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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/76486-0.txt b/76486-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b0e1648 --- /dev/null +++ b/76486-0.txt @@ -0,0 +1,6195 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 *** + + + + + + Der Hafen + + + Roman von + Norbert Jacques + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + + + „Und solang du das nicht hast, + Dieses: Stirb und werde! + Bist du nur ein trüber Gast + Auf der dunkeln Erde.“ + + Westöstlicher Diwan. + + + + + Erstes Kapitel + + +Es war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der schwerfällig +melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf in Pluderhosen und Blusen, in +Bauschröckchen und engen Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme +kamen, und an den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif, +ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die Leute sich +schwermütig hin und her und setzten auf einmal mit einem trommelnden +Auftakt alle Holzpantinen, melodisch und kurz hintereinander +niederklappernd, daß es wie ein Wirbel klang, auf das Pflaster, während +ein junges Liebespaar still glücklich herauskreiste. Und gleich wieder +schloß sich alles im Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper +Bewegungen zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, wie ein neutraler +Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft zurückhielt, obschon es +wußte, daß es Meister sein könnte über alles. + +Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck auf dem Flügel. + +Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die zwischen Flügel +und Wand geklemmt war. Er lag auf den Rücken gestreckt, bequem und +aufgelöst, schützte mit der linken Hand seine Augen vor der elektrischen +Hängelampe und schlug, so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im +Flügel erklang, mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt, +den Takt. Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie +schwermütige Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können, +einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren süßen, +traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung eines einsamen +Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden Salzes ging, das Leib und +Seele reinigte. Körperliche und innere Schönheit wurden schlank und +plastisch herausgearbeitet. Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den +Händen auf dem Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene +Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte jede +Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle Herzen. + +Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung um +die Melodie, die Jeanne mit warmen Regungen aus der Harfe des Flügels +holte. Sie wurde aufgescheucht, als sich plötzlich, wie unter einem +heimlichen Stoß, die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf +hinfuhren, durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt, +sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ die Klinke +nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen Sohn, zog die Türe +wieder zu und die Geschwister hörten ihn im Flur davongehn. + +„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich. + +Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell gewechselt. Sie +spielte eine „Chansonette sans paroles“ des Belgiers Lekeu. Es ging wie +in zarten Ringeln, mit sauberer, klarer Süßigkeit immer rundum, ein +zärtliches Tänzchen verliebter Jungmenschlein. + +Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt unter seinen +Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun auf einmal unter einem +Sessel heraus, buckelte sich um die Beine des Flügels, aalte um Jeannes +Schuhe herum und sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es +schnurrend und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen +mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen Schnäuzlein und +weißen Samtpantoffeln. + +„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte. + +Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von Baptist eingeschmiegt +und sang vor lauter Behaglichkeit. Es spielte mit den weißen Schuhen +seiner Pfötchen an den dunklen Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett +herum, schlug mit leise gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es +neckten, und es war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob +es noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem +eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels schnellte und +erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen Pfoten aufklangen. + +„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen gibt, wie das +Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren Willen auf, und wir glauben, +sie stehn unter unserm. Sie buckeln sich schnurrend mit schlanker +Zartheit über die Widerstände hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und +sind so leise darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und +spielerisch. Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“ + +Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu spielen. Dann +sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen gibt. Und wenn, dann +taugen sie eben nichts!“ + +„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“ + +Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie verliebt mit +dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich um ihren Nacken +schlang und eitel Graziosität war. + +Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und die Chansonette sans +paroles von neuem begonnen. + +„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören. + +„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, ob das Stück +oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in irgendein Nachsinnen +verloren hatte. + +„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich, +aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß auch oberflächliche +und sentimentale Gefühle, die in einem stecken und die dieses Lied so +leicht in sich aufnehmen!“ + +„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul. + +„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“ + +„Ich liege viel zu gut!“ + +„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“ + +Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper wohlgenährt, +weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb genierte er sich +ein bißchen vor seiner schlanken Schwester, die mit einer sehnigen, +großen und freien Linie leicht über das Griffbrett des Flügels geneigt +saß. + +„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal geärgert. +„Wir müßten leichtere Speisen bekommen und keinen Wein über Tisch +trinken. Schweinemast!“ + +Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit sich, mit einem +flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu nehmen und sich im Spielen in +den Hüften zu wiegen. Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner +gemästeten Körperlichkeit. + +Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes Haar trieb +kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und zart gerundete +Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das hinter ihrem Kopf stand, +quoll mit goldigem Leuchten in diese Löckchen, entzündete sie zu einem +lieblichen, dunkelblumigen Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt +schien. + +Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah er in dem großen +Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht voll und weich in den Wust +schwarzer Haare eingeschlossen. Er war unzufrieden damit und er legte +den Kopf so, daß er nicht mehr im Spiegel stand. + +Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen, mit sentimentalem +Aufruhr in ihm. + +Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei. + +Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch zu schaffen, auf +dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie er es mochte. Er öffnete +die Kisten. Das Kätzchen sprang unter dem Tisch hervor und schlang sich +schmeichelnd um die Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß +ungeduldig weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die Türe auf +und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun! Das ganze Haus voll +solcher Existenzen!“ + +Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon. + +„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und lächelte schalkhaft +für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht einmal nach ihr um. Er trat +wieder an die Zigarrenkisten heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt +von zweien und zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete +die beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf. + +Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn und verschwand +wieder durch die Türe. + +Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist: „Wie hat er +unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast du gesehen? Er hat +wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“ + +„Ach, Battist!“ + +Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige heftig, als +wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen Ausbruch ihres Gefühls +übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr die Worte versagten. + +„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte die +Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich bald in eine +Melodie auflösten. + +„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“ + +Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa wieder nach Katzen +stinkt! Scheußlich!“ + +„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb. Jetzt bist du +auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“ + +Baptist lächelte. + +Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst du heut abend +zur Schobermesse?“ + +„Ja!“ + +„Papa wird es dir verbieten!“ + +„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“ + +„Dann gehst du heimlich?“ + +„Natürlich!“ + +„Hast du das schon einmal getan?“ + +„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“ + +Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen, die wie glänzend +schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem schmalweichen Gesicht saßen +und trotz ihres entschiedenen Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen +Ausdruck an, unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie +schaute angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte +sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl in ihr +auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur den +Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche Pflanzen, +ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken, für Bienen, für Vögel, für +Schmetterlinge, ohne sichtbaren Zweck ... + +Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das mit so +prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte es Liebe. Es +machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren Bruder ganz mit ihm, +hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre Mutter nicht kennen gelernt +hatte, blühte auf in einer großen mütterlichen Güte. Sie war zwanzig +Jahre alt und wußte, was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an +einen Mann verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem +großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden sollte, +wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind erwartet, um alle +Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen und rühren zu lassen. + +Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder sprechen? +Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie sich wohl, und das war +ein Wunsch, den sie voll Leid und Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung +sie wie ein Wunder erwartete ... Sie hatte niemand Vertrautes in der +kleinen Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in dem +engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt. + +Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes am Klavier sah, +dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an die weiche Weiblichkeit +seiner großen Schwester flüchten zu können, als die Schwester von ihm +fern in den Pensionaten in Frankreich und England aufwuchs und er so +allein all die kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen +sah. Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde sie ihm +eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne daß man gebe. Man +werde sich nicht berühren, und die Luft um einen übermittele die +zartesten Regungen. Jeanne könne die enge Heimat Luxemburgs zu einer +großen Welt auseinanderdehnen ... Und nun war sie schon seit zwei Jahren +wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von Qualen und +Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten Wünschen und +törichten Sünden geblieben; und er hatte niemals auch nur mit einem +Wörtchen Jeanne dorthinunter gewiesen, wo das alles schmerzvoll und +unerlöst umherging. + +Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber aufsprießend, +trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander in sich herum, und +das war für beide so groß, schön und traurig, daß sie immer von neuem +scheuten, Licht hinter sich zu machen. + +Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen +entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen wäre. Aber die +letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch fest. Baptist blieb bei sich +allein und dachte sich nur in heißem Schwelgen die vielen edeln und +vollen Möglichkeiten und Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz +anderswohin zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die +einmal, sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen müßten. +Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins Jeannes erkannte, +das verband ihn unlösbar der Schwester. + +So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem Kummer und halb aus +schönem und edlem Bewußtsein gemischt. Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln +im Boden zärtlich die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder +für sich ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und richteten +sich doch jeder frei sich selber. + +Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das Gespräch dahin zu +wenden, worum ihre Gedanken den ganzen Abend sprangen. Sie fürchtete, +weil sie nicht wußte, in welcher Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau +saß, von der sie gerne gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis +nach Kritik ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt +und rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die etwas +fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“ + +„Wer?“ fragte Baptist. + +Da nahm ihr Mut einen Anlauf. + +„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“ + +Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete nichts. Die +Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht entfallen lassen. + +„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle auf der +Schobermesse!“ behauptete sie sich. + +„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der gerade +großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura noch nicht +gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn hinter sich zu legen +pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich überzeugt hast, den +ganzen Tag und die halbe Nacht in Sinus’ und Tangenten, Cäsar und +Xenophon, Racine und Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer +Kräfte. Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine +italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“ + +„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“ + +„Nein!“ + +„Wo gehst du denn hin, Battist?“ + +„Zu der mit den großen Händen.“ + +„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne, und die Wut stieß sie +davon. + +„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd. + +„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“ + +„Ach!“ + +„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden, kalten Blick +ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun fürchtete sie, ihm +wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher Angst: „Liebst du sie +denn, Battist?“ + +Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er gab seinen +Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war: „Ach nein, ich lieb sie +ja wohl nicht. Aber ... zum Henker, aber, aber, aber ... hundertmal +hintereinander: aber!“ + +„Ich versteh dich nicht.“ + +„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid zum Anfassen, +wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht. Ich weiß nicht. Ich +kann’s nicht sagen.“ + +Er stand auf und küßte seine Schwester. + +„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann ist mir, als sähe +ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still unter dem Boden der +Erscheinung. Der andere, der mit dem Leib, geht sichtbar oben. Aber ich +bin doch natürlich keiner, der das dann so genau sezieren und +kontrollieren kann. Sag’ doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es +muß doch nicht immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach +Hygiene und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon kommt +sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft in einem +verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines Leibes nicht mehr +hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“ + +Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte. Es war Chopin, bunt +und zerrissen, schwermütig und voll Glanz. Aber auf einmal klang es jäh +ab; mitten in der Harmonie blieben die Hände still, drückten sich noch +mit einem mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um: +„Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“ + +Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe. + +„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete Baptist. „Dagegen +bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach einer Weile ernster hinzu. + +Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das Haar. + +„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes. Alles andere +ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“ + +Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist zum +Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten und öffnete die +Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem Holz den Stempel Uppmann +trug. + +Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute. + +„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“, sagte er. „Wer +ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts: Das Kleid macht nicht +den Mönch! so überzeugt, wie er! Groschenzigarren sind Importen, wenn +sie mit irgendeiner Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen +und Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute nach dem +Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden, sind derselben +luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen sie dann: frommer Betrug +– und lächeln mild und pfiffig dazu.“ + +Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging die Türe auf. + +Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste hinein. + +„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an und klappte +unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke, du hast in vier Wochen +Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft im Nichtbestehen von Examen +aufstellen, daß alle Leute in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen: +‚Da ist der Vater! Faineant!‘“ + +„Papa!“ bat Jeanne. + +Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte in Baptist +den passiven Widerstand, mit dem er solche väterliche Anfälle an sich +vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht der beleidigenden Worte schien ihm +nun offensichtlich, und diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die +Erinnerungen an die ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins +Tragische gesteigert durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er +seiner Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen +Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte davon und +schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe hinter sich zu. + +Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt mehr Ketten als +rasende Hunde!“ + +Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der Schale der +väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen. + +„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper! Schau lieber, daß du +einen Mann bekommst!“ + +Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die Abgewiesenen, die +sich ihr zu nähern versucht hatten, und schlug mit vollen Händen und +beleidigter Empörtheit den ersten Akkord, der in die dunkel trächtige +Melodie einer Beethovenschen Sonate ausfloß. + + + + + Zweites Kapitel + + +Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag +neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das +Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen +Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als +Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete. + +Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen. + +„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein. +„Und das Examen mach ich doch niemals!“ + +Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen +auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang +auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den +Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu +sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal +auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der +Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei. + +Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah, +mußte er laut herauslachen. + +„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“ + +Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das +zerrissene Buch in den Ofen. + +„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert +dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach. + +Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn +doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis +nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei +schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die +der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß +alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der +absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem +Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen +eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken +aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und +grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur +Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff, +Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der +Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ... +verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen +und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden +mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es +in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen +waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern +vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte. + +Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten +zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während +Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“ + +Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines +vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über +die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der +Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche +nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer +Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück +fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit +geben könnte. + +Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr +Battist möchte zum Abendessen kommen!“ + +Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben, +und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt, +eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt +langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter +ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif +geplätteten Schürzenbänder flattern. + +Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer +Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete, +erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase +und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux +etwas beiseite schiebend. + +„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was +machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“ + +„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher +aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“ + +„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine +Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“ + +Jeanne zuckte mit den Schultern. + +„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt +auf. + +„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“ + +„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine +andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“ + +Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter +kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester +vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke, +der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder. + +Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte +mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter +sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den +geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo +kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht. +Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die +Zähne aufeinander. + +Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist +machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich +an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür +in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der +hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das +war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich +allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel +fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten +Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur +hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die +Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn. + +Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm, +das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem +Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche, +bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere +Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten +heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei +glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre +leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie +blieb auf einmal stehen. + +Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde +eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis, +als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem +Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er +vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den +Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah +sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf +herumgehen. + +Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es +knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb +verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden +mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel +nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß. + +Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so +hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu, +krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem +Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber +alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich +straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart, +scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte +wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen +war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen +Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure +Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der +Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt +mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter +Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität +herniederbückte. + +Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die +Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war +und gegen die er sich kaum mehr wehrte. + +Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über +die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten +fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er +eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit +schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt. +Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem +Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren +Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus- +und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf. + +Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er +diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten +Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis +und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein, +heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich +verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen +aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren +erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich +mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner +heimlichen, dumpfen Sünden. + +Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen +müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in +der Ferne bereitet fühlte. + +In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie +ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände +gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück +langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter +schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne, +kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend, +verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen. +Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit +kaltem Gleichmut überwachen. + +Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke +wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht +zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche +aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen +ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen. + +Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er +fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun +endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit +zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was +nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte. +Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich +Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie +liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend +geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem +Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie +uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und +die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine +Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen +abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen +weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah +doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen +wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig +niedergehen. + +„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr +Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der +Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist +doch kein Verlaß!“ + +Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die +Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“ + +Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – was fällt dir ein?“ + +„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und bestimmt. +„Das wird jetzt anders!“ + +Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor sich nieder in +den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: „Vater gehst du +heute zur Schobermesse?“ fragte er, obschon er wußte, daß mit der +wichtigen Regelmäßigkeit der Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in +kleinen Städten viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen +Haus die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm nicht. Statt +dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, sagen Sie der Köchin, daß +ich nachher mit ihr zu sprechen wünsche. Vorderhand ist der hier noch +Herr im Haus, und es dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“ + +Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, warf er +Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht zur Schobermesse!“ + +Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob ihren Teller etwas +von sich. Baptist dachte sich: immer lustig gefressen, das ist auch ein +Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall hatte ihn erheitert und aus der +heißgelaufenen Wirrsal seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch +eine Beschwörungsformel herausgehoben. + +Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald ein Ende +nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer verletzten Fürstin +den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für diese Bewegung und schloß +sich ihr an, als sie das Zimmer verließ. + +Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die Geschwister gingen +schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann sagte Baptist lächelnd: „Komm, +wir wollen lieber noch ein bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich +mich an den großen Händen freuen geh!“ + +Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein. + +Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du liebst sie nicht? +Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“ + +„Hm?“ + +„Nein, gelt nicht?“ + +„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht lieben soll?“ + +„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine Prinzessin oder so +...“ + +Baptist lachte. + +„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. Das ist ja +auch vielleicht meistens nicht mehr als wie das Gewöhnliche. Ich meine +eine, die durch ihre Schönheit und Klugheit eine Prinzessin unter den +Menschen ist.“ + +Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das liebe, kleine +Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr. + +„Ja, das mußt du!“ behauptete sie. + +Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische Licht an. +Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem Flügel. + +Jeanne schlug die ersten Takte an. + +„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ sagte Baptist, +während er den Geigenkasten öffnete. + +„Mozart!“ schlug Jeanne vor. + +„Nein, etwas Neues, gelt!“ + +Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall hörte, etwas +von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein prickelndes Quirlen +und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und nervösem Reiz festgehalten wurde. +Er begann auch gleich solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel +ein, Baptist schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar +Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann sofort mit +einem lostollenden Singen über das Spiel des Flügels, der den +leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen konnte, hinweghob und +davonführte. + +Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini aus Cremona. +Es war das einzige Erbstück der Familie. Der verstorbene Großvater hatte +sie in Paris als junger Bursch geschenkt bekommen – er sagte bis zu +seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau – +und er hatte sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre +adelige Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs +Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal sein Lehrer, +den der süße, singende Ton des Instrumentes schon lange bezaubert hatte. +„Unsere Ahnengallerie!“ nannten die Geschwister die Geige, weil der +Vater jeden Besucher an diesen einzigen hervorragenden Gegenstand +rassiger Herkunft, den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige +die den Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen, +fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst in dem +noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam und angstvoll verschlossen +gehalten wurde. + +Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend der Geist des +Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch fiedelte das erregende +Lied, daß es im Kasten der Geige heiß und menschlich verlangend stöhnte +und tollte, und der Großpapa schien dazu zu lächeln und Rosa von der +Schobermesse tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die +Geige ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen +braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche, +leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem bebenden Unterton der +Resonanz des Geigenleibes zu allen Dingen des Tages frech, wurschtig und +humorvoll brummeln hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem +Geigenstreichen, preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch +alle Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... Ah! +... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... und schloß im +Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, drückte die Finger +gefühlvoller auf die Saiten, führte den Bogen zärtlicher, als handelte +es sich darum, im Rausche einem treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen +mit einem empfindsamen Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen. + +Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein Netz, das +sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel von Akkorden über +die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die Violine sank einmal +aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu. + +„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, sprang am +Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern und setzte zur +Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die Treppen hinan. Er sah kaum +noch, wie sein Vater seine drei Gäste, die Herren Faber, Wampach und +Küborn, zur Türe des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße +Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte. + +„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und eine leise +Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden +Erwartungen des Abends verursacht, als durch das heftige Treppenlaufen. + +Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute die Türe an, die +sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. Bald weinte sie. Er war +ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten und ging nun zu dem Kirmesweib, +die seiner unwürdig war und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs +der verwilderte Garten in ihr auf. + +Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen hatte, mit +fliegenden und in der Erregung ungeschickten Fingern Kragen und +Krawatte. Sein Gesicht glühte, und das kalte Wasser hatte nur einen +Augenblick wohlgetan. Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle +des Septembertags ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung von +Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie kam aus der starren +Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam herein. + +Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf hatte, noch ein +kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung den Kopf zum Fenster hinaus +in ihre wehmütige Herbheit. + +Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe hinab, die im +Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß mit Speicher verband. Er +nahm jedesmal drei oder vier Stufen, und prallte unten auf Anna, die +gerade aus der Küche gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte +er seine Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der andern +am Geländer hielt. + +Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand liegen. Er +spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen der Schulter. Er +sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund halten, daß ich weg bin!“ + +Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, die sich +nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine Hand niedergleiten +ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit warmen Augen an ihm hinauf. Aber +er hatte sich schon abgewandt und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe +hinab und zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun +verlassen die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer +stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, damit +seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war es, als hätten sie +eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken des Zusammenseins in dem +einsamen, schmalen Flur davongetragen. + + + + + Drittes Kapitel + + +Die Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die Stadtverwaltung +so wenig Gewissen und Geschmack besaß, daß sie sich bereit fand, an +Private sozusagen ohne Entgelt und nur aus Liebenswürdigkeit und +Vetternschaft die schönsten Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die +Villa hatte sich in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus +den Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte von dem +gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg in das Baum- und +Buschwerk des Parkes und schlängelte sich heimlich und verlassen dahin. +Alle fünfzig Schritte leuchtete eine altmodische Gaslaterne mit einer +offenen flackernden Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal +umfaßte ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese des +ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten vergeblich drum +warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger zu sein. Es lag jeden Abend +verlassen und wie lauschend im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten +Straßen breit durch den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die +verschwiegenen Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter an +ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel mit der +Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt eines Stadtwalles im Bogen um +das alte Luxemburg, wo es mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als +die Stadt sich ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu +nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der Villa Biver lag +auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld. + +Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei oder viermal +streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten der Finsternis +schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging, waren von Erinnerungen +trächtig. Baptist eilte heute an ihnen vorbei und wischte sie mit einer +Handbewegung weg, wenn sie sich nähern wollten. In der lautlos +gereinigten Nacht scholl das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem +Schobermeßplatz und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es +dämpfte sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die +durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt auf seinen +fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als sehe er das +nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher Versprechen gewesen +war, durch ein umgekehrtes Opernglas, ganz sein und kühl geschärft in +allen Umrissen, aber weit, unerreichbar weit entfernt. + +Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran. Er war feucht und +kühl und trug wieder den herben Duft von Vergehen und Tod. Der Park lief +mit seiner ganzen Breite auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal +schroff in die Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von +runden starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund auf. +Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts öffnete sich +das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an schonen Tagen die +Schenkel seiner einfassenden Hügel weit auseinander dehnte und weich, +lieblich und lau wurde. Aus diesem Tale kam der Nebel herauf. + +Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe! Diese +verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem bescheidenen +Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd, mit ihrer kleinen, +etwas trockenen und spröden Traurigkeit. + +Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon über der +Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke kehrte, der von den +Lichtern der Karussels und Buden der Schobermesse gerötete Himmel wie +eine schwarzrot illuminierte Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte +wieder einmal diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend +Alltagen seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen, +handlungslosen Erlebnisse. + +Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er ging wie kühle +Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist wußte, weil er es so oft erlebt +hatte, daß der Nebel dem Tal entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß +er sich bleich opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam +wanderte, traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück, das sich +in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der Heimat mit Bewegungen +vollzieht, die nicht nach außen dringen dürfen. + +Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter der nur +mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor der Tiefe lag. Da +sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen, der in der +Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr, sonst aber schon am letzten Haus +der Neutorstraße seinen Weg beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas +alt daherpolterte, auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte +mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur Seite und +sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er war der einzige +Fahrgast. + +„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte ihn der +grauhaarige Kondukteur. + +„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“ antwortete Baptist. + +„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd eins über. Bald +trillerte er noch einmal grell und energisch mit seiner Holzpfeife. Die +Schienen liefen in den Sand des Bodens hinein. Der Lärm von hundert +Orgeln klopfte sich durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren +des Trambahnwagens einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke +funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen wogten wie +flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon. Der Lärm der Musik schrie +harthörig und dickköpfig gegen einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen +Orgel. Aus den Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind +erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie einen +Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den Budenreihen in den +Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über dem Feld schwebte schon der +Nebel und rötete sich blaß und weit hinauf an der Glut der Lichter. + +Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens hinein. Er ging an +dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden _Abondance des douceurs de +Nancy_, an rasselnden Karussells mit Schiffen, Autos und hin und her +zappelnden Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer +waren, an dem _Alcassar de Paris_, aus dem die krähende Stimme einer +französischen Soubrette wie eingewickelt in einen Dunstschwaden schalen +Biergestankes kam; er ging schnell dahin, geradeaus auf die große +Holzbaracke von Hiltchen zu, in der die italienische Kapelle spielte. + +Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit Tüchern, Fahnen +und Tannengirlanden verhängten Lokals die Gruppe der Musikanten in +bunten Kleidern aufrecht stehen, spielen und fingen, und Rosa stand vor +ihnen und schüttelte das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt +und leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug das +Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah gleich ihre +schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen ergriff ihn. „Eine Magd!“ +sagte er sich und wollte davoneilen. + +Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei Menschen auf und +winkten ihm eifrig zu. + +Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten und setzte +sich neben sie. Er war jeden Abend mit diesen beiden zusammen. Er hielt +sie neben sich, wie Angestellte, wenn er nicht gern allein sein mochte, +und bezahlte immer, was sie tranken. + +Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend mitten im +Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht. + +„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ stieß ihn Adolf +an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße. + +„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann Adolf wieder. + +„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich. + +„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich und +rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete er im vorneherein +schon etwas übertrieben Genießerisches, was Baptist nachher widerfahren +sollte. Aber der Fluch und das Augenrollen waren falsch, wie ein +geschliffener Glasdiamant am Finger eines sonntäglich geputzten +Bierknechtes. Adolf drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie +aufgeklebt im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe +zurück, indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug. + +Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, während Adolf schon +seit zwei Jahren in der „Regierung“ schrieb, saß in ruhigem, kostendem +Behagen da, lächelte mit seinen rot umränderten Augen, trank und +schwieg. + +Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt und gezupft. +Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister und Manager, der +aussah wie ein cholerischer deutscher Bierwirt, kam zu Baptist heran und +gab ihm die Hand. „Wie gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’ +einen Durst so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla, +Garçon so einen großen Münchener!“ + +„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft einen +aufführen lassen! Ändri, für alle!“ + +Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und ging davon. „Na +ja!“ bestätigte der dicke Italiener. + +„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und tippte den Dicken +auf den Ranzen. Der blonde Realschüler grub lächelnd seine roten Augen +in den Bierkrug. Der Dicke lachte und schmatzte zwischen den schwarzen +Haaren seines Bartes heraus: „Makkaroni!“ + +„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich wehrenden +Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä Italiano? Daher die +dicke Trommel, bum, bum!“ und er tat, als schlüge er ihn auf den Bauch. +„Makkaroni! – Erstick dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der +Italiener lachte, daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine +kleinen gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen den +Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen kleine glitzernde +Küglein. + +Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden Realschüler, +der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie verbindlich anlächelte +und nichts gab. Sie zog das Tamburin schnell zurück und errötete. Dann +schaute sie zu Baptist hin, lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen +Gesicht und winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „_Bona Sera, +Signor!_“ Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache. + +Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. Sie wunderte +sich etwas darüber und begriff seine Bewegung nicht gleich. Aber ihre +leise und unaufdringliche Art hatte Baptist versöhnt. Er unterschlug +sich ihre Hände und sah nur das ruhige Gesicht, das zu einem sanften +Oval gebildet und lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen +zarten, blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug. + +Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin nickte +wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und sagte ein leises: +„_Grazie!_“ + +Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie immer an. Es war +ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er wieder einen Weg zu ihr +gefunden hatte. Der dicke Italiener spaßte weiter mit Adolf. Der +Realschüler hockte sozusagen nur nebenan, wie ein Kinderfräulein bei +einem Ausflug am Tisch ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch +lächelnde Mienen. + +Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, sagte ihm +Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, die Ihr immer +spielt. Lieber: ‚_Vieni sol mare!_‘“ + +„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten das Lied. So oft +der Refrain kam, standen sie alle auf und sangen zur Begleitung der +Geigen und Mandolinen: ‚_Vieni sol mare ...!_‘ + +Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines andern, +bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, weichen Weise. +Das Meer ebbte dunkelblau und sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum. +Die Ferne stand auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller +Wanderwinkel, nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, und +ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst zu haben +schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu. + +Ob sie ihn liebte! + +Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn lieben? Weil er +immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat noch kein Wort mit ihr +gesprochen. Weshalb sollte sie ihn lieben? Vielleicht war einer der +Musikanten ihr Schatz? Was war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja +nur mitten im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit +seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter ihr +ausbreitete. + +_Vieni sol mare ..._ + +Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen Süße jenes +Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor vierzehn Tagen war sie +gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, hat jeden Tag hier gesessen und +mit Blicken um sie geworben. Morgen wird es das letztemal sein. Und dann +sieht er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die Poesie +des Vorüberziehens, fern und keusch! + +Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog auf in Baptist wie +die blanken Scharen weißer Wanderwolken an ersten Sommertagen. Seine +Phantasie wanderte und schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er +brauchte nur hineinzuschreiten. Er war reich und besaß Macht wie ein +Fürst. Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum Himmel +steigende Schwalbe. + +„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner getrunken!“ Er +winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit dir!“ + +Der Kellner kam ergeben herangestürzt. + +„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche _Moët dry_! oder lieber +gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte er den beiden andern, und +die wackelten auf ihren Stühlen und lachten und lächelten. Adolf schlug +sich wieder mit der Hand auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da +heraus. „Batti, Batti!“ lachte er. + +„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum Kaiserreich wird!“ + +Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, Ändri!“ sagte +Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft auf dem Podium und setzen +Sie ebensoviel Gläser auf ein Tablett und dann bringen Sie auch zwei +Flaschen dahin!“ + + * * * * * + +Über die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, der von dem +trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen Fichtenholzes erfüllt war. +Die Bürger rückten heimwärts. Aber auf ihre Stühle setzten sich die +Junggesellen der Stadt. + +Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine Kaste. +Es war eine Kaste, die sich einigermaßen außerhalb von Sitte und Gesetz +gestellt hatte, aus eigener Macht und mit der notwendigen +Rücksichtslosigkeit, denn sie bildeten einen zahlreichen und vielleicht +den wichtigsten Stand in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine +Hauptsache vor allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer +Maitressen. Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend +anerkennen, bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches +Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie von diesen Damen +witzige Streiche erfand und verbreitete und ihnen Spottnamen anhing, wie +z. B. das Petrolkännchen oder das Gaslaternchen, der Kaffeesack ... +Namen, unter denen sich für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten +verbargen. + +Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, alte und +grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. Um jedes Paar +schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner herum, denen das Privileg +der Junggesellen nicht zugebilligt worden war, und machten den Damen +eindringlich den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem +man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen war, und die +Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem Holzdach hinauf +und polterte durch das ganze Lokal. + +Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der plump, knorrig +und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, der an einem Hügel +wächst. Er ging langsam zwischen den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas +kegelig gespitzt auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige, +flachgedrückte Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel +schmutzigblonder Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen +Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, und man +sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch. + +Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte ihm aber bald die +Praxis genommen und ihm auch zeitweilig die Freiheit entzogen. Das war +wohl schon lange her und so gut wie vergessen. Aber er war dann in die +Welt gewandert, hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat +gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem jungen und +unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch und heilte die +Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt und Würden zu gehen, von +ihren heimlichen Krankheiten. Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus +einer angesehenen Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte. + +Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und Raufer geworden +war, ging an den Tischen der Junggesellen vorbei und hob rümpfend die +Nase hoch, als röche es nicht gut in dieser Gesellschaft. Seine großen +gefleckten Giraffenaugen schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach +ins Gesicht, und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der +Junggesellen, während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur mit +einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene an diesem +erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die Junggesellen leerten +scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. Sie lachten und sagten laut +unter sich Scherze über den Herrn Heng. + +Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den ganzen Körper +und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf die Tische der Junggesellen +mit allen Damen vor Lachen in ein verrücktes Durcheinanderschaukeln +fielen. Herr Heng drehte sich aber nicht mehr um, sondern ging mit +seinem krummen Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die +Gesellschaft Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los, +ließ seine großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists +Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing +loszulachen, an den Nebentisch. + +Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem aus er das Lokal +überwachte. Er stand ernst und würdig in seinem zweigezackten schweren +grauen Bart zwischen den Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen +fest, wie ein General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu +konzentrieren sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, den +Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich bereit, auf das +erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn Heng loszustürzen. Die +Italiener strichen, zupften, rasselten und sangen vom _Bello Napoli_, +von dem _Sole mio_, von _Amare e morire, danzare e baciare_, vom _Mare_, +von der _Santa Lucia_ und der _Bella Annita_, von den _Funiculi_ ... Es +war Leben in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten +ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen dazu wie Frösche, +die im Gras auf dem Rücken liegen und mit Fliegen spielen, die sie +kitzeln wollen. + +Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein Äffchen, hüpfte +vom Podium herunter und stieß mit ihrem Glas mit Baptist an. Mit ihm +allein. Ihre kleinen schwarzen Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm +wie ein heißer Tropfen ins Herz fiel. + +„_Evviva Margherita, la bella Margherita!_“ sagte Baptist leise und +erhitzt. + +Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte wie unbewegt +und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen sein Glas, so daß ein +wenig von ihrem Champagner auf seine Knie geschüttet wurde. Da stellte +sie ihr Glas ab, nahm erregt das Taschentuch, um die Weinflecken +abzuwischen. Ihr Gesicht bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah +dieses sanfte, gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden +Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er zog es heran +und küßte leicht die Wange. + +Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener lachten und +tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach dem andern. + +Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn Heng. Er klapperte +mit seinem Bierkrug auf den Tisch und rief: „_Nom de Dieu_, _Goddam_!“ +Er zog mit einer weiten Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den +Bizeps und ließ den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die +Luft. Das war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat +seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, und +lachten sich an über ihn. Dann klatschte der Dicke die beiden Mädchen +wieder herbei. + +„Gelt, Häuptling, noch einmal: _Vieni sol mare!_“ rief Baptist und der +Italiener winkte: ja! + +Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz ging drunter auf, +wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den gewärmten Aprilschauern. Er +stand jetzt mitten im Lied und war selber drin tätig. Er erlebte selber +die süßen Traurigkeiten, von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie +ihm schien, ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang +aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister die +Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell beiseite und spielte nun +selber die führende Violine; und so oft bei dem Refrain das _Vieni sol +mare_ der Stimmen gegen das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und +es zu ertränken begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen. +Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern der Vögel +über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern. + +Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. „Das ist der junge +Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen zu ihren Maitressen, waren +anfangs etwas betroffen und deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann +doch für ihn eingenommen. Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die +gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem Aufglühen +an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der polternden Art ihrer +Freunde und dachten sich schon gerührt aus: Welche von uns wird er +nehmen, wenn er sein Examen gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte +Baptist ein scharfes Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es +störte ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich kaum +noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt zu dem Lied. Er +hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. Auf einmal brüllte er +los und setzte mit seinen langen Armen fuchtelnd auf das Podium zu. +Gerade war das Lied aus. Der dicke Italiener klatschte in die Hände und +auf den Tischen in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um +Baptist zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase +heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, stand Heng +unvermittelt und feindselig vor ihm. Die fleckigen großen Giraffenaugen +unter der dreieckigen Stirn waren weit aufgerissen und das pockennarbige +Gesicht schien losbrüllen zu wollen. + +„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um zu seinem Tisch +und zum Champagnerglas zu gelangen. Er wollte mit dem Mädchen anstoßen, +das auf ihn zukam. + +„_Nom de Dieu_, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ gröhlte Herr +Heng. + +Baptist setzte sich zur Wehr. + +„_Goddam_, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ schrie Heng. +„Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten Millionen seines Vaters +stänken nicht mehr an ihm!“ + +Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er emporgeschleudert +würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen auf den Feind hernieder. Es +entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, ein krachendes Sichvermengen +von Körpern, Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe +wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, Funken +sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft der Muskeln +einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie von Blei. Um ihn wurde es +schwarz von stürzenden Menschen und er spürte seine Lippen als etwas +brennend Nasses. + +Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der Hand über den +Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. Als er seine Hand zurückzog, +war sie voll Blut. Er beugte sich vor und das Blut tröpfelte langsam auf +den Boden. Da stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe +hinaus hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher mit +dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte ihr Taschentuch immer +in ein Glas mit Wasser und näßte und spülte ihm die Lippe, während sie +sanfte Worte dazu sagte. Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer +faßte ihm an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe +drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den Lippen auf +die Zähne. + +„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu einem Kind. + +Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er dankte dem Mädchen +und stillte mit seinem eigenen Taschentuch das Blut weiter. + +Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn her. „Der Hund!“ +sagte Baptist mit einem Schluchzen. + +„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend im +Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist vors Gesicht gehalten. +Der Kognak duftete ihm stark zu und er goß ihn hastig in den Mund. Es +brannte auf in der Wunde. + +„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ erzählte einer +in der kleinen Türe, in der sich das Licht des Lokals grell funkelnd +zurückzuhalten schien. + +Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu. + +„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine Bewegung entstand in +den dunklen Gestalten. Jemand ergriff Baptists Arm. Sie drangen in das +finstere Gewirr eines Schuppens. + +Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid Ihr? Sie ist +wieder weg!“ Da kamen sie heraus. + +Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ sagte +Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund und trat mitten +zwischen den dunklen Gestalten wieder in das Lokal hinein. + +Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die Damen und ebenso +Adolf und der blonde Realschüler, alle waren fort. Nur der Wirt schritt +drunten mit seinem langen zweizackigen grauen Bart ernst und streng +zwischen den Tischen herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege +stehen. Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. Es +waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, breitschulterige +Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln der heimlichen +Cafees immer zusammen sah. Sie trugen über niedrig umgeschlagenen bunten +Kragen, wie die „Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau, +in denen sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten. +Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter den Kleidern +kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie waren in der brutalen +Eisenerzgegend des Landes daheim und Baptist nicht sonderlich vertraut, +weil sie, wie sie körperlich aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken +Branntwein und machten den Soldaten die Dienstmägde der engen, +heimlichen Gassen des Heiligengeistviertels streitig. + +„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte der eine und +machte eine Faust. Und alle drei boten sich, ehrliche Athleten, Baptist +vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der Bädergasse im Cafee Heinck! Da +gehen wir hin!“ rief einer kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so +ein feiges, hinterlistiges Schwein!“ + +Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“ + +„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen und sich in +den Streit mischten.“ + +„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist gleich und ging +nach dem unteren Teil des Lokales zu. + +Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag des +Büfetts und in die angebaute Kammer hinein. + +„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand kam heraus. +Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb in derselben abgemessenen +Entfernung stehen, wie vorhin. Da verstand Baptist. + +„Wieviel?“ fragte er. + +Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung stand. Baptist +bezahlte. + +Dann gingen die vier hinaus. + +Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. Nur vor ein paar +zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten noch dürftige schwälende +Petrollampen. Die vier jungen Menschen eilten im Sturmschritt durch die +breite reglose Straße zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden +der Schaubuden und Karussells davon. „_Gare_, wenn wir ihn kriegen!“ +drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an Rosa. Er +sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die Italiener sind doch +feine Kerle.“ + +Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, und er +malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten und Heng an die +Kehle fuhren. Da war gewiß der mit dem vorstehenden Wust von +gekräuselten Haaren, der Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein +feiner Kerl! + +„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist ein famoser +Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden. + +Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die lange Parkstraße +hinab, und die Schienen der Trambahn liefen heimlich neben ihnen und +gleißten nur dann und wann auf, wenn ein Laternenschein sie berührte. + +Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt lag die Nacht mit +reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es war einsam. Auch als ihre +Schritte in der Neutorstraße an den Häusern hallend klangen, hatten sie +noch keinen Menschen getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes +kuschte sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte: +„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war ein +Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte weiter bis +in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser Nachtwind strich in den +Straßen und ließ die Laternenscheiben einsam erzittern. Er war frisch, +dieser Wind, als hätte er noch keine Menschenluft durchzogen. Frisch und +traurig war er, voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist. +Dieser Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn +oft um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach +verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt der Reue +überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam wie ein Menschenkind +nach der Sünde. Wie ein Vorwurf von mütterlich sanftem, aber unendlich +entschiedenem Ernst trug er den Klang der Schritte des jungen +Arbeitstages, der über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden. + +Es war drei Uhr. + +Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die Takte +seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in der Judengasse eine +einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie an und wandte sich an die +Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs +von Wirt sie hinausgeschmissen hat, weil sie mir halfen, dann muß doch +...“ + +Die drei waren gerne einverstanden. + +Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener wohnen +könnten. + +„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen Hotels am +Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel de Paris?“ + +„Nun denn, fahren wir mal hin!“ + +Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr los. Sie +jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, die +Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke und hielt nach +einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. Es war noch Licht im +Wirtszimmer. An einem Tische saßen Türken, die auf der Messe herumzogen +und Teppiche, arabische Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken +verkauften. Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die +Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein Kranz von +Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge warteten. Baptist rief als +er eintrat: „Ich gebe eine Runde Kognak für die ganze Stube!“ + +„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der Arbeiter, und +alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß. + +Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt und fragte: +„Wohnen keine Italiener hier?“ + +„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das ganze Haus voll von +dem Flohpack liegen. Jetzt mit der Schobermesse, wissen Sie, da wird man +die Bagage nicht mehr los!“ + +„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“ + +„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, ich ruf den +Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. Dann können Sie +selber schauen ... Alfons!“ rief er in die Hintertüre. „Alfons!“ + +Ein stämmiger Bursche erschien. + +„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“ + +Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. Der Knecht +hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem Reflektor aus einem Nagel +und leuchtete damit in ein Zimmer. Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie +lagen in ihren Kleidern auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen +Haaren, Männer, Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer, +Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann wälzte sich +schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf. + +„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht. + +Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern Stuben aus; die +Musikantengesellschaft war nicht unter den Schlafenden. + +Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte gerade ein +Mann aus der Runde am Schenktisch: „... Ja und dann in Antwerpen nehm +ich das Schiff der Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da +schaut, wenn ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts +über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben doch etwas +anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen Apfel und eine +Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der Teufel, ihr dummen Kerle, +kommt mit! hat ja keinen Zweck!“ + +Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte sogar Lust!“ + +Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann wieder zu +schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene man in einer Stunde +so viel wie hier an einem Tag! + +Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von Baptist. + +„Nein, aber ...“ + +Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn, wenn du’s nicht +selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht mitgegangen.“ + +Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war traurig, aber er +war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich? Wozu suchte er die +Italiener? Er war müde an Gliedern und Gedanken und sehnte sich nach +seinem Bett, nach dem wohllebigen Luxus seiner schönen Zimmer in der +Villa am Park. + +„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden. + +„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht einmal hell +draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“ + +Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“ + +Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze Flasche Kognak +da?“ + +„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“ + +„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab den dreien die +Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht, also! Gute Nacht, die Herren!“ +verabschiedete er sich. + +Und er ging hinaus. + +Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die den ersten +Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte Glacis, das zwischen dem +Bahnhof und der neuen Brücke lag. Als sie über die Brücke fuhr, die mit +einem Bogen das Petrustal schlank überspannte, lag über den Dächern der +Stadt, zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein +ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der Niklauskirche +stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf. + +„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist und seufzte. +„Weshalb, wozu?“ + +Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse Taschentuch an die +kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein trauriges Mal. + +„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“ + +Er stieß mit dem Fuß auf. + +„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn. Ich werde +morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn. Hol’s der Teufel!