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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***
+
+
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+
+ Der Hafen
+
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+ Roman von
+ Norbert Jacques
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
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+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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+ „Und solang du das nicht hast,
+ Dieses: Stirb und werde!
+ Bist du nur ein trüber Gast
+ Auf der dunkeln Erde.“
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+ Westöstlicher Diwan.
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+ Erstes Kapitel
+
+
+Es war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der schwerfällig
+melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf in Pluderhosen und Blusen, in
+Bauschröckchen und engen Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme
+kamen, und an den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif,
+ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die Leute sich
+schwermütig hin und her und setzten auf einmal mit einem trommelnden
+Auftakt alle Holzpantinen, melodisch und kurz hintereinander
+niederklappernd, daß es wie ein Wirbel klang, auf das Pflaster, während
+ein junges Liebespaar still glücklich herauskreiste. Und gleich wieder
+schloß sich alles im Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper
+Bewegungen zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, wie ein neutraler
+Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft zurückhielt, obschon es
+wußte, daß es Meister sein könnte über alles.
+
+Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck auf dem Flügel.
+
+Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die zwischen Flügel
+und Wand geklemmt war. Er lag auf den Rücken gestreckt, bequem und
+aufgelöst, schützte mit der linken Hand seine Augen vor der elektrischen
+Hängelampe und schlug, so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im
+Flügel erklang, mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt,
+den Takt. Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie
+schwermütige Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können,
+einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren süßen,
+traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung eines einsamen
+Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden Salzes ging, das Leib und
+Seele reinigte. Körperliche und innere Schönheit wurden schlank und
+plastisch herausgearbeitet. Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den
+Händen auf dem Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene
+Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte jede
+Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle Herzen.
+
+Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung um
+die Melodie, die Jeanne mit warmen Regungen aus der Harfe des Flügels
+holte. Sie wurde aufgescheucht, als sich plötzlich, wie unter einem
+heimlichen Stoß, die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf
+hinfuhren, durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt,
+sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ die Klinke
+nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen Sohn, zog die Türe
+wieder zu und die Geschwister hörten ihn im Flur davongehn.
+
+„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich.
+
+Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell gewechselt. Sie
+spielte eine „Chansonette sans paroles“ des Belgiers Lekeu. Es ging wie
+in zarten Ringeln, mit sauberer, klarer Süßigkeit immer rundum, ein
+zärtliches Tänzchen verliebter Jungmenschlein.
+
+Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt unter seinen
+Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun auf einmal unter einem
+Sessel heraus, buckelte sich um die Beine des Flügels, aalte um Jeannes
+Schuhe herum und sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es
+schnurrend und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen
+mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen Schnäuzlein und
+weißen Samtpantoffeln.
+
+„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte.
+
+Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von Baptist eingeschmiegt
+und sang vor lauter Behaglichkeit. Es spielte mit den weißen Schuhen
+seiner Pfötchen an den dunklen Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett
+herum, schlug mit leise gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es
+neckten, und es war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob
+es noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem
+eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels schnellte und
+erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen Pfoten aufklangen.
+
+„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen gibt, wie das
+Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren Willen auf, und wir glauben,
+sie stehn unter unserm. Sie buckeln sich schnurrend mit schlanker
+Zartheit über die Widerstände hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und
+sind so leise darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und
+spielerisch. Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“
+
+Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu spielen. Dann
+sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen gibt. Und wenn, dann
+taugen sie eben nichts!“
+
+„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“
+
+Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie verliebt mit
+dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich um ihren Nacken
+schlang und eitel Graziosität war.
+
+Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und die Chansonette sans
+paroles von neuem begonnen.
+
+„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören.
+
+„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, ob das Stück
+oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in irgendein Nachsinnen
+verloren hatte.
+
+„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich,
+aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß auch oberflächliche
+und sentimentale Gefühle, die in einem stecken und die dieses Lied so
+leicht in sich aufnehmen!“
+
+„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul.
+
+„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“
+
+„Ich liege viel zu gut!“
+
+„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“
+
+Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper wohlgenährt,
+weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb genierte er sich
+ein bißchen vor seiner schlanken Schwester, die mit einer sehnigen,
+großen und freien Linie leicht über das Griffbrett des Flügels geneigt
+saß.
+
+„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal geärgert.
+„Wir müßten leichtere Speisen bekommen und keinen Wein über Tisch
+trinken. Schweinemast!“
+
+Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit sich, mit einem
+flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu nehmen und sich im Spielen in
+den Hüften zu wiegen. Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner
+gemästeten Körperlichkeit.
+
+Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes Haar trieb
+kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und zart gerundete
+Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das hinter ihrem Kopf stand,
+quoll mit goldigem Leuchten in diese Löckchen, entzündete sie zu einem
+lieblichen, dunkelblumigen Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt
+schien.
+
+Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah er in dem großen
+Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht voll und weich in den Wust
+schwarzer Haare eingeschlossen. Er war unzufrieden damit und er legte
+den Kopf so, daß er nicht mehr im Spiegel stand.
+
+Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen, mit sentimentalem
+Aufruhr in ihm.
+
+Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei.
+
+Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch zu schaffen, auf
+dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie er es mochte. Er öffnete
+die Kisten. Das Kätzchen sprang unter dem Tisch hervor und schlang sich
+schmeichelnd um die Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß
+ungeduldig weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die Türe auf
+und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun! Das ganze Haus voll
+solcher Existenzen!“
+
+Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon.
+
+„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und lächelte schalkhaft
+für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht einmal nach ihr um. Er trat
+wieder an die Zigarrenkisten heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt
+von zweien und zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete
+die beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf.
+
+Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn und verschwand
+wieder durch die Türe.
+
+Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist: „Wie hat er
+unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast du gesehen? Er hat
+wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“
+
+„Ach, Battist!“
+
+Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige heftig, als
+wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen Ausbruch ihres Gefühls
+übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr die Worte versagten.
+
+„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte die
+Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich bald in eine
+Melodie auflösten.
+
+„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“
+
+Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa wieder nach Katzen
+stinkt! Scheußlich!“
+
+„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb. Jetzt bist du
+auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“
+
+Baptist lächelte.
+
+Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst du heut abend
+zur Schobermesse?“
+
+„Ja!“
+
+„Papa wird es dir verbieten!“
+
+„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“
+
+„Dann gehst du heimlich?“
+
+„Natürlich!“
+
+„Hast du das schon einmal getan?“
+
+„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“
+
+Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen, die wie glänzend
+schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem schmalweichen Gesicht saßen
+und trotz ihres entschiedenen Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen
+Ausdruck an, unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie
+schaute angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte
+sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl in ihr
+auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur den
+Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche Pflanzen,
+ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken, für Bienen, für Vögel, für
+Schmetterlinge, ohne sichtbaren Zweck ...
+
+Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das mit so
+prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte es Liebe. Es
+machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren Bruder ganz mit ihm,
+hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre Mutter nicht kennen gelernt
+hatte, blühte auf in einer großen mütterlichen Güte. Sie war zwanzig
+Jahre alt und wußte, was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an
+einen Mann verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem
+großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden sollte,
+wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind erwartet, um alle
+Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen und rühren zu lassen.
+
+Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder sprechen?
+Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie sich wohl, und das war
+ein Wunsch, den sie voll Leid und Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung
+sie wie ein Wunder erwartete ... Sie hatte niemand Vertrautes in der
+kleinen Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in dem
+engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt.
+
+Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes am Klavier sah,
+dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an die weiche Weiblichkeit
+seiner großen Schwester flüchten zu können, als die Schwester von ihm
+fern in den Pensionaten in Frankreich und England aufwuchs und er so
+allein all die kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen
+sah. Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde sie ihm
+eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne daß man gebe. Man
+werde sich nicht berühren, und die Luft um einen übermittele die
+zartesten Regungen. Jeanne könne die enge Heimat Luxemburgs zu einer
+großen Welt auseinanderdehnen ... Und nun war sie schon seit zwei Jahren
+wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von Qualen und
+Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten Wünschen und
+törichten Sünden geblieben; und er hatte niemals auch nur mit einem
+Wörtchen Jeanne dorthinunter gewiesen, wo das alles schmerzvoll und
+unerlöst umherging.
+
+Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber aufsprießend,
+trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander in sich herum, und
+das war für beide so groß, schön und traurig, daß sie immer von neuem
+scheuten, Licht hinter sich zu machen.
+
+Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen
+entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen wäre. Aber die
+letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch fest. Baptist blieb bei sich
+allein und dachte sich nur in heißem Schwelgen die vielen edeln und
+vollen Möglichkeiten und Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz
+anderswohin zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die
+einmal, sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen müßten.
+Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins Jeannes erkannte,
+das verband ihn unlösbar der Schwester.
+
+So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem Kummer und halb aus
+schönem und edlem Bewußtsein gemischt. Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln
+im Boden zärtlich die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder
+für sich ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und richteten
+sich doch jeder frei sich selber.
+
+Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das Gespräch dahin zu
+wenden, worum ihre Gedanken den ganzen Abend sprangen. Sie fürchtete,
+weil sie nicht wußte, in welcher Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau
+saß, von der sie gerne gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis
+nach Kritik ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt
+und rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die etwas
+fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“
+
+„Wer?“ fragte Baptist.
+
+Da nahm ihr Mut einen Anlauf.
+
+„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“
+
+Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete nichts. Die
+Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht entfallen lassen.
+
+„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle auf der
+Schobermesse!“ behauptete sie sich.
+
+„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der gerade
+großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura noch nicht
+gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn hinter sich zu legen
+pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich überzeugt hast, den
+ganzen Tag und die halbe Nacht in Sinus’ und Tangenten, Cäsar und
+Xenophon, Racine und Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer
+Kräfte. Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine
+italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“
+
+„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“
+
+„Nein!“
+
+„Wo gehst du denn hin, Battist?“
+
+„Zu der mit den großen Händen.“
+
+„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne, und die Wut stieß sie
+davon.
+
+„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd.
+
+„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“
+
+„Ach!“
+
+„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden, kalten Blick
+ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun fürchtete sie, ihm
+wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher Angst: „Liebst du sie
+denn, Battist?“
+
+Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er gab seinen
+Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war: „Ach nein, ich lieb sie
+ja wohl nicht. Aber ... zum Henker, aber, aber, aber ... hundertmal
+hintereinander: aber!“
+
+„Ich versteh dich nicht.“
+
+„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid zum Anfassen,
+wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht. Ich weiß nicht. Ich
+kann’s nicht sagen.“
+
+Er stand auf und küßte seine Schwester.
+
+„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann ist mir, als sähe
+ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still unter dem Boden der
+Erscheinung. Der andere, der mit dem Leib, geht sichtbar oben. Aber ich
+bin doch natürlich keiner, der das dann so genau sezieren und
+kontrollieren kann. Sag’ doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es
+muß doch nicht immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach
+Hygiene und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon kommt
+sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft in einem
+verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines Leibes nicht mehr
+hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“
+
+Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte. Es war Chopin, bunt
+und zerrissen, schwermütig und voll Glanz. Aber auf einmal klang es jäh
+ab; mitten in der Harmonie blieben die Hände still, drückten sich noch
+mit einem mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um:
+„Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“
+
+Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe.
+
+„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete Baptist. „Dagegen
+bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach einer Weile ernster hinzu.
+
+Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das Haar.
+
+„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes. Alles andere
+ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“
+
+Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist zum
+Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten und öffnete die
+Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem Holz den Stempel Uppmann
+trug.
+
+Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute.
+
+„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“, sagte er. „Wer
+ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts: Das Kleid macht nicht
+den Mönch! so überzeugt, wie er! Groschenzigarren sind Importen, wenn
+sie mit irgendeiner Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen
+und Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute nach dem
+Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden, sind derselben
+luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen sie dann: frommer Betrug
+– und lächeln mild und pfiffig dazu.“
+
+Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging die Türe auf.
+
+Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste hinein.
+
+„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an und klappte
+unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke, du hast in vier Wochen
+Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft im Nichtbestehen von Examen
+aufstellen, daß alle Leute in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen:
+‚Da ist der Vater! Faineant!‘“
+
+„Papa!“ bat Jeanne.
+
+Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte in Baptist
+den passiven Widerstand, mit dem er solche väterliche Anfälle an sich
+vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht der beleidigenden Worte schien ihm
+nun offensichtlich, und diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die
+Erinnerungen an die ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins
+Tragische gesteigert durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er
+seiner Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen
+Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte davon und
+schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe hinter sich zu.
+
+Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt mehr Ketten als
+rasende Hunde!“
+
+Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der Schale der
+väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen.
+
+„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper! Schau lieber, daß du
+einen Mann bekommst!“
+
+Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die Abgewiesenen, die
+sich ihr zu nähern versucht hatten, und schlug mit vollen Händen und
+beleidigter Empörtheit den ersten Akkord, der in die dunkel trächtige
+Melodie einer Beethovenschen Sonate ausfloß.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+
+Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag
+neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das
+Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen
+Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als
+Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.
+
+Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.
+
+„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein.
+„Und das Examen mach ich doch niemals!“
+
+Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen
+auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang
+auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den
+Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu
+sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal
+auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der
+Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.
+
+Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah,
+mußte er laut herauslachen.
+
+„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“
+
+Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das
+zerrissene Buch in den Ofen.
+
+„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert
+dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach.
+
+Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn
+doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis
+nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei
+schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die
+der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß
+alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der
+absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem
+Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen
+eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken
+aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und
+grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur
+Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff,
+Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der
+Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ...
+verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen
+und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden
+mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es
+in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen
+waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern
+vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.
+
+Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten
+zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während
+Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“
+
+Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines
+vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über
+die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der
+Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche
+nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer
+Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück
+fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit
+geben könnte.
+
+Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr
+Battist möchte zum Abendessen kommen!“
+
+Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben,
+und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt,
+eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt
+langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter
+ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif
+geplätteten Schürzenbänder flattern.
+
+Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer
+Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete,
+erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase
+und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux
+etwas beiseite schiebend.
+
+„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was
+machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“
+
+„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher
+aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“
+
+„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine
+Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“
+
+Jeanne zuckte mit den Schultern.
+
+„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt
+auf.
+
+„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“
+
+„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine
+andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“
+
+Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter
+kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester
+vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke,
+der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder.
+
+Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte
+mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter
+sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den
+geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo
+kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht.
+Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die
+Zähne aufeinander.
+
+Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist
+machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich
+an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür
+in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der
+hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das
+war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich
+allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel
+fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten
+Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur
+hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die
+Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn.
+
+Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm,
+das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem
+Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche,
+bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere
+Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten
+heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei
+glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre
+leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie
+blieb auf einmal stehen.
+
+Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde
+eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis,
+als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem
+Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er
+vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den
+Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah
+sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf
+herumgehen.
+
+Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es
+knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb
+verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden
+mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel
+nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.
+
+Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so
+hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu,
+krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem
+Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber
+alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich
+straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart,
+scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte
+wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen
+war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen
+Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure
+Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der
+Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt
+mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter
+Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität
+herniederbückte.
+
+Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die
+Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war
+und gegen die er sich kaum mehr wehrte.
+
+Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über
+die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten
+fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er
+eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit
+schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt.
+Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem
+Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren
+Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus-
+und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf.
+
+Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er
+diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten
+Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis
+und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein,
+heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich
+verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen
+aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren
+erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich
+mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner
+heimlichen, dumpfen Sünden.
+
+Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen
+müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in
+der Ferne bereitet fühlte.
+
+In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie
+ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände
+gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück
+langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter
+schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne,
+kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend,
+verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen.
+Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit
+kaltem Gleichmut überwachen.
+
+Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke
+wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht
+zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche
+aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen
+ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.
+
+Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er
+fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun
+endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit
+zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was
+nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte.
+Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich
+Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie
+liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend
+geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem
+Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie
+uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und
+die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine
+Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen
+abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen
+weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah
+doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen
+wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig
+niedergehen.
+
+„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr
+Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der
+Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist
+doch kein Verlaß!“
+
+Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die
+Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“
+
+Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – was fällt dir ein?“
+
+„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und bestimmt.
