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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***
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+ Der Hafen
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+ Roman von
+ Norbert Jacques
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+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
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+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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+ „Und solang du das nicht hast,
+ Dieses: Stirb und werde!
+ Bist du nur ein trüber Gast
+ Auf der dunkeln Erde.“
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+ Westöstlicher Diwan.
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+ Erstes Kapitel
+
+
+Es war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der schwerfällig
+melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf in Pluderhosen und Blusen, in
+Bauschröckchen und engen Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme
+kamen, und an den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif,
+ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die Leute sich
+schwermütig hin und her und setzten auf einmal mit einem trommelnden
+Auftakt alle Holzpantinen, melodisch und kurz hintereinander
+niederklappernd, daß es wie ein Wirbel klang, auf das Pflaster, während
+ein junges Liebespaar still glücklich herauskreiste. Und gleich wieder
+schloß sich alles im Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper
+Bewegungen zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, wie ein neutraler
+Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft zurückhielt, obschon es
+wußte, daß es Meister sein könnte über alles.
+
+Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck auf dem Flügel.
+
+Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die zwischen Flügel
+und Wand geklemmt war. Er lag auf den Rücken gestreckt, bequem und
+aufgelöst, schützte mit der linken Hand seine Augen vor der elektrischen
+Hängelampe und schlug, so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im
+Flügel erklang, mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt,
+den Takt. Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie
+schwermütige Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können,
+einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren süßen,
+traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung eines einsamen
+Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden Salzes ging, das Leib und
+Seele reinigte. Körperliche und innere Schönheit wurden schlank und
+plastisch herausgearbeitet. Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den
+Händen auf dem Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene
+Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte jede
+Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle Herzen.
+
+Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung um
+die Melodie, die Jeanne mit warmen Regungen aus der Harfe des Flügels
+holte. Sie wurde aufgescheucht, als sich plötzlich, wie unter einem
+heimlichen Stoß, die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf
+hinfuhren, durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt,
+sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ die Klinke
+nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen Sohn, zog die Türe
+wieder zu und die Geschwister hörten ihn im Flur davongehn.
+
+„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich.
+
+Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell gewechselt. Sie
+spielte eine „Chansonette sans paroles“ des Belgiers Lekeu. Es ging wie
+in zarten Ringeln, mit sauberer, klarer Süßigkeit immer rundum, ein
+zärtliches Tänzchen verliebter Jungmenschlein.
+
+Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt unter seinen
+Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun auf einmal unter einem
+Sessel heraus, buckelte sich um die Beine des Flügels, aalte um Jeannes
+Schuhe herum und sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es
+schnurrend und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen
+mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen Schnäuzlein und
+weißen Samtpantoffeln.
+
+„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte.
+
+Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von Baptist eingeschmiegt
+und sang vor lauter Behaglichkeit. Es spielte mit den weißen Schuhen
+seiner Pfötchen an den dunklen Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett
+herum, schlug mit leise gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es
+neckten, und es war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob
+es noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem
+eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels schnellte und
+erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen Pfoten aufklangen.
+
+„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen gibt, wie das
+Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren Willen auf, und wir glauben,
+sie stehn unter unserm. Sie buckeln sich schnurrend mit schlanker
+Zartheit über die Widerstände hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und
+sind so leise darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und
+spielerisch. Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“
+
+Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu spielen. Dann
+sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen gibt. Und wenn, dann
+taugen sie eben nichts!“
+
+„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“
+
+Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie verliebt mit
+dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich um ihren Nacken
+schlang und eitel Graziosität war.
+
+Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und die Chansonette sans
+paroles von neuem begonnen.
+
+„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören.
+
+„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, ob das Stück
+oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in irgendein Nachsinnen
+verloren hatte.
+
+„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich,
+aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß auch oberflächliche
+und sentimentale Gefühle, die in einem stecken und die dieses Lied so
+leicht in sich aufnehmen!“
+
+„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul.
+
+„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“
+
+„Ich liege viel zu gut!“
+
+„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“
+
+Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper wohlgenährt,
+weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb genierte er sich
+ein bißchen vor seiner schlanken Schwester, die mit einer sehnigen,
+großen und freien Linie leicht über das Griffbrett des Flügels geneigt
+saß.
+
+„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal geärgert.
+„Wir müßten leichtere Speisen bekommen und keinen Wein über Tisch
+trinken. Schweinemast!“
+
+Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit sich, mit einem
+flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu nehmen und sich im Spielen in
+den Hüften zu wiegen. Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner
+gemästeten Körperlichkeit.
+
+Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes Haar trieb
+kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und zart gerundete
+Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das hinter ihrem Kopf stand,
+quoll mit goldigem Leuchten in diese Löckchen, entzündete sie zu einem
+lieblichen, dunkelblumigen Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt
+schien.
+
+Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah er in dem großen
+Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht voll und weich in den Wust
+schwarzer Haare eingeschlossen. Er war unzufrieden damit und er legte
+den Kopf so, daß er nicht mehr im Spiegel stand.
+
+Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen, mit sentimentalem
+Aufruhr in ihm.
+
+Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei.
+
+Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch zu schaffen, auf
+dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie er es mochte. Er öffnete
+die Kisten. Das Kätzchen sprang unter dem Tisch hervor und schlang sich
+schmeichelnd um die Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß
+ungeduldig weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die Türe auf
+und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun! Das ganze Haus voll
+solcher Existenzen!“
+
+Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon.
+
+„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und lächelte schalkhaft
+für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht einmal nach ihr um. Er trat
+wieder an die Zigarrenkisten heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt
+von zweien und zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete
+die beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf.
+
+Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn und verschwand
+wieder durch die Türe.
+
+Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist: „Wie hat er
+unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast du gesehen? Er hat
+wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“
+
+„Ach, Battist!“
+
+Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige heftig, als
+wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen Ausbruch ihres Gefühls
+übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr die Worte versagten.
+
+„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte die
+Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich bald in eine
+Melodie auflösten.
+
+„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“
+
+Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa wieder nach Katzen
+stinkt! Scheußlich!“
+
+„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb. Jetzt bist du
+auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“
+
+Baptist lächelte.
+
+Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst du heut abend
+zur Schobermesse?“
+
+„Ja!“
+
+„Papa wird es dir verbieten!“
+
+„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“
+
+„Dann gehst du heimlich?“
+
+„Natürlich!“
+
+„Hast du das schon einmal getan?“
+
+„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“
+
+Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen, die wie glänzend
+schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem schmalweichen Gesicht saßen
+und trotz ihres entschiedenen Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen
+Ausdruck an, unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie
+schaute angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte
+sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl in ihr
+auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur den
+Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche Pflanzen,
+ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken, für Bienen, für Vögel, für
+Schmetterlinge, ohne sichtbaren Zweck ...
+
+Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das mit so
+prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte es Liebe. Es
+machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren Bruder ganz mit ihm,
+hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre Mutter nicht kennen gelernt
+hatte, blühte auf in einer großen mütterlichen Güte. Sie war zwanzig
+Jahre alt und wußte, was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an
+einen Mann verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem
+großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden sollte,
+wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind erwartet, um alle
+Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen und rühren zu lassen.
+
+Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder sprechen?
+Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie sich wohl, und das war
+ein Wunsch, den sie voll Leid und Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung
+sie wie ein Wunder erwartete ... Sie hatte niemand Vertrautes in der
+kleinen Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in dem
+engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt.
+
+Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes am Klavier sah,
+dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an die weiche Weiblichkeit
+seiner großen Schwester flüchten zu können, als die Schwester von ihm
+fern in den Pensionaten in Frankreich und England aufwuchs und er so
+allein all die kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen
+sah. Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde sie ihm
+eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne daß man gebe. Man
+werde sich nicht berühren, und die Luft um einen übermittele die
+zartesten Regungen. Jeanne könne die enge Heimat Luxemburgs zu einer
+großen Welt auseinanderdehnen ... Und nun war sie schon seit zwei Jahren
+wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von Qualen und
+Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten Wünschen und
+törichten Sünden geblieben; und er hatte niemals auch nur mit einem
+Wörtchen Jeanne dorthinunter gewiesen, wo das alles schmerzvoll und
+unerlöst umherging.
+
+Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber aufsprießend,
+trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander in sich herum, und
+das war für beide so groß, schön und traurig, daß sie immer von neuem
+scheuten, Licht hinter sich zu machen.
+
+Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen
+entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen wäre. Aber die
+letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch fest. Baptist blieb bei sich
+allein und dachte sich nur in heißem Schwelgen die vielen edeln und
+vollen Möglichkeiten und Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz
+anderswohin zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die
+einmal, sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen müßten.
+Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins Jeannes erkannte,
+das verband ihn unlösbar der Schwester.
+
+So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem Kummer und halb aus
+schönem und edlem Bewußtsein gemischt. Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln
+im Boden zärtlich die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder
+für sich ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und richteten
+sich doch jeder frei sich selber.
+
+Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das Gespräch dahin zu
+wenden, worum ihre Gedanken den ganzen Abend sprangen. Sie fürchtete,
+weil sie nicht wußte, in welcher Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau
+saß, von der sie gerne gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis
+nach Kritik ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt
+und rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die etwas
+fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“
+
+„Wer?“ fragte Baptist.
+
+Da nahm ihr Mut einen Anlauf.
+
+„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“
+
+Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete nichts. Die
+Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht entfallen lassen.
+
+„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle auf der
+Schobermesse!“ behauptete sie sich.
+
+„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der gerade
+großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura noch nicht
+gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn hinter sich zu legen
+pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich überzeugt hast, den
+ganzen Tag und die halbe Nacht in Sinus’ und Tangenten, Cäsar und
+Xenophon, Racine und Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer
+Kräfte. Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine
+italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“
+
+„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“
+
+„Nein!“
+
+„Wo gehst du denn hin, Battist?“
+
+„Zu der mit den großen Händen.“
+
+„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne, und die Wut stieß sie
+davon.
+
+„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd.
+
+„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“
+
+„Ach!“
+
+„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden, kalten Blick
+ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun fürchtete sie, ihm
+wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher Angst: „Liebst du sie
+denn, Battist?“
+
+Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er gab seinen
+Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war: „Ach nein, ich lieb sie
+ja wohl nicht. Aber ... zum Henker, aber, aber, aber ... hundertmal
+hintereinander: aber!“
+
+„Ich versteh dich nicht.“
+
+„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid zum Anfassen,
+wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht. Ich weiß nicht. Ich
+kann’s nicht sagen.“
+
+Er stand auf und küßte seine Schwester.
+
+„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann ist mir, als sähe
+ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still unter dem Boden der
+Erscheinung. Der andere, der mit dem Leib, geht sichtbar oben. Aber ich
+bin doch natürlich keiner, der das dann so genau sezieren und
+kontrollieren kann. Sag’ doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es
+muß doch nicht immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach
+Hygiene und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon kommt
+sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft in einem
+verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines Leibes nicht mehr
+hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“
+
+Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte. Es war Chopin, bunt
+und zerrissen, schwermütig und voll Glanz. Aber auf einmal klang es jäh
+ab; mitten in der Harmonie blieben die Hände still, drückten sich noch
+mit einem mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um:
+„Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“
+
+Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe.
+
+„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete Baptist. „Dagegen
+bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach einer Weile ernster hinzu.
+
+Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das Haar.
+
+„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes. Alles andere
+ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“
+
+Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist zum
+Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten und öffnete die
+Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem Holz den Stempel Uppmann
+trug.
+
+Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute.
+
+„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“, sagte er. „Wer
+ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts: Das Kleid macht nicht
+den Mönch! so überzeugt, wie er! Groschenzigarren sind Importen, wenn
+sie mit irgendeiner Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen
+und Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute nach dem
+Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden, sind derselben
+luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen sie dann: frommer Betrug
+– und lächeln mild und pfiffig dazu.“
+
+Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging die Türe auf.
+
+Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste hinein.
+
+„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an und klappte
+unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke, du hast in vier Wochen
+Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft im Nichtbestehen von Examen
+aufstellen, daß alle Leute in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen:
+‚Da ist der Vater! Faineant!‘“
+
+„Papa!“ bat Jeanne.
+
+Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte in Baptist
+den passiven Widerstand, mit dem er solche väterliche Anfälle an sich
+vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht der beleidigenden Worte schien ihm
+nun offensichtlich, und diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die
+Erinnerungen an die ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins
+Tragische gesteigert durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er
+seiner Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen
+Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte davon und
+schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe hinter sich zu.
+
+Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt mehr Ketten als
+rasende Hunde!“
+
+Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der Schale der
+väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen.
+
+„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper! Schau lieber, daß du
+einen Mann bekommst!“
+
+Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die Abgewiesenen, die
+sich ihr zu nähern versucht hatten, und schlug mit vollen Händen und
+beleidigter Empörtheit den ersten Akkord, der in die dunkel trächtige
+Melodie einer Beethovenschen Sonate ausfloß.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+
+Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag
+neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das
+Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen
+Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als
+Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.
+
+Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.
+
+„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein.
+„Und das Examen mach ich doch niemals!“
+
+Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen
+auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang
+auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den
+Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu
+sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal
+auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der
+Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.
+
+Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah,
+mußte er laut herauslachen.
+
+„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“
+
+Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das
+zerrissene Buch in den Ofen.
+
+„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert
+dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach.
+
+Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn
+doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis
+nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei
+schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die
+der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß
+alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der
+absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem
+Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen
+eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken
+aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und
+grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur
+Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff,
+Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der
+Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ...
+verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen
+und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden
+mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es
+in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen
+waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern
+vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.
+
+Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten
+zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während
+Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“
+
+Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines
+vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über
+die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der
+Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche
+nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer
+Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück
+fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit
+geben könnte.
+
+Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr
+Battist möchte zum Abendessen kommen!“
+
+Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben,
+und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt,
+eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt
+langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter
+ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif
+geplätteten Schürzenbänder flattern.
+
+Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer
+Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete,
+erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase
+und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux
+etwas beiseite schiebend.
+
+„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was
+machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“
+
+„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher
+aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“
+
+„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine
+Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“
+
+Jeanne zuckte mit den Schultern.
+
+„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt
+auf.
+
+„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“
+
+„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine
+andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“
+
+Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter
+kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester
+vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke,
+der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder.
+
+Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte
+mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter
+sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den
+geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo
+kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht.
+Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die
+Zähne aufeinander.
+
+Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist
+machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich
+an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür
+in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der
+hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das
+war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich
+allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel
+fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten
+Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur
+hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die
+Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn.
+
+Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm,
+das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem
+Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche,
+bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere
+Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten
+heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei
+glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre
+leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie
+blieb auf einmal stehen.
+
+Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde
+eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis,
+als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem
+Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er
+vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den
+Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah
+sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf
+herumgehen.
+
+Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es
+knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb
+verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden
+mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel
+nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.
+
+Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so
+hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu,
+krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem
+Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber
+alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich
+straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart,
+scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte
+wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen
+war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen
+Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure
+Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der
+Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt
+mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter
+Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität
+herniederbückte.
+
+Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die
+Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war
+und gegen die er sich kaum mehr wehrte.
+
+Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über
+die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten
+fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er
+eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit
+schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt.
+Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem
+Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren
+Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus-
+und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf.
+
+Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er
+diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten
+Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis
+und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein,
+heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich
+verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen
+aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren
+erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich
+mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner
+heimlichen, dumpfen Sünden.
+
+Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen
+müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in
+der Ferne bereitet fühlte.
+
+In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie
+ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände
+gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück
+langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter
+schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne,
+kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend,
+verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen.
+Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit
+kaltem Gleichmut überwachen.
+
+Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke
+wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht
+zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche
+aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen
+ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.
+
+Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er
+fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun
+endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit
+zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was
+nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte.
+Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich
+Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie
+liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend
+geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem
+Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie
+uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und
+die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine
+Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen
+abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen
+weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah
+doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen
+wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig
+niedergehen.
+
+„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr
+Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der
+Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist
+doch kein Verlaß!“
+
+Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die
+Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“
+
+Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – was fällt dir ein?“
+
+„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und bestimmt.
+„Das wird jetzt anders!“
+
+Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor sich nieder in
+den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: „Vater gehst du
+heute zur Schobermesse?“ fragte er, obschon er wußte, daß mit der
+wichtigen Regelmäßigkeit der Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in
+kleinen Städten viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen
+Haus die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm nicht. Statt
+dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, sagen Sie der Köchin, daß
+ich nachher mit ihr zu sprechen wünsche. Vorderhand ist der hier noch
+Herr im Haus, und es dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“
+
+Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, warf er
+Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht zur Schobermesse!“
+
+Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob ihren Teller etwas
+von sich. Baptist dachte sich: immer lustig gefressen, das ist auch ein
+Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall hatte ihn erheitert und aus der
+heißgelaufenen Wirrsal seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch
+eine Beschwörungsformel herausgehoben.
+
+Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald ein Ende
+nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer verletzten Fürstin
+den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für diese Bewegung und schloß
+sich ihr an, als sie das Zimmer verließ.
+
+Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die Geschwister gingen
+schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann sagte Baptist lächelnd: „Komm,
+wir wollen lieber noch ein bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich
+mich an den großen Händen freuen geh!“
+
+Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein.
+
+Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du liebst sie nicht?
+Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“
+
+„Hm?“
+
+„Nein, gelt nicht?“
+
+„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht lieben soll?“
+
+„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine Prinzessin oder so
+...“
+
+Baptist lachte.
+
+„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. Das ist ja
+auch vielleicht meistens nicht mehr als wie das Gewöhnliche. Ich meine
+eine, die durch ihre Schönheit und Klugheit eine Prinzessin unter den
+Menschen ist.“
+
+Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das liebe, kleine
+Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr.
+
+„Ja, das mußt du!“ behauptete sie.
+
+Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische Licht an.
+Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem Flügel.
+
+Jeanne schlug die ersten Takte an.
+
+„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ sagte Baptist,
+während er den Geigenkasten öffnete.
+
+„Mozart!“ schlug Jeanne vor.
+
+„Nein, etwas Neues, gelt!“
+
+Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall hörte, etwas
+von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein prickelndes Quirlen
+und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und nervösem Reiz festgehalten wurde.
+Er begann auch gleich solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel
+ein, Baptist schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar
+Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann sofort mit
+einem lostollenden Singen über das Spiel des Flügels, der den
+leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen konnte, hinweghob und
+davonführte.
+
+Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini aus Cremona.
+Es war das einzige Erbstück der Familie. Der verstorbene Großvater hatte
+sie in Paris als junger Bursch geschenkt bekommen – er sagte bis zu
+seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau –
+und er hatte sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre
+adelige Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs
+Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal sein Lehrer,
+den der süße, singende Ton des Instrumentes schon lange bezaubert hatte.
+„Unsere Ahnengallerie!“ nannten die Geschwister die Geige, weil der
+Vater jeden Besucher an diesen einzigen hervorragenden Gegenstand
+rassiger Herkunft, den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige
+die den Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen,
+fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst in dem
+noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam und angstvoll verschlossen
+gehalten wurde.
+
+Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend der Geist des
+Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch fiedelte das erregende
+Lied, daß es im Kasten der Geige heiß und menschlich verlangend stöhnte
+und tollte, und der Großpapa schien dazu zu lächeln und Rosa von der
+Schobermesse tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die
+Geige ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen
+braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche,
+leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem bebenden Unterton der
+Resonanz des Geigenleibes zu allen Dingen des Tages frech, wurschtig und
+humorvoll brummeln hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem
+Geigenstreichen, preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch
+alle Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... Ah!
+... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... und schloß im
+Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, drückte die Finger
+gefühlvoller auf die Saiten, führte den Bogen zärtlicher, als handelte
+es sich darum, im Rausche einem treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen
+mit einem empfindsamen Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen.
+
+Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein Netz, das
+sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel von Akkorden über
+die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die Violine sank einmal
+aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu.
+
+„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, sprang am
+Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern und setzte zur
+Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die Treppen hinan. Er sah kaum
+noch, wie sein Vater seine drei Gäste, die Herren Faber, Wampach und
+Küborn, zur Türe des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße
+Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte.
+
+„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und eine leise
+Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden
+Erwartungen des Abends verursacht, als durch das heftige Treppenlaufen.
+
+Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute die Türe an, die
+sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. Bald weinte sie. Er war
+ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten und ging nun zu dem Kirmesweib,
+die seiner unwürdig war und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs
+der verwilderte Garten in ihr auf.
+
+Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen hatte, mit
+fliegenden und in der Erregung ungeschickten Fingern Kragen und
+Krawatte. Sein Gesicht glühte, und das kalte Wasser hatte nur einen
+Augenblick wohlgetan. Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle
+des Septembertags ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung von
+Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie kam aus der starren
+Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam herein.
+
+Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf hatte, noch ein
+kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung den Kopf zum Fenster hinaus
+in ihre wehmütige Herbheit.
+
+Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe hinab, die im
+Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß mit Speicher verband. Er
+nahm jedesmal drei oder vier Stufen, und prallte unten auf Anna, die
+gerade aus der Küche gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte
+er seine Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der andern
+am Geländer hielt.
+
+Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand liegen. Er
+spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen der Schulter. Er
+sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund halten, daß ich weg bin!“
+
+Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, die sich
+nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine Hand niedergleiten
+ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit warmen Augen an ihm hinauf. Aber
+er hatte sich schon abgewandt und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe
+hinab und zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun
+verlassen die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer
+stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, damit
+seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war es, als hätten sie
+eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken des Zusammenseins in dem
+einsamen, schmalen Flur davongetragen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+
+Die Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die Stadtverwaltung
+so wenig Gewissen und Geschmack besaß, daß sie sich bereit fand, an
+Private sozusagen ohne Entgelt und nur aus Liebenswürdigkeit und
+Vetternschaft die schönsten Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die
+Villa hatte sich in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus
+den Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte von dem
+gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg in das Baum- und
+Buschwerk des Parkes und schlängelte sich heimlich und verlassen dahin.
+Alle fünfzig Schritte leuchtete eine altmodische Gaslaterne mit einer
+offenen flackernden Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal
+umfaßte ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese des
+ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten vergeblich drum
+warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger zu sein. Es lag jeden Abend
+verlassen und wie lauschend im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten
+Straßen breit durch den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die
+verschwiegenen Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter an
+ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel mit der
+Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt eines Stadtwalles im Bogen um
+das alte Luxemburg, wo es mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als
+die Stadt sich ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu
+nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der Villa Biver lag
+auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld.
+
+Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei oder viermal
+streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten der Finsternis
+schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging, waren von Erinnerungen
+trächtig. Baptist eilte heute an ihnen vorbei und wischte sie mit einer
+Handbewegung weg, wenn sie sich nähern wollten. In der lautlos
+gereinigten Nacht scholl das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem
+Schobermeßplatz und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es
+dämpfte sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die
+durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt auf seinen
+fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als sehe er das
+nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher Versprechen gewesen
+war, durch ein umgekehrtes Opernglas, ganz sein und kühl geschärft in
+allen Umrissen, aber weit, unerreichbar weit entfernt.
+
+Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran. Er war feucht und
+kühl und trug wieder den herben Duft von Vergehen und Tod. Der Park lief
+mit seiner ganzen Breite auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal
+schroff in die Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von
+runden starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund auf.
+Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts öffnete sich
+das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an schonen Tagen die
+Schenkel seiner einfassenden Hügel weit auseinander dehnte und weich,
+lieblich und lau wurde. Aus diesem Tale kam der Nebel herauf.
+
+Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe! Diese
+verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem bescheidenen
+Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd, mit ihrer kleinen,
+etwas trockenen und spröden Traurigkeit.
+
+Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon über der
+Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke kehrte, der von den
+Lichtern der Karussels und Buden der Schobermesse gerötete Himmel wie
+eine schwarzrot illuminierte Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte
+wieder einmal diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend
+Alltagen seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen,
+handlungslosen Erlebnisse.
+
+Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er ging wie kühle
+Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist wußte, weil er es so oft erlebt
+hatte, daß der Nebel dem Tal entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß
+er sich bleich opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam
+wanderte, traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück, das sich
+in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der Heimat mit Bewegungen
+vollzieht, die nicht nach außen dringen dürfen.
+
+Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter der nur
+mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor der Tiefe lag. Da
+sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen, der in der
+Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr, sonst aber schon am letzten Haus
+der Neutorstraße seinen Weg beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas
+alt daherpolterte, auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte
+mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur Seite und
+sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er war der einzige
+Fahrgast.
+
+„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte ihn der
+grauhaarige Kondukteur.
+
+„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“ antwortete Baptist.
+
+„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd eins über. Bald
+trillerte er noch einmal grell und energisch mit seiner Holzpfeife. Die
+Schienen liefen in den Sand des Bodens hinein. Der Lärm von hundert
+Orgeln klopfte sich durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren
+des Trambahnwagens einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke
+funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen wogten wie
+flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon. Der Lärm der Musik schrie
+harthörig und dickköpfig gegen einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen
+Orgel. Aus den Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind
+erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie einen
+Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den Budenreihen in den
+Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über dem Feld schwebte schon der
+Nebel und rötete sich blaß und weit hinauf an der Glut der Lichter.
+
+Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens hinein. Er ging an
+dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden _Abondance des douceurs de
+Nancy_, an rasselnden Karussells mit Schiffen, Autos und hin und her
+zappelnden Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer
+waren, an dem _Alcassar de Paris_, aus dem die krähende Stimme einer
+französischen Soubrette wie eingewickelt in einen Dunstschwaden schalen
+Biergestankes kam; er ging schnell dahin, geradeaus auf die große
+Holzbaracke von Hiltchen zu, in der die italienische Kapelle spielte.
+
+Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit Tüchern, Fahnen
+und Tannengirlanden verhängten Lokals die Gruppe der Musikanten in
+bunten Kleidern aufrecht stehen, spielen und fingen, und Rosa stand vor
+ihnen und schüttelte das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt
+und leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug das
+Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah gleich ihre
+schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen ergriff ihn. „Eine Magd!“
+sagte er sich und wollte davoneilen.
+
+Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei Menschen auf und
+winkten ihm eifrig zu.
+
+Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten und setzte
+sich neben sie. Er war jeden Abend mit diesen beiden zusammen. Er hielt
+sie neben sich, wie Angestellte, wenn er nicht gern allein sein mochte,
+und bezahlte immer, was sie tranken.
+
+Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend mitten im
+Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht.
+
+„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ stieß ihn Adolf
+an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße.
+
+„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann Adolf wieder.
+
+„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich.
+
+„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich und
+rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete er im vorneherein
+schon etwas übertrieben Genießerisches, was Baptist nachher widerfahren
+sollte. Aber der Fluch und das Augenrollen waren falsch, wie ein
+geschliffener Glasdiamant am Finger eines sonntäglich geputzten
+Bierknechtes. Adolf drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie
+aufgeklebt im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe
+zurück, indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug.
+
+Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, während Adolf schon
+seit zwei Jahren in der „Regierung“ schrieb, saß in ruhigem, kostendem
+Behagen da, lächelte mit seinen rot umränderten Augen, trank und
+schwieg.
+
+Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt und gezupft.
+Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister und Manager, der
+aussah wie ein cholerischer deutscher Bierwirt, kam zu Baptist heran und
+gab ihm die Hand. „Wie gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’
+einen Durst so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla,
+Garçon so einen großen Münchener!“
+
+„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft einen
+aufführen lassen! Ändri, für alle!“
+
+Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und ging davon. „Na
+ja!“ bestätigte der dicke Italiener.
+
+„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und tippte den Dicken
+auf den Ranzen. Der blonde Realschüler grub lächelnd seine roten Augen
+in den Bierkrug. Der Dicke lachte und schmatzte zwischen den schwarzen
+Haaren seines Bartes heraus: „Makkaroni!“
+
+„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich wehrenden
+Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä Italiano? Daher die
+dicke Trommel, bum, bum!“ und er tat, als schlüge er ihn auf den Bauch.
+„Makkaroni! – Erstick dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der
+Italiener lachte, daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine
+kleinen gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen den
+Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen kleine glitzernde
+Küglein.
+
+Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden Realschüler,
+der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie verbindlich anlächelte
+und nichts gab. Sie zog das Tamburin schnell zurück und errötete. Dann
+schaute sie zu Baptist hin, lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen
+Gesicht und winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „_Bona Sera,
+Signor!_“ Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache.
+
+Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. Sie wunderte
+sich etwas darüber und begriff seine Bewegung nicht gleich. Aber ihre
+leise und unaufdringliche Art hatte Baptist versöhnt. Er unterschlug
+sich ihre Hände und sah nur das ruhige Gesicht, das zu einem sanften
+Oval gebildet und lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen
+zarten, blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug.
+
+Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin nickte
+wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und sagte ein leises:
+„_Grazie!_“
+
+Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie immer an. Es war
+ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er wieder einen Weg zu ihr
+gefunden hatte. Der dicke Italiener spaßte weiter mit Adolf. Der
+Realschüler hockte sozusagen nur nebenan, wie ein Kinderfräulein bei
+einem Ausflug am Tisch ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch
+lächelnde Mienen.
+
+Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, sagte ihm
+Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, die Ihr immer
+spielt. Lieber: ‚_Vieni sol mare!_‘“
+
+„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten das Lied. So oft
+der Refrain kam, standen sie alle auf und sangen zur Begleitung der
+Geigen und Mandolinen: ‚_Vieni sol mare ...!_‘
+
+Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines andern,
+bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, weichen Weise.
+Das Meer ebbte dunkelblau und sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum.
+Die Ferne stand auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller
+Wanderwinkel, nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, und
+ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst zu haben
+schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu.
+
+Ob sie ihn liebte!
+
+Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn lieben? Weil er
+immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat noch kein Wort mit ihr
+gesprochen. Weshalb sollte sie ihn lieben? Vielleicht war einer der
+Musikanten ihr Schatz? Was war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja
+nur mitten im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit
+seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter ihr
+ausbreitete.
+
+_Vieni sol mare ..._
+
+Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen Süße jenes
+Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor vierzehn Tagen war sie
+gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, hat jeden Tag hier gesessen und
+mit Blicken um sie geworben. Morgen wird es das letztemal sein. Und dann
+sieht er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die Poesie
+des Vorüberziehens, fern und keusch!
+
+Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog auf in Baptist wie
+die blanken Scharen weißer Wanderwolken an ersten Sommertagen. Seine
+Phantasie wanderte und schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er
+brauchte nur hineinzuschreiten. Er war reich und besaß Macht wie ein
+Fürst. Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum Himmel
+steigende Schwalbe.
+
+„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner getrunken!“ Er
+winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit dir!“
+
+Der Kellner kam ergeben herangestürzt.
+
+„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche _Moët dry_! oder lieber
+gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte er den beiden andern, und
+die wackelten auf ihren Stühlen und lachten und lächelten. Adolf schlug
+sich wieder mit der Hand auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da
+heraus. „Batti, Batti!“ lachte er.
+
+„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum Kaiserreich wird!“
+
+Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, Ändri!“ sagte
+Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft auf dem Podium und setzen
+Sie ebensoviel Gläser auf ein Tablett und dann bringen Sie auch zwei
+Flaschen dahin!“
+
+ * * * * *
+
+Über die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, der von dem
+trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen Fichtenholzes erfüllt war.
+Die Bürger rückten heimwärts. Aber auf ihre Stühle setzten sich die
+Junggesellen der Stadt.
+
+Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine Kaste.
+Es war eine Kaste, die sich einigermaßen außerhalb von Sitte und Gesetz
+gestellt hatte, aus eigener Macht und mit der notwendigen
+Rücksichtslosigkeit, denn sie bildeten einen zahlreichen und vielleicht
+den wichtigsten Stand in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine
+Hauptsache vor allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer
+Maitressen. Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend
+anerkennen, bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches
+Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie von diesen Damen
+witzige Streiche erfand und verbreitete und ihnen Spottnamen anhing, wie
+z. B. das Petrolkännchen oder das Gaslaternchen, der Kaffeesack ...
+Namen, unter denen sich für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten
+verbargen.
+
+Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, alte und
+grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. Um jedes Paar
+schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner herum, denen das Privileg
+der Junggesellen nicht zugebilligt worden war, und machten den Damen
+eindringlich den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem
+man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen war, und die
+Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem Holzdach hinauf
+und polterte durch das ganze Lokal.
+
+Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der plump, knorrig
+und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, der an einem Hügel
+wächst. Er ging langsam zwischen den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas
+kegelig gespitzt auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige,
+flachgedrückte Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel
+schmutzigblonder Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen
+Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, und man
+sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch.
+
+Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte ihm aber bald die
+Praxis genommen und ihm auch zeitweilig die Freiheit entzogen. Das war
+wohl schon lange her und so gut wie vergessen. Aber er war dann in die
+Welt gewandert, hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat
+gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem jungen und
+unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch und heilte die
+Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt und Würden zu gehen, von
+ihren heimlichen Krankheiten. Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus
+einer angesehenen Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte.
+
+Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und Raufer geworden
+war, ging an den Tischen der Junggesellen vorbei und hob rümpfend die
+Nase hoch, als röche es nicht gut in dieser Gesellschaft. Seine großen
+gefleckten Giraffenaugen schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach
+ins Gesicht, und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der
+Junggesellen, während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur mit
+einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene an diesem
+erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die Junggesellen leerten
+scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. Sie lachten und sagten laut
+unter sich Scherze über den Herrn Heng.
+
+Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den ganzen Körper
+und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf die Tische der Junggesellen
+mit allen Damen vor Lachen in ein verrücktes Durcheinanderschaukeln
+fielen. Herr Heng drehte sich aber nicht mehr um, sondern ging mit
+seinem krummen Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die
+Gesellschaft Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los,
+ließ seine großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists
+Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing
+loszulachen, an den Nebentisch.
+
+Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem aus er das Lokal
+überwachte. Er stand ernst und würdig in seinem zweigezackten schweren
+grauen Bart zwischen den Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen
+fest, wie ein General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu
+konzentrieren sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, den
+Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich bereit, auf das
+erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn Heng loszustürzen. Die
+Italiener strichen, zupften, rasselten und sangen vom _Bello Napoli_,
+von dem _Sole mio_, von _Amare e morire, danzare e baciare_, vom _Mare_,
+von der _Santa Lucia_ und der _Bella Annita_, von den _Funiculi_ ... Es
+war Leben in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten
+ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen dazu wie Frösche,
+die im Gras auf dem Rücken liegen und mit Fliegen spielen, die sie
+kitzeln wollen.
+
+Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein Äffchen, hüpfte
+vom Podium herunter und stieß mit ihrem Glas mit Baptist an. Mit ihm
+allein. Ihre kleinen schwarzen Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm
+wie ein heißer Tropfen ins Herz fiel.
+
+„_Evviva Margherita, la bella Margherita!_“ sagte Baptist leise und
+erhitzt.
+
+Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte wie unbewegt
+und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen sein Glas, so daß ein
+wenig von ihrem Champagner auf seine Knie geschüttet wurde. Da stellte
+sie ihr Glas ab, nahm erregt das Taschentuch, um die Weinflecken
+abzuwischen. Ihr Gesicht bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah
+dieses sanfte, gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden
+Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er zog es heran
+und küßte leicht die Wange.
+
+Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener lachten und
+tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach dem andern.
+
+Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn Heng. Er klapperte
+mit seinem Bierkrug auf den Tisch und rief: „_Nom de Dieu_, _Goddam_!“
+Er zog mit einer weiten Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den
+Bizeps und ließ den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die
+Luft. Das war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat
+seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, und
+lachten sich an über ihn. Dann klatschte der Dicke die beiden Mädchen
+wieder herbei.
+
+„Gelt, Häuptling, noch einmal: _Vieni sol mare!_“ rief Baptist und der
+Italiener winkte: ja!
+
+Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz ging drunter auf,
+wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den gewärmten Aprilschauern. Er
+stand jetzt mitten im Lied und war selber drin tätig. Er erlebte selber
+die süßen Traurigkeiten, von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie
+ihm schien, ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang
+aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister die
+Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell beiseite und spielte nun
+selber die führende Violine; und so oft bei dem Refrain das _Vieni sol
+mare_ der Stimmen gegen das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und
+es zu ertränken begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen.
+Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern der Vögel
+über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern.
+
+Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. „Das ist der junge
+Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen zu ihren Maitressen, waren
+anfangs etwas betroffen und deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann
+doch für ihn eingenommen. Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die
+gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem Aufglühen
+an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der polternden Art ihrer
+Freunde und dachten sich schon gerührt aus: Welche von uns wird er
+nehmen, wenn er sein Examen gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte
+Baptist ein scharfes Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es
+störte ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich kaum
+noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt zu dem Lied. Er
+hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. Auf einmal brüllte er
+los und setzte mit seinen langen Armen fuchtelnd auf das Podium zu.
+Gerade war das Lied aus. Der dicke Italiener klatschte in die Hände und
+auf den Tischen in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um
+Baptist zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase
+heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, stand Heng
+unvermittelt und feindselig vor ihm. Die fleckigen großen Giraffenaugen
+unter der dreieckigen Stirn waren weit aufgerissen und das pockennarbige
+Gesicht schien losbrüllen zu wollen.
+
+„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um zu seinem Tisch
+und zum Champagnerglas zu gelangen. Er wollte mit dem Mädchen anstoßen,
+das auf ihn zukam.
+
+„_Nom de Dieu_, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ gröhlte Herr
+Heng.
+
+Baptist setzte sich zur Wehr.
+
+„_Goddam_, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ schrie Heng.
+„Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten Millionen seines Vaters
+stänken nicht mehr an ihm!“
+
+Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er emporgeschleudert
+würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen auf den Feind hernieder. Es
+entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, ein krachendes Sichvermengen
+von Körpern, Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe
+wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, Funken
+sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft der Muskeln
+einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie von Blei. Um ihn wurde es
+schwarz von stürzenden Menschen und er spürte seine Lippen als etwas
+brennend Nasses.
+
+Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der Hand über den
+Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. Als er seine Hand zurückzog,
+war sie voll Blut. Er beugte sich vor und das Blut tröpfelte langsam auf
+den Boden. Da stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe
+hinaus hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher mit
+dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte ihr Taschentuch immer
+in ein Glas mit Wasser und näßte und spülte ihm die Lippe, während sie
+sanfte Worte dazu sagte. Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer
+faßte ihm an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe
+drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den Lippen auf
+die Zähne.
+
+„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu einem Kind.
+
+Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er dankte dem Mädchen
+und stillte mit seinem eigenen Taschentuch das Blut weiter.
+
+Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn her. „Der Hund!“
+sagte Baptist mit einem Schluchzen.
+
+„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend im
+Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist vors Gesicht gehalten.
+Der Kognak duftete ihm stark zu und er goß ihn hastig in den Mund. Es
+brannte auf in der Wunde.
+
+„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ erzählte einer
+in der kleinen Türe, in der sich das Licht des Lokals grell funkelnd
+zurückzuhalten schien.
+
+Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu.
+
+„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine Bewegung entstand in
+den dunklen Gestalten. Jemand ergriff Baptists Arm. Sie drangen in das
+finstere Gewirr eines Schuppens.
+
+Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid Ihr? Sie ist
+wieder weg!“ Da kamen sie heraus.
+
+Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ sagte
+Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund und trat mitten
+zwischen den dunklen Gestalten wieder in das Lokal hinein.
+
+Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die Damen und ebenso
+Adolf und der blonde Realschüler, alle waren fort. Nur der Wirt schritt
+drunten mit seinem langen zweizackigen grauen Bart ernst und streng
+zwischen den Tischen herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege
+stehen. Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. Es
+waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, breitschulterige
+Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln der heimlichen
+Cafees immer zusammen sah. Sie trugen über niedrig umgeschlagenen bunten
+Kragen, wie die „Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau,
+in denen sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten.
+Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter den Kleidern
+kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie waren in der brutalen
+Eisenerzgegend des Landes daheim und Baptist nicht sonderlich vertraut,
+weil sie, wie sie körperlich aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken
+Branntwein und machten den Soldaten die Dienstmägde der engen,
+heimlichen Gassen des Heiligengeistviertels streitig.
+
+„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte der eine und
+machte eine Faust. Und alle drei boten sich, ehrliche Athleten, Baptist
+vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der Bädergasse im Cafee Heinck! Da
+gehen wir hin!“ rief einer kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so
+ein feiges, hinterlistiges Schwein!“
+
+Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“
+
+„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen und sich in
+den Streit mischten.“
+
+„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist gleich und ging
+nach dem unteren Teil des Lokales zu.
+
+Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag des
+Büfetts und in die angebaute Kammer hinein.
+
+„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand kam heraus.
+Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb in derselben abgemessenen
+Entfernung stehen, wie vorhin. Da verstand Baptist.
+
+„Wieviel?“ fragte er.
+
+Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung stand. Baptist
+bezahlte.
+
+Dann gingen die vier hinaus.
+
+Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. Nur vor ein paar
+zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten noch dürftige schwälende
+Petrollampen. Die vier jungen Menschen eilten im Sturmschritt durch die
+breite reglose Straße zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden
+der Schaubuden und Karussells davon. „_Gare_, wenn wir ihn kriegen!“
+drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an Rosa. Er
+sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die Italiener sind doch
+feine Kerle.“
+
+Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, und er
+malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten und Heng an die
+Kehle fuhren. Da war gewiß der mit dem vorstehenden Wust von
+gekräuselten Haaren, der Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein
+feiner Kerl!
+
+„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist ein famoser
+Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden.
+
+Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die lange Parkstraße
+hinab, und die Schienen der Trambahn liefen heimlich neben ihnen und
+gleißten nur dann und wann auf, wenn ein Laternenschein sie berührte.
+
+Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt lag die Nacht mit
+reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es war einsam. Auch als ihre
+Schritte in der Neutorstraße an den Häusern hallend klangen, hatten sie
+noch keinen Menschen getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes
+kuschte sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte:
+„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war ein
+Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte weiter bis
+in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser Nachtwind strich in den
+Straßen und ließ die Laternenscheiben einsam erzittern. Er war frisch,
+dieser Wind, als hätte er noch keine Menschenluft durchzogen. Frisch und
+traurig war er, voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist.
+Dieser Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn
+oft um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach
+verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt der Reue
+überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam wie ein Menschenkind
+nach der Sünde. Wie ein Vorwurf von mütterlich sanftem, aber unendlich
+entschiedenem Ernst trug er den Klang der Schritte des jungen
+Arbeitstages, der über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden.
+
+Es war drei Uhr.
+
+Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die Takte
+seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in der Judengasse eine
+einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie an und wandte sich an die
+Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs
+von Wirt sie hinausgeschmissen hat, weil sie mir halfen, dann muß doch
+...“
+
+Die drei waren gerne einverstanden.
+
+Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener wohnen
+könnten.
+
+„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen Hotels am
+Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel de Paris?“
+
+„Nun denn, fahren wir mal hin!“
+
+Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr los. Sie
+jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, die
+Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke und hielt nach
+einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. Es war noch Licht im
+Wirtszimmer. An einem Tische saßen Türken, die auf der Messe herumzogen
+und Teppiche, arabische Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken
+verkauften. Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die
+Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein Kranz von
+Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge warteten. Baptist rief als
+er eintrat: „Ich gebe eine Runde Kognak für die ganze Stube!“
+
+„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der Arbeiter, und
+alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß.
