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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 ***
+
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+
+ Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
+ Dmitri Philossophoff und anderen
+ herausgegeben von Moeller van den Bruck
+
+ Übertragen von E. K. Rahsin
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+ Zweite Abteilung: Neunzehnter Band
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+ F. M. Dostojewski
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+ Die Erniedrigten
+ und Beleidigten
+
+
+ Roman
+
+ München und Leipzig
+ R. Piper u. Co., G. m. b. H.
+ 1910
+
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+ R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910
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+ Druck von Mänicke & Jahn in Rudolstadt.
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+
+
+ Vorwort.
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+Die ersten Werke, die Dostojewski nach seiner Rückkehr aus Sibirien
+geschrieben, bezw. vollendet hatte, waren die satirisch-humoristischen
+Dichtungen „Das Gut Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“ gewesen,
+beide aus dem Jahre 1859. Diesen Dichtungen ließ er im Jahre 1861, noch
+während der Arbeit an den bereits begonnenen Erinnerungen „Aus einem
+Totenhause“, den Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“ folgen. Es ist
+Dostojewskis Liebesroman, die Geschichte einer Leidenschaft, die wie ein
+tragisches Idyll in dem breiten strömenden Epos seines Gesamtwerkes
+steht. Im Ton, in einer gewissen großstädtischen, nebelfeuchten,
+schattenschwankenden Petersburger Stimmung, in die sich auch hier noch
+leise und unheimliche soziale Untertöne mischten, griff er darin auf
+sein erstes Buch, die „Armen Leute“ zurück, wie es denn ersichtlich
+dieses Werk ist, auf das er sich selbst, als auf das Erstlingswerk des
+Erzählenden, des öfteren bezieht. Der Erzähler ist Dostojewski selbst,
+der junge Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit, an den sich
+der alte Dostojewski zurückerinnert. In der allgemeinen Behandlung
+dagegen, die auch hier wieder alle alte Romantik abtat und dafür schon
+in diesem Werke etwas wie eine neue Phantastik des modernen Lebens
+heraufbeschwor, in der entschlossenen Charakterologie, die sich nicht
+scheute, aus den Gestalten der beiden Liebenden die Vermenschlichung
+psychologischer und im Falle des Helden pathologischer Probleme zu
+machen, griff Dostojewski bereits seinen großen Romanen vor. Die
+„Erniedrigten und Beleidigten“ wirken wie ein Versuch zu ihnen, und
+nicht zufällig nähern sie sich ihnen von allem, was er in kleinerer Form
+geschrieben hat, auch räumlich am meisten. Geistig ist das Buch diesen
+Werken großer Form unmittelbar verwandt, fast könnte man sagen, es
+gehört bereits zu ihnen. Nur noch fünf Jahre, und Dostojewski war
+bereit, „Rodion Raskolnikoff“ zu schreiben. In den „Erniedrigten und
+Beleidigten“ kündigt sich diese Entwicklung bereits an: es ist das
+Jugendwerk, das er im Mannesalter geschrieben hat und in dem er sich zu
+seinem eigentlichen Lebenswerk frei und reif gemacht hatte.
+
+ M. v. d. B.
+
+
+
+
+ Erster Teil
+
+
+ I.
+
+Am zweiundzwanzigsten März des vorigen Jahres hatte ich gegen Abend ein
+äußerst seltsames Erlebnis. Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach
+einer neuen Wohnung in der Stadt herumgelaufen. Der Grund war, daß mir
+mein Husten, der mir mit der Zeit doch Sorge zu bereiten begann, es
+nicht länger möglich machte, daß ich in meiner alten feuchten Wohnung
+blieb. Eigentlich hatte ich ja schon im Herbst umzuziehen beabsichtigt,
+inzwischen war es darüber doch Frühling geworden. Einen ganzen Tag hatte
+ich gesucht, trotzdem aber nichts Passendes gefunden. Freilich waren
+auch meine Ansprüche nicht so leicht zu befriedigen. Erstens wollte ich
+nicht in einer Familienwohnung ein möbliertes Zimmer mieten, sondern
+eines für sich mit besonderem Eingang. Zweitens mußte dieses einzelne
+Zimmer unbedingt groß oder zum mindesten geräumig, und drittens bei all
+diesen Vorzügen selbstverständlich möglichst billig sein. Ich habe die
+Erfahrung gemacht, daß in einem engen Raum auch die Gedanken sich beengt
+fühlen. Ich aber gehe, wenn ich mir meine noch ungeschriebenen
+Erzählungen in Gedanken zurechtlege, mit Vorliebe im Zimmer auf und ab,
+was in einer kleinen Stube natürlich sehr unbequem und wenig tunlich zu
+sein pflegt. Übrigens hat es mir immer mehr Vergnügen gemacht, in
+Gedanken meine Werke auszuarbeiten, es mir vorläufig nur auszumalen, wie
+ich sie schreiben würde, als sie buchstäblich zu schreiben – und das
+wirklich nicht etwa aus Faulheit ... Woher das nur kommen mag?
+
+Schon am Morgen hatte ich mich nicht ganz wohl gefühlt, gegen Abend aber
+fühlte ich mich geradezu krank: ich muß mich von neuem erkältet haben.
+Hinzu kam, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; das hatte
+mich natürlich sehr ermüdet. Als ich auf dem Wosnessenskij-Prospekt
+anlangte, sah ich gerade noch das letzte Leuchten der Abendsonne. Ich
+liebe die Märzsonne in Petersburg, namentlich den Sonnenuntergang,
+natürlich nur dann, wenn der Abend klar und kalt ist. Dann ist die ganze
+Straße plötzlich wie in Licht getaucht. Alle Häuser scheinen zu glänzen,
+und ihre grauen, gelben, schmutzig-grünen Fassaden verlieren für einen
+Augenblick ihre mürrische Stumpfheit. Auch in die Seele flutet das
+Licht, es ist ordentlich, als zucke sie zusammen. Wie Schuppen fällt es
+einem von den Augen und neue Gedanken strömen durch den Kopf ... Es ist
+ganz erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl in der Seele des
+Menschen bewirken kann.
+
+Doch das Abendrot erlosch; die Kälte wurde immer empfindlicher; auch die
+Dämmerung nahm zu ... in den Schaufenstern und Läden flammte das Gas
+auf. Plötzlich blieb ich, unter dem Eindruck des Vorgefühls, daß ich
+sogleich etwas Ungewöhnliches erleben würde, wie angewurzelt stehen,
+spähte suchend zu dem anderen Trottoir hinüber, wo sich eine mir gut
+bekannte deutsche Konditorei befand, – und erblickte dort den Alten und
+seinen Hund. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Herz sich unter
+einer unangenehmen Empfindung gleichsam zusammenzog, und ich vermochte
+selbst nicht einmal zu entscheiden, welches der Grund dieser Empfindung
+war.
+
+Ich bin kein Mystiker; an Vorahnungen und Wahrsagungen glaube ich so gut
+wie überhaupt nicht; indes habe ich in meinem Leben, wie vielleicht
+jeder Mensch, einige ziemlich unerklärliche Erlebnisse gehabt. Nun,
+nehmen wir zum Beispiel diesen Zwischenfall mit dem Alten: weshalb hatte
+ich damals, als ich ihn erblickte, sogleich das Empfinden, daß ich an
+diesem Abend etwas Außergewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich
+krank, und Empfindungen in einem krankhaften Zustande pflegen fast immer
+trügerisch zu sein.
+
+Der Alte näherte sich der Konditorei nur langsam, setzte langsam einen
+Fuß vor den anderen, ohne die Gelenke dabei zu biegen, als ginge er
+nicht auf Beinen, sondern auf Stöcken. Sein Rücken war ganz krumm,
+gleichwohl stützte er sich, gleichsam tastend, nur leicht auf seinen
+Stock.
+
+So ging er auf die Konditorei zu. Noch nie war mir ein so seltsamer, ein
+so – unmöglicher Mensch begegnet. Auch früher schon, wenn ich ihn bei
+Müller – so hieß der Konditoreibesitzer – angetroffen hatte, war der
+Eindruck, den er auf mich machte, immer fast ein schmerzhafter gewesen.
+Seine lange gebeugte Gestalt, das achtzigjährige Leichengesicht, der
+alte Mantel, dessen Nähte überall aufgeplatzt waren, der verbeulte runde
+Hut, den er wohl schon etliche zehn Jahre auf seinem kahlen Kopfe tragen
+mochte, auf diesem seltsamen Schädel, von dessen Haaren sich nur noch im
+Nacken einige nicht graue, sondern gelblichweiße Strähnen erhalten
+hatten; alle seine Bewegungen, die etwas so Seltsames an sich hatten,
+als wären sie Bewegungen einer aufgezogenen Puppe – alles das mußte
+unwillkürlich einen jeden auf ihn aufmerksam machen. Es berührte in der
+Tat sehr sonderbar, diesen hilflosen Greis so ganz ohne Aufsicht zu
+sehen, um so mehr, als er tatsächlich schon eher einem Irrsinnigen
+glich, der der Obhut seiner Wärter entschlüpft war. Ganz besonders
+auffallend war auch seine ungewöhnliche Magerkeit: er sah aus, als habe
+er überhaupt kein Fleisch, als sei über ein Knochengerüst nichts als
+dünne, alte Haut geklebt. Seine großen trüben Augen, die von
+dunkelblauen Ringen umgeben waren, blickten stets unverwandt geradeaus –
+niemals sahen sie zur Seite; sie sahen überhaupt nie etwas, davon bin
+ich überzeugt. Denn wenn er einen auch ansah, wie man aus der Richtung
+seines Blickes schließen konnte, so setzte er doch so unbeirrt seinen
+Weg fort, als wäre vor ihm nichts als freie Luft gewesen. Das habe ich
+mehr als einmal bemerkt. Übrigens pflegte er erst seit nicht sehr langer
+Zeit in dieser Konditorei zu erscheinen, und zwar stets in Begleitung
+seines Hundes. Woher er kam, wußte niemand, denn noch nie hatte sich
+jemand von den Stammgästen entschlossen, ihn anzureden, er selbst aber
+sah sie nicht einmal an.
+
+„Weshalb schleppt er sich wohl täglich zu Müller, und was treibt er
+dort?“ dachte ich, und beobachtete ihn, unwiderstehlich von ihm
+angezogen, von der anderen Straßenseite. Ein gewisser Ärger –
+wahrscheinlich eine Folge meiner Krankheit und Müdigkeit – stieg in mir
+auf. „Was er wohl bei sich denkt?“ fragte ich mich, ohne mich beruhigen
+zu können. „Was er im Sinn haben mag? Denkt er überhaupt etwas? Sein
+Gesicht ist ja schon so tot, daß es entschieden nichts mehr ausdrückt.
+Und woher er nur diesen scheußlichen Hund hat! Aber das Tier ist
+wirklich wie verwachsen mit ihm, sieht ihm auch auffallend ähnlich ...
+Es ist fast, als wären sie beide ein einziges unteilbares Ganzes ...“
+
+Dieser arme Hund war, glaube ich, gleichfalls achtzigjährig; ja, wie
+hätte er auch wohl jünger sein können! Erstens sah er so alt aus, wie
+sonst kein einziger Hund aussieht, und zweitens: weshalb war mir
+sogleich, beim ersten Blick auf diesen Hund, der Gedanke gekommen, daß
+er kein Hund wie alle anderen Hunde sei, sondern ein ganz besonderer,
+und daß in diesem Hunde unbedingt etwas Phantastisches, Verwunschenes
+stecken müsse. Vielleicht war sein Kern ein mephistophelischer? wer
+weiß! Jedenfalls aber war sein Schicksal durch geheimnisvolle,
+untrennbare Fäden aufs engste mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft.
+Wer diesen Hund betrachtete, mußte ohne weiteres zugeben, daß er vor
+mindestens zwanzig Jahren zum letzten Mal, so wie es sich gehört,
+gefressen hatte! Mager war er wie ein Knochengestell oder – was wäre
+bezeichnender – wie sein Herr! Behaartes Fell hatte er fast überhaupt
+nicht mehr, selbst die Rute, die wie ein Stock herabhing, war so gut wie
+gänzlich unbehaart. Der Kopf und die langen Ohren hingen traurig herab.
+Nein, in meinem ganzen Leben habe ich keinen so widerlichen Hund
+gesehen. Wenn sie beide auf der Straße gingen, der Herr voran und der
+Hund hinterher, dann berührte seine Schnauze unausgesetzt den
+Mantelzipfel seines Gebieters, als wäre sie an ihn angeklebt. Und der
+Gang der beiden und ihre Haltung und ganzes Aussehen schienen dann bei
+jedem Schritt zu sagen:
+
+„Alt sind wir, ja, alt, Herrgott, wie sind wir alt!“
+
+Ich erinnere mich noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf ging, der
+Alte hätte sich mit seinem Hunde aus irgendeiner Hoffmannschen
+Erzählung, illustriert von Gavarni, herausgestohlen und spaziere jetzt
+als lebende Reklame des Werkes umher. Ich schritt über die Straße und
+folgte dem Alten in die Konditorei.
+
+Dort hatte der Alte schon längst unliebsames Aufsehen erregt. Müller,
+hinter dem Ladentisch, schnitt bei Erscheinen des unerwünschten Gastes
+jedesmal eine unzufriedene Grimasse. Erstens, bestellte der eigenartige
+Gast nie etwas. Sowie er eintrat, ging er gleich auf den Ofen in der
+Ecke zu und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl nieder. War dieser Platz
+besetzt, so blieb er in gedankenlosem Staunen vor der Person, die seinen
+Platz eingenommen hatte, stehen und schritt dann wie vor den Kopf
+geschlagen in die andere Ecke am Fenster. Dort nahm er irgendeinen
+Stuhl, setzte sich langsam auf ihn nieder, nahm den Hut ab, legte ihn
+auf den Fußboden, stellte den Stock daneben an die Wand, lehnte sich
+zurück in den Stuhl und verharrte so regungslos drei bis vier Stunden.
+Niemals nahm er eine Zeitung zur Hand, niemals sprach er ein Wort oder
+gab einen Laut von sich; er saß nur, starrte mit einem so stumpfen und
+leblosen Blick vor sich hin, daß man hätte wetten können, er sähe und
+höre nichts von dem, was um ihn her vor sich ging. Der Hund legte sich
+dann, nachdem er sich ein paarmal im Kreise herumgedreht hatte, knurrig
+zu seinen Füßen nieder, drückte seine Schnauze zwischen die Stiefel
+seines Herrn, seufzte tief auf und lag so, der Länge nach ausgestreckt,
+den ganzen Abend unbeweglich da, als wäre er wirklich leblos. Es schien
+überhaupt, als ob diese beiden Wesen den ganzen Tag über irgendwo tot
+dagelegen und erst bei Sonnenuntergang sich plötzlich belebt hätten, nur
+um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dort eine geheimnisvolle,
+allen unbekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei bis vier
+Stunden so dagesessen hatte, erhob er sich plötzlich, um sich nach Hause
+zu begeben. Auch der Hund richtete sich auf, klemmte seinen Schwanz
+zwischen die Beine und folgte gesenkten Hauptes, wie mechanisch, seinem
+Herrn. Die Gäste der Konditorei mieden den Alten, setzten sich nie neben
+ihn, als flößte er ihnen Widerwillen ein. Er aber merkte von alledem gar
+nichts.
+
+Diese Gäste waren hauptsächlich Deutsche, Bewohner des
+Wosnessenskij-Prospekt und Inhaber verschiedener Werkstätten, Schlosser,
+Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler – patriarchalische Leute im deutschen
+Sinne des Wortes. Bei Müller ging es überhaupt sehr patriarchalisch zu.
+Der Wirt selbst setzte sich des öfteren zu seinen Gästen an den Tisch,
+wobei eine gewisse Menge Punsch verabfolgt wurde. Auch die Hunde und die
+kleinen Kinder des Wirtes erschienen bei den Gästen, von denen sie dann
+geliebkost und gestreichelt wurden, die Kinder wie die Hunde. Alle waren
+sie miteinander bekannt und alle achteten sie sich gegenseitig. Und wenn
+die Gäste sich in das Lesen deutscher Zeitungen vertieften, so ertönte
+aus der Wohnung des Wirtes der liebe Augustin, gespielt auf einem alten
+Klimperkasten, von der ältesten Tochter, einem frischen, blondlockigen
+Mädchen, das an eine weiße Maus erinnerte. Besonders gern hatten es
+alle, wenn sie Walzer spielte. Ich selbst ging immer in den ersten Tagen
+des Monats zu Müller, um dort russische Monatsschriften zu lesen.
+
+Als ich heute in die Konditorei trat, sah ich den Alten bereits am
+Fenster sitzen und den Hund wie immer zu seinen Füßen. Schweigend setzte
+ich mich in eine Ecke und stellte mir selbst die Frage: „Warum bin ich
+hierhin gekommen, wo ich doch nichts zu suchen habe?“ Krank, wie ich
+mich fühlte, hätte ich nach Hause gehen, einen heißen Tee trinken und
+mich schlafen legen sollen. „Bin ich denn wirklich hierher gekommen, um
+den Alten anzugaffen?“ Ich ärgerte mich. „Was geht er mich an,“ dachte
+ich und erinnerte mich der krankhaften und sonderbaren Empfindung, die
+der Alte auf der Straße in mir hervorgerufen hatte. Und was habe ich mit
+all diesen langweiligen Deutschen zu tun? Wozu diese phantastische Idee?
+Wozu diese Erregung wegen nichts, die mich in letzter Zeit so
+beherrscht, ja mich nicht leben läßt und meine klare Anschauung über das
+Leben verwirrt? Trotz aller dieser Vorstellungen blieb ich doch wie
+angewurzelt auf der Stelle sitzen, während der Schüttelfrost in mir
+immermehr zunahm und ich das warme Zimmer jetzt erst recht nicht mehr
+verlassen mochte. Ich nahm die Frankfurter Zeitung, las ein paar Zeilen
+und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht dabei. Sie lasen oder
+rauchten und teilten sich nur hin und wieder mit abgebrochener und
+halblauter Stimme eine Neuigkeit aus Frankfurt mit, oder irgend einen
+Witz aus dem berühmten deutschen Witzblatt Satyr, worauf sie sich dann
+mit verdoppeltem Nationalstolz von neuem ins Lesen vertieften.
+
+Ich mag wohl eine halbe Stunde geschlafen haben, als mich plötzlich ein
+starker Fieberschauer aufriß. Es war wirklich an der Zeit, nach Haus’ zu
+gehen! Eine stumme Szene jedoch, die sich gerade in diesem Augenblick im
+Raume abspielte, hielt mich noch einmal davon zurück. Ich habe bereits
+gesagt, daß der Alte, nachdem er sich niedergesetzt, immer sofort seinen
+Blick auf einen Punkt heftete und ihn den ganzen Abend unverwandt auf
+denselben Gegenstand geheftet hielt. Auch mir passierte es einmal, daß
+dieser gedankenlose, starre und nichts unterscheidende Blick auf mich
+fiel: ein unangenehmes, ja unerträgliches Gefühl überkam mich und ich
+wechselte so schnell als möglich meinen Platz. Dieses Mal war das Opfer
+des Alten ein kleiner, außerordentlich sorgsam gekleideter Deutscher mit
+steif gestärktem hohen Kragen, und einem feuerroten Gesicht, ein
+angereister Kaufmann aus Riga, Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später
+erfuhr, ein Freund Müllers, dem der Alte und viele von den anderen
+Gästen unbekannt war. Als dieser mit großem Genuß den „Dorfbarbier“
+gelesen und seinen Punsch getrunken, erhob er seinen Kopf und bemerkte
+plötzlich den unbeweglich auf ihn gerichteten Blick des Alten. Das
+machte ihn stutzig. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch,
+wie überhaupt alle „anständigen“ Deutschen. Er fand es sonderbar und
+beleidigend, daß man ihn so ungeniert ununterbrochen ansehen konnte. Mit
+unterdrücktem Unwillen wandte er sich von dem „aufdringlichen“ Alten ab,
+murmelte etwas in den Bart und verbarg sich hinter die Zeitung. Er hielt
+es jedoch nicht lange aus, schon nach zwei Minuten schielte er über die
+Zeitung hinweg: und wieder traf ihn derselbe starre, gedankenlose Blick.
+Adam Iwanowitsch schwieg auch noch dieses Mal. Als es ihm aber zum
+dritten Male passierte, da sprang er auf. Er hielt es für seine Pflicht
+und Schuldigkeit, als Repräsentant der schönen Stadt Riga, als der er
+sich fühlte, seine angegriffene Ehre zu verteidigen. Mit einer
+ungeduldigen Bewegung klopfte er mit dem Zeitungsstock energisch auf den
+Tisch, und noch röter vor Selbstgefühl und Punsch richtete er seine
+kleinen, flammenden Augen auf den verdrießlichen Alten. Beide, schien
+es, der Deutsche wie der Alte, wollten es auf die magnetische Kraft
+ihrer Blicke ankommen lassen und einer den andern zwingen, den Blick
+zuerst zu senken. Das Klopfen mit dem Zeitungsstock und die exzentrische
+Haltung Adam Iwanowitschs erregte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
+Ein jeder ließ von seiner Beschäftigung und beobachtete mit ehrbarer,
+schweigsamer Neugier die beiden Gegner. Die Szene begann sehr komisch zu
+werden. Der Magnetismus der herausfordernden Augen Adam Iwanowitschs war
+jedoch umsonst verschwendet. Der Alte, den nichts bekümmerte, fuhr fort,
+auf den außer sich geratenen Herrn Schulz zu starren und bemerkte
+überhaupt nicht, als wäre er auf dem Monde statt auf der Erde gewesen,
+daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Endlich riß Adam
+Iwanowitsch die Geduld und er platzte heraus:
+
+„Warum starren Sie mich so an?“ rief er auf deutsch mit scharfer,
+durchdringender Stimme und drohender Miene.
+
+Doch sein Gegner blieb stumm, als hätte er die Frage überhaupt nicht
+gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich russisch zu sprechen.
+
+„Ich frage Sie, warum Sie auf mich so sehen?“ rief er mit verdoppelter
+Heftigkeit. „Ich, bei Hofe bekannt, und Sie nicht bei Hofe bekannt!“
+fügte er hinzu und sprang vom Stuhl auf.
+
+Doch der Alte rührte sich nicht einmal. Unter den Deutschen erhob sich
+ein unwilliges Gemurmel. Der Wirt, durch den Lärm aufmerksam geworden,
+trat hinzu. Als er erfahren, um was es sich handelte, beugte er sich ans
+Ohr des Alten, weil er dachte, er wäre taub.
+
+„Herr Schulz bittet Sie höflichst, nicht ihn anzusehen,“ rief er so laut
+als möglich, den unbegreiflichen Alten scharf beobachtend.
+
+Der Alte blickte mechanisch zu ihm auf und plötzlich gewahrte man auf
+seinem unbeweglichen Gesicht den Ausdruck eines Gedankens und eine
+gewisse ängstliche Erregung. Er schien verwirrt, beugte sich ächzend
+nach seinem Hut, griff eilig nach seinem Stock, erhob sich vom Stuhl mit
+einem gewissen wehleidigen Lächeln, dem verschämten Lächeln eines Armen,
+der von einem Platze gewiesen wird, der ihm nicht zukommt und bereitete
+sich vor, das Zimmer zu verlassen. In dieser stillen ergebenen Eile des
+armen, zerbrechlichen Greises lag so vieles, was Mitleid erregte, so
+vieles, was einem das Herz in der Brust erbeben ließ, daß alle Gäste,
+selbst Adam Schulz nicht ausgenommen, sofort ihre Haltung änderten. Es
+wurde allen klar, daß der Alte nicht nur nicht jemanden habe beleidigen
+wollen, sondern selbst fühlte, daß man ihn jeden Augenblick wie einen
+Bettler hätte davonjagen können.
+
+Müller war ein guter und mitfühlender Mensch.
+
+„Nein, nein,“ rief er aus, dem Alten beschwichtigend auf die Schulter
+klopfend. „Herr Schulz bat Sie nur höflichst, nicht ihn anzusehen. Er
+ist bei Hofe ...“
+
+Doch der Arme verstand ihn auch jetzt nicht; er beeilte sich noch mehr
+als vorhin, fortzukommen, bückte sich nach seinem alten, blauen,
+durchlöcherten Taschentuch, das ihm aus dem Hut gefallen war, und rief
+seinen Hund; dieser war unbeweglich auf dem Fußboden liegen geblieben,
+scheinbar fest eingeschlafen, die Schnauze zwischen beiden Pfoten.
+
+„Asorka, Asorka!“ rief er ihm mit bebender, greisenhafter Stimme zu,
+„Asorka!“
+
+Doch Asorka bewegte sich nicht.
+
+„Asorka, Asorka!“ wiederholte kläglich der Alte und berührte den Hund
+mit seinem Stock, um ihn zu wecken, doch dieser blieb unbeweglich.
+
+Der Stock entfiel seinen Händen. Er kniete nieder und ergriff mit beiden
+Händen den Kopf seines Hundes. Armer Asorka! Er war tot. Er war lautlos
+zu den Füßen seines Herrn verendet, vielleicht vor Alter, oder wer weiß,
+vielleicht verhungert. Der Alte sah einen Augenblick wie erstarrt auf
+ihn, als könne er nicht begreifen, daß Asorka tot war; langsam beugte er
+sich zu seinem alten Freunde und Diener nieder und preßte sein
+leichenblasses Gesicht an den leblosen Kopf des Hundes. Eine Minute
+dauerte das Schweigen ... alle waren tief davon ergriffen ... endlich
+richtete sich der Arme auf, er war kreideweiß und bebte am ganzen
+Körper.
+
+„Man kann ihn ausstopfen,“ bemerkte der gutmütige Herr Müller, um den
+Alten in irgend einer Weise zu trösten. „Man kann gut ausstopfen; Fedor
+Karlowitsch Krüger versteht gut auszustopfen. Fedor Karlowitsch Krüger
+ist großer Meister auszustopfen,“ bekräftige Müller noch seine Aussage,
+und überreichte dem Alten den Stock, den er aufgehoben hatte.
+
+„Ja, ich kann gut machen ausstopfen,“ lobte sich selbst, bescheiden
+vortretend, Herr Krüger.
+
+Das war ein langer, hagerer, gutmütiger Deutscher, mit roten, zerwühlten
+Haaren und einer Brille auf der stark gebogenen Nase.
+
+„Fedor Karlowitsch Krüger hat große Talent, um wundervoll auszustopfen,“
+fügte wieder Müller hinzu, der sich für seine Idee zu begeistern anfing.
+
+„Ja, ich habe große Talent, um auszustopfen,“ bekräftigte seinerseits
+von neuem Herr Krüger, „und ich werde Ihnen umsonst ausstopfen Ihren
+Hund,“ fügte er in einem Anfall von Selbstaufopferung hinzu.
+
+„Nein, ich Ihnen bezahlen dafür, daß Sie machen ausstopfen!“ schrie Adam
+Iwanowitsch Schulz, flammend vor Begeisterung, da er sich für die
+unschuldige Ursache des Unglücks hielt.
+
+Der Alte hörte allen zu, augenscheinlich ohne etwas zu begreifen und
+zitterte noch immer am ganzen Körper.
+
+„Warten! Trinken Sie ein Gläschen kuten Kognak!“ rief Müller, als er
+sah, daß der rätselhafte Gast sich anschickte, fort zu gehen.
+
+Man brachte den Kognak. Mechanisch nahm der Alte das Gläschen, doch
+zitterten seine Hände, und bevor er es an die Lippen geführt, hatte er
+die Hälfte verschüttet. Ohne einen Tropfen zu trinken, legte er das Glas
+zurück auf den Teller. Darauf lächelte er so sonderbar, so ganz verloren
+und verließ eilig, ohne Asorka, die Konditorei. Alle waren ganz
+verwundert.
+
+„Was für eine Geschichte!“ hörte man sie ausrufen.
+
+Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte rechts von der
+Konditorei lag eine kleine Gasse, finster und eng, zwischen hohen
+Häuserfassaden. Etwas sagte mir, der Alte müsse sich durchaus dahin
+begeben haben. Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen
+und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der Bretterzaun, der das Haus
+umgab, nahm die Hälfte der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg
+für Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun ums Haus
+gebildet wurde, traf ich den Alten. Er saß auf dem Holzsteg für
+Fußgänger, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände
+gedrückt. Ich setzte mich neben ihn.
+
+„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu wissen, was ich sagen
+sollte. „Trauern Sie nicht um Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach
+Haus. Ich werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen Sie?“
+
+Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In der
+Gasse war niemand zu sehen. Plötzlich packte er mich an dem Arm.
+
+„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. „Luft!“
+
+„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob mich und versuchte
+ihn aufzuheben, „Sie werden Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich
+werde sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... ich kenne
+einen Arzt ...“
+
+Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn einsprach. Er wollte
+sich erheben, und richtete sich ein wenig auf, doch fiel er gleich
+wieder zurück und murmelte etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme.
+Ich beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können.
+
+„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... sechste Linie,“ röchelte der
+Alte.
+
+Er verstummte.
+
+„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen Sie denn nach rechts,
+statt nach links? Ich werde Sie gleich hinführen ...“
+
+Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff seine Hand; die Hand fiel
+leblos nieder. Ich blickte ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn,
+– auch er war tot. Mir schien alles wie ein Traum.
+
+Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und in der Erregung schwand
+mein Fieber. Die Wohnung des Alten wurde bald gefunden. Er lebte
+indessen nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon
+entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, unter dem Dach, in der
+fünften Etage, in einer Wohnung, die aus einem kleinen Vorraum und einem
+großen aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen Spalten
+bestand. Er schien in der größten Armut gelebt zu haben. Seine Möbel
+waren ein Tisch, zwei Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein,
+aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese Möbel schienen noch
+dem Hauswirt zu gehören. Der Ofen war ersichtlich lange nicht mehr
+geheizt worden; ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest
+davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller ging, um sich zu
+wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf dem Tisch stand ein leerer, irdener
+Krug und lag ein Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch Wäsche
+besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu seiner Beerdigung ein
+reines Hemd geben. Es war klar, daß er unmöglich allein so hätte leben
+können, und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt haben
+mußte. In der Schublade des Tisches fand man seinen Paß. Der Verstorbene
+war Ausländer von Geburt, aber russischer Untertan und hieß Jeremias
+Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei
+Bücher; ein kleines Handbuch der Geographie und das neue Testament in
+russischer Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter waren mit
+Strichzeichen und Nägelspuren versehen. Diese Bücher erwarb ich mir
+später. Man befragte die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte
+etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr viele Einwohner,
+meistenteils Handwerker und Deutsche, die Zimmer mit Beköstigung und
+Bedienung vermieteten. Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr von dem
+Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung sechs Rubel monatlich Miete
+zahlte, im ganzen vier Monate in der Wohnung lebte und für die letzten
+zwei Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn hätte hinausweisen
+müssen. Man fragte, ob ihn jemand besucht habe? Doch niemand konnte auch
+darüber eine befriedigende Auskunft geben.
+
+„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als ob denn wenig Leute in
+ihm wohnten, ... alle seien doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der
+über fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas über den
+seltsamen Mieter hätte aussagen können, war gerade vor zwei Wochen in
+sein Heimatsdorf gefahren. Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte
+noch kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr genau, welches
+Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen ergab. Der Alte wurde
+wenigstens bald darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig
+nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, mußte ich laut
+auflachen: was anders konnte ich wohl in ihr vorfinden, als eine
+Fassadenreihe allergewöhnlichster Häuser? „Doch warum hatte der Alte
+sterbend von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ dachte ich bei
+mir. „War es etwa nur Fieberphantasie gewesen?“
+
+Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts an und sie gefiel mir. Ich
+mietete sie. Hauptsächlich des großen Zimmers wegen, wenn es auch so
+niedrig war, daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit dem
+Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für
+sechs Rubel monatlich hätte ich auch kein besseres Zimmer finden können.
+Eine eigene separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich mußte mich
+jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, denn ohne jegliche
+Bedienung kann man doch nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten
+Zeit einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste zu besorgen. „Wer
+weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt auch jemand, um nach dem Alten zu
+fragen!“ Übrigens waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, und
+noch hatte sich niemand sehen lassen.
+
+
+ II.
+
+Damals, vor einem Jahre, schrieb ich noch für mehrere Zeitungen Artikel
+verschiedener Art und glaubte fest daran, daß es mir einst gelingen
+würde, etwas Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich an
+einem großen Roman, doch das Ende von allem war – daß ich jetzt im
+Krankenhaus liege und wahrscheinlich bald sterben werde. Wenn ich aber
+sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen?
+
+Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte schwerste
+Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, alles Erlebte
+niederzuschreiben, um nicht aus Gram darüber zu sterben. All die
+empfangenen Eindrücke erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter
+der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, geordneteren Charakter
+annehmen, und weniger Hirngespinsten und Alpdrücken ähnlich sein. So
+hoffe ich wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung des
+Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es kühlt das erregte Blut, es
+weckt in mir frühere schriftstellerische Gewohnheiten und meine
+Erinnerungen und krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit
+umgesetzt, verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit dem Papier kann
+man im Krankenhause die Doppelfenster zum Winter bekleben! ...
+
+Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. Um alles zu
+erzählen, muß man von Anfang beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja
+meine Autobiographie ganz kurz sein.
+
+Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier entfernt, im
+Gouvernement X. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern brave Leute gewesen
+sind, nur verwaiste ich schon in frühester Kindheit und wuchs im Hause
+Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines kleinen Gutsbesitzers, der
+mich aus Mitleid aufgenommen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine
+Tochter, Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen wie
+Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, wenn man mit 25 Jahren nur
+an dich allein mit Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am Himmel
+leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht die Sonne Petersburgs.
+Mutwillig und fröhlich schlugen unsere kleinen Herzen. Um uns herum
+lagen Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine lastete auf uns,
+wie jetzt. Wie herrlich der Garten und der Park von Wassiljewskoje
+waren! Nikolai Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In diesem
+Garten spielten ich und Natascha, und hinter ihm lag ein großer,
+feuchter Wald, in dem wir uns einmal als Kinder verirrten ... Goldene
+schöne Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, und es war
+so süß, es kennen zu lernen. Damals, als hinter jedem Strauch und jedem
+Baum etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt
+sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der tiefen Ebene ballte sich der
+Abendnebel zu grauen gewundenen Bändern, die sich an die Sträucher
+unseres großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich standen am
+Flußufer, hielten uns beide die Hände und sahen mit ängstlicher Neugier
+in die tiefe Ferne. Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das
+aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns rufen und die
+Erzählungen der Njänjä[1] wahr machen würde. Einmal in späteren Jahren
+erinnerte ich Natascha daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte und
+wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten alten Ahorn am
+Teich liefen, um das Zaubermärchen „Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch
+jetzt kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken und noch
+vor einem Jahr zitierte ich Natascha die ersten Zeilen mit Tränen in den
+Augen: „Alfons, der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; Don
+Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl Natascha etwas sonderbar
+vorgekommen sein in meiner Begeisterung, denn sie lächelte so
+eigentümlich. Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort
+selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere mich noch dessen.
+Ein Wort gab das andere, sie selbst begeisterte sich dafür, wir
+erzählten uns alles, was wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher
+Abend ... Und als man mich in die Gouvernementsstadt in Pension gab ...
+Gott, wie sie damals weinte! ... Und unsere letzte Trennung, als ich
+Wassiljewskoje auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium beendet und
+begab mich nach Petersburg, um mich zur Universität vorzubereiten. Ich
+war siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha sagt, daß
+ich damals ein so hoch aufgeschossener und linkischer Jüngling war, den
+man ohne zu lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied wollte ich
+ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die Zunge war steif und klebte
+wie am Gaumen. Unser Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr
+sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich
+weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, ohne etwas gesagt zu haben. Wir
+sahen uns erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das war vor
+zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines Prozesses wegen hierher
+gekommen war und ich meine literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte.
+
+
+ III.
+
+Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff stammte aus einer guten Familie, die
+jedoch längst verarmt war. Übrigens hatten ihm seine Eltern noch eine
+ganz schöne Besitzung mit hundertfünfzig Seelen hinterlassen. Mit
+zwanzig Jahren ging er zu den Husaren. Alles lief gut ab, bis er im
+sechsten Jahre seines Dienstes, an einem verhängnisvollen Abend sein
+ganzes Vermögen verspielte. Er schlief die ganze Nacht nicht. Am
+nächsten Abend erschien er wieder am Spieltisch und setzte das Letzte
+ein, was er besaß, – sein Pferd. Die Karte gewann, die zweite, die
+dritte und in einer halben Stunde hatte er eines seiner Dörfer, –
+Ichmenjeffka mit fünfzig Seelen, wie es sich bei der letzten Revision
+ergab – zurückgewonnen. Die hundert Seelen waren auf immer verloren. Am
+nächsten Tage reichte er seinen Abschied ein, nach zwei Monaten verließ
+er den Dienst im Range eines Leutnants und begab sich auf sein Gütchen.
+Von diesem Spielverlust hat er in seinem Leben niemals mehr gesprochen
+und hätte, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, mit jedem gebrochen, der es
+gewagt hätte, ihn daran zu erinnern. Auf dem Gute beschäftigte er sich
+fleißig mit der Wirtschaft und als er fünfunddreißig Jahre alt war,
+verheiratete er sich mit einer armen Adeligen, Anna Andrejewna
+Schumilowa, die ihm nichts mitbrachte, die aber in einem Adelspensionat
+bei einer Emigrantin, einer Mont-Revèche, erzogen worden war, obgleich
+niemand hätte sagen können, worin diese gute Erziehung bestanden.
+Nikolai Ssergejewitsch wurde ein vorzüglicher Landwirt. Die benachbarten
+Gutsbesitzer kamen zu ihm, um bei ihm zu lernen. Es vergingen einige
+Jahre, als plötzlich auf dem benachbarten Gut Wassiljewskoje, ein Gut,
+das neunhundert Seelen zählte, aus Petersburg der Besitzer desselben,
+Fürst Peter Alexandrowitsch Walkowskij, auftauchte. Seine Ankunft machte
+in der ganzen Gegend viel von sich reden. Der Fürst war noch ein Mann in
+den besten Jahren, wenn auch nicht mehr ganz jung, von hohem Rang und
+bedeutenden Verbindungen, ein schöner Mensch mit großem Vermögen, und
+dazu Witwer, was die Damen und jungen Mädchen der ganzen Umgegend
+ungemein interessierte. Man erzählte sich von dem glänzenden Empfang,
+den ihm der Gouverneur in der Gouvernementshauptstadt, mit dem er
+weitläufig verwandt war, bereitet und wie alle Damen durch seine
+Liebenswürdigkeit den Verstand verloren usw. usw. Kurz, er war einer der
+glänzendsten Vertreter der hohen Petersburger Gesellschaft, die selten
+in der Provinz erscheinen, aber wenn sie erscheinen, riesigen Effekt
+machen. Indessen gehörte der Fürst nicht zu den liebenswürdigen
+Menschen: das zeigte sich besonders denen gegenüber, deren er nicht
+bedurfte, oder die seiner Meinung nach unter ihm standen. Er hielt es
+auch nicht für nötig, seinen Gutsnachbarn einen Besuch zu machen, und
+erwarb sich dadurch viele Feinde. Alle waren deshalb sehr erstaunt, als
+es dem Fürsten plötzlich einfiel, Nikolai Ssergejewitsch einen Besuch
+abzustatten. Freilich war Nikolai Ssergejewitsch einer seiner nächsten
+Nachbarn. Auf die Familie Ichmenjeff machte der Fürst einen großen
+Eindruck, er entzückte sie alle beide, insbesondere Anna Andrejewna. In
+kurzer Zeit wurden sie die besten Bekannten, er kam alle Tage zu ihnen
+und lud sie zu sich ein, erheiterte sie, erzählte ihnen Anekdoten,
+spielte ihnen auf ihrem schlechten Klavier vor, sang ... Ichmenjeffs
+konnten sich nicht genug wundern, wie man von einem so lieben, guten
+Menschen hätte sagen können, daß er ein stolzer, zurückhaltender
+trockener Egoist sei – was alle Nachbarn von ihm einstimmig behaupteten!
+Man hätte annehmen müssen, daß der Fürst wirklich an Nikolai
+Ssergejewitsch, diesem einfachen, offenen und edlen Menschen, Gefallen
+gefunden hatte. Übrigens klärte sich das alles bald auf. Der Fürst war
+nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter zu entlassen, einen
+Deutschen und Landwirt von großem Selbstbewußtsein, einen Mann, schon
+ergraut und mit Brillen auf der gebogenen Nase, der jedoch bei allen
+seinen Vorzügen den Fürsten gottverboten bestohlen und einige Bauern
+fast zu Tode geprügelt hatte. Iwan Karlowitsch war denn auch endlich auf
+seiner Unehrlichkeit ertappt worden, sprach sehr beleidigt von der
+deutschen Ehrlichkeit, mußte jedoch ungeachtet dessen das Gut in etwas
+entehrender Weise verlassen. Der Fürst hatte jetzt einen Verwalter
+nötig, und seine Wahl fiel auf Nikolai Ssergejewitsch, einen
+ausgezeichneten Landwirt und ehrlichen Menschen, woran niemand
+gezweifelt hätte. Der Fürst hätte es nur sehr gewünscht, daß Nikolai
+Ssergejewitsch sich ihm selbst zum Verwalter angeboten. Doch das geschah
+nicht, und der Fürst machte ihm eines Tages von sich aus den Vorschlag,
+in Form einer freundschaftlich ergebenen Bitte. Ichmenjeff selbst gab
+zuerst eine abschlägige Antwort. Doch Anna Andrejewna schien das hohe
+Gehalt verlockend, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Fürsten
+zerstreute alle übrigen Bedenken. Der Fürst hatte sein Ziel erreicht. Er
+war außerdem ein großer Menschenkenner. Während der kurzen Zeit seiner
+Bekanntschaft mit Ichmenjeff hatte er sofort erraten, mit wem er es zu
+tun hatte, und wußte, daß man Ichmenjeffs nur auf herzliche und
+freundschaftliche Weise dazu bewegen konnte, und daß mit Geld bei ihnen
+nichts zu erreichen war. Außerdem hatte er einen Verwalter nötig, dem er
+blindlings vertrauen konnte, da er nicht die Absicht hatte, jemals
+wieder nach Wassiljewskoje zu kommen. Das Vertrauen von Ichmenjeffs zu
+ihm war so stark, daß sie niemals an seiner Freundschaft zu ihnen
+gezweifelt hätten. Nikolai Ssergejewitsch gehörte zu diesen guten und
+naiv-romantischen Leuten, die bei uns in Rußland so liebens- und
+achtenswert sind, was man auch sonst von ihnen sagen mag, und die, wenn
+sie einmal jemand gern haben (und Gott weiß wofür), sich ihm mit ihrer
+ganzen Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit oft geradezu komisch
+wirkt.
+
+Es vergingen mehrere Jahre. Das Gut des Fürsten blühte. Die Beziehungen
+zwischen dem Besitzer und dem Verwalter des Gutes waren ungetrübte,
+beschränkten sich jedoch auf eine trockene, geschäftliche Korrespondenz.
+Der Fürst mischte sich in die Obliegenheiten Nikolai Ssergejewitschs
+nicht ein, erteilte ihm nur hin und wieder einen Rat, der durch seinen
+praktischen Wert und die Sachlichkeit Ichmenjeff in Erstaunen setzte.
+Man sah daraus, daß der Fürst kein Freund von unnützen Ausgaben war,
+sondern zu sparen verstand. In Verlauf von fünf Jahren schickte er
+Nikolai Ssergejewitsch die Bevollmächtigung zum Ankauf eines anderen
+schönen und in demselben Gouvernement gelegenen Gutes von vierhundert
+Seelen. Nikolai Ssergejewitsch war ganz begeistert. Die Erfolge des
+Fürsten, seine Rangerhöhung, seine Laufbahn, nahm er sich so zu Herzen,
+als handelte es sich um seinen leiblichen Bruder. Seine Begeisterung
+überstieg jedoch alle Grenzen, als der Fürst ihm in einer besonderen
+Angelegenheit wirklich ein Zeichen seines außerordentlichen Vertrauens
+gab. Es geschah das folgendermaßen ... Übrigens muß ich hier einige
+besondere Einzelheiten aus dem Leben des Fürsten Walkowskij erwähnen,
+der ja doch zum Teil zu den Hauptpersonen meiner Erzählung gehört.
+
+
+ IV.
+
+Ich erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. Er hatte sehr jung
+geheiratet, und zwar – nur des Geldes willen. Von seinen Eltern, die
+sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als gar
+nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über und über verschuldet. Der
+zweiundzwanzigjährige Fürst war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau
+einzutreten, weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen
+Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. Der Kaufmann betrog
+ihn natürlich bei der Mitgift, doch konnte er immerhin mit dem Gelde
+seiner Frau das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. Die
+Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand weder zu lesen noch zu
+schreiben und konnte beim Sprechen kaum zwei Worte miteinander
+verbinden; außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen
+Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der Fürst nützte diesen
+Vorzug auch vollkommen aus; nach dem ersten Jahre der Ehe, als seine
+Frau ihm einen Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und
+siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er durch die
+Protektion eines hohen Petersburger Verwandten einen bedeutenden Posten
+erhielt. Seine Seele dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden
+Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner Frau weder in
+Petersburg noch in Moskau leben konnte, so beschloß er, in Erwartung
+eines Besseren, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte
+sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin durch Mißhandlungen
+fast zu Tode gequält hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai
+Ssergejewitschs und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er solcher
+rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt.
+
+Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, und ihr verwitweter
+Gemahl siedelte jetzt sofort nach Petersburg über. Hier machte er von
+sich reden. Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften begabt,
+geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, trat er hier nicht als
+armer Glückssucher auf, sondern als eine blendende Erscheinung. Man
+erzählte sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein unwiderstehlicher
+Zauber von ihm ausging. Er gefiel den Frauen außerordentlich, und ein
+Abenteuer mit einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte ihm denn
+auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. Ungeachtet seiner angeborenen
+Sparsamkeit warf er mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, ohne
+eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war er nach Petersburg
+gekommen, um sich zu vergnügen: ihm war es darum zu tun, seine Karriere
+zu einem glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. Ein hoher
+Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine Aufmerksamkeit nicht geschenkt
+hätte, wäre er als gewöhnlicher Bittender zu ihm gekommen, hielt es,
+entzückt durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, für nötig,
+dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In die
+Zeit fiel die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine
+Bekanntschaft mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des Grafen erhielt er
+dann eine bedeutende Stellung an einer der wichtigsten Gesandtschaften
+und begab sich ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis zu uns
+in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen Konflikt im Auslande,
+doch konnte niemand sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur
+der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem ich bereits erzählt
+habe. Nach mehreren Jahren kehrte er dann mit erhöhtem Rang aus dem
+Auslande zurück und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in
+Petersburg. In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, daß er sich
+zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, und zwar mit einer Tochter
+aus bedeutendem alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich,
+außer sich vor Vergnügen, die Hände.
+
+Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität und erinnere
+mich noch, daß Ichmenjeff sich mit der Bitte an mich wandte,
+Erkundigungen über die Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch
+an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion für mich gebeten,
+doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein
+Sohn, der zuerst beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum besuchte,
+im Alter von neunzehn Jahren sein erstes Examen machte. Ich teilte dies
+Ichmenjeff mit und fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe,
+sehr verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. Ich hatte es
+von anderen Studenten, meinen Kameraden erfahren, die den jungen Fürsten
+kannten. Um diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen
+Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich verwunderte ...
+
+Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, in seinen
+Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch nur auf eine trockene
+Geschäftskorrespondenz beschränkte, schrieb ihm jetzt plötzlich in
+ausführlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine
+Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen Sohn, wie sehr dieser
+ihm durch seine schlechte Aufführung Sorgen mache ... Freilich müsse man
+die Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er bemühte sich
+offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe er beschlossen, seinen Sohn
+dafür zu strafen und ihn auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu
+schicken. Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, edlen
+Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen aber auf Anna
+Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen in die Familie aufzunehmen,
+ihn in der Einsamkeit zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu
+lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und
+„ihm heilsame, strenge, im menschlichen Leben so notwendige Gesetze“
+einzuflößen. Es versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem
+Ernst und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge Fürst erschien
+und wurde wie ihr eigener Sohn von ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit
+gewann ihn Nikolai Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha;
+auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, gedachte der alte
+Ichmenjeff mit besonderer Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war,
+den Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der Tat ein
+reizender Jüngling: schön, schwach und nervös wie eine Frau, doch
+harmlos und gutmütig, liebenswürdig und hochherzig, – so wurde er der
+Abgott des ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war er noch
+ein vollständiges Kind. Man konnte es gar nicht begreifen, warum der
+Vater ihn fortgeschickt hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so
+sehr liebte. Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr
+leichtsinnig aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts habe
+beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt hätte. Nikolai
+Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht weiter darüber aus, da der Fürst
+selbst ihm den wahren Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte
+um von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer Dame, von einer
+Herausforderung zum Duell, von einem kolossalen Spielverlust, das
+Gerücht ging sogar so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld
+unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der Fürst seinen Sohn nur
+aus egoistischen Gründen entfernt habe. Die letzte Behauptung empörte
+besonders Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der seinen
+Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für ihn schwärmte, ihn
+liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar war er ganz unter seinem
+Einfluß. Aljoscha plauderte zuweilen auch von einer Gräfin, die sie
+beide, Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha,
+bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen wäre. Er erzählte
+des öfteren davon in kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem Lachen;
+doch Nikolai Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen.
+Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn verheiraten
+wollte.
+
+Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, schrieb von Zeit zu Zeit
+dem Vater vernünftige und respektvolle Briefe und hatte sich in
+Wassiljewskoje so gut eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf
+das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) der Verbannte
+den Vater selbst bat, ihn noch einige Zeit in Wassiljewskoje zu lassen,
+da das Landleben, wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre.
+Alle Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer
+außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus seinem feurigen Herzen,
+aus einer Leichtsinnigkeit, die bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus
+der Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher
+Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen verhielt sich
+sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte
+nur mit Mühe seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst Pjotr
+Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. Er war plötzlich
+besonders kleinlich in seinem Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch
+geworden; bei der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch,
+habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute Nikolai
+Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu Herzen und bemühte sich,
+selbst nicht daran zu glauben. Dieses Mal wickelte sich der Besuch in
+umgekehrter Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte der
+Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam
+er nie und behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und plötzlich geschah
+etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen Grund kam es zu einem
+vollständigen Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch.
+Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, hatte man beiden
+hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort Wassiljewskoje, doch war die
+Geschichte damit noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte man
+sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, Nikolai
+Ssergejewitsch habe den Charakter und die Fehler des jungen Fürsten zu
+seinen Gunsten auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die
+damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen Junker in sich
+verliebt gemacht, und beide, der Vater wie die Mutter förderten diese
+Liebe, indem sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor
+allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha diesen noch ganz
+jungen Menschen das ganze Jahr über, durch ihre Bemühungen, der
+Bekanntschaft aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter
+Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß zwischen den
+Liebenden die Trauung im Dorfe Grigorjeff, fünfzehn Werst von
+Wassiljewskoje entfernt, heimlich schon verabredet worden sei, und daß
+die Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt hätten.
+Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht zu fassen vermocht, was die
+Gouvernementsklatschbasen beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser
+Geschichte sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, daß der Fürst
+ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich infolge eines anonymen
+Briefes aus der Provinz nach Wassiljewskoje gekommen war.
+Selbstverständlich hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch wirklich
+kannte, diesen Geschichten Glauben schenken können, doch statt dessen,
+wie das so zu geschehen pflegt, ereiferten sie sich alle, schüttelten
+die Köpfe und ... verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff
+war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen Klatschbasen zu
+rechtfertigen und befahl auch strengstens Anna Andrejewna, sich den
+Nachbarn gegenüber in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst,
+die vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein Wort von
+diesen Klatschereien. Man verheimlichte vor ihr die ganze Geschichte und
+so blieb sie heiter und unschuldig, wie ein Kind.
+
+Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und mehr zu. Diensteifrige
+Geister ruhten nicht und brachten es so weit, den Fürsten davon zu
+überzeugen, daß die langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs
+durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und nicht genug: vor
+drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch beim Verkauf eines Wäldchens
+zwölftausend Rubel für sich behalten haben, was durch die allerklarsten
+Beweise vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er zum
+Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht des Fürsten besaß,
+sondern dabei aus eigener Initiative gehandelt hätte, um dann erst
+hinterher den Fürsten von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen
+und ihm eine geringere Summe als die für das Wäldchen erhaltene
+einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen entbehrten selbstverständlich
+jeglicher Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch
+nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt und in
+Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch einen Dieb genannt.
+Ichmenjeff brauste auf und schleuderte ihm eine gleich kräftige
+Beleidigung zurück. Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem
+Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden
+schriftlichen Beweise hatte, und was die Hauptsache war, keine
+Protektion und keine Erfahrung in Gerichtssachen besaß, verlor den
+Prozeß sofort, in der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. Der
+erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte nach Petersburg
+über, um für seine Sache persönlich zu wirken. Sein Gut überließ er
+einem Sachverständigen. Dem Fürsten freilich schien es bald klar
+geworden zu sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch waren
+beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von einem friedlichen
+Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte und der erbitterte Fürst auch
+seinerseits alles tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das
+heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot zu nehmen.
+
+
+ V.
+
+So waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt.
+
+Über mein Wiedersehen mit Natascha will ich mich weiter nicht
+verbreiten. Ich hatte sie in diesen vier langen Jahren nicht vergessen,
+im Gegenteil, ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich mir
+selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche Gefühl, mit dem
+ich an sie zurückdachte; als wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich,
+daß das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der ersten Zeit schien
+es mir, daß sie sich in diesen Jahren wenig entwickelt habe, ich dachte,
+sie sei dasselbe kleine Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte.
+Dann aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr zu entdecken,
+etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, das gleichsam absichtlich vor
+mir verborgen worden war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken
+– ... und welch eine Wonne dieses Entdecken war!
+
+Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft sehr übel gelaunt und
+dementsprechend reizbar. Seine Sache stand ziemlich schlecht, und da
+ärgerte er sich denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm etwas
+ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen Tag mit seinen Akten und
+Geschäftspapieren und hatte überhaupt wenig Sinn für uns. Anna
+Andrejewna dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen
+Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. Petersburg
+ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete sich, weinte und sehnte sich
+nach ihrem früheren Leben in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen
+Natascha Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so gar keine
+Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher Offenherzigkeit
+ihr ganzes Herz mir aus, freilich nur deshalb gerade mir, weil sie sonst
+niemanden hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter
+gewesen wäre.
+
+In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft in Petersburg,
+hatte ich meinen ersten Roman beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich
+meine Laufbahn begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich nicht, wo
+ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs ließ ich jedoch kein Wort
+davon verlauten; sie aber waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein
+müßiges Leben führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst wo
+eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb mitunter sogar
+bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich nur seine väterliche
+Zuneigung zu mir bewog. Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen,
+womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen auch so offen sagen
+sollen, daß ich überhaupt nicht in Staatsdienst treten, sondern
+Schriftsteller werden wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie
+inzwischen noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände keine
+Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um eine solche bemühte. Der
+Alte hatte keine Zeit, mein Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne
+mich noch, wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches
+Gespräch zwischen ihm und mir angehört hatte, heimlich einen Wink gab,
+ihr ins Nebenzimmer zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen
+beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie sie mich ins Verhör
+nahm: sie wollte wissen, was ich treibe. Und als ich auch ihr nichts von
+meiner Schriftstellerei mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich
+mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und mich zugrunde
+richten würde. Doch wenn ich ihr auch nicht gestand, was ich trieb, so
+hätte ich doch – dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken,
+selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten
+Literaturkenner über meinen Roman hingegeben für ein einziges
+aufmunterndes Wort von ihr. Eines Tages war dann das Buch endlich
+erschienen. Schon lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen
+viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. hatte sich wie ein
+Kind gefreut, als er mein Manuskript gelesen. Nein! wenn ich jemals
+glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten
+berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern damals, als
+ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte:
+in jenen langen Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung,
+zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen Liebe zur
+Arbeit, als ich mich mit meinen Phantasiegebilden, mit den Menschen, die
+ich geschaffen, so eingelebt hatte, als wären es lebende, als wären es
+wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie von ganzer Seele, ich teilte
+ihr Leid wie ich ihre Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige
+Tränen über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr sich die
+Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich kaum beschreiben, obschon
+sie die Tatsache zuerst vor lauter Verwunderung gar nicht so recht
+fassen konnten: sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna wollte
+zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue von allen gerühmte
+Schriftsteller – dieser selbe Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie
+schüttelte nur in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht so
+bald, sprach langes und breites von verpfuschter Karriere im
+Staatsdienst, sprach auch von dem nicht einwandfreien Lebenswandel der
+Schriftsteller im allgemeinen. Doch die immer wieder auftauchenden neuen
+Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, die Besprechungen in den
+Tageszeitungen und schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender
+Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs Wort glaubte,
+zwangen ihn mit der Zeit doch, seine Auffassung von der Sache zu ändern.
+Als er dann gar sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr,
+wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen konnte, da schwanden
+auch seine letzten Zweifel und Bedenken. Als er aber einmal die Zweifel
+hatte fahren lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten Glauben
+überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. Wie ein Kind freute er
+sich über mein Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume,
+indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die Zügel schießen ließ. An
+jedem Tage, den Gott werden ließ, dachte er sich etwas Neues aus,
+schmiedete er neue Pläne für mich – und was das für Pläne waren! Er
+begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung zu bezeugen, was er bis dahin
+natürlich nicht getan hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder
+ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er mitten im begeisterten
+Phantasieren inne hielt und mit sich selbst nicht recht im klaren war.
+
+„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! ’s ist doch sonderbar
+... Wann sind denn die Dichter große Männer gewesen, werden sie je
+Exzellenz? Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, so
+’n unzuverlässiges Volk!“
+
+Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden Gedanken, die so
+kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich in der Dämmerung, die für ihn
+überhaupt eine gefährliche Stunde zu sein schien: er wurde dann
+eigentümlich nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, wie gut ich mich
+noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha und ich, wir kannten seine
+Schwächen und lächelten im stillen. Ich erzählte ihm literarische
+Anekdoten, erzählte, wie Dershawin[2] eine Schnupftabaksdose mit
+Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich Lomonossoff[3] besucht
+hatte; erzählte zum Schluß auch noch von Puschkin und Gogol.
+
+„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist ja sehr gut und sehr
+schön, aber ...“ versetzte der Alte, der diese Geschichten vielleicht
+zum erstenmal hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich bin doch
+froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen ist. Verse, weißt du,
+Freund, die sind doch barer Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das
+kannst du mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein Bestes.
+Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten –
+die können noch Verse schmieden, denen kann man es noch allenfalls
+gestatten ... Aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut nur in
+die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, gewiß, Puschkin war ein Genie, das
+wird niemand bestreiten, doch davon reden wir nicht. Aber immerhin sind
+es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben hat, nichts weiter,
+so hm! – ephemerisch nennt man’s wohl ... Übrigens habe ich nur wenig
+von ihm gelesen ... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! Hier
+kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, gleichviel ... kann von der
+Liebe zum Vaterlande reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ...
+Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht auszudrücken,
+aber du begreifst auch so, was? Ich rede ja nur aus Liebe zu dir. Nun,
+nun, lies vor!“ schloß er plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit,
+als ich endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem Tee an den
+runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, was du dort
+zusammengeschrieben hast. Es wird ja soviel Aufhebens von dir gemacht!
+Jetzt werden auch wir es einmal zu hören bekommen.“
+
+Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit dem Vorlesen zu
+beginnen. Gerade an dem Tage war mein Roman im Druck erschienen, und
+nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu
+Ichmenjeffs geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen.
+
+Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich ihnen das Werk nicht
+früher, nicht aus dem Manuskript, das beim Verleger war, vorlesen
+gekonnt! Natascha hatte vor Ärger sogar geweint und mir bitter
+vorgeworfen, daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen würden
+als sie ... Doch da war nun endlich der große Augenblick gekommen. Wir
+saßen am Tisch. Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches
+Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht sitzen, wollte
+unerbittlich streng urteilen, und vor allem „sich selbst überzeugen“.
+Die Alte blickte gleichfalls ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu
+diesem Vortrag ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon längst
+bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha betrachtete, daß mir
+der Atem stockte und es mir vor den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr
+sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah als
+früher. Ja! Endlich war auch diese Zeit angebrochen, gerade im
+Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks,
+– alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es ihr nicht entgangen, daß
+ihr Alter mich ganz verdächtig zu loben begann und mich und seine
+Tochter oft mit so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie:
+ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder zum mindesten
+ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, auf dessen junger Brust Orden
+glänzten und der eine schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna
+liebte es nicht, Halbes zu wünschen.
+
+„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ dachte sie, „weshalb, wofür
+aber – das weiß niemand. Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber
+solch ein Schriftsteller?“
+
+
+ VI.
+
+Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach
+dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in
+Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er
+vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes
+mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches
+und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich
+um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder
+interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches
+geschrieben hätte ^à la^ Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so!
+... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger
+Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und
+alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein
+Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend
+ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte
+ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu
+drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf
+ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte
+keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah
+wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre
+eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch
+hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen
+aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig,
+bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem
+Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der
+Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen
+lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine
+einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er,
+„dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um
+uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser
+Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er
+noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch
+und mein Bruder ist.“
+
+Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die
+Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie
+erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren
+Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem
+Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus.
+
+„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte,
+doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar
+gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes
+Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle
+er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen.
+
+Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor
+gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie
+sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon
+soviel Aufsehens machen?“
+
+Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen
+kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran,
+„ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der
+nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen:
+
+„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist gut, sogar sehr gut! Hast
+uns überrascht, das muß ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich
+es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie hoch und
+erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum Beispiel die ‚Befreiung
+Moskaus‘ – dort auf dem Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, –
+nun, das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an der ersten
+Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie ein Adler emporschwingen
+muß, um es zu verstehen ... Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles
+viel einfacher, viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt es mir
+auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist wie ... wie vertrauter;
+als hätte ich das selbst alles erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn
+das schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht selber nicht.
+Aber weißt du, den Stil würde ich an deiner Stelle doch etwas schleifen;
+das Buch ist ja gut so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist
+eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, aber was! – jetzt ist es
+zu spät: ist schon gedruckt. Doch in der zweiten Auflage, ginge es da
+nicht? Was, Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und dann gibt
+es wieder Geld ... Hm!“
+
+„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, Iwan Petrowitsch?“ fragte
+mich Anna Andrejewna. „Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer
+noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man jetzt alles Geld
+zahlt!“
+
+„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er und seine Phantasie
+immer lebhafter wurden, „das ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch
+eine Laufbahn! Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es lesen. Du
+sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche Unterstützung und sei ins
+Ausland geschickt worden. Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest?
+Wie? Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu noch mehr
+geschrieben werden? Nun, dann schreib nur, Freund, schreib nur! Ruh dich
+noch nicht auf deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“
+
+Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, mit einer so gutmütigen
+Offenherzigkeit, daß ich mich nicht entschließen konnte, seiner
+Phantasie einen Dämpfer aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu.
+
+„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose übersandt ... Was!
+Man kann eben auf verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen.
+Vielleicht will man dir behilflich sein ... Wer weiß, vielleicht wirst
+du sogar bei Hofe empfangen werden?“ fragte er fast flüsternd und sah
+mich dabei bedeutsam an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht?
+Dazu ist’s wohl noch zu früh?“
+
+„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte Anna Andrejewna, wie es
+schien, für den Hof fast gekränkt.
+
+„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ versetzte ich
+von Herzen lachend.
+
+Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut gelaunt.
+
+„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte Natascha schelmisch vom
+Eßtische her. Dann lachte sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn
+krampfhaft.
+
+„Du guter, lieber Papa!“
+
+Der Alte war ganz gerührt.
+
+„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur so. General hin oder
+General her – aber gehen wir mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach
+du, Kleine, sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er
+zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange klopfte, was er gern
+bei jeder Gelegenheit tat. „Ich habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen,
+Wanjä ... Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum General
+ist es weit! – aber du bist doch immer eine bekannte Persönlichkeit: ein
+Verfasser.“
+
+„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“
+
+„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, dann meinethalben
+Schriftsteller, aber ich wollte nur sagen: zum Kammerherr wird er dafür,
+daß er einen Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; daran ist
+nicht zu denken; aber schließlich kann er auch so auf die Staffel
+kommen, zum Beispiel: kann irgend so etwas wie ein Attaché werden, wird
+vielleicht ins Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der
+Gesundheit, oder sonstwie – zur Vervollkommnung in der Wissenschaft etwa
+... dazu kann man ihn mit Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur
+in anständiger Weise geschehen, so, daß er auch wirklich etwas dafür
+leistet, für das Geld und die Ehrungen, nicht aber so irgendwie durch
+Protektion ...“
+
+„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ unterbrach
+ihn lachend Anna Andrejewna.
+
+„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen Orden an den Rock, denn
+sonst – was ist denn ein Attaché!“
+
+Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm.
+
+„Da macht sich der Racker wieder mal über mich lustig!“ rief der Alte
+lachend, während seine Augen liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren
+glänzender Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt ihr,
+jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, Kinderchen, das
+ist nun einmal mein alter Fehler ... Nun weißt du, Wanjä, es wundert
+mich doch: du bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn man
+dich so ansieht ...“
+
+„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“
+
+„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine ja nur, Wanjä, daß du
+eben ein Gesicht hast ... das heißt so, so ... eben gar kein poetisches
+... So, weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie seien so bleich,
+die Dichter, so – na ja, mit solchem Haar und in den Augen so was ...
+Na, du weißt schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen ...
+ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen ... Wie? Was? Habe ich
+wieder was Falsches gesagt? Da hat der Racker wieder gut lachen über
+mich! Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein Gelehrter, ich
+verstehe nur zu – zu fühlen. Na, Gesicht hin, Gesicht her – was ist
+schließlich an solch einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein
+Gesicht schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... Das war es
+nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei du immer ehrlich, Wanjä, sei ein
+Ehrenmann, das ist die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das
+glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor dir liegt ein breiter
+Weg. Diene ehrlich deiner Sache; sieh, nur das wollte ich dir sagen,
+gerade dieses eine wollte ich dir nur sagen!“
+
+Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, alle Abende verbrachte ich
+bei ihnen. Dem Alten erzählte ich Neues aus der literarischen Welt und
+von der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht warum, sehr
+zu interessieren begann; er las sogar die kritischen Abhandlungen B.s,
+von denen ich ihm viel erzählt hatte und die er doch fast überhaupt
+nicht verstand, nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung lobte,
+indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. Die Alte pflegte
+eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, aber es half doch nichts!
+Zwischen uns war schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha
+hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen flüsternd „Ja“
+gesagt. Dann hatten es die Alten erfahren, sich darüber beraten,
+nachgedacht; Anna Andrejewna hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt.
+Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich.
+
+„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, ist ja alles gut,“ sagte
+sie zu mir, „aber wenn der Erfolg ausbleibt – was dann? Wäre es nicht
+besser, wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“
+
+„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ entschied der Alte nach
+langem Nachdenken, „ich habe es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt
+und muß gestehen, daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... nun, was
+ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide seid ihr aber noch sehr jung und
+meine Anna Andrejewna hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, hast
+vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun gerade kein Genie, wie sie
+da anfangs über dich schrieben, sondern so, einfach ein Talent ... (ich
+habe heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar zu schlecht
+haben sie dich da behandelt; doch was ist denn das auch für eine
+Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das heißt noch kein Geld auf der Sparkasse
+haben, wenn man Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein
+Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut auf deinem Wege
+vorwärts – so sollst du sie haben; wenn nicht – so sage dir doch selbst
+... du bist ein anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“
+
+Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem Jahr:
+
+Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen Septembertage, kurz vor
+Abend war es, da erschien ich bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele
+und Körper und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – daß die
+beiden, als sie sahen in welchem Zustande ich mich befand, sehr
+erschrocken waren. Nicht etwa deshalb schwindelte mir der Kopf und
+quälte mich mein Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war und
+zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, – nicht deshalb
+weil meine literarische Tätigkeit mir keinen Ruhm gebracht und ich kein
+Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden und
+niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen nach Italien zu
+schicken; sondern deshalb, weil man in einem Jahr zehn Jahre durchleben
+konnte, und weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr durchlebt
+hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... Und ich erinnere mich, wie ich
+dasaß vor meinem Alten und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen
+den Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl daß Natascha käme?!
+Meine Kleidung war vertragen, mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht
+war bleich und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht einem
+Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte kein großer Genius, wie ihn
+damals der gute Nikolai Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah
+auf mich mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und dachte
+wohl bei sich:
+
+„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! Gott erhalte und
+beschütze uns davor!“
+
+„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ (Der Samowar kochte auf
+dem Tisch.) „Wie geht es Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie
+aus!“ Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme.
+
+Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir spricht, eine andere
+Sorge auf dem Herzen, die auch ihrem Manne am Herzen nagt, der über
+seiner stehengebliebenen Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich wußte,
+daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem Fürsten, der für sie
+keine günstige Wendung genommen, sehr beschäftigte, dazu kamen noch
+andere Unannehmlichkeiten, die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten
+erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen Geschichte
+gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, Ichmenjeffs
+aufzusuchen. Der Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen
+Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm ihn mit Freuden
+auf. Anna Andrejewna wurde an Wassiljewskoje erinnert und brach in
+Tränen aus. Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er seine
+Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai Ssergejewitsch
+wiederum, offen und anständig wie er war, wies alle Bedenken und
+Vorsichtsmaßregeln mit Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht
+daran denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es erführe, daß
+sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff sei und verachtete innerlich
+jeglichen unsinnigen Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch
+stark genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. Der junge Fürst
+erschien jetzt jeden Tag und erheiterte durch seine Gegenwart die Alten.
+Oft saß er bei ihnen bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der
+Vater. Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der Fürst
+schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher einen schrecklich
+beleidigenden Brief über dieses Thema und verbot dem Sohn endgültig den
+Besuch bei Ichmenjeffs. Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. Der
+Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. Wie! Seine unschuldige edle
+Natascha wagte man von neuem in diese schmutzige Geschichte zu
+verwickeln! Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen in
+schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles das, ohne irgend eine
+Genugtuung zu erhalten! In den ersten Tagen erkrankte er vor
+Verzweiflung und mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, die
+ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich ich krank und
+gequält in meiner Wohnung lag und drei Wochen lang bei ihnen nicht
+erschienen war. Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte es
+voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes auf der Welt noch
+viel mehr beunruhigen, ja quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr
+ich quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte aus meiner
+ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute aufhalten zu können. Und doch
+war ich nur deshalb zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu
+gezwungen, hinzugehen!
+
+„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, der Alte an
+mich, „bist du nicht krank gewesen? Warst lange nicht mehr hier? Ich
+wollte mich nach dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“
+
+Und er verfiel wieder in Nachdenken.
+
+„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich.
+
+„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf Minuten nachher. „Also
+nicht gesund! Habe ich dir damals nicht gesagt, dich gewarnt – du
+wolltest nicht hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, die hat
+doch immer im Dachstübchen gehungert und da wird sie auch sitzen
+bleiben. So ist’s!“
+
+Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber wäre er nicht selbst so
+tief in seinem Herzen verwundet gewesen, dann hätte er wohl nicht so
+hart von der hungernden Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher:
+seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen Augen lag eine
+quälende Frage, die zu beantworten er keine Kraft mehr zu haben schien.
+Er war zerstreut, unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau
+betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn heimlich den Kopf.
+Als er sich umwandte, machte sie mir ein Zeichen.
+
+„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Haus?“ fragte ich die
+besorgte Anna Andrejewna.
+
+„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, doch ganz, als fiele es
+ihr schwer, diese Frage zu beantworten. „Sie wird gleich kommen, um dich
+zu begrüßen. Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht zu sehen! Hat
+sie sich darum etwa so verändert, man weiß wirklich nicht, ist auch sie
+krank oder ist sie gesund! Gott mit ihr!“
+
+Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann.
+
+„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch kurz und
+abgebrochen ein, „sie ist gesund. Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man
+die Kinderschuhe auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen
+Mädchenlaunen klug werden?“
+
+„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna Andrejewna in gekränktem
+Tone die Bemerkung auf.
+
+Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch.
+
+„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen
+sein?“ dachte ich mit Schrecken.
+
+„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann er von neuem. „Schreibt
+B. immer noch seine Kritiken?“
+
+„Ja, er schreibt,“ antwortete ich.
+
+„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand abwinkend, „was sollen
+uns hier die Kritiken!“
+
+Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha.
+
+
+ VII.
+
+Sie hielt ihren Hut in der Hand und legte ihn auf das Klavier; darauf
+kam sie zu mir und reichte mir schweigend die Hand. Die Lippen zitterten
+leise: es schien, als hätte sie mir etwas sagen wollen, doch – sagte sie
+nichts.
+
+Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Erschrocken sah ich sie an.
+Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz krampfte
+sich zusammen, als ich diese bleichen Wangen, diese wie im Fieber
+zuckenden Lippen sah, und diese Augen, die unter den langen dunklen
+Wimpern in leidenschaftlicher Entschlossenheit loderten.
+
+Gott! wie war sie schön! Niemals, weder vorher, noch nachher, habe ich
+sie so gesehen wie an diesem verhängnisvollen Abend. War es wirklich
+dieselbe Natascha, dasselbe junge Mädchen, das noch vor einem Jahr, als
+sie meinem Roman zuhörte, mich mit ihren Augen verschlang und kaum zu
+atmen wagte. Und wie konnte sie damals fröhlich sein, wie scherzte und
+lachte sie damals mit ihrem Vater und mit mir beim Abendessen!
+
+Dumpfer Glockenklang ertönte zum Abendgottesdienst. Natascha fuhr
+zusammen; die Alten bekreuzten sich.
+
+„Du wolltest zum Abendgottesdienst gehen, Natascha, man läutet schon,“
+sagte Anna Andrejewna. „Gehe Nataschenka, gehe, das Heil ist nahe! Ja,
+gehe an die Luft, was sitzt du so eingeschlossen im Zimmer! Sieh, ganz
+bleich bist du!“
+
+„Ich ... gehe vielleicht ... heute nicht,“ sagte Natascha leise, fast
+flüsternd. „Ich ... fühle mich nicht wohl,“ fügte sie hinzu und
+erbleichte. Sie war weiß wie ein Tuch.
+
+„Besser, du gehst, Natascha, du hast doch die Absicht gehabt, zu gehen,
+brachtest deinen Hut mit. Bete zu Gott, Nataschenka, daß er dir
+Gesundheit verleihe ...“ beredete sie Anna Andrejewna und sah schüchtern
+ihre Tochter an, als fürchtete sie sich vor ihr.
+
+„Ja, ja, gehe, gehe an die frische Luft,“ fügte jetzt auch der Alte
+hinzu, der unruhig das Gesicht seiner Tochter betrachtete. „Die Mutter
+hat recht. Wanjä wird dich begleiten.“
+
+Mir schien, als glitt ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen. Sie
+ging ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf. Ihre Hände
+zitterten, alle ihre Bewegungen schienen ganz unbewußt – ganz als
+begriffe sie selbst nicht, was sie tat. Vater und Mutter beobachteten
+sie aufmerksam.
+
+„Lebt wohl!“ sagte sie kaum hörbar.
+
+„Mein Engel, wozu sich verabschieden, als wäre der Weg so weit! Sieh,
+daß du keinen Zug bekommst; gib acht, wie du bleich bist. Ach! Und ich
+habe vergessen (immer vergesse ich alles), ich habe ein kleines Amulett
+für dich, mein Engel, habe ein Gebet darin eingenäht. Eine Nonne aus
+Kiew hat es mich gelehrt, im vorigen Jahr. Es ist ein Gebet für alles;
+erst neulich habe ich es eingenäht. Nimm es, Natascha. Möge Gott dir
+Gesundheit schenken. Unser Einziges bist du.“
+
+Und die Alte kramte im Arbeitskästchen und zog das goldene Kreuzchen von
+Natascha hervor, an dessen Kettchen sie auch das Amulett gehangen.
+
+„Trage es zu deinem Glück!“ fügte sie hinzu, und hängte das Kreuz der
+Tochter um den Hals, sich und sie bekreuzigend. „Es gab eine Zeit, da
+bekreuzte ich dich jeden Abend zur Nacht und du sprachst dein Gebet.
+Doch jetzt bist du nicht mehr dieselbe und Gott schenkt dir keine Ruh.
+Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete können dir nicht
+helfen.“
+
+Und die Alte fing an zu weinen.
+
+Natascha küßte schweigend ihre Hand; wandte sich dann zur Tür; doch
+plötzlich kehrte sie um und ging schnell auf den Vater zu.
+
+„Väterchen, segne auch du ... deine Tochter!“ rief sie mit vor
+Schluchzen erstickter Stimme, und kniete vor ihm nieder.
+
+Vor diesem unerwarteten und feierlichen Kniefall standen wir ganz
+bestürzt da. Der Vater sah seine Tochter einen Augenblick wie verloren
+an.
+
+„Nataschenka, mein Kind, meine Tochter, mein Liebes, was ist mit dir?“
+rief er endlich aus und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen. „Was
+bedrückt dich? Warum weinst du Tag und Nacht? Ich weiß doch alles, ich
+schlafe die Nächte nicht und steh vor deiner Zimmertür und horche! ...
+Sage mir alles, Natascha, vertraue mir, deinem alten Vater und wir ...“
+
+Er brach ab, hob sie hoch und umarmte sie. Sie preßte sich krampfhaft an
+seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.
+
+„Nichts, nichts, das ist nur so ... ich bin nicht ganz wohl ...“
+bestätigte sie, schluchzend von verhaltenen Tränen.
+
+„Ja, segne dich Gott, wie ich dich segne, mein liebes, mein einziges
+Kind!“ sagte der Alte. „Er schenke Frieden deiner Seele und befreie dich
+von allem Kummer. Bete zu Gott, mein Kind, damit er mein sündhaft Gebet
+erhöre.“
+
+„Und meinen Segen, meinen Segen, über dich!“ fügte die Alte in Tränen
+aufgelöst hinzu.
+
+„Lebt wohl!“ flüsterte Natascha.
+
+An der Tür blieb sie noch einmal stehen, sah noch einmal auf beide,
+wollte noch etwas sagen, konnte jedoch nichts über die Lippen bringen
+und ging rasch aus dem Zimmer. Ich stürzte ihr nach, das Böse ahnend.
+
+
+ VIII.
+
+Sie ging schweigend, schnell, den Kopf gesenkt und sah nicht auf mich.
+Als wir die Straße durchschritten und zum Kai kamen, blieb sie stehen
+und ergriff meine Hand.
+
+„Es ist so schwül!“ flüsterte sie, „mein Herz ist so beengt ... so
+schwül ...“
+
+„Kehre um, Natascha!“ rief ich, außer mir.
+
+„Verstehst du denn wirklich nicht, Wanjä, daß ich auf _immer_ von ihnen
+gegangen bin und nie mehr zu ihnen zurückkehren werde?“ Und mit
+unaussprechlicher Trauer sah sie mich dabei an.
+
+Mein Herz erbebte. Das hatte ich alles vorausgefühlt, noch bevor ich zu
+ihnen ging, schon tagelang vorher, wie im Nebel ... und doch – trafen
+mich ihre Worte jetzt wie Donnerschläge.
+
+Wir gingen schweigend den Kai entlang. Ich konnte nichts sagen, nichts
+denken, mir schwindelte. Dieser Entschluß schien mir so unmöglich, so
+unsinnig!
+
+„Du verurteilst mich, Wanjä?“ sagte sie endlich.
+
+„Nein ... aber, ich kann es nicht glauben; das ist so unmöglich! ...“
+antwortete ich, mir kaum bewußt, was ich sagte.
+
+„Nein, Wanjä, es ist schon geschehen! Ich habe sie verlassen und ich
+weiß nicht, was aus ihnen werden wird ... ich weiß auch nicht, was aus
+mir werden wird!“
+
+„Du gehst zu ihm, Natascha?“
+
+„Ja!“ antwortete sie.
+
+„Das ist doch unmöglich!“ schrie ich außer mir ... „Weißt du denn nicht,
+daß es unmöglich ist, Natascha, du meine Arme. Das wäre ja Wahnsinn! Du
+tötest sie und dich zugleich! Weißt du denn das nicht, Natascha?“
+
+„Ich weiß es; doch, was soll ich tun, es ist nicht mein freier Wille,“
+und in ihrer Stimme klang eine Verzweiflung, als ginge sie zum Tode.
+
+„Kehre um, kehre um, solange es nicht zu spät ist,“ flehte ich sie an,
+und um so inständiger bat ich, je hartnäckiger sie schwieg, je mehr ich
+selbst die Nutzlosigkeit meines Flehens erkannte. „Begreifst du denn,
+Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du es dir auch überlegt? Sein
+Vater ist doch der Feind deines Vaters. Der Fürst hat doch deinen Vater
+erniedrigt und beleidigt, ihn des Diebstahls verdächtigt, er hat ihn
+einen Dieb genannt. Sie liegen beide im Prozeß miteinander ... Nun, das
+wäre noch nichts! Doch weißt du denn nicht, Natascha ... (o, mein Gott,
+du weißt doch alles! ...), weißt du denn nicht, daß der Fürst deinen
+Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie hätten selbst eine
+Annäherung zwischen dir und Aljoscha aus Berechnung gefördert, als
+Aljoscha in Wassiljewskoje euer Gast war? Bedenke doch, stelle es dir
+doch nur vor, wie sehr dein Vater unter diesen Verdächtigungen gelitten
+hat. Er ist ja in diesen zwei Jahren ergraut – sieh ihn dir doch an!
+Doch die Hauptsache: du weißt ja das alles, Natascha, gütiger Himmel!
+Ich will schon gar nicht davon reden, ob sie überwinden werden, dich auf
+immer zu verlieren! Du bist ja doch ihre einzige Freude, die ihnen für
+ihr Alter geblieben. Es lohnt sich ja gar nicht davon zu reden: das mußt
+du selbst wissen; sage dir doch, daß der Vater dich unschuldig
+verleumdet glaubt von diesen stolzen hochmütigen Menschen! Jetzt, gerade
+jetzt ist der alte Haß von neuem entbrannt, weil ihr Aljoscha bei euch
+empfangen habt. Der Fürst hat deinen Vater von neuem beleidigt, die
+Kränkung brennt noch jetzt im Herzen deiner Eltern, und plötzlich
+erscheinen jetzt alle Kränkungen gerechtfertigt! Alle, die von der Sache
+gehört haben, werden jetzt dem Fürsten recht und deinem Vater schuld
+geben. Was wird jetzt aus ihm werden? Es wird ihn niederschmettern!
+töten! Schmach und Schande – und durch wen? Durch dich, seine Tochter,
+sein einziges vergöttertes Kind! Und die Mutter? Die wird den Alten doch
+nicht überleben ... Natascha, Natascha! Was willst du tun? Kehre zurück!
+Besinne dich!“
+
+Sie schwieg; schließlich sah sie mich vorwurfsvoll an, mit einem Blick
+so voll bitteren Leides, daß ich begriff, was in ihrem Herzen vorgehen
+mußte. Ich begriff, was dieser Entschluß sie gekostet hatte, und daß ich
+mit meinen nutzlosen, verspäteten Vorwürfen sie nur quälen, ihr das Herz
+zerreißen konnte; ich begriff das alles sofort und doch konnte ich nicht
+an mich halten und sprach weiter:
+
+„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, du würdest _vielleicht_
+heute nicht aus dem Hause gehen ... also wolltest du bleiben, also
+hattest du dich noch nicht fest entschlossen?“
+
+Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte diese Frage auch? Ich
+hätte doch verstehen sollen, daß ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war.
+Doch auch ich war meiner selbst nicht mächtig.
+
+„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit unsäglichem Weh im
+Herzen und ohne eigentlich selbst zu begreifen, was ich sie fragte.
+
+„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du siehst doch: er hat mir
+befohlen, zu kommen, und da bin ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie,
+mit demselben bitteren Lächeln.
+
+„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann ich wieder, sie
+anzuflehen, das letzte versuchend, „alles das läßt sich doch noch auf
+eine andere Weise machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde dir
+sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde euch helfen, euch
+Zusammenkünfte vermitteln ... Nur aus dem Hause gehe nicht fort! Ich
+werde euren Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre leichter
+zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch beiden dienen, helfen, ihr
+werdet sehen, ich werde euch zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein
+Leben nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest dein Leben
+damit, Natascha, vollständig! Willige doch ein, Natascha, alles wird gut
+werden, ihr werdet euch lieben und glücklich sein ... Und wenn die
+Eltern aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) dann
+...“
+
+„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, drückte mir kräftig die
+Hand und lächelte unter Tränen. „Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger
+Mensch, du! Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, und
+dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an mein Glück. Unsere
+Briefe willst du ...“
+
+Sie fing an zu weinen.
+
+„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die ganze Zeit über hast du
+mir keinen Vorwurf gemacht, kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich
+... ich ... Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, weißt du
+noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, ich hätte _ihn_ niemals
+kennen gelernt! ... Wie gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten
+lieben Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! Siehst du, wie
+ich bin: dich in diesem Augenblick noch an unser früheres Glück zu
+erinnern! und du leidest schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du
+nicht zu uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch nicht einmal
+der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß du mir vielleicht fluchst, mich
+haßt. Ich wußte, warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören,
+kein lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, wenn du uns
+sahst. Und wie habe ich dich erwartet, wie habe ich dich erwartet,
+Wanjä! Höre mich, Wanjä, ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine
+Unsinnige, dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen Freund. Ich
+weiß es, daß ich ohne dich nicht leben kann, daß du mir nötig bist, dein
+Herz, deine goldene Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere
+Zeit jetzt anbricht!“
+
+Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich!
+
+„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen niederkämpfend.