“ + +Aber er dachte an seine Schwester Jeanne. + +„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit bewußt bin, +es zu können.“ + +So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung gefunden und +auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie ein großer zauberhafter +Vogel stand nur immer über allem, was er dachte und tat, der fromme +Glauben, daß die Erfüllung dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes +Märchen, wie ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll +weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf ihn +niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand oder den Fuß +drum rührte. + +Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf den Socken die +Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich. Als er ins Bett sank, war +ihm eine ganze Weile, als läge er in einem wundersamen Bade. Dann +gaukelten die verschwiegenen Wünsche wieder empor, aber während er mit +offenen Augen und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das +Licht draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf einmal +das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in seiner Erinnerung klar +auf. Einer seiner Kameraden wollte mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! – +War das Kraft und Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und +sich hingebend: „Könnt ich das auch!“ + + + + + Viertes Kapitel + + +Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte: +„Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“ + +Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen +Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer +gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben +Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im +Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die +zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und +stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort +waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter +Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch +zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes +Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder +hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen +Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen: + + „Die Kanner lossen hire Kaffi stohn + Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn, + Den Hämmel no! ze! gon!“ + +Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig. + +Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel +wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen +Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem +Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und +rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie +wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere +Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein +nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst +du, was hast du! + +Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im +Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster +weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die +Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch +einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an +jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf +der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom +Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur +der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der +Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an +den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine +Weise abschloß. + +Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem +Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“ + +Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der +andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch, +dreimal-hoch-hoch-hoch!“ + +Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist +seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die +nächste Villa zu. + +Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll +stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er +ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht +bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn. +Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das +Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte. + +Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich +aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen +Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt +sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und +herzlicher, als seine Gewohnheit war. + +Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater: +„Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor +zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns +nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen +sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die +Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“ + +Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark +verdienen.“ + +Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen. +Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt +noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“ + +Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das +Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt +aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig +und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch +gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder. + +„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“ + +„Leider!“ antwortete Baptist. + +„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von +Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu +Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der +Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen +Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band +verliehen.“ + +„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher +Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie +ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“ + +„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“ + +„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist +klein!“ entgegnete Baptist bitter. + +„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver. + +Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber +nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal, +Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen +haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht +man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt +man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_ +Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so +einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In +unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück +Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des +Geschicks ein wenig entgegenkämen?“ + +Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“ + +„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen Hauptfaktor des +gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den Herrn Hamilius. Herr Hamilius +gibt dir die vier Wochen, die es bis zum Examen noch sind, Unterricht. +Einem bellenden Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein +bewährtes Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen +Vertreter, den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. Ich hab’ +gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. Der hat mich gerade +auf Hamilius gebracht, den er aus der Erfahrung seiner Studenten kennt. +Was meinst du, ich nehm den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg +mich mal zu dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein, +wenn der Streich nicht gelingt.“ + +Er schaute Baptist lächelnd und fragend an. + +Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“ + +Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der +unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick +mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das +Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher +Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm +mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn +bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr +die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an +seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der +wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um +seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede +Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht +vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein +Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan +war. + +Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last +befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete +die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche +schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“ +meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag. +Das geht dann wohl nicht.“ + +„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“ + +Dann entfernte sich sein Vater. + +Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen +wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann +schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie +etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den +er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte. + +Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte. + +Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen. + +„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist. + +„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch +herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr +Baptist?“ + +Baptist erschrak. + +„Was wissen Sie denn, wie es war?“ + +„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“ + +„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“ + +„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“ + +„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung, +und das Gespräch des Mädchens reizte ihn. + +Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch +unzufriedenen Gesicht das Zimmer. + +Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein +an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch +gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich +unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht +ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben: +die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus +dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die +Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich +grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat +Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern +Vorstellungen wurde. + +So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur +Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte. + + * * * * * + +Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den +Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke +von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der +sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an +den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich +abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente +ihn. + +„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist. + +„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche +mit wichtigtuender Aufgeblasenheit. + +„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer +und ging wieder. + +Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch +eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den +dicken Italiener vor sich. + +„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie +grade bei Hiltchen.“ + +Der Italiener drückte ihm lässig die Hand. + +„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“ +fügte er nach einer Pause hinzu. + +„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie +entschädige.“ + +Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu. + +„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“ +fuhr Baptist fort. + +Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte +nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit +lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige, +zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit +gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers +ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die +paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten, +und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn +heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe, +riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte +immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh, +oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid +ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten, +drohten und schimpften um ihn herum. + +Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur +Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die +Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht, +worum es sich handelte. + +„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke. + +„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen +Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch +die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am +Bahnhof kommen?“ + +„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die +Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja! + +In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und +drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich +Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An +der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem +Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor +Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war, +einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den +Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne +verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den +Park hinein. + + * * * * * + +Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im +Garten zwischen den Rosen. + +„A, Jeanne!“ grüßte er. + +„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an, +„Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was +fangen wir an?“ + +„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon +belegt. Ich muß bald weg!“ + +„Darf man fragen – wohin?“ + +„Nein, das darf man nicht!“ + +„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten +Rosenstock. + +„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist. + +„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein +muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“ + +„Ja, ja!“ lachte Baptist. + +Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet, +daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus +mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann +schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins +Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den +Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf +die Italiener zu warten. + +Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen +Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie +in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies +der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber +den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen +Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen, +die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist +hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die +Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die +Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein +leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen +sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer +Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines +Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für +die Italiener. + +Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine +Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja +nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der +Schale liegt. + +Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und +es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher +heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem +etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen +zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten +der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte, +miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum +Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich +unsicher und wie verraten vor. + +Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr +beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa, +Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig +getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit +immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und +Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der +Unterhaltungen. + +Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben +galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner +Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus. + +Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein. +Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit. +Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der +Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken. + +Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr +sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache +kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er +fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes, +das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander +entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese +Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht +mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das +weinvolle Blut der beiden noch stärker. + +Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein +paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das +war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber +Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse +Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine +Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster +geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt +mit mir allein sein?“ + +Sie antwortete: „_Io sono come in una stufa!_“ + +Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...? +wie in was?“ + +„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer +herum. + +Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita +auf einmal herüber: „In Ofen!“ + +Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte +sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen +Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm +grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die +Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte. + +Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn +wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den +gebogenen Arm. + +„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der +Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und +brachten die Instrumente heran. + +„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und +Baptist winkte mit einem Lachen zu. + +Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in +einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und +spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder +war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst +von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders +unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist +mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen +Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll +mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen. + +Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken +Baptist seine Geige hin. + +Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel +hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon, +wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne +steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels. + +Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten, +drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr +dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn +und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“ + +Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da +schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an. +Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken +bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke +Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und +zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf +mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“ + +Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita. + +„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in +die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine +Henne dagegen!“ + +Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen. + +„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der +Zunge. + +„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht. + +„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen +die erste Violine zu spielen!“ + +Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an. + +Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es, +als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß +sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz +fest und zog ihn wonnig davon. + +Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist. + +Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des +Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und +Lust, und er – thronend über den Dingen! + +Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte +ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er. + +Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob +Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete +er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“ + +Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das werde ich schon!“ + +Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern +und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners +ernst seien. + +„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er +damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt. + +Der Italiener winkte zufriedengestellt. + +„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist. + +„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr +eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen +Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“ + +„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande +kommen.“ + +Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie +begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und +fröhlich. + +„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort +in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir +auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann +morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“ + +Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht +werden!“ + +Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern +sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an +einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den +Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen +verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof +bringe. + +„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“ + +Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich +dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein. + +Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die +flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues +Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen +stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder. + +Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit +sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich +weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt +Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige +niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und +werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe, +muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze +Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ... +ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen, +wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist +im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran +nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu +Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel! + +Jeanne! + +Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen. + +‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester. +‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘ + +‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen +gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch +schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin +steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß +ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘ + + * * * * * + +Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen +hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter +sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und +nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz. + +Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es +lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In +einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er +zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war. + +Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach +dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam +etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die +Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines +Vaters war, die er in den Händen hielt. + +Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache +geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen +Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich +zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie +ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser +heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das +seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und +schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen. + +Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt +verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen, +rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen +ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses +Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich +zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem +Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter +einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die +kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit +Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während +er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen +mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren +Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre +Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine +Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und +brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit +mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige, +kleinmütige mit drei oder vier Nullen. + +Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er +hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen +man Fell und Haut abgezogen hat. + +Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem +Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und +bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht, +kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß. + +‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den +Muskeln!‘ + +Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die +eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam +mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er +dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung +hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu +den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb +dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun +in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit +zärtlichem Mitleid an ihn. + +Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die +Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu +beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also +waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den +Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch +kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall +von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als +Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl: + +1 Million 825560 Franken. + +Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er schon +durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein kleines, in +Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, sah er, daß es ein +Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten Seiten mit den von +der Zeit gebräunten Rändern waren unberührt. Nur auf der ersten stand: +‚Sparkassenbuch, gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt +zehntausend Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten +am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben Kindern Baptist +und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion 10000 Mark, die sie zu +gleichen Teilen und zu beliebiger eigener Verfügung bekommen, wenn +Jeanne großjährig ist‘. + +Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift an, als sei es +nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; daß das so nahe vor ihm +zu lesen stand. Er las ein paarmal die Wörter und stockte beim Lesen. +Dann schaute er auf, irgendwohin und dann schlug er mit dem Kopf nieder +und weinte. + +Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht hatte, und daß +er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig erscheinenden +Verständnislosigkeit des Vaters für die anders gerichteten Absichten und +Wünsche seiner Kinder nie die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß +er ungerecht und verstockt an einer anders gearteten Seele +vorbeigegangen war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch +er selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser doch +niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes nur das geringste +ändern konnte, und er kam sich geschützt und stark vor in seinen jungen +Absichten, wie in einer stählernen Rüstung. + +Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte sie in den +Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte er in seine +Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, wo er sie +gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer. + +Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er nicht aus dem +Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude an seinem Unternehmen schlug +reiner und freier auf. Er ging erregt auf und ab in dem Raum und +versuchte sich kühl zu berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark +durchkommen könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ... +Sparsamkeit ... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber darüber kam er +nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden Tat schlug jauchzend über +ihm zusammen. + +Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen Schränken, was er +mitnehmen sollte, und legte es zusammen. + +Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während dieser Arbeit +und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte einen Bogen Papier +zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen umbrausten ihn, wie +Orgelrauschen, das zwischen Kirchensäulen verschallt, und von dem +ganzen, prachtvollen, wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier: + +„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, ich würde dich +am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön und frei. Ach, ich kann +nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. Ich liebe dich. Baptist.“ + +Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. Ich hab ja +keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht ja auch alles drin! +entschuldigte er sich, während er den Zettel in ein Kuvert steckte. + +Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter in den Kleidern +und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die besten und die +praktischsten Sachen. + + * * * * * + +Schon lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und sich aufs +Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel auf der Niklauskirche +hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, so war es Baptist, als hörte er +ein Geräusch im Garten. Er bückte sich über die Brüstung. + +„_Signor!_“ rief unten eine flüsternde Stimme, „_Signor Battisto!_“ + +Baptist flüsterte zurück: „_Ssst Italiani?_“ + +„_Si bene!_“ kam es leise von unten herauf. + +Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom Trockenboden +geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die Italiener arbeiteten huschend +katzenleis. Die Dunkelheit der Nacht deckte sie zu. + +Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“ + +„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es +stumm. + +Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er +zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses +hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem +Park und Baptist eilte ihr entgegen. + +„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte. + +Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom +Bock über die Laterne. + +„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile. + +Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran. +„Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt, +leise!“ sagte Baptist flüsternd. + +„Gewiß Herr Biver!“ + +Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff +leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt, +ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts +mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“ + +„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem +Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann +lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener +ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise +Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch. + +Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und +steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die +beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist +spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er +ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser +Nacht keine einzige Minute verschlafen würde. + + * * * * * + +Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die +Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In +der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein +bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen +aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem +Papierstreifen überklebt. + +Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im +Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so +hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das +schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das +Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu +Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den +Bücherschränken und den Bildern. + +Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das +Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens. +Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die +Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie +glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses +Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und +wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und +verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im +Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und +wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er +trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er +mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und +Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis +und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter +Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins +Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub +das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen +Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum +Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater +durch ihn erlitten. + +Sein Zug fuhr um halb vier. + +Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten +unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so +schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum +noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will. + +Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten +Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des +Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an +ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die +alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum +Bahnhofsviertel hinüber. + +Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft +hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und +er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb +verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von +Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging, +seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute +Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker, +als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch +dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen +Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie +ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben +gezwungen war. + +Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße +eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir +zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die +gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine +Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang. + +Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem donnernden Ruf von +Triumph und Unternehmungskraft. Er trug Baptist davon und hüllte alle +die Zukunftsfreuden der jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend +aufgewirbelte, schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte +Hochebene der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls. + + + + + Fünftes Kapitel + + +Baptist stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand aus dem Zug +und ließ die Menge der Reisenden langsam um sich vorwärts fluten. Er +schaute angestrengt aus und sah auch bald den dicken Italiener wie einen +Wellenbrecher mitten auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden +Reisenden auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen durch +zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand. + +„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener. + +„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist. + +Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem großen Tor auf +dem Platz Charles Rogier standen Margherita und ihr Bräutigam Paolo. Das +kleine schwarze Weibchen hatte sich mit einem großen Tuch vor der +herbstlichen Abendkühle geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur +das Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für Baptist, die +beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam an dem Platz am Tor der +großen abendlich entzündeten Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten +ihm voll Freude entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine +biegsame Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich zum +Gruß die Hände drückten. + +„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist und er ließ eine +Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen von Flandern lag in einer +Sackgasse hinter der Grand’place. Es war eines der alten netten +Brüsseler Hotels, etwas dunkel, aber reinlich und einfach bürgerlich. +Baptist war froh überrascht, daß die Italiener so ordentlich wohnten. + +Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im zweiten Stockwerk +über der Gasse lag und mit alten Möbeln und mit großgeblümten Vorhängen +an Fenster und Bett wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb +schon bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es war ihm +warm, wohl und frei. Als er dann später in das kleine Eßzimmer +hinunterstieg, saß Margherita allein drin und nähte an einer farbigen +Schürze. + +Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches. + +Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken: + +„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“ + +„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt. + +„Ich gesucht Zimmer!“ + +Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete und war +gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen gerne geherzt und geküßt. + +Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit ihrer kleinen +Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! bestätigte er sich +unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie blieb vor ihm stehen und hielt +ihm unbeholfen die Hand hin, die er drückte, ohne daß sie den Druck +wiedergegeben hätte. Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar +italienische Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen. + +Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen anders gedacht. + +Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen herzlich die Hand, und +sie setzten sich an ihre Plätze um den Tisch und lachten ihm zu. Dann +brachte ein Kellner das Abendessen. + +Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen Einförmiges an. +Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, ebenso die Männer. Nur der Dicke +und Baptist hatten jeder ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die +Gesellschaft in kleine Kreise teilte. + +„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der Dicke. „Wollen +wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“ + +Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der Frauen, das +geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo schleppte einen Stoß Noten +heran und Baptist holte seine Geige. Während er die Noten +durchblätterte, zupfte der Dicke an den Saiten, beklopfte den Rücken und +schnitt dann eine Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals +den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte und mit seinem +dicken Kopf dazu nickte. + +„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“ + +„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist. + +„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel macht man keine +so guten Instrumente.“ + +Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, Cremona!“ +sagte er und machte wieder seine anerkennende Fratze. + +„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist. + +Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften an den Saiten +und winkten wichtig und ernst, daß sie auch mit ihr einverstanden seien. +Baptist geigte alle die Lieder, die der Dicke ihm vorlegte, ohne +Schwierigkeit vom Blatt. Die meisten kannte er und vermochte sie +herunterzuspielen, ohne die Noten anzusehn. + +„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der Dicke beifällig. +„Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ Und er klatschte, zu den +andern gewandt, in die Hände. + +An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. Baptist machte nach +und nach gegen einige der Lieder Einwände und sagte, die seien doch zu +dumm. Aber der Dicke setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften +Widerstand entgegen. + +„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied da, dies: tra +la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... hoho, das gefällt, das +müssen wir immer _da capo_ spielen. _È vero?_“ wandte er sich an die +andern, die ja nickten. + +Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten diese Proben: +Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem sie ihn mit den +Italienern hielten, ihre Sprache wie von selbst. Er badete sich +scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die fremden Wörter heraus zu wagen. +Die Sprache flog ihn an. + +Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und kritisch die +Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das Hotel immer gleich nach +dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum Abschied. Einmal wandte er sich an +Baptist, bevor er wegging. + +„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. Müssen das Hotel +jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! Ich lauf immer herum und find +nix!“ + +Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren hatte, saß er am +Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht griesgrämig zwischen den +andern. Er trank viel und behandelte seine Leute wie mit einer nur +mühsam unterdrückten Roheit. Baptist hatte dann das Empfinden, als +bereite sich eine peinliche Verwickelung vor. + +In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu Baptist aufs Zimmer: +„Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er ihm zu. „Die drunten will +Bezahlung, aber ich kann doch nicht, ich verdien doch nix!“ + +„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders werden!“ tröstete +ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote hin. + +Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn wir jetzt mit +Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel kommt. Wie Sie spielen +und mit Ihrer Violino und mit Ihrer Figur!“ + +Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit Humor und ergötzte +sich an diesem ersten Widerstand, der, wenn auch nur, ohne ihn selber +anzufassen, genaht war, und den er dann mit der kleinen Geste seiner +Gabe so leicht hatte brechen können. + +Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit und es +machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen so sicher verwalten und +sein Leben so straff in den Zügeln halten zu können, daß seine Ausgaben +fast immer auf einen Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte +gewissenhaft Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast +mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit. + +Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. Aber +innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden +Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung fern. Trotz dieser +kleinen Schranke, die kaum sichtbar, aber für Baptist doch von +unentbehrlicher Wichtigkeit war, besprach er ernsthaft mit ihnen die +Möglichkeiten, bald in Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich +mit ganzem Herzen an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie +trieben. Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er +oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige +Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit zu +umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen heimlicher +Sinnlichkeit erhitzten. + +An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am Mittagstisch. Aber er +kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. „Haben wir, Kinderchen!“ rief +er noch in der Türe. Er hatte ein rotes Gesicht, war vergnügt und +drollig wie ein verliebter Frosch und küßte die Mutter der Margherita +feierlich zweimal auf jede Wange. + +Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten in einem +Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein großes Etablissement! + +„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und schüttelte +sich. + +„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem Wetter +natürlich im großen Saal!“ + +... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen Himmel mit +goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, das ganz süß +und s...s...s... zu der Musik plätscherte. + +Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten wie +erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle plötzlich +am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem Marsch sich nähert. Es +tanzte allen in den Beinen. Baptist lief hinunter und bestellte drei +Flaschen Bordeaux. Sie sangen und scherzten, während sie die Flaschen +tranken, und ließen später noch zwei Flaschen heraufbringen. + +Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die üblichen +Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn Franken eintragen mußte, +die die Wagschalen seines knapp gehaltenen Budgets schwer aus dem +Gleichgewicht brachten, da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an, +mit kleinen Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften +Geduld einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich +aufgebaut hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine +Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen seien, war er +zufriedengestellt. + +Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann eine fiebrige +Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen der Angst, daß der +Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen werden könnte, der leise +stechenden Scham, sich nun öffentlich mit der Geige herauszustellen und +der tiefen Lust, ein tätiges Leben aufzunehmen. + +Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und peinlich genau +geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und blau gestreifte, locker +flatternde Hosen und rote weite Blusen mit umgeschlagenen Kragen. Das +war die Uniform der Kapelle. Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide. +Er bekam zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff aus +ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages in sein Zimmer +kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über sein Bett gebreitet. Er +probierte sie einen nach dem andern an und lachte sich im Spiegel aus. +Aber er fand, daß das Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem +weißen Gesicht und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an +die Tür des Zimmers der Frauen pochen. + +„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er blieb an der +offenen Türe stehen. + +„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände zusammen, „sehr, +sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“ + +„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die Sonntagsuniform, +ich muß sie gleich wieder ausziehen!“ + +Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken in seinem +Zimmer. + +„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ aber er fügte +mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, Herr Baptisto. Unter +Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich hoffe, den Zettel bald wieder +zurücknehmen zu können!“ + +Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch: + +„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig zu sein, +wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen sind 25 Franken. Rest 75 +Lire. + + Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“ + +„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete das Papier +zusammen. + +„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, indem er mit +der Hand eine weitläufige Geste in der Luft zeichnete. + + * * * * * + +Und nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der andern Musikanten +durch den menschengefüllten Saal des Restaurants _aux vieux chênes_. Es +hatte auf einmal angefangen zu regnen und die Spaziergänger, die den +Herbsttag im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am +Eingang zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch +große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im Augenblick +vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem grauen Himmel in dem Saal +schon dunkel. Die Kronleuchter funkelten auf. Hereindrängende Menschen, +Stuhlrücken, rufende Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten +sich zu einem wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete +Gruppe der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar +Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem hoch +gespannten Aüh! zusammenklang. + +Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und seiner +feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen Mauer durch die +Menschen hindurch. Er stieg mit den andern auf die kleine Bühne und sah +nichts, war auf einmal droben und wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er +war nicht so kühn, in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu +schauen. Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen +schwindelhaft tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die +Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender +Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den andern vorgeschoben, er +setzte den Bogen an und verstand nicht, was er tat. Er spielte, wie ein +Automat, dessen Mechanismus man gerade gelöst hat, und die Töne hatten +etwas Belegtes, wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist. + +Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter sich etwas +Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen Erstauntseins, daß das +Bekannte, das er an einem der ersten Tische sah, der dicke Italiener, +der Häuptling war. Und da stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag +als eine wichtige kleine Insel drunten in dem Meer; als eine +aufgeplusterte, winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige +Erbrausen bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. Um +den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die sich +überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen mutiger +werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er sah, daß eine blaue, mit +goldenen Sternen gepunktete Decke sich von Säulen getragen über dem +Raume schloß; er hörte sogar irgendwo ganz spitz das s...s...s... der +kleinen Fontäne immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah +sie auf einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah Menschen +sich um Tische scharen und unter einem ineinander verzogenen Rauschen, +wie unter einem Netz von gedämpftem Lärme liegen. + +Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. Er stieg aus +dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die Menschen unter dem wogenden +Netz anfingen, die Köpfe zu wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich +unendlich wichtig vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus +seiner Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der +Menschen beglückend zu erheben. + +Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten Tones den +Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze Saal wie mit drohendem +Radau unter seinem Netz herauszuheben schien. Baptist schrak zusammen +und er faßte krampfhaft Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben +ihm stand. + +„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte seine +Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas angerichtet und +sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen ihn. „Geh vor, geh vor!“ +riefen sie ihn erregt an. Er wehrte sich gegen sie. Er war wie von +scharfem Duft betäubt. Da griff Paolo ihn von hinten unversehens unter +die Arme, hob ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts. + +Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den Beifall danken +mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt und mit lichtverblendeten +Augen. Die Zuschauer, die diesen Auftritt sahen und alles für +Bescheidenheit hielten, lachten drunten und klatschten wie verrückt +weiter, trampelten und riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden +Grinsen zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung mit +seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle auf, spielt +noch einmal‘. + +„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist. + + * * * * * + +Baptist war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen ersten +Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich ist, aber +nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die da unten saßen, waren +ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie schwabbelte ein wenig in seinen +Vorstellungen. Er spielte vor ihr aus Lust am Spielen, aus inniger, +kräftiger Arbeitsfreude. Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau +geschrieben oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der +Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit einem +nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der Schnittfläche eines +Baumes aufquillt, so sah Baptist sein Schaffen frisch und hell aus sich +steigen. Darüber empfand er einen naiven warmen Stolz. + +Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus Luxemburg im Garten +sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit ihnen verkehrt, weil sie älter +waren wie er. Aber der Bruder des einen war sein Schulkamerad gewesen +und sie kannten sich gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen +wegen seines bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas +von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den Pausen lugte er +öfter halb befangen und halb neugierig hin. Aber sie saßen zu weit weg, +als daß er irgendeine Antwort auf seine Blicke hätte erkennen können. +Als dann die Musikanten zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch, +an dem die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu kommen, +war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten und begrüßen und was +sie sagen würden. Er hielt sie mit dem Blick fest, während er zwischen +den Tischen hindurch auf sie zuging, zögerte ein wenig mit den +Schritten, als er an ihrem Tisch angekommen war ... Aber sie redeten +heftig abgewandt auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als +wiesen sie ihn damit grob und energisch ab. + +Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, ihr +Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich hin, als er davonging. +„Ihr ...“ und schließlich fand er in der Erregung nichts mehr, was +erbitterter, verächtlicher und beleidigender gewesen wäre – und er +sagte: „Ihr Luxemburger!“ + +Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem verächtlichen +Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch war leer. + +Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche +Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein Ehrgeiz war +verwundet worden und es wuchs kein Kraut, das zu heilen. + +Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der Masse, die da +unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt die sentimentalen Töne mit +einem langen Tremolieren wie an einer zitternden Schnur an einer Stange +über die Tische. Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend, +und um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen tanzten die +letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die scharfen Düfte der ersten +Zersetzung, nach abgeschälten Rinden riechend, bitter und verwirrend in +den Konzertgarten. Draußen fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur +Stadt zurück. Das Jahr, der Bois und der Tag starben. + +Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und ihre Töchter und +sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne traurige Ahnung von den +Zusammenhängen, von der unerbittlichen Sinnbildlichkeit dieser dunklen, +heftigen, erregenden Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und +fühlten ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen +Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. Und lag +nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der man sich +zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam zu tragen. + +Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie dankbar +waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten da oben es nur der +schöne stattliche Junge sein konnte, der die erste Geige führte und sich +dabei in den Hüften bog und mit dem Körper im Rhythmus schaukelte wie +ein rassiger, koketter Hengst im Zirkus. + +Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den Luxemburgern setzte +ein Vorstoß des Winters ein und man fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die +Vieux Chenes wurden geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de +l’Univers in einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und +verpflichtete Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für +dieses große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs Uhr +bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben Gesichter, die +nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem Podium und den Gästen +entstand ein familiärer Verkehr. Man bewunderte Baptists Spiel und +mancher sagte ihm, ihn wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders +sein. + +Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, setzte sich +stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich liebenswürdig +zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn sehr, und Baptist unterhielt sich +gerne mit dem Unbekannten und war froh über seine Teilnahme. Eines +Abends trat der Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von +Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen könnte. +Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und schaute, zupfte an den +Saiten und schaute wieder und gab Baptist das Instrument schließlich +zurück. + +„Sehr gut!“ sagte der Herr. + +„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt. + +„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. Nur Historisches. +Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... Würden Sie mir sie für +zweihundert Franken überlassen?“ + +Der Herr griff in die Brusttasche. + +„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, von denen +ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ antwortete Baptist lachend. + +„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes Gesicht. + +„Allerdings!“ sagte Baptist. + +Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr. + +Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts zusammen +nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, liebe Margherita, es ist +nun wahr, daß diese Geige jetzt für mich so etwas besitzt, wie es eine +Frau hat, die lieb, zärtlich und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa +ist es nichts! Sie ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen +Leib? ... und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber +immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“ + +Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns weg. Sie müssen +mehr werden!“ + +„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete Baptist. „Aber +hat’s dazu nicht Zeit?“ + +„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“ + +Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch rühren. Er war +jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause kam, und führte selbst sein +Ausgabenbuch nicht mehr so freudig wie anfangs. Er fühlte sich biegsam +werden. Er versuchte jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem +Abend verfallen war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen +hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem enger +zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. Er sah Frauenaugen +begehrlich und erregt leuchtend an ihm hängenbleiben, wenn er die langen +Töne mit süßlicher Eindringlichkeit aus dem Zusammenspiel herauszittern +ließ, und er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz. + +Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus aus war, +das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern aufmischte. + +Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des Asphalts, diese im +feuchtwarmen Duft des Verkommens fiebernden Frauen, all die aufgelösten, +gierigen Menschlein in erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt +tänzeln machen. + +Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen ihm selber in die +Adern. Er wurde nun umworben, er der schöne Primgeiger! Er, der den +Zauber der Klänge aus der Geige heben konnte. Die andern fingerten ja +nur! Er, der interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und +biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, romantisch +verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. Die öffentliche +Anteilnahme richtete die blendend erhellende Scheibe ihres Reflektors +auf ihn, und er schwänzelte in diesem Beleuchtungsfeld, wie eine kokette +Frau, die Männerblicke auf sich fühlt. + +Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil seine Nerven eine +austrocknende Hitze bekamen und er sie nur aus dem Saale heraus +auffrischen konnte. Nun machte er auch keine Opposition mehr gegen die +sinnlosen Modestücke und spielte sie mit denselben kokettierenden +Anstrengungen wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein +zugespitztes Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden Tag +um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden Tag dieselben +Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten hatte. Er +verlor das Gefühl für Nüancierungen. Seine Empfindsamkeit war zum +Handwerk geworden und setzte Huf an. + +Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf jeden Kontakt +reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das Leben floß frei auf ihn +herein. Das hatte er ja immer gewünscht – das ungebändigte, riechende, +rundum raffende Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und +die Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht zu +ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine innere Spannung +ermüdete bald an diesem unklug und maßlos hochgespannten Leben und wurde +schlapp. Er sank wie an einer Stange herunter und merkte es nicht, weil +er noch immer die Bewegung des Hinaufkletterns machte. + +Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch zu +vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr herauskam, weil er +schon eine Woche lang nichts eingetragen hatte, nahm er es und warf es +in den Ofen. + +Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann in dem Zimmer +der Männer, spaßten und zechten und erzählten sich aus ihrem Leben. Wenn +sie betrunken waren, küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten +zusammen und duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein +Geld gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, sich +eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte. + +Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, kam Margherita. + +„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu. + +Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen den Tisch und +sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie sich Baptist, daß ich +Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien besser wie wir und sollen von +uns weggehn?“ + +„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“ + +„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, es ist die höchste +Zeit.“ + +„Weshalb?“ + +„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“ + +„Ja, aber ...?“ + +„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, wie Sie setzt +immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“ + +Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du mich!“ + +Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an sich +heranzuziehen. + +„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem Zimmer. Seine Arme +sanken leer und enttäuscht nieder, und er stand da, aufgehalten in +seiner entflammten Gebärde, betrogen und zornig, trotzig und aufgewühlt. + +„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach. + +Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter. Er ging die +Boulevards in der innern Stadt erregt entlang und schaute den Frauen zu. +Sie waren häßlich oder schön, gut oder schlecht gekleidet. Aber alle +waren Frauen. Er schaute ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach. + +Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld, trat auf der +Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte heftig: „In ein +Bordell, Kutscher!“ + +„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher +Gleichgültigkeit. + +So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße diese erste große +Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen quadratischen Fenster sah +er die Häusermassen zurückgehalten den Stadthügel herunterdrängen. Das +stumpfe, gewaltige Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit +schwerfälliger Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer in +den grauen Tag. + +Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte sich das +nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine Jugend abschloß. Er +erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte Winzigkeit. Noch lange +blieb es, wie ein trüber Satz in einem Glase, auf dem Grund seines +Innern liegen. + + + + + Sechstes Kapitel + + +Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine +Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest +einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines +unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche +belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren +Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des +Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch +er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er +das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende, +raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen +werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern +die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen +Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz. + +Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem +Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von +ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der +Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es +war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine +Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel +Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner +knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe. + +Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den +folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich +riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven +Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte +sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen +Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren +fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er +brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie +in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er +vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen +ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener +Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte +Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien. + +So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des +Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die +verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer +Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen, +betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große +Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn +an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische +Romantik ein. + +Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser +widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes +aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem +Dahinleben durch die Tage. + +Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen +Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze +ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden +schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit +einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität. + +Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er +spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz +...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser +Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an +die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen +Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die +Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die +Strahlen eines Reflektors. + +Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender +Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben +sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken, +und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht. + +Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen +zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit +einem verächtlich verzogenen Gesichte weg. + +Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen, +Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen. +Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine +Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de +belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig +nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an +ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein +paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist +trotzig hin. + +„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff. + +Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die +Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an. + +Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung. + +Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner +Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts +drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab. + +Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer +betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit +den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige +Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus +dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an +Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen +Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er +allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal! + +Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie +Paolo heftig auf Margherita einsprach. + +„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“ + +„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch. + +Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf. + +Da wandte sich Baptist um. + +„Aber Paolo, was machst du denn?“ + +„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“ + +„So laß sie doch!“ + +„Nein, sie soll!“ + +„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu +müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“ + +Dann ging er abseits und aufgeregt weiter. + +Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas +Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie +auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt +hatte, und mit einem Gute Nacht davon. + +Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem +bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus +ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun, +was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und +mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können, +für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“ + +Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde +Erwachen! + +Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg +in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht. + +Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen +beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße. + +„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach. + +Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser +um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte, +legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er +zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken +sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch +zweihundert Franken blieben. + +Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem +jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das +Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins +Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer +Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken. +Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer +wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein +widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende +Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen +Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er +floh unter die Leinentücher. + +Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte +jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das +richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er +selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne +Kreis! + +Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen +und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den +Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein +Telegramm sie rief. + +Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem +Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke +davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von +seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie +zu seinen Plänen meinten. + +Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick, +als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und +Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu. +Ihr Gesicht flammte rot auf. + +Sie wollte vor Baptist davoneilen. + +„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen +besprechen!“ rief er ihr zu. + +Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie +wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da +sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind +schlecht!“ + +Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn, +Margherita? Ist etwas geschehen?“ + +„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind +doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach, +wir sind gemein und schlecht!“ + +In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die +Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich +über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit +der Hand streichelte: + +„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen +haben wie hier, Baptist?“ + +Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und +geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“ + +„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech +gesagt hat, das ist nun nicht ...