+„Das wird jetzt anders!“
+
+Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor sich nieder in
+den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: „Vater gehst du
+heute zur Schobermesse?“ fragte er, obschon er wußte, daß mit der
+wichtigen Regelmäßigkeit der Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in
+kleinen Städten viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen
+Haus die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm nicht. Statt
+dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, sagen Sie der Köchin, daß
+ich nachher mit ihr zu sprechen wünsche. Vorderhand ist der hier noch
+Herr im Haus, und es dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“
+
+Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, warf er
+Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht zur Schobermesse!“
+
+Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob ihren Teller etwas
+von sich. Baptist dachte sich: immer lustig gefressen, das ist auch ein
+Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall hatte ihn erheitert und aus der
+heißgelaufenen Wirrsal seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch
+eine Beschwörungsformel herausgehoben.
+
+Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald ein Ende
+nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer verletzten Fürstin
+den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für diese Bewegung und schloß
+sich ihr an, als sie das Zimmer verließ.
+
+Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die Geschwister gingen
+schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann sagte Baptist lächelnd: „Komm,
+wir wollen lieber noch ein bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich
+mich an den großen Händen freuen geh!“
+
+Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein.
+
+Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du liebst sie nicht?
+Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“
+
+„Hm?“
+
+„Nein, gelt nicht?“
+
+„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht lieben soll?“
+
+„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine Prinzessin oder so
+...“
+
+Baptist lachte.
+
+„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. Das ist ja
+auch vielleicht meistens nicht mehr als wie das Gewöhnliche. Ich meine
+eine, die durch ihre Schönheit und Klugheit eine Prinzessin unter den
+Menschen ist.“
+
+Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das liebe, kleine
+Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr.
+
+„Ja, das mußt du!“ behauptete sie.
+
+Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische Licht an.
+Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem Flügel.
+
+Jeanne schlug die ersten Takte an.
+
+„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ sagte Baptist,
+während er den Geigenkasten öffnete.
+
+„Mozart!“ schlug Jeanne vor.
+
+„Nein, etwas Neues, gelt!“
+
+Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall hörte, etwas
+von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein prickelndes Quirlen
+und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und nervösem Reiz festgehalten wurde.
+Er begann auch gleich solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel
+ein, Baptist schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar
+Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann sofort mit
+einem lostollenden Singen über das Spiel des Flügels, der den
+leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen konnte, hinweghob und
+davonführte.
+
+Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini aus Cremona.
+Es war das einzige Erbstück der Familie. Der verstorbene Großvater hatte
+sie in Paris als junger Bursch geschenkt bekommen – er sagte bis zu
+seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau –
+und er hatte sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre
+adelige Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs
+Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal sein Lehrer,
+den der süße, singende Ton des Instrumentes schon lange bezaubert hatte.
+„Unsere Ahnengallerie!“ nannten die Geschwister die Geige, weil der
+Vater jeden Besucher an diesen einzigen hervorragenden Gegenstand
+rassiger Herkunft, den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige
+die den Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen,
+fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst in dem
+noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam und angstvoll verschlossen
+gehalten wurde.
+
+Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend der Geist des
+Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch fiedelte das erregende
+Lied, daß es im Kasten der Geige heiß und menschlich verlangend stöhnte
+und tollte, und der Großpapa schien dazu zu lächeln und Rosa von der
+Schobermesse tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die
+Geige ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen
+braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche,
+leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem bebenden Unterton der
+Resonanz des Geigenleibes zu allen Dingen des Tages frech, wurschtig und
+humorvoll brummeln hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem
+Geigenstreichen, preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch
+alle Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... Ah!
+... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... und schloß im
+Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, drückte die Finger
+gefühlvoller auf die Saiten, führte den Bogen zärtlicher, als handelte
+es sich darum, im Rausche einem treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen
+mit einem empfindsamen Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen.
+
+Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein Netz, das
+sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel von Akkorden über
+die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die Violine sank einmal
+aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu.
+
+„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, sprang am
+Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern und setzte zur
+Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die Treppen hinan. Er sah kaum
+noch, wie sein Vater seine drei Gäste, die Herren Faber, Wampach und
+Küborn, zur Türe des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße
+Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte.
+
+„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und eine leise
+Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden
+Erwartungen des Abends verursacht, als durch das heftige Treppenlaufen.
+
+Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute die Türe an, die
+sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. Bald weinte sie. Er war
+ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten und ging nun zu dem Kirmesweib,
+die seiner unwürdig war und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs
+der verwilderte Garten in ihr auf.
+
+Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen hatte, mit
+fliegenden und in der Erregung ungeschickten Fingern Kragen und
+Krawatte. Sein Gesicht glühte, und das kalte Wasser hatte nur einen
+Augenblick wohlgetan. Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle
+des Septembertags ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung von
+Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie kam aus der starren
+Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam herein.
+
+Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf hatte, noch ein
+kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung den Kopf zum Fenster hinaus
+in ihre wehmütige Herbheit.
+
+Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe hinab, die im
+Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß mit Speicher verband. Er
+nahm jedesmal drei oder vier Stufen, und prallte unten auf Anna, die
+gerade aus der Küche gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte
+er seine Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der andern
+am Geländer hielt.
+
+Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand liegen. Er
+spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen der Schulter. Er
+sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund halten, daß ich weg bin!“
+
+Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, die sich
+nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine Hand niedergleiten
+ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit warmen Augen an ihm hinauf. Aber
+er hatte sich schon abgewandt und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe
+hinab und zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun
+verlassen die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer
+stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, damit
+seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war es, als hätten sie
+eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken des Zusammenseins in dem
+einsamen, schmalen Flur davongetragen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+
+Die Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die Stadtverwaltung
+so wenig Gewissen und Geschmack besaß, daß sie sich bereit fand, an
+Private sozusagen ohne Entgelt und nur aus Liebenswürdigkeit und
+Vetternschaft die schönsten Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die
+Villa hatte sich in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus
+den Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte von dem
+gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg in das Baum- und
+Buschwerk des Parkes und schlängelte sich heimlich und verlassen dahin.
+Alle fünfzig Schritte leuchtete eine altmodische Gaslaterne mit einer
+offenen flackernden Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal
+umfaßte ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese des
+ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten vergeblich drum
+warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger zu sein. Es lag jeden Abend
+verlassen und wie lauschend im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten
+Straßen breit durch den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die
+verschwiegenen Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter an
+ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel mit der
+Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt eines Stadtwalles im Bogen um
+das alte Luxemburg, wo es mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als
+die Stadt sich ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu
+nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der Villa Biver lag
+auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld.
+
+Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei oder viermal
+streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten der Finsternis
+schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging, waren von Erinnerungen
+trächtig. Baptist eilte heute an ihnen vorbei und wischte sie mit einer
+Handbewegung weg, wenn sie sich nähern wollten. In der lautlos
+gereinigten Nacht scholl das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem
+Schobermeßplatz und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es
+dämpfte sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die
+durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt auf seinen
+fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als sehe er das
+nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher Versprechen gewesen
+war, durch ein umgekehrtes Opernglas, ganz sein und kühl geschärft in
+allen Umrissen, aber weit, unerreichbar weit entfernt.
+
+Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran. Er war feucht und
+kühl und trug wieder den herben Duft von Vergehen und Tod. Der Park lief
+mit seiner ganzen Breite auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal
+schroff in die Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von
+runden starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund auf.
+Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts öffnete sich
+das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an schonen Tagen die
+Schenkel seiner einfassenden Hügel weit auseinander dehnte und weich,
+lieblich und lau wurde. Aus diesem Tale kam der Nebel herauf.
+
+Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe! Diese
+verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem bescheidenen
+Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd, mit ihrer kleinen,
+etwas trockenen und spröden Traurigkeit.
+
+Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon über der
+Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke kehrte, der von den
+Lichtern der Karussels und Buden der Schobermesse gerötete Himmel wie
+eine schwarzrot illuminierte Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte
+wieder einmal diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend
+Alltagen seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen,
+handlungslosen Erlebnisse.
+
+Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er ging wie kühle
+Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist wußte, weil er es so oft erlebt
+hatte, daß der Nebel dem Tal entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß
+er sich bleich opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam
+wanderte, traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück, das sich
+in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der Heimat mit Bewegungen
+vollzieht, die nicht nach außen dringen dürfen.
+
+Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter der nur
+mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor der Tiefe lag. Da
+sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen, der in der
+Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr, sonst aber schon am letzten Haus
+der Neutorstraße seinen Weg beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas
+alt daherpolterte, auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte
+mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur Seite und
+sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er war der einzige
+Fahrgast.
+
+„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte ihn der
+grauhaarige Kondukteur.
+
+„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“ antwortete Baptist.
+
+„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd eins über. Bald
+trillerte er noch einmal grell und energisch mit seiner Holzpfeife. Die
+Schienen liefen in den Sand des Bodens hinein. Der Lärm von hundert
+Orgeln klopfte sich durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren
+des Trambahnwagens einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke
+funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen wogten wie
+flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon. Der Lärm der Musik schrie
+harthörig und dickköpfig gegen einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen
+Orgel. Aus den Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind
+erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie einen
+Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den Budenreihen in den
+Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über dem Feld schwebte schon der
+Nebel und rötete sich blaß und weit hinauf an der Glut der Lichter.
+
+Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens hinein. Er ging an
+dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden _Abondance des douceurs de
+Nancy_, an rasselnden Karussells mit Schiffen, Autos und hin und her
+zappelnden Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer
+waren, an dem _Alcassar de Paris_, aus dem die krähende Stimme einer
+französischen Soubrette wie eingewickelt in einen Dunstschwaden schalen
+Biergestankes kam; er ging schnell dahin, geradeaus auf die große
+Holzbaracke von Hiltchen zu, in der die italienische Kapelle spielte.
+
+Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit Tüchern, Fahnen
+und Tannengirlanden verhängten Lokals die Gruppe der Musikanten in
+bunten Kleidern aufrecht stehen, spielen und fingen, und Rosa stand vor
+ihnen und schüttelte das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt
+und leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug das
+Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah gleich ihre
+schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen ergriff ihn. „Eine Magd!“
+sagte er sich und wollte davoneilen.
+
+Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei Menschen auf und
+winkten ihm eifrig zu.
+
+Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten und setzte
+sich neben sie. Er war jeden Abend mit diesen beiden zusammen. Er hielt
+sie neben sich, wie Angestellte, wenn er nicht gern allein sein mochte,
+und bezahlte immer, was sie tranken.
+
+Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend mitten im
+Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht.
+
+„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ stieß ihn Adolf
+an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße.
+
+„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann Adolf wieder.
+
+„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich.
+
+„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich und
+rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete er im vorneherein
+schon etwas übertrieben Genießerisches, was Baptist nachher widerfahren
+sollte. Aber der Fluch und das Augenrollen waren falsch, wie ein
+geschliffener Glasdiamant am Finger eines sonntäglich geputzten
+Bierknechtes. Adolf drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie
+aufgeklebt im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe
+zurück, indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug.
+
+Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, während Adolf schon
+seit zwei Jahren in der „Regierung“ schrieb, saß in ruhigem, kostendem
+Behagen da, lächelte mit seinen rot umränderten Augen, trank und
+schwieg.
+
+Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt und gezupft.
+Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister und Manager, der
+aussah wie ein cholerischer deutscher Bierwirt, kam zu Baptist heran und
+gab ihm die Hand. „Wie gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’
+einen Durst so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla,
+Garçon so einen großen Münchener!“
+
+„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft einen
+aufführen lassen! Ändri, für alle!“
+
+Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und ging davon. „Na
+ja!“ bestätigte der dicke Italiener.
+
+„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und tippte den Dicken
+auf den Ranzen. Der blonde Realschüler grub lächelnd seine roten Augen
+in den Bierkrug. Der Dicke lachte und schmatzte zwischen den schwarzen
+Haaren seines Bartes heraus: „Makkaroni!“
+
+„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich wehrenden
+Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä Italiano? Daher die
+dicke Trommel, bum, bum!“ und er tat, als schlüge er ihn auf den Bauch.
+„Makkaroni! – Erstick dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der
+Italiener lachte, daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine
+kleinen gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen den
+Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen kleine glitzernde
+Küglein.
+
+Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden Realschüler,
+der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie verbindlich anlächelte
+und nichts gab. Sie zog das Tamburin schnell zurück und errötete. Dann
+schaute sie zu Baptist hin, lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen
+Gesicht und winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „_Bona Sera,
+Signor!_“ Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache.
+
+Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. Sie wunderte
+sich etwas darüber und begriff seine Bewegung nicht gleich. Aber ihre
+leise und unaufdringliche Art hatte Baptist versöhnt. Er unterschlug
+sich ihre Hände und sah nur das ruhige Gesicht, das zu einem sanften
+Oval gebildet und lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen
+zarten, blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug.
+
+Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin nickte
+wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und sagte ein leises:
+„_Grazie!_“
+
+Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie immer an. Es war
+ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er wieder einen Weg zu ihr
+gefunden hatte. Der dicke Italiener spaßte weiter mit Adolf. Der
+Realschüler hockte sozusagen nur nebenan, wie ein Kinderfräulein bei
+einem Ausflug am Tisch ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch
+lächelnde Mienen.
+
+Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, sagte ihm
+Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, die Ihr immer
+spielt. Lieber: ‚_Vieni sol mare!_‘“
+
+„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten das Lied. So oft
+der Refrain kam, standen sie alle auf und sangen zur Begleitung der
+Geigen und Mandolinen: ‚_Vieni sol mare ...!_‘
+
+Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines andern,
+bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, weichen Weise.
+Das Meer ebbte dunkelblau und sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum.
+Die Ferne stand auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller
+Wanderwinkel, nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, und
+ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst zu haben
+schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu.
+
+Ob sie ihn liebte!
+
+Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn lieben? Weil er
+immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat noch kein Wort mit ihr
+gesprochen. Weshalb sollte sie ihn lieben? Vielleicht war einer der
+Musikanten ihr Schatz? Was war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja
+nur mitten im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit
+seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter ihr
+ausbreitete.
+
+_Vieni sol mare ..._
+
+Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen Süße jenes
+Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor vierzehn Tagen war sie
+gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, hat jeden Tag hier gesessen und
+mit Blicken um sie geworben. Morgen wird es das letztemal sein. Und dann
+sieht er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die Poesie
+des Vorüberziehens, fern und keusch!
+
+Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog auf in Baptist wie
+die blanken Scharen weißer Wanderwolken an ersten Sommertagen. Seine
+Phantasie wanderte und schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er
+brauchte nur hineinzuschreiten. Er war reich und besaß Macht wie ein
+Fürst. Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum Himmel
+steigende Schwalbe.
+
+„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner getrunken!“ Er
+winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit dir!“
+
+Der Kellner kam ergeben herangestürzt.
+
+„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche _Moët dry_! oder lieber
+gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte er den beiden andern, und
+die wackelten auf ihren Stühlen und lachten und lächelten. Adolf schlug
+sich wieder mit der Hand auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da
+heraus. „Batti, Batti!“ lachte er.
+
+„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum Kaiserreich wird!“
+
+Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, Ändri!“ sagte
+Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft auf dem Podium und setzen
+Sie ebensoviel Gläser auf ein Tablett und dann bringen Sie auch zwei
+Flaschen dahin!“
+
+ * * * * *
+
+Über die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, der von dem
+trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen Fichtenholzes erfüllt war.
+Die Bürger rückten heimwärts. Aber auf ihre Stühle setzten sich die
+Junggesellen der Stadt.
+
+Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine Kaste.
+Es war eine Kaste, die sich einigermaßen außerhalb von Sitte und Gesetz
+gestellt hatte, aus eigener Macht und mit der notwendigen
+Rücksichtslosigkeit, denn sie bildeten einen zahlreichen und vielleicht
+den wichtigsten Stand in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine
+Hauptsache vor allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer
+Maitressen. Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend
+anerkennen, bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches
+Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie von diesen Damen
+witzige Streiche erfand und verbreitete und ihnen Spottnamen anhing, wie
+z. B. das Petrolkännchen oder das Gaslaternchen, der Kaffeesack ...
