche feierlich das
+Gedächtniß der abgeschiedenen Seelen begeht. Als die Messe zu Ende ist,
+verschwindet plötzlich alles Volk aus der Kirche, so voll sie vorher
+war, und sie wird ganz leer und finster. Sie sucht ängstlich den Weg
+zur Kirchthüre und wie sie heraustritt, schlägt die Glocke im Thurm ein
+Uhr und die Thüre fährt mit solcher Gewalt gleich hinter ihr zu, daß
+ihr schwarzer Regenmantel eingeklemmt wird. Sie läßt ihn, eilt fort und
+als sie am Morgen kommt, ihn zu holen, ist er zerrissen und auf jedem
+Grabhügel liegt ein Stücklein davon.
+
+
+
+
+176.
+
+Geister-Mahl.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 336-340.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. S. 426.
+
+
+Als König Friedrich der Dritte von Dänemark eine öffentliche
+Zusammenkunft nach Flensburg ausgeschrieben, trug sich zu, daß ein
+dazu herbeigereister Edelmann, weil er spät am Abend anlangte, in
+dem Gasthaus keinen Platz finden konnte. Der Wirth sagte ihm, alle
+Zimmer wären besetzt, bis auf ein einziges großes, darin aber die
+Nacht zuzubringen wolle er ihm selbst nicht anrathen, weil es nicht
+geheuer und Geister darin ihr Wesen trieben. Der Edelmann gab seinen
+unerschrockenen Muth lächelnd zu erkennen und sagte, er fürchte keine
+Gespenster und begehre nur ein Licht, damit er, was sich etwa zeige,
+besser sehen könne. Der Wirth brachte ihm das Licht, welches der
+Edelmann auf den Tisch setzte und sich mit wachenden Augen versichern
+wollte, daß Geister nicht zu sehen wären. Die Nacht war noch nicht
+halb herum, als es anfing, im Zimmer hier und dort sich zu regen und
+rühren und bald ein Rascheln über das andere sich hören ließ. Er hatte
+anfangs Muth, sich wider den anschauernden Schrecken fest zu halten,
+bald aber, als das Geräusch immer wuchs, ward die Furcht Meister, so
+daß er zu zittern anfing, er mogte widerstreben, wie er wollte. Nach
+diesem Vorspiel von Getöse und Getümmel kam durch ein Kamin, welches im
+Zimmer war, das Bein eines Menschen herabgefallen, bald auch ein Arm,
+dann Leib, Brust und alle Glieder, zuletzt, wie nichts mehr fehlte,
+der Kopf. Alsbald setzten sich die Theile nach ihrer Ordnung zusammen
+und ein ganz menschlicher Leib, einem Hof-Diener ähnlich, hob sich
+auf. Jetzt fielen immer mehr und mehr Glieder herab, die sich schnell
+zu menschlicher Gestalt vereinigten, bis endlich die Thüre des Zimmers
+aufging und der helle Haufen eines völligen königlichen Hofstaats
+eintrat.
+
+Der Edelmann, der bisher wie erstarrt am Tisch gestanden, als er sah,
+daß der Zug sich näherte, eilte zitternd in einen Winkel des Zimmers;
+zur Thür hinaus konnte er vor dem Zuge nicht.
+
+Er sah nun, wie mit ganz unglaublicher Behendigkeit die Geister eine
+Tafel deckten; alsbald köstliche Gerichte herbeitrugen und silberne
+und goldene Becher aufsetzten. Wie das geschehen war, kam einer zu ihm
+gegangen und begehrte, er solle sich als ein Gast und Fremdling zu
+ihnen mit an die Tafel setzen und mit ihrer Bewirthung vorlieb nehmen.
+Als er sich weigerte, ward ihm ein großer silberner Becher dargereicht,
+daraus Bescheid zu thun. Der Edelmann, der vor Bestürzung sich nicht
+zu fassen wußte, nahm den Becher und es schien auch, als würde man
+ihn sonst dazu nöthigen, aber als er ihn ansetzte, kam ihn ein so
+innerliches, Mark und Bein durchdringendes Grausen an, daß er Gott um
+Schutz und Schirm laut anrief. Kaum hatte er das Gebät gesprochen, so
+war in einem Augenblick alle Pracht, Lärm und das ganze glänzende Mahl
+mit den herrlich scheinenden stolzen Geistern verschwunden.
+
+Indessen blieb der silberne Becher in seiner Hand, und wenn auch alle
+Speisen verschwunden waren, blieb doch das silberne Geschirr auf
+der Tafel stehen, auch das eine Licht, das der Wirth ihm gebracht.
+Der Edelmann freute sich und glaubte, das alles sey ihm gewonnenes
+Eigenthum, allein der Wirth that Einspruch, bis es dem König zu Ohren
+kam, welcher erklärte, daß das Silber ihm heimgefallen wäre und es zu
+seinen Handen nehmen ließ. Woher es gekommen, hat man nicht erfahren
+können, indem auch nicht, wie gewöhnlich, Wappen und Namen eingegraben
+war.
+
+
+
+
+177.
+
+Der Dachdecker.
+
+Mündlich.
+
+
+Ein junger Dachdecker sollte sein Meisterstück machen und auf der
+Spitze eines glücklich fertigen Thurms die Rede halten. Mitten im
+Spruch aber fing er an zu stocken und rief plötzlich seinem unten unter
+vielem Volk stehenden Vater zu: “Vater, die Dörfer, Berge und Wälder
+dort, die kommen zu mir her!” Da fiel der Vater sogleich nieder auf die
+Knie und betete für die Seele seines Sohns und ermahnte die Leute, ein
+gleiches zu thun. Bald auch stürzte der Sohn todt herab. -- Es soll
+auch nach ihren Rechten dem Vater zukommen, wenn der Sohn das erstemal
+vor ihm aufsteigt und anfängt irr zu reden, ihn gleich zu fassen und
+selbst herabzuwerfen, damit er im Sturz nicht selbst mit gerissen wird.
+
+
+
+
+178.
+
+Die Spinnerin am Creuz.
+
+Mündlich, in Oestreich.
+
+
+Dicht bei Wien, wenn man die Vorstadt Landstraße hinausgeht, stehet
+ein steinernes, gut gearbeitetes Heiligenbild, unbedenklich über
+zwei Jahrhunderte alt. Davon geht die Sage: eine arme Frau habe zu
+Gottes Ehren dieses Heilthum wollen aufrichten lassen, und also so
+lang gesponnen, bis sie für ihren Verdienst nach und nach das zum Bau
+nöthige Geld zusammengebracht.
+
+
+
+
+179.
+
+Buttermilchthurm.
+
++Fricke’s+ Kupferwerk von Marienburg, nach mündl. Sagen.
+
+
+Vom Buttermilchthurm zu Marienburg in Preußen wird erzählt, einstmal
+habe der Deutschmeister auf einem nahgelegenen Dorfe etwas Buttermilch
+für sich fordern lassen. Allein die Bauern spotteten seines Boten und
+sandten Tags drauf zwei Männer in die Burg, die brachten ein ganzes
+Faß voll Buttermilch getragen. Erzürnt sperrte der Deutschmeister die
+beiden Bauern in einen Thurm und zwang sie, so lang drin zu bleiben,
+bis sie die Milch sämmtlich aus dem Faß gegessen hätten. Seitdem hat
+der Burgthurm den Namen.
+
+Andere aber berichten folgendes: Die Einwohner eines benachbarten Dorfs
+mußten bis zu dem Bauplatz einen Weg mit Mariengroschen legen und so
+viel Buttermilch herbeischaffen, als zur Bereitung des Kalks, statt
+Wassers, nöthig war und mit diesem Mörtel wurde hernach der Thurm
+aufgemauert.
+
+
+
+
+180.
+
+Der heilige Winfried.
+
+Hess. Denkwürdigk. II. 3. 4.
+
+
+Als der heil. Winfried, genannt Bonifacius, die Hessen bekehren wollte,
+kam er auf einen Berg, wo ein heidnisches Gotteshaus stand, das ließ er
+umreißen und die erste christliche Kirche bauen. Seitdem heißt der Berg
++Christenberg+, (vier Stunden von Marburg) und zweihundert Schritte von
+der Kirche weisen die Leute noch heutigestags einen Fußtritt im Stein,
+der von Bonifacius herrührt, als er vor heiligem Eifer auf den Boden
+stampfte. Wie er nach Thüringen kam, ließ er zu Großvargula eine Kirche
+bauen, die er selbst einweihen sollte. Da steckte er seinen dürren Stab
+in die Erde, trat in die Kirche und las die Messe; nach vollbrachtem
+Gottesdienst hatte der Stab gegrünt und Sprossen getrieben.
+
+
+
+
+181.
+
+Der Hülfenberg.
+
+Mündlich in Hessen, vergl. ~+Sagittarius+~ thür. Heidenthum S. 165. 166.
+
+
+Eine Stunde von Wanfried liegt der Hülfenberg, auf diesen Berg befahl
+der heilige Bonifaz eine Capelle zu bauen. Unter dem Bauen kam nun
+oft ein Mann gegangen, der fragte: was es denn geben sollte? Die
+Zimmerleute antworteten immer: “ei, eine Scheuer solls geben.” Da ging
+er wieder seiner Wege. Zuletzt aber wurde die Kirche immer mehr fertig
+und der Altar aufgebaut und das Creuz glücklich gesteckt. Wie nun der
+böse Feind wiederkam und das alles sehen mußte, ergrimmte er und fuhr
+aus, oben durch den Giebel; und das Loch, das er da gemacht, ist noch
+bis den heutigen Tag zu sehen und kann nimmer zugebaut werden. Auch ist
+er inwendig in den Berg gefahren und suchte die Kirche zu zertrümmern,
+es war aber eitel und vergebens. Das Loch, worin er verschwand, nennt
+man das +Stuffensloch+, (wie den ganzen Berg auch Stuffensberg) und
+es soll zu Zeiten daraus dampfen und Nebel aufsteigen. Von dieser
+Capelle wird weiter erzählt: sie sey einer Heiligen geweiht, rühre
+ein Kranker deren Gewand an, so genese er zur Stunde. Diese Heilige
+aber wäre vordem eine wunderschöne Prinzessin gewesen, in die sich ihr
+eigener Vater verliebt. In der Noth hätte sie aber zu Gott im Himmel
+um Beistand gebätet, da wäre ihr plötzlich ein Bart gewachsen und ihre
+irdische Schönheit zu Ende gegangen.
+
+
+
+
+182.
+
+Das Teufelsloch zu Goslar.
+
++Müchler+ Spiele müß. Stunden. 1810. Th. 4.
+
+
+In der Kirchenmauer zu Goslar sieht man einen Spalt und erzählt davon
+so: Der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fuld hatten einmal einen
+heftigen Rangstreit, jeder wollte in der Kirche neben dem Kaiser sitzen
+und der Bischof behauptete den ersten Weihnachtstag die Ehrenstelle. Da
+bestellte der Abt heimlich bewaffnete Männer in die Kirche, die sollten
+ihn den morgenden Tag mit Gewalt in Besitz seines Rechtes setzen. Dem
+Bischof wurde das aber verkundschaftet und ordnete sich auch gewappnete
+Männer hin. Tags drauf erneuerten sie den Rangstreit, erst mit Worten,
+dann mit der That, die gewaffneten Ritter traten hervor und fochten;
+die Kirche glich einer Wahlstätte, das Blut floß stromweise zur Kirche
+hinaus auf den Gottesacker. Drei Tage dauerte der Streit und während
+des Kampfes stieß der Teufel ein Loch in die Wand und stellte sich
+den Kämpfern dar. Er entflammte sie zum Zorn und von den gefallenen
+Helden hohlte er manche Seele ab. So lang der Kampf währte, blieb der
+Teufel auch da, hernach verschwand er wieder, als nichts mehr für ihn
+zu thun war. Man versuchte hernachmals, das Loch in der Kirche wieder
+zuzumauern und das gelang bis auf den letzten Stein; sobald man diesen
+einsetzte, fiel alles wieder ein und das Loch stand ganz offen da. Man
+besprach und besprengte es vergebens mit Weihwasser, endlich wandte man
+sich an den Herzog von Braunschweig und erbat sich dessen Baumeister.
+Diese Baumeister mauerten eine schwarze Katze mit ein und beim
+Einsetzen des letzten Steins bedienten sie sich der Worte: “willst du
+nicht sitzen in Gottes Namen, so sitz ins Teufels Namen!” Dieses wirkte
+und der Teufel verhielt sich ruhig, blos bekam in der folgenden Nacht
+die Mauer eine Ritze, die noch zu sehen ist bis auf den heutigen Tag.
+
+Nach Aug. Lercheimer von der Zauberei, sollen der Bischof und Abt
+darüber gestritten haben, wer dem Erzbischof von Mainz zunächst
+sitzen dürfe. Nachdem der Streit gestillet war, habe man in der Messe
+ausgesungen: “~hunc diem gloriosum fecisti~.” Da fiel der Teufel
+unterm Gewölb mit grober, lauter Stimme ein und sang: “~hunc diem
+bellicosum ego feci~.”
+
+
+
+
+183.
+
+Die Teufelsmühle.
+
++Otmar+ S. 189-194.
+
+Quedlinburger Sammlung.
+
+
+Auf dem Gipfel des Rammberges liegen theils zerstreute, theils
+geschichtete Granitblöcke, welche man des Teufels Mühle heißt. Ein
+Müller hatte sich am Abhang des Bergs eine Windmühle erbaut, der es
+aber zuweilen an Wind fehlte. Da wünschte er sich oft eine, die oben
+auf dem Berggipfel stünde und beständig im Gang bliebe. Menschenhänden
+war sie aber unmöglich zu erbauen. Weil der Müller keine Ruh darüber
+hatte, erschien ihm der Teufel und sie dingten lange mit einander.
+Endlich verschrieb ihm der Müller seine Seele gegen dreißig Jahre
+langes Leben und eine tadelfreie Mühle von sechs Gängen, auf dem Gipfel
+des Rammbergs, die aber in der nächstfolgenden Nacht vor Hahnenschrei
+fix und fertig gebaut seyn müßte. Der Teufel hielt sein Wort und hohlte
+nach Mitternacht den Müller ab, daß er die fertige Mühle besichtigen
+und übernehmen wolle. Der Müller fand alles in vollkommner Ordnung und
+war zitternd bereit, sie zu übernehmen, als er eben noch entdeckte, daß
+einer von den unentbehrlichen Steinen fehlte. Der Teufel gestand den
+Mangel und wollte ihn augenblicklich ersetzen. Und schon schwebte er
+durch die Lüfte mit dem Stein, da krähte der Hahn auf der untern Mühle.
+Wüthend faßte der böse Feind das Gebäude, riß Flügel, Räder und Wellen
+herab und streute sie weit umher. Dann schleuderte er auch die Felsen,
+daß sie den Rammberg bedeckten. Nur ein kleiner Theil der Grundlage
+blieb stehen zum Angedenken seiner Mühle.
+
+
+
+
+184.
+
+Der Herrgottstritt.
+
+Würtenbergisch. +Lang’s+ Taschenbuch für 1800. S. 129-136.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 599.
+
++Zeiller+ ~II. epist~. 60.
+
++Seyfried’s+ ~medulla~. p. 429.
+
+vgl. +Sattler+ Topographie Würtembergs.
+
+
+Auf einem Felsen des Alb bei Heuberg, in einem anmuthigen, von der Rems
+durchflossenen Thal, liegen Trümmer der Burg +Rosenstein+, und unlängst
+sah man da Spur eines schönen menschlichen Fußes im Stein, den aber die
+Regierung mit Pulver hat versprengen lassen, weil Aberglauben damit
+getrieben wurde. Gegenüber auf dem +Scheulberg+[9] stehet die ähnliche
+Spur eines Tritts landeinwärts, wie die auf dem Rosenstein auswärts.
+Gegenüber im Walde ist die Capelle der wunderthätigen Maria vom
+Beißwang[10]. Links eine Kluft, geheißen +Teufelsklinge+, aus der bei
+anhaltendem Regen trübes Wasser fließt; hinterm Schloß ein gehöhlter
+Felsen, Namens +Scheuer+.
+
+Vor grauer Zeit zeigte von diesem Berge herab der Versucher Christo die
+schöne Gegend und bot sie ihm an, wenn er vor ihm kniebeugen wollte.
+Alsbald befahl Christus der Herr ihm, zu entweichen und der Satan
+stürzte den Berg hinab. Allein er wurde verflucht, tausend Jahre in
+Ketten und Banden in der Teufelsklinge zu liegen und das trübe Wasser,
+das noch daraus strömt, sind seine teuflischen Thränen. Christus
+that aber einen mächtigen Schritt übers Gebirg und wo er seine Füße
+hingesetzt, drückten sich die Spuren ein[11].
+
+Später lang darauf bauten die Herrn von Rosenstein hier eine Burg und
+waren Raubritter, welche das Raubgut in der Scheuer bargen. Einmal gab
+ihnen der Teufel ein, daß sie die Waldcapelle stürmen möchten. Kaum
+aber waren sie mit dem Kirchengut heimgekehrt, als sich ein ungeheurer
+Sturm hob und das ganze Raubnest zertrümmerte. Indem hörte man den
+Teufel laut lachen.
+
+
+ [9] Bey Seyfried: Schawelberg. Jenes der linke, dieses der rechte
+ Fuß.
+
+ [10] Gestiftet von Friedrich mit dem Biß in der Wange.
+
+ [11] Zeiller erzählt abweichend: Christus auf der Flucht vor den
+ Juden habe die Merkzeichen eingedrückt. Die Leute holen sich
+ allda Augenwasser.
+
+
+
+
+185.
+
+Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt.
+
+Mündlich, aus Frankfurt.
+
+
+In der Mitte der Sachsenhäuser Brücke sind zwei Bogen oben zum Theil
+nur mit Holz zugelegt, damit dies in Kriegszeiten weggenommen und die
+Verbindung leicht, ohne etwas zu sprengen, gehemmt werden kann. Davon
+gibt es folgende Sage.
+
+Der Baumeister hatte sich verbindlich gemacht, die Brücke bis zu einer
+bestimmten Zeit zu vollenden. Als diese herannahte, sah er, daß es
+unmöglich war, und, wie nur noch zwei Tage übrig waren, rief er in der
+Angst den Teufel an und bat um seinen Beistand. Der Teufel erschien
+und erbot sich, die Brücke in der letzten Nacht fertig zu bauen, wenn
+ihm der Baumeister dafür das erste lebendige Wesen, das darüber ging,
+überliefern wollte. Der Vertrag wurde geschlossen und der Teufel baute
+in der letzten Nacht, ohne daß ein Menschenauge in der Finsterniß
+sehen konnte, wie es zuging, die Brücke ganz richtig fertig. Als nun
+der erste Morgen anbrach, kam der Baumeister und trieb einen Hahn über
+die Brücke vor sich her und überlieferte ihn dem Teufel. Dieser aber
+hatte eine menschliche Seele gewollt und wie er sich also betrogen
+sah, packte er zornig den Hahn, zerriß ihn und warf ihn durch die
+Brücke, wovon die zwei Löcher entstanden sind, die bis auf den heutigen
+Tag nicht können zugemauert werden, weil alles in der Nacht wieder
+zusammenfällt, was Tags daran gearbeitet ist. Ein goldner Hahn auf
+einer Eisenstange steht aber noch jetzt zum Wahrzeichen auf der Brücke.
+
+
+
+
+186.
+
+Der Wolf und der Tannenzapf.
+
+Mündlich.
+
+
+Zu Achen im Dom zeigt man an dem einen Flügel des ehernen Kirchenthors
+einen Spalt und das Bild eines Wolfs nebst einem Tannenzapfen, beide
+gleichfalls aus Erz gegossen. Die Sage davon lautet: vor Zeiten,
+als man diese Kirche zu bauen angefangen, habe man mitten im Werk
+einhalten müssen aus Mangel an Geld. Nachdem nun die Trümmer eine
+Weile so dagestanden, sey der Teufel zu den Rathsherrn gekommen,
+mit dem Erbieten, das benöthigte Geld zu geben unter der Bedingung,
+daß die erste Seele, die bei der Einweihung der Kirche in die Thüre
+hineinträte, sein eigen würde. Der Rath habe lang gezaudert, endlich
+doch eingewilligt und versprochen, den Inhalt der Bedingung geheim
+zu halten. Darauf sey mit dem Höllengeld das Gotteshaus herrlich
+ausgebaut, immittelst aber auch das Geheimniß ruchtbar geworden.
+Niemand wollte also die Kirche zuerst betreten und man sann endlich
+eine List aus. Man fing einen Wolf im Wald, trug ihn zum Hauptthor der
+Kirche und an dem Festtag, als die Glocken zu läuten anhuben, ließ man
+ihn los und hineinlaufen. Wie ein Sturmwind fuhr der Teufel hinterdrein
+und erwischte das, was ihm nach dem Vertrag gehörte. Als er aber
+merkte, daß er betrogen war und man ihm eine bloße Wolfsseele geliefert
+hatte, erzürnte er und warf das eherne Thor so gewaltig zu, daß der
+eine Flügel sprang und den Spalt bis auf den heutigen Tag behalten
+hat. Zum Andenken goß man den Wolf und seine Seele, die dem Tannenzapf
+ähnlich seyn soll. -- Andere erzählen es von einer sündhaften Frau, die
+man für das Wohl der ganzen Stadt dem Teufel geopfert habe und erklären
+die Frucht durch eine Artischocke, welche der Frauen arme Seele
+bedeuten soll.
+
+
+
+
+187.
+
+Der Teufel von Ach.
+
++Agricola+ Sprichw. 301.
+
++Schottel+ Grammat. S. 1134.
+
+
+Zu Achen steht ein großer Thurm in der Stadtmauer, genannt
++Ponellenthurm+, darin sich der Teufel mit viel Wunders-Geschrei,
+Glockenklingen und anderm Unfug oftmals sehen und hören läßt, und ist
+die Sage, er sey hinein verbannt und da muß er bleiben, bis an den
+jüngsten Tag. Darum, wenn man daselbst von unmöglichen Dingen redet, so
+sagt man: “ja es wird geschehen, wann der Teufel von Ach kommt,” das
+ist, nimmermehr.
+
+
+
+
+188.
+
+Die Teufelsmauer.
+
+~+Döderlin+ de antiqq. in Nordgavia romanis p.~ 29.
+
+
+Von der nordgauer Pfahlhecke erzählten die Bauern um Oberndorf und
+Otmannsfeld: der Teufel habe von Gott dem Herrn einen Theil der Erde
+gefordert und dieser insoweit dreingewilligt: dasjenige Stück Lands,
+das er vor Hahnenkrat mit Mauer umschlossen habe, solle ihm zufallen.
+Der böse Feind habe sich stracks ans Werk gemacht, doch eh er die
+letzte Hand angelegt und den Schlußstein aufgesetzt, der Hahn gekrähet.
+Vor Zorn nun, daß das Geding und seine Hoffnung zunicht geworden, sey
+er ungestüm über das ganze Werk hergefallen und habe alle Steine übern
+Haufen geworfen. Noch jetzt spuke es auf dieser Teufelsmauer.
+
+
+
+
+189.
+
+Des Teufels Tanzplatz.
+
++Otmar+ S. 175-178.
+
+
+Auf dem nördlichen Harz, zwischen Blankenburg und Quedlinburg, siehet
+man südwärts vom Dorfe Thale eine Felsenfläche, die das Volk: des
+Teufels Tanzplatz nennt und nicht weit davon Trümmer einer alten
+Mauer, denen gegenüber nordwärts vom Dorfe sich ein großes Felsenriff
+erhebt. Jene Trümmer und dieses Riff nennt das Volk: Teufelsmauer. Der
+Teufel stritt lange mit dem lieben Gott um die Herrschaft der Erde.
+Endlich wurde eine Theilung des damals bewohnten Landes verabredet. Die
+Felsen, wo jetzt der Tanzplatz ist, sollten die Grenze scheiden und der
+Teufel erbaute unter lautem Jubeltanz seine Mauer. Aber bald erhub der
+Nimmersatte neuen Zank, der damit endigte, daß ihm noch das am Fuße
+jenes Felsens belegene Thal zugegeben wurde. Darauf thürmte er noch
+eine zweite Teufelsmauer.
+
+
+
+
+190.
+
+Die Teufelscanzel.
+
+Homilien des Teufels. Frankf. 1800.
+
+
+Unweit Baden steht eine Felsenreihe. Die Leute nennen sie Teufelscanzel
+und behaupten, der böse Feind habe einsmals darauf geprediget.
+
+
+
+
+191.
+
+Das Teufelsohrkissen.
+
+Morgenblatt. 1811. Nr. 208. S. 830.
+
+
+Am Fuße des Schlosses Bentheim stehen einige sonderbare, glatte Felsen.
+Einer derselben, oben flach, wie ein aufrechtstehender runder Pfühl,
+wird Teufelsohrkissen genannt, weil der Teufel einmal drauf geschlafen
+habe. Die Spuren seines Ohrs drückten sich in den Stein und sind noch
+sichtbar darauf.
+
+
+
+
+192.
+
+Der Teufelsfelsen.
+
+Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 128. 129.
+
+
+Die Fichtelberger erzählen: es habe der Satan den Herrn Christus auf
+den Cößeinfelsen geführt und ihm die Reiche der Welt gezeigt, auch
+alle zu schenken verheißen, wenn er ihn anbeten wolle, außer die Dörfer
+N. und R. nicht, welche sein Leibgeding. --
+
+Die Einwohner dieser Dörfer sind rauh und mißgestalt; die Gegend dabei
+ist unfreundlich und heißt Türkei und Tartarei bei einigen Leuten.
+
+
+
+
+193.
+
+Teufelsmauer.
+
++Arndt’s+ Reise von Baireuth nach Wien. Leipz. 1801. S. 169. 170.
+
+
+Diese Teufelsmauer lauft an der Donau hinter Mölk nach Wien zu. Einst
+wollte der Teufel die Donau zumauern, aber die Steine entglitten ihm
+immer, wenn er sie zusammenfügen wollte.
+
+
+
+
+194.
+
+Teufelsgitter.
+
+Mündlich.
+
+
+Zu Wismar in der Marienkirche um den Taufstein herum geht ein
+überkünstliches Gitter, das sollte ein Schmidt bauen. Als er sich
+aber dran zerarbeitete und es nicht konnte zustand bringen, brach er
+unmuthig aus: “ich wollte, daß es der Teufel fertig machen müßte!” Auf
+diesen Wunsch kam der Teufel und baute das Gegitter fertig.
+
+
+
+
+195.
+
+Teufelsmühle.
+
+~Tradit. Corbeienses p.~ 559.
+
++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. II. 51.
+
+
+Im Wolfenbüttelischen zwischen Pestorf und Grave an der Weser liegt
+eine Mühle, die der Teufel, der Volkssage nach, gebaut und durch ein
+Felsenwasser das Rad in Trieb gesetzt. Eine +Teufelsmühle+ liegt auch
+auf der Rhöne.
+
+
+
+
+196.
+
+Teufelskirche.
+
++Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. II. 49.
+
++Melissantes+ Bergschlösser S. 181.
+
+
+Auf der Rhöne stehen oben Basaltfelsen gethürmt. Der Teufel, als man im
+Thal eine Kirche bauen wollte, zürnte und trug alle Bausteine hin auf
+den Berg, wo er sie nebeneinander aufstellte und kein Mensch sie wieder
+heruntertragen konnte.
+
+Man erzählt, da wo der Teufel seinen Stein einmal hingelegt habe, könne
+man ihn nicht wegbringen, denn so oft man ihn auch wegnehme, lege der
+Teufel einen andern oder denselben wieder eben dahin.
+
+
+
+
+197.
+
+Teufelsstein bei Reichenbach.
+
++Winkelmann’s+ hessische Chronik S. 34.
+
+
+Nicht weit von Reichenbach, dem hohen Steine gegenüber, in einem Walde
+liegt der Teufelsstein. Er sieht aus, als wären etliche hundert
+Karrn Steine kunstreich zusammengeschüttet, indem sich wunderbarlich
+Gemächer, Keller und Kammern von selbst gebildet, in welchen bei
+schweren und langen Kriegen die Bewohner der Gegend mit ihrem ganzen
+Haushalt gewohnt. Diesen Stein soll der Teufel in einer einzigen Nacht,
+nach der gemeinen Sage, also gebildet haben.
+
+
+
+
+198.
+
+Teufelsstein zu Cöln.
+
+Rhein. Antiquarius S. 725.
+
+
+Zu Cöln bei der Kirche liegt ein schwerer Stein, genannt Teufelsstein,
+man sieht darauf noch die Kralle des bösen Feindes eingedruckt. Er
+warf ihn nach der Capelle der heiligen drei Könige und wollte sie
+niederschmettern, es ist ihm aber mißlungen.
+
+
+
+
+199.
+
+Süntelstein zu Osnabrück.
+
++Strodtmann+ Idioticon S. 236.
+
+
+Bei Osnabrück liegt ein uralter Stein, dreizehn Fuß aus der Erde
+ragend, von dem die Bauern sagen, der Teufel hätte ihn durch die
+Luft geführt und fallen lassen. Sie zeigen auch die Stelle daran, in
+welcher die Kette gesessen, woran er ihn gehalten, nennen ihn den
++Süntelstein+.
+
+
+
+
+200.
+
+Der Lügenstein.
+
++Otmar’s+ Volkssagen.
+
+
+Auf dem Domplatz zu Halberstadt liegt ein runder Fels von ziemlichem
+Umfang, den das Volk nennet den Lügenstein. Der Vater der Lügen
+hatte, als der tiefe Grund zu der Domkirche gelegt wurde, große
+Felsen hinzugetragen, weil er hoffte, hier ein Haus für sein Reich
+entstehen zu sehen. Aber als das Gebäude aufstieg und er merkte, daß
+es eine christliche Kirche werden würde, da beschloß er, es wieder zu
+zerstören. Mit einem ungeheuern Felsstein schwebte er herab, Gerüst
+und Mauer zu zerschmettern. Allein man besänftigte ihn schnell durch
+das Versprechen, ein Weinhaus dicht neben die Kirche zu bauen. Da
+wendete er den Stein, so daß er neben dem Dom auf dem geebneten Platz
+niederfiel. Noch sieht man daran die Höhle, die der glühende Daumen
+seiner Hand beim Tragen eindrückte.
+
+
+
+
+201.
+
+Die Felsenbrücke.
+
+Mündlich, aus Oberwallis.
+
+
+Ein Hirt wollte Abends spat seine Geliebte besuchen und der Weg
+führte ihn über die Visper, da wo sie in einer tiefen Felsenschlucht
+rauscht, worüber nur eine schmale Bretterbrücke hängt. Da sah er,
+der Chilthbube, was ihm sonst niemals widerfahren war, einen Haufen
+schwarze Kohlen mitten auf der Brücke liegen, daß sie den Weg
+versperrten; ihm war dabei nicht recht zu Muthe, doch faßte er sich
+ein Herz und that einen tüchtigen Sprung über den tiefen Abgrund von
+dem einen Ende glücklich bis zu dem andern. Der Teufel, der aus dem
+Dampf des zerstobenen Kohlenhaufens auffuhr, rief ihm nach: “das war
+dir gerathen, denn wärst du zurückgetreten, hätt ich dir den Hals
+umgedreht, und wärst du auf die Kohlen getreten, so hättest du unter
+ihnen versinken und in die Schlucht stürzen müssen.” Zum Glück hatte
+der Hirt, trotz der Gedanken an seine Geliebte, nicht unterlassen,
+vor dem Capellchen der Mutter Gottes hinter St. Niklas, an dem er
+vorbeikam, wie immer sein Ave zu beten.
+
+
+
+
+202.
+
+Das Teufelsbad bei Dassel.
+
++Letzner+ Dasselische Chronik. Erfurt 1596. Buch V. c. 13. Buch
+VIII. ~c.~ 9.
+
+
+Unweit Dassel, in einem grundlosen Meerpfuhl, welcher der bedessische
+oder bessoische heißt, soll eine schöne und wohlklingende Glocke
+liegen, die der leibhaftige Teufel aus der Kirche zum Portenhagen
+dahin geführt hat, und von der die alten Leute viel wunderbare Dinge
+erzählen. Sie ist von lauterem Golde und der böse Feind brachte sie aus
+Neid weg, damit sich die Menschen ihrer nicht mehr zum Gottesdienst
+bedienen können, weil sie besonders kräftig und heilig gewesen. Ein
+Taucher erbot sich, hinabzufahren und sie mit Stricken zu fassen, dann
+sollten die Leute oben getrost ziehen und ihrer Glocke wieder mächtig
+werden. Allein er kam unverrichteter Sachen heraus und sagte, daß unten
+in der Tiefe des Meerpfuhls eine grüne Wiese wäre, wo die Glocke auf
+einem Tisch stehe und ein schwarzer Hund dabei liege, welcher nicht
+gestatten wolle, sie anzurühren. Auch habe sich daneben ein Meerweib
+ganz erschrecklich sehen und hören lassen, die gesagt: es wäre viel
+zu früh, diese Glocke von dannen abzuholen. Ein achtzigjähriger Mann
+erzählte von diesem Teufelsbad: einen Sonnabend habe ein Bauer aus
+Leuthorst unfern des Pfuhls länger als Brauch gewesen, nachdem man
+schon zur Vesper geläutet, gepflügt, und beides Pferde und Jungen
+mit Fluchen und Schlägen genöthigt. Da sey ein großer, schwarzer und
+starker Gaul aus dem Wasser ans Land gestiegen. Der gottlose und
+tobende Bauer habe ihn genommen und ins Teufels Namen vor die andern
+Pferde gespannt, in der Meinung, nicht ehnder Feierabend zu machen, bis
+der Acker herumgepflüget wäre. Der Junge hub an zu weinen und wollte
+lieber nach Haus, aber der Bauer fuhr ihn hart an. Da soll der schwarze
+Gaul frisch und gewaltig die armen ausgemergelten Pferde, mitsammt
+Pflug, Jung und Bauer, in das grundlose Loch und Teufelsbad gezogen
+haben und nimmermehr von Menschen gesehen worden seyn. Wer den Teufel
+fordert, muß ihm auch Werk schaffen.
+
+
+
+
+203.
+
+Der Thurm zu Schartfeld.
+
++Letzner+ Dasselsche Chronik. Buch VI. ~c. 1.~
+
+
+Von dem Thurm auf Schartfeld berichten viel alter Leute, daß er keine
+Dachung leide, der Teufel darin hausen und Nachts viel Gerumpels droben
+seyn solle. Vorzeiten trug Kaiser Heinrich der Vierte unziemliche
+Liebe zu eines Herrn auf Schartfeld Ehweib, konnte lange seinen Willen
+nicht vollführen. Da kam er ins Kloster Pölde in der Grafschaft
+Lutterberg und ein Mönch machte ihm einen Anschlag. Er ließ den Herrn
+von Schartfeld zu sich fordern ins Kloster, und trug ihm eine weite
+Reise mit einer Werbung auf. Der Ritter war dem Kaiser unterthan und
+gehorsam. Tags darauf zog der Kaiser mit dem Mönch in weltlichen
+Kleidern auf die Jagd, kam insgeheim vor das Haus Schartfeld und wurde
+von dem Mönch bis vor der Edelfrau Kemenate geleitet. Da überfiel
+sie Heinrich und nöthigte sie zu seinem Willen. Da soll der Teufel
+die Dachung vom Thurm abgeworfen und in der Luft hinfahrend über den
+Mönch geschrien haben, daß er an dieser Unthat schuldiger sey, als
+der Kaiser. Der Mönch war seit der Zeit im Kloster stets traurig und
+unfroh.
+
+
+
+
+204.
+
+Der Dom zu Cöln.
+
+Mündliche Erzählungen aus der Stadt.
+
+
+Als der Bau des Doms zu Cöln begann, wollte man gerade auch eine
+Wasserleitung ausführen. Da vermaß sich der Baumeister und sprach:
+“eher soll das große Münster vollendet seyn, als der geringe
+Wasserbau!” Das sprach er, weil er allein wußte, wo zu diesem die
+Quelle sprang, und er das Geheimniß niemanden, als seiner Frau
+entdeckt, ihr aber zugleich bei Leib und Leben geboten hatte, es wohl
+zu bewahren. Der Bau des Doms fing an und hatte guten Fortgang, aber
+die Wasserleitung konnte nicht angefangen werden, weil der Meister
+vergeblich die Quelle suchte. Als dessen Frau nun sah, wie er sich
+darüber grämte, versprach sie ihm Hilfe, ging zu der Frau des andern
+Baumeisters und lockte ihr durch List endlich das Geheimniß heraus,
+wonach die Quelle gerade unter dem Thurm des Münsters sprang; ja, jene
+bezeichnete selbst den Stein, der sie zudeckte. Nun war ihrem Manne
+geholfen; folgenden Tags ging er zu dem Stein, klopfte darauf und
+sogleich drang das Wasser hervor. Als der Baumeister sein Geheimniß
+verrathen sah und mit seinem stolzen Versprechen zu Schanden werden
+mußte, weil die Wasserleitung ohne Zweifel nun in kurzer Zeit zu Stande
+kam, verfluchte er zornig den Bau, daß er nimmermehr sollte vollendet
+werden, und starb darauf vor Traurigkeit. Hat man fortbauen wollen,
+so war, was an einem Tag zusammengebracht und aufgemauert stand, am
+andern Morgen eingefallen, und wenn es noch so gut eingefügt war und
+aufs festeste haftete, also daß von nun an kein einziger Stein mehr
+hinzugekommen ist.