+
+Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt und fragte:
+„Wohnen keine Italiener hier?“
+
+„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das ganze Haus voll von
+dem Flohpack liegen. Jetzt mit der Schobermesse, wissen Sie, da wird man
+die Bagage nicht mehr los!“
+
+„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“
+
+„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, ich ruf den
+Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. Dann können Sie
+selber schauen ... Alfons!“ rief er in die Hintertüre. „Alfons!“
+
+Ein stämmiger Bursche erschien.
+
+„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“
+
+Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. Der Knecht
+hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem Reflektor aus einem Nagel
+und leuchtete damit in ein Zimmer. Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie
+lagen in ihren Kleidern auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen
+Haaren, Männer, Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer,
+Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann wälzte sich
+schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf.
+
+„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht.
+
+Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern Stuben aus; die
+Musikantengesellschaft war nicht unter den Schlafenden.
+
+Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte gerade ein
+Mann aus der Runde am Schenktisch: „... Ja und dann in Antwerpen nehm
+ich das Schiff der Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da
+schaut, wenn ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts
+über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben doch etwas
+anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen Apfel und eine
+Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der Teufel, ihr dummen Kerle,
+kommt mit! hat ja keinen Zweck!“
+
+Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte sogar Lust!“
+
+Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann wieder zu
+schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene man in einer Stunde
+so viel wie hier an einem Tag!
+
+Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von Baptist.
+
+„Nein, aber ...“
+
+Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn, wenn du’s nicht
+selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht mitgegangen.“
+
+Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war traurig, aber er
+war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich? Wozu suchte er die
+Italiener? Er war müde an Gliedern und Gedanken und sehnte sich nach
+seinem Bett, nach dem wohllebigen Luxus seiner schönen Zimmer in der
+Villa am Park.
+
+„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden.
+
+„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht einmal hell
+draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“
+
+Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“
+
+Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze Flasche Kognak
+da?“
+
+„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“
+
+„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab den dreien die
+Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht, also! Gute Nacht, die Herren!“
+verabschiedete er sich.
+
+Und er ging hinaus.
+
+Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die den ersten
+Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte Glacis, das zwischen dem
+Bahnhof und der neuen Brücke lag. Als sie über die Brücke fuhr, die mit
+einem Bogen das Petrustal schlank überspannte, lag über den Dächern der
+Stadt, zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein
+ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der Niklauskirche
+stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf.
+
+„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist und seufzte.
+„Weshalb, wozu?“
+
+Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse Taschentuch an die
+kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein trauriges Mal.
+
+„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“
+
+Er stieß mit dem Fuß auf.
+
+„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn. Ich werde
+morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn. Hol’s der Teufel!“
+
+Aber er dachte an seine Schwester Jeanne.
+
+„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit bewußt bin,
+es zu können.“
+
+So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung gefunden und
+auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie ein großer zauberhafter
+Vogel stand nur immer über allem, was er dachte und tat, der fromme
+Glauben, daß die Erfüllung dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes
+Märchen, wie ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll
+weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf ihn
+niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand oder den Fuß
+drum rührte.
+
+Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf den Socken die
+Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich. Als er ins Bett sank, war
+ihm eine ganze Weile, als läge er in einem wundersamen Bade. Dann
+gaukelten die verschwiegenen Wünsche wieder empor, aber während er mit
+offenen Augen und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das
+Licht draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf einmal
+das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in seiner Erinnerung klar
+auf. Einer seiner Kameraden wollte mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! –
+War das Kraft und Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und
+sich hingebend: „Könnt ich das auch!“
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+
+Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte:
+„Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“
+
+Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen
+Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer
+gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben
+Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im
+Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die
+zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und
+stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort
+waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter
+Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch
+zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes
+Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder
+hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen
+Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:
+
+ „Die Kanner lossen hire Kaffi stohn
+ Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,
+ Den Hämmel no! ze! gon!“
+
+Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.
+
+Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel
+wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen
+Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem
+Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und
+rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie
+wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere
+Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein
+nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst
+du, was hast du!
+
+Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im
+Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster
+weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die
+Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch
+einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an
+jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf
+der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom
+Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur
+der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der
+Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an
+den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine
+Weise abschloß.
+
+Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem
+Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“
+
+Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der
+andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch,
+dreimal-hoch-hoch-hoch!“
+
+Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist
+seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die
+nächste Villa zu.
+
+Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll
+stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er
+ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht
+bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn.
+Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das
+Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.
+
+Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich
+aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen
+Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt
+sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und
+herzlicher, als seine Gewohnheit war.
+
+Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater:
+„Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor
+zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns
+nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen
+sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die
+Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“
+
+Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark
+verdienen.“
+
+Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen.
+Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt
+noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“
+
+Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das
+Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt
+aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig
+und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch
+gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.
+
+„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“
+
+„Leider!“ antwortete Baptist.
+
+„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von
+Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu
+Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der
+Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen
+Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band
+verliehen.“
+
+„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher
+Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie
+ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“
+
+„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“
+
+„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist
+klein!“ entgegnete Baptist bitter.
+
+„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.
+
+Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber
+nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal,
+Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen
+haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht
+man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt
+man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_
+Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so
+einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In
+unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück
+Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des
+Geschicks ein wenig entgegenkämen?“
+
+Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“
+
+„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen Hauptfaktor des
+gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den Herrn Hamilius. Herr Hamilius
+gibt dir die vier Wochen, die es bis zum Examen noch sind, Unterricht.
+Einem bellenden Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein
+bewährtes Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen
+Vertreter, den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. Ich hab’
+gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. Der hat mich gerade
+auf Hamilius gebracht, den er aus der Erfahrung seiner Studenten kennt.
+Was meinst du, ich nehm den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg
+mich mal zu dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein,
+wenn der Streich nicht gelingt.“
+
+Er schaute Baptist lächelnd und fragend an.
+
+Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“
+
+Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der
+unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick
+mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das
+Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher
+Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm
+mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn
+bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr
+die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an
+seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der
+wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um
+seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede
+Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht
+vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein
+Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan
+war.
+
+Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last
+befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete
+die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche
+schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“
+meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag.
+Das geht dann wohl nicht.“
+
+„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“
+
+Dann entfernte sich sein Vater.
+
+Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen
+wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann
+schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie
+etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den
+er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.
+
+Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.
+
+Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.
+
+„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.
+
+„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch
+herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr
+Baptist?“
+
+Baptist erschrak.
+
+„Was wissen Sie denn, wie es war?“
+
+„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“
+
+„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“
+
+„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“
+
+„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung,
+und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.
+
+Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch
+unzufriedenen Gesicht das Zimmer.
+
+Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein
+an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch
+gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich
+unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht
+ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben:
+die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus
+dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die
+Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich
+grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat
+Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern
+Vorstellungen wurde.
+
+So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur
+Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den
+Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke
+von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der
+sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an
+den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich
+abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente
+ihn.
+
+„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.
+
+„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche
+mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.
+
+„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer
+und ging wieder.
+
+Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch
+eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den
+dicken Italiener vor sich.
+
+„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie
+grade bei Hiltchen.“
+
+Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.
+
+„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“
+fügte er nach einer Pause hinzu.
+
+„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie
+entschädige.“
+
+Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.
+
+„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“
+fuhr Baptist fort.
+
+Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte
+nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit
+lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige,
+zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit
+gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers
+ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die
+paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten,
+und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn
+heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe,
+riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte
+immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh,
+oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid
+ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten,
+drohten und schimpften um ihn herum.
+
+Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur
+Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die
+Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht,
+worum es sich handelte.
+
+„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.
+
+„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen
+Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch
+die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am
+Bahnhof kommen?“
+
+„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die
+Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!
+
+In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und
+drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich
+Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An
+der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem
+Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor
+Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war,
+einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den
+Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne
+verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den
+Park hinein.
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im
+Garten zwischen den Rosen.
+
+„A, Jeanne!“ grüßte er.
+
+„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an,
+„Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was
+fangen wir an?“
+
+„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon
+belegt. Ich muß bald weg!“
+
+„Darf man fragen – wohin?“
+
+„Nein, das darf man nicht!“
+
+„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten
+Rosenstock.
+
+„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.
+
+„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein
+muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“
+
+„Ja, ja!“ lachte Baptist.
+
+Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet,
+daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus
+mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann
+schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins
+Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den
+Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf
+die Italiener zu warten.
+
+Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen
+Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie
+in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies
+der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber
+den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen
+Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen,
+die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist
+hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die
+Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die
+Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein
+leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen
+sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer
+Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines
+Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für
+die Italiener.
+
+Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine
+Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja
+nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der
+Schale liegt.
+
+Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und
+es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher
+heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem
+etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen
+zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten
+der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte,
+miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum
+Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich
+unsicher und wie verraten vor.
+
+Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr
+beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa,
+Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig
+getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit
+immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und
+Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der
+Unterhaltungen.
+
+Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben
+galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner
+Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.
+
+Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein.
+Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit.
+Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der
+Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken.
+
+Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr
+sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache
+kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er
+fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes,
+das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander
+entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese
+Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht
+mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das
+weinvolle Blut der beiden noch stärker.
+
+Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein
+paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das
+war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber
+Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse
+Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine
+Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster
+geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt
+mit mir allein sein?“
+
+Sie antwortete: „_Io sono come in una stufa!_“
+
+Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...?
+wie in was?“
+
+„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer
+herum.
+
+Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita
+auf einmal herüber: „In Ofen!“
+
+Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte
+sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen
+Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm
+grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die
+Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.
+
+Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn
+wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den
+gebogenen Arm.
+
+„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der
+Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und
+brachten die Instrumente heran.
+
+„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und
+Baptist winkte mit einem Lachen zu.
+
+Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in
+einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und
+spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder
+war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst
+von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders
+unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist
+mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen
+Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll
+mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen.
+
+Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken
+Baptist seine Geige hin.
+
+Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel
+hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon,
+wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne
+steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.
+
+Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten,
+drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr
+dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn
+und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“
+
+Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da
+schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an.
+Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken
+bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke
+Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und
+zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf
+mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“
+
+Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.
+
+„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in
+die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine
+Henne dagegen!“
+
+Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen.
+
+„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der
+Zunge.
+
+„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.
+
+„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen
+die erste Violine zu spielen!“
+
+Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.
+
+Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es,
+als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß
+sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz
+fest und zog ihn wonnig davon.
+
+Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist.
+
+Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des
+Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und
+Lust, und er – thronend über den Dingen!
+
+Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte
+ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.
+
+Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob
+Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete
+er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“
+
+Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das werde ich schon!“
+
+Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern
+und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners
+ernst seien.
+
+„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er
+damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt.
+
+Der Italiener winkte zufriedengestellt.
+
+„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.
+
+„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr
+eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen
+Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“
+
+„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande
+kommen.“
+
+Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie
+begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und
+fröhlich.
+
+„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort
+in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir
+auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann
+morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“
+
+Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht
+werden!“
+
+Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern
+sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an
+einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den
+Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen
+verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof
+bringe.
+
+„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“
+
+Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich
+dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein.
+
+Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die
+flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues
+Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen
+stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder.
+
+Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit
+sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich
+weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt
+Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige
+niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und
+werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe,
+muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze
+Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ...
+ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen,
+wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist
+im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran
+nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu
+Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!
+
+Jeanne!
+
+Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen.
+
+‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester.
+‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘
+
+‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen
+gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch
+schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin
+steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß
+ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen
+hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter
+sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und
+nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz.
+
+Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es
+lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In
+einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er
+zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war.
+
+Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach
+dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam
+etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die
+Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines
+Vaters war, die er in den Händen hielt.
+
+Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache
+geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen
+Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich
+zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie
+ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser
+heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das
+seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und
+schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen.
+
+Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt
+verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen,
+rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen
+ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses
+Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich
+zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem
+Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter
+einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die
+kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit
+Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während
+er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen
+mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren
+Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre
+Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine
+Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und
+brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit
+mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige,
+kleinmütige mit drei oder vier Nullen.
+
+Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er
+hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen
+man Fell und Haut abgezogen hat.
+
+Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem
+Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und
+bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht,
+kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.
+
+‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den
+Muskeln!‘
+
+Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die
+eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam
+mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er
+dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung
+hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu
+den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb
+dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun
+in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit
+zärtlichem Mitleid an ihn.
+
+Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die
+Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu
+beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also
+waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den
+Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch
+kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall
+von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als
+Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl:
+
+1 Million 825560 Franken.
+
+Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er schon
+durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein kleines, in
+Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, sah er, daß es ein
+Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten Seiten mit den von
+der Zeit gebräunten Rändern waren unberührt. Nur auf der ersten stand:
+‚Sparkassenbuch, gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt
+zehntausend Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten
+am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben Kindern Baptist
+und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion 10000 Mark, die sie zu
+gleichen Teilen und zu beliebiger eigener Verfügung bekommen, wenn
+Jeanne großjährig ist‘.
+
+Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift an, als sei es
+nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; daß das so nahe vor ihm
+zu lesen stand. Er las ein paarmal die Wörter und stockte beim Lesen.
+Dann schaute er auf, irgendwohin und dann schlug er mit dem Kopf nieder
+und weinte.
+
+Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht hatte, und daß
+er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig erscheinenden
+Verständnislosigkeit des Vaters für die anders gerichteten Absichten und
+Wünsche seiner Kinder nie die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß
+er ungerecht und verstockt an einer anders gearteten Seele
+vorbeigegangen war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch
+er selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser doch
+niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes nur das geringste
+ändern konnte, und er kam sich geschützt und stark vor in seinen jungen
+Absichten, wie in einer stählernen Rüstung.
+
+Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte sie in den
+Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte er in seine
+Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, wo er sie
+gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer.
+
+Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er nicht aus dem
+Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude an seinem Unternehmen schlug
+reiner und freier auf. Er ging erregt auf und ab in dem Raum und
+versuchte sich kühl zu berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark
+durchkommen könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ...
+Sparsamkeit ... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber darüber kam er
+nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden Tat schlug jauchzend über
+ihm zusammen.
+
+Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen Schränken, was er
+mitnehmen sollte, und legte es zusammen.
+
+Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während dieser Arbeit
+und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte einen Bogen Papier
+zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen umbrausten ihn, wie
+Orgelrauschen, das zwischen Kirchensäulen verschallt, und von dem
+ganzen, prachtvollen, wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier:
+
+„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, ich würde dich
+am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön und frei. Ach, ich kann
+nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. Ich liebe dich. Baptist.“
+
+Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. Ich hab ja
+keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht ja auch alles drin!
+entschuldigte er sich, während er den Zettel in ein Kuvert steckte.
+
+Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter in den Kleidern
+und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die besten und die
+praktischsten Sachen.
+
+ * * * * *
+
+Schon lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und sich aufs
+Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel auf der Niklauskirche
+hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, so war es Baptist, als hörte er
+ein Geräusch im Garten. Er bückte sich über die Brüstung.
+
+„_Signor!_“ rief unten eine flüsternde Stimme, „_Signor Battisto!_“
+
+Baptist flüsterte zurück: „_Ssst Italiani?_“
+
+„_Si bene!_“ kam es leise von unten herauf.
+
+Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom Trockenboden
+geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die Italiener arbeiteten huschend
+katzenleis. Die Dunkelheit der Nacht deckte sie zu.
+
+Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“
+
+„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es
+stumm.
+
+Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er
+zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses
+hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem
+Park und Baptist eilte ihr entgegen.
+
+„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.
+
+Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom
+Bock über die Laterne.
+
+„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.
+
+Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran.
+„Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt,
+leise!“ sagte Baptist flüsternd.
+
+„Gewiß Herr Biver!“
+
+Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff
+leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt,
+ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts
+mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“
+
+„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem
+Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann
+lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener
+ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise
+Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch.
+
+Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und
+steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die
+beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist
+spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er
+ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser
+Nacht keine einzige Minute verschlafen würde.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die
+Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In
+der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein
+bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen
+aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem
+Papierstreifen überklebt.
+
+Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im
+Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so
+hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das
+schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das
+Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu
+Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den
+Bücherschränken und den Bildern.
+
+Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das
+Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens.
+Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die
+Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie
+glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses
+Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und
+wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und
+verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im
+Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und
+wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er
+trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er
+mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und
+Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis
+und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter
+Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins
+Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub
+das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen
+Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum
+Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater
+durch ihn erlitten.
+
+Sein Zug fuhr um halb vier.
+
+Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten
+unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so
+schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum
+noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will.
+
+Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten
+Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des
+Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an
+ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die
+alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum
+Bahnhofsviertel hinüber.
+
+Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft
+hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und
+er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb
+verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von
+Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging,
+seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute
+Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker,
+als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch
+dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen
+Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie
+ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben
+gezwungen war.
+
+Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße
+eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir
+zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die
+gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine
+Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang.
+
+Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem donnernden Ruf von
+Triumph und Unternehmungskraft. Er trug Baptist davon und hüllte alle
+die Zukunftsfreuden der jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend
+aufgewirbelte, schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte
+Hochebene der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+
+Baptist stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand aus dem Zug
+und ließ die Menge der Reisenden langsam um sich vorwärts fluten. Er
+schaute angestrengt aus und sah auch bald den dicken Italiener wie einen
+Wellenbrecher mitten auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden
+Reisenden auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen durch
+zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand.
+
+„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener.
+
+„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist.
+
+Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem großen Tor auf
+dem Platz Charles Rogier standen Margherita und ihr Bräutigam Paolo. Das
+kleine schwarze Weibchen hatte sich mit einem großen Tuch vor der
+herbstlichen Abendkühle geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur
+das Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für Baptist, die
+beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam an dem Platz am Tor der
+großen abendlich entzündeten Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten
+ihm voll Freude entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine
+biegsame Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich zum
+Gruß die Hände drückten.
+
+„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist und er ließ eine
+Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen von Flandern lag in einer
+Sackgasse hinter der Grand’place. Es war eines der alten netten
+Brüsseler Hotels, etwas dunkel, aber reinlich und einfach bürgerlich.
+Baptist war froh überrascht, daß die Italiener so ordentlich wohnten.
+
+Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im zweiten Stockwerk
+über der Gasse lag und mit alten Möbeln und mit großgeblümten Vorhängen
+an Fenster und Bett wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb
+schon bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es war ihm
+warm, wohl und frei. Als er dann später in das kleine Eßzimmer
+hinunterstieg, saß Margherita allein drin und nähte an einer farbigen
+Schürze.
+
+Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches.
+
+Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken:
+
+„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“
+
+„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt.
+
+„Ich gesucht Zimmer!“
+
+Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete und war
+gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen gerne geherzt und geküßt.
+
+Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit ihrer kleinen
+Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! bestätigte er sich
+unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie blieb vor ihm stehen und hielt
+ihm unbeholfen die Hand hin, die er drückte, ohne daß sie den Druck
+wiedergegeben hätte. Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar
+italienische Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen.
+
+Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen anders gedacht.
+
+Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen herzlich die Hand, und
+sie setzten sich an ihre Plätze um den Tisch und lachten ihm zu. Dann
+brachte ein Kellner das Abendessen.
+
+Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen Einförmiges an.
+Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, ebenso die Männer. Nur der Dicke
+und Baptist hatten jeder ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die
+Gesellschaft in kleine Kreise teilte.
+
+„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der Dicke. „Wollen
+wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“
+
+Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der Frauen, das
+geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo schleppte einen Stoß Noten
+heran und Baptist holte seine Geige. Während er die Noten
+durchblätterte, zupfte der Dicke an den Saiten, beklopfte den Rücken und
+schnitt dann eine Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals
+den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte und mit seinem
+dicken Kopf dazu nickte.
+
+„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“
+
+„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist.
+
+„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel macht man keine
+so guten Instrumente.“
+
+Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, Cremona!“
+sagte er und machte wieder seine anerkennende Fratze.
+
+„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist.
+
+Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften an den Saiten
+und winkten wichtig und ernst, daß sie auch mit ihr einverstanden seien.
+Baptist geigte alle die Lieder, die der Dicke ihm vorlegte, ohne
+Schwierigkeit vom Blatt. Die meisten kannte er und vermochte sie
+herunterzuspielen, ohne die Noten anzusehn.
+
+„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der Dicke beifällig.
+„Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ Und er klatschte, zu den
+andern gewandt, in die Hände.
+
+An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. Baptist machte nach
+und nach gegen einige der Lieder Einwände und sagte, die seien doch zu
+dumm. Aber der Dicke setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften
+Widerstand entgegen.
+
+„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied da, dies: tra
+la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... hoho, das gefällt, das
+müssen wir immer _da capo_ spielen. _È vero?_“ wandte er sich an die
+andern, die ja nickten.
+
+Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten diese Proben:
+Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem sie ihn mit den
+Italienern hielten, ihre Sprache wie von selbst. Er badete sich
+scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die fremden Wörter heraus zu wagen.
+Die Sprache flog ihn an.
+
+Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und kritisch die
+Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das Hotel immer gleich nach
+dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum Abschied. Einmal wandte er sich an
+Baptist, bevor er wegging.
+
+„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. Müssen das Hotel
+jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! Ich lauf immer herum und find
+nix!“
+
+Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren hatte, saß er am
+Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht griesgrämig zwischen den
+andern. Er trank viel und behandelte seine Leute wie mit einer nur
+mühsam unterdrückten Roheit. Baptist hatte dann das Empfinden, als
+bereite sich eine peinliche Verwickelung vor.
+
+In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu Baptist aufs Zimmer:
+„Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er ihm zu. „Die drunten will
+Bezahlung, aber ich kann doch nicht, ich verdien doch nix!“
+
+„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders werden!“ tröstete
+ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote hin.
+
+Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn wir jetzt mit
+Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel kommt. Wie Sie spielen
+und mit Ihrer Violino und mit Ihrer Figur!“
+
+Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit Humor und ergötzte
+sich an diesem ersten Widerstand, der, wenn auch nur, ohne ihn selber
+anzufassen, genaht war, und den er dann mit der kleinen Geste seiner
+Gabe so leicht hatte brechen können.
+
+Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit und es
+machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen so sicher verwalten und
+sein Leben so straff in den Zügeln halten zu können, daß seine Ausgaben
+fast immer auf einen Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte
+gewissenhaft Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast
+mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit.
+
+Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. Aber
+innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden
+Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung fern. Trotz dieser
+kleinen Schranke, die kaum sichtbar, aber für Baptist doch von
+unentbehrlicher Wichtigkeit war, besprach er ernsthaft mit ihnen die
+Möglichkeiten, bald in Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich
+mit ganzem Herzen an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie
+trieben. Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er
+oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige
+Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit zu
+umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen heimlicher
+Sinnlichkeit erhitzten.
+
+An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am Mittagstisch. Aber er
+kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. „Haben wir, Kinderchen!“ rief
+er noch in der Türe. Er hatte ein rotes Gesicht, war vergnügt und
+drollig wie ein verliebter Frosch und küßte die Mutter der Margherita
+feierlich zweimal auf jede Wange.
+
+Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten in einem
+Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein großes Etablissement!
+
+„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und schüttelte
+sich.
+
+„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem Wetter
+natürlich im großen Saal!“
+
+... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen Himmel mit
+goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, das ganz süß
+und s...s...s... zu der Musik plätscherte.
+
+Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten wie
+erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle plötzlich
+am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem Marsch sich nähert. Es
+tanzte allen in den Beinen. Baptist lief hinunter und bestellte drei
+Flaschen Bordeaux. Sie sangen und scherzten, während sie die Flaschen
+tranken, und ließen später noch zwei Flaschen heraufbringen.
+
+Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die üblichen
+Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn Franken eintragen mußte,
+die die Wagschalen seines knapp gehaltenen Budgets schwer aus dem
+Gleichgewicht brachten, da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an,
+mit kleinen Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften
+Geduld einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich
+aufgebaut hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine
+Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen seien, war er
+zufriedengestellt.
+
+Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann eine fiebrige
+Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen der Angst, daß der
+Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen werden könnte, der leise
+stechenden Scham, sich nun öffentlich mit der Geige herauszustellen und
+der tiefen Lust, ein tätiges Leben aufzunehmen.
+
+Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und peinlich genau
+geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und blau gestreifte, locker
+flatternde Hosen und rote weite Blusen mit umgeschlagenen Kragen. Das
+war die Uniform der Kapelle. Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide.
+Er bekam zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff aus
+ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages in sein Zimmer
+kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über sein Bett gebreitet. Er
+probierte sie einen nach dem andern an und lachte sich im Spiegel aus.
+Aber er fand, daß das Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem
+weißen Gesicht und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an
+die Tür des Zimmers der Frauen pochen.
+
+„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er blieb an der
+offenen Türe stehen.
+
+„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände zusammen, „sehr,
+sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“
+
+„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die Sonntagsuniform,
+ich muß sie gleich wieder ausziehen!“
+
+Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken in seinem
+Zimmer.
+
+„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ aber er fügte
+mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, Herr Baptisto. Unter
+Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich hoffe, den Zettel bald wieder
+zurücknehmen zu können!“
+
+Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch:
+
+„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig zu sein,
+wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen sind 25 Franken. Rest 75
+Lire.
+
+ Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“
+
+„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete das Papier
+zusammen.
+
+„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, indem er mit
+der Hand eine weitläufige Geste in der Luft zeichnete.
+
+ * * * * *
+
+Und nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der andern Musikanten
+durch den menschengefüllten Saal des Restaurants _aux vieux chênes_. Es
+hatte auf einmal angefangen zu regnen und die Spaziergänger, die den
+Herbsttag im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am
+Eingang zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch
+große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im Augenblick
+vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem grauen Himmel in dem Saal
+schon dunkel. Die Kronleuchter funkelten auf. Hereindrängende Menschen,
+Stuhlrücken, rufende Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten
+sich zu einem wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete
+Gruppe der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar
+Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem hoch
+gespannten Aüh! zusammenklang.
+
+Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und seiner
+feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen Mauer durch die
+Menschen hindurch. Er stieg mit den andern auf die kleine Bühne und sah
+nichts, war auf einmal droben und wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er
+war nicht so kühn, in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu
+schauen. Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen
+schwindelhaft tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die
+Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender
+Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den andern vorgeschoben, er
+setzte den Bogen an und verstand nicht, was er tat. Er spielte, wie ein
+Automat, dessen Mechanismus man gerade gelöst hat, und die Töne hatten
+etwas Belegtes, wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist.
+
+Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter sich etwas
+Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen Erstauntseins, daß das
+Bekannte, das er an einem der ersten Tische sah, der dicke Italiener,
+der Häuptling war. Und da stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag
+als eine wichtige kleine Insel drunten in dem Meer; als eine
+aufgeplusterte, winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige
+Erbrausen bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. Um
+den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die sich
+überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen mutiger
+werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er sah, daß eine blaue, mit
+goldenen Sternen gepunktete Decke sich von Säulen getragen über dem
+Raume schloß; er hörte sogar irgendwo ganz spitz das s...s...s... der
+kleinen Fontäne immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah
+sie auf einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah Menschen
+sich um Tische scharen und unter einem ineinander verzogenen Rauschen,
+wie unter einem Netz von gedämpftem Lärme liegen.
+
+Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. Er stieg aus
+dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die Menschen unter dem wogenden
+Netz anfingen, die Köpfe zu wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich
+unendlich wichtig vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus
+seiner Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der
+Menschen beglückend zu erheben.
+
+Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten Tones den
+Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze Saal wie mit drohendem
+Radau unter seinem Netz herauszuheben schien. Baptist schrak zusammen
+und er faßte krampfhaft Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben
+ihm stand.
+
+„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte seine
+Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas angerichtet und
+sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen ihn. „Geh vor, geh vor!“
+riefen sie ihn erregt an. Er wehrte sich gegen sie. Er war wie von
+scharfem Duft betäubt. Da griff Paolo ihn von hinten unversehens unter
+die Arme, hob ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts.
+
+Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den Beifall danken
+mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt und mit lichtverblendeten
+Augen. Die Zuschauer, die diesen Auftritt sahen und alles für
+Bescheidenheit hielten, lachten drunten und klatschten wie verrückt
+weiter, trampelten und riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden
+Grinsen zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung mit
+seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle auf, spielt
+noch einmal‘.
+
+„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist.
+
+ * * * * *
+
+Baptist war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen ersten
+Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich ist, aber
+nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die da unten saßen, waren
+ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie schwabbelte ein wenig in seinen
+Vorstellungen. Er spielte vor ihr aus Lust am Spielen, aus inniger,
+kräftiger Arbeitsfreude. Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau
+geschrieben oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der
+Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit einem
+nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der Schnittfläche eines
+Baumes aufquillt, so sah Baptist sein Schaffen frisch und hell aus sich
+steigen. Darüber empfand er einen naiven warmen Stolz.
+
+Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus Luxemburg im Garten
+sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit ihnen verkehrt, weil sie älter
+waren wie er. Aber der Bruder des einen war sein Schulkamerad gewesen
+und sie kannten sich gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen
+wegen seines bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas
+von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den Pausen lugte er
+öfter halb befangen und halb neugierig hin. Aber sie saßen zu weit weg,
+als daß er irgendeine Antwort auf seine Blicke hätte erkennen können.
+Als dann die Musikanten zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch,
+an dem die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu kommen,
+war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten und begrüßen und was
+sie sagen würden. Er hielt sie mit dem Blick fest, während er zwischen
+den Tischen hindurch auf sie zuging, zögerte ein wenig mit den
+Schritten, als er an ihrem Tisch angekommen war ... Aber sie redeten
+heftig abgewandt auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als
+wiesen sie ihn damit grob und energisch ab.
+
+Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, ihr
+Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich hin, als er davonging.
+„Ihr ...“ und schließlich fand er in der Erregung nichts mehr, was
+erbitterter, verächtlicher und beleidigender gewesen wäre – und er
+sagte: „Ihr Luxemburger!“
+
+Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem verächtlichen
+Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch war leer.
+
+Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche
+Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein Ehrgeiz war
+verwundet worden und es wuchs kein Kraut, das zu heilen.
+
+Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der Masse, die da
+unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt die sentimentalen Töne mit
+einem langen Tremolieren wie an einer zitternden Schnur an einer Stange
+über die Tische. Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend,
+und um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen tanzten die
+letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die scharfen Düfte der ersten
+Zersetzung, nach abgeschälten Rinden riechend, bitter und verwirrend in
+den Konzertgarten. Draußen fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur
+Stadt zurück. Das Jahr, der Bois und der Tag starben.
+
+Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und ihre Töchter und
+sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne traurige Ahnung von den
+Zusammenhängen, von der unerbittlichen Sinnbildlichkeit dieser dunklen,
+heftigen, erregenden Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und
+fühlten ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen
+Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. Und lag
+nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der man sich
+zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam zu tragen.
+
+Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie dankbar
+waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten da oben es nur der
+schöne stattliche Junge sein konnte, der die erste Geige führte und sich
+dabei in den Hüften bog und mit dem Körper im Rhythmus schaukelte wie
+ein rassiger, koketter Hengst im Zirkus.
+
+Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den Luxemburgern setzte
+ein Vorstoß des Winters ein und man fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die
+Vieux Chenes wurden geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de
+l’Univers in einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und
+verpflichtete Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für
+dieses große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs Uhr
+bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben Gesichter, die
+nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem Podium und den Gästen
+entstand ein familiärer Verkehr. Man bewunderte Baptists Spiel und
+mancher sagte ihm, ihn wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders
+sein.
+
+Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, setzte sich
+stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich liebenswürdig
+zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn sehr, und Baptist unterhielt sich
+gerne mit dem Unbekannten und war froh über seine Teilnahme. Eines
+Abends trat der Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von
+Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen könnte.
+Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und schaute, zupfte an den
+Saiten und schaute wieder und gab Baptist das Instrument schließlich
+zurück.
+
+„Sehr gut!“ sagte der Herr.
+
+„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt.
+
+„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. Nur Historisches.
+Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... Würden Sie mir sie für
+zweihundert Franken überlassen?“
+
+Der Herr griff in die Brusttasche.
+
+„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, von denen
+ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ antwortete Baptist lachend.
+
+„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes Gesicht.
+
+„Allerdings!“ sagte Baptist.
+
+Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr.
+
+Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts zusammen
+nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, liebe Margherita, es ist
+nun wahr, daß diese Geige jetzt für mich so etwas besitzt, wie es eine
+Frau hat, die lieb, zärtlich und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa
+ist es nichts! Sie ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen
+Leib? ... und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber
+immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“
+
+Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns weg. Sie müssen
+mehr werden!“
+
+„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete Baptist. „Aber
+hat’s dazu nicht Zeit?“
+
+„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“
+
+Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch rühren. Er war
+jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause kam, und führte selbst sein
+Ausgabenbuch nicht mehr so freudig wie anfangs. Er fühlte sich biegsam
+werden. Er versuchte jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem
+Abend verfallen war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen
+hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem enger
+zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. Er sah Frauenaugen
+begehrlich und erregt leuchtend an ihm hängenbleiben, wenn er die langen
+Töne mit süßlicher Eindringlichkeit aus dem Zusammenspiel herauszittern
+ließ, und er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz.
+
+Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus aus war,
+das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern aufmischte.
+
+Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des Asphalts, diese im
+feuchtwarmen Duft des Verkommens fiebernden Frauen, all die aufgelösten,
+gierigen Menschlein in erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt
+tänzeln machen.
+
+Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen ihm selber in die
+Adern. Er wurde nun umworben, er der schöne Primgeiger! Er, der den
+Zauber der Klänge aus der Geige heben konnte. Die andern fingerten ja
+nur! Er, der interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und
+biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, romantisch
+verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. Die öffentliche
+Anteilnahme richtete die blendend erhellende Scheibe ihres Reflektors
+auf ihn, und er schwänzelte in diesem Beleuchtungsfeld, wie eine kokette
+Frau, die Männerblicke auf sich fühlt.
+
+Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil seine Nerven eine
+austrocknende Hitze bekamen und er sie nur aus dem Saale heraus
+auffrischen konnte. Nun machte er auch keine Opposition mehr gegen die
+sinnlosen Modestücke und spielte sie mit denselben kokettierenden
+Anstrengungen wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein
+zugespitztes Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden Tag
+um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden Tag dieselben
+Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten hatte. Er
+verlor das Gefühl für Nüancierungen. Seine Empfindsamkeit war zum
+Handwerk geworden und setzte Huf an.
+
+Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf jeden Kontakt
+reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das Leben floß frei auf ihn
+herein. Das hatte er ja immer gewünscht – das ungebändigte, riechende,
+rundum raffende Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und
+die Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht zu
+ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine innere Spannung
+ermüdete bald an diesem unklug und maßlos hochgespannten Leben und wurde
+schlapp. Er sank wie an einer Stange herunter und merkte es nicht, weil
+er noch immer die Bewegung des Hinaufkletterns machte.
+
+Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch zu
+vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr herauskam, weil er
+schon eine Woche lang nichts eingetragen hatte, nahm er es und warf es
+in den Ofen.
+
+Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann in dem Zimmer
+der Männer, spaßten und zechten und erzählten sich aus ihrem Leben. Wenn
+sie betrunken waren, küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten
+zusammen und duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein
+Geld gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, sich
+eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte.
+
+Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, kam Margherita.
+
+„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu.
+
+Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen den Tisch und
+sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie sich Baptist, daß ich
+Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien besser wie wir und sollen von
+uns weggehn?“
+
+„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“
+
+„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, es ist die höchste
+Zeit.“
+
+„Weshalb?“
+
+„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“
+
+„Ja, aber ...?“
+
+„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, wie Sie setzt
+immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“
+
+Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du mich!“
+
+Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an sich
+heranzuziehen.
+
+„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem Zimmer. Seine Arme
+sanken leer und enttäuscht nieder, und er stand da, aufgehalten in
+seiner entflammten Gebärde, betrogen und zornig, trotzig und aufgewühlt.
+
+„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach.
+
+Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter. Er ging die
+Boulevards in der innern Stadt erregt entlang und schaute den Frauen zu.
+Sie waren häßlich oder schön, gut oder schlecht gekleidet. Aber alle
+waren Frauen. Er schaute ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach.
+
+Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld, trat auf der
+Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte heftig: „In ein
+Bordell, Kutscher!“
+
+„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher
+Gleichgültigkeit.
+
+So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße diese erste große
+Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen quadratischen Fenster sah
+er die Häusermassen zurückgehalten den Stadthügel herunterdrängen. Das
+stumpfe, gewaltige Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit
+schwerfälliger Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer in
+den grauen Tag.
+
+Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte sich das
+nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine Jugend abschloß. Er
+erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte Winzigkeit. Noch lange
+blieb es, wie ein trüber Satz in einem Glase, auf dem Grund seines
+Innern liegen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+
+Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine
+Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest
+einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines
+unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche
+belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren
+Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des
+Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch
+er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er
+das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende,
+raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen
+werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern
+die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen
+Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.
+
+Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem
+Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von
+ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der
+Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es
+war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine
+Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel
+Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner
+knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.
+
+Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den
+folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich
+riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven
+Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte
+sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen
+Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren
+fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er
+brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie
+in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er
+vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen
+ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener
+Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte
+Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.
+
+So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des
+Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die
+verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer
+Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen,
+betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große
+Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn
+an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische
+Romantik ein.
+
+Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser
+widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes
+aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem
+Dahinleben durch die Tage.
+
+Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen
+Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze
+ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden
+schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit
+einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.
+
+Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er
+spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz
+...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser
+Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an
+die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen
+Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die
+Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die
+Strahlen eines Reflektors.
+
+Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender
+Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben
+sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken,
+und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.
+
+Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen
+zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit
+einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.
+
+Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen,
+Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen.
+Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine
+Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de
+belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig
+nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an
+ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein
+paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist
+trotzig hin.
+
+„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.
+
+Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die
+Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.
+
+Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.
+
+Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner
+Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts
+drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.
+
+Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer
+betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit
+den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige
+Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus
+dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an
+Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen
+Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er
+allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!
+
+Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie
+Paolo heftig auf Margherita einsprach.
+
+„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“
+
+„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.
+
+Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.
+
+Da wandte sich Baptist um.
+
+„Aber Paolo, was machst du denn?“
+
+„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“
+
+„So laß sie doch!“
+
+„Nein, sie soll!“
+
+„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu
+müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“
+
+Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.
+
+Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas
+Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie
+auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt
+hatte, und mit einem Gute Nacht davon.
+
+Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem
+bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus
+ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun,
+was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und
+mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können,
+für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“
+
+Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde
+Erwachen!
+
+Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg
+in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.
+
+Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen
+beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.
+
+„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.
+
+Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser
+um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte,
+legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er
+zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken
+sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch
+zweihundert Franken blieben.
+
+Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem
+jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das
+Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins
+Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer
+Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken.
+Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer
+wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein
+widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende
+Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen
+Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er
+floh unter die Leinentücher.
+
+Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte
+jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das
+richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er
+selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne
+Kreis!
+
+Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen
+und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den
+Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein
+Telegramm sie rief.
+
+Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem
+Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke
+davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von
+seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie
+zu seinen Plänen meinten.
+
+Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick,
+als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und
+Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu.
+Ihr Gesicht flammte rot auf.
+
+Sie wollte vor Baptist davoneilen.
+
+„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen
+besprechen!“ rief er ihr zu.
+
+Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie
+wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da
+sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind
+schlecht!“
+
+Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn,
+Margherita? Ist etwas geschehen?“
+
+„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind
+doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach,
+wir sind gemein und schlecht!“
+
+In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die
+Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich
+über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit
+der Hand streichelte:
+
+„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen
+haben wie hier, Baptist?“
+
+Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und
+geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“
+
+„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech
+gesagt hat, das ist nun nicht ...“
+
+Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als
+strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des
+Mannes auf sich zu dulden.
+
+„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.
+
+Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen.
+Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn
+so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt
+machte er sich davon.
+
+Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur
+d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.
+
+Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu
+der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und
+schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden
+sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von
+Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die
+drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein
+Zimmerlein für sich.
+
+Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für
+die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung
+bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke
+die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber
+schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche
+Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.
+
+Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer
+eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm
+an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier
+erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.
+
+„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an,
+als sie im Zimmer waren.
+
+„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.
+
+„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.
+
+Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn
+geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich
+mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie:
+„Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie
+denn gelebt? Sie?!“
+
+Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben
+leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig,
+verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“
+
+„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.
+
+„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“
+
+Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich
+kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister.
+Bitte zu merken!“
+
+Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er
+schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“
+
+Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch
+stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.
+
+Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne
+Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch
+da bin und die erste Geige nehmen kann!“
+
+Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und
+ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl
+halten.
+
+Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will
+sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“
+
+„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und
+bittend.
+
+„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“
+warf ihm Leprotto kurz hin.
+
+„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.
+
+Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen,
+die Geschichte sei erledigt.
+
+Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war
+ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und
+schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie
+gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein
+und bescheiden.
+
+„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die
+Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die
+erschreckenden Bilder abzuwehren.
+
+Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war
+eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener
+allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie
+setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten
+schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe.
+Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und
+deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn.
+Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er,
+was er vorhin zugesagt hat.
+
+Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den
+Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei
+zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas
+Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.
+
+Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in
+ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken,
+voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein
+und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen
+seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.
+
+Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das
+Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita,
+die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß
+eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den
+Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“
+
+Baptist zuckte gequält mit den Schultern.
+
+„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.
+
+Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er
+kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm
+gemacht habe ...
+
+„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.
+
+Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er
+hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber
+Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte,
+daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl,
+daß du eine viel größere Summe hättest!“
+
+„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er
+vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm
+er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein
+ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.
+
+„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie
+ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist
+doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich
+setze mich für dich ein und paß auf ...“
+
+Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.
+
+ * * * * *
+
+Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben
+in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen
+Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der
+Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es
+war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm
+herausgeflossen.
+
+Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine
+Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.
+
+„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“
+flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.
+
+Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die
+nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem
+Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben,
+die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die
+Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:
+
+ „Luxemburg den 24. April.
+
+Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich
+hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren
+Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen,
+mit dem es ihm beliebt.
+
+ Alois Biver.“
+
+Der andere Brief lautete:
+
+„Sehr geehrter Herr!
+
+Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen,
+könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht
+bald entgegen
+
+ Hochachtungsvollst
+ E. Leprotto.
+
+Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“
+
+Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich
+mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den
+Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder
+zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita
+suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.
+
+Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien
+gewartet zu haben.
+
+„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.
+
+Baptist nahm ihn aus der Tasche.
+
+„Da, lesen Sie!“
+
+„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und
+Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da
+sei!“
+
+„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“
+
+„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“
+
+Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig
+war, schaute ihn Margherita an.
+
+„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.
+
+Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes
+Armzucken.
+
+Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages
+in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und
+wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt,
+sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und
+ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe,
+die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme,
+mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr
+auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen
+Mitternacht nach Haus gingen.
+
+Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich
+bin krank!“
+
+Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder.
+
+„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er
+sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten.
+
+„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und
+fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker.
+
+Mittlerweile waren die andern herangekommen.
+
+„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.