+Namen, unter denen sich für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten
+verbargen.
+
+Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, alte und
+grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. Um jedes Paar
+schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner herum, denen das Privileg
+der Junggesellen nicht zugebilligt worden war, und machten den Damen
+eindringlich den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem
+man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen war, und die
+Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem Holzdach hinauf
+und polterte durch das ganze Lokal.
+
+Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der plump, knorrig
+und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, der an einem Hügel
+wächst. Er ging langsam zwischen den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas
+kegelig gespitzt auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige,
+flachgedrückte Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel
+schmutzigblonder Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen
+Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, und man
+sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch.
+
+Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte ihm aber bald die
+Praxis genommen und ihm auch zeitweilig die Freiheit entzogen. Das war
+wohl schon lange her und so gut wie vergessen. Aber er war dann in die
+Welt gewandert, hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat
+gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem jungen und
+unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch und heilte die
+Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt und Würden zu gehen, von
+ihren heimlichen Krankheiten. Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus
+einer angesehenen Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte.
+
+Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und Raufer geworden
+war, ging an den Tischen der Junggesellen vorbei und hob rümpfend die
+Nase hoch, als röche es nicht gut in dieser Gesellschaft. Seine großen
+gefleckten Giraffenaugen schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach
+ins Gesicht, und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der
+Junggesellen, während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur mit
+einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene an diesem
+erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die Junggesellen leerten
+scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. Sie lachten und sagten laut
+unter sich Scherze über den Herrn Heng.
+
+Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den ganzen Körper
+und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf die Tische der Junggesellen
+mit allen Damen vor Lachen in ein verrücktes Durcheinanderschaukeln
+fielen. Herr Heng drehte sich aber nicht mehr um, sondern ging mit
+seinem krummen Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die
+Gesellschaft Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los,
+ließ seine großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists
+Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing
+loszulachen, an den Nebentisch.
+
+Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem aus er das Lokal
+überwachte. Er stand ernst und würdig in seinem zweigezackten schweren
+grauen Bart zwischen den Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen
+fest, wie ein General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu
+konzentrieren sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, den
+Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich bereit, auf das
+erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn Heng loszustürzen. Die
+Italiener strichen, zupften, rasselten und sangen vom _Bello Napoli_,
+von dem _Sole mio_, von _Amare e morire, danzare e baciare_, vom _Mare_,
+von der _Santa Lucia_ und der _Bella Annita_, von den _Funiculi_ ... Es
+war Leben in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten
+ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen dazu wie Frösche,
+die im Gras auf dem Rücken liegen und mit Fliegen spielen, die sie
+kitzeln wollen.
+
+Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein Äffchen, hüpfte
+vom Podium herunter und stieß mit ihrem Glas mit Baptist an. Mit ihm
+allein. Ihre kleinen schwarzen Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm
+wie ein heißer Tropfen ins Herz fiel.
+
+„_Evviva Margherita, la bella Margherita!_“ sagte Baptist leise und
+erhitzt.
+
+Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte wie unbewegt
+und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen sein Glas, so daß ein
+wenig von ihrem Champagner auf seine Knie geschüttet wurde. Da stellte
+sie ihr Glas ab, nahm erregt das Taschentuch, um die Weinflecken
+abzuwischen. Ihr Gesicht bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah
+dieses sanfte, gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden
+Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er zog es heran
+und küßte leicht die Wange.
+
+Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener lachten und
+tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach dem andern.
+
+Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn Heng. Er klapperte
+mit seinem Bierkrug auf den Tisch und rief: „_Nom de Dieu_, _Goddam_!“
+Er zog mit einer weiten Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den
+Bizeps und ließ den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die
+Luft. Das war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat
+seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, und
+lachten sich an über ihn. Dann klatschte der Dicke die beiden Mädchen
+wieder herbei.
+
+„Gelt, Häuptling, noch einmal: _Vieni sol mare!_“ rief Baptist und der
+Italiener winkte: ja!
+
+Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz ging drunter auf,
+wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den gewärmten Aprilschauern. Er
+stand jetzt mitten im Lied und war selber drin tätig. Er erlebte selber
+die süßen Traurigkeiten, von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie
+ihm schien, ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang
+aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister die
+Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell beiseite und spielte nun
+selber die führende Violine; und so oft bei dem Refrain das _Vieni sol
+mare_ der Stimmen gegen das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und
+es zu ertränken begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen.
+Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern der Vögel
+über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern.
+
+Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. „Das ist der junge
+Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen zu ihren Maitressen, waren
+anfangs etwas betroffen und deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann
+doch für ihn eingenommen. Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die
+gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem Aufglühen
+an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der polternden Art ihrer
+Freunde und dachten sich schon gerührt aus: Welche von uns wird er
+nehmen, wenn er sein Examen gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte
+Baptist ein scharfes Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es
+störte ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich kaum
+noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt zu dem Lied. Er
+hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. Auf einmal brüllte er
+los und setzte mit seinen langen Armen fuchtelnd auf das Podium zu.
+Gerade war das Lied aus. Der dicke Italiener klatschte in die Hände und
+auf den Tischen in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um
+Baptist zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase
+heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, stand Heng
+unvermittelt und feindselig vor ihm. Die fleckigen großen Giraffenaugen
+unter der dreieckigen Stirn waren weit aufgerissen und das pockennarbige
+Gesicht schien losbrüllen zu wollen.
+
+„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um zu seinem Tisch
+und zum Champagnerglas zu gelangen. Er wollte mit dem Mädchen anstoßen,
+das auf ihn zukam.
+
+„_Nom de Dieu_, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ gröhlte Herr
+Heng.
+
+Baptist setzte sich zur Wehr.
+
+„_Goddam_, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ schrie Heng.
+„Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten Millionen seines Vaters
+stänken nicht mehr an ihm!“
+
+Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er emporgeschleudert
+würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen auf den Feind hernieder. Es
+entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, ein krachendes Sichvermengen
+von Körpern, Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe
+wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, Funken
+sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft der Muskeln
+einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie von Blei. Um ihn wurde es
+schwarz von stürzenden Menschen und er spürte seine Lippen als etwas
+brennend Nasses.
+
+Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der Hand über den
+Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. Als er seine Hand zurückzog,
+war sie voll Blut. Er beugte sich vor und das Blut tröpfelte langsam auf
+den Boden. Da stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe
+hinaus hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher mit
+dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte ihr Taschentuch immer
+in ein Glas mit Wasser und näßte und spülte ihm die Lippe, während sie
+sanfte Worte dazu sagte. Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer
+faßte ihm an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe
+drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den Lippen auf
+die Zähne.
+
+„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu einem Kind.
+
+Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er dankte dem Mädchen
+und stillte mit seinem eigenen Taschentuch das Blut weiter.
+
+Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn her. „Der Hund!“
+sagte Baptist mit einem Schluchzen.
+
+„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend im
+Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist vors Gesicht gehalten.
+Der Kognak duftete ihm stark zu und er goß ihn hastig in den Mund. Es
+brannte auf in der Wunde.
+
+„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ erzählte einer
+in der kleinen Türe, in der sich das Licht des Lokals grell funkelnd
+zurückzuhalten schien.
+
+Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu.
+
+„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine Bewegung entstand in
+den dunklen Gestalten. Jemand ergriff Baptists Arm. Sie drangen in das
+finstere Gewirr eines Schuppens.
+
+Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid Ihr? Sie ist
+wieder weg!“ Da kamen sie heraus.
+
+Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ sagte
+Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund und trat mitten
+zwischen den dunklen Gestalten wieder in das Lokal hinein.
+
+Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die Damen und ebenso
+Adolf und der blonde Realschüler, alle waren fort. Nur der Wirt schritt
+drunten mit seinem langen zweizackigen grauen Bart ernst und streng
+zwischen den Tischen herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege
+stehen. Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. Es
+waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, breitschulterige
+Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln der heimlichen
+Cafees immer zusammen sah. Sie trugen über niedrig umgeschlagenen bunten
+Kragen, wie die „Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau,
+in denen sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten.
+Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter den Kleidern
+kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie waren in der brutalen
+Eisenerzgegend des Landes daheim und Baptist nicht sonderlich vertraut,
+weil sie, wie sie körperlich aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken
+Branntwein und machten den Soldaten die Dienstmägde der engen,
+heimlichen Gassen des Heiligengeistviertels streitig.
+
+„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte der eine und
+machte eine Faust. Und alle drei boten sich, ehrliche Athleten, Baptist
+vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der Bädergasse im Cafee Heinck! Da
+gehen wir hin!“ rief einer kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so
+ein feiges, hinterlistiges Schwein!“
+
+Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“
+
+„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen und sich in
+den Streit mischten.“
+
+„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist gleich und ging
+nach dem unteren Teil des Lokales zu.
+
+Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag des
+Büfetts und in die angebaute Kammer hinein.
+
+„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand kam heraus.
+Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb in derselben abgemessenen
+Entfernung stehen, wie vorhin. Da verstand Baptist.
+
+„Wieviel?“ fragte er.
+
+Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung stand. Baptist
+bezahlte.
+
+Dann gingen die vier hinaus.
+
+Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. Nur vor ein paar
+zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten noch dürftige schwälende
+Petrollampen. Die vier jungen Menschen eilten im Sturmschritt durch die
+breite reglose Straße zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden
+der Schaubuden und Karussells davon. „_Gare_, wenn wir ihn kriegen!“
+drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an Rosa. Er
+sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die Italiener sind doch
+feine Kerle.“
+
+Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, und er
+malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten und Heng an die
+Kehle fuhren. Da war gewiß der mit dem vorstehenden Wust von
+gekräuselten Haaren, der Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein
+feiner Kerl!
+
+„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist ein famoser
+Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden.
+
+Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die lange Parkstraße
+hinab, und die Schienen der Trambahn liefen heimlich neben ihnen und
+gleißten nur dann und wann auf, wenn ein Laternenschein sie berührte.
+
+Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt lag die Nacht mit
+reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es war einsam. Auch als ihre
+Schritte in der Neutorstraße an den Häusern hallend klangen, hatten sie
+noch keinen Menschen getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes
+kuschte sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte:
+„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war ein
+Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte weiter bis
+in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser Nachtwind strich in den
+Straßen und ließ die Laternenscheiben einsam erzittern. Er war frisch,
+dieser Wind, als hätte er noch keine Menschenluft durchzogen. Frisch und
+traurig war er, voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist.
+Dieser Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn
+oft um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach
+verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt der Reue
+überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam wie ein Menschenkind
+nach der Sünde. Wie ein Vorwurf von mütterlich sanftem, aber unendlich
+entschiedenem Ernst trug er den Klang der Schritte des jungen
+Arbeitstages, der über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden.
+
+Es war drei Uhr.
+
+Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die Takte
+seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in der Judengasse eine
+einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie an und wandte sich an die
+Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs
+von Wirt sie hinausgeschmissen hat, weil sie mir halfen, dann muß doch
+...“
+
+Die drei waren gerne einverstanden.
+
+Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener wohnen
+könnten.
+
+„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen Hotels am
+Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel de Paris?“
+
+„Nun denn, fahren wir mal hin!“
+
+Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr los. Sie
+jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, die
+Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke und hielt nach
+einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. Es war noch Licht im
+Wirtszimmer. An einem Tische saßen Türken, die auf der Messe herumzogen
+und Teppiche, arabische Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken
+verkauften. Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die
+Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein Kranz von
+Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge warteten. Baptist rief als
+er eintrat: „Ich gebe eine Runde Kognak für die ganze Stube!“
+
+„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der Arbeiter, und
+alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß.
+
+Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt und fragte:
+„Wohnen keine Italiener hier?“
+
+„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das ganze Haus voll von
+dem Flohpack liegen. Jetzt mit der Schobermesse, wissen Sie, da wird man
+die Bagage nicht mehr los!“
+
+„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“
+
+„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, ich ruf den
+Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. Dann können Sie
+selber schauen ... Alfons!“ rief er in die Hintertüre. „Alfons!“
+
+Ein stämmiger Bursche erschien.
+
+„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“
+
+Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. Der Knecht
+hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem Reflektor aus einem Nagel
+und leuchtete damit in ein Zimmer. Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie
+lagen in ihren Kleidern auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen
+Haaren, Männer, Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer,
+Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann wälzte sich
+schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf.
+
+„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht.
+
+Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern Stuben aus; die
+Musikantengesellschaft war nicht unter den Schlafenden.
+
+Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte gerade ein
+Mann aus der Runde am Schenktisch: „... Ja und dann in Antwerpen nehm
+ich das Schiff der Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da
+schaut, wenn ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts
+über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben doch etwas
+anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen Apfel und eine
+Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der Teufel, ihr dummen Kerle,
+kommt mit! hat ja keinen Zweck!“
+
+Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte sogar Lust!“
+
+Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann wieder zu
+schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene man in einer Stunde
+so viel wie hier an einem Tag!
+
+Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von Baptist.
+
+„Nein, aber ...“
+
+Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn, wenn du’s nicht
+selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht mitgegangen.“
+
+Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war traurig, aber er
+war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich? Wozu suchte er die
+Italiener? Er war müde an Gliedern und Gedanken und sehnte sich nach
+seinem Bett, nach dem wohllebigen Luxus seiner schönen Zimmer in der
+Villa am Park.
+
+„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden.
+
+„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht einmal hell
+draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“
+
+Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“
+
+Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze Flasche Kognak
+da?“
+
+„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“
+
+„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab den dreien die
+Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht, also! Gute Nacht, die Herren!“
+verabschiedete er sich.
+
+Und er ging hinaus.
+
+Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die den ersten
+Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte Glacis, das zwischen dem
+Bahnhof und der neuen Brücke lag. Als sie über die Brücke fuhr, die mit
+einem Bogen das Petrustal schlank überspannte, lag über den Dächern der
+Stadt, zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein
+ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der Niklauskirche
+stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf.
+
+„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist und seufzte.
+„Weshalb, wozu?“
+
+Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse Taschentuch an die
+kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein trauriges Mal.
+
+„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“
+
+Er stieß mit dem Fuß auf.
+
+„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn. Ich werde
+morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn. Hol’s der Teufel!“
+
+Aber er dachte an seine Schwester Jeanne.
+
+„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit bewußt bin,
+es zu können.“
+
+So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung gefunden und
+auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie ein großer zauberhafter
+Vogel stand nur immer über allem, was er dachte und tat, der fromme
+Glauben, daß die Erfüllung dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes
+Märchen, wie ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll
+weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf ihn
+niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand oder den Fuß
+drum rührte.
+
+Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf den Socken die
+Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich. Als er ins Bett sank, war
+ihm eine ganze Weile, als läge er in einem wundersamen Bade. Dann
+gaukelten die verschwiegenen Wünsche wieder empor, aber während er mit
+offenen Augen und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das
+Licht draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf einmal
+das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in seiner Erinnerung klar
+auf. Einer seiner Kameraden wollte mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! –
+War das Kraft und Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und
+sich hingebend: „Könnt ich das auch!“
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+
+Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte:
+„Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“
+
+Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen
+Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer
+gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben
+Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im
+Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die
+zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und
+stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort
+waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter
+Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch
+zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes
+Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder
+hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen
+Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:
+
+ „Die Kanner lossen hire Kaffi stohn
+ Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,
+ Den Hämmel no! ze! gon!“
+
+Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.
+
+Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel
+wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen
+Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem
+Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und
+rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie
+wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere
+Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein
+nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst
+du, was hast du!
+
+Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im
+Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster
+weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die
+Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch
+einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an
+jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf
+der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom
+Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur
+der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der
+Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an
+den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine
+Weise abschloß.
+
+Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem
+Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“
+
+Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der
+andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch,
+dreimal-hoch-hoch-hoch!“
+
+Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist
+seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die
+nächste Villa zu.
+
+Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll
+stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er
+ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht
+bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn.
+Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das
+Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.
+
+Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich
+aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen
+Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt
+sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und
+herzlicher, als seine Gewohnheit war.
+
+Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater:
+„Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor
+zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns
+nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen
+sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die
+Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“
+
+Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark
+verdienen.“
+
+Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen.
+Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt
+noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“
+
+Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das
+Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt
+aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig
+und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch
+gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.
+
+„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“
+
+„Leider!“ antwortete Baptist.
+
+„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von
+Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu
+Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der
+Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen
+Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band
+verliehen.“
+
+„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher
+Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie
+ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“
+
+„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“
+
+„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist
+klein!“ entgegnete Baptist bitter.
+
+„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.
+
+Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber
+nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal,
+Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen
+haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht
+man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt
+man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_
+Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so
+einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In
+unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück
+Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des
+Geschicks ein wenig entgegenkämen?“
+
+Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“
+
+„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen Hauptfaktor des
+gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den Herrn Hamilius. Herr Hamilius
+gibt dir die vier Wochen, die es bis zum Examen noch sind, Unterricht.
+Einem bellenden Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein
+bewährtes Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen
+Vertreter, den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. Ich hab’
+gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. Der hat mich gerade
+auf Hamilius gebracht, den er aus der Erfahrung seiner Studenten kennt.
+Was meinst du, ich nehm den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg
+mich mal zu dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein,
+wenn der Streich nicht gelingt.“
+
+Er schaute Baptist lächelnd und fragend an.
+
+Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“
+
+Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der
+unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick
+mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das
+Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher
+Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm
+mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn
+bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr
+die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an
+seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der
+wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um
+seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede
+Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht
+vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein
+Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan
+war.
+
+Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last
+befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete
+die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche
+schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“
+meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag.
+Das geht dann wohl nicht.“
+
+„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“
+
+Dann entfernte sich sein Vater.
+
+Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen
+wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann
+schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie
+etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den
+er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.
+
+Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.
+
+Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.
+
+„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.
+
+„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch
+herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr
+Baptist?“
+
+Baptist erschrak.
+
+„Was wissen Sie denn, wie es war?“
+
+„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“
+
+„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“
+
+„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“
+
+„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung,
+und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.
+
+Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch
+unzufriedenen Gesicht das Zimmer.
+
+Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein
+an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch
+gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich
+unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht
+ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben:
+die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus
+dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die
+Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich
+grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat
+Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern
+Vorstellungen wurde.
+
+So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur
+Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den
+Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke
+von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der
+sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an
+den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich
+abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente
+ihn.
+
+„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.
+
+„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche
+mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.
+
+„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer
+und ging wieder.
+
+Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch
+eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den
+dicken Italiener vor sich.
+
+„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie
+grade bei Hiltchen.“
+
+Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.
+
+„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“
+fügte er nach einer Pause hinzu.
+
+„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie
+entschädige.“
+
+Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.
+
+„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“
+fuhr Baptist fort.
+
+Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte
+nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit
+lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige,
+zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit
+gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers
+ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die
+paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten,
+und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn
+heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe,
+riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte
+immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh,
+oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid
+ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten,
+drohten und schimpften um ihn herum.
+
+Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur
+Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die
+Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht,
+worum es sich handelte.
+
+„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.
+
+„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen
+Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch
+die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am
+Bahnhof kommen?“
+
+„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die
+Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!
+
+In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und
+drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich
+Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An
+der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem
+Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor
+Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war,
+einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den
+Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne
+verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den
+Park hinein.
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im
+Garten zwischen den Rosen.
+
+„A, Jeanne!“ grüßte er.
+
+„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an,
+„Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was
+fangen wir an?“
+
+„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon
+belegt. Ich muß bald weg!“
+
+„Darf man fragen – wohin?“
+
+„Nein, das darf man nicht!“
+
+„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten
+Rosenstock.
+
+„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.
+
+„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein
+muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“
+
+„Ja, ja!“ lachte Baptist.
+
+Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet,
+daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus
+mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann
+schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins
+Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den
+Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf
+die Italiener zu warten.
+
+Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen
+Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie
+in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies
+der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber
+den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen
+Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen,
+die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist
+hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die
+Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die
+Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein
+leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen
+sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer
+Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines
+Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für
+die Italiener.
+
+Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine
+Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja
+nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der
+Schale liegt.
+
+Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und
+es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher
+heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem
+etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen
+zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten
+der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte,
+miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum
+Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich
+unsicher und wie verraten vor.
+
+Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr
+beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa,
+Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig
+getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit
+immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und
+Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der
+Unterhaltungen.
+
+Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben
+galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner
+Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.
+
+Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein.
+Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit.
+Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der
+Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken.
+
+Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr
+sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache
+kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er
+fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes,
+das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander
+entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese
+Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht
+mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das
+weinvolle Blut der beiden noch stärker.
+
+Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein
+paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das
+war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber
+Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse
+Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine
+Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster
+geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt
+mit mir allein sein?“
+
+Sie antwortete: „_Io sono come in una stufa!_“
+
+Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...?
+wie in was?“
+
+„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer
+herum.
+
+Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita
+auf einmal herüber: „In Ofen!“
+
+Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte
+sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen
+Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm
+grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die
+Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.
+
+Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn
+wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den
+gebogenen Arm.
+
+„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der
+Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und
+brachten die Instrumente heran.
+
+„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und
+Baptist winkte mit einem Lachen zu.
+
+Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in
+einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und
+spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder
+war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst
+von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders
+unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist
+mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen
+Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll
+mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen.
+
+Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken
+Baptist seine Geige hin.
+
+Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel
+hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon,
+wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne
+steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.
+
+Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten,
+drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr
+dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn
+und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“
+
+Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da
+schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an.
+Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken
+bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke
+Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und
+zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf
+mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“
+
+Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.
+
+„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in
+die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine
+Henne dagegen!“
+
+Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen.
+
+„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der
+Zunge.
+
+„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.
+
+„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen
+die erste Violine zu spielen!“
+
+Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.
+
+Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es,
+als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß
+sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz
+fest und zog ihn wonnig davon.
+
+Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist.
+
+Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des
+Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und
+Lust, und er – thronend über den Dingen!
+
+Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte
+ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.
+
+Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob
+Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete
+er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“
+
+Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das werde ich schon!“
+
+Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern
+und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners
+ernst seien.
+
+„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er
+damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt.
+
+Der Italiener winkte zufriedengestellt.
+
+„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.
+
+„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr
+eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen
+Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“
+
+„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande
+kommen.“
+
+Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie
+begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und
+fröhlich.
+
+„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort
+in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir
+auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann
+morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“
+
+Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht
+werden!“
+
+Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern
+sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an
+einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den
+Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen
+verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof
+bringe.
+
+„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“
+
+Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich
+dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein.
+
+Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die
+flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues
+Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen
+stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder.
+
+Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit
+sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich
+weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt
+Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige
+niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und
+werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe,
+muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze
+Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ...
+ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen,
+wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist
+im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran
+nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu
+Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!
+
+Jeanne!
+
+Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen.
+
+‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester.
+‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘
+
+‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen
+gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch
+schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin
+steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß
+ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen
+hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter
+sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und
+nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz.
+
+Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es
+lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In
+einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er
+zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war.
+
+Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach
+dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam
+etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die
+Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines
+Vaters war, die er in den Händen hielt.
+
+Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache
+geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen
+Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich
+zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie
+ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser
+heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das
+seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und
+schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen.
+
+Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt
+verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen,
+rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen
+ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses
+Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich
+zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem
+Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter
+einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die
+kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit
+Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während
+er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen
+mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren
+Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre
+Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine
+Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und
+brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit
+mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige,
+kleinmütige mit drei oder vier Nullen.
+
+Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er
+hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen
+man Fell und Haut abgezogen hat.
+
+Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem
+Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und
+bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht,
+kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.
+
+‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den
+Muskeln!‘
+
+Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die
+eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam
+mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er
+dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung
+hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu
+den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb
+dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun
+in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit
+zärtlichem Mitleid an ihn.
+
+Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die
+Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu
+beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also
+waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den
+Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch
+kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall
+von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als
+Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl:
+
+1 Million 825560 Franken.
+
+Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er schon
+durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein kleines, in
+Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, sah er, daß es ein
+Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten Seiten mit den von
+der Zeit gebräunten Rändern waren unberührt. Nur auf der ersten stand:
+‚Sparkassenbuch, gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt
+zehntausend Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten
+am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben Kindern Baptist
+und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion 10000 Mark, die sie zu
+gleichen Teilen und zu beliebiger eigener Verfügung bekommen, wenn
+Jeanne großjährig ist‘.
+
+Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift an, als sei es
+nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; daß das so nahe vor ihm
+zu lesen stand. Er las ein paarmal die Wörter und stockte beim Lesen.
+Dann schaute er auf, irgendwohin und dann schlug er mit dem Kopf nieder
+und weinte.
+
+Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht hatte, und daß
+er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig erscheinenden
+Verständnislosigkeit des Vaters für die anders gerichteten Absichten und
+Wünsche seiner Kinder nie die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß
+er ungerecht und verstockt an einer anders gearteten Seele
+vorbeigegangen war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch
+er selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser doch
+niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes nur das geringste
+ändern konnte, und er kam sich geschützt und stark vor in seinen jungen
+Absichten, wie in einer stählernen Rüstung.
+
+Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte sie in den
+Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte er in seine
+Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, wo er sie
+gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer.
+
+Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er nicht aus dem
+Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude an seinem Unternehmen schlug
+reiner und freier auf. Er ging erregt auf und ab in dem Raum und
+versuchte sich kühl zu berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark
+durchkommen könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ...
+Sparsamkeit ... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber darüber kam er
+nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden Tat schlug jauchzend über
+ihm zusammen.
+
+Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen Schränken, was er
+mitnehmen sollte, und legte es zusammen.
+
+Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während dieser Arbeit
+und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte einen Bogen Papier
+zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen umbrausten ihn, wie
+Orgelrauschen, das zwischen Kirchensäulen verschallt, und von dem
+ganzen, prachtvollen, wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier:
+
+„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, ich würde dich
+am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön und frei. Ach, ich kann
+nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. Ich liebe dich. Baptist.“
+
+Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. Ich hab ja
+keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht ja auch alles drin!
+entschuldigte er sich, während er den Zettel in ein Kuvert steckte.
+
+Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter in den Kleidern
+und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die besten und die
+praktischsten Sachen.
+
+ * * * * *
+
+Schon lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und sich aufs
+Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel auf der Niklauskirche
+hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, so war es Baptist, als hörte er
+ein Geräusch im Garten. Er bückte sich über die Brüstung.
+
+„_Signor!_“ rief unten eine flüsternde Stimme, „_Signor Battisto!_“
+
+Baptist flüsterte zurück: „_Ssst Italiani?_“
+
+„_Si bene!_“ kam es leise von unten herauf.
+
+Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom Trockenboden
+geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die Italiener arbeiteten huschend
+katzenleis. Die Dunkelheit der Nacht deckte sie zu.
+
+Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“
+
+„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es
+stumm.
+
+Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er
+zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses
+hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem
+Park und Baptist eilte ihr entgegen.
+
+„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.
+
+Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom
+Bock über die Laterne.
+
+„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.
+
+Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran.
+„Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt,
+leise!“ sagte Baptist flüsternd.
+
+„Gewiß Herr Biver!“
+
+Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff
+leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt,
+ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts
+mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“
+
+„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem
+Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann
+lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener
+ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise
+Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch.
+
+Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und
+steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die
+beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist
+spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er
+ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser
+Nacht keine einzige Minute verschlafen würde.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die
+Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In
+der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein
+bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen
+aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem
+Papierstreifen überklebt.
+
+Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im
+Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so
+hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das
+schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das
+Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu
+Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den
+Bücherschränken und den Bildern.
+
+Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das
+Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens.
+Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die
+Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie
+glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses
+Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und
+wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und
+verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im
+Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und
+wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er
+trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er
+mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und
+Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis
+und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter
+Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins
+Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub
+das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen
+Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum
+Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater
+durch ihn erlitten.
+
+Sein Zug fuhr um halb vier.
+
+Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten
+unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so
+schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum
+noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will.
+
+Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten
+Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des
+Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an
+ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die
+alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum
+Bahnhofsviertel hinüber.
+
+Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft
+hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und
+er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb
+verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von
+Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging,
+seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute
+Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker,
+als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch
+dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen
+Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie
+ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben
+gezwungen war.
+
+Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße
+eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir
+zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die
+gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine
+Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang.
+
+Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem donnernden Ruf von
+Triumph und Unternehmungskraft. Er trug Baptist davon und hüllte alle
+die Zukunftsfreuden der jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend
+aufgewirbelte, schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte
+Hochebene der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+
+Baptist stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand aus dem Zug
+und ließ die Menge der Reisenden langsam um sich vorwärts fluten. Er
+schaute angestrengt aus und sah auch bald den dicken Italiener wie einen
+Wellenbrecher mitten auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden
+Reisenden auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen durch
+zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand.
+
+„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener.
+
+„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist.
+
+Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem großen Tor auf
+dem Platz Charles Rogier standen Margherita und ihr Bräutigam Paolo. Das
+kleine schwarze Weibchen hatte sich mit einem großen Tuch vor der
+herbstlichen Abendkühle geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur
+das Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für Baptist, die
+beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam an dem Platz am Tor der
+großen abendlich entzündeten Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten
+ihm voll Freude entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine
+biegsame Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich zum
+Gruß die Hände drückten.
+
+„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist und er ließ eine
+Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen von Flandern lag in einer
+Sackgasse hinter der Grand’place. Es war eines der alten netten
+Brüsseler Hotels, etwas dunkel, aber reinlich und einfach bürgerlich.
+Baptist war froh überrascht, daß die Italiener so ordentlich wohnten.
+
+Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im zweiten Stockwerk
+über der Gasse lag und mit alten Möbeln und mit großgeblümten Vorhängen
+an Fenster und Bett wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb
+schon bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es war ihm
+warm, wohl und frei. Als er dann später in das kleine Eßzimmer
+hinunterstieg, saß Margherita allein drin und nähte an einer farbigen
+Schürze.
+
+Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches.
+
+Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken:
+
+„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“
+
+„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt.
+
+„Ich gesucht Zimmer!“
+
+Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete und war
+gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen gerne geherzt und geküßt.
+
+Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit ihrer kleinen
+Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! bestätigte er sich
+unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie blieb vor ihm stehen und hielt
+ihm unbeholfen die Hand hin, die er drückte, ohne daß sie den Druck
+wiedergegeben hätte. Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar
+italienische Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen.
+
+Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen anders gedacht.
+
+Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen herzlich die Hand, und
+sie setzten sich an ihre Plätze um den Tisch und lachten ihm zu. Dann
+brachte ein Kellner das Abendessen.
+
+Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen Einförmiges an.
+Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, ebenso die Männer. Nur der Dicke
+und Baptist hatten jeder ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die
+Gesellschaft in kleine Kreise teilte.
+
+„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der Dicke. „Wollen
+wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“
+
+Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der Frauen, das
+geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo schleppte einen Stoß Noten
+heran und Baptist holte seine Geige. Während er die Noten
+durchblätterte, zupfte der Dicke an den Saiten, beklopfte den Rücken und
+schnitt dann eine Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals
+den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte und mit seinem
+dicken Kopf dazu nickte.
+
+„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“
+
+„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist.
+
+„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel macht man keine
+so guten Instrumente.“
+
+Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, Cremona!“
+sagte er und machte wieder seine anerkennende Fratze.
+
+„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist.
+
+Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften an den Saiten
+und winkten wichtig und ernst, daß sie auch mit ihr einverstanden seien.
+Baptist geigte alle die Lieder, die der Dicke ihm vorlegte, ohne
+Schwierigkeit vom Blatt. Die meisten kannte er und vermochte sie
+herunterzuspielen, ohne die Noten anzusehn.
+
+„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der Dicke beifällig.
+„Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ Und er klatschte, zu den
+andern gewandt, in die Hände.
+
+An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. Baptist machte nach
+und nach gegen einige der Lieder Einwände und sagte, die seien doch zu
+dumm. Aber der Dicke setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften
+Widerstand entgegen.