+
+Andere erzählen abweichend. Der Teufel war neidig auf das stolze
+und heilige Werk, das Herr Gerhard, der Baumeister, erfunden und
+begonnen hatte. Um doch nicht ganz leer dabei auszugehn, oder gar die
+Vollendung des Doms noch zu verhindern, ging er mit Herrn Gerhard die
+Wette ein: er wolle ehr einen Bach von Trier nach Cöln, bis an den
+Dom, geleitet, als Herr Gerhard seinen Bau vollendet haben; doch müsse
+ihm, wenn er gewänne, des Meisters Seele zugehören. Herr Gerhard war
+nicht säumig, aber der Teufel kann teufelsschnell arbeiten. Eines Tags
+stieg der Meister auf den Thurm, der schon so hoch war, als er noch
+heut zu Tag ist, und das erste, was er von oben herab gewahrte, waren
+Enten, die schnatternd von dem Bach, den der Teufel herbeigeleitet
+hatte, aufflogen. Da sprach der Meister in grimmem Zorn: “zwar hast
+du, Teufel, mich gewonnen, doch sollst du mich nicht lebendig haben!”
+So sprach er und stürzte sich Hals über Kopf den Thurm herunter, in
+Gestalt eines Hundes sprang schnell der Teufel hintennach, wie beides
+in Stein gehauen noch wirklich am Thurme zu schauen ist. Auch soll,
+wenn man sich mit dem Ohr auf die Erde legt, noch heute der Bach zu
+hören seyn, wie er unter dem Dome wegfließt.
+
+Endlich hat man eine dritte Sage, welche den Teufel mit des Meisters
+Frau Buhlschaft treiben läßt, wodurch er vermuthlich, wie in der
+ersten, hinter das Baugeheimniß ihres Mannes kam.
+
+
+
+
+205.
+
+Des Teufels Hut.
+
+vgl. Taschenbuch für Liebe und Freundschaft 1816. S. 237. 238.
+
+
+Nicht weit von Altenburg bei dem Dorfe Ehrenberg liegt ein mächtiger
+Stein, so groß und schwer, daß ihn hundert Pferde nicht fortziehen
+würden. Vorzeiten trieb der Teufel sein Spiel damit, indem er ihn auf
+den Kopf sich legte, damit herumging und ihn als einen Hut trug. Einmal
+sprach er in Stolz und Hochmuth: “wer kann wie ich diesen Stein tragen?
+selbst der ihn erschaffen, vermags nicht und läßt ihn liegen, wo er
+liegt!” Da erschien Christus der Herr, nahm den Stein, steckte ihn an
+seinen kleinen Finger und trug ihn daran. Beschämt und gedemüthigt wich
+der Teufel und ließ sich nie wieder an diesem Orte erblicken. Und noch
+heute sieht man in dem Stein den Eindruck von des Teufels Haupt und von
+des Herrn Finger.
+
+
+
+
+206.
+
+Des Teufels Brand.
+
+~+Erasm. Rotterodam+. epist. fam. L. 27. c.~ 20.
+
+~+Nic. Remigii+ daemonolatria p.~ 335. 336.
+
+
+Es liegt ein Städtlein im Schweizerland mit Namen Schiltach, welches
+im Jahr 1533 am zehnten April plötzlich in den Grund abgebrannt
+ist. Man sagt, daß dieser Brand folgender Weise, wie die Bürger des
+Orts vor der Obrigkeit zu Freiburg angezeigt, entstanden sey. Es hat
+sich in einem Hause oben hören lassen, als ob jemand mit linder,
+lispelnder Stimme einem andern zuriefe und winkete, er solle schweigen.
+Der Hausherr meint, es habe sich ein Dieb verborgen, geht hinauf,
+findet aber niemand. Darauf hat er es wiederum von einem höheren
+Gemach her vernommen, er geht auch dahin und vermeint den Dieb zu
+greifen. Wie aber niemand vorhanden ist, hört er endlich die Stimme
+im Schornstein. Da denkt er, es müsse ein Teufels-Gespenst seyn und
+spricht den seinigen, die sich fürchten, zu, sie sollten getrost und
+unverzagt seyn, Gott werde sie beschirmen. Darauf bat er zwei Priester
+zu kommen, damit sie den Geist beschwüren. Als diese nun fragten, wer
+er sey, antwortete er: “der Teufel.” Als sie weiter fragten, was sein
+Beginnen sey, antwortete er: “ich will die Stadt in Grund verderben!”
+Da bedräuen sie ihn, aber der Teufel spricht: “euere Drohworte gehen
+mich nichts an, einer von euch ist ein liederlicher Bube; alle beide
+aber seyd ihr Diebe.” Bald darauf hat er ein Weib, mit welchem jener
+Geistliche vierzehn Jahre zusammengelebt, hinauf in die Luft geführt,
+oben auf einen Schornstein gesetzt, ihr einen Kessel gegeben und
+sie geheißen, ihn umkehren und ausschütten. Wie sie das gethan, ist
+der ganze Flecken vom Feuer ergriffen worden und in einer Stunde
+abgebrannt.
+
+
+
+
+207.
+
+Die Teufels-Hufeisen.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 362.
+
+Einigermaßen ausführlicher und mit andern Umständen erzählt in
++Francisci+ lust. Schaubühne Th. I. S. 801. und in der Zungensünde S.
+173-175.
+
+
+Zu Schwarzenstein, eine halbe Meile von Rastenburg in Preußen, hangen
+zwei große Hufeisen in der Kirche, davon eine gemeine Sage ist: es war
+daselbst eine Krügerin (Bierwirthin), die den Leuten das Bier sehr übel
+zumaß, die soll der Teufel des Nachts vor die Schmiede geritten haben.
+Ungestüm weckte er den Schmied auf und rief: “Meister, beschlagt mir
+mein Pferd!” Der Schmied war nun gerade der Bierschenkin Gevatter,
+daher, als er sich über sie hermachte, raunte sie ihm heimlich zu:
+“Gevattermann, seyd doch nicht so rasch!” Der Schmied, der sie für ein
+Pferd angesehen, erschrack heftig, als er diese Stimme hörte, die ihm
+bekannt däuchte und gerieth aus Furcht in Zittern. Dadurch verschob
+sich der Beschlag und der Hahn krähte. Der Teufel mußte zwar das
+Reißaus nehmen, allein die Krügerin ist lange nachher krank geblieben.
+Sollte der Teufel alle Bierschenken, die da knapp messen, beschlagen
+lassen, würde das Eisen gar theuer werden.
+
+
+
+
+208.
+
+Der Teufel führt die Braut fort.
+
++Godelmann+ von Zauberern, Hexen und Unholden übers. von +Nigrin+.
+1592. S. 9. lat. Ausg. ~de magis &c. Francof~. 1591. ~p.~ 12-13.
+
++Hilscher’s+ Zungen-Sünde. S. 200. 201.
+
+
+In Sachsen hatte eine reiche Jungfrau einem schönen, aber armen
+Jüngling, die Ehe verheißen. Dieser, weil er sahe, was kommen würde, da
+sie reich und nach ihrer Art wankelmüthig war, sprach zu ihr, sie werde
+ihm nicht Glauben halten. Sie fing an sich zu verschwören mit diesen
+Worten: “wann ich einen andern denn dich nehme, so hole mich der Teufel
+auf der Hochzeit!” Was geschieht? Nach geringer Zeit wird sie anderes
+Sinnes und verspricht sich einem andern mit Verachtung des ersten
+Bräutigams, welcher sie ein- oder etliche Mal der Verheißung und des
+großen Schwurs erinnerte. Aber sie schlug alles in den Wind, verließ
+den ersten und hielt Hochzeit mit dem andern.
+
+Am hochzeitlichen Tage, als die Verwandten, Freunde und Gäste fröhlich
+waren, ward die Braut, da ihr das Gewissen aufwachte, trauriger,
+als sie sonst zu seyn pflegte. Endlich kommen zwei Edelleute in das
+Brauthaus geritten, werden als fremde, geladene Gäste empfangen und
+zu Tisch geführt. Nach Essens Zeit wird dem einen von Ehren wegen,
+als einem Fremden, der Vorreigen mit der Braut gebracht, mit welcher
+er einen Reihen oder zwei thät und sie endlich vor ihren Eltern und
+Freunden mit großem Seufzen und Heulen zur Thür hinaus in die Luft
+führte.
+
+Des andern Tages suchten die betrübten Eltern und Freunde die Braut,
+daß sie sie, wo sie etwan herabgefallen, begraben mögten. Siehe!
+da begegneten ihnen eben die Gesellen und brachten die Kleider und
+Kleinode wieder mit diesen Worten: “über diese Dinge hatten wir von
+Gott keine Gewalt empfangen, sondern über die Braut.”
+
+
+
+
+209.
+
+Das Glücksrad.
+
++Grundmann+ Geschichtschule S. 228-230.
+
++~D.~ Siegfried ~Saccus~+, aus dem Munde eines der Schatzgräber selbst,
+zu Magdeburg.
+
++Prätorius+ Wünschelruthe 88. 90.
+
+
+Zwölf Landsknechte kamen aus dem ditmarser Krieg und hatten wenig
+vor sich gebracht. Da sie nun traurig und kleinmüthig im Land umher
+strichen und heut nicht wußten, was sie morgen zu beißen hatten,
+begegnete ihnen ein Grauröcklein, that seinen Gruß und fragte: “woher
+des Wegs und wohin?” Sie aber sagten: “daher aus dem Krieg und dahin,
+wo wir reich werden sollen, können aber den Ort nicht finden.” Das
+Grauröcklein sagte: “die Kunst soll euch offenbar werden, wenn ihr mir
+folgen wollt, begehr auch nichts dafür zu haben.” Die Landsknechte
+meinten: was es denn wäre? “Man heißt es das Glücksrad, das steht mir
+zu Gebot und wen ich darauf bringe, der lernt wahrsagen den Leuten und
+graben den Schatz aus der Erde; doch nicht anders vermag ich euch drauf
+zu setzen, als mit dem Beding, daß ich Macht und Gewalt habe, einen aus
+eurem Haufen mit mir wegzuführen.”
+
+Sie begehrten nun zu wissen: welchen von ihnen er zu nehmen Willens
+sey? Der Graurock antwortete: “zu welchem ich Lust trage, das wird sich
+hernach zeigen, voraus weiß ichs nicht.” Drauf nahmen die Landsknechte
+eine lange Ueberlegung, sollten sie’s thun oder aber lassen? schlossen
+endlich: sterben muß der Mensch doch einmal, wie nun, so wir in
+Dietmarsen gefallen wären in der Schlacht, oder die Pest uns weggerafft
+hätte; wir wollen dies wagen, was viel leichter ist und nur einen
+einzigen trifft. Ergaben sich also miteinander in des Mannes Hand, mit
+dem Beding, daß er sie aufs Glücksrad brächte und dafür zum Lohn einen
+aus ihnen hinhätte, den, der ihm dazu gefiele.
+
+Nach diesem so führte sie der Graurock hin an die Stelle, wo sein Rad
+stund, das war so groß, daß wie sie alle darauf kamen, jeglicher drei
+Klaftern weit ab vom andern saß; eins aber verbot er ihnen: daß ja
+keiner den andern ansähe, so lange sie auf dem Rad säßen, wer das nicht
+thue, dem bräche er den Hals. Als sie nun ordnungsmäßig aufgesessen,
+packte der Meister das Rad mit den Klauen, die er beides an Händen und
+Füßen hatte, und hub zu drehen an bis es umgedreht war, zwölf Stunden
+nacheinander und alle Stunden einmal. Ihnen aber däuchte, als ob unter
+ihnen helles Wasser sey, gleich einem Spiegel, worin sie alles sehen
+konnten, was sie vorhatten, gutes oder böses und wen sie von Leuten da
+sahen, erkannten sie und wußten ihre Namen zu nennen. Ueber ihnen aber
+war es wie Feuer und glühende Zapfen hingen herab.
+
+Wie sie nun zwölf Stunden ausgehalten hatten, rückte der Glücksmeister
+einen feinen jungen Menschen vom Rade, der eines Burgermeisters Sohn
+aus Meissen war und führte ihn mitten durch die Feuerflamme mit sich
+hin. Die elf andern wußten nicht wie ihnen geschehen und sanken betäubt
+nieder in tiefen Schlaf, und als sie etliche Stunden lang unter freiem
+Himmel gelegen, wachten sie auf, aber ihre Kleider auf dem Leibe und
+ihre Hemder die waren ganz mürb geworden und zerfielen beim Angreifen,
+von der großen Hitze wegen, die auf dem Rad gewesen war.
+
+Darauf erhoben sie sich und gingen jeder seines Wegs, in der Hoffnung,
+ihr Lebtag alles gnug und eitel Glück zu haben, waren aber nach wie vor
+arm und mußten das Brot vor anderer Leute Hausthüre suchen.
+
+
+
+
+210.
+
+Der Teufel als Fürsprecher.
+
+~D.~ +Mengering+ Soldaten-Teufel. Cap. 8. S. 153.
+
++Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 189.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden S. 113.
+
++Prätorius+ Wünschelruthe 101-103.
+
+
+In der Mark geschah es, daß ein Landsknecht seinem Wirth Geld
+aufzuheben gab und als er es wiederforderte, dieser etwas empfangen
+zu haben ableugnete. Da der Landsknecht darüber mit ihm uneins ward
+und das Haus stürmte, ließ ihn der Wirth gefänglich einziehen und
+wollte ihn übertäuben, damit er das Geld behielte. Er klagte daher den
+Landsknecht zu Haut und Haar, zu Hals und Bauch an, als einen, der
+ihm seinen Haus-Frieden gebrochen hätte. Da kam der Teufel zu ihm ins
+Gefängniß und sprach: “Morgen wird man dich vor Gericht führen und dir
+den Kopf abschlagen, darum daß du den Haus-Frieden gebrochen hast,
+willst du mein seyn mit Leib und Seel, so will ich dir davon helfen.”
+Aber der Landsknecht wollte nicht. Da sprach der Teufel: “so thue ihm
+also: wann du vor Gericht kommst und man dich hart anklagt, so beruhe
+darauf, daß du dem Wirth das Geld gegeben und sprich, du seyest übel
+beredt, man wolle dir vergönnen einen Fürsprecher zu haben, der dir
+das Wort rede. Alsdann will ich nicht weit stehen in einem blauen Hut
+mit weißer Feder und dir deine Sache führen.” Dies geschah also; aber
+da der Wirth hartnäckig leugnete, so sagte des Landsknechts Anwalt
+im blauen Hut: “lieber Wirth, wie magst du es doch leugnen! das Geld
+liegt in deinem Bette unter dem Haupt-Pfühl: Richter und Schöffen,
+schicket hin, so werdet ihr es befinden.” Da verschwur sich der Wirth
+und sprach: “hab ich das Geld empfangen, so führe mich der Teufel
+hinweg!” Als nun das Geld gefunden und gebracht war, sprach der im
+blauen Hütlein mit weißer Feder: “ich wußte wohl, ich sollte einen
+davon haben, entweder den Wirth oder den Gast;” drehte damit dem Wirth
+den Kopf um und führte ihn in der Luft davon.
+
+
+
+
+211.
+
+Traum vom Schatz auf der Brücke.
+
++Agricola+ Sprichwort 623.
+
+Der ungewissenhafte Apotheker S. 132.
+
++Prätorius+ Wünschelruthe 372. 373.
+
+
+Es hat auf ein Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf
+die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingangen und da er
+einen Tag oder vierzehn allda gangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu
+ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tag auf der Brücke mache und
+ihn fragte: was er da suche? Dieser antwortete: “es hat mir getraumt,
+ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich
+werden.” “Ach, sagte der Kaufmann, was redest du von Träumen, Träume
+sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen
+Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben
+sey, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.” Da ging der
+andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn
+reich machte und sein Traum wurde ihm bestätigt.
+
+Agricola fügt hinzu: “das hab ich oftmals von meinem lieben Vater
+gehört.” Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck
+(Kempen), wo einem Beckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der
+Brücke finden. Als er oft darauf hin und hergeht, redet ihn ein Bettler
+an und fragt nach der Ursache, und sagt hernach, ihm habe getraumt,
+daß auf dem Kirchhof zu Möllen unter einer Linde (zu Dordrecht unter
+einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daran
+wenden. Der Beckerknecht antwortet: “ja es träumt einem oft närrisch
+Ding, ich will mich meines Traums begeben und euch meinen Brückenschatz
+vermachen;” geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde.
+
+
+
+
+212.
+
+Der Kessel mit dem Schatz.
+
+Mündlich, aus Bibesheim und aus Wernigerode.
+
+
+An einem Winterabend saß vor vielen Jahren der Wagnermeister Wolf
+zu Großbieberau im Odenwald mit Kindern und Gesinde beim Ofen und
+sprach von diesem und jenem. Da ward auf einmal ein verwunderlich
+Geräusch vernommen und siehe, es drückte sich unter dem Stubenofen
+plötzlich ein großer Kessel voll Geldes hervor. Hätte nun gleich einer
+stillschweigends ein wenig Brot oder einen Erdschollen darauf geworfen,
+dann wäre es gut gewesen; aber nein, der Böse war dabei und da mußt es
+wohl verkehrt gehen. Des Wagners Töchterlein hatte nie so viel Geld
+beisammen gesehen und rief laut: “blitz, Vater, was Geld, was Geld!”
+Der Vater kehrte sich nicht ans Schreien, weil er besser wußte, was
+hier zu thun wäre. Schnell nahm er’s Heft vom großen Naben-Bohrer und
+steckt es rasch durch den Kesselring. Doch es war vorbei, der Kessel
+versank und nur der Ring blieb zurück. Vor ungefähr zwanzig Jahren
+wurde der Kesselring noch gezeigt.
+
+Zu Quedlinburg steht ein Haus, in dessen Grundtiefen sich große
+Goldschätze befinden sollen. Vor Jahren wohnte ein Kupferschmidt darin,
+dessen Frau den Lehrjungen verschiedenes Handwerksgeräth in Ordnung
+bringen hieß, besonders sollte er einen großen Kessel im Hintergebäude
+rein machen. Als am Abend der Junge mit der Arbeit zu Ende gekommen war
+und jetzt zum großen Kessel trat, fand er diesen bis oben gefüllt mit
+glänzenden Goldstücken. Vor Freude erschrocken, griff er einige Stücke
+heraus, eilte damit zur Meisterin und erzählte ihr, was er gesehen. Sie
+lief mit hin, aber noch waren beide nicht über die Schwelle der Thüre
+zum Hintergebäude gekommen, als sie ein plötzliches Krachen, Rauschen
+und Klingen hörten; und drinnen sahen sie noch, wie sich der große
+Kessel in seiner alten Fuge bewegte und dann still stand. Als sie aber
+hinzutraten, war er schon wieder leer und das Gold hinabgesunken.
+
+
+
+
+213.
+
+Der Wärwolf.
+
+Mündlich in Hessen.
+
+vgl. +Bräuner’s+ Curiosit. S. 252. 253.
+
+~+Nic. Remigii+ daemonolatria &c. Francof.~ 1598. ~p.~ 263. 264.
+
+
+Ein Soldat erzählte folgende Geschichte, die seinem eigenen Großvater
+begegnet seyn soll. Dieser, sein Großvater, sey einmal zu Wald
+holzhauen gegangen, mit einem Gevatter und noch einem dritten, welchen
+dritten man immer im Verdacht gehabt, daß es nicht ganz richtig mit ihm
+gewesen; doch so hätte man nichts gewisses davon zu sagen gewußt. Nun
+hätten die dreie ihre Arbeit gethan und wären müde geworden, worauf
+dieser dritte vorgeschlagen: ob sie nicht ein bischen ausschlafen
+wollten. Das sey denn nun so geschehen, jeder hätte sich nieder an den
+Boden gelegt; er, der Großvater, aber nur so gethan, als schlief er und
+die Augen ein wenig aufgemacht. Da hätte der dritte erst recht um sich
+gesehen, ob die andern auch schliefen und als er solches geglaubt, auf
+einmal den Gürtel abgeworfen und wäre ein Wärwolf gewesen, doch sehe
+ein solcher Wärwolf nicht ganz aus, wie ein natürlicher Wolf, sondern
+etwas anders. Darauf wäre er weggelaufen zu einer nahen Wiese, wo
+gerade ein jung Füllen gegraset, das hätte er angefallen und gefressen
+mit Haut und Haar. Hernach wäre er zurückgekommen, hätte den Gürtel
+wieder umgethan und nun, wie vor, in menschlicher Gestalt dagelegen.
+Nach einer kleinen Weile, als sie alle zusammen aufgestanden, wären sie
+heim nach der Stadt gegangen und wie sie eben am Schlagbaum gewesen,
+hätte jener Dritte über Magenweh geklagt. Da hätte ihm der Großvater
+heimlich ins Ohr geraunt: “das will ich wohl glauben, wenn man ein
+Pferd mit Haut und Haar in den Leib gegessen hat;” -- jener aber
+geantwortet: “hättest du mir das im Wald gesagt, so solltest du es
+jetzo nicht mehr sagen.”
+
+Ein Weib hatte die Gestalt eines Wärwolfs angenommen und war also
+einem Schäfer, den sie gehaßt, in die Heerde gefallen und hatte ihm
+großen Schaden gethan. Der Schäfer aber verwundete den Wolf durch einen
+Beil-Wurf in die Hüfte, so daß er in ein Gebüsch kroch. Da ging der
+Schäfer ihm nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen, aber er fand
+ein Weib, beschäfftigt, mit einem abgerissenen Stück ihres Kleides das
+aus der Wunde strömende Blut zu stillen.
+
+Zu Lüttich wurden im Jahr 1610 zwei Zauberer hingerichtet, weil sie
+sich in Wärwölfe verwandelt und viel Kinder getödtet. Sie hatten einen
+Knaben bei sich von zwölf Jahren, welchen der Teufel zum Raben machte,
+wenn sie Raub zerrissen und gefressen.
+
+
+
+
+214.
+
+Der Wärwolf-Stein.
+
++Otmar+ S. 270-276.
+
+
+Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, unweit Sommerschenburg und
+Schöningen, erhebt sich auf dem Anger nach Seehausen zu ein großer
+Stein, den das Volk den +Wolf-+ oder +Wärwolfs-Stein+ nennet. Vor
+langer, langer Zeit hielt sich an dem brandsleber Holze, das sonst
+mit dem Hackel und dem Harz zusammenhing, ein Unbekannter auf, von
+dem man nie erfahren hat, wer er sey, noch woher er stamme. Ueberall
+bekannt unter dem Namen des +Alten+ kam er öfters ohne Aufsehen
+in die Dörfer, bot seine Dienste an und verrichtete sie zu der
+Landleute Zufriedenheit. Besonders pflegte er die Hütung der Schafe
+zu übernehmen. Es geschah, daß in der Heerde des Schäfers Melle zu
+Neindorf ein niedliches, buntes Lamm fiel; der Unbekannte bat den
+Schäfer dringend und ohn Ablaß, es ihm zu schenken. Der Schäfer
+wollt’ es nicht lassen. Am Tag der Schur brauchte Melle den Alten,
+der ihm dabei half; bei seiner Zurückkunft fand er zwar alles in
+Ordnung und die Arbeit gethan, aber weder den Alten noch das bunte
+Lamm. Niemand wußte geraume Zeitlang von dem Alten. Endlich stand er
+einmal unerwartet vor dem Melle, welcher im Kattenthal weidete und
+rief höhnisch: “guten Tag, Melle, dein bunt Lamm läßt dich grüßen!”
+Ergrimmt griff der Schäfer seinen Krummstab und wollte sich rächen.
+Da wandelte plötzlich der Unbekannte die Gestalt und sprang ihm als
+Wärwolf entgegen. Der Schäfer erschrack, aber seine Hunde fielen
+wüthend auf den Wolf, welcher entfloh; verfolgt rann er durch Wald und
+Thal bis in die Nähe von Eggenstadt. Die Hunde umringten ihn da und
+der Schäfer rief: “nun sollst du sterben!” Da stand der Alte wieder
+in Menschengestalt, flehte bittend um Schonung und erbot sich zu
+allem. Aber wüthend stürzte der Schäfer mit seinem Stock auf ihn ein,
+-- urplötzlich stand vor ihm ein aufsprießender Dornstrauch. Auch so
+schonte der Rachsüchtige nicht, sondern zerhieb grausam die Zweige.
+Noch einmal wandelte sich der Unbekannte in einen Menschen und bat um
+sein Leben. Allein der hartherzige Melle blieb unerbittlich. Da suchte
+er als Wärwolf zu entfliehen, aber ein Streich des Melle streckte
+ihn todt zur Erde. Wo er fiel und beigescharrt wurde, bezeichnet ein
+Felsstein den Ort und heißt nach ihm auf ewige Zeiten.
+
+
+
+
+215.
+
+Die Wärwölfe ziehen aus.
+
+~+Pucerus+ de divinatione p.~ 170.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten 251. 255.
+
+
+In Liefland ist folgende Sage. Wann der Christ-Tag verflossen ist,
+so geht ein Junge, der mit einem Bein hinkt, herum und fordert alle
+dem Bösen ergebene, deren eine große Anzahl ist, zusammen und heißt
+sie nachfolgen. Zaudern etliche darunter und sind säumig, so ist
+ein anderer großer langer Mann da, der mit einer von Eisen-Drath und
+Kettlein geflochtenen Peitsche auf sie haut und mit Zwang forttreibt.
+Er soll so grausam auf die Leute peitschen, daß man nach langer Zeit
+Flecken und Narben auf ihrem Leib sehen kann, wovon sie viel Schmerzen
+empfinden.
+
+Sobald sie anheben, ihm zu folgen, gewinnt es das Ansehen, als ob sie
+ihre vorige Gestalt ablegten und in Wölfe verwandelt würden. Da kommen
+ihrer ein paar tausende zusammen: der Führer, mit der eisernen Geissel
+in der Hand, geht voran. Wenn sie nun aufs Feld geführt sind, fallen
+sie das Vieh grausam an und zerreißen, was sie nur ergreifen können,
+womit sie großen Schaden thun. Doch Menschen zu verletzen, ist ihnen
+nicht vergönnt. Kommen sie an ein Wasser, so schlägt der Führer mit
+seiner Ruthe oder Geissel hinein und theilt es voneinander, so daß sie
+trockenes Fußes übergehen können. Sind zwölf Tage verflossen, so legen
+sie die Wärwolfs-Gestalt ab und werden wieder zu Menschen.
+
+
+
+
+216.
+
+Der Drache fährt aus.
+
+~+Scheuchzer+ itinera per alpinas regiones. III.~ 386. 387. 396.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain III. c. 32.
+
++Seyfried+ in ~medulla p.~ 629. N. 5.
+
+vgl. ~Gesta rom. c.~ 114.
+
+
+Das Alpenvolk in der Schweitz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen
+und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals
+verheerend in die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer
+Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt,
+pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: +“es ist ein Drach
+ausgefahren.”+ Folgende Geschichte ist eine der merkwürdigsten:
+
+Ein Binder aus Lucern ging aus, Daubenholz für seine Fässer zu suchen.
+Er verirrte sich in eine wüste, einsame Gegend, die Nacht brach ein
+und er fiel plötzlich in eine tiefe Grube, die jedoch unten schlammig
+war, wie in einen Brunnen hinab. Zu beiden Seiten auf dem Boden waren
+Eingänge in große Höhlen; als er diese genauer untersuchen wollte,
+stießen ihm zu seinem großen Schrecken zwei scheußliche Drachen
+auf. Der Mann betete eifrig, die Drachen umschlangen seinen Leib
+verschiedenemal, aber sie thaten ihm kein Leid. Ein Tag verstrich und
+mehrere, er mußte vom 6. November bis zum 10. April in Gesellschaft
+der Drachen harren. Er nährte sich gleich ihnen von einer salzigten
+Feuchtigkeit, die aus den Felsenwänden schwitzte. Als nun die
+Drachen witterten, daß die Winterzeit vorüber war, beschlossen sie
+auszufliegen. Der eine that es mit großem Rauschen und während der
+andere sich gleichfalls dazu bereitete, ergriff der unglückseelige
+Faßbinder des Drachen Schwanz, hielt fest daran und kam aus dem
+Brunnen mit heraus. Oben ließ er los, wurde frei und begab sich wieder
+in die Stadt. Zum Andenken ließ er die ganze Begebenheit auf einen
+Priesterschmuck sticken, der noch jetzt in des heil. Leodagars Kirche
+zu Lucern zu sehen ist. Nach den Kirchenbüchern hat sich die Geschichte
+im Jahr 1420 zugetragen.
+
+
+
+
+217.
+
+Winkelried und der Lindwurm.
+
++Etterlin’s+ Chronik. Basel 1764. S. 12. 13.
+
+~+Stumpf+ chron. Helvet. VII. cap.~ 2.
+
++Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 514.
+
+~+Scheuchzer+ l. c. p.~ 389. 390.
+
+
+In Unterwalden beim Dorf Wyler hauste in der uralten Zeit ein
+scheußlicher Lindwurm, welcher alles was er ankam, Vieh und Menschen
+tödtete und den ganzen Strich verödete, dergestalt, daß der Ort
+selbst davon den Namen +Ödwyler+ empfing. Da begab es sich, daß
+ein Eingeborener, +Winkelried+ geheißen, als er einer schweren
+Mordthat halben landesflüchtig werden müssen, sich erbot, den Drachen
+anzugreifen und umzubringen, unter der Bedingung, wenn man ihn nachher
+wieder in seine Heimath lassen würde. Da wurden die Leute froh und
+erlaubten ihm wieder in das Land; er wagt’ es und überwand das
+Ungeheuer, indem er ihm einen Bündel Dörner in den aufgesperrten Rachen
+stieß. Während es nun suchte diesen auszuspeien und nicht konnte,
+versäumte das Thier seine Vertheidigung, und der Held nutzte die
+Blößen. Frohlockend warf er den Arm auf, womit er das bluttriefende
+Schwert hielt und zeigte den Einwohnern die Siegesthat, da floß das
+giftige Drachenblut auf den Arm und an die bloße Haut und er mußte
+alsbald das Leben lassen. Aber das Land war errettet und ausgesöhnt;
+noch heutigestags zeigt man des Thieres Wohnung im Felsen und nennt sie
+die Drachenhöhle.
+
+
+
+
+218.
+
+Der Lindwurm am Brunnen.
+
+Mündlich von einem Bauer aus Oberbirbach.
+
+
+Zu Frankenstein, einem alten Schlosse anderthalb Stunden weit von
+Darmstadt, hausten vor alten Zeiten drei Brüder zusammen, deren
+Grabsteine man noch heutiges Tags in der oberbirbacher Kirche siehet.
+Der eine der Brüder hieß Hans und er ist ausgehauen, wie er auf einem
+Lindwurm steht. Unten im Dorfe fließt ein Brunnen, in dem sich sowohl
+die Leute aus dem Dorf als aus dem Schloß ihr Wasser holen müssen;
+dicht neben den Brunnen hatte sich ein gräßlicher Lindwurm gelagert,
+und die Leute konnten nicht anders Wasser schöpfen, als dadurch, daß
+sie ihm täglich ein Schaf oder ein Rindvieh brachten; so lang der
+Drache daran fraß, durften die Einwohner zum Brunnen. Um diesen Unfug
+aufzuheben, beschloß Ritter Hans, den Kampf zu wagen; lange stritt
+er, endlich gelang es ihm, dem Wurme den Kopf abzuhauen. Nun wollte
+er auch den Rumpf des Unthiers, der noch zappelte, mit der Lanze
+durchstechen, da kringelte sich der spitzige Schweif um des Ritters
+rechtes Bein und stach ihn gerade in die Kniekehle, die einzige Stelle,
+welche der Panzer nicht deckte. Der ganze Wurm war giftig und Hans von
+Frankenstein mußte sein Leben lassen.
+
+
+
+
+219.
+
+Das Drachenloch.
+
+~+Scheuchzer+ l. c. III. p.~ 383. 384.
+
+~+Cysati+~ Beschr. des IV. Waldstädtersee p. 175. aus ~+Jac. Man.+
+hist. Austriae~.
+
+~+Athanas. Kircher+ mund. subt. VIII. p.~ 94. aus +Cysat+.
+
+~+Wagner+ hist. nat. Helvetiae p.~ 246.
+
++Joh. Müller+ Schweizer-Gesch. II. 440. Not. 692.
+
+
+Bei Burgdorf im Bernischen liegt eine Höhle, genannt das Drachenloch,
+worin man vor alten Zeiten bei Erbauung der Burg zwei ungeheure Drachen
+gefunden haben soll. Die Sage berichtet: Als im Jahr 712. zwei Gebrüder
++Syntram+ und +Beltram+ (nach andern Guntram und Waltram genannt),
+Herzöge von Lensburg, ausgingen zu jagen, stießen sie in wilder und
+wüster Waldung auf einen hohlen Berg. In der Höhlung lag ein ungeheurer
+Drache, der das Land weit umher verödete. Als er die Menschen gewahrte,
+fuhr er in Sprüngen auf sie los und im Augenblick verschlang er
+Bertram, den jüngeren Bruder, lebendig. Syntram aber setzte sich kühn
+zur Wehr und bezwang nach heißem Kampf das wilde Gethier, in dessen
+gespaltenem Leib sein Bruder noch ganz lebendig lag. Zum Andenken
+ließen die Fürsten am Orte selbst eine Capelle der heil. Margaretha
+gewidmet bauen und die Geschichte abmahlen, wo sie annoch zu sehen ist.
+
+
+
+
+220.
+
+Die Schlangenkönigin.
+
++Wyß+ S. 148-184.
+
+
+Ein Hirtenmädchen fand oben auf dem Fels eine kranke Schlange liegen,
+die wollte verschmachten. Da reichte es ihr mitleidig seinen Milchkrug,
+die Schlange leckte begierig und kam sichtbar zu Kräften. Das Mädchen
+ging weg und bald drauf geschah es, daß ihr Liebhaber um sie warb,
+allein ihrem reichen, stolzen Vater zu arm war und spöttisch abgewiesen
+wurde, bis er auch einmal so viel Heerden besäße, wie der alte Hirt.
+Von der Zeit an hatte der alte Hirt kein Glück mehr, sondern lauter
+Unfall; man wollte des Nachts einen feurigen Drachen über seinen Fluren
+sehen und sein Gut verdarb. Der arme Jüngling war nun eben so reich und
+warb nochmals um seine Geliebte, die wurde ihm jetzt zu Theil. An dem
+Hochzeittag trat eine Schlange ins Zimmer, auf deren gewundenem Schweif
+eine schöne Jungfrau saß, die sprach, daß sie es wäre, der einstmal die
+gute Hirtin in der Hungersnoth ihre Milch gegeben, und aus Dankbarkeit
+nahm sie ihre glänzende Krone vom Haupt ab und warf sie der Braut in
+den Schooß. Sodann verschwand sie, aber die jungen Leute hatten großen
+Segen in ihrer Wirthschaft und wurden bald wohlhabend.
+
+
+
+
+221.
+
+Die Jungfrau im Oselberg.
+
+~+Crusii+ analecta paralipom. c. 17. p. 68.~
+
+
+Zwischen Dinkelsbühl und Hahnkamm stand auf dem Oselberg vor alten
+Zeiten ein Schloß, wo eine einige Jungfrau gelebt, die ihrem Vater
+als Wittiber Haus hielt und den Schlüssel zu allen Gemächern in ihrer
+Gewalt gehabt. Endlich ist sie mit den Mauern verfallen und umkommen,
+und das Geschrei kam aus, daß ihr Geist um das Gemäuer schwebe und
+Nachts an den vier Quatembern in Gestalt einer Fräulein, die ein
+Schlüsselbund an der Seite trägt, erscheine. Dagegen sagen alte Bauern
+dieser Orte aus, von ihren Vätern gehört zu haben, diese Jungfer sey
+eines alten Heiden Tochter gewesen und in eine abscheuliche Schlange
+verwünscht worden; auch werde sie in Weise einer Schlange, mit
+Frauenhaupt und Brust, ein Gebund Schlüssel am Hals, zu jener Zeit
+gesehen.
+
+
+
+
+222.
+
+Der Krötenstuhl[12].
+
+Die Brautschau, ein Mährlein von C.F.W. Magdeburg 1796.