+
+Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“
+
+Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte
+sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.
+
+„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.
+
+„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.
+
+„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.
+
+Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter
+kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.
+
+„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen.
+Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.
+
+Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war
+eine große, geschlossene Droschke.
+
+„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann
+bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur
+Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“
+
+Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den
+Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er
+selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie
+wickeln zu können.
+
+Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und
+den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten.
+Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre
+Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend
+und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen,
+wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie
+Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre
+Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_
+...“
+
+Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er
+losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und
+verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände
+gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt,
+daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das
+nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und
+schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“
+
+Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger,
+Verräter!“
+
+Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen
+jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.
+
+Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch
+vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit
+beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran.
+„Paolo, wir wollen ...“
+
+Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem
+gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib
+hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut
+ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig
+werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere,
+widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch
+funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine
+unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.
+
+‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken,
+kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen.
+Dann war es aus und Finsternis.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+
+Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.
+
+Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft
+die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz
+geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im
+Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den
+Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum
+ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.
+
+Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen
+Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und
+Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die
+Straße gesetzt.
+
+Er war geheilt.
+
+Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es
+hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in
+dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn
+herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines
+Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken
+aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine
+bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet
+worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf
+einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und
+selbständig dem Leben übergeben mußte.
+
+Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn
+schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital
+auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins
+Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß
+um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten
+einwickeln zu wollen.
+
+Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine
+Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der
+Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen,
+hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke
+dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der
+schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.
+
+Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur
+ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie
+beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm
+gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr
+genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen
+Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte
+Bilder.
+
+Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch
+erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen,
+mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er
+kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm.
+Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen
+Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.
+
+An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung
+entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von
+selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines
+gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in
+die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf
+ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der
+Eingetretene war.
+
+Baptist sagte: „Ich wohne hier!“
+
+Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz
+unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte.
+
+„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“
+
+„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.
+
+„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab
+gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“
+
+„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der
+Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel
+geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine
+rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn
+schneiden.
+
+„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“
+
+Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der
+kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche
+schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen
+Geschehnisse.
+
+Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt
+plötzlich auffuhr.
+
+„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die
+Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie,
+und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal
+gleich.“
+
+Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut
+verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war
+seine Geige.
+
+„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind
+ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“
+
+Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.
+
+„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.
+
+„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl.
+
+„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.
+
+„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“
+
+Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.
+
+„Ihre Italiener!“
+
+„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles
+mitgenommen. Wo sind sie denn?“
+
+„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie
+nicht mehr kamen, weggezogen.“
+
+„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie
+teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“
+
+Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem
+Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt
+hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem
+Buche stehe.
+
+„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.
+
+... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.
+
+„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.
+
+„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder
+vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“
+
+„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“
+
+„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend,
+geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch
+gegen hundertzehn Franken!“
+
+„Ja!“ antwortete Baptist.
+
+„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine
+Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so
+eine Garantie haben?“
+
+Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“
+
+Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen
+Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam,
+als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus
+in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!
+
+Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“
+
+„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen.
+
+Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“
+
+Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem
+ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen
+Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt.
+
+Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall,
+der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein
+geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine
+Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie
+vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend
+in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.
+
+Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben
+allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden;
+ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und
+die Art seiner Kundschaft nützte.
+
+Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.
+
+„Zehn Franken!“ sagte er.
+
+Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine
+Aegidius Barzellini!“
+
+„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es
+ist eine Geige, weißt du!“
+
+Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in
+den Kasten.
+
+„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.
+
+„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.
+
+„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.
+
+Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen,
+in ein größeres Musikgeschäft.“
+
+Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit
+verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige,
+und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum.
+
+Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
+
+Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu
+Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und
+ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken
+blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück.
+Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand
+dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der
+Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das
+wiederholte sich ein paarmal.
+
+Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten
+Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was
+wollen Sie dafür?“
+
+Baptist zuckte mit den Schultern.
+
+„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“
+
+Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt
+war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei.
+Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen
+der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.
+
+Da sagte er: „Ja.“
+
+Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or
+rasch davon.
+
+Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an
+seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen
+Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er
+dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
+
+„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.
+
+Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier
+eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während
+er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand
+eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu
+sehen!“ sagte er.
+
+Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und
+gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben
+und hieß:
+
+„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“
+
+Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis
+antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen
+Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die
+Räume hinter dem Laden.
+
+ * * * * *
+
+Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um
+sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein!
+Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als
+schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in
+eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.
+
+Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke
+verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es
+unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun
+mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine
+Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.
+
+Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in
+einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit
+dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des
+unausmeßbaren Verlassenseins ein.
+
+Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine
+Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.
+
+„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.
+
+Baptist bejahte.
+
+Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem
+etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer
+weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren
+umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß,
+von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen
+waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen
+spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt
+über das ganze Gesicht.
+
+Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich
+niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“
+
+„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.
+
+Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ
+rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den
+Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren
+nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die
+Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or
+erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat
+der Wirt auf Baptist zu.
+
+Baptist sagte: „Danke!“
+
+„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett
+gelegt.“
+
+Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem
+raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.
+
+„Nicht nötig! Gern geschehn!“
+
+Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ
+mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem
+es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und
+traten auf die Straße hinaus.
+
+Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie,
+als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte
+sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf
+einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.
+
+Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt
+all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist
+ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.
+
+Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch
+dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen,
+um seine Schuld zu bezahlen.
+
+„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.
+
+„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“
+
+Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in
+seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es
+kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden
+von einem Druck irrte er draußen umher.
+
+Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die
+Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und
+Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und
+Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer
+wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende
+Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott,
+vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten
+verschwände!“
+
+Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen
+heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die
+Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das
+hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden
+Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher,
+die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer
+Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und
+jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte
+Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als
+das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.
+
+Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften
+geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles
+hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den
+Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah
+sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der
+berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen.
+Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.
+
+Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des
+Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein
+Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er
+sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten
+Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins
+Bett.
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf
+aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren,
+tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.
+
+Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit
+zu seiner Türe herein.
+
+Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es
+ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im
+Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und
+selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘
+
+Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett
+und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit
+den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den
+Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er
+Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den
+Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten
+Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind
+mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause
+als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte:
+„Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche
+Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“
+
+Baptist sprang auf.
+
+„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er
+laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an
+den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen.
+Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine
+Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit
+einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts.
+Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit
+den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne
+Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln
+gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen.
+Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des
+Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen
+Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der
+Sieg dauerte nur drei Augenblicke.
+
+Baptist wimmerte leise.
+
+Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr
+und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle
+Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs
+– der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen,
+graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende,
+verletzte Tierchen.
+
+Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist
+etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende
+Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie
+ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend
+sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is
+gut! Kindi stirbt!“
+
+Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das
+Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen,
+schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend
+an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon
+leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer
+an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.
+
+Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“
+
+Einer sah es.
+
+Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem
+Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“
+
+„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die
+wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre
+Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade
+an der Ecke ihre Türe offen hielt.
+
+‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.
+
+„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den
+Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“
+
+Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein
+anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine
+Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist
+alles hin.
+
+Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein
+Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein
+Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie
+der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die
+mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren,
+kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen
+Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en
+Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun,
+einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.
+
+Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um
+ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten,
+bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren
+Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte
+seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau
+hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu
+seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in
+demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn
+anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg,
+die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in
+Geschäftsbetriebe eingetreten waren.
+
+Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme.
+Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief
+stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß
+mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die
+Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn
+mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen
+in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn
+bald sanft dem Schlaf.
+
+Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese
+Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und
+er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen
+Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu
+verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben
+getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.
+
+ * * * * *
+
+Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm
+das Dach über dem Kopfe nahm.
+
+Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr
+hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos,
+wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen,
+wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er
+fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen
+Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn
+hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und
+schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes
+Tier, das am Sterben liegt.
+
+Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider
+verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen
+näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen
+verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel
+der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand
+eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv
+eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem
+Schuppen, einem Eisenbahnwagen.
+
+Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt
+und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und
+in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem
+Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf
+der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief:
+„Aufstehen! Raus!“
+
+Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren,
+rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er
+wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum,
+in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben
+Baptist auf.
+
+Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn
+doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal
+erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist:
+„Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben
+konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend
+in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal
+gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.
+
+Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.
+
+„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig
+kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“
+
+„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.
+
+„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has
+du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar
+nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die
+Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt
+hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.
+
+„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den
+Alten.
+
+Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist
+auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere
+zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte:
+„Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“
+
+„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.
+
+„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.
+
+Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser
+Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging
+geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die
+Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten
+von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen,
+verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten
+nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend
+mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.
+
+Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal
+die Katrine – och!“
+
+Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.
+
+Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie
+eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und
+hielt eine kleine flache Blechflasche hin.
+
+Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher
+wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die
+Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.
+
+Baptist trank daraus.
+
+Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn
+strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der
+Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.
+
+„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger
+Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen
+Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem
+wässerigen, farblosen Glanz.
+
+Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er
+bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit
+einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder,
+als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte
+sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so
+Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!
+
+Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“
+
+„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich
+lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer
+unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh.
+
+Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber
+er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine
+Gelegenheit böte.
+
+In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die
+Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und
+fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“
+
+Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den
+andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde
+niemand vor ihnen.
+
+Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob
+den Koffer in die Faust und schritt davon.
+
+Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er.
+Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n
+Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die
+Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen
+auf und nieder flogen.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+
+Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte
+heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein
+blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau
+zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm
+lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende
+helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.
+
+Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die
+andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den
+Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und
+schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer
+zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang.
+Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer
+gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne
+auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und
+aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein
+geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm
+vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem
+knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
+
+Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß
+jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
+
+„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend
+klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum
+letztenmal gegessen?“
+
+„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere
+Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende
+peinliche Angelegenheit wegzukommen.
+
+„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
+
+„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der
+harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann
+kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so
+höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere
+ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie
+standen!“
+
+Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu
+müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den
+andern Kollegen!“
+
+Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt
+sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine
+halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
+
+„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
+
+Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen
+weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie
+obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu
+bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse.
+Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine
+Post, – helf ich Ihnen!“
+
+Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist
+mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er
+rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein
+verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser
+ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen
+wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und
+Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas,
+das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
+
+Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen
+Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er
+den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind,
+dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von
+Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche
+Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen
+regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und
+verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das
+Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet,
+als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem
+fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal
+zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu
+einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.
+
+Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.
+
+„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte
+Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege
+nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben
+mag.“
+
+Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war
+darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt
+vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und
+zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand
+des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen
+wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom
+Bahnhof weglief.
+
+Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über
+das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild
+festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es
+dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild
+und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs
+Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
+
+„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
+
+„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so
+plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
+
+„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
+
+Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn
+seitdem?“
+
+„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
+
+„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen
+hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre
+Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem
+Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“
+
+Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam
+ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr
+erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst
+in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher
+Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.
+
+„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie
+scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja
+noch ein Kind. Wie alt?“
+
+„Dreiundzwanzig!“
+
+Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf
+die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund
+formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die
+Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts
+ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind
+ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht
+aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im
+Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
+
+Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit
+erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem
+großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie
+in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit
+heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit
+haben!“
+
+„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt
+hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo.
+Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt,
+hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich
+zusammen!“
+
+„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher
+Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück
+Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch
+zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St.
+Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin,
+und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
+
+Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle
+und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war.
+Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und
+dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte
+Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften
+Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein
+paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges
+Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und
+verbarg die braune angeräucherte Decke.
+
+Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen,
+roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah,
+trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die
+Wäsche schon?“
+
+„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
+
+Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von
+spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und
+hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von
+Bart herauskam.
+
+„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er
+und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen
+wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein,
+oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den
+Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch
+Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich
+die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem
+Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
+
+„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“
+
+Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und
+sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
+
+„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens
+chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter
+Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“
+
+„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
+
+„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie.
+Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“
+
+„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun
+auf deutsch.
+
+„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus
+der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in
+Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo
+heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette.
+„Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal,
+sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem
+andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de
+Paris_.“
+
+Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch
+italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
+
+„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“
+Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der
+Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.
+
+„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer
+verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern
+sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie
+der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so
+einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo?
+Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im
+Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein,
+zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen,
+Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten
+Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“
+
+Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich
+alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps.
+
+„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch
+und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn.
+
+Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt.
+Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein
+Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag
+wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen
+leicht hindurch.
+
+‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu
+der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer
+nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem
+kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß
+er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird.
+
+Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne
+bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.
+
+Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so
+etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann!
+
+So kam er zur Plätterin zurück.
+
+„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer
+Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um
+ihr Kinn auf.
+
+Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte
+eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die
+dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten.
+
+„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein
+Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen
+überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich
+in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel.
+Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er
+einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen.
+In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das
+Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an
+die dunkle Bettstelle warf.
+
+„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie
+sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und
+Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als
+sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl,
+ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe
+an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte
+sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie
+Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.
+
+Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten
+Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im
+Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen
+Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der
+verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben
+ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut,
+den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen
+konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger
+werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern
+Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit
+ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und
+flüchtig von ihm los.
+
+Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von
+der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres
+sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr
+Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen,
+verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin
+und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die
+sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen
+entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes
+Sichhinhalten.
+
+Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die
+Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner
+Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau
+ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran.
+
+„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den
+Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem
+feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie.
+Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen
+spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja
+eine Frau!‘
+
+„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich
+erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren
+Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit
+und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund
+kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf
+die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen,
+weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm
+und dankbar.
+
+ * * * * *
+
+In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten.
+Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten
+Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit
+zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu
+seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten
+Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von
+körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder
+wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper
+widerstandsfähiger werden.
+
+Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der
+Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen
+Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts
+blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist
+hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten
+und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den
+Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre
+verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn
+sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig,
+welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen
+Auftritten zuschauten.
+
+So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten
+Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er
+fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen
+Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das
+Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit
+mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag
+rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle
+Sympathie des Wirtes.
+
+Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte
+Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen
+Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der
+Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht,
+zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen
+waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie
+dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige
+Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und
+die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis
+das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr.
+
+Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen
+zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen
+der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte
+in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer
+gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese
+Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die
+kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett
+hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und
+Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen
+Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken
+konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt
+und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde,
+Flucht.
+
+Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die
+ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den
+Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten
+sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die
+Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.
+
+Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen
+Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund
+zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus
+seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst.
+
+Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine
+Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer
+ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen
+Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje
+putzte sich dann kokett und angestrengt auf.
+
+„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich
+bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche.
+
+„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den
+Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen
+Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann.
+
+„Und nun rate, von wem?“
+
+Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“
+
+„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat sie
+geschickt.“
+
+„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend.
+
+„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“
+
+Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; die Fächer der
+Fältlein zerrten sich auseinander und blieben auf einmal stehen, und der
+Glanz ihrer großen dunklen Augen schimmerte lauernd und kalt entzündet
+gegen ihn auf.
+
+Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und ihr Körper
+schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. Das Gesicht war aus dem
+Licht der Lampe heraus, aber die Augenbrauen beherrschten es um so
+schwerer und aufregender. Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist
+eindringen. ‚Was kam nun wieder?‘ fragte er sich.
+
+„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich.
+
+„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger voll haben,
+an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht den ganzen Tag hinterm
+Fenster zu schauen, und wenn ich ausgehe, kommt er immer in die Türe.
+Und hier den Schal hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal
+weiß, wie sein Name ist.“
+
+Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte mit seinem
+ohnmächtigen Blick: „Alientje!“
+
+Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig
+hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte ihren
+ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem Körper. Sie
+biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es zitternd in ihr über:
+„Liebst du mich denn?“ und ihr Atem schlug ihn an. „Du bist so schön und
+stark! Liebst du mich?“ flüsterte sie.
+
+Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje von andern
+Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, daß der Hausherr
+allein zu Hause war und sich unter den freigebigsten Versprechen
+begehrlich zu nähern versucht hatte. Bald war es irgendeiner auf der
+Straße. Ein starker junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann,
+der ihr bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg
+angetroffen wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. Oh, und
+es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche Männer. Sie reizte
+sich und Baptist mit diesen Erzählungen, die sie mit allen kleinen
+greifbaren Einzelheiten ausstattete und sprang aus ihnen unmittelbar in
+die Liebesausbrüche, mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte.
+
+Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und der
+instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. Er
+wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, primitive Angst zu
+verlieren. Das Leben glitschte ihm wie ein Fisch durch die Hand. Er
+hatte es erlebt, wie die Schwelle unversehens unter seinen Füßen
+weggewichen war, als er schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu
+sein. Der Boden rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit
+dem neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun wieder
+Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen
+Vagabunden – das Versinken ins Moor des unglückselig haltlosen Lebens.
+
+Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes
+Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden Männer, die er
+als Agenten seines unglückseligen Schicksals ansah, immer mit
+Geschenken, und der Gedanke hackte sich in ihm fest, daß er mit
+Geschenken die böse Macht, die sich wieder näherte, versöhnen und
+entfernen konnte. Er begann mit fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie
+er mehr Geld bekommen könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die
+über ihm lag.
+
+Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, sah er, daß an
+einem Tisch ein paar Leute miteinander in Streit zu kommen begannen. Da
+fühlte er es brutal und gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er
+hatte die unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen,
+den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen Frucht
+am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln und selber
+blind zuzuschlagen. Dann malte er sich aus, wie ein einziger Fausthieb
+gut gezielt treffen würde, was für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese
+Vorstellungen bekamen etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige
+Brutalität, die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals
+in seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem
+Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese Hunde von Männern
+hinwürgen, diese Straßenkavaliere ...
+
+Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als Hasenklever
+herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie sich mal rasch auf, die
+Wäsche von der Veroken holen. Das ist ganz vergessen worden und es ist
+schon dunkel. Die wird bald zumachen.“
+
+Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, daß sie
+bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht unbeteiligt
+war. Und so war mit einem Schlag über dem Gläserspülen das Dulden in
+Leidenschaft umgeschlagen.
+
+Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje hatte den
+Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel noch nicht
+umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist plötzlich sah.
+Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen Winkel gezackt und die Augen
+schauten in ihrem kühlen Glanz wie mit einem kalten Fieber. „Was willst
+du denn?“ fragte sie unsicher und mürrisch.
+
+Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, gewann sie
+im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand schon bereit. Sie machte
+emsig herum, drückte ihn Baptist eilfertig in die Arme: „Na, denn
+schnell, wenn Herr Hasenklever es braucht; denn schnell!“
+
+Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, kamen ihm
+alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje gerade bereitet, zum
+klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, versponn sie schnell zu
+Vermutungen und im Nu fiel ein ganzes schweres Netz verbrennender
+Verdächtigungen auf ihn nieder.
+
+‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und wußte
+nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal auf den St.
+Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben liegen. Die Fenster des
+ersten Stockwerks waren dunkel. Er schaute zufällig zuerst dort hinauf
+und gleich saß, wie mit einem kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch
+gerissen wird, der Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts
+aus, lief über den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle
+Flurtüre, eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den
+Wäschekorb ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt
+zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank,
+griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. Er knüllte ihn
+in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber im Nu war Baptist wieder auf
+der Treppe, auf der Straße und ging durch die Wirtshaustüre in die
+Schenkstube.
+
+„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, da!“ und
+stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab er ihm den Gläserschrubber
+und löste seine Tochter an den Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller
+Gäste. An dem Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle
+umschlungen und sangen:
+
+ „Brüderlich verei...ei...eint,
+ Seg’ln wir in die Wä...ä...lt,
+ Matrosen, hipp, hipp, hurra!“
+
+„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas in der Hand,
+daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen Blick herüber. „Die
+Scherben unter den Tisch werfen!“ rief er. Baptist schleuderte sie hin,
+daß sie in Splitter zerknallten. „Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne
+hinzuschauen und strich den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s
+Alientje nicht freundlich?“
+
+Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und verbohrt. Er
+arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, um die Gedanken
+hintanzuhalten. Die stauten sich hoch und gefährlich wie zu einem
+niederschmetternden Wirbel bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben
+vollbracht hatte. Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in
+die Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. Erst
+wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung mit der
+klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über ihn gefallen, und eine
+marternde Scham begann sich in ihm einzunisten. Aber in einem Augenblick
+schlug die Angst um die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit
+einer gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er dann in
+die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett ausgestellt war, vor
+dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen Worten angehalten hatte. Es
+kostete gerade fünfzig Franken, wie auf einem großen Schild zu lesen
+war. Baptist trat in den Laden und ließ es einpacken.
+
+„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber ich mache Sie
+darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr wegkommt, weil Sonntag ist.“
+
+„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann ging er rasch über
+die Straßen, den Karton unterm Arm, zu Alientjes Wohnung.
+
+„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen auf
+den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung ein und kam
+auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube und drückte ihre Lippen lang
+und hart auf seinen Mund, noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton
+abzulegen.
+
+„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu.
+
+Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. „Baptist!
+Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! Wie schön ist das!“ und
+sie küßte ihn mit einer lärmenden Wucht.
+
+Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude.
+
+Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich
+schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern abgeben!“
+
+Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete sie, „Die
+schaden dir nichts!“
+
+„Doch!“ rief er brutal und herrisch.
+
+Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern und zog sich an
+ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen Leib und die Augenbrauen
+standen wie gezückt.
+
+„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. „Das reizt
+mich ja nur mehr zu dir!“
+
+Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte sie ihn an,
+„noch fester!“
+
+Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“
+
+ * * * * *
+
+Als Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube saß und der Wirt
+nach dem Abendessen Bücher und Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte
+Baptist, daß er kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle
+Muskeln angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in diesem
+Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand seiner Tat
+gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die Kriegserklärung des
+nachbarlichen Feindes.
+
+Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt zog einen Strich
+und aus seinem Bart kam mit halblauter Stimme eine Zahl:
+fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er dann unter den Strich und
+setzte eine Summe davor. Er überrechnete noch einmal und nickte zum
+Schluß mit dem Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte
+und mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt
+widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit sich die
+Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig Franken,
+fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in das Buch. Er
+schüttelte den Kopf und begann von neuem zu zählen. „Hol mich der
+Deibel!“ rief er, als er fertig war, „Zählen Sie mal dieses Geld,
+Baptist!“ Hasenklever stand auf und zog Baptist auf seinen Platz.
+
+„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem er gezählt
+hatte.
+
+„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das nach!“ Hasenklever
+schob ihm das Geschäftsbuch hin, und Baptist bestätigte, daß die
+Rechnung stimmte.
+
+„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever.
+
+„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den Geldhaufen und
+auf die Zahl hinter Summa zeigte.
+
+„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief Hasenklever
+aufgeregt.
+
+Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen Sie mich?“
+
+„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst täte ich hier
+nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben Sie nicht mal was bemerkt,
+so irgend etwas Verdächtiges?“
+
+Baptist schien nachzusinnen.
+
+„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, da ist
+schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie Ihre Türen immer gut
+ab?“ fragte er dann, als habe er einen Einfall.
+
+„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt.
+
+„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“
+
+Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich schenk’ einem
+fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen lassen. Man will
+doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im eigenen Haus in jedem Zimmer
+haben.“
+
+„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete Baptist
+überlegen.
+
+„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever zum Schluß.
+
+Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje ging, setzte er
+mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in der er sich droben in der
+Stube so sicher gefühlt hatte, für sich fort. „O ja!“ sagte er sich
+schließlich, „ich bin weit voran, das ist schon der richtige Weg!“
+
+Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der Schlüssel
+nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab und kam immer
+wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, dann hieb er einen
+ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, immer vergeblich.
+
+Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern.
+Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm,
+durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der
+Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit
+einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen
+aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und
+wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu
+gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte.
+
+Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des
+Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend
+änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße
+erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden
+Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die
+erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei
+Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an
+der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den
+Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der
+Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen
+saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als
+schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein,
+ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in
+verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur
+immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der
+Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
+
+Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten,
+zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten
+und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine
+Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen.
+Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle
+Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes
+schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm
+weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter
+eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote
+Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng
+gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht
+war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter
+Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie
+aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah,
+war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre
+Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer
+heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf
+einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem
+linken Arm fest an ihren Busen.
+
+„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in
+seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
+
+Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den
+geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus
+Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn
+zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit
+umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines
+Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um
+ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
+
+In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte
+Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste
+Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch.
+
+„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
+
+„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände
+hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es
+abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er
+nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl
+und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
+
+„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und
+drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen.
+
+„Wer?“ fragte Baptist rauh.
+
+„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
+
+Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie
+kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“
+
+Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“
+
+„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. „Ja, das
+wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf alle Wochentage hat sie
+einen andern. Ja, ihr Mann war ihr in den Kongo davongelaufen, das wird
+ihr jetzt noch lange nicht recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich
+sag Ihnen, das ist eine ...“
+
+Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“
+
+Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann machte sie ein
+beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn aufgerollt war,
+verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang von Baptists Händen
+abzuwickeln und zog sich abweisend zu ihrem Kanevas zurück, auf das sie
+Rosen mit grünen Blättern stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander
+getrennt.
+
+Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete ihm kaum. Er
+legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten sich schwer in ihm, wie
+Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach.
+
+„Und das gestohlene Geld!“
+
+Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. Baptist warf
+sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen Bett umher. Er dachte
+gleich an die Diebstähle, denen er sich im Hause seines Vaters nicht
+hatte entziehen können. Die Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen
+hatte, entwichen seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung
+jener Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein
+Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher,
+Verkommener.
+
+Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den Betrug der
+Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger werden. Einmal
+in einem solchen Augenblick der schrecklichen Stunden sagte er dann mit
+lauter Stimme in hartsinniger Grausamkeit gegen sich selbst und sah
+dabei den Schimmer einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle
+mich dem Gericht!“
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+
+Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der
+Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches
+vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte,
+waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die
+Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf
+den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie
+mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den
+morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen
+Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging,
+in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen,
+der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es
+war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer
+Scham und einer weglosen Verzweiflung.
+
+Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die
+große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit.
+Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie
+ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den
+Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren
+wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin?
+hieß dieser stumme kleine Schritt.
+
+„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
+
+Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’
+rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
+
+Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes,
+graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er
+klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die
+Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war
+verschlossen.
+
+Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
+
+„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz
+seiner abgeknapperten Sprechweise.
+
+Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die
+Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um
+zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner
+dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu
+stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der
+finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten
+hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer
+getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der
+verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten
+verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war
+auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu.
+Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt.
+Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre
+hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang
+merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße
+auf ihn zukam.
+
+Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine
+zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er,
+daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
+
+Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er
+sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht.
+Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise
+wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf
+sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über
+sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
+
+Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er
+Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das
+Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte
+seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße
+zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal
+aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten
+hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
+
+Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge
+Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch
+erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das
+Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte
+Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das
+ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie
+er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen
+Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen
+steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich
+der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist
+was Feines!“
+
+Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt
+und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht
+ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch
+und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie
+ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte
+es heraus: „Es ist meine Schwester!“
+
+Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas
+fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb
+sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine
+Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte
+er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und
+schließlich hatte er’s gefunden.
+
+„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer
+geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich
+reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
+
+Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’
+ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube
+holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein
+Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein
+wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins
+Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und
+sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“
+sagte Hasenklever bestimmt.
+
+Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den
+Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre
+gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn
+erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das
+Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar
+versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
+
+Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann
+Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste
+Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre
+fünfzig Franken gestohlen!“
+
+Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er
+drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem
+Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein.
+„Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam
+heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen
+heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff.
+Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine
+schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen
+Druckes braucht, um loszurasen.
+
+Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“
+
+Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß
+und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um
+mich zu stellen deswegen.“
+
+So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich
+und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem
+schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem
+Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie
+zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel.
+Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den
+Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte
+Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen
+„Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm,
+wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“
+
+Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte
+um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und
+wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas
+scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine
+seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit
+wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das
+denn nu auch ganz gewiß?“
+
+Baptist winkte: „Ja.“
+
+„Wo ist denn das Geld?“
+
+„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu.
+
+Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
+
+Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen
+sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s
+denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen
+Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der
+Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den
+Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht.
+
+„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
+
+„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht
+kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder
+vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden,
+dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er
+meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“
+
+Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf.
+„Nein“, sagte er erregt.
+
+„Ja, was nun wieder: nein!“
+
+„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht
+dagewesen!“
+
+Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen
+Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte,
+faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze
+hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so
+zu plagen!“
+
+Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß
+er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne
+um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines
+Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er
+wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine
+Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten
+glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine
+sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den
+Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse
+in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und
+er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit
+erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „_Die_ Schmach geht ja
+nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das
+ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge
+sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal
+auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und
+ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“
+
+Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in
+Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden!
+Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt
+hinaus!
+
+„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab
+ihm die Hand und versprach zu helfen.
+
+„Heut noch!“ bestand Baptist.
+
+„Gut denn!“
+
+Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus.
+Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als
+sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff
+‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“
+
+Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
+
+„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
+
+Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm
+erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
+
+„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte
+ungeduldig ein.
+
+Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem
+Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an.
+Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn,
+nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine
+Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
+
+„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte,
+während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich
+verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort
+nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
+
+Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half
+ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann
+mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort
+zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten
+Weines heraufholen.
+
+„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die
+mit am Tisch saß.
+
+„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
+
+„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem
+milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von
+„Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo
+er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte
+ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch
+in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen
+Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern
+Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist
+nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem
+Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am
+Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
+
+Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon
+auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft
+verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt
+das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an
+seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde;
+daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die
+dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das
+allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende
+vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser
+letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die
+Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein
+kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine
+liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem
+sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich
+nicht.
+
+Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten
+Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt
+herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte
+Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“
+rief er.
+
+Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne
+dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber
+er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen
+hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der
+Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und
+Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater
+Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein
+getrunken hatte.
+
+Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne
+umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte:
+„Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei
+still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers
+bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein
+anderes Geschick hier an Land bringt!“
+
+Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg
+und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als
+Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an
+Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem
+Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm
+Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie
+unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“
+schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat
+hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den
+Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei
+Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er
+sei als Kohlenzieher angeheuert.
+
+Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte
+über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe
+Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch
+g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief
+er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und
+mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr
+Obermaschinist, ein Trimmer!“
+
+Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran.
+Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff,
+er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll,
+tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier
+die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe
+klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt
+und was Sie wollen!“
+
+„Danke!“ antwortete Baptist.
+
+Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst
+in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei
+übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne
+Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein.
+Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren.
+Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den
+Arbeitsanzug anlegen.
+
+Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen
+Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von
+Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in
+dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah.
+Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten
+Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren
+auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten
+hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und
+kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer
+und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften
+zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen,
+schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden
+Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und
+Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend
+erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend
+heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der
+Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif
+zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf
+begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists
+Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden
+Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
+
+Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis
+drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm
+heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein
+kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum
+schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in
+einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer
+erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die
+Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses
+Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren
+hinauf geschaufelt.
+
+Das war alles.
+
+„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das
+prasselnde Fallen hörte auf.
+
+Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen.
+Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
+
+Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe
+knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem
+Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers,
+weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm
+um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun
+abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den
+niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich,
+bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen
+Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen.
+Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse
+einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf
+seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des
+Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der
+Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen,
+das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist
+nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht
+ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war
+der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
+
+Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine
+Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
+
+Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme
+wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die
+Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen
+Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
+
+Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine
+Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine
+Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen
+Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus
+dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt,
+als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald
+jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte
+Aufmerksamkeit spannte ab.
+
+Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben
+und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem
+stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das
+sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein
+starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr.
+Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm
+seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine
+schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen
+stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm
+der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer
+unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf
+einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
+
+Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale
+Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein
+geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei
+kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten
+Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen
+aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur
+Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine
+wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug?
+Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
+
+Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er
+erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was
+er sagte: „Nein!“
+
+„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ
+er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter
+Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du
+Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend
+...? Hö?!“
+
+Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“
+
+Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er
+fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte
+Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen
+gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine
+Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot
+in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre
+Betten auf.
+
+„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich
+auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der
+Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen
+Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war
+dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager
+schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die
+Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der
+Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden,
+dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie
+Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt.
+
+Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“
+
+Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
+
+Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs
+Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und
+Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese
+Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so
+führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und
+Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin
+aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber
+gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr
+anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich
+drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses
+Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen,
+nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß
+laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt.
+Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend
+Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ...
+tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
+
+Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht
+mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten
+Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort,
+so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf
+einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein
+wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm
+die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender
+Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die
+tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die
+hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen
+Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich
+lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
+
+Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den
+Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein
+Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief
+in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam,
+wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf
+dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo
+dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig
+ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten
+mußte.
+
+Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb
+Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend
+dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten
+Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen.
+„Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
+
+Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum
+hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte
+Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
+
+„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn,
+ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich
+ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was
+ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen
+und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu
+fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein
+Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie
+eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber
+wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem –
+ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die
+Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der
+Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle
+Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird
+wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man
+gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und
+des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um
+ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
+
+Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der
+Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben
+schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die
+Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte
+ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen
+heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe
+zur Hand.
+
+Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und
+Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke
+jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der
+Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes
+Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das
+dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer
+kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener
+Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
+
+„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends
+Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln,
+schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die!
+Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
+
+Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte
+Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum
+fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und
+Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber
+blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das
+Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin.
+Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
+
+Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte
+vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre
+Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen
+ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder
+Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit
+trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die
+Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in
+den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes
+trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu
+ertrinken.
+
+So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen
+Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern
+wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses
+Strolches Neuyork entgegen.
+
+Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der
+üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es
+Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er
+wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt
+in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit
+Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten
+und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt
+halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig
+und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose
+Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm,
+als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu
+befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen
+des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht
+besaß.
+
+In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in
+der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es
+gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen
+zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen
+ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte
+hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
+
+„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische
+Küste.“
+
+Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback
+hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann
+schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
+
+„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der
+Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen
+könnte.
+
+„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
+
+„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann
+brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
+
+Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich
+nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum
+ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf
+gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im
+Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei,
+sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine
+ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie
+eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn
+irgendwo in den Fernen stand.
+
+Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse,
+die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen
+konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist
+lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen
+Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen,
+schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und
+schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
+
+Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht
+heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein
+Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
+
+„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr?
+Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander
+wetten? Schlag ein!“
+
+Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber
+Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das
+sagte!“
+
+„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde
+Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und
+die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann
+sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und
+zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
+
+Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In
+Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen
+zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses
+Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
+
+Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine
+Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig,
+flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des
+Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm
+so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm
+nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden
+mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
+
+Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt
+nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber
+er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte
+sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal
+verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der
+Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine
+Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus
+einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel
+sei Dank!“
+
+
+
+
+ Schluß
+
+
+Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein
+letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen
+Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung
+seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig
+sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu
+führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als
+ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner
+Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der
+Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie
+war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben
+liegen fühlte.
+
+Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die
+entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte
+dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er
+aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die
+Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den
+zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine
+der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten
+sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten
+und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die
+die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die
+schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es
+aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen
+die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie
+ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her,
+schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten,
+wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf
+der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke
+wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden
+Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die
+rasende, zerfetzte Ungeduld.
+
+Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den
+Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom
+dorthinaus. Wohin?
+
+Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer
+Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der
+Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen
+Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie
+einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den
+Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den
+eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist
+riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last
+vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist
+stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in
+seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses
+Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu
+solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des
+Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte,
+wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er
+spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.
+
+Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt
+überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche
+der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka
+hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume
+hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der
+Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie
+war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden,
+den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt
+erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen
+Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von
+erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den
+Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an,
+und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden
+zu überbrüllen.
+
+Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit
+dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er
+glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher
+Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig
+erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du
+treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz
+gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und
+jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in
+ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt
+gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann
+sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die
+Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und
+Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn
+wirbelnd voll Todesgedanken.
+
+Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über
+Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben,
+verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit
+Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen,
+die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren.
+Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben
+sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte
+hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben
+mußte.
+
+Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der
+Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger
+auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit
+überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...
+
+Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen
+die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ...
+Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien
+eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper
+mit Dolchstichen zerfleischt ...“
+
+Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen
+erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine
+Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als
+Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und
+auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen.
+Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein
+Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern
+hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich
+zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte
+sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die
+Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles
+Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und
+her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die
+Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen,
+Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig
+gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“
+
+Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der
+Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter
+ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor
+sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ...
+Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine
+unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der
+dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch
+umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und
+wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr
+der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur
+ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem
+Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur
+mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt.
+
+Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der
+Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein
+noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die
+er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte.
+
+„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern
+blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei
+der Sie sich mehr ausgeben können!“
+
+Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was
+gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen
+Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“
+
+Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“
+
+Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“
+
+Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme:
+„Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die
+Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann.
+Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt
+fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner
+Ursache diesem Gesetz entzieht.“
+
+Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“
+Darauf ging er weg.
+
+Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich
+das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in
+der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen
+Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes
+Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles,
+etwas Ängstliches, ein Rätsel.
+
+Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an
+und brach das Kuvert auf. Er las:
+
+„Lieber Bruder!
+
+Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht
+hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief
+zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu
+sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir
+brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so,
+wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so
+kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so
+muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum.
+Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel
+heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen
+so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich
+es nicht?
+
+Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber
+lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute
+so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen
+gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen
+Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand,
+als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft
+gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer
+machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich
+wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet
+zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken.
+
+Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei
+nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war.
+Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute
+verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern
+daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein
+klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der
+Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner
+Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien
+ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat,
+die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder
+nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin
+zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf
+dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.
+
+Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies
+schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen
+Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen
+den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze
+zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch
+schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit
+ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich
+nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.
+
+Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die
+Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht
+nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir
+den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so
+tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den
+lieben Bruder.
+
+ Jeanne.“
+
+Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in
+die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen
+und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf
+den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende
+von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter
+Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten
+arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht
+zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod
+der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles
+grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen.
+Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht
+nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen,
+wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen.
+
+Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam
+die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den
+Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes
+Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf,
+die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die
+Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in
+diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit
+einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land
+zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er
+weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich
+dann betäubt ins Bett.
+
+Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und
+fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und
+stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an
+das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr
+letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund,
+daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die
+Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war
+gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner
+Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die
+Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der
+mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.
+
+Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß
+er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht
+allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die
+Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war
+liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an,
+der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn
+frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas
+Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der
+Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf
+einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb.
+Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden,
+dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und
+Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit
+zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.
+
+„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt
+auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs
+und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken
+konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der
+einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht
+glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen
+Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen
+schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die
+doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die
+schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.
+
+Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg
+einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht
+und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und
+Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das
+Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem
+Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle,
+dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen
+... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In
+welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur?
+Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf.
+
+Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen
+großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens.
+
+Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in
+ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack
+deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht
+hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen
+Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben,
+das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das
+Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem
+Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in
+dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der
+Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse
+drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die
+Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.
+
+Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein
+kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen,
+daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die
+Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum
+erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte,
+seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo
+sein Platz leer war und wartete.
+
+Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung
+überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes
+Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk
+zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben
+beginnen.
+
+So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die
+Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der
+deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen
+wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten
+verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere.
+
+
+ Ende
+
+
+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+ Zweiter Jahrgang
+ (Oktober 1909-September 1910)
+
+ 1. Bd. Hermann Hesse, Unterm Rad
+ 2. Bd. Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau
+ 3. Bd. Theodor Fontane, Cecile
+ 4. Bd. Herman Bang, Am Wege
+ 5. Bd. Norbert Jacques, Der Hafen
+ 6. Bd. Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit
+ 7. Bd. Emil Strauß, Der Engelwirt
+ 8. Bd. Peter Nansen, Julies Tagebuch
+ 9. Bd. Felix Salten, Olga Frohgemuth
+ 10. Bd. Ruth Waldstetter, Die Wahl
+ 11. Bd. Hans von Kahlenberg, Eva Sehring
+ 12. Bd. Johan Bojer, Unser Reich
+
+ Jeden Monat erscheint ein Band
+
+
+
+
+ Im gleichen Verlage ist erschienen:
+
+ Norbert Jacques: Funchal
+
+ Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M.
+
+Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von einem Buche
+rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. Ein zarter,
+vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine wohlklingende Sprache
+geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt zuweilen in der Bibel zu
+lesen, von so knapper, schlichter Größe sind einzelne Stellen; so die
+Begegnung Thos und Margarethes am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und
+die Wanderschaft Thos.
+
+In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht ein fremdes
+Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift Funchal und ein kleines
+Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der Knabe wird in der Familie des
+alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, ein Kuckuck im fremden Nest. Mit
+siebzehn Jahren wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen
+Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. Er
+hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, und beschließt, sie,
+die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht fort über Dünen und
+Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen kargen Lohn und kehrt im
+Winter wieder heim nach Klitby. So treibt er es durch die Jahre. Nie
+kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr packt ihn das Heimatfieber, er knüpft
+sein Bündel, wandert ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal
+zu finden, und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er
+Margarethe, Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum Vater,
+verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht aber steht vor
+seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen Bergen und die Sehnsucht
+seines Lebens ...
+
+Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat in dieser
+Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, fremde
+Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, irrt unstet und
+von seinem Heimweh geplagt umher, und als er müde das Suchen aufgibt,
+lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind.
+
+Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen
+Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend redet
+sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine Stätte
+hat.
+
+ (Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“)
+
+
+ Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 20]:
+ ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich sich
+ straffen, daß ...
+ ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich straffen,
+ daß ...
+
+ [S. 129]:
+ ... glänzenden Augen dunkler und inniger werden an seinen ...
+ ... glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen ...
+
+ [S. 172]:
+ ... Dir in die Welt nachschicke. Aber ich habe die Hoffnung, daß ...
+ ... Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***
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+<title>Der Hafen | Project Gutenberg</title>
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+</div>
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+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+Der Hafen
+</h1>
+
+<p class="aut">
+Roman von<br>
+Norbert Jacques
+</p>
+
+<div class="centerpic logo2">
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+
+<p class="pub">
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+</p>
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+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="cop">
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br>
+Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="epi chapter">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+ <div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Und solang du das nicht hast,</p>
+ <p class="verse">Dieses: Stirb und werde!</p>
+ <p class="verse">Bist du nur ein trüber Gast</p>
+ <p class="verse">Auf der dunkeln Erde.“</p>
+ </div>
+ <div class="stanza attr">
+ <p class="verse">Westöstlicher Diwan.</p>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<h2 class="chapter1" id="part-1">
+Erstes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der
+schwerfällig melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf
+in Pluderhosen und Blusen, in Bauschröckchen und engen
+Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme kamen, und an
+den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif,
+ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die
+Leute sich schwermütig hin und her und setzten auf einmal
+mit einem trommelnden Auftakt alle Holzpantinen, melodisch
+und kurz hintereinander niederklappernd, daß es wie ein Wirbel
+klang, auf das Pflaster, während ein junges Liebespaar still
+glücklich herauskreiste. Und gleich wieder schloß sich alles im
+Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper Bewegungen
+zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf,
+wie ein neutraler Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft
+zurückhielt, obschon es wußte, daß es Meister sein könnte
+über alles.
+</p>
+
+<p>
+Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck
+auf dem Flügel.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die
+zwischen Flügel und Wand geklemmt war. Er lag auf den
+Rücken gestreckt, bequem und aufgelöst, schützte mit der linken
+Hand seine Augen vor der elektrischen Hängelampe und schlug,
+so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im Flügel erklang,
+mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt, den Takt.
+Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie schwermütige
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können,
+einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren
+süßen, traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung
+eines einsamen Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden
+Salzes ging, das Leib und Seele reinigte. Körperliche und
+innere Schönheit wurden schlank und plastisch herausgearbeitet.
+Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den Händen auf dem
+Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene
+Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte
+jede Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle
+Herzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung
+um die Melodie, die Jeanne mit warmen
+Regungen aus der Harfe des Flügels holte. Sie wurde aufgescheucht,
+als sich plötzlich, wie unter einem heimlichen Stoß,
+die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf hinfuhren,
+durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt,
+sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ
+die Klinke nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen
+Sohn, zog die Türe wieder zu und die Geschwister hörten ihn
+im Flur davongehn.
+</p>
+
+<p>
+„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich.
+</p>
+
+<p>
+Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell
+gewechselt. Sie spielte eine „Chansonette sans paroles“ des
+Belgiers Lekeu. Es ging wie in zarten Ringeln, mit sauberer,
+klarer Süßigkeit immer rundum, ein zärtliches Tänzchen verliebter
+Jungmenschlein.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt
+unter seinen Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun
+auf einmal unter einem Sessel heraus, buckelte sich um die
+Beine des Flügels, aalte um Jeannes Schuhe herum und
+sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es schnurrend
+und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen
+Schnäuzlein und weißen Samtpantoffeln.
+</p>
+
+<p>
+„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte.
+</p>
+
+<p>
+Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von
+Baptist eingeschmiegt und sang vor lauter Behaglichkeit. Es
+spielte mit den weißen Schuhen seiner Pfötchen an den dunklen
+Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett herum, schlug mit leise
+gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es neckten, und es
+war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob es
+noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem
+eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels
+schnellte und erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen
+Pfoten aufklangen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen
+gibt, wie das Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren
+Willen auf, und wir glauben, sie stehn unter unserm. Sie
+buckeln sich schnurrend mit schlanker Zartheit über die Widerstände
+hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und sind so leise
+darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und spielerisch.
+Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu
+spielen. Dann sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen
+gibt. Und wenn, dann taugen sie eben nichts!“
+</p>
+
+<p>
+„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“
+</p>
+
+<p>
+Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie
+verliebt mit dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich
+um ihren Nacken schlang und eitel Graziosität war.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und
+die Chansonette sans paroles von neuem begonnen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören.
+</p>
+
+<p>
+„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht,
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+ob das Stück oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in
+irgendein Nachsinnen verloren hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich,
+aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß
+auch oberflächliche und sentimentale Gefühle, die in einem
+stecken und die dieses Lied so leicht in sich aufnehmen!“
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul.
+</p>
+
+<p>
+„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich liege viel zu gut!“
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper
+wohlgenährt, weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb
+genierte er sich ein bißchen vor seiner schlanken Schwester,
+die mit einer sehnigen, großen und freien Linie leicht über
+das Griffbrett des Flügels geneigt saß.
+</p>
+
+<p>
+„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal
+geärgert. „Wir müßten leichtere Speisen bekommen und
+keinen Wein über Tisch trinken. Schweinemast!“
+</p>
+
+<p>
+Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit
+sich, mit einem flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu
+nehmen und sich im Spielen in den Hüften zu wiegen.
+Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner gemästeten
+Körperlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes
+Haar trieb kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und
+zart gerundete Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das
+hinter ihrem Kopf stand, quoll mit goldigem Leuchten in diese
+Löckchen, entzündete sie zu einem lieblichen, dunkelblumigen
+Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt schien.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah
+er in dem großen Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht
+voll und weich in den Wust schwarzer Haare eingeschlossen.
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Er war unzufrieden damit und er legte den Kopf so, daß er
+nicht mehr im Spiegel stand.
+</p>
+
+<p>
+Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen,
+mit sentimentalem Aufruhr in ihm.
+</p>
+
+<p>
+Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei.
+</p>
+
+<p>
+Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch
+zu schaffen, auf dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie
+er es mochte. Er öffnete die Kisten. Das Kätzchen sprang
+unter dem Tisch hervor und schlang sich schmeichelnd um die
+Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß ungeduldig
+weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die
+Türe auf und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun!
+Das ganze Haus voll solcher Existenzen!“
+</p>
+
+<p>
+Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon.
+</p>
+
+<p>
+„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und
+lächelte schalkhaft für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht
+einmal nach ihr um. Er trat wieder an die Zigarrenkisten
+heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt von zweien und
+zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete die
+beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf.
+</p>
+
+<p>
+Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn
+und verschwand wieder durch die Türe.
+</p>
+
+<p>
+Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist:
+„Wie hat er unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast
+du gesehen? Er hat wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Battist!“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige
+heftig, als wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen
+Ausbruch ihres Gefühls übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr
+die Worte versagten.
+</p>
+
+<p>
+„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte
+die Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich
+bald in eine Melodie auflösten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa
+wieder nach Katzen stinkt! Scheußlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb.
+Jetzt bist du auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst
+du heut abend zur Schobermesse?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja!“
+</p>
+
+<p>
+„Papa wird es dir verbieten!“
+</p>
+
+<p>
+„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann gehst du heimlich?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Hast du das schon einmal getan?“
+</p>
+
+<p>
+„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“
+</p>
+
+<p>
+Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen,
+die wie glänzend schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem
+schmalweichen Gesicht saßen und trotz ihres entschiedenen
+Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen Ausdruck an,
+unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie schaute
+angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte
+sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl
+in ihr auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur
+den Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche
+Pflanzen, ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken,
+für Bienen, für Vögel, für Schmetterlinge, ohne sichtbaren
+Zweck ...
+</p>
+
+<p>
+Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das
+mit so prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte
+es Liebe. Es machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren
+Bruder ganz mit ihm, hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre
+Mutter nicht kennen gelernt hatte, blühte auf in einer großen
+mütterlichen Güte. Sie war zwanzig Jahre alt und wußte,
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an einen Mann
+verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem
+großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden
+sollte, wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind
+erwartet, um alle Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen
+und rühren zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder
+sprechen? Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie
+sich wohl, und das war ein Wunsch, den sie voll Leid und
+Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung sie wie ein Wunder erwartete
+... Sie hatte niemand Vertrautes in der kleinen
+Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in
+dem engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt.
+</p>
+
+<p>
+Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes
+am Klavier sah, dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an
+die weiche Weiblichkeit seiner großen Schwester flüchten zu
+können, als die Schwester von ihm fern in den Pensionaten
+in Frankreich und England aufwuchs und er so allein all die
+kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen sah.
+Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde
+sie ihm eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne
+daß man gebe. Man werde sich nicht berühren, und die Luft
+um einen übermittele die zartesten Regungen. Jeanne könne
+die enge Heimat Luxemburgs zu einer großen Welt auseinanderdehnen
+... Und nun war sie schon seit zwei Jahren
+wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von
+Qualen und Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten
+Wünschen und törichten Sünden geblieben; und er
+hatte niemals auch nur mit einem Wörtchen Jeanne dorthinunter
+gewiesen, wo das alles schmerzvoll und unerlöst
+umherging.
+</p>
+
+<p>
+Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber
+aufsprießend, trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+in sich herum, und das war für beide so groß, schön
+und traurig, daß sie immer von neuem scheuten, Licht hinter
+sich zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen
+entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen
+wäre. Aber die letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch
+fest. Baptist blieb bei sich allein und dachte sich nur in heißem
+Schwelgen die vielen edeln und vollen Möglichkeiten und
+Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz anderswohin
+zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die einmal,
+sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen
+müßten. Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins
+Jeannes erkannte, das verband ihn unlösbar der Schwester.
+</p>
+
+<p>
+So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem
+Kummer und halb aus schönem und edlem Bewußtsein gemischt.
+Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln im Boden zärtlich
+die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder für sich
+ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und
+richteten sich doch jeder frei sich selber.
+</p>
+
+<p>
+Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das
+Gespräch dahin zu wenden, worum ihre Gedanken den ganzen
+Abend sprangen. Sie fürchtete, weil sie nicht wußte, in welcher
+Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau saß, von der sie gerne
+gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis nach Kritik
+ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt und
+rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die
+etwas fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“
+</p>
+
+<p>
+„Wer?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Da nahm ihr Mut einen Anlauf.
+</p>
+
+<p>
+„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete
+nichts. Die Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht
+entfallen lassen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle
+auf der Schobermesse!“ behauptete sie sich.
+</p>
+
+<p>
+„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der
+gerade großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura
+noch nicht gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn
+hinter sich zu legen pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich
+überzeugt hast, den ganzen Tag und die halbe Nacht in
+Sinus’ und Tangenten, Cäsar und Xenophon, Racine und
+Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer Kräfte.
+Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine
+italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“
+</p>
+
+<p>
+„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“
+</p>
+
+<p>
+„Wo gehst du denn hin, Battist?“
+</p>
+
+<p>
+„Zu der mit den großen Händen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne,
+und die Wut stieß sie davon.
+</p>
+
+<p>
+„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden,
+kalten Blick ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun
+fürchtete sie, ihm wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher
+Angst: „Liebst du sie denn, Battist?“
+</p>
+
+<p>
+Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er
+gab seinen Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war:
+„Ach nein, ich lieb sie ja wohl nicht. Aber ... zum Henker,
+aber, aber, aber ... hundertmal hintereinander: aber!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich versteh dich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid
+zum Anfassen, wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht.
+Ich weiß nicht. Ich kann’s nicht sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Er stand auf und küßte seine Schwester.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann
+ist mir, als sähe ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still
+unter dem Boden der Erscheinung. Der andere, der mit dem
+Leib, geht sichtbar oben. Aber ich bin doch natürlich keiner,
+der das dann so genau sezieren und kontrollieren kann. Sag’
+doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es muß doch nicht
+immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach Hygiene
+und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon
+kommt sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft
+in einem verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines
+Leibes nicht mehr hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte.
+Es war Chopin, bunt und zerrissen, schwermütig und voll
+Glanz. Aber auf einmal klang es jäh ab; mitten in der Harmonie
+blieben die Hände still, drückten sich noch mit einem
+mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um:
+„Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“
+</p>
+
+<p>
+Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete
+Baptist. „Dagegen bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach
+einer Weile ernster hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das
+Haar.
+</p>
+
+<p>
+„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes.
+Alles andere ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“
+</p>
+
+<p>
+Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist
+zum Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten
+und öffnete die Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem
+Holz den Stempel Uppmann trug.
+</p>
+
+<p>
+Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute.
+</p>
+
+<p>
+„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“,
+sagte er. „Wer ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts:
+Das Kleid macht nicht den Mönch! so überzeugt, wie
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+er! Groschenzigarren sind Importen, wenn sie mit irgendeiner
+Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen und
+Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute
+nach dem Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden,
+sind derselben luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen
+sie dann: frommer Betrug – und lächeln mild und pfiffig
+dazu.“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging
+die Türe auf.
+</p>
+
+<p>
+Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an
+und klappte unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke,
+du hast in vier Wochen Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft
+im Nichtbestehen von Examen aufstellen, daß alle Leute
+in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen: ‚Da ist der Vater!
+Faineant!‘“
+</p>
+
+<p>
+„Papa!“ bat Jeanne.
+</p>
+
+<p>
+Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte
+in Baptist den passiven Widerstand, mit dem er solche
+väterliche Anfälle an sich vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht
+der beleidigenden Worte schien ihm nun offensichtlich, und
+diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die Erinnerungen an die
+ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins Tragische gesteigert
+durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er seiner
+Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen
+Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte
+davon und schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe
+hinter sich zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt
+mehr Ketten als rasende Hunde!“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der
+Schale der väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper!
+Schau lieber, daß du einen Mann bekommst!“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die
+Abgewiesenen, die sich ihr zu nähern versucht hatten, und
+schlug mit vollen Händen und beleidigter Empörtheit den
+ersten Akkord, der in die dunkel trächtige Melodie einer Beethovenschen
+Sonate ausfloß.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-2">
+Zweites Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer.
+Es lag neben seinem Schlafraum im zweiten
+Stockwerk der Villa und war stets das Refugium seiner bösen
+Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen Kronleuchter an
+und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als Schreibtischsessel
+benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.
+</p>
+
+<p>
+Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.
+</p>
+
+<p>
+„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins
+Zimmer hinein. „Und das Examen mach ich doch niemals!“
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich
+fürs Examen auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen
+Ärger in Flammen. Er sprang auf, ergriff das zunächstliegende,
+riß es aus dem Deckel und biß mit den Zähnen hinein, als
+wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu sättigen.
+Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal
+auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich
+in der Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner
+Hand sah, mußte er laut herauslachen.
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“
+</p>
+
+<p>
+Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und
+stopfte das zerrissene Buch in den Ofen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig
+und resigniert dem Buche, das in den schwarzen Behälter
+verschwand, als Grabrede nach.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war,
+hatte ihn doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf
+und ab und ein Bedürfnis nach Ruhe und Frieden quoll warm
+in ihm auf. An einer Wand standen zwei schwere doppeltürige
+Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die der
+Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist
+riß alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke
+erschimmerte der absichtslos bunt gescharte Schwarm der
+Bücher. Im Schrank, der dem Fenster am nächsten stand,
+hob sich aus den farbig gescheckten Regalen eine Bücherreihe
+verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken aus
+flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben
+blauen und grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen
+Reichtum zur Schau. Das waren Baptists Lieblinge:
+Werther, Hauff, Eichendorff, Stifter, Lenau, Cosmopolis von
+Bourget, Maeterlinck, die Chronik der Sperlingsgasse, Bruges
+la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ... verliebt
+und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen
+und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden
+mit den hellen Lederrücken und den dunkeln
+Tunkpapierdeckeln, wie sie es in der empfindsamen und einseitigen
+Zärtlichkeit des jungen Menschen waren, der in diesen
+Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern vereinsamte, seine
+Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.
+</p>
+
+<p>
+Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine
+Augen suchten zugleich an den Wänden die geliebten Bilder
+auf, und er sagte, während Rührung zugleich mit Zuversicht
+in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“
+</p>
+
+<p>
+Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf
+seines vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Streifzügen über die Wege, die er liebte, und Baptist stand
+auf einmal vor dem Bild der Italienerin auf der Schobermesse.
+Stracks überschwemmten ihn die Wünsche nach ihr mit
+weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer Schublade
+herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück
+fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten
+Zärtlichkeit geben könnte.
+</p>
+
+<p>
+Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der
+Türe: „Der Herr Battist möchte zum Abendessen kommen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen
+stehenbleiben, und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann
+ging ihr Schritt, eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke,
+davon. Baptist schritt langsam den Flur entlang und die
+Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter ihm lautlos in
+den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif geplätteten
+Schürzenbänder flattern.
+</p>
+
+<p>
+Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am
+Tisch. In einer Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein,
+der darauf wartete, erlöst zu werden. Die Schwester ordnete
+ein paar Blumen in einer Vase und rückte sie in die Mitte des
+Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux etwas beiseite schiebend.
+</p>
+
+<p>
+„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr
+Biver auf. „Was machen überhaupt die Blumen da? Sie
+nehmen nur Raum weg!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch
+viel freundlicher aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine
+Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten
+ans Haus bauen!“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne zuckte mit den Schultern.
+</p>
+
+<p>
+„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und
+schaute beleidigt auf.
+</p>
+
+<p>
+„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der
+hat auch immer eine andere Meinung als wie die gewöhnlichen
+Menschen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft
+weiter kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester
+vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer
+Gedanke, der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm
+nieder.
+</p>
+
+<p>
+Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das
+gerade eine Platte mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus.
+Er schloß die Türe hinter sich und eilte, die Schritte dämpfend,
+über die dicken Teppiche an den geschlossenen Türen des Korridors
+vorbei. Als er im Seitenflur war, wo kein Licht brannte,
+verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht. Er dachte,
+er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die
+Zähne aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters.
+Baptist machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem
+Sekretär, der gleich an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein
+fiel durch die offene Tür in das dunkle Zimmer. Als
+Baptist ein wenig mit den Fingern unter der hervorstehenden
+Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das war das
+Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für
+sich allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf
+den Rolldeckel fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und
+fühlte gleich den kalten Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig
+heraus, während er in den Flur hinaushorchte. Seine Brust
+klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die Finsternis legte
+sich angstvoll wie Wasser auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen
+Ungetüm, das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine
+Finger glitten an einem Eisenband entlang, rutschten langsam
+suchend über eine glatte Fläche, bis sie den Messingknopf
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere Hand haftete
+mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten
+heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen,
+dumpfen Schrei glatt nach, und es war fast, als käme Baptist
+die schwere Eisentüre leicht und unheimlich entgegen, um ihn
+vor die Brust zu stoßen. Aber sie blieb auf einmal stehen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen
+eine runde eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an
+wie brennendes Eis, als er hineingriff; hastig ließen die Finger
+Stück für Stück von dem Inhalt in die Hosentasche gleiten.
+Baptist wollte zählen, aber er vermochte es nicht. Es zitterte
+ihm leise in den Händen und in den Beinen. Er hatte die
+Augen geschlossen, während er so tat, und er sah sein Blut
+dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im
+Kopf herumgehen.
+</p>
+
+<p>
+Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins
+Schloß. Es knackte einmal heller und dann noch einmal, wie
+ein ferner halb verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in
+erhitzten eckigen Gebärden mit der Hand unter den Rolldeckel
+des Sekretärs, legte die Schlüssel nieder, schob, die Zähne
+in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar
+Augenblicke so hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff
+die Augenlider zu, krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das
+Blut sprang wie in einem Strahl gewaltsam in seinen Kopf
+hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber alles war plötzlich in
+ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <a id="corr-0"></a>sich straffen, daß
+sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart, scharf
+und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte
+wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm
+vergangen war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen
+Verkommens und großen Werdens ungebunden nebeneinander
+stehen. Er spürte seine ungeheure Widerstandskraft hinter der
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+wohllebigen Weichheit seines Leibes und der Verfettung seines
+Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt mit
+einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter
+Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität
+herniederbückte.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich
+darauf die Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er
+schon lange ergeben war und gegen die er sich kaum mehr
+wehrte.
+</p>
+
+<p>
+Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und
+ging schnell über die Teppiche zurück in den Speisesaal, von
+dem er kaum einige Minuten fortgewesen war. Über seinen
+Augen lag ein nebeliger Flor, als er eintrat und sich an seinen
+Platz setzte. Er nahm unsicher und mit schwachen Fingern
+Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt. Er
+legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem
+Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren
+Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld
+hinaus- und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander
+aus, wie er diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem
+müßigen, verweichlichten Hinfließen seines Lebens die einzigen
+Taten waren, an denen sich Wagnis und Widerstandskraft
+einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein, heimlich
+und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich
+verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in
+denen aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol-
+und unfruchtbaren erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl
+und verpraßte und erkaufte sich mit den harten Schmerzen
+seines Bereuens die fessellose Romantik seiner heimlichen,
+dumpfen Sünden.
+</p>
+
+<p>
+Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+freimachen müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu
+erlangen, die er für sich in der Ferne bereitet fühlte.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos
+hin und her, wie ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und
+her, zwischen die engen Wände gedrückt und durch das Gitter
+von der Freiheit getrennt. Ein Stück langsam und regelmäßig,
+dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter schnellend, dann
+fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne, kühl
+und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend,
+verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die
+Augen zu schauen. Aber die wässerigen hellen Augen seines
+Vaters konnte er dabei mit kaltem Gleichmut überwachen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe.
+Die Goldstücke wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel.
+Er hatte sie, damit sie nicht zusammenklingen sollten, mit
+einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche aneinander gedrückt.
+Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen ihre runden
+Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat,
+und er fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier,
+daß es nun endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein
+möchte, brannte mit zitterndem Züngeln weiter in ihm und er
+schaute erregt nach dem aus, was nachher draußen kommen
+sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte. Vielleicht wurde
+es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich Frauensüßes,
+das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie liebte
+er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend
+geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei
+jedem Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit
+seiner runden, wie uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in
+dem weichen Ledersessel saß und die Serviette hoch um den
+Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine Vorbereitung
+auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen abstieß.
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein
+Tropfen weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht
+hinzuschauen und sah doch im Wegblicken die starken runden
+Backenknochen des Vaters im Kauen wie Kugeln immer drohend
+zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig niedergehen.
+</p>
+
+<p>
+„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“
+wandte sich Herr Biver plötzlich streng und sachkundig an das
+Mädchen. „Sagen Sie der Köchin ..., nein, ich werde es ihr
+nachher selber sagen. Auf Euch ist doch kein Verlaß!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute
+Anweisung, die Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal –
+was fällt dir ein?“
+</p>
+
+<p>
+„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und
+bestimmt. „Das wird jetzt anders!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor
+sich nieder in den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken:
+„Vater gehst du heute zur Schobermesse?“ fragte er,
+obschon er wußte, daß mit der wichtigen Regelmäßigkeit der
+Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in kleinen Städten
+viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen Haus
+die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm
+nicht. Statt dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna,
+sagen Sie der Köchin, daß ich nachher mit ihr zu sprechen
+wünsche. Vorderhand ist der hier noch Herr im Haus, und es
+dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“
+</p>
+
+<p>
+Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte,
+warf er Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht
+zur Schobermesse!“
+</p>
+
+<p>
+Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob
+ihren Teller etwas von sich. Baptist dachte sich: immer lustig
+gefressen, das ist auch ein Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall
+hatte ihn erheitert und aus der heißgelaufenen Wirrsal
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch eine Beschwörungsformel
+herausgehoben.
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald
+ein Ende nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer
+verletzten Fürstin den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für
+diese Bewegung und schloß sich ihr an, als sie das Zimmer
+verließ.
+</p>
+
+<p>
+Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die
+Geschwister gingen schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann
+sagte Baptist lächelnd: „Komm, wir wollen lieber noch ein
+bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich mich an den großen
+Händen freuen geh!“
+</p>
+
+<p>
+Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein.
+</p>
+
+<p>
+Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du
+liebst sie nicht? Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“
+</p>
+
+<p>
+„Hm?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, gelt nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht
+lieben soll?“
+</p>
+
+<p>
+„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine
+Prinzessin oder so ...“
+</p>
+
+<p>
+Baptist lachte.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus.
+Das ist ja auch vielleicht meistens nicht mehr als wie
+das Gewöhnliche. Ich meine eine, die durch ihre Schönheit
+und Klugheit eine Prinzessin unter den Menschen ist.“
+</p>
+
+<p>
+Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das
+liebe, kleine Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das mußt du!“ behauptete sie.
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische
+Licht an. Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem
+Flügel.
+</p>
+
+<p>
+Jeanne schlug die ersten Takte an.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“
+sagte Baptist, während er den Geigenkasten öffnete.
+</p>
+
+<p>
+„Mozart!“ schlug Jeanne vor.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, etwas Neues, gelt!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall
+hörte, etwas von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein
+prickelndes Quirlen und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und
+nervösem Reiz festgehalten wurde. Er begann auch gleich
+solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel ein, Baptist
+schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar
+Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann
+sofort mit einem lostollenden Singen über das Spiel des
+Flügels, der den leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen
+konnte, hinweghob und davonführte.
+</p>
+
+<p>
+Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini
+aus Cremona. Es war das einzige Erbstück der Familie.
+Der verstorbene Großvater hatte sie in Paris als junger Bursch
+geschenkt bekommen – er sagte bis zu seinem neunundsiebzigsten
+Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau – und er hatte
+sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre adelige
+Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs
+Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal
+sein Lehrer, den der süße, singende Ton des Instrumentes
+schon lange bezaubert hatte. „Unsere Ahnengallerie!“ nannten
+die Geschwister die Geige, weil der Vater jeden Besucher an
+diesen einzigen hervorragenden Gegenstand rassiger Herkunft,
+den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige die den
+Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen,
+fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst
+in dem noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam
+und angstvoll verschlossen gehalten wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend
+der Geist des Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+fiedelte das erregende Lied, daß es im Kasten der Geige heiß
+und menschlich verlangend stöhnte und tollte, und der Großpapa
+schien dazu zu lächeln und Rosa von der Schobermesse
+tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die Geige
+ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen
+braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche,
+leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem
+bebenden Unterton der Resonanz des Geigenleibes zu allen
+Dingen des Tages frech, wurschtig und humorvoll brummeln
+hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem Geigenstreichen,
+preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch alle
+Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ...
+Ah! ... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri...
+und schloß im Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals,
+drückte die Finger gefühlvoller auf die Saiten, führte den
+Bogen zärtlicher, als handelte es sich darum, im Rausche einem
+treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen mit einem empfindsamen
+Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen.
+</p>
+
+<p>
+Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein
+Netz, das sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel
+von Akkorden über die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die
+Violine sank einmal aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu.
+</p>
+
+<p>
+„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist,
+sprang am Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern
+und setzte zur Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die
+Treppen hinan. Er sah kaum noch, wie sein Vater seine drei
+Gäste, die Herren Faber, Wampach und Küborn, zur Türe
+des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße
+Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte.
+</p>
+
+<p>
+„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und
+eine leise Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden
+Erwartungen des Abends verursacht, als durch das
+heftige Treppenlaufen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute
+die Türe an, die sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte.
+Bald weinte sie. Er war ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten
+und ging nun zu dem Kirmesweib, die seiner unwürdig war
+und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs der verwilderte
+Garten in ihr auf.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen
+hatte, mit fliegenden und in der Erregung ungeschickten
+Fingern Kragen und Krawatte. Sein Gesicht glühte,
+und das kalte Wasser hatte nur einen Augenblick wohlgetan.
+Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle des Septembertags
+ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung
+von Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie
+kam aus der starren Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam
+herein.
+</p>
+
+<p>
+Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf
+hatte, noch ein kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung
+den Kopf zum Fenster hinaus in ihre wehmütige Herbheit.
+</p>
+
+<p>
+Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe
+hinab, die im Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß
+mit Speicher verband. Er nahm jedesmal drei oder vier
+Stufen, und prallte unten auf Anna, die gerade aus der Küche
+gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte er seine
+Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der
+andern am Geländer hielt.
+</p>
+
+<p>
+Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand
+liegen. Er spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen
+der Schulter. Er sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund
+halten, daß ich weg bin!“
+</p>
+
+<p>
+Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit,
+die sich nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine
+Hand niedergleiten ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit
+warmen Augen an ihm hinauf. Aber er hatte sich schon abgewandt
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe hinab und
+zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun verlassen
+die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer
+stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt,
+damit seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war
+es, als hätten sie eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken
+des Zusammenseins in dem einsamen, schmalen Flur
+davongetragen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-3">
+Drittes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die
+Stadtverwaltung so wenig Gewissen und Geschmack besaß,
+daß sie sich bereit fand, an Private sozusagen ohne Entgelt und
+nur aus Liebenswürdigkeit und Vetternschaft die schönsten
+Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die Villa hatte sich
+in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus den
+Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte
+von dem gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg
+in das Baum- und Buschwerk des Parkes und schlängelte sich
+heimlich und verlassen dahin. Alle fünfzig Schritte leuchtete
+eine altmodische Gaslaterne mit einer offenen flackernden
+Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal umfaßte
+ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese
+des ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten
+vergeblich drum warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger
+zu sein. Es lag jeden Abend verlassen und wie lauschend
+im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten Straßen breit durch
+den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die verschwiegenen
+Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter
+an ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel
+mit der Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+eines Stadtwalles im Bogen um das alte Luxemburg, wo es
+mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als die Stadt sich
+ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu
+nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der
+Villa Biver lag auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei
+oder viermal streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten
+der Finsternis schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging,
+waren von Erinnerungen trächtig. Baptist eilte heute an ihnen
+vorbei und wischte sie mit einer Handbewegung weg, wenn
+sie sich nähern wollten. In der lautlos gereinigten Nacht scholl
+das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem Schobermeßplatz
+und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es dämpfte
+sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die
+durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt
+auf seinen fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als
+sehe er das nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher
+Versprechen gewesen war, durch ein umgekehrtes Opernglas,
+ganz sein und kühl geschärft in allen Umrissen, aber weit, unerreichbar
+weit entfernt.
+</p>
+
+<p>
+Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran.
+Er war feucht und kühl und trug wieder den herben Duft von
+Vergehen und Tod. Der Park lief mit seiner ganzen Breite
+auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal schroff in die
+Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von runden
+starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund
+auf. Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts
+öffnete sich das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an
+schonen Tagen die Schenkel seiner einfassenden Hügel weit
+auseinander dehnte und weich, lieblich und lau wurde. Aus
+diesem Tale kam der Nebel herauf.
+</p>
+
+<p>
+Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe!
+Diese verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+bescheidenen Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd,
+mit ihrer kleinen, etwas trockenen und spröden Traurigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon
+über der Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke
+kehrte, der von den Lichtern der Karussels und Buden der
+Schobermesse gerötete Himmel wie eine schwarzrot illuminierte
+Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte wieder einmal
+diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend Alltagen
+seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen,
+handlungslosen Erlebnisse.
+</p>
+
+<p>
+Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er
+ging wie kühle Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist
+wußte, weil er es so oft erlebt hatte, daß der Nebel dem Tal
+entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß er sich bleich
+opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam wanderte,
+traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück,
+das sich in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der
+Heimat mit Bewegungen vollzieht, die nicht nach außen
+dringen dürfen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter
+der nur mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor
+der Tiefe lag. Da sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen,
+der in der Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr,
+sonst aber schon am letzten Haus der Neutorstraße seinen Weg
+beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas alt daherpolterte,
+auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte
+mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur
+Seite und sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er
+war der einzige Fahrgast.
+</p>
+
+<p>
+„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte
+ihn der grauhaarige Kondukteur.
+</p>
+
+<p>
+„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“
+antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd
+eins über. Bald trillerte er noch einmal grell und energisch
+mit seiner Holzpfeife. Die Schienen liefen in den Sand des
+Bodens hinein. Der Lärm von hundert Orgeln klopfte sich
+durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren des Trambahnwagens
+einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke
+funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen
+wogten wie flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon.
+Der Lärm der Musik schrie harthörig und dickköpfig gegen
+einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen Orgel. Aus den
+Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind
+erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie
+einen Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den
+Budenreihen in den Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über
+dem Feld schwebte schon der Nebel und rötete sich blaß und
+weit hinauf an der Glut der Lichter.
+</p>
+
+<p>
+Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens
+hinein. Er ging an dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Abondance des douceurs de Nancy</span>, an rasselnden Karussells
+mit Schiffen, Autos und hin und her zappelnden
+Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer
+waren, an dem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Alcassar de Paris</span>, aus dem die krähende
+Stimme einer französischen Soubrette wie eingewickelt in
+einen Dunstschwaden schalen Biergestankes kam; er ging schnell
+dahin, geradeaus auf die große Holzbaracke von Hiltchen zu,
+in der die italienische Kapelle spielte.
+</p>
+
+<p>
+Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit
+Tüchern, Fahnen und Tannengirlanden verhängten Lokals
+die Gruppe der Musikanten in bunten Kleidern aufrecht stehen,
+spielen und fingen, und Rosa stand vor ihnen und schüttelte
+das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt und
+leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug
+das Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+gleich ihre schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen
+ergriff ihn. „Eine Magd!“ sagte er sich und wollte davoneilen.
+</p>
+
+<p>
+Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei
+Menschen auf und winkten ihm eifrig zu.
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten
+und setzte sich neben sie. Er war jeden Abend mit
+diesen beiden zusammen. Er hielt sie neben sich, wie Angestellte,
+wenn er nicht gern allein sein mochte, und bezahlte
+immer, was sie tranken.
+</p>
+
+<p>
+Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend
+mitten im Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“
+stieß ihn Adolf an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße.
+</p>
+
+<p>
+„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann
+Adolf wieder.
+</p>
+
+<p>
+„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich.
+</p>
+
+<p>
+„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich
+und rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete
+er im vorneherein schon etwas übertrieben Genießerisches, was
+Baptist nachher widerfahren sollte. Aber der Fluch und das
+Augenrollen waren falsch, wie ein geschliffener Glasdiamant
+am Finger eines sonntäglich geputzten Bierknechtes. Adolf
+drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie aufgeklebt
+im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe zurück,
+indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug.
+</p>
+
+<p>
+Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war,
+während Adolf schon seit zwei Jahren in der „Regierung“
+schrieb, saß in ruhigem, kostendem Behagen da, lächelte mit
+seinen rot umränderten Augen, trank und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt
+und gezupft. Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister
+und Manager, der aussah wie ein cholerischer deutscher
+Bierwirt, kam zu Baptist heran und gab ihm die Hand. „Wie
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’ einen Durst
+so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla, Garçon
+so einen großen Münchener!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft
+einen aufführen lassen! Ändri, für alle!“
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und
+ging davon. „Na ja!“ bestätigte der dicke Italiener.
+</p>
+
+<p>
+„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und
+tippte den Dicken auf den Ranzen. Der blonde Realschüler
+grub lächelnd seine roten Augen in den Bierkrug. Der Dicke
+lachte und schmatzte zwischen den schwarzen Haaren seines
+Bartes heraus: „Makkaroni!“
+</p>
+
+<p>
+„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich
+wehrenden Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä
+Italiano? Daher die dicke Trommel, bum, bum!“ und er
+tat, als schlüge er ihn auf den Bauch. „Makkaroni! – Erstick
+dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der Italiener lachte,
+daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine kleinen
+gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen
+den Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen
+kleine glitzernde Küglein.
+</p>
+
+<p>
+Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden
+Realschüler, der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie
+verbindlich anlächelte und nichts gab. Sie zog das Tamburin
+schnell zurück und errötete. Dann schaute sie zu Baptist hin,
+lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen Gesicht und
+winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bona Sera, Signor!</span>“
+Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache.
+</p>
+
+<p>
+Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand.
+Sie wunderte sich etwas darüber und begriff seine Bewegung
+nicht gleich. Aber ihre leise und unaufdringliche Art hatte
+Baptist versöhnt. Er unterschlug sich ihre Hände und sah nur
+das ruhige Gesicht, das zu einem sanften Oval gebildet und
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen zarten,
+blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug.
+</p>
+
+<p>
+Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin
+nickte wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und
+sagte ein leises: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Grazie!</span>“
+</p>
+
+<p>
+Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie
+immer an. Es war ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er
+wieder einen Weg zu ihr gefunden hatte. Der dicke Italiener
+spaßte weiter mit Adolf. Der Realschüler hockte sozusagen nur
+nebenan, wie ein Kinderfräulein bei einem Ausflug am Tisch
+ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch lächelnde Mienen.
+</p>
+
+<p>
+Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen,
+sagte ihm Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen,
+die Ihr immer spielt. Lieber: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare!</span>‘“
+</p>
+
+<p>
+„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten
+das Lied. So oft der Refrain kam, standen sie alle auf und
+sangen zur Begleitung der Geigen und Mandolinen: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni
+sol mare ...!</span>‘
+</p>
+
+<p>
+Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines
+andern, bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen,
+weichen Weise. Das Meer ebbte dunkelblau und
+sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum. Die Ferne stand
+auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller Wanderwinkel,
+nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an,
+und ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst
+zu haben schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie ihn liebte!
+</p>
+
+<p>
+Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn
+lieben? Weil er immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat
+noch kein Wort mit ihr gesprochen. Weshalb sollte sie ihn
+lieben? Vielleicht war einer der Musikanten ihr Schatz? Was
+war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja nur mitten
+im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter
+ihr ausbreitete.
+</p>
+
+<p>
+<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare ...</span>
+</p>
+
+<p>
+Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen
+Süße jenes Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor
+vierzehn Tagen war sie gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen,
+hat jeden Tag hier gesessen und mit Blicken um sie geworben.
+Morgen wird es das letztemal sein. Und dann sieht
+er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die
+Poesie des Vorüberziehens, fern und keusch!
+</p>
+
+<p>
+Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog
+auf in Baptist wie die blanken Scharen weißer Wanderwolken
+an ersten Sommertagen. Seine Phantasie wanderte und
+schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er brauchte nur hineinzuschreiten.
+Er war reich und besaß Macht wie ein Fürst.
+Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum
+Himmel steigende Schwalbe.
+</p>
+
+<p>
+„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner
+getrunken!“ Er winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit
+dir!“
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner kam ergeben herangestürzt.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Moët dry</span>!
+oder lieber gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte
+er den beiden andern, und die wackelten auf ihren Stühlen und
+lachten und lächelten. Adolf schlug sich wieder mit der Hand
+auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da heraus. „Batti,
+Batti!“ lachte er.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum
+Kaiserreich wird!“
+</p>
+
+<p>
+Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So,
+Ändri!“ sagte Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft
+auf dem Podium und setzen Sie ebensoviel Gläser auf ein
+Tablett und dann bringen Sie auch zwei Flaschen dahin!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum,
+der von dem trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen
+Fichtenholzes erfüllt war. Die Bürger rückten heimwärts.
+Aber auf ihre Stühle setzten sich die Junggesellen der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der
+Stadt eine Kaste. Es war eine Kaste, die sich einigermaßen
+außerhalb von Sitte und Gesetz gestellt hatte, aus eigener
+Macht und mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit, denn sie
+bildeten einen zahlreichen und vielleicht den wichtigsten Stand
+in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine Hauptsache vor
+allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer Maitressen.
+Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend anerkennen,
+bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches
+Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie
+von diesen Damen witzige Streiche erfand und verbreitete und
+ihnen Spottnamen anhing, wie z. B. das Petrolkännchen oder
+das Gaslaternchen, der Kaffeesack ... Namen, unter denen sich
+für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten verbargen.
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen,
+alte und grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische.
+Um jedes Paar schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner
+herum, denen das Privileg der Junggesellen nicht
+zugebilligt worden war, und machten den Damen eindringlich
+den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem
+man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen
+war, und die Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem
+Holzdach hinauf und polterte durch das ganze Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der
+plump, knorrig und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum,
+der an einem Hügel wächst. Er ging langsam zwischen
+den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas kegelig gespitzt
+auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige, flachgedrückte
+Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel schmutzigblonder
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen
+Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit,
+und man sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch.
+</p>
+
+<p>
+Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte
+ihm aber bald die Praxis genommen und ihm auch zeitweilig
+die Freiheit entzogen. Das war wohl schon lange her und so
+gut wie vergessen. Aber er war dann in die Welt gewandert,
+hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat
+gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem
+jungen und unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch
+und heilte die Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt
+und Würden zu gehen, von ihren heimlichen Krankheiten.
+Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus einer angesehenen
+Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und
+Raufer geworden war, ging an den Tischen der Junggesellen
+vorbei und hob rümpfend die Nase hoch, als röche es nicht gut
+in dieser Gesellschaft. Seine großen gefleckten Giraffenaugen
+schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach ins Gesicht,
+und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der Junggesellen,
+während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur
+mit einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene
+an diesem erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die
+Junggesellen leerten scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus.
+Sie lachten und sagten laut unter sich Scherze über den Herrn
+Heng.
+</p>
+
+<p>
+Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den
+ganzen Körper und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf
+die Tische der Junggesellen mit allen Damen vor Lachen in
+ein verrücktes Durcheinanderschaukeln fielen. Herr Heng drehte
+sich aber nicht mehr um, sondern ging mit seinem krummen
+Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die Gesellschaft
+Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los, ließ seine
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists
+Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing
+loszulachen, an den Nebentisch.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem
+aus er das Lokal überwachte. Er stand ernst und würdig in
+seinem zweigezackten schweren grauen Bart zwischen den
+Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen fest, wie ein
+General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu konzentrieren
+sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte,
+den Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich
+bereit, auf das erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn
+Heng loszustürzen. Die Italiener strichen, zupften, rasselten
+und sangen vom <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bello Napoli</span>, von dem <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Sole mio</span>, von <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Amare
+e morire, danzare e baciare</span>, vom <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Mare</span>, von der <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Santa Lucia</span>
+und der <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bella Annita</span>, von den <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Funiculi</span> ... Es war Leben
+in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten
+ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen
+dazu wie Frösche, die im Gras auf dem Rücken liegen und mit
+Fliegen spielen, die sie kitzeln wollen.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein
+Äffchen, hüpfte vom Podium herunter und stieß mit ihrem
+Glas mit Baptist an. Mit ihm allein. Ihre kleinen schwarzen
+Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm wie ein heißer Tropfen
+ins Herz fiel.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Evviva Margherita, la bella Margherita!</span>“ sagte Baptist
+leise und erhitzt.
+</p>
+
+<p>
+Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte
+wie unbewegt und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen
+sein Glas, so daß ein wenig von ihrem Champagner auf seine
+Knie geschüttet wurde. Da stellte sie ihr Glas ab, nahm erregt
+das Taschentuch, um die Weinflecken abzuwischen. Ihr Gesicht
+bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah dieses sanfte,
+gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er
+zog es heran und küßte leicht die Wange.
+</p>
+
+<p>
+Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener
+lachten und tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach
+dem andern.
+</p>
+
+<p>
+Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn
+Heng. Er klapperte mit seinem Bierkrug auf den Tisch und
+rief: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Nom de Dieu</span>, <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Goddam</span>!“ Er zog mit einer weiten
+Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den Bizeps und ließ
+den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die Luft. Das
+war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat
+seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener,
+und lachten sich an über ihn. Dann klatschte der
+Dicke die beiden Mädchen wieder herbei.
+</p>
+
+<p>
+„Gelt, Häuptling, noch einmal: <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare!</span>“ rief
+Baptist und der Italiener winkte: ja!
+</p>
+
+<p>
+Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz
+ging drunter auf, wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den
+gewärmten Aprilschauern. Er stand jetzt mitten im Lied und
+war selber drin tätig. Er erlebte selber die süßen Traurigkeiten,
+von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie ihm schien,
+ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang
+aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister
+die Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell
+beiseite und spielte nun selber die führende Violine; und so
+oft bei dem Refrain das <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare</span> der Stimmen gegen
+das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und es zu ertränken
+begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen.
+Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern
+der Vögel über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern.
+</p>
+
+<p>
+Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam.
+„Das ist der junge Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+zu ihren Maitressen, waren anfangs etwas betroffen und
+deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann doch für ihn eingenommen.
+Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die
+gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem
+Aufglühen an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der
+polternden Art ihrer Freunde und dachten sich schon gerührt
+aus: Welche von uns wird er nehmen, wenn er sein Examen
+gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte Baptist ein scharfes
+Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es störte
+ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich
+kaum noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt
+zu dem Lied. Er hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen.
+Auf einmal brüllte er los und setzte mit seinen langen Armen
+fuchtelnd auf das Podium zu. Gerade war das Lied aus.
+Der dicke Italiener klatschte in die Hände und auf den Tischen
+in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um Baptist
+zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase
+heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang,
+stand Heng unvermittelt und feindselig vor ihm. Die
+fleckigen großen Giraffenaugen unter der dreieckigen Stirn
+waren weit aufgerissen und das pockennarbige Gesicht schien
+losbrüllen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um
+zu seinem Tisch und zum Champagnerglas zu gelangen. Er
+wollte mit dem Mädchen anstoßen, das auf ihn zukam.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Nom de Dieu</span>, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“
+gröhlte Herr Heng.