+
+„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied da, dies: tra
+la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... hoho, das gefällt, das
+müssen wir immer _da capo_ spielen. _È vero?_“ wandte er sich an die
+andern, die ja nickten.
+
+Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten diese Proben:
+Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem sie ihn mit den
+Italienern hielten, ihre Sprache wie von selbst. Er badete sich
+scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die fremden Wörter heraus zu wagen.
+Die Sprache flog ihn an.
+
+Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und kritisch die
+Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das Hotel immer gleich nach
+dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum Abschied. Einmal wandte er sich an
+Baptist, bevor er wegging.
+
+„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. Müssen das Hotel
+jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! Ich lauf immer herum und find
+nix!“
+
+Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren hatte, saß er am
+Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht griesgrämig zwischen den
+andern. Er trank viel und behandelte seine Leute wie mit einer nur
+mühsam unterdrückten Roheit. Baptist hatte dann das Empfinden, als
+bereite sich eine peinliche Verwickelung vor.
+
+In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu Baptist aufs Zimmer:
+„Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er ihm zu. „Die drunten will
+Bezahlung, aber ich kann doch nicht, ich verdien doch nix!“
+
+„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders werden!“ tröstete
+ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote hin.
+
+Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn wir jetzt mit
+Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel kommt. Wie Sie spielen
+und mit Ihrer Violino und mit Ihrer Figur!“
+
+Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit Humor und ergötzte
+sich an diesem ersten Widerstand, der, wenn auch nur, ohne ihn selber
+anzufassen, genaht war, und den er dann mit der kleinen Geste seiner
+Gabe so leicht hatte brechen können.
+
+Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit und es
+machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen so sicher verwalten und
+sein Leben so straff in den Zügeln halten zu können, daß seine Ausgaben
+fast immer auf einen Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte
+gewissenhaft Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast
+mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit.
+
+Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. Aber
+innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden
+Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung fern. Trotz dieser
+kleinen Schranke, die kaum sichtbar, aber für Baptist doch von
+unentbehrlicher Wichtigkeit war, besprach er ernsthaft mit ihnen die
+Möglichkeiten, bald in Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich
+mit ganzem Herzen an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie
+trieben. Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er
+oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige
+Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit zu
+umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen heimlicher
+Sinnlichkeit erhitzten.
+
+An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am Mittagstisch. Aber er
+kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. „Haben wir, Kinderchen!“ rief
+er noch in der Türe. Er hatte ein rotes Gesicht, war vergnügt und
+drollig wie ein verliebter Frosch und küßte die Mutter der Margherita
+feierlich zweimal auf jede Wange.
+
+Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten in einem
+Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein großes Etablissement!
+
+„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und schüttelte
+sich.
+
+„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem Wetter
+natürlich im großen Saal!“
+
+... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen Himmel mit
+goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, das ganz süß
+und s...s...s... zu der Musik plätscherte.
+
+Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten wie
+erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle plötzlich
+am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem Marsch sich nähert. Es
+tanzte allen in den Beinen. Baptist lief hinunter und bestellte drei
+Flaschen Bordeaux. Sie sangen und scherzten, während sie die Flaschen
+tranken, und ließen später noch zwei Flaschen heraufbringen.
+
+Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die üblichen
+Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn Franken eintragen mußte,
+die die Wagschalen seines knapp gehaltenen Budgets schwer aus dem
+Gleichgewicht brachten, da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an,
+mit kleinen Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften
+Geduld einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich
+aufgebaut hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine
+Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen seien, war er
+zufriedengestellt.
+
+Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann eine fiebrige
+Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen der Angst, daß der
+Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen werden könnte, der leise
+stechenden Scham, sich nun öffentlich mit der Geige herauszustellen und
+der tiefen Lust, ein tätiges Leben aufzunehmen.
+
+Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und peinlich genau
+geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und blau gestreifte, locker
+flatternde Hosen und rote weite Blusen mit umgeschlagenen Kragen. Das
+war die Uniform der Kapelle. Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide.
+Er bekam zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff aus
+ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages in sein Zimmer
+kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über sein Bett gebreitet. Er
+probierte sie einen nach dem andern an und lachte sich im Spiegel aus.
+Aber er fand, daß das Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem
+weißen Gesicht und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an
+die Tür des Zimmers der Frauen pochen.
+
+„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er blieb an der
+offenen Türe stehen.
+
+„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände zusammen, „sehr,
+sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“
+
+„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die Sonntagsuniform,
+ich muß sie gleich wieder ausziehen!“
+
+Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken in seinem
+Zimmer.
+
+„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ aber er fügte
+mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, Herr Baptisto. Unter
+Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich hoffe, den Zettel bald wieder
+zurücknehmen zu können!“
+
+Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch:
+
+„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig zu sein,
+wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen sind 25 Franken. Rest 75
+Lire.
+
+ Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“
+
+„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete das Papier
+zusammen.
+
+„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, indem er mit
+der Hand eine weitläufige Geste in der Luft zeichnete.
+
+ * * * * *
+
+Und nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der andern Musikanten
+durch den menschengefüllten Saal des Restaurants _aux vieux chênes_. Es
+hatte auf einmal angefangen zu regnen und die Spaziergänger, die den
+Herbsttag im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am
+Eingang zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch
+große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im Augenblick
+vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem grauen Himmel in dem Saal
+schon dunkel. Die Kronleuchter funkelten auf. Hereindrängende Menschen,
+Stuhlrücken, rufende Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten
+sich zu einem wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete
+Gruppe der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar
+Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem hoch
+gespannten Aüh! zusammenklang.
+
+Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und seiner
+feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen Mauer durch die
+Menschen hindurch. Er stieg mit den andern auf die kleine Bühne und sah
+nichts, war auf einmal droben und wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er
+war nicht so kühn, in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu
+schauen. Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen
+schwindelhaft tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die
+Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender
+Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den andern vorgeschoben, er
+setzte den Bogen an und verstand nicht, was er tat. Er spielte, wie ein
+Automat, dessen Mechanismus man gerade gelöst hat, und die Töne hatten
+etwas Belegtes, wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist.
+
+Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter sich etwas
+Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen Erstauntseins, daß das
+Bekannte, das er an einem der ersten Tische sah, der dicke Italiener,
+der Häuptling war. Und da stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag
+als eine wichtige kleine Insel drunten in dem Meer; als eine
+aufgeplusterte, winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige
+Erbrausen bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. Um
+den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die sich
+überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen mutiger
+werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er sah, daß eine blaue, mit
+goldenen Sternen gepunktete Decke sich von Säulen getragen über dem
+Raume schloß; er hörte sogar irgendwo ganz spitz das s...s...s... der
+kleinen Fontäne immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah
+sie auf einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah Menschen
+sich um Tische scharen und unter einem ineinander verzogenen Rauschen,
+wie unter einem Netz von gedämpftem Lärme liegen.
+
+Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. Er stieg aus
+dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die Menschen unter dem wogenden
+Netz anfingen, die Köpfe zu wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich
+unendlich wichtig vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus
+seiner Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der
+Menschen beglückend zu erheben.
+
+Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten Tones den
+Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze Saal wie mit drohendem
+Radau unter seinem Netz herauszuheben schien. Baptist schrak zusammen
+und er faßte krampfhaft Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben
+ihm stand.
+
+„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte seine
+Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas angerichtet und
+sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen ihn. „Geh vor, geh vor!“
+riefen sie ihn erregt an. Er wehrte sich gegen sie. Er war wie von
+scharfem Duft betäubt. Da griff Paolo ihn von hinten unversehens unter
+die Arme, hob ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts.
+
+Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den Beifall danken
+mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt und mit lichtverblendeten
+Augen. Die Zuschauer, die diesen Auftritt sahen und alles für
+Bescheidenheit hielten, lachten drunten und klatschten wie verrückt
+weiter, trampelten und riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden
+Grinsen zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung mit
+seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle auf, spielt
+noch einmal‘.
+
+„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist.
+
+ * * * * *
+
+Baptist war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen ersten
+Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich ist, aber
+nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die da unten saßen, waren
+ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie schwabbelte ein wenig in seinen
+Vorstellungen. Er spielte vor ihr aus Lust am Spielen, aus inniger,
+kräftiger Arbeitsfreude. Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau
+geschrieben oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der
+Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit einem
+nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der Schnittfläche eines
+Baumes aufquillt, so sah Baptist sein Schaffen frisch und hell aus sich
+steigen. Darüber empfand er einen naiven warmen Stolz.
+
+Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus Luxemburg im Garten
+sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit ihnen verkehrt, weil sie älter
+waren wie er. Aber der Bruder des einen war sein Schulkamerad gewesen
+und sie kannten sich gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen
+wegen seines bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas
+von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den Pausen lugte er
+öfter halb befangen und halb neugierig hin. Aber sie saßen zu weit weg,
+als daß er irgendeine Antwort auf seine Blicke hätte erkennen können.
+Als dann die Musikanten zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch,
+an dem die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu kommen,
+war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten und begrüßen und was
+sie sagen würden. Er hielt sie mit dem Blick fest, während er zwischen
+den Tischen hindurch auf sie zuging, zögerte ein wenig mit den
+Schritten, als er an ihrem Tisch angekommen war ... Aber sie redeten
+heftig abgewandt auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als
+wiesen sie ihn damit grob und energisch ab.
+
+Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, ihr
+Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich hin, als er davonging.
+„Ihr ...“ und schließlich fand er in der Erregung nichts mehr, was
+erbitterter, verächtlicher und beleidigender gewesen wäre – und er
+sagte: „Ihr Luxemburger!“
+
+Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem verächtlichen
+Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch war leer.
+
+Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche
+Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein Ehrgeiz war
+verwundet worden und es wuchs kein Kraut, das zu heilen.
+
+Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der Masse, die da
+unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt die sentimentalen Töne mit
+einem langen Tremolieren wie an einer zitternden Schnur an einer Stange
+über die Tische. Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend,
+und um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen tanzten die
+letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die scharfen Düfte der ersten
+Zersetzung, nach abgeschälten Rinden riechend, bitter und verwirrend in
+den Konzertgarten. Draußen fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur
+Stadt zurück. Das Jahr, der Bois und der Tag starben.
+
+Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und ihre Töchter und
+sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne traurige Ahnung von den
+Zusammenhängen, von der unerbittlichen Sinnbildlichkeit dieser dunklen,
+heftigen, erregenden Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und
+fühlten ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen
+Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. Und lag
+nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der man sich
+zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam zu tragen.
+
+Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie dankbar
+waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten da oben es nur der
+schöne stattliche Junge sein konnte, der die erste Geige führte und sich
+dabei in den Hüften bog und mit dem Körper im Rhythmus schaukelte wie
+ein rassiger, koketter Hengst im Zirkus.
+
+Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den Luxemburgern setzte
+ein Vorstoß des Winters ein und man fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die
+Vieux Chenes wurden geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de
+l’Univers in einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und
+verpflichtete Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für
+dieses große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs Uhr
+bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben Gesichter, die
+nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem Podium und den Gästen
+entstand ein familiärer Verkehr. Man bewunderte Baptists Spiel und
+mancher sagte ihm, ihn wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders
+sein.
+
+Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, setzte sich
+stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich liebenswürdig
+zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn sehr, und Baptist unterhielt sich
+gerne mit dem Unbekannten und war froh über seine Teilnahme. Eines
+Abends trat der Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von
+Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen könnte.
+Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und schaute, zupfte an den
+Saiten und schaute wieder und gab Baptist das Instrument schließlich
+zurück.
+
+„Sehr gut!“ sagte der Herr.
+
+„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt.
+
+„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. Nur Historisches.
+Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... Würden Sie mir sie für
+zweihundert Franken überlassen?“
+
+Der Herr griff in die Brusttasche.
+
+„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, von denen
+ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ antwortete Baptist lachend.
+
+„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes Gesicht.
+
+„Allerdings!“ sagte Baptist.
+
+Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr.
+
+Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts zusammen
+nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, liebe Margherita, es ist
+nun wahr, daß diese Geige jetzt für mich so etwas besitzt, wie es eine
+Frau hat, die lieb, zärtlich und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa
+ist es nichts! Sie ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen
+Leib? ... und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber
+immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“
+
+Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns weg. Sie müssen
+mehr werden!“
+
+„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete Baptist. „Aber
+hat’s dazu nicht Zeit?“
+
+„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“
+
+Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch rühren. Er war
+jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause kam, und führte selbst sein
+Ausgabenbuch nicht mehr so freudig wie anfangs. Er fühlte sich biegsam
+werden. Er versuchte jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem
+Abend verfallen war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen
+hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem enger
+zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. Er sah Frauenaugen
+begehrlich und erregt leuchtend an ihm hängenbleiben, wenn er die langen
+Töne mit süßlicher Eindringlichkeit aus dem Zusammenspiel herauszittern
+ließ, und er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz.
+
+Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus aus war,
+das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern aufmischte.
+
+Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des Asphalts, diese im
+feuchtwarmen Duft des Verkommens fiebernden Frauen, all die aufgelösten,
+gierigen Menschlein in erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt
+tänzeln machen.
+
+Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen ihm selber in die
+Adern. Er wurde nun umworben, er der schöne Primgeiger! Er, der den
+Zauber der Klänge aus der Geige heben konnte. Die andern fingerten ja
+nur! Er, der interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und
+biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, romantisch
+verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. Die öffentliche
+Anteilnahme richtete die blendend erhellende Scheibe ihres Reflektors
+auf ihn, und er schwänzelte in diesem Beleuchtungsfeld, wie eine kokette
+Frau, die Männerblicke auf sich fühlt.
+
+Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil seine Nerven eine
+austrocknende Hitze bekamen und er sie nur aus dem Saale heraus
+auffrischen konnte. Nun machte er auch keine Opposition mehr gegen die
+sinnlosen Modestücke und spielte sie mit denselben kokettierenden
+Anstrengungen wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein
+zugespitztes Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden Tag
+um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden Tag dieselben
+Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten hatte. Er
+verlor das Gefühl für Nüancierungen. Seine Empfindsamkeit war zum
+Handwerk geworden und setzte Huf an.
+
+Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf jeden Kontakt
+reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das Leben floß frei auf ihn
+herein. Das hatte er ja immer gewünscht – das ungebändigte, riechende,
+rundum raffende Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und
+die Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht zu
+ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine innere Spannung
+ermüdete bald an diesem unklug und maßlos hochgespannten Leben und wurde
+schlapp. Er sank wie an einer Stange herunter und merkte es nicht, weil
+er noch immer die Bewegung des Hinaufkletterns machte.
+
+Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch zu
+vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr herauskam, weil er
+schon eine Woche lang nichts eingetragen hatte, nahm er es und warf es
+in den Ofen.
+
+Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann in dem Zimmer
+der Männer, spaßten und zechten und erzählten sich aus ihrem Leben. Wenn
+sie betrunken waren, küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten
+zusammen und duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein
+Geld gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, sich
+eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte.
+
+Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, kam Margherita.
+
+„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu.
+
+Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen den Tisch und
+sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie sich Baptist, daß ich
+Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien besser wie wir und sollen von
+uns weggehn?“
+
+„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“
+
+„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, es ist die höchste
+Zeit.“
+
+„Weshalb?“
+
+„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“
+
+„Ja, aber ...?“
+
+„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, wie Sie setzt
+immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“
+
+Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du mich!“
+
+Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an sich
+heranzuziehen.
+
+„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem Zimmer. Seine Arme
+sanken leer und enttäuscht nieder, und er stand da, aufgehalten in
+seiner entflammten Gebärde, betrogen und zornig, trotzig und aufgewühlt.
+
+„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach.
+
+Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter. Er ging die
+Boulevards in der innern Stadt erregt entlang und schaute den Frauen zu.
+Sie waren häßlich oder schön, gut oder schlecht gekleidet. Aber alle
+waren Frauen. Er schaute ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach.
+
+Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld, trat auf der
+Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte heftig: „In ein
+Bordell, Kutscher!“
+
+„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher
+Gleichgültigkeit.
+
+So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße diese erste große
+Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen quadratischen Fenster sah
+er die Häusermassen zurückgehalten den Stadthügel herunterdrängen. Das
+stumpfe, gewaltige Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit
+schwerfälliger Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer in
+den grauen Tag.