+
+
+Auf Nothweiler, einer elsäßischen Burg im Wasgau, lebte vor alten
+Zeiten die schöne Tochter eines Herzogs, die aber so stolz war, daß sie
+keinen ihrer vielen Freier gut genug fand und viele umsonst das Leben
+verlieren mußten. Zur Strafe wurde sie dafür verwünscht und muß so
+lang auf einem öden Felsen hausen, bis sie erlöst wird. Nur einmal die
+Woche, nämlich den Freitag, darf sie sichtbar erscheinen, aber einmal
+in Gestalt einer Schlange, das zweitemal als Kröte und das drittemal
+als Jungfrau in ihrer natürlichen Art. Jeden Freitag wascht sie sich
+auf dem Felsen, der noch heutigestags der +Krötenstuhl+ heißt, an einem
+Quellborn und sieht sich dabei in die Weite um, ob niemand nahe, der
+sie erlöse. Wer das Wagstück unternehmen will, der findet oben auf dem
+Krötenstuhl eine Muschel mit drei Wahrzeichen: einer Schlangenschuppe,
+einem Stück Krötenhaut und einer gelben Haarlocke. Diese drei Dinge bei
+sich tragend, muß er einen Freitag Mittag in die wüste Burg steigen,
+warten bis sie sich zu waschen kommt und sie drei Wochen hintereinander
+in jeder ihrer Erscheinungen auf den Mund küssen, ohne zu entfliehen.
+Wer das aushält, bringt sie zur Ruhe und empfängt alle ihre Schätze.
+Mancher hat schon die Merkzeichen gefunden und sich in die Trümmer der
+alten Burg gewagt, und viele sind vor Furcht und Greuel umgekommen.
+Einmal hatte ein kühner Bursch schon den Mund der Schlange berührt und
+wollte auf die andre Erscheinung warten, da ergriff ihn Entsetzen und
+er rannte bergab; zornig und raschelnd verfolgte sie ihn als Kröte bis
+auf den Krötenstuhl. Sie bleibt übrigens die Länge der Zeit hindurch
+wie sie war und altert nimmer. Als Schlange ist sie am gräßlichsten und
+nach dem Spruch des Volks “groß wie ein Wieschbaum (Heubaum), als Krott
+groß wie ein Bachofen und da spaucht sie Feuer.”
+
+
+ [12] In den gemeinen Mundarten heißt der Waldschwamm: +Kröten+-, oder
+ +Paddenstuhl+.
+
+
+
+
+223.
+
+Die Wiesenjungfrau.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Ein Bube von Auerbach an der Bergstraße hütete seines Vaters Kühe
+auf der schmalen Thalwiese, von der man das alte Schloß sehen kann.
+Da schlug ihn auf einmal von hintenher eine weiche Hand sanft an den
+Backen, daß er sich umdrehte, und siehe, eine wunderschöne Jungfrau
+stand vor ihm, von Kopf zu den Füßen weiß gekleidet, und wollte eben
+den Mund aufthun, ihn anzureden. Aber der Bub erschrack, wie vor dem
+Teufel selbst, und nahm das Reißaus ins Dorf hinein. Weil indessen
+sein Vater bloß die eine Wiese hatte, mußte er die Kühe immer wieder
+zu derselben Weide treiben, er mochte wollen oder nicht. Es währte
+lange Zeit, und der Junge hatte die Erscheinung bald vergessen, da
+raschelte etwas in den Blättern an einem schwülen Sommertag und er
+sah eine kleine Schlange kriechen, die trug eine blaue Blume in ihrem
+Mund und fing plötzlich zu sprechen an: “hör, guter Jung, du könntest
+mich erlösen, wenn du diese Blume nähmest, die ich trage, und die ein
+Schlüssel ist zu meinem Kämmerlein droben im Schloß, da würdest du
+Gelds die Fülle finden.” Aber der Hirtenbub erschrack, da er sie reden
+hörte, und lief wieder nach Haus. Und an einem der letzten Herbsttage
+hütete er wieder auf der Wiese, da zeigte sie sich zum drittenmal
+in der Gestalt der ersten weißen Jungfrau und gab ihm wieder einen
+Backenstreich, bat auch flehentlich, er möchte sie doch erlösen, wozu
+sie ihm alle Mittel und Wege angab. All ihr Bitten war für nichts und
+wider nichts, denn die Furcht überwältigte den Buben, daß er sich
+kreuzte und segnete und wollte nichts mit dem Gespenst zu thun haben.
+Da hohlte die Jungfrau einen tiefen Seufzer und sprach: “weh, daß ich
+mein Vertrauen auf dich gesetzt habe; nun muß ich neuerdings harren
+und warten, bis auf der Wiese ein Kirschenbaum wachsen und aus des
+Kirschenbaums Holz eine Wiege gemacht seyn wird. Nur das Kind, das in
+der Wiege zuerst gewiegt werden wird, kann mich dereinst erlösen.”
+Darauf verschwand sie und der Bub, heißt es, sey nicht gar alt
+geworden; woran er gestorben, weiß man nicht.
+
+
+
+
+224.
+
+Das Niesen im Wasser.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+An einem Brücklein, das über die Auerbach geht, hörte jemand etwas im
+Wasser dreimal niesen, da sprach er dreimal: “Gott helf!” und damit
+wurde der Geist eines Knaben erlöst, der schon dreißig Jahre auf diese
+Worte gelauert hatte. Oberhalb demselben Brücklein hörte, nach einer
+andern Erzählung, ein anderer dreimal aus dem Bach herausniesen.
+Zweimal sagte er: “Gott helf!” beim drittenmal aber: “der Teufel hohl
+dich!” Da that das Wasser einen Wall, wie wenn sich einer mit Gewalt
+darin umdrehte.
+
+
+
+
+225.
+
+Die arme Seele.
+
+Mündlich, aus Paderborn.
+
+
+Et sit en arme Seele unner de Brügge för Haxthusen-Hove to Paderborn,
+de prustet unnerwielen. Wenn nu ter sülvtigen Tiet en Wage der över
+färt un de Fohrmann segd nich: “Gott seegen!” so mot de Wage ümfallen.
+Un hät oll manig Mann Arm un Bein terbroken.
+
+
+
+
+226.
+
+Die verfluchte Jungfer.
+
+Eisenacher Volks-Sagen II. 179. 180.
+
+
+Unweit Eisenach in einer Felsenhöhle zeigt sich zuweilen um die
+Mittagsstunde ein Fräulein, die nur dadurch erlöst werden kann, daß ihr
+jemand auf dreimaliges Niesen dreimal: “helf Gott!” zuruft. Sie war
+eine halsstarrige Tochter und wurde vorzeiten von ihrer guten Mutter im
+Zorn dahin verwünscht.
+
+
+
+
+227.
+
+Das Fräulein von Staufenberg.
+
++Otmar’s+ Sammlung.
+
+
+Auf dem Harz bei Zorge, einem braunschweigischen Dorfe, liegt der
+Staufenberg, ehdem mit einer Burg bebaut. Man sieht jetzo eine Klippe
+da, auf der ein Menschenfuß eingedrückt stehet. Diese Fußtapfe drückte
+einst die Tochter des alten Burgherrn in den Fels, auf dem sie oft
+lange stand, weil es ihr Lieblingsplätzchen war. Noch von Zeit zu
+Zeit zeigt sich dort das verzauberte Fräulein in ihren goldgelben,
+geringelten Haaren.
+
+
+
+
+228.
+
+Der Jungferstein.
+
+~+Melissantes+ Orograph. h. v.~
+
+
+In Meißen, unweit der Festung Königstein, liegt ein Felsen, genannt
+Jungferstein, auch Pfaffenstein. Einst verfluchte eine Mutter ihre
+Tochter, welche Sonntags nicht zur Kirche, sondern in die Heidelbeeren
+gegangen war. Da wurde die Tochter zu Stein und ist ihr Bild gegen
+Mittag noch zu sehen.
+
+Im dreißigjährigen Krieg flüchteten dahin die Leute vor den Soldaten.
+
+
+
+
+229.
+
+Das steinerne Brautbett.
+
++Spieß+ Biograph. der Wahnsinn. Th. 3. u. 4. aus der Volkssage.
+
+
+In Deutschböhmen thürmt sich ein Felsen, dessen Spitze in zwei Theile
+getheilt gleichsam ein Lager und Bett oben bildet. Davon hört man
+sagen: es habe sonst da ein Schloß gestanden, worin eine Edelfrau mit
+ihrer einzigen Tochter lebte. Diese liebte wider den Willen der Mutter
+einen jungen Herrn aus der Nachbarschaft und die Mutter wollte niemals
+leiden, daß sie ihn heirathete. Aber die Tochter übertrat das Gebot und
+versprach sich heimlich ihrem Liebhaber, mit der Bedingung, daß sie
+auf den Tod der Mutter warten und sich dann vermählen wollten. Allein
+die Mutter erfuhr noch vor ihrem Tode das Verlöbniß, sprach einen
+strengen Fluch aus und bat Gott inbrünstig, daß er ihn hören und der
+Tochter Brautbett in einen Stein verwandeln möge. Die Mutter starb, die
+ungehorsame Tochter reichte dem Bräutigam die Hand und die Hochzeit
+wurde mit großer Pracht auf dem Felsenschloß gefeiert. Um Mitternacht,
+wie sie in die Brautkammer gingen, hörte die Nachbarschaft ringsumher
+einen fürchterlichen Donner schlagen. Am Morgen war das Schloß
+verschwunden, kein Weg und Steg führte zum Felsen und auf dem Gipfel
+saß die Braut in dem steinernen Bette, welches man noch jetzt deutlich
+sehen und betrachten kann. Kein Mensch konnte sie erretten, und jeder
+der versuchen wollte, die Steile zu erklettern, stürzte herab. So mußte
+sie verhungern und verschmachten; ihren todten Leichnam fraßen die
+Raben.
+
+
+
+
+230.
+
+Zum Stehen verwünscht.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 659-661.
+
+
+Im Jahr Christi 1545. begab sichs zu Freiberg in Meißen, daß Lorenz
+Richter, ein Weber seines Handwerks, in der Wein-Gasse wohnend,
+seinem Sohn, einem Knaben von vierzehn Jahren, befahl, etwas eilend
+zu thun; der aber verweilte sich, blieb in der Stube stehen und ging
+nicht bald dem Worte nach. Deßwegen der Vater entrüstet wurde und im
+Zorn ihm fluchte: “ei stehe, daß du nimmermehr könnst fortgehen!” Auf
+diese Verwünschung blieb der Knabe alsbald stehen, konnte von der
+Stelle nicht kommen und stand so fort drei ganzer Jahre an dem Ort,
+also daß er tiefe Gruben in die Dielen eindrückte, und ward ihm ein
+Pult untergesetzt, darauf er mit Haupt und Armen sich lehnen und
+ruhen konnte. Weil aber die Stelle, wo er stand, nicht weit von der
+Stubenthüre und auch nahe am Ofen war, und deshalb den Leuten, welche
+hineinkamen, sehr hinderlich, so haben die Geistlichen der Stadt auf
+vorhergehendes fleißiges Gebät ihn von selbem Ort erhoben und gegenüber
+in den andern Winkel glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit großer
+Mühe, fortgebracht. Denn wenn man ihn sonst forttragen wollen, ist er
+alsbald mit unsäglichen Schmerzen befallen und wie ganz rasend worden.
+An diesem Ort, nachdem er niedergesetzt worden, ist er ferner bis ins
+vierte Jahr gestanden und hat die Dielen noch tiefer durchgetreten.
+Man hatte nachgehends einen Umhang um ihn geschlagen, damit ihn die
+aus- und eingehenden nicht also sehen konnten, welches auf sein Bitten
+geschehen, weil er gern allein gewesen ist und vor stäter Traurigkeit
+nicht viel geredet. Endlich hat der gütige Gott die Strafe in etwas
+gemildert, so daß er das letzte halbe Jahr sitzen und sich in das Bett,
+das neben ihn gestellt worden, hat niederlegen können. Fragte ihn
+jemand, was er mache, so gab er gemeinlich zur Antwort, er leide Gottes
+Züchtigung wegen seiner Sünden, setze alles in dessen Willen und halte
+sich an das Verdienst seines Herrn Jesu Christi, worauf er hoffe selig
+zu werden. Er hat sonst gar elend ausgesehen, war blaß und bleich von
+Angesicht, am Leibe gar schmächtig und abgezehrt, im Essen und Trinken
+mäßig, also daß es zur Speise oft Nöthigens bedurfte. Nach Ausgang
+des siebten Jahrs ist er dieses seines betrübten Zustandes den elften
+September 1552 gnädig entbunden worden, indem er eines vernünftigen
+und natürlichen Todes in wahrer Bekenntniß und Glauben an Jesum
+Christum selig entschlafen. Die Fußstapfen sieht man auf heutigen Tag
+in obgedachter Gasse und Haus, (dessen jetziger Zeit Severin Tränkner
+Besitzer ist), in der obern Stube, da sich diese Geschichte begeben,
+die erste bei dem Ofen, die andere in der Kammer nächst dabei, weil
+nachgehender Zeit die Stuben unterschieden worden.
+
+
+
+
+231.
+
+Die Bauern zu Kolbeck.
+
++Bange+ thüring. Chronik. Bl. 39.
+
++Becherer+ thüring. Chronik S. 193. 194.
+
++Gerstenberg+ bei ~+Schminke+ mon. hass. I.~ 88. 89.
+
++Spangenberg+ Brautpredigt 45.
+
+
+Im Jahr 1012. war ein Bauer im Dorf Kolbeke bei Halberstadt, der hieß
+Albrecht, der machte in der Christnacht einen Tanz mit andern funfzehn
+Bauern, dieweil man Messe hielt, außen auf dem Kirchhof und waren drei
+Weibsbilder unter ihnen. Und da der Pfarrherr heraustrat und sie darum
+strafte, sprach jener: “mich heißet (man) Albrecht, so heißet dich
+Ruprecht; du bist drinne frölich, so laß uns hausen frölich seyn; du
+singst drinnen deine Leisen, so laß uns unsern Reihen singen.” Sprach
+der Pfarrherr: “so wolle Gott und der Herr S. Magnus, daß ihr ein ganz
+Jahr also tanzen müsset!” Das geschah, und Gott gab den Worten Kraft,
+so daß weder Regen noch Frost ihre Häupter berührte, noch sie Hitze,
+Hunger und Durst empfanden, sondern sie tanzten allum und ihre Schuhe
+zerschlissen auch nicht. Da lief einer (der Küster) zu und wollte seine
+Schwester aus dem Tanze ziehen, da folgten ihm ihre Arme. Als das Jahr
+vorüber war, kam der Bischof von Cöln, Heribert, und erlösete sie aus
+dem Bann; da starben ihrer vier sobald, die andern wurden sehr krank,
+und man sagt, daß sie sich in die Erde fast an den Mittel (d. h. an
+den Gürtel) sollen getanzt haben, und ein tiefer Graben in dem Grund
+ausgehöhlt wurde, der noch zu sehen ist. Der Landesherr ließ zum
+Zeichen so viel Steine darum setzen, als Menschen mitgetanzt hatten.
+
+
+
+
+232.
+
+Der heilige Sonntag.
+
++Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 120, 3.
+
+
+Zu Kindstadt in Franken pflag eine Spinnerin des Sonntags über
+zu spinnen und zwang auch ihre Mägde dazu. Einsten dauchte sie
+miteinander, es ginge Feuer aus ihren Spinnrocken, thäte ihnen aber
+weiter kein Leid. Den folgenden Sonntag kam das Feuer wahrhaftig in den
+Rocken, wurde doch wieder gelöscht. Weil sies aber nicht achtete, ging
+den dritten Sonntag das ganze Haus an vom Flachs und verbrann die Frau
+mit zweien Kindern, aber durch Gottes Gnade wurde ein kleines Kind in
+der Wiegen erhalten, daß ihm kein Leid geschahe.
+
+Man sagt auch, einem Bauer, der Sonntags in die Mühle ging, sein
+Getreid zu mahlen, sey es zu Aschen geworden, einem andern Scheuer und
+Korn abgebrunnen. Einer wollte auf den heiligen Tag pflügen und die
+Pflugschaar mit einem Eisen scheuern, das Eisen wuchs ihm an die Hand
+und mußte es zwei Jahr in großem Schmerz tragen, bis ihn Gott nach
+vielem brünstigen Gebet von der Plage erledigte.
+
+
+
+
+233.
+
+Frau Hütt.
+
+vgl. Morgenblatt. 1811. Nr. 28.
+
+
+In uralten Zeiten lebte im Tirolerland eine mächtige Riesen-Königin,
++Frau Hütt+ genannt und wohnte auf den Gebürgen über Innsbruck, die
+jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker und
+grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, weinte
+und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah sein
+Kleid schwarz aus, wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne zum
+Stecken-Pferd abknicken wollen, weil der Baum aber am Rande eines
+Morastes stand, so war das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum
+Haupt in den Moder gesunken, doch hatte er sich noch glücklich heraus
+geholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues schönes
+Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosamen nehmen und
+ihm damit Gesicht und Hände reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen
+mit der heiligen Gottes-Gabe also sündlich umzugehen, so zog ein
+schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte und
+ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt,
+da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die
+Wohnung der Frau Hütt verschwunden und überall war nur eine Wüste mit
+zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte, in der Mitte
+aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert und wird so stehen
+bis zum jüngsten Tag.
+
+In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird
+bösen und muthwilligen Kindern die Sage zur Warnung erzählt, wenn sie
+sich mit Brot werfen oder sonst Uebermuth damit treiben. “Spart eure
+Brosamen, heißt es, für die Armen, damit es euch nicht ergehe, wie der
+Frau Hütt.”
+
+
+
+
+234.
+
+Der Kindelsberg.
+
+Stilling’s Leben. II. 24—29.
+
+
+Hinter dem Geisenberg in Westphalen ragt ein hoher Berg mit dreien
+Köpfen hervor, davon heißt der mittelste noch der +Kindelsberg+, da
+stand vor alten Zeiten ein Schloß, das gleichen Namen führte, und in
+dem Schloß wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten
+sie ein sehr schönes Silber-Bergwerk, davon wurden sie stockreich und
+von dem Reichthum wurden sie so übermüthig, daß sie sich silberne Kegel
+machten, und wenn sie spielten, so warfen sie diese Kegel mit silbernen
+Kugeln. Der Uebermuth ging aber noch weiter, denn sie bucken sich
+große Kuchen von Semmelmehl, wie Kutschenräder, machten mitten Löcher
+darein und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende
+Sünde, denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott ward es
+endlich auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloß
+und sagte an, daß sie alle binnen dreien Tagen sterben müßten und zum
+Wahrzeichen gab er ihnen, daß diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen
+würde. Das traf auch ein, aber niemand kehrte sich daran, als der
+jüngste Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar
+schöne Jungfrau war. Diese bäteten Tag und Nacht. Die andern starben
+an der Pest, aber diese beiden blieben am Leben. Nun war aber auf dem
+Geisenberg ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes
+schwarzes Pferd und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er
+war ein gottloser Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter
+gewann die schöne Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur
+Ehe haben, sie schlug es ihm aber beständig ab, weil sie einem jungen
+Grafen von der Mark verlobt war, der mit ihrem Bruder in den Krieg
+gezogen war und dem sie treu bleiben wollte. Als aber der Graf immer
+nicht aus dem Krieg zurückkam und der Ritter mit dem schwarzen Pferd
+sehr um sie warb, so sagte sie endlich: “wenn die grüne Linde hier
+vor meinem Fenster wird dürr seyn, so will ich dir gewogen werden.”
+Der Ritter mit dem schwarzen Pferde suchte so lang in dem Lande, bis
+er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne, und in einer Nacht
+bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre dafür hin. Als
+nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war’s so hell vor ihrem Fenster,
+da lief sie hin und sah erschrocken, daß eine dürre Linde da stand.
+Weinend setzte sie sich unter die Linde und als der Ritter nun kam und
+ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Noth: “ich kann dich nimmermehr
+lieben.” Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach
+sie todt. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein
+Grab und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu
+sehen ist.
+
+
+
+
+235.
+
+Die Semmel-Schuhe.
+
+Mündlich, aus Deutschböhmen.
+
+
+Im Klatauer Kreis, eine Viertelstunde vom Dorf Oberkamenz, stand auf
+dem Hradekberg ein Schloß, davon noch einige Trümmer bleiben. Vor
+alter Zeit ließ der Burgherr eine Brücke bauen, die bis nach Stankau,
+welches eine Stunde Wegs weit ist, führte und die Brücke war der Weg,
+den sie zur Kirche gehen mußten. Dieser Burgherr hatte eine junge,
+hochmüthige Tochter, die war so vom Stolz besessen, daß sie Semmeln
+aushöhlen ließ und statt der Schuhe anzog. Als sie nun einmal auf
+jener Brücke mit solchen Schuhen zur Kirche ging und eben auf die
+letzte Stufe trat, so soll sie und das ganze Schloß versunken seyn.
+Ihre Fußstapfe sieht man noch jetzt in einem Stein, welcher eine Stufe
+dieser Brücke war, deutlich eingedruckt.
+
+
+
+
+236.
+
+Der Erdfall bei Hochstädt.
+
++Behrens+ curiöser Harzwald S. 85. 86.
+
+
+Im brandenburgischen Amt Klettenberg gegen den Unterharz, unfern des
+Dorfs Hochstädt, sieht man einen See und einen Erdfall, von dem die
+Einwohner folgende Sage haben: in vorigen Zeiten sey an der Stelle des
+Sees eine Grasweide gewesen. Da hüteten etliche Pferdejungen ihr Vieh,
+und als die andern sahen, daß einer unter ihnen weiß Brot aß, bekamen
+sie auch Lust, davon zu genießen und forderten es dem Jungen ab. Dieser
+wollte ihnen aber nichts mittheilen, denn er bedürfe es zur Stillung
+seines eigenen Hungers. Darüber erzürnten sie, fluchten ihren Herrn,
+daß sie ihnen blos gemeines schwarz-Hausbacken-Brot gäben, warfen ihr
+Brot frevelhaft zur Erde, tratens mit Füßen und geisseltens mit ihren
+Peitschen. Alsbald kam Blut aus dem Brot geflossen, da erschracken die
+Knechte, wußten nicht wohin sich wenden; der unschuldige aber (den, wie
+einige hinzufügen, ein alter unbekannter, dazu kommender Mann gewarnt
+haben soll) schwang sich zu Pferd und entfloh dem Verderben. Zu spät
+wollten die andern nachfolgen, sie konnten nicht mehr von der Stelle
+und plötzlich ging der ganze Platz unter. Die bösen Buben sammt ihren
+Pferden wurden tief in die Erde verschlungen und nichts von ihnen kam
+je wieder ans Tageslicht. Andere erzählen anders. Auch sollen aus dem
+See Pflanzen mit Blättern, wie Hufeisen, wachsen.
+
+
+
+
+237.
+
+Die Brot-Schuhe.
+
+Mündlich, aus Deutschböhmen.
+
+
+Einer Bürgersfrau war ihr junges Kind gestorben, das ihr Augapfel war,
+und wußte gar nicht genug, was sie ihm noch liebs und guts anthun
+sollte, eh es unter die Erde käme und sie’s nimmermehr sehen würde. Und
+wie sie’s nun im Sarg auf das beste putzte und kleidete, so däuchten
+ihr die Schühlein doch nicht gut genug und nahm das weißeste Mehl,
+was sie hatte, machte einen Teig und buck dem Kind welche von Brot. In
+diesen Schuhen wurde das Kind begraben, allein es ließ der Mutter nicht
+Rast noch Ruh, sondern erschien ihr jammervoll, bis sein Sarg wieder
+ausgegraben wurde und die Schühlein aus Brot von den Füßen genommen und
+andere ordentliche angezogen waren. Von da an stillte es sich.
+
+
+
+
+238.
+
+Das taube Korn.
+
+Holländ. gemeine Sage. +Grabner+ Reise in die Niederlande. Gotha 1792.
+S. 58-60.
+
++Winsheim+ fries. Chronik. Bl. 147. 148.
+
+
+Zu Stavoren in Friesland waren die Einwohner durch ihren Reichthum
+stolz und übermüthig geworden, daß sie Hausflur und Thüren mit Gold
+beschlagen ließen, den ärmeren Städten der Nachbarschaft zum Trotz.
+Von diesen wurden sie daher nicht anders genannt, als: “die verwöhnten
+Kinder von Stavoren.” Unter ihnen war besonders eine alte geitzhälsige
+Witwe, die trug einem Danzigfahrer auf, das beste was er laden könne,
+für ihre Rechnung mitzubringen. Der Schiffer wußte nichts bessers, als
+er nahm einige tausend Lasten schönes polnisch Getraid, denn zur Zeit
+der Abreise hatte die Frucht gar hoch gestanden in Friesland. Unterwegs
+aber begegnete ihm nichts wie Sturm und Unwetter und nöthigten ihn zu
+Bornholm überwintern, dergestalt daß wie er Frühjahrs endlich daheim
+anlangte, das Korn gänzlich im Preise gefallen war und die Witwe
+zornig die sämmtliche Ladung vor der Stadt in die See werfen ließ. Was
+geschah? An derselben Stelle that sich seit der Zeit eine mächtige
+Sandbank empor, geheißen der +Frauensand+, drauf nichts als taubes
+Korn (Wunderkorn, Dünenhelm, weil es die Dünen wider die See helmt
+[schützt], ~arundo arenaria~) wuchs und die Sandbank lag vor dem Hafen,
+den sie sperrte, und der ganze Hafen ging zu Grunde. So wuchs an der
+Sünde der alten Frau die Buße für die ganze Stadt auf.
+
+
+
+
+239.
+
+Der Frauensand.
+
+Mündlich aus Holland mitgetheilt.
+
+
+Westlich im Südersee wachsen mitten aus dem Meer Gräser und Halme
+hervor an der Stelle, wo die Kirchthürme und stolzen Häuser der
+vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichthum
+hatte ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maaß ihrer Uebelthaten
+erfüllt war, gingen sie bald zu Grunde. Fischer und Schiffer am Strand
+des Südersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt.
+
+Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine sichere
+Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut,
+hart gegen die Menschen, strebte sie blos, ihre Schätze immer noch zu
+vermehren. Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem
+Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren
+Zeit man Amsterdam noch nicht nannte, und Rotterdam ein kleines Dorf
+war, hatten den Weg der Tugend verlassen.
+
+Eines Tags rief diese Jungfrau ihren Schiffmeister und befahl ihm
+auszufahren und eine Ladung des edelsten und besten mitzubringen,
+was auf der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewohnt an
+pünctliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand
+zornig auf ihrem Wort und hieß ihn alsbald in die See stechen. Der
+Schiffmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab, er wußte nicht, wie
+er dem Geheiß seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte,
+nachkommen möchte und überlegte hin und her, was zu thun. Endlich
+dachte er: ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizen bringen,
+was ist schöners und edlers zu finden auf Erden, als dieß herrliche
+Korn, dessen kein Mensch entbehren kann? Also steuerte er nach Danzig,
+befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann,
+immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine
+Heimath zurück. “Wie, Schiffmeister, rief ihm die Jungfrau entgegen, du
+bist schon hier? ich glaubte dich an der Küste von Africa, um Gold und
+Elfenbein zu handeln, laß sehen, was du geladen hast.” Zögernd, denn an
+ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde,
+antwortete er: “meine Frau, ich führe euch zu dem köstlichsten Weizen,
+der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden.” “Weizen, sprach sie,
+so elendes Zeug bringst du mir?” -- “ich dachte das wäre so elend
+nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt” -- “ich will dir
+zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist; von welcher Seite ist das
+Schiff geladen?” -- “von der rechten Seite (Stuurboordszyde),” sprach
+der Schiffmeister. -- “Wohlan, so befehl ich dir, daß du zur Stunde die
+ganze Ladung auf der linken Seite (Bakboord) in die See schüttest; ich
+komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden.”
+
+Der Seemann zauderte einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an
+der Gabe Gottes versündigte und berief in Eile alle arme und dürftige
+Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren
+Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und frug: “wie ist
+mein Befehl ausgerichtet?” Da fiel eine Schaar von Armen auf die Knie
+vor ihr und baten, daß sie ihnen das Korn austheilen möchte, lieber als
+es vom Meer verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart
+wie Stein und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über
+Bord zu werfen. Da bezwang sich der Schiffmeister länger nicht und rief
+laut: “nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerächt lassen, wenn es
+wahr ist, daß der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft; ein Tag
+wird kommen, wo ihr gerne die edlen Körner, die ihr so verspielt, eins
+nach dem andern auflesen möchtet, euren Hunger damit zu stillen!” “Wie,
+rief sie mit höllischem Gelächter, ich soll dürftig werden können? ich
+soll in Armuth und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr
+sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in
+die Tiefe der See werfe.” Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring
+vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes
+und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet.
+
+Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frauen zu Markt,
+kaufte einen Schelfisch und wollte ihn in der Küche zurichten; als sie
+ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn
+ihrer Frauen. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich
+für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte
+und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war
+aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf,
+ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige
+Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf
+sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die
+Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt
+war, vollendete bald ihr Unglück und kaum war ein Jahr verflossen, so
+erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffmeisters in allen
+Stücken. Arm und von keinem betrauert, von vielen verhöhnt, sank sie
+je länger je mehr in Noth und Elend, hungrig bettelte sie Brot vor den
+Thüren und bekam oft keinen Bissen, endlich verkümmerte sie und starb
+verzweifelnd.
+
+Der Weizen aber, der in das Meer geschüttet worden war, sproß und
+wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das
+Warnungszeichen, allein die Ruchlosheit von Stavoren nahm von Jahr
+zu Jahr überhand, da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von
+der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den
+Ziehbrunnen und in der Nacht öffnete sich die See und verschwalg mehr
+als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinah jedes Jahr
+versinken einige Hütten der Insassen und es ist seit der Zeit kein
+Seegen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer
+wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein
+Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf
+Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht
+der Waizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es
+grünt, liegt entlangs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen
+als den des +Frauensands+.
+
+
+
+
+240.
+
+Brot zu Stein geworden.
+
+~+Melissantes+~ Handb. f. Bürger u. Bauern. Fft. u. Lpg. 1744. S. 128.
+
++Ernst+ Gemüthsergötzlichkeit S. 946.
+
+Rheinischer Antiquar. S. 864.
+
+Mündliche Sage aus Landshut.
+
+Aus Danzig in +Mart. Zeiller’s+ Handbuch von allerlei nützl. Sachen und
+Denkwürdigkeiten. Ulm 1655. S. 27.
+
+
+Man hat an viel Orten, namentlich in Westphalen, die Sagen, daß zur
+Zeit großer Theuerung eine hartherzige Schwester ihre arme Schwester,
+die für sich und ihre Kindlein Brot gebeten, mit den Worten abgewiesen:
+“und wenn ich Brot hätte, wollte ich, daß es zu Stein würde!” -- worauf
+sich ihr Brotvorrath alsbald in Stein verwandelt. Zu Leiden in Holland
+hebt man in der großen Peterskirche ein solches Steinbrot auf und zeigt
+es den Leuten zur Bewährung der Geschichte.
+
+Im Jahr 1579 hatte ein dortmunder Becker in der Hungersnoth viel Korn
+aufgekauft und freute sich, damit recht zu wuchern. Als er aber mitten
+in diesem Geschäft war, ist ihm sein Brot im ganzen Hause eines Tages
+zu Stein worden und wie er einen Laib ergriffen und mit dem Messer
+aufschneiden wollen, Blut daraus geflossen. Darüber hat er sich alsbald
+in seiner Kammer erhängt.
+
+In der dem heiligen Kastulus geweihten Hauptkirche zu Landshut hängt
+mit silberner Einfassung ein runder Stein in Gestalt eines Brotes,
+in dessen Oberfläche sich vier kleine Höhlungen befinden. Davon geht
+folgende Sage. Kurz vor seinem Tode kam der heil. Kastulus als ein
+armer Mann zu einer Wittwe in der Stadt und bat um ein Almosen. Die
+Frau hieß ihre Tochter, das einzige Brot, das sie noch übrig hatten,
+dem Dürftigen reichen. Die Tochter, die es ungern weggab, wollte vorher
+noch eilig einige Stücke abbrechen, aber in dem Augenblick verwandelte
+sich das, dem Heiligen schon eigene, Brot in Stein und man erblickt
+noch jetzt darin die eingedrückten Finger deutlich.
+
+Zur Zeit einer großen Theurung ging ein armes Weib, ein Kind auf dem
+Arm, eins neben sich herlaufend und nach Brot laut schreiend, durch
+eine Straße der Stadt Danzig. Da begegnete ihr ein Mönch aus dem
+Kloster Oliva, den sie flehentlich um ein Bischen Brot für ihre Kinder
+bat. Der Mönch aber sagte: “ich habe keins.” Die Frau sprach: “ach ich
+sehe, daß ihr in euerm Busen Brot stecken habt.” “Ei, das ist nur ein
+Stein, die Hunde damit zu werfen,” antwortete der Mönch und ging fort.
+Nach einer Weile wollte er sein Brot holen und essen, aber er fand,
+daß es sich wirklich in Stein verwandelt hatte. Er erschrack, bekannte
+seine Sünde und gab den Stein ab, der noch jetzt in der Klosterkirche
+dort hängt.
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+241.
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+Der binger Mäusethurm.
+
++Bange+ thür. Chronik Bl. 35 b.
+
+
+Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem
+nachstehende Sage umgeht. Im Jahr 974. ward große Theuerung in
+Deutschland, daß die Menschen aus Noth Katzen und Hunde aßen und doch
+viel Leute Hungers sturben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto
+der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und
+sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen
+zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein
+Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: “lasset alle Arme und
+Dürftige sammlen in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.”
+Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Thüre zu,
+steckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune sammt den armen Leuten.
+Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief
+Bischof Hatto: “hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!” Allein Gott der
+Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und
+an ihm fraßen, und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider
+sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rath, als
+er ließ einen Thurm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch
+heutiges Tags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die
+Mäuse schwummen durch den Strom heran, erklommen den Thurm und fraßen
+den Bischof lebendig auf.
+
+
+
+
+242.
+
+Das Bubenried.
+
+Mündlich, aus dem Odenwald.
+
+
+In der großbieberauer Gemarkung liegt ein Thal gegen Ueberau zu, das
+nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile
+dadurch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vor Zeiten, als Krieg
+und Hungersnoth im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Ueberau
+zurück, die hatten sich immer zu einander gehalten und in dem Thal
+pflegten sie immer ihr Almosen zu theilen. Sie hatten heute nur ein
+paar Blechpfennige gekriegt, aber dem einen hatte der reiche Schulz ein
+Armenlaibchen geschenkt, “das könne er mit seinem Gesellen theilen.”
+Wie nun alles andere redlich getheilt war und der Bub das Brot aus dem
+Schubfach zog, roch es ihm so lieblich in die Nase, daß er’s für sich
+allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der
+Friede sein Ende, sie zankten sich und von den Worten kams zum Raufen
+und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder
+einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben
+und jeder Bub schlug den andern todt. Drei Nächte lang nach dem Mord
+regte sich kein Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ists da
+ungeheuer und man hört die Buben wimmern und winseln.
+
+
+
+
+243.
+
+Kindelbrück.
+
+Mündlich.
+
+
+Diese thüringische Landstadt soll daher ihren Namen haben: es seyen vor
+Zeiten zwei kleine Kinder auf Steckenpferden auf der Brücke, die über
+die Wipper führt, geritten und ins Wasser gefallen.
+
+
+
+
+244.
+
+Die Kinder zu Hameln.
+
++Sam. Erich+ der hamelschen Kinder Ausgang.
+
++Kirchmayer+ vom unglücklichen Ausgang der hamel. Kinder. Dresd. u.
+Lpzg. 1702. 8.
+
++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern I. c. 16.
+
+~+Meibom+ SS. RR. GG. III. p. 80.~
+
+~+Hondorf+ prompt. exempl. Tit. de educ. liberor.~
+
++Becherer+ thüring. Chronik S. 366. 367.
+
++Seyfried’s+ ~medulla p. 476.~
+
++Hübner’s+ Geogr. III. Hamb. 1736. S. 611-613.
+
+~+Verstegan+ decayed intelligence. London 1634. p. 85. 86.~
+
+Die hamelsche Chronik u. a. m.
+
+
+Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte
+einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben er +Bundting+
+soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem
+er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und
+Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten
+ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen
+heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen
+Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun
+meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus und der ganze Haufe
+folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine
+Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Thiere folgten und
+hineinstürzend ertranken.
+
+Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der
+versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei
+Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26sten Juni auf
+Johannis und Pauli Tag, Morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag,
+erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen
+Angesichts mit einem rothen, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in
+den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern
+Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl
+gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters
+war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in
+einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kinder-Mädchen
+gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war,
+darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern
+liefen haufenweis vor alle Thore und suchten mit betrübtem Herzen ihre
+Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von
+Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt,
+zu erkundigen, ob man die Kinder, oder auch nur etliche gesehen, aber
+alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundert und dreißig verloren. Zwei
+sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen seyn, wovon
+aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den
+Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann
+gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts
+gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock
+zu hohlen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam,
+waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt
+wird, verschwunden.
+
+Die Straße, wodurch die Kinder zum Thor hinausgegangen, hieß noch
+in der Mitte des 18. J.H. (wohl noch heute) die +bunge-lose+
+(trommel-tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch
+Saiten-Spiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik
+zur Kirche gebracht ward, mußten die Spiel-Leute über die Gasse hin
+stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt
+der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind
+aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle
+geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.