“ + +Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als +strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des +Mannes auf sich zu dulden. + +„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab. + +Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen. +Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn +so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt +machte er sich davon. + +Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur +d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘. + +Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu +der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und +schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden +sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von +Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die +drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein +Zimmerlein für sich. + +Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für +die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung +bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke +die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber +schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche +Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen. + +Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer +eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm +an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier +erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach. + +„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an, +als sie im Zimmer waren. + +„Woran, woran glauben?“ fragte dieser. + +„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist. + +Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn +geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich +mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie: +„Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie +denn gelebt? Sie?!“ + +Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben +leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig, +verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“ + +„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach. + +„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“ + +Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich +kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister. +Bitte zu merken!“ + +Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er +schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“ + +Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch +stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da. + +Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne +Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch +da bin und die erste Geige nehmen kann!“ + +Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und +ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl +halten. + +Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will +sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“ + +„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und +bittend. + +„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“ +warf ihm Leprotto kurz hin. + +„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig. + +Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen, +die Geschichte sei erledigt. + +Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war +ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und +schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie +gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein +und bescheiden. + +„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die +Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die +erschreckenden Bilder abzuwehren. + +Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war +eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener +allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie +setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten +schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe. +Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und +deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn. +Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er, +was er vorhin zugesagt hat. + +Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den +Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei +zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas +Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten. + +Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in +ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken, +voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein +und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen +seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet. + +Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das +Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita, +die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß +eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den +Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“ + +Baptist zuckte gequält mit den Schultern. + +„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita. + +Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er +kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm +gemacht habe ... + +„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart. + +Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er +hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber +Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte, +daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl, +daß du eine viel größere Summe hättest!“ + +„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er +vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm +er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein +ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf. + +„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie +ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist +doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich +setze mich für dich ein und paß auf ...“ + +Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann. + + * * * * * + +Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben +in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen +Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der +Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es +war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm +herausgeflossen. + +Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine +Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte. + +„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“ +flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu. + +Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die +nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem +Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben, +die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die +Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst: + + „Luxemburg den 24. April. + +Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich +hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren +Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen, +mit dem es ihm beliebt. + + Alois Biver.“ + +Der andere Brief lautete: + +„Sehr geehrter Herr! + +Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen, +könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht +bald entgegen + + Hochachtungsvollst + E. Leprotto. + +Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“ + +Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich +mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den +Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder +zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita +suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden. + +Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien +gewartet zu haben. + +„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig. + +Baptist nahm ihn aus der Tasche. + +„Da, lesen Sie!“ + +„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und +Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da +sei!“ + +„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“ + +„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“ + +Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig +war, schaute ihn Margherita an. + +„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend. + +Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes +Armzucken. + +Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages +in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und +wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt, +sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und +ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, +die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme, +mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr +auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen +Mitternacht nach Haus gingen. + +Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich +bin krank!“ + +Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder. + +„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er +sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten. + +„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und +fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker. + +Mittlerweile waren die andern herangekommen. + +„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an. + +Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“ + +Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte +sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr. + +„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin. + +„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist. + +„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal. + +Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter +kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran. + +„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen. +Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt. + +Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war +eine große, geschlossene Droschke. + +„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann +bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur +Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“ + +Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den +Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er +selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie +wickeln zu können. + +Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und +den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten. +Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre +Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend +und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen, +wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie +Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre +Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_ +...“ + +Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er +losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und +verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände +gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, +daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das +nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und +schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“ + +Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger, +Verräter!“ + +Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen +jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe. + +Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch +vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit +beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran. +„Paolo, wir wollen ...“ + +Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem +gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib +hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut +ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig +werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere, +widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch +funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine +unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung. + +‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken, +kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen. +Dann war es aus und Finsternis. + + + + + Siebentes Kapitel + + +Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus. + +Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft +die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz +geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im +Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den +Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum +ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde. + +Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen +Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und +Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die +Straße gesetzt. + +Er war geheilt. + +Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es +hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in +dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn +herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines +Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken +aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine +bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet +worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf +einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und +selbständig dem Leben übergeben mußte. + +Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn +schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital +auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins +Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß +um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten +einwickeln zu wollen. + +Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine +Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der +Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, +hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke +dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der +schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag. + +Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur +ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie +beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm +gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr +genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen +Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte +Bilder. + +Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch +erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen, +mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er +kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm. +Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen +Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit. + +An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung +entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von +selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines +gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in +die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf +ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der +Eingetretene war. + +Baptist sagte: „Ich wohne hier!“ + +Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz +unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte. + +„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“ + +„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig. + +„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab +gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“ + +„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der +Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel +geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine +rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn +schneiden. + +„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“ + +Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der +kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche +schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen +Geschehnisse. + +Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt +plötzlich auffuhr. + +„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die +Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie, +und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal +gleich.“ + +Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut +verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war +seine Geige. + +„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind +ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“ + +Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an. + +„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort. + +„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl. + +„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen. + +„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“ + +Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos. + +„Ihre Italiener!“ + +„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles +mitgenommen. Wo sind sie denn?“ + +„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie +nicht mehr kamen, weggezogen.“ + +„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie +teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“ + +Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem +Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt +hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem +Buche stehe. + +„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist. + +... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt. + +„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist. + +„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder +vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“ + +„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“ + +„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend, +geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch +gegen hundertzehn Franken!“ + +„Ja!“ antwortete Baptist. + +„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine +Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so +eine Garantie haben?“ + +Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“ + +Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen +Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam, +als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus +in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres! + +Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“ + +„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen. + +Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“ + +Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem +ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen +Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt. + +Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall, +der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein +geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine +Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie +vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend +in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde. + +Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben +allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden; +ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und +die Art seiner Kundschaft nützte. + +Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster. + +„Zehn Franken!“ sagte er. + +Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine +Aegidius Barzellini!“ + +„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es +ist eine Geige, weißt du!“ + +Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in +den Kasten. + +„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt. + +„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen. + +„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden. + +Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen, +in ein größeres Musikgeschäft.“ + +Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit +verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige, +und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum. + +Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“ + +Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu +Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und +ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken +blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. +Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand +dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der +Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das +wiederholte sich ein paarmal. + +Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten +Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was +wollen Sie dafür?“ + +Baptist zuckte mit den Schultern. + +„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“ + +Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt +war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei. +Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen +der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich. + +Da sagte er: „Ja.“ + +Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or +rasch davon. + +Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an +seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen +Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er +dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“ + +„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich. + +Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier +eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während +er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand +eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu +sehen!“ sagte er. + +Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und +gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben +und hieß: + +„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“ + +Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis +antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen +Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die +Räume hinter dem Laden. + + * * * * * + +Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um +sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein! +Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als +schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in +eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß. + +Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke +verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es +unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun +mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine +Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen. + +Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in +einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit +dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des +unausmeßbaren Verlassenseins ein. + +Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine +Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein. + +„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie. + +Baptist bejahte. + +Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem +etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer +weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren +umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß, +von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen +waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen +spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt +über das ganze Gesicht. + +Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich +niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“ + +„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist. + +Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ +rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den +Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren +nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die +Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or +erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat +der Wirt auf Baptist zu. + +Baptist sagte: „Danke!“ + +„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett +gelegt.“ + +Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem +raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf. + +„Nicht nötig! Gern geschehn!“ + +Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ +mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem +es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und +traten auf die Straße hinaus. + +Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie, +als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte +sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf +einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin. + +Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt +all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist +ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu. + +Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch +dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen, +um seine Schuld zu bezahlen. + +„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört. + +„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“ + +Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in +seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es +kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden +von einem Druck irrte er draußen umher. + +Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die +Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und +Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und +Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer +wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende +Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott, +vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten +verschwände!“ + +Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen +heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die +Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das +hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden +Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, +die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer +Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und +jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte +Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als +das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben. + +Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften +geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles +hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den +Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah +sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der +berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. +Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus. + +Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des +Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein +Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er +sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten +Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins +Bett. + + * * * * * + +Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf +aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren, +tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand. + +Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit +zu seiner Türe herein. + +Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es +ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im +Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und +selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘ + +Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett +und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit +den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den +Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er +Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den +Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten +Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind +mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause +als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte: +„Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche +Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“ + +Baptist sprang auf. + +„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er +laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an +den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen. +Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine +Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit +einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts. +Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit +den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne +Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln +gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. +Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des +Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen +Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der +Sieg dauerte nur drei Augenblicke. + +Baptist wimmerte leise. + +Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr +und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle +Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs +– der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen, +graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende, +verletzte Tierchen. + +Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist +etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende +Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie +ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend +sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is +gut! Kindi stirbt!“ + +Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das +Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen, +schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend +an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon +leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer +an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen. + +Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“ + +Einer sah es. + +Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem +Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“ + +„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die +wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre +Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade +an der Ecke ihre Türe offen hielt. + +‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt. + +„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den +Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“ + +Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein +anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine +Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist +alles hin. + +Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein +Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein +Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie +der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die +mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren, +kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen +Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en +Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, +einmal mit Bier und einmal mit Branntwein. + +Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um +ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten, +bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren +Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte +seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau +hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu +seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in +demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn +anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, +die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in +Geschäftsbetriebe eingetreten waren. + +Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme. +Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief +stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß +mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die +Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn +mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen +in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn +bald sanft dem Schlaf. + +Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese +Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und +er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen +Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu +verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben +getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah. + + * * * * * + +Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm +das Dach über dem Kopfe nahm. + +Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr +hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos, +wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen, +wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er +fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen +Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn +hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und +schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes +Tier, das am Sterben liegt. + +Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider +verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen +näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen +verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel +der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand +eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv +eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem +Schuppen, einem Eisenbahnwagen. + +Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt +und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und +in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem +Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf +der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief: +„Aufstehen! Raus!“ + +Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren, +rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er +wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum, +in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben +Baptist auf. + +Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn +doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal +erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist: +„Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben +konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend +in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal +gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand. + +Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße. + +„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig +kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“ + +„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist. + +„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has +du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar +nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die +Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt +hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden. + +„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den +Alten. + +Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist +auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere +zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte: +„Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“ + +„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist. + +„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter. + +Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser +Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging +geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die +Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten +von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, +verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten +nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend +mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe. + +Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal +die Katrine – och!“ + +Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete. + +Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie +eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und +hielt eine kleine flache Blechflasche hin. + +Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher +wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die +Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin. + +Baptist trank daraus. + +Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn +strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der +Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist. + +„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger +Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen +Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem +wässerigen, farblosen Glanz. + +Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er +bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit +einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder, +als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte +sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so +Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum! + +Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“ + +„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich +lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer +unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh. + +Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber +er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine +Gelegenheit böte. + +In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die +Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und +fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“ + +Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den +andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde +niemand vor ihnen. + +Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob +den Koffer in die Faust und schritt davon. + +Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er. +Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n +Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die +Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen +auf und nieder flogen. + + + + + Achtes Kapitel + + +Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte +heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein +blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau +zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm +lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende +helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn. + +Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die +andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den +Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und +schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer +zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang. +Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer +gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne +auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und +aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein +geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm +vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem +knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen. + +Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß +jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg. + +„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend +klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum +letztenmal gegessen?“ + +„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere +Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende +peinliche Angelegenheit wegzukommen. + +„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“ + +„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der +harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann +kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so +höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere +ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie +standen!“ + +Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu +müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den +andern Kollegen!“ + +Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt +sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine +halbe Stunde Zeit habe ich noch!“ + +„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab. + +Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen +weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie +obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu +bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse. +Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine +Post, – helf ich Ihnen!“ + +Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist +mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er +rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein +verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser +ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen +wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und +Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas, +das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ... + +Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen +Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er +den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind, +dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von +Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche +Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen +regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und +verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das +Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet, +als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem +fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal +zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu +einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf. + +Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand. + +„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte +Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege +nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben +mag.“ + +Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war +darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt +vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und +zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand +des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen +wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom +Bahnhof weglief. + +Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über +das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild +festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es +dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild +und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs +Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen. + +„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“ + +„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so +plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben. + +„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“ + +Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn +seitdem?“ + +„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist. + +„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen +hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre +Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem +Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“ + +Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam +ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr +erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst +in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher +Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte. + +„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie +scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja +noch ein Kind. Wie alt?“ + +„Dreiundzwanzig!“ + +Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf +die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund +formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die +Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts +ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind +ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht +aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im +Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“ + +Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit +erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem +großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie +in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit +heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit +haben!“ + +„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt +hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo. +Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt, +hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich +zusammen!“ + +„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher +Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück +Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch +zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St. +Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin, +und Baptist trat in die Taverne du Congo ein. + +Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle +und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war. +Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und +dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte +Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften +Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein +paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges +Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und +verbarg die braune angeräucherte Decke. + +Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen, +roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah, +trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die +Wäsche schon?“ + +„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist. + +Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von +spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und +hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von +Bart herauskam. + +„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er +und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen +wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein, +oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den +Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch +Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich +die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem +Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten. + +„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“ + +Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und +sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“ + +„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens +chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter +Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“ + +„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen. + +„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie. +Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“ + +„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun +auf deutsch. + +„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus +der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in +Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo +heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette. +„Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal, +sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem +andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de +Paris_.“ + +Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch +italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“ + +„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“ +Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der +Stelle, wo Baptist die Narbe hatte. + +„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer +verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern +sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie +der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so +einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo? +Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im +Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein, +zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen, +Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten +Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“ + +Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich +alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps. + +„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch +und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn. + +Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt. +Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein +Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag +wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen +leicht hindurch. + +‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu +der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer +nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem +kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß +er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird. + +Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne +bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a. + +Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so +etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann! + +So kam er zur Plätterin zurück. + +„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer +Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um +ihr Kinn auf. + +Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte +eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die +dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten. + +„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein +Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen +überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich +in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel. +Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er +einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen. +In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das +Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an +die dunkle Bettstelle warf. + +„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie +sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und +Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als +sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl, +ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe +an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte +sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie +Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei. + +Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten +Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im +Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen +Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der +verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben +ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut, +den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen +konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger +werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern +Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit +ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und +flüchtig von ihm los. + +Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von +der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres +sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr +Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen, +verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin +und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die +sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen +entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes +Sichhinhalten. + +Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die +Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner +Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau +ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran. + +„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den +Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem +feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie. +Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen +spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja +eine Frau!‘ + +„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich +erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren +Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit +und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund +kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf +die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen, +weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm +und dankbar. + + * * * * * + +In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten. +Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten +Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit +zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu +seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten +Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von +körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder +wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper +widerstandsfähiger werden. + +Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der +Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen +Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts +blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist +hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten +und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den +Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre +verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn +sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig, +welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen +Auftritten zuschauten. + +So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten +Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er +fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen +Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das +Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit +mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag +rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle +Sympathie des Wirtes. + +Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte +Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen +Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der +Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht, +zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen +waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie +dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige +Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und +die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis +das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr. + +Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen +zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen +der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte +in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer +gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese +Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die +kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett +hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und +Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen +Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken +konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt +und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde, +Flucht. + +Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die +ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den +Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten +sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die +Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete. + +Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen +Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund +zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus +seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst. + +Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine +Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer +ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen +Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje +putzte sich dann kokett und angestrengt auf. + +„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich +bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche. + +„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den +Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen +Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann. + +„Und nun rate, von wem?“ + +Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“ + +„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat sie +geschickt.“ + +„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend. + +„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“ + +Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; die Fächer der +Fältlein zerrten sich auseinander und blieben auf einmal stehen, und der +Glanz ihrer großen dunklen Augen schimmerte lauernd und kalt entzündet +gegen ihn auf. + +Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und ihr Körper +schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. Das Gesicht war aus dem +Licht der Lampe heraus, aber die Augenbrauen beherrschten es um so +schwerer und aufregender. Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist +eindringen. ‚Was kam nun wieder?‘ fragte er sich. + +„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich. + +„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger voll haben, +an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht den ganzen Tag hinterm +Fenster zu schauen, und wenn ich ausgehe, kommt er immer in die Türe. +Und hier den Schal hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal +weiß, wie sein Name ist.“ + +Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte mit seinem +ohnmächtigen Blick: „Alientje!“ + +Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig +hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte ihren +ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem Körper. Sie +biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es zitternd in ihr über: +„Liebst du mich denn?“ und ihr Atem schlug ihn an. „Du bist so schön und +stark! Liebst du mich?“ flüsterte sie. + +Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje von andern +Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, daß der Hausherr +allein zu Hause war und sich unter den freigebigsten Versprechen +begehrlich zu nähern versucht hatte. Bald war es irgendeiner auf der +Straße. Ein starker junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann, +der ihr bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg +angetroffen wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. Oh, und +es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche Männer. Sie reizte +sich und Baptist mit diesen Erzählungen, die sie mit allen kleinen +greifbaren Einzelheiten ausstattete und sprang aus ihnen unmittelbar in +die Liebesausbrüche, mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte. + +Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und der +instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. Er +wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, primitive Angst zu +verlieren. Das Leben glitschte ihm wie ein Fisch durch die Hand. Er +hatte es erlebt, wie die Schwelle unversehens unter seinen Füßen +weggewichen war, als er schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu +sein. Der Boden rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit +dem neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun wieder +Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen +Vagabunden – das Versinken ins Moor des unglückselig haltlosen Lebens. + +Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes +Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden Männer, die er +als Agenten seines unglückseligen Schicksals ansah, immer mit +Geschenken, und der Gedanke hackte sich in ihm fest, daß er mit +Geschenken die böse Macht, die sich wieder näherte, versöhnen und +entfernen konnte. Er begann mit fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie +er mehr Geld bekommen könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die +über ihm lag. + +Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, sah er, daß an +einem Tisch ein paar Leute miteinander in Streit zu kommen begannen. Da +fühlte er es brutal und gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er +hatte die unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen, +den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen Frucht +am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln und selber +blind zuzuschlagen. Dann malte er sich aus, wie ein einziger Fausthieb +gut gezielt treffen würde, was für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese +Vorstellungen bekamen etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige +Brutalität, die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals +in seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem +Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese Hunde von Männern +hinwürgen, diese Straßenkavaliere ... + +Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als Hasenklever +herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie sich mal rasch auf, die +Wäsche von der Veroken holen. Das ist ganz vergessen worden und es ist +schon dunkel. Die wird bald zumachen.“ + +Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, daß sie +bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht unbeteiligt +war. Und so war mit einem Schlag über dem Gläserspülen das Dulden in +Leidenschaft umgeschlagen. + +Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje hatte den +Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel noch nicht +umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist plötzlich sah. +Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen Winkel gezackt und die Augen +schauten in ihrem kühlen Glanz wie mit einem kalten Fieber. „Was willst +du denn?“ fragte sie unsicher und mürrisch. + +Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, gewann sie +im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand schon bereit. Sie machte +emsig herum, drückte ihn Baptist eilfertig in die Arme: „Na, denn +schnell, wenn Herr Hasenklever es braucht; denn schnell!“ + +Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, kamen ihm +alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje gerade bereitet, zum +klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, versponn sie schnell zu +Vermutungen und im Nu fiel ein ganzes schweres Netz verbrennender +Verdächtigungen auf ihn nieder. + +‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und wußte +nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal auf den St. +Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben liegen. Die Fenster des +ersten Stockwerks waren dunkel. Er schaute zufällig zuerst dort hinauf +und gleich saß, wie mit einem kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch +gerissen wird, der Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts +aus, lief über den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle +Flurtüre, eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den +Wäschekorb ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt +zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank, +griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. Er knüllte ihn +in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber im Nu war Baptist wieder auf +der Treppe, auf der Straße und ging durch die Wirtshaustüre in die +Schenkstube. + +„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, da!“ und +stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab er ihm den Gläserschrubber +und löste seine Tochter an den Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller +Gäste. An dem Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle +umschlungen und sangen: + + „Brüderlich verei...ei...eint, + Seg’ln wir in die Wä...ä...lt, + Matrosen, hipp, hipp, hurra!“ + +„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas in der Hand, +daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen Blick herüber. „Die +Scherben unter den Tisch werfen!“ rief er. Baptist schleuderte sie hin, +daß sie in Splitter zerknallten. „Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne +hinzuschauen und strich den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s +Alientje nicht freundlich?“ + +Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und verbohrt. Er +arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, um die Gedanken +hintanzuhalten. Die stauten sich hoch und gefährlich wie zu einem +niederschmetternden Wirbel bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben +vollbracht hatte. Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in +die Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. Erst +wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung mit der +klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über ihn gefallen, und eine +marternde Scham begann sich in ihm einzunisten. Aber in einem Augenblick +schlug die Angst um die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit +einer gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er dann in +die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett ausgestellt war, vor +dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen Worten angehalten hatte. Es +kostete gerade fünfzig Franken, wie auf einem großen Schild zu lesen +war. Baptist trat in den Laden und ließ es einpacken. + +„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber ich mache Sie +darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr wegkommt, weil Sonntag ist.“ + +„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann ging er rasch über +die Straßen, den Karton unterm Arm, zu Alientjes Wohnung. + +„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen auf +den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung ein und kam +auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube und drückte ihre Lippen lang +und hart auf seinen Mund, noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton +abzulegen. + +„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu. + +Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. „Baptist! +Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! Wie schön ist das!“ und +sie küßte ihn mit einer lärmenden Wucht. + +Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude. + +Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich +schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern abgeben!“ + +Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete sie, „Die +schaden dir nichts!“ + +„Doch!“ rief er brutal und herrisch. + +Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern und zog sich an +ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen Leib und die Augenbrauen +standen wie gezückt. + +„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. „Das reizt +mich ja nur mehr zu dir!“ + +Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte sie ihn an, +„noch fester!“ + +Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“ + + * * * * * + +Als Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube saß und der Wirt +nach dem Abendessen Bücher und Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte +Baptist, daß er kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle +Muskeln angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in diesem +Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand seiner Tat +gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die Kriegserklärung des +nachbarlichen Feindes. + +Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt zog einen Strich +und aus seinem Bart kam mit halblauter Stimme eine Zahl: +fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er dann unter den Strich und +setzte eine Summe davor. Er überrechnete noch einmal und nickte zum +Schluß mit dem Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte +und mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt +widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit sich die +Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig Franken, +fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in das Buch. Er +schüttelte den Kopf und begann von neuem zu zählen. „Hol mich der +Deibel!“ rief er, als er fertig war, „Zählen Sie mal dieses Geld, +Baptist!“ Hasenklever stand auf und zog Baptist auf seinen Platz. + +„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem er gezählt +hatte. + +„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das nach!“ Hasenklever +schob ihm das Geschäftsbuch hin, und Baptist bestätigte, daß die +Rechnung stimmte. + +„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever. + +„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den Geldhaufen und +auf die Zahl hinter Summa zeigte. + +„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief Hasenklever +aufgeregt. + +Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen Sie mich?“ + +„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst täte ich hier +nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben Sie nicht mal was bemerkt, +so irgend etwas Verdächtiges?“ + +Baptist schien nachzusinnen. + +„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, da ist +schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie Ihre Türen immer gut +ab?“ fragte er dann, als habe er einen Einfall. + +„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt. + +„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“ + +Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich schenk’ einem +fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen lassen. Man will +doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im eigenen Haus in jedem Zimmer +haben.“ + +„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete Baptist +überlegen. + +„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever zum Schluß. + +Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje ging, setzte er +mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in der er sich droben in der +Stube so sicher gefühlt hatte, für sich fort. „O ja!“ sagte er sich +schließlich, „ich bin weit voran, das ist schon der richtige Weg!“ + +Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der Schlüssel +nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab und kam immer +wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, dann hieb er einen +ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, immer vergeblich. + +Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern. +Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm, +durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der +Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit +einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen +aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und +wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu +gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte. + +Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des +Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend +änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße +erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden +Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die +erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei +Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an +der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den +Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der +Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen +saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als +schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein, +ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in +verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur +immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der +Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher. + +Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten, +zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten +und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine +Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen. +Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle +Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes +schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm +weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter +eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote +Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng +gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht +war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter +Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie +aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah, +war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre +Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer +heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf +einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem +linken Arm fest an ihren Busen. + +„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in +seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“ + +Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den +geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus +Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn +zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit +umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines +Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um +ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht. + +In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte +Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste +Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch. + +„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist. + +„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände +hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es +abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er +nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl +und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten. + +„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und +drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen. + +„Wer?“ fragte Baptist rauh. + +„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“ + +Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie +kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“ + +Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“ + +„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. „Ja, das +wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf alle Wochentage hat sie +einen andern. Ja, ihr Mann war ihr in den Kongo davongelaufen, das wird +ihr jetzt noch lange nicht recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich +sag Ihnen, das ist eine ...“ + +Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“ + +Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann machte sie ein +beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn aufgerollt war, +verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang von Baptists Händen +abzuwickeln und zog sich abweisend zu ihrem Kanevas zurück, auf das sie +Rosen mit grünen Blättern stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander +getrennt. + +Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete ihm kaum. Er +legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten sich schwer in ihm, wie +Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach. + +„Und das gestohlene Geld!“ + +Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. Baptist warf +sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen Bett umher. Er dachte +gleich an die Diebstähle, denen er sich im Hause seines Vaters nicht +hatte entziehen können. Die Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen +hatte, entwichen seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung +jener Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein +Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher, +Verkommener. + +Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den Betrug der +Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger werden. Einmal +in einem solchen Augenblick der schrecklichen Stunden sagte er dann mit +lauter Stimme in hartsinniger Grausamkeit gegen sich selbst und sah +dabei den Schimmer einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle +mich dem Gericht!“ + + + + + Neuntes Kapitel + + +Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der +Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches +vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte, +waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die +Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf +den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie +mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den +morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen +Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging, +in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, +der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es +war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer +Scham und einer weglosen Verzweiflung. + +Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die +große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit. +Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie +ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den +Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren +wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin? +hieß dieser stumme kleine Schritt. + +„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist. + +Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’ +rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein. + +Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes, +graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er +klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die +Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war +verschlossen. + +Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das. + +„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz +seiner abgeknapperten Sprechweise. + +Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die +Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um +zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner +dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu +stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der +finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten +hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer +getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der +verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten +verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war +auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu. +Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt. +Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre +hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang +merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße +auf ihn zukam. + +Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine +zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er, +daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr. + +Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er +sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht. +Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise +wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf +sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über +sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um. + +Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er +Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das +Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte +seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße +zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal +aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten +hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte. + +Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge +Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch +erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das +Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte +Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das +ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie +er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen +Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen +steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich +der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist +was Feines!