+
+Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte sich das
+nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine Jugend abschloß. Er
+erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte Winzigkeit. Noch lange
+blieb es, wie ein trüber Satz in einem Glase, auf dem Grund seines
+Innern liegen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+
+Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine
+Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest
+einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines
+unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche
+belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren
+Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des
+Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch
+er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er
+das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende,
+raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen
+werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern
+die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen
+Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.
+
+Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem
+Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von
+ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der
+Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es
+war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine
+Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel
+Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner
+knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.
+
+Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den
+folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich
+riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven
+Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte
+sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen
+Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren
+fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er
+brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie
+in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er
+vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen
+ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener
+Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte
+Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.
+
+So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des
+Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die
+verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer
+Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen,
+betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große
+Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn
+an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische
+Romantik ein.
+
+Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser
+widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes
+aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem
+Dahinleben durch die Tage.
+
+Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen
+Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze
+ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden
+schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit
+einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.
+
+Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er
+spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz
+...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser
+Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an
+die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen
+Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die
+Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die
+Strahlen eines Reflektors.
+
+Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender
+Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben
+sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken,
+und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.
+
+Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen
+zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit
+einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.
+
+Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen,
+Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen.
+Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine
+Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de
+belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig
+nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an
+ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein
+paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist
+trotzig hin.
+
+„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.
+
+Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die
+Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.
+
+Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.
+
+Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner
+Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts
+drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.
+
+Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer
+betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit
+den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige
+Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus
+dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an
+Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen
+Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er
+allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!
+
+Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie
+Paolo heftig auf Margherita einsprach.
+
+„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“
+
+„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.
+
+Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.
+
+Da wandte sich Baptist um.
+
+„Aber Paolo, was machst du denn?“
+
+„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“
+
+„So laß sie doch!“
+
+„Nein, sie soll!“
+
+„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu
+müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“
+
+Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.
+
+Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas
+Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie
+auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt
+hatte, und mit einem Gute Nacht davon.
+
+Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem
+bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus
+ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun,
+was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und
+mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können,
+für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“
+
+Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde
+Erwachen!
+
+Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg
+in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.
+
+Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen
+beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.
+
+„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.
+
+Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser
+um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte,
+legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er
+zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken
+sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch
+zweihundert Franken blieben.
+
+Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem
+jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das
+Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins
+Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer
+Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken.
+Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer
+wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein
+widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende
+Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen
+Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er
+floh unter die Leinentücher.
+
+Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte
+jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das
+richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er
+selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne
+Kreis!
+
+Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen
+und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den
+Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein
+Telegramm sie rief.
+
+Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem
+Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke
+davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von
+seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie
+zu seinen Plänen meinten.
+
+Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick,
+als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und
+Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu.
+Ihr Gesicht flammte rot auf.
+
+Sie wollte vor Baptist davoneilen.
+
+„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen
+besprechen!“ rief er ihr zu.
+
+Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie
+wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da
+sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind
+schlecht!“
+
+Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn,
+Margherita? Ist etwas geschehen?“
+
+„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind
+doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach,
+wir sind gemein und schlecht!“
+
+In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die
+Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich
+über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit
+der Hand streichelte:
+
+„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen
+haben wie hier, Baptist?“
+
+Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und
+geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“
+
+„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech
+gesagt hat, das ist nun nicht ...“
+
+Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als
+strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des
+Mannes auf sich zu dulden.
+
+„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.
+
+Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen.
+Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn
+so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt
+machte er sich davon.
+
+Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur
+d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.
+
+Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu
+der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und
+schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden
+sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von
+Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die
+drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein
+Zimmerlein für sich.
+
+Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für
+die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung
+bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke
+die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber
+schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche
+Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.
+
+Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer
+eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm
+an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier
+erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.
+
+„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an,
+als sie im Zimmer waren.
+
+„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.
+
+„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.
+
+Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn
+geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich
+mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie:
+„Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie
+denn gelebt? Sie?!“
+
+Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben
+leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig,
+verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“
+
+„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.
+
+„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“
+
+Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich
+kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister.
+Bitte zu merken!“
+
+Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er
+schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“
+
+Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch
+stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.
+
+Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne
+Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch
+da bin und die erste Geige nehmen kann!“
+
+Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und
+ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl
+halten.
+
+Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will
+sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“
+
+„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und
+bittend.
+
+„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“
+warf ihm Leprotto kurz hin.
+
+„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.
+
+Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen,
+die Geschichte sei erledigt.
+
+Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war
+ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und
+schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie
+gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein
+und bescheiden.
+
+„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die
+Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die
+erschreckenden Bilder abzuwehren.
+
+Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war
+eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener
+allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie
+setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten
+schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe.
+Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und
+deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn.
+Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er,
+was er vorhin zugesagt hat.
+
+Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den
+Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei
+zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas
+Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.
+
+Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in
+ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken,
+voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein
+und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen
+seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.
+
+Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das
+Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita,
+die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß
+eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den
+Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“
+
+Baptist zuckte gequält mit den Schultern.
+
+„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.
+
+Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er
+kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm
+gemacht habe ...
+
+„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.
+
+Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er
+hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber
+Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte,
+daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl,
+daß du eine viel größere Summe hättest!“
+
+„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er
+vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm
+er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein
+ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.
+
+„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie
+ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist
+doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich
+setze mich für dich ein und paß auf ...“
+
+Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.
+
+ * * * * *
+
+Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben
+in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen
+Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der
+Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es
+war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm
+herausgeflossen.
+
+Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine
+Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.
+
+„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“
+flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.
+
+Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die
+nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem
+Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben,
+die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die
+Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:
+
+ „Luxemburg den 24. April.
+
+Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich
+hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren
+Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen,
+mit dem es ihm beliebt.
+
+ Alois Biver.“
+
+Der andere Brief lautete:
+
+„Sehr geehrter Herr!
+
+Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen,
+könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht
+bald entgegen
+
+ Hochachtungsvollst
+ E. Leprotto.
+
+Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“
+
+Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich
+mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den
+Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder
+zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita
+suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.
+
+Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien
+gewartet zu haben.
+
+„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.
+
+Baptist nahm ihn aus der Tasche.
+
+„Da, lesen Sie!“
+
+„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und
+Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da
+sei!“
+
+„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“
+
+„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“
+
+Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig
+war, schaute ihn Margherita an.
+
+„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.
+
+Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes
+Armzucken.
+
+Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages
+in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und
+wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt,
+sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und
+ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe,
+die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme,
+mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr
+auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen
+Mitternacht nach Haus gingen.
+
+Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich
+bin krank!“
+
+Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder.
+
+„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er
+sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten.
+
+„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und
+fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker.
+
+Mittlerweile waren die andern herangekommen.
+
+„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.
+
+Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“
+
+Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte
+sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.
+
+„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.
+
+„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.
+
+„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.
+
+Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter
+kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.
+
+„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen.
+Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.
+
+Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war
+eine große, geschlossene Droschke.
+
+„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann
+bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur
+Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“
+
+Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den
+Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er
+selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie
+wickeln zu können.
+
+Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und
+den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten.
+Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre
+Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend
+und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen,
+wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie
+Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre
+Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_
+...“
+
+Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er
+losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und
+verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände
+gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt,
+daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das
+nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und
+schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“
+
+Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger,
+Verräter!“
+
+Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen
+jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.
+
+Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch
+vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit
+beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran.
+„Paolo, wir wollen ...“
+
+Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem
+gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib
+hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut
+ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig
+werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere,
+widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch
+funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine
+unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.
+
+‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken,
+kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen.
+Dann war es aus und Finsternis.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+
+Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.
+
+Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft
+die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz
+geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im
+Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den
+Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum
+ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.
+
+Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen
+Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und
+Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die
+Straße gesetzt.
+
+Er war geheilt.
+
+Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es
+hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in
+dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn
+herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines
+Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken
+aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine
+bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet
+worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf
+einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und
+selbständig dem Leben übergeben mußte.
+
+Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn
+schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital
+auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins
+Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß
+um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten
+einwickeln zu wollen.
+
+Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine
+Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der
+Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen,
+hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke
+dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der
+schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.
+
+Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur
+ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie
+beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm
+gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr
+genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen
+Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte
+Bilder.
+
+Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch
+erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen,
+mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er
+kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm.
+Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen
+Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.
+
+An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung
+entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von
+selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines
+gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in
+die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf
+ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der
+Eingetretene war.
+
+Baptist sagte: „Ich wohne hier!“
+
+Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz
+unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte.
+
+„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“
+
+„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.
+
+„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab
+gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“
+
+„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der
+Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel
+geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine
+rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn
+schneiden.
+
+„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“
+
+Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der
+kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche
+schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen
+Geschehnisse.
+
+Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt
+plötzlich auffuhr.
+
+„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die
+Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie,
+und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal
+gleich.“
+
+Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut
+verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war
+seine Geige.
+
+„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind
+ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“
+
+Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.
+
+„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.
+
+„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl.
+
+„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.
+
+„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“
+
+Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.
+
+„Ihre Italiener!“
+
+„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles
+mitgenommen. Wo sind sie denn?“
+
+„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie
+nicht mehr kamen, weggezogen.“
+
+„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie
+teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“
+
+Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem
+Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt
+hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem
+Buche stehe.
+
+„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.
+
+... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.
+
+„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.
+
+„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder
+vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“
+
+„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“
+
+„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend,
+geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch
+gegen hundertzehn Franken!“
+
+„Ja!“ antwortete Baptist.
+
+„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine
+Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so
+eine Garantie haben?“
+
+Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“
+
+Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen
+Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam,
+als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus
+in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!
+
+Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“
+
+„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen.
+
+Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“
+
+Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem
+ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen
+Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt.
+
+Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall,
+der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein
+geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine
+Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie
+vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend
+in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.
+
+Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben
+allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden;
+ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und
+die Art seiner Kundschaft nützte.
+
+Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.
+
+„Zehn Franken!“ sagte er.
+
+Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine
+Aegidius Barzellini!“
+
+„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es
+ist eine Geige, weißt du!“
+
+Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in
+den Kasten.
+
+„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.
+
+„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.
+
+„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.
+
+Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen,
+in ein größeres Musikgeschäft.“
+
+Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit
+verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige,
+und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum.
+
+Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
+
+Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu
+Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und
+ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken
+blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück.
+Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand
+dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der
+Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das
+wiederholte sich ein paarmal.
+
+Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten
+Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was
+wollen Sie dafür?“
+
+Baptist zuckte mit den Schultern.
+
+„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“
+
+Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt
+war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei.
+Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen
+der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.
+
+Da sagte er: „Ja.“
+
+Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or
+rasch davon.
+
+Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an
+seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen
+Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er
+dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
+
+„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.
+
+Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier
+eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während
+er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand
+eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu
+sehen!“ sagte er.
+
+Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und
+gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben
+und hieß:
+
+„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“
+
+Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis
+antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen
+Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die
+Räume hinter dem Laden.
+
+ * * * * *
+
+Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um
+sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein!
+Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als
+schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in
+eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.
+
+Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke
+verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es
+unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun
+mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine
+Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.
+
+Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in
+einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit
+dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des
+unausmeßbaren Verlassenseins ein.
+
+Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine
+Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.
+
+„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.
+
+Baptist bejahte.
+
+Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem
+etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer
+weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren
+umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß,
+von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen
+waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen
+spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt
+über das ganze Gesicht.
+
+Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich
+niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“
+
+„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.
+
+Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ
+rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den
+Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren
+nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die
+Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or
+erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat
+der Wirt auf Baptist zu.
+
+Baptist sagte: „Danke!“
+
+„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett
+gelegt.“
+
+Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem
+raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.
+
+„Nicht nötig! Gern geschehn!“
+
+Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ
+mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem
+es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und
+traten auf die Straße hinaus.
+
+Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie,
+als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte
+sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf
+einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.
+
+Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt
+all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist
+ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.
+
+Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch
+dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen,
+um seine Schuld zu bezahlen.
+
+„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.
+
+„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“
+
+Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in
+seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es
+kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden
+von einem Druck irrte er draußen umher.
+
+Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die
+Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und
+Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und
+Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer
+wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende
+Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott,
+vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten
+verschwände!“
+
+Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen
+heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die
+Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das
+hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden
+Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher,
+die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer
+Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und
+jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte
+Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als
+das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.
+
+Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften
+geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles
+hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den
+Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah
+sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der
+berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen.
+Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.
+
+Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des
+Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein
+Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er
+sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten
+Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins
+Bett.
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf
+aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren,
+tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.
+
+Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit
+zu seiner Türe herein.
+
+Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es
+ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im
+Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und
+selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘
+
+Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett
+und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit
+den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den
+Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er
+Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den
+Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten
+Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind
+mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause
+als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte:
+„Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche
+Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“
+
+Baptist sprang auf.
+
+„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er
+laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an
+den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen.
+Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine
+Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit
+einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts.
+Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit
+den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne
+Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln
+gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen.
+Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des
+Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen
+Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der
+Sieg dauerte nur drei Augenblicke.
+
+Baptist wimmerte leise.
+
+Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr
+und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle
+Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs
+– der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen,
+graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende,
+verletzte Tierchen.
+
+Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist
+etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende
+Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie
+ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend
+sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is
+gut! Kindi stirbt!“
+
+Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das
+Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen,
+schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend
+an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon
+leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer
+an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.
+
+Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“
+
+Einer sah es.
+
+Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem
+Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“
+
+„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die
+wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre
+Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade
+an der Ecke ihre Türe offen hielt.
+
+‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.
+
+„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den
+Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“
+
+Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein
+anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine
+Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist
+alles hin.
+
+Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein
+Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein
+Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie
+der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die
+mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren,
+kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen
+Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en
+Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun,
+einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.
+
+Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um
+ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten,
+bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren
+Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte
+seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau
+hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu
+seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in
+demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn
+anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg,
+die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in
+Geschäftsbetriebe eingetreten waren.
+
+Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme.
+Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief
+stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß
+mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die
+Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn
+mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen
+in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn
+bald sanft dem Schlaf.
+
+Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese
+Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und
+er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen
+Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu
+verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben
+getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.
+
+ * * * * *
+
+Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm
+das Dach über dem Kopfe nahm.
+
+Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr
+hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos,
+wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen,
+wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er
+fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen
+Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn
+hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und
+schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes
+Tier, das am Sterben liegt.
+
+Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider
+verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen
+näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen
+verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel
+der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand
+eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv
+eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem
+Schuppen, einem Eisenbahnwagen.
+
+Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt
+und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und
+in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem
+Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf
+der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief:
+„Aufstehen! Raus!“
+
+Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren,
+rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er
+wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum,
+in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben
+Baptist auf.
+
+Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn
+doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal
+erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist:
+„Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben
+konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend
+in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal
+gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.
+
+Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.
+
+„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig
+kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“
+
+„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.
+
+„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has
+du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar
+nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die
+Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt
+hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.
+
+„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den
+Alten.
+
+Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist
+auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere
+zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte:
+„Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“
+
+„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.
+
+„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.
+
+Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser
+Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging
+geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die
+Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten
+von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen,
+verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten
+nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend
+mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.
+
+Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal
+die Katrine – och!“
+
+Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.
+
+Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie
+eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und
+hielt eine kleine flache Blechflasche hin.
+
+Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher
+wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die
+Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.
+
+Baptist trank daraus.
+
+Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn
+strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der
+Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.
+
+„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger
+Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen
+Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem
+wässerigen, farblosen Glanz.
+
+Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er
+bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit
+einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder,
+als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte
+sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so
+Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!
+
+Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“
+
+„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich
+lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer
+unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh.
+
+Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber
+er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine
+Gelegenheit böte.
+
+In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die
+Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und
+fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“
+
+Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den
+andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde
+niemand vor ihnen.
+
+Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob
+den Koffer in die Faust und schritt davon.
+
+Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er.
+Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n
+Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die
+Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen
+auf und nieder flogen.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+
+Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte
+heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein
+blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau
+zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm
+lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende
+helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.
+
+Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die
+andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den
+Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und
+schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer
+zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang.
+Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer
+gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne
+auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und
+aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein
+geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm
+vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem
+knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
+
+Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß
+jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
+
+„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend
+klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum
+letztenmal gegessen?“
+
+„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere
+Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende
+peinliche Angelegenheit wegzukommen.
+
+„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
+
+„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der
+harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann
+kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so
+höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere
+ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie
+standen!“
+
+Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu
+müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den
+andern Kollegen!“
+
+Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt
+sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine
+halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
+
+„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
+
+Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen
+weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie
+obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu
+bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse.
+Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine
+Post, – helf ich Ihnen!“
+
+Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist
+mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er
+rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein
+verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser
+ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen
+wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und
+Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas,
+das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
+
+Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen
+Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er
+den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind,
+dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von
+Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche
+Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen
+regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und
+verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das
+Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet,
+als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem
+fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal
+zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu
+einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.
+
+Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.
+
+„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte
+Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege
+nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben
+mag.“
+
+Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war
+darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt
+vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und
+zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand
+des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen
+wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom
+Bahnhof weglief.
+
+Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über
+das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild
+festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es
+dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild
+und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs
+Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
+
+„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
+
+„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so
+plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
+
+„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
+
+Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn
+seitdem?“
+
+„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
+
+„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen
+hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre
+Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem
+Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“
+
+Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam
+ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr
+erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst
+in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher
+Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.
+
+„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie
+scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja
+noch ein Kind. Wie alt?“
+
+„Dreiundzwanzig!“
+
+Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf
+die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund
+formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die
+Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts
+ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind
+ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht
+aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im
+Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
+
+Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit
+erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem
+großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie
+in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit
+heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit
+haben!“
+
+„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt
+hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo.
+Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt,
+hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich
+zusammen!“
+
+„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher
+Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück
+Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch
+zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St.
+Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin,
+und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
+
+Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle
+und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war.
+Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und
+dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte
+Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften
+Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein
+paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges
+Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und
+verbarg die braune angeräucherte Decke.
+
+Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen,
+roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah,
+trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die
+Wäsche schon?“
+
+„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
+
+Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von
+spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und
+hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von
+Bart herauskam.
+
+„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er
+und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen
+wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein,
+oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den
+Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch
+Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich
+die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem
+Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
+
+„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“
+
+Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und
+sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
+
+„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens
+chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter
+Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“
+
+„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
+
+„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie.
+Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“
+
+„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun
+auf deutsch.
+
+„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus
+der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in
+Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo
+heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette.
+„Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal,
+sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem
+andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de
+Paris_.“
+
+Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch
+italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
+
+„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“
+Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der
+Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.
+
+„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer
+verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern
+sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie
+der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so
+einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo?
+Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im
+Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein,
+zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen,
+Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten
+Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“
+
+Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich
+alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps.
+
+„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch
+und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn.
+
+Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt.
+Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein
+Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag
+wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen
+leicht hindurch.
+
+‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu
+der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer
+nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem
+kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß
+er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird.
+
+Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne
+bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.
+
+Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so
+etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann!
+
+So kam er zur Plätterin zurück.
+
+„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer
+Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um
+ihr Kinn auf.
+
+Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte
+eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die
+dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten.
+
+„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein
+Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen
+überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich
+in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel.
+Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er
+einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen.
+In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das
+Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an
+die dunkle Bettstelle warf.
+
+„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie
+sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und
+Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als
+sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl,
+ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe
+an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte
+sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie
+Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.
+
+Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten
+Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im
+Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen
+Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der
+verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben
+ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut,
+den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen
+konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger
+werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern
+Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit
+ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und
+flüchtig von ihm los.
+
+Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von
+der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres
+sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr
+Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen,
+verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin
+und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die
+sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen
+entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes
+Sichhinhalten.
+
+Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die
+Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner
+Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau
+ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran.
+
+„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den
+Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem
+feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie.
+Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen
+spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja
+eine Frau!‘
+
+„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich
+erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren
+Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit
+und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund
+kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf
+die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen,
+weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm
+und dankbar.
+
+ * * * * *
+
+In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten.
+Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten
+Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit
+zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu
+seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten
+Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von
+körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder
+wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper
+widerstandsfähiger werden.
+
+Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der
+Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen
+Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts
+blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist
+hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten
+und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den
+Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre
+verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn
+sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig,
+welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen
+Auftritten zuschauten.
+
+So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten
+Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er
+fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen
+Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das
+Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit
+mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag
+rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle
+Sympathie des Wirtes.
+
+Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte
+Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen
+Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der
+Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht,
+zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen
+waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie
+dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige
+Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und
+die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis
+das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr.
+
+Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen
+zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen
+der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte
+in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer
+gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese
+Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die
+kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett
+hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und
+Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen
+Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken
+konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt
+und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde,
+Flucht.
+
+Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die
+ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den
+Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten
+sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die
+Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.
+
+Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen
+Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund
+zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus
+seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst.
+
+Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine
+Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer
+ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen
+Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje
+putzte sich dann kokett und angestrengt auf.
+
+„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich
+bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche.
+
+„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den
+Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen
+Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann.
+
+„Und nun rate, von wem?“
+
+Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“
+
+„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat sie
+geschickt.“
+
+„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend.
+
+„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“
+
+Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; die Fächer der
+Fältlein zerrten sich auseinander und blieben auf einmal stehen, und der
+Glanz ihrer großen dunklen Augen schimmerte lauernd und kalt entzündet
+gegen ihn auf.
+
+Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und ihr Körper
+schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. Das Gesicht war aus dem
+Licht der Lampe heraus, aber die Augenbrauen beherrschten es um so
+schwerer und aufregender. Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist
+eindringen. ‚Was kam nun wieder?‘ fragte er sich.
+
+„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich.
+
+„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger voll haben,
+an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht den ganzen Tag hinterm
+Fenster zu schauen, und wenn ich ausgehe, kommt er immer in die Türe.
+Und hier den Schal hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal
+weiß, wie sein Name ist.“
+
+Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte mit seinem
+ohnmächtigen Blick: „Alientje!“
+
+Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig
+hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte ihren
+ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem Körper. Sie
+biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es zitternd in ihr über:
+„Liebst du mich denn?“ und ihr Atem schlug ihn an. „Du bist so schön und
+stark! Liebst du mich?“ flüsterte sie.
+
+Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje von andern
+Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, daß der Hausherr
+allein zu Hause war und sich unter den freigebigsten Versprechen
+begehrlich zu nähern versucht hatte. Bald war es irgendeiner auf der
+Straße. Ein starker junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann,
+der ihr bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg
+angetroffen wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. Oh, und
+es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche Männer. Sie reizte
+sich und Baptist mit diesen Erzählungen, die sie mit allen kleinen
+greifbaren Einzelheiten ausstattete und sprang aus ihnen unmittelbar in
+die Liebesausbrüche, mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte.
+
+Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und der
+instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. Er
+wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, primitive Angst zu
+verlieren. Das Leben glitschte ihm wie ein Fisch durch die Hand. Er
+hatte es erlebt, wie die Schwelle unversehens unter seinen Füßen
+weggewichen war, als er schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu
+sein. Der Boden rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit
+dem neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun wieder
+Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen
+Vagabunden – das Versinken ins Moor des unglückselig haltlosen Lebens.
+
+Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes
+Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden Männer, die er
+als Agenten seines unglückseligen Schicksals ansah, immer mit
+Geschenken, und der Gedanke hackte sich in ihm fest, daß er mit
+Geschenken die böse Macht, die sich wieder näherte, versöhnen und
+entfernen konnte. Er begann mit fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie
+er mehr Geld bekommen könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die
+über ihm lag.
+
+Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, sah er, daß an
+einem Tisch ein paar Leute miteinander in Streit zu kommen begannen. Da
+fühlte er es brutal und gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er
+hatte die unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen,
+den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen Frucht
+am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln und selber
+blind zuzuschlagen. Dann malte er sich aus, wie ein einziger Fausthieb
+gut gezielt treffen würde, was für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese
+Vorstellungen bekamen etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige
+Brutalität, die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals
+in seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem
+Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese Hunde von Männern
+hinwürgen, diese Straßenkavaliere ...
+
+Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als Hasenklever
+herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie sich mal rasch auf, die
+Wäsche von der Veroken holen. Das ist ganz vergessen worden und es ist
+schon dunkel. Die wird bald zumachen.“
+
+Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, daß sie
+bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht unbeteiligt
+war. Und so war mit einem Schlag über dem Gläserspülen das Dulden in
+Leidenschaft umgeschlagen.
+
+Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje hatte den
+Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel noch nicht
+umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist plötzlich sah.
+Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen Winkel gezackt und die Augen
+schauten in ihrem kühlen Glanz wie mit einem kalten Fieber. „Was willst
+du denn?“ fragte sie unsicher und mürrisch.
+
+Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, gewann sie
+im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand schon bereit. Sie machte
+emsig herum, drückte ihn Baptist eilfertig in die Arme: „Na, denn
+schnell, wenn Herr Hasenklever es braucht; denn schnell!“
+
+Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, kamen ihm
+alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje gerade bereitet, zum
+klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, versponn sie schnell zu
+Vermutungen und im Nu fiel ein ganzes schweres Netz verbrennender
+Verdächtigungen auf ihn nieder.
+
+‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und wußte
+nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal auf den St.
+Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben liegen. Die Fenster des
+ersten Stockwerks waren dunkel. Er schaute zufällig zuerst dort hinauf
+und gleich saß, wie mit einem kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch
+gerissen wird, der Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts
+aus, lief über den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle
+Flurtüre, eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den
+Wäschekorb ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt
+zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank,
+griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. Er knüllte ihn
+in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber im Nu war Baptist wieder auf
+der Treppe, auf der Straße und ging durch die Wirtshaustüre in die
+Schenkstube.
+
+„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, da!“ und
+stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab er ihm den Gläserschrubber
+und löste seine Tochter an den Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller
+Gäste. An dem Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle
+umschlungen und sangen:
+
+ „Brüderlich verei...ei...eint,
+ Seg’ln wir in die Wä...ä...lt,
+ Matrosen, hipp, hipp, hurra!“
+
+„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas in der Hand,
+daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen Blick herüber. „Die
+Scherben unter den Tisch werfen!“ rief er. Baptist schleuderte sie hin,
+daß sie in Splitter zerknallten. „Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne
+hinzuschauen und strich den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s
+Alientje nicht freundlich?“
+
+Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und verbohrt. Er
+arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, um die Gedanken
+hintanzuhalten. Die stauten sich hoch und gefährlich wie zu einem
+niederschmetternden Wirbel bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben
+vollbracht hatte. Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in
+die Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. Erst
+wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung mit der
+klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über ihn gefallen, und eine
+marternde Scham begann sich in ihm einzunisten. Aber in einem Augenblick
+schlug die Angst um die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit
+einer gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er dann in
+die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett ausgestellt war, vor
+dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen Worten angehalten hatte. Es
+kostete gerade fünfzig Franken, wie auf einem großen Schild zu lesen
+war. Baptist trat in den Laden und ließ es einpacken.
+
+„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber ich mache Sie
+darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr wegkommt, weil Sonntag ist.“
+
+„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann ging er rasch über
+die Straßen, den Karton unterm Arm, zu Alientjes Wohnung.
+
+„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen auf
+den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung ein und kam
+auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube und drückte ihre Lippen lang
+und hart auf seinen Mund, noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton
+abzulegen.
+
+„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu.
+
+Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. „Baptist!
+Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! Wie schön ist das!“ und
+sie küßte ihn mit einer lärmenden Wucht.
+
+Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude.
+
+Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich
+schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern abgeben!“
+
+Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete sie, „Die
+schaden dir nichts!“
+
+„Doch!“ rief er brutal und herrisch.
+
+Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern und zog sich an
+ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen Leib und die Augenbrauen
+standen wie gezückt.
+
+„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. „Das reizt
+mich ja nur mehr zu dir!“
+
+Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte sie ihn an,
+„noch fester!“
+
+Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube saß und der Wirt
+nach dem Abendessen Bücher und Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte
+Baptist, daß er kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle
+Muskeln angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in diesem
+Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand seiner Tat
+gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die Kriegserklärung des
+nachbarlichen Feindes.
+
+Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt zog einen Strich
+und aus seinem Bart kam mit halblauter Stimme eine Zahl:
+fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er dann unter den Strich und
+setzte eine Summe davor. Er überrechnete noch einmal und nickte zum
+Schluß mit dem Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte
+und mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt
+widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit sich die
+Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig Franken,
+fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in das Buch. Er
+schüttelte den Kopf und begann von neuem zu zählen. „Hol mich der
+Deibel!“ rief er, als er fertig war, „Zählen Sie mal dieses Geld,
+Baptist!“ Hasenklever stand auf und zog Baptist auf seinen Platz.
+
+„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem er gezählt
+hatte.
+
+„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das nach!“ Hasenklever
+schob ihm das Geschäftsbuch hin, und Baptist bestätigte, daß die
+Rechnung stimmte.
+
+„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever.
+
+„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den Geldhaufen und
+auf die Zahl hinter Summa zeigte.
+
+„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief Hasenklever
+aufgeregt.
+
+Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen Sie mich?“
+
+„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst täte ich hier
+nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben Sie nicht mal was bemerkt,
+so irgend etwas Verdächtiges?“
+
+Baptist schien nachzusinnen.
+
+„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, da ist
+schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie Ihre Türen immer gut
+ab?“ fragte er dann, als habe er einen Einfall.
+
+„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt.
+
+„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“
+
+Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich schenk’ einem
+fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen lassen. Man will
+doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im eigenen Haus in jedem Zimmer
+haben.“
+
+„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete Baptist
+überlegen.
+
+„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever zum Schluß.
+
+Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje ging, setzte er
+mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in der er sich droben in der
+Stube so sicher gefühlt hatte, für sich fort. „O ja!“ sagte er sich
+schließlich, „ich bin weit voran, das ist schon der richtige Weg!“
+
+Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der Schlüssel
+nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab und kam immer
+wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, dann hieb er einen
+ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, immer vergeblich.
+
+Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern.
+Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm,
+durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der
+Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit
+einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen
+aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und
+wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu
+gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte.
+
+Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des
+Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend
+änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße
+erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden
+Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die
+erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei
+Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an
+der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den
+Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der
+Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen
+saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als
+schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein,
+ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in
+verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur
+immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der
+Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
+
+Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten,
+zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten
+und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine
+Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen.
+Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle
+Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes
+schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm
+weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter
+eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote
+Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng
+gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht
+war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter
+Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie
+aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah,
+war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre
+Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer
+heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf
+einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem
+linken Arm fest an ihren Busen.
+
+„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in
+seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
+
+Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den
+geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus
+Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn
+zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit
+umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines
+Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um
+ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
+
+In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte
+Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste
+Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch.
+
+„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
+
+„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände
+hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es
+abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er
+nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl
+und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
+
+„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und
+drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen.
+
+„Wer?“ fragte Baptist rauh.
+
+„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
+
+Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie
+kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“
+
+Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“
+
+„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. „Ja, das
+wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf alle Wochentage hat sie
+einen andern. Ja, ihr Mann war ihr in den Kongo davongelaufen, das wird
+ihr jetzt noch lange nicht recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich
+sag Ihnen, das ist eine ...“
+
+Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“
+
+Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann machte sie ein
+beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn aufgerollt war,
+verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang von Baptists Händen
+abzuwickeln und zog sich abweisend zu ihrem Kanevas zurück, auf das sie
+Rosen mit grünen Blättern stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander
+getrennt.
+
+Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete ihm kaum. Er
+legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten sich schwer in ihm, wie
+Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach.
+
+„Und das gestohlene Geld!“
+
+Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. Baptist warf
+sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen Bett umher. Er dachte
+gleich an die Diebstähle, denen er sich im Hause seines Vaters nicht
+hatte entziehen können. Die Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen
+hatte, entwichen seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung
+jener Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein
+Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher,
+Verkommener.