+„Wie bist du abgemagert, wie bist du krank und bleich; du bist wirklich
+krank, Wanjä! Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer nur
+von mir gesprochen; wie steht es mit deinen Arbeiten? Geht es mit deinem
+neuen Roman gut vorwärts?“
+
+„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob es sich um mich handelte,
+Natascha! Ja, und meine Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen
+wollte, Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm kommst?“
+
+„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, doch ich selbst
+... Siehst du, Lieber, ich werde dir alles erzählen: man will ihn
+verheiraten mit einer reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem
+Geschlecht. Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, der Vater, du
+weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; er hat alles in Bewegung
+gesetzt; und einen solchen Zufall findet er in zehn Jahren nicht wieder.
+Verbindungen, Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, –
+gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu ihr hinzuneigen. Außerdem
+möchte der Vater ihn loswerden, um selbst wieder zu heiraten, und hat
+deshalb beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung zu
+lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha ...“
+
+„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, „um eure
+Liebe? Es war bis jetzt doch nur eine Verdächtigung von ihm.“
+
+„Er weiß, weiß alles.“
+
+„Wer hat es ihm denn gesagt?“
+
+„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst sagte es mir ...“
+
+„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er selbst hat alles erzählt
+und in diesem Augenblick ...?“
+
+„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich Natascha, „lache nicht
+über ihn! Man kann ihn nicht wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch
+gerecht. Er ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat ihn so
+erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste Eindruck, der erste fremde
+Einfluß, kann ihn von allem losreißen, woran er vor einem Augenblick
+gehangen, worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er kann dir
+schwören und noch am selben Tage einem andern, und als Erster kommt er,
+um es dir selbst zu erzählen. Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise
+nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er ist sogar einer
+Selbstaufopferung fähig und noch dazu welcher! Doch nur bis zum nächsten
+neuen Erlebnis: da vergißt er alles. _So wird er auch mich vergessen,
+wenn ich nicht immer um ihn bin!_ Siehst du, so ist er!“
+
+„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar nicht wahr. Doch, wie
+soll er, so ein Kind wie er ist, heiraten!“
+
+„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck dabei, sagte ich dir.“
+
+„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein soll, und daß sie ihn
+schon beeinflußt?“
+
+„Er hat es mir doch selbst gesagt.“
+
+„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere lieben kann, und
+verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“
+
+„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du kennst ihn zu wenig; man
+muß ihn besser kennen, um ihn beurteilen zu können. Es gibt kein
+aufrichtigeres, kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es denn
+besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß er jetzt für sie schwärmt!
+Wir brauchten uns nur eine Woche nicht zu sehen, und er würde mich
+vergessen haben, so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen
+Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! Sonst würde ich
+sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! Ich weiß, was ich tue: _wenn ich nicht
+immer bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden Augenblick, dann würde er
+aufhören, mich zu lieben, würde mich vergessen und verlassen_. Er ist
+schon einmal so, daß jede andere ihn beeinflussen kann. Und was wird
+dann mit mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! Ich wäre
+froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich aber ohne ihn leben? Das
+wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä!
+Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter verlassen! Rede
+nicht mehr davon; es ist schon geschehen! Er muß bei mir sein, jede
+Stunde, jeden Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß ich
+verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, Wanjä!“ schrie sie
+plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, „wenn er mich schon jetzt nicht
+mehr lieben sollte! Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur
+mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im Grund aber nur
+ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige ihn jetzt vor dir, er
+aber lacht vielleicht in diesem Augenblick mit einer anderen über mich
+... und ich, ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und suche
+ihn ... Ach, Wanjä!“
+
+Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor Wehmut zerspringen
+wollte. Ich begriff, daß Natascha alle Gewalt über sich verloren hatte.
+Nur eine unsinnige, blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen
+Entschlusse treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte auch in mir
+und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ein
+böses Gefühl kam über mich.
+
+„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines nicht: wie kannst
+du ihn lieben, nach all dem, was du soeben über ihn gesagt hast? Du
+achtest ihn nicht, du glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu
+ihm auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, um
+seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird dich dein ganzes Leben
+lang quälen und du – ihn auch. Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu
+sehr. Eine solche Liebe verstehe ich nicht.“
+
+„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie vor Schmerz
+erbleichend. „Ich habe dich niemals so geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch
+selbst, daß ich wahnsinnig bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß.
+Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: ich habe es schon
+früher gewußt, in meinen glücklichsten Augenblicken habe ich es
+vorausgefühlt, daß er mir nur Qualen bereiten wird. Doch was soll ich
+tun, wenn selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – Glück
+bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude zu erleben? Weiß ich denn
+nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet, und was ich durch ihn
+erleiden muß? Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein
+Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine Versprechungen, wenn
+ich auch weiß, daß er mich nicht belügt und mich niemals belügen kann.
+Ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. Für
+ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – ich gewiß nicht. Und doch
+bin ich glücklich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, und
+alles von ihm zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn
+sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in meiner Gegenwart,
+nur daß auch ich dabei bin ... Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“
+fragte sie mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden Augen
+mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, als phantasiere sie: „Wie
+niedrig solche Wünsche sind, nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und
+doch, wenn er mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt,
+wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. Und du beredest mich
+jetzt, zurückzukehren; was würde die Folge davon sein? Daß ich morgen
+wieder davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde kommen. Pfeifen
+wird er, und ich werde ihm folgen – wie ein Hündchen ... Qualen! Ich
+fürchte keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich _seinetwegen_ quäle
+... Ach, Worte geben das nicht wieder, Wanjä!“
+
+„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien sie ganz vergessen zu
+haben.
+
+„Er wird dich also heiraten, Natascha?“
+
+„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er hat mich ja heute
+darum zu sich gerufen, um sich morgen außerhalb der Stadt mit mir trauen
+zu lassen; er weiß doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch
+nicht, wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein Mann!
+Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber verheiratet, so wird er
+unglücklich sein, Vorwürfe machen ... Ich will nicht, daß er mir
+irgendwie einmal Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm geben, er
+aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn er nun durch die Heirat
+unglücklich wird, warum soll ich ihn – unglücklich machen?“
+
+„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du willst jetzt zu ihm
+gehen?“
+
+„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich abzuholen; wir
+verabredeten uns ...“
+
+Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war noch niemand zu
+sehen.
+
+„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ rief ich
+unwillig aus.
+
+Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. Ihr Gesicht war
+krampfhaft verzerrt.
+
+„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit bitterem Lächeln.
+„Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, daß er, wenn ich ihm nicht mein
+Wort geben könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben,
+sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater ihn zu einer anderen
+führen würde. Und so natürlich, so einfach hatte er das geschrieben, als
+läge darin wirklich gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren
+ist, Wanjä?“
+
+Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand und ihre Augen
+blitzten.
+
+„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Er hoffte, daß ich
+nicht kommen würde, um dann zu ihr zu fahren mit der Behauptung, er
+hätte mich vorher davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen.
+Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen ... Oh, Gott!
+Ich Wahnsinnige! Ich glaube, er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich
+ihn langweile ... Worauf warte ich noch?“
+
+„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am Kai erblickend.
+
+Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich nähernden Aljoscha
+erwartungsvoll entgegen, und plötzlich stürzte sie, meine Hand
+loslassend, auf ihn zu. Auch er beschleunigte seine Schritte und in
+einer Minute lagen sie sich in den Armen. Außer uns war niemand auf der
+Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte
+zugleich, als hätten sie sich nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre
+bleichen Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude ... Aljoscha
+bemerkte mich jetzt erst und ging sofort auf mich zu.
+
+
+ IX.
+
+Ich sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des öfteren gesehen; ich
+sah ihm tief in die Augen, als hätte sein Blick alle meine Zweifel lösen
+können, wodurch er dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige
+Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen jeglicher Pflicht,
+eine Liebe, der Natascha alles, was ihr bis jetzt heilig gewesen, zum
+Opfer bringen wollte. Der Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie
+kräftig und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in die
+Seele.
+
+Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind war – in meinem Urteil
+über ihn hatte irren können, denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch
+niemals lieben können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, die
+ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles nicht gewöhnen,
+besonders nicht an sein elegantes Äußeres, vielleicht weil es schon zu
+elegant und gesucht war.
+
+Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch beurteilt hatte.
+Er war hoch und schlank; sein Gesicht war von länglicher Form und immer
+bleich; er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die milde und
+nachdenklich in die Welt schauten und aus denen dann zuweilen eine
+kindliche Freude aufleuchtete. Seine vollen roten Lippen hatten einen
+wunderschönen Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam
+ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder war dann sein Lächeln,
+so naiv und gutherzig, daß man, in welcher Stimmung man sich auch
+befand, unwillkürlich mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand,
+genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie gesagt, sehr elegant,
+doch diese Eleganz kostete ihm keine Mühe, sie schien ihm angeboren.
+
+Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten und
+Angewohnheiten des guten Tones: Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und
+höfliche Grobheit. Doch war er offenherzig und sich seiner
+Angewohnheiten so bewußt, daß er sich selbst tadelte und über sie
+lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von Jüngling nicht einmal im
+Scherz hätte lügen können, und wenn er es je getan, so würde er sich
+gewiß nichts Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus war
+anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war und nichts zu
+verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig und schüchtern und
+hatte gar keine Willenskraft. Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre
+eine Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen und zu
+betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, vollständig naiv und
+unwissend und verstand nichts vom wirklichen Leben; übrigens würde er
+auch mit vierzig Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen
+sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es gab keinen
+Menschen, der ihn nicht liebte, er war zu jedem zärtlich wie ein Kind.
+Natascha hatte recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht zu
+handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, doch hätte er
+über die Folgen seiner Tat vor Reue sterben können. Natascha fühlte
+instinktiv, daß sie seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer
+sein würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, ihn sinnlos zu
+lieben, und denjenigen, den sie liebte, sinnlos zu quälen, nur weil sie
+ihn liebte – deshalb war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst
+zuerst zu opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, und er
+betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah sie mich an. In diesem
+Augenblick vergaß sie alles – die Eltern, den Abschied und jedes
+Mißtrauen ... In diesem Augenblick war sie glücklich.
+
+„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm und bin seiner nicht
+wert! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß
+meine schlechten Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“
+fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser Hingebung an.
+
+Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die Hand freizugeben, wandte
+er sich an mich.
+
+„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte ich Sie als meinen
+Bruder umarmen; sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis
+jetzt eigentlich fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ...
+verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme und etwas errötend
+mit seinem bezaubernden Lächeln hinzu, sodaß ich nicht anders konnte,
+als seinen Vorschlag von ganzem Herzen anzunehmen.
+
+„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, unser Bruder, er
+hat uns schon verziehen und ohne seine Freundschaft würden wir nicht
+glücklich sein. Ich habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder
+sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien leben ... Wanjä!“ fuhr sie
+fort und ihre Lippen zitterten ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen
+nach Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch nicht vergeben
+wollen, so werden sie sehen, daß du mir vergeben hast, und das wird sie
+weicher stimmen. Erzähle ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen
+kommenden Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen die Gründe
+meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. Weißt du, Wanjä, ich hätte
+mich vielleicht heute nicht dazu entschließen können, wenn du nicht
+gekommen wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich gedacht
+und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du würdest den ersten
+Schmerz mildern helfen. O, Gott! Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte
+es, daß sie mir nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen
+sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen und für sie beten.
+Mein Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle zusammen
+glücklich sein! Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ rief sie,
+sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen erschauernd schlug sie die
+Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha umarmte sie und drückte sie schweigend
+an sich. Wir schwiegen alle drei.
+
+„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ sagte ich zu ihm
+mit vorwurfsvollem Blick.
+
+„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich versichere Ihnen, daß
+alle Qualen, wenn sie auch jetzt sehr heftig sind – nicht von langer
+Dauer sein werden. Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur den
+Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, dasselbe hat auch sie
+mir gesagt. Sie wissen, daß dieser Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß
+an allem die Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt,
+versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein Ende nehmen. Wir werden
+uns alle wieder miteinander aussöhnen und vollständig glücklich sein.
+Wer weiß, vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur
+Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht anders sein kann.
+Was glauben Sie?“
+
+„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?“ fragte
+ich, auf Natascha blickend.
+
+„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen bestimmt. Sehen Sie, ich
+selbst weiß es noch nicht genau, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich
+auch noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt Natascha
+heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater noch durchaus zu meiner
+Braut führen (Sie wissen, man will mich verheiraten; Natascha hat es
+Ihnen doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf nichts
+Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns übermorgen trauen. Auf dem
+Wege nach Pskoff, nicht weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von
+mir, aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden ihn vielleicht
+noch kennen lernen. Im Dorfe wird es doch auch einen Geistlichen geben,
+bestimmt weiß ich es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach
+erkundigen sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im übrigen
+sind das doch alles Nebensachen. Man könnte im Notfalle aus einem
+Nachbardorfe einen Geistlichen holen; wie denken Sie darüber? Schade,
+daß ich meinem Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, man hätte
+ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist mein Freund noch nicht einmal
+anwesend. Das ist jedoch das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere
+wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen oder übermorgen wird
+sie bei mir bleiben. Ich habe eine Wohnung gemietet, in der wir leben
+werden. Ich werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht wahr
+Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe alles sehr nett
+eingerichtet. Meine Freunde werden mich besuchen; ich werde
+Gesellschaftsabende ...“
+
+Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte ich ihm zu. Natascha sah
+mich flehend an, ihn nicht allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen
+Erzählungen mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man einem lieben
+fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen Geplapper zuhört. Ich
+sah sie vorwurfsvoll an. Mir war unerträglich schwer zumut.
+
+„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, daß er Ihnen
+verzeihen wird?“
+
+„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? Das heißt, zuerst
+wird er mich natürlich verfluchen; davon bin ich überzeugt. Er ist schon
+einmal so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird er auch
+versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber zu gebrauchen ... Doch
+das ist nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich
+ärgern und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle aussöhnen und
+alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“
+
+„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch darüber nachgedacht?“
+
+„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht sofort. Nun, was tut
+es? Ich werde ihm zeigen, daß auch ich Charakter besitze. Er macht mir
+immer Vorwürfe, daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig sei.
+Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht? Verheiratet
+sein, ist keine Kleinigkeit. Ich bin kein Kind mehr ... das heißt, ich
+wollte sagen, daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich meine,
+wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir selbst mein Brot
+verdienen. Natascha sagt, daß es besser sei, so zu leben, als auf
+Rechnung anderer, wie wir alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes
+sie mir sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin nicht so
+aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. Freilich, ich weiß es
+selbst, daß ich leichtsinnig bin und zu nichts fähig; doch wissen Sie,
+vorvorgestern hatte ich einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich
+nicht gerade der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch möchte
+ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen Sie: ich möchte Romane
+schreiben und sie an Zeitungen verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie
+mir dabei helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern die
+ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, so zur Probe, und wissen Sie:
+es kann wirklich eine nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer
+Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen später davon erzählen.
+Die Hauptsache ist, daß man dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch
+Geld dafür!“
+
+Ich mußte lächeln.
+
+„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd.
+
+„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher Naivität hinzu,
+„beurteilen Sie mich nicht darnach, wie ich scheine; ich besitze viel
+Beobachtungsvermögen; Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es nicht
+versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch andererseits haben Sie
+recht; ich verstehe nichts vom wirklichen Leben; das hat mir Natascha
+auch gesagt, übrigens sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller
+werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, wirken Sie nur auf mich
+ein, und machen Sie mich nur besser als ich bin – Sie tun es ja für sie,
+Sie lieben sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer
+nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, ich weiß gar
+nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch – ich würde ihr mein ganzes
+Leben hingeben wollen! Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich
+nichts gefürchtet, doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! Sollte es
+einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht hingibt, wirklich an
+Geschick und Kraft fehlen, diese Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns
+doch, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns
+geblieben ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen Sie, daß
+ich mich so auf Sie verlasse, aber ich halte Sie für einen edlen
+Menschen und für besser als mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie
+überzeugt davon, und will Ihrer beider wert sein.“
+
+Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus seinen freundlichen Augen
+strahlte eine aufrichtige Hingabe. So vertrauensvoll reichte er mir die
+Hand, so überzeugt, daß ich sein Freund sei!
+
+„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er fort. „Denken Sie bitte
+nicht schlecht von uns, machen Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache
+mir viel Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir gewiß
+gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem Roman nicht gehen sollte
+(um die Wahrheit zu sagen, habe ich gleich, als ich davon sprach, bei
+mir gedacht, daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte es
+Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), wenn der Roman mir
+nicht gelingen sollte, so könnte ich im äußersten Fall Musikunterricht
+erteilen. Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich
+werde mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich schließe
+mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen an. Außerdem besitze ich
+viele Wertsachen, Bibelots, Toilettengegenstände: was sollen sie mir?
+Ich werde sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon leben!
+Schließlich kann ich im äußersten Falle immer noch als Beamter
+eintreten. Mein Vater wird sich sogar darüber freuen, er hat es schon
+längst gewünscht, ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu sein,
+davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, daß die Ehe mir Nutzen
+bringt, mich vernünftig macht, und ich wirklich in den Staatsdienst
+getreten bin ... so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“
+
+„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was zwischen Ihrem und
+Nataschas Vater daraus entstehen wird? Was, glauben Sie, was wird wohl
+heute abend in ihrem Hause geschehen?“
+
+Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. Ich war
+erbarmungslos.
+
+„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete er. „Ich habe
+schon daran gedacht und seelisch sehr darunter gelitten ... Doch was ist
+zu machen? – Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern uns
+vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide geliebt habe! Sie
+standen mir so nahe, als wären sie meine eigenen Eltern! – und womit
+zahle ich es ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie
+glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum streiten sie sich.
+Alle lieben wir uns gegenseitig, und streiten uns! Man sollte sich
+endlich aussöhnen und der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an
+ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, es ist
+schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! Ich habe es schon früher
+gesagt ... Du selbst hast darauf bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan
+Petrowitsch, es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir werden sie
+aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden unserer Liebe nicht
+widerstehen können ... Mögen sie uns verfluchen, wir werden sie dennoch
+lieb haben; sie werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein
+gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur so finster unter den
+Brauen hervor, doch ist er oft sehr zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie
+liebevoll er heute mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen
+versuchte! Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das stimmt
+mich sehr traurig. Und alles dieser elenden Vorurteile wegen! Das ist
+einfach – Wahnsinn! Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich
+ansehen, mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? Er würde uns
+sofort alles erlauben.“
+
+Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf
+Natascha.
+
+„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er sein Geplauder fort,
+„wie er sie lieben wird, wenn er sie nur kennen lernt, und wie sie sie
+alle in Verwunderung setzen würde. Denn sie haben doch alle noch nicht
+ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, daß sie eine Intrigantin
+ist. Meine Pflicht ist es, ihre Ehre wieder herzustellen, und das werde
+ich tun! Ach, Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen
+Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert hinzu. „Wenn
+ich deiner auch nicht wert bin, so liebst du mich doch, ich aber ... O,
+du kennst mich doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem
+Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser Abend uns allen
+zusammen Glück, Friede und Eintracht bringt. Gesegnet sei dieser Abend!
+Nicht, Natascha? Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“
+
+Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während Aljoschas weitläufiger
+Rede kein Auge von ihm gewandt, doch allmählich wurde ihr Blick immer
+trüber und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir schien es,
+daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig abwesend dastand. Der
+Ausruf Aljoschas weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen,
+schaute um sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, und
+als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie aus der Tasche
+einen Brief und gab ihn mir. Er war an ihre Eltern gerichtet und am
+Abend vorher geschrieben worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich
+scharf und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick an mich
+festgesogen. In diesem Blick lag eine solche Verzweiflung, niemals
+vergesse ich diesen schrecklichen Blick! Mich schauderte: ich sah, daß
+sie sich in diesem Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt
+wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon und, plötzlich –
+verlor sie das Bewußtsein. Ich fing sie auf. Aljoscha erbleichte vor
+Schreck; er rieb ihre Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei
+Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt stand die
+Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha
+in den Wagen gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und heiße
+Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich
+stand noch lange an derselben Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes
+Glück entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach in zwei
+Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. ... Langsam ging ich den
+Weg zurück, zu den Alten. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte,
+noch wie ich zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken
+erstarrten mir, meine Füße wankten ...
+
+Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war das Ende meiner
+Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.
+
+
+ X.
+
+Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen
+Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt,
+vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für
+einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus
+Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es
+bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so
+niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich
+in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so
+geschah es denn auch.
+
+Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in
+Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem
+Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte
+ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen
+Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war
+mir so voll von anderen Dingen ...
+
+Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits
+und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken
+lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch
+schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu
+aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die
+freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die
+ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den
+Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen,
+alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem
+Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich
+noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein
+Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich
+fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch
+auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause,
+was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“
+
+So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel
+geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie
+hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten.
+Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich
+sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den
+Schmutz.
+
+Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer
+zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte
+ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und
+einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich
+ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ.
+
+Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder
+infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der
+Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in
+einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht
+heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war
+das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen
+Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht
+Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu
+sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir
+als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die
+Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist
+in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und
+nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung
+entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht
+mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt
+sich langsam aber sicher.
+
+Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach
+meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort
+hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen
+und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise
+mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine
+trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit
+seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von
+diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und
+deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen,
+unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen
+müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht
+gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte
+sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was
+geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie
+ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich
+niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber
+erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich
+kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und
+durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten
+Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar
+Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so
+erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines
+mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer.
+
+Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete.
+Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der
+Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als
+wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und
+blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie
+deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren,
+klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere
+Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine
+großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der
+Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor
+der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig
+sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und
+zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns
+gegenseitig anstarrend.
+
+„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer
+Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle.
+
+Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte
+nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm!
+
+„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf
+diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen
+Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber
+erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme
+einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach
+einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung
+sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte.
+
+„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt,
+das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du
+eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“
+
+„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an.
+
+„Er hieß Smitt? Ja?“
+
+„J–, Ja!“
+
+„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein
+Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie
+haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du
+bist also seine Enkelin?“
+
+Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend
+kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so
+bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte.
+Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir
+gewandt, fragte sie:
+
+„Auch Asorka ist tot?“
+
+„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so
+sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem
+Herrn hatte sterben müssen.
+
+Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür,
+die sie vorsichtig hinter sich zuschloß.
+
+Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß
+ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich
+nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür
+hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen
+haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein
+Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut
+zugeschlagen. Dann war wieder alles still.
+
+Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten
+Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und
+hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in
+großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick
+war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten
+Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich
+hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete
+mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine,
+die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte.
+
+„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr
+erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von
+dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie
+gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der
+sechsten Linie ...“
+
+Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich
+wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer
+mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich
+stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte.
+Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht
+mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und
+als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren:
+sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir
+versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“
+
+
+ XI.
+
+Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts
+hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der
+offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr
+beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten
+Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich
+wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich
+begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er
+früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern
+verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht
+aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut
+zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er
+seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig,
+zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr
+erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl
+gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht
+an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der
+allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung
+witterte.
+
+Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus,
+in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer
+Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar
+quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen
+Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte
+es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte;
+er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit
+sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn
+anzuschauen.
+
+„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin
+ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“
+
+„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst
+krank, und jetzt gehen Sie aus?“
+
+Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht
+gehört.
+
+„Wie geht es Anna Andrejewna?“
+
+„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat
+es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist
+du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“
+fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.
+
+Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm
+jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu
+kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir
+verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich
+soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich
+wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit
+Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.
+
+„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine
+Antwort. „Das ist gut ...“
+
+Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.
+
+„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch
+dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst
+du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott
+schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich
+immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig
+zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür
+segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“
+Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.
+
+„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum
+warst du so lange nicht mehr bei uns?“
+
+Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine
+Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem
+krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals
+wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch
+nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das
+Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich
+verstummte.
+
+Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer.
+Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch
+feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr
+aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur
+Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm
+auszukommen, und auch das nicht immer.
+
+„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus.
+„Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf
+den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor
+gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine
+Kritiken?“
+
+„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch
+schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“
+
+„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner
+Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß
+er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“
+
+„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.
+
+„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die
+Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder
+gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst
+du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon
+damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu
+sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben.
+Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich
+habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B.
+ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das
+ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit
+einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive
+der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten
+Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit
+glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und
+durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das
+von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt
+wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob
+sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch
+Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse
+der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur
+undeutlich zu erkennen waren.
+
+„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch
+gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine
+sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu
+vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben
+muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier
+fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“
+fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.
+
+Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in
+schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten
+in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte
+zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst
+schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns
+zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener
+Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen
+entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu
+ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.
+
+„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm,
+da!“ –
+
+Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei
+oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog
+seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in
+ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.
+
+„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes
+Engel begleiten!“
+
+Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah
+und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die
+Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.
+
+„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich
+kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor
+Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter
+wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses
+Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich
+sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die
+Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind
+Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ...
+hm!“
+
+Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er
+fortfahren sollte.
+
+„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein
+wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt,
+wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein
+Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines,
+ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so
+allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch
+noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von
+mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du
+verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge
+doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede
+ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es
+nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören
+..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger
+sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug!
+Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch
+weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“
+
+Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.
+
+
+ XII.
+
+Die alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und langjährige
+Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. Doch war
+Nikolai Ssergejewitsch nicht nur jetzt, sondern auch schon früher in
+seinen glücklichen Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna
+Andrejewna gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr
+umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von fremden Leuten. In
+einigen Naturen, die sehr zart und feinfühlend sind, erhebt sich
+manchmal ein Widerstand dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre
+Zärtlichkeit nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern auch unter
+vier Augen zu zeigen. Nur hin und wieder bricht die Zärtlichkeit durch,
+um so heißer und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten worden
+war! So verhielt sich auch teilweise der alte Ichmenjeff zu seiner Anna
+Andrejewna, und zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete und
+liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur eine gute Frau
+war, die nichts als ihn zu lieben verstand; und er ärgerte sich oft sehr
+darüber, daß sie sich ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer
+Natürlichkeit, keinen Zwang antat. Doch seit Natascha sie verlassen,
+waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; sie fühlten es
+schmerzlich, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt waren. Und obgleich
+Nikolai Ssergejewitsch oft sehr verschlossen und finster war, so konnten
+doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht voneinander
+getrennt sein. Sie waren schweigend übereingekommen, von Natascha mit
+keinem Wort zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. Anna
+Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes denn auch nicht, Natascha nur
+im geringsten zu erwähnen, obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte
+Natascha in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war
+gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen worden, daß ich
+zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von ihrem unvergeßlichen, geliebten
+Kinde brachte.
+
+Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten hatte, und
+sobald ich dann wieder bei ihr erschien, wollte sie aber auch die
+kleinste Einzelheit wissen. Mit zitternder Neugier erkundigte sie sich
+nach allem, was ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, als
+sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie selbst zu ihr
+gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im äußersten Fall getan. Sie wagte
+mir gegenüber nicht einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen,
+auszusprechen, und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen,
+nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für ihre Pflicht,
+nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie sich auch nach wie vor sehr
+um das Schicksal ihrer Tochter kümmere und sorge, Natascha doch eine
+Verbrecherin bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch alles
+nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna sich bis zur
+Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart Natascha mit den
+zärtlichsten Namen nannte, sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch
+beklagte, und in seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht,
+versteckte Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit der
+Menschen sprach und davon, daß wir nicht zu verzeihen verstünden, Gott
+aber den Verstockten seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte
+sie in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen Augenblicken
+verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er wurde mürrisch und
+schweigsam, und plötzlich sprach er dann, gewöhnlich sehr ungeschickt,
+laut von etwas ganz anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und
+sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise Anna Andrejewna
+die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer vor mir auszuschütten und sich
+auszuweinen. Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er mich
+begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit zu geben, Anna
+Andrejewna die letzten Nachrichten über Natascha mitzuteilen. So tat er
+es auch diesmal.
+
+„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir kaum ins Zimmer
+getreten waren, „ich gehe in mein Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier.
+Ihm ist eine Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr das.
+Ich komme gleich wieder zurück ...“
+
+Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als schäme er sich,
+daß er uns selbst zusammenbrachte. Wenn er wieder zu uns zurückkehrte,
+war er dann mürrisch, sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz,
+als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.
+
+„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter Zeit ihre frühere
+Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben hatte. „Immer ist er so zu mir;
+dabei weiß er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum
+verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde für ihn? So ist
+er auch zu seiner Tochter. Er könnte ihr doch verzeihen, vielleicht
+wünscht er es sogar, Gott weiß es! Die Nächte über weint er, habe es
+selbst gehört! Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz beherrscht
+ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ schneller: wohin war er
+gegangen?“
+
+„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich wollte Sie fragen.“
+
+„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, als ich ihn gehen sah. Er
+ist doch krank, und bei solchem Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte
+ich, der muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber wichtigeres
+geben, als die uns bekannte Angelegenheit? So dachte ich bei mir, aber
+zu fragen wagte ich ihn nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei
+dem Gedanken an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht er zu ihr;
+jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles erfahren, auch die
+letzten Nachrichten von ihr kennt er. Ich bin fest überzeugt, daß er
+alles weiß, woher er aber Nachrichten über sie erhält, kann ich mir
+nicht vorstellen. Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und heute
+gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle doch, mein Lieber, was
+dort vorgefallen ist! Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet,
+habe mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, verläßt dieser
+Bösewicht Natascha?“
+
+Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich selbst wußte. Zu ihr
+war ich immer vollkommen aufrichtig. Ich teilte ihr mit, daß es in der
+Tat diesmal zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen könnte;
+daß diesmal der Konflikt ernster als die früheren sei; daß Natascha mir
+gestern einen Zettel geschickt und mich gebeten, heute abend um neun Uhr
+zu ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht gehabt, hierher
+zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe mich mitgenommen. Ich
+erzählte ihr, und erklärte ihr ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr
+kritische sei; daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von einer
+Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören wolle und energisch
+gegen Aljoscha vorgehe. Doch wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es
+scheine, zu der andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie
+verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der Brief von Natascha
+in großer Aufregung geschrieben sei, und daß heute, wie sie darin
+schrieb, alles sich entscheiden würde. In welcher Richtung? Das sei noch
+unentschieden. Sonderbar, daß sie _heute_ geschrieben, mir aber befohlen
+habe, morgen um neun Uhr abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort
+gehen, und zwar so schnell als möglich.
+
+„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna Andrejewna besorgt und
+beunruhigt, „sobald er kommt, trinkst du noch rasch den Tee ... Warum
+hat man den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der
+Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn du also deinen Tee ausgetrunken hast,
+finde einen passenden Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber komme
+unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, komme so früh als möglich.
+Großer Gott! Wenn nur kein Unglück geschieht! Kann es denn noch
+schlechter kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles
+erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon weiß. Ich habe ja
+auch von Matrjona vieles erfahren und diese wieder durch Agascha;
+Agascha wiederum ist ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause
+des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. Böse war heute
+Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach nur so von diesem und jenem, er
+aber schrie mich an, wie ein Wütender; später tat es ihm leid,
+behauptete, wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des Geldes wegen
+wütend gewesen! Nun, du kennst ja doch unsere Verhältnisse. Nach dem
+Mittagessen ging er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer
+(in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts von ihr), er aber,
+mein Täubchen, lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und betete. Als
+ich das erblickte, da wankten mir die Knie. Und den Tee trank er nicht,
+geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen Hut und ging. Ich wagte nicht
+ihn zu fragen; er hätte mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des
+öfteren, wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er aber zu
+schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein Herz hört auf zu
+schlagen. Wenn er auch übertreibt, nun ich weiß ja doch, daß er
+absichtlich so tut, aber schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe
+ich zu Gott eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken.
+Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“
+
+Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna Andrejewna nur den einen
+Wunsch hatte, daß Aljoscha, den sie einen Bösewicht und dummen Jungen
+nannte, zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein Vater, der
+Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung dazu gäbe. Sie hatte es
+einmal sogar mir gegenüber ausgesprochen, es dann jedoch bereut und
+mehrmals widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen vor Nikolai
+Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, obgleich sie wußte, daß der Alte
+ihr das nachtrug und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen machte.
+Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht und ihr Andenken ganz
+aus seinem Herzen gerissen, wenn er auch nur von einer Möglichkeit
+dieser Ehe erfahren hätte.
+
+Wir alle waren damals derselben Meinung. Er erwartete seine Tochter mit
+jeder Fiber seines Herzens, doch erwartete er sie allein, reuig und
+bereit, jede Erinnerung an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen.
+Nur unter dieser einen Bedingung hätte er ihr verziehen – wenn er das
+auch nicht in dieser Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort,
+wenn man ihn nur ansah.
+
+„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer Junge ist er, das
+habe ich immer gesagt,“ begann Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man
+hat ihn nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. Um
+dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! Gott, mein Gott! Was wird
+aus der Armen werden? Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag,
+das begreife ich nicht!“
+
+„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, „daß diese Braut ein
+reizendes, bezauberndes Mädchen sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat
+es von ihr behauptet ...“
+
+„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie mich. „Bezaubernd? Für
+euch Federfuchser ist jede bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat.
+Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles Herz
+hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht sie ihm, selbst
+aber leidet sie. Wie oft ist er ihr schon untreu gewesen! Böse,
+hartherzige Menschen! Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der
+Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens überwinden,
+meinem Täubchen verzeihen und es wieder zu mir bringen würde! Wie wollte
+ich sie umarmen, mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“
+
+„Ja, Anna Andrejewna.“
+
+„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz gut, Iwan Petrowitsch!
+Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag habe ich geweint ...
+worüber, das werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich ihm
+nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: geradeaus wage
+ich es ihm nicht zu sagen, doch so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen.
+Das Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend wird, und
+sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch nicht, das habe ich von
+ihm noch nicht gehört ... Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß
+er es nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der Fluch des Vaters
+ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, jeden Tag zittere ich vor Angst. Und
+auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause
+aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen und hast dir auch
+ausgedacht, daß die Andere bezaubernd sei! Was geht denn dich das an?
+Was für eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser gesprochen.
+(Ich habe es gewagt: habe sie einmal zu mir zum Kaffee eingeladen, als
+Meiner einen ganzen Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über
+alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, hat zu der Gräfin
+in unerlaubten Beziehungen gestanden. Die Gräfin hat ihm schon immer
+vorgeworfen, daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder
+aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten ihres Gemahls
+in schlechtem Rufe. Als ihr Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier
+lernte sie Italiener, Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da hat
+sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. Ihre Stieftochter
+aber, die Tochter ihres ersten Mannes, der ein Branntweinpächter war,
+wuchs allmählich heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis
+dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna zusammen
+aber wuchsen auch die zwei Millionen heran, die ihr Vater für sie in der
+Bank deponiert hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da
+hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft wäre, Aljoscha
+mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich nicht, der läßt nichts durch.) Der
+Graf, der vornehme, hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat
+eingewilligt; drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, sprechen Sie
+mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin seinen Wunsch mit. Die ist
+dagegen, mit Händen und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden
+Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, wie wird es
+erst im Auslande gewesen sein! Nein, sagt sie, du, Fürst, mußt mich
+heiraten, meine Stieftochter bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll
+aber eine Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem
+untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, sagt man, eine
+engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich sofort, um was es sich
+handelt, und sagt es ihr auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du
+hast dein Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber deine
+Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein gutes Paar: sie ist
+unschuldig wie ein Engel und Aljoscha ein Dummkopf; wir werden sie beide
+zusammen bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was nützt es dir,
+wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein schlauer Mensch. Ein Freimaurer!
+Vor einem halben Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen
+können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, dort habe sie
+eingewilligt. So ist es. Das hat mir alles Marja Wassiljewna erzählt,
+die es selbst von einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst du
+wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und nicht darum, daß sie
+bezaubernd ist!“
+
+Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in Erstaunen. Sie stimmte
+vollkommen mit dem überein, was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört
+hatte. Als er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des Geldes
+wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina Fedorowna einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht. Ich hörte auch von Aljoscha, daß der Vater
+selbst vielleicht heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr
+bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich sagte bereits, daß
+Aljoscha seinen Vater sehr liebte und pries, und an ihn, wie an einen
+Gott, glaubte.
+
+„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine Bezaubernde!“ fuhr
+Anna Andrejewna fort, sehr gereizt über das Lob, das ich der zukünftigen
+Braut des jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für ihn eine
+bessere Partie. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns. Natascha aber ist
+aus altem adligem Geschlecht. Mein Alter öffnete gestern (ich habe es
+vergessen, dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie doch, und
+hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. So ernst saß er da. Ich
+strickte meinen Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun sieht,
+daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun selbst rufen und da
+hat er mir den ganzen Abend unseren Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich
+denn, daß die Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des
+Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das Geschlecht der
+Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch bekannt war, und eine
+Rolle gespielt hat – wir haben die Dokumente darüber und auch in der
+Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, mein Väterchen, wir
+sind nicht schlechter in der Beziehung als die Anderen. Als der Alte mir
+das zu erklären anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn kränkt
+es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur mit dem Reichtum sind sie
+uns über. Nun, möge sich dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein
+Geld mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, gierige
+Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den Jesuiten übergetreten? Ist
+es wahr, was glaubst du?“
+
+„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich interessierte mich
+die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht verbreitete und erhielt.
+Auch die Nachricht von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden
+durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie seines
+Geschlechtes Erwähnung getan.
+
+„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna Andrejewna fort. „Doch,
+was tut sie, mein Täubchen? grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß
+du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben
+sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“
+
+Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. Ich fragte sie, welches
+Unglück sie denn noch betroffen hätte, wie sie vorhin gesagt.
+
+„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, als ob der Kelch
+nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst du dich, mein Freund, oder
+weißt du nicht mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas
+Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre alt war sie damals, mein
+Herzenskind. Wir bestellten es bei einem durchreisenden Maler, du hast
+es wohl sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war es, er hat
+sie als Kupido dargestellt: helles lockiges Haar hatte sie damals,
+durchs Hemdchen schien ihre weiße Haut durch, und so reizend sah sie
+aus, daß man sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den Maler,
+ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es nicht tun. Nun, siehst du,
+mein Lieber, in diesen schrecklichen Tagen hatte ich es aus der
+Schatulle herausgenommen und es mir um den Hals gehängt; so hing es
+neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, der Alte würde es
+vielleicht bemerken. Er befahl doch damals, alle ihre Sachen aus dem
+Hause zu entfernen oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an
+sie erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das Bild
+wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an und weine mich aus,
+dann wird mir leichter ums Herz; ein anderes Mal aber, wenn ich allein
+bin, küsse ich es, als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen
+und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit ihr, wenn ich allein
+bin, frage sie dies und jenes und mir ist, als antworte sie mir. Ach,
+mein lieber Wanjä, schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war
+froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt hatte; wie ich aber
+gestern abend nach meinem Medaillon greife, ist es nicht mehr da. Mir
+schwanden die Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren
+und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren haben? Im Bett, denke
+ich, habe ich es abgerissen; ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn
+ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn nicht _er_ oder
+Matrjona? Nun, Matrjona kann ich schon garnicht verdächtigen, sie ist
+mir mit ganzer Seele zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar
+aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, was wird dann sein? Ich
+sitze da und weine, weine, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
+Und Nikolai Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich
+bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da denke ich: er hat
+das Medaillon gefunden und es aus dem Fenster geworfen! In seinem Herzen
+ist er doch fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm
+selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief unter das
+Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – wir fanden nichts. Ich weinte
+die ganze Nacht über. Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht
+bekreuzigt. Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan
+Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den nächsten Tag wurden
+meine Augen nicht trocken, immer wieder weinte ich. Habe dich erwartet,
+mein Freund, wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest ...“
+
+Und sie weinte bitterlich.
+
+„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann sie plötzlich, ganz
+erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, „hast du etwas von dem
+Waisenkind gehört?“
+
+„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie hätten beide beschlossen,
+ein armes Mädchen, eine Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“
+
+„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht gedacht! Und
+überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht haben! Nur an unser schweres
+Schicksal, an unser Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will
+ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, meine einzige wird
+sie auch bleiben. Doch, was soll das wohl bedeuten, dieser Einfall mit
+der Waise? Was denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung,
+etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen und mich an ein anderes
+gewöhnen soll? Was hat er dir von mir erzählt? Wie schien er dir –
+streng ... böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... Morgen mußt
+du kommen, vergiß nicht ...“
+
+
+ XIII.
+
+Der Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und fast etwas verschämt an,
+dann verfinsterte sich sein Gesicht und er trat an den Tisch.
+
+„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den Samowar gebracht?“
+
+„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da ist er schon,“
+beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken.
+
+Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als sie den Herrn erblickte,
+ganz als hätte sie nur auf ihn gewartet. Diese Matrjona war eine alte,
+erprobte und ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste
+von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, rechthaberischem
+Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch fürchtete sie und vor ihm hielt
+sie den Mund. Dafür entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna
+Andrejewna, war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt und Tritt den
+Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, obwohl sie zu gleicher Zeit
+ihr und Natascha von Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in
+Ichmenjeffka gekannt.
+
+„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu sein, und hier will man
+einem nicht einmal den Tee bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich
+hin.
+
+Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen Blick zu, heimlich auf
+ihren Mann weisend. Er aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht
+leiden, und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe gab, sie
+nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch ansehen, daß er alles wußte
+und verstanden hatte.
+
+„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann er plötzlich. „Alles
+in den Dreck gefahren. Sagte ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen.
+Beweise habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die Angaben
+sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“
+
+Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich noch
+immer hin, nahm aber für Nikolai Ssergejewitsch die denkbar schlechteste
+Wendung. Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Er
+blickte mich argwöhnisch an.
+
+„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte ihn unser Schweigen,
+„je schneller, desto besser. Zum Schurken können sie mich nicht machen,
+wenn sie mich auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines
+Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens wird die
+Sache einmal ihr Ende nehmen; sie befreien mich, indem sie mich zugrunde
+richten ... Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“
+
+„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so weit!“ konnte Anna Andrejewna
+sich nicht enthalten, auszurufen.
+
+„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend etwas wert?“ fragte er
+sie brutal und als freute er sich dieser Erwiderung.
+
+„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen ...“ erwiderte Anna
+Andrejewna, mich traurig ansehend.
+
+„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden Blick von mir auf sie
+heftend und wieder zurücklenkend, „von welchen Menschen? Von Räubern,
+Verleumdern und Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht,
+auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit mir fahren willst, so
+bleibe, bitte, hier; ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen.“
+
+„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich denn ohne dich!“ rief
+die arme Anna Andrejewna. „Ich habe doch, außer dir, in der ganzen Welt,
+niem...“
+
+Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und flehend an, als bäte
+sie mich um Beistand und Hilfe. Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem
+Wort; ihm widersprechen durfte man jetzt nicht.
+
+„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, „in Sibirien ist es
+durchaus nicht so schlimm, wie es scheint. Wenn das Unglück geschehen
+sollte, daß Sie Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht
+Nikolai Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann man einen guten
+Privatverdienst finden, – und dann ...“
+
+„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache verstehst, Iwan. Ich
+habe so beschlossen; ich verwerfe die ganze Sache und fahre.“
+
+„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief Anna Andrejewna und
+schlug die Hände zusammen. „Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan
+Petrowitsch, hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, du
+hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, und jetzt ...“
+
+„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? Wovon werden wir denn leben,
+was denkst du wohl! Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem
+Nichts! Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr
+Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?“
+
+Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie vor Schreck an zu
+zittern. Der Löffel in ihrer Hand schlug hell und vernehmbar an die
+Untertasse.
+
+„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der Alte weiter fort, mit
+boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. „Warum nach Sibirien fahren?
+Besser ist’s, ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, Anna
+Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, werde mir neue
+Handschuhe kaufen, und zu Sr. Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer
+Durchlaucht, Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben Sie mir
+mein Stück Brot wieder, ... meine Frau ... meine kleinen Kinder! ...
+Soll ich’s so machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“
+
+„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! Habe nur so aus
+Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich dich geärgert habe, nur höre auf.“
+Sie zitterte immer mehr vor Angst und Erregung.
+
+Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er die Angst und die
+Tränen seiner armen Frau sah, der Schmerz seine Seele durchbohrte; ich
+bin überzeugt, daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr an
+sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, aber weichen
+Menschen, die ungeachtet ihrer Güte sich von ihrem eigenen Zorn und
+Schmerz so weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, sich
+selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden und ganz
+unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen. Frauen, zum
+Beispiel, haben oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu
+fühlen, obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Auch
+gibt es Männer, die in dem Falle oft den Frauen gleichen und sogar
+starke Männer, die sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte
+suchte den Streit, obgleich er selbst darunter litt.
+
+Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, ob er sich nicht in
+der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen hatte, wie Anna Andrejewna
+es befürchtete. Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha
+aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht aufgegeben –
+was doch gewiß eintreten mußte – und jetzt nach Hause zurückgekehrt war,
+sich gekränkt und beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche und
+Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an jemandem auslassen, und
+zwar an demjenigen, den er am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche
+und Gefühle zu haben, wie er sie selbst hatte.
+
+Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick rührte ihn anfangs. Er
+schien sich seines Zornes zu schämen und hielt einen Augenblick an sich.
+Wir schwiegen alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser
+glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was daraus auch werden
+möge, er mußte sich davon befreien, sollte es auch mit einem Wutausbruch
+oder mit einem Fluch endigen!
+
+„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es leid, ich wollte
+lieber nichts davon reden, doch ist jetzt die Zeit gekommen, daß ich
+mich offen und ohne Winkelzüge ausspreche, wie es sich so für einen
+aufrichtigen Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? Ich bin
+froh, daß du gekommen bist, und deshalb möchte ich vor dir erklären,
+damit es auch _andere_ hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern,
+dem Unglück und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, vielleicht mit
+großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen habe, kann ich nie und nimmer
+wieder in mein Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so bleibt
+es. Ich spreche von dem, was vor einem halben Jahr geschah, du verstehst
+mich, Wanjä! und ich spreche jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus,
+damit du dich nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, mit
+flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten Blick seiner Frau
+auszuweichen. „Ich wiederhole es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt
+es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten Schurken
+hält, daß _alle_ solcher niedrigen und schwachen Gefühle mich für fähig
+halten ... sie denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere ...
+Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle vergessen, aus meinem Herzen
+gerissen! Für mich gibt es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es!
+...“
+
+Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Tassen
+klirrten.
+
+„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, daß Ihnen Anna
+Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie sie doch an, was Sie tun!“ sagte
+ich, nicht mehr imstande, meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich goß
+nur Öl ins Feuer.
+
+„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, „nicht leid, wenn
+man auch mich nicht schont! Nicht leid, weil in meinem Hause
+Verschwörungen gegen mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen
+und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter angezettelt werden!
+...“
+
+„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie nicht! ... Alles was
+du willst, doch verfluchen darfst du deine Tochter nicht!“ schrie Anna
+Andrejewna außer sich.
+
+„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut als früher, „denn
+von mir, dem Beleidigten und Beschimpften verlangt man, daß ich zu
+dieser Verfluchten gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es!
+Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, Tag und Nacht, mit
+Tränen, Seufzern und dummen Bemerkungen! Man will mich weich machen ...
+Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden Händen aus
+seiner Brusttasche Papiere herausziehend, „sieh diese Papiere an, aus
+meinem Prozeß! Nach diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und
+habe meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich zum Schurken,
+zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, sieh sie dir an, sieh! ...“
+
+Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus der Tasche zu ziehen
+und sie eines nach dem anderen auf den Tisch zu werfen, ungeduldig
+dasjenige suchend, das er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand
+er gerade dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der
+Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas hell
+aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna schrie laut auf ... es war
+das verlorene Medaillon!
+
+Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg dem Alten zu Kopf und ergoß
+sich über sein ganzes Gesicht. Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand
+da, die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. Auf ihrem
+Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. Die Röte, die Erregung
+des Alten ... sie konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt
+alles ... das Medaillon!
+
+Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, vor Freude über den
+Fund und aus Begeisterung darüber, es eifersüchtig vor den Augen anderer
+verborgen hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von allen
+anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes nicht habe sattsehen
+können; daß vielleicht auch er wie sie, die arme Mutter, sich allein in
+seinem Zimmer eingeschlossen mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten,
+vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht und Schluchzen
+erstickt, dieses Bild geküßt und statt des Fluches Segen und Vergebung
+vom Himmel erfleht hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und
+vor allen verfluchte.
+
+„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna Andrejewna, die jetzt
+ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte und ganz vergessen zu haben
+schien, daß er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht hatte.
+
+Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte ihn eine wahnsinnige
+Wut und mit flammenden Augen nahm er das Medaillon, warf es mit aller
+Gewalt auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit den Füßen
+zerstampfen.
+
+„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte er heiser vor Wut.
+„Auf ewig, auf ewig!“
+
+„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! Ihr Gesichtchen
+... mit den Füßen zertreten! Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser
+Mensch!“
+
+Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der Alte inne, ganz
+erschrocken über das, was geschehen. Plötzlich hob er das Medaillon auf
+und wollte aus dem Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt
+getan, als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden Händen
+bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Diwan.
+
+Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes Schluchzen wühlte
+in seiner Brust, als wollte es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde
+in einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt hätte er niemand
+mehr fluchen können, jetzt schämte er sich nicht seiner Liebesausbrüche
+und bedeckte vor uns das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit
+Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob alle Zärtlichkeit,
+alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange zurückgehalten, sich jetzt
+mit unwiderstehlicher Gewalt hinausdrängte, und die Riesenkraft des
+Ausbruches sein ganzes Sein zerschmetterte.
+
+„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, die sich über
+ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. „Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und
+Gott selbst wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine Demut
+und Güte anrechnen.“
+
+„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, erstickter Stimme.
+„Niemals! Niemals!“
+
+
+ XIV.
+
+Ich kam sehr spät zu Natascha; es war bereits zehn Uhr. Sie lebte damals
+an der Fontanka, bei der Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen
+„Mietshause“ des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. In der ersten
+Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause lebte sie und Aljoscha in
+einer reizenden, wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf der
+Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen Fürsten erschöpft.
+Musiklehrer war er nicht geworden, hatte dagegen Geld aufgenommen und
+bedeutende Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung der
+Wohnung und für Geschenke an Natascha aus, die sich gegen diese
+Verschwendung auflehnte, ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in
+Tränen ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha konnte oft
+wochenlang darüber nachsinnen und sich ausdenken, was er ihr schenken
+solle, und wie sie sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses
+Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im voraus alle seine
+Erwartungen und Träume mitteilte, gab es dann jedesmal eine
+Enttäuschung, wenn er statt dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte.
+Späterhin kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen Szenen.
+Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem Rücken Nataschas noch viel Geld.
+Er ging mit seinen Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und
+Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha grenzenlos. Er liebte
+sie dann fast aus Selbstqual. Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt,
+und klagte, daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse und
+nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum Teil recht, zwischen
+ihnen war ein großer Abstand; er fühlte sich vor ihr wie ein Kind und
+sie behandelte ihn auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die
+Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte er mich an,
+Natascha nichts davon zu sagen; und wenn er dann demütig und zitternd
+vor Angst sich nach diesem aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha
+begab, (er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit mir
+zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut einzuflößen
+vermöge), so wußte Natascha schon auf den ersten Blick, um was es sich
+handelte. Sie war sehr eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr
+möglich war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer wieder
+zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha tritt mit mir zusammen ein,
+schuldbewußt und demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer
+Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich schuldig fühlt,
+doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie davon, fragt ihn nie aus,
+sondern im Gegenteil: sie verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und
+heiter. Es war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits.
+Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine unendliche Genugtuung, zu
+verzeihen und zu lieben. Es war, als ob in der Vergebung für sie ein
+besonderer verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals nur
+um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich und liebend sah,
+konnte mit seinem Geständnis nicht länger zurückhalten und erzählte ihr
+alles, um sich das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim alten“
+wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, so geriet er in
+Begeisterung, weinte oft vor Freude und Entzücken, küßte und umarmte
+sie. Darauf fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher
+Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens mit Josephine,
+lachte, freute sich und lobte Natascha, und der Tag wurde fröhlich und
+glücklich beschlossen. Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine
+Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine billige Wohnung
+an der Fontanka gemietet. Die Sachen waren bald alle verkauft und
+Natascha begann ihre Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als
+Aljoscha davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, verfluchte
+sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, trotzdem blieb aber
+alles beim alten. In der letzten Zeit waren alle Einkünfte endgültig
+erschöpft, es blieb ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit
+elender Lohn.
+
+In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha hatte sich
+Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. Die damaligen Absichten des
+Fürsten, seinen Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der
+Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst ein Projekt.
+Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem Plan, brachte Aljoscha zu seiner
+zukünftigen Braut, befahl ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und
+zwang ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug sich die
+Sache damals der Gräfin wegen. In der ersten Zeit nahm der Vater die
+Verbindung seines Sohnes mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er
+die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes kannte –
+Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig werden. Daß Aljoscha sich
+etwa mit Natascha hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in den
+Sinn gekommen – darüber machte er sich keine Sorgen. Was nun die
+Liebenden selbst betrifft, so hatten sie die Vermählung bis zur
+formellen Aussöhnung Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften
+überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha wollte
+offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha dagegen deutete mir an, daß
+die ganze Geschichte seinem Vater in mancher Beziehung sogar sehr
+angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, die die
+Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der Form halber fuhr er jedoch fort, seine
+Unzufriedenheit seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er
+verkleinerte dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung war er
+übrigens immer ungemein geizig gewesen) und drohte, ihm auch noch dieses
+zu entziehen. Doch bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die
+dort geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte
+unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha noch viel zu jung
+zur Ehe, doch die Braut war reich und diese Gelegenheit sollte nicht
+ungenützt vorübergehen. Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu uns
+drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den Fürsten eine günstige
+Wendung genommen hätte. Zu dieser Zeit war er dann wieder nach
+Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch die
+Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte ihn jetzt sehr
+unangenehm. Er wurde nun doch ängstlich. Schroff und nachdrücklich
+verlangte er die Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines
+besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter der Gräfin
+galt für eine Schönheit. Sie war fast noch ein Kind, von seltener
+Herzensgüte, hatte eine reine unschuldige Seele und war heiter, klug und
+zärtlich. Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach einem halben Jahr
+für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit haben und er daher
+allmählich mit anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, als
+vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in der Tat auf Aljoscha
+einen großen Eindruck gemacht zu haben. Hinzu kam, daß der Vater sich
+jetzt ungemein gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm kein
+Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser Zärtlichkeit vorbereitete
+und war sehr niedergeschlagen, übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie
+wenn er einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen hatte. Ich
+wußte es, daß er schon den fünften Tag nicht mehr bei Natascha
+erschienen war. Als ich jetzt von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging,
+riet ich unterwegs hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben
+würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf ihrem Fenster. Es war
+nämlich unter uns abgemacht worden, daß sie ein Licht an das Fenster
+stellen sollte, sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem
+Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so konnte ich an dem Licht
+erkennen, daß sie mich erwartete, und ich ihr unbedingt nötig war. In
+der letzten Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ...
+
+
+ XV.
+
+Ich traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten Armen, in tiefe
+Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab. Der erloschene Samowar stand
+auf dem Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. Schweigend
+und mit einem verlorenen Lächeln reichte sie mir die Hand. Ihr Gesicht
+war bleich mit leidendem Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so
+Zärtliches, Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen größer als
+früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt und krank aussah.
+
+„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte sie, mir die Hand
+reichend, „wollte schon Mawra zu dir schicken; fürchtete, du wärest
+schon wieder erkrankt?“
+
+„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten worden, werde dir
+sogleich alles erzählen. Doch, was ist mit dir, Natascha? Was ist
+geschehen?“
+
+„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt über meine Frage.
+„Was soll denn geschehen sein?“
+
+„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, daß ich
+kommen soll, hast die Stunde bestimmt, nicht früher und nicht später;
+nicht wie gewöhnlich.“
+
+„Ach, ja! Ich erwartete _ihn_ gestern.“
+
+„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“
+
+„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr kommt, so muß ich mit dir
+sprechen,“ fügte sie hinzu und verstummte.
+
+„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“
+
+„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends dort.“
+
+„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr wiederkommen
+wird?“
+
+„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete sie, mich so
+eigentümlich ernst ansehend.
+
+Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten beide und schritten im
+Zimmer auf und ab.
+
+„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit einem sonderbaren
+Lächeln, „und weißt du, was ich getan habe? Ich ging im Zimmer auf und
+ab, und sagte mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, der
+Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem eichenen Tisch ...‘ wir haben
+es noch zusammen gelesen:
+
+ Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt,
+ Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ...
+
+Und dann weiter:
+
+ Und da scheint es mir – eine Stimme singt
+ Weich, harmonisch zum Schellengeläut:
+ ‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir,
+ Um zu ruhen an meiner Brust! ...
+ Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein
+ Rot durch der Eisblumen silberne Pracht –
+ Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ...
+ Und im Ofen knistert das Holz und flammt
+ Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘
+
+Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... und wie phantastisch das
+Bild! Man kann alles hineinmalen, alles was man will! Zwei Welten: wie
+es war und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen Tisch‘,
+und das Spiel der Flamme ‚an blumigen Vorhang am Bett ...‘ wie ist das
+alles so bekannt. Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe
+das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen Balken ... Und
+dann das andere Bild:
+
+ Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt
+ Trüb und traurig zum Schellengeläut:
+ ‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt
+ Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘
+ Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng
+ Meine Stube; dort bläst es herein ...
+ Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht
+ Und auch er ist erfroren schon längst.
+ Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett,
+ Krank bin ich, schleppe mich hin ...
+ Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt –
+ Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ...
+ Und nur die Alte daneben, die brummt ...
+
+Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel Zärtlichkeit, wieviel
+Qual, welch ein Rausch von Qual und Erinnerung, den man sich selbst
+heraufbeschwört und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das schön!“
+
+Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren Kampf zu bezwingen.
+
+„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem kurzen Augenblick und
+verstummte dann plötzlich wieder, als hätte sie vergessen, was sie hatte
+sagen wollen.
+
+Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im Zimmer auf und ab. Vor
+dem Heiligenbild brannte das Lämpchen. Natascha schien in der letzten
+Zeit sehr religiös geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn man
+davon sprach.
+
+„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir brennt das Lämpchen.“
+
+„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, Wanjä, du mußt müde sein.
+Willst du Tee? du hast sicher noch keinen getrunken?“
+
+„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“
+
+„Ja, woher kommst du denn jetzt?“
+
+„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die Alten.
+
+„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen sie dich? ...“
+
+Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht wurde noch bleicher vor
+Erregung. Ich erzählte ihr ausführlich meine Begegnung mit dem Alten,
+mein Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon – erzählte
+alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. Ich verheimlichte nie
+etwas vor ihr. Sie griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in
+ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie heftig erschüttert.
+
+„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung unterbrechend,
+„erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich als möglich; du
+erzählst nicht ausführlich genug! ...“
+
+Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, durch ihre beständigen
+Fragen immer wieder unterbrochen.
+
+„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?“
+
+„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. Daß er sich
+nach dir sehnt, daß er dich liebt – das ist sicher, aber ob er zu dir
+wollte, das ...“
+
+„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie mich. „Was sagte er, als er
+es küßte?“
+
+„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die zärtlichsten Namen, rief
+dich ...“
+
+„Rief mich?“
+
+„Ja.“
+
+Sie weinte still.
+
+„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem unterrichtet ist,“ fügte
+sie nach einigem Schweigen hinzu, „daran ist kein Zweifel. Er hat von
+Aljoschas Vater sicher Nachrichten erhalten.“
+
+„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu ihnen! ...“
+
+„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig erhebend.
+
+Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu kommen.
+
+„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die Schultern legend mit
+traurigem Lächeln, „nein, mein Lieber, das sagst du immer, doch ...
+sprich lieber nicht davon.“
+
+„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt enden?“ rief ich
+traurig aus. „Bist du wirklich zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt
+tun kannst. Und doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der
+Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... Er ist dein Vater;
+du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz, er ist berechtigt, er ist
+natürlich! Du mußt es tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos
+alles vergeben.“
+
+„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache mir keine unnützen
+Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie
+verlassen, ist vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran
+gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! Du weißt doch
+selbst, daß es unmöglich ist!“
+
+„Versuche es!“
+
+„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich
+ihn noch mehr gegen mich erzürnen. Vergangenes kehrt nicht wieder; und
+weißt du, was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen Tage
+der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. Wenn der Vater mir auch
+verzeihen würde, so würde er mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen.
+Er liebte noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen
+Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, wie damals, da ich
+als kleines Mädchen auf seinen Knien saß und ihm meine Liederchen sang.
+Von Kindheit an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans Bett und
+bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor dem Unglück kaufte er mir noch
+Ohrringe, heimlich vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie
+ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach empört, als er später
+erfuhr, daß ich vom Kauf dieser Ohrringe schon im voraus gewußt hatte.
+Drei Tage vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und sofort
+war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, und – was glaubst du?
+um mich zu erheitern, nahm er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er
+wollte mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte und liebte
+das Kind in mir, doch wollte er niemals daran denken, daß auch ich einst
+eine Frau werden würde. Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt
+aber, wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich gar nicht
+wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, was wird er in mir
+wiederfinden? Ich bin nicht mehr dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind,
+ich habe viel durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht zu
+machen, so würde er doch immer an das vergangene Glück denken, sich
+heimlich grämen, weil ich nicht mehr das von ihm geliebte Kind bin ...
+das Vergangene erscheint einem ja immer so schön! Mit Qual wird er daran
+denken! O, wie ist das Vergangene schön, Wanjä!“ rief sie, hingerissen
+und sich selbst unterbrechend, mit diesem Wort, das so recht aus ihrem
+wunden Herzen kam.
+
+„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, muß er dich jetzt
+wieder von neuem kennen lernen und von neuem lieben. Hauptsächlich aber
+– kennen lernen. Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! Denkst
+du denn wirklich, daß er nicht imstande sein wird, dich zu verstehen,
+er, er, mit seinem großen Herzen!“
+
+„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an mir zu verstehen? Ich
+spreche doch nicht davon. Siehst du: die väterliche Liebe ist auch
+eifersüchtig. Er ist gekränkt, daß das mit Aljoscha so ohne ihn
+geschehen konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, daß
+alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht, daß das alles nur
+meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist.
+Ich bin nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von Anfang an
+jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich habe im Gegenteil, alles in
+meiner Seele verborgen gehalten, alles vor ihm versteckt, und das kränkt
+ihn im Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen meiner Liebe,
+kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen gegangen bin und mich meinem
+Geliebten hingegeben habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie ein
+Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same der Feindschaft wird
+doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage beginnen die Mißverständnisse,
+kommen die Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir nicht
+bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife aus der ganzen
+Tiefe meines Herzens, daß ich ihn beleidigt habe, daß ich vor ihm
+schuldig bin, so würde es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was
+mich selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche Qualen ich
+gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn ich auch alles auf mich nehmen,
+alles schweigend ertragen wollte, – so würde ihm das noch immer zu wenig
+sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn fordern, er wird verlangen,
+daß ich meine ganze Vergangenheit, daß ich Aljoscha verfluchen und meine
+Liebe zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von mir
+Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr aus meinem Leben
+ausstreichen soll. Denn ich – kann niemandem fluchen, ich kann nichts
+bereuen ... Wie es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä,
+jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu gekommen.“
+
+„Wann wird sie denn kommen?“
+
+„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige Glück wieder durch Leiden
+erkämpfen müssen; mit neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird
+alles gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben gibt!“
+
+Ich schwieg und sah sie nachdenklich an.
+
+„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ Sie versprach sich
+und lächelte darüber.
+
+„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. Wie kommt das, früher
+lächeltest du anders.“
+
+„Was ist denn mit meinem Lächeln?“
+
+„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl noch in ihm ...
+Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint es einem immer, als ob dir zu
+gleicher Zeit das Herz dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha,
+doch dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für ein Kleid? Hast
+du es jetzt machen lassen, oder schon früher?“
+
+„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich zärtlich an. „Nun, und du,
+was tust du jetzt? Wie geht es dir?“
+
+„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es geht nicht gut vorwärts.
+Ich bin nicht recht aufgelegt dazu. Ich könnte ihn ja so
+niederschreiben, doch mir tut die gute Idee leid. Sie ist meine
+Lieblingsidee. Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte
+schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas Leichtes,
+Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser düsteren Richtung bewegt ...
+Es wäre Zeit, daß wir wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“
+
+„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“
+
+„Smitt ist beerdigt.“
+
+„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. Deine Nerven sind
+zerrüttet. Was sind das alles für Ideen. Als du mir von deiner Wohnung
+sprachst, – diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“
+
+„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares ... Doch, ich
+erzähle es dir später.“
+
+Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz in Gedanken versunken.
+
+„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen konnte, ich war
+wie im Fieber,“ sagte sie endlich, mich mit einem Ausdruck ansehend, der
+keine Antwort erwartete.
+
+Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört.
+
+„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, „ich habe dich hierher
+gebeten, um dir etwas zu sagen.“
+
+„Was ist geschehen?“
+
+„Ich werde mich von ihm trennen.“
+
+„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich trennen?“
+
+„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. Ich habe dich gerufen, um
+dir alles, alles, zu sagen, was sich in mir angesammelt hat und was ich
+bis jetzt dir gegenüber verschwiegen habe.“
+
+So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre geheimen Absichten
+mitteilen wollte, und stets erwies es sich, daß ich von diesem Geheimnis
+schon längst durch sie selbst unterrichtet war.
+
+„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von dir gehört! Natürlich
+könnt ihr nicht zusammen leben, zwischen euch ist nichts Gemeinsames.
+Doch ... wirst du die Kraft dazu haben?“
+
+„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber habe ich es
+beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch bin ich für ihn sein ärgster
+Feind. Ich untergrabe ihm seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich
+heiraten kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen des
+Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an mich fesseln. Und
+deshalb bin ich sogar glücklich, daß er sich in die – Braut verliebt
+hat, die man ihm ausgewählt. Die Trennung von mir wird ihm leichter
+fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... Wenn ich ihn wirklich
+liebe, so muß ich mich für ihn opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht
+wahr?“
+
+„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“
+
+„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich werde so zu ihm sein, wie
+immer. Doch muß ich ein Mittel finden, damit er mich leicht und ohne
+Gewissensbisse verlassen kann. Das aber quält mich, Wanjä. Hilf mir.
+Kannst du mir einen Rat geben?“
+
+„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen zu lieben, und nicht mehr
+ihn! Und kaum wäre das in diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen
+Charakter. Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. Nehmen wir
+an, er habe dich auf immer verlassen; du brauchtest ihm nur zu
+schreiben, daß du die Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort
+zu dir gelaufen kommen.“
+
+„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“
+
+„Ich –?“
+
+„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster Feind. Du kannst von
+ihm nicht ohne Haß sprechen. Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir
+eine Genugtuung ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! Besonders,
+ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“
+
+„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. Genug, lassen wir
+das Gespräch.“
+
+„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte sie nach längerem
+Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, Wanjä ...“
+
+„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. Ich, ich bin dir nicht
+böse.“
+
+„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. Wenn er zu mir
+kommen sollte, dann wird es doch nur auf einen Augenblick sein, was
+glaubst du?“
+
+„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, ich glaube, er
+kann die Andere heiraten und auch dich lieben. Er kann das alles zu
+gleicher Zeit.“
+
+„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde ich mich sofort
+entschließen ... Wanjä! verheimliche nichts vor mir! Weißt du irgend
+etwas, das du mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“
+
+Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an.
+
+„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe dir
+nie etwas verheimlicht. Übrigens, was ich noch sagen wollte: vielleicht
+ist er garnicht so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir es
+annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“
+
+„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch nur wüßte! Oh, wie würde
+ich in diesem Augenblick ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht
+alles erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“
+
+„Erwartest du ihn denn, Natascha?“
+
+„Nein, er ist bei _ihr_; ich weiß es; ich habe auskundschaften lassen.
+Wie gerne würde auch ich sie sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es
+unsinnig von mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie
+ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich unmöglich?“
+
+Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde.
+
+„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist dir wohl zu wenig?“
+
+„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann würde ich auch schon alles
+andere wissen. Höre mich an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier
+auf und ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und denke. Oft sind
+die Gedanken so schwer, daß sie mich wie ein Wirbelsturm niederreißen!
+Wanjä, kannst du nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du mir
+damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman sehr gelobt. Du gehst
+doch manchmal des Abends zum Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse
+dich ihr vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr vorstellen.
+Sieh, und du würdest mir dann alles von ihr erzählen.“
+
+„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s sich darum:
+glaubst du denn wirklich, daß du die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich
+doch an, wie gequält und unruhig du bist.“
+
+„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. „Alles für ihn. Mein
+ganzes Leben für ihn. Doch, weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht
+ertragen, daß er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem
+Augenblick vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, ganz
+wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen sieht, – er sieht immer
+gerade in die Augen – und es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich
+hier bin ... mit dir ...“
+
+Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit Verzweiflung an.
+
+„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, soeben ...“
+
+„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ unterbrach sie mich
+mit blitzenden Augen. „Ich selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist
+es, Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, was sind das für
+Qualen! Ich selbst verstehe mich nicht: in Gedanken kann man alles, in
+Wirklichkeit jedoch nichts. Was wird aus mir werden!“
+
+„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“
+
+„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede Minute ... im Traum,
+wenn ich wache oder schlafe ... immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt
+du, Wanjä, gehen wir dahin, bringe mich hin!“
+
+„Aber, Natascha!“
+
+„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanjä! Drei Tage lang
+habe ich nur darüber nachgedacht. Darum hatte ich dich gerufen ... Du
+mußt mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... Ich habe auf
+dich gewartet ... drei Tage ... Dort ist heute ein Abend ... er ist dort
+... gehen wir!“
+
+Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte man Stimmen. Mawra schien
+sich mit jemanden zu streiten.
+
+„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“
+
+Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich erblaßte sie.
+
+„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme.
+
+Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich ging ins Vorzimmer
+zu Mawra. Also doch! Es war Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn
+anfangs gar nicht hereinlassen wollte.
+
+„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie ein Recht dazu hätte.
+„Was? Wo hast du dich herumgetrieben? Nun, geh nur, geh! Mir wirst du
+nichts vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten wirst!“
+
+„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ sagte Aljoscha, etwas
+konfus.
+
+„Nun, mal los!“
+
+„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als er mich erblickte,
+„wie gut das ist, daß Sie hier sind! Nun, und ich, sehen Sie, wie soll
+ich jetzt ...“
+
+„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete ich, „was fürchten Sie
+denn?“
+
+„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn ich bin, bei Gott,
+nicht schuld. Sie denken vielleicht, daß ich schuldig bin? Sie werden
+sehen, ich werde mich gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“
+rief er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an der
+geschlossenen Tür lauschend stehen.
+
+Niemand antwortete.
+
+„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig.
+
+„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was sollte denn sein
+...“
+
+Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit schüchternem Blick
+das Zimmer. Niemand war da.
+
+Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem Schrank und dem
+Fenster. Sie stand da, als hätte sie sich verstecken wollen, halb tot,
+halb lebendig. Und jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines
+Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig auf sie zu.
+
+„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ sagte er schüchtern, und
+sah sie ängstlich an.
+
+„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in schrecklicher
+Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. „Du ... willst du Tee?“
+
+„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und verloren. „Du bist
+vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin ... Doch ich bin an nichts
+schuld, an nichts! Ich werde dir gleich alles erzählen.“
+
+„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar Natascha. „Nein, nein, das
+ist nicht nötig ... gib mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie
+immer ...“
+
+Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf ihren Wangen. Sie
+hielt die Augen niedergeschlagen, als fürchtete sie sich, Aljoscha
+anzusehen.
+
+„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, „wenn ich mich
+wirklich schuldig fühlte, so würde ich wahrlich nicht gewagt haben, sie
+jetzt noch anzusehen! Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir
+gewandt: „Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. Fünf
+Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, ich sei bei der Braut –
+und was glauben Sie? Sie hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die
+Hand und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, mein Engel! Ich
+bin nicht schuld daran, daß du es weißt! Ich bin nicht im geringsten
+schuld daran. Im Gegenteil! Im Gegenteil!“
+
+„Aber ... aber wie kommst du denn _hierhin_ ... Man hatte dich doch
+_dahin_ gerufen? Wieviel Uhr ist es denn?“
+
+„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei krank und bin
+fortgefahren und – das ist das erste Mal, das erste Mal in diesen fünf
+Tagen, daß ich frei bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir
+fahren konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher kommen können,
+doch wollte ich es absichtlich nicht! Und warum? Du wirst es gleich
+erfahren; ich werde alles erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles
+zu erklären; nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In nichts!“
+
+Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein Blick leuchtete so
+aufrichtig, sein Gesicht war so freudig erregt, so ehrlich und lustig,
+daß man ihm alles glauben mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem
+Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie das früher in
+ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch Natascha, wie von zu viel
+Glück überschüttet, senkte nur ihren Kopf und begann plötzlich ... leise
+zu weinen ... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er stürzte zu
+ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre Füße. Er war außer sich. Ich
+schob ihr einen Sessel hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in
+den Sessel.
+
+
+
+
+ Zweiter Teil
+
+
+ I.
+
+Nach einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig.
+
+„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte uns Aljoscha
+mit seiner hellen Stimme. „Ihr denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit
+Dummheiten komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes
+mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht endlich mal aufhören!“
+
+Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und er schien uns
+wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu wollen. Doch seine Wichtigtuerei
+und der naive Stolz über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha
+zum Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung Aljoschas wiederum
+brachten uns schließlich so weit, daß wir nur den kleinen Finger zu
+zeigen gebraucht hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort vor
+Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra aus der Küche und stellte
+sich an der Tür auf; mit ernstem Unwillen betrachtete sie uns, wütend,
+daß Aljoscha nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, auf
+die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut hatte, und daß sie uns
+statt dessen so fröhlich sehen mußte.
+
+Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, daß Aljoscha
+anfing, sich beleidigt zu fühlen.
+
+„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie ihn.
+
+„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, Aljoscha ohne jegliche
+Rücksicht unterbrechend.
+
+„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte ihr mit Händen und Füßen
+ab, damit sie sich schneller entfernen sollte. „Ich werde alles
+erzählen, wie es gewesen, wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß
+jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt wissen, wo ich
+die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, was ich euch erzählen will, ihr
+aber laßt mich nicht dazu kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich
+die ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange habe ich dich
+betrogen, und das ist es ...“
+
+„Betrogen?“
+
+„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor Papas Ankunft; jetzt ist
+endlich die Zeit gekommen, da ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor
+einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich
+plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden gar nicht
+gezeigt habe. In diesem Brief erklärte er mir einfach und geradeaus –
+und bemerkt wohl, in einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört
+hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also einfach, daß
+meine Heirat schon beschlossene Sache sei, daß meine Braut eine
+weibliche Vollkommenheit und ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie
+aber trotzdem heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir alle
+Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, und so weiter – wie es
+euch schon bekannt ist. Diesen Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht
+gezeigt und auch nichts von ihm erwähnt.“
+
+„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, „was du behauptest! Im
+Gegenteil, du hast ihn uns sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch,
+wie du plötzlich zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und nicht von
+mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor mir ... und den ganzen
+Brief hast du uns stückweise mitgeteilt.“
+
+„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch sicher nicht erzählt.
+Vielleicht habt ihr beide alles erraten, ich jedenfalls habe nichts
+erzählt. Ich habe geschwiegen und schrecklich darunter gelitten.“
+
+„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals jeden Augenblick um
+Rat fragten und mir alles erzählten,“ fügte ich hinzu, mit einem Blick
+auf Natascha.
+
+„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung auf. „Was kannst
+du denn verheimlichen? Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar
+Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“
+
+„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich Mawra wieder ein. „In den
+drei ersten Tagen hast du alles erzählt. Du Schlauberger!“
+
+„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun zu haben! Das
+behauptest du alles nur aus Bosheit, Natascha! Und du, Mawra, du irrst
+dich gewaltig. Ich weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“
+
+„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“
+
+„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, das war damals, als wir
+kein Geld hatten und du gingst noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu
+versetzen; doch erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz und
+gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. Nun, nehmen wir an,
+ich habe euch wirklich damals alles erzählt, doch den Ton, den Ton des
+Briefes, den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch die
+Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“
+
+„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha.
+
+„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. Scherze nicht. Ich
+versichere dir, das ist sehr wichtig. Der Ton war so, daß ich einfach
+die Hände fallen ließ. Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher
+müßte Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: sieh, so ist der
+Ton!“
+
+„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du denn das vor mir
+verheimlichen?“
+
+„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, alles wieder
+gut zu machen. Aber eine schwere Zeit brach an, als mein Vater nun
+zurückkehrte. Ich wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar
+antworten, und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte nicht einmal
+danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, er gab sich den Anschein, als
+wäre alles zwischen uns beschlossen und zu unserer gegenseitigen
+Befriedigung abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche
+Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich und
+liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er klug ist, Iwan Petrowitsch,
+wenn Sie wüßten! Er hat alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen
+ansieht, so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat man ihn wohl auch
+einen Jesuiten genannt. Natascha liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei
+nicht böse, Natascha ... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang kein Geld,
+gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. Natascha, mein Engel!
+Jetzt hat unsere Armut aufgehört. Sieh, hier! Alles, was er mir in
+diesem halben Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, wie
+viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra sieh mal, wie
+viel es ausmacht, jetzt brauchen wir keine Löffel mehr zu versetzen!“
+
+Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, wohl über tausend Rubel
+und legte ihn auf den Tisch. Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn
+sehr. Natascha drang in ihn, weiter zu erzählen.
+
+„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr Aljoscha fort. „Wie soll
+ich jetzt gegen seinen Willen handeln? Denn ich schwöre euch beiden,
+wäre er schlecht und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir
+weiter keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins Gesicht
+gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener Mensch bin und –
+Schluß! Und glaubt mir, ich hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt –
+was soll ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich sehe,
+daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum seht ihr euch
+gegenseitig so an? Wahrscheinlich denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn
+jetzt gekriegt und er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe
+Charakter, mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet
+meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine Pflicht, meine
+Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ und ich habe ihm alles
+gesagt und er hat mir ruhig zugehört.“
+
+„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, unruhig geworden,
+Natascha.
+
+„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich schon selbst eine habe –
+und das wärest du! Das heißt, ich habe es ihm noch nicht genau so
+gesagt, sondern ihn nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm
+sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst begann ich damit, daß
+es Schimpf und Schande wäre, um des Geldes willen zu heiraten, und wenn
+wir uns für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre das einfach –
+dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie zu einem Bruder). Darauf habe
+ich ihm erklärt, daß ich zum Dritten Stande gehöre, zum ^tiers-état^ und
+^le tiers-état c’est l’essentiel^; daß es mein Stolz wäre, mit allen
+gleich zu stehen, mich von niemandem zu unterscheiden ... mit einem
+Wort, ich habe ihm alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt
+... Ich ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war selbst
+über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte ihn einfach: was wir für
+Fürsten seien? Vielleicht nur dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in
+Wirklichkeit, was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären wir
+nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. Heutigentags ist der
+größte Fürst – Rothschild. Zweitens hat man in der großen Welt von uns
+schon längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon Walkowskij, der
+Letzte aus der Familie, der in Moskau bekannt war, ja – der hatte seine
+ganzen dreihundert Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld
+erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt selbst das Land
+pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. Wir hätten also nichts, auf das
+wir stolz sein könnten. Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen,
+was in mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar noch manches
+hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, sondern warf mir nur vor, daß
+ich das Haus des Grafen Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die
+Bekanntschaft der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse und daß
+ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig aufnähme, überall empfangen
+werden würde und Karriere machen könnte usw. usw.! Das waren alles
+Anspielungen darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt hättest, diese
+Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu sprechen, hat er bis jetzt
+unterlassen. Wir sind beide schlau; wir warten beide, wie der eine den
+andern fangen wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße wird es
+Feiertag geben.“
+
+„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet es denn, was hat er
+beschlossen? Das ist doch die Hauptsache! – Was bist du doch für ein
+Schwätzer, Aljoscha ...“
+
+„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug werden; ich bin durchaus
+kein Schwätzer, ich rede ganz sachlich. Er hat einfach nicht so
+beschlossen, sondern nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm
+sagte. ‚Ich bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst,
+doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich aber dort, von
+diesen Dingen zu reden. Ich verstehe dich zur Not noch, sie aber werden
+dich nicht verstehen.‘ Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern
+empfangen; daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint man
+meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern zu sehen. Der Graf
+empfing mich zuerst ganz von oben herab; er schien es völlig vergessen
+zu haben, daß ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es für
+‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, doch kann dabei
+von Undankbarkeit meinerseits keine Rede sein; in seinem Hause ist es
+einfach langweilig und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht
+mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er so herablassend, so
+herablassend, daß ich einfach nicht verstehe, wie er noch zu ihm fahren
+kann. Das hat mich sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den Rücken
+beugen, und das alles meinetwegen – und ich, ich habe das alles garnicht
+nötig. Ich hätte meinem Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ
+es bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung kann ich ihm nicht
+nehmen, ich verärgere ihn nur und er hat es ohnehin schon schwer. Nun,
+denke ich mir, ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen
+zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich habe sofort alles
+erreicht und in einem Tage hat sich alles geändert! Graf Nainskij weiß
+jetzt nicht mehr, wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich
+ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein Vater vor
+Erstaunen ...“
+
+„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ unterbrach ihn
+ungeduldig Natascha: „ich dachte, du hättest etwas zu erzählen, was uns
+anbetrifft, doch du erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen
+ausgezeichnet hast. Was geht mich dein Graf an!“
+
+„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, was geht er Sie an?
+Aber das ist doch die Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’
+mich doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum soll ich’s
+nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, und Natascha haben oft
+gefunden, daß ich nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich
+wirklich einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere euch,
+habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel Klugheit; so daß Sie beide,
+denke ich, selbst sehr froh sein werden, daß ich nicht immer – dumm
+bin.“
+
+„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ doch, mein Lieber!“
+
+Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha für dumm hielt. Wie
+oft war sie nicht gekränkt gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie,
+Aljoscha irgendeiner seiner Dummheiten überführte. Es war ein wunder
+Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung Aljoschas nicht
+ertragen, um so weniger, als sie sich seiner geistigen Beschränktheit
+bewußt war. Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, um
+seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber schien in der Beziehung
+besonders empfindlich zu sein und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle.
+Natascha wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte
+davon abzulenken. Deshalb berührten sie seine Worte auch dieses Mal
+peinlich ...
+
+„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist durchaus nicht so
+...“ fügte sie hinzu, „warum sich erniedrigen?“
+
+„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende erzählen. Nach diesem
+Empfang beim Grafen war der Vater außer sich über mich. Warte, denke
+ich! Wir fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, daß sie
+vor Alter den Verstand verloren habe, fast taub sei und über alles Hunde
+liebte. Sie besitzt ein ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf
+sie kommen. Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß in der
+Welt, daß sogar Graf Nainskij, ^le superbe^, bei ihr antichambriert.
+Schon unterwegs hatte ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr
+wohl, worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich lieben.
+Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt in mir ein solcher
+Magnetismus oder kommt es daher, daß ich selbst Tiere so gern habe, ich
+weiß es nicht, doch die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den
+Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, Natascha, daß
+wir vor ein paar Jahren Geister beschwört haben, ich war bei einem
+Spiritisten; das ist sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich
+wirklich in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“
+
+„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ rief Natascha, hell
+auflachend. „Das fehlte auch noch!“
+
+„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich weiß nicht, ver... Warum
+soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn
+dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“
+
+„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein Lieber! Nun, und was
+sagte dir Julius Cäsar?“
+
+„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und der Bleistift schrieb
+von selbst auf das Papier. Alle sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich
+glaubte es aber nicht.“
+
+„Und was schrieb er denn?“
+
+„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu lachen!“
+
+„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“
+
+„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zur Fürstin und ich
+begann sofort, Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist ein altes,
+ekliges, widerwärtiges Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die
+Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere Mimi sofort mit
+Konfekt und bringe das Tier in zehn Minuten so weit, daß es mir die
+Pfote gibt, was man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen
+können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, fast hätte sie
+vor Freuden weinen können: ‚Mimi, Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es,
+wenn jemand eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat es ihm
+beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi reicht die Pfote.‘ Dabei
+sieht sie mich fast mit Tränen der Rührung an. Die gute Alte; sie kann
+mir fast leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um ihr zu
+schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild von ihr als Braut vor
+sechzig Jahren. Die Dose also fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte
+so, als wäre es mir garnicht bewußt: ^Quelle charmante peinture!^ Welch
+ideale Schönheit! Da taute sie schon ganz auf; sprach mit mir von dem
+und jenem, wo ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein Haar
+wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, erzählte ihr ein
+skandalöses Geschichtchen. Sie liebt das, drohte mir mit dem Finger,
+aber lachen tat sie doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und
+verlangt, daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. Der Graf
+drückt mir die Hand, seine Augen schwammen ganz vor Rührung, und der
+Vater, der doch der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist –
+glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte fast vor Freude,
+als wir beide zusammen nach Hause fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir
+aufrichtig, teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere,
+Verbindungen, Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht einmal
+verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er mir denn auch das Geld. Das
+war gestern. Morgen muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt,
+der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes von ihm, wenn er
+mich auch von Natascha trennen will, so sind es doch nur die Millionen
+Katjäs, die ihn blind machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie
+nur für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er ungerecht zu
+dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem Sohne nicht Glück! So sind sie
+alle! Man muß ihn nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er
+bekommt sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, um dich
+davon zu überzeugen, ich weiß, du bist ihm gegenüber voreingenommen und,
+versteht sich, nicht schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht
+anklagen ...“
+
+„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der Fürstin Karriere
+gemacht? Darin besteht deine ganze Schlauheit?“ fragte Natascha.
+
+„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich habe nur darum von der
+Fürstin erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in die Hand bekomme,
+doch mit der Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“
+
+„Nun, so erzähle doch!“
+
+„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber ich selbst noch ganz
+erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. „Ich muß bemerken, daß die Verlobung
+zwischen meinem Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch nicht
+öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie ohne jeglichen Skandal
+wieder gelöst werden kann; nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt
+ja nur als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen Tagen Katjä
+viel näher getreten bin, so hatten wir doch bis heute miteinander kein
+Wort über Zukünftiges gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch von
+der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, die Einwilligung der
+Fürstin K. abzuwarten, von deren Gunst man Goldberge erwartet. Was sie
+dazu sagen wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja so große
+Verbindungen ... Man möchte mich durchaus in die Gesellschaft einführen.