“ + +Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt +und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht +ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch +und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie +ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte +es heraus: „Es ist meine Schwester!“ + +Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas +fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb +sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine +Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte +er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und +schließlich hatte er’s gefunden. + +„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer +geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich +reingehn sehn?“ fragte er dann rasch. + +Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’ +ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube +holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein +Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein +wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins +Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und +sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“ +sagte Hasenklever bestimmt. + +Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den +Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre +gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn +erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das +Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar +versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk. + +Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann +Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste +Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre +fünfzig Franken gestohlen!“ + +Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er +drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem +Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein. +„Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam +heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen +heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. +Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine +schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen +Druckes braucht, um loszurasen. + +Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“ + +Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß +und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um +mich zu stellen deswegen.“ + +So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich +und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem +schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem +Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie +zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. +Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den +Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte +Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen +„Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm, +wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“ + +Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte +um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und +wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas +scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine +seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit +wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das +denn nu auch ganz gewiß?“ + +Baptist winkte: „Ja.“ + +„Wo ist denn das Geld?“ + +„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu. + +Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes. + +Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen +sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s +denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen +Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der +Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den +Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht. + +„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile. + +„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht +kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder +vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden, +dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er +meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“ + +Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf. +„Nein“, sagte er erregt. + +„Ja, was nun wieder: nein!“ + +„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht +dagewesen!“ + +Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen +Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte, +faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze +hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so +zu plagen!“ + +Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß +er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne +um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines +Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er +wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine +Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten +glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine +sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den +Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse +in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und +er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit +erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „_Die_ Schmach geht ja +nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das +ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge +sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal +auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und +ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“ + +Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in +Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden! +Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt +hinaus! + +„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab +ihm die Hand und versprach zu helfen. + +„Heut noch!“ bestand Baptist. + +„Gut denn!“ + +Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus. +Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als +sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff +‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“ + +Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“ + +„Papiere?“ fragte der Beamte kurz. + +Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm +erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“ + +„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte +ungeduldig ein. + +Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem +Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an. +Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn, +nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine +Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat. + +„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte, +während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich +verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort +nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen. + +Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half +ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann +mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort +zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten +Weines heraufholen. + +„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die +mit am Tisch saß. + +„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt. + +„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem +milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von +„Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo +er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte +ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch +in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen +Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern +Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist +nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem +Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am +Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“ + +Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon +auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft +verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt +das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an +seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; +daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die +dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das +allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende +vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser +letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die +Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein +kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine +liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem +sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich +nicht. + +Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten +Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt +herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte +Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ +rief er. + +Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne +dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber +er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen +hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der +Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und +Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater +Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein +getrunken hatte. + +Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne +umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte: +„Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei +still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers +bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein +anderes Geschick hier an Land bringt!“ + +Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg +und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als +Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an +Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem +Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm +Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie +unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“ +schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat +hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den +Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei +Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er +sei als Kohlenzieher angeheuert. + +Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte +über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe +Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch +g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief +er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und +mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr +Obermaschinist, ein Trimmer!“ + +Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran. +Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff, +er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll, +tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier +die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe +klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt +und was Sie wollen!“ + +„Danke!“ antwortete Baptist. + +Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst +in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei +übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne +Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein. +Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren. +Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den +Arbeitsanzug anlegen. + +Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen +Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von +Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in +dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. +Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten +Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren +auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten +hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und +kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer +und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften +zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen, +schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden +Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und +Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend +erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend +heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der +Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif +zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf +begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists +Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden +Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute. + +Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis +drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm +heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein +kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum +schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in +einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer +erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die +Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses +Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren +hinauf geschaufelt. + +Das war alles. + +„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das +prasselnde Fallen hörte auf. + +Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen. +Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“ + +Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe +knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem +Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, +weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm +um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun +abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den +niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich, +bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen +Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen. +Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse +einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf +seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des +Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der +Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, +das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist +nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht +ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war +der einzige Gruß der weiten, freien Luft. + +Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine +Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin. + +Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme +wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die +Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen +Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“ + +Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine +Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine +Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen +Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus +dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt, +als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald +jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte +Aufmerksamkeit spannte ab. + +Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben +und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem +stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das +sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein +starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr. +Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm +seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine +schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen +stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm +der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer +unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf +einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand. + +Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale +Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein +geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei +kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten +Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen +aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur +Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine +wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? +Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“ + +Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er +erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was +er sagte: „Nein!“ + +„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ +er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter +Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du +Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend +...? Hö?!“ + +Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“ + +Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er +fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte +Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen +gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine +Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot +in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre +Betten auf. + +„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich +auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der +Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen +Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war +dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager +schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die +Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der +Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden, +dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie +Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt. + +Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“ + +Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“ + +Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs +Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und +Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese +Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so +führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und +Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin +aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber +gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr +anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich +drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses +Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen, +nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß +laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. +Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend +Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ... +tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“ + +Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht +mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten +Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort, +so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf +einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein +wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm +die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender +Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die +tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die +hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen +Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich +lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer. + +Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den +Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein +Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief +in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, +wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf +dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo +dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig +ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten +mußte. + +Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb +Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend +dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten +Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. +„Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“ + +Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum +hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte +Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang. + +„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn, +ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich +ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was +ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen +und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu +fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein +Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie +eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber +wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem – +ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die +Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der +Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle +Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird +wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man +gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und +des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um +ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“ + +Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der +Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben +schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die +Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte +ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen +heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe +zur Hand. + +Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und +Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke +jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der +Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes +Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das +dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer +kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener +Lederriemen und säuselte wie der Abendwind. + +„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends +Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln, +schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die! +Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“ + +Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte +Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum +fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und +Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber +blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das +Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin. +Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh. + +Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte +vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre +Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen +ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder +Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit +trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die +Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in +den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes +trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu +ertrinken. + +So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen +Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern +wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses +Strolches Neuyork entgegen. + +Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der +üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es +Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er +wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt +in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit +Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten +und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt +halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig +und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose +Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm, +als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu +befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen +des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht +besaß. + +In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in +der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es +gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen +zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen +ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte +hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“ + +„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische +Küste.“ + +Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback +hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann +schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer. + +„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der +Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen +könnte. + +„Wer?“ fragte Baptist verwirrt. + +„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann +brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“ + +Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich +nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum +ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf +gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im +Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, +sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine +ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie +eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn +irgendwo in den Fernen stand. + +Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse, +die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen +konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist +lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen +Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, +schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und +schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“ + +Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht +heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein +Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang. + +„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr? +Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander +wetten? Schlag ein!“ + +Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber +Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das +sagte!“ + +„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde +Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und +die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann +sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und +zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“ + +Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In +Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen +zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses +Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“ + +Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine +Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig, +flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des +Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm +so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm +nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden +mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten. + +Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt +nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber +er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte +sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal +verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der +Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine +Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus +einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel +sei Dank!“ + + + + + Schluß + + +Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein +letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen +Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung +seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig +sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu +führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als +ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner +Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der +Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie +war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben +liegen fühlte. + +Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die +entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte +dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er +aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die +Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den +zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine +der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten +sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten +und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die +die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die +schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es +aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen +die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie +ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her, +schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten, +wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf +der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke +wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden +Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die +rasende, zerfetzte Ungeduld. + +Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den +Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom +dorthinaus. Wohin? + +Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer +Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der +Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen +Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie +einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den +Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den +eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist +riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last +vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist +stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in +seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses +Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu +solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des +Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, +wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er +spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht. + +Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt +überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche +der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka +hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume +hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der +Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie +war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden, +den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt +erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen +Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von +erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den +Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an, +und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden +zu überbrüllen. + +Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit +dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er +glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher +Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig +erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du +treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz +gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und +jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in +ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt +gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann +sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die +Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und +Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn +wirbelnd voll Todesgedanken. + +Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über +Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben, +verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit +Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen, +die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren. +Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben +sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte +hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben +mußte. + +Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der +Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger +auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit +überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ... + +Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen +die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ... +Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien +eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper +mit Dolchstichen zerfleischt ...“ + +Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen +erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine +Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als +Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und +auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen. +Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein +Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern +hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich +zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte +sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die +Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles +Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und +her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die +Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen, +Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig +gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“ + +Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der +Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter +ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor +sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ... +Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine +unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der +dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch +umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und +wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr +der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur +ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem +Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur +mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt. + +Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der +Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein +noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die +er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte. + +„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern +blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei +der Sie sich mehr ausgeben können!“ + +Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was +gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen +Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“ + +Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“ + +Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“ + +Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme: +„Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die +Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann. +Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt +fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner +Ursache diesem Gesetz entzieht.“ + +Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“ +Darauf ging er weg. + +Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich +das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in +der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen +Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes +Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles, +etwas Ängstliches, ein Rätsel. + +Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an +und brach das Kuvert auf. Er las: + +„Lieber Bruder! + +Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht +hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief +zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu +sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir +brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so, +wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so +kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so +muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum. +Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel +heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen +so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich +es nicht? + +Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber +lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute +so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen +gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen +Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand, +als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft +gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer +machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich +wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet +zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken. + +Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei +nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war. +Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute +verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern +daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein +klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der +Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner +Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien +ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat, +die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder +nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin +zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf +dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden. + +Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies +schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen +Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen +den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze +zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch +schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit +ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich +nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem. + +Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die +Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht +nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir +den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so +tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den +lieben Bruder. + + Jeanne.“ + +Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in +die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen +und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf +den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende +von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter +Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten +arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht +zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod +der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles +grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen. +Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht +nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen, +wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen. + +Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam +die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den +Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes +Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf, +die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die +Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in +diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit +einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land +zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er +weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich +dann betäubt ins Bett. + +Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und +fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und +stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an +das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr +letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund, +daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die +Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war +gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner +Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die +Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der +mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten. + +Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß +er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht +allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die +Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war +liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an, +der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn +frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas +Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der +Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein. + + * * * * * + +Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf +einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb. +Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden, +dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und +Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit +zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau. + +„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt +auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs +und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken +konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der +einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht +glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen +Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen +schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die +doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die +schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation. + +Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg +einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht +und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und +Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das +Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem +Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle, +dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen +... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In +welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur? +Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf. + +Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen +großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens. + +Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in +ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack +deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht +hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen +Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben, +das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das +Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem +Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in +dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der +Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse +drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die +Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete. + +Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein +kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen, +daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die +Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum +erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte, +seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo +sein Platz leer war und wartete. + +Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung +überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes +Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk +zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben +beginnen. + +So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die +Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der +deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen +wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten +verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere. + + + Ende + + + + + Fischers Bibliothek + zeitgenössischer Romane + + Zweiter Jahrgang + (Oktober 1909-September 1910) + + 1. Bd. Hermann Hesse, Unterm Rad + 2. Bd. Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau + 3. Bd. Theodor Fontane, Cecile + 4. Bd. Herman Bang, Am Wege + 5. Bd. Norbert Jacques, Der Hafen + 6. Bd. Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit + 7. Bd. Emil Strauß, Der Engelwirt + 8. Bd. Peter Nansen, Julies Tagebuch + 9. Bd. Felix Salten, Olga Frohgemuth + 10. Bd. Ruth Waldstetter, Die Wahl + 11. Bd. Hans von Kahlenberg, Eva Sehring + 12. Bd. Johan Bojer, Unser Reich + + Jeden Monat erscheint ein Band + + + + + Im gleichen Verlage ist erschienen: + + Norbert Jacques: Funchal + + Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M. + +Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von einem Buche +rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. Ein zarter, +vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine wohlklingende Sprache +geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt zuweilen in der Bibel zu +lesen, von so knapper, schlichter Größe sind einzelne Stellen; so die +Begegnung Thos und Margarethes am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und +die Wanderschaft Thos. + +In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht ein fremdes +Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift Funchal und ein kleines +Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der Knabe wird in der Familie des +alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, ein Kuckuck im fremden Nest. Mit +siebzehn Jahren wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen +Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. Er +hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, und beschließt, sie, +die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht fort über Dünen und +Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen kargen Lohn und kehrt im +Winter wieder heim nach Klitby. So treibt er es durch die Jahre. Nie +kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr packt ihn das Heimatfieber, er knüpft +sein Bündel, wandert ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal +zu finden, und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er +Margarethe, Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum Vater, +verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht aber steht vor +seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen Bergen und die Sehnsucht +seines Lebens ... + +Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat in dieser +Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, fremde +Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, irrt unstet und +von seinem Heimweh geplagt umher, und als er müde das Suchen aufgibt, +lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind. + +Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen +Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend redet +sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine Stätte +hat. + + (Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“) + + + Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt. + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 20]: + ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich sich + straffen, daß ... + ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich straffen, + daß ... + + [S. 129]: + ... glänzenden Augen dunkler und inniger werden an seinen ... + ... glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen ... + + [S. 172]: + ... Dir in die Welt nachschicke. Aber ich habe die Hoffnung, daß ... + ... Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 *** diff --git a/76486-h/76486-h.htm b/76486-h/76486-h.htm new file mode 100644 index 0000000..d889d06 --- /dev/null +++ b/76486-h/76486-h.htm @@ -0,0 +1,9726 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Der Hafen | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Der Hafen" --> + <!-- AUTHOR="Norbert Jacques" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="S. Fischer, Berlin" --> + <!-- DATE="1910" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:35em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:1em; + margin-bottom:0.5em; } +.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; padding-top:4em; font-size:0.8em; + margin-bottom:4em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; margin-bottom:2em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; padding-top:4em; + margin-top:0; margin-bottom:2em; } +div.chapter h2 { padding-top:4em; } /* undo pgepub.css */ +h2.chapter1 { padding-top:2em; page-break-before:avoid; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; 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Fischer, Verlag, Berlin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="cop"> +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br> +Copyright 1910 S. Fischer, Verlag, Berlin. +</p> + +</div> + +<div class="epi chapter"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> + <div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Und solang du das nicht hast,</p> + <p class="verse">Dieses: Stirb und werde!</p> + <p class="verse">Bist du nur ein trüber Gast</p> + <p class="verse">Auf der dunkeln Erde.“</p> + </div> + <div class="stanza attr"> + <p class="verse">Westöstlicher Diwan.</p> + </div> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter1" id="part-1"> +Erstes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der +schwerfällig melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf +in Pluderhosen und Blusen, in Bauschröckchen und engen +Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme kamen, und an +den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif, +ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die +Leute sich schwermütig hin und her und setzten auf einmal +mit einem trommelnden Auftakt alle Holzpantinen, melodisch +und kurz hintereinander niederklappernd, daß es wie ein Wirbel +klang, auf das Pflaster, während ein junges Liebespaar still +glücklich herauskreiste. Und gleich wieder schloß sich alles im +Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper Bewegungen +zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, +wie ein neutraler Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft +zurückhielt, obschon es wußte, daß es Meister sein könnte +über alles. +</p> + +<p> +Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck +auf dem Flügel. +</p> + +<p> +Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die +zwischen Flügel und Wand geklemmt war. Er lag auf den +Rücken gestreckt, bequem und aufgelöst, schützte mit der linken +Hand seine Augen vor der elektrischen Hängelampe und schlug, +so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im Flügel erklang, +mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt, den Takt. +Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie schwermütige +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können, +einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren +süßen, traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung +eines einsamen Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden +Salzes ging, das Leib und Seele reinigte. Körperliche und +innere Schönheit wurden schlank und plastisch herausgearbeitet. +Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den Händen auf dem +Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene +Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte +jede Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle +Herzen. +</p> + +<p> +Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung +um die Melodie, die Jeanne mit warmen +Regungen aus der Harfe des Flügels holte. Sie wurde aufgescheucht, +als sich plötzlich, wie unter einem heimlichen Stoß, +die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf hinfuhren, +durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt, +sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ +die Klinke nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen +Sohn, zog die Türe wieder zu und die Geschwister hörten ihn +im Flur davongehn. +</p> + +<p> +„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich. +</p> + +<p> +Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell +gewechselt. Sie spielte eine „Chansonette sans paroles“ des +Belgiers Lekeu. Es ging wie in zarten Ringeln, mit sauberer, +klarer Süßigkeit immer rundum, ein zärtliches Tänzchen verliebter +Jungmenschlein. +</p> + +<p> +Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt +unter seinen Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun +auf einmal unter einem Sessel heraus, buckelte sich um die +Beine des Flügels, aalte um Jeannes Schuhe herum und +sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es schnurrend +und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen +Schnäuzlein und weißen Samtpantoffeln. +</p> + +<p> +„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte. +</p> + +<p> +Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von +Baptist eingeschmiegt und sang vor lauter Behaglichkeit. Es +spielte mit den weißen Schuhen seiner Pfötchen an den dunklen +Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett herum, schlug mit leise +gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es neckten, und es +war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob es +noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem +eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels +schnellte und erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen +Pfoten aufklangen. +</p> + +<p> +„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen +gibt, wie das Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren +Willen auf, und wir glauben, sie stehn unter unserm. Sie +buckeln sich schnurrend mit schlanker Zartheit über die Widerstände +hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und sind so leise +darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und spielerisch. +Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“ +</p> + +<p> +Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu +spielen. Dann sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen +gibt. Und wenn, dann taugen sie eben nichts!“ +</p> + +<p> +„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“ +</p> + +<p> +Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie +verliebt mit dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich +um ihren Nacken schlang und eitel Graziosität war. +</p> + +<p> +Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und +die Chansonette sans paroles von neuem begonnen. +</p> + +<p> +„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören. +</p> + +<p> +„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +ob das Stück oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in +irgendein Nachsinnen verloren hatte. +</p> + +<p> +„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich, +aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß +auch oberflächliche und sentimentale Gefühle, die in einem +stecken und die dieses Lied so leicht in sich aufnehmen!“ +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul. +</p> + +<p> +„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“ +</p> + +<p> +„Ich liege viel zu gut!“ +</p> + +<p> +„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“ +</p> + +<p> +Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper +wohlgenährt, weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb +genierte er sich ein bißchen vor seiner schlanken Schwester, +die mit einer sehnigen, großen und freien Linie leicht über +das Griffbrett des Flügels geneigt saß. +</p> + +<p> +„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal +geärgert. „Wir müßten leichtere Speisen bekommen und +keinen Wein über Tisch trinken. Schweinemast!“ +</p> + +<p> +Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit +sich, mit einem flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu +nehmen und sich im Spielen in den Hüften zu wiegen. +Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner gemästeten +Körperlichkeit. +</p> + +<p> +Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes +Haar trieb kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und +zart gerundete Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das +hinter ihrem Kopf stand, quoll mit goldigem Leuchten in diese +Löckchen, entzündete sie zu einem lieblichen, dunkelblumigen +Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt schien. +</p> + +<p> +Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah +er in dem großen Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht +voll und weich in den Wust schwarzer Haare eingeschlossen. +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Er war unzufrieden damit und er legte den Kopf so, daß er +nicht mehr im Spiegel stand. +</p> + +<p> +Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen, +mit sentimentalem Aufruhr in ihm. +</p> + +<p> +Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei. +</p> + +<p> +Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch +zu schaffen, auf dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie +er es mochte. Er öffnete die Kisten. Das Kätzchen sprang +unter dem Tisch hervor und schlang sich schmeichelnd um die +Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß ungeduldig +weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die +Türe auf und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun! +Das ganze Haus voll solcher Existenzen!“ +</p> + +<p> +Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon. +</p> + +<p> +„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und +lächelte schalkhaft für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht +einmal nach ihr um. Er trat wieder an die Zigarrenkisten +heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt von zweien und +zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete die +beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf. +</p> + +<p> +Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn +und verschwand wieder durch die Türe. +</p> + +<p> +Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist: +„Wie hat er unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast +du gesehen? Er hat wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“ +</p> + +<p> +„Ach, Battist!“ +</p> + +<p> +Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige +heftig, als wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen +Ausbruch ihres Gefühls übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr +die Worte versagten. +</p> + +<p> +„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte +die Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich +bald in eine Melodie auflösten. +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“ +</p> + +<p> +Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa +wieder nach Katzen stinkt! Scheußlich!“ +</p> + +<p> +„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb. +Jetzt bist du auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“ +</p> + +<p> +Baptist lächelte. +</p> + +<p> +Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst +du heut abend zur Schobermesse?“ +</p> + +<p> +„Ja!“ +</p> + +<p> +„Papa wird es dir verbieten!“ +</p> + +<p> +„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“ +</p> + +<p> +„Dann gehst du heimlich?“ +</p> + +<p> +„Natürlich!“ +</p> + +<p> +„Hast du das schon einmal getan?“ +</p> + +<p> +„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“ +</p> + +<p> +Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen, +die wie glänzend schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem +schmalweichen Gesicht saßen und trotz ihres entschiedenen +Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen Ausdruck an, +unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie schaute +angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte +sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl +in ihr auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur +den Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche +Pflanzen, ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken, +für Bienen, für Vögel, für Schmetterlinge, ohne sichtbaren +Zweck ... +</p> + +<p> +Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das +mit so prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte +es Liebe. Es machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren +Bruder ganz mit ihm, hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre +Mutter nicht kennen gelernt hatte, blühte auf in einer großen +mütterlichen Güte. Sie war zwanzig Jahre alt und wußte, +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an einen Mann +verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem +großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden +sollte, wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind +erwartet, um alle Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen +und rühren zu lassen. +</p> + +<p> +Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder +sprechen? Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie +sich wohl, und das war ein Wunsch, den sie voll Leid und +Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung sie wie ein Wunder erwartete +... Sie hatte niemand Vertrautes in der kleinen +Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in +dem engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt. +</p> + +<p> +Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes +am Klavier sah, dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an +die weiche Weiblichkeit seiner großen Schwester flüchten zu +können, als die Schwester von ihm fern in den Pensionaten +in Frankreich und England aufwuchs und er so allein all die +kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen sah. +Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde +sie ihm eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne +daß man gebe. Man werde sich nicht berühren, und die Luft +um einen übermittele die zartesten Regungen. Jeanne könne +die enge Heimat Luxemburgs zu einer großen Welt auseinanderdehnen +... Und nun war sie schon seit zwei Jahren +wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von +Qualen und Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten +Wünschen und törichten Sünden geblieben; und er +hatte niemals auch nur mit einem Wörtchen Jeanne dorthinunter +gewiesen, wo das alles schmerzvoll und unerlöst +umherging. +</p> + +<p> +Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber +aufsprießend, trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +in sich herum, und das war für beide so groß, schön +und traurig, daß sie immer von neuem scheuten, Licht hinter +sich zu machen. +</p> + +<p> +Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen +entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen +wäre. Aber die letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch +fest. Baptist blieb bei sich allein und dachte sich nur in heißem +Schwelgen die vielen edeln und vollen Möglichkeiten und +Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz anderswohin +zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die einmal, +sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen +müßten. Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins +Jeannes erkannte, das verband ihn unlösbar der Schwester. +</p> + +<p> +So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem +Kummer und halb aus schönem und edlem Bewußtsein gemischt. +Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln im Boden zärtlich +die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder für sich +ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und +richteten sich doch jeder frei sich selber. +</p> + +<p> +Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das +Gespräch dahin zu wenden, worum ihre Gedanken den ganzen +Abend sprangen. Sie fürchtete, weil sie nicht wußte, in welcher +Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau saß, von der sie gerne +gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis nach Kritik +ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt und +rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die +etwas fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“ +</p> + +<p> +„Wer?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +Da nahm ihr Mut einen Anlauf. +</p> + +<p> +„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“ +</p> + +<p> +Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete +nichts. Die Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht +entfallen lassen. +</p> + +<p> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle +auf der Schobermesse!“ behauptete sie sich. +</p> + +<p> +„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der +gerade großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura +noch nicht gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn +hinter sich zu legen pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich +überzeugt hast, den ganzen Tag und die halbe Nacht in +Sinus’ und Tangenten, Cäsar und Xenophon, Racine und +Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer Kräfte. +Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine +italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“ +</p> + +<p> +„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“ +</p> + +<p> +„Nein!“ +</p> + +<p> +„Wo gehst du denn hin, Battist?“ +</p> + +<p> +„Zu der mit den großen Händen.“ +</p> + +<p> +„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne, +und die Wut stieß sie davon. +</p> + +<p> +„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd. +</p> + +<p> +„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“ +</p> + +<p> +„Ach!“ +</p> + +<p> +„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden, +kalten Blick ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun +fürchtete sie, ihm wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher +Angst: „Liebst du sie denn, Battist?“ +</p> + +<p> +Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er +gab seinen Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war: +„Ach nein, ich lieb sie ja wohl nicht. Aber ... zum Henker, +aber, aber, aber ... hundertmal hintereinander: aber!“ +</p> + +<p> +„Ich versteh dich nicht.“ +</p> + +<p> +„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid +zum Anfassen, wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht. +Ich weiß nicht. Ich kann’s nicht sagen.“ +</p> + +<p> +Er stand auf und küßte seine Schwester. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann +ist mir, als sähe ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still +unter dem Boden der Erscheinung. Der andere, der mit dem +Leib, geht sichtbar oben. Aber ich bin doch natürlich keiner, +der das dann so genau sezieren und kontrollieren kann. Sag’ +doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es muß doch nicht +immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach Hygiene +und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon +kommt sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft +in einem verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines +Leibes nicht mehr hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“ +</p> + +<p> +Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte. +Es war Chopin, bunt und zerrissen, schwermütig und voll +Glanz. Aber auf einmal klang es jäh ab; mitten in der Harmonie +blieben die Hände still, drückten sich noch mit einem +mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um: +„Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“ +</p> + +<p> +Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe. +</p> + +<p> +„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete +Baptist. „Dagegen bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach +einer Weile ernster hinzu. +</p> + +<p> +Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das +Haar. +</p> + +<p> +„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes. +Alles andere ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“ +</p> + +<p> +Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist +zum Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten +und öffnete die Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem +Holz den Stempel Uppmann trug. +</p> + +<p> +Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute. +</p> + +<p> +„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“, +sagte er. „Wer ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts: +Das Kleid macht nicht den Mönch! so überzeugt, wie +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +er! Groschenzigarren sind Importen, wenn sie mit irgendeiner +Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen und +Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute +nach dem Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden, +sind derselben luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen +sie dann: frommer Betrug – und lächeln mild und pfiffig +dazu.“ +</p> + +<p> +Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging +die Türe auf. +</p> + +<p> +Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste +hinein. +</p> + +<p> +„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an +und klappte unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke, +du hast in vier Wochen Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft +im Nichtbestehen von Examen aufstellen, daß alle Leute +in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen: ‚Da ist der Vater! +Faineant!‘“ +</p> + +<p> +„Papa!“ bat Jeanne. +</p> + +<p> +Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte +in Baptist den passiven Widerstand, mit dem er solche +väterliche Anfälle an sich vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht +der beleidigenden Worte schien ihm nun offensichtlich, und +diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die Erinnerungen an die +ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins Tragische gesteigert +durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er seiner +Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen +Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte +davon und schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe +hinter sich zu. +</p> + +<p> +Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt +mehr Ketten als rasende Hunde!“ +</p> + +<p> +Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der +Schale der väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen. +</p> + +<p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper! +Schau lieber, daß du einen Mann bekommst!“ +</p> + +<p> +Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die +Abgewiesenen, die sich ihr zu nähern versucht hatten, und +schlug mit vollen Händen und beleidigter Empörtheit den +ersten Akkord, der in die dunkel trächtige Melodie einer Beethovenschen +Sonate ausfloß. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-2"> +Zweites Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. +Es lag neben seinem Schlafraum im zweiten +Stockwerk der Villa und war stets das Refugium seiner bösen +Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen Kronleuchter an +und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als Schreibtischsessel +benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete. +</p> + +<p> +Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen. +</p> + +<p> +„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins +Zimmer hinein. „Und das Examen mach ich doch niemals!“ +</p> + +<p> +Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich +fürs Examen auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen +Ärger in Flammen. Er sprang auf, ergriff das zunächstliegende, +riß es aus dem Deckel und biß mit den Zähnen hinein, als +wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu sättigen. +Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal +auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich +in der Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei. +</p> + +<p> +Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner +Hand sah, mußte er laut herauslachen. +</p> + +<p> +„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“ +</p> + +<p> +Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und +stopfte das zerrissene Buch in den Ofen. +</p> + +<p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig +und resigniert dem Buche, das in den schwarzen Behälter +verschwand, als Grabrede nach. +</p> + +<p> +Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, +hatte ihn doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf +und ab und ein Bedürfnis nach Ruhe und Frieden quoll warm +in ihm auf. An einer Wand standen zwei schwere doppeltürige +Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die der +Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist +riß alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke +erschimmerte der absichtslos bunt gescharte Schwarm der +Bücher. Im Schrank, der dem Fenster am nächsten stand, +hob sich aus den farbig gescheckten Regalen eine Bücherreihe +verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken aus +flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben +blauen und grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen +Reichtum zur Schau. Das waren Baptists Lieblinge: +Werther, Hauff, Eichendorff, Stifter, Lenau, Cosmopolis von +Bourget, Maeterlinck, die Chronik der Sperlingsgasse, Bruges +la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ... verliebt +und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen +und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden +mit den hellen Lederrücken und den dunkeln +Tunkpapierdeckeln, wie sie es in der empfindsamen und einseitigen +Zärtlichkeit des jungen Menschen waren, der in diesen +Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern vereinsamte, seine +Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte. +</p> + +<p> +Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine +Augen suchten zugleich an den Wänden die geliebten Bilder +auf, und er sagte, während Rührung zugleich mit Zuversicht +in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“ +</p> + +<p> +Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf +seines vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Streifzügen über die Wege, die er liebte, und Baptist stand +auf einmal vor dem Bild der Italienerin auf der Schobermesse. +Stracks überschwemmten ihn die Wünsche nach ihr mit +weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer Schublade +herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück +fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten +Zärtlichkeit geben könnte. +</p> + +<p> +Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der +Türe: „Der Herr Battist möchte zum Abendessen kommen!“ +</p> + +<p> +Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen +stehenbleiben, und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann +ging ihr Schritt, eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, +davon. Baptist schritt langsam den Flur entlang und die +Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter ihm lautlos in +den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif geplätteten +Schürzenbänder flattern. +</p> + +<p> +Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am +Tisch. In einer Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, +der darauf wartete, erlöst zu werden. Die Schwester ordnete +ein paar Blumen in einer Vase und rückte sie in die Mitte des +Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux etwas beiseite schiebend. +</p> + +<p> +„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr +Biver auf. „Was machen überhaupt die Blumen da? Sie +nehmen nur Raum weg!