+</p>
+
+<p>
+Baptist setzte sich zur Wehr.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Goddam</span>, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“
+schrie Heng. „Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten
+Millionen seines Vaters stänken nicht mehr an ihm!“
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er
+emporgeschleudert würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+auf den Feind hernieder. Es entstand ein brutales Gegeneinanderprallen,
+ein krachendes Sichvermengen von Körpern,
+Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe
+wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß,
+Funken sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft
+der Muskeln einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie
+von Blei. Um ihn wurde es schwarz von stürzenden Menschen
+und er spürte seine Lippen als etwas brennend Nasses.
+</p>
+
+<p>
+Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der
+Hand über den Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien.
+Als er seine Hand zurückzog, war sie voll Blut. Er beugte sich
+vor und das Blut tröpfelte langsam auf den Boden. Da
+stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe hinaus
+hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher
+mit dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte
+ihr Taschentuch immer in ein Glas mit Wasser und näßte und
+spülte ihm die Lippe, während sie sanfte Worte dazu sagte.
+Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer faßte ihm
+an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe
+drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den
+Lippen auf die Zähne.
+</p>
+
+<p>
+„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu
+einem Kind.
+</p>
+
+<p>
+Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er
+dankte dem Mädchen und stillte mit seinem eigenen Taschentuch
+das Blut weiter.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn
+her. „Der Hund!“ sagte Baptist mit einem Schluchzen.
+</p>
+
+<p>
+„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend
+im Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist
+vors Gesicht gehalten. Der Kognak duftete ihm stark zu und
+er goß ihn hastig in den Mund. Es brannte auf in der
+Wunde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“
+erzählte einer in der kleinen Türe, in der sich das Licht des
+Lokals grell funkelnd zurückzuhalten schien.
+</p>
+
+<p>
+Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu.
+</p>
+
+<p>
+„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine
+Bewegung entstand in den dunklen Gestalten. Jemand ergriff
+Baptists Arm. Sie drangen in das finstere Gewirr eines
+Schuppens.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid
+Ihr? Sie ist wieder weg!“ Da kamen sie heraus.
+</p>
+
+<p>
+Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“
+sagte Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund
+und trat mitten zwischen den dunklen Gestalten wieder in das
+Lokal hinein.
+</p>
+
+<p>
+Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die
+Damen und ebenso Adolf und der blonde Realschüler, alle
+waren fort. Nur der Wirt schritt drunten mit seinem langen
+zweizackigen grauen Bart ernst und streng zwischen den Tischen
+herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege stehen.
+Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte.
+Es waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute,
+breitschulterige Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln
+der heimlichen Cafees immer zusammen sah. Sie
+trugen über niedrig umgeschlagenen bunten Kragen, wie die
+„Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau, in denen
+sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten.
+Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter
+den Kleidern kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie
+waren in der brutalen Eisenerzgegend des Landes daheim und
+Baptist nicht sonderlich vertraut, weil sie, wie sie körperlich
+aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken Branntwein und
+machten den Soldaten die Dienstmägde der engen, heimlichen
+Gassen des Heiligengeistviertels streitig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte
+der eine und machte eine Faust. Und alle drei boten sich,
+ehrliche Athleten, Baptist vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der
+Bädergasse im Cafee Heinck! Da gehen wir hin!“ rief einer
+kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so ein feiges, hinterlistiges
+Schwein!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“
+</p>
+
+<p>
+„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen
+und sich in den Streit mischten.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist
+gleich und ging nach dem unteren Teil des Lokales zu.
+</p>
+
+<p>
+Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag
+des Büfetts und in die angebaute Kammer hinein.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand
+kam heraus. Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb
+in derselben abgemessenen Entfernung stehen, wie vorhin. Da
+verstand Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Wieviel?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung
+stand. Baptist bezahlte.
+</p>
+
+<p>
+Dann gingen die vier hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen.
+Nur vor ein paar zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten
+noch dürftige schwälende Petrollampen. Die vier jungen Menschen
+eilten im Sturmschritt durch die breite reglose Straße
+zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden der Schaubuden
+und Karussells davon. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Gare</span>, wenn wir ihn kriegen!“
+drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an
+Rosa. Er sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die
+Italiener sind doch feine Kerle.“
+</p>
+
+<p>
+Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten,
+und er malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten
+und Heng an die Kehle fuhren. Da war gewiß der
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+mit dem vorstehenden Wust von gekräuselten Haaren, der
+Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein feiner Kerl!
+</p>
+
+<p>
+„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist
+ein famoser Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die
+lange Parkstraße hinab, und die Schienen der Trambahn liefen
+heimlich neben ihnen und gleißten nur dann und wann auf,
+wenn ein Laternenschein sie berührte.
+</p>
+
+<p>
+Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt
+lag die Nacht mit reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es
+war einsam. Auch als ihre Schritte in der Neutorstraße an
+den Häusern hallend klangen, hatten sie noch keinen Menschen
+getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes kuschte
+sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte:
+„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war
+ein Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte
+weiter bis in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser
+Nachtwind strich in den Straßen und ließ die Laternenscheiben
+einsam erzittern. Er war frisch, dieser Wind, als hätte er noch
+keine Menschenluft durchzogen. Frisch und traurig war er,
+voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist. Dieser
+Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn oft
+um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach
+verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt
+der Reue überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam
+wie ein Menschenkind nach der Sünde. Wie ein Vorwurf
+von mütterlich sanftem, aber unendlich entschiedenem Ernst
+trug er den Klang der Schritte des jungen Arbeitstages, der
+über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden.
+</p>
+
+<p>
+Es war drei Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die
+Takte seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in
+der Judengasse eine einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+an und wandte sich an die Kameraden: „Gelt, ihr geht mit!
+Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs von Wirt sie hinausgeschmissen
+hat, weil sie mir halfen, dann muß doch ...“
+</p>
+
+<p>
+Die drei waren gerne einverstanden.
+</p>
+
+<p>
+Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener
+wohnen könnten.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen
+Hotels am Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel
+de Paris?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun denn, fahren wir mal hin!“
+</p>
+
+<p>
+Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr
+los. Sie jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster,
+die Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke
+und hielt nach einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris.
+Es war noch Licht im Wirtszimmer. An einem Tische saßen
+Türken, die auf der Messe herumzogen und Teppiche, arabische
+Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken verkauften.
+Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die
+Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein
+Kranz von Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge
+warteten. Baptist rief als er eintrat: „Ich gebe eine Runde
+Kognak für die ganze Stube!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der
+Arbeiter, und alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß.
+</p>
+
+<p>
+Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt
+und fragte: „Wohnen keine Italiener hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das
+ganze Haus voll von dem Flohpack liegen. Jetzt mit der
+Schobermesse, wissen Sie, da wird man die Bagage nicht
+mehr los!“
+</p>
+
+<p>
+„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie,
+ich ruf den Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn.
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Dann können Sie selber schauen ... Alfons!“ rief er in die
+Hintertüre. „Alfons!“
+</p>
+
+<p>
+Ein stämmiger Bursche erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf.
+Der Knecht hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem
+Reflektor aus einem Nagel und leuchtete damit in ein Zimmer.
+Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie lagen in ihren Kleidern
+auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen Haaren, Männer,
+Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer,
+Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann
+wälzte sich schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf.
+</p>
+
+<p>
+„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht.
+</p>
+
+<p>
+Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern
+Stuben aus; die Musikantengesellschaft war nicht unter den
+Schlafenden.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte
+gerade ein Mann aus der Runde am Schenktisch:
+„... Ja und dann in Antwerpen nehm ich das Schiff der
+Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da schaut, wenn
+ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts
+über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben
+doch etwas anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen
+Apfel und eine Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der
+Teufel, ihr dummen Kerle, kommt mit! hat ja keinen Zweck!“
+</p>
+
+<p>
+Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte
+sogar Lust!“
+</p>
+
+<p>
+Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann
+wieder zu schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene
+man in einer Stunde so viel wie hier an einem Tag!
+</p>
+
+<p>
+Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von
+Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, aber ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn,
+wenn du’s nicht selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht
+mitgegangen.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war
+traurig, aber er war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich?
+Wozu suchte er die Italiener? Er war müde an Gliedern
+und Gedanken und sehnte sich nach seinem Bett, nach dem wohllebigen
+Luxus seiner schönen Zimmer in der Villa am Park.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht
+einmal hell draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“
+</p>
+
+<p>
+Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze
+Flasche Kognak da?“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“
+</p>
+
+<p>
+„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab
+den dreien die Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht,
+also! Gute Nacht, die Herren!“ verabschiedete er sich.
+</p>
+
+<p>
+Und er ging hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die
+den ersten Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte
+Glacis, das zwischen dem Bahnhof und der neuen Brücke lag.
+Als sie über die Brücke fuhr, die mit einem Bogen das Petrustal
+schlank überspannte, lag über den Dächern der Stadt,
+zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein
+ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der
+Niklauskirche stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist
+und seufzte. „Weshalb, wozu?“
+</p>
+
+<p>
+Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse
+Taschentuch an die kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein
+trauriges Mal.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“
+</p>
+
+<p>
+Er stieß mit dem Fuß auf.
+</p>
+
+<p>
+„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn.
+Ich werde morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn.
+Hol’s der Teufel!“
+</p>
+
+<p>
+Aber er dachte an seine Schwester Jeanne.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit
+bewußt bin, es zu können.“
+</p>
+
+<p>
+So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung
+gefunden und auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie
+ein großer zauberhafter Vogel stand nur immer über allem,
+was er dachte und tat, der fromme Glauben, daß die Erfüllung
+dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes Märchen, wie
+ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll
+weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf
+ihn niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand
+oder den Fuß drum rührte.
+</p>
+
+<p>
+Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf
+den Socken die Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich.
+Als er ins Bett sank, war ihm eine ganze Weile, als läge er in
+einem wundersamen Bade. Dann gaukelten die verschwiegenen
+Wünsche wieder empor, aber während er mit offenen Augen
+und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das Licht
+draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf
+einmal das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in
+seiner Erinnerung klar auf. Einer seiner Kameraden wollte
+mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! – War das Kraft und
+Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und sich hingebend:
+„Könnt ich das auch!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-4">
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+Viertes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme
+hörte: „Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der
+Hämmelsmarsch!“
+</p>
+
+<p>
+Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem
+ungeduldigen Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich
+rannte ein anderer gröberer Schritt trommelnd in den
+ersten Lärm, und in demselben Augenblick unterschied er mitten
+in diesen Geräuschen, die ihn im Halbschlaf überfallen hatten,
+die Töne von Blasinstrumenten, die zusammenhangslos ineinander
+krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und
+stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah.
+Dort waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde
+bändergezierter Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten,
+mit den Füßen energisch zusammen hielten. Einer stand etwas
+vor und blies in ein weißes Nickelpiston; das war der Kellner
+Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder hielten sich neben
+den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen Stimmen,
+die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn</p>
+ <p class="verse">Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,</p>
+ <p class="verse">Den Hämmel no! ze! gon!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.
+</p>
+
+<p>
+Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die
+hungrigen Hämmel wurden von den Kindern hinterlistig gereizt
+und sprangen mit kläglichen Schreien durcheinander.
+Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem Buben unversehens
+eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend
+weg und rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“
+Aber Ändri blies wie wütend über das Geschimpf hinweg.
+Dann ging der Junge auf die andere Seite der Straße, wartete
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+ein wenig und warf mit einem kleinen Stein nach Ändri. Ohne
+umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst du,
+was hast du!
+</p>
+
+<p>
+Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der
+Geräusche im Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er
+enttäuscht vom Fenster weggehn. Es ärgerte ihn, daß man
+den alten schönen Gebrauch, die Schobermesse, das Nationalfest
+der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch einzuweihen, so zum
+Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an jedem
+dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna
+auf der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße
+Piston glitt vom Munde ab, und Ändri machte einen Diener.
+Einen Augenblick spielte nur der Keuchatem der begleitenden
+Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der Linken einen
+schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an
+den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt,
+der die kleine Weise abschloß.
+</p>
+
+<p>
+Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie
+riefen wie aus einem Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“
+</p>
+
+<p>
+Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und,
+eine nach der andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander
+das „dreimal-hoch, dreimal-hoch-hoch-hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster,
+in dem Baptist seinen Vater vermutete, und der Zug setzte
+sich in Bewegung auf die nächste Villa zu.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf
+schwer und voll stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte
+ein kleines Feuer, und er ging zum Spiegel. Aber die Wunde
+war kaum sichtbar und nicht bedeutender, als die Geschwulst
+eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn. Er goß das Waschbecken
+voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das
+Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch
+niederkletterte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht
+vor sich aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab.
+Dort fand er seinen Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der
+‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt sitzen. Der Vater grüßte aus
+der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und herzlicher, als seine
+Gewohnheit war.
+</p>
+
+<p>
+Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu
+seinem Vater: „Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell
+zur reinsten Bettelei. Vor zwei Jahren folgten sie wenigstens
+noch dem alten Brauch und kamen uns nur am Schobersonntag
+in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen
+sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag
+und warten, bis die Leute aufgestanden sind. So ist es nicht
+mehr schön.“
+</p>
+
+<p>
+Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch
+ihre paar Mark verdienen.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark
+gönne ich ihnen. Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen
+Gebrauch, den die Stadt noch hat, industrialisieren, das
+meine ich nur damit!“
+</p>
+
+<p>
+Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände.
+„Das Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche,
+das kommt aus der Mode. Heute ist eben eine andre
+Zeit!“ meinte er gleichgültig und las wieder in der Zeitung,
+von der einige Blätter über den Tisch gebreitet lagen. Dann
+ging er hinaus, kam aber bald wieder.
+</p>
+
+<p>
+„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius
+im Examen?“
+</p>
+
+<p>
+„Leider!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor:
+„Der Sultan von Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen
+Turner in Reims zu Gaste war, hat Herrn Professor
+Albert Hamilius aus Luxemburg, den der Turnverband des
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Großherzogtums als Vertreter zu den französischen Freunden
+geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen
+Band verliehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein
+wirklicher Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem
+Bizeps jonglieren, wie ein Zirkuskünstler, der mit Messern
+spielt, die nicht geschliffen sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“
+</p>
+
+<p>
+„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß
+und du bist klein!“ entgegnete Baptist bitter.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte
+Herr Biver.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der
+Zeitung. Aber nach einer Weile stand er auf und trat vor
+Baptist hin: „Schau mal, Junge, ich weiß ja, was das ist, mit
+dem Examensglück. Die einen haben’s, die andern nicht. Das
+verändert einen Menschen nicht. Besteht man es dieses Jahr
+nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt man
+aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal
+<em>den</em> Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel
+dumm, wenn du mit so einem Examen ein Jahr verlieren
+müßtest. Ein Jahr ist heute was. In unserer Zeit, die so
+schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück Arbeit. Was
+meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des
+Geschicks ein wenig entgegenkämen?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen
+Hauptfaktor des gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den
+Herrn Hamilius. Herr Hamilius gibt dir die vier Wochen, die
+es bis zum Examen noch sind, Unterricht. Einem bellenden
+Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein bewährtes
+Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen Vertreter,
+den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen.
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Ich hab’ gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen.
+Der hat mich gerade auf Hamilius gebracht, den er aus der
+Erfahrung seiner Studenten kennt. Was meinst du, ich nehm
+den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg mich mal zu
+dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein,
+wenn der Streich nicht gelingt.“
+</p>
+
+<p>
+Er schaute Baptist lächelnd und fragend an.
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“
+</p>
+
+<p>
+Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute
+sich an der unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in
+sein Geschick mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine
+Angelegenheit vor das Kartenkollegium gebracht hatte; vor
+diese Versammlung kleinbürgerlicher Rechner, mit denen sein
+Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm mehr gingen
+als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn
+bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse
+noch zu sehr die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen
+hereingeackert hatte, an seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte
+diesen Proleten Hamilius, der wie ein Hofköter hinter dem
+schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um seine rücksichtslose
+Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede Wurstpelle
+zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht
+vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es
+sein Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der
+väterliche Plan war.
+</p>
+
+<p>
+Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich
+von einer Last befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“
+sagte er vergnügt, faltete die Zeitungen geschäftig zusammen
+und ging, die Blätter in die Tasche schiebend, auf die Türe zu.
+„Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“ meinte er noch,
+während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag. Das
+geht dann wohl nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+Dann entfernte sich sein Vater.
+</p>
+
+<p>
+Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine
+Gedanken lagen wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei
+Schritte weit hinein. Dann schloß sich ihr Gemengsel zu einem
+unklaren Dickicht, in dem sich, wie etwas unerhört Rohes, aber
+doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den er gestern
+mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.
+</p>
+
+<p>
+Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie
+räumte auf dem Tisch herum. Dann fragte sie vertraulich:
+„War es schön gestern Nacht, Herr Baptist?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist erschrak.
+</p>
+
+<p>
+„Was wissen Sie denn, wie es war?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“
+</p>
+
+<p>
+„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich
+in Ordnung, und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch
+unzufriedenen Gesicht das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich
+zum Schein an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten
+und er versuchte auch gar nicht anzufangen. In das Gespräch
+seines Vaters mischten sich unerbittlich die Erlebnisse der Nacht,
+und beides wollte nicht ineinander aufgehn. Es war wie zwei
+Welten, die sich an einander rieben: die Sorge des äußern
+Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus dem
+Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich
+die Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener
+unaufhörlich grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+an diese leibhafte Tat Baptist etwas wie eine Erlösung in dem
+Verfließen aller andern Vorstellungen wurde.
+</p>
+
+<p>
+So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den
+Park zur Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken
+zwischen den Reihen der langsam zum Sonntagsleben
+erwachenden Buden auf die Baracke von Hiltchen zu. Die
+Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der sonnig
+begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt
+an den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier.
+Baptist setzte sich abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein.
+Ein fremder Kellner bediente ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete
+der Bursche mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.
+</p>
+
+<p>
+„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf
+einen Zug leer und ging wieder.
+</p>
+
+<p>
+Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne
+durch eine der schattenlosen Budenstraßen schritt,
+sah er unerwartet den dicken Italiener vor sich.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut.
+„Ich suchte Sie grade bei Hiltchen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer
+Schaden für uns!“ fügte er nach einer Pause hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich
+Sie entschädige.“
+</p>
+
+<p>
+Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich
+einsprangen!“ fuhr Baptist fort.
+</p>
+
+<p>
+Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle.
+Er konnte nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen.
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Sie reichten ihm mit lebhaften Worten alle nacheinander die
+Hand und schüttelten die seinige, zuletzt Rosa, und sie fingen
+an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit gespreizten und
+geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers
+ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch
+die paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet
+hatten, und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita
+drängte sich an ihn heran und tupfte sich mit dem
+winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe, riß dann die Augen
+auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte immer,
+indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh,
+oh, oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem
+sanften Mitleid ihrer gutmütig dummen Augen an und die
+andern turnten, hüpften, lachten, drohten und schimpften um
+ihn herum.
+</p>
+
+<p>
+Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald
+ruhig. Nur Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht
+beendigen. Die Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an.
+Aber er verstand nicht, worum es sich handelte.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir
+feiern zusammen Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein,
+und dann bringen wir auch die andere Sache in Ordnung.
+Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am Bahnhof kommen?“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte
+die Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!
+</p>
+
+<p>
+In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists
+Schwester vorbei und drehte sich auffällig weg, indem sie die
+Nase rümpfte. Da genierte sich Baptist der Gesellschaft, zog
+den Hut und machte sich rasch davon. An der Ecke, an der er
+die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem Professor
+Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor Verwunderung,
+daß der Schüler hier und nicht hinter seinen
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Büchern war, einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete,
+weil er an den Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon
+morgen mit diesem Manne verband. Er lüftete verwirrt den
+Hut und drückte sich dann rasch in den Park hinein.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war
+seine Schwester im Garten zwischen den Rosen.
+</p>
+
+<p>
+„A, Jeanne!“ grüßte er.
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne
+ihn gleich an, „Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat
+ein Telegramm bekommen. Was fangen wir an?“
+</p>
+
+<p>
+„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen.
+Ich bin schon belegt. Ich muß bald weg!“
+</p>
+
+<p>
+„Darf man fragen – wohin?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, das darf man nicht!“
+</p>
+
+<p>
+„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in
+dem dichten Rosenstock.
+</p>
+
+<p>
+„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt
+im Bahnhof sein muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja!“ lachte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er
+hatte gefürchtet, daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein
+könnte, denn er mußte zu Haus mit essen. Jetzt war er schon
+gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann schlenderte er über
+die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins Hotel
+Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes
+den Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing
+an, auf die Italiener zu warten.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer
+gewissen steifen Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht
+und ordneten sie in einer Ecke zusammen. Als sie
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+sich um den Tisch setzen wollten, wies der Dicke die Plätze an.
+Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber den Stuhl an
+der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen
+Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun
+Personen, die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen.
+Baptist hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt,
+indem er die Nationalität und die Gewohnheit der
+Lebenslage der Gäste gegen die Gebräuche seiner heimatlichen
+Küche aufrechnete. An Weinen stand ein leichter Mosel und
+ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen sich, wer
+davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer
+Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein
+kleines Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete
+Huldigung für die Italiener.
+</p>
+
+<p>
+Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das
+störte seine Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken!
+Die Hauptsache ist ja nicht für sie, sondern für mich – die
+Absicht, die wie ein Kern in der Schale liegt.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet
+zwischen ihnen, und es machte ihm Schwierigkeit, immer den
+Dicken als Dolmetscher heranziehen zu müssen, wenn einer
+ihn anredete oder er selber einem etwas sagen wollte. Es hatte
+etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen zu sitzen und sie
+mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten der
+fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte,
+miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches
+zum Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch.
+Er kam sich unsicher und wie verraten vor.
+</p>
+
+<p>
+Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit
+ihren Verkehr beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger
+hinein, trank Rosa, Margherita und ihrer Mutter, auch den
+Männern zu, und als er ein wenig getrunken hatte, während
+zugleich die Italiener ihre Schüchternheit immer mehr abwarfen
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+und sich mit immer eindringlichern Gebärden und Wörtern
+an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang
+der Unterhaltungen.
+</p>
+
+<p>
+Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies
+den Damen dieselben galanten Aufmerksamkeiten, die er sich
+gegen die Freundinnen seiner Schwester angewöhnt hatte.
+Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.
+</p>
+
+<p>
+Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen
+und dem Wein. Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes,
+eine verlangende Schläfrigkeit. Baptist fühlte, wie die andern
+ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der Dicke drehte ihnen
+schon halb den Rücken.
+</p>
+
+<p>
+Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen
+Dinge, die er ihr sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte,
+die er aus der fremden Sprache kannte, und die Lücken durch
+Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er fast rein aus
+Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes,
+das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte
+und einander entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre
+Schenkel stießen. Diese Berührung wurde ihm ein Ausdruck
+seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht mehr auf, und der fortwährende
+körperliche Kontakt erhitzte das weinvolle Blut der
+beiden noch stärker.
+</p>
+
+<p>
+Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen
+ein paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als
+glaubte sie sie nicht. Das war ein Spielchen, das sie eine
+geraume Weile mit Lust pflogen. Aber Baptist neigte sich
+plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse Gebräuntheit
+jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine Wärme
+auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte,
+ernster geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit:
+„Willst du jetzt mit mir allein sein?“
+</p>
+
+<p>
+Sie antwortete: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Io sono come in una stufa!</span>“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie
+in ein ...? wie in was?“
+</p>
+
+<p>
+„In <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">stufa, stufa</span>!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im
+Zimmer herum.
+</p>
+
+<p>
+Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief
+Margherita auf einmal herüber: „In Ofen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf.
+Margherita hatte sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem
+kleinen schwarzen Äffchengesicht vermessen einen Augenblick
+anschaute. Dann lachte sie ihm grinsend zu: „Offen, in
+Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die Ecke, ob sie ihm
+nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s
+angenehm, wenn wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit
+seinem Daumen über den gebogenen Arm.
+</p>
+
+<p>
+„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die
+Schulter. Der Dicke hob die Hand mit einem: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">avanti</span>‘! Die
+Burschen sprangen auf und brachten die Instrumente heran.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare?</span>“ fragte der Häuptling, verständnisvoll
+lächelnd und Baptist winkte mit einem Lachen zu.
+</p>
+
+<p>
+Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen
+vor ihm in einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium
+bei Hiltchen und spielten. Aber sie waren heute nicht alle so
+wie gleich gehobelt. Jeder war über Tisch wieder einmal
+er selbst geworden, hatte sich losgelöst von dem Beruf auf
+dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders
+unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange
+zweite Violinist mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht,
+dessen Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige
+kitzelten, wedelte gefühlvoll mit dem langen, flachen Körper
+zu seinem Bogenstreichen.
+</p>
+
+<p>
+Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden
+Kopfwinken Baptist seine Geige hin.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins
+Zusammenspiel hinein und führte es mit der nachdrücklichen
+Kraft seines Spiels davon, wie eine Windbö ein paar Segler
+mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne steigen, als erreichten
+sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.
+</p>
+
+<p>
+Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände
+klatschten, drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen
+Baptist an, daß ihr dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er
+faßte sie lachend unters Kinn und sagte, auf ihren Bräutigam
+zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck
+den Rücken. Da schauten die kleinen schwarzen Augen des
+Mädchens Baptist entflammt an. Wie ein fordernder Blitz
+schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken bäumten sich
+eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke
+Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm
+unter und zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit
+einem Auge zu und warf mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit
+hin: „Das wär was für Sie!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.
+</p>
+
+<p>
+„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen
+die Weiber in die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für
+welche! Da ist die Rosa eine Henne dagegen!“
+</p>
+
+<p>
+Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse
+prächtiger Frauen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er
+schnalzte mit der Zunge.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns.
+Ich gebe Ihnen die erste Violine zu spielen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe,
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+und dann war es, als sauste der Vorschlag des Italieners
+wie ein Anker in ihn hinein, biß sich mit einem einzigen, ganz
+kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz fest und zog ihn
+wonnig davon.
+</p>
+
+<p>
+Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in
+Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der
+Umgebung, des Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst,
+alles klar, alles Freude und Lust, und er – thronend über
+den Dingen!
+</p>
+
+<p>
+Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter
+und schüttelte ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.
+</p>
+
+<p>
+Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß
+aber nicht, ob Sie so leben können wie wir? So einfach!“
+Mit einer Handbewegung deutete er auf den Tisch, „so geht’s
+nicht bei uns zu!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das
+werde ich schon!“
+</p>
+
+<p>
+Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz
+ausliefern und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten
+des Italieners ernst seien.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte
+sich, daß er damit immer eine letzte heimliche Macht in der
+Hand behielt.
+</p>
+
+<p>
+Der Italiener winkte zufriedengestellt.
+</p>
+
+<p>
+„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen
+im Frühjahr eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement,
+in einer großen Bierhalle zu spielen. Wir wollten
+morgen mit dem Frühzug abreisen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus
+dem Lande kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+sie begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder
+so laut und fröhlich.
+</p>
+
+<p>
+„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein,
+„es darf kein Wort in der Stadt darüber gesagt werden, daß
+ich mitgehe. Und ihr müßt mir auch helfen, meine Kleider
+und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann morgen mit
+dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“
+</p>
+
+<p>
+Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd:
+„Wird gemacht werden!“
+</p>
+
+<p>
+Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von
+den Italienern sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen
+sammeln, die Baptist an einem Seil herunterließ. Der Koffer
+könne dann über das Geländer in den Park geschafft werden,
+von dort auf die Straße und Baptist wolle einen verschwiegenen
+Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof
+bringe.
+</p>
+
+<p>
+„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein
+Geräusch machen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten
+zu. Als sie sich dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist
+zuerst allein.
+</p>
+
+<p>
+Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken,
+die flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern,
+malte er sich sein neues Unternehmen aus. Er fluchte und
+lachte und watete, und ungemessen stiegen die Hoffnungen
+auf ihn hernieder.
+</p>
+
+<p>
+Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im
+Ausschreiten mit sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei.
+Geld? Ach was Geld! Ich weiß ja, wo davon ist. Es wird
+nun einmal ernst, was bis jetzt Verlegenheit und unproper
+war. Er ist reich genug. Ich schädige niemanden. Davon
+kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und werde
+sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+habe, muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja
+mehr, als die ganze Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine
+Freundin, und die Margherita ... ach, die Margherita! ...
+daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen, wie es geht. Vielleicht
+liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist im Gesicht
+nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran
+nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von
+Stadt zu Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!
+</p>
+
+<p>
+Jeanne!
+</p>
+
+<p>
+Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken
+zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist
+der Schwester. ‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und
+bist nicht glücklich! ...‘
+</p>
+
+<p>
+‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche
+Unternehmen gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal!
+Ich muß Jeanne das auch schreiben. Ich werde ihr einen
+langen schönen Brief hinterlassen. Darin steht so und so ...
+und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß ich das
+Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand
+ihn gesehen hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und
+schloß die Türe hinter sich ab. Er ließ das geheime Schloß
+knacken, schob den Rolladen hoch und nahm die Schlüssel von
+ihrem gewohnten Platz.
+</p>
+
+<p>
+Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes.
+Es lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen
+und in Scheinen drin. In einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes
+Ledertäschchen aufrecht. Er zog es heraus und
+sah, daß es mit Papieren gefüllt war.
+</p>
+
+<p>
+Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere
+eins nach dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+zunächst. Aber dann kam etwas wie ein Heft, auf dem in
+Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die Jahreszahl drunter zeigte, daß
+es die letzte Vermögensberechnung seines Vaters war, die er
+in den Händen hielt.
+</p>
+
+<p>
+Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen
+war die Sprache geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist
+las sie, indem er seinen Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte.
+Er sah bald leise Beziehungen sich zwischen den einzelnen
+Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie ein
+Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in
+dieser heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens,
+in dem das seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also
+ihr!‘ grollte er und schlug mit den Knöcheln der geballten
+Hand in die Zahlenhaufen.
+</p>
+
+<p>
+Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun
+Schritt für Schritt verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit
+und seinem kleinen, rasselosen Aufeinanderhäufen.
+Er konnte so hart und klar aus diesen ordentlich gescharten
+Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses Hauses herausheben
+und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich
+zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude:
+hinter einem Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und
+hadernder Gereiztheit: hinter einem Minus eine Summe.
+Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die kleinen,
+übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit
+Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken
+hatten, während er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen
+Peinlichkeit überwachen mußte. Und jene andern Summen
+trugen die Namen der Herren, hinter deren Rücken sein Vater
+lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre Gespräche
+empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine
+Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es
+war roh und brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+waghalsige Ruhelosigkeit mit Gefahr gespielt hätte. Es waren
+nur ungezählte, unruhige, kleinmütige mit drei oder vier Nullen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr
+Faber!‘ Und er hatte die Summen auf der Hand liegen, wie
+armselige tote Tierchen, denen man Fell und Haut abgezogen hat.
+</p>
+
+<p>
+Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte
+sich in seinem Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor
+das Genießerische und bekam etwas Wehrendes. Es schnitt
+eine Grimasse mit dem schönen Gesicht, kniff die träumerischen
+Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.
+</p>
+
+<p>
+‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so!
+Mit den Muskeln!‘
+</p>
+
+<p>
+Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und
+hob die eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und
+ließ sie langsam mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz
+nieder. Dann machte er dasselbe mit dem linken Arm. Die
+Presse war gewichtig. Und die Übung hatte seine ungeschulten
+Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu den Zahlen
+zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb
+dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist
+drang nun in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah.
+Er dachte fast mit zärtlichem Mitleid an ihn.
+</p>
+
+<p>
+Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist
+kannte die Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das
+alte Geschäftsjahr zu beschließen und das neue zu beginnen.
+Heute war der 5. September. Also waren die eingetragenen
+Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den Konten: Kassa,
+Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch
+kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in
+einem Anfall von rebellierender Bitternis sie wegwischen.
+Aber hinter dem ‚Saldo als Reinvermögen‘ stand fest wie ein
+eiserner Turm die Schlußzahl:
+</p>
+
+<p class="center">
+1 Million 825560 Franken.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er
+schon durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein
+kleines, in Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete,
+sah er, daß es ein Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten
+Seiten mit den von der Zeit gebräunten Rändern
+waren unberührt. Nur auf der ersten stand: ‚Sparkassenbuch,
+gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt zehntausend
+Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten
+am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben
+Kindern Baptist und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion
+10000 Mark, die sie zu gleichen Teilen und zu beliebiger
+eigener Verfügung bekommen, wenn Jeanne großjährig ist‘.
+</p>
+
+<p>
+Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift
+an, als sei es nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe;
+daß das so nahe vor ihm zu lesen stand. Er las ein paarmal
+die Wörter und stockte beim Lesen. Dann schaute er auf, irgendwohin
+und dann schlug er mit dem Kopf nieder und weinte.
+</p>
+
+<p>
+Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht
+hatte, und daß er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig
+erscheinenden Verständnislosigkeit des Vaters für die
+anders gerichteten Absichten und Wünsche seiner Kinder nie
+die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß er ungerecht
+und verstockt an einer anders gearteten Seele vorbeigegangen
+war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch er
+selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser
+doch niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes
+nur das geringste ändern konnte, und er kam sich geschützt und
+stark vor in seinen jungen Absichten, wie in einer stählernen
+Rüstung.
+</p>
+
+<p>
+Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte
+sie in den Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte
+er in seine Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel,
+wo er sie gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er
+nicht aus dem Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude
+an seinem Unternehmen schlug reiner und freier auf. Er ging
+erregt auf und ab in dem Raum und versuchte sich kühl zu
+berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark durchkommen
+könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ... Sparsamkeit
+... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber
+darüber kam er nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden
+Tat schlug jauchzend über ihm zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen
+Schränken, was er mitnehmen sollte, und legte es zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während
+dieser Arbeit und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte
+einen Bogen Papier zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen
+umbrausten ihn, wie Orgelrauschen, das zwischen
+Kirchensäulen verschallt, und von dem ganzen, prachtvollen,
+wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier:
+</p>
+
+<p>
+„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen,
+ich würde dich am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön
+und frei. Ach, ich kann nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester.
+Ich liebe dich. Baptist.“
+</p>
+
+<p>
+Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht.
+Ich hab ja keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht
+ja auch alles drin! entschuldigte er sich, während er den Zettel
+in ein Kuvert steckte.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter
+in den Kleidern und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die
+besten und die praktischsten Sachen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chon</span> lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und
+sich aufs Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel
+auf der Niklauskirche hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen,
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+so war es Baptist, als hörte er ein Geräusch im Garten. Er
+bückte sich über die Brüstung.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor!</span>“ rief unten eine flüsternde Stimme, „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor
+Battisto!</span>“
+</p>
+
+<p>
+Baptist flüsterte zurück: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Ssst Italiani?</span>“
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Si bene!</span>“ kam es leise von unten herauf.
+</p>
+
+<p>
+Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom
+Trockenboden geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die
+Italiener arbeiteten huschend katzenleis. Die Dunkelheit der
+Nacht deckte sie zu.
+</p>
+
+<p>
+Endlich flüsterte Baptist hinab: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Finito! Pss! Finito!</span>“
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bene!</span>“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon.
+Im Nu war es stumm.
+</p>
+
+<p>
+Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen.
+Er zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen
+des schlafenden Hauses hinab und auf die Straße. Die Laternen
+der Droschke leuchteten neben dem Park und Baptist eilte ihr
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher
+bückte sich vom Bock über die Laterne.
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.
+</p>
+
+<p>
+Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den
+Bock heran. „Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden
+Laternen. Aber gelt, leise!“ sagte Baptist flüsternd.
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß Herr Biver!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park
+und pfiff leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den
+Pfiff wiederholt, ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen.
+Aber er hörte nichts mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme:
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Italiani!</span>“
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor Battisto, voi?</span>“ antwortete es neben ihm flüsternd
+aus einem Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+ein wenig. Dann lachte er über die Geschicklichkeit und
+Vorsicht, mit der die Italiener ihren Auftrag erledigt hatten.
+„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Tutto pronto!</span>“ sagte eine leise Stimme, und es rauschte
+geschmeidig im Gebüsch.
+</p>
+
+<p>
+Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß
+ihn ab und steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher
+Anweisung. Die beiden Italiener sprangen in den Wagen und
+er rollte davon. Baptist spazierte noch eine Weile in dem
+finstern Park hin und her. Dann ging er ins Haus und in
+sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser Nacht
+keine einzige Minute verschlafen würde.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen –
+als Hauptsache die Abhebung von fünftausend Mark auf
+das Sparkassenbuch – bald gemacht. In der Sparkasse hatte
+der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein bißchen
+wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen
+aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters
+zuvor mit einem Papierstreifen überklebt.
+</p>
+
+<p>
+Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte
+Klavierstunde im Konservatorium und blieb dann bei einer
+Freundin zum Mittagessen, so hatte sie Baptist hinterlassen.
+Er sah sie also nicht mehr, und das schien ihm gut zu sein. Er
+strich ruhelos und heiß erregt durch das Haus, weilte wiederholt
+in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu Stockwerk und nahm
+zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den Bücherschränken
+und den Bildern.
+</p>
+
+<p>
+Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief
+und das Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen
+lackierten Tischchens. Er strich mit der Hand über die Möbel
+und über das Bett und über die Wände und bat, sie mögen
+ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie glücklich drinnen
+werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses Abschiednehmens
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und
+wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf
+hoch und verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume,
+ging noch im Garten zwischen den hohen reich bescherten
+Rosenstöcken auf und ab und wurde dann zum Essen gerufen.
+Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er trank viel Wein.
+Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er mochte
+nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und
+Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles
+zitterte leis und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter
+Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die
+Tonschwingungen ins Vibrieren gebracht wird. Es war ihm,
+als sei er in Feuersgefahr. Er grub das Gesicht in die kühlen
+weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen Ecke, sprang
+dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum
+Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat,
+das der Vater durch ihn erlitten.
+</p>
+
+<p>
+Sein Zug fuhr um halb vier.
+</p>
+
+<p>
+Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen
+Geigenkasten unter den Arm und verließ das Haus. Es war
+alles so feierlich und so schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel,
+der in herbstlicher Reise kaum noch am Zweig hält, und jeden
+Augenblick ins Gras niederklopfen will.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der
+alten Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen
+Tiefe des Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart
+und nüchtern bis an ihre Kanten heran. Ein Stück weiter
+lief mit großen, plumpen Sätzen die alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen
+engen Bögen übers Tal bis zum Bahnhofsviertel hinüber.
+</p>
+
+<p>
+Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese
+alte Landschaft hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren
+Wanderlustigen – und er konnte nicht antworten.
+Denn gegen diese Argumentation halb verwichener Erinnerungen,
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+die sich in der Zeit die weichen Leiber von Müttern
+angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging,
+seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das
+noch unbebaute Glacis wie zwischen Spießruten hindurch
+zum Bahnhof und weiß der Henker, als er vom Glacis in die
+Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch dieses widerwärtige,
+proletisch rechnerische Produkt des modernen Luxemburgs
+an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es
+wie ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen
+er zu leben gezwungen war.
+</p>
+
+<p>
+Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der
+Bahnhofstraße eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und
+hastete über das Trottoir zum Bahnhof hinunter. Er wartete
+fast noch eine Stunde, in der die gedämpfte Gewalt seines
+Innern widerstandslos ausbrach und wie eine Feuersbrunst
+rasend um ihn herumsprang.
+</p>
+
+<p>
+Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem
+donnernden Ruf von Triumph und Unternehmungskraft. Er
+trug Baptist davon und hüllte alle die Zukunftsfreuden der
+jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend aufgewirbelte,
+schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte Hochebene
+der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-5">
+Fünftes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand
+aus dem Zug und ließ die Menge der Reisenden langsam
+um sich vorwärts fluten. Er schaute angestrengt aus und sah
+auch bald den dicken Italiener wie einen Wellenbrecher mitten
+auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden Reisenden
+auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen
+durch zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener.
+</p>
+
+<p>
+„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem
+großen Tor auf dem Platz Charles Rogier standen Margherita
+und ihr Bräutigam Paolo. Das kleine schwarze Weibchen
+hatte sich mit einem großen Tuch vor der herbstlichen Abendkühle
+geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur das
+Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für
+Baptist, die beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam
+an dem Platz am Tor der großen abendlich entzündeten
+Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten ihm voll Freude
+entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine biegsame
+Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich
+zum Gruß die Hände drückten.
+</p>
+
+<p>
+„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist
+und er ließ eine Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen
+von Flandern lag in einer Sackgasse hinter der Grand’place.
+Es war eines der alten netten Brüsseler Hotels, etwas dunkel,
+aber reinlich und einfach bürgerlich. Baptist war froh überrascht,
+daß die Italiener so ordentlich wohnten.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im
+zweiten Stockwerk über der Gasse lag und mit alten Möbeln
+und mit großgeblümten Vorhängen an Fenster und Bett
+wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb schon
+bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es
+war ihm warm, wohl und frei. Als er dann später in das
+kleine Eßzimmer hinunterstieg, saß Margherita allein drin und
+nähte an einer farbigen Schürze.
+</p>
+
+<p>
+Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken:
+</p>
+
+<p>
+„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich gesucht Zimmer!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete
+und war gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen
+gerne geherzt und geküßt.
+</p>
+
+<p>
+Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit
+ihrer kleinen Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so!
+bestätigte er sich unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie
+blieb vor ihm stehen und hielt ihm unbeholfen die Hand hin,
+die er drückte, ohne daß sie den Druck wiedergegeben hätte.
+Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar italienische
+Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen
+anders gedacht.
+</p>
+
+<p>
+Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen
+herzlich die Hand, und sie setzten sich an ihre Plätze um
+den Tisch und lachten ihm zu. Dann brachte ein Kellner das
+Abendessen.
+</p>
+
+<p>
+Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen
+Einförmiges an. Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer,
+ebenso die Männer. Nur der Dicke und Baptist hatten jeder
+ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die Gesellschaft
+in kleine Kreise teilte.
+</p>
+
+<p>
+„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der
+Dicke. „Wollen wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der
+Frauen, das geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo
+schleppte einen Stoß Noten heran und Baptist holte seine
+Geige. Während er die Noten durchblätterte, zupfte der Dicke
+an den Saiten, beklopfte den Rücken und schnitt dann eine
+Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals
+den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte
+und mit seinem dicken Kopf dazu nickte.
+</p>
+
+<p>
+„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel
+macht man keine so guten Instrumente.“
+</p>
+
+<p>
+Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona,
+Cremona!“ sagte er und machte wieder seine anerkennende
+Fratze.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften
+an den Saiten und winkten wichtig und ernst, daß sie auch
+mit ihr einverstanden seien. Baptist geigte alle die Lieder,
+die der Dicke ihm vorlegte, ohne Schwierigkeit vom Blatt. Die
+meisten kannte er und vermochte sie herunterzuspielen, ohne
+die Noten anzusehn.
+</p>
+
+<p>
+„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der
+Dicke beifällig. „Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“
+Und er klatschte, zu den andern gewandt, in die Hände.
+</p>
+
+<p>
+An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt.