+Daran besteht besonders die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache ist
+nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer im Auslande
+wegen nicht mehr empfangen wird, und wenn die Fürstin sie nicht mehr
+empfängt, so tun es die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung
+mit Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. Darum freute
+sich auch die Gräfin, die früher gegen die Verlobung war, so sehr über
+meinen Erfolg bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die
+Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor einem Jahr kennen
+gelernt; aber damals war ich noch ein Junge und konnte nichts begreifen,
+und nichts besonderes in ihr finden ...“
+
+„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als jetzt,“ unterbrach ihn
+Natascha, „deshalb konntest du nichts in ihr finden, aber jetzt ...“
+
+„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, „du irrst dich in
+allem und beleidigst mich! ... Ich werde dir nichts darauf antworten;
+höre weiter und du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest!
+Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, helle und reine Seele ist!
+Doch, du wirst sie kennen lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als
+der Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie mir näher
+angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie mich beobachtete. Das erweckte in
+mir die Neugierde schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei
+verfolgte, sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die ich seit dem
+Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen setzte, verfolgte. Ich
+werde nichts über sie sagen, ich werde sie nicht loben, ich will nur
+bemerken: daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie ist
+nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke und aufrichtige Seele,
+stark durch ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr,
+wie ihr jüngerer Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst
+siebzehn Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in ihr lebt ein
+Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; im Hause schweigt sie
+immer, als fürchte sie etwas ... Immer ist sie in Gedanken versunken.
+Meinen Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt sie nicht, –
+das habe ich sofort bemerkt. Wenn die Gräfin behauptet, daß ihre
+Stieftochter sie sehr liebe, so tut sie es nur, um gewisser Ziele
+willen, doch ist es garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz
+als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es eine
+verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen beschloß ich, meine
+Absicht auszuführen, und heute abend ist es mir gelungen. Meine Absicht
+war: alles Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere
+Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male der ganzen Sache ein Ende
+zu machen ...“
+
+„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ fragte beunruhigt Natascha.
+
+„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und Gott, der mir diesen
+Gedanken eingegeben, sei Dank, doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß
+ich, nicht eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein
+durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre ich unentschieden
+geblieben, doch allein geblieben, hatte ich mich vor die Tatsache
+gestellt, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie
+durchführen! Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe ihn jetzt
+ausgeführt!“
+
+„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“
+
+„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und mutig ... Doch vorher
+muß ich von einem Zufall erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte.
+Bevor wir uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In dem
+Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb an der Türe stehen. Er
+bemerkte mich nicht. Er war durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut
+mit sich selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und mit dem
+Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich fürchtete mich sogar,
+einzutreten ... Der Vater war über irgend etwas dermaßen erfreut, so
+erfreut, daß er mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach und
+sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu früh war. Bei ihnen
+war heute niemand zu Gast, und es war rein ein Irrtum von dir, Natascha,
+wenn du gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. Man hat
+dich falsch unterrichtet.“
+
+„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ doch, was du alles
+Katjä erzählt hast?“
+
+„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden allein blieben. Ich
+erklärte ihr einfach, daß man uns beide verloben möchte, doch daß diese
+Ehe unmöglich sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große Sympathie
+empfinde und daß sie allein mich retten könne. Darauf erzählte ich ihr
+alles. Stelle dir nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer
+Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert sie davon war.
+Sie erbleichte sogar. Ich erzählte ihr also unsere ganze Geschichte: wie
+du dein Elternhaus verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir uns
+jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe bitten (ich sprach auch
+in deinem Namen, Natascha), und hofften, daß sie auf unsere Seite träte
+und einfach ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten
+wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir einen anderen Ausweg
+nicht finden könnten. Sie hörte mir mit großer Aufmerksamkeit und
+Teilnahme zu. Was sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte!
+Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue Augen. Sie dankte
+mir, daß ich zu ihr Vertrauen gehabt, und versprach, uns mit allen
+Kräften zu helfen. Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen
+lernen wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie eine Schwester
+lieb habe, und daß auch du sie lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß
+ich dich bereits den fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich
+selbst sofort zu dir ...“
+
+Natascha war gerührt.
+
+„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei der tauben, alten
+Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses mitzuteilen. Ach, Aljoscha,
+Aljoscha!“ rief Natascha aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn
+Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“
+
+„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch brach sie bald darauf
+in Tränen aus. Denn sie hat mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie
+gestand mir, daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr schon
+längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie von Lüge und
+Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich allein für einen aufrichtigen
+und ehrlichen Menschen hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit
+Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie vollendete nicht,
+brach in Tränen aus und verließ das Zimmer. Wir haben beschlossen, daß
+sie morgen ihrer Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht
+heiraten, und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. Sie
+machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt
+hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so
+edel. Meinen Vater liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und
+wolle nur Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn ich
+morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt nämlich, ich würde
+nichts erreichen), so ist sie dafür, daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann
+wird es niemand wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig
+das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. Wenn du ihre
+Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch sie unglücklich ist, wie
+widerwärtig sie ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung
+empfindet! Sie sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es
+auszusprechen, aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. Natascha,
+mein Liebling! Wie würde sie sich freuen, dich zu sehen! Und was für ein
+gutes Herz sie hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide wie
+geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig wie Schwestern lieb
+haben! Ich habe die ganze Zeit daran gedacht. Ich müßte euch beide
+zusammenführen. Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich bitte
+noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas Schlechtes. Mit ihr
+zusammen möchte ich über dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt
+doch, daß ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“
+
+Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich traurig an. Seine
+Worte umschmeichelten sie und quälten sie zugleich.
+
+„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich Katjä kennen und
+schätzen gelernt. Ich bin doch jeden Abend bei ihr gewesen. Wenn ich
+dann nach Hause zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und
+verglich euch miteinander.“
+
+„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd Natascha.
+
+„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du besser. Nur wenn ich
+mit ihr spreche, fühle ich, daß ich selbst besser, klüger und edler bin.
+Doch morgen, morgen wird sich alles entscheiden!“
+
+„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest du selbst.“
+
+„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei lieb haben, und dann
+...“
+
+„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha.
+
+Aljoscha sah sie unwillig an.
+
+Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter Weise unterbrochen.
+In die Küche, die zu gleicher Zeit das Vorzimmer war, hörte man jemanden
+eintreten. Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha,
+hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um.
+
+„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller Stimme.
+
+„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha blickte uns ganz
+verwundert an. „Ich werde sehen!“
+
+Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick der Lakai des
+Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt sich so, daß der Fürst auf
+der Rückreise nach Hause bei Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu
+erfahren, ob Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde,
+entfernte er sich sofort wieder.
+
+„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ sagte verwirrt
+Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“
+
+Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Tür.
+
+„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu und verschwand.
+
+Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. Plötzlich flammten
+ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht auf den Tisch und blickte
+erwartungsvoll zur Tür, durch die der ungebetene Gast eintreten mußte.
+
+„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube niemanden,
+dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, der seine Fassung nicht
+verloren hatte, erregt zu.
+
+Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowskij in
+eigener Person.
+
+
+ II.
+
+Ein rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus diesem Blicke
+konnte man nicht erkennen, ob er von einem Freunde oder Feinde kam. Das
+Äußere des Fürsten setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen.
+
+Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein Mann von
+fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen und schönen
+Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je nach den Umständen, und zwar
+plötzlich, mit unvorhergesehener Geschwindigkeit, zu verändern pflegte,
+und die in einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck
+überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck einer mechanischen
+Feder. Das ebenmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die
+prachtvollen Zähne, die feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön
+geschnittene etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch kein
+Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen – dies alles machte ihn
+zum schönen Manne. Und doch machten seine Züge keinen angenehmen
+Eindruck. Dieses Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht
+seinen eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, Erdachtes,
+Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich die Überzeugung, daß man
+niemals seinen wahren Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das
+Gesicht näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas Böses,
+Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu lauern. Namentlich zogen
+die grauen, schönen, offenen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie
+allein konnten sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen
+weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die Strahlen seines
+Blickes gleichsam zu spalten und mitten zwischen den milden,
+freundlichen Strahlen blitzten dann böse, mißtrauische, harte,
+forschende auf ... Er war von ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant.
+So schien er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein
+dunkelbraunes und weiches Haar war noch nicht ergraut. Seine Ohren,
+Hände und Füße waren von wunderbarer Form. Er hatte durchaus das, was
+man Rasse nennt. Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was
+ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren Bruder von
+Aljoscha halten können, niemals jedoch für den Vater eines erwachsenen
+Sohnes.
+
+Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr ruhig und fest ins Auge.
+
+„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung mag Ihnen
+sonderbar und unangebracht erscheinen; doch ich hoffe, Sie werden mir
+glauben, daß ich das Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus
+überschaue. Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu tun
+habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich bitte Sie mir zehn
+Minuten zu gewähren und Sie werden meine Handlungsweise begreifen und
+selbst rechtfertigen.“
+
+Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck.
+
+„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer noch verwirrt von der
+Überraschung.
+
+Er verbeugte sich leicht und setzte sich.
+
+„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar Worte zu sagen.
+Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, ohne dich von uns zu
+verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katherina Fedorowna sich
+schlecht fühle. Die Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina
+Fedorowna selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. Sie
+erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. Darauf sagte sie uns,
+daß sie in ein Kloster ginge, daß du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr
+selbst gestanden hättest, du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so
+unwahrscheinliches Geständnis von seiten Katherina Fedorownas in einem
+solchen Augenblick war natürlich nur die Folge deiner sonderbaren
+Erklärung ihr gegenüber. Sie war einfach ganz außer sich. Du verstehst,
+wie überrascht und bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte
+ich Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. „Da kam mir
+denn der Gedanke wieder, der mich schon lange beschäftigt hatte, so daß
+ich jetzt dem ersten Impuls nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde
+ich Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen
+Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht zu verwundern. Alles
+das kam so jäh ...“
+
+„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es nötig ist ... und das
+von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ sagte etwas stockend Natascha.
+
+Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in einem Augenblick
+ganz und gar durchschauen.
+
+„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – „und wenn ich es mir
+erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so tat ich es nur, weil ich
+wußte, mit wem ich es zu tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange,
+obgleich ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen muß.
+Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Herrn
+Vater eine alte Fehde besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen.
+Vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher
+angenommen habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, weil
+ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch und ich mache kein
+Geheimnis daraus. Ich bin immer geneigt, eher das Schlechte als das Gute
+anzunehmen – ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit
+hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, meine Mängel zu
+verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen über Sie Glauben geschenkt, und
+als Sie Ihre Eltern verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch
+damals kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich nach und
+nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. Ich konnte mich
+schließlich davon überzeugen, daß meine Verdächtigung Ihnen gegenüber
+tatsächlich unbegründet war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich
+mit den Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr Vater
+durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. Und schon allein, daß Sie,
+die Sie einen solchen Einfluß auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht
+zu einer Heirat mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein zeigt Sie
+von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich bereits
+fest entschlossen war, mit aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit
+meinem Sohne entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur
+allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick verlangt
+nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. Sie werden es mir
+selbst im Laufe unseres Gespräches zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr
+Elternhaus verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es
+verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich rechnete
+auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, daß Sie die Ehe mit
+Aljoscha nicht wollten, bevor der Familienstreit ein Ende genommen, und
+daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu
+zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit Ihnen verziehen
+haben würde. Auch wollten Sie wohl nicht, daß man von Ihnen sagen
+konnte, Sie hätten die Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht.
+Im Gegenteil, Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse
+Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, daß ich selbst zu
+Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu erweisen und die Hand
+meines Sohnes anzunehmen. Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger
+Gegner. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die Gründe
+Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; Ihre Familie ist nicht
+angesehen. Wenn ich auch vermögend bin, so brauchen wir doch mehr. Mit
+unserer Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und Geld nötig.
+Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings keine Verbindungen, aber sie
+ist sehr reich. Ich durfte keine Zeit verlieren, andere Freier hätten
+uns die Braut fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha
+viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche nichts
+vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf den Vater sehen, der seinen
+Sohn aus Habsucht und Vorurteil zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein
+Mädchen, das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist eine
+schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. Der
+zweite Grund für eine Heirat meines Sohnes mit der Stieftochter der
+Gräfin ist der, daß dieses Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung
+würdig ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher
+Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind ist. Aljoscha dagegen
+ist ganz charakterlos, leichtsinnig, unüberlegt und mit seinen
+zweiundzwanzig Jahren nicht nur ein halbes, sondern ein vollkommenes
+Kind, das nur den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was bei
+seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich habe schon längst
+bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich verringert hat: das jugendliche
+Feuer nimmt überhand, auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich
+meinerseits liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr
+und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht für ihn
+ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er immer unter irgend einem
+guten Einfluß stehen. Seine Natur ist schwach und liebebedürftig, auch
+hat sie die Neigung, mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er sein
+ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, wie froh ich war, in
+Katherina Fedorowna ein Mädchen zu finden, wie ich es meinem Sohne gern
+zur Frau gewünscht hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte
+bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach meiner Rückkehr beobachtete
+ich ihn scharf und bemerkte in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein
+Leichtsinn, seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich
+ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht nur für
+Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine Ideen sind noch sonderbar
+und ungeschickt, doch der Wille, der Wunsch zum Besseren ist entschieden
+vorhanden und das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses
+Bessere aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. Ich gestehe
+Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, daß tatsächlich Sie allein
+vielleicht sein Glück ausmachen könnten. Doch habe ich diesen Gedanken
+sofort wieder unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es
+so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß entreißen, was es
+mich auch koste; ich handelte danach und hoffte schon, daß ich mein Ziel
+erreichen würde. Noch vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf
+meiner Seite. Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine
+Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte mich diese ganz
+unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser seltsame Ernst in Aljoscha,
+seine Anhänglichkeit an Sie, und die Beharrlichkeit dieser
+Anhänglichkeit. Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben ihn vollständig
+umgewandelt und ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter
+erstreckt, als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten Male an
+ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und zu gleicher Zeit eine große
+Feinfühligkeit des Herzens. Er hatte den rechten Weg gewählt, um aus
+dieser Lage heraus zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er
+rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, nämlich –
+die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Großmut zu vergelten. Er gab
+sich ganz in die Gewalt des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen
+Teilnahme und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, die ihn
+liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine Nebenbuhlerin hätte,
+und zu gleicher Zeit erweckte er in ihr Sympathie zu dieser
+Nebenbuhlerin und für sich Vergebung und brüderliche Freundschaft. So
+etwas zu wagen und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten
+und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines und
+gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja
+Nikolajewna, an seinem heutigen Schritte vollkommen unbeteiligt sind.
+Sie haben, vielleicht, von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht
+wahr, ich irre mich nicht?“
+
+„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren Gesicht glühte und
+deren Augen eigentümlich leuchteten. Die Dialektik des Fürsten begann
+bereits, ihre Wirkung auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen
+nicht mehr gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein
+ausgedacht und allein ausgeführt.“
+
+„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, ist seine
+ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge Ihres Einflusses. Dies hatte
+ich mir alles auf der Fahrt nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte
+ich in mir die Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere
+Werbung im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und kann nicht
+wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch möglich wäre. Wie, wenn
+ich mich jetzt hätte überzeugen müssen, daß nur Sie sein Glück
+ausmachen, daß nur Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen
+nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich liebe
+Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz bewußtermaßen alles
+das nur für ein Vorurteil halte, – doch ich liebe nun einmal diese
+Vorurteile. Aber es gibt Umstände, in denen man auch andere Auffassungen
+gelten lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben Maße
+messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn über alles. Kurz, ich bin zu
+der Überzeugung gekommen, daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen
+soll, weil er ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß ich
+mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu entschlossen hatte,
+und daß ich jetzt recht daran getan, die Sache so aufzufassen. Freilich,
+um Ihnen dieses Geständnis zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so
+spät am Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen beweisen,
+wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig ich mich der Sache annehme.
+Ich bin kein Jüngling, in meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte
+Schritte mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon
+beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde noch viel Zeit
+brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen ... Doch zur
+Sache! Soll ich Ihnen jetzt noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen
+bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit zu tun und
+bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung zu Ihnen für meinen
+Sohn um Ihre Hand anzuhalten. O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen
+gekommen bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über sich
+gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr Glück
+einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, wenn Sie das von mir
+voraussetzen. Denken Sie, bitte, auch nicht, daß ich schon im voraus von
+Ihrer Einwilligung überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der
+erste, der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist ...
+(wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und er selbst wird es
+bestätigen. Doch das wäre noch wenig. Mich hat zu dieser Stunde nicht
+nur dies hierher gezogen ... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob
+sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... ich bin
+hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich weiß, daß ich dazu nicht das
+kleinste Recht beanspruchen kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir,
+daß ich mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“
+
+Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete ihre Antwort.
+Die ganze Zeit, während seiner Rede, beobachtete ich ihn aufmerksam. Er
+merkte es.
+
+Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit merkbarer Absicht,
+tadellose und zugleich gewinnende Sätze zu formen, und stellenweise
+wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. Der Ton seiner Rede entsprach
+durchaus nicht dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit.
+Einige Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin und wieder gab
+er sich, während seiner langen Rede, den Anschein eines Sonderlings, der
+seine Gefühle durch Humor und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir
+das alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit so viel
+Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, daß er uns sofort alle
+damit besiegte. An seinen Augenwimpern schienen Tränen zu erglänzen.
+Nataschas edles Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls
+von ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre Hand. Er ergriff
+sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. Aljoscha war außer sich vor
+Begeisterung.
+
+„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. „Du hast mir nicht
+glauben wollen! Du hast mir nicht glauben wollen, daß er der edelste
+Mensch auf der Welt ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“
+
+Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser erwiderte seine
+Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle Szene abzukürzen,
+als schäme er sich seiner Gefühle.
+
+„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich gehe. Ich erbat
+mir nur zehn Minuten und habe eine ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“
+fügte er lächelnd hinzu. „Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie
+möglichst bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie des öfteren
+besuche?“
+
+„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch ich möchte Sie so bald
+als möglich ... lieben lernen ...“ fügte sie ganz verwirrt hinzu.
+
+„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst über ihren
+Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht nur eine einfache
+Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit ist mir viel teurer als
+alle Höflichkeit. Ja! Ich sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch
+verdienen muß!“
+
+„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ flüsterte Natascha
+ganz bestürzt.
+
+Wie schön war sie in diesem Augenblick!
+
+„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch noch ein paar Worte zur
+Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin, denn weder
+morgen, noch übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt
+heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die meine
+Anwesenheit verlangt. Morgen früh also verlasse ich Petersburg. Bitte,
+glauben Sie nicht etwa, ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen,
+weil es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen wäre. Natürlich
+denken Sie gar nicht daran, aber – nun sehen Sie, da haben Sie wieder
+eine Probe meines Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in
+meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, ist nichts
+als die Folge dieses elenden Charakterzuges! ... Heute haben wir
+Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, Freitag werde ich also nicht in
+Petersburg sein. Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde Sie
+dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?“
+
+„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend abend werde ich Sie
+erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!“
+
+„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich Sie näher
+kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! Ich kann nicht umhin, auch
+Ihnen die Hand zu reichen,“ wandte er sich plötzlich an mich.
+„Entschuldigen Sie, wir sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl
+schon des öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir sind
+uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von hier fortgehen, ohne
+Ihnen versichert zu haben, daß es mir sehr angenehm ist, unsere
+Bekanntschaft zu erneuern.“
+
+„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine Hand, „doch
+erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu sein.“
+
+„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“
+
+„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich versichere, daß ich
+es dieses Mal nicht vergessen werde. Dieser Abend wird mir durchaus in
+der Erinnerung bleiben.“
+
+„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der aufrichtigste Freund
+Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien
+als der Vierte hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten wandte
+er sich wieder an Natascha.
+
+„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen alle Freunde
+sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung.
+
+Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, daß der Fürst mich
+nicht vergessen hatte. Wie sie mich doch lieb hatte!
+
+„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ fuhr der Fürst fort,
+„und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten Verehrerinnen. Es würde sie
+sehr freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin,
+meine beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna
+Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen Damen vorstellen zu
+dürfen.“
+
+„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt wenig in der
+Gesellschaft verkehre ...“
+
+„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen
+haben ...“
+
+„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig ...“
+
+„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“
+
+„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm sein. Ich wohne in der
+M.-Gasse im Hause Klugen.“
+
+„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! Wohnen Sie ...
+schon lange dort?“
+
+„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich schärfer
+ins Auge. „Meine Wohnung ist Nummer vierundvierzig.“
+
+„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... allein?“
+
+„Ganz allein.“
+
+„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so besser ... Ich werde
+Sie bestimmt besuchen, bestimmt! Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden
+und ich verspreche mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen
+Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich mit einer Bitte.
+Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!“
+
+Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals Nataschas Händchen,
+und forderte Aljoscha nicht auf, ihm zu folgen.
+
+Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles das hatte sich so
+plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle fühlten wir, daß sich in einem
+Augenblick alles verändert und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen
+würde. Aljoscha setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise
+zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, als
+erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde.
+
+„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ sagte sie
+endlich zu ihm.
+
+„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich werde es bestimmt
+tun.“
+
+„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu sehen ... was meinst
+du?“
+
+„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe ich gedacht. Ich
+werde sehen ... wie ich mich entschließe. Jetzt, Natascha, hat sich
+alles bei uns geändert,“ konnte sich Aljoscha nicht enthalten zu
+bemerken.
+
+Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an.
+
+„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie ärmlich deine Wohnung
+ist, und nicht ein Wort hat er ...“
+
+„Worüber?“
+
+„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, oder so etwas Ähnliches,“
+fügte er errötend hinzu.
+
+„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“
+
+„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie er dich lobte! Ich
+habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, er fühlt und versteht alles! Und
+von mir sprach er wie von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was
+tut’s, ich bin es ja auch.“
+
+„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir alle. Du,
+lieber, guter Aljoscha! Du!“
+
+„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie meint er das? Ich
+verstehe es nicht. Doch, was meinst du, Natascha, soll ich jetzt nicht
+gleich zu ihm fahren. Sowie es morgen hell wird, komme ich zu dir.“
+
+„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. Und zeige dich ihm noch
+heute abend, hörst du? Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst
+du mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch hinzu,
+ihn zärtlich ansehend.
+
+Alle waren wir voll stiller, reiner Freude.
+
+„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das Zimmer verlassend.
+
+„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, Wanjä. Auf morgen
+früh also.“
+
+„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war in großer Aufregung. Sie
+hatte gehorcht und alles gehört, was der Fürst gesagt, doch vieles nicht
+verstanden. Gern wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr
+stolz und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß sich
+nun alles ändern würde.
+
+Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine Hand und blieb stumm,
+als wüßte sie nicht, womit sie beginnen sollte.
+
+„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher Stimme. „Höre,
+du gehst doch morgen zu ihnen?“
+
+„Selbstverständlich.“
+
+„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“
+
+„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“
+
+„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie er es aufnehmen wird.
+Mein Gott, Wanjä! Wird er mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen?
+Nein, das kann nicht sein!“
+
+„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich mich zu versichern.
+„Er muß sich mit ihm aussöhnen und dann wird alles anders werden.“
+
+„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das nur möglich wäre!“ rief
+sie verzweifelt aus.
+
+„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt zum besten
+kehren.“
+
+Sie sah mich forschend an.
+
+„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“
+
+„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er meiner Meinung
+nach ein edler Mensch!“
+
+„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du damit sagen? Könnte er
+denn auch unaufrichtig gesprochen haben?“
+
+„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. „Also steigen auch
+in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. „Sonderbar!“
+
+„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend ...“
+
+„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“
+
+„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich bin jetzt müde, mein
+Lieber. Weißt du? Gehe auch du nach Haus. Und morgen komme von ihnen so
+bald als möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, daß
+ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“
+
+„Nein ... wieso Beleidigendes?“
+
+„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch eigentlich, daß ich ihn
+jetzt noch nicht liebe.“
+
+„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv und spontan. Du warst
+so wunderbar in diesem Augenblick! Dumm wäre nur _er_, wenn er es mit
+seinem Gesellschaftsempfinden nicht verstünde!“
+
+„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? Wie schlecht,
+mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! Lache nicht über mich, du
+weißt, ich verberge nichts vor dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund!
+Wenn ich nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder zu mir
+kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir bleibt! Wodurch habe
+ich das alles verdient! Verwünsche du mich nie, Wanjä! ...“
+
+Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich sofort zu Bett. Im
+Zimmer bei mir war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Sonderbare
+Gedanken und Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte ich
+nicht einschlafen.
+
+Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht haben, der in seiner
+luxuriösen Wohnung in weichem Bette ruhig einschlief – wenn er uns
+überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das
+nicht einmal!
+
+
+ III.
+
+Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um
+nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha,
+stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen
+Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum,
+doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der
+Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr
+Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein
+eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein
+von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem,
+dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast
+unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln
+müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag
+so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr
+abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch
+mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren
+Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus
+zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften,
+gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung
+und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll
+geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die
+Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch
+fast farblos.
+
+„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du
+wiederkommst. Komm mal herein!“
+
+Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte
+mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr
+Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen
+Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die
+Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei
+Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete.
+
+„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen.
+
+„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich
+aufgehoben.“
+
+Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie
+zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder
+und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck.
+
+„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich
+ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.
+
+„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“
+
+„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen
+gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend.
+
+„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne
+jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte
+ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du
+hast wohl aus ihnen gelernt?“
+
+„Nein.“
+
+„Wozu brauchtest du sie denn?“
+
+„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“
+
+„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“
+
+„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich
+gleichsam entschuldigend, hinzu.
+
+„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“
+
+Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter
+Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und
+ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie
+gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie
+stehen.
+
+„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt,
+hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur
+Tür gewandt, nach Asorka fragte.
+
+Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie
+verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich
+sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen
+hätte.
+
+„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen
+leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm
+erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten
+Augenblick an dich gedacht hat.“
+
+„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“
+
+Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte
+ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche
+Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu
+verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an
+ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich
+konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie
+würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah
+nicht.
+
+„Wo ist der Zaun?“
+
+„Welcher Zaun?“
+
+„An welchem er starb.“
+
+„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“
+
+„Nicht nötig ...“
+
+„Warum nicht?“
+
+„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und
+schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück.
+
+„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du
+tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar
+nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen
+gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die
+sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich
+sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich
+aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist
+sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist
+es so oder nicht?“
+
+Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr
+zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas
+Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene
+phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie
+gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch
+jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu
+Boden.
+
+„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar.
+
+„Also, Helene heißt du?“
+
+„Ja ...“
+
+„Wirst du mich besuchen?“
+
+„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren
+Kampfe.
+
+In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem
+unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch
+flüsternd:
+
+„Wieviel Uhr ist es?“
+
+„Ich glaube halb elf.“
+
+Sie schrie auf.
+
+„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus.
+Doch erhaschte ich sie noch im Flur.
+
+„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest
+du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“
+
+„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich
+schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen
+befreiend.
+
+„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß
+dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke
+nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du
+schneller hin, als zu Fuß ...“
+
+„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch
+größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen
+Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte.
+
+„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in
+meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit
+der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“
+
+Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke,
+die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig
+haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß
+ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den
+Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich
+sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn
+das für ein Geheimnis?“ dachte ich.
+
+Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer
+kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt
+sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer
+ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah
+ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in
+zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um
+nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu
+bemerken:
+
+„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man
+barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“
+
+„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen.
+
+„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn
+nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“
+
+„Nein.“
+
+„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“
+
+„Um so besser.“
+
+Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie
+offenbar sehr.
+
+„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte
+verendet war.
+
+Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der
+Bitte:
+
+„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen;
+wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“
+
+„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch
+wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid,
+dich anzusehen ...“
+
+„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone.
+
+„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“
+
+„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es
+doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und
+verächtlich.
+
+Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an
+der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich
+scheu um.
+
+„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie
+in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen.
+„Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“
+
+Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang
+gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich
+ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht
+weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal
+blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder
+nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt.
+Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite.
+
+Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen
+hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch
+wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich
+stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das
+ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka
+plötzlich verendet war.
+
+
+ IV.
+
+So waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, sie fast laufend, bis
+sie endlich in einen Laden trat. Ich blieb stehen und wartete auf sie.
+„Sie wird doch in keinem Laden leben,“ dachte ich.
+
+Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam sie wieder heraus und
+statt der Bücher hielt sie jetzt eine irdene Schale in der Hand. Nach
+ein paar Schritten trat sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten
+zweistöckigen schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des
+Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener Sarg –
+das Zeichen eines Sargmachers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren
+außergewöhnlich klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben,
+durch die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über die Straße
+auf das Haus zu und las über dem Hoftor auf dem Blechschild die
+Inschrift „Haus der Kleinbürgerin Bubnowa.“
+
+Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man plötzlich auf dem
+Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche Stimme schreien und schimpfen
+hörte. Ich blickte durchs Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein
+dickes Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um den Kopf einen
+grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von widerwärtiger rotblauer Farbe,
+ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr
+an, daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern war. Sie
+fuhr auf die arme Helene los, die mit der Schale in den Händen
+bewegungslos vor ihr stand. Oben auf der Treppe hinter dem Rücken der
+Alten, stand eine zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte
+Frauensperson. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk,
+und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigerufen, eine
+ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von bescheidenem und
+angenehmem Äußern. Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes
+lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter Mann und ein
+kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe stand mit dem Besen in der Hand ein
+kräftiger Bursche, wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die
+Szene ansah.
+
+„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du ...“ schrie die Alte
+einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern auf einmal heraus, ohne
+Unterbrechung und Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst du
+mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, sie aber treibt sich
+herum! Mein Herz fühlte es, als ich sie ausschickte. Es nagte und nagte
+in mir! Gestern abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie
+wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, wo?! ... Zu wem
+gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges Scheusal, du Giftkröte, zu
+wem? Sprich, du Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“
+
+Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die arme Kleine, als sie
+aber die andere Frau an der Treppe erblickte, hielt sie plötzlich inne,
+schrie jedoch jetzt noch mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen,
+als wollte sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens machen,
+das ihr armes Opfer begangen.
+
+„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß sie ganz allein auf der
+Welt geblieben ist. Haben selbst nichts zu essen, dachte aber bei mir,
+du bringst dem heiligen Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was
+aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte ich sie schon, doch in
+diesen zwei Monaten hat sie mir wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das
+Fleisch abgenagt, Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, ich
+schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie Wasser im
+Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt sie mir – aber sie schweigt!
+Sag’, wofür hältst du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich
+würdest du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine Füße müßtest
+du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt wärest du jetzt ohne mich!“
+
+„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern Sie sich so sehr? Was hat
+sie denn verbrochen?“ fragte ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die
+wütende Megäre richtete.
+
+„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, daß man gegen meinen Willen
+handelt! Sie hätte mich heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach
+Gurken in den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden
+zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie schickte, es nagte in
+mir, es nagte! Wo war sie? Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz
+gebeten? Bin ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete
+mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, und ihren
+Grasteufel zur Erziehung angenommen, meine Liebe, das weißt du doch
+selbst alles! Habe ich nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das
+anerkennen würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück
+gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und Schuhe gekauft und
+sie wie Feiertags angezogen! Und was glaubt ihr wohl, meine guten Leute!
+In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen,
+und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, mit Absicht hat sie
+es zerrissen – ich will nicht lügen, habe es selbst gesehen. Da ging mir
+die Seele über, da habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später
+den Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken müßte man,
+dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang nichts zu essen geben. Die
+Fußböden hat sie zur Strafe waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie
+wäscht sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie wäscht!
+Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum hatte ich es gedacht, da
+war sie mir auch schon fortgelaufen! Ihr habt es selbst gehört, wie ich
+sie gestern dafür geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon,
+nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch nicht barfuß
+gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin gelaufen! Wo warst du?
+Sprich? Bei wem hast du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du
+Larvenfratz, sprich?“
+
+Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst ganz erstarrte Kind,
+packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schale mit den Gurken
+flog zur Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die Wut der
+betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf;
+Helene aber schwieg hartnäckig und gab keinen Laut von sich, keine Klage
+wurde laut. Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu.
+
+„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise so zu behandeln!“ rief ich,
+die Furie am Arm packend.
+
+„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn eigentlich?“ keifte sie
+mich an, sie ließ von Helene ab und stützte ihre Arme in die Hüften.
+„Was haben Sie in meinem Hause zu suchen?“
+
+„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen Sie es, ein armes
+Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen nicht; ich habe es selbst gehört,
+daß sie eine Angenommene, eine arme Waise ist ...“
+
+„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du dich da herein zu
+mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, wie? Ich werde gleich die
+Polizei benachrichtigen! Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester
+Freund! Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? Wie wagst
+du in ein fremdes Haus zu kommen?!“
+
+Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch in dem Augenblick
+ertönte ein scharfer, unmenschlicher Schrei. Ich sah mich um und
+erblickte Helene besinnungslos und in konvulsivischen Krämpfen auf der
+Erde. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie stieß
+sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die geschminkte Dirne und die
+einfache Frau hoben sie auf und trugen sie hinauf.
+
+„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend die Alte nach.
+„Schon den dritten Anfall im Monat ... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich
+wieder auf mich.
+
+„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen Lohn?“
+
+„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich am Kragen nehme,“
+brummte faul der Hausknecht, nur der Form wegen. „Ein Dritter soll sich
+nie einmischen. Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“
+
+Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den Hof mit der vollen
+Überzeugung, daß ich hier nichts ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut
+in mir. Ich blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war ins
+Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr zu sehen. Gleich
+darauf erschien die Frau, die Helene hinaufgetragen, und eilte die
+Treppe hinunter. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und
+betrachtete mich mit Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir
+Mut ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu.
+
+„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses Kind, und wer
+diese scheußliche Alte? Glauben Sie nicht, daß ich nur aus Neugierde
+frage. Diesem Kinde bin ich begegnet und es interessiert mich.“
+
+„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre es besser, Sie nähmen
+es zu sich oder suchten ihm einen Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte
+die Frau etwas gezwungen und schickte sich an, fortzugehen.
+
+„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, was soll ich denn tun?
+Ich kenne die Verhältnisse hier nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst,
+die Wirtin des Hauses?“
+
+„Ja, das war sie selbst.“
+
+„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die Mutter des Kindes hier
+gestorben?“
+
+„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere Sache.“
+
+Und sie wollte wieder fort.
+
+„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen doch, daß es mich sehr
+interessiert. Ich bin vielleicht imstande, hier etwas zu tun. Wer ist
+dieses Kind? Wer war ihre Mutter, – wissen Sie es?“
+
+„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; sie war so krank
+und starb an der Schwindsucht.“
+
+„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten in einem Winkel
+lebte?“
+
+„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. Wir haben selbst kaum zu
+essen, doch blieb sie auch uns die sechs Rubel schuldig in den fünf
+Monaten, die sie bei uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat
+ihr den Sarg gemacht.“
+
+„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“
+
+„Keineswegs!“
+
+„Wie hieß sie denn?“
+
+„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder deutscher Name.“
+
+„Smitt?“
+
+„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die Waise zu sich genommen zur
+Erziehung, wie sie sagt. Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“
+
+„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“
+
+„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich und zögernd. „Doch
+was geht es uns an ...“
+
+„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter uns eine
+Männerstimme.
+
+Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, in einem langen Kaftan
+gekleidet, ein Kleinbürger und Tischlermeister.
+
+„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: das ist nicht unsere
+Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch von der Seite ansehend. „Und du,
+mach daß du fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher.
+Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu Diensten ... sonst aber haben
+wir nichts mit Ihnen zu tun ...“
+
+Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das Haus. Tun konnte ich
+hier jetzt nichts, doch fiel es mir schwer, zu gehen. Die wenigen Worte
+der stillen Frau hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes
+vor sich ging, das fühlte ich deutlich.
+
+Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße entlang, als
+plötzlich eine laute Stimme meinen Namen rief. Als ich aufblickte, steht
+vor mir ein berauschter, fast schwankender Mensch, ganz sauber
+angezogen, aber in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien
+sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte mir zu und
+lächelte.
+
+„Er kennt mich nicht?“
+
+
+ V.
+
+„Ah! Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm plötzlich einen
+Schulkameraden aus der Provinz erkennend. „Das ist mal eine Begegnung!“
+
+„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das heißt, begegnet sind
+wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren haben nicht geruht, mich
+eines Blickes zu würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den
+Literaturgenerälen, ja–a ...“
+
+Er lächelte ironisch.
+
+„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach ich ihn.
+„Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle und die würden außerdem
+nicht so aussehen wie ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein
+paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst aus dem
+Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? Und weißt du, was ich
+glaube? Wenn du nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich
+auch heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie geht es dir?
+Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich dir begegnet bin.“
+
+„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch ... mein Äußeres,
+sozusagen? Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr, danach zu fragen: ich
+denke, Bruder, immer daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich hat
+man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du schwiegst aber und verrietest
+mich nicht, und statt dir zu danken, habe ich dich noch eine ganze Woche
+lang gefoppt. Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel Jahre schlage ich
+mich schon – Tag und Nacht – allein durch die Welt, doch habe ich das
+alte nie vergessen. So etwas vergißt man nie! Und du, was machst du?
+...“
+
+„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“
+
+Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines betrunkenen
+Menschen. Im übrigen war er ein guter Kerl.
+
+„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich in tragischem
+Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, gelesen! ... Höre mich an: sprechen
+wir aufrichtig und von Herzen! Hast du Eile!?“
+
+„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, daß mich etwas
+ungemein beschäftigt. Sage mir besser, wo du wohnst?“
+
+„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht besser. Soll ich dir
+aber sagen, was besser ist?“
+
+„Nun, was?“
+
+„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn Schritt von uns
+entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, das ist ein guter Ort.
+Ich sage dir, es ist ein gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts
+Besseres! Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. Man
+kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! Wie,
+genierst du dich? Laß mich zu Ende reden. Jetzt ist es gleich ein
+Viertel nach elf, in einer Viertelstunde gebe ich dich wieder frei.
+Zwanzig Minuten kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“
+
+„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, liebe Seele, ich schwöre
+dir, ich kann nicht ...“
+
+„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem muß ich dir sagen, daß
+dein Gesicht keinen guten – na ... Ausdruck hat, hast du dich etwa
+geärgert, wie?“
+
+„Ja, du hast recht.“
+
+„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich jetzt, Bruder, auf die
+Physiognomik gelegt, das ist auch eine Beschäftigung. Nun, gehen wir,
+reden wir miteinander. In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen
+‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, dann einen
+Pomeranzenschnaps und darauf einen parfait-amour und zu guter Letzt wird
+sich schon auch noch was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an
+den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. Du halte es, wie
+du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst du auch, – willst du mir diese
+Ehre erweisen, so komm! Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir
+wieder auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe ja doch nicht
+zu dir, Wanjä!“
+
+„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, zwanzig Minuten und
+dann ...“
+
+Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite Etage. Auf der
+Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen Herrn. Als sie uns
+erblickten, machten sie nur wankend Platz.
+
+Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, bartlos und mit einem
+ganz leichten Anflug von Schnurrbart und mit einem besonders dummen
+Gesichtsausdruck. Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck,
+doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden Anzug. Ringe
+trug er an den Fingern und eine kostbare Busennadel trug er im Halstuch.
+Er hatte einen Scheitel, der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte
+und lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war ein Mann schon
+von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, nachlässig gekleidet,
+kahlköpfig, doch trug auch er eine kostbare Nadel im Halstuch. Der
+Ausdruck seines Gesichts war sinnlich und roh, seine bösen,
+mißtrauischen, kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus ein
+paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. Der Ältere verzog
+bei der Begegnung mit uns sein Gesicht zur Grimasse und der andere
+lächelte widerlich-süßlich – er lüftete seine Mütze.
+
+„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, ihn süßlich
+ansehend.
+
+„Was wünschen Sie?“
+
+„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung nach, Filipp
+Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“
+
+„Was wollen Sie damit sagen?“
+
+„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf auf seinen Kumpan) hat man in
+der vorigen Woche auf Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen
+unanständigen Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... khi!“
+
+Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen.
+
+„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder mal ein halbes
+Dutzend trinken, können wir darauf hoffen?“
+
+„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. „Ich habe
+jetzt zu tun.“
+
+„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen.“
+
+Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen.
+
+„Nachher, ein anderes Mal!“
+
+Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht anzusehen. Als wir
+in den ersten Raum eintraten, in dem sich ein reich beladenes Büfett
+befand, brachte mich Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir:
+
+„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, eines reichen
+Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des Vaters dessen Millionen
+durchbringt. Er war jüngst in Paris und hat dort sein halbes Vermögen
+vergeudet, nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm ist er wie
+eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den besten Restaurants, dann
+wieder in Kellern und Kabacken, mit Schauspielerinnen ... jetzt will er
+zu den Husaren – hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter
+Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, eine echte
+Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund mit Ssisobrjuchoff, Judas und
+Falstaff in einem, ein doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher
+Wurm. Ich weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm hier
+begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff plündert natürlich
+den Ssisobrjuchoff. Er weiß und kennt alle Spelunken. Darum ist er für
+diesen Jüngling ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm schon
+lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch dort in reicher Kleidung
+– der dort am Fenster steht mit dem Zigeunergesicht. Er handelt mit
+Pferden und ist mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein
+solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere fälschen, du siehst
+es mit eigenen Augen und glaubst ihm doch. Er geht jetzt im Samtkaftan,
+wie ein Slawophile; (der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack
+an oder etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub und sage
+von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, so wird man ihn dort
+tatsächlich für einen Grafen halten: er wird Whist spielen und sich wie
+ein Graf benehmen und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, er wird
+sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka ist auf den Dicken
+wütend, weil es ihm jetzt etwas faul geht und der Alte ihm
+Ssisobrjuchoff, seinen früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch
+bevor dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn sie hier
+alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie wieder mal ein Stückchen
+vor. Ich weiß sogar, um was es sich handelt, denn Mitroschka hat mich
+davon unterrichtet, weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier
+herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese Gelegenheit
+ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka soll nichts davon
+bemerken, sieh nicht zu ihm hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden,
+wird er wohl selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... Doch
+jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ wandte er sich an den
+Kellner, „du weißt, was ich wünsche.“
+
+„Ich verstehe.“
+
+„Und wirst du mich befriedigen?“
+
+„Ich werde Sie befriedigen!“
+
+„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst du mich so an? Ich habe
+schon lange bemerkt, daß du mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht,
+mein Lieber. Alles kann einem Menschen passieren, auch, was ihm nie
+geträumt, und besonders nicht damals ... als wir den Kornelius Nepos
+studierten. Doch glaube mir, Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege
+abgeraten ist, sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die
+Verhältnisse haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts vorstelle,
+Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte ich Arzt werden, dann unter
+die Lehrer gehen, habe sogar einen Artikel über Gogol geschrieben, dann
+wollte ich Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein,
+obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte ich mir schon
+Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll Löcher ... Doch kam es nicht
+dazu. Sie wurde die Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da
+entstand eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung mehr habe,
+so verdiene ich mir doch genügend Geld: ich lasse mir nämlich Sporteln
+zahlen und zeuge für die Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich
+der Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. Die Regel
+kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht keinen Krieg aus. Meine
+Arbeit ist mehr eine unsichtbare ... Du begreifst?“
+
+„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“
+
+„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen Sachen ab, zum
+Teil offiziell, zum Teil aus Liebe zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin
+ein Trinker. Da ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir
+meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen Mohren wirst du nicht
+weiß waschen. Eins nur muß ich sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas
+Menschliches regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. Du
+hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, so wagte ich
+doch nicht, dich anzureden, ich schob es immer auf. Ich bin deiner nicht
+wert. Und die Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur,
+weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, was ich rede, –
+sprechen wir lieber von dir. Nun, mein Lieber, ich hab’s gelesen. Ich,
+mein Freund, spreche von deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte,
+Bruder, wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch habe ich
+es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“
+
+Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile und wurde immer mehr
+und mehr betrunken. Zuletzt war er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff
+war immer ein guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen
+Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt schon von
+Kindheit an, war er doch im Grunde genommen ein guter Mensch – ein
+verlorener Mensch. Solcher Typen gibt es viele unter uns Russen.
+Gewöhnlich sind sie außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt
+in ihnen, und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen zu
+handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens wissen sie es selbst,
+daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff zum Beispiel ging mit Bewußtsein am
+Schnaps zugrunde.
+
+„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr er fort. „Auch ich
+erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; habe alle deine Kritiken
+gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; du glaubst wohl, ich lese
+nicht) begegnete dir darauf, du warst in schlechten Stiefeln, ohne
+Galoschen im Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter
+die Journalisten?“
+
+„Ja, Masslobojeff.“
+
+„Also, ein Postgaul bist du geworden?“
+
+„So etwas Ähnliches.“
+
+„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker ist besser! Sieh,
+ich betrinke mich, lege mich in meinem Zimmer auf den Diwan (ich habe
+einen schönen, weichen Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich
+irgendein Homer oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – denn
+vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst dir nicht vorstellen,
+daß du Homer oder Dante bist, denn du willst du selbst sein und alles
+‚wollen‘ ist dir verboten; du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in
+der Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig –
+brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache keine Grimassen. Nimm das Geld
+und kaufe dich los von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie
+dich für ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe eine
+große Sache! Wie? Was meinst du?“
+
+„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten schätze ich
+sehr, doch kann ich dir jetzt noch nichts Bestimmtes darauf antworten –
+warum – davon ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. Ich danke
+dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, noch einmal darauf
+zurückzukommen. Doch handelt es sich jetzt um etwas anderes, du bist zu
+mir aufrichtig gewesen, darum habe ich mich entschlossen, auch dich um
+Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen Sachen sehr
+bewandert bist.“
+
+Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt und seiner Enkelin.
+Sonderbar: an seinen Augen glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall
+nicht ganz unbekannt war. Ich fragte ihn darnach.
+
+„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten Smitt in einer
+Konditorei gehört. Doch Madame Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser
+Dame habe ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. ^Je prends mon
+bien où je le trouve^, in der Beziehung bin ich ganz wie Molière.
+Obgleich ich ihr damals schon hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich
+mir doch das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert Rubel zu
+erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt mit unlauteren Sachen. Dabei
+wäre ja nichts, wenn sie es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte,
+nicht für einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als ich
+nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde antraf, war ich sehr
+zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher der alte Archipoff
+hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit welchen Dingen Archipoff
+handelt, so schließe ich daraus ... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich
+bin sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren habe;
+jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, Bruder, habe die
+verschiedensten Privataufträge, und du glaubst nicht, mit welchen
+hochstehenden Leuten ich bekannt bin! Unlängst habe ich in Sachen eines
+Fürsten nachgespürt, ich sage dir – eine Affäre, die man von einem
+Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch eine andere
+Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme mal zu mir, ich kann dir Sachen
+erzählen, die man erdichtet, aber nicht für wahr hält ...“
+
+„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich ihn ahnungsvoll.
+
+„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“
+
+„Pjotr?“
+
+„Ja. Kennst du ihn?“
+
+„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, Masslobojeff, wegen
+dieses Herrn werde ich des öfteren zu dir kommen,“ sagte ich, mich
+erhebend, „jetzt hast du meine Neugierde erregt.“
+
+„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, so viel du willst.
+Und viel kann ich dir erzählen, doch nur bis zu einer gewissen Grenze,
+verstehst du? Denn Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs
+Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“
+
+„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“
+
+Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es.
+
+„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir soeben erzählt
+habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, oder nicht?“
+
+„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich werde bezahlen.“
+
+Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem jungen Mann
+zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. Mir schien es, daß
+Masslobojeff näher mit ihm bekannt war, als er es mir gegenüber
+zugegeben. Wenigstens trafen sie sich augenscheinlich nicht zum
+erstenmal.
+
+Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller Bursche. In seinem
+russischen Samtrock und dem roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch
+edlen Zügen, von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen,
+machte er einen interessanten und äußerst anziehenden Eindruck auf mich.
+Seine Gesten waren lebhaft, trotzdem er sich in diesem Augenblick
+ersichtlich Mühe gab, sachlich, solid und wichtig zu erscheinen.
+
+„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, „komme heute
+abend um sieben Uhr zu mir, ich werde dir manches mitteilen können.
+Allein ... habe ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich
+etwas, seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich mich auch
+von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch sind mir noch meine früheren
+Beziehungen geblieben, und ich kann vieles erfahren und die Sachen
+beschnuppern ... Doch genug davon ... Meine Adresse ist
+Schestilawotschnaja ... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, und dann nach
+Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn du kommst, stelle ich dich
+Alexandra Ssemjonowna vor, und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch
+noch von der Literatur.“
+
+„Und davon?“
+
+„Vielleicht auch davon.“
+
+„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt ...“
+
+
+ VI.
+
+Anna Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. Das, was ich ihr
+gestern von Nataschas Brief erzählt, hatte sie so sehr erregt, daß sie
+mich bereits früh am Morgen, wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich
+nun endlich um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung
+bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem wollte sie mir ihre neuen
+Hoffnungen mitteilen, die ihre Seele seit gestern erfüllten und mir von
+Nikolai Ssergejewitsch erzählen, der sich seit gestern abend krank
+fühlte, zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie empfing
+mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, sprach sehr abgemessen
+und zeigte nicht die geringste Neugierde, etwas von mir zu erfahren.
+Fast hätte sie mir die Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es
+dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ So ärgerte sie
+sich über mein spätes Kommen. Doch ich ließ mich nicht stören und
+erzählte ihr jede Einzelheit der gestrigen Szene bei Natascha. Als nun
+die Alte vom Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte,
+vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, wie
+glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, weinte, lachte und
+vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. Sie umarmte mich außer sich vor
+Freude und wollte sofort zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles
+mitzuteilen.
+
+„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen und
+Beleidigungen; wenn er es nun erfahren wird, daß Natascha volle
+Genugtuung widerfährt, so wird er im Augenblick alles vergessen.“
+
+Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die gute Alte kannte ihren
+Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm zusammen
+gelebt. Sie wollte auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich
+stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr ungehalten
+darüber sein würde, sondern daß wir, durch eine so übereilte Handlung,
+der ganzen Sache schaden könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich
+aber wohl noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und sprach
+die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer Freude ganz allein in ihren
+vier Wänden sitzen solle“. Ich konnte sie endlich davon überzeugen, wie
+eilig ich es hatte, und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte
+bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen und begann
+fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute abend bei ihr zu erscheinen,
+wenn bei Natascha etwas Besonderes vorfallen sollte, abschlagen mußte.
+Nikolai Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er hatte die
+ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über Kopfweh und lag jetzt in
+seinem Zimmer.
+
+Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. Als ich bei ihr
+eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten Armen, in Nachdenken
+versunken, im Zimmer auf und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke,
+sehe ich sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, verlassen,
+auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und gesenkten Augen, ziellos
+auf- und abgehen.
+
+Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und fragte nur,
+warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte ihr in aller Kürze meine
+Erlebnisse, doch sie hörte mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz
+anderem beschäftigt.
+
+„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie.
+
+„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren Betonung, der
+man es sofort anhörte, daß sie nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue
+mitzuteilen. Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht
+sofort tun würde, sondern erst beim Abschied.
+
+So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete mich schon darauf vor und
+wartete.
+
+Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. Es wunderte mich,
+daß wir beide der gleichen Meinung über den Fürsten waren: er mißfiel
+ihr, mißfiel ihr heute weit mehr noch, als gestern. Als wir alles
+Gestrige durchgesprochen hatten, bemerkte plötzlich Natascha:
+
+„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, und es ist das beste
+Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst nicht gefällt – dann gefällt er
+einem später. Mir ist es des öfteren so gegangen.“
+
+„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung ist es übrigens, wie
+ich es mir auch hin und her überlege, daß der Fürst, obwohl er ein
+Jesuit ist, eure Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“
+
+Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah mich streng an. Ihr
+ganzes Gesicht veränderte sich; ihre Lippen zitterten leicht.
+
+„Wie hätte er denn in _diesem_ Falle ... lügen können?“ fragte sie in
+verhaltenem Unwillen.
+
+„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern.
+
+„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken ist einfach unmöglich.
+Aus welch einem Grunde sollte er es getan haben? Und schließlich, was
+bin ich denn in seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich
+lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich einer solchen
+Beleidigung fähig sein?“
+
+„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich meinerseits, bei
+mir aber dachte ich: „Gerade darüber denkst du jetzt nach, meine Arme,
+also mißtraust du ihm mehr noch als ich.“
+
+„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ sagte sie. „Den
+ganzen Abend wollte er bei mir verbringen ... Es muß doch eine wichtige
+Angelegenheit sein, wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts
+davon, Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“
+
+„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was wissen wir von
+Geldsachen, Natascha.“
+
+„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“
+
+„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“
+
+„Er war hier.“
+
+„Früh?“
+
+„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte ihn zu Katherina
+Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, Wanjä?“
+
+„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“
+
+„Ja, er selbst ...“
+
+Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte sie. Ich sah sie
+erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern darum
+gefragt, doch war ihr das oft nicht angenehm.
+
+„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. Sie verzog ein
+wenig ihren Mund zu einem bitteren Lächeln und vermied es, mich
+anzusehen.
+
+„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“
+
+„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... Nur zu ...“
+
+„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ sagte ich.
+
+Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien mir selbst gern
+antworten zu wollen: „Welche Sorgen machte er sich denn früher,“ doch in
+meinen Worten lag schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt.
+
+Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. Sie war sehr bald
+wieder freundlich, liebenswürdig, und von ihrer alten stillen Art. Ich
+blieb bei ihr wohl eine Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute
+vor dem Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es ihr sehr
+darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht
+haben könne. Wie sie sich verhalten? Ob sie ihre Freude nicht zu
+auffällig gezeigt? Ob sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil,
+zu zuvorkommend gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über sie lustig
+gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? ... Bei dem Gedanken schoß
+ihr das Blut wie Feuer in die Wangen.
+
+„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch
+über einen denkt? Soll er doch denken, was er will!“ sagte ich.
+
+Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und aufrichtig. Sie war
+stolz und konnte es nicht ertragen, das, was sie hoch hielt, verspottet
+zu sehen. Die Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit
+Verachtung beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, daß
+jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war keine Folge von
+Charakterschwäche, sondern nur von geringer Kenntnis des Lebens und der
+Menschen. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne ihn
+jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft aller
+gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, die vom Vater auf sie
+übergegangen – stets einen Menschen besser zu machen als er ist, nur
+Gutes in ihm zu sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt.
+Derartige Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht fühlen, um
+so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie fordern mehr, als andere
+geben können. Und darum ist es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben
+und nicht in die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid und
+Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch geworden, den man
+nicht beschuldigen darf – wenn in meinen Worten überhaupt etwa eine
+Anklage liegt ...
+
+Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. Sie war ganz
+erstaunt darüber und wäre fast in Tränen ausgebrochen, obgleich sie die
+ganze Zeit sich mir gegenüber sehr kühl verhalten hatte, kühler als
+gewöhnlich. Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an.
+
+„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute und hat mich
+wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr nett und schien sehr
+glücklich zu sein, doch kehrte und drehte er sich die ganze Zeit vor dem
+Spiegel wie ein Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem
+Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. Stelle dir vor, er
+hat mir Konfekt gebracht!“
+
+„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. Ach, was ihr beide für
+Menschen seid! Er ist ja noch immer der lustige Schulbub von früher.
+Aber du, du!“
+
+Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und zu mir mit irgendeiner
+Klage über Aljoscha kam, oder irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben
+wollte, oder mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, so
+sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, mit der
+unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß ihrem Herzen leichter
+wurde. In diesen Augenblicken nahm ich dann immer einen strengen Ton an,
+als wollte ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast immer.
+Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal ihre Wirkung. Der Mensch
+empfindet manchmal geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören.
+Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken immer
+vollkommen getröstet.
+
+„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke Hand auf meine
+Schulter legend und meinen Blick erhaschend, „mir schien es, daß er
+schon ganz daran gewöhnt ist ... er schien mir schon zu – naiv ... weißt
+du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau gewesen wären. Ist das
+nicht viel zu früh? ... Er lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich
+ihm eigentlich ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er
+beeilte sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich spreche zu
+ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, weißt du, in
+dieser häßlichen, weltmännischen Manier, von der wir ihn schon glücklich
+abgebracht hatten. Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue
+ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, Wanjä, was für
+eigensinnige Despoten! Das merke ich erst jetzt! Wir verzeihen dem
+Menschen keine einzige Veränderung, und Gott weiß allein den Grund,
+warum er sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten!
+Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst erdenken uns alle Qualen der
+Welt und dann klagen wir noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast
+mich vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! Vielleicht
+hat er sich noch geärgert!“
+
+„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert aus.
+
+„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig traurig und er wurde
+plötzlich nachdenklich und verabschiedete sich ein wenig trocken von
+mir. Ich werde nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“
+
+„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten werde.“
+
+
+ VII.
+
+Um punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte im Flügel eines
+kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, in einer etwas unsauberen
+Wohnung von drei Zimmern, die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte
+freilich überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir ein
+reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, aber nett und
+sauber gekleidet, mit guten fröhlichen Augen. Ich erriet sofort, daß es
+Alexandra Ssemjonowna, seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt
+hatte, und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich sei, und
+als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, daß man mich erwarte und
+führte mich ins Zimmer, wo Masslobojeff auf seinem schönen, weichen
+Diwan, bedeckt mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem
+alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, und rief mich
+bei Namen.
+
+„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben sah ich im Traum, wie
+du zu mir kamst und mich aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“
+
+„Wohin?“
+
+„Zur Dame.“
+
+„Zu welcher Dame? Warum?“
+
+„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. Was die für eine
+Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich zu Alexandra Ssemjonowna und
+küßte seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Madame Bubnowa.
+
+„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ bemerkte Alexandra
+Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht hielt, sich etwas zu ärgern.
+
+„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, Bruder: Alexandra
+Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen Literaturgeneral vor; man kann
+ihn nur einmal im Jahr umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für
+Geld.“
+
+„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, bitte, nicht auf ihn,
+er lacht immer über mich. Was sind Sie denn für ein General?“
+
+„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und Sie, meine Dame,
+glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; wir sind viel klüger als wir auf
+den ersten Blick erscheinen.“
+
+„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich vor anständigen
+Leuten, Unverschämter! Wenn er mich doch wenigstens nur einmal ins
+Theater brächte!“
+
+„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre Pe... Haben Sie
+vergessen, was Sie lieben müssen? Haben Sie das Wort vergessen, das ich
+Ihnen gelehrt habe!“
+
+„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen Unsinn bedeutet es.“
+
+„Nun, wie hieß denn das Wort?“
+
+„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer weiß, was dieses Wort
+bedeutet. Eher trocknet meine Zunge aus, als daß ich es sage.“
+
+„Also haben Sie es vergessen?“
+
+„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen Sie, was er sich
+ausgedacht! Es hat vielleicht niemals Penaten gegeben; und warum soll
+ich sie lieben? Alles Lüge!“
+
+„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“
+
+„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“
+
+Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem Zimmer.
+
+„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra Ssemjonowna!“
+
+Wir traten ins Freie.
+
+„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die Droschke. So. Und
+jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß ich manches und zwar ganz genau
+erfahren habe. Ich blieb noch eine ganze Stunde nachher auf
+Wassilij-Ostroff. Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, ein
+schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist ihrer gewissen
+Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. Vor ein paar Tagen hat sie es mit
+einem jungen Mädchen aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese
+Musselinkleidchen, von denen du mir erzähltest, ließen mir keine Ruh,
+denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. Ich habe mich
+jetzt davon überzeugen können, daß ich mich nicht irre. Wie alt ist die
+Kleine?“
+
+„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“
+
+„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so treibt sie es. Wenn es
+nötig, sagt sie, die Kleine sei elf Jahre alt und wenn es nötig, –
+fünfzehn. Und da die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“
+
+„Ist’s möglich?“
+
+„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa wird doch nicht aus Mitleid
+eine Waise zu sich nehmen. Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so
+stimmt’s. Er ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf
+Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine Schönheit versprochen
+worden, die Frau eines Stabsoffiziers. Wenn Kaufleute durchgehen,
+verlangen sie immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen
+Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung ab. Übrigens, ich
+bin noch, glaube ich, betrunken. Die Bubnowa soll es nur wagen, solche
+Geschäftchen zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei hintergehen, mich
+aber nicht, da soll sie mal sehen ... Nun, du verstehst mich?“
+
+Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten mich im
+höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß wir uns verspäten könnten und
+trieb den Kutscher zur Eile an.
+
+„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ sagte Masslobojeff.
+„Mitroschka ist dort, wir haben uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa
+kommt auf meine Rechnung ...“
+
+Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der Mitroschka hieß, war da
+nicht zu finden. Wir befahlen dem Kutscher, uns an der Treppe des
+Restaurants zu erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka
+erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren hell erleuchtet und man hörte
+Ssisobrjuchoffs betrunkenes Lachen.
+
+„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete Mitroschka.
+„Jetzt ist es Zeit.“
+
+„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich.
+
+„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt mich; auch Mitroschka
+kennt sie. Wahrhaftig, da scheint ein großes Fest zu sein, nur nicht für
+uns.“
+
+Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete uns sofort;
+während er sich mit Mitroschka verständigte, gingen wir beide die Treppe
+hinauf. Im Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte an. Man
+fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. Man öffnete uns und wir
+traten alle auf einmal ein. Der Hausknecht verschwand sofort.
+
+„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und zerzaust, mit einem
+Licht in der Hand.
+
+„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? Sie erkennen Ihre Gäste
+nicht, Anna Trifonowna? Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“
+
+„Ah, Filipp Filippytsch? Das sind Sie ... ein so teurer Gast ... Ja, wie
+kommen Sie denn her ... ich ... tut nichts ... treten Sie ein ...
+hierher bitte!“
+
+Sie war ganz verwirrt.
+
+„Hierher? Nein ... Uns nehmen Sie bitte besser auf. Wir wollen bei Ihnen
+ein Gläschen trinken und ...“
+
+Die Wirtin faßte sofort Mut.
+
+„Ja, für solche Gäste ist alles bereit ...“
+
+„Ein paar Worte, Anna Trifonowna: ist Ssisobrjuchoff hier?“
+
+„Ja.“
+
+„Ich muß ihn sehen. Wie wagt er es, ohne mich durchzugehen?“
+
+„Er hat Sie sicher nicht vergessen. Er erwartete noch jemanden;
+wahrscheinlich wohl Sie.“
+
+Masslobojeff stieß die Tür auf und wir traten in ein Zimmer mit zwei
+Fenstern, auf denen einige Geranientöpfe standen, mit einem alten
+Klavier an der Wand ... und allem was dazu gehörte. Mitroschka blieb im
+Vorzimmer. Wie ich später erfuhr, sollte er da Wache stehen. Zu ihm
+gesellte sich das geschminkte Weib vom Vormittag.
+
+Im Zimmer auf einem kleinen Diwan aus rotem Holz vor einem runden Tisch
+saß Ssisobrjuchoff. Auf dem Tische, der mit einer Decke belegt war,
+standen vor ihm zwei warme Champagnerflaschen und eine Flasche mit
+schlechtem Rum; standen Teller mit Konfekt, Nüssen und Kuchen. Ihm
+gegenüber am Tisch saß eine widerliche Kreatur von vierzig Jahren, in
+einem schwarzen Taftkleide, behängt mit goldenen Armbändern und
+Broschen. Das war die Frau des Stabsoffiziers, sicher keine echte.
+Ssisobrjuchoff war ganz betrunken und schien äußerst zufrieden. Das
+dicke Scheusal war nicht zu sehen.
+
+„So also macht man’s!“ brüllte aus voller Kehle Masslobojeff, „mich hat
+er zu Dusso eingeladen!“
+
+„Filipp Filippytsch, Sie beehren uns?“ murmelte Ssisobrjuchoff, uns mit
+seligem Lächeln begrüßend.
+
+„Du trinkst?“
+
+„Entschuldigen Sie.“
+
+„Entschuldige dich lieber nicht, sondern bewirte deine Gäste. Wir sind
+gekommen, um uns mit dir zu amüsieren. Ich habe hier noch einen Gast
+mitgebracht: meinen Freund!“
+
+Masslobojeff wies auf mich.
+
+„Sehr angenehm, es beglückt mich ... Kchi!“
+
+„Das nennt er Champagner! Der schmeckt nach Kohlsuppe.“
+
+„Sie beleidigen mich.“
+
+„Bei Dusso wagst du dich ja gar nicht zu zeigen; aber einladen tust du!“
+
+„Er erzählte mir soeben, daß er in Paris gewesen,“ griff die
+Stabsoffiziersfrau das Gespräch auf. „Sicher lügt er alles!“
+
+„Fedossja Titischna, entschuldigen Sie, aber ich war in Paris. Wir waren
+... wir fuhren ...“
+
+„Was macht denn ein solcher Bauer in Paris?“
+
+„Wir waren wirklich dort. Wir haben uns mit Karp Wassiljewitsch
+ausgezeichnet amüsiert. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?“
+
+„Wie soll ich denn Ihren Karp Wassiljewitsch kennen?“
+
+„Vielleicht doch ... aus politischen Gründen. Wir waren im Örtchen Paris
+und haben – bei Madame Joubert einen Trumeau zerschlagen.“
+
+„Was haben Sie zerschlagen?“
+
+„Einen Trumeau. Die ganze Wand war ein Trumeau und Karp Wassiljewitsch
+war so betrunken, daß er mit Madame Joubert einfach nur russisch sprach.
+Nun, und er stürzte sich an den Trumeau, die Joubert aber ruft ihm zu,
+daß der Trumeau sieben hundert Franks kostet, wenn er ihn zerschlägt! Er
+lächelt bloß und sieht mich an, ich saß ihm gegenüber auf einem Kanapee
+mit einer Schönen, die nicht einen solchen Rüssel hatte, wie die da.
+Kurz, er ruft mir zu: ‚Stepan Terentjytsch, die Hälfte fällt auf dich?‘
+Ich sage ‚schön!‘ Wie er da ins Glas schlägt – dsin! Madame Joubert
+schreit auf und rückt ihm auf den Leib: ‚Du Räuber, aus welchem Lande
+kommst denn du her?‘ Er aber sagt: ‚Du, Madame Joubert, nimm dein Geld
+und kümmer dich nicht um meine Angewohnheiten.‘ Ihr wurden
+sechshundertfünfzig Franks ausgezahlt. Ein halbes Hundert haben wir ihr
+abgezogen.“
+
+In diesem Augenblick ertönte ein durchdringender Schrei durch das ganze
+Haus. Ich fuhr zusammen und schrie auf. Ich hatte die Stimme sofort
+erkannt, es war Helene. Auf ihren kläglichen Schrei folgte ein ganzer
+Tumult, man hörte schimpfen und klatschende Schläge, wie mit der flachen
+Hand ins Gesicht geschlagen. Das war sicher Mitroschka, der seine
+Pflicht tat. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Helene stürzte
+bleich, mit verstörten Augen im weißen Musselinkleidchen, mit gekämmten,
+doch im Kampfe aufgewühlten Haaren hinein ins Zimmer. Ich stand der Tür
+gegenüber und sie stürzte geradewegs auf mich zu und umschlang mich mit
+beiden Händen. Alle erschraken, alle sprangen auf. Schreie und Ausrufe
+schwirrten durchs Zimmer. Ihr folgte in der Tür Mitroschka, den Dicken,
+sein Opfer, an den Haaren im aufgelöstem Zustande herbeischleppend. Er
+riß ihn zur Türschwelle und stieß ihn dann ins Zimmer.
+
+„Da ist er! Nehmt ihn in Empfang!“ rief er uns mit zufriedener Miene zu.
+
+„Höre,“ sagte Masslobojeff, ruhig auf mich zutretend und mir auf die
+Schulter klopfend. „Nimm das Kind und bringe es zu dir, hier hast du
+nichts mehr zu tun. Morgen wollen wir das Weitere besprechen.“
+
+Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, nahm Helene bei der Hand und
+führte sie hinaus aus dieser Hölle. Das alles geschah so unerwartet, daß
+uns niemand aufhielt. Draußen wartete die Droschke auf uns und in
+zwanzig Minuten waren wir in meiner Wohnung.
+
+Helene schien halbtot. Ich öffnete ihr das Kleid, bespritzte sie mit
+Wasser und legte sie auf den Diwan. Sie fieberte und begann zu
+phantasieren. Ich sah auf ihr bleiches Gesichtchen, auf ihre farblosen
+Lippen, auf ihr dunkles pomadisiertes und aufgewühltes Haar, auf ihre
+ganze Toilette mit den rosa Bändern – und begriff alles. Die Arme! Sie
+fieberte immer mehr und mehr. Ich beschloß, am Abend nicht mehr zu
+Natascha zu gehen. Hin und wieder hob Helene ihre langen Wimpern und sah
+mich lange und forschend an, als wollte sie sich vergewissern, daß ich
+es war. Spät, um ein Uhr nachts, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr
+auf dem Fußboden.
+
+
+ VIII.
+
+Ich erhob mich sehr früh. In der Nacht wachte ich jede halbe Stunde auf,
+und sah nach meiner armen Kleinen. Sie hatte immer noch Fieber und erst
+gegen Morgen schlief sie fest ein. Ein gutes Zeichen, dachte ich, doch
+als ich am Morgen erwachte, beschloß ich, während die Arme noch schlief,
+einen Arzt zu holen. Ich kannte einen Doktor, einen gutmütigen, alten
+Junggesellen, der seit undenklichen Zeiten auf der Wladimirskaja mit
+seiner deutschen Wirtschafterin lebte. Ich begab mich zu ihm. Er
+versprach mir, um zehn Uhr zu kommen. Es war acht Uhr, als ich bei ihm
+war. Gerne wäre ich unterwegs zu Masslobojeff gegangen, doch gab ich es
+auf: er schlief wohl sicher noch seinen gestrigen Rausch aus, und
+außerdem hätte Helene erwachen können und in ihrem krankhaften Zustande
+hätte sie dann vielleicht nicht gewußt, wo sie sich befand, und auf
+welche Weise sie zu mir gekommen war.
+
+Sie erwachte in dem Augenblick, als ich ins Zimmer trat. Ich ging auf
+sie zu und fragte sie vorsichtig, wie sie sich fühle? Sie antwortete mir
+nicht, doch sah sie mich lange – lange mit ihren dunklen,
+ausdrucksvollen Augen an. Ich erriet aus ihrem Blick, daß sie alles
+begriff und bei vollem Bewußtsein war. Auf meine Frage antwortete sie
+mir ihrer Gewohnheit nach nicht. Auch gestern und vorgestern, als sie
+bei mir war, hatte sie viele meiner Fragen überhaupt nicht beantwortet
+und mich nur mit ihrem hartnäckigen, forschenden Blick angesehen, in dem
+außer Mißtrauen und Neugier ein so sonderbarer Stolz lag. Auch jetzt lag
+in ihrem Blick eine gewisse Härte und ein Zweifel. Ich legte meine Hand,
+glaube ich, auf ihren Kopf, um zu fühlen, ob sie noch Fieber hatte, sie
+aber schob schweigend mit ihrer kleinen Hand meine Hand fort und kehrte
+ihr Gesicht zur Wand. Ich zog mich zurück, um sie nicht zu stören.
+
+Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Ich brauchte ihn an Stelle
+des Samowars und kochte in ihm das Teewasser. Holz besaß ich genügend,
+der Hausknecht hatte mir wenigstens einen Vorrat auf fünf Tage gebracht.
+Ich machte den Ofen an, holte Wasser und bereitete den Tee. Die
+Teetassen stellte ich auf den Tisch. Helene sah zu und betrachtete alles
+mit Neugier. Ich fragte sie, ob sie nicht einen Wunsch hätte. Sie aber
+wandte sich wieder von mir ab und antwortete nicht.
+
+„Weshalb sie mir wohl böse sein mag? Wunderliches Ding!“ dachte ich.
+
+Mein alter Doktor kam, wie er versprochen, um zehn Uhr. Er untersuchte
+die Kranke mit deutscher Sorgfalt und machte mir wieder Mut. „Es sei ein
+fieberhafter Zustand,“ sagte er, „doch ohne jegliche ernstere Gefahr. Er
+fügte hinzu, daß sie ein anderes Leiden haben müsse, ein Herzleiden,
+woraufhin er sie noch einmal gründlicher untersuchen wolle, jetzt sei es
+jedoch nicht vonnöten.“ Er verschrieb ihr eine Medizin und noch andere
+Pulver, mehr der Form wegen, als aus Notwendigkeit, und fragte mich: auf
+welche Weise sie zu mir gekommen sei? Zu gleicher Zeit sah er sich mit
+Verwunderung meine Wohnung an. Der Alte schwatzte gern.
+
+Auch ihn setzte Helene in Erstaunen; sie entzog ihm ihre Hand, als er
+ihren Puls fühlen wollte, und zeigte ihm nicht ihre Zunge. All seine
+Fragen ließ sie unbeantwortet und sah die ganze Zeit nur auf seinen
+großen Stanislaus-Orden, den er am Halse trug.
+
+„Ihr muß der Kopf sehr weh tun,“ bemerkte der alte Herr, „doch wie sie
+einen ansieht, wie sie einen ansieht!“
+
+Ich hielt es nicht für nötig, ihm alles über Helene mitzuteilen, und
+entschuldigte mich mit der Erklärung, daß es eine sehr lange,
+weitläufige Geschichte sei.
+
+„Wenn es nötig sein sollte, rufen Sie mich,“ sagte er beim Fortgehen.
+„Jetzt ist sie außer Gefahr.“
+
+Ich beschloß, den ganzen Tag bei Helene zu bleiben und sie so wenig als
+möglich allein zu lassen. Doch wußte ich, daß Natascha und Anna
+Andrejewna sich sehr aufregen würden, wenn sie mich vergeblich
+erwarteten und beschloß daher, Natascha durch die Stadtpost zu
+benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen könne. Anna
+Andrejewna durfte ich nicht schreiben. Sie hatte mich ein für allemal
+gebeten, ihr keinen Brief zu schicken, als ich es einmal Nataschas wegen
+getan. „Der Alte wird ganz finster und unwillig, wenn er einen Brief
+sieht,“ sagte sie, „möchte so gerne den Inhalt erfahren, doch danach zu
+fragen – dazu kann er sich nicht entschließen, und ist dann den ganzen
+Tag verstimmt. Und mich, mein Lieber, ärgerst du nur mit deinem Brief.
+Was sind mir die paar Zeilen. Ich möchte dich ausführlich über alles
+befragen und du bist nicht da.“ Darum schrieb ich nur Natascha, und als
+ich nach der Medizin ging, warf ich den Brief in den Postkasten.
+
+In der Zeit war Helene wieder eingeschlafen. Im Schlaf war sie unruhig
+und stöhnte. Der Doktor hatte recht, ihr schmerzte der Kopf sehr.
+Plötzlich schrie sie auf und erwachte. Sie sah mich ärgerlich an, als
+störe sie meine Aufmerksamkeit. Ich muß gestehen, daß es mir sehr weh
+tat.
+
+Um elf Uhr kam Masslobojeff. Er war sehr besorgt und wie es schien
+zerstreut; er hatte große Eile und kam nur auf einen Augenblick.
+
+„Nun, Freund, ich dachte mir schon, daß du nicht sehr verschwenderisch
+leben würdest,“ bemerkte er, sich bei mir umschauend, „daß ich dich
+jedoch in solch einer Kiste antreffen würde, das hatte ich denn doch
+nicht geglaubt. Das ist ja ein Kasten, aber keine Wohnung! Doch, das
+würde ja alles nichts besagen, es ist nur fatal, daß dich alle diese
+Sachen von der Arbeit abhalten. Ich dachte bereits gestern daran, als
+wir zur Bubnowa fuhren. Ich, Bruder, gehöre meiner Natur und meiner
+sozialen Stellung nach zu den Leuten, die selbst nichts tun und nur
+anderen vorwerfen, daß sie nichts arbeiten. – Jetzt höre zu: ich komme
+vielleicht morgen oder übermorgen zu dir; du aber komme jedenfalls
+Sonntag morgen zu mir. Bis dahin wird die Angelegenheit dieses Kindes
+erledigt sein; dann nehme ich dich vor und rede ein ernstes Wort mit
+dir. Nun, und sage doch, ist es in deinen Augen eine Schande, von mir
+Geld zu leihen?“
+
+„Laß das Gerede,“ unterbrach ich ihn. „Sage lieber, was für ein Ende hat
+gestern die Sache genommen?“
+
+„Wieso? Alles ist vortrefflich gegangen und das Ziel erreicht, verstehst
+du? Jetzt habe ich keine Zeit, bin nur auf einen Augenblick gekommen, um
+mich zu erkundigen, wo du sie unterbringen wirst – oder willst du sie
+bei dir behalten? Darüber müssen wir noch ins reine kommen.“
+
+„Das weiß ich selbst noch nicht, und offen gestanden, habe ich dich
+erwartet, um mit dir zu beraten. Wie sollte ich sie wohl bei mir
+behalten?“
+
+„Eh, warum denn nicht, vielleicht als Magd ...“
+
+„Ich bitte dich, sprich leiser. Wenn sie auch krank ist, so ist sie doch
+vollkommen bei Bewußtsein, und als sie dich erblickte, bemerkte ich, wie
+sie zusammenzuckte. Folglich hat sie das Gestrige nicht vergessen ...“
+
+Darauf erzählte ich ihm von ihrem auffallenden Charakter und von allem,
+was ich an ihr bemerkt. Meine Schilderung interessierte ihn sehr. Ich
+fügte noch hinzu, daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie
+unterbringen würde und erwähnte die Alten. Zu meiner großen Verwunderung
+war ihm die Geschichte Nataschas bekannt und auf meine Frage woher,
+antwortete er:
+
+„Ich habe gelegentlich davon gehört. Ich habe dir doch schon erzählt,
+daß ich den Fürsten Walkowskij kenne. Das wäre sehr schön, wenn du die
+Kleine zu Ichmenjeffs bringen könntest. Sie wird dich sonst hier nur
+genieren. Aber was ich noch sagen wollte, sie hat doch Kleider nötig.
+Mache dir deshalb keine Sorgen, das kommt auf meine Rechnung. Lebe wohl,
+besuche mich also. Schläft sie jetzt?“
+
+„Es scheint so,“ erwiderte ich.
+
+Doch kaum war er fort, als Helene mich zu sich rief.
+
+„Wer ist es?“ fragte sie mich. Ihre Stimme zitterte vor Erregung, doch
+war ihr Blick immer noch so starr und abweisend.
+
+Ich nannte ihr seinen Namen und fügte hinzu, daß ich sie durch seine
+Hilfe aus der Gewalt der Bubnowa gerettet hätte, und daß die Bubnowa ihn
+sehr fürchte. Ihre Wangen erglühten plötzlich, bei der Erinnerung.
+
+„Und wird sie niemals hierher kommen?“ fragte Helene mit forschendem
+Blick in mein Gesicht.
+
+Ich beeilte mich, sie darüber zu beruhigen. Sie schwieg und griff mit
+ihren heißen Fingerchen nach meiner Hand, ließ sie aber sofort wieder
+fallen, als besinne sie sich.
+
+„Es ist doch nicht möglich, daß sie solchen Widerwillen gegen mich
+empfindet,“ dachte ich. „Das ist wohl so ihre Art, oder ... oder die
+Arme hat so viel Schlechtigkeit gesehen, daß sie niemandem auf der Welt
+mehr traut.“
+
+Zur bestimmten Stunde ging ich in die Apotheke nach der Medizin und
+unterwegs in ein mir bekanntes Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag
+speiste und Kredit hatte. Dort holte ich etwas Hühnersuppe für Helene,
+doch wollte sie nichts davon essen und ich mußte die Suppe in den Ofen
+stellen, um sie warmzuhalten.
+
+Nachdem sie die Medizin eingenommen hatte, setzte ich mich an die
+Arbeit. Ich dachte, daß sie schlief, aber als ich ganz zufällig
+aufblickte, bemerkte ich, daß sie ihr Köpfchen erhoben hatte und mir
+zusah, wie ich schrieb. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte.
+
+Endlich war sie zu meiner großen Freude wirklich eingeschlafen, ganz
+ruhig, fieberfrei und ohne zu stöhnen. Ich fing an nachzudenken;
+Natascha, dachte ich, könnte wirklich sehr betrübt darüber sein, daß ich
+gerade in der Zeit sie verlassen, wo sie meiner vielleicht am meisten
+bedurfte.
+
+Was nun Anna Andrejewna anbelangt, so wußte ich ganz und gar nicht, wie
+ich mich morgen vor ihr rechtfertigen sollte. Ich dachte hin und her und
+plötzlich beschloß ich, sie beide aufzusuchen. Meine Abwesenheit konnte
+doch höchstens zwei Stunden dauern. Helene schläft und wird es gar nicht
+bemerken, daß ich abwesend bin! Ich sprang auf, warf mir meinen Paletot
+über, griff nach der Mütze und wollte zur Tür hinaus, als ich plötzlich
+Helene meinen Namen rufen hörte. Ich war ganz betroffen: hatte sie sich
+wirklich nur so angestellt, als schlafe sie?
+
+Ich muß übrigens bemerken, daß Helene nur so tat, als wolle sie nicht
+mit mir sprechen: diese wiederholten Rufe, das Bedürfnis, von mir über
+ihr Schicksal etwas zu erfahren, bewiesen das Gegenteil und waren, ich
+muß es gestehen, mir sogar sehr angenehm.
+
+„Wohin wollen Sie mich fortgeben?“ fragte sie mich, als ich an sie
+herantrat.
+
+Überhaupt richtete sie ihre Fragen immer plötzlich, ganz unerwartet, an
+mich. Dieses Mal verstand ich sie nicht einmal sofort.
+
+„Vorhin sagten Sie zu Ihrem Bekannten, daß Sie mich in ein Haus geben
+würden. Ich will aber nicht.“
+
+Ich beugte mich über sie: sie fieberte wieder und war in höchster
+Erregung. Ich versuchte sie wieder zu beruhigen und ihr Hoffnung
+einzuflößen; ich sagte ihr daß, wenn sie bei mir bleiben wolle, ich sie
+niemals fortgeben würde. Ich zog meinen Mantel aus, legte die Mütze aus
+der Hand, denn in solchem Zustande konnte ich sie nicht allein lassen.
+
+„Nein, gehen Sie nur!“ sagte sie, sofort erratend, daß ich bleiben
+wollte. „Ich bin müde und werde gleich einschlafen.“
+
+„Wie, soll ich dich denn allein lassen?“ sagte ich zögernd. „Ich werde
+allerdings in zwei Stunden wieder zurück sein ...“
+
+„Nun, so gehen Sie doch. Sonst werde ich das ganze Jahr krank sein, und
+Sie werden das ganze Jahr das Haus nicht verlassen können.“
+
+Und sie versuchte zu lächeln und sah mich so sonderbar an, sie schien
+irgendein gutes Gefühl in ihrem Herzen niederzukämpfen. Die Arme! Es war
+ihre Zärtlichkeit und Güte, die trotz aller Menschenscheu und offenbarer
+Verbitterung durchbrach.
+
+Zuerst eilte ich zu Anna Andrejewna. Sie erwartete mich mit fieberhafter
+Ungeduld und war entsetzlich beunruhigt. Nikolai Ssergejewitsch war
+gleich nach Tisch ausgegangen und man wußte nicht wohin. Mir ahnte, daß
+die Alte ihm wie gewöhnlich alles erzählt hatte, wenn auch nur in
+Andeutungen. Sie gestand es mir bald darauf selbst ein, daß sie nicht
+habe an sich halten können und ihre Freude mit ihm habe teilen wollen,
+daß aber Nikolai Ssergejewitsch, wie sie sagte, finster wie eine
+Gewitterwolke dreingeschaut habe und auf alle ihre Fragen nur
+geschwiegen hätte, und plötzlich nach Tisch fortgegangen sei. Zitternd
+vor Angst flehte sie mich an, mit ihr zusammen Nikolai Ssergejewitsch zu
+erwarten. Ich schlug ihre Bitte rund ab und sagte ihr, daß ich auch
+morgen nicht zu ihr kommen könne und daß ich nur heute zu ihr gekommen
+wäre, um sie davon zu benachrichtigen. Dieses Mal kam es fast zu einem
+Bruch zwischen uns. Sie brach in Tränen aus und machte mir bittere
+Vorwürfe, als ich aber schon zur Tür hinaus wollte, umarmte sie mich
+plötzlich und flehte mich an, sie „arme Waise“ nicht zu verlassen, und
+ihr nicht zu zürnen, falls sie mich gekränkt hätte.
+
+Natascha traf ich gegen meine Erwartung wieder allein an, – sonderbar,
+aber mir schien es, als freute sie sich diesmal gar nicht über mein
+Kommen, wie sie es sonst immer zu tun pflegte. Ich hatte den Eindruck,
+als hätte mein Kommen sie irgendwie geärgert oder gestört. Auf meine
+Frage, ob Aljoscha bei ihr gewesen, antwortete sie:
+
+„Versteht sich, er war da, aber nicht lange. Er versprach heute abend
+wiederzukommen,“ fügte sie nachdenklich hinzu.
+
+„War er gestern abend hier?“
+
+„N–nein. Man hat ihn aufgehalten,“ fügte sie schnell hinzu. „Und wie
+geht es dir, Wanjä?“
+
+Ich begriff, daß sie das Gespräch auf andere Dinge lenken wollte. Ich
+betrachtete sie näher und bemerkte, daß sie verstimmt war. Als sie sah,
+daß ich sie beobachtete, traf mich plötzlich ein zornig flammender Blick
+von ihr: als hätte er mich verbrennen können, so stark empfand ich ihn.
+Sie leidet wieder, dachte ich bei mir, und will es mir nicht zeigen.
+
+Ihre Frage nach meinen Angelegenheiten beantwortete ich mit einer
+ausführlichen Erzählung von meinem Erlebnis mit Helene. Meine Erzählung
+interessierte sie sehr, und versetzte sie in Erstaunen und Erregung.