“ +</p> + +<p> +„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch +viel freundlicher aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“ +</p> + +<p> +„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine +Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten +ans Haus bauen!“ +</p> + +<p> +Jeanne zuckte mit den Schultern. +</p> + +<p> +„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und +schaute beleidigt auf. +</p> + +<p> +„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“ +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der +hat auch immer eine andere Meinung als wie die gewöhnlichen +Menschen!“ +</p> + +<p> +Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft +weiter kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester +vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer +Gedanke, der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm +nieder. +</p> + +<p> +Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das +gerade eine Platte mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. +Er schloß die Türe hinter sich und eilte, die Schritte dämpfend, +über die dicken Teppiche an den geschlossenen Türen des Korridors +vorbei. Als er im Seitenflur war, wo kein Licht brannte, +verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht. Er dachte, +er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die +Zähne aufeinander. +</p> + +<p> +Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. +Baptist machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem +Sekretär, der gleich an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein +fiel durch die offene Tür in das dunkle Zimmer. Als +Baptist ein wenig mit den Fingern unter der hervorstehenden +Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das war das +Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für +sich allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf +den Rolldeckel fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und +fühlte gleich den kalten Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig +heraus, während er in den Flur hinaushorchte. Seine Brust +klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die Finsternis legte +sich angstvoll wie Wasser auf ihn. +</p> + +<p> +Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen +Ungetüm, das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine +Finger glitten an einem Eisenband entlang, rutschten langsam +suchend über eine glatte Fläche, bis sie den Messingknopf +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere Hand haftete +mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten +heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, +dumpfen Schrei glatt nach, und es war fast, als käme Baptist +die schwere Eisentüre leicht und unheimlich entgegen, um ihn +vor die Brust zu stoßen. Aber sie blieb auf einmal stehen. +</p> + +<p> +Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen +eine runde eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an +wie brennendes Eis, als er hineingriff; hastig ließen die Finger +Stück für Stück von dem Inhalt in die Hosentasche gleiten. +Baptist wollte zählen, aber er vermochte es nicht. Es zitterte +ihm leise in den Händen und in den Beinen. Er hatte die +Augen geschlossen, während er so tat, und er sah sein Blut +dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im +Kopf herumgehen. +</p> + +<p> +Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins +Schloß. Es knackte einmal heller und dann noch einmal, wie +ein ferner halb verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in +erhitzten eckigen Gebärden mit der Hand unter den Rolldeckel +des Sekretärs, legte die Schlüssel nieder, schob, die Zähne +in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß. +</p> + +<p> +Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar +Augenblicke so hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff +die Augenlider zu, krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das +Blut sprang wie in einem Strahl gewaltsam in seinen Kopf +hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber alles war plötzlich in +ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <a id="corr-0"></a>sich straffen, daß +sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart, scharf +und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte +wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm +vergangen war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen +Verkommens und großen Werdens ungebunden nebeneinander +stehen. Er spürte seine ungeheure Widerstandskraft hinter der +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +wohllebigen Weichheit seines Leibes und der Verfettung seines +Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt mit +einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter +Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität +herniederbückte. +</p> + +<p> +Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich +darauf die Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er +schon lange ergeben war und gegen die er sich kaum mehr +wehrte. +</p> + +<p> +Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und +ging schnell über die Teppiche zurück in den Speisesaal, von +dem er kaum einige Minuten fortgewesen war. Über seinen +Augen lag ein nebeliger Flor, als er eintrat und sich an seinen +Platz setzte. Er nahm unsicher und mit schwachen Fingern +Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt. Er +legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem +Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren +Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld +hinaus- und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm +auf. +</p> + +<p> +Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander +aus, wie er diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem +müßigen, verweichlichten Hinfließen seines Lebens die einzigen +Taten waren, an denen sich Wagnis und Widerstandskraft +einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein, heimlich +und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich +verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in +denen aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- +und unfruchtbaren erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl +und verpraßte und erkaufte sich mit den harten Schmerzen +seines Bereuens die fessellose Romantik seiner heimlichen, +dumpfen Sünden. +</p> + +<p> +Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +freimachen müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu +erlangen, die er für sich in der Ferne bereitet fühlte. +</p> + +<p> +In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos +hin und her, wie ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und +her, zwischen die engen Wände gedrückt und durch das Gitter +von der Freiheit getrennt. Ein Stück langsam und regelmäßig, +dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter schnellend, dann +fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne, kühl +und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend, +verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die +Augen zu schauen. Aber die wässerigen hellen Augen seines +Vaters konnte er dabei mit kaltem Gleichmut überwachen. +</p> + +<p> +Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. +Die Goldstücke wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. +Er hatte sie, damit sie nicht zusammenklingen sollten, mit +einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche aneinander gedrückt. +Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen ihre runden +Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen. +</p> + +<p> +Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, +und er fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, +daß es nun endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein +möchte, brannte mit zitterndem Züngeln weiter in ihm und er +schaute erregt nach dem aus, was nachher draußen kommen +sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte. Vielleicht wurde +es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich Frauensüßes, +das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie liebte +er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend +geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei +jedem Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit +seiner runden, wie uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in +dem weichen Ledersessel saß und die Serviette hoch um den +Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine Vorbereitung +auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen abstieß. +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein +Tropfen weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht +hinzuschauen und sah doch im Wegblicken die starken runden +Backenknochen des Vaters im Kauen wie Kugeln immer drohend +zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig niedergehen. +</p> + +<p> +„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ +wandte sich Herr Biver plötzlich streng und sachkundig an das +Mädchen. „Sagen Sie der Köchin ..., nein, ich werde es ihr +nachher selber sagen. Auf Euch ist doch kein Verlaß!“ +</p> + +<p> +Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute +Anweisung, die Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“ +</p> + +<p> +Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – +was fällt dir ein?“ +</p> + +<p> +„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und +bestimmt. „Das wird jetzt anders!“ +</p> + +<p> +Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor +sich nieder in den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: +„Vater gehst du heute zur Schobermesse?“ fragte er, +obschon er wußte, daß mit der wichtigen Regelmäßigkeit der +Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in kleinen Städten +viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen Haus +die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm +nicht. Statt dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, +sagen Sie der Köchin, daß ich nachher mit ihr zu sprechen +wünsche. Vorderhand ist der hier noch Herr im Haus, und es +dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“ +</p> + +<p> +Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, +warf er Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht +zur Schobermesse!“ +</p> + +<p> +Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob +ihren Teller etwas von sich. Baptist dachte sich: immer lustig +gefressen, das ist auch ein Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall +hatte ihn erheitert und aus der heißgelaufenen Wirrsal +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch eine Beschwörungsformel +herausgehoben. +</p> + +<p> +Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald +ein Ende nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer +verletzten Fürstin den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für +diese Bewegung und schloß sich ihr an, als sie das Zimmer +verließ. +</p> + +<p> +Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die +Geschwister gingen schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann +sagte Baptist lächelnd: „Komm, wir wollen lieber noch ein +bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich mich an den großen +Händen freuen geh!“ +</p> + +<p> +Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein. +</p> + +<p> +Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du +liebst sie nicht? Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“ +</p> + +<p> +„Hm?“ +</p> + +<p> +„Nein, gelt nicht?“ +</p> + +<p> +„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht +lieben soll?“ +</p> + +<p> +„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine +Prinzessin oder so ...“ +</p> + +<p> +Baptist lachte. +</p> + +<p> +„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. +Das ist ja auch vielleicht meistens nicht mehr als wie +das Gewöhnliche. Ich meine eine, die durch ihre Schönheit +und Klugheit eine Prinzessin unter den Menschen ist.“ +</p> + +<p> +Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das +liebe, kleine Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr. +</p> + +<p> +„Ja, das mußt du!“ behauptete sie. +</p> + +<p> +Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische +Licht an. Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem +Flügel. +</p> + +<p> +Jeanne schlug die ersten Takte an. +</p> + +<p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ +sagte Baptist, während er den Geigenkasten öffnete. +</p> + +<p> +„Mozart!“ schlug Jeanne vor. +</p> + +<p> +„Nein, etwas Neues, gelt!“ +</p> + +<p> +Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall +hörte, etwas von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein +prickelndes Quirlen und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und +nervösem Reiz festgehalten wurde. Er begann auch gleich +solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel ein, Baptist +schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar +Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann +sofort mit einem lostollenden Singen über das Spiel des +Flügels, der den leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen +konnte, hinweghob und davonführte. +</p> + +<p> +Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini +aus Cremona. Es war das einzige Erbstück der Familie. +Der verstorbene Großvater hatte sie in Paris als junger Bursch +geschenkt bekommen – er sagte bis zu seinem neunundsiebzigsten +Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau – und er hatte +sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre adelige +Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs +Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal +sein Lehrer, den der süße, singende Ton des Instrumentes +schon lange bezaubert hatte. „Unsere Ahnengallerie!“ nannten +die Geschwister die Geige, weil der Vater jeden Besucher an +diesen einzigen hervorragenden Gegenstand rassiger Herkunft, +den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige die den +Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen, +fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst +in dem noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam +und angstvoll verschlossen gehalten wurde. +</p> + +<p> +Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend +der Geist des Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +fiedelte das erregende Lied, daß es im Kasten der Geige heiß +und menschlich verlangend stöhnte und tollte, und der Großpapa +schien dazu zu lächeln und Rosa von der Schobermesse +tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die Geige +ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen +braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche, +leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem +bebenden Unterton der Resonanz des Geigenleibes zu allen +Dingen des Tages frech, wurschtig und humorvoll brummeln +hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem Geigenstreichen, +preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch alle +Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... +Ah! ... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... +und schloß im Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, +drückte die Finger gefühlvoller auf die Saiten, führte den +Bogen zärtlicher, als handelte es sich darum, im Rausche einem +treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen mit einem empfindsamen +Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen. +</p> + +<p> +Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein +Netz, das sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel +von Akkorden über die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die +Violine sank einmal aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu. +</p> + +<p> +„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, +sprang am Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern +und setzte zur Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die +Treppen hinan. Er sah kaum noch, wie sein Vater seine drei +Gäste, die Herren Faber, Wampach und Küborn, zur Türe +des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße +Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte. +</p> + +<p> +„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und +eine leise Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden +Erwartungen des Abends verursacht, als durch das +heftige Treppenlaufen. +</p> + +<p> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute +die Türe an, die sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. +Bald weinte sie. Er war ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten +und ging nun zu dem Kirmesweib, die seiner unwürdig war +und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs der verwilderte +Garten in ihr auf. +</p> + +<p> +Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen +hatte, mit fliegenden und in der Erregung ungeschickten +Fingern Kragen und Krawatte. Sein Gesicht glühte, +und das kalte Wasser hatte nur einen Augenblick wohlgetan. +Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle des Septembertags +ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung +von Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie +kam aus der starren Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam +herein. +</p> + +<p> +Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf +hatte, noch ein kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung +den Kopf zum Fenster hinaus in ihre wehmütige Herbheit. +</p> + +<p> +Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe +hinab, die im Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß +mit Speicher verband. Er nahm jedesmal drei oder vier +Stufen, und prallte unten auf Anna, die gerade aus der Küche +gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte er seine +Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der +andern am Geländer hielt. +</p> + +<p> +Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand +liegen. Er spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen +der Schulter. Er sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund +halten, daß ich weg bin!“ +</p> + +<p> +Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, +die sich nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine +Hand niedergleiten ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit +warmen Augen an ihm hinauf. Aber er hatte sich schon abgewandt +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe hinab und +zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun verlassen +die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer +stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, +damit seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war +es, als hätten sie eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken +des Zusammenseins in dem einsamen, schmalen Flur +davongetragen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-3"> +Drittes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die +Stadtverwaltung so wenig Gewissen und Geschmack besaß, +daß sie sich bereit fand, an Private sozusagen ohne Entgelt und +nur aus Liebenswürdigkeit und Vetternschaft die schönsten +Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die Villa hatte sich +in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus den +Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte +von dem gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg +in das Baum- und Buschwerk des Parkes und schlängelte sich +heimlich und verlassen dahin. Alle fünfzig Schritte leuchtete +eine altmodische Gaslaterne mit einer offenen flackernden +Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal umfaßte +ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese +des ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten +vergeblich drum warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger +zu sein. Es lag jeden Abend verlassen und wie lauschend +im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten Straßen breit durch +den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die verschwiegenen +Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter +an ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel +mit der Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +eines Stadtwalles im Bogen um das alte Luxemburg, wo es +mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als die Stadt sich +ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu +nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der +Villa Biver lag auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld. +</p> + +<p> +Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei +oder viermal streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten +der Finsternis schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging, +waren von Erinnerungen trächtig. Baptist eilte heute an ihnen +vorbei und wischte sie mit einer Handbewegung weg, wenn +sie sich nähern wollten. In der lautlos gereinigten Nacht scholl +das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem Schobermeßplatz +und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es dämpfte +sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die +durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt +auf seinen fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als +sehe er das nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher +Versprechen gewesen war, durch ein umgekehrtes Opernglas, +ganz sein und kühl geschärft in allen Umrissen, aber weit, unerreichbar +weit entfernt. +</p> + +<p> +Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran. +Er war feucht und kühl und trug wieder den herben Duft von +Vergehen und Tod. Der Park lief mit seiner ganzen Breite +auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal schroff in die +Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von runden +starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund +auf. Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts +öffnete sich das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an +schonen Tagen die Schenkel seiner einfassenden Hügel weit +auseinander dehnte und weich, lieblich und lau wurde. Aus +diesem Tale kam der Nebel herauf. +</p> + +<p> +Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe! +Diese verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +bescheidenen Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd, +mit ihrer kleinen, etwas trockenen und spröden Traurigkeit. +</p> + +<p> +Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon +über der Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke +kehrte, der von den Lichtern der Karussels und Buden der +Schobermesse gerötete Himmel wie eine schwarzrot illuminierte +Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte wieder einmal +diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend Alltagen +seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen, +handlungslosen Erlebnisse. +</p> + +<p> +Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er +ging wie kühle Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist +wußte, weil er es so oft erlebt hatte, daß der Nebel dem Tal +entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß er sich bleich +opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam wanderte, +traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück, +das sich in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der +Heimat mit Bewegungen vollzieht, die nicht nach außen +dringen dürfen. +</p> + +<p> +Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter +der nur mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor +der Tiefe lag. Da sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen, +der in der Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr, +sonst aber schon am letzten Haus der Neutorstraße seinen Weg +beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas alt daherpolterte, +auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte +mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur +Seite und sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er +war der einzige Fahrgast. +</p> + +<p> +„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte +ihn der grauhaarige Kondukteur. +</p> + +<p> +„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“ +antwortete Baptist. +</p> + +<p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd +eins über. Bald trillerte er noch einmal grell und energisch +mit seiner Holzpfeife. Die Schienen liefen in den Sand des +Bodens hinein. Der Lärm von hundert Orgeln klopfte sich +durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren des Trambahnwagens +einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke +funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen +wogten wie flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon. +Der Lärm der Musik schrie harthörig und dickköpfig gegen +einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen Orgel. Aus den +Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind +erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie +einen Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den +Budenreihen in den Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über +dem Feld schwebte schon der Nebel und rötete sich blaß und +weit hinauf an der Glut der Lichter. +</p> + +<p> +Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens +hinein. Er ging an dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Abondance des douceurs de Nancy</span>, an rasselnden Karussells +mit Schiffen, Autos und hin und her zappelnden +Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer +waren, an dem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Alcassar de Paris</span>, aus dem die krähende +Stimme einer französischen Soubrette wie eingewickelt in +einen Dunstschwaden schalen Biergestankes kam; er ging schnell +dahin, geradeaus auf die große Holzbaracke von Hiltchen zu, +in der die italienische Kapelle spielte. +</p> + +<p> +Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit +Tüchern, Fahnen und Tannengirlanden verhängten Lokals +die Gruppe der Musikanten in bunten Kleidern aufrecht stehen, +spielen und fingen, und Rosa stand vor ihnen und schüttelte +das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt und +leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug +das Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +gleich ihre schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen +ergriff ihn. „Eine Magd!“ sagte er sich und wollte davoneilen. +</p> + +<p> +Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei +Menschen auf und winkten ihm eifrig zu. +</p> + +<p> +Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten +und setzte sich neben sie. Er war jeden Abend mit +diesen beiden zusammen. Er hielt sie neben sich, wie Angestellte, +wenn er nicht gern allein sein mochte, und bezahlte +immer, was sie tranken. +</p> + +<p> +Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend +mitten im Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht. +</p> + +<p> +„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ +stieß ihn Adolf an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße. +</p> + +<p> +„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann +Adolf wieder. +</p> + +<p> +„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich. +</p> + +<p> +„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich +und rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete +er im vorneherein schon etwas übertrieben Genießerisches, was +Baptist nachher widerfahren sollte. Aber der Fluch und das +Augenrollen waren falsch, wie ein geschliffener Glasdiamant +am Finger eines sonntäglich geputzten Bierknechtes. Adolf +drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie aufgeklebt +im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe zurück, +indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug. +</p> + +<p> +Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, +während Adolf schon seit zwei Jahren in der „Regierung“ +schrieb, saß in ruhigem, kostendem Behagen da, lächelte mit +seinen rot umränderten Augen, trank und schwieg. +</p> + +<p> +Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt +und gezupft. Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister +und Manager, der aussah wie ein cholerischer deutscher +Bierwirt, kam zu Baptist heran und gab ihm die Hand. „Wie +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’ einen Durst +so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla, Garçon +so einen großen Münchener!“ +</p> + +<p> +„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft +einen aufführen lassen! Ändri, für alle!“ +</p> + +<p> +Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und +ging davon. „Na ja!“ bestätigte der dicke Italiener. +</p> + +<p> +„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und +tippte den Dicken auf den Ranzen. Der blonde Realschüler +grub lächelnd seine roten Augen in den Bierkrug. Der Dicke +lachte und schmatzte zwischen den schwarzen Haaren seines +Bartes heraus: „Makkaroni!“ +</p> + +<p> +„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich +wehrenden Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä +Italiano? Daher die dicke Trommel, bum, bum!“ und er +tat, als schlüge er ihn auf den Bauch. „Makkaroni! – Erstick +dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der Italiener lachte, +daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine kleinen +gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen +den Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen +kleine glitzernde Küglein. +</p> + +<p> +Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden +Realschüler, der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie +verbindlich anlächelte und nichts gab. Sie zog das Tamburin +schnell zurück und errötete. Dann schaute sie zu Baptist hin, +lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen Gesicht und +winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bona Sera, Signor!</span>“ +Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache. +</p> + +<p> +Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. +Sie wunderte sich etwas darüber und begriff seine Bewegung +nicht gleich. Aber ihre leise und unaufdringliche Art hatte +Baptist versöhnt. Er unterschlug sich ihre Hände und sah nur +das ruhige Gesicht, das zu einem sanften Oval gebildet und +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen zarten, +blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug. +</p> + +<p> +Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin +nickte wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und +sagte ein leises: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Grazie!</span>“ +</p> + +<p> +Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie +immer an. Es war ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er +wieder einen Weg zu ihr gefunden hatte. Der dicke Italiener +spaßte weiter mit Adolf. Der Realschüler hockte sozusagen nur +nebenan, wie ein Kinderfräulein bei einem Ausflug am Tisch +ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch lächelnde Mienen. +</p> + +<p> +Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, +sagte ihm Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, +die Ihr immer spielt. Lieber: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare!</span>‘“ +</p> + +<p> +„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten +das Lied. So oft der Refrain kam, standen sie alle auf und +sangen zur Begleitung der Geigen und Mandolinen: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni +sol mare ...!</span>‘ +</p> + +<p> +Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines +andern, bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, +weichen Weise. Das Meer ebbte dunkelblau und +sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum. Die Ferne stand +auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller Wanderwinkel, +nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, +und ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst +zu haben schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu. +</p> + +<p> +Ob sie ihn liebte! +</p> + +<p> +Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn +lieben? Weil er immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat +noch kein Wort mit ihr gesprochen. Weshalb sollte sie ihn +lieben? Vielleicht war einer der Musikanten ihr Schatz? Was +war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja nur mitten +im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter +ihr ausbreitete. +</p> + +<p> +<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare ...</span> +</p> + +<p> +Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen +Süße jenes Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor +vierzehn Tagen war sie gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, +hat jeden Tag hier gesessen und mit Blicken um sie geworben. +Morgen wird es das letztemal sein. Und dann sieht +er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die +Poesie des Vorüberziehens, fern und keusch! +</p> + +<p> +Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog +auf in Baptist wie die blanken Scharen weißer Wanderwolken +an ersten Sommertagen. Seine Phantasie wanderte und +schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er brauchte nur hineinzuschreiten. +Er war reich und besaß Macht wie ein Fürst. +Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum +Himmel steigende Schwalbe. +</p> + +<p> +„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner +getrunken!“ Er winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit +dir!“ +</p> + +<p> +Der Kellner kam ergeben herangestürzt. +</p> + +<p> +„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Moët dry</span>! +oder lieber gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte +er den beiden andern, und die wackelten auf ihren Stühlen und +lachten und lächelten. Adolf schlug sich wieder mit der Hand +auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da heraus. „Batti, +Batti!“ lachte er. +</p> + +<p> +„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum +Kaiserreich wird!“ +</p> + +<p> +Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, +Ändri!“ sagte Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft +auf dem Podium und setzen Sie ebensoviel Gläser auf ein +Tablett und dann bringen Sie auch zwei Flaschen dahin!“ +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, +der von dem trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen +Fichtenholzes erfüllt war. Die Bürger rückten heimwärts. +Aber auf ihre Stühle setzten sich die Junggesellen der Stadt. +</p> + +<p> +Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der +Stadt eine Kaste. Es war eine Kaste, die sich einigermaßen +außerhalb von Sitte und Gesetz gestellt hatte, aus eigener +Macht und mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit, denn sie +bildeten einen zahlreichen und vielleicht den wichtigsten Stand +in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine Hauptsache vor +allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer Maitressen. +Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend anerkennen, +bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches +Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie +von diesen Damen witzige Streiche erfand und verbreitete und +ihnen Spottnamen anhing, wie z. B. das Petrolkännchen oder +das Gaslaternchen, der Kaffeesack ... Namen, unter denen sich +für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten verbargen. +</p> + +<p> +Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, +alte und grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. +Um jedes Paar schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner +herum, denen das Privileg der Junggesellen nicht +zugebilligt worden war, und machten den Damen eindringlich +den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem +man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen +war, und die Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem +Holzdach hinauf und polterte durch das ganze Lokal. +</p> + +<p> +Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der +plump, knorrig und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, +der an einem Hügel wächst. Er ging langsam zwischen +den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas kegelig gespitzt +auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige, flachgedrückte +Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel schmutzigblonder +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen +Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, +und man sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch. +</p> + +<p> +Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte +ihm aber bald die Praxis genommen und ihm auch zeitweilig +die Freiheit entzogen. Das war wohl schon lange her und so +gut wie vergessen. Aber er war dann in die Welt gewandert, +hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat +gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem +jungen und unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch +und heilte die Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt +und Würden zu gehen, von ihren heimlichen Krankheiten. +Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus einer angesehenen +Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte. +</p> + +<p> +Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und +Raufer geworden war, ging an den Tischen der Junggesellen +vorbei und hob rümpfend die Nase hoch, als röche es nicht gut +in dieser Gesellschaft. Seine großen gefleckten Giraffenaugen +schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach ins Gesicht, +und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der Junggesellen, +während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur +mit einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene +an diesem erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die +Junggesellen leerten scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. +Sie lachten und sagten laut unter sich Scherze über den Herrn +Heng. +</p> + +<p> +Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den +ganzen Körper und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf +die Tische der Junggesellen mit allen Damen vor Lachen in +ein verrücktes Durcheinanderschaukeln fielen. Herr Heng drehte +sich aber nicht mehr um, sondern ging mit seinem krummen +Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die Gesellschaft +Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los, ließ seine +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists +Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing +loszulachen, an den Nebentisch. +</p> + +<p> +Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem +aus er das Lokal überwachte. Er stand ernst und würdig in +seinem zweigezackten schweren grauen Bart zwischen den +Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen fest, wie ein +General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu konzentrieren +sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, +den Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich +bereit, auf das erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn +Heng loszustürzen. Die Italiener strichen, zupften, rasselten +und sangen vom <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bello Napoli</span>, von dem <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Sole mio</span>, von <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Amare +e morire, danzare e baciare</span>, vom <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Mare</span>, von der <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Santa Lucia</span> +und der <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bella Annita</span>, von den <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Funiculi</span> ... Es war Leben +in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten +ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen +dazu wie Frösche, die im Gras auf dem Rücken liegen und mit +Fliegen spielen, die sie kitzeln wollen. +</p> + +<p> +Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein +Äffchen, hüpfte vom Podium herunter und stieß mit ihrem +Glas mit Baptist an. Mit ihm allein. Ihre kleinen schwarzen +Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm wie ein heißer Tropfen +ins Herz fiel. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Evviva Margherita, la bella Margherita!</span>“ sagte Baptist +leise und erhitzt. +</p> + +<p> +Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte +wie unbewegt und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen +sein Glas, so daß ein wenig von ihrem Champagner auf seine +Knie geschüttet wurde. Da stellte sie ihr Glas ab, nahm erregt +das Taschentuch, um die Weinflecken abzuwischen. Ihr Gesicht +bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah dieses sanfte, +gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er +zog es heran und küßte leicht die Wange. +</p> + +<p> +Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener +lachten und tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach +dem andern. +</p> + +<p> +Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn +Heng. Er klapperte mit seinem Bierkrug auf den Tisch und +rief: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Nom de Dieu</span>, <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Goddam</span>!“ Er zog mit einer weiten +Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den Bizeps und ließ +den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die Luft. Das +war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat +seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, +und lachten sich an über ihn. Dann klatschte der +Dicke die beiden Mädchen wieder herbei. +</p> + +<p> +„Gelt, Häuptling, noch einmal: <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare!</span>“ rief +Baptist und der Italiener winkte: ja! +</p> + +<p> +Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz +ging drunter auf, wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den +gewärmten Aprilschauern. Er stand jetzt mitten im Lied und +war selber drin tätig. Er erlebte selber die süßen Traurigkeiten, +von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie ihm schien, +ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang +aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister +die Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell +beiseite und spielte nun selber die führende Violine; und so +oft bei dem Refrain das <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare</span> der Stimmen gegen +das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und es zu ertränken +begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen. +Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern +der Vögel über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern. +</p> + +<p> +Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. +„Das ist der junge Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +zu ihren Maitressen, waren anfangs etwas betroffen und +deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann doch für ihn eingenommen. +Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die +gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem +Aufglühen an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der +polternden Art ihrer Freunde und dachten sich schon gerührt +aus: Welche von uns wird er nehmen, wenn er sein Examen +gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte Baptist ein scharfes +Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es störte +ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich +kaum noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt +zu dem Lied. Er hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. +Auf einmal brüllte er los und setzte mit seinen langen Armen +fuchtelnd auf das Podium zu. Gerade war das Lied aus. +Der dicke Italiener klatschte in die Hände und auf den Tischen +in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um Baptist +zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase +heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, +stand Heng unvermittelt und feindselig vor ihm. Die +fleckigen großen Giraffenaugen unter der dreieckigen Stirn +waren weit aufgerissen und das pockennarbige Gesicht schien +losbrüllen zu wollen. +</p> + +<p> +„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um +zu seinem Tisch und zum Champagnerglas zu gelangen. Er +wollte mit dem Mädchen anstoßen, das auf ihn zukam. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Nom de Dieu</span>, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ +gröhlte Herr Heng. +</p> + +<p> +Baptist setzte sich zur Wehr. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Goddam</span>, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ +schrie Heng. „Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten +Millionen seines Vaters stänken nicht mehr an ihm!“ +</p> + +<p> +Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er +emporgeschleudert würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +auf den Feind hernieder. Es entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, +ein krachendes Sichvermengen von Körpern, +Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe +wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, +Funken sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft +der Muskeln einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie +von Blei. Um ihn wurde es schwarz von stürzenden Menschen +und er spürte seine Lippen als etwas brennend Nasses. +</p> + +<p> +Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der +Hand über den Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. +Als er seine Hand zurückzog, war sie voll Blut. Er beugte sich +vor und das Blut tröpfelte langsam auf den Boden. Da +stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe hinaus +hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher +mit dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte +ihr Taschentuch immer in ein Glas mit Wasser und näßte und +spülte ihm die Lippe, während sie sanfte Worte dazu sagte. +Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer faßte ihm +an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe +drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den +Lippen auf die Zähne. +</p> + +<p> +„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu +einem Kind. +</p> + +<p> +Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er +dankte dem Mädchen und stillte mit seinem eigenen Taschentuch +das Blut weiter. +</p> + +<p> +Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn +her. „Der Hund!“ sagte Baptist mit einem Schluchzen. +</p> + +<p> +„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend +im Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist +vors Gesicht gehalten. Der Kognak duftete ihm stark zu und +er goß ihn hastig in den Mund. Es brannte auf in der +Wunde. +</p> + +<p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ +erzählte einer in der kleinen Türe, in der sich das Licht des +Lokals grell funkelnd zurückzuhalten schien. +</p> + +<p> +Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu. +</p> + +<p> +„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine +Bewegung entstand in den dunklen Gestalten. Jemand ergriff +Baptists Arm. Sie drangen in das finstere Gewirr eines +Schuppens. +</p> + +<p> +Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid +Ihr? Sie ist wieder weg!“ Da kamen sie heraus. +</p> + +<p> +Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ +sagte Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund +und trat mitten zwischen den dunklen Gestalten wieder in das +Lokal hinein. +</p> + +<p> +Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die +Damen und ebenso Adolf und der blonde Realschüler, alle +waren fort. Nur der Wirt schritt drunten mit seinem langen +zweizackigen grauen Bart ernst und streng zwischen den Tischen +herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege stehen. +Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. +Es waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, +breitschulterige Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln +der heimlichen Cafees immer zusammen sah. Sie +trugen über niedrig umgeschlagenen bunten Kragen, wie die +„Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau, in denen +sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten. +Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter +den Kleidern kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie +waren in der brutalen Eisenerzgegend des Landes daheim und +Baptist nicht sonderlich vertraut, weil sie, wie sie körperlich +aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken Branntwein und +machten den Soldaten die Dienstmägde der engen, heimlichen +Gassen des Heiligengeistviertels streitig. +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte +der eine und machte eine Faust. Und alle drei boten sich, +ehrliche Athleten, Baptist vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der +Bädergasse im Cafee Heinck! Da gehen wir hin!“ rief einer +kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so ein feiges, hinterlistiges +Schwein!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“ +</p> + +<p> +„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen +und sich in den Streit mischten.“ +</p> + +<p> +„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist +gleich und ging nach dem unteren Teil des Lokales zu. +</p> + +<p> +Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag +des Büfetts und in die angebaute Kammer hinein. +</p> + +<p> +„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand +kam heraus. Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb +in derselben abgemessenen Entfernung stehen, wie vorhin. Da +verstand Baptist. +</p> + +<p> +„Wieviel?“ fragte er. +</p> + +<p> +Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung +stand. Baptist bezahlte. +</p> + +<p> +Dann gingen die vier hinaus. +</p> + +<p> +Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. +Nur vor ein paar zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten +noch dürftige schwälende Petrollampen. Die vier jungen Menschen +eilten im Sturmschritt durch die breite reglose Straße +zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden der Schaubuden +und Karussells davon. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Gare</span>, wenn wir ihn kriegen!“ +drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an +Rosa. Er sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die +Italiener sind doch feine Kerle.“ +</p> + +<p> +Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, +und er malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten +und Heng an die Kehle fuhren. Da war gewiß der +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +mit dem vorstehenden Wust von gekräuselten Haaren, der +Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein feiner Kerl! +</p> + +<p> +„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist +ein famoser Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden. +</p> + +<p> +Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die +lange Parkstraße hinab, und die Schienen der Trambahn liefen +heimlich neben ihnen und gleißten nur dann und wann auf, +wenn ein Laternenschein sie berührte. +</p> + +<p> +Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt +lag die Nacht mit reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es +war einsam. Auch als ihre Schritte in der Neutorstraße an +den Häusern hallend klangen, hatten sie noch keinen Menschen +getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes kuschte +sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte: +„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war +ein Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte +weiter bis in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser +Nachtwind strich in den Straßen und ließ die Laternenscheiben +einsam erzittern. Er war frisch, dieser Wind, als hätte er noch +keine Menschenluft durchzogen. Frisch und traurig war er, +voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist. Dieser +Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn oft +um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach +verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt +der Reue überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam +wie ein Menschenkind nach der Sünde. Wie ein Vorwurf +von mütterlich sanftem, aber unendlich entschiedenem Ernst +trug er den Klang der Schritte des jungen Arbeitstages, der +über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden. +</p> + +<p> +Es war drei Uhr. +</p> + +<p> +Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die +Takte seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in +der Judengasse eine einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +an und wandte sich an die Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! +Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs von Wirt sie hinausgeschmissen +hat, weil sie mir halfen, dann muß doch ...“ +</p> + +<p> +Die drei waren gerne einverstanden. +</p> + +<p> +Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener +wohnen könnten. +</p> + +<p> +„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen +Hotels am Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel +de Paris?“ +</p> + +<p> +„Nun denn, fahren wir mal hin!“ +</p> + +<p> +Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr +los. Sie jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, +die Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke +und hielt nach einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. +Es war noch Licht im Wirtszimmer. An einem Tische saßen +Türken, die auf der Messe herumzogen und Teppiche, arabische +Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken verkauften. +Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die +Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein +Kranz von Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge +warteten. Baptist rief als er eintrat: „Ich gebe eine Runde +Kognak für die ganze Stube!“ +</p> + +<p> +„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der +Arbeiter, und alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß. +</p> + +<p> +Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt +und fragte: „Wohnen keine Italiener hier?“ +</p> + +<p> +„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das +ganze Haus voll von dem Flohpack liegen. Jetzt mit der +Schobermesse, wissen Sie, da wird man die Bagage nicht +mehr los!“ +</p> + +<p> +„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“ +</p> + +<p> +„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, +ich ruf den Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Dann können Sie selber schauen ... Alfons!“ rief er in die +Hintertüre. „Alfons!“ +</p> + +<p> +Ein stämmiger Bursche erschien. +</p> + +<p> +„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“ +</p> + +<p> +Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. +Der Knecht hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem +Reflektor aus einem Nagel und leuchtete damit in ein Zimmer. +Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie lagen in ihren Kleidern +auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen Haaren, Männer, +Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer, +Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann +wälzte sich schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf. +</p> + +<p> +„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht. +</p> + +<p> +Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern +Stuben aus; die Musikantengesellschaft war nicht unter den +Schlafenden. +</p> + +<p> +Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte +gerade ein Mann aus der Runde am Schenktisch: +„... Ja und dann in Antwerpen nehm ich das Schiff der +Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da schaut, wenn +ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts +über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben +doch etwas anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen +Apfel und eine Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der +Teufel, ihr dummen Kerle, kommt mit! hat ja keinen Zweck!“ +</p> + +<p> +Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte +sogar Lust!“ +</p> + +<p> +Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann +wieder zu schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene +man in einer Stunde so viel wie hier an einem Tag! +</p> + +<p> +Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von +Baptist. +</p> + +<p> +„Nein, aber ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn, +wenn du’s nicht selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht +mitgegangen.“ +</p> + +<p> +Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war +traurig, aber er war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich? +Wozu suchte er die Italiener? Er war müde an Gliedern +und Gedanken und sehnte sich nach seinem Bett, nach dem wohllebigen +Luxus seiner schönen Zimmer in der Villa am Park. +</p> + +<p> +„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden. +</p> + +<p> +„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht +einmal hell draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“ +</p> + +<p> +Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze +Flasche Kognak da?“ +</p> + +<p> +„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“ +</p> + +<p> +„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab +den dreien die Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht, +also! Gute Nacht, die Herren!“ verabschiedete er sich. +</p> + +<p> +Und er ging hinaus. +</p> + +<p> +Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die +den ersten Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte +Glacis, das zwischen dem Bahnhof und der neuen Brücke lag. +Als sie über die Brücke fuhr, die mit einem Bogen das Petrustal +schlank überspannte, lag über den Dächern der Stadt, +zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein +ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der +Niklauskirche stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf. +</p> + +<p> +„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist +und seufzte. „Weshalb, wozu?“ +</p> + +<p> +Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse +Taschentuch an die kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein +trauriges Mal. +</p> + +<p> +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“ +</p> + +<p> +Er stieß mit dem Fuß auf. +</p> + +<p> +„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn. +Ich werde morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn. +Hol’s der Teufel!“ +</p> + +<p> +Aber er dachte an seine Schwester Jeanne. +</p> + +<p> +„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit +bewußt bin, es zu können.“ +</p> + +<p> +So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung +gefunden und auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie +ein großer zauberhafter Vogel stand nur immer über allem, +was er dachte und tat, der fromme Glauben, daß die Erfüllung +dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes Märchen, wie +ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll +weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf +ihn niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand +oder den Fuß drum rührte. +</p> + +<p> +Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf +den Socken die Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich. +Als er ins Bett sank, war ihm eine ganze Weile, als läge er in +einem wundersamen Bade. Dann gaukelten die verschwiegenen +Wünsche wieder empor, aber während er mit offenen Augen +und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das Licht +draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf +einmal das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in +seiner Erinnerung klar auf. Einer seiner Kameraden wollte +mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! – War das Kraft und +Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und sich hingebend: +„Könnt ich das auch!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-4"> +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +Viertes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme +hörte: „Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der +Hämmelsmarsch!“ +</p> + +<p> +Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem +ungeduldigen Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich +rannte ein anderer gröberer Schritt trommelnd in den +ersten Lärm, und in demselben Augenblick unterschied er mitten +in diesen Geräuschen, die ihn im Halbschlaf überfallen hatten, +die Töne von Blasinstrumenten, die zusammenhangslos ineinander +krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und +stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. +Dort waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde +bändergezierter Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, +mit den Füßen energisch zusammen hielten. Einer stand etwas +vor und blies in ein weißes Nickelpiston; das war der Kellner +Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder hielten sich neben +den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen Stimmen, +die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn</p> + <p class="verse">Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,</p> + <p class="verse">Den Hämmel no! ze! gon!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig. +</p> + +<p> +Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die +hungrigen Hämmel wurden von den Kindern hinterlistig gereizt +und sprangen mit kläglichen Schreien durcheinander. +Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem Buben unversehens +eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend +weg und rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ +Aber Ändri blies wie wütend über das Geschimpf hinweg. +Dann ging der Junge auf die andere Seite der Straße, wartete +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +ein wenig und warf mit einem kleinen Stein nach Ändri. Ohne +umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst du, +was hast du! +</p> + +<p> +Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der +Geräusche im Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er +enttäuscht vom Fenster weggehn. Es ärgerte ihn, daß man +den alten schönen Gebrauch, die Schobermesse, das Nationalfest +der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch einzuweihen, so zum +Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an jedem +dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna +auf der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße +Piston glitt vom Munde ab, und Ändri machte einen Diener. +Einen Augenblick spielte nur der Keuchatem der begleitenden +Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der Linken einen +schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an +den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, +der die kleine Weise abschloß. +</p> + +<p> +Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie +riefen wie aus einem Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“ +</p> + +<p> +Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, +eine nach der andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander +das „dreimal-hoch, dreimal-hoch-hoch-hoch!“ +</p> + +<p> +Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, +in dem Baptist seinen Vater vermutete, und der Zug setzte +sich in Bewegung auf die nächste Villa zu. +</p> + +<p> +Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf +schwer und voll stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte +ein kleines Feuer, und er ging zum Spiegel. Aber die Wunde +war kaum sichtbar und nicht bedeutender, als die Geschwulst +eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn. Er goß das Waschbecken +voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das +Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch +niederkletterte. +</p> + +<p> +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht +vor sich aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. +Dort fand er seinen Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der +‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt sitzen. Der Vater grüßte aus +der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und herzlicher, als seine +Gewohnheit war. +</p> + +<p> +Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu +seinem Vater: „Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell +zur reinsten Bettelei. Vor zwei Jahren folgten sie wenigstens +noch dem alten Brauch und kamen uns nur am Schobersonntag +in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen +sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag +und warten, bis die Leute aufgestanden sind. So ist es nicht +mehr schön.“ +</p> + +<p> +Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch +ihre paar Mark verdienen.“ +</p> + +<p> +Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark +gönne ich ihnen. Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen +Gebrauch, den die Stadt noch hat, industrialisieren, das +meine ich nur damit!“ +</p> + +<p> +Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. +„Das Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, +das kommt aus der Mode. Heute ist eben eine andre +Zeit!“ meinte er gleichgültig und las wieder in der Zeitung, +von der einige Blätter über den Tisch gebreitet lagen. Dann +ging er hinaus, kam aber bald wieder. +</p> + +<p> +„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius +im Examen?“ +</p> + +<p> +„Leider!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: +„Der Sultan von Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen +Turner in Reims zu Gaste war, hat Herrn Professor +Albert Hamilius aus Luxemburg, den der Turnverband des +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +Großherzogtums als Vertreter zu den französischen Freunden +geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen +Band verliehen.“ +</p> + +<p> +„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein +wirklicher Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem +Bizeps jonglieren, wie ein Zirkuskünstler, der mit Messern +spielt, die nicht geschliffen sind.“ +</p> + +<p> +„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“ +</p> + +<p> +„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß +und du bist klein!“ entgegnete Baptist bitter. +</p> + +<p> +„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte +Herr Biver. +</p> + +<p> +Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der +Zeitung. Aber nach einer Weile stand er auf und trat vor +Baptist hin: „Schau mal, Junge, ich weiß ja, was das ist, mit +dem Examensglück. Die einen haben’s, die andern nicht. Das +verändert einen Menschen nicht. Besteht man es dieses Jahr +nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt man +aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal +<em>den</em> Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel +dumm, wenn du mit so einem Examen ein Jahr verlieren +müßtest. Ein Jahr ist heute was. In unserer Zeit, die so +schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück Arbeit. Was +meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des +Geschicks ein wenig entgegenkämen?“ +</p> + +<p> +Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“ +</p> + +<p> +„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen +Hauptfaktor des gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den +Herrn Hamilius. Herr Hamilius gibt dir die vier Wochen, die +es bis zum Examen noch sind, Unterricht. Einem bellenden +Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein bewährtes +Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen Vertreter, +den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Ich hab’ gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. +Der hat mich gerade auf Hamilius gebracht, den er aus der +Erfahrung seiner Studenten kennt. Was meinst du, ich nehm +den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg mich mal zu +dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein, +wenn der Streich nicht gelingt.“ +</p> + +<p> +Er schaute Baptist lächelnd und fragend an. +</p> + +<p> +Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“ +</p> + +<p> +Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute +sich an der unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in +sein Geschick mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine +Angelegenheit vor das Kartenkollegium gebracht hatte; vor +diese Versammlung kleinbürgerlicher Rechner, mit denen sein +Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm mehr gingen +als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn +bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse +noch zu sehr die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen +hereingeackert hatte, an seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte +diesen Proleten Hamilius, der wie ein Hofköter hinter dem +schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um seine rücksichtslose +Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede Wurstpelle +zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht +vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es +sein Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der +väterliche Plan war. +</p> + +<p> +Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich +von einer Last befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ +sagte er vergnügt, faltete die Zeitungen geschäftig zusammen +und ging, die Blätter in die Tasche schiebend, auf die Türe zu. +„Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“ meinte er noch, +während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag. Das +geht dann wohl nicht.“ +</p> + +<p> +„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +Dann entfernte sich sein Vater. +</p> + +<p> +Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine +Gedanken lagen wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei +Schritte weit hinein. Dann schloß sich ihr Gemengsel zu einem +unklaren Dickicht, in dem sich, wie etwas unerhört Rohes, aber +doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den er gestern +mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte. +</p> + +<p> +Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte. +</p> + +<p> +Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen. +</p> + +<p> +„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie +räumte auf dem Tisch herum. Dann fragte sie vertraulich: +„War es schön gestern Nacht, Herr Baptist?“ +</p> + +<p> +Baptist erschrak. +</p> + +<p> +„Was wissen Sie denn, wie es war?“ +</p> + +<p> +„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“ +</p> + +<p> +„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“ +</p> + +<p> +„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“ +</p> + +<p> +„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich +in Ordnung, und das Gespräch des Mädchens reizte ihn. +</p> + +<p> +Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch +unzufriedenen Gesicht das Zimmer. +</p> + +<p> +Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich +zum Schein an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten +und er versuchte auch gar nicht anzufangen. In das Gespräch +seines Vaters mischten sich unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, +und beides wollte nicht ineinander aufgehn. Es war wie zwei +Welten, die sich an einander rieben: die Sorge des äußern +Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus dem +Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich +die Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener +unaufhörlich grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +an diese leibhafte Tat Baptist etwas wie eine Erlösung in dem +Verfließen aller andern Vorstellungen wurde. +</p> + +<p> +So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den +Park zur Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken +zwischen den Reihen der langsam zum Sonntagsleben +erwachenden Buden auf die Baracke von Hiltchen zu. Die +Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der sonnig +begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt +an den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. +Baptist setzte sich abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. +Ein fremder Kellner bediente ihn. +</p> + +<p> +„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist. +</p> + +<p> +„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete +der Bursche mit wichtigtuender Aufgeblasenheit. +</p> + +<p> +„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf +einen Zug leer und ging wieder. +</p> + +<p> +Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne +durch eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, +sah er unerwartet den dicken Italiener vor sich. +</p> + +<p> +„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. +„Ich suchte Sie grade bei Hiltchen.“ +</p> + +<p> +Der Italiener drückte ihm lässig die Hand. +</p> + +<p> +„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer +Schaden für uns!“ fügte er nach einer Pause hinzu. +</p> + +<p> +„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich +Sie entschädige.“ +</p> + +<p> +Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu. +</p> + +<p> +„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich +einsprangen!“ fuhr Baptist fort. +</p> + +<p> +Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. +Er konnte nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Sie reichten ihm mit lebhaften Worten alle nacheinander die +Hand und schüttelten die seinige, zuletzt Rosa, und sie fingen +an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit gespreizten und +geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers +ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch +die paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet +hatten, und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita +drängte sich an ihn heran und tupfte sich mit dem +winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe, riß dann die Augen +auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte immer, +indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, +oh, oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem +sanften Mitleid ihrer gutmütig dummen Augen an und die +andern turnten, hüpften, lachten, drohten und schimpften um +ihn herum. +</p> + +<p> +Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald +ruhig. Nur Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht +beendigen. Die Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. +Aber er verstand nicht, worum es sich handelte. +</p> + +<p> +„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke. +</p> + +<p> +„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir +feiern zusammen Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, +und dann bringen wir auch die andere Sache in Ordnung. +Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am Bahnhof kommen?“ +</p> + +<p> +„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte +die Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja! +</p> + +<p> +In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists +Schwester vorbei und drehte sich auffällig weg, indem sie die +Nase rümpfte. Da genierte sich Baptist der Gesellschaft, zog +den Hut und machte sich rasch davon. An der Ecke, an der er +die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem Professor +Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor Verwunderung, +daß der Schüler hier und nicht hinter seinen +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Büchern war, einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, +weil er an den Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon +morgen mit diesem Manne verband. Er lüftete verwirrt den +Hut und drückte sich dann rasch in den Park hinein. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war +seine Schwester im Garten zwischen den Rosen. +</p> + +<p> +„A, Jeanne!“ grüßte er. +</p> + +<p> +„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne +ihn gleich an, „Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat +ein Telegramm bekommen. Was fangen wir an?“ +</p> + +<p> +„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. +Ich bin schon belegt. Ich muß bald weg!“ +</p> + +<p> +„Darf man fragen – wohin?“ +</p> + +<p> +„Nein, das darf man nicht!“ +</p> + +<p> +„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in +dem dichten Rosenstock. +</p> + +<p> +„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt +im Bahnhof sein muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“ +</p> + +<p> +„Ja, ja!“ lachte Baptist. +</p> + +<p> +Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er +hatte gefürchtet, daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein +könnte, denn er mußte zu Haus mit essen. Jetzt war er schon +gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann schlenderte er über +die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins Hotel +Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes +den Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing +an, auf die Italiener zu warten. +</p> + +<p> +Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer +gewissen steifen Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht +und ordneten sie in einer Ecke zusammen. Als sie +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +sich um den Tisch setzen wollten, wies der Dicke die Plätze an. +Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber den Stuhl an +der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen +Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun +Personen, die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. +Baptist hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, +indem er die Nationalität und die Gewohnheit der +Lebenslage der Gäste gegen die Gebräuche seiner heimatlichen +Küche aufrechnete. An Weinen stand ein leichter Mosel und +ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen sich, wer +davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer +Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein +kleines Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete +Huldigung für die Italiener. +</p> + +<p> +Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das +störte seine Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! +Die Hauptsache ist ja nicht für sie, sondern für mich – die +Absicht, die wie ein Kern in der Schale liegt. +</p> + +<p> +Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet +zwischen ihnen, und es machte ihm Schwierigkeit, immer den +Dicken als Dolmetscher heranziehen zu müssen, wenn einer +ihn anredete oder er selber einem etwas sagen wollte. Es hatte +etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen zu sitzen und sie +mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten der +fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte, +miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches +zum Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. +Er kam sich unsicher und wie verraten vor. +</p> + +<p> +Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit +ihren Verkehr beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger +hinein, trank Rosa, Margherita und ihrer Mutter, auch den +Männern zu, und als er ein wenig getrunken hatte, während +zugleich die Italiener ihre Schüchternheit immer mehr abwarfen +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +und sich mit immer eindringlichern Gebärden und Wörtern +an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang +der Unterhaltungen. +</p> + +<p> +Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies +den Damen dieselben galanten Aufmerksamkeiten, die er sich +gegen die Freundinnen seiner Schwester angewöhnt hatte. +Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus. +</p> + +<p> +Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen +und dem Wein. Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, +eine verlangende Schläfrigkeit. Baptist fühlte, wie die andern +ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der Dicke drehte ihnen +schon halb den Rücken. +</p> + +<p> +Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen +Dinge, die er ihr sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, +die er aus der fremden Sprache kannte, und die Lücken durch +Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er fast rein aus +Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes, +das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte +und einander entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre +Schenkel stießen. Diese Berührung wurde ihm ein Ausdruck +seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht mehr auf, und der fortwährende +körperliche Kontakt erhitzte das weinvolle Blut der +beiden noch stärker. +</p> + +<p> +Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen +ein paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als +glaubte sie sie nicht. Das war ein Spielchen, das sie eine +geraume Weile mit Lust pflogen. Aber Baptist neigte sich +plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse Gebräuntheit +jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine Wärme +auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, +ernster geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: +„Willst du jetzt mit mir allein sein?“ +</p> + +<p> +Sie antwortete: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Io sono come in una stufa!</span>“ +</p> + +<p> +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie +in ein ...? wie in was?“ +</p> + +<p> +„In <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">stufa, stufa</span>!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im +Zimmer herum. +</p> + +<p> +Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief +Margherita auf einmal herüber: „In Ofen!“ +</p> + +<p> +Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. +Margherita hatte sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem +kleinen schwarzen Äffchengesicht vermessen einen Augenblick +anschaute. Dann lachte sie ihm grinsend zu: „Offen, in +Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die Ecke, ob sie ihm +nicht einen Ofen vor Augen führen könnte. +</p> + +<p> +Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s +angenehm, wenn wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit +seinem Daumen über den gebogenen Arm. +</p> + +<p> +„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die +Schulter. Der Dicke hob die Hand mit einem: ‚<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">avanti</span>‘! Die +Burschen sprangen auf und brachten die Instrumente heran. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Vieni sol mare?</span>“ fragte der Häuptling, verständnisvoll +lächelnd und Baptist winkte mit einem Lachen zu. +</p> + +<p> +Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen +vor ihm in einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium +bei Hiltchen und spielten. Aber sie waren heute nicht alle so +wie gleich gehobelt. Jeder war über Tisch wieder einmal +er selbst geworden, hatte sich losgelöst von dem Beruf auf +dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders +unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange +zweite Violinist mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, +dessen Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige +kitzelten, wedelte gefühlvoll mit dem langen, flachen Körper +zu seinem Bogenstreichen. +</p> + +<p> +Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden +Kopfwinken Baptist seine Geige hin. +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins +Zusammenspiel hinein und führte es mit der nachdrücklichen +Kraft seines Spiels davon, wie eine Windbö ein paar Segler +mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne steigen, als erreichten +sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels. +</p> + +<p> +Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände +klatschten, drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen +Baptist an, daß ihr dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er +faßte sie lachend unters Kinn und sagte, auf ihren Bräutigam +zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“ +</p> + +<p> +Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck +den Rücken. Da schauten die kleinen schwarzen Augen des +Mädchens Baptist entflammt an. Wie ein fordernder Blitz +schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken bäumten sich +eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke +Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm +unter und zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit +einem Auge zu und warf mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit +hin: „Das wär was für Sie!“ +</p> + +<p> +Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita. +</p> + +<p> +„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen +die Weiber in die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für +welche! Da ist die Rosa eine Henne dagegen!“ +</p> + +<p> +Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse +prächtiger Frauen. +</p> + +<p> +„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er +schnalzte mit der Zunge. +</p> + +<p> +„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht. +</p> + +<p> +„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. +Ich gebe Ihnen die erste Violine zu spielen!“ +</p> + +<p> +Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an. +</p> + +<p> +Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +und dann war es, als sauste der Vorschlag des Italieners +wie ein Anker in ihn hinein, biß sich mit einem einzigen, ganz +kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz fest und zog ihn +wonnig davon. +</p> + +<p> +Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in +Baptist. +</p> + +<p> +Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der +Umgebung, des Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, +alles klar, alles Freude und Lust, und er – thronend über +den Dingen! +</p> + +<p> +Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter +und schüttelte ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er. +</p> + +<p> +Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß +aber nicht, ob Sie so leben können wie wir? So einfach!“ +Mit einer Handbewegung deutete er auf den Tisch, „so geht’s +nicht bei uns zu!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das +werde ich schon!“ +</p> + +<p> +Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz +ausliefern und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten +des Italieners ernst seien. +</p> + +<p> +„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte +sich, daß er damit immer eine letzte heimliche Macht in der +Hand behielt. +</p> + +<p> +Der Italiener winkte zufriedengestellt. +</p> + +<p> +„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen +im Frühjahr eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, +in einer großen Bierhalle zu spielen. Wir wollten +morgen mit dem Frühzug abreisen.“ +</p> + +<p> +„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus +dem Lande kommen.“ +</p> + +<p> +Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +sie begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder +so laut und fröhlich. +</p> + +<p> +„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, +„es darf kein Wort in der Stadt darüber gesagt werden, daß +ich mitgehe. Und ihr müßt mir auch helfen, meine Kleider +und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann morgen mit +dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“ +</p> + +<p> +Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: +„Wird gemacht werden!“ +</p> + +<p> +Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von +den Italienern sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen +sammeln, die Baptist an einem Seil herunterließ. Der Koffer +könne dann über das Geländer in den Park geschafft werden, +von dort auf die Straße und Baptist wolle einen verschwiegenen +Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof +bringe. +</p> + +<p> +„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein +Geräusch machen!“ +</p> + +<p> +Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten +zu. Als sie sich dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist +zuerst allein. +</p> + +<p> +Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, +die flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, +malte er sich sein neues Unternehmen aus. Er fluchte und +lachte und watete, und ungemessen stiegen die Hoffnungen +auf ihn hernieder. +</p> + +<p> +Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im +Ausschreiten mit sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. +Geld? Ach was Geld! Ich weiß ja, wo davon ist. Es wird +nun einmal ernst, was bis jetzt Verlegenheit und unproper +war. Er ist reich genug. Ich schädige niemanden. Davon +kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und werde +sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +habe, muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja +mehr, als die ganze Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine +Freundin, und die Margherita ... ach, die Margherita! ... +daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen, wie es geht. Vielleicht +liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist im Gesicht +nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran +nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von +Stadt zu Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel! +</p> + +<p> +Jeanne! +</p> + +<p> +Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken +zu müssen. +</p> + +<p> +‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist +der Schwester. ‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und +bist nicht glücklich! ...‘ +</p> + +<p> +‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche +Unternehmen gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! +Ich muß Jeanne das auch schreiben. Ich werde ihr einen +langen schönen Brief hinterlassen. Darin steht so und so ... +und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß ich das +Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand +ihn gesehen hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und +schloß die Türe hinter sich ab. Er ließ das geheime Schloß +knacken, schob den Rolladen hoch und nahm die Schlüssel von +ihrem gewohnten Platz. +</p> + +<p> +Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. +Es lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen +und in Scheinen drin. In einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes +Ledertäschchen aufrecht. Er zog es heraus und +sah, daß es mit Papieren gefüllt war. +</p> + +<p> +Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere +eins nach dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +zunächst. Aber dann kam etwas wie ein Heft, auf dem in +Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die Jahreszahl drunter zeigte, daß +es die letzte Vermögensberechnung seines Vaters war, die er +in den Händen hielt. +</p> + +<p> +Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen +war die Sprache geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist +las sie, indem er seinen Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. +Er sah bald leise Beziehungen sich zwischen den einzelnen +Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie ein +Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in +dieser heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, +in dem das seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also +ihr!‘ grollte er und schlug mit den Knöcheln der geballten +Hand in die Zahlenhaufen. +</p> + +<p> +Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun +Schritt für Schritt verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit +und seinem kleinen, rasselosen Aufeinanderhäufen. +Er konnte so hart und klar aus diesen ordentlich gescharten +Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses Hauses herausheben +und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich +zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: +hinter einem Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und +hadernder Gereiztheit: hinter einem Minus eine Summe. +Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die kleinen, +übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit +Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken +hatten, während er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen +Peinlichkeit überwachen mußte. Und jene andern Summen +trugen die Namen der Herren, hinter deren Rücken sein Vater +lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre Gespräche +empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine +Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es +war roh und brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +waghalsige Ruhelosigkeit mit Gefahr gespielt hätte. Es waren +nur ungezählte, unruhige, kleinmütige mit drei oder vier Nullen. +</p> + +<p> +Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr +Faber!‘ Und er hatte die Summen auf der Hand liegen, wie +armselige tote Tierchen, denen man Fell und Haut abgezogen hat. +</p> + +<p> +Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte +sich in seinem Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor +das Genießerische und bekam etwas Wehrendes. Es schnitt +eine Grimasse mit dem schönen Gesicht, kniff die träumerischen +Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß. +</p> + +<p> +‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! +Mit den Muskeln!‘ +</p> + +<p> +Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und +hob die eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und +ließ sie langsam mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz +nieder. Dann machte er dasselbe mit dem linken Arm. Die +Presse war gewichtig. Und die Übung hatte seine ungeschulten +Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu den Zahlen +zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb +dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist +drang nun in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. +Er dachte fast mit zärtlichem Mitleid an ihn. +</p> + +<p> +Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist +kannte die Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das +alte Geschäftsjahr zu beschließen und das neue zu beginnen. +Heute war der 5. September. Also waren die eingetragenen +Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den Konten: Kassa, +Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch +kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in +einem Anfall von rebellierender Bitternis sie wegwischen. +Aber hinter dem ‚Saldo als Reinvermögen‘ stand fest wie ein +eiserner Turm die Schlußzahl: +</p> + +<p class="center"> +1 Million 825560 Franken. +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er +schon durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein +kleines, in Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, +sah er, daß es ein Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten +Seiten mit den von der Zeit gebräunten Rändern +waren unberührt. Nur auf der ersten stand: ‚Sparkassenbuch, +gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt zehntausend +Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten +am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben +Kindern Baptist und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion +10000 Mark, die sie zu gleichen Teilen und zu beliebiger +eigener Verfügung bekommen, wenn Jeanne großjährig ist‘. +</p> + +<p> +Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift +an, als sei es nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; +daß das so nahe vor ihm zu lesen stand. Er las ein paarmal +die Wörter und stockte beim Lesen. Dann schaute er auf, irgendwohin +und dann schlug er mit dem Kopf nieder und weinte. +</p> + +<p> +Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht +hatte, und daß er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig +erscheinenden Verständnislosigkeit des Vaters für die +anders gerichteten Absichten und Wünsche seiner Kinder nie +die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß er ungerecht +und verstockt an einer anders gearteten Seele vorbeigegangen +war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch er +selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser +doch niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes +nur das geringste ändern konnte, und er kam sich geschützt und +stark vor in seinen jungen Absichten, wie in einer stählernen +Rüstung. +</p> + +<p> +Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte +sie in den Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte +er in seine Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, +wo er sie gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer. +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er +nicht aus dem Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude +an seinem Unternehmen schlug reiner und freier auf. Er ging +erregt auf und ab in dem Raum und versuchte sich kühl zu +berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark durchkommen +könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ... Sparsamkeit +... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber +darüber kam er nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden +Tat schlug jauchzend über ihm zusammen. +</p> + +<p> +Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen +Schränken, was er mitnehmen sollte, und legte es zusammen. +</p> + +<p> +Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während +dieser Arbeit und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte +einen Bogen Papier zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen +umbrausten ihn, wie Orgelrauschen, das zwischen +Kirchensäulen verschallt, und von dem ganzen, prachtvollen, +wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier: +</p> + +<p> +„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, +ich würde dich am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön +und frei. Ach, ich kann nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. +Ich liebe dich. Baptist.“ +</p> + +<p> +Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. +Ich hab ja keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht +ja auch alles drin! entschuldigte er sich, während er den Zettel +in ein Kuvert steckte. +</p> + +<p> +Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter +in den Kleidern und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die +besten und die praktischsten Sachen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chon</span> lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und +sich aufs Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel +auf der Niklauskirche hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +so war es Baptist, als hörte er ein Geräusch im Garten. Er +bückte sich über die Brüstung. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor!</span>“ rief unten eine flüsternde Stimme, „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor +Battisto!</span>“ +</p> + +<p> +Baptist flüsterte zurück: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Ssst Italiani?</span>“ +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Si bene!</span>“ kam es leise von unten herauf. +</p> + +<p> +Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom +Trockenboden geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die +Italiener arbeiteten huschend katzenleis. Die Dunkelheit der +Nacht deckte sie zu. +</p> + +<p> +Endlich flüsterte Baptist hinab: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Finito! Pss! Finito!</span>“ +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Bene!</span>“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. +Im Nu war es stumm. +</p> + +<p> +Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. +Er zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen +des schlafenden Hauses hinab und auf die Straße. Die Laternen +der Droschke leuchteten neben dem Park und Baptist eilte ihr +entgegen. +</p> + +<p> +„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte. +</p> + +<p> +Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher +bückte sich vom Bock über die Laterne. +</p> + +<p> +„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile. +</p> + +<p> +Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den +Bock heran. „Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden +Laternen. Aber gelt, leise!“ sagte Baptist flüsternd. +</p> + +<p> +„Gewiß Herr Biver!“ +</p> + +<p> +Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park +und pfiff leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den +Pfiff wiederholt, ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. +Aber er hörte nichts mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Italiani!</span>“ +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Signor Battisto, voi?</span>“ antwortete es neben ihm flüsternd +aus einem Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +ein wenig. Dann lachte er über die Geschicklichkeit und +Vorsicht, mit der die Italiener ihren Auftrag erledigt hatten. +„<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Tutto pronto!</span>“ sagte eine leise Stimme, und es rauschte +geschmeidig im Gebüsch. +</p> + +<p> +Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß +ihn ab und steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher +Anweisung. Die beiden Italiener sprangen in den Wagen und +er rollte davon. Baptist spazierte noch eine Weile in dem +finstern Park hin und her. Dann ging er ins Haus und in +sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser Nacht +keine einzige Minute verschlafen würde. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – +als Hauptsache die Abhebung von fünftausend Mark auf +das Sparkassenbuch – bald gemacht. In der Sparkasse hatte +der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein bißchen +wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen +aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters +zuvor mit einem Papierstreifen überklebt. +</p> + +<p> +Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte +Klavierstunde im Konservatorium und blieb dann bei einer +Freundin zum Mittagessen, so hatte sie Baptist hinterlassen. +Er sah sie also nicht mehr, und das schien ihm gut zu sein. Er +strich ruhelos und heiß erregt durch das Haus, weilte wiederholt +in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu Stockwerk und nahm +zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den Bücherschränken +und den Bildern. +</p> + +<p> +Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief +und das Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen +lackierten Tischchens. Er strich mit der Hand über die Möbel +und über das Bett und über die Wände und bat, sie mögen +ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie glücklich drinnen +werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses Abschiednehmens +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und +wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf +hoch und verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, +ging noch im Garten zwischen den hohen reich bescherten +Rosenstöcken auf und ab und wurde dann zum Essen gerufen. +Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er trank viel Wein. +Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er mochte +nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und +Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles +zitterte leis und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter +Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die +Tonschwingungen ins Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, +als sei er in Feuersgefahr. Er grub das Gesicht in die kühlen +weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen Ecke, sprang +dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum +Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, +das der Vater durch ihn erlitten. +</p> + +<p> +Sein Zug fuhr um halb vier. +</p> + +<p> +Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen +Geigenkasten unter den Arm und verließ das Haus. Es war +alles so feierlich und so schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, +der in herbstlicher Reise kaum noch am Zweig hält, und jeden +Augenblick ins Gras niederklopfen will. +</p> + +<p> +Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der +alten Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen +Tiefe des Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart +und nüchtern bis an ihre Kanten heran. Ein Stück weiter +lief mit großen, plumpen Sätzen die alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen +engen Bögen übers Tal bis zum Bahnhofsviertel hinüber. +</p> + +<p> +Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese +alte Landschaft hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren +Wanderlustigen – und er konnte nicht antworten. +Denn gegen diese Argumentation halb verwichener Erinnerungen, +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +die sich in der Zeit die weichen Leiber von Müttern +angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging, +seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das +noch unbebaute Glacis wie zwischen Spießruten hindurch +zum Bahnhof und weiß der Henker, als er vom Glacis in die +Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch dieses widerwärtige, +proletisch rechnerische Produkt des modernen Luxemburgs +an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es +wie ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen +er zu leben gezwungen war. +</p> + +<p> +Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der +Bahnhofstraße eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und +hastete über das Trottoir zum Bahnhof hinunter. Er wartete +fast noch eine Stunde, in der die gedämpfte Gewalt seines +Innern widerstandslos ausbrach und wie eine Feuersbrunst +rasend um ihn herumsprang. +</p> + +<p> +Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem +donnernden Ruf von Triumph und Unternehmungskraft. Er +trug Baptist davon und hüllte alle die Zukunftsfreuden der +jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend aufgewirbelte, +schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte Hochebene +der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-5"> +Fünftes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand +aus dem Zug und ließ die Menge der Reisenden langsam +um sich vorwärts fluten. Er schaute angestrengt aus und sah +auch bald den dicken Italiener wie einen Wellenbrecher mitten +auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden Reisenden +auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen +durch zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener. +</p> + +<p> +„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem +großen Tor auf dem Platz Charles Rogier standen Margherita +und ihr Bräutigam Paolo. Das kleine schwarze Weibchen +hatte sich mit einem großen Tuch vor der herbstlichen Abendkühle +geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur das +Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für +Baptist, die beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam +an dem Platz am Tor der großen abendlich entzündeten +Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten ihm voll Freude +entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine biegsame +Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich +zum Gruß die Hände drückten. +</p> + +<p> +„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist +und er ließ eine Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen +von Flandern lag in einer Sackgasse hinter der Grand’place. +Es war eines der alten netten Brüsseler Hotels, etwas dunkel, +aber reinlich und einfach bürgerlich. Baptist war froh überrascht, +daß die Italiener so ordentlich wohnten. +</p> + +<p> +Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im +zweiten Stockwerk über der Gasse lag und mit alten Möbeln +und mit großgeblümten Vorhängen an Fenster und Bett +wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb schon +bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es +war ihm warm, wohl und frei. Als er dann später in das +kleine Eßzimmer hinunterstieg, saß Margherita allein drin und +nähte an einer farbigen Schürze. +</p> + +<p> +Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches. +</p> + +<p> +Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken: +</p> + +<p> +„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“ +</p> + +<p> +„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt. +</p> + +<p> +„Ich gesucht Zimmer!“ +</p> + +<p> +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete +und war gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen +gerne geherzt und geküßt. +</p> + +<p> +Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit +ihrer kleinen Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! +bestätigte er sich unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie +blieb vor ihm stehen und hielt ihm unbeholfen die Hand hin, +die er drückte, ohne daß sie den Druck wiedergegeben hätte. +Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar italienische +Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen. +</p> + +<p> +Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen +anders gedacht. +</p> + +<p> +Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen +herzlich die Hand, und sie setzten sich an ihre Plätze um +den Tisch und lachten ihm zu. Dann brachte ein Kellner das +Abendessen. +</p> + +<p> +Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen +Einförmiges an. Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, +ebenso die Männer. Nur der Dicke und Baptist hatten jeder +ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die Gesellschaft +in kleine Kreise teilte. +</p> + +<p> +„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der +Dicke. „Wollen wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“ +</p> + +<p> +Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der +Frauen, das geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo +schleppte einen Stoß Noten heran und Baptist holte seine +Geige. Während er die Noten durchblätterte, zupfte der Dicke +an den Saiten, beklopfte den Rücken und schnitt dann eine +Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals +den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte +und mit seinem dicken Kopf dazu nickte. +</p> + +<p> +„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“ +</p> + +<p> +„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist. +</p> + +<p> +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel +macht man keine so guten Instrumente.“ +</p> + +<p> +Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, +Cremona!“ sagte er und machte wieder seine anerkennende +Fratze. +</p> + +<p> +„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist. +</p> + +<p> +Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften +an den Saiten und winkten wichtig und ernst, daß sie auch +mit ihr einverstanden seien. Baptist geigte alle die Lieder, +die der Dicke ihm vorlegte, ohne Schwierigkeit vom Blatt. Die +meisten kannte er und vermochte sie herunterzuspielen, ohne +die Noten anzusehn. +</p> + +<p> +„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der +Dicke beifällig. „Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ +Und er klatschte, zu den andern gewandt, in die Hände. +</p> + +<p> +An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. +Baptist machte nach und nach gegen einige der Lieder Einwände +und sagte, die seien doch zu dumm. Aber der Dicke +setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften Widerstand entgegen. +</p> + +<p> +„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied +da, dies: tra la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... +hoho, das gefällt, das müssen wir immer <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">da capo</span> spielen. +<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">È vero?</span>“ wandte er sich an die andern, die ja nickten. +</p> + +<p> +Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten +diese Proben: Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem +sie ihn mit den Italienern hielten, ihre Sprache wie von +selbst. Er badete sich scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die +fremden Wörter heraus zu wagen. Die Sprache flog ihn an. +</p> + +<p> +Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und +kritisch die Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das +Hotel immer gleich nach dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum +Abschied. Einmal wandte er sich an Baptist, bevor er wegging. +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. +Müssen das Hotel jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! +Ich lauf immer herum und find nix!“ +</p> + +<p> +Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren +hatte, saß er am Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht +griesgrämig zwischen den andern. Er trank viel und behandelte +seine Leute wie mit einer nur mühsam unterdrückten Roheit. +Baptist hatte dann das Empfinden, als bereite sich eine peinliche +Verwickelung vor. +</p> + +<p> +In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu +Baptist aufs Zimmer: „Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er +ihm zu. „Die drunten will Bezahlung, aber ich kann doch +nicht, ich verdien doch nix!“ +</p> + +<p> +„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders +werden!“ tröstete ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote +hin. +</p> + +<p> +Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn +wir jetzt mit Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel +kommt. Wie Sie spielen und mit Ihrer Violino und mit +Ihrer Figur!“ +</p> + +<p> +Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit +Humor und ergötzte sich an diesem ersten Widerstand, der, +wenn auch nur, ohne ihn selber anzufassen, genaht war, und +den er dann mit der kleinen Geste seiner Gabe so leicht hatte +brechen können. +</p> + +<p> +Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit +und es machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen +so sicher verwalten und sein Leben so straff in den Zügeln +halten zu können, daß seine Ausgaben fast immer auf einen +Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte gewissenhaft +Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast +mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit. +</p> + +<p> +Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Aber innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden +Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung +fern. Trotz dieser kleinen Schranke, die kaum sichtbar, +aber für Baptist doch von unentbehrlicher Wichtigkeit war, +besprach er ernsthaft mit ihnen die Möglichkeiten, bald in +Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich mit ganzem Herzen +an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie trieben. +Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er +oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige +Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit +zu umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen +heimlicher Sinnlichkeit erhitzten. +</p> + +<p> +An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am +Mittagstisch. Aber er kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. +„Haben wir, Kinderchen!“ rief er noch in der Türe. Er hatte +ein rotes Gesicht, war vergnügt und drollig wie ein verliebter +Frosch und küßte die Mutter der Margherita feierlich zweimal +auf jede Wange. +</p> + +<p> +Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten +in einem Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein +großes Etablissement! +</p> + +<p> +„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und +schüttelte sich. +</p> + +<p> +„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem +Wetter natürlich im großen Saal!“ +</p> + +<p> +... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen +Himmel mit goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, +das ganz süß und s...s...s... zu der Musik plätscherte. +</p> + +<p> +Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten +wie erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle +plötzlich am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem +Marsch sich nähert. Es tanzte allen in den Beinen. Baptist +lief hinunter und bestellte drei Flaschen Bordeaux. Sie sangen +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +und scherzten, während sie die Flaschen tranken, und ließen +später noch zwei Flaschen heraufbringen. +</p> + +<p> +Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die +üblichen Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn +Franken eintragen mußte, die die Wagschalen seines knapp +gehaltenen Budgets schwer aus dem Gleichgewicht brachten, +da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an, mit kleinen +Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften Geduld +einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich aufgebaut +hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine +Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen +seien, war er zufriedengestellt. +</p> + +<p> +Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann +eine fiebrige Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen +der Angst, daß der Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen +werden könnte, der leise stechenden Scham, sich nun öffentlich +mit der Geige herauszustellen und der tiefen Lust, ein tätiges +Leben aufzunehmen. +</p> + +<p> +Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und +peinlich genau geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und +blau gestreifte, locker flatternde Hosen und rote weite Blusen +mit umgeschlagenen Kragen. Das war die Uniform der Kapelle. +Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide. Er bekam +zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff +aus ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages +in sein Zimmer kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über +sein Bett gebreitet. Er probierte sie einen nach dem andern +an und lachte sich im Spiegel aus. Aber er fand, daß das +Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem weißen Gesicht +und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an die +Tür des Zimmers der Frauen pochen. +</p> + +<p> +„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er +blieb an der offenen Türe stehen. +</p> + +<p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände +zusammen, „sehr, sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die +Sonntagsuniform, ich muß sie gleich wieder ausziehen!“ +</p> + +<p> +Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken +in seinem Zimmer. +</p> + +<p> +„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ +aber er fügte mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, +Herr Baptisto. Unter Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich +hoffe, den Zettel bald wieder zurücknehmen zu können!“ +</p> + +<p> +Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="noindent"> +„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig +zu sein, wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen +sind 25 Franken. Rest 75 Lire. +</p> + +<p class="sign"> +Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete +das Papier zusammen. +</p> + +<p> +„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, +indem er mit der Hand eine weitläufige Geste in der +Luft zeichnete. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der +andern Musikanten durch den menschengefüllten Saal des +Restaurants <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">aux vieux chênes</span>. Es hatte auf einmal angefangen +zu regnen und die Spaziergänger, die den Herbsttag +im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am Eingang +zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch +große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im +Augenblick vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem +grauen Himmel in dem Saal schon dunkel. Die Kronleuchter +funkelten auf. Hereindrängende Menschen, Stuhlrücken, rufende +Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten sich zu einem +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete Gruppe +der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar +Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem +hoch gespannten Aüh! zusammenklang. +</p> + +<p> +Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und +seiner feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen +Mauer durch die Menschen hindurch. Er stieg mit den andern +auf die kleine Bühne und sah nichts, war auf einmal droben und +wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er war nicht so kühn, +in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu schauen. +Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen schwindelhaft +tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die +Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender +Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den +andern vorgeschoben, er setzte den Bogen an und verstand nicht, +was er tat. Er spielte, wie ein Automat, dessen Mechanismus +man gerade gelöst hat, und die Töne hatten etwas Belegtes, +wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist. +</p> + +<p> +Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter +sich etwas Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen +Erstauntseins, daß das Bekannte, das er an einem der ersten +Tische sah, der dicke Italiener, der Häuptling war. Und da +stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag als eine wichtige +kleine Insel drunten in dem Meer; als eine aufgeplusterte, +winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige Erbrausen +bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. +Um den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die +sich überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen +mutiger werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er +sah, daß eine blaue, mit goldenen Sternen gepunktete Decke sich +von Säulen getragen über dem Raume schloß; er hörte sogar +irgendwo ganz spitz das s...s...s... der kleinen Fontäne +immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah sie auf +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah +Menschen sich um Tische scharen und unter einem ineinander +verzogenen Rauschen, wie unter einem Netz von gedämpftem +Lärme liegen. +</p> + +<p> +Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. +Er stieg aus dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die +Menschen unter dem wogenden Netz anfingen, die Köpfe zu +wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich unendlich wichtig +vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus seiner +Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der +Menschen beglückend zu erheben. +</p> + +<p> +Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten +Tones den Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze +Saal wie mit drohendem Radau unter seinem Netz herauszuheben +schien. Baptist schrak zusammen und er faßte krampfhaft +Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben ihm stand. +</p> + +<p> +„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte +seine Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas +angerichtet und sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen +ihn. „Geh vor, geh vor!“ riefen sie ihn erregt an. Er wehrte +sich gegen sie. Er war wie von scharfem Duft betäubt. Da +griff Paolo ihn von hinten unversehens unter die Arme, hob +ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts. +</p> + +<p> +Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den +Beifall danken mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt +und mit lichtverblendeten Augen. Die Zuschauer, die diesen +Auftritt sahen und alles für Bescheidenheit hielten, lachten +drunten und klatschten wie verrückt weiter, trampelten und +riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden Grinsen +zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung +mit seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle +auf, spielt noch einmal‘. +</p> + +<p> +„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist. +</p> + +<p class="tb"> +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen +ersten Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich +ist, aber nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die +da unten saßen, waren ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie +schwabbelte ein wenig in seinen Vorstellungen. Er spielte vor +ihr aus Lust am Spielen, aus inniger, kräftiger Arbeitsfreude. +Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau geschrieben +oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der +Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit +einem nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der +Schnittfläche eines Baumes aufquillt, so sah Baptist sein +Schaffen frisch und hell aus sich steigen. Darüber empfand er +einen naiven warmen Stolz. +</p> + +<p> +Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus +Luxemburg im Garten sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit +ihnen verkehrt, weil sie älter waren wie er. Aber der Bruder +des einen war sein Schulkamerad gewesen und sie kannten sich +gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen wegen seines +bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas +von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den +Pausen lugte er öfter halb befangen und halb neugierig hin. +Aber sie saßen zu weit weg, als daß er irgendeine Antwort +auf seine Blicke hätte erkennen können. Als dann die Musikanten +zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch, an dem +die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu +kommen, war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten +und begrüßen und was sie sagen würden. Er hielt sie mit dem +Blick fest, während er zwischen den Tischen hindurch auf sie +zuging, zögerte ein wenig mit den Schritten, als er an ihrem +Tisch angekommen war ... Aber sie redeten heftig abgewandt +auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als wiesen +sie ihn damit grob und energisch ab. +</p> + +<p> +Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +ihr Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich +hin, als er davonging. „Ihr ...“ und schließlich fand er in der +Erregung nichts mehr, was erbitterter, verächtlicher und beleidigender +gewesen wäre – und er sagte: „Ihr Luxemburger!“ +</p> + +<p> +Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem +verächtlichen Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch +war leer. +</p> + +<p> +Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche +Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein +Ehrgeiz war verwundet worden und es wuchs kein Kraut, +das zu heilen. +</p> + +<p> +Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der +Masse, die da unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt +die sentimentalen Töne mit einem langen Tremolieren wie +an einer zitternden Schnur an einer Stange über die Tische. +Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend, und +um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen +tanzten die letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die +scharfen Düfte der ersten Zersetzung, nach abgeschälten Rinden +riechend, bitter und verwirrend in den Konzertgarten. Draußen +fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur Stadt zurück. Das +Jahr, der Bois und der Tag starben. +</p> + +<p> +Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und +ihre Töchter und sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne +traurige Ahnung von den Zusammenhängen, von der unerbittlichen +Sinnbildlichkeit dieser dunklen, heftigen, erregenden +Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und fühlten +ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen +Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. +Und lag nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der +man sich zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam +zu tragen. +</p> + +<p> +Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +dankbar waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten +da oben es nur der schöne stattliche Junge sein konnte, der +die erste Geige führte und sich dabei in den Hüften bog und mit +dem Körper im Rhythmus schaukelte wie ein rassiger, koketter +Hengst im Zirkus. +</p> + +<p> +Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den +Luxemburgern setzte ein Vorstoß des Winters ein und man +fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die Vieux Chenes wurden +geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de l’Univers in +einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und verpflichtete +Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für dieses +große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs +Uhr bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben +Gesichter, die nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem +Podium und den Gästen entstand ein familiärer Verkehr. +Man bewunderte Baptists Spiel und mancher sagte ihm, ihn +wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders sein. +</p> + +<p> +Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, +setzte sich stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich +liebenswürdig zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn +sehr, und Baptist unterhielt sich gerne mit dem Unbekannten +und war froh über seine Teilnahme. Eines Abends trat der +Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von +Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen +könnte. Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und +schaute, zupfte an den Saiten und schaute wieder und gab +Baptist das Instrument schließlich zurück. +</p> + +<p> +„Sehr gut!“ sagte der Herr. +</p> + +<p> +„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt. +</p> + +<p> +„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. +Nur Historisches. Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... +Würden Sie mir sie für zweihundert Franken überlassen?“ +</p> + +<p> +Der Herr griff in die Brusttasche. +</p> + +<p> +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, +von denen ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ +antwortete Baptist lachend. +</p> + +<p> +„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes +Gesicht. +</p> + +<p> +„Allerdings!“ sagte Baptist. +</p> + +<p> +Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr. +</p> + +<p> +Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts +zusammen nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, +liebe Margherita, es ist nun wahr, daß diese Geige jetzt für +mich so etwas besitzt, wie es eine Frau hat, die lieb, zärtlich +und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa ist es nichts! Sie +ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen Leib? ... +und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber +immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“ +</p> + +<p> +Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns +weg. Sie müssen mehr werden!“ +</p> + +<p> +„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete +Baptist. „Aber hat’s dazu nicht Zeit?“ +</p> + +<p> +„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch +rühren. Er war jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause +kam, und führte selbst sein Ausgabenbuch nicht mehr so freudig +wie anfangs. Er fühlte sich biegsam werden. Er versuchte +jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem Abend verfallen +war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen +hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem +enger zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. +Er sah Frauenaugen begehrlich und erregt leuchtend an ihm +hängenbleiben, wenn er die langen Töne mit süßlicher Eindringlichkeit +aus dem Zusammenspiel herauszittern ließ, und +er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz. +</p> + +<p> +Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +aus war, das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern +aufmischte. +</p> + +<p> +Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des +Asphalts, diese im feuchtwarmen Duft des Verkommens +fiebernden Frauen, all die aufgelösten, gierigen Menschlein in +erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt tänzeln machen. +</p> + +<p> +Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen +ihm selber in die Adern. Er wurde nun umworben, er der +schöne Primgeiger! Er, der den Zauber der Klänge aus der +Geige heben konnte. Die andern fingerten ja nur! Er, der +interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und +biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, +romantisch verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. +Die öffentliche Anteilnahme richtete die blendend erhellende +Scheibe ihres Reflektors auf ihn, und er schwänzelte in diesem +Beleuchtungsfeld, wie eine kokette Frau, die Männerblicke auf +sich fühlt. +</p> + +<p> +Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil +seine Nerven eine austrocknende Hitze bekamen und er sie nur +aus dem Saale heraus auffrischen konnte. Nun machte er +auch keine Opposition mehr gegen die sinnlosen Modestücke +und spielte sie mit denselben kokettierenden Anstrengungen +wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein zugespitztes +Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden +Tag um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden +Tag dieselben Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten +hatte. Er verlor das Gefühl für Nüancierungen. +Seine Empfindsamkeit war zum Handwerk geworden und +setzte Huf an. +</p> + +<p> +Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf +jeden Kontakt reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das +Leben floß frei auf ihn herein. Das hatte er ja immer gewünscht +– das ungebändigte, riechende, rundum raffende +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und die +Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht +zu ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine +innere Spannung ermüdete bald an diesem unklug und maßlos +hochgespannten Leben und wurde schlapp. Er sank wie an einer +Stange herunter und merkte es nicht, weil er noch immer die +Bewegung des Hinaufkletterns machte. +</p> + +<p> +Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch +zu vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr +herauskam, weil er schon eine Woche lang nichts eingetragen +hatte, nahm er es und warf es in den Ofen. +</p> + +<p> +Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann +in dem Zimmer der Männer, spaßten und zechten und erzählten +sich aus ihrem Leben. Wenn sie betrunken waren, +küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten zusammen und +duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein Geld +gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, +sich eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte. +</p> + +<p> +Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, +kam Margherita. +</p> + +<p> +„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu. +</p> + +<p> +Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen +den Tisch und sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie +sich Baptist, daß ich Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien +besser wie wir und sollen von uns weggehn?“ +</p> + +<p> +„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“ +</p> + +<p> +„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, +es ist die höchste Zeit.“ +</p> + +<p> +„Weshalb?“ +</p> + +<p> +„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“ +</p> + +<p> +„Ja, aber ...?“ +</p> + +<p> +„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, +wie Sie setzt immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“ +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du +mich!“ +</p> + +<p> +Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an +sich heranzuziehen. +</p> + +<p> +„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem +Zimmer. Seine Arme sanken leer und enttäuscht nieder, und +er stand da, aufgehalten in seiner entflammten Gebärde, betrogen +und zornig, trotzig und aufgewühlt. +</p> + +<p> +„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach. +</p> + +<p> +Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter. +Er ging die Boulevards in der innern Stadt erregt entlang +und schaute den Frauen zu. Sie waren häßlich oder schön, gut +oder schlecht gekleidet. Aber alle waren Frauen. Er schaute +ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach. +</p> + +<p> +Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld, +trat auf der Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte +heftig: „In ein Bordell, Kutscher!“ +</p> + +<p> +„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher +Gleichgültigkeit. +</p> + +<p> +So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße +diese erste große Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen +quadratischen Fenster sah er die Häusermassen zurückgehalten +den Stadthügel herunterdrängen. Das stumpfe, gewaltige +Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit schwerfälliger +Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer +in den grauen Tag. +</p> + +<p> +Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte +sich das nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine +Jugend abschloß. Er erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte +Winzigkeit. Noch lange blieb es, wie ein trüber Satz +in einem Glase, auf dem Grund seines Innern liegen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-6"> +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Sechstes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse +noch eine Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm +wie ein unlösbarer Rest einer bittern Tatsache und erschien +ihm als die Frucht eines unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, +der alles Menschliche belastete. Daraus dämmerte +ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren Erfassen die Symbolik +hervor, in der die Bibel die Geschichte des Menschen beginnt. +Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch er +stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als +hätte er das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, +das große, riechende, raffende Leben, das in ungemischter +Kraft nur von den Starken getragen werden kann; das Leben, +in dem keine Lust selbstverständlich, sondern die Blüte von +Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen +Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz. +</p> + +<p> +Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem +Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und +es erschien ihm von ernster Bedeutung, daß sich nun seinen +Vorstellungen das Bild der Schwester öfters nahte, als jemals, +seitdem er sie verlassen. Aber es war eine Schwester, deren +stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine Verfehlung bedrückt +und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel Gabriel +am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner +knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und +Strafe. +</p> + +<p> +Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn +in den folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden +Zug mit sich riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von +der naiven Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem +Sündenfall. Er fühlte sich auf einmal und ohne daß er zu +Atem kam, in einen heißen, sumpfigen Schwall von Frauenerlebnissen +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren fiebrig +anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. +Er brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und +ertrinkend wie in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom +einen in den andern, und wenn er vom Podium aus die Blicke +über die Gesichter der Frauen im Café spielen ließ, sah er fast +auf jedem einen nickenden Blick eingestandener Heimlichkeit, +wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte +Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien. +</p> + +<p> +So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, +im Augenblick des Besitzens zu genießen, und nachher löste sich +alles in die verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit +schwül süßer Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen +wie mit einem heißen, betrügerischen Schwindligsein an der +Kante von Nächten, in denen große Bäume wie im Wunder +plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn an sich +rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische +Romantik ein. +</p> + +<p> +Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit +dieser widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde +etwas Molluskenhaftes aus ihm; er spürte keinen festen Boden +mehr, sank mit schaukelndem Dahinleben durch die Tage. +</p> + +<p> +Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto +zu einer kleinen Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium +hingen einige Lorbeerkränze ungenannter Herkunft mit golden +bedruckten Schleifen. Girlanden schlangen sich um die Stühle +und Notenpulte, und Baptist spielte mit einer feierlichen, +parfümierten Sentimentalität. +</p> + +<p> +Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist +im Programm. Er spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, +Bajazzo, und schminke dein Antlitz ...‘ Er konnte spielen mit +dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser Melodie, zu der +die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an die +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler +gegen Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden +Saiten in die Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf +ihn selber zurück, wie die Strahlen eines Reflektors. +</p> + +<p> +Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde +mit lärmender Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. +Frauen und Männer erhoben sich, drängten sich an das Podium +heran, um Baptist die Hand zu drücken, und Päcke von Blumensträußen +wurden von allen Seiten heraufgereicht. +</p> + +<p> +Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig +diesen Begebnissen zu. Rosa hatte dumme, bewundernde +Augen. Nur Margherita blickte mit einem verächtlich verzogenen +Gesichte weg. +</p> + +<p> +Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas +einen, Rosa einen und wollte für Margherita einen +besonders schönen aussuchen. Während er dies tat, sah er, +daß in allen zwischen den Blumen kleine Visitenkärtchen befestigt +waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de belle +Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er +hastig nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die +die Frauen an ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam +ihm zuvor. Sie riß mit ein paar Blumenköpfen die Karte aus +dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist trotzig hin. +</p> + +<p> +„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff. +</p> + +<p> +Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß +sie derb in die Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er +sie unterdrückt an. +</p> + +<p> +Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung. +</p> + +<p> +Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein +in seiner Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... +Sonst stand nichts drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab. +</p> + +<p> +Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er +dachte mit einer betäubten Benommenheit an Jeanne, an +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +sein Studierzimmer in Luxemburg mit den Bücherschränken, +an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige Abendduft im +September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus +dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... +er dachte an Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich +wieder an seinen Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich +ihn heimlich an. Wäre er allein, allein! Er wollte so ganz +gerne weinen! Wieder einmal! +</p> + +<p> +Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er +hinter sich, wie Paolo heftig auf Margherita einsprach. +</p> + +<p> +„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm +pardon!“ +</p> + +<p> +„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch. +</p> + +<p> +Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf. +</p> + +<p> +Da wandte sich Baptist um. +</p> + +<p> +„Aber Paolo, was machst du denn?“ +</p> + +<p> +„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“ +</p> + +<p> +„So laß sie doch!“ +</p> + +<p> +„Nein, sie soll!“ +</p> + +<p> +„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht +weinen zu müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“ +</p> + +<p> +Dann ging er abseits und aufgeregt weiter. +</p> + +<p> +Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und +Margheritas Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll +Blumensträuße, legten sie auf seinen Tisch und gingen dann +mit denen, die Baptist ihnen geschenkt hatte, und mit einem +Gute Nacht davon. +</p> + +<p> +Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das +Zimmer mit ihrem bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle +die Abenteuer erstanden aus ihnen, die Baptist entflammt +vom Wege genommen hatte, und er sah nun, was es war. +„Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und +mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +kaufen können, für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag +kein Reif mehr auf euch!“ +</p> + +<p> +Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, +fröstelnde Erwachen! +</p> + +<p> +Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein +Schluchzen stieg in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus +den Schollen bricht. +</p> + +<p> +Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die +Blumen zwischen beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus +auf die Straße. +</p> + +<p> +„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach. +</p> + +<p> +Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie +kaltes Wasser um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, +was er noch hatte, legte es auf den Tisch und setzte +sich mit klappernden Zähnen hin. Er zählte, rechnete seine +Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken sprang ihn +grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch +zweihundert Franken blieben. +</p> + +<p> +Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er +sich, von diesem jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. +In einem Atem schloß er das Fenster, warf die Kleider ab, +löschte die Kerze und duckte sich ins Bett. Er ließ die kleine, +graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer Gassenlaterne +ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken. Der +Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog +immer wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und +war wie ein widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. +Das riechende, raffende Leben richtete sich daraus wie ein +entsetzliches Fabeltier über seinen Bettrand herüber, und +Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er floh unter +die Leinentücher. +</p> + +<p> +Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. +Der Dicke mußte jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +dann das Leben, das richtige, große Leben ... Wenn +er auch nun noch damit bestand, was er selber verdiente, dann +erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne Kreis! +</p> + +<p> +Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um +Quartier zu besorgen und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm +den zweiten Violinisten und den Klavierspieler mit. Die +andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein Telegramm +sie rief. +</p> + +<p> +Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist +von seinem Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten +in der Gasse um die Ecke davonschreiten sah. Er hatte den +Wunsch, bei Margherita und Paolo von seinem neuen Dasein +zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie zu seinen +Plänen meinten. +</p> + +<p> +Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. +Im Augenblick, als er an die Türe der Männerstube klopfen +wollte, öffnete sie sich und Margherita kam heraus. Aber sie +zog die Türe erschreckt hinter sich zu. Ihr Gesicht flammte +rot auf. +</p> + +<p> +Sie wollte vor Baptist davoneilen. +</p> + +<p> +„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas +mit Ihnen besprechen!“ rief er ihr zu. +</p> + +<p> +Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist +schaute sie wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert +und schweigend an. Da sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm +aufzublicken: „Wir sind schlecht!“ +</p> + +<p> +Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was +ist denn, Margherita? Ist etwas geschehen?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: +„Sie sind doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv +die Hand. „Ach, wir sind gemein und schlecht!“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er +stellte sich an die Wand zwischen die beiden, von denen er +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +glaubte, sie unterhielten sich über die Abreise, und sagte scherzhaft +lächelnd, indem er Margherita mit der Hand streichelte: +</p> + +<p> +„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück +und soviel Frauen haben wie hier, Baptist?“ +</p> + +<p> +Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und +warf verächtlich und geniert hin: „Ach <em>die</em> Frauen! Faß’ +keine an!“ +</p> + +<p> +„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das +gestern so frech gesagt hat, das ist nun nicht ...“ +</p> + +<p> +Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien +Baptist, als strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, +diese verliebte Hand des Mannes auf sich zu dulden. +</p> + +<p> +„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab. +</p> + +<p> +Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über +sich zu sprechen. Er verstand auf einmal, was vorangegangen +war und weshalb Margherita ihn so verwunderlich betroffen +an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt machte er +sich davon. +</p> + +<p> +Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt +sofort Hotel Fleur d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘. +</p> + +<p> +Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in +Antwerpen zu der Ruelle des Moines durch. Es war ein +Gäßchen, das dunkel, alt und schmal sich in den Schatten der +Kathedrale begrub, und das Hotel fanden sie eng und klein, +aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von Flandern. Sie +wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die +drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen +jeder ein Zimmerlein für sich. +</p> + +<p> +Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den +Abend für die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem +Leben die große Wendung bringen sollte. Es war ihm wohl +außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke die Angelegenheit +als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber schließlich +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche +Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten +Morgen. +</p> + +<p> +Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein +Zimmer eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und +schloß sich ihm an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos +leichten Manier erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen +Form entsprach. +</p> + +<p> +„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den +Italiener an, als sie im Zimmer waren. +</p> + +<p> +„Woran, woran glauben?“ fragte dieser. +</p> + +<p> +„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist. +</p> + +<p> +Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer +ihn geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte +schließlich mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung +mitschrie: „Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten +Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie denn gelebt? Sie?!“ +</p> + +<p> +Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in +demselben leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die +Schultern: „Unmäßig, verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“ +</p> + +<p> +„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach. +</p> + +<p> +„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“ +</p> + +<p> +Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, +Mann, bin ich kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer +Kapellmeister. Bitte zu merken!“ +</p> + +<p> +Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint +war, und er schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... +aber ... was? ...“ +</p> + +<p> +Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der +auf dem Tisch stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da. +</p> + +<p> +Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung +und ohne Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +da ich ja noch da bin und die erste Geige nehmen +kann!“ +</p> + +<p> +Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend +auf und ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich +an einem Stuhl halten. +</p> + +<p> +Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte +schroff: „Will sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“ +</p> + +<p> +„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden +und bittend. +</p> + +<p> +„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja +das Abendessen!“ warf ihm Leprotto kurz hin. +</p> + +<p> +„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig. +</p> + +<p> +Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist +möchte gehen, die Geschichte sei erledigt. +</p> + +<p> +Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. +Sein Hals war ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer +aufs Bett setzen und schaute bewegungslos in die verdunkelten +Fensterlein. Er kam sich wie gestürzt vor. Er war auf einmal +unsicher und zaghaft, auf einmal klein und bescheiden. +</p> + +<p> +„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich +laut, und die Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf +die Augen, um die erschreckenden Bilder abzuwehren. +</p> + +<p> +Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk +des Gasthofs war eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der +man für die Italiener allein deckte. Der Raum war gerade +groß genug für die neun Leute. Sie setzten sich um den Tisch, +wie sie eintraten, und da die beiden Seiten schon besetzt waren, +als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe. Zuletzt +erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und +deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er +möge aufstehn. Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und +dachte: Jetzt widerruft er, was er vorhin zugesagt hat. +</p> + +<p> +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber +auf den Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich +an den andern vorbei zum Platz drücken, der noch am Fenster +frei war. Er sah, wie Margheritas Kopf aufzuckte und ihre +Augen ihn fragend anschauten. +</p> + +<p> +Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen +langsam und schwer in ihm durch. Sie waren wie graue, +niedrige, bedrückende Gewitterwolken, voll Regen, voll Dunkelheit, +voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein und hielt +seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den +Zeugen seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere +geheftet. +</p> + +<p> +Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen +das Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe +faßte ihn Margherita, die allein zurückgeblieben war, unversehens +an der Hand. Sie schloß eifrig die Türe, schaute Baptist +an und fragte, indem sie ihn an den Tisch zog und sich mit ihm +niedersetzte: „Was ist geschehn?“ +</p> + +<p> +Baptist zuckte gequält mit den Schultern. +</p> + +<p> +„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita. +</p> + +<p> +Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen +Stimme, daß er kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen +sei, und wie der es mit ihm gemacht habe ... +</p> + +<p> +„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart. +</p> + +<p> +Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen +Hof. Er hatte die drängende Begierde, sich an das +Mädchen zu flüchten. Aber Margherita fuhr fort: „Er wollte +dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte, daß sich einmal die +Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl, daß du +eine viel größere Summe hättest!