+
+Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch
+einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust
+ihrer Kinder Jahr und Tag zu zählen. Nach Seyfried ist der 22ste statt
+des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rath-Haus standen
+folgende Zeilen:
+
+ Im Jahr 1284 na Christi gebort tho Hamel worden uthgevort hundert und
+ dreißig Kinder dasülvest geborn dorch einen Piper under den Köppen
+ verlorn.
+
+Und an der neuen Pforte:
+
+ ~Centum ter denos cum magus ab urbe puellos duxerat ante annos
+ CCLXXII condita porta fuit.~
+
+Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in die
+Kirchenfenster abbilden mit der nöthigen Ueberschrift, welche
+größtentheils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt.
+
+
+
+
+245.
+
+Der Rattenfänger.
+
+Mündlich, aus Deutschböhmen.
+
+
+Der Rattenfänger weiß einen gewissen Ton, pfeift er den neunmal, so
+ziehen ihm alle Ratten nach, wohin er sie haben will, in Teich oder
+Pfütze.
+
+Einmal konnte man in einem Dorf der Ratten gar nicht los werden und
+ließ endlich den Fänger hohlen. Der richtete nun einen Haselstock so
+zu, daß alle Ratten dran gebannt waren und wer den Stock ergriff,
+dem mußten sie nach; er wartete aber bis Sonntags und legte ihn vor
+die Kirchenthür. Als nun die Leute vom Gottesdienst heimkamen, ging
+auch ein Müller vorbei und sah gerade den hübschen Stock liegen,
+sprach: “das gibt mir einen feinen Spazirstock.” Also nahm er ihn zur
+Hand und ging dem Dorf hinaus, seiner Mühle zu. Indem so huben schon
+einzelne Ratten an aus ihren Ritzen und Winkeln zu laufen und sprangen
+querfeldein immer näher und näher, und wie mein Müller, der von nichts
+ahnte und den Stock immer behielt, auf die Wiese kam, liefen sie ihm
+aus allen Löchern nach, über Acker und Feld und liefen ihm bald zuvor,
+waren eher in seinem Haus als er selbst und blieben nach der Zeit bei
+ihm zur unausstehlichen Plage.
+
+
+
+
+246.
+
+Der Schlangenfänger.
+
++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 95.
+
+
+Zu Salzburg rühmte sich ein Zauberer, er wollte alle Schlangen, die
+in derselben Gegend auf eine Meil Wegs wären, in eine Grube zusammen
+bringen und tödten. Als er es aber versuchen wollte, kam zuletzt
+eine große, alte Schlange hervorgekrochen, welche, da er sie mit
+Zauber-Worten in die Grube zu zwingen wagte, aufsprang, ihn umringelte,
+also, daß sie wie ein Gürtel sich um seine Weiche wand, darnach in die
+Grube schleifte und umbrachte.
+
+
+
+
+247.
+
+Das Mäuselein.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 40. 41. vgl. II. 161.
+
+
+In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach
+hat sich Anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde
+schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von
+den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine
+Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr
+zum offenen Maule heraus ein rothes Mäuselein. Die Leute sahen es
+meistentheils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief
+eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine
+Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht,
+so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd,
+rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle
+etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald darnach kam das Mäuselein
+wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul
+gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte,
+noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war todt und
+blieb todt. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf
+demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden
+und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.
+
+
+
+
+248.
+
+Der ausgehende Rauch.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 161.
+
+
+Zu Hersfeld dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden
+Abend, eh sie zu Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube
+stillzusitzen. Den Hausherrn nahm das endlich Wunder, er blieb daher
+einmal auf, verbarg sich im Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie
+die Mägde nun sich beim Tisch allein sitzen sahen, hob die eine an und
+sagte:
+
+ “Geist thue dich entzücken
+ und thue jenen Knecht drücken!”
+
+Drauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus
+dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in
+tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen
+und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging
+er davon und ließ sie, des Morgens darauf war diejenige Magd todt, die
+er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb
+lebendig.
+
+
+
+
+249.
+
+Die Katze aus dem Weidenbaum.
+
+Der ungewissenhafte Apotheker S. 895.
+
+
+Ein Bauernknecht von Straßleben erzählte, wie daß in ihrem Dorfe eine
+gewisse Magd wäre, dieselbe hätte sich zuweilen vom Tanze hinweg
+verloren, daß niemand gewußt, wo sie hinkommen, bis sie eine feine
+Weile hernach sich wieder eingefunden. Einmal beredete er sich mit
+andern Knechten, dieser Magd nachzugehn. Als sie nun Sonntags wieder
+zum Tanze kam und sich mit den Knechten erlustigte, ging sie auch
+wieder ab. Etliche schlichen ihr nach, sie ging das Wirthshaus hinaus
+aufs Feld und lief ohne Umsehen fort, einer hohlen Weide zu, in welche
+sie sich versteckte. Die Knechte folgten nach, begierig zu sehen, ob
+sie lang in der Weide verharren würde und warteten an einem Ort, wo
+sie wohl verborgen standen. Eine kleine Weile drauf merkten sie, daß
+eine Katze aus der Weide sprang und immer querfeldein nach Langendorf
+lief. Nun traten die Knechte näher zur Weide, da lehnte das Mensch
+oder vielmehr ihr Leib ganz erstarret und sie vermochten ihn weder mit
+Rütteln noch Schütteln zum Leben bringen. Ihnen kommt ein Grauen an,
+sie lassen den Leib stehen und gehen an ihren vorigen Ort. Nach einiger
+Zeit spüren sie, daß die Katze den ersten Weg zurückgeht, in die Weide
+einschlüpft, die Magd aus der Weide kriecht und nach dem Dorfe zugeht.
+
+
+
+
+250.
+
+Wetter und Hagel machen.
+
++Godelmann+ von Zauberern übers. von +Nigrin+. V. 1. S. 83.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden. 104.
+
++Kirchhof’s+ Wendunmuth V. Nr. 261. S. 316.
+
++Lercheimer+ S. 50 ff.
+
+
+Im Jahr 1553 sind zu Berlin zwei Zauber-Weiber gefangen worden, welche
+sich unterstanden, Eis zu machen, die Frucht damit zu verderben.
+Und diese Weiber hatten ihrer Nachbarin ein Kindlein gestolen und
+dasselbige zerstückelt gekocht. Ist durch Gottes Schickung geschehen,
+daß die Mutter, ihr Kind suchend, dazu kommt und ihres verlorenen
+Kindes Gliederlein in ein Töpfchen gelegt siehet. Da nun die beiden
+Weiber gefangen und peinlich gefragt worden, haben sie gesagt, wenn ihr
+Geköch fortgegangen, so wäre ein großer Frost mit Eis kommen, also daß
+alle Frucht verderbt wäre.
+
+Zu einer Zeit waren in einem Wirthshause zwei Zauberinnen zusammen
+gekommen, die hatten zwei Gelten oder Kübel mit Wasser an einen
+besondern Ort gesetzt und rathschlagten miteinander: ob es dem Korne
+oder dem Weine sollt gelten. Der Wirth, der auf einem heimlichen Winkel
+stand, hörte das mit an und Abends, als sich die zwei Weiber zu Bett
+gelegt, nahm er die Gelten und goß sie über sie hin; da ward das Wasser
+zu Eis, so daß beide von Stund an zu Tod froren.
+
+Eine arme Witfrau, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte,
+ging in den Wald, Holz zu lesen und bedachte ihr Unglück. Da stand der
+Böse in eines Försters Gestalt und fragte: warum sie so traurig? ob
+ihr der Mann abgestorben? Sie antwortete: “ja.” Er sprach: “willt du
+mich nehmen und mir gehorsamen, will ich dir Gelds die Fülle geben.”
+Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott
+absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler
+wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch Dick
+und Dünn, Trocken und Naß auf den Berg zu einem Tanz. Da waren noch
+andre Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte und die eine gab dem
+Spielmann zwölf Pfenning Lohn. Nach dem Tanze wurden die Hexen eins und
+thaten zusammen Ähren, Rebenlaub und Eichblätter, damit Korn, Trauben
+und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das
+Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei.
+Ihr selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam.
+
+
+
+
+251.
+
+Der Hexen-Tanz.
+
+~+Nic. Remigii+ daemonolatria p. 109.~
+
+
+Eine Frau von Hembach hatte ihren kaum sechszehnjährigen Sohn Johannes
+mit zu der Hexen-Versammlung geführt und weil er hatte pfeifen lernen,
+verlangte sie, er sollte ihnen zu ihrem Tanze pfeifen, und damit man es
+besser hören könnte, auf den nächsten Baum steigen. Der Knabe gehorchte
+und stieg auf den Baum, indem er nun daher pfiffe und ihrem Tanz mit
+Fleiß zusahe, vielleicht weil ihm alles so wunderseltsam däuchte, denn
+da geht es auf närrische Weise zu, sprach er: “behüt, lieber Gott,
+woher kommt so viel närrisches und unsinniges Gesinde!” Kaum aber hatte
+er diese Worte ausgeredet, so fiel er vom Baum herab, verrenkte sich
+eine Schulter und rief, sie sollten ihm zu Hilfe kommen, aber da war
+niemand, ohn’ er allein.
+
+
+
+
+252.
+
+Die Wein-Reben und Nasen.
+
++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 19.
+
+
+An dem Hofe zu H. war ein Geselle, der seinen Gästen ein seltsam
+schimpflich Gaukelwerk machte. Nachdem sie gegessen hatten, begehrten
+sie, darum sie vornehmlich kommen waren, daß er ihnen zur Lust ein
+Gaukel-Spiel vorbringe. Da ließ er aus dem Tisch eine Rebe wachsen mit
+zeitigen Trauben, deren vor jedem eine hing: hieß jeglichen die seinige
+mit der Hand angreifen und halten und mit der andern das Messer auf den
+Stengel setzen, als wenn er sie abschneiden wollte; aber er sollte bei
+Leibe nicht schneiden. Darnach ging er aus der Stube, kam wieder: da
+saßen sie alle und hielten sich ein jeglicher selber bei der Nase und
+das Messer darauf. Hätten sie geschnitten, hätte ein jeder sich selbst
+die Nase verwundet.
+
+
+
+
+253.
+
+Fest hängen.
+
++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 105.
+
+
+Zu Magdeburg war zu einer Zeit ein seltsamer Zauberer, welcher in
+Gegenwart einer Menge Zuschauer, von denen er ein großes Geld gehoben,
+ein wunderkleines Rößlein, das im Ring herumtanzte, zeigte und, wenn
+sich das Spiel dem Ende näherte, klagte, wie er bei der undankbaren
+Welt so gar nichts Nutzes schaffen könnte, dieweil jedermann so karg
+wäre, daß er sich Bettelns kaum erwehren mögte. Deshalb wollte er
+von ihnen Urlaub nehmen und den allernächsten Weg gen Himmel, ob
+vielleicht seine Sache daselbst besser würde, fahren. Und als er
+diese Worte gesprochen, warf er ein Seil in die Höhe, welchem das
+Rößlein ohne allen Verzug stracks nachfuhre, der Zauberer erwischte es
+beim Wadel, seine Frau ihn bei den Füßen, die Magd die Frau bei den
+Kleidern, also daß sie alle, als wären sie zusammen geschmiedet, nach
+einander ob sich dahin fuhren. Als nun das Volk da stand, das Maul
+offen hatte und dieser Sache, wie wohl zu gedenken, erstaunt war, kam
+ohn alle Gefähr ein Bürger daher, welchem, als er fragte, was sie da
+stünden, geantwortet ward, der Gaukler wäre mit dem Rößlein in die
+Luft gefahren. Darauf er berichtete, er habe ihn eben zu gegen seiner
+Herberge gesehen daher gehn.
+
+
+
+
+254.
+
+Das Noth-Hemd.
+
++Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern B. 8. Cap. 18.
+
++Zedler’s+ Universal-Lexicon ~h. v.~
+
+Der ungewissenhafte Apotheker S. 650.
+
+
+Das Noth-Hemd wird auf folgende Weise zubereitet. In der Christ-Nacht
+müssen zwei unschuldige Mägdlein, die noch nicht sieben Jahr alt sind,
+linnen Garn spinnen, weben und ein Hemd daraus zusammen nähen. Auf der
+Brust hat es zwei Häupter, eins auf der rechten Seite mit einem langen
+Barte und einem Helm, eins auf der linken mit einer Krone, wie sie der
+Teufel trägt. Zu beiden Seiten wird es mit einem Kreuze bewahrt. Das
+Hemd ist so lang, daß es den Menschen vom Hals an bis zum halben Leib
+bedeckt.
+
+Wer ein solches Noth-Hemd im Krieg trägt, ist sicher vor Stich, Hieb,
+Schuß und anderm Zufall, daher es Kaiser und Fürsten hochhielten.
+Auch Gebärende ziehen es an, um schneller und leichter entbunden zu
+werden. ~Contra vero tale indusium, viro tamen +mortuo+ ereptum, a
+foeminis luxuriosis quaeri ferunt, quo indutae non amplius gravescere
+perhibentur.~
+
+
+
+
+255.
+
+Fest gemacht.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 365.
+
++Luther’s+ Tisch-Reden S. 109.
+
+
+Ein vornehmer Kriegsmann ging bei einer harten Belagerung mit zwei
+andern außerhalb den Laufgräben auf und ab. Von der Festung herab wurde
+heftig auf ihn gefeuert, er aber fuhr mit seinem Befehlshaber-Stab
+links und rechts umher und hieß die beiden, an ihn halten und nicht
+ausweichen; wovon alle Kugeln abseits fuhren und weder ihn noch die
+andern beiden treffen oder verwunden konnten.
+
+Ein General, welcher in eine Stadt aus einem Treffen fliehen mußte,
+schüttelte die Büchsenkugeln wie Erbsen häufig aus dem Ermel, deren
+keine ihn hatte verletzen können.
+
+Meister Peter, Bartscheerer zu Wittenberg, hatte einen Schwiegersohn,
+der Landsknecht im Krieg gewesen. Er hatte die Kunst verstanden, sich
+sicher und unverwundbar zu machen. Ferner hat er auch seinen Tod vorher
+gesehen und gesagt: “mein Schwäher solls thun.” Deßgleichen soll er
+denselben Tag zu seinem Weib gesagt haben: “kauf ein, du wirst heute
+Gäste bekommen, das ist: Zuseher.” Welches also geschahe, denn da ihn
+sein Schwager erstach, lief jedermann in des Bartscheerers Haus und
+wollt den todten Menschen sehen.
+
+
+
+
+256.
+
+Der sichere Schuß.
+
++Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei Bl. 12.
+
+
+Ein Büchsen-Meister, den ich gekannt, vermaß sich, er wolle alles
+treffen, was ihm nur innerhalb Schusses wäre, daß ers erreichen könnte,
+ob ers gleich nicht sähe. Der ließ sich brauchen in der Stadt W. bei
+der Belagerung. Davor hielt in einem Wäldlein ein vornehmer Oberster
+und Herr, den er nicht sahe, erbot sich, er wollte ihn erschießen; aber
+es ward ihm gesagt, er sollts nicht thun. Da schoß er durch den Baum,
+darunter er hielt auf seinem Roß und zu Morgen aß. Valvassor (Ehre
+von Crain I. 676.) gedenkt eines vornehmen Herrn, welcher täglich nur
+drei unfehlbare Schüsse hatte, damit aber konnte er, was man ihm nur
+nannte, sicher treffen. Ein solcher Schütz kann sich aufgeben lassen,
+was er schießen soll, Hirsch, Reh oder Hasen, und braucht dann nur aufs
+Gerathewohl die Flinte zum Fenster hinaus abzudrücken, so muß das Wild
+fallen.
+
+
+
+
+257.
+
+Der herumziehende Jäger.
+
+Mündlich, aus Paderborn und Münster.
+
+
+Es trug sich zu, daß in einem großen Walde der Förster, welcher die
+Aufsicht darüber führte, todt geschossen wurde. Der Edelmann, dem
+der Wald gehörte, gab einem andern den Dienst, aber dem widerfuhr
+ein gleiches und so noch einigen, die auf einander folgten, bis sich
+niemand mehr fand, der den gefährlichen Wald übernehmen wollte. Sobald
+nämlich der neue Förster hineintrat, hörte man ganz in der Ferne einen
+Schuß fallen, und gleich auch streckte eine mitten auf die Stirne
+treffende Kugel ihn nieder; es war aber keine Spur ausfindig zu machen,
+woher und von wem sie kam.
+
+Gleichwohl meldete sich nach ein paar Jahren ein herumziehender Jäger
+wieder um den Dienst. Der Edelmann verbarg ihm nicht, was geschehen
+war und setzte noch ausdrücklich hinzu, so lieb es ihm wäre, den Wald
+wieder unter Aufsicht zu wissen, könnte er ihm doch selbst nicht zu
+dem gefährlichen Amte rathen. Der Jäger antwortete zuversichtlich, er
+wolle sich vor dem unsichtbaren Scharfschützen schon Rath schaffen
+und übernahm den Wald. Andern Tags, als er, von mehrern begleitet,
+zuerst hineingeführt wurde, hörte man, wie er eintrat, schon in der
+Ferne den Schuß fallen. Alsbald warf der Jäger seinen Hut in die Höhe,
+der dann, von einer Kugel getroffen, wieder herabfiel. “Nun,” sprach
+er, “ist aber die Reihe an mir,” lud seine Büchse und schoß sie mit
+den Worten: “die Kugel bringt die Antwort!” in die Luft. Darauf bat
+er seine Gefährten, mitzugehen und den Thäter zu suchen. Nach langem
+Herumstreifen fanden sie endlich in einer an dem gegenseitigen Ende des
+Waldes gelegenen Mühle den Müller todt und von der Kugel des Jägers auf
+die Stirne getroffen.
+
+Dieser herumziehende Jäger blieb noch einige Zeit in Diensten des
+Edelmanns, doch weil er das Wild festbannen und die Feldhühner aus der
+Tasche fliegen lassen konnte, auch in ganz unglaublicher Entfernung
+immer sicher traf und andere dergleichen unbegreifliche Kunststücke
+verstand, so bekam der Edelmann eine Art Grausen vor ihm und entließ
+ihn bei einem schicklichen Vorwande aus seinem Dienst.
+
+
+
+
+258.
+
+Doppelte Gestalt.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 1097.
+
++Bräuner’s+ Curiosit. S. 351. 352.
+
+
+Ein Landfahrer kam zu einem Edelmann, der mit langwieriger Ohnmacht und
+Schwachheit behaftet war und sagte zu ihm: “ihr seyd verzaubert, soll
+ich euch das Weib vor Augen bringen, das euch das Uebel angethan?” Als
+der Edelmann einwilligte, sprach jener: “welches Weib morgen in euer
+Haus kommt, sich auf den Herd zum Feuer stellt und den Kesselhaken mit
+der Hand angreift und hält, die ist es, welche euch das Leid angethan.”
+Am andern Tag kam die Frau eines seiner Unterthanen, der neben ihm
+wohnte, ein ehrliches und frommes Weib und stellte sich dahin genau
+auf die Weise, wie der Landfahrer vorhergesagt hatte. Der Edelmann
+verwunderte sich gar sehr, daß eine so ehrbare, gottesfürchtige Frau,
+der er nicht übel wollte, so böse Dinge treiben sollte und fing an
+zu zweifeln, ob es auch recht zugehe. Er gab darum seinem Diener
+heimlichen Befehl, hinzulaufen und zu sehen, ob diese Nachbarin zu
+Hause sey oder nicht. Als dieser hinkommt, sitzt die Frau über ihrer
+Arbeit und hechelt Flachs. Er heißt sie zum Herrn kommen, sie spricht:
+“es wird sich ja nicht schicken, daß ich so staubig und ungeputzt vor
+den Junker trete.” Der Diener aber sagt, es habe nichts zu bedeuten,
+sie solle nur eilig mit ihm gehen. Sobald sie nun in des Herrn Thüre
+trat, verschwand die andere als ein Gespenst aus dem Saal und der Herr
+dankte Gott, daß er ihm in den Sinn gegeben, den Diener hinzuschicken,
+sonst hätte er auf des Teufels Trug vertraut und die unschuldige Frau
+verbrennen lassen.
+
+
+
+
+259.
+
+Gespenst als Eheweib.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten 353-355.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 1097. 1098.
+
+
+Zur Zeit des Herzogs Johann Casimir von Coburg wohnte dessen
+Stallmeister G. P. v. Z. zuerst in der Spital-Gasse, hierauf in dem
+Hause, welches nach ihm ~D.~ Frommann bezogen, dann in dem großen
+Hause bei der Vorstadt, die Rosenau genannt, endlich im Schloß, darüber
+er Schloß-Hauptmann war. Zu so vielfachem Wechsel zwang ihn ein
+Gespenst, welches seiner noch lebenden Ehefrau völlig gleich sah, also
+daß er, wenn er in die neue Wohnung kam und am Tisch saß, bisweilen
+darüber zweifelte, welches seine rechte leibhafte Frau wäre, denn es
+folgte ihm, wenn er gleich aus dem Hause zog, doch allenthalben nach.
+Als ihm eben seine Frau vorschlug, in die Wohnung, die hernach jener
+Doctor inne hatte, zu ziehen, dem Gespenst auszuweichen, hub es an
+mit lauter Stimme zu reden und sprach: “du ziehest gleich hin, wo
+du willst, so ziehe ich dir nach, wenn auch durch die ganze Welt.”
+Und das waren keine bloße Drohworte, denn nachdem der Stallmeister
+ausgezogen war, ist die Thüre des Hinterhauses wie mit übermäßiger
+Gewalt zugeschlagen worden und von der Zeit an hat sich das Gespenst
+nie wieder in dem verlassenen Hause sehen lassen, sondern ist in dem
+neubezogenen wieder erschienen.
+
+Wie die Edelfrau Kleidung anlegte, in derselben ist auch das Gespenst
+erschienen, es mogte ein Feierkleid oder ein alltägliches seyn, und
+welche Farbe als es nur wollte; weswegen sie niemals allein in ihren
+Haus-Geschäften, sondern von jemand begleitet, ging. Gemeinlich ist
+es in der Mittagszeit zwischen elf und zwölf Uhr erschienen. Wenn ein
+Geistlicher da war, so kam es nicht zum Vorschein. Als einmal der
+Beichtvater Johann Prüscher eingeladen war und ihn beim Abschied der
+Edelmann mit seiner Frau und seiner Schwester an die Treppe geleitete,
+stieg es von unten die Treppe hinauf und faßte durch ein hölzernes
+Gitter des Fräuleins Schürz und verschwand, als dieses zu schreien
+anfing. Einsmals ist es auf der Küchen-Schwelle mit dem Arm gelegen und
+als die Köchin gefragt: “was willst du?” hat es geantwortet: “deine
+Frau will ich.” Sonst hat es der Edelfrau keinen Schaden zugefügt.
+Dem Fräulein aber, des Edelmanns Schwester, ist es gefährlich gewesen
+und hat ihm einmal einen solchen Streich ins Gesicht gegeben, daß die
+Backe davon aufgeschwollen ist und es in des Vaters Haus zurückkehren
+mußte. Endlich hat sich das Gespenst verloren und es ist ruhig im Hause
+geworden.
+
+
+
+
+260.
+
+Tod des Erstgebornen.
+
+Mündlich.
+
+
+In einem vornehmen Geschlecht hat es sich vor ein paar hundert Jahren
+zugetragen, daß das erste Kind, ein Söhnlein, Morgens bei der Amme im
+Bett todt gefunden wurde. Man verdachte sie, es absichtlich erdrückt
+zu haben und ob sie gleich ihre Unschuld betheuerte, so ward sie doch
+zum Tod verurtheilt. Als sie nun niederkniete und eben den Streich
+empfangen sollte, sprach sie noch einmal: “ich bin so gewiß unschuldig,
+als in Zukunft jedesmal der Erstgeborene dieses Geschlechts sterben
+wird.” Nachdem sie dieses gesprochen, flog eine weiße Taube über ihr
+Haupt hin; darauf ward sie gerichtet. Die Weissagung aber kam in
+Erfüllung und der älteste Sohn aus diesem Hause ist noch immer in
+früher Jugend gestorben.
+
+
+
+
+261.
+
+Der Knabe zu Colmar.
+
+Mündlich.
+
+
+Bei Pfeffel in Colmar war ein Kind im Hause, das wollte nie über einen
+gewissen Flecken im Hausgarten gehen, auf dem seine Cameraden ruhig
+spielten. Diese wußten nicht warum und zogen es einmal mit Gewalt
+dahin; da sträubten ihm die Haare empor und kalter Schweiß brach aus
+seinem Leibe. Wie der Knabe von der Ohnmacht endlich zu sich kam, wurde
+er um die Ursache befragt, wollte lange nichts gestehen, endlich auf
+vieles Zureden sagte er: “es liegt an der Stelle ein Mensch begraben,
+dessen Hände so und so liegen, dessen Beine so und so gestellt sind
+(welches er alles genau beschrieb) und am Finger der einen Hand hat er
+einen Ring.” Man grub nach, der Platz war mit Gras bewachsen und drei
+Fuß unter der Erde tief fand sich ein Gerippe in der beschriebenen
+Lage und am benannten Finger ein Ring. Man beerdigte es ordentlich
+und seitdem ging der Knabe, dem man weder davon noch vom Ausgraben
+das mindeste gesagt, ruhig auf den Flecken. -- Dies Kind hatte die
+Eigenschaft, daß es an dem Ort, wo Todte lagen, immer ihre ganze
+Gestalt in Dünsten aufsteigen sah und in allem erkannte. Der vielen
+schrecklichen Erscheinungen wegen härmte es sich ab und verzehrte
+schnell sein Leben.
+
+
+
+
+262.
+
+Tod des Domherrn zu Merseburg.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1056.
+
+
+Von langer Zeit her ward in der Stiftskirche zu Merseburg drei Wochen
+vor dem Absterben eines jeglichen Domherrn bei der Nacht ein großer
+Tumult gehört, indem auf dem Stuhl dessen, welcher sterben sollte, ein
+solcher Schlag geschah, als ob ein starker Mann aus allen Kräften mit
+geschlossener Faust einen gewaltsamen Streich thäte. Sobald solches
+die Wächter vernommen, deren etliche sowohl bei Tag als bei Nacht in
+der Kirche gewacht und wegen der stattlichen Kleinodien, die darinnen
+vorhanden waren, die Runde gemacht, haben sie es gleich andern Tags
+hernach dem Capitel angezeigt. Und solches ist dem Domherrn, dessen
+Stuhl der Schlag getroffen, eine persönliche Vertagung gewesen, daß er
+in dreien Wochen an den blassen Reigen müßte.
+
+
+
+
+263.
+
+Die Lilie im Kloster zu Corvei.
+
+~+Gab. Bucelin+ Germania sacra II. 1642.
+
+Notitiae S. R. I. procerum III. c. 19. p. 334.
+
++Höxar+ in elegiis. Paderb. 1600.~
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1054. 1055.
+
+Altdeutsche Wälder II. 185-187.
+
+
+Das Kloster der Abtei zu Corvei an der Weser hat von Gott die
+sonderbare Gnade gehabt, daß, so oft einer aus den Brüdern sterben
+sollte, er drei Tage zuvor, ehe er verschieden, eine Vorwarnung
+bekommen, vermittelst einer +Lilie+ an einem ehrenen Kranze, der im
+Chor hing. Denn dieselbe Lilie kam allzeit wunderbarlich herab und
+erschien in dem Stuhl desjenigen Bruders, dessen Lebens-Ende vorhanden
+war; also daß dieser dabei unfehlbar merkte und versichert war, er
+würde in dreien Tagen von der Welt scheiden. Dieses Wunder soll etliche
+hundert Jahre gewährt haben, bis ein junger Ordensbruder, als er auf
+diese Weise seiner herannahenden Sterbestunde ermahnt worden, solche
+Erinnerung verachtet und die Lilie in eines alten Geistlichen Stuhl
+versetzt hat: der Meinung, es würde das Sterben dem Alten besser
+anstehen, als dem Jungen. Wie der gute alte Bruder die Lilie erblickt,
+ist er darüber, als über einen Geruch des Todes, so hart erschrocken,
+daß er in eine Krankheit, doch gleichwohl nicht ins Grab gefallen,
+sondern bald wieder gesund, dagegen der junge Warnungs-Verächter am
+dritten Tag durch einen jählingen Tod dahin gerissen worden.
+
+
+
+
+264.
+
+Rebundus im Dom zu Lübeck.
+
+~+Ph. H. Friedlieb+ medulla theologica.~
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1057-1065. aus mündl. Sage.
+
+
+Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so
+fand sich Morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor eine +weiße Rose+,
+daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen gleich
+umwendete, zu schauen, ob diese Grabes-Verkündigung darunter liege. Es
+geschah, daß einer von den Domherrn, Namens +Rebundus+, eines Morgens
+diese Rose unter seinem Kissen fand, und weil sie seinen Augen mehr
+ein schmerzlicher Dornstachel, als eine Rose war, nahm er sie behend
+weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines nächsten Beisitzers,
+obgleich dieser schon darunter nachgesehen und nichts gefunden hatte.
+Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen umkehren wollte? der
+andere entgegnete, daß er es schon gethan habe; aber Rebundus sagte
+weiter: er habe wohl nicht recht zugeschaut und solle noch einmal
+nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert,
+als er dahin geblickt. Hierauf wendete der Domherr sein Kissen um
+und fand die Grab-Blume; doch sprach er zornig: das sey Betrug, denn
+er habe gleich Anfangs fleißig genug zugeschaut und unter seinem
+Sitz keine Rose gefunden. Damit schob und stieß er sie dem Rebundus
+wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich
+aufdrängen lassen, also daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit
+und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das Capitel ins
+Mittel schlug und sie aus einander bringen, Rebundus aber durchaus
+nicht eingestehen wollte, daß er die Rose am ersten gehabt, sondern auf
+seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, hub endlich der andere, aus
+verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: “Gott wolle geben, daß der von
+uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rosen in Zukunft zum Zeichen
+werde und wann ein Domherr sterben soll, in seinem Grabe klopfen möge,
+bis an den jüngsten Tag!” Rebundus, der diese Verwünschung wie einen
+leeren Wind achtete, sprach frevellich dazu: “Amen! es sey also!”
+
+Da nun Rebundus nicht lange darnach starb, hat es von dem an unter
+seinem Grabsteine, so oft eines Domherrn Ende sich nahte, entsetzlich
+geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: “Rebundus hat sich
+gerührt, es wird ein Domherr sterben!” Eigentlich ist es kein bloßes
+Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und
+breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel gelinder krachen, als
+ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Karthaunen-Schuß geschähe.
+Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach
+durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte,
+das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird
+dann nicht blos in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern
+vernehmlich gehört.
+
+Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntage, zwischen neun und zehn
+Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig angeschlagen, daß
+etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden
+und die Predigt angehört, theils durch starke Erbebung des Steins,
+theils aus Schrecken, nicht anders herabgeprellt wurden, als ob sie
+der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag
+wollte jedermann zur Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie
+würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der
+Gemeinde zu, da zu bleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein
+Teufels-Gespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man
+verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des
+Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobte auch, wenn eines Domherrn
+naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird.
+
+
+
+
+265.
+
+Glocke läutet von selbst.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1035. 1036. 1039.
+
+
+In einer berühmten Reichsstadt hat im Jahr 1686 am 27sten März die
+sogenannte Markt-Glocke von sich selbst drei Schläge gethan, worauf
+bald hernach ein Herr des Raths, welcher zugleich auch Marktherr war,
+gestorben.
+
+In einem Hause fing sechs oder sieben Wochen vor dem Tode des Hausherrn
+eine überaus helle Glocke an zu läuten und zwar zu zweien verschiedenen
+Malen. Da der Hausherr damals noch frisch und gesund, seine Ehefrau
+aber bettlägrig war, so verbot er dem Gesinde, ihr etwas davon zu
+sagen, besorgend, sie mögte erschrecken, von schwermüthiger Einbildung
+noch kränker werden und gar davon sterben. Aber diese Anzeigung hatte
+ihn selbst gemeint, denn er kam ins Grab, seine Frau aber erholte sich
+wieder zu völliger Gesundheit. Siebzehn Wochen nachher, als sie ihres
+seeligen Eheherrn Kleider und Mäntel reinigt und ausbürstet, fängt
+vor ihren Augen und Ohren die Tennen-Glocke an sich zu schwingen und
+ihren gewöhnlichen Klang zu geben. Acht Tage hernach erkrankt ihr
+ältester Sohn und stirbt in wenig Tagen. Als diese Wittwe sich wieder
+verheirathete und mit ihrem zweiten Mann etliche Kinder zeugte, sind
+diese, wenige Wochen nach der Geburt, gleich den Märzblumen verwelkt
+und begraben. Da dann jedesmal jene Glocke dreimal nach einander stark
+angezogen wurde, obgleich das Zimmer, darin sie gehangen, versperrt
+war, so daß niemand den Drath erreichen konnte.
+
+Einige glauben, dieses Läuten (welches oft nicht von den Kranken und
+Sterblägrigen, sondern nur von andern gehört wird) geschehe von bösen
+Geistern, andere dagegen: von guten Engeln. Wiederum andere sagen, es
+komme von dem Schutz-Geist, welcher den Menschen warnen und erinnern
+wollte, daß er sich zu seinem heraneilenden Ende bereite.
+
+
+
+
+266.
+
+Todes-Gespenst.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 419. u. 1044.
+
+
+Zu Schwatz und Innsbruck in Tirol läßt sich zur Sterbenszeit ein
+Gespenst sehen, bald klein, bald groß, wie ein Haus. Zu welchem
+Fenster es hinein schaut, aus demselben Hause sterben die Leute.
+
+
+
+
+267.
+
+Frau Berta oder die weiße Frau.
+
+~+Joh. Jac. Rohde+ de celebri spectro, quod vulgo~ die weiße Frau
+~nominant.~ Königsberg 1723. 4.
+
++Stilling’s+ Theorie der Geisterkunde. S. 351-359.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus. S. 59-92.
+
+vgl. Volksmärchen der Frau +Naubert+. Bd. III.
+
+
+Die +weiße Frau+ erscheint in den Schlössern mehrerer fürstlichen
+Häuser, namentlich zu Neuhaus in Böhmen, zu Berlin, Baireuth, Darmstadt
+und Carlsruhe und in allen, deren Geschlechter nach und nach durch
+Verheirathung mit dem ihren verwandt geworden sind. Sie thut niemanden
+zu Leide, neigt ihr Haupt vor wem sie begegnet, spricht nichts und
+ihr Besuch bedeutet einen nahen Todesfall, manchmal auch etwas
+fröhliches, wenn sie nämlich keinen schwarzen Handschuh an hat. Sie
+trägt ein Schlüsselbund und eine weiße Schleierhaube. Nach einigen
+soll sie im Leben +Perchta von Rosenberg+ geheißen, zu Neuhaus in
+Böhmen gewohnt haben und mit Johann von Lichtenstein, einem bösen,
+störrischen Mann, vermählt gewesen seyn. Nach ihres Gemahls Tode lebte
+sie in Witwenschaft zu Neuhaus und fing an zu großer Beschwerde ihrer
+Unterthanen, die ihr fröhnen mußten, ein Schloß zu bauen. Unter der
+Arbeit rief sie ihnen zu, fleißig zu seyn: “wann das Schloß zu stand
+seyn wird, will ich euch und euern Leuten einen süßen Brei vorsetzen,”
+denn dieser Redensart bedienten sich die Alten, wenn sie jemand zu Gast
+luden. Den Herbst nach Vollendung des Baus hielt sie nicht nur ihr
+Wort, sondern stiftete auch, daß auf ewige Zeiten hin alle Rosenberge
+ihren Leuten ein solches Mahl geben sollten. Dieses ist bisher
+fortgeschehen[13] und unterbleibt es, so erscheint sie mit zürnenden
+Mienen. Zuweilen soll sie in fürstliche Kinderstuben Nachts, wenn
+die Ammen Schlaf befällt, kommen, die Kinder wiegen und vertraulich
+umtragen. Einmal als eine unwissende Kinderfrau erschrocken fragte:
+“was hast du mit dem Kinde zu schaffen?” und sie mit Worten schalt,
+soll sie doch gesagt haben: “ich bin keine Fremde in diesem Haus wie
+du, sondern gehöre ihm zu; dieses Kind stammt von meinen Kindeskindern.
+Weil ihr mir aber keine Ehre erwiesen habt, will ich nicht mehr hier
+einkehren.”
+
+
+ [13] Der Brei wird aus Erbsen und Heidegrütz gekocht, auch jedesmal
+ Fische dazu gegeben.
+
+
+
+
+268.
+
+Die wilde Berta kommt.
+
+~+Crusii+ annal. suev. p. I. lib. XII. c. 6. p. 329.; p. II. l. VIII.
+c. 7. p. 266.~
+
++Flögel+ Gesch. des Grotesken. S. 23.
+
+Journal von und für Deutschland. 1790. Bd. 2. S. 26 ff.