+Baptist machte nach und nach gegen einige der Lieder Einwände
+und sagte, die seien doch zu dumm. Aber der Dicke
+setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften Widerstand entgegen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied
+da, dies: tra la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ...
+hoho, das gefällt, das müssen wir immer <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">da capo</span> spielen.
+<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">È vero?</span>“ wandte er sich an die andern, die ja nickten.
+</p>
+
+<p>
+Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten
+diese Proben: Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem
+sie ihn mit den Italienern hielten, ihre Sprache wie von
+selbst. Er badete sich scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die
+fremden Wörter heraus zu wagen. Die Sprache flog ihn an.
+</p>
+
+<p>
+Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und
+kritisch die Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das
+Hotel immer gleich nach dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum
+Abschied. Einmal wandte er sich an Baptist, bevor er wegging.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht.
+Müssen das Hotel jede drei Tage bezahlen und verdienen nix!
+Ich lauf immer herum und find nix!“
+</p>
+
+<p>
+Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren
+hatte, saß er am Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht
+griesgrämig zwischen den andern. Er trank viel und behandelte
+seine Leute wie mit einer nur mühsam unterdrückten Roheit.
+Baptist hatte dann das Empfinden, als bereite sich eine peinliche
+Verwickelung vor.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu
+Baptist aufs Zimmer: „Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er
+ihm zu. „Die drunten will Bezahlung, aber ich kann doch
+nicht, ich verdien doch nix!“
+</p>
+
+<p>
+„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders
+werden!“ tröstete ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote
+hin.
+</p>
+
+<p>
+Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn
+wir jetzt mit Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel
+kommt. Wie Sie spielen und mit Ihrer Violino und mit
+Ihrer Figur!“
+</p>
+
+<p>
+Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit
+Humor und ergötzte sich an diesem ersten Widerstand, der,
+wenn auch nur, ohne ihn selber anzufassen, genaht war, und
+den er dann mit der kleinen Geste seiner Gabe so leicht hatte
+brechen können.
+</p>
+
+<p>
+Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit
+und es machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen
+so sicher verwalten und sein Leben so straff in den Zügeln
+halten zu können, daß seine Ausgaben fast immer auf einen
+Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte gewissenhaft
+Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast
+mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener.
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Aber innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden
+Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung
+fern. Trotz dieser kleinen Schranke, die kaum sichtbar,
+aber für Baptist doch von unentbehrlicher Wichtigkeit war,
+besprach er ernsthaft mit ihnen die Möglichkeiten, bald in
+Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich mit ganzem Herzen
+an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie trieben.
+Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er
+oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige
+Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit
+zu umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen
+heimlicher Sinnlichkeit erhitzten.
+</p>
+
+<p>
+An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am
+Mittagstisch. Aber er kam plötzlich als sie probten ins Zimmer.
+„Haben wir, Kinderchen!“ rief er noch in der Türe. Er hatte
+ein rotes Gesicht, war vergnügt und drollig wie ein verliebter
+Frosch und küßte die Mutter der Margherita feierlich zweimal
+auf jede Wange.
+</p>
+
+<p>
+Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten
+in einem Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein
+großes Etablissement!
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und
+schüttelte sich.
+</p>
+
+<p>
+„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem
+Wetter natürlich im großen Saal!“
+</p>
+
+<p>
+... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen
+Himmel mit goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen,
+das ganz süß und s...s...s... zu der Musik plätscherte.
+</p>
+
+<p>
+Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten
+wie erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle
+plötzlich am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem
+Marsch sich nähert. Es tanzte allen in den Beinen. Baptist
+lief hinunter und bestellte drei Flaschen Bordeaux. Sie sangen
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+und scherzten, während sie die Flaschen tranken, und ließen
+später noch zwei Flaschen heraufbringen.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die
+üblichen Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn
+Franken eintragen mußte, die die Wagschalen seines knapp
+gehaltenen Budgets schwer aus dem Gleichgewicht brachten,
+da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an, mit kleinen
+Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften Geduld
+einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich aufgebaut
+hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine
+Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen
+seien, war er zufriedengestellt.
+</p>
+
+<p>
+Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann
+eine fiebrige Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen
+der Angst, daß der Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen
+werden könnte, der leise stechenden Scham, sich nun öffentlich
+mit der Geige herauszustellen und der tiefen Lust, ein tätiges
+Leben aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und
+peinlich genau geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und
+blau gestreifte, locker flatternde Hosen und rote weite Blusen
+mit umgeschlagenen Kragen. Das war die Uniform der Kapelle.
+Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide. Er bekam
+zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff
+aus ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages
+in sein Zimmer kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über
+sein Bett gebreitet. Er probierte sie einen nach dem andern
+an und lachte sich im Spiegel aus. Aber er fand, daß das
+Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem weißen Gesicht
+und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an die
+Tür des Zimmers der Frauen pochen.
+</p>
+
+<p>
+„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er
+blieb an der offenen Türe stehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände
+zusammen, „sehr, sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die
+Sonntagsuniform, ich muß sie gleich wieder ausziehen!“
+</p>
+
+<p>
+Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken
+in seinem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“
+aber er fügte mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier,
+Herr Baptisto. Unter Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich
+hoffe, den Zettel bald wieder zurücknehmen zu können!“
+</p>
+
+<p>
+Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="noindent">
+„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig
+zu sein, wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen
+sind 25 Franken. Rest 75 Lire.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete
+das Papier zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener,
+indem er mit der Hand eine weitläufige Geste in der
+Luft zeichnete.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der
+andern Musikanten durch den menschengefüllten Saal des
+Restaurants <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">aux vieux chênes</span>. Es hatte auf einmal angefangen
+zu regnen und die Spaziergänger, die den Herbsttag
+im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am Eingang
+zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch
+große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im
+Augenblick vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem
+grauen Himmel in dem Saal schon dunkel. Die Kronleuchter
+funkelten auf. Hereindrängende Menschen, Stuhlrücken, rufende
+Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten sich zu einem
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete Gruppe
+der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar
+Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem
+hoch gespannten Aüh! zusammenklang.
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und
+seiner feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen
+Mauer durch die Menschen hindurch. Er stieg mit den andern
+auf die kleine Bühne und sah nichts, war auf einmal droben und
+wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er war nicht so kühn,
+in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu schauen.
+Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen schwindelhaft
+tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die
+Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender
+Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den
+andern vorgeschoben, er setzte den Bogen an und verstand nicht,
+was er tat. Er spielte, wie ein Automat, dessen Mechanismus
+man gerade gelöst hat, und die Töne hatten etwas Belegtes,
+wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter
+sich etwas Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen
+Erstauntseins, daß das Bekannte, das er an einem der ersten
+Tische sah, der dicke Italiener, der Häuptling war. Und da
+stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag als eine wichtige
+kleine Insel drunten in dem Meer; als eine aufgeplusterte,
+winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige Erbrausen
+bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen.
+Um den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die
+sich überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen
+mutiger werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er
+sah, daß eine blaue, mit goldenen Sternen gepunktete Decke sich
+von Säulen getragen über dem Raume schloß; er hörte sogar
+irgendwo ganz spitz das s...s...s... der kleinen Fontäne
+immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah sie auf
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah
+Menschen sich um Tische scharen und unter einem ineinander
+verzogenen Rauschen, wie unter einem Netz von gedämpftem
+Lärme liegen.
+</p>
+
+<p>
+Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger.
+Er stieg aus dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die
+Menschen unter dem wogenden Netz anfingen, die Köpfe zu
+wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich unendlich wichtig
+vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus seiner
+Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der
+Menschen beglückend zu erheben.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten
+Tones den Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze
+Saal wie mit drohendem Radau unter seinem Netz herauszuheben
+schien. Baptist schrak zusammen und er faßte krampfhaft
+Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben ihm stand.
+</p>
+
+<p>
+„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte
+seine Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas
+angerichtet und sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen
+ihn. „Geh vor, geh vor!“ riefen sie ihn erregt an. Er wehrte
+sich gegen sie. Er war wie von scharfem Duft betäubt. Da
+griff Paolo ihn von hinten unversehens unter die Arme, hob
+ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den
+Beifall danken mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt
+und mit lichtverblendeten Augen. Die Zuschauer, die diesen
+Auftritt sahen und alles für Bescheidenheit hielten, lachten
+drunten und klatschten wie verrückt weiter, trampelten und
+riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden Grinsen
+zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung
+mit seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle
+auf, spielt noch einmal‘.
+</p>
+
+<p>
+„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen
+ersten Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich
+ist, aber nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die
+da unten saßen, waren ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie
+schwabbelte ein wenig in seinen Vorstellungen. Er spielte vor
+ihr aus Lust am Spielen, aus inniger, kräftiger Arbeitsfreude.
+Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau geschrieben
+oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der
+Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit
+einem nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der
+Schnittfläche eines Baumes aufquillt, so sah Baptist sein
+Schaffen frisch und hell aus sich steigen. Darüber empfand er
+einen naiven warmen Stolz.
+</p>
+
+<p>
+Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus
+Luxemburg im Garten sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit
+ihnen verkehrt, weil sie älter waren wie er. Aber der Bruder
+des einen war sein Schulkamerad gewesen und sie kannten sich
+gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen wegen seines
+bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas
+von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den
+Pausen lugte er öfter halb befangen und halb neugierig hin.
+Aber sie saßen zu weit weg, als daß er irgendeine Antwort
+auf seine Blicke hätte erkennen können. Als dann die Musikanten
+zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch, an dem
+die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu
+kommen, war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten
+und begrüßen und was sie sagen würden. Er hielt sie mit dem
+Blick fest, während er zwischen den Tischen hindurch auf sie
+zuging, zögerte ein wenig mit den Schritten, als er an ihrem
+Tisch angekommen war ... Aber sie redeten heftig abgewandt
+auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als wiesen
+sie ihn damit grob und energisch ab.
+</p>
+
+<p>
+Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers,
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+ihr Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich
+hin, als er davonging. „Ihr ...“ und schließlich fand er in der
+Erregung nichts mehr, was erbitterter, verächtlicher und beleidigender
+gewesen wäre – und er sagte: „Ihr Luxemburger!“
+</p>
+
+<p>
+Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem
+verächtlichen Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch
+war leer.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche
+Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein
+Ehrgeiz war verwundet worden und es wuchs kein Kraut,
+das zu heilen.
+</p>
+
+<p>
+Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der
+Masse, die da unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt
+die sentimentalen Töne mit einem langen Tremolieren wie
+an einer zitternden Schnur an einer Stange über die Tische.
+Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend, und
+um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen
+tanzten die letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die
+scharfen Düfte der ersten Zersetzung, nach abgeschälten Rinden
+riechend, bitter und verwirrend in den Konzertgarten. Draußen
+fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur Stadt zurück. Das
+Jahr, der Bois und der Tag starben.
+</p>
+
+<p>
+Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und
+ihre Töchter und sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne
+traurige Ahnung von den Zusammenhängen, von der unerbittlichen
+Sinnbildlichkeit dieser dunklen, heftigen, erregenden
+Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und fühlten
+ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen
+Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt.
+Und lag nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der
+man sich zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam
+zu tragen.
+</p>
+
+<p>
+Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+dankbar waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten
+da oben es nur der schöne stattliche Junge sein konnte, der
+die erste Geige führte und sich dabei in den Hüften bog und mit
+dem Körper im Rhythmus schaukelte wie ein rassiger, koketter
+Hengst im Zirkus.
+</p>
+
+<p>
+Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den
+Luxemburgern setzte ein Vorstoß des Winters ein und man
+fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die Vieux Chenes wurden
+geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de l’Univers in
+einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und verpflichtete
+Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für dieses
+große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs
+Uhr bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben
+Gesichter, die nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem
+Podium und den Gästen entstand ein familiärer Verkehr.
+Man bewunderte Baptists Spiel und mancher sagte ihm, ihn
+wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders sein.
+</p>
+
+<p>
+Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin,
+setzte sich stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich
+liebenswürdig zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn
+sehr, und Baptist unterhielt sich gerne mit dem Unbekannten
+und war froh über seine Teilnahme. Eines Abends trat der
+Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von
+Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen
+könnte. Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und
+schaute, zupfte an den Saiten und schaute wieder und gab
+Baptist das Instrument schließlich zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Sehr gut!“ sagte der Herr.
+</p>
+
+<p>
+„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt.
+</p>
+
+<p>
+„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit.
+Nur Historisches. Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ...
+Würden Sie mir sie für zweihundert Franken überlassen?“
+</p>
+
+<p>
+Der Herr griff in die Brusttasche.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen,
+von denen ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“
+antwortete Baptist lachend.
+</p>
+
+<p>
+„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Allerdings!“ sagte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts
+zusammen nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie,
+liebe Margherita, es ist nun wahr, daß diese Geige jetzt für
+mich so etwas besitzt, wie es eine Frau hat, die lieb, zärtlich
+und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa ist es nichts! Sie
+ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen Leib? ...
+und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber
+immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“
+</p>
+
+<p>
+Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns
+weg. Sie müssen mehr werden!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete
+Baptist. „Aber hat’s dazu nicht Zeit?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch
+rühren. Er war jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause
+kam, und führte selbst sein Ausgabenbuch nicht mehr so freudig
+wie anfangs. Er fühlte sich biegsam werden. Er versuchte
+jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem Abend verfallen
+war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen
+hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem
+enger zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer.
+Er sah Frauenaugen begehrlich und erregt leuchtend an ihm
+hängenbleiben, wenn er die langen Töne mit süßlicher Eindringlichkeit
+aus dem Zusammenspiel herauszittern ließ, und
+er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz.
+</p>
+
+<p>
+Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+aus war, das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern
+aufmischte.
+</p>
+
+<p>
+Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des
+Asphalts, diese im feuchtwarmen Duft des Verkommens
+fiebernden Frauen, all die aufgelösten, gierigen Menschlein in
+erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt tänzeln machen.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen
+ihm selber in die Adern. Er wurde nun umworben, er der
+schöne Primgeiger! Er, der den Zauber der Klänge aus der
+Geige heben konnte. Die andern fingerten ja nur! Er, der
+interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und
+biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte,
+romantisch verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen.
+Die öffentliche Anteilnahme richtete die blendend erhellende
+Scheibe ihres Reflektors auf ihn, und er schwänzelte in diesem
+Beleuchtungsfeld, wie eine kokette Frau, die Männerblicke auf
+sich fühlt.
+</p>
+
+<p>
+Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil
+seine Nerven eine austrocknende Hitze bekamen und er sie nur
+aus dem Saale heraus auffrischen konnte. Nun machte er
+auch keine Opposition mehr gegen die sinnlosen Modestücke
+und spielte sie mit denselben kokettierenden Anstrengungen
+wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein zugespitztes
+Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden
+Tag um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden
+Tag dieselben Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten
+hatte. Er verlor das Gefühl für Nüancierungen.
+Seine Empfindsamkeit war zum Handwerk geworden und
+setzte Huf an.
+</p>
+
+<p>
+Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf
+jeden Kontakt reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das
+Leben floß frei auf ihn herein. Das hatte er ja immer gewünscht
+– das ungebändigte, riechende, rundum raffende
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und die
+Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht
+zu ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine
+innere Spannung ermüdete bald an diesem unklug und maßlos
+hochgespannten Leben und wurde schlapp. Er sank wie an einer
+Stange herunter und merkte es nicht, weil er noch immer die
+Bewegung des Hinaufkletterns machte.
+</p>
+
+<p>
+Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch
+zu vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr
+herauskam, weil er schon eine Woche lang nichts eingetragen
+hatte, nahm er es und warf es in den Ofen.
+</p>
+
+<p>
+Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann
+in dem Zimmer der Männer, spaßten und zechten und erzählten
+sich aus ihrem Leben. Wenn sie betrunken waren,
+küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten zusammen und
+duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein Geld
+gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig,
+sich eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte.
+</p>
+
+<p>
+Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief,
+kam Margherita.
+</p>
+
+<p>
+„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu.
+</p>
+
+<p>
+Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen
+den Tisch und sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie
+sich Baptist, daß ich Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien
+besser wie wir und sollen von uns weggehn?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal,
+es ist die höchste Zeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, aber ...?“
+</p>
+
+<p>
+„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen,
+wie Sie setzt immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du
+mich!“
+</p>
+
+<p>
+Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an
+sich heranzuziehen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem
+Zimmer. Seine Arme sanken leer und enttäuscht nieder, und
+er stand da, aufgehalten in seiner entflammten Gebärde, betrogen
+und zornig, trotzig und aufgewühlt.
+</p>
+
+<p>
+„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach.
+</p>
+
+<p>
+Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter.
+Er ging die Boulevards in der innern Stadt erregt entlang
+und schaute den Frauen zu. Sie waren häßlich oder schön, gut
+oder schlecht gekleidet. Aber alle waren Frauen. Er schaute
+ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld,
+trat auf der Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte
+heftig: „In ein Bordell, Kutscher!“
+</p>
+
+<p>
+„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher
+Gleichgültigkeit.
+</p>
+
+<p>
+So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße
+diese erste große Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen
+quadratischen Fenster sah er die Häusermassen zurückgehalten
+den Stadthügel herunterdrängen. Das stumpfe, gewaltige
+Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit schwerfälliger
+Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer
+in den grauen Tag.
+</p>
+
+<p>
+Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte
+sich das nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine
+Jugend abschloß. Er erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte
+Winzigkeit. Noch lange blieb es, wie ein trüber Satz
+in einem Glase, auf dem Grund seines Innern liegen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-6">
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Sechstes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse
+noch eine Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm
+wie ein unlösbarer Rest einer bittern Tatsache und erschien
+ihm als die Frucht eines unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges,
+der alles Menschliche belastete. Daraus dämmerte
+ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren Erfassen die Symbolik
+hervor, in der die Bibel die Geschichte des Menschen beginnt.
+Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch er
+stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als
+hätte er das wirkliche Leben auf die Schultern genommen,
+das große, riechende, raffende Leben, das in ungemischter
+Kraft nur von den Starken getragen werden kann; das Leben,
+in dem keine Lust selbstverständlich, sondern die Blüte von
+Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen
+Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.
+</p>
+
+<p>
+Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem
+Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und
+es erschien ihm von ernster Bedeutung, daß sich nun seinen
+Vorstellungen das Bild der Schwester öfters nahte, als jemals,
+seitdem er sie verlassen. Aber es war eine Schwester, deren
+stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine Verfehlung bedrückt
+und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel Gabriel
+am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner
+knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und
+Strafe.
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn
+in den folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden
+Zug mit sich riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von
+der naiven Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem
+Sündenfall. Er fühlte sich auf einmal und ohne daß er zu
+Atem kam, in einen heißen, sumpfigen Schwall von Frauenerlebnissen
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren fiebrig
+anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben.
+Er brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und
+ertrinkend wie in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom
+einen in den andern, und wenn er vom Podium aus die Blicke
+über die Gesichter der Frauen im Café spielen ließ, sah er fast
+auf jedem einen nickenden Blick eingestandener Heimlichkeit,
+wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte
+Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.
+</p>
+
+<p>
+So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar,
+im Augenblick des Besitzens zu genießen, und nachher löste sich
+alles in die verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit
+schwül süßer Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen
+wie mit einem heißen, betrügerischen Schwindligsein an der
+Kante von Nächten, in denen große Bäume wie im Wunder
+plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn an sich
+rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische
+Romantik ein.
+</p>
+
+<p>
+Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit
+dieser widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde
+etwas Molluskenhaftes aus ihm; er spürte keinen festen Boden
+mehr, sank mit schaukelndem Dahinleben durch die Tage.
+</p>
+
+<p>
+Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto
+zu einer kleinen Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium
+hingen einige Lorbeerkränze ungenannter Herkunft mit golden
+bedruckten Schleifen. Girlanden schlangen sich um die Stühle
+und Notenpulte, und Baptist spielte mit einer feierlichen,
+parfümierten Sentimentalität.
+</p>
+
+<p>
+Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist
+im Programm. Er spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache,
+Bajazzo, und schminke dein Antlitz ...‘ Er konnte spielen mit
+dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser Melodie, zu der
+die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an die
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler
+gegen Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden
+Saiten in die Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf
+ihn selber zurück, wie die Strahlen eines Reflektors.
+</p>
+
+<p>
+Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde
+mit lärmender Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen.
+Frauen und Männer erhoben sich, drängten sich an das Podium
+heran, um Baptist die Hand zu drücken, und Päcke von Blumensträußen
+wurden von allen Seiten heraufgereicht.
+</p>
+
+<p>
+Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig
+diesen Begebnissen zu. Rosa hatte dumme, bewundernde
+Augen. Nur Margherita blickte mit einem verächtlich verzogenen
+Gesichte weg.
+</p>
+
+<p>
+Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas
+einen, Rosa einen und wollte für Margherita einen
+besonders schönen aussuchen. Während er dies tat, sah er,
+daß in allen zwischen den Blumen kleine Visitenkärtchen befestigt
+waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de belle
+Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er
+hastig nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die
+die Frauen an ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam
+ihm zuvor. Sie riß mit ein paar Blumenköpfen die Karte aus
+dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist trotzig hin.
+</p>
+
+<p>
+„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.
+</p>
+
+<p>
+Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß
+sie derb in die Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er
+sie unterdrückt an.
+</p>
+
+<p>
+Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein
+in seiner Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ...
+Sonst stand nichts drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.
+</p>
+
+<p>
+Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er
+dachte mit einer betäubten Benommenheit an Jeanne, an
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+sein Studierzimmer in Luxemburg mit den Bücherschränken,
+an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige Abendduft im
+September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus
+dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ...
+er dachte an Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich
+wieder an seinen Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich
+ihn heimlich an. Wäre er allein, allein! Er wollte so ganz
+gerne weinen! Wieder einmal!
+</p>
+
+<p>
+Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er
+hinter sich, wie Paolo heftig auf Margherita einsprach.
+</p>
+
+<p>
+„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm
+pardon!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.
+</p>
+
+<p>
+Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.
+</p>
+
+<p>
+Da wandte sich Baptist um.
+</p>
+
+<p>
+„Aber Paolo, was machst du denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“
+</p>
+
+<p>
+„So laß sie doch!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, sie soll!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht
+weinen zu müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“
+</p>
+
+<p>
+Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.
+</p>
+
+<p>
+Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und
+Margheritas Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll
+Blumensträuße, legten sie auf seinen Tisch und gingen dann
+mit denen, die Baptist ihnen geschenkt hatte, und mit einem
+Gute Nacht davon.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das
+Zimmer mit ihrem bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle
+die Abenteuer erstanden aus ihnen, die Baptist entflammt
+vom Wege genommen hatte, und er sah nun, was es war.
+„Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und
+mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+kaufen können, für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag
+kein Reif mehr auf euch!“
+</p>
+
+<p>
+Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue,
+fröstelnde Erwachen!
+</p>
+
+<p>
+Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein
+Schluchzen stieg in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus
+den Schollen bricht.
+</p>
+
+<p>
+Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die
+Blumen zwischen beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus
+auf die Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie
+kaltes Wasser um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen,
+was er noch hatte, legte es auf den Tisch und setzte
+sich mit klappernden Zähnen hin. Er zählte, rechnete seine
+Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken sprang ihn
+grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch
+zweihundert Franken blieben.
+</p>
+
+<p>
+Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er
+sich, von diesem jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt.
+In einem Atem schloß er das Fenster, warf die Kleider ab,
+löschte die Kerze und duckte sich ins Bett. Er ließ die kleine,
+graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer Gassenlaterne
+ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken. Der
+Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog
+immer wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und
+war wie ein widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde.
+Das riechende, raffende Leben richtete sich daraus wie ein
+entsetzliches Fabeltier über seinen Bettrand herüber, und
+Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er floh unter
+die Leinentücher.
+</p>
+
+<p>
+Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht.
+Der Dicke mußte jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+dann das Leben, das richtige, große Leben ... Wenn
+er auch nun noch damit bestand, was er selber verdiente, dann
+erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne Kreis!
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um
+Quartier zu besorgen und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm
+den zweiten Violinisten und den Klavierspieler mit. Die
+andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein Telegramm
+sie rief.
+</p>
+
+<p>
+Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist
+von seinem Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten
+in der Gasse um die Ecke davonschreiten sah. Er hatte den
+Wunsch, bei Margherita und Paolo von seinem neuen Dasein
+zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie zu seinen
+Plänen meinten.
+</p>
+
+<p>
+Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer.
+Im Augenblick, als er an die Türe der Männerstube klopfen
+wollte, öffnete sie sich und Margherita kam heraus. Aber sie
+zog die Türe erschreckt hinter sich zu. Ihr Gesicht flammte
+rot auf.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte vor Baptist davoneilen.
+</p>
+
+<p>
+„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas
+mit Ihnen besprechen!“ rief er ihr zu.
+</p>
+
+<p>
+Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist
+schaute sie wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert
+und schweigend an. Da sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm
+aufzublicken: „Wir sind schlecht!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was
+ist denn, Margherita? Ist etwas geschehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause:
+„Sie sind doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv
+die Hand. „Ach, wir sind gemein und schlecht!“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er
+stellte sich an die Wand zwischen die beiden, von denen er
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+glaubte, sie unterhielten sich über die Abreise, und sagte scherzhaft
+lächelnd, indem er Margherita mit der Hand streichelte:
+</p>
+
+<p>
+„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück
+und soviel Frauen haben wie hier, Baptist?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und
+warf verächtlich und geniert hin: „Ach <em>die</em> Frauen! Faß’
+keine an!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das
+gestern so frech gesagt hat, das ist nun nicht ...“
+</p>
+
+<p>
+Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien
+Baptist, als strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an,
+diese verliebte Hand des Mannes auf sich zu dulden.
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.
+</p>
+
+<p>
+Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über
+sich zu sprechen. Er verstand auf einmal, was vorangegangen
+war und weshalb Margherita ihn so verwunderlich betroffen
+an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt machte er
+sich davon.
+</p>
+
+<p>
+Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt
+sofort Hotel Fleur d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.
+</p>
+
+<p>
+Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in
+Antwerpen zu der Ruelle des Moines durch. Es war ein
+Gäßchen, das dunkel, alt und schmal sich in den Schatten der
+Kathedrale begrub, und das Hotel fanden sie eng und klein,
+aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von Flandern. Sie
+wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die
+drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen
+jeder ein Zimmerlein für sich.
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den
+Abend für die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem
+Leben die große Wendung bringen sollte. Es war ihm wohl
+außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke die Angelegenheit
+als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber schließlich
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche
+Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten
+Morgen.
+</p>
+
+<p>
+Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein
+Zimmer eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und
+schloß sich ihm an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos
+leichten Manier erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen
+Form entsprach.
+</p>
+
+<p>
+„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den
+Italiener an, als sie im Zimmer waren.
+</p>
+
+<p>
+„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer
+ihn geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte
+schließlich mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung
+mitschrie: „Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten
+Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie denn gelebt? Sie?!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in
+demselben leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die
+Schultern: „Unmäßig, verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“
+</p>
+
+<p>
+„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“
+</p>
+
+<p>
+Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst,
+Mann, bin ich kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer
+Kapellmeister. Bitte zu merken!“
+</p>
+
+<p>
+Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint
+war, und er schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ...
+aber ... was? ...“
+</p>
+
+<p>
+Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der
+auf dem Tisch stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung
+und ohne Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig,
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+da ich ja noch da bin und die erste Geige nehmen
+kann!“
+</p>
+
+<p>
+Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend
+auf und ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich
+an einem Stuhl halten.
+</p>
+
+<p>
+Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte
+schroff: „Will sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden
+und bittend.
+</p>
+
+<p>
+„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja
+das Abendessen!“ warf ihm Leprotto kurz hin.
+</p>
+
+<p>
+„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.
+</p>
+
+<p>
+Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist
+möchte gehen, die Geschichte sei erledigt.
+</p>
+
+<p>
+Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch.
+Sein Hals war ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer
+aufs Bett setzen und schaute bewegungslos in die verdunkelten
+Fensterlein. Er kam sich wie gestürzt vor. Er war auf einmal
+unsicher und zaghaft, auf einmal klein und bescheiden.
+</p>
+
+<p>
+„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich
+laut, und die Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf
+die Augen, um die erschreckenden Bilder abzuwehren.
+</p>
+
+<p>
+Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk
+des Gasthofs war eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der
+man für die Italiener allein deckte. Der Raum war gerade
+groß genug für die neun Leute. Sie setzten sich um den Tisch,
+wie sie eintraten, und da die beiden Seiten schon besetzt waren,
+als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe. Zuletzt
+erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und
+deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er
+möge aufstehn. Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und
+dachte: Jetzt widerruft er, was er vorhin zugesagt hat.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber
+auf den Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich
+an den andern vorbei zum Platz drücken, der noch am Fenster
+frei war. Er sah, wie Margheritas Kopf aufzuckte und ihre
+Augen ihn fragend anschauten.
+</p>
+
+<p>
+Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen
+langsam und schwer in ihm durch. Sie waren wie graue,
+niedrige, bedrückende Gewitterwolken, voll Regen, voll Dunkelheit,
+voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein und hielt
+seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den
+Zeugen seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere
+geheftet.
+</p>
+
+<p>
+Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen
+das Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe
+faßte ihn Margherita, die allein zurückgeblieben war, unversehens
+an der Hand. Sie schloß eifrig die Türe, schaute Baptist
+an und fragte, indem sie ihn an den Tisch zog und sich mit ihm
+niedersetzte: „Was ist geschehn?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist zuckte gequält mit den Schultern.
+</p>
+
+<p>
+„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.
+</p>
+
+<p>
+Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen
+Stimme, daß er kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen
+sei, und wie der es mit ihm gemacht habe ...
+</p>
+
+<p>
+„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen
+Hof. Er hatte die drängende Begierde, sich an das
+Mädchen zu flüchten. Aber Margherita fuhr fort: „Er wollte
+dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte, daß sich einmal die
+Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl, daß du
+eine viel größere Summe hättest!“
+</p>
+
+<p>
+„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte
+Baptist. Er vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und
+indem er dies sagte, nahm er die Hände des Mädchens und
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+legte hungrig nach Trost, wie ein ausgetrockneter Acker nach
+Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.
+</p>
+
+<p>
+„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita,
+indem sie ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar
+streichelte. „Das ist doch noch nicht so finster, wie du es jetzt
+siehst! Komm, sei ruhig. Ich setze mich für dich ein und paß auf ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb
+sie dann.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit
+blieben in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie
+schon in der großen Restauranthalle spielten, die zur Feier
+der Ausstellung an der Ecke der Avenue de Keyser und des
+Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es war ihm,
+als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm
+herausgeflossen.
+</p>
+
+<p>
+Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens
+Margherita an seine Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm
+einen Brief hineinreichte.
+</p>
+
+<p>
+„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim
+Lesen überraschen!“ flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.
+</p>
+
+<p>
+Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den
+Namen und die nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift
+seines Vaters auf dem Kuvert sah. Er riß es zitternd auf,
+ohne sich Zeit genommen zu haben, die Adresse zu lesen. Zwei
+Briefe lagen drin. Er las den, der die Handschrift seines Vaters
+zeigte, zuerst:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="date">
+„Luxemburg den 24. April.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den,
+welchen ich hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei
+auf Ihren Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit
+einem Pack herumschlagen, mit dem es ihm beliebt.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Alois Biver.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+Der andere Brief lautete:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Sehr geehrter Herr!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung
+stellen, könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen.
+Freundliche Nachricht sieht bald entgegen
+</p>
+
+<p class="sign">
+Hochachtungsvollst
+E. Leprotto.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst
+wollte er gleich mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener
+stürzen, sich über den Schuft werfen und ihn bis aufs Blut
+prügeln. Aber er sank gleich wieder zurück. Er steckte die
+Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita suchen, um
+bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.
+</p>
+
+<p>
+Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen
+und schien gewartet zu haben.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.
+</p>
+
+<p>
+Baptist nahm ihn aus der Tasche.
+</p>
+
+<p>
+„Da, lesen Sie!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich
+Ihren Namen und Luxemburg las. Er hatte mich zur Post
+nachfragen geschickt, ob nichts da sei!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als
+er fertig war, schaute ihn Margherita an.
+</p>
+
+<p>
+„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes
+Armzucken.
+</p>
+
+<p>
+Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während
+des Tages in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen.
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+Baptist war fassungslos und wie verwirrt. Er fühlte sich von
+finstern Gewalten dunkel verfolgt, sehnte sich nach einem Ausweg
+und zappelte gepeinigt, verwundet und ermattet in der
+Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, die er
+bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen
+Wärme, mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit
+den Abend über neben ihr auf dem Podium und wich auch
+nicht von ihrer Seite, als sie gegen Mitternacht nach Haus
+gingen.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach,
+Baptist, ich bin krank!“
+</p>
+
+<p>
+Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr
+nieder.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er
+besorgt. Aber er sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre
+Glieder schüttelten.
+</p>
+
+<p>
+„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt
+und fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug
+sie immer stärker.
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile waren die andern herangekommen.
+</p>
+
+<p>
+„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.
+</p>
+
+<p>
+Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“
+</p>
+
+<p>
+Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen,
+als wollte sie sich gegen das Zittern wehren, das
+wie Schläge durch sie fuhr.
+</p>
+
+<p>
+„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.
+</p>
+
+<p>
+„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.
+</p>
+
+<p>
+Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach,
+daß du weiter kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein
+Stück voran.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine
+Droschke holen. Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein
+Wagen heran. Es war eine große, geschlossene Droschke.
+</p>
+
+<p>
+„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein
+Wagen und dann bist du bald im Bett und dann ist’s gleich
+wieder gut. Es ist nur Schüttelfrost. Da, nimm meinen
+Mantel um!“
+</p>
+
+<p>
+Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine
+Frau in den Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den
+Wagen hinein, indem er selber sich mit in den dunklen Raum
+neigte, um den Mantel gut um sie wickeln zu können.
+</p>
+
+<p>
+Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und
+die Arme und den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich
+auf einmal festgehalten. Das Gesicht Margheritas löste sich
+nicht mehr von dem seinigen. Ihre Arme waren um seinen
+Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend und verzweifelt,
+und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine
+Augen, wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen
+Ausbruch, der wie Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug
+und einhüllte, sang ihre Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger
+Vogellaut im April: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Cuor mio!</span> ...“
+</p>
+
+<p>
+Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben
+Ruck war er losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses
+Erlebnisses, und verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf
+vor ihm zurück. Hände gruben sich in Baptists Rücken und
+aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, daß es ihm ans Leben geht,
+raste er herum, hob die Fäuste gegen das nächste Gesicht, das
+er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und schrie: „Was,
+was wollt ihr mit mir?“
+</p>
+
+<p>
+Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft,
+du Betrüger, Verräter!“
+</p>
+
+<p>
+Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten,
+die zwischen jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo!
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+Paolo, sei doch vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist
+sanft und faßte mit beiden Händen den Erregten an den
+Schultern und zog ihn an sich heran. „Paolo, wir wollen ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei
+mit dem gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch
+seinen Leib hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein
+anderer den Laut ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er
+auf einmal weich und gewichtig werden und gleich darauf löste
+sich sein Leib in eine schlafschwere, widerstandslos erwärmte
+Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch funkelnd gestreifte
+Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine unerhört
+süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.
+</p>
+
+<p>
+‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte
+er noch denken, kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten
+hinter zackigen Bergfernen. Dann war es aus und Finsternis.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-7">
+Siebentes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> lag fünf Monate im Krankenhaus.
+</p>
+
+<p>
+Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche
+Widerstandskraft die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den
+Rippen bis ins Herz geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen,
+die im Hofe im Schatten der hohen verrußten
+Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den Sommer gefeiert
+hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum
+ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des
+öffentlichen Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von
+Anordnungen von Ärzten und Krankenschwestern leben und
+wurde auf einmal an einem Vormittag auf die Straße gesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Er war geheilt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins
+hinter sich. Es hatte stets alles bereitgestanden, was er
+gebraucht hatte. Aber in dieser Armeleuteabteilung des Hospitals
+waren immer alle Dinge um ihn herum geschehen, wie
+mit der knappen mechanischen Funktion eines Automaten.
+Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken
+aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch
+war in ihm eine bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende
+Gleichgültigkeit bereitet worden, in der er es als unglückselig
+empfand, daß er sich nun auf einmal draußen dem windigen
+Lebenszug der Straßen anpassen und selbständig dem Leben
+übergeben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß
+hatten ihn schlank und mager gemacht. Er trug, als er
+durch die Rue de l’Hopital auf die Kathedrale zuging, den
+Anzug, den er getragen hatte, als er ins Spital gebracht worden
+war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß um seine
+hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten
+einwickeln zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen,
+und seine Finger spürten auf einmal die Naht,
+die das Loch schloß, durch das der Dolch in seinen Leib
+gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, hatte
+er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke
+dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen
+alle der schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze
+lag.
+</p>
+
+<p>
+Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll
+an ihn und nur ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an
+Margherita. Als hätte er sie beide verloren. Als seien sie
+einmal so heftig und heiß nahe bei ihm gewesen und als seien
+sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern,
+wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte
+Bilder.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken.
+Jedoch erinnerte er sich mit einem müden, aber
+warmen Verlangen an die Frauen, mit denen er in Brüssel
+davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er kam
+vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter
+Schwamm. Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und
+hungrig, für alle neuen Empfänge, für gute wie schlechte,
+wahllos offen und zittrig bereit.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung
+entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter
+Weg, ganz von selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in
+die Ruelle des Moines gegangen. Er trat in die kleine Stube des
+Hotels zur goldenen Blume, in die es gleich von der Gasse
+durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf ihn zu: „Sie
+wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der
+Eingetretene war.
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte: „Ich wohne hier!“
+</p>
+
+<p>
+Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er,
+als sei es ganz unmöglich, und er schaute Baptist an, indem
+er ihn ins Licht drehte.
+</p>
+
+<p>
+„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten
+Sie im Grab gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“
+</p>
+
+<p>
+„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig
+erstaunt mit der Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus
+niemals in einen Spiegel geschaut. Als der Wirt ihn vor
+einen solchen führte, sah Baptist eine rote Narbe, von der
+Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn schneiden.
+</p>
+
+<p>
+„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das
+wußte ich nicht!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner
+Verletzung. Der kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr
+zu sich kommen über solche schwarze Schlechtigkeit und über
+solche unerhörten, heftigen Geschehnisse.
+</p>
+
+<p>
+Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge,
+als der Wirt plötzlich auffuhr.
+</p>
+
+<p>
+„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals,
+als die Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen
+es holen! sagte sie, und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen!
+Das bring’ ich doch mal gleich.“
+</p>
+
+<p>
+Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes
+und gut verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es
+bedächtig auf. Es war seine Geige.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert
+zu sein. „Es sind ja auch noch andere Sachen von mir im
+Haus!“
+</p>
+
+<p>
+Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.
+</p>
+
+<p>
+„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal
+kühl.
+</p>
+
+<p>
+„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.
+</p>
+
+<p>
+„Ihre Italiener!“
+</p>
+
+<p>
+„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider
+und alles mitgenommen. Wo sind sie denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai,
+gleich als Sie nicht mehr kamen, weggezogen.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist
+wie teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“
+</p>
+
+<p>
+Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte
+Bedauern zu dem Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+niederträchtig mitgespielt hatten. Aber er wollte Baptist doch
+erinnern, daß er noch in seinem Buche stehe.
+</p>
+
+<p>
+„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen.
+Oder vielleicht haben Sie einen Vater, der mal
+einspringt?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen
+kann.“
+</p>
+
+<p>
+„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie
+überlegend, geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner
+Mann, es sind doch gegen hundertzehn Franken!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich.
+„Aber so eine Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten
+wir nicht irgendwie so eine Garantie haben?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“
+</p>
+
+<p>
+Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein
+Einfall, dessen Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches
+vorkam; ihm vorkam, als sprengte er damit seine
+Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus in die Luft.
+Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn
+Franken!“
+</p>
+
+<p>
+„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als
+säße er mit dem ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn
+wir! Zeigen Sie mir einen Musikhändler, der sie vielleicht
+kauft,“ sagte er erregt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich
+der Anfall, der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war,
+wieder verlaufen. Sein geschwächter Körper war übermüdet
+von der ungewohnten Freiheit, seine Gedanken waren wie
+entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie vereinzelte
+Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend
+in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in
+dem neben allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen
+verkauft wurden; ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage
+seines dunklen Winkels und die Art seiner Kundschaft nützte.
+</p>
+
+<p>
+Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.
+</p>
+
+<p>
+„Zehn Franken!“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist
+eine Aegidius Barzellini!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher
+und Trödler, „es ist eine Geige, weißt du!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie
+zärtlich in den Kasten.
+</p>
+
+<p>
+„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.
+</p>
+
+<p>
+„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft
+gehen, in ein größeres Musikgeschäft.“
+</p>
+
+<p>
+Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte
+sie mit verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis.
+Er nahm die Geige, und tat, als zupfte und guckte er sachverständig
+dran herum.
+</p>
+
+<p>
+Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
+</p>
+
+<p>
+Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben.
+Er schlug die Augen zu Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“
+dann kehrte er stracks um und ging in den Raum hinter dem
+Laden. Von dort brachte er einen dicken blonden Herrn mit
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. Der
+nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und
+verschwand dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf
+hörte Baptist, wie in der Ferne, Geigentöne aufklingen und
+gleich wieder verstummen. Das wiederholte sich ein paarmal.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück.
+Er sagte: „Guten Tag!“ als er an die beiden herantrat, und
+fragte gleich hinterher: „Was wollen Sie dafür?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist zuckte mit den Schultern.
+</p>
+
+<p>
+„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer
+Maus, so erstaunt war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld
+die Geige weggeworfen sei. Aber er war mürbe. Die Verhandlungen
+und vorher das Herumlaufen wegen der Geige kamen
+ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte er: „Ja.“
+</p>
+
+<p>
+Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem
+Wirt der Fleur d’Or rasch davon.
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige
+noch einmal an seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu
+einem behaglichen Nachgenießen, in den Kasten, über das
+Saitenbrett. Währenddessen warf er dem Kommis hin: „Es
+ist eine Aegidius Barzellini!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.
+</p>
+
+<p>
+Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett
+ein Papier eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser
+hervor, während er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen.
+Der junge Mann verschwand eine Weile auf der Straße.
+Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu sehen!“ sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet
+und gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und
+unbeholfen geschrieben und hieß:
+</p>
+
+<p>
+„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine
+Ecke. Dem Kommis antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“
+Dann trug er den erworbenen Schatz mit einem tänzelnden
+Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die Räume hinter
+dem Laden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten
+die Häuser um sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für
+sich: Nun bin ich ganz allein! Aber er sagte bei jedem Schritt
+diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als schlüge er sich jedesmal
+damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in eine Schlucht
+heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.
+</p>
+
+<p>
+Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine
+Blicke verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden
+Beinen wurde es unsicher und warm. Das tat ihm wohl.
+Auch seine Augen füllten sich nun mit einem vollen funkelnden
+Dunkelsein, und auf einmal brachen seine Beine mit einem
+kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen
+Zimmer und in einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt.