“ +</p> + +<p> +„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte +Baptist. Er vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und +indem er dies sagte, nahm er die Hände des Mädchens und +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +legte hungrig nach Trost, wie ein ausgetrockneter Acker nach +Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf. +</p> + +<p> +„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, +indem sie ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar +streichelte. „Das ist doch noch nicht so finster, wie du es jetzt +siehst! Komm, sei ruhig. Ich setze mich für dich ein und paß auf ...“ +</p> + +<p> +Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb +sie dann. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit +blieben in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie +schon in der großen Restauranthalle spielten, die zur Feier +der Ausstellung an der Ecke der Avenue de Keyser und des +Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es war ihm, +als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm +herausgeflossen. +</p> + +<p> +Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens +Margherita an seine Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm +einen Brief hineinreichte. +</p> + +<p> +„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim +Lesen überraschen!“ flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu. +</p> + +<p> +Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den +Namen und die nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift +seines Vaters auf dem Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, +ohne sich Zeit genommen zu haben, die Adresse zu lesen. Zwei +Briefe lagen drin. Er las den, der die Handschrift seines Vaters +zeigte, zuerst: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="date"> +„Luxemburg den 24. April. +</p> + +<p> +Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, +welchen ich hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei +auf Ihren Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit +einem Pack herumschlagen, mit dem es ihm beliebt. +</p> + +<p class="sign"> +Alois Biver.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +Der andere Brief lautete: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Sehr geehrter Herr! +</p> + +<p class="noindent"> +Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung +stellen, könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. +Freundliche Nachricht sieht bald entgegen +</p> + +<p class="sign"> +Hochachtungsvollst +E. Leprotto. +</p> + +<p class="noindent"> +Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst +wollte er gleich mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener +stürzen, sich über den Schuft werfen und ihn bis aufs Blut +prügeln. Aber er sank gleich wieder zurück. Er steckte die +Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita suchen, um +bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden. +</p> + +<p> +Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen +und schien gewartet zu haben. +</p> + +<p> +„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig. +</p> + +<p> +Baptist nahm ihn aus der Tasche. +</p> + +<p> +„Da, lesen Sie!“ +</p> + +<p> +„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich +Ihren Namen und Luxemburg las. Er hatte mich zur Post +nachfragen geschickt, ob nichts da sei!“ +</p> + +<p> +„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“ +</p> + +<p> +„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“ +</p> + +<p> +Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als +er fertig war, schaute ihn Margherita an. +</p> + +<p> +„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend. +</p> + +<p> +Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes +Armzucken. +</p> + +<p> +Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während +des Tages in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +Baptist war fassungslos und wie verwirrt. Er fühlte sich von +finstern Gewalten dunkel verfolgt, sehnte sich nach einem Ausweg +und zappelte gepeinigt, verwundet und ermattet in der +Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, die er +bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen +Wärme, mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit +den Abend über neben ihr auf dem Podium und wich auch +nicht von ihrer Seite, als sie gegen Mitternacht nach Haus +gingen. +</p> + +<p> +Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, +Baptist, ich bin krank!“ +</p> + +<p> +Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr +nieder. +</p> + +<p> +„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er +besorgt. Aber er sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre +Glieder schüttelten. +</p> + +<p> +„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt +und fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug +sie immer stärker. +</p> + +<p> +Mittlerweile waren die andern herangekommen. +</p> + +<p> +„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an. +</p> + +<p> +Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“ +</p> + +<p> +Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, +als wollte sie sich gegen das Zittern wehren, das +wie Schläge durch sie fuhr. +</p> + +<p> +„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin. +</p> + +<p> +„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist. +</p> + +<p> +„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal. +</p> + +<p> +Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, +daß du weiter kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein +Stück voran. +</p> + +<p> +„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine +Droschke holen. Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt. +</p> + +<p> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein +Wagen heran. Es war eine große, geschlossene Droschke. +</p> + +<p> +„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein +Wagen und dann bist du bald im Bett und dann ist’s gleich +wieder gut. Es ist nur Schüttelfrost. Da, nimm meinen +Mantel um!“ +</p> + +<p> +Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine +Frau in den Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den +Wagen hinein, indem er selber sich mit in den dunklen Raum +neigte, um den Mantel gut um sie wickeln zu können. +</p> + +<p> +Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und +die Arme und den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich +auf einmal festgehalten. Das Gesicht Margheritas löste sich +nicht mehr von dem seinigen. Ihre Arme waren um seinen +Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend und verzweifelt, +und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine +Augen, wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen +Ausbruch, der wie Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug +und einhüllte, sang ihre Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger +Vogellaut im April: „<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Cuor mio!</span> ...“ +</p> + +<p> +Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben +Ruck war er losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses +Erlebnisses, und verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf +vor ihm zurück. Hände gruben sich in Baptists Rücken und +aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, daß es ihm ans Leben geht, +raste er herum, hob die Fäuste gegen das nächste Gesicht, das +er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und schrie: „Was, +was wollt ihr mit mir?“ +</p> + +<p> +Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, +du Betrüger, Verräter!“ +</p> + +<p> +Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, +die zwischen jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe. +</p> + +<p> +Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +Paolo, sei doch vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist +sanft und faßte mit beiden Händen den Erregten an den +Schultern und zog ihn an sich heran. „Paolo, wir wollen ...“ +</p> + +<p> +Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei +mit dem gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch +seinen Leib hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein +anderer den Laut ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er +auf einmal weich und gewichtig werden und gleich darauf löste +sich sein Leib in eine schlafschwere, widerstandslos erwärmte +Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch funkelnd gestreifte +Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine unerhört +süße und gewaltsam himmlische Erfüllung. +</p> + +<p> +‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte +er noch denken, kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten +hinter zackigen Bergfernen. Dann war es aus und Finsternis. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-7"> +Siebentes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> lag fünf Monate im Krankenhaus. +</p> + +<p> +Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche +Widerstandskraft die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den +Rippen bis ins Herz geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, +die im Hofe im Schatten der hohen verrußten +Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den Sommer gefeiert +hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum +ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen +wurde. +</p> + +<p> +Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des +öffentlichen Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von +Anordnungen von Ärzten und Krankenschwestern leben und +wurde auf einmal an einem Vormittag auf die Straße gesetzt. +</p> + +<p> +Er war geheilt. +</p> + +<p> +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins +hinter sich. Es hatte stets alles bereitgestanden, was er +gebraucht hatte. Aber in dieser Armeleuteabteilung des Hospitals +waren immer alle Dinge um ihn herum geschehen, wie +mit der knappen mechanischen Funktion eines Automaten. +Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken +aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch +war in ihm eine bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende +Gleichgültigkeit bereitet worden, in der er es als unglückselig +empfand, daß er sich nun auf einmal draußen dem windigen +Lebenszug der Straßen anpassen und selbständig dem Leben +übergeben mußte. +</p> + +<p> +Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß +hatten ihn schlank und mager gemacht. Er trug, als er +durch die Rue de l’Hopital auf die Kathedrale zuging, den +Anzug, den er getragen hatte, als er ins Spital gebracht worden +war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß um seine +hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten +einwickeln zu wollen. +</p> + +<p> +Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, +und seine Finger spürten auf einmal die Naht, +die das Loch schloß, durch das der Dolch in seinen Leib +gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, hatte +er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke +dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen +alle der schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze +lag. +</p> + +<p> +Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll +an ihn und nur ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an +Margherita. Als hätte er sie beide verloren. Als seien sie +einmal so heftig und heiß nahe bei ihm gewesen und als seien +sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, +wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte +Bilder. +</p> + +<p> +Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. +Jedoch erinnerte er sich mit einem müden, aber +warmen Verlangen an die Frauen, mit denen er in Brüssel +davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er kam +vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter +Schwamm. Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und +hungrig, für alle neuen Empfänge, für gute wie schlechte, +wahllos offen und zittrig bereit. +</p> + +<p> +An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung +entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter +Weg, ganz von selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in +die Ruelle des Moines gegangen. Er trat in die kleine Stube des +Hotels zur goldenen Blume, in die es gleich von der Gasse +durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf ihn zu: „Sie +wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der +Eingetretene war. +</p> + +<p> +Baptist sagte: „Ich wohne hier!“ +</p> + +<p> +Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, +als sei es ganz unmöglich, und er schaute Baptist an, indem +er ihn ins Licht drehte. +</p> + +<p> +„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig. +</p> + +<p> +„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten +Sie im Grab gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“ +</p> + +<p> +„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig +erstaunt mit der Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus +niemals in einen Spiegel geschaut. Als der Wirt ihn vor +einen solchen führte, sah Baptist eine rote Narbe, von der +Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn schneiden. +</p> + +<p> +„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das +wußte ich nicht!“ +</p> + +<p> +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner +Verletzung. Der kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr +zu sich kommen über solche schwarze Schlechtigkeit und über +solche unerhörten, heftigen Geschehnisse. +</p> + +<p> +Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, +als der Wirt plötzlich auffuhr. +</p> + +<p> +„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, +als die Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen +es holen! sagte sie, und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! +Das bring’ ich doch mal gleich.“ +</p> + +<p> +Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes +und gut verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es +bedächtig auf. Es war seine Geige. +</p> + +<p> +„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert +zu sein. „Es sind ja auch noch andere Sachen von mir im +Haus!“ +</p> + +<p> +Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an. +</p> + +<p> +„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort. +</p> + +<p> +„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal +kühl. +</p> + +<p> +„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen. +</p> + +<p> +„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“ +</p> + +<p> +Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos. +</p> + +<p> +„Ihre Italiener!“ +</p> + +<p> +„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider +und alles mitgenommen. Wo sind sie denn?“ +</p> + +<p> +„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, +gleich als Sie nicht mehr kamen, weggezogen.“ +</p> + +<p> +„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist +wie teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“ +</p> + +<p> +Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte +Bedauern zu dem Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +niederträchtig mitgespielt hatten. Aber er wollte Baptist doch +erinnern, daß er noch in seinem Buche stehe. +</p> + +<p> +„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt. +</p> + +<p> +„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist. +</p> + +<p> +„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. +Oder vielleicht haben Sie einen Vater, der mal +einspringt?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen +kann.“ +</p> + +<p> +„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie +überlegend, geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner +Mann, es sind doch gegen hundertzehn Franken!“ +</p> + +<p> +„Ja!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. +„Aber so eine Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten +wir nicht irgendwie so eine Garantie haben?“ +</p> + +<p> +Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“ +</p> + +<p> +Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein +Einfall, dessen Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches +vorkam; ihm vorkam, als sprengte er damit seine +Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus in die Luft. +Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres! +</p> + +<p> +Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn +Franken!“ +</p> + +<p> +„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig +entgegen. +</p> + +<p> +Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“ +</p> + +<p> +Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als +säße er mit dem ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn +wir! Zeigen Sie mir einen Musikhändler, der sie vielleicht +kauft,“ sagte er erregt. +</p> + +<p> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich +der Anfall, der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, +wieder verlaufen. Sein geschwächter Körper war übermüdet +von der ungewohnten Freiheit, seine Gedanken waren wie +entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie vereinzelte +Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend +in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde. +</p> + +<p> +Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in +dem neben allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen +verkauft wurden; ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage +seines dunklen Winkels und die Art seiner Kundschaft nützte. +</p> + +<p> +Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster. +</p> + +<p> +„Zehn Franken!“ sagte er. +</p> + +<p> +Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist +eine Aegidius Barzellini!“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher +und Trödler, „es ist eine Geige, weißt du!“ +</p> + +<p> +Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie +zärtlich in den Kasten. +</p> + +<p> +„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt. +</p> + +<p> +„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen. +</p> + +<p> +„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden. +</p> + +<p> +Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft +gehen, in ein größeres Musikgeschäft.“ +</p> + +<p> +Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte +sie mit verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. +Er nahm die Geige, und tat, als zupfte und guckte er sachverständig +dran herum. +</p> + +<p> +Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“ +</p> + +<p> +Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. +Er schlug die Augen zu Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ +dann kehrte er stracks um und ging in den Raum hinter dem +Laden. Von dort brachte er einen dicken blonden Herrn mit +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. Der +nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und +verschwand dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf +hörte Baptist, wie in der Ferne, Geigentöne aufklingen und +gleich wieder verstummen. Das wiederholte sich ein paarmal. +</p> + +<p> +Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. +Er sagte: „Guten Tag!“ als er an die beiden herantrat, und +fragte gleich hinterher: „Was wollen Sie dafür?“ +</p> + +<p> +Baptist zuckte mit den Schultern. +</p> + +<p> +„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“ +</p> + +<p> +Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer +Maus, so erstaunt war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld +die Geige weggeworfen sei. Aber er war mürbe. Die Verhandlungen +und vorher das Herumlaufen wegen der Geige kamen +ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich. +</p> + +<p> +Da sagte er: „Ja.“ +</p> + +<p> +Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem +Wirt der Fleur d’Or rasch davon. +</p> + +<p> +Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige +noch einmal an seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu +einem behaglichen Nachgenießen, in den Kasten, über das +Saitenbrett. Währenddessen warf er dem Kommis hin: „Es +ist eine Aegidius Barzellini!“ +</p> + +<p> +„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich. +</p> + +<p> +Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett +ein Papier eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser +hervor, während er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. +Der junge Mann verschwand eine Weile auf der Straße. +Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu sehen!“ sagte er. +</p> + +<p> +Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet +und gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und +unbeholfen geschrieben und hieß: +</p> + +<p> +„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“ +</p> + +<p> +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine +Ecke. Dem Kommis antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ +Dann trug er den erworbenen Schatz mit einem tänzelnden +Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die Räume hinter +dem Laden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten +die Häuser um sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für +sich: Nun bin ich ganz allein! Aber er sagte bei jedem Schritt +diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als schlüge er sich jedesmal +damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in eine Schlucht +heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß. +</p> + +<p> +Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine +Blicke verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden +Beinen wurde es unsicher und warm. Das tat ihm wohl. +Auch seine Augen füllten sich nun mit einem vollen funkelnden +Dunkelsein, und auf einmal brachen seine Beine mit einem +kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen. +</p> + +<p> +Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen +Zimmer und in einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. +Aber zugleich mit dem Bewußtsein der jungen Kraft +stellte sich auch das Gefühl des unausmeßbaren Verlassenseins +ein. +</p> + +<p> +Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes +und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf +herein. +</p> + +<p> +„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie. +</p> + +<p> +Baptist bejahte. +</p> + +<p> +Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige +mit einem etwas eckigen Körper in einem sauberen +bunten Leinenkleid und einer weißen koketten Schürze. Ihr +unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, hatte +zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß, +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb +vor. Die Augen waren dunkel und in einem kalten Glanz +verschwommen. Dicke Augenbrauen spannten sich drüber. +Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt über das +ganze Gesicht. +</p> + +<p> +Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie +sich niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“ +</p> + +<p> +„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und +die Frau verließ rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte +sich Baptist emsig aus den Tüchern. Er hatte mit der Hose +im Bett gelegen und seine Kleider waren nebenan auf einem +Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die Türe +wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur +d’Or erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon +wieder auf!“ trat der Wirt auf Baptist zu. +</p> + +<p> +Baptist sagte: „Danke!“ +</p> + +<p> +„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie +in ihr Bett gelegt.“ +</p> + +<p> +Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine +Finger mit einem raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf. +</p> + +<p> +„Nicht nötig! Gern geschehn!“ +</p> + +<p> +Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals +und verließ mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen +kahlen weißen Raum, in dem es nach Kohle roch und Stöße +von Hemden auf weißen Brettern lagen, und traten auf die +Straße hinaus. +</p> + +<p> +Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ +rief sie, als die beiden schon ein paar Schritte gegangen +waren. Baptist drehte sich um und grüßte noch einmal mit +dem Hut. Da las er neben der Türe auf einem runden, weißgemalten +Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin. +</p> + +<p> +Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +Baptist dem Wirt all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn +Franken ab und schob Baptist ein paar Gold- und Silberstücke +wieder zu. +</p> + +<p> +Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? +Er hatte doch dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines +Lebens hintan geschmissen, um seine Schuld zu bezahlen. +</p> + +<p> +„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt +verstört. +</p> + +<p> +„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn +Franken schuldig!“ +</p> + +<p> +Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes +resigniert in seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. +Aber Baptist rührte es kaum an. Bald ging er weg und wieder +auf die Straße. Wie freigeworden von einem Druck irrte er +draußen umher. +</p> + +<p> +Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, +die über die Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer +luden ein und aus, und Baptist sah unter sich die Arbeit in +knirschender Raserei Land und Schiff verbinden. Kleine berußte +oder verstaubte Menschen tauchten immer wieder irgendwo aus +dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende Schritte +und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach +Gott, vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen +Kasten verschwände!“ +</p> + +<p> +Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. +Von seinen heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen +Dampfern noch die Vorstellung, als seien sie große, dunkle +Behälter, in die all das hineintauchte, was die Länder nicht +mehr duldeten: die elenden Flüchtlinge, die ausgebleichten +Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, die in dem rätselhaften +Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer Arbeit +der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und +jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +wehrte Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten +der Hände von sich ab, als das rettungslose Versinken, als das +letzte Sichaufgeben. +</p> + +<p> +Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an +ihm haften geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder +durch alles hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen +Leute, die aus den Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, +als seinesgleichen an. Er sah sich in ihnen. So wie der! So +wie der! sagte er von sich bei jedem der berußten oder verstaubten +Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. Aber +schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens +hinaus. +</p> + +<p> +Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die +Notwendigkeiten des Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen +umher und schaute aus, wo er ein Zimmer mieten könnte. +Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er sah. Es kostete +fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten +Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich +gleich ins Bett. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, +wurde er darauf aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. +Da begann er mit einer leeren, tatlosen Angst zuzuschauen, wie +Franken um Franken dahinschwand. +</p> + +<p> +Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger +einen Spalt breit zu seiner Türe herein. +</p> + +<p> +Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: +‚Ach, es ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger +Flederwisch im Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst +ihm in die leeren Ärmel, und selbst die Vögel glauben bald +nicht mehr an ihn.‘ +</p> + +<p> +Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem +Rücken aufs Bett und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +indem er wie ein Frosch mit den Beinen und Armen in die +Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den Tisch herum +und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge +er Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem +Herzen in den Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen +über die verschränkten Arme auf den Tisch und dachte sich: +‚Wie ist es doch so roh, ein Kind mit dieser Strohpuppe zu +bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause als Kinder +niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann +sagte: „Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn +du eine solche Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“ +</p> + +<p> +Baptist sprang auf. +</p> + +<p> +„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ +sagte er laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam +kroch die Angst an den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die +mit ihren Krallen spielen. Es war Baptist, als drückte etwas +leise schmerzend und dunkel auf seine Augen. Aber er erwachte +gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit einem plumpen +Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts. +Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. +Er stieß mit den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber +es hatte eine knöcherne Haut. Seine Fäuste wollten nervig +an den Hals greifen, aber die Muskeln gehorchten nicht und +schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. Da saugte +sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des Fußbodens +fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen +Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens +überstiegen. Jedoch der Sieg dauerte nur drei Augenblicke. +</p> + +<p> +Baptist wimmerte leise. +</p> + +<p> +Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende +geworden, die dürr und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit +der Menschwerdung durch alle Zeiten heraufragte, unvergänglich +und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs – der alte +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen, +graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen +irrende, verletzte Tierchen. +</p> + +<p> +Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel +wurde Baptist etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine +langsam niedersinkende Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, +ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie ein Kind. Er +plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend +sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: +„’s is gut! Kindi stirbt!“ +</p> + +<p> +Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz +wie das Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden +auf. Mit zitterigen, schwachen Beinen glitt er die Treppe +hinab und schlich sich ausschauend an den Häusern entlang +durch die Gasse, in der die Laternen schon leuchteten. An der +Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer an ihn. +Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen. +</p> + +<p> +Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und +blöde: „Gebt!“ +</p> + +<p> +Einer sah es. +</p> + +<p> +Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte +mit derbem Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer +Teufel?“ +</p> + +<p> +„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. +Die wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll +in ihre Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die +Kneipe hinein, die gerade an der Ecke ihre Türe offen hielt. +</p> + +<p> +‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut +bekannt. +</p> + +<p> +„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft +über den Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“ +</p> + +<p> +Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und +Messer; ein anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +ein anderer eine Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen +ein und schoben Baptist alles hin. +</p> + +<p> +Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu +essen, wie ein Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz +flog auf, wie ein Luftballon. Er trank und aß und die Fülle +um ihn herum kam ihm vor, wie der goldene Überfluß herbstlicher +Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die mit Schweinen, +Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren, +kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die +deutschen Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer +tanzend: „Trinke mer noch en Tröppche ...“ und er mußte +ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, einmal mit +Bier und einmal mit Branntwein. +</p> + +<p> +Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen +sich ruhiger um ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit +ihm zum Essen zuredeten, bemerkte Baptist an einem andern +Tisch einen Kreis junger Leute, deren Gesichter er schon einmal +gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte seinen Blicken +die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau hinschauen. +Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend +zu seinem Tisch herüberblickten und er drehte den +Kopf weg. Aber in demselben Augenblick wußte er, wer die +waren, die dort saßen und ihn anstaunten ... Es waren ehemalige +Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, die das +Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in Geschäftsbetriebe +eingetreten waren. +</p> + +<p> +Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden +Flamme. Er rückte heimlich ans Ende der Bank +und glitt zur Türe hinaus, lief stolpernd die enge Gasse hinauf +zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß mit einer weichen +Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die Treppen +hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn +mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +Vorstellungen in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit +und übergab ihn bald sanft dem Schlaf. +</p> + +<p> +Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden +Tage diese Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, +er hatte gebettelt und er gestand sich nun offen ein, +daß er an jenem Tage in die schwarzen Höhlen der Schiffe +hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu verschwinden, +wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben +getanzt haben und von denen man dann niemals +wieder etwas sah. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte +Tag, der ihm das Dach über dem Kopfe nahm. +</p> + +<p> +Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal +kein Bett mehr hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, +betäubt und doch ruhelos, wie in einem Kerker, und setzte sich +dann auf eine Bank, ohne zu wissen, wo. Er schlief ein wenig +ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er fühlte sich wie geprügelt. +Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen Bäumen +des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn hernieder. +Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und +schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes +Tier, das am Sterben liegt. +</p> + +<p> +Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. +Seine Kleider verkamen. Die Menschen wichen schon etwas +beiseite, wenn er sich ihnen näherte. Er aß manchmal in der +Volksküche, die im Winter umsonst Suppen verschenkte. Er +aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel der +Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es +entstand eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, +suchte er instinktiv eine geschützte Stelle zum Übernachten, in +einer tiefen Haustüre, einem Schuppen, einem Eisenbahnwagen. +</p> + +<p> +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem +Schlaf gerüttelt und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen +war, davongezerrt und in einen warmen dunklen +Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem Tag. Ein alter +verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf +der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, +rief: „Aufstehen! Raus!“ +</p> + +<p> +Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen +gefranzt waren, rollte von der Pritsche herunter und lallte ein +paar Flüche. Aber er wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe +hinaus in den helleren Raum, in dem zwei Polizisten saßen. +Dort stellte er sich krumm und klein neben Baptist auf. +</p> + +<p> +Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! +Laß ihn doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich +einmal erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann +wandte er sich an Baptist: „Auf welches Schiff gehörst du?“ +Aber bevor er eine Antwort haben konnte, schnauzte der Polizist +weiter: „mach, daß du künftighin am Abend in dein Schiff +kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal gehts +nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand. +</p> + +<p> +Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden +durch die Straße. +</p> + +<p> +„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es +is so bannig kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“ +</p> + +<p> +„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, +weshalb has du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die +Beinchen wollen ja gar nicht mehr, och die alten, alten kranken +Beinchen! ...“ weinte er. Die Tränen blieben aber in den +farblosen Augen glänzend und festgeklebt hängen, und Baptist +fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden. +</p> + +<p> +„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete +er den Alten. +</p> + +<p> +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken +Kopf zu Baptist auf. Er rief empört und fuchswild, daß die +Wörter eines über das andere zu schnappen schienen, und sein +zotteliger grauer Bart sich sträubte: „Was! Arbeiten! Dreckskerl, +Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“ +</p> + +<p> +„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist. +</p> + +<p> +„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging +weiter. +</p> + +<p> +Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei +der Waeser Station lehnten ein paar Vagabunden an einem +Zaun. Papa Ladstock ging geradeaus auf sie zu, und Baptist +folgte, zögernd hinterher gezogen. Die Vagabunden fröstelten, +hatten die Hände in den Hosentaschen und traten von einem +Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, verborgenen +Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie +grüßten nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte +sich schweigend mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch +Baptist dasselbe. +</p> + +<p> +Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich +Vatern doch mal die Katrine – och!“ +</p> + +<p> +Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete. +</p> + +<p> +Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens +etwas wie eine Pause. Aber langsam rückte dann eine +Hand aus einer Hosentasche und hielt eine kleine flache Blechflasche +hin. +</p> + +<p> +Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte +sich nachher wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen +Fingern über die Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin. +</p> + +<p> +Baptist trank daraus. +</p> + +<p> +Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater +schaute ihn strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den +Daumen aus der Hosentasche heraus und deutete damit auf +Baptist. +</p> + +<p> +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein +zotteliger Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ +Seine kleinen Augen schauten zu Baptist hinauf und +Zärtlichkeit schwamm in ihrem wässerigen, farblosen Glanz. +</p> + +<p> +Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. +Aber er bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie +legten sich mit einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit +über ihn nieder, als wollten sie ihn ersticken, und er +bekam Angst vor ihnen. Er dämmte sie ein, indem er die +andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so Gemeines, +so etwas Ekles – Verbrechertum! +</p> + +<p> +Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“ +</p> + +<p> +„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten +Kameraden im Stich lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte +und streichelte ihm mit einer unbeholfenen groben Zärtlichkeit +über den Arm. Die andern lachten roh. +</p> + +<p> +Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden +fortzugehn. Aber er dachte doch gleich daran, es heimlich zu +tun, wenn sich eine Gelegenheit böte. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof +heraus auf die Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor +den Lumpen nieder und fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof +tragen?“ +</p> + +<p> +Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von +einem Fuß auf den andern und schauten an dem Fremden +vorbei die Straße hinab, als stünde niemand vor ihnen. +</p> + +<p> +Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer +Mitte heraus, hob den Koffer in die Faust und schritt davon. +</p> + +<p> +Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ +lallte er. Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten +dann laut heraus. „So ’n Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete +Vater los und sprudelte die Schimpfwörter in seinen grauen +Bart, daß die Haare wie in einem Regen auf und nieder flogen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-8"> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +Achtes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte +heimlich und verwundert sein Gesicht und sein +Wesen. Der Fremde war ein blonder Mann mit hohen, schlanken +Gliedern. Seine Haare fingen an grau zu werden. Er trug +einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm lange +Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende +helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes +Kinn. +</p> + +<p> +Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer +Hand in die andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft +ein Weilchen auf den Boden niedersetzen. Der Mann blieb +indessen mit Baptist stehen und schaute, als ob es ihn nicht +interessierte, wie es mit seinem Koffer zuging, zu den Dächern +der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang. Diese +stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den +Koffer gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, +biß er die Zähne auf die Lippen fest, als könnte er damit seine +Kräfte anspornen und aufrecht erhalten. Aber die Last wurde +fast unerträglich. Sein geschwächter Körper konnte ihr kaum +noch widerstehen, und es kam ihm vor, als seien seine Glieder +ausgehängt. Da ließ er mit einem knirschenden Seufzer den +Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen. +</p> + +<p> +Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist +fühlte, daß jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg. +</p> + +<p> +„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so +gütig bezwingend klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren +mußte. „Wann haben Sie zum letztenmal gegessen?“ +</p> + +<p> +„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und +ohne weitere Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über +die neuauftauchende peinliche Angelegenheit wegzukommen. +</p> + +<p> +„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“ +</p> + +<p> +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst +mit der harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall +abzutun; aber dann kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens +emporgeschleudert, ein so höhnisches, empörtes und +zitteriges Lachen hinein, daß der andere ausrief: „Wer sind +Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie standen!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz +verschanzen zu müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es +nicht schlechter geht, als den andern Kollegen!“ +</p> + +<p> +Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke +an. Dann glitt sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen +wir etwas essen gehen! Eine halbe Stunde Zeit habe ich noch!“ +</p> + +<p> +„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab. +</p> + +<p> +Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder +auf und sie gingen weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen +und bemerkte kurz und wie obenhin, indem er seine Brieftasche +herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu bekommen, daß es +Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse. Wenn +Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch +eine Post, – helf ich Ihnen!“ +</p> + +<p> +Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ +fuhr Baptist mit der Karte in die Hosentasche. Aber während +er weiterschritt fing er rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu +bereuen. Wie töricht war sein verlumpter Stolz gegen den +Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser ernste, stolze +Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen wollte, +obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und +Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, +denn noch etwas, das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ... +</p> + +<p> +Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen +Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. +Während er den Koffer in der Hand neben jenem herlief, +fühlte er sich wie ein Kind, dessen Phantasie der Fremde die +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +verlockenden Spiele von Märchenerzählungen zuwarf. Das +naiv Unbeholfene, das zärtliche Abhängigsein des Kindes von +der nährenden Phantasie des Erwachsenen regte sich in Baptist ... +Dieses stammelnde Verwundertsein und verwunderte +Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem +das Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war +doch zu zerknetet, als daß er die Kraft zu dem Märchen selber +gefunden hätte: diesem fremden Manne nun auf einmal in +der kalten großen Stadt sein Schicksal zu offenbaren. Er schlich +nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu einer kleinen, +zagen Fruchtbarkeit auf. +</p> + +<p> +Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der +Hand. +</p> + +<p> +„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, +„Ich könnte Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es +gebrauchen. Aber ich pflege nie eine Arbeit über Gebühr zu +bezahlen, weil ich kein Almosen geben mag.“ +</p> + +<p> +Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. +Dieser war darüber so betroffen und so erschrocken, daß er +zunächst nur verwirrt vor sich hinstieren konnte. Aber auf +einmal überströmte es ihn, weh und zärtlich, wild und verlangend; +er bückte sich nieder und küßte die Hand des Unbekannten. +Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen +sprangen wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die +nächsten Straßen vom Bahnhof weglief. +</p> + +<p> +Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit +hobelnd über das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, +von einem Schild festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje +Veroken, Plätterin‘ ... Aber es dauerte eine kleine Zeit, bis +er den Zusammenhang zwischen dem Schild und sich gefunden +hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs Fenster geschaut, +ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen. +</p> + +<p> +„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“ +</p> + +<p> +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, +so plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben. +</p> + +<p> +„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“ +</p> + +<p> +Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie +gehts denn seitdem?“ +</p> + +<p> +„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken +Augenbrauen hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt +hinzu, indem sie ihre Stimme sanft und gefühlvoll machte: +„Wer gibt sich aber auch mit solchem Pack von Musikanten ab, +Sie Kind!“ +</p> + +<p> +Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem +rechten Arm. Es kam ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen +hatte, nichts mehr erstaunlich vor, und er fand es natürlich, +daß diese Frau, die ihm einst in einer Stunde der Not +ihr Bett gegeben hatte, mit solcher Selbstverständlichkeit an +seine innersten Dinge rührte. +</p> + +<p> +„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein +Veroken. „Sie scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie +jetzt leben. Sie sind ja noch ein Kind. Wie alt?“ +</p> + +<p> +„Dreiundzwanzig!“ +</p> + +<p> +Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann +Baptist schwer auf die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ +rief sie aus, und ihr großer Mund formte mit einer seltsam +erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die Fächer +der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts +ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt +aussahen. „Sie sind ja noch ein Kind. Sie brauchen ja +noch eine Mutter! Sie sehen schlecht aus. Haben sich wohl +noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im Spital? Wie +leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“ +</p> + +<p> +Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in +der letzten Zeit erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +geworden unter dem großen Wunsch, den der Fremde +in ihn gesät hatte und den sein Herz wie in einem Vorfrühling +durch die Schollen trieb; und er antwortete mit heißem Aufbegehren: +„Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit +haben!“ +</p> + +<p> +„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas +überlegt hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die +Taverne du Congo. Das muß weg und ich mach’ dann die +pressante Arbeit, die noch daliegt, hinter mich. Dann kommen +Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich zusammen!“ +</p> + +<p> +„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem +Ton kindlicher Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein +vorgemessenes Stück Arbeit erledigen zu können. Er nahm +den Korb, der mit einem roten Tuch zugedeckt war, auf die +Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St. Paulsplatz +lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin, +und Baptist trat in die Taverne du Congo ein. +</p> + +<p> +Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das +Tische, Stühle und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten +vollgestopft war. Bilder von Schiffen waren von Gruppen +seltsamer Holzwaffen umrahmt und dazwischen stachen gewaltig +verbogene oder unheimlich lang zugespitzte Geweihe +hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften Rieseneidechsen, +hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, +ein paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein +farbiges Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen +Gegenständen und verbarg die braune angeräucherte Decke. +</p> + +<p> +Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann +mit klotzigen, roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist +mit dem Korb sah, trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: +„So, Sie bringen die Wäsche schon?“ +</p> + +<p> +„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Mann von spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz +gehackten Bewegungen und hatte eine erfreuliche rote Nase, +die aus einem graugemischten Wust von Bart herauskam. +</p> + +<p> +„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ +sagte er und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein +Gläschen ein. „Nun wollen wir mal schauen, ob sie auch nichts +zurückbehalten hat, das Fräulein, oder ob Sie nichts verloren +haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den Korb aus den +Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch +Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel +und rieb sich die Nase, während seine Lippen leise gingen und +ihre Bewegungen dem Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten. +</p> + +<p> +„<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All right!</span>“ rief er schließlich. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C’est juste</span>, stimmt, <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">è +giusto</span>!“ +</p> + +<p> +Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm +gut stellen und sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“ +</p> + +<p> +„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte +dazu noch mindestens chinesisch, japanisch, kasongolisch und +maorisch können, um ein guter Wirt zu sein, so wie’s Geschäft +international wird!“ +</p> + +<p> +„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen. +</p> + +<p> +„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, +meinen Sie. Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie +wissen, wo das ist!“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte +Baptist nun auf deutsch. +</p> + +<p> +„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte +die Lippen aus der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind +zuviel Deutsche hier in Antwerpen, die gute Geschäfte machen. +Und wenn man Taverne du Congo heißt ...“ Aber er lachte +hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette. „Nee, es is nich so +gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal, sind Sie +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem +andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">monsieur Boulanger +de Paris</span>.“ +</p> + +<p> +Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und +deutsch noch italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“ +</p> + +<p> +„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und +Griechisch?!“ Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über +den Mund, an der Stelle, wo Baptist die Narbe hatte. +</p> + +<p> +„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen +Kopfheben und einer verschmitzten Sachkenntnis. Aber er +fügte gleich bei: „Ihren Kleidern sieht man keene fünf Sprachen +mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie der Preuß sagt, +dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so einem +Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du +Congo? Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen +Kongo im Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges +Essen, ein Kämmerlein, zwanzig Franken im Monat und +dagegen ein bißchen Gläserputzen, Stubenreinigen, Servieren +und wenns scharf kommt, einem zu der guten Luft des Paulsplatzes +verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“ +</p> + +<p> +Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, +in der sich alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. +Er bekam noch einen Schnaps. +</p> + +<p> +„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der +Wirt militärisch und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig +runde Stirn. +</p> + +<p> +Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. +Er war gerührt. Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. +Es erwartete ihn wieder ein Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, +Menschen. Der frostige Dezembertag wurde ein Frühlingstag +und er schritt wie von einem Tänzchen getragen leicht hindurch. +</p> + +<p> +‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal +auf dem Weg zu der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +geblieben und hätte den Koffer nicht getragen, so wäre ich nicht +zu Alientje Veroken und nicht zu dem kölnischen Wirt gekommen. +Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß er nun in einer +ordentlichen Anstellung arbeiten wird. +</p> + +<p> +Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, +Oevelgönne bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a. +</p> + +<p> +Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und +Timmermann hat so etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes +... Zimmermann! +</p> + +<p> +So kam er zur Plätterin zurück. +</p> + +<p> +„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie +mit einer Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen +falteten sich um ihr Kinn auf. +</p> + +<p> +Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. +Sie zeigte eine lebendige Freude darüber und klatschte in die +Hände, während die dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und +ab zuckten. +</p> + +<p> +„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen +Sie mein Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer +plötzlichen überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen +Arm und zog ihn mit sich in das kleine Zimmer hinter dem +vorderen Raum. Dort war es schon dunkel. Als Baptists +Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah +er einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit +Bierflaschen. In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein +Feuer, das lustig durch das Luftloch in dem Türchen leuchtete +und blaßgoldene hüpfende Flecken an die dunkle Bettstelle +warf. +</p> + +<p> +„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, +indem sie sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick +hinaus, und Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß +der Straßentüre sprang. Als sie dann wieder in der Stube +war, schob sie Baptist auf einen Stuhl, ließ die Läden vor den +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe an und setzte +sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte sie +Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie +Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei. +</p> + +<p> +Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem +netten Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das +Feuer schnurrte plaudernd im Ofen und durch das Lufttürlein +sprangen die Lichtflecken an der dunklen Bettstelle hinauf in +die weichen Kissen, die über den Rand der verhängten Lampenglocke +hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben ihm +saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch +und Blut, den er mit den grausamen Stunden seiner letzten +Wochen warm machen konnte. Er sah Alientjes große, kühl +<a id="corr-8"></a>glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen +Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern Erzählen +innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung +mit ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse +leicht und flüchtig von ihm los. +</p> + +<p> +Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse +war noch von der Arbeit her nach innen eingebogen und das +nackte Fleisch ihres sehnigen Halses schien warm und leuchtend +aus dem Ausschnitt heraus. Ihr Gesicht war von dem, was +sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen, verwilderten Zug. +Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin und +zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen +zu, die sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend +dem jungen Menschen entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher +Leib hatte ein vergessenes Sichhinhalten. +</p> + +<p> +Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, +in der ihm die Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten +Stübchens mit seiner Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier +ist’s so gut!“ Da legte die Frau ihre Arme schwer um seinen +Hals und glitt zu ihm heran. +</p> + +<p> +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte +den Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn +mit einem feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte +seine Arme um sie. Als seine Hand in dem dünnen Stoff des +Kleides unvermittelt ihren Busen spürte, sagte er sich, wie +aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja eine Frau!‘ +</p> + +<p> +„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr +Atem strich erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger +heran; er fühlte ihren Leib, dessen Blüte schon im Vergehen +war, mit rückhaltloser Weichheit und doch wie steinigt auf +seinen Gliedern, und er legte seinen Mund kosend auf ihr +Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf die seinigen +schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen, weichen +Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm +und dankbar. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann +an zu arbeiten. Zuerst mutig und zuversichtlich und alle +Gedanken von der angestrengten Arbeit eingehüllt. Des Abends +war er immer müde und stieg mit zufriedener Ermattung, +nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu seinem Dachkämmerlein +hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten Daseins, +in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von +körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine +Glieder wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper +widerstandsfähiger werden. +</p> + +<p> +Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen +half, waren der Mischmasch der groben und abenteuerlichen, +der einfachen und brutalen Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. +Sie kamen und gingen. Nichts blieb von ihnen +zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist hörte +sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten +und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +und den Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie +brachten ihre verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham +und prügelten sich, wenn sie betrunken waren, um diese öffentlichen +Bälger, die gleichgültig, welchem Sieger sie zufielen, +mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen Auftritten zuschauten. +</p> + +<p> +So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s +am ersten Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln +begonnen hatte. Er fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt +von der brutalen Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, +und er hörte auf, das Unbestimmte, verlockend Weiterführende +zu erwarten. Er tat seine Arbeit mit einer ratlosen +Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag rastlos und +still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle Sympathie +des Wirtes. +</p> + +<p> +Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren +Geschäftsflauten, hatte Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit +nahm ihn Hasenklever an diesen Abenden immer mit in seine +Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der Familie auf dem +ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht, zusammen +mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache +Mädchen waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der +Küche gebrauchten. Wenn sie dann nachher noch etwas beisammen +saßen, benutzte der Wirt die ruhige Zeit, nahm aus +dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und +die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen +der Woche. Bis das erledigt war, ging es immer bis um +die neun Uhr. +</p> + +<p> +Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die +Abendgassen zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. +Er klopfte an den Holzladen der Türe. Bald kam drinnen Antwort. +Das Schloß knackte und er schlüpfte in die Dunkelheit +und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer gleich +zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend +in die kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene +Flecken ins Bett hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes +gingen auf und ab und Baptist spürte sie aufreizend an seinen +Wangen, seinen Augen, seinen Lippen. Wenn er sich dann +an Alientjes warmen nackten Körper drücken konnte und ihn +so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt +und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, +Milde, Flucht. +</p> + +<p> +Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen +Nächte, die ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. +Er wuchs in ihnen in den Schoß des warmen Menschlichen, +das mit vegetativ unbewußten Absichten sich um die Paare +schlang und sich wie Blitzableiter in die Gewittergeladenheit +der gewalttätigen Tage des Daseins richtete. +</p> + +<p> +Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen +Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das +diesen Bund zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, +bescheiden gemachte Egoismus seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses +und seiner Angst. +</p> + +<p> +Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr +immer kleine Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß +sie an den Abenden immer ein wenig noch wohin gingen, in +ein billiges Varietee oder in einen Konzertgarten. Es war nun +wieder Sommer und warm draußen. Alientje putzte sich +dann kokett und angestrengt auf. +</p> + +<p> +„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist +kam, „was ich bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine +goldene Brosche. +</p> + +<p> +„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine +Ding in den Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr +Wert, als alle die kleinen Frankengeschenke, die ich ihr in einem +Jahr geben kann. +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +„Und nun rate, von wem?“ +</p> + +<p> +Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“ +</p> + +<p> +„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat +sie geschickt.“ +</p> + +<p> +„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend. +</p> + +<p> +„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“ +</p> + +<p> +Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; +die Fächer der Fältlein zerrten sich auseinander und blieben +auf einmal stehen, und der Glanz ihrer großen dunklen Augen +schimmerte lauernd und kalt entzündet gegen ihn auf. +</p> + +<p> +Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und +ihr Körper schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. +Das Gesicht war aus dem Licht der Lampe heraus, aber die +Augenbrauen beherrschten es um so schwerer und aufregender. +Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist eindringen. ‚Was kam +nun wieder?‘ fragte er sich. +</p> + +<p> +„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich. +</p> + +<p> +„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger +voll haben, an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht +den ganzen Tag hinterm Fenster zu schauen, und wenn ich +ausgehe, kommt er immer in die Türe. Und hier den Schal +hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal weiß, wie +sein Name ist.“ +</p> + +<p> +Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte +mit seinem ohnmächtigen Blick: „Alientje!“ +</p> + +<p> +Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig +hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte +ihren ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem +Körper. Sie biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es +zitternd in ihr über: „Liebst du mich denn?“ und ihr Atem +schlug ihn an. „Du bist so schön und stark! Liebst du mich?“ +flüsterte sie. +</p> + +<p> +Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +von andern Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, +daß der Hausherr allein zu Hause war und sich unter +den freigebigsten Versprechen begehrlich zu nähern versucht +hatte. Bald war es irgendeiner auf der Straße. Ein starker +junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann, der ihr +bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg angetroffen +wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. +Oh, und es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche +Männer. Sie reizte sich und Baptist mit diesen Erzählungen, +die sie mit allen kleinen greifbaren Einzelheiten ausstattete +und sprang aus ihnen unmittelbar in die Liebesausbrüche, +mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte. +</p> + +<p> +Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und +der instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. +Er wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, +primitive Angst zu verlieren. Das Leben glitschte ihm wie +ein Fisch durch die Hand. Er hatte es erlebt, wie die Schwelle +unversehens unter seinen Füßen weggewichen war, als er +schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu sein. Der Boden +rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit dem +neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun +wieder Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen +Vagabunden – das Versinken ins Moor des +unglückselig haltlosen Lebens. +</p> + +<p> +Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes +Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden +Männer, die er als Agenten seines unglückseligen Schicksals +ansah, immer mit Geschenken, und der Gedanke hackte sich in +ihm fest, daß er mit Geschenken die böse Macht, die sich wieder +näherte, versöhnen und entfernen konnte. Er begann mit +fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie er mehr Geld bekommen +könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die über +ihm lag. +</p> + +<p> +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, +sah er, daß an einem Tisch ein paar Leute miteinander in +Streit zu kommen begannen. Da fühlte er es brutal und +gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er hatte die +unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen, +den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen +Frucht am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln +und selber blind zuzuschlagen. Dann malte er sich +aus, wie ein einziger Fausthieb gut gezielt treffen würde, was +für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese Vorstellungen bekamen +etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige Brutalität, +die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals in +seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem +Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese +Hunde von Männern hinwürgen, diese Straßenkavaliere ... +</p> + +<p> +Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als +Hasenklever herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie +sich mal rasch auf, die Wäsche von der Veroken holen. Das +ist ganz vergessen worden und es ist schon dunkel. Die wird +bald zumachen.“ +</p> + +<p> +Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, +daß sie bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht +unbeteiligt war. Und so war mit einem Schlag über dem +Gläserspülen das Dulden in Leidenschaft umgeschlagen. +</p> + +<p> +Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje +hatte den Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel +noch nicht umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist +plötzlich sah. Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen +Winkel gezackt und die Augen schauten in ihrem kühlen Glanz +wie mit einem kalten Fieber. „Was willst du denn?“ fragte +sie unsicher und mürrisch. +</p> + +<p> +Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, +gewann sie im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +schon bereit. Sie machte emsig herum, drückte ihn Baptist +eilfertig in die Arme: „Na, denn schnell, wenn Herr Hasenklever +es braucht; denn schnell!“ +</p> + +<p> +Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, +kamen ihm alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje +gerade bereitet, zum klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, +versponn sie schnell zu Vermutungen und im Nu fiel +ein ganzes schweres Netz verbrennender Verdächtigungen auf +ihn nieder. +</p> + +<p> +‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und +wußte nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal +auf den St. Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben +liegen. Die Fenster des ersten Stockwerks waren dunkel. Er +schaute zufällig zuerst dort hinauf und gleich saß, wie mit einem +kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch gerissen wird, der +Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts aus, lief über +den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle Flurtüre, +eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den Wäschekorb +ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt +zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank, +griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. +Er knüllte ihn in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber +im Nu war Baptist wieder auf der Treppe, auf der Straße +und ging durch die Wirtshaustüre in die Schenkstube. +</p> + +<p> +„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, +da!“ und stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab +er ihm den Gläserschrubber und löste seine Tochter an den +Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller Gäste. An dem +Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle umschlungen +und sangen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Brüderlich verei...ei...eint,</p> + <p class="verse">Seg’ln wir in die Wä...ä...lt,</p> + <p class="verse">Matrosen, hipp, hipp, hurra!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas +in der Hand, daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen +Blick herüber. „Die Scherben unter den Tisch werfen!“ rief +er. Baptist schleuderte sie hin, daß sie in Splitter zerknallten. +„Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne hinzuschauen und strich +den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s Alientje nicht +freundlich?“ +</p> + +<p> +Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und +verbohrt. Er arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, +um die Gedanken hintanzuhalten. Die stauten sich +hoch und gefährlich wie zu einem niederschmetternden Wirbel +bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben vollbracht hatte. +Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in die +Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. +Erst wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung +mit der klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über +ihn gefallen, und eine marternde Scham begann sich in ihm +einzunisten. Aber in einem Augenblick schlug die Angst um +die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit einer +gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er +dann in die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett +ausgestellt war, vor dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen +Worten angehalten hatte. Es kostete gerade fünfzig Franken, +wie auf einem großen Schild zu lesen war. Baptist trat in den +Laden und ließ es einpacken. +</p> + +<p> +„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber +ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr +wegkommt, weil Sonntag ist.“ +</p> + +<p> +„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann +ging er rasch über die Straßen, den Karton unterm Arm, zu +Alientjes Wohnung. +</p> + +<p> +„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen +auf den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +ein und kam auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube +und drückte ihre Lippen lang und hart auf seinen Mund, +noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton abzulegen. +</p> + +<p> +„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu. +</p> + +<p> +Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. +„Baptist! Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! +Wie schön ist das!“ und sie küßte ihn mit einer lärmenden +Wucht. +</p> + +<p> +Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude. +</p> + +<p> +Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich +schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern +abgeben!“ +</p> + +<p> +Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete +sie, „Die schaden dir nichts!“ +</p> + +<p> +„Doch!“ rief er brutal und herrisch. +</p> + +<p> +Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern +und zog sich an ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen +Leib und die Augenbrauen standen wie gezückt. +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. +„Das reizt mich ja nur mehr zu dir!“ +</p> + +<p> +Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte +sie ihn an, „noch fester!“ +</p> + +<p> +Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube +saß und der Wirt nach dem Abendessen Bücher und +Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte Baptist, daß er +kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle Muskeln +angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in +diesem Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand +seiner Tat gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die +Kriegserklärung des nachbarlichen Feindes. +</p> + +<p> +Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +zog einen Strich und aus seinem Bart kam mit halblauter +Stimme eine Zahl: fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er +dann unter den Strich und setzte eine Summe davor. Er +überrechnete noch einmal und nickte zum Schluß mit dem +Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte und +mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt +widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit +sich die Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig +Franken, fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in +das Buch. Er schüttelte den Kopf und begann von neuem +zu zählen. „Hol mich der Deibel!“ rief er, als er fertig war, +„Zählen Sie mal dieses Geld, Baptist!“ Hasenklever stand auf +und zog Baptist auf seinen Platz. +</p> + +<p> +„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem +er gezählt hatte. +</p> + +<p> +„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das +nach!