+
+
+In Schwaben, Franken und Thüringen ruft man halsstarrigen Kindern zu:
+“schweig oder die wilde Berta kommt!” Andere nennen sie Bildabertha,
+Hildabertha, auch wohl: die eiserne Bertha. Sie erscheint als eine
+wilde Frau mit zottigen Haaren und besudelt dem Mädchen, das den
+letzten Tag im Jahre seinen Flachs nicht abspinnt, den Rocken. Viele
+Leute essen diesen Tag Klöße und Hering. Sonst, behaupten sie, käme
+die Perchta oder Prechta, schnitte ihnen den Bauch auf, nähme das
+erstgenossene heraus und thue Heckerling hinein. Dann nähe sie mit
+einer Pflugschar statt der Nadel und mit einer Röhmkette statt des
+Zwirns den Schnitt wieder zu.
+
+
+
+
+269.
+
+Der Türst, das Posterli und die Sträggele.
+
++Stalder+ Idiot. I. 208. 209. 329. II. 405.
+
+
+Wann der Sturm Nachts im Walde heult und tobt, sagt das Volk im
+Luzernergau: “der Türst, oder der +Dürst+ jagt!” Im Entlebuch weiß
+man dagegen von dem +Posterli+, einer Unholdin, deren Jagd die
+Einwohner Donnerstag vor Weihnachten in einem großen Aufzug, mit Lärm
+und Geräusch, jährlich vorstellen. In der Stadt Luzern heißt die
++Sträggele+ eine Hexe, welche in der Frohnfastennacht am Mittwoch vor
+den heiligen Weihnachten herumspukt und die Mädchen, wenn sie ihr
+Tagewerk nicht gesponnen, auf mancherlei Art schert; daher auch diese
+Nacht die +Sträggele-Nacht+ genannt wird.
+
+
+
+
+270.
+
+Der Nachtjäger und die Rüttelweiber.
+
++Prätorius+ Rübezahl II. 134-136.
+
+
+Die Einwohner des Riesengebirgs hören bei nächtlichen Zeiten oft
+Jägerruf, Hornblasen und Geräusch von wilden Thieren; dann sagen sie:
+“der Nachtjäger jagt.” Kleine Kinder fürchten sich davor und werden
+geschweiget, wenn man ihnen zuruft: “sey still, hörest du nicht
+den Nachtjäger jagen?” Er jagt aber besonders die +Rüttelweiber+,
+welche kleine mit Moos bekleidete Weiblein seyn sollen, verfolgt und
+ängstigt sie ohn’ Unterlaß. Es sey dann, daß sie an einen Stamm eines
+abgehauenen Baumes gerathen, und zwar eines solchen, wozu der Hölzer
+(Holzbauer) “+Gott waels+!” (Gott walte es) gesprochen hat. Auf solchem
+Holz haben sie Ruhe. Sollte er aber, als er die Axt zum erstenmal an
+den Baum gelegt, gesagt haben: “waels Gott!” (so daß er das Wort Gott
+hintan gesetzt), so gibt ein solcher Stamm keinem Rüttelweibchen Ruh
+und Frieden, sondern es muß vor dem Nachtjäger auf stetiger Flucht seyn.
+
+
+
+
+271.
+
+Der Mann mit dem Schlackhut.
+
+Mündlich, aus Beerfelden im Erbachischen.
+
+
+Es hat vor ein Paar Jahren noch eine alte Frau eines der Zimmer des
+verfallenen Freyensteins bewohnt. Eines Abends trat zu ihr ganz
+unbefangen in die Stube herein ein Mann, der einen grauen Rock, einen
+großen Schlackhut und einen langen Bart trug. Er hing seinen Hut an den
+Nagel, saß, ohne sich um jemand zu bekümmern, nieder an Tisch, zog ein
+kurz Tabakspfeifchen aus dem Sack und rauchte. So blieb dieser Graue
+immer hinter seinem Tisch sitzen. Die Alte konnte seinen Abgang nicht
+erwarten und legte sich ins Bett. Morgens war das Gespenst geschwunden.
+-- Des Schulzen Sohn verzählte: “den ersten Christtagmorgen, während
+Amt in der Kirche gehalten wurde, saß meine Frähle (Großmutter) in
+unsrer Stube und bätete. Als sie einmal vom Buch aufsah und gerade nach
+dem Schloßgarten guckte, erblickte sie oben einen Mann in grauer Kutte
+und einem Schlackhut stehen, der hackte von Zeit zu Zeit. So haben wir
+und alle Nachbarn ihn gesehen. Als die Sonne unterging, verschwand er.”
+
+
+
+
+272.
+
+Der graue Hockelmann.
+
+Mündlich, an der Bergstraße.
+
+
+Vor vielen Jahren ging einmal ein Bauer aus Auerbach Abends unten
+am Schloßberg vorüber. Da wurde er plötzlich von einem grauen Manne
+angehalten und gezwungen, ihn bis hinauf in das Schloß zu hockeln.
+Auf einer dunkeln Stiege des Schlosses wurde der Bauer den andern Tag
+gefunden, wie einer der sich übermüdet. Er starb kurze Zeit darauf.
+
+
+
+
+273.
+
+Chimmeke in Pommern.
+
++Micrälius+ B. III. Cap. 64.
+
+
+Auf dem Schlosse Loyz soll ein Poltergeist, den die alten Pommern
++Chimmeke+ nennen, einen Küchenbuben klein gehackt und in einen irdenen
+Topf gesteckt haben, weil er ihm die Milch, die dem Geist in der Zeit
+des Aberglaubens alle Abend mußte hingesetzt werden, verzehrt hatte.
+Diesen Topf oder Grapen, worin Chimmeke sein Müthlein gekühlet, hat man
+lange Zeit vorgezeiget.
+
+
+
+
+274.
+
+Der Krischer.
+
+Aus einem Amtsbericht in der erbacher Cämmerei.
+
+
+Johann Peter Kriechbaum, Schultheiß der oberkainsbacher Zent, erzählte
+den 12. März 1753: im Bezirk, genannt die Spreng, halte sich ein Geist
+oder Gespenst auf, so allerhand Gekreisch, als wie ein Reh, Fuchs,
+Hirsch, Esel, Hund, Schwein und anderer Thiere, auch gleich allerhand
+Vögel führe, dahero es von den Leuten der Krischer geheißen werde. Es
+habe schon viele irre geleitet und getraue niemand, sonders die Hirten
+nicht, sich über Nacht in dasigen Wiesen aufzuhalten. Ihm sey neulich
+selbst begegnet, als er Nachts auf seine Wiese in der Spreng gegangen
+und das Wasser zum Wässern aufgewendet, da habe ein Schwein in dem
+Wäldchen auf der langenbrombacher Seite geschrien, als ob ihm das
+Messer im Hals stäcke. Das Gespenst gehe bis in den Holler Wald, wo man
+vor 16 Jahren Kohlen brennen lassen, über welches die Kohlenbrenner
+damals sehr geklagt und daß sie vielfältig von ihm geängstigt würden,
+indem es ihnen in Gestalt eines Esels erschienen. Ein gleiches habe
+der verstorbene Johann Peter Weber versichert, der in der Nacht Kohlen
+allda geladen, um sie auf den michelstädter Hammer zu führen. Heinrich
+Germann, der alte Centschultheiß, versicherte, als er einstmalen
+die Ochsen in seiner Sprengswiese gehütet, wäre ein Fuchs auf ihn
+zugelaufen gekommen, nach dem er mit der Peitsche geschlagen, worauf er
+augenblicks verschwunden.
+
+
+
+
+275.
+
+Die überschiffenden Mönche.
+
+Nach +Melanchthon’s+ Erzählung reimsweise gestellt von +Georg Sabinus+
+und abgedruckt bei +Weier+ von der Zauberei ~l. c.~ 17.
+
+
+In der Stadt Speier lebte vorzeiten ein Fischer. Als dieser einer Nacht
+an den Rhein kam und sein Garn ausstellen wollte, trat ein Mann auf
+ihn zu, der trug eine schwarze Kutte in Weise der Mönche und nachdem
+ihn der Fischer ehrsam gegrüßt hatte, sprach er: “ich komm ein Bote
+fernher und möchte gern über den Rhein.” “Tritt in meinen Nachen ein
+zu mir, antwortete der Fischer, ich will dich überfahren.” Da er nun
+diesen übergesetzt hatte und zurückkehrte, standen noch fünf andere
+Mönche am Gestade, die begehrten auch zu schiffen und der Fischer frug
+bescheiden: was sie doch bei so eitler Nacht reisten? “Die Noth treibt
+uns, versetzte einer der Mönche, die Welt ist uns feind, so nimm du
+dich unser an und Gottes Lohn dafür.” Der Fischer verlangte zu wissen:
+was sie ihm geben wollten für seine Arbeit? Sie sagten: “jetzo sind wir
+arm, wenn es uns wieder besser geht, sollst du unsere Dankbarkeit schon
+spüren.” Also stieß der Schiffer ab, wie aber der Nachen mitten auf den
+Rhein kam, hob sich ein fürchterlicher Sturm. Wasserwellen bedeckten
+das Schiff und der Fischer erblaßte. “Was ist das,” dachte er bei sich,
+“bei Sonnenniedergang war der Himmel klar und lauter und schön schien
+der Mond, woher dieses schnelle Unwetter?” Und wie er seine Hände hob,
+zu Gott zu beten, rief einer der Mönche: “was liegst du Gott mit Beten
+in den Ohren, steuere dein Schiff.” Bei den Worten riß er ihm das
+Ruder aus der Hand und fing an den armen Fischer zu schlagen. Halbtodt
+lag er im Nachen, der Tag begann zu dämmern und die schwarzen Männer
+verschwanden. Der Himmel war klar, wie vorher, der Schiffer ermannte
+sich, fuhr zurück und erreichte mit Noth seine Wohnung. Des andern Tags
+begegneten dieselben Mönche einem früh aus Speier reisenden Boten in
+einem rasselnden, schwarz bedeckten Wagen, der aber nur drei Räder und
+einen langnasigten Fuhrmann hatte. Bestürzt stand er still, ließ den
+Wagen vorüber und sah bald, daß er sich mit Prasseln und Flammen in
+die Lüfte verlor, dabei vernahm man Schwerterklingen, als ob ein Heer
+zusammenginge. Der Bote wandte sich, kehrte zur Stadt und zeigte alles
+an; man schloß aus diesem Gesicht auf Zwietracht unter den deutschen
+Fürsten.
+
+
+
+
+276.
+
+Der Irrwisch.
+
+Mündlich, aus Hänlein.
+
+
+An der Bergstraße zu Hänlein, auch in der Gegend von Lorsch, nennt
+man die Irrlichter: +Heerwische+; sie sollen nur in der Adventszeit
+erscheinen und man hat einen Spottreim auf sie: “Heerwisch, ho ho,
+brennst wie Haberstroh, schlag mich blitzeblo!” Vor länger als dreißig
+Jahren, wird erzählt, sah ein Mädchen Abends einen Heerwisch und rief
+ihm den Spottreim entgegen. Aber er lief auf das Mädchen gerade zu und
+als es floh und in das Haus zu seinen Eltern flüchtete, folgte er ihr
+auf der Ferse nach, trat mit ihr zugleich ins Zimmer hinein und schlug
+alle Leute, die darin waren, mit seinen feurigen Flügeln, daß ihnen
+Hören und Sehen verging.
+
+
+
+
+277.
+
+Die feurigen Wagen.
+
+Mündlich, aus dem Odenwald.
+
+
+Conrad Schäfer aus Gammelsbach erzählte: “ich habe vor einigen Jahren
+Frucht auf der Hirschhörnerhöhe nicht weit von Freienstein, dem alten
+Schloß, gehütet. Nachts um zwölfe begegneten mir zwei feurige Kutschen
+mit gräßlichem Gerassel: jede mit vier feurigen Rossen bespannt. Der
+Zug kam gerade vom Freienstein. Er ist mir öfter begegnet und hat mich
+jedesmal gewaltig erschreckt; denn es saßen Leute in den Kutschen,
+denen die Flamme aus Maul und Augen schlug.”
+
+
+
+
+278.
+
+Räderberg.
+
+Mündlich.
+
+
+Ein Metzger von Nassau ging aus, zu kaufen. Auf der Landstraße stößt er
+bald auf eine dahin fahrende Kutsche und geht ihr nach, den Gleisen in
+Gedanken folgend. Mit einmal hält sie an und vor einem schönen großen
+Landhaus, mitten auf der Heerstraße, das er aber sonst noch niemals
+erblickt, so oft er auch dieses Wegs gekommen. Drei Mönche steigen
+aus dem Wagen und der erstaunte Metzger folgt ihnen unbemerkt in das
+hellerleuchtete Haus. Erst gehen sie in ein Zimmer, einem die Communion
+zu reichen, und nachher in einen Saal, wo große Gesellschaft um
+einen Tisch sitzt, in lautem Lärmen und Schreien ein Mahl verzehrend.
+Plötzlich bemerkt der Obensitzende den fremden Metzger und sogleich
+ist alles still und verstummt. Da steht der Oberste auf und bringt
+dem Metzger einen Weinbecher mit den Worten: “noch einen Tag!” Der
+Metzger erschauert und will nicht trinken. Bald hernach erhebt sich
+ein Zweiter, tritt den Metzger mit einem Becher an und spricht wieder:
+“noch ein Tag!” Er schlägt ihn wieder aus. Nachdem kommt ein Dritter
+mit dem Becher und denselben Worten: “noch ein Tag!” Nunmehr trinkt
+der Metzger. Aber kurz darauf nähert sich demselben ein Vierter aus
+der Gesellschaft, den Wein nochmals darbietend. Der Metzger erschrickt
+heftiglich, und als er ein Kreuz vor sich gemacht, verschwindet
+auf einmal die ganze Erscheinung und er befindet sich in dichter
+Dunkelheit. Wie endlich der Morgen anbricht, sieht sich der Metzger
+auf dem Räderberg, weit weg von der Landstraße, geht einen steinigten,
+mühsamen Weg zurück in seine Vaterstadt, entdeckt dem Pfarrer die
+Begebenheit und stirbt genau in drei Tagen.
+
+Die Sage war schon lang verbreitet, daß auf jenem Berg ein Kloster
+gestanden, dessen Trümmer noch jetzt zu sehen sind, dessen Orden aber
+ausgestorben wäre.
+
+
+
+
+279.
+
+Die Lichter auf Hellebarden.
+
++Happel+ ~relat. curios. II. 771. 772.~
+
+
+Von dem uralten hanauischen Schloß Lichtenberg auf einem hohen Felsen
+im Unterelsaß, eine Stunde von Ingweiler belegen, wird erzählt: so oft
+sich Sturm und Ungewitter rege, daß man auf den Dächern und Knöpfen des
+Schlosses, ja selbst auf den Spitzen der Hellebarden viele kleine blaue
+Lichter erblicke. Dies hat sich seit langen Jahren also befunden und
+nach einigen selbst dem alten Schloß den Namen gegeben.
+
+Zwei Bauern gingen aus dem Dorf Langenstein (nah bei Kirchhain in
+Oberhessen) nach Embsdorf zu, mit ihren Heugabeln auf den Schultern.
+Unterwegs erblickte der eine unversehens ein Lichtlein auf der Partisan
+seines Gefährten, der nahm sie herunter und strich lachend den Glanz
+mit den Fingern ab, daß er verschwand. Wie sie hundert Schritte weiter
+gingen, saß das Lichtlein wieder an der vorigen Stelle und wurde
+nochmals abgestrichen. Aber bald darauf stellte es sich zum drittenmal
+ein, da stieß der andere Bauer einige harte Worte aus, strich es
+jenem nochmals ab und darauf kam es nicht wieder. Acht Tage hernach
+zu derselben Stelle, wo der eine dem andern das Licht zum drittenmal
+abgestrichen hatte, trafen sich diese beiden Bauern, die sonst alte
+gute Freunde gewesen, verunwilligten sich und von den Worten zu
+Schlägen kommend erstach der eine den andern.
+
+
+
+
+280.
+
+Das Wafeln.
+
++Kosegarten+ Rhapsodien. II. 76.
+
++Zölner’s+ Reise durch Pommern. 1797. I. 316. 516.
+
+
+An der Ost-See glauben die Leute den Schiffbruch, das Stranden, oftmals
+vorherzusehen, indem solche Schiffe vorher spuckten, einige Tage oder
+Wochen, an dem Ort, wo sie verunglücken, bei Nachtzeit wie dunkle
+Luftgebilde erschienen, alle Theile des Schiffs, Rumpf, Tauwerk, Maste,
+Segel in bloßem Feuer vorgestellt. Dies nennen sie +wafeln+.
+
+Es wafeln auch Menschen, die ertrinken, Häuser, die abbrennen werden
+und Orte, die untergehen. Sonntags hört man noch unter dem Wasser die
+Glocken versunkener Städte klingen.
+
+
+
+
+281.
+
+Weberndes Flammen-Schloß.
+
+Der abentheuerliche Jean Rebhu. 1679. Th. II. S. 8-11.
+
+
+In Tirol auf einem hohen Berg liegt ein altes Schloß, in welchem alle
+Nacht ein Feuer brennt; die Flamme ist so groß, daß sie über die Mauern
+hinausschlägt und man sie weit und breit sehen kann. Es trug sich zu,
+daß eine arme Frau, der es an Holz mangelte, auf diesem Schloß-Berge
+abgefallene Reiser zusammen suchte und endlich zu dem Schloß-Thor
+kam, wo sie aus Vorwitz sich umschaute und endlich hineintrat, nicht
+ohne Mühe, weil alles zerfallen und nicht leicht weiter zu kommen
+war. Als sie in den Hof gelangte, sah sie eine Gesellschaft von Herrn
+und Frauen da an einer großen Tafel sitzen und essen. Diener warteten
+auf, wechselten Teller, trugen Speisen auf und ab und schenkten Wein
+ein. Wie sie so stand, kam einer der Diener und holte sie herbei,
+da ward ihr ein Stück Gold in das Schürz-Tuch geworfen, worauf in
+einem Augenblick alles verschwunden war und die arme Frau erschreckt
+den Rückweg suchte. Als sie aber den Hof hinausgekommen, stand da
+ein Kriegsmann mit brennender Lunte, den Kopf hatte er nicht auf dem
+Hals sitzen, sondern hielt ihn unter dem Arme. Der hub an zu reden
+und verbot der Frau, keinem Menschen was sie gesehen und erfahren zu
+offenbaren, es würde ihr sonst übel ergehen. Die Frau kam, noch voller
+Angst, nach Haus, brachte das Gold mit, aber sie sagte nicht, woher sie
+es empfangen. Als die Obrigkeit davon hörte, ward sie vorgefordert,
+aber sie wollte kein Wort sich verlauten lassen und entschuldigte sich
+damit, daß wenn sie etwas sagte, ihr großes Uebel daraus zuwachsen
+würde. Nachdem man schärfer mit ihr verfuhr, entdeckte sie dennoch
+alles, was ihr in dem Flammen-Schloß begegnet war, haarklein. In dem
+Augenblick aber, wo sie ihre Aussage beendigt, war sie hinweg entrückt
+und niemand hat erfahren können, wo sie hingekommen ist.
+
+Es hatte sich aber an diesem Ort ein junger Edelmann ins zweite Jahr
+aufgehalten, ein Ritter und wohlerfahren in allen Dingen. Nachdem
+er den Hergang dieser Sache erkündet, machte er sich tief in der
+Nacht mit seinem Diener zu Fuß auf den Weg nach dem Berg. Sie stiegen
+mit großer Mühe hinauf und wurden sechsmal von einer Stimme davon
+abgemahnt: sie würdens sonst mit großem Schaden erfahren müssen. Ohne
+aber darauf zu achten, gingen sie immer zu und gelangten endlich vor
+das Thor. Da stand jener Kriegsmann wieder als Schildwache und rief,
+wie gebräuchlich: “wer da?” Der Edelmann, ein frischer Herr, gab zur
+Antwort: “ich bins.” Das Gespenst fragte weiter: “wer bist du?” Der
+Edelmann aber gab diesmal keine Antwort, sondern hieß den Diener das
+Schwert herlangen. Als dieses geschehen, kam ein schwarzer Reuter aus
+dem Schloß geritten, gegen welchen sich der Edelmann wehren wollte;
+der Reuter aber schwang ihn auf sein Pferd und ritt mit ihm in den Hof
+hinein und der Kriegsmann jagte den Diener den Berg hinab. Der Edelmann
+ist nirgends zu finden gewesen.
+
+
+
+
+282.
+
+Der Feuerberg.
+
+Mündlich, aus Wernigerode.
+
+
+Einige Stunden von Halberstadt liegt ein ehemals kahler, jetzt
+mit hohen Tannen und Eichen bewachsener Berg, der von vielen der
++Feuerberg+ genannt wird. In seinen Tiefen soll der Teufel sein Wesen
+treiben und alles in hellen Flammen brennen. Vor alten Zeiten wohnte
+in der Gegend von Halberstadt ein Graf, der bös und raubgierig war und
+die Bewohner des Landes rings herum drückte, wo er nur konnte. Einem
+Schäfer war er viel Geld seit langen Jahren schuldig, jedesmal aber,
+wenn dieser kam und darum mahnte, gab er ihm schnöde und abweisende
+Antworten. Auf einmal verschwand der Graf und es hieß, er wär gestorben
+in fernen Landen. Der Schäfer ging betrübt zu Felde und klagte über
+seinen Verlust, denn die Erben und Hinterlassenen des Grafen wollten
+von seiner Foderung nichts wissen und jagten ihn, als er sich meldete,
+die Burg hinab. Da geschah es, daß, als er zu einer Zeit im Walde war,
+eine Gestalt zu ihm trat und sprach: “willst du deinen alten Schuldner
+sehen, so folge mir nach.” Der Schäfer folgte und ward durch den Wald
+geführt bis zu einem hohen, nackten Berg, der sich alsbald vor beiden
+mit Getöse öffnete, sie aufnahm und sich wieder schloß. Innen war
+alles ein Feuer. Der zitternde Schäfer erblickte den Grafen, sitzend
+auf einem Stuhle, um welchen sich, wie an den glühenden Wänden und
+auf dem Boden, tausend Flammen wälzten. Der Sünder schrie: “willst du
+Geld haben, Schäfer, so nimm dieses Tuch und bringe es den Meinigen;
+sage ihnen, wie du mich im Höllenfeuer sitzen gesehen, in dem ich bis
+in Ewigkeit leiden muß.” Hierauf riß er ein Tuch von seinem Haupt und
+gab es dem Schäfer und aus seinen Augen und Händen sprühten Funken.
+Der Schäfer eilte mit schwankenden Füßen, von seinem Führer geleitet,
+zurück, der Berg that sich wieder auf und verschloß sich hinter ihm.
+Mit dem Tuch ging er dann auf des Grafen Burg, zeigte es und erzählte,
+was er gesehen; worauf sie ihm gern sein Geld gaben.
+
+
+
+
+283.
+
+Der feurige Mann.
+
+~+Bothonis+ chronicon brunsvic. pictur.~ bei ~+Leibniz+ SS. RR. BB.
+III. 337.~
+
+Mündlich, aus dem Erbachischen.
+
+
+In düssem Jare (1125) sach me einen furigen Man twischen den Borgen
+twen, de de heten Gelichghen (Gleichen), dat was in der rechten
+Middernacht. De Man gingk von einer Borch to der anderen unde brande
+alse ein Blase, alse ein glonich Für; düt segen de Wechters, und dede
+dat in dren Nechten unde nig mer.
+
+Georg Miltenberger, im sogenannten Hoppelrain bei Kailbach Amts
+Freienstein wohnhaft, erzählte: “in der ersten Adventssonntagsnacht,
+zwischen 11 und 12 Uhr, nicht weit von meinem Hause, sah ich einen
+ganz in Feuer brennenden Mann. An seinem Leibe konnte man alle Rippen
+zählen. Er hielt seine Straße von einem Marktstein zum andern, bis er
+nach Mitternacht plötzlich verschwand. Viel Menschen sind durch ihn
+in Furcht und Schrecken gerathen, weil er durch Maul und Nase Feuer
+ausspie und in einer fliehenden Schnelligkeit hin und her flog, die
+Kreuz und die Quer.”
+
+
+
+
+284.
+
+Die verwünschten Landmesser.
+
+Mündlich, aus Meckelnburg.
+
+
+Die Irrwische, welche Nachts an den Ufern und Feldrainen hin und her
+streifen, sollen ehdem Landmesser gewesen seyn und die Marken trüglich
+gemessen haben. Darum sind sie verdammt, nach ihrem Leben umzugehen und
+die Grenzen zu hüten.
+
+
+
+
+285.
+
+Der verrückte Grenzstein.
+
++Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 422.
+
+
+Auf dem Feld um Eger herum läßt sich nicht selten ein Gespenst in
+Gestalt eines Mannsbildes sehen, welches die Leute den Junker Ludwig
+nennen. Ehedessen soll einer dieses Namens da gelebt und die Grenz-
+und Marksteine des Feldes betrüglich verrückt haben. Bald nach seinem
+Tode fing er nun an zu wandern und hat viel Leute durch seine Begegnung
+erschreckt. Noch in jüngern Zeiten erfuhr das ein Mädchen aus der
+Stadt. Es ging einmal allein vor dem Thore und gerieth von ungefähr
+in die berüchtigte Gegend. An der Stätte, wo der Markstein, wie man
+sagt, verrückt seyn soll, wandelte ihr ein Mann entgegen, gerade so
+aussehend, als man ihr schon mehrmals die Erscheinung des bösen Junkers
+beschrieben hatte. Er ging auf sie an, griff ihr mit der Faust an die
+Brust und verschwand. In tiefster Entsetzung ging das Mädchen heim zu
+den Ihrigen und sprach: “ich hab mein Theil.” Da fand man ihre Brust,
+da wo der Geist sie angerührt hatte, schwarz geworden. Sie legte sich
+gleich zu Bette und verschied dritten Tags darauf.
+
+
+
+
+286.
+
+Der Grenzstreit.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Zu Wilmshausen, einem hessischen Dorf unweit Münden, war vormals
+Uneinigkeit zwischen der Gemeinde und einer benachbarten über ihre
+Grenze entsprungen. Man wußte sie nicht recht mehr auszumitteln. Also
+kam man übereins, einen Krebs zu nehmen und ihn über das streitige
+Ackerfeld laufen zu lassen, folgte seinen Spuren und legte die
+Marksteine danach. Weil er nun so wunderlich in die Kreuz und Quer
+lief, ist daselbst eine sonderbare Grenze mit mancherlei Ecken und
+Winkeln bis auf heutigen Tag.
+
+
+
+
+287.
+
+Der Grenzlauf.
+
++Wyß+ a. a. O. S. 80-100. vgl. 317.
+
+
+Ueber den Klußpaß und die Bergscheide hinaus vom Schächenthale weg
+erstreckt sich das Urner Gebiet am Fletschbache fort und in Glarus
+hinüber. Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre
+Landesgrenze, beleidigten und schädigten einander täglich. Da ward
+von den Biedermännern der Ausspruch gethan: zur Tag- und Nachtgleiche
+solle von jedem Theil frühmorgens, sobald der Hahn krähe, ein
+rüstiger, kundiger Felsgänger ausgesandt werden, und jedweder nach dem
+jenseitigen Gebiet zulaufen und da, wo sich beide Männer begegneten,
+die Grenzscheide festgesetzt bleiben, das kürzere Theil möge nun
+fallen dießeits oder jenseits. Die Leute wurden gewählt und man dachte
+besonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht verkrähe
+und die Morgenstunde auf das allerfrühste ansagte. Und die Urner
+nahmen einen Hahn, setzten ihn in einen Korb und gaben ihm sparsam zu
+essen und saufen, weil sie glaubten, Hunger und Durst werde ihn früher
+wecken. Dagegen die Glarner fütterten und mästeten ihren Hahn, daß
+er freudig und hoffärtig den Morgen grüßen könne, und dachten damit
+am besten zu fahren. Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag
+erschien, da geschah es, daß zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst
+erkrähte, kaum wie es dämmerte, und froh brach der urner Felsenklimmer
+auf, der Marke zu laufend. Allein im Linthal drüben stand schon die
+volle Morgenröthe am Himmel, die Sterne waren verblichen und der fette
+Hahn schlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde,
+aber es galt die Redlichkeit und keiner wagte es, ihn aufzuwecken;
+endlich schwang er die Flügel und krähte. Aber dem glarner Läufer
+wirds schwer seyn, dem urner den Vorsprung wieder abzugewinnen!
+Ängstlich sprang er, und schaute gegen das Scheideck, wehe da sah er
+oben am Giebel des Grats den Mann schreiten und schon bergabwärts
+niederkommen; aber der Glarner schwang die Fersen und wollte seinem
+Volke noch vom Lande retten, so viel als möglich. Und bald stießen
+die Männer auf einander und der von Uri rief: “hier ist die Grenze!”
+“Nachbar,” sprach betrübt der von Glarus, “sey gerecht und gib mir
+noch ein Stück von dem Weidland, das du errungen hast!” Doch der Urner
+wollte nicht, aber der Glarner ließ ihm nicht Ruh, bis er barmherzig
+wurde und sagte: “so viel will ich dir noch gewähren, als du mich an
+deinem Hals tragend bergan laufst.” Da faßte ihn der rechtschaffene
+Sennhirt von Glarus und klomm noch ein Stück Felsen hinauf, und manche
+Tritte gelangen ihm noch, aber plötzlich versiegte ihm der Athem und
+todt sank er zu Boden. Und noch heutiges Tags wird das Grenzbächlein
+gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner
+getragen habe. In Uri war große Freude ob ihres Gewinnstes, aber auch
+die zu Glarus gaben ihrem Hirten die verdiente Ehre und bewahrten seine
+große Treue in steter Erinnerung.
+
+
+
+
+288.
+
+Die Alpschlacht.
+
++Stalder+ Fragmente über Entlebuch. Zürich 1797. I. S. 81-85.
+
+
+Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden,
+aber die Obwaldner waren im Besitz und trieben ihr Vieh darauf. Weil
+sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten
+sie Wächter zu ihrer Heerde. Die geschwinden und feinen Entlebucher
+dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und
+ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses
+ahnten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen
+verkürzten, schlichen kühne entlebucher Hirten auf die schlechtbewahrte
+Trift, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und
+führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen mußte zurückbleiben
+und so lange mit den Kühglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr
+sicher wären. Er thats, warf dann all den Klumpen von Schellen auf
+den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden
+Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie
+wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen
+jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten.
+Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch
+dazu geschlagen; das ihnen damals abgewonnene Fähnlein bewahren die
+Entlebucher noch heutiges Tags in ihrer Heimlichkeit (einem alten
+Thurm im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich
+ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht
+genannt.
+
+
+
+
+289.
+
+Der Stein bei Wenthusen.
+
+Quedlinburger Sammlung. S. 150. 154.
+
+
+Wenthusen im Quedlinburgischen war vorzeiten ein Frauenkloster und kam
+nachher an die Grafen von Regenstein, nach deren Absterben an andere
+Herrn. Man gibt vor, es läge auf diesem Gut von Klosterzeiten her noch
+ein Stein, der stets unberührt und unbeschädigt liegen bleiben müßte,
+wo nicht dem Besitzer ein großes Unglück widerfahren sollte. Einer
+derselben soll ihn aus Neugierde haben wegnehmen lassen, aber dafür auf
+alle mögliche Art und Weise so lange gequält worden seyn, bis der Stein
+wieder auf seiner rechten Stelle gelegen habe.
+
+
+
+
+290.
+
+Die altenberger Kirche.
+
++J.B. Heller’s+ Merkwürdigk. Thüringens. I. 59. 466.
+
++Falkenstein+ thür. Chronik II. 273. Anm. b. III. 1272.
+
+
+Oberhalb dem Dorfe Altenberg im Thüringer Wald liegt auf einem hohen
+Berg luftig zwischen Bäumen das Kirchlein des Orts, die Johannes-Kirche
+genannt. Wegen des beschwerlichen Wegs dahin, besonders im Winter
+bei Glatteis und wenn Leichen oder Kinder zur Taufe hinauf zu tragen
+waren, wollten, nach der Sage, die Altenberger die Kirche abbrechen und
+unten im Dorfe aufrichten, aber sie waren es nicht vermögend. Denn was
+sie heute abgetragen und ins Thal herabgebracht hatten, fanden sie am
+andern Morgen wieder an seiner Stelle in gehöriger Ordnung oben auf der
+Capelle, also daß sie von ihrem Vorhaben abstehen mußten.
+
+Diese Kirche hat der heil. Bonifacius gestiftet und auf dem Berge
+öfters geprediget. Einmal als er es dort unter freiem Himmel
+that, geschah es, daß eine große Menge Raben, Dohlen und Krähen
+herbeigeflogen kamen und ein solches Gekrächz und Geschrei anfingen,
+daß die Worte des heil. Bonifacius nicht mehr konnten verstanden
+werden. Da bat er Gott, daß er solchen Vögeln in diese Gegend zu kommen
+nimmermehr erlaube. Seine Bitte wurde ihm gewährt und man hat sie
+hernach nie wieder an diesem Orte gesehen.
+
+
+
+
+291.
+
+Der König im lauenburger Berg.
+
++Kornmann+ ~mons Veneris~.
+
++Seyfried’s+ ~medulla p.~ 482.
+
++Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.
+
+
+Auf einem Berg bei der Lauenburg in Cassuben fand man 1596. eine
+ungeheure Kluft. Der Rath hatte zwei Missethäter doch zum Tod
+verurtheilt und schenkte ihnen unter der Bedingung das Leben, daß sie
+diesen Abgrund besteigen und besichtigen sollten. Als diese hinein
+gefahren waren, erblickten sie unten auf dem Grund einen schönen
+Garten, darin stand ein Baum mit lieblich-weißer Blüte; doch durften
+sie nicht daran rühren. Ein Kind war da, das führte sie über einen
+weiten Plan hin zu einem Schloß. Aus dem Schloß ertönte mancherlei
+Saitenspiel, wie sie eintraten, saß da ein König auf silbernem Stuhl,
+in der einen Hand einen goldnen Scepter, in der andern einen Brief. Das
+Kind mußte den Brief den beiden Missethätern überreichen.
+
+
+
+
+292.
+
+Der Schwanberg.
+
++Agricola+ Sprichw. 389. 390.
+
+
+Man hat gesagt bei Menschen Gezeiten her und niemand weiß, von wem
+es ausgekommen ist: “es soll der +Schwanberg+ noch mitten in Schweiz
+liegen,” das ist ganz Deutschland wird Schweiz werden. Diese Sage ist
+gemein und ungeachtet.
+
+
+
+
+293.
+
+Der Robbedisser Brunn.
+
++Letzner+ Dasselische Chronik. B. ~VIII. c.~ 10.
+
+
+Wenn man von Dassel über die Höhe, Bier genannt, und über den Kirchberg
+gehen will, hat man zur linken Hand einen Ort Namens Robbedissen,
+wo ein Quellbrunn fließt. Von diesem, von dem schwarzen Grund hinter
+dem Gericht und der großen Pappel vor Eilenhausen haben die Leute der
+Gegend den festen Glauben: wann der robbedisser Brunn seine Stätte
+verrücke, der schwarze Grund der andern Erde gleich werde, und der
+große eilenhäuser Pappelbaum verdorre und vergehe, alsdann werde in der
+Schöffe, einem Feld zwischen Eilenhausen und Markoldendorf, eine große,
+blutige Schlacht gehalten werden.
+
+
+
+
+294.
+
+Bamberger Wage.
+
+~+Manlii+ loc. comm. collect. p. 46.~
+
+
+Zu Bamberg, auf Kaiser Heinrichs Grab, ist die Gerechtigkeit mit einer
+Wagschale in der Hand eingehauen. Die Zunge der Wage steht aber nicht
+in der Mitte, sondern neigt etwas auf eine Seite. Es gehet hierüber ein
+altes Gerücht, daß, sobald das Zünglein ins Gleiche komme, die Welt
+untergehen werde.
+
+
+
+
+295.
+
+Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern.
+
++Georg Draud+ fürstliche Tischreden. I.
+
+vgl. +Fischart+ Gargantua 266~b~.
+
+
+Etliche wollen, daß Kaiser Friedrich, als er aus der Gefangenschaft bei
+den Türken befreit worden, gen Kaiserslautern gekommen und daselbst
+seine Wohnung lange Zeit gehabt. Er baute dort das Schloß, dabei einen
+schönen See oder Weiher, noch jetzt der Kaisersee genannt, darin soll
+er einmal einen großen Karpfen gefangen und ihm zum Gedächtniß einen
+güldenen Ring von seinem Finger an ein Ohr gehangen haben. Derselbige
+Fisch soll, wie man sagt, ungefangen in dem Weiher bleiben, bis auf
+Kaiser Friedrichs Zukunft. Auf eine Zeit, als man den Weiher gefischt,
+hat man zwei Karpfen gefangen, die mit güldenen Ketten um die Hälse
+zusammen verschlossen gewesen, welche noch bei Menschen-Gedächtniß zu
+Kaiserslautern an der Metzler-Pforte in Stein gehauen sind. Nicht weit
+vom Schloß war ein schöner Thiergarten gebauet, damit der Kaiser alle
+wunderbarliche Thier vom Schloß aus sehen konnte, woraus aber seit der
+Zeit ein Weiher und Schieß-Graben gemacht worden. Auch hängt in diesem
+Schloß des Kaisers Bett an vier eisernen Ketten und, als man sagt,
+so man das Bett zu Abend wohl gebettet, war es des Morgens wiederum
+zerbrochen, so daß deutlich jemand über Nacht darin gelegen zu haben
+schien.