+Aber zugleich mit dem Bewußtsein der jungen Kraft
+stellte sich auch das Gefühl des unausmeßbaren Verlassenseins
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes
+und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf
+herein.
+</p>
+
+<p>
+„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+Baptist bejahte.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige
+mit einem etwas eckigen Körper in einem sauberen
+bunten Leinenkleid und einer weißen koketten Schürze. Ihr
+unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, hatte
+zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß,
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb
+vor. Die Augen waren dunkel und in einem kalten Glanz
+verschwommen. Dicke Augenbrauen spannten sich drüber.
+Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt über das
+ganze Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie
+sich niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und
+die Frau verließ rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte
+sich Baptist emsig aus den Tüchern. Er hatte mit der Hose
+im Bett gelegen und seine Kleider waren nebenan auf einem
+Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die Türe
+wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur
+d’Or erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon
+wieder auf!“ trat der Wirt auf Baptist zu.
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte: „Danke!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie
+in ihr Bett gelegt.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine
+Finger mit einem raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nötig! Gern geschehn!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals
+und verließ mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen
+kahlen weißen Raum, in dem es nach Kohle roch und Stöße
+von Hemden auf weißen Brettern lagen, und traten auf die
+Straße hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“
+rief sie, als die beiden schon ein paar Schritte gegangen
+waren. Baptist drehte sich um und grüßte noch einmal mit
+dem Hut. Da las er neben der Türe auf einem runden, weißgemalten
+Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+Baptist dem Wirt all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn
+Franken ab und schob Baptist ein paar Gold- und Silberstücke
+wieder zu.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld?
+Er hatte doch dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines
+Lebens hintan geschmissen, um seine Schuld zu bezahlen.
+</p>
+
+<p>
+„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt
+verstört.
+</p>
+
+<p>
+„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn
+Franken schuldig!“
+</p>
+
+<p>
+Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes
+resigniert in seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen.
+Aber Baptist rührte es kaum an. Bald ging er weg und wieder
+auf die Straße. Wie freigeworden von einem Druck irrte er
+draußen umher.
+</p>
+
+<p>
+Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade,
+die über die Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer
+luden ein und aus, und Baptist sah unter sich die Arbeit in
+knirschender Raserei Land und Schiff verbinden. Kleine berußte
+oder verstaubte Menschen tauchten immer wieder irgendwo aus
+dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende Schritte
+und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach
+Gott, vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen
+Kasten verschwände!“
+</p>
+
+<p>
+Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken.
+Von seinen heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen
+Dampfern noch die Vorstellung, als seien sie große, dunkle
+Behälter, in die all das hineintauchte, was die Länder nicht
+mehr duldeten: die elenden Flüchtlinge, die ausgebleichten
+Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, die in dem rätselhaften
+Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer Arbeit
+der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und
+jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+wehrte Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten
+der Hände von sich ab, als das rettungslose Versinken, als das
+letzte Sichaufgeben.
+</p>
+
+<p>
+Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an
+ihm haften geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder
+durch alles hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen
+Leute, die aus den Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer,
+als seinesgleichen an. Er sah sich in ihnen. So wie der! So
+wie der! sagte er von sich bei jedem der berußten oder verstaubten
+Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. Aber
+schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die
+Notwendigkeiten des Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen
+umher und schaute aus, wo er ein Zimmer mieten könnte.
+Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er sah. Es kostete
+fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten
+Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich
+gleich ins Bett.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte,
+wurde er darauf aufmerksam, daß sein Geld fortfloß.
+Da begann er mit einer leeren, tatlosen Angst zuzuschauen, wie
+Franken um Franken dahinschwand.
+</p>
+
+<p>
+Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger
+einen Spalt breit zu seiner Türe herein.
+</p>
+
+<p>
+Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte:
+‚Ach, es ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger
+Flederwisch im Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst
+ihm in die leeren Ärmel, und selbst die Vögel glauben bald
+nicht mehr an ihn.‘
+</p>
+
+<p>
+Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem
+Rücken aufs Bett und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz,
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+indem er wie ein Frosch mit den Beinen und Armen in die
+Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den Tisch herum
+und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge
+er Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem
+Herzen in den Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen
+über die verschränkten Arme auf den Tisch und dachte sich:
+‚Wie ist es doch so roh, ein Kind mit dieser Strohpuppe zu
+bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause als Kinder
+niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann
+sagte: „Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn
+du eine solche Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist sprang auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“
+sagte er laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam
+kroch die Angst an den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die
+mit ihren Krallen spielen. Es war Baptist, als drückte etwas
+leise schmerzend und dunkel auf seine Augen. Aber er erwachte
+gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit einem plumpen
+Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts.
+Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang.
+Er stieß mit den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber
+es hatte eine knöcherne Haut. Seine Fäuste wollten nervig
+an den Hals greifen, aber die Muskeln gehorchten nicht und
+schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. Da saugte
+sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des Fußbodens
+fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen
+Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens
+überstiegen. Jedoch der Sieg dauerte nur drei Augenblicke.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wimmerte leise.
+</p>
+
+<p>
+Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende
+geworden, die dürr und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit
+der Menschwerdung durch alle Zeiten heraufragte, unvergänglich
+und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs – der alte
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen,
+graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen
+irrende, verletzte Tierchen.
+</p>
+
+<p>
+Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel
+wurde Baptist etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine
+langsam niedersinkende Mauer auf ihn eindrang. Er wurde,
+ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie ein Kind. Er
+plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend
+sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte:
+„’s is gut! Kindi stirbt!“
+</p>
+
+<p>
+Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz
+wie das Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden
+auf. Mit zitterigen, schwachen Beinen glitt er die Treppe
+hinab und schlich sich ausschauend an den Häusern entlang
+durch die Gasse, in der die Laternen schon leuchteten. An der
+Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer an ihn.
+Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und
+blöde: „Gebt!“
+</p>
+
+<p>
+Einer sah es.
+</p>
+
+<p>
+Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte
+mit derbem Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer
+Teufel?“
+</p>
+
+<p>
+„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern.
+Die wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll
+in ihre Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die
+Kneipe hinein, die gerade an der Ecke ihre Türe offen hielt.
+</p>
+
+<p>
+‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut
+bekannt.
+</p>
+
+<p>
+„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft
+über den Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“
+</p>
+
+<p>
+Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und
+Messer; ein anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier,
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+ein anderer eine Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen
+ein und schoben Baptist alles hin.
+</p>
+
+<p>
+Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu
+essen, wie ein Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz
+flog auf, wie ein Luftballon. Er trank und aß und die Fülle
+um ihn herum kam ihm vor, wie der goldene Überfluß herbstlicher
+Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die mit Schweinen,
+Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren,
+kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die
+deutschen Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer
+tanzend: „Trinke mer noch en Tröppche ...“ und er mußte
+ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, einmal mit
+Bier und einmal mit Branntwein.
+</p>
+
+<p>
+Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen
+sich ruhiger um ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit
+ihm zum Essen zuredeten, bemerkte Baptist an einem andern
+Tisch einen Kreis junger Leute, deren Gesichter er schon einmal
+gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte seinen Blicken
+die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau hinschauen.
+Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend
+zu seinem Tisch herüberblickten und er drehte den
+Kopf weg. Aber in demselben Augenblick wußte er, wer die
+waren, die dort saßen und ihn anstaunten ... Es waren ehemalige
+Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, die das
+Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in Geschäftsbetriebe
+eingetreten waren.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden
+Flamme. Er rückte heimlich ans Ende der Bank
+und glitt zur Türe hinaus, lief stolpernd die enge Gasse hinauf
+zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß mit einer weichen
+Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die Treppen
+hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn
+mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Vorstellungen in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit
+und übergab ihn bald sanft dem Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden
+Tage diese Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert,
+er hatte gebettelt und er gestand sich nun offen ein,
+daß er an jenem Tage in die schwarzen Höhlen der Schiffe
+hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu verschwinden,
+wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben
+getanzt haben und von denen man dann niemals
+wieder etwas sah.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte
+Tag, der ihm das Dach über dem Kopfe nahm.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal
+kein Bett mehr hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum,
+betäubt und doch ruhelos, wie in einem Kerker, und setzte sich
+dann auf eine Bank, ohne zu wissen, wo. Er schlief ein wenig
+ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er fühlte sich wie geprügelt.
+Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen Bäumen
+des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn hernieder.
+Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und
+schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes
+Tier, das am Sterben liegt.
+</p>
+
+<p>
+Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit.
+Seine Kleider verkamen. Die Menschen wichen schon etwas
+beiseite, wenn er sich ihnen näherte. Er aß manchmal in der
+Volksküche, die im Winter umsonst Suppen verschenkte. Er
+aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel der
+Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es
+entstand eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde,
+suchte er instinktiv eine geschützte Stelle zum Übernachten, in
+einer tiefen Haustüre, einem Schuppen, einem Eisenbahnwagen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem
+Schlaf gerüttelt und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen
+war, davongezerrt und in einen warmen dunklen
+Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem Tag. Ein alter
+verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf
+der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein,
+rief: „Aufstehen! Raus!“
+</p>
+
+<p>
+Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen
+gefranzt waren, rollte von der Pritsche herunter und lallte ein
+paar Flüche. Aber er wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe
+hinaus in den helleren Raum, in dem zwei Polizisten saßen.
+Dort stellte er sich krumm und klein neben Baptist auf.
+</p>
+
+<p>
+Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder!
+Laß ihn doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich
+einmal erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann
+wandte er sich an Baptist: „Auf welches Schiff gehörst du?“
+Aber bevor er eine Antwort haben konnte, schnauzte der Polizist
+weiter: „mach, daß du künftighin am Abend in dein Schiff
+kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal gehts
+nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden
+durch die Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es
+is so bannig kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts,
+weshalb has du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die
+Beinchen wollen ja gar nicht mehr, och die alten, alten kranken
+Beinchen! ...“ weinte er. Die Tränen blieben aber in den
+farblosen Augen glänzend und festgeklebt hängen, und Baptist
+fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.
+</p>
+
+<p>
+„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete
+er den Alten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken
+Kopf zu Baptist auf. Er rief empört und fuchswild, daß die
+Wörter eines über das andere zu schnappen schienen, und sein
+zotteliger grauer Bart sich sträubte: „Was! Arbeiten! Dreckskerl,
+Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei
+der Waeser Station lehnten ein paar Vagabunden an einem
+Zaun. Papa Ladstock ging geradeaus auf sie zu, und Baptist
+folgte, zögernd hinterher gezogen. Die Vagabunden fröstelten,
+hatten die Hände in den Hosentaschen und traten von einem
+Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, verborgenen
+Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie
+grüßten nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte
+sich schweigend mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch
+Baptist dasselbe.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich
+Vatern doch mal die Katrine – och!“
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens
+etwas wie eine Pause. Aber langsam rückte dann eine
+Hand aus einer Hosentasche und hielt eine kleine flache Blechflasche
+hin.
+</p>
+
+<p>
+Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte
+sich nachher wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen
+Fingern über die Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.
+</p>
+
+<p>
+Baptist trank daraus.
+</p>
+
+<p>
+Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater
+schaute ihn strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den
+Daumen aus der Hosentasche heraus und deutete damit auf
+Baptist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein
+zotteliger Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“
+Seine kleinen Augen schauten zu Baptist hinauf und
+Zärtlichkeit schwamm in ihrem wässerigen, farblosen Glanz.
+</p>
+
+<p>
+Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten.
+Aber er bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie
+legten sich mit einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit
+über ihn nieder, als wollten sie ihn ersticken, und er
+bekam Angst vor ihnen. Er dämmte sie ein, indem er die
+andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so Gemeines,
+so etwas Ekles – Verbrechertum!
+</p>
+
+<p>
+Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“
+</p>
+
+<p>
+„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten
+Kameraden im Stich lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte
+und streichelte ihm mit einer unbeholfenen groben Zärtlichkeit
+über den Arm. Die andern lachten roh.
+</p>
+
+<p>
+Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden
+fortzugehn. Aber er dachte doch gleich daran, es heimlich zu
+tun, wenn sich eine Gelegenheit böte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof
+heraus auf die Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor
+den Lumpen nieder und fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof
+tragen?“
+</p>
+
+<p>
+Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von
+einem Fuß auf den andern und schauten an dem Fremden
+vorbei die Straße hinab, als stünde niemand vor ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer
+Mitte heraus, hob den Koffer in die Faust und schritt davon.
+</p>
+
+<p>
+Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“
+lallte er. Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten
+dann laut heraus. „So ’n Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete
+Vater los und sprudelte die Schimpfwörter in seinen grauen
+Bart, daß die Haare wie in einem Regen auf und nieder flogen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-8">
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+Achtes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte
+heimlich und verwundert sein Gesicht und sein
+Wesen. Der Fremde war ein blonder Mann mit hohen, schlanken
+Gliedern. Seine Haare fingen an grau zu werden. Er trug
+einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm lange
+Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende
+helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes
+Kinn.
+</p>
+
+<p>
+Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer
+Hand in die andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft
+ein Weilchen auf den Boden niedersetzen. Der Mann blieb
+indessen mit Baptist stehen und schaute, als ob es ihn nicht
+interessierte, wie es mit seinem Koffer zuging, zu den Dächern
+der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang. Diese
+stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den
+Koffer gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde,
+biß er die Zähne auf die Lippen fest, als könnte er damit seine
+Kräfte anspornen und aufrecht erhalten. Aber die Last wurde
+fast unerträglich. Sein geschwächter Körper konnte ihr kaum
+noch widerstehen, und es kam ihm vor, als seien seine Glieder
+ausgehängt. Da ließ er mit einem knirschenden Seufzer den
+Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist
+fühlte, daß jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
+</p>
+
+<p>
+„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so
+gütig bezwingend klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren
+mußte. „Wann haben Sie zum letztenmal gegessen?“
+</p>
+
+<p>
+„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und
+ohne weitere Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über
+die neuauftauchende peinliche Angelegenheit wegzukommen.
+</p>
+
+<p>
+„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst
+mit der harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall
+abzutun; aber dann kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens
+emporgeschleudert, ein so höhnisches, empörtes und
+zitteriges Lachen hinein, daß der andere ausrief: „Wer sind
+Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie standen!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz
+verschanzen zu müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es
+nicht schlechter geht, als den andern Kollegen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke
+an. Dann glitt sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen
+wir etwas essen gehen! Eine halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
+</p>
+
+<p>
+Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder
+auf und sie gingen weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen
+und bemerkte kurz und wie obenhin, indem er seine Brieftasche
+herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu bekommen, daß es
+Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse. Wenn
+Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch
+eine Post, – helf ich Ihnen!“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“
+fuhr Baptist mit der Karte in die Hosentasche. Aber während
+er weiterschritt fing er rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu
+bereuen. Wie töricht war sein verlumpter Stolz gegen den
+Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser ernste, stolze
+Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen wollte,
+obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und
+Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten,
+denn noch etwas, das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
+</p>
+
+<p>
+Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen
+Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies.
+Während er den Koffer in der Hand neben jenem herlief,
+fühlte er sich wie ein Kind, dessen Phantasie der Fremde die
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+verlockenden Spiele von Märchenerzählungen zuwarf. Das
+naiv Unbeholfene, das zärtliche Abhängigsein des Kindes von
+der nährenden Phantasie des Erwachsenen regte sich in Baptist ...
+Dieses stammelnde Verwundertsein und verwunderte
+Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem
+das Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war
+doch zu zerknetet, als daß er die Kraft zu dem Märchen selber
+gefunden hätte: diesem fremden Manne nun auf einmal in
+der kalten großen Stadt sein Schicksal zu offenbaren. Er schlich
+nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu einer kleinen,
+zagen Fruchtbarkeit auf.
+</p>
+
+<p>
+Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der
+Hand.
+</p>
+
+<p>
+„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück,
+„Ich könnte Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es
+gebrauchen. Aber ich pflege nie eine Arbeit über Gebühr zu
+bezahlen, weil ich kein Almosen geben mag.“
+</p>
+
+<p>
+Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin.
+Dieser war darüber so betroffen und so erschrocken, daß er
+zunächst nur verwirrt vor sich hinstieren konnte. Aber auf
+einmal überströmte es ihn, weh und zärtlich, wild und verlangend;
+er bückte sich nieder und küßte die Hand des Unbekannten.
+Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen
+sprangen wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die
+nächsten Straßen vom Bahnhof weglief.
+</p>
+
+<p>
+Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit
+hobelnd über das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal,
+von einem Schild festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje
+Veroken, Plätterin‘ ... Aber es dauerte eine kleine Zeit, bis
+er den Zusammenhang zwischen dem Schild und sich gefunden
+hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs Fenster geschaut,
+ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
+</p>
+
+<p>
+„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken,
+so plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
+</p>
+
+<p>
+„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
+</p>
+
+<p>
+Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie
+gehts denn seitdem?“
+</p>
+
+<p>
+„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken
+Augenbrauen hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt
+hinzu, indem sie ihre Stimme sanft und gefühlvoll machte:
+„Wer gibt sich aber auch mit solchem Pack von Musikanten ab,
+Sie Kind!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem
+rechten Arm. Es kam ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen
+hatte, nichts mehr erstaunlich vor, und er fand es natürlich,
+daß diese Frau, die ihm einst in einer Stunde der Not
+ihr Bett gegeben hatte, mit solcher Selbstverständlichkeit an
+seine innersten Dinge rührte.
+</p>
+
+<p>
+„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein
+Veroken. „Sie scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie
+jetzt leben. Sie sind ja noch ein Kind. Wie alt?“
+</p>
+
+<p>
+„Dreiundzwanzig!“
+</p>
+
+<p>
+Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann
+Baptist schwer auf die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“
+rief sie aus, und ihr großer Mund formte mit einer seltsam
+erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die Fächer
+der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts
+ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt
+aussahen. „Sie sind ja noch ein Kind. Sie brauchen ja
+noch eine Mutter! Sie sehen schlecht aus. Haben sich wohl
+noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im Spital? Wie
+leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in
+der letzten Zeit erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+geworden unter dem großen Wunsch, den der Fremde
+in ihn gesät hatte und den sein Herz wie in einem Vorfrühling
+durch die Schollen trieb; und er antwortete mit heißem Aufbegehren:
+„Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit
+haben!“
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas
+überlegt hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die
+Taverne du Congo. Das muß weg und ich mach’ dann die
+pressante Arbeit, die noch daliegt, hinter mich. Dann kommen
+Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich zusammen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem
+Ton kindlicher Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein
+vorgemessenes Stück Arbeit erledigen zu können. Er nahm
+den Korb, der mit einem roten Tuch zugedeckt war, auf die
+Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St. Paulsplatz
+lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin,
+und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
+</p>
+
+<p>
+Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das
+Tische, Stühle und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten
+vollgestopft war. Bilder von Schiffen waren von Gruppen
+seltsamer Holzwaffen umrahmt und dazwischen stachen gewaltig
+verbogene oder unheimlich lang zugespitzte Geweihe
+hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften Rieseneidechsen,
+hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter,
+ein paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein
+farbiges Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen
+Gegenständen und verbarg die braune angeräucherte Decke.
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann
+mit klotzigen, roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist
+mit dem Korb sah, trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft:
+„So, Sie bringen die Wäsche schon?“
+</p>
+
+<p>
+„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Mann von spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz
+gehackten Bewegungen und hatte eine erfreuliche rote Nase,
+die aus einem graugemischten Wust von Bart herauskam.
+</p>
+
+<p>
+„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“
+sagte er und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein
+Gläschen ein. „Nun wollen wir mal schauen, ob sie auch nichts
+zurückbehalten hat, das Fräulein, oder ob Sie nichts verloren
+haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den Korb aus den
+Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch
+Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel
+und rieb sich die Nase, während seine Lippen leise gingen und
+ihre Bewegungen dem Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
+</p>
+
+<p>
+„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All right!</span>“ rief er schließlich. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C’est juste</span>, stimmt, <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">è
+giusto</span>!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm
+gut stellen und sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte
+dazu noch mindestens chinesisch, japanisch, kasongolisch und
+maorisch können, um ein guter Wirt zu sein, so wie’s Geschäft
+international wird!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche,
+meinen Sie. Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie
+wissen, wo das ist!“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte
+Baptist nun auf deutsch.
+</p>
+
+<p>
+„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte
+die Lippen aus der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind
+zuviel Deutsche hier in Antwerpen, die gute Geschäfte machen.
+Und wenn man Taverne du Congo heißt ...“ Aber er lachte
+hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette. „Nee, es is nich so
+gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal, sind Sie
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem
+andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">monsieur Boulanger
+de Paris</span>.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und
+deutsch noch italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
+</p>
+
+<p>
+„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und
+Griechisch?!“ Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über
+den Mund, an der Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen
+Kopfheben und einer verschmitzten Sachkenntnis. Aber er
+fügte gleich bei: „Ihren Kleidern sieht man keene fünf Sprachen
+mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie der Preuß sagt,
+dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so einem
+Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du
+Congo? Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen
+Kongo im Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges
+Essen, ein Kämmerlein, zwanzig Franken im Monat und
+dagegen ein bißchen Gläserputzen, Stubenreinigen, Servieren
+und wenns scharf kommt, einem zu der guten Luft des Paulsplatzes
+verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“
+</p>
+
+<p>
+Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie,
+in der sich alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt.
+Er bekam noch einen Schnaps.
+</p>
+
+<p>
+„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der
+Wirt militärisch und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig
+runde Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch.
+Er war gerührt. Es war wieder Milde in sein Leben gekommen.
+Es erwartete ihn wieder ein Kämmerlein, ein gedeckter Tisch,
+Menschen. Der frostige Dezembertag wurde ein Frühlingstag
+und er schritt wie von einem Tänzchen getragen leicht hindurch.
+</p>
+
+<p>
+‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal
+auf dem Weg zu der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+geblieben und hätte den Koffer nicht getragen, so wäre ich nicht
+zu Alientje Veroken und nicht zu dem kölnischen Wirt gekommen.
+Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß er nun in einer
+ordentlichen Anstellung arbeiten wird.
+</p>
+
+<p>
+Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann,
+Oevelgönne bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.
+</p>
+
+<p>
+Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und
+Timmermann hat so etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes
+... Zimmermann!
+</p>
+
+<p>
+So kam er zur Plätterin zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie
+mit einer Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen
+falteten sich um ihr Kinn auf.
+</p>
+
+<p>
+Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe.
+Sie zeigte eine lebendige Freude darüber und klatschte in die
+Hände, während die dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und
+ab zuckten.
+</p>
+
+<p>
+„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen
+Sie mein Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer
+plötzlichen überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen
+Arm und zog ihn mit sich in das kleine Zimmer hinter dem
+vorderen Raum. Dort war es schon dunkel. Als Baptists
+Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah
+er einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit
+Bierflaschen. In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein
+Feuer, das lustig durch das Luftloch in dem Türchen leuchtete
+und blaßgoldene hüpfende Flecken an die dunkle Bettstelle
+warf.
+</p>
+
+<p>
+„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann,
+indem sie sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick
+hinaus, und Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß
+der Straßentüre sprang. Als sie dann wieder in der Stube
+war, schob sie Baptist auf einen Stuhl, ließ die Läden vor den
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe an und setzte
+sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte sie
+Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie
+Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.
+</p>
+
+<p>
+Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem
+netten Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das
+Feuer schnurrte plaudernd im Ofen und durch das Lufttürlein
+sprangen die Lichtflecken an der dunklen Bettstelle hinauf in
+die weichen Kissen, die über den Rand der verhängten Lampenglocke
+hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben ihm
+saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch
+und Blut, den er mit den grausamen Stunden seiner letzten
+Wochen warm machen konnte. Er sah Alientjes große, kühl
+<a id="corr-8"></a>glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen
+Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern Erzählen
+innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung
+mit ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse
+leicht und flüchtig von ihm los.
+</p>
+
+<p>
+Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse
+war noch von der Arbeit her nach innen eingebogen und das
+nackte Fleisch ihres sehnigen Halses schien warm und leuchtend
+aus dem Ausschnitt heraus. Ihr Gesicht war von dem, was
+sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen, verwilderten Zug.
+Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin und
+zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen
+zu, die sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend
+dem jungen Menschen entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher
+Leib hatte ein vergessenes Sichhinhalten.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause,
+in der ihm die Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten
+Stübchens mit seiner Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier
+ist’s so gut!“ Da legte die Frau ihre Arme schwer um seinen
+Hals und glitt zu ihm heran.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte
+den Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn
+mit einem feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte
+seine Arme um sie. Als seine Hand in dem dünnen Stoff des
+Kleides unvermittelt ihren Busen spürte, sagte er sich, wie
+aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja eine Frau!‘
+</p>
+
+<p>
+„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr
+Atem strich erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger
+heran; er fühlte ihren Leib, dessen Blüte schon im Vergehen
+war, mit rückhaltloser Weichheit und doch wie steinigt auf
+seinen Gliedern, und er legte seinen Mund kosend auf ihr
+Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf die seinigen
+schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen, weichen
+Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm
+und dankbar.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann
+an zu arbeiten. Zuerst mutig und zuversichtlich und alle
+Gedanken von der angestrengten Arbeit eingehüllt. Des Abends
+war er immer müde und stieg mit zufriedener Ermattung,
+nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu seinem Dachkämmerlein
+hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten Daseins,
+in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von
+körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine
+Glieder wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper
+widerstandsfähiger werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen
+half, waren der Mischmasch der groben und abenteuerlichen,
+der einfachen und brutalen Existenzen, die die Hafenstadt versammelte.
+Sie kamen und gingen. Nichts blieb von ihnen
+zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist hörte
+sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten
+und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+und den Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie
+brachten ihre verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham
+und prügelten sich, wenn sie betrunken waren, um diese öffentlichen
+Bälger, die gleichgültig, welchem Sieger sie zufielen,
+mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen Auftritten zuschauten.
+</p>
+
+<p>
+So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s
+am ersten Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln
+begonnen hatte. Er fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt
+von der brutalen Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog,
+und er hörte auf, das Unbestimmte, verlockend Weiterführende
+zu erwarten. Er tat seine Arbeit mit einer ratlosen
+Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag rastlos und
+still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle Sympathie
+des Wirtes.
+</p>
+
+<p>
+Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren
+Geschäftsflauten, hatte Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit
+nahm ihn Hasenklever an diesen Abenden immer mit in seine
+Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der Familie auf dem
+ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht, zusammen
+mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache
+Mädchen waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der
+Küche gebrauchten. Wenn sie dann nachher noch etwas beisammen
+saßen, benutzte der Wirt die ruhige Zeit, nahm aus
+dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und
+die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen
+der Woche. Bis das erledigt war, ging es immer bis um
+die neun Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die
+Abendgassen zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte.
+Er klopfte an den Holzladen der Türe. Bald kam drinnen Antwort.
+Das Schloß knackte und er schlüpfte in die Dunkelheit
+und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer gleich
+zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend
+in die kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene
+Flecken ins Bett hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes
+gingen auf und ab und Baptist spürte sie aufreizend an seinen
+Wangen, seinen Augen, seinen Lippen. Wenn er sich dann
+an Alientjes warmen nackten Körper drücken konnte und ihn
+so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt
+und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid,
+Milde, Flucht.
+</p>
+
+<p>
+Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen
+Nächte, die ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte.
+Er wuchs in ihnen in den Schoß des warmen Menschlichen,
+das mit vegetativ unbewußten Absichten sich um die Paare
+schlang und sich wie Blitzableiter in die Gewittergeladenheit
+der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.
+</p>
+
+<p>
+Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen
+Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das
+diesen Bund zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte,
+bescheiden gemachte Egoismus seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses
+und seiner Angst.
+</p>
+
+<p>
+Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr
+immer kleine Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß
+sie an den Abenden immer ein wenig noch wohin gingen, in
+ein billiges Varietee oder in einen Konzertgarten. Es war nun
+wieder Sommer und warm draußen. Alientje putzte sich
+dann kokett und angestrengt auf.
+</p>
+
+<p>
+„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist
+kam, „was ich bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine
+goldene Brosche.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine
+Ding in den Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr
+Wert, als alle die kleinen Frankengeschenke, die ich ihr in einem
+Jahr geben kann.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+„Und nun rate, von wem?“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“
+</p>
+
+<p>
+„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat
+sie geschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“
+</p>
+
+<p>
+Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch;
+die Fächer der Fältlein zerrten sich auseinander und blieben
+auf einmal stehen, und der Glanz ihrer großen dunklen Augen
+schimmerte lauernd und kalt entzündet gegen ihn auf.
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und
+ihr Körper schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten.
+Das Gesicht war aus dem Licht der Lampe heraus, aber die
+Augenbrauen beherrschten es um so schwerer und aufregender.
+Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist eindringen. ‚Was kam
+nun wieder?‘ fragte er sich.
+</p>
+
+<p>
+„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger
+voll haben, an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht
+den ganzen Tag hinterm Fenster zu schauen, und wenn ich
+ausgehe, kommt er immer in die Türe. Und hier den Schal
+hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal weiß, wie
+sein Name ist.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte
+mit seinem ohnmächtigen Blick: „Alientje!“
+</p>
+
+<p>
+Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig
+hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte
+ihren ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem
+Körper. Sie biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es
+zitternd in ihr über: „Liebst du mich denn?“ und ihr Atem
+schlug ihn an. „Du bist so schön und stark! Liebst du mich?“
+flüsterte sie.
+</p>
+
+<p>
+Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+von andern Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung,
+daß der Hausherr allein zu Hause war und sich unter
+den freigebigsten Versprechen begehrlich zu nähern versucht
+hatte. Bald war es irgendeiner auf der Straße. Ein starker
+junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann, der ihr
+bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg angetroffen
+wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte.
+Oh, und es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche
+Männer. Sie reizte sich und Baptist mit diesen Erzählungen,
+die sie mit allen kleinen greifbaren Einzelheiten ausstattete
+und sprang aus ihnen unmittelbar in die Liebesausbrüche,
+mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte.
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und
+der instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten.
+Er wurde unsicher und bekam Angst; die einfache,
+primitive Angst zu verlieren. Das Leben glitschte ihm wie
+ein Fisch durch die Hand. Er hatte es erlebt, wie die Schwelle
+unversehens unter seinen Füßen weggewichen war, als er
+schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu sein. Der Boden
+rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit dem
+neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun
+wieder Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen
+Vagabunden – das Versinken ins Moor des
+unglückselig haltlosen Lebens.
+</p>
+
+<p>
+Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes
+Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden
+Männer, die er als Agenten seines unglückseligen Schicksals
+ansah, immer mit Geschenken, und der Gedanke hackte sich in
+ihm fest, daß er mit Geschenken die böse Macht, die sich wieder
+näherte, versöhnen und entfernen konnte. Er begann mit
+fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie er mehr Geld bekommen
+könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die über
+ihm lag.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch,
+sah er, daß an einem Tisch ein paar Leute miteinander in
+Streit zu kommen begannen. Da fühlte er es brutal und
+gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er hatte die
+unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen,
+den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen
+Frucht am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln
+und selber blind zuzuschlagen. Dann malte er sich
+aus, wie ein einziger Fausthieb gut gezielt treffen würde, was
+für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese Vorstellungen bekamen
+etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige Brutalität,
+die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals in
+seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem
+Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese
+Hunde von Männern hinwürgen, diese Straßenkavaliere ...
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als
+Hasenklever herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie
+sich mal rasch auf, die Wäsche von der Veroken holen. Das
+ist ganz vergessen worden und es ist schon dunkel. Die wird
+bald zumachen.“
+</p>
+
+<p>
+Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er,
+daß sie bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht
+unbeteiligt war. Und so war mit einem Schlag über dem
+Gläserspülen das Dulden in Leidenschaft umgeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje
+hatte den Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel
+noch nicht umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist
+plötzlich sah. Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen
+Winkel gezackt und die Augen schauten in ihrem kühlen Glanz
+wie mit einem kalten Fieber. „Was willst du denn?“ fragte
+sie unsicher und mürrisch.
+</p>
+
+<p>
+Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen,
+gewann sie im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+schon bereit. Sie machte emsig herum, drückte ihn Baptist
+eilfertig in die Arme: „Na, denn schnell, wenn Herr Hasenklever
+es braucht; denn schnell!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war,
+kamen ihm alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje
+gerade bereitet, zum klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander,
+versponn sie schnell zu Vermutungen und im Nu fiel
+ein ganzes schweres Netz verbrennender Verdächtigungen auf
+ihn nieder.
+</p>
+
+<p>
+‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und
+wußte nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal
+auf den St. Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben
+liegen. Die Fenster des ersten Stockwerks waren dunkel. Er
+schaute zufällig zuerst dort hinauf und gleich saß, wie mit einem
+kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch gerissen wird, der
+Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts aus, lief über
+den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle Flurtüre,
+eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den Wäschekorb
+ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt
+zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank,
+griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor.
+Er knüllte ihn in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber
+im Nu war Baptist wieder auf der Treppe, auf der Straße
+und ging durch die Wirtshaustüre in die Schenkstube.
+</p>
+
+<p>
+„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps,
+da!“ und stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab
+er ihm den Gläserschrubber und löste seine Tochter an den
+Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller Gäste. An dem
+Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle umschlungen
+und sangen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Brüderlich verei...ei...eint,</p>
+ <p class="verse">Seg’ln wir in die Wä...ä...lt,</p>
+ <p class="verse">Matrosen, hipp, hipp, hurra!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas
+in der Hand, daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen
+Blick herüber. „Die Scherben unter den Tisch werfen!“ rief
+er. Baptist schleuderte sie hin, daß sie in Splitter zerknallten.
+„Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne hinzuschauen und strich
+den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s Alientje nicht
+freundlich?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und
+verbohrt. Er arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen,
+um die Gedanken hintanzuhalten. Die stauten sich
+hoch und gefährlich wie zu einem niederschmetternden Wirbel
+bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben vollbracht hatte.
+Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in die
+Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor.
+Erst wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung
+mit der klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über
+ihn gefallen, und eine marternde Scham begann sich in ihm
+einzunisten. Aber in einem Augenblick schlug die Angst um
+die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit einer
+gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er
+dann in die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett
+ausgestellt war, vor dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen
+Worten angehalten hatte. Es kostete gerade fünfzig Franken,
+wie auf einem großen Schild zu lesen war. Baptist trat in den
+Laden und ließ es einpacken.
+</p>
+
+<p>
+„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber
+ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr
+wegkommt, weil Sonntag ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann
+ging er rasch über die Straßen, den Karton unterm Arm, zu
+Alientjes Wohnung.
+</p>
+
+<p>
+„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen
+auf den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+ein und kam auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube
+und drückte ihre Lippen lang und hart auf seinen Mund,
+noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton abzulegen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu.
+</p>
+
+<p>
+Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken.
+„Baptist! Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das!
+Wie schön ist das!“ und sie küßte ihn mit einer lärmenden
+Wucht.
+</p>
+
+<p>
+Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich
+schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern
+abgeben!“
+</p>
+
+<p>
+Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete
+sie, „Die schaden dir nichts!“
+</p>
+
+<p>
+„Doch!“ rief er brutal und herrisch.
+</p>
+
+<p>
+Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern
+und zog sich an ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen
+Leib und die Augenbrauen standen wie gezückt.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn.
+„Das reizt mich ja nur mehr zu dir!“
+</p>
+
+<p>
+Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte
+sie ihn an, „noch fester!“
+</p>
+
+<p>
+Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube
+saß und der Wirt nach dem Abendessen Bücher und
+Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte Baptist, daß er
+kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle Muskeln
+angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in
+diesem Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand
+seiner Tat gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die
+Kriegserklärung des nachbarlichen Feindes.
+</p>
+
+<p>
+Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+zog einen Strich und aus seinem Bart kam mit halblauter
+Stimme eine Zahl: fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er
+dann unter den Strich und setzte eine Summe davor. Er
+überrechnete noch einmal und nickte zum Schluß mit dem
+Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte und
+mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt
+widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit
+sich die Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig
+Franken, fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in
+das Buch. Er schüttelte den Kopf und begann von neuem
+zu zählen. „Hol mich der Deibel!“ rief er, als er fertig war,
+„Zählen Sie mal dieses Geld, Baptist!“ Hasenklever stand auf
+und zog Baptist auf seinen Platz.
+</p>
+
+<p>
+„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem
+er gezählt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das
+nach!“ Hasenklever schob ihm das Geschäftsbuch hin, und
+Baptist bestätigte, daß die Rechnung stimmte.
+</p>
+
+<p>
+„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den
+Geldhaufen und auf die Zahl hinter Summa zeigte.
+</p>
+
+<p>
+„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief
+Hasenklever aufgeregt.
+</p>
+
+<p>
+Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen
+Sie mich?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst
+täte ich hier nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben
+Sie nicht mal was bemerkt, so irgend etwas Verdächtiges?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schien nachzusinnen.
+</p>
+
+<p>
+„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen,
+da ist schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie
+Ihre Türen immer gut ab?“ fragte er dann, als habe er einen
+Einfall.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“
+</p>
+
+<p>
+Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich
+schenk’ einem fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen
+lassen. Man will doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im
+eigenen Haus in jedem Zimmer haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete
+Baptist überlegen.
+</p>
+
+<p>
+„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever
+zum Schluß.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje
+ging, setzte er mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in
+der er sich droben in der Stube so sicher gefühlt hatte, für sich
+fort. „O ja!“ sagte er sich schließlich, „ich bin weit voran, das
+ist schon der richtige Weg!“
+</p>
+
+<p>
+Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der
+Schlüssel nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab
+und kam immer wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise,
+dann hieb er einen ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln,
+immer vergeblich.
+</p>
+
+<p>
+Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd
+durch alle Adern. Sein kühles Heldentum fiel langsam von
+ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm, durch die engen, abgelegenen
+Gassen, in die der gröhlende Lärm der Hafenkneipen nur wie
+mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit einem
+leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen
+Straßen aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den
+Avenuen zu und wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee
+in der Breydelstraße zu gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen
+Bühne des Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben
+sich drehend änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+der Nachtstraße erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen
+der gleitend aufschlagenden Farben geblendet, und er trat, um
+sich zu schützen, seitwärts hinter die erste Säule. Der Saal
+war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei Reihen von
+holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an
+der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den
+Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten.
+Der Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil
+an den Tischen saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten
+Gesten als schwarze Schattenmassen. Baptist
+schaute in diese dunkle Wirrnis hinein, ohne etwas anderes zu
+sehen, als die Farben der Feuer, die in verschwächtem und
+blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur immer,
+wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der
+Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
+</p>
+
+<p>
+Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen
+knallten, zischten und zirpten, und weißes Licht strömte
+plötzlich in die Schatten und prägte sie zu lebenden Gestalten.
+Die Menschen klatschten, eine Wollust des Lärmens raste in
+ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen. Und in diesem
+erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle
+Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich
+Alientjes schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie
+saß zwei Tische von ihm weg und drehte ihm den Rücken. Sie
+drückte ihre Schulter an die Schulter eines ganz jungen, bleichwangigen
+Menschen, der eine schmale, blutrote Krawatte unter
+einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng gekleidet
+war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht war
+der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen
+mit kalter Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr
+weißes Kinn waren wie aus glühend erstarrtem Marmor.
+Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah, war in dem überhellen
+Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre Hände klatschten
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer
+heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte.
+Der schob auf einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber
+und legte sie unter ihrem linken Arm fest an ihren Busen.
+</p>
+
+<p>
+„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich
+schnell in seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
+</p>
+
+<p>
+Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus.
+Er nahm den geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde
+im Dahinschreiten wie aus Stein, hoch und schwer und kalt.
+Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn zusammen. Er kam sich
+vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit umgeben, wie
+von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines Lebens
+hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern
+um ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
+</p>
+
+<p>
+In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern.
+Er wollte Zeugen seiner Härtung haben und er
+klopfte oben an. Hasenklevers älteste Tochter saß mit einer
+Stickarbeit am Tisch.
+</p>
+
+<p>
+„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete.
+Und ohne Umstände hängte sie Baptist eine Strähne grünes
+Garn über die Arme und begann es abzuwickeln. Baptist ließ
+dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er nichts dabei zu tun.
+Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl und sah
+starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann
+zurück ist und drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation
+zu machen.
+</p>
+
+<p>
+„Wer?“ fragte Baptist rauh.
+</p>
+
+<p>
+„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden
+Blick hinzu: „Sie kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt.
+„Ja, das wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf
+alle Wochentage hat sie einen andern. Ja, ihr Mann war ihr
+in den Kongo davongelaufen, das wird ihr jetzt noch lange nicht
+recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich sag Ihnen, das ist
+eine ...“
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann
+machte sie ein beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn
+aufgerollt war, verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang
+von Baptists Händen abzuwickeln und zog sich abweisend zu
+ihrem Kanevas zurück, auf das sie Rosen mit grünen Blättern
+stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander getrennt.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete
+ihm kaum. Er legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten
+sich schwer in ihm, wie Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach.
+</p>
+
+<p>
+„Und das gestohlene Geld!“
+</p>
+
+<p>
+Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen.
+Baptist warf sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen
+Bett umher. Er dachte gleich an die Diebstähle, denen er sich
+im Hause seines Vaters nicht hatte entziehen können. Die
+Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen hatte, entwichen
+seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung jener
+Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein
+Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher,
+Verkommener.
+</p>
+
+<p>
+Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den
+Betrug der Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger
+werden. Einmal in einem solchen Augenblick der schrecklichen
+Stunden sagte er dann mit lauter Stimme in hartsinniger
+Grausamkeit gegen sich selbst und sah dabei den Schimmer
+einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle mich dem
+Gericht!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-9">
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Neuntes Kapitel
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden,
+wo der Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte
+noch etwas Taufrisches vom Schlaf der Nacht her. Auf der
+Place Verte, die er bald kreuzte, waren große Haufen von Gemüse
+aufeinandergeschichtet, welche die Fruchtbarkeit des Waeslandes
+hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf den grünen
+Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie mannbares
+Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale
+in den morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war
+rosig von der neuen Sonne, wie mit duftendem Reif belegt.
+Das alles sah Baptist und er ging, in den dumpfen Kreis seiner
+märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, der selbstbestimmten
+Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es war
+eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer
+Scham und einer weglosen Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>
+Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam.
+Er stieg die große Treppe hinan mit einer mürrischen und
+trotzigen Entschlossenheit. Im Treppenhof stand ein einsamer
+uniformierter Beamter bewegungslos wie ein Standbild, und
+in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den
+Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof
+durchqueren wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich
+ein Bein vor. Wohin? hieß dieser stumme kleine Schritt.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter:
+„Viert’ Tür’ rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
+</p>
+
+<p>
+Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein
+kleines, hartes, graues Licht war, das durch ein fernes Fenster
+im Grund herbeikam. Er klopfte an der vierten Türe. Als er
+keine Antwort hörte, legte er die Hand schwerfällig auf die
+Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war verschlossen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
+</p>
+
+<p>
+„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm,
+feierlich trotz seiner abgeknapperten Sprechweise.