+
+„Mein Gott! Und du konntest sie allein lassen!“ rief sie aus.
+
+Ich sagte ihr, daß ich eigentlich heute nicht zu ihr habe kommen wollen,
+doch nicht sicher gewesen sei, ob sie, Natascha, meiner nicht bedurfte.
+
+„Ich deiner bedürfen,“ sprach sie vor sich hin, „oh ja, ich werde deiner
+schon bedürfen, Wanjä, doch nicht heute, ein anderes Mal. Warst du bei
+den – Unsrigen?“
+
+Ich erzählte ihr alles.
+
+„Ja, Gott weiß, wie der Vater diese Nachrichten aufnehmen wird. Doch,
+übrigens, was ist da aufzunehmen ...“
+
+„Wieso denn? Eine solche Veränderung!“
+
+„Nun ja ... Wohin ist er denn wieder gegangen? Neulich dachtet ihr, er
+habe zu mir gewollt. Weißt du, Wanjä, wenn es dir möglich ist, komme
+morgen zu mir. Vielleicht werde ich dir morgen etwas mitzuteilen haben
+... Es ist zwar gewissenlos von mir, dich zu beunruhigen; und jetzt gehe
+nach Haus zu deinem Gast. Es sind sicher schon zwei Stunden vergangen,
+seit du von Hause weg bist!“
+
+„Allerdings. Lebe wohl, Natascha. Nun, und wie war denn Aljoscha heute
+zu dir?“
+
+„Aljoscha, wie immer ... Deine Neugier wundert mich, Wanjä.“
+
+„Auf Wiedersehn!“
+
+„Leb wohl.“
+
+Sie reichte mir etwas nachlässig die Hand und wich meinem Blick aus. Ich
+ging ein wenig betroffen von ihr. „Übrigens,“ dachte ich, „sie hat allen
+Grund nachdenklich zu sein; morgen wird sie mir ja doch alles erzählen.“
+
+Ich kehrte in trauriger Stimmung nach Hause zurück. Erstaunt blieb ich
+an der Türschwelle stehen. Im Zimmer war es dunkel. Ich konnte jedoch
+sehen, wie Helene mit gesenktem Kopfe auf dem Diwan saß, in tiefes
+Nachdenken versunken. Sie sah nicht einmal auf, als ich zu ihr trat; sie
+murmelte nur etwas vor sich hin. „Ob sie nicht wieder phantasiert?“
+dachte ich.
+
+„Helene, mein Liebling, was fehlt dir?“ fragte ich, setzte mich zu ihr
+und ergriff ihre Hand.
+
+„Ich möchte fort von hier. Ich möchte lieber zu ihr,“ sagte sie, den
+Kopf noch immer gesenkt.
+
+„Wohin? zu wem?“ fragte ich ganz verwundert.
+
+„Zu ihr, zur Bubnowa. Sie sagt immer, daß ich ihr viel Geld schulde, daß
+sie Mama für ihr Geld beerdigt hat ... Ich will nicht, daß sie über
+meine Mama schimpft ... Ich möchte für sie arbeiten und ihr alles
+zurückgeben ... Dann werde ich wieder von ihr fortgehen. Jetzt aber will
+ich zu ihr ...“
+
+„Beruhige dich, Helene, zu ihr kannst du nicht. Sie wird dich zugrunde
+richten ...“
+
+„Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich foltern,“ unterbrach mich
+Helene ganz flammend, „ich bin nicht die Erste; es gibt bessere als ich,
+die sich noch mehr quälen. Das hat mir eine Bettlerin auf der Straße
+gesagt. Mein ganzes Leben lang werde ich arm bleiben, das hat mir meine
+Mama befohlen, als sie starb. Ich werde arbeiten ... Ich will nicht
+dieses Kleid tragen ...“
+
+„Ich kaufe dir morgen ein anderes. Ich werde dir auch deine Bücher
+wieder zurückbringen. Du wirst bei mir bleiben. Ich werde dich niemandem
+abgeben, wenn du es nicht selbst willst; sei ruhig ...“
+
+„Ich will Arbeiterin werden.“
+
+„Gut, gut! Nur lege dich jetzt hin und versuche zu schlafen!“
+
+Das arme Kind fing an zu weinen. Und langsam gingen ihre Tränen in
+Schluchzen über. Ich wußte nicht, was ich mit ihr beginnen sollte; ich
+reichte ihr Wasser, rieb ihr die Schläfen. Schließlich fiel sie kraftlos
+auf den Diwan zurück und das Fieber schüttelte sie wieder. Ich deckte
+sie zu und sie schlief ein, doch zuckte sie von Zeit zu Zeit wieder
+zusammen und erwachte dann jedesmal. Obgleich ich den Tag über nicht
+viel gegangen war, fühlte ich mich doch furchtbar müde und beschloß,
+mich selbst so früh als möglich hinzulegen. Quälende Sorgen durchbohrten
+mein Gehirn. Ich fühlte voraus, daß ich mit dem Kinde viel Mühe haben
+würde. Doch machten mir Nataschas Angelegenheiten noch mehr Sorgen.
+Überhaupt erinnere ich mich nicht, je in einer so schweren
+Gemütsstimmung gewesen zu sein, als in dieser unglücklichen Nacht.
+
+
+ IX.
+
+Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr morgens, und fühlte mich ganz
+krank. Mir schwindelte und der Kopf tat mir weh. Ich blickte auf
+Helenens Lager: es war leer. Zu gleicher Zeit hörte ich aber im kleinen
+Nebenzimmer Geräusch, wie wenn man mit dem Besen die Zimmer kehrt. Ich
+ging hinein, um nachzusehen. Helene hielt in der einen Hand den Besen,
+mit der anderen hob sie ihr Kleid auf, das sie seit jenem Abend noch
+nicht abgelegt, und kehrte die Stube aus. Das Holz vor dem Ofen war in
+der Ecke aufgestapelt, der Teekessel blankgeputzt. Kurz: Helene
+wirtschaftete.
+
+„Höre, Helene,“ rief ich, „wer hat dir erlaubt, die Zimmer zu fegen? Du
+bist krank, ich wünsche das nicht; bist du denn etwa als Magd zu mir
+gekommen?“
+
+„Wer wird denn hier die Zimmer reinigen?“ Sie richtete sich auf und sah
+mir gerade in die Augen. „Jetzt bin ich nicht mehr krank.“
+
+„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir genommen, Helene. Du
+scheinst zu fürchten, daß ich wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen
+könnte, daß du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen
+schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert hinzu.
+
+„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher gebracht. Ich habe doch
+Großpapa die Zimmer rein gemacht. Der Besen lag seit der Zeit dort,
+unter dem Ofen.“
+
+Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war es klar, daß ihr
+meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, und daß sie sich bemühte, sie
+verdienen zu wollen. „Was für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir.
+Nach ein paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich auf
+den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete ich den Tee, goß
+auch ihr Tee ein und reichte ihr ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles
+schweigend ohne jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze
+vierundzwanzig Stunden nichts genossen.
+
+„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem Besen beschmutzt.“ Ich
+bemerkte einen schmutzigen Streifen an ihrem Rock.
+
+Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und zu meiner
+Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff ruhig mit beiden Händen
+den Saum des Kleides und riß kaltblütig den Rock von unten bis oben
+durch.
+
+Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig schweigend an, mit
+flammenden Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide.
+
+„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken aus, denn ich glaubte
+eine Wahnsinnige vor mir zu sehen.
+
+„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung ganz erstickter
+Stimme. „Warum sagten Sie, daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es
+nicht tragen,“ rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke
+zerreißen! Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, sie hat
+es gewaltsam mit mir getan. Ich habe schon ein solches Kleid zerrissen,
+auch dieses werde ich zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“
+
+In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. Als sie damit zu Ende
+war, konnte sie sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit
+Verwunderung auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. Sie sah
+mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr gegenüber irgendwie
+schuldig gewesen. Ich wußte bereits, was ich zu tun hatte.
+
+Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu kaufen. Dieses wilde,
+erbitterte Geschöpf mußte man mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als
+wäre sie nie einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet
+der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in Stücke zerrissen, um
+wieviel mehr mußte sie dieses Kleid und dieser Augenblick an alles
+Schreckliche erinnern!
+
+Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes einfaches Kleidchen
+kaufen. Das Unglück wollte es nur, daß ich in diesem Augenblick kein
+Geld bei mir hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen
+beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich nahm meinen Hut.
+Helene folgte mir mit den Augen, als erwarte sie etwas von mir.
+
+„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ fragte sie, als ich nach dem
+Schlüssel griff, um die Wohnung von außen zuzuschließen, wie ich es
+gestern und vorgestern getan.
+
+„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht böse. Ich schließe die
+Wohnung nur darum zu, weil ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du
+bist krank und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer nicht
+alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“
+
+Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch nur ein, weil ich
+fürchtete, daß sie von mir fortgehen könnte. Wenigstens für die erste
+Zeit hatte ich beschlossen, vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir
+nichts und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte einen Verleger,
+der schon ein großes Sammelwerk herausgab. Von ihm holte ich mir immer
+Arbeit, wenn ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute zu ihm
+und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, dafür verpflichtete
+ich mich in einer Woche einen bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber
+hoffte auf diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das tat ich
+oft, wenn die Not am höchsten war.
+
+Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort suchte ich eine mir
+bekannte Händlerin auf, die allerhand Kleider verkaufte. Ich gab ihr
+ungefähr den Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes,
+starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid aus, das sie mir
+zu geringem Preis verkaufte. Zufällig fand ich auch noch ein nettes
+Halstuch. Als ich das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch
+sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing an, kalt zu werden
+und sie besaß absolut nichts. Doch ich ließ es bis auf ein nächstes Mal.
+Helene war so empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses
+Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht so billig und so
+einfach als nur möglich gekauft hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch
+zwei Paar baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die konnte ich ihr
+unter dem Vorwand geben, daß sie krank und daß es im Zimmer kalt sei.
+Sie hatte auch wohl Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns
+näher kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber ein Paar alte
+Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche Sache, die Helene nur angenehm
+sein konnte.
+
+Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag zu Hause an. Das
+Schloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Helene gar nicht bemerkte,
+daß ich eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen Büchern
+lesen. Als sie mich erblickte, schlug sie schnell das Buch zu, in dem
+sie gelesen, und wandte sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster
+Roman, auf dessen Titelblatt mein voller Name stand.
+
+„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte sie in einem Tone zu
+mir, in dem man deutlich den Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich
+eingeschlossen?“
+
+„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du hast nichts geantwortet?“
+
+„Nein.“
+
+Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte ihr das Kleid.
+
+„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, die du anhast, kannst
+du nicht bleiben. Ich habe dir ein billiges, einfaches Alltagskleid
+gekauft, es kostet im ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“
+
+Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über und über und sah
+mich ganz verwundert starr an.
+
+Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir sehr verlegen. Doch etwas
+Weiches, Zärtliches leuchtete in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß
+sie schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische zu schaffen.
+Meine Handlungsweise schien sie ganz zu verwirren. Sie saß da, mit Mühe
+sich beherrschend, die Augen zu Boden geschlagen.
+
+Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische Luft hatte mir nicht gut
+getan. Dabei mußte ich auf jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie
+nahm zu. Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. Ich
+wandte mich um.
+
+„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte nicht mehr ein,“
+sagte sie beiseite blickend und mit den Fingern an der Diwanschnur
+zupfend, als nehme diese Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde
+nicht von Ihnen fortgehen.“
+
+„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch wenn nun jemand kommt,
+Gott weiß, wer?“
+
+„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür von innen zuschließen
+und wenn jemand klopft, werde ich sagen: es ist niemand zu Haus.“
+
+Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: „Sieh, wie man das
+machen muß!“
+
+„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, bevor ich noch
+etwas erwidern konnte.
+
+„Hier im Hause ist eine Frau ...“
+
+„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“
+
+„Im Restaurant.“
+
+„Ich verstehe auch zu kochen.“
+
+„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“
+
+Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. Meine Bemerkung
+beleidigte sie offenbar. Es vergingen ungefähr zehn Minuten; wir
+schwiegen beide.
+
+„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den Kopf zu erheben.
+
+„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich verwundert.
+
+„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen immer Suppe gekocht,
+wenn sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.“
+
+„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du bist,“ sagte ich und
+setzte mich zu ihr auf den Diwan. „Ich bin zu dir, wie mein Herz mir
+befiehlt. Du bist jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich
+möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, würdest auch du mir
+helfen wollen. Doch du denkst nicht so wie ich und dir fällt es schwer,
+von mir etwas anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles
+abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest dich doch schämen,
+Helene!“
+
+Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien mir etwas entgegnen
+zu wollen, doch nahm sie sich zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um
+zu Natascha zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den Schlüssel und
+bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen sollte, zu fragen, wer da sei?
+– Ich war innerlich davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand.
+Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, sie sonst
+aber weiter nicht mit meiner Gegenwart belästigen.
+
+So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit unzufriedener, strenger
+Miene. Ich hätte sofort wieder weggehen sollen, doch meine Füße trugen
+mich nicht mehr.
+
+„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ begann ich, „um dich
+meines Gastes wegen um Rat zu fragen?“
+
+Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich meine letzten
+Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha hörte mich schweigend an.
+
+„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ antwortete sie
+mir. „Es scheint ein eigenartiges Wesen zu sein, sicher sehr gequält und
+verschüchtert. Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu
+den Unsrigen bringen?“
+
+„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß Gott, wie man sie
+dort auch aufnehmen würde. Und du, wie geht es dir? Du schienst gestern
+krank zu sein?“ fragte ich sie schüchtern.
+
+„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete sie zerstreut.
+„Hast du jemanden von den Unsrigen gesehen?“
+
+„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist ja Sonnabend ...“
+
+„Nun, und dann?“
+
+„Am Abend kommt der Fürst ...“
+
+„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“
+
+„Ich meinte ja nur so ...“
+
+Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die Augen. In ihrem Blick
+lag eine hartnäckige, fieberhafte, leidenschaftliche Entschlossenheit.
+
+„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du störst mich.“
+
+Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender Verwunderung.
+
+„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ rief ich erschrocken
+aus.
+
+„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen erfahren, jetzt aber
+laß mich allein. Hörst du, Wanjä, gehe sofort. Ich kann dich nicht
+ansehen, es zerreißt mir das Herz!“
+
+„Sage mir doch wenigstens ...“
+
+„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, wirst du denn nicht
+gehen?“
+
+Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte kaum mehr, wo ich mich
+befand. Mawra stürzte mir auf die Treppe nach.
+
+„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich fürchte mich
+schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“
+
+„Ja, was hat sie nur?“
+
+„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal seine Nasenspitze
+gesehen!“
+
+„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. „Sie hat mir doch
+gestern selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen und am Abend
+wiederkommen wollte ...“
+
+„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen da. Ich sage Ihnen, den
+dritten Tag hat er sich schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich
+selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“
+
+„Sie hat es selbst gesagt.“
+
+„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es ihr so weh tun, daß sie es
+sogar vor Ihnen verheimlichen will. Nun, das ist ’mal! ...“
+
+„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an.
+
+„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ Mawra schlug die Hände über
+dem Kopf zusammen. „Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und
+jedesmal hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber spricht sie schon
+kein Wort mehr mit mir. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Ich wage es
+schon gar nicht mehr, sie allein zu lassen.“
+
+Ich stürzte die Treppe hinunter.
+
+„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir Mawra nach.
+
+„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, nur um mich nach ihr zu
+erkundigen. Wenn ich mich nur selbst auf den Beinen halten kann!“
+
+Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen riß.
+
+
+ X.
+
+Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der
+Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er
+ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser
+Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein
+einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner
+Verbindung mit Natascha.
+
+Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden
+Brief:
+
+„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend
+selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden,
+waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden
+zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie
+auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie
+daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst
+merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein
+Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz
+gleichgültig.“
+
+„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht
+mit mir von Ihnen gesprochen.“
+
+Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage
+antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause
+sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre.
+
+Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die
+Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen.
+Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er
+saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die
+ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie
+muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich.
+
+„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich
+hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um,
+und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene.
+
+In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich,
+daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag.
+
+„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich
+beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu
+besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“
+
+„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“
+
+„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“
+
+„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren.
+Und Sie, wie fühlen Sie sich?“
+
+„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu
+mir.“
+
+Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.
+Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme:
+
+„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen.
+Was ist das für ein Gast, den du da hast?“
+
+„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine
+Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei
+gestorben ist.“
+
+„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein
+sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir,
+wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht
+mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir
+die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach
+unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde
+ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist
+wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“
+
+„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch,
+bevor er starb.“
+
+„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles.
+Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist
+... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie
+fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“
+
+„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“
+
+Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten
+und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne,
+da sie ein Kind sei ...
+
+„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten,
+mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“
+
+Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man
+von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt
+und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits
+ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren
+sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des
+neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art
+gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen.
+
+„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem
+...
+
+Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und
+ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden.
+„Was kann er wohl haben?“ dachte ich.
+
+„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch
+bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir
+erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art
+...“
+
+Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und
+ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort:
+
+„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst
+verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese
+Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“
+
+Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor
+Verwunderung an.
+
+„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand
+verloren.“
+
+„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu
+welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“
+
+„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“
+
+„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie
+damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe,
+daß ich nichts davon begreife.“
+
+„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser
+Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben
+nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend
+Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in
+Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen
+und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller
+Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben.
+‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben
+meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten,
+und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht
+fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst
+mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du
+früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den
+Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst,
+ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du,
+so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein,
+endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“
+
+Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern
+seine geheimsten Gedanken erraten.
+
+„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich
+hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein,
+denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie
+gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“
+
+„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit.
+
+„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu
+treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“
+
+„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im
+Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine
+Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast,
+daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich
+verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie
+von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten
+Verhältnisse getrieben worden ist.“
+
+„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die
+Frage?“
+
+„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an:
+glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine
+andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste
+meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine
+Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber
+verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben
+Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde
+weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich
+habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück,
+doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft
+geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich
+eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte.
+Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen
+Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie
+sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter
+als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann
+jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem
+niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens,
+einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist,
+so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man
+noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu
+vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch
+mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt
+und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche
+schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene
+Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich,
+wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst
+nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und
+werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“
+
+„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe
+verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie
+hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen
+wieder.“
+
+„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung
+sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe
+wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser
+jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die
+Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und
+dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“
+
+Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der
+Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung
+unfähig.
+
+„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte,
+die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben.
+Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie
+liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich
+verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und
+beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich
+verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung
+treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag
+ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren
+Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten
+beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche
+Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer
+Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“
+
+Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort.
+
+„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und
+Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich
+ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz
+umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut,
+„ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter
+gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe
+auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“
+
+„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber
+erfahren?“ rief ich begierig aus.
+
+„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs
+wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das
+sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und
+zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte,
+oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser
+Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz:
+kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und
+Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als
+einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht
+mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft
+in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen,
+Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch
+mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es
+zu spät sein! Lebe wohl!“
+
+Ich hielt ihn zurück.
+
+„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten
+wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die
+Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum
+besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell.
+Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich
+Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich
+auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre
+Herausforderung annehmen wird?“
+
+„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“
+
+„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt,
+er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden
+der Blamierte sein ...“
+
+„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn
+überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein
+echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht
+satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin
+fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein
+russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann,
+und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“
+
+„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie
+selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“
+
+„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich
+werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir
+abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort,
+noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“
+
+„Selbstverständlich.“
+
+„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu
+sprechen.“
+
+„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“
+
+„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei
+uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren.
+Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich
+grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“
+
+Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das
+Versprechen.
+
+„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“
+
+„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung.
+
+„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung
+... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch
+besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst
+du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“
+
+„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“
+
+„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle
+Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben,
+Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht
+hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den
+Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das
+ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst,
+kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du
+erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“
+
+Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu
+er es mir überließ.
+
+„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm.
+
+„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute
+nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest.
+Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir
+erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich
+nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe
+wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das
+Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus.
+Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein
+Lieber ...“
+
+Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen
+schicken. Helene hatte noch nichts genossen.
+
+
+ XI.
+
+Kaum war ich wieder zurückgekehrt, als ich das Bewußtsein verlor und
+mitten im Zimmer hinstürzte. Ich hörte noch Helene aufschreien und
+herbeistürzen, um mich zu halten ...
+
+Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Helene erzählte mir
+nachher, daß sie mich zusammen mit dem Hausknecht, der das Essen
+gebracht hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, sah
+ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht Helenens. Doch dessen
+erinnere ich mich nur noch wie im Traum, wie durch Nebel. Das liebe
+Gesichtchen des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor mir
+auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte mir die Bettdecke
+zurecht, und saß traurig und erschrocken neben mir, hin und wieder mit
+den Händchen mir über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch,
+einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu haben. Ein andermal,
+als ich plötzlich in der Nacht erwachte, bemerkte ich beim Scheine des
+herabgebrannten Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten
+Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes Gesichtchen neben mir auf
+dem Kissen ruhen: sie hatte ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die
+bleichen Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst vollständig
+gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; ein heller, rosafarbener
+Morgensonnenstrahl spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor
+dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt und
+schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe gerundetes Kindergesicht, das
+auch im Schlafe seinen kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte,
+dabei von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen Wimpern
+lagen wie dunkle Strahlen auf ihren blassen Wangen, die umrahmt wurden
+vom dunklen Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem Kissen.
+Ich küßte leise, leise das magere Händchen, sie erwachte nicht davon,
+doch schien im Schlaf ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen.
+Ich sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, gesunden
+Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis zum Nachmittag. Als ich
+erwachte, fühlte ich mich fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche
+und Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen Anfall hin.
+Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten sich auch schon früher bei mir
+gemeldet: ich kannte sie nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich
+gewöhnlich in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich nicht
+hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden sehr heftig und
+bedrohlich auftrat.
+
+Es war also schon Nachmittag. Das erste, was mir in die Augen fiel,
+waren die gestern von mir gekauften Vorhänge, die auf einer Schnur
+aufgezogen die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene sich
+ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem Augenblick stand sie am Ofen und
+kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und
+kam zu mir.
+
+„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff ihre Hand, „du hast
+die ganze Nacht an meinem Bette gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so
+gutes Herz hast.“
+
+„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; ich habe vielleicht im
+Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ sie sah mich schelmisch und
+herausfordernd an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten.
+
+„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist du eingeschlafen ...“
+
+„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre es ihr unangenehm, das
+Gespräch fortzusetzen, wie es keuschen Menschen eigen ist, die sich
+nicht loben hören können.
+
+„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend gegessen?“
+
+„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht brachte das Essen. Doch
+sprechen Sie lieber nicht so viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind
+noch nicht gesund,“ fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und setzte
+sich zu mir ans Bett.
+
+„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde bleibe ich liegen,
+doch dann muß ich ausgehen. Ich muß es tun, Lenotschka.“
+
+„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie denn? Doch nicht zum
+Alten von gestern?“
+
+„Nein, nicht zu ihm.“
+
+„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er hat Sie gestern so
+aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu seiner Tochter?“
+
+„Was weißt du denn von seiner Tochter?“
+
+„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte den Kopf und zog
+finster die Brauen zusammen.
+
+„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf hinzu.
+
+„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.“
+
+„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete sie gereizt.
+
+„Ja, was hast du denn gehört?“
+
+„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“
+
+„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber sorgt für sie, quält
+sich um sie.“
+
+„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr später verzeihen sollte,
+so wird die Tochter nicht mehr zu ihm gehen.“
+
+„Wieso? Warum nicht?“
+
+„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn lieb hat,“ antwortete
+sie erregt. „Soll sie ihn lieber auf immer verlassen, soll sie lieber
+betteln gehen, als zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und
+sich quälen.“
+
+Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. „Sicher hat sie einen Grund,
+wenn sie so spricht,“ dachte ich bei mir.
+
+„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ fügte sie hinzu und
+verstummte.
+
+„Ja, Lenotschka.“
+
+„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“
+
+„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! Welch ein Unsinn; wer
+würde denn dich engagieren?“
+
+„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer erboster.
+
+Sie schien sehr heftig zu sein.
+
+„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ sagte ich
+lachend.
+
+„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“
+
+„Mit deinem Charakter?“
+
+„Mit meinem, jawohl.“
+
+Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete sie.
+
+„Du wirst es nicht aushalten.“
+
+„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich aber werde schweigen.
+Man wird mich schlagen, ich aber werde schweigen, schweigen, mögen sie
+mich schlagen, ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor Wut, ich
+aber werde schweigen.“
+
+„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in dir steckt, und wie stolz
+du bist! Viel Leid mußt du erfahren haben ...“
+
+Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. Helene blieb auf dem
+Diwan sitzen, sah zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg.
+„Ob sie sich durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir.
+
+Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich mir gestern zur Arbeit
+mitgebracht hatte, und vertiefte mich allmählich ins Lesen. Das
+geschieht bei mir oft so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen
+Augenblick, fange an zu lesen und vergesse alles.
+
+„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem Lächeln Helene, leise
+an den Tisch tretend.
+
+„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld gibt.“
+
+„Also Bittschriften?“
+
+„Nein, nicht Bittschriften.“
+
+Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten über die
+Geschicke der verschiedensten Leute schreibe. Daraus entstehen Bücher,
+die man Erzählungen oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem
+Interesse an.
+
+„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“
+
+„Nein, ich denke es mir aus.“
+
+„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“
+
+„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; du hast doch schon
+einmal in ihm gelesen. Du verstehst doch zu lesen?“
+
+„Ja.“
+
+„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe ich geschrieben.“
+
+„Sie? Ich werde es lesen ...“
+
+Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte sie es offenbar nicht.
+Sie war in großer Erregung. Hinter ihren Fragen steckte etwas.
+
+„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich.
+
+„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – gar nichts, je nachdem. Es
+ist eine mühsame Arbeit, Lenotschka.“
+
+„Sie sind also nicht reich?“
+
+„Nein, ich bin nicht reich.“
+
+„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“
+
+Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug wieder schnell die
+Augen nieder. Plötzlich trat sie auf mich zu und schlang ihre beiden
+Ärmchen um mich und preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust.
+
+„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten gestern, daß ich
+stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht so ... ich liebe Sie, und Sie
+allein lieben mich ...“
+
+Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß sich ihrer Brust und
+durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, wie bei ihrem letzten Anfall.
+Sie fiel vor mir auf die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ...
+
+„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur Sie allein, allein!
+...“
+
+Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, die sie lange
+zurückgehalten, überwältigten sie in diesem Augenblick und ich begriff,
+wie sie durch die Hartnäckigkeit ihres Herzens bis jetzt alles
+niedergekämpft hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres
+Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich der Augenblick
+gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen bis zur Selbstvergessenheit der
+Liebe, der Dankbarkeit, der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen
+hingab.
+
+Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen richtigen
+Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich ihre Hände von meinen Knien und
+trug sie auf den Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als schäme
+sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; meine Hand aber
+hielt sie noch lange mit ihren kleinen Händchen und preßte sie an ihr
+Herz.
+
+Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht hielt sie noch
+immer versteckt. Hin und wieder streifte mich nur ein flüchtiger Blick,
+in dem so viel Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, und
+plötzlich lächelte sie wieder.
+
+„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, meine kleine
+Lenotschka!“
+
+„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte wieder ihr
+Gesichtchen.
+
+„Nicht Lenotschka? Wie denn?“
+
+„Nelly.“
+
+„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist ja ein sehr netter Name. Wenn
+du willst, kann ich dich so rufen.“
+
+„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst nannte mich so, nur sie ...
+und ich würde es auch niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen
+mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer lieben, immer lieben
+...“
+
+„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, „wie lange mußte ich
+mich darum mühen, bis es mich lieb gewann.“
+
+Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer ergeben war.
+
+„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich beruhigt hatte, „du
+sagst, daß dich außer deiner Mama niemand lieb gehabt hat. Und dein
+Großpapa, liebte er dich denn gar nicht?“
+
+„Nein, er liebte mich nicht ...“
+
+„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf der Treppe,
+erinnerst du dich?“
+
+Sie dachte einen Augenblick nach.
+
+„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“
+
+Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
+
+„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, Nelly. Er hatte
+bereits sein Gedächtnis verloren. Ich habe dir doch erzählt, wie er
+starb.“
+
+„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. Er saß hier den
+ganzen Tag, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, so würde er noch
+den dritten Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. Doch
+früher war er viel besser.“
+
+„Wann war das?“
+
+„Als Mama noch lebte.“
+
+„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen brachte, Nelly?“
+
+„Ja, ich brachte ihm ...“
+
+„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“
+
+„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa genommen,“ ihre Stimme
+hatte plötzlich einen harten, gesprungenen Klang.
+
+„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch nichts?“
+
+Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf mit langem, fragendem
+Blick an.
+
+„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich fünf Kopeken, so kaufte
+ich ihm Brot und Schnupftabak ...“
+
+„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“
+
+„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. Als er es aber
+erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich bettelte auf der Brücke und
+er wartete auf mich in der Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab,
+stürzte er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte ich es
+vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich nicht für ihn.“
+
+Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln.
+
+„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte sie hinzu. „Erst nach
+ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“
+
+„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? Warum lebtet ihr denn
+nicht alle zusammen?“
+
+„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat ihr nicht verziehen
+... ganz wie der böse Alte von gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd
+und erblaßte.
+
+Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines ganzen Romans lösten
+sich in meiner Phantasie. Diese arme Frau, die bei einem Sargmacher im
+Keller gestorben: die Tochter, eine Waise, die den Alten, der ihre
+Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der geistesabwesende alte
+Sonderling, der auf dem Wege von der Konditorei gleich nach seinem Hunde
+gestorben war! ...
+
+„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, wie in Erinnerung
+lächelnd. „Großpapa liebte Mama früher sehr und als Mama ihn verließ,
+blieb Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... Mama verzieh
+er nicht, als aber Asorka starb, ist er auch gestorben,“ fügte Nelly
+hart hinzu und das Lächeln in ihrem Gesicht verschwand.
+
+„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte ich sie, nach einer
+längeren Pause.
+
+„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ antwortete sie. „Er
+hatte eine Fabrik ... So sagte Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so
+klein und verstünde von alledem nichts. Sie küßte mich immer und sagte
+zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, mein armes, mein
+unglückliches Kind! Immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und in
+der Nacht, wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an,
+als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise und sagte
+immer Armes, Unglückliches!“
+
+„Woran ist deine Mutter gestorben?“
+
+„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“
+
+„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater reich war?“
+
+„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. Mama hatte doch schon vor
+meiner Geburt Großpapa verlassen.“
+
+„Mit wem war sie denn fortgegangen?“
+
+„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und nachdenklich. „Sie ging
+ins Ausland, dort wurde ich geboren.“
+
+„Im Auslande? Wo?“
+
+„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in Italien war ich, in Paris.“
+
+Ich staunte.
+
+„Und du erinnerst dich, Nelly?“
+
+„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“
+
+„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, Nelly?“
+
+„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. Sie war Russin, denn ihre
+Mutter war Russin, Großpapa aber war Engländer von Geburt, doch auch
+ganz Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher zurückkehrten,
+sprachen wir nur Russisch. Mama war damals schon krank. Wir wurden immer
+ärmer und ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach Großpapa und
+sagte immer, sie sei vor ihm schuldig und weinte ... Sie weinte so sehr,
+so sehr! Als sie erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte sie
+noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber antwortete nicht.“
+
+„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur Großpapas wegen?“
+
+„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und Nellys Augen glänzten.
+„Mama lebte mit mir allein. Sie hatte einen Freund, der war so gut wie
+Sie ... Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama kehrte
+hierher zurück ...“
+
+„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“
+
+„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der sie verlassen hat ...“
+
+„Mit wem denn, Nelly?“
+
+Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar wußte sie, wer ihr
+Vater war. Doch fiel es ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen.
+
+Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war ein sonderbarer
+Charakter, nervös und heftig, der sich selbst immer bekämpfte,
+sympathisch, doch stolz und unzugänglich. Die ganze Zeit über, seit ich
+sie kannte, und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, mit
+einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die zu ihrer
+verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber doch so verschlossen, daß sie
+nicht das Bedürfnis empfand, mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen,
+sondern im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. Nur an diesem
+einen Tage, in diesen Stunden teilte sie mir alles zwischen Tränen und
+Schluchzen mit, was sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und
+niemals werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch ihre ganze
+Lebensgeschichte steht uns noch bevor.
+
+Wie furchtbar war diese Erzählung; die Geschichte einer verlassenen
+Frau, die ihr Glück überlebt hatte; krank, gequält und von allen
+verlassen; selbst von ihrem nächsten Menschen, auf den sie gehofft, von
+ihrem Vater, den sie verlassen und der gequält von unendlichem Leid und
+Erniedrigungen den Verstand verloren. Diese Geschichte einer Frau, die
+zur Verzweiflung gebracht, mit ihrem kleinen Töchterchen, das sie noch
+für ein Kind hielt, in den kalten, schmutzigen Petersburger Straßen
+herumging, um Almosen zu bitten; eine Frau, die monatelang in einem
+feuchten Keller mit dem Tode rang, während der Vater ihr bis zum letzten
+Augenblick ihres Lebens die Vergebung nicht gewährte, und die er dann,
+als er sich endlich besann und zu seinem über alles in der Welt
+geliebten Kinde eilte, als Leiche vorfand. Es war eine wunderliche
+Erzählung, von geheimnisvollen, fast unverständlichen Beziehungen
+zwischen einem geistesabwesenden Alten und seiner kleinen Enkelin, die
+ihn verstand, und trotz ihres frühen Alters vieles kannte, was andere in
+langen Jahren ihres ruhig dahinfließenden sorglosen Lebens nicht kennen
+lernen. Es war eine dieser dunklen und qualvollen Lebensgeschichten, die
+fast unmerklich, fast geheimnisvoll unter dem schweren, trüben
+Petersburger Himmel sich abspielen, in den dunklen Ecken und verborgenen
+Winkeln dieser Großstadt, inmitten des Wirrsals unnatürlichen
+Lebensgenusses, stumpfen Egoismus’, aufeinanderstoßender Interessen,
+unheimlichen Lasters, geheimer Verbrechen, inmitten eines Höllenpfuhles
+sinnlosen Lebens ...
+
+Doch diese Geschichte steht uns noch bevor ...
+
+
+
+
+ Dritter Teil
+
+
+ I.
+
+Schon längst hatte die Dämmerung begonnen und der Abend war bereits
+hereingebrochen, als ich aus einem schweren Traum erwachte und mir der
+ganzen Gegenwart und Wirklichkeit bewußt wurde.
+
+„Nelly,“ sagte ich zu ihr, „du bist krank und niedergeschlagen und ich
+muß dich in diesem Zustande allein lassen. Doch du wirst mir vergeben,
+mein Kind, wenn ich dir sage, daß ein unglückliches, verlassenes und von
+mir geliebtes Wesen mich erwartet ... ja – sie erwartet mich ... und ich
+habe keine Ruhe, ich kann mich nicht überwinden, ich muß sie sofort
+sehen ...“
+
+Ich weiß nicht, ob Nelly verstanden hatte, was ich ihr sagte. Meine
+Nerven waren durch meine Krankheit und durch Nellys Erzählung dermaßen
+erregt, daß ich sofort, von Sorgen getrieben, und ohne mich weiter um
+Nelly zu kümmern, zu Natascha eilte. Es war schon spät, gegen neun Uhr
+abends, als ich bei ihr eintrat.
+
+Noch auf der Straße, am Haustor, hatte ich eine Equipage bemerkt, die
+mir diejenige des Fürsten zu sein schien. Der Eingang zu Nataschas
+Wohnung ging vom Hof aus. Kaum als ich die Stiege betreten hatte, hörte
+ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen sich vorsichtig
+hinauftasten, und zwar ganz wie einer, dem die Treppe fremd war. Ich
+dachte zuerst, es sei der Fürst, doch schien es mir schon bald darauf,
+daß ich mich getäuscht hatte, denn der Unbekannte vor mir schimpfte und
+verfluchte seinen Weg mit Worten, die um so gemeiner wurden, je höher er
+stieg. Freilich war die Treppe eng, schmutzig, steil, kaum erleuchtet,
+doch mußte ich die Flüche dieses Menschen eher einem Fuhrkerl als einem
+Fürsten zutrauen. Der dritte Stock war hell erleuchtet: vor Nataschas
+Tür brannte immer eine kleine Lampe. Ich holte den Unbekannten kurz vor
+ihrer Tür ein und – wie groß war meine Verwunderung, als ich in ihm doch
+den Fürsten erkannte. Es schien, daß ihn dieses Zusammentreffen mit mir
+sehr unangenehm berührte. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht,
+doch plötzlich veränderte sich sein Gesicht vollkommen. Sein kurzer
+wütender Blick auf mich wurde heiter und freundlich und mit
+außerordentlicher Liebenswürdigkeit streckte er mir seine beiden Hände
+entgegen.
+
+„Ach, das sind Sie! Ich wollte schon Gott um die Errettung meines Lebens
+anflehen. Haben Sie gehört, wie ich fluchte?“
+
+Und er lachte herzlich, auf die allerungezwungenste Weise. Doch
+plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder und nahm einen besorgten
+Ausdruck an.
+
+„Aljoscha konnte Natalja Nikolajewna in dieser Wohnung unterbringen!“
+sagte er bedenklich den Kopf schüttelnd. „Diese sogenannten
+Kleinigkeiten kennzeichnen den Menschen. Ich fürchte für ihn ... Er ist
+gut, er hat ein edles Herz, doch da haben Sie ein Beispiel: diejenige,
+die er über alles liebt, bringt er in einer Hundehütte unter. Ich hörte
+sogar, sie hätte oft nichts zu essen gehabt,“ fügte er flüsternd hinzu,
+mit der Hand nach der Klingel tastend. „Mir brummt der Schädel, wenn ich
+an seine Zukunft denke und hauptsächlich an die Zukunft Anna
+Nikolajewnas, wenn sie seine Frau wird ...“
+
+Er hatte sich im Namen geirrt und vor Ärger darüber, daß er die Klingel
+nicht finden konnte, dies gar nicht bemerkt. Eine Klingel gab es nicht.
+Ich drückte auf die Türklinke und Mawra öffnete sofort, sich höflich
+verneigend. In der Küche, die von dem kleinen Vorzimmer durch eine
+Bretterwand geschieden war, bemerkte man die getroffenen Vorbereitungen;
+alles in ihr war außergewöhnlich sauber. Im Ofen brannte Feuer, auf dem
+Tisch stand neues Geschirr. Offenbar hatte man uns erwartet.
+
+„Ist Aljoscha hier?“ fragte sie der Fürst, als sie uns die Mäntel
+abnahm.
+
+„Er ist nicht hier gewesen,“ flüsterte sie mir auf die Frage
+geheimnisvoll zu.
+
+Wir betraten Nataschas Zimmer. In ihrem Zimmer war von besonderen
+Vorbereitungen nichts zu bemerken. Bei ihr war es übrigens immer so
+sauber und anheimelnd, daß es besonderer Vorbereitungen gar nicht
+bedurfte. Natascha empfing uns an der Tür. Ich war erschrocken über ihr
+elendes Aussehen, über ihre krankhafte Blässe, obgleich in diesem
+Augenblick leichte Röte in ihre Wangen stieg. Ihre Augen glänzten
+fieberhaft. Sie schwieg und reichte ein wenig verlegen dem Fürsten
+hastig die Hand. Mich schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Ich stand
+und wartete schweigend.
+
+„Da bin ich!“ begann der Fürst freundschaftlich und heiter. „Vor ein
+paar Stunden bin ich zurückgekehrt, und die ganze Zeit über habe ich an
+Sie gedacht (er küßte zärtlich ihre Hand). Viel, sehr viel habe ich
+Ihnen zu sagen ... Doch davon später! Mein Taugenichts ist noch nicht
+hier, wie ich sehe ...“
+
+„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ihn Natascha etwas verwirrt, „ich habe
+Iwan Petrowitsch ein paar Worte zu sagen. Wanjä komm ... einen
+Augenblick.“
+
+Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinter den Vorhang.
+
+„Wanjä,“ sagte sie halblaut, und sie führte mich in den allerdunkelsten
+Winkel, „wirst du mir verzeihen, oder nicht?“
+
+„Was hast du, Natascha?“
+
+„Nein, nein, Wanjä, du hast mir zu oft, zu viel vergeben, auch deine
+Geduld muß einmal ein Ende nehmen. Du wirst mich niemals aufhören zu
+lieben, doch du wirst mich undankbar nennen, denn gestern und vorgestern
+bin ich dir gegenüber undankbar, egoistisch und schlecht gewesen ...“
+
+Sie brach plötzlich in Tränen aus und preßte ihr Gesicht an meine
+Schulter.
+
+„Laß gut sein, Natascha,“ beeilte ich mich, sie zu beruhigen. „Ich war
+gestern, die ganze Nacht hindurch, sehr krank und kann mich auch jetzt
+kaum auf den Füßen halten, daher bin ich gestern abend und heute den Tag
+über nicht bei dir gewesen, und du glaubtest vielleicht, daß ich dir
+etwas nachtrüge ... Meine liebe Natascha, weiß ich denn nicht, was jetzt
+in deiner Seele vorgeht?“
+
+„Nun, dann ist ja alles gut ... Also hast du mir wieder verziehen, wie
+immer,“ sie lächelte unter Tränen und drückte mir schmerzhaft die Hand.
+„Alles übrige später. Ich habe dir viel zu sagen, Wanjä, doch jetzt zu
+ihm.“
+
+„Schnell, Natascha, wir haben ihn so plötzlich verlassen ...“
+
+„Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen wird,“ flüsterte sie mir
+noch schnell zu. „Ich weiß jetzt alles; ich habe alles erraten. An allem
+ist nur _er_ schuld. Dieser Abend wird alles entscheiden. Gehen wir!“
+
+Ich begriff nichts, doch fragen konnte ich sie nicht mehr. Natascha ging
+mit heiterem Lächeln auf den Fürsten zu, der noch immer mit dem Hut in
+der Hand dastand. Sie entschuldigte sich, nahm ihm den Hut ab und wies
+ihm einen Stuhl an. Wir setzten uns alle drei rund um ihren Tisch.
+
+„Ich erwähnte vorhin meinen Sohn,“ fuhr der Fürst fort, „ich sah ihn nur
+einen Augenblick auf der Straße, als er sich anschickte, zur Gräfin
+Zinaida Fedorowna zu fahren. Er hatte es furchtbar eilig, stellen Sie
+sich vor, er wollte nicht einmal ins Haus kommen, um mich nach vier
+Tagen Trennung zu begrüßen. Übrigens bin auch ich schuld daran, Natalja
+Nikolajewna, wenn er jetzt noch nicht hier ist, ich benutzte die
+Gelegenheit, um ihm an die Gräfin einen Auftrag zu übergeben, da ich sie
+heute selbst nicht mehr aufsuchen konnte. Er muß sicher jeden Augenblick
+erscheinen.“
+
+„Er hat Ihnen also versprochen, heute bestimmt zu kommen?“ fragte
+Natascha den Fürsten in der allerungezwungensten Weise.
+
+„Ach, mein Gott, wie sollte er denn heute nicht kommen ... wie
+eigentümlich Sie fragen!“ rief er erstaunt aus. „Übrigens, ich begreife,
+Sie sind ihm böse. Es ist in der Tat nicht schön von ihm, später als
+alle anderen zu kommen. Doch ich wiederhole es: ich bin schuld daran.
+Seien Sie ihm nicht böse. Er ist leichtsinnig und unbeständig; ich will
+ihn nicht entschuldigen, doch einige besondere Umstände verlangen es,
+daß er das Haus der Gräfin nicht meidet, und verschiedene Verbindungen
+nicht aufgibt, sondern im Gegenteil, so oft als möglich überall
+erscheint. Er, der jetzt, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur bei Ihnen
+sich aufhält und alle Welt vergißt, muß mit Ihrer Erlaubnis, hin und
+wieder auch seinen Verpflichtungen nachkommen. Ich bin überzeugt, daß er
+seit dem Abend nicht ein einziges Mal bei der Gräfin A. gewesen ist, es
+tut mir leid, daß ich ihn vorhin nicht darnach habe fragen können! ...“
+
+Ich blickte auf Natascha, die dem Fürsten mit halbironischem Lächeln
+zuhörte. Er aber sprach davon so selbstverständlich, so natürlich, es
+war scheinbar nicht möglich, ihn irgend einer besonderen und falschen
+Absicht zu verdächtigen.
+
+„Und Sie wissen es wirklich nicht, daß er in all diesen Tagen kein
+einziges Mal bei mir gewesen ist?“ fragte ihn Natascha mit leiser,
+ruhiger Stimme, als hätte sie von einer ihr allergleichgültigsten
+Angelegenheit gesprochen.
+
+„Wie! Kein einziges Mal bei Ihnen gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie?“
+rief der Fürst in scheinbar außergewöhnlicher Verwunderung.
+
+„Sie waren Dienstag, spät abends, bei mir. Am nächsten Morgen war er
+eine halbe Stunde hier, seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.“
+
+„Das ist doch unmöglich!“ (Sein Erstaunen wuchs immer mehr und mehr.)
+„Ich dachte, er hat Sie in diesen Tagen überhaupt nicht verlassen.
+Entschuldigen Sie, das ist zu sonderbar ... das ist einfach unmöglich.“
+
+„Indessen, ist es so ... leider; ich habe Sie deshalb erwartet, und
+glaubte von Ihnen zu erfahren, wo er sich befindet?“
+
+„Mein Gott! Er muß sofort kommen! Was Sie mir soeben sagen, setzt mich
+dermaßen in Erstaunen, daß ich ... ich gestehe es, alles andere von ihm
+erwartet hätte als dieses ... dieses! ...“
+
+„Wie erstaunt Sie sind! Und ich dachte, es würde Sie gar nicht
+verwundern, sondern Sie hätten im voraus wissen müssen, daß es so sein
+würde.“
+
+„Wissen müssen! Ich? Ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich
+ihn heute nur einen Augenblick gesehen habe, ich weiß nichts von ihm;
+und sonderbarerweise, scheinen Sie es mir nicht zu glauben,“ fügte er
+hinzu, uns beide ansehend.
+
+„Gott bewahre,“ griff Natascha auf, „ich bin durchaus überzeugt, daß Sie
+die Wahrheit sagen.“
+
+Und sie lachte ihm gerade ins Gesicht, so daß er etwas verwirrt und
+gekränkt bemerkte:
+
+„Bitte, erklären Sie sich ...“
+
+„Ich habe nichts zu erklären. Ich bemerke nur, daß Sie wissen mußten,
+wie leichtsinnig und vergeßlich Ihr Sohn ist. Ihm ist jetzt volle
+Freiheit gegeben und er läßt sich von ihr hinreißen.“
+
+„Sich so gehen zu lassen, ist aber doch unmöglich, da muß noch etwas
+anderes dahinter stecken; wenn er kommt, werde ich ihn sofort darüber
+ausfragen. Doch mich wundert nur, daß Sie mich ... irgendwie anzuklagen
+scheinen, während ich doch in der Zeit überhaupt nicht hier gewesen bin.
+Im Grunde, Natalja Nikolajewna, scheinen Sie sehr böse auf ihn zu sein
+... und das ist nur zu verständlich! Sie haben das Recht dazu ... und
+... und ... versteht sich, ich muß als Erster daran schuld sein,
+vielleicht auch nur deshalb, weil ich als Erster zurückgekehrt bin;
+nicht wahr, so verhält es sich doch?“ fügte er hinzu und wandte sich
+dabei mit gereiztem Lächeln an mich.
+
+Natascha fuhr auf.
+
+„Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna,“ hub der Fürst mit besonderer Würde
+an, „ich gebe zu, daß mich die Schuld trifft, gleich am nächsten Tage
+unserer Bekanntschaft abgereist zu sein, so daß Sie bei dem Mißtrauen,
+der Ihrem Charakter eigen zu sein scheint, in der kurzen Zeit Ihre
+Meinung über mich ändern konnten, wozu die Umstände vielleicht viel
+beigetragen haben. Wäre ich nicht fortgereist, so hätten Sie mich besser
+kennen gelernt, und Aljoscha wäre unter meiner Aufsicht geblieben. Sie
+werden sehen, was ich ihm jetzt zu sagen habe.“
+
+„Das heißt, Sie wollen es dazu bringen, daß er mich als Last zu
+empfinden anfängt. Es ist nicht anzunehmen, daß Sie bei Ihrer Klugheit
+in der Tat glauben können, mir damit einen Dienst zu erweisen.“
+
+„Sie wollen damit wohl andeuten, daß ich bereits dahin gewirkt habe, daß
+er Ihrer überdrüssig geworden? Oh, Sie beleidigen mich, Natalja
+Nikolajewna.“
+
+„Ich bemühe mich, mich stets klar und deutlich auszudrücken, wem
+gegenüber es auch sei,“ antwortete Natascha. „Ich mache niemals
+Andeutungen, sondern sage alles gerade heraus, wovon Sie sich noch heute
+überzeugen werden. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu beleidigen – wozu
+auch? Schon deshalb nicht, weil Sie meinen Worten ja doch keine
+Beachtung schenken würden! Davon bin ich durchaus überzeugt, und ich
+verstehe unsere beiderseitigen Beziehungen richtig einzuschätzen. Sie
+werden sie doch niemals ernst nehmen, nicht wahr? Doch sollte ich Sie
+wirklich beleidigt haben, so bin ich sofort bereit, meine Entschuldigung
+zu machen, um vor Ihnen die Pflichten der Gastfreundschaft nicht zu
+verletzen.“
+
+Ungeachtet des ungezwungenen, fast scherzhaften Tones, in dem Natascha
+mit lächelndem Munde diese Worte gesprochen, habe ich sie doch noch nie
+in dem Maße erregt gesehen. Jetzt begriff ich, wie weh es ihr in diesen
+drei Tagen ums Herz gewesen sein mußte! Ihre rätselhaften Worte: daß sie
+jetzt alles erraten und begriffen habe, flößten mir Furcht ein; sie
+bezogen sich bestimmt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn
+geändert und betrachtete ihn als ihren Feind, – das war offensichtlich.
+Sie schrieb seinem Einfluß ihr ganzes Unglück mit Aljoscha zu. Ich
+befürchtete den Ausbruch einer heftigen Szene zwischen ihnen. Der
+scherzhafte Ton verbarg ihre innere Erregung nicht. Ihre Bemerkungen dem
+Fürsten gegenüber, – daß er ihre Beziehungen zueinander nicht ernst
+nähme, die Phrase über die Gastfreundschaft, die Drohung, daß sie
+geradeheraus die Wahrheit sagen würde – waren so offensichtlich und
+herausfordernd, daß sie der Fürst unmöglich nicht bemerken konnte. Ich
+sah, wie sich sein Gesicht veränderte, doch gab er sich den Anschein,
+als verstände er die Anspielung überhaupt nicht, und er erwiderte
+scherzhaft lachend:
+
+„Gott beschütze mich davor, von Ihnen eine Entschuldigung zu fordern!
+Ich würde doch _niemals_ von einer Frau eine Entschuldigung verlangen –
+noch annehmen!!! Bei meiner ersten Begegnung mit Ihnen, habe ich Sie
+bereits vor meinem Charakter gewarnt, seien Sie mir darum, bitte, nicht
+böse, wenn ich mir eine Bemerkung über die Frauen erlaube ... Sie werden
+mir vielleicht darin zustimmen,“ wandte er sich liebenswürdig an mich.
+„Ich habe bei Frauen die Eigenheit bemerkt, daß eine Frau nie ihre
+Schuld sofort, im ersten Augenblick, zugeben wird, und wenn sie sie auch
+später mit tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen sucht; im
+Augenblick ihrer Handlungsweise jedoch wird sie es niemals tun.
+Folglich, wenn Sie mich auch beleidigt haben sollten, so würde ich jetzt
+keine Entschuldigung von Ihnen verlangen; für mich ist es vorteilhafter
+abzuwarten, bis Sie Ihren Fehler selbst einsehen werden und ihn durch
+... tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen suchen. Sie sind so
+jung, rein und gut, daß der Augenblick, in dem Sie bereuen werden, ganz
+bezaubernd sein muß. Besser als alle Entschuldigung jedoch wäre es, wenn
+Sie mir sagen würden, wodurch ich es Ihnen zeigen soll, daß ich
+aufrichtiger und wohlwollender Ihnen gegenüber bin, als Sie es von mir
+glauben?“
+
+Natascha errötete. Auch mir schien sein Ton ein wenig oberflächlich,
+nachlässig, sogar unbescheiden.
+
+„Sie wollen es beweisen, daß Sie zu mir aufrichtig und offenherzig
+sind?“ sagte Natascha und sah ihn herausfordernd an.
+
+„Ja.“
+
+„Wenn dem so ist, so erfüllen Sie mir folgende Bitte.“
+
+„Ich gebe Ihnen mein Wort ...“
+
+„Mit keiner Silbe, mit keiner Bemerkung Aljoscha meinetwegen, weder
+morgen noch übermorgen, zu belästigen. Keinen Vorwurf, daß er mich
+vergessen, hören Sie? keine Bemerkung darüber! Ich möchte ihm so
+begegnen, als wäre niemals zwischen uns etwas vorgefallen ... Ich
+wünsche es. Werden Sie mir Ihr Wort geben?“
+
+„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Fürst, „und erlauben Sie
+mir, hinzuzufügen, daß ich noch niemals einer so vernünftigen
+Anschauung, in diesen Dingen, begegnet bin ... Doch, das scheint ja
+Aljoscha zu sein!“
+
+Man hörte im Vorzimmer Geräusch. Natascha zuckte zusammen, dann schien
+sie sich wie zu irgend etwas aufzuraffen. Der Fürst saß da mit ernster
+Miene, als erwarte er gespannt die kommenden Dinge. Er beobachtete
+scharf Natascha. Die Tür öffnete sich und Aljoscha stürzte ins Zimmer.
+
+
+ II.
+
+... Er flog ins Zimmer auf uns zu, mit strahlenden Augen, glücklich und
+heiter. Er mußte diese vier Tage lustig und angenehm verbracht haben und
+aus seinem ganzen Auftreten konnte man erraten, daß er uns viel
+mitzuteilen beabsichtigte.
+
+„Da bin ich!“ rief er über das ganze Zimmer, „ich, der ich von allen als
+Erster hätte hier sein müssen. Doch werdet ihr sofort, alles, alles,
+alles von mir erfahren! Vorhin konnte ich mit dir, Papa, kaum ein paar
+Worte sprechen, obgleich ich dir so viel zu sagen habe. – Nur in einigen
+seltenen Augenblicken erlaubt er mir _du_ zu sagen,“ wandte er sich an
+mich, „denn sonst verbietet er’s mir! Und was für eine sonderbare Taktik
+er dann mir gegenüber gebraucht: er sagt zu mir einfach _Sie_. Doch von
+heute ab wünschte ich, daß es nur solche seltene Augenblicke gäbe!
+Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen ganz und gar verändert,
+ganz und gar, ich werde euch alles erzählen. Doch davon später. Zuerst
+kommt die Reihe an sie! sie! und wieder an sie, meine Natascha, mein
+Engel!“ Er setzte sich neben sie und küßte ihr gierig die Hände. „Hast
+du dich sehr um mich gegrämt in diesen Tagen! Doch, was soll ich sagen!
+Ich konnte nicht kommen! Konnte nicht ... Mein Liebling! Du hast
+abgenommen und bist so bleich ...“
+
+Er bedeckte immer wieder ihre Hände mit Küssen, sah ihr in die Augen,
+als könne er sich nicht an ihr sattsehen. Ich sah Natascha an und erriet
+sofort, daß wir denselben Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig
+war. Ja, und wie sollte dieser _Unschuldige_ jemals schuldig werden?
+Eine helle Röte bedeckte plötzlich die bleichen Wangen Nataschas, als
+hätte sich ihr ganzes Blut vom Herzen ins Gesicht ergossen. Ihre Augen
+glänzten und sie sah stolz den Fürsten an.
+
+„Wo warst du denn ... alle diese Tage?“ fragte sie mit abgebrochener
+Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie sie ihn
+liebte!
+
+„Das ist es ja, daß es wirklich den Anschein hat, als wäre ich schuldig
+vor dir; ja, als wenn _ich’s wäre_? Versteht sich von selbst, daß ich’s
+bin, mit dem Bewußtsein bin ich auch hierhergekommen. Katjä sagte mir
+noch gestern und heute, daß eine Frau eine solche Vernachlässigung
+unmöglich verzeihen könne. Sie weiß doch, was sich Dienstag hier mit uns
+zugetragen, ich habe es ihr gleich am andern Tage mitgeteilt. Ich habe
+mich mit ihr gestritten, habe ihr gesagt, daß diese Frau _Natascha_
+heißt, und daß auf der ganzen Welt ihr nur eine ähnlich kommt: und das
+ist Katjä; und ich bin hierhergekommen mit dem vollen Bewußtsein, daß
+ich im Streite recht behalten. Wie soll ein solcher Engel wie du, nicht
+verzeihen? ‚Es wird ihn etwas aufgehalten haben, aber er wird nicht
+aufgehört haben, mich zu lieben,‘ so denkt meine Natascha! Ja und wie
+kann man aufhören, dich zu lieben? Ist denn das möglich? Mir schmerzte
+das Herz deinetwegen. Denn ich fühle mich doch schuldbewußt. Du selbst
+wirst mich jedoch rechtfertigen, wenn du alles erfahren haben wirst! Ich
+werde dir sofort alles erzählen, ich muß mein Herz vor euch allen
+ausschütten; darum bin ich gekommen. Ich wollte heute auf einen freien
+Augenblick zu dir eilen, um dich zu küssen, doch auch das mißlang mir:
+Katjä verlangte, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit umgehend zu
+ihr käme. Das war in dem Augenblick, als du mich trafst, Papa; auf einen
+besonderen Brief Katjäs fuhr ich das zweitemal zu ihr. In diesen Tagen
+sind Briefe zwischen uns hin- und hergegangen. Iwan Petrowitsch, Ihren
+Brief habe ich erst gestern gelesen, Sie sind durchaus im Recht, in
+allem, was Sie mir gesagt haben. Doch was sollte ich tun: eine physische
+Unmöglichkeit! Ich dachte bei mir: morgen abend wirst du dich
+verteidigen, denn heute abend war es mir doch schon ganz unmöglich nicht
+zu dir zu kommen, Natascha.“
+
+„Was war das für ein Brief?“ fragte Natascha.
+
+„Er war bei mir gewesen und hatte mich, versteht sich, nicht
+angetroffen. Im Brief, den er mir hinterlassen, machte er mir heftige
+Vorwürfe, dich nicht besucht zu haben. Und darin ist er vollkommen im
+Recht. Das war gestern.“
+
+Natascha sah mich an.
+
+„Wenn du aber Zeit hattest vom Morgen bis zum Abend bei Katherina
+Fedorowna zu sein ...“ begann der Fürst.
+
+„Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst,“ unterbrach ihn Aljoscha:
+„‚Wenn du bei Katjä deine Zeit zubringen kannst, um wieviel mehr hättest
+du sie hier zubringen können.‘ Ich bin durchaus darin mit dir
+einverstanden und füge noch meinerseits hinzu, daß ich noch tausendmal
+mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein. Doch gibt es unerwartete,
+sonderbare Zufälle, die alles um und um werfen. Nun, mit mir ist etwas
+geschehen, das mich vollständig verändert hat – bis auf die
+Fingerspitze, also muß es doch etwas Besonderes gewesen sein!“
+
+„Ach, mein Gott, was ist denn mit dir geschehen? Martere mich nicht,“
+bemerkte Natascha, belustigt über den Eifer Aljoschas.
+
+In der Tat war er ein wenig lächerlich: er beeilte sich schon gar zu
+sehr, seine Worte überstürzten sich, er redete zusammenhangslos. Er
+schien nur zu reden, zu reden und nichts zu sagen. Zwischendurch führte
+er immer wieder Nataschas Hand an seine Lippen, als könnte er sich nicht
+an ihr sattküssen.
+
+„Was mit mir geschehen ist?“ fuhr Aljoscha fort. „Ach, meine Lieben! Was
+ich getan, was ich gesehen, welche Menschen ich kennen gelernt habe!
+Erstens, Katjä: sie ist die Vollkommenheit! Ich habe sie bis jetzt
+überhaupt nicht gekannt! Auch am Dienstag, Natascha, als ich von ihr so
+begeistert sprach, kannte ich sie noch fast gar nicht. Bis jetzt hatte
+sie sich ja auch vor mir verschlossen, doch jetzt kennen wir einander
+gut und sagen uns bereits _du_. Doch ich will von Anfang beginnen:
+erstens, Natascha, wenn du gehört hättest, wie sie von dir gesprochen,
+als ich ihr am nächsten Tage, am Mittwoch, alles mitteilte, was sich
+hier, zwischen uns, ereignet hatte ... A propos: soeben fällt mir ein,
+wie dumm ich mich hier bei dir am Mittwoch morgen betragen! Du empfingst
+mich begeistert, so durchdrungen von der glücklichen Veränderung unserer
+Verhältnisse; du wolltest mit mir von alledem sprechen; du warst
+wehmütig gestimmt und zu gleicher Zeit liebkostest du mich und
+scherztest mit mir; und ich ... ich machte einen soliden Menschen aus
+mir! Oh, ich Dummkopf! Denn ich wollte den zukünftigen Ehemann spielen
+und mir einen ernsten Anschein geben, vor wem? Vor dir! Wie mußt du über
+mich gelacht haben, und wie verdiente ich deinen Spott!“
+
+Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit einem
+triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh gewesen, daß sein
+Sohn sich von einer so lächerlichen und leichtsinnigen Seite gab. Den
+ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der
+festen Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, wenn auch
+alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen.
+
+„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete Aljoscha weiter. „Ich
+habe bereits erzählt, daß wir uns an diesem Morgen gegenseitig kennen
+lernten, und wie sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich
+selbst nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige starke
+Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und wir verstanden uns ...
+auf immer. Du mußt sie, du mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie
+dich mir erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch ein Schatz
+du für mich wärest! Nach und nach teilte sie mir alle ihre Ideen mit und
+ihre Anschauung über das Leben. Was für ein ernster, was für ein
+begeisterter Mensch sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von
+unserer Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe von sechs
+bis sieben Stunden in allem miteinander übereinstimmten, so schworen wir
+uns ewige Freundschaft und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben
+zusammen zu wirken!“
+
+„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst.
+
+„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich über mich
+wundern wirst, und ich fühle alle deine Entgegnungen mir gegenüber im
+voraus,“ antwortete begeistert Aljoscha. „Alle seid ihr praktische
+Menschen, die streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich
+zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig und spöttisch
+verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr derselbe, den du noch vor ein
+paar Tagen kanntest. Ich bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller
+Welt in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig ist, so
+werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; und wenn ich nicht von
+meinem Wege abweiche, so bin ich ein ehrlicher Mensch. Doch genug von
+mir. Möget ihr sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“
+
+„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst.
+
+Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. Sie fürchtete, daß
+er sich in seinem Gespräch hinreißen lassen würde, wobei er sich nie in
+einem für ihn günstigen Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in
+unserer Gegenwart, namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich
+erscheine.
+
+„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine Philosophie,“ sagte
+sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht ... es wäre besser, du
+erzähltest ...“
+
+„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha aus. „Die
+Sache verhält sich nämlich so: Katjä hat zwei Vettern, Ljowinka und
+Borinka, der eine ist Student, der andere nur ein junger Mann. Sie steht
+mit ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche
+Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, und zwar – aus Prinzip. Als
+wir, Katjä und ich, über die Aufgabe des Menschen und von all diesen
+Dingen sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, und ich
+eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Noch am selben Abend
+wurden wir die besten Freunde. Dort waren Menschen der verschiedensten
+Nationalitäten – Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein
+Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan Petrowitsch, alle
+hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten in Zukunft viel von Ihnen.
+Ich sagte ihnen, daß ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen.
+Alle empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich sagte ihnen
+sofort, daß ich bald heiraten würde und alle behandelten sie mich
+bereits wie einen verheirateten Menschen. Alle leben sie im fünften
+Stock unter dem Dach und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka
+und Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher Liebe zur
+Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, von Wissenschaft und
+Literatur, und alle sprachen sie so gut, so einfach und aufrichtig ...
+Auch ein Gymnasiast ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so
+edel sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! Wo ich
+auch gewesen bin, was ich auch gesehen, unter welchen Menschen ich auch
+aufgewachsen, nur du, Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach,
+Natascha, du mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits.
+Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä hat Ljowinka und
+Borinka versprochen, sobald sie in den Besitz ihres Kapitals gelangt,
+eine Million zum Wohle der Menschheit zu opfern.“
+
+„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka und Borinka mit
+ihrem ganzen Gefolge sein?“ fragte der Fürst.
+
+„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich schämen so zu
+sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest Aljoscha. „Ich weiß, was du
+meinst! Wegen dieser Million haben wir hin- und hergesprochen und
+beraten, wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, sie
+für die Volksaufklärung zu verwenden ...“
+
+„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt nicht gekannt,“
+bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit demselben ironischen Lächeln.
+„Ich habe übrigens viel von ihr erwartet, doch das ...“
+
+„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir dabei so sonderbar?
+Weil niemand von euch bis jetzt eine Million gegeben hat, sie aber
+dieses Opfer bringen will? Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde
+Rechnung nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, heißt auf
+fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt erfahren.) Sie will
+ihrem Vaterland Nutzen bringen und allen denen, die es brauchen. Und
+worauf fußt eure ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt
+habe? Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr oder
+Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein Dummkopf bin! Wenn du wissen
+würdest, Natascha, wie Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die
+Hauptsache, sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die edlen
+Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin zu diesen Dingen sagt,
+– Besmygin ist ein Bekannter Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der
+ganzen Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte er
+noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu
+sein, ist bereits nicht mehr ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit
+solchen Wahrheiten wirft er nur so um sich.“
+
+„Wirklich genial!“ brummte der Fürst.
+
+„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft
+gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt man alles dem Erdboden so nah als
+möglich, damit alle gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch
+nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – ganz als ob das
+möglich wäre! Als ob das nicht sogar tausendmal mehr unmöglich wäre, als
+was wir denken und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du
+gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“
+
+„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon ihr gesprochen, ich
+muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen habe,“ sagte Natascha.
+
+„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, zur Humanität
+und Liebe führt; von allem, was zu den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir
+sprechen von Reformen, von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke
+unserer Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, wir haben
+uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander vollkommen
+aufrichtig zu sein. Nur durch vollkommene Aufrichtigkeit und
+Wahrhaftigkeit kann man das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders
+Besmygin. Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen bei: Und
+deshalb haben wir uns alle unter seine Führung gestellt, haben ihm das
+Wort gegeben, unser ganzes Leben hindurch ehrlich und aufrichtig zu
+handeln, was man auch von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals
+zu verzagen und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler zu
+schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. Wenn du wünschst, daß
+man dich achte, achte du dich selbst zuerst, nur durch deine
+Selbstachtung wirst du andere zwingen, dich zu achten. Das sagt
+Besmygin, und Katjä ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben
+beschlossen, uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander
+aufmerksam zu machen ...“
+
+„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, „und wer ist dieser
+Besmygin? Nein, das kann nicht so fortgehen.“
+
+„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. „Höre, Papa, warum
+erzähle ich dir das alles? Weil ich hoffe, dich für unseren Kreis zu
+gewinnen. Ich habe es ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst
+mich lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, höre
+mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. Du kennst sie
+nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, sie nicht angehört. Vielleicht
+hast du von ihnen gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du
+bist ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei
+ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst wenn du bei
+ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, ich gebe dir mein Wort,
+dann wirst du ... unser! Denn ich will alle Mittel brauchen, um dich von
+den Anschauungen deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so
+hängst.“
+
+Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln diesem Ausbruch zu;
+in seinem Gesicht lag verhaltene Wut. Natascha betrachtete ihn mit
+unverhohlenem Widerwillen. Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s
+nicht. Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges Gelächter
+ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück, als könne er sich
+vor Lachen kaum mehr halten. Doch war das ein erzwungenes Lachen, und
+man merkte es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen
+wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu Herzen zu gehen,
+sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Nichtsdestoweniger wartete
+er ruhig, bis die Heiterkeit seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“
+sagte er traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber so
+aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt
+habe, so belehre mich doch eines besseren, aber lache nicht über mich.
+Und worüber lachst du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig
+schien. Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles woran
+ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, wie du mich soeben
+genannt hast; doch wenn ich mich geirrt habe, so tat ich es ehrlich und
+aufrichtig und habe dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht
+eingebüßt. Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht echt
+sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, heilig.
+Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere Gesellschaft mir nichts
+Ähnliches, was mich so mitgerissen hätte, gegeben hat. Zeige mir was
+Besseres und ich werde dir folgen, doch lache nicht über mich, denn das
+beleidigt mich.“
+
+Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha folgte seinen
+Worten mit großem Mitgefühl. Der Fürst selbst schien mit Verwunderung
+seinen Sohn anzuhören und veränderte sofort seinen Ton.
+
+„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein Freund, im
+Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst einen so wichtigen Schritt
+in deinem Leben zu machen, und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges
+Kind zu sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich über
+dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“
+
+„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte Aljoscha bitter. „Und
+warum fühle ich es denn schon lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt
+und spöttisch verhältst, und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum
+fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend zu
+meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. Höre mich an, Papa,
+sprechen wir uns ein für allemal darüber aus, damit es keine
+Mißverständnisse mehr unter uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet,
+euch alle hier anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht
+besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann man durch
+Aufrichtigkeit vermeiden!“
+
+„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. „Was du vorschlägst,
+scheint sehr klug zu sein. Vielleicht hätte man damit beginnen sollen,“
+fügte er, an Natascha gewandt, hinzu.
+
+„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann Aljoscha. „Du hast
+sie selbst herausgefordert. Du hast in meine Ehe mit Natascha
+eingewilligt; du hast uns dieses Glück geschenkt und dich selbst
+überwunden. Du warst großmütig und wir alle haben deine edle
+Handlungsweise anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt ununterbrochen
+die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher Junge bin, der zum
+Manne überhaupt nicht taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich
+besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst dich geradezu zu
+freuen, wenn du mich von irgendeiner Seite lächerlich machen kannst; das
+habe ich nicht nur jetzt, sondern bereits früher bemerkt. Du willst
+offenbar darauf hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint
+und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du selbst nicht daran,
+warum du eingewilligt, als wäre das alles nur ein Scherz, eine
+Spielerei, ein lächerliches Vaudeville ... Ich schließe das nicht nur
+aus deinen heutigen Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, als
+ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare Bemerkungen,
+die mich so wunderlich berührten. Und auch am Mittwoch, als du
+fortfuhrst, machtest du einige Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die
+in bezug auf Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol
+waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu hören wünschte,
+so lieblos waren sie im Grunde und so ohne jegliche Achtung für sie ...
+Das ist schwer mit Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das
+Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. Beruhige du mich
+darüber ... und auch sie, denn auch sie muß es empfunden haben. Ich habe
+es sogleich auf den ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“
+
+Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha hörte ihm mit
+flammendem Gesicht feierlich zu. Hin und wieder unterbrach sie ihn in
+seiner Rede mit der Bestätigung: „Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst
+schien unruhig und geärgert.
+
+„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich nicht mehr dessen
+erinnern, was ich dir alles gesagt haben soll; doch sonderbar erscheint
+es mir, daß du meine Worte hast so auslegen können. Wenn ich dagegen
+soeben gelacht habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen
+wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß du heiraten
+willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, verzeih den Ausdruck
+– sogar komisch. Wenn ich dich ausgelacht habe, so bist du allein daran
+schuld, denn mich trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit
+eine größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst und erst
+heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht alles fähig bist. Ich
+zittere bei dem Gedanken an Natalja Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu
+übereilt gehandelt; ich sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die
+Liebe vergeht, doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von
+deinem Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch bist, so denke
+doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben du vernichtest, vollkommen
+vernichtest! Du hast, zum Beispiel, die ganze Zeit über von der Liebe
+zur Menschheit, vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen
+Menschen gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber Iwan
+Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm hier auf der vierten
+Etage einer engen, dunklen Treppe zusammentraf, Gott dankend, daß ich
+mir nicht die Beine gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch
+den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner großen Liebe zu
+Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung
+lebt? Hast du es dir denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne
+die Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das Recht
+hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt nicht, und Liebe äußert
+sich in Taten; wie aber denkst du: ‚lebe mit mir, wenn du auch durch
+mich leidest,‘ ist das etwa human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu
+reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und zu
+gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es nicht einmal zu
+bemerken – ist mir unverständlich! Du sagst mir Aljoscha, daß du in
+diesen Tagen erlebt, was schön und edel sei und wirfst mir vor, daß
+unsere Gesellschaft nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das ist
+schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und nach dem, was sich am
+Dienstag hier zugetragen, auf vier Tage diejenige zu vergessen, die dir
+am teuersten auf der Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina
+Fedorowna gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so liebt und so
+großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. Welch ein Recht hast du
+denn auf ihre Vergebung, und wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast
+du denn wirklich nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen,
+wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit in Natalja
+Nikolajewna erwecken mußte? Hattest du wirklich das Recht, um der neuen
+Ideen willen, deine heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen?
+Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort nicht
+gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist wichtiger als dieses Wort:
+Sie werden das selbst verstehen ... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja
+Nikolajewna in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man wohl begreifen
+kann, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die
+die glücklichsten ihres Lebens sein sollten. Solche Handlungen
+einerseits und – Worte nichts als Worte andererseits ... habe ich denn
+nicht recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du allein schuld
+bist?“
+
+Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit hingegeben,
+konnte er sich eines triumphierenden Gefühls nicht erwehren. Als
+Aljoscha von Nataschas Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger
+Blick auf sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen:
+
+„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere haben mehr Schuld
+als du. Setze dich und höre zu, was ich deinem Vater sagen werde. Es ist
+Zeit, der Sache ein Ende zu machen!“
+
+„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich endlich zu erklären,“
+griff der Fürst auf. „Ich höre die Anspielungen bereits zwei Stunden und
+ich muß gestehen, daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang
+hatte ich nicht erwartet.“
+
+„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten zu bezaubern, damit
+wir Ihre geheimen Absichten nicht bemerkten. Was soll ich Ihnen da
+sagen! Sie wissen und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht.
+Ihr erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten und wissen
+alles im voraus, wie es kommen muß, seit dem Abend als Sie hier waren
+haben Sie sich alles an den Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits
+gesagt, daß Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie spielen mit
+uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. Ihr Spiel freilich ist
+aufrichtig, und Aljoscha hat recht, wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf
+unsere Sache wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im
+Gegenteil über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen, wie gut er
+mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, vielleicht besser, als man es
+von ihm verlangen konnte.“
+
+Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, daß es an diesem
+Abend zu einer Katastrophe kommen würde. Doch diese beleidigende
+Aufrichtigkeit Nataschas und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer
+Worte setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der Tat etwas
+erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen haben. Vielleicht
+hatte sie sogar mit Ungeduld den Fürsten erwartet, um ihm alles ins
+Gesicht zu schleudern. Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht
+drückte naive Furcht und quälende Erwartung aus.
+
+„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt haben,“ rief der
+Fürst aus, „und überlegen Sie sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon
+verstanden.“
+
+„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte Natascha, „sogar
+er, sogar Aljoscha hat es empfunden und Sie wissen, daß wir uns nicht
+gesehen noch gesprochen haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie
+mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie liebt
+und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben sich nicht einmal die
+Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger ihm gegenüber zu sein, so sehr
+rechneten Sie darauf, daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein
+feinfühlendes, empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre Worte und
+den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen nicht vergessen können ...“
+
+„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte der Fürst und
+wandte sich verwundert an mich, als wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er
+war aufgeregt und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort,
+„und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und darum wollen Sie
+alle Welt und mich als Ersten beschuldigen ... und erlauben Sie, daß ich
+schon alles sage: eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem
+Charakter machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde
+keinen Augenblick mehr hierbleiben, wenn nicht die Interessen meines
+Sohnes ... Ich warte noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu
+erklären?“
+
+„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen Sie es nicht
+begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? Sie wollen, daß ich alles
+Ihnen gegenüber ausspreche?“
+
+„Ich warte ja nur darauf.“
+
+„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, mit blitzenden
+Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“
+
+
+ III.
+
+Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu
+bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem
+Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen
+Charakter an.
+
+„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie
+hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“
+
+„Ja.“
+
+„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu
+gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die
+Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr
+über die Situation zu werden.“
+
+„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“
+
+„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit
+äußerst gekränkter Würde.
+
+Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor
+sich ging.
+
+„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles
+zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie
+sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß
+nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so
+weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte,
+und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen
+Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht
+vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die
+Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir
+lassen ...“
+
+„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“
+
+„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich
+um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie
+wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer
+Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere
+Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie
+wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht
+hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die
+Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten
+Sie tun! ...“
+
+„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“
+
+„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem
+Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht
+in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um
+Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja
+aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe
+das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne
+aufgebaut.“
+
+„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin.
+„Einsamkeit, Grübelei und Romane!“
+
+„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte
+Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und
+immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie
+begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch
+nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem
+Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf,
+weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses
+Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel
+Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß
+er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem
+Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als
+er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in
+Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen
+haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am
+nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr
+fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal
+war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur
+einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf
+diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man
+dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ...
+In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz
+neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu
+gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie
+schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich
+ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs
+Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen
+Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es
+wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen
+Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint
+man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend
+... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ...
+alles ist ja gewesen ... bekannt ...“
+
+Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch
+einmal auf und fuhr fort:
+
+„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist
+es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte,
+Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese
+Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und
+... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch
+der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht,
+daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch
+jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß
+ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was
+soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch
+immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“
+
+Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück
+und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er
+konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen.
+
+Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen.
+Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er
+anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles
+auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte
+Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ...
+
+„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst
+zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit
+... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn
+das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die
+Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an
+Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“
+
+„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“
+unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend.
+
+„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß
+ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in
+diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe
+ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich
+beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen?
+Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen!
+... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner
+Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu
+lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich
+Unglückliche!“
+
+Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.
+
+„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen.
+
+„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie
+allein, – allein!“
+
+„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig –
+„woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre
+Annahmen, aber Beweise ...“
+
+„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher
+Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten
+Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger
+und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht
+vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht
+wahr sein!“
+
+„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln,
+„wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich
+darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst
+beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche
+Vorwürfe zu machen ...“
+
+„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig
+machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen
+Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen –
+demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der
+schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns
+durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist
+diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie
+falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese
+neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten
+Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und
+ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes
+Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon
+überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und
+unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst!
+So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles
+erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich,
+habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie
+nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick
+noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das
+läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben!
+Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“
+
+„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches
+Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch
+vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“
+
+„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren
+Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom
+Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich
+zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“
+
+„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken
+Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits
+beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so
+weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt
+annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar
+zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie,
+bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn
+Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht,
+so ist sein Herz eben gegen mich ...“
+
+„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen
+dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben
+kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“
+
+„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus.
+
+„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das
+wäre schrecklich, das wäre Sünde!“
+
+„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha.
+
+„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende
+bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen
+Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich
+bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr
+übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt
+haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort
+bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“
+
+„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie
+benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen
+beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in
+Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“
+
+„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder
+heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie
+Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu
+fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich
+sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles
+entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit
+Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht
+endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch
+besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt
+mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat
+auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können,
+ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch.
+Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen
+aufsuchen; Sie erlauben?“
+
+Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer
+Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die
+Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck
+gekränkter Würde, das Zimmer.
+
+
+ IV.
+
+Einige Minuten blieben wir alle stumm. Natascha saß traurig und
+gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. Jede Energie hatte sie
+verlassen. Sie starrte, ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als
+hätte sie auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. Der
+weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder mit ängstlicher
+Neugier beobachtend.
+
+Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, ihm zu
+verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld hätte: nur zu bemerkbar
+war es, daß er seinen Vater rechtfertigen wollte; das schien ihm sehr am
+Herzen zu liegen; er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu
+wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. Er schwor
+ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte voll Feuer seine
+Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen wiederholte er, daß er sie nur
+wie eine Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch
+nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig und gemein
+seinerseits und er versicherte immer wieder von neuem, daß Natascha,
+wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit ihr befreunden und niemals von
+ihr lassen würde, und daß von Mißverständnissen schon garnicht die Rede
+sein könne. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich
+nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, auch hatte er vieles,
+was sie seinem Vater vorhin gesagt, überhaupt nicht begriffen. Er wußte
+nur, daß sie sich entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein
+auf dem Herzen.
+
+„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ fragte ihn Natascha.
+
+„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, „wenn ich selbst
+den Grund zu allem gegeben habe und an allem schuld bin? Ich habe dich
+so sehr gekränkt, daß du in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich
+verteidigen zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es nicht
+wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest du ihn für
+schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, wirklich nicht!“ rief Aljoscha
+bewegt aus. „War er denn deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das
+erwarten!“
+
+Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll ansah,
+bereute er das Gesagte wieder sofort.
+
+„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache von allem!“
+
+„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt ist er zwischen
+uns getreten und hat uns fürs ganze Leben unsern Frieden zerstört. Du
+hast immer an mich mehr geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in
+dein Herz Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; er nahm
+mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze Katze ist zwischen uns
+gelaufen.“
+
+„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze Katze?‘“
+
+Der Ausdruck mißfiel ihm.
+
+„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut fesselt er dich an sich,“
+fuhr Natascha fort, „und wird dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr
+aufhetzen.“
+
+„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. „Er war gereizt,
+als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ hätten, und du wirst sehen, morgen
+bereits wird er uns wieder verloben und wenn er sich wirklich so
+geärgert haben sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre ich
+dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich werden meine Kräfte
+noch so weit reichen ... Und weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er
+plötzlich, von seiner Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns
+helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes
+Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein kann, und
+uns zu entzweien beabsichtigt! Und wie ungerecht du gegen mich warst,
+als du vorhin sagtest, ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach
+der Hochzeit eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das tat!
+Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft zu Katjä ...“
+
+„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht das habe ich
+vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Werde glücklich, mit wem
+du willst. Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du
+mir freiwillig gibst ...“
+
+Mawra trat ins Zimmer.
+
+„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der Samowar kocht schon
+zwei Stunden; es ist elf Uhr.“
+
+Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei Laune, weil sie
+sich über Natascha geärgert hatte. Sie hatte nämlich seit Dienstag
+triumphiert, daß ihr Fräulein (die sie sehr liebte) sich verheiraten
+würde, was sie bereits im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden,
+beim Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher General
+und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die Hand ihres Fräuleins
+angehalten habe, was sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört hätte, und
+plötzlich ging jetzt alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung
+fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht sich, an
+allem war das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie unehrerbietig sie
+zu ihm gesprochen.
+
+„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha.
+
+„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“
+
+„Gewiß, auch den Imbiß.“
+
+Natascha lächelte.
+
+„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen Tag bin ich
+gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt nach Wein gegangen und nun ...“
+
+Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter sich zu.
+
+Natascha errötete und sah mich eigentümlich an.
+
+Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei Flaschen guten Wein
+von Jelissejeff. „Wozu hatte man das alles vorbereitet,“ dachte ich.
+
+„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu mir, ganz verwirrt.
+„Ich habe es gewußt, daß es heute so kommen würde, wie es gekommen ist
+und doch hoffte ich, es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde
+kommen und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen würden sich
+als ungerecht erweisen, man würde mich bereden, davon überzeugen und ...
+so hatte ich denn auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte
+ich, werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“
+
+Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie das sagte. Aljoscha
+geriet in Entzücken.
+
+„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht daran geglaubt;
+noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht daran! Nein; das muß alles
+wieder gut gemacht werden; ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch
+wieder alles gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu Papa
+gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; man muß ihn
+beruhigen, ich werde ihm alles sagen, was ich denke, von mir aus denke;
+dich werde ich nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich
+dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird sich vor
+dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen werde ich den ganzen Tag
+bei dir bleiben, zu Katjä werde ich nicht gehen.“
+
+Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst den Rat zu
+fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde jetzt mit Absicht ganze Tage
+lang bei ihr bleiben und sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie
+seinem Vater gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha
+beim Abschied freundlich zuzulächeln.
+
+Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich umkehrte, sich
+neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er sah sie mit
+unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.
+
+„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht mehr böse und wir
+wollen uns niemals mehr zanken. Und gib mir dein Wort, daß du mir in
+allem glauben wirst und ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein
+Engel! Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht mehr,
+warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in der Stadt herum,
+besuchte meine Kameraden, aber mein Herz war mir schwer, so schwer ...
+Und plötzlich kam es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du
+erkranktest und sterben würdest? Und wie ich mir das so vorstellte,
+überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich dich tatsächlich auf
+immer verloren. Meine Gedanken wurden immer dunkler und grauenvoller.
+Ich stellte mir vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos
+vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen würde, dich rufen, und
+Gott um das Wunder anflehen würde, daß du auf einen Augenblick vor mir
+erschienest; ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde,
+um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich wäre
+ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich nur auf einen Augenblick, wie
+früher, hätte umarmen können. Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott
+anflehe, dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch
+schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen sechs Monaten so
+oft mit dir gestritten und wir unser Glück nicht zu schätzen verstanden
+..., jetzt aber fähig wäre für eine Minute Glück mit dir mein ganzes
+Leben zu opfern ... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte
+so schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest mich
+bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich wirklich verloren
+gehabt, Natascha! Wollen wir uns das Versprechen geben, niemals mehr zu
+zanken! Mir ist dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir
+vorstellen, großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“
+
+Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha schwor ihr
+nochmals, sie niemals zu verlassen. Er war fest überzeugt, daß er alles
+wieder gut machen würde.
+
+„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, und drückte
+krampfhaft meine Hand.