+
+Ferner: zu Kaiserslautern ist ein Felsen, darin eine große Höhle oder
+Loch, so wunderbarlich, daß niemand weiß, wo es Grund hat. Doch ist
+allenthalben das gemeine Gerücht gewesen, daß Kaiser Friedrich, der
+Verlorne, seine Wohnung darin haben sollte. Nun hat man einen an einem
+Seil hinabgelassen und oben an das Loch eine Schelle gehangen, wann
+er nicht weiter könne, daß er damit läute, so wolle man ihn wieder
+heraufziehen. Als er hinab gekommen, hat er den Kaiser Friedrich in
+einem güldenen Sessel sitzen sehen, mit einem großen Barte. Der Kaiser
+hat ihm zugesprochen und gesagt, er solle mit niemand hier reden, so
+werde ihm nichts geschehen, und solle seinem Herrn erzählen, daß er ihn
+hier gesehen. Darauf hat er sich weiter umgeschaut und einen schönen
+weiten Plan erblickt und viel Leut, die um den Kaiser standen. Endlich
+hat er seine Schelle geläutet, ist ohne Schaden wieder hinauf gekommen
+und hat seinem Herrn die Botschaft gesagt.
+
+
+
+
+296.
+
+Der Hirt auf dem Kiffhäuser.
+
++Georg Draud+ fürstliche Tischreden I.
+
+
+Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege,
+darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden.
+Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte,
+fing an auf seiner Sackpfeife zu pfeifen und als er meinte, er habe
+ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: “Kaiser Friedrich, das
+sey dir geschenkt!” Da soll sich der Kaiser hervorgethan, dem Schäfer
+offenbart und zu ihm gesprochen haben: “Gott grüß dich, Männlein, wem
+zu Ehren hast du gepfiffen?” “Dem Kaiser Friedrich,” antwortete der
+Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: “hast du das gethan, so komm mit
+mir, er soll dir darum lohnen.” Der Hirt sagte: “ich darf nicht von
+den Schafen gehen.” Der Kaiser aber antwortete: “folge mir nach,
+den Schafen soll kein Schaden geschehen.” Der Hirt folgte ihm und
+der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit
+von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer
+eisernen Thür, die alsbald aufging, nun zeigte sich ein schöner, großer
+Saal, darin waren viel Herrn und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeigten.
+Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und
+fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt
+antwortete: “keinen.” Da sprach aber der Kaiser: “geh hin und nimm von
+meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.” Das that der Schäfer,
+wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da
+zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter
+und Büchsen und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen
+Waffen das heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder
+hinaus geleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu
+einem Goldschmied, der ihn für ächtes Gold anerkannte und ihm abkaufte.
+
+
+
+
+297.
+
+Die drei Telle.
+
+Journal des Luxus und der Moden. Januar 1805. S. 38.
+
+
+In der wilden Berggegend der Schweitz um den Waldstättersee ist nach
+dem Glauben der Leute und Hirten eine Felskluft, worin die drei
+Befreier des Landes, die +drei Tellen+ genannt, schlafen. Sie sind mit
+ihrer uralten Kleidung angethan, und werden wieder auferstehen und
+rettend hervorgehen, wann die Zeit der Noth fürs Vaterland kommt. Aber
+der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder.
+
+Ein Hirtenjung erzählte folgendes einem Reisenden: sein Vater, eine
+verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sey in diese Höhle
+gekommen und gleich, wie er gemerkt, daß die drei drin schlafenden
+Männer die drei Tellen seyen, habe auf einmal der alte eigentliche Tell
+sich aufgerichtet und gefragt: “welche Zeit ists auf der Welt?” und auf
+des Hirten erschrockene Antwort: “es ist hoch am Mittag” gesprochen:
+“es ist noch nicht an der Zeit, daß wir kommen,” und sey darauf wieder
+eingeschlafen. Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die
+Noth des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie
+doch nie wieder finden können.
+
+
+
+
+298.
+
+Das Bergmännchen.
+
++Wyß+ a. a. O. S. 1-12. vgl. 305. 308. aus mündl. Sage.
+
+
+In der Schweitz hat es im Volk viele Erzählungen von Berggeistern,
+nicht blos auf dem Gebirg allein, sondern auch unten am Belp, zu
+Gelterfingen und Rümlingen im Bernerland. Diese Bergmänner sind auch
+Hirten, aber nicht Ziegen, Schafe und Kühe sind ihr Vieh, sondern
+Gemsen und aus der Gemsenmilch machen sie Käse, die so lange wieder
+wachsen und ganz werden, wenn man sie angeschnitten oder angebissen,
+bis man sie unvorsichtiger Weise völlig und auf einmal, ohne Reste
+zu lassen, verzehrt. Still und friedlich wohnt das Zwergvolk in den
+innersten Felsklüften und arbeitet emsig fort, selten erscheinen sie
+den Menschen, oder ihre Erscheinung bedeutet ein Leid und ein Unglück;
+außer wenn man sie auf den Matten tanzen sieht, welches ein gesegnetes
+Jahr anzeigt. Verirrte Lämmer führen sie oft den Leuten nach Haus und
+arme Kinder, die nach Holz gehen, finden zuweilen Näpfe mit Milch im
+Wald stehen, auch Körbchen mit Beeren, die ihnen die Zwerge hinstellen.
+
+Vorzeiten pflügte einmal ein Hirt mit seinem Knechte den Acker, da sah
+man neben aus der Felswand dampfen und rauchen. “Da kochen und sieden
+die Zwerge, sprach der Knecht, und wir leiden schweren Hunger, hätten
+wir doch auch ein Schüsselchen voll davon.” Und wie sie das Pflugsterz
+umkehrten, siehe, da lag in der Furche ein weißes Laken gebreitet
+und darauf stand ein Teller mit frischgebackenem Kuchen und sie aßen
+dankbar und wurden satt. Abends beim Heimgehen war Teller und Messer
+verschwunden, blos das Tischtuch lag noch da, das der Bauer mit nach
+Haus nahm.
+
+
+
+
+299.
+
+Die Zirbelnüsse.
+
+Mündlich, aus Oberwallis.
+
+
+Die Frucht der Arven oder Zirbeln, einer auf den Alpen wachsenden
+Gattung Tannen (~Pinus cembra~), hat einen röthlichen, wohl und
+süßschmeckenden Kern, fast wie Mandelnüsse sind. Allein man kann blos
+selten und mit Mühe dazu gelangen, weil die Bäume meistens einzeln
+über Felsenhängen und Abgründen, selten im Wald beisammen stehen.
+Die Bewohner geben allgemein vor: die Meisterschaft habe diesen Baum
+verwünscht und unfruchtbar gemacht, darum weil die Dienerschaft zur
+Zeit, wo sie auf dem Feld fleißig arbeiten sollen, sich damit abgegeben
+hätte, ihres lieblichen Geschmacks wegen diese Nüsse abzuwerfen und zu
+essen, worüber alle nöthige Arbeit versäumt oder schlecht gethan worden
+wäre.
+
+
+
+
+300.
+
+Das Paradies der Thiere.
+
+Mündlich, aus Oberwallis im Visperthal.
+
+
+Oben auf den hohen und unersteiglichen Felsen und Schneerücken des
+Mattenbergs soll ein gewisser Bezirk liegen, worin die schönsten Gemsen
+und Steinböcke, außerdem aber noch andere wunderbare und seltsame
+Thiere, wie im Paradies zusammen hausen und weiden. Nur alle zwanzig
+Jahre kann es einem Menschen gelingen, in diesen Ort zu kommen und
+wieder unter zwanzig Gemsenjägern nur einem einzigen. Sie dürfen
+aber kein Thier mit herunter bringen. Die Jäger wissen manches von
+der Herrlichkeit dieses Orts zu erzählen, auch daß daselbst in den
+Bäumen die Namen vieler Menschen eingeschnitten ständen, die nach
+und nach dort gewesen wären. Einer soll auch einmal eine prächtige
+Steinbockshaut mit herausgebracht haben.
+
+
+
+
+301.
+
+Der Gemsjäger.
+
++Wyß+ a. a. O. S. 43-61. vgl. 312.
+
+
+Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat und immer weiter
+klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher
+Zwerg vor ihm, der sprach zornig: “warum erlegst du mir lange schon
+meine Gemsen und lässest mir nicht meine Heerde? jetzt sollst du’s
+mit deinem Blute theuer bezahlen!” Der Jäger erbleichte und wäre
+bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um
+Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten.
+Der Zwerg sprach: “gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so
+verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag Morgenfrüh vor deiner
+Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte
+dich mir und schone die andern.” Der Zwerg verschwand und der Jäger
+ging nachdenklich heim und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am
+siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Aesten eines Baums vor
+seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt und die nächste Woche gings
+eben so und dauerte ein Paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den
+Jäger seiner Faulheit und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge
+erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg
+er auf und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte
+an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er
+eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den
+Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund
+sank.
+
+Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt,
+an dem er wohl sein Lebelang hätte genug haben mögen, er es aber
+unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den
+Rest verschlungen. Aus Armuth habe er demnach wieder die Gemsjagd
+unternommen und sey vom Zwerg in die Fluh gestürzt worden.
+
+
+
+
+302.
+
+Die Zwerglöcher.
+
++Behrens+ curiöser Harzwald S. 37. 75. 76.
+
+
+Am Harz in der Grafschaft Hohenstein, sodann zwischen Elbingerode und
+dem Rübenland, findet man oben in den Felsenhöhlen an der Decke runde
+und andere Öffnungen, die der gemeine Mann +Zwerglöcher+ nennt, wo
+die Zwerge vor Alters, vermittelst einer Leiter, ein- und ausgestiegen
+seyn sollen. Diese Zwerge erzeigten den Einwohnern zu Elbingerode
+alle Güte. Fiel eine Hochzeit in der Stadt vor, so gingen die Eltern
+oder Anverwandten der Verlobten nach solchen Höhlen und verlangten
+von den Zwergen messingne und kupferne Kessel, eherne Töpfe, zinnerne
+Schüssel und Teller und ander nöthiges Küchengeschirr mehr. Darauf
+traten sie ein wenig abwärts, und gleich hernach stellten die Zwerge
+die gefoderten Sachen vor den Eingang der Höhle hin. Die Leute nahmen
+sie sodann weg und mit nach Haus; wann aber die Hochzeit vorbei war,
+brachten sie alles wieder zur selben Stelle, setzten zur Dankbarkeit
+etwas Speise dabei.
+
+
+
+
+303.
+
+Der Zwerg und die Wunderblume.
+
++Otmar+ S. 145-150.
+
+
+Ein junger, armer Schäfer aus Sittendorf an der südlichen Seite des
+Harzes in der goldnen Aue gelegen, trieb einst am Fuß des Kyffhäusers
+und stieg immer trauriger den Berg hinan. Auf der Höhe fand er eine
+wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen, pflückte und
+steckte sie an den Hut, seiner Braut ein Geschenk damit zu machen.
+Wie er so weiter ging, fand er oben auf der alten Burg ein Gewölbe
+offenstehen, blos der Eingang war etwas verschüttet. Er trat hinein,
+sah viel kleine glänzende Steine auf der Erde liegen und steckte seine
+Taschen ganz voll damit. Nun wollte er wieder ins Freie, als eine
+dumpfe Stimme erscholl: “vergiß das Beste nicht!” Er wußte aber nicht
+wie ihm geschah und wie er herauskam aus dem Gewölbe. Kaum sah er die
+Sonne und seine Heerde wieder, schlug die Thür, die er vorher gar nicht
+wahrgenommen, hinter ihm zu. Als der Schäfer nach seinem Hut faßte, war
+ihm die Blume abgefallen beim Stolpern. Urplötzlich stand ein Zwerg vor
+ihm: “wo hast du die Wunderblume, welche du fandest?” “Verloren,” sagte
+betrübt der Schäfer. “Dir war sie bestimmt,” sprach der Zwerg, “und sie
+ist mehr werth, denn die ganze Rothenburg.” Wie der Schäfer zu Haus in
+seine Taschen griff, waren die glimmernden Steine lauter Goldstücke.
+Die Blume ist verschwunden und wird von den Bergleuten bis auf heutigen
+Tag gesucht, in den Gewölben des Kyffhäusers nicht allein, sondern
+auch auf der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes, weil
+verborgene Schätze rucken.
+
+
+
+
+304.
+
+Der Nix an der Kelle.
+
++Otmar’s+ Volkssagen. vgl. +Behrens+ S. 82.
+
+
+An der Kelle, einem kleinen See, unweit Werne im Hohensteinischen,
+wohnten sonst Nixen. Einmal hohlte der Nix des Nachts die Hebamme
+aus einem Dorfe und brachte sie unter großen Versprechungen zu der
+Untiefe hin, wo er mit seinem Weibe wohnte. Er führte sie hinab in
+das unterirdische Gemach, wo die Hebamme ihr Amt verrichtete. Der
+Nix belohnte sie reichlich. Eh sie aber wegging, winkte ihr die
+Kindbetterin und klagte heimlich mit einem Thränenstrom, daß der Nix
+das neugeborene Kind bald würgen würde. Und wirklich sah die Hebamme
+einige Minuten nachher auf der Oberfläche des Wassers einen blutrothen
+Strahl. Das Kind war ermordet.
+
+
+
+
+305.
+
+Schwarzach.
+
+Badische Wochenschrift 1807. St. 17. Sp. 268. und St. 34. Sp. 543.
+
+
+Von der alten Burg Schwarzach in der Pfalz hat es zweierlei Sagen. Ein
+Ritter lebte da vorzeiten, dessen Töchterlein, als sie am See auf der
+Wiese spielte, von einer großen Schlange, die aus dem Felsen kam, in
+den See gezogen wurde. Der Vater ging tagtäglich ans Ufer und klagte.
+Einmal glaubte er eine Stimme aus dem Wasser zu vernehmen und er rief
+laut: “gib mir ein Zeichen, mein Töchterlein!” Da schlug ein Glöcklein
+an. Fortan hörte er es jeden Tag schallen, und einmal lautete es heller
+und der Ritter vernahm die Worte: “ich lebe, mein Vater, bin aber an
+die Wasserwelt gebannt; lang hab ich mich gewehrt, aber der erste Trunk
+hat mich um die Freiheit gebracht; hüte dich vor diesem Trunk.” Der
+Vater blieb traurig stehen, da traten zwei Knaben zu und reichten ihm
+aus einem güldenen Becher zu trinken. Er kostete ihn kaum, so stürzte
+er in den See und sank unter.
+
+Eine andre Erzählung erwähnt eines alten, blinden Ritters, der mit
+seinen neun Töchtern auf Schwarzach lebte. Nah dabei hauste ein Räuber
+im Wald, der den Töchtern lange vergeblich nachstellte. Eines Tags kam
+er in Pilgrimkleidern und sagte den Jungfrauen: “wenn ihr euren Vater
+heilen wollt, so weiß ich drunten in der kalten Klinge ein Kraut dafür,
+das muß gebrochen werden, eh die Sonne aufgeht.” Die Töchter baten, daß
+er es ihnen zeige. Als sie nun frühmorgens hinab in die kalte Klinge
+kamen, mordete sie der Bösewicht alle neun und begrub sie zur Stelle.
+Der Vater starb. Dreißig Jahre später trieb den Mörder die Reue, daß er
+die Todtengebeine ausgraben und in geweihte Erde legen ließ.
+
+
+
+
+306.
+
+Die drei Jungfern aus dem See.
+
+Badische Wochenschrift 1806. St. 21. Sp. 342.
+
+
+Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend
+drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des
+Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche
+Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas eignes
+und keine Spinnerin konnte so fein und behend den Faden drehen. Aber
+mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und
+ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man
+wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie
+nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die
+Bursche sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des
+Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit
+ihnen zu sprechen, und nichts that ihm leider, als daß sie jeden Abend
+schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und
+stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück und Abends im steten Gespräch
+und Scherz merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke
+eilf schlug, es aber schon eigentlich zwölf war, standen die drei
+Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden
+Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und
+sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die
+Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und
+starb kurz darnach.
+
+
+
+
+307.
+
+Der todte Bräutigam.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 105-109.
+
+
+Ein Adlicher verlobte sich zu Magdeburg mit einer schönen Fräulein.
+Da geschahs, daß der Bräutigam in die Elbe fiel, wo man ihn drei
+Tage suchte und nicht finden konnte. Die ganze Verwandtschaft war in
+tiefer Bekümmerniß, endlich kam ein Schwarzkünstler zu der Liebsten
+Eltern und sprach: “den ihr suchet, hat die Nixe unterm Wasser und
+wird ihn auch lebendig nicht loslassen, es sey dann, daß eure Tochter
+und ihr Liebster Leib und Seele der Nixe verschwören, oder daß eure
+Tochter sich flugs an seiner Statt von den Nixen das Leben nehmen
+lasse, oder auch, daß der Bräutigam sich der Nixe verspreche, welches
+er aber jetzund nicht thun will.” Die Braut wollte sich gleich für
+ihren Liebsten stellen, allein die Eltern bewilligten es nicht, sondern
+drangen in den Zauberer, daß er den Bräutigam schaffen solle, lebendig
+oder todt. Bald darauf fand man seinen Leichnam am Ufer liegen, ganz
+voll blauer Flecken. -- Ein ähnliches soll sich mit dem Bräutigam einer
+Fräulein von Arnheim begeben haben, der auch im Wasser umgekommen war.
+Weil man aber die Stelle nicht wußte, brachte ein Zauberer durch seine
+Kunst zuwege, daß der Leichnam dreimal aus dem Wasser hervorsprang,
+worauf man an dem Ort suchte und den Todten im Grunde des Flusses fand.
+
+
+
+
+308.
+
+Der ewige Jäger.
+
+Nach einem Meistergesang +Michael Beham’s+, ~MS. Vatic.~ 312. Bl. 165.
+mitgetheilt in der Sammlung für altd. Lit. u. Kunst von +Hagen+ u. a.
+S. 43-45.
+
+
+Graf Eberhard von Würtenberg ritt eines Tages allein in den grünen Wald
+aus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes
+Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüber käme; erschrack
+heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestanden und auf eines Baumes
+Tolde getreten war, den Geist: ob er ihm schaden wolle? “Nein,” sprach
+die Gestalt, “ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz
+allein, war vordem ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust,
+daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen, bis zu dem jüngsten
+Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört und schon fünfthalb hundert Jahre
+jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel
+sind aber noch niemanden offenbart worden.” Graf Eberhard sagte: “zeig
+mir dein Angesicht, ob ich dich etwan erkennen möge?” Da entblößte sich
+der Geist, sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt, wie eine Rübe
+und gerunzelt, als ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und
+verschwand, der Graf kehrte heim in sein Land zurück.
+
+
+
+
+309.
+
+Hans Jagenteufel.
+
+Journal von und für Deutschl. 1787. II. Nr. 27.
+
++Prätorius+ Weltbeschr. II. 69-72.
+
+
+Man glaubt: wer eine der Enthauptung würdige Unthat verrichte, die bei
+seinen Lebzeiten nicht herauskomme, der müsse nach dem Tod mit dem Kopf
+unterm Arm umgehen.
+
+Im Jahr 1644. ging ein Weib aus Dresden eines Sonntags früh in einen
+nahen Wald, daselbst Eicheln zu lesen. In der Heide an einem Grund
+nicht weit von dem Orte, das verlorene Wasser genannt, hörte sie
+stark mit dem Jägerhorn blasen, darauf that es einen harten Fall, als
+ob ein Baum fiele. Das Weib erschrack und barg ihr Säcklein Eicheln
+ins Gestrüpf, bald darauf blies das Horn wieder und als sie umsah,
+erblickte sie auf einem Grauschimmel in langem grauen Rock einen Mann
+ohne Kopf reiten, er trug Stiefel und Sporn und hatte ein Hifthorn über
+dem Rücken hangen. Weil er aber ruhig vorbei ritt, faßte sie wieder
+Muth, las ihre Eicheln fort und kehrte Abends ungestört heim. Neun Tage
+später kam die Frau in gleicher Absicht in dieselbe Gegend und als
+sie am Försterberg niedersaß, einen Apfel zu schälen, rief hinter ihr
+eine Stimme: “habt ihr den Sack voll Eicheln und seyd nicht gepfändet
+worden?” “Nein,” sprach sie, “die Förster sind fromm und haben mir
+nichts gethan, Gott, biß mir Sünder gnädig!” -- mit diesen Worten
+drehte sie sich um, da stand derselbe Graurock, aber ohne Pferd, wieder
+und hielt den Kopf mit bräunlichem, krausendem Haar unter dem Arm. Die
+Frau fuhr zusammen, das Gespenst aber sprach: “hieran thut ihr wohl,
+Gott um Vergebung eurer Sünden zu bitten, mir hats nicht so wohl werden
+können.” Darauf erzählte es: vor 130 Jahren habe er gelebt und wie sein
+Vater Hans Jagenteufel geheißen. Sein Vater habe ihn oft ermahnt, den
+armen Leuten nicht zu scharf zu seyn, er aber die Lehre in den Wind
+geschlagen und dem Saufen und Trinken obgelegen und Böses genug gethan.
+Darum müsse er nun als ein verdammter Geist umwandern.
+
+
+
+
+310.
+
+Des Hackelnberg Traum.
+
++Otmar+ S. 249. 250.
+
+
+Hans von Hackelnberg war braunschweigischer Oberjägermeister und ein
+gewaltiger Weidmann. Einer Nacht hatte er auf der Harzburg einen
+schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber
+kämpfe, der ihn nach langem Streit zuletzt besiegte. Diesen Traum
+konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit
+darnach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, dem im Traum
+gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden;
+endlich gewann Hans und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als
+er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den
+schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: “du sollst es mir noch
+nicht thun!” Aber er hatte mit solcher Gewalt gestoßen, daß der scharfe
+Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete
+Hackelnberg der Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner
+Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel
+vom Bein getrennt werden mußte. Er eilte nach Wolfenbüttel zurück;
+die Erschütterung des Wagens wirkte so schädlich, daß er mit genauer
+Mühe das Hospital zu Wülperode erreichte und bald daselbst starb. Auf
+seinem Grabe liegt ein Stein, der einen geharnischten Ritter auf einem
+Maulthier vorstellt.
+
+
+
+
+311.
+
+Die Tut-Osel.
+
++Otmar+ S. 241 ff.
+
+
+Mitternachts wann in Sturm und Regen der Hackelnberg “fatscht”[14]
+und auf dem Wagen mit Pferd und Hunden durch den Thüringerwald, den
+Harz und am liebsten durch den Hackel zieht, pflegt ihm eine Nachteule
+voranzufliegen, welche das Volk: die +Tut-Osel+ nennt. Wanderer, denen
+sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den wilden
+Jäger über sich wegfahren; und bald hören sie Hundebellen und den
+Waidruf: hu hu! -- In einem fernen Kloster zu Thüringen lebte vorzeiten
+eine Nonne, +Ursel+ geheißen, die störte mit ihrem heulenden Gesang
+noch bei Lebzeiten den Chor; daher nannte man sie +Tut-Ursel+. Noch
+ärger wurde es nach ihrem Tode, denn von elf Uhr Abends steckte sie
+den Kopf durch ein Loch des Kirchthurms und tutete kläglich und alle
+Morgen um vier Uhr stimmte sie ungerufen in den Gesang der Schwestern.
+Einige Tage ertrugen sie es; den dritten Morgen aber sagte eine voll
+Angst leise zu ihrer Nachbarin: “das ist gewiß die Ursel!” Da schwieg
+plötzlich aller Gesang, ihre Haare sträubten sich zu Berge und die
+Nonnen stürzten aus der Kirche, laut schreiend: “Tut-Ursel, Tut-Ursel!”
+Und keine Strafe konnte eine Nonne bewegen, die Kirche zu betreten, bis
+endlich ein berühmter Teufelsbanner aus einem Capucinerkloster an der
+Donau gehohlt wurde. Der bannte Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule in
+die Dummburg auf den Harz. Hier traf sie den Hackelnberg und fand an
+seinem huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem uhu! und so ziehen sie
+beide zusammen auf die Luftjagd.
+
+
+ [14] fatschen braucht man, wenn die Füße der Pferde im zähen Koth und
+ Moor schnalzen.
+
+
+
+
+312.
+
+Die schwarzen Reuter und das Handpferd.
+
+Hanauer Landcalender vom Jahr 1730.
+
++Hilscher+ vom wüthenden Heer. Dresden 1702. S. 31. 32.
+
+
+Es soll vorzeiten der Rechenberger, ein Raub- und Diebsritter, mit
+seinem Knecht eines Nachts auf Beute ausgeritten seyn. Da begegnete
+ihnen ein Heer schwarzer Reuter; er wich aus, konnte sich aber nicht
+enthalten, den letzten im Zug, der ein schön gesattelt, leeres
+Handpferd führte, zu fragen: wer diese wären, die da vorübergeritten?
+Der Reuter versetzte: “+das wütende Heer+.” Drauf hielt auch der Knecht
+an und frug: wem doch das schöne Handpferd wäre? Dem wurde zur Antwort:
+“seines Herrn treustem Knecht, welcher übers Jahr todt seyn und auf
+diesem Pferd reiten werde.” Dieses +Rechenbergers Knecht+ wollte sich
+nun bekehren und dingte sich zu einem Abt als Stallknecht. Binnen
+Jahresfrist wurde er mit seinem Nebenknecht uneins, der ihn erstach.
+
+
+
+
+313.
+
+Der getreu Eckhart.
+
+Vorrede des Heldenbuchs, ganz zuletzt.
+
++Agricola+ Sprichw. 667.
+
+Hanauischer Landcalender a. a. O.
+
+
+Man sagt von dem treuen Eckhart, daß er vor dem Venusberg oder
+Höselberg sitze und alle Leute warne, die hineingehen wollen. Johann
+Kennerer, Pfarrherr zu Mansfeld, seines Alters über achtzig Jahr,
+erzählte, daß zu Eisleben und im ganzen Lande Mansfeld das +wütend
+Heer+ vorübergezogen sey, alle Jahr auf den Faßnacht Dornstag und die
+Leute sind zugelaufen und haben darauf gewartet; nicht anders, als
+sollte ein großer mächtiger Kaiser oder König vorüberziehen. Vor dem
+Haufen ist ein alter Mann hergangen mit einem weißen Stab, hat sich
+selbs den +treuen Eckhart+ geheißen. Dieser Mann hat die Leute heißen
+aus dem Wege weichen, auch etliche Leute gar heimgehen, sie würden
+sonst Schaden nehmen. Nach diesem Mann haben etliche geritten, etliche
+gegangen und es sind Leute gesehen worden, die neulich an den Orten
+gestorben waren, auch der eins Theils noch lebten. Einer hat geritten
+auf einem Pferde mit zwein Füßen. Der ander ist auf einem Rade gebunden
+gelegen und das Rad ist von selbs umgelaufen. Der dritte hat einen
+Schenkel über die Achsel genommen und hat gleich sehr gelaufen. Ein
+ander hat kein Kopf gehabt und der Stück ohn Maßen. In Franken ists
+noch neulich geschehen und zu Heidelberg am Neckar hat mans oft im Jahr
+gesehen. Das wütende Heer erscheint in Einöden, in der Luft und im
+Finstern, mit Hundegebell, Blasen auf Waldhörnern und Brüllen wilder
+Thiere; auch siehet man dabei Hasen laufen und höret Schweine grunzen.
+
+
+
+
+314.
+
+Das Fräulein vom Willberg.
+
+Mündlich, aus dem Corvei’schen.
+
+
+Ein Mann aus Wehren bei Höxter ging nach der Amelungs-Mühle, Korn
+zu malen; auf dem Rückweg wollt er sich ein wenig am Teich im Lau
+ausruhen. Da kam ein Fräulein von dem Willberg, welcher Godelheim
+gegenüber liegt, herab, trat zu ihm und sprach: “bringt mir zwei Eimer
+voll Wasser oben auf die Stolle (Spitze) vom Willberg, dann sollt ihr
+gute Belohnung haben.” Er trug ihr das Wasser hinauf; oben aber sprach
+sie: “Morgen um diese Stunde kommt wieder und bringt den Busch Blumen
+mit, welchen der Schäfer vom Osterberge auf seinem Hut trägt.” Der
+Mann foderte den andern Tag die Blumen von dem Osterbergs-Schäfer und
+erhielt sie, doch erst nach vielem Bitten. Darauf ging er wieder zu
+der Stolle des Willbergs, da stand das Fräulein, führte ihn zu einer
+eisernen Thüre und sprach: “halte den Blumen-Busch vors Schloß.” Wie er
+das that, sprang die Thüre gleich auf und sie traten hinein; da saß in
+der Berghöhle ein klein Männlein vor dem Tisch, dessen Bart ganz durch
+den steinernen Tisch gewachsen war, ringsherum aber standen große,
+übermächtige Schätze. Der Schäfer legte vor Freude seinen Blumen-Busch
+auf den Tisch und fing an, sich die Taschen mit Gold zu füllen. Das
+Fräulein aber sprach zu ihm: “vergeßt das Beste nicht!” Der Mann sah
+sich um und glaubte, damit wäre ein großer Kronleuchter gemeint, wie er
+aber darnach griff, kam unter dem Tisch eine Hand hervor und schlug ihm
+ins Angesicht. Das Fräulein sprach nochmals: “vergeßt das Beste nicht!”
+Er hatte aber nichts, als die Schätze im Sinn und an den Blumen-Busch
+dachte er gar nicht. Als er seine Taschen gefüllt hatte, wollte er
+wieder fort, kaum aber war er zur Thüre hinaus, so schlug sie mit
+entsetzlichem Krachen zu. Nun wollt’ er seine Schätze ausladen, aber er
+hatte nichts, als Papier in der Tasche; da fiel ihm der Blumen-Busch
+ein und nun sah er, daß dieser das Beste gewesen und ging traurig den
+Berg herunter nach Haus.
+
+
+
+
+315.
+
+Der Schäfer und der Alte aus dem Berg.
+
+Mündlich, aus Wernigerode.
+
+
+Nicht weit von der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Thale eine
+Vertiefung in steinigem Erdboden, welche das Weinkeller-Loch genannt
+wird und worin große Schätze liegen sollen. Vor vielen Jahren weidete
+ein armer Schäfer, ein frommer und stiller Mann, dort seine Heerde.
+Einmal, als es eben Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu
+ihm und sprach: “folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, davon du
+dir nehmen kannst, so viel du Lust hast.” Der Schäfer überließ dem
+Hund die Bewachung der Heerde und folgte dem Alten. In einer kleinen
+Entfernung that sich plötzlich der Boden auf, sie traten beide ein
+und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem
+die größten Schätze von Gold und edlen Steinen aufgethürmt lagen. Der
+Schäfer wählte sich einen Goldklumpen und jemand, den er nicht sah,
+sprach zu ihm: “bringe das Gold dem Goldschmidt in die Stadt, der
+wird dich reichlich bezahlen.” Darauf leitete ihn sein Führer wieder
+zum Ausgang und der Schäfer that, wie ihm geheißen war und erhielt von
+dem Goldschmidt eine große Menge Geldes. Erfreut brachte er es seinem
+Vater, dieser sprach: “versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.”
+“Ja, Vater,” antwortete der Schäfer, “ich habe dort meine Handschuhe
+liegen lassen, wollt ihr mitgehen, so will ich sie holen.” In der
+Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und den geöffneten
+Boden und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles,
+wie das erstemal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da; beide
+luden so viel in ihre Taschen, als sie tragen konnten und gingen dann
+wieder heraus, worauf sich der Eingang mit lautem Krachen hinter ihnen
+schloß. Die folgende Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen, aber
+sie suchten lange hin und her, ohne die Stelle des Eingangs, oder auch
+nur eine Spur, zu entdecken. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und
+sprach zum Schäfer: “hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen,
+sondern unten liegen gelassen, so würdest du auch zum drittenmal
+den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir zugänglich
+und geöffnet seyn; nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und
+verschlossen.” Geister, heißt es, können das, was in ihrer Wohnung von
+den irdischen Menschen zurückgelassen worden, nicht behalten und haben
+nicht Ruh, bis es jene wieder zu sich genommen.
+
+
+
+
+316.
+
+Jungfrau Ilse.
+
++Otmar+ S. 171-174.
+
+Quedlinb. Sammlung. S. 204. 205.
+
+
+Der +Ilsenstein+ ist einer der größten Felsen des Harzgebirges, liegt
+auf der Nordseite in der Grafschaft Wernigerode unweit Ilsenburg am Fuß
+des Brockens und wird von der Ilse bespült. Ihm gegenüber ein ähnlicher
+Fels, dessen Schichten zu diesem passen und bei einer Erderschütterung
+davon getrennt zu seyn scheinen.
+
+Bei der Sündfluth flohen zwei Geliebte dem Brocken zu, um der immer
+höher steigenden allgemeinen Ueberschwemmung zu entrinnen. Eh
+sie noch denselben erreichten und gerade auf einem andern Felsen
+zusammenstanden, spaltete sich solcher und wollte sie trennen. Auf
+der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau; auf der
+rechten der Jüngling und miteinander stürzten sie umschlungen in
+die Fluten. Die Jungfrau hieß +Ilse+. Noch alle Morgen schließt sie
+den Ilsenstein auf, sich in der Ilse zu baden. Nur wenigen ist es
+vergönnt, sie zu sehen, aber wer sie kennt, preist sie. Einst fand
+sie frühmorgens ein Köhler, grüßte sie freundlich und folgte ihrem
+Winken bis vor den Fels; vor dem Fels nahm sie ihm seinen Ranzen ab,
+ging hinein damit und brachte ihn gefüllt zurück. Doch befahl sie
+dem Köhler, er sollte ihn erst in seiner Hütte öffnen. Die Schwere
+fiel ihm auf und als er auf der Ilsenbrücke war, konnt er sich nicht
+länger enthalten, machte den Ranzen auf und sah Eicheln und Tannäpfel.
+Unwillig schüttelte er sie in den Strom, sobald sie aber die Steine der
+Ilse berührten, vernahm er ein Klingeln und sah mit Schrecken, daß er
+Gold verschüttet hatte. Der nun sorgfältig aufbewahrte Ueberrest in den
+Ecken des Sacks machte ihn aber noch reich genug. -- Nach einer andern
+Sage stand auf dem Ilsenstein vorzeiten eines Harzkönigs Schloß, der
+eine sehr schöne Tochter Namens Ilse hatte. Nah dabei hauste eine Hexe,
+deren Tochter über alle Maßen häßlich aussah. Eine Menge Freier warben
+um Ilse, aber niemand begehrte die Hexentochter, da zürnte die Hexe
+und wandte durch Zauber das Schloß in einen Felsen, an dessen Fuße sie
+eine nur der Königstochter sichtbare Thüre anbrachte. Aus dieser Thüre
+schreitet noch jetzo alle Morgen die verzauberte Ilse und badet sich
+im Flusse, der nach ihr heißt. Ist ein Mensch so glücklich und sieht
+sie im Bade, so führt sie ihn mit ins Schloß, bewirthet ihn köstlich
+und entläßt ihn reichlich beschenkt. Aber die neidische Hexe macht, daß
+sie nur an einigen Tagen des Jahrs im Bad sichtbar ist. Nur derjenige
+vermag sie zu erlösen, der mit ihr zu gleicher Zeit im Flusse badet und
+ihr an Schönheit und Tugend gleicht.
+
+
+
+
+317.
+
+Die Heidenjungfrau zu Glatz.
+
++Aelurius+ glätzische Chronik. Lpzg. 1625. 4. S. 124-128. vgl. S. 86.