+</p>
+
+<p>
+Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter
+in die Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte
+zur Taverne zurück, um zunächst noch seine Morgenarbeit zu
+verrichten. Aber so wie er in seiner dunkel und schwerfällig
+angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu stellen, auf einmal
+unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der finster
+geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten
+hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das
+Vertrauen anderer getäuscht, der sich heimlich am fremden
+Eigentum vergangen hatte, der verächtliche, verluderte Dieb.
+Diese harten Vorstellungen wirbelten verbrennend in ihm
+herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war auf
+einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die
+Taverne zu. Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken
+trug er den Kopf gebeugt. Als er an die kleine Treppe kam,
+die zu der Wirtschaftstüre hinaufführte, hob er ihn auf, und
+es erschien ihm eine Sekunde lang merkwürdig vertraut, daß
+eine junge schlanke Dame mitten in der Straße auf ihn
+zukam.
+</p>
+
+<p>
+Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam
+angehalten keine zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf
+in die Höhe zuckte – erkannte er, daß es seine Schwester war,
+die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
+</p>
+
+<p>
+Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens
+getroffen, daß er sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich
+vornüber niederzubrechen droht. Aber im letzten Augenblick
+fand er eine verzweifelte, trostlose, leise wegschiebende Gebärde
+mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf
+sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses
+Blut über sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch,
+bis er Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte.
+Da blieb er stehen. Das Lokal war ganz leer. Er drehte dem
+Wirt den Rücken und versuchte seitwärts mit einem scheu verbrannten
+Blick durch die Fenster die Straße zu erreichen. Er
+hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal aufhielt,
+wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten
+hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
+</p>
+
+<p>
+Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete
+junge Dame mitten auf der Straße stehen und ein
+kleines weißes Taschentuch erregt an die Augen pressen. Er
+konnte deutlich erkennen, wie das Schluchzen sich in ihrem
+Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte Hasenklever in
+seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das ungewohnte
+Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch,
+wie er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er
+hitzig, „so kommen Sie doch mal heran, ob Sie schon so was
+gesehen haben! Am hellen Morgen steht ein Mädel draußen
+und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich der und
+der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend.
+Das ist was Feines!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen
+Tisch gedrückt und sah seine Schwester draußen weinen. Und
+Hasenklever hatte noch nicht ausgesprochen, da kam eine Welle
+an Baptist heran, hob sich an ihm hoch und glitt über ihn nieder.
+Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie ihn in die Knie.
+Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte es
+heraus: „Es ist meine Schwester!“
+</p>
+
+<p>
+Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war
+er etwas fassungslos vor dem langen starken Burschen, der
+weinte, und er rieb sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz
+warm war, zupfte er seine Schnurrbartspitzen aus der Wildnis
+des Backenbartes heraus. Dann legte er unbeholfen seine dicke
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+Hand auf den Rücken des Weinenden, und schließlich hatte er’s
+gefunden.
+</p>
+
+<p>
+„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er
+konnte, „Wer geht denn weinen, wenn er seine Schwester
+wiedersieht! – hat sie dich reingehn sehn?“ fragte er dann
+rasch.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein
+Sohn, jetzt geh’ ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum
+Brüderchen in die Stube holen. Dann fallt ihr euch um den
+Hals und küßt euch und weint ein Grützchen zusammen hier
+drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein wenig zu
+schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen
+ins Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den
+Bauch und sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja,
+jetzt geh ich schlankweg!“ sagte Hasenklever bestimmt.
+</p>
+
+<p>
+Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch.
+Er hörte den Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm
+die Glieder ein. Er wäre gerne aufgesprungen und hätte sich
+an ihn festgeklammert, hätte ihn erwürgt, damit er nicht hinauskonnte.
+Nur das nicht, nur nicht das Schwesterlein an seinen
+Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar versenkt in ihm,
+wie ein eiserner Obelisk.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte,
+gewann Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff
+das gewaltsamste Mittel, das er im Feuer des Augenblicks
+fand, und schrie: „Ich habe Ihre fünfzig Franken gestohlen!“
+</p>
+
+<p>
+Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum
+Türgriff. Er drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut
+stieg in seinem Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis
+des Bartes hinein. „Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte
+sich um und kam langsam heran, die schweren Arme, an denen
+die Hemdsärmel bis über die Ellbogen heraufgestülpt waren,
+etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. Er blieb
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine
+schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines
+blitzschnellen Druckes braucht, um loszurasen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich
+war’s!“
+</p>
+
+<p>
+Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und
+die Stirn, heiß und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war
+gerade auf dem Gericht, um mich zu stellen deswegen.“
+</p>
+
+<p>
+So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut
+rann heimlich und unversehens aus ihm davon. Es ward leise
+schwindlig in seinem schweren einfachen Kopf, und er sah wie
+betreten, daß er zwischen dem Bruder hier drinnen und der
+so vornehmen Schwester draußen stand, wie zwischen zwei
+dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. Unvermittelt
+trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte
+ihm den Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht,
+der die gestörte Maschine wieder in Gang bringen konnte.
+Schließlich fluchte er einen „Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter,
+sorgenvoller Stimme: „Komm, wir wollen mal
+einen Schnaps zusammen trinken!“
+</p>
+
+<p>
+Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen
+seinem Barte um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“
+murmelte er und wiederholte das kleine Manöver.
+Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas scheu, und dann sagte
+er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine seiner Töchter
+gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit wegräumen
+zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s?
+Ist das denn nu auch ganz gewiß?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist winkte: „Ja.“
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist denn das Geld?“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist
+scheu.
+</p>
+
+<p>
+Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen
+sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich
+so schlimm. Wofür war’s denn?“ Er schaute zugleich zu den
+Fenstern hin und machte schon einen Schritt auf die Türe zu.
+Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der Paulsplatz
+war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von
+den Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr
+enttäuscht.
+</p>
+
+<p>
+„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
+</p>
+
+<p>
+„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen
+wir nicht kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen
+uns wieder vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer
+drückenden, dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit
+nun so klar darbot. Er meinte noch: „Und es bleibt ganz
+zwischen uns. Da, Hand drauf!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er
+eifrig den Kopf. „Nein“, sagte er erregt.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was nun wieder: nein!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur
+noch nicht dagewesen!“
+</p>
+
+<p>
+Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich
+muß noch einen Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas
+wieder leer hingestellt hatte, faßte er Baptist beim Handgelenk
+und zog die Uhr unter der Schürze hervor: „Du hast wohl
+Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so zu plagen!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich
+gerührt, daß er es ganz warm in sich werden fühlte und dem
+kleinen dicken Mann gerne um den Hals gefallen wäre. Er
+stammelte ihn an, die Erregung seines Gemütes hielt ihn
+strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er wurde
+unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine
+Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen
+Worten glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes,
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+der selber keine sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber
+oft ohne Grund unter den Füßen umhergetrieben war. Er
+erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse in der Erzählung
+des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und
+er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die
+Angelegenheit erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut.
+„<em>Die</em> Schmach geht ja nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung,
+das klebt wie Teer, und das ist diese Kleinigkeit
+doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge sei doch bei
+Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal
+auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß
+als Zeuge hin, und ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken
+bei mir. Da hast du’s!“
+</p>
+
+<p>
+Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer
+Gedanke in Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der
+Schiffe verschwinden! Aber er sagte Hasenklever nur, daß er
+dann fort wolle, in die Welt hinaus!
+</p>
+
+<p>
+„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete
+der Wirt. Er gab ihm die Hand und versprach zu helfen.
+</p>
+
+<p>
+„Heut noch!“ bestand Baptist.
+</p>
+
+<p>
+„Gut denn!“
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den
+Schiffsbureaus. Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg
+Ozeanea-Gesellschaft. Als sie in den Heuerraum eintraten,
+rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff ‚Hamburg‘! Noch
+Trimmer vorhanden?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
+</p>
+
+<p>
+„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
+</p>
+
+<p>
+Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte
+er ihm erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
+</p>
+
+<p>
+„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der
+Beamte ungeduldig ein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und
+reichte dem Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der
+schaute sie kaum an. Er suchte nur den Namen und schrieb.
+Baptist fragte nicht nach dem Lohn, nicht nach dem Ziel der
+Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine Stellung wie
+ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
+</p>
+
+<p>
+„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“
+sagte der Beamte, während er Baptist den Heuerzettel hinreichte,
+auf dem Baptist sich verpflichtet hatte, die ganze Reise
+des Schiffes nach Neuyork, von dort nach Bahia und zurück
+nach Hamburg mitzumachen.
+</p>
+
+<p>
+Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist.
+Er half ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren,
+und nahm ihn dann mit nach Haus. Sie gingen gleich in die
+Stube hinauf. Sie aßen dort zusammen zu Mittag und Hasenklever
+ließ eine Flasche seines besten Weines heraufholen.
+</p>
+
+<p>
+„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten
+Tochter, die mit am Tisch saß.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte
+ihm mit einem milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder
+voll. Dann begann er von „Njujork“ zu erzählen und von
+„Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo er überall gewesen
+war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte ihm
+Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht
+noch in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern
+und seinen Bummeltagen und den verhungerten Wochen.
+„Das waren die sieben magern Jahre!“ sagte er. „Und ein
+Mensch, der nichts erlebt hat, der ist nichts. Das ist heutzutags
+anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem Städtchen
+zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben
+am Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln
+...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten.
+Er war schon auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete,
+stand rätselhaft verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war
+ihm nur klar, daß er jetzt das Leben begänne, vor dem er einmal
+zurückgeschaudert war. Er dachte an seine Heimat und wußte,
+daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; daß das Leben,
+das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die dunklen
+Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das allerletzte,
+das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende vorstellten.
+Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er
+an dieser letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke
+auch nur die Richtung des kleinen Landes erkennen konnten.
+Es war ihm aber wie ein kleiner weicher Trost, wie eine
+ferne mildernde Güte, daß er sich seine liebe Schwester von
+ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem sein
+Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte
+er sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen
+alten Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen
+Sachen gefüllt herunter. Er verabschiedete sich von den beiden
+Mädchen und wollte Hasenklever die Hand drücken. Aber der
+wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ rief er.
+</p>
+
+<p>
+Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und
+er hätte gerne dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg
+lieber allein ginge. Aber er fand keine Worte und Hasenklever
+schritt neben ihm zum Hafen hinunter. Sie fragten
+sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der Dampfer
+lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof
+und Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst
+mit Vater Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus
+ihrer Flasche Branntwein getrunken hatte.
+</p>
+
+<p>
+Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte
+ihn gerne umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+die Hand. Er sagte: „Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever
+fuhr auf: „Zum Deibel, sei still und wir sehn uns noch
+mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers bist du immer
+willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein anderes
+Geschick hier an Land bringt!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den
+Landungssteg und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er
+sei auf dem Schiff als Trimmer angeheuert. Der wies ihn
+zum ersten Offizier in der Kabine an Deck. Ein glattrasierter
+Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem Eisenschild
+und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab
+ihm Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch
+und schob sie unter einen Pultdeckel. „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All right!</span>“ sagte er.
+„Sie können gehn!“ schrie er Baptist an, als er sah, daß er
+stehen blieb. Baptist trat hinaus und schritt langsam an der
+Reihe der kleinen Türen mit den Messingringen entlang und
+als er einen Mann in einer Uniform mit zwei Goldbändern
+am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er sei
+als Kohlenzieher angeheuert.
+</p>
+
+<p>
+Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden
+Spitzbart, machte über seinen hohen Kragenrand mit einem
+kurzen Ruck eine knappe Linksneigung des Kopfes auf Baptist
+zu und warf verächtlich hin: „’ch g’meldt?“ – „Jawohl, soeben
+in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief er in anderm
+Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und
+mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling
+saß: „Härr Obermaschinist, ein Trimmer!“
+</p>
+
+<p>
+Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich
+heran. Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal
+auf einem Schiff, er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit
+und alles zeige. „Tjawoll, tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig,
+„wird geschehn, wenn Sie hier die Luke hinuntersteigen,
+gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie
+hergeschickt und was Sie wollen!“
+</p>
+
+<p>
+„Danke!“ antwortete Baptist.
+</p>
+
+<p>
+Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter
+Mann zunächst in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren,
+drei und drei übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine
+dicke, unklare grüne Glasscheibe in der Decke über einem der
+Betten beschwerlich herein. Baptist mußte dieses Bett nehmen,
+weil die andern schon belegt waren. Der Heizer blieb in der
+Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den Arbeitsanzug
+anlegen.
+</p>
+
+<p>
+Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch
+einen engen Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist
+trat auf einem Boden von Eisenstäben weiter. Unter diesem
+Boden lag ein weites, dunkles Loch, in dem er in einiger Tiefe
+einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. Allmählich dämmerte
+drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten
+Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen,
+Kolben und Röhren auf. Das Licht fiel hoch über seinem
+Kopf durch einen Glaskasten hernieder. Die beiden glitten
+rückwärts enge Eisenleitern hinab und kamen langsam bis auf
+den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer und
+kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften
+zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen,
+schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und
+lang hinlaufenden Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre
+klappte hinter ihnen zu, und Baptist stand in einem engen
+Raum, den eine starke Hitze brennend erfüllte. Zwei kreisrunde
+große Löcher warfen Licht zuckend und blendend heraus
+und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der
+Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten,
+steif zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem
+scharf begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+sprang Baptists Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber
+der einen der beiden Feuerhöhlen schwarz aus der Wand
+schaute.
+</p>
+
+<p>
+Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige
+Finsternis drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender,
+fallender Lärm heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne,
+leuchtete faul, wie ein kraftlos roter Ball. Der Flammenschein
+des nahen Feuers im Kesselraum schlug schräg bis über den
+Rand des Loches hernieder und ließ sich in einem roten Streifen
+über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer erklärte
+mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien
+die Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft
+werden, an dieses Loch und an das andere drüben; danach
+werden sie zu den Flammrohren hinauf geschaufelt.
+</p>
+
+<p>
+Das war alles.
+</p>
+
+<p>
+„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe
+hinein und das prasselnde Fallen hörte auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können
+grad beginnen. Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
+</p>
+
+<p>
+Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden.
+Eine Türe knallte, ferne, hoch, verstummend,
+wie ein Schrei in verschlossenem Mund. Zugleich erlöschte
+draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, weil die Türe
+der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm
+um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte.
+Er war nun abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken
+und begraben. Er fühlte den niedern, finsternisschweren
+Raum wie einen versenkten Schacht um sich, bückte sich schwer
+zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen Dämmern
+zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen.
+Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende
+Masse einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen
+Schein auf seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+aus der Höhe des Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter
+und durch das Loch in der Wand bis zu ihm sickerte,
+gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, das das Licht
+des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist nun
+die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue
+Licht ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und
+die Arme. Das war der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern
+Seite noch eine Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber
+er schaute nicht hin.
+</p>
+
+<p>
+Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten,
+und eine Stimme wie eine grelle, heiser klingende Trompete
+brach plötzlich durch die Finsternis herüber: „Grüß dich Gott,
+Kamerad von der heiligen Kohlenschaufel, auch wieder mal
+unterwegs?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag,
+und seine Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er
+bückte sich über seine Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und
+lauerte zugleich mit allen Sinnen nach dem Fremden hinüber,
+dessen Gestalt er drüben wie wild aus dem Dunkeln hervorquellen
+sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt,
+als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch.
+Bald jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und
+seine geängstigte Aufmerksamkeit spannte ab.
+</p>
+
+<p>
+Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an
+dumpf zu beben und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich
+allmählich zu einem stoßenden Poltern und schaukelnden
+Brüllen, Werfen und Schießen, das sich die Eisenwände zuzuwerfen
+schienen, und lief dann bald in ein starkes, ruhig
+dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr.
+Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in
+denen der Lärm seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien,
+breitete sich eine schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+und er vergaß in seinen stumpfgeriebenen Gedanken bald den
+Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm der Rücken voller Nägel
+saß und seine Muskeln brannten, und nach einer unendlichen,
+mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf einmal
+ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der
+Hand.
+</p>
+
+<p>
+Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und
+durch schmale Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat
+ihm unvermutet ein geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß
+der fremden Augen brannte wie zwei kalte Scheiben aus dem
+schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten Lippen
+unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie
+Blumen aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der
+rechte Arm die zur Faust geballte Hand, um Schwung zu
+nehmen, nach hinten schlug, und eine wütende, grelle Stimme
+fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? Willst du meine
+Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde
+er verfolgt? Er erkannte sofort die Stimme von unten. Er
+stammelte, ohne zu wissen, was er sagte: „Nein!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig
+zurück. Dann ließ er den Arm sinken und tat verächtlich:
+„Wohl ’n vornehmer sogenannter Hinüberarbeiter?! Willst
+das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du Geld? Wieviel
+hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend
+...? Hö?!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar
+kein Geld!“
+</p>
+
+<p>
+Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also
+denn!“ rief er fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen
+wir uns!“ und er reichte Baptist die Hand hin und drückte die
+seinige. „Wir müssen uns waschen gehn!“ sagte er dann und
+führte Baptist an einen Trog in eine kleine Kabine. Dann
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot
+in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie
+ihre Betten auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist,
+während sie sich auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun
+der Vorname oder der Geschlechtsname sei. Er schwankte ein
+wenig und nannte dann seinen Rufnamen. Hartwig legte
+sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war dunkel in
+dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager
+schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben,
+daß er die Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände
+spielten in der Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die
+von einer milden, dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder
+fielen auseinander wie Steine. Seine Gedanken waren heiß
+und leblos zermalmt.
+</p>
+
+<p>
+Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben:
+„Schläfst du?“
+</p>
+
+<p>
+Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen,
+als Hartwigs Stimme, die wie knitterndes Metall klang,
+wieder losfuhr: „Hölle und Teufel, ich auch nicht. Das ist
+immer so am ersten Tag! Diese Hundearbeit mit den Kohlen!
+Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so führ ich dich zur
+Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und Revolverschuß,
+ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur
+eine Jüdin aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich
+bin nur ihretwegen herüber gegangen. Aber meine Verwandten,
+die Dreckspföter, haben sich nicht mehr anzapfen lassen. So
+bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich drüben wieder
+zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses
+Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir
+legen zusammen, nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben
+ist uns nun mal so gelaufen. Laß laufen. Dreck und Hölle,
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. Aber in diesem
+Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend
+Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder
+dahin ... tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ...
+Ilanka!“
+</p>
+
+<p>
+Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist
+hatte zugehorcht mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem
+halb besiegten Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig
+schnarchte. Wie ein Zauberwort, so hatte dem Kameraden das
+Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf einmal, ohne
+Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein
+wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork
+und nahm die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen,
+bereit liegender Hügel, die weichen Formen märchenhaft
+ungeheuerlicher Tiere. Die tückisch haltlos gleitenden
+Verwechselungen dieses Unwesens schürten die hitzige Unruhe
+seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen
+Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt.
+Endlich lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an
+Seite in den Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal
+etwas wie ein Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er
+griff mit beiden Armen tief in die Haufen hinein und warf
+die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, wie in einem wild
+gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf dem
+Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das
+Tempo dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen
+regneten bald heftig ringsum nieder, daß Baptist sich hinter
+einen Eisenpfosten flüchten mußte.
+</p>
+
+<p>
+Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte,
+blieb Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte
+wie ein hüpfend dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll
+aus seinem nackten, geschwärzten Oberleib und die Tropfen
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. „Baptist!“ rief
+er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
+</p>
+
+<p>
+Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten
+Armes, und kaum hatten die Finger die Haut berührt, als der
+Muskel wie eine gebuckelte Katze mit einem wilden harten
+Ruck Baptist in die Hand sprang.
+</p>
+
+<p>
+„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du
+sollst mal sehn, ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem
+Muskel, nur so, daß ich ihn gegen den Schädel springen laß,
+wie eine Bulldogge. Weißt du, was ich jetzt gemacht habe? –
+Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen und hab sie
+am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu
+fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib,
+ein Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps
+springen, wie eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir
+einer im Weg stehn! Aber wenn du glaubst, davon hat man
+was drüben bei uns und das hilft einem – ein alter Dreck,
+nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die
+Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes
+Lied an der Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann,
+Amerika, wilde Stiere und tolle Weiber! Meine Verwandten
+sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird wohl so sein,
+wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man gewöhnt
+sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner
+hat und des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn
+man kein Geld hat, um ein Steak zu kaufen und der Magen
+einem den Schlund heraufschreit.“
+</p>
+
+<p>
+Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich
+selber von der Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere
+erreicht zu haben schien. Er verabscheute den wilden Gesellen,
+dessen Leben über die Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben
+war, und zugleich vergewaltigte ihn die Heftigkeit aller Äußerungen
+Hartwigs. Liebe und Haß für diesen heißen Hund
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe
+zur Hand.
+</p>
+
+<p>
+Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben
+Wucht und Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer
+stand die große, starke jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend
+und begütigend, sie war wie der Saft, der aus dem verletzten
+Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes Blut, sie gellte
+wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das dumme
+kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut
+einer kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener
+Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann
+eines Abends Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals,
+da sind die dunkeln, schmalen Schlüffe in der Stadt, und
+selbst die Policemans fürchten die! Sieh mal da das Wasserfaß
+und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte
+entfernte Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer
+kreisenden Bewegung rundum fuhr, gleich darauf gab es
+einen kurzen, trocken gellenden Laut, und Baptist sah in dem
+weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber blitzschnell
+flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das
+Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah
+nicht, wohin. Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte
+er kurz und roh.
+</p>
+
+<p>
+Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war.
+Aber er zuckte vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe
+wie Haß, verschärften ihre Kraft seit diesem Tage. Er war
+Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen ihn aufzumucken.
+Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder Blitz, durch
+die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit
+trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd,
+die Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+aufseufzend in den Schatten der wilden, dunkel
+großen Gestalt des jüdischen Weibes trieb und anfing, vor
+ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu ertrinken.
+</p>
+
+<p>
+So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des
+fessellosen Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner
+Arbeit in den Bunkern wach. So wuchsen seine Wünsche hinter
+dem knallenden Schreiten dieses Strolches Neuyork entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden
+Trara einen der üblen Streiche, bei denen er in Neuyork
+mit geholfen hatte. Da kam es Baptist auf die Zunge,
+seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er wollte erzählen,
+wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt in
+Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen
+mit Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber
+daß er sich dennoch enthalten und diese schmutzigen Flecke in
+seinem Leben vor dem andern bedeckt halten konnte, gab ihm
+zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig und sich eine
+Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose Gemeinwerden
+mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war
+ihm, als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem
+andern zu befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade
+dadurch in den Augen des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen
+Glanz, den Hartwig bei ihr nicht besaß.
+</p>
+
+<p>
+In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren
+Betten, da sie in der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist
+konnte nicht schlafen. Es gingen immer Schritte über die
+runde grüne Glasscheibe und seine Augen zuckten unaufhörlich
+unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen ihm aufs
+Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte hinüber:
+„Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
+</p>
+
+<p>
+„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die
+amerikanische Küste.“
+</p>
+
+<p>
+Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+die Vorderback hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände
+über die Augen. Dann schlug er Baptist heftig auf die Schulter
+und zeigte über das Meer.
+</p>
+
+<p>
+„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen
+Punkt in der Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden
+sehen und erkennen könnte.
+</p>
+
+<p>
+„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert
+an. Dann brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
+</p>
+
+<p>
+Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die
+Ferne, wo sich nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung,
+wie ein zarter Flaum ersten Wachstums die Küste abhob.
+Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf gestürzt und er wußte
+auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im Küstenstreifen und
+nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, sondern daß
+diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine ungeduldigen
+Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz
+allein wie eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames
+Land für ihn irgendwo in den Fernen stand.
+</p>
+
+<p>
+Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand
+ohne Umrisse, die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den
+seine Wünsche anströmen konnten, in ihrer raumlosen Ferne.
+Aller Glanz fiel ab, und Baptist lehnte sich mit einem wilden
+Anfall von Haß gegen den abscheuvollen Hartwig auf, den
+Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, schmerzhaften
+Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und schadenfroh:
+„Du kommst doch nicht zu ihr!“
+</p>
+
+<p>
+Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber
+sein Gesicht heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd
+los, daß sein Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
+</p>
+
+<p>
+„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm
+nicht zu ihr? Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel
+unserer Heuer gegeneinander wetten? Schlag ein!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand
+hin. Aber Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war
+nur Scherz, daß ich das sagte!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine
+heisere, knitternde Stimme klang wieder rauh und grell. Seine
+Finger zuckten zusammen und die Leidenschaft sah man zitternd
+über seinen magern Körper fahren. Dann sprach er vor sich
+hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und zugleich
+wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
+</p>
+
+<p>
+Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte,
+sagte er: „In Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen
+und dann gehn wir zusammen zur Ilanka. Es ist schade, daß
+du dich für die ganze Reise dieses Kastens geheuert hast. Ich
+hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
+</p>
+
+<p>
+Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen.
+Alle seine Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses
+Versprechen an, unruhig, flatternd, schreiend, und hoch wie
+Dohlenscharen um das Dach des Kirchturms. Und in der
+Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm so unausstehlich,
+daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war
+ihm nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln
+bekämpft werden mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein
+wilder Garten.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah
+die Einfahrt nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern
+vergraben lag. Aber er hörte, wie die Maschine anfing, ihr
+Tempo zu ändern. Oft wechselte sie es mit kurzen Stößen,
+arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal verstummte mit
+einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der Baptist
+sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine
+Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen
+Räumen. Aus einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein:
+„Wir sind da. Dem Teufel sei Dank!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-10">
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+Schluß
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">aum</span> lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden,
+ohne ein letztes Wort und ohne Händedruck.
+Es war Baptist recht, daß es keinen Abschied gegeben hatte,
+denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung seines Gemütes
+zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig
+sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um
+ihn zu Ilanka zu führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom
+über ihn. Es war ihm oft, als ertränke er drin, und er stöhnte
+heimlich in der Bedrängnis seiner Ohnmacht, dieses Ermatten
+zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der Schiffe die Stadt
+anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie war
+das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein
+Leben liegen fühlte.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet,
+nachdem die entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen
+gefüllt waren. Zuerst mußte dann Baptist am Reinigen des
+Maschinenraumes mithelfen. Später kam er aber in die Laderäume
+und bald darauf, als man begann, für die Weiterreise
+nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den
+zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist
+hatte eine der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen.
+Über seinem Kopf streckten sich die Arme der Ladebäume hin
+und her. Die Räder der Winden knirschten und sausten vor
+ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die die
+Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten
+sich die schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit
+den Waren, die es aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich
+glitten die Ketten, griffen die Ladebäume, eilten die
+Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie ein Meer an
+einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her,
+schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten,
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität.
+Rundum auf der großen Wasserfläche lagen tausend solcher
+regellos belebter Flecke wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in
+ihnen krachten die schreienden Winden, überall zuckte die Arbeit
+durcheinander. Überall brüllte die rasende, zerfetzte Ungeduld.
+</p>
+
+<p>
+Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt
+hinter den Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden,
+schweren Strom dorthinaus. Wohin?
+</p>
+
+<p>
+Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust.
+Ein ungeheurer Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern
+über den Abgrund der Laderäume gehalten, und in der Tiefe
+wimmelte es von kleinen Menschenkräften, die den Pack erwarteten.
+Der Offizier hob den Arm wie einen allmächtigen
+Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den Bahnhof
+schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in
+den eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel
+der Arm, Baptist riß den Hebel los und mit schießendem
+Knarren ließ die Winde die Last vorsichtig in die Tiefe sinken.
+So ging es stundein und -aus. Baptist stand am Hebel und
+fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in seinem
+Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte
+Feld dieses Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht,
+wieso er auf einmal zu solcher Macht gelangt war. Er sah
+rundum reckenhaft sich das Werk des Welthafens vollziehen,
+aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, wirbelnde
+Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er
+spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.
+</p>
+
+<p>
+Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung
+der Weltstadt überwältigte, brüllte er in die tobenden,
+ratternd springenden Geräusche der Winde den mit heimlich
+wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka hinein. Hartwig
+kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume
+hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor.
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Der Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu
+Ilanka gelangen? Wie war es möglich, einen Weg in den
+ungeheuerlichen Damm hinein zu finden, den dort die Stadt
+aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt erlebte
+Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen
+Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war.
+Wie ein Geschick von erbitterndster Brutalität warf sich ihm
+die Stadt und ihr Hafen in den Weg, der zu dem großen,
+starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an, und seine
+heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden
+Winden zu überbrüllen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem
+Drucke war, mit dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein
+verzweifelter Groll. Er glaubte am Äußersten zu sein. Sein
+Begehren wuchs mit leidenschaftlicher Gewalt über ihn her.
+Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig erwürgen
+zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du
+treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen,
+ganz gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den
+Kai hinunter und jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut
+des Hafens fing ihn in ihrem brausenden Sturm auf. Sie
+schloß sich von Schritt zu Schritt gewalttätiger um ihn, wie
+Maschen eines stählernen Netzes. Er begann sich zu ducken.
+Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die Grenzen
+der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und
+Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das
+Hirn wirbelnd voll Todesgedanken.
+</p>
+
+<p>
+Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend,
+über Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange
+Züge heranschoben, verfolgt von Warnungsrufen; unter
+donnernden Krähnen hindurch, die mit Lasten von Fässern,
+Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen, die mit
+Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren.
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck
+hinauf. Droben sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen.
+In ihrer Mitte hielt einer ein großes Zeitungsblatt,
+aus dem er eben vorgelesen haben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung
+in der Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte
+mit dem Finger auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“
+brüllte er mit überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte
+sich gegen die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen:
+„Grauenhafter Mord ... Deutschlothringer Hartwig Didier ...
+seine Geliebte aus Galizien eingewanderte Jüdin Ilanka B...
+in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper mit Dolchstichen zerfleischt
+...“
+</p>
+
+<p>
+Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese
+ersten Zeilen erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn
+wurde klar, seine Gefühle grausam und er las nun kalt und
+zusammenhängend: „Als Zimmernachbarn, die das Opfer
+schreien hörten, die Türe einschlugen und auf den Mörder losdrangen,
+schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen. Der Revolver
+war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein
+Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den
+Verfolgern hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett
+und setzte, ohne sich zu bedenken, mit einem weiten Sprung
+an die Drähte hinauf. Er erreichte sie, glitt im Schwung ein
+Stück weit an ihnen über die Straße. Die Menschen, die
+sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles Bild,
+wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten
+hin und her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten
+Stockwerks auf die Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher
+Haufen von Kleidern, Knochen, Fleisch und Blut liegen blieb.
+Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig gewesen. Die
+elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die
+Zeitung aus der Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst
+nur die beiden Wörter ein: „Schuld und Sühne“. Dumm
+und sinnlos sagte er sie immer wieder vor sich hin. Unzählige
+Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ... Kindlich
+erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine unmeßbar
+hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung
+der dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie
+in einem kalten Rausch umher, machte seine Arbeit mit einer
+kühlen, fernen Gleichgültigkeit und wagte kaum zur Stadt
+hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr der Masten
+liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur
+ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines
+Innern dem Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr
+bewußt, daß er sich nur mit Gewalt auf diesem entlegenen,
+ruhigen Standpunkt hielt.
+</p>
+
+<p>
+Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan
+und der Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu.
+Der Kapitän war ein noch junger Mann, der jedes Wort, das
+er sprach, und jede Bewegung, die er machte, mit einer kurzen
+Entschiedenheit kräftigte.
+</p>
+
+<p>
+„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern
+blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung
+an Bord suchen, bei der Sie sich mehr ausgeben können!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum
+verstanden, was gesagt worden war, aber er fühlte sich in
+seinem künstlichen, mühevollen Gleichgewicht gestört und er
+warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“
+</p>
+
+<p>
+Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“
+</p>
+
+<p>
+Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“
+</p>
+
+<p>
+Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen
+Stimme: „Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter
+uns ist, das immer die Anspannung der höchsten Kraft von
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+uns verlangt, die man hergeben kann. Das sind die Triebfedern
+der Kräfte, unter deren Druck die Welt fortschreitet.
+Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner Ursache
+diesem Gesetz entzieht.“
+</p>
+
+<p>
+Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief
+für Sie!“ Darauf ging er weg.
+</p>
+
+<p>
+Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift
+und sah sich das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß
+es eine Einrichtung in der Welt gab, die sich um ihn kümmerte
+und sich die Mühe machte, einen Brief hinter ihm her über
+das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes Kuvert, mit
+hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles,
+etwas Ängstliches, ein Rätsel.
+</p>
+
+<p>
+Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere
+Glühbirne an und brach das Kuvert auf. Er las:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Lieber Bruder!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen
+mit mir gemacht hast. Wenn Du noch manchmal an Deine
+Schwester denkst, so lies den Brief zu Ende, ich beschwöre
+Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu sein in der
+Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir
+brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben
+so, wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß
+ich immer so kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine
+alten Freundinnen ansehe, so muß ich das glauben. Aber ich
+gehe hier wie in einer Schachtel herum. Die Wände sind so
+eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel heraussehn.
+Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen
+so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt.
+Weshalb kann ich es nicht?
+</p>
+
+<p>
+Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher,
+wie ich selber lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+ich liebe Dich auch heute so, wie damals. Das muß ich Dir
+sagen und bitte Dich mit meinem ganzen gequälten, traurigen
+Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen Dingen spreche.
+Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand, als
+Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie
+Luft gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so
+schweren Kummer machte, daß Du mir nichts gesagt hattest
+und daß Du nicht schriebst. Ich wäre Dir nachgekommen.
+Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet zurück, frei
+und selbständig – wie in den Theaterstücken.
+</p>
+
+<p>
+Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen
+worden, und es sei nichts aus Dir geworden, da fluchte ich
+gegen alles, was mir heilig war. Mein Gehirn zerrieb sich umsonst
+an den Widerständen. Aber heute verstehe ich, daß das
+Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern daß es mit
+tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so
+fein klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben,
+das unter der Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will.
+Aus meiner Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung,
+meinen Brüskerien ist ein bleiches, mageres Mädchen
+geworden, das nur noch Wünsche hat, die wie Wolken auf dem
+Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder nur Dunstgebilde
+sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin zuvorkommend
+und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit
+auf dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest,
+indem ich dies schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir
+oft, als hätte ich einen Haß, mächtig genug, das Land, das ganze
+kleine verfluchte Land zwischen den Händen zu erwürgen!
+Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze zu lassen,
+und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den
+Tisch schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig
+behandeln, damit ich nicht von der Gesellschaft abseits
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+stehn gelassen werde. Könnte ich nur ganz still resignieren.
+Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.
+</p>
+
+<p>
+Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens
+Dir in die Welt nachschicke<a id="corr-11"></a>? Aber ich habe die Hoffnung, daß
+sie Dich vielleicht nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der
+liebe Herr Hasenklever nannte mir den Dampfer ‚Hamburg‘.
+Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so tief! Man kann
+so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den lieben
+Bruder.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Jeanne.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen
+und steckte ihn in die Tasche. Es war Nacht geworden und er
+ging langsam zwischen den Tauen und Warenballen hindurch
+hinter die Back an achtern und setzte sich auf den Anker, der
+einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende
+von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein
+der Abendlichter Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut.
+Wie mit Messerschnitten arbeiteten die Ereignisse des Tages
+in Baptist. Er konnte sie nicht zusammen bringen. Die Klage
+seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod der beiden Menschen
+... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles
+grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich
+losschlagen. Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie
+scheute selbst die Nacht nicht, die milde, heilige Nacht, in deren
+Dunkelheit die Sterne standen, wie Bänder, die sich leuchtend
+nach den verlassenen Ländern knüpfen.
+</p>
+
+<p>
+Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte
+und langsam die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen,
+die zu Haus über den Fenstern gestanden hatten, da bohrte
+sich, wie ein Strudel, ein wildes Schluchzen aus dem tiefsten
+Grunde seines Blutes in die Kehle herauf, die Augen stürzten
+voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die Reeling nieder
+und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in diesem
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte
+mit einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare,
+harte Land zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine
+Schwester peinigte. Er weinte lange darüber. Er wurde ganz
+stumpf von Weinen und legte sich dann betäubt ins Bett.
+</p>
+
+<p>
+Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem
+Mal ganz wach und fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog
+sich an, ging an Deck hinauf und stellte sich seewärts an die
+Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an das Schicksal
+Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr letzter
+Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund,
+daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er
+preßte erschauernd die Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine
+große Zuversicht über ihn. Er war gerettet und flüchtete sich
+mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner Schwester. Er zog
+ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die Lippen
+darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der
+mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte
+sich, daß er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich
+gewesen sei. Er habe nicht allein die Schuld daran.
+Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die Worte des
+Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän
+war liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und
+kündigte ihm an, der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums
+sei für ihn frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser
+Aufstieg war ihm etwas Selbstverständliches. Er bekam nun
+eine eigene Kabine und der Obermaschinist weihte ihn gleich
+in die neue Tätigkeit ein.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">egen</span> Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß
+auf Deck auf einem Kranz von Tauen und schaute auf die
+Stadt, die zurückblieb. Überall tollte noch die Arbeit. Der
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+Rauch des Hafens zog in wilden, dunkeln Schwaden gegen
+die Dächer der Häuser und verband Hafen und Stadt. Die
+Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit
+zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.
+</p>
+
+<p>
+„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah
+diese Stadt auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle
+Katastrophe Hartwigs und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem
+er sie nun ruhiger überblicken konnte, wie eine furchtbare
+Offenbarung der Natur, einer der einschlagenden Blitze des
+Schicksals, bei denen man an eine Absicht glauben will. So
+nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen Wirklichkeit
+daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen schweren,
+dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die
+doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern
+nur die schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.
+</p>
+
+<p>
+Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt
+war wie die Burg einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft
+aus der ganzen Erde zieht und sie verstärkt über die ganze Erde
+zurückschleudert. Willen und Notwendigkeit waren die Räder,
+Menschengeist die Triebkraft. Und das Schicksal Hartwigs und
+der Jüdin war von jedem Willen und jedem Bewußtsein freie
+Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle, dumpfe
+Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen
+... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des
+Schicksals? In welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang
+zwischen Mensch und Natur? Willen und Geschehen stiegen
+wie zwei Säulen nebeneinander auf.
+</p>
+
+<p>
+Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem
+dämmerigen großen Mysterium um das Geheimnis seines
+eigenen Versagens.
+</p>
+
+<p>
+Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große
+Feierlichkeit in ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine
+und blätterte das Pack deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+ihm in die Kabine gebracht hatte. Da las er, daß ein ganzes
+Volk sich wie in einer freudetrunkenen Woge hob, um dem
+Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben, das
+Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus,
+daß das Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue
+geschah, das seinem Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang.
+Hier gab es ein Werk, in dem sich mit der geschlossenen
+Kraft einer ganzen Rasse der Willen der Zeit kund tat. Alle
+Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse drang vorwärts
+in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die Weltburg
+des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.
+</p>
+
+<p>
+Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen,
+wie ein kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm
+nur recht geschehen, daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des
+Lebens, die wie ein Rad über die Erde drehte, gestoßen und
+ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum erstenmal als ein Teil
+von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte, seine sich
+bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen,
+wo sein Platz leer war und wartete.
+</p>
+
+<p>
+Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die
+Begeisterung überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in
+die Welt der Hafen jenes Volkes lag. Er hatte schon als Knabe
+sich in dunklem Drange dem Volk zugehörig gefühlt. Und in
+diesem Hafen sollte ihm das neue Leben beginnen.
+</p>
+
+<p>
+So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor
+seinen Augen die Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus
+dem Ozean brannte, in der deutschen Ferne den Hafen einer
+neuen Heimat auf, und seine Augen wandten sich von dem
+flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten verliebt
+die Richtung nach Osten über das Band der Meere.
+</p>
+
+<p class="end">
+Ende
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="hdr">
+Fischers Bibliothek<br>
+zeitgenössischer Romane
+</p>
+
+<p class="subt">
+Zweiter Jahrgang<br>
+(Oktober 1909-September 1910)
+</p>
+
+<hr>
+
+ <div class="table">
+<table class="books">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">1.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Hermann Hesse, Unterm Rad</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">2.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">3.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Theodor Fontane, Cecile</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">4.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Herman Bang, Am Wege</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">5.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Norbert Jacques, Der Hafen</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">6.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">7.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Emil Strauß, Der Engelwirt</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">8.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Peter Nansen, Julies Tagebuch</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">9.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Felix Salten, Olga Frohgemuth</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">10.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Ruth Waldstetter, Die Wahl</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">11.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Hans von Kahlenberg, Eva Sehring</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">12.</td>
+ <td class="col2">Bd.</td>
+ <td class="col3">Johan Bojer, Unser Reich</td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+ </div>
+<hr>
+
+<p class="c">
+Jeden Monat erscheint ein Band
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="c">
+Im gleichen Verlage ist erschienen:
+</p>
+
+<p class="hdr">
+Norbert Jacques: Funchal
+</p>
+
+<p class="subt">
+Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M.
+</p>
+
+<hr>
+
+<p class="noindent">
+Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von
+einem Buche rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs.
+Ein zarter, vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine
+wohlklingende Sprache geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt
+zuweilen in der Bibel zu lesen, von so knapper, schlichter Größe
+sind einzelne Stellen; so die Begegnung Thos und Margarethes
+am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und die Wanderschaft Thos.
+</p>
+
+<p>
+In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht
+ein fremdes Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift
+Funchal und ein kleines Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der
+Knabe wird in der Familie des alten Bootbauers Nielsen aufgezogen,
+ein Kuckuck im fremden Nest. Mit siebzehn Jahren
+wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen
+Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt.
+Er hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira,
+und beschließt, sie, die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht
+fort über Dünen und Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen
+kargen Lohn und kehrt im Winter wieder heim nach Klitby. So
+treibt er es durch die Jahre. Nie kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr
+packt ihn das Heimatfieber, er knüpft sein Bündel, wandert
+ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal zu finden,
+und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er Margarethe,
+Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum
+Vater, verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht
+aber steht vor seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen
+Bergen und die Sehnsucht seines Lebens ...
+</p>
+
+<p>
+Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat
+in dieser Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme,
+fremde Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn,
+irrt unstet und von seinem Heimweh geplagt umher, und als er
+müde das Suchen aufgibt, lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind.
+</p>
+
+<p>
+Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen
+Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend
+redet sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine
+Stätte hat.
+</p>
+
+<p class="attr">
+(Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“)
+</p>
+
+<hr>
+
+</div>
+
+<p class="printer">
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt.
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <span class="underline">sich sich</span> straffen, daß ...<br>
+... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <a href="#corr-0"><span class="underline">sich</span></a> straffen, daß ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">glänzenden</span> Augen dunkler und inniger werden an seinen ...<br>
+... <a href="#corr-8"><span class="underline">glänzende</span></a> Augen dunkler und inniger werden an seinen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Dir in die Welt nachschicke<span class="underline">.</span> Aber ich habe die Hoffnung, daß ...<br>
+... Dir in die Welt nachschicke<a href="#corr-11"><span class="underline">?</span></a> Aber ich habe die Hoffnung, daß ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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