+
+„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; doch, er liebt
+auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr lieben als mich. Und der
+Fürst wird nicht ruhen ... und dann ...“
+
+„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig handelt, doch
+...“
+
+„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! Ich habe es an
+deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, du wirst noch sehen, ob ich recht
+habe oder nicht? Ich habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein
+weiß nur, was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher
+Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- und abgegangen, ich
+habe über alles nachgedacht, und bin hinter alles gekommen. Er will nur
+das Herz Aljoschas von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich
+diese Verlobung ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu bezaubern
+und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! Auch hat Aljoscha einen
+solchen Charakter. Er würde sich beruhigen, seine Unruhe um mich würde
+aufhören. Er denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und
+wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der Fürst kennt Katjä, er
+hat sie gut beobachtet und findet, daß sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn
+stärker beeinflussen kann, als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung
+beruht auf dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen,
+deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn nicht ab, sondern versuche
+um Gotteswillen, so bald als möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst
+Katjäs Bekanntschaft machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe deine
+Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so gut, wie du, und du
+allein weißt, was ich brauche. Beobachte ihre Freundschaft, und worüber
+sie miteinander sprechen; besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch
+diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber Wanjä! Nur auf
+dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! ...“
+
+Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein Uhr nachts. Nelly
+öffnete mir mit verschlafenen Augen die Tür. Sie lächelte und sah mich
+freudig an. Die Arme ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war.
+Sie hätte mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in meiner
+Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem Schreibtisch einen Zettel an
+mich hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojeff. Er forderte mich
+auf, morgen um ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über
+alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand darauf, daß
+sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war müde und hatte nur eine halbe
+Stunde vor meinem Kommen geschlafen.
+
+
+ V.
+
+Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen
+Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade
+den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu
+Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon
+unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß
+sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es
+sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür
+angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden
+habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich,
+nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um
+mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich
+zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm
+sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der
+Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer
+verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund
+und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und
+habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber
+nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei,
+daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an
+zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig
+bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu
+fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte
+ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa
+gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“
+
+„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“
+
+„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“
+
+Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich
+fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch
+Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly
+allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich.
+
+Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben.
+Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons.
+
+„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich.
+
+„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich
+habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“
+
+Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits
+wieder verlassen.
+
+„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen.
+
+„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so
+lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich
+bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich,
+halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als
+fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu
+verlieren ...
+
+„Also ... und warum auch _nicht_ langweilig?“ fragte ich sie,
+unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden.
+
+„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt.
+
+Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit
+gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend.
+
+„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie.
+
+„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“
+sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und
+über errötend auf mich.
+
+„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“
+
+Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was
+gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das
+war nicht möglich. Nelly schwieg.
+
+„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster
+Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen
+niederzuschlagen.
+
+„Wer denn?“
+
+„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“
+
+„Es mußte so sein, Nelly.“
+
+„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach
+sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden
+gerichtet.
+
+Es verging eine Minute.
+
+„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte
+sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie
+zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“
+
+„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers,
+er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr
+nichts Beruhigenderes mitteilen konnte.
+
+„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“
+
+Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch
+und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor
+heftiger Erregung.
+
+„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist
+doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber
+bist du denn böse, empfindsame Kleine!“
+
+„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller,
+liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr
+Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.
+
+Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und
+weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute.
+Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr
+ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie
+es an mich und lachte immer heftiger und heftiger.
+
+Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir
+verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im
+Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die
+Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag
+zurück zu sein.
+
+Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war
+sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er
+hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst
+eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur
+Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen
+und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit
+ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner
+Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit
+eines Bruches ohne jede Verwunderung hin.
+
+„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals
+fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht
+sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist
+doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten.
+Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er
+weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser
+letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft.
+Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt
+du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der
+Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will
+nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist
+so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann
+verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“
+
+Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre
+Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß
+sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht
+erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre
+Gesundheit.
+
+Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber,
+behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen
+verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen,
+pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr
+erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn
+er sie verlöre.
+
+Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet
+hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er
+hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich
+mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit
+großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie
+erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine
+Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.
+
+„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis
+dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine
+Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“
+
+Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung
+war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer
+gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und
+reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit
+dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen.
+
+Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte.
+
+„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch
+eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn
+Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es
+freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und
+hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich
+habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige
+Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der
+Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit
+Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch,
+oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu
+erscheinen. Doch jetzt ...“
+
+Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen
+verständnisvollen Blick zu und verschwand.
+
+... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend.
+
+„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig
+nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich,
+Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“
+
+„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“
+
+„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber
+hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor
+Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner
+Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil
+ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur,
+doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf
+mich ...“
+
+„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe,
+Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“
+
+„Von dem _Nur_ werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich,
+stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.)
+„Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache
+wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen.
+Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so
+gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt
+sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann
+zu Hause sein.“
+
+„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend
+wollte ich doch dahin gehn ...“
+
+„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am
+Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für
+eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“
+
+„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig
+gemacht hast.“
+
+Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir.
+
+„Du wirst also kommen?“ fragte er.
+
+„Ich habe gesagt, daß ich komme.“
+
+„Gib dein Ehrenwort.“
+
+„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“
+
+„Das ist anständig. Wohin gehst du?“
+
+„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts.
+
+„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä,
+vergiß nicht ... sieben Uhr ...“
+
+„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach.
+
+Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich
+jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so
+beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich
+jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und
+freute sich außerordentlich über mein Kommen.
+
+Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha.
+Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an,
+daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die
+Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich.
+
+Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie
+belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in
+seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm
+sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen.
+
+„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte
+mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend
+etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch
+ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann
+versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte
+ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben
+aufhört! Was soll ich tun?“
+
+„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer
+den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit
+abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig
+zur Last fallen.“
+
+„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus.
+
+„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“
+
+Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen
+zu reinigen.
+
+„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach.
+
+Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte
+er mich erwartet.
+
+„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe
+noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich
+darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin
+bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich
+die andere jetzt nicht ganz ...“
+
+„Nun, so fahren Sie doch ...“
+
+„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan
+Petrowitsch, helfen Sie mir ...“
+
+„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr
+Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr
+langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen
+Sie, ich werde Ihnen helfen.“
+
+„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“
+
+Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm:
+
+„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“
+
+„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus.
+
+„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob
+ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“
+
+„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich
+Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte.
+
+„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“
+
+„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“
+
+„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha
+traurig an.
+
+„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich
+diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch
+kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach
+Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn
+freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du
+einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre
+unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich
+beruhigen.“
+
+„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht
+wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so
+gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche
+gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht.
+Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so
+schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und
+ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä
+anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern
+passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie
+ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“
+
+„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du,
+mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das
+arrangieren?“
+
+Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen,
+wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß
+Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha
+die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen.
+
+„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha.
+
+„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine
+ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig
+Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen
+wir nicht _Du_? Wollen wir uns duzen?“
+
+„Schön.“
+
+„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht
+gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder _Sie_.
+Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei
+Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort
+‚_Du_‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie
+immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen
+wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“
+
+„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder
+so viel vor lauter Freude ...“
+
+„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“
+
+Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus.
+
+„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus.
+
+Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte
+natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn
+ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war
+hier zu machen?
+
+Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als
+früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit.
+Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem
+Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch
+versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln.
+
+Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles
+über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des
+Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei
+ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr
+alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs;
+das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des
+Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu
+lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ...
+
+Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich
+mit strahlendem Gesichtchen ...
+
+
+ VI.
+
+Um Punkt sieben Uhr abends war ich bei Masslobojeff. Er empfing mich mit
+lautem Halloh und ausgebreiteten Armen. Es versteht sich von selbst, daß
+er bereits halb betrunken war. Doch am meisten wunderten mich die
+außerordentlichen Vorbereitungen, die zu meinem Besuch getroffen worden
+waren. Aus allem war zu sehen, daß sie mich feierlich erwartet hatten.
+Ein netter Samowar brodelte auf einem runden Tischchen, das bedeckt war
+mit einem teueren und schönen Tischtuch. Das Teegeschirr blitzte vor
+Kristall und Silber. Auf einem anderen Tisch, der nicht weniger reich
+gedeckt war, standen Teller mit Früchten und Konfekt, Kiewsche
+Marmeladen und Pastillen, eingemachte Früchte, wie Apfelsinen, Äpfel und
+drei Sorten Nüsse – kurz, eine ganze Fruchthandlung. Auf dem dritten
+Tisch, mit blendendweißem Tischtuch belegt, standen verschiedene
+Eßwaren: Kaviar, Käse, Pasteten, Würste, Fisch und eine ganze Reihe
+Kristallkaraffen mit Likör von den verschiedensten Sorten und den
+schönsten Farben – grün, rot, braun, goldig. Auf einem kleinen
+Nebentisch standen sogar zwei Flaschen Champagner und auf einem Tisch
+vor dem Diwan standen gleichfalls drei Flaschen: Sauterne, Lafitte und
+Kognak – teuere Jelissejeffsche Flaschen. Hinter dem Teetisch saß
+Alexandra Ssemjonowna, wenn auch in einfachem Kleide, so doch sehr
+gewählt und geschmackvoll angezogen. Sie wußte, daß es ihr stand und
+schien sehr stolz darauf zu sein; sie begrüßte mich fast mit einer
+gewissen Feierlichkeit. Fröhlichkeit und Zufriedenheit lagen auf ihrem
+frischen Gesicht. Masslobojeff war mit einem teuren Schlafrock und
+chinesischen Pantoffeln bekleidet und in teurer Wäsche. Am Hemd waren
+überall, wo es nur anging, moderne Knöpfe und Schließen angebracht. Die
+Haare waren gekämmt, pomadisiert und schräg, nach der Mode, gescheitelt.
+
+Ich war so erstaunt, daß ich mit offenem Munde mitten im Zimmer stehen
+blieb und einmal Masslobojeff, das andere Mal Alexandra Ssemjonowna
+anstarrte, deren Zufriedenheit sich bis zur Seligkeit steigerte.
+
+„Was hat das zu bedeuten, Masslobojeff, habt ihr heute einen
+Besuchsabend?“ rief ich schließlich beunruhigt aus.
+
+„Nein, wir haben nur dich erwartet,“ antwortete er feierlich.
+
+„Ja, was hat denn das zu bedeuten,“ ich wies auf die Vorräte, „damit
+kann man ja ein ganzes Heer bewirten!“
+
+„Und betrinken, hauptsächlich betrinken!“ fügte Masslobojeff hinzu.
+
+„Und das alles ist nur für mich?“
+
+„Und für Alexandra Ssemjonowna. Sie hat geruht, es sich so auszudenken.“
+
+„Da haben wir’s! Ich wußte es ja!“ rief Alexandra Ssemjonowna errötend
+aus, doch verlor sie den Ausdruck von Zufriedenheit nicht. „Man kann
+nicht einmal anständig seinen Gast empfangen!“
+
+„Kannst du dir vorstellen, bereits vom Morgen an, als sie es hörte, daß
+du heute abend kommen würdest, hat sie alles vorbereitet; es war nicht
+mehr auszuhalten ...“
+
+„Das ist nicht wahr! Nicht vom Morgen an, sondern von gestern abend an.
+Denn gestern abend, als du nach Hause kamst, sagtest du mir, daß Iwan
+Petrowitsch morgen abend unser Gast sein würde ...“
+
+„Da haben Sie sich verhört ...“
+
+„Durchaus nicht, ich lüge niemals. Und warum soll man seinen Gast nicht
+gut empfangen? Da leben wir, und leben wir, kein Mensch kommt zu uns,
+und wir haben doch reichlich zu leben. Mögen doch die guten Leute sehen,
+daß wir wie andere Menschen zu leben verstehen.“
+
+„Und die Hauptsache, sie sollen es einmal sehen, was Sie für eine
+vorzügliche Wirtin sein können,“ fügte Masslobojeff hinzu. „Stelle dir
+nur vor, mein Freund, was ich habe ausstehen müssen. Ein Hemd aus
+holländischem Leinen hat sie mir gekauft, Pantoffeln und einen
+chinesischen Schlafrock, die Haare gekämmt und pomadisiert: mit
+Bergamottenpomade; mit Parfüm wollte sie mich bespritzen ... da habe
+ich’s aber nicht mehr ausgehalten, habe ihr meine eheliche Autorität
+gezeigt ...“
+
+„Durchaus nicht mit Bergamottenpomade, sondern mit der besten echten
+französischen Pomade ...“ unterbrach ihn ganz erregt Alexandra
+Ssemjonowna. „Urteilen Sie selbst, Iwan Petrowitsch, er bringt mich
+nirgendwohin, weder ins Theater, noch auf einen Ball, nur Kleider
+schenkt er mir ... doch wohin soll ich mit den vielen Kleidern? Ich soll
+mich ankleiden und allein im Zimmer auf und ab spazieren. Neulich wären
+wir beinahe ins Theater gegangen, ich ging nur in mein Zimmer, um mich
+etwas zurecht zu machen, aber wie ich wiederkomme, hat er ein Gläschen
+nach dem anderen getrunken und ist berauscht. So unterblieb es wieder.
+Kein Mensch, niemand, niemand kommt zu uns zu Gast; nur am Morgen kommen
+hin und wieder Menschen in Geschäften hierher; dann muß ich mich
+zurückziehen. Und alles ist da; ein Samowar, ein schönes Service und
+schöne Tassen – alles, alles hat er mir geschenkt. Und auch das Essen
+wird uns gebracht, nur den Wein kaufen wir, und diesmal ein bißchen
+Imbiß – eine Pastete, Kaviar, etwas Konfekt haben wir gekauft. Wenn doch
+nur jemand sehen würde, wie wir leben! Das ganze Jahr habe ich daran
+gedacht: wenn ein Gast kommt, ein wirklicher Gast, dann werde ich ihn
+gut bewirten, und er wird sich finden, und uns ist’s angenehm. Daß ich
+aber diesen Dummkopf pomadisiert habe, nun, er ist dessen nicht wert; am
+liebsten würde er immer schmutzig gehen. Sehen Sie, was man ihm für
+einen Schlafrock geschenkt hat: ja, ist er ihn denn wert? Wenn er nur
+was trinken kann! Sie werden sehen, gleich wird er vor dem Tee sich noch
+Schnaps eingießen.“
+
+„Das ist wahr! Trinken wir eins, Wanjä, einen goldenen oder silbernen,
+um dann mit erfrischter Seele zu den anderen Getränken überzugehen.“
+
+„Nun, das wußte ich doch!“
+
+„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka, wir werden auch Tee trinken,
+Tee mit Kognak, auf Ihre Gesundheit.“
+
+„Also doch!“ rief sie, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. „Tee
+vom Khan zu sechs Rubel das Viertel hat ihm vorgestern der Kaufmann
+geschenkt, er aber will ihn mit Kognak trinken. Hören Sie nicht auf ihn,
+Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen gleich eingießen ... Sie werden selbst
+sehen, was das für ein Tee ist!“
+
+Es war augenscheinlich, daß sie mich den ganzen Abend festhalten
+wollten. Alexandra Ssemjonowna hatte das ganze Jahr auf einen Gast
+gewartet und nun sollte ich dazu herhalten. Das kam mir nicht gelegen.
+
+„Höre mal, Masslobojeff, ich bin zu dir nicht als Gast gekommen, sondern
+in Geschäften; du hast mich selbst gerufen, um mir mitzuteilen ...“
+
+„Nun Geschäft ist Geschäft, doch die Unterhaltung mit einem guten
+Freunde ist auch eine Sache.“
+
+„Nein, mein Lieber, darauf kannst du nicht rechnen. Um halb neun muß ich
+fort. Ich habe mein Wort gegeben ...“
+
+„Daran ist nicht zu denken. Wirklich, was du uns antust. Denke doch an
+Alexandra Ssemjonowna? Sieh sie dir an, sie ist sprachlos. Wozu hat sie
+mich pomadisiert, bedenke, mit Bergamotten!“
+
+„Du scherzest, Masslobojeff. Ich werde Alexandra Ssemjonowna schwören,
+in der nächsten Woche, am Freitag, zu kommen; heute jedoch habe ich mein
+Wort gegeben – oder besser gesagt, ich muß heute an einem Ort
+erscheinen, auf jeden Fall. Sage mir also lieber, was du mir mitteilen
+wolltest?“
+
+„So wollen Sie wirklich nur bis halb neun Uhr hier bleiben!“ rief
+Alexandra Ssemjonowna mit kläglicher Stimme, fast weinend, während sie
+mir eine Tasse mit prachtvollem Tee reichte.
+
+„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka; das ist alles Unsinn,“
+beruhigte sie Masslobojeff. „Er wird bleiben; sag mir doch bitte, Wanjä,
+wohin du zu gehen hast? In welchen Geschäften? Kann man’s nicht
+erfahren? Du läufst ja den ganzen Tag umher und arbeitest nichts? ...“
+
+„Was geht es dich an? Übrigens, davon kannst du später erfahren. Sage
+mir doch lieber, warum bist du gestern abend bei mir gewesen, wo ich es
+dir doch gesagt hatte, daß ich nicht zu Hause sein würde?“
+
+„Es fiel mir nachher ein, doch gestern abend hatte ich’s vergessen. Ich
+wollte über eine ernste Angelegenheit mit dir sprechen, doch vorher
+mußte ich Alexandra Ssemjonowna befriedigen. ‚Sieh,‘ sagt sie, ‚da ist
+ein Mensch, der ist dein Freund, warum lädst du ihn nicht ein?‘ Und
+deinetwegen, Freund, hat sie mich eine dreiviertel Stunde lang gequält.
+Der Bergamottenpomade wegen werden mir sicher im Himmel viele Sünden
+vergeben werden, doch, denke ich, warum soll ich nicht einen Abend mit
+dir freundschaftlich zubringen? Ich ersann mir daher eine Kriegslist:
+schrieb dir, wenn du nicht kommst, so werden alle unsere Schiffe
+untergehen.“
+
+Ich bat ihn im voraus, das nicht wieder zu tun, sondern mir gegenüber
+aufrichtig zu sein. Übrigens befriedigte mich diese Erklärung
+keineswegs.
+
+„Doch vorhin, warum bist du vorhin davongelaufen?“ fragte ich ihn.
+
+„Vorhin hatte ich wirklich ein dringendes Geschäft zu erledigen, das ist
+nicht gelogen.“
+
+„Mit dem Fürsten etwa?“
+
+„Wie schmeckt Ihnen der Tee?“ fragte mit honigsüßer Stimme Alexandra
+Ssemjonowna.
+
+„Siehst du, sie hat bereits fünf Minuten darauf gewartet, daß man ihren
+Tee lobt.“
+
+„Vorzüglich, Alexandra Ssemjonowna, vorzüglich! Ich habe einen solchen
+noch nie getrunken.“
+
+Alexandra Ssemjonowna war ganz stolz vor Vergnügen und wollte mir sofort
+neuen einschenken.
+
+„Der Fürst!“ schrie Masslobojeff, „dieser Fürst, Bruderherz, ist solch
+ein Schelm, ein Betrüger ... das! Ich Freund, ich sage dir, auch ich bin
+manchmal ein Betrüger, doch trotz alledem wollte ich nicht in seiner
+Haut stecken! Doch genug, ich schweige! Kein Wort mehr über ihn.“
+
+„Und ich, ich bin gerade deshalb zu dir gekommen, um dich unter anderem
+über ihn auszufragen. Doch davon später. Sage mir aber, warum hast du
+gestern in meiner Abwesenheit Helene Konfekt angeboten und ihr
+vorgetanzt? Und worüber hast du mit ihr anderthalb Stunden gesprochen!“
+
+„Helene ist ein kleines Mädchen von elf oder zwölf Jahren und lebt zur
+Zeit bei Iwan Petrowitsch,“ wandte sich plötzlich Masslobojeff erklärend
+zu Alexandra Ssemjonowna. „Sieh nur, Wanjä, sieh,“ er wies mit dem
+Finger auf sie, „wie sie rot geworden ist, als sie hörte, daß ich einem
+unbekanntem jungen Mädchen Konfekt gebracht hätte, wie sie
+zusammenzuckt, als hätten wir mit einer Pistole geschossen ... isch, wie
+die Augen blitzen und wie Nadeln stechen. Da ist nichts mehr zu machen,
+Alexandra Ssemjonowna ... nichts mehr zu verheimlichen. Sie sind
+eifersüchtig! Hätte ich nicht gesagt, daß es sich hier um ein
+elfjähriges Kind handelt, so wäre sie über mich hergefallen, hm! ... da
+hätte mich keine Bergamottenpomade mehr retten können!“
+
+„Sie kann dich auch sowieso nicht retten!“
+
+Mit diesen Worten sprang Alexandra Ssemjonowna wie eine Feder hinter
+ihrem Teetisch hervor und ehe es sich Masslobojeff versehen konnte,
+hatte sie ihn an den Haaren gefaßt und ordentlich durchgerüttelt.
+
+„Das hast du davon, das hast du davon, wage es noch einmal zu sagen, daß
+ich eifersüchtig bin, wage es, wage es noch einmal!“
+
+Sie errötete über und über und wenn sie auch lachte, so mußte
+Masslobojeff ihren Ärger doch ordentlich verspüren.
+
+„Von jeder Schande spricht er!“ fügte sie ernst, an mich gewandt, hinzu.
+
+„Ach, Wanjä, so ist nun einmal mein Leben! Da hilft nur eines –
+Schnaps!“ beschloß Masslobojeff, brachte seine Haare in Ordnung und
+stürzte sich auf die Schnapskaraffe. Doch Alexandra Ssemjonowna hatte da
+schon vorgesehen, sie reichte ihm das Schnapsglas und streichelte ihm
+zärtlich die Backe. Masslobojeff blinzelte mir stolz zu, schnalzte mit
+der Zunge und leerte feierlich sein Glas.
+
+„Was das Konfekt anbelangt,“ begann er und setzte sich zu mir auf den
+Diwan, „ich habe es gestern in einem Schmierladen in betrunkenem
+Zustande gekauft, wozu, – weiß ich selbst nicht. Vielleicht, um den
+vaterländischen Handel aufrecht zu erhalten, bestimmt kann ich es nicht
+sagen; ich weiß nur, daß ich damals betrunken in den Schmutz gefallen
+war, mir die Haare raufte und darüber weinte, daß ich zu nichts nütze
+sei. Das Konfekt hatte ich natürlich vergessen, es blieb bis gestern in
+der Tasche, erst als ich mich auf deinen Diwan setzen wollte, fühlte ich
+es plötzlich. Getanzt habe ich wohl aus demselben Grunde, ich war
+angetrunken, und bin ich dann mit meinem Schicksal zufrieden, so tanze
+ich immer. Das ist alles; vielleicht hat die kleine Waise mein Mitleid
+erregt und ich tanzte, um sie ein wenig zu erheitern. Auch wollte sie
+kein Wort mit mir sprechen und schien sehr böse auf mich zu sein.“
+
+„Wolltest du nicht etwas von ihr erfahren, gestehe es offen: Du gingst
+zu ihr, weil du wußtest, daß ich nicht zu Hause sein würde. Ich weiß,
+daß du anderthalb Stunden bei ihr gewesen und sie ausgefragt hast unter
+dem Vorwande, daß du ihre Mutter gekannt.“
+
+Masslobojeff lächelte verschmitzt.
+
+„Die Idee wäre nicht schlecht,“ sagte er. „Nein, Wanjä, das ist es
+nicht. Das heißt, warum soll ich sie nicht bei Gelegenheit ausfragen;
+aber, wie gesagt, das ist es nicht. Höre, alter Freund, ich bin auch
+jetzt bereits betrunken, doch im allgemeinen weißt du, wird dich Filipp
+in einer _schlechten Absicht_ nicht betrügen.“
+
+„Nun, aber ohne eine schlechte Absicht?“
+
+„Ohne eine schlechte Absicht. Zum Teufel damit, trinken wir eins, und
+dann – zur Sache! Ich habe alles erfahren, diese Bubnowa hat auf das
+Kind überhaupt kein Recht. Die Mutter schuldete ihr Geld und sie hat
+darauf das Kind an sich genommen. Wenn die Bubnowa auch ein böses Weib
+ist, dumm ist sie doch, wie alle Weiber. Die Verstorbene war im Besitz
+eines guten Passes; daher ist alles im reinen. Helene kann bei dir
+bleiben, solange du willst, gut wäre es jedoch, wenn sie in eine Familie
+käme, wo sie eine gute Erziehung erhalten könnte. Doch fürs erste kann
+sie bei dir bleiben. Ich werde schon für alles sorgen. Die Bubnowa wagt
+nicht einen Finger zu rühren. Von der Verstorbenen konnte ich nichts
+Bestimmtes erfahren. Sie war Witwe und hieß Salzmann.“
+
+„Das hat mir auch Nelly gesagt.“
+
+„Nun, das ist alles. Jetzt, Wanjä,“ begann er mit einer gewissen
+Feierlichkeit, „habe ich eine Bitte an Dich. Du mußt sie erfüllen.
+Erzähle mir so ausführlich als möglich, was du für Geschäfte hast, wohin
+du täglich gehst? Ich habe manches zum Teil erfahren, doch möchte ich
+darüber ausführlicher unterrichtet sein.“
+
+Diese Feierlichkeit erstaunte und beunruhigte mich.
+
+„Was soll das? Wozu mußt du das wissen? Du fragst so feierlich ...“
+
+„Siehst du, Wanjä, alle überflüssigen Worte beiseite: ich möchte dir
+einen Dienst erweisen. Denn, Bruderherz, wenn ich wollte, könnte ich
+dich auf schlaue Weise ausforschen, so, wie du es glaubst, daß ich es
+bei der Kleinen durch Konfekt versucht hätte; ich habe es sofort
+verstanden. Da ich dich aber höchst feierlich darum bitte, so weißt du,
+daß ich dich im Ernst und in deinem Interesse ausfrage. Du brauchst mich
+also nicht zu verdächtigen und kannst mir die Wahrheit sagen.“
+
+„Welchen Dienst willst du mir denn erweisen? Höre, Masslobojeff, warum
+willst du mir nichts vom Fürsten erzählen? Das wäre der einzige Dienst,
+den du mir erweisen könntest.“
+
+„Vom Fürsten? Hm! ... Nun, geradeaus gesagt: ich möchte dich ja in
+Angelegenheiten des Fürsten ausfragen.“
+
+„Wie?“
+
+„Ich habe bemerkt, Bruderherz, daß er sich in deine Angelegenheiten
+einmischen möchte; er hat mich übrigens über dich ausgefragt. Wie er es
+erfahren, daß wir miteinander bekannt sind – das ist schon nicht mehr
+deine Sache. Die Hauptsache aber: hüte dich vor ihm. Das ist ein Judas
+und noch weit schlimmer. Ich zittere darum für dich. Übrigens weiß ich
+sonst gar nichts, darum bitte ich dich mir alles zu erzählen, damit ich
+darüber urteilen kann ... Darum habe ich dich heute hergebeten. Das ist
+die wichtige Angelegenheit, wenn ich schon aufrichtig sein soll.“
+
+„Etwas wenigstens wirst du schon wissen, und wenn auch nur das, weshalb
+ich gerade vor dem Fürsten auf der Hut sein soll.“
+
+„Nun gut, also sei’s denn! Du mußt nämlich wissen, Bruderherz, daß man
+sich so im allgemeinen mitunter an mich wendet, wenn es sich um
+verzwickte Fälle handelt. Aber eines überlege dir vorher: vertrauen mir
+doch die meisten nur deshalb, weil ich kein Schwätzer bin – wie also
+soll ich dir nun etwas erzählen? Deshalb, weißt du, schraube deine
+Ansprüche nicht gar zu hoch und nimm damit fürlieb, was ich dir so in
+Bausch und Bogen erzähle, denn ich tu’s ja nur, um dir eine Ahnung davon
+zu geben, als was für ein bodenloser Schuft er sich nach alledem
+entpuppt hat. Na, aber zuerst fange du an von deinen Sachen.“
+
+Ich überlegte ein wenig, was ich ihm denn erzählen sollte, mußte mir
+aber sagen, daß ich schließlich nichts vor ihm zu verheimlichen hatte.
+Nataschas Erlebnisse waren kein Geheimnis; zudem konnte ich von
+Masslobojeff vielleicht noch etwas erfahren, das sich zu ihrem Nutzen
+verwenden ließ. Selbstverständlich bemühte ich mich, in meiner Erzählung
+gewisse Punkte nach Möglichkeit zu umgehen. Am meisten jedoch
+interessierte ihn alles, was ich ihm über den Fürsten erzählen konnte;
+er unterbrach mich sogar mehrmals mit verschiedenen Fragen und bat mich,
+vieles nochmals zu erzählen, so daß ich ihm zu guter Letzt doch alles
+ziemlich ausführlich erzählt hatte, was ungefähr eine gute halbe Stunde
+in Anspruch nahm.
+
+„Hm!“ meinte er zum Schluß, „jedenfalls ein verteufelt gescheites Mädel.
+Wenn sie den Fürsten vielleicht auch nicht ganz durchschaut, so hat sie
+doch wenigstens sofort erkannt, welcher Art dieser Mensch ist und nach
+dieser Erkenntnis ohne weiteres jede Beziehung zu ihm abgebrochen.
+Bravo, Natalja Nikolajewna! Ich trinke auf ihr Wohl!“ – Er leerte sein
+Glas bis zur Nagelprobe –. „Dazu gehörte nicht nur Verstand, dazu
+gehörte vor allen Dingen Herz! Hier galt es, mutig dem Feind ins
+Angesicht zu schauen und sich nicht vom Gefühl verleiten zu lassen. Und
+sie hielt stand! Natürlich hat sie damit jede Hoffnung verspielt. Der
+Fürst wird jetzt mit allen Mitteln darauf hinwirken, daß Aljoscha sie
+verläßt, und der wird sie sicherlich verlassen. Aber Ichmenjeff tut mir
+leid, – zehntausend Rubel diesem Schurken zahlen zu müssen! Aber wer hat
+denn auch seine Sache geführt, wer? Natürlich er selbst! Das ist’s ja!
+Aber so sind sie nun einmal alle, diese Ehrenmänner und Hitzköpfe! Das
+sind mir gerade die richtigen Advokaten! Diesen Fürsten hätte man ganz
+anders anfassen sollen. Und was für einen Advokaten ich dem Ichmenjeff
+hätte verschaffen können! – Teufel noch einmal!“
+
+Vor Ärger schlug er sogar mit der Faust auf den Tisch.
+
+„Nun, und wie steht es denn jetzt mit dem Fürsten?“
+
+„Ach, da kommst du wieder mit dem Fürsten! Tja, Mensch, was soll ich dir
+denn sagen? ... Es war überhaupt eine Dummheit von mir, so etwas zu
+versprechen. Aber ich wollte dich, weißt du, eigentlich nur warnen, um
+dich beizeiten sozusagen gegen seinen Einfluß zu verbarrikadieren. Wer
+sich mit ihm einläßt, der ist nicht ungefährdet. Deshalb spitze die
+Ohren, Freund Wanjä, so, und das ist alles, was ich dir zu sagen habe.
+Du dachtest wohl, ich würde dir Gott weiß was für Pariser Geheimnisse
+mitteilen? Gefehlt! Da sieht man gleich den Schriftsteller, der den Kopf
+voll von Romanen hat! ... Was soll ich dir denn von diesem Schurken
+erzählen? Ist er einmal ein Schurke, nun, dann ist er eben einer ... Na,
+schließlich so als Beispiel, weißt du, könnte ich dir eventuell noch so
+’n kleines Geschichtchen erzählen, nur – versteht sich – ohne Angabe von
+Ort und Zeit, ohne Städte oder Personen zu nennen, also ohne jede
+kalendarische Genauigkeit. Bist du damit einverstanden? – Na, dann höre
+zu. Du weißt, daß er in seiner ersten Jugend, als er noch mit seinem
+mageren Kanzleigehalt auskommen mußte, eine reiche Kaufmannsfrau
+geheiratet hatte. Nun, diese Person soll er aber nichts weniger als
+höflich behandelt haben, und wenn es sich jetzt auch nicht um sie
+handelt, so will ich doch die Bemerkung hier einflechten, Freund Wanjä,
+daß er sein Leben lang gerade diese Art Erwerb jedem anderen vorgezogen
+zu haben scheint. So zum Beispiel auch in folgendem Fall. Fuhr er da
+einmal ins Ausland, wie man so eben fährt ...“
+
+„Erlaub, Masslobojeff von welcher Reise redest du? In welchem Jahre?“
+
+„Das war vor genau neunundzwanzig Jahren und drei Monaten. Nun und da
+machte er eines schönen Tages einem alten Vater die einzige Tochter
+abspenstig und entführte sie nach Paris. Kurz: er verstand die
+Geschichte gut einzufädeln. Der Vater war so etwas wie ein reicher
+Fabrikbesitzer oder, sagen wir, ein Aktionär, der an irgend einem
+ähnlichen Unternehmen stark beteiligt war. Genau weiß ich es nicht. Du,
+was ich dir jetzt so erzähle, sind nur meine eigenen Kombinationen, die
+ich mir mit freier Dichtergabe aus verschiedenen gegebenen Momenten
+zusammenbaue. Nun und der Fürst wußte ihn geschickt zu betrügen und sich
+gleichfalls in das Unternehmen hineinzuschmuggeln. Also er betrog ihn
+gründlich und nahm ihm obendrein noch bares Geld ab. Was nun dieses bare
+Geld betrifft, so hatte der Alte dafür natürlich gewisse Papiere vom
+Fürsten in den Händen. Der Fürst aber wollte das Geld so von ihm
+geliehen haben, daß er es nicht mehr zurückzugeben brauchte, wollte es
+also, prosaisch ausgedrückt und nach unseren Begriffen, einfach stehlen.
+Dieser Alte hatte nun, wie gesagt, eine Tochter, und diese seine einzige
+Tochter war eine Schönheit, und in diese Schönheit hatte sich ein junger
+Idealist verliebt – solch ein Seitenstück von Schiller, weißt du – ein
+Dichterling, der aber zugleich auch Kaufmann war, ein junger Träumer und
+Schwärmer – mit einem Wort: ein echter Deutscher, Pfefferkuchen oder so
+ungefähr mit Namen.“
+
+„Wie? Sein Familienname war Pfefferkuchen?“
+
+„Na, vielleicht wars nicht gerade Pfefferkuchen, ich will es nicht
+verschwören, und im übrigen hole ihn der Teufel, nicht um ihn handelt es
+sich jetzt. Nur war der Fürst im Verkehr mit der Tochter von gewinnenden
+Umgangsformen, daß sie sich bis zum Wahnsinn in ihn verliebte. Dem
+Fürsten aber erschienen damals namentlich zwei Dinge erstrebenswert:
+erstens, in den Besitz der Tochter und zweitens in den der bewußten
+Dokumente zu gelangen, die schwarz auf weiß bestätigten, daß er vom
+Alten jene Summe geliehen erhalten hatte. Die Schlüssel aller
+Geldschränke und Kassetten des Alten bewahrte jedoch die Tochter auf,
+denn der Alte liebte sein einziges Kind geradezu sinnlos, nämlich
+dermaßen, daß er sie unter keiner Bedingung verheiraten wollte.
+Tatsache! Auf jeden Freiersmann war er eifersüchtig, und konnte es nicht
+begreifen, daß er sich einmal doch von ihr würde trennen müssen. Selbst
+den armen Pfefferkuchen jagte er zum Teufel. Er war eben ein ganzer
+Sonderling, und dazu noch ein Engländer ...“
+
+„Ein Engländer? Ja, aber wo ist denn das alles passiert?“
+
+„Das heißt, nein, sieh mal: ich habe nur so gesagt, ‚ein Engländer‘,
+bloß weil es sich gerade so machte, du aber mußt es natürlich sofort
+aufgreifen! Herrgott, bewahre einen vor Schriftstellern! Geschehen aber
+ist’s in Santa Fé de Bogotá, vielleicht aber auch in Krakau oder, was am
+wahrscheinlichsten ist, im Fürstentum Nassau, – sieh mal, das hier auf
+der Seltersflasche steht. Also wie gesagt: in Nassau. Bist du jetzt
+zufrieden? Also der Fürst entführte die Tochter und die Tochter
+entführte wiederum auf Wunsch des Fürsten gewisse Dokumente. Gibt es
+doch solch eine Liebe, Wanjä! Pfui, Teufel! Und das Mädel war doch ein
+edles, reines, ideales Geschöpf! Freilich hat sie wohl von der Bedeutung
+dieser Papiere keinen ganz zutreffenden Begriff gehabt. Nur eines machte
+ihr Sorge: der Vater würde sie verstoßen. Doch der Fürst war auch diesem
+Hindernis gewachsen: er verpflichtete sich schriftlich, formell und
+gesetzlich, daß er sie heiraten werde. So redete er ihr denn ein, daß
+sie nur so ein wenig reisen würden, bis der Zorn des Alten sich gelegt,
+dann aber würden sie vermählt zurückkehren und zu dreien glücklich und
+einträchtig beisammen leben, Geld verdienen und sich freuen, und so
+weiter ^ad infinitum^. Und so entfloh sie denn mit dem Fürsten, der Alte
+verfluchte sie und damit war er gleichzeitig bankrott. Ihr folgte aber
+nach Paris jener Frauenmilch, der um ihretwillen alles, sogar sein
+Geschäft, verließ; er war nämlich gar zu sehr in sie verliebt ...“
+
+„Erlaub! Was für ein Frauenmilch?“
+
+„Ach, nun, zum Teufel mit ihm! Ich meinte jenen Feuerbach ... nein, wart
+mal, wie hieß doch der verwünschte Kerl? Pfefferkuchen! Na, also –
+diesen Pfefferkuchen meinte ich, wie gesagt. Der Fürst aber konnte sie
+doch natürlich nicht heiraten, denn, nicht wahr: was würde die Fürstin
+Soundso dazu sagen? Wie würde sich Baron Pomoikin darüber äußern?
+Folglich hieß es: betrügen. Nun und das tat er denn auch, tat es aber
+doch gar zu gemein. Erstens prügelte er sie fast, zweitens lud er
+absichtlich den Pfefferkuchen ein, und der begann sie denn auch richtig
+zu besuchen, und bald verbrachte er mit ihr ganze Abende in gemeinsamer
+Trauer oder tröstete sie als ihr aufrichtiger Freund, der er nun einmal
+war. Alles in allem wird es bei ihnen nur ein Gemisch von Romantik und
+Mitleid mit sich selber gewesen sein. Kennt man. Der Fürst aber wußte
+die Geschichte so zu drehen, daß er sie einmal spät abends überraschte:
+und da behauptete er frech, daß sie sich vergessen hätten, er habe es
+mit eigenen Augen gesehen, usw. usw. ... Das kam natürlich zu einer
+großen Szene, die damit endete, daß er sie beide vor die Tür setzte und
+selber nach London reiste. Sie aber war damals bereits stark in
+Umständen: kaum hatte er sie verstoßen, da gebar sie auch schon ein
+Töchterchen ... das heißt, nicht ein Töchterchen, sondern einen Sohn,
+jawohl gerade ein Söhnchen, verlaß dich drauf. Es wurde denn auch ohne
+viel Umstände Wolodjka[4] getauft. Pfefferkuchen hob ihn noch aus der
+Taufe. Nun, und so reiste sie denn mit dem Pfefferkuchen weiter. Der
+besaß nämlich ein kleines Kapital. Sie reisten in der Schweiz, in
+Italien ... in all diesen poetischen Ländern, weißt du, so wie es sich
+eben gehört. Jene weinte und Pfefferkuchen sah aus wie sieben Tage
+Regenwetter, das Töchterchen aber wuchs heran. Somit wäre für den
+Fürsten die ganze Angelegenheit aufs angenehmste erledigt gewesen, wenn
+– ja, wenn er auch sein schriftliches Eheversprechen von ihr
+zurückerhalten hätte. ‚Ein niedriger, verächtlicher Mensch bist du,‘ hat
+sie ihm zum Abschied gesagt, ‚du hast mich bestohlen, du hast mich
+entehrt und jetzt verläßt du mich. Nun gut! Aber dein Versprechen gebe
+ich dir nicht zurück. Nicht deshalb, weil ich dich jemals noch heiraten
+wollte, sondern einfach, weil du dieses Dokument fürchtest. So mag es
+denn ewig in meinen Händen bleiben.‘ Mit einem Wort, sie ließ sich ein
+wenig hinreißen, doch übrigens beunruhigte sich der Fürst dieserhalb
+nicht allzu sehr. Überhaupt ist solchen Schurken nichts vorteilhafter,
+als es mit solchen sogenannten höheren Wesen zu tun zu haben. Sie sind
+so edeldenkend, daß man sie mit größter Leichtigkeit betrügen kann,
+erstens; und zweitens antworten sie auf jeden Betrug mit nichts als
+erhabener, edler Verachtung, anstatt mit praktischer Anwendung des
+Gesetzes, selbst wenn dieses Gesetz sich auch noch so vorteilhaft für
+sie anwenden ließe. Da haben wir ein Beispiel in dieser Frau: sie
+begnügte sich vollkommen damit, ihn stolz verachten zu können, und wenn
+sie auch das eine bewußte Dokument zurückbehielt, so hätte sie sich doch
+eher erhängt, als davon Gebrauch gemacht. Und das wußte der Fürst und
+deshalb ließ er sich auch ihretwegen weiter keine grauen Haare wachsen,
+wenigstens vorläufig nicht. Sie aber blieb, wenn sie ihm auch moralisch
+ins Gesicht gespien, doch verlassen und einsam mit ihrem Kinde zurück, –
+mit dem Wolodjka. Stirbt sie heute oder morgen, was soll dann aus dem
+Wurm werden? Und ihr Freund, dieser Schmachtlappen Bruderschaft,
+bestärkte sie natürlich noch darin, anstatt ihr Vernunft zuzureden!
+Wahrscheinlich lasen sie gemeinsam Schiller. Schließlich aber erkrankte
+Bruderschaft doch mal irgendwie und starb.“
+
+„Das heißt, Pfefferkuchen?“
+
+„Na, ja, versteht sich doch, hol ihn der Teufel! Sie aber ...“
+
+„Erlaub! Wieviel Jahre reisten sie denn zusammen?“
+
+„Genau zwölf Jahre. Nun, sie aber kehrte, als er gestorben war, nach
+Krakau zurück. Der Vater nahm sie natürlich nicht auf, verfluchte sie,
+und schließlich starb sie, der Fürst aber pfiff darob Halleluja vor
+Freude. Na ja, und so weiter – trinken wir, Wanjä!“
+
+„Ich vermute, daß du ihm in dieser Angelegenheit behilflich gewesen
+bist, Masslobojeff.“
+
+„Das ist es wohl, was du gerade wünschst?“
+
+„Ich verstehe nur nicht, was du in _dieser_ Angelegenheit hast
+ausrichten können.“
+
+„Ja, sieh mal: als sie nach Madrid zurückkehrte – nach zehnjähriger
+Abwesenheit – da hieß es vor allen Dingen: auskundschaften, unter
+welchem Namen sie lebte, wo der Bruderschaft geblieben war und wo der
+alte Vater, und ob es auch wirklich sie selber war und wie es mit dem
+Kinde stand, und dann, ob sie auch wirklich gestorben war und ob sie
+Papiere hinterlassen hatte, und so weiter in lieblicher Reihenfolge. Und
+dann gab es noch so diese und jene Persönlichkeit, die uns
+interessierte. Wie gesagt: er ist der gemeinste Mensch, der mir je in
+die Quere gekommen ist, hüte dich vor ihm, Wanjä! Was aber den
+Masslobojeff betrifft, so merke dir folgendes: nenne ihn nie und unter
+keinen Umständen einen Schuft! Denn wenn er auch einer ist – meiner
+Meinung nach ist jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht unfehlbar ein
+Schuft – so hat er doch dir speziell nichts Übles getan. Ich bin zwar
+stark betrunken, Bruderherz, doch wenn du Ohren hast zu hören, dann höre
+jetzt: sollte es dir jemals, sei es jetzt, bald oder erst im nächsten
+Jahr, mal scheinen, daß Masslobojeff in irgendeiner Angelegenheit gegen
+dich intrigiert hat – und, bitte, vergiß nicht den Ausdruck ‚intrigiert‘
+– so wisse, daß er nie eine böse Absicht gehabt hat. Masslobojeff
+beobachtet dich bloß. Und deshalb schenke keinem Verdacht Glauben,
+sondern sei gescheiter und komme dann persönlich zu diesem Masslobojeff
+und rede mit ihm mündlich und brüderlich. Nun, willst du jetzt nicht
+trinken?“
+
+„Nein.“
+
+„Aber wie verhältst du dich zu einem kleinen Imbiß?“
+
+„Nein, Freund, entschuldige, aber ...“
+
+„Na, dann pack dich zum Teufel, es ist auch schon zehn Minuten vor neun,
+– damit ist es Zeit für dich.“
+
+„Wie? was? Jetzt hat er sich angetrunken und da jagt er selbst den Gast
+fort! So ist er ja immer! Ach, du Unverschämter!“ rief Alexandra
+Ssemjonowna ganz erschrocken aus; sie war fast dem Weinen nahe.
+
+„Alexandra Ssemjonowna, laß ihn nur, er hat es eilig, und wir, meine
+Liebe, wir werden allein zurückbleiben und uns gegenseitig vergöttern.
+Er aber, weißt du, ist ein ganzer General! Nein, verzeih, Wanjä, du bist
+kein General, ich aber – ich, siehst du, ich bin – ein Schuft! Sieh mal,
+wie sehe ich jetzt aus? Als was stehe ich vor dir da? Vergib, Wanjä,
+verurteile mich nicht, laß mich mein Herz ausschütten ...“
+
+Er umarmte mich und Tränen traten ihm in die Augen. Ich begann, mich zu
+verabschieden.
+
+„Ach, mein Gott, und er geht auch wirklich! Und bei uns ist schon der
+ganze Abendbrottisch gedeckt!“ klagte Alexandra Ssemjonowna tief
+betrübt. „Aber Freitag werden Sie doch zu uns kommen?“
+
+„Unfehlbar, Alexandra Ssemjonowna, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“
+
+„Vielleicht schämen Sie sich, mit uns zu verkehren, weil ... Sie sehen
+doch, wie er jetzt ist – ganz betrunken! Aber er ist ein guter Mensch,
+Iwan Petrowitsch, ein sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Tag
+und Nacht erzählt er mir jetzt nur noch von Ihnen, hat mir sogar Ihre
+Bücher gekauft, nur habe ich sie noch nicht gelesen – die Zeit vergeht
+so schnell! – aber morgen werde ich bestimmt damit beginnen. Und wie ich
+mich erst freuen werde, wenn Sie kommen! Ich sehe doch hier so gut wie
+gar keine Menschen, niemand besucht uns doch! Alles haben wir und dabei
+sitzen wir tagaus tagein allein zu Haus. Jetzt saß ich da und hörte zu,
+wie Sie sprachen, und wie war das schön ... Also Freitag dann!“
+
+
+ VII.
+
+Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs
+letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir
+darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich
+täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die
+mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.
+
+Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne.
+Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom
+Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so
+daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses
+zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im
+Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte.
+
+Es war Nelly.
+
+„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“
+
+„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“
+
+„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“
+
+„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen
+ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“
+
+Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete
+die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman.
+Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm.
+
+„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich,
+daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe
+über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre
+dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen
+würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt
+kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich,
+persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch
+zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu
+können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und
+Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was
+sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht
+ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa
+eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der
+Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte
+mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur
+sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast
+zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft
+zu geschehen ...“
+
+„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden,
+ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“
+
+„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie
+mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe
+ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit
+Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle
+diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten
+vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die
+Aufforderung nicht zurückweisen!“
+
+Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar
+wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits
+hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs
+Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich
+Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher
+beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß
+ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte
+noch Nelly.
+
+„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe
+hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen
+Winkel des Flurs.
+
+„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was
+hat er dir denn gesagt?“
+
+„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“
+
+Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn,
+daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch
+die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte.
+
+„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du,
+Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“
+
+„Und Sie gehen mit ihm fort?“
+
+„Ja, ich gehe mit ihm fort.“
+
+Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen,
+nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm
+mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens
+zu fragen.
+
+Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich
+anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der
+Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach
+einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich
+immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer
+acht zu lassen.
+
+„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine
+viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“
+schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack
+besaß.
+
+Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen
+Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von
+Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie
+zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich
+förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen.
+
+„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich
+der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses
+kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“
+
+„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“
+
+„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht
+ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz
+bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie
+mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich
+an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen
+Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange
+wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück
+lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben
+Sie sich nur mit ihr einleben können?“
+
+„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich.
+
+„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn
+sie überhaupt unnormal ist ...“
+
+Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei
+mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich
+nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor
+wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit
+ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben
+Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu
+halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber
+unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle
+diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang
+standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde?
+
+Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten.
+
+
+ VIII.
+
+Bis zur Gräfin war es nicht sehr weit: sie wohnte in der Nähe der
+Handelsbrücke. Eine Weile schwiegen wir. Ich dachte die ganze Zeit:
+wovon wird er mit mir zu reden beginnen? Es schien mir, daß er mich
+prüfen, sondieren und ausforschen wolle. Doch zu meiner Überraschung
+begann er ohne alle Umschweife sogleich von der Sache selbst.
+
+„Ich mache mir jetzt in einer Angelegenheit große Sorgen, Iwan
+Petrowitsch,“ hub er an, „da will ich Sie nun um Ihren Rat bitten und
+überhaupt Ihre Meinung hören. Ich habe nämlich schon längst beschlossen,
+das von mir im Prozeß gewonnene Geld Herrn Ichmenjeff abzutreten. Wie
+soll ich das nun machen?“
+
+Es kann doch nicht sein, dachte ich, daß er nicht weiß, wie er es machen
+soll! Oder sollte er sich nur über mich lustig machen wollen?
+
+„Das weiß ich nicht, Fürst,“ versetzte ich möglichst unbefangen. „In
+jeder anderen Frage, das heißt, namentlich was Natalja Nikolajewna
+betrifft, bin ich bereit, Ihnen die für Sie und uns alle notwendigen
+Erklärungen abzugeben, doch in dieser Angelegenheit wissen Sie natürlich
+besser Bescheid als ich.“
+
+„Nein, nein, wieso, ganz im Gegenteil! Sie sind mit der ganzen Familie
+gut bekannt und vielleicht hat Ihnen sogar Natalja Nikolajewna ihre
+diesbezüglichen Gedanken mitgeteilt. Das aber wäre für mich eine sehr
+erwünschte Richtschnur. Sie könnten mir viel helfen, denn die Sache ist
+verzwickter, als man glaubt. Ich bin bereit, ihm das Geld zu überlassen,
+und ich werde es auch unfehlbar tun, gleichviel wie die anderen Dinge
+sich gestalten sollten. Doch wie, in welcher Form wäre diese Abtretung
+des Geldes am richtigsten – das ist die Frage. Sie verstehen mich doch?
+Nun, sehen Sie: der Alte ist doch sehr stolz und sehr eigensinnig, da
+könnte er mir ja noch zum Dank für meine Gutmütigkeit das Geld ins
+Gesicht werfen ...“
+
+„Erlauben Sie: als was betrachten Sie dieses Geld, wenn ich fragen darf?
+Als sein oder als Ihr Eigentum?“
+
+„Den Prozeß habe ich gewonnen, folglich als mein Eigentum.“
+
+„Nun wohl, aber vor Ihrem Gewissen?“
+
+„Selbstverständlich als _mein_ Eigentum,“ versetzte er, ein wenig
+pikiert durch meine unhöfliche Frage. „Übrigens scheinen Sie über den
+Sachverhalt nicht ganz unterrichtet zu sein. Ich habe den Alten durchaus
+nicht eines bewußten, vorgefaßten Betruges beschuldigt, und ich gestehe
+Ihnen, daß ich ihn zu einer solchen Tat nie für fähig gehalten hätte. Es
+war sein eigener freier Wille, sich in seiner Ehre verletzt zu fühlen.
+Seine Schuld besteht nur in seiner Unachtsamkeit, in seiner sorglosen
+Verwaltung des ihm anvertrauten Vermögens. Unserer alten Abmachung gemäß
+aber hat er seine Handlungsweise zu verantworten. Sie wissen auch, daß
+es sich im Grunde gar nicht darum handelt, sondern einfach nur um
+unseren Streit, den wir damals hatten, um die gegenseitigen Kränkungen,
+– mit einem Wort: um unsere verletzte Eigenliebe. Ich hätte unter
+anderen Umständen vielleicht überhaupt nicht an diese lumpigen
+zehntausend Rubel gedacht. Doch es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt
+sein, weshalb dann dieser ganze Prozeß begann. Ich gebe gern zu, daß ich
+vielleicht zu argwöhnisch, daß ich sogar im Unrecht war – das heißt: nur
+damals! – doch der Ärger über seine Grobheiten verwirrte mich, und da
+wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das wird Ihnen
+vielleicht nicht gerade edel erscheinen, aber ich will mich ja auch gar
+nicht rechtfertigen. Ich meine nur, daß eine Handlungsweise, die Ärger
+und hauptsächlich gereizte Eigenliebe diktiert haben, noch nicht als
+ausschlaggebender Beweis für absoluten Mangel an Ehrgefühl angesehen
+werden kann. Vielmehr ist sie etwas ganz Natürliches, menschlich
+Verständliches. Und ich sage Ihnen nochmals, daß ich den alten
+Ichmenjeff damals so gut wie gar nicht kannte und nur all diesen
+Gerüchten über Aljoscha und seine Tochter Glauben schenkte, folglich
+aber konnte ich auch an eine beabsichtigte Entwendung des Geldes glauben
+... Doch das ist ja Nebensache. Die Hauptsache ist, was ich jetzt tun
+soll. Verzichte ich auf das Geld, während ich mich doch gleichzeitig
+durchaus im Recht fühle, so heißt das, daß ich es ihm schenke. Und wenn
+man nun das etwas gespannte Verhältnis in Betracht zieht, in das uns
+Natalja Nikolajewna ... Er wird mir zweifellos das Geld vor die Füße
+werfen ...“
+
+„Nun, sehen Sie, Sie sagen doch selbst: er würde es Ihnen vor die Füße
+werfen. Folglich halten Sie ihn doch für einen ehrlichen Menschen und
+daher können Sie auch überzeugt sein, daß er Ihr Geld nicht gestohlen
+hat. Wenn es sich aber so verhält, weshalb sollten Sie dann nicht ohne
+Umschweife erklären, daß Sie sich im Unrecht fühlen? Jedenfalls wäre das
+anständig gehandelt, und Ichmenjeff würde sich dann vielleicht auch
+nicht weigern, _sein_ Geld zu empfangen.“
+
+„Hm! ... _sein_ Geld; das ist es ja eben. Bedenken Sie doch, was Sie von
+mir verlangen! Ich soll zu ihm gehen und sagen, daß meine Klage
+ungerecht war. Ja, weshalb habe ich dann überhaupt geklagt, wenn ich
+selbst zugebe, daß mir kein Unrecht geschehen sei? – Das kann mich dann
+doch ein jeder fragen. Das aber habe ich nicht verdient, denn meine
+Klage war durchaus gerechtfertigt; ich habe weder gesagt noch
+geschrieben, daß er mich bestohlen habe, doch von seiner Unfähigkeit,
+seinem Leichtsinn in Geschäftssachen bin ich auch jetzt noch überzeugt.
+Dieses Geld gehört ganz positiv mir, und deshalb empfände ich es als
+nicht ganz angenehm, mich selbst zu verleumden ... und schließlich – ich
+wiederhole es – hat doch der Alte aus freien Stücken sich in seiner Ehre
+verletzt gefühlt, und da wollen Sie nun, daß ich ihn wegen dieser
+Kränkung um Verzeihung bitte, – das fällt mir doch etwas schwer ...“
+
+„Ich glaube, daß, wenn zwei Menschen sich versöhnen wollen ...“
+
+„Daß es dann sehr leicht getan ist?“
+
+„Ja.“
+
+„Nein, mitunter ist es auch nichts weniger als leicht, um so weniger,
+wenn ...“
+
+„Ich verstehe: wenn es noch andere Umstände gibt, die zu berücksichtigen
+sind. Darin stimme ich mit Ihnen allerdings vollkommen überein, Fürst.
+Die Angelegenheit Natalja Nikolajewna und Ihres Sohnes muß vorher in all
+jenen Punkten, in denen Sie zu entscheiden haben, in einer Ichmenjeffs
+zufriedenstellenden Weise entschieden sein. Nur dann werden Sie sich mit
+Ichmenjeff ganz aufrichtig über den Prozeß aussprechen können. So aber,
+wie die Dinge jetzt liegen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: die
+Unrechtmäßigkeit Ihrer Klage einzugestehen, und zwar ganz offen, ja,
+falls nötig, sogar öffentlich. Das wäre meiner Ansicht nach das einzig
+Richtige. Damit habe ich Ihnen meine Meinung gesagt, denn diese
+wünschten Sie doch zu hören, und wahrscheinlich haben Sie auch nicht
+gewünscht, daß ich mich vor Ihnen verstelle. Deshalb werden Sie mir wohl
+auch folgende Frage gestatten: warum beunruhigt Sie dieses Geld so sehr?
+Wenn Sie sich im Recht glauben und dieses Geld als Ihr Eigentum
+betrachten, wie kommen Sie darauf, es ihm zurückgeben zu wollen?
+Verzeihen Sie meine Frage, aber das eine ist mit dem anderen so eng
+verbunden ...“
+
+„Was meinen Sie,“ unterbrach er mich plötzlich, als habe er meine Frage
+ganz überhört, „sind Sie überzeugt, daß der alte Ichmenjeff die
+zehntausend Rubel zurückweisen wird, auch wenn man sie ihm ohne alle
+Erklärungen und ... und ... Milderungen anbieten sollte?“
+
+„Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!“
+
+Wie unter einem physisch empfundenen Schlage zuckte ich zusammen und das
+Blut stieg mir ins Gesicht. Diese schamlos skeptische Frage machte auf
+mich einen Eindruck, als habe der Fürst mir ins Gesicht gespien. Und zu
+dieser Beleidigung kam noch etwas anderes hinzu: das war die verletzend
+nonchalante Art und Weise, in der er meine Frage vollkommen überging,
+als habe er sie überhaupt nicht gehört. Offenbar wollte er mir damit zu
+verstehen geben, daß ich mich gar zu sehr hatte hinreißen lassen, daß
+ich zu familiär geworden war, indem ich es wagte, solche Fragen an ihn
+zu richten. Ich haßte aber nichts so sehr, wie dieses in der höheren
+Gesellschaft übliche Verfahren und hatte mir schon früher Mühe gegeben,
+Aljoscha diese Angewohnheit abzugewöhnen.
+
+„Hm! ... Sie sind noch sehr ... temperamentvoll, doch werden im
+alltäglichen Leben gewisse Dinge nicht so behandelt, wie Sie es sich
+augenscheinlich denken,“ bemerkte er gleichmütig nach meinem erregten
+Ausruf. „Übrigens fällt mir soeben ein, daß darüber zum Teil Natalja
+Nikolajewna entscheiden könnte. Vielleicht sagen Sie ihr das. Sie könnte
+uns jedenfalls raten ...“
+
+„Das wird ihr nicht einfallen,“ versetzte ich in sehr unhöflichem Tone.
+„Sie haben nicht geruht, anzuhören, was ich Ihnen vorhin sagte; Sie
+unterbrachen mich. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß Sie, wenn Sie
+das Geld unaufrichtig, nicht von Herzen ihrem Vater abtreten und ohne
+alle diese ‚Milderungen‘, wie Sie sich auszudrücken beliebten, daß Sie
+dann mit diesem Gelde dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha
+eine Entschädigung zahlen wollen, damit sie zurücktrete ...“
+
+„Hm! ... also so haben Sie mich verstanden, mein bester Iwan
+Petrowitsch!“ – Der Fürst lachte. Worüber lachte er? – „Indes ...“ fuhr
+er fort, „wir haben noch so vieles zu besprechen, nur haben wir jetzt
+leider keine Zeit dazu. Ich bitte Sie nur, sich eines zu merken: es
+handelt sich hier direkt um Natalja Nikolajewna und ihre ganze Zukunft,
+und alles das hängt teilweise davon ab, zu welch einem Entschluß wir
+kommen werden. Sie sind hierin unentbehrlich, – das werden Sie nachher
+einsehen. Und deshalb werden Sie mir, wenn Sie Natalja Nikolajewnas
+Freund sind, nicht eine Unterredung abschlagen, wie wenig Sie auch mit
+mir sympathisieren sollten. Da sind wir schon angelangt ... ^à
+bientôt^.“
+
+
+ IX.
+
+Die Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. Die Raume waren alle gut
+und geschmackvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch
+ungeachtet des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für
+einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es war das eben nur
+eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, denn es fehlte hier ganz jener
+Prunk einer alteingesessenen Familie, deren Heim stets den Stempel der
+Herrschaft trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner
+widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer auf ihr im
+Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – das über und über verschuldet und
+verpfändet war – reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich
+hatte darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht und
+mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn Katjä mit der Gräfin verreist?
+Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich
+davor; doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, daß auch sie,
+wie es schien, von diesem Gerücht gehört haben mußte. Sie schwieg
+darüber und litt allein.
+
+Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte mir mit einem
+Lächeln die Hand und bestätigte, was der Fürst mir gesagt hatte: daß sie
+mich schon lange bei sich zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst
+den Tee, während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar
+setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst vornehm
+dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem Frack, steifen Bewegungen
+und einer viel- oder nichtssagenden Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser
+Gast wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr
+aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen Verkehr finden
+können, wie sie es sich gewünscht. Außer diesem Gast und mir kam niemand
+mehr. Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß mit Aljoscha
+im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen erfuhr, stand sie
+sogleich auf und kam zu uns. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand
+und die Gräfin wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor.
+Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier betrachtete. Sie
+trug ein weißes Kleid und war zart und blond, und von nur mittelgroßem
+Wuchs. Ihr Gesicht hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen
+waren „vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt hatte.
+Alles in allem war es nur die Anmut der Jugend, die sie verschönte,
+nichts weiter. Ich hatte erwartet, eine vollendete Schönheit zu
+erblicken, doch konnte man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein
+zartes Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes Haar,
+das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen ruhigen, aufmerksamen
+Blick. Bei einer Begegnung auf der Straße wäre ich an ihr
+vorübergegangen, ohne sie besonders zu beachten, dachte ich; doch das
+schien mir nur so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends
+hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, und da
+änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, wie sie mir die Hand
+reichte und mit angespanntem Blick mir unverwandt in die Augen schaute,
+ohne dabei ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und ich
+lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand ich halb unbewußt
+die kindliche Reinheit ihres ganzen Wesens. Die Gräfin beobachtete sie
+aufmerksam. Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, mit
+fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und setzte sich mit
+Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in eine gemütliche Ecke. Bei der
+Begrüßung hatte mir Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur
+noch einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – zu ihr.“
+
+Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen nicht kenne, nenne ich ihn
+den „Diplomaten“ – sprach ruhig und erhaben und verfocht irgend eine
+seiner Theorien. Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst lächelte
+zustimmend und der Redner wandte sich oft an ihn speziell, da er
+augenscheinlich glaubte, in ihm einen würdigen Zuhörer zu haben. Mir
+wurde Tee gereicht und dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich
+sehr zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört beobachten.
+
+Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir im ersten
+Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen Willen gefiel.
+Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch mir schien es, daß sie nicht
+über achtundzwanzig Jahre alt sein könne. Sie hatte noch so frische
+Farben und man sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen
+sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr sehr gut; ihr
+Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, verriet aber gleichzeitig
+Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, Spottlust und Schelmerei. Doch während
+der Rede des „Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und
+aufmerksam zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, aber am
+meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit und ein heiteres Gemüt. Es
+schien mir, daß ihre vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn
+sei; eine gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger Egoismus,
+der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls aber stand sie, wie ich
+auch schon gehört hatte, ganz unter der Vormundschaft des Fürsten, der
+gewiß einen großen Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein
+Verhältnis hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres
+Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger Liebhaber
+gewesen sei; mir aber schien es – und es scheint mir auch jetzt noch so
+– daß außer dem früheren Verhältnis sie beide noch etwas anderes
+verband, etwas zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer
+gemeinsamen oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht in einer
+gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas Ähnliches mußte es
+jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß sie dem Fürsten im Augenblick sehr
+lästig war, trotzdem aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist
+möglich, daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die sie
+noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese Pläne vom Fürsten
+her und nur auf Grund derselben hatte er der Gräfin den Gedanken an eine
+Heirat – sie soll in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate –
+auszureden und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer
+Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.[5] Wenigstens glaubte
+ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen zu erraten, denn
+schließlich war Aljoscha doch nicht völlig blind. Auch schien es mir
+nicht zum wenigsten nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der
+Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin zu fürchten,
+obschon er sie vollkommen beherrschte. Das hatte auch sogar Aljoscha
+bemerkt. Nachher erfuhr ich, daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit
+jemandem verheiratet hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte,
+auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der Hoffnung, dort
+in der Provinz einen passenden Gatten für sie zu finden.
+
+Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, wie ich es
+anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter vier Augen zu sprechen.
+Der „Diplomat“ antwortete ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem
+Stand der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert
+seien. Er sprach viel und lange, ruhig und wie ein Mensch, der sich
+seiner Macht bewußt ist. Seinen Gedanken entwickelte er sehr klug und
+gut, doch war der Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck
+hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen und Veränderungen“
+nur zu bald gewisse unerwünschte Früchte zeitigen werde, daß man dann
+angesichts der Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft
+kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand er wohl nur eine
+Kaste – sich nicht nur von den neuen Reformideen abwenden, sondern,
+nachdem sie deren Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der
+Erhaltung des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, daß das
+allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen könne, denn es werde
+lehren, wie man dieses allein seligmachende Alte am besten aufrecht
+erhalten könne, kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber
+sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald bis zur größten
+Unvorsichtigkeit vorgehe.
+
+„Ohne _uns_ kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, „ohne uns hat
+sich bisher noch keine Gesellschaft gehalten. Verlieren können wir
+nichts, im Gegenteil, wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere
+Devise im gegenwärtigen Augenblick sein: ^pire ça va, mieux ça est^!“
+
+Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung zu, was mich
+geradezu ekelhaft berührte, während der Redner vollkommen mit sich
+zufrieden war. Ich war so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte,
+das Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des Fürsten
+hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick glitt eigentlich nur
+ganz flüchtig über mich hinweg, doch mir schien es, daß der Fürst gerade
+irgend so einen jugendlich unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete;
+ja, vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, wie
+ich mich kompromittieren würde. Außerdem war ich fest überzeugt, daß der
+„Diplomat“ meine Entgegnung unfehlbar ganz übersehen würde und
+vielleicht sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen
+sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha.
+
+Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich an der Schulter.
+
+„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu.
+
+Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So war es auch. Nach
+wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. Zuerst betrachtete sie mich nur
+sehr aufmerksam, als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und
+im ersten Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, um ein
+Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich überzeugt, daß sie nur
+anzufangen brauchte, um dann womöglich bis zum Morgen sprechen zu
+können. Aljoschas einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „_nur_ einige
+fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, kam mir in den
+Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha saß bei uns und erwartete
+mit Ungeduld, wie und wovon wir sprechen würden.
+
+„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich und er sah uns mit
+einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun beisammen und schweigt.“
+
+„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden bald genug sprechen,“ sagte
+Katjä. „Wir haben über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar
+nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander
+bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja schon längst. Und wie gern
+ich Sie sehen wollte! Ich dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu
+schreiben ...“
+
+„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd.
+
+„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie ernst. „Nun, zum
+Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, ob es wahr ist, was er von
+Natalja Nikolajewna sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie
+allein läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln wie er?
+Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir das doch gefälligst?“
+
+„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich habe doch schon
+gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hier bleiben werde, nur um
+noch zu sehen, was ihr beide tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“
+
+„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, – hast du es jetzt
+gesehen? Und so ist er immer!“ wandte sie sich an mich, mit dem Finger
+auf ihn weisend, während sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick,
+nur einen Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder
+Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht böse sein, sie
+ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er denkt! Was meinst du,
+ist das schön von dir, ist das hübsch?“
+
+„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er ganz kläglich, „ich
+wollte nur so gern noch etwas bei euch bleiben ...“
+
+„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr vieles unter vier Augen
+zu beraten. Aber höre, du, sei deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas
+sehr Notwendiges, – du verstehst doch?“
+
+„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich ... weshalb sollte
+ich da böse sein? Ich will nur noch auf einen Augenblick zu Ljowinka und
+dann – schnell zu ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er
+geschäftig fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen doch, daß mein
+Vater auf das Geld, das er im Prozeß von Ichmenjeff gewonnen hat,
+formell verzichten will?“
+
+„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“
+
+„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? Katjä will natürlich nicht
+glauben, daß es edel von ihm sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf
+Wiedersehen, Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha
+liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir alle diese
+Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe macht, mich beobachtet –
+ganz als stände ich unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe
+und sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich glaubt. Ich
+liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen ... ich weiß nicht,
+wie ich sie liebe. Ich liebe sie eben einfach! Und deshalb braucht mich
+auch niemand ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So frage doch
+Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und kann er es dir bestätigen, daß
+Natascha eifersüchtig ist, und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so
+liegt doch in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch nichts
+opfern.“
+
+„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute meinen Ohren nicht.
+
+„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt auf.
+
+„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? Iwan Petrowitsch weiß es
+ganz gut. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch
+nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern haben möchte.“
+
+„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ rief Katjä ganz rot
+vor Empörung aus.
+
+„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du wieder bist, Katjä! Ich
+liebe sie doch mehr als sie glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte,
+so wie es sich gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir
+sicherlich ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich selbst
+fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß es ihr schwer fällt,
+folglich ist es für mich ebenso, als würde sie mich nicht fortlassen.“
+
+„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich Katjä wieder an mich und
+ihre Augen blitzten vor Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß
+alles das dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? Bitte,
+versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch die Wahrheit
+erfahren! Nun, sprich!“
+
+„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein wenig verwirrt. „Was
+ist denn dabei? Er sprach so freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu
+seinem Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er lobte sie
+sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn doch so beleidigt, er
+aber lobt sie noch.“
+
+„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ sagte ich, „Sie, dem Natalja
+Nikolajewna alles hingegeben hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte,
+und deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich bei ihr
+vielleicht langweilten, und wie sie es anstellen sollte, daß sie Sie
+nicht von einem Besuch bei Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir
+heute selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen falschen
+Worten! Schämen Sie sich nicht?“
+
+„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja nie!“ sagte Katjä mit
+einer wegwerfenden Handbewegung, als sei er in ihren Augen doch ein
+total verlorener Mensch.
+
+„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha ganz kläglich fort.
+„Und immer bist du so, Katjä! Immer vermutest du in mir nur Schlechtes
+... Von Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, daß ich
+Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht in diesem Sinne von ihr
+gesagt, sie sei eine Egoistin. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu
+sehr liebt, so daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird
+sowohl für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber wird mich nie
+betrügen können, selbst wenn er es wollte. Ich bin nicht so dumm. Und er
+hat auch das, daß sie eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten
+Sinne gesagt; ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau so, wie
+ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr liebe, mich dermaßen
+liebe, daß ihre Liebe einfach zum Egoismus wird und sie dadurch mir und
+sich das Leben schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch
+schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, was er gesagt hat,
+und er hat es doch nur aus Liebe zu mir gesagt und damit hat er doch von
+Natascha nichts Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe
+ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, der Liebe bis
+zur Unmöglichkeit ...“
+
+Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach ihn heftig. Sie
+überschüttete ihn mit Vorwürfen und begann ihm zu beweisen, daß sein
+Vater nur deshalb Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha,
+durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen und ihn dann heimlich
+und unmerklich gegen Natascha aufzuhetzen und sie so einander zu
+entfremden. Sie redete sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein
+und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn geliebt und wie
+keine Liebe das je verzeihen werde, was er ihr jetzt antue, und daß
+nicht sie, Natascha, sondern er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei.
+Aljoscha wurde sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges
+Gesicht: ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu Boden,
+entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach seiner Leidensmiene zu
+urteilen, sich förmlich vernichtet zu fühlen. Doch Katjä sprach
+schonungslos weiter. Ich beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn
+ich wollte diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer Seele
+schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, nur hatte dieses Kind
+schon manche selbst gewonnene Überzeugung und von sehr vielen Dingen
+ganz richtige Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe zum Guten
+und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch in der Tat noch ein Kind nennen
+konnte, so gehörte sie doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“
+Kinder, deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt.
+Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig gedacht hatte. Wie
+sollte es mich da nicht interessieren, in dieses denkende Kindergemüt
+hineinzuschauen und zu sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe
+mit vollkommen ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen –
+Katjä kannte bereits das Leben – und gleichzeitig mit ihr noch ganz
+unbekannten Ideen vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht
+selbst entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt
+aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr offenbar noch eine ganze
+Menge, doch wahrscheinlich hielt sie sie alle für ihre eigenen
+Gedankenprodukte. Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im
+Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen gelernt habe. Sie
+hatte einen stolzen Charakter, doch ein empfängliches Herz. Mitunter
+hatte es den Anschein, als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem
+sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel nur für
+vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war sie stolz auf diese ihre
+Überzeugungen, was bei vielen stolzen Menschen sogar auch in nichts
+weniger als in jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war es, was
+ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken und die Wahrheit
+ergründen, damit beschäftigte sie sich viel, doch war sie darin so wenig
+pedantisch und außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß man
+von vornherein ihre Originalität nett fand und sich vollkommen mit ihr
+aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ und „Borinka“ und ich fand alles in
+der besten Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den ersten
+Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, wurde an diesem Abend –
+wenigstens in meinen Augen – mit jeder Minute schöner und anziehender.
+Dieses naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden Weibes,
+dieses kindliche und doch im höchsten Grade aufrichtige Verlangen nach
+Wahrheit und Gerechtigkeit, und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in
+ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – alles das belebte ihr
+Gesicht mit einem ... ich möchte sagen: reflektierenden Licht, das ihre
+ganze aufrichtige Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine
+ganz anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und man
+begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die nicht sofort jedem
+gewöhnlichen, gleichgültigen Blick zugänglich war, sich nicht so schnell
+ergründen ließ. Und da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich
+an ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken und zu urteilen
+verstand, so liebte er doch gerade diejenigen, die für ihn dachten und
+sogar für ihn zu denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz
+unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, reines
+Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig aufnahm, und bei ihrer
+kindlichen Aufrichtigkeit hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes
+Innenleben erschlossen. Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem Willen,
+sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich sogar bis zur
+Leidenschaft begeistern konnte, und nur an einen solchen Menschen, der
+ihn zu beherrschen, ihm sogar zu befehlen verstand, konnte sich dieser
+Junge anschließen. Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an Natascha
+gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung viel vor der anderen
+voraus: sie war selbst noch ein Kind und – wird es noch lange bleiben,
+dachte ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren Verstande,
+und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft – das war es, was sie für
+Aljoscha passender machte, weshalb er sich auch immer mehr zu ihr
+hingezogen fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, wenn sie
+unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen und Zurechtweisungen,
+auch von Spielsachen die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha bei
+Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf wusch und ihn
+überhaupt sehr im Zaum hielt, doch leichter sein als bei Natascha. Sie
+paßten besser zueinander und das war die Hauptsache.
+
+„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer darauf hinaus, daß
+du recht hast und nicht ich. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist
+als meine,“ sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden.
+„Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka aber werde ich nicht mehr
+gehen ...“
+
+„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ meinte Katjä, „daß
+du aber jetzt gehorchst und zu ihr fährst, das ist sehr lieb von dir.“
+
+„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ sagte der betrübte
+Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“
+
+Wir traten zur Seite.
+
+„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, „es war eine
+Gemeinheit von mir, ich habe mich an allen versündigt, am meisten aber
+an ihnen, an Natascha und an ihr. Heute machte mich mein Vater nach dem
+Essen mit der Alexandrine bekannt – eine Französin, wissen Sie, ein
+bezauberndes Weib. Ich ... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man
+da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen zu sein ... Leben
+Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ –
+
+„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann Katjä sogleich eilig zu
+versichern, kaum daß ich mich wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir
+werden noch viel zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine
+Frage: für was halten Sie den Fürsten?“
+
+„Für einen sehr schlechten Menschen.“
+
+„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das wird uns vieles
+erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst über Natalja Nikolajewna reden
+... Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und
+erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir das alles erklären,
+denn gerade die Hauptsache ist mir völlig unklar, ich tappe da nur so im
+Dunkeln herum und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was
+Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe ich hier doch
+keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren könnte. Sagen Sie also,
+erstens – das ist das wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und
+Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das muß ich ganz zuerst
+wissen, um mich endgültig entscheiden zu können, um genau zu wissen, was
+ich zu tun habe.“
+
+„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher sagen? ...“
+
+„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann natürlich kein
+Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich will nur wissen, wie es Ihnen
+scheint, – denn ich weiß, Sie sind ein sehr kluger Mensch.“
+
+„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“
+
+„Weshalb nicht?“
+
+„Sie passen nicht zueinander.“
+
+„Das habe ich mir auch gedacht.“
+
+Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer.
+
+„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: ich möchte furchtbar
+gern Natascha sehen. Ich muß mich mit ihr aussprechen und ich glaube,
+wir werden dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche ich
+immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie sie ist: sie muß furchtbar
+klug sein, ernst, wahrheitsliebend und sehr schön. Nicht?“
+
+„Ja.“
+
+„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, wie hat sie sich dann in
+Aljoscha, in diesen Knaben, verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich
+habe darüber schon oft nachgedacht.“
+
+„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. Es ist schwer, sich
+vorzustellen, wie und weshalb man ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist
+ein vollständiges Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind
+bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich bei ihrer kindlichen
+Ehrbarkeit, während der Blick ihrer tiefen, ernsten Augen in
+erwartungsvoller Aufmerksamkeit unverwandt auf mir ruhte.
+
+„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde gleicht,“ fuhr ich fort,
+„je ernster sie selbst ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er
+wird nie lügen, er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an
+ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat aber auch seine
+Naivität etwas Liebenswürdiges an sich. Vielleicht hat sie ihn – wie
+soll man das ausdrücken? ... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen.
+Das pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen ... Übrigens
+fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären kann, dafür aber möchte ich Sie
+etwas fragen: Sie lieben ihn doch?“
+
+Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich fühlte, daß ich weder
+durch ihre Plötzlichkeit, noch durch sonst etwas die kindliche Reinheit
+ihrer Seele trüben konnte.
+
+„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie leise und ihre klaren
+Augen sahen mich dabei so ehrlich an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr
+liebe ...“
+
+„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb Sie ihn lieben?“
+
+„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach einigem
+Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in die Augen sieht und dabei
+etwas zu mir spricht, so gefällt mir das sehr ... Hören Sie, Iwan
+Petrowitsch, da spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein
+Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt oder schlecht?“
+
+„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“
+
+„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei schlecht sein?
+Nun, die dort aber,“ – sie wies mit dem Blick auf die Gruppe am Teetisch
+– „würden sicherlich sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder
+nicht recht?“
+
+„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie nichts Schlechtes tun,
+folglich ...“
+
+„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, – offenbar wollte sie
+an diesem Abend noch über vieles mit mir reden. „Sobald ich es einmal
+nicht weiß, frage ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin
+auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. Und mit Ihnen
+spreche ich deshalb so aufrichtig, als spräche ich mit mir selbst, weil
+Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere
+Geschichte mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und ich
+habe geweint als ich sie hörte.“
+
+„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“
+
+„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den Augen, als er
+erzählte. Das war sehr gut von ihm und das hat mir auch sehr gefallen.
+Ich glaube, daß er Sie mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen
+Sie, gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, und dann
+zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, weil Sie ein sehr kluger
+Mensch sind und mir in vielen Dingen raten und mich belehren können.“
+
+„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie belehren könnte?“
+
+„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“
+
+Sie dachte nach.
+
+„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch reden wir jetzt von
+der Hauptsache. Raten Sie mir, Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß
+doch, daß ich jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun?
+Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander sein?
+Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas Lage ist so furchtbar, so
+furchtbar! Er hat doch schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich
+liebt er immer mehr. Nicht?“
+
+„Es scheint so.“
+
+„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja selbst nicht, daß er
+aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es bestimmt wissen. Da kann man
+sich denken, wie sie sich quält!“
+
+„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“
+
+„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete sie ernst, „aber ich
+komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb habe ich Sie auch so ungeduldig
+erwartet, damit Sie mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als
+ich. Sie sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich
+alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn sie sich beide
+lieben, so müssen sie glücklich werden, und deshalb muß ich mich opfern
+und ihnen helfen. Nicht?“
+
+„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“
+
+„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam und mich immer mehr
+zu lieben begann, da wurde ich nachdenklich und jetzt frage ich mich:
+soll ich das Opfer bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr
+schlecht von mir, nicht wahr?“
+
+„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, „anders wäre es
+kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls nicht schuld daran.“
+
+„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, weil Sie sehr gut sind.
+Ich denke aber nun, daß mein Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein
+Herz rein wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – lassen wir
+das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, einiges vom
+Fürsten, einiges von Mama, einiges auch von Aljoscha, und ich erriet,
+daß sie doch nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben Sie
+nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. Was nun? Denn
+wenn sie beide unglücklich werden würden, so würde es doch auch für sie
+nur besser sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun von
+Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – so habe ich
+beschlossen – selbst zu Natascha fahren und mit ihr dann alles endgültig
+beschließen.“
+
+„Ja, aber wie, das ist die Frage.“
+
+„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch mehr als alles auf
+der Welt, deshalb müssen Sie auch in erster Linie sein Glück wünschen:
+folglich müssen Sie sich von ihm trennen‘.“
+
+„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, so etwas zu hören? Und
+wenn sie einwilligt – wird sie auch fähig sein, es auszuführen?“
+
+„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke und ... und
+...“
+
+Und sie brach in Tränen aus.
+
+„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ murmelte sie mit
+zuckenden Lippen.
+
+Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst nicht übel Lust, wie
+sie zu weinen, nur so, einfach aus einem Gefühl heraus, einem Gefühl,
+das so wie Liebe war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich.
+Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von sich
+glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne.
+
+„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein wenig beherrscht
+hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich gestimmt von den Tränen.
+
+„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert.
+
+„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das dritte Konzert von
+Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Dort sind alle diese Gefühle
+... ganz so wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens.
+Doch davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres zu
+sprechen.“
+
+Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen sei, daß sie mit
+Natascha zusammenkäme. Sie sagte, daß sie nicht ohne Begleitung das Haus
+verlassen dürfe; ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb,
+doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, Natalja
+Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher habe sie sich zu einer List
+entschlossen. An manchen Vormittagen mache sie, wenn das Wetter schön
+sei, eine Spazierfahrt, doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der
+Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht mitfahren könne,
+begleite sie die Französin, die im Augenblick krank war. Das käme aber
+eigentlich nur dann vor, wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte
+man warten, bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte die
+Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie eine Gesellschafterin
+war – „gewonnen“ werden, was gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie
+sei sehr gut. Das Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im
+voraus zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne.
+
+„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. „Sie will Sie
+selbst sehr gern kennen lernen, und das ist durchaus notwendig, damit
+sie wenigstens weiß, wem sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen
+Sie sich das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit wird auch
+ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden doch aufs Land fahren?“
+
+„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte sie. „Ich weiß, daß
+der Fürst darauf besteht.“
+
+„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin fahren?“
+
+„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und sah mich unverwandt
+an. „Er wird doch wohl?“
+
+„Zweifellos.“
+
+„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden soll! Hören Sie,
+Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen alles schreiben, ich werde Ihnen sehr
+oft schreiben und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden.
+Werden Sie uns oft besuchen?“
+
+„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt von den Umständen ab.
+Vielleicht werde ich hier überhaupt nicht wieder erscheinen.“
+
+„Weshalb denn nicht?“
+
+„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, doch hauptsächlich –
+von meinem Verhältnis zum Fürsten.“
+
+„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. „Aber wissen Sie,
+Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn ich Sie einmal besuchen würde? Wenn
+ich an einem Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut oder wäre
+das nicht gut?“
+
+„Wie finden Sie es?“
+
+„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... ich würde Sie eben
+einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich sage es ja nur
+deshalb, weil ich Sie nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ...
+Und von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie doch ... Aber
+ich brauche mich doch nicht deshalb zu schämen, weil ich so mit Ihnen
+spreche? ...“
+
+„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir schon so lieb und wert,
+als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte gefunden.“
+
+„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“
+
+„O, von Herzen gern!“ sagte ich.
+
+„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen müßte und daß ein
+junges Mädchen so nicht reden dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf
+die Gruppe am Teetisch weisenden Blick.
+
+Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir schien, absichtlich
+allein ließ, um uns die Möglichkeit zu geben, über Natascha und Aljoscha
+unter vier Augen nach Herzenslust zu sprechen.
+
+„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf mein Geld abgesehen
+hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich noch für ein vollständiges Kind,
+und sagen es mir ja auch ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein
+Kind mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja noch selbst
+die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: weshalb sorgen sie sich so?“
+
+„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: wer sind dieser
+Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft besucht?“
+
+„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind sehr kluge und sehr
+anständige Jungen, aber sie sprechen so viel, daß es einem denn doch zu
+viel wird ... Ich kenne sie ...“
+
+Und sie lächelte vor sich hin.
+
+„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million schenken wollen?“
+
+„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie haben schon so viel
+davon gesprochen, daß es einem einfach unerträglich wird. Ich gebe
+natürlich gern zu allem Nützlichen, denn wozu hat man schließlich so
+viel Geld, nicht wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis
+ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits über
+das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, schreien, streiten
+über die beste Verwendung, ja sie geraten sich sogar in die Haare
+deswegen, so daß ich mich wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch
+gar zu eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, so
+herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das ist doch
+immerhin besser als so, wie andere leben ... Nicht wahr?“
+
+Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben und
+hörte mit brennendem Interesse zu, wenn ich erzählte. Doch immer wieder
+wollte sie noch Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon
+zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit das Zeichen zum
+Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. Katjä drückte mir fest die Hand
+und sah mich mit einem vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich
+auf, sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus zusammen mit
+dem Fürsten.