+
+Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den Betrug der
+Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger werden. Einmal
+in einem solchen Augenblick der schrecklichen Stunden sagte er dann mit
+lauter Stimme in hartsinniger Grausamkeit gegen sich selbst und sah
+dabei den Schimmer einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle
+mich dem Gericht!“
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+
+Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der
+Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches
+vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte,
+waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die
+Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf
+den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie
+mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den
+morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen
+Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging,
+in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen,
+der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es
+war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer
+Scham und einer weglosen Verzweiflung.
+
+Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die
+große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit.
+Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie
+ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den
+Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren
+wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin?
+hieß dieser stumme kleine Schritt.
+
+„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
+
+Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’
+rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
+
+Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes,
+graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er
+klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die
+Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war
+verschlossen.
+
+Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
+
+„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz
+seiner abgeknapperten Sprechweise.
+
+Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die
+Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um
+zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner
+dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu
+stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der
+finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten
+hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer
+getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der
+verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten
+verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war
+auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu.
+Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt.
+Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre
+hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang
+merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße
+auf ihn zukam.
+
+Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine
+zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er,
+daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
+
+Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er
+sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht.
+Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise
+wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf
+sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über
+sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
+
+Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er
+Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das
+Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte
+seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße
+zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal
+aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten
+hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
+
+Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge
+Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch
+erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das
+Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte
+Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das
+ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie
+er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen
+Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen
+steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich
+der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist
+was Feines!“
+
+Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt
+und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht
+ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch
+und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie
+ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte
+es heraus: „Es ist meine Schwester!“
+
+Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas
+fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb
+sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine
+Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte
+er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und
+schließlich hatte er’s gefunden.
+
+„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer
+geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich
+reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
+
+Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’
+ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube
+holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein
+Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein
+wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins
+Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und
+sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“
+sagte Hasenklever bestimmt.
+
+Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den
+Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre
+gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn
+erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das
+Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar
+versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
+
+Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann
+Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste
+Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre
+fünfzig Franken gestohlen!“
+
+Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er
+drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem
+Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein.
+„Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam
+heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen
+heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff.
+Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine
+schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen
+Druckes braucht, um loszurasen.
+
+Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“
+
+Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß
+und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um
+mich zu stellen deswegen.“
+
+So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich
+und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem
+schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem
+Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie
+zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel.
+Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den
+Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte
+Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen
+„Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm,
+wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“
+
+Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte
+um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und
+wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas
+scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine
+seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit
+wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das
+denn nu auch ganz gewiß?“
+
+Baptist winkte: „Ja.“
+
+„Wo ist denn das Geld?“
+
+„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu.
+
+Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
+
+Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen
+sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s
+denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen
+Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der
+Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den
+Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht.
+
+„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
+
+„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht
+kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder
+vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden,
+dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er
+meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“
+
+Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf.
+„Nein“, sagte er erregt.
+
+„Ja, was nun wieder: nein!“
+
+„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht
+dagewesen!“
+
+Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen
+Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte,
+faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze
+hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so
+zu plagen!“
+
+Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß
+er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne
+um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines
+Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er
+wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine
+Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten
+glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine
+sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den
+Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse
+in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und
+er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit
+erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „_Die_ Schmach geht ja
+nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das
+ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge
+sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal
+auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und
+ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“
+
+Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in
+Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden!
+Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt
+hinaus!
+
+„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab
+ihm die Hand und versprach zu helfen.
+
+„Heut noch!“ bestand Baptist.
+
+„Gut denn!“
+
+Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus.
+Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als
+sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff
+‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“
+
+Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
+
+„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
+
+Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm
+erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
+
+„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte
+ungeduldig ein.
+
+Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem
+Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an.
+Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn,
+nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine
+Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
+
+„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte,
+während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich
+verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort
+nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
+
+Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half
+ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann
+mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort
+zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten
+Weines heraufholen.
+
+„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die
+mit am Tisch saß.
+
+„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
+
+„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem
+milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von
+„Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo
+er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte
+ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch
+in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen
+Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern
+Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist
+nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem
+Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am
+Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
+
+Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon
+auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft
+verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt
+das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an
+seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde;
+daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die
+dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das
+allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende
+vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser
+letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die
+Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein
+kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine
+liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem
+sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich
+nicht.
+
+Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten
+Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt
+herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte
+Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“
+rief er.
+
+Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne
+dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber
+er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen
+hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der
+Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und
+Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater
+Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein
+getrunken hatte.
+
+Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne
+umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte:
+„Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei
+still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers
+bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein
+anderes Geschick hier an Land bringt!“
+
+Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg
+und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als
+Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an
+Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem
+Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm
+Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie
+unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“
+schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat
+hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den
+Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei
+Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er
+sei als Kohlenzieher angeheuert.
+
+Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte
+über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe
+Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch
+g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief
+er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und
+mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr
+Obermaschinist, ein Trimmer!“
+
+Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran.
+Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff,
+er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll,
+tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier
+die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe
+klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt
+und was Sie wollen!“
+
+„Danke!“ antwortete Baptist.
+
+Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst
+in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei
+übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne
+Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein.
+Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren.
+Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den
+Arbeitsanzug anlegen.
+
+Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen
+Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von
+Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in
+dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah.
+Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten
+Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren
+auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten
+hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und
+kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer
+und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften
+zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen,
+schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden
+Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und
+Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend
+erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend
+heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der
+Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif
+zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf
+begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists
+Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden
+Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
+
+Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis
+drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm
+heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein
+kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum
+schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in
+einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer
+erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die
+Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses
+Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren
+hinauf geschaufelt.
+
+Das war alles.
+
+„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das
+prasselnde Fallen hörte auf.
+
+Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen.
+Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
+
+Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe
+knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem
+Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers,
+weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm
+um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun
+abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den
+niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich,
+bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen
+Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen.
+Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse
+einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf
+seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des
+Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der
+Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen,
+das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist
+nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht
+ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war
+der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
+
+Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine
+Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
+
+Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme
+wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die
+Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen
+Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
+
+Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine
+Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine
+Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen
+Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus
+dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt,
+als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald
+jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte
+Aufmerksamkeit spannte ab.
+
+Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben
+und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem
+stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das
+sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein
+starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr.
+Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm
+seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine
+schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen
+stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm
+der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer
+unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf
+einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
+
+Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale
+Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein
+geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei
+kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten
+Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen
+aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur
+Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine
+wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug?
+Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
+
+Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er
+erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was
+er sagte: „Nein!“
+
+„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ
+er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter
+Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du
+Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend
+...? Hö?!“
+
+Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“
+
+Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er
+fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte
+Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen
+gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine
+Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot
+in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre
+Betten auf.
+
+„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich
+auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der
+Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen
+Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war
+dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager
+schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die
+Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der
+Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden,
+dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie
+Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt.
+
+Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“
+
+Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
+
+Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs
+Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und
+Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese
+Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so
+führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und
+Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin
+aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber
+gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr
+anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich
+drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses
+Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen,
+nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß
+laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt.
+Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend
+Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ...
+tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
+
+Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht
+mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten
+Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort,
+so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf
+einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein
+wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm
+die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender
+Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die
+tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die
+hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen
+Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich
+lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
+
+Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den
+Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein
+Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief
+in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam,
+wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf
+dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo
+dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig
+ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten
+mußte.
+
+Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb
+Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend
+dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten
+Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen.
+„Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
+
+Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum
+hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte
+Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
+
+„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn,
+ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich
+ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was
+ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen
+und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu
+fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein
+Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie
+eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber
+wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem –
+ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die
+Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der
+Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle
+Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird
+wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man
+gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und
+des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um
+ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
+
+Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der
+Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben
+schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die
+Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte
+ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen
+heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe
+zur Hand.
+
+Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und
+Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke
+jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der
+Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes
+Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das
+dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer
+kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener
+Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
+
+„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends
+Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln,
+schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die!
+Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
+
+Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte
+Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum
+fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und
+Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber
+blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das
+Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin.
+Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
+
+Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte
+vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre
+Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen
+ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder
+Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit
+trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die
+Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in
+den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes
+trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu
+ertrinken.
+
+So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen
+Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern
+wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses
+Strolches Neuyork entgegen.
+
+Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der
+üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es
+Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er
+wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt
+in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit
+Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten
+und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt
+halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig
+und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose
+Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm,
+als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu
+befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen
+des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht
+besaß.
+
+In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in
+der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es
+gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen
+zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen
+ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte
+hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
+
+„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische
+Küste.“
+
+Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback
+hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann
+schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
+
+„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der
+Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen
+könnte.
+
+„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
+
+„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann
+brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
+
+Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich
+nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum
+ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf
+gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im
+Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei,
+sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine
+ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie
+eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn
+irgendwo in den Fernen stand.
+
+Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse,
+die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen
+konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist
+lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen
+Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen,
+schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und
+schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
+
+Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht
+heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein
+Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
+
+„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr?
+Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander
+wetten? Schlag ein!“
+
+Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber
+Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das
+sagte!“
+
+„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde
+Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und
+die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann
+sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und
+zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
+
+Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In
+Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen
+zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses
+Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
+
+Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine
+Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig,
+flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des
+Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm
+so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm
+nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden
+mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
+
+Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt
+nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber
+er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte
+sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal
+verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der
+Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine
+Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus
+einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel
+sei Dank!“
+
+
+
+
+ Schluß
+
+
+Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein
+letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen
+Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung
+seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig
+sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu
+führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als
+ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner
+Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der
+Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie
+war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben
+liegen fühlte.
+
+Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die
+entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte
+dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er
+aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die
+Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den
+zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine
+der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten
+sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten
+und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die
+die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die
+schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es
+aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen
+die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie
+ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her,
+schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten,
+wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf
+der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke
+wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden
+Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die
+rasende, zerfetzte Ungeduld.
+
+Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den
+Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom
+dorthinaus. Wohin?
+
+Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer
+Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der
+Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen
+Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie
+einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den
+Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den
+eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist
+riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last
+vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist
+stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in
+seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses
+Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu
+solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des
+Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte,
+wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er
+spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.
+
+Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt
+überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche
+der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka
+hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume
+hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der
+Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie
+war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden,
+den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt
+erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen
+Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von
+erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den
+Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an,
+und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden
+zu überbrüllen.
+
+Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit
+dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er
+glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher
+Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig
+erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du
+treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz
+gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und
+jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in
+ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt
+gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann
+sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die
+Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und
+Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn
+wirbelnd voll Todesgedanken.
+
+Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über
+Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben,
+verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit
+Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen,
+die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren.
+Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben
+sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte
+hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben
+mußte.
+
+Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der
+Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger
+auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit
+überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...
+
+Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen
+die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ...
+Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien
+eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper
+mit Dolchstichen zerfleischt ...“
+
+Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen
+erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine
+Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als
+Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und
+auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen.
+Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein
+Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern
+hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich
+zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte
+sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die
+Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles
+Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und
+her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die
+Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen,
+Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig
+gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“
+
+Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der
+Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter
+ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor
+sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ...
+Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine
+unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der
+dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch
+umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und
+wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr
+der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur
+ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem
+Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur
+mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt.
+
+Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der
+Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein
+noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die
+er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte.
+
+„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern
+blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei
+der Sie sich mehr ausgeben können!“
+
+Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was
+gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen
+Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“
+
+Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“
+
+Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“
+
+Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme:
+„Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die
+Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann.
+Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt
+fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner
+Ursache diesem Gesetz entzieht.“
+
+Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“
+Darauf ging er weg.
+
+Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich
+das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in
+der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen
+Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes
+Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles,
+etwas Ängstliches, ein Rätsel.
+
+Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an
+und brach das Kuvert auf. Er las:
+
+„Lieber Bruder!
+
+Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht
+hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief
+zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu
+sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir
+brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so,
+wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so
+kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so
+muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum.
+Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel
+heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen
+so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich
+es nicht?
+
+Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber
+lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute
+so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen
+gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen
+Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand,
+als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft
+gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer
+machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich
+wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet
+zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken.
+
+Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei
+nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war.
+Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute
+verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern
+daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein
+klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der
+Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner
+Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien
+ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat,
+die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder
+nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin
+zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf
+dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.
+
+Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies
+schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen
+Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen
+den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze
+zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch
+schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit
+ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich
+nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.
+
+Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die
+Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht
+nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir
+den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so
+tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den
+lieben Bruder.
+
+ Jeanne.“
+
+Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in
+die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen
+und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf
+den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende
+von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter
+Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten
+arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht
+zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod
+der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles
+grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen.
+Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht
+nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen,
+wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen.
+
+Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam
+die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den
+Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes
+Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf,
+die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die
+Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in
+diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit
+einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land
+zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er
+weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich
+dann betäubt ins Bett.
+
+Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und
+fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und
+stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an
+das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr
+letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund,
+daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die
+Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war
+gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner
+Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die
+Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der
+mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.
+
+Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß
+er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht
+allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die
+Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war
+liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an,
+der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn
+frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas
+Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der
+Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf
+einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb.
+Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden,
+dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und
+Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit
+zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.
+
+„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt
+auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs
+und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken
+konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der
+einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht
+glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen
+Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen
+schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die
+doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die
+schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.
+
+Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg
+einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht
+und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und
+Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das
+Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem
+Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle,
+dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen
+... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In
+welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur?
+Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf.
+
+Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen
+großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens.
+
+Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in
+ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack
+deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht
+hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen
+Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben,
+das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das
+Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem
+Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in
+dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der
+Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse
+drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die
+Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.
+
+Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein
+kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen,
+daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die
+Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum
+erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte,
+seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo
+sein Platz leer war und wartete.
+
+Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung
+überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes
+Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk
+zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben
+beginnen.
+
+So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die
+Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der
+deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen
+wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten
+verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere.
+
+
+ Ende
+
+
+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+ Zweiter Jahrgang
+ (Oktober 1909-September 1910)
+
+ 1. Bd. Hermann Hesse, Unterm Rad
+ 2. Bd. Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau
+ 3. Bd. Theodor Fontane, Cecile
+ 4. Bd. Herman Bang, Am Wege
+ 5. Bd. Norbert Jacques, Der Hafen
+ 6. Bd. Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit
+ 7. Bd. Emil Strauß, Der Engelwirt
+ 8. Bd. Peter Nansen, Julies Tagebuch
+ 9. Bd. Felix Salten, Olga Frohgemuth
+ 10. Bd. Ruth Waldstetter, Die Wahl
+ 11. Bd. Hans von Kahlenberg, Eva Sehring
+ 12. Bd. Johan Bojer, Unser Reich
+
+ Jeden Monat erscheint ein Band
+
+
+
+
+ Im gleichen Verlage ist erschienen:
+
+ Norbert Jacques: Funchal
+
+ Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M.
+
+Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von einem Buche
+rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. Ein zarter,
+vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine wohlklingende Sprache
+geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt zuweilen in der Bibel zu
+lesen, von so knapper, schlichter Größe sind einzelne Stellen; so die
+Begegnung Thos und Margarethes am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und
+die Wanderschaft Thos.
+
+In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht ein fremdes
+Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift Funchal und ein kleines
+Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der Knabe wird in der Familie des
+alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, ein Kuckuck im fremden Nest. Mit
+siebzehn Jahren wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen
+Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. Er
+hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, und beschließt, sie,
+die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht fort über Dünen und
+Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen kargen Lohn und kehrt im
+Winter wieder heim nach Klitby. So treibt er es durch die Jahre. Nie
+kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr packt ihn das Heimatfieber, er knüpft
+sein Bündel, wandert ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal
+zu finden, und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er
+Margarethe, Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum Vater,
+verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht aber steht vor
+seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen Bergen und die Sehnsucht
+seines Lebens ...
+
+Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat in dieser
+Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, fremde
+Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, irrt unstet und
+von seinem Heimweh geplagt umher, und als er müde das Suchen aufgibt,
+lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind.
+
+Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen
+Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend redet
+sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine Stätte
+hat.
+
+ (Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“)
+
+
+ Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 20]:
+ ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich sich
+ straffen, daß ...
+ ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich straffen,
+ daß ...
+
+ [S. 129]:
+ ... glänzenden Augen dunkler und inniger werden an seinen ...
+ ... glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen ...
+
+ [S. 172]:
+ ... Dir in die Welt nachschicke. Aber ich habe die Hoffnung, daß ...
+ ... Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***