“ Hasenklever schob ihm das Geschäftsbuch hin, und +Baptist bestätigte, daß die Rechnung stimmte. +</p> + +<p> +„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever. +</p> + +<p> +„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den +Geldhaufen und auf die Zahl hinter Summa zeigte. +</p> + +<p> +„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief +Hasenklever aufgeregt. +</p> + +<p> +Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen +Sie mich?“ +</p> + +<p> +„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst +täte ich hier nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben +Sie nicht mal was bemerkt, so irgend etwas Verdächtiges?“ +</p> + +<p> +Baptist schien nachzusinnen. +</p> + +<p> +„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, +da ist schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie +Ihre Türen immer gut ab?“ fragte er dann, als habe er einen +Einfall. +</p> + +<p> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt. +</p> + +<p> +„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“ +</p> + +<p> +Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich +schenk’ einem fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen +lassen. Man will doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im +eigenen Haus in jedem Zimmer haben.“ +</p> + +<p> +„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete +Baptist überlegen. +</p> + +<p> +„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever +zum Schluß. +</p> + +<p> +Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje +ging, setzte er mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in +der er sich droben in der Stube so sicher gefühlt hatte, für sich +fort. „O ja!“ sagte er sich schließlich, „ich bin weit voran, das +ist schon der richtige Weg!“ +</p> + +<p> +Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der +Schlüssel nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab +und kam immer wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, +dann hieb er einen ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, +immer vergeblich. +</p> + +<p> +Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd +durch alle Adern. Sein kühles Heldentum fiel langsam von +ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm, durch die engen, abgelegenen +Gassen, in die der gröhlende Lärm der Hafenkneipen nur wie +mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit einem +leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen +Straßen aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den +Avenuen zu und wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee +in der Breydelstraße zu gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt +hatte. +</p> + +<p> +Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen +Bühne des Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben +sich drehend änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +der Nachtstraße erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen +der gleitend aufschlagenden Farben geblendet, und er trat, um +sich zu schützen, seitwärts hinter die erste Säule. Der Saal +war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei Reihen von +holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an +der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den +Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. +Der Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil +an den Tischen saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten +Gesten als schwarze Schattenmassen. Baptist +schaute in diese dunkle Wirrnis hinein, ohne etwas anderes zu +sehen, als die Farben der Feuer, die in verschwächtem und +blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur immer, +wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der +Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher. +</p> + +<p> +Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen +knallten, zischten und zirpten, und weißes Licht strömte +plötzlich in die Schatten und prägte sie zu lebenden Gestalten. +Die Menschen klatschten, eine Wollust des Lärmens raste in +ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen. Und in diesem +erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle +Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich +Alientjes schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie +saß zwei Tische von ihm weg und drehte ihm den Rücken. Sie +drückte ihre Schulter an die Schulter eines ganz jungen, bleichwangigen +Menschen, der eine schmale, blutrote Krawatte unter +einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng gekleidet +war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht war +der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen +mit kalter Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr +weißes Kinn waren wie aus glühend erstarrtem Marmor. +Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah, war in dem überhellen +Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre Hände klatschten +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer +heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. +Der schob auf einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber +und legte sie unter ihrem linken Arm fest an ihren Busen. +</p> + +<p> +„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich +schnell in seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“ +</p> + +<p> +Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. +Er nahm den geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde +im Dahinschreiten wie aus Stein, hoch und schwer und kalt. +Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn zusammen. Er kam sich +vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit umgeben, wie +von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines Lebens +hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern +um ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht. +</p> + +<p> +In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. +Er wollte Zeugen seiner Härtung haben und er +klopfte oben an. Hasenklevers älteste Tochter saß mit einer +Stickarbeit am Tisch. +</p> + +<p> +„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. +Und ohne Umstände hängte sie Baptist eine Strähne grünes +Garn über die Arme und begann es abzuwickeln. Baptist ließ +dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er nichts dabei zu tun. +Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl und sah +starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten. +</p> + +<p> +„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann +zurück ist und drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation +zu machen. +</p> + +<p> +„Wer?“ fragte Baptist rauh. +</p> + +<p> +„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“ +</p> + +<p> +Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden +Blick hinzu: „Sie kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“ +</p> + +<p> +Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. +„Ja, das wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf +alle Wochentage hat sie einen andern. Ja, ihr Mann war ihr +in den Kongo davongelaufen, das wird ihr jetzt noch lange nicht +recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich sag Ihnen, das ist +eine ...“ +</p> + +<p> +Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“ +</p> + +<p> +Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann +machte sie ein beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn +aufgerollt war, verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang +von Baptists Händen abzuwickeln und zog sich abweisend zu +ihrem Kanevas zurück, auf das sie Rosen mit grünen Blättern +stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander getrennt. +</p> + +<p> +Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete +ihm kaum. Er legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten +sich schwer in ihm, wie Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach. +</p> + +<p> +„Und das gestohlene Geld!“ +</p> + +<p> +Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. +Baptist warf sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen +Bett umher. Er dachte gleich an die Diebstähle, denen er sich +im Hause seines Vaters nicht hatte entziehen können. Die +Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen hatte, entwichen +seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung jener +Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein +Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher, +Verkommener. +</p> + +<p> +Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den +Betrug der Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger +werden. Einmal in einem solchen Augenblick der schrecklichen +Stunden sagte er dann mit lauter Stimme in hartsinniger +Grausamkeit gegen sich selbst und sah dabei den Schimmer +einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle mich dem +Gericht!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-9"> +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Neuntes Kapitel +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">aptist</span> ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, +wo der Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte +noch etwas Taufrisches vom Schlaf der Nacht her. Auf der +Place Verte, die er bald kreuzte, waren große Haufen von Gemüse +aufeinandergeschichtet, welche die Fruchtbarkeit des Waeslandes +hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf den grünen +Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie mannbares +Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale +in den morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war +rosig von der neuen Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. +Das alles sah Baptist und er ging, in den dumpfen Kreis seiner +märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, der selbstbestimmten +Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es war +eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer +Scham und einer weglosen Verzweiflung. +</p> + +<p> +Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. +Er stieg die große Treppe hinan mit einer mürrischen und +trotzigen Entschlossenheit. Im Treppenhof stand ein einsamer +uniformierter Beamter bewegungslos wie ein Standbild, und +in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den +Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof +durchqueren wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich +ein Bein vor. Wohin? hieß dieser stumme kleine Schritt. +</p> + +<p> +„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist. +</p> + +<p> +Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: +„Viert’ Tür’ rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein. +</p> + +<p> +Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein +kleines, hartes, graues Licht war, das durch ein fernes Fenster +im Grund herbeikam. Er klopfte an der vierten Türe. Als er +keine Antwort hörte, legte er die Hand schwerfällig auf die +Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war verschlossen. +</p> + +<p> +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das. +</p> + +<p> +„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, +feierlich trotz seiner abgeknapperten Sprechweise. +</p> + +<p> +Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter +in die Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte +zur Taverne zurück, um zunächst noch seine Morgenarbeit zu +verrichten. Aber so wie er in seiner dunkel und schwerfällig +angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu stellen, auf einmal +unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der finster +geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten +hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das +Vertrauen anderer getäuscht, der sich heimlich am fremden +Eigentum vergangen hatte, der verächtliche, verluderte Dieb. +Diese harten Vorstellungen wirbelten verbrennend in ihm +herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war auf +einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die +Taverne zu. Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken +trug er den Kopf gebeugt. Als er an die kleine Treppe kam, +die zu der Wirtschaftstüre hinaufführte, hob er ihn auf, und +es erschien ihm eine Sekunde lang merkwürdig vertraut, daß +eine junge schlanke Dame mitten in der Straße auf ihn +zukam. +</p> + +<p> +Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam +angehalten keine zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf +in die Höhe zuckte – erkannte er, daß es seine Schwester war, +die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr. +</p> + +<p> +Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens +getroffen, daß er sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich +vornüber niederzubrechen droht. Aber im letzten Augenblick +fand er eine verzweifelte, trostlose, leise wegschiebende Gebärde +mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf +sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses +Blut über sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um. +</p> + +<p> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, +bis er Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. +Da blieb er stehen. Das Lokal war ganz leer. Er drehte dem +Wirt den Rücken und versuchte seitwärts mit einem scheu verbrannten +Blick durch die Fenster die Straße zu erreichen. Er +hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal aufhielt, +wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten +hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte. +</p> + +<p> +Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete +junge Dame mitten auf der Straße stehen und ein +kleines weißes Taschentuch erregt an die Augen pressen. Er +konnte deutlich erkennen, wie das Schluchzen sich in ihrem +Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte Hasenklever in +seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das ungewohnte +Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, +wie er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er +hitzig, „so kommen Sie doch mal heran, ob Sie schon so was +gesehen haben! Am hellen Morgen steht ein Mädel draußen +und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich der und +der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. +Das ist was Feines!“ +</p> + +<p> +Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen +Tisch gedrückt und sah seine Schwester draußen weinen. Und +Hasenklever hatte noch nicht ausgesprochen, da kam eine Welle +an Baptist heran, hob sich an ihm hoch und glitt über ihn nieder. +Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie ihn in die Knie. +Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte es +heraus: „Es ist meine Schwester!“ +</p> + +<p> +Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war +er etwas fassungslos vor dem langen starken Burschen, der +weinte, und er rieb sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz +warm war, zupfte er seine Schnurrbartspitzen aus der Wildnis +des Backenbartes heraus. Dann legte er unbeholfen seine dicke +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +Hand auf den Rücken des Weinenden, und schließlich hatte er’s +gefunden. +</p> + +<p> +„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er +konnte, „Wer geht denn weinen, wenn er seine Schwester +wiedersieht! – hat sie dich reingehn sehn?“ fragte er dann +rasch. +</p> + +<p> +Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein +Sohn, jetzt geh’ ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum +Brüderchen in die Stube holen. Dann fallt ihr euch um den +Hals und küßt euch und weint ein Grützchen zusammen hier +drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein wenig zu +schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen +ins Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den +Bauch und sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, +jetzt geh ich schlankweg!“ sagte Hasenklever bestimmt. +</p> + +<p> +Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. +Er hörte den Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm +die Glieder ein. Er wäre gerne aufgesprungen und hätte sich +an ihn festgeklammert, hätte ihn erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. +Nur das nicht, nur nicht das Schwesterlein an seinen +Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar versenkt in ihm, +wie ein eiserner Obelisk. +</p> + +<p> +Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, +gewann Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff +das gewaltsamste Mittel, das er im Feuer des Augenblicks +fand, und schrie: „Ich habe Ihre fünfzig Franken gestohlen!“ +</p> + +<p> +Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum +Türgriff. Er drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut +stieg in seinem Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis +des Bartes hinein. „Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte +sich um und kam langsam heran, die schweren Arme, an denen +die Hemdsärmel bis über die Ellbogen heraufgestülpt waren, +etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. Er blieb +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine +schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines +blitzschnellen Druckes braucht, um loszurasen. +</p> + +<p> +Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich +war’s!“ +</p> + +<p> +Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und +die Stirn, heiß und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war +gerade auf dem Gericht, um mich zu stellen deswegen.“ +</p> + +<p> +So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut +rann heimlich und unversehens aus ihm davon. Es ward leise +schwindlig in seinem schweren einfachen Kopf, und er sah wie +betreten, daß er zwischen dem Bruder hier drinnen und der +so vornehmen Schwester draußen stand, wie zwischen zwei +dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. Unvermittelt +trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte +ihm den Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, +der die gestörte Maschine wieder in Gang bringen konnte. +Schließlich fluchte er einen „Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, +sorgenvoller Stimme: „Komm, wir wollen mal +einen Schnaps zusammen trinken!“ +</p> + +<p> +Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen +seinem Barte um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ +murmelte er und wiederholte das kleine Manöver. +Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas scheu, und dann sagte +er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine seiner Töchter +gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit wegräumen +zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? +Ist das denn nu auch ganz gewiß?“ +</p> + +<p> +Baptist winkte: „Ja.“ +</p> + +<p> +„Wo ist denn das Geld?“ +</p> + +<p> +„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist +scheu. +</p> + +<p> +Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes. +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen +sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich +so schlimm. Wofür war’s denn?“ Er schaute zugleich zu den +Fenstern hin und machte schon einen Schritt auf die Türe zu. +Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der Paulsplatz +war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von +den Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr +enttäuscht. +</p> + +<p> +„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile. +</p> + +<p> +„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen +wir nicht kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen +uns wieder vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer +drückenden, dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit +nun so klar darbot. Er meinte noch: „Und es bleibt ganz +zwischen uns. Da, Hand drauf!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er +eifrig den Kopf. „Nein“, sagte er erregt. +</p> + +<p> +„Ja, was nun wieder: nein!“ +</p> + +<p> +„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur +noch nicht dagewesen!“ +</p> + +<p> +Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich +muß noch einen Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas +wieder leer hingestellt hatte, faßte er Baptist beim Handgelenk +und zog die Uhr unter der Schürze hervor: „Du hast wohl +Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so zu plagen!“ +</p> + +<p> +Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich +gerührt, daß er es ganz warm in sich werden fühlte und dem +kleinen dicken Mann gerne um den Hals gefallen wäre. Er +stammelte ihn an, die Erregung seines Gemütes hielt ihn +strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er wurde +unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine +Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen +Worten glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +der selber keine sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber +oft ohne Grund unter den Füßen umhergetrieben war. Er +erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse in der Erzählung +des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und +er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die +Angelegenheit erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. +„<em>Die</em> Schmach geht ja nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, +das klebt wie Teer, und das ist diese Kleinigkeit +doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge sei doch bei +Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal +auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß +als Zeuge hin, und ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken +bei mir. Da hast du’s!“ +</p> + +<p> +Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer +Gedanke in Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der +Schiffe verschwinden! Aber er sagte Hasenklever nur, daß er +dann fort wolle, in die Welt hinaus! +</p> + +<p> +„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete +der Wirt. Er gab ihm die Hand und versprach zu helfen. +</p> + +<p> +„Heut noch!“ bestand Baptist. +</p> + +<p> +„Gut denn!“ +</p> + +<p> +Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den +Schiffsbureaus. Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg +Ozeanea-Gesellschaft. Als sie in den Heuerraum eintraten, +rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff ‚Hamburg‘! Noch +Trimmer vorhanden?“ +</p> + +<p> +Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“ +</p> + +<p> +„Papiere?“ fragte der Beamte kurz. +</p> + +<p> +Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte +er ihm erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“ +</p> + +<p> +„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der +Beamte ungeduldig ein. +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und +reichte dem Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der +schaute sie kaum an. Er suchte nur den Namen und schrieb. +Baptist fragte nicht nach dem Lohn, nicht nach dem Ziel der +Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine Stellung wie +ein Schicksal, in das man sich ergeben hat. +</p> + +<p> +„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ +sagte der Beamte, während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, +auf dem Baptist sich verpflichtet hatte, die ganze Reise +des Schiffes nach Neuyork, von dort nach Bahia und zurück +nach Hamburg mitzumachen. +</p> + +<p> +Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. +Er half ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, +und nahm ihn dann mit nach Haus. Sie gingen gleich in die +Stube hinauf. Sie aßen dort zusammen zu Mittag und Hasenklever +ließ eine Flasche seines besten Weines heraufholen. +</p> + +<p> +„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten +Tochter, die mit am Tisch saß. +</p> + +<p> +„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt. +</p> + +<p> +„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte +ihm mit einem milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder +voll. Dann begann er von „Njujork“ zu erzählen und von +„Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo er überall gewesen +war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte ihm +Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht +noch in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern +und seinen Bummeltagen und den verhungerten Wochen. +„Das waren die sieben magern Jahre!“ sagte er. „Und ein +Mensch, der nichts erlebt hat, der ist nichts. Das ist heutzutags +anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem Städtchen +zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben +am Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln +...“ +</p> + +<p> +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. +Er war schon auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, +stand rätselhaft verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war +ihm nur klar, daß er jetzt das Leben begänne, vor dem er einmal +zurückgeschaudert war. Er dachte an seine Heimat und wußte, +daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; daß das Leben, +das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die dunklen +Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das allerletzte, +das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende vorstellten. +Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er +an dieser letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke +auch nur die Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. +Es war ihm aber wie ein kleiner weicher Trost, wie eine +ferne mildernde Güte, daß er sich seine liebe Schwester von +ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem sein +Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte +er sich nicht. +</p> + +<p> +Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen +alten Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen +Sachen gefüllt herunter. Er verabschiedete sich von den beiden +Mädchen und wollte Hasenklever die Hand drücken. Aber der +wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ rief er. +</p> + +<p> +Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und +er hätte gerne dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg +lieber allein ginge. Aber er fand keine Worte und Hasenklever +schritt neben ihm zum Hafen hinunter. Sie fragten +sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der Dampfer +lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof +und Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst +mit Vater Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus +ihrer Flasche Branntwein getrunken hatte. +</p> + +<p> +Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte +ihn gerne umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +die Hand. Er sagte: „Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever +fuhr auf: „Zum Deibel, sei still und wir sehn uns noch +mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers bist du immer +willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein anderes +Geschick hier an Land bringt!“ +</p> + +<p> +Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den +Landungssteg und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er +sei auf dem Schiff als Trimmer angeheuert. Der wies ihn +zum ersten Offizier in der Kabine an Deck. Ein glattrasierter +Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem Eisenschild +und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab +ihm Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch +und schob sie unter einen Pultdeckel. „<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All right!</span>“ sagte er. +„Sie können gehn!“ schrie er Baptist an, als er sah, daß er +stehen blieb. Baptist trat hinaus und schritt langsam an der +Reihe der kleinen Türen mit den Messingringen entlang und +als er einen Mann in einer Uniform mit zwei Goldbändern +am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er sei +als Kohlenzieher angeheuert. +</p> + +<p> +Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden +Spitzbart, machte über seinen hohen Kragenrand mit einem +kurzen Ruck eine knappe Linksneigung des Kopfes auf Baptist +zu und warf verächtlich hin: „’ch g’meldt?“ – „Jawohl, soeben +in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief er in anderm +Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und +mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling +saß: „Härr Obermaschinist, ein Trimmer!“ +</p> + +<p> +Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich +heran. Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal +auf einem Schiff, er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit +und alles zeige. „Tjawoll, tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, +„wird geschehn, wenn Sie hier die Luke hinuntersteigen, +gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie +hergeschickt und was Sie wollen!“ +</p> + +<p> +„Danke!“ antwortete Baptist. +</p> + +<p> +Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter +Mann zunächst in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, +drei und drei übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine +dicke, unklare grüne Glasscheibe in der Decke über einem der +Betten beschwerlich herein. Baptist mußte dieses Bett nehmen, +weil die andern schon belegt waren. Der Heizer blieb in der +Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den Arbeitsanzug +anlegen. +</p> + +<p> +Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch +einen engen Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist +trat auf einem Boden von Eisenstäben weiter. Unter diesem +Boden lag ein weites, dunkles Loch, in dem er in einiger Tiefe +einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. Allmählich dämmerte +drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten +Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, +Kolben und Röhren auf. Das Licht fiel hoch über seinem +Kopf durch einen Glaskasten hernieder. Die beiden glitten +rückwärts enge Eisenleitern hinab und kamen langsam bis auf +den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer und +kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften +zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen, +schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und +lang hinlaufenden Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre +klappte hinter ihnen zu, und Baptist stand in einem engen +Raum, den eine starke Hitze brennend erfüllte. Zwei kreisrunde +große Löcher warfen Licht zuckend und blendend heraus +und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der +Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, +steif zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem +scharf begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +sprang Baptists Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber +der einen der beiden Feuerhöhlen schwarz aus der Wand +schaute. +</p> + +<p> +Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige +Finsternis drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, +fallender Lärm heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, +leuchtete faul, wie ein kraftlos roter Ball. Der Flammenschein +des nahen Feuers im Kesselraum schlug schräg bis über den +Rand des Loches hernieder und ließ sich in einem roten Streifen +über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer erklärte +mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien +die Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft +werden, an dieses Loch und an das andere drüben; danach +werden sie zu den Flammrohren hinauf geschaufelt. +</p> + +<p> +Das war alles. +</p> + +<p> +„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe +hinein und das prasselnde Fallen hörte auf. +</p> + +<p> +Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können +grad beginnen. Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“ +</p> + +<p> +Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. +Eine Türe knallte, ferne, hoch, verstummend, +wie ein Schrei in verschlossenem Mund. Zugleich erlöschte +draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, weil die Türe +der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm +um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. +Er war nun abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken +und begraben. Er fühlte den niedern, finsternisschweren +Raum wie einen versenkten Schacht um sich, bückte sich schwer +zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen Dämmern +zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen. +Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende +Masse einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen +Schein auf seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +aus der Höhe des Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter +und durch das Loch in der Wand bis zu ihm sickerte, +gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, das das Licht +des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist nun +die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue +Licht ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und +die Arme. Das war der einzige Gruß der weiten, freien Luft. +</p> + +<p> +Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern +Seite noch eine Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber +er schaute nicht hin. +</p> + +<p> +Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, +und eine Stimme wie eine grelle, heiser klingende Trompete +brach plötzlich durch die Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, +Kamerad von der heiligen Kohlenschaufel, auch wieder mal +unterwegs?“ +</p> + +<p> +Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, +und seine Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er +bückte sich über seine Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und +lauerte zugleich mit allen Sinnen nach dem Fremden hinüber, +dessen Gestalt er drüben wie wild aus dem Dunkeln hervorquellen +sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt, +als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. +Bald jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und +seine geängstigte Aufmerksamkeit spannte ab. +</p> + +<p> +Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an +dumpf zu beben und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich +allmählich zu einem stoßenden Poltern und schaukelnden +Brüllen, Werfen und Schießen, das sich die Eisenwände zuzuwerfen +schienen, und lief dann bald in ein starkes, ruhig +dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr. +Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in +denen der Lärm seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, +breitete sich eine schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +und er vergaß in seinen stumpfgeriebenen Gedanken bald den +Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm der Rücken voller Nägel +saß und seine Muskeln brannten, und nach einer unendlichen, +mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf einmal +ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der +Hand. +</p> + +<p> +Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und +durch schmale Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat +ihm unvermutet ein geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß +der fremden Augen brannte wie zwei kalte Scheiben aus dem +schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten Lippen +unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie +Blumen aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der +rechte Arm die zur Faust geballte Hand, um Schwung zu +nehmen, nach hinten schlug, und eine wütende, grelle Stimme +fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? Willst du meine +Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“ +</p> + +<p> +Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde +er verfolgt? Er erkannte sofort die Stimme von unten. Er +stammelte, ohne zu wissen, was er sagte: „Nein!“ +</p> + +<p> +„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig +zurück. Dann ließ er den Arm sinken und tat verächtlich: +„Wohl ’n vornehmer sogenannter Hinüberarbeiter?! Willst +das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du Geld? Wieviel +hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend +...? Hö?!“ +</p> + +<p> +Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar +kein Geld!“ +</p> + +<p> +Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also +denn!“ rief er fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen +wir uns!“ und er reichte Baptist die Hand hin und drückte die +seinige. „Wir müssen uns waschen gehn!“ sagte er dann und +führte Baptist an einen Trog in eine kleine Kabine. Dann +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot +in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie +ihre Betten auf. +</p> + +<p> +„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, +während sie sich auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun +der Vorname oder der Geschlechtsname sei. Er schwankte ein +wenig und nannte dann seinen Rufnamen. Hartwig legte +sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war dunkel in +dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager +schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, +daß er die Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände +spielten in der Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die +von einer milden, dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder +fielen auseinander wie Steine. Seine Gedanken waren heiß +und leblos zermalmt. +</p> + +<p> +Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: +„Schläfst du?“ +</p> + +<p> +Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“ +</p> + +<p> +Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, +als Hartwigs Stimme, die wie knitterndes Metall klang, +wieder losfuhr: „Hölle und Teufel, ich auch nicht. Das ist +immer so am ersten Tag! Diese Hundearbeit mit den Kohlen! +Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so führ ich dich zur +Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und Revolverschuß, +ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur +eine Jüdin aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich +bin nur ihretwegen herüber gegangen. Aber meine Verwandten, +die Dreckspföter, haben sich nicht mehr anzapfen lassen. So +bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich drüben wieder +zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses +Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir +legen zusammen, nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben +ist uns nun mal so gelaufen. Laß laufen. Dreck und Hölle, +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. Aber in diesem +Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend +Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder +dahin ... tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... +Ilanka!“ +</p> + +<p> +Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist +hatte zugehorcht mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem +halb besiegten Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig +schnarchte. Wie ein Zauberwort, so hatte dem Kameraden das +Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf einmal, ohne +Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein +wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork +und nahm die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, +bereit liegender Hügel, die weichen Formen märchenhaft +ungeheuerlicher Tiere. Die tückisch haltlos gleitenden +Verwechselungen dieses Unwesens schürten die hitzige Unruhe +seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen +Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. +Endlich lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an +Seite in den Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal +etwas wie ein Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er +griff mit beiden Armen tief in die Haufen hinein und warf +die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, wie in einem wild +gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf dem +Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das +Tempo dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen +regneten bald heftig ringsum nieder, daß Baptist sich hinter +einen Eisenpfosten flüchten mußte. +</p> + +<p> +Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, +blieb Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte +wie ein hüpfend dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll +aus seinem nackten, geschwärzten Oberleib und die Tropfen +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. „Baptist!“ rief +er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“ +</p> + +<p> +Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten +Armes, und kaum hatten die Finger die Haut berührt, als der +Muskel wie eine gebuckelte Katze mit einem wilden harten +Ruck Baptist in die Hand sprang. +</p> + +<p> +„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du +sollst mal sehn, ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem +Muskel, nur so, daß ich ihn gegen den Schädel springen laß, +wie eine Bulldogge. Weißt du, was ich jetzt gemacht habe? – +Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen und hab sie +am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu +fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, +ein Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps +springen, wie eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir +einer im Weg stehn! Aber wenn du glaubst, davon hat man +was drüben bei uns und das hilft einem – ein alter Dreck, +nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die +Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes +Lied an der Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, +Amerika, wilde Stiere und tolle Weiber! Meine Verwandten +sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird wohl so sein, +wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man gewöhnt +sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner +hat und des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn +man kein Geld hat, um ein Steak zu kaufen und der Magen +einem den Schlund heraufschreit.“ +</p> + +<p> +Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich +selber von der Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere +erreicht zu haben schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, +dessen Leben über die Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben +war, und zugleich vergewaltigte ihn die Heftigkeit aller Äußerungen +Hartwigs. Liebe und Haß für diesen heißen Hund +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe +zur Hand. +</p> + +<p> +Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben +Wucht und Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer +stand die große, starke jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend +und begütigend, sie war wie der Saft, der aus dem verletzten +Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes Blut, sie gellte +wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das dumme +kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut +einer kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener +Lederriemen und säuselte wie der Abendwind. +</p> + +<p> +„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann +eines Abends Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, +da sind die dunkeln, schmalen Schlüffe in der Stadt, und +selbst die Policemans fürchten die! Sieh mal da das Wasserfaß +und den weißen Holzpfropfen im Spund!“ +</p> + +<p> +Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte +entfernte Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer +kreisenden Bewegung rundum fuhr, gleich darauf gab es +einen kurzen, trocken gellenden Laut, und Baptist sah in dem +weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber blitzschnell +flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das +Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah +nicht, wohin. Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte +er kurz und roh. +</p> + +<p> +Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. +Aber er zuckte vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe +wie Haß, verschärften ihre Kraft seit diesem Tage. Er war +Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen ihn aufzumucken. +Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder Blitz, durch +die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit +trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, +die Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +aufseufzend in den Schatten der wilden, dunkel +großen Gestalt des jüdischen Weibes trieb und anfing, vor +ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu ertrinken. +</p> + +<p> +So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des +fessellosen Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner +Arbeit in den Bunkern wach. So wuchsen seine Wünsche hinter +dem knallenden Schreiten dieses Strolches Neuyork entgegen. +</p> + +<p> +Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden +Trara einen der üblen Streiche, bei denen er in Neuyork +mit geholfen hatte. Da kam es Baptist auf die Zunge, +seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er wollte erzählen, +wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt in +Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen +mit Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber +daß er sich dennoch enthalten und diese schmutzigen Flecke in +seinem Leben vor dem andern bedeckt halten konnte, gab ihm +zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig und sich eine +Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose Gemeinwerden +mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war +ihm, als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem +andern zu befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade +dadurch in den Augen des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen +Glanz, den Hartwig bei ihr nicht besaß. +</p> + +<p> +In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren +Betten, da sie in der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist +konnte nicht schlafen. Es gingen immer Schritte über die +runde grüne Glasscheibe und seine Augen zuckten unaufhörlich +unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen ihm aufs +Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte hinüber: +„Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“ +</p> + +<p> +„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die +amerikanische Küste.“ +</p> + +<p> +Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +die Vorderback hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände +über die Augen. Dann schlug er Baptist heftig auf die Schulter +und zeigte über das Meer. +</p> + +<p> +„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen +Punkt in der Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden +sehen und erkennen könnte. +</p> + +<p> +„Wer?“ fragte Baptist verwirrt. +</p> + +<p> +„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert +an. Dann brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“ +</p> + +<p> +Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die +Ferne, wo sich nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, +wie ein zarter Flaum ersten Wachstums die Küste abhob. +Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf gestürzt und er wußte +auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im Küstenstreifen und +nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, sondern daß +diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine ungeduldigen +Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz +allein wie eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames +Land für ihn irgendwo in den Fernen stand. +</p> + +<p> +Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand +ohne Umrisse, die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den +seine Wünsche anströmen konnten, in ihrer raumlosen Ferne. +Aller Glanz fiel ab, und Baptist lehnte sich mit einem wilden +Anfall von Haß gegen den abscheuvollen Hartwig auf, den +Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, schmerzhaften +Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und schadenfroh: +„Du kommst doch nicht zu ihr!“ +</p> + +<p> +Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber +sein Gesicht heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd +los, daß sein Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang. +</p> + +<p> +„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm +nicht zu ihr? Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel +unserer Heuer gegeneinander wetten? Schlag ein!“ +</p> + +<p> +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand +hin. Aber Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war +nur Scherz, daß ich das sagte!“ +</p> + +<p> +„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine +heisere, knitternde Stimme klang wieder rauh und grell. Seine +Finger zuckten zusammen und die Leidenschaft sah man zitternd +über seinen magern Körper fahren. Dann sprach er vor sich +hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und zugleich +wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“ +</p> + +<p> +Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, +sagte er: „In Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen +und dann gehn wir zusammen zur Ilanka. Es ist schade, daß +du dich für die ganze Reise dieses Kastens geheuert hast. Ich +hätte dich in Neuyork gut einführen können!“ +</p> + +<p> +Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. +Alle seine Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses +Versprechen an, unruhig, flatternd, schreiend, und hoch wie +Dohlenscharen um das Dach des Kirchturms. Und in der +Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm so unausstehlich, +daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war +ihm nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln +bekämpft werden mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein +wilder Garten. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah +die Einfahrt nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern +vergraben lag. Aber er hörte, wie die Maschine anfing, ihr +Tempo zu ändern. Oft wechselte sie es mit kurzen Stößen, +arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal verstummte mit +einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der Baptist +sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine +Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen +Räumen. Aus einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: +„Wir sind da. Dem Teufel sei Dank!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-10"> +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +Schluß +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">aum</span> lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, +ohne ein letztes Wort und ohne Händedruck. +Es war Baptist recht, daß es keinen Abschied gegeben hatte, +denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung seines Gemütes +zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig +sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um +ihn zu Ilanka zu führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom +über ihn. Es war ihm oft, als ertränke er drin, und er stöhnte +heimlich in der Bedrängnis seiner Ohnmacht, dieses Ermatten +zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der Schiffe die Stadt +anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie war +das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein +Leben liegen fühlte. +</p> + +<p> +Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, +nachdem die entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen +gefüllt waren. Zuerst mußte dann Baptist am Reinigen des +Maschinenraumes mithelfen. Später kam er aber in die Laderäume +und bald darauf, als man begann, für die Weiterreise +nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den +zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist +hatte eine der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. +Über seinem Kopf streckten sich die Arme der Ladebäume hin +und her. Die Räder der Winden knirschten und sausten vor +ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die die +Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten +sich die schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit +den Waren, die es aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich +glitten die Ketten, griffen die Ladebäume, eilten die +Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie ein Meer an +einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her, +schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten, +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. +Rundum auf der großen Wasserfläche lagen tausend solcher +regellos belebter Flecke wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in +ihnen krachten die schreienden Winden, überall zuckte die Arbeit +durcheinander. Überall brüllte die rasende, zerfetzte Ungeduld. +</p> + +<p> +Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt +hinter den Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, +schweren Strom dorthinaus. Wohin? +</p> + +<p> +Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. +Ein ungeheurer Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern +über den Abgrund der Laderäume gehalten, und in der Tiefe +wimmelte es von kleinen Menschenkräften, die den Pack erwarteten. +Der Offizier hob den Arm wie einen allmächtigen +Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den Bahnhof +schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in +den eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel +der Arm, Baptist riß den Hebel los und mit schießendem +Knarren ließ die Winde die Last vorsichtig in die Tiefe sinken. +So ging es stundein und -aus. Baptist stand am Hebel und +fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in seinem +Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte +Feld dieses Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, +wieso er auf einmal zu solcher Macht gelangt war. Er sah +rundum reckenhaft sich das Werk des Welthafens vollziehen, +aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, wirbelnde +Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er +spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht. +</p> + +<p> +Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung +der Weltstadt überwältigte, brüllte er in die tobenden, +ratternd springenden Geräusche der Winde den mit heimlich +wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka hinein. Hartwig +kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume +hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Der Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu +Ilanka gelangen? Wie war es möglich, einen Weg in den +ungeheuerlichen Damm hinein zu finden, den dort die Stadt +aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt erlebte +Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen +Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. +Wie ein Geschick von erbitterndster Brutalität warf sich ihm +die Stadt und ihr Hafen in den Weg, der zu dem großen, +starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an, und seine +heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden +Winden zu überbrüllen. +</p> + +<p> +Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem +Drucke war, mit dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein +verzweifelter Groll. Er glaubte am Äußersten zu sein. Sein +Begehren wuchs mit leidenschaftlicher Gewalt über ihn her. +Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig erwürgen +zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du +treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, +ganz gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den +Kai hinunter und jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut +des Hafens fing ihn in ihrem brausenden Sturm auf. Sie +schloß sich von Schritt zu Schritt gewalttätiger um ihn, wie +Maschen eines stählernen Netzes. Er begann sich zu ducken. +Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die Grenzen +der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und +Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das +Hirn wirbelnd voll Todesgedanken. +</p> + +<p> +Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, +über Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange +Züge heranschoben, verfolgt von Warnungsrufen; unter +donnernden Krähnen hindurch, die mit Lasten von Fässern, +Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen, die mit +Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren. +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck +hinauf. Droben sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. +In ihrer Mitte hielt einer ein großes Zeitungsblatt, +aus dem er eben vorgelesen haben mußte. +</p> + +<p> +Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung +in der Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte +mit dem Finger auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ +brüllte er mit überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ... +</p> + +<p> +Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte +sich gegen die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: +„Grauenhafter Mord ... Deutschlothringer Hartwig Didier ... +seine Geliebte aus Galizien eingewanderte Jüdin Ilanka B... +in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper mit Dolchstichen zerfleischt +...“ +</p> + +<p> +Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese +ersten Zeilen erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn +wurde klar, seine Gefühle grausam und er las nun kalt und +zusammenhängend: „Als Zimmernachbarn, die das Opfer +schreien hörten, die Türe einschlugen und auf den Mörder losdrangen, +schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen. Der Revolver +war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein +Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den +Verfolgern hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett +und setzte, ohne sich zu bedenken, mit einem weiten Sprung +an die Drähte hinauf. Er erreichte sie, glitt im Schwung ein +Stück weit an ihnen über die Straße. Die Menschen, die +sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles Bild, +wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten +hin und her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten +Stockwerks auf die Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher +Haufen von Kleidern, Knochen, Fleisch und Blut liegen blieb. +Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig gewesen. Die +elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“ +</p> + +<p> +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die +Zeitung aus der Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst +nur die beiden Wörter ein: „Schuld und Sühne“. Dumm +und sinnlos sagte er sie immer wieder vor sich hin. Unzählige +Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ... Kindlich +erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine unmeßbar +hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung +der dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie +in einem kalten Rausch umher, machte seine Arbeit mit einer +kühlen, fernen Gleichgültigkeit und wagte kaum zur Stadt +hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr der Masten +liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur +ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines +Innern dem Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr +bewußt, daß er sich nur mit Gewalt auf diesem entlegenen, +ruhigen Standpunkt hielt. +</p> + +<p> +Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan +und der Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. +Der Kapitän war ein noch junger Mann, der jedes Wort, das +er sprach, und jede Bewegung, die er machte, mit einer kurzen +Entschiedenheit kräftigte. +</p> + +<p> +„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern +blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung +an Bord suchen, bei der Sie sich mehr ausgeben können!“ +</p> + +<p> +Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum +verstanden, was gesagt worden war, aber er fühlte sich in +seinem künstlichen, mühevollen Gleichgewicht gestört und er +warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“ +</p> + +<p> +Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“ +</p> + +<p> +Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“ +</p> + +<p> +Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen +Stimme: „Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter +uns ist, das immer die Anspannung der höchsten Kraft von +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +uns verlangt, die man hergeben kann. Das sind die Triebfedern +der Kräfte, unter deren Druck die Welt fortschreitet. +Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner Ursache +diesem Gesetz entzieht.“ +</p> + +<p> +Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief +für Sie!“ Darauf ging er weg. +</p> + +<p> +Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift +und sah sich das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß +es eine Einrichtung in der Welt gab, die sich um ihn kümmerte +und sich die Mühe machte, einen Brief hinter ihm her über +das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes Kuvert, mit +hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles, +etwas Ängstliches, ein Rätsel. +</p> + +<p> +Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere +Glühbirne an und brach das Kuvert auf. Er las: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Lieber Bruder! +</p> + +<p class="noindent"> +Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen +mit mir gemacht hast. Wenn Du noch manchmal an Deine +Schwester denkst, so lies den Brief zu Ende, ich beschwöre +Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu sein in der +Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir +brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben +so, wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß +ich immer so kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine +alten Freundinnen ansehe, so muß ich das glauben. Aber ich +gehe hier wie in einer Schachtel herum. Die Wände sind so +eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel heraussehn. +Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen +so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. +Weshalb kann ich es nicht? +</p> + +<p> +Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, +wie ich selber lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +ich liebe Dich auch heute so, wie damals. Das muß ich Dir +sagen und bitte Dich mit meinem ganzen gequälten, traurigen +Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen Dingen spreche. +Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand, als +Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie +Luft gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so +schweren Kummer machte, daß Du mir nichts gesagt hattest +und daß Du nicht schriebst. Ich wäre Dir nachgekommen. +Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet zurück, frei +und selbständig – wie in den Theaterstücken. +</p> + +<p> +Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen +worden, und es sei nichts aus Dir geworden, da fluchte ich +gegen alles, was mir heilig war. Mein Gehirn zerrieb sich umsonst +an den Widerständen. Aber heute verstehe ich, daß das +Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern daß es mit +tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so +fein klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, +das unter der Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. +Aus meiner Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, +meinen Brüskerien ist ein bleiches, mageres Mädchen +geworden, das nur noch Wünsche hat, die wie Wolken auf dem +Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder nur Dunstgebilde +sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin zuvorkommend +und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit +auf dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden. +</p> + +<p> +Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, +indem ich dies schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir +oft, als hätte ich einen Haß, mächtig genug, das Land, das ganze +kleine verfluchte Land zwischen den Händen zu erwürgen! +Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze zu lassen, +und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den +Tisch schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig +behandeln, damit ich nicht von der Gesellschaft abseits +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +stehn gelassen werde. Könnte ich nur ganz still resignieren. +Aber es ist noch zu viel Feuer in einem. +</p> + +<p> +Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens +Dir in die Welt nachschicke<a id="corr-11"></a>? Aber ich habe die Hoffnung, daß +sie Dich vielleicht nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der +liebe Herr Hasenklever nannte mir den Dampfer ‚Hamburg‘. +Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so tief! Man kann +so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den lieben +Bruder. +</p> + +<p class="sign"> +Jeanne.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen +und steckte ihn in die Tasche. Es war Nacht geworden und er +ging langsam zwischen den Tauen und Warenballen hindurch +hinter die Back an achtern und setzte sich auf den Anker, der +einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende +von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein +der Abendlichter Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. +Wie mit Messerschnitten arbeiteten die Ereignisse des Tages +in Baptist. Er konnte sie nicht zusammen bringen. Die Klage +seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod der beiden Menschen +... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles +grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich +losschlagen. Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie +scheute selbst die Nacht nicht, die milde, heilige Nacht, in deren +Dunkelheit die Sterne standen, wie Bänder, die sich leuchtend +nach den verlassenen Ländern knüpfen. +</p> + +<p> +Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte +und langsam die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, +die zu Haus über den Fenstern gestanden hatten, da bohrte +sich, wie ein Strudel, ein wildes Schluchzen aus dem tiefsten +Grunde seines Blutes in die Kehle herauf, die Augen stürzten +voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die Reeling nieder +und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in diesem +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte +mit einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, +harte Land zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine +Schwester peinigte. Er weinte lange darüber. Er wurde ganz +stumpf von Weinen und legte sich dann betäubt ins Bett. +</p> + +<p> +Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem +Mal ganz wach und fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog +sich an, ging an Deck hinauf und stellte sich seewärts an die +Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an das Schicksal +Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr letzter +Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund, +daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er +preßte erschauernd die Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine +große Zuversicht über ihn. Er war gerettet und flüchtete sich +mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner Schwester. Er zog +ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die Lippen +darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der +mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte +sich, daß er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich +gewesen sei. Er habe nicht allein die Schuld daran. +Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die Worte des +Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän +war liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und +kündigte ihm an, der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums +sei für ihn frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser +Aufstieg war ihm etwas Selbstverständliches. Er bekam nun +eine eigene Kabine und der Obermaschinist weihte ihn gleich +in die neue Tätigkeit ein. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">egen</span> Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß +auf Deck auf einem Kranz von Tauen und schaute auf die +Stadt, die zurückblieb. Überall tollte noch die Arbeit. Der +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +Rauch des Hafens zog in wilden, dunkeln Schwaden gegen +die Dächer der Häuser und verband Hafen und Stadt. Die +Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit +zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau. +</p> + +<p> +„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah +diese Stadt auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle +Katastrophe Hartwigs und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem +er sie nun ruhiger überblicken konnte, wie eine furchtbare +Offenbarung der Natur, einer der einschlagenden Blitze des +Schicksals, bei denen man an eine Absicht glauben will. So +nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen Wirklichkeit +daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen schweren, +dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die +doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern +nur die schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation. +</p> + +<p> +Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt +war wie die Burg einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft +aus der ganzen Erde zieht und sie verstärkt über die ganze Erde +zurückschleudert. Willen und Notwendigkeit waren die Räder, +Menschengeist die Triebkraft. Und das Schicksal Hartwigs und +der Jüdin war von jedem Willen und jedem Bewußtsein freie +Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle, dumpfe +Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen +... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des +Schicksals? In welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang +zwischen Mensch und Natur? Willen und Geschehen stiegen +wie zwei Säulen nebeneinander auf. +</p> + +<p> +Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem +dämmerigen großen Mysterium um das Geheimnis seines +eigenen Versagens. +</p> + +<p> +Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große +Feierlichkeit in ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine +und blätterte das Pack deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +ihm in die Kabine gebracht hatte. Da las er, daß ein ganzes +Volk sich wie in einer freudetrunkenen Woge hob, um dem +Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben, das +Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, +daß das Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue +geschah, das seinem Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. +Hier gab es ein Werk, in dem sich mit der geschlossenen +Kraft einer ganzen Rasse der Willen der Zeit kund tat. Alle +Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse drang vorwärts +in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die Weltburg +des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete. +</p> + +<p> +Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, +wie ein kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm +nur recht geschehen, daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des +Lebens, die wie ein Rad über die Erde drehte, gestoßen und +ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum erstenmal als ein Teil +von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte, seine sich +bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, +wo sein Platz leer war und wartete. +</p> + +<p> +Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die +Begeisterung überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in +die Welt der Hafen jenes Volkes lag. Er hatte schon als Knabe +sich in dunklem Drange dem Volk zugehörig gefühlt. Und in +diesem Hafen sollte ihm das neue Leben beginnen. +</p> + +<p> +So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor +seinen Augen die Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus +dem Ozean brannte, in der deutschen Ferne den Hafen einer +neuen Heimat auf, und seine Augen wandten sich von dem +flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten verliebt +die Richtung nach Osten über das Band der Meere. +</p> + +<p class="end"> +Ende +</p> + +<div class="ads chapter"> +<p class="hdr"> +Fischers Bibliothek<br> +zeitgenössischer Romane +</p> + +<p class="subt"> +Zweiter Jahrgang<br> +(Oktober 1909-September 1910) +</p> + +<hr> + + <div class="table"> +<table class="books"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">1.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Hermann Hesse, Unterm Rad</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">2.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">3.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Theodor Fontane, Cecile</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">4.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Herman Bang, Am Wege</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">5.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Norbert Jacques, Der Hafen</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">6.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">7.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Emil Strauß, Der Engelwirt</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">8.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Peter Nansen, Julies Tagebuch</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">9.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Felix Salten, Olga Frohgemuth</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">10.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Ruth Waldstetter, Die Wahl</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">11.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Hans von Kahlenberg, Eva Sehring</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">12.</td> + <td class="col2">Bd.</td> + <td class="col3">Johan Bojer, Unser Reich</td> + </tr> +</tbody> +</table> + </div> +<hr> + +<p class="c"> +Jeden Monat erscheint ein Band +</p> + +</div> + +<div class="ads chapter"> +<p class="c"> +Im gleichen Verlage ist erschienen: +</p> + +<p class="hdr"> +Norbert Jacques: Funchal +</p> + +<p class="subt"> +Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M. +</p> + +<hr> + +<p class="noindent"> +Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von +einem Buche rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. +Ein zarter, vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine +wohlklingende Sprache geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt +zuweilen in der Bibel zu lesen, von so knapper, schlichter Größe +sind einzelne Stellen; so die Begegnung Thos und Margarethes +am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und die Wanderschaft Thos. +</p> + +<p> +In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht +ein fremdes Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift +Funchal und ein kleines Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der +Knabe wird in der Familie des alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, +ein Kuckuck im fremden Nest. Mit siebzehn Jahren +wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen +Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. +Er hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, +und beschließt, sie, die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht +fort über Dünen und Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen +kargen Lohn und kehrt im Winter wieder heim nach Klitby. So +treibt er es durch die Jahre. Nie kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr +packt ihn das Heimatfieber, er knüpft sein Bündel, wandert +ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal zu finden, +und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er Margarethe, +Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum +Vater, verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht +aber steht vor seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen +Bergen und die Sehnsucht seines Lebens ... +</p> + +<p> +Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat +in dieser Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, +fremde Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, +irrt unstet und von seinem Heimweh geplagt umher, und als er +müde das Suchen aufgibt, lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind. +</p> + +<p> +Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen +Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend +redet sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine +Stätte hat. +</p> + +<p class="attr"> +(Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“) +</p> + +<hr> + +</div> + +<p class="printer"> +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt. +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <span class="underline">sich sich</span> straffen, daß ...<br> +... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken <a href="#corr-0"><span class="underline">sich</span></a> straffen, daß ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">glänzenden</span> Augen dunkler und inniger werden an seinen ...<br> +... <a href="#corr-8"><span class="underline">glänzende</span></a> Augen dunkler und inniger werden an seinen ...<br> +</li> + +<li> +... Dir in die Welt nachschicke<span class="underline">.</span> Aber ich habe die Hoffnung, daß ...<br> +... Dir in die Welt nachschicke<a href="#corr-11"><span class="underline">?</span></a> Aber ich habe die Hoffnung, daß ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76486 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76486-h/images/cover.jpg b/76486-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a4a4003 --- /dev/null +++ b/76486-h/images/cover.jpg diff --git a/76486-h/images/logo1.jpg b/76486-h/images/logo1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7d2fb83 --- /dev/null +++ b/76486-h/images/logo1.jpg diff --git a/76486-h/images/logo2.jpg b/76486-h/images/logo2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e435951 --- /dev/null +++ b/76486-h/images/logo2.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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