+
+
+Alte und junge Leute zu Glatz erzählten: in der heidnischen Zeit
+habe da eine gottlose, zauberhafte Jungfrau das Land beherrscht, die
+mit ihrem Ranzenbogen vom Schloß herab bis zur großen eisersdorfer
+Linde geschossen, als sie mit ihrem Bruder gewettet: wer den Pfeil
+am weitesten schießen könnte. Des Bruders Pfeil reichte kaum auf
+den halben Weg, und die Jungfrau gewann. An dieser Linde stehet die
+Grenze, und sie soll so alt seyn, wie der Heidenthurm zu Glatz und
+wenn sie gleich einmal oder das ander verdorret, so ist sie doch immer
+ausgewachsen und stehet noch. Auf der Linde saß einmal die Wahrsagerin
+und weissagte von der Stadt viel zukünftige Dinge: der Türk werde bis
+nach Glatz dringen, aber wenn er über die steinerne Brücke auf den
+Ring einziehe, eine schwere Niederlage erleiden durch die vom Schloß
+herab auf ihn ziehenden Christen; solches werde aber nicht geschehen,
+bevor ein Haufen Kraniche durch die Brotbänke geflogen. -- Zum Zeichen,
+daß die Jungfrau ihren Bruder mit dem Bogen überschossen, setzte man
+auf der Meile hinter dem Graben zween spitzige Steine. Weil sie aber
+mit ihrem eigenen Bruder unerlaubte Liebe gepflogen, war sie vom Volk
+verabscheut und es wurde ihr nach dem Leben getrachtet, allein sie
+wußte durch ihre Zauberkunst und Stärke, da sie oftmals aus Kurzweile
+ein ganzes Hufeisen zerriß, stets zu entrinnen. Zuletzt jedoch blieb
+sie gefangen und in einem großen Saal, welcher bei dem Thor, dadurch
+man aus dem Niederschloß ins Oberschloß gehet, vermauert. Da kam sie
+ums Leben und zum Andenken stehet ihr Bildniß links deßelben Thors
+an der Mauer über den tiefen Graben in Stein ausgehauen und wird bis
+auf den heutigen Tag allen fremden Leuten gezeigt. Außerdem hing ihr
+Gemählde im grünen Schloßsaal und in der Schloßkirche an einem eisernen
+Nagel in der Wand schön gelbes Haar, etlichemal aufgeflochten nach der
+Länge. Die Leute nennen es allgemein: das Haar der Heidenjungfrau; es
+hanget so hoch, daß es ein großer Mann auf der Erden stehend mit der
+Hand erreichen kann, ungefähr drei Schritt von der Thüre weit. Sie soll
+in der Gestalt und Kleidung, wie sie abgemalet wird, öfters im Schlosse
+erscheinen, beleidiget doch niemanden, außer wer sie höhnt und spottet,
+oder ihre Haarflechte aus der Kirche wegzunehmen gedenkt. Zu einem
+Soldat, der sie verspottet, kam sie auf die Schildwache und gab ihm mit
+kalter Hand einen Backenstreich. Einem andern, der das Haar entwendet,
+erschien sie Nachts, kratzte und krengelte ihn bis nahe an den Tod,
+wenn er nicht schnell durch seinen Rottgesellen das Haar wieder an den
+alten Ort hätte tragen lassen.
+
+
+
+
+318.
+
+Der Roßtrapp und der Cretpfuhl.
+
++Behrens+ Harzwald S. 121. und 130.
+
++Seyfried+ ~in medulla p. 428.
+
++Melissantes+ Orograph. h. v.~
+
++Otmar+ S. 181-186.
+
+Quedlinburger Samml. S. 125-128. 147. 148.
+
+
+Den Roßtrapp oder die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer
+eirunden Vertiefung, welche einige Aehnlichkeit mit dem Eindruck eines
+riesenmäßigen Pferdehufs hat, in dem hohen Vorgebirge des Nordharzes,
+hinter Thale. Davon folgende abweichende Sagen:
+
+1) Eines Hühnenkönigs Tochter stellte vor Zeiten die Wette an, mit
+ihrem Pferde über den tiefen Abgrund, Creful genannt, von einem Felsen
+zum andern zu springen. Zweimal hatte sie es glücklich verrichtet, beim
+drittenmale aber schlug das Roß rückwärts über und stürzte mit ihr in
+die Schlucht hinab. Darin befindet sie sich immer noch. Ein Taucher
+hatte sie einmal einigen zu Gefallen um ein Trinkgeld so weit außer
+Wasser gebracht, daß man etwas von der Krone sehen konnte, die sie
+auf dem Haupt getragen. Als er zum drittenmal dran sollte, wagte ers
+anfänglich nicht, entschloß sich zuletzt doch und vermeldete dabei:
+“wenn aus dem Wasser ein Blutstrahl steigt, so hat mich die Jungfrau
+umgebracht; dann eilet alle davon, daß ihr nicht auch in Gefahr
+gerathet.” Wie er sagte, geschahs, ein Blutstrahl stieg auf.
+
+2) Vor Alters wohnte ein König auf den herumgelegenen alten Schlössern,
+der eine sehr schöne Tochter hatte. Diese wollte ein Prinz, der sich in
+sie verliebte, entführen und verband sich dazu mit dem Teufel, durch
+dessen schwarze Kunst er ein Pferd aus der Hölle bekam. So entführte
+er sie und beim Uebersetzen von Fels zu Felsen schlug das Roß mit dem
+Hufeisen dieses Wahrzeichen ein.
+
+3) Eine Königstochter wohnte am Harz und hatte wider den Willen ihres
+Vaters eine geheime Liebschaft. Um sich vor seinem Zorn zu retten, floh
+sie, nahm die Königskrone mit und wollte sich in den Felsen bergen. Auf
+dem Felsen jenseits, gegenüber dem Roßtrapp, sollen noch die Radenägel
+ihres Fuhrwerks eingedrückt seyn. Sie wurde verfolgt und umringt. Es
+war keine Rettung übrig als einen Sprung ans andre Ufer zu wagen. Die
+Jungfrau sah das, da tanzte sie noch einmal zu guter Letzt, als wäre
+es ihr Hochzeittag und davon bekam der Fels den Namen +Tanzplatz+.
+Dann that sie glücklich den großen Sprung; wo ihr Roß den ersten Fuß
+hinsetzte, drückte sich sein Huf ein, fortan hieß dieser Fels der
++Roßtrapp+. In der Luft war ihr aber die unschätzbare Krone vom Haupt
+gefallen in einen tiefen Strudel der Bode, davon das +Kronenloch+
+benannt. Da liegt sie noch auf den heutigen Tag.
+
+4) Vor tausend und mehr Jahren, ehe noch die Raubritter die Hoymburg,
+Leuenburg, Steckelnburg und Winzenburg erbauten, war das Land rings
+um den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren,
+Raub, Mord und Gewaltthat übten. Sechzigjährige Eichen rissen sie
+sammt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich entgegenstellte,
+wurde mit Keulen niedergeschlagen und die Weiber in Gefangenschaft
+fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten. In dem Boheimer
+Walde hauste dazumal ein Riese, +Bodo+ genannt. Alles war ihm
+unterthan, nur +Emma+, die Königstochter vom Riesengebirge, die konnte
+er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm nichts,
+denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bund. Einst aber ersah
+sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen
+Zelter, der meilenlange Fluren im Augenblick übersprang, er schwur,
+Emma zu fahen oder zu sterben. Fast hätt’ er sie erreicht, als sie
+ihn aber zwei Meilen weit von sich erblickte und an den Thorflügeln
+eines zerstörten Städtleins, welche er im Schild führte, erkannte, da
+schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Spornen getrieben flog
+es über Berge, Klippen und Wälder durch Thüringen in die Gebirge des
+Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnaubende Roß
+Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf.
+Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der Teufels
++Tanzplatz+ heißt. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr als
+tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Tief
+rauschte der Strom unten und kreiste in furchtbaren Wirbeln. Der
+entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für
+einen Vorderfuß des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnauben, in
+der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hülfe und ohne Besinnung
+drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Spornen in die Seite. Und
+das Roß sprang über den Abgrund, glücklich auf die spitze Klippe und
+schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken
+stoben. Das ist jener Roßtrapp. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner
+gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwischen. Emma war gerettet,
+aber die centnerschwere goldne Königskrone fiel während des Sprungs von
+ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte
+in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. (Die Bode ergießt sich
+mit der Emme und Saale in die Elbe.) Hier als schwarzer Hund bewacht
+er die goldne Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie
+heraushohle. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen.
+Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das
+zahllos versammelte Volk schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber
+zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das
+drittemal hinabzusteigen. Er thats und ein Blutstrahl sprang hoch in
+die Höhe. Der Taucher kam nimmer wieder auf. Jetzo deckt tiefe Nacht
+und Stille den Ungrund, kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht
+hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden. Der
+Strudel heißt: der +Kreetpfuhl+[15] und der Fels, wo Emma die Hülfe
+der Höllengeister erflehte, des Teufels +Tanzplatz+.
+
+5) In Böhmen lebte vorzeiten eine Königstochter, um die ein gewaltiger
+Riese warb. Der König, aus Furcht seiner Macht und Stärke, sagte sie
+ihm zu. Weil sie aber schon einen andern Liebhaber hatte, der aus dem
+Stamm der Menschen war, so widersetzte sie sich dem Bräutigam und dem
+Befehl ihres Vaters. Aufgebracht wollte der König Gewalt brauchen und
+setzte die Hochzeit gleich auf den nächsten Tag. Mit weinenden Augen
+klagte sie das ihrem Geliebten, der zu schneller Flucht rieth und sich
+in der finstern Nacht einstellte, die getroffene Verabredung ins Werk
+zu setzen. Es hielt aber schwer zu entfliehen, die Marställe des Königs
+waren verschlossen und alle Stallmeister ihm treu und ergeben. Zwar
+stand des Riesen ungeheurer Rappe in einem für ihn eigends erbauten
+Stalle, wie sollte aber eine schwache Frauenhand das mehr denn zehn
+Ellen hohe Unthier leiten und lenken? und wie war ihm beizukommen, da
+es an einer gewaltig dicken Kette lag, die ihm statt Halfters diente
+und dazu mit einem großen Schlosse verwahrt war, dessen Schlüssel
+der Riese bei sich trug? Der Geliebte half aber aus, er stellte eine
+Leiter ans Pferd und hieß die Königstochter hinaufsteigen; dann that
+er einen mächtigen Schwerteshieb auf die Kette, daß sie von einander
+sprang, schwang sich selbst hinten auf und in einem Flug gings auf und
+davon. Die kluge Jungfrau hatte ihre Kleinode mitgenommen, dazu ihres
+Vaters goldne Krone aufs Haupt gesetzt. Während sie nun auf Gerathewohl
+forteilten, fiels dem Riesen ein, in dieser Nacht auszureiten. Der
+Mond schien hell und er stand auf, sein Roß zu satteln. Erstaunt sah
+er den Stall leer, es gab Lärm im ganzen Schlosse und als man die
+Königstochter aufwecken wollte, war sie auch verschwunden. Ohne sich
+lange zu besinnen, bestieg der Bräutigam das erste beste Pferd und
+jagte über Stock und Block. Ein großer Spürhund witterte den Weg,
+den die Verliebten genommen hatten; nahe am Harzwalde kam der Riese
+hinter sie. Da hatte aber auch die Jungfrau den Verfolger erblickt,
+wandte den Rappen flugs und sprengte waldein, bis der Abgrund, in
+welchem die Bode fließt, ihren Weg durchschneidet. Der Rappe stutzt
+einen Augenblick und die Liebenden sind in großer Gefahr. Sie blickt
+hinterwärts und in strengem Gallop nahet der Riese, da stößt sie muthig
+dem Rappen in die Rippen. Mit einem gewaltigen Sprung, der den Eindruck
+eines Hinterhufes im Felsen läßt, setzt er über und die Liebenden
+sind gerettet. Denn die Mähre des nacheilenden Riesen springt seiner
+Schwere wegen zu kurz und beide mit gräßlichem Geprassel fallen in den
+Abgrund. Auf dem jenseitigen Rand stehet die Königstochter und tanzt
+vor Freuden. Davon heißt die Stätte noch jetzt +Tanzplatz+. Doch hat
+sie im Taumel des Sprungs die Krone verloren, die in den Kessel der
+Bode gefallen ist. Da liegt sie noch heut zu Tag, von einem großen
+Hunde mit glühenden Augen bewacht. Schwimmer, die der Gewinn geblendet,
+haben sie mit eigner Lebensgefahr aus der Tiefe zu hohlen gesucht, aber
+beim Wiederkommen ausgesagt: daß es vergebens sey, der große Hund sinke
+immer tiefer, so wie sie ihm nahe kämen und die goldne Krone stehe
+nicht mehr zu erlangen.
+
+
+ [15] d. h. Teufelspfuhl, wie die nördlichen Harzbewohner +Kreetkind+
+ ein Teufelskind nennen.
+
+
+
+
+319.
+
+Der Mägdesprung.
+
+Quedlinburger Sammlung S. 67.
+
++Otmar+ S. 195-198. vgl. S. 53.
+
++Behrens+ Harzwald S. 131.
+
++Seyfried+ in ~medulla p. 428.
+
++Melissantes+ orograph. h. v.~
+
+
+Zwischen Ballenstedt und Harzgerode in dem Selkethal zeigt das Volk
+auf einen hohen, durch eine Säule ausgezeichneten Felsen, auf eine
+Vertiefung im Gestein, die einige Ähnlichkeit mit der Fußtapfe eines
+Menschen hat und 80 bis 100 Fuß weiter auf eine zweite Fußtapfe. Die
+Sage davon ist aber verschieden.
+
+Eine Hühnin oder Riesentochter erging sich einst auf dem Rücken des
+Harzes von dem Petersberge herkommend. Als sie die Felsen erreicht
+hatte, die jetzt über den Hüttenwerken stehen, erblickte sie ihre
+Gespielin, die ihr winkte, auf der Spitze des Rammberges. Lange stand
+sie so zögernd, denn ihren Standort und den nächsten Berggipfel
+trennte ein breites Thal. Sie blieb hier so lange, daß sich ihre
+Fußtapfe ellentief in den Felsen drückte, wovon heut zu Tag noch die
+schwachen Spuren zu sehn sind. Ihres Zögerns lachte höhnisch ein Knecht
+des Menschenvolks, das diese Gegend bewohnte, und der bei Harzgerode
+pflügte. Die Hühnin merkte das, streckte ihre Hand aus und hob den
+Knecht sammt Pflug und Pferden in die Höhe, nahm alles zusammen in ihr
+Obergewand und sprang damit über das Thal weg und in einigen Schritten
+hatte sie ihre Gespielin erreicht.
+
+Oft hört man erzählen: die Königstochter sey in ihrem Wagen gefahren
+kommen und habe auf das jenseitige Gebirg gewollt. Flugs that sie den
+Wagen nebst den Pferden in die Schürze und sprang von einem Berg nach
+dem andern.
+
+Endlich werden die Fußtritte einer Bauerdirne zugeschrieben, die zu
+ihrem Liebhaber, einem Schäfer, jenseits den Sprung gemacht und beim
+Ansatz so gewaltig aufgetreten habe, daß sich ihre Spur eindrückte.
+Auch ein Ziegenbock scheint hierbei im Spiel gewesen zu seyn.
+
+
+
+
+320.
+
+Der Jungfernsprung.
+
++Peschek’s+ Oybin bei Zittau. Leipz. 1804. S. 33. 34.
+
+
+In der Lausitz unfern der böhmischen Grenze ragt ein steiler Felsen,
+Oybin genannt, hervor, auf dem man den Jungfernsprung zu zeigen und
+davon zu erzählen pflegt: vorzeiten sey eine Jungfrau in das jetzt
+zertrümmerte Bergkloster zum Besuch gekommen. Ein Bruder sollte sie
+herumführen und ihr die Gänge und Wunder der Felsengegend zeigen; da
+weckte ihre Schönheit sündhafte Lust in ihm und sträflich streckte er
+seine Arme nach ihr aus. Sie aber floh und flüchtete von dem Mönche
+verfolgt den verschlungenen Pfad entlang; plötzlich stand sie vor einer
+tiefen Kluft des Berges und sprang keusch und muthig in den Abgrund.
+Engel des Herrn faßten und trugen sie sanft ohne einigen Schaden hinab.
+
+Andere behaupten: ein Jäger habe auf dem Oybin ein schönes
+Bauernmädchen wandeln sehen und sey auf sie losgeeilt. Wie ein gejagtes
+Reh stürzte sie durch die Felsengänge, die Schlucht öffnete sich vor
+ihren Augen und sie sprang unversehrt nieder bis auf den Boden.
+
+Noch andere berichten: es habe ein rasches Mädchen mit ihren
+Gespielinnen gewettet, über die Kluft wegzuspringen. Im Sprung aber
+glischte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel und sie wäre zerschmettert
+worden, wo sie nicht glücklicherweise ihr Reifrock allenthalben
+geschützt und ganz sanft bis in die Tiefe hinunter gebracht hätte.
+
+
+
+
+321.
+
+Der Harrassprung.
+
++Körner’s+ Nachlaß 2. 71-74.
+
+
+Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem
+Zschopauthal eine Stelle, genannt der +Harrassprung+, wo vor Zeiten ein
+Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter in
+den Abgrund geritten seyn soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der
+Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer.
+
+
+
+
+322.
+
+Der Riese Hidde.
+
++Pierius Winsemius+ Geschiedenisse van Friesland. Franeker 1622. ~fol.~
+Buch III. S. 93.
+
+
+Zu Carls des Großen Zeit lebte ein Friese Namens +Hidde+, groß von Leib
+und ein starker Mann, ging ins Land Braunschweig und wurde vom Herzog
+zum Vogt seiner Wälder und Bäume gemacht. Als er einmal durch die
+Wildniß ging, stieß er auf eine Löwin mit ihren jungen Welpen im Nest,
+tödtete die Alte und brachte die Jungen, als Wölfe die er gefangen
+habe, dem Herzog an Hof. Diesem gefiel die Einfalt des Mannes, welcher
+keinen Unterschied machte zwischen Löwen und Wölfen und begabte ihn mit
+vielen Ländereien in der Gegend der Elbe. Da baute er sich ein Wohnhaus
+und nannte es +Hiddesacker+ nach seinem Namen.
+
+
+
+
+323.
+
+Das ilefelder Nadelöhr.
+
++Behrens+ cur. Harzwald S. 126. 127.
+
+
+Bei dem Kloster Ilefeld, zur linken Hand gleich bei dem Harzfahrwege,
+steht aus einem hohen Berg ein starker Stein hervor, der in seiner
+Mitte eine enge und schmale durchgehende Höhle hat. Alle Knechte aus
+Nordhausen und den umliegenden Örtern, wann sie das erstemal in den
+Harzwald hinter Ilefeld nach Brennholz fahren, müssen durch dieses
+Nadelöhr dreimal kriechen, mit großer Müh und Beschwerde, und werden
+beim Ein- und Auskriechen von ihren Cameraden dazu mit Peitschenstielen
+tapfer abgeschlagen. Wollen sie die Kurzweil nicht ausstehen, so müssen
+sie sich mit Gelde loskaufen. Die Obrigkeit hat diese Sitte schon
+mehrmals bei ziemlicher Strafe, aber fruchtlos verboten und der Knecht,
+der sich dem Brauch entziehen will, hat vor seinen Cameraden keinen
+Frieden und wird nicht bei ihnen gelitten. Vom Ursprung dieses Steins
+gibt der gemeine Mann vor: ein +Hühne+ sey einsmals etliche Meilen Wegs
+gereist; als er nun hinter Ilefeld gekommen, habe er gefühlt, daß ihn
+etwas in dem einen Schuh drücke, ihn also ausgezogen und diesen Stein
+drin gefunden. Darauf habe er den Stein an den Ort, wo er noch liege,
+geworfen.
+
+
+
+
+324.
+
+Die Riesen zu Lichtenberg.
+
+Mündlich, aus dem Odenwald.
+
+
+Der Lichtenberg ist ein Bergschloß, das man späterhin aus den uralten
+Trümmern wieder erneuert hat, und in allen Dörfern, die in seiner
+Nähe liegen, lebt noch die Sage fort, daß es hier vor alten Zeiten
+Riesen gegeben habe. Unter den Steinen befinden sich manche, die keine
+Menschenkraft den jähen Berg hinauf hätte tragen können. Ein Riese
+schleppte einen über achtzig Centner schweren Block auf seiner Schulter
+herbei, aber er zerbrach ihm unterwegs und blieb eine Stunde von
+Lichtenberg auf der Höhe liegen; er wird noch heut zu Tag Riesenstein
+genannt. Im Schloß wird ein Knochen, anderthalb Schuh im Umfang haltend
+und mit einem andern, einen halben Schuh dicken, einen Fuß langen
+Bein verwachsen, aufbewahrt; auch soll daselbst vor fünf und zwanzig
+Jahren noch eine ungeheure Bettlade außer den Knochen zu sehen gewesen
+seyn. Es wird auch wiederum erzählt, daß die Riesenfrau einmal weiter
+als gewöhnlich von dem Lichtenberg weggegangen sey und einen Bauer
+getroffen habe, der mit Ochsen seinen Acker pflügte. Das hatte sie noch
+nie gesehn, nahm also Bauer, Pflug und Ochsen zusammen in ihre Schürze
+und brachte es ihrem Mann aufs Schloß mit den Worten: “sieh einmal
+Mann, was ich für schöne Thierchen gefunden habe.”
+
+
+
+
+325.
+
+Das Hühnenblut.
+
++Otmar+ S. 267-270.
+
+
+Zwischen dem magdeburgischen Städtchen Egeln und dem Dorfe Westeregeln,
+unweit des Hakels, findet sich in einer flachen Vertiefung rothes
+Wasser, welches das Volk: +Hühnenblut+ nennet. Ein Hühne floh verfolgt
+von einem andern, überschritt die Elbe und als er in die Gegend kam,
+wo jetzo Egeln liegt, blieb er mit einem Fuße, den er nicht genug
+aufhob, an der Thurmspitze der alten Burg hangen, stolperte, erhielt
+sich noch ein Paar tausend Fuß zwischen Fall und Aufstehen, stürzte
+aber endlich nieder. Seine Nase traf gerade auf einen großen Feldstein
+bei Westeregeln mit solcher Gewalt, daß er das Nasenbein zerschmetterte
+und ihm ein Strom von Blut entstürzte, dessen Ueberreste noch jetzt zu
+sehen sind.
+
+Nach einer zweiten Erzählung, wohnte der Hühne in der Gegend von
+Westeregeln. Oft machte er sich das Vergnügen, über das Dorf und seine
+kleinen Bewohner wegzuspringen. Bei einem Sprung aber ritzte er seine
+große Zehe an der Thurmspitze, die er berührte. Das Blut sprützte aus
+der Wunde in einem tausendfüßigen Bogen, bis in die Lache, in der sich
+das nieversiegende Hühnenblut sammelte.
+
+
+
+
+326.
+
+Es rauscht im Hühnengrab.
+
++Micrälius+ Pomm. Gesch. B. ~II. c.~ 52.
+
+
+Bei Cößlin in Pommern zeigt man einen Hühnenberg, und man hat da ein
+großes Horn, ein großes Schwert und ungeheure Knochen ausgegraben.
+Auch in Vorpommern sollen vor Zeiten Riesen gewesen seyn. In der
+Gegend von Greifswalde ließ man 1594. solche Hühnengräber “kleuben und
+abschlichten,” da fanden die Steinmetzen Leiber elf und wohl sechszehn
+Schuh lang, und Krüge daneben. Wie sie aber an einen andern Graben,
+dem vorigen gleich, kamen und ihn auch versuchen wollten, soll sich
+ihrem Vorgeben nach ein Getümmel, als wenn etwas mit Schlüsseln um sie
+herrauschte und tanzte, haben vernehmen lassen. Da standen sie ab vom
+Stören des Grabs.
+
+
+
+
+327.
+
+Todte aus den Gräbern wehren dem Feind.
+
++Otmar’s+ Samml.
+
+
+Wehrstedt, ein Dorf nahe bei Halberstadt, hat nach der Sage seinen
+Namen davon erhalten, daß bei einem gefahrvollen Ueberfall fremder
+Heiden, da die Landesbewohner der Uebermacht schon unterlagen, die
+Todten aus den Gräbern aufstanden, diese Unholde tapfer abwehrten und
+so ihre Kinder retteten.
+
+
+
+
+328.
+
+Hans Heilings Felsen.
+
++Körner’s+ Nachlaß 2. 132-152. aus der deutschböhmischen Volkssage,
+vgl. 174.
+
+
+An der Eger, dem Dorfe Aich gegenüber, ragen seltsame Felsen empor,
+die das Volk: Hans Heilings Felsen nennt und wovon es heißt: vor
+alten Zeiten habe ein gewisser Mann, Namens Hans Heiling, im Lande
+gelebt, der genug Geld und Gut besessen, aber sich jeden Freitag
+in sein Haus verschlossen und diesen Tag über unsichtbar geblieben
+sey. Dieser Heiling stand mit dem Bösen im Bunde und floh, wo er ein
+Kreuz sah. Einst soll er sich in ein schönes Mädchen verliebt haben,
+die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden
+war. Als diese mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen Hochzeit hielt,
+erschien Mitternachts zwölf Uhr Heiling plötzlich unter ihnen und rief
+laut: “Teufel, ich lösche dir deine Dienstzeit, wenn du mir diese
+vernichtest!” Der Teufel antwortete: “so bist du mein” und verwandelte
+alle Hochzeitleute in Felsensteine. Braut und Bräutigam stehen da,
+wie sie sich umarmen; die übrigen mit gefaltenen Händen. Hans Heiling
+stürzte vom Felsen in die Eger hinab, die ihn zischend verschlang und
+kein Auge hat ihn wieder gesehen. Noch jetzt zeigt man die Steinbilder,
+die Liebenden, den Brautvater und die Gäste; auch die Stelle, wo
+Heiling hinabstürzte.
+
+
+
+
+329.
+
+Die Jungfrau mit dem Bart.
+
++Prätorius+ Wünschelruthe S. 152-153. aus mündl. Erzählung.
+
+vgl. Kinder- und Haus-Märchen II. 66.
+
+
+Zu Salfeld mitten im Fluß steht eine Kirche, zu welcher man durch eine
+Treppe von der nahgelegenen Brücke eingeht, worin aber nicht mehr
+gepredigt wird. An dieser Kirche ist als Beiwappen oder Zeichen der
+Stadt in Stein ausgehauen eine gekreuzigte Nonne, vor welcher ein Mann
+mit einer Geige kniet, der neben sich einen Pantoffel liegen hat. Davon
+wird folgendes erzählt. Die Nonne war eine Königs-Tochter und lebte zu
+Salfeld in einem Kloster. Wegen ihrer großen Schönheit verliebte sich
+ein König in sie und wollte nicht nachlassen, bis sie ihn zum Gemahl
+nähme. Sie blieb ihrem Gelübde treu und weigerte sich beständig, als
+er aber immer von neuem in sie drang und sie sich seiner nicht mehr
+zu erwehren wußte, bat sie endlich Gott, daß er zu ihrer Rettung die
+Schönheit des Leibes von ihr nähme und ihr Ungestaltheit verliehe; Gott
+erhörte die Bitte und von Stund an wuchs ihr ein langer, häßlicher
+Bart. Als der König das sah, gerieth er in Wuth und ließ sie ans Kreuz
+schlagen.
+
+Aber sie starb nicht gleich, sondern mußte in unbeschreiblichen
+Schmerzen etliche Tage am Kreuz schmachten. Da kam in dieser Zeit aus
+sonderlichem Mitleiden ein Spielmann, der ihr die Schmerzen lindern
+und die Todes-Noth versüßen wollte. Der hub an und spielte auf seiner
+Geige, so gut er vermogte, und als er nicht mehr stehen konnte vor
+Müdigkeit, da kniete er nieder und ließ seine tröstliche Musik ohn
+Unterlaß erschallen. Der heiligen Jungfrau aber gefiel das so gut,
+daß sie ihm zum Lohn und Angedenken einen köstlichen, mit Gold und
+Edelstein gestickten Pantoffel von dem einen Fuß herabfallen ließ.
+
+
+
+
+330.
+
+Die weiße Jungfrau zu Schwanau.
+
++Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. II. 3.
+
+
+Die freien Schweizer brachen die Burg Schwanau auf dem lowerzer See,
+weil darin der böse und grausame Vogt des Kaisers wohnte. Einmal
+jährlich erschüttert bei nächtlicher Stille ein Donner die Trümmer und
+ertönt im Thurm Klaggeschrei; rings um die Mauer wird der Vogt von dem
+weißgekleideten Mädchen, das er entehrt hatte, verfolgt, bis er mit
+Geheule sich in den See stürzt. Drei Schwestern flohen vor der Vögte
+Lust in des Rigi Klüfte und sind nimmer wieder herausgekommen. Sanct
+Michels Capelle bezeichnet den Ort.
+
+
+
+
+331.
+
+Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See.
+
+Erzählungen und Märchen von +Gustav+. Lpzg. 1804.
+
+
+Der Mummel-See liegt im tiefen Murgthale rings von ehemaligen Burgen
+umgeben; gegen einander stehen die Ueberreste der ehemaligen Festen
++Schwarzkopf+ und +Seeburg+. Die Sage erzählt, daß jeden Tag, wann
+Dämmerung die Bergspitzen verhüllt, von der Seite des Seeburger
+Burghofes dreizehn Stück Rothwild zu einem Pförtchen herein, über den
+Platz, und zu dem entgegengesetzten flügellosen Burgthore hinaus eilen.
+Geübte Wildschützen bekamen von diesen Thieren immer eins, aber nie
+mehr in ihre Gewalt. Die andern Kugeln gingen fehl, oder fuhren in die
+Hunde. Kein Jäger schoß seit der Zeit auf ein anderes Thier, als das in
+diesem Zuge lief und sich durch Größe und Schönheit auszeichnete. Von
+diesem täglichen Zuge ist jedoch der Freitag ausgenommen, der deswegen
+den noch jetzt üblichen Namen Jäger-Sabbath erhielt und an welchem
+niemand die Seeburg betritt. Aber an diesem Tage, um die Mitternacht,
+wird eine andere Erscheinung gesehen. Zwölf Nonnen, in ihrer Mitte ein
+blutender Mann, in dessen Leib zwölf Dolche stecken, kommen durch die
+kleine Waldpforte in den Hof und wandeln still dem großen Burgthore zu.
+In diesem Augenblick erscheint aus dem Portale eine ähnliche Reihe,
+bestehend in zwölf ganz schwarzen Männern, aus deren Leibern Funken
+sprühen und überall brennende Flecken hervorlodern; sie wandeln dicht
+an den Nonnen und ihrem blutigen Begleiter vorüber, in ihrer Mitte
+aber schleicht eine weibliche Gestalt. Dieses Gesicht erklärt die Sage
+auf folgende Weise: in der Seeburg lebten zwölf Brüder, Raub-Grafen,
+und bei ihnen eine gute Schwester; auf dem Schwarzkopf aber ein edler
+Ritter mit zwölf Schwestern. Es geschah, daß die zwölf Seeburger in
+einer Nacht die zwölf Schwestern vom Schwarzkopf entführten, dagegen
+aber auch der Schwarzkopfer die einzige Schwester der zwölf Raubgrafen
+in seine Gewalt bekam. Beide Theile trafen in der Ebene des Murgthals
+auf einander und es entstand ein Kampf, in welchem die Seeburger bald
+die Oberhand erhielten und den Schwarzkopfer gefangen nahmen. Sie
+führten ihn auf die Burg und jeder von den Zwölfen stieß ihm einen
+Dolch vor den Augen seiner sterbenden Geliebten, ihrer Schwester, in
+die Brust. Bald darnach befreiten sich die zwölf geraubten Schwestern
+aus ihren Gemächern, suchten die zwölf Dolche aus der Brust ihres
+Bruders und tödteten in der Nacht sämmtliche Mord-Grafen. Sie
+flüchteten nach der That, wurden aber von den Knechten ereilt und
+getödtet. Als hierauf das Schloß durch Feuer zerstört ward, da sah
+man die Mauern, in welchen die Jungfrauen geschmachtet, sich öffnen,
+zwölf weibliche Gestalten, jede mit einem Kindlein auf dem Arm, traten
+hervor, schritten zu dem Mummel-See und stürzten sich in seine Fluten.
+Nachher hat das Wasser die zertrümmerte Burg verschlungen, in welcher
+Gestalt sie noch hervorragt.
+
+Ein armer Mann, der in der Nähe des Mummel-Sees wohnte und oftmals für
+die Geister des Wassers gebätet hatte, verlor seine Frau durch den
+Tod. Abends darauf hörte er in der Kammer, wo sie auf Spänen lag, eine
+leise Musik ertönen. Er öffnete ein wenig die Thüre und schaute hinein
+und sah sechs Jungfrauen, die mit Lichtlein in den Händen um die Todte
+standen; am folgenden Abend waren es eben so viel Jünglinge, die bei
+der Leiche wachten und sie sehr traurig betrachteten.
+
+
+
+
+332.
+
+Der Krämer und die Maus.
+
++Wenzel+ dramat. Erzählungen.
+
+
+Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen
+Reichenau. Er war müd geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu
+verzehren; das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß,
+sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich
+vor ihn hinsetzte und aufschaute, als erwartete es etwas. Gutmüthig
+warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so noth es ihm selber
+that, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lang er noch
+etwas hatte, immer sein kleines Theil, so daß sie ordentlich zusammen
+Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an
+einer nahen Quelle zu thun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein
+Goldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte
+es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und
+sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da
+nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz
+von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach
+dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das
+Gold nach Reichenau, theilte es halb unter die Armen und ließ von der
+andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum
+ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der
+Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.
+
+
+
+
+333.
+
+Die drei Schatzgräber.
+
++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 219.
+
+
+Unter der St. Dionysien Kirche, nicht weit von Erfurt, sollte ein
+großer Schatz liegen, welchen drei Männer miteinander zu heben sich
+vornahmen, nämlich ein Schmidt, ein Schneider und ein Hirt oder
+Schäfer. Aber der böse Geist, der den Schatz bewachte, tödtete sie
+alle dreie. Ihre Häupter wurden an dem Gesims der Kirche unterm Dache
+in Stein ausgehauen, nebst einem Hufeisen, einer Scheere und einem
+Schäferstock oder einer Weinmeisters-Hippe.
+
+
+
+
+334.
+
+Einladung vor Gottes Gericht.
+
+~+Casp. Henneberg+ chronicon Prussiae. p. 254.~
+
++Prätorius+ Weltbeschr. I. 285-288.
+
+
+Zu Leuneburg in Preußen war ein sehr behender Dieb, der einem ein Pferd
+stehlen konnte, wie vorsichtig man auch war. Nun hatte ein Dorfpfarrer
+ein schönes Pferd, das er dem Fischmeister zu Angerburg verkauft,
+aber noch nicht gewährt. Da wettete der Dieb, er wolle dieses auch
+stehlen und darnach aufhören; aber der Pfarrer erfuhr es und ließ es so
+verwahren und verschließen, daß er nicht dazu kommen konnte. Indeß ritt
+der Pfarrer mit dem Pferd einmal in die Stadt, da kam der Dieb auch in
+Bettlerskleidern mit zweien Krücken in die Herberge. Und als er merkt,
+daß der Pfarrer schier wollte auf seyn, macht er sich zuvor auf das
+Feld, wirft die Krücken auf einen Baum, legt sich darunter und erwartet
+den Pfarrer. Dieser kommt hernach, wohl bezecht, findet den Bettler da
+liegen und sagt: “Bruder, auf! auf! es kommt die Nacht herbei, geh zu
+Leuten, die Wölfe mögten dich zerreißen.” Der Dieb antwortet: “ach!
+lieber Herr, es waren böse Buben eben hier, die haben mir meine Krücken
+auf den Baum geworfen, nun muß ich allhier verderben und sterben, denn
+ohne Krücken kann ich nirgend hinkommen.” Der Pfarrer erbarmt sich
+seiner, springt vom Pferde, gibt es dem Schalk, am Zügel zu halten,
+zieht seinen Reitrock aus, legt ihn aufs Pferd und steigt dann auf
+den Baum, die Krücken abzugewinnen. Indessen springt der Dieb auf das
+Pferd, rennt davon, wirft die Bauerskleider weg und läßt den Pfarrer zu
+Fuß nach Hause gehen. Diesen Diebstahl erfährt der Pfleger, läßt den
+Dieb greifen und an den Galgen henken. Jedermann wußte nun von seiner
+Listigkeit und Behendigkeit zu erzählen.
+
+Einsmals ritten etliche Edelleute, wohl bezecht, an dem Galgen vorbei,
+redeten von des Diebs Verschlagenheit und lachten darüber. Einer von
+ihnen war auch ein wüster und spöttischer Mensch, der rief hinauf:
+“o du behender und kluger Dieb, du mußt ja viel wissen! komm auf den
+Donnerstag mit deinen Gesellen zu mir zu Gaste und lehre mich auch
+Listigkeit.” Deß lachten die andern.
+
+Auf den Donnerstag, als der Edelmann die Nacht über getrunken hatte,
+lag er lang schlafend, da kommen die Diebe Glocke neun des Morgens
+mit ihren Ketten in den Hof, gehen zur Frau, grüßen sie und sagen,
+der Junker habe sie zu Gast gebeten, sie solle ihn aufwecken. Dessen
+erschrickt sie gar hart, geht vor des Junkers Bett und sagt: “ach! ich
+habe euch längst gesagt, ihr würdet mit euerm Trinken und spöttischen
+Reden Schande einlegen, steht auf und empfanget eure Gäste;” und
+erzählt, was sie in der Stube gesagt hätten.
+
+Er erschrickt, steht auf, heißt sie willkommen und daß sie sich setzen
+sollten. Er läßt Essen vortragen, so viel er in Eile vermag, welches
+alles verschwindet. Unterdessen sagt der Edelmann zu dem Pferdedieb:
+“lieber, es ist deiner Behendigkeit viel gelachet worden, aber jetzund
+ist mirs nicht lächerlich, doch verwundert mich, wie du so behend
+bist gewesen, da du doch ein grober Mensch scheinest.” Der antwortet:
+“der Satan, wann er sieht, daß ein Mensch Gottes Wort verläßt, kann
+einen leicht behend machen.” Der Edelmann fragte andere Dinge, darauf
+jener antwortete, bis die Mahlzeit entschieden war. Da stunden sie
+auf, dankten ihm und sprachen: “so bitten wir euch auch zu Gottes
+himmlischem Gericht, an das Holz, da wir um unserer Missethat willen
+von der Welt getödtet worden: da sollt ihr mit uns aufnehmen das
+Gericht zeitlicher Schmach und dies soll seyn heut über vier Wochen.”