+
+Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht ganz
+unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem aus dem dreistündigen
+Gespräch mit Katjä davontrug, Erwähnung zu tun: es war dies eine für
+mich selbst wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch so
+weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen zwischen Mann
+und Weib überhaupt noch nicht kannte. Das verlieh einzelnen ihrer
+Äußerungen sowie dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst
+wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige Komik.
+
+
+ X.
+
+„Was meinen Sie!“ sagte plötzlich der Fürst, als wir uns in den Wagen
+setzten. – „Wie wäre es, wenn wir jetzt zusammen zu Abend speisten?“
+
+„Wirklich, ich weiß nicht, Fürst,“ antwortete ich unschlüssig. „Ich
+pflege nie zu Abend zu speisen ...“
+
+„Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit dann auch _reden_
+können,“ fügte er bedeutsam hinzu, indem er mir mit einem halb
+spöttisch, halb heimtückisch lächelnden Blick unverwandt in die Augen
+sah.
+
+Wie sollte ich das mißverstehen! „Er will sich aussprechen,“ dachte ich,
+„und das ist es ja gerade, worauf ich warte.“
+
+Ich willigte ein.
+
+„Also abgemacht. In die Große Moskaja zu B.,“ rief er dem Kutscher zu.
+
+„Ins Restaurant?“ fragte ich ein wenig verwirrt.
+
+„Ja. Wieso? Ich speise doch abends nur selten zu Hause. Erlauben Sie mir
+denn nicht, Sie aufzufordern?“
+
+„Aber ich sagte Ihnen doch, daß ich mich überhaupt nicht daran gewöhnt
+habe, zu Abend zu speisen.“
+
+„Nun, dieses eine Mal! Zudem habe ich Sie doch aufgefordert, mein Gast
+zu sein ...“
+
+Das hieß: ich werde doch für dich zahlen. Ich bin überzeugt, daß er das
+mit Absicht hinzufügte. Ich widersprach nicht weiter, beschloß aber, im
+Restaurant selbst für mich zu zahlen. Der Fürst nahm ein einzelnes
+Zimmer und wählte mit Kennermiene drei Gänge. Das war alles sehr teuer,
+ebenso auch der feine Tischwein, den er dazu bestimmte, und daher nichts
+für meine Tasche. Ich warf einen Blick auf die Karte und bestellte für
+mich ein halbes Haselhuhn und dazu Lafitte.
+
+„Wie, Sie wollen nicht mit mir speisen?“ fragte der Fürst ganz
+aufgebracht. „Aber das ... das ist ja geradezu lächerlich! Pardon, ^mon
+ami^, aber das ist doch wirklich ... übertriebene Pedanterie. Sie können
+doch in Ihrer Eigenliebe nicht so kleinlich sein. Das ist ja förmlich,
+als wollten Sie auf den Standesunterschied pochen, – ich wette, daß das
+im geheimen Ihre Absicht ist! Ich versichere Sie, Sie beleidigen mich
+einfach!“
+
+Doch ich bestand auf meinen Willen.
+
+„Nun – wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht ... Sagen Sie, Iwan
+Petrowitsch, darf ich zu Ihnen einmal vollkommen freundschaftlich
+reden?“
+
+„Ich bitte Sie darum.“
+
+„Nun, dann sage ich Ihnen, daß Sie sich, meiner Meinung nach, durch
+solche Pedanterie nur schaden. Und dasselbe tun alle Ihre Kollegen. Sie
+sind Literat, Schriftsteller, Sie müssen die Welt kennen lernen,
+währenddessen ziehen Sie sich immer mehr zurück und wollen sich von
+allem fernhalten. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern, aber Sie sind
+ja doch bereit, auf jede Beziehung zu unseren Kreisen zu verzichten, das
+aber schadet Ihnen doch sicher. Ganz abgesehen davon, daß Sie dabei viel
+verlieren, – nun, zum Beispiel, was ihre Karriere betrifft und alles
+weitere, was daraus folgt – ganz abgesehen davon, sage ich, müßten Sie
+doch in erster Linie das kennen lernen, was Sie schildern. In solchen
+Novellen kann doch alles vorkommen, Grafen, Fürsten, Boudoirs ... Doch,
+was sage ich! Bei den Schriftstellern von heute dreht es sich ja jetzt
+um nichts anderes mehr als um Armut, verlorene Mäntel, Revisoren,
+verrückte Offiziere, Beamte, alte Jahrgänge und Sektiererleben, ich
+weiß, ich weiß ...“
+
+„Sie irren sich, Fürst. Wenn ich mich nicht in den sogenannten höheren
+Kreisen bewege, so tue ich es nur deshalb nicht, weil es dort, erstens,
+langweilig ist, und zweitens, weil man dort nichts zu suchen hat. Doch
+schließlich bin ich auch hin und wieder ...“
+
+„Ich weiß, beim Fürsten R., einmal im Jahr. Ich bin Ihnen ja dort mal
+begegnet. Aber die übrige Zeit des Jahres verknöchern Sie wie Ihre
+Kollegen in demokratischem Stolz irgendwo in kleinen Dachstuben.
+Freilich tun das nicht gerade alle. Es gibt unter ihnen auch solche
+Abenteuerjäger, daß es sogar mir ekelhaft zumute wird ...“
+
+„Ich bitte Sie, Fürst, dieses Thema fallen zu lassen und unsere
+Dachstuben nicht weiter zu berühren.“
+
+„Ach, mein Gott, da sind Sie schon gekränkt. Sie hatten mir doch
+erlaubt, vollkommen freundschaftlich mit Ihnen zu reden. Übrigens, ^je
+vous demande pardon^, ich habe ja noch mit nichts Ihre Freundschaft
+verdient. Der Wein ist nicht schlecht. Versuchen Sie ihn.“
+
+Er schenkte mir ein halbes Glas ein – aus seiner Flasche.
+
+„Nun, sehen Sie, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja nur zu
+gut, daß es unanständig ist, seine Freundschaft einem anderen ungebeten
+aufzudrängen. Sind Sie doch der Meinung, daß wir alle Sie nur demütigend
+behandeln wollen. Nun, ich begreife auch sehr gut, daß Sie nicht aus
+Neigung zu mir hier sitzen, sondern weil ich versprochen habe, mit Ihnen
+zu _reden_. Nicht wahr, so ist es doch?“
+
+Er lachte.
+
+„Da Sie aber die Interessen einer gewissen Person im Auge haben, so sind
+Sie natürlich sehr gespannt darauf, was ich sagen werde. Nicht wahr?“
+fragte er mit boshaftem Lächeln.
+
+„Sie irren sich nicht,“ sagte ich nervös – ich sah, daß er einer von
+jenen war, die, wenn sie einen Menschen nur ein wenig in ihrer Macht
+wissen, es diesem sogleich zu fühlen geben möchten. Und ich war in
+seiner Macht. Sein Ton wurde mit jedem Satz familiärer, spöttischer,
+unverschämter. „Sie haben es erraten, Fürst; ich bin einzig zu diesem
+Zweck hergekommen, andernfalls würde ich wahrlich nicht ... so spät hier
+noch sitzen.“
+
+Ich hatte sagen wollen: andernfalls würde ich wahrlich nicht in Ihrer
+Gesellschaft bleiben, unterließ es aber, und zwar nicht etwa aus Furcht
+vor ihm, sondern weil mein verwünschtes Zartgefühl es nicht erlaubte. In
+der Tat, wie soll man einem Menschen eine Grobheit ins Gesicht sagen,
+wenn er es auch noch so verdient hätte und ich ihm gerade eine Grobheit
+sagen wollte? Ich glaube, der Fürst erriet aus meinen Augen, was ich
+dachte und blickte mich die ganze Zeit spöttisch an, als mokiere er sich
+über meine Mutlosigkeit und als wolle er mir mit seinem Blick sagen:
+„Nun was, hast es nicht zu sagen gewagt, hast klein beigegeben? Ja, ja,
+Freundchen!“ Sicherlich waren das seine Gedanken, denn als ich meinen
+Satz beendet hatte, lachte er auf und klopfte mir mit einer gewissen
+protegierenden Liebenswürdigkeit aufs Knie.
+
+„Du erheiterst mich, Freundchen,“ las ich in seinem Blick.
+
+„Wart mal!“ dachte ich bei mir.
+
+„Ich bin heute sehr vergnügt!“ rief er lachend aus, „und wirklich, ich
+weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über
+diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal
+aussprechen, und man muß doch auch zu einem Resultat kommen. Deshalb
+hoffe ich, daß Sie mich diesmal richtig verstehen werden. Vorhin begann
+ich mit Ihnen von jenem Gelde und der alten Schlafmütze von einem Vater,
+dem sechzigjährigen Säugling ... Na, es lohnt sich nicht, darüber noch
+Worte zu verlieren. Ich begann doch davon _nur so_! Hahah! Sie sind doch
+Dichter – haben Sie denn das nicht erraten? ...“
+
+Verwundert sah ich ihn an. Ich fragte mich, ob er schon betrunken sein
+könne?
+
+„Nun, was aber sein Töchterchen betrifft, so muß ich sagen, daß ich sie
+sehr achte, sogar liebe – versichere Sie! Sie ist zwar ein bißchen
+eigensinnig, aber schließlich: ‚keine Rose ohne Dorn‘, wie man vor
+fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das Wörtchen ist sogar sehr
+treffend. Dornen stechen, aber das ist ja gerade das Verlockende, und
+wenn auch mein Alexei ein Dummkopf ist, so habe ich ihm zum Teil doch
+schon verziehen – weil er einen so guten Geschmack bewiesen hat. Kurz,
+mir gefallen diese Mädchen und ich habe –“ er preßte vielsagend die
+Lippen zusammen – „sogar besondere Absichten ... Nun, davon später ...“
+
+„Fürst! Hören Sie, Fürst!“ rief ich aus, „ich verstehe diese plötzliche
+Veränderung nicht, aber ... sprechen Sie von anderem, ich bitte Sie.“
+
+„Sie regen sich schon wieder auf! Nun, gut ... ich werde das Thema
+wechseln. Nur – sehen Sie, was ich Sie fragen will, mein lieber Freund:
+achten Sie sie sehr?“
+
+„Selbstverständlich!“ antwortete ich mit unhöflicher Gereiztheit und
+Ungeduld.
+
+„Nun, nun ... und Sie lieben sie?“ fuhr er fort, mit einem widerlichen
+Lächeln mir zublinzelnd.
+
+„Sie vergessen sich!“
+
+„Nun, schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich nur. Ich bin heute bei
+erstaunlich guter Laune, das muß ich sagen! Ich bin so heiter gestimmt
+wie seit langer Zeit nicht mehr. Sollten wir nicht Champagner trinken?
+Was meinen Sie, mein Poet?“
+
+„Ich werde keinen Champagner trinken, ich will nicht!“
+
+„Nichts da! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich
+fühle mich so wundervoll und bin von einer Güte, die fast an
+Sentimentalität grenzt, aber ich kann nicht allein glücklich sein. Wer
+weiß, vielleicht bringen wir es noch so weit, daß wir Brüderschaft
+trinken, hahaha! und ‚Du‘ zueinander sagen! Nein, nein, junger Freund,
+Sie kennen mich noch nicht! Ich bin überzeugt, daß Sie mich lieb
+gewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freud mit mir teilen,
+Heiterkeit und Tränen, obschon ich hoffe, daß ich ... wenigstens nicht
+weinen werde. Nun, wie steht’s, Iwan Petrowitsch? So bedenken Sie doch
+nur, daß, wenn nicht das geschieht, was ich will, meine ganze
+Inspiration zum Teufel gehen kann und Sie dann nichts mehr hören werden.
+Nun, Sie aber sind doch einzig zu dem Zweck hier, um etwas zu hören.
+Hab’ ich nicht recht?“ fragte er wieder mit einem frechen Blinzeln.
+„Nun, dann wählen Sie also.“
+
+Die Drohung war nicht mißzuverstehen. Ich willigte ein. „Will er mich
+etwa betrunken machen?“ fragte ich mich. Übrigens dürfte es angebracht
+sein, hier eines Gerüchts, daß auch mir zu Ohren gekommen war, Erwähnung
+zu tun. Man erzählte vom Fürsten, daß er – der sich doch in der
+Gesellschaft stets tadellos und vornehm zeigte – mitunter nachts es wie
+der letzte Wüstling zu treiben liebte, sich toll und voll soff und sich
+dann heimlich der Ausschweifung hingab, ganz heimlich und gemein ... Ich
+hatte Scheußliches von ihm erzählen hören. Aljoscha wußte es, daß der
+Vater sich bisweilen betrank, suchte es aber vor allen zu verbergen,
+namentlich vor Natascha. Einmal verriet er sich unbedachtsamerweise im
+Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und überging die Antwort auf eine
+meiner diesbezüglichen Fragen. Von diesem Gerücht jedoch hatte ich
+andere erzählen hören, nur muß ich gestehen, daß ich es für leeres
+Geschwätz hielt und ihm keinen großen Glauben schenkte.
+
+Ich wartete, was weiter geschehen würde.
+
+Der Kellner erschien mit dem Champagner; der Fürst schenkte ein, sich
+und mir.
+
+„Ein reizendes, reizendes Mädel! – wenn sie mich auch gescholten hat!“
+fuhr er fort, mit Hochgenuß den Wein schlürfend. „Aber gerade in solchen
+Momenten sind ja diese reizenden Geschöpfe am reizendsten ... Und sie
+glaubte doch sicherlich, daß sie mich beschämt habe – Sie wissen doch:
+an jenem Abend? – daß ich einfach vernichtet sei! Hahaha! Und wie ihr
+das Erröten steht! Sind Sie ein Weiberkenner? Es gibt blasse Gesichter,
+denen ein plötzliches Erröten wundervoll steht, – ist Ihnen das nicht
+aufgefallen? Ach, mein Gott! Sie ärgern sich wohl schon wieder?“
+
+„Ja, ich ärgere mich!“ sagte ich, ohne mich noch zu beherrschen. „Ich
+wünsche nicht, daß Sie jetzt von Natalja Nikolajewna sprechen ... das
+heißt, in einem solchen Tone. Ich ... ich erlaube Ihnen das nicht!“
+
+„Oho! Nun, wie Sie wünschen; ich bereite Ihnen das Vergnügen und werde
+auf anderes übergehen. Ich bin ja doch nachgiebig und weich wie Wachs.
+Reden wir also von Ihnen. Ich liebe Sie, Iwan Petrowitsch. Wenn Sie
+wüßten, welch freundschaftliches, aufrichtiges Interesse ich für Ihr
+Schicksal empfinde ...“
+
+„Fürst, wäre es nicht besser, wir kämen zur Sache?“ unterbrach ich ihn.
+
+„Das heißt, zu _unserer_ Sache, wollen Sie sagen. Ich verstehe Sie auch
+ohne Worte, ^mon ami^, nur ahnen Sie gar nicht, wie nah wir die Sache
+berühren, wenn wir jetzt auf Sie zu sprechen kommen und wenn Sie mich,
+was ich hoffe, nicht wieder unterbrechen werden. Also ich fahre fort:
+ich wollte Ihnen nämlich sagen, mein teuerster Iwan Petrowitsch, daß so
+leben, wie Sie leben, einfach ein Sichzugrunderichten ist. Erlauben Sie
+mir einmal, dieses delikate Gebiet zu berühren; ich tu’s aus
+Freundschaft. Sie sind arm, Sie müssen sich von Ihrem Verleger einen
+Vorschuß zahlen lassen, um Ihre kleinen Schulden bezahlen zu können, und
+für das übrige leben Sie ein halbes Jahr nur von Tee und zittern in
+Ihrer Dachkammer vor Kälte, in der Erwartung des Augenblicks, wann
+endlich Ihr Roman erscheinen wird. Ist es nicht so?“
+
+„Und wenn es auch so ist, so ist es doch ...“
+
+„Doch ehrenwerter als stehlen, Bücklinge machen, Sporteln nehmen,
+intrigieren, nun, usw., usw. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen,
+das ist ja alles schon längst gedruckt!“
+
+„Folglich dürfte es auch überflüssig sein, davon weiter zu reden. Muß
+ich Sie wirklich noch Takt lehren, Fürst?“
+
+„O, selbstverständlich nicht. Nur, was ist da zu machen, wenn gerade
+diese delikaten Seiten in der Hauptsache eine große Rolle spielen. Man
+kann sie doch nicht totschweigen. Doch übrigens, wie Sie wollen, lassen
+wir die Dachkammern in Ruh. Ich habe auch nichts für sie übrig,
+abgesehen von gewissen Fällen ...“ Er lachte widerlich. „Mich wundert ja
+nur eines: was für ein Vergnügen finden Sie daran, die Rolle der zweiten
+Person zu spielen? A propos, einer Ihrer Kollegen sagt ja wohl irgendwo
+in einem Werk, soviel ich mich entsinne, daß es vielleicht die größte
+Tat sei, wenn ein Mensch es verstehe, sich im Leben auf die Rolle einer
+zweiten Person zu beschränken ... Oder so etwas Ähnliches. Ich habe auch
+einmal ein Gespräch darüber gehört ... mit halbem Ohr. Ich weiß doch,
+daß Aljoscha Ihnen die Braut abspenstig gemacht hat, Sie aber wissen,
+gleich einem idealen Schiller, nichts besseres zu tun, als sich für sie
+noch aufzuopfern, sie womöglich zu bedienen oder sich von ihnen gar als
+Laufbursche benutzen zu lassen ... Verzeihen Sie, mein Lieber, aber das
+ist doch nur ein gewisses widerliches Spiel mit großmütigen Gefühlen ...
+Daß es Ihnen noch nicht langweilig geworden ist, begreife ich nicht! Man
+müßte sich doch eigentlich schämen. Ich würde an Ihrer Stelle, glaube
+ich, umkommen vor Ärger, aber in erster Linie würde ich mich doch
+schämen, schämen!“
+
+„Fürst! Es scheint, daß Sie mich nur zu dem Zweck hergebeten haben, um
+mich zu beleidigen!“ Ich war fast außer mir vor Wut.
+
+„O, nein, mein Freund, nein, ich bin im Augenblick ganz einfach nur ein
+Sachverständiger, der Ihr Bestes wünscht. Mit einem Wort, ich will der
+ganzen Geschichte einmal ein Ende machen. Doch vorläufig reden wir noch
+nicht von der ‚ganzen Geschichte‘, sondern hören Sie mich zuerst bis zu
+Ende an, und bemühen Sie sich, sich nicht aufzuregen, wenn auch nur für
+die Dauer von zwei Minuten. – Nun, also, was meinen Sie, sollten Sie
+nicht heiraten? Sie sehen, ich rede jetzt von ganz _Nebensächlichem_.
+Weshalb sehen Sie mich denn so erstaunt an?“
+
+„Bitte, weiter, ich warte,“ antwortete ich. Ich sah ihn in der Tat
+verwundert an.
+
+„O, da ist nichts zu erwarten. Ich wollte nur wissen, was Sie dazu sagen
+würden, wenn Ihnen jemand von Ihren Freunden, der Ihnen ein dauerhaftes,
+wahres Glück wünscht – nicht irgend so ein ephemerisches – ein junges,
+nettes Mädchen anböte, das aber ... bereits einiges durchgemacht hat.
+Ich rede ganz allegorisch, doch Sie verstehen mich hoffentlich, – nun,
+so ^à la^ Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer anständigen
+Entschädigung ... Vergessen Sie nicht, daß ich von einer Nebensache,
+nicht von _unserer_ Sache rede. Nun also: was würden Sie dazu sagen?“
+
+„Ich sage Ihnen, daß Sie ... verrückt geworden sind.“
+
+„Hahaha! Bah! Sie scheinen ja Lust zu haben, tätlich zu werden?“
+
+Es fehlte allerdings nicht viel und ich hätte ihn geprügelt. Ich konnte
+es kaum noch aushalten! Ich hatte das Empfinden, einem Geschmeiß, einer
+riesigen ekelhaften Spinne gegenüber zu sitzen und ich brannte vor
+Verlangen, das scheußliche Tier platt zu schlagen, unter die Füße zu
+treten. Er ergötzte sich an seinem Spott, den er mit mir trieb, er
+spielte mit mir, wie eine Katze mit der Maus, denn er glaubte, mich ganz
+in seiner Gewalt zu haben. Es schien mir, daß er an seiner
+Schamlosigkeit ein gewisses Vergnügen fand; vielleicht empfand er sogar
+eine gewisse Wollust in dieser Gemeinheit, in diesem Zynismus, mit dem
+er vor mir plötzlich sich die Maske vom Gesicht riß. Er wollte sich an
+meiner Verwunderung, an meinem Schreck und Ekel weiden, wie es mir
+schien. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich über mich lustig.
+
+Ich hatte erraten, daß er einen besonderen Zweck verfolgte; ich befand
+mich aber in einer solchen Situation, daß ich ihn unter allen Umständen
+anhören mußte. Ich mußte es im Interesse Nataschas; ich mußte mich auf
+alles gefaßt machen und mußte alles ertragen, denn es war möglich, daß
+jetzt die Stunde gekommen war, in der sich ihr Schicksal entschied. Wer
+aber hätte diese zynischen, gemeinen Ausfälle auf ihre Rechnung
+kaltblütig anhören können? Und er begriff nur zu gut, daß ich gezwungen
+war, ihn anzuhören, was natürlich noch die Kränkung vergrößerte.
+„Übrigens bin auch ich ihm unentbehrlich,“ dachte ich bei mir und begann
+ihm schroff und verächtlich zu antworten. Er merkte es.
+
+„Hören Sie, mein junger Freund,“ begann er plötzlich, mir ernst in die
+Augen schauend, „so können wir nicht fortfahren, deshalb ist es besser,
+wir verständigen uns sogleich. Ich, sehen Sie mal, ich hatte die
+Absicht, Ihnen einiges zu sagen; da müssen Sie aber schon so
+liebenswürdig sein und einwilligen, mich anzuhören, gleichviel was ich
+Ihnen auch erzähle oder sagen sollte. Ich wünsche so zu sprechen, wie
+ich will und wie es mir gefällt, und genau genommen ist es so auch ganz
+in der Ordnung, Nun, also wie steht es, mein junger Freund? Werden Sie
+Geduld haben?“
+
+Ich bezwang mich und schwieg, obschon er mich plötzlich mit so beißendem
+Spott ansah, als wolle er mich absichtlich zu einer schroffen Weigerung
+herausfordern. Doch er erriet aus meinem Schweigen, daß ich einwilligte,
+alles anzuhören, und so fuhr er denn fort:
+
+„Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! Worüber ärgern Sie sich
+denn, genau genommen? Einzig über eine äußere Form, nicht wahr? Sie
+haben doch von mir im Grunde nichts anderes erwartet, gleichviel wie ich
+mit Ihnen spreche: ob mit parfümierter Höflichkeit oder so wie jetzt;
+folglich bliebe doch der Sinn immer ein und derselbe. Sie verachten
+mich, nicht wahr? Sehen Sie doch, wieviel liebe Einfachheit,
+Aufrichtigkeit und Bonhomie in mir ist! Ich gestehe Ihnen alles, sogar
+meine Kinderlaunen. Ja, ^mon cher^, ja, ein wenig mehr Bonhomie auch
+Ihrerseits und wir würden uns vorzüglich aussprechen, würden in allen
+Punkten einig werden und uns gegenseitig vollkommen verstehen. Über mich
+aber wundern Sie sich nicht. Ich habe diese ganze Unschuld, Aljoschas
+Hirtenlieder und Schäferspiele, dieses ganze Schillerianertum und alle
+die Ideale in diesem verwünschten Verhältnis mit jener Natascha –
+übrigens an sich ein nettes Mädchen – wie gesagt, alles dies habe ich
+jetzt so satt, daß ich mich ganz unwillkürlich der Gelegenheit freuen
+muß, mich über diesen ganzen Rummel gründlich lustig machen zu können.
+Nun und da haben wir denn jetzt die Gelegenheit. Hinzu kommt, daß ich ja
+sowieso einmal mein Herz Ihnen ausschütten oder meine Seele vor Ihnen
+ausbreiten wollte. Hahaha!“
+
+„Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst. Ich verstehe Sie nicht. Sie
+verfallen in den Ton eines Hanswurst; diese plötzlichen Offenbarungen
+...“
+
+„Hahaha! Das ist ja doch teilweise ganz richtig! Ein allerliebster
+Vergleich! Hahaha! Ich _gehe durch_, mein Freund, ich _gehe durch_, ich
+bin froh und zufrieden, nun, und Sie, mein Poet, Sie müssen alle nur
+mögliche Nachsicht mit mir haben und sich dazu bequemen, aus Ihren Höhen
+tief herabzusteigen. Doch lassen Sie uns trinken!“ unterbrach er sich,
+in äußerster Zufriedenheit mit sich selbst, und er füllte die Gläser
+nach. „Sehen Sie, mein Freund, allein schon dieser eine dumme Abend bei
+Natascha – erinnern Sie sich? – gab mir den Rest. Freilich war sie
+selbst sehr nett anzusehen in jenem Augenblick, aber nichtsdestoweniger
+verließ ich sie doch in entsetzlicher Wut und das will ich nicht
+vergessen. Weder vergessen noch verheimlichen. Natürlich wird auch meine
+Zeit mal kommen und sie nähert sich ja schon rapid, doch vorläufig
+lassen wir das aus dem Spiel. Indes wollte ich Ihnen erklären, daß ich
+einen sehr beachtenswerten Charakterzug besitze, den Sie noch nicht
+kennen: das ist, daß mir nichts so verhaßt ist, wie alle diese
+ekelhaften, nichtswürdigen, billigen Naivitäten ^et toutes ces
+pastourelles^; und einer der pikantesten Genüsse war für mich stets,
+zuerst selbst in dieser Tonart zu singen, irgend so einen ewig jungen
+Schiller zu entzücken, fast sogar zu begeistern für mich, und dann ihn
+plötzlich wie mit einem Keulenschlage zu betäuben, plötzlich die
+begeisterte Maske herunterzureißen und ihm eine Grimasse zu schneiden,
+ihm die Zunge zu zeigen, und das gerade in dem Augenblick, wenn er am
+allerwenigsten eine solche Überraschung erwartete. Wie? Sie begreifen
+das nicht, Sie finden es vielleicht schändlich, dumm, gemein, nicht?“
+
+„Selbstverständlich finde ich das.“
+
+„Sie sind ziemlich aufrichtig. Nun, aber was kann ich dafür, wenn diese
+Kerls mich schließlich quälen! Auch ich bin dumm genug, aufrichtig zu
+sein, aber das ist nun mal mein Charakter. Übrigens will ich Ihnen noch
+so einige Episoden aus meinem Leben erzählen. Sie werden mich dann
+besser verstehen und das wird sehr interessant sein. Ja, Sie haben
+recht, ich erinnere heute vielleicht wirklich an einen Hanswurst, aber
+ein Hanswurst ist doch aufrichtig, nicht wahr?“
+
+„Hören Sie, Fürst, es ist jetzt spät und wirklich ...“
+
+„Was? Gott, welche Ungeduld! Was eilt denn so? Lassen Sie uns doch ein
+wenig sitzen, wir können bei der Gelegenheit ganz freundschaftlich und
+aufrichtig reden, so, wissen Sie, beim Glase Wein, wie es sich guten
+Freunden ziemt. Sie glauben, ich sei betrunken? Na, um so besser für
+Sie! Hahaha! In der Tat, diese freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben
+einem nachher immer so lange noch im Gedächtnis und man denkt mit solch
+einer Wonne an sie zurück. Sie sind kein guter Mensch, Iwan Petrowitsch!
+Es ist keine Sentimentalität in Ihnen, Sie gehören nicht zu den
+Gefühlvollen. Nun, was macht es Ihnen denn aus, ein bis zwei Stunden für
+solch einen Freund zu opfern, wie ich es bin? Außerdem gehört das doch
+durchaus zur Sache ... Wie sollten Sie denn das nicht verstehen, – Sie,
+ein Schriftsteller noch dazu! Sie müßten doch den Zufall einfach segnen.
+Sie können ja mich als Modell benutzen und einen großartigen Typ
+schaffen, hahaha! Gott, wie reizend offenherzig ich heute bin!“
+
+Der Wein stieg ihm augenscheinlich schon zu Kopf. Sein Gesicht
+veränderte sich und nahm einen gewissermaßen verbissenen boshaften
+Ausdruck an. Offenbar empfand er das Verlangen, zu verletzen, zu
+verspotten, womöglich zu beißen. „Ganz gut, daß er betrunken ist,“
+dachte ich, „ein Betrunkener ist immer schwatzhaft und verrät sich in
+der Regel.“ Doch ich täuschte mich: er vergaß sich keinen Augenblick und
+verfolgte einen besonderen Zweck.
+
+„Mein Freund,“ hub er an – ersichtlich war ihm das Reden ein Genuß –
+„ich habe Ihnen soeben ein Geständnis gemacht, das vielleicht nicht ganz
+am Platze war. Ich meine, daß ich bisweilen den unbezwingbaren Wunsch
+empfinde, irgend jemandem unter gewissen Umständen die Zunge zu zeigen.
+Zum Dank für diese meine naive und gutmütige Offenheit vergleichen Sie
+mich mit einem Hanswurst, was mich von Herzen erheitert hat. Doch wenn
+Sie mir darob Vorwürfe machen wollen, oder sich darüber wundern, daß ich
+Ihnen gegenüber unhöflich oder sogar unanständig sei, kurz – plötzlich
+einen anderen Ton angeschlagen habe, so sind Sie durchaus im Unrecht.
+Erstens paßt es mir nun einmal so, und zweitens bin ich nicht bei mir,
+sondern mit _Ihnen_ ... will sagen, wir gehen jetzt beide _durch_, wie
+es gute Freunde öfters tun; und drittens – liebe ich über alles Launen.
+Wissen Sie auch, daß ich einmal aus Laune sogar Metaphysiker und
+Philantrop gewesen bin und mich fast mit denselben Ideen abgegeben habe,
+wie Sie heute? Übrigens liegt das so unendlich weit zurück, – in den
+goldenen Tagen meiner Jugend war es mal! Ich weiß noch, ich fuhr damals
+auf mein Gut, getragen von den humansten Absichten und, versteht sich,
+grämte mich und sehnte mich ganz gottverboten. Aber Sie glauben nicht,
+was dann mit mir geschah: vor lauter Langeweile begann ich, bei netten
+Mädchen Zerstreuung zu suchen ... Schneiden Sie schon wieder eine
+Grimasse? O, mein junger Freund! Wir sind doch ganz unter uns und sind
+gute Freunde! Wann soll man denn sonst durchgehen, wann sich einmal
+auftun, alle Hüllen zurückschlagen! – ich bin doch eine russische Natur,
+eine unverfälschte russische Natur, bin Patriot, – wie sollte ich es da
+nicht lieben! Und man muß doch den Augenblick erhaschen und das Leben
+genießen. Sterben wir – was gibt’s dann noch? Nun, und so trieb ich es
+denn mit den Mädeln. Ich entsinne mich noch, eine Hirtin hatte einen
+Mann, ein hübscher junger Bursche war’s. Ich bestrafte ihn schmerzhaft
+und wollte ihn unter die Soldaten stecken – vergangene Zeiten, mein
+Poet! – tat es aber dann doch nicht. Er starb in meinem Krankenhause ...
+Ich hatte doch auf meinem Gut ein Krankenhaus errichtet, für zwölf
+Betten – großartig! Sauberkeit, parkettierter Fußboden und so weiter ...
+Jetzt ist es natürlich schon längst eingegangen, damals aber war ich
+sehr stolz auf mein Werk: ich war doch Philantrop! Nun, den Burschen
+aber hatte ich seines Weibchens wegen dort zu Tode geprügelt ... Ja,
+aber weshalb fabrizieren Sie denn schon wieder eine Grimasse? Es ekelt
+Sie an? Empört Ihre edlen Gefühle? Na, na, beruhigen Sie sich. Das ist
+ja schon lange her. Das tat ich damals, als ich Romantiker war, als ich
+ein Wohltäter der Menschheit werden und eine Philantropische
+Gesellschaft gründen wollte ... ich war eben in solches Fahrwasser
+hineingeraten. Damals drosch ich denn auch. Jetzt unterlasse ich es;
+jetzt muß man Grimassen schneiden; das tun wir doch jetzt alle, – es ist
+nun mal solch eine Zeit ... Doch am meisten amüsiert mich im Augenblick
+dieser Dummkopf Ichmenjeff. Ich bin überzeugt, daß er von diesem ganzen
+Vorfall mit dem Burschen unterrichtet war ... und was glauben Sie?
+Einzig aus Herzensgüte, da sein Herz aus Jungfernhonig geschaffen zu
+sein scheint, und weil er sich damals in mich geradezu verliebt hatte –
+entschloß er sich, keinem Wort davon Glauben zu schenken und – tat es
+auch nicht! Verstehen Sie: er glaubte dem Beweise nicht, leugnete die
+Tatsache und stand zwölf Jahre lang wie ein Fels für mich ein, bis es
+ihm dann selbst an den Kragen ging. Hahaha! Na, das ist ja doch alles
+Unsinn! Trinken wir, mein junger Freund: Sagen Sie: wie verhalten Sie
+sich zu den Weibern? Lieben Sie sie?“
+
+Ich antwortete nichts. Ich biß die Zähne zusammen und hörte nur zu. Er
+hatte bereits die zweite Flasche begonnen.
+
+„Ich rede mit Vorliebe abends nach dem Essen von ihnen. Soll ich Sie
+nicht nachher mit einer bekannt machen – Mademoiselle Philiberte, zum
+Beispiel – wie? Was meinen Sie? Ja, was fehlt Ihnen denn? Sie wollen
+mich nicht einmal ansehen ... hm!“
+
+Er dachte nach. Doch plötzlich hob er den Kopf, sah mich ganz
+eigentümlich an und fuhr fort:
+
+„Sehen Sie, mein Poet, ich will Ihnen ein Naturgeheimnis aufdecken,
+eines, das Ihnen, wie es scheint, noch ganz unbekannt ist. Ich weiß, daß
+Sie mich im Augenblick einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken,
+ein Monstrum der Verderbnis und des Lasters nennen. Doch hören Sie, was
+ich Ihnen sagen werde. Wenn es nur möglich wäre – ^en parenthèse^: der
+menschlichen Natur gemäß ist es absolut unmöglich – also, wenn es
+möglich wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes Innenleben beschriebe,
+jedoch so, daß er nicht nur das, was er für keinen Preis den Menschen
+sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten
+würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt,
+einmal mit größter Wahrheitstreue beschriebe, so würde es doch in der
+Welt einen solchen Gestank geben, daß wir alle ersticken müßten. Deshalb
+sind denn auch, nochmals ^en parenthèse^, unsere gesellschaftlichen
+Anstandsregeln und Gesetze so zweckentsprechend und segensreich. Es
+liegt ein tiefer Gedanke in ihnen, – ich will nicht sagen, daß es gerade
+ein sittlicher sei, aber einfach ein erhaltender, bequemer, was
+natürlich noch besser ist, denn die Sittlichkeit ist ja doch im Grunde
+nur Bequemlichkeit ... das heißt, ich meine, sie ist doch einzig zur
+Bequemlichkeit erfunden. Doch von den Anstandsregeln später, ich komme
+immer wieder vom Thema ab – erinnern Sie mich nachher daran. Sie
+beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, Ausschweifung, Unsittlichkeit,
+während man mir doch jetzt vielleicht nur das eine vorwerfen könnte, daß
+ich _aufrichtiger_ bin als die anderen, und weiter nichts; daß ich das
+nicht geheim halte, was die anderen sogar vor sich selbst verbergen, wie
+ich vorhin sagte. Das ist allerdings eine Schändlichkeit von mir, aber
+ich will es nun einmal so. Übrigens – beunruhigen Sie sich nicht,“
+unterbrach er sich mit einem spöttischen Lächeln, „ich sagte
+‚vorwerfen‘, aber ich will mich ja durchaus nicht entschuldigen oder Sie
+um Entschuldigung bitten. Und beachten Sie auch das noch: ich will Sie
+nicht in Verlegenheit setzen, indem ich Sie frage: ‚haben Sie nicht auch
+ähnliche Geheimnisse?‘ – um mit Ihren Geheimnissen dann auch mich in
+etwas zu rechtfertigen ... Ich handle also anständig und gentlemanlike.
+Überhaupt ist letzteres stets meine Richtschnur ...“
+
+„Sie sind einfach ins Schwätzen gekommen,“ sagte ich und sah ihn mit
+Verachtung an.
+
+„Ins Schwätzen ... hahaha! Und wenn man bedenkt, welche Frage Sie dabei
+am meisten plagt! Soll ich’s sagen? Sie fragen sich: weshalb hat er mich
+hierhergeschleppt und plötzlich mir nichts dir nichts angefangen, mir
+alles das zu erzählen? Hab ich’s getroffen?“
+
+„Ja.“
+
+„Na, das werden Sie später erfahren.“
+
+„Die einfachste Antwort ist aber: Sie haben zwei Flaschen Wein getrunken
+und sind ... berauscht.“
+
+„Das heißt, einfach betrunken. Auch das ist möglich. ‚Berauscht‘! Das
+ist ja wohl eine höflichere Ausdrucksform. O, Sie in Zartgefühl
+getauchter Mann! Aber ... ich glaube, wir verfallen schon wieder in
+Liebenswürdigkeiten und begannen doch gerade mit einem so interessanten
+Thema. Ja, was ich sagen wollte, mein Poet: wenn es in der Welt noch
+etwas Reizendes und Süßes gibt, so sind es die Weiber.“
+
+„Ich verstehe nicht, Fürst, weshalb es Ihnen eingefallen ist, gerade
+mich zum Zuhörer zu wählen, wenn Sie Ihre Geheimnisse und Liebes ...
+erlebnisse zum besten geben wollen.“
+
+„Hm! ... Ja – aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß Sie das nachher
+erfahren werden. Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, nehmen Sie
+meinethalben an, daß überhaupt kein besonderer Grund vorliegt. Sie sind
+doch ein Dichter, Sie werden mich verstehen – doch das habe ich Ihnen ja
+schon gesagt. Es liegt eine besondere Art Wollust in diesem plötzlichen
+Abreißen der Maske, in diesem Zynismus, in dem sich der Mensch einem
+anderen plötzlich so zeigt, daß er ihn nicht einmal würdigt, sich vor
+ihm zu schämen. Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war
+einmal in Paris ein verrückter Beamter; später wurde er in einer
+Irrenanstalt untergebracht, als man sich vollends überzeugt hatte, daß
+er verrückt war. Nun, also dieser Mann hatte sich folgendes zu seinem
+Vergnügen erdacht: er entkleidete sich zu Hause vollständig, nur die
+Stiefel behielt er an, nahm sich dann einen weiten Mantel um, der fast
+bis zu den Fersen reichte, hüllte sich in ihn ein und ging dann mit
+ernster, erhabener Miene hinaus auf die Straße. Von der Seite gesehen –
+ein Mensch in einem Mantel spaziert dort wie alle anderen zu seinem
+Vergnügen. Sobald es sich aber so machte, daß ihm jemand entgegenkam,
+ringsum aber kein anderer Mensch zu sehen war, so ging er mit dem
+ernstesten und vertrauenerweckendsten Gesicht auf ihn zu, blieb dann
+plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen Mantel auf und zeigte sich in
+seiner ganzen ... Naturtreue. Das dauerte nur einen Augenblick, dann
+hüllte er sich wieder ein und schritt stumm, ohne auch nur mit einem
+Gesichtsmuskel zu zucken, an dem sprachlos ihn Anstarrenden vorüber,
+ruhig, majestätisch, wie der Geist von Hamlets Vater. So tat er es mit
+allen, Männern, Frauen, Kindern, und darin bestand sein ganzes
+Vergnügen. Nun, einen Teil dieses Vergnügens kann man auch dann
+empfinden, wenn man einem jungen Schillerianer plötzlich einen solchen
+Keulenhieb versetzt und ihm die Zunge zeigt in einem Augenblick, in dem
+er am wenigsten so etwas erwartet. Hm, – wie gefällt Ihnen das Wörtchen
+‚Keulenhieb‘? Ich habe es irgendwo in unserer – pardon! – in Ihrer
+modernen Literatur aufgestöbert.“
+
+„Jener war ein Verrückter, Sie aber ...“
+
+„Ich aber bin bei vollem Verstande?“
+
+„Ja.“
+
+Der Fürst begann zu lachen.
+
+„Sie urteilen sehr richtig, mein Lieber,“ fügte er mit der
+unverschämtesten Miene nur kurz hinzu.
+
+„Fürst,“ begann ich empört über seine Frechheit, „Sie hassen uns und
+jetzt wollen Sie sich an allen und für alles rächen. Und das tun Sie nur
+aus der kleinlichsten Eigenliebe heraus. Sie sind boshaft, und kleinlich
+boshaft. Wir haben Sie geärgert; und vielleicht ärgern Sie sich noch
+mehr als über alles andere zusammengenommen über – jenen Abend!
+Selbstverständlich konnten Sie sich dafür mit nichts so gut an mir
+rächen als mit dieser grenzenlosen Verachtung, die Sie mir jetzt
+bezeugen. Sie lassen sogar die alltäglichste Höflichkeit, um nicht zu
+sagen Anständigkeit zu der wir alle verpflichtet sind, außer acht. Sie
+wollen mir so deutlich wie möglich zeigen, daß Sie sich nicht einmal vor
+mir schämen – da ich es in Ihren Augen wohl auch nicht ‚wert‘ bin –,
+indem Sie so unverhohlen und unerwartet Ihre scheußliche Maske abreißen
+und sich in einem sittlichen Zynismus präsentieren, der ...“
+
+„Wozu sagen Sie mir denn das alles?“ fragte er, mich frech und boshaft
+betrachtend. „Um Ihren Scharfblick zu beweisen?“
+
+„Um zu beweisen, daß ich Sie durchschaue und um Ihnen das mitzuteilen.“
+
+„^Quelle idée, mon cher!^“ Er verfiel wieder in den früheren
+heiter-gutmütigen Plauderton. „Sie haben mich jetzt nur vom Thema
+abgelenkt. ^Buvons, mon ami^, erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke.
+Ich hatte gerade die Absicht, Ihnen ein entzückendes und höchst
+interessantes Abenteuer zu erzählen. Ich will es nur so in großen Zügen
+wiedergeben. Ich war einmal mit einer Dame bekannt. Sie war nicht mehr
+ganz jung, sondern so zwischen sieben- und achtundzwanzig; dafür aber
+eine erstklassige Schönheit. Welch eine Büste, welche Haltung, welcher
+Gang! Ihr Blick war durchdringend scharf, hatte etwas Adlerhaftes, doch
+blieb er stets streng und hart; in ihrem Benehmen war sie königlich
+unnahbar. Es hieß von ihr, sie sei kalt wie ein sibirischer Winter, und
+mit ihrer fast grausamen Tugend flößte sie allen Schrecken ein. Ja,
+‚grausamen‘! Im ganzen Kreise gab es keinen strengeren Richter als sie.
+Sie verurteilte nicht nur das Laster, sondern sogar die geringste
+Schwäche an den anderen Frauen, und verurteilte erbarmungslos, ohne
+Rücksicht und Appellationsmöglichkeit. Ihr Einfluß, ihre Bedeutung in
+der Gesellschaft, waren unermeßlich. Selbst die stolzesten Damen und
+wegen ihrer Tugend am meisten gefürchteten Greisinnen beugten sich vor
+ihr und suchten sich sogar bei ihr einzuschmeicheln, während sie auf
+alle gleichmütig erhaben herabblickte, wie etwa eine Äbtissin eines
+mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen und Mädchen zitterten vor
+ihr und erbleichten unter ihrem Blick, denn sie wußten, daß eine
+Bemerkung, nur eine Andeutung von ihr genügte, um einen Ruf zu
+vernichten – so groß war nun einmal ihr Ansehen in der Gesellschaft.
+Sogar die Herren fürchteten sie. Zum Schluß versenkte sie sich in einen
+gewissen philosophischen Mystizismus, in dem sie aber übrigens ebenso
+ruhig und erhaben blieb. ... Und was glauben Sie: es gibt kein Weib, das
+verderbter sein könnte als es diese war. Und ich hatte das Glück, ihr
+Vertrauen im vollsten Maße zu gewinnen. Mit einem Wort – ich war ihr
+heimlicher Geliebten. Die Zusammenkünfte wußte sie aber so geschickt, so
+meisterhaft geschickt zu arrangieren, daß nicht einmal jemand von ihren
+Hausgenossen auch nur den geringsten Verdacht schöpfen konnte. Nur ihre
+Kammerzofe, eine nette kleine Französin, war in alle ihre Geheimnisse
+eingeweiht; doch auf diese Zofe konnte man sich vollkommen verlassen,
+denn sie war gleichfalls an den Geheimnissen beteiligt – inwiefern – das
+übergehe ich diesmal. Meine Dame war aber so erotisch lüstern, daß
+selbst der Marquis de Sade von ihr noch hätte lernen können. Doch das
+Stärkste, das Durchdringendste und Erschütterndste an dieser Wollust war
+– die Heimlichkeit und die Unverschämtheit des Betruges. Diese
+Verhöhnung alles dessen, was die Gräfin in der Gesellschaft als Höchstes
+und Heiligstes pries, was sie über Moral und Sittlichkeit sprach, und
+schließlich dieses innerliche teuflische Gelächter, mit dem sie es tat,
+dieses bewußte Unter-die-Füße-treten und Verleugnen alles dessen, was
+man doch nicht verleugnen kann – und alles das grenzenlos, bis zum
+äußersten getrieben, bis zu einem Grade, den sich auch die wildeste
+Phantasie nicht träumen lassen könnte – sehen Sie, darin lag die
+Quintessenz dieses Genusses. Sie war der leibhaftige Teufel, ein Teufel
+von Fleisch und Blut, aber dieser Teufel war doch so bezaubernd, daß ihm
+niemand hätte widerstehen können. Ich vermag auch jetzt noch nicht, ohne
+Begeisterung an dieses Weib zurückzudenken. Gerade in der Glut des
+heißesten Genusses begann sie plötzlich zu lachen – wie eine
+Wahnsinnige, und ich begriff, begriff vollkommen dieses Gelächter und
+stimmte selbst ein in ihr unbändiges Lachen. Auch jetzt noch stockt mir
+der Atem, bei der bloßen Erinnerung daran, obschon es vor so vielen
+Jahren war. Nach einem Jahr verabschiedete sie mich; sie nahm einen
+anderen. Selbst wenn ich gewollt hätte – ich hätte ihr doch nicht
+schaden können. Wer hätte es mir denn geglaubt? – Nun, wie finden Sie
+diesen Charakter? Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?“
+
+„Pfui, welch ein Ekel!“ sagte ich angewidert.
+
+„Sie wären nicht mein junger Freund, wenn Sie anders geantwortet hätten!
+Ich wußte es ja, daß Sie genau so antworten würden. Hahaha! Warten Sie,
+^mon ami^, Sie werden noch leben und es dann auch begreifen, jetzt aber
+– jetzt muß ich Ihnen noch ein Törtchen servieren. Nein, wenn Sie das
+nicht verstehen, dann sind Sie kein Dichter: diese Frau begriff das
+Leben und sie verstand, es auszunutzen.“
+
+„Aber weshalb es denn so bis zum Tierischen treiben?“
+
+„Wieso, bis zum Tierischen?“
+
+„Zu dem diese Frau gelangte und Sie mit ihr.“
+
+„Ah, Sie nennen das tierisch, – ein Zeichen, daß Sie noch unselbständig
+am Kindergängelbande gehen. Übrigens ... ich gebe ja gern zu, daß es
+Selbständigkeit auch in der direkt entgegengesetzten Anschauungsweise
+geben kann, aber ... reden wir einfacher, ^mon ami^ ... Sie müssen doch
+zugeben, daß alles das Unsinn ist!“
+
+„Was ist denn nicht Unsinn?“
+
+„Nicht Unsinn ist – die Persönlichkeit, die bin ich selbst. Alles ist
+für mich, die ganze Welt ist nur für mich geschaffen. Hören Sie, mein
+Freund, ich glaube noch daran, daß man auf Erden gut leben kann. Das
+aber ist der beste Glaube, denn ohne ihn kann man ja nicht einmal
+schlecht leben: da müßte man sich vergiften. Ein Dummkopf soll es auch
+getan haben. Er philosophierte so lange, bis er mit seiner Philosophie
+alles zerstört hatte, alles, sogar die Gesetzmäßigkeit aller normalen
+und natürlichen Pflichten der Menschen, und er ging darin so weit, daß
+ihm zum Schluß nichts mehr übrig blieb: der Rest war gleich Null, und so
+verkündete er denn, daß das Beste im Leben Blausäure sei. Sie werden
+sagen: das war Hamlet, Hamlets grausame Verzweiflung, – mit einem Wort,
+irgend so etwas Großes, an das wir überhaupt nicht zu denken pflegen.
+Aber Sie sind ja Dichter, während ich ein gewöhnlicher Mensch bin, und
+deshalb sage ich Ihnen, daß man nur vom praktischsten und gewöhnlichsten
+Gesichtspunkt aus auf die Sache sehen muß. Ich zum Beispiel habe mich
+schon längst von allen Fesseln und sogar Pflichten befreit. Ich
+betrachte mich nur dann zu etwas verpflichtet, wenn mir daraus irgend
+ein Vorteil erwächst. Sie können sich natürlich nicht auf diesen
+Standpunkt stellen, Ihre Füße sind in Fesseln verwickelt und Ihr
+Geschmack ist krank. Sie philosophieren nach dem Maßstab des Ideals.
+Aber, mein Lieber, ich wäre doch selbst mit dem größten Vergnügen zu
+jeder Anerkennung, die Sie nur wünschen, bereit, bloß – was soll ich
+denn tun, wenn ich genau weiß, daß die Grundlage jeder menschlichen
+Tugend der größte Egoismus ist. Und je tugendhafter etwas ist, um so
+mehr Egoismus ist darin. Liebe dich selbst, – das ist das einzige
+Gesetz, das ich anerkenne. Das Leben ist in meinen Augen ein
+Handelsgeschäft: für nichts gibt’s nichts. Werfen Sie nicht umsonst Ihr
+Geld fort, aber, falls nötig, zahlen Sie für die Bewirtung und Sie
+kommen damit all Ihren Verpflichtungen nach, die Sie Ihrem Nächsten
+schuldig sind – das ist meine Moral, wenn es Sie zu wissen interessiert
+... Doch gestehe ich Ihnen, daß es meiner Meinung nach noch besser ist,
+seinem Nächsten nicht zu zahlen, sondern es zu verstehen, ihn kostenlos
+auszunutzen. Ideale habe ich nicht und will sie auch nicht haben;
+gesehnt habe ich mich nach ihnen niemals. Es läßt sich auch ohne Ideale
+so lustig, so reizend auf der Welt leben ... und ^en somme^ bin ich sehr
+froh, daß ich ohne Blausäure auskommen kann. Denn – wäre ich nur ein
+wenig tugendhafter, so würde ich vielleicht doch nicht ohne sie
+auskommen, wie jener Dummkopf von Philosoph – zweifellos ein Deutscher
+... Nein! Im Leben gibt es noch soviel Begehrenswertes! Ich liebe
+Einfluß, Rang und Titel, ein eigenes Palais, einen hohen Einsatz beim
+Spiel – überhaupt liebe ich das Spiel leidenschaftlich. Aber die
+Hauptsache, die Hauptsache sind doch – die Weiber ... Weiber jeder
+Kategorie; ich liebe sogar ganz heimliche, dunkle Ausschweifung, so eine
+etwas seltsamere und originellere, sogar ein wenig mit Schmutz zur
+Abwechslung ... Hahaha! Da sehe ich Ihr Gesicht: mit welch einer
+Verachtung Sie mich jetzt anblicken!“
+
+„Darin haben Sie recht.“
+
+„Nun, sagen wir, daß Sie recht haben, aber in jedem Fall ist doch dieser
+Schmutz immer noch besser als Blausäure. Nicht wahr?“
+
+„Nein, da ist doch Blausäure besser.“
+
+„Ich fragte Sie mit Absicht ‚nicht wahr‘, nur um mich an Ihrer Antwort
+zu ergötzen. Ich wußte, was Sie antworten würden. Nein, mein Freund,
+wenn Sie ein aufrichtiger Menschenfreund sind, so wünschen Sie allen
+klugen Leuten den Geschmack, den ich habe, also auch am Schmutz Gefallen
+zu finden, denn sonst würde doch ein kluger Mensch bald nichts auf der
+Welt zu tun haben und es blieben einzig die Dummköpfe übrig. Was die
+dann glücklich wären! Aber wissen Sie, es gibt nichts Angenehmeres als
+unter Dummköpfen zu leben und zu allem, was sie reden, stets ‚Gewiß,
+gewiß, sehr richtig!‘ zu sagen. Sie ahnen nicht, wie vorteilhaft das
+ist! Beachten Sie es weiter nicht, daß Vorurteile mir gefallen, daß ich
+mich nach gewissen Bedingungen richte, mich um größeren Einfluß bemühe.
+Ich sehe doch, daß ich in einer leeren Gesellschaft lebe. Aber es ist
+vorläufig ein warmer Platz, und ich stimme ihnen bei und tue, als stände
+ich wie eine Mauer für sie, und dabei wäre ich bei Gelegenheit der
+erste, der sie verläßt. Ich kenne doch alle Ihre neuen Ideen, wenn ich
+auch um ihretwillen nie leide – wozu auch? Gewissensbisse habe ich nie
+empfunden. Ich bin mit allem einverstanden, wenn es nur mir gut geht.
+Und solcher wie ich gibt es unter uns Legionen, und wir sind auch
+wirklich glücklich. Alles in der Welt kann untergehen, nur wir allein
+werden nie untergehen. Wir existieren ebenso lange wie die Welt
+existiert. Sollte auch die ganze Erde irgendwo im All ertrinken, wir
+würden selbst dann wie Fett an die Oberfläche kommen und wieder obenauf
+schwimmen. Nehmen Sie nur dies eine: sehen Sie doch, wie lebenszäh
+solche Menschen wie wir sind. Wir sind doch phänomenal zäh! – ist Ihnen
+das noch nicht aufgefallen? Wir leben achtzig, leben sogar neunzig
+Jahre! Folglich kann man sagen, daß die Natur selbst uns beschützt,
+hehehe ... Ich will unbedingt neunzig Jahre leben. Ich liebe den Tod
+nicht, ich fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, wie man noch mal sterben
+wird! Doch wozu davon reden! Dieser verd... Blausäuren-Philosoph hat
+mich ja nur darauf gebracht. Hol der Teufel die ganze Philosophie.
+^Buvons, mon cher.^ Wir begannen doch, wenn ich nicht irre, von den
+netten Mädeln ... Wohin wollen Sie?“
+
+„Ich gehe, und auch für Sie wäre es Zeit ...“
+
+„^Eh bien, eh bien!^ Hören Sie mal, das geht so nicht: ich habe hier
+mein ganzes Herz vor Ihnen ausgebreitet, und Sie wollen einen so
+seltenen Freundschaftsbeweis nicht einmal würdigen! Hehehe! Es steckt
+wenig Liebe in Ihnen, mein Poet. Warten Sie, ich will noch eine Flasche
+...“
+
+„Die dritte?“
+
+„Die dritte. Was die Tugend betrifft, mein Zögling – Sie erlauben mir
+doch, Sie mit diesem Kosewort anzureden? – und wer weiß, vielleicht
+fallen meine Lehren noch auf fruchtbaren Boden ... Also, mein Zögling,
+was die Tugend betrifft, so habe ich Ihnen ja schon gesagt: je
+tugendhafter die Tugend ist, um so mehr liegt in ihr Egoismus. Als
+Beispiel hierfür will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich
+liebte einmal ein junges Mädchen und liebte sie fast aufrichtig. Sie hat
+mir sogar manches geopfert ...“
+
+„Ist das dieselbe, die Sie bestohlen haben?“ fragte ich plötzlich in
+beleidigendem Tone, denn ich wollte mich nicht mehr beherrschen.
+
+Der Fürst zuckte zusammen, sein Gesicht veränderte sich und er sah mich
+mit seinen entzündeten Augen unverwandt an: in seinem Blick lag
+verständnislose Verwunderung und Wut.
+
+„Warten Sie,“ sagte er wie zu sich selbst, „warten Sie, lassen Sie mich
+nachdenken. Ich bin in der Tat betrunken, es fällt mir schwer, zu denken
+...“
+
+Er verstummte und sah mich böse und gehässig an, während er meine Hand
+festhielt, als fürchte er, daß ich fortgehen könnte. Ich bin überzeugt,
+daß er sein Denken krampfhaft anspannte, um zu erraten, woher ich von
+diesem seinem Erlebnis, von dem doch so gut wie niemand etwas wußte,
+erfahren haben konnte, und ob nicht darin irgendeine Gefahr lag? So
+verharrte er eine Weile regungslos. Plötzlich veränderte sich sein
+Gesicht: der frühere spöttische, trunken heitere Ausdruck erschien
+wieder in seinen Augen. Er lachte laut auf.
+
+„Ha–ha–ha! O Talleyrand! Nun, was, ich stand allerdings wie bespien vor
+ihr, als sie es mir so ins Gesicht warf, daß ich sie bestohlen habe! Wie
+sie kreischte, wie sie mich segnete! Ein verrücktes Frauenzimmer ... und
+ohne jede Dressur. Aber so urteilen Sie doch selbst: erstens, hatte ich
+sie durchaus nicht bestohlen, wie Sie sich ausdrückten – sie hatte mir
+das Geld geschenkt und folglich gehörte es mir. Nehmen wir an, Sie
+schenken mir Ihren besten Frack,“ – er warf einen kritischen Blick auf
+meinen einzigen und ziemlich billigen Frack, den mir vor drei Jahren der
+Schneider Iwan Skornjägin genäht hatte – „ich bin Ihnen dankbar und
+trage ihn, nach einem Jahr aber ärgern Sie sich plötzlich über mich und
+da verlangen Sie von mir den Frack zurück, ich aber habe ihn schon
+vertragen ... So etwas ist unfein. Weshalb haben Sie ihn mir denn
+geschenkt? Und zweitens hätte ich ihr das Geld, das mir und nicht mehr
+ihr gehörte, unfehlbar zurückgegeben, aber, nicht wahr: wo hätte ich im
+Augenblick eine so große Summe hernehmen können? Und vor allen Dingen
+kann ich nun mal Schäferspiele und Schillerianer nicht ausstehen, wie
+ich Ihnen schon sagte, nun, das aber war eben die ganze Veranlassung ...
+Sie glauben nicht, wie sie vor mir Theater spielte, als sie schrie, daß
+sie mir das Geld schenke – das Geld, das mir gehörte! Das machte mich
+wütend und plötzlich sah ich ganz richtig ein – meine Geistesgegenwart
+verläßt mich nie in solchen Augenblicken – daß ich sie ja einfach
+unglücklich machen würde, wenn ich ihr das Geld zurückgeben würde. Damit
+hätte ich ihr doch den Genuß geraubt, _durch mich_ vollkommen
+unglücklich zu sein und mich ihr Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie
+mir, mein Freund, in einem solchen Unglück liegt sogar ein gewisser
+Rausch, wenn man sich selbst so vollkommen im Recht fühlt und wenn man
+weiß, daß man großmütig gehandelt hat und berechtigt ist, den Beleidiger
+einen Schurken zu nennen. Das sind natürlich zumeist Schillernaturen,
+die sich an ihrem Haß so berauschen können. Vielleicht hat sie später
+nichts zu essen gehabt, aber ich bin überzeugt, daß sie glücklich war.
+Und da ich sie dieses Glückes nicht berauben wollte, sandte ich ihr das
+Geld nicht zurück. Somit ist meine Theorie durchaus gerechtfertigt, daß,
+je lauter und größer die menschliche Großmut ist, man bei genauerer
+Beobachtung einen um so größeren und widerlicheren Egoismus hinter ihr
+entdeckt ... Sollte Ihnen das wirklich nicht klar sein? ... Aber ... Sie
+wollten mir ja nur ein Bein stellen und mich fangen, ha–ha–ha! ... Nun,
+so gestehen Sie doch, daß Sie’s wollten? ... O, Sie Talleyrand!“
+
+„Adieu!“ sagte ich, und ich stand entschlossen auf.
+
+„Einen Augenblick! Nur noch zwei Worte zum Schluß!“ rief er, mich
+zurückhaltend, aus, und plötzlich in ernstem Ton, im Gegensatz zu seiner
+bisherigen widerlich frivolen Weise. „Hören Sie nur noch das Letzte an,
+das ich Ihnen zu sagen habe: aus all dem Gesagten geht, denke ich, klar
+und deutlich hervor – ich hoffe, daß auch Sie es gemerkt haben –, daß
+ich niemals und unter keiner Bedingung meinen Vorteil jemandem opfern
+werde. Ich liebe Geld und ich brauche es. Katherina Fedorowna ist sehr
+reich: ihr Vater war zehn Jahre lang Branntweinpächter. Sie hat drei
+Millionen Rubel, und dieses Geld wird mir sehr zustatten kommen.
+Aljoscha und Katjä sind wie geschaffen füreinander; beide sind sie
+Dummköpfe erster Sorte, und das ist es gerade, was ich bedarf. Deshalb
+wünsche und will ich, daß sie sich heiraten, und zwar möglichst bald.
+Nach zwei, höchstens drei Wochen werden die Gräfin und Katjä Petersburg
+verlassen. Aljoscha muß sie begleiten. Ich wünsche es so. Bereiten Sie
+also Natalja Nikolajewna darauf vor: damit es zu keinen Szenen kommt und
+keine Schillerrollen gespielt werden, und sie sich nicht etwa gegen mich
+auflehnt. Ich bin rachsüchtig und böse von Natur; ich werde meinen
+Willen durchsetzen. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich sie fürchte.
+Selbstverständlich wird alles nach meinem Willen geschehen und deshalb
+geschieht es fast nur in ihrem Interesse, wenn ich sie warnen lasse.
+Also sorgen Sie dafür, daß es keine Dummheiten gibt und sie sich
+vernünftig benimmt. Anderenfalls würde es ihr schlimm ergehen, sehr
+schlimm. Müßte sie mir doch allein schon dafür dankbar sein, daß ich
+nicht so, wie es sich eigentlich gehört hätte, mit ihr verfahren bin,
+einfach gesetzmäßig. Wissen Sie auch, mein Poet, daß das Gesetz die
+Familie beschützt: das Gesetz garantiert dem Vater für den Gehorsam des
+Sohnes, und diejenigen, die die Kinder von ihren Pflichten den Eltern
+gegenüber ablenken, stehen nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Und
+ziehen Sie gefälligst auch das in Betracht, daß ich überaus
+einflußreiche Verbindungen habe, wessen sie sich nicht im geringsten
+rühmen kann, und – begreifen Sie denn nicht, was ich mit ihr tun könnte?
+... Ich habe aber noch nichts getan, weil sie sich bisher noch
+vernünftig verhielt. Während dieses halben Jahres haben achtsame Augen
+jede ihrer Bewegungen beobachtet und ich wurde von jedem letzten Detail
+in Kenntnis gesetzt. Und ich wartete ruhig ab, bis der Zeitpunkt kommen
+würde, an dem Aljoscha sie von selbst verläßt, was ja jetzt bereits der
+Fall ist; vorläufig aber ist es für ihn eine nette Zerstreuung. Und so
+bin ich in seinen Augen der humane Vater geblieben, und das wünsche ich
+gerade, daß er so über mich denkt. Ha–ha–ha! Wenn ich bedenke, daß ich
+ihr beinahe Komplimente gesagt habe – damals, an jenem Abend – und mich
+bei ihr quasi bedankt habe für ihre uneigennützige Großmut, die sie
+darin bewiesen, daß sie ihn nicht geheiratet – ich möchte bloß wissen,
+wie sie das angestellt hätte! Und was meinen damaligen Besuch bei ihr
+betrifft, so ging ich nur deshalb zu ihr, weil es doch endlich Zeit war,
+mit diesem Verhältnis ein Ende zu machen. Ich mußte mich von allem
+persönlich überzeugen, das war es ... Nun, sind Sie jetzt
+zufriedengestellt? Oder wollen Sie vielleicht noch erfahren, wozu ich
+Sie hierher geführt, weshalb ich diese Gespräche vom Zaun gebrochen und
+so rückhaltlos offen gewesen bin, während man dies auch ohne jede
+Offenheit Ihnen hätte mitteilen können – ja?“
+
+„Ja.“
+
+Ich bezwang mich gewaltsam und wartete. Zu sagen hatte ich ihm nichts
+weiter.
+
+„Einzig deshalb, mein Freund, weil ich in Ihnen ein wenig mehr Vernunft
+und klaren Blick bemerkt habe, als sie unsere Närrchen besitzen. Sie
+hätten auch früher schon wissen, ahnen, erraten können, wer ich bin,
+vielleicht hatten Sie auch schon in bezug auf mich manche Vermutungen
+entwickelt, doch nun wollte ich Sie dieser ganzen Mühe überheben und so
+entschloß ich mich, Ihnen anschaulich zu zeigen, _mit wem Sie es zu tun
+haben_. Ein persönlicher Eindruck will immer viel sagen. Bemühen Sie
+sich also, mich zu verstehen, mon ami. Sie wissen, wer ich bin, und da
+hoffe ich denn, daß Sie, der Sie sie lieben, Ihren ganzen Einfluß – den
+Sie zweifellos auf sie haben – daransetzen werden, um sie von
+Handlungen, die _gewisse_ Scherereien nach sich ziehen könnten,
+abzuhalten. Sollte das nicht der Fall sein, so wird es Scherereien
+geben, und ich versichere Ihnen, versichere Ihnen allen Ernstes, daß es
+keine leichten Scherereien sein werden. Nun und dann – der dritte Grund
+meiner Offenheit ... aber Sie haben ihn ja doch schon erraten, mein
+Lieber: ja, ich wollte in der Tat diese ganze Geschichte einmal etwas
+anspeien, und zwar gerade vor Ihnen ...“
+
+„Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ sagte ich, zitternd vor Empörung.
+„Ich gebe zu, daß Sie mit nichts Ihre Wut auf uns und die ganze
+Verachtung, die Sie für mich und uns alle empfinden, so gut hätten
+ausdrücken können wie gerade mit dieser Offenheit. Sie haben nicht nur
+nicht befürchtet, daß diese Offenheit Sie in meinen Augen
+kompromittieren könnte, Sie haben sich sogar nicht einmal vor mir
+geschämt ... Sie erinnerten in der Tat an jenen Verrückten, der nackt
+auf die Straße ging. Sie haben mich nicht für einen Menschen gehalten,
+mich wenigstens nicht zu den Menschen gezählt ...“
+
+„Sie haben es erraten, mein junger Freund,“ sagte er ruhig. Er erhob
+sich. „Sie haben alles erraten: Sie sind doch nicht umsonst Literat. Ich
+hoffe, daß wir uns friedlich trennen werden. Brüderschaft jedoch werden
+wir wohl nicht trinken?“
+
+„Sie sind betrunken, nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so wie es sich
+gehörte ...“
+
+„Wieder ein unvollendeter Satz. – Weshalb sprechen Sie es nicht aus, wie
+es sich zu antworten gehörte? Hahaha! Für Sie zu zahlen erlauben Sie mir
+nicht?“
+
+„Beruhigen Sie sich, ich zahle selbst.“
+
+„Nun, zweifellos. – Wir haben wohl nicht denselben Weg?“
+
+„Ich werde nicht mit Ihnen fahren.“
+
+„Adieu, mein Poet. Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben ...“
+
+Er verließ mich – wie ich bemerkte, mit etwas unsicheren Schritten –
+ohne sich noch nach mir umzuwenden. Der Portier half ihm beim
+Einsteigen. Ich ging meiner Wege. Es war gegen drei Uhr morgens. Es
+regnete, die Nacht war dunkel ...
+
+
+
+
+ Vierter Teil
+
+
+ I.
+
+Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so
+ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so
+überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so
+überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen
+schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich,
+daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es
+war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und
+schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für
+Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden,
+und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen,
+vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der
+endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung
+ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich
+erschreckend schnell.
+
+Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte,
+obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins
+Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein
+Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte
+Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür
+gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht
+und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im
+Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so
+wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände
+zitterten.
+
+„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr
+niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen.
+
+Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und
+stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als
+habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre
+Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie
+aber sprach immer weiter wie im Fieber.
+
+Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es mir unmöglich, sie zu
+bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: sie klammerte sich
+krampfhaft an mich, immer als fürchte sie sich maßlos und bitte mich,
+sie zu beschützen; und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie
+wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, damit ich nur
+nicht fortginge. Ich war aber von all dem Erlebten so nervös geworden,
+und diese letzte Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als
+ich so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen sah,
+plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls krank. Als sie meine
+Tränen bemerkte, sah sie mich lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft
+angespannter Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu
+geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich sehr schwer.
+Endlich löste sich die Spannung in ihren Zügen, und ein Gedanke erhellte
+ihr Gesicht. Ich wußte, daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall
+gewöhnlich eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte und daher
+vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal war es ebenso: sie
+strengte sich vergeblich an, etwas zu sagen, doch als sie erriet, daß
+ich sie nicht verstehen konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus
+und wischte mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie ihren Arm um
+meinen Hals und küßte mich.
+
+Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen epileptischen Anfall
+gehabt, und zwar in einem Augenblick, als sie bei der Tür gestanden.
+Nachher wird sie dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht
+war ihr dann in den Delirien irgend etwas Furchtbares erschienen, was
+sie so mit Angst erfüllt hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar
+daran gedacht, daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen würde,
+und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei meinem ersten Klopfen
+zu erheben.
+
+„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick zur Tür?“ fragte ich
+mich, und plötzlich bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß sie ihren
+kleinen Pelz angezogen hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer
+alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir Kredit gewährte,
+dieses Mäntelchen für sie erstanden. Folglich mußte sie doch im Begriff
+gewesen sein, das Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu
+Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? Oder sollte sie auch
+da schon im Fieber halb bewußtlos gewesen sein?
+
+Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen sein: sie lag
+bewußtlos auf dem Bett und phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits
+hatte sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch diesmal schien
+sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich saß wohl über eine halbe Stunde bei
+ihr am Bett, dann machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und
+legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich aufstehen
+zu können, falls sie mich rief. Das Licht ließ ich brennen. Bevor ich
+einschlief, blickte ich noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war
+beängstigend bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen bemerkte
+ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand aber selbst im Schlaf nicht
+der Ausdruck von Angst und einer gewissen qualvollen Sorge. Ich
+beschloß, am nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, wenn
+sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. Ich befürchtete, sie
+könnte Nervenfieber bekommen.
+
+„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt hat!“ sagte ich
+mir und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie
+er von jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht geworfen.
+
+
+ II.
+
+... Es vergingen zwei Wochen. Nelly ging es besser. Zu einem
+Nervenfieber war es glücklicherweise nicht gekommen, aber trotzdem war
+sie nach dem Anfall sehr schwer erkrankt. An einem hellen klaren Tage
+gegen Ende April verließ sie zum erstenmal das Bett. Es war in der
+Karwoche.
+
+Armes kleines Geschöpf!
+
+Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren Weise fortsetzen. Jetzt,
+wo ich all dies niederschreibe, ist schon viel Zeit darüber vergangen,
+und dennoch kann ich nicht ohne bitteres Weh an dies bleiche, schmale
+Gesichtchen zurückdenken, an den tiefen Blick ihrer dunklen Augen, wenn
+wir allein waren und sie mich von ihrem Bett aus ansah, lange und
+regungslos, als wolle sie mich auffordern, zu erraten, was sie im Sinne
+hatte; und wenn sie dann sah, daß ich noch immer nichts erriet und sie
+verständnislos ansah, lächelte sie still, gleichsam in sich hinein, um
+dann plötzlich ihr heißes Händchen mit den hageren Fingerchen mir
+entgegenzustrecken. Jetzt gehört das alles schon der Vergangenheit an,
+alles hat sich entschieden und alles ist bekannt, nur das Geheimnis
+dieses kranken, gequälten kleinen Herzens ist mir auf immer noch ein
+Geheimnis geblieben.
+
+Ich weiß, daß es mich von der Erzählung ablenkt, aber ich kann nicht
+anders, ich will immer nur an Nelly denken. Wie seltsam ist es jetzt:
+ich liege im Hospital auf einem schlichten Krankenbett, vergessen von
+allen, die ich einst so geliebt ... Und wenn mir jetzt irgend etwas
+Nebensächliches aus jener Zeit einfällt, etwas, das ich damals
+vielleicht kaum bemerkt und bald vergessen hatte, so beginnt es hier in
+der Einsamkeit unmerklich zu wachsen und wird groß und größer und erhält
+eine ganz andere Bedeutung, wird zu etwas Ganzem, Abgerundetem, das mir
+nun manches erklärt, was ich damals nicht zu begreifen verstand.
+
+In den ersten vier Tagen ihrer Krankheit waren wir, der Arzt und ich,
+sehr besorgt um sie, am fünften Tage aber nahm mich der Arzt beiseite
+und sagte mir, daß ich mich beruhigen solle, denn sie werde bestimmt
+gesund werden. Es war das derselbe Arzt, der alte Junggeselle und
+gutmütige Sonderling, den ich schon bei Nellys erster Erkrankung
+konsultiert und der ihr mit seinem Stanislausorden am Halse so
+unendlichen Respekt eingeflößt hatte.
+
+„Dann ist also nichts mehr zu befürchten?“ fragte ich erfreut.
+
+„Nein, sie wird jetzt gesund werden, dann aber wird sie bald sterben.“
+
+„Wie das? Sterben? Weshalb denn?“ rief ich ganz erschrocken aus, fast
+verblüfft durch dieses seltsame Urteil.
+
+„Ja, sie wird unfehlbar bald sterben. Sie hat einen organischen
+Herzfehler und wird bei der geringsten Gemütserregung wieder so weit
+sein, daß sie ins Bett muß. Möglicherweise wird sie auch dann noch
+einmal gesund werden, aber jedenfalls nicht mehr auf lange.“
+
+„Und kann man sie denn wirklich nicht retten? Nein, das kann unmöglich
+so sein!“
+
+„Aber es ist so. Freilich ... wenn man alle Widerwärtigkeiten aus dem
+Wege räumen, ihr ein ruhiges, stilles Leben und verschiedene
+Vergnügungen bieten könnte, dann ließe sich der Tod noch etwas
+hinausschieben. Es gibt allerdings Fälle ... allerdings nur Ausnahmen
+... die in der Regel ganz unerwartet vorkommen, daß ... mit einem Wort,
+die Kleine könnte sogar unter gewissen überaus günstigen Umständen
+gerettet werden, auf immer gerettet aber – niemals.“
+
+„Ja, aber ... mein Gott, was soll man denn jetzt tun?“
+
+„Vor allen Dingen meine Vorschriften befolgen: sie muß ein ruhiges Leben
+führen und regelmäßig die Pulver einnehmen. Wie ich bemerkt habe,
+scheint die Kleine recht eigensinnig zu sein, vielleicht auch etwas
+launenhaft und spottlustig. Jedenfalls liebt sie es nicht sonderlich,
+pünktlich nach der Vorschrift die Pulver einzunehmen. Soeben weigerte
+sie sich doch mit allem Nachdruck.“
+
+„Ja, Sie haben recht. Sie ist in der Tat etwas sonderbar bisweilen, nur
+möchte ich das ihrer krankhaften Reizbarkeit zuschreiben. Gestern war
+sie sehr gehorsam; als ich ihr aber heute die Arznei brachte, nahm sie
+den Löffel scheinbar aus Versehen so unvorsichtig, daß sie alles
+verschüttete. Und als ich mit dem neuen Pulver kam, riß sie mir das
+Kärtchen aus der Hand und schleuderte es dorthin in den Winkel, worauf
+sie in Tränen ausbrach ... Doch glaube ich nicht, daß sie deshalb
+geweint hat, weil sie die Pulver einnehmen sollte.“
+
+„Hm! Nerven, nichts als Nerven! Das hängt mit dem früheren großen
+Unglück zusammen, daher auch ihre Krankheit. (Ich hatte dem Doktor
+ausführlich und offenherzig Nellys Lebensgeschichte erzählt, und meine
+Erzählung hatte einen sehr großen Eindruck auf ihn gemacht.) Das einzige
+Mittel dagegen sind diese Pulver, sie muß durchaus die Pulver einnehmen.
+Ich werde ihr noch einmal eine Vorlesung halten über die Pflicht, den
+ärztlichen Vorschriften nachzukommen ... das heißt im allgemeinen gesagt
+... die Pulver einzunehmen.“
+
+Wir verließen beide die Küche, wo unsere Unterredung stattgefunden, und
+der Doktor trat wieder ans Bett der Kranken. Nelly mußte unser Gespräch
+gehört haben, denn ich hatte aus der Küche bemerkt, wie sie den Kopf hob
+und angestrengt zu lauschen schien. Als sie uns jetzt kommen hörte,
+schlüpfte sie wieder unter die Decke und sah uns mit einem spöttischen
+Lächeln entgegen. Die Arme hatte in diesen vier Tagen ihrer Krankheit
+sehr abgenommen. Die Augen lagen in großen Höhlen und immer noch zehrte
+das Fieber an ihr. Um so seltsamer fiel ihr schelmischer, herausfordernd
+glänzender Blick auf, der meinen guten Doktor, den besten aller
+Deutschen in Petersburg, höchst verwundern mußte.
+
+Er sprach ernst, wenn auch nach Möglichkeit mit weicher Stimme und im
+zärtlichsten Ton auf sie ein, um sie von der Notwendigkeit und Heilkraft
+der Pulver zu überzeugen und daß es also die Pflicht jedes Kranken sei,
+dem Arzt zu gehorchen ... Nelly hob das Köpfchen, um die Medizin
+einzunehmen, stieß aber wie zufällig mit einer Handbewegung an den
+Löffel und die ganze Arzenei wurde wieder verschüttet. Ich bin fest
+überzeugt, daß sie es mit Absicht getan.
+
+„Das war eine sehr unangebrachte Unvorsichtigkeit,“ sagte ruhig der
+Alte, „und ich glaube, daß sie mit Absicht geschah, was durchaus nicht
+lobenswert ist. Doch ... man kann alles wieder gut machen, darum werde
+ich ein zweites Pulver zubereiten.“
+
+Nelly lachte ihm offen ins Gesicht. Der Doktor schüttelte methodisch den
+Kopf.
+
+„Das ist gar nicht schön,“ sagte er, „sehr, sehr wenig lobenswert.“
+
+„Ärgern Sie sich nicht über mich,“ antwortete ihm Nelly, die sich Mühe
+gab, nicht mehr zu lachen, „ich werde die Pulver einnehmen ... werden
+Sie mich aber dafür lieb haben?“
+
+„Wenn Sie sich lobenswert führen, werde ich Sie sehr lieb haben.“
+
+„Sehr?“
+
+„Sehr.“
+
+„Sonst aber lieben Sie mich nicht?“
+
+„Auch sonst liebe ich Sie.“
+
+„Würden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen wollte?“
+
+„Ja, wenn Sie es verdienen.“
+
+Nelly konnte wieder nicht mehr an sich halten und brach in Lachen aus.
+
+„Die Patientin scheint einen fröhlichen Charakter zu haben, doch jetzt –
+sind es nur Nerven,“ flüsterte mir der Doktor mit ernster Miene zu.
+
+„Nun schön, ich werde die Pulver nehmen!“ rief Nelly plötzlich mit ihrem
+schwachen Stimmchen dazwischen. „Doch wenn ich erwachsen sein werde,
+werden Sie mich dann heiraten?“
+
+Offenbar schien ihr dieser neue Scherz sehr zu gefallen; ihre Augen
+brannten und ihre Lippen zuckten vor Lachen in Erwartung einer Antwort
+des einigermaßen in Erstaunen gesetzten alten Doktors.
+
+„Nun, ja,“ antwortete er, unwillkürlich über diese neue Laune von ihr
+lächelnd, „wenn Sie gut und ein wohlerzogenes junges Mädchen sein
+werden, und gehorsam ...“
+
+„Die Pulver einnehmen werden?“ griff Nelly auf.
+
+„Oho! Stimmt! ... Die Pulver einnehmen werden. Ein gutes Kind ist sie,“
+wandte er sich wieder an mich, „in ihr ist viel, viel ... Gutes und
+Kluges, doch, heiraten ... was für eine sonderbare Idee ...“
+
+Und wieder reichte er ihr die Medizin, und diesmal tat sie es nicht
+einmal mehr versteckt, sondern schlug einfach mit ihrer Hand die Hand
+des Alten von unten in die Höh’, so daß ihm die ganze Medizin auf das
+Vorhemd und ins Gesicht spritzte. Dabei lachte sie laut auf, doch war es
+nicht mehr ein gutes oder fröhliches Lachen ... in ihrem
+Gesichtsausdruck lag etwas Grausames, Böses. Die ganze Zeit war sie
+meinem Blick ausgewichen, jetzt sah sie nur lächelnd den Doktor an, aber
+in ihrem Lächeln lag eine gewisse Unruhe und Erwartung, was der
+„lächerliche“ Alte jetzt tun würde.
+
+„O! schon wieder! ... Wie unangenehm! Nun ... man kann das Pulver noch
+einmal bereiten!“ Der Alte wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht
+ab.
+
+Das setzte Nelly wirklich in Erstaunen. Sie hatte unseren ganzen Zorn
+erwartet, hatte gedacht, daß man ihr Vorwürfe machen würde, was sie sich
+unbewußt vielleicht sogar herbeigewünscht – als Vorwand um gleich wieder
+weinen und schluchzen zu können, die Pulver umzuschütten wie vorhin,
+oder aus Ärger irgend etwas zu zerschlagen, um dadurch ihr verbittertes,
+schmerzendes Herz zu betäuben. Das geschieht auch mit anderen, nicht nur
+mit Kranken und nicht nur mit Nelly. Wie oft bin ich selbst im Zimmer
+auf und ab gegangen mit dem unbewußten Verlangen, durch irgendeinen
+Vorwand meinem Herzen Luft zu verschaffen. Wie oft verfallen Frauen,
+deren Herz voll tiefer Trauer, die sie niemandem mitteilen können, in
+Hysterie.
+
+Doch die Engelsgüte des von ihr beleidigten Alten und die Geduld, mit
+der er von neuem, zum dritten Male, das Pulver verfertigte, ohne ihr
+einen Vorwurf zu machen, entwaffnete Nelly vollständig. Das Lächeln
+verschwand von ihren Lippen, sie errötete und der Blick ihrer Augen
+verschleierte sich: sie streifte auch mich flüchtig mit ihrem Blick,
+wandte sich aber sofort wieder von mir ab. Der Doktor reichte ihr die
+Medizin. Sie nahm sie ruhig und bescheiden an, ergriff die rote,
+gedrungene Hand des Alten und sah ihm in die Augen.
+
+„Sind Sie böse, daß ich ...“ sie konnte ihren Satz nicht beenden; sie
+zog die Decke über den Kopf und fing an zu schluchzen.
+
+„O, mein Kind, weinen Sie nicht ... Das hat nichts zu sagen ... Das sind
+Nerven; trinken Sie etwas Wasser.“
+
+Doch Nelly hörte nicht auf ihn.
+
+„Beruhigen Sie sich ... regen Sie sich nicht so auf,“ dabei weinte er
+fast selbst vor Rührung, denn er war ein sehr gefühlvoller Mensch, „ich
+verzeihe Ihnen alles und werde Sie heiraten, wenn Sie bei gutem Betragen
+ein ehrliches Mädchen sein werden, und die ...“
+
+„Pulver einnehmen,“ hörte man unter der Decke wie ein dünnes Glöckchen,
+ihr nervöses von Schluchzen unterbrochenes Lachen, das mir so gut
+bekannt war.
+
+„Gutes, einsichtsvolles Kind!“ sagte der Doktor triumphierend und fast
+mit Tränen in den Augen. „Armes Mädchen!“
+
+Seit der Zeit entwickelte sich zwischen ihm und Nelly eine merkwürdige,
+innige Sympathie. Mir gegenüber wurde Nelly jedoch immer finsterer,
+nervöser und gereizter. Ich wußte nicht, wie ich mir diesen plötzlichen
+Umschwung in ihr erklären sollte. In den ersten Tagen ihrer Krankheit
+war sie zu mir so lieb und zärtlich gewesen; es schien, als könnte sie
+sich nicht sattsehen an mir, hielt meine Hand in ihrem heißen Händchen,
+und wenn sie bemerkte, daß ich erregt oder finster aussah, so bemühte
+sie sich, mich zu erheitern, scherzte, lachte und spielte mit mir,
+ungeachtet ihrer eigenen Schmerzen. Sie wollte nicht, daß ich arbeitete
+und die Nächte über wach saß und war unglücklich, wenn ich nicht auf sie
+hörte. Oft sah sie bekümmert und sorgenvoll aus und fragte mich, warum
+ich so traurig wäre und was ich auf dem Herzen hätte; doch sonderbar,
+kamen wir im Gespräch auf Natascha, so verstummte sie sofort und begann
+von was anderem zu reden. Sie schien es vermeiden zu wollen, von
+Natascha zu sprechen, und das wunderte mich. Wenn ich nach Hause
+zurückkehrte, so freute sie sich, griff ich nach der Mütze, so wurde sie
+finster und ein vorwurfsvoller Blick ihrer Augen begleitete mich.
+
+Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen Abend bis Mitternacht
+bei Natascha. Wir hatten viel zu bereden. Als ich das Haus verließ,
+versprach ich meiner Kranken bald zurückzukehren, was ich auch
+beabsichtigt hatte. Als ich nun zufällig länger bei Natascha blieb, war
+ich in betreff Nellys ganz ruhig: ich wußte, daß sie nicht allein
+geblieben. Bei ihr war Alexandra Ssemjonowna, die durch Masslobojeff,
+der einen Augenblick bei mir gewesen, erfahren, daß Nelly erkrankt sei
+und ich sie ganz allein pflegen mußte. Mein Gott, wie die gute Alexandra
+Ssemjonowna sich darüber aufgeregt hatte!