+Und schieden also von ihm.
+
+Der Edelmann erschrack sehr und ward heftig betrübt. Er sagte es vielen
+Leuten, der eine sprach dies der andere jenes dazu. Er aber tröstete
+sich dessen, daß er niemanden etwas genommen und daß jener Tag auf
+Allerheiligen-Tag fiel, auf welchen um des Fests willen man nicht
+zu richten pflegt. Doch blieb er zu Hause und lud Gäste, so etwas
+geschähe, daß er Zeugniß hätte, er wäre nicht auskommen. Denn damals
+war die Rauberei im Lande, sonderlich Gregor Maternen Reiterei, aus
+welchen einer den Hauscomthur D. Eberhard von Emden erstochen hatte.
+Derhalben der Comthur Befehl bekam, wo solche Reiter und Compans zu
+finden wären, man sollte sie fangen und richten, ohn einige Audienz.
+Nun war der Mörder verkundschaftet und der Comthur eilte ihm mit den
+seinigen nach. Und weil jenes Edelmannes der letzte Tag war und dazu
+Allerheiligen-Fest, gedacht er, nun wär er frei, wollte sich einmal
+gegen Abend auf das lange Einsitzen etwas erlustigen und ritt ins
+Feld. Indessen als seiner des Comthurs Leute gewahr werden, däucht
+sie, es sey des Mörders Pferd und Kleid und reiten flugs auf ihn zu.
+Der Reuter stellt sich zur Wehr und ersticht einen jungen Edelmann,
+des Comthurs Freund und wird deshalb gefangen. Sie bringen ihn vor
+Leuneburg, geben einem Litthauen Geld, der hängt ihn zu seinen Gästen
+an den Galgen. Und wollte ihm nicht helfen, daß er sagte, er käme aus
+seiner Behausung erst geritten, sondern muß hören: “mit ihm fort, eh
+andere kommen und sich seiner annehmen, denn er will sich nur also
+ausreden!”
+
+
+
+
+335.
+
+Gäste vom Galgen.
+
++Bräuner’s+ Curiositäten S. 296-298.
+
+
+Ein Wirth einer ansehnlichen Stadt reiste mit zwei Weinhändlern aus
+dem Weingebürge, wo sie einen ansehnlichen Vorrath Wein eingekauft
+hatten, wieder heim und ihr Weg führte sie am Galgen vorbei und obwohl
+sie berauscht waren, sahen sie doch und bemerkten drei Gehenkte,
+welche schon lange Jahre gerichtet waren. Da rief einer von den zwei
+Weinhändlern: “du, Bären-Wirth, diese drei Gesellen, die da hängen,
+sind auch deine Gäste gewesen.” -- “Hei! sagte der Wirth in tollem
+Muthe, sie können heut zu Nacht zu mir kommen und mit mir essen!” Was
+geschieht? Als der Wirth also trunken anlangt, vom Pferd absteigt, in
+seine Wohnstube geht und sich niedersetzt, kommt eine gewaltige Angst
+über ihn, so daß er nicht im Stande ist, jemand zu rufen. Indeß tritt
+der Hausknecht herein, ihm die Stiefel abzuziehen, da findet er seinen
+Herrn halb todt im Sessel liegen. Er ruft alsbald die Frau und als sie
+ihren Mann mit starken Sachen ein wenig wieder erquickt, fragt sie, was
+ihm zugestoßen sey. Darauf erzählt er ihr, im Vorbeireiten habe er die
+drei Gehängten zu Gast geladen und da er in seine Stube gekommen, seyen
+diese drei in der entsetzlichen Gestalt, wie sie am Galgen hängen, in
+das Zimmer getreten, hätten sich an den Tisch gesetzt und ihm immer
+gewinkt, daß er herbei kommen solle. Da sey endlich der Hausknecht
+hereingetreten, worauf die Geister alle drei verschwunden. Dieses wurde
+für eine bloße Einbildung des Wirths ausgegeben, weil ihm trunkener
+Weise eingefallen, was er im Vorbeireiten den Sündern zugerufen, aber
+er legte sich zu Bett und starb am dritten Tage.
+
+
+
+
+336.
+
+Teufels-Brücke.
+
+Mündlich.
+
+
+Ein Schweizer-Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte sich
+immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen,
+oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf
+einer außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: “ich wollte
+der Teufel wäre da und baute mir eine Brücke hinüber.” Augenblicklich
+stand der Teufel bei ihm und sagte: “versprichst du mir das erste
+Lebendige, das darüber geht, so will ich dir eine Brücke dahin bauen,
+auf welcher du stets hinüber und herüber kannst.” Der Hirte willigte
+ein; in wenig Augenblicken war die Brücke fertig, aber jener trieb eine
+Gemse vor sich her und ging hinten nach. Der betrogene Teufel ließ
+alsbald die Stücke des zerrissenen Thiers aus der Höhe herunter fallen.
+
+
+
+
+337.
+
+Die zwölf Johanneße.
+
++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218.
+
+
+Ein fränkischer König hatte zwölf Jünglinge, die wurden die deutschen
+Schüler genannt, und hieß jeglicher +Johannes+. Sie fuhren auf einer
+Glücksscheibe durch alle Länder und konnten binnen vier und zwanzig
+Stunden erfahren, was in der ganzen Welt geschehen war. Das berichteten
+sie dann dem Könige. Der Teufel aber ließ alle Jahre einen von der
+Scheibe herabfallen und nahm ihn zum Zoll. Den letzten ließ er auf den
+Petersberg bei Erfurt fallen, der zuvor der Berbersberg genannt war.
+Der König bekümmerte sich, wo doch der letzte hingekommen wäre, und
+als er erfuhr, daß es ein schöner Berg sey, auf den er herabgefallen,
+ließ er eine Capelle daselbst bauen und nannte sie ~Corpus Christi~;
+setzte auch einen Einsiedler hinein. Es war aber damals schiffbar
+Wasser rings umher und nichts angebaut und an der Capelle hing eine
+Leuchte, darnach sich jeder richtete, bis das Wasser an der Sachsenburg
+abgestochen wurde.
+
+
+
+
+338.
+
+Teufels-Graben.
+
+Mündlich.
+
+
+In der Nähe des Dorfes Rappersdorf, das nicht weit von der Stadt
+Strehlen in Niederschlesien liegt, erblickt man in flachem Boden einen
+tiefen Graben, gegen einen etwas entfernten Bach laufend, welcher vom
+Volk der +Teufels-Graben+ genannt wird. Ein Bauer aus Rappersdorf
+war sehr in Noth, weil er nicht wußte, wie er das überhand nehmende
+Regen-Wasser von seinen Feldern ableiten solle. Da erschien der Teufel
+vor ihm und sprach: “gib mir sieben Arbeiter zur Hülfe, so will ich
+dir noch in dieser Nacht einen Graben machen, der alles Wasser von
+deinen Äckern abzieht und fertig seyn soll, eh der Morgen graut.”
+Der Bauer willigte ein und überlieferte dem Teufel die Arbeiter mit
+ihren Werkzeugen. Als er am folgenden Tag hinausging, die Arbeit zu
+besichtigen, war zwar der große breite Graben vollendet, aber die
+Arbeitsleute waren verschwunden, bis man die zerrissenen Glieder dieser
+Unglücklichen auf den Feldern rings umher zerstreut fand.
+
+
+
+
+339.
+
+Der Kreuzliberg.
+
+Kleine Reminiscenzen und Gemählde. Zürch 1806.
+
+
+Auf einer Burg in der Nähe von Baaden im Aargau lebte eine
+Königstochter, welche oft zu einem nah gelegenen Hügel ging, da im
+Schatten des Gebüsches zu ruhen. Diesen Berg aber bewohnten innen
+Geister und er ward einmal bei einem furchtbaren Wetter von ihnen
+verwüstet und zerrissen. Die Königstochter, als sie wieder hinzukam,
+beschloß in die geöffnete Tiefe hinabzusteigen, um sie beschauen zu
+können. Sie trat, als es Nacht wurde, hinein, wurde aber alsbald von
+wilden, entsetzlichen Gestalten ergriffen und über eine große Menge
+Fässer immer tiefer und weiter in den Abgrund gezogen. Folgenden Tags
+fand man sie auf einer Anhöhe in der Nähe des verwüsteten Bergs, die
+Füße in die Erde gewurzelt, die Arme in zwei Baumäste ausgewachsen und
+den Leib einem Steine ähnlich. Durch ein Wunderbild, das man aus dem
+nahen Kloster herbeibrachte, wurde sie aus diesem furchtbaren Zustande
+wieder erlöst und zur Burg zurückgeführt. Auf den Gipfel des Bergs
+setzte man ein Kreuz, und noch jetzt heißt dieser der +Kreuzliberg+ und
+die Tiefe mit den Fässern des +Teufels Keller+.
+
+
+
+
+340.
+
+Die Pferde aus dem Bodenloch.
+
+~+Merssaeus (Cratepolius)+ catalogus episcop. Coloniens.~
+
+~+Greg. Horst+~ in s. Zusätzen zu ~+Marc. Donatus+ hist. medica mirab.
+cap. 9. p. 707.~
+
+~+Balth. Bebelius+ diss. de bis mortuis p. 9.~
+
+Rhein. Antiquarius S. 728-730.
+
+Cölner Taschenbuch für altdeutsche Kunst 1816.
+
+
+Richmuth von Adocht, eines reichen Burgermeisters zu Cöln Ehefrau,
+starb und wurde begraben. Der Todtengräber hatte gesehen, daß sie
+einen köstlichen Ring am Finger trug, die Begierde trieb ihn Nachts
+zu dem Grab, das er öffnete, Willens den Ring abzuziehen. Kaum aber
+hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die
+Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh
+er. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern los, trat heraus und ging
+gerades Schritts auf ihr Haus zu, wo sie den bekannten Hausknecht bei
+Namen rief, daß er schnell die Thüre öffnen sollte und erzählte ihm mit
+wenig Worten, was ihr widerfahren. Der Hausknecht trat zu seinem Herrn
+und sprach: “unsere Frau steht unten vor der Thüre und will eingelassen
+seyn.” “Ach, sagte der Herr, das ist unmöglich, eh das möglich wäre,
+eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen!” Kaum hatte er
+das Wort ausgeredet, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden und
+siehe, die sechs Schimmel standen oben alle beisammen. Die Frau hatte
+nicht nachgelassen mit Klopfen, nun glaubte der Burgermeister, daß
+sie wirklich da wäre; mit Freuden wurde ihr aufgethan und sie wieder
+völlig zum Leben gebracht. Den andern Tag schauten die Pferde noch aus
+dem Bodenloch und man mußte ein großes Gerüste anlegen, um sie wieder
+lebendig und heil herabzubringen. Zum Andenken der Geschichte hat man
+Pferde ausgestopft, die aus diesem Haus zum Boden herausgucken. Auch
+ist sie in der Apostelkirche abgemahlt, wo man überdem einen langen
+leinenen Vorhang zeigt, den Frau Richmuth nachher mit eigner Hand
+gesponnen und dahin verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre.
+
+
+
+
+341.
+
+Zusammenkunft der Todten.
+
+Mündlich, aus Hessen.
+
+
+Eine Königin war gestorben und lag in einem schwarz ausgehängten
+Trauersaal auf dem Prachtbette. Nachts wurde der Saal mit Wachskerzen
+hell erleuchtet und in einem Vorzimmer befand sich die Wache: ein
+Hauptmann mit neun und vierzig Mann. Gegen Mitternacht hört dieser,
+wie ein sechsspänniger Wagen rasch vor das Schloß fährt, geht hinab
+und eine in Trauer gekleidete Frau, von edlem und vornehmem Anstande,
+kommt ihm entgegen und bittet um die Erlaubniß, eine kurze Zeit bei der
+Todten verweilen zu dürfen. Er stellt ihr vor, daß er nicht die Macht
+habe, dies zu bewilligen, sie nennt aber ihren wohlbekannten Namen und
+sagt, als Oberhofmeisterin der Verstorbenen gebühre ihr das Recht,
+sie noch einmal, eh sie beerdigt werde, zu sehen. Er ist unschlüssig,
+aber sie dringt so lange, daß er nichts schickliches mehr einzuwenden
+weiß und sie hineinführt. Er selbst, nachdem er die Thüre des Saals
+wieder zugemacht, geht haußen auf und ab. Nach einiger Zeit bleibt
+er vor der Thüre stehen, horcht und blickt durchs Schlüsselloch, da
+sieht er, wie die todte Königin aufrecht sitzt und leise zu der Frau
+spricht, doch mit verschlossenen Augen und ohne eine andere Belebung
+der Gesichtszüge, als daß die Lippen sich ein wenig bewegen. Er heißt
+die Soldaten, einen nach dem andern, hineinsehen und jeder erblickt
+dasselbe; endlich naht er selbst wieder, da legt sich die Todte eben
+langsam auf das Prachtbett zurück. Gleich darnach kommt die Frau wieder
+heraus und wird vom Hauptmann hinab geführt; dieser fühlt, indem er
+sie in den Wagen hebt, daß ihre Hand eiskalt ist. Der Wagen eilt,
+so schnell er gekommen, wieder fort und der Hauptmann sieht, wie in
+der Ferne die Pferde Feuerfunken ausathmen. Am andern Morgen kommt
+die Nachricht, daß die Oberhofmeisterin, welche mehrere Stunden weit
+auf einem Landhause wohnte, um Mitternacht und gerade in der Stunde
+gestorben ist, wo sie bei der Todten war.
+
+
+
+
+342.
+
+Das weissagende Vöglein.
+
++Micrälius+ Pomm. Gesch. Buch IV. S. 159.
+
+
+Im Jahr 1624. hörte man in der Luft rufen: “weh, weh über Pommerland!”
+Am 14. Juli ging des Leinenwebers Frau von Colbatz nach Selow, mit
+Namen Barbara Sellentius, daselbst Fische zu kaufen. Da sie auf dem
+Rückwege nach Colbatz unterwegs war, hörte sie den Steig herunter am
+Berge ein Geschrei von Vögeln, und wie sie besser hinankam, schallte
+ihr die Stimme entgegen: “höre, höre!” Sie sah mittlerweile ein klein
+weiß Vögelein, einer Schwalben groß, auf einer Eiche sitzend, das
+redete sie mit deutlichen, klaren Worten an: “sage dem Hauptmann, daß
+er soll dem Fürsten sagen, die Anrennung, die er kriegen wird, soll
+er in Güte vertragen, oder es wird über ihn ausgehen; und soll also
+richten, daß ers vor Gott und der Welt verantworten kann!”
+
+
+
+
+343.
+
+Der ewige Jud auf dem Matterhorn.
+
+Mündlich, aus Oberwallis.
+
+
+Der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher Gletscher des
+Walliserlands, auf welchem die Visper entspringt. Der Leutsage nach
+soll daselbst vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch
+diese kam einmal der +laufende Jud+[16] gegangen und sprach: “wenn
+ich zum zweitenmal hier durch wandere, werden da, wo jetzt Häuser
+und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum
+drittenmal der Weg daher führt, wird nichts da seyn, als Schnee und
+Eis.” Jetzo ist schon nichts mehr da zu sehen, als Schnee und Eis.
+
+
+ [16] So nennen viele Schweizer den ewigen Juden.
+
+
+
+
+344.
+
+Der Kessel mit Butter.
+
+Mündlich, aus Oberwallis.
+
+
+Unter einem Berg des Visperthales, nicht weit von Alt-Tesch, soll ein
+ganzes Dorf mit Kirche und Häusern vergraben liegen, und die Ursache
+dieses Unglücks wird so erzählt: eine Bäuerin stand vorzeiten an ihrem
+Heerd und hatte einen Kessel mit Anke, welche sie auslassen wollte,
+über dem Feuer hangen; der Kessel war gerade halb voll Sud. Da kam ein
+Mann des Weges vorbei und sprach sie an, daß sie ihm etwas von der Anke
+zu seiner Speise geben möchte. Die Frau war aber hartherzig und sagte:
+“ich brauch alles für mich selber und kann nichts davon verschenken.”
+Da wandte sich der Mann und sprach: “hättest du mir ein weniges
+gegeben, so wollte ich deinen Kessel so begabt haben, daß er stets bis
+zum Rand voll gewesen und nimmer leer geworden wäre.” Dieser Mann war
+unser Herrgott selber. Das Dorf aber war seit der Zeit verflucht und
+wurde von einem Bergsturz ganz überschüttet, so daß nichts mehr davon
+am Licht ist, als die Fläche des Kirchen-Altars, der ehdem im Ort
+gestanden; +über+ den fließt nämlich jetzt das Bächlein, das vorher
++unter+ ihm hingeflossen und sich nun durch die Schlucht der Felsen
+windet.
+
+
+
+
+345.
+
+Trauer-Weide.
+
+Mündlich.
+
+
+Unser Herr Jesus Christus ward bei seiner Kreuzigung mit Ruthen
+gegeiselt, die von einem Weidenbaume genommen waren. Seit dieser Zeit
+senkt dieser Baum seine Zweige trauernd zur Erde und kann sie nicht
+mehr himmelwärts aufrichten. Das ist nun der Trauer-Weidenbaum.
+
+
+
+
+346.
+
+Das Christus-Bild zu Wittenberg.
+
+Mündlich.
+
+
+Zu Wittenberg soll sich ein Christus-Bild befinden, welches die
+wunderbare Eigenschaft hat, daß es immer einen Zoll größer ist, als
+der, welcher davor steht und es anschaut; es mag nun der größte oder
+der kleinste Mensch seyn.
+
+
+
+
+347.
+
+Das Muttergottes-Bild am Felsen.
+
+Mündlich, aus Oberwallis.
+
+
+Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätibergs hinter
+St. Niklas stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines
+Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren
+Capellchen, daß die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal
+aber geschahs, daß ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört
+geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte
+Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an
+die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder
+herunter begeben. Den Fels hinanzuklimmen und es zurückzuhohlen, war
+ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom
+Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit
+starken Stricken umwunden so weit hernieder schweben lassen, bis er vor
+das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen
+wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner
+und dünner, ja als er eben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar,
+daß den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinaufrief:
+sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär er verloren.
+Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die
+vorige Stärke. Da mußten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und
+bekamen es nimmer wieder.
+
+
+
+
+348.
+
+Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast.
+
+Tyroler Sammler V. 1809. S. 251-265. aus der Volkssage und dem
+waldraster Protocoll.
+
+
+Im Jahr 1392. sandte die große Frau im Himmel einen Engel aus nach
+Tyrol in die Waldrast auf dem Serlesberg. Der trat vor einen hohlen
+Lerchenstock und sprach zu ihm im Namen der Gottesmutter:
+
+ “du Stock sollst der Frauen im Himmel Bild fruchten!”
+
+Das Bild wuchs nun im Stock und zwei fromme Hirtenknaben, Hänsle und
+Peterle aus dem Dorfe Mizens, gewahrten sein zuerst im Jahr 1407.
+Verwundert liefen sie hinab zu den Bauern und erzählten: “gehet auf das
+Gebirg, da stehet etwas wunderbarliches im hohlen Stock, wir trauten
+uns nicht es anzurühren.” Das heilige Bild wurde nun erkannt, mit einer
+Säge aus dem Stock geschnitten und einstweilen nach Matrey gebracht.
+Da stund es, bis daß ihm eine eigene Kirche zur Waldrast selbst
+gebauet wurde, dazu bediente sich U. L. F. eines armen Holzhackers
+Namens Lusch, gesessen zu Matrey. Als der eines Pfingsttags Nacht an
+seinem Bett lag und schlief, kam eine Stimme, redete zu dreienmalen
+und sprach: “schläfst du oder wachst du?” Und beim drittenmal erwachte
+er und frug: “wer bist du oder was willst du?” Die Stimme sprach: “du
+sollst aufbringen eine Capelle in der Ehre U. L. F. auf der Waldrast.”
+Da sprach der Holzhauer: “das will ich nit thun.” Aber die Stimme
+kehrte wieder zu der andern Pfingsttagnacht und redete mit ihm in der
+Maas als zuvor. Da sprach er: “ich bin zu arm dazu.” Da kam die Stimme
+zu der dritten Pfingsttagnacht abermal an sein Bett und redete als vor.
+Also hatte er dreier Nacht keine vor Sorgen geschlafen und antwortete
+der Stimme: “wie meinest du’s, daß du nicht von mir willt lassen?” Da
+sprach die Stimme: “du sollt es thun.” Da sprach er: “ich will sein
+nit thun!” Da nahm es ihn und hob ihn gerad auf in die Höhe und sagte:
+“du sollt es nun thun, berathe dich drum!” Da gedacht er: “o ich armer
+Mann, was rath ich, daß ichs recht thue?” und sprach, er wollte es
+thun, wo er nur die rechte Stätte wüßte. Die Stimme sprach: “im Wald
+ist ein grüner Fleck im Moose, da leg dich nieder und raste, so wird
+dir wohl kund gethan die rechte Stätte.” Der Holzhauer machte sich auf,
+legte sich hin auf das Moos und rastete, (davon heißt der Ort: die Rast
+im Walde, +Waldrast+.) Wie er entschlafen war, hörte er im Schlaf zwei
+Glöckel. Da wachte er und sah vor sich auf dem Flecken, da jetzund
+die Kirch stehet, eine Frau in weißen Kleideren und hätte ein Kind
+am Arm, deß ward ihm nur ein Blick[17]. Da gedachte er: allmächtiger
+Gott, da ist freilich die rechte Statt! und ging auf die Statt, da er
+das Bild gesehen hatte, und merkts aus, nach dem als er vermeinte eine
+Kirche zu machen, und die Glöckel klungen, bis er ausgemerkt hatte,
+hernach hörte er sie nicht mehr. Da sprach er: “lieber Gott, wie soll
+ichs verbringen? ich bin arm und habe kein Gut, da ich solchen Bau mit
+verbringen möge.” Da sprach wiederum die Stimme: “so geh zu frommen
+Leuten, die geben dir wohl alsoviel, daß du es verbringst. Und wann es
+beschiehet, daß man es weihen soll, da wird es stillstehen 36 Jahr,
+darnach wird es fürgäng und werden große Zeichen da geschehen zu ewigen
+Zeiten.” Und da er die Capelle anfangen wollte zu machen, ging er zu
+seinem Beichtvater und thät ihm das kund. Da schuf er ihn vor den
+Bischof Ulrich gen Brixen, da ging er zu fünfmalen gen Brixen, daß ihm
+der Bischof den Bau und die Capelle zu machen erlaubte. Das thät der
+Bischof und ist beschehen am Erchtag (Dienstag) vor S. Pancratius im
+Jahr 1409.
+
+
+ [17] d. h. er sah die Erscheinung nur einen Augenblick.
+
+
+
+
+349.
+
+Ochsen zeigen die heilige Stätte.
+
++Kasthofen+ in den Alpenrosen 1813. S. 188.
+
+
+Bei Matten, einem Dorfe unweit der Mündung des Fermelthals in der
+Schweiz, liegt ein gewaltiges zerstörtes steinernes Gebäude, davon
+geht folgende Sage: Vor alten Zeiten wollte die Gemeinde dem heiligen
+Stephan eine Kirche bauen und man ersah den Platz aus, wo das Mauerwerk
+steht. Aber jede Nacht wurde zum Schrecken aller wiederum zerstört, was
+den Tag über die fleißigen Thal-Leute aufgeführt hatten. Da beschloß
+die Gemeinde unter Gebäten die Werkzeuge des Kirchenbaus einem ins Joch
+gespannten Ochsenpaare aufzulegen, wo das stillstehen würde, wollten
+sie Gottes Finger darin erblicken und die Kirche an dem Ort aufbauen.
+Die Thiere gingen über den Fluß und blieben da stehen, wo nun die
+Kirche St. Stephan vollendet ward.
+
+
+
+
+350.
+
+Notburga.
+
+Notburga, eine heilige Magd auf dem Schloß Rottenburg. Auf öffentl.
+Schaubühne vorgestellt den 17. Septbr. 1738.
+
+Süddeutsche Miscellen 1813. März Nr. 26.
+
+Miscellen für die neuste Weltkunde 1810. Nr. 44.
+
+
+Im untern Innthale Tirols liegt das Schloß +Rottenburg+, auf welchem
+vor alten Zeiten bei einer adlichen Herrschaft eine fromme Magd diente,
++Notburga+ genannt. Sie ward mildthätig und theilte, so viel sie
+immer konnte, unter die Armen aus und weil die habsüchtige Herrschaft
+damit unzufrieden war, schlugen sie das fromme Mägdlein und jagten es
+endlich fort. Es begab sich zu armen Bauersleuten auf den nah gelegenen
+Berg +Eben+; Gott aber strafte die böse Frau auf Rottenburg mit einem
+jähen Tod. Der Mann fühlte nun das der Notburga angethane Unrecht und
+holte sie von dem Berge Eben wieder zu sich nach Rottenburg, wo sie
+ein frommes Leben führte, bis die Engel kamen und sie in den Himmel
+abholten. Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den Innstrom und
+obgleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, als die Heilige
+sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der Capelle des heil.
+Ruprecht beigesetzt.
+
+Am Neckar geht eine andere Sage. Noch stehen an diesem Flusse Thürme
+und Mauern der alten Burg +Hornberg+, darauf wohnte vorzeiten ein
+mächtiger König mit seiner schönen und frommen Tochter +Notburga+.
+Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er war aber
+ausgezogen in fremde Lande und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie
+Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus, ihr Vater
+aber war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach
+er zu ihr: “bereite deinen Hochzeitschmuck, in drei Tagen kommt ein
+Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.” Notburga aber sprach in ihrem
+Herzen: “eh will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als ich
+meine Treue brechen sollte.”
+
+In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen
+treuen Diener und sprach zu ihm: “führe mich die Waldhöhe hinüber nach
+der Capelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im
+Dienste Gottes das Leben beschließen.” Als sie auf der Höhe waren,
+rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand
+neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich
+an sein Geweih und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah,
+wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm
+und drüben verschwand.
+
+Am andern Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie
+überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, aber sie
+kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben; und der treue Diener
+wollte sie nicht verrathen. Aber als es Mittagszeit war, kam der weiße
+Hirsch auf Hornberg zu ihm und als er ihm Brot reichen wollte, neigte
+er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken mögte. Dann
+sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildniß und
+so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber
+niemand wußte, was es zu bedeuten hatte, als der treue Diener.
+
+Endlich bemerkte der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das
+Geheimniß ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd und
+als der Hirsch wieder die Speise zu holen kam und damit forteilte,
+jagte er ihm nach, durch den Fluß hindurch, bis zu einer Felsenhöhle,
+in welche das Thier sprang. Der König stieg ab und ging hinein, da
+fand er seine Tochter, mit gefaltenen Händen vor einem Kreuz kniend,
+und neben ihr ruhte der weiße Hirsch. Da sie vom Sonnenlicht nicht
+mehr berührt worden, war sie todtenblaß, also daß er vor ihrer Gestalt
+erschrack. Dann sprach er: “kehre mit nach Hornberg zurück;” aber sie
+antwortete: “ich habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr
+bei den Menschen.” Was er noch sonst sprach, sie war nicht zu bewegen
+und gab keine andere Antwort. Da gerieth er in Zorn und wollte sie
+wegziehen, aber sie hielt sich am Kreuz, und als er Gewalt brauchte,
+löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt, vom Leibe und blieb in
+seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grausen, daß er fort eilte und sich
+nimmer wieder der Höhle zu nähern begehrte.
+
+Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga als
+eine Heilige. Büßende Sünder schickte der Einsiedler bei der St.
+Michael-Capelle, wenn sie bei ihm Hilfe suchten, zu ihr: sie bätete
+mit ihnen und nahm die schwere Last von ihrem Herzen. Im Herbst, als
+die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den
+Himmel; die Leiche hüllten sie in ein Todten-Gewand und schmückten
+sie, obgleich alle Blumen verwelkt waren, mit blühenden Rosen. Zwei
+schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken gehabt, trugen
+sie über den Fluß ohne die Hufe zu benetzen und die Glocken in den
+nahliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. So ward der
+Leichnam zur St. Michael-Capelle gebracht und dort begraben. In der
+Kirche des Dorfs Hochhausen am Neckar steht noch heute das Bild der
+heil. Notburga in Stein gehauen. Auch die Notburga-Höhle, gemeinlich
+Jungfern-Höhle geheißen, ist noch zu sehen und jedem Kind bekannt.
+
+Nach einer andern Erzählung war es König Dagobert, der zu Mosbach Hof
+gehalten, welchem seine Tochter Notburga entfloh, weil er sie mit
+einem heidnischen Wenden vermählen wollte. Sie ward mit Kräutern und
+Wurzeln von einer Schlange in der Felsenhöhle ernährt, bis sie darin
+starb. Schweifende Irrlichter verriethen das verstolene Grab und die
+Königstochter ward erkannt. Den mit ihrer Leiche beladenen Wagen zogen
+zwei Stiere fort und blieben an dem Orte stehen, wo sie jetzt begraben
+liegt und den eine Kirche umschließt. Hier geschehen noch viele
+Wunder. Das Bild der Schlange befindet sich gleichfalls an dem Stein
+zu Hochhausen. Auf einem Altargemälde daselbst ist aber Notburga mit
+ihren schönen Haaren vorgestellt, wie sie zur Sättigung der väterlichen
+Rachgierde enthauptet wird.
+
+
+
+
+351.
+
+Mauerkalk mit Wein gelöscht.
+
+~+Cuspinianus+ hist. Austr. ex relatione seniorum.~
+
++Aelurius+ glätzische Chronik. Buch ~II. cap. 2. p. 97.~
+
+
+Im Jahr 1450. wuchsen zu Oestreich so sauere Trauben, daß die meisten
+Bürgersleute den gekelterten Wein in die offene Straße ausschütteten,
+weil sie ihn seiner Herbheit halben nicht trinken mochten. Diesen
+Wein nannte man +Reifbeißer+; nach einigen, weil der Reif die Trauben
+verderbt, nach andern, weil der Wein die Dauben und Reife der
+Fässer mit seiner Schärfe gebissen hätte. Da ließ Friedrich III.,
+römischer König, ein Gebot ausgehen, daß niemand so die Gabe Gottes
+vergießen solle und wer den Wein nicht trinken möge, habe ihn auf den
+Stephanskirchhof zu führen, da solle der Kalk im Wein gelöscht und die
+Kirche damit gebaut werden.
+
+Zu Glatz, gegen dem böhmischen Thor wärts, stehet ein alter Thurm, rund
+und ziemlich hoch; man nennet ihn Heidenthurm, weil er vor uralten
+Zeiten im Heidenthum erbaut worden. Er hat starke Mauern und soll der
+Kalk dazu mit eitel Wein zubereitet worden seyn.
+
+
+
+
+352.
+
+Der Judenstein.
+
+Mündlich, aus Wien.
+
+Des tirol. Adlers immergrünendes Ehrenkränzel. durch F.A. Grafen von
++Brandis+. Botzen 1678. 4. S. 128.
+
++Schmiedt’s+ heiliger Ehren-Glanz der Grafschaft Tirol. Augsburg 1732.
+4. II. 154-167.
+
+
+Im Jahr 1462 ist es zu Tirol im Dorfe Rinn geschehen, daß etliche Juden
+einen armen Bauer durch eine große Menge Geld dahin brachten, ihnen
+sein kleines Kind hinzugeben. Sie nahmen es mit hinaus in den Wald und
+marterten es dort auf einem großen Stein, seitdem der +Judenstein+
+genannt, auf die entsetzlichste Weise zu todt. Den zerstochenen
+Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden
+Birkenbaum. Die Mutter des Kindes arbeitete gerade im Felde, als der
+Mord geschah; auf einmal kamen ihr Gedanken an ihr Kind und ihr wurde,
+ohne daß sie wußte warum, so angst: indem fielen auch drei frische
+Blutstropfen nach einander auf ihre Hand. Voll Herzensbangigkeit eilte
+sie heim und begehrte nach ihrem Kind. Der Mann zog sie in die Kammer,
+gestand, was er gethan und wollte ihr nun das schöne Geld zeigen,
+das sie aus aller Armuth befreie, aber es war all in Laub verwandelt.
+Da ward der Vater wahnsinnig und grämte sich todt, aber die Mutter
+ging aus und suchte ihr Kindlein, und als sie es an dem Baume hangend
+gefunden, nahm sie es unter heißen Thränen herab und trug es in die
+Kirche nach Rinn. Noch jetzt liegt es dort und wird vom Volk als ein
+heiliges Kind betrachtet. Auch der Judenstein ist dorthin gebracht.
+Der Sage nach hieb ein Hirt den Baum ab, an dem das Kindlein gehangen,
+aber, als er ihn nach Haus tragen wollte, brach er ein Bein und mußte
+daran sterben.
+
+
+
+
+353.
+
+Das von den Juden getödtete Mägdlein.
+
+~+Thomae Cantipratani+ bonum universale de apibus. Duaci 1627. 8. p.
+303.~
+
+vgl. +Gehre’s+ pforzheimer Chronik S. 18-24.
+
+
+Im Jahr 1267. war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden
+aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften
+ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf
+und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind
+starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von
+Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein
+über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und
+entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf
+selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch
+lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod
+verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und
+wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das
+Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden
+hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die
+Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer
+Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig
+die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur
+Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der
+Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle
+Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und
+klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein
+bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag.
+
+
+
+
+354.
+
+Die vier Hufeisen.
+
++Otmar+ S. 115-118.
+
+
+Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure
+Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die
+Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt.
+Vor alten Zeiten soll Ernst Graf zu Klettenberg eines Sonntagmorgens
+nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten
+Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor
+vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch
+das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er
+in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die
+Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so
+fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem
+Reiter nieder.
+
+
+
+
+355.
+
+Der Altar zu Seefeld.
+
+Mündlich, aus Wien.
+
+Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich mit dem Altar in
+Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. 1580. und Innsbr.
+1603. 4.
+
+
+In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im
+vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter
+wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384
+an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und
+seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen
+wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom
+Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der
+steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der
+Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten,
+aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen
+seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank,
+ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem
+Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut
+überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und
+wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem
+Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden.
+
+Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der
+Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so
+wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen
+können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte
+der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor.
+Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben
+Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und
+ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank.
+
+
+
+
+356.
+
+Der Sterbensstein.
+
+Kleine Gemälde der Schweiz von +Appenzeller+. Winterthur 1810. S. 172.
+
+
+In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am
+Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten
+sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem sich
+eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern
+zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die
+Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des
+gewaltsamen Sterbens dem Stein ein.
+
+
+
+
+357.
+
+Sündliche Liebe.
+
++Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. 219.
+
+
+Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und
+Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind.
+Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in
+der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte
+und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf
+dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe
+verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel,
+woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber
+auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber
+zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht.
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+358.
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+Der schweidnitzer Rathsmann.
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++Lucä+ schles. Denkwürdigk. Fft. 1689. 4. S. 920. 921.
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+Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold
+liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet hatte, durch eine
+ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem
+Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein
+Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte
+ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der
+Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen.
+Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des
+Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die
+Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte.
+Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der
+Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze
+Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den
+Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen
+Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu
+verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde
+in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der
+fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der
+Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch,
+den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht
+zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf
+den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf
+ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte
+stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur
+Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor
+großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und
+reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten Tod sein Leben
+endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild
+nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein
+Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus
+vorhanden seyn.
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+359.
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+Regenbogen über Verurtheilten.
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++Westenrieder’s+ histor. Kalender 1803.
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+Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche
+in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet
+werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der
+Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern
+ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß
+er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun
+der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach
+einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis
+übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der
+Verurtheilten stehen blieb.
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+360.
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+Gott weint mit dem Unschuldigen.
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+Mündlich, aus Hessen.
+
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+In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens
+angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam,
+sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin
+unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf es
+von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später
+kam ihre Unschuld an den Tag.
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+
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+361.
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+Gottes Speise.
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++Luther’s+ Tisch-Reden S. 90 b. 91 a.
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+
+Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen,
+daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt,
+die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber
+der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch
+dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben
+die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können
+aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim
+kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen,
+nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee
+nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee
+zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen,
+welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem
+gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat
+sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen?
+hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat
+nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid
+widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat
+er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot
+gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel
+Gottes gespeist und erhalten worden.
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+362.
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+Die drei Alten.
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+Mitgetheilt von +Schmidt+ aus Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1.
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+Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute,
+die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger
+Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor
+Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder
+einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert
+geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels
+umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In
+einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt
+hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit
+schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten
+Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein
+Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein
+Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter,
+noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger
+Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der
+Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater
+fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt
+vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber
+noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen.
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++Druckfehler.+
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+S. 71. Zeile 3. Statt ~Vormius mons.~ lies: ~+Wormius monim+~. S. 137.
+-- 10. von unten st. behütet +es+ l. behütet +er+.
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76558 ***