+
+„Also wird er auch Freitag nicht zu uns kommen! ... Und der Arme ist
+doch allein, ganz allein. Aber da wollen wir ihm wenigstens unser
+Mitgefühl zeigen und den Zufall nicht unbenutzt vorübergehen lassen.“
+
+Sie erschien sofort bei mir und brachte in der Droschke ein ganzes
+Bündel Sachen mit sich. Sie erklärte mir denn auch sofort, daß sie mich
+nicht mehr allein lassen würde und gekommen sei, um mir zu helfen; dabei
+öffnete sie ihr Bündel. In ihm waren eingemachte Früchte für die Kranke,
+Hühner für den Fall, wenn es der Kranken besser gehen sollte, Äpfel,
+Gebäck, Apfelsinen, Kiewer Bretzeln (für den Fall, daß der Doktor sie
+erlaubte), zuletzt Wäsche, Bettücher, Servietten, Frauenhemden,
+Kompressentücher – einfach ein ganzes Lazarett.
+
+„Wir haben ja alles,“ sagte sie, so schnell als möglich jedes Wort
+aussprechend, als eilte es sehr, „Sie aber leben als Junggeselle, Sie
+haben davon wenig. So erlauben Sie mir schon ... und auch Filipp
+Filippytsch hat es mir befohlen. Nun, was soll ich jetzt ... schnell,
+schnell! Was soll ich jetzt tun? Wie geht es ihr? Ist sie bei
+Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie liegt, man muß ihr das Kissen zurecht
+machen, damit ihr Kopf niedriger zu liegen kommt, wissen Sie was ...
+sollte nicht ein Lederkissen besser sein? Kühler. Ach, wie dumm ich bin!
+Mir ist es garnicht eingefallen, das Kissen mitzubringen. Ich werde es
+noch holen ... Soll ich nicht Feuer anmachen? Ich werde Ihnen meine Alte
+schicken. Ich habe eine Alte, Sie haben ja gar keine weiblichen
+Dienstboten ... Nun, was soll ich jetzt tun? Was ist das? Die Medizin
+hat der Doktor verschrieben? Wahrscheinlich Brusttee? Ich werde sofort
+das Feuer anmachen ...“
+
+Ich beruhigte sie und sie war sehr erstaunt, sogar betrübt, daß es gar
+nicht so viel zu tun gab wie sie sich gedacht hatte. Doch, im übrigen,
+wie gesagt, beruhigte sie sich demnach bald; sie befreundete sich sofort
+mit Nelly und hat mir viel zur Zeit ihrer Krankheit geholfen. Sie
+besuchte uns jeden Tag und immer schien es, als hätte sie etwas versäumt
+und müßte es wieder einholen. Auch fügte sie zu allem hinzu, daß so
+Filipp Filippytsch befohlen hätte. Nelly gefiel ihr sehr. Sie liebten
+sich bald wie zwei Schwestern und ich glaube, daß Alexandra Ssemjonowna
+in vielem noch ebenso ein Kind wie Nelly war. Sie erzählte ihr
+verschiedene Geschichten, erheiterte sie und Nelly schien sich bald ohne
+sie zu langweilen. Bei ihrem ersten Erscheinen setzte die Kranke sie in
+Verwunderung, die es sofort erriet, warum der ungerufene Gast eigentlich
+gekommen war und sie ihrer Gewohnheit nach denn auch finster, schweigsam
+und unfreundlich empfing.
+
+„Warum ist sie gekommen?“ fragte mich unzufrieden Nelly, als Alexandra
+Ssemjonowna uns verlassen hatte.
+
+„Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.“
+
+„Warum? Wofür? Ich habe ihr doch nichts Gutes getan?“
+
+„Gute Menschen warten nicht darauf, Sie helfen auch ohnedem, wo es
+nottut. Es gibt auf der Welt sehr viel gute Menschen, Nelly. Es ist nur
+ein Unglück, daß du ihnen nicht begegnet bist, als es nötig war.“
+
+Nelly schwieg; ich entfernte mich auf einen Augenblick. Nach einer
+Viertelstunde rief sie mich mit ihrem schwachen Stimmchen selbst zu sich
+und bat um Wasser. Plötzlich aber umarmte sie mich und preßte ihr
+Köpfchen an meine Brust. Am andern Tage, als Alexandra Ssemjonowna
+wieder kam, empfing sie diese mit freundlichem, wenn auch verschämtem
+und etwas schuldbewußtem Lächeln.
+
+
+ III.
+
+An diesem Tage hatte ich den ganzen Abend bei Natascha zugebracht. Als
+ich zurückkehrte, schlief Nelly bereits. Auch Alexandra Ssemjonowna war
+ganz schlaftrunken und erwartete mich am Krankenbette. Sie teilte mir
+eilig, leise flüsternd mit, daß Nelly zuerst sehr lustig gewesen und
+sogar gelacht habe, als ich aber nicht zurückgekehrt sei, sei sie
+traurig, schweigsam und nachdenklich geworden. Sie habe über
+Kopfschmerzen geklagt, geweint und so geschluchzt, daß Alexandra
+Ssemjonowna nicht gewußt, was mit ihr anfangen. Sie habe auch mit ihr
+über Natalja Nikolajewna gesprochen, doch als sie ihr nichts darauf
+antworten konnte, hätte sie aufgehört, davon zu sprechen, geweint und
+zuletzt sei sie dann unter Tränen eingeschlafen. „Nun, leben Sie wohl,
+Iwan Petrowitsch; jetzt ist es ihr leichter, wie es mir scheint, ich muß
+auch nach Haus, so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Ich muß Ihnen
+gestehen, daß er mich diesmal nur auf zwei Stunden entlassen, und ich
+bin bereits viel länger hiergeblieben. Doch, was tut’s, beunruhigen Sie
+sich nicht meinetwegen, er wird es nicht wagen ... nur, mein lieber Iwan
+Petrowitsch, was soll ich tun: er kommt jetzt immer betrunken nach Haus!
+Er ist mit sich irgendwie sehr beschäftigt, spricht kein Wort mit mir,
+macht sich Sorgen, ich weiß es, und am Abend kommt er betrunken nach
+Haus ... Ich habe gedacht: wenn er nun nach Hause zurückgekehrt ist, wer
+wird ihn dann dort empfangen haben? Nun, ich fahre schon, ich fahre!
+Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch. Habe mir dort Ihre Bücher angesehen:
+wieviel Bücher Sie haben, und alles ernste, kluge Bücher; ich Dumme,
+habe noch nie etwas gelesen ... Also, auf morgen ...“
+
+Am nächsten Morgen erwachte Nelly finster und sprach kein Wort mit mir.
+Nur ungern antwortete sie auf meine Fragen, als wäre sie mir böse. Ich
+bemerkte nur hin und wieder einen ihrer Blicke, mit denen sie mich
+heimlich verfolgte; in ihnen lag viel verhaltenes Herzeleid und
+unterdrückte Zärtlichkeit, was sonst, wenn sie mich gerade anschaute,
+nicht der Fall war. An diesem Tage spielte sich denn auch die
+Arzenei-Szene mit dem Doktor ab; ich wußte nicht, was ich denken sollte.
+
+Nellys Verhalten zu mir veränderte sich jetzt vollständig. Ihr seltsames
+Wesen, ihre Launen, ja, ihr Haß gegen mich steigerten sich bis zu der
+Katastrophe, die unser ganzes Zusammenleben abbrach. Doch davon später.
+
+Es geschah übrigens, daß sie von Zeit zu Zeit, wie früher, zärtlich zu
+mir war. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu
+verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie bitter in diesen Momenten.
+Doch diese Stunden vergingen sehr schnell wieder; sie verfiel dann
+wieder in ihren früheren Kummer, sah mich feindlich an, wurde launisch,
+wie damals mit dem Doktor, und wenn sie bemerkte, daß irgendeiner ihrer
+neuen Streiche mich unangenehm berührte, so brach sie in Lachen aus, das
+dann in Tränen endete.
+
+Selbst gegen Alexandra Ssemjonowna hatte sie sich unfreundlich benommen,
+ihr gesagt, daß sie nichts von ihr brauche. Als ich ihr in Gegenwart von
+Alexandra Ssemjonowna darüber Vorwürfe machte, brauste sie auf,
+verstummte dann und sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir, wollte
+keine Medizin einnehmen, weder trinken noch essen, und nur der alte
+Doktor verstand es noch mit ihr umzugehen.
+
+Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem Doktor ein merkwürdiges
+Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu
+haben und begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er kam, wie
+traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen gewesen sein mochte. Der
+Alte wiederum besuchte sie jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage,
+und als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das Bett schon
+verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert zu haben, daß er ohne
+sie den Tag nicht verleben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über
+sich zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte ihr
+Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte ihr Süßigkeiten und
+Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal erschien er dann mit besonders
+feierlicher Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly sofort
+erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. Das Geschenk zeigte er
+aber nicht gleich, sondern lächelte nur pfiffig und setzte sich neben
+Nelly mit der Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut
+aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, daß so ein
+junges Mädchen würdig einer Belohnung sei. Dabei sah er sie so gutmütig
+und herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, wenn sie ihm auch
+offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige und zärtliche Dankbarkeit
+aufleuchtete. Zuletzt erhob sich dann der Alte feierlich, zog ein
+Kästchen mit Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit der
+Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen Frau Gemahlin.“
+
+In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher als Nelly.
+
+Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit und medizinische
+Ratschläge.
+
+„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten streben,“ sagte er zu
+ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich darum, um leben zu bleiben,
+immer gesund zu sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, mein
+liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so vergessen sie ihn, oder
+besser, trachten Sie, nicht an ihn zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer
+haben, dann denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie an
+Vergnügungen und Spiel.“
+
+„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – fragte Nelly.
+
+Der Doktor war nicht wenig verblüfft ...
+
+„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das Ihrem Alter ansieht; oder
+so ... etwas Ähnliches ...“
+
+„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ sagte Nelly. „Ich liebe
+zum Beispiel neue Kleider.“
+
+„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger gut. Man muß mit seinem
+bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht
+... man kann auch neue Kleider lieben.“
+
+„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, wenn ich Ihre Frau
+sein werde?“
+
+„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig unwillig. Nelly lachte
+schelmisch und vergaß sich sogar so weit, daß sie auch mir zulächelte.
+„Übrigens, warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, wenn
+Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte er versöhnlicher hinzu.
+
+„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag Pulver einnehmen?“
+
+„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“
+
+Jetzt lächelte auch der Doktor.
+
+Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte ihrem Beispiel,
+er freute sich über ihre Fröhlichkeit.
+
+„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. „Doch aus alledem
+spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“
+
+Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen
+sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt nicht mehr mit mir sprechen, als
+wäre ich in irgend etwas schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich
+ärgerte mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht mehr
+mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich bereits darüber. Sie
+weinte oft, und ich wußte wirklich nicht, womit ich sie beruhigen
+sollte. Übrigens einmal brach sie doch das Schweigen mit mir.
+
+Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach Haus und bemerkte, wie
+Nelly unter ihrem Kissen ein Buch versteckte. Das war mein Roman, den
+sie jetzt wieder in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte sie
+ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ dachte ich und
+tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als
+ich auf einen Augenblick in die Küche ging, sprang sie schnell aus dem
+Bett und legte das Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah
+ich es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; in ihrer
+Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen hatte sie kein Wort mit mir
+gesprochen.
+
+„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit erstickter Stimme.
+
+„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“
+
+Nelly schwieg.
+
+„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit schwacher Stimme.
+
+„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“
+
+„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser Stimme hinzu.
+
+Wieder trat Schweigen ein.
+
+„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann Nelly von neuem. Ein
+furchtsamer Blick streifte mich dabei.
+
+„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen verwundert.
+„Hast du es denn schlecht bei mir?“
+
+„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie bereden mich doch, zu
+ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber möchte ich nicht. – Hat sie eine
+Magd?“
+
+„Ja.“
+
+„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie bedienen. Ich
+werde alles für sie tun und werde keine Belohnung von ihr annehmen; ich
+werde sie lieben und ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“
+
+„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was denkst du eigentlich von
+ihr: glaubst du denn wirklich, daß sie das zulassen würde? Wenn sie dich
+schon zu sich nehmen sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr,
+als ihre jüngere Schwester.“
+
+„Nein, das will ich nicht ...“
+
+„Warum nicht?“
+
+Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen.
+
+„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich.
+
+Ich war erstaunt.
+
+„Woher weißt du das, Nelly?“
+
+„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern fragte ich den
+Mann von Alexandra Ssemjonowna; er erzählte mir alles.“
+
+„War denn Masslobojeff hier?“
+
+„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder.
+
+„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“
+
+„So ...“
+
+Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum dieser Masslobojeff
+sich hier geheimnisvoll herumtrieb, und was für Beziehungen er hier
+angeknüpft haben mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen.
+
+„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“
+
+„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, ohne mich anzusehen.
+„Wenn Sie sie aber so lieben, so werden Sie sie doch heiraten, wenn der
+andere fort fährt.“
+
+„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, ja und ich ...
+Nein, das wird nicht sein, Nelly.“
+
+„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie würden glücklich
+sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich anzusehen.
+
+„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und mein ganzes Innere
+tat mir weh. Nelly verstummte und sprach den Abend kein Wort mehr mit
+mir. Als ich fortgegangen war, weinte sie den ganzen Abend; wie
+Alexandra Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen ein.
+Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im Traum phantasierte sie.
+
+Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und verschlossener. Mit mir
+sprach sie überhaupt nicht mehr. Es geschah wohl, daß ich hin und wieder
+einen verstohlenen und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll
+unsäglicher Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur Augenblicke
+und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer finsterer und verschlossener,
+sogar der Doktor wunderte sich über diese Veränderung in ihrem
+Charakter. Inzwischen hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit
+Erlaubnis des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte.
+Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. Es war in der Karwoche,
+als ich eines Morgens ausging; ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber
+Nelly versprochen, früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren zu
+gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben.
+
+Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer Schlag mich traf,
+als ich damals nach Hause zurückkehrte! Schon draußen auf der Treppe
+fiel es mir auf, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich
+trete ein: es war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch
+erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben
+beschrieben:
+
+ „Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr wieder. Ich liebe
+ Sie aber sehr.
+
+ Ihre treue Nelly.“
+
+Ich schrie auf und stürzte hinaus.
+
+
+ IV.
+
+Kaum war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu werden, wohin ich
+mich wenden sollte, als plötzlich vor unserem Haustor eine Droschke
+hielt; aus der Droschke stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly,
+die sie fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch einmal
+entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu.
+
+„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich.
+
+„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, dort werden Sie
+alles erfahren,“ sagte Alexandra Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen
+zu erzählen habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu.
+„Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie sollen alles sofort
+erfahren.“
+
+Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche Neuigkeiten
+mitzuteilen hatte.
+
+„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu ihr, als wir ins
+Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es ist doch kein Spaß, nach der
+Krankheit so herumzulaufen! Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber
+wollen hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“
+
+Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen.
+
+Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan und bedeckte
+ihr Gesicht mit beiden Händen.
+
+Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna berichtete mir so
+schnell als möglich den Tatbestand. Später erfuhr ich noch weitere
+Einzelheiten.
+
+Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly zwei Stunden vor
+meiner Rückkunft davongelaufen und hatte sich zuerst zum alten Doktor
+begeben. Seine Adresse hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der
+Doktor, wie er erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er
+plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während ihres Daseins
+habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ „Ich kann es auch jetzt noch
+nicht glauben,“ fügte er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde
+es nie und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock in seinem
+Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich hineinstürzte und, ehe er
+zur Besinnung gekommen war, sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte
+sich an ihn, weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos sie
+zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei mir nicht mehr leben
+wolle noch könne und darum von mir fortgegangen sei; daß sie leide; daß
+sie nie mehr über ihn lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde,
+sondern sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie sich
+unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt gehorsam sein und
+jeden Tag, so viel er wolle, Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war
+vor Schreck so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich
+zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen.
+
+„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so wie ich Sie
+verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie bei mir aufnehme. Doch, das
+ist – unmöglich! Sie sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über
+wenig Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu überlegen
+... Das ist schrecklich! Und außerdem sind Sie, so weit es mir scheint,
+einfach davongelaufen. Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und
+schließlich habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig
+spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, Sie aber
+verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach zu mir, wo Sie sich doch
+schonen und ... und ... Medizin einnehmen sollten. Und schließlich ...
+schließlich, verstehe ich überhaupt nichts ...“
+
+Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an zu weinen, ihn
+anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen des Alten nahm immer mehr
+zu und er konnte schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly
+auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag unwohl,“ schloß der
+Alte seine Erzählung, „und nahm zur Nacht ein Pulver ein.“
+
+Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich ihr die Adresse
+bekannt war, fand sie die Wohnung doch nur mit großer Mühe. Masslobojeff
+war zu Haus. Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem Kopf
+zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, vortrug. Auf ihre
+Fragen: warum es ihr Wunsch sei und ob sie es bei mir so schwer habe,
+antwortete Nelly nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl.
+„Sie schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna,
+„daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly flehte, sie als
+Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, daß sie waschen und
+plätten könne. Darauf schienen sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die
+Meinung Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei sich zu
+behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten und man mich davon
+benachrichtigt hätte. Doch Filipp Filippytsch hatte sich dem durchaus
+widersetzt und befohlen, mir den Flüchtling sofort einzuhändigen.
+Unterwegs habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und getröstet, doch
+dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen angefangen. Auch Alexandra
+Ssemjonowna hatte dann vor Rührung geweint.
+
+„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; hat er dich denn
+etwa beleidigt, wie?“ fragte sie Nelly unter Tränen.
+
+„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“
+
+„Nun, warum willst du denn ...“
+
+„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann nicht ... ich bin so
+böse zu ihm ... er aber ist gut ... bei Ihnen würde ich nicht böse sein,
+ich würde arbeiten,“ antwortete sie, krampfhaft schluchzend.
+
+„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“
+
+„So ...“
+
+„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ schloß Alexandra
+Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. „Warum ist sie nur so trübsinnig?
+Wohl von Geburt so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“
+
+Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in den Kissen
+vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem Bett nieder, nahm ihre Hände
+und küßte sie. Sie entriß sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich
+wußte nicht, was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der
+alte Ichmenjeff ins Zimmer.
+
+„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ Verwundert sah er uns
+alle an.
+
+Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war ganz
+zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er wollte aber auf die
+Ermahnungen seiner Frau nicht hören, legte sich nicht, sondern fuhr fort
+– wie er sagte – „seine Geschäfte zu erledigen“.
+
+„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna mit neugierigen
+Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch hat mir befohlen, so schnell
+als möglich zurückzukommen. Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich auf
+ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“
+
+„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an ganz was anderes
+denkend.
+
+Ich beantwortete ihm seine Frage.
+
+„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit zu dir gekommen, Iwan
+...“
+
+Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen Besuch bereits
+erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna Andrejewna hatte endlich
+eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Das war nach einem
+geheimen Übereinkommen zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: ich
+hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, deren
+Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht worden war, sein Herz
+rühren und seinen Sinn ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen,
+daß sie jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. Er
+seinerseits wollte natürlich vor allem seine Anna Andrejewna befriedigen
+und dann hatte er selbst ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich
+später ausführlicher erzählen ...
+
+Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem ersten Besuch
+nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte sogar einen gewissen Haß aus, wenn
+man seinen Namen nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle
+Umstände sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die ihr Gesicht
+noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand ergriff und sie fragte: ob
+sie an Stelle seiner Tochter zu ihm kommen wolle?
+
+„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich selbst,“ schloß
+der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. Sie ist tot. Willst
+du ihren Platz in unserem Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“
+
+Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, erglänzte eine
+Träne.
+
+„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den Kopf zu erheben.
+
+„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz allein in der Welt. Du
+kannst doch nicht immer bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie
+im Elternhause.“
+
+„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ fügte sie hinzu,
+richtete sich auf und setzte sich dem Alten gegenüber aufs Bett. „Ich
+selbst bin böse, böser als alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“
+
+Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar ihre Lippen
+erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog sich vor innerer Erregung.
+Der Alte sah sie ganz verwundert an.
+
+„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht vergeben; sie
+wollen sie auf immer vergessen und an ihrer Stelle ein anderes Kind
+annehmen ... kann man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich
+denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen werden, so müssen Sie sich
+erinnern, daß ich Ihnen fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die
+Sie vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will nicht bei so
+grausamen Menschen leben; ich will nicht, ich will nicht! ...“
+
+Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen Blick zu.
+
+„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist erstanden, alles
+umarmt sich, alles versöhnt sich, allen wird vergeben ... Nur Sie ...
+Sie allein ... wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“
+
+Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien sie sich bereits lange
+vorbereitet zu haben, für den Fall, daß der Alte sie noch einmal
+auffordern sollte, zu ihm ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig
+erbleicht, auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid.
+
+„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? Ich mag’s nicht!“ rief
+Nelly plötzlich außer sich. „Ich werde ... werde ... betteln gehen!“
+
+„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ rief ich unwillkürlich
+aus, doch goß ich damit nur Öl ins Feuer.
+
+„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, als daß ich
+hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch meine Mutter hat gebettelt und
+als sie starb, sagte sie zu mir: sei arm und gehe lieber betteln, als
+... Zu betteln ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen
+Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen bitten ist keine
+Schande, das hat mir eine alte Bettlerin gesagt; und ich bin klein und
+kann mir nichts verdienen. Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse,
+böse, böser als alle; seht, wie böse ich bin!“
+
+Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer Tasse auf dem Tisch und
+warf sie zu Boden.
+
+„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend hinzu, – „da ist
+ja noch eine Tasse – ich werde auch die andere zerschlagen ... Woraus
+werden Sie dann Tee trinken?“
+
+Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, sich in dieser
+Besessenheit gehen zu lassen. Sie fühlte wohl, daß es nicht gut und
+eigentlich eine Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst
+innerlich immer mehr und mehr dazu auf.
+
+„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte der Alte, „oder ...
+oder ich begreife dieses Kind schon nicht mehr. Lebe wohl!“
+
+Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum Abschied. Er war wie
+zerschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt; ich war außer mir.
+
+„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als wir allein waren;
+„du solltest dich schämen, schämen! Nein, du bist nicht gut, du bist
+wirklich schlecht!“
+
+Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten nach. Ich wollte ihn
+wenigstens bis zum Haustor begleiten, um ihm ein paar Worte zur
+Beruhigung zu sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys
+erblaßtes Gesichtchen.
+
+Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt.
+
+„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen Kummer, und mir fiel es
+ein, noch von meinem zu reden,“ sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte
+an ihre Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen nicht verstehen
+und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige den Hungrigen nicht
+verstehen kann. Nun, lebe wohl!“
+
+Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß mit der Hand ab.
+
+„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, daß sie dir nicht
+davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ fügte er mit Erbitterung hinzu
+und beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, wobei er mit
+seinem Spazierstock laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug.
+
+Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung gewesen.
+
+Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly nicht im Zimmer
+vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich suchte sie auf dem Treppenflur, auf
+der Treppe, rief ihren Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich
+konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen sei.
+Und wie konnte sie fortlaufen? Es gab doch nur ein Haustor; sie mußte
+also an mir vorbeigeschlüpft sein, als ich mit dem Alten gesprochen?
+Doch bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf der Treppe
+versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, und um dann hinter
+meinem Rücken hinauszulaufen. Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr
+weit gekommen sein.
+
+Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, sie zu suchen, und ließ
+die Wohnung auf alle Fälle offen.
+
+Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber nicht zu Haus,
+weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. Ich hinterließ ihnen einen Zettel,
+in dem ich Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu ihnen
+kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf ging ich zum Doktor: der
+war gleichfalls nicht zu Haus, nur die Magd erklärte mir, daß niemand
+dagewesen sei. Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr
+dort von der Frau des Sargmachers, daß die Wirtin seit dem gestrigen
+Tage sich auf der Polizei befinde. Nelly hatte man aber seit jenem Tag
+nicht mehr wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder zu
+Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu Hause. Mein Zettel
+lag noch auf dem Tisch. Was sollte ich tun?
+
+In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach Hause begeben. Ich
+mußte diesen Abend zu Natascha gehen, sie selbst hatte mich bereits am
+Morgen rufen lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen;
+der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir aufkommen lassen.
+
+„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten das wirklich nur die
+Folgen der Krankheit sein? Hat sie nicht am Ende ihren Verstand
+verloren? Doch, mein Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum
+hatte ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir
+entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand dort an einem
+Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich wollte auf sie zulaufen, doch
+blieb ich plötzlich stehen: „Was mag sie hier machen?“ dachte ich und
+ich beschloß, da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren konnte,
+hier zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen ungefähr zehn
+Minuten, sie stand immer noch und blickte auf die Vorübergehenden.
+Endlich kam ein gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn zu:
+der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der Tasche und gab’s ihr. Sie
+schien ihm zu danken. Ich kann es nicht beschreiben, was ich in diesem
+Augenblick empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, als wäre
+etwas Teures, das ich liebte und hegte, in diesem Augenblick, vor mir
+beschmutzt und beschimpft worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen.
+
+Ja, Tränen über Nelly, zu gleicher Zeit fühlte ich etwas Unversöhnliches
+gegen sie: sie hatte nicht aus Not gebettelt; sie war durchaus nicht der
+Macht des Schicksals überlassen gewesen, sie war nicht ihren Peinigern
+entlaufen, sondern ihren Freunden, die sie liebten und hegten. Als hätte
+sie jemand damit schrecken und in Erstaunen setzen wollen, ja, fast
+schien sie damit zu prahlen! In ihrer Seele war etwas Geheimnisvolles
+aufgetaucht ... Der alte Ichmenjeff hatte recht, sie war verwundet, und
+ihre Wunde wollte nicht vernarben; sie schien durch dieses
+geheimnisvolle und mißtrauische Verhalten uns gegenüber geradezu in
+ihrem Schmerz wühlen zu wollen, – als gewähre ihr dieser Schmerz, dieser
+_Egoismus des Leidens_, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine besondere
+Genugtuung. Dieses Gefühl der Genugtuung begriff ich durchaus: denn
+viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergeworfen und
+sich der Ungerechtigkeit desselben bewußt sind, müssen es empfinden.
+Doch über welche Ungerechtigkeit konnte sich Nelly uns gegenüber
+beklagen? Sie schien mit ihren Launen, mit ihren wilden Ausbrüchen uns
+gegenüber sich geradezu selbst überbieten zu wollen! Doch warum hatte
+sie jetzt gebettelt, da sie sich von uns nicht gesehen glaubte? Fand sie
+denn wirklich darin einen Genuß? Wozu brauchte sie dieses Geld?
+
+Als sie das Geld von dem Fremden in Empfang genommen hatte, verließ sie
+die Brücke und blieb vor den hellerleuchteten Fenstern eines Ladens
+stehen, um es zu zählen; ich stand zehn Schritt von ihr entfernt und
+konnte sehen, wie sie eine Menge Geldstücke in der Hand hielt. Offenbar
+hatte sie bereits vom Morgen an gebettelt. Darauf ging sie auf die
+andere Seite der Straße hinüber und trat in einen Laden. Ich folgte ihr
+sofort, blieb an der Tür des Ladens, die offen war, stehen, um zu sehen,
+was sie dort tun würde.
+
+Ich sah, wie sie ihr Geld auf den Ladentisch legte und man ihr dafür
+eine Teetasse zeigte, eine ganz billige Tasse, ähnlich derjenigen, die
+sie zerschlagen. – Sie wollte mir und dem alten Ichmenjeff doch zeigen,
+wie böse sie sein konnte. – Die Tasse kostete vielleicht im ganzen nur
+fünfzehn Kopeken, vielleicht sogar noch weniger. Der Kaufmann wickelte
+sie in ein Papier ein, umschnürte das Päckchen und übergab es Nelly, die
+eilig und mit zufriedenem Gesicht aus dem Laden trat.
+
+„Nelly!“ rief ich, als sie sich mir näherte. „Nelly!“
+
+Sie sah auf und zuckte zusammen, die Tasse entglitt ihrer Hand, fiel
+aufs Pflaster und brach in Scherben. Nelly erblaßte; als sie mich ansah
+und erriet, daß ich alles gesehen, errötete sie plötzlich; es war die
+Röte einer quälenden Scham. Ich nahm sie an der Hand und führte sie nach
+Hause; wir waren nicht mehr weit davon entfernt. Unterwegs sprach keiner
+von uns ein Wort. Nach Hause gekommen, setzte ich mich hin; Nelly blieb
+vor mir stehen, finster, nachdenklich und bleich stand sie da, die Augen
+zu Boden geschlagen. Sie konnte sich nicht überwinden mich anzusehen.
+
+„Nelly, du hast gebettelt?“
+
+„Ja!“ flüsterte sie, kaum hörbar.
+
+„Du wolltest Geld sammeln, um die zerschlagene Tasse wieder zu
+ersetzen?“
+
+„Ja ...“
+
+„Habe ich dir denn dieser Tasse wegen Vorwürfe gemacht? Siehst du denn
+wirklich nicht, Nelly, wieviel selbstzufriedene Bosheit in deiner
+Handlung liegt? Ist das wirklich gut von dir gehandelt? Schämst du ...“
+
+„Ich schäme mich,“ flüsterte sie kaum hörbar und über ihre Wange rollte
+eine Träne.
+
+„Du schämst dich ...“ wiederholte ich. „Nelly, meine Liebe, wenn ich vor
+dir schuldig bin, so vergib mir und wir wollen uns wieder versöhnen!“
+
+Sie sah mich an, brach in Tränen aus und umschlang mich mit ihren
+Ärmchen.
+
+In diesem Augenblick kam Alexandra Ssemjonowna.
+
+„Wie! Ist sie wieder zu Haus? Ach, Nelly, Nelly, was tust du uns an! Ein
+Glück, daß sie nun wenigstens wieder da ist ... Wo haben Sie sie
+gefunden, Iwan Petrowitsch?“
+
+Ich gab Alexandra Ssemjonowna zu verstehen, daß sie mich nicht fragen
+sollte, und sie schwieg sofort. Ich verabschiedete mich zärtlich von
+Nelly, die immer noch bitterlich weinte und bat die gute Alexandra
+Ssemjonowna, bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben, ich selbst lief
+zu Natascha. Ich hatte mich bereits verspätet und mußte eilen.
+
+An diesem Abend sollte sich unser Schicksal entscheiden: obgleich ich
+mit Natascha von vielen anderen Dingen zu reden hatte, erzählte ich ihr
+doch alles, was sich mit Nelly zugetragen. Meine Erzählung setzte
+Natascha geradezu in Erstaunen.
+
+„Weißt du, Wanjä,“ sagte sie nachdenklich, „mir scheint es, daß sie dich
+liebt.“
+
+„Wieso ... wie?“ rief ich ganz erstaunt.
+
+„Ja, mit der Liebe einer Frau ...“
+
+„Was du sagst, Natascha! Sie ist doch noch ein Kind!“
+
+„Das bald vierzehn Jahre alt sein wird. Ihre Verbitterung kann nur daher
+kommen, weil du deinerseits ihre Liebe nicht bemerkst und sie ihrerseits
+wiederum sich selbst nicht versteht; ihre Verbitterung äußert sich wohl
+ganz kindlich, ist aber darum nicht weniger ernst und quälend für sie.
+Und dann – sie ist auf mich eifersüchtig. Du bist so mit mir
+beschäftigt, daß du zu Hause wohl nur an mich denkst und von mir
+sprichst, ihr aber wenig Aufmerksamkeit schenkst. Sie hat das bemerkt
+und ist gekränkt. Sie hat vielleicht das Bedürfnis, ihr Herz vor dir
+auszuschütten, versteht es aber nicht, schämt sich und wartet auf eine
+Gelegenheit. Du aber verstehst sie nicht, läßt sie immer allein, sogar
+während ihrer Krankheit bist du zu mir gekommen und hast sie tagelang
+allein gelassen. Sie weint darüber, ihr tut es weh, daß du ihren Kummer
+nicht bemerkst. Auch in diesem Augenblick hast du sie meinetwegen wieder
+allein gelassen. Sie wird noch morgen davon krank sein. Und wie hast du
+sie jetzt nur allein lassen können. Gehe doch sofort zu ihr ...“
+
+„Ich hätte sie vielleicht nicht allein gelassen, aber ...“
+
+„Weil ich dich gebeten hatte zu kommen. Doch jetzt gehe ...“
+
+„Ich werde gehen, doch glaube ich natürlich von alledem nichts.“
+
+„Weil es so ungewöhnlich scheint. Bedenke aber, was sie durchgemacht,
+bedenke, daß sie anders aufgewachsen ist als wir ...“
+
+Es war trotzdem spät geworden, als ich zurückkehrte. Alexandra
+Ssemjonowna erzählte mir, daß Nelly wieder, wie an dem Abend, viel
+geweint habe und unter Tränen eingeschlafen sei, ganz wie damals.
+
+„Ich muß jetzt gehn, Iwan Petrowitsch,“ fügte sie hinzu, „so hat mir
+Filipp Filippytsch befohlen. Der Arme, er wartet auf mich.“
+
+Ich dankte ihr und setzte mich an Nellys Lager. Mir selbst lastete es
+schwer auf der Seele, daß ich sie in einem solchen Augenblick verlassen
+hatte. Lange, bis in die Nacht hinein, saß ich grübelnd an ihrem
+Bettchen – es war eine schwere, verhängnisvolle Zeit.
+
+Doch muß ich jetzt erzählen, was sich in diesen vierzehn Tagen
+ereignete.
+
+
+ V.
+
+Seit dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im Restaurant B.
+zugebracht hatte, lebte ich in einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit
+bedrohte dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich an ihr
+rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und erging mich in den
+unmöglichsten Kombinationen. Ich kam nur immer zu dem Schluß, daß seine
+Drohungen ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie noch zu
+Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. Denn er war kleinlich,
+rachsüchtig, berechnend und wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war
+daher auch durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch Natascha
+vergessen würde. In einem Punkte hatte er sich auch mir gegenüber
+entschieden ganz unzweideutig ausgesprochen: er verlangte die Lösung des
+Verhältnisses zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete von mir, daß
+ich Natascha auf die nahbevorstehende Trennung vorbereite, damit es
+keine sentimentalen Szenen gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm
+natürlich nur darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und ihn
+nach wie vor für einen zärtlichen Vater hielt. Damit mußte er durchaus
+rechnen, um über Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich denn
+vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von Aljoscha vorzubereiten.
+Auch in Natascha hatte ich in letzter Zeit eine starke Veränderung
+bemerkt; ihre frühere Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und
+nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu mir zu verhalten.
+Mein Trösten quälte sie nur; meine Fragen ärgerten sie, verbitterten sie
+sogar. Oft saß ich bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die
+Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, bleich,
+abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz und gar vergessen. Fiel
+dann einmal zufällig ihr Blick auf mich, so konnte sie ihr Gesicht
+ungeduldig und geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst über
+den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, und konnte sie es
+denn ohne Schmerz, ohne Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen,
+davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte nur ihre finstere
+Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht mit ihr darüber zu sprechen und
+erwartete mit Bangen, wie sich das alles entscheiden würde.
+
+Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und beunruhigte es mich
+sehr, doch zweifelte ich nicht an dem Herz meiner Natascha; ich sah, wie
+schwer sie es hatte und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das
+Einmischen von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse
+eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch war ich andererseits fest
+davon überzeugt, daß Natascha im letzten Augenblick doch zu mir kommen
+würde, um bei mir Trost und Frieden zu suchen.
+
+Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg ich natürlich, denn ich
+hätte sie damit nur noch aufgeregt und gekränkt. Ich sagte ihr so
+nebenbei, daß ich zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen wäre
+und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner Mensch sei. Ich war
+sehr froh, daß sie mich auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so
+mehr aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung mit
+Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte doch ihr bleiches Gesicht
+eine Röte, und sie war den Tag über in erregter Stimmung. Ich
+verheimlichte ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß Katjä
+reizend sei und einen großen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und wozu
+sollte ich es ihr verhehlen? Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten
+und wäre mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so ausführlich
+als möglich zu erzählen und versuchte alle ihre Fragen im voraus zu
+beantworten, da ihr das Fragen in ihrer Lage nicht leicht fiel.
+
+Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha auf besonderen
+Befehl des Fürsten mit der Gräfin und Katjä aufs Land fahren sollte, und
+ich bemühte mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, um
+den Schlag abzuschwächen. Doch wie groß war meine Verwunderung, als
+Natascha bei meinem ersten Worte darüber mich unterbrach und mir
+erklärte, daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr alles schon
+seit fünf Tagen bekannt.
+
+„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“
+
+„Aljoscha.“
+
+„Wie? Er selbst?“
+
+„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ fügte sie mit
+Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, daß sie eine Fortsetzung
+dieses Gespräches nicht wünschte.
+
+Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer nur auf ein paar
+Augenblicke; einmal nur war er während meiner Abwesenheit mehrere
+Stunden bei ihr geblieben. Meist erschien er in trauriger Stimmung und
+sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha empfing ihn dann
+immer so liebenswürdig und zärtlich, daß er bald alles vergaß und heiter
+wurde. Auch mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte
+sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein sein, sondern
+lief zu mir, um sich Trost zu suchen.
+
+Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, Kälte und sogar
+Bosheit ihm gegenüber vor; klagte und jammerte und ging dann schließlich
+zu Katjä, wo er denn auch immer Trost fand.
+
+An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie von der Abreise
+Aljoschas unterrichtet sei (es war eine Woche nach meinem Gespräch mit
+dem Fürsten), kam er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um
+den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete, was er sagen
+würde.
+
+„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ begann er, „rette
+mich vor mir selbst. Ich weine nicht darüber, daß ich gemein und niedrig
+bin, sondern daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich
+überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, sage du mir, wen ich
+mehr liebe: Katjä oder Natascha?“
+
+„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete ich ihm, „das mußt
+du besser wissen als ich ...“
+
+„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so dumme Frage stellen, wenn
+ich’s wüßte, aber das ist es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage
+mich und kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du aber hast alles
+miterlebt, und kannst es eher wissen, als ... Und, wenn du es auch nicht
+weißt, so sage mir doch wenigstens, wie es dir scheint?“
+
+„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“
+
+„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht so! Du hast es nicht
+erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos und kann sie nie und nimmer
+verlassen. Ich habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit
+einverstanden. Warum schweigst du? Ich sah soeben, wie du lachtest. Ach,
+Wanjä, wie hast du mich getröstet, wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe
+wohl!“
+
+Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck auf die verwunderte
+Nelly machte, die schweigend unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war
+damals immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin.
+Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit ihr, er schenkte ihr
+überhaupt keine Aufmerksamkeit.
+
+In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte mich über sein
+erfreutes Gesicht. Er umarmte mich wie vorher.
+
+„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle Mißverständnisse
+beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs zu Natascha gegangen: ich war
+gequält und konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, fiel
+vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich mußte es tun, sonst wäre
+ich vor Kummer gestorben. Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da
+habe ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr liebe als sie.“
+
+„Was sagte sie?“
+
+„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und beruhigte mich –
+mich, der ich ihr das eben gesagt! Sie versteht zu trösten, Iwan
+Petrowitsch! O, ich habe vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles
+gestanden. Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr liebe, doch
+wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich doch ohne sie, ohne Natascha,
+nicht leben, sondern müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen
+Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben wir beschlossen, uns
+unverzüglich trauen zu lassen; da man es aber jetzt in den großen Fasten
+nicht tun kann, so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich
+wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht kein Zweifel. Und
+Katjä? Was soll ich tun, ich kann ohne Natascha nicht leben ... Wir
+werden uns trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“
+
+Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, diesen Knaben zu trösten,
+seine Bekenntnisse anzuhören und diesem naiven Egoisten zu seiner
+Beruhigung noch Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha
+war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er ging doch nur zu
+Natascha, weil sein schwaches Herz nicht imstande war, diesen Kummer
+allein zu tragen. Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte,
+kam wieder die frühere Unruhe über ihn; wieder kam er öfter zu mir um
+seinen Kummer auszuweinen. In der letzten Zeit hatte er sich so an
+Natascha angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen konnte,
+geschweige denn auf anderthalb Monate. Doch war er bis zum letzten
+Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate
+verlassen würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. Natascha dagegen
+ihrerseits begriff durchaus, daß es eine Trennung auf immer sei, und daß
+es so kommen mußte!
+
+Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit fieberglänzenden Augen
+und trockenen Lippen sprach sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann
+sah sie mich plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht,
+antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie ein Blatt am Baume
+als sie die helle Stimme des eintretenden Aljoscha hörte. Feuer übergoß
+ihre Wangen, sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn und
+lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte sie beunruhigt, ob sie
+auch gesund wäre und versuchte sie damit zu beruhigen, daß er bald zur
+Hochzeit zurückkehren würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha zu
+bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. Sie weinte nicht ...
+
+Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, daß er ihr für die
+Zeit seiner Reise Geld hinterlassen würde, und sie solle sich darüber
+nicht beunruhigen, da ihm sein Vater viel Geld für die Reise
+versprochen. Natascha wurde finster. Als wir darauf allein blieben,
+sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall hundertfünfzig Rubel bereit
+ständen. Sie fragte nicht woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor
+Aljoschas Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung Nataschas
+mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha einen Brief geschickt, in dem sie
+Natascha um die Erlaubnis gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir
+hatte sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung zugegen zu
+sein.
+
+Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf Uhr bei Natascha zu
+sein; denn Hindernisse gab es viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten
+mich auch die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen.
+
+Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna einen Brief erhalten, mit
+der Bitte, in einer wichtigen Angelegenheit so schnell als möglich zu
+ihr zu kommen. Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in
+zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter Aufregung im
+Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, konnte ich auch diesmal nicht sofort
+erfahren, was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es
+vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich nach heißen und
+gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: „warum ich nicht zu ihnen
+gekommen sei und sie wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“
+so daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ erklärte
+sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den letzten drei Tagen so
+aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich zu beschreiben wäre“.
+
+„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte sie, „in der
+Nacht schleicht er sich von mir fort, um auf den Knien vor dem
+Gottesbild zu beten, im Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb
+bei Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte seinen Löffel
+nicht finden, der neben seinem Teller lag: frägt man ihn dies, so
+antwortet er das.
+
+„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer in Geschäften,‘ sagt er,
+‚um einen Advokaten zu suchen;‘ schließlich hatte er sich heute morgen
+in seinem Kabinett eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen
+Geschäftsbrief zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für einen
+Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal deinen Löffel neben dir
+auffinden kannst?‘ Ich spähte durch den Türspalt: da saß er, schrieb und
+– weinte. ‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte ich. ‚Oder
+tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also müssen wir unser Ichmenjeffka
+doch auf immer verloren haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und
+wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit blitzenden Augen
+greift er nach dem Hut und stürzt zu mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna,
+komme sofort wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe dann auf
+seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, die da in Stößen
+herumliegen, gesucht. Wievielmal habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß
+ich deine Papiere in Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘
+Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen und Füßen ab: so
+ungeduldig, solch ein Schreier ist er hier in Petersburg geworden. So
+ging ich also zum Tisch und fing an zu suchen, was er soeben
+geschrieben. Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen,
+sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. Da, mein lieber Iwan
+Petrowitsch, da ist’s, da ...“
+
+Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur Hälfte beschrieben
+und stellenweis so unleserlich beschrieben war, daß man ihn kaum
+entziffern konnte. Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man
+erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an seine Natascha, an
+seine geliebte Natascha. Er begann warm und innig; er verzieh ihr alles
+und rief sie zu sich. Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er
+geschrieben, die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. Man fühlte
+nur, daß er aus heißem Drang zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen
+tiefempfunden den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige
+anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb in grellen
+Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn vor, beschuldigte sie der
+Gefühllosigkeit, daß sie garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern
+angetan. Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr
+unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst würden ihre Eltern
+„nach stillem, musterhaftem Leben im Schoße der Familie ihr vielleicht
+Vergebung gewähren,“ schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl für
+Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte und gequält und beleidigt
+in seinem Stolz mit wütenden Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir
+mit zusammengelegten Händen und erwartete in Angst und Schrecken was ich
+sagen würde.
+
+Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. Nämlich: daß der
+Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha zu leben, und daß man wohl
+annehmen müsse, daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; doch
+hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen ab. Auch habe
+ihn der schlechte und für ihn unglückliche Ausgang des Prozesses
+erschüttert und gereizt, und durch den Triumph des Fürsten wäre er in
+seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen Augenblicken sucht
+die Seele nach Mitgefühl, und er sehnte sich um so mehr nach derjenigen,
+die er über alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er
+wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet ist), daß
+Aljoscha sie jetzt verlassen wird. Auch aus seiner Lage heraus begreift
+er, wie sehr sie Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal
+doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich durch sie gekränkt
+und erniedrigt fühlt. Ihm kam der Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu
+ihm kommt, und daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem
+Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl den Brief nicht
+beendigt, auch vielleicht aus Furcht vor neuen Beleidigungen die
+Versöhnung noch länger aufgeschoben ...
+
+Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun sagte, daß ich sofort
+zu Natascha müßte und mich bereits durch sie verspätet hätte, zuckte sie
+zusammen und erklärte mir, daß sie die _Hauptsache_ noch garnicht
+erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den Papieren
+hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. Die eine Ecke des
+Briefes war wirklich ganz mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie
+sich sehr, daß der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie den
+Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war durchaus gerechtfertigt: denn
+bereits der Gedanke, sie wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und
+Wut bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren würde.
+
+Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er
+in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern
+dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich
+nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief
+vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging,
+wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden.
+Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem
+eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm
+großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu
+bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine
+beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und
+die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly
+gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu:
+Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich
+sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte,
+fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie
+nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja,
+sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war,
+wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die
+Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den
+Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht
+annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte
+und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren
+Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der
+armen Waise schenken könnte.
+
+Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung
+emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen
+wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach
+einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe
+hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz.
+Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff
+erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an
+die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des
+seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte.
+Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und
+wußte nicht, was er sagen sollte.
+
+„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich
+suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ...
+ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint
+er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“
+
+Und er ging schnell die Treppen hinunter.
+
+Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen,
+es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war,
+mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die
+ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in
+sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten
+Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen.
+
+Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich
+es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr
+schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr
+niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von
+seinen Angelegenheiten.
+
+„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch,
+wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich
+plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken
+auswich.
+
+„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite.
+
+„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus
+angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen:
+im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“
+
+Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann.
+
+Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu
+erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins
+Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu
+machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die
+Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben
+wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von
+Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst
+früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn
+morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am
+nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein.
+
+Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in
+seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er
+den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz
+nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten
+Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht
+kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden
+Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und
+verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell
+fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen
+wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so
+außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als
+ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe.
+
+Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war
+damals auf zwei Tage verschwunden.
+
+Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von
+mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu
+Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem
+Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen
+Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß
+er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell
+fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa
+abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen.
+
+Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt,
+daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts
+geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu
+erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen,
+schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast
+vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief
+hinaus.
+
+Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er
+Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber
+ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff
+sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem
+Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht
+hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was
+endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte
+er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer
+öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen
+Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen
+Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß.
+
+Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der
+Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den
+Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne
+sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des
+Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der
+alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man
+ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem
+Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling
+von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja
+Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte
+sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das
+erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff
+mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten.
+
+Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett
+und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und
+erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter
+auf immer und ewig verfluche!
+
+Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für
+den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette,
+machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht
+nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei
+Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen
+Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt;
+diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte
+er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an
+welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am
+Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich
+zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch.
+
+
+ VI.
+
+Aljoscha war eine Stunde vor der Begegnung zu Natascha gekommen, ich kam
+gerade in dem Augenblicke, als Katjäs Equipage vor dem Haustor hielt.
+Katjä erschien mit der alten Französin, die nach langem Zögern endlich
+eingewilligt hatte, sie zu begleiten und ihr sogar erlaubt hatte, allein
+den Besuch bei Natascha zu machen, unter der Bedingung, daß Aljoscha
+zugegen sein würde. Katjä rief mich zu sich an die Equipage, als sie
+mich erblickte, und bat mich, Aljoscha zu ihr zu senden. Ich traf oben
+Natascha und Aljoscha in Tränen an: beide weinten. Als Natascha hörte,
+daß Katjä gekommen sei, erhob sie sich, wischte sich die Tränen ab und
+stellte sich in Erwartung der Tür gegenüber. Gekleidet war sie diesen
+Morgen ganz in weiß. Ihre dunkelbraunen Haare waren glatt zurückgekämmt
+und hinten im Nacken zu einem dichten Knoten verschlungen. In dieser
+Frisur liebte ich sie am meisten. Als sie sah, daß ich beabsichtigte,
+bei ihr zu bleiben, bat sie mich auch, den Gästen entgegenzugehen.
+
+„Erst jetzt war es mir möglich, meine Absicht auszuführen, und Natascha
+aufzusuchen,“ sagte Katjä zu mir, als wir die Treppe hinaufstiegen, „so
+sehr hat man auf mich aufgepaßt, ... es war schrecklich! Mme. Albert
+habe ich ganze zwei Wochen bereden müssen, bis sie endlich einwilligte.
+Und Sie, und Sie, Iwan Petrowitsch, sind kein einziges Mal zu mir
+gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht und es fehlte mir auch
+die Lust dazu, denn im Brief kann man ja doch nicht alles sagen. Und wie
+gern hätte ich sie gesprochen ... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz
+klopft ...“
+
+„Die Treppe ist so steil,“ bemerkte ich.
+
+„Nun, ja ... die Treppe ... Doch, was glauben Sie: wird Natascha mir
+zürnen?“
+
+„Nein, weshalb?“
+
+„Nun, ja ... freilich, weshalb; ich werde es ja gleich selbst erfahren;
+wozu frage ich Sie noch?“ ...
+
+Ich führte sie am Arme hinauf. Sie war bleich und schien sich sehr zu
+fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen um Atem zu
+schöpfen, dann aber stieg sie, mit einem bedeutsamen Blick auf mich,
+entschlossen die letzten Stufen hinauf.
+
+Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und flüsterte mir zu: „ich
+werde einfach hineingehen und ihr sagen, daß ich so an sie geglaubt
+habe, ohne etwa befürchten zu müssen ... Übrigens, was sage ich, ich bin
+doch überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf ist, das es gibt.
+Nicht wahr?“
+
+Sie trat schüchtern wie eine Schuldbewußte ein und sah Natascha starr
+an, die ihr zulächelte. Da trat Katjä sofort auf sie zu, ergriff ihre
+beiden Hände und küßte sie auf die Lippen. Darauf wandte sie sich, ohne
+Natascha ein Wort gesagt zu haben, ernst und streng an Aljoscha und bat
+ihn, sie auf eine halbe Stunde allein zu lassen.
+
+„Du, Aljoscha, sei deshalb nicht böse,“ fügte sie hinzu, „ich wünsche es
+darum, weil ich mit Natascha über viele ernste und wichtige Dinge zu
+reden habe, die du nicht hören sollst. Sei vernünftig, und gehe. Sie
+aber, Iwan Petrowitsch, bleiben hier. Sie müssen bei unserem Gespräch
+zugegen sein.“
+
+„Setzen wir uns,“ sagte Katjä, als Aljoscha fort war, „so, ich setze
+mich Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein wenig ansehen.“
+
+Sie setzte sich Natascha gegenüber und betrachtete sie stumm. Natascha
+mußte unwillkürlich lächeln.
+
+„Ich kenne Ihre Photographie,“ sagte Katjä, „Aljoscha hat sie mir
+gezeigt.“
+
+„Ist sie ähnlich?“
+
+„Sie sind schöner,“ sagte Katjä ernst und bestimmt. „Ich wußte es, daß
+Sie schöner sind.“
+
+„Und ich freue mich über Sie, wie reizend Sie sind!“
+
+„Was Sie sagen! reden Sie nicht von mir, meine Liebe!“ fügte Katjä
+hinzu, und ergriff mit zitternden Händen Nataschas Hand, und wieder
+schwiegen sie und sahen sich gegenseitig an. „Sehen Sie, Natascha,“
+unterbrach Katjä das Schweigen, „wir haben nur eine halbe Stunde für
+uns; Madame Albert wollte mir kaum diese halbe Stunde schenken, – und
+ich habe viel mit Ihnen zu reden ... Ich will ... ich muß ... Sie
+einfach fragen: lieben Sie Aljoscha sehr?“
+
+„Ja, sehr.“
+
+„Wenn das so ist ... wenn Sie ihn sehr lieben ... so ... müssen Sie auch
+sein Glück wünschen ...“ fügte sie leise schüchtern hinzu.
+
+„Ja, ich wünsche es, daß er glücklich würde.“
+
+„So ist’s ... doch jetzt die Frage: kann ich sein Glück ausmachen? Habe
+ich das Recht so zu sprechen, denn ich nehme Ihnen Aljoscha. Wenn es
+Ihnen scheint, und wir wollen das jetzt entscheiden, daß er mit Ihnen
+glücklicher wird, als, als ... so ...“
+
+„Das ist bereits entschieden, liebe Katjä, Sie selbst wissen es doch,
+daß alles entschieden,“ antwortete Natascha und neigte ihr Haupt. Es
+fiel ihr offenbar schwer, das Gespräch weiterzuführen.
+
+Katjä hatte wahrscheinlich eine lange Auslegung über dieses Thema
+vorbereitet: wer Aljoschas Glück ausmachte und wer von ihnen ihn der
+anderen abtreten sollte? Doch durch Nataschas Antwort begriff sie
+sofort, daß alles beschlossen und kein Wort mehr zu verlieren sei. Ihre
+reizenden Lippen halb geöffnet, sah sie traurig Natascha an, deren Hand
+sie immer noch in der ihren hielt.
+
+„Und Sie, Sie lieben ihn sehr?“ fragte Natascha sie plötzlich.
+
+„Ja; und ich wollte Sie auch darum fragen und bin deshalb
+hierhergekommen, um zu erfahren, warum Sie ihn lieben?“
+
+„Ich weiß es nicht,“ antwortete Natascha, in ihrer Antwort lag ein
+Ausdruck gewisser Ungeduld.
+
+„Halten Sie ihn für klug?“ fragte Katjä.
+
+„Nein, ich liebe ihn einfach ...“
+
+„Und ich auch. Er tut mir scheinbar immer so leid.“
+
+„Und mir auch,“ antwortete Natascha.
+
+„Was soll man jetzt mit ihm beginnen! Und wie konnte er Sie um
+meinetwillen verlassen, ich begreife es nicht!“ rief Katjä aus. „Jetzt,
+wo ich Sie gesehen habe, kann ich es nicht verstehen!“
+
+Natascha antwortete nicht und sah zu Boden. Auch Katjä verstummte und
+plötzlich erhob sie sich und umarmte sie zärtlich. Sich umarmt haltend,
+weinten sie miteinander. Katjä setzte sich auf den Arm des Lehnstuhls
+und hielt Natascha fest umschlungen, ihr die Hände küssend.
+
+„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!“ sagte sie in Tränen
+aufgelöst. „Wir wollen Schwestern bleiben und uns schreiben ... ich
+werde Sie ewig lieben, ewig ...“
+
+„Hat er Ihnen von unserer Hochzeit im Juni gesprochen?“ fragte sie
+Natascha.
+
+„Ja, er hat gesagt, daß Sie dareinwilligen. Das ist doch alles nur so,
+um ihn zu beruhigen, nicht wahr?“
+
+„Natürlich.“
+
+„So habe ich es auch aufgefaßt. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und
+Ihnen von ihm schreiben. Wahrscheinlich wird man uns bald verheiraten;
+so scheint es wenigstens. Sie sprechen alle davon. Liebe Natascha, Sie
+werden doch jetzt zu Ihren Eltern gehen?“
+
+Natascha antwortete nicht, sondern küßte sie schweigend.
+
+„Werden Sie glücklich!“ sagte sie.
+
+„Und ... Sie ... Sie auch,“ erwiderte Katjä.
+
+In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Aljoscha trat ein. Er war
+nicht imstande, die halbe Stunde abzuwarten und als er sie jetzt umarmt
+und in Tränen sah, stürzte er ihnen beiden zu Füßen.
+
+„Warum weinst denn du?“ fragte ihn Natascha. „Wir werden doch nicht auf
+lange getrennt sein? Zum Juni kommst du doch wieder?“
+
+„Und dann wird eure Hochzeit sein,“ beeilte sich auch Katjä ihn zu
+trösten.
+
+„Doch, ich kann nicht, ich kann dich nicht auf einen Tag verlassen,
+Natascha. Ich muß ohne dich sterben ... Du weißt nicht, wie teuer du mir
+jetzt bist! Gerade jetzt! ...“
+
+„Nun, mache es doch so,“ sagte plötzlich belebt Natascha, „die Gräfin
+bleibt doch längere Zeit in Moskau?“
+
+„Ja, fast eine Woche,“ bestätigte Katjä.
+
+„Eine Woche! Was wäre denn besser: du begleitest sie morgen nach Moskau,
+bleibst dort einen Tag und kommst hierher zurück. Wenn sie Moskau
+verlassen, fährst du wieder hin und begleitest sie auf einen Monat aufs
+Land.“
+
+„So, so ist’s ... Sie werden immerhin noch vier Tage zusammen sein!“
+rief Katjä entzückt, mit einem vielsagenden Blick auf Natascha.
+
+Das Entzücken Aljoschas über dieses neue Projekt läßt sich gar nicht
+beschreiben. Er schien plötzlich vollkommen beruhigt; sein Gesicht
+strahlte, er umarmte Natascha, küßte Katjä die Hand, umarmte mich.
+Natascha sah ihn mit traurigem Lächeln an, doch Katjä konnte sich kaum
+mehr beherrschen. Sie warf mir einen heißen, zornigen Blick zu, umarmte
+Natascha, erhob sich vom Stuhl um aufzubrechen. In dem Augenblick
+erschien auch schon der Diener mit der Meldung, daß die halbe Stunde
+vorüber sei.
+
+Natascha erhob sich. Beide standen sich jetzt gegenüber und sahen sich
+mit einem Blick an, der ihre ganze Seele ausdrücken sollte.
+
+„Wir werden uns niemals wiedersehen,“ sagte Katjä.
+
+„Niemals mehr,“ antwortete Natascha.
+
+„Dann leben Sie wohl.“
+
+Sie umarmten sich.
+
+„Fluchen Sie mir nicht,“ flüsterte ihr eilig noch Katjä zu, „ich werde
+immer ... seien Sie überzeugt ... er wird glücklich ... Komm, Aljoscha,
+begleite mich!“ stieß sie eilig hervor und faßte ihn an der Hand.
+
+„Wanjä!“ wandte sich Natascha an mich, ganz erschöpft, als sie gegangen,
+„folge auch du ihnen ... Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis
+acht Uhr; länger kann er nicht, dann muß er gehen. Ich bleibe dann
+allein ... Komme gegen zehn Uhr. Bitte!“
+
+Als ich um neun Uhr Nelly (nach der zerschlagenen Tasse) mit Alexandra
+Ssemjonowna allein ließ, ging ich zu Natascha, die bereits ungeduldig
+auf mich wartete. Mawra gab den Tee; Natascha schenkte mir eine Tasse
+ein, setzte sich auf den Diwan und ich mußte mich neben sie setzen.
+
+„Nun ist alles, alles aus!“ sagte sie mit einem Blick auf mich, den ich
+nie vergessen werde.
+
+„Ein halbes Jahr der Liebe ... für ein ganzes Leben,“ fügte sie hinzu
+und preßte meine Hand.
+
+Ihre Hände brannten. Ich fing an sie zu bereden, sich warm einzuhüllen
+und zu Bett zu legen.
+
+„Sofort, Wanjä, sofort. Laß mich nur reden und mich an alles dies
+erinnern ... Ich bin wie zerschlagen ... Morgen sehe ich ihn zum letzten
+Male, um zehn Uhr ... zum letzten Mal!“
+
+„Natascha, du bist wie im Fieber, gleich wird dich der Schüttelfrost
+packen; habe Mitleid mit dir ...“
+
+„Was glaubst du, Wanjä? Ich habe hier auf dich seit einer halben Stunde
+gewartet und ich fragte mich, als er fortgegangen war – fragte mich:
+liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht, und was war das eigentlich für
+eine Liebe? Dir wird das wohl sonderbar vorkommen, Wanjä, daß es von mir
+erst jetzt geschah?“
+
+„Rege dich nicht auf, Natascha ...“
+
+„Siehst du, Wanjä, ich glaube, daß ich ihn nicht so geliebt habe, wie
+eine gewöhnliche Frau einen Mann liebt. Ich liebte ihn fast ... wie eine
+Mutter. Ich glaube, daß es auf der Welt gar keine solche Liebe gibt, wo
+sich gegenseitig beide ganz gleich lieben, ah? Wie denkst du?“
+
+In banger Unruhe beobachtete ich sie und befürchtete einen
+Fieberausbruch. Sie schien sich einem sonderbaren Gefühl hinzugeben,
+einem Bedürfnis, zu reden; oft ganz unzusammenhängende Worte, die ich
+kaum verstehen konnte. Ich fürchtete sehr für sie.
+
+„Er war mein,“ fuhr sie fort. „Gleich von der ersten Begegnung an,
+tauchte in mir der unbezwingliche Wunsch auf, daß er mein sei, ganz
+mein, und daß er niemanden kennen, niemanden sehen müßte, als nur mich
+... Katjä hatte ganz recht vorhin, als sie sagte; ich habe ihn die ganze
+Zeit mit einer Liebe geliebt, als ob er mir leid täte ... Immer hatte
+ich den unbezwinglichen Wunsch, ja die Qual, wenn ich allein blieb, daß
+er unendlich und ewig glücklich sein müsse. Ich konnte sein Gesicht
+nicht ruhig ansehen. (Du kennst doch den Ausdruck seines Gesichtes,
+Wanjä): einen solchen Ausdruck _gibt es nicht_ noch einmal, und wenn er
+lachte, so lief mir ein kalter Schauer über den Rücken ... Das ist wahr!
+...“
+
+„Natascha, höre mich an ...“
+
+„Alle sagten,“ unterbrach sie mich, „und übrigens auch du hast es
+gesagt, daß er charakterlos und ... sein Verstand der eines Kindes sei.
+Nun, und, das war es, was ich am meisten an ihm liebte ... glaubst du es
+mir? Ich weiß nicht, ob ich ihn gerade nur darum liebte: kurz, ich
+liebte ihn einfach so wie er war und wäre er anders gewesen, so hätte
+ich ihn vielleicht gar nicht so lieb gehabt. Weißt du, Wanjä, ich muß
+dir noch eines gestehen; erinnerst du dich, vor drei Monaten hatten wir
+einen großen Streit, damals, als er mit seinen Kameraden bei dieser
+Minna gewesen war ... Als ich es erfahren, glaubst du mir, tat es mir
+sehr weh, zugleich war es aber so angenehm, daß er sich vor mir schuldig
+fühlte, und ich das Gefühl hatte, daß er sich wie ein Erwachsener
+aufgeführt und mit anderen Männern zu schönen Frauen gefahren! Und dann,
+welch ein Entzücken, ihm vergeben zu können ... oh, Lieber!“
+
+Sie sah mir ins Gesicht und lächelte so sonderbar. Darauf verfiel sie in
+tiefes, tiefes Nachdenken. Und lange saß sie da, mit diesem Lächeln auf
+den Lippen und dachte an Vergangenes.
+
+„Ich liebte es unendlich, ihm zu vergeben, Wanjä,“ fuhr sie fort. „Wenn
+er mich allein ließ und ich im Zimmer auf und ab ging, weinte und mich
+quälte, dann dachte ich immer: je schuldiger er vor mir sein wird, um so
+besser ... Ja! Und weißt du: immer schien es mir, daß er ein kleiner
+Junge sei: ich sitze da, er legt seinen Kopf auf meinen Schoß und
+schläft ein, dann streiche ich ihm leise übers Haar ... Immer habe ich
+ihn mir so vorgestellt, wenn er nicht bei mir war ... Weißt du, Wanjä,“
+wandte sie sich plötzlich an mich, „wie reizend ist doch Katjä!“
+
+Ich fühlte es, daß sie mit Absicht ihre Wunde aufriß, als fühlte sie ein
+Bedürfnis – ein Bedürfnis, der Verzweiflung und des Leides ... Das
+geschieht oft mit Herzen, die viel verloren haben!
+
+„Wie es mir scheint, wird Katjä ihn glücklich machen,“ fuhr sie fort.
+„Sie hat Charakter und spricht zu ihm so überzeugt, so ernst und
+überlegen – und stets von hohen Dingen, wie eine Erwachsene. Und dabei
+ist sie selbst – das reine Kind! Ein liebes, liebes Kind! Oh, möchten
+sie glücklich sein!“
+
+Tränen und Schluchzen erschütterten ihren Körper. Ganze anderthalb
+Stunden konnte sie nicht zu sich kommen, sich irgendwie beruhigen.
+
+Dieser Engel von Natascha! Und doch konnte sie noch an demselben Abend,
+trotz ihres Kummers, Teilnahme für mich und meine Sorgen haben, als ich
+ihr, um sie zu zerstreuen, von Nelly erzählte ... Wir trennten uns erst
+spät abends, ich wartete bis sie eingeschlafen war und bat Mawra, als
+ich fortging, heute nacht bei ihrer kranken Herrin zu wachen.
+
+„Oh, schneller, schneller,“ dachte ich, als ich zu mir zurückkehrte,
+„schneller ein Ende mit diesen Qualen! Einerlei wodurch, einerlei wie,
+nur schneller, schneller!“
+
+Um neun Uhr morgens war ich bereits wieder bei ihr. Zu gleicher Zeit mit
+mir fand sich auch Aljoscha ein – um Abschied zu nehmen. Ich möchte
+nicht von diesen Augenblicken sprechen, und nicht an sie denken.
+Natascha wollte lustig und gleichgültig erscheinen, und konnte es nicht.
+Sie umarmte Aljoscha krampfhaft. Sie sprach kein Wort mit ihm, sie sah
+ihn nur ganz verstört an. Sie hörte gierig jedem seiner Worte zu und
+schien doch nicht zu begreifen, was er zu ihr sprach. Ich weiß, er bat
+sie, ihm zu vergeben, ihm und seiner Liebe alles das, womit er sie in
+der letzten Zeit gekränkt, seine Untreue zu ihr und seine Liebe zu
+Katjä, seine Abfahrt ... Er sprach zusammenhanglos, Tränen erstickten
+seine Stimme. Dann versuchte er sie wieder zu beruhigen, sagte, daß er
+nur auf einen Monat fortginge oder höchstens fünf Wochen, daß er im
+Sommer wiederkomme und dann ihre Hochzeit sei, und daß der Vater
+einwilligen würde, und schließlich, was die Hauptsache, daß er
+übermorgen aus Moskau zurückkehre, um mit ihr noch vier Tage zusammen zu
+verleben, also würden sie jetzt nur auf einen Tag getrennt sein ...
+
+Sonderbar: wenn er fest davon überzeugt gewesen wäre, daß er die
+Wahrheit sprach und übermorgen aus Moskau zurückkehrte, – warum weinte
+er und quälte er sich so?
+
+Endlich schlug die Uhr elf. Ich konnte ihn nur mit aller Gewalt bereden
+aufzubrechen. Der Moskauer Schnellzug fuhr um Punkt zwölf Uhr ab. Es
+blieb ihm nur noch eine Stunde. Natascha sagte mir später selbst, daß
+sie sich der letzten Augenblicke nicht mehr entsinne. Sie bekreuzte ihn,
+glaube ich, küßte ihn, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und lief
+ins Zimmer zurück. Ich mußte Aljoscha zur Equipage führen, sonst wäre er
+niemals fortgegangen.
+
+„Meine ganze Hoffnung beruht auf Dir,“ sagte er mir beim Abschied.
+„Freund Wanjä, ich bin niemals deiner Liebe würdig gewesen, doch bleibe
+mir trotzdem ein Bruder; verlasse du sie nicht, schreibe mir alles
+ausführlich über sie, so ausführlich, als nur möglich. Übermorgen werde
+ich wieder da sein, bestimmt, bestimmt! Doch dann, wenn ich dann
+fortfahre, dann schreibst du!“
+
+Ich setzte ihn in den Wagen.
+
+„Bis übermorgen!“ rief er mir noch zu, „bestimmt!“
+
+Als ich mit bangem Herzen oben wieder Nataschas Zimmer betrat, stand sie
+mitten im Zimmer, mit verkreuzten Armen und blickte mich so fremd an,
+als erkenne sie mich nicht. Ihr Haar war in Unordnung; ihr Blick war
+trübe und wie irrsinnig. Mawra stand an der Tür und sah sie angstvoll
+an.
+
+Plötzlich blitzten ihre Augen auf.
+
+„Ah! Du bist es! Du!“ schrie sie mich an, „Du allein bist geblieben. Du
+mochtest ihn nicht! Du hast es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn
+liebte ... Jetzt bist du wieder da! Wie? Bist wohl wieder mich beruhigen
+gekommen, mich bereden, zum Vater zurückzukehren, der mich verflucht
+hat. Das wußte ich bereits seit gestern, seit zwei Monaten! ... Ich will
+nicht, will nicht! Ich selbst werde sie verfluchen! ... Geh fort, ich
+will dich nicht sehen! Fort, fort!“
+
+Ich verstand, daß sie außer sich war, und daß mein Anblick ihren Zorn
+bis zur Raserei steigerte, ich begriff zugleich, daß es so kommen mußte
+und beschloß, hinauszugehen. Ich setzte mich auf die erste Treppenstufe
+und – wartete. Von Zeit zu Zeit öffnete ich die Tür und rief Mawra
+hinaus, um sie auszufragen; Mawra weinte.
+
+So vergingen anderthalb Stunden. Was ich in dieser Zeit durchlebt, ist
+nicht wiederzugeben. Mein Herz erstarb in mir und tat mir zu gleicher
+Zeit grenzenlos weh. Plötzlich öffnete sich die Tür und Natascha stürzte
+in Hut und Mantel heraus. Sie war noch nicht zu sich gekommen und sie
+gestand mir selbst später, daß sie nicht gewußt hätte, was sie
+beabsichtigt, und wohin sie habe laufen wollen.
+
+Ich konnte kaum von meinem Platze springen, um mich vor ihr zu
+verbergen, als sie mich bereits gewahrte und wie angewurzelt vor mir
+stehen blieb. „Es fiel mir plötzlich ein, daß ich Wahnsinnige,
+Hartherzige, dich hatte fortschicken können, dich, meinen einzigen
+Freund, meinen Bruder und Retter!“ erzählte sie mir später. „Und als ich
+sah, daß du, den ich beleidigt, vor meiner Tür auf der Treppe sitzest
+und wartest bis ich dich wieder rufe, Gott! – wenn du wüßtest, Wanjä,
+was damals in mir vorging – als hätte man mir einen Dolch ins Herz
+gestoßen ...“
+
+„Wanjä, Wanjä,“ rief sie und streckte mir beide Hände entgegen. „Du
+hier! ...“
+
+Und sie fiel in meine Arme.
+
+Ich hob sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. „Was tun?“
+dachte ich. „Sie wird erkrankt sein, das ist sicher!“
+
+Ich entschloß mich zum Doktor zu laufen; hier mußte sofort eingegriffen
+werden. Ich konnte schnell zu ihm fahren, bis zwei Uhr war mein alter
+Deutscher immer zu Hause. Ich eilte zu ihm, und befahl Mawra, Natascha
+nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, allein zu lassen, ihr auch jeden
+Ausgang zu verweigern. Gott war mir gnädig: ein wenig später und ich
+hätte meinen Alten nicht mehr zu Hause angetroffen. Er begegnete mir
+bereits auf der Straße. Ich setzte ihn in die Droschke, so daß er kaum
+zur Besinnung kam, und wir fuhren zurück zu Natascha.
+
+Ja. Wirklich, Gott war mir gnädig! In der halben Stunde meiner
+Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, das sie
+vollständig hätte vernichten können, wenn ich nicht zur rechten Zeit mit
+dem Doktor erschienen wäre. Eine viertel Stunde nach meiner Entfernung,
+war der Fürst bei ihr erschienen. Er hatte die Seinen zur Bahn begleitet
+und war direkt von da zu Natascha gekommen. Dieser Besuch war
+wahrscheinlich eine längst beschlossene Sache für ihn gewesen. Natascha
+erzählte mir selbst später, daß sie im ersten Augenblick gar nicht
+erstaunt gewesen, als sie den Fürsten gesehen. „Mein Geist war
+umnachtet,“ sagte sie.
+
+Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit zärtlichen und mitleidigen
+Blicken an.
+
+„Meine Liebe,“ sagte er seufzend zu ihr, „ich verstehe Ihren Kummer; ich
+wußte, wie schwer Ihnen dieser Augenblick fallen würde, darum hielt ich
+es für meine Pflicht, Sie aufzusuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie
+können, wenigstens damit, daß Sie, indem Sie zurückgetreten sind,
+Aljoscha den Weg zum Glück freigegeben haben. Doch werden Sie das besser
+wissen als ich, denn Sie haben sich selbst zu diesem großmütigen Schritt
+entschlossen ...“
+
+„Ich saß da und hörte ihm zu,“ erzählte mir Natascha, „zuerst konnte ich
+nicht begreifen, was er sagte. Ich habe ihn nur starr – starr angesehen.
+Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinen. Das schien ihm sehr
+angenehm zu sein. Ich war so geistesabwesend, daß ich es zuerst nicht
+einmal bemerkte.“
+
+„Sie haben verstanden,“ fuhr er fort, „daß, wenn Sie Aljoschas Frau
+geworden wären, er Sie in der Folge vernachlässigt hätte, und Sie haben
+so viel edlen Stolz ... doch, ich bin nicht gekommen, um Sie zu loben.
+Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie in niemandem und niemals einen
+so guten Freund finden werden, als in mir. Ich fühle mit Ihnen und
+bedaure Sie. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit sehr Teil an Ihnen
+genommen, doch – meine Pflicht mußte ich erfüllen. Ihr vorzügliches Herz
+wird das verstehen und sich mit dem meinen aussöhnen ... Mir fiel es
+vielleicht schwerer als Ihnen; glauben Sie mir.“
+
+„Genug Fürst,“ erwiderte ihm Natascha. „Lassen Sie mich endlich in Ruh.“
+
+„Gewiß, ich werde Sie sofort verlassen, doch liebe ich Sie, wie meine
+Tochter. Werden Sie es mir erlauben, Sie zu besuchen? Sehen Sie in mir
+einen Vater und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein.“
+
+„Ich habe nichts nötig, wollen Sie mich bitte verlassen,“ antwortete ihm
+wieder Natascha.
+
+„Ich weiß, daß Sie stolz sind ... Doch spreche ich zu Ihnen aufrichtig,
+von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Werden Sie sich mit
+Ihren Eltern versöhnen? Das wäre gewiß gut; doch Ihr Vater ist
+ungerecht, stolz und ein Despot; verzeihen Sie mir, aber er ist es. In
+Ihrem Hause werden Sie nur Vorwürfen und neuen Qualen begegnen ... Es
+ist also nötig, daß Sie unabhängig bleiben und meine heilige Pflicht ist
+es jetzt – für Sie zu sorgen und Ihnen zu helfen. Aljoscha hat mich
+gebeten, Sie nicht zu verlassen und Ihnen ein Freund zu sein. Doch auch
+außer mir gibt es Leute, die Ihnen sehr ergeben sind. Sie werden es mir
+hoffentlich gestatten, daß ich Ihnen den Grafen N. vorstelle. Er ist ein
+Verwandter von uns und mit seinem gütigen Herzen, man kann wohl sagen,
+ein Wohltäter unserer Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha
+hat ihn denn auch sehr geachtet und lieb gehabt. Er ist eine sehr hohe
+Persönlichkeit, mit großem Einfluß, ein alter Mann, den Sie zu jeder
+Zeit empfangen können. Er ist immer bereit, Ihnen, wenn Sie wollen, bei
+einer seiner Verwandten, eine vorzügliche Stellung verschaffen. Ich habe
+ihm bereits vor längerer Zeit von Ihnen erzählt und er interessiert sich
+so sehr für Sie, daß er den Wunsch ausgesprochen hat, Ihnen so bald als
+möglich vorgestellt zu werden ... Glauben Sie mir, er ist ein
+freigebiger, ehrenwerter, alter Herr, der das Schöne zu schätzen weiß,
+der noch unlängst sich Ihrem Vater gegenüber aufs edelste benommen, in
+einer Geschichte, die ...“
+
+Natascha fuhr tief gekränkt auf, jetzt hatte sie ihn verstanden.
+
+„Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich sofort!“ rief sie.
+
+„Nun, meine Liebe, Sie vergessen sich wirklich: der Graf kann Ihnen und
+besonders Ihrem Vater sehr nützlich sein ...“
+
+„Mein Vater wird von Ihnen niemals etwas annehmen. Verlassen Sie mich,
+bitte!“ rief nochmals Natascha.
+
+„O, mein Gott, wie ungeduldig und mißtrauisch Sie sind! Wodurch habe ich
+das verdient,“ erwiderte der Fürst etwas unsicher werdend. „Auf jeden
+Fall, erlauben Sie mir,“ fuhr er fort, ein großes Papierpaket aus der
+Tasche ziehend, „Ihnen als Beweis meiner Teilnahme für Sie und auch der
+Teilnahme des Grafen N., der mit seinem Rat mir beigestanden, hier in
+dem Paket zehntausend Rubel zu überreichen ... Warten Sie einen
+Augenblick,“ fuhr er fort, als er sah, daß Natascha sich voll Zorn von
+ihrem Platz erhoben hatte. „Hören Sie mich, bitte, geduldig an, Sie
+wissen, daß Ihr Vater dieses Geld an mich verloren hat, und diese
+zehntausend Rubel sollen jetzt zur Belohnung ...“
+
+„Fort!“ schrie Natascha außer sich, „fort mit diesem Gelde! Ich
+durchschaue Sie ganz. – Sie niedriger, gemeiner Mensch!“
+
+Bleich vor Wut erhob sich der Fürst von seinem Stuhl.
+
+Aller Wahrscheinlichkeit nach war er zu Natascha gekommen, um etwas über
+ihre jetzige Lage zu erfahren. Auch glaubte er fest daran, dieser armen
+und von allen verlassenen Natascha dieses Angebot von zehntausend Rubel
+machen zu dürfen. Niedrig und gemein wie er war, hatte er des öfteren
+dem alten Lüstling Graf N. einen ähnlichen Dienst erwiesen. Er selbst
+haßte Natascha und als er nun sah, daß er sich in der Sache verrechnet
+hatte, so wollte er die Gelegenheit nicht unbenützt vorüber lassen, ohne
+sie tödlich zu beleidigen.
+
+„Das ist durchaus nicht angebracht, meine Liebe, daß Sie sich darüber so
+empören,“ brachte er mit vor Erregung zitternder Stimme vor, in der die
+ganze Ungeduld der Erwartung lag, den Effekt seiner Beleidigung so bald
+als möglich zu erleben; „man bietet Ihnen Schutz an, Sie aber rümpfen
+das Näschen ... Sie scheinen es nicht zu wissen, wie dankbar Sie mir zu
+sein haben, denn ich hätte Sie schon längst in eine Korrektionsanstalt
+bringen können – als Vater eines von Ihnen verführten Sohnes, den Sie
+ausgenützt haben – und ich habe es nicht getan ... he, he, he!“
+
+Doch in dem Augenblick waren wir schon in der Wohnung. Ich hatte bereits
+in der Küche die Stimme des Fürsten erkannt, ich ließ den Doktor stehen,
+stürzte ins Zimmer und war Zeuge seiner letzten Worte. Er brach in ein
+widerliches Gelächter aus, worauf ich Natascha „Oh, mein Gott!“ ausrufen
+hörte. In dem Augenblick stürzte ich mich bereits auf ihn.
+
+Ich spie ihm ins Gesicht, ich schlug ihm ins Gesicht. Er wollte sich auf
+mich stürzen, als er aber bemerkte, daß wir zwei waren, griff er schnell
+nach seinem Geldpaket und lief hinaus. Unterdessen war der Doktor
+Natascha zu Hilfe geeilt, die außer sich wie in einem Anfall um sich
+schlug. Lange konnten wir sie nicht beruhigen: endlich aber gelang es
+uns, sie zu Bett zu legen.
+
+„Doktor! Was fehlt ihr?“ wandte ich mich in meiner Angst an ihn.
+
+„Das muß man erst abwarten,“ antwortete er mir, „noch kann ich nichts
+Näheres bestimmen. Das kann mit einem Nervenfieber enden ... Man muß
+Maßnahmen treffen ...“
+
+In mir blitzte ein neuer Gedanke auf. Ich flehte den Doktor an, zwei bis
+drei Stunden bei Natascha zu verweilen, sie auf keinen Augenblick zu
+verlassen. Er gab mir sein Wort und ich lief zu mir nach Haus.
+
+Nelly saß finster und erregt in der Ecke des Zimmers und sah mich
+verwundert an. Ich muß wohl sehr sonderbar ausgesehen haben.
+
+Ich ergriff ihre Hand, setzte mich auf den Diwan, hob sie auf meine Knie
+und küßte sie heiß und zärtlich. Sie errötete.
+
+„Nelly, mein Engel!“ sagte ich zu ihr. „Willst du unser aller Retter
+sein?“
+
+Sie sah mich verwundert an.
+
+„Nelly! Meine ganze Hoffnung ruht auf dir! Es gibt einen Vater: Du
+kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und gestern kam er her, um
+dich an Kindesstatt anzunehmen. Jetzt hat der, den Natascha liebte, und
+um dessentwillen sie von ihrem Vater gegangen war, sie verlassen. Er ist
+der Sohn dieses Fürsten, der, du erinnerst dich doch, an einem Abend
+hier war, und dich nur allein antraf; du aber warst von ihm fortgelaufen
+und nachher davon erkrankt ... Du kennst ihn doch? Er ist ein böser
+Mensch!“
+
+„Ich weiß,“ antwortete Nelly und zuckte zusammen.
+
+„Ja, er ist ein böser Mensch. Er haßte Natascha, weil sein Sohn Aljoscha
+sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha fortgefahren und eine Stunde
+nachher kam der Fürst zu ihr, beleidigte sie und drohte ihr mit der
+Korrektionsanstalt und verspottete sie. Kannst du mich verstehen,
+Nelly?“
+
+Ihre dunkeln Augen blitzten, doch senkte sie sie schnell zu Boden.
+
+„Ich verstehe,“ flüsterte sie kaum hörbar.
+
+„Jetzt ist Natascha krank und allein; ich habe unseren Doktor bei ihr
+gelassen und bin schnell zu dir gelaufen. Höre mich an, Nelly: gehen wir
+beide zu Nataschas Eltern; du liebst ihren Vater nicht, du wolltest
+nicht zu ihm, doch jetzt, mit mir zusammen mußt du es tun. Wir treten
+zusammen ein, und ich sage, daß du willig bist, die Stelle Nataschas bei
+ihm einzunehmen. Der Alte ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht,
+und der Vater Aljoschas ihn vor ein paar Tagen tödlich beleidigt hat. Er
+will jetzt nichts von seiner Tochter wissen, doch er liebt sie, liebt
+sie, Nelly, und möchte sich mit ihr aussöhnen; ich weiß es, ich weiß es
+alles! Es ist so! ... Hörst du, Nelly?“ ...
+
+„Ich höre,“ sagte sie mit demselben Flüsterton.
+
+Ich sprach zu ihr mit tränenerstickter Stimme. Sie sah mich scheu an.
+
+„Glaubst du daran?“
+
+„Ich glaube.“
+
+„Nun, dann komm mit mir! Man wird dich freundlich empfangen und dich
+nach allem ausfragen. Ich werde dann das Gespräch auf deine Mutter und
+deinen Großvater lenken. Du erzählst ihnen alles, Nelly, wie du es mir
+erzählt hast. Erzähle ihnen, wie dieser böse Mensch deine Mutter
+verlassen hat, wie sie in der Kellerwohnung bei der Bubnowa gestorben,
+wie du mit deiner Mutter in den Straßen gebettelt hast; was sie dir
+gesagt, und um was sie dich gebeten, als sie starb ... Bei der
+Gelegenheit erzähle auch von deinem Großvater, wie er deiner Mutter
+nicht verzeihen wollte, und wie sie dich in ihrer Sterbestunde zu ihm
+schickte, damit er ihr Verzeihung gewähre, wie er es ihr verweigerte und
+wie sie dann allein gestorben. Alles, alles erzähle! Durch deine
+Erzählung wird das Gewissen des Alten aufgerüttelt werden. Denn er weiß,
+daß heute Aljoscha sie verlassen, daß sie beleidigt und beschimpft
+allein ohne Hilfe und Schutz zurückgeblieben, ihrem Feinde preisgegeben
+ist. Er weiß das alles ... Nelly, rette Natascha! Willst du es tun?“
+
+„Ja,“ antwortete sie, schwer atmend und mich mit einem so sonderbaren
+Blick starr ansehend; es lag ein stummer Vorwurf in diesem Blick, ich
+fühlte es wohl in meinem Herzen.
+
+Doch konnte ich mich von dem Gedanken nicht mehr trennen. Ich glaubte zu
+sehr an ihn. Ich faßte Nelly an der Hand und wir gingen hinaus. In der
+letzten Zeit war das Wetter so drückend und schwül gewesen, man hörte in
+der Ferne jetzt den ersten Donner. Eine dunkle Wolke zog auf und der
+Wind wirbelte den Staub hoch auf in den Straßen. Es war drei Uhr
+nachmittags.
+
+Wir nahmen eine Droschke. Auf dem ganzen Wege schwieg Nelly, nur von
+Zeit zu Zeit sah sie mich mit ihrem sonderbaren, rätselhaften Blick an.
+Ihre Brust hob und senkte sich, ich fühlte wie in ihrer kleinen
+Handfläche ihr Herzchen schlug, als wollte es herausspringen.
+
+
+ VII.
+
+Der Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen wir an und mit beklommenem
+Herzen trat ich zu den Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen
+Gefühlen ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand fest, nicht
+ohne Versöhnung und Frieden für uns alle erlangt zu haben.
+
+Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten saßen allein, wie
+gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch fühlte sich immer noch sehr schwach
+und lag bleich in seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna
+saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit fragenden und besorgten
+Blicken an, was den Alten jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern
+schien. Er schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht zu
+brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide in Erstaunen.
+Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken als sie mich mit Nelly
+erblickte, und in dem ersten Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie
+Schuldbewußtsein zu haben.
+
+„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte ich eintretend. „Sie
+hat sich bedacht und selbst eingewilligt zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie
+sie und haben Sie sie lieb ...“
+
+Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, daß ihm bekannt,
+daß Natascha jetzt verlassen, allein und erniedrigt dastehe. Er wollte
+offenbar hinter das Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich,
+wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte meine Hand fest in
+der ihren, sah zu Boden, und warf nur flüchtig hin und wieder ihren
+Blick, schnell wie einen Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann
+sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte sich auf
+Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an zu weinen, setzte sie
+neben sich und ließ ihre kleinen Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah
+sie mit Neugier und Verwunderung von der Seite an.
+
+Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost hatte, wußte sie
+nicht mehr, was nun weiter zu tun, und sah mich in naiver Erwartung
+fragend an. Der Alte runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum
+ich Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene
+und finstere Stirn bemerkt hatte, führte er die Hand zum Kopfe und sagte
+mit abgerissener Stimme:
+
+„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“
+
+Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, wie beginnen. Im
+Zimmer war es düster; die dunkle Wolke kam immer näher, man hörte das
+ferne Rollen des Donners.
+
+„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte Ichmenjeff. „Ich
+erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka
+ebenfalls so früh im Jahr ein Gewitter.“
+
+Anna Andrejewna seufzte.
+
+„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte sie schüchtern; doch
+niemand antwortete ihr, und sie wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie
+heißt du, mein Täubchen?“ fragte sie sie.
+
+„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen und senkte das Köpfchen
+noch tiefer. Der Alte sah sie forschend an.
+
+„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna aufmunternd hinzu.
+
+„Ja,“ antwortete Nelly.
+
+Und wieder folgte minutenlanges Schweigen.
+
+„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß die Kleine auch Helene,“
+bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, „man rief sie Nelly.“
+
+„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fragte wieder
+Anna Andrejewna.
+
+„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz.
+
+„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und ist deine Mutter schon
+lange tot?“
+
+„Nicht lange.“
+
+„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna fort, sie mitleidig
+betrachtend.
+
+Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit seinen Fingerspitzen auf
+den Tisch.
+
+„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So erzählten Sie doch, Iwan
+Petrowitsch?“ setzte scheu die Alte ihre Fragen fort.
+
+Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig an, als riefe sie mich
+zu Hilfe. Sie atmete schwer und unregelmäßig.
+
+„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, „war die Tochter eines
+Engländers und einer Russin, so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist
+im Auslande geboren.“
+
+„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten ins Ausland gefahren?“
+
+Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna begriff sofort, daß sie
+zu weit gegangen und zuckte unter dem strafenden Blick des Alten
+zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster.
+
+„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen betrogen worden,“
+wandte er sich plötzlich an Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den
+Vater verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er aber brachte
+sie ins Ausland, betrog sie um das Geld und verließ sie. Ein guter
+Freund von ihr hat ihr dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er
+gestorben war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater zurück.
+War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch.
+
+Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem Platze erhoben und
+wollte zur Tür gehen.
+
+„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die Hand reichend, „setze
+dich hierher, neben mich, so!“
+
+Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und strich ihr leise
+übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen Körper, doch beherrschte sie
+sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie
+Nikolai Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz schloß.
+
+„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser Mensch deine Mutter
+zugrunde gerichtet hat, aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt
+und geachtet hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort
+Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, diese
+Herausforderung an uns zu richten. Seine bleichen Wangen röteten sich
+und er vermied es, uns anzusehen.
+
+„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie liebte,“ sagte Nelly mit
+fester Stimme und bemühte sich ebenfalls niemanden anzusehen.
+
+„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte heftig und ungeduldig wie
+ein Kind.
+
+„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden Nelly. „Er hat Mama nicht
+zu sich genommen ... er hat sie von sich gestoßen ...“
+
+Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten wollte, zum
+Beispiel, daß der Alte das volle Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns
+an und schwieg.
+
+„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der Großpapa euch nicht
+aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, die plötzlich den Eigensinn zu haben
+schien, dieses Thema weiter fortzusetzen.
+
+„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach Großpapa gesucht,“
+antwortete Nelly, „doch konnten wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir
+damals, daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe
+bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm geworden, weil derjenige, der
+mit Mama ins Ausland fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr nicht
+mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama selbst erzählt.“
+
+„Hm! ...“ brummte der Alte.
+
+„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer mehr und mehr
+belebend und offenbar mit dem Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre
+Aussage zu beweisen, obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, „sie
+sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen und sie in allem
+vor ihm schuldig sei und daß sie jetzt außer Großpapa keinen Menschen
+mehr auf der Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und sie
+sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er ihr ‚nie verzeihen‘
+wird, doch vielleicht würde er, wenn er mich sieht, mich lieb gewinnen,
+und ihr um meinetwillen vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte mich
+immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie lehrte mich, für Großpapa
+zu beten und betete selbst für ihn und immer erzählte sie mir dann, wie
+sie früher zusammen mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt habe,
+lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt und am Abend
+vorgelesen und Großpapa hätte sie reich beschenkt ... Einmal habe er
+sich zu Mamas Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für
+Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich Ohrringe gewünscht und
+Großpapa hatte gesagt, daß sie keine bekommen würde. Als Mama am
+Namenstage gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe
+geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... nachher habe er sie
+aber geküßt und sie selbst um Verzeihung gebeten ...“
+
+Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen lassen und ihre
+bleichen, kranken Wangen hatten sich gerötet.
+
+Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von ihren glücklichen Tagen
+erzählt zu haben, als sie da unten in der Kellerwohnung saßen und sie
+ihr Kind, das einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und
+dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, welchen starken und
+krankhaften Eindruck ihre Erzählungen auf das frühentwickelte Herzchen
+ihres kleinen Kindes machen mußten.
+
+Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch im Kreise
+um und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte wieder auf
+den Tisch; in Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die sie
+sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete.
+
+„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ fügte Nelly mit leiser
+Stimme hinzu. „Sie hatte eine kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange
+und konnten ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im Keller.“
+
+„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna entsetzt.
+
+„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. „Mama war sehr arm. Mama
+hat mir gesagt,“ fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu
+sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht ... und daß Gott
+sie gestraft habe.“
+
+„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? Dort bei
+der Bubnowa?“ fragte der Alte, an mich gewandt mit einer gewissen
+Nachlässigkeit. Es genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen.
+
+„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ antwortete Nelly.
+„Dort war es sehr feucht und dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen
+fort „und Mama war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich wusch
+ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte Kapitanscha[6] und ein
+verabschiedeter Beamter, der jede Nacht betrunken nach Hause kam und
+dann schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen,
+die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und sie wollte sie
+verteidigen; da schlug der Beamte Mama und ich wieder den Beamten ...“
+
+Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte sie, ihre Augen blitzten.
+
+„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz Ohr war und ihr Auge von
+Nelly nicht abwenden konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an
+sie.
+
+„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte Nelly weiter. „Wir
+gingen den ganzen Tag bis zum Abend in den Straßen herum, Mama ging und
+weinte und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr müde, wir
+hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama sprach die ganze Zeit zu mir
+und sagte mir: ‚bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf
+niemanden und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe arm und
+arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so bitte um Almosen, aber zu
+ihnen gehe du nicht.‘ In der Dämmerstunde gingen wir durch eine große
+hellerleuchtete Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, Asorka!‘ Es
+sprang ein großer Hund herbei, kam winselnd zu Mama und sprang vor
+Freude an Mama hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem
+hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und immer zur Erde
+sah, auf die Knie warf. Und dieser hohe alte Mann im abgetragenen
+Überzieher, das war Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen.
+Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als er sah, wie Mama
+vor ihm auf der Straße kniete, aber er stieß Mama zurück, machte sich
+von ihr los, schlug mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon.
+Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude und beleckte Mama;
+darauf lief er zu Großpapa, packte ihn an der Hose und zog und zerrte
+ihn zurück, aber Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam darauf
+wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, da lief er davon und
+heulte noch immer. Mama aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten
+sich Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte mich, Mama
+aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, sah ganz verwundert um sich und
+ging dann mit mir weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns
+noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“
+
+Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte sie sich wieder
+auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem Blick lag feste
+Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, wie es schien, alles zu
+sagen. In ihr lag sogar etwas Herausforderndes in diesem Augenblick.
+
+„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer Stimme, in
+gereiztem Tone. „Nun, deine Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie
+hatte es verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“
+
+„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte Nelly plötzlich, „und als
+wir nach Haus gingen, sagte sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und
+ich habe ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen
+und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, und den ganzen Abend und
+alle folgenden Tage sprach sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen
+...“
+
+Der Alte schwieg.
+
+„Aber wie kamt ihr denn später in die andere Wohnung?“ fragte Anna
+Andrejewna, der noch die Tränen über die Wangen rollten.
+
+„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die Kapitanscha fand
+schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, und nach drei Tagen zogen wir
+dann hin. Als wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz krank und
+sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte sie. Geld hatten wir gar
+nicht mehr, aber uns halfen die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“
+
+„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte ich erklärend.
+
+„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte und umherging, da
+erzählte sie mir auch von Asorka.“
+
+Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr willkommen zu sein,
+daß das Gespräch auf Asorka überging.
+
+„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte er wie beiläufig, sich
+noch mehr nach vorn neigend, als wolle er sein Gesicht verbergen.
+
+„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete Nelly auf seine
+Frage, „als sie krank war, erzählte sie auch nur von ihm, und wenn sie
+im Fieber phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und als sie
+dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie mir wieder wie sie früher
+gelebt hatte ... und dann erzählte sie auch von Asorka, denn einmal
+hatten außerhalb der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur zum
+Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte Mama ihnen Geld gegeben
+und Asorka von ihnen gekauft. Als aber Großpapa Asorka zu sehen
+bekommen, da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka dann
+fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, daß Großpapa ganz
+erschrocken gewesen war und gesagt hatte, er werde hundert Rubel
+demjenigen geben, der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er
+denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel und von da an begann
+er Asorka sehr zu lieben. Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß
+sie ihn sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei früher mit
+Komödianten herumgezogen und ein Äffchen ist auf Asorka geritten und
+Asorka hat zu sitzen verstanden und zu schießen und vieles andere hat er
+noch verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen hatte, da
+behielt Großpapa Asorka bei sich und ging niemals ohne ihn auf die
+Straße, so wußte Mama jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß
+Großpapa in der Nähe war ...“
+
+Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu hören erwartet und
+schien unangenehm berührt zu sein. Weiteres Fragen unterließ er
+jedenfalls.
+
+„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie mehr den Großvater gesehen?“
+fragte Anna Andrejewna.
+
+„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich ihm wieder einmal. Ich
+ging zum Bäcker nach Brot: plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und
+ich erkannte in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus und drückte mich
+an die Hauswand. Großpapa aber sah mich und sah mich lange an, und er
+hatte solch ein böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an mir
+vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an mir in die Höhe und
+leckte meine Hände. Ich ging dann schnell nach Haus, blickte mich aber
+noch einmal um, und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat.
+Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, und ich erschrak noch
+mehr, und als ich nach Haus kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie
+nicht wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber nicht mehr zum
+Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; als ich dann am dritten Tage
+ging, begegnete mir niemand, nur hatte ich große Angst, und ich lief so
+schnell ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die Ecke bog,
+stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir und neben ihm Asorka. Ich
+lief schnell fort und lief durch eine andere Straße, um von der andern
+Seite zum Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf ihn
+und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte.
+Großpapa rührte sich auch nicht, er stand vor mir und sah mich wieder
+lange an, dann aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte mich
+mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte mit der Rute. Da sah ich
+denn, daß Großpapa gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf
+den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze Zeit. Er führte
+mich zum Höker, der an der anderen Straßenecke saß und Äpfel und
+Pfefferkuchen verkaufte. Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und einen
+Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und einen Apfel, und als er das
+Geld aus dem Lederbeutel nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein
+Fünfkopekenstück auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf und gab es
+ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken und gab mir auch die
+Pfefferkuchen und streichelte mich wieder, so über den Kopf, nur sagte
+er wieder kein Wort und ging von mir fort nach Haus.
+
+„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich ihr alles vom Großpapa und
+wie ich mich zuerst gefürchtet und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte
+mir zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich den ganzen
+Abend immer wieder nach allem fragte, mich küßte und weinte, und als ich
+ihr alles erzählt hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor
+Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben müsse, wenn er
+absichtlich zu mir gekommen war. Und sie sagte, ich solle freundlich zu
+ihm sein und antworten, wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber
+schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, obwohl ich ihr
+sagte, daß Großpapa immer erst gegen Abend kommt. Und wenn ich ging, kam
+sie selbst mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch am
+anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und da es an diesem Tage
+regnete, erkältete sich Mama, denn sie war doch hinausgegangen in den
+Regen und da mußte sie wieder ins Bett.
+
+„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte mir wieder einen Fisch
+und einen Apfel, sagte aber wieder nichts. Als er aber von mir fortging,
+versteckte ich mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte ich
+mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa wohnte, und um das
+Mama zu sagen. Ich ging ganz weit hinter ihm auf der andern
+Straßenseite, so, damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte aber
+sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und starb, sondern in der
+Gorochowaja, auch in einem großen Hause und vier Treppen hoch. Das
+erfuhr ich denn alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte sich
+sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich geblieben war. Als
+ich ihr aber alles erzählt hatte, war sie wieder sehr froh und wollte
+gleich am nächsten Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen
+wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu fürchten, und sie
+dachte immer an ihn und fürchtete sich ganze drei Tage; und so ging sie
+denn nicht zu ihm. Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre,
+Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, aber ich habe
+einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, geh du zu ihm und gib ihm
+diesen Brief. Und sieh zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er
+sagt und wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die Hand und bitte
+ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ Und Mama weinte die ganze Zeit und
+küßte mich und segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben ihr
+vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon sie sehr krank war,
+begleitete sie mich doch bis auf die Straße hinaus, und als ich
+zurückschaute stand sie immer noch dort und sah mir nach wie ich ging
+...
+
+„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, denn die Tür war nicht
+verschlossen und hatte auch gar keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und
+aß Brot mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu wie er aß
+und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte auch dort in jener Wohnung nur
+einen Tisch und einen Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er
+lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, daß er ganz
+bleich wurde und zitterte. Ich erschrak auch und sagte auch nichts, ich
+ging nur zum Tisch und legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah,
+wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock griff und mich
+schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, er führte mich nur hinaus in
+den Treppenflur und stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe
+hinuntergegangen, als er die Tür nochmals aufriß und mir den Brief
+nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus und erzählte alles Mama. Da
+wurde Mama wieder krank ...“
+
+
+ VIII.
+
+In diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und der Regen schlug in
+großen Tropfen an die Fensterscheiben; im Zimmer wurde es dunkler. Anna
+Andrejewna schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. Wir waren
+alle verstummt.
+
+„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der Alte nach einem Blick
+zum Fenster hinaus. Dann stand er auf und ging eine Weile im Zimmer hin
+und her, wie um sich Bewegung zu machen.
+
+Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft erregt, das sah ich;
+doch sie vermied es, mich anzusehen.
+
+„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem er sich wieder auf
+seinen Platz setzte.
+
+Nelly blickte scheu von einem zum anderen.
+
+„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“
+
+„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“
+
+„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ ermunterte sie
+Anna Andrejewna.
+
+„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „bis
+zum Winter. Dann wurde es kalt und es schneite. Als ich Großpapa
+wiedersah, auf derselben Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war
+ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht mehr kam. Als ich
+ihn aber erblickte, lief ich absichtlich auf das andere Trottoir, damit
+er sah, daß ich von ihm fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute,
+sah ich, daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um mich
+einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und Asorka lief ihm nach.
+Mir tat er leid und so blieb ich stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich
+bei der Hand und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb
+er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte mich. Da sah er
+auch, daß meine Schuhe schon ganz schlecht waren und er fragte mich, ob
+ich denn keine besseren hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld
+mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu essen gab. Großpapa
+sagte darauf nichts, aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir
+dort ein Paar Schuhe, die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so,
+und dann führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs ging
+er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete und zwei Bonbons, und als
+wir in sein Zimmer kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er
+sah mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann gab er mir
+die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten auf den Tisch gelegt und
+bat um ein Stückchen Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und
+Großpapa lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm stehen und er
+streichelte mein Haar und fragte mich, ob ich schon was gelernt habe und
+was ich überhaupt wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er,
+daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, er wolle mich selbst
+unterrichten. Dann sagte er, ich müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm
+wenden und zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich
+wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, aber dann guckte
+ich mich heimlich doch nach ihm um, und da sah ich, daß er sein Kissen
+am unteren Ende auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm.
+Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: ‚Das ist für dich
+allein‘. Ich wollte es schon nehmen, aber dann dachte ich nach und
+sagte: ‚Für mich allein nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse,
+aber er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging fort, er
+aber küßte mich nicht zum Abschied.
+
+Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. Sie fühlte sich aber
+immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, bei dem wir wohnten, kam auch ein
+Student; der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei.
+
+Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama wollte es so. Großpapa
+kaufte das Neue Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich;
+manchmal aber erzählte er mir nur von den Ländern und Völkern und was
+für Menschen es überall gibt und was für Meere und Berge, und was früher
+alles war, und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst eine
+Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte ich ihn immer recht
+viel und er sagte mir dann alles und auch von Gott sprach er viel.
+Manchmal aber lernten wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka
+liebte mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock springen, und
+Großpapa lachte und streichelte wieder meinen Kopf. Nur lachte Großpapa
+eigentlich sehr selten.
+
+Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte er und saß dann
+so, als wäre er eingeschlafen, die Augen aber waren offen. Und so saß er
+bis es dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer so unheimlich,
+so alt sah er dann aus ... Zuweilen aber war es so, wenn ich zu Großpapa
+kam: er sitzt auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka liegt
+neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich huste ich: Großpapa hört
+aber gar nichts und rührt sich nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu
+Hause aber erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich erzählte
+ihr dann immer alles, alles, während sie im Bett lag, und es wurde
+darüber Nacht, ich aber erzählte immer noch von Großpapa und sie hörte
+zu: was er erzählt hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte,
+und was ich das nächste Mal lernen würde. Und wenn ich von Asorka
+erzählte, wie ich ihn über einen Stock hatte springen lassen und wie
+Großpapa darüber gelacht hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen,
+und sie lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem erzählen,
+und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich aber dachte immer: wie kommt
+es, daß Mama, ihn, den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und
+als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie Mama ihn liebte.
+Er hörte zu und rührte sich nicht, und so böse sah er aus, kein Wort
+sagte er, er hörte nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama
+ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er aber nach ihr gar nicht
+fragte. Da wurde Großpapa sehr böse und jagte mich hinaus auf den
+Treppenflur. Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, da
+kam er aber wieder und rief mich zurück, aber er war immer noch sehr
+böse und schwieg die ganze Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu
+lesen begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß Jesus Christus
+gesagt hat, wir sollen einander lieben und alles verzeihen, er aber
+meiner Mama nicht vergeben wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich
+von Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich wieder hinaus
+und sagte, daß ich mich nicht unterstehen solle, nochmals zu ihm zu
+kommen. Ich aber sagte, daß ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm
+kommen wolle und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... Großpapa
+zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung aus ...“
+
+„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange dauern werde – da
+hat es schon aufgehört zu regnen und dort scheint auch schon die Sonne
+hervor ... sieh, Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster
+wendend.
+
+Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, und plötzlich drückte
+sich heftiger Unwille in den Augen der bis dahin ängstlichen,
+eingeschüchterten alten Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran
+und nahm sie auf ihren Schoß.
+
+„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, „ich werde allein
+zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ –
+
+Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, und wischte sich
+wieder die Tränen aus den Augen. Nelly sah mich, offenbar etwas
+verwundert und vielleicht auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der
+Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte jedoch nur mit
+der Achsel und wandte sich sogleich wieder fort.
+
+„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich.
+
+„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann Nelly wieder zu erzählen,
+„Mama aber fühlte sich damals schon sehr schlecht. Geld hatten wir
+keinen Kopeken mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, und wir
+aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei dem wir wohnten, hatte mit
+seiner Frau nichts mehr zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu
+machen, weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie sagten. Da stand
+ich am dritten Tage auf und kleidete mich an. Mama fragte mich, wohin
+ich denn gehen wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu bitten.
+Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch alles erzählt, wie er
+mich von sich fortgejagt, und daß ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen
+wollte. Sie weinte wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen,
+aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich ging hin und
+erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen war. Ich ging dann zu seiner
+neuen Wohnung. Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir
+zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich sagte ihm schnell,
+daß Mama sehr krank sei und daß wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig
+Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich an und
+stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug hinter mir die Türe zu, die
+er dann noch verriegelte. Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm,
+daß ich so lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, bis er
+mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. Nach einer Weile
+machte er die Tür auf und sah hinaus, und als er sah, daß ich dort saß,
+da schloß er die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er wieder
+die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die Treppe und wieder die Tür
+schloß. Und noch mehrere Mal machte er so die Tür auf und wieder zu.
+Endlich trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür ganz zu und
+ging an mir vorüber aus dem Hause hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen.
+Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“
+
+„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna ganz erschrocken aus,
+„aber es war doch kalt dort auf der Treppe!“
+
+„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly.
+
+„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen ... Du mein Täubchen,
+wieviel du ausgehalten hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“
+
+Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich krampfhaft zusammen
+und erzählte weiter.
+
+„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, und als er beim
+Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, schrie er: wer ist hier? Ich
+sagte, daß ich es sei. Er aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst
+fortgegangen, und deshalb war er, als er mich immer noch dort sitzen
+sah, sehr verwundert und stand lange Zeit ganz still vor mir. Plötzlich
+schlug er mit dem Stock auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß
+die Tür auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er brachte mir
+Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und er warf sie auf die Treppe. ‚Da
+hast du,‘ schrie er, ‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner
+Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die Tür zu. Aber die
+Geldstücke waren alle die Treppe hinunter gerollt. Ich begann sie in der
+Dunkelheit zu suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen
+sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im Dunkeln zu
+finden, so kam er denn mit einer Kerze aus dem Zimmer und leuchtete, und
+da sammelte ich sie schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen
+und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen seien, und dann ging
+er wieder zurück ins Zimmer. Als ich nach Haus kam, gab ich Mama das
+Geld und erzählte ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, und
+ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen Tage hatte ich auch
+Fieber, aber ich dachte nur an eines, denn ich war böse auf Großpapa,
+und als Mama wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die Straße
+und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein Haus erreichte, blieb ich
+auf dem Trottoir stehen. Da kam _jener_ ...“
+
+„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem ich Ihnen, Nikolai
+Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, – der zusammen mit dem Kaufmann
+bei der Bubnowa war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat ihn
+Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, Nelly.“
+
+„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn auf und bat ihn um
+Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich
+sagte: ‚Ja.‘ Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich wußte
+nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter kleiner Herr mit
+einer goldenen Brille an uns heran, denn er hatte gehört, was ich haben
+wollte, und er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade so
+viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre und die Arznei so viel
+kostete. Er fragte, wo wir wohnten und schrieb das in sein Taschenbuch
+und gab mir einen Rubel. _Jener_ aber, als er den alten Herrn mit der
+Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, daß ich mitgehen solle.
+Ich ging dann in eine Bude und wechselte das Geld in kupferne
+Fünfkopekenstücke; von denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein,
+die behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken wickelte ich aber
+nicht ein, sondern behielt sie in der Hand und ging mit ihnen zu
+Großpapa. Als ich vor seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb
+aber auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze Geld hin, so
+daß alle Kupferstücke über den Fußboden rollten. ‚Da haben Sie Ihr
+Geld!‘ sagte ich zu ihm. ‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie
+verfluchen.‘ Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“
+
+Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich stolzem,
+herausforderndem Blick sah sie den Alten an.
+
+„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren Gatten weiter zu
+beachten und indem sie Nelly fest an sich drückte. „So geschah ihm
+recht! Dein Großvater war ein böser, grausamer Mensch ...“
+
+„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch.
+
+„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ fragte Anna Andrejewna
+ungeduldig.
+
+„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir nicht mehr entgegen,“
+sagte Nelly.
+
+„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, was tatet ihr? Ach, ihr
+Armen, ihr Armen!“
+
+„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte fast gar nicht mehr
+aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer Stimme fort. „Geld hatten wir
+überhaupt keines mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. Die
+Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, aber auch auf der Straße
+wandte sie sich an gutgekleidete Leute und bat sie um Geld, denn nur
+davon lebte sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß sie
+aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben stand, und auf denen
+gesagt war, daß sie sehr arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor und
+dafür gab man ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande sei,
+von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich denn mit ihr und man
+gab uns Geld und davon lebten wir. Mama erfuhr das bald, denn die
+anderen Einwohner machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die Bubnowa
+aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr
+schicken als mich auf der Straße betteln lassen. Sie war auch früher zu
+Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber nicht von
+ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so stolz?‘ und schickte uns
+dann etwas zu essen. Als sie das von mir aber Mama erzählt hatte, begann
+Mama zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa aber, die
+ganz betrunken war, begann sie zu schelten und sagte, daß ich sowieso
+ein Bettelkind sei und schon mit der Kapitanscha ginge, und noch am
+selben Abend jagte sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das alles
+erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich auf, kleidete
+sich an, nahm mich bei der Hand und führte mich mit sich fort. Iwan
+Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn
+und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke setzte
+sie sich hin und ich stützte sie. Und sie sprach die ganze Zeit und
+sagte, daß sie zu Großpapa gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur
+war es schon lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen schönen
+Hause, vor dem viele Equipagen standen und viele Menschen kamen aus dem
+Hause und alle Fenster waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb
+stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: ‚Nelly, sei arm, bleibe
+dein Leben lang arm, gehe nicht zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch
+zu dir kommen sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen,
+schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse und roh, und nun
+höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen, wenn man aber
+zu dir kommt und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will nicht
+zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als sie krank war und ich will
+ihr mein ganzes Leben lang gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor
+Erregung. Ihr Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde mein
+ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich
+gekommen, um zu arbeiten, ich will nicht so wie eine Tochter ...“
+
+„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ unterbrach sie Anna
+Andrejewna, die Nelly wieder mit ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit
+an sich drückte. „Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das
+sagte, mein Täubchen.“
+
+„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte.
+
+„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, „und wenn sie auch
+hundertmal wahnsinnig war, aber sie hat mir das so gesagt, und ich werde
+mein ganzes Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel sie
+aber in Ohnmacht.“
+
+„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im Winter krank, auf der
+Straße! ...“
+
+„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein Herr trat für uns ein.
+Er fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und ließ uns in
+seiner Equipage nach Hause bringen. Von da an hat Mama das Bett nicht
+mehr verlassen und nach drei Wochen starb sie ...“
+
+„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ fragte Anna Andrejewna
+angstvoll und erschrocken.
+
+„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich qualvoll
+zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem Tode rief sie mich zu sich und
+sagte: ‚Nelly, geh noch einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte
+ihn, daß er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich nach wenigen
+Tagen sterben werde und dich allein auf der Welt zurücklasse. Und sage
+ihm noch, daß es mir schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa
+und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber wie er mich
+erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, doch hatte ich
+mich schon mit beiden Händen an die Tür geklammert und schrie ihm zu:
+‚Mama stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß mich
+aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu Mama zurück, legte mich
+neben sie hin, umarmte sie und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich
+gleichfalls und fragte mich auch nichts ...“
+
+Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der Hand schwer auf den
+Tischrand und erhob sich langsam, doch blickte er uns alle nur mit einem
+seltsamen, trüben Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft
+wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna beachtete ihn nicht, sie
+weinte und umarmte Nelly ...
+
+„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich zu sich – es war
+schon Abend – und sie nahm meine Hand und sagte: ‚Ich werde heute
+sterben, Nelly.‘ Sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht
+mehr. Ich sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar nicht,
+nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite ich vorsichtig
+meine Hand und lief aus dem Hause und lief den ganzen Weg so schnell ich
+konnte bis zu Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf
+und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, daß er ganz bleich
+wurde und zu zittern begann. Ich ergriff seine Hand und sagte nur das
+eine: ‚Sie wird gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er
+lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte zur Tür; sogar
+seinen Hut vergaß er, und es war doch kalt. Ich nahm seinen Hut und gab
+ihn ihm und wir liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur
+Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn Mama würde gleich
+sterben, aber Großpapa hatte im ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl
+bei den Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber die
+lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn Asorka lief uns
+nach, und wir liefen immer weiter, immer weiter. Großpapa wurde müde und
+atmete schwer, aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er
+und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob ihn auf und half
+Großpapa aufzustehen und dann führte ich ihn an der Hand, aber es war
+schon Nacht als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon tot. Als
+Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die Arme, erzitterte und starrte
+sie an, sagte aber kein Wort. Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn
+ans Bett und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser
+Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa laut auf und fiel hin
+wie ein Toter ...“
+
+Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, sprang von
+ihrem Schoß und blieb bleich, erschöpft und über alle Maßen erregt
+zwischen uns stehen. Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, zog sie
+von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase:
+
+„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly,
+laß uns von hier fortgehen, verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in
+ihrem Stolz Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen
+... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier fort, komm! ...“
+
+Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen Erregung gesehn. Und
+offen gestanden: ich hätte es auch gar nicht für möglich gehalten, daß
+sie sich unter Umständen auch so erregen könnte.
+
+Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle bei den
+letzten Worten etwas auf und als er sah, daß Anna Andrejewna es ernst
+meinte, erhob er sich langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme:
+
+„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“
+
+„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie erregt, Nelly zur Tür
+nach sich ziehend.
+
+„Warte, warte doch, so warte doch!“
+
+„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! Ich habe lange
+genug gewartet und sie hat lange genug gewartet, jetzt gehe ich, lebe
+wohl! ...“
+
+Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal zu ihrem Mann zurück.
+Da! – was war das? – sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai
+Ssergejewitsch stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich mit
+zitternden Händen seinen Paletot an.
+
+„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es fassen zu können, dann
+faltete sie die Hände und sah ihn an, als wage sie noch nicht, an ein
+solches Glück zu glauben.
+
+„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“
+rang es sich plötzlich hervor. „Gebt mir meine Tochter zurück, mein
+Kind! Wo ist sie, wo ist sie?“
+
+Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der Hand und wandte
+sich hastig zur Tür.
+
+„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna.
+
+Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, wurde diese von außen
+aufgestoßen und ins Zimmer stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit
+glänzenden Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. Ihr Kleid war
+verknüllt und vom Regen naß. Das Tuch, das sie sich um den Kopf
+geschlungen hatte, war in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar
+glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich vor ihrem Vater
+auf die Kniee nieder und erhob flehend die Hände.
+
+
+ IX.
+
+Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust.
+
+Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem
+Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits
+vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich
+nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als
+glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah
+und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna
+Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend
+Nataschas Köpfchen an ihre Brust.
+
+„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der
+Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur
+Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem
+doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen
+Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und
+wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber
+wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er
+mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein
+bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher,
+aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie
+früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter
+einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen,
+von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei.
+
+„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will
+Sie doch auch küssen ...“
+
+„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka,
+wie lieb sie das gesagt hat!“
+
+Und er umarmte sie leidenschaftlich.
+
+„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis
+ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um
+deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich
+verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich
+konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur
+glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch
+geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht
+glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie
+konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb
+kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe
+... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun,
+dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr,
+nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut
+liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein
+Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte
+ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“
+
+„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie
+Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten,
+Müdigkeit, Qual und Glück.
+
+„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so
+wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir
+nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum
+erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über
+dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du,
+so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst
+Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir,
+in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie
+hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam
+zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen
+Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir
+die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja
+doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das
+bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine
+Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und
+schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der
+Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und
+dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf
+deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb
+hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen,
+vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die
+Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es
+nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal
+bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf
+dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch
+die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich
+dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir
+alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich
+es auf. ... O, Natascha!“
+
+Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu
+drücken.
+
+„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir,
+Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für
+deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter
+auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O!
+mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir
+sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch
+triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und
+beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich
+nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen
+sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein
+unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das
+ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“
+
+„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir
+über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen.
+
+O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an
+mich dachte und mich zu sich rief!
+
+„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend.
+
+„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf.
+„Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz
+vergessen!“
+
+Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins
+Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem
+Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken.
+
+„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte
+zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen.
+
+Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an.
+
+„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei
+Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden
+Hände nach uns ausstreckend.
+
+Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus
+ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem
+schweren Anfall fiel sie nieder ...
+
+
+ Letzte Erinnerungen.
+
+Mitte Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; ganz unmöglich in der
+Stadt zu bleiben: überall Staub, Kalk, Baugerüste vor den Häusern,
+glühend heiße Pflastersteine, von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch
+da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; der Himmel wurde
+trübe, umwölkte sich und wurde düster; der Wind erhob sich und trieb den
+Straßenstaub in dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen
+fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der Himmel seine
+Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit seinen Wassermassen über die
+Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken
+brach, stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete gierig mit
+meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. Wie ein Rausch kam es
+über mich und ich wollte Feder und Papier liegen lassen, auch den
+Verleger vergessen, und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den _Meinen_!
+Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich doch und begann
+mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: ich mußte heute noch mit meiner
+Novelle fertig werden, um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur
+wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er mir Geld geben,
+das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten mich zwar, doch dafür würde ich
+dann am Abend frei sein, vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser
+Abend sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in denen
+ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, vollauf belohnen.
+
+Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich die Arbeit beendet
+vor mir liegen sah ... Ich warf die Feder hin und erhob mich, mit einem
+Schmerzgefühl im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles
+im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen angespannt waren
+und es war mir, als hörte ich noch die letzten Worte meines alten
+Arztes: „Nein, einer solchen Lebensweise könnte auch die beste
+Gesundheit nicht lange standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ...
+Vor meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum noch auf den
+Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine
+Novelle war beendet und der Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm
+noch viel schuldete, doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur
+fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so viel Geld in
+Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... Ganz begeistert griff ich nach
+meinem Hut, schnell das Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube
+lief ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander Petrowitsch noch
+im Bureau anzutreffen.
+
+Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er im Begriff,
+fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas sehr Wichtiges beendet;
+freilich keine Novelle, sondern nur eine ganz unliterarische, doch dafür
+um so vorteilhaftere zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem
+er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür geleitet hatte, streckte
+er mir freundlich die Hand entgegen und erkundigte sich mit seinem
+weichen gutmütigen Baß nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein
+herzensguter Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht wenig zu Dank
+verpflichtet. Was konnte er denn schließlich dafür, daß er in der
+Literatur sein Leben lang _nur_ „Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe
+auch nur „Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß unsere
+Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es sogar sehr zur rechten
+Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre gebührt – in diesem Fall, versteht
+sich, allerdings nur Verlegerehre.
+
+Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich meine Novelle beendet
+hatte und die folgende Nummer der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil
+gesichert war. Er äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung
+darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin hatte beenden können
+und machte ein paar Bonmots ... Darauf begab er sich zu seinem
+Geldschrank, um ihm die mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen,
+machte mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam.
+
+Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: es war meine vorletzte
+Novelle, die da besprochen wurde. Sie wurde nicht gerade gelobt, aber
+auch nicht gerade heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte
+ich sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der Kritiker,
+daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß ich mir gar zu große Mühe
+gäbe und so lange an ihnen feilte und polierte, daß es einem wirklich
+widerlich würde.
+
+Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, daß ich diese meine
+vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, die soeben gebrachte
+aber, die über dreieinhalb Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen
+und zwei Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte!
+
+„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: weshalb schieben
+Sie das Arbeiten immer so lange auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe
+nehmen müssen!“
+
+Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter Mensch, nur hatte
+er eine kleine, bisweilen etwas lästige Schwäche, und zwar: mit seinem
+literarischen Urteil gerade vor jenen großzutun, die ihn, wie er es
+mitunter sogar selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut
+hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches Schaffen mit ihm
+zu führen, war daher auch für mich nichts Verlockendes und so griff ich,
+da ich das Geld schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem Hut.
+Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem Wohin, und wie er hörte,
+daß ich auf die Wassiljeff-Insel wollte, bot er mir großmütig einen
+Platz in seinem Wagen an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im
+Sommer auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre es für ihn
+kein Umweg.
+
+„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie ihn noch nicht
+gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“
+
+Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene Wagen war allerdings
+tadellos, und ich fand es begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der
+ersten Zeit des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar
+ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten zu einer
+gemeinsamen Fahrt aufforderte.
+
+Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür ungehindert in
+Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. Meine Gegenwart
+verwirrte ihn nicht im geringsten und mit beneidenswerter Gewissensruhe
+wiederholte er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit
+gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, deren
+Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei der Gelegenheit
+passierte es ihm aber, daß er mitunter sehr wunderliche Dinge sagte,
+denn da wir Menschen nicht alles auswendig behalten können, was wir nur
+einmal hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit.
+„Und alles das will er noch als seine eigene heilige Überzeugung
+respektiert wissen!“ dachte ich seufzend bei mir. Ich saß, hörte
+schweigend zu und wunderte mich über die Verschiedenheit und
+Grillenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun
+einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck es doch
+zu sein scheint, Geld und nichts als Geld zusammenzuscharren, und das
+müßte ihm doch eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach
+Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker anerkannt
+werden!“
+
+So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir eine besondere
+Auffassung der Literatur wiederzugeben, eine Auffassung, die er vor drei
+Tagen von mir gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig
+widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie als seine
+ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was die Vergeßlichkeit in
+solchen Dingen – wohlverstanden: nur in solchen Dingen! – anging, so
+hatte es Alexander Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu
+einer gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, in _seinem_
+Wagen reden zu können, wie zufrieden er mit seinem Schicksal war, wie
+gütig! Er führte ein wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar
+sein weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen die
+Worte zu modellieren! Ganz allmählich, offenbar ungewollt und unbewußt,
+ging er auf den Liberalismus über und verfocht unter anderem die
+unschuldsvoll skeptische Überzeugung, daß es in unserer Literatur – das
+heißt: in unserer sowohl wie in jeder anderen – weder Ehrlichkeit noch
+Bescheidenheit geben könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette
+laufen“. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch dann wohl auch
+geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen Schriftsteller für seine
+Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht gerade für einen Esel so doch
+zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. Selbstverständlich war
+diese seine individuelle Auffassung auf nichts anderes als auf seine
+ganz außergewöhnliche Unschuld und Naivität zurückzuführen.
+
+Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel
+verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus und eilte zu Ichmenjeffs. Im
+Augenblicke hatte ich die Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch
+ihr Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als sie mich
+erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal vor den Mund, winkte
+darauf beschwichtigend mit beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! –
+leise!“ – damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache.
+
+„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme Kind!“ fügte sie dann zur
+Erklärung hinzu. „Um Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was
+ist sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich in Sorge
+um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es vorläufig nichts Schlimmes sei,
+aber aus _dem_ etwas Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich!
+Ich danke für diesen _Ihren vielgepriesenen_ Arzt! Und Sie, Sie schämen
+sich nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben auf Sie gewartet und gewartet –
+die ganze Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht mehr hier
+gewesen! ...“
+
+„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich gesagt, daß ich
+zwei Tage nicht kommen werde!“ flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich
+mußte meine Arbeit beenden ...“
+
+„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu kommen! Weshalb kamen Sie
+denn nicht? Nelly war eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser
+Engelchen, noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am Eßtisch und
+wartete. ‚Ich will mit euch zusammen Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer
+aber nicht kam – das war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben
+Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer die Jugend von heute
+nicht kennt! Und das hat sie so aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie
+beruhigen ... ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen.
+... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen – zum Tee wird er
+wieder zurück sein – er hat doch Aussicht, eine Anstellung zu bekommen!
+Wenn ich aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es mir
+kalt über den Rücken.“
+
+„Wo ist Natascha?“
+
+„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im Gärtchen! Gehen Sie
+mal zu ihr ... Sie scheint mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht,
+was ich denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben wird einem
+nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie heiter und zufrieden sei,
+aber ich glaube es ihr nicht ... Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann
+sagen Sie mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... Bitte,
+bitte!“
+
+Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser Garten gehörte zum
+Hause. Er war etwa fünfundzwanzig Schritt lang und ungefähr auch ebenso
+breit, und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten Bäumen, ein
+paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; am Zaune wuchs Geisblatt
+und an einer Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, und
+durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale Wege. Der alte Ichmenjeff
+war von seinem Garten bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte,
+daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache war aber, daß Nelly
+diesen Garten liebgewonnen hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl
+auf den Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits zum Abgott
+des ganzen Hauses geworden. Doch da erblickte ich schon Natascha: sie
+kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch
+aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von der Krankheit
+erholt.
+
+„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, Wanjä?“ fragte sie mich.
+
+„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend frei.“
+
+„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – Doch nicht zu überhin
+geschrieben?“
+
+„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat das nichts auf sich. Diese
+angespannte Arbeit reizt meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer,
+ich fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, sogar der
+Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte Arbeitsweise sich
+als die vorteilhaftere erweist. Alles ist gut ...“
+
+„Ach, Wanjä, Wanjä!“
+
+Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit auf meine
+literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden eifersüchtig wurde.
+Sie las nochmals alles der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres
+geschrieben hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen weiteren
+Plänen, interessierte sich für jede Kritik, die über mich geschrieben
+wurde, ärgerte sich über jedes absprechende Wort, und wollte unbedingt,
+daß ich es zu großer Berühmtheit brächte.
+
+„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ sagte sie zu mir, „du
+wirst dich durch eine so angespannte Arbeit schnell erschöpfen; außerdem
+untergräbst du damit auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt in
+zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn Jahren im ganzen nur
+einen Roman geschrieben. Dafür aber – wie ist der auch geschrieben!
+Meisterhaft! Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein
+einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“
+
+„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten
+Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter Postgaul. Ach, nun, das
+ist ja doch Unsinn! Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst
+Neues?“
+
+„Vieles! Erstens einen Brief von _ihm_.“
+
+„Noch einen?“
+
+„Noch einen.“
+
+Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. Es war der dritte
+nach der Trennung. Den ersten hatte er aus Moskau geschrieben: er teilte
+ihr damals mit, daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus
+Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor der Trennung
+verabredet worden war. Im zweiten Brief benachrichtigte er sie, daß er
+in den nächsten Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich
+dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das sei nun einmal
+sein fester Entschluß, von dem ihn keine Macht der Welt abbringen könne.
+Indes verriet der ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen
+Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn überhaupt nicht
+mehr zu wissen schien, was er tun oder lassen sollte. Unter anderem
+schrieb er in diesem Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie
+allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, daß ich mehr als
+neugierig war, diesen seinen letzten Brief zu lesen.
+
+Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war unordentlich, flüchtig,
+der ganze Brief mit Tinte besudelt und hier und da einzelne Worte von
+Tränen verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von Natascha
+lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, ihr zu
+beweisen, daß eine Ehe zwischen ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen
+feindliche „Einflüsse“ stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es
+doch so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden in der Ehe
+unglücklich geworden sein, da sie doch nicht zueinander paßten.
+Plötzlich aber vergaß er alle seine Vernunftschlüsse und Beweise und
+gestand – ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er
+ein Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr die Kraft habe,
+sich dem Willen seines Vaters, der übrigens auch schon auf dem Gute
+eingetroffen war, zu widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht
+fähig sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, was er
+empfand, gestand aber im nächsten Satz, daß er durchaus die Fähigkeit in
+sich fühle, Natascha glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann,
+daß sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen wären, um zum
+Schluß mit aller Hartnäckigkeit die Einwendungen des Vaters
+zurückzuweisen. Mit wahrer Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit
+des Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um darauf sich
+selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen und – ihr auf ewig Lebewohl
+zu sagen!
+
+Man sah es, daß er den Brief unter Qualen geschrieben hatte, daß er in
+seiner Ratlosigkeit ganz außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich
+Tränen in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. Es war
+ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert mit dem Brief Aljoschas
+gesandt hatte.
+
+Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat sehr
+niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar der Verzweiflung
+nahe und sogar ein wenig krank sei, daß _sie_ aber bei ihm bleiben und
+ihn wieder glücklich machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus
+nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde und seine Trauer
+nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! „Niemals wird er Sie
+vergessen,“ schrieb sie, „selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht,
+denn sein Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos
+und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: sollte er jemals –
+gleichviel wann – aufhören, Sie zu lieben oder aufhören, sich nach Ihnen
+zu sehnen bei der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, ihn
+meinerseits zu lieben ...“
+
+Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen uns nur einmal an und
+sagten kein Wort. Dasselbe hatten wir auch nach den ersten Briefen
+getan. Überhaupt vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu sprechen,
+als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, das sah ich, aber
+selbst mich wollte sie davon nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr
+ins Elternhaus hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch jetzt noch
+hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden Trennung
+sprachen wir überhaupt nicht, obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater
+eine Anstellung bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb zu mir,
+interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft für alles, was mich
+betraf und hörte mir mit so angespannter Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr
+auf ihre dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs das
+Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß sie mich für das
+Vergangene entschädigen wollte. Doch bald begriff ich, daß es sich hier
+um etwas ganz anderes handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz
+unendlich liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich glaube,
+selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht so lieb haben können, wie
+Natascha mich lieb hatte. Ich wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende
+Trennung wie ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte,
+daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir sprachen nicht
+davon, wenn wir uns auch oft genug sehr eingehend über Bevorstehendes
+unterhielten ...
+
+Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch.
+
+„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, „zum Tee
+jedenfalls bestimmt.“
+
+„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“
+
+„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er sie bekommt ... Ich
+glaube, es war gar nicht so notwendig, daß er heute fortging,“ fügte sie
+wie in Gedanken hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“
+
+„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“
+
+„Weil ich den Brief erhielt ...“
+
+„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach kurzem Schweigen fort,
+„und du kannst dir denken, Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er
+denkt an nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf scheint er
+mich vergessen zu können. Er weiß nicht, wie ich mich in diesem Leben
+zurechtfinden werde, was ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus,
+so ist er wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten soll,
+ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten will. Mein Gott,
+ich sehe doch, wie ungeschickt er sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit
+vortäuscht, sich zum Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch ganz
+unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, das sieht sie
+doch ... So bleibt ihr nichts übrig, als zu seufzen ... Sich verstellen
+– das versteht sie nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen
+Menschen!“ Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt,
+mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem Blick irgendwie zu
+begegnen ... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als
+alle anderen auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu
+und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als dich ...“
+
+Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder zu sprechen begann.
+
+„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war er hier.“
+
+„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“
+
+„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt an ihn wie an einen
+Allmächtigen. Sie ist überzeugt, daß er alles so genau wisse – nun, da
+die Gesetze und alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. Und
+nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, weißt du, im Grunde
+doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Das läßt ihr jetzt
+keine Ruhe, und ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer
+eingeweiht. Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas davon
+verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, daß sich eventuell durch
+Masslobojeff etwas machen ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines
+Gesetzparagraphen. Masslobojeff ist natürlich klug genug, ihr nicht viel
+zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, daß sie ihm jedesmal Wein
+vorsetzt,“ schloß Natascha belustigt.
+
+„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher weißt du es denn?“
+
+„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich doch immer selbst ... mit
+ihren Andeutungen ... Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“
+
+„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich.
+
+„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über dich, Wanjä: erst jetzt
+erkundigst du dich nach ihr?“
+
+Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen Vorwurf herauszuhören.
+
+Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. Natascha gewann sie
+geradezu leidenschaftlich lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald
+von ganzem Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht träumen
+lassen, daß sie je im Leben solche Menschen und soviel Liebe finden
+würde, und zu meiner Freude sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz
+mit der Zeit ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte sie die
+allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer nahezu fieberhaften
+Gegenliebe, die man ihr nach ihrem früheren Mißtrauen, ihrer
+Verstocktheit und Unnahbarkeit kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber
+diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: lange Zeit
+hatte sie sich noch wie ein Muscheltier zu den liebevollen
+Annäherungsversuchen der anderen verhalten, bis sie dann endlich ihre
+Scheu verlor und sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte
+sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder vielmehr meine
+Gegenwart wurde für sie förmlich zur ersten Lebensbedingung, so daß sich
+ihr Zustand jedesmal verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu ihr
+kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal beim Abschied, als ich
+ihr sagen mußte, daß ich zwei Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich
+eine Arbeit beenden mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ...
+natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle viel zu sehr,
+als daß ich offen von ihnen hätte sprechen können, daher mußte ich mir
+den Anschein geben, daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre.
+
+Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. Selbstverständlich wurde
+es schon von Anfang an als stillschweigend beschlossen angenommen – eben
+weil es so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs blieb.
+Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, Nelly aber wurde noch immer
+nicht gesund, ja, ihre Krankheit verschlimmerte sich sogar
+augenscheinlich. Erkrankt war sie nach jenem schweren Anfall an dem
+Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen war, am Tage
+der Versöhnung des Alten mit Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie
+war ja doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte schon von
+Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie auch, einmal zum Ausbruch
+gekommen, so erschreckend schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit
+bestand, vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen Anfälle
+kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder als früher; doch in
+der Hauptsache schien es eine Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner,
+unaufhaltsamer Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses
+Erregtsein. Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in den letzten
+Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: je mehr sie ihrer Krankheit
+erlag, um so freundlicher, liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor
+drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich an ihrem Bett
+vorüberging. Ich blieb natürlich stehen und sah sie an. Sie zog mich
+näher zu sich. Es war außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das
+so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen glühten und in ihren
+fieberheißen Händchen zuckte es. Und zuckend, wie vor verhaltener
+Leidenschaft, streckte sie sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich
+mich zu ihr beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen
+krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest auf den Mund, und dann
+verlangte sie sogleich, Natascha solle zu ihr kommen. Ich rief sie.
+Nelly wollte unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie
+ansehe ...
+
+„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe euch heute nacht
+beide im Traum gesehen ... aber nicht nur heute nacht, sondern sehr oft
+... in jeder Nacht ...“
+
+Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie begriff vielleicht
+ihre Gefühle selbst nicht und wußte daher auch nicht, wie sie es
+ausdrücken sollte, was sie auf dem Herzen hatte ...
+
+Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch den alten Nikolai
+Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie
+fast ebenso liebte, wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine
+kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer getreten, da hörte
+man sie schon beide lachen. Nelly wurde heiter und unartig wie ein
+kleines unvernünftiges Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit
+dem Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem Gesicht ihre
+Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die ungeheuerlichsten Dinge
+erfand, die er ihr dann – gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht –
+zu deuten versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine Träume erzählte,
+bei welcher Gelegenheit er eine nicht minder blühende Phantasie
+entwickelte. Kurz, der Alte war von seinem „kleinen Töchterchen“ so
+eingenommen, daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr
+begnügte und für sie einfach zu schwärmen begann.
+
+„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns die Freude, die sie
+uns bringt, für den Kummer dieses letzten Jahres entschädige,“ sagte er
+einmal zu mir, als er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem
+er sie zur Nacht gesegnet hatte.
+
+Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich versammelten wir
+uns alle im Eßzimmer um den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an
+jedem Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs
+angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber immerhin ein paarmal in
+der Woche. Dann trugen wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und
+setzten sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand weit offen
+und vor uns lag der grüne Rasenplatz im Licht der Abendsonne. Und es
+duftete nach frischem Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich
+nicht in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem Gespräch zu
+und nur ihre Augen bewegten sich langsam, wenn sie vom einen zum anderen
+sah. Mitunter aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer
+Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, daß wir uns dann
+etwas beunruhigt fühlten, zumal sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte,
+die sie an Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, was wir
+ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren uns unserer Schuld sehr wohl
+bewußt, denn wenn sie uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte
+erzählen _müssen_, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren
+Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer Krankheit zur Folge hatte.
+Auch der Doktor war sehr gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns
+in solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das Gespräch
+möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. Dann bemühte sich
+wiederum Nelly, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht
+erriet, und sie begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu
+scherzen und zu lachen.
+
+Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. Ihre nervöse
+Erregbarkeit nahm täglich zu und der Puls wurde immer unregelmäßiger.
+Der alte Doktor sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne.
+
+Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie werden es ja noch
+früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. Nikolai Ssergejewitsch war übrigens
+fest überzeugt, daß sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden
+würde.
+
+„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, die seine Stimme
+gehört hatte. „Gehen wir, Wanjä.“
+
+Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle getreten, seiner
+Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen begonnen, so daß Anna
+Andrejewna ihn nicht angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte.
+Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede inne, um darauf,
+als Natascha und ich ins Zimmer traten, flüsternd und – um seine
+Verlegenheit zu verbergen – mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner
+soeben gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um die er sich
+bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen und das freute ihn
+natürlich sehr.
+
+„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß er händereibend, doch
+warf er gleichzeitig einen besorgten Blick auf Natascha.
+
+Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit einem beruhigenden
+Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn, was seine
+Befürchtungen im Augenblick verscheuchte.
+
+„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine Lieben!“ fuhr er erfreut
+fort. „Nur du, Wanjä, sieh ... nur die Trennung von dir wird uns schwer
+werden ...“
+
+Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem Wort aufgefordert, mit
+ihnen zu fahren, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unbedingt
+getan haben würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha gewußt
+hätte.
+
+„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was sein muß, muß sein! Es tut
+mir mehr als leid, mein Junge ... Aber ich hoffe, daß diese
+Lebensveränderung uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung der
+Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt und ein altes
+_abgetan ist_!“ schloß er, wieder mit einem Seitenblick auf seine
+Tochter.
+
+Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser Glaube machte ihn froh.
+
+„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna.
+
+„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen ist noch ein wenig
+schwach, aber bis dahin wird sie ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie
+ist ja auch jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch,
+Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, und dabei sah er
+mich so an, als hinge von mir allein alles ab.
+
+„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? Ist ihr sonst
+nichts passiert? Oder ist sie vielleicht von meinem lauten Sprechen
+aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch
+schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, wenn die anderen
+kommen, und Nelly kann heute auch mal draußen sitzen, es ist doch ein
+Wetter wie geschaffen dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie
+nicht vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen ...
+nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde sie schon nicht aufwecken!“
+beruhigte er Anna Andrejewna, da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen
+wollte.
+
+Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir wie
+gewöhnlich um den runden Tisch beim Abendtee.
+
+Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien auch der Doktor
+und bald nach ihm kam Masslobojeff. Letzterer brachte Nelly ein großes
+Bukett blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und besorgt zu
+sein.
+
+Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener Gast und er besuchte
+sie fast täglich. Sonderbar war aber eines: obschon wir ihn alle gern
+hatten, was ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, wurde doch
+Alexandra Ssemjonownas nie mit einem Wort Erwähnung getan; auch
+Masslobojeff sprach nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich
+erfahren hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch nicht dazu gebracht,
+seine rechtmäßige Gattin zu werden, so war sie zu der Überzeugung
+gekommen, daß sie dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen,
+sondern nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb es – was
+zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen mag. Übrigens glaube ich
+aber, daß sie, wenn sie nicht Natascha gehabt hätte und – das mag wohl
+der Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen wäre, was
+geschehen war, so würde sie vielleicht auch nicht so strengdenkend
+gewesen sein.
+
+Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und ihre Gedanken schienen
+mit etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen
+schlechten Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch über
+Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit frohem
+Lächeln die Blumen, die Anna Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den
+Tisch gestellt hatte.
+
+„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der Alte. „Schau, schau! Na,
+wart mal,“ meinte er schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen
+...“
+
+„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich weiß noch, wie wir Mama
+einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren,“ – dort
+bedeutete jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen Monat sehr
+schwer krank. Da verabredeten wir uns, Heinrich und ich, für sie, wenn
+sie zum erstenmal ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer
+mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. Mama sagte am
+Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt mit uns frühstücken wolle. Da
+standen wir sehr, sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und
+wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen und Blumensträußen. Es
+waren da auch Efeuranken und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß
+nicht mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall kleben
+bleiben, und dann noch große weiße Blüten und weiße Narzissen – das sind
+meine Lieblingsblumen – und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen,
+und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das ganze Zimmer. Und
+dann waren da noch solche Büsche, ganz wie kleine Bäume sahen sie aus,
+in großen Kübeln, die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten von
+Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie ganz verwundert und sie freute
+sich sehr und Heinrich war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie
+das war ...“
+
+Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen zu wollen,
+denn Nelly sah so erschöpft und bleich aus. Aber sie wollte sprechen und
+so erzählte sie bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie „dort“
+geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. „Dort“ war sie mit ihrer
+Mutter und Heinrich viel gereist und sie erzählte mit glücklichen Augen
+vom tiefblauen Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, von
+Wasserfällen und Gletschern. Dann sprach sie von den Seen und Schluchten
+Italiens, von Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern und deren
+braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; und sie erzählte
+verschiedene Erlebnisse, und was ihnen hier und da begegnet war. Dann
+sprach sie von großen Städten und Palästen, von einem großen Dom mit
+einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten Farben
+erstrahlte, als man einmal die ganze Stadt illuminiert hatte; und dann
+von einer heißen südlichen Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und
+ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen lag ... Es war
+das das erstemal, daß Nelly so ausführlich von ihrer Vergangenheit
+erzählte, und wir hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr
+Leben in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren,
+unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten Klima, unter einer trüben,
+bleichen Sonne und unter bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie
+und ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, wie sie beide
+an so manchem feuchten Abend in der schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem
+armseligen Lager eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen
+haben mögen, vom toten Freunde und von den Wundern anderer Länder. Ich
+dachte auch an Nelly, wie sie sich dann später allein dessen erinnert
+haben mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa sie mit
+tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten zwingen wollte ...
+
+Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte sich sehr schlecht
+und wollte wieder ins Bett getragen werden. Nikolai Ssergejewitsch war
+ganz erschrocken und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie
+so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten
+Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter geschehen. Als sie
+sich wieder etwas erholt hatte, wollte sie mich sprechen. Und sie bat so
+dringend, mich zu ihr zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte
+Doktor zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen.
+
+„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ begann Nelly, als wir
+allein waren. „Ich weiß, die denken alle, daß ich mit ihnen dorthin
+fahren werde; aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und
+vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir jetzt sagen.“
+
+Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs sie so
+liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, daß sie sehr traurig sein
+würden, wenn sie sich von ihr trennen müßten, daß sie bei mir dagegen
+ein sehr schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, so lieb sie
+mir auch war, doch würden trennen müssen.
+
+„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, „denn ich sehe jetzt
+Mama oft im Traum und sie sagt mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren,
+sondern hierbleiben soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich
+Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, wenn sie das sagt.
+Ich will hierbleiben und Großpapa pflegen, Wanjä.“
+
+„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ sagte ich, nachdem ich
+sie etwas verwundert angehört hatte.
+
+Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen unbeweglichem, ernstem
+Blick an.
+
+„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa gestorben ist. Erzähle
+alles ganz genau, vergiß nichts!“
+
+Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches Verlangen, begann aber
+doch nach bestem Wissen zu erzählen. Ich sagte mir, daß sie vielleicht
+nur phantasiere, oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem
+Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig war.
+
+Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter Aufmerksamkeit.
+Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, krank blickenden Augen mit dem
+Fieberglanz unablässig auf mich gerichtet, solange ich erzählte.
+
+„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich überzeugt, als ich
+verstummt war und sie noch eine Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht
+jedesmal von Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist doch
+tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann sagte sie mir, daß es
+nicht wahr sei, daß man es mir nur so sage, daß er aber auch jetzt noch
+dort gehe und um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ sagte
+Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, wo wir ihn das erstemal
+gesehen haben, als ich vor ihm niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“
+
+„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, weil du selbst krank
+bist,“ sagte ich ihr.
+
+„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum sein kann, und deshalb
+habe ich auch niemandem etwas davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir
+allein wollte ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen
+einschlief, nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch Großpapa im
+Traum. Er saß bei sich zu Hause und wartete auf mich, und er sah wieder
+so unheimlich aus, und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen
+habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir
+Vorwürfe. Dann sagte er noch, daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne
+diesen Tabak aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir wirklich auch
+schon früher einmal gesagt, Wanjä, als Mama schon gestorben war und ich
+noch zu ihm ging. Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht mehr
+was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von ihm hörte, dachte ich bei
+mir: ich werde auf die Straße gehen und um Almosen bitten, und dann für
+ihn Brot, gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da ging ich
+auch auf die Straße, stand und bat, nur sah ich plötzlich, daß auch
+Großpapa nicht weit von mir auf der Straße war, er wartete ein wenig und
+dann trat er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen hatte und
+nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ sagte er, ‚jetzt sammle für
+Tabak.‘ Ich bitte also weiter um Almosen und er kommt dann wieder und
+nimmt mir das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch sowieso
+das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts für mich behalten will.
+Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir
+gesagt, daß du eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals zu
+mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ Ich begann zu
+weinen, weil er mich eine Diebin genannt und mir nicht traute, er aber
+hörte nicht auf mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du
+gestohlen, gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu schlagen, dort vor
+allen Menschen auf der Straße, und er schlug mich so stark, daß ich
+schreien wollte vor Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da denke
+ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo dort allein geht und
+auf mich wartet ...“
+
+Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, daß er
+tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir zu guter Letzt doch zu glauben
+schien. Sie sagte nur, daß sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil
+sie dann den Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder ganz
+plötzlich und heiß ...
+
+„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ sagte sie, ihr
+Gesichtchen an meine Wange schmiegend. „Auch wenn Großpapa nicht wäre –
+ich würde doch nicht von dir fortfahren!“
+
+Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich ging mit dem Doktor
+ins Nebenzimmer und erzählte ihm dort unter vier Augen von ihren
+Träumen. Ich bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen.
+
+„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht genau, um was es
+sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. „Ich beobachte vorläufig
+noch, ich kombiniere und versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt
+etwas sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: daß eine
+absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist und sie unfehlbar bald
+sterben wird. Ichmenjeffs habe ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich
+darum so gebeten haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal
+untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung heranziehen.
+Vielleicht läßt sich da noch etwas machen, vielleicht! Sie tut mir leid,
+die Kleine, es ist mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ...
+Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig sie ist, wie
+klug für ihr Alter!“ ...
+
+Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt und trug sich mit
+großen Plänen.
+
+„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ begann er sogleich, als
+ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir
+da machen wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch einen
+Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem Heinrich ihrer Mutter bereitet
+hat, weißt du, so wie sie vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als
+sie davon sprach ...“
+
+„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet ihr,“ wandte ich ein.
+
+„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – das ist doch etwas ganz
+anderes! Glaube mir nur, Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung:
+angenehme Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann sogar gesund
+machen oder wenigstens zur Gesundung beitragen ...“
+
+Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so entzückt, daß er sich
+für sie fast schon zu begeistern begann. Es war ganz unmöglich, ihm zu
+widersprechen. Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, doch
+bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon Hut und Stock in der
+Hand und wandte sich zum Gehen.
+
+„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine Orangerie in der Nähe,
+eine prächtige Orangerie. Und jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für
+den billigsten Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich
+billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, damit sie sich
+nicht wegen der Ausgabe allzusehr beunruhigt ... Na, also das wäre das
+... Ja! Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du bist doch
+fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt nach Hause eilen?
+Nächtige doch bei uns oben, in der Dachkammer – weißt du noch, wie
+früher? Deine Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, –
+nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich dort oben schlafen.
+Was? Bleib mal hier! Morgen können wir dann früher aufstehen, und dann,
+weißt du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir beide das Zimmer
+schmücken, so daß zu acht Uhr alles fertig ist. Und Natascha wird uns
+helfen – sie hat doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... Nun,
+bist du einverstanden? Bleibst du?“
+
+Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen Anordnungen.
+Inzwischen verabschiedeten sich der Arzt und Masslobojeff und gingen
+nach Hause, denn Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich
+schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, still
+und nachdenklich und wollte mir etwas mitteilen, schob es aber auf.
+
+„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er.
+
+Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und in meine Dachkammer
+hinaufgestiegen war, da fand ich ihn zu meiner Verwunderung dort oben
+vor. Er saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar erwartete er
+mich.
+
+„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, „denn schließlich ist es
+doch besser, ich erzähle es dir heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze
+Geschichte ist so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber nur
+ärgern kann ...“
+
+„Was, was ist denn los?“
+
+„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat mich vor zwei Wochen
+so geärgert, so geärgert, sag ich dir, daß mein Ärger selbst in zwei
+Wochen noch nichts an Kraft und Größe eingebüßt hat.“
+
+„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?“
+
+„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und Was schreien wirst, als
+wäre Gott weiß was passiert! Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine
+Alexandra Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches
+Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! ... Da braucht nur eine
+Krähe einmal zu krächzen, sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“
+
+„Nun, ärgere dich nicht.“
+
+„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen normalen Augen auf
+die Dinge sehen, nicht durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“
+
+Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über mich. Ich schwieg
+gleichfalls und wartete.
+
+„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da auf eine Spur gestoßen
+... das heißt, genau genommen bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch
+hat es eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich so ...
+Ich habe gewisse Dinge kombiniert und daraus die Schlußfolgerung
+gezogen, daß Nelly ... vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten
+rechtmäßige Tochter ist.“
+
+„Was!“
+
+„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich ‚was!‘ schreien
+würdest! Bei Gott, es ist keine Möglichkeit, mit diesen Leuten zu
+reden!“ rief er scheinbar wütend aus. „Habe ich dir denn schon was
+Positives gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, daß sie
+die _bewiesenermaßen rechtmäßige_ Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir
+das gesagt oder nicht? ...“
+
+„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, „schreie um Gottes
+willen nicht so, sondern tue mir den Gefallen und erkläre es mir ruhig
+und deutlich. Bei Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis
+zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen ...“
+
+„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? Wo sind die Beweise?
+Ohne Beweise macht man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes
+Geheimnis. Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir rede – das werde ich
+dir später erklären. Du siehst, es ist notwendig, daß ich’s tue, und
+damit basta. Also schweige vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein,
+daß es dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgeteilt
+wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich so: schon im Winter, noch
+bevor der alte Smitt starb, begann der Fürst sogleich nach seiner
+Rückkehr aus Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen hatte er
+sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. Damals aber hatte er nach
+etwas anderem geforscht, jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu
+forschen. Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren
+hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in Paris verlassen, doch
+während dieser ganzen Zeit hatte er sie nicht aus dem Auge verloren: so
+hatte er gewußt, daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, von
+dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine Tochter, namens Nelly,
+hatte, er wußte auch, daß sie selbst krank war; na, mit einem Wort, er
+wußte alles, nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir scheint,
+bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt nach Petersburg
+zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte er sie allerdings bald gefunden,
+gleichviel unter welchem Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die
+Sache war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn betrogen
+hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland irgendwo dort in
+einer kleinen Stadt lebe, was sie selber für vollkommen richtig hielten,
+doch hatten sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und das
+dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der Fürst aber begann
+schließlich Verdacht zu schöpfen, denn aus gewissen Umständen glaubte er
+zu ersehen, daß es nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich:
+wo war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den Sinn – so, ganz von
+selbst, ohne jede Handhabe: sollte sie nicht in Petersburg sein? Während
+nun seine Agenten sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier in
+Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s scheint, nicht gar zu
+offiziell vorgehen. Na und da wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm
+empfohlen, so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich
+mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so weiter, und so weiter
+...“
+
+„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, aber nur so mehr
+andeutungsweise, der Hund, so schleierhaft und zweideutig, daß kein
+Teufel recht klug draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte
+manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst so, dann wiederum
+so und dann nochmals anders, – kurz: alles doppelt, dreifach und
+verschieden ... Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch
+nicht verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster
+Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: ergebenster Sklave.
+Nach meinem Grundsatz aber, den ich mir ein für allemal aufgestellt
+habe, erstens, und zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein
+Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens ist das, was
+er mir gesagt hat, das, was er wissen will? Und zweitens: verbirgt sich
+nicht hinter dem angegebenen Beweggrunde ein ganz anderer, nicht
+angegebener, ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das der Fall, so
+will er mich – was du, mein Sohn, mit deinem Dichterschädel vielleicht
+auch begreifen wirst – so will er mich einfach bestehlen: denn das eine,
+siehst du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere aber
+mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, wenn ich ihm für einen
+Rubel das gebe, was vier wert ist. Ich begann nachzudenken und hin und
+her zu raten und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die Spur.
+Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von diesem und jenem, auf
+wieder anderes verfiel ich selbst, – brauchte nur meinen Verstand
+kombinieren zu lassen. Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch
+nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt war, weil er gar
+zu vieles zu befürchten schien. Was konnte er aber da schließlich zu
+befürchten haben, wenn man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des
+Vaters die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, verließ er
+sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine liebe, nette Unart und nichts
+weiter! Da hörte doch alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich
+deshalb fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da schöpfte ich
+eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du wissen, auf ungemein interessante
+Spuren gestoßen, zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich
+schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt ist sie hier
+mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser Kusine, die einst glühend
+in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang
+unverändert weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, des
+Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht Kinder in die Welt gesetzt
+hat – also wie gesagt, von dieser Kusine habe ich denn endlich nach den
+verschiedensten und kompliziertesten Manövern einen ungemein wichtigen
+Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser Heinrich hatte ihr nämlich nach
+deutscher Art lange Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr
+dann noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch zugesandt.
+Sie, diese Gans, hat natürlich von dem Geschreibsel nur die Stellen
+verstanden, wo er vom Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland,
+wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie kein Wort
+kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich aber einiges, das für mich von
+großer Wichtigkeit war und vor allem kam ich durch sie auf eine neue
+Spur. So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, das die
+Tochter ihm entwendet hatte, und daß der Fürst dieses Vermögen sich
+angeeignet; und zwischen Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich
+dann die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du verstehst doch?
+Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen Heinrich hat absichtlich nichts
+ausgesprochen, sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen
+aber verbanden sich für mich zu geradezu himmlischer Harmonie! Versteh:
+der Fürst war mit der Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat
+trauen lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente sind –
+alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund Wanjä, ich habe mir vor Ärger
+die Haare aus dem Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht,
+das heißt vielmehr – geforscht ...“
+
+„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, da aber mußte es ihm
+plötzlich einfallen zu sterben. So habe ich ihn lebend nicht einmal zu
+Gesicht bekommen. Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, daß auf
+dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die schon früher mein Verdacht
+gefallen war, gestorben sei. Und da kam ich wieder auf eine richtige
+Spur. Weißt du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel eilte?
+Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat mir hier in mancher
+Beziehung geholfen ...“
+
+„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, daß Nelly es weiß ...“
+
+„Was?“
+
+„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“
+
+„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter des Fürsten ist,“
+versetzte er und sah mich mit einem gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst
+du so müßige Fragen? Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache,
+ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, daß sie einfach nur
+des Fürsten Tochter ist, sondern: daß sie seine _rechtmäßige_ Tochter
+ist – begreifst du jetzt?“
+
+„Das kann nicht sein!“ rief ich aus.
+
+„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht sein könne, auch jetzt
+noch sage ich es mir bisweilen. Aber das ist es ja gerade, daß es
+tatsächlich so sein _kann_ und höchstwahrscheinlich auch so _ist_!“
+
+„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast übertrieben!“
+unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie es nicht weiß, – sie ist auch in
+der Tat nur ein uneheliches Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur
+irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so schreckliches
+Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen und dabei nicht einmal an
+die elende Zukunft ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“
+
+„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das steht auch jetzt noch als
+Rätsel vor mir. Aber sieh: die Smitt war doch an und für sich das
+hirnverbrannteste Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich kaum
+denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die Verhältnisse vor! Das ist
+doch eine Romantik, die nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo
+dort über den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit im
+verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie sie ist: zuerst hat sie
+nur an einen Himmel auf Erden gedacht und in ihm einen Engel in
+Menschengestalt gesehn, kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute
+schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später nicht deshalb
+den Verstand verloren hat, weil er sie zu lieben aufhörte und verließ,
+sondern weil er sie betrogen hatte, weil er _fähig gewesen war_, sie zu
+betrügen und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich plötzlich als
+schmutziger Lump entpuppte, der sie in den Schmutz herabgezogen. Diese
+Verwandlung konnte ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem
+noch diese Kränkung – du begreifst doch, von welch einer Kränkung ich
+rede? Entsetzen und Stolz und grenzenlose Verachtung mußte sie
+empfinden, als ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht alles
+zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat ihm auch das Geld
+geschenkt, ohne daran zu denken, daß es nicht ihr Geld, sondern ihres
+Vaters Geld war. Sie verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf
+Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit zu
+erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, ihr Leben lang verachten
+zu können, und sie wird ihm wohl gesagt haben, daß sie es für eine
+Schmach halte, seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine
+Scheidung, sie aber lebten ^de facto^ geschieden, – wie hätte sie also
+noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, daß sie, diese Wahnsinnige,
+ihrer Tochter Nelly noch auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu
+ihnen, arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel _wer_ dich
+auch rufen sollte. Also hat sie doch immer noch erwartet, daß man sie
+_rufen_ werde, folglich aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch
+einmal zu rächen, dem _Rufenden_ ihre Verachtung zu zeigen. Sagen wir es
+kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern von ihrem Haß genährt.
+Vieles, Freund, habe ich auch von Nelly erfahren; selbst jetzt noch
+forsche ich sie aus. Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und
+die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere Erbitterung und
+Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von
+einer Gevatterin der Bubnowa – daß sie einen Brief an den Fürsten
+geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“
+
+„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte ich gespannt.
+
+„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! Die Smitt hat sich
+jedenfalls einmal an diese Gevatterin gewandt – du hast sie doch gesehn,
+weißt du, dieses gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt sie im
+Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte sie ihm den Brief senden,
+den sie ^nota bene^ bereits geschrieben hatte. Aber da besann sie sich
+plötzlich eines anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte ihn
+zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... Nichtsdestoweniger ist
+das von großer Wichtigkeit: denn wenn sie sich schon einmal entschlossen
+hatte, an ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so kann sie
+doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, sehr wohl ein anderes Mal
+gesandt haben. Hat sie ihn nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte!
+Ich habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn nicht abgesandt
+hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst _nach_ ihrem Tode mit voller
+Sicherheit erfahren hat, daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß
+sie bei der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben muß!“
+
+„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von einem Brief, den der
+Fürst erhalten und über den er sich sehr gefreut habe. Das war vor gar
+nicht langer Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter – wie
+ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“
+
+„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, was das heißt: die vollste
+moralische Überzeugung und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben
+– _keinen einzigen_, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! Ist das
+nicht zum Verzweifeln? Ich hätte im Auslande nachforschen müssen, aber
+wo im Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich begriff natürlich,
+daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, daß ich ihm nur mit
+Andeutungen einen Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte,
+als wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall war ...“
+
+„Nun und?“
+
+„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch erschrak er übrigens
+nicht wenig, erschrak sogar so, daß er mich auch jetzt noch fürchtet.
+Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt
+hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen aus Freundschaft –
+selbst alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wisse
+alles. Er erzählte gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit
+Gefühl, offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit.
+Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Eine
+Zeitlang spielte ich den dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr
+schlau hält. Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht
+ungeschickt, sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – alles nur, damit
+er mich für einen Tölpel halte und sich dann vielleicht einmal
+unvorsichtigerweise verspreche. Er durchschaute mich aber, der Schuft!
+Ein anderes Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch nichts
+Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, Wanjä: ich mußte zuerst
+feststellen, inwieweit er mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen,
+daß ich viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“
+
+„Nun und – was erreichtest du damit?“
+
+„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, Beweise waren nötig,
+ich aber habe keinen einzigen Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß
+ich einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet ihn um so
+mehr, als er hier bereits Verbindungen angeknüpft hat. Du weißt doch,
+daß er heiraten wird?“
+
+„Nein ...“
+
+„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im vorigen Jahr
+ausgesucht: damals war sie erst vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie schon
+fünfzehn, geht noch im Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen.
+Die Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, wie
+notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? Diese Fünfzehnjährige
+ist eine Generalstochter, und zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du
+und ich, wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit meines
+Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff plötzlich wütend aus
+und er schlug mit der Faust auf den Tisch, „das ist: daß er mich
+angeführt hat, jawohl! – vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“
+
+„Wieso?“
+
+„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, daß ich nichts
+Positives gegen ihn in der Hand hatte und außerdem fühlte ich, daß er,
+je mehr ich die Sache in die Länge zog, um so eher meine völlige
+Machtlosigkeit erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit den
+Zweitausend fürlieb.“
+
+„Du nahmst Zweitausend! ...“
+
+„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich sie. Gott, ist denn so
+etwas bloß lumpige Zweitausend wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie
+nahm! Wie ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er aber
+sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre früheren Bemühungen
+noch nicht entschädigt‘ – das war aber gar nicht der Fall, er hatte mir
+schon längst der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt –
+‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß wir
+jetzt unsere _sämtlichen_ Geschäfte als erledigt betrachten können.‘ Na
+und da antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte aber
+dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich dachte bei mir, in
+diesem Gesicht müsse geschrieben stehn: ‚Na, hast du viel
+herausgeschunden? Ich gebe dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘
+Ich weiß nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“
+
+„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ rief ich empört aus.
+„Bedenke doch, was du mit Nelly getan hast!“
+
+„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist einfach
+niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... weißt du, es gibt keine
+Worte, um das auszudrücken!“
+
+„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens Nellys Zukunft sicherstellen!“
+
+„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder meinst du, man könne ihn
+einschüchtern? Da sei du unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen:
+ich habe doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich doch selbst,
+versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß meine ganze Macht gegen
+ihn nur lumpige zweitausend Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt
+noch ängstigen?“
+
+„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können denn Nellys Ansprüche
+damit für immer begraben sein?“ fragte ich ganz verzweifelt.
+
+„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und geriet sogar ganz aus
+dem Häuschen. „Du glaubst, ich werde ihm das schenken? Ich fange von
+neuem an, Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn dabei,
+daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, zum Teufel damit! Ich habe
+das Geld einfach für die Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du
+willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, hat sich über
+mich einfach lustig gemacht, hat mich zum Narren gehabt! Ich erlaube es
+ihm aber nicht, mich an der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt
+du, zuerst mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin zu der
+Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten der ganzen Sache in der Hand
+hat. Sie weiß _alles, alles_ ... Die Mutter hat es ihr erzählt.
+Vielleicht schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im Fieber,
+wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte sonst keinen bei sich, dem sie es
+hätte klagen können, da wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn
+sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr unfehlbar _alles_
+erzählt. Vielleicht aber können wir mit Nellys Hilfe auch noch gewisse
+Dokumente entdecken!“ fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich
+stillvergnügt die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb ich in
+letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich aus Freundschaft zu dir,
+das versteht sich von selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu
+beobachten. Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du willst oder
+nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn du hast großen Einfluß auf
+Nelly ...“
+
+„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft erfreut, „denn ich
+hoffe, Masslobojeff, daß du dich in ihrem Interesse bemühst, daß du es
+für das arme Waisenkind tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils
+willen ...“
+
+„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils willen, wie du sagst,
+ich mich plagen werde, du seliger Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das
+ist die Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache für das
+Waisenkindchen, so will’s ja auch die Nächstenliebe. Aber du, Wanjä,
+Wanjuscha, du verurteile mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich
+dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, wie du weißt, er
+aber soll es hinfort nicht wagen, arme Menschen zu beleidigen. Er
+entzieht mir das, was mir von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er
+mich noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich noch was
+schenken, meinst du? Das wird mir gerade einfallen!“
+
+ * * * * *
+
+Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer Erwartung nicht
+entsprechen: Nelly fühlte sich bedeutend schlechter und konnte das
+Zimmer nicht verlassen.
+
+Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen.
+
+Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie kam sie
+nur selten zu sich, gewöhnlich hielten seltsame Phantasien sie gefangen.
+Es schien fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von Anfang
+an war sie fest überzeugt, daß der Großvater sie zu sich rufe und sich
+über sie ärgere, weil sie nicht käme, und dann klopfe er mit dem Stock
+und sage, sie müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak
+zusammenbetteln. Oft weinte sie im Schlaf, und wenn sie dann erwachte,
+erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen habe.
+
+Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu sich kam; da schob sie
+sich näher zu mir und ergriff meine Hand mit ihren abgezehrten,
+fieberheißen Händchen.
+
+„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate Natascha!“
+
+Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer Zeit in ihr
+festgesetzt, und immerwährend schien er sie zu beschäftigen. Ich
+lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie
+gleichfalls und drohte mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und
+dann küßte sie mich.
+
+An einem wundervollen Sommerabend – es war drei Tage vor ihrem Tode –
+bat sie, man möge den Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das
+Fenster öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange blickte sie in
+das frische Grün und sah die leuchtenden Farben der Abendsonne, und
+plötzlich bat sie, uns beide allein zu lassen.
+
+„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, denn sie war schon sehr
+schwach, „ich werde bald sterben. Sehr bald, und ich will dir sagen, daß
+du mich nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich dir dieses
+hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, das sie an dem Bändchen, an
+dem auch ihr Kreuz hing, auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend
+hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses Amulett an dich,
+nimm es und lies, was darin steht. Ich werde heute auch den andern
+sagen, daß du allein dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen
+hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu _ihm_ und sage ihm, daß
+ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich
+die Bibel vor nicht langer Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt
+allen euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, _ihm_ aber vergebe ich
+trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben lag und noch sprechen konnte,
+war das Letzte, was sie mir sagte: ‚_Ich verfluche ihn_‘. Nun und so
+verfluche auch _ich_ ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, sondern
+um Mamas willen ... Und du erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich
+bei der Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich bei der
+Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle ihm und dann sage ihm auch,
+daß ich lieber bei der Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich
+bin nicht zu ihm gegangen ...“
+
+Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten und ihr Herz klopfte so
+stark, daß sie auf das Kissen zurücksank und eine Weile kein Wort
+sprechen konnte.
+
+„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit schwacher Stimme. „Ich
+will von allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanjä! ...“
+
+Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich krampfhaft. Der Alte
+konnte es nicht fassen, daß sie sterben solle, konnte diese Möglichkeit
+überhaupt nicht zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit
+uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden müsse. Er magerte
+sichtlich ab vor Sorge und saß ganze Tage und sogar Nächte hindurch an
+Nellys Bett. In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den
+geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, noch bevor
+sie ihn ausgesprochen hatte. Als er an jenem Tage, nachdem sie von uns
+Abschied genommen, zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er bitterlich,
+doch bald begann er wieder zu hoffen und uns zu versichern, daß sie
+gesund werden müsse. Ihr Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal
+kaufte er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen Rosen und
+hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, nur um seiner kleinen Nelly
+eine Freude zu bereiten ... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig
+auf: war doch eine so große und so allgemeine Liebe etwas ganz Neues für
+sie. Der Alte wollte unter keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da
+lächelte Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, fröhlich zu
+scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte sogar ... Wenigstens
+verließen wir sie alle fast hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage
+hatte sie schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie.
+
+Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit Blumen schmückte und
+wie verzweifelt er ihr abgezehrtes totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln
+und ihre schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, als habe
+er sein leibliches Kind verloren. Natascha, ich und überhaupt alle
+trösteten ihn, so gut wir zu trösten vermochten, doch er ließ sich nicht
+trösten und erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer.
+
+Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie Nelly abgenommen hatte. Es
+enthielt nur einen Brief, den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben
+hatte. Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch an ihn, sie
+sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie beschrieb ihr Leben in den
+letzten Jahren und schilderte das Schicksal, das ihre Tochter erwarte,
+und darauf flehte sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun.
+„Es ist _Ihr Kind_,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter und _Sie wissen
+es selbst, daß sie Ihre natürliche, Ihre rechtmäßige_ Tochter ist. Ich
+habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich gestorben bin, und
+Ihnen diesen Brief übergeben. Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde
+ich Ihnen _dort_ vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts
+vor dem Throne Gottes niederknien und den Richter anflehen, Ihnen Ihre
+Sünden zu vergeben. Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn
+ihr vorgelesen; ich habe ihr _alles_ erzählt, sie weiß _alles, alles_
+...“
+
+Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie war nicht zum
+Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben.
+
+Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen wir beide, Natascha und
+ich, in den Garten. Es war ein heißer, blendend lichtheller Tag. In
+einer Woche sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen
+Blicken an.
+
+„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur ein Traum.“
+
+„Was war ein Traum?“ fragte ich.
+
+„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem einen Jahr gewesen
+ist. Wanjä, weshalb habe ich dein Glück zerstört?“
+
+Und in ihren Augen las ich:
+
+„Wir hätten beide so glücklich sein können!“
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Kinderfrau. E. K. R.
+
+[2] Dershawin, geb. 1743, gest. 1816: Justizminister und Verfasser von
+Memoiren.
+
+[3] Lomonossoff, geb. 1711, gest. 1765: Schöpfer der modernen russischen
+Literatursprache, bekannt durch Oden an Katharina die Große. E. K. R.
+
+[4] Koseform für Wladimir. E. K. R.
+
+[5] Die orthodoxe Kirche gestattet offiziell auch die Ehe nicht zwischen
+entfernten Verwandten, selbst dann nicht, wenn keine Blutsverwandtschaft
+vorliegt. E. K. R.
+
+[6] Kapitänswitwe.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
+Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
+Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
+nach:
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
+ Zweite Abteilung: Neunzehnter Band
+ R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910.
+
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
+Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
+ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
+Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
+nach der Titelseite eingefügt.
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
+(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
+Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
+Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
+„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde
+vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
+
+ Ssemjon (Semjon)
+ Ssergejewitsch (Sergejewitsch)
+ Ssimbirsk (Simbirsk)
+ Walkowskij (Walkowsky)
+ Wanjä (Wanja)
+
+Auf Seite 353 wurde das Wort „ишь“ nicht übersetzt und statt dessen als
+„isch“ transliteriert. Es bedeutet in etwa „da!“ oder „schau!“. An allen
+anderen Stellen und auch in späteren Ausgaben wurde es sinngemäß so
+übersetzt.
+
+Das letzte Kapitel („Letzte Erinnerungen“) ist sowohl im russischen
+Original als auch in späteren Ausgaben als „Epilog“ ausgewiesen.
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben und des
+russischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 299]:
+ ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig. Ja, ...
+ ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig war. Ja, ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76485 ***